VI.

Begeisterung.

Die Sache war also gethan. Chrysis hatte den Beweis.

Wenn Demetrios sich entschlossen hatte das erste Verbrechen zu begehen, mußten die anderen kurz darauf gefolgt haben. Ein Mann seines Ranges mußte Mord und Tempelschändung für weniger entehrend halten als Diebstahl.

Er hatte gehorcht, also war er gefangen. Dieser freie, ruhige, kalte Mann duldete ebenfalls den Sklavendienst, und seine Herrin, seine Gebieterin, war sie, Chrysis, Sarah aus dem Lande Genezareth.

Ah! daran denken, es wiederholen, es laut sagen, allein sein! Chrysis eilte aus dem geräuschvollen Hause hinaus und lief schnell, gerade vor sich hin, das Angesicht durch den endlich frisch gewordenen Morgenwind abgekühlt.

Sie folgte bis zur Agora der Straße, die zum Meere führte und an deren Ende, ungeheuren Ähren gleich, die Masten von achthundert Schiffen eng beisammen standen. Dann wandte sie sich nach rechts, angesichts der ungeheuern Dromos-Straße, wo sich Demetrias Wohnung befand. Sie wurde von einem Schauer des Stolzes umweht, als sie vor den Fenstern ihres zukünftigen Geliebten vorbeiging; aber sie war nicht so ungeschickt, auch nur zu versuchen ihn zuerst zu sehen. Sie durchschritt die lange Straße bis zum Thor von Canope, und warf sich zwischen zwei Aloës auf den Boden.

Er hatte Das gethan! Er hatte Alles für sie gethan, mehr als je ein Liebender wahrscheinlich für ein Weib gethan hatte. Sie wurde nicht müde ihren Triumph zu wiederholen und zu bekräftigen. Demetrios der Vielgeliebte, der unmögliche Traum so vieler Frauenherzen, hatte sich ihretwegen willig allen Gefahren, allen Schanden, allen Gewissensbissen ausgesetzt. Er hatte sogar das Ideal seines Denkens verleugnet, er hatte sein Werk des wunderbaren Halsbandes beraubt und dieser aufgebende Tag wird den Geliebten der Göttin zu Füßen seines neuen Götzenbildes sehen!

»Nimm mich! nimm mich!« rief sie aus. Jetzt betete sie ihn an. Sie rief ihn, sie wünschte ihn. Die drei Verbrechen verwandelten sich in ihrem Geiste in Heldenthaten, zu deren Belohnung sie nie genug Zärtlichkeit, nie genug Leidenschaft zu geben haben wird. In welcher unvergleichlichen Flamme wird diese einzige Liebe zweier gleich jungen, gleich schönen Wesen brennen, die von einander gleich geliebt waren und für immer, nach so viel überwundenen Hindernissen, vereint waren!

Sie würden beide wegziehen, die Stadt der Königin verlassen, sie würden nach geheimnißvollen Landen segeln, nach Amathont, nach Epidaurus oder nach der unbekannten Stadt Rom, welche die zweite der Welt nach dem ungeheuern Alexandrien war, und welche im Begriffe war die Welt zu erobern. Was würden sie nicht thun, wo immer sie auch seien! Welche Freude würde ihnen fremd sein, welches menschliche Glück würde das ihre nicht beneiden, und nicht vor ihrer zauberischen Erscheinung erbleichen!

Chrysis erhob sich wie geblendet. Sie streckte die Arme aus, drückte die Schultern zusammen, reckte ihren Oberkörper vor. Ein Gefühl von Mattigkeit und Lust wuchs in ihrer gehärteten Brust. Sie machte sich wieder auf den Weg, um heimzukehren.

Als sie die Thür ihres Zimmers öffnete, verwunderte sie sich, daß seit dem gestrigen Tage sich nichts unter ihrem Dache verändert hatte. Die kleinen Gegenstände ihrer Toilette, ihres Tisches, ihrer Gestelle schienen ihr ungenügend, um ihr neues Leben zu umgeben. Sie zerbrach einige, die ihr zu aufdringlich frühere, fortan unnöthige Liebhaber in Erinnerung brachten und die sie plötzlich zu hassen begann. Wenn sie die anderen verschonte, so war es nicht etwa, weil ihr diese kostbarer schienen; aber sie fürchtete das Gemach auszuleeren, im Falle, daß Demetrios die Absicht hätte die Nacht darin zuzubringen.

Sie entkleidete sich langsam. Überbleibsel von dem Gelage fielen von ihrem Gewande, Kuchenbrosamen, Haare, Rosenblätter.

Sie glättete mit der Hand ihre des Gürtels entledigte Taille und griff mit den Fingern in die Haare, um deren Dichtigkeit zu verringern. Doch bevor sie zu Bett ging, bekam sie Lust einige Augenblicke auf dem Teppich der Terrasse, wo die Frische der Luft so köstlich war, auszuruhen.

Sie stieg hinauf.

Die Sonne war kaum seit einigen Augenblicken aufgegangen. Sie lag am Horizonte wie eine ungeheuer vergrößerte Apfelsine.

Ein großer Palmbaum mit gekrümmtem Stamme ließ sein dichtes, grünes Laub über den Dachsaum überhängen. Chrysis barg darunter ihre kitzlige Nacktheit, und mit den Brüsten in den Händen begann sie zu frösteln.

Ihre Augen irrten über die Stadt, die nach und nach hell wurde. Die violetten Dünste des Tagesanbruchs stiegen in den schweigsamen Straßen empor um in der klaren Luft zu verschwinden.

Plötzlich durchzuckte ein Gedanke ihren Geist, ein stets wachsender, aufdringlicher Gedanke, der sie wahnsinnig machte: Demetrios hatte schon so viel für sie gethan, warum würde er die Königin nicht tödten, er, der König sein könnte?

Und dann …

— — — — —

Dann würde dieser ungeheure Ozean von Häusern, Palästen, Tempeln, Thoren, Säulengängen, welche sich vor ihren Augen ausbreiteten, von der westlichen Begräbnißstätte bis zu den Gärten der Göttin: Brouchion, die glänzende und regelmäßig gebaute Griechenstadt, Rhacotis, die aegyptische Stadt, vor welcher sich wie ein akropolisartiger Berg das hell erleuchtete Paneion erhob; der große Tempel der Serapis, dessen Façade von zwei langen Obelisken, wie von Hörnern überragt war; der große Tempel der Aphrodite, von dem Rauschen von dreihunderttausend Palmbäumen und von den zahllosen Fluthen umgeben; der Tempel der Persephone und der Tempel der Arsinoë, die beiden Grabstätten Poseidon’s, die drei Thürme der Isis Pharis, die sieben Säulen der Isis Lochias und das Theater und die Rennbahn und das Stadium, wo Psittakos mit Nikosthenes um die Wette gelaufen war und das Grab der Stratonike und das Grab des Gottes Alexander; – Alexandrien, Alexandrien! das Meer, die Menschen, der ungeheure Leuchtturm aus Marmor, dessen Spiegel die Menschen vom Meere errettete; Alexandrien! die Stadt der Berenike und der elf Ptolemäischen Könige, Physkan, Philometor, Epiphanes, Philadelphos; Alexandrien, das Ziel aller Träume, die Krone allen seit dreitausend Jahren in Memphis, Theben, Athen, Corinth, durch den Meißel, durch den Griffel, durch den Kompaß, durch das Schwert errungenen Ruhmes; – weiter noch das durch die sieben Zungen des Nils gespaltete Delta, Saïs, Bubastes, Heliopolis; dann gegen Süden, den Fluß hinauf, der Streif fruchtbaren Landes, das Heptanom, wo sich längs des Flusses zwölfhundert, allen Göttern geweihte Tempel staffelförmig aneinander reihten; und weiter, die Thebaïde, Diospalis, die Elephantinische Insel, die undurchschiffbaren Wasserfälle, die Insel Argo … Meroë … das Unbekannte; und selbst, wenn man an die Überlieferungen der Aegypter glauben kann, die fabelhaften Seeen, woraus der alte Nil entspringt und welche so groß sind, daß man den Horizont aus dem Gesichte verliert, wenn man ihre purpurnen Fluthen durchschifft, und so hoch auf den Bergen liegend, daß die nahen Sterne sich wie Goldfrüchte darin spiegeln, – dies Alles, Alles, würde das Königreich, das Gebiet, das Besitzthum der Hetäre Chrysis sein.

Erstickend hob sie die Arme in die Höhe, als ob sie den Himmel berühren zu können wähnte.

Und bei dieser Bewegung sah sie, langsam, zu ihrer Linken, einen großen Vogel mit schwarzen Fittigen vorbeiziehen und nach dem hohen Meere zu verschwinden.

I.

Demetrios‘ Traum.

Als Demetrios mit dem Spiegel, dem Kamm und dem Halsbande heimgekehrt war, wurde er in der Nacht von einem Traume heimgesucht und sein Traum war folgender:

Während einer sonderbaren Nacht, ohne Mond und ohne Sterne, während einer wolkenlosen Nacht, die von selbst glänzt, geht er dem Strande zu, mitten unter der Menge.

Ohne zu wissen warum, ohne zu wissen was ihn anzieht, hat er Eile dahin zu kommen, sobald als möglich dort zu sein; aber nur mit Mühe dringt es vorwärts und die Luft leistet seinen Füßen einen unbegreiflichen Widerstand, gleich einem tiefen Gewässer, das jeden Schritt hemmt.

Er zittert, er glaubt, daß er niemals ankommen, daß er niemals erfahren wird, wem er so, keuchend und unruhig, in dieser klaren Dunkelheit entgegengeht.

Von Zeit zu Zeit verschwindet die Menge ganz, sei es, daß sie wirklich vergeht, sei es, daß er aufhört ihre Gegenwart zu fühlen. Dann drängt sie sich wieder, lästiger werdend, und Alle gehen, gehen und gehen geräuschvollen Schrittes vorwärts, schneller als er …

Dann drängt sich die Menschenmasse zusammen: Demetrios erbleicht; ein Mann stößt ihn an der Schulter; die Spange eines Weibes zerreißt ihm das Kleid; ein von der Menge gedrücktes Mädchen wird so eng an ihn gepreßt, daß er fühlt, wie ihre Brustwarzen sich an seiner Brust platt drücken, sodaß sie erschrocken sein Gesicht mit beiden Händen von sich stößt …

Plötzlich findet er sich allein, als der Erste auf dem Strande. Und da er sich zurückgewendet, sieht er in der Ferne ein weißes Gewimmel: die ganze Volksmenge, die plötzlich bis zur Agora zurückgewichen ist.

Und er begreift, daß sie nicht mehr vorrücken wird.

Der Strand dehnt sich weiß und gerade vor ihm aus, wie der Anfang einer unvollendeten Straße, die es unternommen hatte das Meer zu durchziehen.

Er will bis zum Leuchtthurm gehen und schreitet vorwärts. Seine Beine sind plötzlich leicht geworden. Der Wind, der von den sandigen Wüsten her bläst, zieht ihn hastig mit sich fort, nach den welligen Einöden, wo der Strand sich hinauswagt. Aber je mehr er vorwärts kommt, desto mehr zieht sich der Leuchtthurm zurück; der Strand wird unendlich lang. Bald berührt der hohe Marmorthurm, wo ein purpurner Scheiterhaufen lodert, den bleichen Horizont; er fängt an zu zucken, wird immer kleiner und geringer und geht schließlich wie ein zweiter Mond unter.

Demetrias schreitet immer noch weiter.

Tage und Nächte scheinen vergangen zu sein, seitdem er das große Gestade Alexandriens in der Ferne zurückgelassen hat und er getraut sich nicht den Kopf umzuwenden, aus Furcht nichts mehr zu sehen als den zurückgelegten Weg: eine weiße Linie, bis in die Unendlichkeit, bis ans Meer reichend.

Und doch wendet er sich um.

Hinter ihm liegt eine mit großen, breitblumigen Bäumen bedeckte Insel.

Hat er sie blind durchschritten, oder ist sie eben erst hervorgetaucht, auf geheimnißvolle Weise sichtbar geworden? Er denkt nicht daran sich danach zu fragen, er nimmt das Unmögliche wie ein natürliches Ereigniß hin …

Ein Weib ist auf der Insel. Sie steht vor der Thür des einzigen Hauses mit halb geschlossenen Augen und das Gesicht über die Blüthe eines ungeheuren Isis gebeugt, der in der Höhe ihrer Lippen wächst.

Ihr Haar ist tief, von der Farbe des matten Goldes und von einer Länge, die wunderbar erscheint, wenn man sie nach der Masse des Haarwulstes beurtheilt, der ihren schmachtenden Nacken drückt. Ein schwarzes Gewand bedeckt dieses Weib, und ein noch schwärzeres Kleid umwallt das Gewand; und die Irisblume, die sie mit gesenkten Augenlidern beriecht, hat gleichfalls die Farbe der Nacht.

Auf dieser trauernden Gestalt sieht Demetrios nur das Haar, wie eine Goldvase auf einer Ebenholz-Säule. Er erkennt Chrysis.

Die Erinnerung an Spiegel, Kamm und Halsband dringt nur undeutlich in seinen Geist; aber er glaubt nicht daran und in diesem sonderbaren Traum erscheint ihm blos die Wirklichkeit als Träumerei.

»Komm,« sagt Chrysis. »Folge meinen Schritten.«

Er tritt ein. Sie steigt langsam eine mit weißen Fellen bedeckte Treppe hinauf. Ihr Arm hängt sich an die Lehne. Ihre nackten Fersen tauchen unter ihrem Kleide auf.

Das Haus hat nur ein Stockwerk. Chrysis bleibt auf der letzten Stufe stehen.

»Es sind vier Gemächer da,« sagt sie. »Wenn Du sie gesehen hast, wirst Du sie nicht mehr verlassen wollen. Willst Du mir folgen? Hast Du Vertrauen?«

Aber er folgt ihr überall hin. Sie öffnet die erste Thür und schließt sie hinter ihm zu.

Dieser Raum ist eng und lang. Ein einziges Fenster beleuchtet ihn, wo der Blick das ganze Meer umfaßt. Rechts und links enthalten zwei kleine Gestelle ein Dutzend gerollter Bände.

»Hier sind die Bücher, die Du liebst,« sagt Chrysis, »andere sind nicht vorhanden.«

Demetrios öffnet sie: es ist der Oineus von Chérémon, die Rückkehr von Alexis, Laïs Spiegel von Aristipp, die Zauberin, der Cyklop und das Bukolyskon des Theokrit, Oedipus auf Kolonos, die Oden der Sappho und einige andere kleine Werke. Inmitten dieser idealen Bibliothek ist ein nacktes junges Mädchen schweigend auf Kissen gelagert.

»Nun,« murmelt Chrysis, aus einer langen goldenen Hülle ein Blatt Manuskript hervorziehend, »hier ist das Blatt antiker Verse, die Du niemals ohne zu weinen allein lesen kannst.«

Der junge Mann liest aufs Geradewohl:

Οἱ μὲν ἂῤ ἐθρήνεον, ἐπὶ δὲ στενάχοντο γυανῖϰες.
Ρῇσιν δ᾽ Ανδγομάχη λευϰώλενος ἦρχε γόοιο,
Ἓϰτορος ἀνροϕόνοιο ϰάρη μετὰ χερσὶν ἔχονσα᾿
Ἇνερ, ἀπʹ αἰϖνρς νέος ὤλεο, ϰαδδέ με χήρην
Λείπεις ἐν μεγάροισι πάἵς δ῾ ἔτι νήπιος αὕτως,
Ὂν τέϰομεν σύ τ᾽έγώ τε δυσάμμορι …

Er hält inne, um einen zärtlichen und verwunderten Blick auf Chrysis zu werfen.

»Du!« sagte er ihr. »Du zeigst mir das?«

– Ach! Du hast nicht Alles gesehen. Folge mir! Folge mir schnell!

Sie öffnete eine zweite Thür.

Das zweite Gemach ist viereckig. Ein einziges Fenster beleuchtet es, wo der Blick die ganze Natur umfaßt. In der Mitte steht ein Holzgestell, das einen Klumpen rothen Thones trägt, und in einer Ecke, auf einem gebogenen Stuhle sitzt schweigend ein nacktes junges Mädchen.

»Hier wirst Du Andromache, Zagreus und die Sonnenpferde modelliren. Da Du sie für Dich allein schaffen wirst, wirst Du sie vor Deinem Tode zerstören.«

– Es ist das Heim des Glückes, sagte leise Demetrios.

Und er läßt seine Stirne in seine Hand sinken.

Doch Chrysis öffnet eine dritte Thüre.

Das dritte Gemach ist weit und rund. Ein einziges Fenster beleuchtet es, wo der Blick den ganzen blauen Himmel umfaßt. Die Wände sind aus einem Bronzegitter gemacht, das rautenförmig geflochten ist. Dahinter spielen unsichtbare Musikantinen auf Flöten und Zithern eine melancholische Weise. An der hinteren Wand steht ein grüner Marmorthron, darauf sitzt schweigend ein nacktes Mädchen.

»Komm, komm,« wiederholt Chrysis.

Sie öffnete eine vierte Thüre.

Das vierte Gemach ist niedrig, dunkel, luftdicht geschlossen und dreieckig. Dicke Teppiche und Felle bekleiden dasselbe so weich, vom Boden bis zur Decke, daß die Nacktheit darin nicht in Erstaunen setzt, denn die Liebenden können sich einbilden, ihre Kleider nach allen Richtungen an die Wände geworfen zu haben. Wenn die Thür wieder geschlossen ist, weiß man nicht mehr wo sie ist. Fenster sind nicht vorhanden. Es ist eine enge Welt, außerhalb der Welt. Einige von oben herabhängende Büschel schwarzer Haare lassen wohlriechende Tropfen in die Luft gleiten. Und dieses Gemach ist durch sieben Myrrhe-Scheiben beleuchtet, welche das unbegreifliche Licht von sieben unterirdischen Lampen siebenfach verschieden färben.

»Siehe, erklärte die junge Frau mit liebevoller und ruhiger Stimme, es stehen drei verschiedene Betten in den drei Ecken unseres Gemaches …«

Demetrios antwortet nicht; er fragt sich im Stillen:

»Ist dies hier auch das letzte Ziel? Ist das wirklich der Zweck des menschlichen Lebens? Bin ich denn nur deshalb durch die drei anderen Gemächer geschritten, um in diesem inne zu halten? Und könnte ich wieder hinaus, wenn ich mich eine ganze Nacht hindurch in der Stellung der Liebe, welche dem Hinstrecken im Grabe gleicht, hinlege?«

Doch Chrysis spricht:

»Vielgeliebter, Du hast nach mir verlangt, ich bin gekommen, blicke mich recht an …«

Sie hebt gleichzeitig die beiden Arme, läßt die Hände auf den Haaren ruhen, und lächelt, die Ellenbogen vorgestreckt.

»Vielgeliebter, ich bin Dein … Oh! nicht sogleich. Ich habe Dir versprochen zu singen, ich werde zuerst singen.«

Und er denkt nur noch an sie und er legt sich ihr zu Füßen. Sie trägt schwarze Sandalen. Vier bläuliche Perlenschnüre ziehen sich zwischen den kleinen Zehen, deren jede mit einer karminrothen Mondsichel bemalt ist.

Den Kopf auf die Schulter geneigt schlägt sie mit den Fingerspitzen der rechten Hand auf die Handfläche der linken, indem sie leise die Hüften bewegt.

»Ich suchte des Nachts in meinem Bette, den meine Seele liebt. Ich suchte, aber ich fand ihn nicht …

Ich beschwöre euch, ihr Töchter zu Jeruschalaim, wenn ihr meinen Geliebten findet, sagt ihm, daß ich aus Liebe krank liege.«

»Ach! es ist das Hohelied, Demetrios. Es ist der Brautgesang der Töchter meines Landes.«

»Ich schlafe, aber mein Herz wachet. Da ist die Stimme meines Freundes, der anklopft …

Er kommt und hüpft auf den Bergen und springt auf den Hügeln.

Mein Freund ist gleich einem Reh oder jungen Hirsch.

Mein Freund antwortet und spricht zu mir: Stehe auf, meine Freundin, meine Schöne, und komme her.

Denn siehe, der Winter ist vergangen, der Regen ist weg und dahin.

Die Blumen sind hervorgekommen im Lande, der Lenz ist herbeigekommen und die Turteltaube läßt sich hören in unserem Lande.

Stehe auf, meine Freundin und komm, meine Schöne komme her!«

Sie wirft ihren Schleier weit weg und bleibt mit einem engen Stoff bekleidet stehen, der an den Beinen und Hüften knapp anliegt.

»Ich habe mein Hemd ausgezogen, wie sollte ich es wieder anziehen? Ich habe meine Füße gewaschen, wie sollte ich sie wieder besudeln?

Aber mein Freund steckt seine Hand durch’s Schloß und mein Leib erzittert davor.

Da stand ich auf, daß ich meinem Freunde aufthäte; meine Hände troffen mit Myrrhen und Myrrhen liefen über meine Finger an den Riegel am Schloß.

Ach, daß er mich küsse mit den Küssen seines Mundes!«

Sie beugte den Kopf zurück, die Augenlider halb schließend.

»Erquickt mich, labet mich, denn ich bin krank vor Liebe.

Seine Linke lege sich unter mein Haupt und seine Rechte herze mich …

Nu hast mir das Herz genommen, meine Schwester, liebe Braut, mit deiner Augen einem und mit deiner Halsketten einer.

Wie schön sind deine Brüste, meine Schwester, liebe Braut! Deine Brüste sind lieblicher denn Wein und der Geruch deiner Salben übertrifft alle Würze,

Deine Lippen, meine Braut, sind wie triefender Honigseim. Honig und Milch ist unter Deiner Zunge, und Deiner Kleider Geruch ist wie der Geruch Libanons.

Meine Schwester, liebe Braut! Du bist ein verschlossener Garten, eine verschlossene Quelle, ein versiegelter Born …

Stehe auf, Nordwind, und komm, Südwind; und wehet durch meinen Garten, daß seine Würze triefen.«

Sie rundet ihre Arme und hält den Mund ihm entgegen.

»Mein Freund komme in seinen Garten und esse seine edlen Früchte.«

– Ich komme, meine Schwester, liebe Braut, in meinen Garten. Ich habe meine Myrrhen sammt meiner Würze abgebrochen; ich habe meines Seimes sammt meinem Honig gegessen; ich habe meines Weines, sammt meiner Milch getrunken …

Setze mich wie ein Siegel auf Dein Herz, und wie ein Siegel auf Deinem Arm. Denn Liebe ist stark wie der Tod.«

Ohne die Füße zu bewegen, ohne ihre geschlossenen Kniee zu biegen, dreht sie langsam ihren Körper auf ihren unbeweglichen Hüften. Ihr Gesicht und ihre beiden Brüste erscheinen über der Scheide ihrer Beine wie drei fast rosige Blumen in einem Straußbehälter aus Kleiderstoff.

Sie tanzt ernst mit den Schultern und dem Kopfe und mit ihren schönen, in einander geschlungenen Armen. Sie scheint zu leiden in ihrer Hülle und die weiße Hautfarbe ihres halb befreiten Körpers immer mehr zu enthüllen. Ihr Athem schwellt ihre Brust, ihr Mund kann sich nicht mehr schließen. Ihre Augenlider können sich nicht mehr heben. Ein wachsendes Feuer röthet ihre Wangen.

Zuweilen vereinen sich ihre zehn gekreuzten Finger vor ihrem Gesichte. Zuweilen hebt sie die Arme. Reizend streckt sie sich. Eine lange flüchtige Furche trennt ihre gehobenen Schultern. Endlich, in einer Umdrehung ihrer Haare, die ihr keuchendes Gesicht wie mit einem Hochzeitsschleier umgiebt, löst sie zitternd die geschnitzte Spange, die den Stoff an ihren Hüften festhielt und laßt das ganze Geheimniß ihrer Reize auf den Teppich gleiten.

Demetrios und Chrysis …

Ihre erste Umarmung vor der Liebe ist gleich so vollkommen, so harmonisch, daß sie unbeweglich darin verweilen, um ihre mannigfache Wollust voll und ganz zu genießen. Eine der Brüste Chrysis‘ schmiegt sich unter den Arm, der sie mit Kraft an sich zieht. Einer ihrer Schenkel liegt brennend zwischen seinen beiden zusammengezogenen Beinen, und der andere, der darüber gelegt ist, erweitert sich und wird schwer. So bleiben sie bewegungslos, verbunden, aber nicht durchdrungen in der wachsenden Erregung eines unbeugsamen Verlangens, das sie nicht befriedigen wollen. Allein ihre Lippen haben sich zuerst gefunden. Sie berauschen sich an einander, ihrer schmerzhaften Keuschheit trotzend, ohne sie zu befriedigen.

Man betrachtet nichts so sehr in der Nähe wie das Gesicht des geliebten Weibes. In der völligen Annäherung des Kusses gesehen scheinen Chrysis‘ Augen ungeheuer. Wenn sie dieselben schließt, bleiben zwei parallele Falten auf jedem Augenlid und eine einförmig trübe Farbe dehnt sich von den glänzenden Augenbrauen bis zum Ansatz der Wangen. Wenn sie dieselben öffnet, erleuchtet ein grüner Ring, so dünn wie ein Seidenfaden, mit einem farbigen Kranze den unergründlichen schwarzen Augapfel, der sich unter den eingebogenen Augenlidern maßlos vergrößert. Das rothe Fleckchen Fleisch, von wo die Thränen fließen, hat plötzliche Zuckungen.

Dieser Kuß wird kein Ende mehr nehmen. Es scheint, daß unter Chrysis‘ Zunge nicht Milch und Honig fließt, wie die Schrift sagt, sondern ein lebendes, bewegliches, zauberisches Wasser. Und diese Zunge selbst, diese vielförmige Zunge, die sich höhlt und die sich einrollt, die sich zurückzieht und sich dehnt, liebkosender als die Hand, ausdrucksvoller als das Auge, eine Blume, die sich zum Griffel abrundet und sich zum Blumenblatt verdünnt. Fleisch, das steif wird um zu zittern, oder weich um zu lecken: diese Zunge belebt Chrysis mit ihrer ganzen Zärtlichkeit, mit ihrer leidenschaftlichen Phantasie … Dann wieder sind es Liebkosungen, die sie verlängert und die ihre Stelle wechseln. Ihre Fingerspitzen genügen, um einzuschließen in einem Netze von Schauerkrämpfen, welche die Rippen entlang erwachen und nicht immer vergehen. Sie ist nur dann glücklich, hat sie gesagt, wenn sie durch das Verlangen geschüttelt oder durch die Erschlaffung entnervt ist: der Übergang erschreckt sie, wie ein Schmerz. Sobald ihr Geliebter sie dazu einlädt, entfernt sie ihn mit ihren gestreckten Armen; ihre Kniee ziehen sich zusammen, ihre Lippen flehen. Demetrios zwingt sie mit Gewalt.

… Kein Schauspiel der Natur, weder die Flammen des Westens, noch der Sturm in den Palmbäumen, weder der Blitz, noch die Luftspiegelung, oder der große Aufruhr der Fluthen scheint Denjenigen bewunderungswürdig, die in ihren Armen die Verklärung des Weibes gesehen haben. Chrysis wird wunderthätig! Nacheinander sich reckend oder zurückfallend, die Ellenbogen auf die Kissen gestemmt, ergreift sie den Zipfel eines Kopfpolsters, sie hält sich krampfhaft daran, wie eine Sterbende, und sie erstickt schier, den Kopf zurückgebogen. Ihre von Dankbarkeit leuchtenden Augen fixiren in dem Winkel der Augenlider den Taumel ihres Blickes. Ihre Wangen sind strahlend. Die Krümmung ihres Haares ist von einer verblüffenden Beweglichkeit. Zwei wunderbare Muskellinien gehen vom Ohr und von der Schulter aus und vereinigen sich unter der rechten Brust, die sie wie eine Frucht tragen.

Mit einer Art religiöser Scheu betrachtet Demetrios diese Wuth der Göttin in einem weiblichen Körper, dieses Entzücken eines ganzen Wesens, dieses übermenschliche Zucken, dessen unmittelbare Ursache er ist, das er nach seinem Belieben erhöht oder unterdrückt und das ihn zum tausendsten Male verwirrt.

Unter seinen Augen bemühen und verherrlichen sich alle Mächte des Lebens, um zu schaffen. Die Brüste haben schon bis zu ihren völlig gereiften Warzen die mütterliche Majestät angenommen. Der geheiligte Leib des Weibes vollendet sein Empfangen …

Und dieses Klagen, dieses jämmerliche Klagen, das im Voraus das Gebären beweint! …

II.

Die Menge.

Am Morgen, wo das Bacchanal bei Bacchis ein Ende nahm, gab es in Mexandrien ein Ereigniß: es regnete.

Sofort war, im Gegensatz zu dem, was gewöhnlich in weniger afrikanischen Landen geschieht, Jedermann draußen, um den Guß zu empfangen.

Die Naturerscheinung war weder eine fluthartige noch eine stürmische. Breite, lauwarme Tropfen, die aus einer violetten Wolke fielen, durchkreuzten die Luft. Die Frauen fühlten, wie sie ihre Busen und ihr schnell zurechtgebundenes Haar benetzten. Die Männer betrachteten den Himmel mit Interesse. Kleine Kinder lachten laut auf und zogen ihre nackten Füße durch die dünne Kothschichte.

Dann verschwand die Wolke im Lichte; der Himmel blieb unerbittlich klar und kurze Zeit nach Mittag war der Koth in der Sonnenhitze wieder zum Staube geworden.

Aber dieser vorübergehende Regenguß hatte genügt. Die Stadt war aufgeheitert. Die Männer blieben auf dem Steinpflaster der Agora beisammen, die Frauen mengten sich in Gruppen untereinander, wo ihre lauten Stimmen sich kreuzten.

Die Hetären allein waren da, denn der dritte Tag der aphrodisischen Feste war der Frömmigkeit der verheiratheten Frauen allein vorbehalten und diese hatten sich soeben in einem großen Zuge auf die Straße des Ustarteion begeben; auf dem Platze blieben daher nur geblümte Kleider und schwarz geschminkte Augen zurück.

Als Myrtocleia vorbeiging, wurde sie von einem Philotis genannten Mädchen, das mit vielen anderen plauderte, an der Binde ihres Aermels gezogen.

»He, Kleine, Du hast gestern bei Bacchis gespielt? Was hat sich dort ereignet? Was hat man dort getrieben? Hat Bacchis ein neues, breites Halsband hinzugefügt, um die Gruben ihres Halses zu verbergen? Trägt sie Brüste von Holz oder von Kupfer? Hat sie vergessen ihre weiße Härchen auf der Schläfe zu färben, bevor sie ihre Perrücke aufgesetzt hat? Nun, sprich doch, stummer Fisch !«

– Glaubst Du denn, daß ich sie angeschaut habe? Ich bin nach dem Mahle gekommen, habe meine Szene gespielt, meinen Lohn erhalten und bin eilig weggegangen.

– Oh! ich weiß, daß Du keine Unzucht treibst.

– Um mein Kleid zu beschmutzen und Hiebe zu bekommen? nein, Philotis. Nur reiche Frauen können bei Gelagen mitthun. Die kleinen Flötenspielerinen können nur Leid davon tragen.

– Wenn man sein Kleid nicht beflecken will, so läßt man es im Vorzimmer. Wenn man Faustschläge bekommt, läßt man sich doppelt bezahlen. Es ist ganz einfach. Du hast uns also nichts zu erzählen? kein Abenteuer? keinen Scherz? keinen Skandal? Wir gähnen wie Ibisvögel. Erfinde etwas, wenn Du nichts weißt.

– Meine Freundin Theano ist nach mir dort geblieben. Als ich vorhin aufgewacht bin, war sie noch nicht nach Hause gekommen. Das Fest dauert vielleicht noch immer.

– Es ist aus, sagte ein anderes Weib. Theano steht dort, an die keramische Mauer gelehnt.

Die Hetären liefen dorthin, aber einige Schritte davon entfernt blieben sie mit einem mitleidigen Lächeln stehen.

Theano, im Taumel ihres harmlosen Rausches, zog eigensinnig an einer fast entblätterten Rose, deren Dornen in ihren Haaren hängen geblieben. Ihr gelbes Kleid war roth und weiß befleckt, als ob die ganze Orgie ihr über den Leib gefahren wäre. Die Bronzespange, die auf der Schulter die zusammenlaufenden Falten des Stoffes festhalten sollte, hing tiefer als der Gürtel und enthüllte die bewegliche Halbkugel einer jungen, schon überreifen Brust, welche zwei purpurrothe Male bewahrte.

Als sie Myrtocleia bemerkte, verfiel sie in ein sonderbares Lachen, das in Alexandrien Jedermann kannte und das ihr den Spitznamen »das Huhn« eingetragen hatte. Es war ein endloses Glucksen einer brütenden Henne, ein lustiger Tonfall, der athemlos bis zur untersten Stufe ging, um dann mit einem schrillen Aufschrei von Neuem zu beginnen, und so ging es rhythmisch fort, in der Freude eines frohlockenden Vogels.

»Ein Ei! ein Ei!« sagte Philotis.

Aber Myrtocleia machte eine Bewegung:

»Komm, Theano. Du mußt schlafen gehen. Du fühlst Dich nicht wohl. Komm mit mir.«

– Ah! ha! … Ah! ha! lachte das Kind. Und sie nahm ihre Brust in ihre kleine Hand und rief mit entstellter Stimme:

»Ah! ha! … der Spiegel …«

– Komm! wiederholte Myrto ungeduldig.

– Der Spiegel … er ist gestohlen, gestohlen, gestohlen! Ah! haaaa! Ich werde nie mehr so lachen, und wenn ich länger als Kronos lebe. Gestohlen, gestohlen, der Silberspiegel.

Die Sängerin wollte sie fortziehen, allein Philotis hatte verstanden.

»Ohe! rief sie den Anderen zu, die Arme in die Höhe streckend. Kommt doch schnell her! Man erfährt Neuigkeiten! Der Spiegel ist gestohlen!«

Und Alle riefen aus:

»Papaie! Bacchis‘ Spiegel!«

Im Augenblick drängten sich dreißig Frauen um die Flötenspielerin.

»Was sagt man?«

– Wie?

– Man hat Bacchis‘ Spiegel gestohlen; Theano hat es soeben gesagt.

– Aber wann denn?

– Wer hat ihn genommen?

Das Kind zuckte mit den Achseln:

»Weiß ich’s denn?«

– Du hast die Nacht dort zugebracht. Du mußt es wissen. Es ist nicht möglich. Wer ist bei ihr eingedrungen? Man hat Dir’s wohl gesagt. Erinnere Dich, Theano.

– Weiß ich’s denn? … Es waren ihrer mehr als zwanzig im Saale … Sie hatten mich als Flötenspielerin gemiethet, aber sie hatten mich davon abgehalten zu spielen, weil sie die Musik nicht mögen. Sie haben von mir verlangt, ich solle die Figur der Danae darstellen und warfen Goldstücke nach mir, die mir Bacchis alle genommen hat … Und was noch? Sie waren toll. Sie haben mich, den Kopf zu unterst, aus einem übervollen Zuber trinken lassen, wo sie sieben Becher hineingegossen hatten, weil es sieben Gattungen Weine auf dem Tische gegeben hatte. Mein Gesicht war ganz naß. Selbst meine Haare schwammen darin und meine Rosen.

– Ja, unterbrach Myrto, Du bist ein sehr häßliches Mädchen. Aber der Spiegel? Wer hat ihn genommen?

– Eben! Als man mich wieder auf die Beine gestellt hatte, war mir das Blut zu Kopfe gestiegen und ich hatte Wein bis in die Ohren. Ha! Ha! Sie haben alle zu lachen angefangen … Bacchis hat den Spiegel holen lassen … Ha! Ha! er war nicht mehr da. Jemand hatte ihn genommen.

– Wer? Man frägt Dich: wer?

– Ich war es nicht, das ist Alles, was ich weiß. Man konnte mich nicht durchsuchen, ich war ganz nackt. Ich kann einen Spiegel nicht unter dem Augenlid verbergen, wie eine Drachme. Ich war es nicht, das ist Alles, was ich weiß … Sie hat eine Sklavin an’s Kreuz geschlagen, vielleicht ist es deßhalb … Als ich bemerkte, daß man mir nicht mehr zuschaute, habe ich die Goldstücke der Danae aufgelesen. Hier! Myrto. Ich habe deren fünf. Du kannst Kleider für uns drei dafür kaufen.

— — — — —

Das Gerücht von dem Diebstahl hatte sich nach und nach auf dem ganzen Platze verbreitet. Die Hetären verhehlten ihre eifersüchtige Befriedigung nicht. Eine geräuschvolle Neugierde belebte die bewegten Gruppen.

»Es ist ein Weib, sagte Philotis, es ist ein Weib, das diesen Streich gespielt hat.«

– Ja, der Spiegel war gut verborgen. Ein Dieb hätte Alles mitnehmen und Alles im Zimmer umstürzen können, ohne den Stein zu finden.

– Bacchis hatte Feindinen, ihre früheren Freundinen hauptsächlich. Diese wußten alle das Geheimniß. Eine derselben wird sie wohl irgendwohin locken haben lassen und bei ihr eingedrungen sein zur Stunde, wo die Sonne brannte und die Straße fast einsam ist.

– Oh! sie hat ihn vielleicht verkaufen lassen, um ihre Schulden zu zahlen.

– Wenn es einer ihrer Geliebten wäre? Man sagt, daß sie jetzt Packträger nimmt.

– Nein, es ist ein Weib, ich bin dessen sicher.

– Bei den beiden Göttinen, e» ist ihr recht geschehen!

Auf einmal rückte eine noch mehr erregte Menge einem Punkte der Agora zu, gefolgt von einem wachsenden Geräusch, das alle Vorbeigehenden anlockte.

»Was giebt’s? was giebt’s?«

Und eine gellende Stimme rief, den Tumult beherrschend, über die geängstigten Köpfe hinweg:

»Man hat die Gattin des Hohenpriesters getödtet!«

Ein starke Aufregung bemächtigte sich der ganzen Menge. Man glaubte nicht daran. Man wollte nicht denken, daß inmitten der aphrodisischen Feste, ein solcher Mord den Zorn der Götter auf die Stadt habe laden können. Doch überall wurde, von Mund zu Mund, derselbe Satz wiederholt:

»Man hat die Frau des Hohenpriesters getödtet; das Fest des Tempels ist unterbrochen!«

Rasch folgten sich die Nachrichten. Man hatte den Leichnam an einem entlegenen Ort, am höchsten Punkte der Gärten auf einer Bank von rothem Marmor gefunden. Eine lange Goldnadel war durch die linke Brust hindurch getrieben: die Wunde hatte nicht geblutet; aber der Mörder hatte alle Haare der jungen Frau abgeschnitten und den alten Kamm der Königin Ritaukrit mitgenommen.

Nach den ersten Angstschreien herrschte eine gedrückte Stimmung. Von Augenblick zu Augenblick wuchs die Menge immer mehr an. Die ganze Stadt war da. Es war ein Meer von entblößten Köpfen und von Frauenhüten, eine ungeheure Heerde, die gleichzeitig aus dem blauen Schatten der Straßen in das blendende Licht der Agora Alexandriens strömte. Man hatte einen solchen Zudrang seit dem Tage, wo Ptolemäus Auletes von der Partei der Berenike vertrieben wurde, nicht gesehen. Und die politischen Revolutionen erschienen weniger schrecklich, als dieses Verbrechen gegen die Religion, von welchem das Heil der Stadt abhängen konnte. Die Männer umdrängten die Zeugen zum Erdrücken. Man verlangte neue Einzelheiten. Man sprach Vermuthungen aus. Frauen theilten den neu Angekommenen den Diebstahl des berühmten Spiegels mit. Die Klügsten behaupteten, daß diese beiden nacheinander geschehenen Verbrechen von derselben Hand verübt worden seien. Aber von welcher? Mädchen, die am verflossenen Tage ihre Gabe für das nächste Jahr niedergelegt hatten, fürchteten, daß die Göttin dieselben nicht mehr anrechnen würde, und schluchzend saßen sie da, den Kopf in ihrem Kleide verborgen.

Ein alter Aberglaube verlangte, daß zwei ähnlichen Ereignissen ein drittes, noch schlimmeres folgen müsse, Die Menge erwartete dieses Ereigniß. Was hatte der geheimnißvolle Dieb nach dem Spiegel und dem Kamme gestohlen? Eine erstickende, von dem Südwind entzündete Atmosphäre voll Sand und Staub lastete auf der schier versteinerten Menge.

Unmerklich, als ob diese Menschenmasse nur ein Wesen wäre, wurde sie von einem Schauder ergriffen, der nach und nach bis zur Höllenangst anwuchs; und alle Augen richteten sich auf denselben Punkt am Horizonte.

Es war am äußersten Ende der großen, geradlinigen Allee, welche von dem Canope-Thor aus quer durch Alexandrien ging und von dem Tempel zur Agora führte. Dort, am äußersten Punkte des sanften Abhangs, wo sich die Aussicht auf den Himmel öffnete, war plötzlich eine zweite Menge erschienen, die herunterlief, auf die erste zu.

»Die Hetären! die geweihten Hetären!«

Niemand rührte sich. Man wagte nicht ihnen entgegenzueilen, aus Furcht, ein neues Unglück zu erfahren. Sie kamen wie eine lebende Überschwemmung, welcher der dumpfe Schall ihrer Schritte auf den Boden vorauseilte. Sie hoben die Arme in die Höhe, sie stießen sich, sie schienen vor einem feindlichen Heere zu fliehen. Jetzt erkannte man sie schon. Man konnte ihre Kleider, ihre Gürtel, ihre Haare unterscheiden. Lichtstrahlen fielen auf ihren Goldschmuck. Sie waren ganz nahe. Sie öffneten den Mund … Ein Stillschweigen entstand ringsumher.

»Man hat das Halsband der Göttin gestohlen, die wahren Perlen der Anadyomene!«

Mit einem Schrei der Verzweiflung wurden diese verhängnisvollen Worte aufgenommen. Die Menge wich zuerst wie eine Woge zurück, dann stürzte sie vor, an die Wände schlagend, den Weg versperrend, die erschrockenen Weiber in die lange Strand-Allee zurückdrängend, der bestohlenen Unsterblichen zueilend.

III.

Die Antwort.

Und die Agora blieb leer, wie ein Meeresufer nach der Fluth. Leer, doch nicht ganz; ein Mann und ein Weib blieben zurück, die allein das Geheimniß der großen öffentlichen Aufregung kannten und die, der Eine durch die Andere, diese Aufregung hervorgerufen hatten: Chrysis und Demetrios. Der junge Mann saß auf einem Marmorblocke bei dem Hafen. Das junge Weib stand am anderen Ende des Platzes. Sie konnten sich nicht erkennen, aber sie erriethen sich gegenseitig. Chrysis eilte in der Sonne dahin, trunken vor Hochmuth und endlich auch vor Verlangen. »Du hast es gethan!« rief sie aus. »Du hast es also gethan!« – Ja, sagte einfach der junge Mann. Ich habe Dir gehorcht. Sie warf sich ihm zu Füßen und ergriff ihn in einer rasenden Umarmung. »Ich liebe Dich! ich liebe Dich! Niemals habe ich gefühlt was ich fühle. Ihr Götter! endlich weiß ich denn, was es heißt verliebt zu sein. Du siehst es, mein Lieber, ich gebe Dir also mehr, als ich Dir vorgestern versprochen hatte. Ich, die ich niemals nach Jemandem verlangt habe, konnte nicht glauben, daß ich mich so schnell verändern würde. Ich hatte Dir nur meinen Leib auf meinem Bette verkauft, jetzt gebe ich Dir Alles was ich Gutes habe, alles was ich Reines, Aufrichtiges, Leidenschaftliches besitze, meine ganze Seele, die noch unberührt ist, Demetrios, denke daran! Komm mit mir, verlassen wir diese Stadt für eine Zeit, gehen wir an einen verborgenen Ort, wo nur wir Beide, Du und ich, sein werden. Dort werden wir Tage verleben, wie es vor uns keine auf der Erde gegeben hat. Niemals hat ein Geliebter das gethan, was Du eben für mich gethan hast. Niemals hat ein Weib geliebt, wie ich liebe; es ist nicht möglich! es ist nicht möglich! Ich kann fast nicht sprechen, so sehr fühle ich mich beklommen. Du siehst, ich weine. Ich weiß jetzt auch was es heißt zu weinen; es heißt allzu glücklich sein … Aber Du antwortest nicht! Du sagst nichts! Küsse mich …« Demetrios streckte sein rechtes Bein aus, um sein Knie, das etwas müde wurde, niederer zu legen. Dann hieß er die junge Frau sich erheben, stand selbst auf, schüttelte sein Kleid, um die Falten auszulüften, und sagte ruhig: »Nein … Lebe wohl!« Und er entfernte sich langsamen Schrittes. Äußerst bestürzt blieb Chrysis mit offenem Munde und hängenden Armen stehen. »Was? … was … was sagst Du?« – Ich sage Dir Lebewohl, sprach er, ohne die Stimme zu erheben. – Aber … aber bist Du es denn nicht, der … – Ja. Ich hatte es Dir versprochen. »Dann … verstehe ich nicht mehr.« – Meine Liebe, ob Du verstehst oder nicht, das ist ziemlich gleichgültig. Ich überlasse dieses kleine Geheimniß Deinem Nachdenken. Wenn Das, was Du gesagt hast, wahr ist, so droht dasselbe lange zu dauern. Das kommt gerade recht, um Dich zu beschäftigen. Lebe wohl! – Demetrios! Was höre ich? … Woher ist Dir dieser Ton gekommen? Bist Du es auch, der da spricht? Erkläre mir das! Ich beschwöre Dich! Was ist zwischen uns geschehen? Man könnte darob mit dem Kopf an die Wand rennen … – Muß man Dir hundertmal dasselbe wiederholen! Ja, ich habe den Spiegel gestohlen; ja, ich habe die Priesterin Touni getödtet, um den antiken Kamm zu erlangen; ja, ich habe vom Halse der Göttin das große siebenreihige Perlenhalsband genommen. Ich sollte Dir die drei Geschenke in Umtausch gegen ein einziges Opfer Deinerseits übergeben. Das hieße dieses Opfer schätzen, nicht wahr? Doch ich habe aufgehört ihm einen beträchtlichen Werth beizulegen und ich verlange nichts mehr. Handle Deinerseits ebenso und verlassen wir uns. Ich bewundere Dich, daß Du eine Sachlage nicht verstehst, deren Einfachheit so klar ist. – Aber behalte sie, Deine Geschenke! Denke ich daran? Verlange ich sie von Dir, Deine Geschenke? Was soll ich damit anfangen? Dich will ich. Dich allein … – Ja, ich weiß es. Aber noch einmal: ich mag nicht mehr. Und da, damit eine Begegnung zu Stande komme, es unumgänglich nöthig ist gleichzeitig die Einwilligung der beiden Liebenden zu haben, so läuft unser Bündniß die Gefahr sich nicht zu verwirklichen, wenn ich bei meiner Anschauung beharre. Das versuche ich Dir begreiflich zu machen, mit der ganzen Klarheit der Rede, deren ich mich fähig fühle. Ich sehe, daß sie nicht genügt; aber, da es nicht meine Sache ist, ihr mehr Vollkommenheit zu geben, so bitte ich Dich, gütig die vollendete That anzunehmen, ohne durchdringen zu wollen, was in Deinen Augen dunkel in ihr ist, da Du sie nicht für wahrscheinlich halten willst. Ich wünsche lebhaft diese Unterhaltung zu schließen, die keinerlei Ergebniß haben kann und die mich vielleicht zu unliebsamen Worten fortreißen könnte. – Man hat Dir von mir gesprochen! – Nein. – Oh! ich errathe es! Man hat Dir von mir gesprochen, sage nicht nein. Man hat Dir Schlechtes von mir gesagt! Ich habe furchtbare Feindinen, Demetrios! Du mußt ihnen nicht zuhören. Ich schwöre Dir bei den Göttern, sie lügen! – Ich kenne sie nicht. – Glaube mir! glaube mir, Vielgeliebter! Welches Interesse hatte ich Dich zu täuschen, da ich nichts von Dir erwarte als Dich selbst? Du bist der Erste, mit dem ich also rede … Demetrios schaute ihr in die Augen. »Es ist zu spät,« sagte er. »Ich habe Dich besessen.« – Du faselst … Wann denn? Wo? Wie? – Ich habe die Wahrheit gesagt. Ich habe Dich gegen Deinen Willen besessen. Was ich von Deiner Willfährigkeit erwartete, hast Du mir ohne Dein Wissen gegeben. In das Land, wohin Du gehen wolltest, hast Du mich im Traume diese Nacht geführt, und Du warst schön … ach! wie schön warst Du, Chrysis! Ich bin aus diesem Lande zurückgekehrt. Kein menschlicher Wille wird mich mehr zwingen es wiederzusehen. Man hat nie auf dem nämlichen Fleck Erde zweimal Glück. Ich bin nicht toll genug um eine glückliche Erinnerung zu verderben. Ich verdanke Dir diese Erinnerung, wirst Du sagen? Aber da ich nur Deinen Schatten geliebt habe, wirst Du mir, liebes Haupt, erlassen, Deiner Wirklichkeit zu danken.« Chrysis legte ihre Schläfen in die Hände. »Es ist abscheulich! es ist abscheulich! Und er wagt es zu sagen, und er ist damit zufrieden!« – Du urtheilst sehr schnell. Ich habe Dir gesagt, daß ich geträumt habe: bist Du sicher, daß ich eingeschlafen war? Ich habe Dir gesagt, daß ich glücklich war: besteht das Glück für Dich ausschließlich in diesem groben physischen Schauder, den Du so gut hervorrufst, wie Du mir gesagt hast, aber den Du nicht die Macht hast verschiedenartig zu gestalten, weil er derselbe ist bei allen Frauen, die sich hingeben? Nein, Du verringerst Dich selbst, indem Du diese unschickliche Haltung annimmst. Du scheinst doch nicht alles Glück zu kennen, das auf Deinen Spuren entsteht. Was die Geliebten verschieden macht, das ist die persönliche Art einer Jeden ein Erlebniß vorzubereiten und zu beschließen, das eigentlich eben so einförmig wie nothwendig ist und dessen Erforschung, wenn man es allein in Aussicht hätte, nicht alle die Mühe lohnte, die wir uns nehmen; um eine vollkommene Geliebte zu finden. In dieser Vorbereitung und in diesem Abschlusse zeichnest Du Dich unter allen Weibern aus. Wenigstens fand ich Vergnügen daran mir das vorzustellen, und vielleicht wirst Du mir zugeben, daß, nachdem ich von der Aphrodite des Tempels geträumt habe, meine Einbildungskraft keine große Mühe hatte sich ein Weib wie Du vorzustellen. Noch einmal: ich werde Dir nicht sagen, ob es sich um einen nächtlichen Traum oder um einen wachen Irrthum handelt. Es genüge Dir zu wissen, daß, geträumt oder gestaltet, Dein Bild mir in einem außerordentlichen Rahmen erschienen ist. Wahn und Täuschung; aber in allen Stücken werde ich Dich, Chrysis, davon abhalten, mich zu enttäuschen. – Und ich? rief sie. Was fängst Du in alledem mit mir an? Mit mir, die ich Dich noch immer liebe, trotz aller Abscheulichkeiten, die ich aus Deinem Munde höre? Habe ich das Bewußtsein Deines unseligen Traumes gehabt? Hatte ich meinen Antheil an diesem Glücke, von dem Du redest, und das Du mir gestohlen hast? Hat man jemals sagen hören, daß die Selbstsucht eines Liebenden schrecklich genug sein könne, sein Vergnügen bei einem Weibe zu genießen, das ihn liebt, ohne daß sie es mit ihm theilt? … Das verwirrt die Gedanken. Es wird mich noch toll machen. Nun gab Demetrios seinen spöttischen Ton auf und sagte mit leicht zitternder Stimme: »Kümmertest Du Dich um mich, als Du meine plötzliche Leidenschaft ausnütztest, um in einem Augenblick des Wahnes von mir drei Thaten zu verlangen, die mein Dasein hätten zerstören können, und die in mir stets die Erinnerung an eine dreifache Schmach zurücklassen werden?« – Wenn ich es gethan habe, so war es, um Dich an mich zu fesseln. Ich hätte Dich nicht besessen, wenn ich mich hingegeben hätte. – Nun wohl. Du bist befriedigt. Du hast mich festgehalten, zwar nicht lange, aber Du hast mich doch festgehalten in dem Sklavendienste, den Du wünschtest. Ertrage es nun, daß ich mich heute befreie! – Ich allein bin Sklavin, Demetrios. – Ja, Du oder ich, aber Einer von uns beiden, wenn er den Andern liebt. Sklavendienst! Sklavendienst! das ist der wahre Name der Leidenschaft. Ihr habt alle nur einen einzigen Traum, einen einzigen Gedanken im Gehirn: durch eure Schwäche die Stärke des Mannes zu zerstören, durch eure Leichtfertigkeit seine Intelligenz zu beherrschen! Was ihr wollt, sobald euch die Brüste wachsen, ist nicht zu lieben oder geliebt zu sein, sondern einen Mann an eure Fußknöchel zu binden, ihn zu erniedrigen, ihm den Kopf zu beugen und eure Sandalen daraufzusetzen. Dann könnt ihr, je nach eurem Ehrgeiz, uns das Schwert entreißen, den Meißel oder den Zirkel, Alles zerstören was euch überragt. Alles entmännlichen was euch beängstigt, Herakles bei der Nase nehmen und ihn ans Spinnrad setzen! Aber wenn es euch nicht gelungen ist seine Stirne oder seinen Charakter zu beugen, dann betet ihr die Faust an, die euch schlägt, das Knie, das euch zu Boden drückt und sogar den Mund, der euch beschimpft! Wenn der Mann, der sich geweigert hat eure nackten Füße zu küssen, euch schändet, so befriedigt er eure Wünsche. Derjenige, der nicht geweint hat, als ihr sein Haus verließet, kann euch bei den Haaren hinzerren: eure Liebe wird aus den Thränen wiedergeboren werden; denn Eines allein kann euch, verliebte Frauen, trösten, wenn ihr den Sklavendienst dem Mann nicht auferleget, das ist: ihn zu ertragen. – Ach! Schlage mich, wenn Du willst, aber liebe mich nachher! Sie umschlang ihn so plötzlich, daß er nicht Zeit hatte die Lippen zurückzuziehen. Er machte sich mit beiden Armen gleichzeitig los: »Ich verachte Dich. Lebe wohl,« sagte er. Aber Chrysis hing an seinem Mantel: »Lüge nicht! Du betest mich an. Du hast die Seele voll mit mir; aber Du schämst Dich nachgegeben zu haben. Höre, höre. Vielgeliebter! Wenn Du nur das brauchst, um Deinen Stolz zu befriedigen, bin ich bereit, um Dich zu haben, Dir mehr noch zu geben, als ich von Dir verlangt habe. Welches Opfer ich Dir auch bringen müsse, nachdem wir vereint sein werden, ich werde nicht über das Leben klagen.« Demetrios schaute sie neugierig an, und wie sie es zwei Tage vorher auf dem Strande gethan, sagte er ihr: »Welchen Schwur leistest Du?« – Bei Aphrodite, wie Du auch. – Du glaubst nicht an Aphrodite. Schwöre bei Jahveh Zabaoth. Die Galilaeerin erbleichte. »Man schwört nicht bei Jahveh.« – Du weigerst Dich? – Es ist ein furchtbarer Schwur. – Den muß ich haben. Sie zögerte einige Zeit, dann sagte sie mit leiser Stimme: »Ich schwöre bei Jahveh. Was verlangst Du von mir, Demetrios?« Der junge Mann schwieg. »Rede, Vielgeliebter! drängte Chrysis. Rede schnell. Ich habe Angst.« – Oh! es ist nicht viel. – Aber was denn? – Ich will nicht von Dir verlangen, daß Du mir Deinerseits drei Geschenke machest, seien sie eben so einfach wie die ersten selten waren. Aber ich kann von Dir verlangen, daß Du Geschenke empfangest, nicht wahr? – Gewiß! sagte Chrysis freudig. – Diesen Spiegel, diesen Kamm, dieses Halsband, die Du mich für Dich hast nehmen lassen, wolltest Du nicht benützen, nicht wahr? Ein gestohlener Spiegel, der Kamm einer Ermordeten, das Halsband der Göttin sind keine Schmuckgegenstände, mit denen man sich zieren kann. – Wie kannst Du nur daran denken! – Nein. Ich wußte es wohl, Du hast mich demnach aus bloßer Grausamkeit dazu gedrängt sie um den Preis dreier Verbrechen zu entwenden, wegen deren die ganze Stadt heute verstört ist. Nun, Du wirst sie tragen. – Was? – Du wirst in den kleinen geschlossenen Garten gehen, wo sich das Standbild des stygischen Hermes befindet. Dieser Ort ist immer menschenleer und Du läufst nicht Gefahr dort gestört zu werden. Du wirst die linke Ferse des Gottes wegnehmen. Der Stein ist zerbrochen. Du wirst es sehen. Dort, im Innern des Postamentes wirst Du Bacchis Spiegel finden und ihn in die Hand nehmen; dort wirst Du den großen Kamm der Nitaukrit finden, und wirst ihn in dein Haar stecken; dort wirst Du das siebenfache Halsband der Göttin Aphrodite finden und dasselbe um Deinen Hals legen. So geschmückt, schöne Chrysis, wirst Du durch die Stadt wandeln. Die Menge wird Dich den Soldaten der Königin überliefern; aber Du wirst haben, was Du gewünscht hast und ich werde Dich vor Sonnenaufgang in Deinem Gefängnisse besuchen.

IV.

Der Garten des Hermanubis.

Chrysis‘ erste Bewegung war die Achseln zu zucken. Sie würde nicht einfältig genug sein ihr Gelübde zu halten.

Die zweite war hinzugehen um zu schauen.

Eine wachsende Neugierde trieb sie an den geheimnißvollen Ort, wo Demetrios die drei geraubten Gegenstände verborgen hatte. Sie wollte sie nehmen, sie mit den Händen berühren, sie in der Sonne glänzen lassen, sie einen Augenblick besitzen. Es schien ihr, als würde ihr Sieg kein vollständiger sein, so lange sie die Beute ihres Ehrgeizes nicht ergriffen haben würde.

Was Demetrios beträfe, so würde sie wohl verstehen, ihn später durch irgend eine List wiederzugewinnen. Wie hätte sie glauben können, daß er sich für immer von ihr losgesagt habe! Die Leidenschaft, die sie bei ihm vermuthete, war nicht von jenen, die unwiederbringlich in einem Männerherzen erlöschen. Frauen, welche man viel geliebt hat, bilden im Gedächtniß eine ausgewählte Familie, und die Begegnung mit einer früheren, selbst gehaßten oder vergessenen Geliebten führt eine unbezwingliche Verwirrung herbei, aus welcher eine neue Liebe geboren werden kann. Chrysis war dies nicht unbekannt. So gierig sie auch selbst war, so große Eile sie auch hatte diesen ersten Mann, den sie liebte, zu erobern, so war sie doch nicht toll genug, ihn um den Preis ihres Lebens zu erkaufen, da sie doch so viele andere Mittel sah, ihn auf einfachere Weise zu verführen.

Und doch … welches glückselige Ende er ihr vorgeschlagen hatte!

Unter den Augen einer zahllosen Menge den antiken Spiegel, worin sich Sappho beschaut hatte, zu tragen, den Kamm, der die königlichen Haare der Nitaukrit zusammengehalten hatte, das Halsband aus den Perlen des Meeres, welche in der Muschel der Göttin Anadyomene gerollt hatte! Dann vom Abend bis zum Morgen Alles kennen lernen, was die heißeste Liebe eine Frau fühlen lassen kann … Und um die Mitte des Tages ohne Anstrengung sterben … Welches unvergleichliche Loos!

Sie schloß die Augen …

Aber nein; sie wollte sich nicht versuchen lassen.

Sie stieg in gerader Linie, durch Rhacotis kommend, die Straße hinauf, die zum großen Scrapeion führte. Dieser, von den Griechen ausgeführte Weg hatte in diesem Viertel von winkeligen Gäßchen etwas Ungleichförmiges. Die beiden Bevölkerungen mischten sich dort in einem Zusammenleben, das von Haß noch nicht frei war. Zwischen den mit blauen Hemden bekleideten Aegyptern bildeten die rohstoffigen Gewänder der Griechen weiße Lichtpunkte. Chrysis stieg schnellen Schrittes hinan, ohne den Gesprächen zuzuhören, in denen sich das Volk über die für sie begangenen Verbrechen unterhielt.

Vor den Stufen des Monumentes lenkte sie nach rechts, trat in eine dunkle Gasse, dann in eine andere, deren Häuser sich durch die Terrassen beinahe berührten, durchschritt einen kleinen sternförmigen Platz, wo bei einem Sonnenfleck zwei sehr braune Mädchen in einem Brunnenbecken spielten, und hielt endlich inne.

— — — — —

Der Garten des Hermes Anubis war eine kleine, seit langer Zeit verlassene Grabstätte, eine Art wüstes Feld, wo die Verwandten den Verstorbenen keine Opfer mehr darbrachten, und welches die Vorbeigehenden mieden. Inmitten der verfallenen Gräber schritt Chrysis in tiefster Stille vor, bei jedem Steine, der unter ihrem Fuße knirschte, ängstlich werdend. Der stets seinen Sand führende Wind bewegte ihr Haar auf den Schläfen und trieb ihren scharlachrothen Seidenschleier den weißen Blättern der Sykomoren zu.

Sie entdeckte das Standbild zwischen drei Grabmälern, die es auf jeder Seite verbargen und es in einem Dreieck einschlössen. Der Ort war gut gewählt, um ein tödtliches Geheimniß zu vergraben.

Chrysis schlich so gut sie konnte in den engen, steinigen Durchgang. Als sie das Standbild sah, erbleichte sie leicht.

Der Gott mit einem Schakalskopfe stand aufrecht, mit dem rechten Bein vortretend, die zurückfallende Kopfbedeckung mit zwei Löchern versehen, welche die zwei Arme durchließen. Das Haupt senkte sich auf dem steifen Körper, den Bewegungen der Hände folgend, welche die Geberde des Einbalsamierens machten. Der linke Fuß war aus dem Gefüge.

Mit langsamen und scheuem Blicke versicherte sich Chrysis, daß sie allein sei. Sie schauderte wegen eines kleinen Geräusches hinter ihr zusammen. Doch es war nur eine grüne Eidechse, die in einen Marmorspalt flüchtete.

Da getraute sie sich endlich den zerbrochenen Fuß der Statue zu ergreifen.

Sie hob ihn schief und nicht ohne einige Mühe in die Höhe, denn er zog einen Theil des ausgehöhlten Sockels mit, der auf dem Postamente ruhte.

Und unter dem Steine sah sie plötzlich die riesigen Perlen glänzen.

Sie zog das Halsband ganz hervor. Wie schwer es war! Sie hätte nicht gedacht, daß Perlen fast ohne Fassung in der Hand ein so großes Gewicht haben könnten. Die Perlmutterkugeln waren alle prachtvoll rund und hatten ein fast mondhelles Wasser. Die sieben Reihen folgten aufeinander, sich wie kreisförmige Seidenmohren auf einem gestirnten Gewässer erweiternd.

Sie legte es um den Hals.

Mit einer Hand breitete sie es staffelförmig aus und schloß die Augen, um besser die Kälte der Perlen auf der Haut zu fühlen. Sie ordnete die sieben Reihen auf ihrem nackten Halse und ließ die letzte Reihe in den warmen Zwischenraum der Brüste gleiten.

Dann nahm sie den Elfenbeinkamm, betrachtete ihn eine Zeit lang, streichelte das weiße Figürchen, das in den dünnen Kranz geschnitzt war und zog den Schmuck mehrmals durch ihr Haar, bevor sie ihn an der Stelle wo es ihr gefiel, befestigte.

Dann zog sie aus dem Postamente den Silberspiegel heraus, betrachtete sich darin, sah ihren Triumph, ihre von Ehrgeiz leuchtenden Augen, ihre Schultern mit der Beute der Götter geschmückt …

Und sodann ihre Haare in ihre große scharlachrothe Cyclas hüllend, verließ sie die Grabstätte, ohne ihren furchtbaren Schmuck abzulegen.

V.

Die Purpurmauern.

Als aus dem Munde der Hierodulen das Volk nochmals die Tempelschändung mit Sicherheit erfahren hatte, verlief es sich langsam durch die Gärten.

Die Hetären des Tempels drängten sich zu hunderten längs der mit schwarzen Olivenbäumen bestandenen Wege. Einige streuten Asche auf ihr Haupt. Andere wälzten ihre Stirne in dem Staube, oder rauften sich die Haare aus, oder zerfleischten sich die Brüste zum Zeichen der Trauer. Viele schluchzten, die Augen auf den Arm gedrückt.

Schweigend stieg die Menge in die Stadt hinunter, durch die Strandallee, oder längs des Meeresufers. Ein allgemeines Leid hielt die Bevölkerung der Straßen in Bestürzung. Die Handelsleute hatten in Angst ihre bunten Schaukästen hastig in ihre Buden gezogen, und die mit Stäben befestigten hölzernen Schutzdächer folgten, wie einförmige Palissaden an den Erdgeschoßen der blinden Häuser nacheinander.

Das Leben am Hafen stand stille. Die Matrose saßen unbeweglich auf Ecksteinen, die Wangen auf die Hände gestützt. Die zur Abfahrt bereiten Schiffe hatten ihre langen Ruder in die Höhe gehoben und ihre spitzen Segel längs der vom Winde geschaukelten Masten aufgeien lassen. Diejenigen Schiffe, welche in den Hafen einfahren wollten, erwarteten auf offener See die Zeichen, und einige der Reisenden, die Verwandte im Palaste der Königin hatten, brachten, an eine blutige Revolution glaubend, den Göttern der Unterwelt Opfer dar.

An der Ecke der Insel des Leuchtthurms und des Strandes erkannte Rhodis in der Menge Chrysis, die in ihrer Nähe stand.

– Ach! Chryse! beschütze mich, ich habe Furcht. Myrto ist da, aber die Volksmenge ist so groß … ich fürchte, daß man uns trennt. Nimm uns bei der Hand.

– Du weißt, sagte Myrtocleia, Du weißt was geschehen ist? Kennt man den Schuldigen? Ist er auf der Folter? Seit Herostrates hat man nichts Ähnliches gesehen. Die Olympier verlassen uns. Was wird aus uns werden?

Chrysis antwortete nicht.

»Wir hatten Tauben geopfert, sagte die kleine Flötenspielerin. Wird sich die Göttin daran erinnern? Die Göttin muß erzürnt sein. Und Du, und Du, meine arme Chrysis, die Du heute entweder sehr glücklich, oder sehr mächtig sein solltest …«

– Alles ist geschehen, sagte die Hetäre.

– Was sagst Du?

Chrysis that zwei Schritte rückwärts und hob die rechte Hand an den Mund.

»Schau mir gut zu, meine Rhodis, schau Myrtocleia. Was ihr heute sehen werdet, haben menschliche Augen noch nie gesehen, seit dem Tage wo die Göttin vom Berge Ida herabgestiegen ist. Und bis zum Ende der Welt wird man es nicht mehr auf der Erde sehen.«

Die beiden erstaunten Freundinen traten zurück; sie hielten Jene für toll. Doch Chrysis, in ihrem Traume verloren, schritt bis zum ungeheuren Leuchtthurm hin, zu diesem Marmorberg mit seinen acht Feuerherden in acht sechseckigen Stockwerken. Sie öffnete das eherne Thor, und die Unachtsamkeit der Menge benützend, schloß sie dasselbe, indem sie innen die laut rasselnden Barren herunterließ.

Einige Augenblicke vergingen.

Das Grollen des Volkes dauerte fort. Das lebende Gewoge fügte seine Bewegung dem regelmäßigen Aufruhr der Gewässer hinzu.

Auf einmal erhob sich ein Schrei, den hunderttausend Kehlen wiederholten:

»Aphrodite!!«

– Aphrodite!!!

Ein Donner von Schreien brach los. Die Freude, die Begeisterung eines ganzen Volkes jubelte in einem unbeschreiblichen Freudentumulte zu Füßen der Mauer des Leuchtthurms.

Die Menge, die den Strand bedeckte, strömte plötzlich der Insel zu und überfluthete die Felsen, stieg auf die Häuser, auf die Signalmasten, auf die befestigten Thürme. Die Insel war voll, übervoll und die Menge kam noch immer dichter heran; es war das Drängen eines Flusses, der über seine Ufer getreten und lange Menschenreihen von den steilen Klippen schleudert.

Man sah das Ende dieser Menschen-Ueberschwemmung nicht. Von dem Palaste der Ptolemäer bis zur Mauer des Kanals waren die Ufer des königlichen Hafens, des großen Hafens, des Eunostus mit einer gedrängten Menschenmasse bedeckt, die sich durch neu Ankommende aus den Straßen immer mehr verdichtete. Ueber diesem stürmisch bewegten Ocean von Händen und Gesichtern schwankte wie ein Schiff in der Noth die Sänfte der Königin Berenike mit ihren gelben Vorhängen. Und von Augenblick zu Augenblick vergrößerte sich durch neue Stimmen das furchtbar gewordene Getöse.

Weder Helena am skäischen Thore, noch Phryne in den Fluthen zu Eleusis, noch Thais, als sie den Brand van Persepolis anzünden ließ, haben erfahren, was Triumph bedeutet.

— — — — —

Chrysis war am westlichen Thor erschienen, auf der ersten Terrasse des rothen Monumentalbaues.

Sie war nackt wie die Göttin, sie hielt mit beiden Händen die Zipfel ihres scharlachrothen Schleiers, den der Wind gegen den Abendhimmel blies, und in ihrer rechten Hand den Spiegel, wo die untergehende Sonne widerstrahlte.

Langsam, mit gebeugtem Haupte, in einer Bewegung von unendlichem Reiz und Majestät stieg sie die äußere Rampe empor, welche den hohen purpumen Thurm spiralförmig umgab. Ihre halbgeschlossenen Augen flammten. Die glühende Abendröthe färbte das Perlen-Halsband wie eine Rubinenschnur. Sie stieg immer weiter und in dieser Glorie zeigte ihre strahlende Haut alle Pracht des Fleisches, das Blut, das Feuer, das bläuliche Carmin, das sammtweiche Roth, das lebhafte Rosenroth und sich mit den großen Purpurmauern drehend schritt sie dem Himmel zu.

I.

Die letzte Nacht.

»Du bist von den Göttern geliebt,« sagte der alte Gefängnißwärter. Wenn ich, armer Sklave, den hundertsten Theil Deiner Verbrechen begangen hätte, so wäre ich auf eine Folterbank gebunden worden, an den Beinen aufgehängt, von Hieben zerfleischt, mit Zangen geschunden. Man hätte mir Essig in die Nasenlöcher gegossen, mich bis zum Ersticken mit Ziegeln beladen, und wenn ich vor Schmerz gestorben wäre, würde mein Leichnam schon die Schakale der Wüste nähren. Aber für Dich, die Du Alles gestohlen, Alles getödtet, Alles entheiligt hast, für Dich hat man den süßen Schierlingstrank und einstweilen setzt man Dich in ein gutes Zimmer. Zeus treffe mich mit seinem Blitze, wenn ich weiß warum! Du mußt Jemanden im Palaste kennen.«

– Gib mir Feigen, sagte Chrysis. Mein Mund ist ausgetrocknet.

Der alte Sklave brachte ihr in einem grünen Korbe mürbe Feigen, die zum essen gar waren.

Chrysis blieb allein.

Sie setzte sich und stand wieder auf, sie ging im Zimmer herum, schlug mit der flachen Hand an die Wand, ohne an irgend etwas zu denken. Sie löste ihr Haar, um es zu erfrischen und wand es gleich wieder zusammen.

Man hatte sie ein langes Kleid aus weißer Wolle anlegen lassen. Der Stoff war warm. Chrysis fühlte sich ganz von Schweiß durchnäßt. Sie streckte ihre Arme aus, gähnte und lehnte sich an das hohe Fenster.

Draußen leuchtete der Mond an einem Himmel von fast flüssiger Klarheit, an einem Himmel, der so bleich und so rein war, daß man nicht einen einzigen Stern sah.

Es war in einer ähnlichen Nacht, als Chrysis sieben Jahre vorher das Land von Genezareth verließ.

Sie erinnerte sich … Sie waren ihrer sieben. Es waren Elfenbeinhändler. Sie schmückten die langgeschwänzten Pferde mit buntscheckigen Quasten. Am Ufer einer runden Zisterne hatten sie mit dem Kinde Halt gemacht.

Und vordem der bläuliche See, der durchsichtige Himmel, die leichte Luft im Lande Galilaea.

Die Häuser waren von rosigem Flachs und Tamarisken umgeben. Stachelige Kapernstauden verwundeten die Hände, die im Begriffe waren Nachtfalter zu fangen … Man glaubte die Farbe des Windes in den leichten Wellenbewegungen der feinen Gräser zu sehen.

Die kleinen Mädchen badeten in einem klaren Bache, wo man rothe Muscheln unter den Büscheln blühender Lorbeeren fand; und es gab Blumen auf dem Wasser, Blumen auf allen Wiesen, und große Lilien auf den Bergen, und die Linie der Berge war diejenige eines jungen Busens …

Chrysis schloß die Augen mit einem leichten Lächeln, das plötzlich erlosch. Der Gedanke an den Tod hatte sie ergriffen.

Sie fühlte, daß sie bis an’s Ende nicht mehr aufhören könnte zu denken.

»Ach! sagte sie sich, was habe ich gethan? Warum habe ich diesen Mann getroffen? Warum hat er mir gehorcht? Warum habe ich mich meinerseits fangen lassen? Woher kommt es, daß ich auch jetzt noch nichts bereue?«

»Nicht lieben oder nicht leben: Diese Wahl hat mir Gott gegeben. Was habe ich gethan, um bestraft zu werden?«

Und es kamen ihr Bruchstücke von Bibelsprüchen in Erinnerung, die sie in ihrer Kindheit hatte anführen hören. Seit sieben Jahren dachte sie nicht mehr daran. Aber sie kamen ihr, einer nach dem andern, mit unerbittlicher Genauigkeit in das Gedächtniß zurück, um auf ihr Leben Anwendung zu finden und ihr ihre Strafe vorauszusagen.

Sie murmelte:

»Es steht geschrieben:«

Ich gedenke, da du eine freundliche junge Dirne, und eine liebe Braut warest; da du mir folgtest in der Wüste, im Lande, da man nicht säet.

Denn du hast immerdar dein Joch zerbrochen und deine Bande zerrissen und gesagt: ich will nicht unterworfen sein; sondern auf allen hohen Hügeln und unter allen grünen Bäumen liefest Du der Hurerei nach. Jeremia II, 2, 20.

»Es steht geschrieben:«

Ich will meinen Buhlen nachlaufen, die mir geben Brod, Wasser, Wolle, Flachs und Trinken. Hoseas II, 5.

»Es steht geschrieben:«

Wie darfst du denn sagen: Ich bin nicht unrein? Siehe an, wie du es treibest im Thal, und bedenke, wie du es ausgerichtet hast.

Du läufst herum wie eine Kameelin in der Brunst; und wie ein Wild in der Wüste pflegt, wenn es vor großer Brunst lechzet und läuft, das niemand aufhalten kann. Jeremia II, 23, 24.

»Es steht geschrieben:«

Sie aber trieb ihre Hurerei immer mehr, und gedachte

an die Zeit ihrer Jugend, da sie in Aegyptenland Hurerei getrieben hatte;

Und sie entbrannte gegen ihre Buhlen, welcher Brunst war wie der Esel und der Hengste Brunst.

Und bestelletest deine Unzucht wie in deiner Jugend, da dir in Aegypten deine Brüste begriffen und deine Zitzen betastet wurden. Hesekiel XXIII, 19-21.

»Oh, rief sie aus. Ich bin es! ich bin es!«

»Und es steht ferner geschrieben:«

Du aber hast mit vielen Buhlen gehuret; doch komm wieder zu mir, spricht der Herr. Jeremia III, 1.

»Aber meine Züchtigung steht ebenfalls geschrieben:«

Siehe, ich will deine Buhlen wider dich erwecken, und will sie ringsumher wider dich bringen …

Sie sollen dir Nase und Ohr abschneiden, und was übrig ist, soll durch das Schwert fallen. Hesekiel XXIII, 22, 25.

»Und das noch:«

Es ist um sie geschehen: nackt wird sie weggeführt. Ihre Mägde seufzen wie die Tauben und schlagen sich an die Brust. Nachum III, 8.

»Aber weiß man was die Schrift sagt? fügte sie, um sich zu beruhigen, hinzu. Steht nicht an anderer Stelle geschrieben:«

Und ich will es euch nicht wehren, wenn eure Töchter und Bräute geschändet und zu Huren werden. Hoseas IV, 14.

»Und sagt nicht an anderer Stelle die Schrift:«

So gehe hin und iß dein Brod mit Freuden, trink deinen Wein mit gutem Muth; denn dein Werk gefällt Gott.

Laß deine Kleider immer weiß sein und laß deinem Haupt Salbe nicht mangeln.

Brauche des Lebens mit deinem Weibe, das du lieb hast, so lange du das eitle Leben hast, das dir Gott unter der Sonne gegeben hat, so lange dein eitles Leben währet;

… denn in der Hölle, da du hinfahrest, ist weder Werk, Kunst und Vernunft, noch Weisheit. Prediger Salomonis IX, 7, 10.

Sie fing an zu zittern und wiederholte mit leiser Stimme:

»Denn in der Hölle, da du hinfährest, ist weder Werk, Kunst und Vernunft, noch Weisheit.

Es ist das Licht süße und den Augen lieblich die Sonne zu sehen. id. XI, 7.

So freue dich, Jüngling, in deiner Jugend, und laß dein Herz guter Dinge sein in deiner Jugend. Thue was dein Herz gelüstet und deinen Augen gefällt, ehe denn die bösen Tage kommen, und die Jahre herzutreten, da du wirst sagen: sie gefallen mir nicht.

Ehe denn der silberne Strick wegkomme und die goldene Quelle verlaufe, und der Eimer zerbreche am Born.

Denn der Staub muß wieder zu der Erde kommen, wie er gewesen ist, und der Geist wieder zu Gott, der ihn gegeben hat.« Hohe Lied. Sal. XI, 9. XII, 1, 6, 7.

Und mit einem neuen Zittern wiederholte sie langsamer:

»Denn der Staub muß wieder zu der Erde kommen, wie er gewesen ist.«

Und während sie den Kopf in die Hände nahm, um ihre Gedanken zu unterdrücken, fühlte sie plötzlich, ohne es vorausgesehen zu haben, die Todtenkopfform ihres Schädels unter der lebenden Haut: die leeren Schläfen, die ungeheuern Augenhöhlen, die stumpfe Nase unter dem Knorpel und die hervortretenden Kinnbacken.

Es war schauerlich! So würde sie also werden. Mit einer furchtbaren Klarheit fühlte sie sich als Leiche, und sie betastete ihren Körper mit den Händen, um diese einfache Idee, die ihr bis dahin noch nicht gekommen war, zu ergründen, – die Idee, daß sie ihr Gerippe in ihrem Körper trug, daß es nicht das Ergebniß des Todes war, eine Metamorphose, ein Ende, sondern ein Ding, das man mit sich herumträgt, ein unzertrennliches Gespenst der menschlichen Gestalt, – und daß das Gerüste des Lebens schon das Sinnbild des Grabes ist.

Ein wildes Verlangen zu leben. Alles wiederzusehen. Alles von Neuem zu beginnen ergriff sie plötzlich. Es war eine Empörung angesichts des Todes; die Unmöglichkeit zuzugeben, daß sie den Abend dieses anbrechenden Morgens nicht sehen würde; die Unmöglichkeit zu begreifen, wie diese Schönheit, dieser Körper, dieser lebendige Gedanke, dieses üppige Leben ihres Fleisches in voller Gluth auf einmal aufhören könnten zu sein, und verfaulen würden …

Die Thüre ging still auf.

Demetrios trat ein.

III.

Rhacotis.

Kaum hatte Chrysis die Thür geschlossen, als sie ihre Hand auf das entflammte Centrum ihrer Gier drückte, wie man einen schmerzhaften Punkt preßt, um stehende Empfindungen zu lindern. Dann lehnte sie sich mit der Schulter an eine Säule und rang leise schreiend die Hände.

Wird sie denn nie Etwas erfahren?

Je mehr die Stunden vergingen, desto deutlicher sah sie die Unwahrscheinlichkeit ihres Erfolges. Plötzlich nach dem Spiegel verlangen: das war ein sehr gewagtes Mittel die Wahrheit zu erfahren. Im Falle derselbe gestohlen worden, würde sie allen Verdacht auf sich lenken und sich ins Verderben stürzen. Andererseits war es ihr nicht mehr möglich da zu bleiben, ohne zu sprechen; aus Ungeduld hatte sie den Saal verlassen.

Timon’s Ungeschicklichkeiten hatten ihre stumme Wuth zu einer bebenden Überreiztheit gesteigert, die sie zwang ihren Körper an die kühle, glatte Säule zu lehnen.

Sie sah einen Nervenanfall voraus und bekam Angst.

Sie rief die Sklavin Aretias herbei.

»Bewahre mir meinen Schmuck auf; ich gehe hinaus.«

Und sie stieg die sieben Treppenstufen hinunter.

Die Nacht war warm. Kein Luftzug trocknete auf ihrer Stirne die schweren Schweißtropfen. Die Enttäuschung, die sie deßhalb fühlte, vergrößerte ihr Unbehagen und machte sie wanken.

Sie ging die Straße entlang.

Bacchis Haus war am äußersten Ende von Brouchion gelegen, an der Grenze der Altstadt Rhacotis, einer ungeheueren Spelunke voll mit Matrosen und Aegypterinen. Die Fischer, welche wahrend der glühenden Hitze des Tages in den vor Anker liegenden Fahrzeugen schliefen, kamen dahin, um bis zum Morgen ihre Nacht da zuzubringen, den Dirnen und den Weinverkäufern ihren Erwerb des vorigen Tages zurücklassend.

Chrysis lenkte in die Gäßchen dieser alexandrinischen Suburra ein, die voll Stimmen, Bewegung und barbarischer Musik war. Sie schaute verstohlen durch die offenen Thüren, in die vom Dampfe der Lampen stinkenden Säle, wo sich nackte Paare begatteten. An Straßenecken, auf niederen, vor den Häusern nebeneinander gereihten Gerüsten, gab es Strohmatten, die unter ihrer doppelten Menschenlast knarrten und sich bewegten. Chrysis ging unruhig weiter. Ein Weib, das ohne Liebhaber war, forderte sie auf. Ein Greis griff ihr an den Busen. Eine Mutter bot ihr ihre Tochter an. Ein Bauer, der sie angaffte, küßte sie auf den Nacken. Sie floh in einer Art erröthender Furcht.

Diese fremde Stadt, mitten in der griechischen, war für Chrysis voll Nacht und Gefahr. Sie kannte schlecht dies sonderbare Labyrinth, den Wirrwarr von Straßen, das Geheimniß gewisser Häuser. Wenn sie sich von Zeit zu Zeit hieher wagte, folgte sie immer demselben directen Wege, nach einer kleinen rothen Thüre und dort vergaß sie ihre alltäglichen Geliebten in der unermüdlichen Umarmung eines jungen Eseltreibers mit sehnigen Muskeln, den sie das Vergnügen hatte ihrerseits zu bezahlen.

Aber an jenem Abend merkte sie, ohne nur den Kopf zu wenden, daß doppelte Schritte ihr folgen.

Sie beschleunigte ihren Gang. Der doppelte Schritt wurde gleichfalls beschleunigt. Sie begann zu laufen, man lief hinter ihr her; dann lenkte sie wie toll in ein anderes Gäßchen, dann in ein anderes in entgegengesetzter Richtung, dann in eine lange Straße, die in eine unbekannte Gegend führte.

So floh sie mit trockenem Gaumen und geschwollenen Schläfen, nur von Bacchis‘ Wein aufrecht gehalten, ganz bleich und verwirrt.

Endlich verschloß ihr eine Mauer den Weg: sie befand sich in einer Sackgasse. Schnell wollte sie umkehren; allein, zwei Matrosen mit braunen Händen versperrten ihr den engen Durchgang.

»Wohin gehst Du, Goldpfeilchen?« sagte der Eine lachend.

– Laßt mich hindurch.

– Was? Du bist verirrt, mein Kind, Du kennst Rhacotis nicht, wie? Wir wollen Dir die Stadt zeigen.

Und damit faßten sie beide beim Gürtel. Sie schrie, sträubte sich, theilte Faustschläge aus, aber der zweite Matrose nahm ihre beiden Hände gleichzeitig in seine Linke und sagte einfach:

»Verhalte Dich ruhig. Du weißt, daß man hier die Griechen nicht liebt; Niemand wird Dir zu Hilfe kommen.«

– Ich bin keine Griechin!

– Du lügst, Deine Haut ist weiß und Deine Nase gerade. Laß uns gewähren, wenn Du den Stock fürchtest.

Chrysis schaute den Sprecher an und warf sich ihm plötzlich an den Hals.

» Dich liebe ich, Dir werde ich folgen,« sagte sie.

– Du wirst uns beiden folgen. Mein Freund wird seinen Theil daran haben. Geh mit uns; Du wirst Dich nicht langweilen.

Wohin wollten sie Chrysis führen? Sie wußte nichts davon, aber der zweite Matrose gefiel ihr wegen seiner Rauheit, wegen seines brutalen Kopfes. Sie betrachtete ihn mit dem unablässigen Blicke, den junge Hündinen vor dem Fleische haben. Sie beugte ihren Körper nach seiner Seite, um ihn im Gehen zu berühren.

Schnellen Schrittes durchzogen sie seltsame Viertel ohne Leben und ohne Licht. Chrysis begriff nicht, wie sie in diesem nächtlichen Labyrinth, wo sie nicht allein hätte hinauskommen können, den Weg fanden, so seltsam verworren waren die Gäßchen. Die geschlossenen Thüren, die leeren Fenster, die unbeweglichen Schatten erschreckten sie. Ueber ihr, zwischen den eng beisammen stehenden Häusern, zog sich ein schmaler Streifen des bleichen, vom Mondscheine überflutheten Himmels hin.

Endlich kehrten sie in das Leben zurück. An einer Straßenecke erschienen plötzlich acht, zehn, zwölf Lichter. Es waren beleuchtete Thüren, wo junge nabatenische Frauen zwischen zwei rothen Lampen kauerten, die von unten ihre goldbehaubten Köpfe beleuchteten.

Aus der Ferne hörten sie zuerst das Gemurmel wachsen, dann ein Getöse von Karren und von hingeworfenen Ballen, von Eselstritten und von menschlichen Stimmen. Es war der Platz von Rhacotis, wo, während Alexandrien schlief, sich der eintägige Vorrath für die Nahrung von neunmalhunderttausend Menschen anhäufte.

Sie gingen die Häuser des Platzes entlang, zwischen grünen Haufen von Gemüse, Lotoswurzeln, glänzenden Bohnen, Olivenkörben. Von einem violetten Haufen nahm Chrysis eine Hand voll Brombeeren und aß sie, ohne sich aufzuhalten. Endlich blieben sie vor einer niederen Thür stehen und die Matrosen stiegen mit Derjenigen, für welche man die wahren Perlen der Anadyomene gestohlen hatte, hinunter.

Da war ein ungeheurer Saal. Fünfhundert Männer aus dem Volke tranken da, den Tag erwartend, Tassen gelben Bieres, aßen Feigen, Linsen, Sesamkuchen und Olyrabrod. Mitten unter ihnen wimmelte ein Wirrwarr kreischender Weiber, ein ganzes Feld schwarzer Haare und bunter Blumen in einer glühenden Atmosphäre. Es waren arme Mädchen ohne Obdach, welche Allen gehörten. Sie kamen dorthin, um nach den Überresten zu betteln, mit nackten Füßen, nackten Brüsten, nothdürftig mit rothen oder blauen Lappen auf dem Bauche bedeckt; die meisten trugen auf dem linken Arme ein in Lumpen gehülltes Kind. Auch da gab es Tänzerinen, sechs Aegypterinen auf einem Gerüste, mit einem Orchester von drei Musikanten, von denen die beiden Ersten mit Stäben auf Felltrommeln schlugen, während der Dritte ein großes Sistrum aus tönendem Erze schüttelte.

»Oh! Myxarkuchen!« sagte Chrysis vergnügt.

Und sie kaufte von einer kleinen Händlerin für zwei Kupfermünzen.

Aber plötzlich wurde ihr übel, so sehr war der Geruch dieser Spelunke unerträglich; die Matrosen trugen sie in ihren Armen weg.

In der frischen Luft erholte sie sich.

»Wo gehen wir hin?« flehte sie. »Machen wir rasch, ich kann nicht weiter. Ich widersetze mich nicht, ihr seht es, ich bin gut. Aber findet so rasch als möglich ein Lager, sonst falle ich auf die Straße hin.«

IV.

Baccanal bei Bacchis.

Als sie sich wieder bei Bacchis‘ Thür befand, war sie von dem angenehmen Gefühl durchdrungen, welches die Rast im Begehren und die Ruhe des Fleisches verschaffen. Ihre Stirne war erleichtert. Ihr Mund war milder geworden. Ein von Zeit zu Zeit wiederkehrender Schmerz irrte noch um die Höhlung ihrer Lenden. Sie stieg die Treppe hinauf und schritt über die Schwelle.

Seitdem Chrysis den Saal verlassen, hatte sich das Gelage wie eine Flamme entwickelt.

Andere Freunde waren gekommen, für welche die zwölf nackten Tänzerinen ein leichter Raub geworden. Vierzig zerpflückte Kränze bedeckten den Boden mit Blumen. Ein Schlauch mit Wein aus Syrakus war in einer Ecke ausgegossen, ein goldener Fluß, der bald den Tisch erreichte.

Philodemus neben Faustina, deren Kleid er zerriß, sagte ihr singend Verse her, die er über sie gedichtet hatte.

»Oh Füße, sagte er, oh weiche Schenkel, tiefe Lenden, runde Kruppe, gespaltene Feige, Hüften, Schultern, Brüste, beweglicher Nacken, oh ihr, die ihr mich wahnsinnig macht, warme Hände, geschickte Bewegungen, flinke Zunge! Du bist eine Römerin, Du bist braun und Du singst die Verse der Sappho nicht; aber auch Perseus war der Geliebte der Indierin Andromeda. Philodemus A. P. V. 132«

Doch Seso, auf dem Tische, inmitten der durcheinander geworfenen Früchte auf dem Bauche liegend, war von den Dünsten des aegyptischen Weines vollkommen benebelt und tauchte die Warze ihrer rechten Brust in ein Sorbet mit Schnee, wobei sie fortwährend mit einer komischen Rührung wiederholte:

»Trink‘, mein Kleiner. Du bist durstig. Trink‘, mein Kleiner. Trinke. Trinke. Trinke!«

Aphrodisia, die nach Sklavin war, triumphirte in einem Männerkreise und feierte ihre letzte Nacht der Knechtschaft durch unmäßige Ausschweifungen. Um der Tradition aller alexandrinischen Orgien zu gehorchen, hatte sie sich zuerst drei Männern zugleich hingegeben; aber ihre Aufgabe war damit nicht zu Ende und bis Tagesanbruch sollte sie, nach dem Gesetze der Sklavinen, die Hetären werden, durch einen unausgesetzten Eifer beweisen, daß sie ihrer neuen Würde gewachsen war.

Hinter einer Säule stehend stritten Naukrates und Phrasilas höflich über den respektiven Werth von Arkesilas und Karneades.

Am anderen Ende des Saales schützte Myrtocleia Rhodis gegen einen allzu zudringlichen Gast.

Als sie Chrysis eintreten sahen, liefen die beiden Ephesierinen ihr entgegen.

»Gehen wir weg, meine Chryse. Theano bleibt; aber wir gehen.«

– Ich bleibe auch, sagte die Hetäre.

Und sie legte sich mit dem Rücken auf ein großes, mit Rosen bestreutes Bett.

Ein Geräusch von Stimmen und von geworfenen Geldstücken zog die Aufmerksamkeit an: es war Theano, die um ihre Schwester zu parodiren, inmitten des Lachens und Schreiens, auf den Gedanken gekommen war, aus Spott die Fabel der Danaë zu spielen, indem sie, jedes Mal wenn ein Goldstück sie durchdrang, eine milde Wollust heuchelte. Die herausfordernde Gottlosigkeit des liegenden Kindes ergötzte die Gäste, denn die Zeit war vorüber, wo der Blitz die Spötter des Unsterblichen ausrottete. Aber das Spiel entartete, wie es zu fürchten war. Ein Ungeschickter verletzte die arme Kleine, die laut zu weinen anfing.

Um sie zu trösten, mußte man eine neue Belustigung erfinden. Zwei Tänzerinen schoben in die Mitte des Saales ein großes Gefäß aus vergoldetem Silber, das bis zum Rande mit Wein gefüllt war. Jemand ergriff Theano an den Beinen und ließ sie den Kopf zu unterst, davon trinken, während sie von unwiderstehlichen Lachkrämpfen geschüttelt wurde.

Dieser Einfall hatte solchen Erfolg, daß Alle näher traten und, als die Flötenspielerin wieder auf ihre Beine kam, und man ihr durch Kongestion entflammtes Gesichtchen, das von Wein rieselte, sah, kam eine so allgemeine Freude zum Ausbruch, daß Bacchis zu Selene sagte:

»Einen Spiegel! einen Spiegel! damit sie sich selbst so besehen kann!«

Die Sklavin brachte einen Spiegel aus Bronze.

»Nein, nicht diesen. Den Spiegel von Rhodopis! Der Spaß ist ihn werth.«

Mit einem Ruck war Chrysis aufgestanden.

Das Blut stieg ihr in die Wangen, um dieselben gleich wieder zu verlassen und sie verharrte ganz bleich, mit stürmisch pochendem Herzen, die Augen auf die Thür geheftet, durch welche die Sklavin hinausgegangen war.

Dieser Augenblick sollte ihr ganzes Leben entscheiden. Die letzte Hoffnung, die ihr geblieben, war im Begriffe vereitelt zu werden oder sich zu verwirklichen.

Um sie her tobte das Fest weiter. Ein, man wußte nicht woher geworfener Iriskranz fiel ihr auf den Mund und ließ auf ihren Lippen den herben Geschmack des Blüthenstaubes zurück. Ein Mann goß ihr ein Fläschchen Wohlgerüche auf die Haare, es entleerte sich zu schnell und benetzte ihre Schultern. Ein voller Becher, in welchen ein Granatapfel geworfen worden, bespritzte ihr seidenes Gewand und die Nässe drang ihr bis auf die Haut. Sie trug stolz allen Schmutz des Gelages.

Die Sklavin, die hinausgegangen war, kam nicht wieder zurück.

Chrysis blieb bleich wie ein Stein und regte sich nicht mehr, als eine Bildsäule. Die rhythmische und einförmige Klage einer in der Nähe im Liebeskrampfe liegenden Frau maß ihr einzig die Zeit. Es schien ihr, als ob dieses Weib schon seit dem vorigen Tage wimmerte. Sie hätte Etwas zerknittern, sich die Finger zerbrechen, schreien mögen.

Endlich kam Selene mit leeren Händen zurück.

»Und der Spiegel?« fragte Bacchis.

– Er ist … er ist nicht mehr da … er ist … er ist … gestohlen, stotterte die Magd.

Bacchis stieß einen so gellenden Schrei aus, daß Alle schwiegen, eine schauerliche Stille unterbrach plötzlich den Tumult.

Aus allen Winkeln des großen Saales näherten sich Männer und Frauen: es blieb nur noch ein kleiner, leerer Raum, wo Bacchis verstört vor der am Boden liegenden Sklavin stand.

»Du sagst! … Du sagst! …« heulte sie.

Und da Selene nicht antwortete, ergriff sie sie heftig am Halse:

»Du hast ihn gestohlen, nicht wahr? Du bist es? So antworte doch! Ich werde Dich mit Peitschenhieben zum Reden bringen, elende Hündin!«

Da geschah etwas Schreckliches. Das von der Todesangst gepeinigte Kind, erschreckt durch die unmittelbarste Gefahr, die es je gekannt, stieß die Worte hervor:

»Es ist Aphrodisia! Nicht ich! Ich habe ihn nicht gestohlen.«

– Deine Schwester!

– Ja, ja! sagten die Mulattinen, Aphrodisia hat ihn genommen!

Und sie schleppten ihre Schwester, die soeben in Ohnmacht gefallen war, zu Bacchis hin.

IV.

Mondschein.

Draußen war die Nacht klar und in den heiligen Räumen war es ganz dunkel. Als er behutsam und leise die allzu geräuschvolle Thür geschlossen hatte, fühlte er sich von einem Schauder erfüllt und gleichsam von der Kälte des Steines umgeben. Er wagte es nicht die Augen in die Höhe zu heben. Dieses finstere Schweigen erschreckte ihn; das Dunkel war wie mit etwas Unbekanntem bevölkert. Er legte die Hand an die Stirne, wie ein Mann, der nicht erwachen will, aus Angst sich lebendig wiederzufinden. Endlich schaute er auf.

Im vollen Lichte des Mondes erschien die Göttin auf einem rosarothen Steinpostamente mit umhängenden Kleinodien beladen. Sie war nackt und geschlechtlich, den Farben der Frau gemäß leicht gefärbt; sie hielt in der einen Hand ihren Spiegel, dessen Griff ein Priapusglied war; die andere Hand schmückte ihre Schönheit mit einem Halsband aus sieben Reihen Perlen. Eine Perle, größer als die anderen, silberschimmernd und von länglicher Form, glänzte zwischen den beiden Brüsten, wie eine nächtliche Mondsichel zwischen zwei runden Wolken. Und es waren echte, heilige Perlen, geboren aus einem Wassertropfen, der in der Muschelschale der Anadyomene gerollt hatte.

Demetrios verlor sich in eine unaussprechliche Anbetung. Er glaubte wahrhaftig, daß Aphrodite selbst vor ihm stehe. Er erkannte sein Werk nicht wieder, so tief war der Abgrund zwischen dem, was es früher war und dem was es seither geworden. Er streckte die Arme vorwärts und murmelte die geheimnißvollen Worte, durch welche man in phrygischen Feierlichkeiten die Göttin anbetet.

Übernatürlich, leuchtend, unantastbar, nackt und rein schwankte die Erscheinung leicht zuckend auf dem Steine. Er heftete die Augen auf sie und fürchtete schon, daß bei der Liebkosung seines Blickes diese schwache Hallucination sich in der Luft verflüchtigen könnte. Sehr leise rückte er vor, berührte mit dem Finger die rosigen Zehen, als wollte er sich des Vorhandenseins der Statue versichern, und da er nicht im Stande war einzuhalten, so sehr zog sie ihn an, stieg er aufrecht stehend neben sie und legte, ihr in die Augen schauend, die Hände auf die weißen Schultern.

Er zitterte, er wurde schwach, er begann vor Freude zu lachen. Seine Hände irrten auf den nackten Armen herum, preßten die kalte und harte Taille, tasteten die Beine entlang, liebkoseten die Wölbung des Bauches. Mit seiner ganzen Kraft streckte er sich an dieser Unsterblichkeit empor. Er beschaute sein Bild im Spiegel, hob das Perlenhalsband, nahm es herunter, ließ es im Mondscheine blitzen, und hängte es ihr ängstlich wieder um. Er küßte die zurückgebeugte Hand, den runden Hals, den wogenden Busen, den halbgeöffneten Mund des Marmors. Dann trat er bis zum Rande des Postaments zurück und sich an den göttlichen Armen festhaltend, betrachtete er zärtlich den anbetungswürdigen, vorgebeugten Kopf.

Die Haare waren auf orientalische Art angeordnet und verdeckten leicht die Stirne. Die halbgeschlossenen Augen verlängerten sich in einem Lächeln. Die Lippen blieben geöffnet, wie in einem Kusse vergehend.

Stillschweigend ordnete er die sieben Perlenreihen auf der blendenden Brust und stieg zu Boden, um das Idol aus größerer Entfernung zu sehen.

Dann kam es ihm vor, als erwache er. Er erinnerte sich, weßhalb er hierher gekommen war, was er gewollt und beinahe vollbracht hatte: eine gräßliche That. Er fühlte, daß er bis zu den Schläfen erröthete.

Die Erinnerung an Chrysis zog an seinem Gedächtniß vorüber wie eine plumpe Erscheinung. Er zählte Alles, was in der Schönheit der Hetäre zweifelhaft blieb, auf: die dicken Lippen, die schwellenden Haare, den weichen Gang. Wie die Hände waren; hatte er vergessen; aber er stellte sich dieselben breit vor, um dem Bilde, das er von sich wies, einen widerwärtigen Zug hinzuzufügen. Sein Gemüthszustand wurde demjenigen eines Mannes ähnlich, der bei Tagesanbruch von seiner einzigen Maitresse im Bette einer niedrigen Dirne ertappt wird, und der sich selbst nicht erklären kann, wie er sich am Tage zuvor habe verführen lassen. Er konnte weder eine Entschuldigung, noch einen ernsten Grund finden. Es war klar, daß er während eines Tages eine Art vorübergehender Tollheit erduldet hatte, eine physische Störung, eine Krankheit. Er fühlte sich geheilt, aber von seiner Verblendung noch ganz trunken.

Um vollständig zu sich zu kommen, lehnte er sich an die Wand des Tempels, und blieb lange vor der Statue stehen. Das Mondlicht schien immer noch durch die viereckige Öffnung des Daches hernieder; Aphrodite strahlte, und, da die Augen im Schatten waren, suchte er ihre Blicke …

So ging die ganze Nacht vorüber. Dann kam der Tag und die Statue nahm nach einander die vorige Blässe der Morgendämmerung und den goldenen Schein der Sonne an.

Demetrios hatte keine Gedanken mehr. Der Elfenbeinkamm und der Silberspiegel, die er in seinem Kleide trug, waren seiner Erinnerung entschwunden. Er gab sich sanft der heiteren Betrachtung hin.

Draußen im Garten gab es einen Lärm von Vogelgezwitscher, von Rauschen, Pfeifen und Singen. Man hörte Stimmen von Frauen, die am Fuße der Mauer redeten und lachten. Die Bewegung des Morgens stieg aus der erwachten Erde herauf. Demetrios empfand nur glückselige Gefühle.

Die Sonne stand schon hoch am Himmel und der Schatten des Daches war weitergerückt, als er ein undeutliches Geräusch von leichten Schritten von den äußeren Stufen her vernahm.

Wahrscheinlich wollte man der Göttin ein Opfer darbringen; ein Zug junger Frauen, welche kamen, um Gelübde zu erfüllen oder solche für den ersten Tag der aphrodisischen Feste vor der Statue der Göttin abzulegen.

Demetrios wollte fliehen.

Das heilige Postament war rückwärts auf eine Art zu öffnen, welche die Priester allein und der Bildhauer kannten. Hier verbarg sich der Hierophant, um einem jungen Mädchen, dessen Stimme hell und laut war, die wunderbaren Reden, welche am dritten Festtage aus der Statue kamen, zu dictiren. Von da aus konnte man die Gärten erreichen. Demetrios drang hinein und blieb vor den mit Bronze beschlagenen Oeffnungen stehen, welche durch den tiefen Stein gingen.

Schwer öffneten sich die beiden goldenen Thüren. Dann trat der Festzug ein.