Neunzehntes Kapitel


Bern. – Die Matte. – Frau de la Saone. – Sarah, – Meine Abreise. – Murten.

Ich kam auf eine Anhöhe, von wo meine Blicke über eine weite Landschaft schweiften, durch die ein kleiner Fluß sich schlängelte; ich bemerkte einen Fußpfad und bekam Lust, diesem entlang zu gehen. Er führte zu einer Art von Treppe. Ich stieg etwa hundert Stufen hinunter und fand einige vierzig Kabinette, die mir eine Art von Badestübchen zu sein schienen. Sie waren es in der Tat; denn während ich die Örtlichkeit betrachtete, kam ein Mann von höflichem Wesen auf mich zu und fragte mich, ob ich ein Bad nehmen wolle. Als ich bejahte, öffnete er eine der Kammern, und zugleich eilten eine Menge junge Mädchen auf mich zu.

»Mein Herr«, sagte der Bademeister zu mir, »jedes dieser Mädchen strebt nach der Ehre, Sie im Bade zu bedienen; Sie brauchen nur zu wählen. Mit einem kleinen Taler bezahlen Sie Bad, Mädchen und Kaffee.«

Ich spielte den Großtürken, musterte mit den Augen diesen Schwarm, derber Schönheiten und warf mein Schnupftuch dem Mädchen zu, das mir am besten gefiel.

Sie ging mit mir in eine Zelle, schloß die Tür von innen und entkleidete mich mit der ernstesten Miene, ohne ein Wort zu sagen, ja ohne mir auch nur ins Gesicht zu sehen; hierauf zog sie mir eine baumwollene Mütze über die Haare. Sobald sie mich im Wasser sah, entkleidete sie sich ebenfalls mit der Gewandtheit einer Person, die daran gewöhnt ist, und legte sich ohne ein Wort zu sagen zu mir ins Bad, Hierauf begann sie mich überall zu reiben, ausgenommen an einer gewissen Stelle, die ich mit beiden Händen bedeckt hielt. Als ich fand, daß ich genug bearbeitet sei, forderte ich Kaffee von ihr, Sie stieg aus dem Bade, öffnete die Tür, bestellte, was ich wollte, und stieg ohne die geringste Verlegenheit wieder in das Bad.

Als der Kaffee gekommen war, verließ sie es abermals, um ihn in Empfang zu nehmen; hierauf verschloß sie wieder die Tür, stieg ins Wasser zurück und hielt mir das Kaffeebrett, während ich meine Tasse leerte; als ich damit fertig war, blieb sie neben mir liegen.

Obgleich ich den Formen des Mädchens keine besondere Aufmerksamkeit schenkte, hatte ich doch genug von ihr gesehen, um anzuerkennen, daß sie alles besaß, was ein Mann bei einer Frau zu finden wünschen kann: ein schönes Gesicht, lebhafte, wohlgeformte Augen, einen schönen Mund mit guten Zähnen, eine gesunde Gesichtsfarbe, einen schön gerundeten Busen, stark ausgebildete Hüften und alles übrige dementsprechend. Allerdings hatte ich das Gefühl, daß ihre Hände hätten weicher sein können, aber ich konnte ihre Rauheit der Arbeit zuschreiben. Außerdem war meine Schweizerin nur achtzehn Jahre alt; und trotzdem blieb ich völlig kalt. Woher kam dies? so fragte ich mich. Vielleicht davon, daß sie der Natur zu nahe stand, daß ihr nicht jene Anmut, jene Koketterie, jene kleinen Zierereien zu eigen waren, die die Frauen mit so vieler Kunst anzuwenden wissen, um uns zu verführen! Wir lieben also nur Künstelei und Falschheit! Vielleicht ist es auch, um unsere Sinne zu reizen, notwendig, daß wir die Schönheiten des Weibes nur hinter dem Schleier der Scham ahnen. Wir haben die Gewohnheit, uns zu bekleiden, und das Gesicht, das wir für alle Welt sichtbar lassen, hat für unsere volle Befriedigung am wenigsten Bedeutung; wie kommt es nun aber, daß das Gesicht die Hauptrolle spielt? Warum werden wir gerade durch das Gesicht verliebt? Warum beurteilen wir auf dieses einzige Anzeichen hin die Schönheit einer Frau, und warum verzeihen wir ihr, wenn die Teile, die sie uns verbirgt, mit ihrem hübschen Gesicht nicht im Einklang stehen? Wäre es nicht natürlicher und vor allen Dingen vernünftiger und vorteilhafter, das Gesicht zu bedecken und mit dem übrigen Körper nackt zu gehen? Wenn wir dann in eine Frau uns verliebten, brauchten wir, um unsere Leidenschaft völlig zu befriedigen, nur zu wünschen, daß sie Gesichtszüge hätte, die ihren übrigen verführerischen Reizen entsprächen. Ohne Zweifel wäre dieses vorzuziehen, denn wir würden dann nur durch eine vollkommene Schönheit verführt werden, und wir würden es leicht verzeihen, wenn wir bei der Demaskierung ein Gesicht häßlich fänden, das wir für schön hätten halten mögen. Eine häßliche Frau würde glücklich sein, durch die Schönheit ihrer Formen verführen zu können; nur eine solche häßliche würde niemals bereit sein, die Maske zu lüften, während die schönen sich nicht würden bitten lassen, ihr Gesicht zu zeigen. Die Häßlichen würden uns nicht lange seufzen lassen: sie würden gefällig sein, um sich nicht zeigen zu müssen, und wenn sie einwilligten, sich zu demaskieren, so würde dies nicht eher geschehen, als bis sie uns durch den Genuß überzeugt hätten, daß der Mann auch ohne ein schönes Gesicht glücklich sein kann, übrigens ist es augenscheinlich, ja sogar unbestreitbar, daß die Unbeständigkeit in der Liebe nur durch die Verschiedenheit der Gesichter verursacht wird. Wenn man sie nicht sähe, würde man immer treu sein, ja man würde sogar in die Frau, die man zuerst geliebt, immer verliebt bleiben. Ich weiß wohl, diese ganze Auseinandersetzung wird von vielen Toren als Torheit angesehen werden; aber ich werde dann nicht mehr auf der Welt sein, um ihnen antworten zu müssen.

Als ich das Bad verlassen hatte, holte sie Handtücher, trocknete mich ab und zog mir mein Hemd an; hierauf frisierte sie mich so wie sie war, das heißt nackt. Während ich mich ankleidete, zog sie sich ebenfalls an, was bald geschehen war, und schnallte mir dann die Schuhe zu. Ich gab ihr einen kleinen Taler für das Bad und sechs Franken für sie selber; sie behielt aber nur den kleinen Taler und gab mir die sechs Franken mit verächtlicher Miene zurück, ohne ein Wort zu sprechen. Dies betrübte mich; ich sah, daß ich sie beleidigt hatte und daß sie sich würdig fühlte, nicht verschmäht zu werden. Ich entfernte mich in ziemlich schlechter Laune.

Nach dem Abendessen konnte ich mich nicht enthalten, meiner lieben Dubois mein Nachmittagserlebnis zu erzählen, und sie machte natürlich ihre Bemerkungen über alle Einzelheiten.

»Das Mädchen kann doch nicht hübsch sein, lieber Freund,« sagte sie zu mir. »Denn wenn sie es wäre, hätten Sie sicherlich der Verlockung nicht widerstanden. Ich möchte sie gerne einmal sehen.«

»Wenn du neugierig auf sie bist, werde ich dich hinführen.«

»Dies würde mir das größte Vergnügen machen.«

»Aber dann müßtest du dich als Mann anziehen.«

Sie stand auf, ging ohne ein Wort zu sagen hinaus und kam in einer Viertelstunde in einem Anzuge von Leduc zurück, aber ohne die Hosen, denn gewisse vorspringende Teile waren bei ihr zu stark ausgebildet. Ich forderte sie auf, eine von meinen Hosen zu nehmen, und die Partie wurde auf den nächsten Morgen angesetzt. Um sechs Uhr weckte sie mich. Sie war sehr gut als Mann angezogen und trug einen blauen Überrock, der ihre Formen vollkommen verhüllte. Ich stand auf, und wir gingen nach der Matte; so heißt jener Ort. Von der Aussicht auf das vorstehende Vergnügen belebt, strahlte meine liebe Dubois vor Freude. Es war unmöglich, daß jemand, der sie sah, trotz ihrer Verkleidung nicht ihr Geschlecht erriet; ihre weiblichen Formen waren zu sehr ausgebildet; sie hüllte sich daher, so gut es ging, in ihren Überrock.

In der Matte kam uns der Bademeister entgegen und fragte mich, ob wir ein Badezimmer für vier Personen wünschten. Ich sagte ja, und im Nu waren wir von allen Bademägden umringt. Ich zeigte meiner Freundin das Mädchen, das mich nicht hatte verführen können, obgleich sie wirklich sehr schön war; sie wählte sie für sich; ich aber entschied mich für ein dickes, munteres Weib mit keckem Gesicht; hierauf gingen wir alle vier in das Badezimmer. Sobald ich ausgezogen war, ging ich mit meiner drallen Schweizerin ins Wasser. Meine Freundin zauderte; die Neuheit der Umgebung erstaunte sie, und ihre Miene verriet ein wenig Reue, so weit gegangen zu sein; aber sie nahm sich zusammen und lachte, als sie sah, wie kräftig mein weiblicher Grenadier mich rieb. Es kostete ihr einige Überwindung, ihr Hemd auszuziehen; da aber nur der erste Schritt schwer ist und eine Scham die andere besiegte, so ließ sie das Hemd sinken, und ich hatte, obgleich sie ihre beiden Hände vorhielt, die ganze Schönheit ihrer Formen vor mir. Ihre Magd schickte sich an, sie ebenso zu behandeln, wie sie am Tage vorher mich behandelt hatte; aber sie bat sie, sie in Ruhe zu lassen, und da ich die meinige ebenfalls aufhören ließ, so mußte sie sich schließlich doch von mir bedienen lassen.

Die beiden Schweizerinnen, die so etwas jedenfalls schon oft mitgemacht hatten, begannen uns nun ein Schauspiel aufzuführen, das mir sehr gut bekannt, meiner lieben Dubois aber vollkommen fremd war.

Die beiden Bacchantinnen begannen die Liebkosungen nachzuahmen, die ich meiner Freundin erwies, während diese vor Erstaunen ganz außer sich war, als sie sah, mit welcher Wut meine Magd bei der ihrigen die Rolle des Mannes spielte. Ich gestehe, daß ich selber ein bißchen erstaunt darüber war, obgleich ich vor sechs Jahren in Venedig die Verzückungen meiner schönen Nonne und meiner schönen C.C. gesehen hatte.

Ich würde niemals geglaubt haben, daß ein derartiger Anblick mich zerstreuen könnte, während ich zum erstenmal eine Frau in den Armen hielt, die ich liebte und die alle Reize besaß, um die Sinne zu fesseln; aber der seltsame Kampf der beiden jungen Mädchen beschäftigte sie wie mich.

»Das Mädchen, das Sie gewählt haben, muß ein Junge sein,« sagte sie zu mir.

»Aber meine Liebe, Sie haben doch ihren Busen und ihre Formen gesehen.«

»Ja, aber trotzdem.«

Meine dicke Schweizerin hatte sie gehört, sie drehte sich um und zeigte ihr etwas, was ich nicht für möglich gehalten hätte, aber es war keine Täuschung möglich: es war zwar nur eine weibliche Klitoris, aber viel länger als mein kleiner Finger und steif genug, um eindringen zu können. Ich erklärte meiner lieben Dubois das Ding, aber um sie zu überzeugen, mußte ich sie es anrühren lassen. Die freche Person trieb die Schamlosigkeit so weit, daß sie sich erbot, es an ihr zu versuchen, und sie tat dies mit so leidenschaftlicher Beharrlichkeit, daß ich sie zurückstoßen mußte. Sie wandte sich hierauf zu ihrer Kameradin und befriedigte an dieser ihre geile Brunst. Obgleich dieser Anblick etwas Ekelhaftes hatte, regte er uns doch so stark auf, daß meine Freundin ihrer Natur nachgab und mir alles gewährte, was ich wünschen konnte.

Nachdem wir auf diese Weise zwei Stunden geschwelgt hatten, kehrten wir, sehr miteinander zufrieden, in die Stadt zurück. Beim Abschied gab ich jeder der beiden Bacchantinnen einen Louis, und wir entfernten uns mit dem Vorsatz, nicht wieder zu kommen.

Nach dem, was vorgefallen war, konnte uns natürlich nichts mehr verhindern, uns unserer Liebe hinzugeben.

Meine liebe Dubois wurde also meine Geliebte, und wir machten uns gegenseitig glücklich, solange wir noch in Bern waren. Ich war von meinem Mißgeschick mit der abscheulichen Witwe gänzlich geheilt und erkannte die Wahrheit des Wortes, daß nicht nur die Freuden flüchtig sind, sondern auch die Leiden. Ich gehe noch weiter: ich behaupte, daß die Freuden, zum mindesten in der Liebe, dauerhafter sind als die Leiden; denn sie hinterlassen Erinnerungen, an denen man sich noch im Alter erfreut, während die Erinnerung an die Leiden, wenn überhaupt vorhanden, jedenfalls so schwach ist, daß sie auf Glück oder Unglück keinen Einfluß hat.

Um zehn Uhr meldete man mir den Schultheiß von Thun. Er war französisch gekleidet in schwarzem Anzuge und hatte ein ernstes, freundliches und höfliches Benehmen, das mir gefiel. Er stand schon in reiferem Alter und gehörte zu den Mitgliedern der Regierung. Er bestand darauf, mir den Brief vorzulesen, den Herr von Chavigny ihm meinetwegen geschrieben hatte. Dieser Brief war außerordentlich schmeichelhaft, und ich sagte ihm: Wenn er unversiegelt gewesen wäre, würde ich es nicht gewagt haben, ihn abzugeben. Er lud mich für den nächsten Tag zu einem Abendessen mit Herren und für den übernächsten Tag zu einem ebensolchen mit Herren und Damen ein. Ich ging mit ihm nach der Bibliothek; dort sah ich einen früheren Mönch, Herrn Felix, der mehr Literaturkenner als Literat war, und einen vielversprechenden jungen Mann, Namens Schmidt, der in der literarischen Welt bereits vorteilhaft bekannt war. Außerdem hatte ich das Unglück, an diesem Ort einen sehr langweiligen Gelehrten zu finden; er wußte die Namen von zehntausend verschiedenen Muscheln auswendig, und ich war gezwungen, ihn zwei Stunden lang anzuhören, obgleich diese Wissenschaft mir vollständig fremd war. Er sagte mir unter anderem, daß die Aare, der berühmte Fluß des Kantons, Gold mit sich führe. Ich antwortete ihm, sie habe das mit allen großen Flüssen gemein; er schien mir jedoch, wie ich an einem Achselzucken merkte, davon nicht überzeugt zu sein.

Ich speiste bei Herrn von Muralt zu Mittag mit den vier oder fünf angesehensten Damen von Bern. Ich fand sie angenehm, besonders eine sehr liebenswürdige und sehr gebildete Frau von Saconai. Ich würde ihr den Hof gemacht haben, wenn ich mich in der Hauptstadt der Schweiz – wenn man von einer Hauptstadt der Schweiz überhaupt reden kann – länger aufgehalten hätte.

Die Berner Damen kleiden sich gut, obgleich ohne Luxus, denn diesen verbieten die Gesetze. Sie haben ein gewandtes Benehmen und sprechen sehr fließend französisch. Sie erfreuen sich der größten Freiheit, aber sie mißbrauchen sie nicht, obgleich in ihren Kreisen Galanterie herrscht; denn der Anstand steht hier in Ehren. Die Männer sind hier nicht eifersüchtig, aber sie verlangen, daß ihre Frauen um neun Uhr abends zu Hause sind, um in der Familie zu speisen.

Ich verbrachte in Bern drei Wochen und beschäftigte mich während dieser Zeit nur mit meiner Dubois und mit einer alten Dame von fünfundachtzig Jahren, die mich durch ihre chemischen Kenntnisse sehr interessierte. Sie war mit dem berühmten Boerhave in vertrautem Verkehr gestanden und zeigte mir ein Stück Gold, das er in ihrer Gegenwart gemacht hatte und das vor der Umwandlung Kupfer gewesen war. Ich hatte darüber meine eigenen Gedanken, aber sie versicherte mir, der Gelehrte habe den Stein der Weisen besessen; doch habe er allerdings das menschliche Leben nur auf wenig mehr als hundert Jahre verlängern können. Für sich selber hatte Boerhave von dieser Kenntnis keinen Gebrauch zu machen gewußt, denn er starb an einem Herzpruben, bevor er noch das Alter vollkommener Reife erlangt hatte, das nach dem Hippokrates zwischen dem sechzigsten und siebzigsten Lebensjahre liegt. Die vier Millionen, die er seiner Tochter hinterließ, beweisen zwar nicht, daß er das Geheimnis des Goldmachens besaß, zeigen aber zum mindesten sehr deutlich, daß er das Talent besaß, Gold zusammen zu scharren. Die gute Alte sagte mir, er habe ihr ein Manuskript geschenkt, worin das ganze Verfahren erklärt sei, aber sie finde es dunkel.

»Sie müssen es veröffentlichen.«

»Gott soll mich bewahren.«

»So verbrennen Sie es.«

»Dazu habe ich nicht den Mut.«

Herr von Muralt holte mich ab, um mir die Exerzierübungen der Berner Bürger zu zeigen, welche sämtlich Soldaten sind; ich fragte ihn bei dieser Gelegenheit, was der Bär bedeute, den man über dem Stadttor sah. Er sagte mir, Bern komme von dem deutschen Wort Bär. Nach diesem Tier heißen die Stadt und der Kanton, der dem Range nach der zweite der Eidgenossenschaft, an Ausdehnung und Reichtum aber der erste ist. Die Stadt liegt auf einer von der ganz in der Nähe der Rheinquelle entspringenden Aare gebildeten Halbinsel; er erzählte mir von der Macht seines Kantons, von dessen Herrschaften und Landvogteien und erklärte mir die Bedeutung eines Schultheißen; hierauf sprach er von Politik und beschrieb mir die verschiedenen Regierungssysteme der Kantone, die die schweizerische Eidgenossenschaft bilden.

»Ich begreife sehr wohl,« sagte ich zu ihm, »daß ein jeder der dreizehn Kantone, aus denen die Eidgenossenschaft besteht, seine Regierung für sich hat …«

»Das glaube ich wohl,« versetzte er, mich unterbrechend; »aber Sie werden wohl so wenig wie ich begreifen, daß einige Kantone vier Regierungen haben.«

Ich hatte ein köstliches Abendessen mit vierzehn oder fünfzehn Senatoren. Anfangs fehlte die Heiterkeit, es wurden keine frivolen oder literarischen Gespräche geführt, sondern man sprach von öffentlichem Recht, von Staatsinteressen, von Handel, Gewerbe und Spekulation, von Vaterlandsliebe und von der Pflicht, die Freiheit dem Leben vorzuziehen. Ich fühlte mich gleichsam in einem neuen, aber doch wesensverwandten Element; es war mir ein hoher Genuß, inmitten eines Kreises, wo alles die Menschheit adelte, Mensch zu sein. Aber gegen das Ende des Mahles begannen allen diesen starren Republikanern die Herzen aufzugehen; die Reden wurden weniger abgemessen, es wurde sogar zuweilen gelacht. Dies war die unausbleibliche Wirkung des Weines auf ihre ernsten Köpfe. Ich tat ihnen leid; denn obwohl sie die Mäßigkeit priesen, erschien die meinige ihnen doch übertrieben. Indessen achteten sie meine Freiheit und zwangen mich nicht zum Trinken, wie es sehr unpassenderweise die Russen, Schweden, Polen und im allgemeinen alle nordischen Völker tun.

Um Mitternacht, für die Schweiz eine sehr späte Stunde, trennten wir uns, und als wir uns gute Nacht wünschten, bat ein jeder von ihnen mich aufrichtig, auf seine Freundschaft zu rechnen. Einer hatte während des Abendessens, bevor ihn der Wein begeistert hatte, die Republik Venedig wegen der Ausweisung der Graubündner getadelt; aber als der Geist des Bacchus ihn erleuchtet hatte, entschuldigte er sich deswegen. »Jede Regierung«, sagte er zu mir, »muß ihre Interessen besser verstehen als die Fremden, die ihre Handlungen kritisieren; jede muß in ihrem Hause tun dürfen, was sie gut dünkt.«

Als ich nach Hause kam, hatte ich das Vergnügen, meine Freundin in meinem Bett zu finden. Ich bezeigte ihr meine Freude darüber durch hundert Liebkosungen, so daß sie weder an meiner Zärtlichkeit, noch an meiner Dankbarkeit zweifeln konnte. Ich betrachtete sie als meine Frau; wir liebten uns und konnten uns nicht vorstellen, daß wir uns eines Tages trennen würden. Wenn zwei Liebende sich mit voller Hingebung lieben, wird der Gedanke an Trennung ins Reich der Einbildung verwiesen.

Den Tag darauf empfing ich einen Brief von meiner guten Frau d’Urfé, die mich bat, einer Frau de la Saone, der Gattin eines ihr befreundeten Generalleutnants, meine Aufwartung zu machen. Diese Dame war nach Bern gekommen in der Hoffnung, dort von einer schrecklichen Krankheit geheilt zu werden, die sie auf eine unglaubliche Art entstellte. Sie hatte vorzügliche Empfehlungen an die besten Kreise der Stadt. Sie hielt jeden Abend Tafel, hatte einen ausgezeichneten Koch und lud nur Herren ein. Sie hatte erklärt, daß sie keinen Besuch erwidern würde, und daran tat sie recht. Ich beeilte mich, ihr meinen Besuch zu machen; aber, großer Gott, welch trauriger, entsetzlicher Anblick bot sich mir!

Ich sah eine mit größter Eleganz gekleidete Dame in üppiger Haltung auf einer Ottomane ausgestreckt. Sobald sie mich erblickte, stand sie auf und machte mir die anmutigste Verbeugung; dann setzte sie sich wieder auf die Ottomane und bat mich, neben ihr Platz zu nehmen. Ohne Zweifel mußte sie meine Überraschung bemerken, aber sie war wahrscheinlich an die Wirkung gewöhnt, die sie beim ersten Anblick hervorbrachte, und unterhielt sich mit mir auf die liebenswürdigste Weise, so daß das Abstoßende ihrer Erscheinung gemildert wurde.

Hier ihr Porträt:

Frau de la Saonc war sehr gut angezogen, sie hatte die weißeste und weichste Hand, Arme von der wundervollsten Rundung, ihr sehr tief ausgeschnittenes Kleid ließ einen herrlichen Busen von blendender Weiße sehen, die durch zwei reizende Rosenknöspchen noch mehr gehoben wurde; ihr Wuchs war tadellos, und sie hatte das kleinste Füßchen, das sich denken läßt. Alles an ihr würde Liebe eingeflößt haben; aber wenn das Auge einen Augenblick auf ihrem Gesicht haften mußte, wichen alle anderen Gefühle dem Mitleid und Entsetzen. Sie war abschreckend! Was ein Gesicht hätte sein sollen, war nur eine ekelhafte schwärzliche Kruste. Es war unmöglich, einen Zug, eine Form zu erkennen, und diese Häßlichkeit wurde noch hervorgehoben und schrecklicher gemacht durch zwei schöne schwarze Augen voller Feuer und durch einen lippenlosen Mund, den sie halb offen hielt, wie wenn sie zwei Reihen Zähne von blendender Weiße hätte sehen lassen wollen. Sie konnte nicht lachen, denn der Schmerz durch die Zusammenziehung der Muskeln hätte ihr ohne Zweifel Tränen entrissen. Trotzdem schien sie zufrieden zu sein; ihre Unterhaltung war entzückend, ihre scherzhaften Bemerkungen waren fein, taktvoll, geistreich, witzig und im besten Tone guter Gesellschaft. Sie konnte höchstens dreißig Jahre alt sein und hatte in Paris drei wunderhübsche Kinder in zartem Alter zurückgelassen. Ihr Gatte war ein sehr schöner Mann, der sie zärtlich liebte und niemals allein schlief. Wahrscheinlich hätten wenig Soldaten solchen Mut gehabt, wahrscheinlich aber auch trieb er trotz seiner ehelichen Unerschrockenheit die Tapferkeit nicht so weit, ihr süße Küsse zu geben, denn der bloße Gedanke daran machte einen schaudern. In ihrem ersten Wochenbett war ihr die Milch ins Blut getreten und hatte die arme Frau in diesen traurigen Zustand versetzt, den sie seit zehn Jahren ertrug. Alle berühmten Ärzte Frankreichs hatten sich vergeblich bemüht, sie von ihrem Aussatz zu befreien; sie war nach Bern gekommen, um sich bei zwei berühmten Doktoren, die ihr Heilung versprochen hatten, in Behandlung zu geben. Versprechungen dieser Art machen alle Quacksalber; sie heilen oder sie heilen nicht, und wenn man sie nur tüchtig bezahlt, so fehlt es ihnen niemals an Gründen, um die Schuld ihrer Unwissenheit den armen Kranken aufzubürden, die sie betrügen.

Der Arzt kam, während ich bei ihr war und über ihrer geistreichen Unterhaltung ihr Gesicht vergaß. Sie hatte bereits begonnen, ihre Heilmittel einzunehmen; es waren Tropfen, zu deren Bestandteilen auch Quecksilber gehörte.

»Mir scheint,« sagte sie zu dem Doktor, »das Jucken ist stärker geworden, seitdem ich Ihre Medizin nehme.«

»Das Jucken, Madame«, antwortete ihr der Äskulap, »wird bis zu Ende der Kur anhalten, und diese muß drei Monate dauern.«

»Solange ich mich kratzen werde,« erwiderte sie, »werde ich in demselben Zustande sein, und die Kur wird niemals ein Ende nehmen.«

Der Doktor antwortete ausweichend. Ich stand auf, um Abschied zu nehmen; sie gab mir die Hand und lud mich ein für allemal zum Abendessen ein. Ich ging noch am gleichen Abend hin. Ich sah die arme Frau von allen Speisen essen und Wein trinken; denn der Arzt hatte ihr nichts verboten. Ich sah voraus, daß sie niemals gesund werden würde. Ihre gute Laune, ihre reizenden Bemerkungen erheiterten die ganze Gesellschaft. Ich begriff, daß man sich an ihr Gesicht gewöhnen und mit ihr zusammen leben konnte. Am Abend unterhielt ich mich über sie mit meiner Freundin, die mir sagte, vielleicht genügten trotz der Häßlichkeit ihres Gesichts die Schönheit ihres Körpers und die Vorzüge ihres Geistes, um sie Liebhaber finden zu lassen. Ich gab dies zu, obgleich ich die Möglichkeit durchaus nicht begreifen konnte, soweit ich selber in Betracht kam.

Als ich drei oder vier Tage später bei einem Buchhändler war, um die Zeitung zu lesen, redete ein junger hübscher Mann von etwa zwanzig Jahren mich höflich an und sagte mir, es tue der Frau de la Saone recht leid, daß sie nicht mehr das Vergnügen gehabt habe, mich abends bei ihr zu sehen.

»Sie kennen die Dame?«

»Ich habe die Ehre gehabt, mit Ihnen bei ihr zu speisen.«

»Richtig! ich erinnerte mich Ihrer nicht gleich!«

»Ich besorge ihr Bücher nach ihrem Geschmack, denn ich bin Buchhändler, und ich speise nicht nur jeden Abend bei ihr, sondern wir frühstücken auch jeden Morgen allein miteinander, bevor sie aufsteht.«

»Ich mache Ihnen mein Kompliment dazu. Ich wette, Sie sind in sie verliebt!«

»Sie scherzen; indessen ist sie liebenswürdiger, als Sie denken.«

»Ich scherze durchaus nicht, aber ich wette, Sie würden nicht den Mut haben, den Scherz bis zum Ende zu führen.«

»Sie könnten verlieren.«

»Wirklich? Ich würde gern verlieren.«

»Also wetten wir!«

»Aber wie werden Sie es anfangen, um mich zu überzeugen?«

»Wetten wir einen Louis, und versprechen Sie mir, verschwiegen zu sein.«

»Also gut, um einen Louis.«

»Kommen Sie heute Abend zum Abendessen zu der Dame, und ich werde Ihnen etwas sagen.«

»Sie werden mich dort sehen.«

Als ich nach Hause kam, teilte ich meiner Freundin diese Unterredung mit. Sie sagte: »Ich bin neugierig, wie er es anfangen wird, dich zu überzeugen.« Ich versprach, ihr alles zu erzählen, und sie freute sich sehr darüber.

Ich erschien pünktlich nach der Verabredung. Frau de la Saone machte mir liebenswürdige Vorwürfe und gab mir ein köstliches Abendessen. Mein junger Buchhändler war anwesend; da aber seine Schöne kein Wort mit ihm sprach, so sagte er auch nichts und blieb unbeachtet.

Nach dem Abendessen gingen wir zusammen fort, und unterwegs sagte er mir: »Wenn es Ihnen recht ist, werde ich morgen früh um acht Uhr Ihren Wunsch erfüllen. Sie treten ein; die Kammerfrau wird Ihnen sagen, ihre Herrin sei nicht sichtbar; aber Sie brauchen ja nur zu sagen, daß Sie warten wollen, und gehen ins Vorzimmer. Dieses Vorzimmer hat eine Glastür, die sich dem Bett der Dame gegenüber befindet. Ich werde den Vorhang, der die Scheiben verdeckt, soweit zur Seite schieben, daß Sie bequem sehen können, was zwischen ihr und mir vorgeht. Wenn die Geschichte fertig ist, werde ich durch eine andere Tür hinausgehen; sie wird ihre Zofe rufen, und Sie können sich melden lassen. Gegen Mittag werde ich Ihnen, wenn Sie es mir erlauben, einige Bücher in den »Falken« bringen, und wenn Sie finden, daß ich meinen Louis ehrlich verdient habe, so werden Sie ihn mir bezahlen.«

Ich versprach es ihm, und wir trennten uns.

Obwohl ich ja die Sache nicht für unmöglich hielt, so war ich doch neugierig; um acht Uhr stellte ich mich ein, und die Kammerfrau ließ mich eintreten, als ich ihr sagte, daß ich warten wollte. Ich fand den Vorhang des Türfensters an der einen Ecke zurückgeschoben; guckte hindurch und bemerkte meinen jungen Prahlhans, der am Kopfende des Bettes saß und seine Eroberung in den Armen hielt. Eine sehr große Mütze verbarg gänzlich ihr Gesicht; dies war eine sehr weise Vorsicht, die dem indiskreten Buchhändler ausgezeichnet zustatten kam.

Als der Schelm bemerkte, daß ich auf dem Posten war, ließ er mich nicht länger warten; er stand auf und bot meinen Blicken nicht nur alle geheimen Schätze seiner Schönen, sondern auch seine eigenen dar. Er war klein von Gestalt, aber gerade in bezug auf das, was der Dame von Interesse sein mußte, wie ein Herkules gebaut, und der Bursche schien sich damit zu brüsten, wie wenn er mich hätte eifersüchtig machen wollen. Er drehte sein Opfer hin und her, so daß ich die Schöne von allen Seiten zu sehen bekam; er behandelte sie als kräftiger Athlet, und sie schien seine Glut mit allen Kräften zu erwidern. Phidias hätte keinen schöneren Körper als Modell für seine Venus nehmen können. Die rundesten Formen und die sanftesten Wellenlinien vereinigten sich mit der Weiße des schönsten parischen Marmors. Ich wurde dadurch im höchsten Grade aufgeregt und entfernte mich vor dem Ende des Kampfes; ich kam in solcher Glut nach Hause, daß ich sie im Mattenbad hätte löschen müssen, wenn meine liebe Dubois nicht dagewesen wäre.

Als ich ihr die Geschichte erzählt hatte, bekam sie Lust, den Helden kennen zu lernen, und dieser Wunsch wurde ihr mittags erfüllt. Der junge Buchhändler brachte mir einige Werke, die ich bei ihm bestellt hatte; ich bezahlte sie ihm und gab ihm zugleich den Betrag unserer Wette und noch einen Louis obendrein, als Zeichen meiner Zufriedenheit. Er nahm das Geld mit einem Lächeln, das mir sagen zu wollen schien, ich müsse froh sein, verloren zu haben. Meine Haushälterin sah ihn ziemlich lange an und fragte ihn dann, ob er sie kenne; er sagte nein.

»Ich habe Sie als Kind gesehen; Sie sind der Sohn des evangelischen Pfarrers Mignard; Sie mochten damals etwa zehn Jahre alt sein.«

»Das kann wohl sein, gnädige Frau.«

»Sie haben also nicht den Beruf Ihres Vaters ergreifen wollen?«

»Nein, Madame, ich fühlte vielmehr Neigung für den Kultus des Geschöpfes als für den des Schöpfers und hielt daher diesen Beruf nicht für angemessen.«

»Sie haben recht; denn ein Diener der Religion muß verschwiegen sein, und Verschwiegenheit ist lästig.«

Über diesen kleinen Ausfall errötete der Hasenfuß; aber wir ließen ihm keine Zeit, in Verlegenheit zu geraten. Ich lud ihn zum Essen ein, und ohne von Frau de la Saone zu reden, erzählte er uns seine Liebesabenteuer und eine Menge galanter Geschichten von den hübschesten Berner Damen.

Als er sich entfernte, sagte meine Freundin zu mir, einen jungen Mann dieser Art möge man nur einmal sehen. Da ich derselben Meinung war, so empfing ich ihn nicht mehr bei mir; später habe ich erfahren, daß Frau de la Saone ihn mit nach Paris genommen und daß er dort sein Glück gemacht habe. Der Reichtum vieler Menschen hat keinen anderen Ursprung und oft vielmals einen noch unedleren. Ich ging zu Frau de la Saone nur noch einmal, um mich von ihr zu verabschieden, wie ich bald erzählen werde.

Ich lebte glücklich mit meiner reizenden Freundin, die mir tausendmal wiederholte, daß ich sie glücklich mache. Keine Furcht, kein Zweifel wegen der Zukunft beunruhigten ihre schöne Seele; sie war, ebenso wie ich, fest überzeugt, daß wir uns niemals verlassen würden, und sie sagte mir, sie würde mir alle Treulosigkeiten, zu denen ich mich etwa hinreißen ließe, verzeihen, wenn ich nur niemals unterließe, sie ihr zu beichten. Ich bekenne, eine Frau mit solchem Charakter brauchte ich, um ruhig und zufrieden zu leben; aber ein so großes Glück sollte mir nicht beschieden sein.

Als wir zwei oder drei Wochen in Bern gewesen waren, empfing meine Haushälterin einen Brief aus Solothurn. Er war von Lebel. Ich sah sie ihn sehr aufmerksam lesen und fragte sie, was denn darin stände.

»Da lies ihn!« sagte sie und setzte sich vor mich hin, um mir am Gesicht abzulesen, welchen Eindruck der Brief auf meine Seele machen würde.

Lebel fragte sie kurz und bündig, ob sie seine Frau werden wolle. »Ich habe«, schrieb er, »meinen Antrag nur verschoben, um meine Angelegenheiten in Ordnung zu bringen und mich zu vergewissern, ob ich Sie heiraten könnte, wenn auch der Herr Botschafter nicht damit einverstanden wäre. Ich habe gefunden, daß ich reich genug bin, um in Bern oder anderswo gut leben zu können, ohne einen Dienst annehmen zu müssen. Indessen hätte ich dieser Vorsicht gar nicht bedurft, denn Herr von Chavigny hat mir sofort auf das liebenswürdigste seine Einwilligung gegeben, als ich ihm meinen Plan mitteilte.«

Ferner bat er sie, ihn nicht zu lange auf eine Antwort warten zu lassen, sondern ihm zu schreiben, erstens, ob sie seinen Antrag annehme, zweitens, ob sie in Bern zu bleiben wünsche, wo sie in jeder Beziehung ihre eigene Herrin sein werde, oder ob sie lieber nach Solothurn zurückkommen wolle; dann könnten sie bei dem Gesandten bleiben und würden dadurch ihr Vermögen vermehren. Zum Schluß sagte er, was sie mitbrächte, würde ihr Eigentum bleiben und er würde ihr ein Witwengeld bis zu hunderttausend Franken aussetzen. Von mir erwähnte er kein Wort.

»Meine liebe Freundin,« sagte ich zu ihr, »du bist vollkommen freie Herrin deiner Entschlüsse; aber ich kann mir nicht vorstellen, daß du mich verlassen könntest, ohne zugleich zu denken, daß ich alsdann der unglücklichste aller Menschen sein werde.«

»Ich wäre die unglücklichste aller Frauen, wenn ich dich verlieren sollte, lieber Freund; denn wenn du mich nur liebst, mache ich mir gar nichts daraus, ob ich mit dir ehelich verbunden bin oder nicht.«

»Sehr gut. Aber was wirst du ihm antworten?«

»Morgen wirst du meinen Brief sehen. Ich werde ihm höflich, aber ohne Umschweife, sagen, daß ich dich liebe, daß ich dir gehöre, daß ich glücklich bin, daß es mir unmöglich ist, seine vorteilhaften Anerbietungen anzunehmen. Ich werde ihm sogar sagen, daß ich seine Großmut zu schätzen wisse und daß ich seinen Antrag annehmen müßte, wenn ich der Stimme der Vernunft folgte, daß ich aber, von meiner Liebe zu dir beherrscht, nur meiner Neigung folgen könnte.«

»Ich finde den Ton deines Briefes ausgezeichnet; um einen derartigen Antrag zurückzuweisen, kannst du keine anderen triftigen Gründe anführen, als die von dir genannten. Außerdem wäre es lächerlich, den Glauben erwecken zu wollen, wie wenn wir nicht als glücklich Liebende miteinander lebten, denn dies liegt auf der Hand. Trotzdem, liebes Herz, muß ich dir gestehen, daß dieser Brief mich betrübt.«

»Warum denn, lieber Freund?«

»Weil ich nicht über hunderttausend Franken verfüge, um sie dir sofort anbieten zu können.«

»Ich will sie nicht, lieber Freund; und wenn du sie mir gäbest, würde ich sie nur annehmen, um sie dir in demselben Augenblick wiederzugeben. Du bist sicherlich nicht der Mann, jemals arm zu werden, aber sollte dir dies zustoßen, so würde ich mich sehr glücklich schätzen, deine Armut teilen zu dürfen.«

Wir sanken einander in die Arme, und die Liebe schenkte uns alle Wonnen; aber inmitten dieses Glückes bemächtigte eine gewisse Traurigkeit sich unserer Seelen. Schmachtende Liebe scheint doppelte Gewalt zu gewinnen; aber dies ist nur eine Täuschung: die Traurigkeit erschöpft sie viel mehr als der Genuß. Liebe ist ein übermütiges junges Ding, das mit Lachen und Spielen genährt sein will; jede andere Nahrung macht sie schwindsüchtig.

Am nächsten Tage schrieb meine Freundin in dem tags vorher kundgegebenen Sinne, und ich hielt mich für verpflichtet, an Herrn von Chavigny einen Brief zu schreiben, der ein Gewebe von Liebe, Gefühl und Philosophie war. Ich verhehlte ihm nicht, daß ich in die von Lebel begehrte Frau rasend verliebt sei, aber ich erklärte zugleich, daß ich als ehrlicher Mann lieber sterben, als meine reizende Freundin eines gesicherten Glückes berauben wolle.

Über diesen Brief freute meine Freundin sich sehr, denn sie wollte gerne wissen, wie der Botschafter über diese Angelegenheit dächte, die allerdings danach angetan war, reiflich überlegt zu werden.

Da ich an demselben Tage meine von Frau d’Urfé erbetenen Empfehlungsbriefe erhielt, entschloß ich mich, nach Lausanne abzureisen, zum Entzücken meiner lieben Dubois. Doch hier muß ich ein wenig weiter ausholen.

Ein Herr von F., Mitglied des Großen Rates, den ich bei Frau de la Saone kennen gelernt hatte, war mein Freund geworden, Er besuchte mich, ich stellte ihm meine Freundin vor, und er behandelte sie mit der gleichen Auszeichnung, wie wenn sie meine Frau gewesen wäre. Er hatte uns bei einem Spaziergang seiner Frau vorgestellt und hatte uns mit ihr und seiner Tochter Sarah mehrere Male besucht. Sarah war erst dreizehn Jahre alt, aber für ihr Alter sehr weit entwickelt; sie war eine schöne, kluge Brünette, der es viel Spaß machte, allerlei hübsche Naivitäten zu sagen, deren Bedeutung sie vollkommen fühlte, obwohl sie auf den ersten Anblick ganz unschuldig zu sein schien. Sie verstand es meisterhaft, in den Augen ihrer Eltern unwissend zu erscheinen und erlangte dadurch große Freiheit.

Sarah hatte erklärt, sie sei in meine Haushälterin verliebt, und da ihre Eltern hierüber lachten, so überschüttete sie sie mit allen möglichen Lieblosungen. Sie kam oft zu uns zum Frühstück, und wenn sie uns noch im Bett fand, so umarmte sie meine Freundin, nannte sie ihre Frau, steckte die Hand unter die Bettdecke, um sie zu kitzeln, und sagte zu ihr, sie sei ihr kleiner Mann und wolle ihr ein Kind machen. Meine Freundin lachte und ließ sie gewähren.

Eines Tages, als wir wieder über die Schäkereien lachten, sagte ich ihr, sie mache mich eifersüchtig; ich glaube, sie sei wirklich ein kleiner Mann und wolle mich davon überzeugen. Mit diesen Worten packte ich sie und tat, wie wenn ich sie untersuchen wollte. Die kleine Schelmin sagte lachend, ich irre mich, aber ihre Hand schien eher die meinige zu leiten als Widerstand entgegenzusetzen. Dies machte mich neugierig, und ich konnte mich bald überzeugen, daß sie ihr Geschlecht nicht verbarg. Ich merkte, daß sie mich zum besten hielt, indem diese Untersuchung gerade das war, was sie wünschte; ich zog daher meine Hand zurück und teilte meiner Haushälterin meinen Verdacht mit, worauf sie antwortete, daß ich mich nicht täuschte. Da die Kleine mir aber weiter keine Gefühle einflößte, so ließ ich es dabei bewenden.

Zwei oder drei Tage später trat das junge Mädchen gerade im Augenblicke meines Aufstehens bei uns ein und sagte mit ihrer gewöhnlichen Naivität zu mir: »Da Sie jetzt wissen, daß ich kein Mann bin, so können Sie nicht eifersüchtig sein und es nicht übelnehmen, wenn ich Ihren Platz bei meiner kleinen Frau einnehme – falls diese es erlaubt.«

Meine Freundin hatte Lust zu scherzen und sagte zu ihr: »Komm!«

Im Nu war sie ausgezogen und lag in den Armen ihrer kleinen Frau, die sie wie ein verliebter Gatte zu behandeln begann. Meine Freundin lachte; Sarah hatte während dieses Kampfes ihr Hemd abgestreift und die Bettdecke abgeworfen und zeigte sich meinen Augen ohne jeden Schleier, während sie zugleich alle Schönheiten meiner Freundin enthüllte. Dieses Schauspiel entflammte mich; ich schloß die Tür und machte die junge Spitzbübin zur Zeugin meiner Glut. Sarah blieb bis ans Ende ganz ruhig und aufmerksam und spielte vorzüglich die Erstaunte; als ich fertig war, sagte sie mit dem unschuldigsten Gesicht: »Machen Sie’s ihr noch einmal!«

»Ich kann nicht, meine Liebe; denn ich bin tot, wie du wohl siehst.«

»Das ist aber komisch!« rief sie; zugleich begann sie mit der Miene vollkommenster Unschuld sich selbst um meine Wiederauferstehung zu bemühen.

Als es ihr gelungen war, mich in den gewünschten Zustand zu versetzen, rief sie: »Nun! Also jetzt!« – und ich würde ihr ohne Zweifel gehorcht haben, aber meine Haushälterin sagte zu ihr: »Nein, meine Liebe! Da du ihn wieder auferweckt hast, so ist es deine Sache, ihn abermals tot zu machen.«

»Ich täte es gern,« sagte sie; »aber ich werde nicht Platz genug haben!« Mit diesen Worten nahm sie eine Stellung ein, die mir zeigen sollte, daß sie die Wahrheit spräche, und daß es nicht ihre Schuld wäre, wenn sie mich nicht tot machte.

Ich stellte mich ebenso einfältig wie sie und näherte mich ihr, wie wenn ich ihr nur einen Gefallen erweisen und durchaus nicht weiter gehen wollte. Da ich aber gar keinen Widerstand fand, so vollzog ich den Akt auf das vollständigste, ohne daß sie das geringste Zeichen von Schmerz sehen ließ, und ohne daß einer der Zwischenfälle eintrat, die sonst beim erstenmal üblich sind. Vielmehr empfand sie offenbar den höchsten Genuß dabei.

Obgleich ich vom Gegenteil überzeugt war, hatte ich mich doch genügend in der Gewalt, um meiner Freundin zu sagen, Sarah habe mir gegeben, was man nur einmal geben kann, und sie tat, als glaubte sie es.

Als die Operation zu Ende war, hatten wir eine andere Szene, über die wir laut lachen mußten. Sarah bat uns, wir möchten doch im Gottes willen ihrem Papa und ihrer Mama nichts sagen, denn diese würden sie wieder ausschelten wie damals, als sie sich ohne Erlaubnis ihre Ohrläppchen hätte durchstechen lassen.

Sarah wußte recht wohl, daß wir uns von ihrer erkünstelten Einfalt nicht betrügen ließen; aber sie tat, als wüßte sie es nicht, um sich dies zunutze zu machen. Wer konnte sie diese Kunst gelehrt haben? Niemand. Es war natürliche Begabung, die sich bei Kindern häufiger findet als bei heranwachsenden jungen Leuten, aber immer etwas Seltenes und Erstaunliches ist. Ihre Mutter erblickte in ihren Naivitäten Vorläufer des Geistes, und ihr Vater sah darin ein Zeichen ihrer Dummheit. Aber wenn Sarah dumm gewesen wäre, so hätte unser lautes Gelächter sie außer Fassung gebracht und sie würde geschwiegen haben; sie war jedoch niemals zufriedener, als wenn ihr Vater über ihre Dummheit klagte; dann spielte sie die Erstaunte, tat, als ob sie ihre Dummheit wieder gut machen wollte, und verstärkte sie durch eine neue noch größere. Fortwährend stellte sie uns Fragen, auf die wir unmöglich antworten konnten; also lachten wir darüber, obgleich wir mit etwas Nachdenken leicht entdecken konnten, daß sie selber sehr richtig denken mußte, um solche Fragen stellen zu können. Sie hätte sogar den Spieß umdrehen und uns beweisen können, daß die Dummheit auf unserer Seite war; damit aber wäre sie aus ihrer Rolle gefallen.

Lebel antwortete meiner Freundin nicht; aber Herr von Chavigny schrieb mir einen vier Seiten langen Brief. Er sprach zu mir als weiser Philosoph und als Weltmann, der durch eine lange Erfahrung gereift war. Wenn ich alt wäre wie er und imstande, nach meinem Tode meiner Freundin ein glückliches und unabhängiges Leben zu sichern, so dürfte ich sie um keinen Preis abtreten, besonders da wir beide in Wünschen und Neigungen vollkommen übereinstimmten; da ich aber jung wäre und nicht die Absicht hätte, mich durch ein unlösbares Band zu fesseln, so müßte ich nicht nur einer Verbindung zustimmen, die sie glücklich zu machen verspräche, sondern ich müßte auch als Ehrenmann meinen ganzen Einfluß auf sie aufbieten, um sie zur Einwilligung zu bestimmen. »Sie, mit Ihrer Erfahrung,« fuhr der liebenswürdige Greis fort, »Sie müssen einsehen, daß unfehlbar die Zeit kommen muß, wo Sie beide bereuen werden, die Gelegenheit nicht benutzt zu haben; denn wenn Ihre Liebe gesättigt ist, muß sie zur Freundschaft werden; dann wird eine andere Liebe an die Stelle derjenigen treten, die Ihnen jetzt festzustehen scheint wie der Gott Terminus; denn wenn Ihre reizende Dubois Ihre Freundin geworden ist, so muß sie Ihnen noch mehr Freiheit lassen, und Ihre Reue wird Sie unglücklich machen. Lebel hat mir seine Absicht mitgeteilt, und ich habe ihm nicht nur nicht abgeraten, sondern ihn ermutigt; denn Ihre reizende Freundin hat bei den fünf oder sechs Malen, da ich das Vergnügen hatte, sie bei Ihnen zu sehen, meine ganze Freundschaft gewonnen. Ich wäre daher recht glücklich, sie bei mir zu haben, um mich an ihrer liebenswürdigen Unterhaltung erfreuen zu können, ohne im geringsten den Anstand zu verletzen. Sie werden einsehen, daß ich in meinem Alter nicht mehr so töricht sein kann, um irgendwelche Hoffnung zu hegen, die ich übrigens ja doch nicht verwirklichen könnte, selbst wenn ich den Gegenstand meiner Begehrlichkeit gefällig finden würde.«

Zum Schluß schrieb er mir, Lebel habe sich nicht wie ein Jüngling verliebt; er habe vielmehr seinen Entschluß reiflich erwogen und werde sie daher nicht drängen, wie sie aus der Antwort ersehen werde, mit deren Abfassung er noch beschäftigt sei. Eine Ehe dürfe immer nur mit kaltem Blute geschlossen werden.

Ich übergab diesen Brief meiner Freundin, die ihn aufmerksam las und ihn mir mit dem gleichgültigsten Gesicht zurückgab.

»Was sagst du dazu, liebe Freundin?«

»Ich gedenke die Ratschläge des Botschafters zu befolgen. Er schreibt, wir brauchten uns nicht zu beeilen; weiter wollen wir ja auch nichts. Wir wollen uns lieben und nur an unsere Liebe denken. Der Brief ist mit großer Weisheit geschrieben; aber ich kann mir nicht vorstellen, daß wir je einander gleichgültig sein können, obgleich ich sehr gut weiß, daß dies möglich ist.«

»Gleichgültig, niemals! Du irrst dich.«

»Nun – oder Freunde; denn dies ist auch nicht viel besser, nachdem man sich geliebt hat.«

»Aber die Freundschaft, liebes Herz, ist niemals gleichgültig. Allerdings kann die Liebe sich ins Spiel mischen; dies wissen wir, denn es ist so gewesen, solange wie die Welt besteht.«

»Also hat der Botschafter recht: die Reue kann unsere Seelen quälen und uns unglücklich machen, wenn die Liebe der allzu friedfertigen Freundschaft gewichen ist.«

»Wenn du dies für möglich hältst, angebetetes Weib, so wollen wir morgen uns heiraten und so die Fehler der menschlichen Natur bestrafen.«

»Ja, wir werden uns heiraten, mein guter Freund, aber wir wollen uns nicht übereilen; Hymen könnte Amor in die Flucht jagen – laß uns deshalb unseres Glückes genießen, so wie es ist.«

»Du bist bewunderungswürdig, mein Engel, und des glücklichsten Loses wert.«

»Ich wünsche kein größeres Glück als dasjenige, das du mir verschaffst.«

Wir gingen zu Bett und setzten unser Gespräch fort; als wir einander in den Armen lagen, trafen wir eine Verabredung, die wir sehr schön und sehr weise fanden.

»Lausanne«, sagte sie zu mir, »ist eine kleine Stadt, wo du wahrscheinlich sehr gefeiert werden wirst; mindestens vierzehn Tage lang wirst du kaum Zeit haben, deine Besuche zu machen und an den Soupers und Abendgesellschaften teilzunehmen, zu denen man dich von allen Seiten einladen wird. Mich kennt dort der ganze Adel, und der Herzog von Norburgh, der mich mit seiner Liebe belästigte, hält sich noch dort auf. Wenn ich mit dir erscheine, so wird man in allen Gesellschaften darüber reden, und das wird für dich ebenso langweilig sein wie für mich. – Meine gute Mutter lebt dort; sie wird nichts sagen, aber im Grunde wird es ihr nicht sehr lieb sein, mich bei einem Manne wie du als Haushälterin zu sehen; denn der gesunde Menschenverstand muß jedem sagen, daß ich nur deine Geliebte sein kann.«

Ich fand, daß sie recht hatte, und daß wir auf die Schicklichkeit gebührende Rücksicht nehmen mußten. Wir bestimmten also, daß sie allein nach Lausanne reisen und dort bei ihrer Mutter wohnen solle; zwei oder drei Tage später würde ich ihr folgen und in Lausanne, solange ich wollte, für mich allein wohnen, da ich sie ohne jeden Zwang bei ihrer Mutter sehen konnte, so oft es mir beliebte.

»Wenn du Lausanne verlässest,« sagte sie zu mir, »werde ich in Genf wieder mit dir zusammentreffen; von dort reisen wir, wohin du willst, und solange wir uns lieben.«

Am zweiten Tage reiste sie in aller Frühe ab; sie war meiner Treue gewiß und wünschte sich Glück zu der Ausführung unseres so vernünftigen Planes. Ich war sehr traurig über ihre Abreise, aber die Abschiedsbesuche zerstreuten meinen Schmerz ein wenig. Da ich den berühmten Haller kennen zu lernen wünschte, ehe ich die Schweiz verließ, so gab der Schultheiß von Muralt mir für ihn einen Brief, über den ich mich sehr freute. Herr von Haller war Landvogt in Roche.

Als ich der Frau de la Saone meinen Abschiedsbesuch machte, fand ich sie im Bett und mußte eine Viertelstunde mit ihr allein bleiben. Natürlich sprachen wir nur von ihrer Krankheit, und sie wußte das Gespräch so zu wenden, daß sie in allen Ehren mich sehen lassen konnte, daß die Krankheit, die ihr Gesicht entstellte, ihren ganzen Körper verschont habe. Dieser Anblick überzeugte mich, daß Mignard nicht so tapfer zu sein brauchte, wie ich geglaubt hatte; denn ich war nahe daran, ihr denselben Dienst zu erweisen. Man brauchte schließlich nur ihren Körper anzusehen, und es ließ sich allerdings kaum etwas Hübscheres finden.

Ich sehe voraus, daß mehr als eine Frömmlerin und mehr als ein Tugendbold eines Tages, wenn diese Erinnerungen jemals Leser finden, über diese arme Dame Zeter schreien werden; aber indem sie sich mit solcher Bereitwilligkeit zeigte, rächte sie sich für das Leid, das die Natur ihr angetan hatte, indem sie sie so fürchterlich entstellte. Vielleicht wollte sie auch aus Herzensgüte, und weil sie wußte, was die Höflichkeit durch den Anblick ihres Gesichtes zu leiden hatte, den Mann, der seinen Widerwillen überwand, entschädigen, indem sie ihm die Schönheiten zeigte, mit denen die Natur sie verschwenderisch begabt hatte. Ich bin überzeugt, meine Damen, daß selbst die Prüdeste und Tugendhafteste von Ihnen, wenn Sie alle das Unglück hätten, scheußliche Gesichter zu haben, sich ohne weiteres der Mode fügen würde, wenn diese geböte, die Häßlichkeit zu verbergen und die Schönheiten zur Schau zu tragen, die Sie jetzt unseren Blicken entziehen, weil der Brauch es so will. Ohne Zweifel wäre Frau de la Saone geiziger mit der Schönheit ihres Körpers gewesen, wenn sie wie Sie durch ihr Gesicht hätte verführen können.

Am Tage meiner Abreise speiste ich bei Herrn von F., und die niedliche Sarah machte mir viele Vorwürfe, daß ich ihre kleine Frau vor mir habe abreisen lassen. Man wird sehen, wie ich sie drei Jahre später in London wiederfand. Leduc war noch in ärztlicher Behandlung und sehr schwach; trotzdem ließ ich ihn mit mir reisen, denn ich hatte viele Sachen und konnte nur ihm vertrauen.

Ich verließ Bern in einer sehr natürlichen Trauer. Ich war in dieser Stadt glücklich gewesen und denke noch jetzt niemals ohne Vergnügen an sie.

Ich hatte von Frau von Urfé den Auftrag erhalten, den Doktor Heilenschwand um Rat zu fragen; infolgedessen hielt ich in seinem Wohnort Murten an, das nur vier Meilen von Bern entfernt ist. Der Doktor lud mich zum Essen ein, um den ausgezeichneten Fisch des Murtener Sees kennen zu lernen; ich fand ihn in der Tat köstlich. Ich hatte die Absicht, gleich nach dem Essen weiter zu fahren; aber als ich in meinen Gasthof zurückkam, wandelte mich eine Neugier an, über die ich dem Leser noch berichten werde, und ich entschloß mich, die Nacht über dort zu bleiben.

Nachdem Dr. Herrenschwand für einen schriftlichen ärztlichen Rat über den Bandwurm zwei Louis erhalten hatte, lud er mich ein, einen Spaziergang auf der Straße nach Avenches zu machen, und wir gingen bis zum berühmten Beinhause von Murten.

»Dieses Beinhaus«, sagte der Doktor, »ist aus einem Teil von den Knochen der Burgunder erbaut, die bei der berühmten Niederlage Karls des Kühnen hier den Tod fanden.«

Über die lateinische Inschrift mußte ich lachen.

»Diese Inschrift«, sagte ich zum Doktor, »enthält einen beleidigenden Scherz, durch den sie possenhaft wird; denn eine Inschrift muß ernst sein, und es ist einer Nation nicht erlaubt, die Lesenden zum Lachen zu bringen.«

Als guter Schweizer wollte dies der Doktor nicht zugeben; aber dies war wohl nur falsche Scham von ihm. Ich teile die Inschrift hier mit; so kann der unparteiische Leser selber urteilen.

Deo Opt. Max. Caroli inclyti et fortissimi Burgundiae ducis exercitus Muratum obsidens ab Helvetiis caesus hoc sui monumentum reliquit anno MCDLXXVI.

Mit Gottes Hilfe wurde das Heer des erlauchten und tapferen Burgunderherzogs Karl bei der Belagerung Murtens von den Schweizern erschlagen und ließ dieses Denkmal zurück im Jahre 1476.

Ich hatte mir bis dahin von Murten eine großartige Vorstellung gemacht. Der siebenhundertjährige Ruhm der Stadt, drei große Belagerungen, die sie ausgehalten und abgeschlagen hatte, dies alles hatte mir eine hohe Meinung von ihr beigebracht; ich erwartete etwas Besonderes zu finden, und ich sah nichts.

»So ist also Murten zerstört, dem Erdboden gleichgemacht worden?« fragte ich den Doktor.

»Durchaus nicht; Murten ist so, wie es immer gewesen ist, oder doch ungefähr so.«

Ich merkte, daß jemand, der sich belehren will, erst lesen, dann aber reisen muß, um das Gelernte zu berichtigen. Schlecht wissen ist schlimmer als nichts wissen, und Montaigne hat recht, wenn er sagt, man müsse gut wissen.

Folgendes war das komische Abenteuer, das mir über Nacht in Murten zustieß.

Ich fand im Gasthof ein junges Dienstmädchen, das romanisch sprach. Sie fiel mir auf, weil sie meiner schönen Strumpfhändlerin von Paris außerordentlich ähnlich sah. Sie hieß Raton, und zum Glück blieb dieser Name mir im Gedächtnis. Ich bot ihr sechs Franken für eine Gefälligkeit, aber sie wies mit einer Art von Stolz das Geld zurück und sagte mir, ich hätte mich an die Falsche gewandt, und sie wäre ein anständiges Mädchen.

»Das kann wohl sein,« antwortete ich ihr. Zugleich befahl ich, die Pferde anzuspannen. Als die ehrsame Raton sah, daß ich abreisen wollte, sagte sie mir lachend und zugleich schüchtern, sie brauche zwei Louis, und wenn ich ihr diese geben und die Nacht bleiben wolle, so werde ich zufrieden sein.

»Ich bleibe; aber denk daran, daß du ganz artig sein mußt.«

»Ich werde es sein.«

Als alles zu Bett war, kam sie mit einer furchtsamen Miene, die gerade dazu angetan war, meine Begierde noch zu verdoppeln, in mein Zimmer. Durch einen außerordentlichen Glücksfall fühlte ich ein Bedürfnis, nahm das Licht und eilte nach dem Ort, wo ich es befriedigen konnte. Während ich dort beschäftigt war, zerstreute ich mich damit, die tausend Dummheiten zu lesen, die man gewöhnlich an solchen Orten geschrieben findet. Plötzlich fielen meine Blicke auf die Worte: »Am 10. August 1760 hab ich von der verdammten Raton Quint und Vierzehner gekriegt; der Leser sei gewarnt.«

Ich war beinahe in Versuchung, an ein Wunder zu glauben; denn ich konnte mir nicht vorstellen, daß es noch eine Raton in dem Hause gebe. Ich trat mit einem sehr fröhlichen Gesicht wieder in mein Zimmer ein und fand die Schöne bereits im Bett und ohne Hemd. Sie hatte dieses in die Bettgasse geworfen; ich bückte mich danach, und als sie sah, daß ich es aufhob, bat sie mich erschrocken, es nicht anzurühren, denn es sei nicht sauber. Sie hatte recht, denn es trug zahlreiche Spuren ihrer Krankheit. Wie man sich denken kann, war meine Glut sofort abgekühlt, und ich jagte sie augenblicklich hinaus; zugleich aber fühlte ich eine tiefe Dankbarkeit gegen den sogenannten Zufall, denn niemals hätte ich daran gedacht, ein junges Mädchen, das eine Haut von Lilien und Rosen hatte und höchstens achtzehn Lenze zählte, näher zu untersuchen.

Am folgenden Tage fuhr ich nach Noche, um den berühmten Haller zu besuchen.

Fünfzehntes Kapitel


Ich beschließe Mönch zu werden. – Ich beichte. – Zwei Wochen Aufschub. – Der abtrünnige Kapuzinermönch Giustiniani. – Ich ändere meinen Entschluß; was mich dazu veranlaßt. – Übermütiger Streich im Gasthof. – Mittagessen mit dem Abt.

Die überzeugungsvolle Miene, womit der Abt mir diese Ammenmärchen vortrug, erregte in mir eine Lachlust, die ich mit Rücksicht auf die Heiligkeit des Ortes und auf die Gesetze der Höflichkeit mühsam genug unterdrückte. Ich hörte jedoch in so ehrfurchtsvollem Schweigen zu, daß der Hochwürdige Herr ganz entzückt war und mich fragte, in welchem Gasthof ich wohnte. Ich antwortete ihm: »Nirgends; denn ich bin von Zürich zu Fuß gekommen, und mein erster Besuch hat Ihrer Kirche gegolten.«

Ich weiß nicht, ob ich vielleicht diese Worte mit einem Ausdruck von Zerknirschung vorbrachte, aber der Abt faltete seine Hände und hob sie zum Himmel empor, wie wenn er Gott dafür danken wollte, daß er mein Herz gerührt und mich auf meiner Pilgerschaft geleitet hätte, um in diesem Heiligtum die Last meiner Sünden abzuwerfen.

Dies erschien mir natürlich; denn ich weiß, daß ich stets wie ein großer Sünder ausgesehen habe.

Der Abt sagte mir, es sei bald Mittag und er hoffe, ich werde ihm die Ehre antun, mit ihm zu speisen; ich nahm dies mit verbindlichem Dank an, denn erstens war ich nüchtern, zweitens wußte ich, daß man an solchen Orten gewöhnlich gutes Essen bekommt. Ich wußte nicht, wo ich war, und wollte ihn nicht fragen; denn es war mir erwünscht, ihn bei dem Glauben zu belassen, daß ich zur Abbüßung meiner Sünden eine Pilgerfahrt machte.

Unterwegs sagte der Abt mir, seine Ordensbrüder äßen an diesem Tage Fastenspeisen, wir aber würden Fleisch essen, da er von Benedikt dem Vierzehnten einen Dispens erhalten hätte, der ihm erlaubte, das ganze Jahr hindurch mit seinen Gästen Fleisch zu essen. Ich antwortete ihm, ich würde an seinem Vorrecht um so lieber teilnehmen, da der Heilige Vater mir die gleiche Gnade zu erweisen geruht hätte; dies schien ihn neugierig zu machen, wer ich sein möchte. Als wir in seinem Zimmer waren, das durchaus nicht einer Büßerzelle glich, zeigte er mir sofort den Dispensbrief, der unter Glas in einem schönen Rahmen dem Eßtisch gegenüber an der Wand hing, damit die Neugierigen und Gewissenhaften Kenntnis davon nehmen könnten.

Da die Tafel nur für zwei Personen eingerichtet war, legte ein Bedienter in reicher Livree noch ein Gedeck auf, was dem bescheidenen Abt Gelegenheit gab, mir zu sagen: »Ich speise für gewöhnlich mit meinem Kanzler; ich muß nämlich eine Kanzlei halten, weil ich in meiner Eigenschaft als Abt Unserer Lieben Frau von Einsiedeln Fürst des Heiligen römischen Reiches bin.«

Ich atmete auf; denn nun wußte ich endlich, wo ich mich befand, und dies war mir sehr angenehm. Von Unserer Lieben Frau von Einsiedeln hatte ich sprechen hören, und so war ich nicht mehr in Gefahr, bei der Unterhaltung als unwissend dazustehen.

Das Kloster war das Loretto nördlich der Alpen, denn es war berühmt wegen der zahlreichen Wallfahrten, die dorthin unternommen wurden.

Bei Tisch fragte der Fürstabt mich, aus welchem Lande ich wäre, ob ich verheiratet wäre, und ob ich die schönen Gegenden der Schweiz zu besuchen gedächte; zugleich bot er mir Empfehlungsbriefe an für alle Orte, die ich aufzusuchen wünschte. Ich sagte ihm, ich wäre Venetianer, Junggeselle, und würde die mir angebotenen Briefe dankbar annehmen, nachdem ich ihm nach einer geheimen Unterredung gesagt haben würde, wer ich wäre. Ich hoffte, er würde mir diese bewilligen, da ich den Wunsch hätte, ihm alles anzuvertrauen, was ich auf dem Gewissen hätte. So ging ich, ohne jeden Vorbedacht und ohne eigentlich zu wissen, was ich sagte, die Verpflichtung ein, diesem Abt zu beichten. Diese Plötzlichkeit der Entschlüsse war meine besondere Liebhaberei. Wenn ich einem plötzlichen Einfall folgte, wenn ich etwas tat, was ich vorher nicht überlegt hatte, so kam es mir vor, wie wenn ich die Gesetze meines Schicksals befolgte und einem höchsten Willen nachgebe. Nachdem ich ihm so deutlich gesagt hatte, daß er mein Beichtvater werden sollte, hielt er sich für verpflichtet, recht salbungsvoll mit mir zu sprechen; es war jedoch nicht weiter unnatürlich, daß seine Reden mich bei diesem köstlichen, leckeren Mahl durchaus nicht langweilten, denn wir hatten sogar Schnepfen und Bekassinen, was mich zu dem Ausruf veranlaßte: »Wie, hochwürdigster Herr, solches Wild um diese Jahreszeit?«

»Dies«, antwortete er mit einem wohlgefälligen Lächeln, »ist ein Geheimnis, das ich Ihnen mit Vergnügen mitteilen werde.« Der Herr Abt war ein Leckerzahn ersten Ranges und ein kenntnisvoller Feinschmecker; denn, obwohl er sich für einen mäßigen Mann ausgab, hatte er doch die feinsten Weine und die ausgesuchtesten Speisen. Man trug eine prachtvolle Lachsforelle auf, die ihm ein Lächeln entlockte, und das gute Essen mit einem feinen Scherze würzend, sagte er mir in gutem Latein, es würde lächerlich sein, die Forelle nicht essen zu wollen, weil sie ein Fisch wäre; um aber seinen Sophismus zu beschönigen, fügte er hinzu: »Etwas Fastenspeise ist notwendig, um die Fleischkost zu dämpfen.«

Während unseres Geplauders beobachtete der Herr Abt mich, und da mein reicher Anzug ihm die Gewißheit gab, daß ich nichts von ihm verlangen würde, so sprach er mit Zuversicht und ließ sich sogar ein wenig gehen.

Als das Mahl beendet war, machte der Kanzler eine ehrfurchtsvolle Verbeugung und entfernte sich. Gleich darauf führte der Abt mich im ganzen Kloster herum und zuletzt auch in die Bibliothek, wo sich das Bildnis des Kurfürsten von Köln in erzbischöflicher Tracht befand. Ich sagte ihm, das Bild sei ähnlich, aber häßlicher als das Original. Zugleich zog ich die Dose hervor, die ich von dem Kirchenfürsten erhalten hatte, und zeigte sie ihm mit der Bemerkung, das Bild sei sprechend ähnlich. Er betrachtete es wohlgefällig und lobte die Laune Seiner Hoheit sich als Großmeister des deutschen Ordens malen zu lassen. Ich sah aber auch, daß die Schönheit der Dose dem Herrn Abt keinen schlechten Begriff von meiner Persönlichkeit gab. Über den Anblick der Bibliothek würde ich laut aufgeschrien haben, wenn ich allein gewesen wäre. Sie enthielt nur Folianten, und die neuesten waren ein Jahrhundert alt. Alle diese dicken Bücher handelten nur von Theologie und religiösen Streitfragen: Bibeln, Kommentare, Kirchenväter, mehrere rechtswissenschaftliche Werke in deutscher Sprache, Annalen und das große Wörterbuch von Hoffmann.

»Ohne Zweifel, hochwürdigster Herr,« fragte ich ihn, »haben Ihre Mönche ihre Privatbüchereien, worin sich naturwissenschaftliche und geschichtliche Werke und Reisebeschreibungen finden?«

»Nein; meine Mönche sind brave Leute, die sich nur um ihre Andachtspflichten kümmern und in süßer Unwissenheit friedlich dahinleben.«

Ich weiß nicht, was mir in diesem Augenblick durch den Kopf fuhr, aber genug, mich wandelte eine unbegreifliche Laune an – nämlich Mönch zu werden. Ich sagte dem Abt zuerst nichts davon, aber ich bat ihn, mich in sein Kabinett zu führen, indem ich ihm sagte: »Ich wünsche, hochmütigster Herr, Ihnen eine Generalbeichte aller meiner Sünden abzulegen, damit ich morgen, rein von allen Verbrechen, das heilige Abendmahl empfangen kann.«

Ohne mir zu antworten, fühlte er mich in ein hübsches Gartenhaus, wo er mir sagte, er sei bereit, mich anzuhören; doch litt er nicht, daß ich niederkniete.

Ihm gegenübersitzend erzählte ich ihm drei Stunden hintereinander eine Menge ärgerlicher Geschichten; aber ich erzählte sie ohne Salz, denn ich war in einer asketischen Stimmung und mußte in einem Stil der Zerknirschung reden, die ich in Wirklichkeit nicht empfand; denn wenn ich meine tollen Streiche wieder durchging, fand ich die Erinnerung daran durchaus nicht unangenehm.

Trotzdem glaubte der durchlauchtigste oder hochwürdigste Herr zum wenigsten an meine Reue, denn er sagte mir: wenn ich durch ein ordentliches Leben die Gnade wiedergefunden hätte, so würde auch meine Zerknirschung vollkommen sein. Noch der Meinung dieses guten Abtes und noch mehr nach meiner eigenen, ist ohne die Gnade Zerknirschung unmöglich.

Nachdem er die Worte des Sakraments gesprochen hatte, die die Macht haben, das ganze Menschengeschlecht wieder unschuldig zu machen, riet er mir, mich auf ein Zimmer zurückzuziehen, wohin er mich führen lassen würde, dort den Rest des Tages im Gebet zu verbringen und früh zu Bett zu gehen, vorher jedoch zu Abend zu essen, wenn ich gewohnt wäre, den Tag mit einer Mahlzeit zu beschließen. Er sagte mir, am nächsten Morgen nach der ersten Messe würde ich das Abendmahl erhalten; hierauf trennten wir uns.

Ich gehorchte mit einer Gefügigkeit, die ich später niemals habe begreifen können; aber damals dachte ich nicht daran. Allein in einem Zimmer, das ich mir nicht die Mühe nahm, näher zu untersuchen, überließ ich mich den Gedanken, die ich vor meiner Beichte gehabt hatte; ich überredete mich leicht, daß der Zufall oder vielmehr mein guter Geist mich gerade an den Ort geführt habe, wo das Glück mich erwarte, und wo ich bis zu meiner letzten Stunde vor den Tücken des Schicksals geschützt sein werde. Es hängt nur von mir ab, sagte ich zu mir, ob ich hier bleiben will, denn ich bin überzeugt, der Abt wird mir das Ordenskleid nicht verweigern, wenn ich ihm zehntausend Taler gebe, um sie für mich auf Leibrenten zu legen.

Um glücklich zu sein, brauchte ich, so schien es mir, nur eine Bibliothek nach meinem Geschmack, und ich bezweifelte durchaus nicht, daß der Abt mir erlauben würde, mir nach meinem Belieben alle Bücher anzuschaffen, wenn ich ihm verspräche, sie nach meinem Tode dem Kloster zu schenken, vorausgesetzt, daß mir bei Lebzeiten die freie Benutzung zustände.

Was die Gesellschaft der Mönche anbelangte, Zwietracht, Neid und alle gegenseitigen Quälereien, die von solchen Vereinigungen unzertrennlich sind, so fühlte ich mich sicher, daß ich sie nicht zu fürchten haben würde, da ich nichts wollte und keinen Ehrgeiz hatte, der ihre Eifersucht hätte erregen können. Obgleich ich mich in einer Art von Verzauberung befand, sah ich aber doch die Möglichkeit der Reue voraus, und mir schauderte davor; aber ich hoffte dagegen ein Mittel finden zu können. Indem ich um das Kleid des heiligen Benedikt bitte, sagte ich zu mir, werde ich ein zehnjähriges Noviziat verlangen; kommt die Reue nicht während dieser zehn Jahre, so kann sie unmöglich später kommen, übrigens wollte ich in aller Form erklären, daß ich nach keinem Amte, nach keiner geistlichen Würde strebte. Ich wollte nur Frieden mit hinlänglicher Freiheit, um nach meinen neuen Neigungen leben zu können, ohne zu irgend einem Skandal Anlaß zu geben. Die Schwierigkeit, die die erbetene lange Dauer meines Noviziats vielleicht verursachen könnte, gedachte ich dadurch zu heben, daß ich im Falle einer Sinnesänderung die vorausbezahlten zehntausend Taler preisgäbe.

Ich schrieb vor dem Schlafengehen diesen ganzen schönen Plan nieder, und da ich am nächsten Tage mich noch ebenso fest entschlossen fand, so übergab ich nach dem Abendmahl meine Schrift dem Abt, der mich in seinem Zimmer erwartete, um mit mir die Morgenschokolade zu trinken.

Er las sofort meine Eingabe und legte sie, ohne ein Wort zu sagen, auf den Tisch; nach dem Frühstück las er sie noch einmal, wobei er im Zimmer auf und ab ging, und sagte mir dann, er werde mir nach dem Mittagessen eine Antwort geben.

Ich erwartete die Mittagsstunde mit der Ungeduld eines Kindes, dem man Spielsachen für seinen Namenstag versprochen hat; so sehr kann eine törichte Voreingenommenheit einen Menschen ändern, indem sie im Nu seinem Geist eine neue Richtung gibt. Wir speisten ebensogut wie am Tag vorher, und als wir vom Tische aufgestanden waren, sagte der liebenswürdige Abt zu mir: »Mein Wagen erwartet Sie vor der Tür, um Sie nach Zürich zurückzubringen. Reisen Sie ab, und gönnen Sie mir vierzehn Tage Zeit zur Antwort. Ich werde sie Ihnen persönlich überbringen. Einstweilen bitte ich Sie, diese beiden versiegelten Briefe selber abzugeben.«

Ich antwortete ihm, er habe zu befehlen; ich würde seinen Auftrag pünktlich ausführen und ihn im Schwert erwarten, in der Hoffnung, daß er meine Wünsche erfüllen würde. Ich ergriff seine Hand, die er sich küssen ließ, und fuhr ab.

Als mein Spanier mich sah, lachte der Bursche laut auf. Ich erriet seinen Gedanken und fragte ihn: »Worüber lachst du?« .

»Ich lache darüber, daß Sie, kaum in der Schweiz angekommen, sich zwei Tage lang zu amüsieren wissen, ohne nach Hause zu kommen.«

»Schon gut; sage dem Wirt, ich brauche einen guten Wagen, der mir vierzehn Tage lang zur Verfügung steht, und einen Lohndiener, für den er bürgt.«

Mein Wirt hieß Ott; er war Hauptmann gewesen und stand in Zürich in großer Achtung. Er sagte mir, ich könne mich auf den Diener verlassen, den er mir besorgen werde; es gebe jedoch in der ganzen Gegend nur offene Wagen. In Ermangelung eines besseren gab ich mich mit einem solchen zufrieden.

Schon am nächsten Morgen bestellte ich die Briefe, die der Abt mir gegeben hatte. Der eine war für einen Herrn Orelli, der andere für Herrn Pestalozzi; ich fand keinen von ihnen zu Hause, aber im Laufe des Nachmittags besuchten sie mich alle beide und luden mich zum Essen ein. Auch forderten sie mich auf, sie am gleichen Abend in das Stadtkonzert zu begleiten. Dies war das einzige öffentliche Vergnügen, das man in Zürich fand; es konnten nur Mitglieder der Gesellschaft und Fremde daran teilnehmen. Diese letzteren mußten einen Taler bezahlen, obgleich sie die Ehre hatten, durch ein Mitglied vorgestellt zu werden. Die beiden Herrn lobten den Abt von Einsiedeln um die Wette.

Ich fand das Konzert schlecht und langweilte mich. Die Herren saßen alle zusammen auf der rechten Seite, die Damen auf der linken. Dies ärgerte mich, denn trotz meiner frischen Bekehrung sah ich drei oder vier hübsche Damen, die mir gefielen und die sich oft nach mir umsahen. Ich hätte ihnen gerne einige hübsche Redensarten gesagt, gewissermaßen zum Abschied von meinem bisherigen Lebenswandel.

Als das Konzert zu Ende war, gingen alle in bunter Reihe hinaus, und die beiden Bürger stellten mich ihren Frauen und Töchtern vor. Diese Fräuleins waren die nettesten an Ort und Stelle und gehörten zu denen, die ich bemerkt hatte.

Auf der Straße macht man keine langen Zeremonien; sobald ich den beiden Herren gedankt hatte, begab ich mich wieder nach dem Schwert.

Am nächsten Tage speiste ich bei Herrn Orelli und hatte Gelegenheit, seiner schönen Tochter Gerechtigkeit widerfahren zu lassen; doch ließ ich sie nicht merken, welchen Eindruck sie auf mich gemacht hatte. Am folgenden Tage spielte ich dieselbe Rolle bei Herrn Pestalozzi, obgleich seine reizende Tochter mich leicht auf einen Ton der Galanterie hätte stimmen können. Aber zu meinem großen Erstaunen war ich vollkommen vernünftig, und nach vier Tagen hatte ich in der ganzen Stadt den besten Ruf. Ich fand es sehr merkwürdig, daß man mich auf den Promenaden mit einer Ehrerbietigkeit grüßte, an die ich nicht gewöhnt war; aber in der frommen Stimmung, in der ich mich befand, diente dies nur dazu, mich in meinem Gedanken zu bestärken, daß es eine wahre göttliche Eingebung sei, die Kutte anzuziehen. Allerdings langweilte ich mich, aber ich dachte, dies wäre unvermeidlich bei einer so durchgreifenden Änderung des Lebenswandels und würde vorübergehen, wenn ich erst besser an ein verständiges Leben gewöhnt wäre.

Um es sobald wie möglich meinen künftigen Mitbrüdern gleichzutun, studierte ich jeden Morgen drei Stunden lang die deutsche Sprache. Ich hatte zu diesem Zweck einen eigentümlichen Lehrer angenommen, namens Giustiniani, der früher Kapuziner gewesen und aus Verzweiflung Protestant geworden war. Dieser arme Mann, dem ich jeden Morgen einen Sechsfrankentaler gab, betrachtete mich als einen Abgesandten des Himmels, während ich in meiner Anwandlung von Frömmelei ihn für einen Teufel der Hölle hielt, denn er benutzte jeden Augenblick, wo ich den Unterricht unterbrach, um auf alle religiösen Genossenschaften zu schimpfen. Gerade die angesehensten und bestgeachteten waren nach seiner Meinung die schlimmsten, weil sie die verführerischsten wären. Er nannte alle Mönche elendes Gesindel, einen Schandfleck des Menschengeschlechtes.

»Aber«, sagte ich eines Tages zu ihm, »da ist doch zum Beispiel Unsere Liebe Frau von Einsiedeln; Sie werden doch zugeben…«

»Was?« rief mein Genuese, ohne mich ausreden zu lassen, »glauben Sie, ich könnte von meinem Tadel eine Gesellschaft von vierzig Ignoranten, Faulenzern, lasterhaften Heuchlern ausnehmen? Sie treiben schmutzige Unzucht, leben unter dem Schutze eines Gewandes der Demut in Laster und Stolz und verzehren das Gut der armen Dummköpfe, die sich um ihretwillen entblößen, während sie doch von der Arbeit ihrer Hände leben könnten.«

»Aber Seine Hochwürden, der Abt?«

»Ein emporgekommener Bauer, der den Fürsten spielt und die Geckenhaftigkeit so weit treibt, sich wirklich für einen Fürsten zu halten.«

»Aber er ist es doch.«

»Nicht mehr als ich, der ich nichts bin. Ich sehe in ihm weiter nichts als einen Hanswurst.«

»Was hat er Ihnen getan?«

»Nichts, aber er ist ein Mönch.«

»Er ist mein Freund.«

»In diesem Falle nehme ich zwar nichts zurück, aber ich bitte Sie um Verzeihung.«

Dieser Giustiniani hatte großen Einfluß auf mich, aber ohne daß ich es selber wußte; denn in meiner Überzeugung von meiner innerlichen Berufung hielt ich ihn für ungefährlich. Ein neuer Vorfall zerstörte jedoch gänzlich den Einfluß, den Unsere Liebe Frau von Einsiedeln auf mich gemacht hatte.

Am Tage vor dem angekündigten Besuch des Abtes stand ich gegen sechs Uhr abends an meinem Fenster, das nach der Brücke hinausging, und unterhielt mich damit, die Vorübergehenden zu betrachten, als ich plötzlich in scharfem Trabe einen vierspännigen Wagen daher kommen sah, der vor der Tür des Gasthofes hielt. Es saß kein Bedienter darauf; infolgedessen öffnete der Kellner den Schlag, und ich sah vier gut gekleidete Damen aussteigen. An den drei ersten bemerkte ich nichts Besonderes, aber die vierte, die als Amazone gekleidet war, fiel mir durch ihre Eleganz und ihre Schönheit auf. Es war eine junge Brünette mit schön geschnittenen, großen Augen, über denen sich schön geschwungene Brauen wölbten; sie hatte eine Haut wie Lilien und Rosen und trug eine Mütze von blauem Atlas mit einer silbernen Troddel, die ihr auf das Ohr herabfiel und ihr ein sieghaftes Aussehen gab, dem ich nicht zu widerstehen vermochte. Ich beugte mich soweit wie möglich aus dem Fenster vor, und sie hob den Kopf und sah mich an, wie wenn ich sie gerufen hätte. Meine gezwungene Stellung nötigte sie, mich eine halbe Minute lang anzusehen; das war zuviel für eine bescheidene Frau und mehr als genug, um mich zu entflammen.

Ich eilte an das Fenster meines Vorzimmers, das auf die Treppe ging, und bald sah ich sie vorüberlaufen, um ihre Begleiterinnen einzuholen. Als sie mir gegenüber war, drehte sie sich zufällig um und stieß bei meinem Anblick einen Schreckensschrei aus, wie wenn sie ein Gespenst gesehen hätte; sie erholte sich jedoch sofort wieder, lief mit ausgelassenem Lachen weiter und begab sich zu den drei Damen, die schon in ihrem Zimmer waren.

Sterbliche, versetzt euch an meine Stelle und widersteht, wenn ihr könnt, einer so unerwarteten Begegnung, und ihr Fanatiker beharrt, wenn ihr den Mut habt, bei dem lächerlichen Plan, euch in einem Kloster zu begraben, wenn ihr gesehen habt, was ich am 23. April in Zürich sah!

Ich war so aufgeregt, daß ich mich auf mein Bett werfen mußte, um wieder ruhig zu werden. Nach einigen Minuten stand ich wieder auf, ging halb willenlos an das Flurfenster und sah den Kellner aus dem Zimmer der Damen kommen.

»Kellner, ich werde im Speisesaal essen.«

»Wenn Sie dies tun, um die Damen zu sehen, so ist es zwecklos, denn diese lassen sich das Abendessen im Zimmer auftragen. Sie wollen früh zu Bett gehen, weil sie in aller Frühe abreisen.«

»Wohin reisen sie?«

»Zu Unserer Lieben Frau nach Einsiedeln, wo sie ihre Andacht errichten wollen.«

»Woher kommen sie?«

»Aus Solothurn.«

»Wie heißen sie?«

»Das weiß ich nicht.«

Ich legte mich wieder auf mein Bett und dachte darüber nach, wie ich an die schöne Amazone herankommen könnte.

Soll ich nach Einsiedeln gehen? Ja, was soll ich aber dort tun? Die Damen wollen dort beichten; ich kann mich doch nicht in den Beichtstuhl setzen. Wie würde ich aussehen unter allen diesen Mönchen und Heiligenbildern? Und wenn ich unterwegs dem Abt begegnete – was bliebe mir anders übrig als wieder umzukehren? Hätte ich einen treuen Freund bei mir, so könnte ich mich in einen Hinterhalt legen und die Zauberin entführen; dies wäre leicht gewesen, denn es war kein Mann bei ihr, um sie zu verteidigen. Wie wäre es, wenn ich mich dreist zum Abendessen bei ihnen einlüde? Ja, aber diese schrecklichen drei Frauenzimmer! Man würde mich zurückweisen. Mir schien, die schöne Amazone könne nur oberflächlich fromm sein; denn aus ihrem Gesicht sprach Liebe zum Vergnügen, und ich hatte mich seit langer Zeit daran gewöhnt, die Frauen nach ihrem Mienenspiel zu beurteilen.

Ich wußte nicht, was ich anfangen sollte, als ich einen höchst glücklichen Einfall hatte. Ich stellte mich an das Flurfenster und blieb dort so lange, bis der Kellner vorüberkam. Ich ließ ihn in mein Zimmer eintreten, drückte ihm zur Einleitung ein Goldstück in die Hand und sagte ihm, er möchte mir seine grüne Schürze leihen, denn ich wolle den Damen bei ihrem Abendessen aufwarten.

»Du lachst?«

»Ja, gnädiger Herr, über Ihre Laune, deren Zweck ich ahne.«

»Du bist ein Pfiffikus.«

»So sehr wie Sie einer. Ich werde Ihnen eine schöne, ganz neue Schürze holen. Die Hübsche hat mich gefragt, wer Sie seien.«

»Was hast du ihr geantwortet?«

»Sie seien Italiener, weiter nichts.«

»Sei verschwiegen, und ich werde das Goldstück verdoppeln.«

»Ich habe Ihren Spanier gebeten, mir beim Aufwarten zu helfen, denn ich bin ganz allein und muß zugleich unten bedienen.«

»Schön; aber er darf nicht ins Zimmer kommen, denn der Bursche würde sich das Lachen nicht verhalten können. Er kann in die Küche kommen, du gibst ihm die Schüsseln, und er reicht sie mir an der Türschwelle.«

Der Kellner ging und kam gleich darauf mit einer Schürze und mit Leduc wieder, dem ich sehr ernst auseinandersetzte, was er zu tun hätte. Er lachte wie verrückt, versicherte mir jedoch, ich würde mit ihm zufrieden sein. Ich ließ mir ein Vorlegemesser geben, band meinen Zopf auf, schlug den Halskragen herunter und band die Schürze über meine scharlachrote goldbestickte Weste. Hierauf betrachtete ich mich im Spiegel und fand mit Befriedigung, daß ich gemein genug aussah, um die bescheidene Persönlichkeit vorzustellen, die ich spielen sollte. Ich war in freudiger Stimmung; denn ich sagte mir, da sie aus Solothurn wären, so müßten sie doch französisch sprechen.

Leduc meldete mir, daß der Kellner gleich kommen werde. Ich, ging in das Zimmer der Damen, musterte die gedeckte Tafel, und sagte zu ihnen: »Man wird sofort auftragen, meine Damen.«

Die häßlichste von den vieren sagte mir: »Beeilen Sie sich nur, wir wollen schon vor Tagesanbruch aufstehen.« Ich rückte Stühle an den Tisch und sah die Schöne von der Seite an. Sie blickte mich an wie wenn sie versteinert wäre. Ich half dem Kellner die Schüsseln auf den Tisch setzen, und hierauf sagte er zu mir: »Hör mal, du, bleib hier; ich muß unten bedienen.«

Ich nahm einen Teller und stellte mich meiner Amazone gegenüber hinter einen Stuhl, von wo aus ich sie unauffällig vorzüglich sehen konnte. Besser gesagt: ich hatte nur für sie Augen. Sie war erstaunt; die anderen beehrten mich nicht einmal mit einem Blick und dies war das beste, was sie tun konnten. Nach der Suppe eilte ich zu ihr und wechselte ihren Teller; denselben Dienst verrichtete ich auch bei den anderen, worauf sie sich selber das Rindfleisch nahmen.

Während sie aßen, nahm ich einen gekochten Kapaun vor und zerlegte ihn kunstgerecht.

»Dieser Kellner«, sagte meine Schöne, »bedient sehr gut. Sind Sie schon lange in diesem Gasthof?«

»Erst seit wenigen Wochen, gnädige Frau.«

»Sie servieren ausgezeichnet.«

»Gnädige Frau sind sehr gütig.«

Ich hatte meine Manschetten von prachtvoller englischer Spitze in meine Ärmel hineingesteckt; aber die Hemdenkrause sah ein wenig aus der Weste hervor, die ich nicht sorgfältig zugeknöpft hatte. Sie bemerkte diese und rief: »Warten Sie, warten Sie!«

»Was wünschen Sie, gnädige Frau?«

»Lassen Sie doch mal sehen. Da haben Sie ja prachtvolle Spitzen.«

»Ja, gnädige Frau, das hat man mir gesagt; aber sie sind alt. Ein vornehmer italienischer Herr, der hier wohnte, hat mir sie geschenkt.«

»Haben Sie auch solche Manschetten?«

»Ja, gnädige Frau.«

Mit diesen Worten streckte ich meine Hand aus und knöpfte mit der anderen den Westenärmel auf. Sie zog langsam die Manschetten hervor und schien sich absichtlich so vorzubeugen, daß meine Blicke sich an allem berauschen konnten, was sie ihnen von ihren Reizen darbieten konnte, obgleich sie ziemlich eng geschnürt war. Welch köstlicher Augenblick! Ich wußte, daß sie mich wiedererkannt hatte, und als ich sah, daß sie darüber schwieg, empfand ich eine wirkliche Qual bei dem Gedanken, daß ich mit dieser Maskerade nur bis zu einem gewissen Punkt gehen konnte.

Als sie die Spitzen ziemlich lange betrachtet hatte, sagte ihre Nachbarin zu ihr: »Aber, meine Liebe, was für eine Neugier! Man sollte meinen, du hättest in deinem Leben noch keine Spitzen gesehen.«

Meine liebenswürdige Neugierige errötete.

Nach dem Essen zogen die drei Häßlichen sich jede in eine Ecke zurück, um sich auszukleiden, während ich den Tisch abräumte, und meine Heldin begann zu schreiben. Ich gestehe, es fehlte nicht viel dran, so hätte ich in meiner Eitelkeit mir eingebildet, daß sie an mich schriebe; ich hatte aber doch eine zu gute Meinung von ihr, um nicht diesen Gedanken sofort zu verwerfen. Als ich abgedeckt hatte, stellte ich mich in ehrerbietiger Haltung, wie sie zu der von mir angenommenen Rolle paßte, neben die Tür.

»Worauf warten Sie?« fragte die Schöne mich.

«Auf Ihre Befehle, gnädige Frau.«

»Ich danke Ihnen; ich brauche nichts.«

»Sie tragen Stiefel, gnädige Frau, und wenn Sie sich nicht etwa gestiefelt zu Bett legen wollen …«

»Da haben Sie allerdings recht; aber ich möchte Ihnen nicht die Mühe machen.«

»Bin ich denn nicht dazu da, Sie zu bedienen, gnädige Frau?«

Mit diesen Worten kniete ich vor ihr nieder und schnürte langsam ihre Halbstiefel auf, während sie ruhig weiter schrieb. Ich ging aber noch weiter: ich löste die Schnalle ihres Hosenbandes und weidete mich am Anblick und noch mehr am Betasten ihrer wundervoll geformten Waden; aber zu früh für meine Wünsche hörte sie auf zu schreiben, wandte den Kopf um und sagte: »Nun ist es aber genug, mein Herr; ich bemerkte gar nicht, daß Sie sich zu viel Mühe gaben; gehen Sie! Morgen Abend werden wir uns wiedersehen.«

»Sie werden also hier zu Abend speisen, meine Damen?«

»Ja, gewiß.«

Ich nahm ihre Stiefel mit, indem ich sie fragte, ob ich die Tür verschließen solle.

»Nein, mein Lieber,« antwortete sie mit einer Sirenenstimme, »lassen Sie den Schlüssel von innen stecken.«

Als Leduc die Stiefel der Fee mir abnahm, lachte er wie ein Besessener und sagte: »Sie hat Sie angeführt.«

»Wieso?«

»Ich habe alles gesehen, gnädiger Herr. Sie spielten Ihre Rolle wie der beste Pariser Schauspieler, und ich bin überzeugt, morgen früh wird sie Ihnen einen Louis Trinkgeld geben; aber wenn Sie den nicht mir geben, plaudere ich die ganze Geschichte aus.«

»Da, du Spitzbube, da hast du ihn schon zum voraus; laß mir schnell das Abendessen auftragen.«

Dies, lieber Leser, sind Freuden, die ich mir in meinem Alter nicht mehr verschaffen kann, die ich aber noch in der Erinnerung genießen darf. Gewisse Ungeheuer predigen die Reue, und gewisse Philosophen erklären unsere Freuden für nichts als Eitelkeiten. Laßt sie reden! Zu bereuen brauchen wir nur Verbrechen, und die Freuden sind Wirklichkeiten, die leider nur zu schnell vergehen.

Ein barmherziger Traum ließ mich die Nacht mit meiner Amazone verbringen. Ein Irrtum, aber ein köstlicher Irrtum. Warum kann ich mich nicht mehr in solche süße Illusionen einwiegen, die die Nächte so lieblich machen!

Bei Tagesanbruch stand ich mit den Stiefeln in der Hand gerade in dem Augenblick vor ihrer Tür, als ihr Kutscher kam und ihnen sagte, sie müßten aufstehen. Ich fragte sie der Form wegen, ob sie frühstücken wollten, und sie antworteten mir lachend, sie hätten gut zu Abend gegessen und daher zu so früher Stunde noch keinen Hunger. Ich ging hinaus, um ihnen Zeit zum Ankleiden zu lassen.

Aber da die Tür halb offen stand und dem Spiegel gegenüber lag, worin meine Schöne sich betrachtete, so berauschten meine Blicke sich an einem Alabasterbusen. Als sie sich geschminkt und ihr Kleid angezogen hatte, rief sie nach ihren Stiefeln. Ich bat sie um die Erlaubnis, sie ihr anziehen zu dürfen; sie gestattete das freundlichst, und da sie Hosen von hellgrünem Sammet anhatte, so spielte sie den Kavalier.

Übrigens braucht man sich ja vor einem Kellner keinen Zwang anzutun! Um so schlimmer für ihn, wenn er sich irgendwelche Hoffnungen macht, weil man ihm bedeutungslose Kleinigkeiten gewährt. Er wird dafür bestraft werden; denn wie könnte man annehmen, daß er frech genug wäre, weiter zu gehen? Ich, der ich leider jetzt alt bin, genieße heute einige Vorrechte dieser Art; ich genieße ihrer und verachte mich dabei, noch mehr freilich verachte ich die, die sie mir gewähren.

Nach ihrer Abfahrt legte ich mich zu Bett. Ich war ein wenig verwirrt, aber doch voller Hoffnung. Nach meinem Erwachen hörte ich, daß der Abt von Einsiedeln in Zürich sei, und Herr Ott sagte mir, daß der hochwürdigste Herr mit mir allein auf meinem Zimmer speisen würde. Ich antwortete ihm, ich wünschte den Herrn Abt glänzend zu bewirten, und er sollte mir daher die beste Mahlzeit auftragen, die er herzustellen vermöchte. Um die Mittagsstunde ließ der gute Prälat sich melden. Er sagte mir ein Kompliment über den guten Ruf, den ich mir in Zürich erworben habe, was in ihm den Glauben erwecke, daß meine Berufung zur Gnade noch immer fortdauere. »Hier habe ich ein Distichon,« sagte er, »das Sie über Ihre Zimmertür schreiben können:

Inveni portum. Spes et fortuna valete;
Nil mihi vobiscum est: ludite nunc alios!«

»Dies ist«, antwortete ich ihm, »die Übersetzung von zwei Versen des Euripides; aber, gnädiger Herr, ich werde sie ein andermal verwenden; denn seit gestern habe ich meinen Plan geändert.«

»Dazu wünsche ich Ihnen Glück, und ich will hoffen, daß alle Ihre Wünsche sich erfüllen. Ich will Ihnen sogar im Vertrauen sagen, daß es viel leichter ist, selig zu werden, wenn man in der Welt bleibt, wo man seinen Nächsten nützlich sein kann, als wenn man sich in ein Kloster einschließt, wo man weder für sich noch für andere zu etwas gut ist.«

Diese Sprache, schien mir, ließ nicht auf einen Heuchler schließen, wie Giustiniani ihn mir geschildert hatte, sondern vielmehr auf einen Ehrenmann mit gesundem Menschenverstand.

Wir hatten ein fürstliches Mahl; denn Herr Ott hatte die drei Gänge mit großer Kunst zusammengestellt. Wir erheiterten dieses Mahl durch eine außerordentlich interessante Unterhaltung, bei der auch der feine Scherz nicht fehlte. Nach dem Kaffee sprach ich ihm meinen ehrerbietigsten Dank aus und begleitete ihn an seinen Wagenschlag, wo der hochwürdigste Herr mir wiederholt in der offensten Weise seine Dienste anbot; wir trennten uns, gegenseitig sehr miteinander zufrieden.

Die Anwesenheit und die Unterhaltung dieses liebenswürdigen Geistlichen hatten nicht einen Augenblick meine Gedanken von der schönen Frau abgezogen. Sobald der Abt abgefahren war, stellte ich mich auf die Brücke vor dem Gasthof, um dort den barmherzigen Engel zu erwarten, der eigens von Solothurn gekommen zu sein schien, um mich von der teuflischen Versuchung zu bewahren, in ein Mönchkloster einzutreten. Bis zu ihrer Ankunft baute ich die schönsten Luftschlösser, und gegen sechs Uhr hatte ich endlich das Glück, meine schöne Reisende zu erblicken. Ich versteckte mich, aber so, daß ich sehen konnte, ohne selber gesehen zu werden. Zu meiner größten Überraschung sah ich sie alle vier zu meinem Fenster hinaufblicken. Diese Neugier zeigte mir, daß die schöne Amazone das Geheimnis verraten hatte, und in meine Überraschung mischte sich ein wenig Zorn. Dieses Gefühl war natürlich, denn ich sah mich nicht nur in meiner Hoffnung getäuscht, daß das Abenteuer noch eine Fortsetzung haben würde, sondern es begann auch meine Zuversicht zu wanken, daß ich meine Rolle gut spielen würde. Trotz meiner Liebe hätte ich um alles in der Welt nicht eingewilligt, mich von ihren drei häßlichen Freundinnen auslachen zu lassen. Ich beschloß augenblicklich, sie in ihrer Erwartung zu täuschen und auf diese Weise sie selber anzuführen. Wenn ich die schöne Amazone interessiert hätte, so würde sie sich natürlich wohl gehütet haben, mein Geheimnis zu verraten; aber sie hatte alles gesagt, und ich sah in ihrer Indiskretion den schlagenden Beweis, daß sie den Spaß nicht weiterzutreiben gedachte, oder auch, daß es ihr an dem so notwendigen Geist fehlte, um eine Intrigue mit Erfolg durchzuführen. Vielleicht würde ich trotz allen ungünstigen Aussichten die Sache weitergeführt haben, wenn die drei Freundinnen meiner Zauberin einiger Aufmerksamkeit wert gewesen wären; aber genau so wie eine schöne Frau mich fortreißt, bringt eine häßliche mich um alle Stimmung. Um die voraussichtliche Langeweile zu verscheuchen und mich etwas zu zerstreuen, ging ich aus; ich begegnete Giustiniani, erzählte ihm mein Mißgeschick und sagte ihm, es würde mir nicht unlieb sein, mich bei irgendeiner käuflichen Schönheit für ein paar Stunden entschädigen zu können.

Er antwortete mir: »Ich werde Sie bis an die Tür eines Hauses führen, wo Sie das Gewünschte finden werden. Sie steigen bis zum zweiten Stockwerk hinauf; dort empfängt Sie eine alte Frau, der Sie meinen Namen ins Ohr flüstern müssen. Ich wage es nicht, Sie zu begleiten; denn dies würde in der Stadt bekannt werden und mir Verdrießlichkeiten mit der Polizei zuziehen, die in dieser Beziehung von einer lächerlichen Strenge ist. Ich rate Ihnen sogar, das Haus nicht eher zu betreten, als bis Sie ganz sicher sind, nicht gesehen zu werden.« Auf den Rat meines Exkapuziners wartete ich bis zum Dunkelwerden. Ich wurde freundlich aufgenommen; aber ich bekam ein schlechtes Abendessen und langweilte mich mit jungen Arbeiterinnen bis Mitternacht. Nicht als ob die beiden Nymphen nicht sehr hübsch gewesen wären, aber mein Kopf war voll von meiner Amazone; außerdem ermangelten sie trotz ihrer Frische und Sauberkeit jener Anmut, die den Freuden der Liebe so hohen Reiz verleiht. Meine in diesem Lande unbekannte Freigebigkeit verschaffte mir die Gunst der Alten; sie versprach mir, sie werde mir das Beste besorgen, was in der Stadt zu haben sei, aber sie bat mich dringend, die größte Vorsicht zu beobachten, um beim Betreten ihres Hauses nicht gesehen zu werden.

Als ich nach Hause kam, sagte Leduc mir, ich hätte wohl daran getan, mich aus dem Staube zu machen; denn meine Maskerade wäre bekannt geworden und alle, sogar Herr Ott, würden ihren Spaß daran gehabt haben, mich die Kellnerrolle spielen zu sehen. »Ihre Stelle«, schloß er, »habe ich eingenommen. Die Schöne, die Sie gefesselt hat, heißt Frau von ***, und ich gestehe, ich habe niemals etwas so Pikantes gesehen.«

»Hat sie gefragt, wo der andere Kellner wäre?«

»Nein, aber ihre Begleiterinnen haben mich mehrere Male danach gefragt.«

»Und Frau von *** hat nichts gesagt?«

»Sie hat den Mund nicht aufgetan; sie sah sehr traurig aus und saß ganz teilnahmslos da, bis ich sagte, Sie wären nicht gekommen, weil Sie krank wären.«

»Das ist eine Dummheit, warum hast du ihr das gesagt?«

»Irgend etwas mußte ich ihr doch sagen.«

»Das ist wahr. Hast du ihr die Stiefel aufgeschnürt?«

»Nein, sie wollte es nicht.«

»Wer hat dir ihren Namen gesagt?«

»Der Kutscher. Die Dame ist seit kurzem mit einem älteren Mann verheiratet.«

Ich ging zu Bett, ohne recht zu wissen, was ich von der Plauderhaftigkeit und von der Traurigkeit der Schönen denken sollte. Es wurde mir schwer, zwei so widersprechende Dinge zusammenzureimen. Da ich wußte, daß sie in aller Frühe abreisen wollte, stellte ich mich an mein Fenster, um sie in den Wagen steigen zu sehen. Aber ich zog die Vorhänge so zusammen, daß ich nicht gesehen werden konnte. Frau von *** stieg zuletzt ein; wie wenn sie sehen wollte, ob es regne, nahm sie ihre Atlasmütze ab und erhob den Kopf. Sofort schob ich mit der einen Hand den Vorhang zur Seite, nahm mit der anderen Hand meine Mütze ab, grüßte sie und warf ihr eine Kußhand zu. Sie grüßte mich auf das anmutigste wieder und belohnte mich für meine Kußhand mit dem liebenswürdigsten Lächeln.

Sechzehntes Kapitel


Meine Abreise von Zürich. – Komisches Erlebnis in Baden. – Solothurn. – Herr von Chavigny. – Herr und Frau von ***. – Ich spiele Komödie. – Ich stelle mich krank, um mein Glück zu beschleunigen.

Herr Ott stellte mir seine beiden Söhne vor, junge Leute, die wie Prinzen erzogen waren. In der Schweiz ist ein Gastwirt nicht immer ein Mann ohne Bedeutung. Mancher macht ein so gutes Haus wie anderswo ein Mann der besten Gesellschaft; jedes Land hat seine Sitten. Der Gastwirt führt bei Tisch den Vorsitz und glaubt sich nicht zu erniedrigen, wenn er seine Tafelgäste bezahlen läßt. Er hat recht. Erniedrigend ist nur das Laster. Ein Schweizer Wirt nimmt nur deshalb den ersten Platz bei Tisch ein, um aufzupassen, daß alle gut bedient werden. Wenn er einen Sohn hat, sitzt dieser nicht etwa gleich dem Vater zu Tisch, sondern er wartet auf, die Serviette über dem Arm. In Schaffhausen stand der Sohn meines Wirtes, ein Hauptmann bei der Reichsarmee, hinter meinem Stuhl, um mir die Teller zu wechseln, während sein Vater an der Spitze der Tafel saß.

An jedem anderen Orte würde er sich haben bedienen lassen, aber in seinem Hause glaubte er sich zu ehren, indem er andere bediente, und er hatte recht.

Dies sind nun einmal die Ansichten der Schweizer, worüber einige oberflächliche Köpfe sich lustig machen, aber sehr mit Unrecht. Allerdings verhindert ihre Ehre und viel gerühmte Redlichkeit die Schweizer nicht, die Fremden zu schinden. Sie verstehen dies ebensogut wie die Holländer; aber die Leichtsinnigen, die sich schinden lassen, lernen bald, daß man die Preise vorher vereinbaren muß; dann wird man gut behandelt und zahlt vernünftige Preise. Durch diese Vorsicht schützte ich mich in Basel gegen den berüchtigten Schinder Imhoff, im Gasthof zu den »Drei Königen«.

Herr Ott machte mir ein Kompliment über meine Verkleidung als Kellner und sagte mir, er bedaure, daß er mich nicht meines Amtes habe walten sehen, aber er lobte mich, daß ich den Scherz nicht beim zweiten Abendessen wiederholt hätte. Nachdem er mir für die seinem Hause erwiesene Ehre gedankt hatte, bat er mich, ich möchte ihm nicht die Ehre abschlagen, wenigstens einmal vor meiner Abreise an seinem Tische zu speisen. Ich antwortete ihm, ich würde mit Vergnügen noch an demselben Tage bei ihm speisen; ich tat das und wurde wie ein großer Herr bewirtet.

Wie der Leser sich wohl denken kann, hatte der letzte Blick meiner schönen Amazone nicht das Feuer gelöscht, das ihr erster Anblick in meinem Herzen entzündet hatte. Er hatte im Gegenteil die Flamme stärker angefacht, indem er in mir die Hoffnung erweckte, daß es mir gelingen könnte, sie näher kennen zu lernen. Ich beschloß also nach Solothurn zu gehen, um das Abenteuer zu einem glücklichen Ende zu führen. Ich nahm einen Kreditbrief auf Genf und schrieb an Frau von Urfé, sie möchte mir einen sehr dringlichen Empfehlungsbrief für den französischen Gesandten Herrn de Chavigny schicken. Um sie zur Eile zu bewegen, sagte ich, es wäre für mich im Interesse unseres Ordens sehr notwendig, mit diesem Diplomaten genau bekannt zu werden. Ich bat sie, mir ihre Briefe postlagernd nach Solothurn zu schicken. Ich schrieb auch an den Herzog von Württemberg, der mir niemals geantwortet hat. Er mußte allerdings meinen Brief sehr bitter finden.

In Zürich besuchte ich auch noch ein paar mal die Alte, mit der Giustiniani mich bekannt gemacht hatte; aber obgleich ich allen Anlaß hatte, in bezug auf das Körperliche völlig befriedigt zu sein, unterhielt ich mich doch nur schlecht, da meine Nymphen nur die Schweizer Mundart sprachen, die eine harte Abart der deutschen Sprache ist. Ich habe stets gefunden, daß ohne das Vergnügen der Sprache das Vergnügen der Liebe diesen Namen nicht verdient; ich kann mir keinen dümmeren Genuß vorstellen, als den mit einer Stummen, wäre sie auch sonst schön wie die Göttin von Amathunt.

Kaum von Zürich abgereist, mußte ich in Baden schon Halt machen, um meinen Wagen ausbessern zu lassen, den Herr Ott mir besorgt hatte. Ich hätte gegen elf Uhr weiterreisen können; da ich jedoch erfuhr, daß eine junge polnische Dame, die in Einsiedeln ihre Andacht verrichten wollte, an der Wirtstafel speisen würde, so blieb ich aus Neugier. Aber ich kam nicht auf meine Kosten, denn ich fand an ihr nichts, was eines Opfers würdig gewesen wäre.

Während man gleich nach dem Essen meinen Wagen anspannte, kam die recht hübsche Tochter des Wirtes in den Speisesaal und forderte mich auf, mit ihr einen Walzer zu tanzen. Es war ein Sonntag. Plötzlich trat der Vater ein, und die Tochter lief hinaus.

»Mein Herr,« sagte der Spitzbube von einem Bauern zu mir, »Sie sind verurteilt, einen Louis Buße zu zahlen.«

»Warum?« .

»Weil Sie an einem Feiertage getanzt haben.«

»Gehen Sie zum Kuckuck – ich werde nicht bezahlen.«

»Sie werden bezahlen!« sagte er, und dabei hielt er mir ein großes Plakat vor, das ich nicht lesen konnte.

»Ich lege Berufung ein.«

»An wen, mein Herr?«

»An den Richter des Ortes.«

Er ging hinaus. Eine Viertelstunde darauf meldete man mir, der Richter erwarte mich in einem Nebenzimmer. Ich dachte bei mir selber, in diesem Lande seien doch die Richter sehr höflich; als ich aber das Zimmer betrat, sah ich meinen Spitzbuben mit einer Perücke und einem Mantel ausstaffiert.

»Mein Herr,« sagt das Chamäleon zu mir, »ich bin der Richter.«

»Richter und Partei, wie ich sehe.«

Er schreibt etwas, bestätigt die frühere Verurteilung und verurteilt mich außerdem, sechs Franken für die Kosten zu bezahlen.

»Aber wenn mich Ihre Tochter nicht verführt hätte, würde ich nicht getanzt haben; sie ist ebenso schuldig wie ich.«

»Sehr richtig, mein Herr, hier ist ein Louis für sie.«

Mit diesen Worten zieht er einen Louis aus der Tasche, legt ihn auf seinem Schreibtisch neben sich und sagt zu mir: »Jetzt Ihren Louis.«

Ich fing an zu lachen, bezahlte und verschob meine Abreise bis zum anderen Morgen.

In Luzern besuchte ich auf der Durchreise den apostolischen Nuntius, der mich zum Essen einlud, und in Freiburg die junge und galante Frau des Grafen Affry, bei der ich einige Augenblicke verbrachte. Etwa zehn Meilen vor Solothurn hatte ich einen eigentümlichen Anblick.

Ich hatte in einem Dorf Halt gemacht, um dort zu übernachten. Im Gasthof hatte ich mich des Wundarztes bemächtigt, den ich dort antraf; ich lud ihn zum Abendessen ein und machte mit ihm in Erwartung desselben einen Spaziergang. Die Nacht brach herein, als ich in einer Entfernung von etwa hundert Schritt einen Mann bemerkte, der gewandt an der Mauer eines Hauses emporkletterte und in einem Fenster des ersten Stockes verschwand.

»Sehen Sie, ein Dieb«, sagte ich dem Chirurgen.

Er fing an zu lachen und sagte: »Dieser Brauch muß Ihnen wunderbar erscheinen,; aber er ist in mehreren Gegenden der Schweiz üblich. Der Mann, den Sie eben sahen, ist ein verliebter junger Bauer, der die Nacht bei seiner Zukünftigen verbringen will. Morgen früh verläßt er sie verliebter denn je; denn sie wird ihm sicherlich die letzte Gunstbezeigung nicht gewähren. Wäre sie schwach genug, seinen Begierden nachzugeben, so würde er sie wahrscheinlich nicht heiraten, und dann wäre es schwer für sie, einen anderen Mann zu finden.«

Ich fand in Solothurn auf der Post einen Brief von Frau d’Urfé, und in diesem einen anderen von dem Herzog de Choiseul für den Botschafter Herrn von Chavigny. Er war versiegelt; aber der Name des Ministers, der ihn geschrieben hatte, stand unter der Adresse. Ich nahm einen Lohnwagen, zog ein Hofkleid an und fuhr zum Botschafter. Da Seine Exzellenz nicht zu Hause war, hinterließ ich den Brief und meine Karte. Es war ein Feiertag; ich ging zum Hochamt, und zwar – ich will es gestehen – weniger um dort Gott zu suchen, als in der Hoffnung, meine Amazone zu finden. Ich sah mich jedoch in meiner Erwartung getäuscht.

Nach dem Gottesdienst machte ich einen Spaziergang; hierauf ging ich in meinen Gasthof zurück, wo ich einen Offizier vorfand, der mich im Auftrag des Botschafters zum Essen einlud.

Frau d’Urfé schrieb mir in ihrem Brief, sie wäre eigens nach Versailles gefahren und hätte durch Vermittelung der Frau von Grammont einen Empfehlungsbrief für mich erhalten, wie ich ihn nur wünschen könnte. Dies war mir angenehm, denn ich gedachte, in Solothurn als Mann von Bedeutung aufzutreten. Ich hatte viel Gold und ich wußte, daß man mit diesem glücklichen Metall die blödesten wie die hellsten Augen blendet. Herr von Chavigny war dreißig Jahre vorher Gesandter in Venedig gewesen; ich wußte eine Menge Anekdoten, bei denen er eine Rolle gespielt hatte, und ich war ungeduldig, ihn kennen zu lernen, um zu sehen, wie er mir nützlich werden könnte.

Zur bezeichneten Stunde folgte ich der Einladung und fand alle Leute des Botschafters in der großen Livree; ich erblickte hierin ein günstiges Vorzeichen. Ich wurde angemeldet und bemerkte, daß ein Page, sobald ich erschien, beide Flügel der Tür öffnete. Ein schöner Greis kam mir entgegen, richtete die liebenswürdigsten Worte an mich und stellte mir alle Anwesenden vor, die im Kreise herum standen. Dann stellte er mit einer feinen Wendung eines alten Hofmannes sich so, als ob er sich meines Namens nicht entsinne, zog den Brief des Herzogs von Choiseul aus der Tasche und las laut die Stelle vor, in welcher der Minister ihm ans Herz legte, mich mit der größten Auszeichnung zu empfangen. Er wies mir einen Lehnsessel zu seiner Rechten an und richtete mehrere Fragen an mich, auf die ich zu antworten hatte, daß ich nur zu meinem Vergnügen reise und daß die schweizerische Nation in mehreren Beziehungen allen anderen vorzuziehen sei.

Das Essen wurde aufgetragen, und Seine Exzellenz wies mir den Ehrenplatz zu seiner Rechten an. Wir waren sechzehn bei Tisch, und hinter jedem Gast stand ein langer Lakai in der Livree des Gesandten. Im Lauf des Gesprächs ergriff ich eine passende Gelegenheit, ihm zu sagen, daß man in Venedig noch mit der wärmsten Liebe von ihm spreche.

Er antwortete mir hierauf: »Ich werde mich stets der Freundlichkeiten erinnern, die man mir während meines ganzen Aufenthaltes in der schönen Stadt erzeigt hat; aber nennen Sie mir doch bitte die Personen, die noch von mir sprechen; sie müssen sehr alt sein.«

Auf diese Frage hatte ich nur gewartet. Ich kannte durch Herrn von Malipiero Geschichten, die sich während der Regentschaft zugetragen und ihm großen Kummer gemacht hatten, und Herr von Bragadino hatte mir von seiner Liebschaft mit der berühmten Stringhetta erzählt.

Seine Exzellenz hatte einen ausgezeichneten Koch; aber über dem Vergnügen, ihn zu unterhalten, vergaß ich das Essen. Ich wußte alles, was ich ihm erzählte, so fein zu würzen, daß das Vergnügen, das ich ihm dadurch verschaffte, auf seinem Gesicht geschrieben stand. Als wir von Tische aufgestanden waren, schüttelte er mir die Hand und sagte mir, er habe noch nie so angenehm gespeist, solange er in Solothurn sei. »Meine venetianischen Galanterien«, setzte der liebenswürdige Greis hinzu, »haben mich verjüngt, indem sie mich an recht süße Augenblicke erinnern.« Er umarmte mich und bat mich, während meines ganzen Aufenthaltes in Solothurn mich als einen Angehörigen seiner Familie zu betrachten.

Nach dem Essen sprach er viel von Venedig, pries die dortige Regierung und sagte schließlich, in keiner Stadt der Welt könne man besser essen, vorausgesetzt, daß man sich gutes Öl und ausländische Weine zu verschaffen wisse. Gegen fünf Uhr lud er mich ein, mit ihm eine Spazierfahrt in einem Vis-à-vis zu machen. Er stieg zuerst ein, und nötigte mich dadurch den Rücksitz einzunehmen.

Wir stiegen bei einem hübschen Landhause ab, wo man uns mit Gefrorenem bewirtete. Auf der Rückfahrt sagte er mir, er habe jeden Abend zahlreiche Gesellschaft, und sofern es nur angenehm sei, hoffe er, ich werde ihm die Ehre erweisen, daran teilzunehmen; er werde sein Möglichstes tun, damit ich mich nicht langweile. Ungeduldig erwartete ich den Abend, denn es schien nur unmöglich zu sein, daß meine schöne Amazone nicht ebenfalls käme. Dies war jedoch eine vergebliche Hoffnung; ich sah allerdings mehrere Damen kommen, davon waren aber die meisten häßlich und alt, nur wenige leidlich und nicht eine einzige hübsch.

Die Spielpartien wurden verteilt, und ich fand mich an einem Tische mit einer jungen Blonden und mit einer ziemlich alten, aber geistvollen Häßlichen. Ich langweilte mich beim Spiel und verlor fünf- oder sechshundert Marken, ohne den Mund zu öffnen. Nachdem abgerechnet worden war, sagte die Häßliche zu mir, ich sei drei Louis schuldig.

»Drei Louis, Madame?«

»Jawohl, mein Herr; die Marke gilt zwei Sous, Sie haben vielleicht geglaubt, wir spielten um Heller?«

»Im Gegenteil, gnädige Frau; ich habe geglaubt, es ginge um Franken, denn ich spiele niemals niedriger.«

Sie antwortete auf diese Prahlerei nichts, schien aber beleidigt zu sein. Als ich nach der langweiligen Spielpartie mich wieder im Saale befand, musterte ich mit einem prüfenden Blick alle Damen, fand jedoch die Gesuchte nicht. Ich wollte mich gerade entfernen, als ich zwei Damen bemerkte, die mich aufmerksam betrachteten. Ich erkannte sie auf den ersten Blick; es waren zwei von den Begleiterinnen meiner schönen Amazone, die ich in Zürich zu bedienen die Ehre gehabt hatte. Ich drückte mich, indem ich so tat, wie wenn ich sie nicht erkannt hätte.

Am nächsten Tage kündigte ein Offizier des Botschafters mir den Besuch seiner Exzellenz an. Ich sagte ihm, ich würde nicht ausgehen, bevor ich die Ehre gehabt hätte, ihn zu empfangen, und ich beschloß auf der Stelle, mich bei ihm nach dem zu erkundigen, was mir so sehr am Herzen lag. Wie man sehen wird, ersparte er mir die Mühe.

Ich empfing Herrn von Chavigny aufs allerbeste; nachdem wir vom Regen und guten Wetter gesprochen hatten, sagte er lächelnd, er habe mir etwas furchtbar Dummes zu sagen, bitte mich aber überzeugt zu sein, daß er selber kein Wort davon glaube.

»Ich höre, gnädiger Herr.«

»Zwei Damen, die Sie gestern Abend bei mir gesehen haben, ließen sich nach Ihrem Fortgehen in mein Kabinett führen, um mir zu sagen, ich möchte auf meiner Hut sein, denn Sie wären der Kellner des Gasthofes, wo sie in Zürich gewohnt hätten. Sie behaupteten, Sie hätten sie am Abend ihrer Durchreise bei Tisch bedient. Sie hätten gestern den anderen Kellner jenseits der Aare getroffen; wahrscheinlich wären Sie beide aus irgendeinem Grunde zusammen durchgebrannt. Sie hätten sich sofort gedrückt, nachdem Sie sie bemerkt hätten. Ich habe ihnen geantwortet: selbst wenn Sie mir nicht einen Brief vom Herrn Herzog von Choiseul überbracht hätten, wäre ich sicher, daß sie sich irrten; Sie würden heute mit ihnen speisen, wenn sie mir die Ehre erweisen wollten, meine Einladung anzunehmen. Ferner habe ich ihnen gesagt, Sie hätten sich möglicherweise als Kellner verkleidet, in der Hoffnung, mit einer von ihnen ein Liebesabenteuer zu haben; aber sie haben mir geantwortet: diese Annahme wäre lächerlich, Sie wären weiter nichts als ein Kellner, der sehr geschickt einen Kapaun zu zerlegen und sehr schnell die Teller zu wechseln verstände, und wenn ich es ihnen erlaubte, so würden sie Ihnen in meiner Gegenwart ein Kompliment darüber machen. ›Tun Sie das, meine Damen‹, habe ich ihnen gesagt, ›er und ich werden darüber lachen.‹ Und jetzt – wenn an der ganzen Geschichte etwas Wahres ist, so sagen Sie es mir bitte ohne Rückhalt.«

»Gewiß, ohne Rückhalt – aber mit Diskretion; denn diese Posse könnte eine Dame bloßstellen, die mir teuer ist, und ich wollte lieber sterben, als ihr den geringsten Schaden zufügen.«

»Es ist also wahr; dies interessiert mich sehr.«

»Wahr, gnädiger Herr, bis zu einem gewissen Punkt, denn ich hoffe, Sie werden mich nicht für den Kellner vom Gasthof zum ›Schwert‹ halten.«

»Nein, gewiß nicht; aber Sie haben die Rolle eines solchen gespielt.«

»Ganz recht. Haben die Damen Ihnen gesagt, daß sie zu vieren waren?«

»Ich weiß! die schöne Frau von *** war dabei. Dies erklärt mir das Rätsel. Ich weiß alles, aber Sie haben recht: Verschwiegenheit ist notwendig; denn sie genießt eines makellosen Rufes.«

»Das wußte ich nicht. Die Sache an sich ist ganz unschuldig; aber man könnte eine anstößige Geschichte daraus herausspinnen, die der Ehre der Dame, die mich durch ihre Schönheit geblendet hat, schädlich sein würde.«

Ich erzählte ihm nun ganz ausführlich alles Vorgefallene und sagte: »Ich bin in der Hoffnung, der Schönen den Hof machen zu können, nach Solothurn gekommen. Wenn dies nicht möglich ist, werde ich in drei bis vier Tagen wieder abreisen; zuvor jedoch werde ich die häßlichen Plaudertaschen lächerlich machen, denn sie hätten doch soviel Geist haben müssen, um sich zu sagen, daß der Kellner nur eine Maske war. Wenn sie sich stellen, als ob sie dies nicht wüßten, so können sie dies nur in der Hoffnung tun, mich aufzumuntern und ihrer schönen Begleiterin zu schaden, die sehr übel daran getan hat, jene ins Geheimnis zu ziehen!«

»Sachte, sachte, stürmische Jugend! Sie erinnern mich an meine schönen Tage. Lassen Sie sich umarmen, denn Ihre Geschichte macht mir ein unendliches Vergnügen. Sie werden nicht abreisen, mein lieber Freund, und Sie werden Ihrer schönen Amazone den Hof machen. Lassen Sie mich lachen! Auch ich bin jung gewesen und habe mehr als einmal um schöner Augen willen mich verkleidet. Sie werden heute bei Tisch die beiden boshaften Geschöpfe verspotten, aber nur in scherzhafter Weise. Die Geschichte ist so einfach, daß Herr *** zuerst darüber lachen wird. Es kann seiner Gemahlin nicht unbekannt sein, daß Sie sie lieben, und ich kenne die Frauen gut genug, um zu wissen, daß Ihre Verkleidung ihr nicht mißfallen haben wird. Sie weiß, daß Sie sie lieben?«

»Ohne Zweifel.«

Er ging lachend fort und umarmte mich an seinem Wagen zum dritten Male.

Ich konnte nicht daran zweifeln, daß meine Zauberin ihren drei Freundinnen auf der Rückfahrt von Einsiedeln nach Zürich alles erzählt hatte; ich fand daher die Anzeige der beiden Häßlichen an den Gesandten boshaft. Aber ich begriff, daß es im Interesse meines Selbstgefühls lag, ihre Bosheit als einen feinen Scherz auszulegen.

Um halb Zwei trat ich beim Botschafter ein; nachdem ich ihm meine Reverenz gemacht hatte, grüßte ich die Gesellschaft und bemerkte meine beiden Damen. Sofort trat ich mit vornehm-leichtem Anstand auf die zu, die mir am boshaftesten aussah, weil sie lahm war, und fragte sie, ob sie mich wiedererkenne.

»Sie geben also zu, daß Sie der Kellner vom ›Schwert‹ sind?«

»Nicht ganz, meine Gnädige; aber ich gebe zu, daß ich es für eine Stunde war, und daß Sie mich dafür bestraft haben, indem Sie mir nicht ein einziges Wörtchen gönnten, obwohl ich die Rolle nur spielte, um das Glück zu haben, Sie zu sehen. Aber ich hoffe, hier ein bißchen mehr Glück zu haben, und hoffe, daß Sie mir gestatten werden, Ihnen meine Huldigungen darzubringen.«

»Das ist erstaunlich! Sie haben Ihre Rolle so gut gespielt, daß der Klügste sich hätte täuschen lassen. Wir werden sehen, ob Sie ebenso geschickt Ihre jetzige Rolle spielen werden. Wenn Sie mir die Ehre erweisen wollen, sich bei mir einzufinden, sollen Sie gut aufgenommen werden.«

Nach diesem Austausch von Komplimenten wurde die Geschichte allgemein bekannt, und die Gesellschaft war in voller Heiterkeit darüber, als ich das Glück hatte, Herrn und Frau *** eintreten zu sehen.

»Da ist ja der nette Kellner von Zürich!« sagte sie zu ihrem Gatten. Der brave Mann trat auf mich zu und dankte mir freundlich, daß ich seiner Frau die Ehre erwiesen hätte, ihr die Stiefel anzuziehen.

Ich ersah aus diesem Kompliment, daß sie ihm alles gesagt hatte, und dies war mir äußerst angenehm.

Wir gingen zu Tisch; Herr von Chavigny ließ die Schöne zu seiner Rechten sitzen, und ich fand zwischen meinen beiden Verleumderinnen Platz. Da ich meine Karten verdeckt halten mußte, so sagte ich ihnen Artigkeiten, obwohl sie mir im höchsten Maße mißfielen, und sah Frau ***, die in ihrem neuen Kleide entzückend war, kaum ein einziges Mal an. Der Mann kam mir nicht eifersüchtig vor und sah auch nicht so alt aus, wie ich mir ihn vorgestellt hatte. Der Botschafter lud ihn ein, mit seiner Frau zum Abend dazubleiben und einen improvisierten Ball mitzumachen. Hierauf sagte er: damit er dem Herzog von Choiseul berichten könnte, daß ich mich in Solothurn amüsiert hätte, würde er sich sehr freuen, wenn Theater gespielt würde und wenn Frau von *** einwilligte, noch einmal die schöne Schottin zu spielen. Sie antwortete, sie würde es gerne tun, aber es fehlten zwei Schauspieler.

»Nun,« sagte der freundliche alte Herr, »so werde ich die Rolle des Lord Montrose übernehmen.«

»Und ich«, rief ich, »werde den Murray spielen!«

Meine Lahme ärgerte sich über diese Rollenverteilung, weil auf diese Weise nur die häßliche Rolle der Lady Alton übrig blieb. Sie konnte sich nicht enthalten, mir einen Hieb zu versetzen, und sagte: »Warum ist denn nur nicht in dem Stück eine Kellnerrolle! Die spielen Sie so gut!«

»Ihre Bemerkung ist trefflich; aber ich tröste mich mit dem Gedanken, daß Sie mich lehren werden, den Murray besser zu spielen.«

Am nächsten Morgen empfing ich meine kleine Rolle, und der Herr Botschafter machte bekannt, daß der Ball mir zu Ehren stattfinden würde. Nach dem Essen kehrte ich in meinen Gasthof zurück, machte eine elegante Toilette und erschien dann wieder in der glänzenden Gesellschaft.

Der Gesandte bat mich, den Ball zu eröffnen, und stellte mich der vornehmsten Dame der Stadt vor, die sich jedoch mehr durch ihre Geburt als durch ihre Schönheit auszeichnete. Hierauf tanzte ich mit allen Damen, ohne Unterschied, bis der dienstbereite alte Herr mich für die Kontertänze dem Gegenstand meiner Wünsche verpflichtete. Er machte dies auf eine so natürliche Art, daß niemand etwas dagegen einwenden konnte: »Lord Murray«, sagte er, »darf nur mit Lindane tanzen.«

In der ersten Ruhepause ergriff ich die Gelegenheit, ihr zu sagen, ich sei nur ihretwegen nach Solothurn gekommen, und ich hoffe, sie werde mir das Glück bewilligen, ihr den Hof machen zu dürfen. Sie antwortete mir: »Ich habe Gründe, die mich verhindern, Sie bei mir zu empfangen; aber es wird uns nicht an Gelegenheiten fehlen, uns zu sehen, wenn Sie einige Zeit hier bleiben. Ich bitte Sie jedoch, bezeigen Sie mir um Gottes willen keine besondere Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit, denn man wird unfehlbar um uns herumspionieren, und ich muß das Gerede der Leute vermeiden.«

Von diesen Worten vollkommen befriedigt, versprach ich ihr, alles zu tun, was ihr angenehm sein könnte, und die neugierigsten Augen auf eine falsche Spur zu bringen. Ich begriff, daß das Geheimnisvolle das Glück, das ich mir in der Ferne winken sah, noch erhöhen mußte.

Da ich mich für einen Neuling in der Kunst des Roscius ausgegeben hatte, so bat ich die Hinkende, mich unterrichten zu wollen. Ich ging also am Vormittag zu ihr; aber sie argwöhnte gleich, daß sie nur als Reflexspiegel diente; denn bei ihr hatte ich Gelegenheit, meiner schönen Amazone den Hof zu machen; und so eitel sie auch sein mochte, so war sie doch zu klug, als daß sie nicht ein wenig die Wahrheit hätte ahnen sollen.

Die Frau war Witwe, dreißig bis vierzig Jahre alt; sie hatte eine gelbliche Haut, ein feuriges schwarzes Auge, einen stechenden Blick und eine boshafte Miene. Da sie die ungleiche Länge ihrer Beine verbergen wollte, hatte sie ein geschraubtes Aussehen, und eine dumme Geistreichelei machte sie schwatzhaft und dadurch sehr langweilig. Als ich fortfuhr, ihr in sehr ehrerbietiger Weise den Hof zu machen, sagte sie mir eines Tages: nachdem sie mich als Kellner verkleidet gesehen, hätte sie mich niemals für so schüchtern gehalten.

»Inwiefern, meine Gnädigste, halten Sie mich für schüchtern?« fragte ich.

Ich konnte leicht erraten, was sie meinte; aber sie antwortete mir nicht. Meine Rolle war mir lästig, und ich beschloß offen mit ihr zu brechen, sobald wir die Schottin gespielt hätten.

Unsere erste Vorstellung wurde von der ganzen guten Gesellschaft Solothurns besucht. Die Hinkende war entzückt, in ihrer Rolle Abscheu zu erregen; denn sie bildete sich ein, daß die von ihr hervorgebrachte Wirkung mit ihrer Person an sich nichts zu tun hätte. Herr von Chavigny riß die Zuschauer zu Tränen hin; man sagte, er habe besser gespielt als der große Voltaire selber. Ich selber war – dessen erinnere ich mich noch – einer Ohnmacht nahe, als in der dritten Szene des fünften Aktes Lindane mir sagte:

»Wie? Sie? Sie wagen mich zu lieben?«

Sie sprach diese Worte in einem Tone so starker und echter Verachtung, so völlig im Geiste ihrer Rolle, daß alle Zuschauer in einen donnernden Applaus ausbrachen. Ich war darüber betroffen und beinahe aus der Fassung gebracht; denn ich glaubte aus ihren Worten eine Absicht herauszuhören, die mich in meiner Ehre kränkte. Aber der lärmende Beifall der Zuschauer gab mir eine Minute Zeit, mich zu erholen, und ich antwortete, indem ich dem Geiste meiner Rolle gewissermaßen Gewalt antat:

«Ja! Ich bete Sie an, und ich muß es!«

Ich legte so viel Zärtlichkeit und Leidenschaft in diesen Ausruf, daß der Saal von Beifall und Bravorufen widerhallte. Das bis! bis! von vierhundert Personen zwang mich die Worte zu wiederholen, die mir aus tiefstem Herzen kamen.

Trotz dem Beifall, den die Zuschauer uns gespendet hatten, fanden wir beim Souper, daß wir unsere Rollen nicht gut wüßten, und Herr von Chavigny bat uns, unsere zweite Aufführung auf den übernächsten Tag zu verschieben. »Wir werden«, sagte er, »morgen eine Probe in meinem Landhause abhalten, wohin ich Sie alle zum Essen einlade.«

Trotz unserer Selbsterkenntnis überhäuften wir uns aber doch mit Schauspielerkomplimenten. Die Hinkende sagte mir, ich hätte gut gespielt, aber lange nicht so gut, wie in meiner Kellnerrolle, die ich ausgezeichnet gespielt hätte. Dieser Hieb brachte die Lacher auf ihre Seite, aber das Blättchen wandte sich, als ich ihr sagte, ich hätte es nur mit Anstrengung zu dieser Vollkommenheit gebracht, während sie, um als Lady Alton zu glänzen, nur ihrer Natur hätte folgen können. Herr von Chavigny sagte zur Frau von ***, die Zuschauer hätten unrecht gehabt, an jener Stelle Beifall zu klatschen, wo sie sich über meine Liebe wunderte; denn sie hätte jene Worte in einem Tone der Verachtung ausgesprochen; es wäre jedoch unmöglich, daß Lindane für Murray keine Achtung empfinde.

Der Botschafter holte mich am nächsten Tage mit seinem Wagen ab, und als wir in seinem Landhause ankamen, fanden wir dort alle Mitspielenden vor. Er wandte sich zuerst an Herrn von *** und sagte ihm, er glaubte sein Anliegen erfüllt zu haben und würde nach dem Essen mit ihm darüber sprechen.

Wir gingen zu Tisch und hielten darauf Probe ab, ohne eines Souffleurs zu bedürfen.

Gegen Abend sagte der Botschafter der ganzen Gesellschaft, er erwarte uns zum Souper in Solothurn; alle gingen fort, außer uns beiden und Herrn und Frau von ***. Im Augenblick des Aufbruchs, der sich in wenigen Minuten vollzog, wurde ich auf sehr angenehme Weise überrascht: »Mein Herr,« sagte der Gesandte zu Herrn von ***, »kommen Sie mit in meinen Wagen; wir können da ungestört miteinander sprechen. Herr Casanova wird die Ehre haben, der gnädigen Frau in ihrem Wagen Gesellschaft zu leisten.«

Ich reichte der schönen Frau ehrerbietig meine Hand, und sie ergriff sie mit der Miene vollkommenster Gleichgültigkeit; aber als sie auf das Trittbrett stieg, drückte sie meine Hand mit aller Kraft. Mein Leser kann sich denken, welches Feuer bei diesem Druck meine Adern durchströmte.

So saßen wir denn nebeneinander, die Knie zärtlich gegeneinander gepreßt. Eine halbe Stunde flog wie eine Minute dahin, aber wir verloren sie nicht mit nichtigen Komplimenten: Mund auf Mund gepreßt, blieben wir bis zehn Schritte vom Gasthof, der nach unserem Wunsche am liebsten zehn Meilen hätte entfernt sein müssen. Die Schöne stieg vor mir aus, und ich erschrak über die Glut, die ihr ganzes Gesicht bedeckte. Diese Röte war unnatürlich; sie mußte uns verraten, und dann mußte unsere Quelle des Glücks versiegen. Der forschende Blick der neidischen Alten würde sich nicht getäuscht haben; diese Entdeckung wäre für sie nicht eine Demütigung, sondern ein Triumph gewesen. Ich war außer mir.

Die Liebe und das Glück, die mir im Laufe meines Lebens so oft hold gewesen sind, befreiten mich aus dieser schmerzlichen Verlegenheit. Ich hatte in meiner Tasche eine kleine Dose mit Nieswurz; ohne mir etwas Besonderes dabei zu denken, öffnete ich diese und bat Frau von *** eine kleine Prise zu nehmen; sie tat es, und ich folgte ihrem Beispiel; aber die Dosis war zu stark; sie wirkte bereits, als wir noch auf der Treppe waren, und wir niesten eine volle Viertelstunde hindurch. Man mußte die Röte ihres Gesichtes diesem Niesen zuschreiben; zum mindesten konnte kein Mensch laut einen Argwohn aussprechen. Als der Anfall vorüber war, sagte die ebenso schöne wie kluge Frau, ihr Kopfweh sei vergangen, aber ein anderes Mal werde sie sich hüten, eine so starke Dosis von dem Heilmittel zu nehmen. Ich schielte aus dem Augenwinkel zu der boshaften Hinkenden hinüber; sie sagte nichts, schien aber sehr nachdenklich zu sein.

Nachdem ich dieses Pröbchen von Liebesseligkeit erhalten hatte, entschloß ich mich, in Solothurn so lange zu verweilen, als nötig wäre, um vollkommen glücklich zu werden, und zu diesem Zwecke beschloß ich, auf der Stelle ein Landhaus zu mieten. Ich denke, mein Leser würde schnell einen gleichen Entschluß gefaßt haben, wenn er sich in meiner Lage befunden hätte. Ich war reich, jung, unabhängig, feurig, und hatte nichts anderes zu tun, als mir Genuß zu verschaffen. Ich hatte eine vollkommene Schönheit vor mir, war leidenschaftlich in sie verliebt und war sicher, daß sie meine Liebe teilte; ich hatte Geld und war mein eigener Herr. Ich fand diesen Plan viel vernünftiger als den Eintritt in ein Kloster, und über das Gerede der Leute war ich erhaben. Sobald der Botschafter sich zurückgezogen hatte – was er wegen seines hohen Alters stets ziemlich früh tat – ließ ich die übrige Gesellschaft bei Tische sitzen und suchte ihn in seinem Zimmer auf. Ich konnte rechtlicherweise diesem Ehrenmann nicht ein Vertrauen vorenthalten, das er so sehr verdiente.

Sobald er mich erblickte, sagte er: »Nun? haben Sie sich das Alleinsein mit Ihrer Schönen, das ich Ihnen verschafft habe, gut zunutze gemacht?«

Ich umarmte ihn und antwortete ihm dann: »Ich darf alles hoffen!«

Als ich die Geschichte von der Nieswurz erzählte, machte er mir unendliche Komplimente; »denn,« sagte er, »ihre ungewöhnliche Röte hätte auf einen Kampf schließen lassen, und dies hätte Ihren Absichten nicht förderlich sein können.«

Nachdem ich ihm alles anvertraut hatte, teilte ich ihm meinen Plan mit. »Ich darf nichts übers Knie brechen,« sagte ich ihm, »denn ich muß die Ehre der Dame schonen und darf die Erfüllung meiner Wünsche nur von der Zeit erwarten. Ich brauche ein hübsches Landhaus, einen schönen Wagen, zwei Lakaien und eine Haushälterin. Hinsichtlich alles dessen empfehle ich mich Eurer Exzellenz, Sie sind meine Zuflucht und mein Schutzengel.«

»Schon morgen werde ich mich unverzüglich mit Ihrer Angelegenheit befassen, und ich denke wohl, es wird mir gelingen. Ihnen nützlich zu sein, und Sie werden in Solothurn vollkommen befriedigt werden.«

Am folgenden Tage ging die Vorstellung ganz ausgezeichnet, und am Tage darauf sagte der Botschafter zu mir: »Ich sehe, lieber Freund, daß Sie hier nur glücklich werden können, indem Sie Ihre Wünsche befriedigen, ohne dem guten Rufe der Dame zu schaden. Ich glaube sogar, die Art Ihrer Liebe zu jener reizenden Frau genügend erkannt zu haben, um überzeugt zu sein, daß Sie Solothurn unverzüglich verlassen werden, wenn sie Ihnen sagt, daß es um ihrer Ruhe willen notwendig sei. Sie sehen, ich habe Sie durchschaut, und hoffe daher in dieser Angelegenheit, die wichtiger und zarter ist als die meisten diplomatischen Angelegenheiten, von denen man soviel Wesens macht, Ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen zu können.«

»Eure Exzellenz scheinen auf eine Laufbahn, die Sie mit so hoher Auszeichnung durchmessen haben, keinen großen Wert zu legen.«

»Ich bin alt, mein lieber Freund; ich habe den Rost und Staub der Vorurteile von mir abgeschüttelt, sehe die Dinge, wie sie sind, und schätze sie nach ihrem richtigen Werte ein. Doch kommen wir wieder zu Ihrer Liebe. Wenn Sie undurchdringlich sein wollen, müssen Sie jeden Schritt vermeiden, der in den Augen solcher Leute, die nicht an gleichgültige Handlungen glauben, den geringsten Verdacht erwecken könnte. Das kurze Beisammensein, das ich Ihnen vorgestern verschaffte, kann selbst dem Böswilligsten nur als die Frucht eines einfachen Zufalls erscheinen, und der Zwischenfall mit der Nieswurz macht die Auslegungen der scharfsinnigsten Bosheit zuschanden; denn ein Liebhaber, der das Glück beim Schopf packen will, beginnt nicht damit, daß er die Heißgeliebte in Krämpfe versetzt. Man wird nicht erraten, daß Ihre Nieswurz nur dazu diente, eine durch Liebkosungen hervorgebrachte Röte zu verdecken; denn es kommt nicht oft vor, daß ein Liebeskampf, womit beide Teile einverstanden sind, Spuren dieser Art hinterläßt. Wie sollte man übrigens annehmen, daß Sie diese Gesichtsröte vorausgesehen und darum das Mittel dagegen gleich mitgenommen hätten! Das Vorgefallene genügt also nicht, um Ihr Geheimnis zu enthüllen. Herr von *** ist allerdings nicht ohne Eifersucht, obgleich er sich den Anschein geben möchte, als ob er nicht eifersüchtig sei, – aber er selber kann in meiner Einladung, mit mir allein nach Solothurn zurückzufahren, nur etwas sehr Natürliches finden; denn ich hatte mit ihm über eine sehr wichtige Angelegenheit zu sprechen, und er kann nicht annehmen, daß ich Ihre Liebschaft mit seiner Frau begünstigen wolle. Außerdem hätten unter allen Umständen die Gesetze der Höflichkeiten mir geboten, der gnädigen Frau den Platz anzubieten, den er in meinem Vis-à-vis eingenommen hat; und da er sich auf seine Höflichkeit viel zugute tut, so hätte er nichts dagegen einwenden können, daß seine Frau mein Anerbieten annähme. Auf jeden Fall wäre er also von ihr getrennt worden. Allerdings bin ich alt, und Sie sind jung, und das ist ja in den Augen eines Ehemannes nicht ohne Bedeutung.«

»Nach dieser Einleitung,« fuhr der liebenswürdige Botschafter lachend fort, »einer Einleitung, die ich im Stil eines Staatssekretärs gehalten habe, kommen wir zum Schluß: Zwei Dinge sind notwendig, um Ihnen den Weg zum Glück zu bahnen. Die erste und wichtigste Vorbedingung ist die, daß Sie Herrn von *** zwingen, Ihr Freund zu werden, ohne daß er argwöhnen kann, daß Sie Absichten auf seine Frau haben; hierbei werde ich Ihnen nach besten Kräften behilflich sein. Die zweite Vorbedingung muß die Dame erfüllen: sie darf nichts tun, was zu Bemerkungen Anlaß geben könnte, ohne daß der Grund allgemein bekannt ist. Also mein Herr, Sie stehen nun unter meiner Vormundschaft und werden nicht eher ein Landhaus mieten, als bis wir einen wahrscheinlich aussehenden Vorwand ausfindig gemacht haben, der geeignet ist, allein diesen neugierigen Leuten Sand in die Argusaugen zu streuen. Aber trösten Sie sich, dieser Vorwand ist bereits gefunden: Sie müssen sich krank stellen; aber Ihre Krankheit muß derart sein, daß Ihr Arzt genötigt ist, Ihnen auf Ihr Wort zu glauben. Zum Glück kenne ich einen Doktor, dessen Leidenschaft es ist, gegen alle Krankheiten Landluft zu verordnen. Dieser Arzt, der nicht mehr versteht als seine gelehrten Kollegen, die auch alle nur auf gut Glück darauf los doktern, und der seine Patienten heilt oder ins Grab bringt, wie nur der geschickteste Professor, wird dieser Tage zu mir kommen, um mir den Puls zu fühlen. Sie werden ihn um eine Konsultation bitten, und für ein paar Louis wird er Ihnen ein schönes Rezept verschreiben, worin ohne Zweifel die Landluft die erste Stelle einnimmt. Er wird hierauf der ganzen Stadt sagen, Ihr Fall sei ernst, aber er bürge für Ihre Heilung.«

»Wie heißt er?«

»Es ist der Herr Doktor Herrenschwand.«

»Wie kommt denn der hierher? Ich habe ihn in Paris bei der Gräfin du Rumain gekannt.«

»Das ist ein anderer; dieser ist der Bruder. Suchen Sie eine Modekrankheit, die Ihnen in der öffentlichen Meinung nicht schaden kann. Das Haus wird dann leicht gefunden sein, und ich werde Ihnen einen ausgezeichneten Koch geben, um Ihnen Ihre Krankensüppchen zu machen.«

Die Wahl der Krankheit war nicht leicht; ich mußte ernstlich darüber nachdenken. An demselben Abend fand ich Gelegenheit, meinen Plan der Frau von *** mitzuteilen, die ihn billigte. Ich bat sie, darüber nachzudenken, wie sie mir schreiben könnte, und sie versprach mir dies. »Mein Mann«, sagte sie, »hat die beste Meinung von Ihnen; er hat durchaus nichts Böses daran gefunden, daß wir in seinem Wagen gefahren sind. Aber sagen Sie mir nun: geschah es zufällig oder aus Absicht, daß Herr von Chavigny meinen Mann zurückhielt, und daß wir miteinander allein waren?«

»Es war Absicht, liebes Herz.«

Sie schlug ihre schönen Augen zum Himmel auf und biß sich auf die Lippen.

»Sind Sie darüber böse?«

»O nein!«

Drei oder vier Tage darauf, als wir die Schottin wieder aufführen sollten, war der Arzt beim Gesandten zum Essen und blieb den Abend über, um die Vorstellung zu sehen. Beim Nachtisch machte er mir ein Kompliment über meine gute Gesundheit. Ich ergriff die günstige Gelegenheit und sagte ihm, der Schein wäre trügerisch, und ich bäte ihn, mir für den folgenden Tag eine Stunde zu bestimmen. Er war ohne Zweifel sehr erfreut, sich getäuscht zu haben, und antwortete mir, er stehe zu meinem Befehl. Er fand sich pünktlich ein; ich sagte ihm alles, was mir gerade einfiel, und unter anderem auch, daß ich in meinen Träumen an gewissen Aufregungen litte, die mich außerordentlich schwächten und mir große Lendenschmerzen verursachten.

»Das kenne ich, mein Herr! Das ist eine böse Krankheit, aber ich werde sie durch zwei Mittel heilen. Das erste, das Ihnen vielleicht nicht gefallen wird, besteht darin, daß Sie sechs Wochen auf dem Lande verbringen, wo Sie nicht der Gefahr ausgesetzt sind, Gegenstände zu sehen, die in Ihrem Gehirn einen gewissen Eindruck hervorbringen. Dieser Eindruck wirkt nämlich auf das siebente Nervenpaar und verursacht dadurch einen Erguß, der wahrscheinlich bei Ihrem Erwachen ein Gefühl tiefer Traurigkeit hinterläßt.«

»Jawohl, Herr Doktor, das ist genau das Gefühl, das ich empfinde.«

»Ich wußte es wohl! Das zweite Mittel besteht in sehr angenehmen kalten Bädern.«

»Sind diese weit von hier?«

»Sie können sie überall nehmen, wo Sie wünschen; ich schreibe Ihnen das Rezept, und alles übrige besorgt der Apotheker.«

Ich dankte ihm, und nachdem er einen doppelten Louisdor erhalten hatte, den ich ihm geschickt in die Hand drückte, entfernte er sich mit der Versicherung, ich würde mich sehr bald von der guten Wirkung seiner Heilmittel überzeugen. Am Abend wußte die ganze Stadt, daß ich krank sei und einige Zeit auf dem Lande verbringen müsse. Herr von Chavigny zog mich beim Essen damit auf und sagte lachend zum Doktor, er müsse mir weibliche Besuche verbieten. Die Hinkende überbot dies noch, indem sie hinzufügte, er müsse mir vor allen Dingen die Betrachtung gewisser Bilder verbieten, von denen ich einen ganzen Kasten voll hätte. Ich lachte und gab allen recht; zuletzt empfahl ich mich Herrn von Chavigny und bat ihn, mir ein hübsches Haus und einen guten Koch zu verschaffen, da ich nicht gerne allein äße.

Da ich eine mir lästige Rolle nicht weiterspielen mochte, so ging ich nicht mehr zu der Hinkenden; bald darauf aber warf sie mir meine Unbeständigkeit vor und sagte mir, ich hätte mich über sie lustig gemacht.

»Ich weiß alles,« sagte das boshafte Frauenzimmer zu mir, »und ich werde mich rächen.«

»Sie können keinen Grund haben, sich zu rächen; denn ich habe Sie niemals beleidigt; sollten Sie jedoch die Absicht haben, mich ermorden zu lassen, so werde ich eine Wache verlangen.«

»Man mordet hier nicht,« versetzte sie in verbissenem Tone; »ich bin keine Italienerin.«

Ich war froh, das häßliche Weib los zu sein, und Frau von *** allein nahm alle meine Gedanken ein. Herr von Chavigny, der allem Anschein nach glücklich war, mir dienen zu können, redete ihrem Gatten ein, ich wäre der einzige, der den Herzog von Choiseul als Generaloberst der Schweizertruppen veranlassen könnte, seinen bei der Garde dienenden Vetter zu begnadigen; dieser hatte das Unglück gehabt, in einem Zweikampf einen Gegner zu töten. »Dies« sagte der liebenswürdige Greis zu mir, »ist das sicherste Mittel, die Freundschaft und das Vertrauen Ihres Nebenbuhlers zu gewinnen. Können Sie diese Sache auf sich nehmen?«

»Es ist nicht sicher, daß sie mir gelingt.«

»Ich bin vielleicht zu weit gegangen, aber ich habe ihm gesagt, Sie könnten durch Vermittlung der Herzogin von Grammont beim Minister alles erreichen.«

»Ich darf sie natürlich nicht Lügen strafen und werde mich gerne bemühen.«

Infolgedessen teilte Herr von *** mir in Gegenwart des Gesandten den Sachverhalt mit und überbrachte mir später alle Schriftstücke, die sich auf die übrigens sehr einfache Angelegenheit seines Neffen bezogen.

Ich verbrachte die ganze Nacht damit, an die Herzogin von Grammont zu schreiben. Ich legte in meinen Brief alles Pathos, wodurch ich ihr Herz und dann das ihres Vaters rühren zu können glaubte. Hierauf schrieb ich auch an meine gute Frau von Urfé und sagte ihr, das Glück des hohen Ordens der Rosenkreuzer hänge davon ab, daß der König den Schweizer Offizier begnadigte, der wegen eines für unseren Orden sehr wichtigen Zweikampfes aus Frankreich habe fliehen müssen.

Nachdem ich eine Stunde geruht und mich angekleidet hatte, ging ich zum Botschafter, um ihm den Brief an die Herzogin zu zeigen. Er fand ihn ausgezeichnet und bat mich, ihn auch dem Herrn von *** zu lesen zu geben. Ich fand diesen in der Nachtmütze; er war tief gerührt und dankbar, daß ich an dieser Sache, die ihm so sehr am Herzen liege, so innigen Anteil nehme. Er sagte mir, seine Frau sei noch nicht aufgestanden, er bitte mich jedoch zu warten, damit wir mit ihr frühstücken könnten. Der Vorschlag war sehr verlockend, aber ich dankte ihm und bat ihn, mich bei der gnädigen Frau zu entschuldigen, indem ich vorschützte, der Kurier werde bald abgehen, ich müsse daher meine Briefe fertig machen, damit sie keine Verspätungen erlitten. Wenn er wirklich eifersüchtig war, so brachte ich ihn auf eine falsche Fährte, indem ich so wenig Eifer zeigte, mit seiner Frau zusammenzukommen.

Ich speiste mit Herrn von Chavigny allein; er lobte mein kluges Verhalten und versicherte mir, es könne gar nicht anders sein, als daß Herr von *** von nun an mein bester Freund sei. Hierauf zeigte er mir einen Brief von Voltaire; der berühmte Mann sprach ihm dadurch seine Dankbarkeit aus, daß er in der Schottin die Rolle des Montrose gespielt habe. Einen anderen Brief hatte er vom Marquis de Chauvelin erhalten, der damals bei dem Philosophen von Ferney in den Délices sich aufhielt. Er versprach ihm einen Besuch, bevor er nach Turin reise, wohin er als Gesandter gehe.

Erstes Kapitel


Ich erhalte ein Nachtlager im Hause des Sbirrenführers. – Ich verbringe dort eine köstliche Nacht und erlange Kräfte und Gesundheit zurück. – Ich gehe in die Messe; peinliches Zusammentreffen. – Ich bin gezwungen, mir mit Gewalt sechs Zechinen zu Verschaffen. – Ich bin außer Gefahr. – Ankunft in München. – Valbis spätere Schicksale. – Ich reise nach Paris. – Meine Ankunft. – Mordversuch gegen Ludwig den Fünfzehnten.

Als Pater Valbi ziemlich weit fort war, stand ich auf. Ich sah in kurzer Entfernung auf einem Hügel einen Schäfer seine Herde weiden; zu ihm ging ich, um mir einige notwendige Auskünfte zu verschaffen, und fragte ihn: »Lieber Freund, wie heißt dieses Dorf?«

»Valdepiadene, gnädiger Herr.«

Ich war überrascht; denn ich hatte einen viel größeren Weg zurückgelegt, als ich geglaubt hatte. Ich fragte hierauf nach dem Namen der Besitzer von fünf oder sechs Häusern, die ich in der Runde liegen sah, und zufällig waren es lauter mir bekannte Personen, die ich jedoch nicht durch mein Erscheinen in Ungelegenheiten bringen durfte. Ich fragte ihn auch nach dem Namen eines Palazzos, den ich sah, und er sagte mir, er gehöre der Familie Grimani, deren Oberhaupt, der Staatsinquisitor, sich gerade in jenem Augenblick dort aufhalten mußte; ich hatte mich also sehr in acht zu nehmen und durfte mich dort nicht blicken lassen. Auf meine letzte Frage endlich, wem ein rotes Haus gehörte, das ich in der Ferne sah, antwortete er mir, es gehöre dem sogenannten Capitano della campagna oder mit anderen Worten dem Anführer der Sbirren. Ich war aufs höchste überrascht, aber ich sagte kein Wort weiter, grüßte den guten Schäfer und ging mechanisch hügelabwärts. Noch jetzt kann ich nicht begreifen, welcher Instinkt mich gerade auf dieses Haus zulenkte, von dem mich die Vernunft sowohl wie die Furcht hätte fernhalten sollen. Ich ging stracks auf das Haus los, und ich kann der Wahrheit gemäß versichern, daß dies ohne bestimmten Willen geschah. Wenn es wahr ist, daß jeden Menschen eine unsichtbare Intelligenz lenkt, ein wohltätiger Geist, der uns zum Glück führt, wie es dem Sokrates zuweilen geschah – so muß ich meinem Schutzgeist den unwiderstehlichen Antrieb zuschreiben, der mich in das Haus gerade des Menschen führte, den ich am meisten fürchten mußte. Wie dem auch sei, es war der kühnste Schritt, den ich je in meinem Leben tat.

Ohne Zögern und mit völlig unbefangener Miene trat ich ein. Auf dem Hofe sah ich einen kleinen Jungen, der mit einem Kreisel spielte; ich ging zu ihm heran und fragte ihn, wo sein Vater sei. Statt mir zu antworten, rannte das Kind fort und rief seine Mutter, und einen Augenblick darauf sah ich eine sehr hübsche schwangere junge Frau erscheinen, die mich sehr höflich fragte, was ich von ihrem Manne wünsche, der leider nicht zu Hause sei.

»Es tut mir recht leid, daß mein Gevatter nicht zu Hause ist; doch ich bin sehr erfreut, in diesem Augenblick die Bekanntschaft seiner schönen Gattin zu machen.«

»Ihr Gevatter? Ich spreche also mit Seiner Exzellenz Herrn Vetturi? Er hat mir gesagt, daß Sie die große Güte gehabt und ihm versprochen haben, bei dem Kinde, das ich unter dem Herzen trage, Gevatter stehen zu wollen. Ich bin entzückt, Sie kennen zu lernen, und mein Mann wird untröstlich sein, daß er nicht zu Hause war.«

»Ich hoffe, er wird bald zurückkommen, denn ich will ihn bitten, mir für heute nacht Unterkunft zu geben. Ich wage in dem Zustand, in welchem Sie mich sehen, sonst nirgendwo hinzugehen.«

»Sie sollen das beste Bett im Hause haben, und ich werde Ihnen ein recht gutes Nachtessen besorgen; mein Mann wird sich bei Eurer Exzellenz für die uns erwiesene Ehre bedanken, sobald er wieder daheim ist. Vor kaum einer Stunde ist er mit allen seinen Leuten fortgegangen, und ich erwarte ihn erst in drei oder vier Tagen zurück.«

»Warum wird er denn so lange ausbleiben, meine reizende Gevatterin?«

»Wissen Sie denn nicht, daß zwei Gefangene aus den Bleikammern entsprungen sind? Der eine ist ein Patrizier, der andere ein Privatmann, namens Casanova. Mein Mann hat von Messer-Grande einen Brief erhalten, worin ihm befohlen wird, sie zu suchen. Wenn er sie findet, wird er sie nach Venedig bringen; wenn nicht, so wird er wieder nach Hause kommen. Aber er wird sie mindestens drei Tage lang suchen.«

»Das tut mir außerordentlich leid, meine liebe Gevatterin; aber ich möchte Ihnen nicht zur Last fallen, zumal da ich das Bedürfnis habe, sofort zu Bett zu gehen.«

»Dies kann augenblicklich geschehen; meine Mutter wird Sie bedienen. Aber was haben Sie denn an Ihren Knien?«

»Ich habe in den Bergen auf der Jagd einen Sturz getan und mir dabei einige böse Risse zugezogen. Ich habe Blut verloren und bin dadurch sehr geschwächt worden.«

»Oh, oh, mein armer Herr; aber meine Mutter wird Sie wieder gesund machen.«

Sie rief ihre Mutter und sagte ihr alles, was ich brauchte; dann entfernte sie sich. Die hübsche Polizistenfrau hatte nicht den Geist ihres Gewerbes; denn die Geschichte, die ich ihr erzählt hatte, sah doch sehr nach einem Märchen aus. Zu Pferde in weißen Seidenstrümpfen! Auf der Jagd in einem Taffetrock! Ohne Mantel, ohne Bedienten! Ihr Mann wird sie ausgelacht haben, als er heimkam; aber Gott möge sie für ihr gutes Herz und für ihre gütige Unwissenheit belohnen! Ihre Mutter sorgte für mich mit einer Höflichkeit, wie ich sie nur bei Personen von vornehmstem Range hätte erwarten können. Die ehrwürdige mitleidige Frau sprach wie eine Mutter zu mir und nannte mich nur mehr ihren Sohn, während sie meine Wunden verband. Dieses Wort tat meinen Ohren wohl; es bereitete mir eine köstliche Empfindung und trug nicht wenig zu meiner Heilung bei. Wenn mir meine Lage nicht so große Sorge gemacht hätte, würde ich ihr ihre Pflege auf das unzweideutigste durch Höflichkeit und Dankbarkeit vergolten haben; aber der Ort, wo ich mich befand, und die Rolle, die ich spielte, beschäftigten meine Gedanken so ernstlich, daß ich für nichts anderes Sinn hatte.

Die gute Mutter untersuchte meine Knie und meine Hüfte und sagte mir dann in liebevollem Tone, ich müßte mich entschließen, ein wenig zu leiden, aber ich könnte mich darauf verlassen, daß ich am nächsten Tage geheilt sein würde; ich müßte mir nur angefeuchtete Tücher auf meine Wunden legen lassen und dann ganz ruhig in meinem Bett liegen und mich bis zum andern Morgen nicht rühren. Ich versprach ihr geduldig zu leiden und alles zu tun, was sie wünschte.

Man trug mir ein gutes Abendessen auf; ich aß und trank mit gutem Appetit. Hierauf ließ ich mich von ihr verbinden und schlief unter ihren Händen ein. Wahrscheinlich hat sie mich wie ein Kind ausgezogen; als ich erwachte, wußte ich von nichts mehr. Jedenfalls hatte ich kein Wort mehr zu ihr gesprochen, ja nicht einmal mehr einen Gedanken gehabt. Ich hatte gut gegessen; aber ich tat es nur, weil mein Magen es verlangte und weil ich neue Kräfte sammeln mußte. Als ich einschlief, wich ich nur einer unwiderstehlichen Gewalt: ich war körperlich so geschwächt, daß ich bei allem, was ich tat, mir nicht das geringste denken konnte. Es war sechs Uhr abends, als ich zu Nacht speiste, und als ich am anderen Morgen erwachte, hörte ich es sechs schlagen. Mir war zu Mute, als wäre ich von einem Zauber umfangen. Als ich richtig wach und bei Besinnung war, nahm ich schnell meine Verbände ab und sah zu meinem Erstaunen, daß meine Wunden trocken waren und mir nicht mehr den geringsten Schmerz bereiteten. Ich ordnete meine Haare und zog mich in weniger als fünf Minuten an. Meine Zimmertür war nicht verschlossen; ich stieg die Treppe herab und ging quer über den Hof zum Tor hinaus, ohne auf zwei Männer zu achten, die im Hofe standen und nur Sbirren sein konnten. Mit schnellen Schritten entfernte ich mich von diesem Ort. Ich hatte dort die wohlwollendste Gastfreundschaft, die aufrichtigste Höflichkeit, die liebevollste Pflege gefunden; mehr als dies: ich hatte dort meine Gesundheit und meine Kräfte wieder erlangt; aber mit einem unwillkürlichen Gefühl des Entsetzens dachte ich an die Gefahr, der ich mit knapper Not entronnen war. Unwillkürlich schauderte ich, und noch heute, nach so vielen Jahren, schaudere ich bei dem Gedanken an die Gefahr, in die ich mich so unvorsichtig begeben hatte. Ich war erstaunt, daß ich das Haus hatte betreten können, und noch mehr, daß ich es hatte wieder verlassen können. Es schien mir unmöglich zu sein, daß man mich nicht verfolgte. Fünf Stunden lang lief ich durch die Wälder und über die Berge; ich begegnete nur ein paar Bauern und sah mich nicht ein einziges Mal um.

Es war noch nicht Mittag, als plötzlich der Klang einer Glocke mich veranlaßte, stehen zu bleiben. Ich befand mich auf einer Anhöhe; indem ich mich nach der Gegend umblickte, aus der die Glockenklänge kamen, sah ich unten im Grunde ein Kirchlein, in das viele Leute hineingingen, um die Messe zu hören. Mir kam der Gedanke, sie ebenfalls anzuhören; mein Herz empfand das Bedürfnis, seine Dankbarkeit für den sichtlichen Schutz auszudrücken, den ich von der Vorsehung empfing, und obgleich mir die ganze Natur ein des Schöpfers würdiger Tempel war, so zog mich doch die Gewohnheit zur Kirche hin. Wenn der Mensch in Not ist, erscheint ihm alles, was ihm in den Sinn kommt, als eine göttliche Eingebung. Es war Allerseelentag. Ich stieg ins Tal hinab, trat in die Kirche ein und sah dort zu meiner großen Überraschung Herrn Marcantonio Grimani, den Neffen des Staatsinquisitors, mit seiner Gattin, Frau Maria Visani. Sie waren nicht weniger erstaunt als ich. Ich machte ihnen eine Verbeugung, die sie erwiderten. Nachdem ich die Messe angehört hatte, ging ich hinaus. Herr Grimani folgte mir allein, holte mich kurz darauf ein und sagte: »Was machen Sie hier, Casanova? Wo ist Ihr Kamerad?«

»Ich habe ihm das bißchen Geld, das ich hatte, gegeben, um sich auf einem anderen Wege in Sicherheit zu bringen, während ich ohne einen Heller in der Tasche auf diesem Wege durchzukommen suche. Wenn Eure Exzellenz mir eine Unterstützung geben wollten, würde ich leichter mein Ziel erreichen.«

»Ich kann Ihnen nichts geben; aber Sie werden unterwegs Einsiedler finden, die Sie nicht werden Hungers sterben lassen. Aber erzählen Sie mir doch, wie es Ihnen gelingen konnte, aus den Bleikammern auszubrechen.«

»Die Erzählung würde interessant sein, aber auch lang, und unterdessen könnten die Einsiedler die Nahrungsmittel essen, die mich vor dem Hungertode bewahren sollen.«

Nach dieser ironischen Antwort machte ich ihm eine tiefe Verbeugung und setzte meinen Weg fort. Trotz meiner dringenden Geldbedürftigkeit machte es mir Vergnügen, daß er mir das Almosen abgeschlagen hatte. Ich dünkte mich viel adliger als die Exzellenz, die mich an die Wohltätigkeit der Einsiedler verwies. Später, in Paris, hörte ich, daß seine Frau, als sie die Sache erfuhr, ihn ausschalt und ihm seine Hartherzigkeit vorwarf. Es ist nicht zweifelhaft, daß Gefühle des Wohlwollens und der Großmut öfter in den Frauenherzen wohnen als in den unsrigen.

Bis Sonnenuntergang wanderte ich immer weiter. Müde, mit wunden Füßen und zum Sterben hungrig, machte ich bei einem einsam liegenden Hause von gutem Aussehen Halt. Ich fragte nach dem Herrn des Hauses. Die Pförtnerin antwortete mir, er sei nicht anwesend, er sei zu einer Hochzeit jenseits des Flusses gegangen und werde erst in zwei Tagen zurückkommen; aber er habe ihr beim Fortgehen gesagt, sie solle seine Freunde gut aufnehmen. – Vorsehung! Glück! Zufall! – wie man will.

Ich trat ein; man gab mir ein gutes Abendessen und ein gutes Bett. Aus der Adresse mehrerer Briefe ersah ich, daß ich mich im Hause des Herrn Rombenchi, Konsuls von ich weiß nicht mehr welcher Nation, befand. Ich schrieb ihm einen Brief, den ich ihm versiegelt zurückließ. Nachdem ich sehr gut gegessen und geschlafen, stand ich auf und zog mich sorgfältig an, dann ging ich; leider konnte ich der guten Haushälterin kein Zeichen meiner Erkenntlichkeit zurücklassen. Ich ging über den Fluß, indem ich so tat, wie wenn ich nur einen Spaziergang machte, und versprach, bei meiner Rückkehr zu bezahlen. Nach einem fünfstündigen Marsch aß ich zu Mittag in einem Kapuzinerkloster, das ich als eine unter allen Umständen sehr nützliche Einrichtung erkannte. Nachdem ich mich gestärkt hatte, machte ich mich wieder frisch und kräftig auf den Weg und marschierte rüstig bis drei Uhr nachmittags. Dann machte ich Halt bei einem Hause, das, wie ich erfuhr, einem Herrn gehörte, der mein Freund war. Ich trat ein und fragte, ob der Herr zu Hause sei; man zeigte mir das Zimmer, worin er sich, mit Schreiben beschäftigt, allein befand. Ich eilte auf ihn zu, um ihn zu umarmen. Er aber machte bei meinem Anblick eine Gebärde des Entsetzens und sagte mir, unter Angabe von nichtigen und beleidigenden Gründen, ich solle mich sofort entfernen. Ich setzte ihm meine Lage und meine Geldnot auseinander und bat ihn um sechzig Zechinen gegen einen Wechsel, den Herr Bragadino bestimmt einlösen würde. Er antwortete mir, er könne mir nicht helfen, ja mir nicht einmal ein Glas Wasser anbieten, denn er fürchte beim Tribunal in Ungnade zu fallen, wenn man mich in seinem Hause sehe. Er war ein Mann von etwa sechzig Jahren, ein Börsenmakler, der mir sehr zu Dank verpflichtet war. Seine hartherzige Weigerung machte auf mich einen ganz anderen Eindruck als die des Herrn Grimani. Ob nun Zorn, Unwille, Wut mich übermannten oder ob ich der Stimme der Vernunft und Natur folgte, genug, ich packte ihn am Kragen, setzte ihm meinen Spieß auf die Brust und bedrohte ihn laut mit dem Tode. Am ganzen Leibe zitternd, zog er einen Schlüssel aus der Tasche, zeigte auf einen Sekretär und sagte, da drinnen liege Geld; ich brauche nur zu nehmen, soviel ich haben wolle. Ich befahl ihm, selber zu öffnen. Er gehorchte und zog eine Schublade auf, worin Goldstücke fagen. Ich befahl ihm, mir sechs Zechinen aufzuzählen.

»Sie haben sechzig von mir verlangt.«

»Ja, als ich als freundschaftliches Darlehen sie zu bekommen erwartete. Jetzt aber, da ich gezwungen bin, sie mir mit Gewalt zu verschaffen, will ich nur sechs haben, und Sie bekommen keinen Wechsel. Man wird sie dir in Venedig wieder geben, wohin ich berichten werde, wozu du mich gezwungen hast, du elender erbärmlicher Feigling!«

»Ich bitte Sie um Verzeihung und flehe Sie an: nehmen Sie alles!«

»Nein, nichts mehr. Ich gehe jetzt und rate dir, mich ruhig ziehen zu lassen; wenn du mich zur Verzweiflung treibst, kehre ich um und zünde dir das Haus an!«

Ich verließ das Haus und marschierte zwei Stunden, bis der Einbruch der Nacht und die Müdigkeit mich zwangen, in einem Bauernhause Unterkunft zu suchen. Ich bekam ein schlechtes Abendbrot und schlief auf Stroh. Am Morgen kaufte ich einen alten Überrock und mietete einen Esel, um meinen Weg fortzusetzen; in der Nähe von Feltre kaufte ich ein Paar Stiefel. In diesem Aufzug passierte ich die zerfallene Festung, die man La Scala nennt. Es stand dort eine Schildwache, die mir nicht einmal die Ehre erwies, mich nach meinem Namen zu fragen, was mir, wie der Leser mir glauben wird, außerordentlich angenehm war. Ich nahm nun ein Wägelchen mit zwei Pferden und kam noch bei guter Tageszeit in Borgo di Valsugana an, wo ich Valbi in dem von mir bezeichneten Gasthof fand. Wenn er mich nicht angeredet hätte, würde ich ihn nicht erkannt haben. Ein weiter Überrock und ein Schlapphut, den er über einer dicken baumwollenen Mütze trug, machten ihn völlig unkenntlich. Er sagte mir, er habe die Sachen von einem Bauern gegen meinen Mantel eingetauscht, sei unangefochten über die Grenze gekommen und habe in Vorgo gut gelebt. Er war so freundlich, mir zu versichern, daß er mich nicht erwartet habe; denn er habe nicht geglaubt, daß es mir mit meinem Versprechen, ihn aufzusuchen, ernst gewesen sei. – Vielleicht hätte ich wohl daran getan, ihn in seiner Erwartung nicht zu täuschen.

Ich verbrachte den nächsten Tag im Gasthof und schrieb, ohne das Bett zu verlassen, mehr als zwanzig Briefe nach Venedig, darunter zehn oder zwölf Rundschreiben, in denen ich erzählte, was ich hatte tun müssen, um mir die sechs Zechinen zu verschaffen.

Der Mönch schrieb unverschämte Briefe an seinen Oberen, Vater Barbarigo, und an seine Brüder, die Patrizier; an die Zofen aber, die ihn ins Unglück gestürzt hatten, schrieb er Liebesbriefe. Ich ließ die Tressen von meinem Rock abnehmen und verkaufte meinen Hut, um mich zugleich eines Luxus zu entledigen, der nicht zu meiner augenblicklichen Lage paßte; denn er war zu auffällig.

Die nächste Nacht schlief ich in Pergine, wo mich ein junger Graf Dalberg aufsuchte, der auf irgend eine Weise erfahren hatte, daß wir Flüchtlinge aus den venetianischen Gefängnissen seien. Von Pergine fuhr ich nach Trient und von dort nach Bozen. Hier wandte ich mich, da ich Geld brauchte, um Kleider und Wäsche kaufen und meine Reise fortsetzen zu können, an einen alten Bankier namens Mensch. Er gab mir einen sicheren Mann, den ich mit einem Briefe für Herrn von Bragadino nach Venedig schickte, und führte mich in einen guten Gasthof, wo ich die sechs Tage bis zur Rückkehr des Boten im Bett zubrachte. Er brachte mir hundert Zechinen, von denen ich zunächst Kleider für meinen Kameraden und dann auch für mich selber kaufte. Dieser unglückselige Balbi gab mir jeden Tag neuen Anlaß, seine Gesellschaft unerträglich zu finden. Unaufhörlich redete er davon, daß ich ohne ihn niemals hätte entfliehen können und daß ich, meinem Versprechen gemäß, ihm die Hälfte des Vermögens schuldete, das ich etwa in Zukunft erwerben würde. Er war in alle Mägde verliebt, und da weder seine Gestalt noch sein Gesicht danach angetan waren, jungen Mädchen gefallen zu können, so bekam er von ihnen weiter nichts als tüchtige Ohrfeigen, die er mit musterhafter Geduld hinnahm, und die ihn niemals nur für vierundzwanzig Stunden bessern konnten. Dies machte mir zuweilen Spaß, zugleich aber litt ich darunter, an einen Menschen von so gemeinem Wesen gekettet zu sein.

Wir nahmen die Post und kamen am dritten Tage in München an, wo ich im Gasthof zum Hirsch abstieg. Ich fand dort zwei junge Venetianer, von der Familie Contarini, die sich in Begleitung des Grafen Pompei aus Verona seit einiger Zeit dort aufhielten; da ich jedoch nicht mit ihnen bekannt und nicht mehr darauf angewiesen war, unterwegs Eremiten zu finden, um leben zu können, so machte ich mir nicht die Mühe, sie zu besuchen und ihnen meine Aufwartung zu machen. Etwas anderes war es mit der Gräfin Coronini, die ich in Venedig im Kloster Santa Giustina gekannt hatte und die sehr gut bei Hofe angeschrieben war.

Die erlauchte Dame, die damals siebzig Jahre alt war, empfing mich sehr gut und versprach mir, mit dem Kurfürsten zu sprechen, um mir Schutzrecht zu verschaffen. Am nächsten Tage erfüllte sie ihr Versprechen und sagte mir, Seine Hoheit sähe keinen Grund, der ihn verhindern könnte, mir den sicheren Aufenthalt in seinen Staaten zu verwehren; für Balbi dagegen gäbe es in Baiern keine Sicherheit, weil er als flüchtiger Somaske von den Münchener Somasken reklamiert werden könnte; mit Mönchen wünsche aber Seine Hoheit nichts zu tun zu haben. Die Gräfin riet mir daher, ihn sobald wie möglich aus der Stadt zu schaffen und anderswo unterzubringen, weil ihm sonst seine ehrenwerten Brüder, die Mönche, unfehlbar einen bösen Streich spielen würden.

Ich fühlte mich in meinem Gewissen verpflichtet, für den unglücklichen Menschen zu sorgen, und suchte daher den Beichtvater des Kurfürsten auf, um von ihm für Balbi eine Empfehlung nach irgend einer Stadt Schwabens zu erbitten. Der Beichtvater war ein Jesuit und verleugnete denn auch nicht das edle Benehmen seiner Brüder in Loyola: er empfing mich außerordentlich schlecht und sagte mir so ganz obenhin, in München kenne man mich gründlich. Ich fragte ihn in festem Ton, ob er mir damit etwas Gutes oder etwas Schlechtes sagen wolle; er antwortete mir nicht und ließ mich stehen. Ein anderer Priester sagte mir, der Beichtvater sei fortgegangen, um sich ein Wunder anzusehen, wovon die ganze Stadt spreche.

»Was ist das für ein Wunder, Hochwürden?«

»Die Witwe des Kaisers Karl des Siebenten, deren Leichnam noch in einem Saale des Schlosses öffentlich ausgestellt ist, hat ganz warme Füße.«

»Vielleicht ist irgend etwas da, was ihr die Füße wärmt?«

»Sie können sich selber von dem Wunder überzeugen.«

Man sieht nicht jeden Tag ein Wunder. Ich durfte daher die Gelegenheit nicht versäumen, entweder etwas Erbauliches zu sehen oder zu lachen; nach dem einen war ich ebenso begierig wie nach dem anderen. Ich wünschte mich rühmen zu können, ein Wunder gesehen zu haben, das für mich um so interessanter war, da ich unglücklicherweise stets an kalten Füßen gelitten habe. Ich eilte daher, die erhabene Tote mir anzusehen. Sie hatte in der Tat warme Füße; aber ich sah, daß dies ganz einfach zuging, indem Ihre verstorbene Majestät mit den Füßen einem in sehr geringer Entfernung stehenden, glühend heißen Ofen zugekehrt war. Ein Tänzer, der mich kannte und den die Neugier mit anderen Leuten an diesen Ort gelockt hatte, trat auf mich zu, beglückwünschte mich zu meiner gelungenen Flucht und sagte mir, die ganze Stadt spreche mit Interesse davon. Diese Nachricht war mir angenehm; denn es ist immer gut, das Publikum zu interessieren. Der Jünger Terpsichorens lud mich zum Essen ein, und ich nahm mit Vergnügen an. Er hieß Michele de l’Agata, und seine Frau war die schöne Gardela. Ich hatte sie vor sechzehn Jahren bei jenem alten Malipiero gekannt, der mir Stockschläge gegeben hatte, weil ich mit Teresa geschäkert hatte. Die Gardela war eine berühmte Tänzerin geworden und immer noch schön; sie war entzückt, mich zu sehen und aus meinem Munde die Erzählung meiner mühseligen Flucht zu vernehmen. Sie interessierte sich für den Mönch und erbot sich, mir einen Empfehlungsbrief für ihren Freund, den Domherrn Bassi aus Bologna, Vorsteher des Domkapitels von St. Moritz in Augsburg, zu geben. Ich nahm dieses mit Dank an, und sie schrieb den Brief sofort, indem sie mir versicherte, ich brauche mich um den Mönch nicht mehr zu kümmern, denn sie sei sicher, daß der Domherr für ihn sorgen und ihm sogar seine Begnadigung in Venedig verschaffen werde.

Hoch erfreut, ihn auf eine so anständige Art los werden zu können, eilte ich in unseren Gasthof, erzählte ihm alles und gab ihm den Brief, indem ich ihm versprach, ich würde ihn nicht in Stich lassen, falls der Domherr ihn nicht gut aufnehmen sollte. Ich besorgte ihm einen guten Wagen und ließ ihn am nächsten Tage in aller Frühe abreisen. Vier Tage darauf schrieb Balbi mir, der Domherr habe ihn nach Wunsch empfangen, habe ihm Wohnung in seinem eigenen Hause gegeben, habe ihn als Abbate gekleidet und ihn dem Fürstbischof von Darmstadt vorgestellt. Er habe ihm Schutz bei den Behörden der Stadt verschafft und ihm außerdem versprochen, ihn bei sich behalten zu wollen, bis er in Rom seine Entlassung aus dem geistlichen Stande und damit freie Rückkehr nach Venedig erwirkt hätte; denn sobald er nicht mehr Mönch wäre, würde er auch nicht mehr in den Augen des Tribunals der Staatsinquisitoren schuldig sein. Pater Balbi schloß seinen Brief mit der Bitte, ich möchte ihm einige Zechinen Taschengeld schicken; denn er sei zu vornehm, um den Domherrn um Geld zu bitten, und dieser sei, so schrieb der Undankbare, nicht vornehm genug, ihm welches anzubieten. Ich antwortete ihm nicht.

Da ich nun allein war und meine Ruhe hatte, dachte ich allen Ernstes an die Wiederherstellung meiner Gesundheit. Infolge der vielen Leiden, die ich durchgemacht hatte, litt ich an Anfällen von Nervenkrämpfen, die einen beunruhigenden Charakter anzunehmen drohten. Ich setzte mich auf strenge Diät, und in drei Wochen befand ich mich vollkommen wohl. In der Zwischenzeit kam aus Dresden Madame Rivière mit ihrem Sohn und ihren beiden Töchtern; sie ging nach Paris, um dort die Älteste zu verheiraten. Der Sohn hatte etwas gelernt und konnte für einen vorzüglich gebildeten jungen Mann gelten. Die älteste Tochter, die einen Schauspieler heiraten sollte, verband mit dem hübschesten Gesicht, das man sich nur denken konnte, ein großes Talent für den Tanz, spielte meisterhaft Klavier und bewegte sich mit größter Anmut und allen Reizen der Jugend in der guten Gesellschaft. Die liebenswürdige Familie war sehr erfreut, mich wiederzusehen, und ich schätzte mich glücklich, als Madame Rivière, meinen Wünschen zuvorkommend, mir zu verstehen gab, daß meine Gesellschaft bis Paris ihnen sehr angenehm sein würde. Sie wollte nichts davon hören, daß ich einen Anteil der Reisekosten trüge, sondern ich mußte das Geschenk von ihr annehmen, wie sie es mir anbot. Da ich die Absicht hatte, mich in Paris niederzulassen, so nahm ich diesen Glücksfall als ein Vorzeichen, daß bei meiner Abenteurerlaufbahn, in die ich mich zu stürzen gedachte, das Glück mir zur Seite stehen würde. Paris ist die einzige Stadt der Welt, wo die blinde Göttin denen ihre Gaben spendet, die sich ihr anvertrauen und die Umstände zu benutzen wissen. Ich irrte mich nicht, wie der Leser zu seiner Zeit sehen wird; aber die Huld des Glückes war mir unnütz, weil ich durch meinen Leichtsinn alles zuschanden machte. Unter den Bleidächern hatte ich in fünfzehn Monaten alle Schwächen meines Charakters genau erkannt; aber ich hätte dort viel länger bleiben müssen, um Grundsätze anzunehmen, die mich von diesen Schwächen hätten heilen können.

Madame Rivière wollte mich also mitnehmen, aber sie konnte ihre Abreise nicht aufschieben, und ich brauchte noch acht Tage Zeit, weil ich aus Venedig Briefe und Geld erwartete. Sie versprach mir, acht Tage in Straßburg zu bleiben, und wir verabredeten, daß ich sie dort einholen sollte, wenn es mir möglich wäre. Sie verließ München am achtzehnten Dezember.

Zwei Tage nach ihrer Abreise erhielt ich aus Venedig den erwarteten Wechsel. Ich beeilte mich, meine Schulden zu bezahlen, und reiste dann sofort nach Augsburg ab, weniger um dort Balbi zu sehen, als um den liebenswürdigen Domherrn kennen zu lernen, der mir die Sorge um ihn abgenommen hatte. Sieben Stunden nach meiner Abfahrt in München kam ich in Augsburg an und begab mich sofort zu dem großmütigen Geistlichen. Er war nicht zu Hause, aber ich fand Balbi als Abbate gekleidet und mit weiß gepuderter Frisur, die ihm zu seiner kastanienbraunen Gesichtsfarbe sehr unvorteilhaft stand. Balbi war noch keine vierzig Jahre alt, aber er war häßlich: er hatte eines jener Gesichter, auf denen sich niedrige Gesinnung, Feigheit, Frechheit und Bosheit ausspricht; auch der Klang seiner Stimme und seine Manieren machten einen sehr abstoßenden Eindruck. Ich fand ihn gut untergebracht, gut bedient und gut gekleidet; er hatte Bücher und alles, was man zum Schreiben braucht. Ich wünschte ihm Glück zu seiner augenblicklichen Lage und sprach meine Freude aus, daß ich ihm alle diese Annehmlichkeiten hätte verschaffen können und daß er obendrein noch die Hoffnung hätte, bald Weltgeistlicher zu werden. Aber anstatt mir zu danken, machte der undankbare Mensch mir den Vorwurf, ich hätte auf geschickte Weise mich seiner entledigt. Endlich sagte er mir: da ich nach Paris ginge, müßte ich ihn mitnehmen, denn in Augsburg langweile er sich zu Tode.

»Was würden Sie denn in Paris anfangen?«

»Was werden Sie selber dort anfangen?«

»Ich werde aus meinen Talenten Nutzen ziehen.«

»Und ich aus den meinigen.«

»Dann brauchen Sie mich also nicht und können auf eigenen Füßen stehen. Die Personen, die mich mit nach Paris nehmen, würden wahrscheinlich von mir nichts wissen wollen, wenn ich Sie bei mir hätte.«

»Sie haben mir versprochen, mich nicht zu verlassen!«

»Kann ein Mensch sich verlassen nennen, wenn er alles Notwendige hat und seine Zukunft gesichert ist?«

»Alles Notwendige! Ich habe keinen Heller.«

»Wozu brauchen Sie Geld? Sie haben gutes Essen, gute Wohnung, Kleider, Wäsche, Bedienung und alles, was dazu gehört. Wenn Sie Geld für Ihre kleinen Vergnügungen nötig haben, warum verlangen Sie nicht welches von Ihren Kameraden, den Mönchen?«

»Von Mönchen Geld verlangen? Die nehmen Geld, aber sie geben keines.«

»Bitten Sie Ihre Freunde.«

»Ich habe keinen.«

»Da sind Sie zu beklagen; aber wenn Sie keine Freunde haben, so ist wohl anzunehmen, daß Sie selber niemals der Freund eines Menschen gewesen sind. Sie sollten Messen lesen; dies wäre für Sie ein gutes Mittel, sich Geld zu verschaffen.«

»Ich bin nicht bekannt.«

»So müssen Sie warten, bis Sie bekannt werden; dann werden Sie die verlorene Zeit bald wieder einholen.«

»Dies sind lauter leere Worte. Sie werden mir einige Zechinen hier lassen.«

»Ich habe keine übrig.«

»Warten Sie, bis der Domherr wieder kommt. Morgen ist er zurück; dann können Sie mit ihm sprechen und ihn überreden, mir Geld zu leihen. Sie können ihm sagen, ich werde es ihm zurückzahlen.«

»Ich werde nicht auf ihn warten, denn ich reise sofort weiter. Aber selbst wenn er jetzt hier wäre, so würde ich nicht so unverschämt sein, ihm zu sagen, daß er Ihnen Geld geben sollte, da er in seiner Großmut schon so viel getan hat und selbst am besten weiß, daß Sie alles haben, was Sie brauchen.«

Nach diesem ärgerlichen Gespräch ging ich fort und fuhr mit der Post weiter. Ich war sehr wenig erfreut, einem Elenden ein so großes Glück verschafft zu haben, dessen er so wenig würdig war. Im folgenden März erhielt ich einen Brief von dem edlen und großmütigen Domdechanten Bassi. Er schrieb mir, Balbi sei mit einer seiner Mägde durchgegangen und habe eine Summe Geldes, eine goldene Uhr und zwölf silberne Bestecke mitgenommen; er wisse nicht, wohin er sich gewandt habe.

Gegen Ende desselben Jahres erfuhr ich in Paris, daß der unredliche Mensch in Chur, der Hauptstadt von Graubünden, Zuflucht gesucht habe. Er habe gebeten, ihn in die calvinistische Kirche aufzunehmen und als rechtmäßigen Gatten der bei ihm befindlichen Dame anzuerkennen; bald aber habe die Gemeinde bemerkt, daß der Neubekehrte nichts verstehe, und habe ihn aus der reformierten Kirche wieder ausgestoßen. Als er kein Geld mehr gehabt, habe seine Frau, die frühere Magd, ihn tüchtig durchgeprügelt und dann verlassen. Er habe nicht mehr gewußt, was anfangen, und habe den verzweifelten Entschluß gefaßt, nach Brescia zu gehen.

Diese Stadt gehört zur Republik Venedig. Er stellte sich dem Gouverneur vor, nannte ihm seinen Namen und erzählte ihm seine Flucht. Er schilderte ihm seine Reue und bat ihn flehentlich, ihn unter seinen Schutz zu nehmen und ihm Begnadigung zu erwirken.

Der Schutz des Podestà bestand zunächst darin, daß er den reuigen Sünder zuerst ins Gefängnis bringen ließ; hierauf fragte er beim Tribunal an, was er mit ihm anfangen solle. Das Tribunal schickte ihm Befehl, den Pater Balbi in Ketten nach Venedig bringen zu lassen. Dort übergab Messer-Grande ihn dem Tribunal, das ihn wieder unter die Bleidächer bringen ließ. Den Grafen Asquino fand er dort nicht mehr; diesen hatte das Tribunal ein paar Monate nach unserer Flucht mit Rücksicht auf sein hohes Alter in die Quattro bringen lassen.

Fünf oder sechs Jahre später hörte ich, daß das Tribunal den unglückseligen Mönch, nachdem es ihn noch zwei Jahre unter den Bleidächern in Haft gehalten hatte, in sein Kloster zurückschickte. Der Obere fürchtete die Ansteckungsgefahr des räudigen Schafes; er versetzte ihn in das Kloster des Ordens, das bei Feltre einsam auf einer Anhöhe liegt. Dort blieb Balbi aber nur sechs Monate. Er brannte durch und ging nach Rom, um sich dem Papst Rezzonico zu Füßen zu werfen. Dieser sprach ihn seiner Sünden ledig und entband ihn von seinem Mönchsgelübde. Balbi wurde Weltgeistlicher und konnte infolgedessen nach Venedig zurückkehren; dort lebte er in Ausschweifung und Armut. Er starb als Diogenes, aber ohne den Geist des Mannes von Sinope, im Jahre 1783.

Ich traf in Straßburg Frau Rivière und ihre reizende Familie und wurde von ihnen mit aufrichtigster Freude begrüßt. Wir wohnten in dem ausgezeichneten Gasthof zum »Heiligen Geist« und verbrachten mehrere Tage in Fröhlichkeit und herzlichem Einvernehmen. Dann fuhren wir in einer ausgezeichneten Berline nach der einzigen Stadt, der Weltstadt Paris. Ich machte es mir zur Pflicht, für heitere Stimmung zu sorgen, da ich ja zu den Kosten der Reise nichts beitragen durfte. Die Reize des Fräulein Rivière entzückten mich; aber ich hätte gegen die Rücksicht, die ich einer achtenswerten Familie schuldete, und gegen die Dankbarkeit zu verstoßen geglaubt, wenn ich mir einen einzigen verliebten Blick hätte entschlüpfen lassen, oder wenn ein einziges Wort meine Gefühle verraten hätte. Obwohl mein Alter wenig danach angetan war, glaubte ich die Rolle des Familienvaters spielen zu müssen; ich widmete der liebenswürdigen Familie alle Sorgfalt, die man aufwenden kann, wenn man sich auf einer langen Reise einer angenehmen Gesellschaft, eines bequemen Reisewagens, einer vorzüglichen Tafel und eines ausgezeichneten Bettes würdig zeigen will.

Am Mittwoch, den 5. Januar 1757, kamen wir in Paris an. Ich stieg bei meinem Freunde Baletti ab, der mich mit offenen Armen empfing und mir versicherte, er hätte mich erwartet, obgleich ich ihm nicht geschrieben; denn er hätte sich gesagt, daß ich infolge meiner Flucht so schnell wie möglich und so weit wie möglich mich von Venedig entfernen müßte und daß ich natürlich keinen anderen Aufenthaltsort wählen würde, als Paris, wo ich zwei Jahre hindurch auf die angenehmste Weise verlebt hätte. Freude herrschte im ganzen Hause, sobald man meine Ankunft erfuhr. Niemals bin ich aufrichtiger geliebt worden, als von dieser interessanten Familie. Mit Entzücken umarmte ich den Vater und die Mutter, die ich in jeder Beziehung so wiederfand, wie ich sie im Jahre 1752 verlassen hatte. Der Anblick ihrer Tochter aber überraschte mich; als ich fortging, war sie ein Kind; jetzt fand ich sie als erwachsenes schönes Mädchen wieder. Fräulein Baletti war fünfzehn Jahre alt; sie war schön geworden; ihre Mutter hatte sie sorgfältig erzogen und ihr die besten Lehren gegeben. So besaß sie alles, was eine kluge, anmutige und talentvolle Mutter einer geliebten Tochter von ausgezeichneten Anlagen geben kann: Tugend, Anmut, Talente und jene gute Lebensart, die in jedem Stande nächst dem Taktgefühl die wertvollste Eigenschaft ist.

Nachdem ich mir eine hübsche Wohnung ganz in der Nähe der befreundeten Familie besorgt hatte, nahm ich eine Droschke und fuhr nach dem Hotel Bourbon, um mich dem Herrn Abbé de Vernis vorzustellen, der damals Minister des Auswärtigen war; ich hatte gute Gründe, von der Protektion des Ministers mein Glück zu erwarten. Ich komme an; er ist nicht da, er ist in Versailles. In Paris muß man noch mehr als anderswo eifrig hinter seinen Geschäften her sein. Man muß, wie ein alltägliches aber sehr richtiges Sprichwort lautet, das Eisen schmieden, solange es heiß ist. Ich war ungeduldig, zu erfahren, wie mich der gefällige Liebhaber meiner schönen M. M. aufnehmen würde; darum ging ich stracks nach dem Pont Royal, nahm ein Kabriolett und kam um halb sieben in Versailles an. Mißgeschick! Unsere Wagen hatten sich unterwegs gekreuzt und mein sehr bescheidenes Gefährt hatte nicht die Blicke Seiner Exzellenz auf sich gezogen. Herr de Bernis war mit dem neapolitanischen Gesandten, Grafen Castillana, nach Paris zurückgekehrt; ich beschloß also sofort ebenfalls zurückzufahren. Ich stieg wieder in meinen Wagen; aber kaum am Schloßgitter angekommen, sah ich eine Menge Menschen in augenscheinlich großer Verwirrung nach allen Seiten hin durcheinander laufen und hörte rechts und links rufen: »Der König ist ermordet! Man hat den König ermordet!«

Mein Kutscher bekam einen Schreck und wollte weiter fahren; aber man hielt den Wagen an, ließ mich aussteigen und in die Wachtstube eintreten, wo sich bereits andere Leute befanden. In weniger als drei Minuten waren mehr als zwanzig Personen beisammen, alle sehr erstaunt über ihre Verhaftung, und alle ebenso schuldig wie ich. Ich wußte nicht, was ich davon denken sollte, und da ich nicht an Hexerei glaubte, so wähnte ich zu träumen. Düster und schweigend standen wir da und sahen einander an; niemand wagte ein Wort zu sprechen. Alle sahen überrascht und betroffen aus; denn jeder hatte Furcht, obgleich er sich unschuldig fühlte.

Die peinliche Lage dauerte jedoch nicht lange; denn fünf Minuten darauf trat ein Offizier ein, bat uns höflich um Entschuldigung und sagte uns: »Meine Herren, Sie sind frei. Der König ist verwundet, und man hat ihn in seine Gemächer getragen. Der Mörder, den niemand kennt, ist verhaftet. Man sucht überall Herrn de la Martinière.«

Ich stieg wieder in meinen Wagen und fühlte mich sehr glücklich, als ich wieder darin saß. Ein sehr gut gekleideter junger Mann mit angenehnien Gesichtszügen trat an mich heran und bat mich dringend, ihm gegen Bezahlung des halben Fahrpreises einen Platz abzutreten; trotz den Geboten der Höflichkeit schlug ich ihm dies ab. Vielleicht war dies unrecht von mir; zu jeder anderen Zeit würde ich mir ein Vergnügen daraus gemacht haben, ihm einen Platz anzubieten; aber es gibt Augenblicke, wo die Klugheit uns nicht erlaubt, höflich zu sein. Ich brauchte ungefähr drei Stunden zur Rückfahrt, und während dieser kurzen Spanne Zeit wurde ich von mindestens zweihundert Kurieren überholt, die in gestrecktem Galopp dahinsprengten. Jede Minute sah ich einen neuen, und jeder Kurier rief laut die Nachricht aus, die er zu überbringen hatte. Was die ersten ausriefen, wußte ich bereits selber; am Ende aber erfuhr ich, daß dem König zu Ader gelassen und daß seine Wunde nicht lebensgefährlich wäre, und schließlich, daß die Wunde leicht wäre, und daß Seine Majestät sogar nach Trianon gehen könnte, wenn Sie Lust hätte.

Mit dieser ausgezeichneten Neuigkeit versehen, begab ich mich zu Sylvia und fand die ganze Familie bei Tisch, denn es war noch nicht elf Uhr.

»Ich komme von Versailles,« sagte ich ihnen.

»Der König ist ermordet.«

»Durchaus nicht! Er könnte nach Trianon gehen oder auch nach seinem Hirschpark, wenn er Lust hätte. Herr de la Martinière hat ihm zur Ader gelassen und hat ihn sehr wohl gefunden. Der Mörder ist verhaftet; der unglückliche Mensch wird verbrannt, mit glühenden Zangen gezwickt und lebendig gevierteilt werden.« Diese Nachricht wurde von Sylvias Dienerschaft schnell weiter verbreitet, und eine Menge von den Nachbarn kamen, um sie aus meinem eigenen Munde zu hören. Ich mußte zehnmal dieselbe Sache wiederholen, und das Stadtviertel verdankte es mir, daß es eine ruhige Nacht verbringen konnte. Zu jener Zeit bildeten die Pariser sich ein, ihren König zu lieben; wenigstens taten sie so aus Überzeugung und aus Gewohnheit. Heute sind sie aufgeklärter und werden nur einen solchen Herrscher lieben, der wirklich das Glück der Nation will und weiter nichts als der erste Bürger eines großen Volkes ist; und hierin wird nicht nur Paris in seinem Kreis, sondern ganz Frankreich an Liebe und Dankbarkeit wetteifern. Könige wie Ludwig der Fünfzehnte sind unmöglich geworden; sollte dennoch wieder ein solcher auftreten, so würde trotz allen Anstrengungen einer an seiner Erhaltung interessierten Partei die öffentliche Meinung bald über ihn ihr Urteil gefällt und seine Sitten verdammt haben, bevor er durch seinen Tod in das Gebiet der Weltgeschichte eingetreten wäre – jener Weltgeschichte, welche Könige und Staatsmänner niemals aus den Augen verlieren sollten!

Zehntes Kapitel


Neue Zwischenfälle. – J.J. Rousseau. – Ich gründe ein Handelsgeschäft. – Castel-Bajac. – Man hängt mir einen Kriminalprozeß an. – Herr von Sartines.

Fräulein X. C. V. war seit einem Monat im Kloster, und man sprach schon nicht mehr von der Geschichte; ich glaubte daher, sie sei zu Ende, aber ich irrte mich. Unterdessen lebte ich lustig den Tag hinein, und das Vergnügen, das ich daran fand, mit vollen Händen zu verschwenden, ließ mich nicht an die Zukunft denken.

Abbé de Bernis, dem ich regelmäßig einmal in der Woche meine Aufwartung machte, sagte mir eines Tages, der Generalkontrolleur erkundige sich oft nach mir und es sei unrecht von mir, ihn zu vernachlässigen. Er riet mir, an meine Ansprüche nicht mehr zu denken und ihm das von mir erwähnte Mittel mitzuteilen, wodurch ich die Staatseinkünfte zu vermehren gedächte. Ich legte auf den Rat eines Mannes, dem ich mein ganzes Glück verdankte, zu hohen Wert, als daß ich ihn nicht ohne Widerrede hätte befolgen sollen. Ich ging also zum Kontrolleur und gab ihm voll Vertrauen auf seine Rechtlichkeit meinen Plan. Es handelte sich um den Erlaß eines Gesetzes, wonach von jeder Erbschaft, die nicht vom Vater an den Sohn fiel, der Staat die vollen Einkünfte eines Jahres erhalten sollte. Jede notariell vollzogene Schenkung zwischen Lebenden sollte derselben Gebühr unterworfen sein. Mir schien, an diesem Gesetz könnte niemand Anstoß nehmen; denn ein Erbe brauchte sich nur vorzustellen, daß er ein Jahr später geerbt hätte. Der Minister war derselben Meinung wie ich; er sagte mir, mein Plan biete durchaus keine Schwierigkeiten, legte ihn in seine Geheimmappe und versicherte mir, mein Glück sei gemacht. Acht Tage darauf wurde er durch Herrn de Silhouette ersetzt, und als ich mich dem neuen Minister vorstellte, sagte er mir kalt, er würde mir Bescheid geben, sobald man daran dächte, das Gesetz zu erlassen. Dies geschah wirklich zwei Jahre darauf; aber man lachte mich aus, als ich mich für den Urheber erklärte und die Belohnung verlangte, auf die ich Anspruch hatte.

Als kurze Zeit darauf der Papst starb, wurde zu seinem Nachfolger der Venetianer Rezzonico gewählt; dieser ernannte meinen Beschützer Bernis zum Kardinal. Seine Allergnädigste Majestät Ludwig der Fünfzehnte verbannte ihn zwei Tage, nachdem er das Barett aus seinen königlichen Händen empfangen hatte, nach Soissons: das ist die Freundschaft der Könige!

Infolge der Ungnade, in die mein liebenswürdiger Abbé gefallen war, hatte ich keinen Beschützer mehr; aber ich hatte Geld und ertrug daher dieses Unglück mit ziemlicher Fassung.

Herr de Bernis erstieg den Gipfel des Ruhmes, indem er alles zerstörte, was der Kardinal Richelieu geschaffen hatte, indem er im Einverständnis mit dem Fürsten Kaunitz den alten Haß der Häuser Habsburg und Bourbon in ein glückliches Bündnis umzuwandeln wußte und dadurch Italien von den Greueln des Krieges befreite, deren Schauplatz es jedesmal wurde, wenn die beiden Häuser einander in die Haare gerieten – was nicht selten vorkam. Diese Wohltat gab ihm Anspruch auf die Verleihung des ersten Kardinalhutes von Seiten des Papstes, der bei Abschluß des Vertrages Bischof von Padua gewesen und daher wohl in der Lage war, ihn zu beurteilen. Der edle Abbé, der vor einem Jahre in Rom starb, wo Pius der Sechste ihn besonders hoch schätzte, wurde vom Hofe verbannt, weil er dem König auf dessen Frage nach seiner Meinung geantwortet hatte, er glaube nicht, daß der Prinz Soubise der rechte Mann sei, seine Heere zu befehligen. Sobald die Pompadour es erfuhr – und zwar geschah dies von Seiten des Königs selber – wußte sie ihn in Ungnade zu stürzen. Alle Welt war damit unzufrieden, aber man tröstete sich bald durch boshafte Verse, und binnen kurzem war der neue Kardinal vergessen. So ist der Charakter dieser Nation: lebhaft, geistreich und liebenswürdig, fühlt sie weder ihr eigenes noch fremdes Unglück, sobald man die leichte Kunst besitzt, sie zum Lachen zu bringen.

Zu meiner Zeit wurden die Verfasser von Epigrammen und Liedern gegen die Regierung und die Minister, oder auch nur gegen die Beischläferinnen des Königs, in die Bastille gesteckt. Dies aber hinderte die Schöngeister nicht, auch fernerhin zur Erheiterung der Gesellschaft beizutragen, und es gab manchen, der eine Ehre darin sah, wegen einiger Witze verfolgt zu werden. Ein Herr, der durchaus berühmt werden wollte – seinen Namen habe ich vergessen – eignete sich nachstehendes Gedicht des jüngeren Crébillon an und ließ sich lieber in die Bastille bringen, als daß er es verleugnet hätte. Crébillon war nicht der Mann, seine Erzeugnisse zu verleugnen; er sagte dem Herzog von Choiseuil, er habe genau ebensolche Verse gemacht; aber es sei ja möglich, daß auch der Gefangene sie gemacht habe. Dieser Witz erregte Heiterkeit, und der Verfasser des Sopha wurde nicht weiter belästigt.

Grand Dieu! tout a changé de face!
Jupin opinedu bonnet,
Vénus au conseil a pris place,
Plutus est devenu coquet,
Mercure endosse la cuirasse
Et Mars a le petit collet.2

Der erlauchte Kardinal Bernis verbrachte zehn Jahre in seiner Verbannung, procul negotiis, aber nicht glücklich, wie er fünfzehn Jahre später in Rom mir es selber sagte. Man behauptete, es sei ein größeres Vergnügen, Minister als König zu sein; ich finde ceteris paribus diese Behauptung lächerlich, wenn ich ihre Wahrheit an mir selber prüfe, wie ich es ja doch tun muß. Dies heißt die Frage aufwerfen, ob die Unabhängigkeit besser oder schlechter sei als ihr Gegenteil. Unter einer despotischen Regierung, mit einem schwachen oder faulen König, der die Krone nur trägt, um das in Wirklichkeit herrschende Ministerium zu decken, mag dies zur Not als richtig gelten; aber sonst ist es überall unmöglich.

Kardinal Bernis wurde nicht an den Hof zurückberufen, denn es ist niemals vorgekommen, daß Ludwig der Fünfzehnte einen in Ungnade gefallenen Minister von neuem berief. Aber nach Rezonicos Tode mußte er nach Rom zum Konklave gehen, und dort blieb er dann sein Leben lang als französischer Gesandter.

Etwa um diese Zeit bekam Frau d’Urfé Lust, J.J. Rousseau kennen zu lernen. Wir fuhren nach Montmorency und machten ihm einen Besuch unter dem Vorwande, ihm Noten zum Abschreiben zu geben. Er lieferte ausgezeichnete Arbeit; man bezahlte ihm das Doppelte von dem, was andere Notenschreiber erhielten, dafür aber bürgte er für tadellose Ausführung. Zu jener Zeit lebte der berühmte Schriftsteller nur hiervon.

Wir fanden einen Mann von einfacher und bescheidener Haltung. Was er sagte, war vernünftig, im übrigen aber war weder an seiner Person noch an den Äußerungen seines Geistes etwas Besonderes. Rousseau schien uns nicht das zu sein, was man einen liebenswürdigen Mann nennt; und da er keineswegs die auserlesene Höflichkeit der guten Gesellschaft besaß, so genügte dies für Frau von Urfé, um ihn ungeschliffen zu finden. Wir sahen auch die Frau, mit der er zusammen lebte und von der wir hatten sprechen hören, aber sie blickte uns kaum einmal an. Als wir fort waren, erheiterte das sonderbare Benehmen des Philosophen unsere Unterhaltung.

Ich will hier den Besuch schildern, dem ihm Prinz Conti, der Vater des damaligen Grafen de la Marche machte. Der liebenswürdige Prinz begab sich allein nach Montmorency, ausdrücklich um einen angenehmen Tag mit dem Philosophen zu verbringen, der damals schon berühmt war. Er fand ihn im Park, ging auf ihn zu und sagte ihm, er komme, um das Vergnügen zu haben, mit ihm zu speisen und den Tag in zwangslosem Geplauder zu verbringen.

»Eure Hoheit werden schlecht essen,« sagte Rousseau, »aber ich werde noch ein Gedeck auflegen lassen.«

Der Philosoph geht, erteilt seine Befehle, kehrt zum Prinzen zurück und geht zwei oder drei Stunden mit ihm spazieren. Als es Zeit zum Essen war, führte er den Prinzen in einen Salon. Als dieser jedoch drei Gedecke erblickte, fragte er: »Wen wollen Sie denn mit uns speisen lassen? Ich dachte, wir würden allein essen.«

»Der dritte, gnädiger Herr, ist mein anderes Ich. Es ist ein Wesen, das weder meine Frau, noch meine Geliebte, noch meine Magd, noch meine Mutter, noch meine Tochter und doch dies alles zugleich ist.«

»Ich glaube es, mein Lieber; da ich aber nur hierher gekommen bin, um mit Ihnen allein zu speisen, so werde ich nicht mit Ihrem anderen Ich speisen und will Sie mit Ihrem Allem in Einem allein lassen.«

Mit diesen Worten grüßte der Prinz ihn und ging. Rousseau suchte ihn nicht zurückzuhalten.

Um dieselbe Zeit war ich Augenzeuge des Durchfalls einer französischen Komödie, Die Tochter des Aristides, von Frau von Graffigny, einer verdienstvollen Frau, die fünf Tage später vor Kummer über den Durchfall ihres Stückes starb. Der Abbé de Voisenon war ganz bestürzt darüber, denn er hatte unglücklicherweise seine Freundin ermutigt, das Stück aufführen zu lassen, und man glaubte sogar, daß er selber daran mitgearbeitet hätte, wie auch an der Cénie und den Lettres péruviennes. Ungefähr zur selben Zeit starb Rezzonicos Mutter vor Freude darüber, daß ihr Sohn Papst geworden war. Schmerz und Freude töten viel mehr Frauen als Männer, und dies beweist, daß jene nicht nur gefühlvoller, sondern auch viel schwächer sind.

Als nach der Meinung der Marquise d’Urfé mein angeblicher Sohn in Viars Hause angemessen untergebracht war, bat sie mich, ihn mit ihr zusammen zu besuchen. Ich fand ihn wie einen Prinzen untergebracht, vorzüglich gekleidet, gehätschelt und beinahe ehrfurchtsvoll behandelt. Ich war erstaunt, denn dies ging nicht nur über meine Hoffnungen, sondern auch über meine Wünsche hinaus. Sie hatte ihm alle möglichen Lehrer gegeben, und außerdem ein vollkommen zugerittenes, sehr hübsches Pferdchen, damit er das Reiten lerne. Man nannte ihn den Herrn Grafen von Aranda. Ein sehr sauberes und sehr hübsches Mädchen von sechzehn Jahren, Viars Tochter, war beauftragt, ihn zu pflegen und zu beaufsichtigen; sie war ganz stolz darauf, sich die Erzieherin des Herrn Grafen nennen zu dürfen. Sie versicherte der Marquise d’Urfé, sie sorge ganz besonders für ihn; nach seinem Erwachen bringe sie ihm sein Frühstück ans Bett; hierauf kleide sie ihn an und verlasse ihn dann nicht mehr, bis sie ihn abends zu Bett bringe. Frau von Urfé lobte alles, empfahl verdoppelten Eifer und versprach dafür erkenntlich zu sein. Der kleine Mann aber war ganz glücklich und sagte mir dies unaufhörlich; ich witterte jedoch ein Geheimnis und nahm mir vor, ihn einmal allein zu besuchen, um es aufzuklären.

Nach diesem Besuche sagte ich der Marquise, ich sei tief gerührt von ihren Freundlichkeiten und ich fände alles entzückend, abgesehen von dem Namen Aranda, der uns eines Tages verdrießliche Scherereien zuziehen könnte; aber sie antwortete mir, der Kleine habe genug gesagt, und man dürfe überzeugt sein, daß er ein Recht habe, diesen Namen zu tragen. »Ich hatte in meinem Schreibtisch ein Petschaft mit dem Wappen des Hauses Aranda; zufällig fiel es mir in die Hände, und ich zeigte es dem Kleinen, wie man einen Kinde ein Spielzeug zeigt. Kaum hatte er einen Blick darauf geworfen, so rief er aus: ›Wie kommt es denn, daß Sie mein Wappen haben?‹

›Ihr Wappen? Ich habe dieses Petschaft vom Grafen Aranda; aber wie könnten Sie mir beweisen, daß Sie zu dieser Familie gehören?‹

›Fragen Sie mich nicht danach, gnädige Frau; meine Geburt ist ein Geheimnis, das ich niemals und keinem Menschen enthüllen darf.‹«

Ich war sehr überrascht über einen solchen Schwindel und besonders über die Sicherheit des kleinen Gauners, die ich ihm nicht zugetraut hätte. Ich war neugierig, der ganzen Sache auf den Grund zu kommen, und ging ungefähr acht Tage darauf allein zu ihm.

Ich fand meinen sogenannten Grafen in Gesellschaft des Herrn Viar, der aus der Unterwürfigkeit, womit das Kind zu mir sprach, schließen mußte, daß es mir angehörte. Er lobte seinen Zögling auf das höchste und sagte zu mir: er spiele vorzüglich die Flöte, tanze und fechte zum Entzücken, reite gut und schreibe ganz vorzüglich. Er zeigte mir Federn mit drei, fünf und sogar elf Spitzen, die der Knabe sehr kunstvoll geschnitten hatte, und bat mich, ihn in der Heraldik zu prüfen; diese für einen jungen Kavalier so notwendige Wissenschaft beherrsche niemand besser als er.

Das Männchen begann nun in heraldischen Kunstausdrücken sein angebliches Wappen zu beschreiben, und ich hätte beinahe laut herausgelacht, weil ich fast gar nichts davon verstand, während er die Sache mit einer Wichtigkeit wie ein Krautjunker mit zweiunddreißig Ahnen behandelte. Aber mit wirklichem Vergnügen sah ich ihn seine verschiedenen Federn handhaben und mit erhobener Hand schreiben. Mit wunderbarer Geschicklichkeit zog er alle möglichen Arten von Linien, und zwar jedesmal so viele, wie die Feder Spitzen hatte. Ich sprach Viar meine Zufriedenheit darüber aus; bald darauf ließ er mich mit dem Kleinen allein, und wir gingen in den Garten.

»Willst du so gut sein, mir zu sagen, wie du auf den verrückten Einfall gekommen bist, dich als Graf Aranda auszugeben?«

Er antwortete mir, ohne im geringsten aus der Fassung zu kommen:

»Ich gestehe, es ist ein toller Einfall; aber bitte, lassen Sie mich gewähren, denn dieser Einfall trägt hier dazu bei, mir Achtung zu verschaffen.«

»Es ist ein Betrug, den ich nicht dulden kann; denn er kann ernste Folgen haben und uns alle beide bloßstellen. Es ist eine Schwindelei, deren ich dich in deinem Alter nicht für fähig gehalten hätte, mein guter Freund. Ich will wohl glauben, daß du es nur aus Unbesonnenheit getan hast, aber es kann dich mit den Gerichten in Konflikt bringen, und nach allem, was du zu Frau d’Urfé gesagt hast, weiß ich nicht recht, wie ich die Sache wieder gut machen soll, ohne daß deine Ehre angetastet wird.«

Ich hörte mit meiner Strafpredigt erst auf, als er bittere Tränen vergoß und mich um Verzeihung bat:

»Ich will lieber«, sagte er, »die Kränkung leiden, zu meiner Mutter zurückgeschickt zu werden, als die Schande der Frau d’Urfé zu gestehen, daß ich sie betrogen habe; und ich kann den Gedanken nicht ertragen, in dieser Pension zu bleiben, wenn ich den Namen ablegen muß, unter dem ich hier bekannt bin.«

Ich sah, daß mit Zwang hier nichts auszurichten war, ich hätte ihn denn unter einem anderen Namen weit von Paris fortschicken müssen. Ich sagte ihm daher, er möchte sich beruhigen; ich würde darüber nachdenken, wie ich ihm und mir jede Unannehmlichkeit ersparen könnte.

»Sage mir jetzt – aber sei aufrichtig – von welcher Art ist die Zärtlichkeit der jungen Viar für dich?«

»Papa, ich glaube hier ist die Verschwiegenheit angebracht, die Sie und Mama mir empfohlen haben.«

»Gut! Die Antwort sagt mir genug; aber ich finde, du weißt für einen Gelbschnabel recht viel. Übrigens, mein Freund, ist Verschwiegenheit nicht angebracht, wenn es sich um eine Beichte handelt, und ich fordere von dir durchaus eine Beichte.«

»Nun denn, Papa, die kleine Viar liebt mich sehr, und sie beweist es mir auf alle möglichen Arten.«

»Und du? Liebst du sie auch?«

»Ja, ich liebe sie.«

»Bleibt sie morgens lange bei dir?«

»Wir sind den ganzen Tag zusammen.«

»Sie ist dabei, wenn du zu Bett gehst?«

»Ja, sie hilft mir beim Ausziehen.«

»Tut sie sonst nichts?«

»Das möchte ich Ihnen nicht sagen.«

Ich war erstaunt über seine wohlgemessenen Antworten; und da ich genug wußte, um nicht mehr daran zweifeln zu können, daß sie vollkommen mit einander einig waren, so ermahnte ich ihn nur noch, seine Gesundheit zu schonen, und ging.

Seit einiger Zeit konnte ich mich nicht von einem Gedanken losmachen, der mich fortwährend beschäftigte; er betraf eine Spekulation, die nach allen meinen Berechnungen gewinnbringend sein mußte. Es handelte sich darum, auf seidenen Stoffen durch Druck alle jene schönen Muster herzustellen, die in Lyon durch das langsame und schwierige Verfahren des Webens hergestellt werden.

Man mußte daher zu viel billigeren Preisen einen großen Umsatz machen können. Ich besaß alle erforderlichen chemischen Kenntnisse und genügende Betriebsmittel, um den Erfolg der Unternehmung zu sichern. Ich hatte mich mit einem tüchtigen Mann besprochen, der das Technische sowohl wie den Handel verstand; er sollte der Leiter der Fabrik werden.

Ich teilte meinen Plan dem Prinzen Conti mit, der mich ermutigte, ihn auszuführen, indem er mir seine Gunst und alle nur wünschenswerten Erleichterungen versprach. Dies brachte mich zum Entschluß.

Ich mietete in der Gegend des Temple ein großes und schönes Haus für tausend Taler jährlich. Es enthielt einen geräumigen Saal, worin alle Arbeiterinnen arbeiten sollten; einen anderen großen Saal, der als Lagerraum diente, zahlreiche Zimmer, um meine Arbeiter und Angestellten unterzubringen, und eine sehr hübsche Wohnung für mich, für den Fall, daß ich Lust bekommen sollte, sie zu beziehen.

Ich teilte mein Unternehmen in dreißig Aktien; davon gab ich fünf dem Zeichner, der das Ganze leiten sollte, und behielt die anderen fünfundzwanzig für mich, um über sie zugunsten von Teilhabern zu verfügen, welche entsprechende Kapitalien einlegen würden. Eine gab ich einem Arzt, den ich gegen Bürgschaft als Lagerverwalter anstellte, und der mit seiner ganzen Familie ins Haus zog. Ich nahm vier Bediente, eine Magd und einen Türhüter. Eine andere Aktie mußte ich meinem Buchhalter bewilligen, der mir zwei Schreiber besorgte und ebenfalls im Hause wohnte. Da mehrere Tischler, Schlosser und Maler von morgens bis abends an der Arbeit waren, so war in weniger als drei Wochen alles fertig. Ich überließ es dem Direktor, zwanzig junge Mädchen zum Bemalen der Stoffe anzustellen; diese sollten jeden Samstag ihren Lohn erhalten. Ich nahm dreihundert Stücke Tafft, Gros-de-Tours und Kamlotte von verschiedenen Arten auf Lager, um sie mit den Mustern bemalen zu lassen, deren Wahl ich mir vorbehalten hatte. Ich bezahlte alles bar.

Mit dem Direktor hatte ich ausgerechnet, daß ich, wenn der Verkauf erst nach einem Jahre begänne, ungefähr dreihunderttausend Franken ausgeben müßte. Für alle Fälle hätte ich noch meine Aktien gehabt, welche leicht und sicher zu verkaufen waren; aber ich hoffte, niemals in diese Notwendigkeit zu geraten, denn ich rechnete auf ein Jahreseinkommen von mindestens zweihunderttausend Franken.

Freilich verhehlte ich mir nicht, daß dieses Unternehmen mich zugrunde richten könnte, wenn mir der Absatz fehlte; aber wie hätte ich dies befürchten sollen, wenn ich die Schönheit meiner Stoffe sah und jeden Tag zu mir sagen hörte, ich dürfte sie nicht so billig verkaufen? Alles berechtigte mich daher zu den schönsten Hoffnungen.

In weniger als einem Monat gab ich für die Einrichtung des Hauses ungefähr sechzigtausend Franken aus; außerdem hatte ich mich zu einer wöchentlichen Ausgabe von mehr als zwölfhundert Franken verpflichtet.

Frau d’Urfé lachte herzlich, so oft sie mich sah, denn sie war überzeugt, daß diese ganze Unternehmung nur den Zweck hätte, die Neugierigen auf eine falsche Spur zu bringen und mein Inkognito zu wahren; sie ließ es sich nicht nehmen, daß ich nach Belieben Regen oder Sonnenschein machen könnte.

Der Anblick von zwanzig mehr oder weniger hübschen Mädchen, von denen das älteste keine zwanzig Jahre alt war, erschreckte mich keineswegs – wie ich es hätte wünschen sollen – sondern machte mir vielmehr das größte Vergnügen. Ich glaubte inmitten eines Harems zu sein und sah mit Vergnügen ihr bescheidenes und unterwürfiges Wesen und die Aufmerksamkeit, womit sie dem Unterricht des Lehrers folgten, der sie bei ihrer Arbeit anleitete. Die am besten bezahlten verdienten täglich nur vierundzwanzig Sous, und alle standen im besten Ruf, denn sie waren von der bejahrten und frommen Frau des Direktors ausgewählt worden; sie hatte mich um diese Vergünstigung gebeten, und ich hatte sie ihr bewilligt, weil ich in ihr eine gefälllige Vermittlerin zu finden hoffte, falls ich Lust bekommen sollte, mir ihre Wahl zunutze zu machen. Manon Baletti teilte meine Freude nicht; sie zitterte, als sie mich im Besitze eines Harems sah; denn sie fühlte wohl, daß meine Tugend bald an irgend einer neuen Klippe scheitern würde. Sie war mir allen Ernstes böse, obwohl ich ihr versichert hatte, daß kein einziges Mädchen im Hause schliefe.

Dieses Unternehmen erhöhte mich in meinen eigenen Augen und gab mir eine Wichtigkeit, die aus der begründeten Hoffnung auf ein glänzendes und wohlerworbenes Vermögen und zugleich aus dem Gedanken herrührte, daß ich einer ziemlich großen Anzahl von Menschen ihren Lebensunterhalt verschaffte. Aber dieses Glück war zu rein, als daß mir ein böser Geist nicht irgend etwas hätte in den Weg legen sollen.

Schon seit drei Monaten war Fräulein X. C. V. im Kloster, und es nahte sich der Zeitpunkt ihrer Niederkunft. Wir schrieben uns jede Woche zweimal, und in dieser Hinsicht war ich vollkommen beruhigt. Von Herrn de la Popeliniére konnte nicht mehr die Rede sein, da er sich bereits verheiratet hatte, und da das Fräulein nach dem Verlassen des Klosters zu ihrer Mutter zurückkehren sollte, so war damit die Sache überhaupt erledigt. Aber während so alles dazu beitrug, mich in meiner Sicherheit zu bestärken, brach plötzlich die Flamme hervor, die unter der Asche glomm.

Ich machte eines Tages einen Spaziergang in den Tuilerien, nachdem ich bei Frau von Urfé zu Mittag gespeist hatte. Nachdem ich ein paarmal die große Allee auf und ab gegangen war, bemerkte ich, daß eine alte Frau, die von einem schwarzgekleideten Manne, mit einem Degen an der Seite, begleitet war, mich prüfend betrachtete und ihre Beobachtungen ihrem Begleiter mitzuteilen schien. Da dies an einem viel besuchten öffentlichen Ort nicht auffallend war, so setzte ich meinen Spaziergang fort, ohne weiter darüber nachzudenken; als ich jedoch zurückkam, waren dieselben Menschen stehen geblieben, um mein Gesicht zu sehen. Ich sah sie jetzt ebenfalls genau an und erinnerte mich, den Mann in einer Spielhölle gesehen zu haben, wo er unter dem gascognischen Namen Castel-Bajac verkehrte. Ich kehrte um und erinnerte mich, nachdem ich mir das Gesicht der alten Hexe näher angesehen hatte, mit einiger Mühe, daß sie die Hebamme war, bei der ich mit Fräulein X. C. V. gewesen war, um sie wegen der Schwangerschaft um Rat zu fragen. Ich war überzeugt, daß sie mich erkannt hatte, glaubte jedoch, daß ich nichts zu befürchten hätte, und verließ einfach den Park, um an einem andern Ort spazieren zu gehen. Als ich zwei Tage darauf um elf Uhr in meinen Wagen steigen wollte, sah ich einen verdächtig aussehenden Menschen, der mir ein Papier hinhielt und mich aufforderte, es zu lesen. Ich öffnete es; da ich jedoch ein unleserliches Gekritzel sah, so gab ich es ihm zurück und sagte ihm, er möchte es mir vorlesen. Er tat es, und ich hörte eine Aufforderung, vor dem Polizeikommissär zu erscheinen, um mich wegen einer Klage zu verantworten, die die Hebamme Soundso, deren Namen ich vergessen habe, gegen mich eingereicht hätte.

Obgleich ich leicht erraten konnte, worüber ich vernommen werden sollte, und überzeugt war, daß sie ihre Aussage nicht beweisen könnte, ging ich doch zu einem mir bekannten Anwalt und beauftragte ihn in aller Form mit meiner Vertretung. Ich sagte ihm, daß ich in Paris überhaupt keine Hebamme kenne oder je gekannt hätte. Er ging zum Kommissär und brachte mir am nächsten Tag eine Abschrift der Klage.

Sie behauptete folgendes: ich sei in einer Nacht mit einer jungen Dame, die etwa im fünften Monat schwanger gewesen wäre, zu ihr gekommen. In der einen Hand hätte ich eine Pistole, in der anderen eine Rolle von fünfzig Louis gehalten und ihr nur die Wahl gelassen, entweder zu sterben oder die zwölfhundert Franken zu verdienen, indem sie der Dame das Kind abtriebe. Diese wäre, wie ich, im Domino gewesen, woraus hervorginge, daß wir vom Opernball gekommen wären. Aus Furcht hätte sie sich nicht rundweg weigern können, aber sie hätte noch genug Selbstbeherrschung gehabt, um mir zu sagen, daß sie die notwendigen Mittel nicht zur Hand hätte, jedoch für die nächste Nacht alles bereit halten würde. Wir hätten uns mit dem Versprechen entfernt, daß wir wiederkommen würden. Im Glauben, daß dies bestimmt geschehen würde, wäre sie sofort am anderen Morgen zum Herrn Castel-Bajac gegangen und hatte ihn gebeten, sich im Nebenzimmer verborgen zu halten, um sie vor Gewalttätigkeiten zu schützen und zugleich zu hören, was ich ihr sagen würde; aber sie hätte mich nicht mehr wiedergesehen. Sie würde nicht verfehlt haben, schon am nächsten Tage Anzeige zu erstatten, wenn sie gewußt hätte, wer ich wäre. Nachdem sie mich nun erst am Tage vorher in den Tuilerien wieder erkannt und Herr Castel-Bajac ihr meinen Namen gesagt hätte, hielte sie es für Gewissenspflicht, mich anzuzeigen, damit nach der Strenge des Gesetzes gegen mich verfahren würde und damit sie Genugtuung für den Schimpf erhielte, den ich ihr angetan hätte.

Herr Castel-Bajac hatte als Zeuge unterschrieben.

»Die Verleumdung ist offenbar,« sagte mein Anwalt zu mir, »zum mindesten spricht keine Tatsache für die Wahrheit der Beschuldigung, die das Weib gegen Sie erhebt. Ich rate Ihnen daher, die Sache vor den Kriminalpräsidenten zu bringen und durch ihn die Genugtuung zu erhalten, die Ihre Ehre verlangt.«

Ich ermächtigte ihn, alles zu tun, was er für angemessen hielte; drei oder vier Tage darauf sagte er mir, der Beamte wolle mit mir unter vier Augen sprechen und erwarte mich um drei Uhr nachmittags.

Wie man sich denken kann, fand ich mich pünktlich ein. Ich fand einen höflichen und überaus liebenswürdigen Herrn. Es war der berühmte Herr de Sartines, den der König zwei Jahre später zum Polizeistatthalter ernannte. Das Amt des Kriminalpräsidenten war eine käufliche Stelle, die Herr de Sartines wieder verkaufte, als der König ihn an die Spitze der Polizei berief.

Sobald ich ihm meine Verbeugung gemacht hatte, lud Herr de Sartines mich ein, mich neben ihn Zu setzen, und sagte folgendes zu mir: »Mein Herr, ich habe Sie in unserem beiderseitigen Interesse gebeten, bei mir vorzusprechen, denn in dem Falle, worin Sie sich befinden, sind unsere Interessen untrennbar. In dem Prozeß, den man gegen Sie anstrengt, beschweren Sie sich mit Recht bei mir, wenn Sie unschuldig sind; vor allem aber müssen Sie mir die Wahrheit in vollstem Umfang sagen. Ich bin bereit, ohne Rücksicht auf mein Richteramt Ihnen zu helfen; aber Sie begreifen, daß man ihre Gegenpartei der Verleumdung überführen muß, um deren Schuld festzustellen. Ich wünsche von Ihnen eine außeramtliche und ganz vertrauliche Aufklärung, denn Ihr Fall ist bereits höchst bedenklich und von der Art, daß Sie trotz Ihrer Unschuld sich für verpflichtet halten können, um Ihrer Ehre willen Zurückhaltung zu beobachten. Ihre Gegner werden auf Ihr Zartgefühl keine Rücksicht nehmen. Sie werden Ihnen dermaßen zusetzen, daß Sie entweder eine entehrende Verurteilung über sich ergehen lassen müssen oder, um Ihre Unschuld zu beweisen, gegen Ihre eigene Überzeugung die Gebote der Ehre übertreten müssen. Ich mache Ihnen hiermit eine ganz vertrauliche Mitteilung. In gewissen Fällen steht mir die Ehre so hoch, daß ich ihr zu Liebe sogar die strengsten Vorschriften der Kriminaljustiz zurücktreten lasse. Vergelten Sie mir dieses mit Gleichem; schenken Sie mir volles Vertrauen, sagen Sie mir alles ohne Rückhalt und gewinnen Sie dadurch meine Freundschaft und mein Wohlwollen. Ich wage nichts, wenn Sie unschuldig sind, denn die Freundschaft wird mich niemals abhalten können, unparteiisch zu sein; wenn Sie aber schuldig sind, so beklage ich Sie; denn ich sage Ihnen, ich werde gerecht sein.«

Nachdem ich ihm alles gesagt hatte, was das Gefühl mir angab, um ihm meine Dankbarkeit darzutun, versicherte ich ihm, ich sei durch keine Rücksicht auf Ehre verpflichtet, etwas zurückzuhalten, und brauche ihm daher außeramtlich nichts zu sagen. »Die Hebamme ist mir vollständig unbekannt; es kann nur eine Verbrecherin sein, die mit Hilfe eines ihrer würdigen Genossen Geld von mir erschwindeln will.«

»Ich will es gerne glauben; aber wenn dies wahr ist, so begünstigt der Zufall das Frauenzimmer in merkwürdiger Weise, um für Sie den Beweis Ihrer Unschuld langwierig und schwierig zu machen: seit drei Monaten ist Fräulein X.C.V. verschwunden; man kennt Ihren vertrauten Umgang mit ihr; Sie besuchten sie zu jeder Stunde; Sie haben am Tage vor ihrem Verschwinden mehrere Stunden mit ihr verbracht, und man weiß nicht, wo sie ist. Jeder Verdacht kehrt sich gegen Sie, und Sie sind unaufhörlich von bezahlten Aufpassern umlauert. Die Hebamme hat mir gestern ihr Gesuch durch den Advokaten Vauversin einreichen lassen. Sie behauptet, die schwangere Dame, die Sie zu ihr geführt haben, sei dieselbe, wie die von Frau X.C.V. gesuchte. Die Anklägerin erklärt außerdem, Sie seien beide in schwarzen Dominos gewesen, und die Polizei hat bereits festgestellt, daß Sie wirklich beide in schwarzen Dominos auf dem Opernball gewesen sind, und zwar in derselben Nacht, in der Sie nach der Behauptung jenes Frauenzimmers sie aufgesucht haben; außerdem stimmen alle Berichte darin überein, daß Sie zusammen vom Ball verschwunden sind. Dies sind allerdings nur halbe Beweise; aber sie sind furchtbar.«

»Warum sollte ich mich fürchten?«

»Warum? Weil ein falscher Zeuge, der für Geld leicht zu finden ist, ohne Gefahr schwören kann, daß er Sie beide hat den Ball verlassen und in einen Fiaker steigen sehen. Ein Fiakerkutscher kann für ein bißchen Geld erkauft werden und bezeugen, daß er Sie zu der Hebamme gefahren hat. In diesem Fall würde ich mich gezwungen sehen, Sie verhaften zu lassen, um Sie zu zwingen, die Person zu nennen, die Sie zu Ihrer Anklägerin geführt haben. Bedenken Sie, man beschuldigt Sie der Abtreibung und es sind drei Monate verflossen, ohne daß die Familie den Zufluchtsort des Fräuleins hat entdecken können. Man hat gesagt, sie sei tot. Fühlen Sie nicht die ganze Bedeutung einer Anschuldigung wegen Mordes?«

»Gewiß, mein Herr; aber wenn ich trotz meiner Unschuld zugrunde gehen sollte, so würde dies durch Ihr Urteil geschehen; dann wären Sie mehr zu beklagen als ich.«

»Da haben Sie freilich recht; aber an Ihrem Schicksal würde dies doch nichts ändern, übrigens können Sie gewiß sein, daß ich Sie nicht unschuldig verurteilen würde; aber Sie würden vielleicht lange in einem Kerker schmachten müssen, bis Sie Ihre Unschuld beweisen könnten. Kurz, die Sache ist, wie Sie sehen, binnen vierundzwanzig Stunden sehr schlimm geworden, und in acht Tagen kann sie entsetzlich sein. Was meine Teilnahme zu Ihren Gunsten erregt hat, ist die Abgeschmacktheit der Anklage, über die ich habe lachen müssen; aber der Fall wird ernst durch die begleitenden Nebenumstände. Ich sehe die Wahrscheinlichkeit der Entführung; ich sehe, daß Liebe, und vor allem Ehre Sie zur Zurückhaltung zwingen. Ich habe beschlossen, mit Ihnen zu sprechen, und ich hoffe, Sie werden mir Ihr Herz rückhaltlos öffnen. Ich halte Sie für ganz unschuldig, und will Ihnen daher die Unannehmlichkeiten ersparen, die Ihnen drohen. Sagen Sie mir alles und seien Sie versichert, daß die Ehre des Fräuleins in keiner Weise leiden wird. Sollten Sie sich aber unglücklicherweise der Verbrechen schuldig fühlen, die man Ihnen zur Last legt, so rate ich Ihnen, Vorsichtsmaßregeln zu treffen, die Ihnen näher zu bezeichnen mir nicht zukommt. Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß ich Sie in drei oder vier Tagen amtlich werde vorladen lassen; dann werden Sie mich nur als Richter sehen – gerecht, aber unparteiisch und streng, wie das Gesetz.«

Ich war wie versteinert, denn diese Rede zeigte mir die Gefahr, worin ich schwebte, in ihrer ganzen Nacktheit. Ich fühlte, wie hohen Wert ich auf die wohlwollenden Anerbietungen dieses Ehrenmannes legen mußte, und ich sagte ihm mit zitternder Stimme: »Trotz meiner Unschuld sehe ich mich gezwungen, Ihre Güte zugunsten der Ehre des Fräuleins X.C.V. in Anspruch zu nehmen. Sie ist von jedem Verbrechen frei; aber sie läuft Gefahr, durch das Aufsehen, das diese unglückselige Geschichte machen wird, ihren guten Ruf zu verlieren. Ich weiß, wo sie ist, und ich kann Ihnen versichern, daß sie ihre Mutter nicht würde verlassen haben, wenn man sie nicht hätte zwingen wollen, einen Mann zu heiraten, den sie verabscheute.«

»Aber dieser Mann ist jetzt verheiratet; sie braucht nur zu ihrer Mutter zurückzukehren, und Sie sind gerettet – falls nicht etwa die Hebamme auf ihrer Behauptung besteht, daß Sie dem Fräulein bei der Abtreibung behilflich gewesen sind.«

»Ach, mein Herr, von Abtreibung ist gar nicht die Rede; aber andere Gründe verhindern sie, in den Schoß ihrer Familie zurückzukehren. Mehr kann ich Ihnen nicht sagen, bevor ich nicht eine Einwilligung erhalten habe, um die ich mich bemühen werde. Dann werde ich Ihnen die volle Aufklärung geben können, auf die Ihre edle Seele Anspruch hat. Bewilligen Sie mir die Ehre, mich übermorgen hier noch ein zweites Mal anzuhören.«

»Ich verstehe; ich werde Sie sehr gerne anhören; ich danke Ihnen und wünsche Ihnen Glück. Leben Sie wohl.«

Ich schwebte am Rande des Abgrundes, aber ich war fest entschlossen, lieber Frankreich zu verlassen, als das Geheimnis meiner lieben unglücklichen Freundin zu verraten. Wenn es möglich gewesen wäre, hätte ich gerne die Geschichte mit Geld tot gemacht; aber dazu war keine Zeit mehr. Ich war überzeugt, daß Farsetti der Hauptschuldige an diesem Wirrwarr war, daß er mich beständig verfolgt und auch die Aufpasser bezahlt hatte, von denen Herr de Sartines mir gesprochen hatte. Er hatte mir auch den Advokaten Vauversin auf den Hals geschickt, und ich durfte nicht daran zweifeln, daß ihm kein Opfer zu teuer war, um mich zu verderben. Ich fühlte, daß ich nichts Besseres tun konnte, als mich Herrn von Sartines rückhaltlos anzuvertrauen; aber dazu bedurfte ich der Zustimmung der Frau du Rumain.

  1. Jupin = Jupiter (der König); Venus (die Pompadour); Plutus (Herr von Boulogne); Merkur (der Herzog von Richelieu); Mars (der Graf von Clermont, Abbé von St.-Germain-des-Prés).

Elftes Kapitel


Ich werde verhört. – Ich gebe dem Gerichtsschreiber dreihundert Louis. – Die Hebamme und Castel-Bajac werden ins Gefängnis gesetzt. – Fräulein X.C.V. bringt einen Knaben zur Welt und nötigt ihre Mutter, mir Genugtuung zu geben. – Mein Prozeß wird eingestellt. – Fräulein X.C.V. reist nach Brüssel ab und geht mit ihrer Mutter nach Venedig, wo sie eine große Dame wird. – Meine Arbeiterinnen. – Frau Baret. – Ich werde bestohlen, eingesperrt und wieder in Freiheit gesetzt. – Ich reise nach Holland. – Das Buch »vom Geist« von Helvetius. – Piccolomini.

Am Tage nach meiner ersten Unterredung mit Herrn de Sartines ging ich in aller Frühe zu Frau du Rumain. Da der Fall dringlich war, so nahm ich mir die Freiheit, sie wecken zu lassen. Sobald sie mich empfangen konnte, teilte ich ihr alles ganz genau mit.

»Hier gibt es kein Schwanken, mein lieber Casanova!« sagte die liebenswürdige Dame zu mir, »wir müssen Herrn von Sartines alles anvertrauen, und ich werde bestimmt noch heute mit ihm sprechen.«

In demselben Augenblick setzte sie sich an ihren Schreibtisch und bat den Kriminalpräsidenten um eine Unterredung für drei Uhr nachmittags. In weniger als einer Stunde brachte der Bediente die Antwort des Präsidenten, daß er sie erwarte. Wir verabredeten, daß ich sie am Abend wieder aufsuchen und dann von ihr den Erfolg ihres Besuches erfahren sollte.

Um fünf Uhr war ich schon bei ihr, und ich brauchte nur wenige Augenblicke auf ihre Rückkehr zu warten.

»Ich habe ihm alles enthüllt,« sagte sie; »er weiß, daß sie unmittelbar vor der Niederkunft steht, und er weiß, daß Sie nicht der Vater sind. Hierdurch stehen Sie im Lichte großen Edelmuts da. Ich habe Ihnen gesagt, daß das Fräulein sofort nach ihrer Entbindung und Wiederherstellung zu ihrer Mutter zurückkehren werde, ohne jedoch ihren Fehltritt zu gestehen, und daß das Kind an einen sicheren Ort gebracht werden würde. Sie haben nichts zu befürchten und können ruhig sein; da aber die einmal eingeleitete Sache ihren Lauf nehmen muß, so werden Sie für übermorgen vorgeladen werden. Ich rate Ihnen, den Gerichtsschreiber unter irgend einem Vorwand aufzusuchen und ihn zur Annahme einer Geldsumme zu bewegen.«

Ich wurde vorgeladen und erschien. Ich sah Herrn von Sartines sedentem pro tribunali. Zum Schluß der Sitzung sagte er mir, er sei genötigt, gegen mich eine Vorladung zu persönlichem Erscheinen zu erlassen; ich dürfe wegen der Gültigkeitsdauer während dieser Vorladung mich weder von Paris entfernen noch mich verheiraten, denn durch einen schwebenden Kriminalprozeß werde das Zivilrecht zeitweilig aufgehoben. Ich antwortete ihm, ich würde weder das eine noch das andere tun.

Bei dem Verhör gab ich zu, daß ich in der angegebenen Nacht den Opernball in einem schwarzen Domino besucht hätte; alles übrige aber leugnete ich.

In bezug auf Fräulein X.C.V. erklärte ich, daß weder ich noch jemand von ihrer Familie sie jemals im Verdacht gehabt hätten, schwanger zu sein.

Da meine Eigenschaft als Ausländer Vauversin auf den Gedanken bringen konnte, mich unter dem Vormund des Fluchtverdachtes verhaften zu lassen, so schien mir die Gelegenheit günstig zu sein, um den Gerichtsschreiber auf meine Seite zu bringen, und ich begab mich zu ihm. Nachdem ich ihm meine Befürchtung geäußert hatte, drückte ich ihm eine Rolle von dreihundert Louis in die Hand, über die ich natürlich keine Quittung verlangte, und sagte ihm, dieses Geld solle die Kosten des Prozesses decken, falls etwa diese von mir zu tragen wären. Er riet mir, Bürgschaftsstellung von Seiten der Hebamme zu verlangen, und ich beauftragte meinen Anwalt damit; aber vier Tage darauf ereignete sich folgendes:

Ich ging auf dem Boulevard du Temple spazieren, als ein Dienstmann mir einen Brief übergab, worin ich die Mitteilung las, daß jemand, der fünfzig Schritte entfernt in einem Gange auf mich warte, mich zu sprechen wünsche. Ich dachte bei mir selber: das ist entweder ein Liebesabenteuer oder eine Herausforderung; sehen wir zu! Ich ließ meinen mir folgenden Wagen nur halten und ging nach dem angegebenen Ort. Zu meinem unbeschreiblichen Erstaunen sah ich den elenden Castel-Bajac vor mir. »Ich habe Ihnen nur zwei Worte zu sagen,« begann er, sobald er mich erblickte; »wir sind hier in Sicherheit; ich will Ihnen ein sicheres Mittel vorschlagen, Ihren Prozeß zu Ende zu bringen und dadurch viel Geld und Unruhe zu ersparen. Die Hebamme ist sicher, daß Sie der Herr sind, der mit einer schwangeren Dame bei ihr war; aber es tut ihr jetzt leid, daß man Sie beschuldigt, sie entführt zu haben. Geben Sie ihr hundert Louis; sie wird dem Gerichtsschreiber erklären, daß sie sich geirrt hat, und alles wird für Sie erledigt sein. Sie bezahlen ihr diese Summe erst, nachdem sie ihre Erklärung abgegeben hat: Ihr Wort genügt ihr. Kommen Sie mit mir zu Vauversin; ich bin sicher, er wird Sie überreden, meinen Vorschlag anzunehmen. Ich weiß, wo er ist; bitte folgen Sie mir in der Ferne.«

Ich hatte ihn angehört, ohne ein Wort zu sagen, und ich war entzückt, mit welcher Unvorsichtigkeit die Spitzbuben in die Falle gingen. Ich sagte zu dem Gascogner Spion: »Gut, führen Sie mich.« Ich folgte ihm in das dritte Stockwerk eines Hauses der Rue aux Ours, wo ich den Advokaten Vauversin fand. Sobald dieser mich sah, kam er ohne weitere Vorreden zur Sache und sagte: »Die Hebamme wird mit einem Zeugen zu Ihnen kommen, in der Absicht, Ihnen ins Gesicht zu sagen, daß Sie der Herr sind, der mit einer Frau zu ihr gekommen ist und Abtreibungsmittel von ihr verlangt hat. Sie wird Sie nicht erkennen. Sie wird hierauf mit dem Zeugen zum Gerichtsschreiber gehen und wird zu Protokoll geben, daß sie sich getäuscht hat. Dies wird dem Herrn Kriminalpräsidenten genügen, um das Verfahren gänzlich einzustellen. Durch dieses Mittel sind Sie sicher, den Prozeß gegen die Mutter des Fräuleins zu gewinnen.«

Da ich dies alles recht sinnreich ausgedacht fand, so sagte ich ihm ich würde täglich bis zwölf Uhr mittags im Temple sein.

»Aber die Hebamme braucht hundert Louis.«

»Das heißt, die ehrenwerte Frau bewertet ihren Meineid zu diesem Preise. Nun, gleichviel, ich verspreche sie, und Sie können auf mein Wort rechnen, aber ich werde die hundert Louis erst geben, wenn sie ihren Irrtum zu Protokoll gegeben hat.«

»Das genügt, mein Herr, vorausgesetzt, daß Sie bereit sind, den vierten Teil der Summe voraus zu bezahlen; diesen habe ich für meine Kosten und als Honorar zu beanspruchen.«

»Ich bin bereit, Ihren Wunsch zu erfüllen, wenn Sie mir eine regelrechte Quittung darüber geben wollen.«

Er zögerte anfangs; da ihm jedoch daran lag, das Geld zu erhalten, so tat er schließlich nach langem Hinundherreden, was ich wollte, und ich zählte ihm fünfundzwanzig Louis auf. Er dankte mir vielmals und sagte mir zuletzt, er werde mir, obwohl Frau X.C.V. seine Klientin sei, die besten Ratschläge geben, um alle ihre Maßnahmen zu vereiteln. Ich dankte ihm so lebhaft, wie wenn ich wirklich die Absicht gehabt hätte, von seinen Anerbietungen Gebrauch zu machen. Sobald ich zu Hause war, schrieb ich Herrn de Sartines alles Vorgefallene.

Drei Tage darauf meldete man mir eine Frau und einen Mann, die mich zu sprechen wünschten. Ich ging hinaus und fragte die Frau, was sie wünsche.

»Ich möchte Herrn Casanova sprechen.«

»Der bin ich.«

»So habe ich mich also getäuscht, mein Herr; ich bitte um Entschuldigung.«

Ihr Begleiter lächelte und sie gingen.

An demselben Tage erhielt die Gräfin du Rumain einen Brief von der Äbtissin, daß ihre Schutzbefohlene ein niedliches Bübchen zur Welt gebracht hätte und daß sie den Jungen nach einem Ort hätte bringen lassen, wo er die erste Pflege finden würde. Das Fräulein würde das Kloster erst nach sechs Wochen verlassen und würde dann mit einem Zeugnis, das sie gegen jede Unannehmlichkeit schützen müßte, zu ihrer Mutter zurückkehren.

Bald nachher wurde die Hebamme ins Gefängnis gesteckt; Castel-Bajac wurde nach Bicêtre geschickt, und Vauversin wurde aus der Liste der Advokaten gestrichen. Die Verfolgungen der Frau X.C.V. gegen mich dauerten bis zum Wiedererscheinen ihrer Tochter; aber ich wußte, daß ich mich darum nicht zu beunruhigen brauchte. Das Fräulein kehrte gegen Ende August ins Hotel de Bretagne zurück und überbrachte ihrer Mutter ihr Zeugnis, worin die Äbtissin erklärte, sie sei vier Monate bei ihr gewesen, sei während dieser Zeit niemals ausgegangen und habe keinen einzigen Besuch empfangen. Dies war die volle Wahrheit; aber die Äbtissin schrieb außerdem, sie kehre nur darum zu ihrer Familie zurück, weil sie von den Verfolgungen des Herrn de la Popelinière nichts mehr zu befürchten habe, und hierin log die Nonne.

Frau X.C.V. freute sich außerordentlich, ihre Tochter makellos wiederzusehen; diese wußte sie daraufhin zu veranlassen, sich persönlich zu Herrn de Sartines zu begeben und ihm das Zeugnis der Äbtissin zu zeigen, zu erklären, daß sie von jeder Verfolgung gegen mich absehe und bereit sei, mir volle Genugtuung zu geben, indem sie ihm sagte, ich wäre berechtigt, eine Entschädigung zu verlangen, aber man müsse, um nicht dem Rufe ihrer Tochter zu schaden, über alles Vorgefallene das strengste Schweigen bewahren.

Die Mutter schrieb mir einen Brief, der mir die vollste Genugtuung bot; ich beeilte mich, diesen zu den Gerichtsakten zu geben, wodurch mein ärgerlicher Prozeß in aller Form beendigt wurde. Ich schrieb ihr meinerseits einen Glückwunsch, aber ich betrat ihr Haus nicht wieder, um die unangenehmen Auftritte zu vermeiden, die ein Zusammentreffen mit Farsetti vielleicht zur Folge gehabt hätte. Da das Fräulein nicht mehr in Paris bleiben konnte, wo alle Welt ihre Geschichte kannte, so erbot Farsetti sich, sie nebst ihrer Schwester Madeleine nach Brüssel zu bringen. Einige Zeit darauf holte ihre Mutter sie dort ab, und sie reisten nach Venedig, wo meine Geliebte drei Jahre später eine vornehme Dame wurde. Fünfzehn Jahre darauf sah ich sie als Witwe wieder; sie war ziemlich glücklich und stand in ehrenvollem Ansehen wegen ihres Ranges, ihres Geistes und ihrer gesellschaftlichen Talente; ich bin aber mit ihr in keinerlei Verbindung mehr gestanden.

In vier Jahren wird der Leser sehen, wie und wo ich Castel-Bajac wieder fand. Gegen Ende desselben Jahres 1759 gab ich mehrere hundert Franken aus, um die Freilassung der Hebamme zu bewirken.

Ich lebte mit fürstlichem Luxus, und man konnte mich für glücklich halten; aber ich war es nicht. Meine ungeheuren Ausgaben, meine übermäßige Verschwendungssucht, meine Genußsucht und Freigebigkeit ließen mich wider meinen Willen in näherer oder fernerer Zukunft Unannehmlichkeiten voraussehen. Meine Fabrik würde mich instand gesetzt haben, mein Leben noch lange in gleicher Weise fortzuführen, wenn nicht der unglückliche Krieg den Absatz gelähmt hätte; auch ich mußte notwendigerweise die allgemeine Geldknappheit verspüren, die in Frankreich in allen Ständen herrschte. Ich hatte vierhundert Stück bemalter Stoffe auf Lager, aber es war nicht wahrscheinlich, daß ich sie vor dem Frieden verkaufen konnte, und da dieser heißersehnte Friede erst in einer noch fernen Zukunft zu erwarten war, so drohte mir eine Art Ruin.

In dieser Befürchtung schrieb ich an Esther, sie möge ihren Vater bewegen, die Hälfte des Betriebskapitals einzulegen, mir einen tüchtigen Geschäftsführer zu schicken und mein Teilhaber zu werden. Herr d’O. antwortete mir, wenn ich die Fabrik nach Holland verlegen wollte, so würde er alles auf sich nehmen und mir die Hälfte des Gewinnes geben; aber ich liebte Paris und ging auf diesen vorteilhaften Vorschlag nicht ein. Ich hatte es zu bereuen.

Mein Haus Klein-Polen kostete mir viel Geld; die Hauptausgabe aber, die mich zugrunde richtete und die kein Mensch kannte, verursachten mir meine kleinen Arbeiterinnen; denn bei meinem Temperament und meiner Vorliebe für die Abwechslung waren zwanzig junge Mädchen, fast alle hübsch und alle verführerisch, wie es die Pariserinnen sind, für mich eine Klippe, woran meine Tugend täglich von neuem Schiffbruch leiden mußte. Ich war auf die meisten neugierig, und da ich nicht die Geduld hatte, durch langsames Vorgehen sie ebenfalls neugierig auf mich zu machen, so machten sie sich meine Ungeduld zunutze, um mir ihre Gunst so teuer wie möglich zu verkaufen.

Das Beispiel der ersten diente ihnen allen zum Muster, um Haus, Möbel, Geld, Schmuck zu verlangen; und ich kannte zu wenig den Wert von hundert Louis, um mich dadurch von der Befriedigung einer Laune abhalten zu lassen. Meine Laune dauerte niemals länger als eine Woche; oft war sie schon nach drei oder vier Tagen verflogen, und natürlich schien mir stets die zuletzt gekommene meiner Aufmerksamkeiten am würdigsten zu sein. Sobald ich mein Auge auf eine neue geworfen hatte, sah ich die alten nicht mehr, aber ich fuhr fort, deren Ansprüche zu befriedigen, und diese gingen weit. Frau von Urfé, die mich für sehr reich hielt, hielt mich nicht von dieser Verschwendung zurück. Ich machte sie glücklich, indem ich durch meine Orakel ihre magischen Operationen unterstützte, in die sie sich von Tag zu Tag mehr verrannte, obgleich ihre Versuche niemals zum Ziele führten. Manon Baletti quälte mich durch ihre Eifersüchteleien und durch ihre berechtigten Vorwürfe. Sie konnte – und mit Recht – nicht begreifen, wie ich die Heirat mit ihr immer noch hinausschieben könnte, wenn ich sie wirklich liebte. Sie beschuldigte mich, sie zu täuschen. Ihre Mutter starb an der Schwindsucht in unseren Armen. Zehn Minuten vor ihrem letzten Atemzuge empfahl sie mir ihre Tochter, und ich gab ihr das ganz aufrichtige Versprechen, sie zu heiraten; aber das Schicksal, wie man es ja zu nennen pflegt, widersetzte sich stets dieser Absicht. Sylvia hatte mir die innigste Freundschaft eingeflößt; ich verehrte sie als eine ausgezeichete Frau, deren wohltätiges Herz und sittliche Reinheit sie der allgemeinen Achtung und Wertschätzung würdig machten. Ich blieb drei Tage lang in der Familie und teilte von ganzem Herzen die Trauer aller ihrer Mitglieder.

Wenige Tage darauf verlor mein Freund Tiretta seine Geliebte, die an einer schmerzhaften Krankheit starb. Als sie ihr Ende nahen fühlte, beschloß sie Gott zu widmen, was sie den Menschen nicht mehr geben konnte; daher verabschiedete sie vier Tage vor ihrem Tode ihren Liebhaber, indem sie ihm einen wertvollen Ring und eine Börse mit zweihundert Louisdor schenkte. Tiretta schnürte sein Bündel und kam nach Klein-Polen, um mir die traurige Nachricht zu überbringen. Ich brachte ihn im Temple unter, und als er einen Monat darauf Lust bekam, sein Glück in Indien zu versuchen, billigte ich diesen Entschluß und gab ihm einen Empfehlungsbrief an Herrn d’O. in Amsterdam, der ihn in weniger als vierzehn Tagen auf einem Schiff der Gesellschaft, das nach Batavia segelte, als Schreiber unterbrachte. Bei guter Aufführung würde er reich geworden sein, aber er ließ sich in eine Verschwörung ein, mußte fliehen und erlebte seither manche Wechselfälle des Glücks. Von einem seiner Verwandten erfuhr ich, daß er im Jahre 1788 in Bengalen lebte; er war damals reich, konnte aber sein Vermögen nicht flüssig machen, um in seine Heimat zurückzukehren und dort sein Lebensende glücklich zu verbringe; was später aus ihm geworden ist, weiß ich nicht.

Im Anfang des Monats November kam ein Küchenbeamter vom Hofe des Herzogs von Elboeuf mit seiner Tochter in meine Fabrik, um ihr ein Kleid für ihre Hochzeit zu kaufen. Ich war von ihrer Schönheit geblendet. Sie wählte ein Stück sehr glänzenden Atlasses, und ihr schönes Gesicht belebte sich vor Freude, als sie sah, daß ihr Vater mit dem Preise einverstanden war; groß aber war ihr Kummer, als der Verkäufer ihrem Vater sagte, er müsse das ganze Stück nehmen, weil ein Einzelverkauf nicht stattfinde. Ich konnte ihrem Schmerz nicht widerstehen, und um nicht zu ihren Gunsten eine Ausnahme zu machen, ging ich schnell in mein Privatzimmer. Hätte ich nur die Eingebung gehabt, das Haus zu verlassen, dann würde ich viel Geld gespart haben; aber freilich, welcher Freuden, welcher Genüsse würde ich mich dann auch beraubt haben! In ihrer Verzweiflung bat die reizende Kleine den Direktor, sie zu mir zu führen, und dieser wagte ihr ihre Bitte nicht abzuschlagen. Sie trat ein; zwei große Tränen schwammen in ihren Augen und dämpften das Feuer ihrer Blicke. »Mein Herr,« sagte sie ohne weiteres zu mir, »Sie sind reich; Sie können das Stück kaufen und mir davon den Stoff zu einem Kleide ablassen. Sie machen mich damit glücklich.«

Ich warf einen Blick auf ihren Vater, und er sah aus, wie wenn er mich wegen der Kühnheit seines Kindes um Entschuldigung bäte.

»Ihr Freimut gefällt mir, Fräulein; da diese Gefälligkeit Sie glücklich macht, wie Sie sagen, so sollen Sie das Kleid haben.«

Sie fiel mir um den Hals und küßte mich vor Dankbarkeit, während ihr biederer Vater sich vor Lachen ausschütten wollte. Ihre Küsse behexten mich vollends. Ihr Vater bezahlte das Kleid und sagte dann zu mir: »Mein Herr, Sonntag verheirate ich diese kleine Närrin; es gibt ein Abendessen und hierauf einen Tanz. Sie werden uns glücklich machen, wenn Sie uns die Ehre erweisen wollen, an dem Feste teilzunehmen. Ich heiße Gilbert und bin Kontrolleur beim Herzog von Elboeuf.«

Ich versprach ihm pünktlich zu kommen, und die junge Braut machte einen Freudensprung, der sie mir noch schöner erscheinen ließ.

Am Sonntag begab ich mich nach dem mir bezeichneten Ort, aber ich konnte weder essen noch tanzen. Die schöne Gilbert hielt 2?Z mich gewissermaßen verzaubert, solange ich mich in der Gesellschaft befand, an deren Ton ich mich niemals hätte gewöhnen können. Es waren Hausbeamte vornehmer Häuser mit ihren Frauen und Töchtern; sie äfften die guten Manieren ihrer Herrschaften nach und machten sich dadurch nur lächerlich. Ich kannte keinen einzigen von ihnen, und kein Mensch wußte, wer ich war; ich war daher unter ihnen durchaus nicht an meinem Platz und spielte eine dumme Rolle. In solchen Gesellschaften ist gerade der Klügste der Tölpel. Jeder machte mit der Neuvermählten seinen Witz; sie antwortete allen, und man lachte oft, ohne sich zu verstehen. Der Gatte, ein trauriger magerer Tropf, freute sich, daß seine Frau so lustig mit den Gästen zu scherzen wußte.

Obgleich ich in seine Frau verliebt war, beneidete ich ihn durchaus nicht um sein Los; im Gegenteil, er tat mir leid. Ich erriet, daß er sich nur in der Hoffnung auf eine Verbesserung seiner Vermögensumstände verheiratete, und ich prophezeite ihm innerlich die Hörner, die seine schöne feurige Frau ihm unfehlbar aufsetzen mußte; denn er war häßlich und schien von den Vorzügen eines solchen Weibes kaum eine Ahnung zu haben. Ich bekam Lust, die junge Gattin näher zu befragen, und sie bot mir Gelegenheit dazu, indem sie sich nach einem Kontertanz neben mich setzte. Sie dankte mir zunächst für meine Gefälligkeit und.sagte mir, man habe ihr schönes Kleid allgemein gelobt.

»Dennoch bin ich überzeugt, daß Sie es gerne bald ausziehen möchten; denn ich kenne die Liebe und ihre Ungeduld.«

»Es ist wirklich komisch, daß alle Leute mich durchaus für verliebt halten wollen, während ich doch Herrn Baret erst vor acht Tagen zum ersten Male gesehen habe; vorher wußte ich überhaupt nicht, daß er auf der Welt war.«

»Warum verheiratet man Sie denn so in der Eile und läßt Ihnen keine Zeit, besser bekannt zu werden?«

»Weil mein Vater alles so in der Eile macht.«

»Ihr Gatte ist ohne Zweifel reich?«

»Nein, aber er kann es vielleicht werden. Wir eröffnen übermorgen einen Laden mit seidenen Strümpfen an der Ecke der Rue St.-Honors und der Rue des Prouvères. Ich hoffe, mein Herr, Sie werden bei uns kaufen; wir werden Sie mit besonderem Vergnügen bedienen.«

»Sie können sich darauf verlassen; ich verspreche Ihnen sogar, das Handgeld zu bringen, und sollte ich auch die Nacht vor Ihrer Türe zubringen, um der erste zu sein.«

»O, wie liebenswürdig! Herr Baret,« sagte sie zu ihrem Mann, der ganz dicht bei uns stand, »der Herr verspricht mir, er werde uns das Handgeld bringen.«

»Der Herr ist sehr gütig,« sagte der Ehemann nähertretend; »aber der Herr wird auch mit mir zufrieden sein, denn meine Strümpfe fasern niemals.«

Am Dienstag war ich schon mit Tagesanbruch an der Ecke der Rue de Prouvères und stand mir beinahe die Beine in den Leib, bis endlich eine Magd kam und den Laden öffnete. Ich trat ein.

»Was wünschen Sie?« sagte das Mädchen zu mir.

»Ich möchte Strümpfe kaufen.«

»Die Herrschaft liegt noch im Bett; Sie können spater wiederkommen.«

»Nein, ich werde warten, bis sie aufgestanden sind. Wissen Sie was,« und damit gab ich ihr sechs Franken, »Sie können mir Kaffee holen, ich werde ihn hier trinken.«

»Ich soll Ihnen Kaffee holen? Ich bin nicht so dumm, Sie im Laden allein zu lassen.«

»Sie haben wohl Angst, daß ich stehlen könnte?«

»Na, das ist schon vorgekommen; ich kenne Sie ja nicht.«

»Sie haben recht; aber ich werde bleiben.«

Bald darauf kam Baret herunter; er schalt das arme Mädchen aus, daß sie ihm nicht sofort Bescheid gesagt hätte, und befahl ihr, seiner Frau zu sagen, sie möchte sofort kommen. Zugleich machte er schnell seine Pakete auf, damit ich meine Wahl treffen könnte. Er hatte Westen, Strümpfe, Unterhosen aus gestrickter Seide. Ich wühlte alles durch und sah mir alles an, ohne mich jedoch zu entschließen, bis endlich, frisch wie eine Rose und blendend weiß, seine Frau herunterkam. Sie lächelte mir verführerisch zu, entschuldigte sich wegen ihres Morgenkleides und dankte mir, daß ich mein Wort gehalten hätte.

»Ich breche es niemals, besonders wenn es sich um eine so liebenswürdige Dame handelt wie Sie.«

Frau Baret war siebzehn Jahre alt, von mittlerer Größe, tadellos gewachsen; obgleich sie keine vollendete Schönheit war, hätte selbst ein Raffael niemals etwas Anziehenderes schaffen können, etwas, das mächtiger das Herz entflammt. Ihre lebhaften, hervortretenden Augen, ihre langen Wimpern, die ihren Blicken etwas so Bescheidenes und zugleich so Wollüstiges gaben, ihr durch ein beständiges Lächeln verschönerter Mund, ihre prachtvollen Zähne, ihre Rosenlippen, ihre blendend weiße Haut, die anmutige Aufmerksamkeit, womit sie zuhörte, der Silberklang ihrer Stimme, ihr lebhaftes und doch so sanftes Wesen, ihre schelmische Munterkeit, ihre Anspruchslosigkeit, die Bescheidenheit, womit sie von ihren Reizen zu denken schien, deren Macht sie offenbar nicht kannte – mit einem Wort, dieses unbeschreibliche Ganze versetzte mich in eine Art von Verzückung beim Anblick dieses schönen Meisterwerkes der Natur, in dessen Besitz der Zufall oder gemeiner Eigennutz den armen Baret gebracht hatte, den ich schmächtig, blaß, kränklich vor mir stehen sah, und dessen ganze Aufmerksamkeit seinen Strümpfen galt, auf die er viel größeren Wert legte, als auf das reizende Spielzeug, das Hymen ihm mit Unrecht beschert hatte, da er es weder würdigen noch genießen konnte.

Ich wählte für fünfundzwanzig Louis Strümpfe und Westen und bezahlte diese, ohne zu feilschen. Das Gesicht der hübschen Kaufmannsfrau strahlte vor Freude, und ich erblickte darin ein günstiges Zeichen für meine Liebe, obgleich ich wenig Hoffnung hatte; denn ich glaubte, daß der Honigmond einer Liebelei wohl nicht sehr günstig sein würde.

Ich sagte dem Mädchen, ich würde ihr sechs Franken geben, wenn sie mir das Paket nach Klein-Polen brächte, und entfernte mich.

Am nächsten Sonntag brachte Baret selber mir mein Paket, Ich gab ihm sechs Franken für die Magd, aber er sagte mir, er würde sich nicht schämen, sie für sich selber zu behalten. Ich fand diese Habsucht sehr gemein, zumal da er seine Magd eines rechtmäßigen Trinkgeldes beraubte, nachdem er an den fünfundzwanzig Louis einen recht ansehnlichen Verdienst gehabt hatte, aber ich mußte ihn mir günstig stimmen, und darum war es mir nicht unangenehm ein so bequemes Mittel gefunden zu haben, ihm die Augen zu schließen Daher behandelte ich den Ehemann recht gut, um ihn noch geschmeidiger zu machen, und nahm mir vor, das Mädchen schadlos zu halten. Ich ließ ihm ein Frühstück vorsetzen und fragte ihn, warum er seine Frau nicht mitgebracht hätte.

»Sie hat mich allerdings darum gebeten, aber ich wagte nicht, mir diese Freiheit zu nehmen, weil ich fürchtete, es könnte Ihnen mißfallen.«

»Sie hätten mir im Gegenteil einen großen Gefallen getan, denn ich finde Ihre Frau reizend.«

»Sie sind sehr gütig, mein Herr; aber sie ist noch recht jung.«

»Ich sehe nicht ein, warum Sie sich darüber beklagen sollten. Wenn Sie gerne spazieren gehen, so wird es mich sehr freuen, wenn Sie sie einmal mitbringen.«

Er sagte mir, dies würde ihm selber viel Vergnügen machen.

Wenn ich in meinem Wagen an ihrem Laden vorüberfuhr, warf ich ihr Kußhändchen zu, ohne jedoch anzuhalten, denn ich brauchte keine Strümpfe mehr. Auch würde ich mich unter der Menge von Stutzern, die zu allen Tageszeiten ihren kleinen Laden füllten, gelangweilt haben. Man begann sich in der Stadt mit ihr zu beschäftigen; man sprach von ihr im Palais-Royal, und ich hörte zu meiner Freude sagen, sie sei nur deshalb so zurückhaltend, weil sie auf irgend einen reichen Gimpel warte. Daraus ging hervor, daß noch niemand sie gehabt hatte, und ich hoffte, daß ich vielleicht selber dieser Gimpel – aus freien Stücken – sein könnte.

Einige Tage darauf winkte sie mir mit der Hand, als sie in der Ferne meinen Wagen sah. Ich stieg aus; ihr Mann bat mich tausendmal um Entschuldigung und sagte mir, er wünschte, daß ich der erste wäre, der seine ganz neumodischen Beinkleider ansehe, die er eben erst bekommen hätte. Diese Beinkleider waren bunt, und kein Lebemann von gutem Ton trug morgens andere. Es war eine sonderbare Mode, aber einem gut gewachsenen jungen Mann standen diese Beinkleider sehr gut. Da sie gut anschließen mußten, so sagte ich ihm, er möchte mir sechs Paar anfertigen lassen, und erbot mich, sie im voraus zu bezahlen.

»Mein Herr, ich habe sie in allen Größen vorrätig; gehen Sie in das Zimmer meiner Frau, Sie können sie dort anprobieren.«

Der Augenblick war kostbar. Ich willigte ein, besonders als ich ihn zu seiner Frau sagen hörte, sie möchte mir behilflich sein. Ich ging hinauf; sie folgte mir, und ich begann mich auszukleiden, indem ich mich entschuldigte, daß ich es in ihrer Gegenwart täte. Sie antwortete: »Ich stelle mir vor, ich sei jetzt ihr Kammerdiener, und ich will dessen Dienste verrichten.« Ich glaubte nicht den Spröden spielen zu dürfen und gab ihrem Diensteifer nach. Nachdem ich meine Schuhe abgelegt hatte, ließ ich mir von ihr die Hosen ausziehen, behielt jedoch meine Unterhosen an, um ihre Schamhaftigkeit nicht zu sehr zu verletzen. Sie nahm nun ein Paar Beinkleider, probierte sie an, zog sie wieder aus und probierte andere an. Dies alles geschah von beiden Seiten mit größtem Anstand, denn ich hatte mir vorgenommen, bis zum Schluß dieser reizenden Szene anständig zu bleiben, da ich mir Besseres versprach. Sie fand, daß vier von diesen Beinkleidern mir ganz entzückend paßten, und da ich keinen Anlaß fand, ihr zu widersprechen, so gab ich ihr sechzehn Louis, die sie dafür forderte, und sagte ihr, ich würde mich glücklich schätzen, wenn sie selber sie mir in einem freien Augenblick bringen wolle. Sie ging ganz stolz in den Laden, um ihrem Mann zu zeigen, daß sie zu verkaufen verstände; ich folgte ihr auf dem Fuße, und Baret sagte mir, er würde am nächsten Sonntag die Ehre haben, mit seiner kleinen Frau zu mir zu kommen, um mir meinen kleinen Einkauf zu bringen.

»Sie werden mir ein Vergnügen machen, Herr Baret, besonders wenn Sie zum Essen bei mir bleiben.«

Er antwortete mir, er habe um zwei Uhr ein dringliches Geschäft und könne sich daher nur unter der Bedingung verpflichten, daß ich ihm erlauben würde, sich zu diesem Zweck zu entfernen; er werde jedoch bestimmt gegen fünf Uhr wiederkommen und seine Frau abholen. Dies paßte mir so herrlich, daß ich mich beinahe unbehaglich fühlte! Aber ich wußte mich zu beherrschen und antwortete ihm ruhig: »Dies wird mich ja allerdings des Vergnügens Ihrer Gesellschaft berauben, aber ich bitte Sie, vollständig nach Ihrem Belieben zu verfahren, zumal da ich selber erst um sechs Uhr ausgehen muß.«

Der Sonntag kam, und die braven Bürgersleute hielten Wort. Sobald sie bei mir waren, ließ ich meine Türe für den ganzen Tag schließen, und da ich ungeduldig war, zu sehen, was mir der Nachmittag bringen würde, so ließ ich das Mittagessen frühzeitig auftragen. Die Speisen waren ausgezeichnet und die Weine köstlich. Der Biedermann aß und trank reichlich, sodaß ich ihn aus Höflichkeit darauf aufmerksam machen mußte, daß er um zwei Uhr ein dringliches Geschäft hatte. Da sein Geist durch den Champagner ermuntert war, so hatte er den glücklichen Gedanken, seiner Frau zu sagen, sie möchte allein nach Hause gehen, falls ihn seine Geschäfte länger zurückhalten sollten, als er glaubte. Ich aber beeilte mich zu sagen, daß ich mit ihr in meinem Wagen eine Spazierfahrt um die Boulevards machen und sie nach Hause fahren würde. Er dankte mir, und da er etwas unruhig war, ob er auch noch rechtzeitig nach dem verabredeten Ort kommen würde, so machte ich ihn überglücklich, als ich ihm sagte, ein für den ganzen Tag bezahlter Fiaker warte auf ihn vor der Tür. Er ging, und ich war endlich allein mit seinem Kleinod, das ich bis sechs Uhr abends zu besitzen sicher war.

Als ich die Haustür hinter dem guten Trottel schließen hörte, sagte ich zu seiner Frau: »Ich mache Ihnen mein Kompliment, gnädige Frau, daß Sie einen so gefälligen Gatten haben, denn mit einem Mann von solchem Charakter müssen Sie gewiß glücklich sein.«

»Glücklich sein ist leicht gesagt; aber um es wirklich zu sein, muß man es fühlen und muß in seinem Gemüt ruhig sein. Mein Mann hat eine so zarte Gesundheit, daß ich mich nur als eine Krankenpflegerin ansehen kann: außerdem hat er Schulden, die er gemacht hat, um sein Geschäft einzurichten, und die uns zur strengsten Sparsamkeit nötigen. Wir sind zu Fuß hierhergekommen, um vierundzwanzig Sous zu sparen. Der Ertrag unseres kleinen Geschäftes würde ausreichen, wenn wir nichts schuldig wären; aber bei unseren Schulden geht alles für diese darauf, und wir verkaufen nicht genug.«

»Sie haben aber doch viele Kunden; denn jedesmal, wenn ich bei Ihnen vorbeifahre, sehe ich den Laden überfüllt.«

»Diese Kunden sind lauter Tagediebe, schlechte Spaßvögel, liederliche Menschen, die mir mit ihren Komplimenten in den Ohren liegen, daß mir beinahe übel wird. Sie haben keinen Heller, und wir dürfen sie nicht aus den Augen lassen, damit ihre Finger nicht an einen unrechten Ort geraten. Wenn wir diesen Leuten auf Borg verkaufen wollten, wäre unser Laden schon seit mehreren Tagen leer. Ich habe gegen sie kein Mittel, als recht mürrisch zu sein, in der Hoffnung, sie auf diese Weise los zu werden; aber es nützt nichts. Sie sind von einer Unverfrorenheit, die mich ganz ratlos macht. Wenn mein Mann daheim ist, gehe ich in mein Zimmer, aber oft ist er abwesend, und dann muß ich ihre Gesellschaft ertragen. Außerdem verkaufen wir wegen der allgemeinen großen Geldnot nur wenig; trotzdem aber müssen wir jeden Samstag die Arbeiter bezahlen. Ich sehe voraus, wir werden sie binnen kurzem entlassen müssen; denn wir haben Wechsel ausgestellt, deren Verfallzeit nicht mehr fern steht. Samstag müssen wir sechshundert Franken bezahlen, und wir haben nur zweihundert.«

»Daß Sie in den ersten Tagen Ihrer Ehe in solchen Verlegenheiten sind, überrascht mich sehr. Ihr Vater mußte doch wissen, wie Ihr Mann stand, und was ist denn aus Ihrer Mitgift geworden?«

»Meine Mitgift von sechstausend Franken hat zum großen Teil dazu gedient, unsere Ladenausrüstung zu beschaffen und Schulden zu bezahlen. Unsere Waren sind dreimal so viel wert, als wir schuldig sind, aber wenn der Absatz fehlt, ist dies ein totes Kapital.«

»Sie tun mir leid; denn wenn der Friede nicht geschlossen wird, muß Ihre Lage immer schlimmer werden. Im Laufe der Zeit werden Ihre Bedürfnisse sich steigern.«

»Gewiß; denn wenn es meinem Mann besser geht, bekommen wir vielleicht Kinder.«

»Wie? verhindert ihn denn seine Gesundheit Sie zur Mutter zu machen? Das ist doch nicht möglich!«

»Ich glaube nicht, daß ich Mutter werden kann, wenn ich Jungfer bleibe. Übrigens mache ich mir nichts daraus.«

»Das scheint mir unglaublich. Wie kann ein Mann an Ihrer Seite krank sein, wenn er nicht in den letzten Zügen liegt? Er ist also tot?«

»Tot ist er nicht, aber er gibt kaum ein Lebenszeichen.«

Über diesen Witz mußte ich lachen, und ich umarmte sie, ohne allzu großen Widerstand zu finden. Der erste Kuß war wie ein elektrischer Funke; er setzte mich in Flammen, und ich erneuerte meinen Angriff, bis sie schließlich sanft wie ein Lamm wurde. Um sie zu ermutigen, sagte ich zu ihr: »Ich werde Ihnen helfen; ich werde Ihnen helfen, am Samstag den Wechsel einzulösen!« Mit diesen Worten zog ich sie sanft in ein Kabinett, wo ein schöner Divan einen bequemen Altar bildete, um das Liebesopfer zu vollziehen.

Ich war hoch entzückt, daß sie sich meinen Liebkosungen und meiner Neugier fügte; aber sie überraschte mich über alle Maßen, als ich mich zur Vollbringung des Opfers anschickte und schon eine Stellung zwischen den beiden Säulen eingenommen hatte, plötzlich aber durch eine Bewegung gestört wurde, durch die die Ausführung völlig unmöglich wurde. Ich hielt es anfangs für eine jener Listen, deren die Liebe sich oft bedient, um den Sieg noch süßer zu machen, indem er durch Hindernisse erkauft werden muß, deren Überwindung die Wonne vergrößert; als ich aber sah, daß sie sich allen Ernstes verteidigte, sagte ich halb ärgerlich zu ihr: »Wie konnte ich diese Weigerung in einem Augenblick erwarten, wo ich in Ihren Augen zu lesen glaubte, daß Sie meine glühenden Wünsche teilen?«

»Meine Augen haben Sie nicht getäuscht; aber was sollte ich zu meinem Mann sagen, wenn er mich anders fände, als Gott mich geschaffen hat?«

»Es ist nicht möglich, daß er Sie unberührt gelassen hat!«

»Liebster, ich lüge nicht; ich verspreche Ihnen, es Ihnen zu beweisen. Habe ich das Recht, eine Frucht, die Hymen gehört, zu verschenken, bevor er sie zum erstenmal gekostet hat?«

»Nein, göttliches Weib, nein! Bewahre diese Frucht für einen Mund, der ihres Genusses nicht würdig ist. Ich beklage dich und bete dich an, komm in meine Arme. Überlasse dich meiner Liebe und fürchte nichts. Ich werde die Frucht nicht anbeißen, aber ich kann ihre Oberfläche kosten, ohne eine Spur darauf zurückzulassen.«

Wir verbrachten drei Stunden damit, uns durch köstliche Ausgelassenheiten zu täuschen, die sehr dazu angetan waren, trotz unseren gegenseitigen wiederholten Sprengopfern uns von neuem zu entflammen. Das tausendmal wiederholte Versprechen, ganz mein zu sein, sobald Baret glauben könnte, sie besessen zu haben, tröstete mich über mein Mißgeschick. Nachdem ich sie auf dem Boulevard spazieren gefahren hatte, brachte ich sie nach Hause; dort verabschiedete ich mich von ihr, indem ich ihr eine Rolle von fünfundzwanzig Louis in die Hand drückte.

Verliebt, wie ich nie zuvor ein Weib geliebt zu haben glaubte, fuhr ich täglich drei- oder viermal an ihrem Laden vorüber. Ich machte zu diesem Zweck ziemlich große Umwege, zum großen Mißvergnügen meines Kutschers, der mir unaufhörlich sagte, ich führe meine Pferde zuschanden. Ich war glücklich, wenn ich sah, wie sie auf den Augenblick meines Vorüberfahrens lauerte, und wie sie mir mit ihren lieblichen Fingerspitzen Küßchen zuwarf.

Wir hatten abgemacht, daß sie mir nicht früher ein Zeichen zum Aussteigen geben sollte, als bis ihr Mann die Schwierigkeit besiegt hätte. Endlich kam dieser so heiß ersehnte, so ungeduldig erwartete Tag. Auf das verabredete Zeichen hieß ich den Kutscher halten; sie stieg auf das Trittbrett meines Wagens und sagte mir, ich möchte sie an der Tür der Kirche St.-Germain-d’Auxerrois erwarten.

Ich war neugierig zu erfahren, was sie mir zu sagen hätte, und zu sehen, was bei dem Stelldichein herauskommen würde; ich fuhr daher sogleich nach dem verabredeten Ort, und eine Viertelstunde später kam auch sie, ihr hübsches Köpfchen in eine Kapuze gehüllt. Sie stieg in meinen Wagen, sagte, sie habe einige Einkäufe zu machen, und bat mich, sie nach dem Palais Marchand zu fahren.

Ich hatte selber Geschäfte und sogar ziemlich dringende; aber was kann man einer angebeteten Frau abschlagen! Ich befahl dem Kutscher: Nach der Place Dauphine! und machte mich darauf gefaßt, meine Börse zu öffnen, denn ich hatte ein Vorgefühl, daß sie ohne Umstände darüber verfügen würde. In der Tat waren wir kaum in dem Kaufpalast angekommen, so trat sie, von den schmeichelhaften Worten der Verkäuferinnen angezogen, in alle Läden ein. Man bat sie, sich die Sachen anzusehen, und damit kramte man im Handumdrehen Schmucksachen, Kleinodien, Modewaren vor ihr aus, nannte sie Prinzessin und sagte ihr mit honigsüßen Worten, dies oder das werde ihr zum Entzücken stehen. Meine Baret sah mich an und sagte mir, man müsse allerdings zugeben, daß es sehr hübsch sei, und es würde ihr viel Vergnügen machen, wenn es nicht so teuer wäre. Mir machte es Spaß, freiwillig auf den Leim zu gehen; ich lobte die Waren noch mehr als die Verkäuferin, versicherte ihr, wenn etwas ihr gefiele, so könnte es gar nicht zu teuer sein, und bezahlte.

Während meine Schöne tausend Kleinigkeiten aussuchte, an denen sie ihre Freude hatte, führte mir mein böses Geschick eine Bekanntschaft zu, durch die ich vier Jahre später in die entsetzlichste Lage geriet. Die Ereignisse unseres Lebens bilden eine ununterbrochene Kette.

Ich sah zu meiner Linken ein junges Mädchen von zwölf oder dreizehn Jahren mit einem höchst anziehenden Gesicht neben einer alten Frau stehen, die an einem Paar Ohrringe aus Straß mäkelte, während das junge Mädchen, das sie in seinen hübschen Händen hielt, sie begehrlich betrachtete; sie sah ganz traurig aus, daß sie sie nicht kaufen konnte. Ich hörte sie zu der Alten sagen, diese Ohrbommeln würden sie glücklich machen, aber diese riß sie ihr aus der Hand und sagte ihr, sie solle weiter gehen.

»Mein schönes Fräulein,« sagte die Verkäuferin zu ihr, »ich werde Ihnen billigere geben, die beinahe ebenso schön sind.« Aber die Kleine antwortete ihr, aus denen mache sie sich nichts, und schickte sich an, den Laden zu verlassen, indem sie meiner Prinzessin Baret eine tiefe Verbeugung machte.

Dieser schmeichelte ohne Zweifel ein solches Zeichen von Ehrfurcht; sie tritt heran, nennt sie ihre kleine Königin, küßt sie, sagt ihr, sie sei hübsch wie ein Herz, und fragt die Alte, wer sie sei.

»Sie ist meine Nichte, Fräulein de Boulainvilier.«

»Und Sie sind so grausam, Madame,« sage ich zur Tante, »Ihrer reizenden Nichte ein Schmuckstück zu verweigern, das sie glücklich machen würde? Erlauben Sie mir, Madame, sie ihr anzubieten.«

Mit diesen Worten drücke ich dem jungen Mädchen die Ohrbommeln in die Hand; ihre Stirn bedeckt sich mit einer lieblichen Röte, und sie sieht ihre Tante an, wie wenn sie sie um Rat fragen wollte.

»Nimm nur, liebe Nichte, das schöne Geschenk an, das der Herr so gütig ist dir zu machen, und umarme ihn zum Zeichen deines Dankes.«

»Die Ohrbommeln«, sagte die Verkäuferin zu mir, »kosten nur drei Louis.«

Nun wurde plötzlich die Geschichte komisch, denn die Alte geriet in einen großen Zorn und rief: »Wie können Sie sich so sehr im Preise irren? Mir haben Sie sie zu zwei Louis angeboten!«

»Sie irren sich, gnädige Frau, ich habe von Ihnen drei dafür verlangt.«

»Das ist nicht wahr, und ich werde nicht dulden, daß Sie den Herrn bestehlen. Nichte, laß die Ohrbommeln liegen; die Frau kann sie behalten.«

Soweit war das gut und recht; aber die Alte verdarb alles, indem sie mir sagte: wenn ich die drei Louis ihrer Nichte geben wollte, würde sie anderswo Ohrbommeln kaufen, die nochmal so schön wären. Da mir dies einerlei war, so legte ich lächelnd die drei Louis vor das Fräulein hin, das immer noch den Schmuck in der Hand hielt. Flink packte die Verkäuferin das Geld, indem sie sagte, der Handel wäre abgeschlossen, die drei Louis gehörten ihr und die Ohrringe wären Eigentum des Fräuleins.

»Sie sind eine Betrügerin!« schrie die Alte wütend. »Und Sie eine alte Kupplerin!« versetzte die Verkäuferin; »ich kenne Sie.«

Angelockt durch das Geschrei der beiden alten Hexen, sammelte sich ein Haufen Pöbel vor dem Laden. Da ich Unannehmlichkeiten voraussah, so nahm ich die Tante an den Arm und führte sie mit sanfter Gewalt hinaus. Die Nichte folgte ihr; sie freute sich, ihre schönen Ohrringe zu haben, und machte sich sehr wenig daraus, ob diese mir drei Louis oder zwei kosteten. Wir werden sie später wiederfinden.

Nachdem meine Baret mich etwa zwanzig Louis hatte zum Fenster hinauswerfen lassen, die ich ja gerne ausgab, die aber ihr armer Mann gewiß besser hätte brauchen können, stiegen wir wieder in meinen Wagen, und ich brachte sie nach der Kirchentür zurück, wo ich sie getroffen hatte. Unterwegs sagte sie mir, sie würde fünf oder sechs Tage in Klein-Polen verbringen, und ihr Mann selber würde mich um die Gnade bitten, ihr diese Gefälligkeit zu erweisen.

»Wann wird er mich darum bitten?«

»Morgen! Kommen Sie bei uns vorbei und kaufen Sie einige Paar Strümpfe. Ich werde Kopfweh haben, und Baret wird mit Ihnen sprechen.«

Wie man sich denken kann, stellte ich mich pünktlich bei dem Biedermann ein, und da ich seine Frau nicht im Laden sah, erkundigte ich mich freundschaftlich nach ihrem Befinden.

»Sie ist krank und liegt zu Bett; sie muß einige Tage reine Landluft atmen.«

»Wenn Sie wegen des Ortes noch keine Wahl getroffen haben, so biete ich Ihnen eine Wohnung in Klein-Polen an.«

Er antwortete mir durch ein zustimmendes Lächeln.

»Ich werde sie bitten, mein Anerbieten anzunehmen; unterdessen, Herr Baret, packen Sie mir ein Dutzend Strümpfe ein.«

Ich ging hinauf und fand sie im Bett, aber mit lachendem Gesicht trotz ihrem Kopfweh. »Die Sache ist abgemacht,« sagte ich zu ihr; »Sie werden sofort Bescheid darüber erhalten.« Wirklich kam ihr Mann gleich mit meinen Strümpfen herein und teilte ihr mit, ich wolle die große Güte haben, ihr ein Zimmer bei mir einzuräumen. Die listige kleine Frau dankte nur, indem sie ihrem Mann versicherte, die frische Luft werde sie wieder gesund machen.

»Es wird Ihnen an nichts fehlen, gnädige Frau; aber Sie werden mich gütigst entschuldigen, wenn ich wegen meiner Geschäfte Ihnen sehr wenig Gesellschaft leisten kann. Herr Baret kann die Nacht bei Ihnen verbringen und morgens in der Frühe fortgehen, um in seinem Laden zu sein, sobald dieser geöffnet wird.«

Nach vielen Dankesbeteuerungen sagte Baret zuletzt, er werde seine Schwester zu sich kommen lassen, solange seine Frau bei mir wohne. Ich entfernte mich, indem ich ihnen sagte, ich würde noch vor dem Abend meine Befehle geben, damit sie aufgenommen würden, falls ich bei ihrer Ankunft nicht zu Hause sein sollte.

Am nächsten Tage kam ich erst nach Mitternacht nach Hause, und meine Köchin meldete mir, daß das Ehepaar gut zu Abend gegessen habe und dann zu Bett gegangen wäre. Ich sagte ihr, daß ich alle Tage zu Hause speisen würde und daß ich keine Besuche empfinge.

Am anderen Morgen stand ich frühzeitig auf und erkundigte mich, ob der Mann schon aufgestanden wäre. Ich erfuhr, er sei schon mit Tagesanbruch fortgegangen und werde erst zum Abendessen wiederkommen, die gnädige Frau schliefe noch. Ich war überzeugt, daß sie für mich nicht schlafen würde, und ging zu ihr, um ihr meinen ersten Besuch abzustatten. Sie war wirklich wach, und ich leitete unsere Freuden durch tausend Küsse ein, die sie mir mit Wucherzinsen zurückgab. Wir lachten über den Biedermann, der mir selber ein Kleinod anvertraut hatte, von dem ich einen so schönen Gebrauch zu machen gedachte, und wir wünschten uns Glück, daß wir eine ganze Woche in aller Freiheit uns gegenseitig opfern konnten.

»Vorwärts, liebes Herz, steh auf und zieh einen Morgenrock an; wenn du fertig bist, erwartet uns das Frühstück in meinem Zimmer.«

Sie brauchte nicht lange zum Anziehen: ein Morgenkleid aus Kattun; ein hübsches Häubchen mit einer feinen Spitze, ein leinenes Busentuch – das war alles. Aber wie wurde dieser Morgenanzug durch die rosige Frische ihrer Haut verschönert! Wir frühstückten ziemlich schnell, wir hatten es eilig; und als wir fertig waren, schloß ich meine Tür, und wir überließen uns dem Glück.

Zu meiner Überraschung fand ich sie ebenso, wie ich sie das vorige Mal gelassen hatte, und ich sagte ihr, ich hätte doch gehofft … sie aber ließ mir keine Zeit, meinen Satz zu Ende zu sprechen, und rief: »Lieber Schatz, Baret glaubt oder tut so, als glaube er, er habe seine Mannespflichten erfüllt; aber es ist nicht wahr. Ich habe mich jedoch entschlossen, mich mit deiner Hilfe in einen Zustand zu versetzen, daß ihm nicht mehr der leiseste Zweifel übrig bleibt.«

»Damit, mein Engel, werden wir ihm einen wesentlichen Dienst leisten, und dies wird bald geschehen sein.«

Mit diesen Worten befand ich mich bereits auf der Schwelle des Tempels, und ich sprengte die Tür mit einer Gewalt, die jeden Widerstand besiegte. Ein leiser Schrei und einige Seufzer verkündeten mir, daß das Opfer vollzogen war, und in der Tat war der Altar der Liebe von dem Blute des Opfers überströmt. Nach einer sehr notwendigen Abspülung betätigte der Oberpriester von neuem seinen Eifer an dem Opfer, das inzwischen alle Furcht verloren hatte und seinen Grimm herausforderte. Erst nach der vierten Opferung vertagten wir den Kampf auf ein anderes Mal. Wir schworen uns tausendmal Liebe und Treue, und vielleicht waren unsere Versprechungen aufrichtig, denn wir waren trunken vor Glück.

Wir trennten uns nur, um uns umzukleiden. Hierauf machten wir einen Spaziergang im Garten und aßen dann zusammen zu Mittag; ein köstliches Mahl, das wir mit den besten Weinen anfeuchteten, gab uns die nötigen Kräfte wieder, um unsere glühenden Begierden zu befriedigen und sie durch die süßesten Genüsse einzuschläfern.

Beim Nachtisch fragte ich sie, während ich ihr ein Glas Champagner eingoß, wie sie mit einem so feurigen Temperament habe unberührt bleiben können.

»Die Liebe hätte schon früher eine Frucht pflücken können, deren Genuß Hymen versagt geblieben ist. Du bist siebzehn Jahre alt, und schon seit mindestens zwei Jahren ist die Birne reif.«

»Ja, das glaube ich wohl, aber ich habe niemals geliebt – das ist der ganze Grund.«

»Hat denn nicht irgendein liebenswürdiger Herr dir den Hof gemacht?«

»Man hat mich umworben, aber vergeblich; mein Herz sprach nicht. Mein Vater hat vielleicht das Gegenteil geglaubt, als ich ihn vor einem Monat bat, mich recht schnell zu verheiraten.«

»Das wäre ziemlich natürlich; aber warum hast du ihn denn so sehr gedrängt, da du nicht liebtest?«

»Ich wußte, daß der Herzog von Elboef bald von seinem Landaufenthalt zurückkommen würde; und wenn er mich noch frei gefunden hätte, so würde er mich gezwungen haben, die Frau eines Mannes zu werden, der mich durchaus haben wollte, den ich aber verachte.«

»Und wer ist denn dieser Mann, gegen den du eine solche Abneigung hast?«

»Einer von den niederträchtigen Lustknaben des Herzogs, ein wahres Ungeheuer, das bei seinem Herrn schläft.«

»Wie? Hat der Herzog solchen Geschmack?«

»Ganz gewiß; er ist vierundachtzig Jahre alt und glaubt eine Frau geworden zu sein; er behauptet, er brauche einen Gatten.«

Ich lachte laut auf. »Aber ist denn dieser Anbeter des Herzogs ein schöner Mann?«

»Ich finde ihn gräßlich; aber alle Leute sagen, er sei schön.«

Die reizende Baret verbrachte acht Tage bei mir, und jeden Tag erneuerten wir mehrere Male einen Kampf, worin wir stets Sieger und Besiegte waren. Ich habe wenig Frauen gesehen, die so hübsch und so anziehend waren, wie sie, und niemals eine frischere und weißere. Ihre Haut war wie Atlas und Rosenblätter; ihr Atem hatte etwas aromatisches, wodurch ihre Küsse unbeschreiblich süß wurden. Ihr Busen war wundervoll geformt, und seine mit zwei Korallenperlen geschmückten Halbkugeln waren hart wie Marmor. Die Wellenlinien ihrer Gestalt waren von einer Vollendung, die der Pinsel des geschicktesten Malers nicht hätte wiedergeben können. Ich fand in ihrer Betrachtung einen unbeschreiblichen Genuß, und mitten in meinem Glück fühlte ich mich unglücklich, daß ich nicht alle Begierden befriedigen konnte, die so viele Reize in mir erweckten. Der Fries, der die beiden Säulen krönte, bestand aus kleinen außerordentlich feinen Löckchen von blassem Golde, und meine Finger bemühten sich vergeblich, sie anders zu rollen, als die Natur es getan hatte. Es war nicht schwer, sie jene lebhaften und anmutigen Bewegungen zu lehren, die das Vergnügen verdoppeln; die Natur hatte sie von selber dazu erzogen, und ich glaube nicht, daß man eine vollkommenere Erziehung finden kann.

Wir sahen mit gleichem Widerwillen den Tag der Trennung herannahen und konnten uns über dieses Unglück nur durch die Hoffnung trösten, sooft wie möglich wieder zusammenzukommen. Drei Tage nach ihrer Heimkehr besuchte ich sie, verliebter denn je, und schenkte ihr zwei Wertpapiere von je fünftausend Franken. Ihr Mann mochte sich sein Teil dabei denken; aber er war glücklich, seine Schulden bezahlen zu können, und er wurde durch diese unverhoffte Einnahme in den Stand gesetzt, sein Geschäft fortzuführen und das Ende des Krieges abzuwarten. Wie mancher Ehemann würde sich glücklich schätzen, eine so gewinnbringende Frau zu haben!

Im Anfang des Monats November verkaufte ich für fünfzigtausend Franken Aktien an einen gewissen Garnier in der Rue du Mail, indem ich ihm den dritten Teil der bemalten Stoffe meines Lagers abtrat und einen von ihm bestimmten Kontrolleur annahm, der von unserer Handelsgesellschaft gemeinsam bezahlt werden sollte. Drei Tage nach der Unterzeichnung des Vertrages bekam ich das Geld. Aber in der Nacht erbrach der Arzt, der mein Lager verwaltete, den Geldschrank und verschwand. Ich habe mir die Möglichkeit dieses Diebstahls stets nur dadurch erklären können, daß der Maler mit im Einverständnis war. Dieser Verlust war für mich sehr empfindlich, denn meine Verhältnisse begannen in Unordnung zu geraten; um das Unglück voll zu machen, ließ Garnier mich gerichtlich auffordern, ihm die fünfzigtausend Franken zurückzuerstatten. Ich antwortete ihm, ich sei ihm nichts schuldig; denn er habe seinen Kontrolleur eingesetzt, Vertrag und Verkauf seien in bündiger Form abgeschlossen und als Teilhaber müsse er den Verlust zur Hälfte tragen. Da er bei seiner Meinung beharrte, riet man mir, ihn zu verklagen; aber Garnier kam mir zuvor, indem er den Vertrag für nichtig erklärte und mich mittelbar beschuldigte, die mir angeblich gestohlene Summe beiseite gebracht zu haben. Ich hätte ihn gerne tüchtig durchgeprügelt, um ihm Lebensart beizubringen, aber er war alt, und meine Sache wäre dadurch nicht besser geworden. Ich faßte mich also in Geduld. Der Kaufmann, der für den Arzt Bürgschaft geleistet hatte, war nicht mehr zu finden, er hatte Bankerott gemacht. Garnier ließ das ganze Lager mit Beschlag belegen und durch den Butterkönig in Klein-Polen meine Pferde, meine Wagen und alle meine Sachen pfänden. Infolge aller dieser Verdrießlichkeiten entließ ich alle meine Arbeiterinnen. Dies war auf alle Fälle eine große Ausgabe weniger. Ich schickte auch alle meine Arbeiter und Bedienten fort, die ich in meiner Fabrik hatte; nur der Maler blieb; er hatte nichts zu fordern, da er sich stets beim Verkauf der Stoffe bezahlt gemacht hatte. Mein Sachwalter war ein ehrlicher Mann, was man selten findet; aber mein Advokat, der mir stets versicherte, mein Prozeß sei bald zu Ende, war ein Schuft. Im Laufe des Verfahrens schickte Garnier mir eine verfluchte Verfügung, die mich zur Zahlung verurteilte. Ich brachte sie sofort meinem Advokaten, der mir versprach, am selben Tage Berufung einzulegen. Er tat es nicht und eignete sich dadurch alle Kosten an, die ich bezahlte oder zu bezahlen glaubte, um einen Prozeß fortzuführen, den ich gerechterweise nicht hätte verlieren dürfen. Er wußte mir noch zwei andere gerichtliche Aufforderungen vorzuenthalten, und plötzlich wurde, ohne daß ich die geringste Ahnung davon hatte, wegen Nichterscheinens Schuldhaft gegen mich verfügt. Um acht Uhr morgens wurde ich in der Rue St.-Denis in meinem eigenen Wagen verhaftet; der Sbirrenführer setzte sich an meine Seite, ein zweiter nahm neben dem Kutscher Platz, und ein dritter stieg hinten auf. In diesem Aufzug zwang man den Kutscher nach dem Gefängnis Fort-l’Evêque zu fahren.

Als die Diener der Gerechtigkeit mich dem Kerkermeister übergeben hatten, sagte mir dieser, ich könnte sofort meine Freiheit wiedererlangen, indem ich fünfzigtausend Franken leiste oder gute Bürgschaft dafür stellte.

»Ich habe weder das eine noch das andere zur Hand.«

»Dann werden Sie also im Gefängnis bleiben.«

Der Kerkermeister führte mich in ein ziemlich sauberes Zimmer, und ich sagte ihm, ich hätte nur eine einzige Aufforderung bekommen.

»Dies wundert mich gar nicht,« antwortete er mir, »so etwas kommt sehr häufig vor, aber es ist sehr schwer zu beweisen.«

»Bringen Sie mir alles, was man zum Schreiben braucht, und besorgen Sie mir einen sicheren Dienstmann!«

Ich schrieb an meinen Advokaten, an meinen Sachwalter, an Frau von Urfé und an alle meine Freunde, zuletzt an meinen Bruder, der sich kurz vorher verheiratet hatte. Der Sachwalter kam sofort, der Advokat aber begnügte sich damit, mir zu schreiben, er habe die Berufung zu Protokoll gegeben; meine Verhaftung sei ungesetzlich und könne der Gegenpartei teuer zu stehen kommen. Zum Schluß bat er mich, ich möchte ihn handeln lassen und einige Tage Geduld haben.

Manon Baletti schickte mir durch ihren Bruder ihre Diamantohrbommeln. Frau du Rumain schickte mir ihren Advokaten, einen Mann von seltener Rechtschaffenheit, und schrieb mir in einem freundschaftlichen Briefchen, wenn ich fünfhundert Louis nötig hätte, würde sie sie mir am nächsten Morgen schicken. Mein Bruder antwortete mir nicht und besuchte mich nicht. Meine liebe Frau von Urfé ließ mir sagen, sie erwarte mich zum Mittagessen. Ich schrieb dies ihrer Verrücktheit zu, denn ich konnte doch nicht annehmen, daß sie sich über mich lustig machen wollte. Um elf Uhr war mein Zimmer voll von Besuchern. Der arme Baret kam weinend und stellte mir seinen ganzen Laden zur Verfügung. Der brave Mann rührte mich wirklich. Endlich meldete man mir eine Dame, die in einem Fiaker vorgefahren sei. Ich wartete, aber niemand kam. Ungeduldig ließ ich den Schließer rufen, und dieser sagte mir, sie habe beim Gefängnisschreiber einige Erkundigungen eingezogen und sei wieder abgefahren. An der Beschreibung erkannte ich sofort Frau von Urfé.

Es war für mich ein unangenehmes Gefühl, mich meiner Freiheit beraubt zu sehen. Ich erinnerte mich der Bleikammern, und obgleich ich meine jetzige Lage in keiner Weise mit der damaligen vergleichen konnte, so fühlte ich mich doch unglücklich, denn diese Verhaftung mußte mich in ganz Paris um meinen guten Ruf bringen. Da ich dreißigtausend Franken flüssig hatte und für den doppelten Betrag Juwelen besaß, so hätte ich Zahlung leisten und sofort das Gefängnis verlassen können, aber ich konnte mich nicht zu diesem Opfer entschließen, obgleich der Anwalt der Frau du Rumain mir sehr dringend zuredete, um jeden Preis das Gefängnis zu verlassen. »Sie brauchen,« sagte dieser Edelmann zu mir, »nur die Hälfte der Summe zu hinterlegen; ich werde sie dem Gerichtsschreiber überweisen und verspreche Ihnen in kurzer Zeit ein günstiges Urteil, auf Grund dessen Sie sie zurückziehen können.«

Wir unterhielten uns lebhaft über diese Frage, als mein Kerkermeister eintrat und sehr höflich zu mir sagte: »Mein Herr, Sie sind frei, und eine Dame erwartet Sie vor der Tür in ihrem Wagen.«

Ich rief meinen Kammerdiener Leduc und befahl ihm nachzusehen, wer die Dame sei. Es war Frau von Urfé. Ich machte allen Anwesenden meine Verbeugung und fand mich nach einer vierstündigen, sehr unangenehmen Haft in einer prachtvollen Kutsche.

Frau von Urfé empfing mich mit großer Würde. Ein Gerichtspräsident in seinem Amtsbarett, der neben ihr in der Berline saß, bat mich um Verzeihung wegen seines Landes, wo infolge schreiender Mißstände die Fremden oft derartigen Mißhandlungen ausgesetzt wären. Ich dankte Frau von Urfé mit wenigen Worten und sagte, ich sähe mich mit sehr großem Vergnügen als ihren Schuldner, aber den Vorteil von ihrer edlen Freigebigkeit würde Garnier haben. Sie antwortete mir mit einem angenehmen Lächeln, er würde den Vorteil nicht so leicht davontragen; übrigens würden wir beim Essen darüber sprechen. Sie bat mich, sofort einen Spaziergang in den Tuilerien und im Palais-Royal zu machen, um das Publikum zu überzeugen, daß das Gerücht von meiner Verhaftung falsch wäre. Der Rat war gut; ich erklärte mich bereit und versprach ihr, um zwei Uhr bei ihr zu sein.

Ich zeigte mich also auf den beiden belebtesten Spaziergängen von Paris, auf denen wenigstens, wo man Einzelmenschen am meisten beachtet – denn auf den Boulevards sieht man nur Massen. Ich ergötzte mich an dem Erstaunen gewisser Leute, von denen ich wußte, daß sie mich kannten. Dann brachte ich meiner teuren Manon die Ohrringe zurück; sie stieß bei meinem Anblick einen Schrei glücklicher Überraschung aus. Ich dankte ihr zärtlich für den Beweis ihrer Anhänglichkeit, den sie mir gegeben, und ich sagte der ganzen Familie, ich sei nur deshalb verhaftet worden, weil man mich in einen Hinterhalt gelockt hätte; aber der Schuldige würde mir dies teuer bezahlen. Ich versprach ihnen, den Abend bei ihnen zuzubringen, und begab mich zu Frau d’Urfé.

Die gute Dame, deren fixe Idee der Leser ja kennt, machte mich lachen, als sie bei meinem Anblick sofort zu mir sagte, ihr Genius habe ihr mitgeteilt, daß ich mich absichtlich hätte verhaften lassen, weil ich aus Gründen, die nur mir bekannt wären, wünschte, daß von mir gesprochen würde.

»Sobald ich von Ihrer Verhaftung vernahm, fuhr ich nach dem Fort-l’Evêque, und als ich vom Gefängnisschreiber erfuhr, worum es sich handelte, holte ich mir Wertpapiere aus dem Stadthaus und hinterlegte diese als Sicherheit für Sie. Aber, wenn es Ihnen nicht gelingt, Gerechtigkeit zu erhalten, so wird Garnier es mit mir zu tun bekommen, bevor der sich durch die von mir hinterlegten Papiere bezahlt machen kann. Sie, mein lieber Freund, müssen vor allen Dingen Strafanzeige gegen Ihren Advokaten machen; denn es liegt auf der Hand, daß er Ihre Berufung nicht hat eintragen lassen und daß er Sie betrogen und bestohlen hat.«

Ich verließ sie gegen Abend mit der Versicherung, daß sie binnen wenigen Tagen ihre Bürgschaft würde zurückziehen können. Dann ging ich erst ins Théâtre Français und hierauf in die italienische Komödie und zeigte mich in den Foyers, um damit mein Wiedererscheinen vollständig zu machen. Hierauf ging ich zu Manon Baletti zum Abendessen. Sie war ganz glücklich, eine Gelegenheit gefunden zu haben, mir einen Beweis ihrer zärtlichen Liebe zu geben. Ich machte ihre Freude vollständig, als ich ihr sagte, daß ich meine Fabrik aufgeben würde; denn sie war überzeugt, daß mein Harem das einzige Hindernis unserer Heirat wäre.

Den ganzen folgenden Tag verbrachte ich bei Frau von Urfé. Ich fühlte, wieviel ich ihr verdankte, während sie mit ihrem ausgezeichneten Herzen glaubte, daß keine Belohnung hoch genug wäre für meine Orakelsprüche, dank denen sie nach ihrer Meinung niemals einen Fehltritt tun konnte. Ich begriff nicht, wie diese sehr kluge und sonst in jeder anderen Beziehung sehr vernünftige Frau in diesem Punkte so töricht sein konnte. Es tat mir leid, ihr nicht ihre Täuschung benehmen zu können; anderseits war ich glücklich, wenn ich bedachte, daß ich gerade dieser Täuschung die Achtung verdankte, die sie mir zollte. sni

Durch meine Verhaftung wurde Paris mir zum Ekel, und ich bekam gegen Prozesse einen Haß, den ich noch jetzt empfinde. Ich sah mich in ein Labyrinth von Streitigkeiten sowohl mit Garnier wie mit meinem Advokaten verstrickt. Mit war zumute, wie wenn ich zum Galgen ginge, sooft ich Termine wahrnehmen, mein Geld an Advokaten zahlen und eine kostbare Zeit verlieren mußte, die ich nur wohl angewandt glaubte, wenn ich mir Genüsse verschaffte. In diesem Zustand fortwährender Aufregungen, die so wenig meinem Charakter angemessen waren, faßte ich den weisen Entschluß, ernstlich für die Erwerbung eines Vermögens zu arbeiten, um mich von den Ereignissen unabhängig zu machen und mich nach meinem Geschmack unterhalten zu können. Ich beschloß vor allen Dingen, alles, was ich in Paris besaß, zu verkaufen, sodann noch einmal nach Holland zu gehen, um neue Mittel zu erwerben, diese als lebenslängliche Rente auf zwei Köpfe anzulegen, und fortan frei von allen lästigen Sorgen zu leben. Die zwei Köpfe sollten der meiner Frau und mein eigener sein, meine Frau aber sollte Manon Baletti sein. Dieser Plan, den ich ihr mitteilte, würde ihre höchsten Wünsche befriedigt haben, wenn ich ihrem Ansinnen nachgegeben und vor allen anderen Dingen sie geheiratet hätte.

Zunächst verzichtete ich auf Klein-Polen, das ich nur bis zum Ende des Jahres gemietet hatte; hierauf ließ ich mir von der Militärschule achtzigtausend Franken auszahlen, die als Kaution für mein Lotteriebureau in der Rue St.-Denis dienten. Auf diese Weise entledigte ich mich meiner lächerlichen Anstellung als Lotterieeinnehmer. Das Bureau schenkte ich meinem Geschäftsführer, nachdem ich ihn verheiratet hatte; ich machte auf diese Weise sein Glück. Ein Freund seiner Frau zahlte die Kaution für ihn; das kommt ja ziemlich häufig vor.

Da ich Frau von Urfé nicht die Verlegenheit eines lächerlichen Prozesses mit Garnier hinterlassen wollte, so ging ich nach Versailles und bat seinen Busenfreund, den Abbé de la Ville, ihn zu einem freundschaftlichen Vergleich zu bestimmen.

Garnier befand sich in Rueil; ich suchte ihn dort auf. Er besaß dicht bei dem Dorf ein Haus, das ihm vierhunderttausend Franken gekostet hatte, eine schöne Besitzung für einen Mann, der durch Proviantlieferungen während des letzten Krieges ein großes Vermögen erworben hatte. Er lebte im Überfluß, aber er hatte das Unglück, mit siebzig Jahren noch die Frauen zu lieben; denn, da er impotent war, konnte er nicht glücklich sein. Ich fand ihn in Gesellschaft von drei hübschen jungen Mädchen, die, wie ich später erfuhr, von guter Familie waren; aber sie waren arm, und die Armut allein konnte sie zwingen, gefällig zu sein und das ekelhafte Zusammensein mit dem alten Wüstling zu ertragen. Ich blieb zum Essen und hatte Gelegenheit, ihre Bescheidenheit zu beobachten, die sie sich in der demütigenden Lage trotz ihrer Bedürftigkeit bewahrt hatten. Nach dem Essen schlief Garnier ein und überließ es mir, die liebenswürdigen jungen Mädchen zu unterhalten, die ich gerne aus ihrer unglücklichen Lage befreit hätte, wenn es mir möglich gewesen wäre. Als er erwacht war, gingen wir in sein Arbeitszimmer, um über unsere Angelegenheit zu sprechen.

Ich fand ihn zuerst anspruchsvoll und zäh; als ich ihm jedoch gesagt hatte, daß ich Paris in wenigen Tagen zu verlassen gedachte, begriff er, daß er mich daran nicht hindern könnte, daß Frau von Urfé den Prozeß weiter führen würde, daß diese ihn nach Belieben hinausziehen und daß er ihn schließlich gar verlieren könnte. Dies gab ihm zu denken, und er lud mich ein, über Nacht bei ihm draußen zu bleiben. Am nächsten Morgen nach dem Frühstück sagte er zu mir: »Mein Entschluß steht fest: ich verlange fünfundzwanzigtausend Franken, oder ich prozessiere bis zu meinem Tode.«

Ich antwortete ihm, er würde den Betrag bei dem Notar der Frau von Urfé finden und könnte ihn einziehen, sobald er die mit Beschlag belegte Kaution im Fort-l’Evêque freigegeben hätte.

Frau von Urfé wollte sich nicht überzeugen lassen, daß ich recht getan hätte, auf einen Vergleich einzugehen. Es gelang mir erst, als ich ihr sagte, mein Orakel hätte von mir verlangt, daß ich Paris nicht eher verließe, als bis ich alle meine Angelegenheiten geordnet hätte, damit mich niemand beschuldigen könnte, mich entfernt zu haben, um mich der Verfolgung von unbefriedigten Gläubigern zu entziehen.

Einige Tage darauf verabschiedete ich mich von Herrn de Choiseul. Er versprach mir, an Herrn d’Affry zu schreiben, er möge mir bei allen meinen Unterhandlungen zur Seite stehen, um womöglich eine fünfprozentige Anleihe, entweder bei den Generalstaaten oder bei einer Gesellschaft von Privatleuten, zustande zu bringen. »Sie können«, sagte er zu mir, »überall versichern, daß im Laufe des Winters der Friede abgeschlossen wird, und ich verspreche Ihnen, ich werde nicht dulden, daß man Sie nach Ihrer Rückkehr nach Frankreich um Ihre Rechte bringt.«

Herr von Choiseul täuschte mich, denn er wußte recht gut, daß der Friedensschluß nicht erfolgen würde. Aber ich hatte überhaupt keine besonderen Absichten, und mein übergroßes Vertrauen, das ich in Herrn de Boulogne gesetzt hatte, ärgerte mich zu sehr, als daß ich etwas zugunsten der Regierung ohne greifbaren und augenblicklichen Vorteil hätte unternehmen mögen.

Ich verkaufte meine Pferde, meine Wagen, meine Möbel und stellte Bürgschaft für meinen Bruder, der in Schulden geraten war, die er sicher war, in kurzer Zeit bezahlen zu können, denn es standen auf der Staffelei mehrere Gemälde, die von ihren Bestellern, reichen Kavalieren, ungeduldig erwartet wurden. Ich nahm Abschied von Manon, die ich in Tränen aufgelöst zurückließ, obgleich ich ihr aufrichtigsten Herzens schwor, daß ich bald zurückkommen würde, um sie zu heiraten.

Als ich endlich mit allen Reisevorbereitungen fertig war, verließ ich Paris mit hunderttausend Franken in guten Wechseln und mit Juwelen im gleichen Wert. Ich fuhr allein in meinem Postwagen; Leduc ritt voraus, weil der Bursche lieber im Sattel als auf dem Kutschbock saß. Dieser Leduc war ein Spanier von achtzehn Jahren, ein sehr intelligenter Junge, den ich besonders deshalb gern hatte, weil er mich besser frisierte als irgendein anderer; ich versagte ihm kein Vergnügen, das ich ihm für billiges Geld verschaffen konnte. Außer ihm hatte ich einen guten Schweizer Lakai, der mir als Kurier diente.

Wir schrieben den ersten Dezember 1759; die Kälte war ziemlich empfindlich; aber ich hatte mich gegen ihre Strenge geschützt. Mein Wagen war dicht geschlossen, so daß ich bequem lesen konnte; ich nahm zu diesem Zweck den Geist von Helvétius mit, den ich noch nicht Zeit gehabt hatte, zu lesen. Nachdem ich das Buch gelesen hatte, war ich noch mehr erstaunt über das Aufsehen, das es gemacht hatte, als über die Dummheit des Parlaments, das es verurteilt hatte; diese hohe Körperschaft stand unter dem Einfluß der Geistlichkeit und des Hofes und hatte auf Betreiben dieser beiden alles mögliche getan, um den sehr liebenswürdigen Helvétius, der sicherlich mehr Geist hatte als sein Buch, zugrunde zu richten. Ich fand in dem Buch nichts Neues, weder in dem historischen Teil über die Sitten der Nationen, worin Helvétius uns allerlei Unsinn auftischt, noch in der Moral, die er aus seinen Erörterungen ableitet. Alle diese Dinge sind seit Jahrhunderten gesagt und wieder gesagt; Blaise Pascal hatte unendlich viel mehr gesagt, aber besser und rücksichtsvoller. Helvétius wurde gezwungen, sein Buch zu widerrufen, wenn er seinen Wohnsitz in Frankreich behalten wollte. Er zog das angenehme Leben, das er dort führte, seiner Ehre und der seines Systems vor, will sagen: seinem eigenen Geist. Seine Frau hatte eine größere Seele als er; denn sie war dafür, lieber ihre ganze Habe zu verkaufen und nach Holland zu flüchten, als sich der Schmach eines Widerrufs zu unterwerfen. Helvétius würde vielleicht der edlen Eingebung seiner Gattin gefolgt sein, wenn er hätte voraussehen können, daß sein unbegreiflicher Widerruf aus seinem Buch ein Schelmenstück machen würde; denn indem er widerrief, gestand er anscheinend zu, daß er es ohne Überzeugung geschrieben, daß er nur gespaßt hätte und daß alle seine Beweisführungen nur Sophismen wären, übrigens hatten viele gute Köpfe nicht erst seinen Widerruf abgewartet, um sein erbärmliches System in seinem rechten Wert zu erkennen3.

Wie? Weil der Mensch in allem, was er tut, stets der Sklave seines eigenen Interesses ist, so sollte daraus folgen, daß jedes Gefühl von Dankbarkeit lächerlich ist und daß keine einzige unserer Handlungen uns ehren oder entehren kann? Ein Schurke und ein Ehrenmann sollten mit dem gleichen Gewicht gemessen werden können? Wenn ein so trostloses System nicht töricht wäre, dann wäre die Tugend nichts weiter als ein Köder für Dummköpfe; und wenn es sich verwirklichen ließe, so würde die Gesellschaft es ächten, denn sie könnte inmitten der Verderbnis, die die unvermeidliche Folge sein würde, nicht weiter bestehen; mit um so größerem Rechte muß sie daher dieses System vernichten, da alles ihr seine scheußliche Unnatur beweist.

Man hätte Helvétius nachweisen können, daß es falsch ist, wenn er behauptet, daß bei all unserem Tun unser Eigennutz der Haupthebel ist, und daß wir daher vor allem anderen bei diesem Gefühl uns unseren Rat holen müssen. Es ist eigentümlich, daß er, der doch Tugend so trefflich übte, die Tugend nicht wollte gelten lassen. Wäre es möglich, daß er sich selber niemals für einen Ehrenmann gehalten hätte, da doch alle seine Handlungen ihn als Mann von Ehre erwiesen? Es wäre scherzhaft, wenn nur ein Gefühl der Bescheidenheit ihn dazu angeregt hätte, sein Werk zu veröffentlichen! Aber schon dadurch wäre die Wahrheit seines Systems umgestoßen worden, und wenn dies der Fall ist, hat er dann wohl daran getan, sich verächtlich zu machen, um nicht den Vorwurf des Stolzes zu verdienen? Bescheidenheit ist nur dann eine Tugend, wenn sie natürlich ist; ist sie nur zur Schau getragen oder äußert sie sich nur als eine einfache Wirkung der Erziehung, so ist sie ekelhaft. Ich habe niemals einen so wirklich bescheidenen Menschen gekannt, wie den berühmten d’Alembert.

In Brüssel, wo ich zwei Tage verbrachte, nahm ich im »Gasthof zur Kaiserin« Wohnung; zufällig traf ich dort Fräulein X.C.V. mit Farsetti; aber ich tat, wie wenn ich sie nicht bemerkte.

Von dort fuhr ich ohne Aufenthalt nach dem Haag, wo ich im »Prinzen von Oranien« abstieg. Ich fragte den Wirt, welche Personen er zu Tisch hätte, und er sagte mir, es seien Generäle und höhere Offiziere der Hannoverschen Armee, englische Damen und ein Fürst Piccolomini mit seiner Gemahlin. Diese Mitteilung veranlaßte mich, einer so guten Gesellschaft mich anzuschließen.

Da ich allen unbekannt war, beschränkte ich mich auf die Rolle des stillen Beobachters; besondere Aufmerksamkeit widmete ich der angeblichen italienischen Fürstin, die ziemlich hübsch war, und hauptsächlich ihrem Mann, der mir bekannt vorkam. Im Laufe der Unterhaltung kam man auch auf den berühmten St.-Germain zu sprechen, und ich erfuhr, daß er in demselben Gasthause wohnte.

Ich hatte mich auf mein Zimmer begeben und wollte gerade zu Bett gehen, als mein Fürst Piccolomini eintrat und mich wie einen alten Bekannten umarmte.

»Ein Blick, den Sie mir zuwarfen,« sagte er, »hat mir bewiesen, daß Sie mich wiedererkannten. Ich habe Sie ebenfalls sofort erkannt, obwohl sechzehn Jahre verflossen sind, seitdem wir uns in Vicenza sahen. Morgen können Sie allen Leuten sagen, daß wir uns wiedererkannt haben, und daß ich nicht Fürst, wohl aber Graf bin; hier ist mein Paß vom König von Neapel. Bitte lesen Sie ihn.«

Er hatte mit solcher Geschwindigkeit auf mich eingeredet, daß ich nicht ein einziges Wort hatte sprechen können. So genau ich auch die Züge meines Besuchers musterte, so erinnerten sie mich doch an weiter nichts, als daß ich ihn einmal gesehen hatte; aber Zeit, oder nähere Umstände vermochte ich nicht anzugeben. Ich öffnete den Paß und sah die Namen: Ruggero di Rocco, conte Piccolomini. Dies genügte mir: ich erinnerte mich, daß ein Mensch dieses Namens in Vicenza Fechtmeister war. Jetzt erkannte ich auch seine Züge. Obwohl sie sich sehr verändert hatten, so ließen sie mir doch keinen Zweifel, daß der Klopffechter und der Graf ein und dieselbe Person waren.

»Ich wünsche Ihnen Glück,« sagte ich zu ihm, »daß Sie Ihren damaligen Beruf nicht mehr betreiben; Ihr jetziger ist ohne Zweifel besser.«

»Ich betrieb damals jenes Gewerbe, um nicht Hungers zu sterben, denn ich hatte einen so hartherzigen Vater, daß er mir nicht einmal meinen Lebensunterhalt gab; ich hatte meinen Namen geändert, um ihn nicht zu erniedrigen. Nach dem Tode meines Vaters habe ich sein Vermögen geerbt und habe in Rom die Dame geheiratet, die Sie sahen.«

»Sie haben einen guten Geschmack gehabt, denn sie ist schön.«

»Ja, man findet sie schön, und ich habe sie aus Liebe geheiratet.«

Schließlich lud er mich ein, ihn am nächsten Tage nach dem Essen auf seinem Zimmer zu besuchen; ich würde dort gute Gesellschaft finden und eine Pharaobank, die er selber hielte. Er fügte ohne Umstände hinzu, wenn ich wollte, würde er mich als Teilhaber annehmen und ich würde meine Rechnung dabei finden. Ich dankte ihm und versprach ihm meinen Besuch.

Am Morgen ging ich ziemlich frühzeitig aus und sprach auf einen Augenblick beim Juden Boas vor; die Wohnung, die er mir in seinem Hause anbot, lehnte ich höflich ab. Hierauf machte ich dem Grafen d’Affry meine Aufwartung, der nach dem Tode der Regentin, Prinzessin von Oranien, zum Botschafter Seiner Allerchristlichen Majestät befördert worden war. Er nahm mich sehr gut auf, sagte mir aber sofort, ich würde meine Zeit verlieren, wenn ich in der Hoffnung, für die Regierung einige gute Geschäfte zu machen, nach Holland zurückgekehrt wäre; denn die Maßregel des Generalkontrolleurs habe den Kredit Frankreichs vernichtet, und man erwarte allgemein einen Staatsbankrott.

»Dieser Herr Silhouette hat dem König einen schlechten Dienst geleistet. Dies tut mir ungeheuer leid. Er mag noch so oft sagen, die Zahlungen seien nur auf ein Jahr eingestellt – man hört überall lautes Geschrei der Entrüstung.«

Hierauf fragte er mich, ob mir ein vor kurzem im Haag angekommener Graf von St.-Germain bekannt wäre. »Ich habe ihn niemals bei mir gesehen,« fügte er hinzu, »obwohl er behauptet, vom König zur Aufnahme einer Anleihe von hundert Millionen ermächtigt zu sein. Wenn man mich um Auskunft über diesen Menschen fragt, bin ich genötigt, zu antworten, daß ich ihn nicht kenne, denn ich fürchte mich bloßzustellen. Sie begreifen, daß meine Antwort seinen Unterhandlungen nur schaden kann; aber das ist seine Schuld und nicht meine. Warum hat er mir nicht einen Brief vom Herzog von Choiseul oder von der Frau Marquise gebracht? Ich glaube, der Mensch ist ein Betrüger; aber ich werde auf alle Fälle in etwa zehn Tagen darüber etwas wissen.«

Ich sagte ihm nun alles, was ich über diesen eigentümlichen und außerordentlichen Mann wußte. Er war nicht wenig überrascht, als er hörte, daß der König ihm eine Wohnung in Chambord angewiesen hatte. Als ich ihm aber sagte, daß er nach seiner Behauptung das Geheimnis besäße, Diamanten zu machen, da lachte er und sagte, nun zweifle er nicht mehr daran, daß der Graf die hundert Millionen finden werde. Als ich mich verabschiedete, lud Herr d’Affry mich für den nächsten Tag zum Mittagessen ein.

In den Gasthof zurückgekehrt, ließ ich mich beim Grafen St.-Germain melden, der zwei Haiduken in seinem Vorzimmer hatte.

»Sie sind mir zuvorgekommen,« sagte er, als er mich eintreten sah, »ich wollte mich gerade bei Ihnen melden lassen. Ich denke mir, mein lieber Herr Casanova, Sie sind hierher gekommen, um, wenn möglich, etwas zugunsten unseres Hofes auszurichten; aber dies wird Ihnen schwer fallen, denn die Börse ist empört über die Maßregeln dieses verrückten Silhouette. Ich hoffe indessen trotz dieser Widerwärtigkeit hundert Millionen zu finden. Ich habe dem König, den ich meinen Freund nennen darf, mein Wort darauf gegeben, und ich werde ihn nicht täuschen; in drei bis vier Wochen wird mein Geschäft erledigt sein.«

»Ich denke mir, Herr d’Affry wird Ihnen zum Gelingen behilflich sein.«

»Ich bedarf seiner durchaus nicht. Ich werde ihn wahrscheinlich nicht einmal besuchen; denn er könnte sich rühmen, mir geholfen zu haben, und dies wünsche ich nicht. Da ich die ganze Mühe davon habe, will ich auch den ganzen Ruhm dafür haben.«

»Sie gehen doch wohl zu Hofe; da wird der Herzog von Braunschweig Ihnen nützlich sein können.«

»Was soll ich bei diesem Hofe anfangen? Mit dem Herzog von Braunschweig habe ich nichts zu tun, und ich will seine Bekanntschaft nicht machen. Ich brauche nur nach Amsterdam zu gehen. Mein Kredit genügt mir. Ich liebe den König von Frankreich; denn es gibt in seinem ganzen Lande keinen größeren Ehrenmann.«

»Kommen Sie doch zum Essen an den großen Tisch; es sind lauter tadellose Leute; Sie werden sich dort wohl fühlen.«

»Wie Sie wissen, esse ich nicht; außerdem setze ich mich niemals an einen Tisch, wo ich Unbekannte finden kann.«

»Nun, so leben Sie denn wohl, Herr Graf; wir werden uns in Amsterdam wiedersehen!«

Ich ging in den Speisesaal, wo ich mich bis zum Anrichten mit einigen Offizieren unterhielt. Man fragte mich, ob Fürst Piccolomini hier bekannt sei; ich antwortete, ich hätte ihn nach dem Abendessen wiedererkannt; er wäre Graf und nicht Fürst, und ich hätte ihn seit sehr langer Zeit nicht gesehen. Als er mit seiner schönen Römerin, die nur italienisch sprach, hereinkam, erwies ich ihm einige Höflichkeiten; hierauf setzten wir uns zu Tisch.

  1. Ich finde Casanovas Urteil über das Buch entschieden zu hart. Der historische Teil enthält eine Menge interessanten Materials und der philosophische eine Fülle anregender Ideen. Jedenfalls steht das Werk viel höher als Max Stirners vielberufenes Buch »Der Einzige und sein Eigentum«, worin sich fast kein Gedanke vorfindet, den Helvétius nicht besser und in schönerer Form gesagt hätte.

Zwölftes Kapitel


Porträt der angeblichen Gräfin Piccolomini. – Streit, Zweikampf. – Ich sehe Esther und ihren Vater Herrn d’O. wieder. – Esther ist immer noch von der Kabbala begeistert; gefälschter Wechsel Piccolomims; Folgen. – Ich werde überfallen, und bin in Gefahr, ermordet zu werden. – Orgie mit zwei Paduanerinnen; Folgen davon. – Ich enthülle Esther ein großes Geheimnis. – Ich mache die Umtriebe des Betrügers St.-Germain zuschanden. – Seine Flucht. – Manon Baletti wird mir untreu; sie schreibt mir einen Brief, worin sie mir ihre Heirat meldet; meine Verzweiflung; Esther verbringt einen ganzen Tag mit mir. – Sie erhält Manons Porträt und meine Briefe an diese. – Heiratsgedanken.

Die angebliche Gräfin Piccolomini war eine schöne Abenteurerin – eine junge Römerin, groß, gut gewachsen, mit feurigen schwarzen Augen und einer blendend weißen Haut. Aber es war nicht jene natürliche Weiße, welche den Männern, die den ganzen Wert einer Haut von Atlas und Rosenblättern fühlen, so sehr gefällt; sondern es war jene künstliche Weiße, die man überall in Rom an der Haut der Kurtisanen bemerkt und die denen, die die Ursache kennen, so sehr mißfällt. Übrigens hatte sie einen schönen Mund, prachtvolle Zähne und wundervolle Haare vom schönsten Ebenholzschwarz, nach ihren fein geschwungenen schwarzen Augenbrauen zu schließen. Mit diesen Vorzügen verband sie ein gewinnendes Benehmen und einen Anstrich von Geist; aber ein gewisses Etwas blickte aus allem hervor, verriet die Abenteurerin und flößte mir eine Art von Abneigung gegen sie ein.

Da Frau von Piccolomini nur italienisch sprach, so hätte sie bei Tisch die Stumme spielen müssen, wenn nicht ein englischer Offizier, namens Walpole, sie nach seinem Geschmack gefunden und sich mit ihr unterhalten hätte. Dieser Engländer flößte mir Freundschaft ein, aber gewiß war dies keine Sympathie; denn wenn ich blind oder taub gewesen wäre, würde ich für Sir Walpole weder Haß noch Liebe empfunden haben; meine Gefühle für ihn waren nur durch Augen und Ohren entstanden.

Obgleich die schöne Piccolomini mir nicht gefallen hatte, begab ich mich doch mit dem großen Teil der Gäste nach dem Essen auf ihr Zimmer. Der Graf setzte sich zu einer Partie Whist nieder, und Walpole spielte mit der Gräfin, die ihn wie eine abgefeimte Gaunerin betrog, eine Partie Primiera. Walpole merkte es wohl, aber er bezahlte und lachte, weil es ihm gerade recht war. Als er etwa fünfzig Louis verloren hatte, bat er um Gnade, und die Gräfin lud ihn ein, sie ins Theater zu begleiten. Dies war dem liebenswürdigen Engländer sehr erwünscht; er nahm die Einladung an, und die Signora ging mit ihm ab, während ihr Gemahl seinen Whist weiter spielte.

Ich ging ebenfalls ins Theater, und der Zufall wollte es, daß ich im Parkett neben dem Grafen Tott saß, dem Bruder jenes Tott, der durch seinen Aufenthalt in Konstantinopel so berühmt wurde.

Wir wechselten einige Worte, und er teilte mir mit, daß er Frankreich wegen eines Duells verlassen hätte. Ein Mensch hatte ihn damit aufgezogen, daß er nicht an der Schlacht bei Minden teilgenommen hatte, und hatte gesagt, er sei absichtlich nicht zur rechten Zeit zu seinem Korps gestoßen. Er hatte ihm seine Tapferkeit bewiesen, indem er ihm einen Degenstich beibrachte – eine barbarische Weise, Recht zu behalten, aber damals wie heute eine beliebte Beweisführung. Er sagte mir auch, er habe kein Geld, und ich beeilte mich, ihm meine Börse zu öffnen; da aber, wie man sagt, eine Wohltat niemals verloren ist, so sprang er seinerseits mir bei, als wir uns fünf Jahre später in St. Petersburg trafen. Während eines Zwischenaktes bemerkte er die Gräfin Piccolomini und fragte mich, ob ich ihren Mann kenne.

»Ich kenne ihn nur wenig,« antwortete ich. »Aber wir wohnen zufällig in demselben Gasthof.«

»Er ist ein Erzgauner, und seine Frau ist nicht besser als er.«

Wie es schien, stand ihr Ruf in der Stadt schon fest.

Nach dem Theater ging ich allein nach meinem Gasthof zurück, wo der Kellner mir erzählte, daß Piccolomini in aller Eile mit seinem Kammerdiener abgereist wäre und nur ein kleines Köfferchen mitgenommen hätte. Die Ursache dieser überstürzten Abreise kannte er nicht; gleich darauf aber erschien die Gräfin, und die Kammerzofe flüsterte ihr etwas ins Ohr. Sie sagte mir, der Graf sei abgereist, weil er sich geschlagen habe; aber das komme sehr oft vor. Sie lud mich und Walpole zum Essen ein, und ihrem Appetit war es nicht anzusehen, daß sie so plötzlich von ihrem Gatten getrennt worden war.

Gegen Ende des Abendessens kam ein Engländer, der an der Whistpartie teilgenommen hatte, und sagte Walpole, der Italiener sei beim Mogeln ertappt worden; er habe es dem anderen Engländer gegenüber geleugnet, als er es ihm vorgeworfen habe, und sie seien miteinander hinausgegangen. Eine Stunde später war der Engländer mit zwei Degenstichen, einem im Vorderarm und dem anderen in der Schulter, in den Gasthof zurückgekehrt. Es war eine Lappalie.

Als ich am nächsten Tage von dem Grafen Affry, der mich zum Essen eingeladen hatte, in den Gasthof zurückkehrte, gab man mir einen Brief vom Grafen Piccolomini; er war von einem besonderen Boten überbracht worden und enthielt einen anderen Brief an seine Frau, der Graf bat mich, ihr den Brief zu übergeben, der seine Anweisungen enthielte, sie darauf nach Amsterdam zu begleiten und sie in die »Stadt Lyon« zu führen, wo er wohnte. Er erkundigte sich auch, wie der von ihm verwundete Engländer sich befände.

Der Auftrag kam mir komisch vor, und ich würde herzlich darüber gelacht haben, wenn ich auch nur die geringste Lust gehabt hätte, sein Vertrauen mir zunutze zu machen. Indessen ging ich doch zur Signora, die in ihrem Bett saß und mit Walpole Karten spielte. Sie las den Brief, sagte mir, sie könne erst am nächsten Tage reisen, und nannte mir die Stunde der Abfahrt, wie wenn damit die Sache erledigt wäre. Ich machte sie jedoch mit einem ziemlich ironischen Lächeln darauf aufmerksam, daß ich meiner Geschäfte wegen im Haag bleiben müßte und sie daher nicht begleiten könnte. Als Walpole den Stand der Dinge erfuhr, erbot er sich, mich zu vertreten; ich hatte dies erwartet, und die Schöne nahm sein Anerbieten an. Wirklich reisten sie am nächsten Tage ab, um in Leyden zu übernachten.

Zwei Tage später setzte ich mich zur Essenszeit mit der gewöhnlichen Gesellschaft, die durch zwei neu eingetroffene Franzosen vermehrt war, zu Tisch. Nach der Suppe sagte der eine von ihnen, jedenfalls in böser Absicht: »Der berühmte Casanova soll jetzt in Holland sein.«

»So?« sagte der andere; »es wäre mir sehr lieb, ihn zu treffen, um von ihm eine Erklärung zu verlangen, die ihm nicht angenehm sein würde.«

Ich sah den Menschen an und war gewiß, daß ich niemals etwas mit ihm zu tun gehabt hatte. Ich fühlte mir das Blut ins Gesicht steigen, beherrschte mich aber und fragte ihn in ruhigem Tone, ob er Casanova kenne.

»Ich muß ihn wohl kennen,« antwortete er in jenem selbstgefälligen Ton, der stets mißfällt.

»Nein, mein Herr, Sie kennen ihn nicht; denn dieser Herr Casanova bin ich.«

Ohne außer Fassung zu geraten und sogar mit frecher Miene antwortete jener: »Potzblitz! Sie irren sich ganz gewaltig, wenn Sie glauben. Sie seien der einzige Casanova auf der Welt.«

Die Antwort war geschickt und setzte mich ins Unrecht. Ich biß mir die Lippen und schwieg; aber ich fühlte mich beleidigt und war fest entschlossen, ihn zu zwingen, mir jenen Casanova zu finden, der in Holland sein sollte, und den er zu einer unangenehmen Auseinandersetzung nötigen wollte. Einstweilen mußte ich es mir gefallen lassen, mehreren Offizieren gegenüber, die mit uns am Tische saßen, eine traurige Figur zu spielen. Sie hatten die unpassenden Bemerkungen des jungen Windbeutels gehört und konnten glauben, daß es mir an Mut fehlte. Der Unverschämte mißbrauchte meine Lage und den Vorteil, in dem er sich scheinbar durch seinen Sieg befand, und schwatzte alles mögliche Zeug durcheinander. Er nahm sich sogar heraus, mich zu fragen, aus welchem Lande ich wäre.

»Ich bin Venetianer, mein Herr.«

»Also ein guter Freund der Franzosen; denn Ihre Republik steht ja unter dem Schutze Frankreichs.«

Diese Worte machten mich so ärgerlich, daß ich nicht mehr an mich halten konnte: in dem Tone, den man gebraucht, wenn man einen Unverschämten zurückweisen will, erwiderte ich ihm, die Republik Venedig sei mächtig genug, daß sie niemals von Frankreich oder irgendeiner anderen Macht sich beschützen zu lassen nötig gehabt habe; in den dreizehn Jahrhunderten ihres Bestehens habe sie Freunde und Verbündete gehabt, niemals aber Beschützer.

»Vielleicht werden Sie zur Entschuldigung Ihrer Unwissenheit mir antworten, daß es mehr als eine Republik Venedig auf dieser Welt gebe.«

Kaum hatte ich diese Rede beendet, als ein schallendes Gelächter aller Tischgäste mir das Leben wiedergab. Mein Windbeutel schien außer Fassung gebracht zu sein und biß sich nun seinerseits auf die Lippen; beim Nachtisch aber fand er zu seinem Unglücke die Sprache wieder. Die Unterhaltung flatterte wie gewöhnlich von einem Gegenstand zum anderen und kam auch auf den Grafen Albemarle. Die Engländer rühmten ihn und sagten, wenn er am Leben geblieben wäre, würde es keinen Krieg zwischen Frankreich und England gegeben haben. Dies war allerdings wahrscheinlich, aber doch nicht gewiß; denn es wird noch lange dauern, bis die beiden großen Nationen begreifen, daß sie alle beide ihren Vorteil dabei finden würden, wenn sie in gutem Einvernehmen lebten. Ein anderer Engländer lobte Albemarles Geliebte, Lolotte. Ich machte die Bemerkung, ich hätte diese reizende Dame bei der Frau Herzogin von Fulvi kennen gelernt, und keine habe mehr als sie Gräfin Eronville zu werden verdient. Graf Eronville, Generalleutnant und Schriftsteller, hatte sie kurz vorher geheiratet.

Kaum hatte ich dies gesagt, so sah mein Hasenfuß mich lachend an und sagte mir, Lolotte sei allerdings eine höchst verdienstvolle Person; er müsse das wissen, denn er habe bei der Pâris mit ihr geschlafen. Jetzt konnte ich mich nicht mehr halten, Unwille und Zorn überwältigten mich. Ich ergriff meinen Teller, zeigte ihm dessen untere Seite und schickte mich an, ihm denselben an den Kopf zu werfen; dabei rief ich ihm zu: »Unverschämter Lügner!«

Er stand auf und stellte sich vor den Kamin, mit dem Rücken nach dem Feuer zu. An der Troddel, die an seinem Degengriff hing, erkannte ich, daß er Soldat war.

Die Anwesenden taten, als hätten sie das Vorgefallene nicht bemerkt; es wurde noch einige Augenblicke von diesem und jenem gesprochen; dann standen alle auf und gingen hinaus.

Mein Gegner sagte zu seinem Kameraden, sie würden sich im Theater wiedersehen; er blieb gegen das Kamingesimse gelehnt stehen. Ich blieb am Tisch sitzen, bis alle hinaus waren; als ich mich mit ihm allein sah, stand ich auf, sah ihn fest an, verließ den Saal und ging den Weg nach Scheveningen entlang. Ich war überzeugt, daß er mir folgen würde, wenn er Mut hätte. Als ich ein Stück vom Gasthof entfernt war, wandte ich den Kopf zurück und sah ihn in einer Entfernung von fünfzig Schritten mir nachkommen. Als ich im Walde war, machte ich an einem passenden Platze Halt und erwartete meinen Gegner. Er war noch zehn Schritte entfernt, als er schon den Degen zog, und ich konnte daher, ohne zurückzuweichen, ebenfalls blank ziehen, obgleich er schnell ging. Der Kampf dauerte nicht lang; denn sobald er im Bereiche meines Degens war, traf ihn mein gerader Stoß, der mir niemals versagt hat, und er wich schneller zurück, als er gekommen war. Er war oben an der rechten Brust verwundet; da aber zum Glück mein Degen stumpf und die Wunde ziemlich breit war, so blutete sie leicht. Ich senkte meinen Degen und eilte auf ihn zu; aber er brauchte meine Hilfe nicht und sagte mir, wir würden uns in Amsterdam wiedersehen, wenn ich dorthin ginge, und dann würde er sich Vergeltung verschaffen. Ich habe ihn erst nach fünf oder sechs Jahren in Warschau wieder gesehen, wo ich zu seinen Gunsten eine Sammlung veranstaltete. Ich erfuhr später, daß er Varnier heiße; ich weiß jedoch nicht, ob es derselbe ist, der unter dem niederträchtigen Robespierre Präsident des Konvents war.

Ich kam erst nach dem Theater nach Hause und hörte, daß der Franzose eine Stunde auf dem Zimmer mit dem Wundarzt zugebracht habe und dann mit seinem Kameraden nach Rotterdam abgereist sei. Das Abendessen war fröhlich, die Unterhaltung angenehm, und von dem Vorfall wurde kein Wort gesprochen; nur bemerkte eine englische Dame, ich weiß nicht mehr bei welcher Gelegenheit, ein Ehrenmann dürfe es nicht wagen, sich an einen Wirtshaustisch zu setzen, wenn er nicht trotz aller möglichen Vorsicht entschlossen sei, sich zu schlagen. Dies war zu jener Zeit sehr wahr; denn um eines übel aufgefaßten Wortes wegen mußte man den Degen ziehen und sich allen ärgerlichen Folgen eines Zweikampfes aussetzen oder mit Fingern auf sich zeigen lassen, selbst von Damen.

Da ich im Haag nichts mehr zu tun hatte, so reiste ich nach Tagesanbruch nach Amsterdam ab. Unterwegs traf ich auf der Station, wo ich zu Mittag speiste, Sir James Walpole; er erzählte mir, er sei am Tage vorher von Amsterdam wieder abgereist, eine Stunde nachdem er die schöne Gräfin ihrem Gatten übergeben habe. Er war ihr schon vollständig überdrüssig gewesen, da eine Frau, die mehr gab, als man von ihr verlangte, wenn man nur willig die Börse öffnete, ihm nichts mehr zu wünschen übrig ließ. Gegen Mitternacht kam ich in Amsterdam an und stieg in der »Zweiten Bibel« ab. Esthers Nachbarschaft hatte meine Liebe zu dieser reizenden Person wieder erregt, und vor Ungeduld, sie wieder zu sehen, konnte ich nicht schlafen.

Gegen zehn Uhr ging ich aus und begab mich sofort zu Herrn d’O., der mich mit den herzlichsten Freundschaftsbeteuerungen empfing und mir liebenswürdige Vorwürfe machte, daß ich nicht bei ihm abgestiegen wäre. Als er erfuhr, daß ich meine Fabrik aufgegeben hatte, wünschte er mir Glück, daß ich sie nicht nach Holland verlegt hätte, wo ich mich zugrunde gerichtet haben würde. Ich sagte ihm nicht, daß es mir in Frankreich nicht viel besser gegangen wäre, denn dies lag nicht in meinem Plan. Er beklagte sich bitter über die Unredlichkeiten des französischen Hofes, wodurch er beträchtliche Verluste erlitten hätte; hierauf sagte er mir, ich möchte Esther aufsuchen.

Ich war so ungeduldig, sie zu sehen, daß ich mir dies nicht zweimal sagen ließ. Ich eilte zu ihr. Sobald dies reizende Mädchen mich erblickte, schrie sie vor Überraschung und Freude laut auf und stürzte sich in meine Arme, die sie mit zärtlicher Begeisterung empfingen. Ich fand sie größer geworden und reifer entwickelt; sie war köstlich. Kaum hatten wir Platz genommen, so beeilte sie sich, mir zu beweisen, daß sie von der Kabbala jetzt ebensoviel verstand wie ich. Sie sagte zu mir: »Sie ist das Glück meines Lebens, denn durch sie beherrsche ich den Willen meines Vaters und habe infolgedessen die Gewißheit, daß er mich niemals mit einem anderen verheiraten wird, als mit einem Manne meiner eigenen Wahl.«

»Ich sehe mit Vergnügen, daß Ihr ausgezeichneter Geist aus dieser eitlen Wissenschaft den einzigen Nutzen zieht, den sie herzugeben vermag; nämlich schwache Geister zu leiten. Aber Ihr Vater muß glauben, daß Sie dies Geheimnis von mir haben.«

»Ja, das glaubt er, und er sagte mir eines Tages, er verzeihe mir alle Opfer, die ich Ihnen vielleicht gebracht hätte, um Ihnen diese kostbare Kenntnis zu entlocken.«

»Er ist vielleicht weiter gegangen als wir, meine göttliche Esther.«

»Ich glaube es, lieber Freund, aber ich sagte ihm, ich hätte Ihnen diese Kenntnis entwendet, ohne irgendein Opfer zu bringen. Ich bin wie Sie eine antwortende Gottheit geworden, eine wahre Pythia, die aber nicht die Qualen des Dreifußes zu ertragen hat; denn ich bin überzeugt, daß Ihre Antworten nur aus Ihren Berechnungen entspringen.«

»Aber wenn Ihre Annahme richtig wäre, liebe Freundin, wie hätte ich dann sagen können, wo die Brieftasche lag, und wie hätte ich die Ankunft des Schiffes prophezeien können.«

»Die Brieftasche haben Sie selber durch das Loch gestoßen, nachdem Sie sie gefunden hatten; und das Eintreffen des Schiffes, mein Lieber, das haben Sie auf gut Glück geweissagt; aber da Sie eine ehrliche Seele haben, so sind Sie darum recht in Angst gewesen – gestehen Sie das nur! Ich für meine Person werde niemals so kühn sein, und wenn mein Vater mir Fragen von dieser Art vorlegt, sind meine Antworten stets dunkler als die einer Sibylle. Ich will nicht, daß er sein Vertrauen zu meinem Orakel verliert, und ich will mir nicht den Vorwurf machen müssen, die Ursache eines Unglückes zu sein, das mir selber sehr nahe gehen wird.«

»Wenn dieser Irrtum Sie glücklich macht, so muß ich Sie darin belassen, um so mehr da ich, meine liebe Esther, die Erhabenheit Ihres Talentes bewundere. Sie sind einzig!«

»An Ihrer Bewunderung liegt mir nichts,« antwortet sie mir etwas empfindlich, »ich wünsche ein aufrichtiges Geständnis.«

»Weiter kann ich nicht gehen.« Diese Worte, die ich im ernsten Tone sprach, machten Esther nachdenklich; aber es lag mir daran, meine geistige Überlegenheit ihr gegenüber nicht zu verlieren, und ich tat mir Gewalt an, um ihren Wunsch nicht zu erfüllen. Ich zerbrach mir den Kopf, um ihr irgendetwas zu prophezeien, was nicht allzu sinnfällig war; während ich darüber nachdachte, meldete man uns, daß wir bei Tische erwartet würden.

Wir waren vier zu Tische, und es schien mir, als ob der vierte in Esther verliebt wäre, denn er verwandte kein Auge von ihr. Er war der Lieblingsgehilfe des Vaters, der mit Vergnügen gesehen haben würde, wenn seine Tochter sich in ihn verliebt hätte; aber ich sah bald, daß er nicht die nötigen Eigenschaften besaß, um sie neugierig auf seine Person zu machen. Esther war während der ganzen Mahlzeit schweigsam, und wir sprachen von der Kabbala erst, als er sich entfernt hatte.

»Ist es möglich,« fragte Herr d’O. mich, »daß meine Tochter die Anwendung Ihres Orakels hat lernen können, ohne von Ihnen unterrichtet worden zu sein?«

»Ich habe dies bis heute stets für unmöglich gehalten; aber Esther hat mich überzeugt, daß ich mich geirrt hatte. Ich kann meine Wissenschaft keinem Menschen beibringen, ohne sie selber zu verlieren; denn der Eid, den ich selbst dem weißen Einsiedler ablegte, der sie mich lehrte, verbietet es mir bei dieser Strafe. Da Ihr Fräulein Tochter keinen solchen Eid abgelegt und die Wissenschaft aus sich selber gelernt hat, so kann sie sie nach freiem Belieben mitteilen, wem sie will.«

Die kluge Esther aber sagte schnell, die Zurückhaltung, die der weiße Einsiedler mir auferlegt hätte, wäre ihr durch ihr Orakel geboten worden; es wäre ihr nicht gestattet, das kabbalistische Geheimnis ohne Erlaubnis des Genius mitzuteilen, wenn sie nicht selber dessen Gebrauch verlieren wollte.

Ich las im tiefsten Grunde ihrer Seele und sah mit Freuden, daß sie sich wieder beruhigt hatte. Mochte ich sie belogen haben oder nicht, jedenfalls schuldete sie mir Dank, denn durch mich hatte sie ein Übergewicht über ihren Vater erlangt, das sie von seiner väterlichen Liebe nicht hätte erwarten dürfen. Sie sah jedoch, daß ich nur aus Höflichkeit gehandelt hatte, und wünschte, daß ich ihr dies unter vier Augen gestehen sollte.

Der brave Kaufmann, der von ganzer Seele an die Unfehlbarkeit unserer Orakel glaubte, stellte aus Neugier uns beiden die gleiche Frage, um zu sehen, ob wir miteinander übereinstimmten. Esther fand den Einfall Ihres Vaters sehr gut, denn sie wollte gerne wissen, ob nicht die eine Antwort schwarz und die andere weiß lauten würde. Herr d’O. schrieb seine Frage auf zwei Blätter und gab jedem von uns eins davon. Esther ging in ihr Zimmer, um ihre Berechnung zu machen; ich aber machte die meinige auf dem Tische, woran wir gegessen hatten, und in Gegenwart ihres Vaters. Sie war flink, denn sie trat schon wieder ein, bevor ich noch aus meiner Zahlenpyramide die Buchstaben ausgezogen hatte, aus denen sich meine Antwort zusammensetzen sollte; da ich jedoch wußte, was ich sagen sollte, so gab ich dem Vater meine Antwort, sobald ich das Orakel seiner Tochter in seinen Händen sah.

Herr d’O. fragte, ob er sich aller französischen Papiere, die er besäße, entledigen sollte, obgleich er durch den Verkauf Verlust haben würde.

Esthers Orakel antwortete: »Aufgeklärte Vorsicht säet, um mit Nutzen zu ernten, und hütet sich, die Pflanze vor der Ernte auszureißen; die deinige steht auf einem guten Boden.«

Die Antwort meines Orakels lautete: »Wenn Sie verkaufen, erwartet Sie Reue, denn ein neuer Generalkontrolleur wird vor Ablauf eines Jahres alles bezahlen.«

Esthers Antwort war im sibyllinischen Ton gehalten; ich bewunderte die geistige Schmiegsamkeit des reizenden Mädchens. Mein Orakel war den Verstandesgaben des wackeren Mannes angepaßt, der voll Entzücken zärtlich uns beide umarmte und hierauf Hut und Stock nahm und uns sagte, infolge der Übereinstimmung unserer Antworten werde er im Laufe des Jahres fünf- oder sechshunderttausend Franken gewinnen, indem er drei Millionen aufs Spiel setze. Hiergegen erhob seine Tochter Einspruch, indem sie versuchte, ihn durch einen Hinweis auf die Gefahr zu warnen; er aber war entschlossen wie ein Muselmann, küßte sie noch einmal und sagte zu ihr: »Das Orakel lügt nicht; und selbst wenn es mich diesmal täuschte, würde ich nur den vierten Teil meines Vermögens verlieren.«

Esther blieb mit mir allein zurück und war sehr erfreut über die Komplimente, die ich wegen ihrer schönen Antwort, wegen der Eleganz ihres kabbalistischen Stiles und wegen ihrer Kühnheit ihr machte; denn sie konnte nicht, wie ich, von den französischen Angelegenheiten Bescheid wissen.

»Ich danke Ihnen«, sagte sie zu mir, »daß Sie meine Antwort bekräftigt haben; aber gestehen Sie, Sie haben gelogen, um mir ein Vergnügen zu machen.«

»Ich gestehe es, da dies Sie glücklich macht; ich will Ihnen sogar sagen, daß Sie nicht nötig haben, nach einer höheren Vollendung zu streben, als Sie sie schon besitzen.«

»Mit anderen Worten: ich kann die höchste Vollendung nie erreichen! Sagen Sie mir die Wahrheit darüber.«

»Ich gebe es zu, denn es liegt mir daran, mir Ihren Beifall zu erringen.«

»Sie sind ein grausamer Mensch! Sie haben aber doch geantwortet, Frankreich werde dieses Jahr einen anderen Generalkontrolleur erhalten, und so bringen Sie sich in Gefahr, Ihr Orakel bloßzustellen. Das würde ich niemals wagen. Mein liebes Orakel! Ich liebe es zu sehr, um es einer solchen Beschämung auszusetzen.«

»Das beweist, daß ich nicht der Urheber des Orakels bin; aber, weil mein Orakel es mir gesagt hat, würde ich jede Wette eingehen, daß Silhouette entlassen werden wird.«

»Sie bringen mich zur Verzweiflung mit Ihrer Halsstarrigkeit, lieber Freund; denn ich werde erst glücklich sein, wenn ich sicher bin, das Orakel ebenso zu beherrschen wie Sie – weder mehr noch weniger! Und jetzt werden Sie nicht mehr sagen können, daß Sie die Orakel nicht nach Gutdünken machen. Ich bitte Sie, mich vom Gegenteil zu überzeugen.«

»Ich werde Ihnen zuliebe daran denken, meine teure Esther.«

So verbrachte ich den ganzen Tag mit dem reizenden Kinde, das in seinen eigenen Vorzügen sowohl wie in seinem großen Vermögen alles besaß, um mich glücklich zu machen, wenn nicht meine Liebe zur Unabhängigkeit stärker gewesen wäre als alle meine anderen Leidenschaften, und vor allen Dingen, wenn ich mich hätte entschließen können, mich für immer in Holland niederzulassen.

Ich habe im Laufe meines Lebens oft die Beobachtung gemacht, daß fast immer meine angenehmsten Augenblicke gleichsam die Vorläufer irgendeiner Unannehmlichkeit waren. Am Tage nach diesem köstlichen führte mein böser Geist mich in die »Stadt Lyon«. In diesem Gasthof wohnten Piccolomini und seine Frau, die ich von einer Bande von Gaunern und Taugenichtsen von gleicher Art umgeben fand. Sobald diese ehrenwerten Leute meinen Namen gehört hatten, eilten sie mir alle entgegen, einige, um mich zu begrüßen, andere, um mich wie ein Wundertier anzustaunen. Ein Chevalier de Sabi, welcher polnische Majorsuniform trug, behauptete, mich in Dresden gekannt zu haben; ein Baron von Wiedau, angeblich aus Böhmen stammend, teilte mir mit, sein Freund, der Graf von St.-Germain, sei im »Morgenstern« abgestiegen und habe sich sofort erkundigt, ob ich in Amsterdam sei. Ein pockennarbiger Klopffechter wurde mir als Chevalier de la Perine vorgestellt; ich erkannte in ihm sofort jenen Talvis, der dem Fürstbischof von Preßburg die Bank gesprengt und mir an demselben Abend hundert Louis geliehen hatte; es war derselbe Herr, dem ich einige Zeit vorher in Paris einen Degenstich verabfolgt hatte. Endlich war da noch ein anderer Italiener, namens Neri, der wie ein Kesselflicker von St.-Flour aussah und sich auch so benahm, abgesehen von der Ehrlichkeit; dieser sagte mir, er erinnere sich, mich eines Abends im »Musico« gesehen zu haben; dies war jene Lasterhöhle, wo ich die unglückliche Lucia getroffen hatte.

Unter allen diesen Halsabschneidern befand sich auch die angebliche Frau des Chevaliers Sabi, eine ziemlich hübsche Sächsin, die, so gut es eben ging, italienisch sprach und der Gräfin Piccolomini den Hof machte. Vor Ärger, mich in dieser ehrenwerten Gesellschaft zu sehen, biß ich mir in die Lippen, aber ich mußte gute Miene zum bösen Spiel machen. Darum machte ich den Anwesenden eine höfliche Verbeugung, zog aus der Westentasche eine Rolle von hundert Louis und überreichte sie dem Herrn von und zu Perine-Talvis, indem ich ihm sagte, ich schätze mich glücklich, sie ihm mit bestem Dank zurückgeben zu können.

Meine Höflichkeit fand eine schlechte Aufnahme, denn dieser unverschämte Bediente steckte die Rolle ein und sagte zu mir, er erinnere sich wohl, mir in Preßburg die hundert Louis geliehen zu haben, darüber habe er eine andere, wichtigere Sache nicht vergessen.

»Und was ist das für eine Sache?« fragte ich ihn mit kühler und halb verächtlicher Miene.

»Sie sind mir noch Genugtuung mit dem Degen schuldig, wie Sie wohl wissen. Hier ist noch die Narbe von dem Knopfloch, das Sie mir vor sieben Jahren gemacht haben.«

Mit diesen Worten hatte das Männchen seine große Spitzenkrause geöffnet und zeigte die kleine Narbe dem Kreise der Anwesenden. Dieser mehr possenhafte als komische Auftritt schien alle Zungen gelähmt zu haben.

Ich erwiderte ihm: »Hier in Holland schlage ich mich nicht, weil Geschäfte sehr zarter Natur mir Zurückhaltung zur Pflicht machen; an jedem anderen Ort werde ich mich nicht weigern, Sie ein zweites Mal zu zeichnen, falls Sie dann noch Lust haben sollten, sich abermals mit mir zu messen. Hier aber bitte ich Sie mich in Ruhe zu lassen. Wollen Sie sich bitte merken, daß ich niemals ausgehe, ohne ein paar gute Freunde in der Tasche zu haben; sollten Sie Lust bekommen, mich anzugreifen, so würde ich Ihnen in berechtigter Notwehr eine Kugel durch den Kopf jagen.«

»Ich verlange nur meine Genugtuung mit dem Degen; aber ich will Ihnen Zeit lassen, Ihre Geschäfte zu erledigen.«

»Daran tun Sie klug.«

Piccolomini hatte schon ein Auge auf meine hundert Louis geworfen; er schlug vor, eine Pharaobank aufzulegen, und begann sofort abzuziehen. Die Klugheit hätte mich abhalten sollen, in so schlechter Gesellschaft mich am Spiel zu beteiligen; aber die Lust, meine Goldrolle wieder zu gewinnen, war stärker als meine Vernunft, und ich ließ mir ein Buch Karten geben. Im Handumdrehen verlor ich hundert Dukaten; aber hierdurch wurde ich nur noch aufgeregter, wie es ja gewöhnlich der Fall ist. Um meinen Verlust wieder auszuwetzen, blieb ich zum Abendessen; als ich nachher das Spiel wieder begann, war ich glücklicher und gewann mein verlorenes Geld wieder zurück. Ich war zufrieden, hiermit davongekommen zu sein, und opferte vernünftigerweise die hundert Louis, mit denen ich ja nur eine Schuld bezahlt hatte. Ich verlangte von Piccolomini Auszahlung, und dieser gab mir einen Wechsel, der von einem Handlungshause in Middelburg auf die Amsterdamer Bank gezogen war. Ich wollte ihn anfangs nicht annehmen, indem ich vorgab, daß das Inkasso mir Umstände machen würde; als er mir jedoch versprach, mir den Betrag am nächsten Morgen in bar auszahlen zu wollen, glaubte ich nachgeben zu müssen.

Ich beeilte mich, diese Räuberhöhle zu verlassen, nachdem ich Talvis ein Darlehen von hundert Louis abgeschlagen hatte, die er zur Revanche von mir entlehnen wollte. In seinem Verdruß über meine Weigerung und über den Verlust der von mir erhaltenen hundert Louis erlaubte er sich beleidigende Ausdrücke, die ich mit Verachtung hinnahm. Ich ging zu Bett, indem ich mir fest vornahm, einen solchen Ort nicht mehr zu betreten.

Trotzdem ging ich am nächsten Tage aus, um mir von Piccolomini den Betrag des Wechsels auszahlen zu lassen; unterwegs trat ich jedoch in ein Cafs ein, wo ich zufällig Teresas Freund Rigerboos traf, den der Leser bereits kennen gelernt hat. Nachdem wir uns umarmt und von Teresa gesprochen hatten, die damals in London war und dort sehr gute Geschäfte machte, zeigte ich ihm meinen Wechsel und erzählte ihm, wie ich dazu gekommen war. Er prüfte ihn aufmerksam und sagte mir dann: »Dieser Wechsel ist falsch. Der echte, dessen Abschrift dieser hier ist, wurde gestern eingelöst.« Als er sah, daß ich ihm dies nicht recht glauben wollte, fuhr er fort: »Kommen Sie mit; ich werde Sie überzeugen.«

Er führte mich zu einem ihm bekannten Kaufmann, und ich sah bei diesem den echten Wechsel, dessen Wert er am Tage vorher einem Unbekannten ausbezahlt hatte. Entrüstet bat ich Nigerboos, mich zu Piccolomini zu begleiten, der mir vielleicht den Betrag ohne Schwierigkeit auszahlen würde. Sollte dies aber nicht der Fall sein, so könnte er mir als Zeuge dienen.

Wir begaben uns zu dem angeblichen Grafen, der mich höflich empfing und mich bat, ihm den Wechsel auszuhändigen; er wolle ihn sofort zu dem Kaufmann schicken, um den Betrag in Empfang zu nehmen. Rigerboos ergriff jedoch das Wort und sagte ihm, der Kaufmann werde den Wechsel nicht bezahlen, weil dieser nur eine Abschrift des am Tage vorher bezahlten sei. Piccolomini tat sehr erstaunt und sagte, das sei unmöglich; übrigens werde er der Sache auf den Grund gehen.

Ich antwortete ihm hierauf: »Gehen Sie ihr auf den Grund, soviel Sie Lust haben, aber geben Sie mir unterdessen fünfhundert Gulden.«

Nun erhob er die Stimme und rief: »Sie kennen mich! Ich bürge für den Betrag, und dies muß Ihnen genügen.«

»Dies könnte mir allerdings genügen, wenn ich wollte; aber ich verlange mein Geld.«

Seine Frau kam herein und mischte sich in unser Gespräch. Als jedoch auch sein Bedienter, ein Kerl mit einem Halsabschneidergesicht eintrat, packte Rigerboos mich kräftig am Arm, zog mich hinaus und sagte mir, sobald wir draußen an der Tür waren: »Kommen Sie mit, und lassen Sie mich machen.«

Er führte mich zu einem Herrn von edelstem Aussehen; es war der Polizeipräsident. Sobald er gehört hatte, worum es sich handelte, sagte er mir, ich möchte ihm den Wechsel dalassen und ihm nur angeben, wo ich an dem Tage speisen würde. Ich nannte ihm das Haus des Herrn d’O.; er erklärte, dies genüge ihm, und wir gingen.

Ich dankte Rigerboos und begab mich zu Esther, die mich mit zärtlichen Vorwürfen darüber empfing, daß ich mich den Tag vorher nicht bei ihr hatte sehen lassen. Dieser Empfang war schmeichelhaft für mich; ich fand sie reizend und sagte zu ihr: »Ich muß mich sehr in acht nehmen, Sie nicht jeden Tag zu besuchen; denn Ihre Augen üben auf mein Herz eine Herrschaft aus, der ich bald nicht länger mehr werde widerstehen können.«

»Gestatten Sie mir, dies nicht zu glauben, lieber Freund; aber da fällt mir ein: Haben Sie sich überlegt, wie Sie mich überzeugen wollen?«

»Auf welche Art wünschen Sie überzeugt zu sein?«

»Wenn Ihre Kabbala wirklich eine Intelligenz ist, die mit Ihrer eigenen nichts zu tun hat, so können Sie sie ja befragen, auf welche Weise Sie mir am besten meinen Irrtum benehmen können.«

»Ich finde Ihren Gedanken ausgezeichnet und verspreche Ihnen, mich damit zu beschäftigen.«

In diesem Augenblick kam ihr Vater von der Börse zurück, und wir gingen zu Tisch. Als wir beim Nachtisch saßen, kam ein Polizeigefreiter, der mir im Auftrag des Magistrats fünfhundert Gulden überbrachte, über deren Empfang ich ihm quittieren mußte.

Als der Mann wieder fort war, erzählte ich meinen Gastfreunden meine Erlebnisse vom Tage vorher und vom Morgen. Die schöne Esther machte mir Vorwürfe, daß ich eine so schlechte Gesellschaft ihr vorgezogen hätte, und sagte: »Strafe muß sein! Ich hoffe, Sie werden sich nicht weigern, mich heute Abend ins Theater zu begleiten, obgleich dort eine holländische Komödie aufgeführt wird, von der Sie kein Wort verstehen werden.«

»Ich werde das Vergnügen haben, mich an Ihrer Seite zu befinden, und dies genügt.«

Wirklich verstand ich vom ganzen Kauderwelsch der Schauspieler kein Wort und langweilte mich fürchterlich, denn Esther war zum Verzweifeln ernst.

Als wir wieder zu Hause waren, erzählte sie mir auf die anmutigste Art und mit erstaunlichem Gedächtnis das ganze Stück, als wollte sie mich für die Art von Frondienst entschädigen, den ich hatte leisten müssen. Hierauf speisten wir zur Nacht, und an diesem Abend war Gott sei Dank von Kabbala nicht mehr die Rede. Bevor wir uns trennten, nahmen Esther und ihr Vater mir das Versprechen ab, jeden Tag bei ihnen zu speisen, und ich verpflichtete mich, ihnen Bescheid zu geben, falls ich einmal daran verhindert sein sollte.

Am nächsten Morgen um acht Uhr, als ich noch im Schlafrock war, sah ich plötzlich Piccolomini vor mir stehen. Da er eingetreten war, ohne sich anmelden zu lassen, so erregte dies meinen Verdacht, und ich klingelte meinem Spanier, der augenblicklich erschien.

»Ich habe Ihnen etwas im geheimen zu sagen,« begann Piccolomini; »wollen Sie bitte den Mann herausgehen lassen.«

»Er versteht kein Wort Italienisch und kann daher bleiben.«

Leduc verstand alles.

»Gestern gegen Mittag,« sagte Piccolomini, »traten zwei Männer bei mir ein; sie hatten meinen Wirt bei sich, der ihnen als Dolmetscher diente. Der eine von ihnen fragte mich, ob ich bereit wäre, sofort einen falschen Wechsel von fünfhundert Gulden einzulösen, den ich Ihnen am Tage vorher gegeben hätte. Zugleich zeigte er mir diesen Wechsel, den er in der Hand hielt. Als ich nicht sofort antwortete, fügte er hinzu, ich müßte ohne Umschweife und ohne zu zögern ja oder nein sagen; dies hätte der Polizeipräsident befohlen. Da mir nichts anderes mehr übrig blieb, so bezahlte ich die fünfhundert Gulden. Es gelang mir jedoch nicht, den Wechsel herauszubekommen, denn der Mann ließ mir sagen, ich würde ihn erst erhalten, wenn ich angegeben hätte, von wem ich den Wechsel hätte, da es nach dem Handelsgesetz erforderlich wäre, den Fälscher zu verfolgen. Ich antwortete, es wäre mir unmöglich, diese Person zu bezeichnen, denn ich hätte den Wechsel von einem Fremden erhalten, der sich in mein Zimmer eingedrängt hätte, während ich zum Zeitvertreib eine kleine Pharaobank auflegte. Ich hätte angenommen, dieser Unbekannte wäre von irgendeinem Mitgliede unserer Gesellschaft eingeführt worden, hätte jedoch zu meiner Überraschung nach seinem Fortgehen erfahren, daß er allen Anwesenden vollkommen unbekannt wäre; hätte ich dies gewußt, so würde ich nicht nur den Wechsel nicht angenommen haben, sondern ich würde ihm nicht einmal erlaubt haben, sich am Spiel zu beteiligen. Hierauf sagte der zweite Beamte zu mir, ich sollte mich nur bemühen, diesen Unbekannten ausfindig zu machen; sonst würde man mir die Fälschung zuschreiben und das Gericht würde gegen mich einschreiten. Nach dieser Drohung entfernten sie sich. – Im Laufe des Nachmittags suchte meine Frau den Polizeipräsidenten auf, der sie höflich empfing. Nachdem er ihre Beschwerde angehört hatte, ließ er ihr durch den Dolmetscher antworten, es wäre seine Pflicht, den Urheber der Wechselfälschung zu entdecken, zumal da ein Verdacht auf die Ehre des Herrn Casanova fallen könnte; denn der Kaufmann könnte auch Sie verfolgen lassen, um festzustellen, wer seine Unterschrift gefälscht hätte, und Sie müßten sich natürlich an mich halten. – Sie sehen, in welcher Verlegenheit wir sind, und Sie müssen versuchen, uns herauszureißen. Sie haben Ihr Geld bekommen, und Sie haben Freunde. Lassen Sie diese einschreiten, und man wird von der Geschichte nicht mehr sprechen. Sie haben dasselbe Interesse daran wie ich.«

Ich antwortete ihm: »Ich kann mich mit der ganzen Geschichte nicht abgeben außer als Zeuge. Sie haben anerkannt, daß ich den Wechsel von Ihnen hätte, denn Sie haben ihn bezahlt; dies genügt mir. Ich möchte Ihnen gerne gefällig sein, aber ich sehe keine Möglichkeit dazu und wüßte wirklich nicht, was ich dabei tun könnte. Ich kann Ihnen nur den guten Rat geben: opfern Sie den niederträchtigen Gauner, der Ihnen den falschen Wechsel gegeben hat, oder, wenn Sie dies nicht können, so verschwinden Sie so schnell wie möglich, denn Sie könnten womöglich ins Zuchthaus kommen, wenn es Ihnen nicht noch schlechter geht.«

Er wurde wütend, drehte mir den Rücken und entfernte sich mit den Worten, ich würde es bereuen.

Mein Spanier begleitete ihn bis an die Treppe und sagte mir, als er wieder hereinkam, der Signor hätte mit Rache gedroht, und ich sollte lieber auf der Hut sein.

»Schon gut; aber halte den Mund!«

Indessen war ich ihm innerlich sehr dankbar für seinen Rat: übrigens hatte ich schon selber daran gedacht.

Ich kleidete mich an, um zu Esther zu gehen, die ich von der Göttlichkeit meines Orakels zu überzeugen hatte. Dies war eine sehr gewagte Sache einer Person gegenüber, die es mit ihrem durchdringenden Verstand aus eigener Kraft so weit gebracht hatte. Sie stellte mir folgende Aufgabe: »Ihr Orakel soll mir etwas enthüllen, was nur mir selber bekannt sein kann.« Ich durfte mich ganz gewiß nicht auf ein Wagnis einlassen, und da ich fühlte, daß es fast unmöglich war, ihren Wunsch zu befriedigen, so sagte ich ihr, das Orakel würde vielleicht irgendein Geheimnis offenbaren, dessen Kenntnis ihr unangenehm sein könnte.

»Das ist nicht möglich,« antwortete sie; »denn das Geheimnis darf ja nur mir allein bekannt sein.«

»Aber wenn das Orakel richtig antwortet, so wird das Geheimnis mir so gut bekannt sein wie Ihnen; und könnte es nicht doch vielleicht Ihnen peinlich sein, wenn ich es wüßte?«

»Sie können alles wissen; wenn übrigens das Orakel nicht bloß der Sklave Ihres Geistes ist, so steht es ja immer in ihrer Macht, zu entdecken, was Sie gerne wissen möchten.«

»Aber wissen Sie auch, ob die Gefälligkeit des Orakels nicht vielleicht ihre Grenzen hat?«

»Mein Freund, Sie suchen leere Ausreden! Beweisen Sie mir, daß ich mich irre, oder erklären Sie, daß ich von der kabbalistischen Wissenschaft ebensoviel verstehe wie Sie!«

Ich sah mich so in die Enge getrieben, daß ich nur noch wünschte, mich mit kriegerischen Ehren für besiegt erklären zu können. Plötzlich aber fiel mir ein glänzender Gedanke ein.

Mitten in dem Grübchen, das ihrem Kinn einen unbeschreiblichen Zauber verlieh, hatte Esther ein ganz schwarzes Mal, das ein wenig hervorragte und mit drei oder vier außerordentlich feinen Härchen geschmückt war, die seine Schönheit noch erhöhten. Diese Mäler, die wir im italienischen neo, nei nennen und die für gewöhnlich einem hübschen Gesicht neuen Reiz verleihen, wiederholen sich, wenn sie sich im Gesicht, am Halse, auf den Armen oder Händen befinden, auf den dem sichtbaren Teile des Körpers entsprechenden Gliedern. Ich wußte also, daß Esther ein ungefähr gleiches Mal wie auf dem Kinn auf einer gewissen Stelle haben mußte, die ein anständiges Mädchen nicht zeigt, und da sie, wie ich annehmen durfte, noch rein war, so kannte sie es wahrscheinlich selber nicht. »Ich werde sie«, sagte ich mir, »in das höchste Erstaunen setzen und meine Überlegenheit auf eine Art beweisen, daß der Gedanke der Gleichheit, den sie sich in den Kopf gesetzt hat, ihr für immer vergehen soll.«

Mit der ganzen Wichtigtuerei eines Auguren begann ich meine Pyramide zu bilden und gewann aus ihr folgende Worte:

»Schöne und keusche Esther, niemand weiß, daß Sie am Eingang des für die Liebe bestimmten Tempels genau solch ein Mal haben, wie das, welches Ihr schönes Kinn schmückt.«

Während ich arbeitete, stand Esther über den Tisch gebeugt und verfolgte alle meine Bewegungen. Da sie in der Tat die Wissenschaft vollkommen so gut beherrschte wie ich selber, bedurfte sie keiner Erklärung, denn sie übersetzte die Zahlen sofort, wie sie mir aus der Feder flossen. Sobald ich aus der Pyramide alle Zahlenkombinationen ausgezogen hatte, sagte sie mir ruhig, aber wirklich ergriffen, ich brauche ja nicht zu wissen, was das Orakel geantwortet habe, und werde ihr einen großen Gefallen tun, wenn ich ihr die Zahlen da lasse, es werde ihr Vergnügen machen, sie zu übertragen.

»Gerne, meine reizende Freundin! Um so lieber, da ich hierdurch Ihrem Zartgefühl die Mitteilung eines Geheimnisses erspare, das ich selber noch nicht recht kenne und das Sie vielleicht gerne mir unbekannt bleiben lassen möchten. Ich verspreche Ihnen sogar, daß ich niemals versuchen werde, es zu ergründen; es genügt mir, wenn Sie überzeugt sind.«

»Ich werde überzeugt sein, sobald ich festgestellt habe, daß es die Wahrheit spricht.«

»Glauben Sie, liebenswürdige Esther, daß die Bedeutung dieser Antwort mir unbekannt ist?«

»Ich werde Gewißheit darüber erlangen, wenn ich sehe, daß die Antwort die Wahrheit sagt; und wenn dies der Fall ist, so hat das Orakel gewonnen, denn die Sache ist so geheim, daß ich selber sie nicht kenne. Es kann Ihnen nichts daran liegen, sie zu erfahren; denn es ist eine Kleinigkeit, die Sie nicht interessieren kann. Aber es wird genügen, um mich zu überzeugen, daß Ihr Orakel von einer geistigen Kraft belebt ist, die mit derjenigen Ihres Geistes nichts gemein hat.«

In diesen Worten lag so viel Unschuld und Aufrichtigkeit, daß das Gefühl in mir die Oberhand über die Falschheit errang; ich vergoß Tränen, welche Esther nur zu meinem Vorteil deuten konnte. Diese Tränen entriß mir die Reue; und noch heute, nach so vielen Jahren, mache ich mir den Vorwurf, daß ich ein Geschöpf betrogen habe, das meiner Achtung in so hohem Maße würdig war und von mir zärtlich geliebt wurde. Schon damals machte ich es mir zum Vorwurf, aber Scham, eine klägliche falsche Scham, hielt mich ab, ihr die Wahrheit zu sagen. Ich verabscheute mich selber, weil ich mich fähig fand, ein Wesen zu betrügen, nach dessen Achtung ich strebte.

Übrigens war ich doch nicht ganz sicher, richtig geraten zu haben; denn da es keine Regel ohne Ausnahme gibt und dieses Gesetz auch für die Natur gilt, so war es wohl möglich, daß ich mich blamieren würde. Esther mußte allerdings für den Augenblick überzeugt sein; aber es war nicht ausgeschlossen, daß ihre Überzeugung verschwand, wenn sie etwa durch Zufall entdeckte, daß die Übereinstimmung der Mäler auf dem menschlichen Körper etwas Natürliches und Notwendiges ist. Sollte dieser Fall eintreten, so mußte ich mich auf die Verachtung des reizenden Kindes gefaßt machen. Aber was ich auch befürchten mochte – ich hatte die Täuschung zu weit getrieben; es war mir unmöglich zurückzuweichen.

Ich verließ Esther, um Herrn Rigerboos einen Besuch zu machen und ihm für seine Bemühungen beim Polizeipräsidenten zu danken. Er sagte mir, ich hätte in Holland von Piccolomini nichts zu befürchten, aber er riet mir, zur Vorsicht stets Pistolen bei mir zu tragen. Er sagte ferner zu mir: »Ich stehe im Begriff, an Bord eines Schiffes, das ich mit den Trümmern meines Vermögens befrachtet habe, nach Batavia zu segeln. Bei dem Zustande, worin sich meine Angelegenheiten befinden, schien dieser Entschluß mir der vernünftigste zu sein. Ich habe die Ladung nicht versichert, um nicht meinen Gewinn zu schmälern, der im Falle des Gelingens sehr beträchtlich sein muß. Wenn ich gekapert werde oder Schiffbruch erleide, gedenke ich den Verlust des Schiffes nicht zu überleben, und so kann ich auf keinen Fall etwas verlieren.«

Der arme Rigerboos sagte mir dies lachend, aber sicherlich hatte die Verzweiflung einen großen Anteil an seinem Entschluß; denn man verliert nicht Vermögen und Leben ohne Bedauern, wenn man nicht starke Gründe hat, beides zu verachten. Meine liebe Teresa Trenti, welche Rigerboos stets unsere Dame nannte, hatte nicht wenig dazu beigetragen, ihn zugrunde zu richten. Sie befand sich damals in London, wo sie gute Geschäfte machte; so schrieb sie uns wenigstens. Sie nannte sich nicht mehr Trenti, sondern Cornelis; dies war, wie ich später erfuhr, der wirkliche Name unseres Rigerboos. Wir verbrachten eine Stunde damit, an diese eigentümliche Frau zu schreiben, da wir die Gelegenheit benutzen wollten, daß jemand, dem Rigerboos eine Empfehlung an sie mitgab, nach England reiste. Als wir fertig waren, machten wir eine Schlittenfahrt auf der Amstel, die seit einigen Tagen zugefroren war. Dieses Lieblingsvergnügen der Holländer, das man mit einem Dukaten die Stunde bezahlt, ist nach meinem Geschmack das langweiligste von der Welt, wenn es sich nicht etwa darum handelt, eine Reise sehr schnell zu machen; aber Reisen ist kein Vergnügen, wenn es kein bestimmtes Ziel zu erreichen gilt. Nachdem wir uns die Gesichter erfroren hatten, tranken wir Sillery, um uns zu erwärmen, und aßen Austern dazu; dann liefen wir von einem Musico ins andere, nicht etwa um lasterhafte Genüsse zu suchen, sondern nur, weil wir nichts besseres anzufangen wußten, aber es stand, wie es scheint, geschrieben, daß mir irgendein Unglück zustoßen sollte, sooft ich eine derartige Ausschreitung der angenehmen Gesellschaft Esthers vorzöge.

Ich weiß nicht mehr, aus welchem Anlaß beim Eintritt in ein Musico Rigerboos mich ziemlich laut bei meinem Namen nannte. In demselben Augenblick trat eine von jenen Frauen, die man stets an solchen Orten findet, auf mich zu und sah mich scharf an. Obgleich das Zimmer ziemlich schlecht beleuchtet war, erkannte ich doch die unglückliche Lucia, die ich ein Jahr zuvor an einem ähnlichen Orte getroffen hatte, ohne von ihr wiedererkannt zu werden. Ich tat, als ob ich sie nicht kenne, und drehte mich um, denn ihr Anblick war mir lästig; aber sie rief mich mit trauriger Stimme, erinnerte mich an die alten Zeiten und wünschte mir Glück, daß ich mich in glänzenden Verhältnissen befände, während sie mir in solcher Lage vor Augen treten müßte. Da ich sah, daß ich ihr nicht ausweichen konnte – denn es wäre eine grausame Härte gewesen, sie zurückzuweisen –, so rief ich Rigerboos und bat ihn, mit mir in ein Zimmer nach oben zu gehen, wo das Mädchen uns mit einer Erzählung ihrer Erlebnisse unterhalten würde.

Lucia war eigentlich nicht häßlich geworden, aber sie war abscheulich, weil ihre Züge auf frühere Schönheit schließen ließen; deshalb war sie ekelhaft. Seit unserer Bekanntschaft in Paseano hatten neunzehn Jahre des Elends, der Ausschweifung und der Erniedrigung sie zum verworfensten und gemeinsten Geschöpf gemacht, das man sich denken kann. Sie erzählte uns lang und breit ihre Geschichte, die man ohne große Kunst in wenigen Zeilen wiedergeben kann.

Der Läufer l’Aigle war mit ihr nach Triest gegangen, wo sie niedergekommen war; hierauf hatte er ein halbes Jahr lang von dem Handel mit ihrer Schönheit gelebt. Dann nahm ein Schiffskapitän, der in sie verliebt war, sie und l’Aigle, der für ihren Gatten galt, mit nach Zante. Dort wurde der Läufer Soldat; vier Jahre darauf desertierte er. Da sie nun allein war, so lebte sie sechs Jahre lang von ihrem Körper; als aber die Ware in ihrem Preise sank und sie nur noch kleine Kundschaft fand, so reiste sie mit einer jungen Griechin nach England. Ein englischer Seeoffizier behandelte diese wie seine Frau, verließ sie aber, als er ihrer satt war, und stieß sie auf die Londoner Straßen. Nachdem sie sich zwei oder drei Jahre lang in den britischen Kloaken herumgetrieben hatte, kam Lucia nach Holland, wo sie Kupplerin wurde, da sie mit ihrem eigenen Leibe kein Geschäft mehr machen konnte; dies war das notwendige Ende der Laufbahn, in die das Schicksal sie geschleudert hatte. Lucia war erst dreiunddreißig Jahre alt, aber sie war ausgemergelt, und Frauen sind immer so alt, wie sie aussehen.

Während sie in einem den Umständen angemessenen Ton ihre Geschichte erzählte, leerte sie zwei Flaschen Burgunder, die ich hatte kommen lassen, und von denen mein Freund und ich keinen Tropfen anrührten. Zum Schluß sagte sie uns, sie lebe jetzt von dem Verdienst zweier hübscher Mädchen, die sie zu Hause hätte und die ihr die Hälfte von ihren ganzen Einnahmen abgeben müßten.

Rigerboos fragte sie zum Scherz, ob diese schönen Mädchen im Musico wären.

»Nein, sie sind nicht hier und werden niemals hierher kommen; denn sie sind adelig, und ihr Oheim, unter dessen Aufsicht sie stehen, ist ein venetianischer Edelmann.«

Bei diesen Worten mußte ich unwillkürlich laut auflachen; Lucia aber sagte, ohne außer Fassung zu geraten, sie könne nur wiederholen, was jene ihr gesagt hätten; wenn wir uns übrigens davon überzeugen wollten, so fänden wir sie ganz in der Nähe in einem Hause, das sie für sie gemietet hatte; wir könnten sie in aller Sicherheit besuchen, denn ihr Onkel wohne in einem anderen Stadtteil.

»Wie? Er wohnt nicht bei seinen adeligen Nichten?«

»Nein; er kommt nur zum Essen; dann erkundigt er sich nach den Besuchen, die sie gehabt haben, und nimmt ihnen ihren ganzen Verdienst ab.«

»Vorwärts!« rief Rigerboos; »sehen wir sie uns einmal an!«

Da ich selber sehr große Lust hatte, mir adelige Venetianerinnen anzusehen, die ein so sehr schönes Handwerk trieben, so sagte ich Lucia, sie möchte uns zu ihnen führen. Ich wußte recht wohl, daß diese angeblichen adeligen Mädchen nur Gaunerinnen sein konnten und daß ihr adeliger Herr Onkel ein Schuft sein mußte; aber das Schicksal wollte es nun einmal so.

Wir fanden zwei hübsche junge Mädchen. Lucia stellte mich als Venetianer vor, und sie waren ganz außer sich vor Entzücken, daß sie einen Menschen sahen, mit dem sie sprechen konnten. Ich bemerkte sofort, daß sie keine Venetianerinnen, sondern aus dem Paduanischen waren, denn sie sprachen die mir sehr gut bekannte Mundart der dortigen Gegend. Ich sagte ihnen dies, und sie gaben es zu. Ich fragte sie nach dem Namen ihres Oheims, aber sie antworteten mir, wie ich erwartet hatte, daß sie aus höheren Rücksichten diesen verschweigen müßten. »Nun, wir brauchen ihn ja nicht zu wissen«, sagte Rigerboos, und damit bemächtigte er sich ohne Umstände des Mädchens, das ihm am besten gefiel. Lucia ließ Schinken, Austern, eine Pastete und eine Menge Flaschen kommen; hierauf zog sie sich auf ihr Zimmer zurück.

Ich hatte nicht die geringste Lust zu Ausgelassenheiten, aber Rigerboos war zum Scherzen aufgelegt. Seine Schöne spielte die Prüde; er lachte sie aus, ich lachte ebenfalls, und nach dem üblichen Brauch wurden die Mädchen bald zahm; wir gingen von der einen zur anderen und bald waren sie in dem Zustande, worin Eva sich befand, bevor unsere neugierige Ältermutter das Bedürfnis nach einem Feigenblatt empfand. Nachdem wir eine Stunde mit solchen wollüstigen Spielen verbracht hatten, bezahlten wir. Jedes Mädchen bekam vier Dukaten außer der Zeche, und Lucia erhielt außerdem sechs Louis. Dann gingen wir.

Ich war in sehr schlechter Laune, weil ich der tierischen Natur nachgegeben hatte, und legte mich zu Bett. Am anderen Morgen erwachte ich spät und in verdrießlicher Stimmung, teils wegen der Orgie der letzten Nacht – denn die Ausschweifungen erniedrigen die Seele nicht nur, sondern machen sie auch traurig – teils weil ich Esther vernachlässigt hatte, die mir ohne Zweifel mein Ausbleiben übel genommen hatte. Ich mußte mich beeilen, sie zu beruhigen; übrigens war ich gewiß, daß es mir an Entschuldigungsgründen nicht fehlen würde und daß sie diese gerne würde gelten lassen. Ich zog meinen Schlafrock an, klingelte meinem Diener Leduc und schickte ihn fort, um mir Kaffee zu holen. Kaum war er hinausgegangen, so öffnete sich die Tür, und ich sah Perine und jenen Wiedau erscheinen, der sich bei Piccolomini für einen Freund des Zauberers St.-Germain ausgegeben hatte.

Ich saß auf dem Bettrande und war eben dabei, meine Strümpfe anzuziehen.

Ich hatte drei schöne Zimmer in dem Gasthof, aber nach hinten hinaus, wo mich kein Mensch hätte hören können, und wenn ich noch so laut gerufen hätte. Der Klingelzug befand sich am anderen Ende des Zimmers, und Leduc konnte frühestens in zehn Minuten zurückkommen. Ich schwebte daher in der höchsten Gefahr, ermordet zu werden, ohne mich verteidigen zu können.

Dies alles bedachte ich in weniger als einer Minute. Ich sah kein anderes Rettungsmittel als ruhig zu bleiben und keine Bewegung zu machen. Ich fragte daher: »Was wünschen Sie von mir, meine Herren?«

Wiedau ergriff das Wort und sprach:

»Graf Piccolomini hat, um den unangenehmen Folgen Ihrer Anzeige zu entgehen, sich entschlossen, zu sagen, daß er den falschen Wechsel von uns hat, und er hat uns dies vorher mitgeteilt. Um uns der Verfolgung zu entziehen, sind wir genötigt, uns unverzüglich davonzumachen, und wir haben keinen Heller. Wir sind in Verzweiflung.«

»Und was kann ich dabei machen, meine Herren?«

»Geben Sie uns sofort vierhundert Gulden – nicht mehr, aber auf der Stelle. Die werden uns genügen. Wenn Sie sich weigern, werden wir zu Fuß entfliehen, zuvor aber bemächtigen wir uns aller Sachen, die wir hier sehen. Und hiermit werden wir Sie überreden.«

Mit diesen Worten zogen sie alle beide ein Pistol aus der Tasche und schlugen auf mich an.

»Gewalt ist unnötig,« sagte ich zu ihnen; »diese könnte Ihnen nur verderblich werden. Hier haben Sie hundert Dukaten – mehr als sie verlangen. Gehen Sie! Gute Reise! Aber ich rate Ihnen, mein Zimmer zu verlassen, bevor mein Bedienter zurückkommt.«

Wiedau nahm die Rolle mit zitternder Hand und steckte sie in die Tasche, ohne sie zu prüfen; aber la Perine, der freche Gauner, trat auf mich zu, lobte den Edelmut meines Benehmens und fiel mir um den Hals, um mich zu umarmen. Ich stieß ihn zurück, jedoch ohne Schroffheit, und sie entfernten sich. Ich war sehr zufrieden, so billig davongekommen zu sein.

Aus diesem Hinterhalt errettet, klingelte ich, nicht um die Räuber zu verfolgen, sondern um mich in aller Eile anzukleiden. Ich sagte zu Leduc von dem Vorgefallenen kein Wort, ebensowenig zu meinem Wirt. Nachdem ich meinen Spanier zu Herrn d’O. geschickt hatte, um mich zu entschuldigen, daß ich an diesem Tage nicht die Ehre haben könnte, bei ihm zu speisen, ging ich zum Polizeipräsidenten. Ich mußte bis zwei Uhr warten, bis ich ihn zu sprechen bekam. Der wackere alte Herr sagte mir, nachdem er die ausführliche Schilderung meines Mißgeschicks gehört hatte, er werde sein Möglichstes tun, um die Räuber verhaften zu lassen; doch verhehlte er mir seine Befürchtung nicht, daß es schon zu spät sein möchte.

Ich benutzte die Gelegenheit, um ihm zu sagen, daß Piccolomini bei mir gewesen sei, und teilte ihm mit, welches Ansinnen er unter Drohungen an mich gestellt hätte. Er dankte mir und versprach mir für Ordnung der Angelegenheit zu sorgen, aber er riet mir, auf alle Fälle vorsichtig auf meiner Hut zu sein und mich zu verteidigen, falls ich angegriffen werden sollte, bevor er sich hätte vergewissern können, daß meine Feinde nicht imstande wären, etwas gegen mich zu unternehmen.

Ich ging schnell nach Hause, denn ich fühlte mich krank. Ein sehr bitterer Geschmack im Munde war für mich ein Zeichen von der Umwälzung, die alle diese Erschütterungen in meinem Leibe hervorgebracht hatten; aber ich kannte das Heilmittel dagegen. Ich trank eine starke bittere Limonade und gab infolgedessen eine Menge Galle auf; dadurch wurde ich völlig gesund.

Gegen Abend ging ich zu Esther. Sie war ernst und schien sich gekränkt zu fühlen. Als sie aber meine Blässe sah, belebte sich ihr Auge und sie fragte mich im Tone zärtlichster Teilnahme, ob ich krank sei. Ich antwortete ihr, ich hätte mich sehr unwohl gefühlt und Medizin eingenommen; jetzt aber sei ich wieder ganz gesund. Um ihre Besorgnisse zu zerstreuen, setzte ich hinzu: »Sie werden das beim Abendessen sehen, reizende Esther; denn ich bin seit dem gestrigen Mittagessen nüchtern.«

Im Grunde log ich nicht, indem ich dies sagte; denn ich hatte bei den Paduanerinnen nur ein paar Austern gegessen.

In ihrer Freude, die sie kaum in Schranken halten konnte, forderte das reizende Mädchen mich auf, sie zu umarmen. Ich tat dies mit Freuden, obwohl ich mich einer solchen Huld unwürdig fand.

»Ich will Ihnen eine große Neuigkeit mitteilen,« lief sie. »Ich bin sicher, daß Sie nicht der Urheber Ihres Orakels sind oder daß Sie wenigstens, wie ich, es nur dann sind, wenn Sie es sein wollen. Die Antwort, die das Orakel mir gab, ist richtig; sie ist so richtig, daß sie geradezu göttlich ist, denn sie hat mir ein Geheimnis enthüllt, das keinem Menschen bekannt sein konnte, da es mir selber unbekannt war. Sie können sich nicht vorstellen, wie überrascht ich war, als ich mich unter ziemlichen Schwierigkeiten von der Wahrheit überzeugte! – Sie besitzen einen Schatz! Ihr Orakel ist unfehlbar; aber da es dies ist, so kann es auch niemals lügen, und das meinige sagt mir, daß Sie mich lieben. Ich bin ganz froh darüber, lieber Freund, denn Sie sind der Mann meines Herzens. Aber Sie müssen mir einen noch viel stärkeren Beweis Ihrer Liebe ablegen, und wenn Sie mich wirklich lieben, so können Sie mir meine Bitte nicht abschlagen. Da! Lesen Sie Ihre Antwort! Ich bin überzeugt. Sie kennen sie nicht. Hierauf werde ich Ihnen sagen, was Sie tun müssen, um mich vollkommen glücklich zu machen.«

Ich tat, als ob ich das Orakel läse und küßte die Worte, worin es hieß, daß ich sie liebte. Hierauf sagte ich: »Es freut mich sehr, daß das Orakel Sie so leicht überzeugt hat, aber – ich bitte Sie um Verzeihung – ich muß Ihnen sagen, es scheint mir unglaublich, daß Sie es bis auf den heutigen Tag nicht gewußt haben!«

Sie antwortete mir errötend, es würde mir nicht unmöglich erscheinen, wenn es mir gestattet wäre, mich durch den Augenschein zu überzeugen. Hierauf kam sie auf den Beweis meiner Liebe zu sprechen, den sie von mir verlangte, und sagte mir, ich müßte ihr mein Geheimnis mitteilen. »Sie lieben mich,« rief sie, »darum kann es Ihnen nicht schwer fallen, ein junges Mädchen glücklich zu machen, das einmal Ihre Frau sein wird und deren Gebieter sie sein werden. Mein Vater wird unserer Verbindung zustimmen, und wenn ich Ihre Frau bin, werde ich von Herzen gern alles tun, was sie wollen. Wir werden uns sogar an einem anderen Ort niederlassen, wenn Sie darauf Wert legen. Aber zu diesem Zweck müssen Sie mich lehren, wie ich auf jede beliebige Frage eine Antwort finden kann, ohne sie zuvor in meinem Gehirn schmieden zu müssen.«

Esther flößte mir mit jedem Augenblick zärtlichere Gefühle ein; ich ergriff ihre Hände und küßte sie feurig, aber ehrfurchtsvoll, indem ich zu ihr sagte: »Sie wissen, göttliche Esther, ich bin in Paris durch mein Wort gebunden. Manon steht Ihnen sicherlich nach; trotzdem aber bin ich gezwungen, ihr gegenüber zu halten, was ich ihrer Mutter versprochen habe.«

Esther seufzte und senkte das Haupt auf die Brust. Ihr Kummer tat mir leid; aber welche Entschuldigung hätte ich angeben können? Ich konnte sie doch unmöglich lehren, das Orakel auf eine andere Art anzuwenden als auf die ihr ebensogut wie mir bekannte. Denn überlegen war ich ihr nur an Schlauheit und an Welterfahrung.

Einige Tage darauf meldete man mir am Morgen ziemlich früh, als ich noch nicht angezogen war, einen Mann, der sich für einen Offizier ausgab, dessen Name mir aber völlig unbekannt war. Ich ließ ihm sagen, ich sei nicht zu sprechen, und da mein Spanier fortgegangen war, so drehte ich den Schlüssel in meiner Tür um. Die letzten Vorgänge hatten mich mißtrauisch gemacht, und ich wollte keine Besuche mehr annehmen, wenn ich allein war. Meine beiden Räuber hatten alle Bemühungen der Polizei zu vereiteln gewußt, und Piccolomini war verschwunden; aber ich wußte, daß in Amsterdam noch eine Menge Leute von demselben Gelichter waren, und hielt darum Vorsicht für geboten.

Kurze Zeit darauf kam Leduc zurück und brachte mir einen in schlechtem Italienisch geschriebenen Brief. Er sagte mir, dieser sei ihm von einem Offizier gegeben worden, der auf Antwort warte. Ich öffnete ihn und las den Namen des Offiziers, den man mir kurz vorher angemeldet hatte. Er schrieb, wir seien Bekannte, aber er könne mir seinen Namen nur mündlich sagen und sei nur gekommen, um mir eine wichtige Mitteilung zu machen.

Ich befahl Leduc, ihn eintreten zu lassen, selber aber bei der Türe stehen zu bleiben. Ich sah einen recht schön gewachsenen Mann von etwa vierzig Jahren, in der Uniform eines Offiziers von ich weiß nicht welcher Armee, der eine richtige Galgenphysiognomie hatte.

»Was wünschen Sie von mir?« fragte ich ihn sofort nach seinem Eintreten.

»Mein Herr, wir haben uns vor etwa sechzehn Jahren in Cerigo gekannt, und ich bin hocherfreut über die Gelegenheit, unsere Bekanntschaft zu erneuern.«

Ich erinnerte mich nun, daß ich auf Cerigo mich nur wenige Augenblicke aufgehalten hatte, als ich den Bailo nach Konstantinopel begleitete, und nahm an, daß er einer von den beiden Unglücklichen sein mußte, denen ich ein Almosen gegeben hatte. Ich fragte ihn: »Sind Sie jener, der sich mir gegenüber für den Sohn eines Grafen Poccini in Padua ausgab, obwohl es im Paduanischen überhaupt einen Grafen dieses Namens nicht gibt?«

»Ich bewundere Ihr ausgezeichnetes Gedächtnis,« sagte er zuversichtlichen Tones; »jawohl, der bin ich.«

»Und was können Sie wohl von mir zu wünschen haben?«

»Das kann ich Ihnen in Gegenwart Ihres Bedienten nicht sagen.«

»Mein Bedienter versteht nicht italienisch; Sie können ruhig sprechen. Übrigens werde ich ihn hinausgehen lassen.«

Ich sagte Leduc, er sollte sich im Vorzimmer aufhalten. Als er hinausgegangen war, sagte der angebliche Paduanische Graf zu mir, ich sei bei seinen Nichten gewesen und habe sie als Kurtisanen behandelt; hierfür verlange er Genugtuung von mir.

Aller dieser Belästigungen satt, ergriff ich schnell meine Pistolen, schlug auf ihn an und befahl ihm, sich augenblicklich zu entfernen. Leduc trat ein, und der dritte Räuber verschwand mit den Worten: er werde mich schon zu finden wissen.

Es war eine schmähliche Sache; um Gerechtigkeit zu erlangen, hätte ich dem Polizeipräsidenten alles erzählen müssen. Ich glaubte um meiner Ehre willen schweigen zu müssen und sprach über den Vorfall nur mit Rigerboos, dem ich alles anheimstellte. Dieser hatte nicht wie ich Rücksichten zu nehmen; er tat die notwendigen Schritte, und Lucia erhielt den Befehl, die angeblichen adeligen Nichten fortzuschicken. Aber nun kam das arme Frauenzimmer zu mir und jammerte unter strömenden Tränen, sie geriete durch dieses Unglück in das scheußlichste Elend; ich schenkte ihr einige Dukaten, und sie ging getröstet von dannen. Ich bat sie, sich nicht wieder bei mir sehen zu lassen.

Alles was ich fern von Esther tat, schlug mir zum Unheil aus, und ich fühlte, daß ich, um glücklich zu sein, mich nicht von ihr hätte entfernen dürfen; aber ich wurde von meinem Stern oder vielmehr von meiner Unbeständigkeit fortgerissen.

Drei Tage darauf kam der hinterlistige Major Sabi zu mir und sagte mir, ich möchte auf meiner Hut sein, denn ein venetianischer Offizier, der von mir beschimpft zu sein behaupte, sage zu jedem, der es hören wolle, ich hätte ihm Genugtuung verweigert und er hätte daher das Recht, mich zu ermorden.

»Und ich,« antwortete ich, »ich hätte das Recht, ihn als einen entsprungenen Galerensträfling, dem ich als solchen ein Almosen gegeben habe, und als einen Menschen verhaften zu lassen, der unberechtigterweise die Uniform eines Offiziers trägt und dadurch den ganzen Stand entehrt. Wie kann ich übrigens Mädchen beschimpft haben, die in einem Bordell leben, und die ich weit über ihr Verdienst bezahlt habe?«

»Wenn es so ist, haben Sie ja vollkommen recht, aber der arme Teufel ist in Verzweiflung; er möchte abreisen und besitzt keinen Gulden. Ich rate Ihnen, ihm noch einmal ein Almosen zu geben; damit wird alles in Ordnung sein. Vierzig Gulden werden Sie nicht ärmer machen, und Sie werden dadurch von einem unangenehmen Feinde befreit.«

»Von einem sehr unangenehmen – das gebe ich zu.«

Ich erklärte mich endlich bereit, ihm die vierzig Gulden zu schenken, und gab sie ihm in einem Kaffeehause, wo ich nach Verabredung mit dem Major ihn antraf. Der Leser wird sehen, wo ich vier Monate später diesen üblen Burschen wiederfand.

Wenn ich heute, bei kaltem Mute und nach so langer Zeit, an alle die Unannehmlichkeiten zurückdenke, die mir während meines kurzen damaligen Aufenthaltes in Amsterdam zustießen, während ich doch dort so glücklich hätte sein können, dann muß ich anerkennen, daß wir fast immer selber die Ursache alles Unglückes sind, das uns trifft, und aller Leiden, über die wir so ungerechterweise uns beklagen. Wenn ich diese Zeit noch einmal durchleben könnte, würde ich dann weise sein? Ja, wenn ich nicht Ich wäre!

Herr d’O. lud mich ein, mit ihm in der Bürgermeisterloge zu speisen; eine außerodentliche Gunst, denn gegen alle Regeln der Freimaurerei wurden stets nur die vierundzwanzig Mitglieder zugelassen, aus denen die Loge bestand, und diese vierundzwanzig Maurer waren die reichsten Millionäre der Börse. »Ich habe Sie angemeldet,« sagte Herr d’O. zu mir, »und um Sie würdig zu empfangen, wird die Loge in französischer Sprache eröffnet werden.« Die Herren nahmen mich in der Tat ganz ausgezeichnet auf, und ich hatte das Glück, ihnen so sehr zu gefallen, daß ich einstimmig zum überzähligen Mitgliede für die ganze Zeit meines Amsterdamer Aufenthaltes erklärt wurde. Als wir uns entfernt, sagte Herr d’O. mir, ich hätte mit einer Gesellschaft soupiert, die über ein bares Kapital von dreihundert Millionen verfügen könnte.

Am nächsten Tage bat der wackere Holländer mich um die Gefälligkeit, eine Frage zu beantworten, auf die das Orakel seiner Tochter eine zu dunkle Antwort gegeben hätte. Esther forderte mich ebenfalls dazu auf, und ich bat ihn, mir die Frage zu nennen. Sie lautete:

»Ich wünsche zu wissen, ob das Individuum, das mir und meinen Teilhabern ein Geschäft von großer Tragweite vorschlägt, wirklich der Freund des Königs von Frankreich ist.«

Es war für mich nicht schwer zu erraten, daß es sich um den Grafen von St.-Germain handelte. Herr d’O. wußte nicht, daß ich ihn kannte, und ich hatte nicht vergessen, was Graf Affry mir gesagt hatte. Ich dachte bei mir selber: das ist eine schöne Gelegenheit, mein Orakel glänzen zu lassen und meiner schönen Esther etwas zu denken zu geben. Ich ging sofort an die Arbeit, baute meine Pyramiden und schrieb über die vier Schlüssel die Buchstaben O.S.A.D., um einen besonders tiefen Eindruck zu machen. Hierauf zog ich die Antwort aus, indem ich mit dem vierten Schlüssel D. begann. Sie lautete:

»Der Freund verleugnet. Der Befehl wird unterzeichnet. Man bewilligt. Man lehnt ab. Alles verschwindet. Verschiebe.«

Ich tat, wie wenn ich meine Antwort sehr dunkel fände; Esther aber stieß einen Ruf der Überraschung aus und fand, die Antwort sei in einem außerordentlichen Stil gehalten, aber sehr vielsagend. Herr d’O. rief freudetrunken: »Kinder, die Antwort ist für mich vollkommen klar, das Orakel ist göttlich! Das Wort Verschiebe betrifft mich; dies verstehe ich wohl, lieber Freund. Sie und meine Tochter sind sehr geschickt, das Orakel sprechen zu lassen; ich aber verstehe besser als Sie beide, es zu deuten. Ich werde mich allem widersetzen. Es handelt sich um nichts Geringeres, als um die Hergabe von hundert Millionen gegen die Verpfändung der französischen Krondiamanten. Der König möchte dieses Geschäft abschließen, ohne daß seine Minister sich hineinmischen, ja, ohne daß sie überhaupt etwas davon erfahren. Ich bitte Sie, mit keinem Menschen darüber zu sprechen.«

Er ging hinaus.

»O!« rief Esther, sobald wir allein waren; »diesmal bin ich aber sicher, daß die Antwort unabhängig von Ihrem Willen ist! Bei allem, was Ihnen heilig ist – sagen Sie mir, was bedeuten diese vier Buchstaben, und warum wenden Sie sie für gewöhnlich nicht an?«

»Ich wende sie nicht an, reizende Esther, weil die Erfahrung mich gelehrt hat, daß sie für gewöhnlich nicht notwendig sind; da aber diese Überschriften beim Aufbau der Pyramiden eigentlich vorgeschrieben sind, so glaubte ich, bei diesem mir wichtig erscheinenden Anlaß sie nicht fortlassen zu dürfen.«

»Was bedeuten sie?«

»Es sind die Anfangsbuchstaben der geheiligten Namen der vier Hauptintelligenzen der Erde.«

»Was sind dies für Namen?«

»Es ist nicht erlaubt, sie auszusprechen, aber wer die Wissenschaft des Orakels empfangen will, muß sie wissen.«

»Ach, lieber Freund, betrüge mich nicht! Ich glaube dir alles, und du würdest einen Mord begehen, wenn du ein so reines Vertrauen wie das meinige mißbrauchtest!«

»Ich betrüge dich nicht, teure Esther.«

»Du müßtest mir also diese heiligen Namen sagen, wenn du mich die Kabbala lehren wolltest?«

»Gewiß, und ich kann sie nur dem enthüllen, den ich zu meinem Erben machen werde. Die Verletzung dieser Vorschrift ist mit der Strafe völligen Vergessens bedroht, und diese Drohung, das wirst du zugeben, liebe Esther, ist wohl danach angetan, mich von solcher Verletzung abzuhalten.«

»Ich gebe es zu. Ich Unglückliche! Und Ihre Erbin wird ohne Zweifel Ihre Manon sein.«

»Nein; Manons Geist ist nicht für diese Art von Wissen geschaffen.«

»Sie müssen sich aber doch zugunsten irgendeines Menschen entscheiden, denn Sie sind sterblich. Wenn Sie wollen, wird mein Vater sein Riesenvermögen mit Ihnen teilen, ohne Sie zur Heirat mit mir zu verpflichten.«

»Was haben Sie da gesagt, Esther! Glauben Sie denn, die Bedingung, Sie besitzen zu müssen, könnte mir jemals mißfallen?«

Nach einem köstlichen Tage, den ich beinahe den glücklichsten meines ganzen Lebens nennen könnte, verließ ich abends die allzu reizende Esther und ging nach Hause.

Drei oder vier Tage später trat Herr d’O. in Esthers Zimmer ein, wo er uns beide mit der Berechnung von Pyramiden beschäftigt fand. Ich lehrte sie, die kabbalistischen Kombinationen zu allen Schlüsseln zu verdoppeln, zu verdreifachen und zu vervierfachen. Herr d’O. lief mit großen Schritten im Zimmer hin und her und schlug sich vor die Stirn, wie wenn er außer sich wäre. Überrascht und beinahe erschrocken, ihn in einem solchen für ihn so ungewöhnlichen Zustand zu sehen, sprangen wir auf. Er umarmte uns leidenschaftlich und zwang uns beinahe auch uns zu umarmen, was wir sehr gerne taten.

»Aber was bedeutet denn dies alles, mein lieber Papa? Sie überraschen uns über alle Maßen.«

»Setzt euch neben mich, meine lieben Kinder, und hört auf euren Vater und besten Freund. Ich erhalte soeben einen Brief von einem der Sekretäre Ihrer Hochmögenden; er schreibt mir, der französische Gesandte habe im Namen meines königlichen Herrn bei den Generalstaaten die Auslieferung des Herrn Grafen von St.-Germain beantragt, und man habe ihm geantwortet, die Auslieferung werde gemäß dem Wunsche Seiner Allerchristlichsten Majestät stattfinden, sobald es gelungen sei, sich der Person des angeblichen Grafen zu bemächtigen. Man habe erfahren, daß der Herr von St.-Germain im »Morgenstern« wohne, und habe, dem Versprechen gemäß, um Mitternacht Polizeibeamte hingeschickt. Man habe jedoch den Vogel ausgeflogen gefunden. Der Wirt habe erklärt, der Graf sei bei Einbruch der Nacht mit der Post in der Richtung nach Nymwegen abgereist. Man habe ihn verfolgen lassen, hege jedoch nur geringe Hoffnung, ihn einzuholen. Man wisse nicht, wie er von dem gegen ihn erlassenen Haftbefehl habe Wind bekommen können.«

»Man weiß nicht,« fuhr Herr d’O. lachend fort, »aber jeder errät, daß ohne Zweifel Herr Calcoen, eben jener, der an mich geschrieben hat, dem Freunde des Königs von Frankreich einen Wink gegeben hat, man werde ihn um Mitternacht in Haft nehmen, wenn er sich nicht vorher aus dem Staube mache. Er war natürlich nicht so dumm, einen so nützlichen Rat nicht zu befolgen. Die Regierung hat dem Herrn Grafen d’Affry geantwortet: man bedauere recht sehr, daß Seine Exzellenz so lange gezögert habe, die Verhaftung und Auslieferung des Herrn von St.-Germain zu verlangen, und der Herr Botschafter wird von dieser Antwort nicht überrascht sein, denn sie lautet genau so wie die Antworten, die man stets in solchen Fällen gibt. Die Weisheit des Orakels ist bestätigt worden, und ich wünsche mir Glück, eine richtige Ahnung gehabt zu haben, denn wir waren im Begriff, ihm eine Abschlagszahlung von hunderttausend Gulden zu machen, die er nach seiner Behauptung sofort nötig hatte. Er hatte uns als Pfand den schönsten Diamant der Krone gegeben, und dieses Pfand ist uns verblieben. Aber wir werden ihm den Diamanten wiedergeben, sobald er ihn von uns wieder zurückverlangt, es sei denn, daß der Gesandte Anspruch darauf erheben läßt. Ich habe niemals einen so schönen Stein gesehen. – Jetzt, Kinder, begreift ihr, welchen unermeßlichen Dank ich eurem Orakel schulde. Ich werde auf die Börse gehen und mich der Dankbarkeit erfreuen, welche Mitbeteiligte mir aussprechen werden. Ich werde für den klügsten, scharfsinnigsten und bestunterrichteten Mann in ganz Holland gelten.

Euch verdanke ich diese Ehre, meine lieben Freunde, aber ich mache mir gar kein Gewissen daraus, mich mit diesen Pfauenfedern zu schmücken. – Mein lieber Casanova, ich hoffe, Sie speisen bei uns. Nach Tisch werde ich Sie bitten, Ihr unbegreifliches Wesen zu befragen: ob wir gut tun, zu erklären, daß wir den prachtvollen Solitär besitzen, oder ob wir besser schweigen, bis er uns abverlangt wird.«

Nach dieser schönen Rede umarmte der Papa uns abermals und ging.

»Lieber Freund,« sagte Esther, indem sie mir um den Hals fiel, »hier bietet sich dir schönste Gelegenheit, mir einen großen Beweis deiner Freundschaft zu liefern. Er wird dir nichts kosten, mir aber wird er eine unendliche Ehre und Freude sein.«

»Befiehl, meine Esther, befiehl! Du kannst unmöglich glauben, daß ich dir etwas verweigern soll, was mir nichts kosten wird, während ich im Gegenteil mich glücklich schätzen würde, dir mein Leben opfern zu dürfen.«

»Mein Vater wünscht, daß du ihm nach Tisch sagst, ob man den Besitz des Diamanten bekannt geben oder ob man lieber schweigen soll, bis er zurückgefordert wird. Wenn er diese Bitte wiederholt, so sage ihm, er möge sich an mich wenden, und erbiete dich, das Orakel ebenfalls zu befragen, falls meine Antwort dunkel sein sollte. Mache jetzt gleich auf der Stelle die Berechnung; ich werde dann aus meiner Pyramide dieselbe Antwort hervorgehen lassen. Mein Vater wird mich um so mehr lieben, wenn er sieht, daß mein Wissen mit dem deinigen übereinstimmt.«

»Teure Esther! Warum kann ich nicht tausendmal mehr tun, um dir deine Liebe und meine Ergebenheit zu erweisen. Ans Werk! – Du sollst, liebe Freundin, selber die Frage stellen, die Pyramide bilden und mit eigener Hand die machtvollen vier Buchstaben darüber schreiben. Gut! Beginne das Ausziehen der Antwort mit dem göttlichen Schlüssel!«

Niemals war ein Schüler gelehriger. Als alles vorbereitet war, ließ ich sie nach meinem Belieben Additionen und Subtraktionen vornehmen, und sie fand zu ihrem höchsten Erstaunen folgende Antwort: »Schweigen notwendig; ohne Schweigen allgemeine Verspottung. Diamant wertlos; einfacher Glasfluß.«

Ich glaubte, sie werde vor Freude toll werden. Sie lachte sich halb tot. »Was für eine Antwort! Wie wundervoll! Wie? Der Diamant ist falsch, und ich werde sie belehren, welche Dummheit sie begangen haben, sich so etwas vormachen zu lassen? Durch mich wird mein Vater dieses wichtige Geheimnis erfahren! Dies übertrifft alle meine Erwartungen; kaum kann ich meine Freude beherrschen. Wieviel verdanke ich dir doch, du reizender, du wundervoller Mann! Natürlich wird man sich beeilen, die Tatsache feststellen zu lassen, und wenn man findet, daß der berühmte Diamant nur eine glänzend gelungene Nachbildung ist, dann wird das Konsortium meinen Vater anbeten, denn es wird begreifen, wie lächerlich es sich gemacht haben würde, wenn es hätte eingestehen müssen, daß ein listiger Gauner es betrogen hat. Kannst du, lieber Freund, mir diese Pyramide überlassen?«

»Ich überlasse sie dir sehr gerne; aber, liebe Esther, sie wird dich nicht klüger machen.«

Der Vater kam nach Hause; wir speisten, und nach dem Essen gab es eine wirklich komische Szene, als der wackere Herr d’O. durch das Orakel seiner Tochter erfuhr, daß der Stein falsch wäre. Er schrie laut auf, erklärte die Sache für unmöglich und bat mich schließlich, dieselbe Frage zu beantworten, denn er sei fest überzeugt, daß seine Tochter sich geirrt, oder vielmehr, daß das Orakel sich über sie lustig gemacht hätte.

Ich machte mich ans Werk, und meine Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Als er sah, daß sie mit der Antwort seiner Tochter übereinstimmte, obgleich sie anders ausgedrückt war, hegte er keinen Zweifel mehr an Esthers Wissenschaft. Er gab sofort den angeblichen Diamanten zur Prüfung und empfahl den Mitbeteiligten zu schweigen, bis sie Gewißheit hätten. Dieser Rat war übrigens zwecklos; denn obwohl die Beteiligten nicht darüber sprachen, war die Geschichte doch allgemein bekannt; man sagte sogar, was man in solchen Fällen gewöhnlich sagt, die Geprellten seien nicht nur halb geprellt worden, und Graf St.-Germain hätte die hunderttausend Gulden eingesackt. Das war aber falsch.

Meine Esther war ganz stolz; aber sie war nicht zufrieden, denn durch diesen Erfolg wuchs nur ihr Wunsch, die Wissenschaft ebenso vollkommen zu beherrschen, wie nach ihrer Meinung ich sie beherrschte.

Bald darauf erfuhr man, St.-Germain habe sich in Emden nach England eingeschifft und sei dort eingetroffen. Ich werde auf den berühmten Betrüger noch zurückkommen.

In diesen Tagen trat eine Wendung anderer Art ein, durch die ich beinahe auf die allerdümmste Art und Weise gestorben wäre.

Es war am Weihnachtstag, und ich war ziemlich früh aufgestanden und befand mich in froherer Stimmung als für gewöhnlich. Nach dem Glauben der alten Weiber bedeutet dies stets, daß etwas Trauriges sich ereignen wird; ich war aber solchen Vorurteilen nicht sehr zugänglich und dachte damals so wenig wie heute daran, in meiner fröhlichen Stimmung eine üble Vorbedeutung zu erblicken. Dieses Mal bestätigte jedoch der Zufall den Aberglauben. Ich empfing aus Paris einen Brief und ein dickes Paket; beide waren von Manon. Ich öffnete den Brief und glaubte vor Schmerz zu sterben, als ich folgende Worte las:

»Seien Sie vernünftig und empfangen Sie mit kaltem Blute die Nachricht, die ich Ihnen zu geben habe. Das Paket enthält alle Ihre Briefe und Ihr Bildnis. Schicken Sie mir das meinige zurück, und wenn Sie meine Briefe aufbewahrt haben, so erweisen Sie mir die Liebe und verbrennen Sie sie. Ich rechne auf Ihre Ehrenhaftigkeit. Denken Sie nicht mehr an mich. Mir wird die Pflicht die Verbindlichkeit auferlegen, mein Möglichstes zu tun, um Sie zu vergessen, denn morgen um diese Stunde werde ich die Gattin des königlichen Hofarchitekten und Akademiemitgliedes Blondel sein. Sie werden mich sehr verbinden, wenn Sie nach Ihrer Rückkehr nach Paris die Güte haben, so zu tun, als ob Sie mich nicht kennen, falls der Zufall eine Begegnung herbeiführen sollte.«

Als ich diesen Brief gelesen hatte, war ich wie betäubt; länger als zwei Stunden war es mir unmöglich, einen Gedanken zu fassen. Ich ließ Herrn d’O. sagen, ich fühlte mich unwohl und würde den ganzen Tag das Zimmer hüten. Als ich mich ein bißchen ruhiger fühlte, öffnete ich das Paket. Mein Bild war das erste, was mir in die Hände fiel. Ich sah es an, und ich war in einer so fürchterlichen Stimmung, daß ich in diesem Augenblick eine wütende und drohende Miene zu sehen glaubte, obgleich mein Gesicht lachend und fröhlich dargestellt war. Ich setzte mich an meinen Schreibtisch und schrieb zwanzig Briefe, in denen ich die Ungetreue mit Vorwürfen und Drohungen aller Art überhäufte; aber sowie sie halb oder ganz fertig waren, zerriß ich diese Briefe.

Gänzlich niedergeschmettert und kraftlos, bemühte ich mich, eine Tasse Fleischbrühe zu trinken, und legte mich dann mit einem Fieberanfall zu Bett, mich nach einem Schlaf sehnend, der aber nicht kam. Tausend Pläne kreuzten sich in meiner kranken Phantasie; einen nach dem anderen verwarf ich, um immer wieder neue auszudenken. Diesen Blondel, den ich nicht kannte, wollte ich meiner Wut opfern, um ihn dafür zu strafen, daß er mir ein Weib geraubt hatte, auf dessen Besitz ich allein ein Recht zu haben glaubte und das man als meine Gattin ansah. Ich wollte die Ungetreue bestrafen, indem ich ihr den Mann raubte, den sie mir vorgezogen hatte. Ich klagte ihren Vater an, fluchte ihrem Bruder, da sie den Schimpf, der mir in so heimtückischer Weise angetan wurde, vor mir geheim gehalten hatten.

Den ganzen Tag und die ganze Nacht verbrachte ich in dieser Art von Fieberwahn; am nächsten Morgen war ich noch schwächer als am Tage vorher und ließ daher Herrn d’O. sagen, es wäre mir nicht möglich, an diesem Tage auszugehen. Hierauf begann ich Manons Briefe wiederzulesen; ich gab ihr die tollsten Beinamen und versuchte, wie am Tage vorher, ihr zu schreiben; aber es gelang mir nicht, einen Brief zustande zu bringen, wie ich ihn wünschte. Der leere Magen und die Erregung meiner Sinne, welche betäubende Dünste in mein Gehirn aufsteigen ließen, machten mich einige Augenblicke meine Schmerzen vergessen, die sich aber bald um so heftiger wieder einstellten.

Gegen drei Uhr besuchte der gute Herr d’O. mich und lud mich ein, mit ihm nach dem Haag zu reisen, wo am Tage darauf, zum St. Johanneswinterfest, alle angesehenen Freimaurer von ganz Holland sich versammeln sollten, um das Ordensfest zu feiern. Als er aber den Zustand sah, worin ich mich befand, drang er nicht weiter in mich.

»Was ist denn das für eine Krankheit, mein lieber Casanova?« fragte er mich.

»Ein großer Kummer, aber bitte sprechen Sie nicht davon.«

Er verließ mich beinahe ebenso betrübt, wie ich selber war, und bat mich, Esther zu besuchen. Aber sie kam mir am nächsten Morgen zuvor, denn gegen neun Uhr sah ich sie mit ihrer Gouvernante eintreten. Ihr Anblick tat mir wohl. Erstaunt über mein verstörtes Aussehen fragte sie mich, was denn das für ein Kummer sei, dessen meine Philosophie nicht Herrin werden könne; ihr Vater habe ihr davon erzählt.

»Setzen Sie sich neben mich, teure Esther, und gestatten Sie mir aus dieser Sache, die mir so tief zum Herzen geht, ein Geheimnis zu machen. Der große Arzt, die Zeit, und mehr noch Ihre Unterhaltung werden eine Heilung bewirken, die ich von meiner Vernunft nicht erwarten darf. Solange wir von anderen Dingen sprechen, liebe Freundin, werde ich nicht an das Unglück denken, das mir das Herz zerreißt.«

»Wohlan, mein Freund, kleiden Sie sich an und verbringen Sie den Tag bei mir; ich werde alles aufbieten, um Sie zu zerstreuen.«

»Ich bin sehr schwach, liebe Esther, denn seit drei Tagen genieße ich nur ein wenig Fleischbrühe oder Schokolade.«

Bei diesen Worten sah ich ihr schönes Antlitz sich entfärben und einige Tränen ihren Augen entrollen.

Nach einem kurzen Schweigen setzte sie sich an meinen Schreibtisch, nahm eine Feder und schrieb einige Zeilen, die sie mir brachte. Sie lauteten:

»Lieber Freund, wenn eine große Summe Geldes, außer derjenigen, die mein Vater Ihnen schuldig ist, Ihren Kummer zu verscheuchen oder nur zu lindern imstande ist, so kann ich Ihr Arzt sein, und Sie werden mich wirklich glücklich machen, wenn Sie mein Anerbieten annehmen.«

Ich ergriff ihre Hände, die ich zärtlich küßte, und sagte: »Nein, meine teure, großmütige Esther, nicht Gold ist es, was mir fehlt; dessen habe ich genug, und sollte es mir daran fehlen, so würde ich vertrauensvoll und freundschaftlich Sie darum bitten. Was ich brauche und was niemand mir geben kann, das ist die Geistesstärke, um einen Entschluß zu fassen.«

»Aber dies wäre ja gerade der Fall, sich an Ihr Orakel zu wenden.«

Ich konnte mich des Lachens nicht enthalten.

»Wie können Sie lachen?« rief sie. »Nach den Regeln der gesunden Vernunft zu urteilen, kann dem Orakel, wie mich dünkt, ein Heilmittel für Ihr Leiden nicht unbekannt sein.«

»Ich lachte, mein Engel, weil mir der komische Einfall kam, das Orakel durch Sie befragen zu lassen. Ich werde es nicht um Rat fragen, denn ich fürchte, es könnte nur ein Heilmittel anraten, das schlimmer wäre, als das Leiden, das mich quält.«

»Aber, lieber Freund, es stände doch stets in Ihrer Macht, keinen Gebrauch davon zu machen.«

»Ja, gewiß, es steht uns frei zu handeln oder nicht; aber eine Unterlassung wäre ein Verstoß gegen die Ehrfurcht, die ich dem Orakel schulde.«

Esther wußte nicht, was sie sagen sollte, und schwieg einige Augenblicke; endlich fragte sie mich, ob es mir Freude machen würde, wenn sie den ganzen Tag bei mir bliebe. Die Freude, die dieser Vorschlag mir verursachte, war zu sichtbar, als daß sie sie nicht hätte bemerken sollen. Ich antwortete ihr, wenn sie zum Essen bleiben wollte, würde ich aufstehen und drei Gedecke auflegen lassen; ohne Zweifel würde sie mir Mut machen, etwas zu essen.

»Nun, so werde ich denn Kabeljau machen, den Sie so sehr lieben,« rief sie fröhlich. Sie befahl die Tragstühle wegzuschicken und ging zur Wirtin, um eine leckere Mahlzeit und einen Weingeistkochapparat zu bestellen, den sie nötig hatte, um ihre kleinen Gerichte am Tische selbst zubereiten zu können.

Esther war ein Schatz, von einer Vollkommenheit wie ein Engel. Und sie war bereit, mir anzugehören, unter der Bedingung, daß ich ihr meine Wissenschaft mitteilte, die sich doch nicht mitteilen ließ. Da ich durch den Gedanken, daß ein köstlicher Tag mir bevorstehe, mich erleichtert fühlte, so sah ich, daß ich Manon würde vergessen können, und ich war darüber hocherfreut. Ich stand auf, und Esther war überglücklich, als sie bei ihrem Wiedereintreten mich angezogen fand. »Lieber Freund,« sagte sie zu mir, »setzen Sie Ihrer Güte die Krone auf und lassen Sie sich frisieren und ankleiden, wie wenn Sie auf einen Ball gehen wollten.«

»Dies ist eine lächerliche Laune, aber sie gefällt mir, weil sie dir Vergnügen machen wird.«

»Sie wird auch dir Vergnügen machen,« sagte sie mit bezaubernder Anmut.

Ich klingelte Leduc und sagte ihm, ich wolle frisiert und angekleidet werden, wie wenn ich zum Ball ginge. »Wähle mir den Anzug, der mir am besten steht.«

»Nein,« rief Esther, »ich selber werde ihn aussuchen.«

Leduc öffnete den Koffer, und während sie nach ihrem Belieben darin herumwühlte, rasierte und frisierte er mich. Esther war in fröhlichster Laune über ihre Beschäftigung, bei der sie sich von ihrer Gouvernante helfen ließ. Sie legte auf mein Bett ein Spitzenhemd und von meinen Röcken denjenigen, der ihrem Geschmack am meisten zusagte. Dann trat sie nahe an mich heran, wie wenn sie sehen wollte, ob Leduc mich auch ordentlich frisierte, und sagte: »Ein Täßchen Fleischbrühe wird Ihnen gut tun, lieber Freund; lassen Sie sich welche kommen; das Mittagessen wird Ihnen um so besser schmecken.« Ich befolgte ihren von der zärtlichsten Teilnahme eingegebenen Rat und befand mich wohl dabei. Das reizende Wesen übte einen so wohltuenden Einfluß auf mich aus, daß ich allmählich zu fühlen glaubte, als ob ich Manon nicht liebe, sondern im Gegenteil sie hasse. Dies machte mir Mut und vollendete meine Heilung; wenn ich aber heute die verschiedenen Gefühle prüfe, die ich damals empfand, so glaube ich zu erkennen, daß Manon viel mehr meine Eitelkeit als meine Liebe verletzt hatte.

Ich befand mich unter den Händen meines Kammerdieners, das Gesicht nach dem Kaminfeuer gekehrt; obwohl ich Esther nicht sehen konnte, so erheiterte mich der Gedanke, daß sie in meinen Sachen herumkramte. Plötzlich stand sie mit traurigem Gesicht vor mir. Sie hielt einen Brief in der Hand. Es war das verhängnisvolle Schreiben Manons.

»Bin ich strafbar?« fragte sie schüchtern, »daß ich die Ursache Ihres Schmerzes entdeckt habe?«

Ich war anfangs ein wenig verlegen, dann aber sah ich sie mit einem beifälligen Blick an und sagte: »Nein, nein, teure Esther! Beklagen Sie Ihren Freund und sprechen wir nicht mehr davon.«

»Ich kann also zu Ende lesen?«

»Gewiß, mein Herz, wenn Ihnen das Spaß macht; mir liegt nichts mehr daran, und Sie werden mich um so mehr beklagen.«

Alle Briefe der ungetreuen Manon Baletti lagen zusammen mit den meinigen, nach dem Datum geordnet, auf meinem Nachttisch. Ich zeigte sie Esther, die mit einer Art Gier sie zu lesen begann.

Als ich wie zu einer Hoffestlichkeit gekleidet war, ging Leduc hinaus, und wir waren allein, denn die gute Gouvernante, die am Fenster saß und eine Spitze häkelte, kümmerte sich niemals um uns.

Esther sagte mir, noch niemals hätte ihr etwas soviel Vergnügen gemacht, wie das Lesen dieser Briefe.

»Diese verfluchten Briefe, die dir so sehr gefallen, liebe Esther, werden an meinem Tode schuld sein.«

»An Ihrem Tode, lieber Freund? Nein, ich hoffe, ich werde Sie heilen.«

»Ich wünsche es; aber nach dem Essen wirst du mir helfen, sie alle zu verbrennen, auch den, der mir dies anbefiehlt.«

»Sie verbrennen! Mein Freund, schenken Sie sie mir lieber. Ich verspreche Ihnen, sie mein ganzes Leben lang aufzubewahren.«

»Sie gehören Ihnen, Esther; morgen werde ich sie Ihnen bringen.«

Die Zahl dieser Briefe betrug mehr als zweihundert, und die kürzesten waren vier Seiten lang. Hoch erfreut, sie in ihrem Besitz zu sehen, sagte sie mir, sie wolle sie sofort zusammenpacken und werde glücklich sein, sie am Abend mit nach Hause zu nehmen.

»Werden Sie,« fragte sie mich, »Ihrer Ungetreuen ihr Bild zurückschicken?«

»Ich weiß nicht, was ich tun soll.«

»Schicken Sie es nur zurück; denn sie ist nicht würdig, daß Sie ihr die Ehre erweisen, es zu behalten. Ich bin überzeugt, Ihr Orakel würde Ihnen denselben Rat geben. Wo ist dieses Porträt? Wollen Sie es mir zeigen?«

Ich hatte das Bild im Innern einer goldenen Tabaksdose; aber ich hatte es Esther niemals gezeigt, weil ich befürchtet hatte, sie könnte Manon schöner finden als sich selber, und annehmen, ich zeigte es ihr nur aus Eitelkeit, und dies könnte sie beleidigen. Aber da sie selber den Wunsch aussprach, es zu sehen, so beeilte ich mich, die Kassette zu öffnen, worin es sich befand, und gab es ihr.

Eine andere als Esther hätte Manon häßlich gefunden oder wenigstens Mängel an ihr zu entdecken gesucht; Esther aber lobte sie, fand sie sehr schön und sagte nur, es sei schade, daß in einem so schönen Körper eine so häßliche Seele wohne.

Manons Anblick brachte Esther in Zug; sie bat mich, ihr alle Bilder zu zeigen, welche Frau Manzoni mir aus Venedig geschickt hatte. Es waren nackte Figuren dabei, aber Esther war rein, und ihr Geist war zu aufgeklärt, um sich zu Zierereien herbeizulassen, die nur Prüden anstehen, denen das Verständnis für das Natürliche abgeht. O’Morphi gefiel ihr sehr, und ihre Geschichte, die ich ihr mit allen Einzelheiten erzählte, erschien ihr sehr merkwürdig. Das Bildnis der schönen Nonne M.M., erst im Nonnenkleide und dann als Venus, erregte ihre Heiterkeit; sie sprach den lebhaftesten Wunsch aus, auch ihre Geschichte kennen zu lernen; aber ich schlug ihr dies ab.

Als es Zeit zum Mittagessen war, wurde uns eine ausgezeichnete Mahlzeit aufgetragen, und wir verbrachten zwei köstliche Stunden damit, uns an Speise und Trank zu erquicken und uns zu unterhalten. Mir war es, wie wenn ich durch ein Wunder vom Tode zum Leben auferstanden wäre, und Esther war überaus froh, mein Arzt gewesen zu sein. Bevor wir vom Tische aufstanden, sagte ich ihr, ich würde gleich am nächsten Tage Manons Bild an deren Gemahl schicken; aber ihr ausgezeichnetes Herz gab ihr bald ein Mittel ein, mir davon abzuraten, was ihr nicht schwer wurde.

Als wir nämlich gleich nachher vor dem hellflackernden Kaminfeuer saßen und plauderten, nahm sie Papier, errichtete die Pyramiden und schrieb die Schlüsselbuchstaben O.S.A.D. darüber. Sie fragte das Orakel, ob ich recht daran tun würde, das Bild dem Gatten zu übersenden, oder ob es edelmütiger und schicklicher sein sollte, es der ungetreuen Manon zurückzuschicken. Während des Rechnens sagte sie mir oft mit einem lieblichen Lächeln: »Ich habe die Antwort nicht vorbereitet; Sie können es mir glauben.« Ich tat, als glaubte ich ihr, und wir lachten wie zwei Auguren, die sich ungesehen von aller Welt begegnen. Die Antwort lautete, ich müsse das Bild zurückschicken, aber an die, die es mir gegeben habe; es an den Mann zurückzuschicken, wäre eine tadelnswerte Handlungsweise, die eines Ehrenmannes unwürdig wäre.

Ich stimmte der Antwort zu und küßte zwanzigmal die Pythonissa. Ich versprach ihr, der Vorschrift des Orakels pünktlich zu folgen; aber ich fügte hinzu, ich sähe mit Befriedigung, daß ich sie nicht in der Wissenschaft zu unterweisen brauchte, denn sie beherrschte sie bereits ebenso vollkommen wie derjenige, der sie erfunden hätte.

Ich sagte die Wahrheit; aber Esther lachte, und da sie fürchtete, ich könnte es allen Ernstes glauben, gab sie sich die allergrößte Mühe, mich vom Gegenteil zu überzeugen.

An solchen Tändeleien hat die Liebe ihre Freude; auf solche Weise wächst sie und wird in kurzer Zeit riesengroß.

»Wäre es allzu neugierig von mir,« sagte Esther, »wenn ich Sie fragte, wo Ihr Porträt ist? Manon schreibt Ihnen in ihrem Briefe, sie sende es Ihnen zurück, aber ich habe es nicht gesehen.«

»In meinem ersten Verdruß habe ich es fortgeworfen, ich weiß nicht mehr wohin. Sie begreifen, daß so ein Ding, das mir mit Verachtung zurückgeschickt wird, mir nicht angenehm sein kann.«

»Suchen wir es, lieber Freund, ich möchte es sehen.«

Wir fanden es bald auf meiner Kommode unter einem Haufen von Büchern. Esther betrachtete es lange und sagte, es sei sprechend ähnlich.

»Ich würde es Ihnen anbieten, liebe Freundin, wenn ein solches Geschenk Ihrer würdig wäre.«

»Ei! welches wertvollere Geschenk könnten Sie wohl machen?«

»Sie wollen es wirklich annehmen, Esther, obgleich es bereits in andere Hände gekommen ist?«

»Dadurch wird es in meinen Augen nur um so wertvoller.«

Wir mußten uns endlich trennen, aber wir hatten einen Tag verbracht, den man köstlich nennen kann, wenn man das Glück in gegenseitiger Zufriedenheit und ohne Beimischung einer heftigen oder stürmischen Leidenschaft sucht. Um zehn Uhr ging sie, nachdem sie von mir das Versprechen empfangen hatte, daß ich den ganzen nächsten Tag bei ihr verbringen würde.

Nach einem ununterbrochenen neunstündigen Schlaf erhob ich mich frisch und vollkommen gesund. Ich eilte zu Esther; sie schlief noch, aber ihre Gouvernante weckte sie trotz meinen dringenden Bitten, sie noch schlummern zu lassen.

Sie empfing mich, im Bette sitzend, mit dem angenehmsten Lächeln, und indem sie auf meinen umfangreichen, auf dem Nachttisch liegenden Briefwechsel mit Manon zeigte, sagte sie, sie habe mit Teilnahme bis zwei Uhr morgens darin gelesen. Das reizende Mädchen sah entzückend aus. Ein hübsches Batisthäubchen, mit hellblauen Bändern und mit Spitzen besetzt, zierte ihr reizendes Gesicht, und ein leichtes Tuch von indischem Musselin, das sie in aller Eile über ihren Elfenbeinnacken geworfen hatte, verbarg mir nur zur Hälfte ihren Alabasterbusen, dessen Form einen Praxiteles beschämt haben würde. Sie erlaubte mir, von ihren Rosenlippen hundert Küsse zu pflücken, die immer feuriger wurden, da der Anblick so vieler Reize nicht dazu angetan war, mich abzukühlen; aber ihre schönen Hände verteidigten hartnäckig zwei Halbkugeln, welche meine Hände mit brennender Begier zu ergreifen suchten.

Ich setzte mich neben sie und versicherte ihr mit inniger Überzeugung, daß ihre göttlichen Reize und ihr überlegener Geist sehr geeignet wären, mich alle Manons der ganzen Erde vergessen zu lassen.

»Ist sie denn auch am ganzen Leibe schön, Ihre Manon?«

»Ich weiß es nicht, liebe Esther, denn da ich nicht ihre Gatte geworden bin, so habe ich mich nicht davon überzeugen können.«

»Ich lobe Ihre weise Verschwiegenheit,« sagte sie lächelnd; »diese ziemt sich für einen zartfühlenden Mann.«

»Ich habe von ihrer Amme erfahren, daß sie vollkommen tadellos gewachsen ist, und daß kein Fleck, kein Mal die Weiße ihrer Haut beeinträchtigt.«

»Von mir müssen Sie wohl einen anderen Begriff haben?«

»Ja, meine Esther, denn das Orakel hat mir das große Geheimnis enthüllt, das Sie kennen zu lernen wünschten. Dies hindert mich aber nicht, zu glauben, daß Sie überall vollkommen schön sind.«

Hierbei machte ich einen Schnitzer, der beinahe zu meiner Schande ausgeschlagen wäre, denn ich fügte hinzu: »Wenn ich Ihr Gatte würde, könnte ich die Berührung dieses Males leicht vermeiden.«

»Sie glauben also,« sagte sie errötend, und mit einem etwas gekränkten Tone, »Sie glauben also, daß Sie bei einer Berührung etwas bemerken würden, was Ihre Begierden vermindern könnte?«

Diese Frage, die mich vollständig entlarvte, brachte mich in größte Verwirrung. Ich vergoß Tränen darüber und bat sie in einem Tone so aufrichtiger Reue um Verzeihung, daß sie aus Mitgefühl ihre Tränen mit den meinigen vermischte. Unsere Vertraulichkeit wurde dadurch noch größer, denn als ich ihre Tränen mit meinen Lippen getrocknet hatte, entflammte uns in einem Augenblick dasselbe Feuer, und hätte nicht die Klugheit lauter gesprochen als unsere Begierden, so wäre ohne Zweifel in diesem Augenblick alles vollbracht worden. So hatten wir nur eine süße Entzückung, die uns an die süßen Genüsse denken ließ, welche wir uns verschaffen konnten, sobald wir wollten. Drei Stunden gingen schnell dahin! Sie bat mich, in ihr Arbeitszimmer zu gehen, damit sie Zeit hätte, sich anzukleiden; hierauf gingen wir miteinander herunter und speisten mit dem armen Sekretär, der sie anbetete. Sie liebte ihn nicht, und es mußte ihm sehr unangenehm sein, mich so vertraut mit ihr zu sehen.

Den ganzen Rest des Tages verbrachten wir in vertraulichen Gesprächen, wie man sie führt, wenn zwischen zwei Menschen verschiedenen Geschlechts, die zu untrennbarer Vereinigung für einander geschaffen zu sein glauben, die ersten Grundlagen innigster Freundschaft gelegt sind. Auch im Salon durchglühte uns das Feuer der Liebe, aber wir waren hier nicht so frei, wie im Schlafzimmer. In der Luft des Schlafzimmers eines geliebten Weibes liegt ein so intimer Reiz, ein so balsamischer Duft, eine so wollüstige Ausdünstung, daß ein Liebhaber, der zwischen dem Himmel und diesem Ort der Wonne zu wählen hätte, nicht einen Augenblick schwanken würde.

Wir trennten uns, das Herz von Glück geschwellt, mit dem Ausruf: »Auf morgen!«

Ich war in Esther wirklich verliebt; denn in meinen Empfindungen für sie war etwas Sanfteres, Ruhigeres, und doch zugleich Lebhafteres als jene Sinnenliebe, die niemals frei von einer stürmischen Erregung ist. Ich war fest überzeugt, sie dahin bringen zu können, daß sie mich heiratete, ohne von mir zu verlangen, sie eine Wissenschaft zu lehren, die ich nicht lehren konnte. Ich bereute es, sie nicht bei dem Glauben gelassen zu haben, daß ihre Wissenschaft der meinigen gleich wäre; denn es dünkte mich unmöglich, sie davon zu überzeugen, daß ich sie getäuscht hatte, ohne zugleich in ihr eine Entrüstung zu erregen, die stärker sein würde, als ihre Liebe zu mir. Esther war das einzige Weib, um das ich Manon vergessen konnte, die mir bereits dessen, was ich für sie hatte tun wollen, unwürdig zu sein schien.

Als Herr d’O. von seiner Reise zurückkam, speiste ich mit ihm zusammen. Er hatte mit Vergnügen vernommen, daß seine Tochter mich geheilt hatte, indem sie einen ganzen Tag bei mir zubrachte. Als wir allein waren, sagte er uns, er habe im Haag gehört, daß der Graf St.-Germain das Geheimnis besitze, Diamanten zu machen, die sich von echten nur durch das Gewicht unterschieden – was nach Herrn d’O.s Meinung genügte, um ihm ein glänzendes Vermögen einzubringen. Ich würde ihm großen Spaß gemacht haben, wenn ich ihm alles hätte erzählen können, was ich über diesen Scharlatan wußte.

Am nächsten Abend führte ich Esther ins Konzert; sie sagte mir: »Morgen werde ich mein Zimmer nicht verlassen; da können wir in aller Gemächlichkeit über unsere Heirat sprechen.«

Es war der letzte Tag des Jahres 1759.

Dreizehntes Kapitel


Ich kläre Esther auf. – Ich reise nach Deutschland. – Mein Abenteuer in der Nähe von Köln. – Die Frau des Bürgermeisters. – Ich mache ihre Eroberung. – Ball in Bonn. – Freundliche Aufnahme von Seiten des Kurfürsten von Köln. – Frühstück in Brühl. – Erste Vertraulichkeit. – Ich erscheine ohne Einladung bei einem Souper des Generals Ketteler. – Ich bin glücklich. – Abreise von Köln. – Die kleine Toscana. – Das Kleinod. – Ankunft in Stuttgart.

Das Stelldichein, das Esther mir gegeben hatte, konnte bedeutungsvoll werden; die Liebe hatte es mir verschafft, aber ich glaubte, die Ehre als Teilnehmerin hinzuziehen zu müssen. Ich begab mich also zu ihr mit dem festen Entschluß, das reizende Mädchen nicht zu mißbrauchen, sondern sie sogar auf Kosten meines eigenen Glückes aufzuklären, wenn es nötig sein sollte; doch hoffte ich immerhin, daß ich diese Gefahr würde vermeiden können.

Ich fand sie in ihrem Bett, und sie sagte mir, sie würde den ganzen Tag liegen bleiben. Ich billigte diesen Entschluß, denn ich fand sie in dieser Lage entzückend. »Wir werden arbeiten, lieber Freund,« sagte sie zu mir.

Ihre Gouvernante stellte ein Tischchen neben ihr Bett, und Esther gab mir ein Papier mit Fragen, die alle darauf hinausliefen, daß ich ihr meine vermeintliche Wissenschaft mitteilen müßte, bevor ich ihr Gatte würde. Alle Fragen waren kunstvoll gestellt; alle bezweckten, das Orakel zu zwingen, entweder mir die Erfüllung dieses Wunsches anzubefehlen oder dieselbe ausdrücklich zu verbieten. Ich sah die Schlinge und war nur darauf bedacht, ihr auszuweichen, während ich über die Fragen nachzudenken schien. Ich konnte das Orakel nicht nach Esthers Wunsch sprechen lassen, und ebensowenig konnte ich es ein ausdrückliches Verbot aussprechen lassen; denn ich befürchtete, daß sie aus Ärger darüber sich an mir rächen würde. Ich mußte indessen so tun, als ob ich den besten Willen hätte, und es gelang mir, durch zweideutige Antworten mich aus der Verlegenheit zu ziehen, bis der gute Papa kam und mich zum Essen rief.

Er erlaubte seiner Tochter im Bett zu bleiben, jedoch nur unter der Bedingung, daß sie in diesen Tagen nicht mehr arbeitete; denn er befürchtete, daß durch die Anstrengung ihr Kopfweh sich verschlimmern konnte. Sie versprach es ihm, und ich war sehr froh darüber. Nach Tisch ging ich wieder zu ihr, und da ich sie eingeschlafen fand, setzte ich mich neben ihr Bett und behütete ihren Schlummer.

Nach ihrem Erwachen schlug ich vor, uns einen Augenblick mit Lesen zu beschäftigen; wie durch eine Eingebung fielen mir Colardeaus Heroiden in die Hände, und die Geschichte von Abaelard und Héloise setzte uns ganz in Feuer; dieses so süße und belebende Feuer ging auch in unser Gespräch über, und wir sprachen von dem Geheimnis, das das Orakel ihr enthüllt hatte.

»Aber, liebe Esther,« fragte ich sie, »hat denn das Orakel dir nicht etwas gesagt, was dir längst bekannt war?«

»Nein, mein Freund, das Geheimnis war mir völlig unbekannt und mußte mir unbekannt sein.«

»Du bist also niemals neugierig gewesen, dich selber kennen zu lernen?«

»Wie neugierig ich auch gewesen sein mag – die Natur hat das Mal so angebracht, daß es nur entdeckt werden kann, wenn man danach sucht.«

»Du hattest es also niemals gefühlt?«

»Es läßt sich nicht fühlen!«

»Das glaube ich nicht.«

Sie erlaubte meiner Hand eine unbescheidene Untersuchung und meine Finger durchstreiften mit Entzücken den Vorhof des Liebestempels. Es war kein Wunder, daß dadurch das Feuer in offene Flammen ausbrach. Da ich den Gegenstand meines Suchens nicht finden konnte und mehr als einen trügerischen Genuß wünschte, so erhielt ich die Erlaubnis, mich mit eigenen Augen überzeugen zu müssen, daß das Mal wirklich vorhanden wäre. Weiter ging aber auch ihr Entgegenkommen nicht, und ich mußte mich mit tausend Küssen begnügen, die ich voller Glut auf alle Teile drückte, die die Bescheidenheit meinen Blicken nicht mehr vorenthielt.

Gesättigt von Glück, obwohl ich den höchsten Genuß nicht erreicht hatte, den sie wohlweislich mir verwehrte, beschloß ich, nachdem wir zwei Stunden diesen unvergleichlichen Spielen gewidmet hatten, ihr die Wahrheit zu gestehen, obwohl ich nicht ohne Furcht war, daß sie unwillig würde, wenn ich ihr zeigte, wie sehr ich ihr Vertrauen gemißbraucht hatte.

Esther war sehr klug und gerade deshalb hatte ich sie täuschen können; wäre sie weniger klug gewesen, so würde es mir niemals gelungen sein. Sie hörte mich an, ohne in Erstaunen zu geraten, ohne mich zu unterbrechen und ohne eine Spur von Zorn zu zeigen. Als ich mit meiner langen und aufrichtigen Beichte fertig war, sagte sie zu mir: »Ich weiß, du liebst mich ebenso sehr wie ich dich, und da ich finde, daß das Bekenntnis, das du mir anvertraut hast, nicht wahr sein kann, so bin ich überzeugt, daß du nur darum das Geheimnis deiner Wissenschaft mir nicht mitteilst, weil es nicht in deiner Macht steht, dies zu tun. Ich verspreche dir daher, nicht mehr in dich zu dringen, etwas zu tun, was du nicht willst oder nicht kannst. Laß uns bis zum Tode in zärtlicher Liebe vereinigt sein und sprechen wir nicht mehr davon.«

Nach einem kurzen Schweigen fuhr sie fort: »Ich verzeihe Ihnen, lieber Freund, aber wenn die Liebe Ihnen den Mut genommen hat, aufrichtig zu sein, so beklage ich Sie. Sie haben mich zu fest von der Tatsächlichkeit Ihrer Wissenschaft überzeugt, als daß Sie meinen Glauben erschüttern könnten. Er steht fest. Sie konnten niemals etwas wissen, was ich selber nicht wußte, und was keinem Sterblichen bekannt sein konnte.«

»Und wenn ich Ihnen beweise, daß ich wissen mußte, daß Sie dieses Mal hätten – wenn ich Ihnen beweise, daß ich sogar annehmen konnte, daß Sie von dessen Vorhandensein nichts wußten, wird dann Ihr Glauben an das Orakel erschüttert sein, und werden Sie endlich an meine Aufrichtigkeit glauben?«

»Sie wußten es? Wie hatten Sie es denn gesehen? Das ist unglaublich!«

»Ich werde Ihnen alles sagen.«

Ich erklärte ihr die Theorie von der Übereinstimmung der Mäler am menschlichen Körper; um sie vollends zu überzeugen, sagte ich ihr zum Schluß, ihre Gouvernante, die ein großes Muttermal auf der rechten Wange habe, müsse ein ähnliches Zeichen auf der linken Hinterbacke habe». Esther lachte laut auf und sagte: »Ich werde das erfahren; aber mein lieber Freund, ich muß dich um so mehr bewundern, da ich dich im Besitze von Kenntnissen sehe, die außer dir auf der ganzen Welt kein Mensch hat.«

»Glaubst du, gute Esther, ich sei der einzige Mitwisser des Geheimnisses? Glaube das ja nicht! Dies wissen alle, die sich mit Anatomie oder Physiologie beschäftigt haben oder auch nur mit Astrologie, die eine chimärische Wissenschaft ist, wenn man sie so weit treibt, daß man durch Betrachtung der Gestirne das Bestimmende unserer Handlungen und Geschicke finden will.«

»O! ich bitte dich, verschaffe mir morgen, aber ganz gewiß schon morgen, alle Bücher, aus denen ich viele Dinge dieser Art lernen kann. Ich möchte recht schnell eine Gelehrte werden, um alle Unwissenden durch meine Zahlenkabbala in Erstaunen setzen zu können; denn ich sehe wohl, um den großen Haufen in Verwunderung zu setzen, muß man Scharlatanerie mit Wissen verbinden. Ich will mich ganz und gar dem Studium widmen. Wir können, lieber Freund, uns bis zu unserem Tode lieben; dazu brauchen wir uns nicht zu verheiraten.«

Fröhlich und zufrieden ging ich in meinen Gasthof. Ich fühlte mich von einer ungeheuren Last befreit. Am nächsten Morgen kaufte ich alle Werke, die mir geeignet schienen, sie zu belehren und zugleich zu unterhalten, und brachte sie ihr als Gabe dar. Die Bücher waren teils gut, teils schlecht, aber ich gab ihr die notwendigen Anweisungen, um sie unterscheiden zu können, besonders mein Conis gefiel ihr, weil sie an ihm die Kennzeichen der Wahrheit fand. Da sie durch das Orakel glänzen wollte, so mußte sie sich tüchtige Kenntnisse in der Physik erwerben, und ich zeigte ihr den Weg dazu.

Um jene Zeit kam ich auf den Gedanken, vor meiner Rückkehr nach Paris eine kleine Reise nach Deutschland zu machen. Ich teilte meine Absicht Esther mit, und sie bestärkte mich darin, nachdem ich ihr versichert hatte, daß ich vor dem Ende des Jahres zu ihr zurückkehren würde. Mein Versprechen war aufrichtig gemeint, und wenn ich auch dies reizende und außerordentliche Weib nicht wiedergesehen habe, so kann ich mir doch nicht den Vorwurf machen, sie getäuscht zu haben; denn nur die Ereignisse, die mir seitdem zustießen, verhinderten mich, ihr Wort zu halten.

Ich schrieb an Herrn d’Affry und bat ihn, mir einen Paß zu schicken, dessen ich für eine Reise im Deutschen Reich bedürfte, wo damals die Franzosen und alle kriegführenden Mächte im Felde lagen. Er antwortete mir sehr höflich, ich hätte keinen Paß nötig; wenn ich aber der entgegengesetzten Meinung sei, würde er mir sofort einen schicken. Sein Brief genügte mir; ich legte ihn zu meinen Papieren, und er verschaffte mir in Köln mehr Ansehen, als alle möglichen Ausweisschriften.

Ich ließ alle Guthaben, die ich bei verschiedenen Bankiers hatte, an Herrn d’O. überweisen, und der wackere Mann, der mein aufrichtiger Freund war, gab mir dafür einen Kreditbrief auf ein Dutzend der bedeutendsten Handlungshäuser Deutschlands.

Nachdem ich meine Angelegenheiten geordnet und meinen Postwagen aus Masdyk hatte kommen lassen, reiste ich ab. Ich verfügte über eine Summe von ungefähr hunderttausend holländischen Gulden und besaß herrlichen Schmuck und ausgezeichnete Garderobe. Meinen Schweizer Lakai schickte ich nach Paris zurück und behielt nur meinen treuen Spanier, der diesmal hinten aufsteigen mußte.

Hiermit endet die Geschichte meines zweiten Aufenthaltes in Holland, wo ich diesmal nichts für mein Vermögen tat. Ich hatte hier etliches Ungemach und einige Scherereien auszustehen, die ich meiner Unvorsichtigkeit verdankte; aber, indem ich nach so vielen Jahren an jene Zeit zurückdenke, erkenne ich mit Vergnügen an, daß mein Mißgeschick durch die süßen Genüsse, die ich Esther verdankte, reichlich wieder gut gemacht wurde.

Ich hielt mich nur einen Tag in Utrecht auf, um die Niederlassung der Herrnhuter zu besichtigen, und kam am übernächsten Tag gegen Mittag in Köln an – ohne Schaden zwar, jedoch nicht ohne Gefahr; denn eine halbe Meile vor der Stadt schlugen fünf Deserteure, drei rechts, zwei links vom Wege, ihre Gewehre auf mich an und schrien: »Die Börse oder das Leben!« Ich aber ergriff mein Pistol, schlug auf den Postillon an und drohte ihm, ihn aus dem Sattel zu schießen, wenn er nicht im Galopp führe. Die Räuber schossen ihre Gewehre gegen meinen Wagen ab, trafen aber weder Menschen noch Pferde, da sie nicht so klug waren, auf den Postillon zu schießen.

Ich hätte es machen sollen wie die Engländer, die stets eine leichte Börse für die Straßenräuber bereithalten; eine solche hätte ich den armen Teufeln gerne zugeworfen, aber meine Börse war reich gespickt, und da ich nicht soviel Zeit hatte, ihnen ihren angemessenen Anteil abzuzählen, so wagte ich mein Leben, um nicht ausgeplündert zu werden. Mein Spanier war ganz erstaunt, daß ihn keine von den Kugeln getroffen hatte, die ihm um die Ohren gepfiffen waren.

In Köln lagen die Franzosen im Winterquartier. Ich fand in der »Goldenen Sonne« Unterkunft. Als ich in den Speisesaal eintrat, war der erste, den ich erblickte, der Graf de Lastic, ein Neffe der Frau von Urfé. Er begrüßte mich auf das Zuvorkommendste und erbot sich, mich zum Platzkommandanten, Herrn de Torcy, zu führen. Ich nahm dies gerne an, und der Herr Kommandant begnügte sich mit dem Briefe des Herrn d’Affry. Ich erzählte ihm, was mir unterwegs zugestoßen war, und er beglückwünschte mich wegen des guten Ausganges des Abenteuers, tadelte aber zugleich mit soldatischer Offenherzigkeit meine unnütze Mutaufwendung.

»Sie haben ein gewagtes Spiel gespielt, um Ihr Geld zu retten, aber sie konnten dabei ein Glied einbüßen, und das läßt sich nicht mit Geld ersetzen.«

Ich antwortete ihm, man vermindere oft die Größe der Gefahr, indem man ihr trotze. Wir lachten. Hierauf sagte er mir, wenn ich es mit meiner Abreise nicht sehr eilig hätte, würde er mir wahrscheinlich das Vergnügen verschaffen, sie am Galgen zu sehen.

»Ich habe die Absicht, morgen abzureisen; aber wenn mich irgendetwas in Köln zurückhalten könnte, so wäre es ganz gewiß nicht die Neugier, der Hinrichtung von ein paar armen Teufeln beizuwohnen. Derartige Unterhaltungen sind durchaus nicht nach meinem Geschmack.«

Ich mußte von Herrn de Lastic eine Einladung zum Mittagessen annehmen; nachher überredete er mich, mit ihm und seinem Freunde, Herrn de Flavacour, einem sehr liebenswürdigen höheren Offizier, ins Theater zu gehen. Ich war überzeugt, daß man mich einigen Damen vorstellen würde, und da ich einen guten Eindruck zu hinterlassen wünschte, so verwandte ich eine volle Stunde auf meinen Anzug.

Ich saß in einer Loge, und mir gegenüber saß eine hübsche Frau, die mich wiederholt durch ihr Glas betrachtete. Weiter war nichts nötig, um mich neugierig zu machen, und ich bat Herrn von Lastic, mich ihr vorzustellen, was er mit der größten Bereitwilligkeit tat. Zunächst stellte er mich dem Grafen Ketteler vor, der als österreichischer Generalleutnant sich bei dem Hauptquartier der französischen Armee befand, wie der französische General Montacet dem österreichischen Hauptquartier zugewiesen war. Hierauf nannte der Graf meinen Namen der hübschen Dame, deren Schönheit mir beim Betreten der Loge sofort aufgefallen war. Sie grüßte mich mit anmutigem Lächeln und fragte mich nach allerlei über Paris, Brüssel, wo sie erzogen worden war, schien aber auf meine Antworten nicht im mindesten zu achten, da meine Spitzen und Juwelen ihre volle Aufmerksamkeit fesselten.

Während wir von diesem und jenem sprachen, wie eben Leute es tun, die sich zum erstenmal sehen, fragte sie mich mit einem plötzlichen, obgleich vollkommen höflichen Übergang, ob ich mich in Köln längere Zeit aufzuhalten gedächte.

»Ich beabsichtige schon morgen über den Rhein zu gehen und werde wahrscheinlich mein Mittagessen in Bonn einnehmen.«

Diese Antwort, die ich ihr in demselben gleichgültigen Ton gab, wie sie ihre Frage gestellt hatte, schien sie zu ärgern. Ich betrachtete dies als ein gutes Vorzeichen. General Ketteler, der in diesem Augenblick aufgestanden war, sagte zu mir: »Ich bin überzeugt, mein Herr, daß es der gnädigen Frau gelingen wird, Sie zur Verschiebung Ihrer Abreise zu veranlassen, und es wird mich sehr freuen, wenn dies mir das Vergnügen verschafft, Ihre nähere Bekanntschaft zu machen.«

Ich verbeugte mich; er ging mit Lastic hinaus und ließ mich mit der entzückenden Schönheit allein. Sie war die Gemahlin des Bürgermeisters, der der General Ketteler fast niemals von der Seite wich.

Sie fragte mich in entgegenkommendem Tone: »Täuscht der Graf sich auch nicht, indem er mir solche Macht beimißt?«

»Ich glaube es nicht, meine Gnädigste; aber er könnte sich wohl täuschen, wenn er annähme, daß Sie von dieser Macht Gebrauch machen wollten.«

»Ausgezeichnet! Da müssen wir ihn also anführen, wäre es auch nur, um ihn für seine vorlaute Bemerkung zu bestrafen. Bleiben Sie!«

Ich fand solche Sprache so neu, daß ich glaube, ich habe ein etwas dummes Gesicht dazu gemacht; ich mußte mich erst sammeln. Konnte ich erwarten, in Köln etwas Derartiges zu finden? Das Wort vorlaute Bemerkung schien mir außerordentlich treffend, der Gedanke der Bestrafung sehr richtig und der Ausdruck ihn anführen köstlich, um so mehr, da es ein göttlicher Gedanke war, sich meiner zum Zwecke dieses Anführens zu bedienen. Es wäre nach meiner Meinung eine Dummheit gewesen, der Sache tiefer auf den Grund gehen zu wollen. Ich nahm daher eine ergebene und dankbare Miene an und beugte mich über ihre Hand, die ich halb achtungsvoll, halb gefühlvoll küßte, wodurch ich, ohne geradezu meine Empfindungen deutlich zu erklären, ihr doch zu verstehen gab, daß ich nicht schwer zu zähmen sein würde.

»Sie werden also bleiben, mein Herr, und das wird sehr liebenswürdig von Ihnen sein; denn wenn Sie morgen schon abreisten, könnte man glauben, Sie hätten sich nur sehen lassen, um uns Ihre Mißachtung zu bezeigen. Der General gibt morgen einen Ball, und ich hoffe, daß Sie mit mir tanzen werden.«

»Wenn ich hoffen darf, Madame, daß Sie sich für den ganzen Ball mit mir engagieren.«

»Ich verspreche Ihnen, mit niemandem außer Ihnen zu tanzen, bis Sie müde sind.«

»Sie werden also nur mit mir tanzen?«

»Aber woher haben Sie denn diese Pomade, deren balsamischer Duft die ganze Luft erfüllt? Ich habe sie gerochen, sowie Sie den Saal betraten.«

»Ich habe sie aus Florenz kommen lassen, und wenn Sie sie belästigt, gnädige Frau, werde ich sie künftighin verschwinden lassen.«

»Tun Sie dies ja nicht! Das wäre der reine Mord. Ich wäre glücklich, mir solche Pomade verschaffen zu können.«

»Und ich wäre überglücklich, wenn Sie mir gnädigst gestatten wollten, Ihnen morgen früh einen kleinen Vorrat zu schicken.«

In demselben Augenblick, wo ich meinen Satz beendete, öffnete sich die Tür, und der Eintritt des Generals verhinderte sie, mir zu antworten. Ich stand auf, um mich zu entfernen; der Graf aber richtete an mich das Wort und sagte: »Ich bin überzeugt, die gnädige Frau hat Sie zu bewegen gewußt, Ihre Abreise zu verschieben und auf meinen Ball zu kommen?«

»Sie hat mich gütigst hoffen lassen, daß Sie mir diese Ehre gewähren würden und daß ich die Ehre haben werde, die Kontertänze mit ihr zu tanzen. Wie kann man da widerstehen, Herr General?«

»Sie haben recht, und ich bin der gnädigen Frau dankbar, daß sie Sie zum Bleiben überredet hat. Ich werde die Ehre haben, Sie bei mir zu erwarten.«

Ich verließ die Loge, verliebt, und war in meiner Hoffnung beinahe glücklich. Meine gebenedeiete Pomade war ein Geschenk von Esther, und ich bediente mich ihrer zum erstenmal. Die Schachtel enthielt vierundzwanzig Töpfe aus herrlichem Porzellan. Am nächsten Tage packte ich zwölf davon in ein elegantes Kästchen, das ich in Wachstuch einhüllen ließ, und schickte ihr das Paket versiegelt und ohne Begleitbrief, wie wenn es von einem Kommissionär abgeschickt worden wäre.

Ich verbrachte den Vormittag damit, unter der Führung eines Lohndieners die Stadt Köln zu besichtigen. Ich sah mir alle heroisch-komischen Wunder der großen Stadt an und lachte recht herzlich, als ich das Roß Bayard sah, das Ariosto so hoch gepriesen hat, und darauf die vier Haimonskinder. Es war der Herzog Amone, der Vater des unbesiegbaren Bradamante und des glücklichen Ricciardetto.

Ich speiste bei Herrn de Castries, und alle Gäste waren sehr erstaunt, daß der General Ketteler mich selber zu seinem Ball eingeladen hätte, denn er war sehr eifersüchtig auf seine Dame, die seine Bewerbungen nur duldete, weil sie ihrer Eitelkeit schmeichelten. Der liebe Graf war schon ein älterer Herr; sein Gesicht war wenig angenehm, und da seine geringen geistigen Fähigkeiten durchaus nicht das ersetzten, was ihm an körperlichen Vorzügen abging, so war er im ganzen recht wenig dazu angetan, geliebt zu werden. Trotz seiner Eifersucht konnte er nichts dagegen machen, daß ich beim Souper neben seiner Schönen saß und daß ich die ganze Nacht hindurch mit ihr plauderte oder tanzte. Die Nacht war köstlich, und ich kam so verliebt nach Hause, daß ich nicht mehr ans Abreisen dachte. Kühn gemacht durch unser Gespräch, wagte ich in einem Augenblick heißer Aufwallung ihr zu sagen, daß ich mich verpflichten wolle, den ganzen Karneval über in Köln zu bleiben, wenn sie mir eine Zusammenkunft verspräche.

»Und was würden Sie sagen, wenn ich Ihnen dies verspräche, nachher aber mein Versprechen nicht hielte?«

»Ich würde mich ganz allein über mein Schicksal beklagen, aber ohne Sie anzuschuldigen, ich würde sagen, es ist Ihnen unmöglich gewesen.«

»Sie sind sehr gütig; bleiben Sie also bei uns.«

Am Tage nach dem Ball machte ich ihr meinen ersten Besuch. Sie empfing mich sehr freundlich und stellte mich ihrem Gemahl vor, einem braven Mann, der weder jung noch schön, aber sehr freundlich war. Als sie nach einer Stunde den Wagen des Generals kommen hörte, flüsterte sie mir schnell zu: »Wenn der Graf Sie fragt, ob Sie nach Bonn gehen und den Ball beim Kurfürsten zu besuchen gedenken, so sagen Sie ja.«

Der General trat ein, wir wechselten die üblichen höflichen Redensarten, und ich entfernte mich. Ich wußte nicht, ob der Kurfürst oder sonst jemand einen Ball gab, und wann dieser stattfinden sollte; da aber ein Vergnügen in Aussicht stand, so erkundigte ich mich sofort und erfuhr, daß der ganze Adel von Köln eingeladen war. Es war ein Maskenball, folglich konnte ein jeder eintreten. Ich beschloß also hinzugehen, denn mir war, wie wenn mir dies ausdrücklich anbefohlen werde; auf alle Fälle war es mir gestattet, auf ein glückliches Zusammentreffen zu hoffen, da ja die liebenswürdige Dame ebenfalls dort sein würde. Da ich jedoch nach Möglichkeit unbekannt zu bleiben wünschte, so nahm ich mir vor, auf alle Fragen zu antworten, daß besondere Umstände mir nicht erlaubten, daran teilzunehmen.

Richtig kam es so, daß der Graf diese Frage in Gegenwart seiner Dame an mich stellte. Trotz dem von ihr erhaltenen Befehl, ihm mit ja zu antworten, sagte ich ihm, meine Gesundheit erlaube mir nicht, mir dieses Vergnügen zu verschaffen.

»Da sind Sie sehr vernünftig, mein Herr,« sagte der General zu mir, »man muß alle Vergnügen aufzuopfern wissen, wenn es sich um die Gesundheit handelt.«

Heute denke ich wie er; damals dachte ich anders.

Am Tage des Balls fuhr ich in der Dämmerung in einer Postkutsche ab; ich trug einen Anzug, den in Köln niemand kannte, und hatte einen Koffer bei mir, worin sich zwei Dominos befanden. So fuhr ich in aller Eile nach Bonn, nahm dort ein Zimmer und zog den einen Domino an, während ich den anderen in dem Koffer ließ, den ich gut verschloß. Dann ließ ich mich in einer Sänfte nach dem Schlosse tragen.

Ohne Schwierigkeit trat ich ein und sah, ohne erkannt zu werden, alle Kölner Damen unmaskiert in den Festsälen, unter ihnen auch meine Schöne, die an einem Pharaotische saß und dukatenweise setzte. Ich sah mit Vergnügen, daß der Bankhalter Graf Verità war, ein Veroneser, den ich in Bayern kennen gelernt hatte. Er stand in Diensten des Kurfürsten. Seine kleine Bank war höchstens fünf- oder sechshundert Dukaten stark, und es beteiligten sich höchstens zwölf Personen am Tisch, Herren und Damen zusammen gerechnet. Ich stellte mich neben meine Dame, der Bankhalter gab mir ein Buch und bot mir die Karten zum Abheben an. Ich entschuldigte mich durch eine Gebärde, und meine Nachbarin hob ab, ohne darum gebeten zu sein. Ich setzte zwölf Dukaten auf eine einzige Karte und verlor viermal hintereinander. Bei der zweiten Taille spielte ich wieder so; derselbe Erfolg. Bei der dritten Taille wollte niemand abheben; man bat den General, und dieser tat es, da er nicht spielte. Ich bekam den Einfall, sein Abheben würde mir Glück bringen und setzte fünfzig Dukaten auf eine einzige Karte; ich gewann, bot Paroli und sprengte in der nächsten Taille die Bank. Alle Welt war neugierig, man sah mich an, man ging hinter mir her. Ich benutzte jedoch einen günstigen Augenblick und entwischte.

In meinem Zimmer angekommen, schloß ich mein Geld ein, wechselte den Domino und kehrte auf den Ball zurück. Ich sah den Spieltisch von neuen Kämpen besetzt; ein anderer hielt die Bank und hatte viel Geld vor sich liegen; da ich aber nicht mehr spielen wollte, so hatte ich nur sehr wenig Geld bei mir behalten. Ich mischte mich unter alle Gruppen und hörte überall neugierige Erkundigungen, wer wohl die Maske sein möchte, die die erste Bank gesprengt hätte. Natürlich lag mir wenig daran, diese Neugier zu befriedigen; ich streifte rechts und links umher und entdeckte endlich den Gegenstand meines Suchens im Gespräch mit dem Grafen Verità.

Ich trat in ihre Nähe und hörte, daß sie sich von mir unterhielten. Der Graf sagte ihr, der Kurfürst hätte sich erkundigt, wer die Maske wäre, die seine Bank gesprengt hätte, und der General Ketteler hätte ihm gesagt, es könnte wohl ein Venetianer sein, der vor etwa acht Tagen in Köln angekommen wäre. Die Dame sagte ihm, sie glaube nicht, daß ich da wäre, denn sie hätte mich sagen hören, ich könnte meiner Gesundheit wegen nicht kommen.

»Ich kenne Casanova,« sagte der Graf, »und wenn er in Bonn ist, wird der Kurfürst es erfahren, und er wird nicht abreisen, ohne daß ich mit ihm gesprochen habe.«

Ich wußte natürlich, daß man nach dem Ball mich leicht entdecken könnte, aber ich forderte die Scharfsinnigsten heraus, dieses fertig zu bringen, so lange ich im Saale bliebe. Meine Absicht wäre mir auch gelungen, wenn ich vorsichtig gewesen wäre; aber als die Kontertänze begannen, bekam ich Lust zu tanzen und engagierte mich, ohne daran zu denken, daß ich genötigt sein würde, meine Maske abzunehmen. So kam es denn auch, als ich nicht mehr zurück konnte.

Als meine schöne Dame mich sah, sagte sie mir, sie hätte sich getäuscht; sie hätte wetten mögen, ich sei eine Maske, die die Bank des Grafen Verità, gesprengt hat. Ich antwortete ihr, ich käme soeben erst an. Als der Kontertanz zu Ende war, kam der Graf, der mich bemerkt hatte, auf mich zu und sagte mir: »Mein lieber Landsmann, ich bin überzeugt. Sie sind die Maske, die meine Bank gesprengt hat. Ich wünsche Ihnen Glück dazu.«

»Ich würde mir selber Glück dazu wünschen, wenn ich es wäre.«

»Ich bin meiner Sache sicher.«

Ich ließ ihn reden und lachte; nachdem ich am Büffet einige Erfrischungen zu mir genommen hatte, begann ich wieder zu tanzen. Zwei Stunden darauf kam der Graf lachend wieder und sagte zu mir: »Sie haben in demunddem Hause, in demunddem Zimmer ihren Domino gewechselt. Der Kurfürst weiß alles und hat mir, um Sie für diese Hinterlist zu bestrafen, befohlen, Ihnen zu sagen, daß Sie morgen nicht abreisen werden.«

»Er wird mich also verhaften lassen?«

»Warum nicht, wenn Sie sich weigern, morgen bei ihm zu speisen!«

»Sagen Sie Seiner Hoheit, ich sei in solchen Fällen gefügig und werde seinen Befehlen gehorchen. Wollen Sie mich wohl sofort vorstellen?«

»Er hat sich bereits zurückgezogen, aber kommen Sie morgen Mittag zu mir.«

Er gab mir die Hand und ging.

Ich erschien pünktlich zur verabredeten Zeit; aber als der Graf mich vorstellte, spielte ich einen Augenblick eine traurige Figur, denn der Kurfürst war von fünf oder sechs Hofleuten umgeben, und da ich ihn niemals gesehen hatte, so suchten meine Augen einen Geistlichen, den sie nirgends fanden. Er bemerkte meine Verlegenheit und machte derselben schnell ein Ende, indem er in schlechtem Venetianisch zu mir sagte: »Ich trage heute die Kleidung des Großmeisters des Deutschherrenordens.«

Trotz seiner Kleidung machte ich die übliche Kniebeugung; als ich ihm aber die Hand küssen wollte, verhinderte er mich daran, indem er mir herzlich die meinige schüttelte. Er sagte: »Ich war in Venedig, als Sie unter den Bleidächern gefangen saßen, und mein Neffe, der Kurfürst von Bayern, hat mir mitgeteilt, daß Sie sich nach Ihrer glücklichen Flucht einige Zeit in München aufhielten. Wenn Sie nach Köln gekommen wären, hätte ich Sie dort festgehalten. Ich hoffe, Sie werden nach Tisch so freundlich sein, uns die Geschichte Ihrer Flucht zu erzählen, werden dann zum Abendessen bleiben und an einer kleinen Maskerade teilnehmen, die wir zu unserer Belustigung veranstalten wollen.«

Ich erklärte mich natürlich bereit, meine Geschichte zu erzählen, vorausgesetzt, daß er die Geduld hätte, mich bis zum Ende anzuhören, da ich zwei Stunden dazu gebrauchen würde.

Er war so gütig, mir zu sagen: »Man langweilt sich nicht, wenn man ein Vergnügen genießt.«

Ich belustigte ihn, indem ich ihm das Gespräch erzählte, das ich mit dem Herrn Choiseul über dieses Thema gehabt hatte.

Bei Tisch sprach der Fürst fortwährend venetianisch mit mir und sagte mir die schmeichelhaftesten Dinge. Er war ein fröhlicher, freundlicher und gutmütiger Mann, dessen ganze Erscheinung den Eindruck der Gesundheit machte, so daß sich sein nahes Ende gewiß nicht voraussehen ließ. Er starb schon im folgenden Jahr.

Sobald wir vom Tisch aufgestanden waren, bat er mich, meine Erzählung zu beginnen. Ich war in angeregter Stimmung und hatte das Vergnügen, während zwei langer Stunden die Teilnahme der glänzenden Gesellschaft zu erregen.

Meine Leser kennen diese Geschichte, deren Hauptinteresse auf der wahrhaft dramatischen Situation beruht; aber es ist unmöglich, ihr schriftlich das Feuer mitzuteilen, das eine gut vorgetragene mündliche Erzählung ihr verleiht.

Der kleine Ball beim Kurfürsten war sehr nett. Wir waren alle als Bauern verkleidet, und die Anzüge wurden aus einer besonderen Garderobe des Fürsten geliefert. Die Damen hatten sich in einem anstoßenden Salon angekleidet. Es wäre lächerlich gewesen, andere Kostüme zu wählen, da der Kurfürst sich selber für dieses entschieden hatte. General Ketteler war von der ganzen Gesellschaft am besten verkleidet, denn er war ein Bauer von Natur. Die schöne Frau war entzückend. Es wurden nur Kontertänze und Allemanden getanzt. Von den anwesenden Damen gehörten nur vier oder fünf der vornehmen Gesellschaft an; alle anderen, mehr oder weniger hübschen, gehörten der Privatgesellschaft des Fürsten an, der sein ganzes Leben lang ein großer Liebhaber des schönen Geschlechtes war. Zwei von diesen Damen konnten die Furlana tanzen, und es machte dem Kurfürsten ein unendliches Vergnügen, uns tanzen zu sehen. Ich habe bereits gesagt, daß die Furlana ein venetianischer Tanz ist und daß es auf der ganzen Welt keinen heftigeren gibt. Er wird von einem Kavalier und einer Dame allein getanzt, und da die beiden Tänzerinnen ein Vergnügen darin fanden, sich abzulösen, so machten sie mich beinahe tot. Man muß sehr kräftig sein, um zwölf Touren zu machen, und nach meiner dreizehnten konnte ich nicht mehr und bat sie flehentlich, Mitleid mit mir zu haben.

Bald nachher tanzte man einen gewissen Tanz, wo man bei einer gewissen Tour eine Tänzerin ergreift und sie küßt; ich tat mir keinen Zwang an, sondern küßte meine Schöne feurig, so oft es mir gelang, ihr zu begegnen. Der Bauer-Kurfürst lachte darüber aus vollem Halse, und der Bauer-General platzte vor Ärger.

Während einer kurzen Pause fand die reizende und sehr originelle Frau Gelegenheit, mir im geheimen zu sagen, alle kölnischen Damen würden am nächsten Tage abreisen und es würde mir zur Ehre gereichen, wenn ich sie alle zum Frühstück in Brühl einlüde. »Schicken Sie einer jeden ein Briefchen mit dem Namen ihres Kavaliers und vertrauen Sie sich dem Grafen Verità an; er wird alles aufs beste besorgen, und Sie brauchen ihm bloß zu sagen, Sie wünschten es genau so zu machen wie vor zwei Jahren der Herzog von Zweibrücken. Verlieren Sie keine Zeit! Rechnen Sie auf etwa zwanzig Personen und bestimmen Sie die Stunde; die Hauptsache ist, daß Ihre Briefchen morgen früh vor neun Uhr bestellt sind.«

Dies alles sagte sie mit einer erstaunlichen Schnelligkeit. Ich war beinahe verzaubert von der Herrschaft, die diese außerordentliche Frau über mich auszuüben vermochte, und dachte nur daran, ihr zu gehorchen, ohne mich darüber zu besinnen, ob es auch richtig wäre. Brühl, Frühstück, zwanzig Personen, wie der Herzog von Zweibrücken, Briefchen an die Damen, Graf Verità; ich war vollkommen so gut unterrichtet, wie wenn sie mir alles eine Stunde lang auseinandergesetzt hätte.

Ich verließ in meinem Bauernkleide den Festsaal und bat einen Pagen, mich nach den Gemächern des Grafen Verità zu führen. Dieser lachte laut auf, als er mich in einem solchen Aufzuge sah. Ich trug ihm meine Angelegenheit mit der ganzen Wichtigtuerei eines Diplomaten vor, worüber er sich noch mehr belustigte.

»Ihre Sache ist leicht besorgt; sie kostet mir nur die Mühe, ein paar Zeilen an den Haushofmeister zu schreiben, und dies werde ich auf der Stelle tun; aber sagen Sie mir, wie viel Sie ausgeben wollen.«

»So viel wie möglich.«

»Sie wollen sagen, so wenig wie möglich?«

»Nein, nein! So viel wie möglich; denn ich will meine Gesellschaft prachtvoll bewirten.«

»Wir müssen jedoch eine bestimmte Summe aussetzen, denn ich kenne meinen Mann.«

»Nun, dann also zwei-, dreihundert Dukaten – ist das genug?«

»Zweihundert. Der Fürst von Zweibrücken hat auch nicht mehr ausgegeben.«

Er setzte sich hin, schrieb den Brief und gab mir sein Wort, alles werde bereit sein. Ich wandte mich hierauf an einen sehr aufgeweckten italienischen Pagen und sagte ihm, ich würde zwei Dukaten dem Bedienten geben, der mir sofort die Namen und Adressen der nach Bonn gekommenen kölnischen Damen und ihrer Kavaliere besorgen würde. In weniger als einer halben Stunde hatte ich das Gewünschte, und bevor ich den Ball verließ, meldete ich meiner Dame, alles werde bereit sein, wie sie es gewünscht habe.

Ich schrieb achtzehn Einladungsbriefe, bevor ich zu Bett ging, und am nächsten Morgen vor neun Uhr hatte ein zuverlässiger Lohndiener sie sämlich an ihre Adressen bestellt.

Um neun Uhr verabschiedete ich mich vom Grafen Verità. Er übergab mir im Auftrag des Kurfürsten eine prachtvolle goldene Tabaksdose mit seinem Porträt als Großmeister des Deutschen Ordens, in Diamanten gefaßt. Ich war sehr gerührt von diesem Zeichen des Wohlwollens und sprach dem Grafen meinen Wunsch aus. Seiner Hoheit vor meiner Abreise meinen Dank zu sagen; aber mein liebenswürdiger Landsmann sagte mir, ich könnte meine Absicht verschieben, bis ich auf der Reise nach Frankfurt wieder durch Bonn käme.

Um ein Uhr sollte das Frühstück stattfinden; um zwölf war ich bereits in Brühl. Dies ist ein Lusthaus dieses Kurfürsten, das außer der Mobiliareinrichtung nichts Bemerkenswertes aufzuweisen hat. Es ist eine dürftige Nachahmung von Trianon.

Ich fand in einem schönen Saale eine für vierundzwanzig Personen gedeckte Tafel: vergoldetes Silbergeschirr, Damasttischwäsche, prachtvolles Porzellan und auf dem Büffet eine Menge Silbergeschirr und große Schüsseln von vergoldetem Silber. An dem einen Ende des Saales standen zwei andere Tische, die mit Zuckerwerk und den besten europäischen und fremden Weinen besetzt waren. Ich stellte mich als den Amphitryon des Tages vor, und der Küchenmeister versicherte mir, ich werde zufrieden sein. »Der Imbiß,« sagte er, »wird nur aus vierundzwanzig Schüsseln bestehen; aber Sie werden vierundzwanzig Schüsseln englischer Austern und einen herrlichen Nachtisch haben.« Da ich eine große Zahl von Bedienten sah, sagte ich ihm, diese würden nicht notwendig sein. Aber er bemerkte mir, sie wären es doch, weil die Bedienten meiner Gäste grundsätzlich nicht zugelassen würden; ich möchte mir darum nur keine Sorge machen; der ganzen Dienerschaft wäre dieser Brauch bekannt.

Ich empfing alle meine Gäste am Kutschenschlag; ich brauchte ihnen kein anderes Kompliment zu machen, als daß ich wegen der Kühnheit, sie um die Ehre ihrer Anwesenheit gebeten zu haben, um Verzeihung bat.

Pünktlich um ein Uhr wurde aufgetragen, und ich hatte die Freude, mich an dem Erstaunen zu weiden, das sich in den Augen meiner Dame spiegelte, als sie sah, daß ich sie ebenso prachtvoll bewirtete wie ein deutscher Reichsfürst. Sie wußte, daß niemand daran zweifeln konnte, daß sie der unmittelbare Gegenstand dieses Aufwandes war, aber sie sah mit Freuden, daß ich sie nicht vor den anderen auszeichnete. Es waren vierundzwanzig Gedecke aufgelegt, und obwohl ich nur achtzehn Personen eingeladen hatte, waren alle Stühle besetzt. Drei Paare hatten sich also eingedrängt, aber diese Beeiferung machte mir Vergnügen. Als galanter Kavalier setzte ich mich nicht, sondern bediente die Damen, indem ich von einer zur anderen ging und im Stehen die auserlesenen Bissen aß, die sie um die Wette mir reichten, so sorgte ich dafür, daß alle zufriedengestellt wurden.

Die Austern gingen erst bei der zwanzigsten Flasche Champagner zu Ende, so daß die ganze Gesellschaft schon durcheinander sprach, als das eigentliche Frühstück begann. Dieses Frühstück hätte auch als ein prachtvolles Mittagessen bezeichnet werden können, und ich bemerkte mit großem Vergnügen, daß kein Tropfen Wasser getrunken wurde; denn Champagner, Tokayer, Rheinwein, Madeira, Malaga, Alicante, Cyper- und Kapwein vertragen keinen Wasserzusatz, und nur solche Weine wurden aufgetragen.

Vor dem Nachtisch wurde eine ungeheure Schüssel geschmorter Trüffeln aufgetragen; ich gab den Rat, Maraschino dazu zu trinken; den Damen gefiel dies, und sie tranken den Likör wie Wasser. Das Dessert war wirklich prachtvoll. Man sah dabei die Porträts aller europäischen Herrscher. Alle überhäuften den Küchenmeister mit Komplimenten; dies schmeichelte seiner Eitelkeit, und er sagte, um den Liebenswürdigen zu spielen, alle die Sachen vertrügen die Taschen, und nun steckte jeder nach Herzenslust ein, soviel er wollte.

General Ketteler hatte trotz seiner Eifersucht und trotz der Rolle, die er mich spielen sah, keine Ahnung von dem wirklichen Zusammenhang und sagte: »Ich wette, das ist ein Streich, den der Kurfürst uns zum Abschluß des Festes gespielt hat! Seine Hoheit hat das Inkognito wahren wollen, und Herr Casanova hat seine Rolle sehr gut gespielt.« Über diese Einfalt lachte die ganze Gesellschaft aus vollem Halse.

»Herr General,« sagte ich zu ihm, »wenn der Kurfürst mich mit einem solchen Auftrag beehrt hätte, so würde ich selbstverständlich gehorcht haben, aber er hätte mich gedemütigt. Seine Hoheit hat mir eine viel größere Gnade zu erweisen geruht. Sehen Sie!«

Mit diesen Worten reichte ich ihm die Dose, die zwei- oder dreimal um den Tisch wanderte.

Als wir fertig waren, standen alle auf, und ein jeder war erstaunt, drei Stunden lang eines Vergnügens genossen zu haben, das ein jeder doch gerne noch verlängert hätte. Aber endlich mußten wir uns doch trennen, und nach tausend schönen Komplimenten fuhren alle weiter, um noch rechtzeitig zum Theater zu kommen. Ebenso befriedigt wie meine Gäste, hinterließ ich dem Küchenmeister zwanzig Dukaten als Trinkgeld für die Dienerschaft. Außerdem versprach ich ihm, dem Grafen Verità schriftlich meine Zufriedenheit auszusprechen.

Ich kam in Köln noch früh genug an, um das kleine Stück zu sehen, das die französischen Schauspieler aufführten, und da ich keinen Wagen hatte, so ließ ich mich in einer Sänfte in das Theater bringen. Als ich in den Saal trat, erblickte ich den Grafen Lastic mit meiner Schönen. Ich sah darin ein gutes Vorzeichen und suchte sie auf. Als sie mich sah, sagte sie in traurigem Tone, der General befinde sich so unwohl, daß er sich habe zu Bett legen müssen. Als gleich darauf Herr von Lastic hinausging, ließ sie den Ton verstellter Traurigkeit fallen und sagte mir mit vollendeter Anmut tausend Komplimente, die mich hundertmal für mein Frühstück bezahlt machten. »Der General,« sagte sie, »hat zu viel getrunken; er ist ein häßlicher Neidhammel; er fand, es käme Ihnen nicht zu, uns wie ein Fürst zu bewirten. Ich habe ihm geantwortet. Sie hätten im Gegenteil uns wie Fürsten bewirtet, indem Sie wie ein Knecht, die Serviette über dem Arm, uns aufgewartet hätten. Er schimpfte mich aus, weil ich Sie verteidigte.«

»Warum schicken Sie ihn nicht zum Kuckuck, gnädige Frau? Ein Bauer, wie er, ist nicht der Mann, einer so ausgezeichneten Schönheit zu dienen!«

»Es ist zu spät, mein Freund. Eine Frau, die Sie nicht kennen, würde sich seiner bemächtigen. Ich müßte mich verstellen und das würde mir schmerzlich sein.«

»Das begreife ich vollkommen. Warum bin ich nicht ein großer Fürst! Einstweilen gestatten Sie mir, Ihnen zu sagen, daß ich viel kränker bin als Ketteler.«

»Ich hoffe, Sie scherzen!«

»Nein, durchaus nicht. Ich spreche in vollem Ernst: die Küsse, die ich so glücklich war auf dem Ball Ihnen zu rauben, haben mein Blut entzündet, und wenn Sie nicht so barmherzig sind, mir das einzige mögliche Heilmittel zu bewilligen, so werde ich von hier abreisen, um mein Leben lang unglücklich zu sein.«

»Verschieben Sie Ihre Abreise. Stuttgart kann Ihnen so sehr nicht am Herzen liegen. Ich denke an Sie, glauben Sie mir, und ich will Sie nicht betrügen; aber die Gelegenheit ist schwierig.«

»Wenn Sie heute Abend nicht den Wagen des Generals hätten und wenn ich den meinigen hätte, so könnte ich Sie in allen Ehren nach Hause bringen.«

»Seien Sie still! Sie haben Ihren Wagen nicht da – so ist es meine Sache, Sie nach Hause zu bringen. Der Einfall ist köstlich, lieber Freund, aber es darf nicht aussehen, wie wenn wir uns vorher verabredet hätten. Sie reichen mir den Arm und führen mich an meinen Wagen; ich frage Sie, wo Ihr Wagen sei; Sie sagen mir, Sie haben keinen; ich lade Sie ein, bei mir einzusteigen, und lasse Sie bei Ihrem Gasthof aussteigen. Es werden nur zwei Minuten sein, aber bis wir Besseres finden, ist es immerhin etwas.«

Ich antwortete ihr nur mit einem Blick, worin sich meine freudetrunkene Hoffnung auf Glück aussprach.

Das sehr kurze Stück schien mir eine Ewigkeit zu währen. Endlich fiel der Vorhang, und wir gingen hinaus. Am Kutschenschlag richtete sie die verabredeten Fragen an mich; als ich ihr aber sagte, ich hätte keinen Wagen, rief sie: »Ich fahre nach dem Gasthof des Generals, um mich nach seinem Befinden zu erkundigen; wenn Ihnen die Fahrt nicht zu lang ist, kann ich Sie auf dem Rückwege vor Ihrer Tür absetzen.«

Der Einfall war göttlich: wir mußten zweimal durch die lange schlecht gepflasterte Stadt fahren und gewannen dadurch ein bißchen Zeit. Unglücklicherweise war der Wagen halboffen, und auf der Hinfahrt schien der Mond uns ins Gesicht. Ich nannte ihn damals nicht das schützende Gestirn der Liebe. Wir taten, was wir konnten, aber das war so gut wie nichts, und dies Spiel brachte mich zur Verzweiflung, obgleich meine entzückende Partnerin ihr möglichstes tat, um den Genuß vollständig zu machen. Zum größten Unglück drehte der Kutscher, ein frecher neugieriger Bursche, zuweilen sich um, wodurch wir genötigt wurden, unsere Bewegungen zu mäßigen. Die Schildwache sagte dem Kutscher, Seine Exzellenz sei für niemanden zu sprechen, und wir fuhren hocherfreut nach meinem Gasthof, denn nun hatten wir den Mond im Rücken, und die Neugier des Kutschers war uns weniger lästig. Es ging ein bißchen besser, oder vielmehr ein bißchen weniger schlecht, als auf dem Hinwege, aber es kam mir vor, wie wenn die Pferde nur so über das Pflaster dahinsausten. Da ich jedoch die Notwendigkeit fühlte, für den Fall einer Wiederholung den Kutscher günstig zu stimmen, so gab ich ihm beim Aussteigen einen Dukaten.

Ermattet und unglücklich, obwohl verliebter denn je, ging ich zu Bett; denn meine Schöne hatte mich überzeugt, daß sie durchaus nicht gefühllos war, sondern die Wollust mit ebensolchem Feuer genoß, wie sie sie spendete. Unter diesen Umständen beschloß ich, Köln nicht eher zu verlassen, als bis ich mit diesem wahrhaft göttlichen Weibe den Becher der Lust geleert hätte; dies aber konnte, wie mich dünkte, erst gelingen, nachdem der General die Stadt verlassen hätte.

Am nächsten Mittag ging ich nach dem Gasthof des Generals, um mich einzuschreiben; er empfing jedoch, und man ließ mich eintreten. Madame war zugegen. Ich richtete an den General einige den Umständen angemessene Worte, aber der grobe Österreicher antwortete darauf nur mit einem recht kühlen Kopfnicken. Es standen viele Offiziere herum, und nach vier Minuten machte ich eine Verbeugung in die Runde und ging. Der Flegel hütete drei Tage lang das Zimmer, und da infolgedessen Madame nicht ins Theater kam, war ich des Vergnügens beraubt, sie zu sehen.

Am letzten Tage des Karnevals lud Ketteler eine Menge Leute zu einem Souper ein, auf welches ein Ball folgen sollte. Ich machte der liebenswürdigen Dame meine Aufwartung in ihrer Loge, und als ich mich einen Augenblick mit ihr allein befand, fragte sie mich: »Sind Sie vom General zum Souper eingeladen?«

»Nein.«

»Wie?« rief sie entrüstet; »Sie sind nicht eingeladen? Sie müssen trotzdem hingehen!«

»Wo denken Sie hin, gnädige Frau?« sagte ich sanft. »Ich werde Ihnen in allen Dingen gehorchen, nur hierin nicht!«

»Ich weiß alles, was Sie mir sagen können; aber Sie müssen trotzdem hingehen. Ich würde mich für entehrt halten, wenn Sie nicht an dem Abendessen teilnähmen. Wenn Sie mich lieben, werden Sie mir diesen Beweis Ihrer Zärtlichkeit, ich wage es zu sagen: Ihrer Achtung geben!«

»Sie verlangen es – ich werde hingehen. Aber sagen Sie mir, anbetungswürdiges Weib, fühlen Sie nicht, daß Ihr Befehl mich der Gefahr aussetzt, mein Leben zu verlieren oder ihn zu töten? Denn ich bin nicht der Mann, eine Beschimpfung hinunterzuschlucken.«

»Ich fühle alles. Ihre Ehre liegt mir ebenso sehr am Herzen wie meine eigene, ja sogar noch mehr; aber es wird Ihnen nichts geschehen: ich nehme alles auf mich. Sie müssen hingehen! Versprechen Sie es mir jetzt; denn mein Entschluß steht fest. Wenn Sie nicht hingehen, gehe ich auch nicht; aber dann dürfen wir uns niemals wiedersehen.«

»Ich werde hingehen; verlassen Sie sich auf mich.«

Da Herr von Castries in die Loge trat, entfernte ich mich und ging ins Parkett, wo ich zwei peinliche Stunden verbrachte, da ich von dem ungewöhnlichen Schritt, den die Dame von mir verlangte, böse Folgen voraussah. Indessen war ich fest entschlossen, mein Versprechen zu halten, so unwiderstehlich war der Einfluß der schönen Frau auf mein ganzes Sein. Ich nahm mir vor, mich so gut wie möglich zu benehmen, um nach Möglichkeit den Verstoß zu mildern, den man mir zur Last legen würde.

Nach dem Schluß der Vorstellung begab ich mich zum General; ich fand nur fünf oder sechs Personen anwesend. Ich trat zu einer Stiftsdame heran, die eine große Vorliebe für die italienische Poesie hatte, und verwickelte sie ungezwungen in ein interessantes Gespräch. Eine halbe Stunde später war der Saal voll; zuletzt kam meine Schöne mit dem General. Mit der Stiftsdame beschäftigt, rührte ich mich nicht; infolgedessen bemerkte Ketteler mich nicht und Madame, die in sehr heiterer Stimmung war, ließ ihm keine Zeit, seine Gäste zu mustern; bald darauf war er am anderen Ende des Saales in ein Gespräch verwickelt. Nach einer Viertelstunde wurde zum Essen gerufen. Die Stiftsdame stand auf, nahm meinen Arm, und schon saßen wir nebeneinander an der Tafel, ohne unser Gespräch über die italienische Literatur zu unterbrechen. Aber schon nahte die Katastrophe! Als alle Plätze besetzt waren, fand es sich, daß ein Herr, der eingeladen war, noch stand und daß für ihn kein Gedeck da war.

»Aber das ist ja unmöglich!« rief der General laut. Während die Stühle zusammengerückt wurden, um ein Gedeck einzuschieben, hielt der General Musterung. Ich tat, wie wenn ich von alledem nichts merkte, aber als sein Blick endlich bei mir anlangte, sagte er mit lauter Stimme: »Mein Herr, ich habe Sie nicht einladen lassen.«

»Das ist wahr, Herr General,« sagte ich ehrerbietig, »aber ich habe geglaubt, und ohne Zweifel mit Recht geglaubt, es sei nur aus Versehen vergessen worden, und meinte daher, nicht unterlassen zu dürfen, Eurer Exzellenz meine Aufwartung zu machen.«

Nach diesen Worten nahm ich sofort meine Unterhaltung mit der Stiftsdame wieder auf, ohne einen Menschen anzusehen. Fünf Minuten lang herrschte tiefstes Schweigen, aber nachdem ich einige angenehme Bemerkungen der Stiftsdame aufgenommen und an andere Gäste weiter geschickt hatte, bemächtigte bald eine angenehme Stimmung sich der ganzen Gesellschaft; nur der General schmollte. Dies machte mir an und für sich wenig aus, aber mein Selbstgefühl erheischte, seine Stirnfalten sich glätten zu sehen, und ich spähte daher nach einem günstigen Augenblick, um dieses Wunder zu bewirken. Die Gelegenheit dazu bot sich beim zweiten Gange.

Herr de Castrics lobte die Dauphine; dadurch kam das Gespräch auf ihre Brüder, den Grafen von der Lausitz und den Herzog von Kurland, und von diesen auf den ehemaligen Herzog Biron, der in Sibirien war, und auf dessen persönliche Eigenschaften. Einer der Gäste bemerkte, er habe weiter kein Verdienst, als daß er der Kaiserin Anna gefallen habe; ich bat ihn um Verzeihung und sagte: »Sein größtes Verdienst besteht darin, daß er dem letzten Herzog Ketteler treu gedient hat, dem ohne den Mut dieses heute so unglücklichen Mannes während des Krieges sein ganzes Gepäck verloren gegangen wäre. Es war ein heldenmütiger Zug, der von der Weltgeschichte aufbewahrt zu werden verdient, daß Ketteler ihn an den Petersburger Hof schickte; Biron aber hat sich niemals um das Herzogtum beworben. Er wollte sich nur die Grafschaft Wartenberg sichern; denn er erkannte die Rechte der jüngeren Linie des Hauses Ketteler an, das ohne die Laune der Zarin heute noch herrschen würde. Diese wollte aus ihrem Günstling durchaus einen Herzog machen.«

Das Gesicht des Generals hatte sich während dieser Erzählung aufgeheitert, und er sagte mir so freundlich, wie es ihm überhaupt möglich war, er habe niemals einen Menschen so gut unterrichtet gefunden, wie mich; und in bedauerndem Tone fügte er hinzu: »Ja, ohne diese Laune wäre ich jetzt ein regierender Herr.«

Nach dieser bescheidenen Bemerkung lachte er laut auf und schickte mir eine Flasche Rheinwein von besonderer Güte. Während der ganzen übrigen Dauer des Abendessens unterhielt er sich nur noch mit mir. Ich freute mich innerlich der Wendung, die meine Sache genommen hatte, noch mehr aber der Befriedigung, die ich in den schönen Augen meiner Dame las.

Wir tanzten die ganze Nacht hindurch, und ich wich meiner Stiftsdame nicht von der Seite; übrigens war diese eine reizende Frau und tanzte ganz entzückend. Mit meiner Dame erlaubte ich mir nur ein einziges Menuett zu tanzen. Gegen Ende des Balls fragte der General in seiner plumpen Weise mich, ob ich nicht bald abreisen würde; ich antwortete ihm, ich gedächte Köln erst nach der großen Parade zu verlassen. Ich war hocherfreut, der Frau Bürgermeisterin den denkbar größten Beweis meiner Liebe gegeben zu haben, und ich war dem Glück dankbar, das mir so freundlich geholfen hatte, meinen ungezogenen General zur Vernunft zu bringen; denn Gott weiß, was ich getan hätte, wenn er sich so weit vergessen haben würde, mich von der Tafel fortzuschicken.

Bei unserem ersten Wiedersehen sagte meine Schöne mir, eine tödliche Angst habe sie durchschauert, als sie ihn sagen hörte, er habe mich nicht eingeladen. »Ganz gewiß wäre er dabei nicht stehen geblieben, wenn Ihre vornehme Antwort ihn nicht zurückgehalten hätte. Aber hätte er noch ein Wort mehr gesagt, so stand mein Entschluß fest.«

»Und was war dies für ein Entschluß?«

»Ich wäre aufgestanden, hätte Ihnen meine Hand gereicht, und wir wären zusammen hinausgegangen. Herr von Castries hat mir gesagt, er würde es ebenso gemacht haben, und ich glaube, alle Damen, die Sie nach Brühl eingeladen hatten, wären unserem Beispiel gefolgt.«

»Aber damit wäre die Sache noch nicht erledigt gewesen; denn selbstverständlich hätte ich von ihm auf der Stelle Genugtuung verlangt, und wenn er mir diese verweigert hätte, so würde ich ihm meinen Degen durch den Leib gerannt haben.«

»Ich fühle dies; aber ich bitte Sie zu vergessen, daß ich Sie einer solchen Gefahr ausgesetzt habe. Ich für mein Teil werde niemals vergessen, wie viel ich Ihnen schuldig bin, und ich werde Sie von meiner Dankbarkeit überzeugen.«

Zwei Tage darauf erfuhr ich, daß sie unwohl sei; ich ging um elf Uhr vormittags zu ihr, da ich bestimmt wußte, daß ich um diese Stunde den General nicht bei ihr antreffen würde. Sie empfing mich in dem Zimmer ihres Mannes, der mich auf das freundschaftlichste bat, ich möchte ihnen die Ehre erweisen, an ihrem Familienessen teilzunehmen. Ich beeilte mich, diese Einladung mit Dank anzunehmen, und dieses Mittagessen war mir angenehmer als Kettelers prunkvolles Souper. Der Bürgermeister war ein recht schöner Mann, von angenehmem Wesen, klug und sehr gebildet. Er liebte den häuslichen Frieden, und seine Frau, die er glücklich machte, mußte ihn lieb haben; denn er war keiner von den Männern, welche sagen: »Magst du allen mißfallen, wenn du nur mir gefällst.«

Als ihr Mann auf kurze Zeit fortgegangen war, zeigte sie mir ihr ganzes Haus. »Hier ist unser Schlafzimmer und hier eine Kammer, worin ich jeden Monat fünf oder sechs Tage schlafe, wenn der Anstand es erfordert. Dies hier ist eine öffentliche Kirche, die wir aber als unsere Privatkapelle ansehen können, da wir von diesen beiden vergitterten Fenstern aus die Messe hören. Sonntags gehen wir diese Treppe hinunter und betreten die Kirche durch eine kleine Tür, zu der ich stets den Schlüssel bei mir trage.«

Wir hatten den zweiten Sonnabend der Fastenzeit; unser Mittagessen aus Fastenspeisen war ausgezeichnet; aber dieses interessierte mich am wenigsten, mich entzückte der Anblick dieser schönen jungen Frau, die von ihres Mannes Kindern aus erster Ehe umgeben war und von ihrer Familie angebetet wurde. Ich ging frühzeitig nach Hause und schrieb an Esther, die ich nicht vernachlässigte, so sehr mich auch meine neue Leidenschaft in Anspruch nahm.

Am nächsten Morgen ging ich in die kleine Kirche des Bürgermeisters, um dort die Messe zu hören; um nicht aufzufallen, trug ich einen Überrock. Es war ein Sonntag, und ich sah meine Schöne, die eine Kapuze trug, in Begleitung ihrer ganzen Familie die Kirche verlassen. Ich bemerkte die kleine Tür, die so geschickt in die Wand eingelassen war, daß man sie kaum entdecken konnte, wenn man von ihrem Vorhandensein nichts wußte; sie öffnete sich nach innen, nach der Treppe zu.

Der Teufel, der bekanntlich in der Kirche mehr Macht hat als anderswo, flößte mir den Plan ein, mir mit Hilfe dieser Tür den Genuß meiner Schönen zu verschaffen. Ich teilte ihr meinen Gedanken gleich am nächsten Tage im Theater mit. »Ich habe ebenfalls daran gedacht,« antwortete sie lachend, »und ich werde Ihnen schriftlich die erforderlichen Anleitungen geben; Sie werden sie in einer Zeitungsnummer finden, die ich Ihnen übergeben werde.«

Wir konnten dieses köstliche Gespräch nicht fortsetzen, denn sie hatte eine Dame aus Aachen bei sich, die auf einige Tage bei ihr zu Besuch war und der sie sich widmen mußte. Außerdem war die Loge voll von Besuchern.

Ich brauchte nicht lange zu warten, denn schon am nächsten Tage übergab sie mir vor allen Leuten das Zeitungsblatt mit der Bemerkung, sie habe nichts Interessantes darin gefunden. Ich wußte, daß es für mich sehr interessant sein würde. Ihr Brief lautete folgendermaßen: »Der schöne Plan, den die Liebe eingegeben hat, bietet keine Schwierigkeit, aber viel Ungewißheiten. Die Frau schläft in der Kammer nur dann, wenn der Mann sie darum bittet; dies kommt nur zu gewissen Epochen vor, und die Trennung dauert nur vier oder fünf Tage. Dieser Zeitpunkt ist nicht mehr fern. Infolge der langen Gewohnheit ist es ihr nicht möglich, ihn darüber zu täuschen; man muß also warten. Die Liebe wird Ihnen melden, wann die Stunde des Glückes geschlagen hat, Man muß sich in der Kirche verstecken. Es ist nicht daran zu denken, den Mann zu bestechen, der sie öffnet und schließt; denn er ist zwar arm, aber zu dumm, um sich bestechen zu lassen. Er würde das Geheimnis verraten. Um seine Wachsamkeit zu täuschen, gibt es kein anderes Mittel, als sich zu verstecken. An Wochentagen schließt er die Kirche mittags, an Sonntagen erst gegen Abend; er öffnet sie, sobald der Morgen dämmert. Sollte der Fall eintreten, so braucht man nur einen leichten Druck auf die Tür zu üben, die an dem betreffenden Tage nicht von innen verschlossen sein wird. Da die Kammer, worin der glückliche Kampf stattfinden soll, nur durch eine einfache Scheidewand vom Schlafzimmer getrennt ist, so muß man beachten, daß man weder ausspucken, noch husten, noch sich schneuzen darf, denn dies wäre das größte Unglück. Das Hinauskommen wird keine Schwierigkeiten machen: man geht in die Kirche hinunter und verläßt diese, sobald sie geöffnet wird. Da der Küster den Betreffenden am Abend nicht bemerkt hat, so ist bestimmt anzunehmen, daß er ihn auch am Morgen nicht sehen wird.«

Hundertmal küßte ich dieses reizende Schreiben, in welchem ich einen überlegenen Geist fand, und gleich am nächsten Tage sah ich mir die Örtlichkeit an; dies war die Hauptsache. In der Kirche befand sich eine Kanzel, worin kein Mensch mich hätte entdecken können, aber die Treppe führte von der Sakristei aus hinauf, und diese war immer verschlossen. Ich entschied mich für einen Beichtstuhl, der ganz dicht neben der Tür stand. Indem ich mich auf der Stelle zusammenkauerte, wo der Beichtvater seine Füße hinsetzte, konnte ich nicht gesehen werden; aber der Raum war so eng, daß ich anfangs glaubte, er würde mich nicht fassen, wenn die Tür geschlossen wäre. Ich wartete bis Mittag, um es auszuprobieren, und sobald die Kirche leer war, machte ich den Versuch. Ich mußte mich zusammenkauern und war trotzdem durch die durchbrochene Tür so schlecht gedeckt, daß jemand, der in einer Entfernung von zwei Schritt vorübergegangen wäre, mich leicht hätte sehen können. Trotzdem schwankte ich nicht; denn bei allen derartigen Unternehmungen kann man niemals etwas erreichen, wenn man nicht viel dem Glück überläßt. Ich war entschlossen, allen Zufällen zu trotzen, und ging sehr zufrieden mit meinen Entdeckungen nach Hause. Ich schrieb alle meine Beobachtungen und meinen Entschluß nieder, legte den Zettel in eine alte Zeitung und übergab ihr diese noch am gleichen Abend in ihrer Loge, wo wir uns täglich zu treffen pflegten.

Etwa acht Tage später fragte sie in meiner Gegenwart den General, ob er ihrem Mann irgend einen Auftrag zu geben habe; dieser werde am nächsten Tage nach Aachen reisen und in drei Tagen wieder zurück sein. Dies war deutlich genug für mich; zum Überfluß sagte ein Blick von ihr mir noch, daß ich mir die Gelegenheit zunutze machen müsse. Meine Freude war um so größer, da der nächste Tag ein Feiertag war; ich brauchte mich daher erst mit Einbruch der Nacht im Beichtstuhl zu verstecken und ersparte mir dadurch ein unangenehmes Warten von mehreren Stunden; dies war mir angenehm, weil ich etwas erkältet war.

Es war vier Uhr, als ich mich in dem Beichtstuhl so gut es ging versteckte, indem ich mich allen Heiligen empfahl. Um fünf Uhr machte der Küster seinen gewöhnlichen Umgang durch die Kirche, ging hinaus und verschloß die Tür. Sobald ich das Geräusch der Schlüssel gehört hatte, verließ ich mein enges Gefängnis und setzte mich auf eine Bank den Fenstern gegenüber. Einige Augenblicke später erblickte ich ihren Schatten hinter den Gittern und hatte nun die Gewißheit, daß sie mich gesehen habe.

Ich blieb ungefähr eine Viertelstunde auf meiner Bank sitzen; dann öffnete ich die kleine Tür und trat ein. Nachdem ich sie wieder geschlossen hatte, tastete ich mich vorwärts und setzte mich auf die untersten Treppenstufen nieder; hier verbrachte ich fünf Stunden, die mir in der Erwartung des Glücks nicht peinlich erschienen wären, wenn nicht die Ratten, die fortwährend hin und her liefen, mich fürchterlich gequält hätten. Die Natur hat mir einen unüberwindlichen Abscheu vor diesem Tierchen eingeflößt, das nicht sehr zu fürchten ist, dessen Gestank mir aber eine sehr unangenehme Übelkeit verursacht.

Punkt zehn Uhr schlug endlich die Schäferstunde; eine Kerze in der Hand, erschien der Gegenstand meiner Wünsche und machte meiner peinlichen Lage ein Ende. Wenn meine Leser selbst so etwas erlebt haben, so werden sie sich alle Wonnen dieser köstlichen Nacht vorstellen können, aber die Einzelheiten werden sie nicht erraten; denn, wenn ich ein erfahrener Kämpe war, so war meine Partnerin unerschöpflich in Mitteln, die Wonnen des süßen Liebesspieles zu erhöhen. Sie hatte einen kleinen, sehr lecker aussehenden Imbiß für mich zurecht gemacht, aber ich rührte ihn nicht an, denn ich hatte einen anderen Appetit, den ich nur sättigen konnte, indem ich unaufhörlich aller ihrer Schönheiten genoß.

Unsere Genüsse beschäftigten uns sieben volle Stunden, die mir recht kurz vorkamen, obwohl wir uns keine Ruhe gegönnt hatten, außer um die Wollust mit den süßesten Reden zu würzen.

Der Bürgermeister war einer großen Leidenschaft nicht fähig, aber sein kräftiges Temperament genügte ihm, um bei seiner Frau jede Nacht pünktlich seine Gattenpflicht zu erfüllen; aus Gesundheitsrücksichten oder aus religiösen Bedenken verzichtete er jedoch auf seine Rechte, sobald der Mond die seinigen in Anspruch nahm, und um sich gegen die Versuchung zu schützen, hielt er sich dann seiner teuren Ehehälfte fern. Dieses Mal aber befand die liebenswürdige Dame sich nicht in dem etwas peinlichen Falle der Trennung.

Erschöpft, aber nicht gesättigt, verließ ich sie mit Tagesanbruch, indem ich ihr versicherte, sie werde beim nächsten Wiedersehen in mir den gleichen finden. Ich begab mich wieder in den Beichtstuhl, voller Furcht, daß der erwachende Tag mich den Augen des Küsters verraten könnte. Ich kam jedoch mit der Furcht davon und verließ ohne Unfall die Kirche. Ich verbrachte beinahe den ganzen Tag im Bett, indem ich mir ein ausgezeichnetes Mittagessen auf das Zimmer bringen ließ. Am Abend ging ich ins Theater, um mich an dem Anblick der reizenden Frau zu werden, deren Besitz ich der Liebe und Beständigkeit verdankte.

Nach Verlauf von vierzehn Tagen steckte sie mir ein Briefchen zu, worin sie mir mitteilte, daß sie die nächste Nacht allein schlafen würde. Es war ein Wochentag; da infolgedessen die Kirche nur bis zum Mittag geöffnet war, ging ich schon um elf Uhr hin, nachdem ich ein reichliches Frühstück zu mir genommen hatte. Ich versteckte mich in meinem Loch, und der Küster schloß die Tür, ohne irgend etwas gesehen zu haben.

Ich hatte zehn Stunden vor mir, und wenn ich daran dachte, daß ich diese zum Teil in einem Winlel der Kirche, zum Teil auf der dunklen Treppe in Gesellschaft einer Menge von Ratten verbringen mußte, ohne auch nur eine Prise Tabak nehmen zu können, weil ich ja nicht niesen durfte – dann fand ich die Sache nicht gerade lustig; anderseits erleichterte die Hoffnung auf die Belohnung mir diese Lage. Aber gegen ein Uhr hörte ich ein leises Geräusch und sah eine Hand sich durch das Gitter strecken und ein Papier auf den Fußboden werfen. Mit heftigem Herzklopfen lief ich hin, denn mein erster Gedanke war, daß irgendein Hindernis eingetreten wäre; dadurch wäre mir ein küstlicher Genuß entgangen und ich hätte dafür die Aussicht gehabt, eine ganze Nacht auf den Kirchenbänken zu verbringen. Ich öffnete den Brief und las mit Entzücken folgende Worte: »Die Tür ist offen. Sie werden es bequemer auf der Treppe haben; dort finden Sie Licht, eine kleine Mahlzeit und Bücher. Sie werden unbequem sitzen; aber dagegen habe ich nichts anderes machen können, als daß ich ein kleines Kissen hinlegte. Die Zeit wird Ihnen weniger lang erscheinen als mir, glauben Sie mir das; aber seien Sie geduldig! Ich habe dem General gesagt, ich würde heute nicht ausgehen, weil ich mich unwohl fühlte. Um Gottes willen husten Sie nich, besonders nicht nachts! Wir würden verloren sein.«

Wie erfinderisch macht doch die Liebe! Ich zögerte nicht einen Augenblick, trat ein und fand ein sauberes Gedeck, leckere Speisen, köstliche Weine, einen Kocher mit Weingeist, Kaffee, Zitronen, Zucker und Rum, um Punsch zu machen, falls ich dazu Lust bekommen sollte. Hiermit und mit einigen unterhaltenden Büchern konnte ich schon warten; aber ich war erstaunt, daß die reizende Frau dies alles hatte machen können, ohne daß jemand von der Familie etwas davon merkte.

Ich verbrachte drei Stunden mit Lesen, und drei andere damit, daß ich aß, Kaffee machte und Punsch trank; hierauf schlief ich ein. Um zehn Uhr kam mein Engel und weckte mich. Diese zweite Nacht war süß, aber lange nicht so süß wie die erste, denn wir waren des Vergnügens beraubt, uns zu sehen, und die lästige Nachbarschaft des lieben Gatten legte uns bei unseren Liebeskämpfen einigen Zwang auf. Wir schliefen einen Teil der Nacht, und am Morgen mußte ich schon in aller Frühe vorsichtig meinen Rückzug antreten.

Hiermit endete meine Liebschaft mit dieser Schönen. Der General reiste nach Westfalen, und sie selber mußte bald aufs Land gehen. Ich beschloß daher, Köln zu verlassen, indem ich ihr versprach, im nächsten Jahre wieder zu kommen. Wie man sehen wird, konnte ich dieses Versprechen nicht halten. Ich nahm Abschied von meinen Bekannten, die meine Abreise bedauerten.

Der zweieinhalb Monate lange Aufenthalt in dieser Stadt verminderte mein Vermögen nicht, obgleich ich jedesmal, wenn ich spielte, mein Geld verlor. Der Abend in Bonn machte jedoch alles reichlich wieder gut. Mein Bankier, Herr Franck, beklagte sich, daß ich kein Geld von ihm genommen hätte; aber ich mußte vernünftig sein, denn ich wurde scharf beobachtet, und ich wollte meine Freunde überzeugen, daß ich es verdiente, von ihnen gut behandelt zu werden.

Gegen Mitte März verließ ich Köln. In Bonn machte ich Halt, um dem Kurfürsten meine Aufwartung zu machen, aber er war abwesend. Ich speiste mit dem Grafen Berità und mit dem Günstling des Fürsten, dem Abbé Scampar. Nach dem Essen gab der Graf mir einen Brief für eine Stiftsdame in Koblenz, deren Lob er mir sang. Infolgedessen mußte ich in Koblenz Halt machen; aber anstatt der Dame, die nach Mannheim gefahren war, traf ich in dem Gasthof, wo ich abstieg, eine Schauspielerin, namens Toscani, die mit ihrer sehr jungen und sehr schönen Tochter nach Stuttgart zurückreiste. Sie kam von Paris, wo sie ein Jahr zugebracht hatte, um ihrer Tochter von dem berühmten Bestris Unterricht im Charaktertanz geben zu lassen. Ich hatte sie in Paris gekannt, aber nicht eben sehr auf sie geachtet, obgleich ich ihr einen kleinen Wachtelhund geschenkt hatte, der der Liebling ihrer Tochter war. Die junge Person war ein wahres Kleinod, und es kostete ihr keine Mühe, mich zu überreden, sie nach Stuttgart zu begleiten, wo es mir überdies an allen erdenklichen Unterhaltungen nicht fehlen konnte. Die Mutter war ungeduldig, zu sehen, wie der Herzog ihre Tochter finden würde, die sie von Kindheit an für diesen wollüstigen Fürsten bestimmt hatte. Obgleich er eine anerkannte Maitresse hatte, so ließ er sich doch keine von den Ballettfigurantinnen entgehen, wenn sie ihm gefiel.

Wir speisten selbdritt, und da zwei Kulissenheldinnen dabei waren, so kann man sich wohl denken, daß unsere Unterhaltung nicht eben aus moralischen Denksprüchen bestand. Die Toscani sagte mir, ihre Tochter sei noch vollkommen unberührt, und sie sei fest entschlossen, dem Herzog nicht eher zu erlauben, sie anzurühren, als bis er die herrschende Maitresse entlassen hätte, deren Stelle dann ihre Tochter einnehmen sollte. Diese Maitresse war die Tänzerin Gardella, die Tochter eines venetianischen Barkarolen, von der ich im ersten Bande gesprochen habe. Sie war die Frau des Michele Agata, und ich hatte sie in München getroffen, als ich aus den schrecklichen Bleikammern entflohen war, in denen ich so lange geschmachtet hatte.

Da ich an der Behauptung der Mutter zu zweifeln schien und ihnen durch einige ziemlich deutliche Anspielungen zu verstehen gab, daß nach meiner Meinung die erste Blüte schon in Paris gepflückt worden sei, und daß der Herzog von Württemberg nur die zweite bekommen werde, so mischte ihre Eitelkeit sich ins Spiel. Ich schlug ihnen vor, sie möchten mich mit meinen eigenen Augen mich überzeugen lassen, und es wurde feierlich ausgemacht, daß dies am nächsten Tage vor sich gehen sollte. Sie waren ihrem Versprechen getreu, und ich hatte wirklich am nächsten Morgen einen sehr hübschen Zeitvertreib, der zwei Stunden dauerte und mich nötigte, an der Mutter die ganze Glut zu löschen, die die Tochter in mir entzündet hatte.

Obgleich die Toscani noch jung war, würde sie mich eiskalt gefunden haben, wenn ihre reizende Tochter mich nicht aufgeregt hätte, ohne mich befriedigen zu können, denn die Mutter hatte nicht genug Vertrauen zu mir, um mich mit diesem Juwel allein zu lassen. Sie trat an ihre Stelle und stand sich gut dabei.

Ich entschloß mich also, mit diesen beiden Nymphen nach Stuttgart zu reisen, wo ich die Binetti sehen sollte, die immer noch mit Begeisterung von mir sprach. Diese Schauspielerin war eine Tochter des Barkarolen Romano. Ich hatte ihr geholfen, die Bühne betreten zu können, und in demselben Jahre hatte Frau von Balmarana sie mit einem französischen Tänzer namens Binet verheiratet, der seinen Namen durch Hinzufügung einer Silbe italienisiert hatte, wie andere auf die gleiche Weise sich adelig machen. Ferner sollte ich dort finden: die Gardella, den jüngeren Baletti, den ich sehr gern hatte, die junge Vulcani, die er geheiratet hatte, und mehrere alte Bekanntschaften, durch die nach meiner Meinung mein Aufenthalt in Stuttgart köstlich werden mußte. Aber man wird bald sehen, wie gefährlich es ist, die Rechnung ohne den Wirt zu machen. Auf der letzten Poststation trennte ich mich von meinen Schauspielerinnen; in Stuttgart stieg ich im Bären ab.

Vierzehntes Kapitel


Das Jahr 1760. – Die Maitresse Gardella. –Porträt des Herzogs von Württemberg. – Mein Diner bei der Gardella und dessen Folgen. – Unglückliche Begegnung. – Ich spiele und verliere viertausend Louis. – Prozeß. – Glückliche Flucht. – Meine Ankunft in Zürich. – Eine Kirche, die von Jesus Christus selbst geweiht worden ist.

Der Hof des Herzogs von Württemberg war zu jener Zeit der glänzendste von ganz Europa. Die reichlichen Hilfsgelder, welche Frankreich dem Fürsten dafür bezahlte, daß er ein Heer von zehntausend Mann zur Verfügung dieser Macht unterhielt, setzten ihn instand, diese Ausgaben zu bestreiten, die sein Luxus und seine Ausschweifungen erforderten. Sein Hilfskorps war sehr schön, aber während des ganzen Krieges zeichnete es sich nur durch Fehler aus.

Der Herzog war seiner Anlage nach prachtliebend: herrliche Gebäude, ein großartiger Malstall, eine glänzende Jägerei, Launen aller Art, kosteten ihm viel Geld; ungeheure Summen aber gab er für hohe Besoldungen aus und noch größere für sein Theater und seine Maitressen. Er unterhielt französische Komödie, ernste und komische italienische Oper und zwanzig italienische Tänzer, von denen jeder an einem der großen Theater Italiens erster Tänzer gewesen war. Noverre war sein Choreograph und Ballettdirektor; er verwendete zuweilen hundert Figuranten und mehr. Ein geschickter Maschinenmeister und die besten Dekorationsmaler arbeiteten um die Wette und mit großen Kosten, um die Zuschauer zum Glauben an Zauberei zu zwingen. Alle Tänzerinnen waren hübsch und alle rühmten sich, den gnädigen Herrn zum mindesten einmal glücklich gemacht zu haben. Die erste Tänzerin war eine Venetianerin, die Tochter eines Gondeliere, namens Gardello. Der Senator Malipiero, von dem meine Leser wissen, daß er mir zuerst eine gute Erziehung geben ließ, hatte sie für das Theater ausbilden lassen, indem er einen Tanzlehrer für sie bezahlte. Nach meiner Flucht aus den Bleidächern hatte ich sie in München als Frau Michele Agata gefunden. Der Herzog fand sie nach seinem Geschmack und bat ihren Mann um sie; dieser schätzte sich glücklich, sie ihm abtreten zu können. Aber schon ein Jahr darauf war der Herzog ihrer Reize müde und pensionierte sie mit dem Titel Madame.

Diese Ehre hatte alle Tänzerinnen eifersüchtig gemacht, denn eine jede glaubte die Eigenschaften zu besitzen, um anerkannte Maitresse zu werden, um so mehr, als die Gardella nur den Rang hatte und das Gehalt bezog. Alle intrigierten, um sie zu verdrängen, aber die Venetianerin besaß im höchsten Grade die Kunst zu fesseln und wußte sich trotz allen Ränken zu behaupten. Weit entfernt, dem Herzog seine fortwährenden Treulosigkeiten vorzuwerfen, ermutigte sie ihn sogar dazu, und da sie ihn nicht liebte, so fühlte sie sich glücklich, in bezug auf den Zeitvertreib sich von ihm vernachlässigt zu sehen. Es bereitete ihr den größten Genuß, wenn die Tänzerinnen, die nach der Ehre des Schnupftuchs strebten, zu ihr kamen und sich ihr empfahlen. Sie nahm sie freundlich auf, gab ihnen Ratschläge und ermutigte sie, sich dem Fürsten angenehm zu machen. Dieser seinerseits fand die Duldsamkeit der Favoritin bewundernswürdig und sehr bequem und hielt sich für verpflichtet, ihr dafür seine Dankbarkeit zu bezeigen. Er erwies ihr in der Öffentlichkeit alle Ehren wie einer Prinzessin.

Ich bemerkte bald, daß die Hauptleidenschaft dieses Fürsten war, von sich sprechen zu machen. Er hätte gern Herostrates nachgeahmt, wenn er dies für ein passendes Mittel gehalten hätte, eine der hunderttausend Stimmen des Nachruhms zu beschäftigen. Er wünschte, daß die Welt von ihm sage, kein Fürst habe mehr Geist, mehr Geschmack, mehr Anlage zum Erfinden der Vergnügungen, mehr Fähigkeit zum Herrschen; außerdem sollte man glauben, er sei ein zweiter Herkules in den Arbeiten des Bacchus und des Amor, ohne daß jedoch die Augenblicke, die er der Sinnenlust widmete, die Sorgfalt beeinträchtigten, womit er alle Pflichten seines Herrscheramtes erfüllte. Unbarmherzig jagte er den Diener fort, dem es nicht gelang, ihn aufzuwecken, nachdem er drei oder vier Stunden im Schlaf gelegen hatte, dem, wie alle anderen Menschen, auch er sich überlassen mußte; aber er erlaubte dem Diener, alle Mittel anzuwenden, um ihn aus dem Bett zu bringen.

Es kam vor, daß der Bediente, nachdem er ihm Kaffee eingeflößt hatte, ihn aus dem Bett in ein kaltes Bad werfen mußte, wo dann Seine Hoheit wohl erwachen mußten, wenn sie nicht ertrinken wollten. Sobald er angekleidet war, versammelte der Herzog seine Minister und erledigte die laufenden Angelegenheiten; hierauf erteilte er Audienz jedem, der sie wünschte. Übrigens war nichts komischer, als diese Audienzen, die er seinen armen Untertanen gewährte. Oft waren es plumpe Bauern, Handarbeiter der niedrigsten Klassen; da mühte sich denn nun der arme Mann schwitzend und fluchend ab, sie zur Vernunft zu bringen, was ihm nicht immer gelang; denn oft liefen sie ihm verängstigt, verzweifelnd und wütend davon. Die Beschwerden der hübschen Bäuerinnen prüfte er unter vier Augen, und obgleich er ihnen gewöhnlich nichts bewilligte, gingen sie doch getröstet von dannen.

Die Hilfsgelder, die der König von Frankreich ihm törichterweise für zwecklose Dienste zahlte, reichten nicht aus für seine Verschwendung. Er überlastete seine Untertanen mit Steuern und Fronden so sehr, daß dieses geduldige Volk seine Forderungen nicht mehr erfüllen konnte und sich einige Jahre später an das Reichskammergericht in Wetzlar wandte, das ihn zwang, sein System zu ändern. Er war von der närrischen Sucht besessen, nach dem Vorbilde des Königs von Preußen herrschen zu wollen, während dieser sich über den Herzog nur lustig machte und ihn seinen Affen nannte. Er hatte die Tochter des Markgrafen von Bayreuth geheiratet, die schönste und liebenswürdigste deutsche Prinzessin. Sie war nicht in Stuttgart, als ich dort war, sondern hatte sich wegen eines blutigen Schimpfes, den ihr unwürdiger Gemahl ihr angetan hatte, zu ihrem Vater geflüchtet. Es ist nicht richtig, wenn man behauptet, die Fürstin habe ihren Gemahl verlassen, weil sie seine Treulosigkeiten nicht mehr habe ertragen können.

Nachdem ich allein auf meinem Zimmer gespeist hatte, machte ich Toilette und ging in die Oper, die der Herzog in dem von ihm erbauten schönen Theater dem Publikum gratis geben ließ; der Fürst saß vor dem Orchester, umgeben von seinem glänzenden Hofe. Ich nahm in einer Loge des ersten Ranges Platz, allein und sehr zufrieden, ohne die geringste Ablenkung ein Musikstück des berühmten Jumella hören zu können, der im Dienst des Herzogs stand. Unbekannt mit den Gebräuchen gewisser kleiner deutscher Höfe, applaudierte ich bei einem Solo, das von einem Kastraten, dessen Namen ich vergessen habe, entzückend schön gesungen wurde; einen Augenblick darauf trat ein Mensch in meine Loge und sagte in unhöflichem Tone etwas zu mir, worauf ich nur erwidern konnte: nicht verstanden.

Er ging hinaus, und bald nachher sah ich einen Offizier erscheinen, der mir in gutem Französisch sagte, da der Herrscher sich im Theater befinde, so sei es nicht erlaubt, zu applaudieren.

»Sehr wohl, mein Herr; ich werde wiederkommen, wenn der Herrscher nicht hier ist; denn wenn eine Arie mir gefällt, ist es mir unmöglich, meinen Beifall nicht auszudrücken.«

Nach dieser Antwort ließ ich meinen Wagen rufen, aber in dem Augenblick, wo ich einsteigen wollte, kam wieder derselbe Offizier und sagte mir, der Herzog wünsche mit mir zu sprechen. Ich folgte ihm in den Cercle.

»Sie sind also Herr Casanova?«

»Ja, gnädiger Herr.«

»Woher kommen Sie?«

»Aus Köln.«

»Sie sind zum erstenmal in Stuttgart?«

»Ja, gnädiger Herr.«

»Gedenken Sie sich hier lange aufzuhalten?«

»Fünf oder sechs Tage, wenn Eure Hoheit mir es erlauben wollen.«

»Recht gern; bleiben Sie solange, wie es Ihnen gefällt, und es soll Ihnen erlaubt sein, in die Hände zu klatschen, soviel Sie wollen.«

»Ich werde von dieser Erlaubnis Gebrauch machen, gnädiger Herr.«

»Gut.«

Ich setzte mich auf eine Bank, und alle Anwesenden folgten aufmerksam dem Spiel der Schauspieler. Als bald darauf ein Sänger eine Arie gesungen hatte, applaudierte der Herzog, und alle langohrigen Hofleute machten es dem gnädigen Herrn nach; ich aber blieb ganz still, denn ich fand den Gesang sehr mittelmäßig; jeder nach seinem Geschmack. Nach dem Ballett ging der Herzog in die Loge der Favoritin, küßte ihr die Hand und entfernte sich. Ein neben mir stehender Offizier, der nicht wußte, daß ich die Gardella kannte, sagte mir, es sei Madame, und da ich die Ehre gehabt habe, mit dem Fürsten zu sprechen, so könne ich mir auch die Ehre verschaffen, in ihre Loge zu gehen und ihr die Hand zu küssen.

Ich hatte Lust, laut aufzulachen, aber ich beherrschte mich und infolge einer unbegreiflichen und sehr unbesonnenen Laune hatte ich den Einfall, ihm zu antworten, ich glaubte mir dies ersparen zu können, weil sie meine Verwandte wäre. Kaum war dieses Wort heraus, so biß ich mich auf die Lippen, denn diese ungeschickte Lüge konnte mir nur schaden; aber es stand geschrieben, daß ich in Stuttgart nur schwere Dummheiten begehen sollte. Der Offizier, den meine Antwort anscheinend überrascht hatte, grüßte mich und ging in die Loge der Favoritin, um sie von meiner Anwesenheit in Kenntnis zu setzen.

Die Gardella wandte den Kopf nach mir und winkte mir mit dem Fächer; ich beeilte mich, ihrem Rufe zu folgen, obwohl ich innerlich selber über die dumme Rolle lachte, die ich spielen würde. Als ich eingetreten war, reichte sie mir liebenswürdig die Hand, die ich küßte, indem ich sie als Cousine anredete.

»Haben Sie sich dem Herzog als meinen Vetter vorgestellt?«

»Nein.«

»Nun, so werde ich es tun. Ich lade Sie für morgen zum Mittagessen ein.«

Nachdem sie sich entfernt hatte, suchte ich die Tänzerinnen auf, die beim Auskleiden waren. Die Binetti, eine meiner ältesten Bekanntschaften, war ganz außer sich vor Freude über das Wiedersehen mit mir und lud mich ein, jeden Tag mit ihr zu speisen. Der treffliche Violinspieler Curtz, der im Orchester von San Samuele mein Kamerad gewesen war, stellte mir seine sehr schöne Tochter vor, indem er in selbstbewußtem Tone mir sagte: »Die ist nicht für die schönen Augen des Herzogs geschaffen; er wird sie niemals bekommen.« Der brave Mann war kein Prophet; denn der Herzog bekam sie bald darauf und wurde von ihr geliebt. Sie schenkte ihm zwei Püppchen, doch auch diese Pfänder der Liebe konnten den unbeständigen Fürsten nicht fesseln. Und doch war sie eine entzückende Person, die alle Eigenschaften besaß, um einen Mann zu fesseln; denn sie verband mit der vollkommensten Schönheit eine pikante Anmut, einen natürlichen Geist, den sie aufs schönste ausgebildet hatte, und eine Güte, eine Liebenswürdigkeit, die sie zum Liebling aller Menschen machten. Aber der Herzog war abgestumpft, und das Vergnügen konnte für ihn nur in der Unbeständigkeit bestehen. Nach der jungen Curtz sah ich die kleine Vulcani, die ich in Dresden gekannt hatte; sie überraschte mich sehr, indem sie mir ihren Mann vorstellte, der mir um den Hals fiel. Es war Baletti, der Bruder meiner Ungetreuen, ein talentvoller Jüngling, den ich unendlich lieb hatte.

Ich war von allen diesen alten Freunden umgeben, als der Offizier eintrat, dem gegenüber ich mich törichterweise für einen Verwandten der Gardella ausgegeben hatte. Er erzählte die Geschichte. Die Binetti sagte ihm sofort: »Mein Herr, das ist eine Lüge.«

»Aber meine Liebe,« sagte ich zu ihr, »darüber können Sie nicht mehr wissen, als ich selber.«

Sie antwortete nur mit einem lauten Gelächter; Curtz aber nahm das Wort und sagte scherzhaft: »Da die Gardella auch nur eine Barkarolentochter ist, wie die Binetti, so findet diese mit Recht, sie hätte ihr in punkto Cousinenschaft den Vorzug geben wollen.«

Am nächsten Tage speiste ich bei der Favoritin; das Mahl war sehr heiter, obgleich sie mir sagte, sie habe den Herzog noch nicht gesehen und wisse daher nicht, wie er den Scherz aufnehmen werde, den ihre Mutter sehr unpassend finde. Diese Mutter, die aus den armseligsten Verhältnissen stammte, war ungeheuer stolz auf die Ehre, daß ihre Tochter die Geliebte eines Fürsten wäre, und meine Verwandtschaft erschien ihr als ein Makel. Sie besaß die Unverschämtheit, mir zu sagen, ihre Verwandten seien niemals Komödianten gewesen. Sie bedachte nicht, daß es eine viel größere Schande wäre, zu diesem Stande, wenn sie ihn für entehrend hielt, herabzusteigen, als zu ihm emporzusteigen. Ich hätte für ihren Hochmut nur Mitleid haben sollen; aber da ich nicht eben sanftmütigen Charakters bin, so bestand meine Erwiderung in der Frage, ob ihre Schwester noch lebe. Sie schnitt ein Gesicht und antwortete mir nicht. Diese Schwester war ein dickes, blindes Weib, das auf einer der Brücken von Venedig als Bettlerin saß.

Nachdem ich den ganzen Tag sehr fröhlich bei der Favoritin zugebracht hatte, die die älteste meiner Bekanntschaften dieser Art war, verließ ich sie mit dem Versprechen, am nächsten Tage zum Frühstück zu kommen. Als ich aber hinausging, bedeutete der Türvorsteher mir, ich dürfe das Haus nicht wieder betreten. In wessen Auftrag er mir diesen freundlichen Befehl mitteilte, wollte er mir nicht sagen. Ich fühlte nun, daß ich besser getan hätte, meine Zunge im Zaum zu halten, denn der Streich konnte nur von der Mutter ausgehen. Vielleicht war aber auch die Tochter beteiligt, deren Eitelkeit ich möglicherweise verletzt hatte; sie war eine so gute Schauspielerin, daß sie ihre Empfindlichkeit wohl hatte verbergen können.

Ich war unzufrieden mit mir selber und ging in schlechter Laune nach Hause. Ich fühlte mich gedemütigt, daß eine jämmerliche, schamlose Schauspielerin mich demütigen durfte, während ich bei einem anständigeren Betragen mit Auszeichnung in der besten Gesellschaft hätte verkehren können. Hätte ich nicht der Binetti versprochen gehabt, am nächsten Tage bei ihr zu speisen, so würde ich mich sofort in den Postwagen gesetzt haben. Hierdurch hätte ich alle die Unannehmlichkeiten vermieden, die mich noch in dieser unglückseligen Stadt erwarteten.

Die Binetti wohnte bei dem österreichischen Gesandten, der ihr Liebhaber war, und der von ihr bewohnte Teil des Hauses stieß an die Stadtmauer an. Diesen Umstand muß der Leser kennen, wie er gleich sehen wird. Ich speiste unter vier Augen mit dieser liebenswürdigen Landsmännin, und wenn ich in diesem Augenblick imstande gewesen wäre, mich zu verlieben, so würde sich meine ganze frühere Zärtlichkeit für sie wieder eingestellt haben; denn sie hatte sich ausgezeichnet erhalten und eine große Anmut und Weltkenntnis hinzuerworben.

Der Wiener Gesandte war liebenswürdig, freigebig und duldsam; ihr Mann dagegen war ein verkommener Mensch, der ihrer nicht würdig war und niemals mit ihr zusammenkam. Ich verbrachte einen köstlichen Tag mit ihr, indem wir von unseren alten Erinnerungen sprachen.

Da mich nichts in Württemberg zurückhielt, so beschloß ich am übernächsten Tag abzureisen; für den folgenden Tag hatte ich der Toscani und ihrer Tochter versprochen, mit ihnen nach Ludwigsburg zu fahren. Wir sollten um fünf Uhr in der Frühe abfahren; aber vorher begegnete mir folgendes:

Als ich von der Binetti fortging, wurde ich sehr höflich von drei Offizieren angesprochen, die ich im Kaffeehause kennen gelernt hatte, und ich machte mit ihnen einen Spaziergang. »Wir haben,« sagten sie zu mir, »eine Vergnügungspartie mit einigen gefälligen Schönen vor, und es wird uns freuen, wenn Sie daran teilnehmen wollen.«

»Ich spreche keine vier Worte deutsch, meine Herren, und wenn ich ihrem Wunsche nachgäbe, so würde ich mich langweilen.«

»Aber die Damen sind Italienerinnen; es könnte sich also gar nicht besser treffen.«

Ich fühlte einen ganz besonderen Widerwillen, ihrer Einladung zu folgen; aber mein böser Geist trieb mich, an diesem unglückseligen Orte nur Dummheit über Dummheit zu begehen, und ich folgte gleichsam willenlos.

Wir kehrten nach der Stadt zurück, und ich ließ mich in das dritte Stockwerk eines Hauses von üblem Aussehen führen, wo ich in einem mehr als armseligen Zimmer die beiden angeblichen Nichten Poccinis fand. Gleich daraus trat Poccini selbst ein, fiel mir schamlos um den Hals und umarmte mich, indem er mich seinen besten Freund nannte. Seine Nichten überschütteten mich mit Liebkosungen, wie wenn sie dadurch zeigen wollten, daß wir alte Bekannte wären. Ich ließ alles mit mir geschehen und schwieg.

Die Offiziere begannen die Orgie; ich ahmte ihnen nicht nach, aber meine Zurückhaltung veranlaßte sie nicht, sich Zwang anzutun. Ich sah, an was für einen schlechten Ort ich mich hatte locken lassen, und fühlte meinen ganzen Fehler; aber eine falsche Scham hielt mich ab, einfach fortzugehen. Dies war unrecht von mir, aber ich nahm mir vor, in Zukunft klüger zu sein.

Nach kurzer Zeit wurde ein Abendessen aus einer Sudelküche aufgetragen. Ich aß nicht; um aber nicht unhöflich zu erscheinen, trank ich zwei oder drei Gläschen Ungarwein. Nach dem Essen, das nur sehr kurze Zeit dauerte, brachte man Karten. Ein Offizier legte eine Pharaobank; ich setzte und verlor fünfzig oder sechzig Louis, die ich bei mir hatte. Ich fühlte, daß ich betrunken war; mein Kopf schwindelte mir. Ich wollte aufhören und nach Hause gehen. Aber ich bin niemals so unbegreiflich schwach gewesen, wie an jenem Tage, sei es nun infolge einer falschen Scham, sei es infolge des vergifteten Getränkes, das man mir vorgesetzt hatte. Die edlen Offiziere taten, wie wenn mein Verlust ihnen furchtbar leid täte; sie wollten mir durchaus Gelegenheit geben, mein Geld wieder zurückzugewinnen, und nötigten mich, mit hundert Louis in Marken, die sie mir auszahlten, eine Bank aufzulegen. Ich gab nach und verlor. Ich legte eine neue Bank und verlor abermals. Nun erhitzte sich mein Kopf, meine Trunkenheit wurde immer größer, und der Ärger machte mich blind. Ich verstärkte die Bank fortwährend und verlor immerzu. Um Mitternacht hatten meine ehrenwerten Gauner keine Angst mehr vor meinem Zorn und erklärten, sie wollten nicht weiter spielen. Sie zählten die Marken, und es fand sich, daß ich gegen hunderttausend Franken verloren hatte. Obwohl ich keinen Tropfen Wein mehr getrunken hatte, war ich dermaßen bezecht, daß man einen Tragstuhl mußte kommen lassen, um mich nach meinem Gasthof zu bringen. Beim Auskleiden sagte mein Bedienter mir, ich hätte weder meine Uhren, noch meine goldenen Tabaksdosen.

»Vergiß nicht,« sagte ich zu ihm, »mich morgen früh um vier Uhr zu wecken.«

Hierauf ging ich zu Bett und schlief sehr ruhig.

Als ich am Morgen mich anzog, fand ich in meiner Tasche etwa hundert Louis, über die ich mich sehr verwunderte, denn meine Betäubung war vergangen, und ich erinnerte mich sehr wohl, daß ich sie am Tage vorher nicht bei mir gehabt hatte. Aber ich war ganz und gar mit meiner Lustpartie beschäftigt, und verschob das Nachdenken über dieses Abenteuer und meinen ungeheuren Verlust auf später. Ich ging zur Toscani, und wir fuhren nach Ludwigsburg, wo ich bei einem ausgezeichneten Mittagessen in so heiterer Stimmung war, daß meine Gäste niemals hätten erraten können, welches Unglück mich betroffen hatte. Am Abend kehrten wir nach Stuttgart zurück.

Als ich wieder in meinem Gasthof war, sagte mein Spanier mir, in dem Hause, wo ich am Abend vorher gewesen sei, wisse man weder von meinen Uhren noch von der Tabaksdose das Geringste. Es seien drei Offiziere dagewesen, um mir einen Besuch zu machen. Da sie mich nicht getroffen, hätten sie ihn beauftragt, mir zu sagen, daß sie am nächsten Tage bei mir frühstücken würden.

Sie erschienen denn auch pünktlich.

»Meine Herren,« sagte ich zu ihnen, sobald sie bei mir eingetreten waren, »ich habe eine Summe verloren, die ich nicht bezahlen kann, und die ich sicherlich nicht verloren haben würde, wenn nicht das Gift, das Sie mir in dem Ungarwein vorgesetzt haben, mich betrunken gemacht hätte. Sie haben mich an einen niederträchtigen Ort geführt, wo man mir auf schändliche Weise kostbare Gegenstände im Werte von mehr als dreihundert Louis gestohlen hat. Ich werde mich darüber gegen keinen Menschen beklagen, denn ich muß die Strafe für mein törichtes Vertrauen tragen. Wenn ich klug gewesen wäre, hätte mir nichts geschehen können.«

Sie erhoben ein lautes Geschrei und sprachen davon, daß sie ihrer Ehre wegen gegen mich vorgehen müßten. Aber all ihr Reden war vergeblich; denn ich hatte schon den Entschluß gefaßt, nichts zu bezahlen.

Während wir so miteinander stritten, kamen gerade in dem Augenblicke, wo wir anfingen zornig zu werden, Baletti, die ältere Toscani und die Binetti. Sie hörten den ganzen Streit mit an. Ich ließ für alle ein Frühstück auftragen, und nach dem Essen entfernten meine Freunde sich. Als wir wieder allein waren, machte einer von den drei Spitzbuben mir folgenden Vorschlag: »Wir sind zu anständig mein Herr, um den Nachteil Ihrer Lage gegen Sie auszunützen. Sie haben Unglück gehabt. Aber das kann jedem passieren, und wir wünschen uns nichts Besseres als einen gütlichen Ausgleich. Wir werden uns mit allen Ihren Kleidern, Juwelen, Diamanten, Waffen und mit Ihrem Wagen begnügen. Wir werden dies alles abschätzen lassen, und wenn die Summe, die Sie uns schuldig sind, dadurch nicht gedeckt wird, so werden wir für den Rest Schuldscheine auf einen bestimmten Termin annehmen, und so bleiben wir gute Freunde.«

»Mein Herr, ich wünsche in keiner Form die Freundschaft von Leuten, die mich ausplündern, und ich kann Ihnen durchaus nichts zahlen.«

Hierauf antworteten sie mir mit Drohungen; ich sagte ihnen aber mit der größten Kaltblütigkeit: »Meine Herren, Ihre Drohungen können mich nicht schrecken. Ich sehe nur zwei Möglichkeiten, wie Sie sich bezahlt machen können: entweder beschreiten Sie den Weg der Gerechtigkeit – ich denke, da werde ich leicht einen Advokaten finden, der meine Sache vertritt – oder Sie machen sich an meiner Person bezahlt: mit dem Degen in der Hand in allen Ehren, unter größter Verschwiegenheit und einer nach dem anderen.«

Wie ich erwartet hatte, antworteten sie mir, sie würden mir auf meinen Wunsch die Ehre erweisen, mich zu töten, aber erst nachdem ich sie bezahlt hätte. Fluchend entfernten sie sich, mit der Versicherung, ich würde es zu bereuen haben.

Einige Augenblicke darauf ging ich hinaus, um die Toscani zu besuchen, bei der ich den ganzen Tag in einer Heiterkeit verbrachte, die in meiner Lage nahe an Wahnsinn grenzte. Ich schrieb jedoch diese frohe Stimmung dem Einfluß zu, den die Reize ihrer Tochter auf mich ausübten, und dem Bedürfnis meiner Seele, durch Aufheiterung ihre Spannkraft zurückzugewinnen.

Aber die Mutter, die die Wut der drei Banditen gesehen hatte, stellte mir vor, daß ich mich unbedingt gegen ihre hinterlistigen Anschläge waffnen müßte, indem ich sie gerichtlich belangte. »Wenn Sie sich von den anderen zuvorkommen lassen,« sagte sie, »können diese sich trotz Ihrem guten Recht in eine vorteilhafte Stellung bringen.«

Während ich mich mit ihrer reizenden Tochter tausend süßen Wonnen hingab, ließ sie einen Advokaten holen. Nachdem dieser gehört hatte, worum es sich handelte, sagte er mir, es sei das einfachste, wenn ich sobald wie möglich dem Herzog alles erzählte.

»Jene haben Sie an diesen schlechten Ort geführt; jene haben Ihnen einen vergifteten Wein eingeschenkt, der sie um die Vernunft gebracht. Jene haben Sie trotz dem Verbot des Fürsten zum Spielen verleitet, denn das Spiel ist streng verboten; in der Gesellschaft jener Offiziere hat man Sie Ihrer Kostbarkeiten beraubt, nachdem man Ihnen eine ungeheure Summe abgewonnen hat. Das Verbrechen verdient den Galgen, und es liegt im Interesse des Herzogs, Ihnen Genugtuung zu gewähren, denn ein Hinterhalt dieser Art, woran Offiziere seiner Armee beteiligt sind, muß ihn in den Augen von ganz Europa entehren.«

Ich empfand ein gewisses Widerstreben gegen einen solchen Schritt, denn obgleich der Herzog selber ein schamloser Wüstling war, fühlte ich mich nicht geneigt, ihm so schimpfliche Sachen zu erzählen. Aber der Fall war ernst, und nachdem ich reiflich nachgedacht hatte, entschloß ich mich, am nächsten Tage den Fürsten aufzusuchen.

Der Herzog, sagte ich zu mir, gibt dem ersten besten seiner Untertanen Audienz; warum sollte er mich nicht ebensogut empfangen wie irgendeinen Handwerker?

Ich hielt es daher für überflüssig, an ihn zu schreiben, und machte mich auf den Weg nach dem Schlosse; aber zwanzig Schritte vor dem Tore desselben begegnete ich den drei Herren, die mir unhöflich zuriefen, ich möchte daran denken, sie zu bezahlen, sonst würde es mir schlecht gehen.

Als ich, ohne ihnen zu antworten, meinen Weg fortsetzen wollte, fühlte ich mich heftig am linken Arm gepackt. Eine natürliche Bewegung der Selbstverteidigung führte meine rechte Hand an den Degengriff, und mit wütendem Gesicht zog ich blank. Der Offizier der Schloßwache eilte herzu; ich beklagte mich, daß die Herren mich mit Gewalt verhindern wollten, mit dem Fürsten zu sprechen. Der Wachtposten wurde befragt und erklärte ebenso wie eine Menge von anwesenden Personen, daß ich nur zu meiner Verteidigung den Degen gezogen hätte; der Offizier entschied daher, daß niemand mich verhindern dürfte, in das Schloß zu gehen.

Man ließ mich ohne Hindernis bis ins letzte Vorzimmer gelangen. Ich wandte mich an den Kammerherren und bat um Audienz; er versicherte mir, ich würde vorgelassen werden. Aber einen Augenblick darauf erschien der Unverschämte, der mich beim Arm gepackt hatte, und sprach auf deutsch mit dem Offizier, der die Dienste des Kammerherrn versah. Er sagte ihm, was er wollte, ohne daß ich ihm widersprechen konnte, und natürlich lautete seine Aussage nicht zu meinen Gunsten, übrigens war es nicht unmöglich, daß auch der Kammerherr-Offizier zur Clique gehörte, und so war ich von Kaiphas an Pilatus geraten. Eine Stunde verging, ohne daß ich zum Fürsten vordringen konnte, und als der Offizier sich einen Augenblick entfernt hatte, sagte der Herr, der mir versichert hatte, der Herrscher werde mich anhören: ich könne wieder nach Hause gehen. Der Herzog sei von allem unterrichtet und mir werde ohne Zweifel Gerechtigkeit widerfahren.

Ich sah sofort, daß ich nichts erreichen würde, und dachte daher auf dem Heimwege darüber nach, wie ich mich aus der Klemme ziehen könnte. Ich begegnete Binetti, der meine Lage kannte; er lud mich ein, bei ihm zu speisen, und versicherte mir, der Wiener Gesandte würde mich in seinen Schutz nehmen; dadurch würde ich vor den Gewalttätigkeiten sicher sein, die die Gauner ohne Zweifel gegen mich zu üben versuchen würden, trotz allen Versicherungen, die ich von dem Offizier im Vorzimmer erhalten hätte. Ich nahm die Einladung an, und seine reizende Frau, der meine Lage wirklich zu Herzen ging, verlor keinen Augenblick, den Gesandten, ihren Liebhaber, von allem zu unterrichten.

Der Diplomat kam mit ihr, ließ sich von mir die Geschichte ausführlich erzählen und sagte mir: »Der Herzog weiß wahrscheinlich nichts davon; schreiben Sie einen kurzen Bericht über den hinterlistigen Überfall nieder. Ich werde Ihre Schrift dem Fürsten übergeben und bezweifle nicht, daß Ihnen Gerechtigkeit zuteil werden wird.«

Ich setzte mich an den Schreibtisch der Binetti und verfaßte einen wahrheitsgetreuen Bericht; diesen übergab ich unversiegelt dem Gesandten, der mir versicherte, meine Angelegenheit werde innerhalb einer Stunde dem Herzog bekannt sein.

Bei Tisch wiederholte meine Landsmännin mir ihre feste Versicherung, daß ihr Liebhaber mich beschützen würde. Wir verbrachten den Tag ziemlich heiter; aber gegen Abend kam mein Spanier und meldete mir: »Wenn Sie in Ihren Gasthof zurückkehren, werden Sie verhaftet werden; denn ein Offizier ist in Ihr Zimmer gekommen; da er Sie nicht gefunden hat, hat er sich vor die Haustür gestellt, und unten an der Treppe warten zwei Soldaten, die er bei sich hat.«

Die Vinetti sagte zu mir: »Gehen Sie nicht nach Hause, sondern schlafen Sie hier, wo Sie keine Belästigung zu befürchten haben. Lassen Sie sich die Sachen holen, die Sie brauchen, und warten wir ab.«

Ich gab meine Befehle, und mein Spanier holte mir meine Sachen.

Um Mitternacht kam der Gesandte; wir waren noch nicht zu Bett gegangen, und er war damit einverstanden, daß seine Schöne mir Zuflucht gewährt hatte. Er versicherte mir, meine Eingabe sei dem Fürsten übergeben worden; aber während der drei Tage, die ich in diesem Hause verbrachte, hörte ich kein Wort vom Erfolg derselben.

Am vierten Tage, während ich alle möglichen Leute um Rat fragte, was ich tun sollte, erhielt der Gesandte einen Brief vom Staatsminister. Dieser bat ihn im Auftrage seines Herrn, mich aus seinem Hause zu weisen, da ich einen Prozeß mit Offizieren Seiner Hoheit auszumachen habe; solange er mich aber in seinem Hause behalte, könne die Gerechtigkeit nicht ihren Lauf nehmen.

Der Gesandte gab mir diesen Brief, worin der Minister außerdem versprach, daß den Beteiligten volle Gerechtigkeit widerfahren solle. Ich mußte mich also wohl entschließen, wieder in meinen Gasthof zu gehen, aber die Binetti war darüber so wütend, daß sie den Gesandten beschimpfte. Dieser lachte aber nur darüber und sagte, er könne mich gegen den Willen des Fürsten nicht bei sich behalten. Da ich kein Untertan des Kaisers war, so hatte er recht.

Ich ging also in meinen Gasthof, ohne einen Menschen zu sehen; aber nachdem ich gespeist hatte, brachte gerade in dem Augenblicke, wo ich mich mit meinem Anwalt besprechen wollte, ein Gerichtsbote mir eine Vorladung, die mir von meinem Wirt übersetzt wurde. Ich wurde darin aufgefordert, auf der Stelle bei einem Notar Soundso zu erscheinen, der den Auftrag hätte, meine Aussage zu Protokoll zu nehmen. Ich ging mit dem Gerichtsboten zu ihm und verbrachte zwei Stunden bei diesem Mann, der alles, was ich ihm auf Latein sagte, deutsch niederschrieb. Als er fertig war, forderte er mich auf, das Protokoll zu unterschreiben. Ich machte ihn darauf aufmerksam, daß ich nicht ein Schriftstück unterzeichnen würde, welches ich weder lesen noch verstehen könnte. Er bestand auf seinem Verlangen, aber ich blieb unerschütterlich. Er geriet in Zorn und erklärte es für unpassend, daß ich die Rechtlichkeit eines Notars anzweifeln könnte. Ich antwortete ihm ruhig: ich zweifele durchaus nicht an seiner Rechtlichkeit, aber ich handele nach einem Gebot der Vorsicht; da ich nicht verstände, was er geschrieben habe, so erscheine es mir ganz natürlich, daß er auf meine Unterschrift verzichtet. Vom Hause des Notars ließ ich mich zu meinem Anwalt führen, der mein Verhalten lobte und mir versprach, am nächsten Tage zu mir zu kommen und sich von mir Vollmacht geben zu lassen.

»Alsdann,« sagte er zu mir, »wird Ihre Sache ganz die meinige sein.«

Dies tröstete mich, denn der Mann flößte mir Vertrauen ein. Ich ging nach Hause, aß gut zu Abend, legte mich zu Bett und schlief in der allergrößten Ruhe. Aber beim Erwachen meldete mein Spanier mir einen Offizier, der ihm auf dem Fuße folgte und mir in gutem Französisch sagte, ich dürfe mich nicht wundern, Stubengefangener zu sein; denn da ich Ausländer sei und einen Prozeß habe, so sei es nur in der Ordnung, wenn meine Gegenpartei sich dagegen sichere, daß ich mich vor der Entscheidung des Prozesses entferne. Er verlangte mir höflich meinen Degen ab, den ich ihm zu meinem größten Bedauern geben mußte. Er hatte einen Stahlgriff von wunderschöner Arbeit und war ein Geschenk der Marquise d’Urfé; er war mindestens fünfzig Louis wert.

Ich schrieb an meinen Anwalt und teilte ihm den Vorfall mit; er suchte mich auf und versicherte mir, mein Arrest werde nur wenige Tage dauern. Da ich zu Hause bleiben mußte, ließ ich meinen Freunden Bescheid sagen. Ich empfing die Besuche der Tänzer und Tänzerinnen, die in diesem unglückseligen Stuttgart, das mein Fuß niemals hätte betreten sollen, die einzigen mir bekannten anständigen Leute waren. Meine Lage war nicht eben erfreulich: durch ein Glas Wein vergiftet, betrogen, bestohlen, beschimpft, sah ich mich meiner Freiheit beraubt und von der Notwendigkeit bedroht, hunderttausend Franken zu bezahlen, zu deren Deckung ich mich bis aufs Hemd hätte ausplündern lassen müssen, da niemand wußte, welche Summen ich in meiner Brieftasche hatte. Ich war wie betäubt. Ich hatte an Madame, die Gardella, geschrieben; aber ohne Erfolg, denn ich erhielt nicht einmal eine Antwort. Die Binetti, die Toscani und Baletti, die bei mir zu Mittag oder zu Abend speisten, waren mein ganzer Trost. Meine drei Gauner waren einzeln zu mir gekommen, und jeder hatte mich zu überreden gesucht, ihm ohne Vorwissen der anderen Geld zu geben; dafür versprach mir ein jeder von ihnen, mich aus meiner Verlegenheit zu erlösen. Jeder von ihnen würde sich mit drei- oder vierhundert Louis begnügt haben, aber selbst wenn ich diese Summe dem einen gegeben, so wäre ich nicht sicher gewesen, daß die beiden anderen ihre Ansprüche aufgegeben hätten. Ich hätte dadurch diese Ansprüche gewissermaßen gerechtfertigt und meine Lage nur verschlimmert. Ich sagte ihnen daher, sie langweilten mich und ich wäre ihnen dankbar, wenn sie mich nicht mehr mit ihrer Gegenwart belästigen wollten.

Am fünften Tage nach meiner Verhaftung reiste der Herzog nach Frankfurt, und an demselben Tage sagte die Binetti mir im Auftrage ihres Liebhabers, der Herzog habe den Offizieren versprochen, sich nicht in diese Angelegenheit einzumischen; infolgedessen sei ich in Gefahr, das Opfer eines ungerechten Urteils zu werden. Er rate mir daher, alle meine Kleider, Kleinodien und Diamanten zu opfern, um die Ansprüche meiner Gegner zu befriedigen und meiner Angelegenheit ein Ende zu machen. Die Binetti billigte als vernünftige Frau diesen Rat durchaus nicht, und mir gefiel er noch weniger als ihr; aber sie hatte versprochen, diesen Auftrag auszurichten.

Ich besaß Juwelen und Spitzen für mehr als hunderttausend Franken, aber ich konnte mich nicht entschließen, diese zu opfern. Ich schwamm in einem Meer von Ungewißheit, als mein Anwalt eintrat und mir folgendes sagte:

»Mein Herr, alles, was ich zu tun vermochte, war zwecklos. Es besteht eine Clique gegen Sie – eine Clique, die von hoher Stelle unterstützt zu werden scheint und alle Gerechtigkeit zum Schweigen bringt. Es ist meine Pflicht, Ihnen zu sagen, daß Sie verloren sind, wenn es Ihnen nicht gelingt, sich mit den Spitzbuben zu einigen. Der Urteilsspruch des Polizeirichters, der genau so ein Schelm ist wie die anderen, wird einfach summarisch sein; denn als Ausländer dürfen Sie nicht erwarten, daß Ihre Angelegenheit auf dem Wege des gewöhnlichen Gerichtsverfahrens erledigt wird. Um dies zu erreichen, müßten Sie eine Bürgschaft stellen können. Man hat sich Zeugen zu verschaffen gewußt, welche aussagen, daß Sie ein gewerbsmäßiger Spieler sind, daß Sie die drei Offiziere zu ihrem Landsmann Poccini verschleppt haben, daß Ihre Behauptung, man habe Sie betrunken gemacht, nicht wahr ist, und daß Sie weder Ihre Uhren noch Ihre Dosen verloren haben, denn man behauptet, diese würden sich in Ihren Koffern finden, wenn man ein Verzeichnis Ihrer Sachen aufnähme. Machen Sie sich darauf gefaßt, daß dies morgen oder übermorgen geschehen wird, und zweifeln Sie vor allen Dingen nicht an der Wahrheit alles dessen, was ich Ihnen sage; Sie würden es zu spät bereuen. Man wird hierher kommen und Ihren Koffer, Ihren Schmuckkasten und Ihre Taschen leeren; man wird ein Verzeichnis von allem aufnehmen und noch am selben Tage alles versteigern. Wenn der Erlös die Schuld übersteigt, wird der Rest dazu verwandt werden, die Kosten zu decken, und was Sie wieder herausbekommen, wird sehr wenig sein; wenn die Summe nicht genügt, um Schuld und Kosten des Verfahrens, des Arrestes, der Versteigerung usw. zu bezahlen, wird man Sie, mein Herr, als gemeinen Soldaten in die Truppen Seiner allerdurchlauchtigsten Hoheit einreihen. Ich habe den Offizier, der Ihr Hauptgläubiger ist, sagen hören: man werde die vier Louis, die Sie als Handgeld zu bekommen haben, mit verrechnen, und der Herzog werde sehr erfreut sein, einen so schönen Rekruten zu bekommen.«

Der Advokat ging fort, ohne daß ich es merkte, denn seine Rede hatte mich völlig versteinert. Ich war in einer solchen Aufregung, daß es in Verlauf von weniger als einer Stunde mir so vorkam, wie wenn alle Flüssigkeiten meines Körpers einen Ausgang suchten. Ich Soldat eines kleinen Fürsten wie der Herzog, der nur von dem entsetzlichen Handel mit Menschenfleisch lebte, den er wie der Kurfürst von Hessen betrieb! Ich von Gaunern ausgeplündert! Ich von einem ungerechten Urteilsspruch bedroht! Dies darf nicht sein! Suchen wir auf irgendeine Weise Zeit zu gewinnen!

Zunächst schrieb ich meinen Hauptgläubigern, ich hätte mich entschlossen, mit ihnen einen vernünftigen Vergleich abzuschließen, aber ich wünschte, daß alle drei mit Zeugen beim Notar anwesend wären, um ihren Beitritt zu dem Übereinkommen rechtskräftig zu machen, damit ich abreisen könnte.

Ich berechnete, daß auf alle Fälle einer von den dreien am nächsten Tage auf Wache sein müßte, so daß ich zum mindesten einen Tag gewinnen würde. Inzwischen würde, so hoffte ich, mir irgendein Mittel einfallen, um aus der Klemme herauszukommen.

Hierauf schrieb ich einen Brief an den Polizeipräsidenten, den ich mit Exzellenz und Gnädiger Herr anredete und um seinen mächtigen Schutz bat. Ich schrieb ihm, ich hätte mich entschlossen, meine Sachen zu verkaufen, um dem Gerichtsverfahren, womit man mich bedrohte, ein Ende zu machen; ich bat ihn, das Verfahren aufzuschieben, da die Kosten desselben nur meine Verlegenheit vergrößern würden. Außerdem bat ich ihn, mir einen rechtlichen Mann zu schicken, der meine Sachen nach ihrem wahren Werte abschätzen würde, sobald ich mich mit meinen Gläubigern geeinigt hätte; ferner bat ich ihn, bei den Offizieren sich zu meinen Gunsten ins Mittel zu legen. Als ich mit meinen Briefen fertig war, ließ ich sie durch meinen Spanier bestellen.

Der Offizier, an den ich geschrieben hatte, und der nach seiner Behauptung zweitausend Louis bekommen sollte, besuchte mich nach dem Mittagessen. Ich lag im Bett und sagte ihm, ich glaube, ich hätte Fieber. Er sprach mit mir in gefühlvollem Ton, und, mochte nun dieser aufrichtig oder erheuchelt sein, jedenfalls freute er mich. Er sagte mir, er habe mit dem Polizeipräsidenten gesprochen, und dieser habe ihm meinen Brief zu lesen gegeben. »Es ist das beste, was Sie tun können, wenn Sie einem Vergleich zustimmen; aber wir brauchen nicht alle drei anwesend zu sein. Ich werde von den beiden anderen Vollmacht erhalten, und dies wird dem Notar genügen.«

Ich antwortete ihm hierauf: »Mein Herr, ich bin so unglücklich, daß Sie mir nicht die Genugtuung versagen dürfen, Sie alle drei beisammen zu sehen; ich glaube nicht, daß Sie mir diesen Wunsch abschlagen können.«

»Nun, so geschehe es denn nach Ihrem Wunsch; aber, wenn Sie es eilig haben, so mache ich Sie darauf aufmerksam, daß dieser Wunsch erst am Montag erfüllt werden kann; denn an jedem der nächsten vier Tage ist einer von uns auf Wache.«

»Dies tut mir leid, aber ich werde bis Montag warten. Geben Sie mir Ihr Ehrenwort, daß bis dahin jedes gerichtliche Verfahren unterbleibt.«

»Ich gebe es Ihnen, hier meine Hand darauf; Sie können sich darauf verlassen, aber dafür möchte auch ich Sie um eine Gefälligkeit bitten. Ihr Reisewagen gefällt mir; überlassen Sie ihn mir für den Preis, den er Ihnen gekostet hat.«

»Gern.«

»Wollen Sie, bitte, den Wirt rufen und ihm in meiner Gegenwart sagen, daß der Wagen mir gehört.«

Ich ließ den Wirt hereinkommen und sagte ihm, was der Kerl wünschte; aber der Wirt sagte ihm, er könnte über den Wagen verfügen, sobald seine Rechnung bezahlt wäre. Hierauf wandte er ihm den Rücken und ging hinaus.

»Ich bin vollkommen sicher, daß ich den Wagen bekommen werde!« sagte der Offizier lachend; hierauf umarmte er mich und ging.

Dieses Gespräch hatte mir so wohl getan, daß ich mich schon halb wieder gesund fühlte. Vier Tage vor mir! Es war ein Glücksfall!

Einige Stunden später kam ein anständig aussehender Mann, der gut italienisch sprach, im Auftrage des Polizeipräsidenten zu mir und sagte mir, meine Gläubiger würden am nächsten Montag beisammen sein und er selber würde beauftragt sein, meine Sachen abzuschätzen. Er riet mir, in den Vergleich die Bedingung aufnehmen zu lassen, daß meine Sachen nicht versteigert werden dürften, sondern daß meine Gläubiger sich an die Preise seiner Schätzung zu halten hätten. Er versprach mir, ich würde mir zu diesem Rate Glück wünschen dürfen, wenn ich ihn befolgte.

Nachdem ich ihm gesagt hatte, er werde seinerseits mit mir zufrieden sein, stand ich auf und bat ihn, den Inhalt meines Koffers und meines Schmuckkastens prüfen zu wollen. Er tat dies und sagte mir, meine Spitzen allein seien zwanzigtausend Franken wert. »Sie haben Sachen im Werte von mehr als hunderttausend Franken, mein Herr, aber ich verspreche Ihnen auf mein Wort, daß ich den Offizieren im geheimen gerade das Gegenteil sagen werde. Versuchen Sie Ihre Gegner dahin zu bringen, daß sie sich mit der Hälfte ihrer Forderung begnügen, und Sie können mit der Hälfte Ihrer Sachen abreisen.«

»Für diesen Fall, mein Herr, verspreche ich Ihnen fünfzig Louis; einstweilen nehmen Sie, bitte, diese sechs auf Abschlag.«

»Ich nehme sie dankbar an. Zählen Sie auf meine Ergebenheit! Die ganze Stadt weiß, daß Ihre Gläubiger Spitzbuben sind, und der Herzog weiß es ebensogut wie alle anderen; aber er hat seine Gründe, um ihre Räubereien scheinbar nicht zu bemerken.«

Ich atmete auf und dachte nur noch daran, meine Zeit auszunützen, um mit meinem ganzen Gepäck, leider mit Ausnahme meines schönen Wagens, die Flucht zu ergreifen. Ich hatte eine schwierige Aufgabe vor mir, aber ich war nicht unter den Bleidächern und die Erinnerung an meine große Flucht erhöhte meinen Mut.

Zunächst lud ich die Toscani, Baletti und den Tänzer Binetti zum Abendessen ein, denn ich mußte mich mit Leuten in Verbindung setzen, die von dem Zorne meiner drei Gauner nichts zu fürchten hatten und auf deren Freundschaft ich rechnen konnte.

Nachdem wir gut gespeist hatten, schilderte ich meinen Gästen alle Umstände meiner Lage und sagte ihnen, daß ich entschlossen sei, zu entfliehen, ohne etwas von meinen Sachen herzugeben. »Und nun, meine Freunde, sagen Sie mir Ihre Meinung!«

Nach einem kurzen Schweigen sagte Binetti mir: wenn ich meinen Gasthof verlassen und mich zu ihm begeben konnte, so würde es mir wohl möglich sein, aus einem der Fenster seines Hauses zu steigen. Wäre ich nur einmal auf fester Erde, so befände ich mich auch außerhalb der Stadt, hundert Schritte von der Landstraße entfernt; ich könnte von dort mit der Post abreisen und würde vor Tagesanbruch jenseits der Grenze des Herzogtums sein.

Baletti stand auf, öffnete das Fenster und fand, daß ich es nicht wagen konnte, auf diesem Wege den Gasthof zu verlassen; denn unterhalb des Fensters befinde sich das Dach einer Bretterbude. Ich überzeugte mich mit meinen eigenen Augen, daß er recht hatte, und sagte, ich würde wohl irgendeinen anderen Weg finden, um den Gasthof zu verlassen; aber was mich in Verlegenheit setzte, wäre mein Gepäck.

Hierauf sagte die Toscani: »Sie müssen Ihre Koffer im Stich lassen; denn es ist nicht möglich, diese unvermerkt fortzuschaffen, und müssen alle Ihre Sachen zu mir schicken. Ich verpflichte mich, Ihnen alles, was Sie mir anvertrauen, sicher nach dem Ort zu schicken, wo Sie zuerst Halt machen werden. Ich werde in verschiedenen Gängen alles unter meinen Kleidern fortbringen und kann damit schon heute Abend beginnen.«

Baletti fand diese Idee gut und sagte mir, seine Frau werde ebenfalls kommen, um die Ausführung zu beschleunigen. Wir entschieden uns also dafür, und ich versprach der Binetti, in der Nacht vom Sonntag zum Montag pünktlich um zwölf Uhr zu ihr zu kommen, und wenn ich auch den Wachtposten erdolchen müßte, den ich tagsüber stets vor meiner Zimmertür hatte, der aber während der Nacht sich entfernte und erst am Morgen wieder kam; bevor er ging, schloß er die Tür ab. Baletti versprach mir, einen treuen Diener mir zur Verfügung zu stellen, und sagte, ich würde auf der Landstraße eine vierspännige Postkutsche finden und auf dieser mein ganzes Gepäck in anderen Koffern. Um die Zeit nicht unbenutzt zu lassen, begann die Toscani sofort sich zu beladen, indem sie zwei Anzüge unter ihrem Rock befestigte. Während der nächsten Tage arbeiteten die drei Damen und meine beiden Freunde so fleißig, daß am Samstag um Mitternacht meine Koffer, meine Schatulle und mein Necessaire leer waren; alle Juwelen behielt ich zurück, um sie in meinen Taschen fortzutragen. Am Sonntag brachte die Toscani mir die Schlüssel von zwei Koffern, worin sie sorgsam alle meine Sachen verpackt hatte; Baletti kam ebenfalls und teilte mir mit, daß alle Maßnahmen getroffen seien, und daß ein guter Reisewagen mit seinem Bedienten von Mitternacht an auf der Landstraße auf mich warten würden.

Dies alles war für mich sehr befriedigend. Um meinen Gasthof zu verlassen, machte ich folgendes:

Der Soldat, der mich bewachte, hielt sich in einem kleinen Vorzimmer auf, in welchem er auf und ab ging; mein Zimmer betrat er niemals, außer wenn ich ihn rief. Sobald er wußte, daß ich im Bett lag, schloß er meine Tür zu und entfernte sich bis zum nächsten Morgen. Außerdem pflegte er an einem Tischchen in einer Ecke des Vorzimmers zu Abend zu essen, was ich ihm von meinen Speisen zukommen ließ. Ich hatte diese Gewohnheiten genau beobachtet, und gab daraufhin meinem Spanier folgende Anweisungen:

»Nach dem Abendessen werde ich nicht zu Bett gehen, sondern mich bereit halten, mein Zimmer zu verlassen; ich werde hinausgehen, sobald ich draußen kein Licht mehr sehe. Doch werde ich mein Licht so stellen, daß man meinen Schatten nicht bemerken kann, und daß kein heller Schein durch die Tür fällt. Bin ich erst einmal aus meinem Zimmer heraus, so werde ich ohne Schwierigkeit die Treppe erreichen, und alles ist in Ordnung. Ich werde zu Binetti gehen; von seinem Hause aus werde ich die Stadt verlassen, und in Fürstenberg werde ich auf dich warten. Kein Mensch wird dich verhindern können, morgen oder übermorgen abzureisen. Sobald du mich in meinem Zimmer bereit siehst – und dies wird sein, während der Soldat zu Abend ißt – wirst du die Kerze auslöschen, die auf seinem Tische steht; dies kannst du leicht tun, indem du den Docht putzest. Du nimmst sofort das Licht, um es wieder anzuzünden, und den Augenblick, wo du in mein Zimmer trittst, werde ich benützen, um im Schutze der Dunkelheit mich zu entfernen. Sobald du denkst, daß ich das Vorzimmer verlassen haben müßte, kommst du mit der angezündeten Kerze zum Soldaten zurück; hierauf hilfst du ihm langsam seine Flasche austrinken. Inzwischen werde ich in Sicherheit sein. Du wirst ihm sagen, daß ich zu Bett gegangen sei; er wird eintreten, mir gute Nacht wünschen, die Tür verschließen, den Schlüssel in die Tasche stecken und mit dir fortgehen. Es ist nicht anzunehmen, daß er mit dir wird sprechen wollen, wenn du ihm sagst, daß ich schon zu Bett gegangen sei.«

Da es jedoch immerhin möglich war, daß der Soldat mich zu sehen wünschte, so legte ich auf das Kopfkissen einen Perückenkopf, über welchen ich eine Nachtmütze gezogen hatte und zog die Decke so zurecht, daß der Soldat bei einem flüchtigen Blick getäuscht werden mußte.

Alles ging ausgezeichnet, wie ich später von meinem Spanier erfuhr. Während dieser mit meinem Wächter trank, zog ich meinen Pelz an, schnallte meinen Hirschfänger um – denn ich hatte keinen Degen mehr – und steckte zwei geladene Pistolen in meine Taschen. Sobald ich an der Dunkelheit erkannte, daß Leduc das Licht ausgelöscht hatte, ging ich leise hinaus und kam ohne das geringste Geräusch an die Treppe. Als ich einmal dort war, war das übrige leicht; denn die Treppe führte auf den Flur und die Haustür stand stets bis nach Mitternacht offen.

Mit großen Schritten eilte ich die Straße entlang und kam um dreiviertel Zwölf bei Binetti an, dessen Frau mich am Fenster erwartete. Als ich in ihrem Zimmer war, von wo aus ich meine Flucht bewerkstelligen sollte, verloren wir keine Zeit; ich warf durch das Fenster meinen Pelz Baletti zu, der unten im Graben bis an die Waden im Schlamm stand; nachdem ich einen starken Strick fest um meinen Leib gebunden hatte, umarmte ich die Binetti und die kleine Baletti, die mich an dem Strick, der um ein Stück Holz gewickelt war, ganz sanft hinuntergleiten ließen. Baletti fing mich mit seinen Armen auf; ich schnitt den Strick durch, zog meinen Pelz wieder an und folgte meinem lieben Baletti.

Wir durchwateten den Schlamm, indem wir bis an die Knie einsanken, brachen uns mit vieler Mühe einen Weg durch die Hecken und gelangten endlich auf die Landstraße. Wir waren sehr ermüdet, obwohl die Straße in gerader Richtung nicht mehr als vierhundert Schritte von dem Hause entfernt war. In geringer Entfernung fanden wir vor der Tür einer kleinen Schenke den Wagen, worin Balettis Bedienter saß. Er stieg aus und sagte uns, der Postillon sei in die Schenke gegangen, um ein Glas Bier zu trinken und seine Pfeife anzuzünden. Ich belohnte den treuen Diener, setzte mich an dessen Stelle in den Wagen, umarmte seinen Herrn, und bat sie, zu gehen und das Weitere mir zu überlassen.

Es war der 2. April 1760, mein Geburtstag und ein bemerkenswerter Tag in der Geschichte meines Lebens, da fast keiner vergangen ist, ohne daß mir etwas Glückliches oder Unglückliches zugestoßen wäre.

Ich saß seit zwei oder drei Minuten im Wagen, als der Postillon herauskam und mich fragte, ob wir noch lange zu warten hätten. Er glaubte mit derselben Person zu sprechen, die vorher im Wagen gewesen war, und ich hütete mich natürlich, ihm seinen Irrtum zu benehmen, sondern sagte zu ihm: »Vorwärts und fahre in einem zu bis Tübingen, ohne in Waldenbuch die Pferde zu wechseln.« Er gehorchte, und wir fuhren mit großer Schnelligkeit; aber das Gesicht, das er machte, als er in Tübingen mich zu sehen bekam, war so komisch, daß ich beinahe laut aufgelacht hätte. Balettis Diener war jung und klein. Ich war groß und vollkommen ausgewachsen. Er riß die Augen weit auf und sagte, ich sei nicht derselbe Herr, mit dem er abgefahren sei. »Du warst betrunken«, sagte ich zu ihm. Zugleich drückte ich ihm ein viermal so großes Trinkgeld in die Hand, als er sonst zu erhalten pflegte, und der arme Teufel erwiderte kein Wort mehr. Wer hätte nicht die Erfahrung gemacht, daß es fast immer, um Recht zu behalten, das beste Mittel ist, nicht aufs Geld zu sehen! Ich reiste sofort weiter und machte erst Halt, als ich auf Fürstenbergischem Gebiet war; hier war ich in voller Sicherheit. Ich hatte unterwegs nichts gegessen und hatte bei meiner Ankunft in dem Gasthof einen Riesenhunger. Ich ließ mir ein gutes Nachtessen auftragen; hierauf ging ich zu Bett und hatte einen friedlichen Schlaf. Nach meinem Erwachen ließ ich mir Papier bringen und schrieb an jeden meiner drei Spitzbuben einen gleichlautenden Brief. Ich versprach ihnen, drei Tage in Fürstenberg auf sie zu warten und forderte sie in den stärksten Ausdrücken zum Zweikampf heraus, indem ich ihnen bei meiner Ehre schwor, daß ich ihre Feigheit öffentlich bekannt machen würde, wenn sie sich weigern sollten, sich mit mir zu messen. Hierauf schrieb ich an die Toscani, an Baletti und an die liebenswürdige Geliebte des österreichischen Gesandten, empfahl ihnen Leduc und dankte ihnen für ihre freundschaftliche Hilfe.

Die drei Spitzbuben kamen nicht, aber die beiden sehr schönen Töchter des Wirtes ließen mich meine drei Wartetage auf die angenehmste Weise verbringen. Am vierten Tage gegen Mittag hatte ich das Vergnügen, meinen treuen Spanier, mit seinem Mantelsack auf dem Sattel, angesprengt kommen zu sehen. Er sagte zu mir: »Gnädiger Herr, in Stuttgart weiß jedermann, daß Sie hier sind, und es steht zu befürchten, daß die drei Offiziere, die zu feige sind, um einen Zweikampf anzunehmen, Sie ermorden lassen. Wenn Sie vernünftig sind, reisen Sie sofort nach der Schweiz ab.«

»Du bist also selber ein rechter Feigling, mein armer Junge«, sagte ich zu ihm; »sei meinetwegen unbesorgt und erzähle mir alles, was nach meiner Abreise vorgefallen ist.«

»Gnädiger Herr, sobald Sie hinaus waren, machte ich alles, wie Sie es mir gesagt hatten; ich half dem armen Teufel seine Flasche austrinken – was er ganz gut auch alleine hätte fertig bringen können – und sagte ihm hierauf, Sie seien zu Bett gegangen; er schloß wie gewöhnlich die Tür zu und ging, nachdem er mir die Hand geschüttelt hatte. Als er fort war, legte ich mich zu Bett. Am anderen Morgen war der biedere Soldat um neun Uhr auf seinem Posten, und um zehn Uhr kamen die drei Offiziere. Ich sagte ihnen, Sie schliefen noch, worauf sie fortgingen, indem sie mir befahlen, ihnen im Kaffeehause nebenan Bescheid zu sagen, sobald Sie aufgestanden wären. Nachdem sie lange gewartet hatten, ohne mich kommen zu sehen, erschienen sie um zwölf Uhr wieder und befahlen dem Soldaten die Tür zu öffnen. Da hatte ich denn einen sehr netten Anblick, obgleich ich mich inmitten der drei Spitzbuben in großer Gefahr befand.

Sie treten ein, sehen den Perückenkopf, den sie für Ihren Kopf halten, gehen an das Bett heran und sagen Ihnen höflich guten Tag. Da Sie nicht antworten, schüttelt der eine von ihnen Sie, und plumps! rollt der Perückenkopf auf den Fußboden; ich stoße ein lautes Lachen aus, das ich nicht zurückhalten kann, da ich ihre Verblüffung sehe.

›Du lachst, Lümmel, du wirst uns sagen, wo dein Herr ist.‹ Diese wütenden Worte waren von einigen Stockschlägen begleitet.

Ich bin nicht der Mann, mir eine solche Behandlung gefallen zu lassen, und sagte ihnen mit einem kräftigen Fluch: wenn sie das nochmals täten, würde ich mich verteidigen, ich wäre nicht der Hüter meines Herrn und sie brauchten nur den Wachtposten zu befragen. Sie taten dies und der Soldat schwor bei allen Heiligen, Sie könnten nur durch das Fenster entflohen sein. Trotz seiner Versicherung rief man einen Korporal, und der arme Kerl wurde ins Gefängnis geschickt, so unschuldig er auch war.

Der Wirt hatte den Lärm im Zimmer gehört; er kam herauf, öffnete ihre Koffer und sagte, als er diese leer sah, Ihr Reisewagen wäre ihm eine genügende Bezahlung; er lächelte nur, als der eine Offizier behauptete, Sie hätten ihm den Wagen abgetreten. Ein höherer Offizier kam dazu; er erklärte, Sie könnten nur durch das Fenster entflohen sein, und befahl infolgedessen die Schildwache sofort in Freiheit zu setzen. Gegen mich aber nahm man sich die fürchterlichsten Ungerechtigkeiten heraus; denn da ich mich des Lachens nicht enthalten konnte und auf alle Fragen nur mit einem Ich weiß es nicht antwortete, so erlaubten die Herren sich, mich ins Gefängnis zu schicken, indem sie mir sagten, man würde mich so lange festhalten, bis ich erklärte, wo Sie oder doch wenigstens Ihre Sachen wären.

Am nächsten Tage kam einer von ihnen ins Gefängnis und sagte mir, wenn ich bei meinem Schweigen bliebe, so würde ich unfehlbar zum Zuchthaus verurteilt. Ich antwortete ihm: ›Auf Spanierwort, ich weiß es nicht. Aber selbst wenn ich es wüßte, würden Sie niemals ein solches Geständnis von mir erpressen, denn niemand kann einem ehrlichen Diener vorschreiben, seinen Herrn anzugeben‹. Auf diese Worte hin befahl der Spitzbube dem Kerkermeister mir eine Tracht Prügel zu geben; hierauf ließ man mich frei.

Mir tat der Buckel ein bißchen weh, aber ich war stolz, meine Pflicht getan zu haben, und froh, so billig davon gekommen zu sein. Zum Schlafen ging ich in den Gasthof, wo ich gut aufgenommen wurde. Am nächsten Morgen wußte ganz Stuttgart, daß Sie hier wären und den drei Gaunern eine Herausforderung geschickt hätten; aber ein jeder sagte, sie würden nicht so verrückt sein, mit Ihrer eigenen Person einzustehen. Frau Valetti bittet Sie jedoch, von hier abzureisen, weil jene Leute imstande wären, Sie ermorden zu lassen. Der Wirt hat Ihren Reisewagen und Ihre Koffer an den Wiener Gesandten verkauft, der, wie man sagt, Sie aus der Wohnung seiner Geliebten durch ein Fenster hat entwischen lassen. Was mich anbetrifft, so bin ich ohne Hindernis hier angekommen.«

Drei Stunden nach Leducs Ankunft nahm ich die Post und fuhr nach Schaffhausen und von dort mit einem Mietfuhrwerk nach Zürich, weil es in der Schweiz keine Post gibt. Ich stieg in dem ausgezeichneten Gasthof zum Schwert ab.

Als ich nach dem Abendessen allein in dem glänzendsten Speisesaal der ganzen Schweiz saß, wohin ich gleichsam wie aus den Wolken gefallen war – denn ich hatte vorher nicht die geringste Absicht gehabt, nach Zürich zu gehen – überließ ich mich tausend Betrachtungen über meine augenblickliche Lage und mein vergangenes Leben. Ich rief mir meine Unglücksfälle ins Gedächtnis zurück und prüfte mein Verhalten. Ich erkannte gar bald, daß alle Unannehmlichkeiten mir durch meine eigene Schuld zugestoßen waren, und daß ich fast immer mit meinem Glück Scherz getrieben hatte, wenn es mich mit seinen Gaben überschüttete. Ich hatte mich soeben aus einer Schlinge gezogen, in der ich trotz meiner Unschuld Tod oder Schande finden konnte, und ich erzitterte bei diesem Gedanken. Ich faßte den Entschluß, in Zukunft nicht mehr ein Spielball des Glücks zu sein und mich vom Zufall gänzlich unabhängig zu machen. Ich stellte ein Verzeichnis meines Vermögens auf und fand, daß ich dreihunderttausend Franken besaß. Dies genügt, sagte ich zu mir selber, um vor allen Wechselfällen geschützt eine sichere Existenz zu führen, und ich werde in einem vollkommenen Frieden das wahre Glück finden! Voll von diesen Gedanken ging ich zu Bett und verbrachte eine köstliche Nacht in wundervollen Träumen. Ich sah mich in einer friedlichen Einsamkeit in Überfluß und Ruhe; mir war’s, wie wenn ich mich inmitten einer schönen Landschaft befände, deren Herr ich wäre und wo ich einer Freiheit genösse, die der Mensch vergeblich in der Welt sucht. Natürlich träumte ich; aber in meinem Traum kam es mir vor, als ob ich nicht träumte. Es war für mich eine schmerzliche Enttäuschung, als ich bei Tagesanbruch plötzlich erwachte. Ich war von meinem eingebildeten Glück zu angenehm geweckt, als daß ich nicht hätte suchen sollen, es zu verwirklichen. Ich stand auf, zog mich in aller Eile an, und ging ohne Frühstück aus dem Hause, ohne zu wissen wohin.

Nachdem ich in Gedanken über meinen Traum versunken eine Stunde langsam marschiert war, wachte ich sozusagen plötzlich auf und befand mich in einer Schlucht zwischen zwei hohen Bergen. Ich ging weiter, kam in eine von Bergen umschlossene Ebene und sah zur Linken in der Ferne in prachtvoller Lage eine große Kirche neben einem großen regelmäßigen Gebäude. Ich erriet, daß es ein Kloster wäre, und lenkte meine Schritte dorthin. Ich fand die Kirchentüre offen, trat ein und war verwundert ob dem reichen Marmorschmuck und der Schönheit der Altäre. Nachdem ich die letzte Messe gehört hatte, ging ich in die Sakristei, wo ich eine Menge Benediktiner fand.

Der Abt, den ich inmitten dieser Mönche an dem um seinen Hals hängenden Kreuz erkannte, trat auf mich zu und fragte, ob ich die Sehenswürdigkeiten des Klosters und der Kirche in Augenschein zu nehmen wünsche. Ich antwortete ihm, dies werde mir viel Vergnügen machen, und er erbot sich, nebst zwei anderen Brüdern selber mein Führer zu sein. Ich sah sehr reiche Gewänder, die mit Gold und echten Perlen überladen waren, Monstranzen, die mit Diamanten und anderen Edelsteinen geschmückt waren, eine reiche Ballustrade und anderes mehr.

Ich verstand sehr wenig deutsch und kein Wort von der Schweizer Mundart, die mir sehr schwer verständlich zu sein scheint und in der deutschen Sprache etwa die Stellung einnehmen dürfte, wie die genuesische Mundart in der italienischen. Ich begann daher lateinisch zu sprechen und fragte den Abt, ob die Kirche schon vor langer Zeit erbaut worden sei. Hierauf begann der Hochwürdigste eine lange Geschichte, die mich beinahe dahin gebracht hätte, meine Neugierde zu bereuen, wenn er mir nicht zum Schluß gesagt hätte, es sei die einzige Kirche auf der ganzen Welt, die Jesus Christus in eigener Person geweiht habe. Demnach mußte die Gründung schon recht weit zurückliegen, und ohne Zweifel machte ich ein etwas überraschtes Gesicht dazu; denn der Abt lud mich ein, ihm in die Kirche zu folgen, um mich von der Wahrheit jener Worte zu überzeugen. Dort zeigte er mir auf einer Marmorfliese des Fußbodens die Fußtapfe, die Jesus im Augenblick der Einweihung hinterlassen hätte, um die Zweifler zu überzeugen und dem Superior die Mühe zu ersparen, den Bischof des Sprengels zur Weihe der Kirche herbeirufen zu lassen. Der Superior hatte dieses Wunder durch eine göttliche Offenbarung im Traum erfahren. Er ging in die Kirche, um nachzusehen, sah die Höhlung, die der göttliche Fuß hinterlassen hatte, und dankte dem Herrn.

Sechstes Kapitel


Ich erhalte gute Nachrichten aus Venedig, kehre dorthin zurück und nehme de la Haye und Bavois mit mir. – Wir werden von meinen drei Freunden ausgezeichnet aufgenommen; ihre Überraschung, als sie mich als ein Muster von Frömmigkeit sehen. – Bavois bringt mich zu meinem früheren Lebenswandel zurück. – De la Haye als echter Heuchler. – Abenteuer mit dem Mädchen Marchetti. – Ich gewinne in der Lotterie. – Ich finde Baletti wieder. – De la Haye verläßt den Palazzo Bragadino. – Ich reise nach Paris ab.

Jeden Tag gewann de la Haye mehr Herrschaft über meinen geschwächten Geist; jeden Tag nahm ich fromm an Messe, Offizium und Predigt teil. Da erhielt ich aus Venedig einen Brief, der mir meldete, meine Angelegenheit habe den üblichen Lauf aller dieser Dinge genommen, das heißt, sie sei in Vergessenheit geraten. Durch einen zweiten Brief des Herrn von Bragadino erfuhr ich, der Minister vom Wochendienst habe dem Botschafter geschrieben, er könne dem Heiligen Vater versichern, man werde dem Baron Bavois, sobald er sich melden sollte, eine Anstellung bei den Truppen der Republik geben, mittels deren er anständig leben und bei guter Ausführung es zu den höchsten Würden bringen könne.

Durch diesen Brief erfüllte ich das Herz des Herrn de la Haye mit Freude, und ich steigerte diese auf ihren Höhepunkt, als ich ihm sagte, jetzt könnte mich nichts mehr hindern, in meine Heimat zurückzukehren.

Infolgedessen beschloß er, nach Modena zu reisen und sich mit seinem Neubekehrten über das Verhalten zu besprechen, das dieser in Venedig beobachten müßte, um sich den Weg zum Glück zu bahnen. Auf mich konnte er sich in jeder Beziehung verlassen; er sah, daß ich Fanatiker war, und er wußte, daß der Fanatismus eine unheilbare Krankheit ist, solange die Ursachen fortbestehen. Da er mit nach Venedig ging, so hoffte er bestimmt, das Feuer erhalten zu können, das er selber angezündet.

Er schrieb also an Bavois, er werde zu ihm kommen. Zwei Tage später nahm er Abschied von mir; er zerfloß in Tränen, hielt die schönsten Lobreden auf die Tugenden meiner Seele, nannte mich seinen teuren Sohn und versicherte mir, er habe sich erst dann an mich angeschlossen, nachdem er in meinen Gesichtszügen den göttlichen Charakter des Auserwählten gelesen habe. Wie man sieht, waren seine Behauptungen nicht übertrieben.

Einige Tage nach de la Hayes Abreise verließ ich Parma in meinem Wagen, den ich in Fusina ließ; von dort begab ich mich nach Venedig. Ich war ein volles Jahr fort gewesen, und meine Freunde empfingen mich wie ihren Schutzengel. Sie bekundeten die größte Ungeduld, die beiden Auserwählten ankommen zu sehen, deren Bekanntschaft ich ihnen in meinen Briefen verheißen hatte. Eine Wohnung für de la Haye war im Palazzo selbst zurecht gemacht worden, und da aus politischen Gründen mein Vater einen Fremden, der noch nicht im Dienst der Republik stand, nicht bei sich aufnehmen konnte, so hatte er für Bavois zwei hübsche Zimmer in der Nachbarschaft besorgt.

Sie waren außerordentlich überrascht, als sie die wunderbare Veränderung bemerkten, die mit mir in bezug auf meinen sittlichen Wandel vorgegangen war. Alle Tage war ich in der Messe, oft bei der Predigt; ich machte das vierzigstündige Gebet mit, Kasinos besuchte ich gar nicht, sondern nur das Kaffeehaus, wo sich fromme Leute von bekanntem gutem Lebenswandel versammelten. Stets saß ich über meinen Büchern, wenn ich nicht in Gesellschaft meiner drei Freunde war. Indem sie meinen gegenwärtigen Lebenswandel mit meinen früheren Sitten verglichen, erstaunten sie und wußten nicht, wie sie der Vorsehung danken sollten, deren unbegreifliche Wege sie bewunderten. Sie segneten die Verbrechen, die mich gezwungen hatten, ein Jahr fern von meiner Vaterstadt zu verbringen. Ihre höchste Freude erregte es, als ich alle meine Schulden bezahlte, ohne einen Heller von Herrn de Bragadino zu verlangen, der mir seit einem Jahr nichts gegeben und mit frommer Gewissenhaftigkeit Monat für Monat das mir bewilligte Taschengeld für mich auf die Seite gelegt hatte. Ich brauche nicht zu sagen, wie sehr die braven Leute sich freuten, als sie sahen, daß ich niemals zum Spiel ging.

Zu Anfang des Monats Mai erhielt ich einen Brief von de la Haye. Er teilte mir mit, er würde sich mit dem teuren Sohn seiner Seele einschiffen, um sich den Befehlen der achtungswerten Persönlichkeiten, denen ich ihn angekündigt hätte, zur Verfügung zu stellen.

Da uns die Ankunftszeit des Marktschiffs von Modena bekannt war, begaben wir uns alle zu ihrem Empfang, mit Ausnahme des Herrn de Bragadino, der an jenem Tage im Senat war. Wir traten vor ihm in seinen Palazzo ein, und als er uns alle beisammen fand, bereitete er den Neuangekommenen den schönsten Empfang. De la Haye hatte mir hunderterlei mitzuteilen, aber ich hörte ihm kaum zu, so sehr beschäftigte mich der Baron Bavois.

Er war eine so ganz andere Persönlichkeit wie die, die ich mir nach der mir gemachten Schilderung vorgestellt hatte, daß meine Begriffe von ihm völlig in Verwirrung gerieten. Ich mußte ihn drei Tage lang studieren, bevor ich mich zu einer wirklichen freundschaftlichen Annäherung entschließen konnte. Ich muß meinen Lesern sein Bild zeichnen:

Baron Bavois war ein junger Mann von etwa fünfundzwanzig Jahren, von mittlerer Größe, hübschem Gesicht, sehr gut gewachsen, blond. Er war von stets gleichmäßigem Wesen, sprach gut und geistvoll und wußte sich mir einer gewandten Bescheidenheit auszudrücken, die ihm sehr gut stand. Seine Gesichtszüge waren angenehm und regelmäßig, seine Zähne sehr schön, seine sehr dichten Haare waren sehr gut gepflegt und dufteten nach den Wohlgerüchen, mit denen er sie behandelte. Über diesen jungen Mann, der weder in seinem Wesen noch in seiner äußeren Erscheinung dem Bilde glich, das man sich nach de la Hayes Schilderung gemacht, waren meine drei Freunde sehr erstaunt; indessen hatte darunter die gute Aufnahme, die sie ihm bereiteten, in keiner Weise zu leiden, denn ihren reinen Seelen war es unmöglich, ein ungünstiges Urteil zu fällen, da sie doch von seinen Sitten einen so schönen Begriff haben mußten.

Sobald de la Haye in seiner prachtvollen Wohnung untergebracht war, führte ich den Baron in die für ihn bestimmte, wohin ich bereits seine Sachen hatte schaffen lassen. Als er sich so gut bei sehr ehrenwerten Bürgersleuten untergebracht sah, die im voraus zu seinen Gunsten eingenommen waren und ihn mit Auszeichnung behandelten, umarmte er mich zärtlich, indem er mich seiner vollen Dankbarkeit versicherte. Er sagte mir, er fühle sich von tiefem Dank durchdrungen für alles, was ich für ihn getan hätte, ohne ihn zu kennen, und wovon de la Haye ihn genau in Kenntnis gesetzt hätte. Ich tat, als wüßte ich von nichts. Um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, fragte ich ihn, womit er in Venedig seine Zeit zu verbringen gedächte, bis seine Anstellung ihm eine geregelte, amtliche Tätigkeit gäbe.

»Ich hoffe,« antwortete er mir, »wir werden uns angenehm amüsieren, denn ich bezweifle nicht, daß unsere Neigungen überein stimmen.«

In der Verdummung, zu der Merkur und de la Haye mich gebracht hatten, wäre ich in Verlegenheit gewesen, diesen Worten auf der Stelle ihre richtige Bedeutung beizulegen, obgleich sie doch im übrigen leicht verständlich waren, aber wenn ich auch in diesem Fall an der Oberfläche blieb, so bemerkte ich doch sofort, daß er den beiden Töchtern seiner Wirtin gefallen hatte. Sie waren weder hübsch noch häßlich; aber er war liebenswürdig gegen sie wie ein Mann, der sich darauf versteht. Ich nahm es jedoch nur für übliche Höflichkeit; soweit war ich bereits durch meinen Mystizimus heruntergekommen.

Für den ersten Tag führte ich meinen Baron nur auf den Markusplatz und ins Kaffeehaus, wo wir bis zum Abendessen blieben. Er hatte sein tägliches Gedeck bei Herrn de Bragadino. Während der Mahlzeit glänzte er durch hübsche Bemerkungen, und Herr Dandolo verabredete mit ihm die Stunde, um ihn am nächsten Tage abzuholen und ihn dem Kriegsminister vorzustellen. Nach dem Abendessen brachte ich ihn wieder nach Hause; ich fand die beiden jungen Mädchen hocherfreut, daß ihr stolzer Herr keinen Bedienten hatte, denn sie hofften, ihn überzeugen zu können, daß er eines solchen entbehren könne. Am anderen Tage, kurz vor der verabredeten Zeit, begleitete ich zu ihm die Herren Dandolo und Barbaro, die ihn dem Minister vorstellen sollten. Wir fanden ihn bei der Toilette unter zarter Hand der ältesten Schwester, die ihn frisierte. Sein Zimmer duftete vom Geruch der Pomade und der Essenzen, mit denen er sich parfümieren ließ. Dies sprach nicht gerade für einen kleinen Heiligen; indessen nahmen meine beiden Freunde doch keinen Anstoß daran, obgleich ich ihre Überraschung wohl bemerkte, denn sie waren auf eine derartige Galanterie bei einem Neubekehrten nicht gefaßt gewesen. Ich hätte beinahe laut herausgelacht, als Herr Dandolo mit salbungsvoller Miene sagte, wenn wir uns nicht ein bißchen beeilten, hätten wir keine Zeit mehr, in die Messe zu gehen, und als Bavois ihn überrascht fragte, ob denn Feiertag wäre. Herr Dandolo machte keine Bemerkung dazu, sondern sagte einfach nein; und an den folgenden Tagen war von der Messe nicht mehr die Rede. Als er fertig war, ließ ich sie allein gehen und schlug selber einen anderen Weg ein. Ich sah die Herren erst beim Mittagsessen wieder, wo man sich über den Empfang unterhielt, den der Weise dem jungen Baron bereitet hatte; am Nachmittag führten meine beiden Freunde ihn zu Damen ihrer Verwandtschaft, die alle von ihm entzückt zu sein schienen. In weniger als acht Tagen hatte er so viele Bekanntschaften, daß er keine Langeweile mehr zu fürchten brauchte; während dieser acht Tage erkannte ich aber auch vollkommen seinen Charakter und seine Denkweise. Ich hätte ein so langes Studium nicht nötig gehabt, wenn ich nicht vorher die Überzeugung vom Gegenteil gehabt hätte, oder vielmehr, wenn nicht meine Verstandeskräfte durch meine Frömmelei belastet gewesen wären. Bavois liebte Weiber, Spiel und Verschwendung, und da er arm war, waren die Frauen seine hauptsächlichste Hilfsquelle; Religion hatte er überhaupt nicht, und da er kein Heuchler war, so machte er kein Hehl daraus.

»Wie haben Sie,« fragte ich ihn eines Tages, »so wie Sie sind, einen de la Haye hintergehen können?«

»Gott soll mich davor bewahren, irgend einen Menschen zu hintergehen! De la Haye kennt vollkommen meine Weltanschauung und Denkweise; aber als frommer Mann, der er ist, hat er eine schöne Liebe zu meiner Seele gefaßt, und ich habe ihn gewähren lassen. Er hat mir Wohltaten erzeigt, ich bin ihm dankbar dafür. Ich liebe ihn um so mehr, da er mich niemals mit Unterhaltungen über Glaubenssätze und über mein Seelenheil langweilt, für das Gott, unser guter Vater, auch ohnehin schon gesorgt haben wird. Dies ist ein Übereinkommen zwischen uns, und so leben wir als gute Freunde miteinander.«

Das Spaßhafte an der Sache war, daß Bavois, während ich seinen Charakter zu erkennen suchte, mir, ohne sich etwas dabei zu denken, den Kopf wieder zurecht setzte. Ich errötete darüber, daß ich mich von einem Jesuiten hatte betölpeln lassen, der trotz seiner ausgezeichnet gespielten Rolle des vollkommenen Christen nur ein abgefeimter Heuchler war. Ich nahm sofort meine früheren Gewohnheiten wieder auf. Doch kommen wir noch einmal auf de la Haye zurück!

Der Ex-Jesuit, dem im Grunde nur an seinem eigenen Wohlleben etwas lag, der aber schon alt war und infolgedessen für das weibliche Geschlecht keine Neigung mehr hatte, war gerade der Mann dazu, meine drei einfachen und gutmütigen Freunde zu bezaubern.

Da er mit ihnen nur von Gott, Engeln und ewigem Ruhm sprach und mit großer Ausdauer sie in die Kirche begleitete, so erschien er ihnen bewunderungswürdig. Sie konnten kaum den Augenblick erwarten, wo er sich entdecken würde; denn sie bildeten sich ein, er wäre zum mindesten ein Rosenkreuzer oder der Eremit von Carpegna, der mich die Kabbala gelehrt und mir den unsterblichen Paralis bescherte. Sie waren bedrückt, da ich ihnen durch deutliche Worte des Orakels verboten hatte, jemals in Gegenwart des alten Herrn von meiner Wissenschaft zu sprechen.

Dies verschaffte mir, wie ich vorausgesehen hatte, viele freie Zeit, die ich sonst ihrer frommen Leichtgläubigkeit hätte widmen müssen; übrigens hätte ich fürchten müssen, daß de la Haye, so wie ich ihn beurteilte, sich niemals herbeigelassen hätte, an derartigen Albereien teilzunehmen, und daß er, um sich in ihren Augen ein Verdienst zu erwerben, hätte versuchen können, ihnen die Täuschung zu benehmen, um mich zu verdrängen.

Ich bemerkte bald, daß ich vorsichtig gehandelt hatte; denn in weniger als drei Wochen hatte der schlaue Fuchs sich dermaßen zum geistigen Leiter meiner drei Freunde gemacht, daß er nicht nur glaubte, er hätte mich nicht mehr nötig, um seinen Einfluß auf sie zu behaupten, sondern er wäre sogar imstande, mich über den Haufen zu stoßen, sobald er Lust hätte. Dies war eine Schwäche von ihm; ich erkannte es klar und deutlich, sowohl an dem Stil, worin er mit mir sprach, wie auch an seinem veränderten Benehmen gegen mich.

Er fing schon an, mit meinen drei Freunden häufig Unterredungen zu haben, bei denen ich nicht zugegen war, und er hatte sich bei mehreren Familien vorstellen lassen, die ich nicht besuchte. Er spielte sich bereits als Jesuiten auf und erlaubte sich, wenn auch mit honigsüßen Worten, Bemerkungen zu machen, daß ich zuweilen die Nacht an Orten verbrächte, von denen die Freunde nichts wußten.

Dies begann mich zu ärgern; besonders daß er mir seine salbungsvollen Predigten bei Tisch in Gegenwart meiner Freunde und seines Neubekehrten machte. Er tat, als wollte er mich beschuldigen, daß ich diesen verführte. Er suchte einen scheinbar scherzhaften Ton anzuschlagen; aber ich ließ mich nicht mehr von ihm an der Nase führen. Ich glaubte, diesem Spiel ein Ende machen zu müssen, und machte ihm in dieser Absicht einen Besuch auf seinem Zimmer. Ich trat mit den Worten ein:

»Ich komme, um als aufrichtiger Anbeter des Evangeliums, unter vier Augen und ohne jemanden etwas hören zu lassen, Ihnen zu sagen, was ich Ihnen später vor den anderen sagen werde: Hüten Sie sich wohl, in Gegenwart meiner drei Freunde die geringste Bemerkung über den Lebenswandel zu machen, den ich mit Bavois führe. Unter vier Augen werde ich Ihnen stets mit Vergnügen zuhören.«

»Sie haben unrecht, daß Sie einfache Scherze ernst nehmen.«

»Ob ich unrecht oder recht habe, darum handelt es sich nicht. Warum richten Ihre Anspielungen sich niemals gegen Ihren neuen Glaubensgenossen? Seien Sie in Zukunft vorsichtig oder gewärtigen Sie von meiner Seite, im Scherz, eine Antwort, die ich Ihnen gestern erspart habe, die Sie aber bei der nächsten Gelegenheit mit Zinseszinsen mitten ins Gesicht bekommen sollen.«

Hiermit grüßte ich ihn und ging. Wenige Tage darauf verbrachte ich mehrere Stunden mit meinen Freunden und Paralis, und mein Orakel schrieb ihnen vor, alle Vorschläge, die Valentin ihnen etwa machen würde, stets nur nach Anhörung meiner Meinung auszuführen. Valentin war der kabbalistische Name des Escobarschülers. An ihrem Gehorsam meinen Befehlen gegenüber brauchte ich nicht zu zweifeln. De la Haye bemerkte bald eine gewisse Veränderung und wurde zurückhaltender. Bavois, dem ich meinen Schritt erzählte, war erfreut und lobte mein Vorgehen. Er war ebenso wie ich überzeugt, daß ihm de la Haye nur aus Schwachheit oder aus Selbstsucht nützlich gewesen wäre, das heißt, daß er für seine Seele nichts getan haben würde, wenn der Jüngling nicht ein hübsches Gesicht gehabt hätte oder wenn der Alte sich nicht aus seiner angeblichen Bekehrung ein Verdienst hätte machen wollen.

Da Bavois sah, daß man seine Anstellung von Tag zu Tag hinauf schob, trat er in den Dienst des französischen Botschafters. Infolgedessen konnte er nicht mehr zu Herrn Bragadino gehen, durfte nicht einmal mehr mit de la Haye verkehren, weil dieser im Hause des Senators wohnte.

Es ist eins der strengsten Gesetze der höchsten Polizei der Republik, daß die Patrizier und ihre Familien durchaus keine Verbindung mit den Häusern der fremden Gesandten unterhalten dürfen.

Der Entschluß, den Bavois hatte fassen müssen, verhinderte jedoch meine Freunde nicht, sich für ihn zu verwenden; und es gelang ihnen auch, ihm eine Anstellung zu verschaffen, wie man später sehen wird.

Der Gatte Cristinas, die ich niemals aufsuchte, lud mich ein, mit ihm in ein Kasino zu gehen, wo seine Tante und seine Frau verkehrten; diese hatte ihm schon ein Pfand ihrer gegenseitigen Zuneigung geschenkt. Ich folgte seiner Einladung und fand Cristina reizend. Sie sprach schon so gut venetianisch wie ihr Mann. Ich machte in diesem Kasino die Bekanntschaft eines Chemikers, der in mir den Wunsch erregte, Unterricht in der Chemie zu nehmen. Ich ging in sein Haus und traf dort ein junges Mädchen, das mir gefiel. Sie war seine Nachbarin und kam ganz einfach, um seiner alten Frau Gesellschaft zu leisten, bis sie zu einer bestimmten Stunde von einer Magd nach Hause geholt wurde. Ich hatte ihr nur ein einziges Mal Komplimente gemacht, noch dazu im Beisein der alten Frau des Chemikers. Zu meiner Überraschung sah ich sie mehrere Tage lang nicht und sprach darüber auch mein Erstaunen aus; da erzählte mir die gute Frau, augenscheinlich habe ihr Vetter, ein Abbate, bei dem sie wohnte, erfahren, daß ich sie jeden Abend bei ihnen treffe, sei darauf eifersüchtig geworden und erlaube ihr nicht mehr, zu kommen.

»Ein Vetter, der Abbate und eifersüchtig ist?«

»Er läßt sie nur an Feiertagen ausgehen, um die erste Messe zu hören, und zwar in der Kirche Sancta Maria Mater Domini, die keine zwanzig Schritte von seinem Hause liegt. Er ließ sie zu uns gehen, weil kein Mensch uns besuchte; ohne Zweifel wird die Magd ihm gesagt haben, daß Sie in unser Haus kommen.«

Als Feind der Eifersüchtigen und als sehr eifriger Freund meiner eigenen verliebten Launen, schrieb ich an diese Base: wenn sie um meinetwillen ihren Vetter verlassen wollte, würde ich ihr ein Haus geben, worin sie ihre eigene Herrin wäre. Ich würde ihr Gesellschaft und alle Annehmlichkeiten besorgen, die Venedig bieten könnte. Ich übergab ihr diesen Brief während der Messe und bedeutete ihr, sie würde mich am nächsten Feiertage wiedersehen, um mir Antwort geben zu können.

Ich war pünktlich am vereinbarten Ort, und ihre Antwort lautete dahin: da der Abbate ihr Tyrann wäre, so würde sie sich glücklich schätzen, seinen Händen entrinnen zu können; sie könnte sich jedoch nur entschließen, mir zu folgen, wenn ich sie heiraten wollte. Zum Schluß sagte sie mir: wenn ich diese ehrenhafte Absicht hätte, so brauchte ich nur mit ihrer Mutter Giovanna Marchetti zu sprechen, die in der Stadt Lusia, dreißig Miglien von Venedig, wohnte.

Dieser Brief reizte meine Eitelkeit, und ich ging sogar so weit, mir einzubilden, daß sie mir dies im Einverständnis mit dem Abbate geschrieben hätte. Ich glaubte also, man wollte mir eine Falle stellen. Im übrigen fand ich diesen Heiratsantrag lächerlich und faßte den Entschluß, mich zu rächen. Da ich jedoch zuvor alles wissen mußte, beschloß ich, mich zur Mutter des Mädchens zu begeben. Sie war sehr geschmeichelt durch meinen Besuch, besonders, als ich ihr den Brief ihrer Tochter mitgeteilt hatte und ihr sagte, ich wollte sie heiraten, könnte mich aber dazu nicht entschließen, solange sie beim Abbate wohnte.

»Der Abbate«, erzählte mir die Mutter, »ist ein weitläufiger Verwandter von mir. Er lebte ganz allein in seinem Hause in Venedig und sagte mir vor zwei Iahren, er brauche unbedingt eine Haushälterin. Er bat mich um meine Tochter, indem er mir versicherte, in Venedig könnte sie leicht eine Gelegenheit finden, sich zu verheiraten. Er bot mir eine schriftliche Verpflichtung an, worin genau festgesetzt ist, daß er ihr bei ihrer Heirat alle seine Möbel geben werde, die auf tausend Dukaten geschätzt worden sind. Zugleich setzte er sie zur Erbin eines kleinen Gutes ein, das er hier hat und das ihm jährlich hundert Dukaten einbringt. Da der Handel mir vorteilhaft schien und meine Tochter damit zufrieden war, so übergab er mir die notariell abgeschlossene Urkunde, und meine Tochter reiste mit ihm nach Venedig. Ich weiß, daß er sie wie eine Sklavin hält; aber sie hat es selber so gewollt. Übrigens können Sie sich vorstellen, daß ich den sehnlichsten Wunsch habe, sie verheiratet zu sehen; denn solange ein Mädchen keinen Mann hat, ist sie so vielen Nachstellungen ausgesetzt, daß eine arme Mutter niemals ruhig sein kann.«

»Kommen Sie also mit mir nach Venedig; befreien Sie sie aus den Händen des Abbate, und ich werde sie heiraten. Sonst kann ich es nicht machen; denn wenn ich sie aus seinen Händen empfinge, würde ich mich entehren.«

»Oh, durchaus nicht, denn er ist mein Vetter, wenngleich nur im vierten Grade. Außerdem ist er Priester, der täglich die Messe liest.«

»Sie machen mich lachen, gute Mutter! Man weiß wohl, daß ein Abbate die Messe liest, ohne sich darum gewisse Kleinigkeiten zu versagen. Nehmen Sie sie mit sich, sonst verzichten Sie darauf, sie jemals verheiratet zu sehen.«

»Wenn ich sie mit mir nehme, wird er ihr niemals seine Möbel geben und wird vielleicht sein Gut verkaufen.«

»Das ist meine Sache. Ich werde sie so aus seinen Händen befreien, daß Sie mit allen Seinen Möbeln zu mir übergeht. Und zu allem werde ich Sein Landgut bekommen; wenn Sie mich kennten, würden Sie nicht daran zweifeln. Kommen Sie mit! Ich versichere Ihnen, Sie werden in vier bis fünf Tagen wieder hier sein.«

Sie las noch einmal den Brief, den ihre Tochter ihr geschrieben hatte, dann sagte sie mir, sie sei eine arme Witwe und habe kein Geld für die Reise nach Venedig, viel weniger für die Rückreise.

»In Venedig wird es Ihnen an nichts fehlen; für alle Fälle nehmen Sie hier die zehn Zechinen.«

»Zehn Zechinen; da kann ich also mit meiner Schwägerin reisen!«

»Reisen Sie mit wem Sie wollen! Aber lassen Sie uns abfahren, damit wir in Chiozza zu Abend essen können. Morgen essen wir in Venedig, und ich werde alles bezahlen.«

Am nächsten Morgen um zehn Uhr kamen wir in Venedig an, und ich brachte die beiden Frauen im Castello in einem Hause unter, dessen erster Stock gänzlich unmöbliert war. Hier ließ ich sie allein, nachdem ich mich mit der notariellen Urkunde des Herrn Vetters und Abbaten bewaffnet hatte.

Ich ging zum Mittagessen bei meinen Freunden, denen ich sagte, ich hätte wegen einer wichtigen Angelegenheit die Nacht in Chiozza verbracht. Nach dem Essen ging ich zu einem Sachwalter, Marco de Lesse; dieser sagte mir: Wenn die Mutter eine Eingabe an den Vorsitzenden des Rates der Zehn machte, würde sie sofort polizeilichen Beistand erhalten, um ihre Tochter mit allen Möbeln, die im Hause wären, der Gewalt des Priesters zu entreißen; sie könnte diese hinschaffen lassen, wohin sie wollte. Ich trug ihm auf, das Schriftstück zurecht zu machen; am andern Morgen in der Frühe würde ich mit der Mutter wiederkommen, die es in meiner Gegenwart unterzeichnen und mit sich nehmen würde.

Am Morgen in aller Frühe ging ich mit der Mutter hin; von dort begaben wir uns in den Ratssaal, wo sie dem Oberhaupt des Rates ihre Eingabe überreichte. Eine Viertelstunde darauf erhielt ein Gerichtsbote Befehl, sich mit der Mutter in das Haus des Priesters zu begeben und sie in Besitz ihrer Tochter zu setzen ; zugleich könnte sie alle Möbel aus dem Hause entfernen.

Der Befehl wurde buchstäblich ausgeführt. Ich befand mich mit der Mutter in einer Gondel am Ufer des dicht am Hause liegenden Platzes. Wir hatten einen großen Kahn bei uns, den die Sbirren mit allen Möbeln des Hauses beluden. Als dies alles gemacht war, sah ich die Tochter kommen, die sehr überrascht war, mich in der Gondel zu finden. Ihre Mutter umarmte sie und sagte ihr, ich würde schon am nächsten Tage ihr Gatte werden. Sie antwortete ihr: dies freue sie sehr und sie habe ihrem Tyrannen nur sein Bett und seine Kleider gelassen. Wir kamen in Castello an, wo ich alle Möbel abladen ließ; hierauf aßen wir zu mittag, und ich sagte den Damen, sie müßten nach Lufia gehen und mich dort erwarten; ich würde kommen, sobald ich meine Angelegenheiten in Ordnung gebracht hätte. Ich verbrachte den Nachmittag in fröhlicher Unterhaltung mit meiner Zukünftigen. Sie sagte uns, der Abbate wäre gerade beim Ankleiden gewesen, als man ihm den Befehl des Rates vorgelegt und ihn aufgefordert hätte, bei Todesstrafe die Ausführung desselben zuzulassen; nachdem der Abbate mit dem Anziehen fertig gewesen wäre, wäre er ausgegangen, um seine Messe zu lesen, und alles hätte sich ohne den geringsten Widerstand vollzogen. »Meine Tante«, fügte sie hinzu, »hat mir gesagt, daß meine Mutter mich in der Gondel erwartete. Aber sie hat nichts davon erwähnt, daß auch Sie dort wären; ich hatte keine Ahnung, daß der Streich von Ihnen ausginge.«

»Hiermit, meine Schöne, gab ich Ihnen den ersten Beweis meiner Zärtlichkeit.«

Bei diesen Worten lächelte sie vor Vergnügen.

Ich sorgte dafür, daß wir ein gutes Abendessen und ausgezeichnete Weine erhielten; und nachdem wir zwei Stunden bei Tisch im Schoße der Freude verbrachten, die Bacchus erregt, verbrachte ich vier andere Stunden damit, unter vier Augen mit meiner Zukünftigen zu scherzen. Am Morgen frühstückten wir, und nachdem ich das ganze Gepäck auf eine Peote hatte laden lassen, die ich zu diesem Zweck gemietet und vorausbezahlt hatte, übergab ich der Mutter noch zehn Zechinen, und sie reisten alle drei sehr fröhlich ab. Nachdem ich so diese Angelegenheit zu meinem Ruhm und zu meiner völligen Befriedigung erledigt sah, ging ich nach Hause.

Die Sache war mit zu viel Lärm in Szene gesetzt worden, als daß sie meinen Freunden hätte unbekannt bleiben können; sie bezeigten mir daher, als sie mich sahen, ihre Traurigkeit und Überraschung. De la Haye umarmte mich mit einer Miene voll tiefer Betrübnis, aber solches Gefühl kostet ihm nichts; es war für ihn wie ein Harlekinskleid, das er mit der größten Leichtigkeit anlegte. Nur Herr de Bragadino lachte von ganzem Herzen und sagte den anderen, sie verständen nichts davon; dieses ganze Abenteuer lasse auf irgend etwas Großes schließen, das nur den höheren Intelligenzen bekannt sei. Da ich selber nicht wußte, welchen Begriff sie eigentlich von dieser Geschichte sich machten, und überzeugt war, daß sie die näheren Umstände nicht kannten, so lachte ich mit Herrn Bragadino, sagte aber nichts. Ich befürchtete nichts und hatte Spaß an dem ganzen Gerede; in dieser Stimmung setzten wir uns zu Tisch, und Herr Barbaro war der erste, der in freundschaftlichem Tone sagte, er wolle doch hoffen, daß ich mich nicht den Tag vorher verheiratet hätte.

»Man sagt also, daß ich mich verheiratet habe?«

»Jedermann sagt es und überall. Sogar die Mitglieder des Rats glauben es, und sie haben recht, es zu glauben.«

»Um ein Recht zu solchem Glauben zu haben, müßte man dessen gewiß sein; und das sind die Herren nicht; sie sind nicht unfehlbar, so wenig wie irgend ein Wesen auf der Welt, mit Ausnahme Gottes; und ich sage Ihnen, sie befinden sich im Irrtum. Ich liebe es, ein gutes Werk zu tun und mich für mein Geld zu amüsieren, aber nicht um den Preis meiner Freiheit; wenn Sie etwas über meine Angelegenheiten wissen wollen, so können Sie es allein von mir erfahren; auf die Stimmen der öffentlichen Meinung gebe ich nichts.«

»Aber,« sagte Herr Dandolo, »du hast die Nacht mit deiner sogenannten Frau zugebracht?«

»Ohne Zweifel; aber über das, was ich während dieser Nacht gemacht habe, bin ich keinem Menschen Rechenschaft schuldig. Sind Sie nicht auch meiner Meinung, Herr de la Haye?«

»Ich bitte Sie, mich nicht nach meiner Meinung zu fragen, denn ich weiß nichts davon. Ich will Ihnen jedoch sagen, daß man die Stimme der öffentlichen Meinung nicht so sehr verachten darf. Die zärtliche Liebe, die ich für Sie empfinde, ist schuld, daß das Gerede mir Kummer macht.«

»Woher kommt es denn, daß das Gerede Herrn von Bragadino, der ganz gewiß mich zärtlicher liebt als Sie, keinen Kummer macht?«

»Ich achte Sie; aber ich habe auf meine Kosten gelernt, die Verleumdung zu fürchten. Man sagt, um sich eines Mädchens zu bemächtigen, das bei seinem Oheim, einem würdigen Priester, lebt, hätten Sie eine Frau zu dem Zweck bezahlt, daß sie sich als ihre Mutter ausgäbe und die gewaltsame Hilfe des Rates in Anspruch nähme, damit Sie das Mädchen bekämen. Der Gerichtsbote des Rates schwört darauf, Sie wären mit der angeblichen Mutter in der Gondel gewesen, als das Mädchen sie betreten hätte. Man sagt, die Urkunde, auf Grund deren Sie dem guten Pater, dem würdigen Geistlichen, seine Möbel haben fortnehmen lassen, sei gefälscht, und man tadelt Sie, daß Sie die erste Behörde des Staates als Werkzeug zu diesem Verbrechen benutzt haben. Endlich fagt man: selbst wenn Sie das Mädchen geheiratet haben werden – was unfehlbar der Fall sein muß – so werden die Mitglieder des Rats sich doch nicht beruhigen, weil Sie verwerfliche Mittel gebraucht haben, um zu Ihrem Ziele zu gelangen.«

»Das war eine sehr lange Ansprache, mein Herr,« sagte ich kalt zu ihm; »aber lassen Sie sich sagen, daß ein vernünftiger Mensch, der eine Kriminalgeschichte mit so viel abgeschmackten Umständen gehört hat, nicht mehr vernünftig ist, wenn er das wiederholt, was er gehört hat; denn, wenn die Geschichte verleumderisch ist, wird er dadurch zum Mitschuldigen des Verleumders.«

Nach dieser Art Abfertigung, über die der Jesuit errötete und deren Mäßigung meine Freunde bewunderten, bat ich ihn mit bezeichnender Miene, er möchte doch meinetwegen ganz ruhig sein; er könnte überzeugt sein, daß ich die Gesetze der Ehre kennte, und daß ich soviel Vernunft hätte, um mich richtig benehmen zu können. Er sollte nur die Leute über mich reden lassen, genau so, wie ich es machte, wenn ich böse Zungen schlecht von ihm sprechen hörte.

Das Geschichtchen amüsierte die Stadt fünf oder sechs Tage lang; dann wurde der Vorfall vergessen.

Da ich jedoch niemals nach Lusia ging und auf keinen der Briefe antwortete, die das Fräulein Marchetti mir schrieb, auch ihrem Boten das Geld nicht übergab, um das sie mich bat, so entschloß sie sich zu einem Schritt, der vielleicht nicht ohne Folgen hätte bleiben können, indessen glücklicherweise doch keine Folgen hatte.

Eines Tages erschien Ignazio, der Gerichtsbote des gestrengen Tribunals der Staatsinquisitoren, bei mir, als ich noch mit meinen drei Freunden, de la Haye und drei anderen Gästen bei Tisch saß; er sagte mir höflich, der Ritter Contarini dal Zoffo wünschte mich zu sprechen und würde am nächsten Tage um die und die Stunde in seinem Hause in Madonna dell‘ Orto anwesend sein. Ich stand auf und sagte ihm mit einer Verbeugung, ich würde nicht verfehlen, mich nach den Befehlen Seiner Exzellenz zu erkundigen; er ging.

Ich hatte keine Ahnung, was der hohe Herr von meiner kleinen Perfon wollen mochte; jedenfalls war die Botschaft danach angetan, um uns in eine gewisse Bestürzung zu versetzen; denn der Herr, der mich zu sehen wünschte, war Staatsinquisitor, und das sind Vögel, die selten etwas Gutes bedeuten. Herr von Bragadino, der als Mitglied des Rates der Zehn ebenfalls Staatsinquisitor gewesen war und die Gewohnheiten dieser Herren kannte, sagte mir, ich hätte nichts zu befürchten.

»Da Ignazio in Straßenkleidern war, so ist er nicht als Bote des gestrengen Tribunals gekommen, und Herr Contarini will nur als Privatmann mit dir sprechen, da er dir sagen läßt, daß du dich in seinem Palazzo einzufinden hast, und dich nicht nach seinem Amtszimmer bestellt. Er ist ein strenger Greis, aber gerecht. Du mußt offen mit ihm sprechen und vor allen Dingen die Wahrheit einräumen; denn wenn du sie leugnetest, so würdest du Gefahr laufen, deine Sache zu verschlechtern.« Diese Belehrung gefiel mir und war mir notwendig. Pünktlich zur bestimmten Zeit begab ich mich zum Staatsinquisitor; sobald ich erschien, meldete man mich, und er ließ mich nicht warten. Ich trat ein. Seine Exzellenz saß auf einem Stuhl und musterte mich eine Minute lang von oben bis unten, ohne ein Wort zu sagen. Hierauf klingelte er und befahl seinem Kammerdiener, die beiden Frauen eintreten zu lassen, die im Nebenzimmer wären. Ich wußte sofort, worum es sich handelte, und sah ohne die geringste Überraschung Mutter Marchetti und ihre Tochter eintreten. Seine Exzellenz fragte mich nun, ob ich die beiden Personen kennte.

»Ich muß sie wohl kennen, gnädiger Herr; denn die eine wird meine Frau sein, sobald sie mich durch ihre Aufführung überzeugt hat, daß sie dieser Ehre würdig ist.«

»Ihre Aufführung ist gut, sie wohnt bei ihrer Mutter in Lusia. Sie haben sie getäuscht. Warum schieben Sie die Heirat mit ihr hinaus? Warum besuchen Sie sie nicht? Sie antworten nicht auf ihre Briefe und lassen sie in bedrängten Umständen.«

»Ich kann sie, gnädiger Herr, erst heiraten, wenn ich meinen Unterhalt verdiene; und dies wird in drei oder vier Iahren der Fall sein, wo ich durch die Protektion des Herrn von Bragadino, meiner einzigen Stütze, eine Anstellung erhalten werde. In der Zwischenzeit muß sie als anständiges Mädchen von ihrer Arbeit leben. Ich werde sie nicht eher heiraten, als bis ich hiervon überzeugt bin; vor allen Dingen muß ich die Gewißheit haben, daß sie nicht mehr mit dem Abbate, ihrem Vetter im vierten Grade, zusammenkommt. Ich gehe nicht zu ihr, weil mein Berichterstatter und mein Gewissen mir dies verbieten.«

»Sie verlangt, daß Sie ihr ein Heiratsversprechen in aller Form geben und daß Sie für ihren Unterhalt sorgen.«

»Gnädiger Herr! Nichts verpflichtet mich, ihr ein solches Versprechen zu geben; und da ich selber nichts habe, so kann ich ihr auch nichts zum Leben geben; sie muß sich ihren Unterhalt verschaffen, in dem sie mit ihrer Mutter arbeitet.«

»Als sie bei ihrem Vetter war,« sagte die Mutter, »fehlte es ihr an nichts; sie wird zu ihm zurückkehren.«

»Wenn sie wieder zu ihm geht, werde ich mir keine Mühe mehr um sie geben; Eure Exzellenz werden dann einsehen, daß ich recht gehabt habe, sie nicht heiraten zu wollen, bevor ich sicher wäre, daß sie einen keuschen Lebenswandel führte.«

Der Richter sagte mir, ich könnte gehen, und damit war die Sache erledigt. Ich habe von der Sache nicht mehr sprechen hören; mein Bericht über das Gespräch mit dem Inquisitor erheiterte Herrn von Bragadino und seine Tischgenossen.

Zu Beginn des Karnevals 1750 gewann ich in der Lotterie einen Terno von dreitausend Dukaten kurant; das Glück machte mir dies Geschenk in einem Augenblick, wo ich es nicht nötig hatte; denn ich hatte den Herbst über Bank gehalten und gewonnen. Wir spielten in einem Kasino, das kein venetianischer Nobile zu besuchen wagte, weil einer der Bankhalter zum Hause des spanischen Gesandten, des Herzogs von Montalegro, gehörte. Die Adligen belästigten die Bürgerlichen; und dies wird stets der Fall sein unter einer aristokratischen Regierung, wo die Gleichheit tatsächlich nur unter den Regierenden selber vorhanden ist.

Da ich die Absicht hatte, eine Reise nach Frankreich zu machen, übergab ich Herrn von Bragadino tausend Zechinen. Ich besaß die Standhaftigkeit, den ganzen Karneval zu verbringen, ohne mein Geld im Pharao zu riskieren. Ein sehr ehrenwerter Patrizier hatte mich mit einem Viertel an seiner Bank beteiligt und übergab mir in den ersten Tagen der Fastenzeit eine ziemlich bedeutende Summe.

Etwa um Mittfasten kam mein Freund Baletti von Mantua nach Venedig zurück. Er war am Theater St. Moses engagiert, um dort während des Himmelfahrt-Iahrmarktes das Ballett zu leiten. Er hatte noch sein Verhältnis zu Marina, aber sie wohnten nicht zusammen. Sie machte die Eroberung eines englischen Iuden, namens Mender, der viel Geld für sie ausgab. Dieser Iude erzählte mir Neuigkeiten von Teresa, die er in Neapel gekannt hatte und bei der er in gutem Andenken stand. Seine Nachrichten interessierten mich, und ich wünschte mir Glück, daß Henriette mich verhindert hatte, sie aufzusuchen, als ich dies beabsichtigte; denn ich hätte mich leicht wieder in sie verlieben können, und Gott weiß, wie es dann geworden wäre.

Um jene Zeit wurde Bavois als Hauptmann im Dienst der Republik angestellt; er machte sein Glück, wie ich gehörigen Orts berichten werde.

De la Haye übernahm die Erziehung eines jungen Nobile, namens Felice Calvi, mit dem er einige Zeit darauf nach Polen ging. Drei Jahre später sah ich ihn in Wien wieder.

Ich gedachte auf meiner Reise zunächst den Jahrmarkt zu Reggio zu besuchen, dann nach Turin zu gehen, wo aus Anlaß der Heirat des Herzogs von Savoyen mit einer spanischen Infantin, einer Tochter Philipps des Fünften, ganz Italien versammelt war; von dort wollte ich nach Paris reisen, wo in der Erwartung eines Prinzen, den die Frau Dauphine gebären sollte, prachtvolle Feste in Vorbereitung waren. Baletti hatte die Absicht, dieselbe Reise zu machen, da er von seinen Eltern nach Hause berufen wurde; seine Mutter war die berühmte Sylvia.

Er sollte im Italienischen Theater tanzen und dort die ersten Rollen als jugendlicher Liebhaber spielen. Ich konnte mir keine angenehmere Gesellschaft denken, da er imstande war, in Paris mir tausend Vorteile und zahlreiche Bekanntschaften zu verschaffen.

Ich verabschiedete mich von meinen drei tugendhaften Freunden, indem ich ihnen versprach, in zwei Jahren zurückzukommen. Ich ließ meinen Bruder Francesco als Schüler des Schlachtenmalers Simonetti aus Parma zurück, ich versprach ihm, an ihn zu denken, wenn ich in Paris wäre, wo das Genie stets sicher ist, sein Glück zu machen, und es besonders damals war. Der Leser wird sehen, wie ich ihm Wort hielt.

Ich ließ in Venedig auch meinen Bruder Giovanni zurück, der dorthin zurückgekehrt war, nachdem er mit Guarienti ganz Italien bereist hatte. Er stand im Begriff, nach Rom abzureisen, wo er vierzehn Jahre lang als Schüler von Raphael Mengs blieb. Er ging 1764 nach Dresden zurück und starb dort 1795.

Baletti reiste vor mir ab, und ich verließ Venedig am 1. Juli 1750, um in Reggio mit ihm zusammenzutreffen. Ich war sehr gut ausgerüstet, reichlich mit Geld versehen und sicher, daß es mir daran niemals fehlen würde, wenn ich mich gut aufführte. Wir werden bald sehen, mein lieber Leser, wie du hierüber urteilen wirst; oder vielmehr ich werde es nicht sehen, denn ich weiß, daß du darüber erst wirst urteilen können, wenn dein Urteil für mich keine Bedeutung mehr hat.