Roman

18. Kapitel

Shakespeares Wiederaufleben – Das Kgl. Nonplusultra – Aus der Schlinge gezogen

18. Kapitel

Die Sonne war längst aufgegangen, als der König und der Herzog hervorkrochen. Sie sahen recht verschlafen aus; aber nachdem sie über Bord gesprungen waren und etwas geschwommen hatten, wurden sie bedeutend frischer. Nach dem Frühstück setzte sich der König auf eine Ecke des Floßes, zog die Stiefel aus, rollte die Hosen auf, ließ die Beine bequem ins Wasser hängen, zündete die Pfeife an und begann seinen Teil in Romeo und Julia auswendig zu lernen. Als er es ziemlich gut innehatte, übten er und der Herzog zusammen. Der Herzog ließ ihn seufzen und die Hand aufs Herz legen, nach einiger Zeit sagte er, es ginge ziemlich gut; »nur«, meinte er, »mußt du Romeo nicht so herausbrüllen wie ein Stier, du mußt’s liebeskrank, sanft und schmelzend sprechen: – R-o-o-meo! denn Julia ist ein liebes süßes Mädchen, fast ein Kind, weißt du, und schreit nicht wie ein Esel.«

Nun holten sie ein paar lange Schwerter hervor, die der Herzog, der Richard III. vorstellte, aus Eichenstöcken gemacht hatte, und übten ihr Schwertgefecht. Es war wirklich großartig anzusehen, wie sie drauflos hieben und umhersprangen. Nach einiger Zeit glitt der König aus und fiel über Bord; danach rasteten sie und plauderten von allen möglichen Abenteuern, die sie früher längs des Stromes erlebt hatten.

Sobald sich eine Gelegenheit bot, ließ der Herzog einige Anschlagzettel drucken. Auf dem Floß aber ging es in den darauffolgenden Tagen, während wir stromab trieben, sehr lebhaft zu; es gab nichts als Schwertgefechte und Generalproben, wie der Herzog es nannte. Eines Morgens, als wir schon ziemlich weit drunten im Staate Arkansas waren, sahen wir ein kleines Städtchen in einer großen Bucht. Wir legten etwa dreiviertel Meile oberhalb an, in der Mündung eines Baches, der, von Zypressen überragt, wie ein Tunnel aussah; und wir alle, außer Jim, nahmen das Kanu und fuhren hinunter, um zu sehen, was für Gelegenheit in dem Städtchen für unsere Vorstellung wäre.

Wir trafen es gut; am Nachmittag sollte dort ein Kunstreiterzirkus Vorstellung geben, und das Landvolk fing schon an, in allerlei alten Rumpelkasten von Wagen und auch zu Pferde herbeizuströmen. Die Kunstreiter wollten vor Abend noch weiterreisen, und so war für unsere Vorstellung gute Gelegenheit. Der Herzog mietete die Rathaushalle, und wir gingen umher und klebten unsere Zettel an. Die lauteten:

Shakespeares Auferstehung!!!

Wunderbare Attraktion!!

Nur für einen Abend!

Die weltberühmten Tragöden

David Garrick der Jüngere vom Drury-Gasse-Theater London

und

Edmund Kean der Ältere vom königlichen Heumarkt-Theater, Piccadilly-London

wie auch der königlichen Kontinental-Theater in ihrem erhabenen Schau-Stück:

Die Balkon-Szene

aus

Romeo und Julia!

Romeo …… Herr Garrick

Julia ……. Herr Kean

Unterstützt von allen Kräften der Gesellschaft!

Neue Kostüme, neue Dekorationen, alles neu!

Ferner:

Der erschütternde, meisterhafte, bluterstarrende Schwertkampf aus Richard III.!!!

Richard III. ….. Herr Garrick

Richmond ….. Herr Kean

Ferner:

(auf besonderen Wunsch)

Hamlets unsterblicher Monolog!

Gegeben von dem berühmten Kean, der ihn an 300 aufeinanderfolgenden Abenden in Paris gespielt hat!

Nur einen Abend wegen unversäumbarer europäischer Engagements!

Eintritt 25 Cents; Kinder und Dienstboten 10 Cents.

Dann trieben wir uns etwas im Städtchen umher. Die Häuser waren meistens alte hölzerne Rumpelkasten, die nie einen Anstrich gehabt hatten; sie ruhten drei bis vier Fuß über der Erde auf Pfählen, damit sie vor dem Strom geschützt waren, wenn er austrat.

Die Kaufläden befanden sich alle an einer Straße. Davor waren weiße Segeltuchdächer über die Seitenwege gespannt, und an die Pfosten, die diese Dächer stützten, band das Landvolk die Pferde. Unter diesen Zeltdächern standen leere Kisten, auf denen sich den Tag über Faulenzer räkelten und mit ihren großen Messern daran herumschnitzten. Es war ein tabakkauendes, gähnendes, faulenzendes und Maulaffen feilhaltendes Gesindel.

Am Flußufer standen mehrere Häuser, die so unterwaschen waren, daß man meinte, sie müßten jeden Augenblick ins Wasser stürzen. Die Leute waren bereits ausgezogen. Bei ein paar anderen Häusern hatte der Fluß die Erde unter einer Ecke weggespült, so daß sie sich vornüber neigten. Trotzdem wohnten noch Menschen drin, aber es war gefährlich, denn zuweilen versinkt ein Stück Land, so breit wie ein Haus, mit einem Male. Solch ein Städtchen muß sich immer weiter zurückziehen, denn der Strom nagt beständig daran.

Je näher der Mittag herankam, desto dichter drängten sich Wagen und Pferde in den Straßen, und es kamen immer noch mehr. Familien vom Lande brachten ihr Mittagessen mit und verzehrten es in ihren Wagen. Es wurde viel Branntwein getrunken, auch sah ich drei Prügeleien.

Also am Abend hatten wir unsere Vorstellung; es waren aber kaum ein Dutzend Leute dabei, gerade genug, um die Unkosten zu decken. Sie lachten fortwährend, und das machte den Herzog ärgerlich. Noch vor dem Ende der Aufführung waren alle wieder fortgegangen, mit Ausnahme eines Jungen, der eingeschlafen war. Da sagte der Herzog: »Diese Arkansas-Kaffern stehen zu tief für Shakespeare; was sie wollen, ist niedrige Komödie – und vielleicht gar noch Schlimmeres als das. Ich kann mir schon denken, was die wollen.«

Am nächsten Morgen nahm er große Bogen Packpapier nebst schwarzer Farbe, malte Anzeigen darauf und klebte sie überall an. Die Ankündigung lautete: Im Rathaus! Nur drei Abende!

David Garrick der Jüngere

und

Edmund Kean der Ältere!

vom London- und den Kontinental-Theatern

in dem ergreifenden Trauerspiel:

Des Königs Kamelopard

oder

Das königliche Nunplusultra!!!

Eintritt 50 Cents

Ganz unten war in fetter Schrift zu lesen:

Frauen und Kinder sind ausgeschlossen.

»Wenn das nicht zieht«, sagte der Herzog, »dann kenne ich Arkansas schlecht.«

Den ganzen Tag waren König und Herzog damit beschäftigt, die Bühne, den Vorhang und eine Reihe Talglichter für die Rampe zurechtzumachen. Am Abend war in kurzer Zeit die Halle gesteckt voll Männer. Als keiner mehr hineinging, verließ der Herzog seinen Posten am Eingang, ging hinten herum auf die Bühne und trat vor den Vorhang. Er hielt eine kleine Rede, worin er das angekündigte Trauerspiel pries; es sei das ergreifendste, das überhaupt existiere, und so fuhr er fort zu prahlen mit dem Trauerspiel und mit Edmund Kean dem Älteren, der die Hauptrolle spielen würde. Endlich, als jedermanns Erwartung aufs höchste gespannt war, zog er den Vorhang auf, und im nächsten Augenblick kam der König auf allen vieren und fast völlig nackt hereingesprungen. Er war ganz bemalt mit Ringen und Streifen aller Farben, prächtig wie ein Regenbogen. Das Volk fiel fast um vor Lachen, und als der König sich müde gesprungen hatte und hinter die Szene kroch, da klatschte, trampelte und stürmte die Menge, bis er wiederkam und alles wiederholte, und er mußte es dann noch einmal machen, denn sie riefen ihn wieder heraus. Der Unsinn, den der alte Kerl machte, war toll genug, um sogar eine Kuh zum Lachen zu bringen.

Dann ließ der Herzog den Vorhang herunter, verbeugte sich und sagte, das Trauerspiel würde nur noch zwei Abende gegeben werden wegen dringender Engagements in London, wo die Plätze im Drury-Gassen-Theater bereits alle verkauft seien. Dann machte er noch eine Verbeugung und sagte: »Wenn es uns gelungen ist, Sie zu amüsieren und zu belehren, werden wir Ihnen dankbar sein, wenn Sie es Ihren Freunden sagen, damit sie auch kommen.«

Etwa zwanzig Stimmen riefen: »Was? Schon vorüber? Ist das alles?«

Der Herzog sagte ja. Dann wurde es lebhaft. Alles schrie »Oho!« sprang wild auf und nach der Bühne zu. Aber ein großer, fein aussehender Mann sprang auf eine Bank und rief: »Ruhe! Ein Wort, meine Herren.«

Sie schwiegen wirklich und horchten. »Wir sind zum besten gehalten worden – ziemlich arg zum besten. Aber wir wollen uns doch nicht von der ganzen Stadt auslachen lassen. Nein. Wir wollen hübsch stille fortgehen und über die Vorstellung prahlen, damit der Rest der Stadt ebenso genarrt werde; dann wissen alle, wie es ist, und keiner kann den andern auslachen. Ist das nicht vernünftig?«

»Das ist wahr! – Der Richter hat recht!« riefen alle.

»Wohl denn, also kein übles Wort mehr! – Geht heim und ratet jedem, das Trauerspiel zu besuchen.«

Am nächsten Tag war nur noch von dem herrlichen Trauerspiel die Rede. Am Abend war das Haus wieder überfüllt, und auch diese Versammlung war genarrt.

Als ich und der König und der Herzog wieder auf das Floß zurückkamen, aßen wir zusammen zu Abend. Nachher, etwa um Mitternacht, ließen sie Jim und mich das Floß in die Mitte des Stromes steuern und etwa zwei Meilen unterhalb der Stadt anlegen.

Am dritten Abend war das Haus wieder gepackt voll – es waren diesmal keine neuen Gesichter, sondern Leute, die schon an den vorigen Abenden dagewesen waren. Ich stand beim Herzog und sah, daß jeder, der hineinging, etwas in seinen Taschen oder unter seinem Rock versteckt trug, und ich konnte sehen, daß es keine Parfümflaschen waren – nein, gewiß nicht! Es hatte einen widerlichen Geruch, der an schlechte Eier, verfaulte Kohlköpfe und dergleichen erinnerte. Als niemand mehr hinein konnte, gab der Herzog einem in der Nähe Stehenden einen Viertel-Dollar und bat ihn, für eine Minute Türwächter zu sein. Dann ging er hinten herum zur Bühnentür, ich hinter ihm her; doch kaum waren wir um die Ecke gebogen und im Dunkeln, da sprach er: »Jetzt geh rasch, bis du von den Häusern weg bist, und dann mach, daß du so schnell zum Floß kommst, als sei der Böse hinter dir!« Ich tat’s, und er gleichfalls. Wir kamen zur gleichen Zeit dort an, und im Nu glitten wir stromab – niemand sprach ein Wort. Ich dachte an den armen König, wie es dem wohl mit seiner Audienz gehen würde; der aber kam lustig aus dem Zelt hervorgekrochen und sagte: »Nun, Herzog, wie hat sich die Geschichte diesmal gelohnt?«

Er war nämlich gar nicht in die Stadt gegangen.

Erst als wir zehn Meilen stromab waren, machten wir Licht und nahmen unser Abendessen. König und Herzog hielten sich den Bauch vor Lachen über die Art, wie sie das Volk überlistet hatten.

Der Herzog sagte: »Grünschnäbel, Dummköpfe! Ich wußte wohl, daß das erste Publikum ’s Maul halten würde, damit die übrigen auch in die Falle gingen; ich wußte, daß sie den dritten Abend denken würden, nun sei die Reihe an ihnen. Ja, jetzt haben sie ihre Revanche. Ich gäbe was drum, wenn ich sehen könnte, was sie für ein Gesicht dabei machen.«

Diese Halunken hatten wirklich 465 Dollar an diesen drei Abenden eingenommen. Ich habe früher nie einen solchen Berg von Kleingeld beisammen gesehen.

Bald schliefen und schnarchten die beiden, da sagte Jim zu mir: »Du nix sein erstaunt, von unsre Könige, Huck?«

»Nein«, sagte ich, »durchaus nicht.«

»Aber Huck, sein ja wahre Teufelskerls, nix anderes, rechte echte Teufelskerls.«

»Nun, soviel ich weiß, sind das viele Könige.«

»So, du das meinen? Dann Jim nix wollen wissen von Könige.«

»Lies doch etwas darüber nach, dann wirst du’s sehen. Da ist Henry VIII.; im Vergleich mit dem ist der unsrige ein Sonntagsschul-Superintendent. Und dann Charles II. und Louis XIV. und Louis XV. und James II. und Eduard II. und Richard III. und noch viele andere; fast alle die angelsächsischen Fürsten in den alten Zeiten waren rechte Kains-Kinder. Oh, du solltest Henry VIII. in seiner Blüte gesehen haben. Das war ein Kerl. Der heiratete ein neues Weib jeden Tag, und am nächsten Morgen hieß es immer: ›Kopf ab!‹ und er tat dabei so gleichgültig, als ob er sich ein paar Eier bestellte. ›Nell Gwynn her‹, rief er. Man brachte sie. Nächsten Morgen: ›Kopf ab!‹ und ab war er. ›Jane Shore her‹, rief er. Sie kommt. Nächsten Morgen: ›Kopf ab!‹ ab war er. ›Leute, die schöne Rosamund herbei‹; schön Rosamund folgt dem Lockruf. Nächsten Morgen: ›Kopf ab!‹

Jede von diesen Frauen mußte ihm in der Nacht eine Geschichte erzählen, und er sammelte sie alle, bis es tausend und eine waren; dann machte er ein Buch daraus, das er Domesday book nannte. Die Vorstellung, die Huck von dem Buch der englischen Grundrechte und anderen geschichtlichen Begebenheiten hat, läßt uns seine Ansicht über Könige nachsichtig beurteilen. Ja, Jim, ich könnte dir noch manches von jenem König erzählen. Hast du nie davon gehört, was dieser Heinrich für Händel mit unserem Land anfing? Das ging so zu. Auf einmal läßt er so mir nichts dir nichts im Hafen von Boston allen Tee über Bord schmeißen und läßt eine Unabhängigkeitserklärung vom Stapel und droht mit einem Krieg. Das war seine Art so – keine Spur von Rücksicht und Billigkeit. Ein andermal hatte er seinen Vater, den Herzog von Wellington, im Verdacht. Was tut er? Er geht her und läßt ihn in einem Sirupfaß ersäufen wie eine Katze. Wenn die Leute Geld herumliegen ließen und er sah es – wupp dich, steckte er es ein. Er brauchte nur den Mund aufzutun, und wenn er ihn nicht gleich wieder zuklappte, kam allemal eine Lüge heraus. Ja, wenn dieser Heinrich über das Städtchen drüben gekommen wäre, der hätte ihm noch ganz anders mitgespielt, das kannst du mir glauben.«

»Huck, das sein ganz abscheulich. Wollte, hätten solche Leute nicht auf Floß.«

»Mir geht’s ebenso, Jim. Aber sie sind nun einmal da, und wir müssen denken, daß sie so erzogen sind und nichts dafür können.«

Was hätte es genützt, Jim zu sagen, daß die beiden gar nicht König und Herzog sind?

19. Kapitel

Jim als Araber – Pastor Alexander Blodgett zieht Erkundigungen ein – Neue Pläne – Familien-Trauer– Die Erbschaft – Rührende Großmut

19. Kapitel

Am nächsten Tag, gegen Abend, erblickten wir an jedem der beiden Ufer ein Städtchen, und wir legten an einer kleinen Weideninsel mitten im Strome an. König und Herzog überlegten schon wieder, wie sie wohl die beiden Orte ausbeuten könnten. Da sagte Jim zum Herzog: »Jim hoffen, ihr sein nix lang fort, sein so viel schlimm, zu liegen ganze Tag gebunden in Zelt.« Wir konnten nämlich nichts anderes tun als ihn binden, denn wenn ihn zufällig jemand frei und allein angetroffen hätte, so wäre er sicher für einen entlaufenen Neger gehalten worden. Der Herzog meinte, es sei allerdings beschwerlich für Jim, und versprach, sich zu besinnen, wie es Jim bequemer gemacht werden könnte.

Er war ganz gescheit, dieser Herzog, und kam bald auf einen Gedanken. Er verkleidete Jim als König Lear. Jim mußte ein langes Gardinen-Kalikogewand, eine weiße Roßhaarperücke und einen Bart tragen. Dann nahm er seine Schminke und färbte Jims Gesicht, Hals, Ohren und Hände in fahles Blau, so daß er aussah wie die Leiche eines Ertrunkenen nach neun Tagen, ganz schauderhaft. Dann machte der Herzog aus einer großen Dachschindel ein Schild und schrieb darauf:

Kranker Araber – aber harmlos wenn bei Sinnen

Nachher nagelte er das Schild an eine Stange und steckte sie vier bis fünf Fuß vor dem Zelte auf. Jim war befriedigt. Er meinte, so wäre es viel besser, als Tag für Tag gebunden dazuliegen und bei jedem Geräusch vor Angst zu zittern. Der Herzog sagte ihm, er dürfe sich’s jetzt bequem machen, und wenn irgend jemand sich unnötig um ihn kümmere, solle er nur aus dem Zelt springen, sich etwas unsinnig gebärden und ein- oder zweimal aufheulen wie eine wilde Bestie, dann würden die Leute schnell ausreißen und ihn in Ruhe lassen.

Die beiden Teufelskerle hätten das Nonplusultra gern noch einmal versucht, weil sie beim erstenmal so viel Geld herausgeschlagen hatten, doch sie fürchteten, die Kunde davon könnte sich bereits bis hierher verbreitet haben. Sie konnten über kein Projekt ganz einig werden; da sagte endlich der Herzog, man solle ihn ein bis zwei Stunden ganz in Ruhe lassen, er wolle sein Gehirn anstrengen und zusehen, ob sich mit dem Arkansas-Städtchen nicht doch etwas anstellen ließe. Der König dagegen wollte ohne besonderen Plan das andere Städtchen besuchen, im Vertrauen darauf, daß ihn die Vorsehung auf einen profitablen Weg führe – damit meinte er den Teufel, glaub‘ ich. In dem Ort, wo wir zuletzt angehalten, hatten wir uns alle neue fertige Anzüge gekauft. Der König zog seinen an und hieß mich auch den meinigen anziehen, was ich auch tat.

Des Königs Anzug war ganz schwarz, und er sah darin steif und fein aus. Nie hatte ich geahnt, wie Kleider einen Menschen verändern können. Vorher hatte er wie ein ganz gewöhnlicher Kerl ausgesehen; aber wenn er jetzt seinen neuen weißen Filzhut lüftete und sich mit einem Lächeln verbeugte, sah er so erhaben und gut und fromm aus, daß man hätte glauben können, er sei eben aus der Arche gestiegen und könne der alte Levitikus selbst sein.

Jim reinigte das Kanu, und ich machte meine Ruder zurecht. Etwa drei Meilen oberhalb des Städtchens lag ein großes Dampfboot, das schon zwei Stunden dalag und Fracht einlud.

Da sagte der König: »Zu meinem neuen Anzug würde es wohl besser passen, wenn ich von St. Louis, Cincinnati oder einer andern großen Stadt angereist käme. Also zum Dampfboot hin, Huckleberry; wir wollen auf ihm das Städtchen besuchen.«

Eine Dampfschiffahrt zu machen, das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Ich gewann das Ufer eine halbe Meile oberhalb des Städtchens, und dann ging’s leicht hinauf, dicht am Ufer im strömungslosen Wasser. Bald kamen wir zu einem netten, harmlos und sehr ländlich aussehenden jungen Burschen, der auf einem Sägeblock saß und sich den Schweiß von der Stirne wischte, denn es war arg warmes Wetter, und er hatte ein paar große Reisesäcke bei sich.

»Fahr ans Land«, befahl der König. Ich tat’s.

»Wohin, mein junger Freund?« redete er den fremden Burschen an.

»Zum Dampfboot; nach Orleans.«

»Steig ein«, sagte der König. »Wart einen Augenblick, mein Diener wird dir bei den Säcken helfen. Spring ‚raus und hilf dem Herrn, Adolfus«, ich merkte, daß er mich meinte.

Nun, ich tat’s, und wir drei fuhren weiter. Der junge Bursche war sehr dankbar und meinte, es sei eine harte Arbeit, bei solcher Hitze sein Gepäck zu tragen. Er fragte den König, wohin er ginge; der sagte, er sei den Fluß herabgekommen und früh morgens im andern Städtchen gelandet, und nun müsse er einige Meilen hinauf, um einen Freund auf seiner Farm zu besuchen.

Der Junge sagte dann: »Als ich Sie zuerst sah, sagte ich zu mir selbst: ›Das ist sicherlich Mr. Wilks, und er kommt nicht mehr zur rechten Zeit.‹ Dann dachte ich aber: ›Nein, er kann’s nicht sein, er würde nicht hier den Fluß heraufrudern.‹ Sie sind’s doch nicht, was?«

»Nein, mein Name ist Blodgett, Alexander Blodgett, Hochwürden Alexander Blodgett – ein Diener des Herrn. Indessen tut es mir doch aufrichtig leid, daß Herr Wilks nicht zur rechten Zeit eingetroffen ist, wenn er dadurch etwas versäumt hat, was ich nicht hoffen will.«

»Nun, die Erbschaft geht ihm nicht verloren, die bekommt er sicher; aber seinen Bruder Peter wird er nun nicht mehr am Leben finden – für den Fall, daß ihm daran gelegen war, was ich nicht wissen kann. Soviel aber weiß ich gewiß, daß sein Bruder sehr viel darum gegeben hätte, ihn vor seinem Ende noch einmal zu sehen; er sprach von nichts anderem die letzten drei Wochen; seit der Knabenzeit hatten sie sich nicht wieder gesehen. Seinen jüngsten Bruder William – ’s ist der Taubstumme, und jetzt erst dreißig bis fünfunddreißig alt – hat er überhaupt nie gesehen. Peter und George waren die einzigen hierzulande; George war verheiratet, aber er und seine Frau starben beide letztes Jahr. Nur Harry und William sind von den Brüdern noch übrig, und sie sind nun leider nicht zur rechten Zeit eingetroffen.«

»Hat man ihnen denn geschrieben?«

»O ja – vor ein bis zwei Monaten, als Peter erkrankte; denn er ahnte schon damals, daß es diesmal mit ihm zu Ende gehen würde. Wissen Sie, er war ziemlich alt und Georges Töchter waren zu jung, um ihm viel Gesellschaft zu leisten, außer Mary Jane, der Rothaarigen. So fühlte er sich recht einsam, nachdem George und seine Frau gestorben waren, und es lag ihm nichts mehr am Leben. Er sehnte sich schrecklich danach, Harry vor seinem Ende zu sehen und auch den William, denn er war einer von denen, die ungern ein Testament machen. So hinterließ er nur einen Brief für Harry, in dem er sagte, wo sein Geld versteckt sei und daß er den Rest seiner Habe so verteilt wünsche, daß Georges Mädchen ein Auskommen hätten; denn ihr Vater George hatte nichts hinterlassen. Zu einem richtigen Testament konnte man Peter Wilks nicht bringen; dieser Brief ist alles.«

»Was meinst du, mag der Grund sein, daß Harry nicht kommt? Wo wohnt er?«

»Oh, er wohnt in England, in Sheffield, predigt dort; er ist nie in diesem Land gewesen. Er mag wenig Zeit haben – und vielleicht hat er den Brief nicht einmal erhalten.«

»Es ist recht traurig, daß Mr. Wilks nicht mehr erleben durfte, seinen Bruder zu sehen, arme Seele! – Du sagst, du gehst nach Orleans?«

»Ja, aber das ist nur ein Teil der Reise, von dort gehe ich in einem Segelschiff nach Rio de Janeiro, wo mein Onkel wohnt.«

»Das ist eine lange Reise, muß aber recht schön sein; ich wollte, ich könnte sie mitmachen. Ist Mary Jane die älteste? Wie alt sind die andern?«

»Mary Jane ist neunzehn, Susan fünfzehn und Joanna etwa vierzehn; das ist die Wohltätige und hat eine Hasenlippe.«

»Die armen Dinger! Nun müssen sie so allein in der kalten Welt bleiben!«

»Nun, sie könnten schlimmer dran sein. Der alte Peter hatte gute Freunde, und die werden schon dafür sorgen, daß ihnen kein Leid geschieht. Da ist Hobsen, der Baptisten-Prediger, und Vorsteher Lot Hovey, und Ben Rucker, und Abner Shackleford, und Levi Bell, der Advokat, und Dr. Robinson und deren Frauen und die Witwe Bartley, und – nun ja, eine ganze Menge; aber mit den Genannten war Peter am intimsten, er schrieb auch zuweilen von ihnen an seinen Bruder, den Pfarrer, und wenn der noch kommt, wird er wissen, an wen er sich zu wenden hat.«

Der Alte fragte und fragte, bis er den Jungen förmlich ausgepumpt hatte. Verdammt, wenn er sich nicht über jeden und alles in dem ganzen Städtchen erkundigte, über alle Wilkse, über Peters Beruf, der ein Gerber gewesen, über Georges, der ein Schreiner gewesen, über Harrys, der, wie wir schon gehört, ein Geistlicher ist, und dergleichen mehr.

Dann sagte er: »Warum wolltest du denn den ganzen Weg bis zum Dampfboot hinaufgehen?«

»Weil das ein großes Orleans-Boot ist und dort vielleicht nicht gehalten hätte. Wenn schwergeladen, halte sie selbst auf ein Signal nicht immer an. Ein Cincinnati-Boot tut es, aber das ist ein St. Louis-Boot.« – »War Peter Wilks wohlhabend?«

»O ja, ziemlich wohlhabend. Er hatte Häuser und Land, und man glaubt, daß er drei- bis viertausend Dollar in Bargeld irgendwo versteckt hielt.«

»Wann sagtest du, daß er gestorben sei?«

»Ich sagte es nicht, aber es war letzte Nacht.«

»Begräbnis wohl morgen?« – »Ja, gegen Mittag.«

»Ach, das ist recht, recht traurig; aber einmal müssen wir alle sterben, der eine früher, der andere später. Drum sollten wir danach trachten, stets zur letzten Reise vorbereitet zu sein. Dann ist alles gut.«

»Ja, Herr, das ist am besten. – Mutter hat’s auch immer gesagt.«

Als wir das Dampfboot erreichten, war es mit Frachteinladen fertig und stieß bald ab. Der König gebot mir aber, noch eine Meile weiter zu rudern an einen einsamen Ort. Dann stieg er ans Land und sagte: »Jetzt rasch zurück und bring mir den Herzog mit und die neuen Reisetaschen. Sollte er ans andere Ufer gegangen sein, so geh hin und hol ihn. Sag ihm, er soll sich so fein wie möglich machen.«

Ich merkte, was er im Schilde führte, sagte aber natürlich kein Wort. Als ich mit dem Herzog zurückkam versteckten wir das Kanu, und sie setzten sich auf einen Holzblock. Der König erzählte ihm alles, gerade wie’s der Bursche erzählt hatte, nichts ließ er aus. Und die ganze Zeit bemühte er sich, wie ein echter Engländer zu sprechen, und tat’s auch ganz gut für solch einen Kerl.

Dann fragte er: »Kannst du die Taubstummenrolle spielen, Sommerfett?«

»Und ob!« rief der Herzog, »hab’s auf den histrionischen Brettern getan.« Sie warteten jetzt nur noch auf ein Dampfschiff.

Während des Nachmittags sahen wir zwei kleine Dampfer, aber sie kamen nicht von weit her; endlich kam ein großes Dampfboot, und wir riefen es an. Ein Kahn wurde uns zugeschickt, und wir gingen an Bord. Das Dampfboot kam von Cincinnati. Als der Kapitän hörte, daß wir nur vier bis fünf Meilen mitreisen wollten, wurde er sehr ärgerlich, fluchte und sagte, er würde uns dort nicht ans Land setzen. Der König blieb aber ruhig und sagte: »Wenn Herren imstande sind, einen Dollar per Meile à Person zu bezahlen, um in einem Kahn geholt und abgesetzt zu werden, so ist wohl auch ein Dampfboot imstande, sie mitzunehmen, nicht wahr!«

Das besänftigte den Kapitän; er war’s zufrieden, und wir wurden bei der Ankunft am Städtchen wieder mit dem Kahn ans Land gesetzt. Etwa zwei Dutzend Männer kamen herbei, als sie den Kahn kommen sahen, und als der König sagte: »Kann irgendeiner der Herren mir sagen, wo Mr. Peter Wilks wohnt?«, da blickten sie einander an und nickten sich zu, als wollten sie sagen: ›Siehst du, was hab‘ ich dir gesagt?‹

Dann sprach einer mit weicher Stimme: »Es tut mir leid, Herr, aber wir können nicht mehr tun, als Sie an die Stelle zu führen, wo er gestern abend noch lebte.«

Plötzlich schien unsern Alten alle Kraft zu verlassen, er fiel gegen den Mann, sank mit seinem Kinn auf dessen Schulter, und weinte ihm seine Tränen den Rücken hinunter.

»Ach, ach«, stöhnte er, »unser armer Bruder – dahin, und wir durften ihn nicht wiedersehn; oh, das ist zu, zu hart!«

Dann wandte er sich um – immer noch schluchzend – und machte allerlei unsinnige Zeichen, und da ließ auch der Herzog die Reisetasche fallen und brach in Tränen aus. Sie waren das niedergeschlagenste Paar, diese zwei Betrüger, das ich je gesehen habe.

Die Männer umgaben und bemitleideten sie und sagten allerlei freundliche Worte, trugen ihre Reisetaschen den Hügel hinauf und blieben stehen, wenn König und Herzog vor Schluchzen nicht mehr weiterkonnten. Sie erzählten dem König alles über seines Bruders letzte Minuten, und der König wiederholte alles mit seinen Händen dem Herzog.

In zwei Minuten wußte es die ganze Stadt, und das Volk kam herbeigerannt von allen Ecken und Enden. Bald waren wir von einer großen Menge umringt, die uns folgte. Fenster und Türen standen voll Menschen, und alle Augenblicke hörte man jemand über den Zaun rufen: »Sind sie’s?«

»Freilich, darauf könnt‘ ihr wetten!« lautete gewöhnlich die Antwort aus der mitlaufenden Menge.

Als wir zum Hause kamen, war die Straße gedrängt voll Menschen, und die drei Mädchen standen in der Tür. Mary Jane war rothaarig, das schadete ihr aber nichts, denn sie war sonst so hübsch, und ihr Gesicht und ihre Augen waren wie verklärt – sie freute sich so, daß ihre Onkel gekommen waren. Der König breitete die Arme aus, und Mary sprang hinein, und die Hasenlippe sprang zum Herzog, und so hatten sie sich. Fast alle, wenigstens die Frauen, weinten vor Freude über dies Wiedersehn und die Freude der Beteiligten.

Dann gab der König dem Herzog einen geheimen Wink – ich sah es –, schaute sich um und erblickte den Sarg in einer Ecke auf zwei Stühlen; dann legten die beiden je einen Arm einander auf die Schulter, bedeckten mit der andern Hand die Augen und schritten langsam und feierlich hinüber. Alle machten ihnen Platz, Gespräch und Geräusch hörten auf, und einige riefen »Sch!« Alle Männer nahmen die Hüte ab und senkten ihre Köpfe. Man hätte in dieser feierlichen Stille eine Stecknadel fallen hören können. Am Sarge angelangt, beugten sich die beiden darüber, warfen einen Blick hinein und fingen dann an so laut zu jammern, daß man sie fast in Orleans hätte hören können. Dann umarmten sie einander, und jeder hing sein Kinn über des andern Schulter, und drei, vielleicht auch vier Minuten lang ließen ihre Augen Wasser fließen wie ich’s nie von zwei Männern gesehen habe. Und die andern machten es ihnen nach. Dann knieten sie auf den entgegengesetzten Seiten des Sarges nieder, legten ihre Köpfe darauf und taten, als ob sie im stillen beteten. Das alles machte einen mächtigen Eindruck auf die Versammlung, und alles sah sich von dem Schmerz der beiden hingerissen und schluchzte laut – die drei armen Mädchen auch, und fast jede Frau ging zu den Mädchen, ohne ein Wort zu sagen, küßte sie feierlich auf die Stirn, legte ihnen die Hand auf den Kopf, sah gen Himmel mit tränenvollen Augen, brach in lautes Schluchzen aus und trat dann beiseite, um der nächsten dieselbe Gelegenheit zu geben.

Darauf trat der König etwas vorwärts und fing an, eine Rede hervorzuschluchzen, voller Tränen und Beteuerungen, was für eine schwere Prüfung für ihn und seinen armen Bruder der Verlust des Dahingeschiedenen sei, besonders da sie ihn nach der langen Reise von viertausend Meilen nicht mehr lebend finden konnten. Aber es sei eine Prüfung, versüßt und geheiligt durch dies schöne Mitgefühl, diese heiligen Tränen, und so danke er allen Anwesenden aus seinem und seines Bruders Herzen, denn mit ihrem Munde könnten sie es nicht, da Worte zu schwach und kalt wären. Und so jammervoll gings weiter, bis es einen anekeln konnte. Dann grölte er ein Amen heraus, und das Heulen ging wieder los.

Kaum hatte er ausgeredet, so intonierte einer der Anwesenden das Ehre sei Gott in der Höhe, und alle fielen kräftig mit ein; das wärmte einem ordentlich das Herz. Musik ist doch ein herrliches Ding; zumal nach einer solchen Rührszene, wo alles so weich wie geschmolzene Butter wurde, wirkte der kernige und ehrliche Gesang ordentlich auffrischend.

Dann setzte der König wieder seine Kinnlade in Bewegung und sagte, wie sehr er und seine Nichten sich freuen würden, wenn einige der nächsten Freunde der Familie zum Abendessen bleiben und nachher mit bei dem Leichnam des Verstorbenen wachen wollten. »Ja«, sagte er, »wenn unser armer Bruder, der jetzt dort liegt, reden könnte, so weiß ich, wen er nennen würde; die Namen, die ihm so lieb waren und die er oft in seinen Briefen nannte, waren folgende: Pastor Hobsen und Vorsteher Lot Hovey und Herr Ben Rucker und Abner Shackleford und Levi Bell und Dr. Robinson und deren Frauen, und Witwe Bartley.«

Pfarrer Hobsen und Dr. Robinson waren am andern Ende der Stadt zusammen auf der Jagd; das heißt, ich meine, der Doktor expedierte einen Kranken ins Jenseits, und der Pfarrer wies ihm den rechten Weg. Advokat Bell war in Geschäften nach Louisville gereist. Aber die übrigen waren bei der Hand, und so kamen sie denn alle und schüttelten dem König die Hände und dankten ihm. Dann reichten sie auch dem Herzog die Hände und sagten nichts, aber sie lächelten ihn freundlich kopfnickend an, während er mit den Händen allerlei Zeichen machte und die ganze Zeit »Gu-gu-gu-gu-gu« schluchzte wie ein Säugling, der noch kein Wort sprechen kann.

Der König plapperte in einem fort und fragte fast nach jedermann im ganzen Städtchen, nannte viele bei Namen, berührte allerlei Kleinigkeiten, die sich im Städtchen und besonders in Georges Familie und an Peter selbst ereignet hatten, und dabei tat er, als ob ihm Peter alles geschrieben hätte. Dieser freche Lügner! Ich brauche nicht zu wiederholen, daß er all das Zeug aus dem jungen Burschen herausgepumpt, den wir im Kanu aufs Dampfboot expediert hatten.

Nun brachte Mary Jane den Brief, den ihr Onkel zurückgelassen hatte, und der König las ihn vor und weinte darüber. Der Verstorbene vermachte sein Wohnhaus und dreitausend Dollar Gold den Mädchen und schenkte die Gerberei, die ein gutes Geschäft war, nebst andern Gebäulichkeiten und Land, alles im Wert von etwa siebentausend Dollar, dazu noch dreitausend Dollar in Gold, Harry und William. Er bezeichnete auch, wo die sechstausend Dollar im Keller versteckt seien. Drauf sagte der Hauptbetrüger, sie wollten gleich gehen und es heraufbringen, damit es in bester Ordnung besorgt würde, und gebot mir, mit einem Lichte mitzukommen. Sie schlossen die Kellertür hinter sich ab, und als sie den Sack fanden, schütteten sie ihn auf die Diele aus – es war ein herrlicher Anblick, all die Goldstücke. Oh, wie leuchteten da des Königs Augen! Er klopfte dem Herzog auf die Schulter und rief: »Gelt, diesmal hat’s aber eingeschlagen! Wer hätte so viel erwartet! Kerl, das geht über’s Nonplusultra!«

Der Herzog stimmte bei. Sie prüften die Goldstücke und ließen sie durch die Finger gleiten und auf der Diele klingen.

Der König sprach: »Das steht fest: Brüder eines reichen Toten und Vertreter ausländischer Erben zu sein, die zurückgeblieben sind, ist jetzt der richtige Beruf für dich und mich, Sommerfett!«

Jeder andere wäre zufrieden gewesen mit einem solchen Haufen Gold; aber nein, sie mußten ihn zählen. Sie taten’s, und es fehlten vierhundertfünfzehn Dollar.

Der König sagte: »Verdammt! Was hat er mit den vierhundertfünfzehn Dollar gemacht?«

Sie grübelten eine Zeitlang und suchten überall herum.

Dann meinte der Herzog: »Er war ja ein recht kranker Mann und hat wohl einen Irrtum begangen – das wird’s wohl sein. Ich meine, es wird am besten sein, wir lassen die Sache auf sich beruhen und sagen nichts davon. Wir können das schon ablassen.«

»Ach, davon ist ja keine Rede – ich denke an etwas anderes. Wir müssen sehr vorsichtig und genau in dieser Sache sein. Wir müssen das Geld hinaufnehmen und in Gegenwart der Anwesenden zählen, damit ja kein Verdacht geschöpft werden kann. Wenn nun der tote Mann da sagt, es sind sechstausend Dollar, dürfen wir nicht…«

»Halt!« rief der Herzog, »wir wollen das Fehlende dazutun«, und er langte eine Handvoll Goldfüchse aus seiner Tasche heraus.

»Das ist eine famose Idee, Herzog! Du hast einen aufgeweckten Kopf auf deinen Schultern«, rief der König. »Da hilft uns die Nonplusultra-Einnahme gut aus«, und auch er langte nun Goldstücke aus seiner Tasche und stellte sie in gezählten Häufchen auf.

Es erschöpfte fast ihre ganze Barschaft, aber es machte die Sechstausend-Summe voll.

»Hör mal«, rief nun der Herzog, »ich hab‘ noch eine andere Idee. Laß uns hinaufgehen, das Geld vorzählen und dann alles miteinander den Mädchen geben.«

»Herzog! Herzog! Laß dich umarmen! Das ist der brillanteste Gedanke, den ein Mensch haben kann. Du bist das erfinderischste Gehirn, das sich denken läßt. Oh, das ist grandios, wahrhaftig. Jetzt soll noch jemand mit Zweifel oder Argwohn kommen, wenn er will – das überzeugt alle.«

Als wir hinaufkamen, sammelten sich alle um den Tisch. Der König zählte und stellte die Goldstücke auf, dreihundert in jedem Häufchen – zwanzig elegante kleine Türmchen. Jedermann sah hungrig und mundwäßrig daraufhin. Dann wurde alles wieder in den Sack getan, und ich sah, wie der König schon wieder zu einer Rede Atem schöpfte.

Er sprach: »Liebe Freunde! Mein armer Bruder, der dort drüben liegt, hat hochherzig an uns gehandelt, die wir hier im Jammertal zurückgeblieben sind; hochherzig an diesen armen lieben Lämmern, die er geliebt und bewacht hat und die, vater- und mutterlos, ihn jetzt entbehren müssen. Ja, und wir, die ihn kannten, wissen, daß er noch mehr für sie getan, wenn er nicht gefürchtet hätte, dadurch seinen teuren William und mich zu schädigen. Oder glaubt ihr nicht? Ich zweifle nicht im mindesten daran. Nun, schlechte Brüder wären es, die zu solcher Zeit an sich selbst dächten, und schlechte Onkel, die zu solcher Zeit diese armen süßen Lämmer, die er so liebte, berauben könnten – ja, berauben, sag‘ ich. Wenn ich William recht kenne – und ich glaube, ich kenne ihn –, würde er… Nun, ich will ihn gleich fragen.« Er wandte sich und begann mit dem Herzog allerlei Zeichen auszutauschen, und der Herzog sah ihn erst eine Zeitlang dumm und dämlich an, dann, als ob ihm plötzlich etwas einleuchtete, sprang er auf den König zu, vor Freude laut gu-gu-end, und umarmte ihn wohl fünfzehnmal hintereinander. Dann sprach der König: »Wußt‘ ich’s doch. Dies wird wohl alle überzeugen, wie er darüber denkt: Hier Mary Jane, Susan, Joanna, nehmt das Geld, nehmt das Ganze. Es ist ein Geschenk von ihm, der dort liegt, kalt, aber selig.«

Dann sprang Mary Jane zu ihm, Susan und die Hasenlippe zum Herzog; solch Umarmen, Ansherzdrücken und Küssen habe ich niemals gesehen. Alle drängten sich herbei, mit Tränen in den Augen, und die meisten schüttelten den zwei Betrügern die Hände mit Redensarten wie: »Ihr lieben, guten Seelen! Wie lieb! Wie konntet ihr das?!«

Dann sprachen sie alle über den Verstorbenen, wie gut er gewesen, was für ein großer Verlust durch seinen Tod entstanden und dergleichen mehr. Bald drängte sich ein großer Kerl zur Tür herein, der Kinnbacken wie aus Eisen hatte. Er stand, hörte und sah zu und sagte nichts, und es redete auch niemand mit ihm, denn der König sprach, und alle hörten ihm zu.

Der König sagte, indem er in seiner Rede fortfuhr: »Das waren die intimsten Freunde des Verstorbenen, darum sind sie für diesen Abend eingeladen; aber morgen, hoffen wir, werden alle kommen, wir erwarten jeden, denn er ehrte jeden und hatte jeden gern, und darum gehört sich’s, daß seine Begräbnis-Orgien recht öffentlich stattfinden.

Und so ging’s fort, denn er hörte sich gern reden. Gelegentlich brachte er immer wieder die Begräbnis-Orgien mit hinein, bis es dem Herzog zuviel wurde und er auf ein Stück Papier schrieb: »Obsequien, du alter Esel«, es zusammenfaltete und es gu-gu-end dem König über die Köpfe der andern hinüberreichte.

Der König las, steckte es in die Tasche und sagte: »Armer William, obwohl tief gebeugt, ist sein Herz doch stets auf dem rechten Fleck. Er wünscht, daß ich jeden bitte, zum Begräbnis zu kommen; sagt, ich solle alle willkommen heißen. Aber er hätte sich darum nicht zu kümmern brauchen, denn ich war ja gerade dabei.«

Dann fuhr er in größter Seelenruhe fort zu salbadern und brachte wieder seine Begräbnis-Orgien hinein, und nachdem er es zum drittenmal getan hatte, rief er: »Ich sage Orgien, nicht weil es das übliche Wort ist, das ist’s nicht, das ist Obsequien, sondern weil Orgien der richtige Ausdruck ist. Obsequien wird in England nicht mehr gebraucht, das ist veraltet. In England sagen wir jetzt Orgien. Orgien ist besser, denn es bezeichnet genauer, was man dabei meint. Das Wort ist zusammengesetzt aus dem griechischen orgo, draußen, außerhalb, im Freien; und dem hebräischen giene, pflanzen, mit Erde bedecken, also beerdigen. So könnt ihr also sehen, daß Begräbnis-Orgien eine offene oder öffentliche Beerdigung bedeutet.«

Es war der frechste Mensch, der mir je vorgekommen ist. Der Mann mit dem eisenähnlichen Kiefer lachte ihm geradezu ins Gesicht. Das wunderte alle, und sie riefen: »Aber Doktor!«, und Abner Shackleford sagte: »Aber Robinson, hast du die Neuigkeit nicht gehört? Das ist Harry Wilks.«

Der König lächelte lauernd, hielt seine Tatze heraus und sprach: »Ist es meines armen Bruders lieber guter Freund und Arzt? Ich…«

»Laß deine Hände von mir!« rief der Doktor. »Du – und sprechen wie ein Engländer? Du? Es ist die erbärmlichste Nachäffung, die ich je gehört habe. Du Peter Wilks‘ Bruder? Du bist ein Betrüger! Nun weißt du, was du bist!«

Ach, wie alle entsetzt waren! Sie drängten sich um den Doktor und suchten ihn zu beruhigen, ihm auseinanderzusetzen, wie Harry auf allerlei Weise gezeigt habe, daß er Harry sei, wie er jeden Namen kannte und sogar die der Hunde, und baten und beschworen ihn, Harry nicht zu nahe zu treten und das Zartgefühl der Mädchen zu schonen und so weiter. Aber es war umsonst, er brauste auf und meinte, jemand, der sich für einen Engländer ausgebe und Englands Lingo Aussprache nicht besser nachmachen könne, als der da, sei ein Betrüger und Lügner. Die armen Mädchen hingen sich an den König und weinten.

Plötzlich wandte sich der Doktor zu ihnen und sagte: »Ich war eures Vaters Freund und ich bin euer Freund, und ich beschwöre euch als Freund, als ein ehrlicher Freund, der euch zu beschützen und Kummer und Unglück von euch abzuwenden sucht, diesem Gauner den Rücken zu kehren, nichts mit ihm zu tun zu haben, diesem unwissenden Landstreicher mit seinem idiotischen Griechisch und Hebräisch, wie er es nennt. Er ist ein fadenscheiniger Betrüger. Kommt her mit einer Masse leerer Namen, die er sich irgendwo zusammengesucht hat, und ihr nehmt sie für Beweise, und eure betrogenen Freunde hier helfen euch, euch selbst zu betrügen – die sollten doch gescheiter sein. Mary Jane Wilks, du kennst mich als deinen Freund, und als einen uneigennützigen Freund. Laß dir raten und diesen erbärmlichen Gauner hinauswerfen. Ich bitte dich, tu es. Wirst du’s tun?«

Mary Jane erhob sich stolz in ihrer ganzen Größe – oh, wie war sie schön! – und sagte: »Hier ist meine Antwort.« Sie hob den Sack Geld auf und legte ihn in des Königs Hände mit den Worten: »Nimm diese sechstausend Dollar und lege das Geld für mich und meine Schwestern an, wie du es für gut hältst, wir brauchen keinen Empfangsschein darüber.«

Dann umschlang sie den König mit ihrem Arm von einer Seite, und Susan und die Hasenlippe taten dasselbe von der andern Seite. Alles klatschte mit den Händen und trommelte stürmisch mit den Füßen auf die Diele, während der König seinen Kopf hoch hielt und stolz lächelte.

Der Doktor rief: »Wohl denn, ich wasche meine Hände in Unschuld. Aber ich sage euch allen, daß die Zeit kommen wird, wo es euch übel zumute ist.«

»Um so besser, Doktor«, rief der König höhnisch, »dann werden sie Euch wohl rufen lassen müssen« – das machte alle lachen, und sie sagten, das sei ein guter Witz.

12. Kapitel

Langsame Fahrt – Geliehene Dinge – Besteigung des Wracks – Die Verschwörer – »Das ist unmoralisch!« – Jagd nach dem Boot

12. Kapitel

Es mußte beinahe ein Uhr sein, als wir endlich aus dem Bereich der Insel kamen; es war eine verflixt langsame Fahrt auf dem Floß. Sollte uns irgendwas Verdächtiges begegnen, so hatten wir verabredet, das Floß zu verlassen, unser Boot, das wir angehängt hatten, zu besteigen und uns so schnell wie möglich nach dem Illinois-Ufer zu aus dem Staub zu machen. Glücklicherweise hatten wir das aber nicht nötig, sonst wäre es uns übel ergangen, denn wir hatten mit keinem Gedanken daran gedacht, Flinte oder Angelleine oder irgendwelche Lebensmittel in unser Boot zu tun. Der Mensch kann nicht an alles denken, aber es war wahrhaftig sehr dumm gewesen, unsre ganze Habe aufs Floß zu schaffen.

Wenn die Männer wirklich nach der Insel gekommen sind, werden sie wohl mein Lagerfeuer gefunden und die ganze Nacht dabei auf Jim gewartet haben. Auf jeden Fall kamen sie uns nicht nach, und wenn das Feuer sie nicht an der Nase herumgeführt hat, so ist das nicht meine Schuld, ich zündete es in der besten Absicht an. Als sich der erste Streifen im Osten zeigte, landeten wir in einer Bucht am Illinois-Ufer und verbargen unsere Flotte im dichten Weiden- und Binsengestrüpp.

Drüben an der Missouri-Seite gab’s Berge, hier bei uns nur dichte Waldungen, auch war drüben die fahrbarere Strecke des Stroms, so daß es für uns keine Gefahr gab, entdeckt zu werden. So lagen wir denn den Tag über still und sahen den Fahrzeugen drüben zu, wie sie auf- und abwärts glitten, den Booten, den Flößen und den Dampfern, die in der Mitte des Stroms daherkeuchten und schnaubten. Ich erzählte Jim mein Abenteuer von gestern mit der Frau in der Hütte, die sich durch meinen Rock und Hut nicht hatte täuschen lassen, und er meinte, die sei schlau gewesen, die hätte uns wohl schwerlich so leicht entwischen lassen, wie’s die Männer getan; die hätte sich nicht schläfrig hingelegt und ein einsames Lagerfeuer bewacht, statt drauflos zu suchen, die wäre gar nicht ohne Hund ausgerückt und hätte überhaupt die Sache viel schlauer angefaßt. Warum sie dann wohl den Männern nicht geraten habe, einen Hund mitzunehmen, warf ich ein. Das habe sie wahrscheinlich zuletzt noch getan, meinte Jim, deshalb hätten sich auch gewiß die alten Schlafhauben von Männern verspätet und all die kostbare Zeit verloren und wir säßen hier auf dem Floß im Weidengestrüpp, statt da drüben hinter Schloß und Riegel im Städtchen, »ja warraftig!« Mir war’s nun ganz und gar einerlei, was die Ursache sei, daß wir hier waren statt dort, solange wir nur wirklich frei blieben und sie uns nicht wegfingen.

Als es anfing, dunkel zu werden, streckten wir unsre Köpfe vorsichtig aus dem Weidengestrüpp und sahen uns um. Vorn, hinten, hüben, drüben – alles sauber, nichts zu sehen! Jim nahm nun ein paar von den obersten Planken des Floßes und stellte eine Art Hütte her, um uns und unsre Habseligkeiten gegen das Wetter zu schützen; die Hütte erhielt einen Bretterboden, ungefähr einen Fuß höher als die Oberfläche des Floßes, so daß unsere Decken und andere Sachen aus dem Bereich der Wellen der Dampfboote waren. Gerade in der Mitte der Hütte machten wir dann von Lehm eine Art Herd, worauf wir unser Feuer anzünden konnten, ohne daß es von außen viel gesehen werden würde. Dann verfertigten wir noch ein zweites Steuerruder, um nicht in Not zu geraten, im Fall das eine zerbrochen würde. Ein gabeliger Baumast diente uns als Laternenpfosten, denn es war nötig, Licht zu haben, um nicht von irgendeinem Dampfboot in den Grund gebohrt zu werden.

In der zweiten Nacht ließen wir uns ungefähr sieben bis acht Stunden von einer ziemlich reißenden Strömung dahintragen. Wir fingen Fische und plauderten, schwammen auch mal neben her, um den Schlaf fernzuhalten. Es war uns ordentlich feierlich zumute, so auf dem großen, stillen Strom hinzugleiten in der lautlosen Nacht. Wir legten uns dann auf den Rücken und schauten nach den Sternen, und es kam uns gar nicht in den Sinn, laut zu sprechen, oder gar zu lachen, höchstens hie und da mal ganz leise. Wir hatten fabelhaft gutes Wetter, und nichts passierte uns, weder in dieser Nacht noch in der nächsten und übernächsten.

Jede Nacht kamen wir an Städtchen vorüber, die oft weit drüben an den schwarzen Abhängen gelegen waren; kein Haus war zu erkennen, nichts als Nester voll schimmernder Lichter. In der fünften Nacht kamen wir an St. Louis vorüber, und das leuchtete und funkelte, als habe man die ganze Welt in Brand gesteckt. Bei uns zu Haus in Petersburg hatten sie immer gesagt, wie furchtbar groß St. Louis sei und wie da zwanzig- oder dreißigtausend Menschen alle auf einem Fleck zusammen lebten. Ich hatt’s nie geglaubt. Als ich aber den Bündel Lichter dort sah, in der Nacht um zwei Uhr, wo sonst alles gesund und fest schläft, da wurde mir begreiflich, daß es wahr sein müsse und daß die Leute nicht geflunkert hatten.

Jeden Abend begab ich mich nun ans Ufer in irgendein kleines Dorf, meist so gegen zehn Uhr, und kaufte ein, was wir gerade brauchten, Speck oder Mehl oder Tabak, wie’s kam. Manchmal verhalf ich auch einem Huhn, das nicht recht ruhen wollte, zu einer bequemeren Lage in meinen Armen. Mein Alter sagte immer: Wenn du irgendwo ein Huhn kriegen kannst, nimm’s mit, unter allen Umständen. Brauchst du’s nicht, braucht’s ein anderer, und eine gute Tat lohnt sich jedesmal. Der Alte zwar brauchte das Huhn immer selbst, allein das änderte nichts an seinem Wahlspruch.

Morgens, eh‘ der Tag kam, schlüpfte ich dann in die Felder und pumpte mir irgendeine Melone oder einen Kürbis oder andere Früchte, die mir gerade in den Weg kamen. Pumpen sei nichts Schlimmes, hatte mein Alter immer gesagt, wenn man nur die Absicht habe, es einmal heimzugeben, die Witwe aber meinte, das sei nur ein schönerer Ausdruck für Stehlen, und kein ordentlicher Mensch täte dergleichen. Jim, den ich fragte, sagte, die Witwe habe recht, der Alte aber auch, und wenn wir zwei oder drei Sachen von unserer Pumpliste strichen, zum Beispiel schlechte Wassermelonen oder saure Äpfel, und uns fest vornehmen würden, diese künftig liegen zu lassen, dann sei’s wohl jedem recht gemacht, und wir könnten das übrige leichten Herzens lustig weiter nehmen. Vorher war’s uns nicht ganz wohl bei der Sache gewesen, aber seit wir diesen Ausweg gefunden hatten, wurde es uns wieder ganz behaglich – Wassermelonen und saure Äpfel ließen sich ja leicht entbehren.

Ab und zu schossen wir ein vorwitziges Wasserhuhn, das sich des Morgens zu früh oder des Abends zu spät legte, kurz, wir lebten ganz behaglich, glücklich und zufrieden und freuten uns unseres Daseins.

In der fünften Nacht, als wir an St. Louis vorbei waren, kam ein furchtbares Gewitter mit Donner und Blitz, und der Regen goß wie Bindfaden herunter. Wir verkrochen uns in unsre Hütte und ließen Floß Floß sein, das schwamm von selbst weiter. Beim Schein der Blitze konnten wir sehen, daß die Ufer felsig und steil waren, und auch im Wasser zeigten sich Felsen. Auf einmal ruf ich: »Hallo, Jim, sieh mal dort hin!« Und was war’s? Ein Dampfboot, das an einem der Felsen gestrandet war. Wir hielten gerade darauf los und konnten es ganz deutlich sehen beim Schein der Blitze. Ein Teil des Oberdecks ragte noch aus dem Wasser hervor, und wenn gerade ein heller Blitz kam, konnte man alles, was darauf war, deutlich erkennen, sogar einen Stuhl, der nahe bei der großen Schiffsglocke stand, samt einem Hut, der an der Lehne hing.

Puh, mich überlief’s! Es war so schauerlich da draußen in der Nacht bei dem Sturm, und mir ging’s, wie es jedem Jungen in meinem Alter beim Anblick des einsamen, traurigen Wracks da mitten im Strom gegangen wäre, mir gruselte, und doch wollt‘ ich für mein Leben gern an Bord und ein wenig dort herumschnüffeln.

»Laß uns anlegen, Jim«, bat ich.

Jim aber war zuerst taub für die Bitte und meinte: »Jim nix brauchen zu sehen auf Wrack, Jim sein gar nix neugierig. Du viel besser bleiben davon, oder du dir verbrennen die Finger. Jim nix wollen haben zu tun mit Polizei!«

»Polizei? Selbst Polizei! Was hätte denn die da zu tun? Das Deck und das Lotsenhaus zu bewachen, he? Glaubst du, irgendeiner riskiere sein Leben in einer solchen Nacht wegen ein paar alter Planken, die jeden Augenblick auseinandergerissen und weggespült werden können?« Jim glaubte das nun keineswegs und so blieb er still. »Und außerdem«, fuhr ich fort, könnten wir uns gewiß etwas aus des Kapitäns Kajüte pumpen, Jim – Zegarren, wett‘ ich, fünf Cents das Stück, feine Ware, Jim! Dampfboot-Kapitäne sind immer reich, Jim! Haben sechzig Dollars im Monat und fragen nicht lang, was etwas kostet, wenn sie’s brauchen. Komm, steck eine Kerze ein, Jim, ich hab‘ keine Ruh‘ mehr, bis wir dort sind. Meinst du, Tom Sawyer hätte zu so was nein gesagt? Niemals! Der nicht! Der hätt’s ein Abenteuer genannt, ein heldenhaftes Abenteuer, so hätt‘ er’s genannt und wäre an Bord gegangen, wenn’s auch sein Leben gekostet hätte. Und wie hätt‘ er sich dabei benommen! Mit Anstand, sag‘ ich dir! Der hätt‘ sich hingestellt wie Christian Klumbus, als er das tausendjährige Reich entdeckte! Ach, ich wollte, Tom wär‘ hier!«

Jim brummte noch etwas in seinen Bart, den er nicht hatte, und gab dann nach. Er sagte aber, wir dürften nur so wenig wie möglich reden, nur das Allernotwendigste und ganz, ganz leise. Der Blitz zeigte uns das Wrack wieder, gerade rechtzeitig, um anlegen zu können.

Das Deck ragte hier hoch empor. Wir schlichen im Dunkeln auf der schrägen Fläche nach Backbord auf die Kajüte zu, indem wir uns Schritt für Schritt behutsam vorwärtsbewegten und die Hände ausstreckten, um nirgends anzustoßen. Wir erreichten auch bald das vordere Ende des Oberlichts und kletterten in die Öffnung; noch ein paar Schritte, und wir standen vor der Tür des Kapitäns. Die stand offen, und – Herr des Himmels – ganz im Hintergrund des Ganges, der zum Salon führt, erblicken wir ein Licht und vernehmen Stimmengemurmel.

Jim flüsterte mir zu, ihm sei sterbensübel, und beschwor mich, mit ihm wegzugehen. Ich sagte: »Gut, komm fort.«

Da hörte ich gerade eine Stimme stöhnen und flehen: »Ach, laßt mich doch, Jungens, ich schwör’s, ich verrat‘ euch nicht!«

Drauf antwortete eine andre Stimme ziemlich laut: »Da lügst du, Jim Turner, wir sind dir hinter die Schliche gekommen! Immer hast du den größten Teil gewollt, wenn’s etwas zu teilen gab, und auch gekriegt, was noch wichtiger ist, weil du uns immer verraten wolltest, wenn wir’s nicht täten. Diesmal aber haben wir dich gefangen, Kerl! Gemeiner, verlogener Hund du!«

Jim hatte sich schon lange davongemacht und mußte bereits beim Floß angelangt sein, in mir aber regte sich die Neugier immer mehr. Tom Sawyer hätte nun erst recht nicht locker gelassen, sagte ich mir, und ich tu’s auch nicht, ich muß sehen, was da vorgeht. Ich ließ mich also auf Hände und Knie nieder und kroch in dem kleinen Durchgang in der Dunkelheit nach hinten, bis mich nur noch die Breite einer Kabine von dem Salon trennte. Da drinnen lag ein Mann an Händen und Füßen geknebelt auf dem Boden, zwei andre standen vor ihm, der eine mit einer kleinen Laterne, der andre mit einer Pistole in der Hand. Der mit der Pistole zielte auf den Kopf des Geknebelten und wiederholte immer wieder: »Ich möcht‘ ihn niederschießen, den Hund, und ich sollt’s eigentlich auch tun – dieser Verräter!«

Der am Boden krümmte sich dann jedesmal und ächzte: »Tu’s nicht, Bill, tu’s, bitte, nicht – ich sag‘ gewiß und wahrhaftig kein Sterbenswörtchen mehr!«

Und als er so wimmerte, höhnte der mit der Laterne: »Was Gescheiteres und was Wahreres hast du noch nie gesagt, das schwör‘ ich dir!« Und einmal sagte er: »Hör nur, wie der Kerl bettelt, und doch, wenn wir nicht stärker gewesen wären als er, hätt‘ er uns beide getötet, so gewiß ich hier stehe. Und warum – weshalb? Für nichts, rein für nichts? Nur weil wir haben wollten, was uns gehörte. Nur darum! Ich wett‘ aber, du drohst keinem mehr, Jim Turner! – Tu die Pistole weg, Bill!«

Drauf Bill: »Ich will aber nicht, Jack, ich will den Hund zum Schweigen bringen. Verdient er’s nicht, der schlechte Kerl? Hat er nicht von selbst dem alten Hatfield den Garaus gemacht?«

»Ich aber will nicht, daß du ihn tötest, und ich habe meine Gründe dafür!«

»Gott segne dich für diese Worte, Jack, ich werde sie dir nie vergessen, so lang ich lebe«, schluchzte der am Boden.

Jack hörte nicht auf ihn, hing seine Laterne an einen Nagel und ging im Dunkeln gerade auf die Stelle zu, wo ich war, während er Bill veranlaßte, ihm zu folgen. Ich retirierte wie ein Krebs, so schnell ich konnte. Um nicht entdeckt zu werden, blieb mir nur übrig, mich in eine der nächsten Kabinen zu flüchten.

Vor dem Eingang der Kabine, in die ich geflüchtet war, blieb Jack stehen und rief: »Komm hier herein.«

Und Jack, gefolgt von Bill, trat ein. Ich aber hatte mich zuvor geschwind in eine der oberen Kojen verkrochen. Sehen konnte ich sie nicht, wohl aber riechen, so viel Branntwein hatten sie geladen. Gott sei Dank, daß ich keinen trinke, aber ich glaube, sie hätten’s doch nicht gerochen. Mir war fast der Atem vergangen, so beklommen fühlte ich mich. Da lieg‘ aber auch mal einer und atme, wenn zwei dicht unter seiner Nase solches Zeug verhandeln! Sie sprachen leise und eifrig. Bill wollte Turner durchaus töten. Spricht Bill: »Er hat gedroht, uns zu verraten, und er wird’s tun, wenn wir ihn jetzt laufen lassen und wenn wir ihm selbst unser Teil noch dazugeben. Das weißt du so gut wie ich, Jack, warum also zögern? Ich bin dafür, daß wir ihn von dieser Welt erlösen!«

»Ich auch!« bestätigt Jack sehr ruhig. – »Hol’s der Teufel, das hab‘ ich dir bis jetzt nicht angemerkt! Gut also, voran denn!«

»Wart noch eine Minute, Bill, und hör mich erst zu Ende, ich bin noch nicht fertig. Eine Kugel ist ganz gut, aber es gibt auch noch eine geräuschlosere Art, so was zu tun, wenn’s getan sein muß! Warum sich in Gefahr begeben, wenn du ganz dasselbe ohne jede Gefahr haben kannst? Hab‘ ich nicht recht?«

»Natürlich! Aber was willst du eigentlich tun?«

»Hör mich an! Ich denke, wir sehen noch einmal alle Räume nach, damit wir nichts vergessen mitzunehmen, drauf stoßen wir ab ans Ufer und verbergen die Beute. Dann warten wir’s ruhig ab. In weniger als zwei Stunden geht diese alte Rattenfalle doch auseinander, und wenn der Kerl dann mit ersäuft, wer ist schuld daran? Warum kommt er her? Merkst du’s nun? Ich bin immer dagegen gewesen, einen Menschen zu töten, wenn man’s vermeiden kann – ’s ist dumm und ’s ist unmoralisch!«

»Da hast du recht! Aber wenn nun die Geschichte nicht so schnell auseinandergeht?«

»Na, die zwei Stunden wollen wir auf jeden Fall einmal warten. Komm, vorwärts!«

Sie verdufteten und ich auch, und zwar ziemlich rasch, von kaltem Schweiß bedeckt. Ich kroch eiligst dahin zurück, wo wir angelegt hatten. Es war dort so dunkel wie in einer Kuh, und ich konnte die Hand nicht vor den Augen sehen, flüsterte nur ganz leise: »Jim!« Dicht neben mir stöhnt etwas Antwort.

»Schnell, Jim, wir haben mit Stöhnen gar keine Zeit zu verlieren. Das ist eine Räuber- und Mörderbande dadrinnen, und wenn wir ihr Boot nicht erwischen und es forttreiben lassen, so ist einer von den Kerlen arg in der Klemme. Ich möcht‘ sie aber alle drei zappeln lassen und dem Sheriff ausliefern. Schnell, eil dich! Ich will diese Seite absuchen nach dem Boot, du die andre. Dann setzt du dich ins Floß und –«

»Floß? O Herr, herrjemine, Floß? Da sein kein Floß nix mehr! Floß sein losgerissen, sein fort, und arme alte Jim und Huck sein verloren! Sein keine Floß nix da!«

13. Kapitel

Flucht aus dem Wrack – Der Wächter an der Fähre – Untergang – Gesunder Schlaf

13. Kapitel

Mir ging der Atem aus, und ich fiel beinahe um vor Entsetzen. Hier auf dem Wrack allein mit einer solchen Bande wie die da drunten, das war kein Spaß! Jetzt mußten wir ihr Boot finden – mußten’s für uns selbst haben! So krochen wir zitternd und bebend nach Steuerbord zurück, und es schien uns eine Ewigkeit, bis wir zum Hinterteil des Schiffes gelangten. Ein Boot aber war nirgends, nirgends zu sehen. Jim sagte, er könne sich kaum noch aufrechthalten, so schlottern ihm die Knie, solche Angst habe er in seinem Leben noch nicht ausgestanden. Ach, du mein Himmel, mir ging’s nicht viel besser, aber gesagt hätte ich nichts um alles in der Welt. Ich trieb ihn nur vorwärts und versicherte ihm, daß wir, wenn wir hier bleiben, zwischen den Wellen und den Kerlen da drinnen garstig in der Klemme säßen. Wir also wieder drauflos und weitergesucht! Immer vorwärts tastend, hatten wir schon beinahe den Teil erreicht, wo das Deck sich gegen die Wasserfläche gesenkt hatte, da – seh‘ ich einen dunklen Klumpen im schwarzen Schatten da drunten, und weiß Gott und wahrhaftig, es war ein Boot! Wie froh und dankbar atmeten wir auf! Eben wollten wir uns hinunterlassen, da öffnet sich dicht neben mir eine Luke, und ein Kopf erscheint. Es ist einer von den Kerlen! Daß er mich nicht gesehen, war das reine Wunder!

Er aber dreht den Kopf nach rückwärts und flüstert: »Tu doch die Laterne weg, die kann uns ja verraten!«

Er warf einen gefüllten Sack ins Boot, schwang sich selbst nach und setzte sich. Es war Jack. Dann kam Bill nachgekrochen und war auch schnell unten.

Wispert Jack: »Fertig – stoß ab!«

Ich konnte mich kaum mehr festhalten, so schwach wurde mir. Da flüsterte Bill: »Wart ein wenig. Hast du ihn auch noch einmal genau durchsucht, den Hund?«

»Nein – hast du’s denn nicht getan?«

»Nein, Gott straf mich! Da hat der Kerl also noch seinen Teil an Barem in der Tasche!«

»Nun, dann aber geschwind zurück! – Es hat freilich keinen Wert, all den Kram fortzuschleppen und das Geld ihm zu lassen. Komm schnell!«

»Wird er denn aber nicht merken, was wir im Schilde führen?«

»Vielleicht – vielleicht auch nicht! Einerlei – haben müssen wir’s, also vorwärts!«

So kletterten die Kerle wieder zurück und verschwanden.

Ob wir flink unten und im Boot drin waren! Mir schien’s, als packe uns ein Wirbelwind! Messer raus, Leine durch – auf und los und davon, eh‘ einer Amen sagen konnte!

Wir rührten keine Ruder, verloren kein Wort, atmeten kaum. Lautlos glitten wir davon, totenstill, am Schiff entlang und waren in ein paar Minuten außer Hör-, Seh- und Schußweite, sahen das Wrack in der Dunkelheit verschwinden, waren gerettet – und dankten unserm Schöpfer.

Als wir ungefähr zwei- oder dreihundert Meter entfernt waren, sahen wir eine Laterne wie ein kleines Sternchen für einen Augenblick über dem Wasser aufblitzen; jetzt hatten die Kerle gewiß entdeckt, daß das Boot weg war und daß sie ungefähr so schlimm dran waren wie Jim Turner.

Wir aber legten uns tüchtig in die Ruder und spähten nach unserm Floß aus. Da kam es mir plötzlich in den Sinn, mir wegen des Schicksals der Männer Gedanken zu machen; vermutlich hatte ich bisher keine Zeit dazu gehabt. Mir schien die Klemme, in die ich sie gebracht hatte, selbst für Mörder etwas allzu grausam. Sag‘ ich zu mir selbst: Wer weiß, Huck, was aus dir noch einmal wird, vielleicht nichts viel Besseres, und da war‘ dir so was auch recht unangenehm.

Ruf ich deshalb Jim zu: »Jim, beim ersten Licht, das wir sehen, machen wir halt, legen an, verstecken dich und das Boot, und ich geh‘ dann hin und fable den Leuten was vor, daß sie nach den Kerlen dort im Wrack sehen, damit die nicht wie Ratten ersaufen, sondern schön gehenkt werden können, wenn sie einmal reif dafür sind!«

Die Idee aber war Essig, denn auf einmal begann der Sturm wieder wie toll drauflos zu rasen, schlimmer als je. Es goß nur so in Strömen, und nirgends war ein Licht zu entdecken, bei dem Hundewetter war wohl alles im Bett. Wir arbeiteten uns vorwärts, durch alles hindurch, und schauten scharf nach einem Licht und nach unserm verlorenen Floß aus. Nach einiger Zeit ließ der Regen etwas nach, aber die Wolken blieben, und der Blitz flammte hie und da noch auf. Auf einmal zeigte uns ein Strahl etwas Schwarzes, das vor uns dahinglitt. Wir natürlich flink drauflos.

Und wahrhaftig, es war unser Floß. Wir waren froh wie die Maikäfer, uns drauf verkriechen zu können, auf unserm alten, lieben, verlorenen und wiedergeschenkten Floße. Wie doch der Mensch an dem Seinen hängt! Jetzt entdeckten wir auch ein Licht drüben am Ufer, nach dem wollte ich mich denn auch hinmachen – die drei Kerle lagen mir zu schwer im Magen. Unser Boot war halb voll geladen mit Kram, den die Schurken gestohlen hatten. Den luden wir nun in einem Haufen auf unser Floß, und ich hieß Jim langsam weitertreiben und nach einiger Zeit, so etwa nach einer Stunde, ein Feuer zu machen und es brennen lassen, bis ich zurück sei, damit ich ein Zeichen habe. Dann zog ich los und auf das Licht zu. Als ich näher kam, entdeckte ich noch andere an einem Hügel aufwärts es mußte ein Dorf sein. Ich hielt auf das Uferlicht zu, zog die Ruder ein und ließ mich treiben, um erst ein wenig auszukundschaften. Im Vorbeigleiten sah ich, daß das Licht eine Laterne war, die an einem Fährboot befestigt hing. Ich schaute nun nach dem Wächter aus, wo er schliefe, und fand ihn richtig vorn bei den Tauwinden selig eingeschlummert, mit dem Kopf zwischen den Knien. Ich stieß ihn dann leicht an und begann zu schluchzen und heulen.

Er fuhr auf und sah sich dann verstört um. Als er aber entdeckte, daß nur ich es sei, reckte und streckte und dehnte er sich erst behaglich und brummte dann: »Hallo, was ist denn wieder los? Heul nicht, Bub! Was gibt’s denn?«

Schluchz‘ ich: »Vater und Mutter und Schwester und –«

Ich konnte nicht weiter vor Jammer. Dann sagt‘ er: »Oh, verdammt, heul nicht so, Junge, jeder hat seinen Packen zu tragen, und deiner wird nicht gar zu schwer sein! Was ist denn los mit Vater und Mutter und Schwester?«

»Sie sind – sie sind –. Sind Sie der Wächter von dem Fährboot?«

»Ja«, bestätigt er selbstgefällig, »der bin ich! Ich bin Kapitän, Eigentümer, Matrose und Lotse, Steuermann, Wächter – alles in einer Person. Oftmals auch alleinige Fracht und Passagier zugleich. So reich wie der alte Jim Hornback bin ich nicht, kann nicht so mit dem Gelde um mich werfen, wie er’s tut, der’s den Schlingeln dem Tom und dem Dick und dem Harry – nur so in die Taschen stopft, aber ich möcht‘ doch nicht mit ihm tauschen, nicht um viel. Denn, sag‘ ich zu ihm: Ein Leben auf dem Wasser, das ist doch ein Leben; lieber ließ ich mich hängen, als dahinten an den Bergen zu kleben, wo man nicht weiß, ob die Welt geht oder still steht, nicht um alles möcht‘ ich das, und wenn du mich in Gold fassen ließest, und, sag‘ ich …«

Nun fiel ich ein: »Ach, ach, meine Leute werden gar nicht wissen, was sie tun sollen und –«

»Wer wird’s nicht wissen?«

»Ei, der Vater und die Mutter und die Schwester und Miss Hooker. Ach, guter Herr, wenn Sie doch Ihr Boot nehmen wollten und hingehen und –«

»Wohin? Wo sind die denn?«

»Auf dem Wrack!«

»Auf welchem Wrack?«

»Ach, es ist ja nur eins da!«

»Was, du willst doch nicht sagen auf dem Walter Scott?«

»Ja! Dort!«

»Großer Gott! Was, um Himmels willen, tun sie denn da?«

»Nun, freiwillig sind sie nicht hingegangen!«

»Das glaub‘ ich wohl! Herr des Himmels, da sind sie ja einfach verloren, wenn sie nicht machen, daß sie schleunigst wegkommen. Wie, in Gottes Namen, sind sie denn eigentlich da hingeraten?«

»Sehr einfach! Miss Hooker war zu Besuch dort oben in der Stadt –«

»Booths Landing meinst du – weiter!«

»Also sie war zu Besuch in Booths Landing, und gegen Abend wollte sie dann fort und noch eine Freundin besuchen, um da zu übernachten, ein Fräulein – ach ich hab‘ den Namen vergessen. Mitsamt ihrer alten Niggerfrau ließ sie sich in der Fähre übersetzen, und da verloren sie das Steuerruder mitten auf dem Wasser und wurden nun fortgerissen von den Wellen und gegen das Wrack geschleudert, und Fähre und Fährmann und die Niggerfrau, alles war verloren. Nur Miss Hooker erwischte etwas vom Schiff, woran sie sich halten konnte, und rettete sich so auf Deck. – Vielleicht eine Viertelstunde später kamen wir in unserem Boot flußabwärts vom Markt heim; es war so stichdunkel, daß wir das Wrack nicht eher sahen, als bis wir mit der Nase draufstießen und es zu spät war. Das Boot war natürlich zum Kuckuck, aber retten konnten wir uns alle, nur Bill Whipple – der ertrank – ach, und der war der beste Kerl von der Welt, wahrhaftig, ich hätt‘ beinahe lieber all das Wasser selbst geschluckt – das hätt‘ ich, meiner Seel‘ –«

»Herr, du mein Gott, das ist gewiß und wahrhaftig die merkwürdigste Geschichte, die ich je gehört habe! Na und dann? Was habt ihr dann getan?«

»Nun, wir riefen und schrien natürlich und waren wie toll; aber es ist so weit da draußen, da konnte uns niemand hören. Sagt‘ mein Alter: Das nutzt alles nichts, einer von uns muß sehen, wie er ans Land kommt und Hilfe schafft. Gut also! Ich war der einzige, der schwimmen konnte, so mußte ich denn ran und mein Heil probieren. Da gab’s kein langes Zaudern! Ich denn rein und los. Miss Hooker rief mir nach, wenn ich nicht früher Hilfe fände, so solle ich nur machen, daß ich zu ihrem Onkel käme, der werde schon Rat wissen. So schwimm‘ ich denn drauflos und komme auch richtig ans Land, vielleicht eine Stunde weiter da unten, aber wo ich auch anklopfe und meine Geschichte erzähle, alle weisen mich ab. ›Was‹, sagen sie, ›in der schrecklichen Nacht? Nein, mein Junge, das wäre Unsinn, da such du sonst jemand – mach, daß du zur Dampf-Fähre kommst; wenn dir einer hilft, so wird dir der dort helfen!‹ Und da bin ich, und – ach, wenn Sie doch wirklich gehen wollten und sehen und –«

»Meiner Seel‘, das will ich, will’s gern tun, aber – sag mal, weißt du, ganz umsonst kann ich’s nicht, wie steht’s denn mit – na, du weißt, was ich sagen will, wer wird mir’s denn vergüten? Glaubst du, dein Vater kann –«

»Ach, darüber machen Sie sich keine Sorgen, daran soll’s nicht fehlen. Miss Hooker sagte noch, ihr Onkel Hornback …«

»Was – der ist ihr Onkel? Paß mal auf, was ich dir sage – siehst du dort das Licht? – Gut – also, darauf gehst du los, und wenn du hinkommst, fragst du in der Wirtschaft nach Jim Hornback. Die werden dich dann zurechtweisen; aber eil dich und halt dich unterwegs nicht auf, denn der wird’s schnell wissen wollen. Und sag ihm, ich wolle ihm seine Nichte bringen, heil und ganz, eh‘ er noch selbst zur Stadt kommen könne, er soll sich ja nicht ängstigen und – aber mach doch, daß du fortkommst, Schlingel – steht da und sperrt das Maul auf, statt den Weg unter die Füße zu nehmen! Vorwärts, ich werd‘ gleich abstoßen!«

Ich tu‘ also, als ob ich dem gewiesenen Licht zurenne. Kaum bin ich aber außer Hör- und Sehweite, schleich‘ ich in großem Bogen zurück, bis dahin, wo ich mein Boot versteckt hatte, mach‘ es flott und laß mich nun leise am Ufer hin treiben und verberg mich dann zwischen ein paar Holzschiffen, denn ich mußte sehen, ob der Mann wirklich Ernst mache. Im ganzen war ich sehr mit mir zufrieden, denn, denk‘ ich, viele hätten sich nicht soviel Mühe gemacht wegen der alten Diebsbande, sondern sie ruhig Wasser schlucken lassen, bis sie genug gehabt – und verdient hätten sie’s auch, die Kerle! Ich wollte, die Witwe hätte die Geschichte gehört, die härte gewiß geweint vor Rührung über meine Großmut gegen die Schurken, denn, merkwürdig, für Mörder und dergleichen Lumpengesindel hatte sie wie andere gute Seelen immer die größte Teilnahme.

Jetzt seh‘ ich, wie sich die Fähre in Bewegung setzt. Ich also raus aus meinem Versteck und flink drauflos gerudert, um zuerst an Ort und Stelle zu sein. Da erhebt sich auch schon das Wrack aus den Wellen, ganz geisterhaft dunkel und schwarz. Aber es sinkt rasch und zusehends, ist schon beinahe ganz mit Wasser gefüllt. Viel Spielraum, um frische Luft zu schöpfen, hatten die Kerle drin nicht mehr – soviel war klar. Ich rudre denn noch ein bißchen näher, versuch‘ auch, die Burschen, falls sie überhaupt noch existierten, schwach anzurufen, krieg‘ aber keine Antwort und denk‘: Wollt ihr nicht, so will ich erst recht nicht!

Jetzt kommt auch schon die Fähre mit voller Kraft angedampft. Ich halt‘ nun schleunigst nach der Mitte des Stroms zu, und wie ich glaubte außer Hörweite zu sein, zieh‘ ich die Ruder ein, um alles sehen und beobachten zu können. Ich sah, wie die Fähre um das Wrack herumdampfte und schnupperte, um nach Fräulein Hookers irdischen Resten zu suchen, zum Trost des armen, seiner geliebten Nichte beraubten Onkels Hornback. Der Fährmann konnte aber offenbar nichts entdecken, und da das Wrack von Minute zu Minute erschreckend rasch tiefer und immer tiefer sank, gab er schließlich den Versuch nach kurzem ganz auf und dampfte dem Ufer zu. Ich aber zog nun gewaltig aus, den Fluß hinunter.

Schrecklich lang kam es mir vor, ehe ich Jims Licht entdeckte, und als es endlich, endlich in Sicht kam, schien mir’s noch wenigstens tausend Meilen entfernt. Als ich schließlich glücklich anlangte, dämmerte im Osten schon der Tag herauf. Wir hielten also auf eine kleine Insel zu, verbargen unser Floß, bohrten das vom Wrack mitgenommene Boot an, daß es sank, krochen in unsere Hütte und schliefen wie die Toten den Schlaf der Gerechten.

1. Kapitel

Huck soll sievilisiert werden – Moses in den Schilfern – Miss Watson – Tom Sawyer wartet

1. Kapitel

Da ihr gewiß schon die Abenteuer von Tom Sawyer gelesen habt, so brauche ich mich euch nicht vorzustellen. Jenes Buch hat ein gewisser Mark Twain geschrieben und was drinsteht ist wahr – wenigstens meistenteils. Hie und da hat er etwas dazugedichtet, aber das tut nichts. Ich kenne niemand, der nicht gelegentlich einmal ein bißchen lügen täte, ausgenommen etwa Tante Polly oder die Witwe Douglas oder Mary. Toms Tante Polly und seine Schwester Mary und die Witwe Douglas kommen alle in dem Buche vom Tom Sawyer vor, das wie gesagt, mit wenigen Ausnahmen eine wahre Geschichte ist. – Am Ende von dieser Geschichte wird erzählt, wie Tom und ich das Geld fanden, das die Räuber in der Höhle verborgen hatten, wodurch wir nachher sehr reich wurden. Jeder von uns bekam sechstausend Dollars, lauter Gold. Es war ein großartiger Anblick, als wir das Geld auf einem Haufen liegen sahen. Kreisrichter Thatcher bewahrte meinen Teil auf und legte ihn auf Zinsen an, die jeden Tag einen Dollar für mich ausmachen. Ich weiß wahrhaftig nicht, was ich mit dem vielen Geld anfangen soll. Die Witwe Douglas nahm mich als Sohn an und will versuchen, mich zu sievilisieren wie sie sagt. Das schmeckt mir aber schlecht, kann ich euch sagen, das Leben wird mir furchtbar sauer in dem Hause mit der abscheulichen Regelmäßigkeit, wo immer um dieselbe Zeit gegessen und geschlafen werden soll, einen Tag wie den andern. Einmal bin ich auch schon durchgebrannt, bin in meine alten Lumpen gekrochen, und – hast du nicht gesehen, war ich draußen im Wald und in der Freiheit. Tom Sawyer aber, mein alter Freund Tom, spürte mich wieder auf, versprach, er wolle eine Räuberbande gründen und ich solle Mitglied werden, wenn ich noch einmal zu der Witwe zurückkehre und mich weiter ›sievilisieren‹ lasse. Da tat ich’s denn.

Die Witwe vergoß Tränen, als ich mich wieder einstellte, nannte mich ein armes, verirrtes Schaf und sonst noch allerlei, womit sie aber nichts Schlimmes meinte. Sie steckte mich wieder in die neuen Kleider, in denen es mir immer ganz eng und schwül wird. Überhaupt ging’s nun vorwärts im alten Trab. Wenn die Witwe die Glocke läutete, mußte man zum Essen kommen. Saß man dann glücklich am Tisch, so konnte man nicht flott drauflos an die Arbeit gehen, Gott bewahre, da mußte man abwarten bis die Witwe den Kopf zwischen die Schultern gezogen und ein bißchen was vor sich hingemurmelt hatte. Damit wollte sie aber nichts über die Speisen sagen, o nein, die waren ganz gut soweit, nur mißfiel mir, daß alles besonders gekocht war und nicht Fleisch, Gemüse und Suppe alles durcheinander. Eigentlich mag ich das viel lieber, da kriegt man so einen tüchtigen Mund voll Brühe dabei und die hilft alles glatt hinunterspülen. Na, das ist Geschmacksache!

Nach dem Essen zog sie dann ein Buch heraus und las mir von Moses in den Schilfern vor und ich brannte drauf, alles von dem armen kleinen Kerl zu hören. Da, mit einemmal sagte sie, der sei schon eine ganze Weile tot. Na, da war ich aber böse und wollte nichts weiter wissen – was gehen mich tote und begrabene Leute an? Die interessieren mich nicht mehr! –

Dann hätt‘ ich gern einmal wieder geraucht und fragte die Witwe, ob ich’s dürfe. Da kam ich aber gut an! Sie sagte, das gehöre sich nicht für mich und sei überhaupt »eine gemeine und unsaubere Gewohnheit«, an die ich nicht mehr denken dürfe. So sind nun die Menschen! Sprechen über etwas, das sie gar nicht verstehen! Quält mich die Frau mit dem Moses, der sie weiter gar nichts angeht, der nicht einmal verwandt mit ihr war und mit dem jetzt nichts mehr anzufangen ist, und verbietet mir das Rauchen, das doch gewiß gar nicht so übel ist. Na, und dabei schnupft sie, aber das ist natürlich ganz was andres und kein Fehler, weil sie’s eben selbst tut.

Ihre Schwester, Miss Watson, eine ziemlich dürre, alte Jungfer, die gerade zu ihr gezogen war, machte nun einen Angriff auf mich, mit einem Lesebuch bewaffnet. Eine Stunde lang mußte ich ihr standhalten und dann löste sie die Witwe mit ihrem Moses wieder ab, und ich war nun sozusagen zwischen zwei Feuern. Lange konnte das nicht so weitergehen, und es trat denn auch glücklicherweise bald eine Stunde Pause ein. Nun langweilte ich mich aber schrecklich und wurde ganz unruhig. Alsbald begann Miss Watson: »Halt doch die Füße ruhig, Huckleberry«, oder »willst du keinen solchen Buckel machen, Huckleberry, sitz doch gerade!« und dann wieder »so recke dich doch nicht so, Huckleberry, und gähne nicht, als wolltest du die Welt verschlingen, wirst du denn nie Manieren lernen?«, und so schalt sie weiter bis ich ganz wild wurde. Dann fing sie an, mir von dem Ort zu erzählen, an den die bösen Menschen kommen, worauf ich sagte, ich wünschte mich auch dahin. Da wurde sie böse und zeterte gewaltig, so schlimm hatte ich’s aber gar nicht gemeint, ich wäre nur gern fortgewesen von ihr, irgendwo, der Ort war mir ganz einerlei, ich bin überhaupt nie sehr wählerisch. Sie aber lärmte weiter und sagte, ich sei ein böser Junge, wenn ich so etwas sagen könne, sie würde das nicht um die Welt über die Lippen bringen, ihr Leben solle so sein, daß sie dermaleinst mit Freuden in den Himmel fahre. Der Ort, mit ihr zusammen, schien mir nun gar nicht verlockend, und ich beschloß bei mir, das meinige zu tun, um nicht mit ihr zusammenzutreffen. Sagen tat ich aber nichts, das hätte die Sache nur schlimmer gemacht und doch nichts geholfen.

Sie war aber nun einmal am Himmel, dem Ort der Glückseligen, wie sie’s nannte, angelangt und teilte mir alles mit, was sie drüber wußte. Sie sagte, alles was man dort zu tun habe, sei, den ganzen Tag lang mit einer Harfe herumzumarschieren und dazu zu singen immer und ewig. Das leuchtete mir nun gar nicht ein, ich schwieg aber und fragte nur, ob sie meine, mein Freund Tom Sawyer werde auch dort hinkommen, was sie ziemlich bestimmt verneinte. Mich freute das nicht wenig, denn Tom und ich, wir beide müssen beisammen bleiben.

Miss Watson predigte immer weiter, und mir wurde dabei ganz elend zumute. Dann kamen die Nigger herein, es wurde gebetet, und jedermann ging zu Bett. Ich auch. Ich stieg mit meinem Stummel Kerze in mein Zimmer hinauf und stellte das Licht auf den Tisch. Dann setzte ich mich auf einen Stuhl vors Fenster und probierte, an etwas Lustiges zu denken. Das nützte aber wenig. Ich fühlte mich so allein, daß ich wünschte, ich wäre tot. Die Sterne glitzerten und blitzten, und die Blätter rauschten so schaurig auf den Bäumen. Ich hörte aus der Ferne eine Eule, deren Schrei jemandes Tod bedeutete, und dann einen Hund, dessen klägliches Geheul verkündete, daß einer im Sterben liege, und der Wind schien mir etwas klagen zu wollen, was ich nicht verstand, so daß ich bald am ganzen Leibe zitterte und mir der kalte Schweiß auf die Stirne trat. Die ganze Nacht schien von lauter armen, unglücklichen Geistern belebt, die keine Ruhe in ihren Gräbern fanden und nun da draußen herumheulten, jammerten und zähneklapperten. Mir wurde heiß und kalt, und ich hätte alles drum gegeben, wenn jemand bei mir gewesen wäre. Da kroch mir auch noch eine Spinne über die linke Schulter, ich schnellte sie weg und gerade ins Licht, und ehe ich noch zuspringen konnte, war sie verbrannt. Daß das ein schlimmes Zeichen ist, weiß jedes Kind, und mir schlotterten die Knie, als ich nun begann meine Kleider abzuwerfen. Ich drehte mich dreimal um mich selbst und schlug mich dabei jedesmal an die Brust, nahm dann einen Faden und band mir ein Büschel Haare zusammen, um die bösen Geister fernzuhalten; doch hatte ich kein großes Vertrauen zu diesen Mitteln. Sie nützen wohl, wenn man ein gefundenes Hufeisen wieder verliert, anstatt es über der Türe anzunageln, oder bei dergleichen kleineren Fällen; wenn man aber eine Spinne getötet hat, da weiß ich nicht, was man tun kann, um das Unglück fernzuhalten. So setzte ich mich zitternd auf den Bettrand und zündete mir zur Beruhigung mein Pfeifchen an. Das Haus war so still und die Witwe nicht in meiner Nähe. So saß ich lange, lange. Da schlug die Uhr von der Ferne – bum – bum – bum – bum, zwölfmal, und wieder war alles still, stiller als vorher. Plötzlich höre ich etwas unten im Garten unter den Bäumen, ein Rascheln und Knacken, ich halte den Atem an und lausche. Wieder hör‘ ich’s, und dabei, leise wie ein Hauch, das schwächste ›Miau‹ einer Katze. »Miau, miau« tönt’s kläglich und langgezogen. Und »miau, miau« antworte ich ebenso kläglich, ebenso leise, schlüpfe rasch in meine Kleider, lösche das Licht aus und steige durch das Fenster auf das Schuppendach. Dann lasse ich mich zu Boden gleiten, krieche auf allen vieren nach den Schatten der Bäume, und da war richtig und leibhaftig Tom Sawyer, mein alter Tom, und wartete auf mich.

10. Kapitel

Der Fund – Vater Bunker – Verkleidet

10. Kapitel

Nach dem Frühstück hätte ich gern unsere Erlebnisse besprochen und begann von dem Toten, den wir in der schwimmenden Hütte gefunden; Jim aber wollte nicht drauf eingehen, weil das Unglück bringe. Auch meinte er, der Geist des Toten könne uns erscheinen, denn einer, der nicht begraben sei, treibe sich noch viel leichter um als einer, der zufrieden und behaglich in der Erde liege. Das schien mir soweit vernünftig, und so bestand ich nicht weiter drauf, die Sache zu besprechen, zerbrach mir aber im stillen den Kopf, wer wohl den Mann erschossen habe und warum sie es getan.

Dann untersuchten wir die alten Lumpen von Kleidern, die wir uns mitgenommen hatten, und fanden in dem zerrissenen Futter eines alten Überziehers acht Dollar in Silber eingenäht. Jim meinte, die Leute in jenem Hause hätten gewiß den Rock gestohlen, denn wenn sie etwas vom Geld gewußt, hätten sie es wohl nicht so freundlich hinterlassen. Ich dachte mir, der Rock habe gewiß dem Toten gehört, aber da mich Jim gewarnt hatte, wollte ich nicht länger mehr darüber sprechen.

Etwas aber mußte ich ihn doch fragen: »Jim, du sagst, es bringt Unglück, wenn man von den Toten spricht, aber das nämliche hast du auch behauptet, als ich neulich die Schlangenhaut fand und anrührte. Da hast du gemeint, das sei das Schlimmste, was man tun könne. Siehst du nun das furchtbare Unglück, das es uns gebracht hat? Wir haben acht Dollar und dazu diesen ganzen Kram erobert. Hätten wir doch jeden Tag solch ein Unglück, Jim!«

»Du nix sein so sicher, Huck, nix sein so sicher. Dich nix machen mausig. Es schon kommen! Jim dir sagen: Es schon kommen!«

Und es kam wirklich. Am Dienstag war’s, daß wir uns so drüber unterhielten. Am Freitag darauf, nach dem Mittagessen, lagen wir oben auf dem Hügel im Gras und schmauchten unser Pfeifchen. Der Tabak war uns ausgegangen, und ich lief zur Höhle, um welchen zu holen, und entdeckte dort plötzlich eine Klapperschlange. Ich nicht faul, hau‘ ihr eins über den Kopf, daß sie das Aufstehen vergißt, nehm‘ sie dann und lege sie so natürlich wie möglich zusammengerollt unten auf Jims Lager; ich wollt‘ ihn einmal tüchtig erschrecken und ordentlich auslachen hinterher. Am Abend hatte ich jedoch alles wieder vergessen, und als wir zur Höhle kamen und Jim sich auf seine Decke ausstreckte, während ich Licht machte, wurde er von dem Weibchen der toten Schlange, das am Nachmittag herzugekrochen war, gebissen.

Brüllend sprang er auf, und das erste, was wir beim Lichte sahen, war das Schlangenvieh, wie’s den Kopf bedrohlich erhob und sich eben zu einem zweiten Biß anschicken wollte. Im nächsten Moment hatte ich mit einem Knüppel das Biest seinem Kameraden nachgesandt, während Jim meines Alten Branntweinkrug zu fassen kriegte und den Inhalt hastig hinunterzustürzen begann.

Er war barfuß, und die Schlange hatte ihn gerade in die Ferse gebissen. Das war nun ganz allein meine Schuld. Jedes Kind weiß, daß, wo man eine, tote Schlange liegen läßt, sich deren Gefährte unfehlbar nach kurzer Zeit einstellt, um sich um den toten Kameraden zu ringeln, und ich Dummkopf mußte das vergessen. Jim hieß mich der Schlange den Kopf abhacken, denselben wegwerfen, dann die Haut abziehen und ein Stück vom Fleische rösten. Ich tat’s, und er aß es und sagte es werde ihm helfen. Auch die Klappern mußte ich loslösen und sie ihm ums Handgelenk binden, das sei auch ein gutes Mittel, sagte er. Dann schlich ich mich leise hinaus und warf die Schlangen in die Büsche; Jim durfte nicht dahinterkommen, daß ich der Anstifter von all dem Unheil war, wenn ich’s irgendwie verhindern konnte.

Jim saugte und saugte an dem Branntweinkrug wie ein Kind an seiner Milchflasche, hie und da kam’s über ihn, und er tanzte wie besessen auf einem Bein herum und brüllte fürchterlich dazu, jedesmal aber, wenn er wieder zu sich kam, machte er sich aufs neue an den Schnaps. Sein Fuß schwoll dick an, ebenso das Bein, aber allmählich stellte sich ein ordentlicher, regelrechter Rausch ein, und ich dachte, nun sei er gerettet. Ich hätte lieber selbst für den Biß gebüßt, als des Alten Branntwein so herhalten sehen zu müssen.

Vier Tage und vier Nächte mußte Jim auf seinem Lager aushalten, dann war die Geschwulst wieder vergangen, und er war wieder heil und gesund. Ich schwor mir, nie wieder eine Schlangenhaut anzurühren, ich hatte genug an den Folgen vom letztenmal. Jim meinte, ein andermal würde ich wohl gleich auf ihn hören und ihn nicht wieder auslachen. Und das will ich auch, weiß Gott! Dann sagte er, er sei immer noch nicht überzeugt, daß wir ganz über die schlimmen Folgen hinaus seien. Er wolle lieber tausendmal über seine linke Schulter in den Neumond sehen, denn das sei nicht halb so gefährlich, wie die Berührung einer Schlangenhaut. Davon war ich jetzt beinahe selbst überzeugt, obgleich ich bis dahin das erstere für das Schlimmste und das Dümmste gehalten hatte, was der Mensch tun könne. Der alte Vater Bunker, wie er in der Stadt hieß, hatte es einmal getan, und es war ihm schrecklich übel bekommen, denn beinahe zwei Jahre danach war er im Rausch vom Kirchturm gestürzt und war unten beim Auffallen flach wie ein Pfannkuchen geworden, so daß sie ihn, statt im Sarge, zwischen zwei alten Stalltüren begraben mußten – so wurde wenigstens erzählt, ich bin nicht dabeigewesen. Mein Alter hat noch oft davon gesprochen und daß alles nur daher gekommen sei, weil Vater Bunker einmal unvorsichtigerweise über die linke Schulter in den Neumond gesehen. Der alte Narr, der er war!

Die Tage verstrichen, und der Strom trat wieder in seine Ufer zurück. Wir wußten nichts Eiligeres zu tun, als einem Kaninchen die Haut abzuziehen, es als Köder auf einem der großen Fischhaken zu befestigen, die wir mit den andern Sachen im schwimmenden Haus gefunden hatten, und die Leine auszuwerfen. Wir fingen damit auch wirklich einen Katzenfisch, der seinesgleichen suchte. Er war groß und schwer wie ein Mensch, sechs Fuß lang und wog zweihundert Pfund. Wir konnten ihn natürlich nicht ans Ufer ziehen, der hätte uns quer übers Wasser nach Illinois hinübergerissen, und so saßen wir und warteten geduldig, bis er sich zu Tode gezappelt hatte. Es war wohl der größte Fisch, der je im Mississippi gefunden wurde; Jim wenigstens sagte, er habe nie einen größeren gesehen. Was der drüben in der Stadt wert gewesen wäre! Da hätte man das Fleisch pfundweise verkaufen können; es ist so schneeweiß und schmeckt so gut, besonders gebacken.

Am andern Morgen war es mir gar so traurig und langweilig zumute, und ich überlegte mir, was ich anstellen könnte, um mich wieder ein bißchen aufzurappeln. Da fiel mir ein, daß ich ja einmal ein wenig ans Land übersetzen und sehen könnte, was dort los sei. Jim gefiel der Plan, nur riet er, ruhig zu warten, bis es dunkel zu werden beginne, und empfahl mir, überhaupt sehr vorsichtig zu sein. Nach einigem Besinnen meinte er, ob ich mich nicht mit den Frauenkleidern und Hüten, die wir erbeutet, vielleicht als Mädchen, verkleiden könnte. Das war mal wieder eine gute Idee! Wir machten also einen der Röcke kürzer, dann schlug ich meine Hosen übers Knie hinauf und schlüpfte in den Rock hinein. Jim hakte ihn hinten ein, und er paßte wundervoll. Dann nahm ich einen der Hüte, einen alten Kapotthut mit riesigen Scheuledern nach vorn, und band ihn unterm Kinn zusammen. Wer nun mein Gesicht sehen wollte, mußte sich große Mühe geben, um es im Hintergrund der Ofenröhre erblicken zu können. Jim meinte, kein Sterbensmensch könne mich so erkennen, selbst bei Tageslicht nicht. Den ganzen Tag lang übte ich mich in dem ungewohnten Anzug und war am Abend so ziemlich damit vertraut, nur tadelte Jim, daß ich gar nicht zierlich wie ein Mädchen gehe und auch immer den Rock aufhebe, um an meine Hosentaschen zu gelangen. Das ließ ich mir gesagt sein und suchte es besser zu machen.

So nahm ich denn mein Boot und begab mich gegen Abend auf den Weg zur Stadt, kreuzte die Fähre und trieb am Ufer entlang bis zu den ersten Häusern. In einer kleinen Hütte, die ich kannte und die, wie ich wußte, lange leer gestanden hatte, brannte ein Licht. Ich war neugierig, wer sich wohl da einquartiert haben könnte. So schlich ich zum Fenster und spähte hinein. Eine Frau von vielleicht vierzig Jahren saß vor einem Talglicht und strickte. Ihr Gesicht war mir unbekannt, sie mußte fremd sein in der Gegend, denn auf Meilen in die Runde gab’s niemand, den ich nicht gekannt hätte. Das fremde Gesicht war nun ein Glückszufall, denn mir war mittlerweile das Herz in die Stiefel gefallen; ich hatte schon befürchtet, ich könne erkannt werden, und bereute das ganze Abenteuer. Selbst meine Stimme konnte mich verraten und zur Entdeckung führen. Der Fremden gegenüber brauchte ich nun aber gar keine Angst zu haben, und hielt sich die Frau auch nur seit zwei Tagen in dem kleinen Städtchen auf, so konnte sie mir so gut Auskunft geben über alles, was ich zu wissen wünschte, wie sonst jemand. So klopfte ich denn an die Tür und nahm mir fest vor, ja nicht zu vergessen, daß ich ein Mädchen sei.

11. Kapitel

Huck und die Frau – Nachforschungen – Ausflüchte »Ich will nach Goshen!« – »Jim, Jim, sie sind hinter uns her!«

11. Kapitel

»Herein!« rief die Frau, und ich trat hinein.

Sie beginnt: »Nimm ’nen Stuhl!«

Ich tat’s. Sie betrachtet mich aufmerksam von oben bis unten mit ihren kleinen, glänzenden Äuglein und fragt dann: »Wie heißt du denn?«

»Sarah Williams!«

»Wo wohnst du? Hier in der Gegend?«

»O nein, in Hookerville, sieben Meilen von hier. Ich bin den ganzen Weg zu Fuß gegangen und halb tot vor Müdigkeit!«

»Gewiß auch hungrig! Wart, ich hol‘ dir was!«

»Nein, hungrig bin ich nicht, ich war’s aber so schrecklich, daß ich zwei Stunden von hier auf einer Farm die Leute um Essen bat, und deshalb bin ich auch so spät dran. Meine Mutter ist krank und hat kein Geld und nichts, und ich soll zu meinem Onkel Abner Moore und es ihm sagen. Er wohnt am andern Ende der Stadt, sagt Mutter. Ich bin noch nie hier gewesen. Kennen Sie ihn?«

»Nein! Aber ich bin auch erst vierzehn Tage hier und kann noch nicht jedermann kennen. Es ist aber ein weiter Weg bis ans andere Ende der Stadt. Du bleibst am besten die Nacht über bei uns. Nimm doch deinen Hut ab!«

»Nein, danke«, sag‘ ich, »ich will nur ein Weilchen ausruhen und dann wieder weitergehen. Ich fürchte mich nicht im Dunkeln!«

Sie sagte, allein ließe sie mich auf keinen Fall gehen, ihr Mann käme bald nach Hause und der solle mich begleiten. Dann erzählte sie von ihrem Mann und von ihren Verwandten stromauf- und stromabwärts, und wie es ihnen früher so viel besser ergangen und ob es nicht vielleicht eine Torheit gewesen, hierher zu kommen, anstatt zu bleiben wo sie waren, und so weiter und so weiter, bis ich dachte, ich hätte eine Dummheit gemacht, zu ihr zu kommen, um Neues aus der Stadt zu erfahren. Allmählich aber kam sie ins richtige Fahrwasser und fing von meinem Alten und dem Morde an; ich ließ sie weiterschwatzen, solange es ihr behagte. Sie erzählte von mir und von Tom Sawyer, wie wir die sechstausend Dollars gefunden – nur waren’s bei ihr zehntausend geworden –, von meinem Alten, was er für ein Lump sei, und was für ein Lump ich gewesen, und nach und nach war sie bis zu meinem Mord vorgerückt. Da frag‘ ich: »Wer hat’s denn eigentlich getan? Von dem Mord haben wir auch in Hookerville gehört, aber nicht, wer’s getan hat!«

»Na, da geht’s euch gerade wie allen hier! Wie viele würden was drum geben, wenn sie wüßten, wer’s getan hat. Manche glauben, der alte Finn sei’s selbst gewesen!«

»Nein! Wahrhaftig?«

»Fast alle glaubten’s zuerst. Der wird wohl nie erfahren, wie dicht am Galgen er vorbeigestreift ist, der Lump! Noch vor Nacht aber änderte sich die Meinung der Leute, und man hatte nun einen durchgebrannten Nigger namens Jim im Verdacht!«

»Was, der war ja …«

Ich schnappte nach Luft und dachte, ich will lieber still sein. Sie hatte gar nichts gemerkt und fuhr ruhig fort: »Ja, der Nigger war in derselben Nacht durchgebrannt, in der Huck Finn ermordet wurde. Man hat eine Belohnung auf seinen Kopf gesetzt – dreihundert Dollar. Auch für die Auffindung des alten Finn ist eine Belohnung von zweihundert Dollar ausgesetzt worden. Der war am Morgen nach dem Mord in die Stadt gekommen, um Anzeige zu machen, war auch mit den Leuten auf dem Boot, um den Leichnam zu suchen, gleich danach aber war er verschwunden, und als am Abend die Leute sich soweit klar waren, daß sie ihn hängen wollten, war er nirgends mehr zu finden. Am andern Tag kam dann heraus, daß auch der Nigger fehle und daß der gerade in der Mordnacht um zehn Uhr zum letztenmal gesehen worden sei. Jetzt fiel der Verdacht auf den, und am selben Tag kam auch der alte Finn zurück und plagte Kreisrichter Thatcher, ihm Geld zu geben, daß er den Nigger, dem elenden Mörder, nachsetzen könne. Der gab ihm ein paar Dollars, und am Abend hatte er einen tüchtigen Rausch und randalierte in den Straßen herum mit noch zwei anderen Strolchen, die recht gerieben aussahen. Mit denen ging er auch schließlich davon. Seitdem ist er nicht wieder gesehen worden, und niemand sehnt sich nach ihm, denn nun ist wieder alles fest davon überzeugt, daß er seinen Jungen selbst getötet und dann alles so zurechtgemacht hat, als seien es fremde Mörder gewesen, nur um den Leuten Sand in die Augen zu streuen. Er dachte dadurch viel schneller das Geld seines Sohnes ausgeliefert zu bekommen, als wenn er den langweiligen Prozeß abwarten müßte. Man traut ihm alles zu, dem schlechten Kerl! Oh, der ist schlau! Wenn er sich jetzt ein Jahr lang fern hält, wird alles verblasen sein. Beweisen kann man ihm ja nichts, und er kann dann mit der größten Leichtigkeit Hucks Erbschaft antreten.«

»Natürlich, dann hindert ihn nichts mehr dran, das sag‘ ich auch. Der Schuft! Auf den Nigger hat man also gar keinen Verdacht mehr?«

»Ei freilich, aber so ganz sicher ist man doch nicht. Na, den werden sie bald wieder haben und es dann schon aus ihm herauspressen!«

»Was, sind sie denn hinter ihm her?«

»Na, du bist aber gut! Dreihundert Dollars läßt man doch nicht so mir nichts dir nichts auf der Straße liegen. Weit kann er ja auch noch gar nicht sein. Das sagen viele, und ich gehöre zu denen. Sprech‘ ich da vor ein paar Tagen mit einem alten Pärchen, das gleich da vorn in der kleinen Blockhütte wohnt. Die erzählten mir, die Insel da draußen im Strom sei ganz unbewohnt, da komme nie jemand hin. Denk‘ ich, du willst doch blind werden, wenn du nicht vor ein paar Tagen dort Rauch gesehen hast; wer weiß, ob da nicht der Nigger steckt? Seitdem hatt‘ ich nichts wieder gesehen, vielleicht war er also schon weiter. Sagen tat ich aber nichts, sondern denk‘: Wart’st bis dein Alter kommt. Der war nämlich vor ein paar Tagen mit einem Freunde stromaufwärts gegangen und ist erst vorhin, vor zwei Stunden, wiedergekommen. Da hab‘ ich ihm gesagt, was ich weiß und was ich denke, und nun will er mit noch einem hinüber und nachsehen!«

Mir war’s, als säß‘ ich auf heißen Kohlen. Ich rutschte hin und her und mußte mir was zu schaffen machen. Ich nehm‘ also eine Nadel vom Tisch und probier‘, sie einzufädeln. Aber meine Hände zitterten in einem fort, und ich konnte nicht damit fertig werden. Plötzlich hört die Frau zu reden auf, und als ich aufblicke, bemerke ich, wie sie mir immerfort zusieht und dabei so sonderbar vor sich hingrinst. Ich leg‘ Nadel und Faden weg und tu‘, als hätt‘ ich nur noch Sinn für die Geschichte, die mich auch wirklich interessierte, und frage: »Weiß Gott, dreihundert Dollar ist ein ordentlicher Klumpen Geld. Wollt‘, meine Mutter hätt’s. Geht Euer Mann noch heute nacht hinaus?«

»Versteht sich, so was muß schnell getan werden oder gar nicht. Er ist nur noch in die Stadt, um sich ein Boot und eine Flinte zu leihen! Ich glaub‘, nach Mitternacht wollen sie ausziehen!«

»Könnten sie denn am Tag nicht besser sehen?«

»O du liebe Unschuld, du! Denkst du, der Nigger sei am Tage blind? Nein, nein! Jetzt in der Nacht schläft er sicher, und die Männer können sich um so besser durch den Wald schleichen und ihn bei seinem Lagerfeuer überraschen – wenn er eins hat, heißt das!«

»Ach natürlich! Daran hab‘ ich gar nicht gedacht!«

Ich fühlte, daß die Frau mich immerzu ganz merkwürdig anstarrte, und mir war gar nicht wohl in meiner Haut. Auf einmal fragte sie: »Wie hast du doch gesagt, daß du heißt?«

»M – Mary Williams!«

Mir war’s, als hätt‘ ich vorhin nicht Mary gesagt, ob’s aber Sarah oder sonst ein Name gewesen, das wußte ich nicht mehr genau, und so wagte ich in meiner Verlegenheit kaum aufzublicken. Ich fühlte mich barbarisch in die Enge getrieben und sah sicherlich auch so aus. Hätte doch die Frau in Kuckucks Namen wenigstens etwas gesagt, aber sie saß da und starrte mich an und brachte mich beinahe zur Verzweiflung.

Spricht sie endlich ganz honigsüß: »Ei, ei, Liebchen, ich dachte, du hättest Sarah gesagt, als du vorhin kamst. Wie ist denn das?«

»Ganz recht, natürlich, Sarah Mary Williams. Sarah heiße ich ebenfalls. Man ruft mich einmal Sarah und einmal Mary, mir ist’s ganz einerlei!«

»Ach, so ist’s? Na natürlich!« Sie lachte vor sich hin.

Ich fühlte mich etwas weniger unbehaglich, wünschte aber doch zu Gott, glücklich mit heiler Haut aus der Klemme zu sein. Aufstehen mochte ich noch immer nicht.

Dann fing die Frau an zu klagen, wie schlecht die Zeiten seien und wieviel besser sie’s früher gehabt. Wie sie jetzt so kümmerlich leben müßten und wie die Ratten sie hier plagten, als seien sie Herren im Hause, und so ging’s fort, bis ich wieder ganz beruhigt war. Sie war immer noch an den Ratten. Hie und da konnte man sehen, wie eine ihre Nase aus einem Loch in der Ecke des Zimmers streckte. Die Frau erzählte, wie sie immer etwas zur Hand habe, um’s nach den frechen Geschöpfen zu werfen, wenn sie allein sei, sonst hätte sie keine leibliche Ruhe mehr. Sie zeigte mir einen Klumpen Blei, der in einer Schlinge befestigt war, und damit warf sie nach den Ratten und sagte, sie sei für gewöhnlich ein guter Schütze, habe aber eben ihren Arm verstaucht und wisse nicht, ob sie richtig zielen könne. Sie probierte es zwar, verfehlte aber das Ziel um einen Meter, schrie »autsch«, rieb sich den Arm und bat mich, es das nächstemal zu tun. Ich wäre nun für mein Leben gern weg gewesen, ehe ihr Mann einrückte, wollte mir’s aber nicht merken lassen. So nahm ich denn das Ding und zielte nach der ersten Ratte, die die Schnauze vorstreckte, und wenn sie dort geblieben wäre, wo sie war, hätte man sie keine gesunde Ratte mehr heißen können. Die Frau meinte, für’s erstemal sei’s ein Meisterschuß und die nächste Ratte sei ihres Lebens nicht sicher. Sie ging den Klumpen Blei aufzuheben und brachte einen Strang Garn zum Winden mit, wobei ich ihr helfen sollte. Ich streckte die beiden Arme aus, sie legte das Garn darüber und erzählte immer weiter von sich und ihrem Mann. Auf einmal sagte sie: »Gib nur auf die Ratten acht; da, nimm den Bleiklumpen in deinen Schoß, dann hast du ihn zur Hand!«

Sie ließ den Klumpen richtig in meinen Schoß fallen, und ich preßte die Beine fest zusammen, um ihn zu halten. Sie sprach noch eine Minute weiter, dann hört sie plötzlich auf, sieht mir fest ins Gesicht und sagt, aber gar nicht unfreundlich: »Jetzt komm, gesteh einmal wie du wirklich heißt!« – »W-wieso?«

»Also wie du in Wahrheit heißt«, fährt sie fort und tippt mir mit dem Finger auf den Arm, »heißt du Bill oder Tom oder Jack? He, heraus mit der Sprache!«

Ich zitterte und bebte am ganzen Leib und wußte kaum, was ich tun sollte. Stotter‘ ich endlich: »Das ist nicht schön, wahrhaftig nicht, so ein armes Mädchen, wie ich eins bin, auch noch auszuspotten. Wenn ich Ihnen zur Last falle, will ich –«

»Nichts willst du, still gesessen, ich tu‘ dir nichts und ich verrat dich auch nicht. Sag mir nur, wer du bist und was mit dir los ist, ich sag‘ niemand was und helf‘ dir, das versprech‘ ich dir, und mein Mann soll dir auch helfen, wenn er kann. Du bist ganz gewiß ein Lehrling, der irgendwo durchgebrannt ist; gelt, ich hab’s getroffen? Das ist aber gar kein Unglück, Kind. Man hat dich gewiß schlecht behandelt, und da hast du dich davongemacht. Nicht so? Komm, komm, ich sag‘ nichts, erzähl du mir nur alles, komm, sei ein guter Junge!«

So sagt‘ ich denn, ich sähe schon, es nütze nichts, noch weiter Komödie zu spielen, und ich wolle alles gestehen, wenn sie ihr Versprechen halte und mich nicht angebe. Dann erzählte ich ihr, daß Vater und Mutter tot seien und das Gesetz mich einem Vormund, einem alten Farmer, dreißig Meilen landeinwärts, zugesprochen habe, und wie er mich mißhandle und hungern lasse, so daß ich beschlossen habe, durchzubrennen. Er habe für ein paar Tage verreisen müssen; diese Gelegenheit habe ich benutzt, mir einige nette Kleider seiner Tochter anzueignen und in denselben das Weite zu suchen. Ich sei nun schon drei Nächte unterwegs. Bei Tag habe ich mich versteckt, und nur des Nachts sei ich gewandert. Fleisch und Brot hätt‘ ich auch mitgenommen, und das habe so ziemlich ausgereicht. Aber Moore, mein Onkel, würde sich gewiß meiner annehmen und mich vor dem alten Farmer schützen; deshalb sei ich auch hierher nach Goshen gekommen.

»Goshen, Kind? Aber du bist ja gar nicht in Goshen! Das hier ist ja Petersburg. Goshen liegt ja noch zweieinhalb Stunden flußaufwärts. Wer hat dir denn gesagt, dies sei Goshen?«

»Ei, ein Mann, den ich ganz in der Frühe traf, gerade ehe ich mich im Wald verkriechen wollte, um dort auszuschlafen. Der sagte, wenn ich an einen Kreuzweg komme, solle ich mich rechts wenden, und dann sei ich in einer Stunde in Goshen.«

»Der war sicherlich betrunken, denn er hat dich ganz falsch gewiesen, armes Kind!«

»Ja, er sah beinahe so aus, aber es liegt ja gar nichts dran. Ich mach‘ mich wieder auf die Beine und will schon vor Tag in Goshen sein, da ist mir nicht bange.«

»Wart noch einen Moment, ich hol dir noch etwas zu essen, wer weiß, wie du’s brauchen kannst!«

Und sie stopfte mir schnell allerlei zu. Dann fragte sie: »Sag einmal, mit welchem Ende eine liegende Kuh zuerst aufsteht. Und nun antwort schnell ohne dich lange zu besinnen!«

»Mit dem hinteren! – »Und ein Pferd?«

»Mit dem vorderen!«

»Auf welcher Seite eines Baumes wächst am meisten Moos?«

»Auf der Nordseite!«

»Und wenn fünfzehn Kühe zusammen weiden, wie viele davon kauen dann wohl ihr Futter und sehen nach derselben Richtung?«

»Alle fünfzehn!«

»Gut! Ich glaub’s dir jetzt, du hast auf dem Land gelebt, ich dachte, du wolltest mich am Ende noch einmal anführen. Und wie heißt du nun wirklich?« – »George Peters!«

»Na, vergiß das nur nicht und sag du heißt Alexander, eh du weggehst, und lüg dich dann mit einem George-Alexander heraus, wenn ich dich fange. Und zeig dich keiner Frau mehr in dem alten Kattunrock, du kannst dich da drin für kein Mädchen ausgeben. Männern könntest du’s vielleicht weismachen, aber einer Frau nie. Und Kind, wenn du wieder eine Nadel einfädeln willst, so halt die Nadel fest und steck den Faden durch, und nicht umgekehrt; so machen’s die Männer und ein ganz kleines Mädchen würde dich daran erkennen, wenn du mit der Nadel so in der Luft herumfuchtelst. Und wenn du nach einer Ratte oder irgend etwas werfen willst, so stell dich auf die Fußspitzen und heb den Arm über die Schulter, so ungeschickt du nur kannst, und wirf sechs bis sieben Fuß daneben – wie ein Mädchen, nicht wie ein Junge aus dem Handgelenk und Ellbogen. Und, denk dran, wenn ein Mädchen etwas fangen will, das man ihr in den Schoß wirft, so spreizt sie die Knie auseinander und preßt sie nicht zusammen, wie du’s bei dem Bleiklumpen tatst. Sieh, ich wußte gleich, daß du ein Junge bist, als du die Nadel einfädeln wolltest, und hab‘ dich absichtlich all das andre tun lassen, um meiner Sache sicher zu sein. – Jetzt troll dich zu deinem Onkel, Sarah Mary Williams George Alexander Peters, und wenn du jemand brauchst, der dir in irgend etwas helfen soll, so schick zu Frau Judith Loftus – so heiß‘ ich –, und ich will für dich tun, was ich kann. Halt dich immer am Strom hin, und wenn du wieder durchbrennen willst, nimm Schuh und Strümpfe mit, der Weg ist ordentlich steinig und deine Füße werden gut aussehen, bis du nach Goshen kommst!«

Etwa fünfzig Meter weit ging ich den Strom entlang, dann stahl ich mich wieder zurück, am Hause vorbei bis dahin, wo ich mein Boot gelassen hatte, stieg hinein, und hast du nicht gesehen, ging es fort. Ich ließ mich am Ufer hin treiben, bis ich meiner Berechnung nach etwa der Insel gegenüber war, und legte mich dann ordentlich ins Zeug in der Richtung quer übers Wasser. Den Hut hatte ich abgenommen; Scheuleder brauchte ich keine mehr. Da hör‘ ich die Uhr schlagen, zähle und merke, daß es schon elf ist – elf Uhr! Als ich zur Insel kam, nahm ich mir nicht einmal Zeit, die Nase zu putzen, obgleich ich’s sehr nötig hatte, sondern landete gerade an meinem alten Lagerplatz und zündete ein tüchtiges Feuer dort an.

Dann wieder ins Boot und weiter unserem Höhlenfelsen zu, so schnell sich’s nur irgend tun ließ. Ich legte an, kroch den Felsen hinauf und in die Höhle.

Da lag Jim in süßem Schlaf. Ich schrei‘ ihm in die Ohren: »Auf, Jim, Jim, sie sind hinter uns her!«

Der sagt kein Wort und fragt auch nichts weiter, schnellt nur auf, aber die Art, wie er in der nächsten halben Stunde schuftete, zeigte, wie ihm der Schreck in die Glieder gefahren war. In kürzester Zeit hatten wir unser ganzes Hab und Gut aufs Floß gebracht, das im Weidengebüsch versteckt lag, und alles zur Abfahrt bereit gemacht. Das Feuer in der Höhle hatten wir gleich anfangs ausgelöscht und uns wohl gehütet, Licht sehen zu lassen.

Ich fuhr im Boot zuvor noch eine kleine Strecke ins Wasser hinaus, um Ausschau zu halten; aber wenn sich auch ein Fahrzeug in der Nähe befand, so war es bei der ungünstigen Beleuchtung doch nicht zu erkennen. So zogen wir denn das Floß hinaus, glitten leise im Schatten des Ufers dahin, dann weg von der Insel ins offene Wasser, und keiner redete nur ein Sterbenswörtchen dabei.

Kapitel 7

 

7

 

Daß Mr. Maber grausam und hinterlistig ermordet worden war, stand bei beiden zweifellos fest. Die blutigen Kleidungsstücke waren der untrüglichste Beweis dafür. Selbst Mr. Atterman schauderte, als er die verdächtigen Flecken wieder betrachtete.

 

»Ich weiß nicht, das sieht aber doch eigentlich mehr wie ein Weinfleck aus«, meinte Julius und zeigte auf den Einsatz des Oberhemdes.

 

Atterman nickte traurig.

 

»Wahrscheinlich hat sie ihn betrunken gemacht und dann in einen Hinterhalt gelockt. Und das alles nur um des schnöden Mammons willen! So jung, und schon so entsetzlich verdorben! Oh, das Geld ist doch ein furchtbarer Fluch für die Menschheit!«

 

Julius pflichtete ihm bei.

 

»Und ich hatte ihn doch so gern«, fuhr Atterman salbungsvoll fort. »Er mußte einem ja auch sympathisch sein bei seinem freundlichen Wesen. Er war wirklich ein charmanter Mensch.«

 

»Ja, das dachte ich auch immer.«

 

»Ein vornehmer Charakter.« Atterman seufzte.

 

»Wahrscheinlich hat ihn der Tod ereilt, bevor er ein Testament machen konnte«, meinte Julius. »Diese sorglosen älteren Herren kümmern sich leider meist wenig um die Zukunft. Aber er hatte wirklich viele angenehme Seiten, vor allem zeigte er sich immer sehr dankbar. Ich weiß noch, wie es eines Tages regnete, und ich ihm mein Taxi überließ –«

 

»Schrecklich, daß die Öffentlichkeit davon erfahren muß«, unterbrach ihn Mr. Atterman. »Auf der anderen Seite hebt es natürlich das Geschäft, wenn die Öffentlichkeit interessiert ist. Diese Miß Storr –« Er zuckte die Schultern.

 

»Es ist eigentlich schade um sie«, erwiderte Julius, »aber Gesetz bleibt Gesetz.«

 

So saßen sie in düsterer Stimmung zusammen und sprachen nur Gutes von dem allzu früh Verschiedenen. Unter welch seltsamen Umständen mochte er wohl den Tod gefunden haben? Sie stellten allerhand Theorien auf, bis sie durch Mr. Peekers Erscheinen in dieser Beschäftigung gestört wurden.

 

»Soviel ich verstanden habe, handelt es sich um einen Mord?« begann der Detektiv ruhig und geschäftsmäßig.

 

Mr. Atterman erzählte ihm umständlich die ganze Geschichte.

 

Peeker hörte schweigend zu und betrachtete dann das Oberhemd und die anderen Kleidungsstücke.

 

»Zweifellos Blut. Und das hier ist Straßenschmutz«, erklärte er und nahm geistesabwesend eine der kostbaren Zigarren vom Schreibtisch. Julius reichte ihm fast ehrfurchtsvoll sein Taschenfeuerzeug.

 

»Der Rock ist im Streit zerrissen worden«, fuhr Mr. Peeker fort. »Wenn man das Verbrechen rekonstruiert, ergibt sich, daß der Mörder sein Opfer am Kragen packte. Sehen Sie, so.« Er würgte den armen Julius an der Kehle, so daß dessen Gesicht dunkelrot wurde. Dann schlug er ihm auf den Kopf. »Nein, so ist es unmöglich. Ich will es einmal mit der rechten Hand versuchen.«

 

»Es genügt, wenn Sie uns erzählen, was geschehen ist«, sagte Julius ängstlich. »Es ist wirklich nicht nötig, daß Sie es uns obendrein noch praktisch vorführen.«

 

»Also, hören Sie zu. Der Verbrecher packte ihn mit der Rechten und schlug mit der Linken zu. Deshalb sehen Sie auch die rostroten Blutflecken auf der rechten Seite des Hemdes. Mit einer schweren Champagnerflasche zertrümmerte er ihm den Schädel. Diese Weinflecken beweisen das!«

 

»Aber Champagner ist doch gelb und nicht rot«, wandte Mr. Atterman ein.

 

»Manche Champagnersorten werden rot, wenn man sie der Luft aussetzt«, entgegnete Mr. Peeker unbeirrt. »Man darf wohl annehmen, daß er auf die Straße geschleppt wurde — die Frau hatte einen Komplicen — einen großen, dunklen Mann.«

 

»Woher wissen Sie denn das?« fragte sein Chef verblüfft.

 

Peeker gab darüber aber keine weitere Auskunft. Der Mörder mußte eben ein großer, dunkler Mann sein. Ein kleiner Mensch mit blonden Haaren war doch als Täter undenkbar!

 

»Die Leiche wurde eine ganze Strecke über den Boden geschleift — wahrscheinlich in ein leeres Haus!«

 

Mr. Peeker nahm die schwarzen Lackschuhe aus dem Koffer, die die anderen übersehen hatten.

 

»Betrachten Sie einmal die Risse hier«, sagte er und zeigte die Stelle. »Jemand muß ihm mit aller Gewalt auf den Fuß getreten haben, das können Sie deutlich an der Oberfläche des Leders bemerken.«

 

Dann untersuchte der Detektiv den Inhalt der inneren Brusttasche des Rocks und brachte zwei grüne Theaterkarten zum Vorschein.

 

»Er ist mit ihr zuerst im Empire-Theater gewesen«, stellte er lakonisch fest.

 

Bei der Prüfung der zweiten Tasche machte er eine sehr wichtige Entdeckung. Er fand ein Stück zusammengeknittertes, dickes Papier, das offensichtlich von einer Weinliste abgerissen war. Auf der Rückseite standen einige Worte, die mit Bleistift hingekritzelt waren:

 

»Liebe Barbara — um Himmels willen, sage keiner Menschenseele …«

 

»Allem Anschein nach wußte sie etwas von ihm«, meinte Peeker, der die einzelnen Tatsachen jetzt aneinanderreihte. »Sie drohte, diese Dinge bekanntzumachen und ihn in der Öffentlichkeit bloßzustellen, verlangte eine hohe Summe, und als er sich weigerte …«

 

Er zuckte vielsagend die Schultern.

 

»Das ist eine Sache für die Polizei«, begann Atterman.

 

Peeker hob warnend die Hand.

 

»Lassen Sie bloß diese unfähigen Leute aus dem Spiel. Es ist doch möglich, daß Mr. Maber noch lebt!«

 

Atterman atmete schwer. »Sie meinen –?«

 

»Es gibt eine Menge Spelunken und Schlupfwinkel, von denen Sie sich keine Vorstellung machen. Dort können sie ihn versteckt haben. Ich sage Ihnen, ich kenne Plätze, die der wildesten Phantasie spotten. Wenn wir diesen Fall Scotland Yard melden, führen die Beamten durch ihre Ungeschicklichkeit eine Katastrophe herbei, die womöglich Mr. Mabers Tod zur Folge hat! Und Tote können nicht mehr sprechen«, fügte er mit hohler Stimme hinzu.

 

»Ja, was wollen wir denn dann unternehmen?« fragte Julius, aufgelöst vor Schrecken.

 

»Überlassen Sie alles nur mir«, erwiderte der Detektiv und zog ein Notizbuch heraus. »Geben Sie mir bitte die Privatadresse von Miß Storr. Wo kann ich sie finden? Und wie ist Mr. Mabers Privatadresse?«

 

Als er alles notiert hatte, klappte er das Buch energisch zu.

 

»Die Sache ist ganz klar«, faßte er dann sein Urteil noch einmal zusammen. »Das Mädchen ist in Schwierigkeiten — wahrscheinlich in den Händen von Wucherern. In ihrer Verzweiflung überredet sie den alten Maber, mit ihr zu Abend zu speisen. Später gehen sie zum Empire-Theater, wo sie ihren Komplicen trifft. Unter irgendeinem Vorwand — zum Beispiel, um den Dritten nach Hause zu bringen — fährt sie Maber in eine einsame Gegend. Er steigt aus, wird nach einem kurzen, verzweifelten Kampf niedergeschlagen und in einen Keller geschleppt. Das Mädchen möchte ihn aufs Land schaffen, wo er nicht so leicht gefunden werden kann. Sie besorgt sich deshalb einen gewöhnlichen Anzug von Mr. Maber. Ein Mann im Frack würde ja sofort auffallen und Verdacht erregen. Sie betäubt ihn — und was dann noch geschehen ist, können Sie sich ja selbst denken.«

 

»Was ist denn geschehen?« erkundigte sich Julius, der sich das durchaus nicht selbst denken konnte.

 

»Überlassen Sie es nur mir, den Fall aufzuklären«, wiederholte Mr. Peeker, ohne auf diese Frage einzugehen. »In vierundzwanzig Stunden mögen Sie die Polizei benachrichtigen. In achtundvierzig Stunden werden die beiden Verbrecher, die den Mord auf dem Gewissen haben, hinter Schloß und Riegel sitzen. Sonst noch etwas, Mr. Atterman?«

 

Er benahm sich, als ob es kaum der Mühe wert gewesen wäre, ihn wegen eines so einfachen Mordfalles nach dem Regent’s Park zu rufen.

 

Kapitel 8

 

8

 

Noch zwei andere Leute waren sehr wenig mit Barbara Storrs Verhalten einverstanden. Mr. Hammett und seine Frau gingen weder nach Kanada, noch fuhren sie nach dem Kontinent. Sie befriedigten nur ihre dringendsten Gläubiger und ließen alles andere vorläufig auf sich beruhen. Aus einem bestimmten Grund hatten sie ihre Pläne geändert.

 

Mr. Hammett hatte einen Eilbrief von Captain Griffin erhalten, der ein alter Klient von ihm war und den Dampfer »Silina« führte. Mr. Hammett hatte diesem Mann schon bei mehreren Gelegenheiten geholfen. Einmal hatte sich Griffin wegen Schmuggels vor Gericht zu verantworten, ein andermal wegen versuchten Mordes, und in beiden Fällen war es Mr. Hammett gelungen, ihn freizubekommen.

 

Die »Silina« war ein Küstendampfer, der zwischen Leith und Newcastle verkehrte, und Captain Griffin kam gewöhnlich zu dem Rechtsanwalt, wenn er London besuchte, um in irgendeiner schwierigen Sache seinen Rat zu hören. Er bezahlte manchmal in bar, manchmal in Naturalien. Auf diese Weise hatte Mr. Hammett manche Kiste Whisky erhalten.

 

Und gerade jetzt hätte er gerne selbst einmal seinen Klienten ausgeforscht, um sich über das Klima und die Lebensbedingungen in fernen Ländern zu orientieren. Er wußte nicht, ob er in Kanada alle die Bequemlichkeiten finden würde, die er erwartete und brauchte.

 

Außerdem eilte es im Augenblick gar nicht mit der Abreise. An diesem Nachmittag hatte das Schifffahrtsbüro die Summe zurückerstattet, die er als Anzahlung für die Schiffskarten geleistet hatte, und er war in guter Stimmung.

 

»Es wird noch etwa drei Wochen dauern, bis Maber aus dem Gefängnis kommt«, erklärte er seiner Frau und machte ein pfiffiges Gesicht. »Diese günstige Gelegenheit darf nicht ungenützt vorübergehen. Wir müssen es fertigbringen, noch eine weitere Zahlung von tausend Pfund aus Mabers Geschäft zu ziehen. Dann ist es immer noch Zeit genug, zu verschwinden.«

 

»Aber wie willst du denn das anfangen?« fragte Mrs. Hammett erstaunt.

 

»Es gibt verschiedene Wege«, sagte er und streifte nachlässig die Asche seiner Zigarre ab.

 

»Du weißt ja in solchen Dingen gut genug Bescheid«, erwiderte sie befriedigt. Sie gehörte zu den wenigen Leuten auf der Welt, die ihn bewunderten.

 

Mr. Hammett wußte allerdings gut genug Bescheid. Seine lange Praxis hatte ihn mit den gemeinsten Verbrechern in Berührung gebracht, und er kannte viele Methoden, sich auf unrechtmäßige Weise Geld zu verschaffen. Sie führten alle zum Ziel und waren alle mehr oder weniger einfach, aber sehr gefährlich.

 

Auf seinem Schreibtisch lag der Brief des Ehrengerichts der Rechtsanwaltskammer, in dem er aufgefordert wurde, eine Reihe von Handlungen zu erklären, für die es keine Rechtfertigung gab, und die deshalb eben unerklärlich waren. Man würde ihn also von der Liste der Anwälte streichen. Schon mehr als einmal hatte er diese Katastrophe mit knapper Not verhindert, aber diesmal gab es keinen Ausweg mehr.

 

Mr. Hammett tat das nicht einmal mehr leid. Er machte sich jetzt nur noch darüber Gedanken, ob er genügend Mittel besäße, um England zu verlassen und sich in irgendeiner Kolonie eine neue Existenz zu gründen.

 

Er überlegte mit seiner Frau, auf welche Weise sie am besten fortkommen könnten.

 

»Wie steht es denn mit Griffin? Könnte uns der nicht helfen?«

 

Hammett sah sie verächtlich an.

 

»Sei doch nicht albern. Er könnte mich wohl von London und von Leith wegbringen, aber was hätte das denn für einen Zweck?«

 

»Da kommt er gerade«, entgegnete sie und eilte hinaus, um den Besucher einzulassen.

 

Captain Griffin war ein kleiner, unansehnlicher Mann mit abstoßenden Zügen. Außerdem schielte er auf einem Auge.

 

»Wie geht es Ihnen, Mr. Hammett?« begrüßte er seinen Freund herzlich. »Wir müssen wieder einmal eine juristische Sache miteinander besprechen, wenn Sie nichts dagegen haben«, wandte er sich an die Frau.

 

Mrs. Hammett wollte das Zimmer verlassen, aber Griffin duldete es nicht.

 

»Wir kennen uns doch, und ich weiß genau, daß Sie für sich behalten, was ich Ihrem Mann sage.«

 

Er zog den Stuhl näher an den Tisch. Mrs. Hammett holte die Whiskyflasche und Sodawasser, erlaubte dem Kapitän zu rauchen und ließ sich dann auch nieder.

 

»Also, ich möchte gern wissen, wie ich daran bin«, begann Griffin. »Ich werde allerdings nicht schlecht bezahlt. Dreißig Pfund monatlich und ein Prozent Tantiemen. Morgen will ich in See gehen. Muß nur noch auf einen jungen Herrn warten, der mit mir ausfährt. Nun ist die Frage: Was riskiere ich bei der Geschichte? Sie kennen doch die Gesetze in Amerika? Wieviel bekomme ich dafür?«

 

»Wofür?« fragte Hammett interessiert.

 

»Für Alkoholschmuggel. Welche Strafe steht darauf? Manche sagen zehn Jahre, manche sagen, es gibt nur eine Geldstrafe.«

 

Der Rechtsanwalt antwortete nicht gleich. Er überlegte, und seine Gedanken arbeiteten blitzschnell.

 

»Wann fahren Sie ab?« fragte er dann.

 

»Morgen abend um elf. Mein Schiff liegt in der unteren Themse. Bei Flutzeit wollen wir ausfahren.«

 

Mr. Hammetts Gesicht zeigte eine leichte Röte. Jetzt sah er deutlich einen Ausweg vor sich.

 

»Sie brauchen sich wegen der Bestrafung keine Sorgen zu machen«, sagte er schnell. »Es besteht wenig Gefahr, daß Sie abgefaßt werden. Griffin, wäre es Ihnen recht, mich als Passagier mitzunehmen?«

 

Der Kapitän starrte ihn an.

 

»Wollen Sie denn eine Reise machen?«

 

Hammett nickte.

 

»Selbstverständlich — mit Vergnügen nehme ich Sie mit. Ich würde sogar noch Geld zulegen, um einen Rechtsanwalt bei mir zu haben. Da können Sie sich mal nette Ferien machen. Ich denke, wir sind im November wieder zurück.«

 

»Ferien brauche ich nicht«, erklärte der Rechtsanwalt mit Nachdruck. »Ich möchte nur in Amerika unbemerkt an Land gehen.«

 

Griffin schaute ihn argwöhnisch an.

 

Hammett bemerkte es und lehnte sich vertraulich über den Tisch.

 

»Es ist eine geheime Mission — im Auftrag der Regierung«, sagte er leise.

 

Der Kapitän runzelte die Stirne.

 

»Hat es etwas mit Alkoholschmuggel zu tun?« fragte er plötzlich ängstlich.

 

»Nein, aber mit Gold und gewissen anderen Dingen, über die ich nicht sprechen darf.«

 

Griffin rieb sein Kinn.

 

»Und was macht Ihre Frau?«

 

»Sie benutzt den Postdampfer, wenn ich sie überhaupt nachkommen lasse«, erwiderte Hammett gelassen und warf einen verächtlichen Blick auf sie.

 

»Na, dann ist es gut. Wir haben nämlich keine Annehmlichkeiten für Damen an Bord des alten Kastens. Aber Sie sollen mir herzlich willkommen sein, Mr. Hammett. Wir fahren also um elf. Gehen Sie erst um zehn Uhr dreißig an Bord, sonst erregen Sie zuviel Aufmerksamkeit. Ich lasse ein Ruderboot am Landungssteg von China Stairs auf Sie warten. Das ist in der Nähe von Wapping. Niemand braucht zu sehen, daß Sie an Bord kommen, und ebenso leicht kann ich Sie dann in Amerika absetzen. Ich schicke Sie mit einem der Motorboote an Land, die außerhalb der Fünfmeilengrenze zu mir hinausfahren.«

 

Sie schüttelten sich die Hände.

 

Eine halbe Stunde später ging der Kapitän, und Mr. Hammett überlegte sich einen neuen Plan, der unter keinen Umständen fehlschlagen sollte.

 

*

 

Der dritte Tag des großen Verkaufs begann hoffnungsvoll, nachdem der Erfolg der beiden ersten über Erwarten groß gewesen war. Und dennoch fühlte sich Barbara nicht mehr so siegesgewiß, denn nach den aufregenden und spannenden Tagen war die unausbleibliche Reaktion gekommen. Sie hatte etwas von ihrer Unabhängigkeit und Selbstsicherheit verloren und sehnte sich nach einem Menschen, auf den sie sich stützen konnte. Heute war sie sogar dankbar dafür, daß Alan Stewart wie sonst geduldig an der Straßenecke auf sie wartete.

 

»Ich habe eine gute Nachricht für Sie«, erklärte er ihr, als er neben ihr herging. »Sie haben das Geschäft wirklich fabelhaft in die Höhe gebracht, Miß Storr. Was hat denn Atterman eigentlich für die Firma geboten?«

 

Sie nannte ihm die Summe, und er lächelte.

 

»Der alte Geizkragen! Sehen Sie, Tennyson & Burns haben sich gestern abend mit mir in Verbindung gesetzt, und zwar hat mich der alte Tennyson persönlich angerufen. Er wußte, daß ich Sie kenne, und fragte mich, ob Maber die Firma wohl für dreihunderttausend Pfund verkaufen wollte. Die Hälfte in bar, die Hälfte in Anteilscheinen.«

 

»Das Angebot lehne ich ab«, erwiderte sie prompt.

 

»An Ihrer Stelle würde ich mir das aber doch noch überlegen. Sie sagten mir, daß Maber Sie bevollmächtigt hat, den Verkauf abzuschließen, und wenn er bereit war, das Geschäft für hundertzwanzigtausend abzugeben –«

 

»Er hätte es sogar für hunderttausend verschenkt!«

 

»Nun gut, das wären also zweihunderttausend Pfund mehr, und Mr. Maber würde sich sicher freuen, eine so große Summe für die Firma zu bekommen. Ich hatte sogar selbst schon die kühne Idee, das Geld aufzubringen und Sie mit großem Gehalt als selbständige Leiterin der Firma anzustellen, natürlich mit namhafter Beteiligung. Und wenn wir dann heiraten würden –«

 

»Das könnte Ihnen so passen, daß ich noch Geld dazu verdiente! Nein, danke schön!« Sie warf den Kopf zurück. »Diese Art Partnerschaft hat nicht soviel Anziehungskraft für mich, wie Sie denken. Warum machen Sie denn nicht Maudie einen Antrag, wenn Sie absolut heiraten müssen?«

 

»Maudie?« Er runzelte die Stirne. »Ach, Sie meinen Ihre Solotrompeterin?«

 

»Sie ist nicht mehr bei mir«, entgegnete Barbara grimmig. »Man soll einer Frau in geschäftlichen Dingen niemals trauen, Alan — Mr. Stewart.«

 

»Nennen Sie mich doch lieber Alan. Das klingt so schön«, bat er. »Aber was ist denn mit Maudie passiert?«

 

»Sie hat mich verlassen und ist zum Feinde übergegangen. Mr. Lark sah sie, wie sie gestern kurz vor Ladenschluß durch die Seitentür zu Attermans ging. Und als ich nach Hause kam, fand ich diese merkwürdige Nachricht von ihr.«

 

Barbara öffnete ihre Tasche, nahm den Brief heraus und gab ihn Alan.

 

»Lesen Sie.«

 

»Meine liebe Miß Storr, ich muß in gewisser Beziehung sehr vorsichtig sein, da ich dem Verband angehöre. Außerdem habe ich auf meinen Vater Rücksicht zu nehmen, der in nächster Zeit pensioniert wird. Man soll ihm nichts vorwerfen können. Da Sie so liebenswürdig zu mir waren und um der alten Zeiten willen werde ich natürlich nichts ausplaudern.

 

Mit bestem Gruß Ihre Maud Alice Deane.«

 

»Was soll denn dieses Schreiben bedeuten?« fragte er erstaunt.

 

»Möchte ich auch gern wissen«, erwiderte sie und steckte den Brief wieder in die Handtasche. »Auf jeden Fall ist sie in ihre alte Stellung zurückgekehrt. Atterman scheint sie noch ebenso zu verehren wie früher. Ich hätte allerdings nie geglaubt, daß er so sentimental sein könnte. Und der Himmel mag wissen, was mit ihrem Vater los ist.«

 

Während sie zusammen weitergingen, sah sich Alan mehrmals um.

 

»Ich möchte nur wissen, wer dieser Kerl ist«, sagte er dann plötzlich.

 

Ein korpulenter Herr ging hinter ihnen her und schwang vergnügt seinen Schirm beim Gehen. Den Hut hatte er ein wenig in den Nacken geschoben, und seinem wohlgenährten Gesicht war anzusehen, daß er mit sich und der Welt zufrieden war.

 

Barbara wandte sich nun auch um und betrachtete ihn.

 

»Kennen Sie den Mann?« fragte Alan.

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Ich sah ihn schon in der Nähe des Hauses. Er machte mir gleich den Eindruck, als ob er auf jemand wartete. Ob er uns wohl beobachtet?«

 

»Leicht möglich«, meinte Barbara. »Vielleicht hat Ihre Frau ihn engagiert, um Ihnen nachzuspüren.«

 

»Sie wissen doch sehr gut, daß ich nicht verheiratet bin«, entgegnete er etwas hitzig. »Ich gehe vollständig in meinem Beruf auf.«

 

*

 

Barbara hatte eigentlich gedacht, daß das Interesse des Publikums nachlassen würde. Ein großer Teil der Bestände war nach dem zweiten Tag ausverkauft; von den Pariser Modellen war kein Stück mehr vorhanden. Aber Mr. Lark, der plötzlich unerwartete organisatorische Fähigkeiten entwickelte, hatte sofort telegrafisch in Paris neue Bestände eingekauft, die am vergangenen Abend bereits in London eingetroffen waren. Unter seiner persönlichen Leitung wurden sie über Nacht ausgepackt und ausgezeichnet. Barbara hatte nur ungern diese neuen Attraktionen annonciert, denn als sie die Druckfahnen las, befand sich die Ware noch in Paris. Aber es hatte alles tadellos geklappt. Das Schaufenster mit dem Wilden Mann war ausgeräumt worden, und dort hatte man die neuen Wunder an Seidenstoffen und Modellen ausgestellt.

 

Barbara beunruhigte sich nicht mehr über den verschwundenen Koffer. Sie zweifelte keinen Augenblick daran, daß er im Besitz von Julius Colesberg und seinem Verbündeten war. Welche Folgerung würden die beiden wohl aus ihrer Entdeckung ziehen? Aber mochten sie denken, was sie wollten, wenn nur der wahre Grund von Mr. Mabers Verschwinden unbekannt blieb. Vielleicht waren doch noch andere Leute im Polizeigericht gewesen, als gegen ihn verhandelt und er verurteilt wurde? Es war immerhin möglich, daß ihn einer von diesen erkannt und die Geschichte weitererzählt hatte. Bis jetzt war allerdings alles ruhig geblieben, und Hammett, der tatsächlich eine ernste Gefahr bedeutete, war ja aus dem Lande geflohen. Die zweihundert Pfund Schweigegeld reuten sie nicht. Die waren sicher gut angelegt. Und bevor der Monat zu Ende ging, konnte sich viel geändert haben. Sie war nicht abgeneigt, dem neuen Angebot von Tennyson näherzutreten, da sie wußte, wie wenig Mr. Maber seinen Beruf als Kaufmann schätzte. Aber auf der anderen Seite hätte sie ihm zu gern bei seiner Rückkehr eine vollständig reorganisierte Firma Maber & Maber übergeben. Er konnte dann ja noch nach Belieben über sein neues Eigentum verfügen.

 

Sie wußte sehr wohl, daß sie eigentlich weniger den Wert der Firma gehoben als vielmehr den Leuten die Augen geöffnet hatte, die das Geschäft für altmodisch und erledigt hielten. Es war stets die Summe wert gewesen, die Tennyson jetzt dafür bot, vielleicht sogar noch etwas mehr.

 

Barbara war eifrig mit der Kontrolle verschiedener Listen beschäftigt, als Albuera den Kopf zur Tür hereinsteckte.

 

»Mr. Hammett wünscht Sie zu sprechen, Miß«, sagte er leise.

 

Sie schaute ihn an, als ob er einen albernen Scherz machte.

 

»Mr. Hammett — meinen Sie etwa den Rechtsanwalt?«

 

»Ja, den Linksanwalt«, verbesserte er sie. Sie hatte geglaubt, daß dieser Mann längst nach Amerika unterwegs wäre.

 

»Lassen Sie ihn hereinkommen.«

 

Sie staunte, als sie ihn sah. Das war nicht mehr der kleine, schlechtgekleidete Winkeladvokat. Er trat jetzt in einem tadellosen Cut auf und trug einen vollkommen neuen Zylinder. Auch das Monokel fehlte nicht, obwohl er noch nicht gewandt damit umgehen konnte.

 

»Guten Morgen, Miß Storr«, sagte er leichthin, legte eine große Mappe auf den Tisch und zog einen Stuhl näher. Als er Platz genommen hatte, öffnete er die Aktentasche.

 

Sie sah ihn scharf an.

 

»Ich bin sehr erstaunt, Sie hier in meinem Büro zu sehen, Mr. Hammett!«

 

»Das kann ich mir denken«, erwiderte er mit sonderbarem Lächeln. »Ich hatte ursprünglich die Absicht, Scotland Yard einen Besuch abzustatten, aber dann habe ich mir überlegt, daß es vielleicht besser wäre, erst mit Ihnen zu sprechen. Soviel ich weiß, gehört das Ihnen?«

 

Bei diesen Worten zog er den Scheck aus der Mappe, den sie Mrs. Hammett zuerst gegeben und nachher gesperrt hatte.

 

»Ja«, entgegnete sie verwundert. »Ich gab ihn Ihrer Frau –«

 

Er schüttelte den Kopf.

 

»Ich bin niemals verheiratet gewesen. Es tut mir leid, daß Sie das Opfer einer skrupellosen Abenteurerin geworden sind. Sie können von Glück sagen, daß ich durch meine Verbindungen instand gesetzt war, diesen gemeinen Plan gegen Sie in seinen Anfängen zunichte zu machen.«

 

Barbara schaute ihn betroffen an.

 

»Was, sie ist nicht Ihre Frau?«

 

»Ich bin niemals verheiratet gewesen, wie ich schon sagte«, erklärte er, »obwohl mir die Liebe nicht fremd blieb.« Er seufzte schwer. »Die Frau, die ich eigentlich hätte heiraten sollen –« Er zuckte die Schultern und schüttelte traurig den Kopf, was bedeuten mochte, daß diese Frau entweder gestorben war oder einem anderen angehörte. »Die Person, die zu Ihnen kam, und der Sie den Scheck gaben, war auf dem Polizeigericht, als Mr. Maber verurteilt wurde.« (Barbara dachte an ihre eigenen Befürchtungen.) »Sie ist eine bekannte Erpresserin. Als sie sah, wie ich mit Ihnen sprach, faßte sie ihren Plan.«

 

Barbara nahm den Scheck und betrachtete ihn genau. Ihre Unterschrift war mit roter Tinte durchstrichen.

 

»Das habe ich getan«, erklärte er, »und zwar, als ich der niederträchtigen Frau den Scheck abnahm. Es ist nur eine Vorsichtsmaßregel, damit er unter keinen Umständen kassiert werden kann.«

 

»Und was haben Sie denn mit den zweihundert Pfund gemacht, die ich ihr in bar zahlte?« fragte Barbara ruhig.

 

Mr. Hammett warf ihr einen entsetzten Blick zu.

 

»Was, Sie haben ihr zweihundert Pfund in bar gezahlt?« rief er und preßte die Hand gegen die Stirne. »Aber Miß Storr, wie konnten Sie so unvorsichtig sein! Und ich dachte, ich könnte Sie gerade noch davor bewahren, das Opfer einer Betrügerin zu werden. Jetzt bleibt mir allerdings nichts anderes übrig, als sofort nach Scotland Yard zu gehen.«

 

Er erhob sich halb, als er aber sah, daß sie keine Miene machte, ihn zurückzuhalten, überlegte er es sich wieder anders.

 

»Zum Glück weiß ich, wo ich sie verhaften lassen kann.« Er unterbrach sich einen Augenblick und sah auf die Uhr. »Noch vor zwölf wird sie in sicherem Gewahrsam sein.«

 

Er nahm ein längliches, schmales Heft aus seiner Aktentasche und blätterte darin. Barbara vermutete, daß es sich um ein Quittungsbuch handelte.

 

»Inzwischen habe ich noch eine Bitte an Sie, Miß Storr. Bescheinigen Sie mir bitte, daß ich Ihnen diesen Scheck zurückgebracht habe. Spätestens um zwei heute nachmittag werde ich Ihnen Ihr Geld zurückerstattet haben, soweit es diese unglaubliche Person noch besitzt.«

 

Er legte ihr die Erklärung vor, und Barbara las sie mechanisch.

 

»Ich bestätige hiermit, von Rechtsanwalt Hammett einen Scheck zurückerhalten zu haben, den ich Jane Smith alias Margaret Hammett irrtümlicherweise aushändigte. Der obenerwähnte Scheck trägt die Nummer DH 187475.«

 

»Das will ich gern tun«, erwiderte sie, griff zu ihrem Füllfederhalter und leistete die gewöhnliche Unterschrift für die Firma.

 

Er dankte und legte das Buch in seine Mappe zurück.

 

»Was nun die zweihundert Pfund betrifft, so halte ich es unter den gegebenen Umständen nicht für günstig, die Sache der Staatsanwaltschaft anzuzeigen.«

 

Sie stimmte ihm entschieden zu.

 

»Wir wollen nur das Geld wiederhaben, und das werde ich Ihnen beschaffen. Ich kann natürlich nicht dafür garantieren, daß ich es bis auf den letzten Schilling zurückbringe. Selbstverständlich werde ich Ihnen dafür keine Kosten berechnen.«

 

»Ist es wirklich wahr, daß Sie mit dieser Jane Smith nicht unter einer Decke stecken und nicht an dem Schwindel beteiligt sind?« fragte Barbara mit verblüffender Offenheit.

 

Mr. Hammett sah sie traurig an.

 

»Es tut mir leid, daß Sie auch nur einen Augenblick lang einen derartigen Gedanken fassen konnten«, erwiderte er ernst.

 

Er schien tief gekränkt zu sein, und sie hatte den Eindruck, daß er nur mit Mühe seine Erregung niederkämpfte. Rasch erhob er sich, drückte ihr die Hand und nickte Albuera zu, als er hinausging.

 

Barbara sah den Scheck noch einmal an, riß ihn dann in kleine Stücke und warf sie in den Papierkorb. Das war also das Ende eines unangenehmen Abenteuers. Sie hatte dem armen Mann unrecht getan und war herzlich froh, daß die Sache nicht noch ein gerichtliches Nachspiel haben sollte.

 

Mr. Hammett fuhr währenddessen in einem Taxi zu seinem kleinen Büro zurück, in dem er ganz allein hauste. Schon seit Jahren hatte er keinen Bürovorsteher und keine Stenotypistin mehr. Nachdem er die Tür fest geschlossen hatte, trennte er die Quittung aus dem Heft, feuchtete die eine Seite der Oberfläche an und entfernte die oberste Schicht, die nur ganz dünn, aber undurchsichtig war. Darunter erschien ein besonders präpariertes Kohlepapier, das einen Blankoscheck der Southern Bank in der Marlborough Avenue überdeckte. Die Unterschrift Barbara Storrs war so klar und deutlich, daß man diese Kopie kaum von dem Original unterscheiden konnte. Er nahm ein Vergrößerungsglas und trat ans Licht, um sie noch einmal zu prüfen. Befriedigt ging er an den Schreibtisch zurück, legte ein Löschblatt auf die Unterschrift und trug eine große Summe in den Scheck ein. Dann steckte er ihn in seine Brieftasche und verließ das Haus wieder, um sich mit seiner Frau zu treffen.

 

*

 

Mr. Peeker hatte beobachtet, daß Hammett die Firma Maber betrat. Er kannte ihn als einen Anwalt von recht zweifelhaftem Charakter und war höchst erstaunt, daß ein solcher Mann bei Maber verkehrte.

 

Von seinem Zimmer aus konnte er Barbaras Büro überschauen und hatte sie schon den ganzen Morgen mit einem Feldstecher beobachtet. Er war auch unsichtbarer Zeuge der Szene mit Hammett gewesen, denn Barbara hatte die Gardinen vor den Fenstern halb zurückgezogen. Das Büro war nicht sehr hell, und sie hatte ja auch keine Ahnung, daß sie beobachtet wurde.

 

Als Mr. Hammett wieder auf die Straße trat, heftete sich Mr. Peeker an seine Fersen. Er verfolgte ihn zu seinem Büro und nachher zu dem Restaurant, in dem sich der Rechtsanwalt mit seiner Frau verabredet hatte. Dort setzte er sich an den Nachbartisch, um möglichst viel von ihrer Unterhaltung zu hören.

 

»Alles in bester Ordnung«, sagte Hammett leise zu ihr.

 

»Kann die Sache nicht noch schief gehen?« fragte sie bedrückt.

 

»Ausgeschlossen. Ich habe einmal ernsthaft mit ihr gesprochen und ihr den Standpunkt klargemacht.« Argwöhnisch sah Mr. Hammett zu dem Detektiv hinüber, aber der Mann war so vollkommen in die Lektüre seiner Zeitung vertieft, daß der Kellner, der ihn bedienen wollte, ihn bereits zum zweitenmal laut anrief. »Du glaubst nicht, wie ängstlich sie darauf bedacht ist, daß kein Mensch den Aufenthalt von Maber erfährt. Es würde ja auch den Ruin bedeuten, wenn die Sache herauskäme. Denke doch, ein Mann wie Maber! Dann könnte er sich gleich begraben lassen!«

 

Peeker spitzte die Ohren. Barbara Storr würde ruiniert sein … Maber könnte sich begraben lassen, wenn jemand seinen Aufenthalt erführe! Er empfand Genugtuung und Freude wie alle großen Detektive, die eine schwere Aufgabe durch die Schärfe ihres Verstandes gelöst haben.

 

Später sprach Hammett in leiserem Ton, und Peeker hörte nichts mehr, was ihm weiterhalf, obwohl der Rechtsanwalt seiner Frau Instruktionen gab, die sehr wertvoll für den Detektiv gewesen wären.

 

Zehn Minuten vor Bankschluß sollte sie sich telefonisch mit Barbara in Verbindung setzen und sich als Vertreterin einer großen deutschen Firma für Kunstseidenartikel vorstellen. Hammett hatte sich am Morgen überall erkundigt und sich mit großer Mühe Preise derartiger Artikel verschafft. Er hatte eine Liste von Artikeln zusammengestellt, die um dreißig Prozent billiger waren als in London.

 

»Vor allem mußt du sehen, daß du sie zehn Minuten lang am Apparat festhältst, damit die Bank ihr Büro nicht erreichen kann. Und gib dir Mühe, daß sie deine Stimme nicht wiedererkennt. Die ist gerissener, als du ahnst.«

 

»Du willst ihr doch nicht im Ernst diese Dinge verkaufen?« fragte sie ängstlich.

 

Er holte tief Atem und unterdrückte einen Fluch.

 

»Wir haben jetzt keine Zeit, uns lange darüber zu unterhalten. Ich wiederhole, daß du sie zehn Minuten lang am Telefon beschäftigen sollst, damit die Bank ihr Büro nicht anrufen kann.«

 

Zehn Minuten vor Schalterschluß ging Mr. Hammett zur Bank und überreichte dem Kassierer den Scheck mit gleichgültiger Miene.

 

»Sind Sie selbst Mr. Hammett?«

 

»Ja«, entgegnete der Rechtsanwalt mit einem verbindlichen Lächeln.

 

Obwohl er in größter Erregung war, beherrschte er sich nach außen hin. Es gelang ihm auch, die Ruhe zu bewahren, als der Kassierer den Scheck längere Zeit schweigend prüfte.

 

»Wie soll ich Ihnen die Summe auszahlen?« fragte der Beamte schließlich.

 

Mr. Hammett hätte am liebsten vor Freude laut aufgejubelt.

 

»In Hundertpfundnoten, wenn ich bitten darf«, erklärte er gelassen.

 

Der Kassierer zählte mehrmals hintereinander zwanzig Scheine ab, schrieb dann mit Bleistift eine Bemerkung unter die Unterschrift des Schecks und reichte Hammett das Päckchen.

 

Der Rechtsanwalt verließ den Schalterraum ohne die geringste Hast. Aber draußen wartete noch sein Taxi, und drei Minuten vor Bankschluß betrat er die prachtvolle Halle der Eighth National Bank von New York und wechselte die englischen Banknoten in Dollarscheine um.

 

*

 

In Mr. Attermans Büro schrillte das Telefon, und Mr. Peeker meldete sich.

 

»Ich habe den anderen gefunden«, sagte er aufgeregt.

 

»Den Komplicen?« fragte Mr. Atterman schnell.

 

»Es ist ein gewisser Hammett. Er erpreßt Miß Storr. Maber lebt. Aber sie halten ihn irgendwo gefangen.«

 

»Einen Augenblick!« rief Atterman atemlos und teilte Julius rasch mit, was er gehört hatte.

 

»So, er lebt noch?« fragte Mr. Colesberg nicht gerade sehr begeistert.

 

»Ich wußte ja, daß Peeker ihn finden würde«, erwiderte Mr. Atterman selbstbewußt. »Jetzt haben wir gewonnen, Julius. Wenn wir Mr. Mabers Leben retten, muß er sich dankbar erweisen, und dann wird er auch wegen des Verkaufs keine Schwierigkeiten mehr machen. Auf diese Miß Storr muß er ja geladen sein! ›Atterman‹, wird er zu mir sagen, ›das haben Sie einfach großartig gemacht. Wenn Sie nicht gewesen wären, würde ich längst unter dem Rasen liegen.‹«

 

»Sie meinen, wenn wir beide nicht gewesen wären«, warf Julius ein.

 

»Möglich, daß er Sie auch erwähnt«, gab Mr. Atterman großmütig zu.

 

Inzwischen wurde Peeker am Telefon ungeduldig.

 

»Ich kann nicht länger warten, sonst entwischen mir die beiden noch«, drängte er.

 

»Lassen Sie sich bloß nicht stören, und verfolgen Sie die Halunken. Sparen Sie kein Geld. Und halten Sie mich auf dem laufenden! Nach Büroschluß bin ich in meiner Wohnung. Ich werde nicht ausgehen, damit ich jederzeit sofort Ihre Nachrichten entgegennehmen kann.«

 

Aber erst um halb zehn hörte er wieder etwas von dem Detektiv.

 

»Ich spreche von Wapping aus«, sagte Mr. Peeker geheimnisvoll. »Er ist hier in einem kleinen Restaurant, und zwar verkleidet.«

 

»Meinen Sie Mr. Maber?«

 

»Nein, nicht Maber — Hammett. Ich habe ihn den ganzen Tag verfolgt. Er ist jetzt als Matrose maskiert und trägt einen falschen Schnurrbart.«

 

Mr. Attermans Augen leuchteten wild vor Erregung.

 

»Fabelhaft!« rief er außer sich. »Bleiben Sie um jeden Preis mit mir in Verbindung, koste es, was es wolle.«

 

Die Uhr zeigte zehn — elf —

 

Schließlich wurde es Mitternacht. Dann endlich klingelte das Telefon wieder, aber es meldete sich nicht Mr. Peeker, sondern die tiefe Stimme eines Beamten.

 

»Hier Sergeant Johnson von der Themsepolizei. Ist bei Ihnen ein gewisser Mr. Peeker angestellt?«

 

Atterman wurde bleich.

 

»Ja«, antwortete er mit unsicherer Stimme. »Ist etwa ein Unglück passiert?«

 

»Wir haben seinen Mantel am Themseufer gefunden. Ein Polizist hörte, daß ein schwerer Gegenstand ins Wasser fiel, eilte zum Fluß hinunter und fand den Mantel, der halb im Wasser lag.«

 

Zitternd legte Mr. Atterman den Hörer zurück. In welch eine Tragödie war er plötzlich verwickelt!

 

Kapitel 9

 

9

 

Julius wohnte bei Mr. Atterman und hatte sich um elf Uhr zur Ruhe gelegt.

 

Mr. Atterman eilte die Treppe hinauf, nahm zwei und drei Stufen mit einem Schritt und stürzte atemlos in das Zimmer seines Gastes.

 

»Peeker ist ihr zum Opfer gefallen!« weckte er ihn keuchend. »Sie sind der nächste!«

 

»Was wollen Sie?« fragte Julius schlaftrunken.

 

»Sie sind ihr nächstes Opfer«, wiederholte Mr. Atterman und zeigte mit zitterndem Finger auf ihn.

 

»Um Himmels willen, was reden Sie da?« rief Julius entsetzt. »Meinen Sie Barbara Storr? Was hat Sie mit Peeker gemacht?«

 

»Sie hat ihn umgebracht, sie hat ihn ermordet!«

 

Julius stand auf, wankte ins Badezimmer und goß zwei Gläser eiskaltes Wasser hinunter. Atterman folgte ihm und erzählte ihm die grausige Geschichte mit allen Einzelheiten.

 

»Peeker ist dem Rechtsanwalt den ganzen Tag gefolgt. Von Wapping aus hat mich der arme Kerl das letzte Mal angerufen… Seine Witwe wird untröstlich sein… wir müssen sofort ausfindig machen, wo sie wohnt. Was schreibt eigentlich das Gesetz vor, Julius? Muß ich der Frau eine Entschädigungssumme zahlen, wenn sie zum Beispiel getrennt von ihrem Mann wohnte?«

 

Mr. Colesberg hatte keine Zeit, auf eine derartig profane Frage einzugehen.

 

»Ist die Leiche gefunden?« erkundigte er sich mit heiserer Stimme.

 

»Nein, aber der ganze Fluß wird bereits danach abgesucht, und ein Inspektor von Scotland Yard ist mit der Aufklärung des Verbrechens beauftragt. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätten wir die Polizei gleich benachrichtigt und dann nicht unseren besten Detektiv verloren, einen so vorzüglichen Menschen!«

 

»Ich habe Ihnen ja auch nicht geraten, Mr. Peeker zu holen.«

 

Mr. Atterman sah ihn vorwurfsvoll durch seine dicken Brillengläser an.

 

»Mein Junge, wir sind alle daran beteiligt«, sagte er gebrochen. »Es hat keinen Zweck, daß Sie mir jetzt Vorwürfe machen.«

 

Um ein Uhr nachts klingelte Inspektor Finney von Scotland Yard an Mr. Attermans Haustür. Die Flußpolizei hatte den Vorfall tatsächlich bei Scotland Yard gemeldet, und Mr. Finney war gekommen, um persönlich Nachforschungen anzustellen.

 

Er machte nicht den Eindruck eines Detektivs, denn er hatte weder hagere, asketische Züge, noch tiefliegende Augen und einen faszinierenden Blick. Im Gegenteil, er sah reichlich prosaisch aus mit seinen kurzgeschnittenen Haaren, der gedrungenen, plumpen Gestalt und dem beträchtlichen Leibesumfang.

 

Ruhig hörte er zu, als Mr. Atterman die Persönlichkeit des unglücklichen Mannes schilderte, der ein so trauriges Ende gefunden hatte.

 

Julius versuchte mehrfach, sich ins Gespräch zu mischen, aber Mr. Atterman ließ ihn nicht zu Wort kommen.

 

»Peeker?« sagte Mr. Finney schließlich. »Ach so, jetzt besinne ich mich auf ihn. Das ist ja der Mann, der uns immer Briefe schreibt, wenn er glaubt, daß wir uns geirrt haben.«

 

Das vorzeitige tragische Ende seines Kollegen schien keinen großen Eindruck auf ihn zu machen.

 

»Ich glaube gar nicht, daß er tot ist«, fuhr er fort. »Solche Leute ertrinken nicht so leicht. Und was ist denn nun eigentlich mit diesem Maber? Warum soll dem denn ein Unglück zugestoßen sein?«

 

Mr. Atterman holte den Koffer herbei und zeigte den beschmutzten Frackanzug. Aber nicht einmal diese Beweisstücke brachten den Beamten aus seiner Ruhe. Er betrachtete sie nur kühl und gelassen.

 

»Das ist allerdings Blut. Wann ist denn Mr. Maber verschwunden?«

 

»Er wurde zuletzt am Samstag abend gesehen. Ich hörte das von einem Bekannten, der an seiner Gesellschaft im Trocadero teilnahm, aber schon frühzeitig ging.«

 

»Und wo ist diese Miß Storr tätig?«

 

Julius und Atterman klärten den Inspektor zu gleicher Zeit darüber auf.

 

»Ach, ist das die Firma, die augenblicklich die ›Billige Woche‹ veranstaltet?«

 

Die beiden nickten.

 

»Meine Frau erzählte mir, daß in ganz London seit Menschengedenken kein so großer Andrang in einem Geschäft war. Sie hat unglaublich preiswert eingekauft und meinte, daß man dort viel billiger wegkäme als zum Beispiel bei Atterman oder sonst einem Warenhaus.«

 

»Sie sehen hier den Inhaber der Firma Atterman vor sich«, erklärte Julius mit Würde.

 

»Na, dann kann er mir ja gleich bestätigen, daß meine Frau recht hat.«

 

»Das ist eine vollkommen aus der Luft gegriffene Annahme«, entgegnete Atterman erregt. »Die Firma verkauft nur ihre alten Ladenhüter zu Schleuderpreisen, neue Waren kann sie auch nicht billiger abgeben als ich. Maber ist seit den letzten Tagen eine ganz unfaire Konkurrenz!«

 

»Das ist der Mann, der ermordet worden sein soll?« fragte der Detektiv jetzt interessiert.

 

»Ja, aber ich sprach im Moment von Miß Storr, von der wir Ihnen schon die ganze Zeit erzählen. Die hat auch Peeker in der Themse ertränkt. Am Montagmorgen tauchte sie plötzlich mit einer Generalvollmacht auf. Offenbar hat sie ihr Opfer durch Drohungen zur Unterschrift gezwungen. Maber wurde am Samstagabend umgebracht, nachdem er das Schriftstück unterzeichnet hatte.«

 

»Wurde denn der Notar, der die Vollmacht ausstellte, auch ermordet?« fragte Inspektor Finney. »Derartige Dokumente werden doch von einem Notar unterzeichnet!«

 

Atterman sah ihn betroffen an.

 

»Die Einzelheiten des Verbrechens kenne ich natürlich nicht genau, aber wenn Sie Miß Storr verhören, werden Sie wahrscheinlich alles erfahren.«

 

»Nun, da werden wir ja sehen.« Der Detektiv betrachtete den Koffer noch einmal. »Wer hat ihn denn aufgeschnitten?«

 

»Das habe ich im Interesse der Aufklärung des Mordes getan«, erwiderte Mr. Atterman selbstbewußt.

 

»Woher haben Sie denn den Koffer?«

 

Mr. Atterman unterdrückte nur mit Mühe einen Fluch. Dieser Mann konnte einen verrückt machen mit seinen Fragen! Und dabei sollte er doch den Mord an Peeker aufklären. Was ging ihn dieser Koffer an?

 

»Mr. Colesberg nahm ihn aus dem Safe von Maber. Hier ist der Herr.« Atterman stellte Julius mit einer Geste vor. »Er ist der Juniorpartner der Firma Maber & Maber.«

 

»Das werde ich mir am besten einmal aufnotieren.«

 

»Schreiben Sie ›der frühere Juniorpartner‹«, sagte Julius nervös. »Ich möchte vor der Polizei keine falschen Angaben machen.«

 

»Aber Sie waren doch noch Teilhaber der Firma, als Sie diesen Koffer aus dem Safe nahmen?«

 

Mr. Finney dachte äußerst realistisch und praktisch. Ihm war ein bewiesener Betrug und Vertrauensbruch lieber als hundert angebliche Morde.

 

»Nein, eigentlich nicht mehr — es war nämlich so — also hören Sie zu –« Julius sprach immer verworrener und zusammenhangloser. »Ich nahm ihn, weil ich meinem Freund Maber versprochen hatte, daß — ich ihn nehmen wollte. Das verstehen Sie doch?«

 

»Nein, das verstehe ich nicht«, erwiderte Inspektor Finney offen. »Hat Ihnen Mr. Maber gesagt, daß sich dieses blutbefleckte Hemd in dem Koffer befindet?«

 

»Nein«, gab Julius kleinlaut zu.

 

»Wurde der Koffer immer in dem Safe aufbewahrt?«

 

»Nein, das ist es ja gerade«, mischte sich jetzt Mr. Atterman eifrig ein. »Diese Storr hat doch den Koffer in dem Safe versteckt!«

 

Er trat einen Schritt zurück, um die Wirkung seiner Worte zu beobachten.

 

Sie war nicht sehr groß.

 

»Aha!« sagte der Detektiv nur und fuhr dann in seiner systematischen, gründlichen Art fort, der Sache auf den Grund zu gehen. »Hat Mr. Maber persönlich Sie beauftragt, den Koffer aus dem Safe zu nehmen?«

 

»Ja und nein«, entgegnete Julius und glaubte, eine geniale Antwort gegeben zu haben.

 

»Wußten Sie, daß der Koffer im Safe stand?«

 

»Ja.«

 

»Wußten Sie auch, daß Miß Storr ihn hineingestellt hatte?«

 

»Auch das wußte ich.«

 

»Und haben Sie ihn aus dem Safe genommen, nachdem Sie wußten, daß Miß Storr ihn hineingestellt hatte?«

 

»Ja, so ist es.« Julius atmete erleichtert auf, denn er dachte, der Inspektor wäre endlich vernünftig geworden und würde die Sache vom rein menschlichen Standpunkt aus betrachten.

 

»Schön. Jetzt möchte ich noch wissen, wann Sie den Koffer herausgenommen haben.«

 

Julius sah Atterman an, und Atterman sah auf die Uhr.

 

»Es war gestern morgen, ungefähr um zwei.«

 

»Also in der Nacht?«

 

»Am Morgen«, wiederholte Julius, da das besser klang.

 

»Wie sind Sie denn ins Haus gekommen?«

 

»Durch den hinteren Eingang, den das Personal benützt.«

 

Finney notierte alles eifrig.

 

»Vermutlich haben Sie die Tür mit einem Paßschlüssel geöffnet?«

 

Julius nickte.

 

»Den Sie als Teilhaber der Firma erhalten hatten?«

 

»Ganz richtig.«

 

»Waren Sie in dem Augenblick noch Partner der Firma, als Sie den Paßschlüssel benützten, den Safe öffneten und den Koffer herausnahmen?«

 

»Nein«, gestand Julius. »Aber um Himmelswillen, das hat doch mit dem Mord nichts zu tun. Kommen Sie doch zur Sache zurück!«

 

»Das werde ich sofort tun. Es handelt sich im Moment um Folgendes, meine Herren. Ein Polizist meldete, daß er gestern morgen um zwei einen Mann verfolgte, der aus einem Fenster der Firma Maber sprang. Leider hat er ihn aus den Augen verloren. Ich habe also eben von Ihnen gehört, wie Sie in das Haus gekommen sind. Nun möchte ich noch wissen, wie Sie wieder herausgekommen sind.«

 

»Durch ein Fenster«, rief Julius verzweifelt. Im Hintergrund sah er schon das Gefängnistor, das sich langsam für ihn öffnete. »Sie müssen noch verschiedenes über Mr. Maber erfahren«, sagte er hastig, um das Gespräch endlich auf ein anderes Thema zu bringen. »Er war ein sehr freundlicher, gutherziger Mann, aber er stand vollkommen unter dem Einfluß von Frauen. Dieses Mädchen –«

 

»Das gehört im Augenblick nicht hierher«, entgegnete der Inspektor scharf. »Sind Sie aus dem Fenster gesprungen oder nicht?«

 

»Ich habe ja schon gesagt, daß ich aus dem Fenster gesprungen bin!«

 

»Wurden Sie von der Polizei verfolgt?«

 

»Ja.«

 

»Dann kommen Sie jetzt bitte mit mir zur Polizeistation«, forderte Mr. Finney Julius unerwartet auf.

 

Wie im Traum ging Mr. Colesberg an der Seite des Beamten eine dunkle, enge Straße entlang, bis sie zu einem düsteren Gebäude kamen, vor dessen Eingang eine große, blaue Lampe hing. Dort wurde er verhört und unter dem Verdacht festgenommen, in der Zeit zwischen zwei und vier Uhr morgens am vergangenen Tage in das Geschäftshaus der Firma Maber & Maber eingebrochen zu sein. Ferner wurde ihm zur Last gelegt, daß er den Polizisten Thomas Wellbeloved in Ausübung seiner Pflicht angegriffen habe.

 

Mr. Atterman war Julius atemlos zur Polizeistation gefolgt, und nachdem er dies alles gehört hatte, nahm er den letzten Mut zusammen und sagte seine Meinung.

 

»Sie haben sich ja noch gar nicht um die beiden Morde gekümmert«, erklärte er mit tiefer, vorwurfsvoller Stimme, die ihm selbst ganz fremd klang.

 

»Darauf wollen wir jetzt gleich näher eingehen«, erwiderte der Inspektor. »Vielleicht begleiten Sie uns ein wenig?«

 

»Nein, herzlichen Dank«, entgegnete Mr. Atterman hastig. »Sie wissen ja, wo Sie mich finden können — ich bin Mr. Atterman, Chef der Firma Atterman Brothers.«

 

»Ich weiß ganz genau, wer Sie sind.«

 

Die Stimme des Inspektors klang drohend, und Mr. Atterman fuhr schaudernd zusammen.