Roman

Die Zeit der Dampferwettfahrten.

Die Zeit der Dampferwettfahrten.

Es war allgemein üblich, daß die Dampfer New-Orleans zwischen vier und fünf Uhr nachmittags verließen. Von drei Uhr an wurden sie zum Zeichen der Vorbereitung mit Harz und Fichtenholz geheizt, und so hatte man das malerische Schauspiel einer zwei bis drei englische Meilen langen Reihe von hohen kohlschwarzen Rauchsäulen, die ein schwarzes Dach desselben dichten Rauches trugen, das sich weit über die Stadt hin ausbreitete. Auf jedem abfahrenden Boot wehte die Flagge an der Gaffel und manchmal eine zweite über dem Heck. Die Steuerleute kommandierten und fluchten mit mehr als gewöhnlichem Nachdruck; zahllose Züge von Fässern und Kisten mit Fracht rollten über den Hafendamm und die Laufplanken an Bord; verspätete Passagiere schlüpften und hüpften dazwischen umher, in der unsicheren Hoffnung, die vordere Fallreepstreppe lebend zu erreichen, Frauen mit Reisetaschen und Handköfferchen suchten ihren mit Reisesäcken und weinenden Kindern bepackten Gatten an der Seite zu bleiben, meist vergebens, da sie in dem Wirrwarr und Getümmel gewöhnlich den Kopf verloren; Karren und Gepäckwagen rasselten in wilder Hast hierhin und dorthin und verfuhren sich zuweilen ineinander, worauf man dann zehn Sekunden lang vor lauter Flüchen nichts deutlich sehen konnte; alle bei den Luken stehenden Dampfwinden, von einem Ende der langen Dampferreihe zum andren, unterhielten fortwährend ein betäubendes Rasseln und Schwirren, während sie die Ladung in den Schiffsraum hinabließen; die halbnackten, schwitzenden Neger, welche an der Ladung arbeiteten, brüllten Lieder wie ›Der letzte Sack! Der letzte Sack!‹ voll Begeisterung und Entzücken über das Chaos von Lärm und Verwirrung, das alle anderen Menschen zum Rasen brachte. Mittlerweile wimmelte es auf dem Sturm- und Kesseldeck von Passagieren. Dann wurden die letzten Glockenzeichen auf der ganzen Linie gegeben, und nun schien der Trubel sich zu verdoppeln; ein paar Augenblicke später erfolgte das letzte Signal, ein gleichzeitiges Getöse chinesischer Gongs mit dem Schrei: »Wer nicht mitfahrt, wird gebeten, ans Ufer zu gehen!« – und siehe da, der Trubel vervierfachte sich! Die Leute strömten in Schwärmen ans Land, wobei sie andre Scharen erregter Nachzügler, die noch an Bord wollten, über den Haufen rannten. Einen Augenblick später wurde eine lange Reihe von Laufplanken eingeholt, jede mit dem obligaten letzten Passagier, welcher sich an deren Ende mit den Zähnen, Nägeln und allem möglichen festhielt, und dem obligaten letzten Zauderer, der einen verzweifelten Sprung über den Kopf des Nachzüglers hinweg ans Land machte.

Nun gleitet eine Anzahl der Dampfer rückwärts in den Strom hinaus und läßt weite Lücken in der dichten Reihe zurück. Auf den Verdecken der liegenbleibenden Schiffe sammeln sich die Bewohner der Stadt an, um das Schauspiel zu betrachten. Ein Dampfer nach dem andern wendet sich stromaufwärts, nimmt all seine Kraft zusammen und fliegt dann unter vollstem Dampf mit wehenden Flaggen und emporwirbelnden schwarzen Rauchwolken vorbei. Die ganze Mannschaft, Heizer und Matrosen (gewöhnlich braunschwarze Neger) sind auf der Back versammelt, wo die beste ›Stimme‹ aus der ganzen Schar hoch über allen auf dem Gangspill thront, einen Hut oder eine Flagge schwingt, und alle einen mächtigen Chor brüllen. Die Salutschüsse knallen und die vielköpfige Zuschauerschaft schwenkt die Hüte und schreit Hurra! Dampfer auf Dampfer schließt sich an die Linie an, und die stattliche Prozession steuert wie im Fluge stromaufwärts.

So oft in den alten Zeiten zwei schnelle Boote unter den Blicken einer ungeheuren Zuschauermenge eine Wettfahrt begannen, war es köstlich, die Mannschaften singen zu hören, besonders bei Anbruch der Nacht, wenn die Back von dem düsterroten Glanz der Fackeln beleuchtet war. Das Wettfahren war ein königlicher Spaß. Das Publikum war stets der Meinung, daß das Wettfahren gefährlich wäre, während just das Gegenteil der Fall war – d. h. nach dem Erlaß der Gesetze, wonach jedes Dampfboot auf einen gewissen Dampfdruck pro Quadratzoll beschränkt wurde. Kein Maschinenmeister war je schläfrig oder nachlässig, wenn Herz und Seele an einer Wettfahrt beteiligt waren; sondern er paßte fortwährend scharf auf, versuchte die Ventilhähne und wachte über alles. Gefährlich war es nur auf langsamen, schwerfälligen Booten, auf denen die Maschinisten schläfrig umhergingen und Holzspäne in die Saugrohre geraten ließen, wo sie den Kesseln die Wasserzufuhr abschnitten.

In den Blütezeiten der Dampfbootfahrt war eine Wettfahrt zwischen zwei anerkannt schnellen Dampfern ein Ereignis von ungemeiner Wichtigkeit. Die Zeit wurde schon mehrere Wochen vorher festgesetzt, und von da an war das ganze ungeheuere Mississippithal im Zustand der höchsten Erregung. Politik und Wetter wurden fallen gelassen, und man sprach nur noch von der bevorstehenden Wettfahrt. Wenn die Zeit herankam, takelten die beiden Dampfer ab und machten sich bereit. Jedes Hindernis, das die Last vermehrte oder dem Wind und Wasser eine Widerstand leistende Fläche darbot, wurde entfernt, wenn das Boot es irgendwie entbehren konnte. Als die ›Eclipse‹ und der ›A. L. Shotwell‹ vor vielen Jahren ihre große Wettfahrt machten, soll man sich, wie erzählt wird, sogar die Mühe gegeben haben, die Vergoldung von der phantastischen Verzierung zwischen den Schornsteinen der ›Eclipse‹ abzukratzen und der Kapitän für jene Fahrt seine Glacéhandschuhe nicht getragen haben und sich den Bart haben abnehmen lassen. Ich setzte diesen Gerüchten allerdings stets Zweifel entgegen.

Wußte man, daß das Boot am schnellsten lief, wenn es vorn fünfeinhalb und hinten fünf Fuß tief ging, so wurde es genau bis zu diesem Tiefgang beladen – und dann würde es nicht einmal eine Dosis homöopathischer Pillen mehr mitgenommen haben. Passagiere nahm man nur ausnahmsweise mit, weil sie nicht nur die Last vermehrten, sondern auch das Boot im richtigen Gleichgewicht hinderten. Sie liefen stets nach derjenigen Seite, wo es etwas zu sehen gab, während ein gewissenhafter und erfahrener Dampfbootmann stets in der Mitte des Bootes zu bleiben und seine Haare genau in der Mitte zu scheiteln pflegte. Frachtgüter und Passagiere nach Zwischenstationen wurden überhaupt nicht angenommen, weil die Schiffe nur bei den größten Städten anlegten und auch dann hieß es nur »kommen und wieder gehen«. Die Flachboote mit Kohlen und Holz wurden im voraus bestellt und bereit gehalten, um im Handumdrehen an die vorbeifliegenden Dampfer angehängt zu werden; auch führten die Dampfer doppelte Mannschaft, damit alle Arbeit rasch von statten ging.

Wenn der bestimmte Tag gekommen und alles in Bereitschaft war, dampften die zwei großen Dampfer rückwärts auf den Strom hinaus, lagen dort schaukelnd einen Augenblick still und beobachteten scheinbar wie fühlende Wesen gegenseitig die geringsten Bewegungen; jetzt wird die Flagge gesenkt, der abgesperrte Dampf zischt durch die Sicherheitsventile, der schwarze Rauch rollt und wälzt sich aus den Schloten und verdunkelt die ganze Atmosphäre. Menschen, Menschen überall; die Ufer, die Hausdächer, die Dampfboote, alle Schiffe sind dicht besetzt, und es ist zu erwarten, daß die Ufer des breiten Mississippi zwölfhundert Meilen weit nordwärts von Zuschauern eingesäumt sein werden, welche diese Renner bewillkommnen wollen.

Bald darauf entweichen hohe Dampfsäulen aus den Abströmungsröhren beider Dampfer, zwei Kanonen donnern ein Lebewohl, zwei Helden in roten Hemden schwingen vom Gangspill herab ihre kleinen Flaggen über der auf der Back versammelten Mannschaft, zwei empfindungsvolle Solos zögern einige Sekunden in der Luft, zwei mächtige Chöre stimmen ein – und da kommen sie! Blechmusikchöre schmettern das ›Heil Columbia‹, Hurra auf Hurra donnert von den Ufern her, und die stattlichen Fahrzeuge pfeifen vorbei wie der Wind.

Die rennenden Dampfer halten zwischen New-Orleans und St. Louis nur in großen Städten auf einige Sekunden an, oder um ein paar Boote mit je dreißig Klafter Holz längsseite zu nehmen. Das muß man sehen, wie sie diese Fahrzeuge ins Schlepptau nehmen und auf jedes einen Schwarm Mannschaft schicken; wenn man sich die Augengläser abgewischt und wieder aufgesetzt hat, wird man sich wundern, was aus dem Holze geworden ist.

Zwei Dampfer, die einander ziemlich gewachsen sind, behalten einander Tag für Tag in Sicht; sie könnten immer Seite an Seite bleiben, allein da nicht alle Lotsen gleich sind, so müssen die gewandtesten den Sieg erringen. Wenn einer der Dampfer einen ›Blitzlotsen‹ hat, dessen ›Kollege‹ ihm nur ein bißchen nachsteht, so vermag man zu sagen, welcher von ihnen auf Wache ist, indem man beobachtet, ob das Boot während jeder vierstündigen Frist einen Vorsprung gewonnen hat oder zurückgeblieben ist. Der klügste Lotse kann einen Dampfer aufhalten, wenn er kein ausgesprochenes Talent zum Steuern hat. Das Steuern ist eine sehr große Kunst; man darf das Ruder nicht quer hinter dem Steven des Bootes schleppen lassen, wenn man rasch stromaufwärts fahren will.

Die Boote sind natürlich sehr verschieden. Ich war eine Zeit lang auf einem Boot, das so langsam fuhr, daß wir gewöhnlich vergaßen, in welchem Jahr wir den Hafen verlassen hatten. Aber das geschah natürlich nur selten. Fährboote verloren zuweilen einträgliche Fahrten, weil ihre Passagiere alt wurden und starben, während sie auf unsere Ankunft warteten. Das kam indessen noch seltener vor. Ich hatte die darauf bezüglichen Urkunden in Händen, habe sie aber leider verlegt. Dieser Dampfer, der ›John J. Roe‹, war so langsam, daß es, als er schließlich in Madrid Bend sank, fünf Jahre dauerte, bis die Eigentümer davon erfuhren. Dies war für mich stets eine verblüffende Thatsache, doch ist sie aktenmäßig festgestellt. Er war entsetzlich langsam; doch hatten wir oft recht aufregende Zeiten, wenn wir mit Inseln, Flößen und dergleichen Dingen um die Wette fuhren. Einmal aber ging es ziemlich rasch von statten: wir brauchten nur 16 Tage nach St. Louis; aber selbst bei dieser erstaunlichen Geschwindigkeit wechselten wir in der geraden 5 Meilen langen Strecke bei Fort Adams dreimal die Wache. Auf solchen geraden Strecken ist die Strömung natürlich sehr lebhaft.

Auf dieser Reise fuhren wir in vier Tagen von New-Orleans nach Grand Gulf (340 engl. Meilen); die ›Eclipse‹ und der ›Shotwell‹ brauchten einen Tag. Bei der Durchfahrt 63 waren wir neun, jene beiden Schiffe zwei Tage unterwegs. Vor etwas mehr als einem Menschenalter (1844) fuhr das Dampfboot ›J. M. White‹ eine gewisse Strecke in 3 Tagen, 6 Stunden und 44 Minuten; 1853 machte die ›Eclipse‹ dieselbe Fahrt in 3 Tagen, 3 Stunden und 20 Minuten (andere sagen in 3 Tagen, 4 Stunden, 36 Minuten). Der ›R. E. Lee‹ brauchte im Jahre 1870 3 Tage und 1 Stunde. Dies soll die schnellste Fahrt sein, die je gemacht worden ist. Ich werde aber zu beweisen suchen, daß sie es nicht war. Die Entfernung zwischen New-Orleans und Kairo war nämlich 1106 engl. Meilen, als der ›J. M. White‹ seine Fahrt machte, die mittlere Geschwindigkeit also etwas über 14 Meilen in der Stunde. Zur Zeit der Fahrt der ›Eclipse‹ hatte sich die Entfernung auf 1080 Meilen verringert, folglich war die mittlere Geschwindigkeit einen Schatten unter 14 3/8 Meilen in der Stunde. Zur Zeit der Fahrt des ›R. E. Lee‹ betrug die Entfernung nur noch 1030 Meilen, folglich war dessen mittlere Geschwindigkeit etwa 14 1/8 Meilen per Stunde. Man sieht also, daß die Fahrt der ›Eclipse‹ die schnellste war, die je gemacht wurde.

Abkürzungen des Stromlaufs. – Stephen. –

Abkürzungen des Stromlaufs. – Stephen. –

Die vorstehenden trockenen Einzelheiten sind in einer Beziehung von Wichtigkeit; sie geben mir Gelegenheit, eine der sonderbarsten Eigenheiten des Mississippi zu besprechen – die, daß seine Länge von Zeit zu Zeit abnimmt. Wenn man eine lange, geringelte Apfelschale in die Luft wirft, so wird sie sich so ziemlich wie eine Strecke des Mississippi gestalten, d. h. wie die neunhundert bis tausend Meilen, die sich von Kairo im Staate Illinois südwärts bis New-Orleans erstrecken; dieser Teil des Stromes ist wunderbar gekrümmt und hat nur hie und da und in weiten Zwischenräumen kurze gerade Strecken. Die zweihundert Meilen lange Strecke von Kairo nordwärts bis St. Louis dagegen ist keineswegs so gekrümmt, da dort felsiges Land ist, in welches der Strom nicht viel einschneiden kann.

Das Wasser höhlt die angeschwemmten Ufer des ›unteren‹ Stromes zu tiefen hufeisenförmigen Kurven aus – so tief, daß, wenn man an manchen Stellen an einem äußersten Ende des Hufeisens ans Ufer gehen und die ein Viertelstündchen breite Landzunge überschreiten würde, man sich niedersetzen und ein paar Stunden ausruhen könnte, während der Dampfer mit einer Geschwindigkeit von zehn Meilen in der Stunde um den langen Ellenbogen fährt. Wenn der Strom rasch anschwillt, braucht ein Spitzbube, dessen Pflanzung vom Ufer entfernt liegt und deshalb von geringem Wert ist, nur die günstige Gelegenheit abzupassen, in einer dunkeln Nacht eine kleine Rinne über den schmälsten Teil der Landzunge zu graben und das Wasser in diese zu leiten, und in überraschend kurzer Zeit hat sich ein Wunder ereignet: der ganze Mississippi hat jenen kleinen Graben in Besitz genommen und die Pflanzung jenes Spitzbuben an das Ufer versetzt und so deren Wert vervierfacht, während die früher wertvolle Pflanzung des andern jetzt weit draußen auf einer großen Insel liegt. Der alte sie umspülende Wasserlauf wird bald versanden, Boote können nicht mehr an sie herankommen und die Pflanzung sinkt auf den vierten Teil ihres vorigen Wertes herab. Auf jenen schmalen Landzungen wird daher, wenn es notwendig erscheint, scharfe Wache gehalten; und wenn etwa einer beim Ziehen eines Grabens betroffen werden sollte, so ist alle Aussicht vorhanden, daß er niemals eine zweite Gelegenheit dazu finden wird.

Und nun beobachte man einige der Folgen dieses Geschäfts. Port Hudson gegenüber befand sich einst eine Landzunge, die an der schmalsten Stelle nur eine halbe englische Meile breit war. Man konnte in fünfzehn Minuten hinübergehen; wenn man aber die Reise um das Kap auf dem Fluß machte, hatte der Weg eine Länge von fünfunddreißig Meilen. Im Jahre 1722 stürzte der Strom durch den Hals jener Landzunge, verließ sein altes Bett und verkürzte sich so um fünfunddreißig Meilen; in derselben Weise verkürzte er sich 1699 bei Black Hawk Point um fünfundzwanzig Meilen. Ein Durchstich unterhalb Red River Landing vor etwa vierzig oder fünfzig Jahren verkürzte den Strom um achtundzwanzig Meilen. Wenn man heutzutage vom südlichsten dieser drei Durchstiche zum nördlichsten fährt, hat man einen Weg von siebzig Meilen; vor hundertsechsundsiebzig Jahren war der Weg hundertachtundfünfzig Meilen lang – eine Verkürzung von achtundachtzig Meilen auf jene unbedeutende Entfernung. Zu irgend einer vergessenen Zeit wurden Durchstiche gemacht bei Vidalia, in Louisiana, bei den Inseln 92 und 84 und bei Hales Point; dieselben verkürzten den Strom im ganzen um siebenundsiebzig Meilen.

Seit der Zeit, die ich auf dem Mississippi zugebracht habe, sind ferner bei Hurricane Island, bei der Insel 100, bei Napoleon in Arkansas, bei Walnut Bend und bei Council Bend Durchstiche vorgenommen worden, die den Strom insgesamt um siebenundsechzig Meilen verkürzt haben, während zu meiner Zeit noch eine Verkürzung bei American Bend um mindestens zehn Meilen vorgenommen wurde.

Der Mississippi war also vor hundertsechsundsiebzig Jahren zwischen Kairo und New-Orleans zwölfhundertfünfzehn, nach dem Durchstich von 1722 elfhundertachtzig, nach demjenigen bei American Bend eintausendundvierzig Meilen lang; seitdem hat er sich um siebenundsechzig Meilen verkürzt, so daß er also jetzt neunhundertdreiundsiebzig Meilen lang ist.

Wenn ich es nun machen wollte wie jene gewichtigen Gelehrten und nach dem, was in jüngster Zeit geschah, zu beweisen anfangen wollte, was in der fernen Vergangenheit sich ereignet hat oder in der fernen Zukunft geschehen wird, so hätte ich hier die günstigste Gelegenheit! Die Geologie hat nie eine solche Chance, noch so genaue Daten gehabt, auf die sie bauen konnte, und ebensowenig die ›Entwicklung der Arten‹! Die Eiszeiten sind etwas Großes, aber vag – sehr vag. Man beachte gefälligst:

Im Laufe von 176 Jahren hat sich der untere Mississippi um 242 Meilen verkürzt – also im Durchschnitt um etwas mehr als 1 1/3 Meilen jährlich. Es kann also jedermann, der nicht blind oder blödsinnig ist, genau erkennen, daß in der alten oolithischen silurianischen Periode (nächsten November werden’s gerade eine Million Jahre) der untere Mississippi über 1 300 000 Meilen lang war und wie eine Angelrute über den Golf von Mexiko hinausragte; und aus demselben Grund kann jeder vernünftige Mensch sehen, daß der untere Mississippi heute über 742 Jahre nur noch 1 3/4 Meilen lang sein, die Straßen von Kairo und New-Orleans aneinanderstoßen und die beiden Städte unter einem Bürgermeister und gemeinsamen Stadtrat weiter arbeiten werden. Es ist etwas Bezauberndes um die Wissenschaft: man erhält so bedeutende Zinsen an Mutmaßungen für eine so geringe Kapitalsanlage an Thatsachen.

Wenn das Wasser durch einen der erwähnten Gräben zu fließen beginnt, ist es Zeit, daß die Leute in der Umgebung weiterziehen. Das Wasser schneidet die Ufer wie ein Messer hinweg. Sobald der Graben erst zwölf oder fünfzehn Fuß breit ist, ist das Unheil so gut wie vollendet, denn keine Gewalt auf Erden kann ihm jetzt Einhalt thun. Hat die Breite etwa dreihundert Fuß erreicht, so beginnen sich die Ufer in Stücken von der Größe eines halben ›Morgen‹ abzuschälen. Die Strömung um die Biegung betrug früher nur fünf Meilen stündlich; jetzt hat sie durch die Kürzung der Entfernung schrecklich zugenommen. Ich war an Bord des ersten Dampfboots, das den Durchstich bei American Bend zu passieren versuchte; aber wir kamen nicht hindurch. Es war gegen Mitternacht, und eine sehr stürmische Nacht dazu – Donner, Blitz und heftige Regengüsse. Wir schätzten die Geschwindigkeit der Strömung in diesem Durchstich auf fünfzehn bis zwanzig Meilen stündlich; mehr als zwölf oder dreizehn Meilen konnte aber das beste Boot selbst bei günstigstem Wasser nicht machen, und es war daher vielleicht thöricht, die Durchfahrt überhaupt zu versuchen; Herr Brown war aber ehrgeizig und setzte die Versuche fort. Die Gegenströmung längs des Ufers unterhalb der Landspitze war fast ebenso stark wie die Strömung draußen auf der Mitte; wir flogen daher am Ufer hinauf wie ein Blitzzug, sammelten allen Dampf an und hofften, über die bei der Landspitze einbrechende Hauptströmung hinauszukommen. Aber alle unsere Anstrengungen waren nutzlos: sobald die Strömung uns traf, drehte sie uns herum wie einen Kreisel, das Wasser überflutete das Vordeck, und das Boot legte sich so stark auf die Seite, daß man sich kaum auf den Füßen halten konnte. Im nächsten Augenblick waren wir unten im Fluß und mühten uns aus allen Kräften, nicht in die Wälder zu geraten. Wir wiederholten den Versuch viermal. Ich stand auf der Treppe zur Back, um zu beobachten, und es war erstaunlich zu sehen, wie plötzlich das Boot herumwirbelte und sich wendete, sobald es aus der Gegenströmung kam und der Hauptstrom den Bug traf. Die Erschütterung und das Zittern war fast so stark, als wenn wir mit vollem Dampf auf eine Sandbank gelaufen wären. Beim Licht der Blitze konnte man erkennen, wie die Farmhütten und das gute Ackerland in den Strom purzelten; das dadurch verursachte Krachen war gar kein übler Versuch zum Donnern. Als wir einmal herumwirbelten, hätten wir beinahe ein Haus mitgenommen, durch dessen Fenster ein Licht schien und das gleich darauf in den Strom fiel. Niemand konnte bei uns auf der Back bleiben; das Wasser fegte in Fluten darüber, so oft wir quer in die Strömung gerieten. Nach unserem vierten Versuch kamen wir im Walde zwei Meilen unter dem Durchstich zum Stillstand; das ganze Land war dort natürlich überschwemmt. Ein paar Tage später war der Durchstich dreiviertel Meilen weit, die Dampfboote fuhren jetzt ohne besondere Schwierigkeit hindurch und ersparten so zehn Meilen Weges.

Der alte Raccourci-Durchbruch verminderte die Stromlänge um achtundzwanzig Meilen. Mit demselben war eine Tradition verknüpft. Man erzählte nämlich, daß ein Dampfboot des Nachts hier entlang kam und wie gewöhnlich den riesigen Ellenbogen umfuhr, da die Lotsen vom Durchbruch noch nichts wußten. Es war eine gräßliche, abscheuliche Nacht, und alle Umrisse waren verschwommen und verschoben. Die alte Biegung war schon viel seichter geworden; das Boot begann geheimnisvollen Riffen auszuweichen und hie und da auch auf ein solches aufzustoßen. Die verblüfften Lotsen fingen an zu fluchen und brachen schließlich in den ganz unnötigen Wunsch aus, nie mehr aus dieser Stelle herauszukommen. Wie das in solchen Fällen stets geschieht, wurde gerade dieses Gebet erhört, alle andern aber nicht; und so steuert denn jener gespenstische Dampfer noch immer in der verlassenen Strombiegung umher, um den Ausweg aus derselben zu suchen. Mehr als ein bedächtiger Schiffswächter hat mir geschworen, daß er in regnerischen, abscheulichen Nächten, wenn das Boot das obere Ende der Insel passierte, voll Furcht auf den einstigen Flußarm hinabgeblickt, und dann den schwachen Glanz der Lichter jenes gespenstischen Dampfers, der ferne in der Finsternis dahintrieb, gesehen und den dumpfen Ton der Dampfröhren und die klagenden Rufe der Loter gehört habe.

Beim Mangel an weiteren statistischen Thatsachen will ich dieses Kapitel mit noch einer Erinnerung an ›Stephen‹ schließen.

Die meisten Kapitäne und Lotsen waren im Besitz von Schuldverschreibungen, welche Stephen für ihm geliehene Gelder ausgestellt hatte, und die auf Summen von zweihundertfünfzig Dollars und mehr lauteten. Stephen löste niemals diese Schuldverschreibungen ein, versäumte aber nie, sie alle zwölf Monate zu erneuern.

Selbstverständlich kam schließlich die Zeit, wo Stephen von seinen alten Gläubigern nichts mehr borgen konnte, so daß er auf neue Ankömmlinge warten mußte, die ihn noch nicht kannten. Ein solches Opfer war ein gutherziger, einfacher, junger Mann, Namens Yates – der Name ist fingiert, doch fing der wirkliche Name ebenfalls mit Y an. – Der junge Yates war Lotse geworden und hatte eine Stelle erhalten; als er sich am Ende des Monats zum Bureau begab und seine zweihundertundfünfzig Dollars in nagelneuen Scheinen in Empfang nahm, war Stephen dort! Mit silberglatter Stimme begann er zu schmeicheln, und nach einer kleinen Weile hatten Yates‘ zweihundertundfünfzig Dollars den Eigentümer gewechselt. Das Geschehene wurde bald im Hauptquartier der Lotsen bekannt, zur großen Heiterkeit und zur allgemeinen Befriedigung der alten Gläubiger. Der unschuldige Yates argwöhnte indessen durchaus nicht, daß das Versprechen Stephens, in acht Tagen prompt zu bezahlen, durchaus wertlos sei. Zur festgesetzten Zeit forderte Yates sein Geld, allein Stephen beschwichtigte ihn mit süßen Worten und erhielt eine Woche Aufschub. Wieder verlangte Yates der Verabredung gemäß sein Geld, und wieder mußte er sich mit überzuckerten Worten begnügen und einen weiteren Aufschub bewilligen. In derselben Weise ging es weiter. Yates suchte Stephen eine Woche nach der andern auf, aber ohne Erfolg, und gab es schließlich auf. Aber nun kehrte Stephen den Stiel um und begann Yates überall nachzulaufen; wo immer Yates erschien, war auch der unvermeidliche Stephen und nicht nur das, sondern er strahlte auch von Liebe und floß von Entschuldigungen über, daß er nicht zu zahlen imstande sei. Nicht lange nachher drehte der arme Yates, wenn er jenen kommen sah, sich um, ergriff die Flucht und schleppte auch seine Gefährten mit, wenn er deren bei sich hatte. Es half ihm aber nichts, sein Schuldner holte ihn ein und hielt ihn fest. Mit ausgebreiteten Armen und funkelnden Augen kam Stephen schnaufend und mit gerötetem Gesicht herbei, unterbrach die Unterhaltung, schüttelte die Hände des armen Yates dermaßen, daß ihm die Arme fast aus dem Gelenke gingen, und begann dann etwa:

»Meiner Seele, wie habe ich laufen müssen! Ich sah, daß du mich nicht bemerkt hast, und da habe ich denn vollen Dampf gegeben, um dich ja nicht zu verfehlen. Da bist du ja! da, nun bleibe stehen und laß dich ansehen! Immer noch die alten edlen Züge.« (Zu dem Gefährten Yates‘:) »Sieh ihn dir einmal an, sieh ihn an! Ein Vergnügen, ihn anzusehen, nicht wahr? Ist er nicht das Bild von einem Staatskerl? Ach was, – ›Bild‹ ist viel zu gering: es müßte heißen Panorama! Das ist er, ein vollständiges Panorama. Ah, da fällt mir etwas ein! (Zu Yates gewendet) Wie gern hätte ich dich vor einer Stunde getroffen! Vierundzwanzig Stunden lang habe ich die zweihundertundfünfzig Dollars für dich aufbewahrt; habe dich überall gesucht. Ich habe bei Planten von gestern abend 6 Uhr bis heute morgen 2 Uhr gewartet, ohne zu schlafen oder etwas zu genießen; meine Frau sagte: ›Wo bist du die ganze Nacht gewesen?‹ – ›Ja,‹ sage ich, ›diese Schuld liegt mir schwer auf dem Gewissen.‹ – ›In meinem ganzen Leben‹ – sagt sie – ›habe ich keinen Menschen gesehen, der sich eine Schuld so sehr zu Herzen nimmt, wie du‹ – ›Das ist meine Natur‹ – sage ich – ›kann ich sie ändern?‹ – ›Nun‹ – sagt sie – ›gehe zu Bett und ruhe ein wenig.‹ – ›Nicht eher‹ – sage ich – ›als bis dieser arme edle junge Mann sein Geld hat.‹ Und so blieb ich denn die ganze Nacht auf und heute morgen eilte ich wieder hinaus, und der erste, den ich traf, erzählte mir, du hättest dich auf dem ›Großtürken‹ verheuert und seist nach New-Orleans gefahren. Wie ich das hörte, mußte ich mich an einem Hause halten und weinen. Helf mir der Himmel, ich konnte nicht anders. Der Mann, dem das Haus gehörte, kam heraus und mußte den Platz mit einem Lappen aufwischen; er sagte er hätte es nicht gern, wenn die Leute sein Hans beweinten. Es war mir zu Mute, als hätte die ganze Welt sich gegen mich verschworen; und als ich dann vor einer Stunde in einer Pein, die kein Mensch zu begreifen vermag, weiter ging, begegnete ich zufällig Jim Wilson und gab ihm die zweihundertfünfzig Dollars als Abschlagszahlung. Und nun muß ich dich hier finden und habe keinen Cent mehr! Aber so gewiß, wie ich hier auf dieser Stelle und auf dem Stein stehe – da, ich habe auf dem Stein ein Zeichen eingekratzt, um mich seiner zu erinnern – will ich mir das Geld leihen und es dir morgen mittag Punkt 12 Uhr zurückzahlen! Nun, lieber Yates, steh‘ still und laß mich dich noch einmal ansehen!«

Auf diese Weise ging es weiter. Yates wurde das Leben zur Last; er konnte seinem Schuldner und dessen schrecklichem Jammer, daß er nicht zu bezahlen imstande sei, nicht entgehen. Er mochte sich nicht mehr auf der Straße sehen lassen, weil er fürchtete, daß Stephen an der Ecke auf der Lauer liege.

Damals war der Billardsalon von Bogart ein beliebter Aufenthalt der Lotsen, die dort gewöhnlich zusammen kamen, weniger um zu spielen, als um die Neuigkeiten vom Flusse auszutauschen. Eines Morgens war Yates dort; auch Stephen war anwesend, hielt sich aber außer Sicht. Als aber bald darauf alle Lotsen, welche sich in der Stadt befanden, erschienen waren, trat er plötzlich in ihre Mitte und stürzte auf Yates wie auf einen lange verlorenen Bruder zu.

»O, wie freue ich mich, dich zu sehen! Meiner Seele, dein Anblick ist ein Trost für meine Augen! Meine Herren, ich schulde euch allen Geld, zusammen wohl an vierzigtausend Dollars. Ich möchte sie bezahlen und beabsichtige sie auch zu bezahlen – bis auf den letzten Cent. Ihr alle wißt, ohne daß ich es zu sagen brauche, welchen Kummer es mir gemacht hat, daß ich solchen geduldigen und edelmütigen Freunden gegenüber so lange die großen Verpflichtungen habe; aber meine größte Pein – bei weitem meine größte Pein ist die Schuld, welche ich bei diesem edlen jungen Manne habe; und ich bin heute morgen eigens hierhergekommen, um euch mitzuteilen, daß ich endlich eine Methode gefunden habe, nach welcher ich alle meine Schulden bezahlen kann. Und ganz besonders lag mir daran, daß er hier sei, wenn ich diese Mitteilung machte. Ja, mein getreuer Freund, mein Wohlthäter, ich habe die Methode gefunden! Ich habe die Methode entdeckt, nach welcher ich alle meine Schulden bezahlen will, und du sollst auch zu deinem Gelde kommen!« In den Blicken Yates‘ dämmerte die Hoffnung auf; dann fuhr Stephen, mit wohlwollendem Lächeln und Yates die Hand aufs Haupt legend, fort: »Ich will sie alle in alphabetischer Reihenfolge bezahlen!«

Damit drehte er sich um und verschwand. Den verblüfften und nachsinnenden Lotsen wurde die volle Bedeutung der Stephenschen ›Methode‹ erst nach ein paar Minuten klar, worauf Yates mit einem Seufzer brummte:

»Nun, die Y’s haben eine prächtige Aussicht. In dieser Welt wird er nicht weiter als bis zu den C’s kommen.«

Meister Brown.

Meister Brown.

Während der zwei oder dritthalb Jahre meiner Lehrzeit diente ich unter verschiedenen Lotsen und wurde mit vielen Arten von Dampfbooten und Bootsmannschaften bekannt; denn es paßte Herrn Bixby nicht immer, mich bei sich zu haben, und in solchen Fällen schickte er mich mit einem andern Lotsen fort. Ich ziehe noch heutzutage einigen Nutzen aus jener Erfahrung; denn in jener kurzen, aber scharfen Schule wurde ich mit fast all den verschiedenen Typen der menschlichen Natur, die in Dichtung, Biographie oder Geschichte zu finden sind, persönlich und genau bekannt. Täglich drängt sich mir die Thatsache auf, daß es durchschnittlich voller vierzig Jahre bedürfen würde, um einen Menschen, der auf dem Lande lebt, mit dieser Art von Kenntnissen und Erfahrungen auszustatten. Wenn ich sage, ich ziehe noch jetzt Nutzen daraus, so meine ich damit nicht, daß es einen Menschenkenner aus mir gemacht hat – nein, das hat es nicht gethan; denn Menschenkenner werden geboren, nicht erzogen. Mein Gewinn ist von verschiedener Art, was ich aber am höchsten daran schätze, das ist die Würze, welche jene Jugenderfahrung in späteren Jahren meiner Lektüre verliehen hat. Wenn ich in Dichtung oder Biographie einen gut gezeichneten Charakter finde, nehme ich gewöhnlich warmen, persönlichen Anteil an ihm, weil ich ihn früher gekannt habe – ihm auf dem Mississippi begegnet bin.

Die Gestalt, welche am häufigsten aus den Schatten jener vergangenen Zeit vor mir auftaucht, ist diejenige Browns vom Dampfer ›Pennsylvania‹ – des schon in einem früheren Kapitel erwähnten Mannes mit dem guten und lästigen Gedächtnis. Er war ein Mann von mittlerem Alter mit einem Pferdegesicht, groß, mager, knochig, glattrasiert, ein unwissender, filziger, boshafter, mürrischer, tadelsüchtiger Tyrann, der aus jeder Mücke einen Elefanten machte. Es kam bald so weit, daß ich stets mit Furcht im Herzen auf Wache kam. Wie köstlich ich mich auch während der wachfreien Zeit drunten unterhalten hatte, wie prächtig gelaunt ich auch sein mochte, wenn ich hinaufging – sobald ich mich dem Steuerhause näherte, wurde mein Herz schwer wie Blei.

Ich erinnere mich noch, wie ich jenem Manne zum erstenmal entgegentrat. Das Boot hatte St. Louis verlassen und die Fahrt stromabwärts angetreten; ich stieg munter und fröhlich zum Steuerhaus hinan – sehr stolz, ein halbamtliches Mitglied der Arbeitsfamilie eines so schnellen und berühmten Dampfboots zu sein. Brown war am Steuerrad. Ich blieb in der Mitte des Raumes stehen, um meine Verbeugung zu machen, aber Brown sah sich nicht um. Ich meinte, er habe mir verstohlen einen flüchtigen Blick von der Seite zugeworfen; aber da nicht einmal diese Notiznahme sich wiederholte, glaubte ich mich getäuscht zu haben. Er steuerte mittlerweile in der Nähe der Holzhöfe behutsam durch einige gefährliche ›Brüche‹; es war also unpassend, ihn zu stören. Ich schritt daher leise zu der hohen Bank und setzte mich nieder.

Zehn Minuten lang herrschte Schweigen; dann drehte sich mein Prinzipal um und sah mich eine Viertelstunde lang, – wenigstens kam’s mir so lange vor – bedächtig und genau von Kopf zu Fuß an, worauf er mir den Rücken zukehrte. Nach einigen Sekunden wandte er sich mir wieder zu und begrüßte mich mit der Frage:

»Bist du Horace Bixbys Lehrling?«

»Ja, Sir.«

Es folgte eine Pause und eine zweite Musterung. Dann:

»Wie heißt du?«

Ich sagte ihm meinen Namen, und er sprach ihn mir nach. Es ist wahrscheinlich das einzige, was er je vergessen hat; denn obgleich ich mehrere Monate bei ihm war, redete er mich nie anders an als »He!«, worauf dann sein Befehl folgte.

»Wo bist du geboren?«

»Zu Florida in Missouri.«

Eine Pause. Dann:

»Verflixt, wärest auch besser dort geblieben!«

Mittels eines Dutzends ziemlich direkter Fragen pumpte er meine Familiengeschichte aus mir heraus. Die Lote waren jetzt in der ersten Kreuzung im Gang. Das unterbrach die Ausforschung. Als das Loten eingestellt war, begann er wieder:

»Wie lang bist du schon auf dem Fluß?«

Ich sagte es ihm. Nach einer Pause:

»Wo hast du die Schuhe gekauft?«

Ich gab ihm die verlangte Auskunft.

»Halte deinen Fuß in die Höhe!«

Ich that’s. Er trat einen Schritt zurück, musterte den Schuh eingehend und verächtlich, kratzte sich nachdenklich hinterm Ohr, schob seinen zuckerhutförmigen Hut weit nach vorn, um die Operation zu erleichtern, und rief dann aus: »Na, ich will verflixt sein!« und kehrte zu seinem Rad zurück.

Welcher Anlaß vorlag, deshalb verflixt zu sein, ist mir heute noch ebensosehr ein Geheimnis wie damals. Es muß ganze fünfzehn Minuten – fünfzehn Minuten dumpfen, wehmutvollen Schweigens – gewährt haben, bis jenes lange Pferdegesicht sich mir wieder zukehrte – und wie verändert! Es war feuerrot, und jede Muskel darin zuckte. Und nun kam der Schrei:

»He! Willst du den ganzen Tag so dasitzen?«

Ich sprang in die Mitte des Raumes, durch die plötzliche Überraschung wie elektrisch fortgeschnellt. Sobald ich wieder Herr meiner Stimme war, sagte ich mich entschuldigend: »Ich habe keine Befehle bekommen, Sir.«

»Du hast keine Befehle bekommen! Ei, was für ein feiner Vogel wir sind! Wir müssen Befehle haben! Unser Vater war ein Gentleman – hatte Sklaven – und wir sind auf der Schule gewesen! Ja, wir sind auch ein Gentleman und müssen Befehle haben! Befehle also – Befehle brauchst du! Gott verflix meine Haut, ich will dich lehren, dich aufzublasen und dich da herumzutreiben mit deinen verflixten Befehlen! Weg vom Rad!« (Ich hatte mich demselben genähert, ohne es selbst zu wissen.)

Ich trat ein paar Schritte zurück und stand da wie traumbefangen; alle meine Sinne waren betäubt von diesem wütenden Angriff.

»Was stehst du da herum? Trage den Eiskübel hinab zum Steward – rasch dabei, und bleibe nicht den ganzen Tag aus.«

Sobald ich wieder ins Steuerhaus kam, sagte Brown:

»He! Was hast du denn die ganze Zeit unten getrieben?«

»Ich konnte den Steward nicht finden und mußte bis zur Speisekammer gehen.«

»Verflixt wahrscheinliche Geschichte! Fülle den Ofen.«

Ich machte mich daran. Er beobachtete mich wie eine Katze und rief gleich darauf:

»Lege die Schaufel weg! Verflixtester Dummkopf, den ich je sah – hat nicht ‚mal Grütze genug, einen Ofen zu füllen.«

Und so ging es vier Stunden lang, bis zum Ende der Wache, weiter – ja, und die folgenden Wachen, eine Reihe von Monaten hindurch, glichen sehr dieser ersten. Wie ich schon gesagt habe, kam es bald dahin, daß ich stets mit Furcht die Wache antrat. Sobald ich in seiner Nähe war, konnte ich – selbst in der dunkelsten Nacht – fühlen, daß seine gelben Augen auf mir ruhten, und wußte, daß ihr Besitzer nur auf einen Vorwand wartete, um Gift auf mich auszuspeien. Zur Einleitung sagte er etwa:

»He! Nimm das Rad!«

Zwei Minuten später:

»Wo in aller Welt fährst du hin? Nieder mit dem Steuer! Nieder mit dem Steuer!«

Nach einer weitern Minute:

»Nun! Willst du denn den ganzen Tag das Rad so festhalten? Laß es fliegen. – Stütz‘ es! Stütz‘ es! Dann sprang er von der Bank herab, riß mir das Rad aus der Hand und stetigte den Lauf des Bootes selbst, fortwährend seinen Zorn über mich ausschüttend.

George Ritchie war der Lehrling des andern Lotsen. Er hatte jetzt gute Tage, denn sein ›Baas‹, George Ealer, war ebenso gutherzig, wie Brown boshaft war. Ritchie hatte in der Saison vorher für Brown gesteuert; folglich wußte er genau, wie er zu gleicher Zeit sich belustigen und mich quälen konnte. So oft ich auf Ealers Wache für einen Augenblick das Rad ergriff, setzte sich Ritchie auf die Bank und spielte Brown, indem er mich fortwährend mit Ausrufen quälte, wie: »Fang es! fang es! Verflixtester Gelbschnabel, den ich je sah!« »He! Wo willst du denn jetzt hin? Willst du jenen Baumstamm überrennen?« » Nieder mit dem Ruder! Hörst du nicht? Nieder mit dem Ruder!« »Da gehts hin! Just wie ich’s erwartete. Ich sagte dir doch, du solltest nicht dem Riff so nahe kommen! Weg vom Rad!«

Und so hatte ich stets eine böse Zeit, gleichviel wer auf Wache war! und manchmal schienen mir Ritchies gutmütige Neckereien fast ebenso unerträglich wie Browns bitterernste Quälereien.

Ich hätte zuweilen Brown vor Ärger umbringen mögen; aber das ging nicht an. Ein Lehrling mußte alles hinnehmen, was sein ›Baas‹ ihm an kräftigen Bemerkungen und Kritiken bot; und wir glaubten bestimmt, es gebe ein Gesetz, das eine schwere Strafe über jeden verhänge, der einen Lotsen im Dienst schlage oder bedrohe. Doch konnte ich mir ja einbilden, daß ich Brown tötete, dagegen gab es kein Gesetz; und das that ich denn auch immer, wenn ich im Bett war. Statt in Gedanken mich mit dem Strom zu beschäftigen, wie es meine Pflicht war, warf ich des Vergnügens wegen das Geschäft beiseite und tötete Brown. Monatelang tötete ich Brown allnächtlich; nicht auf alte, abgedroschene Weise, sondern auf neue und malerische – auf Weisen, die zuweilen wegen der Frische des Plans und der Schauerlichkeit der Lage und Umgebung überraschend waren.

Brown lauerte stets auf eine Gelegenheit zum Tadeln und wenn er keinen plausiblen Grund hatte, so erfand er einen. Er schalt mich, weil ich dicht am Ufer hinfuhr und weil ich nicht dicht am Ufer hinfuhr; weil ich nahe an einer Sandbank hinsteuerte und weil ich zu weit davon entfernt blieb; weil ich das Rad ungeheißen niederdrehte und weil ich es nicht ungeheißen that; weil ich ohne Befehle handelte und weil ich auf Befehle wartete. Mit einem Wort, es war unveränderliche Regel bei ihm, alles zu bemängeln, was ich that, und eine weitere Regel, alle seine Bemerkungen mir gegenüber in die Form einer Beleidigung zu kleiden.

Eines Tages näherten wir uns, stromabwärts steuernd und schwer beladen, Neu-Madrid. Brown stand auf der einen Seite des Rades und steuerte, ich auf der andern, bereit, dasselbe nieder- oder aufzudrehen. Er warf mir zuweilen einen verstohlenen Blick zu. Ich wußte schon lange, was das bedeutete – nämlich, daß er mir eine Falle zu stellen versuchte, und war nur neugierig, welche Gestalt dieselbe annehmen sollte. Nach einiger Zeit trat er vom Rad zurück und sagte in seiner gewohnten mürrischen Weise:

»He! – Sieh, ob du Grütze genug hast, das Boot herumzudrehen.«

Das mußte unbedingt ein Triumph für ihn werden; er hatte mich das Boot nie herumdrehen lassen, und so konnte er ausgiebig tadeln, wie ich es auch machen würde. Er stand hinter mir, sein gieriges Auge auf mich gerichtet, und das Resultat war wie vorauszusehen: ich verlor in ein paar Augenblicken den Kopf und wußte nicht mehr, was ich that. Ich begann zu früh mit dem Herumdrehen, entdeckte aber einen grünlichen Freudenschimmer in Browns Augen und verbesserte meinen Mißgriff; ich begann abermals, während wir noch zu weit oben waren, korrigierte mich aber noch zeitig genug; ich machte andere falsche Bewegungen, zog mich aber stets wieder aus der Verlegenheit. Schließlich aber wurde ich so verwirrt und ängstlich, daß ich in den allerschlimmsten Fehler verfiel – ich kam zu weit abwärts, ehe ich das Boot herumzuholen begann. Die Gelegenheit für Brown war gekommen.

Sein Gesicht wurde rot vor leidenschaftlicher Wut; er machte einen Satz, schleuderte mich mit einer Bewegung seines Armes vom Steuer weg, ließ das Rad rasch herumfliegen und begann einen Strom von Schmähungen über mich auszugießen, der anhielt, bis er außer Atem war. Im Laufe seiner Rede gab er mir alle Arten von Schimpfnamen, die er erdenken konnte, und einmal oder zweimal dachte ich, er würde sogar fluchen – aber er hatte das nie gethan und that es auch diesmal nicht. ›Ganz verflixt‹ war das Äußerste, was er in der Richtung gegen einen Fluch hin wagte, denn es war ihm ein heilsamer Respekt vor zukünftigem Feuer und Schwefel anerzogen worden.

Das war eine böse Stunde, denn auf dem Sturmdeck stand eine große Zuhörerschaft. Als ich in jener Nacht im Bette lag, tötete ich Brown auf siebzehn verschiedene Arten – alle neu.

Brown und ich tauschen Komplimente aus.

Brown und ich tauschen Komplimente aus.

Während der übernächsten Fahrt geriet ich in eine ernste Patsche. Brown steuerte; ich half ihm. Mein jüngerer, im Bureau angestellter Bruder erschien auf dem Sturmdeck und rief Brown zu, er solle bei einem Landungsplatz etwa eine Meile weiter abwärts anlegen. Brown gab durch kein Zeichen zu verstehen, daß er etwas gehört habe; aber das war so seine Art: er ließ sich nie herab, von einem Bureaubeamten Notiz zu nehmen. Es wehte ein starker Wind; Brown war schwerhörig (obgleich er das stets bestritt) und ich war sehr im Zweifel, ob er den Befehl gehört hatte. Wenn ich zwei Köpfe gehabt hätte, würde ich gesprochen haben; da ich aber nur einen besaß, schien es mir klug, für diesen Sorge zu tragen; ich verhielt mich also ruhig.

Richtig segelten wir bald darauf an jener Pflanzung vorbei.

Kapitän Kleinfelder erschien auf dem Verdeck und sagte:

»Lenken Sie doch das Boot herum, Sir, lenken Sie’s herum. Sagte Henry Ihnen nicht, daß Sie hier landen sollten?»

»Nein, Sir!«

»Ich sandte ihn eigens deshalb herauf.«

»Er kam auch herauf; aber das ist alles, was er that, der verflixte Narr. Er sagte kein Wort.«

»Hast du es nicht gehört?« fragte der Kapitän mich.

Ich wollte natürlich nicht gern in diese Geschichte verwickelt werde»; aber es war nicht zu vermeiden, und so sagte ich:

»Ja, Sir.«

Ich wußte im voraus, was Browns nächste Bemerkung darauf sein würde; sie lautete:

»Halt’s Maul! Du hast so etwas nicht gehört.«

Ich schwieg dieser Weisung gemäß. Eine Stunde später kam Henry ins Steuerhaus, ohne etwas von dem Vorgefallenen zu wissen. Er war ein ganz harmloser Bursche und that mir leid, als ich ihn kommen sah, denn ich wußte, daß Brown kein Mitleid mit ihm haben würde. Brown begann sofort:

»He! warum sagtest du mir nicht, daß ich bei jener Pflanzung landen sollte?«

»Ich sagte es Ihnen, Herr Brown.«

»Das ist ’ne Lüge!«

Ich rief: »Sie lügen selbst. Er sagte es Ihnen.«

Brown sah mich mit ungeheucheltem Erstaunen an, und für einen Augenblick war er ganz sprachlos; dann schrie er mir zu:

»Mit dir werde ich gleich ein Wort reden!« und hierauf zu Henry: »Und du verläßt das Steuerhaus; hinaus mit dir!«

Das war Lotsengesetz und mußte befolgt werden. Henry wandte sich zum Gehen und hatte eben den Fuß auf die obere Stufe vor der Thür gesetzt, als Brown in einem plötzlichen Wutanfall ein etwa zehnpfündiges Stück Kohle ergriff und ihm nachsprang; ich kam jedoch mit einem schweren Stuhl dazwischen und versetzte Brown einen tüchtigen Streich, der ihn niederstreckte.

Ich hatte das Kapitalverbrechen begangen – hatte meine Hand gegen einen Lotsen im Dienst erhoben. Da ich einmal doch fürs Zuchthaus reif war, konnte ich meine Lage kaum verschlimmern, wenn ich fortfuhr, meine Rechnung mit diesem Menschen auszugleichen, so lange ich die Gelegenheit dazu hatte; so machte ich mich denn an ihn heran und bearbeitete ihn eine beträchtliche Zeit – ich weiß nicht, wie lange – mit den Fäusten; das Vergnügen ließ mir die Zeit wohl länger erscheinen, als sie wirklich war; – endlich aber riß er sich los, sprang auf und zum Rad hin: eine sehr natürliche Besorgnis, denn während dieser ganzen Zeit raste das Fahrzeug mit einer Geschwindigkeit von fünfzehn Meilen in der Stunde den Fluß hinab, ohne daß jemand am Steuer war! Eagle Bend war jedoch bei diesem Wasserstand zwei Meilen breit und entsprechend lang und tief, und das Boot steuerte gerade in der Mitte des Fahrwassers hinab und vermied alle Hindernisse. Aber das war reines Glück – es hätte ebenso gut in den Wald hinein dampfen können.

Als Brown auf den ersten Blick sah, daß die ›Pennsylvania‹ nicht in Gefahr war, nahm er das lange Fernrohr wie eine Keule zur Hand und befahl mir mit steiferer Würde, als ein Comanche besitzt, das Steuerhaus zu verlassen. Aber ich fürchtete mich jetzt nicht mehr vor ihm; statt also zu gehen, blieb ich und kritisierte seine Sprechweise, formte seine schauderhaften Ausdrücke um und brachte sie in gutes Englisch, wobei ich seine Aufmerksamkeit auf die Vorzüge eines reinen Englisch vor dem Bastarddialekt der pennsylvanischen Kohlenbergwerke lenkte, aus denen er stammte. In einem Kreuzfeuer bloßer Schmähungen hätte er seine Rolle bewunderungswürdig spielen können, für diese Art der Kontroverse aber war er nicht gewappnet; er legte daher das Fernrohr beiseite und ergriff murmelnd und kopfschüttelnd das Rad, während ich mich auf die hohe Bank setzte. Der Lärm hatte alles auf’s Sturmdeck gelockt, und ich zitterte, als ich den alten Kapitän aus der Mitte der Schar heraufschauen sah. Ich sagte mir »Nun bin ich verloren!« – denn so väterlich und nachsichtig der Kapitän gewöhnlich gegen seine Leute und so milde er bei kleinem Versehen war, so streng konnte er bei einem ernstlichen Vergehen sein.

Ich versuchte mir vorzustellen, was er mit einem Lotsenlehrling thun würde, der sich ein Verbrechen wie das meine hätte zu schulden kommen lassen, und noch dazu auf einem Dampfer, der voll von Passagieren und kostbarer Fracht war. Unsere Wache war fast zu Ende. Ich gedachte mich irgendwo zu verstecken, bis ich eine Gelegenheit fände, ans Land zu schlüpfen. So schlich ich denn aus dem Steuerhaus, die Treppe hinab und auf die Thür zum Saale zu – und wollte eben hineingleiten, als der Kapitän mir entgegentrat. Ich ließ den Kopf hängen; er stand einige Augenblicke schweigend vor mir und sagte dann:

»Folge mir!«

Ich schritt ihm nach, in seine Kajüte am vordern Ende des Salons. Wir waren jetzt allein. Er schloß die hintere Thür, ging dann langsam zur vordern und schloß auch diese. Darauf setzte er sich nieder, sah mich eine Weile an und sagte schließlich:

»Du hast dich also mit Herrn Brown geprügelt?«

Ich antwortete demütig: »Ja, Sir.«

»Weißt du, daß das eine sehr ernste Sache ist?«

»Ja, Sir.«

»Weißt du, daß dieses Boot volle fünf Minuten den Strom hinabdampfte, ohne daß jemand am Steuerruder war?«

»Ja, Sir.«

»Hast du ihn zuerst geschlagen?«

»Ja, Sir.«

»Womit?«

»Mit einem Stuhl, Sir.«

»Stark?«

»Mittelmäßig, Sir.«

»Warf es ihn nieder?«

»Er – er fiel, Sir.«

»Was machtest du weiter? Thatest du sonst noch etwas?«

»Ja, Sir.«

»Was denn?«

»Bearbeitete ihn mit den Fäusten, Sir.«

»Mit den Fäusten?«

»Ja, Sir.«

»Gehörig? – das heißt stark?«

»Ich glaube wohl, Sir.«

»Das freut mich ganz verteufelt! Höre, laß dir nie merken, daß ich das sagte. Du hast dir ein schweres Verbrechen zu schulden kommen lassen; thue es ja nicht wieder auf diesem Boot. Aber – paß ihm auf am Lande! Prügle ihn ganz gehörig durch, hörst du? Ich werde die Kosten bezahlen. Und nun geh – und höre, daß du mir kein Wort davon laut werden lässest! Fort mit dir! – du hast ein schweres Verbrechen begangen, du Schlingel!«

Ich schlich hinaus, glücklich im Gefühl des Entkommens und einer großen Erlösung; und ich hörte ihn für sich hin lachen und sich auf die strammen Schenkel schlagen, nachdem ich seine Thür geschlossen hatte.

Als Brown von der Wache kam, ging er stracks zum Kapitän, der mit einigen Passagieren auf dem Kesseldeck plauderte, verlangte, daß ich in New-Orleans ans Land gesetzt würde und fügte hinzu:

»Ich werde das Rad auf diesem Boot nicht mehr drehen, solange der Bursche an Bord ist.«

Der Kapitän sagte:

»Aber er braucht ja nicht ins Steuerhaus zu kommen, solange Sie auf Wache sind, Herr Brown.«

»Ich mag nicht einmal auf demselben Boote mit ihm bleiben. Einer von uns muß ans Land.«

»Sehr wohl,« sagte der Kapitän, »dann mögen Sie dieser eine sein.« Damit setzte er sein Gespräch mit den Passagieren fort.

Während des kurzen Restes dieser Fahrt erfuhr ich, wie einem befreiten Sklaven zumute ist; denn ich selbst war jetzt ein befreiter Sklave. Während wir an den Landeplätzen lagen, lauschte ich George Ealers Flötenspiel oder seinem Vorlesen aus seinen beiden Bibeln, d. h. Goldsmith und Shakesspeare, oder ich spielte Schach mit ihm – und würde ihn manchmal geschlagen haben, wenn er nicht stets seinen letzten Zug zurückgenommen und dadurch dem Spiel eine andere Wendung gegeben hätte.

Viertes Kapitel.

Viertes Kapitel.

Nevada bildete ursprünglich einen Teil von Utah unter dem Namen Carson County, und es war das eine recht ansehnliche ›Grafschaft‹. In einigen Thälern gab es Heu in Masse und dies zog ganze Kolonieen mormonischer Viehzüchter und Farmer dorthin. Von Kalifornien aus kamen auch vereinzelt kleine Scharen rechtgläubiger Amerikaner herüber, allein die beiden Klassen von Ansiedlern waren einander nicht sehr hold. Es herrschte so gut wie gar kein freundlicher Verkehr unter ihnen, jeder Teil blieb für sich. Die Mormonen waren bedeutend in der Überzahl und genossen außerdem den Vorzug eines besonderen Schutzes von seiten der mormonischen Regierung des Territoriums. Deshalb konnten sie sich erlauben, hochmütig, ja selbst gebieterisch gegen ihre Nachbarn aufzutreten.

Im Jahre 1858 wurden in Carson County Silberadern entdeckt, und damit gewannen die Verhältnisse ein anderes Ansehen. Kalifornier strömten in Scharen herein und das amerikanische Element bildete bald die Mehrheit. Die Verpflichtung zum Gehorsam gegenüber Brigham Joung und Utah wurde aufgehoben und von den Bürgern eine provisorische Territorial-Regierung für ›Washoe‹ eingerichtet. Gouverneur Roop war der erste und einzige höhere Beamte. Nach Ablauf der erforderlichen Zeit beschloß der Kongreß die Organisation des ›Territoriums Nevada‹, worauf Präsident Lincoln den Gouverneur Nye an Roops Stelle schickte. Um jene Zeit betrug die Bevölkerung des Territoriums ungefähr zwölf- bis fünfzehntausend Seelen und wuchs mit reißender Schnelligkeit; man beutete eifrig die Silbergruben aus und errichtete Pochwerke für das Silbererz; Geschäfte aller Art entstanden und gediehen von Tag zu Tag mehr.

Die Bewohner waren froh, eine gesetzmäßige, geordnete Regierung zu besitzen; dagegen waren sie nicht besonders erbaut davon, die Gewalt an Fremde aus weit entlegenen Staaten übertragen zu sehen – eine höchst natürliche Empfindung. Sie meinten, man hätte die Beamten aus ihrer eigenen Mitte wählen sollen – aus den hervorragenden Bürgern, die sich ein Recht auf solche Beförderung erworben hätten, die die Gefühle der Bevölkerung teilten und mit den Bedürfnissen des Territoriums gründlich vertraut wären. Dieser Gesichtspunkt war zweifellos völlig berechtigt. Überdies waren die neuen Beamten ›Auswanderer‹ und schon deshalb brachte man ihnen von keiner Seite Liebe oder Hochachtung entgegen. Die neue Regierung wurde also mit beträchtlicher Kälte aufgenommen, sie kam nicht nur als fremder Eindringling, sondern war auch außerdem arm. Es verlohnte sich nicht einmal, sie zu rupfen – höchstens für die elendesten der kleinen Ämter- Hascher und Stellenjäger. Jedermann wußte, daß der Kongreß nur zwanzigtausend Papier-Dollars jährlich für ihren Unterhalt ausgesetzt hatte – ungefähr gerade genug, um ein Quarz-Pochwerk einen Monat lang in Betrieb zu erhalten. Auch war allgemein bekannt, daß das Geld für das erste Jahr noch in Washington lag und daß es lange dauern und manche Schwierigkeit machen werde, bis man es zu sehen bekäme. Carson City war zu unliebenswürdig und zu klug, um dem fremden Wechselbalg etwa mit unschicklicher Hast ein Konto zu eröffnen.

Es liegt etwas Tragikomisches in den Kämpfen, unter denen eine neugeborene Territorial-Regierung sich ihren Platz in dieser Welt erobert; die unsrige hatte einen sehr schweren Stand. Das Organisations-Gesetz und die Instruktionen des Staatsdepartements schrieben vor, daß binnen der und der Zeit eine gesetzgebende Versammlung gewählt und deren Sitzungen an dem und dem Tag eröffnet werden sollten. Gesetzgeber zu bekommen war nicht schwer, selbst für drei Dollars Taggeld, obwohl Kost und Wohnung fünftehalb Dollars betrug, denn Würde und Ansehen haben in Nevada ihren Reiz so gut wie anderswo, und es gab eine Menge beschäftigungsloser patriotischer Seelen; aber eine Halle für die Versammlungen zu beschaffen, das war nicht so leicht geschehen. Carson lehnte höflich ab, einen Saal mietfrei herzugeben oder der Regierung auf Kredit zu überlassen. Als jedoch Curry von der Schwierigkeit hörte, trat er ganz allein vor, nahm das Staatsschiff auf seine Schultern, trug es über die Sandbank und machte es wieder flott. Ich meine unsern Curry – den alten Curry – den alten Abe Curry. Ohne ihn hätte die Gesetzgebung ihre Sitzungen in der Wüste abhalten müssen. Er bot sein großes, massives Gebäude, dicht neben der Stadtgrenze, mietfrei an, was freudig angenommen wurde. Dann baute er eine Pferdebahn von der Stadt nach dem Kapitol, auf der er die Gesetzgeber gratis beförderte. Ferner lieferte er fichtene Bänke und Stühle für dieselben und ließ die Fußböden mit Sägspänen belegen, welche Teppich und Spucknapf zugleich vorstellten. Ohne Curry wäre die Regierung in den Windeln gestorben. Zur Trennung des Senats vom Repräsentantenhaus ließ der Sekretär eine Zwischenwand von Sackleinwand beschaffen, welche drei Dollars und vierzig Cents kostete; allein die Vereinigten Staaten lehnten deren Bezahlung ab. Auf den Einwurf, daß ja die ›Instruktionen‹ die Bezahlung eines reichlichen Mietpreises für einen Versammlungssaal gestatten, und daß Herrn Currys Freigebigkeit dem Vaterland diese Summe erspart habe, erklärten die Vereinigten Staaten, das ändere nichts an der Sache; die drei Dollars und vierzig Cents würden an dem Sekretärs-Gehalt von achtzehnhundert Dollars in Abzug gebracht werden – und so geschah es auch!

Eine der Hauptschwierigkeiten, mit welchen die neue Regierung anfänglich zu kämpfen hatte, bildeten die Drucksachen. Der Sekretär war eidlich zur Befolgung seiner geschriebenen Instruktionen verpflichtet, welche zwei Dinge mit unfehlbarer Bestimmtheit von ihm verlangten, nämlich:

1. Die täglichen Berichte über die Verhandlungen beider Häuser drucken zu lassen und

2. bei dieser Arbeit für den Satz anderthalb Dollars pro Tausend und für den Druck anderthalb Dollars pro Ries in Staatsnoten zu zahlen.

Es war keine Kunst, zu schwören, daß man diesen beiden Vorschriften nachkommen wolle, aber mehr als eine derselben wirklich auszuführen, war völlig unmöglich. Als die Staatsnoten bis auf vierzig Cents für den Dollar gefallen waren, forderten die Druckereien allerdings anderthalb Dollars für das Tausend und ebensoviel für das Ries, aber in Gold. Laut seiner Instruktion hatte der Sekretär aber einen von der Regierung ausgegebenen Papierdollar jedem anderen von ihr ausgegebenen Dollar gleich zu achten. Der Druck der Berichte wurde deshalb abgebrochen. Daraufhin erteilten die Vereinigten Staaten dem Sekretär eine ernste Rüge wegen Nichtbeachtung seiner Instruktionen und ermahnten ihn, bessere Wege zu wandeln. Er ließ deshalb einiges drucken und schickte die Rechnung nach Washington unter genauer Auseinandersetzung der hohen Preise im Territorium und machte dabei besonders auf einen gedruckten Marktbericht aufmerksam, woraus man ersehen möge, daß sogar die Tonne Heu zweihundertfünfzig Dollars koste. Hierauf antworteten die Vereinigten Staaten damit, daß sie die Drucksachen-Rechnung von dem unglücklichen Sekretärs-Gehalt abzogen, wobei sie außerdem mit würdevollem Ernst beifügten, er werde in seinen Instruktionen vergebens nach einer Anweisung suchen, Heu zu kaufen!

Auf der ganzen Welt ist nichts in eine so undurchdringliche Finsternis gehüllt, wie der Verstand eines Kontrolleurs im Schatzamt der Vereinigten Staaten. Selbst die Feuerflammen des Jenseits vermöchten kaum einen matten Schimmer in seinem Hirn zu verbreiten. Damals war nichts imstande, ihm begreiflich zu machen, wie es kam, daß zwanzigtausend Dollars in Nevada, wo alle Waren ungeheuer hoch im Preise standen, nicht soweit reichten wie in den andern Territorien, wo in der Regel eine außerordentliche Billigkeit herrschte. Er war ein Beamter, der stets nur sein Augenmerk auf die kleinen Ausgaben richtete. Wie oben bereits bemerkt, benützte der Sekretär des Territoriums seine Schlafstube als Amtszimmer und rechnete dem Staat dafür keinen Mietzins an, obwohl dies in seinen Instruktionen vorgesehen war und er ganz gut seinen Vorteil daraus hätte ziehen können (was ich augenblicklich gethan haben würde, wäre ich selbst Sekretär gewesen). Allein die Vereinigten Staaten zollten dieser Hingebung niemals Anerkennung. Ich muß wirklich annehmen, mein Vaterland habe sich geschämt, einen Menschen in seinem Dienst zu haben, der sich so wenig auf seinen Vorteil verstand. Diese oft erwähnten ›Instruktionen‹ (wir lasen gewöhnlich ein Kapitel daraus jeden Morgen als geistige Turnübung und am Sabbat in der Sonntagsschule ein paar Kapitel, denn sie beschäftigten sich mit allem möglichen unter der Sonne und enthielten neben anderem statistischem Material auch viele höchst schätzbare Abschnitte religiösen Inhalts) schrieben vor, daß den Mitgliedern der Gesetzgebung Federmesser, Briefcouverts, Federn und Schreibpapier geliefert werden sollten. Der Sekretär schaffte daher diese Artikel an und besorgte deren Verteilung. Die Federmesser kosteten drei Dollars das Stück. Da eines zu viel da war, so gab der Sekretär dasselbe dem Schriftführer des Repräsentantenhauses. Die Vereinigten Staaten bemerkten hierauf, der Schriftführer sei kein ›Mitglied‹ des Hauses und zogen die drei Dollars nach Gewohnheit dem Sekretär am Gehalt ab.

Ein Weißer berechnete für das Kleinmachen einer Ladung Brennholz drei bis vier Dollars; der Sekretär war so scharfsinnig, sich zu sagen, daß die Vereinigten Staaten nimmermehr soviel dafür zahlen würden; er ließ daher eine Ladung Bureanholz von einem Indianer für anderthalb Dollars klein machen. Er fertigte die übliche Quittung dafür aus, aber ohne Unterschrift; statt dessen fügte er einfach die Bemerkung bei, ein Indianer habe die Arbeit besorgt, und zwar ganz gut und zufriedenstellend; derselbe habe aber in Ermangelung der erforderlichen Kenntnisse die Quittung nicht unterschreiben können. Der Sekretär durfte die anderthalb Dollars bezahlen. Er hatte gemeint, vom Staate Anerkennung für seine Sparsamkeit und Ehrlichkeit zu ernten, weil er die Arbeit zum halben Preis besorgen ließ und keine angebliche Unterschrift des Indianers auf die Quittung setzte. Allein man sah die Sache in einem andern Lichte an. Man war bei der Regierung zu sehr daran gewöhnt, in allen denkbaren, öffentlichen Stellungen Dollarsdiebe zu haben, um der Erklärung auf der Quittung den geringsten Glauben beizumessen. Das nächstemal dagegen, als der Indianer Holz für uns hackte, lehrte ich ihn, am Ende der Quittung ein Kreuz zu machen. Das Zeichen stand so wacklig auf den Beinen, als wäre es ein Jahr lang betrunken gewesen, ich ›bezeugte‹ es jedoch, und nun ging es ganz ordnungsmäßig durch. Die Vereinigten Staaten sagten kein Wort darüber. Ich bedauerte bloß, daß ich die Quittung nicht gleich für tausend Ladungen Holz ausgestellt hatte anstatt für eine einzige. In meinem Vaterlande teilt die Regierung an die ehrliche Einfalt Rüffel aus, während sie die geriebene Schurkenhaftigkeit hätschelt, und ich glaube wirklich, ich würde mich zu einem ganz geschickten Spitzbuben entwickelt haben, wäre ich ein oder zwei Jahre im Staatsdienste verblieben.

Es war eine nette Vereinigung von Souveränen, diese erste gesetzgebende Versammlung Nevadas. Sie legten Steuern auf bis zum Betrag von dreißig- oder vierzigtausend Dollars und bewilligten Ausgaben im Belauf von fast einer Million. Und doch hatten sie, wie alle andern Körperschaften dieser Art, ihre zeitweiligen kleinen Anwandlungen von Sparsamkeit. Ein Mitglied schlug vor, durch Abschaffung des Kaplans der Nation drei Dollars täglich zu ersparen. Und doch brauchte dieser kurzsichtige Mann den Kaplan nötiger als irgend ein anderer, denn während des Morgengebetes hatte er meist seine Füße auf dem Pult und verzehrte rohe Rüben.

Zwei Monate tagte die Versammlung und erteilte die ganze Zeit nichts als Konzessionen zur Anlegung von Chausseen und Erhebung von Wegegeld. Als sie auseinanderging, schätzte man, daß wohl auf jeden Bürger drei solche Konzessionen kämen. Und man bezweifelte, ob, falls der Kongreß dem Territorium nicht noch einen Längengrad zulegen würde, Platz genug für die Unterbringung aller der Straßen vorhanden sein werde, deren Enden allenthalben wie Fransen über die Grenzlinie hinaushingen.

Das Frachtgeschäft hatte bald einen so gewaltigen Umfang angenommen, daß über plötzlich erworbenes Vermögen in Chausseen beinahe dieselbe Aufregung herrschte, wie über die wunderbar reichen Silberminen.

  1. Das langjährige Staatsoberhaupt der Mormonen.

Fünftes Kapitel.

Fünftes Kapitel.

Nach und nach bekam ich auch das Silberfieber. Mutungsgesellschaften brachen Tag für Tag nach den Bergen auf, wo sie reiche, silberführende Adern und Quarzlager entdeckten und in Besitz nahmen. Das war ja ganz offenbar der Weg zum Glück. In der großen Grube ›Gould and Curry‹ galt zur Zeit unseres Eintreffens der Quadratfuß drei- oder vierhundert Dollars; zwei Monate darauf war er auf achthundert Dollars gestiegen; die ›Ophir-Grube‹ war das Jahr zuvor kaum eine Kleinigkeit wert gewesen, und jetzt wurde dort der Fuß mit nahezu viertausend Dollars bezahlt. Es ließ sich keine Grube nennen, die nicht in kurzer Zeit erstaunlich im Wert gestiegen wäre. Alle Welt sprach von diesen Wunderdingen. Man mochte kommen wohin man wollte, vom frühen Morgen bis spät in die Nacht hinein hörte man nichts anderes. Tom so und so hatte von der ›Amanda Smith‹ ein Stück für 40,000 Dollars verkauft – und hatte nicht einen Cent besessen, als er vor sechs Monaten die Schicht in Angriff nahm. John Jones hatte die Hälfte seines Anteils an der Grube ›Bald Eagle und Mary Ann‹ für 65,000 Dollars verkauft und war nun nach den Staaten gereist, um seine Familie zu holen. Die Witwe Brewster war in der Grube ›Golden Fleece‹ auf reichhaltiges Erz gestoßen und hatte zehn Fuß für 18,000 Dollars verkauft – und doch war sie im letzten Frühjahr, als Sing-Sing-Tommy ihren Mann umbrachte, nicht einmal imstande gewesen, sich einen Krepphut anzuschaffen. Die Besitzer der Grube ›Last Chance‹ hatten eine ›Lehmscheide‹ gefunden und wußten, daß sie einer Silberschicht auf der Spur waren, so daß ein Fuß davon, der gestern noch ein Spottgeld wert war, heute den Wert eines Backsteinhauses hatte. Schäbige Anteilbesitzer, denen man gestern im ganzen Lande nirgends einen Schnaps geborgt hätte, brüllten heute im Champagnerrausch und sahen sich von Schwärmen warmer Freunde umgeben in einer Stadt, wo sie aus jahrelangem Mangel an Übung nicht mehr gewußt hatten, wie man es macht, jemand zu grüßen oder ihm die Hand zu schütteln. Johnny Morgan, ein gemeiner Landstreicher, war eines Morgens in der Gosse mit 100,000 Dollars Vermögen aufgewacht, und zwar infolge der Entscheidung eines Prozesses über die Grube ›Lady Franklin and Rough and Ready.‹ Dergleichen Nachrichten tönten uns Tag aus Tag ein immer lauter in den Ohren, und immer höher loderte die Aufregung rings um uns empor.

Ich hätte gar kein Mensch sein müssen, um nicht auch toll zu werden wie die andern. Tag für Tag kamen ganze Karrenladungen von gediegenen Silberbarren, so groß wie Bleiklumpen, aus den Pochwerken herein, ein Anblick, der bewies, daß das tolle Gerede um mich her nicht aus der Luft gegriffen war. Ich glaubte daran und wurde einer der allertollsten.

Alle paar Tage traf die Kunde von der Entdeckung einer nagelneuen Bergwerksregion ein. Sofort wimmelte es in den Zeitungen von Berichten über ihren Reichtum, und die ganze überschüssige Bevölkerung stürzte fort, um davon Besitz zu nehmen. Die Krankheit steckte mir jetzt gehörig in den Knochen; eben noch hatte der Zulauf der Grube ›Emeralda‹ gegolten, und nun fing ›Humboldt‹ an, mit lautem Geschrei die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Humboldt, Humboldt! so hieß jetzt das Losungswort, und unverzüglich füllte ›Humboldt‹, die neueste von den neuen, die reichste von den reichen, die wunderbarste von den wunderbaren Entdeckungen im Silbergebiet, zwei Spalten in den Tagesblättern, während ›Esmeralda‹ sich mit einer begnügen mußte. Ich war eben im Begriffe gewesen, nach der ›Esmeralda‹ aufzubrechen, ließ mich aber von der Strömung ablenken und machte mich nun nach dem ›Humboldt‹ fertig.

Sechstes Kapitel.

Sechstes Kapitel.

Jetzt hieß es flink sein! Wir verloren denn auch keine Zeit. Unsere Gesellschaft bestand aus vier Personen: einem sechzigjährigen Grobschmied, zwei jungen Advokaten und meiner Wenigkeit. Nachdem wir einen Wagen und zwei elende, alte Gäule gekauft, luden wir achtzehnhundert Pfund Lebensmittel, sowie unsere Bergmannsgeräte auf und fuhren an einem kalten Dezembernachmittage von Carson City ab. Die Pferde waren so alt und schwach, daß wir bald herausgefunden hatten, es würde wohl besser sein, wenn einer oder zwei von uns ausstiegen und den Weg zu Fuß fortsetzten. Es ging auch besser. Bald aber fanden wir, daß es noch besser sein werde, wenn auch ein dritter ausstiege. So war es denn auch. Ich hatte freiwillig das Amt des Fuhrmannes übernommen, obwohl ich vorher noch nie mit einem angeschirrten Pferde gefahren war und mancher in solcher Lage sich gerne hierauf berufen hätte, um eine derartige Verantwortlichkeit abzulehnen. Allein nach einer kurzen Weile ergab es sich, daß es wohl ratsam wäre, wenn auch der Fuhrmann ausstiege und zu Fuß ginge. Damit verzichtete ich auf diese Stellung, zu der ich nie wieder gelangen sollte. Noch vor Ablauf einer Stunde fanden wir, daß es nicht nur besser, sondern unbedingt notwendig war, immer abwechselnd zu zweien den Wagen von hinten durch den Sand zu schieben, so daß die schwachen Pferde kaum noch etwas zu thun hatten, als die Zunge nicht heraushängen zu lassen und nicht zwischen die Räder zu kommen. Es hat vielleicht sein Gutes, wenn man von Anfang an weiß, was einem bevorsteht und sich mit seinem Schicksal versöhnen kann. Wir hatten das unsrige an einem einzigen Nachmittag kennen gelernt. Es war klar, daß wir zweihundert Meilen weit durch den Sand waten würden und den Wagen samt den Pferden vorwärts schieben müßten. So fügten wir uns denn in die Umstände, und mit dem Fahren war es aus.

Nach einem Weg von sieben Meilen lagerten wir uns in der Wüste. Der junge Clagett, jetzt Mitglied des Kongresses für Montana, schirrte die Pferde aus, fütterte und tränkte sie; Oliphant und ich schnitten Salbeiholz, machten Feuer und holten Wasser zum Kochen, und der alte Herr Ballou besorgte das Kochen selbst. Diese Teilung der Arbeit und diese Bestimmung der Dienstleistungen für jeden einzelnen hielten wir während der ganzen Reise fest. Da wir kein Zelt hatten, schliefen wir in der freien Ebene unter unseren Decken. Die Ermüdung verschaffte uns festen Schlaf.

Wir brauchten zu der Reise von zweihundert Meilen fünfzehn Tage, oder vielmehr eigentlich nur dreizehn, denn einmal hielten wir irgendwo zwei Tage an, um die Pferde ausruhen zu lassen. Hätten wir diese hinten am Wagen angebunden, so würden wir sicherlich den Weg in zehn Tagen zurückgelegt haben; allein wir dachten daran erst, als es zu spät war, und schoben den Wagen samt den Pferden immer weiter, während wir uns die halbe Mühe hätten ersparen können. Leute, die uns begegneten, rieten uns, gelegentlich die Pferde in den Wagen zu setzen, allein Herr Ballou, durch dessen eisengepanzerten Ernst kein spitzes Wort durchdrang, meinte, das würde nicht gehen, die Lebensmittel würden in Gefahr kommen, weil die Pferde von langer Entbehrung ›bituminös‹ geworden seien. Der Leser wird mich entschuldigen, wenn ich dies nicht übersetze. Was Herr Ballou meinte, wenn er ein langes Wort gebrauchte, blieb allemal ein Geheimnis zwischen ihm und seinem Schöpfer. Er war einer der besten, gutmütigsten Menschen, die je eine niedere Lebenssphäre zierten – die Sanftmut und Einfalt selbst, und die Uneigennützigkeit ebenfalls. Obwohl mehr als zweimal so alt als der älteste von uns andern, that er doch deshalb niemals wichtig und verlangte niemals ein Vorrecht oder eine Ausnahmestellung. Er verrichtete dieselbe Arbeit wie ein junger Mann und leistete seinen Teil an der Unterhaltung von dem allgemeinen Standpunkte jeden Alters aus, nicht von der anmaßenden, Ehrfurcht heischenden Gipfelhöhe von sechzig Jahren. Die einzige auffallende Eigentümlichkeit an ihm war seine Vorliebe für lange Wörter, die er um ihrer selbst willen liebte und gebrauchte, ganz unbekümmert um ihre Beziehung zu dem Gedanken, den er auszudrücken beabsichtigte. Stets ließ er seine gewichtigen Silben mit behaglicher Unkenntnis ihrer Bedeutung fallen, so daß dieselben niemals etwas Anstößiges haben konnten. Dabei war sein Benehmen so natürlich und einfach, daß man immer wieder in Versuchung geriet, in seinen großartigen Phrasen einen Inhalt zu suchen, während sie wirklich ganz und gar nichts bedeuteten. War ein Wort recht lang, großartig und vollklingend, so reichte dies hin, ihm die Liebe des alten Mannes zu gewinnen; er ließ es dann in seinen Reden irgendwo an der möglichst unpassendsten Stelle einfließen und freute sich daran, als hätte er die tiefsinnigste Wahrheit ausgesprochen.

Wir breiteten immer alle vier unsern ganzen Vorrat an Decken zusammen auf dem gefrorenen Boden aus und legten uns Seite an Seite schlafen. Da Oliphant einsah, daß unser dummer, hochbeiniger Hund viel tierische Wärme in sich habe, ließ er ihn zwischen sich und Herrn Ballou mit ins Bett kriechen und zog den warmen Rücken des Hundes an seine Brust, was er höchst behaglich fand. Aber während der Nacht fing der Köter an sich zu strecken und sich unter wohlgefälligem Knurren gegen Ballous Rücken zu stemmen und ihn fortzuschieben. Wenn er sich recht warm und gemütlich fühlte, trommelte er wohl auch im Übermaß des Wohlgefühls voll Dankbarkeit und Glück dem Alten mit den Pfoten auf dem Rücken herum; ein andermal, wenn er von der Jagd träumte, zerrte er den alten Mann hinten an den Haaren und bellte ihm ins Ohr. Ballou beklagte sich zuletzt sehr sanftmütig über diese Beweise von Zuthunlichkeit und schloß seinen Vortrag mit der Bemerkung, so ein Hund sei kein Tier, das zu müden Leuten ins Bett passe, denn er sei zu ›meretriciös in seinen Bewegungen‹ und zu ›organisch in seinen Gefühlen.‹ Wir warfen den Hund hinaus.

Es war eine harte, mühselige Reise, die aber trotzdem ihre Lichtseite hatte, denn wenn nach Tagesschluß unser Wolfshunger mit einem warmen Mahl von gebratenem Speck, Brot, Syrup und schwarzem Kaffee gestillt war, fanden wir bei einer Pfeife, ein paar Liedern und Geschichten am abendlichen Lagerfeuer, in der stillen Einsamkeit der Wüste eine frohe, sorgenfreie Erholung, welche uns als der höchste Gipfel irdischer Seligkeit erschien. Eine solche Lebensweise übt auf alle Menschen einen mächtigen Zauber aus, gleichviel, ob sie aus der Stadt oder vom Lande stammen. Wir sind die Abkömmlinge wüstendurchziehender Araber, und endlose Zeiträume stetig fortschreitender Kulturentwicklung waren nicht imstande, den Wandertrieb in uns auszurotten. Niemand von uns wird leugnen, daß ihn bei dem Gedanken an ein Nachtlager draußen im Freien stets ein Wonnegefühl durchbebt. Einmal wanderten wir fünfundzwanzig Meilen an einem Tag und ein andermal in der großen amerikanischen Wüste vierzig Meilen und dann noch einmal zehn, mithin im ganzen fünfzig, innerhalb dreiundzwanzig Stunden, ohne uns Zeit zum Essen, Trinken oder Ausruhen zu gönnen. Wenn man einen Wagen samt zwei Pferden fünfzig Meilen weit geschoben hat, ist es ein solcher Hochgenuß sich auszustrecken und dem Schlafe zu überlassen, wäre es auch auf steinigem und gefrorenem Boden, daß einem die Wonne für den Augenblick nicht zu teuer erkauft scheint.

Wir lagerten zwei Tage in der Nähe des Sees, in welchem sich der Humboldtfluß verliert. Unsere Versuche, das stark alkalische Wasser des Sees zu benutzen, fielen höchst kläglich aus. Es hinterließ einen bitteren, ganz abscheulichen Geschmack im Munde und ein höchst unangenehmes Brennen im Magen; es war, als tränke man starke Lauge. Wir thaten Syrup hinein, aber das machte es nur ganz wenig besser. Wir fügten eine Essiggurke hinzu, aber das Alkali schmeckte vor, und so war es zum Trinken nicht zu brauchen. Kaffee von diesem Wasser war das niederträchtigste Gebräu, das ein Mensch je erfunden hat. Er schmeckte wirklich noch abscheulicher als das unverbesserte Wasser selbst. Herr Ballon, der das Getränk gebraut hatte, fühlte sich verpflichtet, es herauszustreichen und zu verteidigen und trank deshalb in kleinen Schlückchen eine halbe Tasse davon aus, wobei er es fertig brachte, ihm eine zeitlang ein schwaches Lob zu singen; schließlich aber schüttete er den Rest weg und erklärte offen und frei, der Kaffee sei ›zu technisch‹. Bald nachher fanden wir eine Quelle mit brauchbarem, frischem Wasser, worauf wir uns ohne weitere Verdrießlichkeiten und Störungen zur Ruhe legten.

Siebentes Kapitel.

Siebentes Kapitel.

Vom See aus reisten wir eine kurze Strecke den Humboldtfluß entlang. Leute, die an den riesig breiten Mississippi gewöhnt sind, gewöhnen sich auch allmählich daran, mit dem Wort ›Fluß‹ den Begriff großartiger Wasserfälle zu verbinden. Infolgedessen fühlen sich solche Leute recht enttäuscht, wenn sie am Ufer des Carson oder Humboldt stehen und finden, daß ein Fluß in Nevada ein kränkliches Bächlein ist, das in allen Punkten ein Seitenstück zum Eriekanal bildet, ausgenommen, daß der Kanal zweimal so lang und viermal so tief ist. Es ist eine der angenehmsten und gesündesten Leibesübungen, am Humboldtfluß entlang zu laufen, so lange hinüber und herüber zu springen, bis man tüchtig erhitzt ist, und ihn dann trocken zu trinken.

Am fünfzehnten Tage hatten wir den zweihundert Meilen langen Marsch vollendet und hielten bei heftigem Schneesturm unsern Einzug in Unionville. Die Stadt bestand aus elf Hütten und einem Freiheitsbaum. Sechs von den Hütten standen in einer Reihe am Rande einer tiefen Schlucht, und die andern fünf ihnen gerade gegenüber. Auf beiden Seiten der Schlucht stiegen öde Bergwälle so hoch zum Himmel empor, daß das Dörfchen gleichsam tief unten auf dem Grund einer Erdspalte lag. Es war auf der Höhe dieser Berge immer schon lange Tag, bevor unten die Dunkelheit wich und Unionville sichtbar wurde.

Wir bauten uns eine kleine, rohe Hütte in der Erdspalte und deckten dieselbe mit Sackleinwand; eine Ecke ließen wir für den Abzug des Rauches offen, allein des Nachts purzelte gelegentlich das Vieh dort herein, so daß unser Hausgeräte Schaden litt und wir im Schlafe gestört wurden. Es war sehr kalt und Brennholz nur spärlich vorhanden. Indianer schleppten Gestrüpp und Buschholz mehrere Meilen weit auf dem Rücken herbei; konnten wir einen solchen beladenen Indianer fangen, so war es gut; konnten wir keinen fangen – dies war übrigens die Regel, nicht die Ausnahme – so froren wir eben und fügten uns darein.

Ich gestehe ohne Beschämung, daß ich erwartet hatte, das Silber werde allenthalben massenhaft auf dem Boden herumliegen und man könne es auf den Berggipfeln in der Sonne blinken sehen. Natürlich sagte ich nichts davon, denn ein inneres Gefühl flüsterte mir zu, ich könne doch am Ende eine übertriebene Vorstellung von der Sache haben und mich, wenn ich meine Gedanken verriete, lächerlich machen. Doch zweifelte ich nicht im geringsten, daß ich binnen einem oder zwei Tagen, spätestens in einer Woche, Silber genug auflesen werde, um ganz hübsch reich zu sein – und so beschäftigte sich meine Einbildungskraft bereits eifrig mit Plänen zur Verwendung des Geldes. Bei der ersten schicklichen Gelegenheit schlenderte ich sorglos von der Hütte weg, behielt aber die andern Jungen im Auge, und wenn ich dann meinte, sie beobachteten mich, blieb ich stehen und betrachtete den Himmel; sobald jedoch niemand da war oder acht gab, floh ich von dannen, als hätte ich einen Diebstahl auf dem Gewissen und hielt in meinem Lauf nicht eher inne, als bis ich weit außer Gesichts- und Rufweite war. Dann ging ich ans Suchen in fieberhafter Aufregung, denn ich war voll gespannter Erwartung und meiner Sache fast ganz sicher. Ich kroch auf dem Boden umher, hob Steinbrocken auf und untersuchte sie, indem ich den Staub abblies oder sie an meinen Kleidern rieb und mit hoffnungsvoller Gier musterte. Nicht lange, so fand ich einen glänzenden Brocken, und mir hüpfte das Herz. Hinter einem Felsblock versteckt polierte und prüfte ich ihn mit nervöser Hast und einem Entzücken, welches selbst bei Erfüllung aller meiner Hoffnungen nicht ganz berechtigt gewesen wäre. Je genauer ich meinen Brocken untersuchte, desto fester war ich überzeugt, den Weg zum Glück gefunden zu haben. Ich bezeichnete mir den Ort und nahm meine Probe mit. Auf und nieder suchte ich die zerklüftete Bergflanke ab mit immer regerem Interesse und immer mehr von Dankbarkeit durchdrungen, daß ich nach dem Humboldt gekommen war und zwar zu rechter Zeit. Dieses heimliche Suchen nach den verborgenen Schätzen des Silberlandes versetzte mich in die höchste Verzückung, die ich je im Leben empfunden. Es war ein wahrer Taumel schwelgerischen Genusses. Nicht lange nachher entdeckte ich im Bett eines seichten Baches einen Bodensatz glänzend gelber Schuppen. Mir blieb fast der Atem aus. Eine Goldgrube! Und ich war in meiner Einfalt mit Silber zufrieden gewesen! Vor Aufregung glaubte ich fast, meine überzeugte Einbildungskraft täusche mich. Dann packte mich die Furcht, man könnte mich beobachten und mein Geheimnis erraten. Vorsichtig ging ich im Kreis um die Stelle herum und stieg spähend auf einen Hügel. Ich war allein. Kein lebendes Wesen weit und breit. Nun kehrte ich zu meinem Fundort zurück, indem ich mich gegen eine mögliche Enttäuschung wappnete; aber meine Befürchtung war unbegründet – die glänzenden Schuppen waren noch immer da. Ich machte mich daran, sie auszuschöpfen; eine Stunde lang plagte ich mich an den Windungen des Baches hinab und plünderte sein Bett, bis die sinkende Sonne dem weiteren Suchen ein Ende machte, und ich mich beladen mit Schätzen heimwärts wandte. Als ich so dahinschritt, konnte ich mich nicht enthalten, meine Aufregung über den Brocken Silbererz zu belächeln, da doch ein edleres Metall mir schier vor der Nase lag. In dieser kurzen Zeit war das erstere in meiner Achtung so tief gesunken, daß ich ein- oder zweimal auf dem Punkte stand, es wegzuwerfen.

Während die Jungen ihren gewöhnlichen Hunger entwickelten, konnte ich nichts essen. Auch reden konnte ich nicht. Ich weilte im Land der Träume in weiter Ferne. Ihre Unterhaltung war für meine Phantasie etwas störend und ärgerte mich gewissermaßen. Ich verachtete die lumpigen und alltäglichen Dinge, von denen sie schwatzten. Allmählich fing das Gerede aber an, mir Spaß zu machen. Es hatte einen eigenen, komischen Reiz, ihnen zuzuhören, wie sie über ihre ärmlichen, kleinen Ersparnisse Pläne machten und über mögliche Verluste und Verlegenheiten seufzten, während doch eine Goldgrube dicht vor der Hütte lag, die unser volles Eigentum war und die ich ihnen nur zu zeigen brauchte. Die unterdrückte Heiterkeit begann mir bald das Herz abzudrücken. Es war nicht leicht, dem Antrieb zu widerstehen, in hellem Jubel loszuplatzen und alles zu offenbaren, aber ich widerstand. Ich nahm mir vor, die große Neuigkeit gelassen durch meine Lippen träufeln zu lassen, dabei so ruhig und heiter auszusehen wie ein Sommermorgen, und die Wirkung auf ihren Gesichtern zu beobachten.

Ich fragte: »Wo seid ihr alle gewesen?«

»Muten gegangen.«

»Was habt ihr gefunden?«

»Nichts.«

»Nichts? Was haltet ihr von der Gegend?«

»Kann’s jetzt noch nicht sagen,« erwiderte Herr Ballon, der ein alter Goldgräber war und auch in Silbergruben beträchtliche Erfahrungen besaß. »Nun, haben Sie sich denn nicht irgend eine Art Meinung gebildet?«

»Ja, gewissermaßen schon. Es scheint freilich nicht übel hier, aber man hat die Sache überschätzt. Siebentausend-Dollar-Lager sind wohl selten. Die Sheba-Grube mag immerhin reich sein, aber sie gehört uns nicht, und überdies ist das Gestein so voll von schlechten Metallen, daß alle Wissenschaft der Welt nichts damit anfangen kann. Wir werden hier nicht verhungern, aber ich fürchte, wir werden auch nicht reich werden.«

»Sie halten also die Aussicht für ziemlich gering?«

»So ist’s.«

»Nun, dann thäten wir wohl besser daran, heim zu gehen, nicht wahr?«

»O, jetzt noch nicht – natürlich. Wir wollen’s doch zuerst noch ein bißchen versuchen.«

»Setzen wir einmal den Fall – es ist eine bloße Annahme – wißt ihr – setzen wir einmal den Fall, ihr könntet ein Lager finden, welches, sagen wir hundertfünfzig Dollars per Tonne gäbe – würde euch das genügen?«

»Probieren Sie’s ‚mal mit uns!« schrie die ganze Gesellschaft.

»Oder nehmen wir an – selbstverständlich wiederum eine Vermutung – nehmen wir an, wir fänden eine Ader, wo die Tonne zweitausend Dollars Ausbeute giebt – würde euch das genügen?«

»Halt – was meinen Sie? Auf was steuern Sie los? Steckt ein Geheimnis hinter dem allem?«

»Erhitzt euch nicht. Ich sage gar nichts. Ihr wißt ja ganz genau, daß es hier keine reichen Gruben giebt – natürlich, denn ihr seid ja überall herumgestreift und habt gesucht. Das wäre jedem klar, wenn er sich hier umgesehen hätte. Gesetzt den Fall nun, es käme einer und spräche: ›Ach was, eine Zweitausend-Dollar-Ader ist doch rein gar nichts, wo doch gleich da drüben, angesichts dieser Hütte ganze Haufen von gediegenem Gold und Silber liegen – ganze Berge davon, genug, um euch alle in vierundzwanzig Stunden zu reichen Leuten zu machen.‹ Na, was würdet ihr dazu sagen?«

»Ich würde sagen, der ist so verrückt wie ein Tollhäusler!« sagte der alte Ballou, der aber trotzdem vor Erregung ganz wild wurde.

»Meine Herren!« versetzte ich, »ich sage gar nichts – ich bin ja nicht herum gewesen, wie Sie wissen, und weiß deshalb natürlich nichts – aber ich bitte nur um das eine, werfen Sie einmal einen Blick auf das hier zum Beispiel und sagen Sie mir, was Sie davon halten!« Damit schüttete ich meinen Schatz vor ihnen aus.

Voll Begier stürzte alles darauf los und steckte die Köpfe unter der brennenden Kerze zusammen. Dann sagte der alte Ballou:

»Was ich davon halte? Ich halte davon, daß es nichts ist als ein Haufen Granitabfall und gemeines, glitzerndes Katzengold, wovon der Morgen nicht zehn Cents wert ist!«

So schwand mein Traum dahin; so schmolz mein Reichtum, so stürzte mein Luftschloß zusammen, und ich blieb als ein geschlagener Mann zurück.

Ich zog die Moral aus der Geschichte mit dem bekannten Sprichwort: »Es ist nicht alles Gold, was glänzt.« Herr Ballou meinte, ich könnte noch weiter gehen und zu den Schätzen meines Wissens den Satz legen, daß nichts Gold sei, was glänze. So lernte ich denn ein für allemal, daß Gold im Naturzustände nichts ist als ein schwärzliches, unansehnliches Ding und daß nur Metalle gemeiner Art durch prahlerisches Glitzern die Bewunderung des Unerfahrenen erregen. Trotzdem unterschätze ich nach wie vor, gleich der übrigen Welt, echte Goldmenschen und verherrliche Katzengoldmenschen. Die Alltagsmenschennatur kann sich einmal darüber nicht erheben.

Achtes Kapitel.

Achtes Kapitel.

Mit dem Geschäft des Silbergrabens wurden wir nur zu bald vertraut. Wir gingen mit Herrn Ballou ›muten‹. Zwischen Salbeibüschen, Felsen und Schneehaufen kletterten wir an den Berghängen hinauf, bis wir vor Erschöpfung umfallen wollten, fanden aber kein Silber und ebensowenig Gold. So ging es Tag für Tag. Da und dort stießen wir auf Löcher, die man ein paar Meter tief in die Abhänge getrieben und dann offenbar wieder aufgegeben hatte, und hie und da trafen wir auf ein oder zwei Leute, die noch emsig gruben. Aber Silber kam nirgends zum Vorschein. Diese Löcher waren die Ansätze von Stollen, die Hunderte von Fuß in den Berg getrieben werden sollten, um eines Tags auf die verborgene Schicht zu stoßen, in der das Silber steckte. Eines Tags! Das schien in weiter Ferne zu liegen, und die Sache sah sehr hoffnungslos und trübselig aus. Tag um Tag mühten wir uns ab, kletterten herum und suchten, und dabei wurden wir jüngeren Genossen der aussichtslosen Plackerei immer mehr überdrüssig. Endlich machten wir hoch oben auf dem Berge unter einer überhängenden Felswand Halt. Ballou schlug einige Stücke mit dem Hammer ab, prüfte sie lange und aufmerksam mit einem kleinen Augenglase, worauf er sie wegwarf und noch mehr abschlug; dann meinte er, dieses Gestein sei Quarz, und Quarz sei die Steinart, in der das Silber enthalten sei. Enthalten sei! Ich hatte gemeint, es werde wenigstens außen daran kleben, wie eine Art Überzug. Er schlug noch mehr Stücke los, um sie gründlich zu untersuchen, wobei er das betreffende Stück hie und da mit der Zunge benetzte und durch das Glas betrachtete. Schließlich rief er aus: »Wir haben es!«

Unsere Neugier war sofort aufs höchste gespannt. Das Gestein war rein und weiß an der Bruchstelle, und querdurch zog sich ein faseriger, blauer Faden. In diesem kleinen Faden, meinte er, stecke Silber, aber gemischt mit unedlen Metallen, mit Blei, Antimon und anderem Quark, auch seien daran ein paar Tüpfelchen Gold sichtbar. Mit großer Anstrengung brachten wir es dahin, ein Paar kleine, gelbe Fleckchen zu erkennen, von denen sich annehmen ließ, daß vielleicht ein Paar Tonnen davon einen Golddollar geben konnten. Wir waren gerade nicht entzückt; aber Ballou meinte, es gebe noch schlechtere Erzlager als dieses auf der Welt. Er hob das, was er das ›reichste Stück Gestein‹ nannte, auf, um seinen Wert durch die sog. Feuerprobe zu bestimmen. Dann gaben wir der Grube den Namen ›Bergkönig‹ (Bescheidenheit ist bei der Namengebung in den Bergwerken kein hervorstechender Zug), und Herr Ballou schrieb nachstehende Bekanntmachung auf, von der er sich eine Abschrift aufhob, um sie in die Bücher des Syndikus der Bergwerke in der Stadt eintragen zu lassen.

Bekanntmachung.

Wir, die Unterzeichneten, belegen drei Stücke, jedes von dreihundert Fuß, (und eins für die Entdeckung) an dieser silberhaltigen Quarzschicht nach Norden und nach Süden von diesem Anschlag, mit allen Einsenkungen, Verzweigungen und Winkeln, Biegungen und Krümmungen, und dazu fünfzig Fuß breit Boden auf jeder Seite zur Bearbeitung derselben.«

Wir setzten unsere Namen darunter und versuchten uns in die Stimmung zu bringen, als sei nun unser Glück gemacht. Aber als wir die Sache mit Herrn Ballou durchsprachen, war uns höchst zweifelhaft zu Mute. Dieser Quarz an der Oberfläche, meinte er, sei nicht alles, was unsere Mine enthalte, vielmehr erstrecke sich die Wand oder Schicht, der wir den Namen ›Bergkönig‹ gegeben hatten, Hunderte und aber Hunderte von Fuß in die Erde hinab. Sie sei wie der Randstein eines Straßenpflasters, behalte ungefähr dieselbe Dicke, etwa zwanzig Fuß, bis hinab in die Eingeweide der Erde und sei vollständig verschieden von dem Gestein, das sie rings umgebe; sie bleibe für sich und behalte stets ihren besondern Charakter, einerlei wie tief sie in die Erde hineingehe oder wie weit sie sich längs der Berge und Thäler oder quer über dieselben erstrecke; sie könne eine Meile tief und zehn Meilen lang sein, und man möge über oder unter der Erde hineinbohren wo man wolle, so würde man Gold und Silber darin finden, aber nicht in dem geringeren Gestein, in das sie eingebettet sei. Unten in der großen Tiefe der Schicht, fuhr er fort, stecke ihr Reichtum, und mit der Tiefe nehme derselbe stetig zu. Deshalb müßten wir statt hier an der Oberfläche zu arbeiten einen Schacht einsenken, bis wir an die reichen Stellen kämen – so etwa hundert Fuß tief – oder unten vom Thal aus einen langen Stollen in den Bergabhang treiben und die Ader tief unter der Erde anzapfen. Das eine wie das andere war offenbar die Arbeit von Monaten, denn wir konnten täglich nur ein paar Fuß, ungefähr fünf oder sechs, ausbohren oder wegsprengen. Aber das war noch nicht alles. Er sagte, wenn das Erz herausgeschafft sei, müsse es nach einem entfernten Pochwerke gebracht werden, damit es zermahlen und das Silber durch einen langwierigen und kostspieligen Prozeß ausgeschieden werde. Eine Ewigkeit schien zwischen uns und unserm Glück zu liegen!

Aber wir gingen ans Werk. Wir beschlossen einen Schacht einzusenken. So kletterten wir denn eine Woche lang auf den Berg, beladen mit Hacken, Drillbohrern, Meißeln, Schaufeln, Brechstangen, Fäßchen Sprengpulver und Rollen Lunte und arbeiteten mit aller Macht. Anfangs war der Fels bröckelig und locker; was wir mit den Spitzhacken abschlugen, schaufelten wir heraus, und das Loch machte ganz hübsche Fortschritte; aber allmählich wurde das Gestein fester, und nun kamen Meißel und Brechstange an die Arbeit. Bald aber that nichts mehr seine Wirkung außer dem Sprengpulver. Das war die mühseligste Arbeit! Während einer von uns den eisernen Drillbohrer an seine Stelle hielt, schlug ein anderer mit einem achtpfündigen Schmiedehammer drauf – das reinste Nägeleinschlagen in großem Maßstabe. Binnen einer bis zwei Stunden erreichte der Bohrer eine Tiefe von zwei bis drei Fuß und hatte ein Loch von ein Paar Zoll Durchmesser gemacht. Dann legten wir die Pulverlabung, steckten eine halbe Elle Lunte hinein, schütteten Sand und Kies darauf und stampften es fest; zuletzt zündeten wir die Lunte an und liefen weg. Kamen wir dann nach der Explosion, bei der Steine und Rauch in die Luft flogen, zurück, so fanden wir ungefähr einen Scheffel von dem harten, widerspenstigen Quarz herausgesprengt, kein bißchen mehr. Nach einer Woche hatte ich genug davon. Ich verzichtete; Clagett und Oliphant desgleichen. Unser Schacht war erst zwölf Fuß tief. Wir kamen überein, daß nur ein Stollen uns zum Ziele führen könne.

So gingen wir den Berg hinunter und arbeiteten dort eine Woche lang. Nach Verlauf derselben hatten wir einen Stollen ausgesprengt, in dem sich ungefähr ein Oxhoft unterbringen ließ, und waren zu der Überzeugung gekommen, daß wir noch um etwa neunhundert Fuß tiefer graben müßten, um auf die silberhaltige Schicht zu stoßen. Ich verzichtete auch jetzt wieder, und die andern Jungen hielten es nur noch einen Tag länger aus. Wir stimmten überein, daß ein Stollen nichts für uns tauge. Wir brauchten eine bereits ›aufgeschlossene‹ Schicht. Solche gab es aber im ganzen Lager nicht.

Den ›Bergkönig›‹ ließen wir für jetzt liegen.

Mittlerweile füllte sich der Platz mit Leuten, und unsere Humboldt-Bergwerke riefen eine immer größere Aufregung hervor. Auch wir fielen der Seuche zum Opfer und strengten jeden Nerv an, um immer mehr ›Fuß‹ zu erwerben. Wir muteten herum und nahmen neue Stücke in Besitz, an die wir unsere Bekanntmachungen anschlugen und die wir mit hochtrabenden Namen belegten. Wir vertauschten eine Anzahl von unseren ›Fuß‹ gegen ›Fuß‹ in fremden Grubenteilen. Bald hatten wir namhafte Anteile am ›Grauen Adler‹, an der ›Columbiana‹, der ›Münzfiliale‹, der ›Mary Jane‹, dem ›Universum‹, der ›Simson und Delila‹, der ›Schatztruhe‹, der ›Golkonda‹, der ›Sultanin‹, dem ›Bumerang‹, der ›Großen Republik‹, dem ›Großmogul‹ und noch fünfzig weiteren ›Gruben‹, die nie eine Schaufel oder eine Spitzhacke gefühlt hatten. Wir besaßen nicht weniger als dreißigtausend ›Fuß‹ pro Mann in den ›reichsten Gegenden der Erde‹, wie die verruchte Schwindlersprache es nannte – und konnten den Fleischer nicht bezahlen. Wir waren ganz toll vor Aufregung, trunken vor Glück, begraben unter Bergen künftigen Reichtums, voll hochmütigen Mitleids mit den Millionen, die sich im Schweiß ihres Angesichts abmühten, weil sie unsere wundervolle Schlucht nicht kannten – aber unser Kredit beim Viktualienhändler stand schlecht. Es war die seltsamste Lebenslage, die man sich vorstellen kann – der Festschmaus eines Bettlers. Im Distrikt geschah nichts, man legte keine Grube an, ließ keine Pochwerke arbeiten, man produzierte nichts und nahm nichts ein – im ganzen Lager war nicht soviel Geld zu finden, daß man hätte in einem Städtchen des Ostens einen Bauplatz dafür kaufen können; und doch würde ein Fremder geglaubt haben, er wandle unter lauter geschwollenen Millionären. Mutende Gesellschaften schwärmten mit dem ersten Tagesgrauen hinaus aus der Stadt und mit Einbruch der Nacht wieder herein, beladen mit Beute – Steinbrocken. Nichts als Steinbrocken. Jedermann hatte alle Taschen voll davon; in jeder Hütte war der Fußboden damit besät, mit Zetteln beklebt standen sie reihenweise auf den Wandsimsen.

Neuntes Kapitel.

Neuntes Kapitel.

Allenthalben begegnete ich Leuten, welche tausend bis dreißigtausend Fuß in unaufgeschlossenen Silbergruben besaßen, von denen jeder einzelne Fuß ihrer Überzeugung nach binnen kurzem fünfzig bis tausend Dollars gelten mußte; und das waren oft genug Leute, die in der ganzen Welt keine fünfundzwanzig Dollars ihr eigen nannten. Man mochte treffen wen man wollte, so hatte er seine neue Grube anzupreisen und seine ›Proben‹ bereit, und bei der ersten Gelegenheit drängte er einen unfehlbar in die Ecke und bot einem an, ›aus bloßer Gefälligkeit, nicht um etwas zu verdienen,‹ ein paar Fuß im ›Goldenen Zeitalter‹ oder ›Sarah Jane‹ oder irgend sonst einer unbekannten Schatzkammer herzugeben, wenn er nur so viel dafür bekäme, um sich eine ordentliche Mahlzeit leisten zu können. Dabei mußte man sich verpflichten, es nicht weiter zu sagen, daß er einem das Anerbieten zu so spottbilligem Preise gemacht habe, da er sich lediglich ›aus Freundschaft zu diesem Opfer bereit erklärte‹. Dann pflegte er ein Stück Gestein aus der Tasche zu fischen, sich geheimnisvoll umzusehen, (als fürchte er, man könne ihm auflauern und ihn berauben, wenn man ihn über dem Besitz solchen Reichtums ertappe), mit dem Steinbrocken an seine Zunge zu tippen, ein Vergrößerungsglas darüber zu halten und auszurufen:

»Sehen Sie ‚mal her! Gerade hier in dem roten Fleck! Sehen Sie! Sehen Sie die goldenen Punkte? Und den Streifen Silber? Das ist vom ›Onkel Abe‹. Davon sind hunderttausend Tonnen in Aussicht. Direkt in Aussicht, merken Sie wohl! Und wenn wir bis auf die rechte Stelle hinunterkommen und die Ader gediegen wird, dann ist des Reichtums kein Ende. Sehen Sie sich die Proben an! Ich verlange nicht, daß Sie mir glauben. Sehen Sie sich nur die Probe an!«

Dann langte er regelmäßig ein fettiges Papier heraus, worin bezeugt war, das betreffende Stück habe in der Feuerprobe den Beweis geliefert, daß es Gold und Silber im Verhältnis von so und so viel hundert oder tausend Dollars per Tonne enthalte. Ich wußte damals noch nicht, daß man gewohnt war, das reichste Stück aus einer Ausgrabung zum Probieren herauszusuchen. Sehr oft war dieses Stück von nicht mehr als Nußgröße der einzige Brocken in einer ganzen Tonne, der überhaupt ein Metallteilchen enthielt, und doch erhob es nach dem Probierzeugnis Anspruch darauf, den Durchschnittswert der Tonne Geröll, woraus es stammte, zu repräsentieren.

Dieses Probiersystem war es, das die Menschheit im Humboldt-County verrückt gemacht hatte. Auf die Autorität solcher Probierzeugnisse hin schwärmten die dortigen Zeitungskorrespondenten vor Begeisterung über Gestein, das vier- bis siebentausend Dollars die Tonne wert sein sollte.

Wir rührten weder unsern Stollen, noch unsern Schacht je wieder an. Warum? Weil wir nun das wahre Geheimnis des Erfolges beim Silbergraben entdeckt zu haben meinten – es bestand darin, daß man nicht selbst im Schweiß seines Angesichts und mit seiner Hände Arbeit nach Silber grub, sondern die Erzschichten an die dummen Sklaven der Arbeit verkaufte und ihnen das Graben überließ! –

Vor meinem Weggang von Carson hatte ich zusammen mit dem Sekretär von verschiedenen Mitbesitzern der ›Esmeralda‹ eine Anzahl Fuß gekauft. Wir hatten sofortige Gegenleistung in ungemünztem Gold oder Silber erwartet, wurden aber statt dessen mit regelmäßig und ständig wiederkehrenden Zubußen – d. h. Geldforderungen zum Ausbau der genannten Gruben – heimgesucht. Diese Zubußen waren dermaßen drückend geworden, daß es notwendig erschien, sich persönlich Einblick in die Sache zu verschaffen. Ich beschloß deshalb eine Pilgerfahrt nach Carson und von dort nach Esmeralda. Nachdem ich mir ein Pferd gekauft, brach ich in Begleitung des Herrn Ballou und eines Herrn Ollendorf auf. Dieser letztere war ein Preuße – aber nicht jener Mensch, der mit seinen Grammatiken fremder Sprachen mit ihren unaufhörlichen Wiederholungen von Fragen, die weder jemals vorgekommen sind, noch jemals in irgend einer Unterhaltung zwischen menschlichen Wesen vorzukommen Aussicht haben, der Welt so viel Leiden zugefügt hat. Wir ritten zwei oder drei Tage lang durch einen Schneesturm, bis wir vor Honey Lake Smiths einsam gelegenem Wirtshause am Carsonflusse ankamen. Es war ein zweistockiges Blockhaus auf einem kleinen Hügel, inmitten eines weiten Wüstenbeckens, durch das sich der dürftige Carson trübselig hinwindet. Dicht bei dem Hause standen die aus Backsteinen erbauten Ställe der Überlandpost. Mehrere Meilen rundum fand man sonst kein Gebäude. Gegen Sonnenuntergang trafen ungefähr zwanzig Heuwagen ein, die sich rings um das Haus aufstellten; sämtliche Fuhrleute kamen zum Abendessen herein – eine sehr, sehr rohe Bande. Auch ein oder zwei Postillone der Überlandpost waren da, und außerdem ein halbes Dutzend Strolche und Landstreicher; das Haus war demnach wohl gefüllt. Nach dem Essen gingen wir hinaus und besuchten ein kleines Indianerlager in der Nachbarschaft. Die Indianer waren aus irgend einem Grunde in großer Aufregung, sie packten ein und eilten so schnell als möglich fortzukommen. »In kurz Zeit Menge Wasser,« sagten sie und gaben uns mit Hilfe von Zeichen zu verstehen, daß nach ihrer Meinung eine Überschwemmung im Anzug sei. Das Wetter war vollkommen klar, auch befanden wir uns nicht in der Regenzeit. Das unbedeutende Flüßchen hatte höchstens zwei Fuß Wasser; seine Oberfläche war nicht breiter als eine schmale Dorfgasse und seine Ufer kaum höher als ein Mannskopf. Wo sollte also eine Überschwemmung herkommen? Wir sprachen noch eine Weile darüber und gelangten zu dem Schlusse, es werde wohl eine List der Indianer sein, die für ihren eiligen Abzug sicherlich einen triftigeren Grund haben müßten, als die Furcht vor Überschwemmung bei maßloser Trockenheit.

Um sieben Uhr abends legten wir uns im zweiten Stockwerk zu Bette, – in den Kleidern (unsrer Gewohnheit gemäß) und alle drei in ein Bett; denn jeder verwendbare Raum auf dem Fußboden, auf Stühlen u. s. w. war besetzt, und trotzdem gab es kaum Platz genug für alle Gäste des Wirtshauses. Nach einer Stunde weckte uns ein großer Lärm; wir sprangen aus dem Bett, stiegen über die in Reihen auf dem Boden schnarchenden Fuhrleute hinweg und gelangten so nach den Vorderfenstern der Stube. Ein einziger Blick enthüllte uns im Scheine des Mondlichts ein merkwürdiges Bild. Der vielgewundene Carson war voll bis zum Rande, wild rasten und schäumten seine Wasser – mit wütender Geschwindigkeit schossen sie um die scharfen Biegungen und brachten auf der Oberfläche ein Chaos von Stämmen, Strauchwerk und allerhand Unrat mit. Eine Einsenkung, die früher das Bett des Flusses gebildet hatte, war schon beinahe voll, und an mehreren Stellen begann das Wasser über das Hauptufer hinauszuspülen. Die Leute rannten hin und her, um Vieh und Wagen dicht an das Haus zu bringen, denn die Bodenerhebung, auf der es stand, dehnte sich vorne nur etwa dreißig und an der Hinterseite vielleicht hundert Fuß weit aus. Hart neben dem vorerwähnten alten Flußbett stand ein kleiner Stall aus Baumstämmen, in welchem unsere Pferde untergebracht waren. An dieser Stelle stieg das Wasser zusehends so rasch, daß nach wenigen Minuten ein Wildbach an dem Stall vorbeibrüllte, der fortwährend höher an dem Gebälk emporschwoll. Da wurde uns auf einmal klar, daß diese Flut mehr sei, als ein bloßes Schaustück zur Kurzweil. Sie drohte Verderben, und zwar nicht nur dem kleinen Blockstall, sondern auch den Gebäuden der Überlandpost, dicht am Hauptflusse, denn die Wellen waren jetzt über die Ufer gestiegen, so daß sie die Grundmauern umspülten und in die anstoßende große Heuscheune eindrangen. Wir rannten hinunter und befanden uns bald mitten in einem Haufen aufgeregter Menschen und geängsteter Tiere. Bis an die Kniee wateten wir in den Stall und banden die Pferde los; beim Herauswaten ging uns das Wasser schon bis zu den Hüften, so rasch war es gestiegen. Dann stürzten alle wie ein Mann nach der Scheune und machten sich daran, die mächtigen Bündel Heu herauszuwerfen, die dann nach dem höher gelegenen Hause hinaufgewälzt wurden. Inzwischen hatte man entdeckt, daß ein Postillon der Überlandpost, Namens Owens, fehlte; ein Mann lief bis zu den Schenkeln im Wasser in den Stall hinein, fand den Vermißten schlafend und weckte ihn, worauf er wieder hinauswatete. Aber Owens war duselig und schlief wieder ein; jedoch nur auf ein paar Minuten; denn als er sich im Bett umdrehte, kam seine herabhängende Hand in Berührung mit dem kalten Wasser! Dieses ging schon bis zur Höhe der Matratze! Fast brusttief watete er heraus, und schon im nächsten Augenblick schmolzen die Backsteine zusammen wie Zucker; das mächtige Gebäude stürzte ein und war im Nu weggespült.

Um elf Uhr schaute nur noch das Dach des kleinen Stalles aus dem Wasser heraus, und unser Wirtshaus war eine Insel im Weltmeer. Soweit das Auge im Mondlicht schauen konnte, war keine Wüste mehr zu erblicken, sondern nur noch eine weite, schimmernde Wasserfläche. Die Indianer hatten richtig prophezeit; aber woher hatten sie ihre Kunde erhalten? Ich weiß keine Antwort darauf.

Acht Tage und ebenso viele Nächte blieben wir mit jener sonderbaren Gesellschaft zusammengepfercht. Fluchen, Trinken und Kartenspiel bildeten die Tagesordnung, die nur gelegentlich der Abwechslung halber durch eine Rauferei unterbrochen wurde. Schmutz und Ungeziefer – doch davon schweige ich lieber; es genüge zu sagen, daß beides in geradezu unbegreiflicher Masse vorhanden war.

Zwei Leute in der Gesellschaft – doch dieses Kapitel ist schon lang genug.