Roman

Neuntes Kapitel.

Neuntes Kapitel.

Am Bettelstabe.

Eine Zeitlang schrieb ich allerlei Litterarisches für die ›Goldene Ära‹ und andere Blätter. C. H. Webb hatte den ›Kalifornier‹ gegründet, ein ganz vortreffliches Wochenblatt, dessen hoher litterarischer Wert jedoch keine Bürgschaft für den Erfolg war. Das Journal siechte dahin und Webb verkaufte es an drei Drucker. Damals wurde Bret Harte für ein Gehalt von 20 Dollars die Woche Redakteur und ich verpflichtete mich für 12 Dollars allwöchentlich einen Artikel beizusteuern. Da der Absatz aber viel zu wünschen übrig ließ, verkauften die Drucker das Journal an den reichen Kapitän Opden, einen sehr angenehmen Herrn, der sich diesen teuern Luxus gestattete, ohne viel nach den Kosten zu fragen. Er bekam indessen das neue Spielzeug bald satt und gab es den Druckern zurück. Nicht lange darauf starb das Blatt eines sanften Todes und ich war wieder ohne Arbeit.

In den nächsten zwei Monaten hatte ich keine andere Beschäftigung als meinen Bekannten aus dem Wege zu gehen. Ich verdiente keinen Cent, schaffte mir nicht die geringste Kleinigkeit an und bezahlte auch Kost und Wohnung nicht. Dagegen erwarb ich mir eine große Geschicklichkeit, mich überall fortzudrücken. Von einem Hintergäßchen drückte ich mich ins andere; sah ich von fern ein Gesicht, das mir bekannt vorkam, so drückte ich mich; auch zu meinen Mahlzeiten schlich ich gedrückt, aß sie demütig und mit stummer Bitte um Verzeihung für jeden Bissen, den ich meiner großmütigen Wirtin stahl; drückte mich bis Mitternacht herum, jeden Ort vermeidend, wo Helligkeit und Heiterkeit zu finden war und schlich dann zu Bette. Ich kam mir niedriger, erbärmlicher und verächtlicher vor wie ein Wurm. Meine ganze Barschaft bestand in einem silbernen Zehn-Centstück; das hielt ich fest und wollte es um keinen Preis ausgeben, aus Furcht, der Gedanke, daß ich völlig mittellos sei, möchte mich überwältigen. Außer den Kleidern, die ich am Leibe trug, hatte ich alles versetz und so hing ich denn mit verzweifelter Hartnäckigkeit an meinem letzten Geldstück, das schon ganz abgegriffen war, so oft hatte ich es durch die Finger gleiten lassen.

Das Elend liebt Gesellschaft. Dann und wann stieß ich nachts an irgend einem abgelegenen, schwach erleuchteten Ort mit einem andern Kinde des Unglücks zusammen. Der Mensch sah so schmierig und verkommen, so heimatlos, freundlos und verlassen aus, daß ich mich zu ihm hingezogen fühlte, wie zu einem Bruder. Auch er muß wohl eine ähnliche Empfindung gehabt haben, denn die Anziehung war gegenseitig; wenigstens trafen wir uns allmählich häufiger, wenn auch allem Anschein nach noch immer zufällig. Wir sprachen zwar nicht zusammen, ließen auch nicht merken, daß wir einander wiedererkannten, aber sobald wir uns sahen, schwand die dumpfe Beklommenheit aus unserem Gemüt. Wir taumelten dann beide in gemessener Entfernung befriedigt weiter, freuten uns unserer stummen Genossenschaft und blickten aus dem nächtlichen Schatten verstohlen in Fenster hinein, nach den freundlichen Lichtern und den Familiengruppen am traulichen Kamin.

Endlich redeten wir einander an und waren seitdem unzertrennlich. Litten wir doch beide fast dieselben Schmerzen. Auch er war Berichterstatter gewesen und hatte seine Stelle eingebüßt; dann war er immer mehr heruntergekommen und unaufhaltsam tiefer und tiefer gesunken – von der Wohnung auf dem Russenhügel zu dem Kosthaus in der Kearney-Straße, von dort zu Dupont und dann in eine Matrosenkneipe. Zuletzt hatte er sich in Warenkisten und leeren Tonnen auf der Werft sein Quartier gesucht. Durch das Zunähen geplatzter Getreidesäcke, die eingeschifft werden sollten, fristete er sich eine Zeitlang notdürftig das Leben; als dieser Verdienst aufhörte, suchte er sich eine Nahrung bald hier bald da, wie es der Zufall gerade fügte. Bei Tage ließ er sich nirgends mehr blicken, denn ein Reporter kennt arm und reich, hoch und niedrig und kann es bei hellem Tage nicht gut vermeiden, bekannten Gesichtern zu begegnen.

Dieser Bettler – ich will ihn Blücher nennen – war ein prächtiger Mensch, voll Hoffnung, Thatkraft und echter Philosophie. Er war gut belesen und sein gebildet, besaß hellen Verstand und trefflichen Witz. Sein freundliches Wesen und sein großmütiges Herz gaben ihm in meinen Augen ein wahrhaft königliches Ansehen, sein Sitz aus dem Eckstein erschien mir wie ein Thronsessel und sein schäbiger Hut wie eine Krone. Ein Abenteuer, das er mir erzählte, hat durch seine Absonderlichkeit mein Mitgefühl aufs höchste erregt und sich unauslöschlich in mein Gedächtnis eingegraben.

Seit zwei Monaten besaß er keinen Heller und war in den dunkeln Straßen beim Schein der matt brennenden freundlichen Lichter umhergeschlichen, bis ihm die Sache zur zweiten Natur wurde. Endlich aber trieb ihn der Hunger an das Tageslicht. Achtundvierzig Stunden hatte er keinen Bissen genossen und konnte das müßige Warten in seinem Versteck nicht langer ertragen. Er schlich durch eine Hintergasse, starrte voll gierigen Verlangens nach den Fenstern der Bäckerläden und hätte sein Leben für ein Stück Brot verkaufen mögen. Der Anblick der Eßwaren verdoppelte seinen Hunger, aber doch war es ihm eine Wohlthat, sie wenigstens zu sehen und sich vorzustellen, wie ihm zu Mute sein würde, wenn er etwas zu essen hätte. Da sah er auf einmal mitten in der Straße einen glänzenden Punkt; er blickte wieder hin – durfte er seinen Augen trauen? Er wandte sich ab und sah dann noch einmal nach der Stelle, um ganz sicher zu sein. Nein, es war keine Sinnestäuschung, die der Hunger erzeugte, sondern Wirklichkeit – da lag ein silbernes Zehn-Centstück. Er schoß darauf zu, hob es auf, starrte es an, nahm es zwischen die Zähne – kein Zweifel, es war echt. Sein Herz jubelte laut, er vermochte kaum ein Jauchzen und Hallelujah zu ersticken. Dann sah er sich um – niemand beobachtete ihn; er warf die Münze wieder hin, wo sie gelegen, trat ein paar Schritte zurück, näherte sich abermals und that, als wisse er nicht, daß sie da sei, damit er noch einmal das Entzücken genießen könne, sie zu finden. Nun betrachtete er sie von verschiedenen Punkten aus, schlenderte mit den Händen in den Taschen umher, schaute nach den Ladenschildern, warf dann wieder einen raschen Blick auf das Geldstück und fühlte sich von Wonneschauern durchrieselt. Endlich hob er es auf und ging, es in der Tasche streichelnd, von dannen. Er wählte die menschenleersten Straßen, stand von Zeit zu Zeit in einem Thorweg oder an der Ecke still und zog seinen Schatz heraus, um ihn zu betrachten. In seinem Quartier, einem leeren Geschirrfaß. angelangt, überlegte er bis in die Nacht hinein, was er dafür kaufen solle. Ein schwerer Entschuß. Ihm lag daran, so viel wie möglich zu bekommen. In der Bergmannsschenke, das wußte er, gab man einen Teller voll Bohnen und ein Stück Brot für zehn Cents oder einen Fischkloß mit Zubehör, aber ohne Brot. In Peters Speisehaus konnte er ein Kalbskotelett nebst einigen Rettichen und Brot für zehn Cents haben, oder eine große Tasse Kaffee mit einer Brotschnitte, die aber schändlicherweise oft nur sehr dünn ausfiel.

Um sieben Uhr empfand er einen wahren Wolfshunger, doch hatte er noch keine Entscheidung getroffen. Er machte sich auf den Weg, ging noch immer rechnend die Straße hinauf und kaute an einem Holzstückchen, wie es Leute, die nahe am Verhungern sind, zu thun pflegen. Vor Martins erleuchtetem Restaurant, dem vornehmsten der ganzen Stadt, blieb er stehen; in besseren Tagen hatte er da oft gespeist und Martin kannte ihn gut. Er trat abseits, um aus dem Bereich der Lichter zu kommen, blickte andächtig nach den Wachteln und Beefsteaks im Schaufenster und dachte, vielleicht wären die Zeiten der Märchen noch nicht vorüber, und ein verkleideter Prinz könnte daherkommen und ihn auffordern, einzutreten und zu nehmen, was er wolle. Je mehr er sich in den Gedanken vertiefte, um so hungriger kaute er an dem Holzstückchen.

Da fühlte er plötzlich, daß jemand neben ihm stand und seinen Arm berührte. Er sah auf und erblickte ein Gespenst – das wahre Bild des Hungers. Es war ein baumlanger, hagerer Mensch, in Lumpen gehüllt, Haar und Bart ungeschoren, mit ausgemergeltem Gesicht, eingesunkenen Wangen und Augen, die ihn jammervoll anblickten.

»Kommen Sie mit mir,« sagte er und bing sich an Blüchers Arm. Als sie eine Stelle erreicht hatten, wo das Licht nur schwach schien und wenige Leute vorüber gingen, blieb er stehen und hob die Hände stehend empor.

»Freund – Fremder, sehen Sie mich an,« stammelte er. »Sie freuen sich ihres Lebens in Ruhe und Behagen, wie ich einst in meiner guten Zeit. Sie haben dort drinnen herrlich zu Abend gespeist, ein Liedchen gesummt und bei sich gedacht, es ist doch schön auf der Welt. Sie haben nie Not gelitten, Sie wissen nicht was Kummer und Elend ist, Sie kennen den Hunger nicht! – Sehen Sie mich an, Fremder, haben Sie Erbarmen mit einem freundlosen, heimatlosen Menschen. So wahr Gott lebt – seit achtundvierzig Stunden habe ich keinen Bissen gegessen; schauen Sie mir ins Auge, ich lüge nicht. Geben Sie mir nur eine Kleinigkeit, mich vom Hungertode zu retten; was Sie wollen – 25 Cents genügen mir. Thun Sie es, Fremder, ich bitte, ich beschwöre Sie. Ihnen ist es ein Leichtes und mein Leben hangt daran. Ich will vor Ihnen im Staube liegen und den Boden küssen, den Ihr Fuß betritt. Nur 25 Cents! Ich gehe zu Grunde, ich sterbe, ich verhungere. Um des Himmels willen, verlassen Sie mich nicht!«

Blücher war außer sich, bis ins Innerste gerührt und ergriffen. Er überlegte hin und her, dann rief er von einem plötzlichen Gedanken beseelt:

»Ja, so wird es gehen!« Den Arm des Elenden ergreifend, führte er ihn nach Martins Restaurant, ließ ihn dort an einem Marmortisch Platz nehmen, legte den Speisezettel vor ihn hin und sagte:

»Bestellen Sie jetzt was Sie wollen, Freund. Es geht auf meine Rechnung, Herr Martin.«

»Schon gut, Herr Blücher,« versetzte der Speisewirt.

Gegen den Schenktisch gelehnt, sah Blücher zu, wie der Mensch ein Stück Buchweizenkuchen zu 75 Cents nach dem andern heißhungrig verschlang, verschiedene Tassen Kaffee hinunterstürzte und Beefsteaks die Portion zu zwei Dollars verzehrte. Als der Fremde Speisen im Wert von etwa sechs und einem halben Dollar vertilgt hatte und sein Hunger gestillt war, begab sich Blücher nach Peters Speisehaus, kaufte für sein Zehn-Centstück ein Kalbskotelett und ein Stück Brot, machte sich darüber her und schmauste wie ein König.

Zweites Kapitel.

Zweites Kapitel.

Buck Fanshaws Begräbnis.

Irgend jemand hat einmal gesagt, daß sich der Geist, welcher in einer Bürgerschaft herrscht, am besten darnach beurteilen läßt, wen von ihren Gliedern die Gemeinde mit der größten Feierlichkeit zu Grabe trägt.

Zur flotten Zeit in Virginia erwiesen die beiden Hauptklassen der Bevölkerung ihren großen Toten ungefähr die gleiche Ehre. Wer sich durch seine Wohlthaten für das Gemeinwesen den berühmtesten Namen gemacht hatte, erhielt ein ebenso prächtiges Begräbnis, wie der berühmteste Raufbold. Als Buck Fanshaw das Zeitliche segnete, machte man viel Aufhebens von ihm. Er galt für einen würdigen Vertreter der Bürgerschaft, stand einer großartigen Schankwirtschaft vor und hatte auch ›seinen Mann getötet‹, allerdings nicht im eigenen Streit, sondern um einen Fremden gegen die Angriffe der feindlichen Übermacht zu schützen. Er hatte ein flottes Weibsbild besessen, von dem er sich auch ohne die Umstände einer Ehescheidung hätte trennen können. Bei der Feuerwehr bekleidete er ein hohes Amt und war ein Held ohne Gleichen in der Politik. Als er starb, ging eine laute Klage durch die ganze Stadt, aber ganz besonders wurde sein Tod in den untersten Schichten der Gesellschaft beweint. Die Totenschau ergab, daß Buck Fanshaw im Fieberwahn einer zehrenden Krankheit Arsenik genommen, sich dann in die Brust geschossen und die Kehle abgeschnitten hatte, worauf er vier Stock hoch aus dem Fenster gesprungen war und den Hals gebrochen hatte. Die Jury (d. h. die Behörde, welche die Totenschau vornimmt) ließ sich durch ihren Kummer die Klarheit des Urteils nicht trüben. Sie hat nach längerer Verhandlung den Ausspruch, daß Fanshaws Tod durch eine ›Heimsuchung Gottes‹ verursacht worden sei.

Für die Leichenfeier wurden die großartigsten Vorbereitungen getroffen. Alle Fuhrwerke im Ort waren bestellt, sämtliche Schankwirtschaften kleideten sich in Trauerflor, die Fahnen der Stadt und der Feuerwehr hingen auf Halbmast und die ganze Löschmannschaft zog in Uniform mit schwarzverhüllten Pumpen auf.

Beiläufig muß ich noch bemerken, daß im Silberland jedes Volk der Erde durch irgend einen Abenteurer vertreten ist und jeder dieser Abenteurer das seinem Geburtsort eigentümliche Kauderwelsch mitgebracht hat. Es giebt daher keine reichere, kräftigere und abwechslungsvollere Ausdrucksweise in der ganzen Welt als die in Nevada herrschende Sprache. Selbst Prediger mußten sich entschließen, in diesem Kauderwelsch zur Gemeinde zu sprechen, wollten sie sich verständlich machen. Gewisse Redensarten waren fortwährend in aller Munde und flossen jedem ganz unbewußt über die Lippen, ohne daß sie irgendwelchen Sinn hatten oder den geringsten Bezug auf das Thema, das gerade besprochen wurde.

Nachdem die Totenschau über Buck Fanshaw gehalten worden war, kam die trauernde Bürgerschaft zur Beratung zusammen; denn an der Küste des stillen Ozeans finden bei jeder Gelegenheit Versammlungen statt, um die Volksstimmung öffentlich zum Ausdruck zu bringen. Man faßte mancherlei Beschlüsse wegen der Bestattung und verschiedene Komitees wurden eingesetzt, unter anderem auch eines, das den Auftrag erhielt, die Leichenpredigt zu bestellen.

Dies zu besorgen hatte ›Scotty‹ Briggs übernommen, welcher denn auch rechtzeitig dem Geistlichen seinen Besuch machte. Letzterer, ein zarter, friedliebender junger Mann aus dem Osten, war eben erst auf einem theologischen Seminar flügge geworden und mit den Sitten und Gebräuchen der Bergwerksbevölkerung völlig unbekannt. Wenn er in spätern Jahren seine Unterredung mit Scotty, dem Komiteemitglied, schilderte, verlohnte es sich wohl der Mühe zuzuhören.

Scotty Briggs war ein kühner Raufbold, dessen Amtstracht bei feierlicher Gelegenheit – wenn er z. B. wie jetzt im Namen des Komitees auftrat – aus einem Feuerwehr- Helm und einem scharlachroten Flanellhemde bestand; der Revolver hing ihm vom breiten Ledergürtel herab, den Rock trug er über dem Arm und seine Beinkleider steckten in hohen Stulpenstiefeln. Kein Wunder, daß er von dem blassen jungen Theologen gewaltig abstach. Scotty besaß übrigens, nebenbei gesagt, ein warmes Herz und große Anhänglichkeit an seine Freunde; auch fing er keine Händel an, wenn es sich irgendwie vermeiden ließ. Meist stellte es sich bei Scottys Raufereien heraus, daß er ursprünglich gar nichts mit der Angelegenheit zu thun gehabt und sich nur aus angeborener Gutmütigkeit hineingemischt hatte, um dem Schwächeren beizustehen. Schon seit Jahren waren Buck Fanshaw und Scotty Busenfreunde und hatten einander getreulich geholfen in manchem Kampf und Abenteuer. Man erzählt zum Beispiel, daß sie eines Tages mehrere fremde Burschen im Handgemenge sahen, rasch die Röcke abwarfen und für den gerade unterliegenden Teil eintraten. Als sie sich nach schwer errungenem Sieg umsahen, was aus ihren Schützlingen geworden sei, waren diese längst über alle Berge und hatten die Röcke ihrer Beschützer zu eigenem Gebrauch mitgenommen.

Doch kehren wir zu Scottys Besuch bei dem Prediger zurück. Er hatte eine Trauerbotschaft auszurichten und tiefer Gram sprach aus seinen Zügen. Ohne weiteres nahm er dem Geistlichen gegenüber Platz, stellte seinen Feuerwehrhelm dem Pfarrer dicht vor die Nase, gerade auf eine halbfertig geschriebene Predigt, wischte sich mit einem rotseidenen Sacktuch die Stirn ab und stieß einen schweren Seufzer aus, als passendste Einleitung für sein trübseliges Geschäft. Vor Rührung war ihm zuerst die Kehle wie zugeschnürt und seine Augen wurden feucht; doch bezwang er sich mannhaft und sagte mit wahrer Grabesstimme:

»Sind Sie der Herr, der bei dem frommen Grubenbau hier nebenan zum Schichtmeister bestellt ist?«

»Ob ich der – entschuldigen Sie – ich habe nicht recht verstanden – wie meinen Sie?«

Scotty ließ ein schmerzliches Schluchzen vernehmen und einen noch tieferen Seufzer.

»Sehen Sie,« sagte er, »wir sitzen in der Klemme und die Jungens glaubten, Sie könnten uns vielleicht heraushelfen, wenn wir Sie ins Schlepptau nehmen. Das heißt, im Fall ich hier an der rechten Schmiede bin und den Obermeister des Hallelujah-Fahrschachts hier nebenan vor mir habe.«

»Ich bin der Hirte, dem die Sorge für die Schafe obliegt, deren Hürde hier in der Nachbarschaft steht.«

»Wer, sagen Sie?«

»Der geistliche Berater einer kleinen Schar von Gläubigen, deren Heiligtum dicht an mein Wohnhaus stößt.«

Scotty kratzte sich hinter den Ohren, überlegte einen Augenblick und sagte dann:

»Da sind Sie mir über. Die Karte kann ich nicht bekennen, Meister. Man muß den Eimer weitergeben.«

»Wie meinen Sie? – Verzeihung, aber ich weiß nicht recht –«

»Mir scheint, wir sind beide noch nicht im richtigen Fahrwasser. Sie haben keine Witterung mit mir und ich habe keine Witterung mit Ihnen. – Die Sache ist nämlich so: Einer von uns Jungens kann nicht mehr im Geschirr gehen und wir möchten für ihn einen ordentlichen Kehraus haben; daher bin ich hier, um jemand aufzutreiben, der uns ein wenig Klingklang dazu macht, damit der Tag noch ein gutes Ende nimmt.«

»Bester Freund, mir wird bei Ihren Worten immer verwirrter zu Sinn. Was Sie sagen, ist mir völlig unklar. Könnten Sie sich nicht etwas einfacher ausdrücken? Anfänglich glaubte ich schon zu verstehen, was Sie wünschen, aber jetzt tappe ich wieder im Dunkeln. Würde es nicht die Angelegenheit wesentlich beschleunigen, wenn Sie sich auf kategorische Angaben der Thatsachen beschränkten, ohne das Verständnis durch Anhäufung von Bildern und Allegorien zu erschweren?«

Eine abermalige Pause und Überlegung. Dann bemerkte Scotty:

»Ich kann wieder nicht bekennen – ich passe.«

»Wie?«

»Sie haben mich übertrumpft, Meister.«

»Ich weiß nicht, was Sie meinen.«

»Was sie zuletzt ausgespielt haben, kann ich nicht stechen, kann auch nicht mit der Farbe bedienen.«

Der Pfarrer lehnte sich verblüfft in seinen Stuhl zurück. Scotty stützte den Kopf auf und versank in tiefes Nachdenken. Bald blickte er jedoch wieder in die Höhe und fügte mit trübseliger Miene, aber doch voll Zuversicht:

»Jetzt hab‘ ich’s, so daß Sie’s schlucken können. Wir brauchen einen Predigtmacher – einen Pfarrer.«

»Warum haben Sie das denn nicht gleich gesagt? Ich bin der Geistliche – der Pfarrer.«

»Bravo, das ist einmal ein Wort! Sie sehen, ich war zuerst gegen die Mauer gerannt und bin nun mit einem Satz hinüber. Schlagen Sie ein!«

Er streckte seine nervige Faust aus, umschloß des Predigers kleine Hand und schüttelte sie in brüderlichem Mitgefühl und herzlichem Vertrauen. »Jetzt ist die Sache in Ordnung, Meister,« fuhr er fort; »fangen wir nun von Frischem an, und wenn ich dabei etwas greine, so achten Sie nicht weiter darauf, denn, wir sind eben in einer argen Klemme, weil einer von den Jungens plötzlich Schicht gemacht hat.«

»Schicht gemacht?«

»Ja, er hat den Eimer umgeworfen, wissen Sie.«

»Ach, Sie meinen, er ist in jenes geheimnisvolle Land gefahren, von dessen Gestaden kein Wanderer jemals wiederkehrt?«

»Nein, er kehrt nicht wieder. Die Rechnung stimmt. Er ist ja tot, Meister.«

»Ja, ja, ich verstehe schon.«

»Wirklich? Na, ich dachte doch, daß ich Sie irgendwie anhaken konnte. Es ist ganz richtig, er ist wieder tot –«

»Wieder? Ist er denn schon früher einmal gestorben?«

»Früher einmal? Bewahre! Glauben Sie denn, ein Mensch hat neun Leben wie eine Katze? Aber, was gilt die Wette – jetzt ist er ganz und gar tot, der arme Junge; hätte ich nur den Tag nie erlebt. Einen bessern Freund wie Buck Fanshaw giebt es nicht auf der Welt. Ich kannte ihn durch und durch – und wenn ich einen kenne und liebe, mit dem bin ich wie zusammengewachsen, das können Sie mir glauben. Solche Kernmenschen findet man nicht wieder, da kann man lange suchen. Keinen Freund hat Buck Fanshaw je im Stich gelassen. Aber nun ist das alles aus – und vorbei. Er hat ihn doch untergekriegt.«

»Wer denn?«

»Nun, der Tod. – Ja, ja, es hilft nichts, wir müssen ihn aufgeben. Eine arge Welt ist’s doch, in der wir leben, nicht wahr? Aber Meister, das sag‘ ich Ihnen, so einen Ringkämpfer wie den giebts nicht zum zweitenmal. Es war eine Lust ihm zuzusehen – bloß seine Fäuste brauchte er und freien Spielraum, dann gings drauf und dran. Es war ein ganzer Teufelskerl. Ich sage Ihnen, er hielt sich dran, er blieb nichts schuldig.«

»Wie meinen Sie?«

»Nun, er zahlte heim beim Faustkampf, verstehen Sie – wo’s gerade hinging: auf Schädel, Schultern, Brust! Heiliges Donnerwetter! – entschuldigen Sie dieses Wort, aber ich kann nicht alles so sanft und mild herausbringen. Und nun müssen wir ihn aufgeben, es hilft nichts, die Rechnung stimmt. Wenn Sie uns nun beistehen möchten bei der Verpflanzung –«

»Ich soll die Leichenpredigt halten und der Begräbnisfeier beiwohnen?«

»Begräbnisfeier – ja, ja. Das ist’s, wo wir hinauswollen. Er war sein Lebtag nicht knickerig und bei seiner Bestattung soll nichts abgeknapst werden. Echt silberne Beschläge am Sarg und sechs Trauerfahnen über der Bahre; auf dem Bock ein Neger in seiner Wäsche und den Seidenhut auf dem Kopf – es mag so hoch kommen, wie es will. Für Sie, Meister, werden wir auch Sorge tragen, seien Sie nur ganz ruhig. Sie bekommen einen Wagen, und wenn Sie sonst noch ‚was brauchen, nur heraus damit, es soll schon angeschafft werden. Im Trauerhause wird so ein Dingrich aufgerichtet, dahinter können Sie sich stellen. Seien Sie nur nicht bange, sondern blasen Sie in Ihr Horn und bringen Sie unsern Kameraden so glatt durch wie nur möglich. Wer ihn gekannt hat, wird Ihnen sagen, daß er der bravste Kerl in der ganzen Gegend war. Sie können das gar nicht stark genug betonen. Wenn Unrecht geschah, war er außer stande es mit anzusehen. Daß es hier in der Stadt so ruhig und friedlich zugeht, ist hauptsächlich sein Verdienst. Ich war selbst einmal dabei, wie er in einer einzigen Viertelstunde vier Schwindler durchgebläut hat. Wenn es galt Ordnung zu stiften, sah er sich nicht lange um, wer wohl Hand anlegen könnte, sondern griff selbst zu. Mit den Katholiken wollte er nichts zu thun haben; sein Wahlspruch war: »Irländer sind ausgeschlossen,« aber doch stand er für ihre Rechte ein, als einmal ein paar wüste Kerle sich Bauplätze auf dem katholischen Begräbnisort abstecken wollten. Die mußten gut Reißaus nehmen – ich hab’s mit angesehen.«

»Die Gesinnung war jedenfalls lobenswert, ob die That selbst, lasse ich dahingestellt. Hatte denn der Verstorbene religiöse Überzeugungen? Das heißt – fühlte er seine Abhängigkeit von einer höheren Macht und unterwarf er sich ihren Fügungen?«

Abermaliges Nachdenken.

»Jetzt bin ich wieder wie vor den Kopf geschlagen, Meister. Könnten Sie das nicht noch einmal sagen – so recht langsam?«

»Ich meine nur – um mich ganz klar auszudrücken – hat er je in Verbindung mit irgend einer Gemeinschaft gestanden, die sich dem weltlichen Getriebe fernhielt, sich in Selbstverleugnung übte und im Gehorsam gegen das Sittengesetz?«

»Das war ein Fehlschuß; thun Sie noch einmal Pulver auf die Pfanne.«

»Was sagen Sie?«

»Jedesmal, wenn Sie so loslegen, bleibe ich im Hintertreffen. Sie bekommen die beste Hand und ich habe kein Glück. Mischen wir lieber noch einmal von neuem.«

»Was? Soll ich von vorn anfangen?«

»Ja, das wäre mir gerade recht.«

»Nun denn – war er ein guter Mann und –«

»Halt – das leuchtet mir ein. Warten Sie erst einmal, ehe wir weiter gehen. Ein guter Mann – das will ich meinen; der beste Mann von der Welt, Sie hätten ihn auch lieb haben müssen. Noch beim letzten Wahlgang hat er die Unruhen beschwichtigt, bevor sie recht zum Ausbruch kamen; außer ihm hätte das keiner gekonnt. Vierzehn Männer mußte man in den ersten fünf Minuten vom Platze tragen, so hat er’s ihnen eingetränkt. Er stimmte immer für den Frieden, jeder Aufruhr war ihm ein Greuel und sein Tod ist ein großer Verlust für die Stadt. Es würde die Jungens freuen, wenn Sie ihm die Gerechtigkeit erwiesen, das anzubringen. Schneller laufen konnte er, höher springen, derber treffen und flotter trinken, als irgend jemand auf hundert Meilen in der Runde. Das vergessen Sie nicht, Meister, die Jungens werden es Ihnen hoch anschlagen. Dann können Sie auch noch sagen, daß er seine Mutter nie geschüttelt hat.«

»Warum sollte er denn das thun? das wäre ja entsetzlich.«

»Das meine ich auch, aber es giebt doch Leute, die es thun.«

»Aber doch niemand, der Ehre im Leibe hat!«

»Doch – welche, die sonst gar nicht so übel sind.«

»Nach meiner Meinung sollte ein Mann, der die Hand gegen seine Mutter zu erheben wagt –«

»Wo denken Sie hin, Meister – da haben Sie ‚mal gründlich fehlgeschossen. Was ich sagen will ist, daß er seine Mutter nicht abgeschüttelt hat, sie verstoßen, wissen Sie. Er hat ihr ein Haus zum wohnen gegeben und Ackerland und Geld die Fülle, hat für sie gesorgt und immer nach ihr gesehen. Und als sie die Blattern kriegte, hat er nachts bei ihr gesessen und sie gepflegt – ich will verdammt sein, wenn’s nicht wahr ist. Bitte um Verzeihung – das fuhr mir nur so heraus. Ich wollte Sie nicht kränken, Meister. Sie haben mich anständig behandelt; ich glaube, Sie sind weiß und rein und meinen es ehrlich. Ich habe Gefallen an Ihnen gefunden und jeden, der Sie nicht liebt, will ich durchbläuen, daß er das Aufstehen vergißt. Da, schlagen Sie ein!«

Er schüttelte dem Pfarrer abermals herzlich die Hand und fort war er.

*

Das Leichenbegängnis fiel ganz so aus, wie die Jungens es sich wünschten. Eine solche Trauerfeier hatte Virginia noch nie erlebt. Alle Geschäfte waren geschlossen, die Blasinstrumente ließen Totenlieder erklingen, die Bahre war schwarz verhängt, die Fahnen auf Halbmast. Bei dem Trauergefolge sah man lange Züge von Militärpersonen, Feuerwehrleuten, Mitglieder geheimer Gesellschaften in Uniform, umflorte Feuerspritzen, Wagen mit Vertretern von Behörden, Bürger in allerlei Fuhrwerken und zu Fuß. Das großartige Gepränge zog Scharen von Zuschauern herbei, von denen die Straßen, Fenster und Dächer wimmelten. Noch lange Jahre nachher kannte man keinen andern Maßstab für die Pracht und Größe einer öffentlichen Schaustellung in Virginia, als den Vergleich mit Buck Fanshaws Begräbnis.

Scotty Briggs ging als einer der Hauptleidtragenden hinter dem Sarge. Als die Leichenrede zu Ende war und das letzte Gebet für die Seele des Toten verhallt, sagte er mit leiser Stimme und tiefem Gefühl: »Amen. Irländer sind ausgeschlossen.« Dies war des Verstorbenen Lieblingsredensart gewesen und wahrscheinlich wiederholte sie Scotty in diesem Augenblick nur zum ehrenden Gedächtnis für seinen abgeschiedenen Freund.

In späteren Jahren zeichnete sich Scotty Briggs dadurch aus, daß er der einzige unter den Raufbolden Virginias war, der sich für religiöse Belehrung zugänglich erwies. Der Mann, welcher sich aus eigenem Antrieb und angeborenem Edelmut stets der Sache der Schwächeren gegen ihre Feinde angenommen hatte, war gar kein ungeeignetes Glied für die Christengemeinde. Er fand als solches Gelegenheit, die Großmut und Unerschrockenheit seines Charakters auf einem weiteren, fruchtbringenden Felde zu bethätigen. Die Kinder, welche er in der Sonntagsschule unterrichtete, machten raschere Fortschritte als alle übrigen, was gar nicht zu verwundern war, denn er redete mit den kleinen Sprößlingen der Bergleute in einer Sprache, die sie verstanden.

Noch einen Monat vor seinem Tode hatte ich das Glück, zu hören, wie er seiner Klasse die schöne Geschichte von Joseph und seinen Brüdern aus dem Kopf erzählte, ohne dabei ins Buch zu sehen. Ich überlasse es dem Leser, sich einen Begriff von dem Eindruck zu machen, den sie aus dem Munde des eifrigen Lehrers auf die kleinen Schüler hervorbrachte. Sie lauschten seinen Worten in atemloser Spannung und weder er noch sie schienen sich im geringsten bewußt, daß der biblischen Erzählung Gewalt angethan, ihre Heiligkeit entweiht, oder überhaupt ein Verstoß gegen die althergebrachte Sitte begangen werde.

Drittes Kapitel.

Drittes Kapitel.

Die angesehensten Bürger-Schwurgerichte.

In den ersten sechsundzwanzig Gräbern des Kirchhofs von Virginia sind die Leichen von Ermordeten bestattet. Das sagte und glaubte man wenigstens allgemein. Das gewaltthätige Element herrscht in jedem neuen Bergwerksdistrikt vor; erst wenn einer ›seinen Mann‹ getötet hatte, wie die Redensart lautet, konnte er sich Achtung verschaffen. Mord und Totschlag waren daher an der Tagesordnung. Bei einem fremden Ankömmling fragte man nicht danach, ob er geschickt, ehrlich und arbeitsam sei, sondern, ob er schon ›seinen Mann getötet‹ habe. War dies nicht der Fall, so sank er zu der ihm gebührenden niedrigen Stellung herab, aus der er sich mit unbefleckten Händen nur mühsam emporarbeiten konnte. Ein Totschläger dagegen wurde, je nach der Zahl seiner Opfer, mit mehr oder weniger Herzlichkeit bewillkommnet und jeder beeilte sich, seine Bekanntschaft zu machen. Kein Wunder daher, daß so viele strebten, diesen Ruhm zu erwerben. Ich habe selbst zwei junge Leute gekannt, die nur zu diesem Zweck, ohne irgend welche Herausforderung, den Versuch machten, ›ihren Mann zu töten‹ und selbst dabei ums Leben kamen. Eine Zeitlang standen in Nevada der Anwalt, der Bankier, der Herausgeber der Zeitung, der stärkste Raufbold, der glücklichste Spieler und der Schenkwirt in gleichem Ansehen und nahmen die höchste gesellschaftliche Stellung ein. Wer ein einflußreiches Glied der Gemeinde werden wollte, für den gab es kein wohlfeileres und sichereres Mittel, als mit einer diamantenen Busennadel im Vorhemd hinter dem Schenktisch zu stehen und Whiskey zu verkaufen. Der Schenkwirt besaß eine große Macht über die Gemüter; von ihm hing zumeist der Ausfall der Wahlen ab, und ohne seine Unterstützung und Leitung kam kein wichtiges Unternehmen zustande. Wenn der vornehmste Schenkwirt sich herabließ, ein obrigkeitliches Amt anzunehmen oder in den Gemeinderat zu treten, so galt das als eine große Gunst. Daher war denn auch meist der Ehrgeiz der Jugend nicht darauf gerichtet einen hohen Posten bei der Verwaltung, in der Flotte oder im Heer zu bekleiden, sondern Besitzer einer Schenkwirtschaft zu werden.

Zur höchsten Berühmtheit gelangte also, wer Schenkwirt war und ›seinen Mann getötet‹ hatte. Der Mörder entging meist der ihm gebührenden Strafe, wozu hauptsächlich die Bestimmung beitrug, daß ein Geschworener über den zu verhandelnden Fall in gänzlicher Unwissenheit sein muß, zuvor weder etwas davon gehört, noch gelesen, auch nicht öffentlich seine Meinung geäußert haben darf. In unserm Jahrhundert der Zeitungen und Telegraphen schloß man hierdurch von vornherein jeden gebildeten, rechtschaffenen und verständigen Mann von der Geschworenenbank aus und machte die Schwurgerichte oft zu einem traurigen Possenspiel.

Mir ist ein derartiges Beispiel erinnerlich: Herr B., ein wackerer Bürger, war von einem bekannten Raufbold in übermütiger Laune kalten Blutes umgebracht worden. Natürlich waren alle Tagesblätter voll davon, wer lesen konnte, las die Berichte, wer nicht taub, stumm oder blödsinnig war, sprach darüber. Als es zur Wahl der Geschworenen kam, verwarf man alle tüchtigen, klugen und redlichen Männer; ein sehr angesehener Bankier, ein allgemein beliebter Prediger, ein Kaufmann von anerkannt rechtschaffenem Charakter, der hochachtbare Besitzer einer Quarzgrube, ein Bergwerksdirektor, der den besten Ruf genoß – sie alle wurden von der Liste gestrichen. Jeder einzelne von ihnen versicherte zwar, daß die umlaufenden Gerüchte und Zeitungsartikel sein Urteil nicht dergestalt beeinflußt hätten, daß er außer stande sei, sich auf Grund der Thatsachen und beschworenen Zeugenaussagen eine eigene Überzeugung zu bilden, aber das blieb unberücksichtigt. Die Männer waren sämtlich untauglich, da nur völlige Unwissenheit den Geschworenen befähigte, einen gerechten Wahrspruch zu fällen.

Nachdem alle zuerst einberufenen verworfen waren, wählte man zwölf Ersatzmänner, welche beschworen, daß sie von dem Mord, den sich die Indianer der Steppe erzählten und die Steine auf der Gasse zuraunten, weder etwas gehört, noch gelesen, auch nicht darüber gesprochen und ihre Ansicht geäußert hätten. Diese Jury bestand aus zwei Raufbolden, zwei gemeinen Bierbrüdern, drei Schenkwirten, zwei Rancheros, die nicht lesen konnten, und drei Eseln in Menschengestalt, denen die einfachsten Begriffe abgingen. Natürlich verneinten sie die Schuldfrage, das ließ sich nicht anders erwarten.

Wenn man Nevada in seiner ›flotten Zeit‹ schildern und dabei Mord und Totschlag unerwähnt lassen wollte, so könnte man ebenso gut bei einem Bericht über das Mormonentum die Vielweiberei mit Stillschweigen übergehen. Gewaltthätigkeiten waren etwas Alltägliches; der Raufbold stolzierte mit prahlerischer Großthuerei durch die Straßen und wenn er einem seiner bescheidenen Bewunderer vertraulich zunickte, so beglückte diesen der Gruß des berühmten Mannes für den Rest des Tages. In seinem langschößigen Überrock, der bis auf die glänzenden Stulpenstiefel herabhing, den Schlapphut auf dem linken Ohr, kam er den Bürgersteg dahergegangen und die kleinen Straßenlümmel machten Seiner Majestät ehrerbietigst Platz. Trat er in eine Trinkstube, so ließ der Kellner die Beamten und Kaufleute warten, um sich ihm dienstfertig zu erweisen. Wer bei dem Gedränge am Schenktisch Ellenbogenstöße von ihm erhielt, sah sich wohl zornig um, bat aber um Entschuldigung, sobald er ihn erkannt hatte. Zum Dank dafür ward ihm dann ein Blick zu teil, bei dem ihm das Blut in den Adern erstarrte. Der Schenkwirt aber eilte strahlenden Angesichts herbei, um den hohen Gast zu befriedigen, auf dessen Kundschaft er stolz war.

Die Namen dieser langschößigen Revolverhelden waren die berühmtesten im ganzen Territorium; Redner, Präsidenten, Kapitalisten und Gesetzgeber genossen, im Vergleich mit ihnen, nur ein mäßiges Ansehen. Leute, wie Sam Brown, Jack Williams, Billy Mulligan, Pächter Bease, den pockennarbigen Jack, den sechsfingerigen Peter u.a.m., kannte man weit und breit; ich könnte eine lange Liste aufzählen. Es waren furchtbare, übermütige Gesellen, die tollkühn jeder Gefahr trotzten.

Um ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, muß ich noch erwähnen, daß sie sich meist unter einander rauften und totschlugen, die friedlichen Bürger aber nur selten belästigten. Einem Menschen das Leben zu nehmen, der nicht zum ›Schützenwild‹ gehörte, wie sie es nannten, und dessen Tod keine neue Perle in ihrem Ruhmeskranz bedeutet hätte, galt für unter ihrer Würde. Sie brachten sich gegenseitig bei dem geringfügigsten Anlaß um und jeder von ihnen hoffte und wartete auch seinerseits auf ein gewaltsames Ende, da es fast für eine Schande galt, anders als ›in den Stiefeln‹ zu sterben. Daß ein Raufbold es als zu leichte Beute verschmähte, einer Privatperson den Garaus zu machen, davon habe ich selbst ein Beispiel erlebt. Ich saß einmal spät beim Abendessen in einem Speisehaus mit zwei Berichterstattern und einem kleinen Buchdrucker, den ich Brown nennen will – der Name thut nichts zur Sache. Bald darauf trat ein langschößiger Fremder ein und nahm Platz, ohne Browns Hut zu bemerken, der auf dem Stuhle lag. Als der Kleine sofort aufsprang und zu schimpfen begann, lächelte der Fremde nur spöttisch, glättete den Hut wieder und erging sich in wortreichen Entschuldigungen, indem er Brown mit beißendem Hohn beschwor, ihm nicht das Lebenslicht auszublasen. Dieser entledigte sich auf der Stelle seines Rockes und forderte den Gegner zum Kampf heraus, er drohte ihm, überhäufte ihn mit Schmähungen, äußerte Zweifel an seinem Mut, ja, endlich flehte er ihn sogar an, sich mit ihm zu schlagen. Noch immer spöttisch lächelnd, bat uns der Fremde zuerst, in scheinbarer Angst, um unsern Schutz; dann sagte er, plötzlich ernst werdend:

»Nun, wenn Sie denn durchaus darauf bestehen, so wollen wir meinetwegen kämpfen. Aber, ich bitte Sie, meine Herren, stürzen Sie sich nicht blindlings in die Gefahr, um hernach zu klagen, daß ich Sie nicht gewarnt hätte. Ich kann es mit Ihnen allen zusammen aufnehmen, wenn ich erst einmal loslege. Das will ich Ihnen beweisen, und beharrt mein Freund hier dann noch auf seinem Willen, so soll er ihn haben.«

Der Tisch, an welchem wir saßen, war fünf Fuß lang und ungewöhnlich plump und schwer. Der Fremde sagte, wir möchten das Geschirr einen Augenblick festhalten – in einer der Schüsseln lag ein großer Braten. Dann setzte er sich an ein Ende des Tisches, hob es in die Höhe, stellte zwei von den Beinen auf seine Knie, nahm die Tischplatte zwischen die Zähne, und brachte so, ohne die Hände zu gebrauchen, den Tisch mit sämtlichem Gerät darauf in eine wagerechte Linie. Nach dieser Kraftprobe teilte er uns ferner mit, er könne ein Faß voll Nägel mit den Zähnen aufheben, auch biß er aus einem gewöhnlichen Trinkglas ein halbkreisförmiges Stück heraus. Dann zeigte er uns noch auf seiner nackten Brust ein ganzes Netzwerk vernarbter Stich- und Schußwunden und eine gleiche Menge auf seinen Armen und im Gesicht, wobei er uns versicherte, er habe so viele Kugeln im Leibe, daß man eine ganze Kanone daraus gießen könne. Schließlich nannte er uns seinen Namen, bei dessen gefürchtetem Klang uns angst und bange wurde; ich getraue mich nicht, ihn zu veröffentlichen, denn der Mann könnte kommen und mich in Stücke hauen. Als er zuletzt Brown fragte, ob ihn noch immer nach seinem Blute gelüste, überlegte dieser sich die Sache einen Augenblick und dann bat er ihn – mit uns zu Nacht zu speisen.

Viertes Kapitel.

Viertes Kapitel.

Der große Zeitungsroman.

Als es in unserer ›flotten Zeit‹ am herrlichsten zuging, stand auch das Laster im vollsten Flor. Die Branntweinschenken waren überfüllt, desgleichen die Polizeiämter, die Spielhöllen, die Freudenhäuser und die Gefängnisse – ein sicheres Zeichen höchsten Gedeihens in einer Bergwerksgegend – vielleicht auch an andern Orten – denn es beweist, daß der Handel nicht stockt und nirgends Mangel an Geld ist. Nun fehlte zum Höhepunkt unseres Glanzes nur noch ein Ereignis, das gewöhnlich zuletzt kommt, dann aber auch die Herrschaft der flotten Zeit außer aller Frage stellt, nämlich das Erscheinen eines Unterhaltungsblattes. Die neu gegründete ›Wochenschrift des Westens‹ beschäftigte sämtliche litterarisch begabte Persönlichkeiten Virginias als Mitarbeiter und Herr F., ein echter Held der Feder, war der Herausgeber.

Wir erwarteten große Dinge von unserer Wochenschrift, aber natürlich mußten wir, um sie in Fluß zu bringen, vor allem einen Originalroman haben, zu dessen Abfassung denn auch sofort die besten Kräfte der Gesellschaft aufgeboten wurden. Frau F., eine begabte Schriftstellerin aus der ›Schule der Überschwenglichen‹, die sich für Tugend und erhabene Gefühle begeistern, schrieb das erste Kapitel. Sie ließ darin eine reizende blonde Unschuld auftreten, die das Menschenmögliche an Vollkommenheit leistete und nur für Blumen und Verse schwärmte. Auch ein junger, französischer Herzog ward den Lesern vorgestellt, ein Muster der feinsten Bildung, der dem blonden Fräulein sein Herz geschenkt hatte. In der folgenden Woche führte Herr F. einen redegewandten Rechtsgelehrten ein, welcher trachtete, des Herzogs Güter und Geschäfte in Verwirrung zu bringen, ferner eine geistvolle junge Dame aus der höchsten Gesellschaft, die den Herzog zu fesseln suchte und der blonden Unschuld die Eßlust benahm.

Der Verfasser des dritten Kapitels war Herr D., der düsterblickende, blutdürstige Redakteur für Tagesneuigkeiten; er brachte einen geheimnisvollen Rosenkreuzer zum Vorschein, der die Geldmacherei betrieb, um Mitternacht in einer Höhle Beratungen mit dem Teufel pflog und den Helden und Heldinnen das Horoskop stellte. Dabei sagte er Verwickelungen und Unglücksfälle in Menge für die Zukunft voraus, was die Gemüter in eine schauerliche Spannung versetzte. Auch einen maskierten, melodramatischen Bösewicht ließ er auftreten, der um blutigen Sold, in seinen Mantel gehüllt, dem Herzog bei nächtlichem Dunkel mit einem vergifteten Dolch auflauern sollte; ferner einen Irländer, der als Kutscher im Dienst bei der vornehmen Dame stand, nur im Dialekt sprach und als Überbringer von Liebesbriefchen an den Herzog verwendet wurde.

Nun traf um diese Zeit ein Fremder in Virginia ein, welcher litterarische Neigungen und ausschweifende Sitten hatte; er sah etwas schäbig aus, schien aber sehr still und anspruchslos. Sein Wesen war so sanft und freundlich und sein Benehmen – mochte er betrunken sein oder nüchtern – so angenehm und rücksichtsvoll, daß, wer mit ihm in Berührung kam, ihm wohlgesinnt sein mußte. Da er um litterarische Arbeit bat und hinlängliche Beweise beibrachte, daß er eine leichte und wohlgeübte Feder führte, beauftragte ihn Herr F., uns bei der Abfassung des Romans zu helfen. Er sollte das nächste Kapitel schreiben und dann kam meines an die Reihe.

Kaum war dies beschlossen, so hatte der Unglücksmensch nichts Eiligeres zu thun, als sich zu betrinken, in sein Quartier zu gehen und sich an die Arbeit zu machen, während in seinem Hirn noch der wüsteste Wirrwarr herrschte. Die Folgen kann man sich denken. Er überflog die Kapitel seiner Vorgänger, fand genug handelnde Personen darin, die ihm gefielen, und beschloß, keine neuen mehr auftreten zu lassen. Mit der heitern Zuversicht, welche der Branntwein seinen Jüngern verleiht, begann er dann in glücklichem Selbstvertrauen sein Werk. Er verheiratete den Kutscher mit der Dame aus der höchsten Gesellschaft, um Skandal zu erregen; dem Herzog gab er die Stiefmutter der blonden Unschuld zur Gattin, das sollte Aufsehen machen; dem Bösewicht verweigerte er den bedungenen Lohn; zwischen dem Teufel und dem Rosenkreuzer schuf er ein Mißverständnis und spielte des Herzogs Güter dem schlauen Advokaten in die Hände. Letzterer mußte sich dann aus Gewissensbissen dem Trunke ergeben, in Delirium Tremens verfallen und sich das Leben nehmen; hierauf brach der Kutscher den Hals, seine Witwe versank in Armut, Kummer und Not und bekam die Schwindsucht; die Blondine ertränkte sich und ließ mit ihren Kleidern am Ufer einen Zettel zurück, worin sie dem Herzog verzieh und die Hoffnung aussprach, er werde glücklich sein. Der Herzog erkennt nun an dem herkömmlichen Muttermal in Form einer Erdbeere, daß er seine tot geglaubte Mutter geehelicht und seine längst verlorene Schwester in den Tod getrieben hat. Herzog und Herzogin nehmen sich darauf selbst das Leben, um der poetischen Gerechtigkeit genug zu thun; die Erde öffnet sich und verschlingt den Rosenkreuzer unter Donner, Blitz und Schwefelgeruch. Schließlich endigt der Verfasser mit dem Versprechen, daß er im nächsten Kapitel ein allgemeine Leichenschau halten, die noch überlebenden Charaktere einer Musterung unterziehen und dem geneigten Leser mitteilen werde, was aus dem Teufel geworden sei.

Das alles las sich merkwürdig glatt und war mit solcher Ernsthaftigkeit geschrieben, daß es einem fast den Atem benahm. Die Mitarbeiter an dem Roman gerieten jedoch darüber in die höchste Wut und es entstand ein unbeschreiblicher Aufruhr. Als der Strom von Schmähungen über den sanften Fremdling hereinbrach, welcher noch halb im Rausch war, blickte er seine Widersacher der Reihe nach schüchtern und verwirrt an, ohne begreifen zu können, was er eigentlich verbrochen habe. Endlich trat nach dem Sturm eine Windstille ein und er konnte zu Worte kommen. In leise stehendem Ton sagte er, was er geschrieben, sei ihm nicht mehr recht erinnerlich, doch habe er sich gewiß alle Mühe gegeben, um den Roman nicht nur spannend und unterhaltend, sondern auch glaubwürdig, belehrend und – man ließ ihn nicht ausreden; von allen Seiten ward er belagert und angefallen, mit Vorwürfen überhäuft und wegen seiner Behauptungen ins Lächerliche gezogen und zu Nichte gemacht. Bei jedem Versuch, seine Widersacher zu besänftigen, goß der Fremde nur Öl ins Feuer; erst als er vorschlug, das Kapitel noch einmal zu schreiben, stellte man die Feindseligkeilen ein, die Entrüstung legte sich, es wurde Friede geschlossen und der Besiegte trat den Rückzug nach seiner eigenen Festung an.

Allein, ehe er dorthin gelangte, unterlag er der Versuchung aufs neue, er betrank sich abermals und seine Phantasie verlor Zaum und Zügel. Nun warf er seine Helden und Heldinnen noch wilder durcheinander als das erstemal, aber auch dieses Machwerk trug wieder den Stempel der ehrlichsten Gesinnung und größten Zuverlässigkeit. Alle handelnden Personen gerieten in die ungewöhnlichste Lage und mußten ganz erstaunliche Dinge sagen und thun. Was der Verfasser alles vorbrachte, läßt sich nicht beschreiben, die Abgeschmacktheit war bis auf die Spitze getrieben und der Blödsinn in ein System gebracht. Auch erklärende Randbemerkungen waren beigefügt, die dem Text an Seltsamkeit nichts nachgaben.

Als Beispiel des Ganzen will ich nur eine Episode mitteilen, die mir erinnerlich ist: Der Anwalt hatte seinen Charakter verändert, er war ein hochherziger, prächtiger Mensch geworden, der Ruhm und Geld besaß und dreiunddreißig Jahre zählte. Die blonde Unschuld entdeckte mit Hilfe des Rosenkreuzers, daß der Herzog sie nur um ihres Reichtums willen zu besitzen trachte, eigentlich aber der Dame aus der höchsten Gesellschaft zugethan sei. Bis ins Innerste verwundet, riß sie die Liebe zu ihm aus ihrem Herzen und goß die ganze Fülle derselben über den Anwalt aus, bei welchem sie ebenso feurige Erwiderung fand. Allein die Eltern erhoben Einspruch; sie wollten einen Herzog zum Schwiegersohn und waren nicht davon abzubringen, wiewohl sie zugaben, daß ihnen nächst dem Herzog der Anwalt am liebsten sei. Da nun aber die Blondine zu kränkeln begann, erschraken die Eltern und beschworen sie, doch den Herzog zu heiraten; alles Zureden war aber umsonst, sie fuhr fort dahinzuwelken. Unter den Umständen hielten die Eltern es für das Beste ihr zu sagen, daß, wenn sie nach Jahresfrist noch dabei beharre, den Herzog zu verschmähen, so solle sie mit ihrer Einwilligung des Anwalts Gattin werden. Bei dieser Aussicht färbten sich des Mädchens Wangen wieder und mit der Hoffnung kehrte auch die Gesundheit zurück. Das hatte man erwartet und schritt nun rasch zur Ausführung eines bereits gefaßten Planes. Der Hausarzt mußte der Blondine zur völligen Wiedergenesung eine weite Reise zu Wasser und Land verschreiben, an welcher der Herzog teil nehmen sollte. Die Eltern rechneten darauf, daß des Herzogs stete Gegenwart und des Anwalts Abwesenheit alles zum guten Ende führen werde; denn den Anwalt hatten sie nicht eingeladen.

Sie schifften sich auf einem Dampfer nach Amerika ein; als aber am dritten Tage die Seekrankheit nachließ und sie zum erstenmal bei der Mittagstafel erschienen, da fanden sie zu ihrem Schrecken den Anwalt gemütlich bei Tische sitzen. Das war eine große Verlegenheit, allein der Herzog und seine Reisegesellschaft setzten sich darüber hinweg so gut sie konnten und die Fahrt ging weiter. Etwa zweihundert Meilen von der amerikanischen Küste geriet das Schiff jedoch in Brand; Takelwerk und Masten wurden von den Flammen verzehrt und von der Mannschaft und den Passagieren blieben nur dreißig am Leben, darunter unsere Freunde. Sie trieben einen halben Tag und die ganze Nacht umher, bis am Morgen zwei Walfischfahrer erschienen und Boote aussetzten. Das Wetter war stürmisch und die Einschiffung verursachte große Verwirrung und Aufregung. Der Anwalt that seine Pflicht mit Mannesmut, er half der fast ohnmächtigen Blondine, ihren Eltern und andern seiner Leidensgefährten in das Boot (Der Herzog stieg allein hinunter). In diesem Augenblick fiel am andern Ende des Wracks ein Kind ins Wasser, der Anwalt vernahm das Wehgeschrei der Mutter, eilte zu Hilfe und zog im Verein mit andern Rettern das Kind aus den Fluten. Dann lief er zurück, aber es war zu spät – das Boot mit der Blondine war schon abgestoßen. Der Anwalt mußte das zweite Boot besteigen und wurde von dem andern Schiff aufgenommen. Die Wut des Sturmes wuchs, er trieb die Schiffe ins Weite und bald verloren sie einander aus dem Gesicht. Als sich drei Tage später der Wind legte, befand sich das Schiff mit der Blondine siebenhundert Meilen nördlich von Boston und das andere Schiff etwa siebenhundert Meilen südlich von diesem Hafen. Der Kapitän der Blondine ging im Norden des Atlantischen Ozeans auf den Walfischfang und der Kapitän des Anwalts hatte Befehl, im Norden des Stillen Ozeans zu kreuzen.

Fast ein Jahr war vergangen; das eine Schiff befand sich an der Grönländischen Küste, das andere in der Behringsstraße. Der Blondine hatte man eingeredet, daß der Anwalt über Bord gespült worden sei, als er gerade ins Boot steigen wollte. Allmählich begann sie den Bitten des Herzogs und ihrer Eltern Gehör zu geben und sich mit dem Gedanken an die verhaßte Heirat vertraut zu machen. Doch beharrte sie fest darauf, daß die einmal bestimmte Frist eingehalten werde. Der Zeitpunkt rückte immer näher und schon begann man an Bord Vorbereitungen zu der Hochzeit zu treffen, die mitten unter Eisbergen und Walrossen gefeiert werden sollte. Nur noch fünf Tage, dann war alles vorüber. Die Blondine bedachte das mit Seufzen und Weinen. O, wenn der Geliebte ihres Herzens noch lebte, warum eilte er nicht zu ihrer Rettung herbei? –

Ach, er vermochte es nicht, denn er war in diesem Augenblick in der Behringsstraße. Fünftausend Meilen betrug ihre Entfernung von einander quer durch das nördliche Eismeer gemessen und zwanzigtausend Meilen um das Kap Hörn herum. Da des Anwalts sämtliche Habe in dem andern Boot geblieben war, hatte er Schiffsdienste thun müssen, um seinen Unterhalt zu verdienen, und war gerade beschäftigt, einen Walfisch anzuspießen. Er schleuderte die Harpune mit aller Kraft, verfehlte jedoch sein Ziel, glitt aus und fiel dem Walfisch in den offenen Schlund. Fünf Tage blieb er besinnungslos in des Walfischs Bauch; als er wieder zu sich kam, sah er das Tageslicht durch ein Loch hereinströmen, welches sich im Rücken des Fisches befand. Die Mannschaft vom Schiff der Blondine hatte den Walfisch erlegt; der Anwalt kletterte heraus und überraschte die Matrosen, als sie gerade den Speck des getöteten Tieres am Schiffsrand hinaufwanden. Er fragte nach dem Namen des Schiffes, eilte an Bord, traf die Hochzeitsgesellschaft am Traualtar und rief mit Donnerstimme: »Halt, nicht weiter – hier bin ich! Komm in meine Arme, Geliebte!« –

In den Anmerkungen, welche dieser erstaunlichen litterarischen Leistung beigefügt waren, suchte der Verfasser zu beweisen, daß der Vorgang keineswegs außerhalb des Bereichs der Möglichkeit liege. Zum Beweis, daß ein Walfisch imstande sei, in fünf Tagen von der Behringsstraße nach der Küste von Grönland zu schwimmen, führte er einen ähnlichen Vorgang aus einem Buch von Charles Reade an, und dafür, daß ein Mensch im Bauche eines Walfischs leben könne, lieferte ihm das Abenteuer des Propheten Jona ein allbekanntes Beispiel. Habe ein Prophet es drei Tage darin ausgehalten, so würde ein Anwalt es sicherlich fünf Tage ertragen, ohne Schaden zu nehmen.

Der Sturm, der sich nun im Redaktionszimmer erhob, tobte wilder als zuvor; man warf dem Fremden sein Manuskript an den Kopf und jagte ihn mit Schimpf und Schande davon. Inzwischen waren die Angelegenheiten durch seine Schuld so sehr verzögert worden, daß keine Zeit mehr blieb, ein neues Kapitel zu schreiben und so kam das Blatt diese Woche ohne Roman heraus. Der Umstand erschütterte das Vertrauen des Publikums in die ›Wochenschrift des Westens‹ vermutlich so sehr, daß sie ihr gequältes Dasein nur noch mühsam weiter fristete und bevor die nächste Nummer die Presse verließ, eines stillen und friedlichen Todes starb.

Mit Hilfe eines ansprechenden Titels hoffte man noch mit dem Blatt einen Wiederbelebungsversuch anstellen zu können. Herr F. schlug vor, es den ›Phönix‹ zu nennen, um anzudeuten, daß es aus der Asche in ungeahntem Glänze erstehen werde; statt dessen wählte man jedoch auf Anraten eines schlauen Kopfes den Namen ›Lazarus‹. Da nun aber die Leser in der biblischen Geschichte wenig bewandert waren und den vom Tode erweckten Lazarus mit dem elenden, tranken Bettler verwechselten, der vor des Reichen Thüre lag, wurde der Name zum Gespött in der ganzen Stadt und das brach dem Unternehmen vollends den Hals.

Fünftes Kapitel.

Fünftes Kapitel.

Belehrendes.

Ich erlaube mir, den geneigten Leser im voraus zu benachrichtigen, daß ich in diesem Kapitel einige statistische Bemerkungen zu machen gedenke, damit er es überschlagen kann, wenn er will.

Im Jahre 1863, zur Zeit unseres höchsten Glanzes, glich Virginia einem wahren Bienenstock, so schwärmte es darin von Menschen und Wagen, doch ließ sich das von ferne schwer erkennen, da die Stadt im Sommer meist in eine dichte Wolke Alkalistaub eingehüllt war. Fuhr man zehn Meilen weit in diesem Staub dahin, so wurden Pferde und Menschen mit einer eintönig blaßgelben Kruste überzogen und im Wagen lag der Staub mindestens drei Zoll hoch, da ihn die Räder aufwühlten und hineinwarfen. Dabei ist dieser Alkalistaub so fein, daß er sogar in das luftdicht verschlossene Glasgehäuse eindringt, in welchem der Wardein seine äußerst empfindlichen Probierwagen aufbewahrt, deren Genauigkeit dadurch beeinträchtigt wird.

Es war damals die Zeit der gewagtesten Spekulationen, doch wurden auch solide Geschäfte in Menge abgeschlossen und es herrschte der großartigste Handelsverkehr. Von Kalifornien aus schaffte man alle Frachtgüter in ungeheuren Wagen über das Gebirge, denen oft eine so lange Reihe von Maultieren zum Vorspann diente, daß es ganz den Anschein hatte, als reiche der große Wagenzug, wie eine endlose Prozession, von Virginia nach Kalifornien hinüber. An dem aufgewirbelten Staub, der sich gleich einer ungeheuren Schlange durch die Wüstengegend wälzte, ließ sich die Richtung der Handelsstraße in dem Territorium leicht erkennen.

Die Lasten wurden die ganze Strecke von hundertfünfzig Meilen auf Transportwagen für den Preis von 100 bis 200 Dollars das Tonnengewicht (2000 Pfd.) nach dem Ort ihrer Bestimmung befördert. Eine einzige Firma in Virginia erhielt monatlich 100 Tonnen Fracht und bezahlte dafür 10,000 Dollars. Im Winter stiegen die Preise noch bedeutend. Alles Edelmetall wurde in Barren mit der Post nach San Francisco geschafft. Ein solcher Barren war meist doppelt so groß als eine Mulde, wie sie beim Bleiguß benützt wird, und zwischen 1500 und 3000 Dollars wert, je nach der Menge Goldes, die sich im Silber vorfand. Bei größeren Sendungen belief sich der Frachtsatz auf Fünfviertel Dollars für hundert Dollars des wirklichen Metallwerts, bei kleineren auf zwei Dollars. Die Fracht für einen Barren betrug daher im Durchschnitt etwas über 25 Dollars. Es gingen täglich drei Posten hin und her und ich habe oft gesehen, daß die nach Kalifornien bestimmten Postwagen eine Drittel Tonne in Silberbarren mitnahmen; manchmal teilten die drei Wagen sogar eine Last von zwei Tonnen unter sich, doch waren das nur Ausnahmefälle. Zwei Tonnen Rohsilber machten etwa 40 Barren aus, deren Fracht über 1000 Dollars kostete. Außerdem wurde mit jeder Postkutsche noch viel gewöhnliche Fracht befördert und zwischen fünfzehn bis zwanzig Passagiere, welche ein Personengeld von 25 und 30 Dollars bezahlten.

Die Firma Wells, Fargo und Co., in deren Händen der Postverkehr mit Virginia City lag, hatte demnach einen sehr bedeutenden und einträglichen Geschäftsbetrieb. In anderthalb Jahren wurden, wie mir der langjährige Agent der Firma, Valentin, mitteilte, Silberbarren im Wert von 5,330,000 Dollars befördert.

Von Virginia und Goldhill aus erstreckt sich in einer Länge von mehreren Meilen die große Comstock-Mine, eine Metallader von fünfzig bis achtzig Fuß Dicke, welche in Felswände eingeschlossen ist. Die Ader ist so breit wie manche Straße von New-York. Will man sich einen Begriff davon machen, was das heißt, so braucht man nur zu bedenken, daß in Pennsylvanien ein acht Fuß breites Kohlenlager schon für bedeutend gilt.

Außer dem Virginia über der Erde, einer geschäftigen Stadt mit vielen Straßen und Häusern, gab es demnach noch eine andere, unterirdische Stadt, in der eine zahlreiche Bevölkerung aus und ein ging. Hunderte von Menschen sah man sich dort durch die verworrenen Labyrinthe der Tunnels und Stollen drängen und beim Schein der unruhig flackernden Grubenlichter hierhin und dorthin huschen. Über ihren Häuptern erhoben sich die ungeheuren Balkengerüste, welche die Mauern des ausgehöhlten Comstocks auseinander hielten; die einzelnen Stützen hatten Manneslänge und die Grubenzimmerung ging zu so beträchtlicher Höhe hinauf, daß von unten kein menschliches Auge so weit zu dringen vermochte und sich ihr Ende im Dunkel verlor; sie war zwei Meilen lang, sechzig Fuß breit und höher als der höchste Kirchturm in Amerika. Man kann sich kaum eine Vorstellung davon machen, was es gekostet haben muß, diesen Wald von Bauholz in den Tannenforsten jenseits des Washoe-Sees zu fällen, um ihn für unsinnige Frachtsätze bis nach dem Mount Davidson zu schaffen, auf dessen Höhe sich Virginia City erhebt, das Holz dann zuzuhauen, in den Grubenschacht hinabzulassen und dort zurecht zu zimmern. Wenn zwanzig reiche Kapitalisten ihr Gesamtvermögen zusammenthäten, so würde das kaum ausreichen, um die Zimmerung zu bezahlen, welche zu einer einzigen dieser großen Silberminen gehört. Ein spanisches Sprichwort sagt, man brauche eine Goldgrube zum Betrieb einer Silbergrube und das ist nur zu wahr. Wer nichts besitzt als ein Silberbergwerk, weder Mittel hat es auszubeuten noch Gelegenheit zum Verkauf, der ist der ärmste Bettler von der Welt.

Ich habe von dem unterirdischen Virginia als von einer Stadt gesprochen. Um eine Vorstellung davon zu geben, führe ich nur an, daß die Gould- und Curry-Grube, welche nur eine von vielen anderen ist, Stollen und Tunnels in der Länge von fünf Meilen hatte und 500 Arbeiter beschäftigte. Alles in allem aber betrug die Länge der Straßen jener unterirdischen Stadt einige dreißig Meilen und ihre Bevölkerung 5 – 6000 Arbeiter. Manche derselben sind in einer Tiefe von 12 – 1600 Fuß unter den Häusern von Virginia und Goldhill im Innern der Erde beschäftigt und man bedient sich des elektrischen Stroms, um die Signalglocken anzuschlagen, durch welche der Grubendirektor ihnen Anweisung bei der Arbeit erteilt. Stürzt einmal ein Bergmann in einen 1000 Fuß tiefen Schacht hinab, wie das dort zuweilen vorkommt, so begnügt man sich bei solchem Fall gewöhnlich damit, die Leichenschau zu halten.

Neunzehntes Kapitel.

Neunzehntes Kapitel.

Ich komme jetzt zu einer seltsamen Episode – der seltsamsten, wie mir scheint, die ich bisher in meinem trägen, unnützen und sorglosen Lebenslauf zu verzeichnen gehabt. Gegen das obere Ende der Stadt zu besaß eine der ›Weite Westen‹ genannte Gesellschaft ein aller Welt bekanntes Quarzlager, aus dessen Schacht Gestein von ziemlich gutem, wenn auch keineswegs außerordentlichem Silbergehalte gefördert wurde. Ich bemerke hier, daß, während dem unerfahrenen Fremden aller Quarz aus einem bestimmten Bezirke gleichartig vorkommt, ein alter Ansässiger jeden Brocken Gestein von dem andern unterscheiden und mit größter Leichtigkeit sagen kann, aus welcher Grube derselbe stammt.

Eine ungewöhnliche Aufregung machte sich plötzlich in der Stadt bemerkbar. Der ›Weite Westen‹ war auf eine reiche Ader gestoßen. Jedermann wollte sich die neue Entwicklung der Dinge ansehen und mehrere Tage lang drängte man sich um den Schacht wie zu einer Volksversammlung. Man sprach, man dachte und träumte von nichts anderem mehr, als von dem reichen Funde. Ein jeder nahm sich eine Probe mit, die er im Mörser zerstampfte und in seinem Hornlöffel ausspülte, und stierte dann sprachlos das wunderbare Ergebnis an. Es war schwarzes, verwittertes, bröckeliges Zeug, das, wenn es auf ein Papier gelegt wurde, eine starke Beimischung von Gold und gediegenen Silberteilchen aufwies. Higbie brachte eine Handvoll davon in die Hütte mit, und als er es ausgewaschen hatte, spottete sein Staunen jeder Beschreibung. Die Kuxe des ›Weiten Westens‹ stiegen wie auf Adlerflügeln in die Höhe. Wiederholt seien tausend Dollars für den Fuß geboten worden, sagte man, aber ganz vergebens. Ich war tief unglücklich; die Welt kam mir hohl, das Dasein erbärmlich vor. Ich verlor den Appetit und nahm an nichts mehr Anteil. Trotzdem mußte ich Ärmster dableiben, um den Jubel der andern mit anzuhören, weil ich lein Geld hatte um fortzukommen. Dem Wegtragen von ›Proben‹ setzte die Gesellschaft bald ein Ziel, und mit Recht; denn von dem Erz hatte jede Handvoll einen erheblichen Wert. Dasselbe wurde ganz wie es aus dem Schachte kam zu einem Dollar per Pfund verkauft und hundertfünfzig Meilen weit über das Gebirge auf Maultieren nach San Francisco geschafft, und dabei rechnete der Käufer noch auf ein gutes Geschäft. Der Faktor erhielt strengen Befehl, außer den eigenen Arbeitern keinem Menschen unter irgend welchen Umständen das Einfahren in die Grube zu gestatten. Ich verblieb bei meinen schwarzen Träumereien, während Higbie ebenfalls fortwährend seinen eigenen Gedanken nachhing; diese waren aber anderer Art. Er grübelte hin und her über das Gestein, prüfte es mit einem Vergrößerungsglase, untersuchte es bei verschiedenem Lichte und von verschiedenen Gesichtspunkten, um nach jedem Versuche im Selbstgespräch stets dieselbe Meinung in der immer gleichen Formel kundzugeben:

»Das ist kein Gestein aus dem ›Weiten Westen!‹«

Um seiner Sache sicher zu sein, war er entschlossen, einen Blick in den Schacht zu thun, und sollte ihm dafür der Garaus gemacht werden. Mir in meiner Niedergeschlagenheit war es einerlei, ob er einen Einblick bekam oder nicht. Nach mehrmaligen vergeblichen, halsbrechenden Versuchen kroch er schließlich auf Händen und Füßen bis an den Rand des Schachts, ergriff, nachdem er schnell um sich geblickt, das Seil und glitt daran in die Tiefe. Als er unten eben im Dunkel eines Seitenganges verschwand, erschien oben am Schachtloch jemand mit dem Rufe: »Hallo!«, er antwortete jedoch nicht und blieb nun ungestört. Nach einer Stunde trat er in die Hütte, glühend heiß und beinahe platzend vor unterdrückter Aufregung.

»Ich wußte es ja! Wir sind reiche Leute! Es ist ein blinder Gang!« rief er in theatralischem Flüsterton.

Mir war, als wankte die Erde unter mir – Zweifel – Überzeugung – wiederum Zweifel – Jubel – Hoffnung, Staunen, Glaube, Unglaube, alle denkbaren Empfindungen schossen mir in tollem Wirbel durch Herz und Kopf, und ich war keines Wortes mächtig. Nachdem dieser geistige Erregungszustand kurze Zeit gedauert hatte, rüttelte ich mich zurecht und sagte:

»Sagen Sie es noch einmal.«

»Es ist ein blinder Gang.«

»Donner und Dona. Es ist zum verrückt werden. Ich möchte gleich unser Haus anzünden – oder jemand totschlagen! Wir wollen hinausgehen, wo Platz genug ist, um Hurra zu schreien! Aber, wozu? Es ist viel zu schön, um wahr zu sein!«

»Es ist ein blinder Gang – wette um eine Million! Hängende Wand – Fußwand – Thonumhüllung – alles, was dazu gehört!«

Er schwenkte seinen Hut und stieß ein dreimaliges Freudengeschrei aus; ich schickte nun meine Zweifel gleichfalls in alle Winde und stimmte aus Leibeskräften mit ein; ich war ja Millionär und scherte mich um keinen Teufel mehr.

Unter einem ›blinden Gang‹ versteht man eine Gesteinsschicht oder Ader, welche nicht zu Tage tritt, auf die man aber beim Treiben eines Stollens oder beim Senken eines Schachts oft zufällig stößt. Higbie kannte das Gestein des ›Weiten Westens‹ so genau, daß er bei jeder Prüfung der neuen Ausgrabungen fester zu der Überzeugung gelangte, daß dieses Erz nicht aus der Ader des ›Weiten Westens‹ stammen könne. So war er allein auf den Gedanken gekommen, daß unten im Schacht ein blinder Gang laufe und daß die Leute vom ›Weiten Westen‹ dies selbst nicht ahnten. Er hatte recht. Unten im Schacht fand er, daß der blinde Gang ohne Zusammenhang mit der Ader des ›Weiten Westens‹ diagonal durch diese durchging und seine eigene Umhüllung von Gestein und Thon hatte. Folglich war er öffentliches Eigentum. Da die beiden Erzschichten vollständig von einander abgegrenzt waren, konnte jeder Bergmann leicht unterscheiden, welche zum ›Weiten Westen‹ gehöre und welche nicht. Wir hielten es für zweckmäßig, uns einen einflußreichen Freund zu sichern und holten deshalb noch in jener Nacht den Faktor des Metten Westens‘ in unsere Hütte, um ihm die große Überraschung zu offenbaren. Higbie sagte:

»Wir werden von diesem blinden Gange Besitz nehmen; unser Eigentumsrecht feststellen und eintragen lassen und dann der Gesellschaft vom ›Weiten Westen‹ die weitere Ausbeutung von Erzen in diesem Gange untersagen. Sie können Ihrer Gesellschaft in dieser Angelegenheit nicht helfen, niemand kann ihr helfen. Ich werde mit Ihnen in den Schacht anfahren und Ihnen in überzeugender Weise darthun, daß es wirklich ein blinder Gang ist. Nun schlagen wir Ihnen vor: wir nehmen Sie zum Teilhaber an und belegen den blinden Gang im Namen von uns dreien. Was sagen Sie dazu?«

Was sollte jemand sagen, dem eine Gelegenheit geboten wurde, bei der er nur die Hand auszustrecken brauchte, um sich ein Vermögen zu verschaffen, ohne das Geringste zu wagen und ohne jemand unrecht zu thun oder seinen Namen mit dem geringsten Flecken zu verunehren? Er konnte nur sagen: ›Einverstanden!‹

Noch dieselbe Nacht wurde unsere Bekanntmachung angeschlagen und vor zehn Uhr in das Buch des Syndikus eingetragen. Wir belegten jeder zweihundert Fuß, im ganzen sechshundert; das kleinste und doch wertvollste Grubenfeld im ganzen Bezirk, dessen Ausbeutung überdies am wenigsten Mühe machte.

Es wird wohl niemand so unverständig sein, zu glauben, wir hätten in jener Nacht geschlafen. Ich ging mit Higbie um Mitternacht zu Bett, aber nur, um völlig wach da zu liegen, zu träumen und Pläne zu machen. Die ungedielte baufällige Hütte wurde uns zum Palast, die zerrissenen grauen Wolldecken zu Seidenteppichen; in unserem Hausgerät sahen wir Rosenholz- und Mahagonimöbel. Bei jedem neuen Prachtstück, das an der Oberfläche meiner Zukunftsträume erschien, wälzte ich mich im Bette umher oder schnellte auf, wie von einer elektrischen Batterie getroffen. In abgerissenen Bruchstücken flog die Unterhaltung zwischen uns hin und her.

»Wann gehen Sie nach Hause – nach den Staaten?« fragte Higbie.

»Morgen!« schrie ich, während ich mich ein paarmal umdrehte und dann aufsetzte. »Na – nein, aber spätestens nächsten Monat.«

»Wir wollen mit demselben Dampfer gehen.«

»Einverstanden.«

Pause.

»Mit dem Dampfer vom Zehnten?«

»Ja – nein vom Ersten.«

»Ganz recht.«

Wieder eine Pause.

»Wo werden Sie sich später niederlassen?«

»In San Francisco.«

»Ganz mein Fall.«

Abermals eine Pause.

»Zu hoch, zu viel Kletterei!« sagte Higbie dann.

»Was ist zu hoch?«

»Ich dachte an den Russenhügel – wollte mir dort ein Haus bauen.«

»Zu viel Kletterei? werden Sie sich denn nicht Wagen und Pferde halten?«

»Ach natürlich; daran dachte ich nicht.«

Pause.

»Was für ’ne Art Haus wollen Sie sich bauen?«

»Dachte eben daran. Drei Stock hoch und ein Dachgeschoß.«

»Aber welches Material?«

»Ja nun, das Weiß ich noch nicht genau; vermutlich Backstein.«

»Backstein – Schnack.«

»Warum? Was meinen Sie denn?«

»Vorderseite brauner Sandstein – Fenster französisches Spiegelglas – Billardzimmer hinter dem Speisesaal, Bildsäulen und Gemälde – Grasplatz, zwei Morgen groß, und Strauchwerk dabei – Gewächshaus – ein eiserner Kandelaber am Fuß der Treppe – Schimmel – Landauer und ein Kutscher mit einer Kokarde am Hut.«

»Himmeldonnerwetter!«

Lange Pause, dann fragte ich Higbie:

»Wann gehen Sie nach Europa?«

»Je nun, daran hatte ich noch nicht gedacht. Wann gehen Sie?«

»Im Frühjahr.«

»Wollen den ganzen Sommer fort bleiben?«

»Den ganzen Sommer? Ich bleibe drei Jahre fort.«

»Nein – wirklich in allem Ernst?«

»Ei freilich.«

»Dann geh‘ ich mit.«

»Nun, natürlich gehen Sie mit.«

»Nach welchem Teil Europas gehen Sie?«

»Nach allen Teilen. Nach Frankreich, England, Deutschland – Spanien, Italien, der Schweiz, Syrien, Griechenland, Palästina, Arabien, Persien, Ägypten – allenthalben – überall hin.«

»Ich thue mit.«

»Recht so.«

»Das muß aber einen Prachtausflug geben!«

»Vierzig bis fünfzigtausend Dollars wollen wir dran rücken, damit es einer wird.«

Wieder große Pause.

»Higbie, wir sind dem Fleischer sechs Dollars schuldig und er hat gedroht, uns nichts mehr –«

»Zum Henker mit dem Fleischer!«

»Amen.«

Und so ging es fort. Um drei Uhr fanden wir, daß es mit dem Schlafen doch nichts sei; so standen wir auf, spielten Cabbage und schmauchten unsere Pfeifen, bis es hell wurde. Ich hatte diese Woche das Kochen zu besorgen. Das war mir stets zuwider gewesen – jetzt war es mir ein Greuel.

Die Kunde von unserem Glück hatte sich über die ganze Stadt verbreitet. War die Aufregung zuvor schon groß gewesen, so war sie jetzt noch größer. Froh und glücklich wandelte ich durch die Straßen. Ich hörte von Higbie, dem Faktor wären für sein Drittel an der Grube zweimalhunderttausend Dollars geboten worden. Ich versetzte darauf, zu solch einem Preis zu verkaufen, fiele mir auch nicht ein. Na hatte ich schon eine andere, höhere Vorstellung von der Sache. Mein Preis war eine Million. Und ich glaube erst noch allen Ernstes, hätte man mir diesen Preis geboten, es würde nur die Wirkung gehabt haben, daß ich meinen Anteil behalten hätte, um noch mehr dafür zu bekommen.

Ich fand ein großes Vergnügen daran, reich zu sein. Man bot mir ein Pferd für dreihundert Dollars an gegen ein einfaches Zahlungsversprechen meinerseits ohne jede Bürgschaft. Dies gab mir ein deutlicheres Gefühl als alles andere, daß ich wirklich und zweifellos ein reicher Mann sei. Zahlreiche Beweise ähnlicher Art kamen nach, unter denen ich die Thatsache hervorhebe, daß der Fleischer uns zweimal so viel lieferte als wir bestellten, ohne ein Wort von der Bezahlung zu reden.

Nach den im Bezirke geltenden Vorschriften waren diejenigen, welche eine Erzschicht belegten, oder in Anspruch nahmen, verpflichtet, auf ihrem neuen Eigentum binnen zehn Tagen vom Datum der Belegung ab ein ordentliches Stück Arbeit zu thun, andernfalls war das Eigentum verfallen und jeder, der wollte, konnte hingehen und es für sich nehmen. Wir beschlossen deshalb, den nächsten Tag ans Werk zu gehen. Im Lauf des Nachmittags begegnete ich einem Bekannten Namens Gardiner, der mir mitteilte, Kapitän John Nye liege auf seinem Gute gefährlich krank und seine Frau sei allein nicht im Stande, ihm die dringend erforderliche Pflege und Aufmerksamkeit zu widmen. Ich erklärte ihm, wenn er einen Augenblick warten wolle, so würde ich mitgehen, um bei der Pflege des Kranken zu helfen. Ich lief nach der Hütte, um es Higbie zu sagen. Dieser war nicht da, ich ließ deshalb auf dem Tisch einen Zettel für ihn zurück und fuhr ein paar Minuten darauf in Gardiners Wagen aus der Stadt.

  1. ›Staaten‹ – die Staaten im Osten.

Zweites Kapitel.

Zweites Kapitel.

Es war Ende August, der Himmel war wolkenlos und das Wetter prachtvoll. Im Laufe einiger Wochen hatte mich das merkwürdige neue Heimatland wunderbar bezaubert, und ich nahm mir vor, meine Rückkehr nach den ›Staaten‹ einige Zeit aufzuschieben. Ich hatte mich völlig daran gewöhnt, einen schadhaften Schlapphut, ein blaues Wollhemd und die Hosen in den Stiefelschäften zu tragen und war stolz auf den Mangel von Rock, Weste und Hosenträgern. Es war mir so rüpelhaft und ›großschnäuzig‹ zu Mute (wie der Historiker Josephus sich in seinem schönen Kapitel über die Zerstörung des Tempels ausdrückt). Ein so schönes und romantisches Leben konnte es nicht wieder geben, davon war ich fest überzeugt. Ich war zwar Regierungsbeamter, allein das diente nur zum äußeren Glanz. Das Amt war eine reine Sinekure. Ich hatte nichts zu thun und bezog keinen Gehalt. Ich war Privatsekretär Sr. Majestät des Sekretärs und für zwei gab es noch nicht Schreiberei genug. So widmete ich meine Zeit dem Vergnügen in Gesellschaft von Johnny K. –, dem jungen Sohn eines Nabobs in Ohio, der sich hier zu seiner Erholung aufhielt. Er fand diese auch. Wir hatten von der wundersamen Schönheit des Tahoe-Sees reden hören und schließlich trieb uns die Neugier, denselben in Augenschein zu nehmen. Drei oder vier Mitglieder der Brigade waren dort gewesen, hatten ein paar Holzschläge an seinen Ufern abgegrenzt und in ihrem Lager einen Vorrat von Lebensmitteln zurückgelassen. Wir schnallten uns ein paar wollene Decken auf den Rücken, nahmen jeder eine Axt und machten uns auf – denn wir wollten uns auch einen Waldranch oder so etwas anlegen und vornehme Leute werden.

Wir waren zu Fuß. Der Leser wird es vorteilhafter finden, zu reiten. Man sagte uns, es sei elf Meilen Weges. Lange marschierten wir auf ebenem Boden, dann klommen wir mühsam einen vielleicht tausend Fuß hohen Berg hinauf und hielten Umschau. Kein See da. Wir stiegen auf der andern Seite wieder hinunter, gingen über die Thalmulde hinüber und quälten uns noch einen Berg hinauf, der uns drei- bis viertausend Fuß hoch vorkam, um abermals Umschau zu halten. Noch immer kein See. Müde und schweißtriefend setzten wir uns nieder und mieteten uns ein paar Chinesen, um die Leute zu verfluchen, die uns zum besten gehabt hatten. Nach dieser Erfrischung nahmen wir unsern Marsch mit erneuter Kraft und Entschlossenheit abermals auf. Zwei oder drei Stunden schleppten wir uns noch weiter, bis endlich mit einemmal der See vor uns lag – eine herrliche blaue Wasserfläche, sechstausend dreihundert Fuß über dem Meeresspiegel und von einer Kette schneebedeckter Berggipfel umrahmt, die sich noch volle dreitausend Fuß höher auftürmten. Es war ein riesiges Oval von reichlich achtzig bis hundert Meilen Umfang. Wie er so dalag, während die Schattenbilder der Berge sich herrlich auf seiner stillen Oberfläche wiederspiegelten, war ich überzeugt, daß es sicherlich auf der ganzen Erde kein schöneres Bild geben könne.

Wir fanden den kleinen Kahn, welcher der Brigade gehörte, und fuhren ohne Zeitverlust über eine tiefe Einbuchtung des Sees auf die Meßstangen zu, welche das Lager bezeichneten. Ich ließ Johnny rudern – nicht aus Scheu vor der Anstrengung, sondern weil mir übel davon wird, wenn ich beim Arbeiten rückwärts fahre. Dagegen steuerte ich. Nach einer Fahrt von drei Meilen langten wir gerade mit Einbruch der Nacht an dem Lager an; todmüde und mit einem wahren Wolfshunger stiegen wir ans Land. In einer Höhlung unter den Felsen fanden wir die Vorräte und das Kochgeschirr und nun setzte ich mich trotz meiner Erschöpfung auf einen Felsblock und beaufsichtigte die Zurüstungen, während Johnny Holz sammelte und das Essen bereitete. Mancher, der so viel geleistet hatte, wie ich, hätte sich wohl vor allem nach Ruhe gesehnt.

Es gab ein köstliches Essen – warmes Brot, gebratenen Speck und schwarzen Kaffee. Und die Einsamkeit, die uns umgab, war ebenfalls köstlich. Drei Meilen entfernt befand sich eine Sagemühle mit einigen Arbeitern, außerdem gab es im ganzen weiten Umkreis des Sees keine fünfzehn menschliche Wesen. Als die Dunkelheit herabsank und die Sterne herauf kamen, so daß der gewaltige Spiegel wie ein Juwelenschmuck strahlte, schmauchten wir beschaulich unsere Pfeifen in der feierlichen Stille und vergaßen alle Sorgen und Schmerzen. Als es Zeit war, breiteten wir unsere Decken über den warmen Sand zwischen zwei großen Felsstücken und schliefen bald ein, unbekümmert um die Ameisen, welche in langer Reihe uns in die Kleider krochen und uns bis auf die Haut untersuchten. Den Schlaf, der uns umfing, vermochte nichts zu stören, denn wir hatten ihn redlich verdient, und wenn unser Gewissen uns irgend welcher Sünden beschuldigte, so mußte es das Gericht für diese Nacht unter allen Umständen vertagen. Der Wind erhob sich gerade, als uns das Bewußtsein schwand und das Anprallen der Brandung am Ufer lullte uns in Schlummer.

Es ist nachts stets sehr kalt am Rande dieses Sees, allein wir waren gut mit Decken versehen, die uns hinreichend wärmten. Die ganze Nacht rührten wir kein Glied; in aller Morgenfrühe erwachten wir noch in derselben Lage, die wir abends eingenommen, um sofort aufzuspringen, gründlichst erfrischt, frei von Unbehagen und zum Übersprudeln voll von neuer Spannkraft. So etwas stärkt über alle Begriffe. Heute waren wir mit zehn so hundemüden Leuten fertig geworden, wie wir tags zuvor waren. In unserer Zeit brauchen viele Menschen ihrer Gesundheit wegen Wasser- und Terrainkuren und gehen in fremde Länder. Drei Monate Lagerleben am Tahoe-See würde einer ägyptischen Mumie ihre urzeitliche Lebenskraft wieder geben, und einen Appetit bekäme sie dadurch, wie ein Alligator. Damit meine ich natürlich nicht die ältesten und die trockensten Mumien, sondern die frischeren. Die Luft da oben in den Wolken ist gar rein und schön, gar frisch und köstlich. Und warum auch nicht? – Ist es doch dieselbe, welche die Engel atmen. Ich glaube, man würde die entsetzlichste Müdigkeit, die man sich überhaupt vorstellen kann, in einer Nacht auf dem Sande am Ufer dieses Sees sicher wegschlafen. Nicht unter einem Dach, sondern unter freiem Himmel. Es regnet dort im Sommer selten oder nie. Ich kenne jemand, der sterbenskrank dorthin ging; aber es wurde nichts mit dem Sterben. Als ein Gerippe kam er an und konnte sich kaum auf den Füßen halten; er hatte keinen Appetit und that nichts als Traktätchen lesen und über die Zukunft grübeln. Drei Monate darauf schlief er regelmäßig im Freien, aß dreimal am Tage so viel in ihn hineinging und pürschte zur Erholung dreitausend Fuß hoch im Gebirge dem Wilde nach. Dabei war er kein Gerippe mehr, sondern hatte ein beträchtliches Gewicht aufzuweisen. Das ist kein Hirngespinst, es ist die reine Wahrheit. Er hatte an der Schwindsucht gelitten. Ich empfehle seine Erfahrung vertrauensvoll anderen Gerippen zur Nachahmung.

Ich begnügte mich wiederum mit der Oberaufsicht über die Küche. Sofort nach dem Frühstück stiegen wir ins Boot und ruderten drei Meilen am Seegestade entlang; dann stiegen wir aus. Die Stelle gefiel uns, deshalb nahmen wir etwa dreihundert Morgen davon in Besitz und schnitten unser Merkzeichen in einen Baum. Es war ein Bestand von gelben Fichten – ein dichter Wald von Bäumen, hundert Fuß hoch und bis auf fünf Fuß im Durchmesser über der Wurzel. Wir mußten unser Besitztum jedoch einzäunen, anders konnten wir es nicht behaupten, d. h. wir mußten da und dort einen Baum fällen, und zwar so, daß dadurch eine Art Einfriedigung mit ziemlich weiten Lücken entstand. Wir fällten jeder drei Bäume, fanden jedoch, daß es eine so herzbrechende Arbeit war, daß wir beschlossen, es dabei bewenden zu lassen; sicherten sie unser Eigentum – gut und schön, wenn nicht – nun, so mochte es durch die Lücke auslaufen und von dannen fließen; tot quälen wollten wir uns nicht um ein paar elende Morgen Land. Tags darauf kamen wir zurück, um ein Haus aufzuschlagen; denn ein Haus war gleichfalls notwendig, wenn wir unsern Besitz behaupten wollten. Wir beschlossen, ein tüchtiges Blockhaus zu bauen, das den Neid der Jungen von der Brigade erregen sollte. Als wir jedoch den ersten Klotz gehauen und zurecht gezimmert hatten, kam es uns unnötig vor, soviel Sorgfalt darauf zu verwenden, und wir beschlossen, es aus dünnen Stämmchen zu erbauen. Indessen sahen wir uns nach dem Zuhauen und Abputzen zweier Stämmchen zur Anerkennung der Thatsache genötigt, daß selbst eine noch bescheidenere Architektur dem Gesetze Genüge thun würde, worauf wir beschlossen, unser Haus aus Reisig zu errichten. Wir widmeten dieser Arbeit den folgenden Tag, leisteten jedoch soviel im Herumsitzen und Schwatzen, daß wir erst um die Mitte des Nachmittags ein halbwegs fertiges Ding zu stande gebracht hatten. Während einer von uns Strauchwerk abhieb, mußte der andere unsern Bau bewachen, wir würden ihn sonst am Ende nicht wiedergefunden haben, wenn wir ihm beide den Rücken kehrten. Er hatte eine gar so starke Familienähnlichkeit mit dem ihn umgebenden Buschwerk. Wir waren indes damit zufrieden.

So waren wir nun Landbesitzer, in aller Form installiert und unter dem Schutze des Gesetzes. Wir beschlossen deshalb, unsern Wohnsitz auf unserem eigenen Grund und Boden aufzuschlagen und uns jenes großen Gefühls der Unabhängigkeit zu erfreuen, das nur eine solche Erfahrung verleihen kann. Spät am folgenden Nachmittag fuhren wir nach einer herrlichen und langen Rast von dem Lager der Brigade weg samt allen Vorräten und Kochgeschirren, die wir fortbringen konnten, und zogen gerade mit Einbruch der Nacht das Boot auf unserem eigenen Landungsplatze an den Strand.

Wenn es irgend ein glücklicheres Leben giebt, als dasjenige, welches wir von nun an zwei oder drei Wochen lang in unserer Waldhütte führten, so muß das eine Sorte Leben sein, die ich weder aus Büchern, noch aus eigener Erfahrung kennen gelernt habe. Wir sahen während der ganzen Zeit außer uns selbst kein lebendes Wesen und vernahmen keine anderer Töne als diejenigen, welche Wind und Wellen hören ließen, das Seufzen der Fichten und dann und wann den fernen Donner einer Lawine. Der Wald um uns war dicht und kühl, der Himmel über uns erstrahlte in wolkenlosem Sonnenschein, der breite See vor uns war je nach der Stimmung der Natur bald klar wie Kristall, bald von einem Lufthauch leicht gekräuselt und bald schwarz und sturmbewegt. Die ihn im Kreise überragenden Bergkuppen aber, mit Waldesgrün bekleidet, von Bergrutschen zerrissen, durch Schluchten und Thäler gespalten und mit Hauben glitzernden Schnees bedeckt, bildeten den passenden Rahmen und Abschluß zu dem herrlichen Bilde. Die Aussicht war stets fesselnd, bezaubernd, entzückend; nie wurde das Auge müde zu schauen, bei Nacht oder Tag, bei Ruhe oder Sturm; es kannte nur einen Schmerz, nämlich, daß es nicht ununterbrochen schauen durfte, sondern bisweilen sich zum Schlafe schließen mußte.

Wir schliefen im Sande, hart am Rande des Wassers, zwischen zwei schützenden Felsblöcken, die dafür sorgten, daß die stürmischen Nachtwinde uns nichts anhaben konnten. Ohne Schlafmittel schliefen wir stets ein und mit dem ersten Tagesgrauen waren wir wieder auf und liefen gleich um die Wette, um unser überschäumendes Kraftgefühl und unsere übermütige Laune etwas herabzustimmen, d. h. Johnny lief – und ich hielt indessen seinen Hut. Während wir dann nach dem Frühstück die Friedenspfeife schmauchten, beobachteten wir, wie die Berggipfel auf ihrer hohen Warte sich in den Glanz der Sonne kleideten. Wir folgten dem Licht auf seinem Siegespfade, wie es zwischen den Schatten herabschoß und die in den Banden der Finsternis liegenden Felszacken und Wälder in Freiheit setzte. Wir sahen die farbigen Bilder auf dem Wasser immer größer und heller werden, bis jede kleine Einzelheit von Wald, Bergwand und Felszinne hineingewoben war und das Zauberwerk vollständig fertig vor uns lag. Dann ging es ans ›Geschäft‹, d. h. an das Herumtreiben im Boote.

Wir befanden uns am Nordufer. Hier waren die Felsen auf dem Grunde grau oder weiß. Dadurch kommt die wunderbare Durchsichtigkeit des Wassers zu vollerer Geltung als sonst irgendwo auf dem See. Gewöhnlich ruderten wir etwa hundert Ellen weit hinaus vom Ufer, dann legten wir uns im Sonnenschein auf die Sitzbretter und ließen das Boot treiben, wohin es wollte. Selten sprachen wir ein Wort; das hätte nur die Sabbatstille unterbrochen und uns in den Träumen gestört, die wir unserer üppigen Ruhe und Trägheit verdankten. Das Ufer war allenthalben durch tiefe Buchten und Baien ausgezackt, die von schmalen Sandbänken begrenzt wurden; wo der Sand endete, stiegen die schroffen Bergwände in den Himmelsraum auf, wie eine ungeheure, fast senkrechte Mauer, die dicht mit hochragenden Fichten bewachsen ist.

So eigentümlich klar war das Wasser, daß es an Stellen, wo die Tiefe bloß zwanzig bis dreißig Fuß betrug, den Grund mit einer Deutlichkeit erkennen ließ, welche die Täuschung hervorrief, als schwämme das Boot in der Luft. Ja, dies war sogar an Stellen von achtzig Fuß Tiefe der Fall.

Jeder kleine Kiesel war deutlich sichtbar, jede gefleckte Forelle, jede Handbreit Sand. Oft, wenn wir mit dem Gesicht nach unten da lagen, tauchte ein granitner Block, scheinbar so groß wie eine Dorfkirche, blitzschnell vom Grunde nach der Oberfläche zu herauf, bis er plötzlich unsere Gesichter zu berühren drohte und wir dem Antrieb, nach einem Ruder zu greifen und die Gefahr abzuwenden, nicht zu widerstehen vermochten. Aber das Boot schwamm weiter, der Block senkte sich wieder, und wir konnten sehen, daß er, als wir uns genau über ihm befanden, immer noch zwanzig bis dreißig Fuß unter der Oberfläche gewesen sein mußte. In diesen großen Tiefen war das Wasser nicht mehr bloß einfach durchsichtig, sondern geradezu leuchtend und strahlend. Alle durch dasselbe gesehenen Gegenstände zeigten sich nicht nur in allgemeinen Umrissen, sondern bis zur kleinsten Einzelheit, mit solchem Glanz und solcher Klarheit, wie dies nicht der Fall gewesen sein würde, hätte man sie durch eine Luftschicht von derselben Tiefe hindurch gesehen. Der ganze Raum da unten kam uns so leer und luftig vor, und wir hatten so lebhaft das Gefühl, hoch darüber, mitten im Nichts hinzuschwimmen, daß wir diese Ausflüge im Boote unsere ›Luftballon-Reisen‹ nannten.

Wir fischten fleißig, fingen aber im Durchschnitt kaum einen Fisch in der Woche. Wir konnten Forellen zu Tausenden unter uns durch den leeren Raum hinschwimmen oder an Sandbänken auf dem Grunde schlafen sehen, aber anbeißen wollten sie nicht – vielleicht, daß sie die Angelschnur zu deutlich unterscheiden konnten. Oftmals lasen wir uns eine Forelle aus, die wir gerne haben wollten und ließen ihr den Köder mit unermüdlicher Geduld achtzig Fuß tief drunten dicht vor der Nase baumeln; aber sie schüttelte denselben nur verdrießlich ab und nahm eine andere Stellung ein.

Gelegentlich badeten wir, doch war das Wasser, obwohl es so sonnig aussah, ziemlich frisch. Manchmal ruderten wir hinaus nach dem ›blauen Wasser‹, eine oder zwei Meilen vom Ufer. Das Wasser war dort ganz dunkelblau wie Indigo wegen der ungeheuren Tiefe. Der amtlichen Messung zufolge ist der See in der Mitte 1525 Fuß tief!

Bisweilen streckten wir uns an müßigen Nachmittagen auf den Sand hin und lasen bei einer Pfeife ein paar alte abgegriffene Erzählungen. Abends am Lagerfeuer spielten wir zur Herzstärkung ›Euchre‹ und ›Seven Up‹, und zwar mit so fettigen und schäbigen Karten, daß nur eine den ganzen Sommer fortgefetzte Bekanntschaft mit ihnen es ermöglichte, bei gehöriger Aufmerksamkeit das Kreuz-Aß vom Schellen-Buben zu unterscheiden.

In unserm ›Hause‹ schliefen wir niemals; das kam uns gar nicht in den Sinn; überdies hatten wir es ja nur gebaut, um das Anrecht auf Grund und Boden zu erhalten, und das genügte. Zuviel zumuten wollten wir ihm nicht.

Allmählich begannen unsere Lebensmittel knapp zu werden; wir kehrten deshalb ins alte Lager zurück, um neue Vorräte zu holen. Wir waren den ganzen Tag fort und kamen erst mit Einbruch der Nacht ziemlich müde und hungrig wieder heim. Während Johnny die Hauptmasse der Lebensmittel zu späterem Gebrauch in unser Haus trug, schaffte ich den Brotlaib, etliche Schnitten Schinken und den Kaffeetopf ans Ufer, stellte die Sachen an einem Baum ab, zündete ein Feuer an und ging dann nach dem Boote zurück, um die Bratpfanne zu holen. Unterwegs hörte ich einen Schrei von Johnny, und als ich aufblickte, sah ich mein Feuer über die ganze Umgegend hin galoppieren. Johnny befand sich jenseits desselben und mußte durch die Flammen hindurchlaufen, um das Seeufer zu gewinnen; dann standen wir hilflos da und beobachteten die Verwüstung, die der Brand anrichtete.

Der Boden war mit einer hohen Schicht trockener Fichtennadeln bedeckt, die bei der ersten Berührung mit dem Feuer aufflammten wie Schießpulver. Es war merkwürdig anzusehen, mit wie rasender Eile die gewaltige Flammensäule sich fortbewegte. Mein Kaffeetopf war dahin und alles andere mit ihm. Nach anderthalb Minuten ergriff das Feuer einen dichten Busch trockenen Manzanita-Gesträuchs von sechs bis acht Fuß Höhe, und nun wurde das Brausen, Zischen und Prasseln geradezu fürchterlich. Die durchdringende Hitze trieb uns in das Boot, wo wir, wie durch einen Zauber gefesselt, verblieben.

Binnen einer halben Stunde war alles vor unseren Augen ein rasendes und blendendes Flammenmeer. Das Feuer brauste an den nächsten Hügelkämmen empor, überstieg dieselben und verschwand in den jenseitigen Schluchten, um dann plötzlich auf ferneren und höheren Bergrücken abermals zum Vorschein zu kommen, wo es eine noch gewaltigere Helle ausstrahlte und dann wieder untertauchte. Dann flammte es wieder auf, höher und immer höher am Bergeshang, sandte Glutströme wie Plänklerketten da und dorthin aus, die sich dann in rotglühenden Schlangenlinien zwischen fernen Bergwänden, Klippen und Schlünden hinwälzten, bis die hoch aufragenden Gebirgsstöcke, so weit das Auge reichte, von roten Lavabächen überzogen waren, die einem verschlungenen Netzwerk glichen. Weithin über dem Wasser erstrahlten die Felshörner und Bergkuppen in grellrotem Glanz, und das Firmament droben flammte in einer wahren Höllenglut!

Dieses Schauspiel wiederholte sich Zug für Zug in dem glühenden Spiegel des Sees! Beide Bilder waren erhaben, beide schön, doch zeigte das Spiegelbild im See eine staunenswerte Farbenpracht, welche das Auge noch unwiderstehlicher fesselte und entzückte.

Vier lange Stunden saßen wir in uns versunken und regungslos da; wir dachten weder an Speise noch Trank und fühlten keine Ermüdung. Um elf Uhr hatte der Brand unseren Gesichtskreis überschritten und allmählich lagerte sich das Dunkel wieder über die Landschaft.

Jetzt meldete sich der Hunger; aber es gab nichts zu essen. Die Lebensmittel waren ohne Zweifel sämtlich gekocht und gebraten; doch nahmen wir sie nicht in Augenschein. Wir waren wieder heimat- und besitzlose Wandervögel. Unser Zaun war fort, unser Haus verbrannt und nicht einmal versichert gewesen. Unser Fichtenwald war gehörig versengt, die abgestorbenen Bäume sämtlich verbrannt und die weiten Strecken Manzanita-Gebüsch weggefegt. Unsere Decken indes befanden sich an unserem gewohnten Schlafplatz auf dem Sande; so legten wir uns denn nieder und schliefen ein. Am nächsten Morgen brachen wir wieder nach dem alten Lager auf, aber während wir noch eine weite Strecke vom Ufer entfernt waren, brauste ein gewaltiger Sturm heran, so daß wir nicht zu landen wagten. So schöpfte ich denn die Wasserstürze aus, die uns ins Boot schlugen, während Johnny mit Macht durch die Wogen ruderte, bis wir drei oder vier Meilen jenseits des Lagers eine gute Landungsstelle erreicht hatten. Der Sturm blies immer stärker, und es wurde uns immer klarer, daß wir besser thäten, das Boot auf gut Glück auf den Strand laufen zu lassen, als uns der Gefahr auszusetzen, in hundert Faden tiefem Wasser zu versinken. So fuhren wir denn aufs Land zu, hohe, weiße Wellenkämme hinter uns; ich saß hinten auf dem letzten Brette und lenkte die Spitze des Bootes nach dem Ufer hin. Im Augenblick, als dasselbe aufstieß, kam eine Welle über den Stern herüber, welche Mannschaft und Ladung ans Ufer spülte und uns dadurch viele Mühe und Not ersparte. Den ganzen Tag über zitterten wir hinter einem Felsblock vor Frost und froren auch die ganze Nacht hindurch. Am Morgen hatte sich der Sturm gelegt und wir ruderten ohne jeden überflüssigen Aufenthalt nach dem Lager. Wir waren dermaßen ausgehungert, daß wir den ganzen Rest des Proviants der Brigade aufaßen; dann machten wir uns nach Carson auf, um ihnen zu beichten und sie um Absolution zu bitten. Gegen Zahlung des Schadens wurde dieselbe gewährt. Wir machten später noch manchen Ausflug nach dem See und bestanden haarsträubende Abenteuer, bei denen wir nur mit knapper Not davonkamen. Aber die Geschichte schweigt darüber.

  1. Um Regierungsland unentgeltlich zu bekommen, mußte ein Ansiedler in gewisser Zeit ein Blockhaus gebaut und sonstige Arbeiten auf dem von ihm beanspruchten Boden verrichtet haben.

Zwanzigstes Kapitel.

Zwanzigstes Kapitel.

Kapitän Nye litt wirklich schwer an Rheumatismus. Der alte Herr, der sonst die Güte und Liebenswürdigkeit selbst war, konnte in den Anfällen seiner Krankheit recht unangenehm werden. Er geberdete sich zuweilen ganz rasend. Ich hatte aber selbst einmal gesehen, wie er einen Kranken mit der größten Geduld und Hingebung pflegte und da nun die Reihe an ihn gekommen war, sich pflegen zu lassen, so sollte es mich auch nicht verdrießen. Mochte er weiter toben, wie er wollte, mich störte das nicht im mindesten in meiner Seelenruhe, denn, ob nun meine Hände müßig oder beschäftigt waren, mein Geist war Tag und Nacht unablässig an der Arbeit. Ich änderte und besserte an den Plänen zu meinem Hause und überlegte mir, ob ich das Billardzimmer nicht lieber ins Dachgeschoß, anstatt neben den Speisesaal verlegen solle. Ferner versuchte ich betreffs der Polstermöbel im Salon zu einer Entscheidung zwischen Grün und Blau zu gelangen; ich gab an sich der letzteren Farbe den Vorzug, fürchtete jedoch, Staub und Sonnenlicht würden ihr zu viel Schaden thun. Sodann war ich zwar entschlossen, den Kutscher in eine bescheidene Livree zu stecken, dagegen noch unschlüssig betreffs des Bedienten. Haben mußte ich einen solchen ganz entschieden; es wäre mir aber lieber gewesen, wenn er ohne Livree hätte anständig erscheinen und seine Obliegenheiten versehen können, weil mir vor so viel Prunk einigermaßen bange war. Und doch fühlte ich, da mein Großvater auch Dienerschaft – aber ohne Livree – gehabt hatte, eine gewisse Neigung, ihn oder doch wenigstens seinen Geist auszustechen. Endlich brachte ich auch die Europareise in ein gehöriges System; die Reisestrecken und die für eine jede derselben bestimmte Zeit – alles wurde erwogen und geordnet; nur eins, nämlich, ob die Reise von Kairo nach Jerusalem per Kamel durch die Wüste, oder lieber zu Wasser nach Beirut gehen sollte, um von dort mit einer Karawane fortgesetzt zu werden, blieb unentschieden. Inzwischen schrieb ich alle Tage an die Freunde in der Heimat, setzte sie von meinen Plänen und Absichten in Kenntnis und wies sie an, sich nach einer hübschen Wohnung für meine Mutter umzusehen und sich über den Mietspreis zu einigen, bis ich käme. Ferner beauftragte ich sie, meinen Anteil an dem Landbesitz unserer Familie in Tennessee zu verkaufen und den Ertrag dem Witwen- und Waisenfond des Typographenvereins zu überweisen, dem ich seit lange als eifriges Mitglied angehörte.

Nachdem ich den Kapitän neun Tage lang gepflegt hatte, befand er sich etwas besser, war aber noch sehr schwach. Während des Nachmittags hoben wir ihn auf einen Stuhl und gaben ihm ein alkoholisches Dampfbad, dann machten wir uns daran, ihn wieder zu Bett zu bringen. Dabei mußte äußerst behutsam zu Werke gegangen werden, denn das leiseste Anstreifen verursachte Schmerzen. Gardiner hielt ihn an den Schultern und ich an den Beinen, als ich in einem unglücklichen Augenblicke stolperte, so daß der Kranke schwer auf das Bett fiel und Höllenschmerzen empfand. Er fluchte, wie ich nie in meinem Leben etwas gehört habe, und versuchte in seinem Zorn einen Revolver vom Tische zu reißen, den ich schnell wegnahm. Nun schrie er, ich solle das Haus verlassen und schwur hoch und teuer, wenn er wieder auf den Beinen sei, wolle er mich umbringen, sobald er meiner habhaft würde. Das war nur eine vorübergehende Wut, die nichts zu bedeuten hatte. Ich wußte, daß er es in einer Stunde vergessen, vielleicht sogar bedauern würde, aber im Augenblick ärgerte es mich doch ein wenig, und ich beschloß daher nach Esmeralda zurückzugehen. Da er auf dem Kriegspfade ist, dachte ich, wird er wohl imstande sein, sich selbst zu helfen. So aß ich zu Abend und trat dann, sobald der Mond aufging, meine neun Meilen lange Fußwanderung an.

Als ich auf der Höhe ankam, welche die Stadt überragt, fehlten noch fünfzehn Minuten zu zwölf Uhr. Ich warf einen Blick auf den Hügel jenseits der Schlucht und sah im hellen Mondenschein, wie anscheinend die halbe Bevölkerung des Städtchens sich um den Eingang zur Grube des Meilen Westend drängte. Jubelnd hüpfte mein Herz, und ich sagte zu mir selbst: ›Heute abend haben sie eine neue Schicht eröffnet und ganz gewiß eine reichere als je.‹ Ich ging zuerst darauf zu, kehrte mich aber wieder ab, indem ich mir sagte, die Grube würde ja nicht davonlaufen und ich sei für heute nacht genug auf den Bergen herum geklettert. Ich ging weiter durch die Stadt, und als ich an einer deutschen Bäckerei vorüberkam, stürzte eine Frau heraus und bat mich, doch mit ihr hereinzukommen und ihr beizustehen, ihr Mann habe einen Anfall von Wahnsinn. Ich ging hinein und fand, daß sie recht hatte; der eine Anfall, den er hatte, konnte für hundert gelten. Zwei Deutsche waren drinnen und versuchten ihn zu halten, richteten aber nicht viel aus. Ich lief die Straße ein Stück hinauf und klopfte einen schlafenden Doktor heraus, der halb angekleidet mitging. Alle vier rangen wir dann mit dem Verrückten, gaben ihm Arznei, begossen ihn mit kaltem Wasser und ließen ihm zur Ader, was mehr als eine Stunde dauerte. Die arme deutsche Frau besorgte das Weinen dazu. Als der Kranke endlich ruhig war, zogen der Doktor und ich uns zurück und überließen ihn seinen Freunden.

Es war kurz nach ein Uhr. Als ich müde, über gut gelaunt durch die Thüre unserer Hütte trat, erblickte ich beim trüben Licht einer Talgkerze Higbie, der am Tische saß und wie blödsinnig auf den Zettel von meiner Hand stierte, den er in seinen Fingern hielt. Er sah bleich, alt und abgemagert aus. Als ich stehen blieb und ihn fragend ansah, richtete er nur einen stumpfsinnigen Blick auf mich. Ich sagte:

»Higbie, was – was ist denn?«

»Wir sind ruiniert – wir haben die Arbeit nicht gethan – der blinde Gang ist anderweitig belegt!«

Ich hatte genug gehört. Kummervoll und gebrochenen Herzens sank ich auf einen Stuhl. Noch eine Minute zuvor war ich reich gewesen und von Eitelkeit geschwellt, jetzt war ich ein demütiger Bettler. Noch eine Stunde saßen wir da, beschäftigt mit Gedanken, mit eitlen und nutzlosen Vorwürfen gegen uns selbst, mit der unaufhörlichen Frage, warum habe ich nur dies und warum habe ich nur jenes nicht gethan? Aber keiner von uns sprach ein Wort. Endlich begannen die gegenseitigen Mitteilungen, und das Geheimnis klärte sich auf. Higbie hatte sich auf mich, ich mich auf ihn, und wir beide hatten uns auf den Faktor verlassen. Welche Thorheit! Zum erstenmal hatte der gesetzte und stramme Higbie eine wichtige Angelegenheit dem Zufall überlassen und der auf ihn fallenden Verantwortlichkeit nicht voll entsprochen. Ach, er hatte meinen Zettel eben erst zu Gesicht bekommen und war wenige Augenblicke vor mir zum erstenmal, seit wir uns getrennt, wieder in die Hütte getreten. Auch er hatte an jenem verhängnisvollen Nachmittag einen Zettel für mich zurückgelassen. Er war vor das Haus geritten, hatte durch das Fenster geschaut, und da er in Eile war und mich nicht sah, den Zettel durch eine zerbrochene Scheibe in die Hütte geworfen. Hier war derselbe die neun Tage ungestört liegen geblieben, er lautete:

»Versäumen Sie nicht, die Arbeit vor Ablauf der zehn Tage zu thun. W. ist durchgekommen und hat mir einen Wink gegeben. Am Mono-See soll ich ihn treffen, und von dort werden wir heute abend weiter gehen. Diesmal, sagte er, werden wir sie sicher finden.«

W. bedeutet natürlich Whiteman. Diese dreimal verfluchte Zementader!

So ging es zu. Ein alter Geizhals wie Higbie konnte dem Zauber der Aufregung über den geheimnisvollen Zementunsinn gerade so wenig widerstehen, als er sich des Essens hätte enthalten können, wäre er am Verhungern gewesen.

Monatelang hatte Higbie von dem wunderbaren Zement geträumt und so war er jetzt gegen seine bessere Einsicht fortgegangen und hatte es darauf ankommen lassen, daß ich für die Sicherheit des Besitzes einer Grube sorge, die eine Million unentdeckter Zementadern aufwog. Man hatte die beiden diesmal nicht verfolgt. Neun Tage lang konnten sie ungestört in den Bergschluchten suchen, ohne daß sie die Ader gefunden hätten. Da überfiel ihn auf einmal eine entsetzliche Angst, es möchte irgend etwas dazwischen gekommen sein, wodurch die zur Sicherheit unseres Besitzrechts an dem blinden Gange erforderliche Arbeit verhindert würde, und sofort machte er sich eiligst auf den Heimweg. Er hätte Esmeralda zu rechter Zeit erreicht, wäre ihm nicht unterwegs sein Pferd zusammengebrochen, so daß er einen großen Teil der Strecke zu Fuß zurücklegen mußte. So geschah es, daß wir zu gleicher Zeit von verschiedenen Enden her in die Stadt kamen. Er war indes energischer als ich, denn er ging schnurstracks nach dem ›Weiten Westen‹, anstatt gleich mir vom Wege abzuschweifen, und trotzdem traf er fünf oder zehn Minuten zu spät dort ein. Die ›Bekanntmachung‹ war bereits angeschlagen, die ›Wiederbelegung unanfechtbar vollzogen‹ und die Menge zerstreute sich rasch. Noch bevor er den Platz verließ, erhielt er einige weitere Mitteilungen. Der Faktor war seit der Nacht, wo wir die Grube belegt hatten, nirgends in der Stadt zu sehen gewesen; wie es hieß, war er in einer Sache, bei der sich’s um Leben und Tod handelte, telegraphisch nach Kalifornien berufen worden. Jedenfalls hatte er keine Arbeit gethan, und die wachsamen Augen der Gemeinde hatten hievon Notiz genommen. Um Mitternacht jenes schmerzenreichen Tages wurde daher unsere Erzader ›belegbar‹ und bereits um elf Uhr stand der Berg schwarz von Leuten, die bereit waren, die Wiederbelegung vorzunehmen. Das war die Menschenmenge, die ich gesehen, als ich mir – Dummkopf, der ich war! – eingebildet hatte, man habe einen neuen reichen Gang aufgeschlossen. Als Mitternacht verkündet wurde, schlugen vierzehn Mann, gehörig bewaffnet und bereit, ihr Verfahren zu verteidigen, ihre Bekanntmachung an und verkündeten ihr Besitzrecht an dem blinden Gange unter dem neuen Grubennamen Johnson. Aber der Faktor, unser Geschäftsteilhaber, erschien nun auf einmal mit gespanntem Revolver und erklärte, wenn sein Name nicht mit in die Liste aufgenommen werde, würde er die Gesellschaft Johnson ›ein wenig lichten.‹ Er war ein mannhafter, kräftiger, entschlossener Bursche, von dem man wußte, daß er hielt, was er sagte, und so kam es zu einem Vergleich. Sie schrieben ihm hundert Fuß gut, während sie sich selbst die üblichen zweihundert vorbehielten.

Zufolge der aufregenden Nachricht von einem neuen Erzfunde wandten Higbie und ich am nächsten Morgen der Stadt den Rücken, froh, den Schauplatz unserer Leiden verlassen zu können. Nach einem oder zwei Monaten voll harter Arbeit und Enttäuschung kamen wir noch einmal nach Esmeralda zurück. Da hörten wir, daß die Gesellschaft vom ›Weiten Westen‹ und die Johnsonsche sich zusammengethan hatten, so daß das auf diese Art vereinigte Vermögen fünftausend Fuß oder Kuxe betrug, und daß der Faktor aus Furcht vor einem möglichen langwierigen Rechtsstreit und im Hinblick auf die Schwierigkeiten eines so gewaltigen Besitzes seine hundert Fuß für neunzigtausend Dollars in Gold verkauft und sich in den Osten heimbegeben hatte, um des Geldes froh zu werden. Wenn die Aktien jetzt, da die Gesellschaft fünftausend Anteile zählte, solchen Wert hatten, so schwindelte es mir bei dem Gedanken, was sie wert gewesen sein würden, als es nur unsere ursprünglichen sechshundert waren. M war derselbe Unterschied wie zwischen einem Haus, das sechshundert, und einem solchen, das fünftausend Menschen gehört. Wir würden Millionäre gewesen sein, hätten wir einen einzigen kurzen Tag mit Hacke und Spaten auf unserem Eigentum gearbeitet und uns so den Besitztitel gesichert! –

*

Vor einem Jahre erhielt ich von meinem geschätzten und in jeder Weise schätzenswerten einstigen Mitmillionär Higbie aus einem obskuren kleinen Bergmannslager in Kalifornien die Nachricht, er sei nach neun oder zehn Jahren voll Schicksalsschlägen und mühseligen Ringens endlich so weit, um über fünfundzwanzighundert Dollars verfügen zu können und gedenke, nun einen bescheidenen Obsthandel anzufangen. Wie würde ihn ein solcher Gedanke beleidigt haben zur Zeit, da wir in unserer Hütte Pläne zu Europareisen und zu Häusern von braunem Sandstein auf dem Russenhügel schmiedeten!

Einundzwanzigstes Kapitel.

Einundzwanzigstes Kapitel.

Was nun thun?

Das war eine wichtige Frage. Ich war mit dreizehn Jahren in die Welt hinausgegangen, um für mich selbst zu sorgen; denn mein Vater hatte für Freunde gutgesagt und hatte uns zwar ein reichliches Erbe an Stolz auf seine Abstammung von einer feinen virginischen Familie und auf deren Verdienste um die Nation hinterlassen, doch fand ich bald, daß ich davon nicht leben könne, sondern dazu gelegentlich ein Stück Brot als Beilage haben müsse. In verschiedenen Berufsarten hatte ich meinen Lebensunterhalt verdient, bis jetzt aber durch meine Leistungen noch bei niemand Staunen erregt. Mir stand eine große Auswahl zur Verfügung, falls ich Arbeit suchte – allein, nachdem ich so reich gewesen war, hatte ich keine Lust dazu. Ich war einmal einen Tag lang Ladenjüngling bei einem Krämer gewesen, hatte aber dabei eine solche Masse Zucker verzehrt, daß der Besitzer mich aller weiteren Dienstleistungen entband und sagte, es wäre ihm lieber, wenn ich bloß als Kunde in seinen Laden käme. Eine Woche lang hatte ich Rechtsgelehrsamkeit studiert, sie aber dann aufgegeben, weil sie zu prosaisch und ledern war. Dann warf ich mich eine kurze Zeit auf das Studium der Grobschmiedekunst, vertrödelte aber mit dem Versuche, die Blasebälge so einzurichten, daß sie von selbst bliesen, so viel Zeit, daß der Meister mich in Ungnaden fortjagte und behauptete, aus mir würde im Leben nichts. Ich trat eine Weile als Gehilfe bei einem Buchhändler ein, aber die Kunden quälten mich dergestalt, daß ich nicht mit Behaglichkeit lesen konnte, und so gab mir der Prinzipal Urlaub, vergaß aber dabei zu sagen, wann derselbe abgelaufen sein sollte. Dann war ich im Sommer eine Zeitlang Gehilfe bei einem Apotheker, aber ich hatte Unglück mit meinen Rezepten, so daß wir mehr Magenpumpen als sonst was absetzten und ich auch dort fort mußte. In dem Gefühl, daß in mir ein zweiter Franklin stecke, hatte ich die Schriftsetzerei leidlich erlernt. Aber bei der ›Union‹ in Esmeralda war keine Stelle offen, und überdies hatte ich immer so langsam gesetzt, das ich die Lehrlinge nach zwei Jahren um ihre Leistungen beneidete; wenn ich ein Stück Satz übernahm, so pflegte der oberste Setzer anzudeuten, man werde es im Lauf des Jahres Wohl einmal brauchen. Als Lotse zwischen St. Louis und New-Orleans machte ich meine Sache ganz ordentlich und brauchte mich meiner Leistungen in diesem Berufszweig keineswegs zu schämen; der Lohn betrug zweihundertfünfzig Dollars monatlich bei freier Kost und Wohnung, und ich sehnte mich wirklich danach, wieder hinter dem Steuerrad zu stehen, statt ewig herumzuschweifen. Aber ich hatte mich in der letzten Zeit durch prahlerische Briefe, die ich über meinen blinden Gang und meine Europareise nach Hause gerichtet, so lächerlich gemacht, daß es mir ging, wie schon gar manchem armen enttäuschten Bergmann, der sich selber sagt: »Mit mir ist es jetzt aus und vorbei, und es fällt mir nicht ein, je wieder heimzukehren, um bemitleidet und über die Achsel angesehen zu werden.« Ich war Privatsekretär, Silbergräber und Arbeiter in einem Pochwerke gewesen, hatte es in allen diesen Fächern zu weniger als nichts gebracht und jetzt –

Was sollte nun zunächst geschehen?

Auf Higbies Bitten willigte ich ein, es nochmals mit dem Bergbau zu versuchen. Wir kletterten hoch am Bergeshang hinauf und machten uns an die Arbeit auf einer uns gehörigen kleinen, nichtsnutzigen Parzelle, auf der sich ein Schacht von acht Fuß Tiefe befand. Higbie stieg hinab und arbeitete tapfer mit seiner Spitzhacke, bis er eine Menge Gestein und Erde losgehauen hatte, und dann ging ich hinunter, um es mit einer langstieligen Schaufel, der widerwärtigsten aller menschlichen Erfindungen, herauszuwerfen. Man muß die Schaufel vorwärts schieben und mit dem Knie nachhelfen, bis sie voll ist, und sie dann mit kühnem Schwung über seine linke Schulter entleeren. Ich machte den Schwung und setzte das Geröll genau am Rande des Schachtes ab, von wo es mir samt und sonders wieder auf Kopf und Nacken herabkam. Ohne ein Wort zu sagen, stieg ich heraus, ging nach Hause und beschloß in meinem Innern, lieber zu verhungern, als dieses Scheibenschießen mit Schutt auf meine werte Person vermittelst einer langstieligen Schaufel noch länger zu betreiben. Ich setzte mich in die Hütte und überließ mich dort sozusagen einem gediegenen moralischen Katzenjammer. Nun hatte ich in angenehmeren Tagen zu meinem Vergnügen dann und wann der Hauptzeitung des Territoriums, der ›Daily Territorial Enterprise‹ in Virginia Berichte eingeschickt und war stets überrascht gewesen, wenn sie im Druck erschienen. Die Redakteure waren dabei in meiner Meinung nicht eben gestiegen, denn es wollte mich bedünken, als hätten sie etwas Besseres finden können, um ihre Spalten zu füllen, als meine litterarischen Leistungen. Auf dem Heimweg fand ich im Postbureau einen Brief, den ich zu Hause öffnete. »Heureka!« rief ich aus – ich wußte allerdings nicht, was das heißt, fand aber den Klang des Wortes meiner Stimmung ganz angemessen – es war ein ernstliches Anerbieten von fünfundzwanzig Dollars wöchentlich, falls ich nach Virginia kommen und Lokalredakteur des ›Enterprise‹ werden wollte.

In den Tagen des ›Blinden Ganges‹ würde ich den Herausgeber gefordert haben, jetzt hätte ich vor ihm niederfallen und ihn anbeten mögen. Fünfundzwanzig Dollars die Woche – das war ein Kapital – ein Vermögen! Zwar kühlte sich meine Verzückung etwas ab, wenn ich an meine Unerfahrenheit und meinen Mangel an jeder Befähigung für diese Stellung dachte, und mir die Reihe der verfehlten Versuche, etwas aus mir zu machen, vor Augen stellte. Allein wenn ich das Anerbieten ausschlug, so würde ich binnen Kurzem nicht mehr mein täglich Brot haben und meinem Nächsten zur Last fallen; einem Menschen aber, der seit seinem dreizehnten Jahre nie eine solche Erniedrigung erlebt hatte, mußte dies notwendig zuwider sein. So wurde ich wohl oder übel Lokalredakteur. Not bricht Eisen. Ich bin fest überzeugt, hätte man mir damals das Anerbieten gemacht, gegen Gehalt den Talmud aus dem hebräischen Original zu übertragen, ich würde es ruhig angenommen und versucht haben, mich für mein Geld möglichst anständig aus der Affaire zu ziehen.

Ich ging hinauf nach Virginia, um meine neue Stellung anzutreten. Für einen Lokalredakteur sah ich recht ruppig aus, das gestehe ich offen; ohne Rock, mit Schlapphut und blauem Wollhemd, die Hosen in den Stiefeln, mit einem Bart, der mir über die halbe Brust herunterhing, und dem üblichen Matrosen-Revolver am Gürtel. Doch verschaffte ich mir einen christlicheren Anzug und gab meinem Revolver den Abschied. Ich hatte niemals Gelegenheit gehabt, jemand tot zu schießen, verspürte auch kein solches mörderisches Gelüste; nur aus Rücksicht auf die allgemeine Anschauung hatte ich das Ding getragen, um nicht unangenehm aufzufallen und zu Bemerkungen Anlaß zu geben. Zu meiner Überraschung bemerkte ich jedoch, daß die andern Redakteure, sowie sämtliche Setzer und Drucker Revolver trugen. Ich bat den Chefredakteur und Eigentümer des Blattes, Herrn Goodman, um einige Anweisungen betreffs meiner Pflichten, worauf er mir sagte, ich solle nur durch die ganze Stadt gehen und allerhand Leute über alles mögliche ausfragen, mir die erhaltene Auskunft notieren und sie dann ausführlicher zur Veröffentlichung niederschreiben. Er fügte noch bei:

»Sagen Sie niemals: ›wir erfahren‹, oder: ›es heißt‹, oder: ›es geht das Gerücht‹, oder: ›wie verlautet‹, sondern rücken Sie vor die rechte Schmiede, verschaffen Sie sich die absoluten Thatsachen und dann reden Sie von der Leber weg und sagen Sie: so und so ist es. Sonst trauen die Leute Ihren Nachrichten nicht. Unumstößliche Gewißheit ist es, was einer Zeitung den festesten und wertvollsten Ruf verschafft.«

Damit hatte ich das Wesen der Sache in nuce, und bis auf den heutigen Tag beschleicht mich, so oft ich sehe, daß ein Berichterstatter seinen Artikel mit ›wie verlautet‹ anfängt, der Verdacht, er habe auf seine Erkundigung nicht Mühe genug verwandt. Freilich, solange ich Lokalredakteur war, habe ich nicht immer nach jener Vorschrift gehandelt, sondern manchmal, wenn Mißwachs an Nachrichten herrschte, der Phantasie die Oberherrschaft über die Thatsachen gelassen. Nie werde ich die Erfahrungen vergessen, die ich an meinem ersten Tage als Berichterstatter machte. Ich wanderte durch die ganze Stadt, fragte alle Welt, bohrte jedermann an, und kein Mensch wußte etwas. Nach fünf Stunden war mein Notizbuch noch immer leer. Ich sprach mit Herrn Goodman darüber. Dieser meinte:

»Ihr Vorgänger Dan pflegte in der sauern Gurkenzeit, wenn’s sonst nichts gab, aus den Heuwagen Kapital zu schlagen. Sind keine Heuwagen vom Felde hereingekommen? Sind welche da, so könnten Sie von wiederaufgenommener Thätigkeit im Heugeschäft sprechen. Das ist zwar nicht besonders aufregend, aber es hilft doch das Blatt füllen und sieht geschäftsmäßig aus.«

Ich durchstreifte die Stadt nochmals und stöberte einen einzigen elenden alten Heuwagen auf, der sich langsam vom Felde hereinbewegte. Aber ich wußte ihn zu fruktifizieren; ich multiplizierte ihn mit sechzehn, ließ ihn aus sechzehn verschiedenen Richtungen her in die Stadt fahren, machte sechzehn besondere Artikelchen über ihn und schlug einen Lärm über das Heu, wie er in Virginia City noch nie erlebt worden war.

Das war ermutigend. Ich hatte zwei Spalten Nonpareille zu füllen, und kam damit ganz nett vorwärts. Gerade als der Stoff wieder zur Neige ging, brachte ein Raufbold in einer Schnapsbude einen Mann um, und abermals kehrte Freude bei mir ein. Niemals in meinem Leben war ich wegen einer Bagatelle wie diese so vergnügt gewesen. Ich sagte zu dem Mörder:

»Mein Herr, Sie sind mir ein Fremder, aber Sie haben mir heute einen Gefallen gethan, den ich Ihnen nie vergessen werde. Wenn ganze Jahre von Dankbarkeit Ihnen einen Ersatz bieten können – sie soll Ihnen zu teil werden. Ich war in Not, und Sie haben mir zu rechter Zeit edelmütig heraus geholfen, als alles dunkel und öde aussah. Zählen Sie mich fortan zu Ihren Freunden; denn ich bin nicht der Mann, der eine Gefälligkeit vergißt.«

Wenn ich das alles nicht wirklich zu ihm sagte, so empfand ich doch wenigstens das Verlangen danach. Ich berichtete über die Mordthat mit einem wahren Heißhunger auf interessante Einzelheiten, und als ich zu Ende war, bedauerte ich nur, daß man nicht meinen Wohlthäter auf der Stelle gehenkt hatte; ich würde ihn gern auch noch verarbeitet haben.

Sodann entdeckte ich ein paar Wagen mit Auswanderern, die sich eben anschickten auf der Plaza ein Lager zu bilden, und von denen ich erfuhr, daß sie vor kurzem durch feindliches Indianergebiet gekommen und dabei ziemlich übel gefahren waren. Ich machte aus dieser Nachricht alles, was die Umstände erlaubten; wäre ich nicht durch die Anwesenheit der Berichterstatter anderer Blätter in strengen Grenzen gehalten gewesen, so würde ich zweifelsohne den Artikel durch einige Zuthaten noch viel interessanter gemacht haben. Einen Wagen fand ich jedoch, der nach Kalifornien weiter ging und zog bei dessen Besitzer geschickte Erkundigungen ein. Als ich aus seinen kurzen, mürrischen Antworten auf meine Kreuz- und Querfragen ersehen hatte, daß er ganz bestimmt abfahren und am nächsten Tage nicht mehr in der Stadt sein würde, folglich keinen Lärm schlagen konnte, lief ich den anderen Zeitungen den Rang ab, indem ich mir sein Personenverzeichnis abschrieb und seine ganze Gesellschaft unter den Toten und Verwundeten aufführte. Da ich mich in diesem Falle nicht zu beschränken brauchte, ließ ich den Wagen einen Kampf mit den Indianern bestehen, der bis auf den heutigen Tag in der Geschichte nicht seinesgleichen hat.

Meine beiden Spalten waren damit gefüllt. Als ich sie am Morgen durchlas, fühlte ich, daß ich endlich meinen wahren Beruf gefunden hatte. Neuigkeiten, und zwar aufregende Neuigkeiten waren es, was die Zeitung brauchte, und ich fühlte in mir in ganz besonderem Grade die Fähigkeit, solche zu liefern. Herr Goodman meinte, ich stehe als Berichterstatter nicht hinter Dan zurück. Ein höheres Lob wünschte ich mir nicht. Auf diese Ermutigung hin fühlte ich mich stark genug, im Notfall den Interessen des Blattes zuliebe sämtliche Auswanderer auf der Ebene eines grausamen Todes durch meine Feder sterben zu lassen.

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Sechs Monate, nachdem ich unter die Journalisten gegangen war, begann die große Zeit des Silberlandes, wo es ›flott herging‹, und diese dauerte in unvermindertem Glanze drei Jahre lang. Alle Schwierigkeit, die Spalten mit Lokalnachrichten zu füllen, war nun vorüber; man hatte nur seine liebe Not, wie man die Unmasse von Begebenheiten und Vorkommnissen, die jeden Tag in unser litterarisches Netz gingen, unterbringen sollte trotz der Vergrößerung des Formats. Virginia hatte sich zur lebhaftesten Stadt entwickelt, die es in Amerika je gegeben, wenn man ihr Alter und ihre Einwohnerzahl in Betracht zieht. Die Gehwege wimmelten von Menschen – und zwar dermaßen, daß es meist keine leichte Aufgabe war, durch die Menschenflut hindurchzukommen. Die Fahrstraßen waren nicht minder gedrängt voll von Quarzwagen, Frachtwagen und sonstigen Fuhrwerken in endlosem Zuge. Das Gedränge war derartig, daß kleine Gefährte oft eine halbe Stunde lang warten mußten, bis es ihnen gelang, über die Hauptstraße hinüberzukommen. Vergnügt strahlten alle Gesichter; eine fast wilde Anspannung sprach aus jedem Auge und erzählte von den Plänen zum Geldmachen, die in jedem Gehirn kochten, und von den hochgeschwellten Hoffnungen, die aller Herzen erfüllten. Geld gab es wie Sand am Meer. Jeder einzelne hielt sich für reich, und eine trübselige Miene war nirgends zu sehen. Es gab Milizkompagnien, Spritzenkompagnien, Musikchöre, Banken, Hotels, Theater, liederliche Tanzböden, ›Hurdy-Gurdy-Häuser‹ genannt, weit offenstehende Spielhöllen, politische Klubs, Bürgeraufzüge, Straßenkämpfe, Mordthaten, Leichenbeschauungen, Tumulte, alle fünfzehn Schritt eine Schnapsbrennerei, einen Gemeinderat mit einem Bürgermeister, einen Stadtvermesser, einen Stadtingenieur, einen Direktor des Feuerlöschwesens mit einem ersten, zweiten und dritten Assistenten, einen Polizeidirektor, einen Stadtmarschall und eine starke Polizistenschar, zwei Kollegien von Kuxmaklern, ein Dutzend Brauereien und ein halbes Dutzend Gefängnisse und Polizeistationen in voller Arbeit; auch sprach man davon, eine Kirche zu bauen. Der Aufschwung war großartig in jeglicher Beziehung. Mächtige feuerfeste Backsteinhäuser stiegen in den Hauptstraßen empor, und die hölzernen Vorstädte breiteten sich nach allen Richtungen aus. Für Bauplätze in der Stadt erzielte man ganz erstaunliche Preise.

Die große Combstock-Erzader, reich an Edelmetall, erstreckte sich von Norden nach Süden durch die ganze Länge der Stadt, und ihre sämtlichen Gruben standen im fleißigsten Betriebe. Eine einzige dieser letzteren beschäftigte sechshundertfünfundsiebzig Mann, und bei Wahlen hieß es stets: »wie die Gould & Curry-Grube stimmt, so stimmt die ganze Stadt.« Der Tagelohn der Arbeiter betrug vier bis sechs Dollars; sie arbeiteten in drei Schichten oder Abteilungen, und das Sprengen, Hacken und Schaufeln ging Tag und Nacht ohne Unterbrechung fort.

Die Stadt Virginia thronte königlich auf halber Höhe des steil ansteigenden Mount Davidson 7200 Fuß über dem Meeresspiegel und war in der klaren Atmosphäre Nevadas bis auf fünfzig Meilen sichtbar. Ihre Bevölkerung betrug 15,000 bis 18,000 Seelen, und den ganzen Tag über schwärmte die Hälfte dieser kleinen Armee gleich Bienen durch die Straßen, die andere Hälfte dagegen schwärmte hundert und aber hundert Fuß tief unter eben diesen Straßen in den Schachten und Stollen der Combstock-Erzschicht. Oft fühlten wir unsere Stühle beben, während der schwache Knall einer Sprengung aus den Eingeweiden der Erde unter der Redaktion heraufklang.

Der Bergabhang war so steil, daß die ganze Stadt schräg wie ein Dach daran hinaufging. Die Straßen bildeten sämtlich Terrassen, von denen eine immer vierzig bis fünfzig Fuß über der anderen lag. Es war ein mühseliges Klettern selbst in dieser dünnen Atmosphäre, wenn man von der D-straße nach der A-straße hinaufsteigen mußte, und man kam keuchend und außer Atem oben an. Dagegen brauchte man sich nur umzudrehen, um wie ein Pfeil wieder hinab zu stiegen. Die Luft war in dieser Höhe so dünn, daß einem das Blut stets durch die Haut zu dringen schien, und eine Stecknadelschramme ernstliche Sorgen machen konnte, weil leicht ein gefährlicher Rotlauf daraus entstand. Aber zur Entschädigung dafür waren Schußwunden wunderbar schnell geheilt, und so hatte man wenig Aussicht, sich durch einen Schuß, der dem Gegner nur durch beide Lungen ging, dauernde Genugthuung zu verschaffen; man konnte beinahe sicher annehmen, daß er vor Ablauf des Monats wieder auf dem Damm war und sich nach einem umsah und zwar nicht mit einem Opernglase.

Von Virginias hoher Lage aus überschaute man ein mächtiges, weitumfassendes Panorama von Bergzügen und Wüsten, und ob nun der Tag hell und bewölkt war, ob die Sonne auf- oder unterging oder am Zenith stammte, ob es Nacht war und der Mond am Himmel leuchtete, immer hatte man einen schönen, unvergeßlichen Anblick. Über uns ragte der Mount Davidson mit seiner grauen Kuppel empor, während vor und unter uns eine wildzerrissene Schlucht sich öffnete und ein düsteres Thor bildete, durch welches der Blick auf die mattgefärbte, von dem Silberfaden eines Flusses durchzogene Wüste fiel. Die Ufer des Flusses waren mit Bäumen eingefaßt, die sich in der meilenweiten Entfernung nur wie eine zarte Franse ausnahmen. In noch weiterer Ferne erhoben die beschneiten Berge ihre langgezogene Schranke bis zum nebeligen Horizont hin – jenseits eines Landsees, der in der Wüste wie eine vom Himmel gefallene Sonne flammte, obwohl auch er fünfzig Meilen entfernt lag. Man mochte aus seinem Fenster blicken, wohin man wollte, stets bot sich ein bezauberndes Bild. Selten, sehr selten kam es vor, daß Wolken am Himmel standen, dann aber vergoldete, rötete und verklärte die sinkende Sonne dieses weitausgedehnte Landschaftsbild unfeiner geradezu verwirrenden Farbenpracht, welche das Auge wie mit Zaubergewalt fesselte und die Seele wie Musik ergriff.