Roman

Zehntes Kapitel.

Zehntes Kapitel.

Eure menschliche Umgebung, die macht das Klima.

Querkopf Wilsons Kalender.

Der Oktober war vor der Tür, der Frühling hatte sich eingestellt. Alle, die man fragte, erklärten, daß es Frühling sei, aber in Canada hätte man ihn, ohne den geringsten Argwohn zu erregen, für Sommer verkaufen können. Solches Wetter ist bei uns zu Hause wunderschön, wenn man nämlich einen Aufenthalt im Gebirge ober am Seestrande macht. Aber dort nannten sie es kühl und behaupteten, wer wissen wolle was Wärme sei, müsse im Sommer nach Sydney kommen, und um die eigentliche Hitze kennen zu lernen, brauche man nur etwa tausend Meilen nach Norden zu gehen; in der Nähe des Aequators legen die Hennen gebackene Eier.

Kapitän Sturt, der große Forschungsreisende, macht folgende Beschreibung von der Hitze:

»Der Wind, der den ganzen Morgen aus N.O. geblasen hatte, wurde zum heftigen, alles ausdörrenden Sturm. Ich werde seine verheerende Wirkung nie vergessen. Zwar suchte ich Schutz hinter einem großen Gummibaum, aber die glühenden Windstöße waren so entsetzlich, daß ich glaubte, das Gras müsse in Brand geraten. Ein unerträglicher Zustand, der alles Leben zu vernichten drohte. Die Pferde standen mit dem Rücken nach dem Winde und senkten die Nase tief zu Boden; sie hatten nicht Muskelkraft genug, um den Kopf in die Höhe zu halten; alle Vögel waren verstummt, und die Blätter des Baums, unter dem wir saßen, fielen massenhaft von den Zweigen. Zur Mittagszeit nahm ich meinen Thermometer, der in 127° geteilt war, aus dem Futteral; das Quecksilber stand auf 125°. Ich glaubte, das könne nicht richtig sein und legte das Instrument in die Gabel eines nahen Baumes, wo es dem Einfluß von Wind und Sonne ausgesetzt war. Als ich eine Stunde später danach sah, war das Quecksilber bis zur Spitze gestiegen und hatte die Kugel zersprengt, was wohl noch kein Reisender je zu berichten gehabt hat. Mir fehlen die Worte, um dem Leser auch nur eine schwache Vorstellung von der intensiven, atembeklemmenden Glut zu geben, welche während der Zeit herrschte.«

Wenn solche heiße Winde über Sydney dahinwehen, führen sie manchmal einen sogenannten ›Staubregen‹ mit sich, der auch in andern Städten Australiens häufig genug vorkommt. Selbst erlebt habe ich keinen, aber nach der Schilderung zu urteilen, welche Mr. Gane davon gibt, muß die Naturerscheinung den in Nevada herrschenden Alkalistaubwirbeln nicht unähnlich sein.

»Je mehr wir von der Höhe hinabstiegen,« sagt Gane, »um so größer wurde die Hitze, bis wir die hübsche Stadt Dubbo erreichten, die nur sechshundert Fuß über dem Meeresspiegel auf einer weiten Ebene liegt … Bei trockenem Wetter zerkrümelt der Erdboden förmlich und die Oberfläche bedeckt sich mit einer dicken Staubschicht. Weht nun der Wind aus einer gewissen Richtung, so hebt er die ganze Schicht in einem Stück in die Luft empor; gleich einer langen, schwärzlichen Wolke. Bei solchem Staubregen kann man die Hand kaum vor Augen sehen, und der Unglückliche, den er im Freien überrascht, muß so schnell wie möglich ein schützendes Obdach suchen. Jede gute Hausfrau, welche die dunkle Säule im Wirbel auf ihr Heim zusteuern sieht, beeilt sich, Türen und Fenster zu schließen. Eine Dame, die mehrere Jahre in Dubbo wohnte, hat mir gesagt, daß wenn man aus Nachlässigkeit das Fenster des Wohnzimmers beim Staubregen offen läßt, der Staub so dick auf dem Teppich liegt, daß man ihn mit einer Schaufel fortschaffen muß.«

Wahrscheinlich in ganzen Wagenladungen. Nein, so schlimm ist es in Nevada doch nicht.

Elftes Kapitel.

Elftes Kapitel.

Leben ist Leiden. Selbst die verborgene Quelle des Humors ist nicht Freude, sondern Schmerz. Es gibt keinen Humor im Himmel.

Querkopf Wilsons Kalender.

Kapitän Cook hat Australien im Jahre 1770 entdeckt und achtzehn Jahre später gründete die britische Regierung ihre dortige Sträflingskolonie. Alles in allem wurden im Lauf von dreiundfünfzig Jahren 83 000 Sträflinge nach Neusüdwales eingeschifft. Sie trugen schwere Ketten, wurden schlecht genährt und von ihren Aufsehern arg mißhandelt. Bei der geringsten Uebertretung der Regel drohten ihnen harte Strafen; sie standen unter der ›grausamsten Zucht, die je geübt worden ist‹, sagt ein Schriftsteller.

Damals kannte das englische Gesetz kein Erbarmen. Für geringfügige Vergehen, die heutzutage mit einer kleinen Geldbuße oder ein paar Tagen Gefängnis bestraft würden, schickte man Männer und Frauen auf sieben oder vierzehn Jahre bis ans andere Ende der Welt und für schwere Verbrechen auf Lebenszeit.

Kinder, die ein Kaninchen gestohlen hatten, kamen auf sieben Jahren nach der Strafkolonie.

Als ich vor dreiundzwanzig Jahren in London war, hatte man eben eine neue Strafe eingeführt, um dem Garrottieren und der Mißhandlung von Ehefrauen Einhalt zu tun – fünfundzwanzig Hiebe mit der neunschwänzigen Katze auf den nackten Rücken. Man sagt, diese furchtbare Strafe habe auch den verstocktesten Bösewicht bekehrt, und kein Mensch sei je imstande gewesen, nach dem neunten Hiebe seine Gefühle noch für sich zu behalten; gewöhnlich fing das Klagegeheul schon früher an. Die Wirkung des Gesetzes auf die Garrottierer und schlechten Ehemänner war ganz vortrefflich, aber es kam dem modernen London zu unmenschlich vor und wurde wieder aufgehoben. Manches arme, zerschlagene englische Eheweib hat seitdem Anlaß gehabt, diese grausame Nachsicht einer sentimentalen Menschlichkeit bitter zu beklagen.

Fünfundzwanzig Hiebe! In Australien und Tasmanien erhielt der Sträfling fünfzig für jedes kleine Vergehen; oft fügte ein roher Beamter noch fünfzig hinzu und abermals fünfzig, solange das unglückliche Opfer die Qual aushielt ohne den Geist aufzugeben. In einer alten amtlichen Urkunde habe ich von einem Fall in Tasmanien gelesen, wo ein Sträfling, der ein paar silberne Löffel gestohlen hatte, dreihundert Hiebe erhalten hat. Und das war noch nicht die höchste Zahl. Wer teilte sie aber aus? Häufig ein anderer Sträfling, zuweilen der beste Kamerad des Unglücklichen, und er mußte die Peitsche mit allem Nachdruck führen, sonst bekam er sie selber zu kosten zum Lohn für sein Erbarmen, ohne daß er dem Freunde damit einen Dienst geleistet hätte. Das Strafinstrument wanderte nur in eine andere Hand, bis das Urteil in vollster Ausdehnung vollzogen war.

Das Sträflingsleben in Tasmanien war so unerträglich, und ein Selbstmord so schwer auszuführen, daß die Menschen in ihrer Verzweiflung sich zuweilen zusammentaten und durch das Los bestimmten, wer von ihnen einen aus ihrer Zahl töten sollte, damit dem Leben des Mörders und der Augenzeugen seiner Tat durch Henkers Hand ein Ende gemacht würde.

Dies sind nur Beispiele aus einer ganzen Flut ähnlicher Fälle, nur schwache Andeutungen, welche die Unsumme von Leiden ahnen lassen, die das Sträflingsleben mit sich brachte und von denen wir uns schaudernd abwenden.

Zwölftes Kapitel.

Zwölftes Kapitel.

Wir können uns das Wohlgefallen anderer Menschen sichern, wenn wir uns nichts zu schulden kommen lassen und ihnen zu Diensten sind; aber unser eigener Beifall ist hundertmal mehr wert, und es ist noch kein Mittel entdeckt worden, uns den zu sichern.

Querkopf Wilsons Kalender.

Vier Jahre nach Ankunft der ersten Sträflinge zählte die Kolonie deren etwa 2500. Einige – vielleicht eine ziemliche Menge – waren wohl sehr schlechte Menschen, selbst für die damalige Zeit; aber die meisten werden vermutlich nicht viel verderbter gewesen sein, als es die Leute, die daheim blieben, im allgemeinen waren. Wir können kaum umhin das zu glauben. Ein Volk, das es unentwegt mit ansehen konnte, wie man Frauen, die von Frost und Hunger getrieben ein Stück Speck oder einen alten Lumpen stahlen, an den Galgen brachte, wie man Knaben ihrer Mutter und den Vater seiner Familie entriß, um sie wegen ähnlicher kleiner Vergehen auf lange Jahre in die Strafkolonie zu schleppen – ein solches Volk läßt sich doch unmöglich als ›zivilisiert‹ bezeichnen. Auch muß sein Fortschritt in der Zivilisation weder rasch noch bedeutend gewesen sein, da alle wußten wie es jenen Unglücklichen in der Verbannung erging und sich vierzig Jahre lang ruhig darein ergaben.

Wenn wir uns zudem noch den Charakter und das Verhalten der hohen Herren und der Beamten vergegenwärtigen, welche für Aufsicht, Ernährung und Zucht der Sträflinge zu sorgen hatten, so finden wir auch da keinen wesentlichen Unterschied der Moral oder Gesittung im Vergleich mit den Sträflingen selbst oder ihren Volksgenossen im Heimatland. Sie standen so ziemlich alle auf der gleichen Stufe.

Nicht lange, so begannen sich auch freiwillige Ansiedler in der Kolonie niederzulassen, und diese sowohl als die schon beträchtliche Anzahl der Deportierten, bedurften des Schutzes für den Fall, daß Zwistigkeiten unter ihnen selbst oder mit den Eingeborenen entstünden. Letztere kamen auch einigermaßen in Betracht, wiewohl sie sehr wenig zahlreich waren. Zu einer Zeit, als man sie noch ziemlich ungestört ließ, weil sie niemand im Wege standen, rechnete man in Neusüdwales etwa einen Eingeborenen auf ein Gebiet von 45 000 Morgen.

Wie sollte man die Kolonie schützen? Kein Offizier der regulären Armee hätte sich um einen Dienst am andern Ende der Welt beworben, bei dem weder Ehre noch Auszeichnung zu holen war. So sah sich denn England genötigt, eine Art uniformierter Bürgermiliz auszurüsten und einzuschiffen, das sogenannte ›Korps von Neusüdwales‹, das aus tausend Mann bestand.

Für die Kolonie war das ein furchtbarer Schlag, der sie fast zu Boden schmetterte. Anschaulicher hätte der moralische Zustand Englands außerhalb der Gefängnisse gar nicht dargestellt werden können, als durch diese Korps. Die Kolonisten zitterten vor Angst, daß man ihnen nächstens auch noch eine Schiffsladung von Adligen herüberbringen würde.

Anfänglich vermochte die Kolonie sich noch nicht selbst zu erhalten. Nahrung, Kleidung und alle andern Lebensbedürfnisse wurden aus England geschickt und in großen Warenhäusern der Regierung aufgestapelt. An die Sträflinge verteilte man was sie brauchten, und den Ansiedlern verkaufte man es mit einem kleinen Profit über den Selbstkostenpreis. Diesen Umstand machte sich das Korps zu nutze. Sämtliche Offiziere begannen Handel zu treiben und zwar auf völlig gesetzlose Weise. Allen Warnungen und Verboten der Regierung zum Trotz führten sie Spirituosen ein und errichteten eigene Branntweinbrennereien im Lande. Sie schlossen einen Bund, der den Markt beherrschte und die Regierung samt allen andern Händlern boykottierte; auch verstanden sie es, ihr Monopol streng aufrecht zu erhalten. Kam ein mit Rum befrachtetes Schiff an, so wurde außer ihnen kein Käufer zugelassen, und sie zwangen den Eigentümer, seine Ladung zu dem niedrigen Preise herzugeben, welchen sie bestimmten. Durchschnittlich kauften sie den Rum zu zwei Dollars die Gallone und verkauften ihn zu zehn Dollars; ja, sie machten den Rum zur Hauptwährung im Lande, denn Geld gab es damals so gut wie gar nicht. Achtzehn oder zwanzig Jahre lang beherrschten sie die Kolonie ausschließlich und setzten ihren verderblichen Einfluß fort, bis es endlich der Regierung gelang, sie zu besiegen und zu vernichten.

Es kann kaum Wunder nehmen, daß sich bei diesen Verhältnissen die Trunksucht unter der gesamten Einwohnerschaft verbreitete; mancher Ansiedler hatte seine Farm nach und nach gegen Rum verschachert, und die Offiziere des Korps waren steinreich geworden. Wenn ein Farmer sich vor Durst nicht mehr zu lassen wußte, nahmen sie ihren Vorteil wahr, um ihn bis aufs Blut zu schinden. Einmal verkauften sie einem Mann eine Gallone Rum, die zwei Dollars wert war, für ein Grundstück, dessen Preis später bis auf 100 000 Dollars stieg.

Als die Kolonie etwa zwanzig Jahre lang bestanden hatte, entdeckte man, daß sich das Land vorzüglich zur Schafzucht eigne. Damit war sein Wohlstand begründet, es trat mit seiner Wolle in den Welthandel ein; bald fand man auch reiche Schätze an Edelmetallen, Einwanderer strömten herbei, auch Kapitalien blieben nicht aus.

So hat sich im Laufe der Zeit das große, begüterte und aufgeklärte Staatswesen von Neusüdwales gebildet. Bergbau, Schafzucht, Straßen- und Eisenbahnen, Dampferlinien, Zeitungen, Schulen, Universitäten, botanische Gärten, Bildergalerien, Bibliotheken, Museen, Hospitäler – alles ist dort in Fülle vorhanden. Jede Art von Kultur, jedes praktische Unternehmen findet Anklang und bereitwillige Förderung; Kirchen gibt es wie Sand am Meere, und Rennbahnen im Ueberfluß.

Ich vervollständige meine Ausbildung.

Ich vervollständige meine Ausbildung.

Wer so höflich war, die vorhergehenden Kapitel zu lesen, wird sich vielleicht wundern, daß ich das Lotsen als Wissenschaft so eingehend behandelt habe. Es war der Hauptzweck jener Kapitel und ich bin noch nicht ganz fertig damit; denn ich möchte aufs eingehendste beweisen, welch wunderbare Wissenschaft das Lotsen ist.

Die Schiffahrtskanäle werden mit Bojen und Leuchtfeuern versehen, und es ist deshalb ein vergleichsweise leichtes Unternehmen, sie kennen zu lernen und zu befahren; Flüsse mit klarem Wasser und Kiesgrund ändern ihr Fahrwasser sehr allmählich, und man braucht sie daher nur einmal zu ›lernen‹; das Lotsen wird aber eine ganz andere Sache, wenn es sich um ungeheure Ströme, wie den Mississippi und den Missouri, handelt, wo die angeschwemmten Ufer sich fortwährend aushöhlen und verändern, die treibenden Baumstämme fortwährend neue Plätze aufsuchen, die Sandbänke nie zur Ruhe kommen, das Fahrwasser ewig Winkelzüge und Abweichungen macht, und die Hindernisse bei jeder Dunkelheit und jedem Wetter bekämpft werden müssen – ohne die Hilfe eines einzigen Leuchtturms oder einer einzigen Boje; denn auf dem drei- bis viertausend Meilen langen verwünschten Strome ist nirgends ein Leuchtfeuer oder eine Boje zu finden. Ich fühlte mich berechtigt, mich über diese große Wissenschaft weitläufig zu verbreiten, weil ich überzeugt bin, daß niemals jemand, der selbst ein Dampfboot gelotst hat und also den Gegenstand praktisch kannte, einen Satz darüber geschrieben hat. Wäre das Thema abgedroschen, dann müßte ich mir Enthaltsamkeit auferlegen; da es aber ganz neu ist, glaubte ich der Sache einen beträchtlichen Raum widmen zu dürfen.

Als ich Namen und Lage jedes sichtbaren Merkmals des Stromes gelernt hatte – als ich seinen Lauf so bemeistert hatte, daß ich ihn mit geschlossenen Augen von St. Louis bis New-Orleans verfolgen konnte – als ich gelernt hatte, die Oberfläche des Wassers zu lesen, wie man die Neuigkeiten aus der Morgenzeitung herausfischt – als ich schließlich mein stumpfes Gedächtnis soweit geschult hatte, daß es eine endlose Reihe von Lotungen und Kreuzungsmarken aufgespeichert hatte und festhielt, da glaubte ich, daß meine Ausbildung vollständig wäre: ich rückte also die Mütze auf die Seite und behielt am Steuerrad einen Zahnstocher im Munde. Bixby beobachtete mein dünkelhaftes Wesen. Eines Tages sagte er:

»Wie hoch ist jenes Ufer da drüben?«

»Wie soll ich das wissen? Es ist fast eine halbe Stunde entfernt.«

»Sehr schlechtes Auge, wahrhaftig! Nimm das Fernglas.«

Ich nahm es und bemerkte gleich darauf:

»Ich kann’s nicht sagen. Meiner Ansicht nach ist jenes Ufer etwa anderthalb Fuß hoch!«

»Anderthalb Fuß? Ja – sechs Fuß! Wie hoch war es bei der letzten Fahrt?«

»Das weiß ich nicht; ich habe nicht darauf geachtet.«

»Nicht? Du mußt von nun an immer darauf acht geben.«

»Weshalb?«

»Weil du eine Menge Dinge wissen mußt, die es dir offenbart. Es giebt dir zum Beispiel den Stand des Flusses an – sagt dir, ob mehr oder weniger Wasser hier ist, als bei der letzten Reise.«

»Nun, das sagt mir das Lot.« Ich glaubte, ihn damit entwaffnet zu haben.

»Ja, aber wenn das Lot lügt? Das sagt dir das Ufer und dann gehst du hin und rüttelst den Mann am Lot aus seinem Dusel auf. Bei der letzten Fahrt war das Ufer zehn, jetzt ist es nur noch sechs Fuß hoch; was bedeutet das?«

»Daß der Fluß seitdem um vier Fuß gestiegen ist.«

»Ganz recht. Steigt oder fällt der Fluß?«

»Er steigt.«

»Nein, er steigt nicht.«

»Ich glaube, ich habe recht, Sir. Dort treibt Holz den Strom herab.«

»Ein Ansteigen setzt das Treibholz in Bewegung, aber wohlverstanden, es schwimmt noch eine Zeitlang fort, nachdem der Strom aufgehört hat zu steigen. Und darüber wird das Ufer dich aufklären. Warte, bis wir an eine Stelle kommen, wo es nur wenig abschüssig ist – hier jetzt! siehst du diesen schmalen Streifen seinen Niederschlages? Der hat sich abgelagert, als das Wasser höher stand. Auch siehst du wohl, daß das Holz allmählich strandet. Das Ufer belehrt auch noch in anderer Weise. Siehst du den Baumstumpf auf der ›falschen Landspitze‹?«

»Ja, Sir.«

»Nun, das Wasser reicht gerade bis an seine Wurzeln. Das mußt du dir notieren.«

»Weshalb?«

»Weil das bedeutet, daß in der Passage 103 sieben Fuß Wasser stehen.«

»Aber 103 ist ja noch eine große Strecke weiter flußaufwärts.«

»Da zeigt sich eben die Wohlthat des Ufers. Jetzt ist Wasser genug in 103, vielleicht aber nicht mehr, wenn wir hinkommen; aber das Ufer wird uns darüber auf dem Laufenden erhalten. Bei fallendem Fluß fährt man stromaufwärts überhaupt durch keine schmalen Durchlässe, und stromabwärts darf man nur äußerst wenige passieren; das ist gegen die Gesetze der Vereinigten Staaten. Der Strom kann vielleicht steigen, bis wir nach 103 kommen, und in diesem Falle werden wir hindurchfahren. Wieviel Tiefgang haben wir?«

»Sechs Fuß hinten – sechseinhalb vorn.«

»Nun, du scheinst doch etwas zu wissen.«

»Was ich vor allem wissen möchte ist aber, ob ich fortwährend, jahraus jahrein, die zwölfhundert Meilen dieses Ufers messen muß?«

»Natürlich.«

Meine Stimmung war eine Zeitlang zu erregt für Worte; endlich sagte ich:

»Und wie ist es mit den Durchlässen? Giebt es deren viele?«

»Das will ich meinen. Ich glaube, wir werden auf dieser Fahrt keinen einzigen so durchfahren, wie du es bisher gesehen hast. Wenn der Strom wieder zu steigen anfängt, werden wir über Sandbänke hinwegfahren, die du bisher stets hoch und trocken wie das Dach eines Hauses aus dem Wasser emporragen sahest; wir werden seichte Stellen passieren, die du noch nie überhaupt beobachtet hast, mitten durch Sandbänke, die dreihundert Morgen bedecken; wir werden durch Spalte kriechen, wo du stets festes Land vermutetest; wir werden durch die Wälder dampfen, den Strom in einer Breite von fünfundzwanzig englischen Meilen auf einer Seite lassen und die Rückseite jeder Insel zwischen New-Orleans und Kairo sehen.«

»Dann muß ich mich dahintermachen und noch genau ebensoviel vom Strome lernen, wie ich bereits weiß.«

»Gerade noch zweimal so viel, sofern es dir möglich ist.«

»Nun, man lebt ja, um zu lernen. Allein mir scheint, ich war ein Narr, als ich mich auf dies Geschäft einließ.«

»Ja, das ist wahr, und du bist’s noch, wirst’s aber nicht mehr sein, wenn du es gelernt hast.«

»Ach, ich werde es niemals lernen.«

»Ich will sehen, daß du es doch lernst.«

Bald darauf wagte ich eine weitere Frage: –

»Muß ich das alles gerade so lernen, wie ich den Rest des Stromes kenne, – Gestaltung und alles, – so daß ich auch bei Nacht darnach steuern kann?«

»Ja. Und du mußt gute, zuverlässige Merkzeichen von einem Ende des Stromes zum andern haben, die dir in Verbindung mit dem Ufer sagen werden, ob Wasser genug auf jeder dieser zahllosen Stellen ist – wie jener Baumstumpf, weißt du. Wenn der Strom zu steigen anfängt, kann man ein halbes Dutzend der tiefsten Durchlässe durchfahren; steigt er einen Fuß weiter, ein weiteres Dutzend; beim nächsten Fuß kommen ein paar Dutzend dazu, und so fort: Du siehst also, daß du deine Ufer und Merkzeichen unbedingt sicher kennen mußt und sie nie miteinander verwechseln darfst; denn wenn du einmal in eine dieser Engen hineingefahren bist, kannst du nicht mehr zurück wie im großen Strom; du mußt hindurch oder ein halbes Jahr dort bleiben, wenn du vom fallenden Wasser überrascht wirst. Etwa fünfzig dieser Engen kannst du überhaupt nur dann passieren, wenn der Strom zum Überlaufen voll, oder über die Ufer getreten ist.«

»Diese neue Lehre ist eine heitere Aussicht.«

»Allerdings. Und beachte, was ich dir soeben gesagt habe; wenn du in eine dieser Engen einfährst, mußt du hindurch. Sie sind zu schmal zum Wenden, zu gekrümmt zum Rückwärtsherausfahren, und das seichte Wasser ist immer am oberen Ende, nie anderswo. Und es ist immer anzunehmen, daß das obere Ende sich ganz allmählich auffüllt, so daß die Marken, nach denen du jetzt ihre Tiefe berechnest, in der nächsten Saison vielleicht nicht zutreffen.«

»Ich muß also jedes Jahr das Alphabet von neuem lernen?«

»Versteht sich! Steure nahe an die Sandbank hinan! Weshalb fährst du mitten im Strom?«

Die nächsten paar Monate zeigten mir seltsame Dinge. An demselben Tage, als diese Unterredung stattfand, begann der Strom von oben herab stark zu steigen. Die ganze weite Wasserfläche war schwarz von treibenden Baumstämmen, abgebrochenen Ästen und starken Bäumen, die unterspült und weggewaschen worden waren. Es bedurfte des sorgfältigsten Steuerns, um den Weg durch dieses in Bewegung befindliche Floß zu suchen, selbst bei Tage, wenn man von einer Landspitze nach der andern hinübersteuerte; bei Nacht war die Schwierigkeit noch bedeutend größer; hie und da erschien plötzlich ein ungeheurer, tief im Wasser treibender Baumstamm gerade unter unserm Bug, mit dem einen Ende voran. Es war unnütz, ihm ausweichen zu wollen, wir konnten bloß die Maschinen stoppen; dann ging eines der Schaufelräder von einem Ende zum andern mit donnerndem Getöse über den Baumstamm, wobei das Schiff sich in einer Weise überlegte, die den Passagieren sehr unangenehm war. Hin und wieder versetzten wir einem dieser halb gesunkenen Stämme unter vollem Dampf einen krachenden Stoß gerade in die Mitte, wobei das Boot erzitterte, als wäre es auf einen Kontinent gestoßen. Manchmal blieb dieser Klotz dann quer vor dem Steven liegen; dann mußten wir krebsartig ein wenig zurückfahren, um von dem Hindernis freizukommen. Im Dunkeln stießen wir oft auf weiße Stämme, denn wir sahen sie nicht eher, als bis wir auf ihnen waren; ein schwarzer Stamm ist dagegen bei Nacht ziemlich deutlich sichtbar. Ein weißer Baumstamm ist ein unangenehmer Kunde, wenn das Tageslicht verschwunden ist.

Selbstverständlich kam bei dem großen Steigen des Flusses ein Schwarm von ungeheuren Holzflößen von den oberen Gewässern des Mississippi herab, sowie Kohlenleichter von Pittsburg, kleine Handelsfahrzeuge von überall her, und breite Flachboote von Posey County in Indiana, die letzteren meist mit Früchten beladen. Die Lotsen hegten einen tödlichen Haß gegen diese Fahrzeuge, was deren Schiffer mit reichen Zinsen vergalten. Das Gesetz verlangte, daß alle diese unbeholfenen Handelsfahrzeuge ein Licht führten; allein das war eine Verordnung, die nur zu oft unbeachtet blieb. In dunkler Nacht tauchte plötzlich dicht unter unserem Auge ein Licht vor uns auf, worauf dann eine heisere Stimme im Hinterwäldler-Jargon zu rufen pflegte:

»In des T– Namen, wohin steuert ihr? Könnt ihr nicht sehen, ihr verd– Maulbeeren fressenden Schafe, ihr einäugigen Söhne eines ausgestopften Affen?«

Während wir vorbeischossen, enthüllte uns dann die rote Glut unter den Kesseln wie der Blitz auf einen Augenblick das Flachboot und die Gestalt des gestikulierenden Redners, und in demselben Momente pflegten unsere Heizer und Deckleute eine Wolke von Wurfgegenständen und einen Hagel von Schimpfworten zu empfangen und fortzusenden, worauf dann eines unserer Schaufelräder gewöhnlich die Bruchstücke des zertrümmerten Steuerremens mit fortnahm und alles wieder von schwarzer Dunkelheit eingehüllt war. Und sicherlich ging dann der Besitzer jenes Flachbootes nach New-Orleans, um unseren Dampfer zu verklagen und auf das entschiedenste zu beschwören, daß er zu der betreffenden Zeit ein Licht brennen gehabt habe, während in Wirklichkeit seine Mannschaft, um zu spielen, zu singen und zu trinken, die Laterne in die Kajüte genommen, aber keine Wache an Deck gehalten hatte. Einmal hätten wir nachts in einer jener vom Walde begrenzten Passagen hinter einer Insel, welche von den Dampfbootleuten als »so dunkel, wie das Innere einer Kuh« beschrieben werden, beinahe eine ganze Familie aus Posey County nebst ihrer Ladung in den Grund gebohrt, wenn nicht zufällig in der Kajüte auf einer Fiedel gespielt worden wäre und wir nicht den Schall der Musik noch eben rechtzeitig gehört hätten, um abscheren zu können, wobei leider kein ernsthafter Schaden angerichtet wurde, wir jedoch so nahe kamen, daß wir einen Augenblick die schönste Hoffnung in dieser Beziehung hatten. Selbstverständlich brachten die Leute dann ihre Laterne an Deck, wo sie die ganze Familie – beide Geschlechter verschiedenen Alters – beleuchtete, während wir bei ihrem Fluchen mit der Maschine vorwärts und rückwärts arbeiteten, um frei zu kommen. Ein anderesmal schickte uns ein Kohlenschiffer eine Kugel durch das Steuerhaus, als wir uns an einer sehr engen Stelle einen Steuerremen von ihm geborgt hatten.

  1. Seitdem ist das anders geworden.

Ich nehme einige Extrastunden.

Ich nehme einige Extrastunden.

Während dieses starken Steigens des Flusses waren die kleinen Fahrzeuge eine unausstehliche Plage. Wir passierten eine Enge nach der andern – eine neue Welt für mich, – und wenn in einer engen Passage eine recht schwierige Stelle sich befand, durften wir mit ziemlicher Gewißheit erwarten, dort ein Flachboot zu treffen; und wenn nicht dort, dann gewiß an einer noch schlimmeren Stelle, nämlich am oberen Ende der Enge, im seichtesten Wasser. Und dann fand ein endloser Austausch liebreicher Zurufe statt.

Manchmal, wenn wir draußen auf dem großen Strom vorsichtig unseren Weg durch den Nebel hin fühlten, wurde plötzlich die tiefe Stille durch gellendes Geschrei und das Klappern von Blechpfannen unterbrochen, und einen Augenblick später zeigte sich unklar durch den Nebelschleier dicht vor uns ein Holzfloß. Da warteten wir dann nicht lange, sondern rissen heftig an den Maschinenglocken und wandten allen Dampf an, um aus dem Wege zu kommen! Man stößt mit einem Dampfboot nicht gern auf einen Felsen oder auf ein solides Holzfloß, wenn man es vermeiden kann.

Es mag seltsam erscheinen, – aber häufig führten die Buchhalter auf den Dampfbooten in jenen vergangenen Zeiten des Dampfbootfahrens eine große Auswahl von religiösen Traktätchen bei sich. Wohl ein Dutzendmal an einem Tage kämpften wir uns aufwärts durch die schwierigsten Passagen, während uns eine Menge dieser kleiner Racker von Fahrzeugen, welche von oben den engen Kanal herabfuhren, die Arbeit noch mehr erschwerten; da stieß blitzschnell ein Kahn von einem derselben ab und bahnte sich mühsam kämpfend einen Weg durch die Wasserwüste. Im Schatten unseres Buges drehte er bei und die keuchenden Ruderer riefen: »Gebt uns eine Zeitung!« während der Kahn rasch an uns vorbeiglitt. Der Buchhalter warf ihnen ein Päckchen New-Orleanser Zeitungen hinüber. Wurden diese ohne Bemerkung aufgenommen, dann konnte man wahrnehmen, daß nunmehr ein Dutzend anderer Boote auf uns zutrieb, ohne etwas zu sagen. Sie hatten abgewartet, wie es Nr. 1 gehen würde. Da Nr. 1 keine Bemerkung machte, legten sich die übrigen alle in die Ruder und kamen nun heran; und so schnell sie kamen, warf der Buchhalter ihnen kleine Päckchen religiöser Traktätchen, auf ein flaches Stück Holz gebunden, zu. Es ist einfach unglaublich, welche Menge schwerer Flüche zwölf Päkchen mit religiöser Litteratur hervorrufen, wenn sie unparteiisch an die Mannschaften von zwölf Flößen verteilt werden, die eigens deshalb an einem heißen Tag eine Stunde weit gerudert haben.

Wie schon gesagt, brachte das starke Steigen des Flusses eine neue Welt in meinen Gesichtskreis. Sobald der Strom über seine Ufer getreten war, hatten wir unsere alten Pfade verlassen und kletterten stündlich über Sandbänke, die vorher zehn Fuß aus dem Wasser emporgeragt hatten; wir fuhren dicht an steilen Ufern hin, wie z. B. am unteren Ende von Madrid Bend, die ich vorher immer hatte meiden sehen; wir steuerten durch Engen wie die von 82, wo die Einfahrt am unteren Ende eine ununterbrochene Waldmauer war, daß wir sie fast mit dem Buge berührten. In einigen dieser Engpässe glaubte man sich in einen Urwald versetzt. Dichter, jungfräulicher Wald hing über beide Ufer des gewundenen Fahrpasses und man erhielt den Eindruck, als ob noch nie ein menschliches Wesen hier eingedrungen sei. Hängende Weinreben schlangen sich von Baum zu Baum, schimmernde Lichtungen und grüne Winkel zeigten sich dem Blick beim Vorüberdampfen; blühende Schlingpflanzen, deren rote Blüten sich auf den Gipfeln abgestorbener Bäume wiegten; der ganze Reichtum des Waldlaubwerks schien hier mit verschwenderischer Hand ausgestreut. In den engen Durchfahrten steuerte sich’s prächtig; sie waren tief, ausgenommen am oberen Ende; die Strömung war schwach; unterhalb der Landspitzen stand das Wasser geradezu stille; die steilen Ufer waren in dichtes Weidengebüsch eingehüllt, welches weit in den Fluß hineinragte, so daß das Boot beim Vorüberfahren zur Hälfte in demselben begraben war.

Hinter anderen Inseln fanden wir elende kleine Farmen und noch elendere kleine Blockhütten; da ragten gebrechliche Holzzäune einen oder zwei Fuß aus dem Wasser, und oben auf dem Zaun kauerten ein paar gelblich aussehende, fieberfröstelnde Mannsleute, die Ellbogen auf den Knieen, das Kinn in die Hände gestützt, Tabak kauend und das Resultat durch die Zahnlücken auf vorübertreibende Holzstücke entladend, während die übrigen Familienglieder und die wenigen Haustiere sich auf einem leeren Flachboot zusammendrängten, das in der Nähe verankert lag. In diesem Flachboot mußte die Familie eine Reihe von Tagen, zuweilen sogar Wochen, kochen, essen und schlafen, bis der Fluß zwei oder drei Fuß fiel, und ihnen die Rückkehr zu ihrer Blockhütte gestattete. Diesem Kampieren auf dem Wasser waren diese Leute ein paarmal im Jahre ausgesetzt; beim Steigen des Ohio im Dezember und beim Steigen des Mississippi im Juni. Und das waren noch glückliche Fügungen, denn sie ermöglichten es den armen Geschöpfen, wenigstens hin und wieder von den Toten aufzuerstehen und einen Blick aufs Leben zu werfen, wenn ein Dampfboot vorüberfuhr. Sie wußten die Segnung auch zu würdigen, denn sie rissen Mäuler und Augen weit auf und benützten diese Gelegenheit in ausgiebiger Weise. Was mochten diese verbannten Geschöpfe wohl während der Zeit des niederen Wasserstandes anfangen, um nicht an Langeweile und Schwermut zu sterben?

Einmal fanden wir in einer dieser lieblichen Inselpassagen unser Fahrwasser von einem hohen umgefallenen Baum vollständig überbrückt. Das läßt ersehen, wie schmal einige dieser Engen waren. Die Passagiere konnten sich eine Stunde lang in einer jungfräulichen Wildnis vergnügen, während die Schiffsmannschaft den Baum abhackte; denn an ein Umkehren war gar nicht zu denken.

Von Kairo bis Baton Rouge hat man, wenn der Strom über die Ufer getreten ist, bei Nacht keine besondere Schwierigkeit, denn die tausend Meilen lange dichte Waldmauer, welche den Weg der ganzen Länge nach einfaßt, wird nur hier und da von einer Farm oder einem Holzplatz unterbrochen, es ist deshalb ebensowenig möglich, aus dem Fahrwasser zu kommen, als aus einer eingezäunten Gasse. Von Baton Rouge bis New-Orleans aber liegt die Sache ganz anders: der Strom ist mehr als eine englische Meile breit und sehr tief – an manchen Stellen bis zu zweihundert Fuß. Beide Ufer sind auf einer Strecke von weit mehr als hundert englischen Meilen ganz von Gehölz entblößt und von einer ununterbrochenen Reihe von Zuckerfeldern eingefaßt, zwischen denen nur hier und da ein einzelner oder eine Reihe, gleichsam zur Zierde dienender, Chinabäume steht. Das Gehölz ist zwei bis vier Meilen weit bis hinter die Pflanzungen gänzlich ausgerodet. Wenn der erste Frost droht, bringen die Pflanzer eiligst ihre Ernte herein; wenn sie mit dem Mahlen des Zuckerrohrs fertig sind, bilden sie aus dem Abfall, der sogenannten Bagasse, große Haufen, welche dann verbrannt werden. In andern Zuckerländern wird dieser Abfall als Brennmaterial für die Öfen der Zuckermühlen verwendet. Diese feuchten Bagassehaufen verbrennen sehr langsam und rauchen wie die Küche des Teufels.

Ein zehn bis fünfzehn Fuß hoher Damm schützt beide Ufer des Mississippi auf der ganzen Strecke des unteren Stromlaufes und dieser Damm zieht sich in einer Entfernung von zehn bis zu hundert Fuß rückwärts vom Uferrande entlang – meist sind es dreißig bis vierzig Fuß. Nun lasse man diese ganze Strecke von einer undurchdringlichen Masse Rauchs, der aus einer hundert Meilen langen Reihe von brennenden Bagassehaufen emporsteigt, erfüllt sein, während der Fluß die Ufer überschwemmt hat, und versetze sich auf einen Dampfer, der um Mitternacht passieren muß! Und dann denke man sich hinein, wie einem dabei zu Mute ist! Man befindet sich draußen inmitten einer trüben uferlosen See, die in der düstern Ferne verschwimmt und sich verliert; denn die Umrisse des schmalen Dammes sind nicht zu erkennen. Den Pflanzungen selbst hat der Rauch ein ganz verändertes Aussehen gegeben; sie sehen wie ein Teil der See aus. Während der ganzen Wache wird man von der Qual der größten Ungewißheit gefoltert; man hofft noch im Strom zu sein, weiß es aber nicht. Man weiß nur soviel gewiß, daß man dem Ufer und dem Untergang auf sechs Fuß nahe sein kann, während man eine gute halbe englische Meile vom Ufer entfernt zu sein glaubt. Und falls das Boot plötzlich auf den Damm stößt und die Schornsteine über Bord fallen, bleibt einem jedenfalls der geringe Trost, daß man eigentlich nichts anderes erwartet hat. Eines der großen Vicksburger Paketbote schoß eines Nachts in eine Zuckerpflanzung hinein und mußte eine volle Woche dort bleiben. Aber dies war nichts Neues; es war schon öfters geschehen.

Ich glaubte dieses Kapitel schon beendigt zu haben, möchte aber jetzt noch einen seltsamen Vorgang erwähnen, so lange er mir im Sinne ist. Es gab einmal einen ausgezeichneten Lotsen auf dem Flusse, einen Herrn X., der ein Nachtwandler war. Wenn er sich wegen einer schwierigen Stromstrecke Sorgen machte, stand er, wie man erzählt, des Nachts auf, wandelte im Schlaf umher und that allerlei seltsame Dinge. Einmal war er während einiger Fahrten mit einem gewissen George Ealer zusammen Lotse auf einem großen Passagierdampfer aus New-Orleans. Letzterem war es daher auf der ersten Reise neben einem solchen Kameraden anfangs ziemlich unbehaglich, er beruhigte sich indessen bald, als er wahrnahm, daß X. ruhig im Bett schlief. Eines Abends kam das Boot spät nach Helena in Arkansas; der Wasserstand war niedrig und die Überfahrt oberhalb der Stadt von einem Ufer zum andern eine sehr schwierige und verwickelte Aufgabe. X. hatte die Stelle später passiert als Ealer, und da die Nacht besonders regnerisch, düster und nebelig war, überlegte Ealer, ob es nicht besser wäre, X. zur Mithilfe beim Passieren der Strecke zu rufen, als sich die Thüre öffnete und X. hereintrat. Nun ist in sehr finstern Nächten das Licht ein Todfeind des Lotsen; es ist bekannt, daß man aus einem erleuchteten Zimmer die Gegenstände auf der dunkeln Straße nicht genau erkennen kann, während man sie ziemlich deutlich sieht, wenn man das Licht auslöscht und sich in der Dunkelheit befindet. Deshalb rauchen die Lotsen bei sehr dunkler Nacht nicht, dulden im Steuerhaus kein Feuer im Ofen, wenn dieser einen Sprung hat, durch den auch nur der schwächste Strahl entweichen kann, und lassen die Feuerstellen mit großen Segeltüchern verhängen und das Oberlicht dicht verschließen. Dann strahlt kein Licht vom Boote aus. Die unbestimmte Gestalt, die jetzt ins Steuerhaus trat, hatte Herrn X.s Stimme und sagte:

»Laß mich das Boot führen, George; ich habe die Strecke erst kürzlich gesehen, und sie ist so gekrümmt, daß ich dort leichter selbst lotsen als dir sagen kann, wie man’s machen muß.«

»Sehr freundlich von dir; ich nehme mit Dank an. Hab‘ keinen Tropfen Schweiß mehr im Leibe. Ich bin wie ein Eichhörnchen mit dem Rade herumgetanzt, so oft hab‘ ich hin und herdrehen müssen. Es ist so finster, daß ich nicht sagen kann, nach welcher Richtung das Boot sich wendet.«

Damit setzte sich Ealer keuchend und atemlos auf die Bank. Das schwarze Gespenst ergriff, ohne ein Wort zu sagen, das Rad, gab dem walzenden Dampfer mit einigen Drehungen eine feste Richtung und stand dann gemächlich da und steuerte so ruhig und stetig, als ob es Mittag gewesen wäre. Als Ealer dieses wunderbare Steuern beobachtete, wünschte er, er hätte nicht gebeichtet! Er war ganz starr vor Verwunderung und sagte schließlich:

»Ich hatte mir eingebildet, ich könne ein Dampfboot steuern, sehe aber ein, daß ich mich wieder einmal geirrt habe.«

X. sagte nichts, sondern steuerte ganz gemächlich und ruhig weiter. Er gab mit der Glocke Befehle für den Mann am Lot, ließ den Dampf teilweise abblasen und steuerte das Boot sorgfältig und glatt nach unsichtbaren Merkzeichen, stand dann ruhig vor der Mitte des Rades und blickte in die schwarze Nacht hinaus, vorwärts und rückwärts, um seine Position festzustellen; als die Lotungen immer seichteres Wasser anzeigten, ließ er die Maschinen gänzlich stoppen; darauf folgte Totenstille und das Hangen und Bangen des ›Treibens‹; als das seichteste Wasser erreicht war, ließ er volle Dampfkraft geben, führte das Boot prächtig hinüber und begann dasselbe vorsichtig in das nächste System der Flachwasser-Marken zu steuern. Dort arbeitete er mit Lot und Maschinen in derselben geduldigen, sorgfältigen Weise; das Boot glitt hindurch, ohne den Grund zu berühren und dampfte in die dritte und letzte Schwierigkeit der Kreuzungsstrecke. Unmerklich bewegte es sich durch die Finsternis, fuhr langsam zwischen den Marken, trieb allmählich weiter, bis das seichteste Wasser ausgerufen wurde, und schwang sich dann mit vollem Dampf über das Riff, in tiefes Wasser und in Sicherheit!

Ealer ließ den langverhaltenen Atem in einem tiefen, erleichternden Seufzer ausströmen und sagte:

»Das ist das netteste Stück Lotsenarbeit, das je auf dem Mississippi geschah! Würde nicht glauben, daß es möglich wäre, wenn ich’s nicht selbst gesehen hätte.«

Da keine Antwort erfolgte, fügte er hinzu: »Halte das Ruder nur noch fünf Minuten, Kamerad, damit ich hinunterlaufen und eine Tasse Kaffee trinken kann.«

Eine Minute später aß Ealer unten in der Kajüte ein Stück Kuchen und labte sich an einer Tasse Kaffee. Da kam zufällig der Nachtwächter herein; als er wieder hinaus wollte, bemerkte er Ealer und rief: »Wer ist am Ruder, Sir?«

»X.«

»Rennen Sie nach dem Steuerhaus, rascher wie der Blitz.«

Im nächsten Augenblick flogen beide Männer die Treppe zum Steuerhaus hinauf, immer drei Stufen auf einmal. Niemand dort! Der große Dampfer tanzte ganz nach seinem Belieben die Mitte des Stromes hinab! Der Wächter stürzte wieder hinaus; Ealer ergriff das Rad, ließ eine Maschine mit Macht rückwärtsarbeiten und hielt den Atem an, während das Boot sich mit Widerstreben von der Insel zurückzog, die es eben im Begriff gewesen war, mitten in den Golf von Mexiko hinein zu schleudern.

Bald darauf kam der Wächter zurück und fragte:

»Hat Ihnen denn der Mondsüchtige nicht gesagt, daß er schlief, als er zuerst heraufkam?«

»Nein!«

»Nun, ich kann’s bezeugen. Ich kam gerade dazu, wie er oben auf den Geländern herumspazierte, gerade so sorglos, wie ein anderer auf dem Straßenpflaster gehen würde, und brachte ihn zu Bett; und nun zur Minute war er auf dem Hinterdeck, wo er dieselbe Seiltänzerteufelei anstellte.«

»Nun, wenn er wieder einen von diesen Anfällen hat, will ich dabeibleiben; aber ich hoffe, daß er noch oft solche hat. Du hättest nur sehen sollen, wie er das Boot durch die Helena-Kreuzung hindurchsteuerte. Habe in meinem Leben nichts Prächtigeres gesehen. Herrgott, wenn er so ›goldblatt-, glacehandschuh-, diamantnadelartig‹ lotsen kann, während er fest schläft, was müßte der erst leisten, wenn er tot wäre

Das Loten

Das Loten

Wenn der Wasserstand des Flusses sehr niedrig ist und das Dampfboot gerade so tief geht, ja noch ein paar Zoll mehr, als Wasser da ist, wie es damals häufig vorkam, dann muß man beim Lotsen ziemlich vorsichtig sein. Bei sehr niedrigem Stande des Flusses mußten wir fast auf jeder Reise auf einer Anzahl besonders schlimmer Stellen loten.

Das Loten geschieht in folgender Weise. Das Boot wird zunächst dicht am Ufer festgemacht, gerade oberhalb der seichten Kreuzung; dann nimmt der wachfreie Lotse seinen Lehrling oder Steuerer und eine auserlesene Schar Matrosen (manchmal auch einen Offizier) und fährt – vorausgesetzt, daß das Boot nicht jenen seltenen und kostbaren Luxusartikel, ein eigens gebautes Lotungsboot besitzt – mit der Jolle hinaus, um nach dem besten Wasser zu suchen, während der wachhabende Lotse auf dem Dampfboot inzwischen seine Bewegungen durch ein Fernglas beobachtet und dieselben zuweilen durch Signale mit der Dampfpfeife »Versuchts weiter oben« oder »Versuchts weiter unten« unterstützt; denn die Oberfläche des Wassers ist, wie ein Ölgemälde, aus einiger Entfernung betrachtet ausdrucksvoller und verständlicher, als ganz aus der Nähe gesehen. Die Pfeifensignale sind indessen nur selten notwendig – und vielleicht nur dann, wenn der Wind die bedeutungsvollen kleinen krausen Wellenbewegungen auf dem Wasser stört. Wenn die Jolle die seichte Stelle erreicht hat, wird die Fahrgeschwindigkeit vermindert, der Lotse beginnt mit einer zehn bis zwölf Fuß langen Stange die Tiefe zu messen, und der Mann an der Ruderpinne gehorcht aufs schnellste jedem Befehl des Lotsen, das Boot nach Steuerbord oder Backbord zu lenken oder den geraden Kurs zu verfolgen.

Wenn die Messungen anzeigen, daß sich das Boot dem flachsten Teil des Riffs nähert, folgt das Kommando: »Stopp Rudern!« Die Leute hören auf zu rudern und die Jolle treibt mit der Strömung. Der nächste Befehl ist: »Klar bei der Boje!« In dem Augenblick, wenn der seichteste Punkt erreicht ist, ruft der Lotse: »Los die Boje!« die dann über Bord geht. Ist der Lotse nicht ganz befriedigt, so peilt er die Stelle nochmals; und wenn er weiter nach oben oder unten mehr Wasser findet, so läßt er die Boje dorthin bringen. Ist er endlich befriedigt, so giebt er den Befehl, daß alle Leute ihre Remen in einer Linie in die Höhe halten; ein Pfiff vom Dampfboot zeigt an, daß man das Signal gesehen hat; die Leute ziehen die Remen an und legen die Jolle längsseits von der Boje. Der Dampfer kommt nunmehr langsam und behutsam herab, den Bug gerade auf die Boje gerichtet, spart seine Kraft aber auf für den bevorstehenden Kampf; im kritischen Augenblick geht er mit vollem Dampf knirschend und schwankend über Boje und Sand, um das tiefe Wasser auf der andern Seite zu gewinnen – oder auch nicht; vielleicht »stößt er auf und schwingt herum« und muß dann stunden- oder tagelang arbeiten, bis er wieder flott wird.

Zuweilen wird gar keine Boje gelegt, sondern die Jolle fährt voran, um das beste Wasser aufzusuchen, und der Dampfer folgt in ihrem Kielwasser. Oft ist das Loten sehr lustig und aufregend, besonders an schönen Sommertagen oder in stürmischen Nächten. Im Winter wird der Spaß aber durch Kälte und Gefahr größtenteils verdorben.

Eine Boje ist nichts als ein vier oder fünf Fuß langes Brett, dessen eines Ende rechtwinkelig umgebogen ist; sie ist wie eine umgekehrte Schulbank, die nur einen Fuß besitzt, während der andere abgenommen ist. Sie wird an der flachsten Stelle des Riffes mit einem Tau, an dem ein schwerer Stein hängt, verankert; ohne den Widerstand des umgebogenen Teiles des Brettes würde die Strömung die Boje unter Wasser ziehen. Des Nachts wird oben auf der Boje eine Papierlaterne mit einer Kerze darin befestigt, die als kleiner, schimmernder Fleck eine englische Meile weit und mehr in der schwarzen Wüstenei zu sehen ist.

Nichts freut einen Lotsenlehrling mehr als eine Gelegenheit zum Loten. Die Sache hat einen so abenteuerlichen Zug; oft ist Gefahr dabei; und dann ist es so lustig und kriegsschiffmäßig, hinten im Boot zu sitzen und eine schnelle Jolle zu steuern; es ist etwas Köstliches, das fröhliche Hüpfen eines Boots, wenn auserlesene alte Matrosen mit aller Macht sich in die Remen legen. Lieblich ist’s, zu sehen, wie der weiße Schaum vom Bug wegströmt; es liegt Musik im Rauschen des Wassers, und im Sommer ist es köstlich erheiternd, über die kühlen Stromflächen dahinzuschießen, wenn eine Menge kleiner Wellen in der Sonne tanzt. Und dann ist es so erhaben für den Lehrling, vielleicht die Gelegenheit zu haben, einen Befehl geben zu dürfen; denn oft sagt der Lotse einfach: »wenden!« und überläßt das andere seinem Lehrling, der mit kräftigster Kommandostimme augenblicklich ruft: »Langsam an Steuerbord! Pull Backbord! Pull weg, Steuerbord! Tüchtig, Leute!« Den angehenden Lotsen freut das Loten aus dem ferneren Grunde, weil die Blicke der Passagiere alle Bewegungen der Jolle mit gespanntestem Interesse verfolgen, – das heißt bei Tage; und wenn es Nacht ist, weiß er, daß dieselben staunenden Augen auf die Laterne des Bootes gerichtet sind, wie sie hinausgleitet in die Finsternis und in weiter Ferne allmählich verschwindet.

Auf einer Fahrt verbrachte ein hübsches Mädchen von sechzehn Jahren, welche mit Onkel und Tante reiste, seine ganze Zeit im Steuerhaus. Ich verliebte mich in sie, Tom G. – –, Herrn Thornburys Lehrling, gleichfalls. Tom und ich waren bis dahin Busenfreunde gewesen; jetzt aber begann eine gewisse Kälte zwischen uns einzutreten. Ich erzählte dem Mädchen viele meiner Abenteuer auf dem Strom und spielte mich so heldenmäßig wie möglich auf; ebenso wollte Tom sich für einen Helden ausgeben, und es gelang ihm auch bis zu einem gewissen Grade; er schmückte eben alles aus. Aber die Tugend findet ihren Lohn in sich selbst, und so war ich denn in dem Wettlauf um ihre Gunst ein wenig voraus. Um diese Zeit geschah etwas, von dem ich mir sehr viel versprach: die Lotsen beschlossen, die Wassertiefe der Kreuzung am oberer Ende von 21 zu peilen. Das würde etwa um neun oder zehn Uhr abends geschehen, – zu einer Zeit, in der die Passagiere noch wach waren. Herr Thornbury würde die Wache, mein Lehrmeister also das Loten zu besorgen haben. Wir hatten ein allerliebstes Boot zum Loten – lang, schmuck, anmutig und so schnell wie ein Windspiel; die Ruderbänke waren gepolstert; es führte zwölf Ruderer; und einer der Steuerleute wurde stets mitgeschickt, um der Rudermannschaft die Befehle zu übermitteln, da es auf unserem Dampfer unendlich stilvoll zuging.

Wir befestigten den Dampfer oberhalb 21 am Ufer und machten alles bereit. Es war eine schlimme Nacht und der Fluß so breit, daß die ungeübten Augen einer Landratte durch eine solche Finsternis das entgegengesetzte Ufer nicht unterscheiden konnten. Die Passagiere waren munter und voll Interesse; alles ging befriedigend. Als ich, malerisch in Ölzeug gehüllt, durch den Maschinenraum eilte, begegnete mir Tom, und ich konnte nicht unterlassen, ihn anzureden; ich fragte ihn:

»Bist du nicht froh, daß du nicht zum Loten hinaus mußt?«

Tom wollte vorübergehen, wandte sich aber rasch um und sagte:

»Höre, nun kannst du dir selbst die Peilstange holen. Ich war auf dem Wege darnach, möchte dich aber jetzt lieber in – Halifax sehen, als sie holen.«

»Wer verlangt, daß du sie holst? Ich nicht. Sie ist im Boot.«

»Nein, sie ist nicht dort. Sie ist frisch angestrichen worden und liegt seit zwei Tagen auf der Damenkajüte zum Trocknen.«

Ich flog zurück und gelangte gleich darauf unter die Schar beobachtender und staunender Damen – gerade früh genug, um das Kommando zu hören:

»Stoßt ab, Leute!«

Ich schaute hinüber und sah das schmucke Boot dahinfliegen, der gewissenlose Tom saß am Steuer, neben ihm mein Lehrmeister mit der Peilstange, mit der ich in den April geschickt worden war. Da sagte das junge Mädchen zu mir:

»O, wie entsetzlich, in einer solchen Nacht in dem kleinen Boot hinausfahren zu müssen! Glauben Sie, daß Gefahr dabei ist?«

Ich wünschte mir geradezu den Tod; voller Gift entfernte ich mich, um im Steuerhaus zu helfen. Bald darauf verschwand die Bootslaterne, und nach einer kurzen Zwischenzeit blitzte in der Entfernung von etwa einer Meile ein ganz schwacher Funke auf dem Wasser auf. Herr Thornbury gab zum Zeichen, daß er das Licht gesehen, ein Signal mit der Dampfpfeife, brachte den Dampfer in den Strom und steuerte auf das Licht zu. Wir flogen eine Weile dahin, verlangsamten dann die Fahrt und glitten vorsichtig auf den Lichtfunken zu. Gleich darauf rief Herr Thornbury:

»Hallo, die Bojenlaterne ist verlöscht.«

Er ließ die Maschinen stoppen; einen Augenblick später sagte er:

»Ei, da ist sie wieder!«

Wieder setzte er die Maschinen in Gang und ließ das Lot auswerfen. Nach und nach wurde das Wasser seichter, dann wurde es wieder tiefer! Herr Thornbury murmelte:

»Nun, das begreife ich nicht. Ich glaube, die Boje ist von dem Riff weggetrieben; scheint mir ein wenig zu weit links zu sein. Gleichviel, es ist jedenfalls am sichersten, drüber wegzufahren.«

So steuerten wir denn in der undurchdringlichen Finsternis langsam auf das Licht zu. Gerade als unser Bug darüber hinpflügen wollte, griff Herr Thornbury nach den Glockenzügen, schellte mit aller Macht und rief aus:

»Bei meiner Seele, es ist das Boot!«

Ein Chor von wilden Alarmrufen stieg plötzlich von unten herauf – eine Pause – und dann folgte ein knirschender, krachender Ton. Herr Thornbury schrie:

»Da! Das Schaufelrad hat das Boot zu Zündhölzchen zerschmettert! Geschwind, sieh nach wer getötet ist!«

Im Nu war ich auf dem Hauptdeck. Mein Lehrmeister, der dritte Steuermann und fast alle Ruderer waren wohlbehalten. Sie hatten die Gefahr, in der sie schwebten, erst entdeckt, als es zu spät zum Ausweichen war; im Moment, als der große Radkasten sie beschattete, waren sie bereits gefaßt und wußten, was sie zu thun hatten; auf Befehl meines Lehrmeisters sprangen sie im rechten Augenblick auf, ergriffen den Radkasten und wurden an Bord gezogen. Im nächsten Augenblick wurde die Jolle nach dem Schaufelrad geschleudert, von diesem erfaßt und zu Atomen zersplittert. Zwei der Leute und Tom fehlten – eine Thatsache, die sich wie ein Lauffeuer auf dem Dampfer verbreitete. Die Passagiere kamen in Scharen nach den vorderen Gängen, alle Damen und Herren mit besorgten Blicken, blassen Wangen, und sprachen mit gepreßter Stimme von dem schrecklichen Vorfall. Und oft und immer wieder hörte ich sie sagen: »Arme Burschen! Armer Junge, armer Junge!«

Mittlerweile war eine Jolle bemannt worden und abgefahren, um nach den Vermißten zu suchen. Jetzt ließ sich ein schwacher Ruf hören, weit entfernt nach links, während die Jolle in der entgegengesetzten Richtung verschwunden war. Die Hälfte der Leute stürzte nach der einen Seite, um den Schwimmer mit ihren Zurufen zu ermutigen; die andere Hälfte eilte nach rechts, um der Jolle zuzuschreien, daß sie umkehren solle. Dem Schall nach näherte sich der Schwimmer, aber einige sagten, das Rufen zeige ein Nachlassen der Kräfte. Die Menge drängte sich an der Reling des Kesseldecks zusammen, lehnte sich hinüber und starrte in die Finsternis hinaus, und jeder schwache und schwächere Schrei entrang ihnen Worte wie: »Ach der arme, arme Kerl! ist denn keine Möglichkeit vorhanden, ihn zu retten?«

Aber noch immer dauerten die Rufe fort und kamen näher, und endlich erschollen die Worte:

»Ich kann’s aushalten! Klar bei der Leine!«

Mit welch donnerndem Hurra sie ihn empfingen! Der erste Steuermann, mit einer langen Leine in der Hand, stellte sich in den Schein einer Fackel, und seine Leute gruppierten sich um ihn. Im nächsten Augenblick erschien das Gesicht des Schwimmers im Lichtkreise, und in einem weiteren Augenblick war der letztere ermattet und durchnäßt an Bord geholt, während zahllose Hurrarufe ihn begrüßten. Es war der verteufelte Tom.

Die Bootsmannschaft suchte überall, fand aber keine Spur von den beiden Ruderern. Es war ihnen wahrscheinlich nicht gelungen, den Radkasten zu erfassen, und sie waren zurückgefallen, vom Rade getroffen und getötet worden. Tom war überhaupt nicht nach dem Radkasten gesprungen, sondern hatte sich kopfüber in den Strom gestürzt und war unter das Rad getaucht. Es war nicht viel dabei; ich hätte es leicht nachmachen können und sagte es auch; aber trotzdem fuhr jedermann fort, soviel Aufhebens von dem Esel zu machen, als ob er Wunder was gethan hätte. Jenes Mädchen schien während der übrigen Dauer der Fahrt gar nicht genug bekommen zu können von jenem kläglichen ›Helden‹; mir war’s aber einerlei; ich verabscheute sie so oder so.

Daß wir die Laterne des Peilbootes irrtümlich für das Bojenlicht hielten, hatte folgenden Grund. Mein Lehrmeister sagte, er sei, nachdem die Boje gelegt war, weitergetrieben und habe sie beobachtet, bis sie festzuliegen schien; dann habe er etwa hundert Meter unter ihr Stellung genommen, etwas seitwärts vom Kurs des Dampfers, den Bug des Boots stromaufwärts gerichtet und gewartet. Da einige Zeit verfloß, begannen er und der Steuermann zu plaudern. Als er glaubte, daß der Dampfer ungefähr auf dem Riff sein mußte, blickte er auf und sah, daß die Boje fort war, meinte aber, der Dampfer sei bereits darüber hinweggefahren. Er plauderte daher fort und bemerkte dann, daß der Dampfer sehr dicht an ihn herankam; indessen war das ganz korrekt: er mußte dicht an ihm vorbeifahren, um die Mannschaft bequem an Bord nehmen zu können. Er erwartete bis zum letzten Augenblick, daß der Dampfer abscheren würde; da derselbe die Richtung jedoch nicht änderte, ging ihm plötzlich durch den Sinn, ob nicht der Dampfer seine Laterne für das Bojenlicht hielte und das Boot niederrennen würde. Er rief also: »Klar zum Überspringen auf den Radkasten, Leute!« und im nächsten Augenblick wurde der Sprung ausgeführt.

Ich vollende meine Lehrzeit.

Ich vollende meine Lehrzeit.

Als ich von meiner Umschau auf dem Dampfer nach dem Steuerhäuschen zurückkehrte, hatten wir St. Louis bereits aus den Augen verloren. Aber ich, ich selber war auch verloren. Da hatten wir gerade eines jener Stücke vom Fluß, die auf das genaueste in meinem Buche standen, und doch konnte ich weder Kopf noch Schwanz daraus machen. Es ist leicht einzusehen, warum, – es war jetzt die umgekehrte Geschichte. Ich hatte alles gesehen und aufgeschrieben, als wir den Fluß hinaufgekommen waren, aber ich hatte nie versucht, mir einzuprägen, wie es stromabwärts aussehen möchte. Mein Herz brach aufs neue. Es war klar, – ich hatte diesen entsetzlichen Fluß zweimal zu lernen!

Das Steuerhaus war voller Lotsen, die abwärts fuhren, um »einen Blick auf den Fluß zu werfen.« Der sog. ›obere Strom‹ (die zweihundert englischen Meilen zwischen St. Louis und Kairo, wo der Ohio einmündet) hatte einen niedrigen Stand und der Mississippi ändert sein Fahrwasser so beständig, daß die Lotsen, wenn ihre Boote eine Woche im Hafen liegen mußten, es stets für nötig hielten, nach Kairo hinabzufahren, um sich den Strom aufs neue anzusehen – d. h. nur wenn der Wasserstand niedrig war. Unter diesen Lotsen, welche sich den Fluß ›besahen‹, war stets eine Anzahl armer Teufel, die selten eine Stelle hatten, und deren einzige Hoffnung, eine zu bekommen, darin bestand, daß sie stets auf dem Laufenden und jederzeit zur Aushilfe bereit waren, um an die Stelle eines Steuermanns zu treten, der durch plötzliche Krankheit oder sonstige dringende Umstände verhindert war. Außerdem fuhren manche fortwährend auf und ab und »sahen sich den Strom an« – nicht weil sie wirklich hofften, einmal eine Stelle auf einem Dampfer zu bekommen, sondern weil es ihnen als Gäste des Dampfboots billiger war, »den Strom anzusehen«, als am Lande zu bleiben und Logis und Kostgeld zu bezahlen. Diese Leute wurden nach und nach wählerisch und suchten nur Dampfer heim, deren Küche und Tafel in gutem Rufe standen. Die als Gäste an Bord befindlichen Lotsen machten sich übrigens nützlich und waren Sommer und Winter, bei Tag und bei Nacht, gern bereit, mit der Jolle hinauszufahren und beim Auslegen der Bojen zu helfen oder den Steuerleuten des Dampfers jeden sonstigen Beistand zu leisten. Sie waren auch sonst willkommen, weil die Lotsen, wenn eine Anzahl von ihnen zusammentrifft, unermüdlich im Plaudern sind; und da sie nur vom Mississippi reden, verstehen sie sich stets und sind immer interessant. Für den echten Lotsen hat nichts in der Welt Interesse als nur der Strom, und er ist auf seine Beschäftigung stolzer als ein König.

Wir hatten diesmal eine hübsche Gesellschaft solcher Flußinspektoren – acht oder zehn, die alle Raum in Fülle in unserem großen Steuerhause hatten. Zwei oder drei von ihnen trugen glänzende Seidenhüte, kunstvolle Hemdeneinsätze, Diamantbusennadeln, Glacéhandschuhe und Lackstiefel. Sie sprachen ein gewähltes Englisch und benahmen sich mit solcher Würde, wie es sich für Männer von soliden Mitteln und ausgezeichnetem Ruf geziemt. Die andern waren mehr oder wenig nachlässig gekleidet und trugen hohe Filzkegel, die an die Zeit der Puritaner erinnerten.

Ich erschien mir wie eine Null in dieser erlauchten Gesellschaft und war ganz niedergedrückt, um nicht zu sagen betäubt. Ich war sogar am Steuer überflüssig, wenn es nötig wurde, das Rad rasch nach der einen oder andern Seite hinüberzudrehen; wer von den Gästen am nächsten stand, legte Hand an, wenn es erforderlich war – und das war wegen der Krümmung und der Seichtheit des Fahrwassers fast immer der Fall. Ich stand in der Ecke und hörte dem Gespräch aufmerksam zu, das mir alle und jegliche Hoffnung benahm. Einer unserer Gäste sagte zu einem andern:

»Jim, wie hast du Plum Point stromaufkommend passiert?«

»Es war Nacht und ich steuerte, wie mir’s einer der Jungens von der ›Diana‹ gesagt hatte; lief etwa fünfzig Schritt oberhalb des Holzhaufens von der ›falschen Landspitze‹ ab und hielt dann auf die Hütte unterhalb Plum Point zu, bis ich das Riff erreichte – ein und drei viertel Faden – steuerte darauf direkt nach der mittleren Barre, bis ich reichlich querab von dem einastigen Baumwollenbaum in der Biegung war, richtete dann das Heck aus diesen Baum, den Bug auf die flache Stelle oberhalb der Landspitze und lief mit voller Fahrt hindurch – neun und einen halben Fuß.«

»Ganz nette Kreuzung, he?«

»Ja, aber die obere Barre arbeitet sich rasch abwärts.«

Nun nahm ein anderer Lotse das Wort und sagte:

»Ich hatte besseres Wasser und kreuzte weiter unten; ging von der ›falschen Landspitze‹ aus – zwei Faden – erreichte das zweite Riff quer ab von dem großen, gesunkenen Baumstamm in der Biegung, ein drei viertel Faden.«

Einer der vornehmen Lotsen bemerkte:

»Ich will euren Lotwerfern keinen Vorwurf machen, aber das ist, wie mir scheint, reichlich viel Wasser für Plum Point.«

Ein billigendes Kopfnicken rund herum zollte dieser ruhigen, aber gründlichen Abfertigung Beifall. Was mir mittlerweile durch den Sinn fuhr, war etwa: Wenn meine Ohren recht hören, muß ich nicht nur die Namen aller der Städte, Inseln und Krümmungen u. s. w. auswendig lernen, sondern sogar die persönliche, innige Bekanntschaft jedes gesunkenen alten Baumstammes, jedes einästigen Baumwollenbaumes und jedes obskuren Holzhaufens machen, welcher die Ufer dieses Flusses auf zwölfhundert Meilen Länge schmückt; ja noch mehr – ich muß sogar wissen, wo diese Dinge in der Dunkelheit sind, wofern ein Lotse nicht mit Augen begabt wird, die durch zwei Meilen dichter Schwärze sehen können. Ich wollte, die Lotserei wäre im Pfefferland, und ich hätte nie daran gedacht.

Bei Eintritt der Dämmerung schlug Herr Bixby die große Glocke dreimal an (das Signal zum Landen); der Kapitän tauchte aus seiner Kajüte am vorderen Ende des Hauptdecks auf und blickte fragend empor. Herr Bixby sagte:

»Wir wollen hier die Nacht über liegen bleiben, Kapitän.«

»Ganz recht, Herr Bixby.«

Das war alles. Das Dampfboot drehte ans Ufer und wurde für die Nacht festgemacht. Es schien mir großartig, daß der Lotse thun konnte, was ihm beliebte, ohne den mächtigen Kapitän um Erlaubnis fragen zu müssen. Nach dem Abendessen ging ich sogleich zu Bett, entmutigt von dem, was ich den Tag über beobachtet und erfahren hatte. Die Notizen über meine letzte Reise waren nur ein Wirrwarr bedeutungsloser Namen; sie hatten mich jedesmal, wenn ich sie während des Tages zu Rate gezogen, vollkommen verwirrt. Ich hoffte im Schlaf Erholung zu finden; aber nein – es arbeitete bis zum Sonnenaufgang fortwährend in meinem Kopfe umher – ein abscheuliches, unablässiges Alpdrücken.

Am nächsten Morgen war ich recht verdrießlich und niedergeschlagen. Wir fuhren mit vollem Dampf dahin, ziemlich waghalsig, da wir vor Anbruch der Nacht ›aus dem Strom‹ (d. h. nach Kairo) zu kommen wünschten. Herrn Bixbys Kollege, der andere Lotse, setzte jedoch sehr bald den Dampfer auf den Grund, und wir verloren mit dem Flottmachen des Schiffes so viel Zeit, daß die Nacht offenbar hereinbrechen mußte, lange bevor wir die Mündung erreichen konnten. Das war ein großes Mißgeschick, besonders für einige der als Gäste bei uns weilenden Lotsen, deren Boote auf ihre Rückkehr warten mußten, gleichviel wie lange es dauerte. Das ernüchterte das Geplauder im Lotsenhaus bedeutend. Stromaufwärts kümmerten die Lotsen sich weder um flaches Wasser, noch um die tiefste Finsternis; nur der Nebel hielt sie zurück. Stromabwärts lag die Sache aber ganz anders; wenn eine starke Strömung hinten nachdrängte, waren die Boote nahezu hilflos, und es war daher nicht gebräuchlich, bei niedrigem Wasserstand nachts stromabwärts zu fahren.

Eine kleine Hoffnung schien aber noch übrig zu sein: wenn wir vor Dunkelwerden durch die äußerst schwierige und gefährliche Kreuzung bei Hat Island passierten, konnten wir das übrige wagen, weil wir dann mehr geraden Kurs und tiefes Wasser hatten. Diese Kreuzung aber bei Nacht zu versuchen, wäre Wahnsinn gewesen. Den ganzen noch übrigen Tag wurde viel auf die Uhren gesehen und fortwährend die Fahrgeschwindigkeit berechnet; das Gespräch drehte sich nur um Hat Island: manchmal stieg die Hoffnung hoch um dann wieder zu sinken, wenn wir in einer schwierigen Kreuzung aufgehalten wurden. Stundenlang lastete auf allen diese unterdrückte Erregung, die sich selbst mir mitteilte; ich sehnte mich so mächtig nach Hat Island und fühlte eine solch schreckliche Verantwortung mich drücken, daß ich auf fünf Minuten am Lande zu sein wünschte, um tüchtig, voll, erleichternd Atem schöpfen zu können. Wir gingen keine regelmäßigen Wachen: jeder unsrer beiden Lotsen steuerte auf derjenigen Stromstrecke, auf welcher er stromaufwärts gesteuert hatte und mit welcher er deshalb besser vertraut war; beide aber blieben fortwährend im Steuerhause.

Eine Stunde vor Sonnenuntergang übernahm Bixby das Ruder, und W. – – trat zur Seite. Während der nächsten dreißig Minuten hielt jeder die Uhr in der Hand; jeder war nervös, schweigsam und unruhig. Endlich sagte einer mit einem traurigen Seufzer: –

»Ah, dort ist Hat Island, aber wir können’s nicht erreichen.«

Alle Uhren schlossen sich – schnapp! jeder seufzte und murmelte etwas zwischen den Zähnen wie: »’s ist zu schlimm – ach, wenn wir nur eine halbe Stunde früher hieher gekommen wären!« Alle waren enttäuscht; einige wollten schon hinausgehen, zögerten aber noch, weil sie das Glockenzeichen zum Landen noch nicht hörten. Die Sonne verschwand unter dem Horizont, aber das Boot dampfte weiter. Die Gäste tauschten fragende Blicke aus. Der eine, der die Hand schon auf dem Thürdrücker hatte, blieb stehen und ließ gleich darauf den Thürknopf wieder los. Wir steuerten stetig die Biegung des Flusses hinab; wieder wurden Blicke ausgetauscht und hie und da ein bewunderndes Kopfnicken – aber keine Worte. Unmerklich drängten sich die Männer hinter Bixby zusammen, als es anfing dunkel zu werden und einige blasse Sterne sichtbar wurden. Die Totenstille und die Erwartung wurden drückend. Bixby riß am Glockenstrang, und zwei tiefe, weiche Töne der großen Glocke fluteten in die Nacht hinaus. Dann folgte eine kurze Pause, darauf ein dritter Glockenton. Und nun ertönte die Stimme der Lotsen vom Sturmdeck:

»Backbordlot, da! Steuerbordlot!«

Dann erschollen in einiger Entfernung die Rufe der Loter, die von zwei Matrosen auf dem Oberdeck dumpf wiederholt wurden.

»Drei Faden! … Drei Faden! … Zwei und drei Viertel Faden! … Zwei und ein halber Faden! … Zwei und ein Viertel Faden! … Zwei Faden! … Ein und drei …«

Bixby zog an zwei Glockensträngen, was durch schwaches Klingeln weit unten im Maschinenraum beantwortet wurde, worauf unsere Geschwindigkeit sich verringerte. Der Dampf begann durch die Entweichungshähne zu zischen. Das Rufen der Loter dauerte fort – bei Nacht ein seltsamer Schall. Jeder Lotse beobachtete jetzt in höchster Spannung was vorging, alles sprach leise. Niemand war ruhig und gelassen außer Bixby. Er legte das Ruder hart über, ganz an Bord, stellte sich auf eine Speiche, und als der Dampfer in die für mich ganz unsichtbaren Marken – denn ringsum schien alles eine weite düstere See zu sein, – gebracht war, drehte er das Ruder zurück und hielt das Boot fest in der erforderlichen Richtung. Nunmehr hörte man aus den halblauten Gesprächen hier und dort einen zusammenhängenden Satz heraus, wie:

»Da; der Dampfer hat das erste Riff passiert!«

Nach einer Pause:

»Das Heck kommt jetzt haarscharf in die Richtung, bei Gott!«

»Nun ist er in den Marken, da geht er hinüber!«

Und dann wieder:

»Oh, das war schön – wunderschön!«

Dann wurden die Maschinen ganz zum Stehen gebracht, und wir trieben mit der Strömung. Ich will damit nicht sagen, daß ich das Boot treiben sehen konnte; nein – die Sterne waren jetzt alle verschwunden. Dieses Treiben war das Entsetzlichste; das Herz stand einem dabei still. Bald darauf entdeckte ich noch eine schwärzere Finsternis als die, welche uns umgab; das war das obere Ende der Insel. Wir steuerten gerade darauf zu, kamen in den tieferen Schatten derselben, und die Gefahr schien so unmittelbar drohend, daß ich zu ersticken meinte; ich empfand den stärksten Antrieb, etwas – irgend etwas zu thun, um das Fahrzeug zu retten. Aber noch stand Bixby am Steuer – schweigsam, aufmerksam wie eine Katze; und alle Lotsen standen Schulter an Schulter hinter ihm.

»Es wird nicht gehen!« flüsterte einer.

Das Wasser wurde nach den Meldungen der Loter flacher und flacher, bis es endlich hieß:

»Acht und ein halb! … Acht Fuß! … Sieben und …«

Bixby rief dem Maschinisten durchs Sprachrohr warnend zu:

»Klar bei der Maschine jetzt!«

»Jawohl, Herr Bixby!«

»Sieben ein halb! Sieben Fuß! Sechs und –«

Wir berührten den Grund! Bixby setzte augenblicklich eine Reihe von Glocken in Bewegung, rief durch das Sprachrohr: »Nun Dampf her, was das Zeug hält!« und dann seinem Kollegen zu: »Hart an Bord mit dem Ruder! Hart über! Nochmal!« Das Dampfboot bahnte sich knirschend und ächzend den Weg durch den Sand, hing einen entsetzlichen Augenblick am Rande des Verderbens und glitt dann hinüber! Ein solches Jubelgeschrei, wie es sich jetzt hinter Bixby erhob, hat noch nie zuvor das Dach eines Ruderhauses erschüttert!

Jetzt waren alle Schwierigkeiten überwunden. Herr Bixby wurde in jener Nacht zum Helden, und seine Kollegen erzählten noch geraume Zeit von dieser Großthat.

Um sich einen ganz klaren Begriff zu machen von der wunderbaren Präzision, die erforderlich war, um den Dampfer in jener finstern Wasserwüste auf dem richtigen Wege zu halten, muß man wissen, daß das Boot sich nicht nur durch Baumstämme und blinde Riffe hindurchzwängen und dann so dicht am oberen Ende der Insel hinfahren mußte, daß es das überhängende Laubwerk mit dem Heck berührte, sondern es mußte an einer Stelle beinahe in Armeslänge an einem gesunkenen, unsichtbaren Wrack vorbei, das ihm, wenn es darauf gestoßen wäre, den Boden fortgerissen und binnen fünf Minuten das Dampfschiff nebst Ladung im Gesamtwerte von etwa einer Viertelmillion Dollars und obendrein noch etwa hundert und fünfzig Menschenleben vernichtet hätte.

Die letzte Bemerkung, die ich in jener Nacht hörte, war ein Kompliment für Herrn Bixby, das einer der Gäste im Selbstgespräch und mit vieler Salbung äußerte. Derselbe sagte:

»Beim Schatten des Todes, er ist ein Blitzkerl von einem Lotsen.«

  1. Englisch » Mark Twain«.

Kunst und Wissenschaft des Lotsen.

Kunst und Wissenschaft des Lotsen.

Es dauerte eine geraume und, wie mir schien, nicht wenig mühselige Zeit, bis ich es endlich dahin gebracht hatte, meinen Kopf mit Inseln, Städten, Bänken, Landspitzen u. s. w. vollzupacken, und mich dieses leblosen Ballasts sicher zu fühlen. Aber natürlich – kaum hatte sich mein Selbstgefühl so weit erholt, daß ich wagte, den Kopf wieder höher zu tragen, als auch Bixby es schon für seine Pflicht hielt, ihn wieder sinken zu machen. Eines Tages richtete er ganz plötzlich die Frage an mich:

»Welche Form hat die Walnußbucht?«

Er hätte mich ebenso gut nach der Ansicht meiner Großmutter über die Protoplasmen-Theorie fragen mögen. Ich dachte eine kleine Weile unter achtungsvollem Schweigen nach und erwiderte dann, es sei mir nicht bewußt, daß die Walnußbucht überhaupt irgend eine Form habe. Mein Pulverfaß von Chef fuhr natürlich mit einem Krach auf, und sofort begann ein Feuern und Schießen, bis er wieder einmal sein ganzes Pulver von Beinamen total verschossen hatte. Indessen, meine Erfahrung mit ihm hatte mich bereits gelehrt, wie groß sein Munitionsvorrat war und daß ich sicher sein konnte, er werde sich nach Verbrauch desselben alsbald wieder in einen guten, alten Patron verwandeln. Dieses ›alt‹ ist lediglich als ein Ausfluß von Zuneigung zu nehmen, denn in Wirklichkeit war Herr B. nicht älter als 34 Jahre.

Es war mir klar, daß ich mich in erster Linie mit den Ufern des Flusses in jeder erdenklichen Weise vertraut machen mußte – stromaufwärts und stromabwärts, von hinten und vorne, von innen und außen, bei Tag und bei Nacht – und damit nicht genug, sollte ich auch Bescheid wissen in grauen Nebelnächten, in denen der Fluß überhaupt keine Gestalt und keine Ufer mehr hatte. Ich that alles, was in meinen Kräften stand, dieser Erkenntnis gerecht zu werden, bis ich denn endlich im Laufe der Zeit und mannigfacher Fahrten zwischen New-Orleans und St. Louis meine verzwickte Lektion allen Ernstes zu bemeistern anfing und sich mein Selbstbewußtsein aufs neue mächtig zu regen begann. Aber auch jetzt noch war Herr B. jeden Augenblick gerüstet, diese Regungen zu unterdrücken und mich schnell wieder in meine alte Demut und Zerknirschung zurückzustoßen. Eines Tages sagte er zu mir:

»Wie viel Wasser hatten wir auf unserer vorvorigen Reise in der Mitte der Durchfahrt von Hole-in-the-Wall

Diese Frage kam mir wie eine Beleidigung vor. Ich entgegnete:

»Bei jeder Fahrt, stromauf- und stromabwärts wirft der Bootsmann an jener verteufelten Stelle alle Minuten das Lot und ruft ununterbrochen während drei Viertelstunden die Tiefen aus. Glauben Sie denn, ich könne eine solche Menge Zeug im Kopf behalten?«

»Du mußt das genau behalten, mein Junge. Du hast dir den Platz und den Wasserstand des seichtesten Fahrwassers in allen den 500 seichten Stellen zwischen New-Orleans und St. Louis für jede Fahrt zu merken und darfst ja nicht die Messungen von einer Fahrt mit denen der andern verwechseln, denn es ist kaum denkbar, daß sie je ganz gleich seien. Du mußt das alles genau und jedes für sich merken.«

Als ich wieder zu mir selbst kam, rief ich aus:

»Wenn ich jemals so weit komme, das fertig zu bringen, so werde ich auch imstande sein, Tote aufzuerwecken, und dann habe ich nicht mehr nötig, Steuermann zu sein, um meinen Unterhalt zu gewinnen. Ich möchte dies Geschäft lieber aufgeben. Ich bin bloß ein Mensch und bitte um einen Wassereimer und eine Scheuerbürste, um fortan nur noch als Deckarbeiter zu schaffen. Ich bin zu nichts Besserem geeignet. Ich habe nicht Gehirn genug, um Lotse zu werden.«

»Schon gut, mein Junge. Wenn ich einmal gesagt habe, ich ›lerne‹ jemandem den Fluß, so meine ich auch, was ich gesagt habe. Du kannst dich drauf verlassen, – ich bringe ihm die Geschichte bei oder bringe ihn um.«

Mit einem solchen Menschen war es unmöglich, sich zu verständigen. Ich fügte mich in mein Schicksal und spannte mein Gedächtnis in einer Weise an, daß ich schließlich sogar die seichten Stellen, ihre verschiedenen Wasserstände und die zahllosen Punkte, an denen das Wasser gekreuzt werden mußte, in meinen Kopf gepfropft hatte. Aber damit hatte ich noch nicht gewonnen. Denn kaum hatte ich eine verwickelte Aufgabe los, als sich auch schon eine neue und womöglich noch schwierigere aufdrängte. So hatte ich unter anderm oft beobachtet, wie die Lotsen auf das Wasser hinabzuschauen pflegten, genau mit dem Blick von Leuten, die in einem Buch lesen. Auch ich versuchte dies hin und wieder, aber es war für mich ein Buch, welches mir nichts sagte. Endlich kam jener Augenblick, da Bixby mich für hinlänglich vorangeschritten hielt, um auch der Lektion des ›Wasserlesens‹ gewachsen zu sein.

»Siehst du dort die lange, quer über den Fluß sich ziehende Linie? Das ist ein Flußriff! Und mehr als das, es ist ein wirkliches, aus Sand und Schlamm bestehendes Riff! Eine solide Sandbank liegt dort unter dem Wasserspiegel, steil aufsteigend wie die Mauer eines Hauses. Dicht daneben ist Fahrwasser genug, auf seinem Kamm dagegen nur verwünscht wenig davon. Würdest du auf diesen letzteren auffahren, so wäre es einfach um das Boot geschehen. Aber dort weiterhin, wo die Linie in einzelne leichte Striche verläuft und dann ganz aufhört, – siehst du es? Dort magst du ohne Furcht mit dem Boot hinhalten und darüber hinwegschießen, ohne daß es im mindesten etwas thäte.«

Und so war es. Ich folgte seiner Anweisung, – denn eben hatte er mir das Rad übergeben und sich als Zuschauer hinter mich gestellt, – und wir kamen glücklich über das Riff hinweg. Aber auch nach dieser Seite hin blieb mir, wie ich nur zu bald einsehen sollte, noch mancherlei zu lernen, und ich vergesse des Tages nie, als ich aus Furcht, auf ein Riff aufzufahren, das Boot um eines Haares Breite auf das Ufer gesetzt hätte. Bixby, der mir eine Viertelstunde vorher das Steuerrad übergeben hatte, trat eben im entscheidenden Augenblick wieder in das Steuerhäuschen und fragte mich mit einem Sarkasmus, der mir durch Mark und Bein schnitt:

»Warum gehst du ans Land, mein Junge? Hat man vom Ufer aus gerufen?«

Ich errötete und erwiderte, daß man uns nicht angerufen habe.

»Ah, – so war es sicherlich, um Holz einzunehmen. Aber du solltest doch damit warten, bis der erste Heizer dir anzeigen würde, daß dies nötig ist.«

Ich biß mich auf die Lippen und sagte, daß es auch nicht geschehen sei, um Holz einzunehmen.

»Wirklich? Ja, aber was hast du denn sonst hier hart am Lande gesucht? Hast du je gehört, daß man bei einem Wasserstande wie diesem an ein Ufer wie dieses auf hundert Ellen, geschweige denn auf zehn Fuß herangeht?«

»Nein, Herr – und ich wollte auch gar nicht an das Ufer heran, sondern nur jenem Riff da aus dem Wege gehen.«

»Jenem Riff da? Aber wir haben ja auf drei Meilen Entfernung nicht das Geringste, was einem Flußriff ähnlich sehe.«

»Aber ich sehe es doch dort – das ist doch ein Riff, wenn ich je eins gesehen!«

»Wohl, mein Junge! – nimm es getrost aufs Korn, – fasse es, wo du’s eben bekommen kannst, – je mehr in der Mitte, um so besser!«

»Ist das Ihr Befehl?«

»Jawohl, – nur frisch darüber hinweg.«

»Aber ums Himmels willen, Herr Bixby, – ich stürbe, wenn’s nicht gelingt!«

»Schon recht, ich übernehme die Verantwortung.«

Ich konnte mich kaum fassen. Eine wahrhaft teuflische Begierde ergriff mich, das Boot und alles, was darin war, Bixby und mich selbst eingerechnet, umzubringen. Und so hielt ich stramm auf die Höhe der das Riff anzeigenden Wasserlinie hin. Aber noch ehe wir sie erreichten, schien sie mir zu verschwinden, – und gleich darauf glitten wir sanft und leicht darüber hin wie auf Öl.

Bixby lachte und sagte:

»Siehst du nun den Unterschied? Es war nichts als ein ›Windriff‹, – und das ist gar ein mächtig andres Ding, als ein wirkliches Flußriff! Der Wind macht das, – das ist alles.«

»Ich verstehe. Aber es sieht doch genau wie ein Flußriff aus. Wie soll ich denn dergleichen von einander unterscheiden können?«

»Bei meiner Seele, mein Junge, das kann ich dir selbst nicht sagen. Aber mit der Zeit wirst du sie von einander unterscheiden lernen und nachher wird dir’s gerade so gehen und wirst du nicht imstande sein, einem andern den Unterschied zu erklären.«

Und wieder sollte Bixby recht haben! Mit der Zeit wurde mir auch die Oberfläche des Wassers zu einem Buch, – zu einem Buch, das für den gewöhnlichen Flußfahrer sieben Siegel trug, das aber zu mir ohne jede Rückhaltung sprach und seine geheimsten Geheimnisse mit einer Bereitwilligkeit preisgab, als spräche es mit einer Stimme zu mir, wie meine eigene. Und zwar war es keines jener Bücher, das man einmal liest und dann beiseite wirft, denn es wußte an jedem neuen Tage eine neue Geschichte zu erzählen. Auf diesen ganzen zwölfhundert Meilen zwischen St. Louis und New-Orleans gab es keine Seite, die nicht ein eigenes Interesse bot; keine, welche man ohne Verlust ungelesen lassen konnte; keine, die man Lust hatte zu überschlagen, im Wahne, an etwas anderem mehr Vergnügen zu finden. Es war ein Buch, so wundervoll, wie es nie von Menschenhänden geschrieben, von Menschenköpfen hätte erdacht werden können. Der gewöhnliche Reisende, welcher es nicht zu lesen verstand, erblickte vielleicht hin und wieder (wenn er überhaupt etwas derartiges erblickte!) ein leichtes, flüchtiges Zeichen auf seiner Oberfläche. Dem Steuermann war dieses Zeichen eine leuchtende Schrift und mehr als das, eine ganze Geschichte, gedruckt mit mächtigen Initialen, gesperrten Sätzen, und weithin sichtbaren Ausrufungszeichen, denn es sprach ihm von einer Sandbank, einem Riff oder einem in der Tiefe liegenden Wrack, die dort unten nach Schiff- und Menschenleben lechzten. Der gewöhnliche Reisende, der dieses Buch nicht zu lesen verstand, sah nichts als allerlei hübsche und freundliche Bilder, von der Sonne vergoldet, von den Wolken überschattet. Für den kundigen Mann am Rade war all dieses Bilderwerk der feierlichste, unerschöpflichste, tödlich ernsteste Lesestoff!

Als ich in dieser Weise endlich auch die Sprache des Wassers bemeistert hatte und mir endlich alles was zu dem großen Strom in irgend einer Beziehung stand, geläufig geworden war, wie mein ABC, da fühlte ich, daß ich einen wertvollen Schatz erworben hatte. Aber ich fühlte zugleich auch, daß ich etwas eingebüßt hatte, und zwar etwas, das mir, so lange ich lebe, nicht wieder zurückerstattet werden kann. Alle Anmut, alle Schönheit, aller poetischer Reiz waren für mich aus dem majestätischen Flusse geschwunden!

Noch heute bewahre ich aus jener Zeit, als ich ein Neuling auf dem Flusse war, das Andenken an einen ganz bestimmten wundervollen Sonnenuntergang. Eine breite Fläche des Wasserspiegels erschien zu Blut verwandelt. In der Mitte verklärte sich der rote Schimmer zu flammendem Gold, durch welches ein einsamer Baumstamm scharf abgezeichnet und schwarz dahintrieb. An einer Stelle zog sich ein leicht schäumender Streifen über die Flut; an einer andern war die glatte Fläche durch zitternde, sich ewig erneuende Kreise unterbrochen, die in allen Farben des Opals spielten. Das Ufer zur Rechten war dicht bewaldet, und die dunkeln Schatten, welche von dort aus ins Wasser fielen, wurden an einer Stelle von einem langen, gekräuselten Streifen unterbrochen, der wie Silber glitzerte. Aus dem Gehölz aber erhob sich ein mächtiger, abgestorbener Baumriese, dessen einziger noch belaubter Ast im ungebrochenen Sonnenlicht wie eine Flamme sprühte. Wo das Auge hinfiel, erblickte es anmutige Wellenlinien, bunte Spiegelbilder, bewaldete Höhen, weiche Uferumrisse. Und über dem allen gaukelten und zitterten wechselnde Lichter, welche den Gegenständen, die sie verklärten, mit jedem Moment neue Farbenwunder liehen.

Ich stand wie bezaubert. Ich sog es ein, in stummem Entzücken. Die Welt war wie neu für mich; ich hatte dergleichen daheim nie gesehen. Aber, wie ich schon sagte, – es kam ein Tag, an dem ich aufhörte, ein waches Auge für all diese Pracht und all diese Reize zu haben, welche Sonne, Mond und Zwielicht über das Antlitz des Riesenstromes auszugießen wußten. Und dann kam noch ein Tag, an dem ich aufhörte, überhaupt ein Auge für sie zu haben. Jener Sonnenuntergang, der mich einst in so maßloses Entzücken versetzt hatte, würde mich jetzt nicht nur nicht mehr entzückt haben, sondern ich hätte ihn bloß noch betrachtet, um folgenden Kommentar daran zu knüpfen: »Diese blutige Sonne deutet an, daß wir morgen Wind haben werden; jener schwimmende Baumstamm, daß der Fluß steigt, jener zitternde Querstreif weist auf ein Sandriff, das nicht verfehlen wird, in einer der nächsten Nächte ein Schiff umzubringen; jene tanzenden Kreise im Wasser sagen an, daß sich dort ein neuer Fahrkanal bildet; und jener alte Baumriese mit dem einen belaubten Zweige winkt uns etwas wie ein letztes Lebewohl zu, – und wer soll sich, wenn er niedergestürzt sein wird, ohne den alten wohlbekannten Wegweiser hier noch zurecht finden?«

Nein, – mit der Romantik und der Schönheit des Flusses war es für mich auf ewig vorbei! Die mannigfachen Erscheinungen desselben hatten nur noch insoweit einen Wert für mich, als sie für die Leitung eines Dampfbootes in Betracht kamen. Das war alles.

Wie oft habe ich seitdem aus tiefstem Herzen den Mann der ärztlichen Wissenschaft beklagt! Wie häufig ist ihm nicht das holde Erröten auf den Wangen der Schönheit nichts andres als ein flüchtiges Phänomen, das über ein verstecktes tödliches Übel hinzuckt! Sind ihm nicht die meisten ihrer sichtbaren Reize ebenso viele Verräter und Anzeichen verborgenen Verfalls! Ja, vermag er die Schönheit überhaupt noch zu sehen, und, wenn er sie sieht, anders als mit dem Blick des Fachmanns? Und fragt nicht auch er sich wieder und immer wieder: ob er durch den Erwerb all seiner Erkenntnis mehr gewonnen oder verloren hat?!

  1. ›lehren‹ steht nicht im Mississippi-Lotsen-Wörterbuch.

Dreizehntes Kapitel.

Dreizehntes Kapitel.

Unser Abendessen war sehr schmackhaft und bestand aus ganz frischem Fleisch, Geflügel und Gemüse – in großer Mannigfaltigkeit und ebenso großer Fülle. Später spazierten wir ein wenig durch die Straßen und blickten in Läden und Magazine, und dabei konnten wir es nicht lassen, ein jedes Geschöpf, das uns wie ein Mormone vorkam, verstohlenerweise zu mustern. Das Land war für uns in jeder Richtung ein Märchenland voll von Zauberspuk, Kobolden und schauerlichen Geheimnissen. Wir waren so neugierig, daß wir gerne ein jedes Kind gefragt hätten, wie viele Mütter es habe und ob es sie alle einzeln kenne; und so oft wir im Vorübergehen durch eine zufällig geöffnete Hausthür etwas von menschlichen Köpfen, Rücken und Schultern zu erspähen vermochten, bebten wir förmlich vor Erregung – so sehr brannten wir darauf, eine Mormonenfamilie in ihrer ganzen umfassenden Reichhaltigkeit, geordnet nach den üblichen konzentrischen Ringen ihres häuslichen Kreises, einmal ordentlich und gründlich in Augenschein nehmen zu dürfen.

Bald darauf führte uns der Gouverneur des Territoriums bei andern ›Heiden‹ ein, mit denen wir eine gemütliche Stunde verbrachten. ›Heiden‹ sind nämlich alle Nicht-Mormonen. Unser Reisegefährte Bemis sorgte während dieser Abendstunden selbst für sich, hatte jedoch damit gerade keinen großartigen Erfolg; denn gegen elf Uhr erschien er auf unserem Zimmer im Gasthof in ungeheuer heiterer Stimmung, die sich in allerhand unzusammenhängenden, verrenkten und nicht zu einander passenden Reden äußerte, wobei er alle Augenblicke einmal ein Bruchstück von einem Wort herauswürgte, das mehr aus Schluchzern als aus Silben bestand. Dies zusammen mit dem Umstand, daß er seinen Rock am Fußboden neben einem Stuhle, seine Weste ebenfalls am Fußboden, nur auf der andern Seite aufhängte und seine Hosen nicht minder auf die Dielen vor eben jenem Stuhle hinlegte, um dann das Gesamtergebnis mit abergläubischer Scheu zu betrachten und schließlich mit den Worten: »das geht mir doch über den Verstand«, samt den Stiefeln ins Bett stieg, brachte uns auf die Befürchtung, er möchte etwas gegessen haben, was ihm nicht bekommen sei.

Später stellte sich jedoch heraus, daß es etwas gewesen war, was er getrunken hatte. Es war der ausschließliche Erfrischungstrank der Mormonen, ›Valley Tan‹. Valley Tan, oder wenigstens eine Sorte desselben, ist eine Art Whiskey oder nächstverwandt mit diesem; er ist eine Erfindung der Mormonen und wird nur in Utah hergestellt. Der Sage zufolge wird er aus (importiertem) Feuer und Schwefel bereitet. Wenn ich mich recht erinnere, so gestattete Brigham Young keine öffentlichen Trinkhäuser in seinem Reiche, und erlaubte den Gläubigen auch keine Privatkneipereien, außer sie beschränkten sich auf ›Valley Tan‹.

Am folgenden Tage strolchten wir allenthalben in den breiten, geraden und ebenen Straßen umher und genossen das ebenso seltene als angenehme Schauspiel einer Stadt von fünfzehntausend Einwohnern, in der sich weder Bummler noch Betrunkene oder lärmendes Volk bemerkbar machten; wo an Stelle einer unflätigen Gosse ein klarer Bach durch jede Straße perlte; wo ein Häuserviertel von netten Gebäuden aus Balkenwerk und an der Sonne getrockneten Backsteinen ans das andere folgte – und dazu anscheinend hinter jedem Hause ein großer reichtragender Obstgarten. Verzweigungen des Stadtbaches schlängelten sich perlend zwischen den Beeten und Obstbäumen hin und alles weit und breit trug das Gepräge der Sauberkeit, der Ordentlichkeit, des Gedeihens und Behagens. Überall ringsum waren Werkstätten, Fabriken und sonstige Gewerbszweige in Thätigkeit, geschäftige Mienen und regsame Hände zeigten sich dem Auge, wohin man blickte, und unaufhörlich tönte einem der Klang von Hämmern, das Summen des Geschäftsverkehrs und das vergnügliche Schnurren von Rädern aller Art ins Ohr.

Das Wappenbild meines Heimatstaates waren zwei lüderliche Bären, die sich an einem ausgestochenen Fasse aufrecht hielten und dazu die passende Bemerkung machten: »Vereint stehen – (ha, ha!) – getrennt fallen wir.« Für den Verfasser dieses Buches war dasselbe stets zu bildlich. Dagegen war das mormonische Wappenbild leicht zu deuten. Einfach und anspruchslos, paßte es wie ein Handschuh. Es stellte einen goldenen Bienenkorb dar, dessen Insassen sämtlich an der Arbeit waren.

Die Stadt liegt am Rande einer ebenen Fläche von der Größe des Staates Connecticut und schmiegt sich dicht an den Boden unter einer schrägen Wand mächtiger Berge, die ihre Häupter in den Wolken verbergen und auf ihren Schultern den ganzen Sommer durch Reste des Winterschnees tragen. Von einer dieser schwindelnden Höhen auf zwölf bis fünfzehn Meilen Entfernung gesehen, nimmt sich die Große Salzseestadt immer bescheidener und kleiner aus, bis sie zuletzt an ein Kinderspielwaren-Dörfchen unter dem Schutze der gewaltigen chinesischen Mauer erinnert.

Auf einigen dieser Berge im Südwesten hatte es zwei Wochen lang Tag für Tag geregnet, ohne daß in der Stadt ein Tropfen gefallen wäre. Und an heißen Tagen gegen Ende des Frühjahrs und in den ersten Herbstwochen konnten die Einwohner, wenn sie sich zu Hause genug gefächelt und genug gebrummt hatten, sich draußen vor der Stadt durch den genußreichen Anblick eines großartigen Schneesturms im Gebirge Kühlung verschaffen. Jeden Tag konnten sie sich zu den erwähnten Jahreszeiten aus der Ferne dieses Vergnügen gönnen, obwohl in der Stadt selbst und der Umgegend kein Schnee fiel.

Die Salzseestadt war ein gesunder – ein ganz außerordentlich gesunder Ort. Es heißt, es sei nur ein einziger Arzt in der Stadt, der regelmäßig jede Woche wegen Subsistenzlosigkeit zur Verantwortung gezogen werde. (Im Punkte der Wahrheit erhält man am Salzsee allezeit gute, reelle Ware und so reichliches Maß und Gewicht, daß man zur Abwägung ihrer Behauptungen eine Henwage brauchen könnte.)

Wir hätten gar gern das berühmte Binnenmeer, das ›Tote Meer Amerikas‹, den Großen Salzsee, besucht, der nur zu Pferde zu erreichen und siebzehn Meilen von der Stadt entfernt ist, hatten wir doch die ganze Anfangszeit unsrer Reise hindurch unaufhörlich von ihm geträumt, an ihn gedacht und nach ihm geschmachtet – aber jetzt, wo er auf Armslänge vor uns lag, hatten wir das Interesse für ihn fast gänzlich verloren. So verschoben wir denn den Ausflug auf den nächsten Tag und damit war der Plan begraben. Wir speisten in Gesellschaft einiger gastfreien ›Heiden‹ zu Mittag; wir besichtigten die Fundamente des großartigen Tempels und hatten eine lange Unterredung mit dem geriebenen Yankee aus Connecticut, dem inzwischen verstorbenen Heber C. Kimball, einem Heiligen von hohem Ansehen und mächtigen Handelsherrn. Wir sahen das ›Zehnthaus‹ und das ›Löwenhaus‹ und ich weiß selbst nicht mehr wie viele sonstige Kirchen und Staatsgebäude verschiedener Art mit absonderlichen Namen. Wir huschten hierhin und dorthin, genossen jede Stunde, schnappten sehr viel nützliche Belehrung und unterhaltenden Unsinn auf und legten uns am Abend befriedigt zur Ruhe.

Am zweiten Tage machten wir die Bekanntschaft des großen Telegraphenunternehmers, Herrn Street, zu dem wir uns im Schmucke weißer Hemden begaben, um ihm einen Staatsbesuch abzustatten. Dieser machte den Eindruck eines ruhigen, freundlichen, behaglichen, würdigen, gesetzten, alten Herrn von fünfundfünfzig bis sechzig Jahren, dessen Blick eine ganz eigentümliche Mischung von Sanftmut und Schlauheit ausdrückte. Er war höchst einfach gekleidet und nahm bei unserem Eintritt eben einen Strohhut vom Kopfe. Er sprach mit unserem Sekretär und einigen in unserer Gesellschaft erschienenen Regierungsbeamten über Utah, die Indianer, Nevada und über allgemeine amerikanische Angelegenheiten und Fragen. Mir dagegen schenkte er nicht die mindeste Aufmerksamkeit, obwohl ich verschiedentlich versuchte, ihn über die Politik der Bundesregierung und seinen hochmütigen Standpunkt gegenüber dem Kongreß auszuholen. Soviel ich meinte, hatte ich dabei ein paar Bemerkungen gemacht, die gar nicht übel waren. Allein er schaute sich bloß von Zeit zu Zeit nach mir um, so wie ich es wohl schon bei einer freundlichen alten Katze gesehen hatte, die gerne wissen wollte, welches Kätzchen mit ihrem Schwanz spiele. So versank ich nach und nach in ein entrüstetes Schweigen, in dem ich bis zum Schlusse heiß und rot dasaß, während ich ihn in meinem Herzen als einen unwissenden Wilden verwünschte. Er dagegen kam nicht aus seiner Ruhe. Seine Unterhaltung mit den andern Herren floß so sanft und friedlich dahin, wie ein Bächlein, das im Sommer durch die Fluren murmelt. Als wir uns nach Schluß der Audienz zurückzogen, legte er mir die Hand aufs Haupt und ließ seine Blicke wie bewundernd auf mich herabstrahlen, indem er zu meinem Bruder sagte: »Ah – vermutlich Ihr Kind, – Knabe oder Mädchen?«

Vierzehntes Kapitel.

Vierzehntes Kapitel.

Herr Street widmete sich mit dem größten Eifer seinen Telegraphenangelegenheiten – und wenn man bedenkt, daß er seinen Draht über acht- bis neunhundert Meilen wildzerklüfteten, schneebedeckten, unbewohnten Gebirgslandes und wasser- und baumloser trübseliger Wüsten zu führen hatte, so wird man seinen Eifer begreiflich finden. Er konnte seine Stangen nicht einfach in aller Bequemlichkeit am Wege schneiden, sondern er mußte sie mit Ochsengespannen durch diese erschöpfenden Wüsten schleppen lassen – und dabei war es dort zwei Tagereisen weit von einer Wasserstelle zu andern. Herrn Streets Kontrakt war etwas Gewaltiges in jedem Betracht, und doch mußte man, um die Bedeutung der allgemeinen Bezeichnung ›achthundert Meilen wilden Gebirgslandes und trostloser Wüsten‹ richtig würdigen zu können, selber an Ort und Stelle gewesen sein – Feder und Tinte vermögen dem Leser niemals die ganze traurige Wirklichkeit vor Augen zu führen. Und schließlich stellte sich noch eine Schwierigkeit, die Herr S. gar nicht in Rechnung genommen, als die gewaltigste heraus. Die härteste und schwierigste Hälfte seines Unternehmens hatte er an Mormonen vergeben, die ganz plötzlich auf den Gedanken kamen, daß sie wenig oder nichts bei der Sache verdienen würden, und nun in dem Augenblick, wo ihnen dies klar wurde, in aller Ruhe ihre Stangen im Gebirge oder in der Wüste liegen ließen, wo es gerade war, um nach Hause zu fahren und ihre gewohnten Geschäfte wieder aufzunehmen. Sie hatten zwar mit Herrn S. einen schriftlichen Vertrag abgeschlossen, allein das focht sie nicht an. Sie meinten, das wäre ›etwas Verwunderliches‹, wenn ein ›Heide‹ in Utah einen Mormonen zur Erfüllung eines Vertrages zwingen könnte, bei dem der letztere in Nachteil käme. Und sie machten sich sehr lustig über die Sache.

»Ich befand mich« – so erzählte uns Herr S. selbst – »in großer Not. Ich war bei schwerer Strafe zur Erfüllung meines Kontraktes verpflichtet und dies war ein Mißgeschick, das dem Ruin ganz ähnlich sah. Ich war wie vor den Kopf geschlagen; die Schwierigkeit war eine so ganz unvorhergesehene, daß ich wirklich nicht mehr weiter wußte.

»Ich bin Geschäftsmann – ich war nie etwas sonst als Geschäftsmann – ich kenne nichts als Geschäft – nun können Sie sich vorstellen, daß ich wie vom Donner gerührt war, mich in einem Lande zu sehen, wo ein schriftlicher Kontrakt wertlos war, – diese Hauptsicherheit, dieser Notanker, diese unbedingte Notwendigkeit für das Geschäft. Ich verlor den Mut. Neue Verträge abzuschließen, hatte keinen Wert – das war klar. Ich sprach zuerst mit einem hervorragenden Mormonen, dann mit noch einem. Beide waren voll Teilnahme für mich, wußten jedoch nicht, wie mir zu helfen sei. Zuletzt meinte ein Heide: ›Gehen Sie zu Brigham Young! – diese unbedeutenden Knirpse können Ihnen nichts nützen.‹ Ich hielt nicht viel von dieser Idee, denn wenn das Gesetz mir nicht helfen konnte, was vermochte dann ein einzelner, der die Gesetze weder zu geben noch auszuführen hatte? Er mochte ja ein ganz guter Kirchenvater und Prediger auf seiner Kanzel sein, aber um mit einem ganzen Hundert widerspenstiger, halbwilder Unterakkordanten fertig zu werden, dazu brauchte es strengerer Mittel als Religion und moralischen Zuspruch. Indes, was sollte man machen? Ich dachte, wenn Herr Young auch sonst nichts könnte, so vermöchte er mir doch wohl irgend einen Rat oder ein paar wertvolle Winke zu geben, und so ging ich denn geradeswegs zu ihm und legte ihm die ganze Angelegenheit vor. Er sprach mir ganz wenig, zeigte aber fortwährend lebhaftes Interesse. Er prüfte sämtliche Papiere eingehend, und wo er meinte, daß in den Papieren oder in meiner Darstellung irgend ein Anstand obwalte, ging er zurück, nahm den Faden auf und verfolgte denselben geduldig, bis er zu einem vernünftigen und befriedigenden Ergebnis gelangte. Dann nahm er ein Verzeichnis der Namen der Unternehmer auf. Schließlich sagte er:

»›Herr Street, das ist alles vollkommen klar. Diese Verträge sind deutlich und gesetzmäßig abgefaßt und gehörig unterzeichnet und beglaubigt. Diese Leute sind offenbar mit sehenden Augen darauf eingegangen. Ich finde nirgends einen Fehler oder eine Lücke!‹

»Darauf wandte sich Herr Young an einen Mann, der am andern Ende des Zimmers wartete, mit den Worten: ›Nehmen Sie dieses Namensverzeichnis mit zu dem und dem und heißen Sie ihn diese Leute auf die und die Stunde hierherbestellen.‹ Auf die Minute fanden sie sich ein. Ich gleichfalls. Young richtete eine Reihe von Fragen an sie, die Antworten fielen zu meinen Gunsten aus. Darauf sagte er zu ihnen:

»›Ihr habt mit eurem freien Willen und Einverständnis diese Verträge unterzeichnet und diese Verpflichtungen übernommen?‹

»›Jawohl.‹

»›Dann führt sie buchstäblich aus, und wenn ihr darüber zu Bettlern werdet! Geht!‹

»Und sie gingen auch wirklich! Sie sitzen jetzt überall draußen in der Wüste herum und arbeiten wie die Bienen. Und sie sagen kein Wort mehr. Da ist ein ganzer Pack Gouverneure, Richter und sonstige Beamte, die man von Washington aus hierher spediert, um den Schein einer republikanischen Regierungsform zu wahren, – aber felsenfest steht es, daß Utah eine absolute Monarchie und Brigham Young der König ist.«

Herr Street war ein solider Mann und ich glaube, was er erzählte. Einige Jahre nachher lernte ich ihn in S. Francisco genauer kennen.

Unser Aufenthalt in der Salzseestadt dauerte nur zwei Tage und wir hatten deshalb keine Zeit, die übliche Untersuchung über die Wirkungen der Vielweiberei anzustellen, und die gebräuchlichsten statistischen Notizen und Schlüsse zu sammeln, deren es bedarf, um die Aufmerksamkeit der Nation nochmals auf diese Angelegenheit zu lenken. Ich hatte die Absicht, es zu thun. Mit dem übersprudelnden Selbstvertrauen der Jugend brannte ich vor Ungeduld, mich kopfüber in großartige umwälzende Unternehmungen auf diesem Gebiete zu stürzen, – bis ich die mormonischen Frauen gesehen hatte. Da war ich gerührt. Mein Herz war verständiger als mein Kopf. Es erwärmte sich für diese armen linkischen und hervorragend häßlichen Geschöpfe; und während ich mich abwandte, um eine großmütige Thräne zu verbergen, die mir ins Auge getreten war, sagte ich:

»Nein, der Mann, der eine von ihnen heiratet, übt eine That christlicher Barmherzigkeit, die den freundlichen Beifall, und nicht den harten Tadel der Menschheit verdient – und der Mann, der sechzig von ihnen heiratet, vollbringt eine That erhabenster Großherzigkeit, so erhaben, daß die Völker in stummer Verehrung vor ihm das Haupt entblößen sollten.«