Roman

Fünfzehntes Kapitel.

Fünfzehntes Kapitel.

In diesem Lande sind haarsträubende Geschichten von Ermordungen querköpfiger Heiden ein beliebtes Thema. Ich erinnere mich mit Vergnügen des gemütlichen Abends, den wir in dem Lokal eines Heiden verbrachten, wo wir uns bei einer Pfeife erzählen ließen; wie Burton unter die um Gnade flehenden wehrlosen ›Morisiten‹ hineinsprengte und sie sämtlich, Männer und Weiber, wie Hunde niederschoß, oder wie Bill Hickmann, ein Würgengel, D. u. A. totschoß, weil sie eine Schuld gegen ihn eingeklagt hatten; oder wie Porter Rockwell diese oder jene grause That verübte; und wie oft Leute so unvorsichtig seien, nach Utah zu kommen und Bemerkungen über Brigham Young oder die Vielweiberei oder sonst etwas Heiliges zu machen, und dann die Betreffenden sich fest darauf verlassen dürfen, gleich beim nächsten Morgengrauen irgendwo in einem Hintergäßchen aufgefunden zu werden, wo sie geduldig auf ihr Begräbnis harren.

Nächst diesem bietet es das größte Interesse, diesen ›Heiden‹ zuzuhören, wenn sie über die Vielweiberei reden, und sich erzählen zu lassen, wie so ein dickbäuchiger alter Frosch von einem Ältesten oder Bischof ein Mädchen heiratet, – sie gern hat und ihre Schwester dazu nimmt, – sie gern hat und noch eine Schwester von ihr heiratet, – sie gern hat und eine dritte nimmt – sie gern hat und deren Mutter ehelicht und schließlich deren Vater, Groß- und Urgroßvater heiratet und dann immer noch nicht genug hat. Und wie dann vielleicht das junge schnippische Ding von elf Jahren sein Lieblingsweib wird, und ihre würdige alte Großmutter nun in ihres gemeinsamen Eheherrn Wertschätzung nach D 4 hinunterrückt und in der Küche schlafen muß. Und wie die mormonischen Frauen dieses entsetzliche Zusammenpferchen von Mutter und Töchtern in demselben faulen Neste, die Erhebung einer jungen Tochter an Rang und Einfluß über ihre leibliche Mutter sich geduldig gefallen lassen, weil nach den Lehren ihrer Religion je mehr Frauen ein Mann auf Erden hat und je größer die Zahl der Kinder ist, die er aufzieht, um so höher der Platz sein soll, den er mit den Seinigen in der zukünftigen Welt einnehmen werde – vielleicht auch um so wärmer; doch sprechen sie sich, wie es scheint, darüber nicht genauer aus.

Nach Aussage dieser unserer heidnischen Freunde enthält Brigham Youngs Harem zwanzig bis dreißig Weiber. Einige derselben, so sagten sie, seien alt geworden und aus dem aktiven Dienst getreten, seien aber ganz gut untergebracht und versorgt im Hühnerhause oder ›Löwenhaus‹, wie es seltsamerweise bezeichnet wird. Jede Frau habe ihre Kinder bei sich – fünfzig im ganzen. Es gehe ganz ordentlich und ruhig im Hause zu – wenn die Kinder sich still verhalten. Sie nehmen ihre Mahlzeiten alle zusammen in demselben Saale ein, was als ein äußerst glückliches und anheimelndes Bild gerühmt wird. Von unserer Gesellschaft hatte niemand das Vergnügen, bei Herrn Young zu speisen, aber ein Heide Namens Johnson erklärte, einmal im Löwenhause an dem gemeinsamen Frühstück teilgenommen zu haben. Er gab uns eine verrückte Schilderung von dem ›Verlesen der Präsenzliste‹ und andern Präliminarien und von dem Blutbad, das angerichtet worden sei, als die Buchweizenkuchen erschienen. Aber er trug doch etwas zu stark auf. Herr Young habe ihm, so berichtete er, verschiedene gescheite Äußerungen von einigen seiner ›Zweijährigen‹ erzählt und dabei mit einigem Stolze hervorgehoben, daß er in diesem Fache jahrelang der gewichtigste Mitarbeiter für eine der Zeitschriften des Ostens gewesen; daraus wollte er Herrn Johnson eines von den Püppchen zeigen, das die letzte hübsche Äußerung gethan hätte, er vermochte jedoch das Kind nicht herauszufinden. Er sah sich die Gesichter sämtlicher Kinder genau an, konnte aber nicht bestimmt sagen, welches es gewesen war. Endlich gab er es mit einem Seufzer auf und sagte: »Ich dachte, ich würde das kleine Ferkel wiedererkennen, aber es ist nichts damit.«

Weiter hätte Herr Young die Bemerkung gemacht, »es sei doch etwas gar zu Trauriges um das Leben, denn die Freude über einen neu eingegangenen Ehebund werde einem so leicht in ungelegener Weise durch die Leichenfeier für eine frühere Braut gestört.«

Sodann erzählte Herr Johnson, während er mit Herrn Young sich ganz gemütlich unterhalten hätte, sei eine von dessen Frauen hereingekommen und habe eine Busennadel verlangt; sie hätte nämlich herausgebracht, daß er der Nr. 6 eine solche gegeben, und sie gedenke ihm eine solche Parteilichkeit nicht hingehen zu lassen, ohne ganz gehörigen Lärm darüber zu schlagen. Herr Young machte sie darauf aufmerksam, daß ein Fremder zugegen sei, worauf Frau Young meinte, wenn dem Fremden nicht behage, was im Hause vorgehe, so könne er ja draußen Platz finden. Herr Young versprach ihr die Busennadel, worauf sie sich entfernte. Aber nach ein paar Minuten erschien schon wieder eine andere Frau Young, die ebenfalls eine Busennadel haben wollte. Herr Young suchte ihr Vorstellungen zu machen, allein sie schnitt ihm einfach das Wort ab. Nr. 6 habe eine bekommen, meinte sie, und der Nr. 11 sei eine versprochen, »er solle es nur aufgeben, sie einschüchtern zu wollen, – sie kenne ihre Rechte.« Er gab sein Versprechen und sie ging. Nun kamen gleich drei Frauen Young mit einander herein und ließen einen Sturm von Thränen, Schmähungen und Bitten auf ihren Eheherrn los. Sie hatten alles vernommen, was mit Nr. 6, 11 und 14 vorgekommen war. Drei weitere Busennadeln wurden zugesagt. Kaum waren jene fort, als neun weitere Ehehälften des Herrn Young auf einmal im Gänsemarsch anrückten und ein neues Gewitter losbrach und über den Propheten und seinen Gast hintobte. Neun weitere Busennadeln wurden zugesagt, worauf die Schicksalsschwestern im Gänsemarsch wieder abzogen. Und herein kamen nochmals elf mit Heulen, Wehklagen und Zähneknirschen. Mit dem Versprechen weiterer elf Busennadeln wurde noch einmal der Frieden erkauft.

»Da haben Sie eine Probe,« sagte Herr Young. »Sie sehen, wie es steht. Sie sehen, was für ein Leben ich führe. Man kann eben nicht immer vernünftig sein. In einem unbedachten Augenblick gab ich meinem Liebling Nr. 6 – entschuldigen Sie, daß ich sie so nenne, aber ihr anderer Name ist mir augenblicklich entfallen – eine Busennadel. Sie kostete nicht über fünfundzwanzig Dollars d. h. das war der scheinbare Preis – aber das, was sie mich schließlich unvermeidlich kosten wird, beläuft sich weit höher. Sie haben selbst mitangesehen, wie die Summe bis auf sechshundertfünfzig Dollars angewachsen ist – und ach, das ist noch lange nicht das Ende! Ich habe ja Frauen hier im ganzen Territorium Utah herum. Ich habe Dutzende von Frauen, deren Nummern ich nicht einmal weiß, ohne in die Familienbibel zu blicken. Sie sind weit und breit über Berg und Thal in meinem Reiche zerstreut. Und merken Sie wohl, jede einzelne derselben wird von dieser unglückseligen Busennadel hören und bis auf die letzte werden sie sämtlich auch eine haben müssen oder sterben. Die Busennadel meiner Nr. 6 wird mich auf fünfundzwanzighundert Dollars kommen, ehe ich das Ende der Geschichte absehe. Und dann werden diese Geschöpfe ihre Nadeln mit einander vergleichen, und wenn eine einzige um eine Idee schöner ist als die andern, so werden sie mir sämtlich vor die Füße gelegt und ich darf eine neue Bestellung machen, wenn ich Frieden in meiner Familie behalten will. Sie haben es wahrscheinlich nicht gewußt, aber die ganze Zeit über, so lange sie mit meinen Kindern zusammen waren, wurde jede Ihrer Bewegungen von wachsamen Dienern meines Hauses beobachtet. Hätten Sie einem Kind ein Zehncentsstück angeboten oder ein Stück Kandiszucker oder sonst eine Kleinigkeit der Art, – augenblicklich wären Sie zum Hause hinausgeworfen worden, wofern nämlich die Gabe noch nicht aus Ihren Fingern gewesen wäre. Andernfalls würde es unvermeidlich für Sie gewesen sein, allen meinen Kindern ganz genau das gleiche Geschenk zu machen – und da ich aus Erfahrung weiß, was davon abhängt, so würde ich bei der Verteilung selbst hingestanden sein, um mich von der genauesten Ausführung zu überzeugen. Ein Herr schenkte einmal einem meiner Kinder eine Blechpfeife – eine wahre Erfindung des Satans, vor der ich ein unbeschreibliches Grausen empfinde, wie es Ihnen gewiß auch ginge, wenn Sie achtzig bis neunzig Kinder im Hause hätten. Aber die That war geschehen – der Mann entkam. Ich wußte, wohin die Sache führen würde und dürstete nach Rache. Ich schickte eine ganze Schar Würgengel hinter ihm her, die den Mann bis tief in die Felsenklüfte Nevadas jagten. Aber bekommen haben sie ihn niemals. Ich bin nicht grausam – ich bin nicht rachsüchtig, aber wenn ich ihn bekommen hätte, Herr, ich würde ihn, so wahr mir Joseph Smith helfe, in die Kinderstube eingesperrt haben, bis die Krappen ihn totgepfiffen hätten! Bei dem hingeschlachteten Leibe des heiligen Parley Pratt (dem Gott seine Sünden vergebe), so etwas ist in der ganzen Welt noch nicht dagewesen! Ich wußte ja, wer dem Kind die Pfeife gegeben hatte, aber ich konnte die eifersüchtigen Mütter nicht davon überzeugen. Sie glaubten einmal, ich sei es gewesen, und das Ende vom Liede war, was jeder vernünftige Mensch längst hatte voraussehen können: Ich durfte hundertzehn Pfeifen bestellen – wir hatten damals nämlich, meine ich, hundertzehn Kinder im Hause, es sind jetzt aber eine Anzahl davon fort auf der Schule – hundertzehn solcher quiekenden Dinger; und ich will auf ewig verstummen, wenn es nicht wahr ist, daß wir von da an uns solange lediglich mit der Zeichensprache behelfen mußten, bis die Kinder die Pfeifen satt hatten. Und wenn wieder jemand einem meiner Kinder eine Pfeife giebt und ich bekomme ihn zwischen die Finger, den hänge ich höher als Haman!

»Bei Nephis Schatten! Sie wissen nicht, was es heißt, verheiratet sein. Ich bin reich, und jedermann weiß es. Ich bin gutmütig, und alle Welt benützt das. Ich habe starke väterliche Triebe, deshalb halst man mir alle Findelkinder auf. Wenn ein weibliches Wesen ihr Herzblättchen recht gut betten will, so quält sie ihr Hirn ab, bis sie einen Plan ausgetüftelt hat, um es mir in die Hände zu spielen. Sehen Sie, Herr, kommt da einstmals ein Weibsbild daher mit einem Kind von eigentümlich totenbleicher Farbe (sie selber sah gerade so aus) und schwört, das Kind gehöre mir und sie sei mein Weib – ich hätte sie zu der und der Zeit da und da geheiratet, aber ihre Nummer hatte sie vergessen, und ihres Namens konnte ich mich natürlich nicht erinnern. Nun, sie machte mich darauf aufmerksam, wie ähnlich mir das Kind sehe, und in der That schien es auch so – etwas sehr Gewöhnliches hier zu Lande – und, um die Geschichte kurz zu machen, ich steckte das Kind in die Kinderstube und sie ging ihrer Wege.

»Und bei Orson Hydes Geist, wie man dem Kind die Farbe abwusch, war es eine Rothaut! Meiner Seele, Sie wissen nicht, was verheiratet sein heißt! Es ist ein wahres Hundeleben, Herr – ein wahres Hundeleben. Und wie soll man dabei sparen! – es ist unmöglich. Ich habe versucht, einen Brautanzug für alle Gelegenheiten aufzubewahren. Aber es nützt nichts. Einmal heiraten Sie eine Verbindung von Kaliko und Schwindsucht, mager wie eine Latte, und das nächstemal kommen Sie an ein Geschöpf, das nichts als in Kleider gesteckte Wassersucht ist, und dann können Sie das Brautkleid mit einem alten Luftballon weiter machen lassen! Ja, so geht es. Und denken Sie nur an die Wäscherechnung – (entschuldigen Sie diese Thränen) – neunhundertvierundachtzig Stück die Woche! Nein, Herr, so etwas wie Sparen giebt es gar nicht in einer Familie wie die meine. Schon der eine Artikel Wiegen – stellen Sie sich nur vor! Und Wurmsamen! Syrup! Zahnringe! Und Taschen-Uhren zum Spielen für die Kleinen! Und allerhand Sachen, um die Möbel damit zu zerkratzen! Und Streichhölzchen zum essen, und Glasstücke, um sich damit zu schneiden. Der Artikel Glas allein würde für den Unterhalt Ihrer Familie hinreichen, behaupte ich. Da mag ich scharren und quetschen, wie ich will, ich kann nicht so schnell vorwärts kommen, wie es bei den mir gebotenen Chancen der Fall sein sollte. Gott sei es geklagt, zur Zeit, da ich zweiundsiebzig Weiber hier im Hause hatte, stöhnte ich unter der Last, Tausende von Dollars in zweiundsiebzig Bettstellen stecken zu müssen, während das Geld hätte auf Zinsen ausgeliehen werden sollen; so schlug ich denn frischweg den ganzen Vorrat mit Verlust los und ließ eine Bettstatt zimmern, sieben Fuß lang und sechsundneunzig Fuß breit. Aber es war ein Mißgriff. Ich konnte schlechterdings nicht schlafen. Es kam mir vor, als schnarchten alle zweiundsiebzig Weiber auf einmal. Es war ein betäubender Lärm. Und dann die Gefahr bei der Sache! Das war noch das schlimmste. Sie zogen alle den Atem zugleich ein, und da konnte man wahrhaftig sehen, wie die Wände des Hauses sich nach innen bogen – dann atmeten sie wieder alle auf einmal aus, so daß man sehen konnte, wie die Wände sich nach außen aufblähten und man die Balken knacken und die Schindeln knistern hörte. Mein Freund, lassen Sie sich von einem alten Manne raten, und laden Sie sich ja keine starke Familie auf den Hals – hören Sie, thun Sie’s ja nicht, ich sage es Ihnen. In einer kleinen Familie, und nur in einer kleinen Familie, werden Sie das Behagen und den innern Frieden finden, welche schließlich doch die besten Segnungen sind, die diese Welt uns zu bieten vermag, und für deren Mangel kein Reichtum, kein Ruhm, keine Macht und keine Größe uns je Ersatz bieten können. Verlassen Sie sich darauf, mit zehn bis elf Weibern haben Sie genug – gehen Sie nie darüber hinaus.«

Ich hatte zwar ein unbestimmtes Gefühl, als sei dieser Johnsohn nicht ganz verläßlich. Und doch war er eine höchst unterhaltende Persönlichkeit, und ich glaube kaum, daß irgend eine seiner Mitteilungen aus einer anderweiten Quelle stammen konnte. Er bildete einen recht angenehmen Gegensatz zu diesen schweigsamen Mormonen.

  1. Dieser Name, sowie andere in Brigham Youngs Gespräch gehören der mormonischen Geschichte an.

Sechzehntes Kapitel.

Sechzehntes Kapitel.

Ich verließ die große Salzseestadt mit ziemlich unklaren Begriffen über die daselbst herrschenden Zustände, – manchmal fragte ich mich sogar, ob überhaupt ein Zustand daselbst herrsche oder nicht. Doch fiel mir zu meiner wirklichen Erleichterung plötzlich ein, daß wir dort wenigstens ein paar gewöhnliche Thatsachen erfahren hatten, auf die wir uns verlassen konnten, so daß unsere zwei Tage doch nicht völlig verloren waren. Zum Beispiel hatten wir in unbedingter greifbarer Wirklichkeit erfahren, daß wir uns in einem neubesiedelten Lande befanden. Die hohen Preise, die man uns für die geringwertigsten Dinge abverlangte, gaben beredte Kunde von hohen Frachten und erstaunlichen Entfernungen. Im Osten war zu damaliger Zeit der kleinste Begriff eines Geldstückes ein Penny, und derselbe bezeichnete die kleinste Menge, die von irgend etwas käuflich zu haben war. Westlich von Cincinnati war die kleinste im Umlauf befindliche Scheidemünze das silberne Fünfcentsstück, und für weniger als fünf Cents konnte man von keinerlei Ware haben. In Overland City schien das Zehncentsstück die kleinste Münze zu sein; in der Salzseestadt jedoch gab es anscheinend im Verkehr kein kleineres Stück als den Viertelsdollar und keine kleinere käufliche Menge von irgend etwas als im Wert von fünfundzwanzig Cents. Wir waren gewohnt gewesen, das Fünfcentsstück als den kleinsten Begriff bei Geldausgaben zu betrachten; in der Salzseestadt dagegen zahlte man für eine Cigarre einen Viertelsdollar, für eine Thonpfeife einen Viertelsdollar; ob man einen Pfirsich verlangte, oder ein Licht, oder eine Zeitung, oder den Barbier, oder einen kleinen heidnischen Schnaps zum Einreiben der Hühneraugen oder gegen das Magendrücken oder das Zahnweh – stets kostete es fünfundzwanzig Cents. Wenn wir ab und zu in unser Geldsäckchen schauten, kam es uns vor, als ob wir unser Vermögen in einem wahren Luderleben verschwendeten, ein Blick in das Verzeichnis unserer Ausgaben bewies uns jedoch sofort, daß uns kein derartiger Vorwurf traf. Indessen versöhnt man sich leicht mit großem Geld und hohen Preisen, man hat sie gerne und ist stolz darauf – ein Herabsteigen zu kleiner Münze und niederen Preisen ist schwer zu ertragen und man gewöhnt sich nur langsam daran. Hat der Durchschnittsmensch einmal einen Monat lang das Minimum von fünfundzwanzig Cents kennen gelernt, so denkt er nur mit Erröten an seine verächtlichen Fünfcentstage zurück. Wie dunkelrot ich in dem prächtigen Nevada jedesmal im Gesicht wurde, wenn ich an meine erste Erfahrung in Geldangelegenheiten dachte, die ich am Salzsee gemacht hatte. Ein junger Mischling mit einer Gesichtsfarbe wie eine gelbe Rübe fragte mich, ob er mir die Stiefel putzen solle. Es war am Salzseehotel am Morgen nach unserer Ankunft. Ich bejahte und er that es. Dann händigte ich ihm mit der wohlwollenden Miene eines Menschen, der Reichtum und Glückseligkeit über die leidende Armut ausgießt, ein silbernes Fünfcentsstück ein. Der Gelbe nahm es mit einem Ausdruck entgegen, den ich für unterdrückte Rührung hielt und legte es ehrerbietig auf die breite Fläche seiner Hand. Dann begann er es zu betrachten, ungefähr wie ein Naturforscher ein Mückenohr auf dem weiten Felde seines Mikroskops beschaut. Mehrere Leute aus dem Gebirge, Fuhrleute, Postkutscher u. s. w. traten heran, gruppierten sich malerisch um uns und machten sich an die Untersuchung des Geldstückes mit jener anziehenden Unverfrorenheit, die den kühnen Bahnbrecher der Kultur kennzeichnet. Jetzt gab mir der Gelbe meinen Fünfer zurück mit dem Bemerken, er rate mir einen Arzt zu konsultieren, da ich offenbar an – Großherzigkeit leide!

Das gemeine Gelächter, das daraufhin losbrach! Ich zertrat zwar den giftigen Wurm auf der Stelle, mußte jedoch die ganze Zeit über vor mich hin lächeln, während ich ihm den Skalp abzog, denn die Bemerkung war für solch einen Mischling wirklich gut.

Ja, wir hatten am Salzsee gelernt, uns hohe Preise fordern zu lassen, ohne unsern innern Schauder darüber äußerlich zu zeigen – denn wir hatten lange genug den Ton, in dem sich die Unterhaltung zwischen Postkutschern, Kondukteuren und Hausknechten und schließlich auch zwischen den Bewohnern der Salzseestadt bewegte, mit angehört und aufgefaßt, um sehr wohl zu merken, wie gering diese höheren Wesen uns ›Auswanderer‹ achteten. Wir gaben daher in unsern Mienen keinen verräterischen Schauder oder Schrecken kund, denn wir wollten für Mormonen, Halbindianer, Fuhrleute, Postkutscher oder Banditen von Mountain Meadow – kurz für irgend etwas auf der Welt gelten, das auf den Ebenen von Utah geachtet und bewundert wurde, – wir schämten uns dagegen erbärmlich, ›Auswanderer‹ zu sein und bedauerten höchlich, daß wir weiße Hemden anhatten und in Gegenwart von Damen nicht fluchen konnten ohne wegzublicken.

Auch in Nevada hatten wir später noch gar manchmal Anlaß, uns mit Beschämung bewußt zu werden, daß wir ›Auswanderer‹, folglich eine niederstehende, untergeordnete Klasse von Geschöpfen waren. Wir Armen! – da machen sie sich über den Hut lustig, den man trägt; über den Schnitt eines Rockes, der aus New-York stammt; über die Gewissenhaftigkeit, womit man die Grammatik, und die Unerfahrenheit, womit man das Fluchen behandelt; über die zum Totlachen drollige Unkenntnis, die man in Bezug auf Erze, Schachte, Stollen und andere Gegenstände bekundet, die man noch nie gesehen und die man auch nie interessant genug gefunden hat, um darüber zu lesen. Und während man immer über sein trauriges Los nachdenkt, in diese entlegene Gegend, in dieses einsame Land verbannt zu sein, sehen die Eingeborenen mit vernichtendem Mitleid auf einen herab, weil man ein ›Auswanderer‹ ist und nicht eines jener stolzesten, glücklichsten Wesen auf der Welt, ein ›Neunundvierziger‹.

Das gewohnte Leben in der Postkutsche begann jetzt aufs neue, und gegen Mitternacht kam es uns bereits fast so vor, als hätten wir unser Nest zwischen den Postsäcken gar nie verlassen gehabt. Eine Änderung hatten wir übrigens getroffen. Wir hatten uns mit Brot, gekochtem Schinken und hartgesottenen Eiern so reichlich versehen, daß es noch einmal so weit reichen konnte, als für die sechshundert Meilen, die wir noch vor uns hatten.

Es gewährte uns während der folgenden Tage ein großes Behagen, von unserem Hochsitze aus das großartige Panorama von Bergen und Thälern unter uns zu betrachten, und uns an Schinken und harten Eiern zu laben, während unser geistiges Wesen abwechselnd in Regenbogen, Gewittern und unvergleichlichen Sonnenuntergängen schwelgte. Nichts unterstützt den Eindruck der Landschaft so mächtig, wie Schinken und Eier. Schinken und Eier und eine großartige Umgegend, während der Wagen mit Windeseile einen ›Hang‹ hinunterrollt, eine duftende Pfeife und ein zufriedenes Herz – darin besteht das Glück, nach dem die Menschheit all die Jahrhunderte hindurch gestrebt.

  1. ¼ Dollar oder 25 Cents = 1 M 5 Pf.
  2. An welchem Ort ein großer Zug Auswanderer überfallen und niedergemacht wurde.
  3. Aus diesem Jahr stammen die Pioniere des Goldlandes.

Siebzehntes Kapitel.

Siebzehntes Kapitel.

Um acht Uhr morgens erreichten wir die Überbleibsel und Trümmer dessen, was einst die wichtige Militärstation ›Camp Floyd‹ gewesen war, einige fünfundvierzig oder fünfzig Meilen von der Salzseestadt. Um vier Uhr nachmittags hatten wir die Entfernung verdoppelt und befanden uns neunzig bis hundert Meilen von dort. Wir kamen jetzt in den Bereich einer besonderen Gattung von Wüsten, einer Alkali-Wüste. In der Vereinigung alles Abschreckenden und Entsetzlichen läßt sie selbst die Sahara mit ihren Schrecknissen hinter sich. Auf achtundsechzig Meilen gab es darin nur eine einzige Unterbrechung, – wenn man ein in der Mitte dieser Strecke gelegenes Wasserreservoir überhaupt so nennen kann. Wenn mein Gedächtnis nicht trügt, so gab es keinen Brunnen oder Quell daselbst, sondern das Wasser wurde mittels Maultier- oder Ochsengespannen von dem entfernten Rande der Wüste dahin geschafft. Es befand sich eine Poststation dort, vor der wir gerade mit Sonnenaufgang nach zwölfstündiger Fahrt eintrafen. Nachts im Schlafe durch eine Wüste zu fahren, dazu gehörte nicht viel, und dabei hatte man am andern Morgen die angenehme Vorstellung, in höchst eigener Person wirklich mit einer Wüste Bekanntschaft gemacht zu haben und von nun an jederzeit in Gegenwart von Neulingen aus eigener Erfahrung von Wüsten sprechen zu können. Und nicht minder angenehm war der Gedanke, daß es sich nicht um irgend eine unbekannte im Hinterland versteckte Wüste, sondern um die hochberühmte Hauptwüste selbst handelte. Das war alles sehr gut, sehr behaglich und befriedigend – aber jetzt sollten wir bei hellem Tage durch eine Wüste kommen. Das war herrlich, neu, romantisch, dramatisch abenteuerlich – das war wirklich des Lebens, des Reisens wert. Alles sollte ganz genau nach Hause berichtet werden.

Aber diese Begeisterung, dieser ernstliche Durst nach Abenteuern, schmolz dahin unter der schwülen Augustsonne und hielt nicht länger vor als eine Stunde. Eine arme kurze Stunde – und dann schämten wir uns bereits, so ›übergeschäumt‹ zu haben. Die Poesie lag ausschließlich im Vorgefühl – in der Wirklichkeit fehlt dieselbe gänzlich. Man stelle sich einen ungeheuren wellenlosen Ozean vor, der erstorben und in ein Aschenfeld verwandelt ist; man denke sich diese feierlich stille Einöde mit aschenbestäubten Salbeibüschen bedeckt; man denke sich das leblose Schweigen und die Einsamkeit, die zu solch einem Orte gehören; man denke sich dazu eine Kutsche, die wie eine Wanze über diese uferlose Fläche hinkriecht und dabei wirbelnde Staubwolken emporsendet, als kröche sie mit Dampf; man stelle sich vor, daß das mühselige Fahren durch den tiefen Staub mit peinigender Eintönigkeit Stunde um Stunde fortdauert, während das Ufer scheinbar immer noch nicht näher rücken will; man denke sich Gespann, Kutscher, Wagen und Reisende so dick mit Asche bedeckt, daß sie allesamt eine farblose Farbe tragen; man vergegenwärtige sich die Aschenhäufchen, die sich auf Bart und Augbrauen setzen, wie Schneeflocken auf Sträucher und Büsche. So nimmt sich die Wirklichkeit aus.

Die Sonne brennt mit dumpfer, blasenziehender, unbarmherziger Wut herunter, Schweiß bricht Mensch und Tier aus jeder Pore, aber kaum eine Spur davon gelangt an die Oberfläche – er wird aufgesogen, ehe er dahin kommt. Nicht der leiseste Lufthauch regt sich. Keine einzige mitleidige Wolke zeigt sich an dem ganzen strahlenden Himmelsgewölbe. Nach welcher Richtung man auch die leere Fläche, die sich meilenweit rings in eintöniger Gleichmäßigkeit ausbreitet, durchspähen mag, nirgends ist ein lebendes Wesen zu erblicken. Kein Laut, kein Seufzer, kein Flüstern, kein Husch, kein Flügelschlag, keine Stimme eines Vogels aus der Ferne – nicht einmal ein Schluchzen von einer der verlorenen Seelen, die ohne Zweifel diese erstorbene Luft bevölkern, läßt sich vernehmen. So hebt sich das zeitweilige Schnauben der rastenden Maultiere und ihr Kauen am Gebiß grell von der schauerlichen Stille ab, löst aber den Zauber nicht, sondern macht ihn nur drückender und erhöht noch das Gefühl der Einsamkeit und Verlassenheit.

Unter gewaltigem Fluchen, Schmeicheln und Peitschenknallen nahmen die Maultiere von Zeit zu Zeit einen Anlauf und schleppten die Kutsche ein bis zweihundert Ellen weit, wobei sie eine wogende Staubwolke hinter sich aufwühlten, die das Fuhrwerk bis zum oberen Rande der Räder oder noch höher herauf einhüllte, so daß man meinte, es schwebe durch einen Nebel. Darauf folgte eine Ruhepause mit dem üblichen Schnauben und Kauen am Gebiß. Darauf kam wieder ein Anlauf und sodann abermals eine Ruhepause. So ging es den ganzen Tag fort, ohne daß die Maultiere getränkt oder gewechselt wurden. Wenigstens ging es zehn ganze Stunden so fort, was doch wohl in einer Alkaliwüste für eine Tagesleistung, und zwar für eine recht anständige, gelten darf. Wir waren von morgens vier bis nachmittags zwei Uhr unterwegs. Und dabei war es so heiß und so beengend; und unsere Wasserflaschen waren um die Mitte des Tages so trocken und wir so durstig! Es war so stumpf und dumpf und ermattend; und die langweiligen Stunden schlichen und schleppten sich und hinkten mit so grausamer Bedächtigkeit dahin! Man bemühte sich, seiner Uhr eine recht lange Zeit zu ungestörtem Gang zu lassen; und zog man sie dann heraus, so fand man jedesmal, daß sie die Zeit vertrödelt und nichts Ordentliches voran gebracht hatte! Der Alkalistaub schnitt einem in die Lippen, peinigte einen in den Augen und fraß sich durch die Nasenschleimhaut, so daß diese unaufhörlich blutete – die Romantik verschwand allen Ernstes in weiter Ferne und zurück blieb von unserer Wüstenfahrt nichts als die nackte Wirklichkeit – eine durstige, dürre, langweilige, hassenswerte Wirklichkeit. Zehn Stunden lang je zwei und eine viertel Meilen – das war unsere ganze Leistung. Es hielt wirklich schwer, einen solchen Schneckengang zu begreifen, während wir sonst gewohnt gewesen waren, acht und zehn Meilen in der Stunde zu machen. Als wir die Station an der jenseitigen Grenze der Wüste erreicht hatten, waren wir zum erstenmal froh, das Wörterbuch bei der Hand zu haben, weil wir sonst niemals Worte genug hätten finden können, um unsere Befriedigung darüber auszudrücken. Um aber die Ermüdung zum Ausdruck zu bringen, welche diese Maultiere empfanden, nachdem sie uns dreiundzwanzig Meilen weit geschleppt hatten, dazu würde eine ganze Bibliothek von Wörterbüchern nicht genügt haben. Und wollten wir gar vollends versuchen, dem Leser eine Vorstellung von ihrem Durste zu geben – es wäre gerade, als wollten wir gediegenes Gold vergolden oder die Lilie weiß bemalen!

Achtzehntes Kapitel.

Achtzehntes Kapitel.

Am sechzehnten Tage nach unserer Abfahrt von St. Joseph langten wir morgens am Eingang des Rocky Cañon an, zweihundertfünfzig Stunden vom Salzsee. In dieser wilden Gegend, weit von allen Wohnplätzen weißer Menschen, mit Ausnahme der Poststationen, trafen wir auf die jämmerlichsten Vertreter des Menschengeschlechtes, die mir bis dahin je zu Gesicht gekommen waren. Ich meine die Goschut-Indianer, die sich nach allem, was wir von ihnen sahen und in Erfahrung brachten, höchstens allenfalls mit den Buschmännern Südafrikas auf eine Linie stellen lassen. Diejenigen, welche sich an der Straße und auf den Stationen herumtrieben, waren kleine, magere, ›verhutzelte‹ Geschöpfe; ihre Gesichtsfarbe ein mattes Schwarz wie gewöhnlich bei den Negern in Amerika; ihre Gesichter und Hände mit einer Schmutzkruste bedeckt, die sich Monate, Jahre, ja Menschenalter hindurch je nach dem Alter des Besitzers aufgehäuft hatte. Sie erschienen als eine schweigsame, schleichende, heimtückische Sippe, die verstohlen alles beobachtete, gerade wie alle andern ›edlen roten Männer‹, ohne dabei eine Miene zu verziehen; stumpfsinnig, stets geduldig und unermüdlich wie alle andern Indianer; schamlose Bettler – ist doch der Trieb zum Betteln dem Indianer nicht minder notwendig, um ihn ›im Gang zu erhalten‹, als das Pendel der Uhr; hungrig, jederzeit hungrig, obwohl sie nichts verschmähen, was ein Schwein frißt und dagegen oft etwas essen, was ein Schwein zurückweist; Jäger, deren Ehrgeiz jedoch nicht über das Erlegen und Verspeisen von Eselskaninchen, Grillen und Heupferden und über die Aneignung von Aas hinaus geht, das von Rechts wegen dem Mäusefalken und dem Cayote gehört; Wilde, die auf die Frage, ob sie den allgemeinen Glauben der Indianer an einen ›Großen Geist‹ teilen, in eine Art von Rührung geraten, weil sie darunter Branntwein verstehen. Diese Goschuten sind ein kleines, weit zerstreutes Volk von beinahe völlig nackten schwarzen Kindern, das schlechterdings nichts hervorbringt, keine Dörfer und überhaupt keine feste Stammesgemeinschaft bildet – ein Volk, dessen einziges Obdach in einem Lappen besteht, der über einen Busch geworfen wird, um den Schnee teilweise abzuhalten, und das doch eine der felsigsten, winterlichsten Einöden bewohnt, die man in irgend einem Teil der Erde finden kann.

Kriegslustig könnte man die Goschuten ungefähr mit demselben Rechte nennen, wie die Kaninchen, und doch kam es vor, daß sie, nachdem sie monatelang vom Abfall und Kehricht der Stationen gelebt hatten, in einer dunkeln Nacht, während niemand Arges vermutete, heranschlichen, die Gebäude niederbrannten und die herausstürzenden Leute aus dem Hinterhalt niederschossen. Einmal griffen sie bei Nacht die Postkutsche an, in der eben ein Distriktsrichter des Territoriums Nevada ganz allein fuhr, wobei sie mit ihrem ersten Pfeilhagel (drunter auch eine oder zwei Kugeln) die Vorhänge durchlöcherten, ein oder zwei Pferde verletzten und den Postillon tödlich verwundeten. Dieser letztere war aber schneidig und sein Passagier nicht minder. Letzterer schwang sich auf des Postillons Zuruf auf den Bock und ergriff die Zügel, und fort flogen sie mitten durch den rasenden Haufen und unter einem Hagel von Geschossen. Der Postillon war sofort auf den Schuß in die Kniee gesunken, hielt aber die Zügel noch in den Händen und erklärte, er hoffe, sie bis zu seiner Ablösung halten zu können. Und als sie schließlich seiner ermattenden Hand entsanken, legte er seinen Kopf zwischen die Füße des andern und gab ihm in aller Ruhe Weisung betreffs des Weges; er könne es wohl noch so lang aushalten, bis sie aus dem Bereich der Halunken seien, dann wäre die Hauptschwierigkeit vorüber, und wenn der Richter so und so führe (dabei gab er ihm Weisung betreffs einzelner schlimmer Wegestrecken, sowie der einzuhaltenden Richtung), so würde er die nächste Station ohne Mühe erreichen. Der Richter kam wirklich dem Feinde voraus und fuhr endlich an der Station vor; nun wußte er, daß die Gefahren für jene Nacht vorüber waren, aber er hatte keinen Kriegskameraden mehr, um seine Freude zu teilen, denn der tapfere Rosselenker war tot.

Der Widerwille, den die Goschuten mir einflößten, – einem Jünger Coopers und einem Verehrer des Roten Mannes, selbst jener künstlichen Wilden im ›Letzten der Mohikaner‹, – veranlaßte mich zu ernsten Nachforschungen darüber, ob ich vielleicht den roten Mann überschätzt habe, so lange ich ihn im milden Mondschein der Romantik betrachtete. Die Enthüllungen, die mir wurden, waren jedenfalls sehr ernüchternder Art. Es war merkwürdig, wie schnell die Tünche und das Blattgold, die seine Außenseite bedeckt hatten, verschwunden waren, so daß nur noch der verräterische, schmutzige, abstoßende Kerl übrig blieb – und wie rasch sich die Beweise dafür häuften, daß jeder Indianerstamm, auf den man stoßen mag, lediglich aus Goschuten besteht, die je nach Verhältnissen und Umgebung etwas verändert sind – aber eben doch immer Goschuten. Sie verdienen Mitleid, die armen Wesen; und ich zolle ihnen das meinige gerne – aus der Ferne. In größerer Nähe wird ihnen solches von niemand zuteil werden.

Neunzehntes Kapitel.

Neunzehntes Kapitel.

Am siebzehnten Tage kamen wir an den höchsten Berggipfeln, die wir bis jetzt erblickt hatten, vorüber, und obwohl der Tag sehr heiß war, folgte demselben eine wirklich kalte Nacht, gegen welche wir uns kaum mit unsern Decken zu schützen vermochten.

Am neunzehnten Tage begegneten wir auf der Station am Neese River den Leuten, die an der Telegraphenlinie nach dem Osten arbeiteten, und gaben eine Depesche an Se. Excellenz Gouverneur Nye zu Carson City auf. (Entfernung: hundertsechsundfünfzig Meilen.)

Am selben Tage kamen wir durch die große amerikanische Wüste vierzig denkwürdige Meilen grundlosen Sandes, in den die Wagenräder sechs Zoll bis einen Fuß tief einsanken. Den größten Teil dieser Strecke legten wir zu Fuß zurück, indem wir neben dem Wagen hergingen. Es war ein entsetzliches Ringen mit dem Sand und zugleich mit dem Durste, denn wir hatten kein Wasser. Von einem Ende dieser Wüste bis zum andern war die Straße ganz weiß von Ochsen- und Pferdeknochen. Ich könnte fast ohne Übertreibung behaupten, daß wir die vierzig Meilen weit Schritt für Schritt den Fuß auf einen Knochen hätten setzen können. Die ganze Wüste war ein ungeheurer Friedhof. Und die Hemmketten, Radschuhe und vermodernden Reste von Fuhrwerken waren fast ebenso dicht gesäet wie die Knochen. Ich glaube, die Hemmketten, die da vor unsern Augen verrosteten, hätten in jedem Staat der Union von einer Grenze zur andern gereicht. Geben uns diese Trümmer nicht ungefähr eine schwache Vorstellung von den furchtbaren Leiden und Entbehrungen, welche die frühesten Einwanderer nach Kalifornien zu erdulden hatten?

Am Rand der Wüste liegt der Carson-See, auch ›Carson-Sink‹ genannt, ein seichter, trübseliger Wasserspiegel von achtzig bis hundert Meilen Umfang. Der Carsonfluß mündet in denselben, um zu verschwinden – geheimnisvoll versinkt er im Boden und erblickt nie das Licht der Sonne wieder – denn der See hat keinerlei Ausfluß.

Es giebt mehrere Flüsse in Nevada, die dasselbe rätselvolle Geschick haben. Sie münden in verschiedene Seen oder ›Sinks‹ und werden nicht mehr gesehen. Der Carson-, Humbold-, Walter- und Mono-See sind große Wasserbecken ohne jeden sichtbaren Abfluß. Fortwährend fließt Wasser hinein, keines sieht man je abfließen, und doch bleiben sie stets eben voll, ohne abzunehmen oder überzulaufen. Was aus ihrem Überfluß wird, weiß nur der Schöpfer.

Am Westrand der Wüste machten wir einen Augenblick Halt in Ragtown. Es bestand aus einem einzigen Blockhause und ist auf der Karte nicht verzeichnet. Dabei fällt mir etwas ein. Gleich nach unserer Abfahrt von Julesburg, am Platte, saß ich beim Postillon. Dieser fing an:

»Ich kann Ihnen eine wirklich höchst lächerliche Geschichte erzählen, wenn Sie gern zuhören wollen. Horace Greeley fuhr einstmals auf dieser Straße. Beim Abgang von Carson City sagte er zum Postillon, Hank Monk, er habe sich verbindlich gemacht, in Placerville einen Vortrag zu halten und wünsche dringend, rasch vorwärts zu kommen. Hank Monk ließ seine Peitsche knallen und fuhr in rasendem Tempo davon. Der Wagen hüpfte so schrecklich auf und nieder, daß alle Knöpfe an Horacens Rock absprangen und er schließlich geradezu mit dem Kopf durch die Wagendecke fuhr. Jetzt rief er Hank Monk zu und bat ihn, doch langsamer zu thun, er habe es jetzt nicht mehr so eilig als vor einer Weile. Aber Hank Monk meinte: ›Bleiben Sie nur ruhig sitzen, Horace, ich will Sie schon bei Zeiten hinbringen!‹ – und Sie können darauf wetten, daß er ihn zu rechter Zeit hinbrachte, das heißt, was noch von ihm übrig war.«

Einen oder zwei Tage darauf lasen wir an der Straßenkreuzung einen Mann aus Denver auf, der uns allerlei über die Umgegend und die Goldgruben von Gregory erzählte. Es schien ein recht unterhaltender Mensch zu sein, der über die Verhältnisse in Colorado gut Bescheid wußte. Nach einer Weile begann er:

»Ich kann Ihnen eine wirklich höchst lächerliche Geschichte erzählen. Horace Greeley fuhr einstmals auf dieser Straße. Beim Abgang von Carson City sagte er zum Postillon, Hank Monk, er habe sich verbindlich gemacht, in Placerville einen Vortrag zu halten und wünsche dringend, rasch vorwärts zu kommen. Hank Monk ließ seine Peitsche knallen und fuhr in rasendem Tempo davon. Der Wagen hüpfte so schrecklich auf und nieder, daß alle Knöpfe an Horacens Rock absprangen und er schließlich geradezu durch die Wagendecke fuhr. Jetzt rief er Hank Monk zu und bat ihn, doch langsamer zu thun, er habe es jetzt nicht mehr so eilig als vor einer Weile. Aber Hank Monk meinte: ›Bleiben Sie nur ruhig sitzen, Horace, ich will Sie schon bei Zeiten hinbringen!‹ – und Sie können darauf wetten, daß er ihn zu rechter Zeit hinbrachte, das heißt, was noch von ihm übrig war.«

In Fort Bridger nahmen wir ein paar Tage darauf einen Kavalleriewachtmeister an Bord, einen sehr netten Menschen von echt soldatischem Wesen. Nirgends auf unserer langen Reise trafen wir sonst jemand, der uns einen solchen Vorrat an kurzer und guter Belehrung über militärische Dinge verschafft hätte. Es war ganz überraschend, in diesen verlassenen Einöden unseres Landes einen Mann von untergeordnetem Rang zu finden, der mit allem, was für seinen Lebensberuf zu wissen von Nutzen sein kann, so gründlich vertraut und dabei so anspruchslosen Wesens war. Volle drei Stunden hörten wir ihm mit ungemindertem Interesse zu. Schließlich kam er auf das Reisen über den Kontinent zu sprechen und auf einmal begann er:

»Ich kann Ihnen eine wirklich höchst lächerliche Geschichte erzählen« – und erzählte wiederum wörtlich wie oben bis zu den Worten: »was noch von ihm übrig war.«

Acht Stunden nach unserer Abreise von der Salzseestadt stieg auf einer Zwischenstation ein Mormonenprediger ein – ein artiger Mann mit sanfter Stimme und freundlichem Wesen, zu dem jeder Fremde sich beim ersten Anblick hingezogen fühlen mußte. Nie kann ich den Ausdruck in seinen Augen vergessen, als er mit einfachen Worten die Wanderungen und grausamen Leiden seines Volkes schilderte. Keine Kanzelberedsamkeit war je so rührend und so schön, als das Bild, das dieser Fremdling von der Wanderung der ersten Mormonen durch die Prairieen entwarf, wie sie sich kummervoll nach dem Land ihrer Verbannung durchschlugen und ihren einsamen Pfad mit Gräbern bezeichneten und mit Thränen benetzten. Seine Worte ergriffen uns dergestalt, daß wir es alle als Erleichterung empfanden, als die Unterhaltung in eine heiterere Bahn einlenkte und man auf die Natureigentümlichkeiten des seltsamen Landes, in dem wir uns befanden, zu sprechen kam.

Ein Gegenstand nach dem andern wurde in angenehmer Weise erörtert, bis endlich der Fremde begann:

»Ich kann Ihnen eine wirklich höchst lächerliche Geschichte erzählen« – wörtlich wie oben bis zu den Worten: »was noch von ihm übrig war.«

Zehn Meilen hinter Ragtown fanden wir einen armen Wanderer, der sich zum Sterben niedergelegt hatte. Er war so lange gegangen, als er es imstande war, allein seine Glieder hatten ihm schließlich den Dienst versagt. Hunger und Ermüdung hatten ihn überwältigt. Es wäre unmenschlich gewesen, ihn hier liegen zu lassen. Wir bezahlten für ihn Fahrgeld bis nach Carson und hoben ihn in den Wagen. Es dauerte eine kleine Weile, bis er die ersten entschiedenen Lebenszeichen gab, aber durch Reiben und Einflößen von Branntwein brachten wir ihn zuletzt einigermaßen zum Bewußtsein. Dann gaben wir ihm ein wenig zu essen, und nach und nach schien er seine Lage zu begreifen und ein Ausdruck von Dankbarkeit milderte den starren Blick seiner Augen. Wir machten es ihm auf dem Postbeutel-Bett so bequem als möglich und richteten ihm aus unsern Röcken ein Kopfkissen her. Er schien sehr dankbar dafür zu sein. Dann schaute er uns ins Gesicht und sagte mit schwacher Stimme, in der etwas wie zarte Rührung bebte:

»Meine Herren, ich weiß nicht, wer Sie sind, aber Sie haben mir das Leben gerettet; und wenn ich Ihnen dies auch niemals vergelten kann, so fühle ich doch, daß ich Ihnen wenigstens eine Stunde Ihrer langen Reise leichter zu machen vermag. Ich nehme an, Sie sind mit dieser großen Heerstraße nicht bekannt, ich dagegen bin ganz vertraut damit. In diesem Zusammenhang kann ich Ihnen eine wirklich höchst lächerliche Geschichte erzählen, wenn Sie sie gerne hören wollen. Horace Greeley –«

Ich unterbrach ihn nachdrücklich mit den Worten: »Fremder Dulder, fahren Sie fort, wenn Sie es verantworten können. Sie sehen in mir den traurigen Schatten einer ehemals kraftvollen stolzen Männergestalt. Was hat mich so weit gebracht? Die Geschichte, die Sie eben auf der Zunge hatten. Langsam aber sicher hat diese alte langweilige Anekdote mir die Kräfte ausgesogen, die Gesundheit untergraben, das Leben ausgedörrt. Haben Sie Mitleid mit meiner Hilflosigkeit. Verschonen Sie mich nur damit und erzählen Sie mir lieber statt dessen vom jungen George Washington und seiner kleinen Axt.«

Wir waren gerettet, nicht aber unser Kranker. Bei dem Versuch, die Anekdote bei sich zu behalten, verfiel er in krampfhafte Zuckungen und verschied in unsern Armen.

Ich weiß jetzt, daß ich selbst vom stärksten Mann in jener ganzen Gegend nicht hätte verlangen sollen, was ich diesem bloßen Schatten eines Menschen zumutete, denn nach siebenjährigem Aufenthalt an der Küste des Stillen Ozeans weiß ich, daß kein Postillon oder Reisender auf der Überlandroute jemals diese Anekdote verkorkt bei sich behalten hat, ohne daran zu ersticken. Innerhalb von sechs Jahren reiste ich dreizehnmal mit der Post über die Gebirgszüge zwischen Nevada und Kalifornien hin und her und hörte dabei diese nicht umzubringende Geschichte vierhundertein- oder zweiundachtzigmal mit an. Ich habe ein Verzeichnis darüber in meinem Besitz. Die Postillone erzählten sie stets, die Kondukteure, die Wirte erzählten sie, jeder gerade einsteigende Passagier erzählte sie, sogar die Chinesen und wilden Indianer erzählten sie nach. Ich habe es erlebt, daß sie mir ein und derselbe Postillon an einem Nachmittag zwei- oder dreimal erzählte. Sie ist mir im Gewande jeder der vielen Sprachen entgegengetreten, die Babel der Welt vermacht hat, und gewürzt mit den Düften von Whiskey, Brandy, Bier, Eau de Cologne, Sozodont, Tabak, Knoblauch, Zwiebeln und Heuschrecken, kurz von allem, was auf der langen Liste aller Dinge, welche durch Mund und Nase des Menschen eingehen, einen Duft an sich hat. Nie habe ich eine Geschichte so oft zu riechen bekommen, als diese, und nie habe ich eine gerochen, die so verschiedenartig roch. Und dabei war es nicht einmal möglich, sie am Geruch zu erkennen, weil sie jedesmal, so oft man meinte, man habe ihren Geruch los, wieder mit einem andern Duft auftrat. Bayard Taylor hat über diese uralte Geschichte geschrieben, Richardson hat sie veröffentlicht, desgleichen Jones, Smith, Johnson und Roß Browne und jedes sonstige, Korrespondenzen liefernde Wesen, das irgend einmal zwischen Julesburg und S. Francisco den Fuß auf die große Überlandroute setzte; ja, wie man mir sagt, steht sie sogar im Talmud. Ich habe sie in neun verschiedenen Sprachen gedruckt gelesen; wie es heißt, bedient sich die Inquisition in Rom derselben, und jetzt vernehme ich mit betrübtem Herzen, daß sie in Musik gesetzt werden soll. Das halte ich nicht für erlaubt.

Die Überlandpost geht nicht mehr, und das Geschlecht der Postillone ist ausgestorben. Ich möchte wissen, ob sie diese Urgroßvatergeschichte ihren Nachfolgern, den Eisenbahnbremsern und Schaffnern, vermacht haben, und ob diese letzteren den schutzlosen Reisenden noch immer damit verfolgen, bis er zu der Überzeugung gelangt, die wahren Wunder der Küste des Stillen Ozeans seien nicht in Yosemite und den Riesenbäumen, sondern in Hank Monk und seinem Abenteuer mit Horace Greeley zu erblicken.

Und was diese abgedroschene Anekdote noch unausstehlicher macht, das ist, daß das Abenteuer, das sie verherrlicht, sich niemals zugetragen hat. Wäre die Geschichte gut, so läge in diesem scheinbaren Mangel gerade ihr größter Vorzug, denn Schöpferkraft gehört zur Größe; was hat dagegen derjenige verdient, der mutwillig eine solche platte Mär verbricht? Wollte ich sagen, was nach meinem Dafürhalten mit ihm geschehen sollte, man würde es übertrieben finden. Aber was steht im Propheten Daniel Kapitel 16? Aha! –

  1. Sr. Zeit ein bekannter Politiker.

Ich gehe in die Lehre.

Ich gehe in die Lehre.

Die vier Tage, welche wir auf dem Felsen bei Louisville festlagen, und einen oder den anderen sonstigen Aufenthalt mit eingerechnet, verscherzte der arme alte ›Paul Jones‹ mit der Fahrt von Cincinnati nach New-Orleans volle zwei Wochen. Das gab mir denn endlich doch eine Gelegenheit, mit einem der Steuermänner bekannt zu werden, der sich sogar endlich herbeiließ, mich die Handgriffe seines Rades und die Bewegungen seines Bootes zu lehren, und dadurch den Zauber, den das Flußleben auf mich ausübte, zu einem gewaltigeren als je zuvor machte.

Auch gab es mir Gelegenheit, die Bekanntschaft eines Jünglings zu machen, der im Zwischendeck fuhr und dadurch meine Teilnahme erregte. Er borgte mir mit Leichtigkeit sechs Dollars ab, unter dem Versprechen, am Tage nach unserer Landung auf das Boot zurückzukehren und das Geld zurückzuzahlen. Indessen – er muß gestorben sein oder die Sache vergessen haben, denn er kam nicht. Wahrscheinlich war das erstere der Fall, da er mir von seinen Eltern erzählt hatte, daß sie vermögend seien, und er nur deshalb im Zwischendeck fahre, weil es kühler sei.

In New-Orleans entdeckte ich sehr bald zwei Dinge. Erstens, daß es nicht sehr wahrscheinlich sei, daß ein Schiff vor zehn bis zwölf Jahren von dort nach der Mündung des Amazonenstromes segeln werde. Und zweitens, daß selbst, wenn ich so lange warten könnte, die neun oder zehn Dollars, die ich noch in der Tasche hatte, zur Ausführung eines so großartigen Unternehmens, wie ich es im Kopfe hatte, nicht hinreichen würden. Daraus ergab sich denn die Notwendigkeit für mich, auf eine neue Karriere zu sinnen. Ich unternahm eine regelrechte Belagerung meines Lotsen und hatte den Triumph, ihn nach drei Tagen kapitulieren zu sehen. Er verpflichtete sich, mich für eine von den ersten Verdiensten meiner künftigen Lotsenstellung zu bezahlende Summe von fünfhundert Dollars den »Mississippi von New-Orleans bis St. Louis hinauf zu lehren,« und ich stürzte mich in das geringfügige Wagnis, das darin bestand, zwölf- bis dreizehnhundert Meilen des großen Mississippistroms zu »lernen« mit der ganzen Selbstvertrauensseligkeit meiner Jahre. Hätte ich allen Ernstes eine Vorstellung von dem gehabt, was ich meinen Fähigkeiten zuzumuten im Begriff stand, ich würde sicherlich den Mut nicht gefunden haben, es auch nur anzufangen. Ich nahm einfach an, daß ein Lotse nichts weiter zu thun habe, als sein Bot im Strome zu halten, und da derselbe so breit war, hatte ich keine Ahnung davon, welch ein Kunststück das sei.

Wir gingen um vier Uhr nachmittags von New-Orleans ab, und bis acht Uhr war »unsere Wache«. Herr Bixby, mein Chef, richtete das Boot, lenkte es haarscharf längs den Achterenden der übrigen, am Quai liegenden Dampfer hin und sagte dann zu mir: »Da, nimm das Ruder und halte so dicht an den andern Booten vorbei, als gelte es, einen Apfel zu schälen.« Ich ergriff das Rad, aber das Herz schlug mir bis in den Hals hinauf. Es schien mir ein Ding der Unmöglichkeit, an den Schiffen so dicht vorbeizukommen, ohne einem jeden die Seitenwand einzudrücken. Ich hielt den Atem an und begann sofort aus dem Verderben herauszusteuern. Ich hütete mich wohlweislich, es auszusprechen, hatte aber doch meine eigene Ansicht, von einem Lotsen, der nichts Besseres zu thun wußte, als uns in eine solche Gefahr zu stürzen. In einer halben Minute hatte ich einen breiten Streifen rettenden Wassers zwischen dem ›Paul Jones‹ und die Schiffe am Ufer gebracht, – und nach Verlauf weiterer zehn Sekunden war ich mit Schimpf und Schande beiseite geschleudert, Herr Bixby aber steuerte unter einer wahren Sturzflut von Schmähungen, die er über mich ausströmte, aufs neue in das Unheil zurück. Ich war aufs tödlichste verletzt, ohne jedoch mich gleichzeitig der höchsten Bewunderung enthalten zu können, wie Herr B. an dem Rade hin- und hertanzte und mit uns so dicht an den anderen Booten hinschoß, daß das Verderben jeden Augenblick unvermeidlich schien. Nachdem er sich ein wenig abgekühlt hatte, erklärte er mir, daß das ruhige Fahrwasser sich längs des Ufers, die Strömung hingegen weiter draußen befände, und daß wir aus diesem Grunde stromaufwärts am Ufer hinhalten müßten, um uns ersteres zu nutze zu machen, stromabwärts aber ihm fern zu bleiben hätten, um die Vorteile der letzteren für uns zu haben. Sofort beschloß ich bei mir, mich damit zu begnügen, ein Stromablotse zu werden und das Stromaufhandwerk solchen über die gewöhnliche Menschenweisheit hinaus gescheiten Leuten, wie Herrn B., zu überlassen.

Hier und da lenkte Herr Bixby meine Aufmerksamkeit auf gewisse Dinge. So z. B.: »Das ist die Sechsmeilenspitze!« Ich stimmte ihm zu. Es war ganz hübsch, in dieser Weise belehrt zu werden, aber ich sah nicht ein, was dabei herauskommen sollte. Weiterhin hieß es: »Das ist die Neunmeilenspitze!« Noch weiterhin: »Und das ist die Zwölfmeilenspitze!« Ich hatte wirklich keine Ahnung, daß diese Landvorsprünge irgendwie Gegenstände des Interesses für mich seien. Sie lagen fast alle in derselben Höhe mit dem Wasserspiegel, und einer sah genau wie der andere aus. Zudem waren sie von unmalerischster Eintönigkeit. Ich hoffte ernstlich, Herr B. würde nun bald ein anderes Gesprächsthema aufgreifen. Aber nein. Er steuerte, ganz hart ans Ufer haltend, um eine dieser Landspitzen herum und sagte: »Hier hört das tote Wasser auf, gerade oberhalb jener Gruppe von Chinabäumen. Jetzt gehen wir querüber.«

Zwei- oder dreimal übergab er mir auch wieder das Rad. Aber ich hatte kein Glück. Bald kam ich nahe daran, auf ein ins Wasser hineinreichendes Zuckerfeld aufzufahren, bald hielt ich zu weit vom Ufer ab. Und so fiel ich immer wieder in Ungnade und hatte für ein paar Minuten die bekannte Sturzflut von Scheltworten aufs neue über mich ergehen zu lassen.

Endlich war die erste Wache beendet. Wir nahmen unser Abendbrot und gingen zur Ruhe. Um Mitternacht fiel mir plötzlich der grelle Schein einer Laterne ins Gesicht, und der Nachtwächter des Boots rief:

»Auf – hinaus an Deck!«

Damit verschwand er. Ich war außer stande, mir dieses seltsame Vorgehen zu erklären. Da ich aber vorderhand keine Neigung verspürte, weiter darüber nachzudenken, wandte ich mich um und begann weiterzuschlafen. Aber schon war auch der Nachtwächter wieder da und zwar war er diesmal grob. Mich verdroß das, und ich sagte:

»Wer heißt euch hier mitten in der Nacht herumstöbern und andere stören? Es ist ja gerade als sollte ich heute nicht mehr zum Einschlafen kommen!«

Der Mann sagte:

»Na, das ist heiter – das muß ich sagen!«

In diesem Augenblick kam die abgelöste Wachmannschaft herein und ich hörte, wie sie unter rohem Gelächter verschiedene Bemerkungen machten, wie die folgenden: »Hallo, Wächter, ist das neue ›Steuermännchen‹ noch nicht heraus? Ein zarter Junge, nicht? Gebt ihm ein Stück Zucker in einem Sauglappen und ruft das Stubenmädchen, um ihn einzusingen.«

In diesem Augenblick erschien Herr B. auf der Szene. Eine Minute später aber klimmte ich bereits die steilen Stufen zum Steuermannshäuschen empor, die eine Hälfte meiner Kleider auf dem Leibe, die andere über dem Arm, Herr B. folgte mir auf den Fersen und machte seine Glossen. Das war wirklich neu für mich – so mitten in der Nacht heraus und an die Arbeit zu müssen! Es war das eine jener Einzelheiten im Lotsenleben, an die ich noch nie gedacht hatte. Ich wußte wohl, daß die Boote die ganze Nacht hindurch gingen, aber es war mir nie beigefallen, daß ein menschliches Wesen seinem warmen Bette entrissen werden müßte, um sie zu steuern. Eine trübe Ahnung überkam mich, daß der Steuermannsberuf doch nicht ganz so romantisch sei, wie ich geträumt hatte; wenigstens war in der neuesten Phase desselben, die sich mir da eben enthüllte, etwas verzweifelt Reales.

Es war eine äußerst dunkle Nacht, wiewohl eine beträchtliche Anzahl Sterne am Himmel stand. Der zweite Steuermann war gerade am Rade. Er hielt auf einen bestimmten Stern zu, und das Boot schoß mitten im Strom dahin. Wiewohl keines der Ufer weiter als eine Meile von uns entfernt war, schienen doch beide in entlegene Ferne entrückt, ganz unbestimmt, kaum erkennbar. Der zweite Steuermann sagte:

»Wir müssen an Jones Plantage anlegen, Herr.«

Sofort regte sich triumphierend auch der Geist der Verneinung in mir. Ich sagte bei mir selbst: »Viel Glück zu diesem Unternehmen, Herr B., Sie werden einige Zeit brauchen, um Jones Plantage in einer Nacht, wie diese, zu finden. Und ich hoffe, Sie werden sie überhaupt nicht finden, wenigstens in diesem Leben nicht!«

In diesem Augenblick fragte Herr B. den zweiten Steuermann, den er eben ablöste:

»Am unteren oder oberen Ende der Plantage?«

»Am oberen!«

»Wird unmöglich sein. Es sind Baumstümpfe dort, die, wie der Fluß eben steht, außerhalb des Wassers sind. Die Entfernung bis zum unteren Ende ist nicht groß; er muß zufrieden sein, wenn wir dort halten.«

»Ganz wohl. Wenn es Jones nicht paßt, soll er sehen, wie er zurechtkommt.«

Und der zweite Steuermann ging. Meine Schadenfreude verrauchte, und statt ihrer ergriff Bewunderung meine Seele. Da stand ein Mann vor mir, der sich nicht nur anheischig machte eine bestimmte Plantage in solch einer Nacht aufzusuchen, sondern auch das obere oder untere Ende derselben, wie man eben beliebte. Es juckte mich förmlich, eine Frage zu thun, da ich aber bereits genug kurze Antworten eingeheimst hatte, um meine Schlafkabine damit vollzustauen, schwieg ich lieber. Die Frage, welche ich so gerne an Herrn B. gerichtet hätte, war einfach die: ob er wirklich so närrisch sei, um sich allen Ernstes einzubilden, diese Plantage in einer Nacht, in der eine Plantage ganz genau wie die andere aussieht, ausfindig zu machen? Aber wie gesagt, ich schwieg, wie ich denn überhaupt in jenen Tagen in Bezug auf das, was klug war, einen trefflichen Instinkt entwickelte.

Herr B. steuerte gegen das Ufer und strich an demselben hin, als wäre es helles Tageslicht. Und dazu sang er ganz ruhig:

»Vater im Himmel, der Tag geht zur Rüste!« u. s. w.

Es blieb mir kein Zweifel, ich hatte mein Leben in die Hände eines wahren Ausbunds von Gewissenlosigkeit gelegt. Eben als mir dies klar zu werden begann, wandte er sich nach mir um und fragte:

»Wie heißt die erste Landspitze oberhalb New-Orleans?«

Erfreulicherweise konnte ich die Frage ohne Besinnen beantworten, und ich that es. Ich sagte, ich wüßte es nicht.

»Weißt es nicht?«

Die Art, in der dies ›nicht‹ betont wurde, empörte mich. Aber wie schnell ich meine Fassung auch wiedergewann, – ich wußte doch nichts anderes zu sagen, als ich zuvor gesagt hatte.

»Schön so, – du bist mir der Rechte!« entgegnete Herr B.

»Wie heißt denn die nächste Spitze?«

Wieder wußte ich es nicht.

»Das geht denn doch über alles und jedes. So sage mir den Namen von irgend einem der Punkte, welche ich dir genannt.«

Ich sann eine Weile nach und war endlich in der Lage, zu versichern, daß ich keinen einzigen wüßte.

»Gieb acht, – wo gingen wir oberhalb der Zwölf-Meilen-Spitze quer über den Fluß?«

»Ich – ich – weiß es nicht.«

»Du – du – weißt es nicht –?« spottete Herr B. mir nach. »Was weißt du denn?«

»Ich, – ich? Nichts – mit Bestimmtheit.«

»Beim Geist des großen Propheten, ich glaube dir. Du bist der ärgste Strohkopf, der mir je vorgekommen ist, oder wovon ich je gehört habe. Die Idee, aus dir einen Lotsen zu machen, – aus dir! Du hast ja nicht Grütze genug, eine alte Kuh eine Straße hinunterzusteuern.«

Und immer höher schlug sein Unwille empor. Er war ein nervöser Mann, und sprang von einer Seite des Rades auf die andere, als ob der Fußboden glühend sei; dann kochte er eine Weile für sich allein, um gleich darauf wieder überzulaufen und mich mit seinem Grimme zu verbrühen.

»Gieb acht, – warum glaubst du, daß ich dir die Namen von den Spitzen und Punkten da eigentlich genannt habe?«

Ich dachte zitternd einen Moment nach, und dann ließ ich mich vom Teufel der Versuchung packen und sagte:

»Nun, zur – zur Unterhaltung, dachte ich.«

Das war denn freilich ein rotes Tuch für meinen Stier. Er raste und tobte derartig – wir kreuzten gerade den Fluß – daß es ihn ganz blind machte, denn er rannte mit dem Boot über das Steuerruder eines stromabwärts gehenden Getreidekahnes hinweg. Natürlich schickte die Bemannung des Kahnes einen Hagel siedend heißer Flüche zu uns herüber. Herrn B. war das gerade recht; denn voll von Gift und Galle, war er froh, Menschenkinder zu finden, die ihm Rede und Antwort standen. Er riß ein Fenster des Steuerhäuschens auf und streckte den Kopf hinaus. Und dann erfolgte ein solcher Ausbruch, wie ich ihn nie vorher erlebt hatte. Je weiter sich die beiden Fahrzeuge voneinander entfernten, um so höher wurde Herrn B.’s Stimme, um so wuchtiger fielen die Beinamen, mit denen er die Enteilenden belegte. Als er endlich das Fenster schloß, war sein Vorrat vollkommen erschöpft. Wenn man ihn durch ein Haarsieb hätte sieben können, würde man nicht so viel lästerliche Reden gefunden haben, um eine fromme Frau damit zu erschrecken. Und so kam es denn, daß seine Rede durchaus menschlich und liebreich klang, als er sich plötzlich mit den Worten zu mir wendete:

»Mein Junge, du mußt dir ein kleines Memorandumbuch anlegen und darin alles, was ich dir erkläre, sogleich aufzeichnen.

»Es giebt nur ein Mittel, ein guter Steuermann zu werden, und das ist: den ganzen Strom auswendig zu lernen. Du mußt ihn ebenso genau kennen, wie dein ABC.«

Das war denn eine nicht wenig unheimliche Eröffnung für mich! Mein Gedächtnis war nie mit etwas anderem geladen gewesen, als mit leeren Patronen. Trotzdem hielt meine Entmutigung nicht lange an – ich war so sehr überzeugt, daß Herr B. in der zwanglosesten Weise übertrieb, daß mir die Überzeugung unwillkürlich Nachsicht mit ihm auferlegte. Auf einmal zog er an dem Strick der großen Glocke und läutete einigemal. Die Sterne waren verschwunden, und die Nacht war schwarz wie Tinte. Ich konnte deutlich hören, wie die Schaufelräder am Lande hinstrichen, war jedoch keineswegs sicher, ob ich das Ufer sah. Die Stimme des unsichtbaren Wächters auf dem Oberdeck rief:

»Was ist dies, Herr?«

»Jones Plantage!«

Ich bedauerte innerlich auf das tiefste, nicht eine Wette anbieten zu können, daß dies nicht Jones Plantage sei. Aber ich muckste nicht. Ich wartete einfach ab. Herr B. zog die zum Maschinenraum führende Glockenleitung, und im nächsten Moment stieß das Bug des Schiffes an das Land. Eine Fackel leuchtete auf dem Vorderdecke auf, – ein Mann sprang auf das Ufer hinüber, – die Stimme eines Negers klang ihm dort entgegen: »Geben Sie mir die Reisetasche, Massa Jones,« – und in der nächsten Minute befanden wir uns feierlich und stattlich wieder mitten im offenen Fahrwasser. Eine Weile dachte ich ernstlich nach, dann sagte ich – natürlich nicht laut –: »Wenn es je einen glücklichen Zufall gegeben, so war es dieses Auffinden von Jones Plantage. Hundert Jahre mögen vergehen, ehe sich wieder etwas Ähnliches ereignet!« Und nicht genug, daß ich dies bei mir selbst sagte, – ich war auch durchdrungen davon, daß es nur ein Zufall gewesen.

Nach und nach waren wir sieben- bis achthundert Meilen den Fluß hinaufgekommen. Allem zum Trotz hatte ich es allmählich doch gelernt, ein erträglicher Tages-Steuermann zu sein, und ehe wir St. Louis erreichten, sogar in der Nachtarbeit einige Fortschritte gemacht. Ich besaß ein Notizbuch, welches in der gediegensten Weise von allerlei Namen von Städten, Landspitzen, Punkten, Sandbänken, Inseln, Buchten, Krümmungen u, s. w. u. s. w. starrte. Aber diese wichtigen Informationen waren alle nur in dem Notizbuch zu finden, – in meinem Kopfe hätte man vergebens danach gesucht. Auch machte es mir nicht geringen Kummer, bloß die Hälfte des Flusses in meinem Buch zu wissen, denn da unsere Wache jedesmal nur vier Stunden währte, denen eine ebenso lange Pause folgte, so gähnte mir in meinen Aufzeichnungen eine ununterbrochene Kette von Vier-Stunden-Lücken entgegen, die ich vom Beginn der Reise an verschlafen hatte.

In St. Louis übernahm mein Chef die Lotsenstelle auf einem der größten New-Orleans-Dampfer. Ich packte meine kleine Handtasche und folgte ihm. Das neue Boot war die Pracht selbst. Als ich zuerst in dem Steuermannshäuschen stand, befand ich mich so hoch über dem Wasserspiegel, daß ich mich auf die Spitze eines Berges versetzt wähnte, und die Verdecke dehnten sich unter mir so weit nach allen Richtungen hin, daß ich es gar nicht mehr begreifen konnte, wie ich am alten ›Paul Jones‹ jemals Gefallen zu finden vermochte. Alles war anders. Das Steuerhänschen des ›Paul Jones‹ war eine armselige, lumpige Rattenfalle, in der man die Ellenbogen nicht regen konnte. Hier hatten wir einen schimmernden Glastempel, geräumig genug, um darin zu tanzen, mit rotgemalten und vergoldeten Fensterrahmen, einem üppigen Sofa, ledernen Polstern und einem gastfreundlichen großen Ofen für den Winter. Das sah denn doch nach etwas aus, – und aufs neue wuchs mir der Mut, den Lotsenberuf allen bisherigen Erfahrungen zum Trotz für etwas Romantisches zu halten. Kaum hatten wir unsere Fahrt angetreten, so begann ich auch das ganze große Fahrzeug zu durchstreichen und mich förmlich vor Freude zu berauschen. Alles war neu und sauber wie ein Putzzimmer. Wenn ich den langen, reich mit Vergoldungen gezierten Hauptsalon entlang sah, so meinte ich durch einen schimmernden Tunnel zu blicken. Jede Kajütenthür war von der Hand irgend eines hochbegabten Künstlers bemalt. Überall blitzten die Kristall-Prismen von Arm- und Kronleuchtern. Der Schreibtisch des Buchhalters war ein Schmuckkästchen, der Schenktisch prachtvoll, und der Kellner mit großem Aufwand frisiert und herausgeputzt worden. Das Kesseldeck, d. h. die zweite Etage des Bootes, erschien mir geräumig wie eine Kirche. Ebenso das Vordeck. Und wir hatten nicht bloß eine Handvoll Mannschaft, sondern ein ganzes Bataillon Matrosen, Heizer, Deckarbeiter und sonstiger Angestellten. Die Feuer strahlten rotglühend aus einer langen Reihe von Heizflächen her, und über ihnen erhoben sich acht mächtige Kessel. Es war eine unsägliche Großartigkeit. Die riesigen Maschinen, – doch genug! Ich hatte mich nie vorher so gehoben gefühlt! Und als ich schließlich gar noch die Entdeckung machte, daß die sauber gekleidete Schiffsdienerschaft mich in respektvoller Weise per ›Sir‹ behandelte, da fühlte ich mich auf dem Gipfel aller Genugthuung!

Zwanzigstes Kapitel.

Zwanzigstes Kapitel.

Wir näherten uns dem Ende unserer langen Fahrt. Es war der Morgen des zwanzigsten Tages. Um Mittag sollten wir Nevadas Hauptstadt, Carson City, erreichen. Wir freuten uns nicht, im Gegenteil, wir waren betrübt darüber. Es war eine schöne Vergnügungsreise gewesen; Tag für Tag hatten wir uns mit Wundern gemästet; wir waren an das Leben in der Postkutsche jetzt völlig gewöhnt und hatten es sehr lieb gewonnen; so hatte der Gedanke, nun an einem Ruhepunkt angelangt zu sein, und sich zu einem langweiligen Leben in einem Landstädtchen niederlassen zu sollen, nichts Anmutendes, im Gegenteil etwas Niederschlagendes.

Augenscheinlich war unsere neue Heimat eine von öden, schneebedeckten Bergen eingeschlossene Wüste. Pflanzenwuchs war außer dem endlosen Salbeigebüsch und Fettholzgesträuch nicht vorhanden. Die ganze Natur hatte einen grauen Anstrich davon. Wir gingen wie ein Pflug tief durch Alkalistaub, der sich in dichten Wolken erhob und über die Ebene wälzte wie der Rauch von einem brennenden Hause. Wir waren damit bestäubt wie Müller; ebenso der Wagen, die Maultiere, die Postbeutel, der Kutscher – wir teilten vollkommen die eintönige Färbung mit dem Salbeigebüsch und der Landschaft rings umher. Lange Reihen von Frachtwagen, die ganz in aufsteigende Staubmassen gehüllt waren, erinnerten aus der Entfernung an Bilder von Prairiebränden. Diese Gespanne mit den dazu gehörigen Fuhrleuten waren das einzige Leben, das wir erblickten. Im übrigen waren wir auf unserer Fahrt rings von Einsamkeit, Schweigen und Öde umgeben. Alle zwanzig Schritt kamen wir an dem Gerippe eines gefallenen Lasttieres vorüber, dessen staubbedeckte Haut sich straff über die fleischlosen Rippen spannte. Oft saß ein Rabe gravitätisch auf dem Schädel oder Hüftknochen und betrachtete sich die vorbeifahrende Post mit beschaulicher Heiterkeit.

Allmählich tauchte Carson City in der Ferne auf. Es schmiegte sich an den Rand einer großen Ebene und war eine genügende Anzahl von Meilen entfernt, um sich wie ein Haufen weißer Punkte im Schatten einer finster darauf niederblickenden Kette von Bergen auszunehmen, deren Gipfel jeder Gemeinschaft mit den Angelegenheiten dieser Erde und jedem Gedanken an solche weit entrückt schienen. Wir fuhren an, stiegen aus, und die Post ging weiter.

  1. Seinen Aufenthalt in Carson und Nevada schildert der Verfasser im nächsten Band. Der Herausg.

Neuntes Kapitel.

Neuntes Kapitel.

Nachts kamen wir durch Fort Laramie und am siebenten Morgen unserer Fahrt befanden wir uns in den Schwarzen Bergen, wo – scheinbar dicht neben uns – der Laramie Peak in gewaltiger Einsamkeit aufstieg; in tiefem dunklem vollem Indigoblau starrte uns der alte Koloß unter den seine Stirn umschattenden Gewitterwolken hervor mächtig entgegen. In Wirklichkeit war er dreißig oder vierzig Meilen weit weg, aber es schien, als stünde er nur ein kleines Stück hinter dem niedrigen Höhenzug zu unserer Rechten. Das Frühstück nahmen wir an der Horseshoe-Station ein, sechshundertsechsundsiebzig Meilen von St. Joseph entfernt. Wir waren jetzt auf feindliches Indianergebiet gekommen und fuhren am Nachmittag an der Laparelle-Station vorbei, in deren Nähe es uns fortwährend recht unbehaglich zu Mute war; wußten wir doch, daß oft hinter einem der Bäume, an denen wir auf Armeslänge vorüberfuhren, ein oder zwei Indianer auf der Lauer standen. Gerade die Nacht vorher hatte ein Wilder aus dem Hinterhalt dem Ponyreiter eine Kugel durch die Jacke gejagt; dieser war aber trotzdem ganz ruhig weiter geritten, denn ein Ponyreiter darf sich mit der Untersuchung eines derartigen Vorkommnisses nur in dem Fall aufhalten, daß er totgeschossen wird. So lange er noch lebendig genug war, hatte er am Pferde festzukleben und weiter zu reiten. Vielleicht zweieinhalb Stunden vor unserer Ankunft an der Laparelle-Station hatte der dortige Wirt viermal auf einen Indianer gefeuert, allein dieser sei, fügte er mit gekränkter Miene hinzu, »so flink herumgetanzt, daß er ihm alles verdorben habe – und dabei sei die Munition so verteufelt rar.« Offenbar wollte er durch diese Ausdrucksweise andeuten, der Indianer habe sich mit seinem ›Herumtanzen‹ einen unerlaubten Vorteil verschafft. Unser Postwagen hatte – als Andenken an seine letzte Fahrt durch diese Gegend – im Vorderteil ein allerliebstes Loch. Die Kugel, von der es herrührte, hatte den Postillon gestreift, allein dieser machte sich nicht viel daraus. Er meinte, die richtige Gegend, um einen ›dickköpfig‹ zu machen, sei die südliche Überlandroute gewesen durch das Apachengebiet, ehe die Gesellschaft die Linie weiter nach Norden verlegt habe. Die Apachen hätten ihm die ganze Zeit da unten keine Ruhe gelassen, so daß er nahe daran gewesen sei, mitten im Überfluß Hungers zu sterben, denn sie hätten ihn mit Kugeln durchlöchert wie ein Sieb, so daß er »seine Nahrung nicht mehr habe bei sich behalten können« – eine Schilderung, die keinen ausnahmslosen Glauben fand.

In dieser ersten Nacht auf feindlichem Indianergebiet zogen wir die Vorhänge möglichst dicht zu und legten uns am unsere Waffen. Manchmal schliefen wir auf denselben ein, meist aber lagen wir bloß darauf. Wir sprachen nicht viel, sondern hielten uns still und lauschten. Es war eine rabenschwarze, zeitweise regnerische Nacht. Wir steckten dermaßen zwischen lauter Wäldern, Felsen, Hügeln und Abgründen drin, daß wir beim Hinausschielen durch einen Schlitz in einem der Vorhänge schlechterdings nichts zu unterscheiden vermochten. Postillon und Kondukteur saßen ebenfalls stumm auf ihrem Bock oder sprachen höchstens in langen Zwischenräumen und mit gedämpfter Stimme, wie man zu thun pflegt, wenn man sich von unsichtbarer Gefahr umgeben weiß. Wir hörten dem Regen, der auf das Wagendach herabtropfte, dem Knirschen der Räder in dem kotigen Kies und dem dumpfen Heulen des Windes zu, und dabei wurden wir die ganze Zeit über die unsinnige Vorstellung nicht los, die mit einer nächtlichen Fahrt in dichtverhängtem Fuhrwerk stets untrennbar verbunden ist, daß wir nämlich unverrückt auf der Stelle stehen blieben trotz allem Stoßen und Schaukeln des Wagens, dem Trappeln der Pferde und dem Knarren der Räder. Lange horchten wir mit Anspannung aller Sinne und mit zurückgehaltenem Atem; wollte dann einer von uns erlahmen und mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung ein paar Worte reden, so stieß gewiß einer der Gefährten plötzlich ein ›Horcht!‹ hervor, worauf der Betreffende augenblicklich wieder starr dasaß und horchte. So schleppten sich die Minuten und Viertelstunden in ermüdendem Gange hin, bis zuletzt unsere angespannten Glieder von einer dumpfen Betäubung ergriffen wurden und wir einschliefen – woferne man unsern Zustand mit diesem starken Ausdruck bezeichnen darf; denn es war ein Schlaf mit dem Finger am Drücker der Pistole; ein Schlaf, in welchem die Fetzen und Bruchstücke unheimlicher ängstlicher Träume durcheinander wirbelten – das reinste Chaos. Plötzlich wurden Träume und Schlaf samt der düsteren nächtlichen Stille durch einen lauten Knall verscheucht, dem ein langer wilder Todesschrei folgte! Dann hörten wir nur zehn Schritt weit vom Wagen rufen:

»Hilfe! Hilfe! Hilfe!« Es war die Stimme des Postillons.

»Schlagt ihn tot, schlagt ihn tot wie einen Hund!«

»Man will mich umbringen! Leiht mir denn niemand ein Pistol?«

»Seht euch vor! Wehrt ihn ab, wehrt ihn ab!«

(Dann zwei Pistolenschüsse; Stimmengewirr und ein Getrappel, wie wenn sich eine Menschenmenge um etwas drängt; mehrere schwere dumpfe Schläge wie mit einer Keule; dann eine flehende Stimme: »Lassen Sie mich, meine Herren, ach, lassen Sie mich – ich bin ja schon tot!« Nun ein schwächeres Stöhnen und noch ein Schlag, und fort jagte die Post in die finstere Nacht hinein und ließ das gräßliche Geheimnis hinter uns.)

Was für ein Schreck das war! Kaum acht Sekunden, vielleicht nur fünf, hatte der ganze Auftritt in Anspruch genommen. Wir hatten nur Zeit, an einen der Vorhänge zu stürzen und ihn in ungeschickter, verwirrter Hast teilweise loszuschnallen und aufzuknüpfen, als ein scharfer Peitschenknall über unsern Köpfen erklang und wir mit Donnergepolter einen Berggrat hinabrollten. Die ganze Nacht vollends lebten wir von diesem Geheimnis – sie ging übrigens bereits rasch ihrem Ende zu. Ein Geheimnis mußte es vorerst noch bleiben, denn alles, was wir vom Kondukteur als Antwort auf unsere Zurufe bekommen konnten, klang durch das Klappern der Räder hindurch ungefähr wie: »Erzähl‘ es Ihnen morgen früh!«

So steckten wir denn unsere Pfeifen an, stellten in einer Ecke oben am Vorhang eine Abzugsöffnung für den Rauch her und ein jeder erzählte dann, während wir im Flüstern dalagen, wie es ihm zu Mute gewesen, wie viele Indianer seiner ersten Vorstellung nach auf uns losgestürzt seien, welcher darauffolgenden Laute er sich erinnern könne und wie dieselben der Zeit nach auf einander gekommen seien. Wir schmiedeten auch Hypothesen, doch waren wir nicht imstande, eine aufzutreiben, die es uns erklärt hätte, daß wir unsern Postillon abseits vom Wagen hatten sprechen hören, und daß die indianischen Mordgesellen ein so gutes Englisch gesprochen hatten, vorausgesetzt, daß es überhaupt Indianer gewesen.

So schwatzten und rauchten wir den Rest der Nacht vollends gemütlich durch; unsere ahnungsvolle Ängstlichkeit war nämlich auf einmal ganz merkwürdig verflogen, seit wir einen wirklichen Anlaß zum Schrecken hatten.

Einen völlig befriedigenden Aufschluß über den geheimnisvollen Vorgang erhielten wir niemals. Alles, was wir uns aus den stückweisen, abgerissenen Mitteilungen, die wir am Morgen erhaschten, zusammenzureimen vermochten, war, daß der Auflauf an einer Station stattfand, wo die Postillone wechselten, und daß der abgehende Postillon über irgend einen der Galgenvögel, die die dortige Gegend unsicher machten, (wie unser Kondukteur meinte, gab es nämlich dort herum keinen einzigen Menschen, auf dessen Kopf nicht ein Preis gesetzt gewesen wäre und der sich in den Ansiedelungen hätte sehen lassen dürfen) sich rücksichtslos geäußert hatte.

»Er hatte sein Maul gehen lassen über diese Kerle und hätte deshalb beim Anfahren das Pistol mit gespanntem Hahn neben sich hinlegen sollen und zuerst anfangen zu schießen; denn das mußte ja jeder Schafskopf wissen, daß sie ihm auflauern würden.«

Dies war alles, was wir herausbekommen konnten, und wir sahen wohl, daß weder der Postillon noch der Kondukteur viel Aufhebens von der Sache machten. Offenbar hatten sie keine große Achtung vor jemand, der sich beleidigend über die Leute äußerte und dann einfältig genug war, ihnen unter die Augen zu treten, ohne ›zur Vertretung seiner Meinung‹ bereit zu sein – mit diesem zarten Ausdruck bezeichneten sie das Niederschießen jedes beliebigen Nebenmenschen, dem jene Meinung nicht behagte. Und desgleichen flößte ihnen der Unverstand des Mannes, der es wagen konnte, den Grimm solcher Bestien wie dieser Auswurf der Gesellschaft, zu reizen, offenbar Geringschätzung ein, und der Kondukteur setzte zum Schluß noch hinzu:

»Ich sage Ihnen, das heißt ja sich gerade so viel getrauen, wie wenn er Slade selber wäre.«

Diese Bemerkung gab meiner Neugier eine völlig neue Richtung. Ich kümmerte mich nicht mehr um die Indianer und hatte selbst für den ermordeten Postillon kein Interesse mehr. Eine solche Zauberkraft lag in dem Namen Slade! Tag und Nacht war ich von nun an stets bereit, jeden Gesprächsgegenstand ohne weiteres fallen zu lassen, um einem neuen Bericht über Slade und seine furchtbaren Thaten zu lauschen. Schon vor unserer Ankunft in Overland City hatten wir von Slade und seiner Abteilung (er war nämlich Abteilungsagent der Überlandpost) vernommen, und seit unserer Abfahrt von dort drehte sich die Unterhaltung unserer Postillone und Kondukteure nur noch ausschließlich um dreierlei: Kalifornien, die Silbergruben in Nevada und diesen verzweifelten Gesellen Slade. Und dabei nahm dieser letztere den breitesten Raum ein. Wir waren allmählich zu der unerschütterlichen Überzeugung gelangt, daß Slade ein Mensch war, der Herz, Hände, ja seine ganze Seele in das Blut eines jeden tauchte, der seinem Selbstbewußtsein zu nahe trat; ein Mensch, der für Beleidigungen, Kränkungen, Schmähungen oder Geringschätzung irgend welcher Art furchtbare Rache nahm – wenn möglich auf der Stelle, aber auch nach Jahr und Tag erst, falls es sich nicht früher schicken wollte; ein Mensch, dem der Haß Tag und Nacht keine Ruhe ließ, bis er seine Rache gesättigt hatte – und zwar genügte ihm dazu nur eines: des Feindes unbedingter Tod – nichts Geringeres; ein Mensch, dessen Züge in schrecklicher Freude aufleuchteten, wenn er einen Feind überraschte und sich im Vorteil demselben gegenüber befand. Ein hoher und tüchtiger Angestellter der Überlandpost, selbst zum Auswurf der Gesellschaft gehörig und trotzdem die unbarmherzige Geißel dieses Gesindels, war Slade zugleich der blutigste, gefährlichste und wertvollste Bürger, den die wilden Felsennester des Gebirges beherbergten.

Knabenjahre am Mississippi

Knabenjahre am Mississippi

Als ich ein Knabe war, gab es unter meinen Kameraden in unserem Heimatsort am westlichen Ufer des Mississippi nur einen beständigen Ehrgeiz. Es war der: ein ›Dampfbootmann‹ zu werden. Wohl hatten wir hin und wieder flüchtige Begierden anderer Art, aber sie waren nur vorübergehend. Wenn ein Zirkus erschien und wieder davon zog, so brannten wir eine Zeitlang nach der Lebensstellung eines Clowns. Die erste Negerminstrel-Gesellschaft, welche in unsrer Gegend auftauchte, erweckte die Begierde in uns, es mit diesem Beruf zu versuchen. Und es gab sogar Zeiten, in denen wir ernstlich hofften, Gott würde uns, wenn wir gesund und am Leben blieben, Seeräuber werden lassen. Aber alle diese Wünsche und Träume zerrannen wieder, wie sie gekommen waren. Nur der Ehrgeiz, ein Dampfbootmann zu werden, blieb fest in unsren Seelen.

Einmal an jedem Tag kam ein kleines Packboot stromaufwärts von St. Louis, ein anderes thalabwärts von Keokuk, und legten jedesmal bei unserm Städtchen an. Ehe sich dieses Doppelereignis vollzogen hatte, war alles Leben und Erwartung. Sobald es vorüber war, wurde der Tag öde und leer. Noch heute, nach Verlauf all der Jahre, kann ich mir ein getreues Bild von damals machen: die weißen, im Sonnenschein eines heißen Sommermorgens träumenden Häuser; die Gassen öde oder doch nahezu so; vor den Läden der Uferstraße ein oder zwei Commis, die auf ihren hintenüber an die Wand gelehnten Holzstühlen eingeschlafen waren – das Kinn auf der Brust, den Schlapphut tief über das Gesicht gezogen – rings herum eine Menge Holzschnitzel und Spähne, die über den Zeitvertreib, welcher sie derartig erschöpft hatte, keinen Zweifel ließen; auf dem Seitenweg spazierte ein Mutterschwein mit seinen Jungen und thaten sich an Abfällen von Wassermelonen gütlich; am Landungsplatz lagen zwei oder drei Haufen von Frachtstücken und ein Ballen Häute umher, in deren Schatten der alkoholduftende Trunkenbold des Ortes seinen Morgenrausch verschlief; am Ende der Landungsbrücke schaukelten ein paar Flachboote auf dem Wasser, aber nirgends war eine Menschenseele, um dem leisen Getön der anschlagenden Wellen zu lauschen; und endlich der große und majestätische Mississippi mit seiner meilenbreit in der Sonne leuchtenden Flut, den dichten Waldungen des entgegengesetzten Gestades und seinen Landzungen oberhalb und unterhalb des Städtchens, wodurch er den Blick begrenzt und wie ein stiller und großartiger See erscheint. Plötzlich steigt ein schwarzes Rauchwölkchen hinter einer jener fernen Landzungen empor und ein farbiger Lastträger, weit berühmt durch sein scharfes Auge und seine Stentorstimme, stößt den Ruf aus: »D-a-mpf-b-o-o-t k-o-mmt«, und wie mit einem Zauberschlag ist die Szene verwandelt! Der Ortstrunkenbold reibt sich die Augen; die Ladendiener erwachen; Wagenrasseln und Karrenrollen ertönt; jedes Haus und jeder Laden entsendet einen Beitrag in Menschengestalt zu dem plötzlich das Ufer erfüllenden Leben, und im Handumdrehen ist das ganze Städtchen, eben noch Schlaf und Tod, ganz und gar Leben und Bewegung. Lastwagen, Schubkarren, Packträger, Arbeiter, Männer und Knaben hasten und eilen von allen Seiten her nach dem gemeinsamen Ziel des Landungsplatzes. Dort angelangt heften sich alle Blicke auf das herandampfende Boot, als wäre es ein Wunder, das sich ihnen zum erstenmale enthüllt. Und es ist auch thatsächlich ein wunderhübscher Anblick – dieses Boot, wie es scharf, sicher und selbstbewußt einherbraust. Es hat zwei hohe, oben verzierte Rauchfänge, zwischen denen ein goldenes Emblem in der Sonne glitzert; das ganz aus Glas und zierlichem Holzwerk bestehende Pilotenhäuschen ragt vom obersten Deck wie ein Zuckerbäckerkunstwerk empor; die Radkasten tragen die Namen des Bootes inmitten eines goldenen Strahlenkranzes; die verschiedenen Decks sind von sauberen weißen Geländern eingefaßt; vom Flaggenstock flattert grüßend eine prächtige Flagge hernieder; die Thüren des Heizraumes sind weit geöffnet, und die Feuer glühen lustig; die oberen Decks sind ganz schwarz voll Passagiere; der Kapitän steht oben neben der großen Glocke, stattlich und ruhig – die Bewunderung und der Neid aller; große, schwarze Massen chaotischen Rauches quellen aus den Schornsteinen – ein billiges Schauspiel, das von den Heizern dadurch hervorgebracht wurde, daß sie kurz vor der Ankunft an einem Halteplatz ein Stück harziges Pitch-Pine (das amerikanische Tannenholz) in die Feuer warfen; die Mannschaft ist auf dem Vorderdeck gruppiert; die Landungsbrücke ragt über die Seite des Boots hervor, und der beneidenswerteste aller Matrosen steht, das Ende eines dicken Taues in der Hand, malerisch und weithin sichtbar auf ihr. Jetzt tönt ein lautes Schrillen aus dem kleinen Dampfrohr, der Kapitän hebt die Hand, eine Glocke läutet, die Räder stoppen, dann schlagen sie rückwärts, das Wasser zu Schaum peitschend, und der Dampfer steht regungslos. Nun entsteht ein toller Wirrwarr, indem die einen ans Land, die andern an Bord drängen, und gleichzeitig die Frachtstücke eingeladen und ausgeladen werden; – dazwischen schreit und flucht die Mannschaft, um sich die Arbeit zu erleichtern. Zehn Minuten später, und alles ist vorüber; der Dampfer ist wieder in Fahrt; schon treibt er mitten im Strom dahin, ohne Flagge am Stock und ohne das Schauspiel qualmender Schornsteine. Nach abermals zehn Minuten verschwindet er hinter der entgegengesetzten der beiden Landzungen, und der Ort ist in seine alte Totenstille und der Ortstrunkenbold in seinen Schlummer neben den Häuten zurückgesunken.

Mein Vater war Friedensrichter des Städtchens und ich glaubte nicht anders, als daß er Gewalt über Leben und Tod aller übrigen Menschen besaß, und jeden, der ihn ärgerte, hängen lassen konnte. Das war genug, um mein Selbstgefühl zu befriedigen, aber der Wunsch, ein Dampfbootmann zu werden, machte sich trotzdem mit immer wachsender Stärke geltend. Zuerst wünschte ich Kajütsjunge zu werden, damit ich beim Anlegen des Bootes in einer weißen Schürze erscheinen und ein Tafeltuch über das Geländer hinweg ausschütteln konnte, wo mich alle meine früheren Kameraden sehen konnten. Später hielt ich es für begehrenswerter, der Matrose zu sein, welcher bei Ankunft des Dampfers mit dem Tau in der Hand auf dem Ende des vorgeschobenen Landungssteges steht, weil derselbe ganz besonders auffällt. Aber das waren nur Träume – zu himmlisch, um auch nur ferne die Annahme, daß sie je Wahrheit werden könnten, aufkommen zu lassen.

Eines Tages verschwand einer unserer Kameraden in der geheimnisvollsten Weise. Wochen und Monate hörte man nichts von ihm. Endlich sahen wir ihn wieder – sahen ihn wieder als Maschinistengehilfen auf einem Dampfboot! Dieser Vorfall schlug das ganze Gebäude meiner in der Sonntagsschule erworbenen Moral in Trümmer. Jener Knabe war von jeher ein notorisches Weltkind gewesen – während ich das gerade Gegenteil war. Und doch hatte ihn das Schicksal so hoch gehoben – während es mich in Dunkelheit und Jammer schmachten ließ. Er trug sein Glück und seine Größe ziemlich protzig zur Schau. Er wußte es stets so einzurichten, daß er, während sein Boot anlegte, irgend etwas zu putzen hatte, und dann stellte er sich gerade so zu seiner Arbeit, daß wir ihn alle sehen und beneiden konnten. Und allemal, wenn sein Boot bis zum nächsten Tage rastete, besuchte er seine Eltern und stolzierte in der Stadt herum in seinen schwärzesten und fettigsten Kleidern, so daß es absolut niemandem entgehen konnte, daß er ein Dampfbootmann sei. Zu gleicher Zeit bediente er sich in seiner Ausdrucksweise mit besonderem Fleiß allerlei technischer, auf Dampfschiffen gebräuchlicher Bezeichnungen und Redewendungen, als sei er so daran gewöhnt, daß er an die gewöhnlichen Menschen, welche nichts davon verstanden, gar nicht dachte. Er konnte von der ›Backbordseite‹ eines Pferdes in einer so ungezwungenen und natürlichen Weise sprechen, daß er den Gutmütigsten von uns wütend machte. Und dann schwatzte er immer von ›Saint Lu–u–y‹, mit einer Betonung, als wäre er einer der ältesten Bewohner jener wundervollen Stadt, und erzählte von dem letzten Feuer daselbst, welches er hatte löschen helfen, und rechnete uns vor, wie vielemale unsre Stadt abbrennen müßte, ehe wir den Ruhm einer solchen Feuersbrunst in Anspruch nehmen dürften. Zwei oder drei von uns hatten sich lange eines besonderen Ansehens erfreut, weil sie einmal in St. Louis gewesen waren und eine vage Idee von seinen Wundern hatten – aber mit ihrem Glanze war es nun aus und vorbei. Sie verfielen in demütiges Stillschweigen und suchten sich zu drücken, so oft der widerwärtige ›Maschinistenaffe‹ erschien. Und nicht genug damit, der Bursche hatte auch Geld und Haaröl dazu. Selbst eine höchst anmaßliche Silberuhr mit einer ganz unleidlich blitzenden Tombakkette besaß er. Hosenträger verachtete er und trug statt ihrer einen ebenso albernen wie auffallenden Lederriemen. Wenn je ein junger Mensch von seinen Kameraden bewundert und gehaßt wurde, so war es dieser. Kein Mädchen konnte ihm widerstehen. Er stach jeden Burschen im Orte aus. Als endlich sein Boot in die Luft flog, erfüllte dies unsre Gemüter mit einer stillen Freude und einer Beruhigung, wie wir sie seit Monaten nicht gekannt hatten. Als er aber eine Woche danach wieder leibhaftig im Städtchen ankam, und über und über mit Pflastern und Binden bedeckt am Sonntag in der Kirche erschien, ein strahlender Held, angestarrt und angestaunt von jedermann: da schien es uns denn doch, als habe die Parteilichkeit der Vorsehung für ein unwertes Reptil einen Grad erreicht, daß die übrige Menschheit zur Kritik herausgefordert wurde.

Das Leben und die Laufbahn dieses Geschöpfes konnte nur eine Folge haben, und dieselbe ließ nicht lange auf sich warten. Knabe um Knabe ging auf den Fluß! Der Sohn des Geistlichen wurde Maschinist; die Söhne des Doktors und des Postmeisters erlangten Stellungen als Gepäck- und Frachtschreiber. Der des Spirituosenhändlers brachte es zum Schenkwirt auf einem Missouriboot. Die vier Jungen des Hauptellenwarenhändlers des Ortes und die zwei des Bezirksrichters endlich wurden Lotsen. Lotsen war das Höchste von allem. Selbst in jenen Zeiten der Sparsamkeit und der geringen Bezahlungen erhielt ein Lotse einen fürstlichen Gehalt: hundertfünfzig bis zweihundertfünfzig Dollars den Monat und alles frei. Zwei Monate seines Einkommens kamen dem Jahresgehalt eines Geistlichen gleich! Man denke sich die Verzweiflung derer von uns, die zurückbleiben mußten, die nicht – wenigstens nicht mit dem Willen ihrer Eltern – auf den Fluß durften!

Und so geschah es denn eines Tages – daß ich durchging! Ich schwur mir zu, niemals zurückzukehren, außer als Lotse und in vollster Glorie. Aber wie ernst ich es auch meinte – es wollte und sollte mir damit nicht glücken. Ich machte in aller Bescheidenheit meine Aufwartung an Bord verschiedener Dampfer, welche, Sardinen gleich zusammengeschichtet, längs der Werft von St. Louis lagen und erkundigte mich demütig nach den Lotsen; wurde aber von den Matrosen und sonstigen Angestellten kurz und kühl abgewiesen. Wohl oder übel mußte ich mir diese Behandlung gefallen lassen und tröstete mich mit den Bildern einer besseren Zukunft, wenn ich ein großer und berühmter Lotse sein würde, mit Geld genug, um einem Heer von diesen Matrosen und Schreibern den Garaus zu machen und den Schaden zahlen zu können.

Drei Monate später – und diese und ähnliche Hoffnungen hatten den Todeskampf in mir gekämpft. Ich erwachte eines Morgens ohne irgend einen Ehrgeiz, aber ich schämte mich, nach Hause zurückzukehren. Ich befand mich gerade in Cincinnati und entschloß mich, an die Wahl eines neuen Lebensberufes zu gehen. Der Zufall wollte, daß ich kurz vorher von den neuesten Entdeckungen im Gebiet des Amazonenstromes durch eine von unsrer Regierung dahin entsendete Erforschungsexpedition gelesen hatte. Es war darin gesagt, daß infolge gewisser unüberwindlicher Schwierigkeiten ein Teil des fraglichen Gebietes, der an den Quellen des Stromes etwa 4000 Meilen von seiner Mündung entfernt lag, unerforscht hatte bleiben müssen. Von Cincinnati nach New-Orleans war es nicht ganz fünfzehnhundert Meilen. Ich hoffte bestimmt, dort ein Schiff zu finden, um damit den Rest der acht- bis zehntausend Meilen nach den Quellen des Amazonenstromes zurückzulegen. Ich hatte gerade noch dreißig Dollars übrig – was konnte ich Besseres damit thun, als hingehen und die Erforschung des Amazonenstromgebietes vollenden? Weitere Gedanken machte ich mir bei der Sache nicht. Es ist nie meine Stärke gewesen, mich mit Kleinigkeiten und Einzelheiten abzugeben. Ich packte meinen Handkoffer und nahm auf einem der ältesten ›Kasten‹, der den Ohio und Mississippi damals unheimlich machte, dem ›Paul Jones‹, Passage nach New-Orleans. Für den Betrag von sechzehn Dollars hatte ich den Vorteil, alleiniger Inhaber der verwitterten und abgeschabten Pracht des ›Hauptsalons‹ zu sein, da das Boot jeden Vorzug der Welt besaß, nur den nicht, anspruchsvollere oder weisere Reisende anzuziehen.

Als wir nun den breiten und grünen Ohio hinabkeuchten, wurde ich plötzlich ein neues Wesen und der Gegenstand meiner eignen Bewunderung. Ich war ein Reisender! Nie schien mir ein Wort in meinem Munde einen so wundervollen Klang gehabt zu haben. Ich hatte ein überströmendes Gefühl, ein schwellendes Bewußtsein in mir, mich auf dem besten Wege nach den geheimnisvollsten Ländern, nach den entlegensten Klimaten zu befinden, – ein Gefühl und ein Bewußtsein, wie ich sie seitdem nie wieder gehabt habe. So erhebend und verklärend waren beide, daß alles unedle Fühlen von mir wich, und ich es sogar über mich vermochte, auf die nicht reisende Welt mit einem Mitleid herabzublicken, welches durch keine Beimischung von Verächtlichkeit entadelt wurde. Dennoch konnte ich es mir nicht versagen, wenn wir an kleinen Städtchen und sonstigen Uferplätzen anlegten, mich nachlässig über das Geländer des obern Decks zu lehnen und mich in dem Neide zu sonnen, den ich der am Landungsplatz versammelten Jugend einflößte. Schien es mir, als ob sie mich nicht entdecken wollte, so hustete ich wohl oder schneuzte mich mit möglichster Deutlichkeit, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen, oder suchte mir einen Platz aus, wo nichts sie davor retten konnte, mich zu sehen. Und sobald sie mich sahen, begann ich zu gähnen, mich zu dehnen und zu räkeln, mit einem Wort in allen jenen Kundgebungen zu ergehen, durch die ein Reisender seine Ermüdung und seinen Widerwillen gegen das Reisen zu erkennen zu geben pflegt.

Gleichzeitig hatte ich es mir zur Regel gemacht, barhaupt einherzugehen und mich möglichst an Plätzen aufzustellen, wo Sonne, Wind und Wetter uneingeschränkte Verfügung über mein Gesicht hätten – alles nur, um das Ansehen eines echten, bronzierten, verwitterten Reisenden zu bekommen. Und in der That, ehe der zweite Tag vorüber war, empfand ich eine Genugthuung, die mich ganz und gar mit Seligkeit erfüllte, denn ich bemerkte, daß meine Haut am Hals und im Gesicht sich abzuschälen begann. Ich wollte nur, die Knaben und Mädchen in meiner Heimat hätten mich jetzt sehen können.

Wir kamen rechtzeitig nach Louisville – oder doch wenigstens in die Nähe, gerieten aber auf die mitten im Fluß befindlichen Felsen und blieben hier so fest sitzen, daß wir erst nach vier Tagen weiter kamen. Was mich anbelangt, so erweckten die gemeinsam überstandenen Schwierigkeiten und Gefahren ein ebenso unwillkürliches wie starkes Gefühl der Zugehörigkeit zu dem Fahrzeug und der auf ihm heimischen Personen in mir. Ich kam mir wie eine Art Sohn des Kapitäns oder ein jüngerer Bruder der Offiziere vor, und vergebens würde ich mich bemühen, dem Stolz Worte zu leihen, der ob dieser eingebildeten Würde mein Herz schwellte, oder die Hingebung zu schildern, die mich an diese Menschen kettete. Allerdings wußte ich damals noch nicht, welche geringe Wertschätzung der flußbeherrschende Dampfbootsmann für derartige Empfindungen einer anmaßenden Landratte zu hegen pflegt! Nur zu bald sollte ich es erfahren.

Vor allen Dingen war es der riesige erste Steuermann, von dem ich um’s Leben gern irgend ein geringes Zeichen der Beachtung erhalten hätte. Mit ängstlicher Aufmerksamkeit lauerte ich auf die Gelegenheit, durch eine kleine Gefälligkeit oder einen Dienst mir diese Gunst des Schicksals zu gewinnen. Endlich bot sie sich dar. Unter dem bei dergleichen Anlässen üblichen Spektakel wurde eine neue Spiere (Ladebaum) auf dem Vorderdeck angebracht. Ich stand in bescheidener Zurückhaltung in der Nähe und sah zu, als plötzlich der Steuermann nach einer Handspake rief. Im Nu war ich an seiner Seite: »Sagen Sie nur, wo sie ist, und ich hole sie.« Wenn ein Lumpensammler der New-Yorker Waterstreet sich plötzlich dem Kaiser von Rußland zu einer diplomatischen Sendung zur Verfügung stellen würde, so könnte dieser in kein größeres Erstaunen versetzt werden, als mein riesiger Steuermann durch mein kleines Anerbieten, ihm die Handspake zu holen. Sogar sein Fluch blieb ihm in der Kehle stecken. Er stand regungslos und starrte zu mir nieder. Mindestens zehn Sekunden kostete es ihm, bis er seine gebannten Geister wieder gesammelt hatte. Dann stieß er mit einem mir unvergeßlichen Ausdruck die Worte hervor: » Well, wenn das nicht über den Teufel geht –«, und machte sich wieder an die Arbeit mit der Miene eines Mannes, dem eben etwas ganz Besonderes in die Quere gekommen war.

Ich schlich mich hinweg und begrub mich für den Rest des Tages in die Einsamkeit meiner Koje. Ich ging nicht zum Mittagessen, und selbst am Abendtisch erschien ich erst, als alle übrigen längst fertig waren. Mein Zugehörigkeitsgefühl zu der Schiffsfamilie war jetzt lange nicht mehr so stark wie vordem. Erst allmählich kehrte mein Mut und mein Selbstvertrauen wieder zurück. Es that mir leid, daß ich gegen den Steuermann mit so bitterem Haß erfüllt war, denn man konnte nicht anders als ihn bewundern. Er war sechs Schuh hoch und hatte die Kraft eines Stiers. Sein Gesicht war ganz und gar bärtig. Auf seinem rechten Arm war eine rote und eine blaue Frau tättowiert, jede mit einem blauen, an rotem Seile hängenden Anker zur Seite. Und endlich war er die Vollkommenheit selbst im Fluchen. Wenn unter seiner Aufsicht Ladung gelöscht oder eingenommen wurde, so stellte ich mich immer so, daß ich alles hören und sehen konnte. Er fühlte die ganze Größe seiner Stellung und versäumte auch keine Gelegenheit, sie der Welt fühlbar zu machen. Selbst den einfachsten Befehl erteilte er, als gelte es, einen plötzlichen Blitz zu schleudern und mit einem lange anhaltenden Donner von Verwünschungen zu begleiten. Man konnte nicht umhin, die Art und Weise, in der eine gewöhnliche Landratte einen Befehl erteilen würde, mit der Großartigkeit, mit der dieser Steuermann es that, zu vergleichen. Eine Landratte, die den Landungssteg um einen oder zwei Fuß weiter vorangeschoben haben wollte, würde sich etwa wie folgt ausgedrückt haben: »James oder William – sei einer von euch so gut, das Brett da vorzuschieben!« Mein Steuermann dagegen ließ aus derselben Veranlassung den folgenden Wortkatarakt los: »Hier, Jungens, das Gangbrett voran! Verd–t noch einmal, vorwärts – sag‘ ich. Was sagt er? Haut ihn auf den Schnabel! Hierher – hier! So, Jungens, – noch ein Stück, – noch eins! Verwünscht, Herr, wollen Sie auf dem Brett einschlafen – oder darauf wohnen bleiben? Weiter nach hinten, sag‘ ich. Genug so! Oder soll es gleich hinten über Bord, he? Wohin geht ihr mit dem verd–ten Faß da? Wenn ihr nicht gleich macht, daß ihr mir damit aus den Augen kommt, laß‘ ich’s euch gleich verschlucken oder ich will des Teufels sein, ihr verd–es Zwitterding von Schildkröte und lahmem Esel!«

Und da sollte man dabeistehen und nicht von dem Wunsch verzehrt werden, ebenso sprechen zu können?!

Als sich meine Beschämung und mein Kummer über das Abenteuer mit dem Steuermann etwas zu legen begonnen, richteten sich meine Blicke auf den letzten und bescheidensten Angestellten des Bootes, den Decknachtwächter, und ich beschloß, wenigstens mit diesem ein persönliches Verhältnis zu erzwingen. Zwar wies auch er meine Annäherungsversuche zuerst in der unfreundlichsten Art zurück, als ich ihm jedoch eine neue Thonpfeife schenkte, wurde er weicher. Erst erlaubte er mir, mit ihm auf dem Sturmdeck bei der großen Glocke zu sitzen, dann schmolz seine Zurückhaltung in zusammenhanglos hingeworfene Worte, und endlich schlossen sich diese zu einer vollständigen Unterhaltung zusammen. Es blieb ihm wohl nichts anderes übrig. Ich hing mit solcher Hingebung an seinen Lippen und machte aus meinen Empfindungen so wenig ein Hehl, daß es ihm nicht entgehen konnte, wie sehr mich seine Herablassung beglückte und erhob. Er nannte mir die Namen von dämmernden Ufervorsprüngen und dunkeln Flußinseln, als wir in der feierlichen Nacht unter dem friedlichen Blinken der Sterne daran vorüberglitten, und schließlich kam er auch auf sich selbst zu sprechen. Für einen Menschen, dessen wöchentlicher Gehalt sechs Dollars betrug, war er vielleicht ein wenig zu gefühlvoll, oder richtiger gesagt, er hätte einer ältern und erfahrenern Person als mir leicht so erscheinen können. Aber ich trank seine Worte in mein dürstendes Gemüt und nahm sie mit einer Gläubigkeit auf, die Berge hätten versetzen müssen, wenn man sie hiezu verwendet hätte. Was scherte es mich, daß er schäbig aussah und schmierig war, und daß er auf weite Entfernungen nach Genever duftete? Was scherte es mich, daß seine Grammatik schlecht, seine Aussprache noch schlechter war und daß die Art, wie er das unerläßliche Fluchen betrieb, so sehr jedes künstlerischen Hauches entbehrte, daß es seine Unterhaltung, anstatt ihr einen höheren Reiz zu verleihen, vielmehr beeinträchtigte? Er war ein Mann, dem übel mitgespielt worden war, der stürmische Zeiten gesehen, der gelitten hatte. Das war für mich entscheidend. Als ich seinen Stolz soweit überwunden hatte, daß er mir seine traurige Geschichte erzählte, fielen ihm Thränen von den Wimpern auf die Laterne in seinem Schoß, und ich schluchzte vor Mitgefühl laut auf. Er teilte mir mit, daß er der Sohn eines englischen Edelmanns sei, – er wußte nicht recht, ob eines Grafen oder eines Ratsherrn, meinte aber, wahrscheinlich von beiden. Sein Vater liebte ihn zärtlich, aber seine Mutter haßte ihn von der Wiege an. Noch als kleiner Knabe wurde er nach einem von den »alten, uralten Kolleges geschickt«, – er erinnerte sich nicht mehr recht, nach welchem. Dann starb sein Vater plötzlich, und die Mutter riß das ganze Vermögen an sich und setzte ihn »vor die Thüre«. In dieser Lage boten verschiedene Mitglieder der englischen Aristokratie, mit denen er aufgezogen worden, ihren ganzen Einfluß auf, um eine Volontär-Schiffsjungenstelle auf einem Westindienfahrer zu besorgen. Und so war er aufs Wasser gekommen. Einmal bei diesem Punkt in seiner Lebensgeschichte angelangt, verlor mein Nachtwächter jeden Faden, und die Fortsetzung seiner Erzählung war nur noch ein einziges Chaos von Daten, Örtlichkeiten, Namen und unglaublichen Abenteuern, eine epische Sündflut, so voller Schrecknisse und um eines Haares Breite abgewendeter Lebensgefahren, so strotzend von bewußter und unbewußter menschlicher Schlechtigkeit und so triefend von Blut und Thränen, daß ich sprachlos dasaß, lauschend, bewundernd, staunend und anbetend!

Es war kein kleiner Schmerz für mich, als ich später dahinterkam, daß er ein gemeiner, unwissender, sentimentaler, halbverrückter Schwindler war, ein nie in der Welt gewesener Eingeborner der Wildnisse von Illinois, welcher eine Unmasse von Kolportageromanen verschlungen und ihre Ungeheuerlichkeiten in sich aufgenommen hatte, bis er am Ende aus den verschiedensten Fäden seine eigene wirre Geschichte zusammengewoben, die er unerfahrenem, halb flüggem Volke, wie mir, erzählte, bis er schließlich selbst daran glaubte.

  1. Negro Minstrels = Sängergesellschaft von Negern.

Zehntes Kapitel.

Zehntes Kapitel.

Bereits seit dem Tage vor unserem Eintreffen in Julesburg hatten sich gewiß und wahrhaftig zwei Drittel dessen, was Kutscher und Kondukteur sprachen, mit Slade beschäftigt. Um nun dem Leser ein deutliches Bild von einem ›Desperado‹ des Felsengebirges auf der höchsten Stufe seiner Entwickelung zu verschaffen, will ich die ganze Masse von Geschichten, die bei der Überlandpost über denselben im Umlauf sind, im Nachstehenden zu einer zusammenhängenden Erzählung zusammenfassen:

Slade stammte aus Illinois, von achtbaren Eltern. Mit ungefähr sechsundzwanzig Jahren erschlug er jemand im Streite und floh aus dem Land. In St. Joseph im Staat Missouri schloß er sich einem der ersten Auswandererzüge nach Kalifornien an und wurde mit dessen Führung betraut. Eines Tages bekam er auf der Prairie einen heftigen Zank mit einem seiner Fuhrleute und beide zogen den Revolver heraus. Der Fuhrmann war jedoch der flinkere Künstler und hatte den Hahn an seiner Waffe zuerst gespannt. Deshalb meinte Slade, es sei doch nicht der Mühe wert, einander wegen einer solchen Kleinigkeit die Hälse zu brechen und schlug vor, die Pistolen wegzuwerfen und den Streit mit den Fäusten auszumachen. Arglos ging der Fuhrmann darauf ein und ließ seine Pistole fallen, – woraus ihn Slade unter höhnischem Lachen über seine Einfalt einfach über den Haufen schoß!

Er machte sich daraufhin flüchtig und führte eine Zeit lang ein wildes Leben, das er zur Hälfte mit Indianerkämpfen und zur andern Hälfte mit dem Bestreben zubrachte, einem Gerichtsbeamten des Staates Illinois auszuweichen, der behufs seiner Festnahme wegen seiner ersten Mordthat gegen ihn ausgesandt worden war. Damals soll er in einem Kampfe mit Indianern drei Wilde mit eigener Hand getötet und nachher deren abgeschnittene Ohren dem Häuptling des Stammes mit seinen Grüßen überschickt haben.

Bald stand Slade allenthalben im Rufe furchtloser Entschlossenheit, und dieses Verdienst war hinreichend, um ihm die wichtige Stelle eines Abteilungsagenten bei der Überlandpost in Julesburg als Nachfolger eines gewissen Jules zu verschaffen, der seine Entlassung erhielt. Kurz zuvor war es häufig vorgekommen, daß der Gesellschaft Pferde gestohlen und Kutschen aufgehalten wurden und zwar durch Banden flüchtiger Verbrecher, denen der Gedanke, es könnte jemand so tollkühn sein wollen, derlei Missethaten zu ahnden, stets nur ein höhnisches Lachen entlockte. Slade ahndete dieselben unverzüglich. Das Gesindel hatte bald herausgefunden, daß Slade ein Mann war, der sich vor nichts fürchtete, was da atmete. Wer sich gegen Gesetz und Ordnung verging, mit dem machte er kurzen Prozeß. Das Ergebnis war, daß kein Aufenthalt bei den Postfahrten mehr vorkam, daß das Eigentum der Gesellschaft unangetastet blieb und daß Slades Kutschen stets ohne Störung rechtzeitig eintrafen, einerlei, was dabei vorkam und wer dabei Schaden hatte! Allerdings, um diese heilsame Veränderung zuwege zu bringen, mußte Stade ein paar Menschen aus der Welt schaffen – die einen behaupten drei, andere vier, wieder andere sechs – aber das war ein Verlust, bei dem die Welt nur gewann.

Die erste erhebliche Schwierigkeit hatte er mit dem Ex-Agenten Jules, der selbst im Rufe eines gewissenlosen, verzweifelten Menschen stand. Derselbe hatte auf Slade, der ihn um seine Stelle gebracht, einen tödlichen Haß geworfen und wartete nur auf eine schickliche Gelegenheit, um sich an diesem zu reiben. Endlich lauerte er ihm hinter einer Ladenthür auf und jagte ihm einen Flintenschuß in den Unterleib, allein Slade brachte ihn durch ein paar wohlgezielte Schüsse aus seinem historischen Revolver gleichfalls zu Fall. Jules, der zuerst wieder genas, zog sich ins Gebirge zurück, um dort in Sicherheit Kräfte für den Tag der endgültigen Abrechnung zu sammeln. Nach Jahr und Tag gelang es Slades Myrmidonen, Jules in einem seiner Felsenschlupfwinkel aufzutreiben und gefesselt seinem Todfeind in die Hände zu liefern, der ihn mit teuflischem Behagen langsam abschlachtete.

Inzwischen war Slade, nachdem die Gesellschaft sich überzeugt, daß seine energische Verwaltung auf einer der schlimmsten Strecken ihrer Route Frieden und Ordnung wiederhergestellt hatte, an die Rocky Ridge Division im Felsengebirge versetzt worden; man wollte sehen, ob er imstande sein würde, hier ein kleines Wunderwerk zu verrichten. Diese Strecke war nämlich das reinste Paradies der Gesetzverächter und Desperados. Hier bestand auch nicht der leiseste Schalten von Gesetz und Recht. Gewalt war an der Tagesordnung, Stärke die einzige anerkannte Macht. Die allergewöhnlichsten Mißverständnisse wurden auf der Stelle mit Pistole und Messer ausgemacht. Mordthaten kamen am hellen Tage und zwar recht häufig vor, ohne daß es einem Menschen einfiel, sich darum zu kümmern. Man ging davon aus, daß die Leute, wenn sie einander umbringen, ihre eigenen guten Gründe dazu haben; eine Einmischung Dritter in die Sache würde als Taktlosigkeit erschienen sein. Alles, was die Etikette von Rocky Ridge vom Augenzeugen einer Mordthat verlangte, war, daß derselbe dem Herrn Mörder sein Opfer begraben half – andernfalls würde man seiner Ungefälligkeit beim ersten Anlaß gedacht haben, wo er selber jemand umgebracht hatte und nachbarlichen Beistand zu dessen Beerdigung bedurfte.

In aller Ruhe und Gemütlichkeit schlug Slade seinen Wohnsitz inmitten dieses Bienenstockes von Pferdedieben und Banditen auf, und gleich das allererstemal, wo einer derselben sein unverschämtes Maul in seiner Gegenwart laufen ließ, schoß er ihn nieder. Er begann eine Razzia gegen das gesetzlose Gesindel, und in merkwürdig kurzer Zeit hatte er den Beraubungen des Eigentums der Gesellschaft Einhalt gethan, eine große Zahl gestohlener Pferde zurückerobert, mehrere der schlimmsten Desperados der Gegend aus der Welt geschafft und sich bei den übrigen ein so furchtbares Ansehen errungen, daß sie Achtung, Bewunderung, Furcht für ihn empfanden und ihm Gehorsam leisteten. Er brachte denselben Umschwung in den Verhältnissen der Gemeinschaft zuwege, der seine Verwaltung in Overland City gekennzeichnet hatte. Zwei Bursche, die sich am Eigentum der Gesellschaft vergriffen hatten, fing er ein und henkte sie mit eigener Hand. Er war oberster Richter in seinem Bezirk und zugleich Schwurgericht und Scharfrichter – und zwar nicht nur in Fällen, die seine Brotherren betrafen, sondern auch in Sachen durchziehender Auswanderer.

Im Schießen mit seinem Matrosenrevolver that es niemand Slade gleich. Wie die Sage erzählt, sah er eines Morgens in Rocky Ridge, als er eben recht gut aufgelegt war, einen Mann daherkommen, der ihm einige Tage vorher zu nahe getreten war. Er zog seinen Revolver mit den Worten: »Meine Herren, ein Schuß auf gut zwanzig Schritt – ich halte auf den dritten Rockknopf!« Und er traf den Knopf zur Bewunderung aller Umstehenden. Diese gingen denn auch sämtlich mit zur Leiche. Einmal fiel Slade in die Hände einer Bande, die sich zusammen gethan hatte, um ihn zu lynchen. Er wurde entwaffnet und in einem starken Blockhause bewacht. Da überredete er seine Feinde, seine Frau holen zu lassen, um sie noch ein letztesmal zu sehen. Sie war ein tapferes, mutiges Weib und ihm unbedingt ergeben. Sofort warf sie sich auf ein Pferd und ritt davon auf Leben und Tod. Man ließ sie undurchsucht zu ihm hinein, und ehe man noch die Thür zu schließen vermochte, hatte sie ein paar Pistolen hervorgeholt, unter deren Schutz sie samt ihrem Herrn Gemahl siegreich herausdrang, worauf sie beide unter lebhaftem Feuer ihre Pferde bestiegen und unverletzt davonsprengten!

Fahrplanmäßig waren wir indessen bei einer Poststation angerasselt und ließen uns mit einer halbwilden Gesellschaft bewaffneter bärtiger Gebirgsbewohner, Bauern und Stationsleute, zum Frühstück nieder. Nirgends noch hatten wir einen so anständigen, ruhigen und freundlichen Beamten auf unserer ganzen Reise getroffen, wie den, der hier am Tische obenan saß, Schulter an Schulter neben mir. Wer beschreibt mein Staunen und mein Entsetzen, als ich ihn Slade nennen hörte.

Hier saß der Romanheld, und ich ihm gegenüber Aug‘ in Auge! Ich sah ihn, – berührte ihn – trank sozusagen mit ihm aus einem Glase! Da, dicht neben mir saß der Menschenfresser, der in Gefechten, bei Raufereien und sonstigen Anlässen sechsundzwanzig Menschen das Lebenslicht ausgeblasen hatte, es müßte denn alle Welt an ihm zum Lügner geworden sein. In diesem Augenblick erfüllte mich ein Gefühl des Stolzes, wie es wohl vor mir noch nie ein so junges Bürschchen empfunden hatte, das ausgezogen war, um fremde Länder und merkwürdige Menschen zu schauen.

Er war so freundlich und artig, daß ich mich trotz seiner abstoßenden Lebensgeschichte zu ihm hingezogen fühlte. Man vermochte es nur mit Mühe zu fassen, daß diese angenehme Persönlichkeit die erbarmungslose Geißel verbrecherischen Gesindels, der Popanz und wilde Mann war, mit dem die Mütter im Gebirge ihre kleinen Kinder fürchten machten. Und noch heute wüßte ich von Slade nichts irgend Auffallendes zu berichten, als daß sein Gesicht über die Backenknochen herüber ziemlich breit war, während diese selbst niedrig standen, und daß er auffallend schmale und gerade geschnittene Lippen hatte. Doch genügten diese Züge, um einen nachhaltigen Eindruck auf mich zu machen, denn so ich seither ein Gesicht mit den erwähnten besonderen Merkmalen sehe, muß ich fast immer in dem Besitzer desselben einen gefährlichen Menschen vermuten.

Der Kaffee ging zur Neige. Wenigstens war nur noch eine einzige Blechtasse voll da, welche Slade eben für sich nehmen wollte, als er sah, daß ich eine leere Tasse vor mir hatte. Höflich bot er mir an, mir solche zu füllen, was ich, obwohl ich den Kaffee recht gut brauchen konnte, ebenso höflich ablehnte. Ich fürchtete, daß er an jenem Morgen vielleicht noch niemand umgebracht haben und deshalb einer Zerstreuung benötigen könnte. Allein er bestand mit fester Höflichkeit darauf, mir die Tasse vollzugießen und meinte, ich sei die ganze Nacht durch gefahren und habe es nötiger als er – und unter diesen Worten schenkte er mir den Kaffee bis auf den letzten Tropfen ein. Dankend trank ich denselben aus, allein er schmeckte mir nicht sonderlich, denn ich konnte immer noch nicht gewiß wissen, ob ihn seine Freigebigkeit nicht gereuen und er mich dann etwa umbringen würde, um seine Gedanken von seinem Verluste abzulenken. Es kam jedoch nichts derart vor. Als wir uns von ihm verabschiedeten, hatte er nicht mehr als sechsundzwanzig Blutthaten auf dem Gewissen und ich empfand eine recht angenehme Befriedigung bei dem Gedanken, daß ich durch die weise Rücksicht, die ich der Nummer 1 am Frühstückstisch hatte zu teil werden lassen, mir das Schicksal erspart hatte, Nummer 27 zu werden. Slade kam heraus an den Wagen und sah uns zu beim Wegfahren, nachdem er zuvor die Postsäcke bequemer für uns hatte packen lassen; dann nahmen wir Abschied von ihm, mit der angenehmen Hoffnung, bald wieder etwas von ihm zu vernehmen und waren nur begierig, in welchem Zusammenhang dies der Fall sein werde.