Märchen

493. Der Jägerstein

493. Der Jägerstein

Nicht weit von den Teufelskreisen steht im Schneekopfwalde einsam unter den Bäumen ein Denkstein. Ein Förster zu Gräfenrode, dessen Revier sich bis auf diese Höhen herauf erstreckte, fand hier seinen Tod. Er hatte einen Jägerburschen, welcher sein Vetter war und wirklich Caspar hieß – mit dem er in großem Unfrieden lebte und ihn den Herrn mit Strenge fühlen ließ. Da sich nun droben im Schneekopfreviere zum öftern ein sehr großer feister jagdgerechter Hirsch von vielen Enden, aber über sechzehn, hatte erblicken lassen, so gab der Förster dem Caspar den Auftrag, selben Hirsch zu schießen. Aber wer den Hirsch nicht schoß, war der Caspar, dieweil er ihn, und wenn er ihn auch ganz nahe vor dem Lauf hatte, stets fehlte, und wenn er nun nach Hause kam, so mußte er Hohn und Spottreden über sein Ungeschick in Menge vernehmen, und in Gesellschaft, wenn die Weidgenossen der Umgegend droben auf der Schmücke oder im Auerhahn oder zu Oberhof beim Trunke zusammensaßen, da sagte jener Förster oft spöttisch in Caspars Gegenwart: Ja, mein Vetter, der Caspar, was der für einen Treffer hat, das ist unglaublich – es glaubt’s niemand! Der trifft im Finstern, daß man gar nicht sieht, was er geschossen hat! – und dergleichen Stichelreden mehr. – Das wurmte nun den Caspar gehörig, und da er an einem alten Weidgesellen einen Freund hatte, den solches auch wurmte, so sagte ihm der kurz und gut: Caspar, die Geschichte mit dem Hirsch da droben ist nicht richtig, das kennen wir, den wirst du mit einer Bleikugel in Ewigkeit nicht treffen, das hat was anders auf sich. Geh einmal morgen in der Früh hinauf nach Gehlberg in die Glashütte und laß dir eine gläserne Kugel machen, das ist gleich geschehen, und die lade nur stillschweigend in die Büchse und gehe abends wieder hinauf auf den Anstand. Diesen Rat befolgte der Caspar, stand droben, lauerte, da krachte es in den Büschen, und da kam der Kapitalhirsch und äsete sich, und Caspar nahm ihn fest aufs Korn und drückte los und sah die Kugel wie einen blitzenden Feuerpfeil nach dem Hirsch fahren und diesen zusammenbrechen. Freudig über seinen endlichen Glücksschuß eilte er hin; er brauchte dem Hirsch den Genickfang nicht zu geben, er war verendet – aber – es war ja gar kein Hirsch, es war Herr Johann Valentin Grahner, sein Prinzipal, der sich mit bösen Weidmannsstücklein stets in den Hirsch verwandelt hatte. Der Schreck war groß, aber geschehen war geschehen. Caspar zeigte die Sache an, Herr Grahner wurde ehrlich begraben, und der Schuldiener zu Gräfenrode schnitt sich eine frische Feder und schrieb in das Kirchenbuch: A. 1690. den 16. Sept. ist der Fürstl. Sächs. Forst-Knecht, Herr Joh. Valentin Grahner, abends nach 4 Uhr von seinem Vetter Caspar, der ein Jäger-Bursch war, im Walde am Schneekopf, in Verblendung einer Hirschgestalt, an den Schlaf durch den Kopf geschossen worden, da Knall und Fall eins gewesen ist.

*

 

494. Die Wunder der Berge

494. Die Wunder der Berge

Vom Gebirgskamm, auf dem sich die Hochwarten des Beerberg und Schneekopf erheben, rieseln und rauschen die Quellen mannigfalt nach Osten und Westen zu Tale. Die muntere Lauter, die westwärts rollt, führte einst lauteres Gold in ihrem Rinnsal, davon hat das Dorf Goldlauter seinen Namen. Dortherum stand und steht in den Bergen viel edles Metall. Unterm Hirschkopf, wo die Gold, das Bächlein, entspringt, steht im Berge ein goldner Hirsch – aber das Bergwerk ist mit einem Hufeisen versetzt. Bedeutsam heißt der Felsen, wo es steht, die Hoffnungswand. Oben am Schneekopf ist ein Ort, der heißt die goldne Brücke, da ist des Reichtums genug hinweggetragen worden. Ostwärts fließen die Quellen der muntern Gera, der gepriesenen Ilm; und allenden weiß die Sage von gefeiten Stellen, von verschlossenen Schätzen, von Wächterjungfrauen, die sie hüten, von glücklichen Fündnern zu erzählen, denen alles zu Golde wird, was sie zur Glücksstunde an besonderen Stellen aufgehoben und mit sich getragen, Laub und Frösche, Käfer und Spinnen. Im obern Ilmgrunde steht der blaue Stein, gleich unterm Mordfleck an den Freibächen, auch mit einem Ort, die Hoffnung genannt, es ist um ihn nicht geheuer, der Herr der Wüstenei hat dort sein Wesen und Affenspiel. Burgruinen bergen in ihren verschlossenen Kellern manchen Schatz und auch Fässer, deren Dauben längst verfault, aber der Weinstein hält den Wein umschlossen in seiner Kristallhöhle. Da ist kein Tal und kein Tälchen, darin nicht ein Venetianer seinen Aufenthalt und seinen Silberborn gehabt. Feuermänner wandeln, besonders Amtleute und Förster, die im Leben Untaten getan oder die Leute allzu hart geplagt. Wer von alledem erzählen will, weiß gar nicht, wohin zunächst sich wenden.

*

 

495. Der rote Stein

495. Der rote Stein

Bei der Bergstadt Suhl, allwo es im Jahre des Herrn 1238, am 5. Mai, bei einem starken Gewitter Fleisch geregnet, steht ein Porphyrfels, der heißt der rote Stein. In demselben ist eine Jungfrau verzaubert, welche die Gewohnheit hat, vielmal hintereinander zu niesen, wie die bei Eisenach. Dieser Stein liegt zwischen Suhl und dem eine halbe Stunde von der Stadt gelegenen Gasthaus zum fröhlichen Mann. Einst kam ein Hochzeitzug geschritten, Musik voran, mit Lärm und Jubel, Brautpaar und Hochzeitgäste zogen hinauf zum fröhlichen Mann, sich dort gütlich zu tun, da ward aus dem roten Stein eine Stimme vernommen, die kreischte, daß es allen durchs Herz fuhr: Heute rot, übers Jahr tot! Und ein Jahr darauf war die junge Frau tot. Seitdem schweigt jeder Hochzeitzug, er komme von der Stadt herauf oder ziehe nach ihr hinab nach genossener Festlust auf dem fröhlichen Mann, und wandelt an dem roten Steine still vorüber.

*

 

496. Zauberkünste in Heinrichs

496. Zauberkünste in Heinrichs

Unter Suhla liegt der Stadtflecken Heinrichs, über diesem Ort aber eine Steinburg mit verzauberten Schätzen, die nicht wohl zu heben sind. Ein Hirte pflückte droben eine weiße Lilie, und es ging ihm wie seinen Kameraden, daß er im Bergesschoß das Beste vergaß. Die zuschlagende Türe des Felsengewölbes schlug ihm die Ferse wund, daß er lange daran kurieren mußte.

Nach Heinrichs sind einmal drei Wildschützen gekommen, die waren ihrer Kunst so gewiß wie der Hänsel Winkelsee, der zu Frankfurt am Main den Neuner durch die Eschenheimer Torturmfahne schoß, und kehrten im Gasthaus zum goldnen Hirsch ein, schon des Namens wegen, um hinten im Hofe, wo der Keller, ein Glas gutes Bier zu trinken, welches allda zu haben. Da kam unter den Gästen, die da zechten, die Rede auf die Schießfertigkeit und wurde manch hübsches Jägerstücklein erzählt, denn dortherum wimmelt es von Jägern, und zumal von Schützen, und dazumal gab es auch noch etwas zu schießen, trotz der vielen heimlichen Schützen, wie diese drei welche waren, obschon jedermann es wußte, und auf Kugeln besprechen, stets und sicher treffen und dergleichen anziehende Gesprächsgegenstände, und da rühmte sich der und jener und ward gesagt, die Drei sollten doch auch ihre Kunst einmal sehen lassen, wenn sie Wildschützen sein wollten, obgleich sie keine sein wollten. Da brach einer ein Kleeblatt ab, und der zweite langte eine Leiter und legte sie an die Steinwand des Gebäudes, das den Hof des goldnen Hirsches hinten beim Keller abschließt, und der dritte ging aus dem Hause über die Straße bis an die gegenüberstehende Häuserreihe, behielt aber, da die Torfahrt offenstand und die Flur hoch gewölbt und auch nach dem Hofe offen war, das Kleeblatt im Auge und zählte neunzig Gänge. Darauf haben die Schützen nach dem Kleeblatt geschossen, jeder nur eine Kugel, und wie einer schoß, schwand ein Blatt des Kleeblattes, aber die drei Kugelspuren nebeneinander sind noch sichtbar bis auf diesen Tag. Dann sind die drei Wildschützen stillschweigend zum Ort hinausgegangen.

Einigen Bauern in Heinrichs war das Vieh bezaubert, daß sie keine Butter mehr gewinnen konnten, da gingen sie zu einer alten Hexe und fragten diese um Rat, was sie dagegen tun sollten. Da unterwies das Hexenweib die Bauern, sie sollten in aller Teufel Namen zu einem Töpfer gehen, dort in gleichem Namen einen Topf bestellen, den solle der Töpfer auch in aller Teufel Namen fertig machen, und dann sollten sie den Topf ebenso auf einem vierspännigen Wagen abholen und dafür zahlen, was gefordert werde, ohne zu handeln. In diesen Topf sollte dann alle Milch nach und nach ein- und auch wieder ausgegossen werden. Diesen ganzen Hexen- und Teufelsrat befolgten die Bauern zu Heinrichs, wo das Hexenwesen, wie im ganzen Henneberger Land, in so voller Blüte stand, daß eine Herzogin zu Sachsen, deren Gemahl ein Landesteil dieser gefürsteten Grafschaft bei einer Erbverteilung zufiel, erklärte, sie gehe nicht in den Bereich der schwarzen Henne, und auch wirklich nicht hineinkam, denn sie starb, bevor ihr Gemahl Besitz nahm. Es wurde aber, bevor der Topf noch gebraucht ward, durch das auffallende Abholen desselben beim Töpfer, wo fünfzehn Groschen für den Topf bezahlt wurden, auf vierspännigem Wagen die Sache ruchbar, kam vor das Konsistorium und wurde der Teufelei ein Ende mit Schrecken gemacht. Die Bäuerlein mußten im Armsünderhemd Kirchenbuße tun und mehr Strafgeld zahlen, als alle Butter eines ganzen Jahres in Heinrichs wert war, den Topf zerschlug der Scharfrichter auf dem Schindersrasen, und an demselben angenehmen Ort wurde die Hexe verbrannt. Ein Glück für die Bäuerlein, daß der Topf noch nicht gebraucht war, sie hätten sonst mitbrennen müssen ohne Gnade.

*

 

497. Die Harchelsbeerhecke

497. Die Harchelsbeerhecke

Von Heinrichs im Talgrunde der Hasel abwärts wird ein Dorf erreicht, des Name ist Dillstedt, da ist ein Platz, den nennen die Leute nur die Malscht, das ist Malstätte, darüberhin gingen sonst immer die Brautleute, wenn sie mit ihren Gästen in das Wirtshaus zum Tanze zogen, wie die Suhlaer an ihrem roten Stein vorbei zum fröhlichen Mann. Am Wege stand eine Harchels- (Stachel)beerhecke, und da einstmals auch ein Brautpaar mit aufspielender Musik dort vorbeizog, da sang ein Vögelein mit lauter Stimme aus der Hecke:

Heut werrschtde nauf g’klunge
un übbers Jaar nauf g’sunge!

Und wie das Jahr herum war, da ging mit Trauerliedergesang ein Leichenzug über die Malscht, und das war das junge Paar, sie waren beiderseits an einer schwinden Krankheit gestorben; seitdem geht kein Brautzug mehr über die Malscht, und sollte einer, um in das Wirtshaus zu gelangen, den größten Umweg nehmen.

*

 

498. Das verwünschte Dorf

498. Das verwünschte Dorf

In der Flurmarkung von Dillstedt fliegt eine Wüstung, die heißt Germelshausen, da hat ein Dorf gestanden, steht auch noch, aber keiner sieht es, auch ist nicht gut, es zu sehen. Vor hundert Jahren ohngefähr kam der Feldscherer von Dietzhausen, zwischen Dillstedt und Heinrichs, durch den einsamen Grund zwischen Nora und Marisfeld, den der Görzbach durchfließt, und so kam er in ein Dorf hinein und sah da die Leute in die Kirche gehen und wunderte sich der altvaterischen Tracht, und als er nach Nor kam, wo man sich neumodisch trägt, fragte er, was denn das für ein Dorf sei, es konnte ihm aber niemand Bescheid geben, und die Leute sagten, da, wo er es beschrieb, am Görzbach, liege kein Dorf.

Zu derselben Zeit, es war Michaelis und in Dillstedt Kirmse, ging der Schuhmacher von Wichtshausen, zwischen Dillstedt und Dietzhausen, ein einfacher und schlichter Mann, nach Marisfeld zu, der kam zum erstenmal in jene Gegend und gelangte nahe an ein Dorf, darin krähten die Hähne und bellten die Hunde, und vor ihm her nahebei ging eine Frau, die eilte nach dem Dorfe. Der Mann rief sie an, um sich nach dem Wege zu befragen, aber sie hörte ihn nicht und schritt nach dem Dorfe auf einem ganz verraseten Fußpfad, des Mannes Weg aber führte ihn seitwärts vorbei und an einem ganz übergraseten Teich vorüber, und er wunderte sich, daß die Leute diesen Teich so ganz vernachlässigten. Als er sein Geschäft zu Marisfeld vollbracht und wieder heimwärtsging, war der Teich und das Dorf verschwunden.

Ein Nachbar, dem der Schuhmacher das erzählte, sagte ihm, er solle froh sein, daß er der Frau nicht nachgefolgt sei, da wäre er wohl nicht wieder heimgekommen. Er habe das verwünschte Dorf Germelshausen gesehen, und es sei dortherum gar nicht geheuer.

*

 

4. Die St. Galler Mönche erbeten Wein

4. Die St. Galler Mönche erbeten Wein

Die St. Galler Mönche erbeten Wein

In der stattlichen Abtei St. Gallen war große Sorge um den lieben Wein. Es war eben ein durstiges Jahr gewesen und lange Jahre nichts Erkleckliches nachgewachsen; nur noch zween Ohmfässer lagerten voll in dem großen Abteikeller, die reichten voraussichtlich nicht mehr weit, und dann wäre den frommen Vätern eine weinlose, schier schreckliche Zeit gekommen. Da wendete Gott das Herz eines frommen und heiligen Mannes, des Bischof Adalrich in der alten Stadt Augsburg, daß er den nicht weniger frommen Vätern zu St. Gallen ein ganzes Stückfaß voll Wein in ihre Abtei verehrte. Da kam aber die Nachricht nach St. Gallen, das Faß sei unterwegs im Rhein ertrunken, der Fuhrmann habe auf der steilen Brücke über den Fluß in der Nähe des Bodensees die Pferde allzuhart angetrieben, da sei die Achse gebrochen und das Faß hinab in den Strudel gestürzt. Das war ein Schrecken! Ohne Säumen berief der Abt den Konvent, und bald wallte eine lange Prozession mit Kreuz und Kirchenfahnen und Heiligenbildern von St. Gallen herab, sang und betete und kniete am Strudel, und die Küper des Klosters suchten mit Stricken das Faß zu fahen, das glücklicherweise noch unversehrt war und im Strudel tanzte. Wäre der Strudel nicht gewesen, so wäre das Stückfaß längst in den Bodensee geflossen, und ward allda ersichtlich, wozu manchmal ein Strudel gut ist. Nach mancher Mühe gelang es unter Gebet und Fürbitte der lieben Gottesheiligen, das Stückfaß an den Strand zu ziehen, und nun wurde es bekränzt und im Triumphe nach der Abtei geführt, allwo ein Dankfest mit einem Te Deum laudamus und vielen Trankopfern gefeiert ward.

Solches ist wahr und wahrhaftig geschehen, aber »das Märlein gar schnurrig« vom Abt von St. Gallen und dem Kaiser mit den drei Fragen hat sich mitnichten alldort begeben, sondern mit einem Abt von Kentelbury in Altengland, und ward nur durch Dichtermund auf deutschen Boden verpflanzt.

*

 

489. Sankt Johannis Kirche

489. Sankt Johannis Kirche

Da der heilige Bonifazius zuerst im Ohretale und auf diesen thüringischen Gefilden weilte, bis er weiterzog und in Arnstadt, Gotha, Erfurt, Salza, Langensalza, Thomasbrück, Vargula, Treffurt, Kreuzburg, Salzungen und anderwärts die Christenlehre predigte und Kirchen und Klöster gründete, soll er auf dem Altenberge das erste Kirchlein erbaut und in Sankt Johannis Ehre geweiht haben. Da strömte viel Volkes hin, und das Kirchlein faßte nicht die Menge der neuen Bekenner, und mußte der fromme Mann in das Freie treten und predigen, da waren aber ganze Schwärme zahlloser Raben und Krähen, die schrieen und lärmten nach ihrer Art also sehr, daß sie des Predigers Worte übertönten. Da hob er seine Hände auf und bat Gott, die Vögel zu zerstreuen – und alsbald erhoben sich die Scharen und flogen von bannen und ward kein solcher Vogel wieder gesehen, solange Sankt Johannis Kirche stand. Dort um sie her war dann auch der Begräbnisplatz der ersten Christen, doch kam die Zeit, daß es den Leuten zu beschwerlich ward, da hinauf zu gehen und auch die Toten so hoch zu tragen, brachen daher das Kirchlein ab, zumal es baufällig war, und schafften Steine und Gebälk herab, es am Fuß des Berges wieder aufzubauen, wo sich das Dorf Altenberge begründet hatte. Am Morgen war aber immer wieder alles fort und wieder droben eingefügt an seinen Ort und an seiner Stelle. Sankt Johannis Kirche wollte nicht im Tale stehen. So ließ man sie stehen und erbaute an den Bergesfuß, doch auch noch hoch genug, über dem Dorfe eine neue Kirche, St. Immanuel genannt. Endlich in den Zeiten ewiger Strömung, und da die Johanniskirche nicht mehr besucht ward, erlag sie den Stürmen, die über den hohen Berggipfel brausten, und alle Spur von ihr schwand hinweg bis auf geringe Überreste. Eines Tages fand ein Holzhauer am niedern Geäst eines uralten Baumes droben einen hochaltertümlichen Schlüssel hängen, das war der Schlüssel zur Johanniskirche. Hernachmals ist aus eines frommen Holzhauers Anregung ein hoher Leuchter auf dem Berg errichtet worden, der ward volksfestlich eingeweiht als Bonifaziusdenkmal und zur Erinnerung an sein Walten und Wirken in dieser Gegend und in schöner brüderlicher Eintracht von Geistlichen der drei christlichen Glaubensbekenntnisse gesegnet; der steht noch und heißt der thüringische Kandelaber und ist weit sichtbar im Land umher.

*

 

490. Asolverod

490. Asolverod

Einige Stunden weit von Ohrdruf, eine halbe Stunde hinter Arnstadt, stand die Käfernburg, allda wohnte ein frommer Graf des Namens Sizzo, dem gehörte das Land bis zu den Waldstrecken um den Altenberg, der erbaute hinter der Sankt Johanniskirche auch ein Kirchlein, das ward dem heiligen Georg geweiht, und seine Stätte nennen die Waldleute noch bis heute Sinngörgen. Da kam Eberhard, Graf von der Mark und Herr zu Berg, zum Besuch auf die Käfernburg, dessen oben die Sage Nr. 107 gedenkt, und sprach gar viel über fromme Werke mit dem Grafen Sizzo, dessen Gemahlin Gisela und beider Söhnen Heinrich und Günther, denn er war begriffen auf einer Bußfahrt und hatte sich allen ritterlichen Prunkes und Wesens abgetan. Da wurden sie überein Rates, die Georgenkirche auf dem Altenberge in ein Tal zu verlegen und dabei ein Kloster zu begründen, und fanden gar ein schönes Tal, fast so schön wie das zu Reinhardsbrunn, gegen die Ebene nach Gotha und Erfurt zu offen und rings von Bergen und Waldungen traulich umfriedet, von einem muntern Bach durchrollt, wo sich für die frommen Väter die schönsten Fischteiche anlegen ließen. Ein Mann des Namens Asolv hatte dort bereits gerodet und urbar gemacht, nach diesem nannte man den neuen Anbau Asolverod. Da aber St. Georgenkirche herab ins Tal kam, die sich nicht so sträubte, den Altenberg zu verlassen, wie Sankt Johanniskirche, so gewann der Name Georgenthal die Oberhand. Nun wurde das Kloster mit Zisterzienserordensbrüdern besetzt, und Eberhard wurde sein erster Abt, bis diese Würde ihm zu hoch und zu anmaßlich vorkam und er sie niederlegte und fortging und ein Hirte wurde zu Kloster Morimont in der Champagne. Georgenthal aber wurde neben Reinhardsbrunn eins der berühmtesten Klöster Thüringens und ist jetzt, nachdem vom Kloster bis auf die Umfassungsmauer und den schönen Fischteich das meiste verschwunden, gar ein schöner, stattlicher Ort. Innerhalb des Umfanges der alten Klostermauer steht noch als Fruchthäuschen der Rest einer mutmaßlichen Kapelle, das zeigt eine kunstvoll gearbeitete gotische Rose als ehemaliges Fenster, und es geht die Rede, daß deren Kreisumfang genau übereinstimme mit dem Kreisumfang des Glockenrandes der großen Maria gloriosa im Dom zu Erfurt. Unter der Rose liegt ein großmächtiger Schatz vergraben, sub rosa – unter dem Rosensiegel des Geheimnisses! Die jetzige Kirche zu Georgenthal soll nur des ehemaligen Klosters Schafstall gewesen sein; die alte Kirche ist ganz hinweg, der Bauernkrieg verheerte und zertrümmerte das reiche Stift.

*

 

491. Luthersbrunnen

491. Luthersbrunnen

Eine Stunde oberhalb Georgenthal in demselben Tale liegt der große und häuserreiche Flecken Tambach, in dessen Nähe gibt es auch der örtlichen Sagen gar viele. Da hat es kleine Schlösser gehabt fast auf allen Felsen umher, den Waldenfels, die Krahenburg, die Hohe Warte, den Falkenstein, von dem ein Ritter seine Gefangenen stürzte, die sich nicht lösen konnten, von deren verspritztem Blut wurden die weißen Blumen am Fels betaut und wurden rot, die heißen jetzt Blutnelken. Reicher Bergsegen war auch allda, es ist aber jetzt alles auflässig geworden, und allenden herrliche Quellen und Brunnen. Als Doktor Luther in Schmalkalden 1537 auf dem Fürstentage war, erkrankte er so heftig, ja tödlich, daß er darauf bestand, fort und zu den Seinen zu reisen, und gab ihm der Kurfürst von Sachsen seinen Wagen und seine Pferde und sein Geleite; fuhr die lange Höhe bis zum Rennstieg hinan, da man es droben auf der Fläche den Rosengarten nennt, und wieder zu Tale, empfand brennenden Durst und ließ halten an einem Quellbrunnen nahe am (alten) Weg, fühlte sich auf den Trunk merklich erleichtert, und im Gasthaus zu Tambach nahm er eine Kohle und schrieb damit an die Wand: Tambach est mea Pniel – den Namen der Stätte, wo Jakob mit Gott gerungen – ibi apparuit mihi dominus. M. L. Das hat lange in jenem Hause gestanden, und jener Brunnen, aus dem Lutherus Genesung trank, heißt heute noch der Luthersbrunnen.

So wasserreich wird der Schoß der Berge in jener Gegend geglaubt, daß im Volke die gemeine Rede geht, für den Sperrhügel werde in Erfurt alljährlich noch gebetet, daß er seinen Schoß nicht auftue, denn es sei eine alte Sage und Prophezeiung, daß dieses dereinst geschehen werde – wenn es aber geschehen werde, so würde die Wassermasse in den Wedelbach fallen, dann in die Apfelstedt, die mit der Ohre vereinigt als die Koller – weil selber Bergfluß bisweilen ohnehin gewaltig braust, kollert und toll tut – in die Gera fällt, und das ganze Gefilde von Erfurt weit und breit überschwemmen. Deshalb sei zu Erfurt eine ewige Messe gestiftet, daß fort und fort für den Sperrhügel gebetet werde, und sei dem Stift St. Petri alldort dafür ein Stück Waldung zu eigen gegeben. Über den ganzen langen Rücken des Sperrhügels zieht der alte Rennweg hin.

*