Märchen

485. Wo der Hund begraben liegt

485. Wo der Hund begraben liegt

In Winterstein liegt der Hund begraben; das ist ein Dorf hart am Fuße des Inselberges, durch den fließt die Emse, da haben früher auch viele Bergleute gewohnt, und die Herren von Wangenheim haben ein Bergschloß gehabt, das ist jetzt eine Trümmer, es sind aber noch drei wangenheimische Schlösser allda. Einer dieser Herren war, wie fast alle seine Vorfahren und Nachkommen, Jägermeister eines Herzogs von Gotha, der hatte einen sehr gescheiten und treuen Hund, des Name war Stutzel, und als der Herr von Wangenheim gestorben war, hatte seine Witwe den Hund noch lange. Stutzel war so geschickt und klug, daß er mit Briefen, die man an sein Halsband befestigte, ganz allein nach Gotha auf den Friedenstein und zur Herrschaft ging und wieder mit Briefen zurück, so daß sich der gothaische Bote den Weg über Winterstein fast ersparen konnte. Die Witwe war nun dem Stutzel über alle Maßen gut, und da er endlich den Zoll der Natur bezahlte, da ließ sie ihn in einen Sarg legen und weinte schmerzlich und wollte haben, daß auch die Dienerschaft weinen sollte. Die tat’s der Herrin und dem Stutzel auch zulieb und heulte und schrie aus Leibeskräften um den gar guten Hund, bis auf eine alte Köchin, die weinte, wie die Jette Thok in der Nordlandsmythe um Baldur, mit trocknen Augen – darob zürnte die Herrin und gab ihr auch kein Trauerkleid, wie das übrige Gesinde empfangen. Da sie aber in die Küche kam, wo die Köchin Zwiebeln schnitt, davon ihr die Augen tränten, so sprach sie schmerzvoll: Nicht wahr, nun weinst du doch noch um den guten Stutzel? Sollst nun auch ein Trauerkleid haben! Die alte Köchin lächelte durch die Tränen und sagte nicht nein. – Nun wollte die Frau von Wangenheim, Stutzel solle feierlich beerdigt werden, und zwar nirgend anders hin als auf den Gottesacker; da kam der Pfarrer aufs Schloß und sagte: Gnädige Frau, dieses gehet nicht an. Der Gottesacker ist für Christenleute und nicht für einen Hund. Nicht einmal einen Juden dürfte ich auf selbigem begraben lassen. – So! sagte die Frau Jägermeisterin von Wangenheim Witwe, gehet es nicht an? Das tut mir leid. Der selige Stutzel war gar kein Hund, er hatte Menschenverstand, hat auch sogar ein Testament gemacht und darin Seiner Kirche einhundert Taler vermacht und Ihme selbsten fünfzig Taler, notabene, wenn ihm ein Plätzchen auf dem Kirchhof würde, außer dem aber nichts. – Das ist freilich ein ander Ding, gnädige Frau, die Kirche ist sehr arm, sagte darauf der Pfarrer, ei der gute fromme Stutzel! Wer weiß, ob nicht in ihm ein lieber Mensch verzaubert war, da er so vielen Menschenverstand gehabt. Nun – ich denke – ein Eckchen im Kirchhof – Ihro Gnaden mich dienstwilligst zu erzeigen. – Wurde darauf ein feierliches Leichenbegängnis veranstaltet und mußten Knechte und Mägde, so alle in Trauer gekleidet, hinter dem Hundesarg hergehen. Aber das wurmte die Gemeinde und kam herum in der Gegend, und wo sich ein Wintersteiner sehen ließ, lachten die Leute und spotteten, wie ohnehin die Thüringer gern spotten: Na, bei euch zu Winterstein leigt ja der Hund uff’m Kerfich (Kirchhof) begraben! – und kam vor die gnädige Landesherrschaft, wurde selbige darob sehr ungnädig, kam eine Kommission vom herzoglichen Consistorio zu Gotha, wurde der Pfarrer amtlich vernommen. Sagte, er hätte es um des armen Kirchleins willen zugelassen, half ihm aber sotane Ausrede gar nichts; Pfarrer wurde abgesetzt, und Stutzet wurde ausgegraben, ob die Frau von Wangenheim aber das Geld zurückerhalten hat, ist sehr zu bezweifeln; ein Herr von Wangenheim, der dieses selbst erzählt hat, wußte davon nichts. Nun ließ die Frau Jägermeistern von Wangenheim Witwe den Stutzel zum zweiten Male beisetzen, und zwar im Garten, und ließ ihm einen Stein zum Denkmal setzen, darauf der unvergeßliche Stutzel abgebildet war, wie er leibte und lebte, und eine schöne Grabschrift war darauf zu lesen, die Stutzels Tugenden der Unsterblichkeit überlieferte. Und noch immer geht das Sprüchwort: In Winterstein – da liegt der Hund begraben.

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47. Wormser Wahrzeichen

47. Wormser Wahrzeichen

Am westlichen Portal des uralten Domes Unserer Lieben Frauen zu Worms ist als ein steinern Bildwerk ein Weib mit einer Mauerkrone zu erblicken, reitend auf einem seltsamen vierfüßigen Tiere – das wird eines der Wahrzeichen der Stadt Worms genannt und ist vielfach ausgedeutet worden. Manche meinen, das Frauenbild stelle dar die Babylonierin der Apokalypse, andere die triumphierende christliche Kirche; noch andere meinten, es sei Brunhild, die Gemahlin des Austrasierkönigs Siegberth, über welche, nachdem sie bereits achtzig Jahre alt geworden, ein furchtbares Strafgericht ihrer Herrschsucht wegen gehalten ward. Drei Tage lang wurde Brunhild gemartert, alsdann auf ein Kameel gesetzt und allem Volke zur Verspottung darauf umhergeführt, endlich an eines wilden Hengstes Schweif gebunden und dahingeschleift über Stock und Steine. Ein anderes Wahrzeichen findet sich am Dome außerhalb als seltsames Steingebilde, das stellt den Teufel dar mit seiner Großmutter, und zwar sucht das liebholde Enkelchen etwas, was man nicht gerne nennt, vom Kopf der Großmutter zu entfernen.

Weiter zeigt sich auf freier Straße westlich vom Dom nach St. Andreaspforte zu ein Felsstück, das warf vom Rosengarten, einer Insel im Rhein, welche berühmt ist durch das alte Heldenbuch, ein Recke bis herein in die Stadt. Ohnweit davon ward eine Stange aufbewahrt, so auch lange zu sehen, war groß wie ein Weberbaum, war spitz und dreiundzwanzig Werkschuh lang. Das soll, wie die Sage geht, der Weberbaum gewesen sein, mit welchem der hörnene Siegfried den Drachen erschlug, wie im Volksbuche zu lesen. Eine andere Riesenstange, sechsundsechzig Werkschuh lang, ward vordessen im Dome aufbewahrt, auch hat man lange Jahre hindurch bis zum großen Brande zu Worms des hörnen Siegfrieds Grab gezeigt.

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470. Das Mysterium

470. Das Mysterium

Da wieder Friede und Freude seit langen Jahren im Thüringerlande war und vornehmlich auch zu Eisenach, wo es vorher gar unfroh gewesen und das Gras auf dem Markt eine halbe Elle hoch gewachsen war, da führten alldort die Predigermönche nach der Zeit Gewohnheit am Abend vor dem Sonntage Misericordias ein Mysterium auf, das war ein geistlich Schau- und Singspiel, und war der Schauplatz auf der Rolle zwischen dem Barfüßerkloster und Sankt Georgen; da waren der Landgraf Friedrich der Freudige und der ganze Hof Zuschauer und die angesehensten Bürger zu Eisenach. Die Schaubühne teilte sich in den Vordergrund und einen erhöhten Hintergrund, auf letzterem erschienen und handelten zunächst die himmlischen Personen, Christus, Maria, Engel und der Engelchor, und die Reden in rezitativischer Weise wie die Chöre waren teils in lateinischer, teils in deutscher Sprache abgefaßt. Die Chorgesänge bestanden zumeist aus den in den Kirchen gebräuchlichen Antiphonen und Responsorien. Christus erschien, Engel mit der Einladung entsendend zu seiner »groczen wertschaft.« Die zehn Jungfrauen traten im Vorgrund auf, und die Engel vollbrachten an sie die göttliche Ladung mit dem Geheiß, daß sie sollten »bornte lampeln tragen czu eime rechten bekeyntnisse,« und zogen sich zurück. Die Jungfrauen sonderten sich in die fünf klugen und die fünf törichten ab und stellten Betrachtungen an, die klugen fromme, die törichten Weltlust atmende, dann wandten sich die letztern freudevoll und tanzend ab. Während nun eine der klugen Jungfrauen ihren Schwestern erbaulich Tröstliches vortrug, fiel ein Nebenvorhang, und die Bühne zeigte die törichten bei einem Mahle entschlummert. Eine von ihnen ermunterte jedoch zur Wachsamkeit, während die klugen ihre Lampen mit Öl füllten und anzündeten. Darauf schritten die unklugen wieder zur Mitte und flehten die klugen Schwestern um Öl an. Die Antwort, welche sie erhielten, war der gute Rat, zu gehen und zuzusehen, wo sie Öl bekämen. Nun hoben die unklugen schmerzliche Klage an, indem sie, Öl zu kaufen suchend, die Bühne umwandelten. Engelstimmen geboten Schweigen, und der himmlische Chor erklang: Ecce sponsus venit! Als dieser geendet hatte, erschien der Heiland in der Glorie seiner Herrlichkeit, von seiner Mutter geleitet, und der kluge Jungfrauenchor begrüßte beide mit Feierliedern. Maria neigete sich zu ihnen und bekränzte die Jungfrauen mit himmlischen Kronen und redete sie mit den Worten an:

Sit willekom ir vzerwelten kinder myn! usw.

Da brachen die Jungfrauen in den Jubelchor aus: Sanctus, sanctus, sanctus!, und die Engel stimmten an: Gloria et honor – daß das Haus von Schauern der Andacht erfüllt ward. Christus hielt nun sein heiliges Mahl, zu welchem die klugen Jungfrauen mit ihren brennenden Ampeln emporwandelten, die unklugen aber blieben auf der Bühne und flehten Christus jammernd an, durch seinen bittern Tod ihn bittend:

Vns hat vorsumit unse tumpheyt,
nu laz vns genize dyner grozen barmeherczigkeyt
vmme Mariam, die liben mutir dyn,
vn laz vns armen ezu dynir wertschaft in!

Christus verneinte mit Strenge, sich lateinischer Bibelsprüche bedienend und diese deutsch erläuternd, so unter andern: Amen amen dico vobis nescio vos!

Ich enweiz niht, wy ir sit. –

Da warfen die fünf Jungfrauen mit ihren lichtlosen Lampen sich auf den Boden nieder und richteten nun zur heiligen Jungfrau die flehendste Bitte, daß doch sie, die niemand ihre Barmherzigkeit versage, von ihrem Sohn Vergebung ihnen erflehen wolle. Aber Maria erwiderte, wenn sie nur früher ihr oder ihrem Kinde etwas zuliebe getan hätten – nun fürchte sie, daß ihre vereinten Bitten erfolglos sein würden, doch wolle sie versuchen, bei ihrem Kinde Gnade zu finden. Und nun wandte sich Maria mit Knieebeugen zu dem göttlichen Sohne und sang: Miserere, miserere, miserere populo tuo – daß es allen Hörern erschütternd durch die Herzen drang, und dann sprach sie zu dem Erlöser, er möge aller Not und aller Schmerzen gedenken, die sie um ihn gehabt und erlitten, und ihr dieselben jetzt dadurch lohnen, daß er diesen Armen vergebe. Aber wie ein Donnerwort scholl es aus dem Munde des strengen Richters: Coelum et terra transibunt, verbum autem meum in aeternum permanet! Wie darob alle Hörer erzitterten – da traten drunten den unklugen Jungfrauen gegenüber zwei entsetzliche Teufelsgestalten, Beelzebub und Luzifer, auf und begehrten die Schar der Verfluchten in die Hölle zu führen; auf ihren teuflischen Rat, sagten sie, hätten jene sich versäumt, und Christus rief:

Recht gerichte sal gesche.
Die vorvluchten muzzen von my ge
in dy tifen helle
vn werde der tufele geselle. –

Da heulte jubelnd das Höllenchor aller Teufel und Verdammten laut auf:

Prelle here prelle!

das hieß: Verwirf sie, Herr, verwirf sie! (vom Worte prellen, zurückfahren, abprallen), und kaltes Entsetzen ergoß sich über den Zuschauerraum. Der Landgraf erseufzete tief. – Wieder beugte Maria ihre Kniee vor Christus und wiederholte noch wortreicher ihre Fürbitte. Da sprach Christus sanft zur heiligen Mutter: Swigit vrowe mutir myn – und verneinte abermals, und zu den Jungfrauen strafend sich wendend, verstieß er sie mit den heftigsten Worten in das ewige Feuer, während die Teufel eine große Kette herbeischleppten und damit die Jungfrauen umschlangen, sie vom Boden wieder emporreißend, deren erste nun in die jämmerlichste markerschütternde Wehklage ausbrach. Sie verwünschte ihre Mutter, daß sie sie geboren, daß sie sie nicht erschlagen; sie beklagte, daß sie nicht, statt eine Christin zu werden, ein Hund geworden, daß man sie nicht vor der Taufe erhenkt, dann würde ihr jetzt nicht so weh sein. Sie verwünschte ihren Vater, daß er sie mit zärtlicher Liebe erzogen, sie habe nun keinen andern Wunsch, als eine Kröte zu sein, aller Welt ein Scheusal, so könne sie jetzt doch in einen unreinen Pfuhl kriechen und der Hölle entfliehn. Schreiend in heller Verzweiflung unterbrach sie eine ihrer Schwestern, und in einem Strom entsetzlicher Reden, das Haar sich raufend, verfluchte diese nun die Hoffart und alle andern Laster. Da hub eine dritte an und rief den Tod, warum er sie nicht ertöte; das allerjämmerlichste Sterben wäre ihr willkommner als die drohende gnadenlose Pein. Die vierte wandte sich an die Zuschauer und rief ihnen zu, daß sie, die Törichten, ihnen zu einem Spiegel gegeben seien, zu einer furchtbaren Warnung. Endlich die fünfte fluchte diesem Tage und warf die trostlose Frage auf, an welchen Vormund sie sich denn wenden sollten, wenn selbst Marias Fürbitte nichts nütze sei, wie jene Weltgerichtshymne, das Dies irae, fragt: Quem patronum rogaturus? – Der Landgraf, nun schon ein bejahrter Mann, schüttelte sein Haupt und murmelte in sich hinein: Misericordias! Misericordias! – Mittlerweile war viel Volk auf die Bühne getreten, an dieses wandten sich jetzt die törichten Jungfrauen, jammernd auf die Brust sich schlagend, mit grauenvoller Heftigkeit, und eine nach der andern sagte aufs neue ihre Wehklage, und das Volkschor antwortete einförmig im schmerzlichen Tone: O we vn o we! – und nichts weiter. Sie mahnten das Volk zu Buße und Reue, warnten vor Sünden und gingen dabei mit rednerischer Kunst von den bisherigen Reimpaaren ab, in einen epischen Rhythmus fallend, so unter andern:

Nu clagit armen alle, daz vnser je wart gedacht.
Vns haben vnse sunde in groz herczeleit gebracht.
Wy muzzen in der helle grozen kummer dol(dulden)
yr vrowen weynet vnse vngevelle und hutit vch, so tut ir wol.

So ging es lange kläglich fort, während Christus, Maria, die Engel und die klugen Jungfrauen durch den emporrollenden Vorhang der Hinterbühne den Blicken entzogen wurden, der mutmaßlich nun ein Bild der flammenden Hölle zeigte, und als die letzte Jungfrau noch die Schlußworte rief, in denen sich die volle Verzweiflung darüber ausdrückte, daß keine Fürbitte, kein Meßopfer ihnen helfen könne:

Eyn tot baz hulfe dem eyn selgerete?
Wy verdinent gotis czorn!

da schrieen die Schwestern und alles Volk, und da jauchzten die Teufel frohlockend in den Chor:

Des sint wy / syt ir ewigklichen vorlorn!

Und da hörte man einen Aufschrei von einer Mannsstimme und gleich darauf einen schweren Fall. Der Landgraf war ohnmächtig von seinem Sessel gestürzt – der Schlag hatte ihn gerührt. Allzu machtvoll hatte dieses erschütternde Spiel, dargestellt mit allem glühenden Eifer des Fanatismus, ihn ergriffen, wirre Gedanken hatten sein Gehirn durchfiebert, was es denn sei, wenn nicht Reue, nicht Buße, nicht Andacht und Flehen, selbst nicht die Fürbitte Marias den Sündern Vergebung erflehen könne bei dem, der doch, wie die Schrift lehrte, für die Sünder gestorben war. Zwar erholte sich der Landgraf, er lebte noch eine gute Zeit, aber die freudige Kraft war gebrochen, sein früher so frischlebendiger Geist blieb trüb umwölkt, und die Pfaffen mit ihrem mit entsetzlicher Kunst dargestellten gotteslästerlichen Spiel hatten ihn auf ihrer Seele.

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471. Junker Jörg

471. Junker Jörg

Nach der Zeit ward ein Mann abends auf die Wartburg gebracht; da wohnten schon keine Landgrafen mehr droben, sondern ein Hauptmann und Amtmann, der hieß Hans von Berlepsch, und der mit ihm den gefangenen Mann brachte, hieß Burkhard Hund von Wengkheim, der hatte seinen Burgsitz auf dem Altenstein jenseit des Thüringer Waldes, war aber des Kurfürsten zu Sachsen Amtmann zu Gotha. Die hatten Befehl von ihrem gemeinschaftlichen Herrn, dem Kurfürsten, erhalten, einen Mann, der von Möhra her über den Wald beim Altenstein die Straße nach Sachsen ziehen werde, mitten im Walde aufzuheben, um ihn wohlbewacht, doch ungefährdet auf die Wartburg zu bringen und denselben dort gut zu halten und zu pflegen, auch statt des mönchischen Gewandes, das selbiger Mann trug, ihm ein ritterlich Gewand und ein Schwert zu geben. Und sollte der gefangene Mann sich nennen Junker Jörg, weil er ritterlich stritt gegen den Drachen der Pfaffenverblendung, welche den Menschen so vielen Mißtrost gaben, wie jener Papst Urban dem armen Ritter Tannhäuser und jene Predigermönche zu Eisenach dem freudigen Landgrafen. Und tat Junker Jörg droben auf der Wartburg die größte Rittertat des Geistes, die je (außer Christus) ein Mann getan, er übertrug das Wort Gottes, das alleinige Wort des Heils, die Bibel, in die deutsche Sprache. Solche Arbeit ärgerte und verdroß den Teufel gewaltiglich, und er umsumsete und umbrumsete den gelahrten Ritter und Doktor gar arg und wollte ihn irre machen, ließ ihm auch des Nachts keine Ruhe, sondern rasselte und rappelte in den Nüssen, die der Doktor in einem Sack unterm Bette hatte, polterte auch auf dem Boden und auf dem schmalen Gang im Ritterhause, vor der Zelle, herum, aber der Doktor sprach bloß: Bist du’s, so sei es! – Aber endlich hat doch einmal der Doktor aus Zorn, als er wieder recht eifrig arbeitete und der Teufel in Gestalt einer Hummel oder Hurnauspe recht eifrig um ihn herumsumsete, das Tintenfaß genommen und es nach ihm geworfen, daß ein großer Tintenfleck an der Wand worden, und von da ab hat ihn der Teufel auf Wartburg in Ruhe gelassen. Der Fleck ist aber zum Andenken geblieben, und wenn die Wand überstrichen worden, ist er wieder zum Vorschein gekommen, und endlich hat jeder, der’s gesehen, davon ein Bröcklein zum Wahrzeichen mit sich davontragen wollen, da hat es freilich verschwinden müssen, und ist jetzt eher ein Loch in der Wand als ein Fleck.

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472. Mönch und Nonne

472. Mönch und Nonne

Angesichts der Wartburg und ganz nahe der Trümmerstätte der zerstörten Dynastenburg Mittelstein, jetzt Mädelstein geheißen, stehen zwei Steinfelsen, die sind so zueinander geneigt, daß sie sich zu Häupten fast berühren, und heißen Mönch und Nonne. Da es in Eisenach noch Klöster gab, waren drunten in einem ein Mönch, im andern eine Nonne, die liebten einander und verabredeten auf dieser Höhe ein Stelldichein, auf einer Stelle, wo man von der Stadt aus nicht gesehen werden konnte. Sie herzten sich und küßten sich und verwünschten den Klosterzwang, der sie für ewig trennte, und wünschten, wie Liebende tun, sich ewig nahe sein, sich ewig küssen zu können. Und da sie dies so beweglich wünschten, so ward der Wunsch erfüllt, sie wurden zu hohen Steinfelsen, die von weitem gesehen immer noch menschliche Gestalt zu haben und einander zu küssen scheinen.

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473. Die verfluchte Jungfer

473. Die verfluchte Jungfer

Nahe der Wartburg ist eine Felsenhöhle, die wird allgemein das verfluchte Jungfernloch geheißen, und geht von ihr manche Sage. Es war eine Jungfrau zu Eisenach von übergroßer Schönheit, die hatte goldgelbes langes Haar wie Seide, wie die alten Maler so gern es malten, und auf selbiges Haar wie auf ihre Schönheit war die Maid überaus eitel und wußte wenig anderes zu tun, als sich zu strählen und zu putzen und im Spiegel zu besehen und sich zu freuen, was sie doch für ein prächtiges, liebholdes Frauenbild sei, darüber vergaß sie aber aller Frömmigkeit und Gottesfurcht, und ging ihr gerade umgekehrt wie jener Maid zu Bartenstein, die nicht in die Messe wollte, weil sie zu geringe Kleider hatte und deshalb von ihrer Mutter zu Stein verwünscht wurde. Diese Eisenacher Jungfrau ging nicht in die Kirche, weil sie zu viele und zu schöne Gewände hatte und mit ihrem Putz darob niemals fertig wurde, und da hat ihre Mutter sie auch – nicht zu Stein – sondern mit all ihrer Pracht, mit Hab und Gut in das alte Steinloch hinein verflucht und verwunschen. Alle sieben Jahre einmal erscheint die also verfluchte Jungfrau dort, da sitzt sie und weint, und seidne Kleider umwallen sie, und darüber fließt ihr goldnes Haar, das kämmt sie mit goldnem Kamme, wie die Lurlei am Rheinstrom. Vor der Höhle ist ein Platz, da wächst nimmermehr Gras, weil das der Platz ist, wo sie sitzt, und es ist dort nicht geheuer. Manchmal ist ein rotes Hündlein bei ihr erblickt worden. Einem Schäfer sind die Schafe dort geschreckt worden, daß die ganze Herde auseinanderlief und vierundzwanzig Stück von den Felsklippen herunterfielen. Einer Hirtenfrau, die ihrem Manne Essen brachte, ward die Jungfrau sichtbar und bat sie, ihr das Haar zu strählen, das tat die Frau und pries die Jungfrau ob ihrer Schönheit und rühmte sich, daß auch sie sehr schön gewesen sei, und sang dazu gar artlich:

Ja dieweil ech noch jungk woar,
da ech en zoartes, nettes, schienes Fräuchen woar,
hatt‘ mech jiedermoann liep!

und da wollte die Jungfrau der guten Frau recht reichlich lohnen, führte sie in die Höhle und ließ ihr von ihrem Schatze nehmen, so viel sie wollte. Aber als das Hirtenfrauchen sich wandte, fortzugehen, da sah sie einen großen Hund und erschrak und ließ alles fallen und rief: Ach Herr Jehchen! Bießt hä dann? – da verschwand Schatz und Jungfrau und Hund und alles. Ei du verflucht’ges Jungfernloch! rief die Frau und entrann. Hernachmals hatte sich dieser selben Frauen Kind dort herum im Walde verirrt, acht Tage lang wurde es vermißt und nicht aufgefunden. Endlich fand es der Vater im Waldesdickicht munter und wohlauf, und als es befragt ward, wie es sich denn diese lange Zeit über erhalten, da sagte es: Eine schöne Jungfer ist kommen, die hat mir zu essen und trinken geben und hat mich zudeckt. – Ein Fuhrmann, der des Weges fuhr, hörte droben an der Felskluft laut niesen. Er rief hinauf: Gott helf! – Es nieste wieder – Gott helf! – noch einmal – Gott helf! – und so eilfmal hintereinander, und der gute Fuhrmann rief jedesmal: Gott helf! – Da es aber den zwölften Nieser tat, so hatte er es satt, Gott helf! zu sagen, tat einen Knaller mit der Peitsche, daß der Schall von allen Felsen im Marientale zurückprallte, und rief hinauf: Alle Tausendschockschwerenot! Wenn dir Gott nicht hilft, so helfe dir der Teufel! – Da gellte droben ein lauter schmerzlicher Aufschrei einer weiblichen Stimme. Das war die verfluchte Jungfer. Hätte der Fuhrmann nur noch einmal Gott helf! gerufen, so wäre sie erlöst gewesen.

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474. Vom Inselberg

474. Vom Inselberg

Einer der höchsten Berge des Thüringer Waldes ist der Inselberg. Vor alters schrieben manche seinen Namen Heunselberg und wollten ihn von den Heunen, Hünen, ableiten, andere Emsenberg, weil ein Flüßchen, die Emse, nahe seinem Gipfel entspringe; näher kamen die, so ihn Einzelberg nannten, weil sein hohes Haupt über alle seine Nachbarberge vereinzelt emporragt, ja häufig erscheint es wie eine Insel über dem Nebelmeere, das rings um seinen Gipfel flutet, wie sein Haupt sich zuerst über der Flut erhoben, die einst ganz Thüringen bedeckte. Über ihn dahin zieht die alte Hochstraße, der Rennsteig, Rennsteg, Rennweg, Rinneweg, der über das ganze Thüringer Waldgebirge viele Meilen weit sich erstreckt. Es geht die Sage, daß jeder Landgraf von Thüringen diesen Weg mit seiner Ritterschaft reiten mußte, sobald er die Regierung Thüringens angetreten hatte. Nahe dem Inselberg haben in alten Zeiten Bergleute vom Harz den Bergbau begonnen und Orte angebaut, deren Namen eigentümlich fremdländisch klingt: Tabarz, Cabarz, und mögen wohl Einwanderer von weither auch andere Bergorte im Schoß des Waldgebirges begründet haben, die in Sprachlauten und Trachten sich von den eigentlichen Thüringern merklich unterscheiden. Viele Venetianer sind nachderhand in das Gebirge gekommen, welche die Leute Erzmännerchen und Walen nannten, die haben manch reichen Schatz hinweggetragen, denn im Inselberggraben, im Bärenbruch, im ungeheuern Grund, an der Schönleite und weiter hin nach der Ruhl zu, in der Ruhl, dem Flüßchen, und sonst, auch im Backsteinsloch, gab es Goldsand, obschon minder viel als in Kalifornien, doch hat er manchen reich gemacht. Seit die Walen dagewesen sind, findet man nichts mehr.

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475. Der Venetianer

475. Der Venetianer

Ein Wale kam alljährlich in das Lauchatal, der wußte, daß das Sprüchwort wahr sei, das am Inselberge üblich ist: Es wirft oft ein Hirte mit einem Stein nach der Kuh, der mehr wert ist als die Kuh selbst. Ein junger Bursch aus Cabarz oder Tabarz mußte dem Walen als Führer dienen, der wurde hernachmals, da der Venetianer längst nicht mehr kam, ein Fuhrmann und kam weit in der Welt herum, einmal sogar mit Gütern bis nach Venedig. Da fiel ihm ein Kaufladen in das Auge, darin blitzte und funkelte an einem Schaufenster alles von Gold und Edelsteinen, und wohnte da ein reicher Juwelier. Dieser sah den Thüringer stehen und gaffen und grüßte ihn in deutscher Sprache und war kein anderer als jener Gold- und Steinsucher, den er früher im Gebirge geleitet, der sagte ihm, all dieses Gold und alle diese Steine habe er in dem schönen Thüringen gewonnen, die Thüringer verständen nicht, es auch zu finden und die Steine zu schleifen, man finde dort nur ungeschliffene. Mit reichem Geschenk entließ der Venetianer den Thüringer. Ahnliche Sagen werden viele erzählt; eine fast gleichlautende auch vom Bayerberg vor der Rhön.

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476. Karles Quintes

476. Karles Quintes

Am Fuße des Inselberges liegt ein gewerbtätiger Flecken, der heißt Brotterode; früher stand ein Schloß allda, und der Ort hieß Brunewartesrode. Im Burgberg liegt ein großer Schatz verzaubert, eine weiße Jungfrau hütet ihn und erscheint nur alle sieben Jahre und flüstert leise vor sich hin:

Ein Knäblein von sieben Jahren
mit weißen Haaren
kann mich erretten.

Diese Jungfrau war die Kammerzofe der stolzen Gräfin und mußte dieser die langen Haarflechten strählen. Darüber ward die Gräfin, wenn es ein wenig rupfte, stets sehr ungehalten und scheltig, da hob einmal die Jungfrau an zu wünschen, daß sie mitsamt der Gräfin und der Burg möchten zwanzig Klafter tief in den Erdboden hinein versinken, welcher Wunsch auch alsbald seine Erfüllung fand.

In der Kirche zu Brotterode hängt eine Fahne mit dem Bergwappen, Keil und Schlageisen, darüber eine Krone, die nennen sie die Funn von Karles quintes und halten sie gar hoch und wert. Es ist nämlich, wie die Sage geht, geschehen, daß einst die Gemahlin von Kaiser Karl V. in Brotterode ihre Niederkunft hielt, und ward allda trefflich bewirtet und gehalten, dafür schenkte der Kaiser dem Orte den großen Gemeindewald, das Blutgericht und das Fahnenrecht, an die Fahne geknüpft, nebst vielen andern Freiheiten. Das Fahnenrecht besteht darin, daß während der acht Tage lang dauernden Kirmse, solange die Fahne, die unterm Geläute aller Glocken am Kirchturme ausgesteckt wird, ausgesteckt bleibt, jeder Nachbar einheimisches und fremdes Bier nicht nur trinken, sondern auch ausschenken darf, wenn er Lust hat. Wegen diesem Aushängen der Fahne muß ihr Tuch zum öftern erneuert werden. Im Kirchturmknopf zu Brotterode wurde vor Jahren eine Schrift gefunden, die lautete:

Diese kirche ist angefangen worden zu bawen als ein münch namen Lutherus wider die papisten angefangen zu schreiben, deme aber das maul bald gestopft werden sol.

Nur neun Jahre später ließ Landgraf Philippus von Hessen, wie in seinem ganzen Lande, so auch in Brotterode evangelisch predigen.

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477. Geister um Brotterode

477. Geister um Brotterode

Um Brotterode gab und gibt es mancherlei Geister, davon konnte man sonst viel erzählen hören. Da ist ein Berg nahebei, den nennt man das Ave Maria; ein wunderlich ausgehöhlter Fels heißt die Kirche, ein anderer die Kanzel. Auf selbiger Feldkanzel haben die Leute zum öftern einen Schulmeister stehen sehen, der hat ein Gesicht gehabt wie Spinneweben und hat eine lange Rede gehalten, trotz einem 1848er, doch lauter unverständigs und unverständlichs Zeug. Vielleicht ist selbiger spukhafte alte Schulmeister in neuer Zeit erlöst und durch einen jungen abgelöst worden.

Im Keller eines Wirtshauses erschien eine Flitterbraut, das ist eine Jungfrau im vollen dort üblichen Brautstaat, die hütete einen mächtigen Schatz und zeigte ihn der Tochter des Hauses; der Schatz wurde auch in deren Beisein glücklich gehoben, aber die Tochter starb bald darauf, denn von denen, die bei Hebung des Schatzes zugegen sind, muß stets einer sterben, deshalb spielten jene Fremden in der Weingartenhöhle am Harz immer dem Führer, den sie mitnahmen, das Todeslos in der Hand.

Am Mönch, einer Bergwiese bei Brotterode, stand vorzeiten eine Schleifmühle, deren Besitzer ganz wohlhabend war, das machte, er hatte einen Hausgeist, der unablässig arbeitete und das Glück mehrte. Dieser Geist erschien bisweilen als seltsamlich gekleidetes kleines Männchen und ließ auch einen eigentümlichen Ton vernehmen. Einmal geschah es, daß dem Schleifmühlenbesitzer, als er diesen Ton vernahm, die Laune anwandelte, denselben nachzumachen – alsbald verstummte der Geist – ließ sich fortan weder hören noch sehen, die Arbeit blieb ungetan, und der Schleifmüller mußte in Armut sterben. Jetzt ist nicht einmal von seinem Hause eine Spur zu finden.

Zweien Brüdern, die auch Schleifmühlen hatten, dienten auch in gleicher Weise rastlos tätig zwei Hausgeister. Sie ließen sich wunderselten erblicken, wann dies aber geschah, so sah man sie nur immer in alter, abgeschabter Tracht. Darauf kamen einmal die beiden Brüder zu sprechen und meinten, es zieme sich, dankbar gegen diese hülfreichen Geister zu sein, die ihnen so nützlich; ließen also nach ohngefährem Maß schöne neue rote Jäckchen und blaue Höschen machen und legten diese Kleider neben die Klingen, welche stets in der Nacht von den Geistern geschliffen wurden. Siehe, da erschienen die Geisterlein, stutzten, blickten einander an und sagten:

Da liegt nun unser Lohn,
nun müssen wir auf und davon.

Nahmen die Kleider, fuhren von dannen, kamen nie zurück.

Auf die Orte Brotterode und Friedrichrode haben die Thüringer ein böses Spottlied. Wer es hören und Schläge besehen will, der darf in beiden Orten nur danach fragen. Jede Strophe fängt mit einer Frage an: z. B. Was habn se dann für Stadtmaurn drob’n? Drob’n zu Friggerode?

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