Märchen

519. Wittekind, der schwarze Ritter

519. Wittekind, der schwarze Ritter

Nicht weit von Paulinzelle erhebt sich in einem felsreichen Waldtale Schloß Schwarzburg stattlich und schön, die auf der Stätte eines der ältesten thüringischen Burgbaue steht. Die Stammsage des Grafengeschlechtes von Schwarzburg kündet, daß einst ein naher Verwandter des großen Sachsenfürsten Wittekind, und den gleichen Namen mit diesem teilend, von Karl dem Großen gefangengenommen worden. Die Tapferkeit, die dieser Sachsenführer und seine Söhne bewiesen, habe Karolo wohl gefallen, und er habe jene zum Christentum bekehrt, habe sie taufen lassen und sei ihr Taufpate geworden. Da habe nun Wittekind, zubenannt der Schwarze, den Namen Ludwig empfangen, seine beiden Söhne aber, die Wittekind und Walperto geheißen, wären Karl und Ludwig genannt worden. Wittekind der Vater habe nun die Schwarzburg erbaut und sie seinem ältern Sohn zum Erbe bestimmt, Ludwig, der jüngere Sohn, sei Erbauer des Schlosses Gleichen geworden. Karl der Große erhob seinen Paten Karolus zu einem Grafen von Schwarzburg und begabte ihn mit einem Strich Landes im Thüringer Walde von zwanzig Meilen im Umkreis. Als der große Karl Ludwig den Bärtigen zu einem Grafen von Thüringen erhoben hatte, ordnete er ihm zwölf edle Vasallen zu, darunter waren auch die Grafen von Schwarzburg, die sich in sehr früher Zeit, schon im Jahre 1099, von Gottes Gnaden schrieben. Auch wurden sie später den Viergrafen des Reiches zugezählt. Das feste Haus Swartzinburg, wie die älteste Urkunde, die seiner erwähnt, schreibt, gehörte dem edlen Grafengeschlechte, ehe es noch von der Burg den Namen annahm. Der erste, der sich einen Grafen von Schwarzburg nannte, nannte sich auch zugleich einen Grafen von Thüringen und einen Grafen von Käfernburg. Sein Name war Sizzo, sein Vater hieß Gundar, aus welchem Namen später der erbliche Familienname der Fürsten von Schwarzburg, Günther, gebildet wurde, und lebte zu Ende des eilften und im Beginn des zwölften Jahrhunderts. Graf Sizzo wurde der Gründer des nahe bei Schwarzburg liegenden Dorfes Sitzendorf. Sizzos Söhne wohnten auf den Schlössern Schwarzburg und Käfernburg. Aus dem fürstlichen Hause Schwarzburg gingen in später Zeit hervor ein deutscher Kaiser, zwei Erzbischöfe, ein Großmeister des Deutschen Ordens und mancher heldenmütige Streiter.

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520. Der Greifenstein

520. Der Greifenstein

Ein thüringischer Graf des Namens Heinrich brachte aus einem Kreuzzuge einen Greifen mit, andere sagen einen Falken, der nur auf den Namen Greif gehört. Einst ließ der Graf den Greif nach einem Reiher steigen, er stieg und kam nicht wieder, das war dem Grafen sehr leid, und er gebot seinen Dienern, allüberall zu suchen und zu spähen, ob sie den Greif fänden – es war aber vergebens. Des andern Morgens ging der Graf selbst wiederum aus, den Falken zu suchen, den er sehr ungern mißte. Da erblickte er ihn nach dem Kesselberge zu hoch in der Luft schweben und im Nu auf einen Schwarm Vögel niederstoßen, die sich auf einem nahen Berge niederließen. Eilends bestieg der Graf diese Anhöhe und fand seinen Greif an dem Orte, wo sonst die Burggerichte gehalten wurden, im Gebüsche seine Beute verzehrend, rings umher aber Singvögel, die von ihren Nestern aufflatterten. Ei, ei, du loser Schelm, sagte der Graf scherzend, hab‘ ich dich nicht gehalten wie ein Kind, und doch willst du mich verlassen? Freilich ist’s hier schöner als auf meiner Hand, und du hast dir wahrlich keine üble Residenz erwählt. So sprach der Graf, und seinen Greif auf die Hand nehmend und streichelnd, schaute er sich um, und weil ihm der Platz so wohl gefiel, da man von ihm aus Tal und Gegend weit überschaute, so kam es ihm in den Sinn, hier eine Burg zu erbauen. Noch in demselben Jahre wurde der Grund gelegt; der Bau währte mehrere Jahre, denn es wurde so fest und stark gebaut, wie wenn die Mauern ewig halten sollten; ja, der Mörtel, der noch jetzt mit unverwüstlicher Festigkeit die mürben Sandsteine zusammenhält, soll mit Wein angemengt worden sein, damit er die Steine um so fester kitte. Die Burg aber nannte der Graf zum Andenken seines Greifes, der den Platz erwählt, Greifenstein, das Volk nennt sie nur das alte Schloß und glaubt, sie sei bei einer Belagerung zerstört und verbrannt worden, obgleich diese Meinung der Geschichte zuwiderläuft; in der Geschichte aber heißt sie die Blankenburg, und die Grafen von Schwarzburg hatten sie inne und wohnten auf ihr.

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521. Der Mönch auf Blankenburg

521. Der Mönch auf Blankenburg

Auf dem Burghofe der alten Blankenburg läßt sich in der Dämmerstunde oft ein Mönch mit grauem Haare und Barte sehen, der den Leuten winkt, sie möchten ihm folgen. Das hat aber bis jetzt noch niemand gewagt als ein Schäferknabe, der auf dem mit Gras bewachsenen Hofe seine Lämmer weidete. Den führte der Mann mit langer grauer Kutte, die mit einem Stricke umgürtet war, an ein eisernes Tor. Der Mönch berührte es mit dem Finger, und im Nu sprangen die Flügeltüren auf und eröffneten den Blick in unterirdische Säle, wo das Licht der Lampen, die von der Decke schimmerten, sich in tausend goldenen Geräten spiegelte. Der Saal war mit harten Talern gepflastert, und in den Winkeln lagen Haufen Goldstücke. Obgleich der Mönch winkte, hineinzutreten und zuzulangen, so traute sich doch der Bube nicht, und als er dem vor Staunen fast an die Stelle gebannten Knaben lange zugewinkt, verschwand er plötzlich, und es war keine Spur von Tor und Saal mehr zu sehen.

Das soll der Arzt Freidank sein, welcher den Kaiser Günther, der hier auf dieser Blankenburg geboren wurde, vergiftete und so lange hier umgehen muß, bis ihm, dem treulosen Verräter, ein Mensch Zutrauen geschenkt hat.

Sonst mußte jedes Kind, welches zum ersten Male den Greifenstein besuchte, ein Stücklein Brot mitnehmen, womit es den Mönch begütigen könne, wenn er erschiene. Dabei wurde dem Kinde, das sich aus Furcht vor dem Mönche scheu an die Eltern schmiegte, der tiefe, jetzt leider fast ganz verschüttete Brunnen gezeigt, welcher ehemals so tief gewesen sein soll, daß ihm das Wasser aus der Schwarza zufloß, und aus dem der Storch die kleinen Kinder holt und sie den Müttern, den Geschwistern aber große Zuckertüten mitbringt.

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522. Das gefährliche Pfand

522. Das gefährliche Pfand

Auf einem Edelhofe unter Blankenburg, etwa in Watzdorf, war Spinnstube, es wurden Pfänder ausgelöst. Was soll tun das Pfand, das ich hab‘ in meiner Hand? wurde gefragt, und ein vorwitziges Mädchen sagte: Auf die Burg gehen und eine Kachel von dem alten Öfchen holen! Der kecke Vorschlag ging durch, aber selbst den beherzten Burschen graute vor der Ausführung. Das Pfand gehörte einem Mädchen – Sophie Brandt soll sie geheißen haben –, und sie machte sich, um nicht furchtsam zu erscheinen, auf den Weg. Als sie in das einzig übriggebliebene halb verfallene Stübchen der Burg tritt und eben beschäftigt ist, eine Kachel aus dem verwitterten Ofen zu brechen, hört sie in der Nähe Tritte und leise Stimmen. Sie schlüpft erschrocken hinter den Ofen und verbirgt sich. Es waren mehrere Räuber, die vom Raube kamen und hier ihre Beute teilen wollten. Sie schürten mitten im Zimmer ein Feuer an, aßen und tranken, und nachdem sie die Beute geteilt, streckten sie sich sorglos auf den Fußboden, um zu schlafen. Als das vor Angst halbtote Mädchen merkte, daß sie fest schliefen, schlich sie sich hervor, schritt über den Räuber, der sich vor die Tür gelagert, weg und entfloh aus allen Kräften, immer die Räuber auf ihren Fersen wähnend. Leichenblaß tritt sie in die Spinnstube; kaum hört sie den allgemeinen Jubel, womit sie empfangen wird, mit zitternder Hand legt sie die Kachel auf den Tisch – und sinkt entseelt zu Boden.

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523. Die törichten Musikanten

523. Die törichten Musikanten

Mehrere Musikanten aus Klein-Gölitz, die in Blankenburg beim Tanze mit aufgespielt hatten, gingen auf dem Nachhausewege am alten Schlosse vorüber. Der Mond beleuchtete die gelben Mauern, und durch die verödeten Fenster neigten sich grüne Büsche. Der eine sagte: Wie wäre es, Kameraden, wenn wir den alten Grafen, die da oben umwandeln, ein Ständchen brächten; solche große Herren nehmen das gar gut auf, zumal wenn sie so selten Musik hören wie da droben! Den andern war es recht, und sie spielten einen gemütlichen Dreher. Die heitern Weisen hallten lustig in die Nacht hinein, und ihr Klang brach sich sanft widerhallend an den alten Mauern. Oben aus den Fensterhöhlen schienen verwitterte Gesichter freundlich zu nicken. Als die letzten Töne verklangen, trat ein graues Männchen – die Musikanten hatten es nicht kommen sehen – zu ihnen, schenkte jedem einen Buchenzweig und sagte: Bringt das eueren Kleinen mit, die schnabulieren gern Bucheckern! Unterwegs warfen alle den Zweig lachend weg und sagten: Wenn der wunderliche Mann uns wenigstens ein Zuckerbrötchen mitgegeben hätte, denn Bucheckern essen unsere Kleinen dieses Jahr nicht, da wir welsche Nüsse die Fülle haben, und in denen steckt doch ein ordentliches Bübchen (Kern). Nur der Baßspieler steckte das Zweiglein zum Andenken in seinen Baß. Des andern Morgens kamen seine Kinder fröhlich gehüpft und fragten: Vater, was habt Ihr uns denn für gelbe Nüßchen mitgebracht, die taugen doch nicht zum Essen, denn sie sind hart, daß man sich die Zähne dran ausbeißen könnte! Und als der Vater den Zweig betrachtete, siehe! da war er in pures Gold verwandelt, und so wurde er der reichste Mann im Dorfe. Die andern Musikanten durchsuchten nun jedes Gräschen am Wege, um ihr Zweiglein wiederzufinden, aber es blieb nicht nur verloren, sondern sie sollen noch obendrein von unsichtbaren Händen unbarmherzige Nasenstüber bekommen haben.

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524. Heilsberg

524. Heilsberg

Von der Einführung des Christentums in die Gegend von Blankenburg, Schwarzburg und Rudolstadt geht diese Sage. Winfried Bonifazius kam auf seinem Bekehrungszuge durch Thüringen über die steinige Hochebene, darauf jetzt Trappendorf liegt, durch öde Waldwildnisse. Da er nun mit seinen Gefährten in einem Talgrunde lagerte, so ließ er sein Pferd weiden, und da dessen Fuß wund war, scharrte es damit heftig, und da entsprang eine Quelle, von deren Wasser der Fuß des Rosses alsbald heil wurde, wie sich auch im Spring in Heiligenbrunn die göttliche Wunderkraft offenbart. Da drang gar bald der Ruf des heilenden Wassers zu den Bewohnern der Umgegend, sie strömten herbei, hörten Winfrieds Lehren, ließen sich aus der Heilsquelle taufen, und viele siedelten sich dort an. So ist das Dorf Heilsberg entstanden, darin nun Winfried eine Kirche gründete, deren Schutzpatron er hernachmals ward, auch nahm die Gemeinde des heiligen Mannes Bild in ihr Siegel auf, und am Turme der Kirche ward das Hufeisen jenes Rosses von dem geheilten Fuße befestigt.

Zur alten Bonifaziuskapelle in Heilsberg kam auf einem Zuge durch Thüringen König Ludwig, Karl des Großen Sohn, und vernahm die Geschichte der Gründung und Entstehung, betete allda und begabte das Kirchlein reichlich, ließ auch in einen großen Stein eine Inschrift graben zum ewigen Gedächtnis seiner Schenkung, die ist allda bis zum Jahre 1816 geblieben, dann aber nach Weimar gebracht worden, allwo sie in sicherer Obhut aufbewahrt wird. Diese alte Schrift ist eine steinerne Rätselnuß, an der sich die Gelehrten ihre Weisheitszähne ausbeißen können, so sie deren haben. Noch keiner, weder in der Zopf- und Perücken-, noch in der neuesten Waldschratbartzeit, hat diese Rätselschrift richtig und verständig gelöst und gelesen, und die Versuche solcher Lösung, welche in öffentlichen Druckschriften bekannt worden sind, sind bis jetzt auf der Kindheitstufe der Forschung stehengeblieben.

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518. Die Kirchensäulen und der Teufel

518. Die Kirchensäulen und der Teufel

Der Steinmetz, welcher den Plan zur Paulinzeller Kirche angab, faßte den Gedanken, die Kirche von beiden Seiten auf Säulen aus einem einzigen Steine zu stützen. Alle, die das hörten, wunderten sich über das kühne Unternehmen, und um es ausführen zu sehen, boten sich viele Maurermeister zu Gehülfen an. Paulina betete auf Bitten des Baumeisters allemal, wann eine Säule im Steinbruch gehoben wurde, für das Gelingen, und so waren alle Säulen bis auf zwei glücklich aufgerichtet. Als aber die zwei letzten gehoben werden sollten, wurde Paulina durch ein Gespenst im Gebete unterbrochen, und augenblicklich entstand eine Erderschütterung, welche die zwei Säulen zusammenneigte, so daß von jeder ein Stück abgeschlagen wurde. Aber der Steinmetz fügte die Stücke wieder so geschickt und so fest zusammen, daß sich männiglich über dessen Kunst und über die Macht des Gebetes der Gräfin verwunderte.

Der Baumeister hatte mit dem Teufel einen Bund geschlossen, daß ihm derselbe dabei helfe, und zum Lohne die erste Seele versprochen, welche die Kirche betrete. Da nun die Kirche fertig war und eingeweiht werden sollte, schob man zuerst ein Schwein durch die Türe, welches der Teufel aus Zorn und Scham über seine Überlistung wütend packte und mit ihm durch die Decke fuhr. Dabei hinterließ er nach seiner Art einen greulichen Gestank, der kaum den Düften des Weihrauches wich, und in der Decke blieb ein Loch, das nimmermehr wieder verschlossen werden konnte.

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51. Jettenbühel und Königsstuhl

51. Jettenbühel und Königsstuhl

Nahe bei Heidelberg liegt ein Hügel, heißt der Jettenbühel, ist ein Teil vom Geißberg, nicht weit vom Königsstuhl, der sich hoch über Stadt und Tal erhebt. Man soll vom Gipfel dieses Berges, des Königsstuhl, den ganzen Rheinstrom abwärts bis nach Köln sehen können. Auf dem Königsstuhl habe schon vor Christi Geburt ein deutscher König regiert, und seine Burg habe Esterburg geheißen. Auf dem Jettenbühel aber habe das alte Heidelberger Schloß gestanden. In einer uralten Kapelle wohnte ein altes Weib, Jetta geheißen, und war eine Wahrsagerin, die sich vor wenig Menschen sehen ließ. Denen, welche kamen, ihre Zukunft von ihr zu erfahren, erteilte sie die Antwort aus dem offenen Fenster. Sie verkündigte, ihr Hügel werde dereinst von königlichen Männern, deren Namen sie singend nannte, bewohnt werden, und drunten das Tal werde von tätigem Volke wimmeln. Eines Tages stieg Jetta zum Fuße des Geißberges hinab, nach Schlierbach zu, wo ein Brunnen quoll, den sie gern besuchte, da lag eine Wölfin am Brunnen, die säugte Junge, zerriß und fraß die Jetta. Der Brunnen heißt noch bis heute der Wolfsbrunnen. Das Schloß auf dem Jettenbühel, die alte Pfalz, wurde am Tage St. Marci 1536 durch einen Blitzstrahl entzündet, wobei ein Pulverfaß in Brand geriet und einen Teil des Schlosses in die Luft sprengte. Kurfürst Friedrich I. von der Pfalz erbaute, da er in des Kaisers Acht gefallen war, einen starken und festen Turm und nannte den Turm Trutz-Kaiser.

Gegenüber dem Kaiserstuhl liegt jenseit des Neckar ein Berg, der heißt Allerheiligen- oder Heiligenberg, darinnen sind viele Höhlengänge und unterirdische Klüfte. Schon zu Römerzeiten soll auf dem Berge ein Tempel gestanden haben, ein Pantheon der Heiden, und die unterirdischen Gänge sollen einem Orakel gedient haben. Sie werden noch die Heidenlöcher genannt und von Erdzwergen bewohnt. Von dem Heidentempel aber hat der Heiligenberg keinesweges seinen Namen, sondern von Kirchen und Klöstern, die man in späterer Zeit dahinauf erbaute. Denn als die Christenreligion in diese Gegenden drang, da schenkte der deutsche König Ludwig III. (regierte 877 – 882) dem nachbarlichen Kloster Lorsch den Berg zum Eigentum, da wurde dem heiligen Michael zu Ehren eine Kirche hinaufgebaut, allein sie ging wieder ein, zwei Benediktinerklöster, eins nach dem andern, und gingen wieder ein, eine Kirche dem heiligen Stephan, ging ein, und noch eine Kirche dem heiligen Laurentius, und ging wieder ein. Es war, als ob die alten Heidengötter auf ihrem Berge unsichtbaren gewaltigen Kampf führten gegen das Christentum und es auf ihrem Sitz nicht duldeten, und jetzt sind die heiligen Stätten wüst und öde, und nur die Heidenlöcher sind noch vorhanden.

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511. Die Glocke vom Gottesfeld

511. Die Glocke vom Gottesfeld

Wer vom Schneekopfgipfel dem Rennstieg südostwärts folgt, dann durch endlose Waldungen auf einsamen Gebirgspfaden ganz südlich sich schlägt, kann zum hohen Adlersberg gelangen, auf dem sich eine weite Wiesenmatte breitet, die heißt das Gottesfeld. Dort droben lag eine Stadt, die hieß aber nicht Gottesfeld, denn ihre Bewohner waren so gottlos und lasterhaft, daß die strafende Hand Gottes sie ganz von der Erde hinwegtilgte. Sie versank mit allen ihren Bewohnern, und die Stätte, wo der Herr Gericht gehalten, ward Gottesgerichtsfeld genannt, woraus hernachmals Gottesfeld wurde. Nach langen Jahren hütete droben am Adlersberg ein Hirte aus Schleusingen seine Herde, der sah ein wildes Schwein an einer Stelle wühlen und wühlen, und wie er hinzukam, so stand das Ohr einer Glocke zutage. Der Hirte warf gleich seinen Lappen (Halstuch) auf den Fund, damit derselbe nicht wieder versinke, und eilte nach Leuten, jenen emporzuheben. Die Glocke wurde nach Schleusingen gefahren und auf den Turm gebracht, aber da sie nun zum erstenmal geläutet wurde, gab sie einen ganz entsetzlichen schauerlichen Ton von sich, und beim dritten Schlage zersprang sie. Da sie nun neu gegossen ward, so klang ihr Ton nichtsdestoweniger unharmonisch, und es war, als ob sie riefe: Sau aus, Sau aus! – und dann zersprang sie abermals, und als sie zum dritten Male umgegossen war, war ihr Schall um nichts gebessert, und sie zersprang wiederum und ward hernach nur zum Sturmläuten gebraucht.

In dieser Gegend steht auch der Schlüsselheinzestein, ein senkrechter Porphyrfelsen, um diesen läßt sich ein gespenstiger Reiter sehen, der einst mitsamt seinem Roß die Felswand hinabstürzte, wobei Roß und Mann tot blieben.

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512. Raubschloß Hermannstein und andere

512. Raubschloß Hermannstein und andere

Wer vom Schneekopf nordostwärts den Schritt in die Talgründe lenkt, den führen tiefeinsame Pfade herab zu den Quellen der Ilm in den alten Längwitzgau und zu einem Felsriesen, dem Hermannstein, welcher aber vom Volksmund Hammerstein genannt wird. Er trug eine Burg oder doch eine Warte, und soll erstere eine über der Straße aus Sachsen durch Thüringen nach Franken gar günstig gelegene Raubburg gewesen sein. Ein Bischof von Mainz habe sie von Erfurt aus zerstört. Es ist dort nicht geheuer, und die Holzleute sind oft schon durch ein gräßliches Getöse dort geschreckt worden. Ritter Hermanns Geist reitet mitternachts auf schwarzem Roß um den Felsenberg; Kräutersammler, die in der Johannisnacht auszogen, um mit dem frühesten an Ort und Stelle zu sein, haben ihn gesehen.

Um Ilmenau herum soll es außer dem Hermannstein noch mehrere Raubschlösser gegeben haben, so eins auf der Sturmheide, welches Kaiser Rudolf 1290 brechen ließ. Die Ilmenauer besorgten dies mit höchstseiner Erlaubnis außerordentlich gern selbst und fingen neunundzwanzig Räuber, denen samt und sonders in Erfurt die Köpfe abgeschlagen wurden. Ein zweites Schloß stand, wie die Sage geht, zunächst an Ilmenau, nach dem Eichicht zu, das ist mit Mann und Maus in einer für das Schloß nicht schönen Nacht versunken, und an seine Stelle ist der große Teich getreten.

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