Märchen

537. Das Mäuselein

537. Das Mäuselein

Nicht weit von Saalfeld liegt ein Ort mit einem Rittersitz, Unterwirrbach, da wurde ein Knecht gar häufig und sehr von der Alptrude gedrückt und konnte gar keinen Frieden haben, und schlug auch kein Mittel an, denn das unfehlbare, das Verstopfen des Schlüsselloches, welches jener Gute in der Ruhl anwandte, kannte und erfuhr er nicht. Da schälte einer Zeit das Gesinde spät abends in der Stube Obst, und da kam einer Magd der Schlaf an, und sie legte sich auf die Bank, ein wenig zu ruhen. Wie sie nun eine Weile dortgelegen hatte und einige hinsahen, ob sie schlief oder ob sie nicht bald wieder aufwachen werde, siehe, da kroch dem schlafenden Mensch ein rotes Mäuselein zum Maule heraus, daß sich alle entsetzten und einander anstießen und sich’s zeigten. Das Mäuselein lief am Getäfel hinauf an das Fensterbrett, dort klaffte ein Fenster, und husch war es hinaus. Eine Zofe, die bei dem Gesinde saß und Äpfel schälen und auch essen half, war neugierig und wollte die Schlafende wecken, die andern aber sagten ihr, sie solle das nicht tun, es sei vielleicht nicht gut; sie ließ sich aber nicht abhalten und ging doch hin und rüttelte die Schlafende, sie lag aber starr, wie recht eigentlich entseelt, obschon sie sich noch nach einer andern Stelle hin bewegen ließ. Bald hernach kam das rote Mäuselein wieder durchs Fenster hereingehüpft und wollte wieder einkriechen, wie jenes kleine fingerlange Tierchen in das Weibsbild, welches Schnitter bei Vilforde im Niederland fanden, und welches eine Mahr war, aber es fand nicht mehr an der Stelle, wo es ausgekrochen, den Mund der Magd, lief ängstlich hin und her, und endlich verschwand es. Die Magd aber erwachte nimmer zum Leben, sie war jetzt und blieb tot – vergebens bereute die Zofe ihren Vorwitz. Es war aber dieselbige Magd eine Trude gewesen, die den Knecht im Schlafe gedrückt hatte, denn seit sie tot war, blieb er von allem Alp- und Trudendrücken frei.

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538. Der Fluch der Witwe

538. Der Fluch der Witwe

Zwischen Saalfeld und Gräfenthal liegt Reichmannsdorf, allwo in frühern Zeiten des Bergsegens und Bergbaues kein Ende war, darum heißt noch immer ein Berg in der Nähe der Goldberg und ein anderer der Venusberg, darinnen eine Grube liegt, die den Namen führt Zufällig Glück, und mag wohl der, der in den Venusberg baute, zufällig Glück gehabt haben. Der Ort hatte früher auch einen andern Namen, da aber der ergiebige Bau alle Einwohner zu reichen Mannen machte, so bekam er den Namen Reichmannsdorf. Schon im Jahre 1335 stritten und verglichen sich die Grafen von Orlamünde und die von Schwarzburg über den Ertrag der Gold- und Silberbergwerke, die im Umfang von fast zwei Meilen um den Ort abgeteuft wurden, und deren Anzahl zweihundertundzwanzig überstieg. Die Einwohner wurden, wie die Sage erzählt, so übermütig, weil sie so viel gewachsenes Gold und Silber gewannen, daß sie mit goldnen Kegeln spielten und mit goldnen Kugeln danach schoben. Der Ort genoß die Rechte einer Bergstadt und ward im Scherz die Vorstadt von Saalfeld genannt.

Zu einer Zeit geschah es, daß in einem der Reichmannsdorfer Schachte eine so große Stufe gediegenen Goldes gefunden wurde, daß sie viertausend Gulden geschätzt wurde. Das Mineral hatte im Bruch die Form eines Sessels bekommen, und da gerade zu jener Zeit ein Sachsenherzog kam, das reiche Gewerk zu beschauen, so legte man die Stufe auf ein mit Stricken befestigtes Brett, und darauf fuhr nun, von einem Knappen begleitet, der Herzog in den Schacht. Er kehrte befriedigt zurück und lohnte seinem jungen Geleitsmann mit einer Handvoll Dukaten. Der junge Gesell ließ bald darauf das Geld sehen und tat sich gütlich beim Kirmsentanz, und da kam er in den Verdacht, daß er Erze gestohlen habe, ward auch sofort auf heimliche Anklage eingezogen und mußte auf der Folter den Diebstahl eingestehen, den er doch nicht begangen hatte. Nach der Art jener Zeit, Diebe nicht jahrelang in Gewahrsam und liebevoller Verpflegung zu halten, vielmehr kurzen Prozeß mit ihnen zu machen, wurde der unschuldige Knappe auf den Richtplatz geführt, um dort an den Galgen gehenkt zu werden. Vergebens flehte seine arme alte Mutter für sein Leben, vergebens beschwur sie und er selbst seine Unschuld, und daß jenes Gold ein Geschenk des gütigen Herzogs gewesen. Der Arme mußte henken. Da erfaßte Verzweiflung die alte Mutter, sie taumelte vom Richtplatz, sie wankte auf die reichste Grube zu, in welche der Sohn mit dem Herzog gefahren war, sie umwandelte diese dreimal und sprach in der Hölle Namen schreckliche Zauberflüche aus. Dann ergriff sie ein Gefäß voll Mohnsamen, das sie mit sich führte, und schrie: Verflucht sei dieses Bergwerk um meines unschuldigen Sohnes willen! So viele Körnlein Mohnes hier niederrieseln in die Tiefe, so viele Jahre lang finde man kein Körnlein Goldes wieder! Und als sie so gerufen hatte, stürzte sie sich, den Zauber zu vollenden und den unterirdischen Geistern für die Erfüllung ihres Fluches ein lebendes Opfer darzubringen, in den tiefen Schacht. Wie sie unten zerschellte, durchdröhnte ein unterirdischer Wetterschlag das ganze Gebirge, der Hauptschacht stürzte zusammen, wilde Wasser ersäuften ihn, und der bei weitem größte Teil des Reichmannsdorfer Bergsegens hatte ein Ende, und mit ihm verschwand auch die Prachtliebe und der Glanz der Ortsbewohner. – Auf ähnliche Weise ist auch zu Schleiz im Vogtlande ein reicher Schacht von einer alten Hexe verflucht worden.

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525. Die Totenschauerin

525. Die Totenschauerin

Auf dem Schlosse zu Rudolstadt lebte einst eine Prinzessin, die hat eine gar traurige Begabung gehabt. Wenn in dem fürstlichen Hause ein Sterbefall eintrat, so sahe sie statt der wirklichen Leiche auf dem Paradebette jedesmal die nächstfolgende. Und obschon dieses zweite Gesicht die Prinzessin gar traurig machte, weil ihr Herz stets den Schmerz um zwei Glieder der Familie empfand, so konnte sie doch nicht unterlassen, jedesmal in den Sarg zu blicken, doch behielt sie, was sie schaute, stets als tiefes Geheimnis in ihrer Brust verschlossen, aber ihr Leben ging dabei trübe und traurig hin. Zu einer Zeit aber setzte sie ihren letzten Willen auf, ordnete ihr Begräbnis an und entschlummerte bald darauf sanft – sie hatte sich selbst im letzten Sarge erblickt – und nahm diese dunkle Gabe mit in das Grab.

In der gewölbten Torhalle des Rudolstädter Schlosses ist eine eiserne fest verschlossene Türe, durch diese tritt, ohne daß eine Angel sich regt, zu gewissen Zeiten zur Mitternachtstunde eine weiße Gestalt mit marmorbleichem Antlitz, schreitet die Stufen herab, wandelt über den Schloßhof und verschwindet dann wieder. Diese Erscheinung soll der Geist jener totenschauenden Prinzessin sein und jedesmal dann erblickt werden, wenn dem fürstlichen Hause ein Trauerfall bevorsteht.

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526. Das Frühmahl

526. Das Frühmahl

Auf dem Schlosse zu Rudolstadt herrschte die verwitwete Katharina von Schwarzburg, eine geborene Fürstgräfin von Henneberg, als der niederländische Krieg durch die Lande wütete. Sie hatte für das Land ihrer unmündigen Söhne einen kaiserlichen Schutzbrief erwirkt, denn es nahten ihm des blutgierigen Herzogs Alba räuberische Scharen. Der Herzog kam in Rudolstadt an und lud sich auf ein Frühstück bei der Gräfin auf dem Schlosse ein, und diese Einladung konnte nicht abgelehnt werden. Während der Herzog mit seinen Begleitern und Gefolge sich’s wohlschmecken ließ, taten die spanischen Soldaten nach ihrer Gewohnheit, trieben den Bauern das Vieh weg, plünderten und erpreßten Geld. Klage auf Klage traf ein, und die Gräfin hieß ihren ganzen männlichen Hofstaat und alle Schloßdienerschaft sich bis an die Zähne bewaffnen, dann trat sie in den Speisesaal zum Herzog Alba und schilderte ihm die Ungebühr seiner Soldateska, indem sie ihm des Kaisers Freibrief zeigte. Alba aber sagte: Krieg ist Krieg! – Da sprach die Gräfin: Schreibt einen Brief, Herr Herzog, an Euer Volk, daß sie meinen Untertanen alles wiedergeben, was sie raubten, und auf der Stelle ihrer Zügellosigkeit Einhalt tun. – Wie, Frau Gräfin? fragte unmutig der Herzog und zeigte keine Neigung, der Aufforderung Folge zu leisten, da rief die Gräfin ganz entrüstet: Ihr wollt nicht? Nun, bei Gott, Fürstenblut für Ochsenblut! – Ein Handwink der mutvollen und entschlossenen Frau, und durch alle Türen drängte sich, Mann an Mann, eine Schar Geharnischter mit bloßen Schwertern und spitzen, scharfen Partisanen. Der Herzog wurde blaß und flüsterte mit dem Herzog von Braunschweig, der mit ihm war. Dann schrieb er die Ordre. Der Herzog von Braunschweig lachte und lobte, äußerlich im Scherz, innerlich im Ernst, die herrliche deutsche Frau, die nun gar demütig dankte und die Bewaffneten entließ. Alba schwieg und ging und mag lange an das Rudolstädter Frühmahl gedacht haben. Diese wackere Gräfin ruht in der Kirche zu Rudolstadt, und über ihrer Gruft ist ein schönes metallenes Denkmal mit nachrühmender Schrift zu lesen. Sie war eine große Beschützerin verfolgter protestantischer Geistlichen, so namentlich des Kaspar Aquila und Justus Jonas.

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527. Die Hangeeiche

527. Die Hangeeiche

Überm Saalstrom drüben zwischen Rudolstadt und Saalfeld ist ein Bergzug, dessen höchster Gipfel der Kulm heißt, von dem auch manche Sage geht, da war einst ein schöner Eichenwald, und in demselben stand eine besonders große uralte Eiche. Es geschah zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges, daß eine Abteilung Kriegsvolk im Dorfe Reichenbach am Fuß des Waldberges im Quartier lag, sich dort gütlich tat und dann weiterzog. Am Tag darauf sollte das heilige Abendmahl im Gotteshause den Frommen dargereicht und dem Herrn für den Abzug der Soldateska gedankt werden, siehe, da fehlte der goldene Altarkelch, den in uralter Zeit ein frommer Mann der Kirche geschenkt hatte, und alle Anzeichen ließen vermuten, daß der Kelch von den Soldaten gestohlen worden sei. Da erbot sich der alte Schultheiß, ein bejahrter Mann, den Kriegern zu folgen und von dem Hauptmann den geraubten Kirchenpokal zurückzufordern, wie sehr er dabei auch sein Leben der Gefahr aussetzte. Er ereilte den Soldatenhaufen auf der mittlern Heide, und unter jenem mächtigen Eichbaum hingestreckt fand er den Hauptmann und brachte seine Klage vor. Mit strengem Blick hörte der Hauptmann die Beschuldigung, daß einer seiner Leute den Kelch geraubt, und befahl sofort, wenn der Schuldige unter ihnen sei, solle er den Becher herausgeben. Keine Hand rührte, kein Schuldiger meldete sich. Nun wohlan! rief jetzt der Hauptmann dem Schulzen zu, suche euren Kelch! Bei welchem du ihn findest, der soll auf der Stelle an dieser Eiche henken, findest du ihn aber nicht, so henkst du, dafür, daß du meine Leute solcher Tat geziehen!

Erschreckt bis zum Tode begann der Schultheiß sein Suchen und fand nichts. Schon glaubte er sein Leben dem Tode verfallen, da blinkt etwas hell aus dem Schatten eines Busches, da liegt ein schlafender Soldat, den Kopf auf dem Tornister ruhen lassend, und aus dem Tornister blinkt der Altarkelch. Gefunden! ruft laut der Schulze und zieht den Kelch hervor. Verwünschungen der Kameraden und Fußtritte wecken den Schlafenden, der ganz betäubt die Klage hört, und da tritt auch schon der Profoß heran mit dem Strick, und nach kurzer Frist bedeutete der Hauptmann ihn, den Dieb zu henken. Endlich hat dieser begriffen, um was es sich handelt, und beteuert laut seine Unschuld, und da alles nichts hilft und er zur Eiche hingedrängt wird, ruft er verzweiflungsvoll: So möge niemals, so wahr ich unschuldig sterbe, ein Eichbaum in diesem Walde grünen und aufkommen! So starb er, und starb unschuldig. Der ihn aufhenkte, war der Dieb, der rasch und heimlich, als er des Hauptmanns Schwur hörte, den Kelch aus seinem Tornister nahm und in den des schlafenden Kameraden steckte. Kaum war nun der Kamerad gehenkt und der Schulze mit dem glücklich gefundenen und zurückerhaltenen Gottestischbecher nach Reichenbach zurückgeeilt, so erwachte die Natter des Gewissens in dem Henker, und er zitterte, wo er eines Eichbaums ansichtig wurde. Nirgend Rast und nirgend Ruhe findend, verließ er seine Fahne, ging zur Eiche zurück, schnitt den armen Kameraden ab, begrub ihn unter tausend bittern Reuetränen und knüpfte sich selbst an einen Ast der Eiche auf. Andere sagen, er habe sein Verbrechen dem Hauptmann eingestanden und dieser ihn alsbald am selben Baum sein Recht widerfahren lassen.

Auf der Heide aber starben bis auf die Hangeeiche alle Eichbäume ab, das machte die Verwünschung des unschuldig Gemordeten, und der Wald trägt keine mehr, selbst die Hangeeiche dorrte endlich ab oder ward vom Sturme gefällt.

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528. Der Wassermann

528. Der Wassermann

Zu Unter-Preilipp, einem Dorfe unterm hohen Kulm, das bis hinab zum Saalufer reicht, allwo ein uralt Kirchlein mit köstlichen Schnitzbildern und einem Handörgelein, das Herzog Ernst der Fromme selbst gespielt haben soll, ward nachts an die Türe der Wehmutter gepocht, und draußen hat ein kleiner Mann gestanden und sie gerufen; da sie nun herunterkam, ist er hinunter ins Unterdorf gegangen nach der Saale zu und hat ihr drunten eine Binde über die Augen geworfen und darauf mit einer Gerte auf das Wasser geschlagen, und da hat sich das Wasser auseinandergetan und sind die zwei auf Stufen tief hinuntergeschritten und zuletzt in eine kleine Stube gekommen, wo der kleine Mann der Frau das Tuch abnahm und sie eine kleine Frau in einem kleinen Bettchen liegen sah, die ihrer Hülfe dringend bedurfte, worauf der Mann die Stube verließ. Da nun die Wehmutter alle ihre Sachen mit gutem Glück verrichtet hatte, sprach die kleine Frau: Ich bin eine Christin getauft wie du, aber der greuliche Wassermann hat mich ausgetauscht, da ich noch ein Sechswochenkind war, der frißt meine Kindlein alle am dritten Tage. Er wird gleich wiederkommen und dir viel Geld bieten, nimm aber ja nicht mehr, als andere dir geben, ich weiß, eure Art nimmt gern so viel als möglich, nimm auch keinen Weck mit und trinke keinen Wein, wenn er dir es anbietet, sonst dreht er dir hinterdrein den Hals um. Die Wehmutter befolgte diese Lehren genau und ward glücklich und ohne Gefährde zurückgeleitet; beim Abschied grölzte noch der Wassermann: Du hast klug getan, nicht mehr zu nehmen, als dir gebührte – und da hat hernachmals die Hebamme auch nicht mehr bei den Leuten geschleckt und sich füttern lassen und auch noch mit nach Hause genommen und keine großen Taler gefordert von armen Leuten.

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52. St. Katharinens Handschuh

52. St. Katharinens Handschuh

Gar eine schöne Schildsage hatten die edlen Herren von Handschuchsheim, deren letzter im Jahre 1600 des Todes verblich, indem ihn Friedrich von Hirschhorn zu Heidelberg auf offnem Markt zur Nachtzeit auf den Tod verwundet hatte, und mit deren erstem sich das Folgende soll begeben haben. Er war ein frommer junger Ritter, der ging fleißig zur Kirche, und es geschah, daß er im Gebet vor dem Altare der heiligen Jungfrau und Märtyrerin Katharina einstmals entschlummerte. Da sah er drei überirdisch schöne Jungfrauen vor sich stehen, doch die mittelste war die schönste von den dreien, die sprach: Wir kommen, dich anzuschauen, und deine Augen sind geschlossen; siehe uns an, und willst du dir ein Gemahl erkiesen, so wähle eine von uns dreien. Da sah der junge Rittersmann an der Palme und am Zackenrad, welches Flammen umweberten, daß St. Katharina selbst es war, die zu ihm gesprochen, und gelobte sich ihr mit allen Freuden. Sie aber setzte ihm einen Rosenkranz auf das Haupt, des Rosen dufteten wie Blüten des himmlischen Paradieses, und verschwand. Der Ritter, als er von seinem Traumgesicht erwachte, fand wirklich den Rosenkranz und bewahrte ihn heilig und fand, daß dessen Rosen nicht welkten. Nun drangen aber seine Verwandten in ihn, daß er sich vermähle, hatten ihm auch schon eine sehr tugendsame adelige Jungfrau auserkoren, und er konnte sich der Heirat nicht entschlagen, fuhr aber doch fort, seiner himmlischen Verlobten in Andacht zu dienen. Seine Hausfrau nahm indes bald wahr, daß der junge Gemahl sie nicht selten verließ, absonderlich des Morgens, wo er nach der Kirche ging, und argwöhnte Schlimmes, fragte auch ihre Kammermagd, wohin ihr Herr wohl immer gehe. Diese nährte nur den Verdacht der Frau, indem sie sprach, es dünke ihr, daß er zu des Pfaffen Schwester schleiche. Da ward die Frau unsäglich betrübt und weinte sehr, und als ihr Gemahl sie fragte, warum sie weine, so sagte sie ihm ihren Verdacht und ihren Kummer an. – Du bist töricht, antwortete ihr der Ritter, die, so ich inniglich minne, ist des Pfaffen Schwester nicht, ist eine viel Höhere und Schönere – und wandte sich hinweg von seiner Frau. Dieser brach solche Antwort fast das Herz, zumal sie gesegneten Leibes sich befand, und in Unsinnigkeit der Eifersucht ergriff sie ein Messer und stach sich’s in den Hals.

Da der Ritter nach Hause kam vom Gebet und das Unheil sah, erschrak er, daß ihm das Herz kalt ward, und fiel in Ohnmacht, und als er wieder zu sich kam, raufte er sein Haar und klagte aller Schuld sich an und rief unter tausend Tränen seine Heilige um Schutz und Beistand. Da erschien ihm die heilige Katharine abermals sichtbarlich mit ihren beiden Jungfrauen und sprach: Auf dein Gebet und meine Fürbitte ist deine Frau wieder lebendig geworden und hat ein Töchterlein geboren! – und neigte sich über ihn und wischte mit ihrer Hand über seine tränenquillenden Augen, daß die Hand ganz davon überfeuchtet wurde, und siehe, da ward aus dem Tränennaß ein Handschuh, so weiß und zart wie das Häutchen im Ei, und St. Katharina streifte ihn sanft ab und entschwand mit ihren Begleiterinnen, und der Ritter fand den Handschuh in seiner Hand liegen. Indem so kam ein Bote, der ihn suchte, und rief: Herr! dein Gemahl lebt und hat ein Töchterlein geboren. – Da ging der Ritter freudenvoll heim, umarmte und küßte Weib und Kind, und beide lobten Gott und die heilige Katharine. Die Frau ließ ein Kloster bauen, und der Ritter tat eine Bußfahrt in das Heilige Land, und als er zurückkam, ließ er jenen Rosenkranz und den Handschuh, den er auf seinen Helm gebunden mit sich geführt und der in allen Gefahren ihn wunderbarlich geschirmt hatte, in der Kirche zum Gedächtnis aufbewahren, nahm auch den Handschuh auf in sein Wappenschild und nannte sein Geschlecht und seinen Sitz Handschuchsheim.

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529. Der Wechselbalg zu Großwitz

529. Der Wechselbalg zu Großwitz

In derselben Gegend, aber hinter Saalfeld, waren Bursche und Mädchen in einer Lichtstube versammelt und alle fröhlich, bis auf eine Kindsmagd im selben Hause, die war mürrisch und verdrüßlich, weil sie gar zu große Not mit dem stets schreienden und mißgestalteten Kinde ihrer Dienstherrschaft hatte, welches leider Gottes ein Wechselbalg war. Hinten im Hofe war ein alter halbverfallener Keller, in welchem sich bisweilen ein Licht sehen ließ, und das geschah auch am selben Abend, wo die Bursche und Mädchen Spinnstube hatten, und da sagten die Mädchen, die Bursche sollten doch hineingehen in den Keller und sehen, was das für ein Licht sei. Die Bursche hatten aber keine Lust und sagten, die Mädchen sollten doch hineingehen, und die es tue, solle einen nagelneuen Rock gekauft bekommen, nur ein Wahrzeichen müsse sie mit herausbringen. Keine der Jungfern hatte Lust, bis auf die Verdrüßliche, die sagte: Wenn ihr mir den kleinen Schreibalg da so lange halten wollt, will ich schon gehen. – Dies ward zugesagt und getan, und die Magd ging; der Keller stand auf, und in der Tiefe schimmerte ein Licht. Da nun die Magd hineinblickte, ob alles sicher sei, so grölzte es hinten hervor: Guckst du, so werf‘ ich! – Ganz unerschrocken aber versetzte die Magd: Wirfst du, so fang‘ ich! – Das wiederholte sich noch zweimal, und die Magd hob ihre Schürze auf, und da flog etwas Dunkles aus der Höhle hervor und plumpte schwer in ihre Schürze und zappelte, und war ein kleines Kind. Das war Wahrzeichens genug; eilend trug die Magd das Kind vor ins Haus, und wie alle es voll Verwunderung ansahen, trat die Hausfrau dazu und Hub an zu schreien: Herr Gott! Herr Gott! Mein Kind, mein liebes Kind! Wie ist es wieder so schön geworden! – Und war wirklich dieser Frau ihr Kind, und der Wechselbalg in der Wiege war auf und davon. – Da ist in jener Gegend das Sprüchwort aufgekommen, wenn einem oder einer ganz unversehens etwas zuteil wird: Ich bin dazu gekommen wie die Magd zum Kind.

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530. Das Heringsmännchen

530. Das Heringsmännchen

Zu Saalfeld an der Johanniskirche ist ein uralt verbröckelt Steinbild zu sehen in Gestalt eines Männchens, das einen Fisch emporhält, das nennen sie das Heringsmännchen, und das ist das Wahrzeichen dieser uralten Stadt, in der leider Gottes im Jahre 875 die drei Enkel Karl des Großen, Ludwig des Deutschen Söhne Karlmann, Ludwig der Jüngere und Karl der Dicke, das große herrliche Deutsche Reich zum ersten unter sich geteilt haben. Die berühmte Benediktinerabtei daselbst hatte schon Karl der Große gegründet. Da, wo das Heringsmännchen steht, soll die alte Landesgrenze zwischen den Thüringern und den Sorbenwenden gewesen sein, welche mit den Thüringern in steter Feindschaft lebten und sie nicht anders nannten als Thüringer Heringsnasen. Die uralte Sorbenburg in Saalfeld, die am obern Ende der Stadt nach dem Fluß und Walde zu steht und noch als mächtige Trümmer bewundert wird, soll eine Trutzburg gegen die Sorben gewesen sein, wenn selbiges wahr ist; sie heißt im Volke gar nicht Sorbenburg, sondern der hohe Schwärm, welchen Namen die Diftler äußerst weise in arx alta Sorabarum verdolmetschten: Sorabarum – Sbarum – Schwarm, wie Chatten – Hatten – Hetten – Hessen – unumstößlich. Trifft’s nicht, so fehlt’s doch.

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531. Kirche und Brücke ein Geld

531. Kirche und Brücke ein Geld

Es ist eine bekannte Sage unter dem Volke zu Saalfeld, daß die große und schöne Saalbrücke, welche fünf hohe und weite Bogen hat, gleichzeitig mit der St. Johanniskirche erbaut worden sei, und da soll der Bau der Brücke doch noch drei Heller mehr als jener der Kirche gekostet haben. Einem deutschen Meister war der Bau der Kirche, einem welschen jener der Brücke übertragen.

Beide wetteiferten miteinander, wessen Werk zuerst werde vollbracht sein, und aus dem Wetteifer ward ein häßlicher Kampf des Neides. Sie wollten den Wettkampf ausführen auf Tod und Leben, und so geschah es, daß immer einer das Fortschreiten vom Werk des andern eifersüchtig betrachtete. Endlich war die Kirche fertig, nur ein Stein war noch anzubringen an der Turmspitze und das Kreuz daraufzusetzen, doch die Nacht brach ein und zwang die Vollendung bis zum andern Morgen zu verschieben. Das erfuhr der Meister, welcher die Brücke baute, und trieb nun in einer wilden Sturmnacht die Vollendung seines Baues bei Fackeln und lodernden Pechkränzen, ja man sagt, er habe die Hülfe des Bösen erbeten und ihm seine Seele gelobt, nur um über den verhaßten Nebenbuhler triumphieren zu können. Dieser machte sich am frühen Morgen auf und erklomm die Turmspitze, aber wie sein Lehrling ihm nun den letzten Stein reichte, wie er diesen einsetzte und das Kreuz befestigen wollte, scholl ein lautes Freudengeschrei von der Brücke herauf zum Zeichen, daß sie vollendet sei; und ein tödlicher Schreck durchbebte den Meister. Das Turmkreuz aber entsank seiner Hand, das heilige Zeichen wollte nicht aufgesteckt sein von dem Mann mit einer Gesinnung voll Haß und Bosheit. Dem fallenden Kreuze stürzte sich der Meister nach und zerschellte an den scharfen Ecken der Strebepfeiler. Auf der Brücke aber ward im gleichen Augenblick eine gellende Hohnlache gehört, man wußte nicht, ob sie der Baumeister ausstieß oder ein Fremder, der bei ihm stand, und der ihn gleich darauf von der Brücke hinwegführte. Keiner sah ihn wieder. – Eine dieser sehr ähnlichen Sage geht auch vom Regensburger Dom und der Regensburger Brücke.

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