Märchen

827. Das Kirschbäumchen auf Burg Raueneck

827. Das Kirschbäumchen auf Burg Raueneck

Von den Trümmern des alten Bergschlosses Raueneck in Franken geht eine ganz gleiche Sage wie von dem gleichnamigen Schloß bei Baden in Osterreich. Es liegt dort noch ein großer Schatz vergraben, den bewacht ein ruheloser Geist, der ängstlich auf Erlösung hofft. Aber wer kann und soll diesen Schatz wohl heben und den Geist erlösen? Auf der Mauer steht ein Kirschbäumchen; das wird einst ein Baum werden, und der Baum wird abgehauen und daraus eine Wiege gemacht. Wer nun in dieser Wiege als ein Sonntagskind geschaukelt wird, wird erwachsen, aber nur, wenn er rein und jungfräulich geblieben, in einer Mittagsstunde den Geist befreien und den Schatz heben und über alle Maßen reich werden, so daß er die Burg Raueneck und alle zerstörten Burgen in der Nähe wieder ausbauen kann. Wenn das Bäumchen verdorrt oder ein Sturm es bricht, dann muß der Geist wieder harren, bis abermals ein durch einen Vogel auf die hohe Mauer getragener Kirschkern aufkeimt und aufgrünt und vielleicht zum Baume wird. Da mag sich wohl das Sprüchwort erfüllen: Harren ist langweilig, macht aber weise. Auch diese Sage hat noch an andern Orten ihren Widerhall, wie unter andern dort bei Auerbach, wo an die Erlösung der Wiesenjungfrau die gleiche Bedingung geknüpft ward.

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828. Die Ritter vom Altenstein

828. Die Ritter vom Altenstein

Auf dem fränkischen Schlosse Altenstein saßen dreizehn Ritterbrüder des uralten Geschlechtes derer von Altenstein, die waren in Fehde mit dem Bischof Iring von Reinstein zu Würzburg. Beide Gegner, der Bischof und die Ritter, waren kriegslustig und mannlich und schädigten einander nach Herzenslust, doch kämpften nur zwölf Altensteiner gegen Iring, denn ihr dreizehnter Bruder, Seifried geheißen, ein Johanniter, war im Ausland. Der Bischof belagerte Burg Altenstein, das war sehr fest und trutzlich, und die Brüder mit ihrem Ingesinde schlugen jeden stürmenden Angriff ab. Da griff der Bischof zum unrühmlichen Mittel schnöder List, denn er wollte um jeden Preis die Ritter bändigen und demütigen; daher bot er den zwölf Brüdern friedlichen Vergleich an, und diese gewährten seinen Wunsch, öffneten dem Feind mit einigen seiner Mannen die sichere Felsenfeste und bewirteten ihn köstlich. Nach der Mahlzeit ging der Bischof in sein Gemach und heischte da mit den Brüdern zu reden und gütlichen Vertrages zu pflegen; doch mit jedem besonders. Sowie nun einer der Ritter von Stein eintrat in das Zimmer des Bischofs, ward er durch einen unversehenen Schwertstreich meuchlings gefällt. So waren eilf Brüder gefallen, als den letzten und mannlichsten der Ritter eine schwere Ahnung erfaßte; bewaffnet trat er ein, sah den fürchterlichen Bischof triumphierend über den Leichnamen der Gemordeten stehen und drang mit seinem Weidmesser auf den Bischof ein; da packten ihn aber schon die Mordgesellen, und er behielt nur noch Kraft, das Weidmesser nach dem Bischof mit einem Fluche zu schleudern; doch traf es nicht des Mörders Hals oder Herz, sondern nur seine Nase, die davon um ein kleines kürzer wurde. Dann sank auch der tapfere Hervegen in sein Blut. Im Kloster Langheim wurden die zwölf Ritter beerdigt, andere sagen, nur die Häupter. Noch zeigt man in den Burgruinen das Gemach, darin die schauderhafte Untat verübt worden. Der Platz, wo sie geschehen, wird Untereichelboden genannt. – Seifried von Altenstein kehrte aus der Fremde zurück, entbot, als er die grause Tat vernahm, dem Hochstift Würzburg neue Fehde und ruhte nicht, bis er in das Erbe seiner ermordeten Brüder wieder eingesetzt war; er war es, von dem die späteren Altensteiner ihre Abkunft herleiten. Man sagt, Seifried habe eine Zeitlang sich unerkannt gehalten und habe als Maurer gearbeitet, und davon sollen auch die drei Hämmer im Wappen der fränkischen Herren von Altenstein herrühren. Die verkehrten Altertumsdiftler, die nicht der Geschichte in das Herz, sondern woandershin blicken, haben aber freilich des Wappens Ursprung höher hinauf gediftelt und gedeutelt und besagte Hämmer der Familie abgeleitet vom Hammer des Donnergottes Thor – die überklugen Toren. Von der grausen blutigen Tat des Bischofs an den Altensteinern leben noch alte Reime, die sagen, es wären nicht dreizehn, sondern nur zwölf gewesen, und habe der zwölfte Herdegen oder Herieden geheißen, derselbe, der dem Bischof die Nase abhieb.

Im Walde bei Altenstein steht ein hoher Fels; das Volk der Umgegend sagt, daß dieser Felsen innen hohl sei und reich gefüllt mit Schätzen der Urzeit. Zu gewissen Zeiten und Stunden wäre Sonntagskindern vergönnt, die Felsenpforte geöffnet zu finden oder mit der Glücksblume sie zu öffnen, dann liege reiche, blendende Pracht vor Augen. Eigentümlich ist es, daß auch bei dem meiningischen Schloß Altenstein ein Fels, der hohle Stein, liegt, und daß dessen Höhlung offen, diese beim fränkischen Altenstein aber verschlossen ist.

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82. Spanheims Gründung

82. Spanheims Gründung

Es war vordessen ein Graf von Vianden und Ravenzierburg, der liebte eine Gräfin des Nahegaues, welche eine Witwe war, und auch sie war ihm als dem zweiten Bewerber um ihre Hand nicht abhold – aber der Graf hatte in einer Fehde einen nahen Verwandten der Gräfin erschlagen, und so konnte und mochte sie ihm, schon der Verwandtschaft wegen, die Hand zum Ehebunde nicht so bald reichen, sondern band die Erfüllung seines Wunsches an eine Bedingung, welche Zeit vergönnte, jenen Fehdehandel mehr in Vergessenheit kommen zu lassen. Sie sprach zum Grafen von Wanden, er möge zur Sühne des Erschlagenen eine Pilgrimfahrt in das Heilige Land antreten und von dort ihr ein Zeichen von den heiligen Orten mitbringen, das geweiht und beglaubigt sei, daran werde sie seine aufrichtige Liebe und den Willen des Himmels zugleich erkennen.– Der Graf schied vom Heimatlande, und es währte wohl über Jahr und Tag, bevor er an die Rückkehr denken konnte. Er kämpfte gegen die Ungläubigen, betete an allen heiligen Orten und erwarb, sein Gelübde zu lösen, auch einen Span vom Kreuze des Herrn, dessen Echtheit der Patriarch von Jerusalem durch einen Pergamentbrief mit bleiernem Siegel beglaubigte. Der Graf von Vianden war sehr glücklich, einen so werten Schatz zu besitzen, und ließ eine kleine goldene Truhe anfertigen, besetzt mit Edelgesteinen und sehr kunstvoll, und in getriebenem Golde den Namen der Herrin, der er diente, auf dem Deckel der Truhe anbringen. Darauf schickte sich der Graf zur Heimreise an, voll Hoffnung auf endliches Glück. Aber das Geschick zeigte sich ungünstig. Auf der weiten Meerfahrt von Palästina nach den Küsten Italiens erhob sich ein furchtbarer Sturm, welcher das Schiff zu scheitern brachte, kaum daß die Mannschaft das nackte Leben davonbrachte. Alle Habe des Grafen und auch jenes wertvolle Kästchen verschlangen die Wogen des Adriatischen Meeres. – Arm und gebeugten Geistes, bekümmerten Herzens, ein bettelnder Pilgrim, durchreiste der Graf die Gauen Welschlands und Deutschlands, und so kam er auf seinen Heimatburgen wieder an, wo er zwar des Gutes und Geldes genug fand, allein nichts, was seinen Verlust hätte ersetzen können. Betrübt suchte er die Gräfin auf, sie hieß ihn freudig willkommen, er fand sie schöner und liebenswürdiger als je vorher, das schmerzte ihn um so tiefer, und er sprach: Frau Gräfin, Ihr seht mich mit leerer Hand Euch wieder nahen. Ich hatte ein kostbares Reliquienstück, einen echten Span vom Kreuze unsers Herrn, wohlbewahrt in köstlichem Schrein, für Euch vom Heiligen Lande mitgebracht. Ein Sturm, der unser Schiff scheitern ließ, raubte mir alle meine fahrende Habe und auch jenes Kleinod, das für Euch bestimmt war, das mein Glück an Eurer Hand begründen sollte. –

Armer Graf, sprach die Gräfin, und ihre Augen strahlten ihn liebereich und minniglich an, so bringt Ihr vom Kreuze des Herrn keinen Span heim? War denn vielleicht auf dem Kästchen, das Euch der Meersturm raubte, mein Name zu lesen?

Der Graf hörte ganz erstaunt diese Worte, er glaubte zu träumen und rief: Beim Kreuze des Heilands, Frau Gräfin, wie könnt Ihr wissen? –

Gottes Hand, der Heiligen Fügung! antwortete ernst und liebreich die Gräfin, erschloß einen Schrein, nahm aus diesem des Grafen goldne Truhe und hielt sie dem Staunenden unter die Augen. Heute in der Morgenstunde hat es an mein Burgtor geklopft, wie der Pförtner öffnet, steht ein Jüngling draus, hell gekleidet, mit einem Antlitz schön wie die Morgenröte. Der spricht: Für deine Herrin – und gibt dem Pförtner dieses Kleinod in die Hand. Wie der es betrachtet und wieder zu dem Jüngling aufblickt, ist derselbe schon hinweggeschwunden. Brauchen wir weiter Zeugnis? Wir haben gehofft, jetzt laß uns glauben und lieben! – Mit diesen Worten fiel die junge Witwe dem Grafen um den Hals und küßte ihm den Verlobungskuß unter Freudentränen. Und als beide miteinander vermählt waren, erbauten sie eine neue Burg und ein Kloster, und gründeten einen Ort, und nannten den Spanheim, und stifteten den heiligen Span in ihr Kloster, und das Kloster begabte mit kleinen Partikeln von dem Span, reich in Gold gefaßt, auch das nachbarliche Kloster Kreuznach, ja dessen alter Name Crucinaha, dem Kreuze nahe, soll sogar davon abstammen. Und das Geschlecht der beiden Vermählten blieb gesegnet vom Herrn, viele fromme und berühmte Männer und Frauen gingen aus ihm hervor, stifteten Klöster, bauten Kirchen, kämpften im Heiligen Lande oder wandelten selbst als heilige Personen durch das Leben.

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829. Die lichten Steine

829. Die lichten Steine

Inmitten des Steinschuttes der Burgruine Lichtenstein erheben sich hochragend zwei Felsenblöcke über dem Boden, und es geht die Sage, daß dieselben seit undenklichen Zeiten in dieser Stellung gestanden, nämlich einer dicht über dem andern gelehnt und geneigt, ohne daß einer den andern berührt, und so dem Lichte zwischen sich freie Bahn lassend. Davon soll nun auch der Namen der Lichtensteiner sowie ihr Wappen herrühren, welches zwei weiße gezackte Steine im roten Felde, deren Spitzen sich nicht berühren, zeigt. Man sagt, solange diese Steine ständen, werde das Geschlecht nicht gänzlich erlöschen, und so lange sei der alten Burg Wiederaufbau zu hoffen. Noch ist auch das Geschlecht der Freiherren von Lichtenstein nicht erloschen; doch gingen die meisten der ehemaligen Besitzungen in fremde Hände über. – Die Ruine Lichtenstein besteht aus mehreren Gebäuden, deren eins zur Försterwohnung dient. Dort zeigt die Sage noch die Stätte eines Heidentempels und einer Folterkammer, darin sie von den Martern der ersten Christen des Landes aus grauer Urzeit erzählt. Ein hoher Wartturm steht noch allda, und der tiefe Ziehbrunnen dient noch heute dem Bedarf der Bewohner. – Im Dorfe Lichtenstein stand nur eine kleine alte Kapelle, welche 1292 aufgeführt worden war. Da geschähe es, daß eine Freiin von Lichtenstein, die ihren Schoß nicht gesegnet sah, einst träumte, sie sähe an der Stelle, wo die jetzige Kirche steht, einen Rosenstock aufsprossen und Blumen und Knospen tragen. Da gelobte sie an jene Stätte einen Kirchenbau, und siehe, sie empfing die ersehnte Nachkommenschaft und ließ eine freundliche Kirche anstatt jener alten Kapelle aufführen.

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830. Der Stettfelder Rügerecht

830. Der Stettfelder Rügerecht

Zwischen dem Städtlein Eltmann am Main und Bamberg liegt ein Dorf, Stettfeld geheißen, da haben sie ein sonderes Rügerecht, wenn einen Mann die Frau prügelt. Solch ein Mann, der nicht viel Mut und Kraft hatte, lebte vor sechzig oder siebenzig Jahren allda, der hatte einen Höllendrachen zum Weib und bekam den Häslinger von ihr weit öfter zu schmecken als Hasenbraten, und wenn die Nachbarn herbeiliefen von dem schrecklichen Geschrei, das gewöhnlich vorfiel, wenn die Frau die Motten aus des Mannes Pelz klopfte, obschon er selbigen noch am Leibe hatte, so bekamen auch sie an Schimpf- und Scheltworten ihr überreichlich Teil, und wenn auf einen, der sich zu nahe heranwagte, ein Klaps abfiel, so mußt‘ er’s haben. Als nun eines Tages auch so ein Ehesturm und Wetter mit Blitz, Hagel und verschiedenen Schlägen vorübergebraust war, da übten die Stettfelder ihr Rügerecht; sie kamen in stiller Nacht herbeigeschlichen, legten Leitern an das Haus, kletterten in Scharen zum Dach hinan und deckten selbiges in aller Stille ab, daß auch kein Ziegel droben blieb. Himmel, gab das einen Zorn, als nun am Morgen der Boden aussah wie ein Judendach, darunter das Lauberhüttenfest gefeiert werden soll! Nun war das Ehepaar auf einmal einig, denn Pack schlägt sich, Pack verträgt sich, und rannten in voller Hurre zum Landrichter nach Eltmann und klagten ob ihres abgedeckten Daches und aufgedeckter Schande, denn die war und ist es für beide Teile, wo die Frau dem Manne Prügelsuppe bei ungebrannter Asche kocht. Darauf machte der Landrichter einen großen Bericht über Tat- und Sachbestand gen Würzburg und erbat Bescheid, denn er mochte diese hochwichtige Sache, weil das Dach hoch und die Ziegeln gewichtig waren, nicht selbst entscheiden. Da kam denn ein Spruch von Würzburg, der war lang und breit und Hub an: Sintemal und alldieweil, das heißt auf neudeutsch: In Erwägung daß, und daß, und ferner daß, und noch mehrere daß – so kann den Stettfeldern ihr altes Rügerecht, einem vom Weibe geprügelten Manne das Dach abzudecken, nicht genommen werden, wasmaßen die Sache damit ihr Bewenden behält und die zänkischen Eheleute in Tragung von Gerichtskosten und Sporteln zu nehmen, im Wiederholungsfalle aber zur Tragung des Strafhelms mit der Schelle und den Eselsohren und öffentlicher Ausstellung mit selbigen zu verurteilen sind. V.R.w., das heißt: von Rechts wegen. Dabei blieb es.

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831. Des Bamberger Domes Gründung

831. Des Bamberger Domes Gründung

Da Baba, Heinrichs des Voglers Schwester, auf ihrer hohen Feste im Ostfrankenlande saß, die nach ihr die Babenburg heißt, gründete sie auch die Stadt Baba am Berge, das ist das heutige Bamberg. Auch zur ältesten Kirche legte diese Herrin den Grund, und während des Baues setzte sie eine große Schüssel voll Geldes für die Tagelöhner hin, damit sich jeder seinen Lohn herausnehme, so viel ihm gebührete, und war die Schüssel also gefeit, daß sie sich täglich von selbst mit Geld füllte, und konnte von dem Gelde keiner mehr herausnehmen, als ihm gebührte. Nahm einer mehr, so wurden ihm die Finger glühend. Diese zaubermächtige Baba zwang auch den Teufel, daß er ihr Säulen zum Kirchenbau herbeischleppen mußte. Den jetzigen Dom zu Bamberg gründeten Kaiser Heinrich II. und seine Gemahlin Kunigunde, sie wohnten in dem kleinen Häuschen am Dom, darin jetzt der Mesner wohnt, und waren gar ein frommes Paar, hatten sich ewiger Keuschheit verlobt. Trotzdem kam aber – auf alle Fälle durch keine andere Tücke als die des Teufels – die gute Kaiserin in mancherlei Gespräch und etwas schlimmern Ruch als den der Heiligkeit, welcher erst später sie umduftete, da sie in Jahre gekommen, die ihr nicht gefielen, oder da sie gar gestorben war. Die bösen Jungen munkelten von einem Herzog, wie von einem schönen Leibjäger, laut und immer lauter, bis es vor den Kaiser kam und dieser die fromme Gemahlin aller Unehren zieh. Da erbot sich Frau Kunigunde, ihre Frauenehre zu erweisen durch ein Gottesurteil, und wandelte auf sieben glühenden Pflugscharen unversehrt und kecklich, nachdem sie Gött angerufen, ihre Unschuld darzutun, wie er der keuschen Susanna Unschuld auch dargetan habe. Und da sie über die glühenden Pflugscharen wandelte, sprach sie: Siehe, Kaiser, so schuldig ich deiner bin, bin ich aller Männer! – Und bestand die Feuerprobe und ward also gereinigt mit großen Ehren, und der König und alle Herren fielen ihr zu Füßen. Darum ersieht man noch im Georgenchor des Domes auf einem steinernen Hochbild die hohe Frau dargestellt, wie sie die Feuerprobe besteht. Aber rechtfertige sich einer oder eine noch so sehr oder werde gerechtfertigt, gegen wen sich einmal die Teufelszunge der Verleumdung herausgestreckt, der bleibt von ihr beleckt und befleckt. So ging es auch der guten Kaiserin. Als sie eines Morgens früh von der Babenburg herabstieg, nach dem Dome, den sie mit gegründet, zu gehen, überschritt sie die Regnitz da, wo heutzutage der Schiffskran ist, da wuschen Weiber hinterm Gebüsch ihre Wäsche im Fluß, und eine dieser Frauen verlästerte nach der Waschweiber Art die Herrin greulich, daß diese es voll starren Schreckens in ihre Ohren hinein hörte. Von Scham erglühend, flehte Kunigunde noch einmal zum Herrn, ihre Unschuld zu beweisen, ging zur Burg hinauf und sandte alsbald einen Korb mit leckern Speisen und Wein zu den Waschfrauen hinab, die wußten sich nicht genug zu verwundern über der Kaiserin Gnade und ließen sich’s trefflich wohlschmecken. Aber da die Verleumderin auch aß und trank, so hatte sie Mistjauche im Becher, und ihr Weck wurde ihr im Maule zu einer Kröte, wie jenen Lästerbuben, die den Vater angespuckt, ihre Jungen. Selbiges Waschweib hat nie wieder verlogenes Gewäsch weitererzählt, und wäre gut für viele ihresgleichen, wenn alle Tage noch solch Wunder sich begäbe. Da würd‘ es eine solche Last Kröten geben, daß sie schwerer wöge als die großen Steinkröten vor dem Bamberger Dom. Diese Kröten sollen vordessen gelebt und beim Dombau des Nachts alles, was am Tage gebaut worden, aus des Teufels Antrieb wieder zerstört haben. Das Volk nennt sie Kröten, es waren aber ursprünglich roh gebildete Löwen aus grauer Zeit. Auf dem Rücken des einen entdeckte man runenschriftähnliche Zeichen.

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820. Die scharfe Schere

820. Die scharfe Schere

Außen an der Pfarrkirche zu Münnernerstadt ersieht man einen Grabstein, auf welchem eine Schere eingehauen ist. Der unter dem Grabstein Ruhende war ein andächtiger Schneider, welcher sich aber in seiner Andacht gar zu oft vom Teufel gestört sah. Dieser erschien ihm dann und flüsterte ihm zu, daß er recht viel Tuch in die Hölle werfen solle, und trieb auch sonst mit dem Schneider viele verfängliche Possen. Der Geplagte klagte seine Not einem frommen Manne und empfing von diesem den Rat, so der Teufel das nächste Mal sich wieder einstelle, solle er die Schere nehmen und ihm den Schwanz abschneiden. Diesem Rat beschloß der andächtige Schneider zu folgen; er schärfte seine Schere, und als der Teufel wiederkam, schnitt er ihm den Schwanz rups und kahl vom Leibe weg. Der Teufel schrie Mordio!, fuhr von dannen und ließ den Schneider fortan in Ruhe. Die Schere blieb lange als Erbstück bei der Familie, und auf des Schneiders Grabstein wurde ihr Abbild eingegraben. Von dieser Zeit an hat der Teufel keinen Schwanz mehr. Der arme Teufel! Es ist schrecklich, wie ihm die Menschheit mitgespielt hat, und was er sich alles hat müssen gefallen lassen; er müßte sich vor seinem Schatten schämen, wenn er einen Schatten hätte. Haare, Hörner, Klauen und den schönen Schwanz hat er lassen müssen, beide nicht unbeträchtliche Ohren sind ihm längst abgelogen worden, denn das Sprüchwort besagt ja: Der lügt dem Teufel ein Ohr ab. Schuhe oder Stiefeln hat er auch nicht mehr, denn sehr viele haben ihn barfuß laufen sehen. Deswegen ist er so unkenntlich geworden, daß die Welt gar nicht mehr recht an ihn glauben kann und mag, und daher eben kommt es, daß jetzt immer, ehe man sich’s versieht, bald da, bald dort der Teufel los ist, weil man ihn nicht mehr am Äußeren erkennt und meidet. Es sind auch sonst noch an der Münnerstädter Kirche unterschiedliche Wahrzeichen, unter andern ein Wolf, der eine Henne frißt, der soll das Hochstift Würzburg bedeuten, das einen guten, ja den besten Teil der alten Grafschaft Henneberg verschluckt hat, denn das ganze Gebiet ringsumher, was nicht kaiserliches Dominium war, war hennebergisch, und ward auch hier wiederum bestätigt, daß die Kirche einen guten Magen habe.

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821. Die heiligen Salzflüsse und die Salzburgen

821. Die heiligen Salzflüsse und die Salzburgen

Im gesegneten Frankenlande fließt die Saale, an deren Ufernähe reiche Salzquellen hervorbrachen und noch hervorbrechen. Eine andere Saale, und zwar ein ungleich mächtigerer Strom, durchfließt das Thüringerland, und auch dort gaben ergiebigreiche Salzquellen den Völkern der germanischen Frühzeit Anlaß zu blutigen Kämpfen um das den Göttern heilige, den Menschen unentbehrliche Salz. Darum wurden die Flüsse Saalen genannt, an beiden kämpften Chatten und Hermunduren, und letztere waren meist siegreich, und die Sieger opferten alle gefangenen Männer und Pferde ihren Göttern. Hoch über das Ufer der fränkischen Saale ward eine mächtige Feste hingebaut, die Salzburg, welche den weiten Saal- und Grabfeldgau beherrschte; auf ihr weihte der thüringische Apostel Bonifazius vor mehr als eintausendeinhundert Jahren, nachdem schon vor ihm die Apostel Frankoniens, St. Kilian, Totnan und Kolnat, in jene Gegenden das Kreuz und die Leuchte des Christentums getragen, drei Bischöfe und hielt dort mehr als ein geistliches Konzil.

Auf der alten Salzburg weilte schon Karl Martell, ein naher umfangreicher Wald hieß der Salzforst und war Reichsdomäne; in ihm hat auch Pipin gejagt, und Karl der Große empfing auf dieser fränkischen Salzburg die Abgesandten des griechischen Kaisers Nikophoras aus dem fernen Byzanz, welche den heiligen Leichnam Josephs von Arimathia mitbrachten, den Kaiser Karl der Große in den Dom zu Aachen schenkte.

Zum öftern haben auch die spätern Karolinger auf der Salzburg verweilt, bis Kaiser Otto III. im Jahr des Herrn Eintausend das Palatium Salz dem Hochstift Würzburg zu eigen gab.

Schon die Quellen des fränkischen Saalflusses heißen Salzbrunnen und Salzloch, und die Sage geht, daß der jetzt kleine Fluß, der bei Gemünden in den Main einmündet, vorzeiten schiffbar gewesen, und daß Kaiser Karl der Große von Worms zu Schiffe den Rhein hinab, von da in den Main, vom Main in die Saale gekommen sei und also zu Wasser gefahren bis zur Salzburg, als er die Burg zum ersten Male besuchte.

So erbaute auch die Völkerschaft, die an der thüringischen Saale siegreich und im Besitz der Salzquellen blieb, allmählich eine Stadt und nannte sie Hala, das ist soviel als Salzstätte, daraus wurde später sprachüblich Halle. Kaiser Otto II. hat dann diesen Ort erweitert und ihm Stadtrecht verliehen. Eine andere Stadt, Hall in Schwaben, trägt gleicherweise ihren Namen von ihren Salzquellen.

Außer diesen beiden Salzströmen, Saalen, hat Deutschland aber auch noch andere, deren Namen auf Salzquellen hindeuten, da ist die Salza (Salzach) und Saala und die Sulzbach in Osterreich und im Bayernland. An der österreichischen Salza liegt die bedeutende Stadt Salzburg mit ihrer stattlichen Feste, und ihr nahe liegt der berühmte Salzort Hallein. Ein anderer Fluß, Salzbach, ergießt sich in den Rheinstrom. All diese Ströme und Flüsse waren den Urvätern heilig, und Salz und Brot waren es nicht minder; Salz zu verschütten galt für eine ungünstige Vorbedeutung, Brot unnütz zu verwüsten für eine Versündigung. Salz und Brot mit jemand zu essen, war Zeichen des Friedens und der Gastlichkeit, ja selbst ein deutsches Sprüchwort sagt aus, man solle keinem eher trauen, bis man eine Metze Salz mit ihm gegessen habe, wozu eine gute und lange Zeit des gegenseitigen Bekanntseins und Zusammenlebens gehört.

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822. Vom Kloster Theres und Adalberts des Babenbergers Grab

822. Vom Kloster Theres und Adalberts des Babenbergers Grab

Zwischen Schweinfurt und Haßfurt lag vorzeiten ein stattliches Schloß, das gehörte dem Grafen Adalbert von Babenberg, der auch ein Kloster allda gegründet hatte, das führte den Namen Sondernshus. Diesen Adalbert verriet auf eine schändliche Weise jener Bischof Hatto von Mainz, den die Mäuse bei lebendigem Leibe gefressen haben. Adalbert hatte den Bruder des Königs Ludwig im Kampfe erlegt, und der König belagerte ihn in seiner hohen Feste, der Babenburg über Bamberg, und Hatto war des Königs Ratgeber und Kanzellar. Der ging als Abgesandter hinauf auf die Babenburg und beredete den Grafen zu einer persönlichen Zusammenkunft mit dem Könige und verhieß ihn vor dem Essen wieder sicher und ungefährdet auf die Burg zurückzubringen. Da sie nun hinabstiegen, ward es dem Hatto flau, und klagte sich Heißhungers, da er noch nüchtern, so lud ihn Adalbert zur Umkehr in die Burg ein, erst etwas zu frühstücken. Dann gingen sie hinab in des Königs Lager, und der König ließ den Grafen alsobald verstricken. Adalbert klagte über den Treuebruch und berief sich auf Hattos Zusage freien und sicheren Geleites zurück auf die Burg, da sprach der lügnerische Pfaff: Hab‘ ich dich nicht, wie ich versprochen, vor dem Essen ohne Gefährde wieder auf deine Babenburg zurückgebracht? – Und da ließ der König Ludwig den Grafen Adalbert zur Sühne seines Bruders Konrad gleich im Lager enthaupten, andere sagen, es sei dies in Adalberts Schloß Sondernshus geschehen, denn alldort liegt er begraben. Der König Ludwig hatte Adalberts Leichnam nach der Enthauptung in den Main werfen lassen, davon kam schnelle Kunde nach Adalberts Schloß, da sammelte sich die Dienerschaft am Strom, und als der Leichnam geschwommen kam, riefen sie weinend: Der is! der is! (der ist es) – und davon wurde Hernachmals das Schloß und Kloster Theris und Theres genannt. In der Klosterkirche wurde Adalbert feierlich beerdigt und ihm ein stattliches Epitaphium errichtet; es stand an der Wand, linker Hand gegen den Hochaltar, und der Graf war darauf abgebildet in seinem Harnisch und lebensgroß, stehend auf einem liegenden Löwen, und darum oder darunter die Worte: Anno Domini DCCCCVIII obiit nobilis Alberrtus comes de Babenberg qui hic incinneratus monasterii hujus fundator opum quantam dator, cujus anima requiescit cum sanctis. Amen. (Im Jahre des Herrn 908 starb der edle Albert, Graf von Babenberg, dessen Asche hier beigesetzt wurde, dieses Klosters Gründer, ein Geber reicher Güter, dessen Seele ruhe mit den Heiligen. Amen.) Nach der Zeit ist die Kirche samt dem Kloster neu gebaut worden, und man weiß nicht, wohin das Epitaphium gekommen. Von Adalberts Grab hat sich die Sage erhalten, daß dasselbe ein kostbares, reich mit Schätzen gefülltes und noch nicht wieder aufgefunden sei. Alte Leute geben an, wenn man im Tore des Klosterhofes gestanden und zwischen zwei Säulen, die einen Betstock gebildet, hindurchgeschaut habe, so habe man die Linie der Richtung gehabt, in welcher sich das Grab befinde. Noch soll der alte doppelsäulige Bildstock ohnweit des ehemaligen Klosters vorhanden sein, man weiß aber nicht, ob er noch auf der alten Stelle steht. Im Klosterhofe steht ein neuerer schöner Bildstock, zwei Säulen tragen ein Bild der Kreuzigung mit einem geteilten Wappenschilde, darinnen St. Veit und ein Saitenspiel, welches ein Abtshut krönt. Gerade durch die Säulen geht der Meridian, und wer durch sie hindurchblickt, blickt über Adalberts Begräbnisstätte.

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823. Die Ritterkapelle in Haßfurt

823. Die Ritterkapelle in Haßfurt

Am obern Ende der Stadt Haßfurt Main, an welcher jetzt die Eisenbahn vorbeizieht, steht die Ritterkapelle, eine geräumige Kirche und Muster deutscher Architektur. Man sagt, die gesamten Edeln des Frankenlandes haben sie erbauen lassen zu einer Grabdenkmalkapelle ihrer Geschlechter, deshalb zieht auch rings um die Kapelle ein Fries von lauter Wappen, und mag wohl kein Adelsgeschlecht in Franken geblüht haben oder noch blühen, des Wappen hier nicht mitgefunden würde. Unter dem Portal und über der Vorhalle wird ein wunderlich Steinbild erblickt, das nennen sie in Haßfurt das Wahrzeichen der Ritterkapelle. Eine männliche nackte Figur ist mit Armen und Beinen so ausgespannt, daß die Glieder die Gradrippen des Gewölbbogens bilden. Das sei des Meisters Bildnis, geht die Sage, der die Kapelle erbaute und die Gesellen betrog. Er soll an seinen Gliedern mit Gewichten also ausgespannt worden sein, die auch an der Steinfigur angebracht sind.

Noch ein anderes Wahrzeichen findet sich an der Außenseite der Kapelle linker Hand, nämlich an einem der nördlichen Pfeiler in ziemlicher Höhe ein Fisch, andeutend, daß einst bei einer Überschwemmung das Wasser also hoch gestanden.

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