Märchen

923. Die Nachtfräulein

923. Die Nachtfräulein

Im Urschelberge haben kleine Fräulein gewohnt, die sind hinein verwunschen gewesen und sind als einmal herausgekommen zu guten Menschen. Es waren ihrer drei, und man nannte sie auch Nonnen, wobei wohl wegen der Dreizahl kaum an Nornen zu denken sein dürfte; sie kamen häufig nach Pfullingen zu einem armen Mann, brachten ihre Spindeln mit und spannen gar fleißig, doch nicht länger als elf Uhr. Sprechen taten sie gar nicht, denn das war ihnen verboten; für das Licht, das ihrethalb verbrannt wurde, zahlten sie eine kleine Gabe. Wenn man sie ja sprechen hörte, so war ihre Sprechweise kindisch. Gleich der Urschel liehen auch sie Getreide dar und jammerten, als das zurückerhaltene am Sonntage ausgedroschen war. Sie sprachen dabei von ihrem Vater, den sie kindisch Vi-Vater nannten, und als eines Abends einem dieser Fräulein von selbst der Faden riß oder, nach dortigem Ausdruck, brach, so klagte dieses: Pfitzede pfitz, der Faden is broche. – Darauf sprach die zweite: Pfitz’n wieder z’sämen, so is er wieder pfaatz (ganz). – Nun begann die dritte strafend: Hat nit der Vi-Vater g’sait, sollest nit bätze?! (schwätzen). – Darauf hat am andern Morgen vor des armen Mannes Haus ein Sack mit Frucht gestanden und oben darauf ein Geldstück, die Fräulein aber sind niemals wiedergekommen.

*

 

924. Erdweible im Heuchelberg

924. Erdweible im Heuchelberg

Zwischen Tübingen und Nürtingen liegt ein Flecken des Namens Walddorf, dahin sind zu unterschiedlichen Zeiten im Winter zwei Fräulein in die Lichtkarz gekommen und haben gesagt, sie kämen aus dem Heuchelberg im Unterlande, und haben wacker mit den andern Mädchen gesponnen. Regelmäßig aber sind sie mit dem Glockenschlag zehn Uhr wieder fortgegangen. Auch Brot haben sie für die Menschen gebacken und sonstiger reiner Arbeit sich unterzogen. Bisweilen kam auch nur eine, dann wieder alle zwei, und so fort den ganzen Winter hin bis zum Frühling. Eines Abends saßen sie wieder beide in der Spinnstube bei den Mädchen, als vor der Türe eine unbekannte Stimme rief:

O weh, o weh!
Der Heuchelberg brennt! –

Da schrie das eine Fräulein:

O weh, o weh!
Meine armen Kind! –

und fort waren beide wie der Wind und kamen niemals wieder.

*

 

925. Das Hardtfräulein

925. Das Hardtfräulein

Auf dem Berge, welcher der Hardt heißt, der mit dem großen Heuberg zusammenhängt, geistet auch ein Fräulein, das nennt man nach dem Berge, gleich der Urschel, das Hardtfräulein oder Hardtweible. Es ist schwarz gekleidet, zum Gegensatz der weißgekleideten Nachtfräulein und der grün gekleideten Urschel, und trägt einen runden schwarzen Schlapphut. Das Hardtfräulein hat die Eigenschaft, die Leute zu necken, zu verblenden und dann gehörig zu verlachen, ja es kann sogar sehr feindselig verfahren, die Leute in Abgründe stürzen, das Vieh scheu machen, daß Unglück daraus entsteht, und dergleichen. Einst verblendete das Hardtfräulein einen Mann so ganz und gar, daß er sich gar nicht mehr auskannte, und als er nach Hause kam, kannte er sein eignes Heim nicht, griff nach kurzer Rast nach Stock und Hut und sagte zu seiner Frau: Nun b’hüet‘ Euch Gott, ich muß machen, daß ich heimkomme, sonst keift meine Frau wie dem Teufel seine Großmutter.

Es ist gar nicht zu sagen, wie vielerlei Fräulein und Weible in Schwaben spuken gehn, auf allen Burgen und Bergen, an allen Seen und Teichen. Im Lautlinger Tale liegt der Gröblesberg, da liegt ein Schatz und schwebt ein Fräulein, das ist halb weiß, halb schwarz. In einer Schlucht bei Friedingen, durch welche die Donau fließt, spukt ein Weible, das ist ganz schwarz, und die Schlucht heißt der Weiblesteich.

Im Erlenbach bei Bieringen an der Jaxt geisten drei weiße Fräulein, auf dem Stöffelesberg bei Gönningen desgleichen. Man kann sie nicht alle zählen und aufzählen. Die Urschel scheint, gleich der thüringischen Hörschel- und Venusbergfrau, nur dunkelmythischer Nachklang der antiken Aphrodite Melainis, der auch, in den Schatten der Nacht gehüllt, die Trias der Charitinnen folgt.

*

 

926. Das Pelzweible

926. Das Pelzweible

In der Nähe von Schlatt liegt ein Hof, Rommenthal genannt, und nahe dabei eine alte Burg gleichen Namens. Dort geht ein Weibchen um, welches das Pelzweible heißt, und hütet eine Grube, das Pelzweiblesloch genannt, darin der Schatz liegt, der bis zur Erlösung des Pelzweibles ruhen muß. Die Erlösung beruht nicht auf so schweren Proben wie jene der verschiedenen Jungfrauen, die sich in Schlangen verwandeln, was manche erst dann tun, wenn sie bereits aus ihrem Jungfernstande erlöst sind. Das Pelzweible verlangt keine Küsse. Einem Amtmann zu Süßen erschien es einstmals und flehte ihn um die Erlösung an. Es werde ihm in dreimaliger Verwandlung erscheinen, sprach es, er möge nur Mut haben und jede der drei Gestalten mit einer Rute berühren. Der Amtmann, der noch jung und ledig war, fühlte sich sehr beherzt, hatte auch in der Amtsstube, den Bauern gegenüber, sich stets bis über den Mut hinüber mutig gezeigt. Jetzt begannen die Proben; das Pelzweible verwandelte sich vor seinen sichtlichen Augen in eine Krott und empfing einen Schlag; darauf verwandelte sich die Krott in eine große Schlange, das war dem beherzten Amtmann schon außer dem Spaß, doch als die Schlange zischend auf ihn zuschoß, wehrte er sich seiner Haut, hieb sie mit der Rute über den Kopf, und weg war die Schlange. Plötzlich aber stand ein Pudel vor ihm mit feurigen Augen, und Feuer aus dem Rachen pustend, und groß wie ein Kalb, und sperrte den Rachen gegen ihn, und machte Miene, ihm die Nase abzubeißen; da fiel dem Amtmann das Herz in die Kniekehle und die Rute aus der Hand, und er wandte sich und entfloh auf seinem Pferde, das er vorsorglich gesattelt neben sich gestellt, und der Pudel schoß hinter ihm her und hatte sich ganz wütig. Der Amtmann hatte von diesem Erlösungsversuch fast den Tod und hat all sein Lebetag kein Weible mehr erlösen mögen, sondern ist ledigen Standes verblieben.

*

 

917. Der Weltsjäger

917. Der Weltsjäger

In einigen Gegenden Schwabens wird der ewige Jäger das Weltschjägerle genannt, weil er um die ganze Welt herumjagen und -laufen muß. Seine Gestalt ist zumeist die eines kleinen verhutzelten Männleins in grüner Tracht, wie auch bisweilen der Teufel gedacht wird, der gar oft als grüner Jäger aus die Menschenseelenjagd ausgeht. Dies wird er auch nicht lange mehr tun, denn wenn er einmal in die Schweiz zu einem gewissen hochgelahrten Professor kommt und seine Seele holen will, da wird ihm der Professor aus der Naturgeschichte beweisen, daß er gar keine Seele hat, gerade wie der Kaschper im Puppenspiel vom Doktor Faust, und daß es keine Seelen gibt; da wird der Teufel einen schönen Zorn kriegen.

Das Weltschjägerle muß deshalb ewiglich geisten, weil er immer am lieben Sonntag gejagt hat, und wenn das mancher Sonntagsjäger erfährt, so wird ihm angst und bange werden, andern Sonntagsjägern aber nicht, denn die können nie und niemals geisten, sie wissen nicht, wie sie das anfangen sollen. – Vorzeiten war einmal ein Graf von Württemberg, der ritt in den Wald zu jagen; schau, da rauscht’s und braust’s im Walde, der erst ganz still war, und auf einmal war das Weltschjägerle hart am Grafen dran, und der Graf war vom Roß gestiegen und stand auf eines Baumes Tolde und fragte: Willst du mich schädigen? – Nein, sprach der ruhelose Geist. Ich will dich nicht schädigen, bin selbst genug geschädiget. War vordem ein Herr wie du, ein Jagdfreund wie du, und verlobte mich ewiger Jagd, das gedieh mir leider zur Erfüllung, denn seit fünfhundert Jahren jage ich nun immer einen und denselben Hirsch. – Wes Geschlechtes bist oder wärest du? fragte der Graf. – Solches ist noch niemand offenbaret worden! erwiderte der Geist. – Zeige mir dein Angesicht, ob ich dich nicht erkenne! sprach der Graf. Da enthüllte das Weltschjägerle sein Angesicht, und war selbiges nur faustgroß, und das kaum, verrumpflet wie eine Rübe und verschrumpflet wie ein Schwamm – und es grausete dem Grafen. Der Geist ritt still hinweg, hinter seinem Hirsche drein, und der Graf ritt auch still hinweg und ritt nie wieder jagen.

*

 

909. Sankt Meinrad

909. Sankt Meinrad

Zu Kaiser Karl des Großen Gezeiten war im Sülichgau ein Graf des Namens Berthold, der versorgete seine Kinder in Klöster, und wie er sonst konnte und mochte. Da ward ihm auch ein Söhnlein, das ward Meginhard oder Meinrad genannt, das taten die Eltern frühzeitig auf die Insel Reichenau im Bodensee zum Abt Hatto. Später aber entwich Meinrad in eine öde Wildnis, in eine Einöde auf dem Etzelberg, erbaute allda eine Siedelei und diente Gott darin mit Gebet und Fasten sieben Jahre. Da nun, vom Rufe seiner übergroßen Frömmigkeit angezogen, viele Menschen ihn aufsuchten, so hob er sich von dannen und zog in einen noch finstrern Wald und nahm nichts mit sich als einige heilige Bücher, erbaute ein Kapellchen und lebte darin gottseliglich. Schon war der heilige Mann sechsundzwanzig Jahre in dieser Einsiedelei verblieben, nicht ohne mancherlei Versuchung und Anfechtung vom Teufel, da bewegte der böse Feind zwei gottlose Räuber, daß sie, indem sie Schätze bei dem heiligen Mann zu finden verhofften, ihn aufsuchten, in der Absicht, ihn zu ermorden und zu berauben. Freundlich empfing der fromme Meinrad die Männer, aber zwei junge Raben, die er aufgezogen, schrieen sehr und flogen den Mördern nach den Gesichtern. Meinrad war aber schon durch ein göttliches Gesicht offenbaret, daß er von diesen Mördern sterben müsse. Und es geschahe der grause Mord unter Wunderzeichen, denn als sich des Heiligen Sinn verdunkelte, rief er flehend nach Licht, und plötzlich umfloß eine von edlem Ruch durchduftete Helle Zelle und Wald. Entsetzt entflohen die Mörder, als der fromme Meinrad seine Seele ausgehaucht und seine Raben noch zu Zeugen dieser Untat aufgerufen hatte, und siehe, die Raben folgten ihnen mit Gekreisch und schossen ihnen stets auf die Häupter. Und da die Mörder gen Wolrow kamen, sahe die Raben ein Zimmermann, der sie kannte, denn er hatte Meinrad die Zelle gezimmert, und der Heilige war sein Gevatter, der schöpfte Verdacht, hieß seinen Bruder den Mördern folgen und eilte nach der Einsiedelei. Da schmeckte er den süßen Ruch im ganzen Walde und fand die entseelte Leiche und neben ihr brennende Kerzen, von Engelhand entzündet. Und darauf ist die ganze Untat an den Tag gekommen, und die Raben wichen nicht von den Mördern und nicht von ihrer Richtstatt, bis sie gerädert waren, und dann verbrannt, und dann ihre Asche in das Wasser geschüttet, wie die des Paukers von Niklashausen. Das alles ist geschehen im Jahre 863 nach Christi Geburt, und wurde des heiligen Mannes Eingeweid auf dem Etzel begraben, sein Leichnam aber in dem Gotteshaus Einsiedeln, das sich am Ort von Sankt Meinrads Kapelle erhob und zu hohem Ruhm emporwuchs, und geschahen alldort große Wunder.

*

 

910. Kindersegen

910. Kindersegen

Wie fast in jedem deutschen Lande, vom Norden zum Süden und bis in den letzten Winkel hinterm Watzmann, wo Deutschland ein Ende hat und in Österreich aufgeht – früher war es all eins, da war bessere Zeit –, so hat auch Schwaben seine Sagen vom Kindersegen in etwas übergroßer und den Gesegneten unlieber Zahl. Bei Mühlhausen im Oberamt Spaichingen quillt noch heute ein Kindlestalbrunnen, in welchem eine Magd sechs von ihrer Herrin auf einmal nebst einem siebenten geborenen Knäblein ersäufen sollte, nachdem letztere eine Zeit vorher von einer Bettlerin zu solcher Siebengeburt ob harter und höhnischer Behandlung verwünscht worden war. Da nun der Ritter wie jedesmal bei dieser so hundertfach wiederholenden Sage dazukam, die Tat hinderte und die Mutter zürnend fragte: Was soll man einer Mutter tun, die ihre Kindlein will versaufen lassen? und sie antwortete: Die ist wert, daß man sie lebendig in Öl versiede! – so ließ er solch selbstgesprochenes Urteil auch an ihr ohne Verzug vollziehen.

Geradeso erging es einer Ritterfrau auf Burg Wildeck zwischen Schömberg und Rottweil, allwo die alten Trümmer der Burg noch stehen, nur nicht alsbald, sondern erst nachdem die Knäblein erwachsen waren. Bei diesen beiden Frauen, die in Öl versotten wurden, waren der Knäblein sieben, bei einer Gräfin von Altdorf im Schussentale aber waren ihrer zwölf, wie bei der Frau Irmentritt im Pinzgau, beider Männer hießen auch Isenbart, und da trug sich denn auch wieder alles genau so zu wie immer, und die Besitzer einer Mühle an der Scherzach, Mann und Frau, zogen die vom Wassertod, dem gewöhnlichen Tod junger Hündlein, geretteten Knäblein auf. Ob nun schon auch hier die Gräfin sich zur Strafe des In-Öl-Versiedens selbst verurteilte, so soll sie doch Gnade erlangt haben durch ihre bittre Reue. Am Altdorfer Rathause ist noch ein Bild zu ersehen, das die Knaben und ihre Erzieher darstellt.

*

 

911. Der alte Zoller

911. Der alte Zoller

Der alte Zoller – so heißt im Volke die weitberühmte Stammburg des Geschlechtes der Hohenzollern, deren Stamm zu Preußens Königseiche erwuchs im Lauf der Jahrhunderte – eine feste Burg auf gewaltigem Felsengrunde aufgetürmt. Das mannliche Geschlecht, das diesen hohen Ahnensitz gründete, ragt weit hinauf in der Zeiten Frühe, und je weiter es hinaufragte, um so höher hinauf führten es die Sagen und der früheren Geschichtschreiber schmeichelnde Phantasei. Vom König Pharamund, vom welschen Hause Colonna und dessen Schloß Zagarolo, vom Grafen Isenbart von Altdorf, an den und dessen Gemahlin die so häufig wiederholende Welfensage sich ebenfalls knüpft, und von noch andern ward des hohen Stammes Ursprung abgeleitet, unter denen auch der berühmte Bayerherzog Thassilo genannt wird. Der erste erweisliche Graf von Zolre hieß Burchard und starb 1061. Dessen Urenkel war Friedrich I., Burggraf von Nürnberg im Jahre 1192, und dieser ist der unumstößliche Ahnherr aller Burggrafen von Nürnberg, Markgrafen und Kurfürsten von Brandenburg, Kurfürsten und Könige von Preußen. Friedrichs I. Bruder, auch Burchard geheißen, ward der Fürsten von Hohenzollern Ahnherr. Einer seiner Nachkommen, Friedrich VII., zubenamt der Ottinger, war Rat eines Grafen Eberhards von Württemberg, da dieser aber starb, vertrug er sich nicht mit dessen Witwe und tat ihr einige Trübungen an. Da sie nun heftig widerschalt, warf er die Frage hin: Kann mich wohl ein giftig Weib verschlingen? – Da schrie die Gräfin voller Zorn: Hab acht, ob ich nicht all dein Gut, dein Schloß und dein Leben verschlinge! – und sann von dem Augenblick an auf nichts, als den Zoller zu schädigen und zu verderben. Da er mit den Reichsstädten in Fehde kam und hart belagert war, kam die Gräfin von Württemberg seinen Feinden zu Hülfe mit zweitausend Streitern, die umlagerten ihn fest und fester, und schnitten ihm alle Zufuhr ab, und verzehrten ihm all sein Gut, und die von Ulm brachen sein Schloß, und die Württemberger nahmen ihn gefangen, und die Gräfin ließ ihn in einen finstern Turm werfen, und so hatte sie sein Leben täglich und stündlich in ihrer Hand. Sie nahm es ihm nicht, wohl aber nahm ihr der Tod das ihrige, und der Graf ward frei und tat eine Bußfahrt ins gelobte Land und jubelte, daß sie sein Leben doch nicht verschlungen habe, aber wie er den Strand von Joppe küßte, da ward ihm weh in der Brust und im Herzen, und die Kerkerschauer, die er so lange ertragen, erwachten mit aller Macht und schlugen ihn mit dunkeln Fittichen – und da erseufzete der alte Zoller: So hat sie doch auch mich verschlungen – und sank in seiner Knappen Arm und verstarb.

*

 

912. Der Jäger des Zollern

912. Der Jäger des Zollern

Einer von den alten Hohenzollerngrafen, Friedrich, zubenamt der Schwarze, hatte einen Jäger, das war kein Guter, sann vielmehr auf böse Künste und Teufelsstücklein und hatte Lust, viel lieber dem Volant zu dienen als seinem frommen Herrn, gerade wie jener Jäger des Herrn von Wangenheim, der sich zum Elbel wünschte, oder jener frevelhafte Freischütz im Dithmarschenlande. Da ließ der Jäger des Grafen von Hohenzollern sich auch von einem fremden grünen Weidmann, der ihm mitten im Walde auf einem Kreuzweg aufstieß, betören, einen gottlosen Schuß zu tun, um mit selbigem dann in den Besitz aller möglichen höllischen Weidmannskünste zu gelangen. Da stand bei der alten Heiligkreuzkapelle ohnsern Hechingen ein Bildstock mit einem Kruzifix, und danach zielte der Jäger mit seiner Armbrust und wollte drei Bolze hineinschießen; wenn ihm das gelang, so gesegnete ihm der böse Feind und Nachtjäger seinen Pfeil allezeit, daß jeder Schuß traf. Und da zielte er gut und traf das Herrgottsbild am Kreuz recht in die Seite, wohin des Kriegshauptmanns Speer auch getroffen. Und da drangen Blutstropfen neben der Spitze des Bolzen heraus, die im Bilde stak. Darauf tat der Jäger den zweiten Schuß und traf abermals, und zwar auf des Bildes Herzblatt, und es sprang ein Blutstrahl aus dem Bilde. Und da legte er zum dritten kecklich den Bolz auf und zielte nach dem Haupt voll Blut und Wunden. Indem so sank der Frevler bis zum halben Leib in den Boden ein, wie die Tänzer zu Kolbeck, und die Erde hielt den gottlosen Jäger eisern fest. So ward er gefunden und ihm alsobald kurzer Prozeß gemacht, so daß man ihn nicht, wie er ging und stand, sondern eben nur, wie er stand, um die Länge seines Hauptes kürzer machte. Solches hat sich im Jahre 1390 begeben, und man hat hernachmals die Geschichte in der Kapelle zum Heiligkreuz bildlich dargestellt und auch das durch die Pfeile verletzte Christusbild aufbewahrt.

*

 

913. Der ewige Jäger in Schwaben

913. Der ewige Jäger in Schwaben

Fast mehr als in Flandern, in Dithmarschen-, im Harz-, Thüringer- und im Vogtlande sind Sagen vom ewigen und wilden Jäger im Schwabenlande heimisch und umgehend, und erscheint dieser Nachtspuk unter allerlei Gestaltung und Namen an überaus vielen Orten. Häufig wird er erblickt mit einem Hammer, damit er die Bäume zeichnet, wie zum Abposten oder Durchforsten; der Schlag seines Hammers gibt hellen seltsamen Schall. An vielen Orten wird das gleiche erzählt, was die Sagen von in die Sonne schießenden Jägern melden, daß nämlich der ewige Jäger auch in des Teufels Namen in die Sonne geschossen, aber nicht am Sonnenwendetag, sondern in der Christnacht und am Karfreitag, Freikugeln damit zu erlangen, und so einer soll nahe bei Freudenstadt gelebt haben, der nun für seinen Frevel zu ewiger Nachtjagd verdammt ist. Ebenso im Buchwald bei Neuenburg, im wilden Gaistale, nach Herrenalb zu, und im Enztale auf dem Berge Heiminhart und zwischen Wildbad und Dobel, da hört man ihn Hetzen und die Hunde, die ihm bellend vorauslaufen, anrufen. Auf dem genannten Dobel wohnte einer, der hieß Neck, wie sonst die Wassermänner heißen, der erschoß viele Wilddiebe und hatte daran seine große Freude; einmal erschoß er fünf auf einen Strich, und noch dazu an einem Sonntag, wo jene sich ein apartes Vergnügen im Walde machten. Da wünschten ihm die Sterbenden das ewige Leben, und einer, der auch Freikugeln hatte, schoß ihn mitten durch das Herz. Seitdem reitet er auf einem Hirschen durch die Forste, und bellende weiße Hündlein begleiten ihn. Auch bei Pfalzgrafenweiler zeigt er sich zuzeiten und schreit die Hunde an: Hu dock dock dock! Hu dock dock dock! – Sie nennen den ewigen Jäger in der Nähe von Wurmlingen auch Riesenjäger, nicht weil er die Riesen jagt, sondern weil er eine Riesengestalt ist; bei Sigmaringen heißt er Ruprecht, wie jener Pfarrer, der die Tänzer von Kolbeck bannte, und bei Kolbingen nennen sie ihn Hans, vermutlich darum, weil so mancher Hans – denkt, er wäre auch ein Jäger. Viele meinen, der ewige Jäger und der ewige Jude wäre einerlei, weil nach mancher Meinung auch der ewige Jäger, gleich jenem, um die ganze Welt laufen muß. Als einer einem alten Jüdchen das vorhielt und fragte, was es von der Sage halte, lächelte selbiges ironisch und antwortete: Nu, worum nit? Mer jagen aach.

*