Märchen

935. Breithut und andere Geister

935. Breithut und andere Geister

In der Blaubeurer Gegend und Herrschaft spukt ein Geist, welcher Breithut genannt wird; eö ist einer von den vielen gespenstigen Freischärlern, trägt einen Schlapphut und hat von dem den Namen; er hat seinen Kopf aufgesetzt und den Hut obendrauf und geht nicht zu Fuße. Er fährt vielmehr mit vier kohlpechschwarzen Rappen und lärmt und rasaunt wie der ewige Fuhrmann, der in der Gegend von Tettnang geistweis schweben muß. Die Rappen aber haben keine Köpfe. Nächst ihm gibt es noch der Geister und Geistlein in Schwaben wie Sand am Meer, noch außer denen, die zu der Schar der Erdwichtele gehören. Gut, daß sie nicht sichtbar sind, man könnte sich sonst schier entsetzen, wenn einem alle paar Schritt ein Schlapphut begegnen täte, etwa mit einem Waldschrattlebart und gefährlichen Augen.

Da heißt ein Geist Huonzel oder Kuonzel – soviel als Konradle –, der spukt bei Bühlertann; bei Wankheim und Jetenburg geht ein Wiesengeist um und führt die Leute irre; im Kusterdinger Walde bei Tübingen spukt der Eintöffeler, der geht barfuß und hat nur einen Pantoffel an; zu dessen Privatvergnügen gehört es, blitzschnell zu erscheinen und ebenso schnell wieder zu verschwinden, auch seinen Kopf vom Rumpfe schnell auf- und abhüpfen zu lassen. In Schwäbisch-Hall spukt im Salzwerk der Halgeist, dort Haalgeist genannt, er, und nicht der Teufel, sagen einige, soll es gewesen sein, der dem Salzsieder die große Nase zeigte und ihn über den Kocher hinüber auf den Gänsberg schmiß und höhnisch fragte: Ist dees nit a Wuuref? – Ein sich gern in Tiere verwandelnder Geist spukt bei Gniebel und wird der Kappelgeist genannt. Bei Riederich spukt einer als Nachtvogel, so groß wie die Tut-Osel, fliegt vor den Wanderern her, äfft sie und lacht mit Menschenstimme, gleich dem Geist Osschaert im Wanslande. Andre fahren mit Gekreisch in Gestalt eines Lichts blitzschnell den Leuten an die Fenster, so daß alles erschrickt. Soviel von den männlichen Geistern, der weiblichen gibt es nicht minder viel, so daß einer in Wahrheit sagen kann, was einmal ein vierzig Jahre alter Schwab sagte: I schwör’s bei mein’m Eid, das Schwabeland ischt des geischtreichschte Land unter der Sonne!

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936. Reißenstein und Riese Heimen-Stein

936. Reißenstein und Riese Heimen-Stein

Eine Meile weit von der Teck in der Schwäbischen Alb, die nicht mit den Alpen der Schweiz und Tirols zu verwechseln, sondern ihren Namen von dem weißen Gestein, womit die Acker der rauhen Gegend bedeckt sind, führen soll, hebt sich die Burgtrümmer des Reißenstein hoch auf einem steilen Felsen; dieser Berg samt der Burg hat früher der Riesenstein geheißen, und ein Riese des Namens Heim hat auch die Burg erbaut. Dieser Riese Heim hauste und haust noch als Geist in einer langen Felskluft, dem Heimenstein, dem Reißenstein gerade gegenüber. In dieser Höhle hütet der Riese noch immer seinen Schatz. Als er den Riesenstein mit Hülfe der Zwerge gebaut hatte, fehlte am obersten Fenster außen noch ein Nagel, da faßte er den ersten besten seiner Hülfsknechte beim Kragen, hielt ihn zum Fenster hinaus und ließ ihn, so zwischen Himmel und Erde schwebend, den Nagel einschlagen, dann stellte er ihn sachte wieder auf die Beine und sprach mit Lachen: Bravo, Männchen, bravo!

Es hat auch sonst noch einen Riesen Heim gegeben, der hauste im Inntale, tötete einen schädlichen Drachen, gewann des Landes Herrschaft, erbaute über den Inn eine große Brücke und gründete an ihr einen Ort, der wurde hernachmals von der Brücke Innsbruck genannt, ließ sich dann taufen und gründete das Kloster Wilten. Allda liegt dieser Riese Heim auch begraben, das Grab ist vierzehn Schuh und drei Zwergfinger lang.

Zu Hirsau ist eine Riesenkapelle, da liegt der Riese Erkinger auch in einem vierzehn Schuh langen Grabe, und gehen von dem Erkinger viele Sagen.

An der Murg gab es auch Riesen, die wurden Rotmäntel genannt und das Gundesvolk.

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9Z7. Herrgottstritte

9Z7. Herrgottstritte

In der Schwäbischen Alb, im Aalbuch über Heubach, liegt die Burgruine Rosenstein auf einem steilen und schroffen Felskegel, der dennoch von wildem Rosengesträuch dicht überwachsen ist. In ihrer Nähe ist eine tiefe Höhle, die Scheuer geheißen, die sich eine halbe Stunde durch den Berg hindurch erstrecken und mit der Burg in Verbindung gestanden haben soll. So soll auch auf dem nahen Hohberge eine Stadt, Hochstadt oder Hochstädt, vordessen gestanden haben, die mit der Burg durch eine lederne Brücke verbunden war, gerade wie auch die Burgen Kalenberg und Burgstall bei Friedingen an der Donau. Auf Burg Rosenstein, gegenüber dem Scheulberg, hat Christus der Herr gestanden, und der Teufel zeigte ihm von da alle Herrlichkeit der Welt und wollte, daß Christus niederfalle und ihn anbete – also geht die Sage. Aber Christus warf den Versucher in die nahe Teufelsklinge und trat von dem Burgberge hinüber auf den Scheulberg (Schauelberg), hoch über das Tal von Heubach hinweg, und prägte seiner Fußtritte Spur beiden Felsen tief ein. Zu diesen Tritten ist hernachmals häufig gewallfahrt worden, ward auch ein Marienbild nahebei aufgestellt, aber die württembergische Regierung verbot in einem strengen Edikt vom 8. Juni 1740 das Wallen und ließ den Herrgottstritt auf Rosenstein mit Pulver wegsprengen, das gipserne Marienbild aber einziehen – Aberglauben zu verhüten. In der Teufelsklinge mußte der Teufel tausend Jahre gefesselt liegen und grimmige Tränen weinen, die als trübes Wasser aus ihr zutage flossen, nunmehr aber ist er schon längst wieder los und spaziert hin, wohin es ihm beliebt.

Auf dem Scheulberg wachsen nahe dem Herrgottstritt Wetterkräutlein, vor denen scheuen sich die Gewitter und zerteilen sich an seinem Scheitel.

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938. Teufelsmühle und -wehre

938. Teufelsmühle und -wehre

Auch im Schwabenlande gehen Sagen von Teufelsmühlen, wie im deutschen Norden, in Osterreich und sonst. Eine stand im Murgtale, nicht weit von Gernsbach, das war eine Sägemühle, und dem Müller zerriß die Flut des Talflusses sehr oft das Wehr; wünschte sich deshalb ein dauerhaftes, und daß es der Schwarze bauen möchte, wie er im Schwarzatale bei Blankenburg im Thüringerwalde auch getan. Da kam der Teufel, bereitwillig wie immer, gegen Seelenverpfändung zu tun, was ihm möglich. Wurde daher eins mit dem Müller, das Wehr über die Murg zu bauen, aber der Müller müsse ihm vergönnen, jede Nacht auf seiner Sägemühle eine Seele zersägen zu dürfen. Der Müller dachte: Säge du doch meinetwegen Seelen oder Kieselsteine, was kümmert das mich? Wenn ich nur ein Wehr habe, das meiner Mühle zu ihren zwei Gängen genug Wasser zuführt. Sonach wäre die Seelensägemühle bald fertig geworden, allein da sie recht bald, nämlich mit dem ersten Hahnschrei, fertig werden sollte, und da des Müllers Frau den Pakt belauscht, so kroch sie zeitig über das Mühlhaus auf einen Steinfels und krähte wie ein Hahn. Gleich antworteten alle Gückel im Dorfe, und der Teufel riß voller Wut das fast schon fertig gebaute Wehr wieder zur Hälfte ein.

Ebenso steht über Loffenau eine Teufelsmühle, und nahe dabei ist das Teufelsbette und das Teufelshaus; letzteres ist ein also genannter Felsen, da hat sich einmal der Teufel drangelehnt, als er einen recht glühenden Zorn hatte, und hat seine holdselige Gestalt daran abgedrückt, gerade wie am Lurleifelsen am Rhein. Ist ein stattlicher Schattenriß, der Kerl mißt acht Fuß, seine Waden sind wie zwei Fässer und seine Lenden wie Badwannen, der Kopf ist so groß wie ein württembergisch Simri, das ist ein gütliches Kornmaß. In der Nähe ist auch des Teufels Handscherben (Waschbecken), darin er seine Hände in Unschuld wäscht, wenn die Menschen ihm ihre eignen Sünden und Laster über Gebühr aufgebürdet und in die Schuhe geschoben haben.

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93. Die Weingötter am Rhein

93. Die Weingötter am Rhein

Zu Bacharach am Rhein, wo nach altem deutschen Reimspruch der besten Weine einer wächst, soll vorzeiten ein Altar des Bacchus, des Weingottes, gestanden haben, und des Ortes Name soll von diesem Altar, Bacci ara, herrühren, diesen Altarstein nannten die Winzer umher auch den Elterstein. Dort ist auch ein Fels im Rhein, der wird nur bei ganz kleinem Rhein, bei großem Wassermangel und heißem dürren Sommerwetter, sichtbar und stets für eine dem Weinjahr günstige Prophezeiung genommen, denn es geht ein Sprüchwort, das lautet: Kleiner Rhein gibt guten Wein. – Viele meinen, daß dieser Fels selbst der Altar des Bacchus sei, und mit Figuren verziert, und vielleicht hat noch im schwachen Nachhall sich altheidnischer Kult darin erhalten, daß die Schiffleute, wenn der Elterstein sich zeigt, eine Strohpuppe als Bacchus aufputzen und auf dem Stein befestigen, so ist der Sagenglaube im Volke lebendig, wenn auch die Gelehrten ungläubig den Kopf dazu schütteln.

Zu Caub, nahe der alten Burg Pfalzgrafenstein mitten im Rheinstrom, darin vorzeiten aller Pfalzgrafen Wiege stand, weil aller Pfalzgräfinnen Wochenbette darinnen aufgeschlagen werden mußte, lebt noch eine Sage von einem wunderlichen Heiligen, Theonest, des Name wie eine Verstümmelung des griechischen Wortes Dionysos (Bacchus) klingt. Dieser Theonest soll aber doch nicht ein heidnischer Weingott gewesen sein, sondern ein christlicher Märtyrer, der in Mainz bis auf den Tod gequält wurde, und dem es gelang, in einer Weinkufe statt Nachens auf dem Rheinstrom zu entkommen und sich abwärts tragen zu lassen. Je weiter Theonest fuhr, um so wohler wurde ihm zumute, und bei Caub landete er in seiner Kufe an, predigte das Christentum und pflanzte Weinreben, und zwar süße Trauben tragende, die kelterte er zuerst in seiner Kufe, und davon nahm der Ort, den er hier am Strome gründete, den Namen Caub an, und in das Stadtsiegel nahmen hernach dankbar die Cauber das Bild des heiligen Theonest, in seiner Kufe sitzend, als ihr Stadtwappen und führen es in ihrem Siegel. Und ist auch hernachmals Caub ein wichtiger Ort geworden durch Rheinzoll und Stromreederei.

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939. Von Drachenbergen

939. Von Drachenbergen

Drachenberge gibt es in Deutschland nicht wenige; ihre Namen bezeugen den festgewurzelten Volksglauben an Drachen, die, mit dem an Lindwürme verschmolzen und fast eins, überall auf Ungeheuer der Vorzeit hindeuten, die nicht mehr vorhanden sind. Wo Sagen von Lindwürmen haften, ist insgemein die Sankt Georg-Legende mit ihnen verwachsen. Die vielen drachenhaften Gebilde an den Kirchen des romanischen Baustils gaben der Sage stets neue Nahrung. Bei Wurmlingen und seiner berühmten Wallfahrtkapelle und in der Höhle am Fuße der Wandelburg hauste und wandelte vorzugsweise ein greulicher Wurm, der ja auch Wurmlingen den Namen gab. Viele sagen, es sei gar ein Pärchen, Männlein und Weiblein, gewesen, auf daß die gute Art nicht aussterbe und die irrenden Ritter doch etwas zu tun fänden. Die Sage vom Lindwurm auf Frankenstein wie die von Limburg (Lindburg) an der Lahn wiederholt sich getreu mit der alten Limburg auf dem Lim- oder Lindberge im Neidlinger Tale im Schwabenlande, nur daß sie geradezu den heiligen Georg als Drachentöter nennt, während andere verwandte Sagen dessen mythische Persönlichkeit mehr umhüllen. Nah dem Filstale liegt das Dorf Drackenstein mit einem Drachenloch und einer Totenhöhle, wie bei Meiningen ein Drachenberg mit einem Drachen- und einem Bärengraben. Der Drache im Drachenloch bei Drackenstein soll noch immer geisten. Einst gelang ihm der Raub einer Kaiserstochter, er hielt sie gefangen fünf Jahre lang und gedachte ihr die Ehre zu, sie zu seiner Gemahlin zu erheben, aber er gefiel ihr nicht, obschon er ihr drei herrliche Kleider schenkte, darauf auf einem Sterne gestickt waren, auf dem zweiten der Mond und auf dem dritten die Sonne. Sie ging mit einem Schneider, der ihr im Walde begegnet war, durch und nahm die Kleider mit, und später heiratete sie den Schneider, und der Drache hatte das Nachsehen. Auch bei Eningen liegt ein Drackenberg; daran sollen zwei hohe Nußbäume gestanden haben, mit den Kronen ineinander verschlungen. Diese Kronen bildeten das Drachenbette, und der Drache sei gewesen wie eine ungeheuer große Klapperschlange. Ein Jäger, welcher allerlei Jagdstücklein verstand, auch wohl selbst ein Hexenmeister war, schoß mit einer gewissen Kugel die Schlange in den Kopf, da tat sie einen Schneller noch den halben Drackenberg hinauf und starb. Im Ammentale hauste ein greulicher Lindwurm, den erlegte nur dadurch ein Ritter, daß er sich über und über mit Spiegeln behing. Da der Wurm in diesen sich erblickte, meinte er, er bekomme Kameradschaft, und nahte sich nicht feindlich. Gleich darauf stieß ihm der Ritter seinen Speer in das Herz.

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933. Verzettelte Kohlen

933. Verzettelte Kohlen

Bei Geislingen hart am Fuß der Rauhen Alb gab es in den Bergen auch viele Erdwichtele, von denen haben die Geislinger gelernt, die gar seinen und künstlichen Elfenbeinarbeiten zu fertigen, die dort so billig wie in Berchtesgaden feilgeboten werden. Einst kam so ein Erdmännele zu einer Geislinger Hebamme und rief sie zum Mitgehen zu seiner Frau, die wollte aber nicht gehen ohne Begleitung ihres eigenen Mannes, denn sie traute dem ledernen Männdle nicht so ganz. Dieses selbiges war die Bedingung auch zufrieden und leuchtete voran; es ging in einen Berg mit schönen unterirdischen Gemächern, und ging auch drinnen alles gut und glücklich vonstatten und war baldigst wieder ein ledernes Männdle mehr auf der Welt, wenigstens in der Unterwelt. Statt aller andern Gaben gab das alte Erdemännle der Hebamme einen ganzen Haufen Kohlen, die mußte sie in ihre Schürze fassen, dachte aber dabei voll Argers: Ei daß du verschwarze mischtest, du wüeschtes Männdle du, wenn i weitersch nix habe soll. – Unterwegs, da das Erdemännle wieder vorleuchtete, warf die Hebamme eine Kohle nach der andern heimlich aus der Schürze; das Erdmännchen merkte das wohl, kehrte sich um und sprach ernst:

Je mehr du verzettelescht.
Je mehr du hernach bettelescht. –

Als das Männchen mit Dank von dem Ehepaar geschieden war, wollte die Hebamme gar ihre Kohlen alle hinschütten, ihr Mann litt es aber nicht, sondern sagte:

Behalt, was de hascht,
Es is ja kei Lascht. –

Da behielt die Frau die Kohlen, und wie sie heimkamen, waren es eitel Goldstücke. Jetzt reuete der Frau nun ihr dummes Wegwerfen, sie nahm selbst eine Laterne und rannte zurück und suchte, was sie suchen konnte, und hätte gar zu gern die Kohlen wiedergefunden, aber damit war es vorbei, und die stille Bitte, die sie an die Erdwichtele richtete, ihr doch nochmals die verzettelten Kohlen zu bescheren, blieb gänzlich unerfüllt.

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927. Der Pelzmärte

927. Der Pelzmärte

Unter den Butzemännern in Schwaben steht der Pelzmärte voran, manche nennen ihn auch Pelzmichel, die Kinder werden mit ihm zu fürchten gemacht und fürchten sich vor ihm, wie jene Badenden im Werratale vor dem Hackelmärz, dessen Name auch auf Hackelmärte zurückzuführen sein dürfte, nicht auf den eines Monats, denn man könnte wohl, wie Götz für Gottfried, Lurz für Lorenz, Murz für Moritz gesprochen wird, auch März für Märten abkürzen. Dagegen begegnet in Schwaben jener nordfränkische Hackelmärz als Hakenmann ebenfalls als Wasserbutz, und auch die sprachliche Verwandtschaft dieser Mythenwesen der untersten Stufe ist unverkennbar in den verschiedenen Ländern. In Tübingen und andern schwäbischen Orten heißt der Pelzmärte Sante Klaas, auch Schante Klaas (Sankt Niklas), und ist Weihnachtsvorspuk, Mummelumgang, am 6. Dezember, dem Sankt Niklastage, oder am Christabend; im obern Werratale, das zwischen Thüringen und Franken die Grenzscheide bildet, ist für ihn die Benennung Herrsche Klaas üblich, es ist dies der norddeutsche Knecht Ruprecht, der in Verkleidung umgeht, die Kinder schreckt, straft, sie beten läßt und dann Apfel und Nüsse unter sie in die Krappel wirft, wobei er, während sie auflesen, mit seiner Rute was weniges auf das Völklein aufhaut.

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928. Das Graale

928. Das Graale

Noch ein Mittelding zwischen Gespenst und Kinderscheuche ist in Schwaben das Graale, auch Butze-Graale auf dem Schwarzwald genannt, also ein Butz oder Pötz; manche nennen auch den Pelzmärte Graale, in andern Orten heißt es nicht das, sondern der Graale. Das wäre ein Fund für den Remusdiftler, der diftelte den heiligen Gral nach Schwaben herein, daß es eine Art hätte, und machte zuletzt die Schwabenschüssel in Speier zum Gral. So ist’s hier nicht gemeint, das Graale wird wohl nur ein solches Ding sein, wie es im Liedchen heißt:

Zu Steffen trat im Träume
Ein graues Männelein.

Und doch steckt vielleicht noch etwas mehr als ein einfaches Grauchen, Graalchen hinter diesem Butz.

In der Gegend um Meiningen, namentlich im Dorfe Dreißigacker, machen sich die Kinder im Felde fürchten, wenn eins das Korn vertritt, indem sie rufen: Nimm dich in acht! Das Grile kommt! – Wie sie sich’s gestaltet denken, ist nicht zu sagen. Diese so ganz vereinzelte Benennung eines Schreckgespenstes, das ähnlich der Kornmutter als Feldhüter austritt, findet in dem Graale neben der mythischen Verwandtschaft auch die sprachliche, denn an das Insekt Grille ist wohl nicht dabei zu denken. Dies ist des Herausgebers eigene Erinnerung aus Jugendtagen.

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92. Die heilige Genofeva

92. Die heilige Genofeva

Zu Pfalzel, sonst Pfälzel (kleine Pfalz), an der Mosel, steht ein getürmtes Haus, das Genofevenhaus geheißen, da lebte zu Erzbischof Hildulfs in Trier Zeiten ein Pfalzgraf Siegfried, der hatte eine treue und fromme Gemahlin, eines Herzogs Tochter aus Brabant. Aber es geschah, daß Siegfried in das Heilige Land ziehen mußte, ließ daher sein Weib in seiner Pfalz am Moselstrome zurück und übergab sie in die Obhut eines vertrauten Dienstmannes, des Namens Golo. Bevor der Pfalzgraf aber von hinnen schied, letzte er sich mit seiner Genofeva noch einmal herzlich, und sie empfing einen Sohn von ihm. Golo aber war ein schlimmer Hüter, er entbrannte in Liebe zu der schönen Herrin und begann Ränke zu schmieden, schrieb falsche Briefe, als sei Siegfried mit all den Seinen im Meere ertrunken, und las sie der Pfalzgräfin vor, und gestand ihr seine Liebe, und wollte sie umarmen, sie wehrte ihn aber mit einem Faustschlag ins Gesicht ab; nun verwandelte sich seine Liebe in bittern Haß; er entzog der Pfalzgräfin alle Bedienung, und als ihre Stunde nahte, wo sie des Söhnleins entbunden werden sollte, hatte sie niemand zum Beistand als eine alte Waschfrau. Da kam Botschaft in ihr Haus, daß ihr Herr lebe und heimkehre, des erschrak Golo, der Verräter, bis zum Tode und suchte Rat bei einem alten Hexenweibe, das riet ihm teuflischen Rat: Golo solle dem Pfalzgrasen einreden, der schöne Sohn Genofevas sei mitnichten der seine, wie er selbst berechnen könne, sondern Drakos, des Kochs. Solches tat Golo, indem er seinem Herrn entgegenreiste; da ward Siegfried sehr betrübt und wußte nicht, wie er sich des Weibes, das ihn nach des Lügners treulosem Bericht geschändet hatte, abtun solle. Da riet Golo, daß er Genofeva samt ihrem Kinde an ein Wasser führen und sie beide ersäufen wolle, und Siegfried willigte ein. Darauf bestellte Golo zwei Knechte, die mußten Genofeva und ihren Sohn hinwegführen und sollten sie umbringen, so oder so. Unterwegs aber jammerte den Knechten die schöne Frau und das schöne Kind, und sprachen untereinander: Was kann diese Frau verbrochen haben? Und was hat sie uns getan? Sollte ihr zu sterben bestimmt sein, brauchen wir ihr doch nicht das Leben zu nehmen. Wir wollen dem Hund, der da mit uns läuft, die Zunge ausschneiden und Golo zeigen, zum Wahrzeichen, daß wir die Frau getötet, und sie gehen lassen.

Und so taten die Knechte und ließen die arme Genofeva mit ihrem Kinde trostlos und weinend und betend in öder Wildnis zurück. Das Kind nannte Genofeva Schmerzenreich, es zählte noch keine dreißig Tage, und der Schmerz vertrocknete alle Milch in seiner Mutter Brust. Da flehte die arme junge Mutter zur Mutter aller Schmerzen und aller Seligkeiten, und die ewige Jungfrau neigte der Verlassenen liebend ihre Gnade zu. Aus dem Waldesdickicht trat eine Hindin, die lagerte sich vor Genofeva hin, und Genofeva legte ihr Söhnlein an die Zitzen des Tieres, sich selbst aber nährte sie mit dem, was der Wald bot, und baute auch für sich und ihren Sohn eine Hütte aus Holzstämmen, Reisig, Dornen und Moos, da blieb sie sechs Jahre und drei Monate und sah kein anderes Wesen als die treue Hindin.

Da geschah es, daß der Pfalzgraf Siegfried einmal in dieser Gegend des Waldes jagte, und da trieben die Hunde die Hirschkuh auf, welche mit ihrer Milch Genofeva und ihren Knaben ernähren half. Jäger und Hunde folgten dem Wild, und die Hinde floh zur Hütte Genofevas und kniete zu dem Knaben hin, und Genofeva wehrte mit einem Stock die nachhetzenden Hunde ab. Jetzt kam der Pfalzgraf, mit Staunen sah er das Weib im Walde, fast aller Kleidung entblößt durch diese lange Zeit, und der Pfalzgraf vermeinte, es sei etwa ein verlaufenes heidnisches Weib oder eine Zigeunerin, und rief sie an: Bist du eine Christin? – Sie antwortete: Ich bin eine Christin, aber gib mir deinen Mantel, daß ich mich bedecke. Das tat Siegfried und fragte sie, warum sie keine Kleider habe und so einsam im wilden Walde hause. – Meine Kleider sind vor Alter zerschlissen, sagte sie. – Wie lange wohnest du in diesem Walde? Und wes ist dieser Knabe? Wer ist sein Vater? Und wie heißest du? – Auf diese Fragen antwortete Genofeva: Sechs Jahre und drei Monate wohne ich einsam in diesem Walde! Der Knabe ist mein Sohn, und seinen Vater kennt Gott so gewiß, als ich ihn kenne. Und Genofeva ist mein Name! – Bei diesem letzten Wort erschrak der Pfalzgraf, und ein Kämmerling trat zu ihm und sprach: Herr, trügt mich nicht die Erinnerung, so ist das wahrhaftig unsere Frau, die schon so lange gestorben sein soll – schaut doch nach dem Muttermal an ihrem Halse. – Und siehe – sie hatte das Mal. Der Pfalzgraf war abseit getreten und wußte nicht, was er beginnen solle, und sprach: Sehet doch, ob sie auch den Trauring noch trägt! – Und sie trug ihn noch. Und es kam über den Pfalzgrafen ein unsaglicher Schmerz und eine tiefe Reue, und er eilte zu Genofeva hin, und schlang die Arme um sie, und küßte sie, und herzte den Knaben, und rief: Ja, das ist mein Weib! Das ist mein Sohn! – Und Genofeva erzählte, wie es ihr ergangen durch Golos Teufelstücke und Verrat, und da kam dieser, sich nichts von diesem Ereignisse versehend, da zürnten ihm die Mannen des Pfalzgrafen und wollten ihn niederstoßen. Aber der Pfalzgraf gebot ihnen Einhalt und sagte, daß dieser Verräter des Todes von Ritterhand nicht wert sei. Vier Ochsen, die noch an keinem Pfluge gezogen, wurden genommen, und an jeden Fuß und an jede Hand des Missetäters wurden Seile gelegt und an die Ochsen gespannt, und diese dann nach vier Seiten getrieben. So ward Golo lebendigen Leibes in vier Teile zerrissen.

Nun wollte Siegfried seine Gemahlin auf sein Schloß führen und aller Ehren teilhaft werden lassen, allein sie willigte nicht ein, sondern sprach: Hier an diesem Ort hat die heilige Jungfrau mich beschirmt und behütet, die wilden Tiere unsichtbar abgewehrt, durch die Hinde mein Kind erhalten, dieser Ort soll meine Stätte bleiben und der Königin aller Engel geweiht werden. Dem willfahrete der Pfalzgraf Siegfried, sandte zu Hildulf, dem Bischof, und ließ durch ihn die Stätte weihen und ordnete auf Genofevas Bitten den Bau einer Kirche an. Die Pfalzgräfin wohnte nun unter besserm Dach, allein sie konnte keine künstliche Speise mehr vertragen, sondern nur die gewohnte Waldkost, und lebte nach dem Wiederfinden nur noch wenige Tage; sie starb froh und selig, und ruhte in der neu erbauten Waldkapelle zu Unser Frauen Kirche, ohnweit Mayen, und es sind allda manche Wunder geschehen, und ist die Geschichte von der frommen Genofeva durch alle Lande gegangen. Aber nicht allein in Pfalzel, sondern auch in Mayen, das im Maifelde liegt, wird ein Genofeventurm gezeigt, und die Frauenkirche alldort soll die rechte sein. Bisweilen soll man noch Genofeva hinter dem Hochaltar sitzen und spinnen sehen.

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