Märchen

903. Meister Sürlin

903. Meister Sürlin

Im Chor der Klosterkirche zu Blaubeuren ist gar ein wundersames und übervortreffliches Schnitzwerk des Ulmer Künstlers Meister Georg Sürlin zu erschauen. Die Sage geht, als der kunstvolle Meister das herrliche Werk vollbracht, so fragten ihn die Mönche, ob er sich wohl getraue, nochmals einen so schönen Altar, oder noch einen schönern, zu vollbringen, und da nun der Meister, seiner Kunst sich bewußt, in Hoffnung auf neue Arbeit und Verdienst ja sagte, da taten sie ihm wie die treulosen Straßburger dem Meister Habrecht, sie stachen dem Künstler die Augen aus und behielten ihn im Kloster. Da schnitzte er heimlich in einem Chorgestühle das eigene Bild, ein trauervoll gebücktes Männlein, und das Bild sagte den spätern Zeiten auf geheime Weise der schändlichen Mönche Untat an. An der Wand bei der Sakristeitüre ist’s noch zu sehen.

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904. Wirt am Berg

904. Wirt am Berg

Wundersam erzählt die Sage den Ursprung des hohen königlichen Hauses Württemberg. Wie der alte Barbarossa nahe dem Kyffhäuser seine Rothenburg hatte, deren Trümmer noch steht, so war auch im Lande Schwaben ein Rothenberg, und in dessen Nähe hielt der Kaiser Hofhalt mit seiner Prinzessin und seinen Wappnern. Da geschah es, daß die Prinzessin einen Dienstmann liebgewann und er sie entführte, und harreten verborgen, bis der Kaiser hinweggezogen war, dann baueten sie sich an am Berge, wie jener Grafensohn im Lahngau, der mit einer nicht ebenbürtigen Maid eine Mißheirat eingegangen war, und wirtschafteten am Bergesfuß, und der Kaiser konnte nimmer erfahren, wohin sein Kind gekommen. Da er nun nach Jahr und Tag wieder in selbe Gegend kam, kehrte er ein bei dem Wirt am Berge, und der Tochter bebte das Herz, doch hielt sie sich unerkannt, bereitete aber des Kaisers Lieblingsspeise, die er so lange entbehrt, und die niemand weiter gerade so zu bereiten verstand wie sie. Da ward es dem Rotbart weh ums Herz, und gedachte mit neuem Schmerz der entschwundenen Tochter und meinte, sie müsse da sein, nur sie könne das Essen also bereitet haben, und rief aus: Ach, wo ist denn meine liebe Tochter? – Da sind ihm die Übeltäter aus Liebe flehend zu Füßen gefallen, daß er ihnen verzeihe, und ging es gerade wie bei Karl dem Großen und Eginhard und Emma, von denen ganz dieselbe Sage geht: der Kaiser war froh, daß er die Tochter am Leben fand, und verzieh. Schenkte dann seinem Schwiegersohn den ganzen Rothenberg, erhob ihn zu einem hohen Grafen, doch solle er den Namen Wirt am Berg fortführen. Da erbaute der Wirt am Berg auf den Berggipfel hinauf eine stattliche Feste und ward der Urheber des württembergischen Stammes.

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905. Der Graf von Calw

905. Der Graf von Calw

Es war ein Graf im Schwabenlande, der hieß Diepold von Calw, und brach Kaiser Konrads Landfrieden, auf welcher Tat die Todesstrafe stand. Darum entwich der Graf in den Schwarzwald und barg sich mit den Seinen in einem Mühlhaus an der Nagold, nicht allzufern vom Kloster Hirsau, welches Helizena, eine reiche fromme Witwe desselben Geschlechtes, schon im Jahre des Herrn 645 zuerst gestiftet hatte, und zwar nach göttlicher Eingebung auf einem blachen Feld, darauf drei Fichten auf einem starken Stamme entsprossen waren. Darnach, als Helizena verstorben war, erbaute wieder eine Edle des Geschlechtes von Calw, die Erlafried geheißen war, dem Kloster eine schöne Kirche. Nun geschah es, daß der Kaiser in die Gegend und in das Tal der Nagold kam, allda zu jagen, gerade zu einer Zeit, als des Grafen von Calw Gemahel damit umging, eines Kindleins zu genesen. Da er aber den Kaiser ganz nahe sah, fürchtete er sich sehr, verließ die Kreißende und entging, während der Kaiser in die Mühle trat und in ihr rastete. Und während die Frau noch in Wehen zubrachte und endlich eines Söhnleins genas, hörte der Kaiser eine Stimme nicht einmal, sondern dreimal rufen: Dieses Kind wird dein Tochtermann und Erbe! – Dem Kaiser dünkte diese Prophezeiung keine schöne zu sein, und meinte, seine Tochter, so er eine übrig hätte, wäre nicht für so einen kleinen Klapperburschen, und hieß zwei Diener der Mutter das Knäblein wegnehmen, es ertöten und ihm dessen Herzlein bringen. Nun nahmen zwar die Diener der verlassenen Mutter ihr Kind, aber sie vermochten’s nicht zu töten, sondern legten es auf einen Baumzwiesel, fingen einen Hasen und brachten dessen Herz ihrem grausamen Herrn. Das ausgesetzte Knäblein wurde durch Gottes Lenkung von einem auf die Jagd reitenden Schwabenherzog gefunden und mit heimgebracht, und mußte seine kinderlose Gemahlin zum Schein tun, als habe sie diesen Neugebornen zur Welt gebracht, und der Herzog nannte ihn Heinrich und nahm ihn im stillen mit seiner Gemahlin zum Sohn an, damit sein Gut und Erbe nicht an die lachenden Erben falle. Darauf verging eine gute Reihe von Jahren, nach deren Ablauf einmal der Kaiser gen Ravensburg kam, wo jener Herzog wohnte, dem gefiel der angebliche Herzogsohn gar wohl, so daß er ihn mit an sein Hoflager nahm. Aber nach einer Weile kam ihm doch böser Verdacht in den Sinn; er rechnete nach, gedachte der früheren steten Unfruchtbarkeit der Gräfin von Calw und diftelte endlich heraus, daß dieser Jüngling kein anderer sei als der, welcher nach jenem prophetischen Zuruf sein Eidam werden sollte; gedachte deshalb abermals daran, den Jüngling aus dem Wege zu räumen, schrieb einen Brief an die Kaiserin, die zu Aachen wohnte, und schrieb hinein: By dime leben gib deme jungen den tod. Mit diesem Uriasbrief wurde der Jüngling nun entsendet, der war der weiten Reise froh und freute sich darauf, die Kaiserin und ihre Töchter zu sehen, von welchen der Ruf ihrer Schönheit durch alle Lande ging. Da dieser Briefbote nach Speier kam, kehrte er bei einem Priester ein, den er kannte, und übergab ihm für die Nacht, da er bei ihm herbergen wollte, seine Tasche und den Brief darin zur Verwahrung. Der Priester aber mochte gar zu gern wissen, was in dem Briefe stehe, und endlich ließ ihm die Neugier keine Ruhe mehr, er nahm ihn und öffnete ihn und las ihn, denn in jener Zeit waren fast ausschließlich die Pfaffen allein Schreiber der Briefe und wußten mit deren Öffnen und Schließen gut umzugehen. Da las er mit Grausen den Befehl, und es dauerte ihn der Jüngling, nahm alsbald ein feines Messerlein und ein Schreibrohr und schnitt sich selbiges frisch und recht spitz und schabte am D im Worte Tod und änderte ganz leichtlich den in dine und tod in tochter, und nun lautete die Zeile: By dime leben gib deme jungen dine tochter. Die Kaiserin verwunderte sich zwar, doch war sie ein gehorsam Weib und galt auch gegen ihres Herrn Gebot gar kein Wenn und Aber, welches im jetzigen Weibersinn damals noch nicht erdacht war, und legte dem Junker die Tochter bei, das waren die beiden letzten gar wohl zufrieden. Aber der Kaiser ward sehr zornig, da er die Mär erfuhr, half ihm indessen nichts, geschehen war geschehen, und als sich nun vollends allgemach offenbarte, wer sein Eidam sei, so sprach er: Wie Gott will, ich halte still! – und machte seinen Schwiegersohn zum Herzog von Alemannien. Da kam auch der alte Graf von Calw zurück und wurde wieder zu Gnaden angenommen und brachte sein Geschlecht zu hohen Ehren.

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893. Die Landschaden

893. Die Landschaden

Hoch überm Neckartale bei Neckarsteinach heben sich vier Burgen, deren eine Schadeck heißt, im Volke nur das Schwalbennest genannt, die gehörten alle einem Rittergeschlecht, das auch das Städtlein beherrschte und den Namen Landschaden lange nicht zum Lobe führte. Einer des Geschlechts, Bligger der Landschade, trotzte selbst in seiner unzugänglichen Feste dem Kaiser Rudolf von Habsburg. Besser war sein Sohn, doch nicht minder tapfer wie der Vater. Er zog, des Vaters Untaten zu sühnen, in den Heiligen Krieg, half dort im fernen Osten Smyrna belagern und erobern, hieb dem Sultan mit eigner Hand den Kopf ab, in dessen Lager er sich verkleidet eingeschlichen, wie Judith dem Holofernes, und brachte das werte Haupt in das Christenlager. Da wandelte der Kaiser des tapfern Ritters Schimpfnamen in einen Ehrennamen um, gab ihm des Heiden gekrönten Kopf in das Wappen und belehnte ihn mit allen Burgen seines Vaters und dem ganzen reichen Erbe. Lange blühte sein Geschlecht fort, und die früher des Landes Schaden gewesen, wurden ihm hernachmals oft zum Segen.

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894. Melusine

894. Melusine

Im badischen Lande heißt ein Wald der Stollenwald, darin auf dem Stollenberge eine alte Burgtrümmer liegt, in der Nähe aber steht Schloß Stauffenberg. Auf letzterem Schloß lebte eines Amtmanns Sohn, der hatte seine Lust am Vogelfang und ging einstmals in den Wald, Meisen zu kloben. Da vernahm er vom Stollenberg herab gar eine liebliche Stimme, welche sang, und ging ihr nach und sah im Gebüsch ein holdselig Frauenbild, das rief ihm zu:

Erlöse mich, erlöse mich! –
Nur dreimal dreifach küsse mich! –

Wer bist du denn? rief der Jüngling, und die Erscheinung sprach:

Melusine heiß‘ ich,
Himmel-Stollens Tochter bin ich!
Küsse früh zur neunten Stund
Furchtlos Wangen mir und Mund,
Dann soll ich erlöset sein
Und bin mit meinem Brautschatz dein! –

Da sich nun der Jüngling das wunderbare Wesen näher besah, so befand er, daß Melusine wunderschönen Angesichts sei, blaue Augen und blondes Gelock habe, auch um den Oberleib gar lieblich und wohlgetan sei, aber mit Händen und Füßen war es nicht also beschaffen. Die Hände hatten keine Finger, sondern glichen offnen Tüten, und Füße waren gar nicht vorhanden, sondern ein Schlangenleib. Dennoch gab der Jüngling der Erscheinung die ersten drei Küsse ohne Bangen, und sie äußerte eine Freude darüber, wie die Jungfrau im Heidenloch über den ersten einen Kuß, und dann verschwand sie. Am andern Morgen kam der Liebhaber wieder, zog ihrem verlockend süßen Liede nach, das ihm entgegenklang, und fand sie jetzt geflügelt, und der Schlangenleib war grün geschuppt und lief in einen Drachenschwanz aus. Die Augen und das Antlitz Melusinens aber waren so wunderbar schön und strahlend, und es blühte ihm daraus und von dem kussigen Munde alles Verlangen so verführerisch entgegen, daß er dennoch ihr wieder die drei Küsse gab, und sie erzitterte vor Lust und Verlangen und rauschte mit den Flügeln ihm ums Haupt. Kaum konnte der Jüngling in der folgenden Nacht ein Auge schließen, alle seine Gedanken waren bei der glühenden, sinnlich schönen Gestalt, und früh vor Tage schon stieg er durch den Wald und zog der süßen Liedesstimme nach. Aber o weh – wo war das liebreizende Engelangesicht? – verwandelt war’s und glich aufs Haar dem der Jungfrau auf dem Krötenstuhl, denn Melusine hatte jetzt einen Krötenkopf, und den mochte der Liebhaber mitnichten küssen, vielmehr gab er Fersengeld und lief, was er laufen konnte, und hörte sie lange hinter sich drein rascheln und ihn wehklagend rufen. Nimmermehr ging er wieder auf den Stollenberg, vielmehr freite er ein Mädchen, das, wenn es auch nicht so zauberschön war wie Melusine, doch keinen Krötenkopf und keinen Schlangenleib hatte. Da nun das Hochzeitmahl auf Schloß Stauffenberg bereitet war und alles recht fröhlich, spaltete sich oben in der Zimmerdecke ein klein wenig das Getäfel, und es fiel in des Hochzeiters Teller ein Tröpfchen wie Tau, und niemand sah es, und wie jener den Bissen, darauf der Tropfen gefallen war, in den Mund steckte, sank er tot nieder, und oben zog sich ein kleiner Schlangenschweif durch die Ritze der Decke hinein. Aus war es mit der Hochzeit.

Zu andern Zeiten ist Melusine einem Hirtenmädchen erschienen und hat es endlich in den Stollenberg hineingeführt, ihr die unterirdischen Schätze gezeigt und ihr die Bedingungen gesagt, unter denen diese Schätze der Hirtin werden sollten, wenn sie das Werk der Erlösung vollbringe. Aber das Mädchen hielt nicht reinen Mund, und der Pfarrer bedrohte sie mit Kirchenbuße, wenn sie mit dem Gespenste sich einlasse, da ist die Hirtin still geworden, hat nie mehr davon gesprochen und hat das Werk der Erlösung nicht vollbracht.

Noch steht ein doppelter Tannenbaum aus einer Wurzel da, wo man es bei den zwölf Steinen nennt, der heißt der Melusinenbaum.

Nach dieser schwäbischen Sage ist der Name Melusine doch auch Berg- und Waldfeinen eigen und nicht Wasserfeinen allein.

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895. Die zwölf Steine

895. Die zwölf Steine

Von den zwölf Steinen nahm einstmals der Teufel einen und wollte ihn auf die Wendelinskirche im Tale herabschleudern; er trug und schleppte ihn durch das große Rappenloch bis auf die Mitte der Schiehald, da wurde ihm der Fels zu schwer, er legte ihn hin, setzte sich darauf und verschnaufte. Wie er ihn nun wieder aufheben wollte, hatte er ihn unten tief in die Erde gedrückt und oben ein Loch hineingesessen und könnt‘ ihn nicht wieder aufheben. Da liegt denn nun der Stein noch immer auf der Schiehald und heißt der Teufelsstein. Von Zeit zu Zeit stattet der Teufel diesem und den andern Steinen einen Besuch ab, da fährt er mit sechs Geißböcken dort herum spazieren und knallt mit einer Flammengeißel, daß die Funken darum herumfahren. Da ist nicht zu raten, hinaufzugehen, denn mit dem Teufel ist nicht gut spaßen.

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896. Die Seejungfrauen

896. Die Seejungfrauen

Der Herrenwiesersee im badischen Gebirge heißt auch der Hummelsee oder der kleine Mummelsee, zum Unterschiede von dem großen Mummelsee, der drei Stunden südlicher gelegen ist. Dieser kleine Mummelsee ist unergründlich wie der große, und auch in ihm wohnten vorzeiten Seejungfrauen, Seeweiblein genannt, die waren gut und hülfreich, kamen zur Nacht herab ins Seeland, wuschen frommen Leuten ihre Wäsche, bleichten sie zur Nacht im Mondschein und trockneten sie, buken auch Brot, fegten die Häuser und hatten sich ganz wie die guten hülfreichen Erdmännele und Erdwichtele. Auch den guten Wein schnitten sie zur Herbstzeit ab und trugen ihn in die Bütten, aber den sauern ließen sie hängen für die Vögel, darum gab es in den alten Zeiten bessern Wein und süßern als jetzt, und auch die Menschen waren besser, denn seit sich hie und da so ganz miserable Banden zusammengetan, denen Treue und Glaube nichts mehr gilt, welche Gott leugnen und seine Diener verhöhnen, da kommen auch die Seejungfrauen nicht mehr zum Vorschein und helfen nicht mehr, nur allenfalls kommen noch schlimme, wie jene Nixe im Hutzebacher See, die wechselte einer Köhlersfrau ihr Knäblein gegen einen abscheulichen Balg aus, während die Mutter ins Holz gegangen war. Selbiger Wechselbalg hatte einen Kopf wie ein Sester (Gefäß, das sechzehn Maß Wein faßt) und Kalbsaugen, und war dabei häßlich wie ein Kanker, und hatte auch so dünne Beine. Er schrie beständig wie ein Rabe und wie ein Frosch. Wie der Mann heimkam und den Balg fand und seiner Frau Wehklage vernahm, strich er den Balg mit Ruten – da hörten beide ihr Kind am Seeufer weinen. Eilend holte es die Mutter, und der Vater nahm den Wechselbalg und warf ihn in den See. Da fuhr gleich die Nixe heraus, zerriß den Wechselbalg und fraß ihn mit Stumpf und Stiel, dabei wallte und wogte und rauschte und brauste der See und schlug hohe Wellen. Vom Hutzebacher See gibt es viele Sagen.

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897. Vom großen Mummelsee

897. Vom großen Mummelsee

Im Schwarzwald ist der große Mummelsee gelegen, gar weit berufen, auf hohem Berge und von unergründlicher Tiefe. Man darf in ihn – so ging sonst die allgemeine Sage – so wenig Steine oder Sonstiges hineinwerfen als in den Pilatus-See, sonst wird der heiterste Himmel trüb, und es entstehen gleich Stürme und Ungewitter. Er duldet auch keine Fische, wohl aber große Salamander eigner Art.

Gar viele und mancherlei Sagen gehen von dem Mummelsee; Waldmännlein und Waldfrauen, Wasserminnen und Nixenmänner haben sich allda häufig sehen lassen. Den Namen hat er von den vielen Mümmlein, Seerosen oder Seelilien, die auf ihm blühen, die geheimnisvollen Nymphäen, die aus tiefster Tiefe herauf ihre Blätter und Blumenstengel treiben. Kleine Steine oder Erbsen und dergleichen durfte man ohne Schaden in den Mummelsee hängen; war die Zahl ungerad, so wurde eine gerade Zahl derselben im Säcklein heraufgezogen, umgekehrt aber eine ungerade.

Hirten, welche einst am Mummelsee weideten, sahen dem Wasser einen braunen Stier entsteigen, der sich unter ihre Herde mischte, aber da kam alsbald ein Männlein mit einem Stecken, das trieb den Stier mit aller Gewalt wieder in das tiefe Wasser.

Ein Jagdgesell sah am See ein Waldmännlein sitzen, das hatte den Schoß voll Geld und spielte damit, wie Kinder mit Sand spielen. Dieser Schütz war von der dummen Art, die gleich nach allem schießt, es sei damit ein Nutz oder keiner, hatte daher rasch die Büchse im Anschlag und wollte auf das Waldmännlein losbrennen, da tat es einen Hupf in den See hinein wie ein Frosch, ward zum Wassermännlein und rief dem Jäger zu: Du lausiger Lump! Leichtlich hätt‘ ich dich reich gemacht, wenn du mir die Zeit geboten, statt nach mir zu zielen! Nun sollst du verkommen in Armut und Elend. Und da ist der Gesell auch niemals auf einen grünen Zweig gekommen, und hinterm Zaun ist er gestorben.

Der Mummelsee friert selten zu; tut er’s aber, so hat er seine Tücken. Einstmals war er fest zugefroren, ein Bauer fuhr zwei Holzstämme mit einem paar Ochsen darüber, ohne daß das Eis nur krachte. Auf einmal, wie der Bauer schon am andern Ufer war, kam ihm sein Hund nachgesprungen, da krachte das Eis und brach, und der Hund ertrank.

Ein Herzog von Württemberg war begierig zu erfahren, wie tief doch der Mummelsee sei, und ließ ein Floß bauen, darauf zu fahren und die Faden zu messen. Die Messer banden nach und nach neun Rollen Bindfaden aneinander und fanden noch keinen Boden, da begann aber das Floß zu sinken, und die Messer mußten eilen, das Ufer zu gewinnen. Lange haben am Ufer noch Stücke von dem Floß gelegen. Ein Markgraf von Baden schoß geweihte Kugeln in den See da brausete er wild auf und wollte überwallen, daß der Herr mit seiner ganzen Gesellschaft eilend entweichen mußte.

Einstens kam zu einem Bauer ein Männlein auf den Hof, das bettete sich in die Binsen und das Geröhrig am Brunnen und vertraute dem Bauer, es sei ein Wassermännlein, und sein Weiblein sei ihm abhanden, das suche er nun schon in allen Seen vergebens, wolle zusehn, ob es nicht in den Mummelsee entführt sei; bat den Bauer, seiner am See zu harren oder eines Wahrzeichens gewärtig zu sein. Lange blieb es aus, und endlich kam es gar nicht wieder. Nur sein Stecken fuhr aus dem Wasser in die Höhe, und an derselben Stelle färbte sich der See plötzlich blutrot, und das rote Wasser sprang ein paar Schuh hoch in die Luft. Da merkte der Bauer, daß das Wassermännlein drunten ertötet worden sei, wahrscheinlich hatte es den Räuber seines Weibleins gefunden, das sich willig hatte entführen lassen, darum man noch im Sprüchwort sagt von solchen Weibern und Maiden, die gern der Lockung folgen: Sie geht gern in das Wasser. –

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898. Der Grafensprung

898. Der Grafensprung

Über der Murg erhebt sich ein steiler Felsenabhang, der zu dem Berge gehört, darauf Neu-Eberstein erbaut ist, der heißt der Rieß oder auch der Grafensprung. Ein Graf von Eberstein saß mit seinen Zechkumpanen beim Weine, da ward in der Regel gewettet über dies und das, je abenteuerlicher, je besser, und da schlug der Graf eine Zechwette vor, wer den Rieß hinab- und hineinreite, der solle Großes gewinnen – aber da schrieen alle die Ritter, das sei unmöglich. Aber Graf Eberstein hatte bereits einen Sturm und wollte die Wette gehalten haben an seinen Gästen, setzte sich auf seinen zuverlässigen Schimmel und ritt mit so vielem Gleichmut den steilen Rieß hinab, wie der Graf von Klettenburg in die Kirche zu Ellrich ritt. Mit Staunen und Grauen sahen es die Ritter, aber nun sollte der Graf von Eberstein auch hinaufreiten. Tollkühn trieb der Graf sein Pferd den steilen Fels hinan, gelangte auch eine Strecke empor, aber nur zu seinem Unglück, denn je höher er schon war, um so tiefer fiel er, da sein Pferd sich mit ihm überschlug und beide zerschmettert im Grunde lagen. Darauf wurde dem Rieß der Name Grafensprung, sollte aber eher Grafenfall lauten oder Grafensturz. Oft hat man hernachmals bei nächtlicher Weile des Grafen Geist auf dem Geist des Schimmels herab oder hinauf bis zur Hälfte reiten sehen. Auch spuken um die Ebersteinburgen noch sonstige Geister, leiten Wanderer irre, und hausen deren auch zahlreich im sogenannten Hilpert bei Gaggenau, wo vom Murgufer ein Schlaufloch bis nach Baden durchgeht, dahinein vordessen die Geister und Hullenpöpel von den Pöpelsträgern getragen und gebannt worden.

Weiter aufwärts im Murgtale, zwischen den nahe beisammenliegenden Dörfern Langenbrand und Gausbach, ist im Felsenufer ein mächtiges Geklüft, das zieht tief in den Berg hinein, ist voller Geister und heißt die Hölle. Niemand hat noch dieser Grotte Ende erkundet. Zwei Zackenfelsen stehen als Wächter davor, schwarz und unheimlich starrend.

Zu Forbach, eine Strecke über Gausbach, unterm Seekopfberg, war vor etwa hundert Jahren ein Schulmeister, der war ein starker Geist, weil er selbst an Geister nicht glaubte, oder bildete sich’s wenigstens ein, er wär’s,wie viele seinesgleichen, Hohe und Geringe, sich das einbilden; der ging einmal hinunter nach dem Städtlein Gernsbach, allda etwas zu kaufen; seine Tochter begleitete ihn, und er sandte sie mit dem Eingekauften voraus, da er noch einiges im Tale zu besorgen hatte, und folgte später nach. Schon dämmerte es über der Flur, als der starke Geist von Wiesenbach nach Langenbrand zuschritt, und da kam er an den Felsen vor der Hölle vorbei und fühlte sich wunderlich gehoben und getragen und emporgezogen, und merkte, daß er schwebte, doch hielt er Hut und Stock fest, wollte schreien, vermocht‘ es aber nicht, und endlich fand er sich auf einem hohen Steinfels, der war so spitz, daß er unmöglich darauf sitzen konnte, mußte bloß stehen wie ein Säulenheiliger eine ganze Nacht hindurch – und am Morgen schelgten Fischer oder Flößer die Murg herunter, die hörten den starken Geist, der auf einem Felsen vor der Hölle stand, gotteserbärmlich schreien. Da hatten die Männer große Mühe und Not, mit Hülfe von Leitern den Mann herunterzubringen. Und von selbiger Nacht an hat der starke Schulmeistergeist an noch stärkere Geister geglaubt, dieweil ihm der Glaube nicht mit dem Schauen, sondern mit dem Fühlen gekommen, Hören und Sehen ihm aber vergangen.

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8. Die Herren von Hohensax

8. Die Herren von Hohensax

Zwischen dem Altmann-Berge, dem Nachbar des Hohen Säntis, und dem Rheintale liegt die alte Stammburg der Freiherren von Hohensax. Deren einer hieß Hans Philipp, war ein ritterlicher Kriegsheld und zog ins Niederland, für dessen Freiheit er mitfocht, war ein Protestant und gerade in Frankreich, als die Ketzerverfolgung begann. Mit Mühe entrann er der Pariser Bluthochzeit. Dieser Freiherr von Hohensax hielt die alten Lieder gar wert, welche die Minnesänger in der Schweiz und in Schwaben gedichtet und gesungen hatten, und besaß von ihnen jenes hochwerte Buch, das ein Stolz der deutschen Poesie, jetzt aber in den Händen der Franzosen ist, die es vordessen aus Deutschland entführt haben und nimmermehr wieder herausgeben, weil man es ihnen nicht wieder genommen hat, da es rechte Zeit dazu war. Gar wert hielt der Freiherr das alte Liederbuch, da geschah es, daß ihn, manche sagen um des Glaubens willen, sein Neffe Ulrich Georg von Hohensax erschlug, das geschah im Jahre 1559. Darauf kam das Buch mit dem unverwelklichen altdeutschen Liederschatz in die Hände und in die Liberei des Kurfürsten von der Pfalz gen Heidelberg, von wo es durch die Franzosen weggeschleppt wurde. Wunderbares aber begab sich mit dem Leichnam des Ermordeten; dieser verwesete nicht, als er in der Kirche zu Sennewald beigesetzt war, das dünkete die Umwohner ein absonderliches Zeichen, und meinten, obgleich der Verstorbene stetig ein Protestant gewesen, er müsse etwa doch ein heiliger Mann gewesen sein. Verschafften sich heimlich von ihm erst einen Finger, dann deren mehr, endlich wurde der ganze Leichnam hinweggeführt, gerade wie sein alter Liederschatz, nur mit dem Unterschied, daß die Sennenwalder Klage erhoben um den Leichnam des Hohensaxers und derselbe wieder herüberwandern mußte, da sie ihn denn noch heutigen Tages in ihrer Kirche als eine Mumie zeigen. – Vordessen lebte auch noch ein Freiherr dieses edlen Geschlechts auf Hohensax, der war mit einem Ding begabt, das nicht eben selten ist in diesen felsreichen Alpentälern, einem Glied, das ihn ärgerte, und konnt‘ und mocht‘ es doch nicht ausreißen und von sich werfen, wie die Schrift gebeut. Da zog er mit zu Felde, und in einer heißen Schlacht, in welcher Mann gegen Mann kämpfte, empfing er einen Schwerthieb, daß ihm gleich das Blut stromweis vom Halse abquoll. Doch hatte der Feind den glücklichsten Streich getan, er hatte dem Freiherrn von Hohensax das ärgernde Glied weggehauen, seinen Kropf.

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