Märchen

931. Der Klopfer und der Staufer Geist

931. Der Klopfer und der Staufer Geist

Nahe dem berühmten Staufenberge, darauf der Hohenstaufen mächtige Wiege stand, von der auch die letzte Trümmer vom Zahn der Zeit hinweggenagt ward und nichts blieb als im Markt Hohenstaufen dicht am Burgberge in der Kirche des alten Barbarossa erneutes Bild und die wehmütige Inschrift: Hic transibat Caesar – ragt aus stattlicher Höhe das noch erhaltene Bergschloß Hohenrechberg. In dieser Burg haust bis auf diesen Tag ein Geist, der Klopfer, insgemein Klopferle genannt, unterschieden von dem Klopfer im Schlosse zu Flügelau, der ein gar dienstwilliger Hülfsgeist war und doch recht koboldhaft tückisch, denn als er einst erzürnt ward, fuhr er feurig durch den Schornstein und steckte das ganze Schloß in Brand. Der Rechberger Klopfer erscheint als ein vorhersagender, ahnungsvoller Geist. Ein Ritter von Rechberg, Ulrich II., war in die Ferne gezogen, in Kampf und Krieg, und vergebens hoffte seine Hausfrau, Anna von Wenningen, auf seine Wiederkehr. Der Ritter hatte einen treuen Hund, der wußte Briefe zu tragen – wie der kluge Stutzel zu Winterstein – und kam bisweilen und brachte Kunde, endlich aber blieb der Hund ganz aus. Eines Tages betete die Frau brünstig für ihren fernen Gatten, da störte ein lautes Klopfen sie im Gebet, und endlich rief sie unwillig aus: Ei so klopfe ewig und drei Tage! Und da sie öffnete, war es der treue Hund, der blickte sie gar traurig an und hatte keinen Brief. Und nach drei Tagen führten Knappen den Rechberger als Leiche in sein Schloß. Und als nachher die Frau sich tot grämte, hörte sie vor ihrem Tode das Klopfen wieder, schalt nicht mehr, sondern sagte bloß: Ich komme – und starb nach dreien Tagen. Und nun hat es stets drei Tage vor dem Tode eines jeden Rechbergers geklopft, ohne daß jemals eine Erscheinung sichtbar geworden. Der Rechberger Geschlecht aber stieg zu hohen Ehren, ward in den Grafenstand erhoben und schreibt sich Grafen vom Rechberg und roten Löwen. Seit 1317 wurde das alte Steinhaus Hohenrechberg genannt und geschrieben. Im alten Schloß zu Sachsenheim wohnt auch ein unruhigtätiges Klopferle.

Ein anderer Geist wandelt in Gestalt eines Lichtes, ist also unzweifelhaft ein Lichtgeist, von Hohenrechberg nach Hohenstaufen und wieder zurück, und zwar hauptsächlich zur Herbstzeit, unbeirrt durch Sturm- und Regennächte. Bald geht das Licht langsam, bald erhebt es sich, zuzeiten wächst es wie ein Backofenfeuer, wandelt an der Burg vorbei bis zu einer Stelle unter der Kirche höchst auf dem Burgberge und legt sich dann gegenüber an den Hohenstaufen bis zur Morgenglocke. Die Umwohner nennen dieses Licht den Staufer Geist und mögen wohl im stillen dafür halten, daß es ein Licht für sich sei wie jenes bei der Lerch, und die Sage verlautet nicht, daß schon einer so vorlaut gewesen, es anzureden.

*

 

932. Die ledernen Männdle

932. Die ledernen Männdle

Bei Owen hat es viele Erdzwerge gegeben, man nannte sie Erdwichtele, und im Tiefenbacher Walde, der sich von Owen nach Frickenhausen erstreckt, gab und gibt es noch die meisten. Von dem schwäbischen Frickenhausen wird auch mancherlei erzählt. Diese kleinen Tiefenbacher wurden auch lederne Männdle benannt, wahrscheinlich wegen ihrer ledernen Hautfarbe und verschrumpfelter Gesichtlein; doch meinen einige, es müßten Schneider und Handschuhmacher gewesen sein, da sie ja von Schiller in Wallensteins Lager als solche ausdrücklich erwähnt würden, und der habe als ein Schwab das doch wissen müssen. Sie, die ledernen Männdle, sollen auch das Echo hervorbringen; wenn man solches im Tiefenbacher Walde, in Ständekammern oder sonstwo hört, so sagen die Leute: Das lederne Männdle schreit. – Auch anderwärts ist dieses allgemeiner Volksglaube, und man sollte nimmer meinen, was es trotz aller Aufklärung seit Doktor Luthers Zeiten her noch allenden für eine furchtbare Menge lederner Männdle gibt.

*

 

933. Verzettelte Kohlen

933. Verzettelte Kohlen

Bei Geislingen hart am Fuß der Rauhen Alb gab es in den Bergen auch viele Erdwichtele, von denen haben die Geislinger gelernt, die gar seinen und künstlichen Elfenbeinarbeiten zu fertigen, die dort so billig wie in Berchtesgaden feilgeboten werden. Einst kam so ein Erdmännele zu einer Geislinger Hebamme und rief sie zum Mitgehen zu seiner Frau, die wollte aber nicht gehen ohne Begleitung ihres eigenen Mannes, denn sie traute dem ledernen Männdle nicht so ganz. Dieses selbiges war die Bedingung auch zufrieden und leuchtete voran; es ging in einen Berg mit schönen unterirdischen Gemächern, und ging auch drinnen alles gut und glücklich vonstatten und war baldigst wieder ein ledernes Männdle mehr auf der Welt, wenigstens in der Unterwelt. Statt aller andern Gaben gab das alte Erdemännle der Hebamme einen ganzen Haufen Kohlen, die mußte sie in ihre Schürze fassen, dachte aber dabei voll Argers: Ei daß du verschwarze mischtest, du wüeschtes Männdle du, wenn i weitersch nix habe soll. – Unterwegs, da das Erdemännle wieder vorleuchtete, warf die Hebamme eine Kohle nach der andern heimlich aus der Schürze; das Erdmännchen merkte das wohl, kehrte sich um und sprach ernst:

Je mehr du verzettelescht.
Je mehr du hernach bettelescht. –

Als das Männchen mit Dank von dem Ehepaar geschieden war, wollte die Hebamme gar ihre Kohlen alle hinschütten, ihr Mann litt es aber nicht, sondern sagte:

Behalt, was de hascht,
Es is ja kei Lascht. –

Da behielt die Frau die Kohlen, und wie sie heimkamen, waren es eitel Goldstücke. Jetzt reuete der Frau nun ihr dummes Wegwerfen, sie nahm selbst eine Laterne und rannte zurück und suchte, was sie suchen konnte, und hätte gar zu gern die Kohlen wiedergefunden, aber damit war es vorbei, und die stille Bitte, die sie an die Erdwichtele richtete, ihr doch nochmals die verzettelten Kohlen zu bescheren, blieb gänzlich unerfüllt.

*

 

927. Der Pelzmärte

927. Der Pelzmärte

Unter den Butzemännern in Schwaben steht der Pelzmärte voran, manche nennen ihn auch Pelzmichel, die Kinder werden mit ihm zu fürchten gemacht und fürchten sich vor ihm, wie jene Badenden im Werratale vor dem Hackelmärz, dessen Name auch auf Hackelmärte zurückzuführen sein dürfte, nicht auf den eines Monats, denn man könnte wohl, wie Götz für Gottfried, Lurz für Lorenz, Murz für Moritz gesprochen wird, auch März für Märten abkürzen. Dagegen begegnet in Schwaben jener nordfränkische Hackelmärz als Hakenmann ebenfalls als Wasserbutz, und auch die sprachliche Verwandtschaft dieser Mythenwesen der untersten Stufe ist unverkennbar in den verschiedenen Ländern. In Tübingen und andern schwäbischen Orten heißt der Pelzmärte Sante Klaas, auch Schante Klaas (Sankt Niklas), und ist Weihnachtsvorspuk, Mummelumgang, am 6. Dezember, dem Sankt Niklastage, oder am Christabend; im obern Werratale, das zwischen Thüringen und Franken die Grenzscheide bildet, ist für ihn die Benennung Herrsche Klaas üblich, es ist dies der norddeutsche Knecht Ruprecht, der in Verkleidung umgeht, die Kinder schreckt, straft, sie beten läßt und dann Apfel und Nüsse unter sie in die Krappel wirft, wobei er, während sie auflesen, mit seiner Rute was weniges auf das Völklein aufhaut.

*

 

918. Wodesheer in Schwaben

918. Wodesheer in Schwaben

Wie der Wode zieht im Lauenburger und Mecklenburger Lande, also auch im Lande Schwaben, nur daß der Leute Mundart daselbst ihn etwas anders nennt, nämlich ’s Wuotas, s‘ Wuotes, das Wutesheer, auch ’s Muotas, Mutes, Mutesheer, der Begriff und die dunkle Erinnerung, der Nachhall vom Wuotan bleiben sich da wie dort gleich; doch gibt es auch hinwiederum in Schwaben Gegenden, wo selbes Heer nur das wilde Heer heißt, so um Weinsberg und in Blaubeuren, oder das wütig Heer, um Mössingen, welches Wort den Übergang und Umlaur vom Wode, Wute zum wütigen und dann wütenden Heer bildet, wie man es in andern deutschen Gauen nennt. In Pfullingen, bei Undingen und in Immenhausen gibt es Muotes Heergassen, durch die das Heer seinen Zug beständig nimmt, anderorts zeigt man bestimmte Häuser und Höfe, durch die es ziehe, wie z. B. in Baiersbronn im Murgtals und im Dorfe Thieringen, gerade wie beim Heereszug des Rodensteiners und wie zu Neubrunn. Das Wutesheer macht Musik, die erst schön, dann garstig klingt, wie die in der Gegend von Werdingen bei Augsburg. Im Wutesheer zieht alles, was zur Teufelssippschaft gehört, hübsch mit, der Teufel selbst und seine Großmutter, Trüben und Hexen. Wenn das Wetter recht stürmt, der Sturm alles zusammenfegt und die Schornsteine auf die Dächer prasseln, da sagen die Leute: Es tut wie’s Wuotas. – Gleichwohl ist des Heeres häufiges Ziehen vielen eine gute Vorbedeutung, besonders wann es im Frühjahr recht zeitig zieht, da wird bald alles grün und wird ein fruchtbares Jahr. Es zieht aber auch im Advent und in den heiligen Nächten, in der Betzinger Gegend bloß im Herbst und Frühling, zur Zeit der Tag- und Nachtgleichen. Da reitet, wie beim Thüringer Heer der treue Eckart, ein Mann oder guter Geist, den sie den Ermahner nennen, voraus, der warnt die Leute und ruft: Außem Weg, außem Weg! – Alte Leute haben ausgesagt, die Jäger und Züglinge im Heer hätten Fischschwänze, und die Musik sei himmlisch, wie kein Mensch sie machen könnte – mythischer Nachklang der Sirenensagen.

Des Heeres Eigenschaften sind wie die desselben im Vogtland, es begnadigt die Leute mit Umreißen, wirft Jagdanteile herab, die nicht bloß aus Schnepfen bestehen und nicht nach Bisam und Rosenöl riechen, und seine Hexen und Hexengenossen, die mitziehen, pflegen auch zu tanzen, so daß es Jagdzug und Hexenfahrt zugleich ist. Da geht es wüescht g’nug zu. Manchesmal hört man das Heer mit einem großen Wagen rasselnd und prasselnd fahren, welchen Schimmel ziehen – des Woden weiße Rosse. Wer es heranziehen hört, tut am besten, sich gleich aufs Gesicht niederzuwerfen. Wer es mit aller Gewalt sehen will, hat zu gewärtigen, daß ihm die Spältle und Guckfensterle, seine Augen nämlich, zugestrichen werden, das ist schon manchem widerfahren; oder es geht ihm wie dem Zöllner zu Heidenheim.

Von der wilden Jagdfrau scheint man in vielen Teilen Schwabens wenig zu wissen; ein leiser Anklang an sie begegnet in Rothenburg und in Friedingen an der Donau, wo die Leute sagen: die Muoteheer, und sich unter dieser Weiblichkeit eine verwunschene Frau denken. Das wandelt sich sogar in die Muterheer ab in der Heidenheimer und Königsbronner Gegend.

*

 

91. Die Martyrergräber

91. Die Martyrergräber

Sankt Maximin heißt unterhalb Trier am Moselflusse eine alte, weitberühmte Abtei. Schon die Stätte, darauf sie steht, soll zur Heidenzeit einen Dianentempel getragen haben, und als ihrer Gründer rühmt sie sich des Kaisers Konstantin des Großen und seiner Gemahlin Flavia Helena. Zuerst wurde das Stift in die Ehre Johannes des Täufers geweiht, dann in die des heiligen Hilarius, unter dem vierten Abt Tranquillus aber erhielt das Stift den Leichnam Sankt Maximins und trug nun von diesem den Namen. In diesen Gegenden – manche sagen bei Neumagen – soll es gewesen sein, daß dem Kaiser Konstantin dem Großen das Kreuzeszeichen am Himmel erschien mit dem berühmten I. H. S. In Hoc Signo – scilicet vinces, in diesem Zeichen wirst du siegen, welche Buchstaben nach alter Schreibart den Namen Ihesus bedeuten. Hier sollen die heiligen Kirchenväter Ambrosius, Hieronymus und Athanasius eine Zeitlang gelebt, hier soll der letztere das nach ihm benannte Glaubensbekenntnis niedergeschrieben haben. Hier ruhen die Erzbischöfe Nicetius und Basinus, hier ruht Ada, Karls des Großen Schwester, welche einen Codex aureus der Evangelien schrieb.

Und nahe bei Sankt Maximin liegt auf diesem uralt-heiligen Boden des Trierschen Gaues die Abtei zu Sankt Paulini. Die Krypta dieses Klosters ward zum riesigen Aschenkrug für eine Reihe der vornehmsten Märtyrer. Rictiovar, Kaiser Maximinians Präfekt, verfolgte auf seines Herrn Befehl die christliche sogenannte Thebanische Legion allenthalben, auch in dieser Gegend, und mordete schonungslos. Paulinus, Triers Erzbischof, wurde in eisernen Ketten aufgehenkt; einen der Heerführer der Legion, namens Tirsus, begrub man zur linken Paulins, den Konsul Palmatius ihm zur rechten Hand. Zu Häupten des Heiligen ruhten sieben Ratsherrn, die mit den Thebanern zugleich die Martyrerkrone empfingen, unter ihnen einer des Namens Maxentius. An diese reihten sich Constantius, Crescentius, Justinus, Leander, Alexander, Soter, die letzten drei Brüder. Zu Sankt Paulini Füßen wurden vier Martyrer beigesetzt, welche Rictiovar vor seinen Augen enthaupten ließ nach vorhergegangenen gräßlichen Martern: Hormisda, Papinius, Constans und Jovianus. Das Blut der gemordeten Tausende in Trier und auf diesem Gebiete floß in Bächen hinab zur Mosel und färbte ihre Wogen weit hinab rot, bis zum Schlosse Neumagen.

*

 

919. Die Farrensamenholer

919. Die Farrensamenholer

Die in Thüringen der Farn- oder Farrenkrautsame für magisch hülfreich, seine Gewinnung aber, wem sie nicht durch unversehenen Glücks- und Zufall wird wie dem Mann zu Berka an der Werra, für seelengefährlich gilt, so auch in Schwaben. Die Gewinnung ist immer nur durch Teufelsbeihülfe möglich, und es ist eine sehr schwere Sache damit. Nicht beten, in keine Kirche gehen, keinem Weihkessel nahen, auf Kreuzwege treten und die Erscheinungen Verstorbener festen Mutes anschauen, ihnen nicht Rede stehen, über Teufelsfratzen nicht lachen, sollten sie auch so lächerlich sein, wie die, als eine Hexe, die zum Wuodesheer zu spät kam, nackt auf den Kopf gestellt wurde und nun mit auf sie gesteckten Lichtern leuchten mußte – das sind die schweren Proben, die bei der Farrensamengewinnung bestanden werden müssen. Sind sie bestanden, so kommt der grüne Jäger, als welches kein anderer ist denn der Teufel, und bringt ein Tütchen voll Farnsamen, nicht so viel, als in eine Schachtel voll Schneeberger Schnupftabak geht, das trägt der Farrensamenholer dann stets bei sich. Nun schlägt ihm nichts fehl, jede Kugel, die der Jäger aus dem Rohre schießt, trifft; sein Gewehr schießt um eine Ecke herum. Des Handwerkers Arbeit fleckt, als hätte er zwanzig Gehülfen. Ein Holzhauer in Rothenburg am Neckar hatte die Proben bestanden, der machte jeden Tag fünfhundert Büschele Holz, das sollt‘ ihm einmal einer nachtun. Auch war daselbst vor vielen hundert Jahren einmal ein Leinewebergesell, der hatte auch Farnsamen gewonnen, lebte die ganze Woche in Saus und Braus, arbeitete aber am Sonntag, weil das Sabbatschänden auch zu den Bedingnissen der Teufelsbündner gehört, aber da webte er ungeheure Stücken, bis die Teufelsweberei zuletzt an Tag kam und es damit ein dreckig Ende gewann. Jeder Farnsamenholer kann selben Samen aber nur auf sein eigenes Gewerb oder Handwerk holen, darin gelingt ihm dann nach bestandenen Proben alles. Wenn aber die Bäuerlein, wie auch schon dagewesen, Jäger werden wollen und die Dorfschulmeisterlein Staatsräte und die Advokaten gar Regenten – das glückt nicht, und wenn sie noch so viel roten Farnsamen vom Teufel in Tüten erlangt hätten.

*

 

920. Das Rockertweible

920. Das Rockertweible

Im Murgtale hinauf ist kaum vom ewigen Jäger die Rede, auch nicht vom Wutesheer, da lebt und webt vielmehr eine wilde Jägerin, aber doch nicht gleich der Frau Holla und Perchta. Sie heißt bloß das Rockertweible, vom Walde Rockert, der ihr Lieblingsaufenthalt ist. Das Weibleln wird geschildert als ein uraltes Fräle, in altmodischer, nicht gut gehaltener Tracht, die das viele Jagen durch Disteln und Dörner ihm zerschlitzt hat. Es trägt ein großes Schlüsselbund, hat immer mehrere Hunde bei sich, lockt sie wie der wilde Jäger die seinigen und geistet so umher. Das Rockertweible soll anfänglich eine Gräfin von Eberstein gewesen sein, welche sich dadurch in den Besitz eines guten Teiles vom Rockertwalde und dem Schwann, auch einem ausgedehnten Bergwald, setzte, daß sie ihr sehr angezweifeltes Anrecht daran mit dem Schwur besiegelte: So wahr mein Schöpfer über mir ist, so wahr stehe ich hier auf meinem eigenen Grund und Boden. Sie hatte aber von ihrer eignen Erde in ihre Schuhe getan und heimlich ihren Schöpfer – so nannte man dort den Eßlöffel – unter die Federn auf ihren schwarzen Samthut gesteckt. Selbigen Hut muß sie nun auch noch alsfort tragen. Manche sagen, sie erscheine nicht mehr, und könnte wohl sein, daß sie erlöst wäre.

*

 

921. Venusberge

921. Venusberge

Zu den Venusbergen in Thüringen, deren vornehmster der weitberufene Hörseelenberg ist, in welchem Frau Holle Hof hält, gesellt sich mit obschon leisem sagenhaften Anklang auch ein Venusberg in Schwaben bei Lorch im Remstale. Ist derselbe auch nur ein nicht hoher Hügel und führt den mythischen Namen, mehr als vielleicht der Hügel, nur ein Gehöft, so begegnet doch wundersam genug neben dem Venusberghof ein zweiter, der Hollenhof geheißen, nächstdem daß in der Nähe dortherum an einem Götzenbach eine Götzenmühle liegt. Ein zweiter Hof des Namens Venusberg liegt im schwäbischen Oberamte Waldsee zwischen Ober- und Unter-Essendorf, auf hoher Bergeshalde, mit einer berufenen heilkräftigen Felsquelle. Nahe dabei ist ein ausgehöhlter Fels von Mannesform, in den man sich passend einlegen kann, gleichwie in den Herrgottsstein an der Eger. Dürfte schwerlich das Lustlager der Frau Venus gewesen sein, wird aber als dienlich gegen Rückenschmerzen gepriesen, so einer deren hat und sich hineinlegt. Und wer keine hat, kann welche darin bekommen, kalt genug und hart genug ist der Stein dazu.

*

 

922. Vom Urschelberg

922. Vom Urschelberg

Über Pfullingen erhebt sich ein Berg, der Urschelberg genannt. Wie sein Name an den Hörseelenberg, vom Volke Hörschelberg gesprochen, in Thüringen erinnert, so hat er auch an einem Abhang, der das Hörnle heißt, gleich jenem, der unter seinem Eisenach zugestreckten Horn eine Höhle hat, das Hörselloch, ebenfalls eine solche, die bei den Umwohnern das Nachtfräuleinöloch genannt wird.

Gleich der Frau Holle, der alten Spinnefrau im Hörseelenberge, wohnt die alte Urschel als Spinnerin im Urschelberge, und ist des Berges ganze Umgegend mit Sagen über sie erfüllt. Ein Teil dieser Sagen deutet darauf hin, daß die Urschel gleich andern wandernden Jungfrauen aus verwünschten oder versunkenen Schlössern – zwei Schlösser sollen auf dem Urschelberge versunken sein – auf Erlösung harre, die auf einer Eichel, deren Erwachsen zum Baume, auf das Fertigen einer Wiege aus diesem Baume und auf einem darin gewiegten Sonntagskinde beruht, der Hoffenden aber stets fehlgeschlagen, weil der erkorene Gesell, der sie durch ein aufgefundenes Pferdekumt sichtbar geschaut, nicht Mut genug gehabt, das Werk der Erlösung zu vollführen. Nach andern war es keine Eiche, sondern eine von der Urschel selbst gepflanzte Buche, aus welcher die Wiege gefertigt wurde, und noch immer soll eine solche Buche auf dem Urschelberge stehen und von ihr gehütet werden. Andernteils deuten die Urschelsagen rein auf sie als Spinnefrau. Wie die Berchta im Vogtlande ihr Gefolge hat von Heimchen, hat die Urschel eines von Nachtfräulein, nur nicht so zahlreich, meist nur auf die Dreizahl beschränkt. In deren Begleitung kam sie nach Pfullingen auf die Wiek, eine also genannte Häuserreihe, an welcher die Heergasse vorüberführt – leise Hindeutung auf die Urschel auch als wilde Jagdfrau – in die Lichtkarz und spannen albda sehr fleißig. Einst machte sich aber ein Bursche den Scherz, einem der Nachtfräulein den Faden abzubrechen, und wollte nach der üblichen Sitte, indem er den Rocken nahm, diesen mit einem Kuß ausgelöset haben – das nahmen die Urschel und die Nachtfräulein sehr übel, nahmen ihre Spindeln, gingen von bannen und kamen nie wieder in dieses Haus. Von dem Hause aber wich seitdem aller Segen. Sie besuchten dagegen bisweilen andere Häuser und spannen nicht allein für sich, sondern auch für die Frauen, die sie besuchten, und spannen deren Kunkeln ganz leer und alle Spindeln voll, und dert seinsten Faden, den es geben konnte, spannen sie, und wann sie gingen, sah man ihre schloßschleierweißen Kleider beim Schein ihres Laternchens bis nahe an das Nachtfräuleinsloch am Urschelberge leuchten. In Reutlingen heißen sie Bergfräulein, weil sie im Urschelberge wohnen, da sollen sie ihren Aus- und Eingang, wenn sie auch dorthin zum Spinnen kamen, mitten auf dem Markt gehabt haben. So ganz ledigen Standes müssen aber die Urschelbergerinnen doch nicht gelebt haben, denn es sind Sagen von in den Berg geholten Hebammen vorhanden, welche mit Strohhalmen belohnt wurden, von denen sich die in Goldstangen und Goldstücke verwandelten, die nicht verächtlich weggeworfen worden waren.

*