Märchen

954. Knöpflinsnächte

954. Knöpflinsnächte

Es war und ist ein alter Brauch in Schwaben, besonders in der Stuttgarter und Tübinger Gegend, mit manchem Scherz die sogenannten Knöpflinsnächte zu feiern, das sind die Nächte der drei letzten Adventsonntage, die dem Christfest vorangehen. Es mag dabei sonst vieler Unfug getrieben, auch namentlich das Gabenheischen übertrieben worden sein, denn an manchen Orten, in Schwäbisch-Hall schon 1685, wurden die Knöpflinsnächte verboten. Gewöhnlich scharen sich die Knaben zusammen und gehen singend kurrendemäßig von Haus zu Haus mit allerlei Liedchen: z. B.

Heint ist die heilig Knöpflinsnacht –
Corrandi! Corrandi! (Currende, currende!)
Wer mir Apfel und Birnen geit,
Dem dank‘ i, dem dank‘ i! usw.

Fast an jedem Ort hat das Laufchor andre Bittverslein. Der mittelalterliche Brauch des Singeumganges von Schülern auf den Straßen, die Kurrende, ist noch in vielen Städten Mitteldeutschlands üblich, und die schwarzen Mäntel, welche dabei getragen werden, haben noch den Zuschnitt aus Luthers Zeit, da er selbst in Eisenach in der Kurrende ging. Zu Berlin ist in allerneuester Zeit die Kurrende förmlich wieder eingeführt worden.

Man wirft in den Knöpflinsnächten auch mit Erbsen an die Fenster, das hat gar eine sondre Ursache. Vor alten Zeiten regierte einmal eine grausame Pestilenz in Schwaben, es starb alles aus, die Häuser waren gesperrt, man wußte nicht, waren die guten Freunde tot oder noch lebendig. Um das zu erkunden, wagte man sich nachts auf die Straßen und warf Erbsen an die Fenster der Freunde zur Nachfrage. Wer noch lebte, kam dann an die Fenster und bedankte sich mit einem Vergelts Gott! Kam niemand an das Fenster, so wußte man, daß drinnen alles aus und tot war. Daher hat sich der Brauch in mancher Gegend, so um Wurmlingen und Rothenburg a. N., erhalten, und die Leute rufen noch immer mit einem Vergelts Gott den geschichtlichen Dank aus den Fenstern den Werfern zu, solange das Werfen mit Erbsen geschieht und nicht in Katzenmusikbegleitung mit Steinen, denn das vergilt nicht Gott, sondern der Teufel.

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955. Die Untergänger

955. Die Untergänger

Untergänger heißen in Schwaben die falschen Feldmesser und Feldrichter, welche die Flur- und Triftgrenzen und die Einzelgrundstücke unrichtig und zu andrer Schaden vermessen. Grenz- und Marksteine versetzen, Furchen von des Nachbars Acker ab und zu dem ihren pflügen, und alle diese Leute, von denen auch im übrigen Deutschland allgemein die Sage geht, daß sie nach dem Tode umgehen, schweben oder geisten müssen, und zwar zumeist als Feuermänner und große Heerwische. Davon hat es auch in Schwaben vordessen viel gegeben; es war nicht gut, ihnen zu begegnen oder auf sie zu stoßen. Sie schlugen mit ihren feurigen Rutenstäben und Pickeln, umschlangen mit glühenden Meßketten, und wenn sie niemand hatten, an dem sie ihre Wut auslassen konnten, so plätzten sie aufeinander selbst los, daß die Funken weit umherspritzten, und schimpften einander kurz und lang. Solcher Männer, die nach dem Sprüchwort Himmel und Erde betrogen mit ihrer Falschmesserei, gab es bei Tübingen eine ganze Gesellschaft, da sind ihrer fünf; andre sah man bei Betzingen laufen; in der Rothenburger Markung schwebten ihrer sieben; bei Bühl im Neckartale geistet auch einer umher, und so an vielen andern Orten und Enden.

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943. Vom Hutzenbacher und andern Seen

943. Vom Hutzenbacher und andern Seen

Wie der kleine und große Mummelsee ist auch der Hutzenbacher See weit berufen wegen der sich in ihm aufhaltenden Seemännlein und Seeweiblein, deren Töchter auch zum Kirchweihtanz nach Hutzenbach gekommen und vom allgemeinen Wasserjungfernlos erreicht worden sind. Das Seemännle in diesem See hatte die hülfreiche Natur der Erdmännle und diente insonderheit einem Bauer, welcher der Frieders-Bauer hieß. Der wollt‘ es auch gut meinen und ließ ihm ein neues Häs, das ist eine ganze Kleidung, aus Kittel, Weste und Hose bestehend, fertigen, weil des Seemännleins Kleidung gar zu zerfetzt und grasig war und den Moorgeruch an sich hatte. Und da nahm das Männle das Häs, tauchte in den See und soll noch heute wiederkommen. Ebenso ist es auch einem Müller aus Schwarzenberg mit einem Seemännle ergangen.

Drei Stunden von Wildbad liegt der wilde See, nach Baden hinwärts, aus dem kamen die Fräulein ins Wildbad und spannen und sangen. Das ist vorbei mitsamt der guten Zeit, und die Zeit ist hin, wo Bertha spann. Da einmal der Karl Herzog versuchen ließ, den wilden See messen zu lassen, wie tief er sei, wie beim großen Mummelsee auch geschehen, so fand das Senkblei keinen Grund, wie tief es immer fiel, und da geschah dem Herzog Ahnliches wie jenen Vermessenen, die des Arendsees Tiefe ergründen wollten, denn es zuckte von unten an der Schnur, und wie sie das Senkblei aufzogen, hing ein Zettel daran, auf welchem geschrieben stand: Wer misset die Wasser mit der Faust und fasset den Himmel mit der Spanne? – So du mich wirst ergründen, wirst meinen Grund du selber finden. – Da erschrak der Karl Herzog und ließ ab vom Messen und ließ den Kahn zum Strande fahren.

Ohnfern von Schönmünzach liegt noch ein sogenannter wilder See, welcher der Nonnensee genannt wird, man scheut sich ihn zu befahren; in der Mitte soll ein stiller Wirbel sein, der alle Fahrzeuge zur Tiefe zieht. Auch er kann, gleich andern, nicht vertragen, daß man Steine in ihn hineinwirft. Es stand dort ein Nonnenkloster, und erging damit wie mit dem bei Neuenkirchen im Odenwalde und dem Mönchskloster, an dessen Stelle das Heilige Meer zwischen Freren und Ibbenbüren trat. Noch immer hört man in der Tiefe die Klosterglocken läuten, ja man hört Gesang und Töne. Ein Bauer zu Schönmünzach soll noch den großen Schlüssel zur versunkenen Klosterkirche haben. Das gleiche erzählt man sich vom bodenlosen See zwischen Empfingen und Nordstetten. Da zeigt sich vor Gewittern ein schwimmend Seefräulein mit halbem Leibe. Aber andere sagen, dort habe nicht ein Kloster, sondern ein Wirtshaus gestanden, da sei es hergegangen wie dort beim Tanzteich zu Sachswerfen, es wird auch noch der Tanzplatz gezeigt, wo unter einer alten Linde die Sonntagstänzer unter der Kirche tanzten.

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944. Das vierblättrige Kleeblatt

944. Das vierblättrige Kleeblatt

Zu Rottweil war einmal ein Gaukler und starker Hans, der machte dem Volk auf dem Markt die größten Possen vor nach solcher Possenreißer Art und verstand sich so trefflich auf Zauberverblendung wie jener sein Kunstgenoß zu Magdeburg. Zum letzten machte er das größte Stück, so noch niemals zu Rottweil gesehen worden. Er nahm einen langen und schweren Wies- oder Hebebaum, stellte den erst auf die Stirne, hernach auf die Zähne, zuletzt auf die Nase und hielt ihn immer im Schwebegleichgewicht, daß alles klatschte und Bravo rief. Da kam von ohngefähr eine Maid mit einem Tragkorb voll Klee, den sie vom Acker geholt für ihre Kühlein, und vorn am Mieder stak ihr ein vierblättrig Kleeblatt, das hatte sie gefunden und vorgesteckt und dabei gedacht: Willst’s vorstecken, vielleicht bringt’s Glück, daß du was findest oder was geschenkt kriegst – und wie sie so durch die Leute ging, sah sie den Gaukler und hörte das bewundernde Staunen, so was habe man noch nicht gesehen allhier zu Rottweil, so was lebe nicht, so was sei die größte Kunst, die es geben tue. Nu, was verwundert denn die Lüt so sehr? fragte das Mädchen mit dem vierblättrigen Kleeblatt. Doch nicht, daß der Narr dort läscht’n Strohhalm uf seiner Nas tanze? – Kaum hatte sie das gesprochen, so schwand die Verblendung, und alle Welt sah jetzt, daß das, was sie für einen langen und schweren Wiesbaum angesehen, nichts war als ein langer glatter Strohhalm. Da der Künstler merkte, daß das Mädchen ihn verraten, so machte er ein anderes Hokuspokus, warf einen Faden Zwirn der Dirne entgegen und rief: Schau, Mädle, das Wässerle! Schwoabeliesel, heb dei Fießel! – Und im selben Augenblick war dem Mädchen, als wate es durch ein Wasser, und hob seine Röcke, und das Wasser wuchs zusehends, und sie hob immer höher, und wurde dunkelrot wie ihre Kleeblume vor Scham, denn alles Volk lachte überlaut, und sie war froh, als sie aus dem Bereich des gauklerischen Hexenmeisters kam. Die hatte ihr Teil und wollte nimmer zuschauen und andern ihre Küenscht verraten.

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945. Arbeit im Mondschein

945. Arbeit im Mondschein

Es ist im Schwabenlande eine gemeine Sage, daß niemand arbeiten soll im Mondschein, denn solche Arbeit frommt nicht und gehört nicht Gott wie die Tages- und Lichtarbeit, sondern dem Teufel. Hätte der liebe Gott haben wollen, daß man im Mondschein arbeiten solle, so hätte er dem Mond mehr Lichtstärke verliehen. Die Rede geht, wer doch im Mondschein arbeite, zu dem komme insgemein ein Unbekannter und biete ihm Arbeit an, die dann immer etwas Geheimes auf sich habe. Einer Frau, die im Mondschein spann, bot der Fremde, der ihr erschien, einen ganzen Arm voll Spindeln, die sollte sie in derselben Nacht noch alle vollspinnen, wo nicht, so drehe er ihr bei der Wiederkehr den Hals um. Die Frau aber besann sich nicht lange, sie bespann alle Spindeln, auf jeder einmal herum, daß das Holz bedeckt war, sozusagen nicht mehr rein, wie man zu sagen pflegt: Kind, du hast dich vollgemacht, wenn eins sein Gewand verunreinigte. Und da konnte ihr der Schwarze, da er wiederkam, nichts anhaben, nur daß er ihr auch etwas vollmachte, nämlich die ganze Stube so voll Gestank, daß man sechs Monate lang daran zu schmecken hatte.

Der Mann im Mond, das ist kein anderer als ein Weingärtner aus Schwaben, der im Mondschein noch Rebebüschele machte, dafür muß er nun jahraus jahrein schweben und im Mond sein größtes Rebebüschele am Stöckle auf dem Rücken tragen. Man heißt ihn auch das Besenmännle, den Mann im Mond, weil er am Sonntag Besenreis geschnitten und dafür zur Strafe vom lieben Gott selbst hinauf in den Maun verwünscht worden ist.

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946. Die Erdbeeren

946. Die Erdbeeren

Ein Kind im Schwabenlande ging einst, im Walde Erdbeeren zu suchen, und hatte schon ein hübsches Körbchen fast voll. Da ist ihm die Mutter Gottes begegnet und hat es gefragt: Was hast du in deinem Körbchen? – Das Kind fürchtete sich und mochte denken, die Mutter Gottes wolle von den Beeren haben, gab daher zagend zur Antwort: Nient (nichts). – Ei, sprach da die Mutter Gottes, ist es nient, so soll es dir auch nient beschießen (gedeihen)! – Und von da an wird kein Kind und kein Großes von Erdbeeren satt, es mag deren noch so viel essen.

In dieser Sage tritt wieder die Verwünschung durch den Mund der heiligen Gottesmutter als Strafe des Geizes im Bunde mit der Lüge durch Ungedeihen auf, wie in der arabischen Sage von der Erbsensaat auf dem Acker bei Bethlehem.

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940. Schlangen als Kindergäste

940. Schlangen als Kindergäste

Von Schlangen gibt es unzählige Sagen. Nach einer Richtung hin schlingen sich dieselben in die Lindwurmsagen ein, nach der andern haben sie elbische Färbung und gehen in das Reich der Hausgeister über, und wie die Schlangen dort furchtbar erscheinen, so erscheinen sie in letzterer Beziehung traulich. Auf Waldgebirgen zumal ist es eine bekannte Sage, daß man den Unk (die Ringelnatter) nicht töten dürfe, weil er Glück bringe, wo er in einem Hause wohne. Zu Schwamdorf bei Nagold erzählte ein Kind seiner Mutter, es komme immer ein Vögelein und esse mit von seiner Milch. Das verwunderte die Mutter, und sie lauschte. Siehe, da kam eine große Schlange – ein schöner Vogel das! – und aß Milch mit dem Kinde und war gut mit ihm, und wenn das Kind einen Löffel voll aus dem Häfele genommen, so steckte die Schlange ihren Kopf hinein und tat einen Schluck. Da wurde die Mich schneller alle als die Brot- oder Semmelbrocken, und das Kind gab der Schlange mit seinem Löffelchen einen leichten Klaps auf den Kopf und sagte zu ihr: Iß et no Ilch, iß au Ickle (iß nicht nur Milch, iß auch Brickle), und die Schlange ließ sich’s gefallen und spielte hernach mit dem Kinde. – Dasselbe geschah mit eines Weingärtners Kind zu Rothenburg und nicht minder im Dorfe Thieringen, wo das Kind sprach: Iß et no Schlappe, iß au Mocke. – Und in Thüringen, auf dem Walde hauptsächlich, begegnet häufig dieselbe Sage; da spricht das Kind: Eß net no Nü, eß a Nocke (iß nicht nur Brüh, iß auch Brocken).

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941. Der Schlangenkönig

941. Der Schlangenkönig

Man hat Beispiele, daß selbst der Schlangenkönig, der ein prächtiges Goldkrönlein auf seinem Haupte trägt, sich bei Kindern eingefunden und mit von ihrer Milch gespeist hat, so bei einem Seiler in Stuttgart, welcher aber sehr ungastfreundlich den Schlangenkönig erschlug und durch die Krone unermeßlich reich wurde und das Haus an der neuen Brücke erbaute, welches jetzt das Gutbrodsche heißt. Solcher Häuser, deren Erbauer auf gleiche Art reich geworden, soll es dort zu Stuttgart noch mehrere geben. Wenn der Schlangenkönig in einen Bach geht, um zu baden, legt er jedesmal erst am Ufer sein Krönlein ab. Wer dieses findet und nimmt, der muß die Beine auf die Achsel nehmen und laufen, was er kann, denn sobald der Schlangenkönig den Verlust seiner Krone bemerkt, so will er sie wiederhaben, was ihm niemand verdenken kann, und schießt wie ein Pfeil hinter dem Räuber her. Holt er diesen ein, so ist der Räuber verloren, holt er ihn nicht ein, so macht die Krone den Kronenräuber unermeßlich reich. Einem Bauer aus Derendingen ist’s also geglückt. Kann der Schlangenkönig seine Krone nicht wiedererlangen, so kommt er zu der Stelle zurück, wo sie ihm geraubt ward, und grämt sich und stirbt, denn er kann den Verlust der Krone nicht ertragen, er ist kein Philosoph, obgleich die Schrift den Schlangen Klugheit zuschreibt – aber wenn einem die Krone genommen wird, da hört alles auf.

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942. Die Schlangenamme

942. Die Schlangenamme

Eine Frau aus einem Dorfe in Schwaben hatte ein säugendes Kind und ging hinaus zur Heuet, legte das Kind in den Schatten und wartete ihres Tagewerkes. Da nun die Mittagszeit da war, ging sie zu ihrem Kinde, nahm es an ihre Brust, ließ es trinken und entschlummerte. Als das Kind getrunken hatte, ließ es von seiner Labequelle und entschlief auch, und die Mutterbrust blieb offen. Da kam ein kleines Schlänglein geschlichen, das ringelte leise heran und begann sanft zu saugen und saugte sich ganz fest, und als die Frau erwachte, erfaßte sie ein tödlicher Schreck, zu sehen, daß sie nicht nur nach dem Sprüchwort eine Schlange im Busen, sondern sogar am Busen nährte. Abreißen ließ sich die Schlange nicht, jeder gewaltsame Versuch, sie wegzubringen, konnte die Schlange zum Biß reizen und den Tod herbeiführen. Gast und Last mußte daher von der Frau getragen werden. Der Schlange gedieh die Menschenmuttermilch wunderbarlich; sie schwoll mehr und mehr an, und war sie erst fingersdick gewesen, so wurde sie bald armsdick und noch dicker, und es waren schon zehn Monate vergangen, seit das arme Weib die Schlange säugte, und begann nun zu verfallen und von Kräften zu kommen. Da kam ein Fremder von ohngefähr in das Dorf, der hörte von dem schweren Mißgeschick der Frau und ging zu ihr und sagte ihr, er wolle ihr von ihrer Bürde helfen, sie solle ihm nur in den Wald folgen. Dort zog der Mann magische Kreise, und nun zog er ein Pfeifchen hervor und begann darauf zu pfeifen. Darauf hat es im Walde geraschelt und gerauscht, und sind alle Schlangen gekrochen gekommen, und in die Kreise, und haben drin getanzt, und da ist die große und schwere Schlange, die so lang an der Frauenbrust gehangen, auch von ihr abgefallen und hat in den Kreis gemußt und hat mittanzen müssen. Wer war froher wie die Frau! Hernachmals hat es sich begeben, daß dieselbe Frau, die sich wieder gut erholt hatte und wieder zu Kräften gekommen war, vor ihrer Türe saß und ihr Kind in den nahen Wald in die Beeren gegangen war. Da hört sie plötzlich die Leute schreien: Ein Bär, ein Bär im Walde! Eine Schlange! hu! eine Schlange! – Und denkt entsetzt ihres Kindes und stürzt hin, da erblickt sie den Bären, und nahezu liegt ihr Kind, und sie weiß nicht, ob es tot oder lebendig, und der Bär stürzt brüllend zusammen, und der schlummernde Knabe erwacht: eine großmächtige Schlange hat den Bären erdrosselt, als er das Kind packen wollte, und das ist dieselbe Schlange gewesen, welche die Frau mit ihrer Milch so stark und groß geschwellt, sonst hätte sie den Bären nimmer erdrücken können.

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934. Die Heiden

934. Die Heiden

Zu Kettershausen, das nicht gar weit von Babenhausen in Schwaben liegt, heißen die Wichtelmännchen Heiden. Sie hausten allda in einem Berge und ahmten Sankt Sebald nach, sie nahmen Einkehr bei einem Wagner. Wenn sie diesem auch nicht mit Eiszapfen Feuer anmachten und einheizten, wie jener Heilige tat, so leisteten sie doch alle die Dienste, welche hülfreiche Hausgeisterlein stetig leisteten, und die dankbare Frau des Wagners legte jeden Abend ein Brötlein unter die Türe und stellte ein Krüglein voll Wasser hinzu oder auch voll Bier oder Milch, wie es kam, besonders wenn es viel zu schaffen gab, da mehrte sich auch die Zahl der Brote und Krüglein. Einmal aber, da eine Frau Nachbarin kam und lobte, wie schön es bei den Wagnersleuten sei, wie blank alles und aufgeräumt, und wie alles Spuren des Fleißes verrate, da verpäppelte und verschwätzte sich die Hausfrau und ließ etwas fallen von unsichtbarer Hülfe – und da blieben die Heiden von Stund an weg und kamen nimmer wieder, und mußten nun der Wagner und seine Frau das selber tun, was sie getan haben wollten. Der Name Heiden – auch Haiden von andern geschrieben – weist deutlich auf einen verdrängten Volksstamm hin als Grundzug der so häufigst und besonders auch in Schwaben verbreiteten Wichtleinsagen. In Schwaben heißen die Wichtlein zumeist Erdmännele, Rotmänndele, Erdwichtele; es gab weiße und schwarze, und es gibt der Geschichten von ihnen sehr viele auf den Dörfern.

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