Jules Verne

Drittes Capitel.


Drittes Capitel.

Der Kraal.

Der Tod des armen Teufels erregte, vorzüglich bei den Umständen, unter denen er erfolgte, unsere innigste Theilnahme, doch der Biß der Peitschenschlange, der giftigsten der ganzen Halbinsel, schont einmal nicht. Es war nur ein weiteres Opfer zu den Tausenden, welche jenen furchtbaren Reptilien jährlich in Indien erliegen.1

Man hat – jedenfalls nur scherzweise – behauptet, daß es auf Martinique früher keine Schlangen gegeben habe und die Engländer solche nur dahin gebracht hätten, als sie die genannte Insel an Frankreich ausliefern mußten. Den Franzosen fehlte jede Veranlassung zu solchen Repressalien, als sie ihre Erwerbungen in Indien aufgaben. Sie wären unnütz gewesen, denn nach dieser Seite hin hatte schon die Natur sich wahrhaft verschwenderisch erwiesen.

Der Körper des Indiers ging unter dem Einflusse des Giftes rasch in Zersetzung über, so daß er ohne Zögern beerdigt werden mußte. Seine Kameraden unterzogen sich dieser Pflicht und er wurde in eine hinreichend tiefe Grube gelegt, um dem Ausscharren durch Raubthiere vorzubeugen.

Nach Beendigung der traurigen Ceremonie lud uns Mathias Van Guitt ein, ihn nach seinem Kraal zu begleiten – eine Einladung, welche von uns mit Vergnügen angenommen wurde.

Binnen einer halben Stunde erreichten wir den Lagerplatz des Händlers, welcher den Namen eines »Kraals« vollkommen rechtfertigte, während man diesen sonst nur auf die Ansiedlungen im südlichen Afrika angewendet findet.

Jener bestand aus einer geräumigen, länglichen Einzäunung tief im Walde und in der Mitte einer größeren Lichtung. Mathias Van Guitt hatte denselben den Bedürfnissen seines Geschäftes anzupassen gewußt. Auf allen vier Seiten umschloß ihn eine Palissadenwand mit einem hinreichend weiten Thore, um seine Wagen durchzulassen. In der Mitte des Hintergrundes diente eine lange, aus Baumstämmen und Planken roh gezimmerte Hütte als Wohnstätte für alle Insassen des Kraals. Sechs, in mehrere Einzelzellen abgetheilte Käfige auf vierrädrigen Gestellen schlossen sich rechtwinklich an das linke Ende der Umplankung an. Das Gebrüll aus denselben verrieth, daß sie nicht leer waren. Rechts lagerten etwa ein Dutzend Büffel im Freien und weideten die fetten Bergwiesen ab. Diese bildeten die gewöhnlichen Zugthiere der beweglichen Menagerie. Sechs Büffeltreiber, welchen die Führung der Wagen oblag, und zehn mit der Jagd auf Raubthiere vorzüglich vertraute Hindus bildeten das Personal der Niederlassung.

Die Büffeltreiber waren nur für die Dauer der Jagdzeit gemiethet. Ihre Beschäftigung bestand darin, die Karren mit den Käfigen nach den Jagdgründen zu fahren und dieselben dann nach der nächsten Eisenbahnstation zu schaffen. Hier verlud man die Karren auf Trucks und beförderte sie in kurzer Zeit nach Allahabad, Bombay oder Calcutta.

Die Hindujäger gehörten zu den Leuten, welche man allgemein »Chikaris« nennt. Sie suchen die Spuren der Raubthiere, treiben diese auf und fangen sie mit großer Geschicklichkeit ein.

Das war die Mannschaft des Kraals. Mathias Van Guitt und seine Leute bewohnten denselben schon seit mehreren Monaten. Sie waren hier freilich ebenso den Ueberfällen wilder Thiere, wie dem Fieber ausgesetzt, das besonders in Tarryani herrscht. Die Feuchtigkeit der Nächte, die Ausdünstung schädlicher Bodenfermente und die feuchte Hitze unter dem dichten Laubgewölbe, das die Sonnenstrahlen nur wenig durchdrangen, machen die untere Zone des Himalaya zu einer ungesunden Gegend.

Der Händler und die Hindus waren hier jedoch so vortrefflich acclimatisirt, daß ihnen die »Malaria« nicht mehr schadete als den Tigern oder den Eingebornen von Tarryani. Wir hätten freilich nicht lange ungestraft in dem Kraal verweilen dürfen. Das lag auch gar nicht in Kapitän Hod’s Plan. Wir wollten nur einige Nächte auf den Anstand gehen und dann nach dem Steam-House in die höhere Zone zurückkehren, welche die Ausdünstungen der Ebene nicht mehr erreichen.

An dem Lagerplatz Mathias Van Guitt’s angelangt, öffnete sich uns das Thor zu demselben.

Mathias Van Guitt schien unser Besuch sehr zu schmeicheln.

»Jetzt, meine Herren, begann er, gestatten Sie mir, die Pflichten des Wirthes zu erfüllen. Diese Niederlassung entspricht allen Anforderungen meiner Kunst. Sie ist freilich nicht viel mehr als eine große Hütte, wie sie die Jäger der Halbinsel einen »Houddi« zu nennen pflegen.«

Während dieser Anrede hatte der Händler die Thüren der Wohnstätte geöffnet, welche er mit seinen Leuten theilte. Alles darin war höchst einfach. Ein erstes Zimmer – wenn man ihm diesen Namen geben darf – für den Herrn; ein zweites für die Chikaris, ein drittes für die Wagenlenker; in jedem als einziges Mobiliar ein Feldbett; ein vierter Raum, der gleichzeitig als Küche und Speisezimmer diente – man sieht, daß Mathias Van Guitt’s Wohnung wirklich sehr dürftig war und die Bezeichnung als Houddi mit Recht verdiente. Wir hatten eine größere Hütte vor uns, weiter nichts.

Nachdem wir die Wohnung »dieser zur ersten Classe der Säugethiere gehörenden Zweihänder« im Augenschein genommen, lud man uns ein, nun auch den Aufenthaltsort der Vierfüßler zu besichtigen. Das war unbestreitbar der interessanteste Theil des Kraals. Die Einrichtung erinnerte mehr an eine wandelnde Menagerie als an die bequemen und eleganten Behälter eines Zoologischen Gartens. In der That fehlten hier nur die in Wasserfarben gemalten und am bunten Gerüst aufgehängten Bilder, welche in greller Colorirung einen Thierbändiger in rosafarbenen Tricots und Sammtwamms inmitten einer umherspringenden Horde von Bestien darstellen, welche sich mit blutigem Maule und drohenden Krallen unter der Peitsche eines heroischen Bidel oder Pezon krümmen. Freilich mangelte es auch an Publikum für den Zuschauerraum.

Einige Schritte davon lagen die zahmen Büffel. Sie befanden sich zur rechten Hand, in einer besonderen Abtheilung des Kraals, wo man ihnen neben dem Futter, welches der Boden lieferte, noch täglich eine gewisse Menge frisches Gras vorlegte. Es wäre unthunlich gewesen, sie auf benachbarten Weideplätzen ganz frei herumlaufen zu lassen. Wie Mathias Van Guitt sich gewählt ausdrückte, »war diese Hütungsfreiheit, welche in den Clans des Vereinigten Königreichs angebracht ist, gänzlich unvereinbar mit den Gefahren in den Wäldern des Himalaya«.

Die eigentliche Menagerie umfaßte sechs Käfige auf vierrädrigen Gestellen. Jeder an der Vorderseite mit Eisenstäben vergitterte Kasten zerfiel in drei Zellen. Durch Thüren, oder vielmehr von unten nach oben bewegliche Schieber konnte man je nach Bedarf die Thiere aus einer Zelle in die andere treiben. Diese Käfige enthielten zur Zeit sieben Tiger, zwei Löwen, drei Panther und zwei Leoparden.

Mathias Van Guitt erklärte uns, daß sein Stock erst vollzählig sei, wenn er noch zwei Leoparden drei Tiger und einen Löwen gefangen habe. Dann gedachte er den Lagerplatz zu verlassen, nach der nächsten Eisenbahnstation zu ziehen und sich nach Bombay zu wenden.

Die Thiere, welche man in den Käfigen bequem beobachten konnte, waren prächtige Exemplare, aber offenbar sehr wild. Sie befanden sich noch zu kurze Zeit in der Gefangenschaft, um dieser beschränkten Lebensweise gewohnt zu sein. Das bewies ebenso ihr entsetzliches Gebrüll, wie das unermüdliche Hin- und Herlaufen von einer Scheidewand zur andern und das Schlagen gegen die Gitter, welche vielfach verbogen waren.

Als wir vor die Käfige traten, verdoppelte sich nur ihre Wuth, ohne daß Mathias Van Guitt darauf weiter zu achten schien.

»Arme Thiere!« sagte Kapitän Hod,

»Arme Thiere!« wiederholte der getreue Fox.

»Glauben Sie denn, diese hier seien mehr zu beklagen als jene, welche Sie tödten?« fragte der Händler im trockenen Tone.

»Weniger zu beklagen als zu tadeln ….. daß sie sich fangen ließen!« erwiderte Kapitän Hod.

Wenn es zutrifft, daß die Raubthiere in Ländern wie Afrika – wo Wiederkäuer, ihre gewöhnliche Nahrung, nur seltener vorkommen – manchmal lange Zeit fasten müssen, so ist das in den Gefilden von Tarryani keineswegs der Fall. Hier tummeln sich in Menge die Bisonochsen, Büffel, Zebus, Eber und Antilopen, welchen Löwen, Tiger und Panther unablässig nachstellen. Außerdem bieten ihnen Ziegen und Schafe, ganz abgesehen von den »Raiots« (Bauern), welche jene hüten, eine sichere und bequeme Beute. In den Wäldern des Himalaya können jene ihren Hunger hinreichend stillen. Ihre Wildheit, welche sie trotzdem niemals ablegen, findet hier also keinen Entschuldigungsgrund.

Die Insassen seiner Menagerie fütterte der Händler in der Hauptsache mit Bison- und Zebufleisch, welches die Chikaris an gewissen Tagen herbeizuschaffen hatten.

Man würde sich täuschen, zu glauben, daß eine solche Jagd gefahrlos sei. Im Gegentheil. Selbst der Tiger hat den wilden Büffel, ein furchtbares Thier, wenn es verwundet wurde, zu fürchten. Schon mancher Jäger hat es erleben müssen, wie ein Büffel den Baum, auf den er sich geflüchtet, mit den Hörnern entwurzelte. Wohl sagt man, das Auge des Wiederkäuers sei gleich einer Linse, welche alle Gegenstände in dreifacher Vergrößerung erscheinen lasse, und der Mensch imponire ihm deshalb wegen seiner riesigen Gestalt. Auch die aufrechte Haltung soll die Thiere erschrecken, so daß man immer besser thue, ihnen stehend entgegenzutreten, als gekrümmt oder liegend.

Ich weiß nicht, wie viel Wahres hieran ist, sicherlich aber äußert der Anblick des Menschen, wenn er sich auch noch so hoch aufrichtet, auf den wilden Büffel keinerlei Wirkung, und jener ist so gut wie verloren, wenn er keine Waffen zur Hand hat.

Ganz ebenso verhält es sich mit dem indischen Bison mit kurzem, fast viereckigem Kopfe, schlanken, an der Wurzel abgeplatteten Hörnern, höckrigem Rücken – eine Bildung, welche ihn seinem amerikanischen Stammverwandten nähert – und von Fuß bis zum Knie weißen Füßen, dessen Länge vom Schwanz bis zur Spitze der Schnauze zuweilen vier Meter beträgt. Ist derselbe auch, in Gesellschaft im fetten Grase der Ebene werdend, weniger wild, so wird er dem Jäger, der ihn unkluger Weise angreift, doch immer furchtbar.

Mit dem Fleische der Wiederkäuer ernährte Van Guitt also die Raubthiere seiner Menagerie. Um dieselben sicherer und gefahrloser zu fangen, suchten sie die Chikaris in Fallen zu locken, aus denen sie gewöhnlich todt herausgeschafft werden.

Der Händler, ein Mann, der seine Sache verstand, vertheilte die Nahrung nur sehr sparsam unter seine Gefangenen. Einmal täglich, zu Mittag, erhielten sie vier bis fünf Pfund Fleisch, weiter nichts. Dazu ließ er sie – gewiß nicht aus kirchlichen Gründen – vom Sonnabend bis Montag regelmäßig fasten. Wahrlich, das war ein trauriger, magerer Sonntag für sie! Wurde ihnen dann nach Ablauf von achtundvierzig Stunden aber der schmale Bissen zugetheilt, da entwickelte sich ein unbeschreiblich wildes Leben, ein entsetzliches Geheul, da sprangen die Bestien hin und her, daß die rollenden Käfige sich bewegten und man fürchten mußte, diese in Stücke gehen zu sehen.

Ja, die armen Thiere! war man versucht mit Kapitän Hod zu rufen. Mathias Van Guitt hatte jedoch seine guten Gründe, so zu verfahren. Diese Enthaltsamkeit im Gefängniß ersparte seinen Thieren gewisse, sonst leicht auftretende Hautkrankheiten und erhöhte ihren Verkaufswerth auf den Märkten Europas.

Man wird sich leicht vorstellen können, daß Mathias Van Guitt’s Sprachwerkzeuge, während er uns seine Thiere mehr als Naturforscher denn als Schausteller zeigte, nicht gerade feierten. Im Gegentheil. Er plauderte, schilderte, erzählte, und da die Raubthiere Tarryanis den Hauptgegenstand seiner etwas weitschweifigen Redesätze bildeten, hatten sie für uns doch ein gewisses Interesse. Wir sollen auch den Kraal nicht eher verlassen, als bis uns von der Zoologie des Himalaya kein Geheimniß mehr übrig blieb. »Aber sagen Sie mir, Herr Mathias Van Guitt,« fragte Banks, »wirft Ihr Geschäft wirklich so viel ab, daß es die damit verbundenen Gefahren aufwiegt?«

»In früherer Zeit,« antwortete der Händler, »gab es einen recht guten Ertrag. Seit einigen Jahren freilich, muß ich gestehen, sind die Raubthiere im Preise sehr gesunken. Sie können sich durch die neuesten Preiscourante leicht überzeugen. Unser Hauptmarkt ist der Zoologische Garten von Antwerpen, Vögel, Schlangen, Affen und eidechsenartige Reptilien, Raubthiere aus der Alten und Neuen Welt, dahin befördere ich ‚fachgewohnheitsmäßig‘ ….«

Kapitän Hod verbeugte sich bei diesem Worte.

»…… die Beute unserer abenteuerlichen Jagdzüge in den Wäldern der Halbinsel. Leider scheint der Geschmack des Publikums zu wechseln, und die Verkaufspreise werden bald niedriger stehen als die Beschaffungsunkosten. Kürzlich ist z.B. ein männlicher Strauß für elfhundert Francs verkauft worden, und das Weibchen brachte gar nur achthundert. Ein schwarzer, weiblicher Panther fand nur zu sechzehnhundert Francs einen Abnehmer, eine javanische Tigerin zu zweitausendvierhundert, und eine große Löwenfamilie – der Vater, die Mutter, ein Onkel und zwei hoffnungsvolle junge Löwen – zu siebentausend Francs zusammen.«

»Das ist freilich so gut wie nichts!« meinte Banks.

»Was die Proboscidien betrifft ….« fuhr Mathias Van Guitt fort.

»Proboscidien?« fragte Kapitän Hod.

»Ja, mit diesem wissenschaftlichen Namen bezeichnen wir die Pachydermen, welche die Natur mit einem Rüssel ausstattete.«

»Also die Elephanten.«

»Ja wohl, die Elephanten der quaternären Periode, die Mastodons der vorhistorischen Zeiten ….«

»Ich danke verbindlichst,« fiel Kapitän Hod ein.

»Was die Proboscidien also angeht,« nahm Mathias Van Guitt den Faden seiner Rede wieder auf, »so muß man von deren Fang jetzt fast ganz absehen, außer wo es sich um die Gewinnung ihrer Zähne handelt, denn der Elfenbeinconsum hat sich nicht vermindert. Seitdem aber die am Ende ihres Latein angelangten dramatischen Autoren angefangen haben, jene in ihren Theaterstücken vorzuführen, reisen die Impresarios damit von Stadt zu Stadt, und ein einziger Elephant, der mit der wandernden Gesellschaft die Provinzen durchzieht, genügt, die Neugier eines ganzen Landes zu befriedigen. Elephanten sind jetzt auch weit weniger gesucht als früher.«

»Aber liefern Sie diese Vertreter der indischen Fauna,« fragte ich da, »nur in die Menagerien von Europa?«

»Sie verzeihen,« erwiderte Mathias Van Guitt, »wenn ich, ohne besonders neugierig zu sein, erst eine bescheidene Frage an Sie richte.«

Ich verbeugte mich zustimmend.

»Sie sind Franzose, mein Herr,« begann der Händler. »Das erkennt man nicht allein an Ihrem Accent, sondern auch an Ihrem aus dem gallo-romanischen und keltischen gemischten Typus. Als Franzose nun werden Sie keine Vorliebe für weite Reisen haben und z.B. noch nicht um die Erde gekommen sein?«

Hierzu beschrieb Mathias Van Guitt mit den Händen einen weiten Kreis in der Luft.

»Ich hatte noch nicht das Vergnügen!« antwortete ich.

»Ich richte an Sie,« fuhr der Händler fort, »nicht die Frage, ob Sie nach Indien gekommen sind, denn Sie befinden sich ja ebenda, wohl aber die, ob Sie die indische Halbinsel gründlich kennen?«

»Nur zum Theile,« gestand ich. »Ich habe indeß Bombay, Calcutta, Benares, Allahabad und das Thal des Ganges besucht. Ich sah dabei die Baudenkmäler, bewunderte …..«

»Ah, was soll das bedeuten!« unterbrach mich Mathias Van Guitt, den Kopf abwendend, während er mit einem Zeichen der Hand seine Geringschätzung ausdrückte.

Dann ging er zur Hypotypose über, d.h. er begann mit lebhaften Redewendungen.

»Ja, was soll das bedeuten, wenn Sie die Menagerien der mächtigen Rajahs noch nicht kennen lernten, welche es sich angelegen sein lassen, die prächtigen Thiere, den Stolz und Schmuck Indiens, zu erhalten! O, dann nehmen Sie nur den Wanderstab wieder zur Hand! Gehen Sie nach Guicowar, um den König von Baroda ehrfurchtsvoll zu begrüßen! Bewundern Sie seine Menagerie, die den größten Theil ihrer Insassen an Löwen aus Kattyvar, an Bären, Panthern, Tchitas, Luchsen und Tigern meiner Person zu danken hat! Wohnen Sie einmal der Hochzeit der sechzigtausend Tauben bei, welche jedes Jahr mit großem Pompe gefeiert wird. Bewundern Sie die fünfhundert »Boulbouls«, die Nachtigallen der Halbinsel, auf deren Erziehung so viel Sorgfalt verwendet wird, als wären sie die Erben des Thrones! Sehen Sie sich die Elephanten an, von denen einer, als Vollstrecker der Todesurtheile, auf dem Hinrichtungsblocke den Kopf des Verdammten mit einem Fußtritte zermalmt! Dann begeben Sie sich nach den Anlagen des Rajah von Maisfour, des reichsten Souveräns von Asien. Besuchen Sie den Palast, in dem die Rhinocerosse, Elephanten, Tiger und Thiere von hohem Range, welche zur animalischen Aristokratie Indiens gehören, zu Hunderten vertreten sind. Wenn Sie das gesehen haben, mein Herr, dann wird man Sie wenigstens nicht mehr der völligen Unkenntniß der Wunder dieses unvergleichlichen Landes beschuldigen können!«

Ich erwiderte Mathias Van Guitt nur durch eine stumme Verbeugung. Seine leidenschaftliche Darstellungsweise schnitt ja von vornherein jede Discussion ab.

Kapitän Hod konnte es aber doch nicht unterlassen, einige, speciell die Fauna von Tarryani betreffende Fragen an jenen zu richten.

»Ich möchte Sie noch um einige Aufklärung über die Raubthiere bitten, die ich in diesem Theile Indiens aufzufinden hoffe. Da ich nur Jäger bin, werde ich Ihnen, Herr Van Guitt, keine Concurrenz machen, im Gegentheile, wenn ich mich bei dem Fange einiger Tiger, welche noch an Ihrer Sammlung fehlen, nützlich machen könnte, würde ich es gerne thun. Ist Ihre Menagerie aber vollzählig, so werden Sie es nicht übel deuten, wenn ich mir zum persönlichen Vergnügen mit der Vertilgung dieser Bestien die Zeit vertreibe!«

Mathias Van Guitt nahm die Haltung eines Mannes an, der sich in das Unvermeidliche fügt, das er nicht zu ändern vermag. Er gab übrigens auch zu, daß Tarryani eine große Menge schädlicher Thiere beherberge, nach welchen auf europäischen Märkten keine besondere Nachfrage herrsche, und deren Ausrottung ihm erlaubt erscheine.

»Schießen Sie die Eber, da habe ich nichts einzuwenden, antwortete er. Obschon diese Vertreter der Schweinefamilie keine Fleischthiere sind…….

– Keine Fleischthiere? bemerkte Kapitän Hod verwundert.

– Ich verstehe darunter, daß sie Herbivoren sind, so sind sie doch wild genug, um den Jäger, der sie kühn angreift, zu gefährden.

– Und die Wölfe?

– Ach, Wölfe giebt es auf der Halbinsel genug, und dazu sind sie, wenn sie sich in großer Zahl auf eine einsame Farm stürzen, nicht wenig zu fürchten. Die hiesigen gleichen ganz und gar dem wilden Wolfe Polens und für mich haben sie nicht mehr Werth als Schakals und wilde Hunde. Ich leugne übrigens keineswegs, daß sie mancherlei Verwüstungen anrichten, da sie aber keinen Handelswerth haben und nicht würdig sind, unter den höheren Classen der Zookraten zu figuriren, so überlasse ich diese Ihnen ebenfalls, Herr Kapitän.

– Wie steht es mit den Bären? fragte ich.

– O, die Bären haben ihre guten Seiten, erklärte der Händler mit zustimmendem Kopfnicken. Wenn die von Indien auch nicht so stark begehrt sind, wie einige andere Arten, so besitzen sie dennoch einen gewissen Handelswerth, der ihnen die wohlwollende Beachtung der Kenner sichert. Man kann zweifelhaft sein, welche der beiden Abarten man vorziehen soll, ob die aus den Thälern von Kaschmir, oder die aus den Berggegenden von Raymahal. Die Thiere sind aber, außer wenn sie im Winterschlafe gestört werden, ganz unschuldiger Natur und können eigentlich die cygenetischen Begierden eines wahren Jägers, wie ich einen solchen in der Person des Herrn Kapitän vor mir habe, nach keiner Seite erregen!«

Jetzt verneigte sich der Kapitän, obwohl man dabei erkannte, daß er bei solchen speciellen Fragen mit oder ohne Erlaubniß Mathias Van Guitt’s nur sein eigenes Urtheil zu Rathe ziehen werde.

»Uebrigens, nahm der Händler das Wort wieder auf, sind die Bären nur Botanophagen…..

– Botanophagen? sagte der Kapitän.

– Ja wohl, meinte Mathias Van Guitt, sie leben nur von Vegetabilien und haben nichts mit den wilden Raubthieren zu thun, deren sich die Halbinsel mit vollem Rechte rühmt.

– Rechnen Sie den Leoparden zu den Raubthieren? fragte Kapitän Hod.

– Ohne Widerrede. Diese Katze ist behend, kühn, muthig, erklettert die Bäume und wird dadurch manchmal fast gefährlicher als der Tiger….

– Oho, ließ Kapitän Hod sich vernehmen.

– Mein Herr, erwiderte Mathias Van Guitt, darauf sehr trockenen Tones, sobald ein Jäger nicht mehr sicher ist, in den Bäumen Zuflucht zu finden, kommt sehr bald die Reihe an ihn, gejagt zu werden!

– Und der Panther? fragte Kapitän Hod weiter, um die Belehrung kurz abzuschneiden.

– Das ist ein prächtiger Kerl, antwortete Mathias Van Guitt, und Sie können sich selbst überzeugen, welch‘ schönes Exemplar ich besitze! Wunderbare Thiere das, die in Folge eines seltsamen Widerspruches, einer Antilogie, um ein weniger gebräuchliches Wort zu verwenden, sogar selbst zur Jagd abgerichtet werden können! Gewiß, meine Herren, vorzüglich in Guicowar erziehen die Rajahs ihre Panther zu dieser vornehmen Passion. Man nimmt sie in einem Palakin mit hinaus, den Kopf verbunden wie ein Geier oder Lerchenfalke. Wahrlich, das sind richtige vierfüßige Falken. Sobald die Jäger einer Heerde Antilopen ansichtig werden, wird dem Panther seine Maske abgenommen und er stürzt sich auf die furchtsamen Wiederkäuer, deren schnelle Beine sie doch nicht vor seinen furchtbaren Tatzen retten können! Ja, ja, Herr Kapitän, so ist es! Panther werden Sie in Tarryani genug antreffen, vielleicht mehr, als Ihnen lieb ist; ich mache Sie aber freundschaftlich darauf aufmerksam, daß dieselben gewöhnlich keine Futtervorräthe haben…..

– Das hoffe ich wenigstens, sagte Hod.

– So wenig wie die Löwen, fügte der Händler, von dieser Antwort betroffen, hinzu.

– Ah, die Löwen! wiederholte Kapitän Hod, plaudern wir ein wenig von den Löwen!

– Nun, antwortete Mathias Van Guitt, meiner Ansicht nach stehen die hiesigen sogenannten Könige des Thierreiches weit unter ihren Stammverwandten im alten Libyen. Hier schmückt die männlichen Thiere nicht die stattliche Mähne, das Erbtheil des afrikanischen Löwen, im Gegentheile erscheinen sie mir wie kläglich geschorene Simsons! Aus Central-Indien sind sie auch gänzlich ausgewandert und haben sich nach Kattyawar nach der Wüste von Theil und nach Tarryani zurückgezogen. Diese entarteten Katzen leben jetzt als Eremiten, als Einsiedler und können kaum noch aus dem Umgang mit ihresgleichen frische Lebenskräfte schöpfen. Bei mir stehen sie auf der Stufenleiter der Vierfüßler auch keineswegs im ersten Rang. Ja, meine Herren, einem Löwen kann man entgehen, einem Tiger niemals!

– Ah, die Tiger! rief Kapitän Hod.

– Ja, die Tiger! wiederholte Fox.

– Dem Tiger allein gebührt die Krone! fuhr Mathias Van Guitt lebhafter werdend fort. Man spricht vom »Königstiger«, nicht vom Königslöwen, und das ist auch ganz richtig. Ihm gehört ganz Indien. War er nicht der erste Besitzer des Bodens? Ist er nicht berechtigt, nicht allein die angelsächsischen Eroberer, sondern auch die Kinder der Sonne als fremde Eindringlinge zu betrachten? Er allein ist ja das erste Kind des heiligen Bodens von Argavarta. Man begegnet diesen prächtigen Raubthieren auch auf der ganzen Halbinsel, und vom Cap Camorin bis zum Wall der Himalayaberge haben sie kein Stückchen Gebiet, das ihre Vorfahren inne hatten, verlassen!«

Mathias Van Guitt’s Arme beschrieben dazu, nachdem er zuerst ein Vorgebirge im Süden bezeichnet, eine ganze Reihe von Bergspitzen.

»In Sunderbund, fuhr er fort, sind sie vor Allem zu Hause! Da spielen sie die Herren, und wehe Dem, der ihnen dieses Gebiet streitig zu machen suchte! In den Nilgheries streifen sie in Massen umher, gleich wilden Katzen.

Si parva licet componere magnis!

Sie werden also begreifen, daß diese prächtigen Katzen auf den Märkten von Europa besonders gesucht sind. Welche Anziehung äußern die öffentlichen und privaten Menagerien durch den Tiger! Wann fürchten Sie für das Leben des Thierbändigers? Nur, wenn er den Käfig des Tigers betritt. Welches Thier bezahlen die Rajahs mit gleichem Gewichte an Gold zum Schmucke ihrer fürstlichen Gärten? Den Tiger! Wer erzielt den höchsten Preis an den zoologischen Börsen von London, Antwerpen und Hamburg? Der Tiger! Durch welche Art von Jagd erwerben sich die Jäger Indiens, die Officiere der königlichen oder der Natifs-Armee den höchsten Ruhm? Durch die Jagd auf den Tiger! Wissen Sie, meine Herren, welche Unterhaltung die unabhängigen Fürsten Indiens ihren Gästen bieten? Man sperrt einen Königstiger zunächst in einen Käfig. Der letztere wird inmitten einer weiten Ebene aufgestellt. Der Rajah, seine Gäste, Officiere und Leibwache sind alle mit Lanzen, Revolvern und Flinten bewaffnet, meist reiten sie auf flüchtigen Einhufern.

– Auf Einhufern? fiel Kapitän Hod ein.

– Nun ja, auf Pferden, wenn Sie dieses vulgäre Wort vorziehen. Schon da bäumen sich aber, beunruhigt durch die Nähe der Katze, ihre Ausdünstung und durch die Blitze, welche aus den Augen zucken, die Einhufer gewaltig und die Reiter haben alle Mühe, dieselben zu halten. Plötzlich wird die Thüre geöffnet. Das Ungeheuer stürzt heraus, es springt, fliegt, wirft sich auf vereinzelte Gruppen und bringt seiner Wuth ganze Hekatomben zum Opfer. Wenn es ihm auch zuweilen gelingt, den umschließenden Ring von Eisen und Feuer zu durchbrechen, so unterliegt es doch gewöhnlich – eines gegen Hundert! Jedenfalls stirbt es einen Tod, den es schon im voraus gerächt hat!

– Bravo, Herr Mathias Van Guitt, rief Kapitän Hod, der nun auch selbst wärmer wurde. Wahrlich, das muß ein herrliches Schauspiel sein! Ja, ja, der Tiger ist doch der König der Thiere!

–Ein König, der jede Empörung verachtet! fügte der Händler hinzu.

– Und wenn Sie solche gefangen haben, Herr Van Guitt, begann jetzt Kapitän Hod, so habe ich schon verschiedene erlegt, und ich hoffe stark, Tarryani nicht zu verlassen, bevor nicht der fünfzigste von meiner Hand gefallen ist.

– Herr Kapitän, erwiderte der Händler, die Stirn runzelnd, ich habe Ihnen die Eber, die Wölfe, Bären und Büffel überlassen. Befriedigt das Ihre Jagdlust noch nicht?«

Ich bemerkte, daß unser Freund Hod dieser heiklen Frage gegenüber nicht weniger in Feuer gerieth, als Mathias Van Guitt.

Hatte der Eine mehr Tiger gefangen, als der Andere getödtet? Welch‘ unerschöpflicher Redestoff. Was verdiente den Vorzug: jene einzufangen oder sie zu erlegen? Welches herrliche Thema!

Schon begannen Beide, der Kapitän und der Händler, kurze, flüchtige Sätze zu wechseln, und, gerade herausgesagt, zu gleicher Zeit zu reden, so daß Keiner den Andern verstehen konnte.

Banks versuchte eine Vermittlung.

»Die Tiger sind die Könige der Schöpfung, meine Herren, sagte er, darüber herrscht kein Zweifel, doch erlaube ich mir hinzuzufügen, daß es für ihre Unterthanen sehr gefährliche Herrscher sind. Im Jahre 1862, wenn ich nicht irre, haben diese prächtigen Katzen alle Telegraphenbeamten auf der Insel Sangor – aufgefressen. Man erzählt auch von einer Tigerin, daß sie binnen drei Jahren nicht weniger als hundertachtzehn Opfer verschlungen habe, und von einer anderen, welche in derselben Zeit gar hundertsiebenundzwanzig Menschen verzehrt habe! Das ist zu viel, selbst für Königinnen! Seit der Entwaffnung der Sipahis sind übrigens in einem Zeitraume von drei Jahren 12.554 Individuen unter den Zähnen der Tiger gefallen.

– Gewiß, mein Herr, antwortete Mathias Van Guitt, doch Sie scheinen ganz zu vergessen, daß diese Thiere Omophagen sind.

– Omophagen? warf Kapitän Hob ein,

– Ja, Rohfleischfresser, und die Hindus behaupten, daß jene, welche einmal Menschenfleisch gekostet haben, gar kein anderes mehr mögen!

– Nun, und was will das sagen? ….. fragte Banks.

– Ei, weiter nichts, erwiderte Mathias Van Guitt lachend, als daß sie eben ihrer Natur gehorchen! ….. Sie müssen doch Nahrung haben!«

  1. Im Jahre 1877 sind nicht weniger als 1677 Menschen durch den Biß von Schlangen umgekommen. Aus den von der Regierung für die Vernichtung jener Reptilien gezahlten Prämien, ergiebt sich, daß im Laufe desselben Jahres 127.295 solcher erlegt worden sind.

Viertes Capitel.


Viertes Capitel.

Eine Königin von Tarryani.

Die letztere Bemerkung beschloß unseren Besuch im Kraal; es war jetzt Zeit, nach dem Steam-House zurückzukehren.

Kapitän Hod und Mathias Van Guitt schieden eigentlich nicht als die besten Freunde von einander. Wenn der eine die wilden Thiere von Tarryani vernichten wollte, wollte der Andere sie nur fangen, und doch waren ja genug vorhanden, um Beide zu befriedigen.

Man verabredete inzwischen, daß der Kraal und das Sanatorium in engerer Verbindung bleiben sollten. Man wollte sich gegenseitig benachrichtigen, sobald sich eine günstige Gelegenheit zur Jagd oder zum Fange böte. Die mit allen Wegen und Stegen vertrauten Chikaris Mathias Van Guitt’s konnten Kapitän Hod recht wesentliche Dienste leisten, wenn sie ihn auf die Fährten von Thieren aufmerksam machten. Der Händler stellte ihm jene zuvorkommend zur Verfügung, und vorzüglich Kâlagani. Obschon dieser Hindu nur erst kurze Zeit dem Personal des Kraals angehörte, erwies er sich doch besonders geschickt und nach allen Seiten verläßlich.

Als Gegendienst versprach Kapitän Hod, soweit ihm das möglich sei, beim Einfangen der wilden Thiere zu helfen, welche an Mathias Van Guitt’s Sammlung noch fehlten.

Bevor er den Kraal verließ, wo er wahrscheinlich nicht sobald wieder vorsprechen würde, sprach Sir Edward Munro nochmals seinen Dank gegen Kâlagani aus, dessen entschlossenes Eingreifen ihn gerettet hatte, und erklärte, daß er im Steam-House stets willkommen sein werde.

Der Hindu verneigte sich sehr kühl. Ein Zeichen von Befriedigung, den Mann, der ihm sein Leben verdankte, so reden zu hören, ließ er in seinen Zügen nicht durchblicken.

Wir kamen zur Zeit des Essens zurück. Wie man sich denken kann, drehte sich unser Gespräch vorwiegend um Mathias Van Guitt.

»Alle Wetter, polterte der Kapitän heraus, was für Gesten er fertig bringt, jener Händler! Welche Auswahl von Worten, welchen Wechsel von Ausdrücken er hat! Nur daß er in wilden Thieren blos Objecte zur Schaustellung sieht, darin schießt er fehl.«

An den folgenden Tagen, am 27., 28. und 29. Juni, fiel ein so gewaltiger Regen, daß unsere Jäger, so begierig sie auch waren, gar nicht daran denken konnten, das Steam-House zu verlassen. Bei solch‘ schrecklichem Wetter sind Spuren auch gar nicht zu erkennen, und die Raubthiere, welche, wie die Katzen alle, keine besonderen Freunde des Wassers sind, verlassen dann ihre Höhlen nicht gern.

Am 30. stellte sich besseres Wetter mit heiterem Himmel ein. Am nämlichen Tage rüsteten wir, d. h. Kapitän Hod, Fox, Goümi und ich, uns rechtzeitig, nach dem Kraal hinunter zu gehen.

Schon am Morgen stellten sich einige Bergbewohner bei uns ein. Sie hatten davon reden gehört, daß eine wunderbare Pagode im Himalayagebiete erschienen sei, und nun trieb die Neugier sie nach dem Steam-House.

Es ist ein schöner Menschenschlag, diese Bewohner der thibetanischen Grenze, ausgezeichnet durch kriegerische Tugenden, unerschütterliche Loyalität und Gastfreiheit, und den Hindus der Ebenen moralisch und physisch unzweifelhaft überlegen.

Wenn die angebliche Pagode ihre Verwunderung erregte, so machte der Stahlriese auf sie einen noch weit tieferen Eindruck. Und doch verhielt sich dieser jetzt ruhig. Was würden die braven Leute erst gesagt haben, wenn sie gesehen hätten, wie er rauch- und flammenspeiend mit sicherem Schritte die Bergabhänge emporklomm!

Oberst Munro empfing die Eingebornen, von denen einige das ganze Gebiet von Nepal bis zur indo-chinesischen Grenze öfter zu durchstreifen pflegten, mit aller Freundlichkeit. Das Gespräch kam auch einmal auf jenen Theil der Grenze, wo Nana Sahib nach der Niederlage der Sipahis Zuflucht gesucht hatte, als er sich überall in Indien verfolgt sah.

Die Bewohner der Berge wußten übrigens nicht mehr als wir. Das Gerücht von seinem Tode war auch zu ihnen gedrungen und schien nicht angezweifelt zu werden. Um seine, ihn überlebenden Waffengefährten kümmerte sich Niemand. Wahrscheinlich hatten diese tief im Innern von Thibet ein sicheres Versteck gefunden, wo sie jedenfalls nur sehr schwierig zu finden gewesen wären.

Wenn Oberst Munro, als er sich nach dem Norden der Halbinsel begab, den Gedanken gehabt hatte, Alles an’s Licht zu ziehen, was Nana Sahib näher oder ferner berührte, so mußte ihn diese Auskunft wohl davon abbringen. Als die Bergbewohner aber so sprachen, blieb er halb träumend in Gedanken versenkt und nahm am Gespräch keinen weiteren Antheil.

Nur Kapitän Hod richtete an diese einige Fragen, freilich ganz anderen Inhalts. Er vernahm dadurch, daß die wilden Thiere, vorzüglich die Tiger, in der unteren Zone des Himalaya wahrhaft entsetzliche Verwüstungen anrichteten. Einzelne Landgüter und ganze Dörfer waren deshalb schon von den Einwohnern aufgegeben worden. Heerden von Ziegen und Schafen wurden vernichtet und auch nicht wenige Einwohner waren den Bestien zum Opfer gefallen. Trotz des von der Regierung ausgesetzten nicht unbeträchtlichen Preises – dreihundert Rupien für jeden Tigerkopf – schien die Zahl dieser Katzen nicht abzunehmen und es entstand schon die Frage, ob der Mensch nicht weichen und jenen das Feld überlassen solle. Die Leute fügten auch hinzu, daß die Tiger sich jetzt gar nicht mehr auf Tarryani beschränkten, sondern daß man ihnen, wo hohes Gras, Dschungeln oder Gebüsche nur geeignete Verstecke böten, überall in der Ebene begegne.

»Es sind entsetzlich schädliche Thiere!« meinten sie.

Die braven Leute huldigten, und das mit gutem Grunde, bezüglich der Tiger also keineswegs derselben Anschauung wie der Händler Mathias Van Guitt und unser Freund, der Kapitän Hod.

Die Landleute zogen sich, hoch erfreut über den gefundenen Empfang, zurück und versprachen gelegentlich wieder nach dem Steam-House zu kommen.

Als sie fort waren, machten wir, Kapitän Hod, unsere zwei Begleiter und ich, uns wohl bewaffnet und auf jeden Zwischenfall vorbereitet auf den Weg nach Tarryani hinunter.

An der Waldblöße mit jener Falle angelangt, aus der wir Mathias Van Guitt glücklicher Weise befreit hatten, trat dieser uns, nicht ohne gewisse Feierlichkeit entgegen.

Fünf bis sechs seiner Leute, darunter auch Kalagani, waren eben beschäftigt, einen Tiger, der sich während der Nacht gefangen hatte, aus der Falle in einen fahrbaren Käfig zu schaffen.

Es war wirklich ein prächtiges Thier, dessen Anblick in Kapitän Hod ein gewisses Gefühl von Neid erwachen ließ.

»Wieder einer weniger in Tarryani, murmelte er mit einem leisen Seufzer, der in Fox‘ Herzen ein Echo fand.

– Und einer mehr in der Menagerie, meinte dagegen der Händler. Noch zwei Tiger, einen Löwen und zwei Leoparden, und ich werde im Stande sein meinen eingegangenen Verpflichtungen noch vor der bedungenen Zeit nachzukommen. Kommen Sie mit nach dem Kraal, meine Herren?

– Wir danken bestens, antwortete Kapitän Hod, heute denken wir auf eigene Rechnung zu jagen.

– Kâlagani steht Ihnen zur Verfügung, Herr Kapitän, erwiderte der Händler, er kennt den Wald sehr gut und kann Ihnen von Nutzen sein.

– Er wird uns ein willkommener Führer sein.

– Nun denn, meine Herren, fuhr Mathias Van Guitt fort, viel Glück auf den Weg! Aber versprechen Sie mir, nicht Alles niederzumetzeln!

– Wir lassen Ihnen noch etwas übrig!« versicherte Kapitän Hod.

Sich mit einer gewählten Geste empfehlend, verschwand Mathias Van Guitt schnell unter den Bäumen und folgte seinem Käfige.

»Nun vorwärts, rief Kapitän Hod, vorwärts, meine Freunde! es gilt meinen zweiundvierzigsten!

– Meinen achtunddreißigsten! ließ Fox sich vernehmen.

– Und meinen ersten!« fügte ich hinzu.

Der Ton, mit welchem ich diese Worte hervorbrachte, nöthigte dem Kapitän ein Lächeln ab. Offenbar fehlte mir die richtige heilige Gluth.

Hod hatte sich zu Kâlagani gewendet.

»Du kennst Tarryani gut?

– Ich bin wohl zwanzigmal, am Tage und in der Nacht nach allen Richtungen durch dasselbe gekommen, antwortete der Hindu.

– Hast Du davon reden gehört, daß sich in der Nachbarschaft des Kraal ein Tiger gezeigt habe?

– Gewiß, dieser Tiger ist aber eine Tigerin. Man hat sie etwa zwei Meilen von hier im Hochwalde gesehen und sucht sie schon seit mehreren Tagen zu fangen. Wollen Sie etwa….

– Ob wir wollen!« rief Kapitän Hod, ohne dem Hindu zur Vollendung seines Satzes Zeit zu lassen.

Wir konnten in der That nichts Besseres thun, als Kâlagani zu folgen, und das geschah denn auch.

Wilde Thiere sind in Tarryani ohne Zweifel sehr häufig, und sie brauchen wöchentlich nicht weniger als zwei Ochsen zur Nahrung. Es ist leicht zu berechnen, wie viel deren »Unterhalt« also der ganzen Halbinsel kosten mag!

Aber wenn Tiger auch in großer Anzahl vorkommen, so darf man doch nicht glauben, daß sie ohne Noth umherschweifen. Wenn sie der Hunger nicht drängt, bleiben sie ruhig in ihrem Verstecke, und es wäre ein großer Irrthum, zu glauben, daß man ihnen auf Tritt und Schritt begegnete. Wie viele Reisende sind durch Wälder und Dschungeln gekommen, ohne nur einen zu Gesicht bekommen zu haben! Auch wenn eine Jagd veranstaltet wird, muß man zunächst die gewöhnliche Fährte des Thieres und vorzüglich den Bach oder die Quelle aufzufinden suchen, wo es seinen Durst zu löschen pflegt.

Doch auch das genügt noch nicht, man muß sie auch noch anlocken. Das erreicht man sehr bequem durch Befestigung eines Rinderviertels an einem Pfahle und an einer von Bäumen oder Felsblöcken umgebenen Stelle, wo die Jäger leicht Schutz finden können. So verfährt man wenigstens im Walde.

In der Ebene liegt die Sache anders; da wird der Elephant der nützlichste Bundesgenosse des Menschen bei diesen gefährlichen Parforcejagden. Diese Thiere müssen dazu jedoch besonders abgerichtet sein. Trotzdem packt sie zuweilen Schrecken und Furcht, was die auf ihren Rücken sitzenden Jäger leicht in Gefahr bringt. Der Tiger springt nämlich ohne Zögern auf den Rücken eines Elephanten. Da wird der Streit zwischen ihm und dem Menschen auf dem Nacken der riesigen, selbst wüthend werdenden Pachyderme ausgekämpft, und dieser endet nur selten zum Nachtheile des Raubthieres.

So gestalten sich die Jagden der Rajahs und reichen Sportsmen von Indien, welche einen Platz in den cygentischen Annalen mit Recht verdienen.

Kapitän Hod freilich verfuhr auf andere Weise. Er spürte dem Tiger zu Fuße nach, er pflegte zu Fuß mit ihm anzubinden.

Wir folgten also Kâlagani, der raschen Schrittes voranging. Zurückhaltend, wie die Hindus im Allgemeinen, sprach er nur wenig und begnügte sich, an ihn gerichtete Fragen kurz zu beantworten.

Eine Stunde später machten wir in der Nähe eines reißenden Baches Halt, an dessen Uferwand sich noch die frischen Spuren von Thieren zeigten. In der Mitte einer kleineren Lichtung erhob sich ein Pfahl, an dem ein großes Rinderviertel hing.

Die Lockspeise war nicht ganz unberührt. Die Zähne von Schakals, diesen Spitzbuben der Fauna Indiens, hatten sie benagt; jene schweifen ja Tag und Nacht nach Beute umher – hier sollte sie ihnen nicht zu Theil werden. Ein Dutzend jener feigen Räuber flohen bei unserer Annäherung und überließen uns den Platz.

»Herr Kapitän, begann Kâlagani, hier wollen wir die Tigerin erwarten. Sie sehen daß der Ort zu einem Hinterhalte ganz passend ist.«

Es bot in der That keine Schwierigkeit, sich in den Bäumen oder hinter den Felsblöcken so zu verbergen, daß der Pfahl in der Mitte der Waldblöße unter Kreuzfeuer zu nehmen war.

Das geschah denn auch sofort. Goûmi nahm mit mir auf demselben Aste Platz. Kapitän Hod und Fox richteten sich Beide auf den Zweigen der ersten Gabelung zweier großer, üppig grüner Eichen ein.

Kâlagani selbst hatte sich hinter einem hohen Felsblocke versteckt, den er, wenn es noth that, erklimmen konnte.

Das Thier konnte somit in einen Kreis von Feuer genommen werden, aus dem an kein Entrinnen zu denken war. Alles lag für jenes so ungünstig als möglich, obwohl wir immer auf unvorhergesehene Zwischenfälle gefaßt sein mußten.

Nun hieß es geduldig warten.

Die nach allen Seiten auseinander gestäubten Schakals ließen im benachbarten Gebüsch noch immer ihr heiseres Bellen hören, wagten sich aber an das Rinderviertel nicht wieder heran.

Eine Stunde mochte verstossen sein, als das Bellen plötzlich schwieg. Fast in dem nämlichen Augenblicke sprangen zwei oder drei Schakals aus dem Dickicht, jagten über die Lichtung und verschwanden im dunkleren Walde.

Ein Zeichen Kälagani’s, der sich anschickte, den Felsen zu ersteigen, ermahnte uns, jetzt auf der Hut zu sein.

Die urplötzliche Flucht der Schakals konnte wirklich nur durch die Annäherung eines größeren Raubthieres – ohne Zweifel der Tigerin – veranlaßt sein, und wir durften jeden Moment erwarten, sie irgendwo in die Lichtung heraustreten zu sehen.

Unsere Waffen waren bereit. Schon richteten sich die Gewehre Kapitäns Hod’s und Fox‘ nach der Stelle des Gebüsches, aus dem die Schakals hervorgebrochen waren; ein Fingerdruck und die Schüsse krachten!

Bald bemerkte ich in den höheren Zweigen des Dickichts eine leise Bewegung; gleichzeitig hörte man das dürre Holz brechen. Irgend ein Thier bewegte sich vorsichtig, offenbar ohne Uebereilung, darunter hin. Von den Jägern, die ihm im dichten Laub auflauerten, konnte es sicherlich nichts bemerken. Dennoch schien ihm der Instinkt zu sagen, daß der Ort nicht ganz geheuer sei. Wenn es nicht der Hunger trieb, wenn nicht die Ausdünstung des Fleisches jenes angelockt hätte, würde es schwerlich weiter gegangen sein.

Doch – da erschien es zwischen den Zweigen eines Gebüsches und blieb, wie mißtrauisch, einen Augenblick stehen.

Es war eine Tigerin von mächtigem Wuchs, prächtigem Kopfe und geschmeidigem Körper. Sie bewegte sich schleichend vorwärts wie ein Reptil, das sich auf der Erde hinwindet.

Wir ließen sie nach Verabredung bis an den Pfahl herankommen. Sie schnüffelte auf dem Boden hin, erhob sich wieder und krümmte den Rücken hoch auf, wie eine gewaltige Katze, welche eben nicht springen will.

Plötzlich krachten zwei Gewehrschüsse.

»Nummer zweiundvierzig! rief Kapitän Hod.

– Nummer achtunddreißig!« ließ Fox sich vernehmen.

Der Kapitän und sein Diener hatten zu ganz gleicher Zeit und so sicher geschossen, daß die Tigerin, von einer, wenn nicht gar von zwei Kugeln im Herzen getroffen, todt zusammenbrach.

Kâlagani sprang zuerst auf das Thier zu. Wir selbst kletterten sofort zur Erde.

Die Tigerin zuckte nicht mehr.

Wem kam jedoch die Ehre zu, sie tödtlich getroffen zu haben? Dem Kapitän oder Fox? Man begreift, daß diese Frage hier von Bedeutung war. Das Thier wurde geöffnet. Zwei Kugeln hatten das Herz getroffen.

»Ei nun, begann der Kapitän, doch nicht ohne einiges Bedauern, so zählt sie für jeden von uns zur Hälfte!

– Zur Hälfte, Herr Kapitän!« wiederholte Fox im nämlichen Tone.

Ich glaube bestimmt, daß Keiner den ihm gebührenden Antheil abgegeben hätte.

Das war also die Wunderthat, deren erfreulichstes Resultat darin lag, daß das Thier ohne Kampf unterlegen war und die Jäger nicht im Geringsten in Gefahr kamen, was übrigens bei derartigen Jagden nur selten der Fall ist.

Fox und Kâlagani blieben auf dem Schlachtfelde, um das prächtige Fell abzuziehen während Kapitän Hod und ich nach dem Steam-House zurückkehrten.

Es liegt nicht in meiner Absicht, alle die kleinen Erlebnisse bei unseren Zügen in Tarryani einzeln aufzuzählen, wenn sie nichts besonders Charakteristisches bieten. Es genüge also die Bemerkung, daß Hod und Fox sich in keiner Weise zu beklagen hatten.

Am 18. Juli begünstigte sie das Glück bei einer sogenannten »Houddi«, d. i. Hüttenjagd, ganz ausnehmend, so daß sie einer ernstlichen Gefahr ohne Unfall entgingen. Solch‘ ein Houddi ist übrigens zur Jagd auf wilde Thiere recht vortheilhaft eingerichtet. Er bildet ein kleines, crenelirtes Fort, dessen Mauern nach einem Bache zu, wo die Thiere zur Tränke zu gehen pflegen, mit Schießscharten versehen sind. Da jene an diese kleinen Bauwerke gewöhnt sind, kommen sie ohne Mißtrauen heran und laufen so geradenwegs in’s Feuer. Doch hier wie allenthalben kommt es darauf an, sie mit dem ersten Schuß tödtlich zu treffen, sonst geht die Sache ohne gefährlichen Kampf nicht ab, da der Houddi den Jägern nicht immer gegen die, in Folge einer Verwundung nur noch wüthenderen Thiere hinlänglich Schutz gewährt. So kam es denn auch, wie wir gleich sehen werden, bei der Gelegenheit, von der hier die Rede ist,

Mathias Van Guitt leistete uns Gesellschaft. Vielleicht hegte er die Hoffnung, einen nur leicht verletzten Tiger nach dem Kraal schaffen und dort pflegen und wieder heilen zu können.

An genanntem Tage kamen unseren Jägern nun drei Tiger auf einmal in den Weg, welche die erste Gewehrsalve nicht hinderte, auf die Mauern des Houddi loszustürzen. Die beiden ersten wurden zum großen Leidwesen des Händlers durch eine zweite Kugel hingestreckt, als sie schon die Mauer erklommen. Der dritte gelangte bis in’s Innere desselben, blutete zwar an der Schulter, war aber nicht tödtlich getroffen.

»Hei, den fangen wir! rief Mathias Van Guitt, der bei diesen Worten einige Schritte vortrat, den kriegen wir lebendig! ….«

Er hatte seinen voreiligen Satz noch nicht vollendet, als das Thier schon auf ihn zusprang und ihn niederwarf, so daß es um den Händler ohne Zweifel geschehen wäre, hätte Kapitän Hod dem Tiger nicht noch eine Kugel durch den Kopf gejagt, die ihn niederstreckte.

Schwerfällig erhob sich Mathias Van Guitt wieder.

»Aber, lieber Kapitän, sagte er, statt sich bei unserem Freunde zu bedanken, Sie hätten auch noch ein bischen warten können!….

– Warten? …. Auf was denn? …. antwortete Kapitän Hod, etwa bis der Tiger Ihnen mit einem Tatzenschlage die Brust zerfleischt hätte?

– Von einem Tatzenschlage stirbt man auch noch nicht!….

– Nun, meinetwegen, erwiderte Kapitän Hod sehr trocken, ein andermal werde ich warten!«

Das Thier konnte nun einmal nicht die Menagerie des Kraals vermehren und diente also nur dazu, eine Decke vor das Bett zu liefern; diese glückliche Jagd brachte aber auf zweiundvierzig die Zahl der vom Kapitän, auf achtunddreißig der vom Diener erlegten Tiger, ohne die halbe Tigerin zu rechnen, welche Jeder in seine Activa eingetragen hatte.

Man darf nun aber nicht glauben, daß diese großen Jagden uns die kleineren hätten vergessen lassen. Monsieur Parazard würde das nimmer zugegeben haben. Antilopen, Gemsen, große Trappen, welche sich in der Nachbarschaft der Steam-Houses zahlreich vorfanden, boten unserer Tafel eine fortwährende Abwechslung an Wild.

Wenn wir durch Tarryani streiften, schloß sich Banks nur selten an uns an. Während mich diese Züge zu interessiren begannen, langweilten sie ihn offenbar. Ihn reizten mehr die oberen Zonen des Himalaya, wohin er sich gern begab, vorzüglich wenn Oberst Munro ihn begleitete.

Das kam indeß nur ein- bis zweimal vor. Banks hatte die Bemerkung gemacht, daß Sir Edward Munro seit Erreichung unseres Sanatoriums wieder mehr und mehr nachdenklich geworden war. Er sprach nur wenig, hielt sich abseits und verhandelte mehrfach mit dem Sergeant Mac Neil. Brüteten die Beiden über ein neues Project, das sie selbst vor Banks zu verheimlichen suchten?

Am 13. Juli erhielten wir den Besuch Mathias Van Guitt’s. Vom Glücke weniger begünstigt als Kapitän Hod, hatte er seiner Menagerie noch keine weitere Erwerbung zuführen können. Weder Tiger, noch Leoparden oder Löwen schienen Lust zu haben, in die Fallen zu gehen. Ohne Zweifel reizte sie der Gedanke, sich im äußersten Westen zum Angaffen ausstellen zu lassen, nicht im mindesten. Das wurmte den Händler natürlich mit Recht und er machte auch gar kein Hehl daraus.

Kâlagani und zwei Chikaris aus seinem Personal begleiteten Mathias Van Guitt bei diesem Besuche.

Die Einrichtung des Sanatoriums in der herrlichen Umgebung gefiel ihm außerordentlich. Oberst Munro lud ihn ein, zu Tische dazubleiben. Er nahm das ohne Zögern an und versprach, der Tafel alle Ehre anzuthun.

In der Zeit vor dem Mittagsessen wollte Mathias Van Guitt das Steam-House genauer in Augenschein nehmen, dessen luxuriöse Ausstattung mit der Einfachheit seines Kraals allerdings nicht wenig contrastirte. Die beiden fahrbaren Häuser fanden seine volle Anerkennung, ich muß aber gestehen, daß der Stahlriese seine Bewunderung nicht erregte. Ein Naturforscher seines Schlages mußte ja wohl diesem Meisterwerke der Mechanik gegenüber unempfindlich bleiben. Wie hätte er auch die Erzeugung dieses künstlichen Thieres, so merkwürdig das auch war, jemals billigen können?

»Denken Sie nicht so gering von unserem Elephanten, Herr Mathias Van Guitt! sagte Banks zu ihm. Das ist ein mächtiges Thier, und im Nothfalle würde es ihm gar nicht schwer fallen, neben unseren beiden Wagen Ihre ganze fliegende Menagerie mit fortzuziehen.

– Ich habe meine Büffel, antwortete der Händler, und lobe mir deren ruhigen und sicheren Schritt.

– Der Stahlriese fürchtet aber weder die Tatzen noch die Zähne des Tigers! rief Kapitän Hod dazwischen.

– Das glaube ich, meine Herren, erwiderte Mathias Van Guitt, aber warum sollten ihn diese auch anfallen? Sie machen sich aus stählernem Fleische verteufelt wenig!«

Wenn der Naturforscher seine Gleichgiltigkeit gegenüber unserem Elephanten nicht verhehlte, so konnten seine Hindus, und vorzüglich Kâlagani, gar nicht müde werden, ihn mit den Augen fast zu verschlingen. Man merkte leicht genug heraus, daß ihrer Bewunderung für das riesige Thier auch eine gewisse Portion abergläubischen Respects beigemischt war.

Kâlagani schien höchst erstaunt über die wiederholte Versicherung des Ingenieurs, daß der Stahlriese mehr Kraft habe als alle Zugthiere des Kraals zusammen. Das war auch Wasser auf Kapitän Hod’s Mühle, der die Gelegenheit nicht vorbeiließ, nicht ohne einen gewissen Stolz unser Abenteuer mit den drei »Proboscidien« des Prinzen Gourou Singh zu erzählen. Auf den Lippen des Händlers spielte dabei zwar ein etwas ungläubiges Lächeln, er ging aber nicht weiter auf die Sache ein.

Das Diner verlief in wünschenswerther Weise. Mathias Van Guitt that ihm wirklich alle Ehre an. Freilich strotzte unsere Küche eben von der Jagdbeute der letzten Tage und Monsieur Parazard hatte offenbar gestrebt, sich selbst zu übertreffen.

Der Keller des Steam-Houses lieferte auch verschiedene Getränke, die unserem Gaste recht gut zu munden schienen, vorzüglich zwei bis drei Gläser französischen Weines, die er mit einem unvergleichlichen Schnalzen der Zunge schlürfte.

Nach dem Essen, als wir uns trennen sollten, merkte man sogar an der Unsicherheit der Pendelschwingungen seiner Beine, daß der Wein, wenn er ihm zu Kopfe gestiegen war, auch die Beine schwer gemacht hatte.

Mit einbrechender Nacht schieden wir als die besten Freunde der Welt, und Mathias Van Guitt konnte auch, dank seinen Begleitern, ohne Unfall wieder nach dem Kraal gelangen.

Am 16. Juli entstand zwischen dem Händler und Kapitän Hod aber doch eine kleine Mißhelligkeit.

Der Kapitän hatte einen Tiger gerade in dem Augenblicke geschossen, wo dieser in eine der Klappfallen gehen wollte, und zwar zum dreiundvierzigsten für Jenen, aber nicht zum achten für den Händler wurde.

Nach ziemlich lebhaften Auseinandersetzungen traten indeß die alten guten Beziehungen wieder ein, was vorzüglich der begütigenden Einmischung des Oberst Munro zu verdanken war, indem Kapitän Hod sich verpflichtete, diejenigen Raubthiere zu schonen, welche »die Absicht zu erkennen gäben«, sich in eine der Fallen Mathias Van Guitt’s fangen zu lassen.

Während der nächsten Tage herrschte geradezu abscheuliches Wetter. Wir mußten wohl oder übel im Steam-House bleiben. Unsere Zeit war kurz, denn schon währte die Regenperiode über drei Monate, und wenn unser Reiseprogramm in der von Banks entworfenen Weise durchgeführt werden sollte, hatten wir für den Aufenthalt im Sanatorium nur etwa noch sechs Wochen übrig.

Am 23. Juli wiederholten einige Bergbewohner von der Grenze ihren Besuch bei Oberst Munro. Ihr Dorf, Souari mit Namen, befand sich nur fünf Meilen von unserem Halteplatze, nahe der obersten Grenze von Tarryani.

Einer derselben theilte uns mit, daß eine Tigerin seit sechs Wochen in ihrer Nachbarschaft furchtbar wüthe. Die Heerden wurden fast decimirt und man sprach schon davon, das unbewohnbar gewordene Souari gänzlich zu verlassen, da es weder für Thiere noch für Menschen hinlängliche Sicherheit mehr bot. Fallen, Schlingen, Hinterhalte, nichts hatte Erfolg gehabt, und die Tigerin galt schon für eines der furchtbarsten Raubthiere, von denen auch alte Bergbewohner je reden gehört.

Diese Mittheilung war, wie man sich leicht denken kann, Wasser auf Kapitän Hod’s Mühle. Er erbot sich gegenüber den Landleuten sofort, sie nach dem Dorfe Souari zu begleiten, mit seiner Erfahrung als Jäger und seinem sicheren Auge den wackeren Leuten beizuspringen, die, wie mir dünkte, auf dieses Anerbieten rechneten.

»Gehen Sie mit, Maucler? fragte mich Kapitän Hod, aber in einem Tone, der es mir völlig freistellte, ja oder nein zu sagen.

– Natürlich, gab ich zur Antwort, bei einer so interessanten Expedition möchte ich nicht fehlen.

– Auch ich werde Sie diesesmal begleiten, sagte der Ingenieur.

– Das ist ja ein herrlicher Gedanke, Banks.

– Ja, lieber Hod, es verlangt mich danach, Sie in Thätigkeit zu sehen.

– Und ich, soll ich nicht mit dabei sein, Herr Kapitän? fragte Fox.

– Ah, der Schlaukopf! rief der Kapitän, er wäre nicht böse darüber, seine halbe Tigerin voll zu machen!

– Ja wohl, Fox, Du wirst dabei sein!«

Da wir das Steam-House voraussichtlich auf drei bis vier Tage verließen, fragte Banks auch den Oberst, ob es ihm Recht sei, uns bis nach Souari zu begleiten.

Sir Edward Munro lehnte das dankend ab. Er hatte sich vorgenommen, während unserer Abwesenheit die mittlere über Tarryani gelegene Zone des Himalaya zu besuchen und Goûmi nebst dem Sergeanten Mac Neil mitzunehmen.

Banks beruhigte sich damit.

Es wurde nun bestimmt, daß wir noch an demselben Tage nach dem Kraal aufbrechen und uns von Mathias Van Guitt einige Chikaris erbitten wollten, welche gewiß sehr ersprießliche Dienste leisten konnten.

Binnen einer Stunde, gegen Mittag, erreichten wir unser Ziel. Der Händler wurde von dem Vorhaben unterrichtet. Er verhehlte keineswegs seine geheime Befriedigung, als er von den kühnen Raubzügen der Tigerin hörte, »welche, sagte er, dazu geschaffen scheine, bei den Kennern die Achtung vor den Katzen der Halbinsel zu erhöhen«.

Er stellte uns drei seiner Hindus zur Verfügung, ohne Kalagani, der stets bereit war, wo es galt, einer Gefahr entgegen zu gehen.

Mit Kapitän Hod traf Jener nur das Abkommen, daß die Tigerin, wenn sie unerwarteter Weise sollte lebendig gefangen werden können, der Menagerie Mathias Van Guitt’s angehöre. Welches Zugmittel, wenn eine an den Balken des Käfigs hängende Notiz in beredten Worten gesprochen hätte, »von den Großthaten einer der Königinnen Tarryanis, die nicht weniger als hundertachtunddreißig Personen beiderlei Geschlechts aufgefressen hatte«.

Unsere kleine Gesellschaft verließ den Kraal gegen zwei Uhr Nachmittags. Vor vier Uhr noch gelangten wir, eine östliche Richtung bergaufwärts einhaltend, ohne Zwischenfall nach Souari.

Hier war der Schrecken auf seinem Höhepunkt. Am nämlichen Morgen hatte die Tigerin ein unglückliches Hinduweib, das sich unbedachtsam nach einem Bache begeben, gepackt und in den Wald geschleppt.

Das Haus eines Bergbewohners, eines reichen englischen Bodenpächters, nahm uns gastfrei auf. Unser Wirth hatte mehr als alle Anderen Ursache, sich über das unergreifbare Raubthier zu beklagen, dessen Fell er gern mit einigen Tausend Rupien bezahlt hätte.

»Herr Kapitän Hod, begann er, vor mehreren Jahren zwang eine Tigerin in den Centralprovinzen die Bewohner von dreizehn Dörfern zur Flucht, wodurch zweihundertfünfzig Quadratmeilen des besten Bodens ungenutzt liegen blieben. Wenn das hier so fort geht, wie in der letzten Zeit, muß die ganze Provinz aufgegeben werden.

– Und Sie haben schon alle Mittel versucht, der Tigerin habhaft zu werden? fragte Banks.

– Alle, Herr Ingenieur, Fallen, Gruben, selbst mit Strychnin vergiftete Köder! Nichts hat Erfolg gehabt!

– Lieber Freund, sagte Kapitän Hod, ich verspreche zwar nicht bestimmt, daß wir Ihnen Vergeltung schaffen, aber daß wir Alles thun werden, was in unseren Kräften steht!«

Sobald wir in Souari vollständig untergebracht waren, wurde noch für denselben Tag ein Treibjagen verabredet. Uns, unseren Leuten und den Chikaris aus dem Kraal schlossen sich etwa zwanzig Landleute an, welche das Terrain, auf dem wir operiren wollten, gründlich kannten.

Obwohl Banks nichts weniger als Jäger war, schien dieser Ausflug doch sein Interesse zu erregen.

Während der drei Tage des 24., 25. und 26. Juli durchstreiften wir weite Strecken des Gebirges ganz erfolglos, außer daß zwei Tiger, an die man gar nicht gedacht, der Kugel des Kapitäns erlagen.

»Den fünfundvierzigsten!« begnügte sich Hod anzumelden, ohne darauf besonderes Gewicht zu legen.

Am 27. endlich verrieth die Tigerin ihre Gegenwart durch eine neue Uebelthat. Ein unserem Wirthe gehöriger Büffel verschwand von einer Weide dicht neben Souari, und eine Viertelmeile vom Dorfe fand man nur wenig Ueberreste von demselben wieder. Die Frevelthat – ein Mord mit Vorbedacht, würde ein Jurist sagen – war offenbar vor Tagesanbruch geschehen. Der Mörder konnte nicht fern sein.

War der eigentliche Urheber jenes Verbrechens aber wirklich jene schon so lange vergeblich gesuchte Tigerin?

Die Hindus aus Souari hegten darüber keinen Zweifel.

»Das ist mein Onkel gewesen, es kann kein anderer gewesen sein, der den Streich verübt hat!« erklärte einer der Bergbewohner.

Mein Onkel! So bezeichnen die Hindu nämlich im größten Theile der Halbinsel den Tiger ganz allgemein. Es kommt das daher, daß sie die Seele eines ihrer Vorfahren in dem Körper eines Mitglieds der Katzenfamilie vermuthen.

Hier hätten sie freilich richtiger sagen sollen: Das ist meine Tante!

Sofort wurde der Entschluß gefaßt, dem Thiere vor Einbruch der Nacht nachzuspüren, weil jenes sich im Dunklen jeder Nachstellung leichter zu entziehen vermochte. Jetzt mußte es stark gesättigt sein und verließ seinen Schlupfwinkel unter zwei bis drei Tagen voraussichtlich nicht wieder.

Wir brachen also auf. Von der Stelle, wo der Büffel geraubt worden war, bezeichneten Blutspuren den von der Tigerin eingeschlagenen Weg. Diese Spuren führten nach einem kleinen Gehege, das freilich schon mehrmals abgesucht worden war, ohne etwas darin zu finden. Jetzt sollte das Dickicht dadurch umzingelt werden, daß man einen Kreis bildete, aus dem das Thier wenigstens nicht ohne gesehen zu werden, entwischen konnte.

Die Einwohner stellten sich in der Weise auf, daß sie nach und nach durch Verengerung des Kreises dem Mittelpunkte näher kamen. Kapitän Hod, Kâlagani und ich, wir befanden uns auf der einen Seite, Banks und Fox auf der anderen, immer aber in einer Stellung, um mit den Leuten aus dem Kraal und jenen aus dem Dorfe Fühlung zu behalten. Offenbar war jeder Punkt des Ringes mit gleicher Gefahr bedroht, da Niemand wissen konnte, wohin die Tigerin ausbrechen würde. Daß das Thier sich in dem Wäldchen befand, stand außer Zweifel. Die Spuren, welche an einer Seite des Gehölzes ausliefen, waren nirgends anders wieder aufzufinden. Man konnte eben nicht behaupten, ob hier sein gewöhnliches Lager war, da man den Ort schon wiederholt vergeblich durchsucht hatte; für den Augenblick sprachen jedoch alle Voraussetzungen dafür, daß es sich in dem Wäldchen verborgen hielt.

Es war jetzt gegen acht Uhr Morgens. Nachdem alle Maßregeln getroffen, gingen wir langsam, geräuschlos vorwärts, indem wir den einschließenden Ring enger zusammenzogen. Eine halbe Stunde später stießen wir auf die Linie der ersten Bäume.

Bis jetzt regte sich nichts; nichts verrieth die Anwesenheit des Raubthieres, und ich fragte mich schon, ob wir uns nicht ganz zwecklos abmühten.

Augenblicklich konnte man nur Diejenigen sehen, welche ein sehr beschränktes Stück des Bogens einnahmen, und doch lag sehr viel daran, ganz gleichmäßig vorzudringen.

Aus diesem Grunde waren wir übereingekommen, daß der zuerst in den Wald Eindringende einen Gewehrschuß als Signal abgeben sollte.

Dieses Signal erfolgte durch Kapitän Hod, der immer voraus war, und wir drangen durch den Waldrand ein. Ich sah nach meiner Uhr; sie zeigte acht Uhr fünfunddreißig Minuten.

Nach einer weiteren Viertelstunde war der Kreis so eng geworden, daß wir uns fast mit den Ellenbogen berührten, und nun hielt Alles vor der dichtesten Mitte des Gehölzes an – aber noch hatte sich nichts gezeigt.

Das rings herrschende Schweigen unterbrach nur das Knacken dürrer Aeste, die trotz aller Vorsicht doch zuweilen zertreten wurden.

Da ließ sich ein dumpfes Geheul vernehmen.

»Dort steckt die Bestie!« rief Kapitän Hod und zeigte nach dem Eingange einer Felsenhöhle, über der sich eine Gruppe hoher Bäume erhob.

Kapitän Hod täuschte sich nicht. Mochte das auch nicht der gewöhnliche Schlupfwinkel der Tigerin sein, so hatte sie doch, als sie sich von einer großen Gesellschaft von Jägern verfolgt sah, darin Schutz gesucht.

Hod, Banks, Fox, Kâlagani und einige Leute aus dem Kraal hatten sich dem engen Eingang genähert, zu dem auch einzelne Blutspuren hinführten.

»Wir werden da hineindringen müssen, sagte Kapitän Hod.

– Das dürfte gefährlich werden, meinte Banks, der Erste, welcher hinein kommt, könnte ohne schwere Verwundung kaum davonkommen.

– Ich wag’s, rief Hod, nachdem er sich überzeugt, daß seine Büchse gut in Stand war.

– Nach mir, Herr Kapitän, erklärte Fox, der sich schon zu der engen Oeffnung der Höhle niederbog.

– Nein, Fox, nimmermehr! rief Kapitän Hod, der kommt mir zu!

– Aber, Herr Kapitän, entgegnete Fox in sanftem Tone, ich bin ja um sechs im Rückstand!« ….

Beide hatten in dem Augenblicke nur die Liste der erlegten Tiger im Kopfe.

»Ihr werdet weder der Eine noch der Andere da hinein gehen, fiel jetzt Banks ein; das lasse ich nimmer zu!

– Vielleicht giebt es noch ein anderes Mittel, unterbrach Kâlagani den Ingenieur.

– Und welches?

– Nun, wir räuchern die Höhle aus, antwortete der Hindu. Das Thier muß dann zum Vorschein kommen. Wir laufen dabei weniger Gefahr und können es draußen leichter erlegen.

– Kâlagani hat Recht, sagte Banks …. Wohlan, Leute, schafft trockenes Holz und dürres Laub herbei! Stopft mir die Oeffnung gut zu. Der Wind wird Rauch und Flammen nach innen treiben, dann muß sich die Bestie entweder rösten lassen oder zu entfliehen suchen.

– Die Tigerin wird das Letztere wählen, meinte der Hindu.

– Nach Belieben, versetzte Hod, wir werden zur Hand sein, sie im Vorübergehen zu begrüßen!«

Sofort wurde nun Laubwerk, vertrocknetes Gras, dürres Holz – daran fehlte es in dem Wäldchen nicht – kurz, ein großer Haufen von brennbarem Material vor der Oeffnung der Höhle aufgestapelt.

Im Innern derselben blieb noch Alles still. Nichts zeigte sich in dem dunklen Schlunde, der ziemlich tief zu sein schien. Doch hatten mich meine Ohren nicht betrogen. Das Geheul kam bestimmt von hier heraus.

Jetzt zündete man Feuer an. Bald stand Alles in lichten Flammen. Ein scharfer, dichter Qualm stieg von dem Brandherd empor, den der Wind zurücktrieb und der die Luft im Innern völlig unathembar machen mußte.

Da hörte man ein zweites, aber weit wüthenderes Geheul. Das Thier merkte, daß auch sein letzter Schlupfwinkel angegriffen wurde, und um nicht zu ersticken, mußte es wohl oder übel nach außen durchbrechen.

Wir warteten, längs der Seitenwand des Felsens aufgestellt und halb gedeckt durch Baumstämme, um dem ersten Ansturm auszuweichen.

Der Kapitän hatte sich einen anderen Platz erwählt, und ich muß gestehen, gerade den gefährlichsten. Dieser befand sich am Eingang zu einem Stege in dem Gehölz, dem einzigen, den die Tigerin einschlagen mußte, wenn sie durch das Dickicht entfliehen wollte. Hod kniete auf der Erde, um einen sicheren Standpunkt zu haben, und hatte die Büchse schon im Anschlag liegen; der ganze Mensch war unbeweglich wie Marmor.

Kaum drei Minuten verflossen seit der Anzündung des Holzhaufens, als ein drittes Geheul, oder diesmal vielmehr ein halb ersticktes Röcheln aus der Mündung der Höhlung heraustönte. Plötzlich wurde der brennende Haufen auseinandergerissen und ein riesiger Körper erschien in dem dicken Rauche.

Es war die gesuchte Tigerin.

»Feuer!« rief Banks.

Zehn Flintenschüsse krachten, wir überzeugten uns aber später, daß keine Kugel ordentlich getroffen hatte. Das Thier trat uns gar zu schnell vor die Augen. Wie hätte man auch bei den schwarzen Rauchwirbeln, die es verhüllten, richtig zielen können!

Die Tigerin berührte nach ihrem ersten Satze nur die Erde, um zu einem zweiten auszuholen und nach dem Dickicht zu stürzen.

Kapitän Hod erwartete das Raubthier mit größter Kaltblütigkeit, und indem er es gleichsam im Fluge auf’s Korn nahm, jagte er demselben eine Kugel entgegen, welche es freilich nur an einer Schulter verwundete.

Mit der Schnelligkeit eines Blitzes hatte die Tigerin sich auf unseren Freund geworfen, ihn zu Boden gestreckt und wollte ihm eben den Kopf mit einem furchtbaren Tatzenschlage zerschmettern ….

Da sprang Kâlagani hinzu, ein langes Messer in der Faust.

Der Aufschrei, der uns entfuhr, war noch nicht verhallt, als der muthige Hindu auf die Bestie losstürzte, diese gerade an der Kehle packte, als die rechte Tatze schon auf den Schädel des Kapitäns niederfallen sollte.

Gestört durch diesen unerwarteten Angriff, warf das Thier den Hindu durch eine Bewegung der Hüfte zu Boden und kehrte sich grimmig gegen diesen.

Kapitän Hod aber hatte sich mit einem Satze erhoben, ergriff das von Kâlagani verlorene Messer und bohrte es mit sicherer Hand der Katze tief in’s Herz.

Die Tigerin wälzte sich am Boden.

Höchstens fünf Minuten lang hatte die ganze aufregende Scene gewährt.

Kapitän Hod lag noch auf den Knieen, als wir zu ihm eilten. Kâlagani, an der Schulter blutend, erhob sich eben wieder.

»Bag mahryaga! Bag mahryaga!« rief der Hindu, was so viel bedeutete als: Die Tigerin ist todt!

Ja wohl, sie war todt! Welch‘ herrliches Thier! Zehn Fuß lang von der Schnauze bis zur Schwanzspitze, der Körper in passendem Verhältniß, mit ungeheueren, mit langen Krallen bewehrten Tatzen, die auf der Mühle des Schleifers zugeschärft schienen.

Während wir das Raubthier bewunderten, überhäuften es die Hindus, ihrem berechtigten Grolle Luft machend, mit Schmähungen aller Art. Kâlagani hatte sich dem Kapitän genähert.

»Ich danke, Herr Kapitän! sagte er.

– Was hast Du zu danken? erwiderte der Kapitän, ich, lieber Freund, stehe in Deiner Schuld.

Ohne Deine Hilfe wäre es um einen der Kapitäne der ersten Schwadron von den Carabiniers der königlichen Armee geschehen gewesen!

– Ohne Sie wäre ich jetzt todt! antwortete kühl der Hindu.

– Aber, alle Wetter, sprangst Du nicht mit dem Messer in der Hand auf die Tigerin zu, als sie mir eben die Hirnschale einhämmern wollte?

– Sie haben ihr aber den Todesstoß gegeben, Herr Kapitän; sie bildet ihren siebenundvierzigsten!

– Hurrah! Hurrah! schrieen die Hindus. Hurrah dem Kapitän Hod!«

Der Kapitän war allerdings berechtigt, diese Tigerin auf sein Conto zu schreiben, aber er dankte auch Kâlagani durch einen warmen Händedruck.

»Kommt mit nach dem Steam-House, wandte sich Banks an Kâlagani. Euere Schulter ist durch einen Tatzenschlag zerrissen; in unserer Reise-Apotheke werden wir hoffentlich Mittel finden, diese Wunde zu heilen!«

Kâlagani verneigte sich zustimmend, und nachdem wir von den Bergbewohnern, welche uns mit Dankesbezeigungen überschütteten, Abschied genommen, begaben wir uns wieder nach dem Sanatorium zurück.

Die Chikaris verließen uns, um nach dem Kraal zu gehen. Auch diesesmal kehrten sie mit leeren Händen zurück, und wenn Mathias Van Guitt auf jene »Königin von Tarryani« gerechnet hatte, so blieb ihm nichts weiter übrig, als diese zu bedauern. Unter den gegebenen Verhältnissen war es wirklich unmöglich, dieselbe lebendig zu fangen.

Gegen Mittag trafen wir wieder bei dem Steam-House ein. Hier wartete unser eine unangenehme Überraschung. Zu unserem größten Bedauern waren Sir Edward Munro, Sergeant Mac Neil und Goûmi weggereist.

Ein an Banks gerichtetes Billet theilte diesem zur Beruhigung mit, Sir Edward Munro wolle, geleitet auch von dem Verlangen, einen Ausflug bis zur Grenze von Nepal vorzunehmen, dabei gewisse Zweifel, welche noch über die Genossen Nana Sahib’s herrschten, aufklären und er werde sicherlich zurück sein, bevor die Zeit für die Abfahrt aus dem Himalaya herankäme.

Bei der Vorlesung dieser Zeilen schien es mir, als ob Kâlagani eine halb ärgerliche Bewegung machte.

Weshalb diese Bewegung? Ich täuschte mich wahrscheinlich.

Erstes Capitel.


Erstes Capitel.

Unser Sanatorium.

»Die Unmeßbaren der Schöpfung!« – Sollte dieser stolze Name, den der Mineralog Hauy zur Kennzeichnung der amerikanischen Anden gebrauchte, nicht mit noch mehr Berechtigung Anwendung finden können auf die ausgedehnte Himalayakette, welche der Mensch heute noch nicht mit mathematischer Sicherheit zu messen im Stande ist?

Dieser Gedanke erfüllte mich beim Anblick jener großartigen Hochgebirgsnatur, in der Oberst Munro, Kapitän Hod, Banks und ich mehrere Wochen zubringen sollten.

»Diese Bergriesen sind nicht allein unmeßbar, erklärte uns der Ingenieur, sondern ihre Gipfel dürfen auch als unersteigbar gelten, da der menschliche Organismus in solchen Höhen nicht mehr zu functioniren vermag, wo die Dichtigkeit der Luft zu gering ist, um dem Athembedürfnisse zu entsprechen!«

Ein zweitausend fünfhundert Kilometer langer Wall von Urgebirgsformationen, wie Granit, Gneiß und Glimmerschiefer, der vom zweiundsiebenzigsten bis zum fünfundneunzigsten Meridian reicht und zwei Präsidentschaften, Agra und Calcutta, nebst zwei Königreichen, Bouthan und Nepal, theilweise bedeckt; – eine Kette, an der sich bei ihrer, den Gipfel des Montblanc um ein Drittel übersteigenden Höhe drei verschiedene Zonen erkennen lassen, die erste von 5000 Fuß und einem gemäßigteren Klima als dem der vorgelagerten Ebenen, welche im Winter eine Roggen-, im Sommer eine Maisernte liefert; die zweite von 5- bis 9000 Fuß, wo der Schnee schon schmilzt, wenn der Frühling einzieht; die dritte von 9- bis 25.000 Fuß Höhe und mit dickem Eise bedeckt, das selbst in der heißen Jahreszeit der Sonnenstrahlen spottet; – in dieser großartigen Anschwellung der Erdkugel elf Pässe, von denen einige das Gebirge in einer Höhe von 20.000 Fuß durchbrechen und durch die man, wegen der immerfort drohenden Lawinen, der Zerstörung durch Bergströme und wegen des Vordringens gewaltiger Gletschermassen nur unter großen Beschwerden nach Tibet gelangen kann; über diesem Kamme, einmal oben abgerundet zu mächtigen Kuppeln, ein andermal glatt wie der Tafelberg am Cap der Guten Hoffnung, sieben bis acht theilweise vulkanische Einzelberge, welche die Quellen der Cogra, Djumma und des Ganges beherrschen, wie der Doukia und der Kintchindjinga, die über 7000 Meter emporsteigen, der Dhiodounga mit 8000 Meter, der Dhawalagiri mit 8500, der Tchamoulari mit 8700 Meter Höhe; der Mount Everest, der seinen Gipfel sogar bis 9000 Meter emporsendet, und von welchem aus das Auge des Beobachters ein Ländergebiet so groß wie ganz Frankreich müßte überblicken können; eine Aufhäufung von Bergmassen, welche die Alpen, wenn man sie auf die Alpen, die Pyrenäen, wenn man sie auf die Anden thürmte, in der Höhenscala der Erdkugel nicht übertreffen würden – das ist die kolossale Bodenerhebung, deren äußerste Gipfel auch der Fuß des verwegensten Bergsteigers niemals betreten wird, und die man die Himalayakette nennt!

Die ersten Stufen dieser gigantischen Propyläen sind in großen Strecken dicht bewaldet. Hier findet man verschiedene Vertreter aus der reichen Familie der Palmen, die in höheren Zonen endlosen Wäldern von Eichen, Cypressen und Pinien oder üppigen Bambusdickichten und hohen Gräsern Platz machen.

Banks, der uns hierüber belehrte, erwähnte auch, daß die Grenze des ewigen Schnees am indischen Abhange des Gebirges bis auf viertausend Meter herabreiche, sich am tibetanischen aber bis sechstausend Meter über dem Meere zurückziehe. Es kommt das daher, daß die vom Südwinde herzugeführten Dunstmassen von dem ungeheueren Walle aufgehalten werden. Deshalb sind auf der anderen Seite von Gerstenfeldern und herrlichen Wiesen umgebene Dörfer noch in 15.000 Fuß Höhe anzutreffen. Wenn man den Eingebornen glauben darf, reicht dort schon eine einzige Nacht hin, die Weideplätze mit einem grünen Teppiche zu überziehen.

In der mittleren Zone repräsentiren Pfauen, Rebhühner, Fasanen, Trappen und Wachteln die befiederte Welt. Ziegen giebt es in Ueberfluß, von Schafen wimmelt es überall. In der oberen Zone findet man nur noch den Eber, die Gemse nebst der wilden Katze, und einsam zieht der Adler seine weiten Kreise hoch über der dürftigen Pflanzenwelt, der schwach besetzten Musterkarte einer arktischen Flora.

Bis dahin zog Kapitän Hod seine Sehnsucht freilich gar nicht. Weshalb hätte dieser Nimrod den Himalaya aufsuchen sollen, wenn er auch hier nur das gewöhnliche Tafelwild hätte jagen können? Zum Glück sollte es aber an großen Raubthieren, die seiner Enfieldbüchse und seiner Explosionsgeschosse würdig waren, gewiß nicht fehlen.

Am Fuße der ersten Abhänge der Bergkette hin erstreckt sich nämlich eine tiefere Zone, von den Hindus der Gürtel von Tarryani genannt. Es ist das eine lange, geneigte, sechs bis acht Kilometer breite, feuchtwarme Ebene mit düsterer Vegetation und dichten Wäldern, in welchen reißende Thiere mit Vorliebe hausen. Ueber diesem Paradiese eines Jägers, der die nervenerschütternde Aufregung des Kampfes liebt, befand sich nur fünfzehnhundert Meter höher der von uns gewählte Halteplatz. Es war also leicht genug, nach diesem Jagdreviere, das unter Niemandes Aufsicht stand, hinunter zu gehen.

Aller Aussicht nach durfte man annehmen, daß Kapitän Hod lieber die unteren Stufen des Himalaya als dessen obere Zonen aufsuchen werde. Hier harrten übrigens nach Aussage aller Reisenden, darunter auch des humorvollen Victor Jacquemont, noch viele geographische Räthsel ihrer endlichen Lösung.

»Man kennt also diese riesenhafte Bergkette noch immer nur unvollkommen? fragte ich Banks.

– Sehr unvollkommen, antwortete der Ingenieur. Der Himalaya gleicht einem kleinen Planeten, der sich unserer Erdkugel zwar angeschlossen hat, aber seine Geheimnisse bewahrt.

– Doch ist er bereist, erwiderte ich, und durchforscht, soweit das möglich war!

– Gewiß! An Himalaya-Reisenden hat es nie gefehlt, bestätigte Banks. Die Brüder Gérard, Webb, die Officiere Kirpatrik und Fraser, Hogdson, Herbert, Lloyd, Hooker, Cunningham, Strabing, Skinner, Johnson, Moorcroft, Thomson, Griffith, Bigne, Hügel, die Missionäre Huc und Gabet, neuerdings die Gebrüder Schlagintweit, Oberst Wangh und die Lieutenants Reuillier und Montgommery haben durch ausgezeichnete Arbeiten die orographische Anordnung dieses Rückens der Erde in weitem Umfange kennen gelehrt. Trotz alledem bleibt noch gar Vieles zu wünschen übrig. Die genaue Höhe der hervorragendsten Bergspitzen hat unzählige Berichtigungen erfahren. So galt z. B. früher der Dhawalagiri für den König der ganzen Kette; nach späteren Messungen mußte er diesen Ehrenplatz dem Kintchindjinga abtreten, der seinerseits wieder durch den Mount Everest entthront werden zu sollen scheint. Bisher übertrifft der letztere alle seine Rivalen. Indessen würde nach Aussage der Chinesen der Kouin-Lun – der freilich mit den präcisen Instrumenten der europäischen Geometer noch nicht gemessen wurde – den Mount Everest noch um eine Kleinigkeit überragen, und der höchste Punkt unserer Erde wäre demnach überhaupt nicht im Himalaya zu suchen. Jene Messungen können übrigens erst dann als mathematisch sicher gelten, wenn ihnen Barometerbeobachtungen zugrunde liegen und dabei alle, für solche directe Messungen unerläßliche Vorsichtsmaßregeln beachtet wurden. Wie kann man aber dazu gelangen, ein Barometer nach jenen fast unersteigbaren Gipfeln zu schaffen? Das ist bisher eben noch nicht geschehen.

– Es wird aber dazu kommen, ließ Kapitän Hod sich vernehmen, ebenso wie man noch Reisen bis zum Nord- und zum Südpol ausführen wird.

– Ganz ohne Zweifel!

– Wie eine Reise bis in die unergründeten Tiefen des Oceans!

– Gewiß, gewiß!

– Eine solche nach dem Mittelpunkte der Erde!

– Bravo, Hod!

– Wie überhaupt Alles noch einmal gelingen wird, fügte ich hinzu.

– Selbst die Fahrt nach einem beliebigen Planeten unseres Sonnensystems! fuhr Hod fort, der in solchen Phantasien nicht so leicht ein Ende fand.

– Nein, Kapitän, erwiderte ich. Der Mensch als einfacher Bewohner der Erde wird niemals im Stande sein, deren Grenzen zu überschreiten. Doch wenn er auch an ihrer Rinde festgenietet ist, so vermag er doch alle Geheimnisse derselben zu ergründen.

– Er kann das nicht nur, es ist sogar seine Pflicht! fiel Banks ein. Alles was innerhalb der Grenzen der Möglichkeit liegt, wird und muß erreicht werden. Nachher, wenn der Mensch auf der von ihm bewohnten Kugel nichts mehr zu lernen hat, dann…

– Dann verschwindet er sammt dem Sphäroid, das für ihn keine Geheimnisse mehr hat, vollendete Hod den Satz.

– Mit nichten! entgegnete Banks, … dann herrscht er über dasselbe und nutzt es ganz zu seinem Vortheile aus. Da wir uns aber gerade im Himalayagebiete befinden, will ich Ihnen, lieber Hod, Gelegenheit zu einer merkwürdigen Entdeckung bieten, die Sie vielleicht interessirt.

– Was meinen Sie, Banks?

– In seinem Reiseberichte erwähnt der Missionär Huc eines sonderbaren Baumes, der in Tibet ganz allgemein »der Baum der zehntausend Bilder« genannt wird. Der Hindu-Legende nach soll nämlich Tong Kabac, der Reformator der buddhistischen Religion, schon einige Tausend Jahre früher in einen Baum verwandelt worden sein, ehe Philemon, Baucis und Daphne, jene merkwürdigen Pflanzenwesen der mythologischen Flora, dasselbe Schicksal ereilte. Der Haarschmuck Tong Kabac’s soll damals zur Laubkrone jenes heiligen Baumes geworden sein und auf seinen Blättern sollen sich, der Missionar behauptet das gesehen – mit eigenen Augen gesehen – zu haben, von den Blattnerven gebildete tibetanische Schriftzüge vorfinden.

– Ein Baum also, dem gleich gedruckte Blätter entsprießen! rief ich.

– Ja, und von denen man Sprüche der reinsten, höchsten Moral ablesen kann, fügte der Ingenieur hinzu.

– Das lohnt der Mühe einer Untersuchung, sagte ich lachend.

– Suchen Sie darüber Gewißheit zu erlangen, meine Freunde, meinte Banks. Wenn solche Bäume im südlichen Theile Tibets vorkommen, so müssen sie auch in der oberen Zone, auf dem Abhange des Himalaya zu finden sein. Also haben Sie bei unseren Ausflügen ein Auge darauf, diesen … ja, wie soll ich sagen… diesen »Sittenlehrer« zu entdecken.

– Nein, daran denke ich nicht! erwiderte Hod. Ich bin hier, um zu jagen, und habe keinen Nutzen vom Bergklettern.

– Aber, Freund Hod, entgegnete Banks, ein so kühner Bergsteiger wie Sie wird doch wenigstens einmal den Gebirgskamm erklimmen?

– Niemals! erklärte der Kapitän bestimmt. – Und warum?

– Ich habe auf alle Bergfahrten verzichtet!

– Und seit wann?

– Seit dem Tage, antwortete Kapitän Hod, da ich, immer in Lebensgefahr schwebend, unter größter Anstrengung den Gipfel des Vrigel im Königreiche Buthan erklomm. Man hatte mir versichert, daß noch keines Menschen Fuß diese Spitze betreten habe. Das stachelte meine Eigenliebe an! Unter tausend Gefahren gelange ich nach dem First, was finde ich aber da in einem Felsblock eingemeißelt? … »Durand, Zahnarzt, Rue Caumartin 14, Paris!« – Seitdem klettere ich nicht mehr!«

Armer Kapitän, ich muß indeß gestehen, daß Hod die Erzählung dieser fatalen Enttäuschung mit so lustiger Geberde zum Besten gab, daß wir nicht umhin konnten, aus vollem Herzen zu lachen.

Ich erwähnte wiederholt der »Sanatorien« der Halbinsel. Diese in den Bergen gelegenen Gesundheitsstationen werden während des Sommers, wo die brennende Hundstagssonne der Ebenen Indien zu verzehren droht, von Rentiers, Beamten und Kaufleuten vielfach aufgesucht.

In erster Linie ist hier Simla zu nennen, das unter dem einunddreißigsten Breitengrade westlich vom fünfundsechzigsten Meridian liegt. Es ist das wirklich ein Stückchen Schweiz mit Wasserfällen und Gebirgsbächen und den im Schatten von Cedern und Pinien verstreuten Sennhütten, 2000 Meter über dem Meere. Nach Simla nenne ich Dordjiling mit seinen weißen Häusern, überragt vom Kintchindjinga, etwa fünfhundert Kilometer von Calcutta und in einer Höhe von 2300 Metern, nahe dem sechsundachtzigsten Längen- und dem siebenundzwanzigsten Breitengrade – ein herrliches Plätzchen im schönsten Lande der Welt. An verschiedenen Punkten der Himalayakette finden sich noch andere Sanatorien.

Jetzt tritt nun zu diesen frischen, gesunden Stationen, welche das brennende Klima Indiens unentbehrlich macht, noch unser Steam-House hinzu. Doch das gehört uns ganz allein. Es bietet allen Comfort der luxuriösesten Wohnungen der Halbinsel; hier finden wir in einer glücklichen Zone neben allen Erfordernissen des modernen Lebens eine Ruhe, die man in Simla oder Dordjiling, wo sich Anglo-Indier in großer Zahl aufhalten, vergeblich suchen würde.

Unsere Niederlassung ist mit gutem Vorbedacht ausgewählt. Die nach dem unteren Theile des Gebirges führende Straße theilt sich hier in zwei Aeste, um einige in Osten und Westen verstreute Dörfer zu verbinden. Das nächste derselben liegt gegen fünf Meilen vom Steam-House entfernt. Bevölkert, ist dasselbe von biederen Bergbewohnern, welche Ziegen und Schafe züchten und ergiebige Korn- und Gerstenfelder besitzen.

Bei unserem zahlreichen Personal bedurfte es unter Banks‘ Leitung nur weniger Stunden, um ein Lager zu organisiren, in dem wir sechs bis sieben Wochen verweilen wollten.

Einer der Vorberge jener vielgliedrigen Nebenketten, welche den ungeheueren Kamm des Himalaya stützen, bot uns ein leicht wellenförmiges, etwa eine Meile langes und eine halbe Meile breites Plateau dazu dar. Der grüne Teppich, der dasselbe bedeckt, gleicht einem weichen Sammetgewebe aus kurzem, dichtem, sozusagen plüschartigem Grase mit duftenden Veilchen durchstickt. Baumähnliche Rhododendrons in der Größe kleiner Eichen, natürliche Blumenkörbe voller Camelien erhöhen den Liebreiz des anmuthigen Bildes. Hier bedarf die Natur nicht der fleißigen Arbeiter von Ispahan oder Smyrna, um diesen Teppich aus feiner vegetabilischer Wolle herzustellen. Einige tausend Samenkörner, die der Südwind diesem fruchtbaren Boden zuführt, ein wenig Wasser und ein wenig Sonne reichen hin, jenes weiche und unverwüstliche Gewebe zu bilden.

Auf dem Plateau erhebt sich ein Dutzend prächtiger Bäume. Es sieht aus, als hätten diese sich als Irreguläre von dem endlosen Walde abgesondert, der die Seiten des Vorberges bedeckt und auf den Nachbargebirgen noch sechshundert Meter emporsteigt. Cedern, Eichen, langblättrige Pandanen, Buchen, Ahorn- und Johannisbrotbäume grünen hier mitten unter Bananen, Bambus, Magnolien und japanischen Feigenbäumen. Einzelne dieser Riesen streben mit ihren äußersten Zweigen über hundert Fuß von der Erde empor. Sie scheinen wirklich dazu geschaffen, eine Waldwohnung zu beschatten. Das Steam-House diente gewissermaßen zur Vervollständigung der Landschaft. Die runden Dächer seiner zwei Pagoden vermählen sich glücklich mit all‘ diesem grünen Gezweig, den starren oder biegsamen Aesten und den Blättern, welche einmal klein und zart sind wie Schmetterlingsflügel und dann wieder breit und lang wie polynesische Pagaien. Unsere fahrbaren Häuser verschwanden fast ganz unter einem Dickicht von Laubwerk und Blumen. Nichts giebt Kunde von ihrer besonderen Eigenschaft; sie erscheinen vielmehr wie eine festbegründete Wohnstätte, die ihre Stelle nicht mehr wechseln soll.

Hinter uns rauscht zur rechten Seite des Bildes über den Abhang des Vorberges ein Wildbach, dessen gewundenes Silberband wir über tausend Fuß hinauf verfolgen können, und stürzt sich in ein natürliches Becken, das eine Gruppe schöner Bäume beschattet.

Aus dem Becken fließt dann quer durch das Wiesenland ein Bach ab, der in einem rauschenden Wasserfalle endigt und als solcher in eine, mit dem Auge nicht zu ermessende Tiefe hinabstürzt.

So liegt das Steam-House ebenso bequem für das häusliche Leben, wie es eine wahrhaft entzückende Augenweide bietet.

Geht man nach dem vorderen Rande des Plateaus, so gewahrt man, daß jenes viele andere, minder bedeutende Bergrücken überragt, welche in gigantischen Stufen bis zur Ebene hinabreichen. Der Hintergrund ist gerade entfernt genug, um ihn mit dem Blicke umfassen zu können.

Rechts steht unser erster Wagen so in schiefer Richtung, daß man den südlichen Horizont ebenso von dem Balkon der Veranda, wie von den Seitenfenster des Salons, von denen des Speisezimmers und von den Cabinen der linken Seite übersehen kann. Große Cedern ragen darüber empor und heben sich deutlich von dem entfernten Hintergrunde der großen Bergkette ab, welche unter ewigem Schnee begraben liegt. Zur linken Hand lehnt sich der zweite Wagen an die Wand eines gewaltigen, von der Sonne vergoldeten Granitfelsens. Sowohl durch seine bizarre Form wie durch seinen warmen Farbenton erinnert dieser Felsen lebhaft an jene riesigen »Plum-Puddings«, welche Russel Kilough in seiner Reise durch das südliche Indien erwähnt. Von dieser, Mac Neil und dem übrigen Personal überlassenen Wohnung sieht man nur eine Seite. Sie steht etwa zwanzig Schritte von der Hauptwohnung entfernt, wie das Nebengebäude einer bedeutenden Pagode. Am Ende eines der Dächer, welche dieselbe überwölben, erhebt sich ein feiner Streifen bläulichen Rauches aus dem Küchenlaboratorium des Monsieur Parazard. Weiter nach links hin bedeckt eine, von dem Walde kaum getrennte Baumgruppe den westlichen Rand und bildet gleichsam die Seitencoulissen der Landschaft. Im Rücken und zwischen den beiden Wohnungen erhebt sich ein riesenhafter Mastodon. Es ist unser Stahlriese, der unter die Laubwölbung großer Pandanen gestellt ist. Mit seinem erhobenen Rüssel scheint er die oberen Zweige derselben »abzunagen«. Aber er steht jetzt still. Er ruht aus, obwohl er der Ruhe nicht bedarf. Jetzt dient er als furchtloser Wächter des Steam-Houses, wie ein ungeheures antediluvianisches Geschöpf, und vertheidigt an der Straße, welche er selbst emporklomm, den Zugang zu unserem beweglichen Weiler.

So kolossal unser Elephant auch erscheint – wenigstens so lange man nicht an die himmelhohe Bergkette denkt, welche sich 6000 Meter über das Plateau erhebt – so gleicht er doch fast gar nicht mehr jenem künstlichen Riesen, mit dem Banks‘ geschickte Hand die indische Fauna beschenkte.

»Eine Mücke auf der Façade einer Kathedrale!« sagte Kapitän Hod mit einem gewissen Aerger.

Der Vergleich war nur zu passend. Dahinter ragte nämlich ein Granitblock empor, aus dem man bequem tausend Elephanten von der Größe des unserigen hätte meißeln können, und dieser Block bildete nur einen Absatz, eine der hundert Stufen jener Treppe, die nach dem Kamm des Gebirges hinaufführt und die der Dhawalagiri mit seinem spitzen Gipfel bekrönt.

Manchmal senkt sich der Himmel über diesem Bilde nach dem Beobachter herab. Nicht allein die höchsten Bergspitzen, sondern auch der mittlere Kamm verschwindet zeitweilig. Es rührt das von dichten Dunstmassen her, welche sich in der Mittleren Zone des Himalaya verbreiten und den ganzen unteren Theil desselben verhüllen. Die Landschaft schrumpft gewissermaßen zusammen, und dann erst scheinen, wie durch optische Täuschung, die Wohnstätten, Bäume, die benachbarten Berge und auch der Stahlriese selbst ihre natürliche Größe wieder zu gewinnen.

Es kommt zuweilen auch vor, daß niedriger stehende Wolken von gewissen feuchten Winden gejagt, noch unterhalb unseres Plateaus hinziehen. Dann erblickt das Auge nichts als ein schäumendes Meer, auf dessen bewegter Fläche die Sonne wunderbare Farbenspiele hervorzaubert. Nach oben und nach unten verschwindet der Horizont, und es scheint, als wären wir in irgend eine, außerhalb der Grenze des Erdballes liegende Luftregion versetzt.

Da schlägt der Wind um; eine durch die Lücken der Bergkette dringende nördliche Brise fegt die Nebel weg, das Dunstmeer condensirt sich fast augenblicklich, die Ebene weicht bis zum südlichen Horizont zurück, das prächtige Profil des Himalaya zeichnet sich wieder an dem gereinigten Grunde des Himmels ab, der Rahmen des Bildes nimmt seine normale Größe an, und der entzückte Blick, den kein Hinderniß einengt, umfaßt alle Einzelheiten eines Panoramas von sechzig Meilen Durchmesser.

Zweites Capitel.


Zweites Capitel.

Mathias Van Guitt.

Am nächsten Morgen, dem 26. Juni, weckte mich das Geräusch wohlbekannter Stimmen. Ich sprang auf. Kapitän Hod und sein Diener Fox waren im Speisezimmer in lebhafter Unterhaltung begriffen. Ich gesellte mich zu ihnen.

Gleichzeitig hatte Banks sein Zimmerchen verlassen und der Kapitän redete ihn mit volltönender Stimme an.

»Nun, Freund Banks, da wären wir ja endlich in dem ersehnten Hafen! Hier wird nun Rast gemacht! Es handelt sich nicht mehr um einen Aufenthalt von mehreren Stunden, sondern von einigen Monaten.

– Gewiß, lieber Hod, antwortete der Ingenieur, und nun können Sie auch nach Belieben jagen. Die Pfeife des Stahlriesen wird Sie nicht mehr nach dem Lagerplatz zurückrufen.

– Hörst Du, Fox?

– Gewiß, Herr Kapitän, bestätigte der Diener.

– Nun sei mir der Himmel günstig, rief Hod, das Sanatorium des Steam-Houses verlasse ich aber nicht eher, als bis der Fünfzigste von meiner Büchse gefallen ist! Der Fünfzigste, Fox! Es scheint mir nur, als werde es mit dem Fünfzigsten so seine Schwierigkeiten haben!

– Wir werden sie zu besiegen wissen, bemerkte Fox.

– Weshalb glauben Sie das, Kapitän Hod, fragte ich.

– O, Maucler, das ist so eine Ahnung …. Eine Jägerahnung, weiter nichts!

– So werden Sie also, sagte Banks, schon von heute an von hier ausziehen und den Feldzug eröffnen?

– Von heute an, erwiderte Hod. Wir werden damit beginnen, das Terrain zu recognosciren und die untere Zone bis zu den Wäldern von Tarryani absuchen – vorausgesetzt, daß die Tiger ihre alte Heimat nicht aufgegeben haben…..

– Wie können Sie das glauben?…..

– Ah, mein bekanntes Pech!

– Bekanntes Pech!…. Am Himalaya!…. versetzte der Ingenieur, wäre das möglich!

– Nun, wir werden ja sehen! Sie begleiten uns doch, Maucler? fragte Kapitän Hod, sich an mich wendend.

– Ei, gewiß!

– Und Sie, Banks?

– Ich ebenfalls, antwortete der Ingenieur, und ich hoffe sogar, daß auch Munro sich so wie ich, d. h. mehr als Dilettant, Ihnen anschließen wird.

– Oho, entgegnete Kapitän Hod, als Dilettant! Nun, meinetwegen, aber als wohlbewaffneter Dilettant. Hier ist nicht die Rede davon, mit dem Stocke in der Hand spazieren zu gehen. Das wäre eine Beleidigung für die Raubthiere von Tarryani!

– Einverstanden! antwortete der Ingenieur.

– Also Fox, fuhr der Kapitän sich an seinen Diener wendend, fort, diesmal keine Mißgriffe! Wir sind im Lande der Tiger! Vier Enfieldbüchsen für den Oberst, für Banks, Maucler und mich, und zwei Gewehre mit explodirenden Geschossen für Dich und Goûmi.

– Seien Sie ohne Sorgen, Herr Kapitän, versicherte Fox. Das Wild soll sich nicht zu beklagen haben!«

Dieser Tag sollte also der Erforschung jenes Waldes von Tarryani gewidmet werden, der, noch unterhalb unseres Sanatoriums, den Fuß des Himalaya bedeckt. Nach eingenommenem Frühstück, gegen elf Uhr, stiegen wir, Sir Edward Munro, Banks, Hod, Fox, Goûmi und ich, die schräg nach der Ebene hinabfallende Straße hinunter, ließen aber die beiden Hunde zurück, die uns heute nichts nützen konnten.

Der Sergeant Mac Neil, Storr, Kalouth und der Koch blieben gleichfalls im Steam-House, um unsere Einrichtung zu vollenden. Nach zweimonatlicher Frist mußte auch der Stahlriese innerlich und äußerlich untersucht, gereinigt und in Stand gesetzt werden. Das erforderte eine lange, sorgsame und ausdauernde Arbeit, bei der seine gewöhnlichen Cornacs, der Heizer und der Maschinist, nicht viel feiern konnten.

Um elf Uhr hatten wir das Sanatorium verlassen, und wenige Minuten später, bei der ersten Wendung des Weges, verschwand das Steam-House unseren Blicken hinter einem dichten Baumvorhang,

Es regnete nicht mehr.

Unter dem Antrieb eines frischen Nordostwindes jagten die in den oberen Schichten der Atmosphäre treibenden, zerrissenen Wolken mit großer Schnelligkeit dahin. Der Himalaya war grau – die Temperatur für Fußgänger wie geschaffen; freilich fehlten jetzt auch jene reizenden Spiele des wechselnden Lichtes und Schattens, welche große Wälder sonst zu bieten pflegen.

Zweitausend Meter auf directem Wege hinabzusteigen, das wäre eine Sache von fünfundzwanzig bis dreißig Minuten gewesen, wenn die vielen Windungen, welche die Steilheit der Abhänge nöthig machte, nicht den Weg bedeutend verlängert hätten. So brauchten wir nicht weniger als anderthalb Stunden, um die obere Grenze der Wälder von Tarryani, fünf- bis sechstausend Fuß über der Ebene zu erreichen. Doch legten wir den Weg in fröhlichster Laune zurück.

»Achtung, rief der Kapitän Hod. Jetzt betreten wir das Gebiet der Tiger, Löwen, Panther, Guepards und anderer wohlthätiger Bewohner der Himalaya-Region. Es ist zwar ganz schön, die wilden Thiere zu besiegen, aber noch besser, nicht von ihnen besiegt zu werden! Halten wir uns demnach hübsch beieinander und lassen wir der klugen Vorsicht ihr Recht!«

Eine derartige Empfehlung aus dem Munde eines so unerschrockenen Jägers verdiente gewiß alle Beachtung. Jeder von uns schrieb sich dieselbe hinter das Ohr. Die Büchsen und Flinten wurden geladen, die Schlösser nachgesehen, die Hähne in Sicherheit gesetzt. Wir waren auf Alles vorbereitet.

Ich bemerke hierzu noch, daß man sich nicht nur vor reißenden Thieren, sondern auch vor Schlangen hüten mußte, von denen in den Wäldern Indiens die gefährlichsten Arten vorkommen. Die »Belongas«, die grünen, die Peitschenschlangen nebst manchen anderen sind außerordentlich giftig. Die Zahl der Opfer, welche jährlich dem Bisse jener Reptilien unterliegen, übersteigt fünf- bis sechsmal die der Hausthiere und Menschen, welche durch die Zähne der Raubthiere umkommen.

Im Gebiete von Tarryani erforderte es also die einfache Klugheit, das Auge überall zu haben, aufzumerken, wohin man den Fuß setzte, worauf man die Hand stützte, auf das leiseste Geräusch zu achten, das aus dem Grase kam oder sich durch das Gebüsch verbreitete.

Um halb ein Uhr gelangten wir unter das Laubdach mehrerer, am Waldessaume dicht zusammenstehender Bäume. Ihr hohes Geäst verstrickte sich über einigen breiteren Wegen, welche der Stahlriese bequem hätte passiren können. Durch diesen Theil des Waldes beförderten die Bergbewohner schon seit langer Zeit das geschlagene Holz; auch jetzt zeigte der weiche Thonboden ziemlich frische Wagenspuren. Diese Hauptstraßen verliefen in der Richtung der Bergkette, reichten der Länge nach durch ganz Tarryani und verknüpften die Lichtungen, welche die Axt der Holzschläger hier und da geschaffen hatte; auf beiden Seiten mündeten ferner schmale Fußsteige aus, die sich in dem undurchdringlichen Dickicht verloren.

Wir folgten also diesen Alleestraßen, mehr als Feldmesser denn als Jäger, da es uns zunächst darum zu thun war, deren Lage und Verlauf kennen zu lernen. Kein Geheul unterbrach das Schweigen des tiefen Waldes. Breite, offenbar noch ganz frische Fährten bewiesen jedoch, daß die Raubthiere Tarryani keineswegs verlassen hatten.

Plötzlich, eben als wir um eine Ecke der Allee bogen, welche vor einem scharf vorspringenden Berge etwas nach rechts ausbog, hemmte unsere Schritte ein Ausruf des Kapitän Hod, der immer vorausging.

Zwanzig Schritt vor uns erhob sich, an der Ecke einer von mächtigen Pandanen begrenzten Waldblöße, ein, wenigstens seines Aussehens wegen merkwürdiges Bauwerk. Ein Haus war es nicht, dazu fehlten ihm Rauchfang und Fenster; eine Jägerhütte auch nicht, denn dazu fehlten ihm die Schießscharten. Man hatte das Ganze wohl für ein, in der Tiefe des Waldes verlorenes Hindu-Grab ansehen können.

Stelle man sich einen verlängerten Würfel vor, errichtet aus nebeneinander gestellten, in den Boden fest gerammten Stämmen, deren obere Enden durch biegsame Zweige fest verbunden waren. Das Dach bildeten andere, wagrecht liegende und am Kopfe der ersteren haltbar eingezapfte Stämme. Offenbar hatte der Erbauer dieses kleinen Bollwerkes demselben nach allen fünf Seiten die größtmögliche Festigkeit zu verleihen gesucht. Es maß etwa sechs Fuß in der Höhe, zwölf in der Länge und fünf in der Breite. Von einem Zugange war nichts zu erblicken, wenn diesen nicht an der Vorderseite eine starke, oben abgerundete Bohle verdeckte, welche das ganze Bauwerk ein wenig überragte.

Ueber dem Dache erhoben sich mehrere biegsame, eigenartig angeordnete und untereinander verknüpfte Zweige. Am Ende eines horizontalen Hebels, der diese Armatur trug, hing ein Laufknoten, oder eigentlich eine aus starken Lianenflechten gebildete Schnalle herab.

»Ah, was ist das? rief ich verwundert.

– Das ist, erwiderte Banks nach kurzer Betrachtung, weiter nichts als eine – Mäusefalle! Welche Mäuse zu fangen sie bestimmt ist, das werden sich die Herren selbst sagen.

– Also eine Tigerfalle? platzte Hod heraus.

– Ja wohl, bestätigte Banks, eine Tigerfalle, deren von der Bohle, welche der Lianenknoten gewöhnlich oben hält, jetzt verschlossene Thür zugefallen ist, weil das Stellbrett im Innern gewiß durch ein Thier berührt wurde.

– Es ist das erste Mal, sagte Hod, daß ich in den Wäldern Indiens eine derartige Falle sehe. Eine Mäusefalle, wahrhaftig! Das erscheint aber eines Jägers unwürdig!

– Und eines Tigers ebenfalls! fügte Fox hinzu.

– Gewiß! meinte Banks, wenn es sich aber darum handelt, wilde Bestien auszurotten, und nicht darum, sie zum Vergnügen zu jagen, so bleibt das beste Mittel immer dasjenige, durch welches die meisten unschädlich gemacht werden. Diese Falle hier scheint mir recht sinnreich erdacht, um wilde Thiere anzulocken und gefangen zu halten, so mißtrauisch und stark sie auch sein mögen.

– Da das Gleichgewicht des Fallbrettes, welches die Thüre hielt, gestört worden ist, bemerkte Oberst Munro, so glaube ich, daß sich wahrscheinlich irgend ein Raubthier gefangen hat.

– Das werden wir bald erfahren! rief Kapitän Hod, und wenn die Maus nicht schon todt ist…«

Der Kapitän begleitete seine Worte mit einer entsprechenden Geste und knackte mit dem Hahne der Büchse. Die Uebrigen folgten seinem Beispiel, indem sie sich zum Schießen fertig machten.

Wir konnten gar nicht darüber in Zweifel sein, daß dieses hölzerne Blockhaus eine Falle darstelle, wie man sie in den Wäldern der Malayenländer häufiger antrifft.

Das Werk eines Hindus schien sie nicht zu sein, wohl aber ließ ihre höchst empfindliche und doch überaus solide Construction die Zweckmäßigkeit der ganzen Anlage auf den ersten Blick erkennen.

Nach kurzer Ueberlegung näherten sich Kapitän Hod, Fox und Goûni der Falle, um sie zuerst von allen Seiten zu besichtigen. Nirgends gewährte jedoch etwa eine Lücke zwischen den lothrechten Stämmen einen Einblick in das Innere derselben.

Sie lauschten gespannt. Nicht das leiseste Geräusch verrieth die Anwesenheit eines lebenden Wesens in dem Holzwürfel, der stumm wie ein Grab vor uns lag.

Kapitän Hod und die Anderen kamen wieder nach der Vorderseite zurück. Sie überzeugten sich davon, daß die bewegliche Bohle in den verticalen Fugen herabgeglitten sein mußte. Wenn man diese emporhob, wurde offenbar der Zugang zur Falle frei gelegt.

»Es ist nicht das mindeste zu hören! sagte Kapitän Hod, der das Ohr an die Thür gelegt hatte, nicht einmal ein Athemzug! Die Mäusefalle ist leer.

– Jedenfalls keine Unvorsichtigkeit!« ermahnte Oberst Munro.

Er nahm auf dem Stamme eines Baumes zur Linken der Lichtung Platz, und ich setzte mich neben ihn.

»Nun vorwärts, Goûmi!« trieb Kapitän Hod.

Der gewandte, wie ein Affe bewegliche uud wie ein Leopard geschmeidige Goûmi – ein wahrer Hindu-Clown – verstand, was der Kapitän meinte. Seine Geschicklichkeit bestimmte ihn naturgemäß zu dem verlangten Dienste. Er schwang sich mit einem Satze auf das Dach der Falle und ergriff einen der Zweige, welche die obere Armatur bildeten. Dann glitt er auf dem Hebel nach dem Lianenringe vor, den er durch sein Körpergewicht bis zu dem Kopftheile der den Eingang verschließenden Bohle herabzog.

Dieser Ring wurde darauf in einem dazu ausgesparten flachen Einschnitte der Bohle befestigt. Nun bedurfte es nur noch der nöthigen Belastung am anderen Hebelende, um die Maschinerie in Bewegung zu setzen.

Das erforderte jedoch die vereinten Kräfte unserer kleinen Gesellschaft. Oberst Munro, Banks, Fox und ich, wir begaben uns deshalb nach der Rückseite der Falle, um diese Bewegung auszuführend

Goûmi verblieb in der Armatur, um den Hebel frei zu machen, wenn irgend ein Hinderniß dessen Function beeinträchtigen sollte.

»Wenn Sie mich noch brauchen, rief Kapitän Hod uns zu, so komme ich; geht es aber ohne mich, so bleibe ich lieber vor der Falle. Wenn ja ein Tiger herauskäme, soll ihn wenigstens eine Kugel begrüßen.

– Und den würden Sie sich als zweiundvierzigsten anrechnen? fragte ich den Kapitän.

– Warum nicht? antwortete Hod, wenn er durch meine Büchse fällt, findet er den Tod ja in der Freiheit!

– Verkaufen wir das Fell des Bären, fiel der Ingenieur da ein, nicht eher, als bis er erlegt ist.

– Vorzüglich, da dieser Bär ein Tiger sein dürfte! fügte Oberst Munro hinzu.

– Nun faßt kräftig an, Alle zusammen!« rief Banks.

Die Bohle war sehr schwer und glitt nur schwierig in ihren Falzen, doch gelang es uns, sie zu bewegen. Bald schwebte sie etwa einen Fuß hoch über dem Boden.

Halbgebückt und die Büchse in Anschlag, bemühte sich Kapitän Hod, zu sehen, ob sich eine kräftige Tatze oder ein drohender Rachen an der Oeffnung der Falle zeigte, doch vergebens.

»Noch einen Ruck! rief Banks.

Mit Hilfe Goûmi’s, der am hinteren Hebelende anfaßte, gelang es, die Bohle nach und nach höher zu ziehen. Bald wurde die Oeffnung weit genug, um auch einem größeren Raubthiere den Durchgang zu gestatten.

Aber kein Thier ließ sich sehen.

Noch erschien es möglich, daß der Gefangene sich bei dem, rings um die Falle entstandenen Geräusche vielleicht in die dunkelste Ecke derselben verkrochen hatte. Vielleicht lauerte das Thier nur auf den günstigen Augenblick, mit einem Satze heraus zu springen. Jeden, der ihm im Wege war, zu überrennen und in der Tiefe des Waldes zu verschwinden.

Es waren das Augenblicke der höchsten Spannung.

Da sah ich den Kapitän einige Schritte vortreten, den Finger an der Krappe der Büchse, wobei er sich bemühte, den ganzen Innenraum der Falle zu überblicken.

Die Bohle war schon ganz emporgezogen und das Licht drang in breitem Strahle durch die Oeffnung ein.

Jetzt vernahm man durch die Wände hindurch ein leises Geräusch, dann einen dumpfen Laut, wie ein furchtbares Gähnen, das mir sehr verdächtig erschien.

Ohne Zweifel war ein Thier hier, welches vorher schlief und das wir plötzlich geweckt hatten.

Kapitän Hod trat noch näher heran und richtete das Gewehr nach einer unbestimmten Gestalt, die sich im Halbschatten regte.

Plötzlich ward es in der Falle lebendig. Ein Schreckensruf erschallte und ihm folgten die in gutem Englisch gesprochenen Worte:

»Nicht schießen, um des Himmels willen! Nicht schießen!«

Gleich darauf trat ein Mann aus der Falle.

Unser Erstaunen war so groß, daß wir dir Armatur losließen, wodurch die Bohle zurückfiel und den Eingang auf’s Neue verschloß.

Indessen ging die so unerwartet erschienene Persönlichkeit auf Kapitän Hod zu, dessen Büchse noch immer nach der Brust des Fremdlings zielte, und sagte in ziemlich bestimmtem, von einer emphatischen Handbewegüng begleitetem Tone:

»Wollen Sie gefälligst Ihr Gewehr aufrichten, mein Herr! Sie haben es hier nicht mit einem tarryanischen Tiger zu thun!«

– Mit wem haben wir denn die Ehre…? fragte da Banks, auf den Mann zutretend.

– Mit dem Naturforscher Mathias Van Guitt, Hauptlieferanten von Pachydermen, Tardigraden, Proboscidien, Raub- und anderen Säugethieren für die Handlungen der Herren Charles Rice in London und Hagenbeck in Hamburg.«

Darauf wies er mit der Hand auf unseren Kreis. »Und die Herren? . . .

– Oberst Munro nebst dessen Reisegefährte«, antwortete Banks, uns summarisch vorstellend.

– Auf einer Vergnügungsfahrt durch die Forsten des Himalaya! ergänzte der Händler gleich, selbst. Ein herrlicher Ausflug, wahrhaftig! Ich, mache Ihnen mein Compliment, meine Herren!«

Welch‘ ein Original hatten wir da vor uns? Hätte, man nicht glauben können, sein Gehirn habe durch die Einsperrung in der Falle etwas gelitten? War es ein Narr oder war der Mann bei Verstande? Welcher Kategorie von Zweihändern gehörte das Individuum an?

– Wir sollten das nicht nur erfahren, sondern diese Persönlichkeit, die sich für einen Naturforscher ausgab und in der That war, in der Folge auch noch weiter kennen lernen.

Herr Mathias Van Guitt, der Menagerien-Lieferant, trug eine Brille und mochte fünfzig Jahre zählen. Ein glattes Gesicht, blinzelnde Augen, eine gewaltige Nase, die ewige Bewegung des ganzen Körpers, seine jedem Satze, den er sprach, angepaßten, mehr als ausdrucksvollen Gesten drückten ihm unverkennbar den Stempel des bekannten alten Komödianten aus der Provinz auf. Wer ist nicht einmal solchen ergrauten Theaterhelden begegnet, deren ganzes, von dem Horizonte einer Rampe und eines Prospectes begrenztes Leben sich zwischen der »Hof-« und der »Gartenseite« eines wandernden Thespiskarrens abspielte? Unermüdliche Sprecher, gefährliche Gesticulatoren und höchst eingenommen für das werthe Ich, pflegen sie den nach rückwärts geworfenen Kopf möglichst hoch zu tragen, nur erscheint dieser im Alter oft so leer, daß man zur Ueberzeugung kommt, er werde auch im kräftigen Lebensalter nicht besonders gefüllt gewesen sein. In Mathias Van Guitt stak so ein Stückchen eines verwitterten Bretterhelden.

Ich habe einige Male die lustige Anekdote von einem armen Teufel von Sänger gehört, der jedes Wort seiner Rolle mit der entsprechenden grobsinnlichen Geste begleiten zu müssen glaubte.

So z. B. in der Oper »Masaniello« (d. i. die Stumme von Portici), bewegte er bei der in vollem Brustton herausposaunten Stelle:

Wenn aus einem Fischer von Neapel…

den gegen die Zuschauer ausgestreckten Arm so, als ob er an einem Angelhaken einen zappelnden Hecht hängen hätte. Dann weiter bei den Worten:

Der Himmel einen Fürsten machen wollte…

erhob er die Hand nach dem Zenith, um auf den Himmel hinzuweisen, während die andere, zur Verbildlichung der Königskrone einen Kreis um das edle Haupt beschrieb –

Würde er, ein Rebell gegen des Schicksals Rathschluß ,..

dabei schien er mit Gewalt einem auf ihn wirkenden Drucke Widerstand zu leisten –

Seine Barke weiter treibend rufen …

hierzu endlich bewegte er beide Arme lebhaft von rechts nach links und umgekehrt, als handhabte er einen Bootsriemen, um seine Geschicklichkeit in der Führung eines Fahrzeuges zu beweisen.

Ganz ähnliche Gewohnheiten, wie jener Sänger, hatte nun auch der Händler Mathias Van Guitt. Er schmückte seine Rede gern mit den gewähltesten Phrasen und konnte für den Zuhörer, der sich nicht außer dem Bereiche seiner Handbewegungen zu halten wußte, leicht gefährlich werden.

Wie wir später aus seinem eigenen Munde hörten, war Mathias Van Guitt ursprünglich Professor der Naturwissenschaften am Museum von Rotterdam, dem sein Lehrstuhl nicht zugesagt hatte. Offenbar regte das Auftreten des würdigen Mannes schon jener Zeit die Lachmuskeln besonders an, und wenn jemals Schaaren von Zuhörern zu seinem Katheder strömten, so wollten diese offenbar weniger lernen, als sich nur belustigen. Unter so bewandten Umständen hatte er sich, überdrüssig, theoretische Zoologie erfolglos vorzutragen, nach Indien begeben, um sich der praktischen Zoologie zu widmen. Diese Thätigkeit behagte ihm weit mehr und er schwang sich dabei zum wohlbestallten Lieferanten der großen Hamburger und Londoner Handelsfirmen empor, von denen die öffentlichen und privaten Menagerien der Alten und Neuen Welt ihren Bedarf zu decken pflegen.

Mathias Van Guitt befand sich augenblicklich in Tarryani, um eine umfassende Bestellung auf Raubthiere für Europa auszuführen. Sein Lagerplatz befand sich kaum zwei Meilen von der Stelle, wo wir ihn aus der Falle befreit hatten.

Wie war der Händler aber da hineingerathen? Diese Frage richtete Banks an ihn, und er gab darauf folgende, mit abwechslungsreichen Gesten illustrirte Antwort:

»Ja, das war gestern, die Sonne hatte schon den Halbkreis ihres täglichen Umlaufes vollendet. Da fiel es mir ein, eine der von mir eigenhändig errichteten Tigerfallen zu besichtigen. Ich verließ also meinen Kraal, den die Herren hoffentlich bald mit ihrem Besuche beehren werden, und gelangte nach dieser Waldblöße. Ich war allein; meine Leute hatten dringende Arbeiten vor und ich wollte sie nicht davon abhalten. Das war eine Unklugheit. Als ich zur Falle kam, überzeugte ich mich sogleich, daß die, die Thür bildende bewegliche Bohle noch aufgezogen war, und zog daraus die logische Schlußfolgerung, daß sich bis jetzt kein Raubthier gefangen haben könne. Indessen wollte ich mich überzeugen, ob der Köder sich noch vorfinde und ob der Hebel richtig und leicht functionire. Ich glitt also mit geschickter kriechender Bewegung durch den engen Eingang.«

Mathias Van Guitt’s Hand erläuterte dabei durch eine elegante Wellenbewegung etwa das Schleichen einer Schlange durch das hohe Gras.

»Im Innern der Falle angelangt, fuhr der Händler fort, prüfte ich das Ziegenviertel, dessen Ausdünstung die Bewohner dieses Theiles des Waldes anlocken sollte. Der Köder erwies sich unberührt. Eben wollte ich umkehren, als ein Stoß meines Armes das Spiel des Hebels auslöste: die Klappe fiel nieder, und ich saß, ohne jede Möglichkeit, daraus entkommen zu zu können, in meiner eigenen Falle gefangen.«

Mathias Van Guitt schwieg einen Augenblick, um den ganzen Ernst seiner fatalen Lage zu kennzeichnen.

»Immerhin, meine Herren, nahm er seine Rede wieder auf, muß ich gestehen, daß ich die Sache anfänglich von ihrer komischen Seite auffaßte. Ich war eingesperrt, richtig! Hier gab es keinen Stockmeister, um die Thüre des Kerkers zu öffnen, auch wahr! Aber ich sagte mir, daß meine Leute, wenn ich ihnen allzu lange ausbliebe, Nachforschungen anstellen würden, die ja nicht ohne Erfolg bleiben konnten. Das Ganze erschien mir nur als eine Frage der Zeit.

»Was soll man in einer Herberge wohl anderes thun als schlafen? sagt ein französischer Erzähler. Ich schlief also ein, und so verflossen zwei Stunden ohne Veränderung meiner Situation. Der Abend sank hernieder, der Hunger meldete sich. Das Beste, was ich thun zu können glaubte, war, ihn durch Schlaf hinweg zu täuschen. Ich handelte als Philosoph und verfiel in tiefen Schlaf. Die Nacht war still; im Walde regte sich nichts. Mein Schlummer blieb ungestört, und vielleicht schliefe ich noch, wenn mich nicht ein ungewohntes Geräusch geweckt hätte. Die Klappe der Falle stieg langsam empor, das Licht des Tages brach sich Bahn in meinem dunklen Schlupfwinkel, und ich brauchte nur herauszutreten … Den Schreck können Sie sich vorstellen, als ich da das Mordinstrument auf meine Brust gerichtet sah. Noch einen Augenblick und ich war von einer Kugel durchbohrt! Die Stunde meiner Befreiung wäre die letzte meines Lebens gewesen! … Der Herr Kapitän beliebte aber in mir noch rechtzeitig ein Wesen seiner eigenen Gattung zu erkennen, und so habe ich Ihnen, meine Herren, nur noch den verbindlichsten Dank für meine Erlösung auszusprechen!«

So lautete die Erzählung des Händlers. Ich gestehe, daß wir uns nur mit Mühe bemeistern konnten, das Lachen zu unterdrücken, welches seine Worte und Gesten unwillkürlich erregten.

»Ihr Lagerplatz, fragte Banks, ist also in diesem Theile Tarryanis aufgeschlagen?

– Ja, mein Herr, bestätigte Mathias Van Guitt. Wie ich schon die Ehre hatte, Ihnen mitzutheilen, liegt mein Kraal kaum zwei Meilen von hier entfernt, und wenn Sie diesen mit Ihrer Gegenwart beehren wollen, wird es für mich ein Vergnügen sein, Sie daselbst zu empfangen.

– Gewiß, Herr Van Guitt, versicherte Oberst Munro, wir werden nicht verfehlen, unseren Besuch abzustatten.

– Wir sind Jäger, fügte Kapitän Hod hinzu, und die Einrichtung eines Kraals hat für uns ein natürliches Interesse.

– Jäger! rief Mathias Van Guitt, Jäger!« Sein Gesicht nahm unverkennbar einen Ausdruck an, der uns sagte, daß er die Söhne Nimrod’s nicht allzu hoch schätzte.

»Sie jagen Raubthiere … natürlich, um sie zu tödten? fuhr er, gegen den Kapitän gewendet, fort.

– Einzig und allein, um sie zu tödten, erklärte Hod.

– Und ich einzig und allein, um sie zu fangen! versetzte der Händler, der sich bei diesen Worten stolz in die Brust warf.

– Nun, Herr Van Guitt, erwiderte Kapitän Hod, da werden wir uns ja keine Concurrenz machen!«

Der Händler schüttelte den Kopf. Jedenfalls veranlaßte ihn unsere Eigenschaft als Jäger nicht, direct auf seine Einladung zurückzukommen.

»Wenn die Herren mir folgen wollten!« sagte er nur mit graziöser Verneigung.

In diesem Augenblicke ließen sich im Walde verschiedene Stimmen vernehmen und ein halbes Dutzend Hindus kamen um eine Ecke der Straße, welche von der Lichtung ausging.

»Ah, da sind meine Leute!« sagte Mathias Van Guitt.

Dann trat er näher an uns heran, legte den Finger auf den Mund und flüsterte uns halblaut zu:

»Bitte, kein Wort von meinem Abenteuer! Die Leute aus dem Kraal brauchen nicht zu wissen, daß ich mich wie ein Raubthier in eigener Falle fangen ließ. Das könnte das Ansehen vermindern, welches ich mir in deren Augen immer bewahren muß!«

Ein zusagendes Zeichen unsererseits beruhigte den Händler.

»Herr, begann da einer der Hindus, dessen ruhiges und doch intelligentes Gesicht meine Aufmerksamkeit erregte, Herr, schon über eine Stunde lang suchen wir Sie, ohne …

– Ich war bei diesen Herren, welche mich nach dem Kraal begleiten wollen, fiel ihm Mathias Van Guitt in’s Wort; bevor wir aber aufbrechen, bringt mir die Falle wieder in Ordnung!«

Die Hindus gehorchten willig dem Befehle des Händlers.

Inzwischen lud uns Mathias Van Guitt ein, das Innere der Falle in Augenschein zu nehmen. Kapitän Hod schlüpfte nach ihm hinein und ich folgte Beiden nach.

Der Raum war etwas beschränkt für die Entwickelung der Gesten unseres Wirthes, der damit so freigebig war, als ob er sich in einem Salon befände.

»Ich zolle Ihnen alle Achtung, sagte Kapitän Hod, nachdem er sich den Apparat angesehen, das ist wirklich recht sinnreich!

– Das dürfen Sie glauben, Herr Kapitän, antwortete Mathias Van Guitt. Diese Art von Fallen ist den früheren, mit Pfählen aus hartem Holze versehenen Gruben und den bogenförmig herabgezogenen elastischen Zweigen mit Laufknoten beiweitem vorzuziehen. Im ersteren Falle spießt das Thier sich auf, im zweiten Falle erwürgt es sich. Wenn es nur darauf ankommt, die reißenden Thiere auszurotten, so ist das ja ziemlich gleichgiltig. Ich aber, wie ich hier mit Ihnen rede, ich brauche jene lebendig und unverletzt, ohne jegliche Werthverminderung!

– Alles in Allem, bemerkte Kapitän Hod dagegen, verfahren wir Beide nicht auf gleiche Weise.

– Aber ich wahrscheinlich besser als Sie! versetzte der Händler. Wenn man die Raubthiere fragen könnte…

– Ja, ich befrage sie aber nicht!« erwiderte der Kapitän.

Kapitän Hod und Mathias Van Guitt hatten entschieden einige Mühe, sich zu verständigen.

»Aber, fragte ich den Händler, wenn sich nun ein Thier in solch‘ einer Falle fing, wie bringen Sie es in Gewahrsam?

– Dazu wird ein fahrbarer Käfig vor die Oeffnung gebracht, erklärte Mathias Van Guitt, in den sich die Gefangenen selbst hineinstürzen, und ich brauche sie dann nur, ruhig und sicher von meinen zahmen Büffeln gezogen, nach dem Kraal zu schaffen!«

Kaum hatte er diese Worte vollendet, als wir von außen her ein lautes Geschrei vernahmen.

Was mochte da geschehen sein?

Eben hatte ein Hindu eine Peitschenschlange von der gefährlichsten Art mit einem dünnen Stocke in zwei Theile getrennt, als sich das giftige Reptil gerade auf den Oberst Munro zuschlängelte.

Es war derselbe Hindu, der mir schon vorher auffiel. Sein rasches, entschlossenes Handeln hatte Sir Edward Munro von einem unerwarteten schnellen Tode gerettet, wie wir selbst zu sehen Gelegenheit hatten.

Der zu unseren Ohren dringende Schrei rührte nämlich von einem Diener aus dem Kraal her, der sich im letzten Todeskampfe auf dem Boden wälzte.

Durch ein bedauernswertes Mißgeschick war der glatt abgehauene Kopf der Schlange dem Armen an die Brust geflogen, die Zähne bohrten sich hier noch ein, und der Unglückliche hauchte, das entsetzliche Gift in den Adern, in kaum einer Minute sein Leben aus, ohne daß wir im Stande gewesen wären, ihn zu retten.

Zuerst erstarrt vor Schreck über dieses gräßliche Schauspiel, eilten wir dann sofort auf den Oberst Munro zu.

»Du bist doch nicht verletzt? fragte Banks, der seine Hand besorgt ergriff.

– Nein, Banks, beruhige Dich!« antwortete Sir Edward Munro.

Dann erhob er sich und ging auf den Hindu, seinen Lebensretter zu.

»Ich danke Dir, mein Freund!« sagte er.

Der Hindu gab durch eine Bewegung zu verstehen, daß er für seine That keinen besonderen Dank verdient habe.

»Wie ist Dein Name? fragte ihn Oberst Munro.

– Kâlagani!« antwortete der Hindu.

Elftes Capitel.


Elftes Capitel.

Auge in Auge.

Die Thugs, blutigen Andenkens, von denen Hindostan befreit zu sein scheint, haben doch ihrer ganz würdige Nachfolger hinterlassen. Es sind das die Dacoits, eine Art verwandelte Thugs. Das gewöhnliche Verfahren dieser Uebelthäter hat gewechselt, der Zweck der Mordthaten ist ein anderer geworden, aber das endliche Resultat ist dasselbe geblieben: die überlegte Tödtung, der Mord.

Jetzt handelt es sich nicht mehr darum, der wilden Kâli, der Todesgöttin, ein Opfer zu bringen. Wenn diese neueren Fanatiker nicht mehr stranguliren, so vergiften sie, um zu rauben. Den Würgern sind weitaus praktischere, aber gleichmäßig zu fürchtende Verbrecher gefolgt.

Die Dacoits, welche in gewissen Gebieten der Halbinsel besondere Banden bilden, nehmen Alles auf, was die anglo-indische Justiz an Mördern durch die Maschen ihres Netzes schlüpfen läßt. Sie streifen Tag und Nacht auf den Landstraßen umher, vorzüglich in den wilden Gegenden, und bekanntlich bietet gerade Bundelkund die geeignetsten, schwer zugänglichen Plätze. Zuweilen vereinen sich diese Banden zu starken Haufen, um ein vereinzelt liegendes Dorf zu überfallen. Da bleibt dessen Bewohnern nichts übrig als die schleunigste Flucht; wer von ihnen in die Hände der Dacoits fällt, dem stehen die entsetzlichsten, ausgesuchtesten Qualen bevor. Hier erwachten die Sagen von den Mordbrennern des äußersten Westens wieder zum Leben. Wenn man Louis Rousselet glauben darf, so »überbot die List dieser Scheusale, das erbarmungslose Verfahren derselben, Alles, was die phantasiereichsten Erzähler jemals erdacht haben«.

In die Gewalt einer solchen, von Kâlagani angeleiteten Bande Dacoits war der unglückliche Oberst Munro gefallen. Ehe er zu Besinnung kommen konnte, was mit ihm vorging, sah er sich gewaltsam von seinen Gefährten getrennt und auf der Straße nach Jubbulpore fortgeschleppt.

Kâlagani hatte seit dem Tage, wo er zu den Insassen des Steam-Houses in Beziehung trat, nur Verrath gebrütet. Nana Sahib war es, der ihn abgeschickt, der gerade ihn erwählt hatte, seinen Racheplan vorzubereiten.

Man erinnert sich, daß der Nabab am verwichenen 24. Mai in Bhopal, während der letzten Moharum-Feste, zu denen er sich mit Verachtung jeder Gefahr begeben hatte, von der Abreise Sir Edward Munro’s nach den nördlichen Provinzen Indiens Nachricht erhielt. Auf seinen Befehl verließ damals Kâlagani, einer der seiner Sache und Person am meisten ergebenen Hindus, die Stadt Bhopal. Dessen Auftrag lautete dahin, der Spur des Obersten nachzugehen, ihn aufzuspüren, niemals aus den Augen zu lassen, wenn es nöthig werden sollte, selbst das Leben zu wagen und sich in die nähere Umgebung des gehaßten Feindes Nana Sahib’s einzuschleichen.

Kâlagani war in derselben Stunde aufgebrochen, um nach Norden zu gehen. Schon in Khanpur gelang es ihm, den Zug des Steam-Houses einzuholen. Seit dieser Zeit hatte er, ohne sich je sehen zu lassen, auf eine günstige Gelegenheit gewartet, die sich jedoch nicht einstellte. Deshalb entschloß er sich, als Oberst Munro nebst seinen Begleitern im Sanatorium des Himalaya rastete, einstweilen bei Mathias Van Guitt Dienste zu nehmen.

Kâlagani sagte sich, daß zwischen dem Kraal und dem Sanatorium bald ein täglicher Verkehr entstehen müßte. Das geschah denn auch, und es glückte ihm nebenbei, vom ersten Tage ab nicht nur die besondere Aufmerksamkeit Oberst Munro’s zu erregen, sondern sich auch einen gewissen Anspruch auf dessen Erkenntlichkeit zu erwerben.

Damit war für ihm der schwierigste Punkt überwunden. Das Uebrige ist bekannt. Der Hindu kam sehr häufig nach dem Steam-House, er wurde von den weiteren Plänen der Bewohner desselben unterrichtet und erfuhr, welchen Weg Banks später einzuschlagen gedachte. Nun beherrschte ihn blos noch der eine Gedanke, womöglich als Führer der Expedition angenommen zu werden, wenn diese wieder nach dem Süden hinabzog.

Kâlagani versäumte nichts, um dieses Ziel zu erreichen. Er schrak selbst nicht davor zurück, nicht allein das Leben der Anderen, sondern auch das eigene auf’s Spiel zu setzen. Wie das zuging, ist schon aus dem Vorhergehenden bekannt.

So kam ihm der Gedanke, daß jeder Verdacht schwinden müsse, wenn er die Expedition vom Anfang der Rückreise an, aber immer im Dienste Mathias Van Guitt’s, begleitete, und daß ihm Oberst Munro vielleicht das selbst anbieten würde, wonach er vor Allem verlangte.

Um das aber zu erreichen, mußte der Händler erst seiner Zugthiere, der Büffelgespanne, beraubt und dadurch genöthigt werden, die Hilfe des Stahlriesen in Anspruch zu nehmen. So machte er sich den – allerdings unerwarteten – Ueberfall der Raubthiere zunutze. Auf die Gefahr hin, ein entsetzliches Unglück anzurichten, schob er unbemerkt die Holzriegel zurück, welche das Thor des Kraals verschlossen. Die Tiger und Panther stürzten in die Umzäunung. Die Büffel wurden zerfleischt oder vertrieben, einige Hindus kamen bei der Affaire um’s Leben, aber – Kâlagani’s Absicht war erreicht: Mathias Van Guitt sah sich gezwungen, Oberst Munro’s Unterstützung zu erbitten, um mit seiner fahrenden Menagerie nach Bombay zu gelangen.

Es wäre in der That schwierig gewesen, in der fast wüsten Gegend des Himalaya neue Gespanne zu beschaffen, der Sicherheit halber unternahm es Kâlagani aber selbst, sich scheinbar um die Besorgung neuer Zugthiere zu bemühen. Natürlich waren seine Bemühungen fruchtlos, und so mußte Mathias Van Guitt mit seinem Personal und der Menagerie im Schlepptau des Stahlriesen bis zur Station Etawah ziehen.

Von da aus sollte der Weitertransport der ganzen Waare des Händlers auf der Eisenbahn erfolgen. Die jetzt überflüssig gewordenen Chikaris wurden entlassen und Kâlagani sollte ebenfalls verabschiedet werden. Da gab er sich den Anschein, als sei er sehr in Verlegenheit, was er nun beginnen sollte. Banks ließ sich dadurch tauschen. Er sagte sich, daß der intelligente diensteifrige Hindu ihnen mit seiner genauen Kenntniß gerade dieses Theiles von Indien werde von großem Nutzen sein können, bot ihm daher an, bis Bombay den Dienst als Führer zu versehen, und von demselben Tage ab lag das Schicksal der Expedition in Kâlagani’s Hand.

Noch ließ nichts in dem Hindu, der sich stets zu jedem Opfer bereit zeigte, einen niedrigen Verrath vermuthen.

Nur einmal war Kâlagani daran, sich eine Blöße zu geben, damals nämlich, als Banks gegen ihn von Nana Sahib’s Tode sprach. Er machte unwillkürlich eine Geste und schüttelte den Kopf wie Einer, der an das Gehörte nicht glauben kann. Dasselbe hätte aber jeder Hindu gethan, dem der sagenhafte Nabab als eines jener übernatürlichen Wesen gilt, die der Tod nicht erreichen kann.

Ob Kâlagani diese Nachricht bei der – übrigens nicht zufälligen – Begegnung mit einem alten Kameraden unter der Karawane von Banjaris bestätigt wurde, weiß man zwar nicht, gewiß erhielt er aber verläßliche Auskunft.

Jedenfalls gab der Verrather seine abscheulichen Absichten niemals auf, als wolle er die Projecte des Nabab nun selbst zur Ausführung bringen.

So setzte das Steam-House seinen Weg quer durch die Schluchten der Vindhyas fort und gelangte unter vielfachen, dem Leser bekannten Zwischenfällen nach dem Ufer des Puturia-Sees, auf dem es vorläufig Zuflucht suchen mußte

Als Kâlagani hier unter dem Vorwande, nach Jubbulpore zu gehen, den schwimmenden Train verlassen wollte, ließ er sich zum ersten Male durchschauen. So sehr er sich sonst zu bemeistern wußte, hatte doch eine einfache physiologische Erscheinung, die der Aufmerksamkeit des Oberst nicht entgehen konnte, gegen ihn Verdacht erweckt, und wir wissen jetzt, daß dieser nur zu sehr begründet war.

Man ließ ihn aufbrechen, gab ihm aber Goûmi zur Begleitung. Beide sprangen in’s Wasser und erreichten nach einer Stunde das südöstliche Ufer des Puturia.

Darauf gingen sie neben einander durch die dunkle Nacht dahin, der Eine den Anderen scharf beobachtend, während der Zweite das nicht vermuthete. Bisher war der Vortheil auf Seiten Goûmi’s, dieses zweiten Mac Neil des Oberst Munro.

Drei volle Stunden marschirten die beiden Hindus auf der Landstraße hin, welche die südlichen Abhänge der Vindhyas durchschneidet und bei der Station Jubbulpore mündet. Auf dem Lande war der Nebel beiweitem dünner als auf dem Wasser. Goûmi behielt seinen Begleiter scharf im Auge. Im Gürtel trug er ein tüchtiges Messer. Bei der ersten verdächtigen Bewegung war er entschlossen, sich auf Kâlagani zu stürzen und diesen mindestens unschädlich zu machen.

Leider behielt der treue Hindu nicht Zeit genug, seinen Vorsatz auszuführen.

Die mondlose Nacht war tiefdunkel. Auf die Entfernung von zwanzig Schritten hätte man einen dahingehenden Menschen nicht erkennen können.

Da erscholl plötzlich an einer Windung der Straße eine Stimme, welche Kâlagani anrief.

»Hier, Nassim!« antwortete der Hindu.

Gleichzeitig ertönte zur Linken der Straße ein scharfer, sonderbarer Schrei.

Das war der »Kisri« (das Kriegsgeschrei) der wilden Stämme von Goudwana, den Goûmi nur zu gut kannte.

Die Ueberraschung hatte Goûmi’s Arm gelähmt. Was hätte er auch, wenn er Kâlagani erdolchte, gegen einen ganzen Haufen Hindus ausrichten können, den jener Kriegsruf herbeilocken mußte? Eine düstere Ahnung mahnte ihn zu fliehen, um wenigstens die drohende Gefahr zu melden.

Goûmi zauderte keinen Augenblick. Als Kâlagani mit jenem Nassim zusammentraf, der ihn angerufen hatte, sprang er zur Seite und verschwand in den Dschungeln neben der Straße.

Und als Kâlagani mit seinen Kameraden zurückkam, in der Absicht, sich des Begleiters, den Oberst Munro ihm aufgedrungen, zu entledigen, da war Goûmi nicht mehr zur Stelle.

Nassim, der Anführer einer der Sache Nana Sahib’s ergebenen Bande Dacoits, schickte sofort seine Leute aus, um den Entschwundenen zu suchen. Er wollte um jeden Preis den muthigen Diener wieder erlangen, der ihm entflohen war.

Alle Nachforschungen aber erwiesen sich fruchtlos. Ob Goûmi nur durch die Finsterniß geschützt wurde, oder in irgend welchem Schlupfwinkel Schutz gefunden hatte, jedenfalls mußten die Straßenräuber darauf verzichten, ihn wiederzufinden.

Was hatten die Dacoits von Goûmi übrigens zu befürchten, der in dieser wilden Gegend auf sich angewiesen und jetzt drei volle Stunden vom Puturia entfernt war, den er doch vor ihnen auf keinen Fall erreichen konnte?

Kâlagani traf danach seine Maßnahmen. Er verhandelte einen Augenblick mit dem Führer der Dacoits, der seine Befehle zu erwarten schien. Dann machten Alle Kehrt und wandten sich schnellen Schrittes dem Puturia zu.

Wenn diese Horde jetzt die Schlupfwinkel in den Vindhyas, wo sie seit einiger Zeit hauste, verlassen hatte, so lag der Grund darin, daß ihnen Kâlagani die demnächstige Ankunft des Oberst Munro in der Umgebung des Puturia-Sees gemeldet hatte. Durch wen aber? Eben durch jenen Hindu, der kein Anderer als Nassim war und seinerzeit der Karawane der Banjaris folgte. Und wem hatte er das gemeldet? Dem, dessen Hand im Verborgenen alle diese Vorgänge leitete.

Was schon geschehen und was noch geschah, war in der That das Resultat eines wohldurchdachten Planes, dem Oberst Munro und seine Begleiter zum Opfer fallen mußten. In Folge dessen konnten die Dacoits auch, als der Train an das Südufer des Sees stieß, denselben unter Anführung Nassim’s und Kâligani’s überfallen.

Der ganze Anschlag galt indeß nur dem Oberst Munro allein. Seine Begleiter waren ja in diesem trostlosen Landstriche nach Zerstörung ihres letzten Wagens nicht weiter zu fürchten. Jener wurde also fortgeschleppt und befand sich um sieben Uhr Morgens schon sechs Meilen vom Puturia-See.

Man durfte wohl kaum annehmen, daß Oberst Munro von Kâlagani nach der Station Jubbulpore gebracht werden würde. Jener sagte sich auch selbst, daß er aus dem Gebiete der Vindhyas schwerlich herauskommen und, einmal in der Macht seiner Todfeinde, diesen kaum jemals wieder entrinnen werde.

Sein kaltes Blut hatte der nie verzagende Mann aber nicht verloren. Er schritt, bereit auf Alles, was nur geschehen konnte, inmitten der wilden Hindus dahin und stellte sich, als ob er Kâlagani überhaupt nicht sehe. Der Verräther marschirte an der Spitze der Truppe, deren Anführer er in der That zu sein schien. An Flucht war nicht zu denken. Gefesselt wurde Oberst Munro zwar nicht, er sah aber auch weder vorn, noch hinten, ebensowenig an den Seiten eine Lücke in der Escorte, durch die er hätte entschlüpfen können. Uebrigens mußte er ja auch im ersten Augenblicke wieder eingefangen werden. Er vergegenwärtigte ich nun seine Lage mit allen möglichen Folgen derselben. Daß Nana Sahib bei dem ganzen Vorgänge eine Hand im Spiele habe, konnte gerade er nicht glauben, da für ihn der Nabab als todt galt. Irgend ein Waffengefährte des alten Rebellenführers aber, z. B. Balao Rao, konnte ja wohl vom Hasse getrieben werden, den Racheplan auszuführen, dem sein Bruder das ganze Leben geweiht hatte. Sir Edward Munro fühlte, daß es sich hierbei um etwas dergleichen handle.

Dabei dachte er auch an den armen Goûmi, den er nicht als Gefangenen der Dacoits sah. Vielleicht war es ihm ja gelungen, zu entfliehen, wahrscheinlich aber hatte er den Tod gefunden. Doch selbst wenn er heil und gesund geblieben, war auf Hilfe von seiner Seite schwerlich zu rechnen.

Wenn Goûmi nämlich, um Unterstützung zu holen, bis zur Station Jubbulpore gelaufen war, so kam er damit zu spät.

Hatte er dagegen Banks und die Anderen am Südende des Sees wieder zu finden gesucht, so konnten doch auch diese wegen Mangels an Munition nichts ausrichten. Sie beeilten sich vielleicht selbst, schnell nach Jubbulpore zu kommen … bevor sie das aber erreichten, war der Gefangene längst nach irgend einem unzugänglichen Schlupfwinkel in den Vindhyas gebracht worden.

Nach dieser Seite hin mußte er also jede Hoffnung aufgeben.

Oberst Munro betrachtete die Sachlage mit ruhigem Blicke. Er verzweifelte nicht, er war nicht der Mann dazu, sich gänzlich niederbeugen zu lassen, aber er liebte es, die Sachen nüchtern zu betrachten, statt sich einer unbegründeten Illusion hinzugeben, was seiner nicht würdig schien.

Die Horde Hindus marschirte mit größter Geschwindigkeit. Nassim und Kâlagani strebten offenbar danach, vor Sonnenuntergang an einer vorherbestimmten Stelle anzulangen, wo sich das Los des Oberst entscheiden sollte. Wenn der Verräther Eile hatte, so wünschte auch Sir Edward Munro ein Ende zu sehen, ganz gleichgiltig, welches das Schicksal ihm bestimmt hätte.

Nur einmal gegen Mittag ließ Kalagani eine halbe Stunde Halt machen. Die Dacoits führten Lebensmittel mit sich und begannen am Ufer eines kleinen Baches zu essen.

Auch dem Oberst wurde etwas Brot und ein wenig getrocknetes Fleisch vorgelegt, was dieser nicht abwies. Er hatte seit dem vorigen Tage nichts genossen und wollte seinen Feinden nicht die Freude gönnen, ihn vielleicht in der letzten Stunde körperlich schwach zu sehen.

Bis hierher waren schon sechzehn Meilen unter forcirtem Marsche zurückgelegt worden. Auf Kalagani’s Befehl setzte sich Alles wieder in Bewegung und zog gegen Jubbulpore weiter.

Erst gegen fünf Uhr Nachmittags verließen die Dacoits die Landstraße und bogen von derselben nach links ab. Wenn Oberst Munro auf jenem Hauptwege noch einen Schimmer von Hoffnung hegen konnte, so sah er nun wohl ein, daß sein Geschick nur in den Händen Gottes lag.

Eine Viertelstunde später durchschritten Kalagani und seine Begleiter einen Engpaß, der, nach dem wildesten Theile von Bundelkund zu, den Ausgang des Nerbudda-Thales bildete.

Diese Stelle lag etwa hundertfünfzig Kilometer von dem Pal von Tandit, im Osten jener Sautpourra-Berge, die man als die westliche Fortsetzung der Vindhyas ansehen kann.

Da erhob sich auf einem der letzten Bergausläufer die alte Veste Ripore, seit langer Zeit schon aufgegeben, weil sie, wenn die westlichen Engpässe von einem Feinde gesperrt wurden, auf keine Weise mehr mit Proviant und Schießbedarf versorgt werden konnte.

Das Fort thronte auf einem der letzten Vorsprünge der Bergkette, einer Art natürlichem Sägewerk (ein zickzackförmig verlaufender Wall), von etwa fünfhundert Fuß Höhe, und hing über eine größere Erweiterung des Passes, in der Mitte der benachbarten Bergzüge heraus. Man konnte nach demselben nur auf einem schmalen, in vielen Krümmungen am Felsen emporsteigenden Wege gelangen, der kaum für Fußgänger zugänglich war.

Auf der Kuppe des Berges lagen noch einige halb abgetragene Courtinen und einige Bastionen in Trümmern. Mitten auf einem freien Platz, den ein Steingeländer gegen den Abgrund zu umschloß, erhob sich noch ein verfallenes Gebäude, früher die Kaserne der kleinen Garnison von Ripore, das man jetzt kaum noch als Stall verwandt hätte.

Von allen Geschützen, welche sonst mit ihren drohenden Mündungen durch die Schießscharten der Außenmauer lugten, war nur noch ein einziges, jetzt nach innen gerichtet, übrig, eine Kanone, die zu schwer war, um ohne große Mühe weggeschafft zu werden, und in zu schlechtem Zustande, um ihr einen besonderen Werth beizumessen. So stand sie verlassen noch auf der riesigen Lafette und der Rost nagte langsam an dem eisernen Rohre.

Sie bildete übrigens ihrer Größe und Dicke nach ein würdiges Seitenstück der berühmten Bronzekanone von Bhilsa, jenes ungeheueren Geschützes von sechs Metern Rohrlänge und einem Kaliber von vierundvierzig Centimetern, das zur Zeit Jehanghir’s gegossen worden war. Auch hätte man sie mit der nicht minder bekannten Kanone von Bidjapour vergleichen können, deren Donner, nach Aussage der Eingebornen, alle Bauwerke der Stadt in ihren Grundvesten erschütterte.

Diesen Anblick also bot die Veste von Ripore, wohin der Gefangene durch Kâlagani’s Spießgesellen geführt wurde. Es war um sechs Uhr Abends, als er daselbst, nach einem Marsche von fünfundzwanzig Meilen, anlangte.

Oberst Munro sollte nicht lange darüber im Zweifel bleiben, welchem seiner Feinde er hier entgegentreten sollte.

Das verfallene Gebäude auf dem Platze diente noch einer Abtheilung Hindus als Wohnstätte. Als die neu angekommenen Dacoits längs der äußeren Mauer sich kreisförmig aufgestellt, traten jene aus dem Hause hervor.

Oberst Munro stand in der Mitte und wartete ruhig mit gekreuzten Armen.

Kâlagani trat aus der Menge hervor und ging den Anderen einige Schritte entgegen.

Ein einfach gekleideter Hindu erschien an der Spitze der Abtheilung.

Kâlagani blieb vor diesem stehen und verneigte sich. Der Hindu reichte ihm die Hand, welche er voll Ehrfurcht küßte. Ein Zeichen mit dem Kopfe bedeutete ihm, daß man mit seinen Diensten zufrieden war.

Dann schritt der Hindu auf den Gefangenen zu, langsam zwar, aber mit flammenden Augen und allen Zeichen einer kaum verhaltenen Wuth. Man hätte geglaubt, ein Raubthier schleiche sich nach seiner Beute.

Oberst Munro ließ jenen nahe kommen, ohne einen Schritt zurückzuweichen, und fixirte denselben ebenso scharf, wie dieser den Gefangenen.

Jetzt war der Hindu nur noch fünf Schritte von ihm entfernt.

»Es ist blos Balao Rao, der Bruder des Nabab! sagte der Oberst mit verächtlichem Tone.

– Sieh mich besser an! entgegnete der Hindu.

– Nana Sahib! rief Oberst Munro, unwillkürlich zurückschreckend. Nana Sahib am Leben! …«

Ja wohl, der Nabab selbst, der alte Rebellenführer im Aufstande der Sipahis, der unversöhnliche Feind Munro’s.

Bei dem Gefechte in der Nahe des Pals von Tandit war nur sein Bruder Balao Rao gefallen.

Die außergewöhnliche Aehnlichkeit der zwei Männer, die beide ein pockennarbiges Gesicht und denselben Finger der nämlichen Hand amputirt hatten, täuschte damals die Soldaten von Luknow und Khanpur. Sie erkannten den Nabab in der Leiche seines Bruders, eine Verwechslung, die wohl Jedem passirt wäre. Als den Behörden damals also der Tod des Nabab gemeldet wurde, lebte Nana Sahib noch, nur Balao Rao war nicht mehr.

Diesen Umstand wußte sich Nana Sahib zunutze zu machen; er gewährte ihm ja eine fast absolute Sicherheit. Seinem Bruder wurde von der englischen Polizei gar nicht mit größerem Eifer nachgespürt. Die Gräuelthaten von Khanpur legte man diesem ja nicht zur Last, und er besaß auf die Hindus Central-Indiens auch nicht den verderblichen Einfluß, wie der Nabab.

Als Nana Sahib aber sich so hitzig verfolgt sah, beschloß, er so lange die Rolle eines Todten zu spielen, bis sich die passende Gelegenheit böte, wieder handelnd aufzutreten; er verzichtete also vorläufig auf alle revolutionären Pläne und brütete allein darüber, wie er selbst sich rächen könne. Noch niemals lagen die Verhältnisse dafür günstiger. Oberst Munro, den seine Sendboten fortwährend überwachten, hatte sich von Calcutta auf eine Reise begeben, die ihn nach Bombay führen sollte. War es da nicht möglich, ihn in das Gebiet der Vindhyas durch die Provinzen von Bundelkund zu locken? Nana Sahib setzte das voraus und schickte daher den getreuen Kâlagani zur Ausführung dieses Planes ab.

Der Nabab verließ bald den Pal von Tandit, der ihm nicht mehr sicher genug schien, und drang weiter in das Nerbudda-Thal bis zu den letzten Schluchten der Vindhyas ein. Da lag die Festung Ripore, die ihm auf den ersten Blick als geeigneter Zufluchtsort erschien, in dem die Behörden Den, welchen sie für todt hielten, schwerlich auftreiben würden.

Nana Sahib zog sich also mit einigen, seiner Person ergebenen Hindus hierher zurück, erhielt bald Verstärkung durch eine Gesellschaft Dacoits, Gesellen, welche würdig waren, unter einem solchen Führer zu dienen, und wartete nun den Lauf der Dinge ab.

Auf was wartete er seit vier Monaten? Einzig darauf, daß Kâlagani seinen Auftrag durchführen und ihm die baldige Ankunft des Oberst Munro in den Vindhyas anmelden sollte, wo jener unter seine Gewalt kam.

Nur einer Befürchtung konnte Nana Sahib sich nicht ganz entschlagen. Wenn die über die ganze Halbinsel verbreitete Kunde von seinem Tode auch zu Kâlagani’s Ohren drang und dieser der Nachricht Glauben schenkte, konnte es ihn ja leicht veranlassen, auf sein Verrätherwerk gegenüber Oberst Munro zu verzichten.

Aus diesem Grunde sendete er noch einen anderen Hindu auf der Hauptstraße nach Bundelkund hin, eben jenen Nassim, der dem Steam-House auf dem Wege durch Scindia unter der Banjari-Karawane begegnete, sich in Verbindung mit Kâlagani zu setzen wußte und diesen über den wahren Sachverhalt aufklärte.

Nassim kehrte unmittelbar darauf nach der Veste Ripore zurück und theilte Nana Sahib Alles mit, was sich seit Kâlagani’s Abreise aus Bhopal zugetragen hatte. Oberst Munro und seine Begleiter fuhren unter Kâlagani’s Führung in kleineren Tagereisen durch die Vindhyas, und am Puturia-See sollte man sie erwarten.

Alles war dem Nabab nach Wunsch gegangen. Der Tag der Rache kam heran.

Heut‘ Abend stand nun Oberst Munro allein, ohne Waffen, vor ihm.

Nach den ersten rasch gewechselten Worten sahen sich die beiden Männer scharf in’s Gesicht, ohne nur eine Silbe zu sprechen.

Da, als dem Oberst plötzlich das Bild der Lady Munro recht lebhaft vor Augen trat, stürmte ihm das Blut heftig aus dem Herzen zum Kopfe – er wollte sich auf dem Mörder der Opfer von Khanpur stürzen …

Nana Sahib trat nur einige Schritte zurück.

Drei Hindus fielen über den Oberst her und bändigten ihn, wenn auch mit großer Mühe.

Inzwischen hatte Sir Edward Munro die Herrschaft wieder über sich selbst gewonnen. Der Nabab erkannte das offenbar, denn er winkte den Hindus, von ihm abzulassen.

Die beiden Feinde standen sich nun Auge in Auge gegenüber.

»Deine Landsleute, Munro, begann Nana Sahib, haben die hundertzwanzig Gefangenen von Peschawar vor die Mündungen ihrer Kanonen gebunden und seit jenem Tage sind über zwölfhundert Sipahis desselben entsetzlichen Todes gestorben! Deine Landsleute metzelten ohne Schonung die Flüchtlinge von Lahore nieder, erdrosselten nach der Einnahme von Delhi drei Fürsten und neunundzwanzig andere Mitglieder der königlichen Familie; sie haben in Laknau sechstausend der Unsrigen und dreitausend nach dem Feldzuge im Pendschab gemordet! Alles in Allem sind durch die Kanone, die Flinte, den Galgen und das Schwert hundertzwanzigtausend Officiere und Soldaten der Natifs-Armee und zweihunderttausend Eingeborne von Euch wegen jener Erhebung für unsere nationale Unabhängigkeit grausam hingeopfert worden!

– Zum Tode mit ihm! Zum Tode!« riefen die Dacoits und die Hindus, welche Nana Sahib umringten.

Der Nabab gebot ihnen Stillschweigen und wartete, daß Oberst Munro ihm antworten sollte.

Der Oberst erwiderte nichts.

»Du selbst, Munro, fuhr der Nabab fort, hast mit eigener Hand die Rani von Jansi, meine treue Gefährtin, getödtet … und sie ist noch nicht gerächt!«

Oberst Munro schwieg auch hierauf still.

»Endlich ist vor vier Monaten, sagte Nana Sahib, mein Bruder Balao Rao unter den mir bestimmten Kugeln gefallen … und mein Bruder ist noch nicht gerächt!

– Zum Tode! Zum Tode mit ihm!«

Die Rufe erklangen lauter als vorher und die ganze Horde schien nicht übel Lust zu haben, über den Gefangenen herzufallen.

»Ruhe! rief Nana Sahib, erwartet die Stunde des Gerichts!«

Alle schwiegen.

»Es war, nahm der Nabab wieder das Wort, einer Deiner Vorfahren, Munro, jener Hektor Munro, der zuerst jene gräßliche Strafe ersann und vollstrecken ließ, von der Deine Landsleute im Kriege von 1857 einen so schamlos schrecklichen Gebrauch gemacht haben. Er ließ schon früher viele Hindus, unsere Väter, unsere Brüder, lebend vor die Mündungen der Kanonen binden…«

Wieder brach ein Sturm des Unwillens in der blutgierigen Menge los, den Nana Sahib kaum zu besänftigen vermochte.

»Auge um Auge! Zahn um Zahn! sagte er. Du wirst denselben Tod erleiden, Munro, wie so viele der Unsrigen!«

Darauf drehte er sich um.

»Sieh hier diese Kanone!«

Der Nabab wies dabei nach dem gewaltigen, fünf Meter langen Geschütz, das mitten auf dem Platze stand.

»Man wird Dich, fuhr er fort, vor die Mündung dieser Kanone binden! Sie ist geladen, und morgen mit Sonnenaufgang wird ihr Donner, wenn er in den tiefsten Gründen der Vindhyas widerhallt, Allen verkünden, daß Nana Sahib’s Rachedurst endlich gelöscht ist!«

Oberst Munro sah den Nabab fest, aber mit einer Ruhe an, welche auch die Ankündigung seines nahen Todes nicht zu erschüttern vermochte.

»Gut, erwiderte er, Du thust nur, was ich gethan hätte, wenn Du in meine Hände gefallen wärst!«

Darauf stellte sich Oberst Munro freiwillig vor die Mündung des Geschützes wo er mit auf dem Rücken gebundenen Händen mittels starker Stricke angebunden wurde.

Noch lange Zeit nachher schmähten und schimpften ihn die erbärmlichen Dacoits und Hindus – als ob Sioux-Indianer in Nordamerika einen zum Tode Verurtheilten noch am Richtpfahl zu peinigen suchten.

Mit einbrechender Nacht verschwanden Nana Sahib, Kâlagani und Nassim in der alten Kaserne. Ermüdet verließ auch die übrige Bande allmälich den Platz und folgte ihren Führern nach.

Den Tod und den allmächtigen Gott vor Augen, blieb Sir Edward Munro allein zurück.

Neuntes Capitel.


Neuntes Capitel.

Allahabad.

Zwischen Benares und Allahabad beträgt die Entfernung etwa hundertdreißig Kilometer. Die Straße folgt fast stets dem rechten Ufer des Ganges und liegt zwischen der Eisenbahn und dem Strome. Storr hatte Kohlensteine besorgt und den Tender damit versehen. Für mehrere Tage war die Ernährung des Elephanten also gesichert. Wohl gereinigt – ich hätte bald gesagt, gestriegelt – sauber, als käme er eben aus der Werkstätte, schien er ungeduldig die Zeit der Abfahrt zu erwarten. Er bäumte sich zwar nicht, aber das leise Knarren der Räder verrieth die Spannung der Dämpfe, die seine Stahlbrust erfüllten.

Unser Zug setzte sich am 24. mit einer Geschwindigkeit von drei bis vier Meilen in der Stunde in Bewegung.

Die Nacht war ohne Störung verlaufen und der Bengali uns nicht ferner zu Gesicht gekommen.

Hier sei ein- für allemal bemerkt, daß unsere Lebensweise, bezüglich der Zeit des Aufstehens und Niederlegens, des ersten und zweiten Frühstücks, des Mittagessens und der Siesta nach demselben mit militärischer Pünktlichkeit geregelt war. Im Steam-House ging Alles ebenso regelmäßig zu, wie im Bungalow zu Calcutta. Unaufhörlich wechselte die umgebende Landschaft vor unseren Blicken, ohne daß die Wohnung sich nur von der Stelle zu bewegen schien. Wir waren an dieses neue Leben schon vollständig gewöhnt, wie ein Passagier an Bord eines überseeischen Dampfers – außer dessen Monotonie, denn uns umschloß nicht immer der gleichbleibende Horizont des Meeres.

Um elf Uhr ward an diesem Tage in der Ebene ein merkwürdiges Mausoleum von mongolischer Bauart sichtbar, errichtet zu Ehren zweier geheiligter Persönlichkeiten des Islam, nämlich Kassim Solimans, des Vaters und des Sohnes; eine halbe Stunde später die starke Festung von Chunar, deren pittoreske Bollwerke einen uneinnehmbaren, vom Spiegel des Ganges hundertfünfzig Fuß senkrecht in die Höhe steigenden Felsen krönen.

Es kam nicht in Frage, hier anzuhalten, um die Festung zu besuchen, die eine der bedeutendsten im Gangesthale und so gelegen ist, daß sie im Fall eines Angriffs Pulver und Blei gar nicht braucht. Offenbar würde jede Sturmcolonne, welche diese Mauern zu erklimmen suchte, durch eine für diesen Fall bereitliegende Lawine von Felsenstücken zermalmt werden.

Am Fuße derselben breitet sich die gleichnamige Stadt aus, deren schmucke Häuser sich im Grün verbergen.

Von Benares her wissen wir, daß es mehrere privilegirte Orte giebt, die von den Hindus als Heiligthümer verehrt werden. Bei genauerer Zählung würde man auf der Halbinsel leicht Hunderte von solchen finden. Auch die Veste Chunar besitzt eine solche geweihte Stätte. Hier zeigt man nämlich eine Marmorplatte, auf der irgend ein Gott regelmäßig Siesta hält. Freilich bleibt der Gott dabei unsichtbar. Wir haben uns auch nicht bemüht, ihn zu sehen.

Abends machte der Stahlriese bei Mirzapore für die nächste Nacht halt. Wenn es dieser Stadt an Tempeln nicht fehlt, so besitzt sie doch auch gewerbliche Etablissements und eine Verladestelle für die in der Umgegend erzeugte Baumwolle. Sie wird sich einst zu einem bedeutenden Handelsplatze emporschwingen.

Am nächsten Tage, am 25., kamen wir gegen zwei Uhr Mittags durch den kleineren Fluß Tonsa, der zu dieser Jahreszeit nur einen Fuß Wassertiefe hat. Um fünf Uhr wurde die Stelle passirt, wo sich die Bahnstrecke von Bombay nach Calcutta anschließt. Nahe dem Punkte, wo die Jumma in den Ganges fällt, bewunderten wir den herrlichen Eisen-Viaduct, der seine sechzehn je sechzig Fuß hohen Pfeiler in den Wellen dieses schönen Nebenstromes badet. Wir kamen ohne Schwierigkeit über die einen Kilometer lange Schiffsbrücke, welche das rechte und linke Ufer verbindet, und am Abend hielten wir nahe einer Vorstadt Allahabads.

Der nächste Tag, der 26., war zu einem Besuche dieser bedeutenden Stadt bestimmt, von der die Hauptbahnlinien Hindostans ausstrahlen. Sie besitzt eine ganz entzückende Lage, inmitten des reichsten Gebietes und zwischen den beiden Wasserläufen der Jumma und des Ganges.

Die Natur hat offenbar Alles gethan, um Allahabad zur Hauptstadt von Englisch-Indien, zum Mittelpunkt der Regierung und zur Residenz des Vicekönigs zu machen. Es ist auch gar nicht unwahrscheinlich, daß sie das noch einmal wird, im Falle die Cyclone der heutigen Hauptstadt Calcutta gar zu arg mitspielen. Sicher ist, daß einige weitblickende Köpfe diese Eventualität schon in’s Auge gefaßt und erwägt haben. In dem großen Körper, der sich Indien nennt, liegt Allahabad an der Stelle, die das Herz einnimmt, wie Paris im Herzen Frankreichs. London freilich liegt nicht in der Mitte des Vereinigten Königreichs, aber London hat auch nicht ein so ausgesprochenes leitendes Uebergewicht, gegenüber den englischen Städten Liverpool, Manchester, Birmingham, wie Paris gegenüber allen Städten Frankreichs.

»Und von hier aus gehen wir geraden Wegs nach Norden? fragte ich Banks.

– Ja, antwortete dieser, mindestens ziemlich geraden Wegs. Allahabad bildet im Westen den äußersten Punkt dieses ersten Theiles unserer Reise.

– Nun endlich! rief Kapitän Hod, diese großen Städte sind ja ganz gut und schön, aber die unendlichen Ebenen, die weiten Dschungeln sind doch weit besser. Wenn wir immer so neben dem Schienenstrange hinziehen, werden wir zuletzt auch noch darauf hinrollen und unser Stahlriese verwandelt sich zur simplen Locomotive! Welche Erniedrigung!

– Beruhigen Sie sich, Hod, das wird nie geschehen. Wir werden bald in Ihre Lieblingsgebiete hinausziehen.

– Wir fahren also direct auf die indo-chinesische Grenze zu, ohne durch Laknau zu kommen?

– Ich möchte diese Stadt, vor Allem aber Khanpur vermeiden, das für Oberst Munro gar zu viele traurige Erinnerungen birgt.

– Sie haben recht, bemerkte ich, wir werden niemals weit genug davon vorüberkommen.

– Sagen Sie, Banks, fiel da Kapitän Hod ein, haben Sie in Benares gar nichts von Nana Sahib gehört?

– Nicht das Mindeste, antwortete der Ingenieur. Wahrscheinlich ist der Gouverneur von Bombay wieder einmal falsch berichtet gewesen und Nana ist überhaupt nicht in der Präsidentschaft Bombay erschienen.

– Wahrscheinlich, erwiderte der Kapitän, denn der alte Rebell würde unzweifelhaft von sich reden gemacht haben.

– Wie dem auch sei, sagte Banks, jedenfalls drängt es mich, aus dem Gangesthale, das von Allahabad bis Khanpur der Schauplatz so vieler Greuelthaten während des Sipahi-Aufstandes war, bald herauszukommen. Auf keinen Fall darf der Name dieser Stadt, ebensowenig wie der Nana Sahib’s vor dem Obersten ausgesprochen werden. Ueberlassen wir ihn selbst seinen Gedanken!«

Am nächsten Tage wollte mich auch Banks während der wenigen Stunden begleiten, die ich einem Besuche Allahabads zu widmen gedachte. Man hätte wohl drei Tage gebraucht, um die drei Städte, welche jenes bilden, gründlich in Augenschein zu nehmen. Alles in Allem ist es jedoch minder merkwürdig als Benares, obwohl es gleichfalls unter die heiligen Städte gehört.

Ueber die Hindustadt ist nichts zu sagen. Sie besteht aus einem Haufen niedriger, von engen Straßen durchschnittener Häuser, welche da und dort einige wirklich prächtige Tamarinden überragen. Die englische Stadt und die Cantonnements bieten ebensowenig Merkwürdigkeiten, sie haben schöne, wohlerhaltene Alleen, kostbare Wohnstätten, geräumige Plätze, kurz alle Elemente einer Stadt, welche später zur Hauptstadt emporzusteigen bestimmt scheint.

Das Ganze liegt in einer weiten Ebene, nördlich und südlich von den beiden Wasseradern der Jumma und des Ganges umfaßt. Man nennt diese »die Ebene der Almosen«, weil die Hindufürsten von jeher dahin kamen, um Werke der Barmherzigkeit zu üben. Nach Rousselets Berichte, der eine Stelle aus dem »Leben Hionen Thsangs« citirt, ist es weit verdienstvoller, an diesem Orte ein Geldstück zu geben, als zehntausend an einem anderen.

Der Gott der Christenheit vergilt Wohlthaten nur hundertfach. Das ist freilich hundertmal weniger, aber es flößt mir doch mehr Vertrauen ein.

Hier noch ein Wort über das Fort von Allahabad, das einen Besuch wohl verdient. Es ist im Westen der großen Ebene der Almosen erbaut und erhebt kühn seine hohen, rothen Sandsteinmauern, deren Geschütze, wenn uns der Ausdruck erlaubt ist, den beiden Strömen »die Arme zerbrechen« können. Ein Palast in der Mitte des Forts, ehemals die bevorzugte Residenz des Sultans Akbar, – in einer der Ecken der »Lât« Feroze Schachs, d. i. ein prächtiger, sechsunddreißig Fuß hoher Monolith, der einen Löwen trägt, – unfern davon ein kleiner Tempel, den die Hindu aber, da man ihnen den Eintritt in das Fort verwehrt, nicht besuchen können, obwohl er einen der hochheiligsten Orte ihrer Welt bildet, das sind etwa die Sehenswürdigkeiten dieses Forts, das die Aufmerksamkeit aller Reisenden erregt.

Banks erzählte mir, daß das Fort von Allahabad auch seine Legende habe, welche an die Sage von der Wiederaufrichtung des Tempels Salomos in Jerusalem erinnert.

Als der Sultan das Fort von Allahabad zu errichten gedachte, schien es, als ob die Steine sich widersetzen wollten. Kaum war eine Mauer aufgeführt, so brach sie wieder zusammen. Man befragte das Orakel. Dieses antwortete wie gewöhnlich, daß nur ein freiwilliges Opfer das zürnende Geschick versöhnen könne. Ein Hindu erbot sich als Sühnopfer. Er wurde den Göttern dargebracht und das Fort nun ungestört vollendet. Dieser Hindu hieß Brog, und noch heute führt die Stadt den Doppelnamen Brog-Allahabad.

Banks begleitete mich von hier aus nach den Gärten von Khousrou, welche berühmt sind und das in der That verdienen. Der eine derselben war der letzte Aufenthaltsort des Sultans, dessen Namen diese Gärten tragen. In eine der weißen Marmormauern findet sich eine ungeheuere Hand eingefügt. Man zeigte uns diese mit einer Bereitwilligkeit, die wir bei den heiligen Fußabdrücken in Gaya sehr vermißten.

Freilich rührt dieses Schaustück nicht von dem Fuße eines Gottes her, sondern von einem einfachen Sterblichen, dem Großneffen Mohammeds.

Bei dem Aufstande von 1857 wurde in Allahabad das Blut so wenig geschont wie in den anderen Städten des Gangesthales. Das von der königlichen Armee den Rebellen auf den Exercirplatz von Benares gelieferte Gefecht veranlaßte die Empörung der eingebornen Truppen und vorzüglich die Empörung des 6. Regiments der Armee von Bengalen. Gleich anfangs wurden acht Fähnriche ermordet; infolge der entschlossenen Haltung einiger europäischer Artilleristen, die zu dem Corps der Invaliden von Chounar gehörten, mußten die Sipahis aber schließlich die Waffen niederlegen.

In den Cantonnements ging es ernsthafter zu. Die Natifs erhoben sich, sprengten die Gefängnisse, plünderten die Docks und setzten die Wohnungen der Europäer in Brand. Inzwischen kam Oberst Neil, nachdem er in Benares die Ordnung wieder hergestellt, mit seinem Regimente und hundert Füselieren des Regiments von Madras an. Er nahm die Schiffsbrücke wieder, eroberte am Vormittag des 18. Juni die Vorstadt, vertrieb die Mitglieder der von einem Muselman errichteten provisorischen Regierung, und machte sich zum Herrn der Provinz.

Während dieses kurzen Ausfluges nach Allahabad achteten wir, Banks und ich, immer sorglich darauf, ob uns hier Jemand eben so folge, wie in Benares: dieses Mal bemerkten wir jedoch nichts Verdächtiges.

»Gleichviel, meinte der Ingenieur, jetzt ist Mißtrauen am Platze! Ich hätte incognito zu reisen gewünscht, denn Oberst Munros Name ist den Eingebornen der Provinz gar zu bekannt!«

Um sechs Uhr trafen wir zum Diner wieder ein. Oberst Munro, der den Halteplatz auch eine Zeit lang verlassen hatte, war schon wieder zurückgekehrt und erwartete uns. Kapitän Hod hatte einige in den Cantonnements garnisonirende Kameraden besucht und erschien fast zu derselben Zeit wie wir.

Da bemerkte ich und machte Banks darauf aufmerksam, daß Oberst Munro mir, wenn auch nicht gerade trauriger, aber doch gedankenvoller vorkomme als gewöhnlich. In seinen Augen schien ein Feuer neu aufzuglänzen, das die Thränen schon seit langem verlöscht haben mochten.

»Sie haben recht, sagte Banks, hier liegt etwas zu Grunde. Was mag wohl vorgefallen sein?

– Wenn Sie Mac Neil darüber fragten? sagte ich.

– Richtig, Mac Neil weiß vielleicht . . . «

Der Ingenieur verließ den Salon und öffnete die Cabine des Sergeanten.

Dieser war abwesend.

»Wo ist Mac Neil? fragte Banks Goûmi, der eben die Tafel zurecht machen wollte.

– Er ist fortgegangen, erklärte Goûmi.

– Seit wann?

– Etwa seit einer Stunde, im Auftrag des Oberst Munro.

– Sie wissen nicht, wohin?

– Nein, Herr Banks, so wenig wie ich den Grund kenne.

– Seit wir nach der Stadt gingen, ist hier nichts Besonderes vorgefallen?

– Nichts!«

Banks kam zurück, theilte mir die Abwesenheit des Sergeanten und auch den Nebenumstand mit, daß Niemand den Grund dafür kenne, und wiederholte:

»Ich weiß zwar noch nicht, was hier vorliegt, aber geschehen ist irgend etwas. Gedulden wir uns also!«

Wir gingen zu Tisch. Gewöhnlich betheiligte Oberst Munro sich dabei an der Unterhaltung. Er ließ sich gern von unseren Ausflügen erzählen und interessirte sich dafür, was wir Tags über begonnen hatten. Ich achtete wohl darauf, nie von etwas zu sprechen, was ihn nur entfernt an den Sipahi-Aufstand erinnern konnte. Mir schien, als bemerkte er das auch selbst, ohne daß ich weiß, ob ihm meine Zurückhaltung genehm war. Handelte es sich um Städte wie Benares und Allahabad, in welchen die Empörung selbst gewüthet, so kostete mir dieselbe übrigens genug Mühe.

Heute, während des Essens, mußte ich also die Aufforderung fürchten, von Allahabad zu erzählen. Vergebliche Angst. Oberst Munro fragte weder Banks noch mich, wie wir den Tag verbracht hätten. Er verhielt sich während der ganzen Mahlzeit stumm. Seine Besorgtheit schien mit jeder Stunde zu wachsen. Wiederholt blickte er zu der zu den Cantonnements führenden Straße hinaus, und ich glaube, er war nahe daran, sich mehrmals von der Tafel zu erheben, um besser dahinzu ausschauen zu können. Offenbar erwartete Oberst Munro die Rückkehr des Sergeant Mac Neil mit unerklärlicher Ungeduld.

Das Diner verlief ziemlich traurig. Kapitän Hod warf Banks forschende Blicke zu, um zu erfahren, was hier vorliege. Banks wußte das ja so wenig wie er selbst.

Nach der Tafel stieg Oberst Munro, statt wie gewöhnlich der Ruhe zu pflegen, die Stufen der Veranda hinab, ging einige Schritte in der Straße hin und blickte längere Zeit in deren Richtung hinaus; dann wendete er sich nach uns zurück.

»Banks, Hod und Sie, Maucler, begann er, würden Sie mich wohl bis zu den ersten Häusern der Cantonnements begleiten?«

Wir verließen sofort unsere Sitze und folgten dem Oberst, der langsam und stumm dahinwandelte.

Nach etwa hundert Schritten blieb Sir Edward Munro vor einem Pfahle an der rechten Seite der Straße stehen, an dem eine Bekanntmachung angeheftet war.

»Lesen Sie!« sagte er.

Es war die, nun zwei Monate alte Bekanntmachung eines Preises für den Kopf Nana Sahib’s, welche dessen Anwesenheit in der Präsidentschaft Bombay ankündigte.

Banks und Hod konnten das Gefühl getäuschter Hoffnung nicht verbergen. Bisher hatten sie sich ebenso in Calcutta wie im Verlaufe der Reise niit Erfolg bemüht, diese Bekanntmachung dem Obersten nicht vor Augen kommen zu lassen. Ein unglücklicher Zufall machte jetzt ihre Vorsicht zu schanden.

»Banks, nahm Sir Edward Munro, die Hand des Ingenieurs ergreifend, wieder das Wort, Du kanntest diese Nachricht?«

Banks antwortete nicht.

»Du wußtest vor zwei Monaten, daß Nana Sahib’s Auftreten in der Präsidentschaft Bombay gemeldet worden war, und hast mir nichts davon mitgetheilt?«

Banks, der nicht wußte, was er antworten sollte, blieb noch immer stumm.

»Nun denn, ja, Herr Oberst, trat Kapitän Hod da für Jenen ein, wir wußten davon, doch warum sollten wir Ihnen davon sprechen? Wer steht dafür, daß die Thatsache richtig war und weshalb sollten wir Erinnerungen wachrufen, die Ihnen so viel Herzeleid verursachen?

– Banks, rief da Oberst Munro, dessen Gesicht einen ganz anderen Ausdruck annahm, hast Du denn vergessen, daß mir vor jedem Anderen das Strafgericht über jenen Mann zukommt! So wisse denn, wenn ich zustimmte, Calcutta zu verlassen, so geschah es, weil diese Reise mich nach den Norden Indiens führen sollte, weil ich nimmer an den Tod Nana Sahib’s geglaubt und meine Pflicht als Rächer nie vergessen habe. Als ich mit Euch ging, hatte ich nur Einen Gedanken, nur Eine Hoffnung. Ich rechnete darauf, durch die Zufälligkeiten der Reise und mit der Hilfe Gottes mein Ziel zu erreichen. Ich irrte nicht! Gott selbst hat mir jene Nachricht zugeführt. Im Norden ist Nana Sahib also nicht zu suchen, sondern im Süden. Nun wohl! Ich werde nach dem Süden gehen!«

Unsere Ahnungen hatten also nicht gelogen! Es war nur zu richtig – ein Hintergedanke, oder besser eine fixe Idee beherrschte noch immer, wenn nicht mehr als jemals, den armen Oberst Munro! Jetzt hatte er sie ganz vor uns enthüllt.

»Wenn ich nichts gegen Dich laut werden ließ, Munro, antwortete Banks nach kurzer Pause, so erkläre Dir es damit, daß ich an die Anwesenheit Nana Sahib’s in der Präsidentschaft Bombay nicht glaubte. Die Behörden waren, das ist jetzt kaum noch zweifelhaft, wieder einmal getäuscht worden. Jene Nachricht datirt vom sechsten März, und seit jenem Tage hat nichts das Wiederauftreten des Nabab bestätigt.«

Oberst Munro schwieg zunächst auf die Bemerkung des Ingenieurs und blickte noch einmal nach der Straße hinaus.

»Meine Freunde, nahm er darauf wieder das Wort, ich will Sie über die Sachlage aufklären. Mac Neil ist mit einem Briefe an den Gouverneur nach Allahabad gegangen. In kurzer Zeit werde ich darüber belehrt sein, ob Nana Sahib wirklich in den Westprovinzen wieder erschienen, ob er dort noch anwesend oder schon wieder verschwunden ist.

– Und was gedenkst Du zu thun, Munro, wenn er wirklich gesehen wurde? fragte Banks, des Obersten Hand ergreifend.

– Ich gehe dahin! antwortete Sir Edward Munro, überall hin, wohin mich das Gebot der ungesühnten Gerechtigkeit zu gehen verpflichtet!

– Das ist Dein endgiltiger Beschluß, Munro?

– Gewiß, Banks. Ihr, meine Freunde, setzt ohne mich Eure Reise fort – noch diesen Abend benutze ich den Bahnzug nach Bombay.

– Nun gut, aber allein wirst Du nicht gehen, erklärte der Ingenieur, der sich nach uns umwendete. Wir begleiten Dich, Munro!

– Ja, ja, Herr Oberst! rief Kapitän Hod. Ohne uns dürfen Sie nicht des Weges ziehen! Statt Raubthieren nachzustellen, machen wir Jagd auf Schurken.

– Gestatten Sie mir, Herr Oberst, fügte ich hinzu, mich dem Kapitän und ihren Freunden anzuschließen.

– Gewiß, Maucler, antwortete Banks, heut‘ Abend werden wir Alle Allahabad verlassen haben…

– Nicht mehr vonnöthen!« ließ sich da eine Stimme vernehmen.

Wir sahen uns um. Da stand der Sergeant Mac Neil mit einem Zeitungsblatte in der Hand.

»Lesen Sie, Herr Oberst, sagte er. Der Gouverneur beauftragte mich, Ihnen dies vorzulegen.«

Sir Edward Munro las wie folgt:

»Der Gouverneur der Präsidentschaft Bombay bringt hiermit zur Kenntniß der Einwohnerschaft, daß die den Nabab Dandou Pant betreffende Bekanntmachung vom 6. März gegenstandslos geworden ist. Am gestrigen Tage in den Abhängen der Sauptourra-Berge angegriffen, wurde seine Truppe zersprengt und er selbst getödtet. Ueber die Identität der Person herrscht kein Zweifel, da er von Bewohnern Khanpurs und Laknaus wiedererkannt wurde. Dazu fehlte dem Gefallenen ein Finger der linken Hand, und es ist längst erwiesen, daß der sich diesen abnehmen ließ, als er durch seine vorgebliche Beerdigung den Glauben an seinen Tod erwecken wollte. Das indische Reich hat also nichts mehr zu fürchten von den Anschlägen des grausamen Nabab, der ihm so viel Blut gekostet hat.«

Oberst Munro hatte diese Zeilen mit dumpfer Stimme vorgelesen. Das Journal entfiel seinen Händen.

Wir blieben stumm. Das nun unbestreitbare Ableben Nana Sahib’s enthob uns jeder Befürchtung für die Zukunft.

Nach mehreren Minuten des Schweigens strich sich Oberst Munro mit der Hand über die Stirn, als wolle er peinliche Erinnerungen verwischen.

»Wann werden wir von Allahabad abreisen? fragte er darauf.

– Morgen mit Tagesanbruch, antwortete der Ingenieur.

– Können wir einige Stunden in Khanpur anhalten? fuhr Oberst Munro fort.

– Du wolltest …?

– Ja, Banks, ich möchte … ich will Khanpur noch einmal … zum letzten Male wiedersehen!

– In zwei Tagen werden wir da sein, erklärte einfach der Ingenieur.

– Und dann … ? fragte Oberst Munro weiter.

– Dann? … wiederholte Banks, dann setzen wir unseren Ausflug nach dem Norden Indiens fort.

– Ja!… nach dem Norden!. . nach Norden!« rief auch der Oberst mit einer Stimme, die mir das Herz erzittern machte.

Man hätte wirklich vermuthen können, daß Sir Edward Munro noch immer über den Ausgang des letztgemeldeten Kampfes zwischen Nana Sahib und den englischen Streitkräften einigen Zweifel hegte. Hatte er Recht gegenüber den scheinbar unbestreitbaren Thatsachen?

Die Zukunft sollte uns das lehren.

Zehntes Capitel.


Zehntes Capitel.

Via dolorosa

Das Königreich Audh war früher eines der bedeutendsten der Halbinsel und ist noch heute eines der reichsten in ganz Indien. Es besaß verschiedene mächtige und ohnmächtige Herrscher. Die Ohnmacht eines derselben, Wajad Ali Schah’s, ermöglichte am 6. Februar 1857 die Einverleibung seines Reiches in das Territorium der Compagnie. Es geschah das also kaum einige Monate vor dem Ausbruche der Empörung, und diese Gebiete bildeten dann auch den Schauplatz der entsetzlichsten Metzeleien und darauf der furchtbarsten Repressalien.

Zwei Namen von Städten, Laknau und Khanpur, sind seit jener Zeit zu wirklich trauriger Berühmtheit gelangt.

Laknau ist die Hauptstadt, Khanpur einer der wichtigsten Orte des ehemaligen Königreiches.

Nach Khanpur wollte Oberst Munro gehen; und nach einer Fahrt längs des rechten Gangesufers und mitten durch eine weite Ebene voller Indigoplantagen, langten wir am Morgen des 29. Mai daselbst an. Zwei Tage über hatte sich der Stahlriese mit einer Durchschnitts-Geschwindigkeit von drei Meilen in der Stunde fortbewegt, wobei wir die zweihundertfünfzig Kilometer von Allahabad nach Khanpur zurücklegten.

Jetzt befanden wir uns tausend Kilometer von Calcutta, unserem Ausgangspunkte.

Khanpur ist eine Stadt von etwa 60.000 Seelen. Es bedeckt am rechten Ufer des Ganges einen schmalen Streifen von fünf Meilen Länge. Hier liegt auch eine Garnison von 7000 Mann.

In der ganzen Stadt würde der Reisende vergeblich ein seiner Aufmerksamkeit würdiges Baudenkmal suchen, obgleich jene sehr alten Ursprungs sein und sogar aus der vorchristlichen Aera herrühren soll. Neugierde hatte uns auch sicherlich nicht nach Khanpur verlockt. Nur der ausgesprochene Wille Sir Edward Munro’s führte uns hierher.

Am 30. Mai frühmorgens verließen wir unseren Halteplatz. Banks, Kapitän Hod und ich folgten dem Oberst und dem Sergeanten Mac Neil auf diesem Schmerzenswege, dessen wichtigste Punkte Sir Edward Munro zum letzten Mal besuchen wollte.

Hierzu ist es nöthig, das Folgende zu kennen, was ich nach dem Berichte des Ingenieurs auszugsweise wiedergebe:

»Khanpur, das zur Zeit der Annexion des Königreiches Audh von sehr verläßlichen Truppen bewacht wurde, zählte beim Ausbruch des Aufstandes nur zweihundertfünfzig Mann der königlichen Armee, gegen drei Regimenter eingeborner Infanterie, das 1., 53. und 56., zwei Regimenter Cavallerie und eine Batterie Artillerie der Armee von Bengalen. Außerdem befanden sich hier eine beträchtliche Anzahl Europäer, Beamte, Kaufleute u. dergl., ferner achthundertfünfzig Frauen und Kinder des 32. königlichen Regiments, das in Laknau garnisonirte.

»Oberst Munro wohnte schon seit mehreren Jahren in Khanpur. Hier lernte er auch das junge Mädchen kennen, das später sein Weib wurde.

»Mrs. Honlay war eine reizende, geistvolle junge Engländerin mit edlem Charakter und hochherzigem Sinne, eine heroische Natur und würdig, von einem Manne wie der Oberst geliebt zu werden, der sie bewunderte und anbetete. Sie bewohnte in Gesellschaft ihrer Mutter einen Bungalow in der Nähe der Stadt, wo sich Edward Munro 1855 mit ihr vermählte.

»Zwei Jahre nach der Hochzeit, 1857, als sich in Mirat die ersten Auftritte der Empörung abspielten, mußte Oberst Munro unverzüglich bei seinem Regimente eintreten. Gattin und Schwiegermutter ließ er in Khanpur zurück, empfahl ihnen aber, sich sofort zur Abreise nach Calcutta bereit zu machen. Oberst Munro sagte sich, daß Khanpur nicht sicher sei, und die späteren Ereignisse sollten seine Ahnung leider in vollstem Maße bestätigen.

»Mrs. Honlay’s und Lady Munro’s Abreise erlitt einige Verzögerungen, die von den schlimmsten Folgen sein sollten. Die unglücklichen Frauen wurden von den Ereignissen überrascht und konnten Khanpur dann nicht mehr verlassen.

»Die Division, zu der Oberst Munro’s Regiment gehörte, stand damals unter dem Befehle des Generals Sir Hugh Wheeler, eines geraden, ehrlichen Soldaten, der dem arglistigen Verfahren Nana Sahib’s sehr bald zum Opfer fiel.

»Der Nabab bewohnte jener Zeit sein Schloß in Bilhour, zehn Meilen von Khanpur, und heuchelte immer das beste Einvernehmen mit den Europäern.

»Sie wissen, lieber Maucler, daß die ersten Insurrections-Versuche in Mirat und Delhi zutage traten. Am 14. Mai erreichte die Nachricht davon Khanpur. Am nämlichen Tage zeigte auch schon das 1. Sipahi-Regiment eine feindselige Haltung.

»Da bot Nana Sahib der Regierung seine Dienste an. General Wheeler mußte schlecht genug unterrichtet sein, um an die Ehrlichkeit jenes Schurken zu glauben, dessen eigene Soldaten sich fast gleichzeitig der Gebäude des Schatzamtes bemächtigten.

»Denselben Tag ermordete auch ein auf dem Marsche nach Khanpur begriffenes, irreguläres Sipahi-Regiment seine europäischen Officiere vor den Thoren der genannten Stadt.

»Jetzt zeigte sich die Gefahr in ihrer ganzen Größe. General Wheeler befahl allen Europäern, sich in die Kaserne zu flüchten, welche die Frauen und Kinder des 32. Regiments von Laknau bewohnten – eine Kaserne in unmittelbarer Nähe der Straße nach Allahabad, der einzigen, von welcher her man auf eintreffende Hilfe hoffen konnte.

»Ebenda mußten sich auch Lady Munro und ihre Mutter einschließen. Während der ganzen Dauer dieses unfreiwilligen Aufenthaltes bewies die junge Frau ihren Unglücksgefährten eine Hingebung ohnegleichen. Sie sorgte für jene mit eigener Hand, unterstützte dieselben aus ihrer Börse, ermuthigte sie durch Wort und Beispiel und zeigte ihre wahre Natur, das große Herz und, wie ich schon sagte, das heldenmüthige Weib.

»Das Arsenal wurde inzwischen unter die Obhut der Soldaten Nana Sahib’s gestellt.

»Nun erhob der Verräther aber die Fahne des Aufstandes, und am 7. Juni griffen die Sipahis auf sein Anstiften die Kaserne an, zu deren Vertheidigung nur dreihundert kampffähige Soldaten vorhanden waren.

»Die braven Leute wehrten sich jedoch nach Kräften gegen das Feuer der Angreifer, trotz eines wahren Hagels von Geschossen, trotz Krankheiten jeder Art, halb sterbend vor Hunger und Durst, denn an Lebensmitteln trat bald empfindlicher Mangel ein und die Senkbrunnen versiegten nur zu zeitig.

»Der Widerstand dauerte bis zum 27. Juni.

»Da brachte Nana Sahib eine Capitulation in Vorschlag, auf welche General Wheeler unverzeihlicher Weise einging, trotz Lady Munro’s dringendster Bitte, den Kampf noch nicht aufzugeben.

»Nach dem Wortlaute jener Capitulation sollten alle Männer, Frauen und Kinder – gegen fünfhundert Personen, auch Lady Munro nebst ihrer Mutter – auf Fahrzeuge gebracht und auf dem Ganges nach Allahabad hinunter befördert werden.

«Kaum stießen die Schiffe vom Ufer ab, als die Sipahis ein mörderisches Feuer auf dieselben eröffneten und sie mit Kanonenkugeln und Kartätschen überschütteten. Infolge dessen sanken einige derselben, andere geriethen in Brand. Einem einzigen Fahrzeuge glückte es, wenige Meilen auf dem Strome hinabzugelangen.

»Auf demselben befanden sich Lady Munro und ihre Mutter. Einen Augenblick konnten sie sich wohl für gerettet halten. Die Söldner des Nana verfolgten sie jedoch, fingen sie wieder ein und schleppten alle nach den Cantonnements zurück.

»Hier traf man eine Auswahl unter den Gefangenen. Die Männer wurden sofort niedergemetzelt. Die Frauen und Kinder sperrte man mit denen zusammen, die am 27. Juni dem Tode entgangen waren.

»Das ergab zusammen zweihundert arme Opfer, denen ein langer Todeskampf vorbehalten war, und welche man in einem Bungalow unterbrachte, dessen Name, »Bibi-Ghar«, eine traurige Berühmtheit erlangt hat.

– Wie sind Sie aber zur Kenntniß dieser grauenhaften Einzelheiten gekommen? fragte ich Banks.

– Durch einen alten Sergeanten des 32. Regiments der königlichen Armee, antwortete mir der Ingenieur. Der Mann entkam damals wie durch ein Wunder und wurde von dem Rajah von Raïschwarah – eine der Provinzen des Königreichs Audh – ebenso wie mehrere andere Flüchtlinge mit größter Menschenfreundlichkeit aufgenommen.

– Und was wurde aus Lady Munro und deren Mutter?

– Darüber, was später vorgegangen ist, lieber Freund, fuhr Banks fort, fehlen uns Berichte von Augenzeugen, doch läßt sich das ohne Schwierigkeit muthmaßen. Die Sipahis waren ja thatsächlich die Herren von Khanpur, wenigstens bis zum 15. Juli – neunzehn Tage – neunzehn Jahrhunderte! Die unglücklichen Gefangenen harrten von Stunde zu Stunde auf Entsatz, der leider nur zu spät eintreffen sollte.

»Schon seit einiger Zeit marschirte General Havelock von Calcutta aus nach Khanpur zur Hilfe und zog daselbst, nachdem er die Aufständischen wiederholt geschlagen, am 17. Juli ein.

»Zwei Tage vorher aber, als Nana Sahib vernommen, daß die königlichen Truppen den Pandou-Niddi-Fluß überschritten hatten, beschloß er, die letzten Stunden seiner Herrschaft durch einen abscheulichen Massenmord zu bezeichnen. Gegenüber den Eroberern Indiens hielt er eben Alles für erlaubt!

»Einige männliche Gefangene, welche die Haft im Bibi-Ghar mit den Frauen getheilt hatten, wurden vor ihn geführt und unter seinen Augen erwürgt.

»Nun blieb noch die Menge der Frauen und Kinder übrig, und darunter auch Lady Munro nebst ihrer Mutter. Eine Abtheilung des 6. Sipahi-Regiments erhielt Befehl, diese durch die Fenster des Bungalow niederzuschießen. Die Execution nahm ihren Anfang; da sie für Nana Sahib, der auf den Rückzug denken mußte, aber nicht schnell genug förderte, schickte der blutdürstige Fürst auch noch die muselmanischen Fleischer unter seine Henker … nun gab es ein Gemetzel wie im Schlachthofe!

»Am nächsten Tage wurden die Frauen und die Kinder, gleichviel ob lebend oder todt, in einen benachbarten Brunnenschacht geworfen, und als Havelock’s Soldaten eintrafen, soll der bis zum Rande angefüllte Brunnen noch gedampft haben!

»Jetzt nahm die Wiedervergeltung ihren Anfang. Eine gewisse Anzahl Rebellen, Helfershelfer Nana Sahib’s, waren dem General Havelock in die Hände gefallen. Dieser erließ einen schrecklichen Tagesbefehl, dessen Wortlaut ich nimmermehr vergessen werde.

»Der Brunnen, welcher die Ueberreste der armen, auf Befehl Sahib’s ermordeten Frauen und Kinder enthält, wird mit Erde angefüllt und in der Form eines Grabes hergestellt. Ein von ihrem Officier commandirtes Detachement europäischer Soldaten wird heute Abend diese fromme Pflicht erfüllen. Das Haus und die Räumlichkeiten, in denen das Gemetzel stattgefunden, werden nicht durch die Landsleute der Opfer gereinigt und gewaschen. Der Brigadier will, daß jeder Tropfen unschuldigen Blutes von den Verurtheilten mit der Zunge beseitigt und vor der Vollstreckung des Todesurtheils aufgeleckt werde, jeder nach seinem Range und dem Antheil, den er bei der Mordthat gehabt hat. Nach Verlesung des Todesurtheils wird also Jeder nach jenem Hause geführt werden, um daselbst einen Theil des Fußbodens zu säubern. Man wird Sorge tragen, die Arbeit den religiösen Empfindungen der Verurtheilten so widerlich wie möglich zu machen, und der Profoß mag die Peitsche nicht schonen, wenn das nöthig erscheint. Nach vollendeter Arbeit wird der Ausspruch des Kriegsgerichts an dem neben dem Hause errichteten Galgen vollstreckt.«

»So lautete, fuhr Banks tiefbewegt fort, jener Tagesbefehl, der Punkt für Punkt zur Ausführung kam. Und doch, die bedauernswerthen Opfer athmeten ja nicht mehr – sie waren einmal ermordet, verstümmelt, zerfleischt! Als Oberst Munro, der zwei Tage nachher eintraf, den Versuch machte, von Lady Munro und deren Mutter Ueberreste zu entdecken, fand er nichts … nichts!«

Obige Mittheilungen hatte mir Banks vor unserer Ankunft in Khanpur gemacht, und jetzt begab sich der Oberst nach dem Platze, wo einst jenes entsetzliche Blutbad stattfand.

Vorher jedoch wollte er den Bungalow wiedersehen, in dem früher Lady Munro gewohnt und ihre Jugend verbracht, die Stätte, wo er sie zum letzten Male gesehen, die Schwelle auf der sie ihn zum letzten Male umarmt hatte.

Dieser Bungalow lag etwas abgesondert außerhalb der Vorstädte, unfern den militärischen Cantonnements. Ruinen, geschwärzte Mauerreste, einige umgehackte, jetzt verdorrte Bäume, das war Alles, was von dem früheren traulichen Heim noch übrig war. Der Oberst hatte von einer Wiederherstellung nichts wissen wollen. Nach sechs Jahren lag der Bungalow also noch ebenso da, wie ihn die Hände der Mordbrenner zugerichtet hatten.

Wir verbrachten eine Stunde an dieser vereinsamten Stelle. Sir Edward Munro ging stumm durch den Trümmerhaufen, der in ihm so viele Erinnerungen wach rief. Er gedachte wohl der früheren glücklichen Zeiten, die ihm später nichts mehr wiedergeben konnte. Er sah wohl das junge Mädchen wieder, wie sie sich heiteren Sinnes in ihrem Geburtshause bewegte, in dem er sie dereinst kennen lernte, und zuweilen schloß er die Augen, um die Bilder seines Geistes besser zu erkennen!

Endlich aber wendete er sich plötzlich, doch als müsse er sich dabei Gewalt anthun, zurück und führte uns mit hinweg.

Banks hatte gehofft, der Oberst werde sich damit begnügen, jenen Bungalow zu besuchen … weit gefehlt! Sir Edward Munro mochte beschlossen haben, den bitteren Kelch bis zur Neige zu leeren. Nach der Wohnstätte Lady Munro’s wollte er auch die Kaserne wiedersehen, wo so viele Unschuldige, für welche seine heldenmüthige Frau sich damals so aufopferungsvoll abmühte, alle Schrecken einer Belagerung ausgehalten hatten.

Diese Kaserne lag in der Ebene vor der Stadt und jetzt baute man eine Kirche an der Stelle, wohin sich seiner Zeit die Einwohner von Khanpur flüchten mußten. Der Weg nach derselben führte auf einer macadamisirten, von schönen Bäumen beschatteten Straße hin.

Hier also hatte sich der erste Act der schauerlichen Tragödie abgespielt, hier lebten, litten und kämpften einst Lady Munro und ihre Mutter mit dem Tode, bis die Capitulation so viele Opfer den Händen Nana Sahib’s auslieferte, welche dieser schon einem schrecklichen Tode geweiht hatte, als der Verräther gelobte, sie heil und gesund nach Allahabad ziehen zu lassen. In der Umgebung des noch unvollendeten Baues gewahrte man da und dort Mauerüberreste als Zeugen für die Maßnahmen zur Vertheidigung, die General Wheeler getroffen hatte.3

Oberst Munro stand lange regungslos und still vor diesen Ruinen. In der Erinnerung traten ihm wohl die Schauerscenen vor Augen, deren Schauplatz jene gewesen – nach dem Bungalow, wo Lady Munro so glücklich gelebt, die Kaserne, in der sie über alle Beschreibung gelitten hatte!

Jetzt war nur noch der Bibi-Ghar zu besuchen, jene Wohnstätte, aus der Nana einen Kerker gemacht hatte, wo einst jener Brunnenschacht gähnte, der die Leichen der Opfer seiner Grausamkeit bunt durcheinander aufnahm.

Als Banks den Oberst sich nach jener Richtung wenden sah, ergriff er dessen Arm, wie um ihn zurückzuhalten.

Sir Edward Munro blickte ihm gerade in’s Gesicht und sagte mit erschreckend ruhiger Stimme:

»Laß uns gehen!

– Munro, ich bitte Dich …

– So gehe ich allein!«

Hier half kein Widerstreben.

Wir begaben uns also nach Bibi-Ghar, vor dem wohl gepflegte und mit schönen Bäumen bestandene Gärten liegen.

Hier erhebt sich eine gothische achteckige Colonade. Sie umschließt die Stätte des früheren Brunnens, dessen Mündung jetzt mit Steinen verdeckt ist. Letztere bilden eine Art Sockel mit einer Figur aus weißem Marmor, den Engel der Barmherzigkeit darauf, eines der letzten Werke des Meißels Marochetti’s.

Lord Canning, der General-Gouverneur von Indien zur Zeit der furchtbaren Empörung 1857, ließ dieses Todtendenkmal nach den Entwürfen des Genie-Obersten Yule errichten und wollte die Kosten sogar aus eigenen Mitteln decken.

An dieser Stelle, wo die beiden Frauen, die Mutter und die Tochter, nachdem sie von den Metzgern Nana Sahib’s niedergeschlagen worden, vielleicht noch lebend in den Brunnen gestürzt worden waren, konnte Sir Edward Munro sich der Thränen nicht erwehren. Er sank am Fuße des Denkmals in die Kniee.

Dicht bei ihm stand der Sergeant Mac Neil und weinte still.

Uns Allen brach fast das Herz, da wir keine Worte fanden, in diesem unheilbaren Schmerz zu trösten, während wir doch hofften, daß Sir Edward Munro hier die letzten Thränen vergießen werde.

Ach, wäre er unter den ersten Soldaten gewesen, die in Khanpur eindrangen und nach jener beispiellosen Metzelei in den Bibi-Ghar gelangten – der Schmerz würde ihn getödtet haben.

Einer der englischen Officiere lieferte darüber folgenden Bericht, den Rousselet in seinem erwähnten Werke citirt:

»Gleich nach unserem Eindringen in Khanpur, forschten wir nach den armen Frauen und Kindern, die wir in des scheußlichen Nana Sahib’s Händen wußten, erfuhren aber nur zu bald von deren unmenschlicher Abschlachtung. Gepeinigt von unstillbarem Durste nach Rache und durchdrungen von dem Gefühle der furchtbaren Leiden, welche jene armen Opfer zu erdulden gehabt, erwachten in uns ganz fremdartige, wilde Gedanken. Halb wahnsinnig stürzten wir nach der Opferstelle. Geronnenes Blut, untermischt mit Fetzen jeder Art, bedeckte den Fußboden des kleinen Raumes, in dem jene eingesperrt gewesen waren, so hoch, daß es uns bis an die Knöchel reichte. Lange, seidenweiche Haarflechten, zerrissene Stücke von Kleidern, Schuhe von kleinen Kindern neben Spielsachen derselben lagen auf dem besudelten Fußboden umher. Die mit Blut bespritzten Wände zeugten für die entsetzlichen Todesqualen. Ich hob ein kleines Gebetbuch auf, dessen erste Seite folgende ergreifende Worte zeigte: »27. Juni, die Schiffe verlassen … 7. Juli, Gefangene Nana’s … unglücksschwerer Tag.« Das war aber nicht der einzige grause Anblick der unserer harrte. Noch schrecklicher erschien der Anblick des tiefen Brunnens, in den die verstümmelten Ueberreste der zarten Wesen geworfen worden waren! …«

Sir Edward Munro war nicht dabei, als die ersten Truppen Hauelock’s sich der Stadt bemächtigten. Er kam erst zwei Tage nach dem gräßlichen Menschenopfer. Und jetzt zeigte sich seinem Blicke nur die Stelle, wo sich einst der schreckliche Brunnenschacht befand, ein namenloses Grab von zweihundert Opfern Nana Sahib’s!

Hier gelang es Banks mit Hilfe des Sergeanten, ihn mit Gewalt wegzuziehen.

Oberst Munro vergaß gewiß niemals die zwei Worte, die einer der Soldaten Havelock’s mit dem Bajonnet auf den Rahmen des Brunnens gekritzelt hatte:

»Remember Cawnpore!«
»Gedenk‘ an Khanpur!«

  1. Inzwischen ist jene Gedächtniß-Kirche längst vollendet worden. Inschriften auf Marmortafeln erinnern an die Ingenieurs der East-Indian-Bahnlinie, welche während des großen Aufstandes von 1857 ihren Wunden oder Krankheiten erlagen; an die Officiere, Unterofficiere und Soldaten des 34. Regiments der königl. Armee, die am 17. November in dem Gefechte vor Khanpur fielen; an den Kapitän Stuart Beathon, die Officiere, Mannschaften und Frauen des 32. Regiments, welche bei der Belagerung von Laknau und Khanpur, oder während des Aufstandes den Tod fanden; endlich an die Märtyrer des Bibi-Ghar, die im Juli 1857 hingeschlachtet wurden.

Achtes Capitel.


Achtes Capitel.

Einige Stunden in Benares.

Nun lag die Landstraße also für das Steam-House offen – jene Straße, die uns über Sasseram am rechten Ufer des Ganges bis nach Benares führen sollte.

Eine Meile von der letzten Haltestelle nahm die Maschine wieder einen gemäßigteren Gang an und legte etwa zweiundeinehalbe Meile in der Stunde zurück. Banks beabsichtigte denselben Abend fünfundzwanzig Meilen von Gaya zu rasten und die Nacht in Ruhe nahe der kleinen Stadt Sasseram zu verbringen.

Im Allgemeinen vermeiden die Landstraßen Indiens soweit als möglich die Wasserläufe, welche Brücken nothwendig machen, deren Herstellung auf dem Alluvialboden des Landes große Kosten bedingt. Selbst an solchen Stellen, wo man einem Flusse oder Strome nicht aus dem Wege gehen konnte, fehlen sie doch noch häufig. Zwar findet man dann wenigstens eine Fähre, das altertümliche unzureichende Auskunftsmittel, das zur Ueberführung unseres Zuges sicherlich nicht genügt hätte. Glücklicher Weise konnten wir desselben entbehren.

Gerade an diesem Tage mußten wir nun einen bedeutenden Fluß, die Sone, überschreiten. Oberhalb Rhotas aus seinen Quellflüssen Coput und Coyle entspringend, mündet derselbe etwa in der Mitte zwischen Arrah und Dinapore in den Ganges. Die Ueberfahrt ging außerordentlich leicht von Statten, Der Elephant verwandelte sich ganz von selbst in einen Wasser-Motor. Er stieg den sanft geneigten Uferrand hinab bis in den Fluß, schwamm auf dessen Fläche und die breiten Füße peitschten das Wasser wie die Schaufeln eines Rades, wobei er den Zug, der hinter ihm schwamm, nachschleppte.

Kapitän Hod wußte sich vor Jubel kaum zu fassen.

»Ein rollendes Haus! rief er einmal über das andere, ein Haus, das gleichzeitig ein Wagen und ein Dampfschiff ist! Nun fehlen ihm nur noch Flügel, um es in einen Fliegapparat zu verwandeln und den Luftraum zu durchmessen!

– Das wird auch noch einmal kommen, Freund Hod, sagte der Ingenieur ganz ernsthaft.

– Ja, ich weiß, Freund Banks, antwortete ebenso ernsthaft der Kapitän, es wird noch Alles werden! Nur Eines nicht, nämlich, daß wir in zweihundert Jahren noch einmal unter den Lebenden weilen, um all‘ diese Wunder zu schauen! Das Leben ist gar nicht alle Tage so angenehm, und doch wäre ich dabei, zehn Jahrhunderte zu leben – aus reiner Neugier!«

Gegen Abend, zwölf Stunden nach der Abfahrt von Gaya, nachdem wir unter der stolzen Röhrenbrücke der Eisenbahn, welche vierundzwanzig Fuß über dem Spiegel der Sone liegt, hinweggeglitten waren, hielten wir in der Nähe von Sasseram. Wir wollten hier nur eine Nacht über bleiben, um Holz und Wasser zu fassen, und mit Tagesanbruch wieder aufbrechen.

Dieses Programm wurde in allen Punkten eingehalten, und bevor die Sonne ihre brennenden Strahlen, welche uns für den Mittag gespart blieben, aussandte, fuhren wir am frühen Morgen des 22. Mai wieder ab.

Die Landschaft war immer dieselbe, d. h. reich und fleißig angebaut, so wie sie längs der Ufer des herrlichen Ganges-Thales erscheint. Ich erwähne hier die zahlreichen Dörfer nicht, die inmitten unendlicher Reisfelder zerstreut oder unter Palmengruppen mit dichter Blätterkrone, unter dem Schatten von Mango- oder anderen edlen Bäumen versteckt liegen. Wir hielten übrigens bei denselben nicht an. Sperrte dann und wann ein von Zebus langsam dahingezogener Karren den Weg, so genügte ein schriller Pfiff mit der Dampfpfeife, ihn zum Ausweichen zu veranlassen, und unser Zug rollte zur größten Verwunderung der Bauern vorüber.

Im Laufe dieses Tages hatte ich auch das herrliche Vergnügen, sehr viele Rosenfelder zu sehen. Wir befanden uns jetzt nämlich nicht mehr fern von Ghazipore, dem Mittelpunkte für die Darstellung des Rosenwassers oder vielmehr der Rosenessenz.

Ich fragte Banks, ob er mir über diesen so gesuchten Artikel, den wichtigsten in der Kunst der Zusammenstellung von Wohlgerüchen, Näheres mittheilen könne.

»Ich will Ihnen Ziffern anführen, antwortete mir Banks, die den Beweis liefern, wie kostspielig die Fabrikation ist. Vierzig Pfund Rosen werden zuerst bei mäßigem Feuer einer Art langsamer Destillation unterworfen und liefern etwa dreißig Pfund Rosenwasser. Dieses Wasser gießt man auf eine neue Quantität von vierzig Pfund Blumen und setzt die Destillation so lange fort, bis die Flüssigkeit noch zwanzig Pfund beträgt. Dieselbe wird nun zwölf Stunden lang der kalten Nachtluft ausgesetzt, und am anderen Morgen findet man auf deren Oberfläche – eine Unze wohlriechendes Oel. Aus achtzig Pfund Rosen – eine Quantität, welche mindestens zweimalhunderttausend Blumen enthält – gewinnt man am Ende also eine Unze ätherisches Oel. Es ist ein wirklicher Massenmord! Es ist also nicht zu verwundern, daß die Rosenessenz selbst im Productionsland die Unze mit vierzig Rupien, gleich hundert Francs bezahlt wird.

– Ah, meinte Kapitän Hod, wenn man zur Gewinnung einer Unze Alkohols achtzig Pfund Weintrauben brauchte, da würde der Grog verwünscht theuer werden!«

An diesem Tage hatten wir noch die Karamnaca, einen der Nebenflüsse des Ganges, zu überschreiten. Die Hindus haben aus diesem unschuldigen Flusse eine Art Styx gemacht, auf dem zu fahren nicht gerathen sei. Sein Ufer ist nicht minder in üblem Ruf als das des Jordans oder die Küste des Todten Meeres. Die Cadaver, welche in denselben geworfen werden, führt er direct in die brahmanische Hölle. Ich gehe auf diese Glaubensfragen hier nicht ein; wenn aber behauptet wird, das Wasser dieses Höllenflusses sei von unangenehmem Geschmack und der Gesundheit schädlich, so muß ich dem widersprechen, da es im Gegentheil ausgezeichnet ist.

Am Abend, nachdem wir durch ein wenig hügeliges Land mit unübersehbaren Mohnfeldern und weiten Reisplantagen gekommen, lagerten wir am rechten Ufer des Ganges, gegenüber dem uralten Jerusalem der Hindus, der heiligen Stadt Benares.

»Vierundzwanzig Stunden Aufenthalt! rief Banks.

– Wie weit sind wir jetzt von Calcutta? fragte ich den Ingenieur.

– Etwa dreihundertfünfzig Meilen, erklärte er mir, und Sie werden zugeben, lieber Freund, daß wir weder von der Länge des Weges noch von Beschwerden der Reise etwas bemerkt haben!«

Der Ganges! Giebt es einen Fluß, dessen bloßer Name mehr poetische Legenden in uns wachruft, und scheint sich nicht ganz Indien in ihm zu vereinen? Findet sich auf der weiten Erde ein dem seinigen vergleichbares Thal, das sich, um seinen stolzen Lauf zu regeln, über eine Strecke von fünfhundert Meilen fortsetzt und nicht weniger als hundert Millionen Einwohner zählt? Giebt es einen zweiten Ort, wo seit dem Auftreten der asiatischen Racen mehr Wunder zusammengehäuft worden wären? Was würde Victor Hugo, der die Donau so erhaben besang, von dem Ganges gesagt haben? Ja, man kann es laut von sich verkündigen, wenn man

. . wie ein Meer seine hohle See hat,
Wenn man über die Erde dahinzieht
Wie eine Schlange, und wenn man strömt
Vom Abendlande bis zum Morgenland!

Der Ganges aber hat seinen gefährlichen Seegang, seine Cyclonen, die schlimmer auftreten, als die Stürme des europäischen Stromes! Er windet sich, einer Schlange gleich, durch die paradiesischsten Gegenden der Welt! Auch er stießt vom Abend nach Morgen. Aber seine Quelle entspringt nicht auf mittelmäßigen Hügeln – die höchste Bergkette der Erde ist es, in den Gebirgsriesen von Thibet, von der sie herabstürzt, alle Nebenflüsse verschlingend! Vom Himalaya steigt er zur Erde herab!

Am folgenden Tage, am 23. Mai, lag bei Sonnenaufgang der breite Wasserspiegel vor unseren Blicken da. Auf dem weißen Sand lagen einige Gesellschaften gewaltiger Alligatoren, welche die ersten Strahlen der Sonne zu trinken schienen. Sie verhielten sich ruhig dem glänzenden Gestirn zugewendet, als wären sie die gewissenhaftesten Anhänger Brahmas. Einige vorüberschwimmende Leichen störten sie jedoch bald aus ihrer Andacht auf. Von den Cadavern, welche der Strom mit hinabführt, hat man gesagt, daß sie auf dem Rücken schwimmen, wenn es solche von Männern, auf der Brust aber, wenn es solche von Frauen wären. Ich kann versichern, daß an dieser Beobachtung nichts Wahres ist. Schnell stürzten sich die Ungeheuer auf die willkommene Beute, welche ihnen die Ströme der Halbinsel täglich liefern, und schleppten dieselben in die Tiefe.

Die Eisenbahn von Calcutta verläuft vor ihrer Gabelung bei Allahabad, von wo aus sie nordwestlich nach Delhi und südwestlich nach Bombay führt, stets am rechten Ufer des Ganges, dessen Krümmungen sie nur abschneidet. Bei der Station Mogul Seraï, von der wir nur wenige Meilen entfernt waren, zweigt sich eine kleinere Strecke ab, die nach Ueberschreitung des Stromes Benares berührt und durch das Gounti-Thal sechzig Kilometer weit bis Jaunpore reicht.

Benares liegt demnach am linken Ufer. Hier wollten wir indeß nicht über den Ganges gehen, sondern erst bei Allahabad. Der Stahlriese blieb also an dem am Vorabend des 22. Mai gewählten Halteplatze. Am Flußufer lagen Gondeln bereit, uns nach der heiligen Stadt zu bringen, die ich etwas eingehender zu besichtigen wünschte.

Oberst Munro hatte in der oft von ihm besuchten Stadt nichts mehr zu lernen, nichts mehr zu sehen. An jenem Tage kam ihm zwar einmal der Gedanke, sich uns anzuschließen, nach reiflicher Ueberlegung aber entschied er sich für einen in Gesellschaft Mac Neil’s längs des Flusses zu unternehmenden Ausflug. Beide verließen auch das Steam-House, bevor wir aufgebrochen waren. Kapitän Hod, der früher in Benares in Garnison gelegen hatte, wollte einige Kameraden besuchen. Banks und ich – der Ingenieur wollte mir als Führer dienen – wir waren also die Einzigen, welche ein Gefühl von Neugierde nach der Stadt verlockte.

Wenn ich sagte, daß Kapitän Hod in Benares garnisonirt habe, so darf man nicht vergessen, daß die Truppen der königlichen Armee gewöhnlich nicht in den Hindustädten selbst untergebracht sind. Ihre Kasernen liegen in den sogenannten »Cantonnements«, welche gleich an und für sich englische Städte darstellen. So ist es in Allahabad, in Benares und an anderen Punkten des Reiches, wo sich nicht allein die Soldaten, sondern auch die Beamten, Kaufleute und Rentiers mit Vorliebe ansiedeln. Jede von jenen großen Städten besteht also eigentlich aus zwei Theilen, dem einen, in dem man allen modernen Luxus Europas wiederfindet, und dem anderen, der die Landessitte und die Gebräuche der Hindus mit der ganzen Localfarbe bewahrt hat.

Die an Benares anliegende englische Stadt ist Secrole, deren Bungalows und christliche Kirchen nichts Interessantes bieten. Hier befanden sich auch von Touristen frequentirte bessere Hotels. Secrole ist eine ganz und gar »gemachte« Stadt, welche die Fabrikanten des Vereinigten Königreiches in Kisten versenden könnten, um sie sofort wieder aufzustellen. Hier giebt es also etwas Merkwürdiges nicht zu sehen. Nachdem Banks und ich in einer Gondel Platz genommen, fuhren wir in schräger Richtung über den Ganges, um zunächst einen Ueberblick über das prächtige Amphitheater zu gewinnen, das Benares oberhalb des hohen Ufers bildet.

»Benares, sagte Banks zu mir, ist vor allen anderen die heilige Stadt Indiens, das Mekka der Hindus, und Jeder, der sich daselbst, wenn auch nur vierundzwanzig Stunden aufgehalten hat, versichert sich damit eines Theiles der ewigen Glückseligkeiten. Es erscheint begreiflich, welchen Zufluß von Pilgern ein solches Dogma herbeilocken und welch‘ große Anzahl Bewohner eine Stadt haben muß, der Brahma so hochwichtige Vorrechte verliehen hat.«

Benares soll schon über dreißig Jahrhunderte alt sein. Es wäre also etwa zu der Zeit gegründet worden, als Troja von Erdboden verschwand. Nachdem es von jeher einen großen, nicht politischen, aber geistigen Einfluß auf ganz Hindostan ausgeübt, wurde es bis zum 9. Jahrhundert der anerkannte Mittelpunkt der buddhistischen Religion. Da vollzog sich eine religiöse Umwälzung. Der Brahmanismus verdrängte den alten Cultus. Benares wurde die Hauptstadt der Brahmanen, der Brennpunkt für die Fahrten der Gläubigen, und man behauptet, daß hier jährlich 300.000 Pilger zusammenströmen.

Die heilige Stadt hat noch immer ihren eigenen Rajah. Dieser von England nur kärglich besoldete Fürst bewohnt einen prächtigen Palast in Ramnagur am Ganges. Er ist ein wirklicher Nachkomme der Könige von Kazi (der alte Name für Benares), hat aber keinerlei Einfluß, und würde sich darüber wohl hinwegsetzen, hätte man seinen Ruhegehalt nicht auf ein Lakh Rupien vermindert, d. h. also auf 100.000 Rupien, gleich 200.000 Mark, eine Summe, die einem früheren Nabob kaum als Taschengeld ausreichte.

Der Aufstand von 1857 berührte, wie überhaupt alle Städte des Ganges-Thales, auch Benares. Jener Zeit bestand dessen Garnison aus dem 37. Regiment eingeborner Infanterie, einem Corps regulärer Cavallerie und einem halben Regiment Sikhs. An königlichen Truppen besaß es nur eine halbe Batterie europäischer Artillerie. Diese Handvoll Menschen konnte es nicht wagen, die eingebornen Soldaten zu entwaffnen. Die Regierungsbehörden erwarteten daher auch mit Verlangen die Ankunft des Oberst Neil, der mit dem 10. Regiment der königlichen Armee auf Allahabad marschirte. Oberst Neil zog in Benares nur mit zweihundertfünfzig Mann ein und ordnete sofort eine Parade auf dem Exercirplatze an.

Als die Sipahis versammelt waren, erhielten sie den Befehl, die Waffen niederzulegen. Das verweigerten dieselben. Damit kam es zwischen ihnen und der Infanterie des Oberst Neil zum Kampf. Die reguläre Cavallerie schloß sich sofort den Empörern an, ebenso wie später die Sikhs, welche sich verrathen glaubten. Jetzt eröffnete die halbe Batterie das Feuer mit einem Hagel von Kartätschen, der die Aufrührer trotz ihrer Uebermacht und Erbitterung völlig auflöste.

Das Gefecht fand außerhalb der bewohnten Quartiere statt. Im Gebiete der Stadt selbst kam es nur zu einer ohnmächtigen Erhebung der Muselmanen, welche die grüne Fahne aufzogen – ein Versuch, der gänzlich fehlschlug. Von diesem Tage ab wurde Benares während des ganzen Aufstandes nicht wieder gestört, nicht einmal als die Empörung in den Provinzen des Westens siegreich zu sein schien.

Banks machte mir diese Mittheilungen, während unser Boot über die Fluthen des Ganges glitt.

»Lieber Freund, sagte er, wir wollen also Benares besuchen; gut! So alt diese Stadt auch ist, so werden Sie selbst kein Bauwerk finden, das mehr als dreihundert Jahre zählte. Wundern Sie sich darüber nicht. Es ist das die Folge der Religions-Streitigkeiten, bei denen Eisen und Feuer stets eine nur zu bedauerliche Rolle spielten. Nichtsdestoweniger bleibt Benares eine merkwürdige Stadt, und Sie werden keine Ursache haben, ihren Ausflug zu bereuen!«

Bald darauf lag unsere Gondel in geeigneter Entfernung still, um uns am Grunde eines Golfes, ähnlich dem von Neapel, das pittoreske Amphitheater von Häusern erkennen zu lassen, die auf einem Hügel übereinanderliegen, und die Menge Paläste, von denen ein ganzer Complex in Folge einer Senkung des Bodens, den die Wellen des Stromes fort und fort unterwühlen, vom Einstürzen bedroht ist. Eine nepalesische Pagode von chinesischer Architektur, welche Buddha geweiht ist, ein Wald von Thürmen, Spitzen, Minarets und kleinen Pyramiden, die von Tempeln und Moscheen emporstreben, überragt von dem goldenen Lingam-Pfeile Sivas und den beiden unscheinbaren Pfeilen der Moschee Aurung Zebs, krönt das wunderbare Panorama.

Statt unmittelbar an einer der »Ghâts« oder Treppen, die vom Wasser zu den Uferstraßen hinaufführen, zu halten, ließ Banks die Gondel längs der Quais weiter fahren, deren unterste Mauerschichten bis zum Strome hinabreichen.

Ich sah hier eine Wiederholung der Auftritte von Gaya, nur in anderer Landschaft. An Stelle der grünen Wälder des Phalgou trat hier als Hintergrund das Bild der heiligen Stadt.

Das Schauspiel selbst war nahezu das gleiche.

Auch hier bedeckten Tausende von Pilgern den Uferabhang, die Terrassen und Treppen, und stürzten sich voller Andacht zu Dreien und Vieren in den Strom. Man darf aber nicht etwa glauben, daß dieses Bad unentgeltlich zu haben wäre. Wächter mit rothem Turban und den Säbel an der Seite erhoben auf den untersten Stufen der Ghâts das Eintrittsgeld im Verein mit geschäftigen Brahmanen, welche Rosenkränze, Amulette und andere fromme Bedürfnisse verkauften.

Übrigens drängten sich hier nicht nur Pilger, welche nur selbst zu baden gekommen waren, sondern auch Händler, deren einziges Geschäft darin bestand, heiliges, geweihtes Wasser zu schöpfen, das bis in die entlegensten Theile der Halbinsel vertrieben wird. Als Garantie ward jeder Flasche das Siegel der Brahmanen aufgedrückt. Immerhin darf man annehmen, daß hierbei Betrügereien im größten Maßstabe mit unterlaufen, denn der Export der wunderbaren Flüssigkeit hat eine gar zu beträchtliche Höhe erreicht.

»Vielleicht, meinte Banks, genügte der ganze Inhalt des Ganges noch nicht für den Bedarf der Gläubigen!«

Ich fragte ihn darauf, ob bei dieser »Baderei« nicht zuweilen Unfälle vorkämen, da man von Sicherheitsmaßregeln nichts bemerkte. Denn Schwimmmeister gab es z. B. hier nicht, um Unvorsichtige abzuhalten, die sich in die schnelle Strömung des Flusses verirrten.

»Unfälle kommen häufig genug vor, antwortete mir Banks, doch, wenn der Körper des Gläubigen verloren ist, so ist wenigstens seine Seele gerettet. Deshalb macht man nicht viel Aufheben darum.

– Und die Krokodile? forschte ich weiter.

– Die Krokodile halten sich meist beiseite. Der Lärm im Wasser erschreckt und verscheucht sie. Diese Ungeheuer sind weit weniger zu fürchten, als die Bösewichte, welche untertauchen, unter dem Wasser hingleiten, Frauen und Kinder herabzerren und ihnen das Geschmeide rauben. Man erzählt auch von einem Schurken, der mit einem künstlichen Kopfe bedeckt, lange Zeit die Rolle eines falschen Krokodils gespielt und bei diesem einträglichen und gefährlichen Geschäfte sich ein ganz nettes Vermögen erworben haben soll. Eines Tages ward dieser Eindringling von einem wirklichen Alligator aufgefressen und man fand von ihm nichts als den Kopf von lohgarer Haut, der noch auf dem Strome hinabtrieb.«

Außerdem giebt es auch genug überspannte Gläubige, welche freiwillig den Tod im Ganges suchen und dabei sogar mit Raffinement zu Werke gehen. Um ihren Körper befestigen sie dann z. B. einen Rosenkranz von leeren, aber unverschlossenen urnenartigen Gefäßen. Allmälich dringt das Wasser in dieselben ein und zieht sie unter dem beifälligen Jubel der andächtigen Menge langsam hinunter.

Die Gondel hatte uns bald an die Manmenka Ghat gebracht. Hier erhoben sich die Scheiterhaufen, denen die Leichen aller Derjenigen übergeben werden, welche wegen des zukünftigen Lebens etwas in Besorgniß sind. Die Gläubigen halten viel auf die Einäscherung an dieser Stelle, und die Scheiterhaufen lodern deshalb Tag und Nacht. Aus weiter Ferne her lassen sich die reichen Babous nach Benares bringen, sobald sie sich von einer unheilbaren Krankheit ergriffen fühlen. Benares gilt ohne Zweifel für den besten Abfahrtsplatz bei »der Reise in die andere Welt«. Hat der Verstorbene sich nur verzeihliche Sünden vorzuwerfen, so geht seine Seele auf den Rauchwolken der Manmenka sofort zur ewigen Glückseligkeit ein. War er ein großer Sünder, so muß sich seine Seele dagegen erst in dem Körper eines eben gebornen Brahmanen läutern. Er darf dann hoffen, daß, wenn sein Leben während dieser zweiten Fleischwerdung ein tadelloses gewesen ist, ihm keine dritte »Avatâra« (eine dritte Menschwerdung) auferlegt wird, bevor er für immer zum Genuß der Seligkeiten in Brahma’s Himmel zugelassen wird.

Den Rest des Tages benutzten wir zu einem Besuche der Stadt, ihrer hauptsächlichsten Bauwerke und der von düsteren Läden nach arabischer Sitte eingefaßten Bazars. Hier bringt man vorzüglich seine Mousselins zum Verkaufe, neben dem »Kinkôb«, einer Art goldbroschirten Seidenstoffs und das wichtigste Erzeugniß der Industrie von Benares. Die Straßen waren gut erhalten, aber eng, eine Anlage, die man in allen von den Strahlen der Tropensonne fast senkrecht getroffenen Städten wiederfindet. Empfindet man doch im Schatten hier noch eine unausstehliche Hitze. Ich bedauerte die Träger unseres Palankins aufrichtig, obgleich diese sich nicht selbst zu beklagen schienen.

Die armen Teufel fanden hierbei ja Gelegenheit, einige Rupien zu verdienen, das genügte, ihnen Kräfte und Muth einzuflößen. Ganz anders erschien dagegen ein Hindu, oder vielmehr ein Bengali, mit lebhaften Augen und verschlagenem Ausdruck im Gesicht, der uns ohne Scheu auf Tritt und Schritt verfolgte.

Beim Aussteigen am Quai der Manmenka Ghât hatte ich im Gespräch mit Banks den Namen des Oberst Munro laut fallen lassen. Der Bengali, der unsere Gondel anlegen sah, schien dabei unwillkürlich zu erzittern. Ich beachtete das zwar nicht weiter, doch kam es mir in den Sinn, als ich diesen Spion immer an unsere Fersen geheftet sah. Er verließ uns nur, um wenige Augenblicke später vor oder hinter uns wieder aufzutauchen. War es ein Freund oder ein Feind? Ich wußte es nicht; jedenfalls erregte der Name des Oberst Munro bei ihm ein mehr als gewöhnliches Interesse.

Unser Palankin hielt bald am Fuße der großen Treppe von hundert Stufen, die vom Quai nach der Moschee Aureng Zebs hinaufführt.

Früher klommen die Gläubigen, so wie die in Rom, diese Art Santa Scala nur auf den Knieen empor. Damals erhob sich der Tempel Wischnus an derselben Stelle, die später die Moschee des Eroberers einnahm.

Ich hätte Benares gern von der Höhe der Minarets in Augenschein genommen, die für ein architektonisches Meisterwerk gehalten werden. Bei einer Höhe von hundertzweiunddreißig Fuß haben sie doch nur den Durchmesser einer gewöhnlichen Küchenesse, und dennoch windet sich in ihrem cylindrischen Schafte noch eine Treppe empor; es ist aber, und zwar mit Recht, verboten, dieselben zu besteigen. Schon jetzt weichen die beiden Minarets nicht wenig von der lothrechten Linie ab und werden, da sie nicht so stabil sind wie der schiefe Thurm zu Pisa, über kurz oder lang einmal umstürzen.

Als wir die Moschee Aureng Zebs verließen, sah ich den Bengali wieder, der uns am Thore derselben erwartete. Jetzt faßte ich ihn scharf in’s Auge und er sah dabei zur Erde. Bevor ich Banks‘ Aufmerksamkeit wach rief, wollte ich mich überzeugen, ob die verdächtige Persönlichkeit uns immer nachfolgen werde, und schwieg deshalb.

Die Pagoden und Moscheen der Wunderstadt Benares zählen nach Hunderten. Ebenso die glänzenden Paläste, deren ohne Zweifel schönster dem Könige von Nagpore gehört. Es versagt sich nämlich kein Rajah, ein Stück Boden in der heiligen Stadt zu erwerben, nach der sich Alle zur Zeit der großen religiösen Feste von Mela begeben.

Ich konnte nicht daran denken, in der kurzen uns zu Gebote stehenden Zeit alle diese Gebäude zu besuchen, und beschränkte mich also darauf, den Tempel Bicheschwar’s, wo sich der Lingam Siva’s befindet, kennen zu lernen. Dieser unförmige Stein, der als ein Theil des Körpers vom wildesten der Götter der Hindu-Mythologie betrachtet wird, bedeckt einen Brunnen, dessen modriges Wasser der Sage nach Wunderkräfte besitzen soll. Ich sah auch die Mankarnika oder den heiligen Springbrunnen, in dem sich die Gläubigen zum großen Vortheile der Brahmamen baden, ferner den Mân Mundir, ein vor zwei Jahrhunderten durch den Kaiser Akbar errichtetes Observatorium, dessen Instrumente alle aus – Stein hergestellt sind.

Auch von einem Palaste der Affen, den alle Reisenden in Benares aufsuchen, hatte ich reden hören. Ein Pariser würde dabei natürlich erwarten, das berühmte Affenhaus aus dem Jardin des Plantes wiederzufinden. Weit gefehlt!

Der Palast ist nichts als ein Tempel, der Dourga Khound, etwas außerhalb der Vorstädte gelegen. Er stammt aus dem 9. Jahrhundert und gehört zu den ältesten Bauwerken der Stadt. Die Affen sind hier nicht in einem vergitterten Käfig eingesperrt. Sie schweifen frei durch die Höfe, springen von einer Mauer zur anderen, klettern in die Gipfel der riesigen Mango-Bämne und zanken sich mit lautem Geschrei um geröstete Körner, nach denen sie so lüstern sind und welche die Besucher ihnen mitzubringen pflegen. Hier, wie überall erheben die Brahmanen, als Wächter des Dourga Khound, eine kleine Steuer, welche diesen Stand zu dem einträglichsten in ganz Indien macht.

Selbstverständlich fühlten wir uns von der Hitze nicht wenig erschöpft, als wir gegen Abend daran dachten, nach dem Steam-House zurückzukehren. Wir hatten in Secrole, in einem der besten Hotels der englischen Stadt, gefrühstückt und zu Mittag gespeist, doch gestehe ich, daß wir dabei die Küche des Monsieur Parazard doch vermißten.

Als die Gondel an den Fuß der Ghât zurückkam, um uns nach dem rechten Gangesufer überzusetzen, sah ich jenen Bengali dicht bei unserem Boote zum letzten Male wieder. Ein von einem Hindu geführtes Boot schien ihn zu erwarten. Wollte er wohl ebenfalls über den Fluß setzen und bis zu unserem Haltepunkt folgen? Die Sache ward allmälich verdächtig.

»Banks, begann ich da mit leiser Stimme, auf den Bengali zeigend, das ist ein Spion, der uns auf jedem Schritte folgte.

– Ich hab‘ ihn wohl bemerkt, erwiderte Banks, und auch gesehen, daß der von Ihnen ausgesprochene Name des Oberst Munro seine Aufmerksamkeit erweckte.

– Sollten wir ihn also nicht …?

– Nein, nein, lassen wir ihn gehen, fiel mir Banks in’s Wort. Besser er hält sich für unbeachtet … übrigens ist er ja gar nicht mehr da.«

Wirklich war das Canot des Bengali schon unter der Menge von Fahrzeugen verschwunden, welche jetzt die dunklen Wellen des Ganges durchschnitten.

Da wandte sich Banks an unseren Bootsmann.

»Kennst Du jenen Mann? fragte er mit möglichst gleichgiltiger Stimme.

– Nein, ich sah ihn zum ersten Male!« antwortete der Bootsführer.

Die Nacht sank herab. Hunderte von beflaggten, mit bunten Laternen geschmückte Boote, besetzt mit Sängern und Musikanten, kreuzten sich in allen Richtungen auf dem Strome. Vom linken Ufer leuchteten verschiedene Feuerwerke auf und erinnerten mich an die Nähe des Himmlischen Reiches, wo dieselben so hoch in Ansehen stehen. Es wäre schwierig, dieses Schauspiel zu beschreiben, das wirklich kaum seinesgleichen finden dürfte. Aus welcher Veranlassung dieses scheinbar improvisirte Nachtfest gefeiert wurde, an dem Hindus aller Klassen theilnahmen, konnte ich nicht erfahren. Als es zu Ende ging, hatte unsere Gondel das linke Stromufer wieder erreicht.

Das Ganze erschien wie eine Vision. Es dauerte kaum länger, als der aufblitzende Lichtschein, der den Himmel auf Augenblicke erleuchtet und dann erlischt. Doch wie gesagt, Indien verehrt dreihundert Millionen Gottheiten, Untergottheiten, Heilige und Halbheilige jeder Sorte, und das Jahr hat nicht so viel Stunden, Minuten und Secunden, als daß jeder dieser Gottheiten eine einzige gewidmet werden könnte.

Bei unserer Rückkehr nach dem Halteplatz waren Oberst Munro und Mac Neil daselbst schon wieder eingetroffen. Banks fragte den Sergeanten, ob während unserer Abwesenheit etwas vorgefallen sei.

»Nichts, antwortete Mac Neil.

– Sie sahen keine verdächtige Persönlichkeit hier herumschleichen?

– Nein, Herr Banks. Haben Sie Veranlassung zu irgend einem Verdachte? …

– Wir wurden bei unserem Ausfluge nach Benares fortwährend beobachtet, erwiderte der Ingenieur, und das gefällt mir nicht.

– Und dieser Spion war …

– Ein Bengali, den der Name des Oberst Munro erst aufmerksam zu machen schien.

– Was kann der Mann von uns wollen?

– Das weiß ich nicht. Mac Neil. Jedenfalls heißt es aufzupassen.

– Ich werde auf dem Posten sein!« versicherte der Sergeant.

Drittes Capitel.


Drittes Capitel.

Der Aufstand der Sipahis.

Einige Zeilen werden uns im Allgemeinen darüber belehren, in welchem Zustande sich Indien zur Zeit unserer Erzählung befand, und vorzüglich über jenen gewaltigen Aufstand der Sipahis, dessen Hauptzüge wir im Folgenden vorführen.

Im Jahre 1600 unter der Regierung Elisabeth’s entstand auf dem heiligen Boden von Aryawarta, inmitten einer Bevölkerung von 200 Millionen Seelen, von der 112 Millionen der Hindu-Religion angehörten, die ehrenwerthe Indische Compagnie, bekannt unter dem Spitznamen »Old John Company«.

Dieselbe bildete anfangs nur eine »Vereinigung von Kaufleuten, die mit Ostindien in Verkehr standen«, und an deren Spitze der Herzog von Cumberland trat.

Jener Zeit nahm die in Indien früher so ausgedehnte Macht Portugals schon merklich ab. Die Engländer machten sich diese Verhältnisse zunutze und schritten zu dem Versuche, in der Präsidentschaft Bengalen, deren Hauptstadt Calcutta der Mittelpunkt einer neuen Regierung werden sollte, eine politische und militärische Administration einzuführen. Zuerst besetzte die Provinz das von England geschickte 39. Regiment der königlichen Armee. Daher stammt die Inschrift, welche es noch jetzt auf seiner Fahne führt, »Primus in Indiis«.

Inzwischen war, ziemlich zu derselben Zeit und unter der Patronage Colberts, eine französische Gesellschaft zusammengetreten, welche das nämliche Ziel verfolgte, wie die Vereinigung der Londoner Kaufleute. Aus dieser Rivalität entstanden natürlich manche Reibungen und langdauernde Kämpfe mit wechselndem Erfolge, in welche sich unter Anderen die Dupleix, Labourdonnais und Lally Tollendal auszeichneten. Zuletzt mußten die von der Uebermacht erdrückten Franzosen Karnatik verlassen, jenes Gebiet der Halbinsel, das einen Theil der östlichen Küste umfaßt.

Von den früheren Mitbewerbern befreit und weder von Portugal noch von Frankreich etwas fürchtend, strebte Lord Clyve darnach, den Erwerb Bengalens zu sichern, zu dessen General-Gouverneur Lord Hastings ernannt wurde. Zum Zweck einer brauchbaren und dauernden Administration wurden nun verschiedene Reformen durchgesetzt. Als die so mächtige und alles in sich aufnehmende Indische Compagnie aber auf der Höhe ihrer Macht stand, traf sie ein Schlag, der ihre wichtigsten Lebensinteressen verletzte. Einige Jahre später, im Jahre 1784, brachte Pitt noch mehrere Abänderungen ihrer ursprünglichen Charte in Vorschlag. Die Gewalt sollte darnach in die Hand der Räthe der Krone übergehen. Die Folge dieser neuen Ordnung der Dinge war, daß die Compagnie im Jahre 1813 das Monopol des Handels in Indien und 1833 das chinesische Handelsmonopol verlieren sollte.

Hatte England nun auch nicht ferner mit fremden Mächten auf der Halbinsel zu kämpfen, so mußte es doch viele langwierige Kriege führen, theils mit den früheren Besitzern des Landes, theils mit den letzten asiatischen Eroberern dieser Gebiete.

Hierher gehört z.B. unter Lord Cornwallis, 1784, der Kampf gegen Tippo Sahib, der am 4. Mai 1799 beim letzten Angriff des General Harris auf Seringapatam getödtet wurde. Ferner der Krieg mit den Maharatten, einer im 18. Jahrhundert noch sehr mächtigen Race, sowie der Kampf mit den Pindarris, welche so heldenmüthigen Widerstand leisteten. Ferner der Krieg gegen die Gourgkhas von Nepal, jene kühnen Bergbewohner, die sich bei der harten Probe des Jahres 1857 als treue Verbündete der Engländer bewähren sollten. Endlich der Krieg mit den Birmanen, 1823–1824.

Im Jahre 1828 waren die Engländer, direct oder indirect, die Herren eines großen Theiles des Reiches. Mit Lord William Bentinck begann eine neue administrative Aera.

Seit Regulirung der Wehrkräfte Indiens hatte die Armee von jeher aus zwei völlig verschiedenen Contingenten bestanden, aus dem europäischen Heerestheile und dem der Eingebornen oder Natifs. Der erstere bildete die königliche Armee mit Cavallerie-Regimentern, Infanterie-Bataillonen und mehreren Bataillonen europäischer Infanterie im Dienste der Indischen Compagnie; der zweite bestand aus der Natifs-Armee und enthielt Infanterie- und Cavallerie-Bataillone, doch wurden die Eingebornen von englischen Officieren befehligt. Hierzu trat noch die Artillerie, deren der Compagnie angehörende Mannschaften, mit Ausnahme einiger Batterien, lauter Europäer waren.

Die Kopfzahl dieser Regimenter oder Bataillone, welche in der königlichen Armee ohne Unterschied so bezeichnet werden, erreichte für die Infanterie 1100 Mann per Bataillon, bei der Armee von Bengalen, und 8–900 bei den Armeen von Bombay und Madras; bezüglich der Cavallerie rechnete man 600 Säbel auf jedes Regiment beider Armeen.

Nach den sehr genauen Angaben de Velbezen’s, in seinem höchst beachtenswerthen Buche »Neue Studien über die Engländer und Indien«, 1857, konnte man »die eingebornen Truppen auf 200.000, die europäischen Truppen aus allen drei Präsidentschaften auf 45.000 schätzen«.

Die Sipahis, ein reguläres Corps unter englischen Officieren, waren von jeher nicht abgeneigt, das Joch der europäischen Disciplin abzuschütteln, das ihre Besieger ihnen aufbürdeten. Schon im Jahre 1806 hatte die in Vallore cantonnirende Garnison von Madras, vielleicht auf Anstiften des Sohnes Tippo Sahib’s, die Feldwache des 69. Regimentes der königlichen Armee ermordet, die Kaserne in Brand gesteckt, die Officiere und deren Familien umgebracht und selbst in den Lazarethen die kranken Soldaten erschossen. Was war aber die Ursache dieser Empörung, wenigstens die äußerliche? Angeblich eine die Schnurrbärte, die Haartracht und die Ohrringe betreffende Frage, in Wahrheit der Haß der Unterdrückten gegen die Sieger.

Diese erste Erhebung wurde durch die in Ascol garnisonirende königliche Macht schnell niedergeworfen.

Ein ähnlicher Grund – auch nur ein Vorwand – sollte auch 1857 den ersten Anstoß zu der Erhebung geben, zu einem weit furchtbareren Aufstande, der vielleicht die Macht Englands in Indien vernichtet hätte, wenn die eingebornen Truppen der Präsidentschaften Madras und Bombay sich an demselben betheiligten.

Vor Allem muß man aber vor Augen behalten, daß dieser Aufstand des nationalen Charakters entbehrte. Die Hindus des Landes wie der Städte hielten sich demselben vollständig fern. Uebrigens beschränkte er sich auf die halb unabhängigen Staaten Central-Indiens, auf die Nordwest-Provinzen und das Königreich Audh. Das Pendjab mit seinen drei Schwadronen Kaukasus-Indiern blieb den Engländern treu. Treu blieben auch die Sikhs, jene Arbeiter der unteren Kaste, die sich bei der Belagerung Delhis besonders auszeichneten; ferner die Gourgkhas, welche der Rajah von Nepal in der Zahl von 12.000 zur Belagerung Laknaus herbeiführte; endlich die Maharajahs von Gwalior und Pattyala, der Rajah von Rampore, die Rani von Bhopal, welche ihre militärische Ehre bewahrten, oder, um den unter den Natifs von Indien gewöhnlichen Ausdruck zu gebrauchen, »dem Salz treu blieben«.

Zu Anfang der Empörung stand der General-Gouverneur Lord Canning an der Spitze der Verwaltung. Vielleicht täuschte sich dieser Staatsmann über die Tragweite der Bewegung. Schon seit einigen Jahren erblich der Stern des Vereinigten Königreichs sichtlich am Hindu-Himmel. Der Rückzug aus Kabul 1848 verminderte das frühere Ansehen der europäischen Eroberer nur noch mehr. Auch im Krim-Kriege befand sich die englische Armee nach manchen Seiten hin nicht auf der Höhe der Situation. Da dachten die Sipahis, welche von den Vorfällen am Schwarzen Meere eingehende Nachrichten erhielten, schon an die Möglichkeit, daß eine Erhebung der eingebornen Truppen wohl von Erfolg sein könne. Es bedurfte nur noch eines Funkens zur Entflammung der Gemüther, die durch ihre Dichter und Sänger, die Brahmanen und die »Moulvis«, hinlänglich vorbereitet waren.

Diese Gelegenheit bot sich 1857, als der Bestand der königlichen Armee in Folge äußerer Verwickelungen gerade nicht unerheblich geschwächt war.

Zu Anfang genannten Jahres begab sich Nana Sahib, oder Nabab Dandou-Pant, der in der Nähe von Khanpur residirte, erst nach Delhi und dann nach Laknau, offenbar um die von langer Hand her vorbereitete Erhebung in’s Leben zu rufen.

Wirklich brach kurze Zeit nach der Abreise Nana’s die insurrectionelle Bewegung offen aus.

Die englische Regierung hatte in der Natifs-Armee eben die Einfield-Büchse eingeführt, bei deren Gebrauch eingefettete Patronen in Anwendung kommen. Da verbreitete sich plötzlich das Gerücht, dieses Fett rühre theils von Kühen, theils von Schweinen her, je nachdem die Patronen für die Hindus oder Muselmanen der eingebornen Armee bestimmt seien.

In einem Lande nun, in welchem sich die Einwohner sogar der Seife enthalten, weil das Fett eines geheiligten oder verbotenen Thieres in deren Zusammensetzung eingegangen sein könne, konnte die Verwendung solcher mit Fett bestrichenen Patronen, die übrigens mit den Zähnen zerrissen werden mußten, nicht ohne Schwierigkeit durchgeführt werden. Die Regierung trug den ihnen gemachten Vorstellungen theilweise Rechnung; trotzdem aber, daß sie die Handhabung des Gewehrs modificirte und die Versicherung gab, daß zu den Patronen kein solches verpöntes Fett verwendet werde, gelang es ihr damit doch nicht, in der Armee der Sipahis auch nur einen Mann zu überzeugen und zu beruhigen.

Am 24. Februar verweigerte das 34. Regiment in Berampore die Entgegennahme der Patronen. Mitte März wird ein Adjutant ermordet, und trägt das nach Hinrichtung der Mörder entlassene Regiment den Keim der Empörung in die benachbarten Provinzen.

Am 10. Mai erheben sich in Miral, etwas nördlich von Delhi, das 3., 11. und 20. Regiment, die Meuterer ermorden ihre Obersten und einige Stabsofficiere; plündern die Stadt und ziehen sich dann nach Delhi zurück. Dort schließt sich ihnen der Rajah, ein Nachkomme Timur’s, an, das Zeughaus fällt in ihre Hand und die Officiere des 54. Regimentes werden niedergemetzelt.

Am 11. Mai werden in Delhi der Gouverneur Fraser und seine Officiere, sogar im Palaste des europäischen Commandanten, schonungslos massacrirt, und am 16. Mai fallen neunundvierzig Gefangene, Männer, Frauen und Kinder, unter dem Beile der Mörder.

Am 20. Mai tödtet das nahe bei Lahore cantonnirende Regiment den Hafencommandanten und den europäischen Sergeant-Major.

Nun war die fürchterlichste Metzelei in Gang gebracht.

Am 28. Mai fallen in Nourabad weitere Opfer unter den anglo-indischen Officieren.

Am 30. Mai im Cantonnement von Laknau, Ermordung des Brigade-Commandanten, seines Adjutanten und mehrerer Officiere.

Am 31. Mai zu Bareilli in Rohilkhande, Niedermetzelung einiger überraschter Officiere, die sich nicht zu vertheidigen vermögen.

Am nämlichen Tage, in Shajahanpore, Ermordung des Steuereinnehmers und einer Anzahl Officiere durch Sipahis vom 38. Regiment, und am nächsten Tage, jenseits Barvar, Ueberfall und Abschlachtung vieler Officiere, Frauen und Kinder, auf der Flucht nach der, eine Meile von Aurungabad gelegenen Station Sivapore.

In den ersten Tagen des Juni in Bhopal, Ermordung eines Theiles der europäischen Einwohnerschaft, und in Jansi, unter der Hetzerei der furchtbaren abgesetzten Rani, grausame Abschlachtung vieler in das Fort geflüchteten Frauen und Kinder.

Am 6. Juni erliegen in Allahabad sechs junge Fähnriche den Streichen der Sipahis.

Am 14. Juni Erhebung zweier Natifs-Regimenter in Gwalior und Ermordung der Officiere.

Am 27. Juni, in Khanpur, die erste Hekatombe von Opfern jeden Alters und Geschlechts, welche erschossen oder ertränkt werden, das Vorspiel zu dem furchtbaren Drama, das mehrere Wochen später Schrecken und Entsetzen verbreiten sollte.

In Holkar, am 1. Juli, Ermordung von 34 Europäern, Officieren, Frauen und Kindern, Plünderung, Brandstiftung, und in Ugow gleichzeitig Ermordung des Obersten und des Adjutanten vom 23. Regiment der königlichen Armee.

Am 15. Juli zweiter Massenmord in Khanpur. An diesem Tage wurden mehrere Kinder und Frauen – unter diesen auch Lady Munro – mit einer Grausamkeit ohne Gleichen auf Befehl Nana Sahib’s umgebracht, der die muselmännischen Metzger aus den Schlachthäusern dabei Hilfe leisten ließ. Es gab ein schreckliches Gemetzel, nach dem die Körper der Erschlagenen in einen legendenhaft gewordenen Schacht gestürzt wurden.

Am 26. September säbelte man auf einem Platze Laknaus, der seitdem der »Square der Bahren« genannt wird, zahlreiche schon Verwundete nieder und warf sie noch lebend in’s Feuer.

In den Städten und auf dem Lande kamen daneben noch viele vereinzelte Mordthaten vor, welche dieser Erhebung den Stempel der wildesten Grausamkeit aufdrückten.

Auf diese Schandthaten antworteten die englischen Generale sofort mit entsprechenden Repressalien, welche vielleicht nothwendig sein mochten, um dem englischen Namen unter den Empörern Achtung einzuflößen, die aber an und für sich wirklich furchtbar waren.

Im Anfang der Erhebung hatte der Ober-Auditeur Montgommery und der Brigadier Corbett unter dem Schutze von zwölf Kanonen mit brennender Lunte ohne Blutvergießen das 8., 16., 26. und 49. Regiment der eingebornen Armee zu entwaffnen vermocht. Ebenso hatten das 62. und 29. Regiment in Moultan, ohne ernsthaften Widerstand leisten zu können, die Waffen ablegen müssen. Auch in Peschavar wurden das 24., 27. und 51. Regiment durch den Brigadier S. Colton und den Oberst Nicholson kurz vor Ausbruch eines Aufstandes entwaffnet. Auf die Köpfe der entflohenen Officiere des 51. Regimentes wurden Preise ausgeschrieben und Alle durch die Bewohner der benachbarten Berge bald wieder zugeführt.

Das war der Anfang der Repressalien.

Eine von Oberst Nicholson commandirte Colonne setzte sich gegen ein nach Delhi marschirendes Natifs-Regiment in Bewegung. Letzteres wurde bald erreicht, geschlagen, zerstreut und hundertzwanzig Gefangene kehrten nach Peschavar zurück, die Alle sofort zum Tode verurtheilt, aber nur jeder dritte Mann erschossen wurden. Auf dem Exercierplatz fuhr man zehn Kanonen auf, vor die Mündung einer jeden wurde je ein Gefangener gebunden, und viermal gaben die zehn Kanonen Feuer, wobei sie die Umgebung mit unförmlich zerfetzten Stücken der Todten bedeckten, über denen eine von dem verbrannten Fleisch verpestete Atmosphäre lagerte.

Nach Valbezen starben diese Verurtheilten fast Alle mit jenem heroischen Gleichmuth, den die Indier gegenüber dem Tode so gut zu bewahren wissen.

»Herr Kapitän, sagte zu einem der die Execution leitenden Officiere ein hübscher Sipahi von zwanzig Jahren, während er das furchtbare Todesinstrument mit der Hand streichelte, Herr Kapitän, Sie brauchen mich nicht festbinden zu lassen, ich habe keine Lust zu entfliehen!«

Das war die erste, entsetzliche Hinrichtung, der noch so viele folgen sollten.

Der Tagesbefehl, welchen an jenem Tage der Brigadier Chamberlain in Lahore nach Hinrichtung zweier Sipahis vom 55. Regiment erließ, lautete übrigens wie folgt:

»Ihr habt eben gesehen, wie zwei Eurer Kameraden lebend vor den Lauf der Kanonen gebunden und in Stücken zerrissen wurden; die gleiche Strafe wird jeden Verräther treffen. Euer Bewußtsein wird Euch die Leiden verkünden, welchen jene in der anderen Welt unterliegen. Die beiden Soldaten wurden durch Kanonen und nicht durch den Galgen vom Leben zum Tode befördert, weil ich ihnen die Verunreinigung durch die Berührung des Henkers ersparen und den Beweis liefern wollte, daß die Regierung auch in diesen Tagen der Gefahr nichts thun will, was Euren religiösen und Kasten-Anschauungen zu nahe treten könnte.«

Am 30. Juli fielen nach und nach 1237 Gefangene von den Kugeln und fünfzig Andere entgingen demselben Tode nur dadurch, daß sie in dem Gefängnisse, worin man sie verwahrte, vorher vor Hunger starben oder erstickten.

Am 28. August wurden von 870 Sipahis, die aus Lahore flohen, von den Soldaten der königlichen Armee nicht weniger als 650 ohne Erbarmen niedergemacht.

Nach der Einnahme von Delhi, am 23. September, ergaben sich drei Prinzen der königlichen Familie, der präsumtive Thronerbe und seine beiden Vettern auf Gnade und Ungnade dem General Hudson, der sie mit einer Bedeckung von nur fünf Mann durch eine drohende Menge von wenigstens fünftausend Hindus – 1 gegen 1000 – abführte. Auf halbem Wege ließ Hudson den Wagen mit den Gefangenen anhalten, stieg selbst ein, befahl ihnen, die Brust zu entblößen, und streckte Alle durch drei Revolverschüsse nieder.

»Diese blutige Execution von der Hand eines englischen Officiers, sagt Velbezen, erregte im Pendjab die höchste Bewunderung.«

Nach der Einnahme von Delhi endigten 300 Gefangene durch die Kanonen oder den Galgen, unter ihnen neunundzwanzig Angehörige der königlichen Familie. Freilich hatte die Belagerung der Stadt 2151 Europäer und 1686 Eingeborne gekostet.

In Allahabad ereigneten sich entsetzliche Menschenschlächtereien, weniger unter den Sipahis, als unter dem anderen Volk, das von Fanatikern fast unbewußt zum Plündern veranlaßt worden war.

Am 16. September bedeckten in Laknau die Leichen von zweitausend erschossenen Sipahis einen Raum von hundertfünfzig Meter im Quadrat,

Nach dem Massacre in Khanpur zwang der Oberst Neil die Verurtheilten, bevor er sie dem Galgen überlieferte, je nach ihrer Kaste, jeden Blutfleck, der sich noch in dem Hause vorfand, in dem vormals jene Opfer fielen, zu reinigen und mit der Zunge abzulecken. Von Standpunkt der Indier aus war das die schimpflichste Entehrung vor dem Tode.

Während der Expedition in Central-Indien folgten sich die Hinrichtungen der Gefangenen unaufhörlich und unter dem Knattern der Gewehre »sanken ganze Mauern von Menschenfleisch zur Erde«.

Bei Gelegenheit der zweiten Belagerung von Laknau wurde nach dem Angriffe auf das Gelbe Haus am 9. März 1858, nachdem viele Sipahis niedergemetzelt waren, einer der unglücklichen Gefangenen von den Sikhs, und noch dazu unter den Augen der englischen Officiere, lebendig geröstet.

Am 11. füllten fünfzig Leiber der Sipahis die Gräben des Palastes der Begum in Laknau, ohne daß auch nur ein Verwundeter von den Soldaten, die sich nicht mehr zu zügeln vermochten, verschont worden wäre.

An zwölf Gefechtstagen kamen 3000 Natifs durch den Strick oder die Kugel um’s Leben, und unter ihnen 380 auf der Insel Hidaspe angesammelte Flüchtlinge, die sich bis nach Kaschmir zu retten vermocht hatten.

Alles in Allem, und ohne die Sipahis zu zählen, welche mit den Waffen in der Hand getödtet wurden, findet man, daß bei diesen unbarmherzigen Repressalien, bei denen von Gefangenen keine Rede sein konnte, nur in dem Pendjab-Feldzuge nicht weniger als 628 Eingeborne durch die Militärbehörden entweder standrechtlich erschossen oder vor die Mündung der Kanonen gebunden wurden, neben 1370 Mann, welche von den Civilbehörden, und 386, die auf Anordnung beider öffentlichen Gewalten gehenkt wurden.

Zu Anfang des Jahres 1859 schätzte man die Zahl der hingeschlachteten eingebornen Officiere und Soldaten auf 120.000, neben 200.000 Civilpersonen, die für ihre, manchmal gewiß zweifelhafte Theilnahme an dem Aufstande mit dem Leben büßen mußten. Eine schreckliche Wiedervergeltung, gegen welche Gladstone im englischen Parlamente gewiß mit Recht protestirte.

Für die folgende Erzählung erscheint es wichtig, die Bilanz dieses ungeheuren Nekrologs zu ziehen, weil der Leser daraus ersieht, welch‘ ungelöschter Haß in den Herzen der nach Rache dürstenden Besiegten ebenso zurückbleiben mußte wie in denen der Sieger, die noch zehn Jahre später Trauer trugen um die Opfer von Khanpur und Laknau.

Die eigentlichen militärischen Vorgänge in dem gegen die Rebellen geführten Feldzuge bestehen aus folgenden Expeditionen, die wir hier in Kürze aufzählen.

Den Anfang macht der Feldzug im Pendjab, der Sir John Laurence das Leben kostete.

Dann kommt die Belagerung von Delhi, jenes durch Tausende von Flüchtlingen verstärkten Mittelpunktes der Rebellion, in welchem Mohammed Schah Bahadour zum Kaiser von Hindostan ausgerufen wurde.

»Machen Sie mit Delhi ein Ende!« hatte der General-Gouverneur in seiner letzten Depesche an den commandirenden General gebieterisch verlangt, und die in der Nacht des 13. Juni begonnene Belagerung endigte am 19. September, nachdem die Generale Sir Harry Barnard und John Nicholson dabei gefallen waren.

Zur gleichen Zeit begann General Havelock, nachdem Nana Sahib sich hatte zum Peischwah erklären und in der Citadelle von Bilhour krönen lassen, seinen Marsch auf Khanpur.

Er erzwang sich den Eingang am 17. Juli, leider zu spät, um die letzte Metzelei zu verhindern und sich Nana’s zu bemächtigen, dem es glückte, mit 5000 Mann und 40 Geschützen zu entkommen.

Nachher unternahm Havelock seinen ersten Zug in das Königreich Audh und überschritt mit nur 17.000 Mann und zehn Kanonen am 28. Juli den Ganges, auf dem Wege nach Laknau.

Nun traten auch Sir Colin Campbell und Generalmajor Sir James Outram mit in’s Feld. Die Belagerung von Laknau nahm siebenundachtzig Tage in Anspruch und kostete Sir Henri Lavrence und dem General Havelock das Leben. Darauf bereitete sich Colin Campbell, nachdem er gezwungen worden war, nach Khanpur zurückzukehren, das er nun dauernd in seine Gewalt brachte, zu einem zweiten Zuge vor.

Inzwischen entsetzten andere Truppen Mohir, eine Stadt Central-Indiens, und machten einen Vorstoß durch Malva, der die englische Autorität in jenem Königreiche wieder herstellte.

Anfangs 1858 begannen Campbell und Outram in Audh einen zweiten Feldzug mit vier Divisionen Infanterie, welche von den Generalmajoren Sir James Outram, Sir Edward Lugar und den Brigadiers Walpole und Franks befehligt wurden. Die Cavallerie stand unter Sir Hope Grant, die Specialwaffen unter Wilson und Robert Napier, – zusammen etwa 25.000 Kombattanten, denen sich noch der Rajah von Nepal mit gegen 12.000 Gourgkhas anschloß. Die Rebellen-Armee der Begum zählte auch nicht weniger als 120.000 Mann und die Stadt Laknau 7–800.000 Einwohner. Der erste Angriff ging am 6. März vor sich. Am 16. waren die Engländer nach einer Reihe von Gefechten, bei denen der Seekapitän Sir William Peel und der Major Hudson fielen, im Besitz des auf der Goumti gelegenen Theiles der Stadt. Trotz dieser errungenen Vortheile leisteten die Begum und ihre Söhne im Palaste des Mousa Bagh, im äußersten Nordwesten von Laknau, hartnäckigen Widerstand, und auch der Moulvi, der mohammedanische Chef des Aufstandes, der in das Centrum der Stadt geflüchtet war, schlug es aus, sich zu ergeben. Ein Angriff Outram’s am 19. und ein glücklicher Kampf am 21. brachten den Engländern endlich den vollen Besitz dieses furchtbaren Bollwerkes des Aufstandes der Sipahis.

Mit dem Monat April trat die Erhebung in ihre letzte Phase. Es wurde noch ein Zug nach Rohilkande unternommen, wohin sich eine große Menge flüchtiger Rebellen zurückgezogen hatte. Zuerst wendeten sich die Anführer der königlichen Armee gegen Bareilli, die Hauptstadt des Königreichs. Zu Anfang ging es dabei nicht besonders glücklich. Bei Judgespore erlitten die Engländer sogar eine Art Niederlage. Der Brigadier Adrien Hope ward getödtet. Gegen Ende des Monats aber kam Campbell an, nahm Schah-Jahanpore wieder ein und griff am 5. Mai Bareilli selbst an, das er in Brand schoß und überwältigte, ohne freilich das Entweichen der Rebellen verhindern zu können.

Inzwischen eröffnete Sir Hugh Rose seinen Feldzug in Central-Indien. In den ersten Tagen des Januar 1858 marschirte dieser General quer durch das Königreich Bhopal nach Saungor, befreite dessen Besatzung am 3. Februar, nahm zehn Tage später das Fort von Gurakota ein, erzwang den Durchgang durch die Defilés der Vindhyas-Kette im Passe von Mandanpore, überschritt die Betiva, gelangte nach Jansi, das von 11.000 Aufständischen unter Führung der wilden Rani vertheidigt wurde, cernirte es unter brennender Hitze am 22. März, entsandte dann 2000 Mann von der Belagerungs-Armee, um 20.000 Mann des Contingents von Gwalior, die der berüchtigte Tantia-Topi befehligte, den Weg zu versperren, warf den genannten Rebellen-Chef über den Haufen, griff die Stadt am 2. April an, erstürmte die Mauern, eroberte die Citadelle, aus der die Rani mit genauer Noth entkam, nahm dann die Operationen gegen das Fort von Calpi auf, in dem die Rani und Tantia-Topi zu sterben entschlossen waren, bemächtigte sich desselben durch einen heldenmütigen Sturm am 22. Mai, machte sich von hier aus zur Verfolgung der Rani und ihres Begleiters auf, die sich nach Gwalior geworfen hatten, zog daselbst am 16. Juni seine zwei Brigaden zusammen, die durch den Brigadier Napier noch weitere Verstärkungen erhielten, vernichtete die Aufständischen in Morar, unterwarf den Platz selbst am 18. und kehrte nach einem wirklichen Triumphzuge nach Bombay zurück.

Während eines Vorpostengefechtes vor Gwalior fand auch die Rani ihr Ende. Diese dem Nabab völlig ergebene, gefürchtete Königin, seine treueste Bundesgenossin während des ganzen Aufstandes, fiel von Sir Edward Munro’s eigener Hand. Nana Sahib über der Leiche der Lady Munro in Khanpur, und der Oberst über der Leiche der Rani in Gwalior, das waren zwei Männer, welche den Aufstand und die Unterdrückung repräsentirten, zwei Feinde, deren Haß schreckliche Folgen haben mußte, wenn sie sich einmal begegneten.

Von nun an kann man den Aufstand als gezügelt ansehen, höchstens mit Ausnahme einzelner Theile des Königreichs Audh. Campbell zog deshalb am 2. November noch einmal in’s Feld, bemächtigte sich der letzten Stellungen der Rebellen und nöthigte noch einige hervorragende Führer zur Unterwerfung. Einer derselben, Beni Madho, wurde indeß nicht ergriffen. Im Laufe des Decembers hörte man, daß er sich in einen Grenzdistrict von Nepal zurückgezogen habe. Man behauptete auch, daß sich Nana Sahib, Balao Rao, sein Bruder, und die Begum von Audh, bei ihm befanden. In den letzten Tagen des Jahres tauchte dann das Gerücht auf, die Genannten hätten auf Rapti, nahe der Grenze zwischen Nepal und Audh, Zuflucht gesucht. Campbell bedrängte sie ohne Unterlaß, doch gelang es ihnen, die Grenze zu überschreiten. Erst Anfang Februar 1859 vermochte eine englische Brigade, von der ein Regiment unter dem Befehl des Oberst Munro stand, sie in Nepal weiter zu verfolgen. Beni Madho fand dabei den Tod, die Begum von Audh und ihr Sohn dagegen wurden gefangen und erhielten Erlaubniß, in der Hauptstadt von Nepal zu wohnen. Nana Sahib und Balao Rao hielt man schon lange für todt. Sie waren es nicht.

Jedenfalls durfte man den furchtbaren Aufstand als unterdrückt betrachten, Tantia-Topo wurde durch seinen Lieutenant Man Singh ausgeliefert, zum Tode verurtheilt, und am 15. April in Sipei hingerichtet. Der Rebell, »eine wirklich beachtenswerthe Erscheinung in dem Drama des indischen Aufstandes, sagt de Valbezen, der sich als ein politischer Kopf voll der kühnsten Pläne erwies«, starb muthig auf dem Schaffot.

Das Ende der Erhebung der Sipahis, welche den Engländern vielleicht Indien gekostet hätte, wenn sie sich über die ganze Halbinsel verbreitet und vorzüglich, wenn der Aufstand einen nationalen Charakter gehabt hätte, verursachte doch auch die Auflösung der ehrenwerthen Ostindischen Compagnie.

Schon seit Ende des Jahres 1857 bedrohte Lord Palmerston den Hof der Directoren mit deren Absetzung.

Am 1. November 1858 verkündete eine in zwanzig Sprachen veröffentlichte Bekanntmachung, daß Ihre Majestät Victoria Beatrix, Königin von Großbritannien, das Scepter von Indien ergreife, zu dessen Kaiserin sie mehrere Jahre später erhoben werden sollte.

Es war das das Werk des Lord Stanley.

Die wichtigste Anordnung der neuen Regierung bestand darin, daß der Titel eines Vicekönigs an Stelle desjenigen eines Gouverneurs trat, ein Staatssecretär und fünfzehn Mitglieder der Centralregierung, wie die Mitglieder des Rathes von Indien aus dem indischen Dienste neu aufgestellt, die Gouverneure der Präsidentschaften Madras und Bombay von der Königin ernannt, die Beamten des indischen Dienstes und die Obercommandanten aber von dem Staatssecretär erwählt wurden.

Die königliche Armee zählt jetzt 17.000 Mann mehr als vor dem Sipahi-Aufstande, nämlich 52 Regimenter Infanterie, 9 Regimenter Füseliere und eine beträchtliche Artillerie, 500 Säbel für jedes berittene Regiment und 700 Bajonette in jedem Infanterie-Regiment.

Die Natifs-Armee besteht aus hundertsiebenunddreißig Regimentern Infanterie und vierzig Regimentern Cavallerie; ihre Artillerie ist aber fast ohne Ausnahme europäisch.

Das sind die heutigen Verhältnisse der Halbinsel in administrativer und militärischer Hinsicht, das die wirklich vorhandene Wehrkraft, welche ein Gebiet von 400.000 Quadratmeilen bewacht.

»Die Engländer haben das Glück gehabt, sagt Grandidier ganz richtig, in jenem großen und prächtigen Lande ein sanftes, gewerbfleißiges und nicht ungebildetes Volk zu treffen, das seit langer Zeit an fremdes Joch gewöhnt war. Dennoch mögen sie sich hüten; auch die Sanftmuth hat ihre Grenzen, und wenn das Joch zu drückend würde, erheben sich eines Tages die Köpfe und brechen es in Stücke.«

Viertes Capitel.


Viertes Capitel.

Tief in den Höhlen von Ellora.

Es war vollkommen richtig. Der Maharatten-Fürst Dandou Pant, der Adoptivsohn Baji Rao’s und Peïschwah von Pounah, mit einem Worte Nana Sahib – jener Zeit vielleicht der einzige Ueberlebende von den Führern im Aufstande der Sipahis, hatte aus seiner unzugänglichen Zufluchtsstätte in Nepal zu entkommen vermocht. Tapfer, kühn wie er war, gewöhnt, jeder Gefahr zu trotzen, gewandt im Irreführen seiner Verfolger, erfahren in der Kunst, seine Spuren zu verwischen, und schlau wie sonst Einer, hatte er sich bis in die Provinzen von Dekkan hinuntergewagt, getrieben von seinem noch immer glühenden Hasse, den die furchtbaren Repressalien nach der Erhebung von 1857 nur noch mehr geschürt hatten.

Ja, es war ein tödtlicher Haß, den Nana den Besitzern Indiens geschworen. Ihm als Erben Baji Rao’s hatte die Compagnie nach des Letzteren, im Jahre 1851 erfolgten Tode abgeschlagen, die Pension von acht Lakhs Rupien (etwa einundzweidrittel Millionen Mark), auf die er ein Anrecht hatte, weiterzuzahlen. Hierin ist die eine Ursache dieses Hasses zu suchen, der sich in so schauerlichen Unthaten Luft machen sollte.

Doch, was hoffte Rana Sahib wohl jetzt?

Seit acht Jahren schon war die Erhebung der Sipahis vollkommen unterdrückt. Allmälich war die englische Regierung an Stelle der ehrenwerthen Compagnie getreten und hielt die ganze Halbinsel besser im Zügel als früher die Vereinigung von Kaufleuten. Von der Rebellion sah man keine Spuren mehr, nicht einmal in den Reihen der Natifs-Armee, die auf anderen Grundlagen völlig neu organisirt worden war. Glaubte Nana vielleicht Erfolg zu haben, wenn er einen nationalen Aufstand unter den niedrigsten Volksclassen Hindostans anzuschüren versuchte? Wir werden seine Absichten bald kennen lernen. Jedenfalls, und das wußte er auch selbst, war sein Erscheinen in der Provinz von Aurungabad angemeldet worden, der General-Gouverneur hatte den Vicekönig in Calcutta davon benachrichtigt und einen Preis auf seinen Kopf gesetzt. Es blieb ihm also nichts Anderes übrig, als auf der Stelle zu entfliehen und einen verborgenen Zufluchtsort aufzusuchen, der ihn vor den Nachstellungen der anglo-indischen Polizei sicherte.

Nana verlor auch keine Minute. Er kannte das Land vollkommen und beschloß bis nach dem von Aurungabad fünfundzwanzig Meilen entfernten Ellora zu flüchten, wo er einen seiner Genossen zu finden hoffte.

Die Nacht war dunkel. Nachdem der falsche Fakir sich versichert, daß er nicht verfolgt werde, wandte er sich nach jenem, eine Strecke von der Stadt errichteten Mausoleum des Mohammedaners Sha-Sufi, eines Heiligen, dessen Reliquien in dem Rufe wunderthätiger Heilkräfte stehen. In dem Mausoleum schlief schon Alles, Priester sowohl wie Pilger, und Nana kam vorbei, ohne durch eine Frage belästigt zu werden.

Es lagerte jedoch keine so tiefe Finsternis über der Landschaft, daß jener ungeheure Granitblock, der vier Meilen weiter nördlich das uneinnehmbare Fort von Daoulutabad trägt und sich inmitten einer weiten Ebene gegen zweihundertvierzig Fuß hoch erhebt, den Blicken hätte verborgen bleiben können. Der Nabab erinnerte sich dabei, daß einer seiner Ahnen, ein Kaiser von Dekkan, einst beabsichtigte, die früher den Fuß des Forts umgebende geräumige Stadt zu seiner Residenz zu erheben. Wirklich wäre das eine unbezwingliche Stellung, ein geeigneter Mittelpunkt für eine insurrectionelle Bewegung in diesem Theile Indiens gewesen. Der Nabab wandte aber den Kopf weg und hatte nur einen Blick voll Haß für die, jetzt in den Händen seiner Todfeinde befindliche Veste.

Nach der Ebene hier kam eine mehr hügelige Gegend, mit den ersten Bodenwellen, die nach und nach zu Bergen anwachsen sollten. Nana, ein Mann im kräftigsten Alter, verlangsamte nicht im mindesten seine Schritte, als er die steilen Abhänge hinaufstieg. Er wollte in dieser Nacht fünfundzwanzig Meilen, d.h. die Entfernung zurücklegen, welche Ellora von Aurungabad trennt. Dort hoffte er in voller Sicherheit rasten zu können. Er hielt sich also nirgends auf, weder in einer Karawanserei, wie sie für Jeden, der des Weges daher kommt, offen stehen, noch in einem halbverfallenen Bungalow, wo er, schon in entlegenerem Theile des Gebirges, einige Stunden hätte schlummern können.

Mit Sonnenaufgang eilte der Flüchtling um das Dorf Raupah herum, welches das einfache Grab des größten der mongolischen Kaiser, Aureng Zeb’s, enthält. Dann gelangte er nach jener berühmten Höhlengruppe, die ihren Namen von dem benachbarten Dorfe Ellora entlehnt hat.

Der Hügel, aus welchem man jene Höhlen herausgearbeitet hat, zeigt etwa die Gestalt der Halbmondes. Die wunderbaren Bauwerke desselben bilden vier Tempel, vierundzwanzig buddhistische Klöster und einige minder beträchtliche Grotten. Der Basaltbruch ist von der Hand des Menschen umfänglich ausgenutzt worden. Die Hindubaumeister entnahmen aus demselben das Gestein während der ersten Jahrhunderte der christlichen Aera aber nicht zur Errichtung der auf der ungeheuren Halbinsel da und dort verstreuten Meisterwerke der Baukunst, nein, dasselbe wurde nur gebrochen, um in der Felsenmasse selbst Hohlräume zu gewinnen, und diese Räume sind je nach ihrer Bestimmung »Chaityas« oder »Viharas« geworden.

Der außerordentlichste jener Tempel ist der sogenannte Kaïlasa. Man stelle sich einen Steinblock von hundertzwanzig Fuß Höhe und sechshundert Fuß Umfang vor. Diese Masse hat man mit unglaublicher Kühnheit aus dem Berge selbst ausgeschnitten, inmitten eines dreihundertsechzig Fuß langen und hundertsechsundachtzig Fuß breiten Hofes isolirt – ein Hof, den man mittelst Werkzeuge dem Basaltberge abgewann. Nach Herstellung dieses Einzelblocks haben die Baumeister ihn bearbeitet, wie der Bildschnitzer ein Stück Elfenbein. Aeußerlich formten sie aus demselben Säulen, meißelten kleine Pyramiden und runde Kuppeln, ließen dabei genug Steinmassen für die Herstellung von Basreliefs stehen, von denen über lebensgroße Elephanten das ganze Gebäude zu tragen scheinen; im Innern arbeiteten sie einen geräumigen Saal mit Kapellen an den Seiten aus, dessen Wölbung auf vielen, von der Felsenmasse ausgesparten Säulen ruht. Sie stellten aus diesem Monolithen mit einem Worte einen Tempel her, der im eigentlichen Sinne des Wortes nicht »gebaut« wurde, einen in der ganzen Welt einzig dastehenden Tempel, der sich kühn mit den wunderbarsten Bauwerken Indiens messen kann und selbst den Vergleich mit den Hypogeen des alten Egyptens aushält.

Schon sieht man, daß der Zahn der Zeit an diesem jetzt fast gänzlich verlassenen Tempel genagt. Er zerfällt an einzelnen Theilen. Seine Basreliefs verwittern, wie die Felsenwand, aus der sie geschaffen wurden. Er hat vielleicht noch tausend Jahre Leben zu erwarten. Was aber das erste Kindesalter der Werke der Natur zu nennen ist, das ist bei Menschenwerken schon das der Hinfälligkeit. Im linken unteren Theile waren mehrere breite Sprünge entstanden, und durch eine dieser Öffnungen, die der Rücken eines Elephanten zur Hälfte verdeckte, glitt Nana Sahib hinein, ohne daß ihn Jemand wahrnahm.

Der Sprung führte im Inneren nach einem langen engen Gange, der quer unter dem Grunde hinlief, und sich unter der »Cella« des Tempels tiefer hinabwendete. Hier erweiterte er sich zu einer Art Krypte, oder richtiger zu einer, jetzt übrigens trockenen Cisterne, in der sich sonst Regenwasser ansammelte.

Als Nana in den Gang gelangt war, ließ er einen gewissen Pfiff ertönen, dem ein ganz ähnliches Pfeifen antwortete. Es war das kein Echo. In der Dunkelheit glänzte ein einzelnes Licht auf.

Gleichzeitig erschien ein Hindu mit einer kleinen Laterne in der Hand.

»Kein Licht! rief Nana.

– Bist Du es, Dandou Pant?

– Ja, Bruder!

– Nun, und …?

– Erst schaffe mir zu essen, antwortete Nana, wir plaudern später. Doch zum Reden wie zum Essen brauche ich keine Beleuchtung. Fasse meine Hand und führe mich!«

Der Hindu ergriff Nana’s Hand, leitete ihn nach dem Hintergrunde der Höhle und half ihm, sich auf einem Lager von trockenen Gräsern auszustrecken, das er eben verlassen hatte. Das Pfeifen des Fakirs mochte seinen letzten Schlummer unterbrochen haben.

Dieser Mann, der es offenbar sehr gewöhnt war, sich im Finstern zu bewegen, hatte bald etwas Mundvorrath an Brot nebst einer Art Pastete von »Mourghis« mit dem in Indien so gewöhnlichen Hühnerfleisch, nebst einer Kürbisflasche, die eine halbe Pinte jenes starken, unter dem Namen »Arak« bekannten Getränkes enthielt, gefunden, das man durch Destillation des Saftes der Cocospalme gewinnt.

Nana aß und trank, ohne ein Wort zu reden. Er starb vor Hunger und Erschöpfung. Seine ganze Lebenskraft lag jetzt in den Augen, die im Dunklen wie die des Tigers leuchteten.

Regungslos harrte der Hindu, bis es dem Nabab belieben würde, zu sprechen.

Dieser Mann war Balao Rao, der eigene Bruder Nana Sahib’s.

Balao Rao, um kaum ein Jahr älter als Dandou Pant, glich diesem körperlich bis zum Verwechseln. Moralisch war er der ganze Nana Sahib, mit demselben Hasse gegen die Engländer, derselben Arglist seiner Anschläge, derselben Wildheit in der Ausführung, eine Seele in zwei Leibern. Während des ganzen Aufstandes waren die Beiden unzertrennlich gewesen; nach dessen Niederwerfung hatte dasselbe Lager an der Grenze von Nepal ihnen Zuflucht gewährt. Jetzt verband sie der nämliche Gedanke, den Kampf wieder aufzunehmen, zu dem sie gleichmäßig bereit waren.

Als Nana sich durch die hastig verzehrte Mahlzeit erquickt und wieder Kräfte gesammelt hatte, blieb er noch eine Zeit lang mit auf die Hand gestütztem Kopf sitzen. In der Meinung, daß er einige Stunden werde der Ruhe pflegen wollen, verhielt sich Balao Rao noch immer schweigend.

Da erhob Dandou Pant das Haupt, ergriff des Bruders Hand und begann mit dumpfer Stimme:

»Mein Erscheinen in der Präsidentschaft Bombay ist dorthin gemeldet worden. Der Gouverneur der Präsidentschaft hat einen Preis auf meinen Kopf gesetzt. Zweitausend Pfund sind Demjenigen zugesichert, der Nana Sahib der Behörde ausliefert!

– Dandou Pant! rief Balao Rao, Dein Kopf ist mehr werth! Das wäre ja kaum ein Preis für den meinigen, und vor Ablauf dreier Monate würden sie sich glücklich schätzen, Beide für zwanzigtausend Pfund in ihrer Gewalt zu haben.

– Ja wohl, antwortete Nana, in drei Monaten, am 23. Juni, ist der Jahrestag jener Schlacht von Plassey, deren hundertster Jahrestag, im Jahre 1857, das Ende der englischen Zwingherrschaft und die Befreiung der Kinder der Sonne erblicken sollte!

– Was 1857 nicht glückte, Dandou Pant, kann und muß zehn Jahre später glücken. In den Jahren 1827, 1837 und 1847 gab es Aufstände in Indien. Aller zehn Jahre erfaßt die Hindus das Fieber der Rebellion! Wohlan, dieses Jahr sollen sie sich durch ein Bad in Strömen europäischen Blutes heilen!

– Brahma sei mit uns, murmelte Nana, und dann, Verderben für Verderben! Wehe den Führern der königlichen Armee, die nicht den Streichen unserer Sipahis erlagen! Lawrence ist todt, Barnard ist todt, Napier ist todt, Hobso sowie Havelock! Einige leben aber noch, wie Campbell, Rose und Andere, unter ihnen der, den ich vor Allen hasse, Oberst Munro, der Abkömmling jenes Henkers, welcher zuerst Hindus vor den Schlund der Kanonen binden ließ, der Mann, von dessen eigener Hand meine Gefährtin, die Rani von Jansi, den Tod erlitt! Wenn er in meine Hand fällt, mag er sehen, ob ich die Schandthaten des Oberst Neil, die Metzeleien des Sekander Bogh, die Verwüstungen des Palastes der Begum, der von Bareilli, Jansi, Morar, der Insel Hidaspe und von Delhi vergessen habe! Ob ich es vergessen, daß er mir den Tod geschworen hat, wie ich ihm!

– Ist er nicht aus der Armee getreten? fragte Balao Rao.

– O, bei der ersten Bewegung wird er wieder Dienste nehmen, versicherte Nana Sahib. Doch wenn der Aufstand fehlschlägt, ihn werde ich erdolchen, und wäre es in seinem Bungalow in Calcutta!

– Gut, aber jetzt? …

– Jetzt gilt es, das begonnene Werk weiter zu führen. Diesmal muß die Erhebung eine nationale werden! Die Hindus der Städte und der Dörfer mögen sich nur erheben, bald werden die Sipahis mit ihnen gemeinschaftliche Sache machen. Ich habe den mittleren und nördlichen Theil von Dekkan durchstreift; überall fand ich die Geister reif zur Empörung. In allen Städten, allen Flecken warten unsere Führer darauf, zu handeln. Die Brahmanen werden die Menge fanatisiren. Die Religion wird diesmal die Anhänger Shiva’s und Wischnu’s mit fortreißen. Zur bestimmten Zeit und auf ein gegebenes Zeichen werden Millionen von Hindus aufstehen und die königlichen Heere vernichtet sein!

– Und Dandou Pant? … fragte Balao Rao, die Hand des Bruders ergreifend.

– Dandou Pant, erwiderte Nana, wird nicht allein als Paischwah auf dem Castell von Bilhur gekrönt, sondern der Herrscher über das heilige Land von Indien werden!«

Nach diesen Worten verfiel Nana Sahib, die Arme kreuzend und mit dem unbestimmten Ausdruck des Blickes Derjenigen, die weniger auf die Vergangenheit oder Gegenwart als in die Zukunft schauen, in stilles Sinnen …

Balao Rao hütete sich wohl, ihn zu stören. Es gefiel ihm, diese wilde Seele sich an sich selbst entflammen zu lassen, im Nothfall war er ja bei der Hand, das in Jenem schlummernde Feuer zu schüren. Nana Sahib konnte einen inniger an seine Person geknüpften Genossen gar nicht finden, keinen eifrigeren Rathgeber, der ihn seinem Ziel entgegen trieb. Er war wie gesagt sein zweites Ich.

Nach wenigen Minuten des Schweigens erhob er seinen Kopf wieder.

»Wo sind unsere Leute? fragte er.

– In den Höhlen von Adjuntah, wo sie uns verabredetermaßen erwarten sollten.

– Und unsere Pferde?

– Die habe ich in Büchsenschußweite von hier auf der Straße von Ellora nach Boregami zurückgelassen.

– Wohl unter Obhut Kâlagani’s?

– Ja, Bruder. Sie sind gut bewacht, durch Futter und Ruhe gestärkt, und erwarten nur uns noch, um aufzubrechen.

– Also vorwärts, mahnte Nana. Wir müssen vor Tagesanbruch in Adjuntah sein.

– Und wohin wenden wir uns von da aus? fragte Balao Rao. Hat diese übereilte Flucht Deine Pläne nicht gestört?

– Nicht im mindesten, antwortete Nana Sahib. Wir werfen uns in die Sautpourra-Berge, in denen ich alle Schliche und Wege kenne und alle Nachstellungen der englischen Polizei zu vereiteln vermag. Dort befinden wir uns übrigens in dem Gebiete der Bilhs und Gounds, die unserer Sache stets treu geblieben sind. Da, in der Gebirgsregion der Bindhyas, wo der Zündstoff der Empörung immer aufzuflammen bereit ist, kann ich den günstigen Augenblick abpassen.

– Vorwärts denn, mahnte Balao Rao; o, sie haben Dem zweitausend Pfund versprochen, der Dich finge! Doch es ist nicht genug, einen Preis auf Deinen Kopf zu setzen, man muß ihn auch haben!

– Es wird ihn Keiner bekommen, antwortete Nana Sahib. Komm schnell, Bruder, keinen Augenblick verloren, komm!«

Sicheren Schrittes ging Balao Rao durch den engen Gang hin, der zu diesem dunklen Zufluchtsorte unter dem Grunde des Tempels führte. An dem, von dem Rücken des Elephanten verdeckten Ausgange angelangt, steckte er vorsichtig nur den Kopf heraus, blickte im Dunklen rechts und links umher, überzeugte sich, daß die nächsten Umgebungen verlassen waren, und wagte sich dann erst nach außen. Um ganz sicher zu gehen, lief er etwa zwanzig Schritte auf der in der verlängerten Achse des Tempels liegenden Straße hin; da er auch hier nichts Verdächtiges wahrnahm, meldete er Nana, durch einen Pfiff, daß der Weg frei sei.

Bald darauf verließen die beiden Brüder das künstliche, eine halbe Meile lange Thal, das vollständig von Galerien, Gewölben und Höhlungen erfüllt ist, die sich manchmal zu beträchtlicher Höhe erheben. Sie vermieden das mohammedanische Mausoleum zu berühren, das als Bungalow dient für Pilger und Neugierige aller Nationen, welche die Wunderwerke Elloras herbeiziehen; endlich, nachdem sie noch um das Dorf Raupah herumgeschlichen, befanden sie sich auf der Straße, die Adjuntah und Boregami verbindet.

Die Entfernung zwischen Ellora und Adjuntah beträgt gegen fünfzig Meilen (etwa 80 Kilometer); jetzt lagen indeß die Verhältnisse anders, als da Nana zu Fuß und ohne jedes Transportmittel aus Aurungabad entwich. Wie Balao Rao gesagt, erwarteten ihn drei Pferde auf der Landstraße, die der Hindu Kâlagani, ein treuer Diener Dandou Pant’s, bewachte. Eine Meile vom Dorfe standen diese Pferde in einem dichten Gebüsch versteckt. Das eine war für Nana, das zweite für Balao Rao, das dritte für Kâlagani bestimmt, und bald galoppirten alle Drei in der Richtung auf Adjuntah fort. Es würde übrigens Niemand erstaunt gewesen sein, einen Fakir beritten zu erblicken, denn diese unverschämten Bettler sprechen nicht selten vom Pferde herab um Almosen an.

Zu dieser für Pilgerfahrten minder günstigen Jahreszeit war die Straße sehr wenig belebt. Nana und seine beiden Gefährten eilten also rasch vorwärts, ohne etwas zu fürchten zu haben, das sie belästigen oder aufhalten könnte. Sie nahmen sich nur Zeit, ihre Thiere etwas verschnaufen zu lassen, und während dieser kurzen Aufenthalte sprachen sie dem Mundvorrath zu, den Kâlagani in seiner Satteltasche mitführte. Auf diese Weise gingen sie den belebteren Theilen der Provinz, den Bungalows und Dörfern aus dem Wege, unter anderen dem Flecken Roja, einem traurigen Haufen schwarzer Häuser, welche die Zeit wie die düsteren Wohnungen von Cornwallis eingeräuchert hat, und Pulwary, einem kleinen, in den Anpflanzungen einer schon halb wilden Gegend verlorenen Orte.

Das Land war hier gleichmäßig eben. Nach allen Seiten hin erstreckten sich Haidekrautfelder, da und dort von dichten Dschungeln durchsetzt. Mit der Annäherung an Adjuntah wurde die Gegend jedoch hügeliger.

Die prächtigen Grotten, welche diesen Namen führen, ebenbürtige Rivalen der Wunderhöhlen von Ellora und im Ganzen vielleicht schöner als diese, nahmen den unteren Theil eines kleinen Thales, etwa eine halbe Meile von der Stadt ein.

Nana Sahib brauchte also nicht durch Adjuntah zu gehen, wo die Bekanntmachung des Gouverneurs gewiß schon veröffentlicht war, und folglich auch nicht zu fürchten, erkannt zu werden.

Nach fünfzehnstündigem Ritte von Ellora aus betrat er mit seinen zwei Begleitern einen Engpaß, der nach dem berühmten Thale führte, dessen siebenundzwanzig, gleich aus dem Felsberg gemeißelte Tempel sich über schwindelnde Abgründe erheben.

Die Nacht war herrlich, der Himmel voller flimmernder Sterne, aber mondlos. Verschiedene hohe Bäume, Banianen (indische Feigen) und einige jener »Bars«, welche zu den Riesen der indischen Flora zählen, hoben sich in dunklen Umrissen von dem sternbedeckten Hintergrunde des Himmels ab. Kein Lufthauch durchzitterte die Atmosphäre, kein Blättchen regte sich und kein Geräusch ließ sich vernehmen, außer dem dumpfen Murmeln eines Bergstromes, der in der Entfernung von einigen hundert Fuß in der Tiefe des Hohlweges hinlief. Dieses Murmeln nahm aber nach und nach zu und wurde zum wirklichen Brausen, als die Rosse den Wasserfall von Sakkhound erreicht hatten, der aus einer Höhe von fünfzig Toisen herabstürzt und sich an den Vorsprüngen der Quarz- und Basaltfelsen bricht. In dem Engpasse wogte ein feuchter Nebel hin, der die sieben Regenbogenfarben gezeigt hätte, wenn der Mond in dieser herrlichen Frühlingsnacht über den Horizont gekommen wäre.

Nana Sahib, Balao Rao und Kâlagani waren am Ziele. Nach einer scharfen Wendung des Engpasses, der hier einen spitzen Winkel bildet, lag vor ihnen das durch die Meisterwerke buddhistischer Bauwerke geschmückte Thal. An den Mauern jener Tempel, welche mit Säulen, Rosetten, Arabesken und Verandas reich verziert, durch Kolossalfiguren phantastischer Thiergestalten belebt und von dunklen Zellen durchbrochen sind, in denen früher die Priester als Wächter der geheiligten Räume wohnten, kann der Künstler noch heute einzelne Fresken bewundern, die noch ganz wie frisch gemalt erscheinen und königliche Ceremonien, religiöse Aufzüge und Schlachten, oder alle Waffen jener Periode darstellen, wie sie in dem reichen Indien während der ersten Zeit der christlichen Zeitrechnung gebräuchlich waren.

Nana Sahib kannte alle Geheimnisse dieser mysteriösen Hypogeen. Mehr als einmal hatte er sich mit seinen Gefährten, wenn ihm die königlichen Truppen zu dicht auf der Ferse waren, während der Unglückstage des Aufstandes dahin geflüchtet. Die unterirdischen Gänge, welche jene verbanden, die engen, aus der Quarzmasse des Berges gehauenen Tunnels, die winkeligen Wege, welche sich in allen Richtungen kreuzten, die tausend Verzweigungen dieses Labyrinths, deren Entwirrung auch die Geduldigsten ermüden mußte – er war mit Allem vertraut. Er konnte sich darin nicht verirren, selbst wenn keine Fackel die dunkle Tiefe erleuchtete.

Nana ging trotz der schwarzen Nacht mit voller Sicherheit gerade auf eine der minder bedeutenden Höhlen der Gruppe zu. Den Eingang zu derselben verdeckte ein Vorhang von dichtem Gezweig und ein Haufen großer Steine, den früher eine Erderschütterung hierhergeworfen zu haben schien zwischen das Gesträuch des Bodens und die in Stein gehauenen Pflanzenformen des Felsens.

Ein leises Scharren mit dem Fingernagel an der Wand genügte, um die Gegenwart des Nabab an der Oeffnung der Höhle anzumelden.

Einige Hinduköpfe erschienen sofort zwischen den Zweigen, dann zehn, später zwanzig andere und bald bildeten die Leute, welche schlangengleich durch und über das Gestein krochen, eine Truppe von etwa vierzig wohlbewaffneten Männern.

»Vorwärts!« befahl Nana Sahib.

Ohne eine Erklärung zu verlangen und ohne zu wissen, wohin er sie führte, folgten die treuen Kampfgenossen dem Nabab, bereit, jeden Augenblick für ihn in den Tod zu gehen. Sie waren zwar zu Fuß, ihre Beine schienen jedoch an Schnelligkeit mit denen der Pferde wetteifern zu können.

Die kleine Truppe wandte sich der schmalen Straße zu, die neben dem Thale hinlief, folgte derselben nach Norden und überstieg den Kamm der Berge. Eine Stunde später hatten sie die Straße von Kandeisch erreicht, die sich in den Schluchten der Sautpourra-Berge verliert.

Die nach Nagpore führende Zweigstrecke der Eisenbahn von Bombay nach Allahabad und die Hauptstrecke selbst, die nach Nordosten verläuft, wurden mit Tagesanbruch überschritten.

Eben sauste der Zug von Calcutta in größter Schnelligkeit dahin, entsandte weiße Dampfwirbel in die prächtigen Banianen der Straße und erschreckte durch sein Gerassel die wilden Thiere in den Dschungeln.

Der Nabab hatte sein Pferd angehalten und rief mit lauter Stimme, die Hand gegen den davoneilenden Zug ausstreckend:

»Geh‘ und sage dem Vicekönig von Indien, daß Nana Sahib noch immer unter den Lebenden wandelt, und daß er diese Bahn, das verfluchte Werk ihrer Hand, noch mit dem Blute der Eroberer überschwemmen wird!«