Erzählungen

Dreizehntes Kapitel


Gillane Sands

Ich lernte aus Alans Führung weniger als er aus General Cope’s Manöver, denn ich weiß kaum, welchen Weg wir nahmen. Meine Entschuldigung ist, daß wir sehr rasch reisten. Teils liefen, teils trabten wir, und die übrige Strecke marschierten wir in einem verteufelten Tempo drauflos. Zweimal prallten wir mitten im Lauf mit Landleuten zusammen, und obwohl der erste ganz unversehens an einer Ecke auftauchte, war Alan schlagfertiger als eine geladene Muskete. »Habt Ihr mein Pferd gesehen?« keuchte er. »Nee, nee, wir haben überhaupt kein Pferd gesehen,« antwortete der Bauer. Und Alan nahm sich die Zeit, ihm ausführlich auseinanderzusetzen, wir hätten höchste Eile; unser Rößlein hätte sich losgemacht, und wir fürchteten, es sei auf dem Wege in den Stall nach Linton. Damit nicht zufrieden, fing er an, unter Aufwand des geringen Atems, der ihm noch geblieben war, sein Pech und meine Dummheit, die an allem schuld wäre, zu verfluchen. »Wer nicht die Wahrheit sagen kann,« bemerkte er im Weitergehen zu mir, »sollte stets eine ehrliche, handfeste Lüge bei der Hand haben. Wenn die Leute nicht wissen, was du vor hast, Davie, sind sie verflixt neugierig; glauben sie aber Bescheid zu wissen, dann fragen sie so wenig danach, wie ich nach einem Linsengericht.«

Da wir zuerst landeinwärts marschiert waren, führte unsere Straße zuletzt fast unmittelbar nach Norden; die alte Kirche von Aberlady war unser Wegzeichen zur Linken, zur Rechten die Anhöhe von Berwick Law; so erreichten wir dicht bei Dirleton die Küste. Westlich von North Berwick bis Gillane Neß liegen in einer Reihe vier kleine Inseln: Craigleich, The Lamb, Fidra und Eyebrough, alle bemerkenswert durch die Verschiedenheit ihrer Größe und Gestalt. Fidra ist die eigenartigste: eine seltsame, graue Insel mit zwei Höckern, die obendrein noch eine Ruine trägt; und ich erinnere mich, die See spähte, als wir uns ihr näherten, fast wie ein menschliches Auge durch die Türen und Fenster dieser Trümmerstätte. Die Leeseite von Fidra bietet bei Westwind einen guten Ankerplatz; und dort sahen wir auch schon von weitem die ›Thristle‹ sich an ihren Tauen wiegen. Die Küste ist gegenüber diesen Inseln vollkommen verödet; nirgends eine menschliche Behausung und nur sehr selten ein menschliches Wesen; höchstens verirren sich gelegentlich ein paar strolchende Kinder beim Spielen dorthin. Gillane ist ein kleiner Ort jenseits der Neß – die Bewohner von Dirleton haben ihre Felder weiter nach dem Innern verlegt, und die von North Berwick betreiben unmittelbar von ihrem Hafen aus die Fischerei – so daß wenige Teile der Küste einsamer sind. Trotzdem erinnere ich mich, daß wir scharf nach allen Richtungen spähten, und daß unsere Herzen gegen die Rippen hämmerten, als wir platt auf dem Bauche durch dieses Labyrinth von Hügeln und Tälern krochen; und die Sonne schien so hell, der Wind pfiff so lustig durch das Dünengras, und es herrschte ein derartiger Lärm von auffliegenden Möwen und sich niederduckenden Kaninchen, daß die Wüste einem bevölkerten Orte glich. Zweifellos war der Platz für eine heimliche Einschiffung – falls sie wirklich geheim war – in jeder Hinsicht gut gewählt. Und selbst jetzt, da wir verraten waren und man den Ort beobachtete, vermochten wir uns unbemerkt bis nach der vordersten Dünenkette, die unmittelbar auf Strand und Meer niederschaute, heranzupirschen.

Dort aber hielt Alan plötzlich an.

»Davie,« sagte er, »das hier ist ein kitzliger Weg! Solange wir stillliegen, sind wir sicher; aber ich bin dann meinem Schiff und der französischen Küste nicht viel näher. Und das Aufstehen und Heranwinken der Brigg ist auch ’ne heikle Sache. Wo, meinst du, stecken deine Herrschaften?«

»Vielleicht sind sie noch gar nicht da«, entgegnete ich. »Und selbst wenn sie da sind, spricht ein Umstand klar zu unseren Gunsten: sie haben sich zwar versammelt, um sich auf uns zu stürzen, aber sie sind darauf vorbereitet, daß wir aus Osten kommen, und hier befinden wir uns westlich von ihnen.«

»Ja,« sagte Alan, »trotzdem wünschte ich, wir wären unserer mehr, und das hier wäre eine Schlucht, dann hätten wir sie fein überlistet! Aber es ist nun mal nicht der Fall, David, und so wie die Dinge liegen, wirken sie ein bißchen ernüchternd auf Alan Breck. Ich schwanke, Davie.«

»Die Zeit flieht, Alan«, drängte ich.

»Ich weiß«, sagte Alan. »Ich weiß nichts anderes, wie die Franzosen sagen. Aber es ist ein schreckliches Lotteriespiel. Ach, wüßte ich nur, wo deine Herrschaften stecken!«

»Alan«, entgegnete ich, »du bist gar nicht du selbst. Es gilt: jetzt oder nie.«

»Das bin ich nicht, sagt er,
Ich bin es nicht, du bist es nicht,
Nein, Johnnie, Mann! Wir beide nicht,«

sang Alan mit komischem Ausdruck, halb drollig, halb beschämt, und plötzlich hatte er sich kerzengerade aufgerichtet und marschierte, ein wehendes Taschentuch in der Rechten, auf den Strand zu. Auch ich stand auf, hielt mich aber etwas im Hintergrund und beobachtete im Osten die Dünenkette. Sein Auftauchen blieb anfänglich unbemerkt; Scougal erwartete ihn nicht zu so früher Stunde und ›meine Herrschaften‹ hielten nach der anderen Richtung Ausguck. Dann erwachten die Leute an Bord der ›Thristle‹ zum Leben; alles schien in Bereitschaft, denn nach einem sekundelangen Durcheinander auf Deck sahen wir sie am Heck ein Boot zu Wasser lassen, das eilig auf das Ufer zuhielt. Fast im gleichen Augenblick erschien auf einem Hügel etwa eine halbe Meile nach Gillane Neß zu blitzschnell die Gestalt eines Mannes, der mit den Armen gestikulierte, und obwohl er ebenso rasch wieder verschwand, fuhren die Möwen an jener Stelle fort, eine Weile unruhig hin und her zu flattern.

Alan hatte ihn nicht bemerkt, da er unentwegt meerwärts nach Schiff und Boot ausschaute.

»Es muß kommen, wie es will!« sagte er, als ich ihm berichtet hatte. »Wenn nur mein Boot sich eilt, sonst wird mein Schädel wohl einige Püffe aushalten müssen.« Der Strand dehnte sich an jenem Teil der Küste lang und eben und bot bei Ebbe ein bequemes Gehen; ein kleiner, kressereicher Bach ergoß sich an der einen Stelle ins Meer, und die Dünen zogen sich gleich einem Mauerwall an seiner Mündung hin. Keiner von uns konnte sehen, was sich in den Senken ereignete, keine noch so große Eile unsererseits vermochte die Fahrt des Bootes zu beschleunigen. Für uns schien die Zeit während dieses unheimlichen Harrens stillzustehen.

»Das eine möchte ich wissen.« meinte Alan, »jener Herren Befehle. Wir beide zusammen sind unsere vierhundert Pfund wert; wie wenn sie nun Gewehre gegen uns herangeschleppt hätten, Davie? Von jener langen Sandböschung aus könnten sie einen feinen Schuß gegen uns abgeben.«

»Logisch unmöglich«, entgegnete ich. »Das ist es ja gerade: Gewehre haben sie nicht. Sie sind allzu heimlich ans Werk gegangen; sie haben vielleicht Pistolen, aber keine Gewehre.«

»Ich glaube, du hast recht«, bestätigte Alan. »Trotzdem sehne ich mich ganz ungemein nach jenem Boot.« Und er schnippte mit den Fingern und versuchte, es wie einen Hund heranzupfeifen.

Die Jolle hatte jetzt vielleicht den dritten Teil der Strecke zurückgelegt, und wir selbst befanden uns fast am Meeresrande, so daß der weiche Sand in meine Schuhe drang. Wir konnten nichts anderes tun als warten und, so gut es ging, beobachten, wie das Boot näher kroch, und so wenig wie möglich nach der unerbittlichen Front der Dünen schauen, über der die Mövenflügel funkelten und hinter der zweifellos unsere Feinde sich sammelten.

»Ein schöner, prächtiger, passender Ort zum Erschießen«, sagte Alan plötzlich; »Mann, ich wollte, ich hätte deinen Mut.«

»Alan,« rief ich, »was sind das für Redensarten? In dir lebt nichts anderes als Mut; er ist die Wurzel deines Charakters; das kann ich allein schon beweisen, falls keine anderen Zeugen da sind.«

»Um so mehr würdest du dich irren«, widersprach er. »Den Unterschied machen lediglich mein großer Scharfblick und meine Kenntnisse der Lage aus. Aber was alten, kalten, forschen, tödlichen Mut betrifft, so bin ich nicht wert, dir die Schuhriemen zu lösen. Sieh uns beide an, wie wir hier am Strande stehen. Da bin ich und verzappele mich vor Ungeduld, wegzukommen, und da bist du und weißt (wenn ich mich nicht täusche) nicht einmal, ob du gehen oder bleiben sollst. Meinst du, ich könnte oder würde das tun? Ich nicht! Erstens hätte ich nicht den Mut und würde mich nicht getrauen, und dann bin ich ein Mann von großem Scharfsinn und würde dich eher zum Teufel gehen lassen.«

»Also darauf willst du hinaus!« rief ich. »Ach, Alan, Mann, deine alten Weiber magst du an der Nase herumführen, mich aber nicht.«

Erinnerung an meine Versuchung im Walde machte mich fest wie Eisen.

»Ich muß ein Stelldichein einhalten«, fuhr ich fort. »Ich habe mich mit deinem Vetter Charlie verabredet und habe mein Wort gegeben.«

»Ein schönes Stelldichein, und schön wirst du’s einhalten«, sagte Alan. »Den Herrschaften dort hinter den Dünen wirst du in die Arme laufen; dabei wird’s bleiben, ein für allemal. Und weshalb?« fügte er mit bedrohlichem Ernst hinzu. »Sag mir nur, weshalb, mein Jungchen! Will man dich verschwinden lassen wie Lady Grange? Oder wollen sie dir den kalten Stahl zu fressen geben, um dich dann in den Dünen zu verscharren? Oder haben sie sich das Gegenteil in den Kopf gesetzt, und wollen sie dich mit James zusammen vor Gericht schleppen? Sind das etwa Leute, denen man vertrauen kann? Willst du wirklich deinen Kopf Simon Fraser und den anderen Whigs direkt in den Rachen stecken?« schloß er mit auffallender Bitterkeit.

»Alan,« rief ich, »es sind alles Lügner und Schelme, das gebe ich zu. Um so wichtiger, daß unter solchem Gaunerpack wenigstens ein anständiger Mensch bleibt! Ich habe mein Wort gegeben und werde daran festhalten. Damals schon sagte ich zu deiner Base, ich würde vor keinem Risiko zurückschrecken. Erinnerst du dich noch jener Nacht, als Colin Campbell fiel? Hier bleibe ich. Prestongrange hat mir mein Leben versprochen, und wird er meineidig, so sterbe ich hier.«

»Schön, schön«, antwortete Alan.

Die ganze Zeit über hatten wir nichts mehr von unseren Verfolgern gesehen oder gehört. In Wahrheit hatten wir sie völlig überrumpelt. Wie ich später erfuhr, hatte die Bande sich noch nicht vollständig versammelt; die zur Stelle waren, lagen zwischen den Hängen nach Gillane zu verstreut. Es war keine leichte Sache, sie zu alarmieren und zusammenzutreiben, und inzwischen kam das Boot gut vorwärts. Außerdem hatten wir es mit feigem Pack zu tun: einer Rotte von Hochlandsräubern, die sich nur aufs Viehstehlen verstand, aus verschiedenen Clans zusammengestellt, ohne einen Gentleman-Anführer, und je länger sie Alan und mich dort stehen sahen, umso weniger (nehme ich an) gefiel ihnen unser Aussehen. Wer immer Alan verraten hatte, der Kapitän war es nicht. Der begleitete selbst das Boot und lenkte und feuerte seine Ruderer an gleich jemandem, der mit dem Herzen bei der Sache ist. Schon war er uns ganz nahe, schon wollte das Boot auf dem Sand auflaufen, und Alans Gesicht glühte vor Aufregung über seine Rettung – da stießen unsere Freunde in den Dünen, sei es aus Verzweiflung, ihr Opfer entrinnen zu sehen, sei es in der Hoffnung, Andie abzuschrecken, einen schrillen, mehrstimmigen Schrei aus.

Der Lärm hier an dieser gottverlassenen Küste war wirklich furchterregend, und sofort hielten die Männer in dem Boote an.

»Wer da? Was ist los?« schrie der Kapitän, der sich jetzt bequem in Rufweite befand.

»Freunde von mir«, entgegnete Alan und begann auf der Stelle durch das seichte Wasser zum Boot hinauszuwaten. »Davie,« sagte er, noch einmal innehaltend, »Davie, kommst du wirklich nicht mit? Ich kann dich nicht hier lassen.«

»Nicht einen Zoll weit«, sagte ich.

Eine Sekunde zögerte er immer noch, bis zu den Knien im Salzwasser.

»Wem nicht zu raten ist, dem ist nicht zu helfen«, sagte er und wurde, jetzt bis zu den Hüften naß, an Bord der Jolle gezogen, die sofort wieder auf das Schiff zuhielt. Ich stand, wo er mich verlassen hatte, die Hände auf dem Rücken verschränkt. Alan saß mit dem Gesicht zu mir gekehrt und sah mich an, und das Boot glitt unbehindert weg. Plötzlich war ich so nahe daran, in Tränen auszubrechen, wie nur je in meinem Leben, und fühlte mich als den verlassensten, einsamsten Burschen in ganz Schottland. Da drehte ich mich mit dem Rücken dem Meere zu, den Dünen entgegen. Kein Mensch war zu sehen oder zu hören; die Sonne schien über nassem und trockenem Sand, der Wind wehte durch die Dünen, die Möwen schrieen traurig. Als ich den Strand hinaufschritt, hüpften die Sandflöhe munter durch den angeschwemmten Tang. Kein Laut oder sonstiges Merkmal von Leben an jenem unheimlichen Ort. Und doch wußte ich, Menschen waren da und belauerten mich zu irgendeinem verborgenen Zweck. – Es waren keine Soldaten, sonst hätten sie uns längst überfallen und gefangen genommen; zweifellos hatte ich es nur mit ganz gemeinen Halunken zu tun, gedungen zu meinem Schaden, vielleicht um mich zu verschleppen, vielleicht auch, um mich kaltblütig zu ermorden. Nach dem Range der Mietlinge hielt ich das erstere für wahrscheinlicher; was ich von ihrem Charakter und ihrer Liebe zu diesem Geschäft wußte, ließ das letztere als möglich erscheinen, und bei dieser Vorstellung fror mir das Herzblut. Mir kam der tolle Gedanke, mein Schwert in der Scheide zu lockern; denn war ich auch völlig außerstande, mich Klinge gegen Klinge mit einem Gentleman zu messen, so glaubte ich doch in einem Handgemenge ganz gehörigen Schaden anrichten zu können. Doch ich erkannte rechtzeitig die Torheit eines Widerstandes. Ohne Zweifel war dieser Überfall der ›bestimmte Weg‹, über den Prestongrange und Fraser sich geeinigt hatten. Der eine, des war ich sicher, hatte gesorgt, daß man mein Leben schonte; der andere aber hatte höchstwahrscheinlich Neil und seinen Gefährten gegenüber irgendeinen gegenteiligen Wink fallen lassen, und zog ich blank, so spielte ich meinem Todfeinde vielleicht einen Trumpf in die Hand und besiegelte eigenhändig meinen Untergang. Diese Gedanken hatten mich bis zu der Strandböschung begleitet. Ich sah mich um; das Boot näherte sich der Brigg. Alan ließ als Lebewohl sein Taschentuch flattern, und ich winkte ihm meine Antwort mit der Hand. Aber selbst Alan war für mich angesichts meiner schrecklichen Lage zu einer nebensächlichen Angelegenheit zusammengeschrumpft. Ich drückte den Hut fest ins Gesicht, biß die Zähne zusammen und schritt gerade auf den Dünenkranz los. Es war eine schwierige Kletterpartie, der Sand gab unter meinen Tritten nach wie Wasser. Aber schließlich packte ich oben an der Dünenkuppe ein Büschel des langen Seegrases und zog mich auf festeren Boden hinauf. Im nämlichen Augenblick rührte sich etwas, und sechs bis sieben Männer, sämtlich zerlumpt und jeder mit einem Dolch in der Hand, tauchten hier und dort wie aus dem Erdboden auf. Die Wahrheit ist, ich schloß die Augen und betete. Als ich sie wieder öffnete, waren die Halunken, schweigend und ohne jede Eile, einen Schatten näher gekrochen. Aller Augen waren auf mich gerichtet, und mit seltsam starken Empfinden spürte ich ihr Leuchten und die Furcht, mit der die Burschen sich auch weiterhin mir näherten. Ich streckte ihnen meine leeren Hände entgegen; da fragte mich einer mit starkem, hochländischen Akzent, ob ich mich ergäbe. »Unter Protest,« entgegnete ich, »falls Ihr das versteht, was ich bezweifle.« Nach diesen Worten stürzten sie alle über mich her, wie ein Schwarm Vögel über Aas, packten mich, nahmen mir meinen Degen ab und das Geld aus meinen Taschen, banden mich, Hand und Fuß, mit einem starken Strick und warfen mich auf einen Klumpen Seegras. Dort setzten sie sich im Halbkreis um ihren Gefangenen und starrten ihn schweigend an, wie reißende Tiere, Löwen oder Tiger auf dem Sprung. Nach einer Weile ließ ihre Aufmerksamkeit nach. Sie rückten näher aneinander heran, fingen an, sich auf gälisch zu unterhalten und verteilten mit größter Unverfrorenheit vor meinen Augen unter sich mein Eigentum. Währenddessen war es mein Trost, daß ich von meiner Lage aus meines Freundes Flucht verfolgen konnte. Ich sah, wie das Boot die Brigg erreichte, wie es hochgezogen wurde, wie die Segel sich blähten, und wie das Schiff hinter den Inseln an North Berwick vorbei das offene Meer gewann. Im Verlauf der nächsten zwei, drei Stunden stießen mehr und mehr zerlumpte Hochländer zu uns, darunter als einer der ersten Neil, bis die Gesellschaft an die zwanzig Mann zählte. Mit jedem Ankömmling wurde das Gespräch wieder lebhaft, und es klang, als folgten Beschwerden und Erklärungen einander. Das eine fiel mir auf: keiner der Nachzügler erhielt einen Anteil an der Beute. Die letzte Auseinandersetzung war äußerst heftig und bewegt, und einmal dachte ich, es käme zu einem Kampf. Das Ergebnis war, daß sie sich trennten; die Mehrzahl zog vereint in westlicher Richtung davon, während Neil mit zwei anderen als Bewachung zurückblieb.

»Ich kenne jemand, dem Eure Tagesarbeit sehr schlecht gefallen würde, Neil Duncanson«, sagte ich, als die anderen sich entfernt hatten. Als Antwort versicherte er mir, man würde mich schonend behandeln, da ich ›ein Bekannter des Fräul’ns‹ wäre. Das war unsere ganze Unterhaltung; sonst ließ kein Muttersohn sich an jenem Teil der Küste blicken, bis die Sonne hinter den Bergen des Hochlands versank und die Dämmerung sich zur Nacht vertiefte. Um diese Zeit bemerkte ich einen langen, hageren, knochigen Tiefländer von auffallend dunkler Gesichtsfarbe, der uns zwischen den Dünen auf einem Ackergaul entgegenritt. »Jungens, habt ihr einen Ausweis wie diesen hier?« rief er, ein Papier hoch haltend. Neil zog ein zweites hervor, das der Fremde durch eine Hornbrille studierte, worauf er erklärte, alles wäre in Ordnung; wir seien die Leute, die er suche. Dann saß er ab, und ich wurde statt seiner auf das Pferd gesetzt; man band meine Füße unter den Bauch des Tieres zusammen, und wir machten uns unter der Führung des Tiefländers auf den Weg. Er muß seine Route gut gewählt haben, denn die ganze Zeit über begegneten wir nur zwei Menschen, einem Liebespärchen, die uns vielleicht für Schmuggler hielten und bei unserem Kommen flohen. Einmal befanden wir uns hart am Fuße des Südhangs von Berwick Law; ein andermal, als wir einige offene Hügel passierten, gewahrte ich die Lichter eines Dorfes und in der Nähe, zwischen Bäumen, einen alten Kirchturm, alles aber noch so fern, daß jeder Hilferuf, selbst wenn ich daran gedacht hätte, umsonst gewesen wäre. Endlich hörten wir wieder das Meer. Der Mond schien, wenn auch nicht hell, und in seinem Licht konnte ich die drei mächtigen Türme und bröckelnden Bastionen von Tantallon, dem alten Stammsitz der Roten Douglas, erkennen. Das Pferd wurde in der Tiefe eines Grabens zum Grafen angekoppelt, und mich führte man hinein durch den Hof und von dort in einen verfallenen, steinernen Saal. Hier, mitten auf den Fliesen, bauten meine Wärter ein lustiges Feuer, denn die Nacht war kühl. Meine Hände wurden losgebunden, ich wurde an dem einen Ende der Halle gegen die Mauer gesetzt und erhielt (nachdem der Flachländer Mundvorrat hervorgeholt hatte) Haferbrot und eine Kanne französischen Schnapses. Danach ließ man mich wieder mit meinen drei Hochländern allein. Diese scharten sich eng ums Feuer und tranken und schwatzten; der Wind pfiff durch die Mauerlücken, wirbelte den Rauch und Flammenwolken umher und heulte durch die Turmspitzen. Ich konnte das Meer am Fuße der Klippen hören, und da ich in bezug auf mein Leben beruhigt und nach diesem Tage an Leib und Seele erschöpft war, drehte ich mich auf die Seite und schlief. Wie spät es war, als man mich weckte, vermochte ich durchaus nicht zu erraten, aber der Mond war untergegangen, und das Feuer brannte schwach. Man löste meine Fußfesseln und schleppte mich durch die Ruinen einen steilen Pfad den Klippen entlang an eine Stelle, wo ich in einem natürlichen Felshafen ein Fischerboot fand. Dieses mußte ich besteigen, und wir stießen bei leuchtendem Sternenlicht vom Ufer ab.

Vierzehntes Kapitel


Die Insel Baß

Ich dachte nicht nach, wohin sie mich führten; ich spähte nur hier und dort nach einem Schiff aus, und indessen ging ein Wort Ransomes – »die Zwanzigpfünder« – mir unaufhörlich im Kopfe herum. Sollte ich wiederum der Gefahr einer Verschleppung nach den Plantagen ausgesetzt werden, so würde es mir diesmal, meinte ich, schlecht ergehen; ein zweites Mal würden kein Alan, kein Schiffbruch und keine lose Rahe da sein, und ich sah mich bereits unter der Peitsche Tabak schneiden. Der Gedanke ließ mich frieren; die Luft auf dem Wasser war scharf, die Sitze im Boot waren von eisigem Tau durchnäßt, und ich zitterte vor Kälte auf meinem Platze neben dem Steuermann. Dieser war der Dunkelhäutige, den ich bisher als den Flachländer bezeichnet habe; er hieß Dale und wurde gewöhnlich der »Schwarze Andie« genannt. Als er mich zittern fühlte, reichte er mir freundlichst eine grobe Jacke voller Fischschuppen, und ich war froh, mich damit bedecken zu können. »Ich danke Euch für Eure Güte«, sagte ich, »und erlaube mir, sie durch eine Warnung zu vergelten. Ihr habt mit dieser Sache eine schwere Verantwortung auf Euch geladen. Ihr seid nicht wie diese unwissenden, barbarischen Hochländer, sondern kennt die Gesetze und das Risiko, das jene laufen, die sie übertreten.«

»Ich kann zwar nicht behaupten, daß ich’s mit den Gesetzen so besonders genau nehme, auch in der besten Zeit nicht«, entgegnete er; »aber in dieser Sache handle ich mit sicherer Vollmacht.« »Was wollt Ihr mit mir anfangen?« fragte ich.

»Nichts Schlimmes,« erwiderte er, »durchaus nichts Schlimmes. Ihr habt mächtige Freunde, mein‘ ich. Es wird noch alles gut werden.«

Ein grauer Schleier begann sich auf des Meeres Antlitz zu senken, kleine rosa und rote Flecken, glimmenden Kohlen gleich, tauchten im Osten auf; gleichzeitig erwachte das Wildgeflügel und umkreiste schreiend den Gipfel von Baß. Die Insel besteht, wie jeder weiß, aus einem einzigen Felsen, der jedoch so groß ist, daß man draus eine ganze Stadt hauen könnte. Die See war ungewöhnlich ruhig, aber am Fuß der Klippe tönte ein hohles Plätschern. Mit dem wachsenden Licht konnte ich sie immer deutlicher erkennen; die schiere Felswand war mit Exkrementen von Seegeflügel bemalt wie mit morgendlichem Rauhreif, den schrägen Gipfel deckte grünes Gras, ein Volk von weißen Lummen umschrie ihre Flanken, und die schwarzen, verfallenen Baulichkeiten des Gefängnisses hockten hart neben dem Uferrand. Bei diesem Anblick ging mir plötzlich die Wahrheit auf. »Dorthin schafft Ihr mich also!« rief ich. »Nach Baß, wohin sonst denn, Freundchen?« entgegnete er. »Wo vor Euch die alten Märtyrer waren; doch zweifle ich, ob Ihr Euer Gefängnis auf so redliche Weise verdient habt.«

»Aber jetzt haust niemand mehr hier«, rief ich; »der Ort ist ja längst verfallen.« »Um so angenehmer der Wechsel für die Lummen«, meinte Andie trocken. Als der Tag sich mählich klärte, bemerkte ich zwischen dem Seetang unter großen Steinen, wie die Fischer sie als Ballast wählen, eine Reihe von Fässern und Körben sowie einigen Brennvorrat. All das war auf den Klippen abgeladen worden. Andie, ich und meine drei Hochländer (ich nenne sie »mein«, obwohl es umgekehrt richtiger wäre) landeten neben ihnen. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, als das Boot sich wieder entfernte, während das Knirschen der Ruder in den Dollen von den Klippen widerhallte, und wir fünf blieben in unserer seltsamen Wüstenei allein. Andie Dale war der Präfekt von Baß (wie ich ihn im Scherz zu nennen pflegte) und gleichzeitig der Schäfer und Wildhüter jener kleinen, aber reichen Herrschaft. Er mußte etwa ein Dutzend Schafe hüten, die dort fett wurden und an den schrägen Hängen weideten gleich Tieren auf den Dächern einer Kathedrale. Außerdem pflegte er die weißen Tölpel – eine Lummenart – die in den Klippen nisteten, und die ein ansehnliches Vermögen repräsentierten. Die Jungen gelten als Delikatesse und werden gewöhnlich von Epikuräern bereitwilligst mit zwei Shilling das Stück bezahlt. Selbst die ausgewachsenen Vögel sind durch die Federn und das Öl, das sie liefern, wertvoll, sodaß ein Teil der Pfründe des Pfarrers von North Berwick bis auf den heutigen Tag in diesem Seegeflügel bezahlt wird, weshalb sie (in mancher Leute Augen) als ungemein begehrenswert gilt. Um diesen mannigfachen Pflichten nachzukommen, auch um die Vögel vor Wilderern zu schützen, mußte Andie häufig Tage und Nächte auf dem Felsen zubringen, und er war dort so vollkommen zu Hause wie ein Bauer auf seinem Hof. Mit der Aufforderung, einen Teil der Vorräte aufzuladen – ein Geheiß, das ich mich zu erfüllen beeilte – führte er uns durch ein verschließbares Tor, den einzigen Zugang zur Insel, und durch die Ruinen der Festung nach dem Gouvernementsgebäude. Dort hatte er, wie wir aus der Asche im Kamin und einem in der Ecke befindlichen Pfostenbett ersahen, seine ständige Wohnstatt aufgeschlagen. Das Bett bot er mir zur Benutzung an, mit der Bemerkung, ich beanspruche vermutlich, vom Adel zu sein. »Mein Adel hat nichts mit der Art meiner Unterkunft zu tun«, entgegnete ich. »Gottlob war ich auch früher schon harte Betten gewöhnt und kann sie mit Dankbarkeit von neuem hinnehmen. Solange ich hier bin, Mr. Andie – falls das Euer Name ist – werde ich genau wie Ihr anderen meine Arbeit tun und meinen Platz an Eurer Seite einnehmen; dagegen bitte ich Euch, mich mit Eurem Spott zu verschonen, der mir, das gebe ich zu, nicht behagt.« Er murrte ein wenig gegen diese Rede, schien sie jedoch nach einigem Nachdenken zu billigen. In Wahrheit war er ein schlauer, vernünftiger Mann, ein guter Whig und Presbyterianer. Täglich las er in seiner Taschenbibel und war sowohl imstande wie begierig, sich ernsthaft über Religion zu unterhalten; dabei zeigte er keine geringe Neigung zu cameronischen Extremen. Seine Moral jedoch war von zweifelhafter Farbe. Ich fand, daß er tief in das Schmugglergewerbe verstrickt war und die Ruinen von Tantallon als Stapelplatz für seine verbotenen Waren benutzte. Und was die Zollbeamten betraf, so war ihm deren Leben, glaube ich, keinen halben Farthing wert. Aber jener Teil von Lothian ist auch heute noch eine wilde Gegend und das Volk so rauh als nur irgendeins in Schottland. Ein Vorfall, der sich während meiner Gefangenschaft ereignete, ist mir dank seiner Folgen im Gedächtnis haften geblieben. Damals war im Firth ein Kriegsschiff stationiert, das »Seepferd«, Kapitän Palliser. Zufällig kreuzte es im Monat September zwischen Fife und Lothian, um die dortigen Untiefen zu loten. Eines schönen Morgens wurde es in aller Frühe etwa zwei Meilen östlich von uns gesichtet, wie es ein Boot zu Wasser ließ, um Wildfire Rocks und Satans Bush, zwei berüchtigt gefährliche Stellen jener Küste, zu sondieren. Nachdem es seine Jolle wieder aufgenommen hatte, hielt das Schiff vor dem Wind unmittelbar auf Baß zu. Das kam Andie und den Hochländern sehr in die Quere; meine Entführung war von Anfang bis zu Ende auf Geheimhaltung berechnet, und jetzt lief ihnen zur Unzeit dieser Kriegsschiffskapitän über den Weg, und es sah ganz so aus, als würde die Sache zum mindesten ruchbar werden, selbst wenn sie keine schlimmeren Folgen hätte. Ich stand allein vier Mann gegenüber; ich bin kein Alan, der über eine ganze Bande herfällt, und ich war durchaus nicht überzeugt, daß das Kriegsschiff meine Lage bessern würde. Alles in allem gab ich daher Andie mein Ehrenwort, verpflichtete mich zu Ruhe und Gehorsam und wurde in aller Eile nach der Felskuppe geschafft, wo wir uns an verschiedenen versteckten Beobachtungsposten hart am Rande der Klippe niederließen. Das »Seepferd« hielt scharf auf uns zu, bis ich dachte, sie würde auflaufen, und wir konnten von unserem schwindeligen Ausguck her die Mannschaft an ihren Plätzen beobachten und hörten den Mann mit dem Lot seine Befunde ausschreien. Dann drehte das Schiff plötzlich bei und gab aus – ich weiß nicht wie vielen – mächtigen Rohren eine Salve ab. Der Felsen bebte unter der Wucht der Detonation, der Rauch ergoß sich über unsere Köpfe, und die Lummen schwärmten in unfaßlicher Zahl auf. Ihr Schreien und das Funkeln ihrer Flügel gestalteten sich zu einem einzigartigen Erlebnis; und ich nehme an, Kapitän Palliser hatte sich nur diesem etwas kindlichen Vergnügen zuliebe der Insel genaht. Das kam ihm später teuer zu stehen. Während das Schiff auf uns zusteuerte, hatte ich Gelegenheit gehabt, mir die Takelung einzuprägen, weshalb ich es von nun an selbst aus meilenweiter Entfernung zu erkennen vermochte; und das sollte (mit Gottes Hilfe) das Mittel werden, um einen Freund vor großem Unglück zu bewahren, Kapitän Palliser dagegen eine empfindliche Enttäuschung zu bereiten.

Die ganze Zeit während meines Aufenthaltes auf dem Felsen lebten wir gut. Wir hatten Dünnbier und Schnaps, sowie Hafermehl, aus dem wir uns abends und morgens unsere Grütze bereiteten. Mitunter setzte von Castleton aus ein Boot zu uns über und brachte uns ein Hammelviertel, da wir die Schafe auf der Klippe, die besonders für den Markt gemästet wurden, nicht anrühren durften. Für die Vögel war es leider nicht die richtige Jahreszeit; so ließen wir sie in Ruhe. Aber wir fischten eigenhändig und ließen öfter noch die Lummen für uns fischen, indem wir ihnen, sobald sie einen Fisch gefangen hatten, die Beute wieder abjagten, ehe sie sie verschlingen konnten.

Die seltsame Natur des Ortes und die Merkwürdigkeiten, von denen es dort wimmelte, bildeten meine Beschäftigung und mein Vergnügen. Da eine Flucht unmöglich war, ließ man mir volle Freiheit, und ich fuhr fort, die Oberfläche der Insel zu erforschen, so weit ein Menschenfuß sich wagen konnte. Der alte Gefängnisgarten war noch klar zu erkennen; Blumen und Pflanzen wucherten dort wild, und eines der Bäumchen trug reife Kirschen. Etwas unterhalb des Gartens lag eine Kapelle oder Eremitenklause; wer sie erbaut oder bewohnt hatte, wußte niemand, und der Gedanke an ihr Alter versenkte mich oft in tiefes Sinnen. Auch das Gefängnis, in dem ich jetzt mit meinen hochländischen Viehräubern biwakierte, war in weltlichem wie religiösem Sinne eine historische Stätte. Mich berührte es seltsam, daß so viele Heilige und Märtyrer erst vor kurzem hier geweilt hatten, ohne auch nur ein Bibelblatt oder einen eingeschnitzten Namen als Andenken zu hinterlassen, während die rauhen Soldatenkerls, die auf den Bastionen Wache gehalten, die ganze Umgebung mit Spuren übersät hatten – zumeist mit einer erstaunlichen Menge zerbrochener Pfeifenköpfe, daneben aber auch mit Uniformknöpfen. Zeitweise glaubte ich aus den Gefängnissen der Märtyrer fromme Psalmen klingen zu hören und sah im Geiste die Soldaten, glimmende Pfeifen im Maul, auf der Bastei auf und ab marschieren, während ihnen im Rücken aus der Nordsee der Morgen aufstieg.

Zweifellos trug Andie mit seinen Erzählungen viel dazu bei, mein Hirn mit diesen Träumen zu bevölkern. Er war in der Geschichte des Felsens ungewöhnlich beschlagen und wußte alle Einzelheiten bis auf die Namen der gemeinen Soldaten, da sein Vater in dieser Eigenschaft dort gedient hatte. Außerdem besaß er ein natürliches Erzählertalent, so daß die Menschen zu reden und die Dinge sich direkt vor des Hörers Augen zu ereignen schienen. Diese Gabe und meine Freude am Zuhören brachten uns einander näher. Ich kann in Wahrheit nicht leugnen: er gefiel mir gut; bald erkannte ich, daß auch er mich gern hatte, und ich hatte mir ja von Anfang an vorgenommen, sein Wohlwollen zu erringen. Ein seltsamer Umstand (von dem später noch die Rede sein wird) verwirklichte dies über jede Erwartung hinaus; aber selbst in den ersten Tagen unserer Bekanntschaft standen wir für einen Wärter und seinen Gefangenen auf ungemein freundschaftlichem Fuß.

Ich könnte es vor meinem Gewissen nicht verantworten, wenn ich behaupten wollte, mein Aufenthalt auf Baß sei durchwegs unangenehm gewesen. Die Insel erschien mir im Gegenteil als eine Art Zufluchtsstätte, wo ich allen meinen Nöten entronnen war. Niemand durfte mir etwas zuleide tun; physische Hindernisse – der Felsen und die tiefe See – machten jede weitere Anstrengung unmöglich; ich fühlte, mein Leben und meine Ehre waren in sicherem Gewahrsam, und es gab Zeiten, in denen ich mich so weit gehen ließ, mich daran wie an gestohlenem Gut zu weiden. Aber ich hatte auch ganz andere Gedanken. Ich erwog, mit welcher Kraft ich vor Rankeillor und Stuart getreten war; ich überlegte, daß man meine Gefangenschaft auf Baß, hier im Angesicht eines großen Teiles der Küste von Fife und Lothian, als eine Sache ansehen würde, die ich eher gesucht als unfreiwillig über mich hatte ergehen lassen, und daß ich vor jenen beiden Herren als Prahler und Feigling dastehen mußte. Manchmal nahm ich das alles leicht genug und versicherte mir selbst, solang ich mit Catriona Drummond gut stünde, sei die übrige Welt für mich nur Mondschein und flüchtiges Wasser; dann fiel ich unmerklich in jene Betrachtungen, die einem Liebenden so teuer sind, dem Leser jedoch stets erstaunlich eitel dünken. Ein anderes Mal packte mich mit Gewalt die Furcht; dann schüttelte mich förmlich panische Angst um meine Selbstachtung, und jenes vermeintliche, harte Urteil erschien mir als eine Ungerechtigkeit, die ich unmöglich ertragen könnte. Das führte mich wieder zu anderen Gedanken; kaum hatte ich begonnen, mich um der Welt Meinung über mich selbst zu sorgen, da verfolgte mich schon die Erinnerung an James Stuart in seinem Gefängnis und an die Klagen seiner Frau. Dann erst begann sich echte Leidenschaft in mir zu rühren; ich konnte es mir niemals verzeihen, daß ich hier müßig saß; mir war, als müßte ich (wenn nur ein Funken Mannhaftigkeit in mir lebte) fliegend oder schwimmend meinem Asyl entfliehen. In solchen Stimmungen, wie um meiner Selbstquälerei zu fröhnen, machte ich mich daran, Andie Dale zu gewinnen.

Eines schönen Morgens endlich, als wir uns ganz allein auf dem Gipfel des Felsens befanden, ließ ich einen vorsichtigen Wink über eine Bestechung fallen. Er blickte mich an, warf den Kopf zurück und lachte mir ins Gesicht.

»Ah, Ihr lacht, Mr. Dale,« sagte ich, »wenn Ihr aber die Güte hättet, einen Blick auf dieses Papier zu werfen, würdet Ihr vielleicht einen andern Ton anschlagen.«

Die dummen Hochländer hatten mir bei meiner Gefangennahme lediglich mein Bargeld abgenommen, und das Papier, das ich Andie jetzt zeigte, war eine Quittung der British Linen Company über eine beträchtliche Summe.

Er las. »Bei Gott, Ihr seid gar nicht so ein Bettler«, meinte er.

»Dachte ich’s mir doch, daß Ihr Eure Meinung ändern würdet«, sagte ich.

»Pah!« rief er, »das zeigt nur, daß Ihr bestechen könnt; aber ich bin unbestechlich.«

»Das werden wir noch sehen«, entgegnete ich. »Erst will ich Euch beweisen, daß ich weiß, was ich sage. Ihr habt Befehl, mich bis nach Donnerstag, dem 21. September, hier festzuhalten.«

»Da habt Ihr auch nicht so ganz unrecht«, meinte Andie. »Ich soll Euch, falls nicht Gegenorder kommt, Samstag, den 23. September, freilassen.«

Ich konnte nicht anders, mir kam diese Verabredung ungemein raffiniert vor. Daß ich just dann wieder auftauchen sollte, wenn es zu spät war, würde meine Geschichte, falls ich wirklich eine erzählte, um so unglaubhafter machen; das brachte mich erst recht in Harnisch.

»Paßt auf, Andie; Ihr kennt die Welt, also hört mich an und bedenkt, was ich Euch sage«, hub ich an. »Ich weiß, große Herren sind in diese Sache verstrickt, und ich zweifle keinen Augenblick, daß Ihr Euch auf sie berufen könnt. Ich selbst habe auch mit ihnen zu tun gehabt, seit diese Affäre begann, und habe ihnen meine Meinung ins Gesicht gesagt. Was für ein Verbrechen soll ich denn begangen haben? Und nach welchem Verfahren bin ich abgeurteilt? Ich werde von ein paar lumpigen Hochländern am 30. August überfallen, nach diesem alten Steinhaufen geschleppt, der (einerlei was er früher war) weder eine Festung noch ein Gefängnis, sondern lediglich die Behausung des Wildhüters von Baß ist, und soll am 23. September genau so heimlich, wie ich gefangen genommen wurde, wieder freigelassen werden – klingt Euch das nach Gerechtigkeit? Oder klingt es nicht vielmehr nach niedriger, schmutziger Intrige, deren sich sogar die Leute, die sie ersonnen haben, schämen?«

»Ich kann Euch nicht widersprechen, Shaw. Es sieht verteufelt unsauber aus«, erklärte Andie. »Und wären die Leute nicht gute, handfeste Whigs und waschechte Presbyterianer – ich hätte sie eher nach dem Jordan und Jerusalem geschickt, als mich auf so was eingelassen.«

»Der Herr von Lovat ist ein rechter Whig«, entgegnete ich, »und ein großartiger Presbyterianer.«

»Ich weiß nichts von ihm,« beharrte er, »ich habe nichts mit den Lovats zu schaffen.«

»Nein, Ihr werdet mit Prestongrange zu tun haben«, sagte ich.

»A, das sollt Ihr nicht aus mir herauskriegen.«

»Als wenn ich das brauchte, nun ich schon alles weiß«, lautete meine Antwort.

»Auf das eine könnt Ihr Euch verlassen, Shaw«, beteuerte Andie. »Mit Euch habe ich nichts zu schaffen (und wenn Ihr Euch auf den Kopf stellt). Und ich werde auch nichts mit Euch zu schaffen haben«, fügte er hinzu.

»Nun, Andie, ich sehe, ich muß offen mit Euch reden«, erwiderte ich und erzählte ihm die Tatsachen, soweit ich das für nötig hielt.

Er hörte mich mit ernsthaftem Interesse an und schien, als ich geendet hatte, eine Weile zu überlegen.

»Shaw,« sagte er endlich, »ich will frei von der Leber weg reden. ’s ist eine merkwürdige Geschichte und keine sehr schöne, so wie Ihr sie erzählt, womit ich nicht behaupten will, sie hätte sich anders zugetragen, als Ihr glaubt. Was Euch selbst betrifft, so scheint Ihr mir ein recht anständiger junger Mann. Aber ich bin älter und verständiger als Ihr und sehe in dieser Sache vielleicht ein Endchen weiter. Und das hier ist meine ehrliche Meinung: Euch wird’s nicht schaden, wenn ich Euch hier behalte; im Gegenteil, ich glaube, Ihr seid hier ein gut Teil besser aufgehoben als draußen. Dem Lande wird’s auch nicht schaden – bloß ein Hochländer mehr wird aufgeknüpft, und dazu können wir uns, weiß Gott, nur gratulieren! Dagegen würde ich mir selber ziemlich viel schaden, wenn ich Euch laufen ließe. Und darum – als guter Whig und aufrichtiger Freund von Euch und eifriger Freund von mir selbst gesprochen – die nackte Tatsache ist: ich denke, Ihr werdet hier bei Andie und den Lummen bleiben müssen.«

»Andie,« sagte ich, meine Hand auf seine Knie legend, »dieser Hochländer ist unschuldig.«

»Ja, ja, in dem Punkt ist’s schon schade«, meinte er.

»Aber Ihr wißt ja, so wie der Herrgott diese Welt erschaffen hat, kann einer nicht alles haben, wie er sich’s wünscht.«

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Widmung

Catriona

Eine Fortsetzung zu »David Balfour v. Shaw«,

enthält: Die Memoiren und weiteren Abenteuer Davids sowohl in der Heimat wie in fremden Ländern und berichtet über die zahlreichen Mißgeschicke, die ihn anläßlich des Appiner Mordes trafen; seine Nöte mit dem Lord Staatsanwalt; seine Gefangenschaft auf der Felseninsel Baß; seine Reise nach Holland und Frankreich sowie seine höchstseltsamen Beziehungen zu James More Drummond oder MacGregor, Sohn des berüchtigten Rob Roy, und dessen Tochter Catriona, von ihm selbst erzählt und herausgegeben

von

Robert Louis Stevenson

Mein lieber Charles Baxter,

Es ist das Los aller Fortsetzungen, daß sie denen, die ihrer harrten, eine Enttäuschung bringen; und mein David muß sich darauf gefaßt machen, nachdem er länger als ein Lustrum vor den Toren der British Linen Company die Daumen gedreht hat, sich bei seinem verspäteten Wiederauftreten in der Welt mit Pfiffen, wenn nicht gar Schlimmerem, begrüßt zu sehen. Und doch bin ich nicht ganz ohne Hoffnung, gedenke ich der Tage unserer gemeinsamen Streifzüge. Irgendwo in unserer Heimatstadt dürfte es noch Nachkommen der paar Auserwählten geben; irgendein langbeiniger, heißblütiger Jüngling wird jetzt die Träume träumen und die Wanderungen unternehmen, die wir vor so vielen Jahren geträumt und zurückgelegt; sein wird die Freude sein, die sonst unser gewesen wäre, zwischen Straßenschildern und numerierten Häusern David Balfour auf seinen ländlichen Spaziergängen nachzugehen; er wird Dean und Silvermills und Broughton und Hope Park und das gute, alte Lochend – falls es noch steht – und Figgate Whins – wenn noch was von ihm übriggeblieben ist – aufspüren; vielleicht wird er gar (bei längerer Ferienzeit) über Land bis Gillane und der Insel Baß vordringen. So kann es geschehen, daß seine Augen geöffnet werden und er die Kette der Generationen überschaut und staunend das schwerwiegende und doch so eitle Geschenk des Lebens, das ihm zuteil geworden, wägen lernt.

Du weilst immer noch – wie zur Zeit, da ich Dich zuerst sah, da ich zuletzt das Wort an Dich richtete – in jener ehrwürdigen Stadt, die ich stets als meine Heimat betrachten werde. Und ich bin weit umhergezogen, und die Stätten und Gedanken meiner Jugend folgen mir nach; und traumbildgleich sehe ich die Jugend meines Vaters und die seines Vaters und den ganzen Strom des Lebens, der dort im fernen Norden fließt samt seinem Gelächter und seinen Tränen, den Strom, der mich an seiner Mündung, einem sprudelnden Rinnsal gleich, an diese entlegensten Inseln ausspie. Und ich neige bewundernd mein Haupt vor der Romantik des Geschicks.

R. L. S.
Vailima,
Upolu,
Samoa, 1892.

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Zusammenfassender Bericht über die früheren Abenteuer des Helden, wie sie in der Erzählung »David Balfour von Shaw« dargestellt sind

Die Brüder Alexander und Ebenezer Balfour aus dem Hause Shaw bei Crammond in dem Walde von Ettrick lieben die gleiche Dame und kommen miteinander überein, da sie den älteren Bruder, Alexander, vorzieht, daß Ebenezer als Entgelt für seine Enttäuschung das Gut Shaw erhalten soll. Alexander und seine Gattin ziehen nach Essendean, wo sie in der Abgeschiedenheit leben, Alexander in der Eigenschaft eines Dorfschulmeisters. Dort wird ihnen ein Sohn geboren, David Balfour, der Held dieser Erzählung. David, der in Unkenntnis der Familiengeschichte und seiner Ansprüche auf das Gut erzogen wird, verliert noch vor seinem achzehnten Lebensjahre beide Eltern und empfängt als einziges Erbe einen an seinen Oheim gerichteten, versiegelten Brief, der ihm von dem Pfarrer in Essendean, Mr. Campbell, ausgehändigt wird. Als David ihn abliefern will, entdeckt er, daß sein Oheim als kinderloser Geizhals zu Shaw haust; er wird von ihm unfreundlich aufgenommen und nach einem vergeblichen Anschlag auf sein Leben an Bord der nach den Karolinen bestimmten Brigg »Covenant«, Kapitän Hoseason, gelockt, um zur Zwangsarbeit auf die Plantagen verkauft zu werden. Allein, als die »Covenant« zu Beginn ihrer Reise die Meerenge von Minch durchfährt, überrennt sie ein offenes Boot und bringt es zum Kentern. Aus diesem Boot rettet sich und kommt an Bord ein hochländischer Gentleman, Alan Breck Stuart, der seit dem Jahre ’45 in der Verbannung lebt und jetzt unterwegs ist, um von seinen Clansleuten, den Appin-Stuarts, den Pachtzins für ihren Häuptling Ardshiel in dessen Exil nach Frankreich hinüberzuschmuggeln. Als Hoseason und seine Besatzung von dem Golde hören, das Alan mit sich trägt, verschwören sie sich, ihn auszurauben und zu ermorden; aber David, der in das Komplott eingeweiht wird, warnt Alan und verspricht, ihm beizustehen.

In der Enge der Kajüte gelingt es den beiden während des nun folgenden Handgemenges dank Alans Fechtkunst, ihrer Angreifer Herr zu werden, wobei sie über die Hälfte töten und verwunden. Dadurch sieht sich Kapitän Hoseason außerstande, seine Fahrt fortzusetzen, und einigt sich mit Alan dahin, ihn nach einem Teil der Küste zu bringen, von wo aus er sich am leichtesten nach seiner Heimat, der Landschaft Appin, durchschlagen kann. Aber bei diesem Versuche läuft die »Covenant« auf Grund und versinkt vor der Insel Mull. Die Schiffsinsassen retten sich, so gut sie können, und David wird von ihnen getrennt. Zuerst wird er auf die Insel Earraid verschlagen und zieht von dort aus quer durch Mull. Alan ist schon früher des gleichen Weges gezogen und hat David die Nachricht hinterlassen, daß er ihm folgen und in seiner Heimat, im Hause seines Verwandten James Stuart von der Schlucht, wieder zu ihm stoßen soll. David findet sich zu diesem Rendezvous am nämlichen Tage in Appin ein wie der Sachwalter des Königs, Colin Roy Campbell von Glenure, der mit einem Trupp Rotröcke dahergeritten kommt, um die Pächter von den beschlagnahmten Gütern Ardshiels zu vertreiben, und ist zugegen, als Glenure durch einen Schuß aus dem benachbarten Walde am Wegrande ermordet wird. Da gerade in dem Augenblick, als sich David an die Verfolgung des unbekannten Mörders macht, der Verdacht laut wird, daß er Mitschuldiger ist, entschließt er sich zur Flucht und stößt bald dabei auf Alan Breck, der ganz in der Nähe im Versteck liegt, obgleich er nicht den Schuß abgefeuert hat. Die beiden führen jetzt auf dem Moor das Leben von Flüchtlingen. Die Entrüstung über den Mord ist ungeheuer, und die Schuld wird öffentlich auf James Stuart von der Schlucht, den bereits geächteten Alan Breck und auf einen unbekannten jungen Burschen, der kein anderer als David Balfour ist, gewälzt. Für ihre Ergreifung wird ein Blutgeld ausgelobt und das Land von der Soldateska durchstöbert. Im Verlauf ihrer Irrfahrten besuchen David und Alan James Stuart in Aucharn, liegen verborgen in Cluny MacPhersons Käfig und sind gezwungen, im Hause von Duncan Dhu Maclaren in Balwhidder Obdach zu suchen, da David krank wird. Alan ficht einen Wettkampf auf dem Dudelsack mit Robin Oig, dem Sohne von Rob Roy, aus. Endlich, nach zahlreichen Gefahren und Leiden, gelangen sie bis zur Hochlandsgrenze und an den Forth. Aus Furcht vor Verhaftung wagen sie es aber nicht, den Forth zu überschreiten, bis es ihnen gelingt, eine Wirtstocher aus Limekilnes, Alison Hastie, zu bewegen, sie im Schutze der Nacht nach der Lothianküste überzusetzen. Alan verbirgt sich hier wieder, während David Mister Hope Rankeillor aufsucht, den Anwalt und früheren Verwalter der Shawschen Güter. Dieser nimmt sich sofort seiner Sache an und verwirklicht einen Plan, durch den mit Alans Hilfe Ebenezer Balfour gezwungen wird, seinen Neffen als berechtigten Erben der Güter anzuerkennen und ihm bis zu seinem, Ebenezers, Tode einen angemessenen Teil seines Einkommens zu überlassen.

Nachdem David Balfour auf diese Weise in seine Rechte eingesetzt ist, beschließt er, die Universität Leyden zu besuchen, um seine Erziehung zu vervollständigen. Erst jedoch muß er den Forderungen der Freundschaft und des Gewissens gerecht werden, indem er Alan hilft, aus Schottland zu fliehen und für die Unschuld James Stuarts von der Schlucht als Zeuge auftritt, der jetzt als Gefangener seiner Aburteilung wegen des Appiner Mordes entgegenbangt.

Neuntes Kapitel


Die Heide brennt

Als ich an jenem Vormittage Prestongrange verließ, war ich zum ersten Male ernstlich erzürnt. Der Staatsanwalt hatte mich zum Narren gehalten. Er hatte mir vorgeheuchelt, man würde mein Zeugnis entgegennehmen und meine Person respektieren, und nicht genug, daß Simon in gleicher Stunde durch die Hand eines Hochlandoffiziers einen Anschlag gegen mein Leben machte, nein, auch Prestongrange führte (wie aus seinen eigenen Worten hervorging) irgend etwas gegen mich im Schilde. Ich überzählte meine Feinde: Prestongrange, gestützt auf die volle Autorität des Königs; der Herzog und die gesamte Macht des weltlichen Hochlandes; ihnen zur Seite die Lovat-Interessen, die beiden das Schwergewicht des Nordens und den ganzen Clan alter jakobitischer Spione und Dunkelmänner zuführten. Als mir außerdem noch James More und der rothaarige Sohn Duncans, Neil vom Tom, einfielen, glaubte ich, daß vielleicht noch ein vierter in ihrem Bunde wäre und daß auch die Überbleibsel von Rob Roys alter Bande von Hochlanddesperados gegen mich verschworen wären. Das eine war jedenfalls klar: ich brauchte irgendeinen mächtigen Freund und weisen Ratgeber. Es mußte deren genug im Lande geben, willens und imstande, mich zu stützen, sonst hätten Lovat und der Herzog und Prestongrange nicht wie die Spürhunde nach einen Ausweg gesucht; und bei dem Gedanken, daß ich jederzeit auf der Straße an meinen Beschützern vorübergehen könnte, ohne sie zu kennen, hätte ich außer mir geraten mögen. Im nämlichen Augenblick, gleichsam als Antwort auf meine Grübeleien, streifte ich einen Gentleman, der mir im Vorübergehen einen bedeutsamen Blick zuwarf und in einen Hof einbog. Ich hatte ihn sofort erkannt – es war Stuart, der Anwalt; und meinem Glücksstern dankend, ging ich ihm nach. Kaum hatte ich den Hof betreten, als ich Stuart am Ende einer Treppe entdeckte, von wo aus er mir ein Zeichen machte und eilig verschwand. Da, im siebenten Stock, stand er wieder vor einer Wohnungstür, die er hinter uns abschloß. Die Wohnung war völlig ausgelöst und kein einziges Möbelstück vorhanden; in der Tat war es ein Logis, dessen Vermietung Stuart oblag. »Wir müssen auf dem Boden Platz nehmen«, sagte er; »aber hier sind wir wenigstens vorübergehend sicher, und ich hab’s nicht erwarten können, Euch wiederzusehen, Mr. Balfour.«

»Wie geht es Alan?« fragte ich.

»Ausgezeichnet«, lautete die Antwort. »Andie nimmt ihn morgen, Mittwoch, in Gillane Sands an Bord. Alan wollte Euch durchaus Lebewohl sagen, aber wie die Dinge liegen, meinte ich, Ihr wäret beide getrennt besser aufgehoben. Und das bringt mich auf die Hauptsache: wie steht’s mit Eurem Vorhaben?« »Ja,« sagte ich, »erst heute morgen wurde mir mitgeteilt, mein Zeugnis wäre angenommen und ich dürfte mit keinem Geringeren als dem Lord Staatsanwalt selbst nach Inverary reisen.«

»Pah, pah!« rief Stuart, »ich glaub’s im Leben nicht.« »Ich habe auch so allerhand Zweifel,« entgegnete ich, »doch zuvor würde ich recht gern Eure Gründe erfahren.«

»Na, ich sag’s Euch rund heraus, ich bin fuchsteufelswild«, rief Stuart. »Könnt ich mit dieser meiner Hand ihrer Regierung ein Ende machen – ich risse sie herunter, wie einen faulen Apfel. Ich bin der Sachwalter Appins und meines Vetters James von der Schlucht und natürlich ist es meine Pflicht, meines Verwandten Leben zu verteidigen. Hört also, wie die Sache steht und urteilt selbst. Vor allem ist ihnen darum zu tun, sich Alans zu entledigen. Sie können nicht den unschuldigen James packen, ehe sie nicht den Hauptdelinquenten, Alan, beim Wickel haben; das ist unantastbarer Rechtsgrundsatz; sie können nicht das Pferd beim Schwanz aufzäumen.« »Und wie wollen sie Alan beim Wickel kriegen, wenn sie ihn nicht fangen können?« fragte ich.

»Ah, es gibt eine Möglichkeit, die Verhaftung zu umgehen,« antwortete er, »die obendrein juristisch unanfechtbar ist! Das wäre eine schöne Sache, wenn der eine Übeltäter uns entränne und der andere dadurch auch ungestraft davonkäme. Der Ausweg besteht darin, daß man den Hauptschuldigen vorlädt und bei Nichterscheinen für vogelfrei erklärt. Nun kann eine Person an vier verschiedenen Stellen aufgerufen werden: an ihrem Wohnort; an einem Ort, wo sie sich vierzig Tage aufgehalten hat; in der Hauptstadt der Grafschaft, in der sie sich gewöhnlich aufhält und schließlich (falls Grund zur Vermutung besteht, daß sie sich außerhalb Schottlands befindet) am Kreuze von Edinburg und an der Mole sowie am Ufer des Leith, und zwar sechzig Tage hintereinander. Der Zweck dieser letzten Verordnung ist vollkommen eindeutig; man will den ausfahrenden Schiffern Zeit lassen, die Nachricht weiterzutragen und so verhindern, daß jener Schritt zu einer leeren Form wird. Nehmen wir nun den Fall Alans. Er besitzt meines Wissens nach überhaupt kein Domizil; ich möchte den Menschen sehen, der mir einen Ort nachweist, an dem Alan seit ’45 vierzig Tage hintereinander gewohnt hat; in keiner Grafschaft ist er dauernd oder auch nur vorübergehend seßhaft geworden; ist er überhaupt irgendwo zuständig, was ich bezweifle, dann nur bei seinem Regiment in Frankreich; und selbst wenn er zur Zeit noch in Schottland weilt (was, wie wir ja wissen und die andern erraten, der Fall ist) so vermutet doch selbst der Dümmste, was er vorhat. Ich frage Euch daher, wo und auf welche Weise soll er aufgerufen werden? Ich frage Euch, einen Laien!« »Ihr habt mir die Worte soeben in den Mund gelegt«, erwiderte ich. »Hier am Kreuze von Edinburg sowie an der Mole und am Ufer des Leith, und zwar sechzig Tage hintereinander.«

»Ihr seid ein besserer Jurist als Prestongrange!« rief der Anwalt. »Er hat Alan ein einziges Mal aufgerufen; das war am 25., am Tage, als wir uns kennenlernten. Einmal und nicht wieder! Und wo? Wo sonst als am Kreuze von Inverary, in der Hochburg der Campbells! Ein Wort in Euer Ohr, Mr. Balfour, – sie sind gar nicht hinter Alan her.«

»Was wollt Ihr damit sagen!« rief ich. »Sie sind nicht hinter ihm her?« »Soweit ich ersehen kann«, entgegnete er. »Sie wollen ihn gar nicht greifen, das ist meine bescheidene Meinung. Sie glauben vielleicht, er würde sich überzeugend verteidigen können, und James, hinter dem sie wirklich her sind, könnte das als Krücke benutzen, um ihnen durch die Lappen zu gehen. Das hier, müßt Ihr wissen, ist kein Rechtsfall, sondern eine Verschwörung.« »Und doch hat sich Prestongrange eingehend nach Alan erkundigt, glaubt mir«, antwortete ich, »obwohl es mir scheint, nun Ihr mich darauf aufmerksam macht, daß er sich recht leicht abweisen ließ.«

»Seht Ihr?« rief Stuart. »Da habt Ihr’s! Jedoch, Recht oder Unrecht, das sind nur Vermutungen. Kehren wir zu den Tatsachen zurück. Mir war zu Ohren gekommen, daß James und die Zeugen – die Zeugen, Mr. Balfour! – sicher im Gefängnis lägen, in Ketten obendrein, – und zwar im Militärgefängnis zu Fort William. Keiner hat zu ihnen Zutritt und sie dürfen auch niemandem schreiben. Die Zeugen, Mr. Balfour! Habt Ihr schon je dergleichen gehört? Ich versichere Euch, keiner der ehemalig so skrupellosen Stuart-Bande hat je derart dem Gesetz ins Gesicht geschlagen. Es steht in direktem Widerspruch zu dem Parlamentsakt von Anno 1700, ›betreffend unrechtmäßige Gefangensetzung‹. Kaum hatte ich das gehört, als ich bei dem Lord Oberrichter Beschwerde einlegte. Heute hab ich die Antwort erhalten. Da seht! Das ist nun unsere saubere Justiz und unsere Gerechtigkeit!«

Er drückte mir ein Papier in die Hand, den gleichen feigen, gleisnerischen Schriftsatz, der seither in einem Pamphlet, verfaßt »von einem Beobachter«, abgedruckt worden ist, »zugunsten von James Stuarts armer Witwe und seinen fünf Kindern«, wie es im Titel heißt.

»Seht her,« fuhr Stuart fort, »er durfte nicht wagen, mir den Zutritt zu meinem Klienten zu verweigern, daher empfiehlt er dem Kommandanten, mich einzulassen! Empfiehlt! Der Lord Oberrichter von Schottland empfiehlt! Ist der Zweck einer derartigen Sprache nicht klar? Sie hoffen, der Offizier könnte so dumm – oder so sehr das Gegenteil von dumm – sein, die Empfehlung nicht zu beherzigen. Ich würde alsdann vom Fort William nach Edinburg zurückkehren müssen. Das bedeutete wiederum einen Aufschub, bis ich mir neue Vollmacht beschafft hätte und sie den Offizier – ›ein Militär, in offenbarer Unkenntnis der Gesetzesvorschriften‹ – ich kenne schon ihre verlogenen Redensarten – desavouiert hätten. Dann eine dritte Reise und – die Verhandlung stünde unmittelbar vor der Tür, noch ehe ich meine ersten Instruktionen erhalten hätte. Habe ich nicht recht, wenn ich das Ganze eine Verschwörung nenne?«

»Es sieht in der Tat so aus«, bestätigte ich.

»Ich werde es Euch unwiderlegbar beweisen«, erklärte er. »Sie haben das Recht, James gefangenzuhalten, aber sie können mir den Zutritt zu ihm nicht verweigern. Sie haben kein Recht, die Zeugen einzusperren; und meint Ihr, ich erhielte die Möglichkeit, sie zu sehen – die Zeugen, die von Rechts wegen so frei sein müßten wie der Lord Oberrichter selbst? Schaut her – lest: ›weigert sich im übrigen, den Gefangenwärtern irgendwelche Befehle zu erteilen, sofern sie nicht beschuldigt sind, in irgendeinem Punkte wider ihre Amtspflicht verstoßen zu haben‹ – In irgendeinem Punkte –! Herrgott! Und der Akt von Anno 1700? Mr. Balfour, mir will das Herz zerspringen. Die Heide brennt in meinem Inneren!«

»Das heißt,« bemerkte ich, »die Zeugen sollen in Haft bleiben und Ihr sie nicht zu Gesichte bekommen?« »Ich soll sie vor dem Zusammentritt des Gerichtshofes in Inverary nicht zu Gesichte bekommen!« rief er aufgeregt, »und dann redet Prestongrange von der ›schweren Verantwortung seines Amts‹ und von den ›außerordentlichen Erleichterungen‹, die der Verteidigung gewährt sind. Aber ich werde ihnen ein Schnippchen schlagen, Mr. David. Ich habe einen Plan, wie ich die Zeugen unterwegs abfangen will; und wir wollen doch sehen, ob ich dem ›offenbar in Unkenntnis der Gesetze handelnden Militär‹, der die Gesellschaft befehligen wird, nicht im Namen der Gerechtigkeit beikommen kann.«

Und so geschah es – tatsächlich sprach Mr. Stuart die Zeugen in diesem Kriminalfall erst unterwegs auf der Landstraße, irgendwo in der Nähe von Tynedrum, und das lediglich dank der Nachsicht des sie begleitenden Offiziers.

»In dieser Sache wundere ich mich über nichts mehr«, bemerkte ich.

»Ich werde Euch schon das Wundern lehren, ehe wir damit zu Ende sind«, rief er. »Wißt Ihr, was das ist?« fragte er, ein noch feuchtes Druckblatt hervorziehend. »Das ist die Anklageschrift; seht, da steht Prestongranges Name auf der Zeugenliste, aber der Name Balfour fehlt. Doch darum handelt es sich im Augenblicke nicht. – Wer, meinet Ihr, hat hierfür die Druckkosten bezahlt?« »Höchstwahrscheinlich König Georg«, entgegnete ich.

» Ich war’s!« rief er. »Zwar haben sie’s persönlich drucken lassen, für sich selbst, für die Grants und die Erskines und für jenen Erzschurken und Räuber, Simon Fraser. Aber meint Ihr, ich hätte auch nur eine einzige Copie bekommen? Mitnichten! Ich sollte stockblind die Verteidigung übernehmen; ich sollte die verschiedenen Punkte der Anklage erst in der Verhandlung selbst erfahren, gleichzeitig mit den Geschworenen.«

»Aber verstößt das nicht gegen das Gesetz?« erkundigte ich mich.

»Nicht ausdrücklich«, war die Antwort. »Diese Gunst ist so natürlich und wird (außer bei dieser unerhörten Sache) so allgemein gewährt, daß das Gesetz sie nicht einmal vorschreibt. Jetzt bewundert aber einmal die Hand der Vorsehung! Ein Unbekannter ist zufällig in Flemings Druckerei, hebt einen Korrekturabzug vom Boden auf und bringt ihn mir. Und er entpuppt sich als die Klageschrift! Und ich lasse sie auf Kosten der Verteidigung – sumptibus moesti rei – noch einmal drucken. Ist Euch so etwas schon vorgekommen? Und jetzt kann jeder sie lesen! Das große Geheimnis ist entdeckt – jeder kann sich ein Bild davon machen. Aber wie, meint Ihr, muß mir dabei zumute sein, mir, der ich für meines Vetters Leben verantwortlich bin?«

»Zweifellos nicht sehr behaglich«, erwiderte ich.

»Jetzt seht Ihr, wie es steht,« schloß er, »und weshalb ich Euch laut ins Gesicht lache, wenn Ihr mir sagt, Ihr sollt vernommen werden.«

Jetzt war die Reihe zu erzählen an mir. Mit wenigen Worten berichtete ich ihm von Simons Drohungen und Vorschlägen, von dem ganzen Vorfall mit dem Bravo und von der anschließenden Szene bei Prestongrange. Von meiner ersten Unterredung dagegen sagte ich ihm, eingedenk meines Versprechens, nichts; das war ja in der Tat auch überflüssig. Die ganze Zeit über hörte Stuart mechanisch nickend zu, und kaum hatte ich aufgehört, als er auch schon den Mund auftat und mit zwei eindringlichen Worten sein Urteil abgab.

»Verschwindet selber«, sagte er.

»Ich verstehe Euch nicht«, entgegnete ich.

»Dann will ich’s Euch klarmachen«, sagte er. »Meine Ansicht ist, daß Ihr unter allen Umständen verschwinden müßt. Ach, darüber ist gar nicht zu streiten. Der Staatsanwalt, in dem noch ein Funken von Anstand schlummert, hat Simon und dem Herzog Euer Leben abgerungen. Er hat sich geweigert, Euch vor Gericht zu stellen; er lehnt es ab, Euch töten zu lassen. Das ist der Schlüssel zu ihrem Streit, denn Simon und der Herzog vermögen weder Freund noch Feind die Treue zu halten. Ihr sollt also weder angeklagt noch ermordet werden; aber ich müßte mich sehr irren, wenn man Euch nicht wie Lady Grange überfallen und verschleppen will. Wettet, was Ihr wollt – das ist ihr Ausweg!« »Ihr gebt mir zu denken«, sagte ich und erzählte ihm von dem Pfiff und von dem rothaarigen Gefolgsmann Neil.

»Wo immer James More seine Hand im Spiele hat, habt Ihr’s zum mindesten mit einem großen Lumpen zu tun«, sagte er. »Macht Euch das klar. Sein Vater war gar kein so übler Mann, stand aber stets mit den Gesetzen auf etwas gespanntem Fuß. Er war jedoch kein Freund meiner Sippe, und ich habe es daher nicht nötig, mich zu seinem Verteidiger aufzuwerfen. Aber der James – der ist ein Gauner und Erzhalunke. Mir gefallt dieser rothaarige Neil so wenig wie Euch. Sein Auftauchen scheint mir nicht ganz geheuer: es stinkt nach Verrat. Der alte Lovat hat seinerzeit die Lady-Grange-Affäre eingefädelt; nimmt der Sohn dafür die Eure in die Hand, bleibt sich die Familie ja nur treu. Weswegen sitzt James More im Gefängnis? Aus den nämlichen Gründen: Raub und Entführung. Seine Leute kennen sich in dergleichen Dingen aus. Er wird sie Simon als Werkzeuge leihen, und als Nächstes werden wir hören, James habe mit der Regierung seinen Frieden gemacht oder sei entflohen; Ihr aber werdet Euch in Benbecula oder Applecroß befinden.« »Eure Logik ist recht einleuchtend«, gab ich zu.

»Ich will nur, daß Ihr verschwindet, ehe sie Euch zu fassen kriegen«, fuhr er fort. »Haltet Euch bis kurz vor der Verhandlung verborgen und taucht dann plötzlich auf, wenn sie Euch am wenigsten erwarten. Natürlich vorausgesetzt, Eure Aussagen sind ein derartiges Risiko und so großer Mühe wert, Mr. Balfour.« »Ich will Euch nur das eine sagen«, entgegnete ich. »Ich habe den Mörder gesehen, und es war nicht Alan.« »Bei Gott, dann ist mein Verwandter gerettet!« rief Stuart. »Sein Leben ruht auf Eurer Zunge, und man darf weder Zeit, Risiko noch Geld scheuen, um Euch zur Verhandlung zu bringen.« Er leerte seine Taschen am Boden aus. »Das ist alles, was ich bei mir habe«, fuhr er fort. »Nehmt es – Ihr werdet’s brauchen können, ehe wir so weit sind. Geht quer durch diesen Hof; es gibt noch einen Ausgang nach den Lang Dykes; und folgt Ihr meinen Ratschlägen, so laßt Ihr Euch in Edinburg nicht wieder sehen, bis der große Kampf vorüber ist.« »Wo soll ich denn hin?« fragte ich.

»Ich wollte, ich könnte es Euch sagen«, erwiderte er; »aber alle Orte, nach denen ich Euch schicken könnte, sind justament die Orte, an denen sie Euch suchen würden. Nein, Ihr müßt Euch schon allein durchschlagen, und Gott steh Euch bei. Gebt mir am 16. September, fünf Tage vor Beginn der Verhandlung, in den ›Kings Arms‹ zu Stirling Nachricht, und habt Ihr bis dahin für Euch selbst gesorgt, so werd ich dafür sorgen, daß Ihr Inverary erreicht.« »Noch eins«, versetzte ich. »Kann ich Alan sehen?« Er schien unangenehm berührt. »Teufel, Teufel – lieber wär’s mir, Ihr tätet’s nicht«, meinte er. »Aber ich kann nicht leugnen, Alan ist scharf darauf erpicht, Euch wiederzusehen, und er wird lediglich zu diesem Zwecke heute in der Nähe von Silvermills übernachten. Achtet darauf, daß niemand Euch nachgeht, Mr. Balfour – sichert Euch dagegen – haltet Euch in einem sicheren Versteck auf und beobachtet eine ganze Stunde lang die Straße, eh Ihr’s riskiert. Es wäre schrecklich, wenn Ihr beide ertappt würdet!«

Zehntes Kapitel


Der Rothaarige

Es war halb vier Uhr, als ich auf die Lang Dykes hinaustrat. Dean war das Wanderziel, das ich mir gesetzt hatte. Da Catriona dort wohnte und es fast erwiesen war, daß ihre Sippe, die MacGregors von Glengyle, sich gegen mich verbündet hatte, gehörte dieses Dorf eigentlich zu den wenigen Ortschaften, die ich hätte vermeiden sollen; aber ich war noch sehr jung und auf dem besten Wege, mich bis über beide Ohren zu verlieben; so wandte ich mich, ohne einen Augenblick zu zögern, gen Dean. Um jedoch mein Gewissen und meine Vernunft zu beruhigen, nahm ich zu einer Vorsichtsmaßregel meine Zuflucht. Als ich den Gipfel einer kleinen Anhöhe erreichte, ließ ich mich zwischen der Gerste nieder und lag wartend da. Nach einer Weile ging ein Mann vorüber, der wie ein Hochländer aussah, den ich jedoch nicht kannte. Ihm folgte kurz darauf Neil, der Fuchsige. Der nächste Passant war ein Müller mit seinem Wagen, und dann kamen nur noch Leute, denen man auf den ersten Blick den Bauern ansah. Von Rechts wegen hätte das genügen müssen, um mich von meinem Vorhaben abzubringen, aber meine Wünsche trieben mich alle in die entgegengesetzte Richtung. Ich redete mir also ein, dieser Weg sei der richtige Weg, um Neil im Auge zu behalten, da er mich ja schnurstracks zu seines Häuptlings Tochter führe, und was den anderen Hochländer anbelange – nun, ich würde wohl nicht weit kommen, wenn ich mich durch jeden Hochländer, der mir in die Arme lief, abschrecken ließ. Vollkommen befriedigt von dieser recht zweifelhaften Logik schritt ich um so eiliger vorwärts und erreichte kurz nach vier Uhr die Besitzung von Mrs. Drummond-Ogilvy.

Beide Damen waren zu Hause. Als ich sie zusammen an der offenen Türe stehen sah, lüftete ich den Hut und sagte: »Ein junger Bursche bittet um einen Sixpence.« Ich glaubte, das würde der Matrone gefallen. Catriona lief mir entgegen und begrüßte mich herzlich, und die alte Dame war zu meiner Überraschung kaum weniger liebenswürdig. Viel später erfuhr ich, sie hätte bei Morgengrauen bereits einen berittenen Boten nach Queensferry zu Rankeillor geschickt, der, wie sie wußte, Sachwalter von Shaw war, und sie trug daher zur Zeit einen Brief von diesem, meinem sehr guten Freunde, in der Tasche, der meinen Charakter und meine Aussichten in günstigstem Lichte schilderte. Allein ich würde ihre Absichten auch nicht schärfer durchschaut haben, wenn ich den Brief gelesen hätte. Mochte ich ein ungeschlachter Bauer sein, ich war doch nicht so dumm, wie sie glaubte. Selbst meinem hausbackenen Verstande war es klar, daß sie beschlossen hatte, koste es, was es wolle, eine Ehe zwischen ihrer Base und diesem grünen Jungen, der in Lothian eine Art Grundbesitzer war, zustande zu bringen.

»Sixpence wird wohl seine Abendsuppe bei uns essen, Katrin,« sagte sie, »lauf und gib dem Mädchen Bescheid.«

Und in der kurzen Zeit, die wir allein blieben, gab sie sich rechte Mühe, mir zu schmeicheln. Zwar war sie stets geschickt und nannte mich, unter dem Vorwand, mich zu necken, nie anders als Sixpence; aber sie verstand, den Dingen eine Wendung zu geben, berechnet, unmerklich meine Selbstachtung zu steigern. Als Catriona zurückkehrte, wurde der Anschlag, wenn möglich, noch durchsichtiger: sie führte des Mädchens gute Eigenschaften vor, wie ein Roßkamm sein Pferd. Meine Wangen brannten bei dem Gedanken, daß man mich für so dickfellig hielt. Einmal wähnte ich, das Mädchen sei ahnungslos und ganz unschuldig an dieser Schaustellung, und ich hätte das tolle, alte Frauenzimmer prügeln können; ein andermal meinte ich, die beiden seien vielleicht doch miteinander im Bunde, um mich einzufangen – dann saß ich stocksteif zwischen ihnen da, die leibhaftige, finstere Verstocktheit. Endlich kam die Kupplerin auf das wirksamere Mittel, uns allein zu lassen. Wenn erst irgend etwas meinen Argwohn erregt hat, ist es mitunter alles andere als leicht, ihn zum Schweigen zu bringen. Aber obwohl ich Catrionas Sippe kannte und als Diebssippe erkannt hatte, war es mir unmöglich, dem Mädchen zu mißtrauen, wenn ich ihr Gesicht sah.

»Ich darf wohl keine Fragen stellen?« forschte sie eifrig, sobald wir allein waren.

»Doch, heute darf ich mit ruhigem Gewissen reden«, entgegnete ich. »Ich bin meines Versprechens entbunden. Ja, nach dem, was heute morgen vorgefallen ist, hätte ich es unter keinen Umständen erneuert.«

»Sprecht,« sagte sie, »meine Base wird bald wieder hier sein.«

Ich erzählte ihr also Schritt für Schritt die Geschichte des Leutnants, die ich ihr so heiter wie möglich darzustellen suchte, und in der Tat war an dieser lächerlichen Sache manches Ergötzliche.

»Ich glaube, Ihr taugt für rauhe Männer so wenig wie für schöne Damen!« meinte sie, als ich geendet hatte. »Doch wie konnte Euer Vater nur unterlassen, Euch im Gebrauch des Schwerts zu unterweisen! Das ist höchst unadelig; ich habe nie dergleichen gehört.«

»Zum mindesten ist es ungemein hinderlich,« erwiderte ich, »und ich glaube, mein Vater (Gott hab ihn selig) war nicht recht gescheit, als er mich statt dessen Latein lehrte. Doch tu ich, wie Ihr seht, mein möglichstes; ich stelle mich hin gleich Lots Weib, und lass sie auf mich loshauen.«

»Wißt Ihr, weshalb ich lächeln muß?« fragte sie. »Ich will’s Euch sagen. Ich bin so geschaffen, daß ich ein Bub hätte werden sollen. Ich selbst fühle mich stets als Bub und denke mir dies und jenes aus, das ich erleben möchte. Wenn es dann aber ans Fechten geht, fällt mir ein, daß ich ja doch nur ein Mädchen bin und weder ein Schwert tragen noch einen Hieb austeilen kann. Dann muß ich meine Geschichte drehen und wenden, daß es zu keinem Kampfe kommt, ich aber trotzdem Sieger bleibe, gerade wie Ihr mit Eurem Leutnant. Ich bin stets der Bursche, der sich mit schönen Reden durchschlägt, genau wie Mr. David Balfour.«

»Ihr seid mir ein blutdürstiges junges Fräulein«, bemerkte ich.

»Ja, ja, ich weiß, Spinnen und Nähen und Stickmustermachen ist eine recht gute Sache«, fuhr sie fort; »wenn Ihr aber nichts anderes auf der Welt zu tun hättet, ich glaube, Ihr würdet es auch langweilig finden. Nicht, daß ich Menschen töten möchte! Habt Ihr schon jemanden getötet?«

»Das habe ich, zufällig. Zwei sogar, obwohl ich von Rechts wegen noch auf der Hochschul sein sollte«, entgegnete ich. »Trotzdem schäme ich mich dessen nachträglich nicht.«

»Doch wie fühltet Ihr Euch damals – als es geschehen war?« forschte sie.

»Nun, ich setzte mich hin und flennte wie ein Kind«, antwortete ich.

»Das Gefühl kenne ich«, rief sie. »Ich ahne, woher diese Tränen stammen. Jedenfalls möchte ich nicht töten; ich möchte nur Katharina Douglas sein, die ihren Arm durch die Krampe schob und so die Tür hielt, bis der Arm brach. Sie ist meine Hauptheldin. Würdet Ihr nicht mit Freuden so sterben – für Euren König?«

»Meiner Treu,« entgegnete ich, »so warm ist meine Liebe zum König – Gott segne sein grobes Bulldoggengesicht – nun doch nicht; zudem glaubte ich mich heute dem Tode bereits so nahe, daß ich zur Zeit in das Leben recht verliebt bin.«

»Recht so,« sagte sie, »so schickt es sich für einen Mann! Aber das Fechten müßt Ihr noch lernen; ich möchte keinen Freund haben, der nicht einen Streich führen kann. Ihr habt jene zwei doch nicht mit dem Schwert getötet?« »Wahrhaftig nicht,« entgegnete ich, »mit einem paar Pistolen. Und ich danke meinem Schöpfer, daß die Männer nahe standen; denn ich weiß mit Pistolen etwa so gut umzugehen wie mit dem Schwert.« Auf diese Art entlockte sie mir die Geschichte unseres Kampfes auf der Brigg, die ich in meinem ersten Bericht weggelassen hatte. »Ja,« meinte sie, »Ihr seid wirklich tapfer. Und ich liebe und bewundere Euren Freund.«

»Ich glaube, das täte jeder«, entgegnete ich. »Er hat seine Fehler wie wir alle; aber er ist mutig, treu und gut. Gott segne ihn! Den Tag möchte ich sehen, an dem ich Alan vergessen werde.« Fast überwältigte mich der Gedanke, daß es in meiner Macht stünde, noch heute abend mit ihm zu sprechen.

»Wo habe ich nur meinen Kopf gelassen, daß ich Euch noch nicht meine Neuigkeiten berichtete!« rief sie lebhaft, und dann erzählte sie, sie hätte von ihrem Vater einen Brief erhalten, mit der Erlaubnis, ihn morgen im Schloß zu besuchen, wohin man ihn geschafft hätte, und seine Angelegenheiten wären im Aufblühen. »Das gefällt Euch nicht«, sagte sie. »Wollt Ihr meinen Vater richten, ohne ihn zu kennen?«

»Da sei Gott vor«, entgegnete ich. »Ich gebe Euch mein Wort, ich freue mich aufrichtig, daß Euch jetzt leichter ums Herz ist. Hab ich ein Gesicht gezogen, wie das wohl der Fall gewesen sein mag, so vergeßt nicht, daß mir Vergleiche heute gefährlich dünken, und daß mit den Leuten, die die Macht in Händen haben, schlecht Kirschen essen ist. Simon Fraser liegt mir noch ziemlich schwer im Magen.«

»A!« rief sie, »wie könnt Ihr die beiden in einem Atem nennen! Und Ihr vergeßt, daß Prestongrange und mein Vater, James More, ein und desselben Blutes sind.« »Das ist mir neu«, entgegnete ich. »Es ist eigentlich merkwürdig, wie wenig Ihr Bescheid wißt«, sagte sie. »Der eine Teil nennt sich Grant und der andere Macgregor, aber alle gehören dem gleichen Clan an. Alle sind Söhne von Appin, nach welchem, soviel ich weiß, unser Land benannt ist.«

»Welches Land meint Ihr?« fragte ich.

»Das meine und das Eurige«, entgegnete sie.

»Heute ist ein Tag der Überraschungen, glaube ich,« war meine Antwort, »ich dachte bisher, es hieße Schottland.« »Schottland ist der Name des Landes, das Ihr Irland nennt«, erwiderte sie. »Doch der alte, echte, eigentliche Name der Erde, auf der unsere Sohlen ruhen, und aus dem unser Gebein geschaffen ist, lautet Alban. Alban hieß das Land, als unsere Ahnen es gegen Rom und Alexander verteidigten, und so heißt es auch heute noch in Eurer Heimatsprache, die Ihr vergessen habt.« »Weiß Gott, das habe ich nicht gewußt!« sagte ich; mir fehlte es an Mut, ihr den Mazedonier vorzuwerfen. »Aber Eure Vorväter und -mütter redeten diese Sprache, Geschlecht für Geschlecht«, fuhr sie fort. »Und sie wurde an den Wiegen gesungen, bevor Ihr oder ich uns davon träumen ließen; und Euer Name hat sie sich noch bewahrt. Ach, könntet Ihr nur jene Sprache sprechen, Ihr würdet mich nicht wiedererkennen. Das Herz redet aus ihr.« Ich aß mit den beiden Damen zu Abend, ein vortreffliches Mahl, auf schönem alten Silber serviert und von vorzüglichem Wein gewürzt; denn Mrs. Ogilvy war, wie es schien, reich. Auch unser Gespräch verlief recht angenehm; sobald ich jedoch die Sonnenstrahlen sich schrägen und die Schatten wachsen sah, stand ich auf und verabschiedete mich. Ich war jetzt entschlossen, Alan Lebewohl zu sagen; dazu war erforderlich, daß ich noch bei Tageslicht das Gehölz, in dem wir uns treffen wollten, durchforschte. Catriona begleitete mich bis zur Gartenpforte. »Wird es lang dauern, bevor ich Euch wiedersehe?« fragte sie. »Wie soll ich das wissen?« entgegnete ich. »Es kann lange dauern, es kann auch nie sein.«

»Es kann auch nie sein«, wiederholte sie. »Tut es Euch leid?« Ich nickte und blickte sie an. »Mir auch, komme, was da kommen mag«, sagte sie.

»Ich kenne Euch erst kurze Zeit, aber ich schätze Euch sehr hoch. Ihr seid treu, Ihr seid tapfer; mit der Zeit, glaube ich, wird noch ein ganzer Mann aus Euch werden. Ich werde stolz sein, das zu hören. Und sollte es Euch schlecht gehen, sollte das eintreten, was wir befürchten – dann, ja dann denkt daran, daß Ihr eine wahre Freundin, Eure Freundin, habt. Und lange noch, wenn Ihr schon tot seid und ich eine alte Frau bin, werde ich den Kindern von David Balfour erzählen, und meine Tränen werden fließen. Ich werde ihnen erzählen, wie wir auseinandergingen, und was ich Euch sagte, und was ich Euch tat. Gott schütze und geleite Euch, betet Eure kleine Freundin: das, werde ich ihnen erzählen, sagte ich zu ihm – und jetzt seht, was ich Euch tue.« Sie nahm meine Hand und küßte sie. Ich war im Innersten so tief erschrocken, daß ich aufschrie wie jemand in Schmerz. Ein dunkles Rot überflog ihre Wangen, und sie blickte mich an und nickte. »Ja, ja, Mr. David,« sagte sie, »das ist’s, was ich von Euch denke. Das Herz hält mit der Zunge Schritt.« Ich konnte auf ihrem Antlitz hohen Mut und eine Ritterlichkeit lesen, gleich der eines tapferen Kindes, sonst stand nichts dort geschrieben. Sie küßte meine Hand, wie sie die Prinz Charlies geküßt hatte, mit einer edleren Leidenschaft als der gemeine, irdische Mensch sie empfinden kann. Nichts zuvor hatte mir so klar gezeigt, wie sehr sie meine Liebe besaß, und wie hoch ich noch streben mußte, um sie zu lehren, mich in diesem Lichte zu betrachten. Dennoch konnte ich mir selber zum Troste sagen, daß ich einige Fortschritte gemacht, und daß ihr Herz bei dem Gedanken an mich höher geschlagen und ihr Blut sich erwärmt hatte. Nach der Ehre, die sie mir angetan, konnte ich ihr keine leere Höflichkeit mehr bezeigen. Mir fiel sogar das Reden schwer; ein gewisser Klang in ihrer Stimme, klar und hell, hatte unmittelbar an meine Tränen gerührt. »Ich preise Gott für deine Güte, liebes Herz«, sagte ich. »Leb wohl, meine kleine Freundin!« So gab ich ihr den Namen, den sie sich selbst gegeben hatte. Dann verneigte ich mich und ging. Mein Weg führte mich hinunter in das Tal des Leith gen Stockbridge und Silvermills. Ein Pfad zog sich an der Sohle entlang: im Flußbette lärmten und sangen die Wasser; über mir fielen von Westen her zwischen wachsende Schatten die Sonnenstrahlen und schufen bei jeder Talbiegung eine neue Szenerie und eine neue Welt. In Erinnerung an Catriona und in der Vorfreude auf Alan ging ich wie auf Wolken. Außerdem entzückten mich der Ort, die Zeit und das Schwatzen des Flusses, und ich verlangsamte meinen Schritt und blickte im Gehen vorwärts und zurück. Das und die Gnade des Himmels bewirkten, daß ich plötzlich dicht hinter mir im Gebüsch einen roten Schopf auftauchen sah. Zorn schoß mir ins Herz. Ich kehrte sogleich um und marschierte eilig zurück, woher ich gekommen war. Der Weg führte dicht an der Stelle vorbei, an der ich den Kopf bemerkt hatte. Ich erreichte den Hinterhalt und schritt vorüber, scharf darauf gefaßt, mich eines Überfalls erwehren zu müssen. Doch nichts geschah; unbelästigt durfte ich passieren. Da wuchs meine Furcht. Zwar war es immer noch hell, aber der Ort war sehr einsam. Hatten meine Verfolger sich diese gute Gelegenheit entschlüpfen lassen, so mußten sie offenbar ein größeres Wild als David Balfour aufs Korn genommen haben. Alans und James‘ Leben lasteten auf mir mit dem Gewicht zweier starker Ochsen. Catriona ging immer noch allein im Garten auf und ab. »Catriona,« sagte ich, »wie Ihr seht, bin ich wieder hier.« »Doch Euer Gesicht ist anders geworden«, sagte sie.

»Ich trage das Leben zweier Männer mit mir herum,« entgegnete ich, »da wäre es Sünde und Schande, unvorsichtig zu sein. Ich zweifelte, ob ich das Recht hätte, hierherzukommen. Es wäre mir sehr arg, wenn uns dadurch ein Unglück träfe.«

»Ich kenne jemand, dem das noch ärger wäre, und dem es gar nicht gefällt, Euch jetzt so reden zu hören«, rief sie. »Was habe ich denn getan?« »Ihr? Gar nichts! Aber Ihr seid nicht allein«, erwiderte ich. »Seit ich fortgegangen bin, hat man mich wieder auf Schritt und Tritt verfolgt; ich kann Euch sogar den Namen des Mannes sagen. Es ist Neil, der Sohn Duncans, Euer oder Eures Vaters Knecht.« »Ihr müßt Euch irren, ganz gewiß«, sagte sie mit sehr weißem Gesicht. »Neil ist in Edinburg in Geschäften meines Vaters.« »Damit ist die Sache erwiesen«, sagte ich. »Doch was seinen Aufenthalt in Edinburg betrifft, so will ich Euch, wenn’s gut geht, gleich eines Besseren belehren. Sicherlich habt Ihr irgendein Zeichen verabredet, ein Notsignal, das ihn heranruft, falls er sich in Hör- und Reichweite befindet?«

»Wie habt Ihr das nur erraten?« fragte sie. »Mit Hilfe eines Talismans, den Gott mir verliehen; man nennt ihn Vernunft«, entgegnete ich. »Seid so gütig, das Zeichen zu geben, und ich werde Euch Neils roten Schopf zeigen.« Ohne Zweifel war mein Ton scharf und bitter. Bitter war auch mein Gefühl. Ich klagte mich selbst und das Mädchen an und haßte uns beide: sie des erbärmlichen Geschlechts wegen, dem sie entstammte; mich wegen meines sträflichen Leichtsinns, den Kopf in ein derartiges Wespennest gesteckt zu haben. Catriona hielt die Finger an die Lippen und pfiff ein einziges Mal: einen ungemein klaren, kräftigen, durchdringenden Ton, rund und voll wie bei einem Bauern. Eine Weile warteten wir schweigend, und ich wollte sie eben bitten, den Pfiff zu wiederholen, als ich ein Geräusch, wie von jemandem, der sich einen Weg durch das Unterholz bahnt, vom Fuße des Hügels her vernahm. Lächelnd deutete ich in jene Richtung, und sehr bald sprang Neil in den Garten. Seine Augen glühten, und in seiner Hand hielt er ein nacktes, schwarzes Messer (wie sie’s im Hochland nennen). Als er mich neben seiner Herrin stehen sah, wollte er erstarren.

»Er ist Eurem Rufe gefolgt«, sagte ich; »urteilt jetzt, wie nahe er Edinburg war, und welches die Art von Eures Vaters Geschäften ist. Fragt ihn selbst. Soll ich mein Leben oder das Leben derer, die von mir abhängen, durch Machenschaften Eures Clans verlieren, so will ich wenigstens mit offenen Augen gehen, wohin ich muß.« Zitternd redete sie ihn auf gälisch an. Eingedenk der fürsorglichen Höflichkeit Alans in diesem Punkte, hätte ich vor Bitterkeit laut lachen können; wahrlich, jetzt in der Stunde meines Argwohns, hätte sie am Englischen festhalten sollen. Zwei-, dreimal sprachen sie miteinander, und trotz seiner Unterwürfigkeit konnte ich erkennen: Neil war zornig. Dann wandte sie sich an mich. »Er schwört, es sei nicht der Fall«, sagte sie. »Catriona,« entgegnete ich, »glaubt Ihr dem Manne?«

Sie machte eine Geste, als ränge sie die Hände. »Wie soll ich das wissen?« »Aber ich muß ein Mittel finden, es zu erfahren«, erwiderte ich. »Ich kann nicht weiter hier in der Dunkelheit herumirren mit zwei Menschenleben auf meinem Buckel! Catriona, versucht Euch an meine Stelle zu setzen, so wie ich (das bezeuge ich vor Gott) nach Kräften mich in Eure Lage hineinzufinden suche. Reden, wie sie heute gehalten wurden, hätten zwischen Euch und mir niemals stattfinden sollen; niemals, niemals; das Herz dreht sich mir im Leibe um, denk ich daran. Hört mich an, haltet diesen Mann hier fest bis zwei Uhr morgens, und alles ist mir gleich. Schlagt ihm das vor.«

Wieder sprachen sie auf gälisch miteinander.

»Er sagt, er sei auf Geheiß von James More, meinem Vater hier«, dolmetschte sie. Sie war bleicher denn je, und ihre Stimme brach bei diesen Worten.

»Jetzt ist alles ziemlich klar«, meinte ich, »Gott verzeih den Übeltätern!«

Selbst hierauf antwortete sie nicht, sondern fuhr fort, mich mit dem nämlichen bleichen Gesicht anzustarren. »Eine schöne Sache«, hub ich von neuem an. »Soll ich also wirklich ins Verderben gehen und jene beiden mit mir reißen?« »Ach, was soll ich nur tun!« rief sie verzweifelt. »Kann ich denn gegen meines Vaters Befehl handeln, gerade jetzt, da er gefangen ist und vielleicht sein Leben davon abhängt?« »Vielleicht sind wir voreilig gewesen«, sagte ich. »Auch das Letzte kann eine Lüge sein. Vielleicht hat der Mann gar keine ausdrücklichen Befehle; alles kann das Werk Simon Frasers sein, ohne Wissen Eures Vaters.« Da brach sie, ohne auf uns beide zu achten, in Tränen aus, und mein Herz machte mir heftige Vorwürfe, denn dieses Mädchen dünkte mir in einer furchtbaren Lage. »Hört zu,« sagte ich, »haltet ihn nur eine einzige Stunde fest, und ich will versuchen durchzukommen und Euch segnen.« Sie reichte mir die Hand. »Ich habe ein gutes Wort nötig«, schluchzte sie. »Eine volle Stunde also?« fragte ich, ihre Hand festhaltend. »Drei Menschenleben hängen davon ab, mein Mädchen.« »Eine volle Stunde«, wiederholte sie und rief laut ihren Heiland um Vergebung an.

Ich meinte, hier wäre kein passender Ort für mich und floh.

Elftes Kapitel


Der Wald bei Silvermills

Ich verlor keine Zeit. Talabwärts, vorbei an Stockbridge und Silvermills, lief ich, so rasch meine Füße mich nur tragen wollten. Alan hatte versprochen, sich allnächtlich zwischen zwölf und zwei »in einem kleinen, verkrüppelten Gehölz östlich von Silvermills und hart südlich des Mühlgrabens« einzufinden. Ich fand das Wäldchen, das sich einen steilen Hügel hinanzog, an dessen Fuß ein tiefer, reißender Mühlbach strömte, ohne Schwierigkeit. Hier verlangsamte ich meinen Schritt und begann mit etwas mehr Ruhe mein Vorhaben zu überlegen. Ich erkannte, ich hatte mich Catriona gegenüber auf einen Narrenhandel eingelassen. Es war nicht anzunehmen, daß Neil in der Durchführung seines Auftrages ohne Mithelfer wäre, aber vielleicht war außer ihm keiner von James Mores Leuten daran beteiligt. In diesem Falle hatte ich mein möglichstes getan, Catrionas Vater henken zu lassen, ohne mir selbst wesentlich weiterzuhelfen. In Wahrheit wollte mir keine dieser Eventualitäten gefallen. Wenn nun das Mädchen durch Neils Abhaltung mitschuldig am Tode ihres Vaters wurde? Sie würde es sich, wie ich sie kannte, nie verzeihen. Wie aber, wenn noch andere mich in diesem Augenblick verfolgten? Welches Geschenk brachte ich da Alan mit? Was gab es hierauf zu erwidern?

Ich hatte bereits den westlichen Teil des Gehölzes erreicht, als beide Bedenken mich mit der Wucht eines Keulenschlages trafen. Meine Füße blieben wie angewurzelt stehen und auch mein Herzschlag stockte. »Was für ein tolles Spiel habe ich heut getrieben!« dachte ich und machte auf der Stelle kehrt, um mich anderswo hinzubegeben. Das brachte mich wieder in die Richtung nach Silvermills; der Weg führte in einer Schleife am Dorf vorbei, lag aber deutlich vor mir. Kein Mensch, weder Hoch- noch Tiefländer, war zu sehen. Hier hatte ich, was ich suchte, hier bot sich eine Gelegenheit, wie ich sie laut Stuarts Rat ausnutzen sollte; ich lief daher am Mühlbach entlang bis jenseits des östlichen Waldzipfels und zurück quer durch das Gehölz, bis zu seinem westlichen Ausläufer, von wo aus ich ungesehen wieder die ganze Straße überblicken konnte. Auch diesmal war sie leer, und mein Mut stieg von neuem.

So saß ich über eine Stunde eng an den Waldsaum gedrückt, und weder Hase noch Adler hätten schärferen Lugaus halten können. Zu Beginn dieser Stunde war die Sonne schon untergegangen, der Himmel aber noch in Gold getaucht und das Tageslicht klar; ehe jedoch die Stunde zerrann, hatte das Zwielicht eingesetzt. Gegenstände und Entfernungen wurden undeutlicher, und die Beobachtung war erschwert. Während dieser ganzen Zeit zeigte sich keine Menschenseele östlich von Silvermills, und die wenigen, die westlich davon gingen, waren ehrliche Bauern und deren Frauen auf dem Wege ins Bett.

Selbst wenn die schlausten Spione Europas mir auf den Fersen waren, hielt ich es doch für äußerst unwahrscheinlich, daß sie von meinem Verstecke wüßten; ich ging daher etwas tiefer in den Wald hinein und streckte mich aus, um Alan zu erwarten. Die Nervenanspannung war groß gewesen, denn ich hatte nicht nur den Weg, nein, auch jeden Strauch und jedes Feld in Sichtweite beobachtet. Das war nun vorbei. Der Mond, der im ersten Viertel stand, schien matt in den Wald hinein; ringsum schwieg das Land, und während ich die nächsten drei, vier Stunden dort flach auf dem Rücken lag, bot sich mir eine treffliche Gelegenheit, mein Verhalten kritisch zu betrachten. Zwei Dinge wurden mir zuerst klar: ich hatte kein Recht gehabt, heute nach Dean zu gehen, und war ich schon gegangen, so durfte ich jetzt nicht liegen, wo ich lag. Dieses Gehölz, in dem ich Alan erwartete, war im ganzen weiten Schottland der einzige Ort, der mir aus taufend triftigen Gründen verschlossen war. Ich gab das zu und – blieb, zu meiner eigenen Verwunderung. Ich dachte an die harten Worte, die ich eben erst Catriona gegeben, wie ich stolz von zwei Menschenleben gesprochen hatte, die ich mit mir herumtrüge, und wie ich sie jetzt, scheinbar gewissenlos, von neuem aufs Spiel setzte. Ein gutes Gewissen macht drei Viertel allen Heldentums. Kaum hatte ich mein Verhalten jeder Einbildung entkleidet, als ich mich auch schon waffenlos einem Heer von Schrecknissen gegenüber befand. Plötzlich setzte ich mich aufrecht. Wie, wenn ich jetzt zu Prestongrange ginge, ihn abfinge, noch ehe er sich zu Bett legte (was ich immer noch leicht tun konnte), und mich ihm vollständig unterwarf? Wer konnte mich deshalb tadeln? Stuart, der Anwalt, nicht; ich brauchte nur zu erklären, ich wäre verfolgt worden, hätte keine Möglichkeit zur Flucht gesehen und mich ergeben. Catriona auch nicht; auch ihr gegenüber hatte ich meine Antwort parat: ich hätte nicht ertragen können, daß sie ihres Vaters Leben gefährde. So wäre ich im Handumdrehen alle meine Nöte losgeworden, die mich, im Grunde genommen, ja gar nichts angingen: mit dieser einzigen Geste konnte ich mich aus der Appiner Mordaffäre herausziehen, konnte sämtliche Stuarts und Campbells, Whigs und Tories der Welt abschütteln, für mich allein mein Vermögen genießen und vermehren und einen Teil meiner Jugend der Werbung um Catriona weihen, was doch entschieden eine passendere Beschäftigung war, als gleich einem Dieb gejagt und gehetzt zu werden und die ganzen schrecklichen Entbehrungen einer Flucht mit Alan von neuem auf sich zu nehmen. Anfänglich schämte ich mich meiner Kapitulation nicht; ich war nur ungemein erstaunt, daß mir derartiges nicht schon früher eingefallen war. Dann begann ich den Gründen dieser Sinnesänderung nachzugehen. Ich führte sie auf meine gedrückte Stimmung, diese wieder auf meinen plötzlichen Leichtsinn und letzteren auf die uralte, allgemein menschliche und nur allzu leicht übersehene Sünde des Sichgehenlassens zurück. Sogleich fiel mir der Text ein: ›Willst du den Teufel mit Beelzebub vertreiben?‹ Wie, überlegte ich bei mir, durch Weichlichkeit und Wandeln auf dem breiten Pfad der Freude und durch die Reize eines jungen Weibes war ich meinem ganzen Ich untreu geworden und hatte James und Alans Leben aufs Spiel gesetzt. Und jetzt wollte ich als Ausweg den gleichen Pfad wählen? Nein, der Schaden war durch Laschheit geschehen; das Gegenmittel war die Selbstzucht; das verweichlichte Fleisch mußte gekreuzigt werden. Ich erwog, welchen Weg ich am widerwilligsten beschreiten würde; die Antwort lautete: jetzt, ohne Alan zu sehen, den Wald verlassen, um wiederum allein in der Dunkelheit meinem verworrenen und gefährlichen Geschick entgegenzueilen. Ich habe diesen Teil meiner Selbstbetrachtungen um so ausführlicher geschildert, als ich glaube, er könnte jungen Leuten nützlich sein und ihnen als Beispiel dienen. Aber selbst im Kohlbauen liegt (wie man sagt) Vernunft, und auch Ethik und Religion lassen Raum für den gesunden Menschenverstand. Es war dicht vor Alans Stunde, und der Mond war untergegangen. Brach ich jetzt auf, so würden die Spione (die ich doch nicht gut heranpfeifen konnte) mich vielleicht verfehlen und sich statt dessen Alan an die Fersen heften. Blieb ich, so konnte ich wenigstens meinen Freund warnen und dadurch noch sein Leben retten. Ich war bislang dank meiner Nachlässigkeit leichtsinnig genug mit anderer Leute Leben umgesprungen; sie jetzt wiederum durch Nachlässigkeit lediglich unter dem Vorwand der Buße, zu gefährden, war schwerlich vernünftig. Kaum hatte ich mich also erhoben, da sank ich auch schon an meinen Platz zurück; jetzt aber war ich in ganz anderer Verfassung, gleichermaßen erstaunt über meine frühere Schwäche wie froh über meine gegenwärtige Gefaßtheit. Bald danach vernahm ich ein Knacken des Unterholzes. Ich legte mich mit dem Ohr auf die Erde und pfiff ein, zwei Takte von Alans Melodie; eine Antwort kam, nicht minder vorsichtig, und bald rannten wir in der Dunkelheit gegeneinander.

»Bist du’s endlich, Davie?« flüsterte er.

»Ich und kein anderer.« »Gott im Himmel, hab ich mich nach dir gesehnt, Bub!« sagte er. »Ist mir die Zeit lang geworden! Den ganzen Tag über mußte ich im Heu hausen, wo ich nicht die Hand vor Augen sehen konnte, und dann erst die letzten zwei Stunden Wartezeit, als du nicht kamst! Herrgott, du bist auch keinen Augenblick zu früh gekommen, denn morgen vormittag stech ich in See! Was sag ich, morgen? Heute!«

»Ja, Alan, heute wahrhaftig. Es ist sicherlich schon nach zwölf,« entgegnete ich, »heute mußt du fahren. Und diesmal ist es eine lange Reise!«

»Vorher halten wir noch einen langen Schwatz«, sagte er. Ich erzählte ihm also, was er wissen mußte, wobei ich alles ziemlich durcheinander brachte; aber zuletzt wurde es doch leidlich klar. Er hörte mich bis zu Ende an, ohne viele Fragen zu stellen, und lachte nur von Zeit zu Zeit wie jemand, der sich freut, und der Klang seines Lachens drang mir (vor allem dort in der Dunkelheit, da keiner den anderen sehen konnte) seltsam innig ans Herz. »Ja, Davie, du bist schon ein komischer Kauz,« meinte er, als ich schwieg, »ein merkwürdiger Hund; ich glaube, deinesgleichen hab ich nie gesehen. Und was deine Geschichte anbetrifft – nun, Prestongrange ist auch nur so ein Whig wie du selbst, ich will daher nichts gegen ihn sagen. Bei Gott, ich glaube, er ist noch der beste Freund, den du hast; wenn du dich nur auf ihn verlassen könntest. Aber Simon Fraser und James More, die kommen aus demselben Stall wie ich, und ich will ihnen den Namen geben, den sie verdienen. Der Böse selbst hat die Frasers gezeugt, das weiß ein jeder; und die Gregaras – na, deren Geruch konnt ich schon nicht vertragen, als ich kaum auf den Beinen stand. Einem – fällt mir da ein – hab ich die Nase blutig geschlagen, als ich noch so unsicher auf den Füßen war, daß ich nachher über ihn hinpurzelte. Mein Vater war ein stolzer Mann an jenem Tage, Gott hab ihn selig. Ich glaube auch, er hatte Grund dazu. Ich leugne nicht, daß der Robin ein recht anständiger Pfeifer ist,« fügte er hinzu, »doch diesen James More, den soll meinetwegen der Teufel holen.«

»Eins gibt es noch zu bedenken«, sagte ich. »Hat Charles Stuart recht oder unrecht? Sind sie nur hinter mir oder hinter uns beiden her?« »Was hast du für eine Meinung? Du Mann der großen Erfahrung?« fragte er.

»Ich weiß es nicht«, erwiderte ich.

»Ich auch nicht«, sagte Alan. »Glaubst du, das Mädel wird dir Wort halten?«

»Ganz gewiß.« »Hm,« meinte er, »man kann nie wissen. Na, das liegt jetzt hinter uns: der Rote ist längst zu den anderen gestoßen.« »Wie zahlreich, glaubst du, werden sie sein?« forschte ich. »Je nachdem. Handelt es sich nur um dich, so an die zwei, drei muntere Burschen; und glauben sie mich mit abzufangen, vermutlich zehn bis zwölf.«

Ich konnte nicht anders, ich mußte leise lachen.

»Ich dächte, du hättest mit eigenen Augen gesehen, wie ich diese Zahl oder ihrer doppelt so viel vor mir hergetrieben habe«, rief er. »Es ist ja ganz gleich,« entgegnete ich, »einstweilen bin ich sie gründlich los.« »Das ist so deine Meinung,« fuhr er fort, »aber ich würde mich nicht im geringsten wundern, wenn sie hier im Walde hockten. Es sind Hochländer, verstehst du, David, mein Junge? Teils Frasers, teils Gregaras, meiner Ansicht nach; und ich kann nicht leugnen, daß beide, besonders die Gregaras, schlaue, erfahrene Burschen sind. Ein Kerl, der nicht schon im Tiefland eine Herde fetten Rindviehs so (sagen wir) seine zehn Meilen durch eine dichtbevölkerte Gegend getrieben hat, womöglich mit dem verdammten Soldatenpack auf seinen Fersen, versteht nicht viel vom Handwerk. Bei der Sache hab ich ein gut Teil meines Scharfsinns gelernt. Du brauchst mir nicht dreinzureden; ’s ist besser als Krieg: der kommt gleich hinterher, obwohl er zumeist ein recht uneinträgliches Geschäft ist. Aber die Gregaras – die haben eine großartige Übung.«

»Zweifellos hat man diesen Teil der Bildung bei mir vernachlässigt«, sagte ich. »Ich merk es dir auf Schritt und Tritt an,« bestätigte Alan. »Aber das ist das Sonderbare an euch Studierten: ihr seid unwissend und wollt’s nicht einsehen. Mit meinem Griechisch und Hebräisch hapert’s; aber, Mensch, ich weiß auch, daß ich’s nicht kann – da liegt der Unterschied. Nehmen wir dich als Beispiel. Du liegst hier in diesem geschützten Walde ein Weilchen auf dem Bauch und bildest dir ein, du hättest die Frasers und MacGregors abgeschüttelt. Weshalb? Weil ich sie nicht sehe, gibst du mir zur Antwort. Du Dummkopf, das ist doch ihr Geschäft.«

»Nimm also das Schlimmste an«, entgegnete ich. »Was sollen wir dann tun?« »Daran denke ich gerade«, sagte er. »Wir könnten uns ja trennen. Das wäre aber wenig nach meinem Geschmack, außerdem spricht vieles dagegen. Erstens ist es unheimlich finster, und wenn wir großes Glück haben, können wir ihnen entwischen. Bleiben wir zusammen, so bilden wir nur eine Linie; trennen wir uns, dann zwei; um so größer die Wahrscheinlichkeit, daß wir einigen von deinen Herrschaften in die Arme laufen. Zweitens: wenn sie uns auf der Spur bleiben, kann es immerhin zum Gefecht kommen, Davie; und ich gestehe, in dem Fall wäre es mir ganz lieb, dich an meiner Seite zu wissen, und dir wird’s auch nicht schaden, wenn du mich hast. Meiner Meinung nach sollten wir uns also nicht einen Augenblick später als jetzt aus dem Staube machen und östlich auf Gillane zu halten, wo mein Schiff auf mich wartet. Uns wird sein, als wären die alten Zeiten wieder da, Davie, so kurz es auch dauert; und inzwischen können wir uns überlegen, was du anfangen sollst. Mir widerstrebt’s, dich hier allein zu lassen.« »Also los, meinetwegen!« sagte ich. »Kehrst du zurück, woher du gekommen bist?«

»Den Teufel werd ich das«, meinte Alan. »Die Leute waren gut zu mir, aber ich glaube, sie wären arg enttäuscht, mein hübsches Gesicht wiederzusehen. In diesen Zeiten bin ich nicht gerade ein willkommener Gast. Um so mehr gelüstet’s mich nach Eurer Gesellschaft, Mr. David Balfour von Shaw. Also marsch! Abgesehen von zwei kurzen Gesprächen hier im Walde mit Charlie Stuart, hab ich kaum ja und nein gesagt, seit wir uns in Chorstorphine trennten.« Mit diesen Worten stand er auf, und wir machten uns behutsam in östlicher Richtung auf den Weg durch das Gehölz.

Sagen von der Ruhr


Sagen von der Ruhr

Die älteste Kohlengrube an der Ruhr

Nicht weit von Langenberg an der Ruhr hütete einmal ein junge die Schweine. Es war im Spätherbst, und der Wind wehte kalt. Da dachte der junge ein Feuer anzuzünden, um sich zu wärmen. Aus einem nahen Wäldchen schleppte er dürres Reisig herbei. Dann sah er sich nach einer Stelle für sein Feuerchen um. Am Fuße eines Baumes hatte eine Mutte, so nennt man dort die Sau, ein tiefes Loch gewühlt; das schien dem jungen die geeignete Stelle zu sein. Bald loderte ein helles Feuer empor.

Als der Schweinehirt seine Herde heimtrieb, brannte das Feuer noch immer, obwohl der Holzvorrat längst aufgebraucht war. Der junge wunderte sich sehr darüber. Am folgenden Morgen, als er die Schweine wieder zur Weide trieb, wunderte er sich noch mehr; denn das Feuer war noch nicht erloschen. Es erhielt sich aber nicht durch Holz, sondern durch schwarze Erde. Das erzählte der junge seinem Vater; der kam und fand in dem Loch zu seiner Freude gute Kohle. Er legte an dieser Stelle eine Grube an, die noch heute besteht. Sie ist das älteste Kohlenbergwerk an der Ruhr und führt den Namen »Op de Mutte«.

Der Affe zu Dhaun

Nicht weit von der Nahe, hoch über dem Tal des Simmerbaches, stand das im Mittelalter erbaute stolze Schloß Dhaun. Dort wohnten lange Zeit die Wild- und Rheingrafen, ein mächtiges und reiches Geschlecht. In den Ruinen ihrer alten Burg sieht man über dem Torbogen des Palastes ein wunderliches Bild. Es stellt einen Affen dar, der einem Kinde einen Apfel reicht. Über die Entstehung dieses Bildes berichtet die Sage.

An einem schönen Sommertage saß im Garten der Burg eine Wärterin mit dem kleinen Grafenkinde. Die Sonne brannte heiß hernieder, einschläfernd summten die Bienen in den Rosensträuchern; die Wärterin fiel in einen leichten Schlummer. Als sie erwachte, war das Kind verschwunden. Nachdem sie sich von dem ersten lähmenden Schrecken erholt hatte, suchte sie jammernd den weiten Garten und die ganze Gegend ab; doch sie fand nicht einmal eine Spur ihres Schützlings. In ihrer Verzweiflung lief sie in den Wald; denn sie getraute sich nicht mehr, ihrem Herrn vor die Augen zu treten. Da sah sie plötzlich nach langem Umherirren unter einem schattigen Baume das verlorene Kind. Es lag mit roten Bäckchen im weichen Moose und schlief. Neben ihm saß der gleichfalls schlafende Affe, den der Burggraf von einer Fahrt nach dem Morgenlande mitgebracht hatte. Überglücklich schloß die Wärterin das wiedergefundene Kind in ihre Arme und eilte zum Schlosse, wo sich Trauer und Klagen schnell in Freude und Jubel verwandelten.

Der Vater des Kindes ließ die seltsame Begebenheit in jenem Steinbilde am Torbogen festhalten.

Die sieben Schönen von Schönberg

Vor langer Zeit wohnten in der Burg Schönberg bei Oberwesel sieben biIdschöne Schwestern. Von nah und fern kamen tapfere Ritter, um als Freier ihr Glück bei ihnen zu versuchen; doch keiner ward erhört. Jahrelang verteilten die Spröden nur Körbe, die den damit Bedachten viel Spott und Hohn eintrugen.

Da geschah es einmal, daß der Zufall die abgewiesenen Freier zusammenführte. Sie verabredeten sich, dem Werben ein Ende zu machen, und sandten einen Knappen nach Schönberg mit der Botschaft: »Meine Herren lassen euch wissen: Wenn ihr nicht willens seid, sieben Bewerbern aus unserer Mitte das Jawort zu geben, dann werden wir nie wieder Schloß Schönberg betreten. Und auch unsere Freunde und Bekannten werden wir abhalten, jemals den Fuß über die Schwelle eurer Burg zu setzen.«

Über diese Botschaft lachten die übermütigen Schönen. Sie beschlossen, den aufgebrachten Freiern einen heilsamen Streich zu spielen, und luden sie für den folgenden Tag nach Schönberg ein. Als die Schar der Freier im Rittersaale versammelt war, kam eine Magd und berichtete: »Es ist der Wille meiner Herrinnen, sieben von den edlen Rittern als Gemahl anzunehmen. Über die Wahl soll das Los entscheiden.«

In einer silbernen Schale wurden die Lose hereingebracht. Und siehe, die ältesten und unansehnlichsten Freier zogen die Glückslose, die die Namen der Schwestern trugen. Die überglücklichen Gewinner beeilten sich, die Bräute zu begrüßen. Sie strichen schnell noch über Haar und Bart, zupften den Rock zurecht und begaben sich erwartungsvoll in das Frauengemach. Aber die Schwestern waren verschwunden. Nur fratzenhafte Bilder hatten sie zurückgelassen, um die Freier zu verhöhnen. Vom Ufer des Rheines herauf klang ihr spöttisches Gelächter. Sie stiegen eben in einen Kahn, um nach dem andern Ufer überzusetzen und auf einer Burg an der Lahn Wohnung zu nehmen. Ob sie dort angekommen sind, weiß man nicht. Noch heute bringt man ihr Verschwinden in Verbindung mit sieben Felsklippen im Rhein, die in ganz trockenen Sommern aus der Flut auftauchen. Zur Strafe für ihren Übermut sollen sie in dieses harte Gestein verwandelt worden sein.

Die Höhle bei Island

EIberfeld gegenüber liegt Island, das wohl älter sein mag, als die Stadt; oberhalb diesem Islande lag unten an der Wupper eine Höhle, in welcher vor alten Zeiten Zwerge, oder gespenstige Wesen gewohnt haben sollen. Diese Zwerge erschienen öfter vor Zeiten den Menschen, zeichneten sich durch Reinlichkeit und Anstand aus und litten nicht, daß sich in ihrer Nachbarschaft etwas Unehrenhaftes oder Unanständiges zutrug. Als die Stadt Elberfeld schon bedeutend angewachsen war, und die kleine Schlucht in der Nähe der Höhle vielen Bürgern ob des Schattens der hohen Eichen und durch die Kühle des fließenden Bächleins zum Erholungsgange diente, begegnete man auch dorten öfter den seltenen Wesen. Es leuchtete nun auch manchen Liebesleuten ein, welche geheimen Umgang miteinander pflogen oder pflegen wollten, daß diese Stelle, welche zahlreiche Verstecke bot, für sie eine recht günstige sei. Sie gaben sich daher dort wohl Stelldichein, allein so oft sie indessen zu Vertraulichkeit übergehen wollten, regnete es von allen Seiten dermaßen von Steinen auf das Paar, daß sie nicht anders als rasch sich durch die Flucht entziehen konnten. Wenn sich auch dieser oder jener Bursche zur Verteidigung seines Schätzchens anschicken wollte, so konnte er nirgends einen Feind finden, setzte er sich allenthalben den Steinwürfen aus und stolperte nicht selten durch Stäbe, die ihm zwischen die Beine gerieten und ihn in Pfützen und Dornen warfen. Zuletzt wagte sich niemand mehr in unlautern Absichten in die Schlucht, und so ward diese von allem schlechten Volke gemieden.

Der Schmied und die Zwerge von Müngsten

Bei Müngsten im Wuppertal wohnten Zwerge in steilen Felsen auf dem rechten Ufer des Flusses. Einmal kam um Mitternacht ein Hammerschmied vom Wirtshaus des Weges daher. Als er in die Gegend der Zwerglöcher gelangte, blieb er verwundert stehen; er hörte ganz deutlich helles Lachen und Jauchzen. Und da sah der Schmied auch schon im Mondschein die kleinen Kerlchen zwischen den Bäumen und Felsen herumspringen; manche warfen vor Vergnügen ihre Mützen in die Luft und fingen sie wieder auf, andere tanzten lustig das Flußufer entlang. Auf einmal gab’s ein lautes Jammern. Einem der kleinen Schelme war die Mütze in die Wupper gefallen, alle rannten hin und sahen entsetzt, wie das Käppchen fortschwamm. Was sollte der Arme machen? Ohne seine Mütze war er ja kein richtiger Zwerg mehr! Das tat nun dem guten Hammerschmied leid; er stieg ins Wasser, fischte die Mütze heraus und gab sie dem Zwerg, der sich sehr darüber freute.

Der Schmied ging nun nach Hause, stellte sich noch Roheisen an den Amboß zurecht, weil er früh an die Arbeit gehen mußte, und legte sich dann zu Bett. Als er aber am andern Morgen die Schmiede betrat, fand er statt des Roheisens den schönsten Stahl vor. Und das ging nun so fort, Nacht für Nacht; bald war er der wohlhabendste Mann in ganz Remscheid. Aber die Neugierde, wie das mit dem Eisen zuging, ließ den Mann nicht ruhen.

Eines Abends versteckte sich der Schmied hinter dem Blasebalg; bald hörte er auch ein feines Geräusch, und herein kam der Zwerg, dem er damals geholfen hatte, mit einem Schurzfell angetan, eine silberne Lampe in der Hand. Der Schmied mußte sich bemühen still zu sein, um nicht loszuplatzen, so spaßig sah der kleine Mann aus. Nun holte der Zwerg sein Hämmerchen aus dem Schurzfell und fing an zu hämmern. Die Schläge hörte man kaum, aber das Eisen dehnte sich wie Wachs, und in wenigen Stunden lag der Stahl fertig da.

Nun wollte sich der Hammerschmied auch nicht lumpen lassen; er bestellte bei dem besten Schneider ein goldgesticktes Wämschen für seinen kleinen Gesellen und legte es ihm am Abend, fein verpackt, hin. Das Männchen kam, öffnete vorsichtig das Paketchen und lachte übers ganze Gesicht vor Freude. Schnell hatte es sein graues Röckchen aus- und das neue angezogen, besah sich von oben bis unten und rief: »Wat brukt en Jonker te schlipen, de en ruaden Rock anhett?«, und ließ sich seitdem nicht mehr sehen.

Einstens sind Zwerge öfters bei Schmieden und anderen Arbeitern eingekehrt und haben ihnen geholfen. Leider sind diese Zeiten verklungen!

Die kegelschiebenden Bauern

Auf dem Kreuzwege zwischen Mettmann und Lüttges kegeln häufig in der Nacht verschiedene Bauern, welche zu ihren Lebzeiten auf einer benachbarten Kegelbahn regelmäßig Kegel zu schieben pflegten. Bei diesem Kegeln geht es selten ohne Streit und Zank ab. Die Bauern nehmen ihre Schädel als Kegelkugeln und Arm- und Beinknochen müssen die Stelle der Kegel vertreten.

So sind sie oft von nächtlichen Wanderern gesehen worden.

Die wunderbaren Äpfel

Zwei Burschen aus dem Dönberg gingen an einem Sonntagmorgen zur Kirche nach Langenberg. Das pflegten sie häufig zu tun, und gewöhnlich nahmen sie ihren Weg durch den Hof »am Stein«. Dort dienten zwei Mägde, welche ihnen befreundet waren, und welche sie häufig besuchten. Als sie nun durch den Hof schritten, rief die eine Magd ihrem Schatz ein freundliches »Guten Morgen, Peter« zu; und die andere rief frohen Mutes: »Guten Morgen, Wilhelm! « Das taten sie aber, um die Männer für den Abend zum Besuch einzuladen. Nach dem Gruß boten die Mädchen den beiden je einen Apfel an. Dankend steckte jeder seinen Apfel in die Rocktasche und gingen alsdann ihres Weges weiter.

Als sie auf dem Rückweg von der Kirche begriffen waren, aß der eine Bursche seinen Apfel, während der andere ihn in der Tasche ließ. Den Rock hing er am Abend an die Wand und vergaß den Apfel.

Es dauerte nun einige Tage, da hörte er, daß sein Freund erkrankt sei. »Du mußt doch einmal nachsehen, was ihm fehlt«, denkt er, nimmt seinen Rock von der Wand und macht sich auf den Weg. Wirklich lag Peter schwer krank darnieder. Die Nachbarn munkelten aber, er sei behext. Wieder andere behaupteten, er sei vom Teufel besessen. Alle stimmten aber darin überein, daß der junge, blühende Mann nicht von einer natürlichen Krankheit betroffen worden sei. Kaum war man aber zu dieser Erkenntnis gelangt, so eilte man nach Neviges zum Kloster und teilte dem Pater Crementines den ganzen Vorfall mit. Crementines ließ sich nicht lange bitten und ging sofort mit zum Hause des Kranken. Er erkannte sogleich, daß er bezaubert sei. Er gab ihm das mitgebrachte Heiligtum zu essen. Kaum hatte der Kranke dies genossen, als er sich erbrach; aber eine große Kröte fuhr ihm aus dem Halse.

Als Wilhelm nach Hause kam, dachte er wieder an seinen Apfel. Er griff in seine Rocktasche und zog ebenfalls eine große Kröte hervor.

Der gebannte Teufel

Auf einem Hofe bei Langenberg lebte einmal ein alter Mann mit seiner Frau. Er besaß eine Lintsgetau (Bandstuhl zur Herstellung von Leinenband) und ließ darauf seine Enkelkinder, namentlich einen jungen Mann, arbeiten. jedesmal, wenn der Alte heimkam, schimpfte und fluchte er über die Kinder, daß sie nicht fleißig genug gewesen seien. Einst wünschte er sogar, der Satan möge sie alle holen.

Einige Tage darnach wütete der Alte wieder gegen die Kinder, schlimmer, denn je vorher. Als sich nun der junge an die Arbeit machen wollte, fielen die Gewichtskästen des Bandstuhls laut dröhnend zur Erde, und die Nägel seiner Finger wurden ganz schwarz. Es war nun kein Zweifel mehr: der Böse war im Hause. Bald machte er sich auf alle Weise bemerkbar. Mit jedem Tag wurde sein Auftreten schlimmer. Als alles nichts half, wandte man sich nach dem Kloster Hardenberg, an den großen Teufelsbanner Pater Crementines. Der kam denn auch und trat betend in die Stube. Als er weiter in die Stube hineinschritt, bedächtig und laut betend, da erhob sich im nebenanliegenden Arbeitszimmer lautes Gebrüll, als wenn ein Löwe sich vernehmen läßt. Doch der Pater ließ sich nicht schrecken und schritt beherzt auf das Gemach zu. Da schrie aus diesem eine Stimme: »Hebe dich fort, du bist ein Dieb!« Aber auch hierdurch ließ sich der geistliche Herr nicht beirren und setzte sein Werk fort. Der Gottseibeiuns wurde aus dem Hause verwiesen und unterhalb des Hauses in einen Siepen verbannt. Dort machte er sich in der Folgezeit noch oft bemerkbar. Aber mit jedem Jahre kommt er wieder einen Hahnenschritt dem Ort seiner einstigen Tätigkeit näher.

Das Riesen-Spielzeug

Auf der Burg Nideck, die an einem hohen Berg bei einem Wasserfall liegt, waren die Ritter vorzeiten große Riesen. Einmal ging das Riesen-Fräulein herab ins Tal, wollte sehen, wie es da unten wäre und kam bis fast nach Haslach auf ein vor dem Wald gelegenes Ackerfeld, das gerade von den Bauern bestellt ward. Es blieb vor Verwunderung stehen und schaute den Pflug, die Pferde und Leute an, das ihr alles etwas neues war.

»Ei«, sprach sie, und ging herzu, »das nehm ich mir mit.« Da kniete sie nieder zur Erde, spreitete ihre Schürze aus, strich mit der Hand. über das Feld, fing alles zusammen und tat’s hinein. Nun lief sie ganz vergnügt nach Haus, den Felsen hinaufspringend, wo der Berg so jäh ist, daß ein Mensch mühsam klettern muß, da tat sie einen Schritt und war droben.

Der Ritter saß gerad am Tisch, als sie eintrat. »Ei, mein Kind«, sprach er, »was bringst du da, die Freude schaut dir ja aus den Augen heraus.« Sie machte geschwind ihre Schürze auf und ließ ihn hineinblicken. »Was hast du so Zappeliches darin?« »Ei Vater, gar zu artiges Spielding! so was schönes hab ich mein Lebtag noch nicht gehabt.« Darauf nahm sie eins nach dem andern heraus und stellte es auf den Tisch: den Pflug, die Bauern mit ihren Pferden; lief herum, schaute es an, lachte und schlug vor Freude in die Hände, wie sich das kleine Wesen darauf hin und her bewegte. Der Vater aber sprach: »Kind, das ist kein Spielzeug, da hast du was schönes angestiftet! Geh nur gleich und trags wieder hinab ins Tal.« Das Fräulein weinte, es half aber nichts. »Mir ist der Bauer kein Spielzeug«, sagt der Ritter ernsthaftig, »ich leids nicht, daß du mir murrst, kram alles sachte wieder ein und trags an den nämlichen Platz, wo du’s genommen hast. Baut der Bauer nicht sein Ackerfeld, so haben wir Riesen auf unserm Felsen-Nest nichts zu leben.«

Die Pferde aus dem Bodenloch

Richmuth von Adocht, eines reichen Bürgermeisters zu Köln Ehefrau, starb und wurde begraben. Der Totengräber hatte gesehen, daß sie einen köstlichen Ring am Finger trug, die Begierde trieb ihn Nachts zu dem Grab, das er öffnete, Willens den Ring abzuziehen. Kaum aber hatte er den Sargdeckel aufgemacht, so sah er, daß der Leichnam die Hand zusammendrückte und aus dem Sarg steigen wollte. Erschrocken floh er. Die Frau wand sich aus den Grabtüchern los, trat heraus und ging geraden Schritts auf ihr Haus zu, wo sie den bekannten Hausknecht bei Namen rief, daß er schnell die Türe öffnen sollte und erzählte ihm mit wenig Worten, was ihr widerfahren. Der Hausknecht trat zu seinem Herrn und sprach: »Unsere Frau steht unten vor der Türe und will eingelassen sein. « »Ach«, sagte der Herr, »das ist unmöglich, eh das möglich wäre, eher würden meine Schimmel oben auf dem Heuboden stehen! « Kaum hatte er das Wort ausgeredet, so trappelte es auf der Treppe und dem Boden und siehe, die sechs Schimmel standen oben alle beisammen. Die Frau hatte nicht nachgelassen mit Klopfen, nun glaubte der Bürgermeister, daß sie wirklich da wäre; mit Freuden wurde ihr aufgetan und sie wieder völlig zum Leben gebracht. Den andern Tag schauten die Pferde noch aus dem Bodenloch und man mußte ein großes Gerüste anlegen, um sie wieder lebendig und heil herabzubringen. Zum Andenken der Geschichte hat man Pferde ausgestopft, die aus diesem Haus zum Boden herausgucken. Auch ist sie in der Apostelkirche abgemalt, wo man überdem einen langen leinenen Vorhang zeigt, den Frau Richmuth nachher mit eigner Hand gesponnen und dahin verehrt hat. Denn sie lebte noch sieben Jahre.

Das Bäumchen zu Ürdingen

Zu Ürdingen wurde eine arme Magd eines schweren Verbrechens angeklagt. Aber obwohl sie ihre Unschuld mit heiligen Eiden beteuerte, wurde sie doch dazu verurteilt, im Kerker Hungers zu sterben. Als sie weggeführt wurde, rief sie den Richtern zu: »Zum Zeichen dafür, daß ich unschuldig bin, wird ein Bäumchen aus meinem Grabe wachsen, das wird nicht vergehen, was ihr auch anstellen möget, es zu zerstören. Dann wird es zur Reue für euch zu spät sein.« Drauf brachte der Büttel sie in den Gefängnisturm am Neutor der Stadt.

Die Ürdinger hatten die arme Magd und ihr Schicksal fast schon vergessen, da wuchs aus der Mauer ihres Kerkers ein Bäumchen hervor; das vermochten weder Wind noch Wetter noch Menschenhand zu vernichten. Es grünte und blühte Jahr um Jahr, bis das Neutor abgetragen wurde.

Der Rheingrafenstein

Auf dem Rheingrafenstein, einem stellen Felsen an der Nahe, stand in alten Zeiten eine gewaltige Burg, die war nicht von Menschenhänden erbaut; sie war vielmehr des Teufels Werk.

Einer der Grafen von der Kauzenburg in Kreuznach schloß nach einer durchzechten Nacht mit dem Bösen diesen Vertrag: »Ich, der Teufel, werde auf dem Rheingrafenstein in einer einzigen Nacht ein Schloß erbauen und es dem Ritter von der Kauzenburg schenken. Dafür soll die Seele des ersten, der aus einem Fenster des Schlosses schaut, mir gehören.«

Als nun das Bauwerk wider alles Erwarten am andern Morgen vom hohen Felsen stattlich emporragte, da ward es dem Ritter angst und bange; ja, er wollte gar nicht in die Teufelsburg einziehen. Die Gräfin aber machte ihm Mut. Ruhig ritt sie den Felspfad hinauf, gefolgt vom Burgkaplan; zögernd kam der Graf mit seinen Rittern und Mannen hinterher. Als der Teufel, der in Gestalt eines großen Raubvogels auf dem Dachfirst saß, den Geistlichen sah, da lachte ihm das schwarze Herz im Leibe, dachte er doch, jener werde ganz sicher seine Beute werden.

Doch der kluge Teufel hatte sich diesmal gründlich verrechnet. Die Gräfin setzte Frauenlist gegen Teufelslist, und es gelang ihr, den Vater der Lüge zu prellen. Sie ließ einen Esel in den Rittersaal bringen, bekleidete ihn mit des Kaplans Sutane und schwarzem Käppchen und ließ ihn dann zum Fenster hinausschauen. Mit wilder Freude stieß der Teufel auf sein Opfer nieder und trug es in den Krallen davon. Doch hoch in den Lüften begann das Grautier aus allen Kräften sein angsterfülltes I-a, I-a zu schreien. Nun erkannte der Teufel, daß er sich hatte übertölpeln lassen. Mit einem entsetzlichen Fluch ließ er den Esel los, der beim Aufprall auf den Felsen zerschmettert wurde.

Der Traum vom Glück auf der Brücke zu Koblenz

Ein Bewohner des am Hochwald gelegenen Dorfes Alt-Rinzenberg, hatte einst drei Nächte hintereinander den gleichen Traum; eine Stimme rief ihm zu:

Zu Koblenz auf der Brück‘
Da blüht dir dein Glück.

Als der Mann den Traum seinen Verwandten erzählte, drangen diese so lange in ihn, bis er sich nach Koblenz aufmachte, um das Glück zu suchen. Dort begab er sich sofort auf die alte Moselbrücke, an der das Kur-Trierische Schloß stand, und ging hier auf und ab, das Glück erwartend, das sich aber nicht einstellen wollte. Eben gedachte er – denn es war schon gegen Abend – voll Ärger über die unnötigen Ausgaben und die beschwerliche Reise wegzugehen, als ein Soldat, der auf der Brücke Schildwache stand, auf das sonderbare Gebaren des unruhig hin- und hergehenden Bauern aufmerksam wurde, ihn anredete und fragte, was er eigentlich hier suche.

»Ach«, erwiderte der Bauer, »da träumte mir dreimal hintereinander:

Zu Koblenz auf der Brück‘
Da blüht dir dein Glück.

Und nun laufe ich schon den ganzen Tag hier auf und ab, aber vom Glück habe ich noch nichts gesehen.«

Da lachte der Soldat und sagte: »Auf Träume darf man überhaupt nichts geben; da träumte ich immer: In Rinzenberg steht in einer alten, zerfallenen Zisterne ein Kessel mit Gold. Aber soviel ich auch gefragt habe, kein Mensch kann mir erklären, wo Rinzenberg liegt, das gibt’s ja gar nicht.«

»Ah«, dachte der Bauer, »bläst der Wind daher! Jetzt weiß ich genug.« Er verabschiedete sich schnell und machte sich auf den weiten Heimweg. Zu Hause fand er den Schatz richtig an der bezeichneten Stelle, hob ihn und erbaute weitab von seinem Dorf, am Eberswalde, nahe bei dem damals berühmten Sauerbrunnen, drei schöne Häuser und gründete so Neu-Rinzenberg, das unter dem Namen Rinzenberg heute noch besteht, während Alt-Rinzenberg verfiel und bald völlig verschwunden war. Im Volk will man noch die Stelle genau wissen, wo der Weiler einstens gestanden war.

Der Schäfer am Pulvermaar

In alter Zeit zogen alljährlich in den ersten Frühlingstagen die Bauern aus den Dörfern am Pulvermaar um den See und flehten betend und singend den Segen Gottes auf ihre Fluren herab. Aus Gleichgültigkeit und Bequemlichkeit unterblieb einmal der fromme Bittgang. Da geriet das Wasser des tiefen Kessels in Bewegung; wie von unterirdischen Feuern erhitzt, wallte es auf, stieg höher und höher und drohte über die Ufer zu treten. Unheimlich grollte und dröhnte es aus der Tiefe, und die Erde erbebte im weiten Umkreis.

Ein Schäfer, der in der Nähe seine Herde hütete, gewahrte voll Schrecken das nahende Verderben. Sein frommer Sinn sagte ihm sogleich, daß Gottes Strafgericht drohe, weil die Dorfbewohner vom frommen Väterbrauch abgewichen waren. Um das Versäumte nachzuholen, steckte er seinen Hut auf den Hirtenstab und zog, gefolgt von seinen Schafen, mit Gebet und Gesang um den See. Alsbald beruhigte sich die zürnende Flut, mehr und mehr trat sie zurück, und als der Schäfer den Umgang beendet hatte, lag der Wasserspiegel wieder ruhig und friedlich wie sonst an stillen Frühlingstagen.

Der goldene Pflug

in Inneren des Berges, der die Ruinen der stattlichen Burg Neuenahr trägt, waren in alter Zeit viele Schätze verborgen. Dazu gehörte auch ein goldener Pflug, der in dem heute verschütteten Schloßbrunnen lag. Ein Bauer, dem das Arbeiten schwer fiel, und der doch gern ein Leben geführt hätte wie die adligen Herren auf ihren Burgen, wurde einmal um die Mitternachtsstunde von einem Zwerge an den Rand des Brunnens geführt. Der Kleine sprach: »Du weißt, daß auf dem Grunde dieses tiefen Schachtes ein goldener Pflug liegt. Grabe in der nächsten Vollmondnacht danach. Dort unter jenem Haselstrauch liegt ein Stein, der den Brunnen verdeckt. Heb ihn auf und lasse eine Angel hinab, dann wirst du den Schatz bergen und ein reicher Mann sein. Doch darf dabei kein Laut über deine Lippen kommen, sonst werden die Erdgeister den Schatz nicht hergeben!«

Der Bauer merkte sich die Stelle genau und traf alle Vorbereitungen, um den goldenen Pflug ans Tageslicht zu bringen. Er verhielt sich in diesen Tagen so schweigsam, daß es seinem redseligen Weibe nicht gelingen wollte, auch nur ein einziges Wort aus ihm herauszubringen. Endlich war der Mond voll geworden, und der Schatzgräber ging um die Mitternachtsstunde an die Arbeit. Er hieb den Haselstrauch ab und schob den Schlußstein des Brunnens beiseite. Aus der Tiefe strahlte ihm ein heller Schein entgegen. Behutsam ließ er die Angel, die er mitgebracht hatte, an einer langen Schnur bis auf den Grund des Schachtes hinab und zog sie dann langsam und schweigend nach oben. Wild klopfte da sein Herz vor Freude; denn er merkte, daß ein schweres Gewicht an der Angel hing. Höher und höher stieg der kostbare Schatz, noch einige Augenblicke, so dachte der Bauer, und er würde ihn sein eigen nennen. Doch plötzlich sah er einen feurigen Ritter vor sich, der ihm drohend sein blitzendes Schwert entgegenstreckte. Mit einem gellenden Schrei sprang er zurück, und der goldene Pflug stürzte wieder in die Tiefe. Ganz verstört eilte der Zitternde nach Hause. Als er in der nächsten Vollmondnacht einen zweiten Versuch machen wollte, in den Besitz des Schatzes zu gelangen, da war jede Spur des Brunnens verschwunden.

Das Gnadenbild zu Klausen

Nicht weit von dem langgestreckten Brauneberg, näher noch dem Moselflecken Piesport, liegt der Wallfahrtsort Klausen.

Zu jener Zeit, als der gelehrte Nikolaus Cusanus schon ein berühmter Mann der Kirche und der Wissenschaft war, lebte im Dorfe Esch an der Salm ein frommer Bauer namens Eberhard. Dieser hatte eine besondere Andacht zur Muttergottes; einmal träumte ihm dreimal hintereinander, er müsse der Gottesmutter ein Haus bauen. Man schenkte ihm auch in Trier ein Bild der schmerzhaften Mutter Jesu, ein Glöckchen und einen Leuchterstock. Dann baute er eine kleine Kapelle und sich selbst eine Hütte dabei. Bald erzählte man auch von allerlei Wundern, die dort geschehen sein sollten; der Gnadenort bekam Zulauf, und Eberhard begann eine Kirche zu bauen.

Eben damals kam auf einer Reise durch Deutschland der Kardinal Cusanus nach Trier. Als er von den Wundern bei Eberhards Klause erfuhr, meinte er, dies könne nicht mit rechten Dingen zugehen; er reiste hin, schalt den Bauern gehörig wegen seines törichten und abergläubischen Treibens und verbot ihm, mit dem Bau fortzufahren.

Als der Kardinal aber weitergereist war und sich in Koblenz bei seiner Schwester aufhielt, wurde er schwer krank. Da hielt ihm seine Schwester vor, er habe vielleicht die Jungfrau Maria böse gemacht, indem er dem Klausner verbot, die Kirche auszubauen. Nun fiel dem Kardinal sein unwirsches Gebaren gegenüber dem frommen Bauersmann schwer aufs Herz; er schickte Boten aus und ließ Eberhard mitteilen, er solle nur weiterbauen; ja, er versprach ihm noch Beihilfe dazu. Bald darauf wurde der Kardinal wieder gesund und konnte seine Reise fortsetzen. Auch der Klausner Eberhard nahm sein Werk wieder auf, und die Bauern aus der Nachbarschaft halfen ihm eitrig dabei.

Nun wollte ihnen Eberhard dafür etwas zugute tun und ließ, da es sehr heiß war, ein Fäßchen Wein von der nahen Mosel holen. Aber das war für die vielen Arbeiter nicht groß genug gewesen, deshalb ging der Wein bald aus. Der fromme Mann hatte zwar einen Boten um ein zweites Fäßchen geschickt, aber dieser blieb lange aus.

Als Eberhard nun sah, wie seine Leute Durst litten, eilte er zu dem Gnadenbild und bat: »Meine liebe himmlische Magd! Ich habe das meinige getan, die Reihe ist jetzt an Dir. Hilf mir und den Meinen in dieser Not!« Und wirklich, die himmlische Magd hatte das Gebet des frommen Klausners erhört, das Fäßchen war mit einemmal wieder gefüllt.

Das Volk aber erzählt, das Wunder sei weitergegangen. Als das Fäßchen lange, lange nicht leer geworden war, kam Eberhard ein Zweifel, wie lange es noch so fortgehen könne, und neugierig untersuchte er mit einem Maßstab, wieviel Liter noch im Faß seien. Im selben Augenblick aber hörte zur Strafe für seinen Zweifel das Fäßchen zu laufen auf.

Heute noch wünscht sich mancher, wenn ihm zum heißen Tagewerk der Trunk abgeht, »Eberhards Fäßchen«, so sagen die Moselländer Landsleute.

Die untergegangene Stadt Gression

Als an der Duffesmaar bei Gelch einmal ein Bauer beim Pflügen an etwas Hartes im Boden stieß, so hart, daß der Pflug davon zerriß, fing es an zu läuten; er grub nach und fand die Spitze eines Kirchturmes von Gression. Sofort warf er Erde in das Loch, denn es soll nicht gut sein, in die Geheimnisse einer versunkenen Stadt einzudringen. Einen guten Teil unseres linksrheinischen Niederlandes muß in alten Heidenzeiten einmal diese große Stadt Gression bedeckt haben. Auf dem Rott, einer Flur bei Gürzenich, haben ihre Festungswerke on Poeze (Pforten, Tore) gestanden, aber auch »ein Poezefähld« bei Langerwehe, wie schon der Name besagt; die Marktplätze der Stadt lagen in Düren, wo heute das Muttergotteshäuschen steht, bei Birgel auf dem »Mahdberg« (was also nichts anderes als Marktberg bedeutet) und in der »Duffesmaar« bei Geich. Auch bei Berzbuir, wo es heißt »de ahl Kerch«, und im »Kirchwasser« bei Merken sollen solche Kirchen von Gression versunken sein, oder richtiger Heidentempel, denn auch an der Stelle mancher alten Pfarrkirche, wie der zu Langerwehe und zu Pier, standen solche Tempel. Und bei letztgenanntem Orte im Schlammerweiher liegt denn auch die Burg von dem, der über die Stadt zu sagen hatte; freilich auch die Heidenburg bei Hoven gehörte mindestens noch zu Gression. Und wiederum in Lamersdorf behaupten sie, ihr Ort sei einst der Mittelpunkt von Gression gewesen. Zurzeit als er noch auf der Höhe, nicht wie jetzt im Tale, lag. Bescheidener beansprucht Altdorf, daß dort eine Vorstadt gewesen sei, weshalb auch jetzt noch ein Teil der Ortschaft so heiße. Durch einen großen Teil des Kreises Düren und des Landkreises Aachen geht diese Sage von Gression, und auch noch bis in die Kreise Bergheim und Jülich. Wo man mit dem Spaten oder Pflug auf römische Baureste, Dachpfannen oder Grundmauern stößt, sagt man gleich: »Das es wedde e Stöck van dr Stadt Gression, die versonke es«, oder so ähnlich. Fast immer heißt es auch: »diese Stadt die reichte bis Gressenich«. Dies heutige Dorf Gressenich (zwischen Stolberg und Düren) muß denn auch seinen Namen von dem alten Gression haben, es ist eben das, was von der großen Stadt übrigblieb, es war der Hauptteil davon, ja, die untergegangene Stadt wird nicht selten selbst Gressenich genannt.

Nach alledem muß die Stadt größer gewesen sein, als alle jetzigen bei uns. Nach einigen brauchte man zwei Stunden, nach andern fünf, nach den meisten Berichten sieben Stunden, um sie zu durchmessen. Damit noch nicht genug, es heißt, sie habe gar von Aachen bis Köln und von Düren bis Jülich gereicht, oder von Aachen längs der Krefelder Straße bis an den Rhein, hundert Stunden habe sie im Umfang gehabt. Sie war auch anders gebaut als die heutigen Großstädte: »Dat woe su ne vertelte Stadt, riet wie jetz die Städt senn. He woe ne Fleck, do stonde de Huse, dann kom ne Plaatz, do wor et frei; su geng dat fürahn, su dat dat velle Oetschofte wore. Dat ganze nennte nie evve Gressiona«. Und an verschiedenen Orten, wie wir bereits wissen, kennt man noch die Stellen der Tore und Mauern.

Fast alle stimmen darin überein, daß sie in der Heidenzeit gestanden habe, einige meinen, es sei schon vor der Sündflut gewesen. Die römischen Scherben im Ackerboden haben wohl den Anstoß zur Bildung der Sage gegeben, aber die Volkssage weiß von Römern als Erbauern und Bewohnern Gressions nur in Gressenich und wenigen anderen Orten. Einmal war ein riesiges Türkenheer vor Gression, das als uneinnehmbare Festung galt, das war zu der Zeit als der Omerbach, der zwischen Gression und Hamich fließt, noch ein großer, schiffbarer Strom war. Dort wurden die Türken in einer furchtbaren Schlacht besiegt:

Zu Gression
Am Omerstrom
Ward eine blutige Schlacht geschlagen…

So begann ein altes Lied, das die Leute jetzt leider vergessen haben. Der Türkenfeldherr soll aber beim Abzug gesagt haben, »wenn er wiederkäme, würde er ein so großes Heer mitbringen, daß ihre Pferde den ganzen Omerfluß aussaufen und trocknen Fußes hinüber könnten. Dann solle in der Stadt kein Stein auf dem andern bleiben.«

Wie die Stadt Gression zugrunde ging, davon wird noch mancherlei erzählt; außer den Türken wird es auch irgendwelchen andern fremden Kriegsvölkern zugeschrieben. In Merken sagt man, bei der Zerstörung sei es so furchtbar zugegangen, daß davon die Stadt oder vielmehr ihre Ruine den Namen Gräßelich bekam, woraus dann später Gressenich wurde. An der Kohlenasche, die sich viel in römischen Trümmern findet, soll man ein sicheres Zeichen haben, daß die Stadt durch Feuer zerstört wurde. In andern Orten dagegen hält man dafür, daß eine große Flut, meist sagt man: die Sündflut, die Stadt begraben habe. Man sehe das ja auch noch an den doch nur vom versteinerten Muscheln in den Steinbrüchen, die könnten Wasser herrühren; ebenso auch die Baumstämme, die in der Braunkohle bei Lucherberg zusammengeschwemmt sind, und die Sand- und Geröllmassen über dieser Schicht; und dann die steinharten, schwarzen Baumstümpfe, die im »ruede Brooch« bei Schwarzenbroich stecken, mit der Wurzel nach oben: was das für eine gewaltige Flut gewesen sein müsse!

Am meisten hört man: Gression ist versunken, warum, wissen manche Erzähler nicht zu sagen, oder es heißt, wie bei vielen andern Städten, denen das geschah: zur Strafe für ihre Üppigkeit und ihre Sünden. Wie prächtig und wie reich die Stadt war, können wir nur noch ahnen; im Oretzfeld bei Selgersdorf (im Kreise Jülich) werden manchmal besonders Schöne, große Ziegel ausgepflügt, mit Blumen und anderm Bildwerk darauf, und am Sandberg bei Rödingen (ebenfalls im Kreise Jülich) findet man an einigen Stellen Sand so glänzend und schwer wie pures Gold. Die Alten wußten mehr davon, wie es in Gression zugegangen ist. Eine von den schlimmsten in der Stadt sei »Frau Liesche« gewesen. Nach ihr heißt heute noch eine Mulde, die mit Gestrüpp und alten Weidenbäumen bewachsen war, hinter Röhe auf St. Jöris zu; da ging nachts Frau Liesche um, oder sprang von Baum zu Baum in langes, leuchtend weißes Leinen gehüllt, und plättete mit den Händen Wäsche, daß es schaurig durch den ganzen Wald hallte; das mußte sie nach ihrem Tode zur Strafe dafür, daß sie sonntags gewaschen hatte.

Die Johannisopfer zu Schönrath

Zur Zeit des Grafen Gerhard von Berg hauste zu Schönrath an der Agger Ritter Hans von Schönrath. Er hatte drei Söhne und zwei Töchter, die zur Freude der Eltern heranwuchsen. Es war allen Leuten bekannt, daß zur Zeit der Sommersonnenwende Sankt Johannes drei Opfer fordere, eins im Wasser, eins auf dem festen Boden und eins in der Luft. Ängstlich hatten daher der Ritter und seine Gemahlin ihre Kinder vor diesem Tage gewarnt.

Als wieder einmal der Johannistag herangekommen war, verließen die Kinder heiter das Schloß, um im nahen Forst dem gewohnten Spiel nachzugehen. Einer der Söhne gewahrte auf einer hohen Fichte einen Falkenhorst und machte sich sofort daran, das Nest herabzuholen. Die beiden andern schauten ihm nach, bis er sich zur schwankenden Krone in schwindelnder Höhe aufklemmte. In diesem Augenblick brach ein Wolf aus dem Dickicht hervor, ergriff den jüngsten Knaben und lief mit ihm davon. Das gellende Schreien des Geraubten erschreckte den Bruder in seiner luftigen Höhe, die Sinne vergingen ihm, und er stürzte vom Baum hinab.

Als der dritte das schreckliche Unglück sah, rannte er wie besessen nach Hause. In seiner Verwirrung lief er nicht über die Brücke in das Schloß, sondern stürzte in den Graben, wo er ertrank.

Als man die Knaben vermißte, begann man sie zu suchen und brachte am Abend drei Leichen ins Schloß: aus dem Wasser, dem Forst und aus der wilden, zerklüfteten Schlucht.

So leuchten nunmehr zur Sommersonnenwende die Feuer von den Höhen, um niemals mehr St. Johannes zu erzürnen.

Der Riese im Treiser Schock

Zu jener Zeit, als die Hunnen über den Hunsrück zogen, lebte im Treiser Schock ein wilder Riese in einer tiefen, dunklen Felsenhöhle; ringsumher hatte er große Steinblöcke wie eine Mauer aufgeschichtet. Manchmal spielte er mit schweren Felskugeln Ball oder warf sie vom hohen Berg ins Tal; das tat er besonders gern, wenn Leute dort arbeiteten; die mußten dann jedesmal schleunigst das Weite suchen. Fast täglich jagte der Unhold in den Wäldern; alles Wild, das ihm in den Wurf kam, erlegte er, und wenn ihm dabei ein Mensch begegnete, so mußte der Unglückliche mit ihm jagen, da half kein Bitten und Sträuben. Dann ging’s vom Morgen bis zum Abend über Stock und Stein. Waren die armen Leute abends todmüde, so brüllte er sie fürchterlich an, stieß die gräßlichsten Drohungen aus und jagte die Ärmsten, die vor Angst schon mehr tot als lebendig waren, schließlich unter wüsten Flüchen davon. Daher mied jedermann ängstlich den Schockwald, um nur dem Riesen nicht zu begegnen.

Nur ein Mann fürchtete den gewalttätigen Unhold nicht; das war ein frommer Einsiedler, der am Südende des Waldes seine Behausung hatte. Der Klausner hatte dreizehn Steinchen, die wunderbar glänzten; wenn man eins davon dem Riesen vor die Augen hielt, wurde er geblendet und konnte einem nichts tun. Wer über den Schock zur Mosel ging, lieh sich bei dem Einsiedler eines von seinen Steinchen aus.

Einmal kamen zwölf Männer, denen gab der gottesfürchtige Mann je eins von den Steinchen mit. Nach einer Weile fand sich aber noch ein Junge ein und bat wieder um eins. Da wollte ihm der Einsiedler sein letztes Steinchen zuerst nicht geben; als aber der Junge bitterlich zu weinen anfing, hatte der Alte Mitleid und überließ es ihm.

Der Junge kam zur Höhle des wilden Mannes. Da trat der Riese plötzlich heraus, brüllte den Knaben an und wollte ihn auf die Jagd mitnehmen. Der arme Kerl erschrak so heftig, daß er das Steinchen fallen ließ; er konnte es nicht wieder finden, sosehr er sich auch mühte. Aber der Riese wurde auf einmal ganz still, machte sich rasch in seine Höhle davon und ließ den Jungen ungehindert weitergehen.

Als die zwölf Männer gegen Abend zurückkehrten, war von dem Riesen nichts mehr zu sehen. Während sie noch ganz verwundert mit dem Einsiedler darüber sprachen, kam auch der Junge dahergelaufen und erzählte schluchzend, wie es ihm mit dem Steinchen ergangen war. Da erkannten alle, daß der Riese durch das Steinchen in seine Höhle gebannt war. Alle Leute in der Gegend dankten Gott, daß sie von der Plage befreit waren, und erbauten mit dem Einsiedler bei der Klause ein Gotteshaus.

Später entstand dort ein Hof, der bis auf den heutigen Tag »Gotteshausen« heißt. Auch an der anderen Seite des Schocks wurde ein Bauerngehöft angelegt und nach den Hünen der »Hohnhäuser-Hof« genannt. Das Steinchen liegt immer noch im Schock vor der Riesenhöhle.

Wenn dies Wundersteinchen jemand finden und wegnehmen sollte, erscheint der Riese wieder, und es fängt die alte Plage von neuem an.

Der Dom zu Köln

AIs der Bau des Doms zu Köln begann, wollte man gerade auch eine Wasserleitung ausführen. Da vermaß sich der Baumeister und sprach: »Eher soll das große Münster vollendet sein, als der geringe Wasserbau!« Das sprach er, weil er allein wußte, wo zu diesem die Quelle sprang, und er das Geheimnis niemandem, als seiner Frau entdeckt, ihr aber zugleich bei Leib und Leben geboten hatte, es wohl zu bewahren. Der Bau des Doms fing an und hatte guten Fortgang, aber die Wasserleitung konnte nicht angefangen werden, weil der Meister vergeblich die Quelle suchte. Als dessen Frau nun sah, wie er sich darüber grämte, versprach sie ihm Hilfe, ging zu der Frau des andern Baumeisters und lockte ihr durch List endlich das Geheimnis heraus, wonach die Quelle gerade unter dem Turm des Münsters sprang; ja, jene bezeichnete selbst den Stein, der sie zudeckte. Nun war ihrem Manne geholfen; folgenden Tags ging er zu dem Stein, klopfte darauf und sogleich drang das Wasser hervor. Als der Baumeister sein Geheimnis verraten sah und mit seinem stolzen Versprechen zu Schanden werden mußte, weil die Wasserleitung ohne Zweifel nun in kurzer Zeit zu Stande kam, verfluchte er zornig den Bau, daß er nimmermehr sollte vollendet werden, und starb darauf vor Traurigkeit. Hat man fortbauen wollen, so war, was an einem Tag zusammengebracht und aufgemauert stand, am andern Morgen eingefallen, und wenn es noch so gut eingefügt war und aufs festeste haftete, also daß von nun an kein einziger Stein mehr hinzugekommen ist.

Andere erzählen abweichend. Der Teufel war neidig auf das stolze und heilige Werk, das Herr Gerhard, der Baumeister, erfunden und begonnen hatte. Um doch nicht ganz leer dabei auszugehn, oder gar die Vollendung des Doms noch zu verhindern, ging er mit Herrn Gerhard die Wette ein: er wolle ehr einen Bach von Trier nach Köln, bis an den Dom, geleitet, als Herr Gerhard seinen Bau vollendet haben; doch müsse ihm, wenn er gewänne, des Meisters Seele zugehören. Herr Gerhard war nicht säumig, aber der Teufel kann teufelsschnell arbeiten. Eines Tags stieg der Meister auf den Turm, der schon so hoch war, als er noch heut zu Tag ist, und das erste, was er von oben herab gewahrte, waren Enten, die schnatternd von dem Bach, den der Teufel herbeigeleitet hatte, aufflogen. Da sprach der Meister in grimmem Zorn: »Zwar hast du, Teufel, mich gewonnen, doch sollst du mich nicht lebendig haben!« So sprach er und stürzte sich Hals über Kopf den Turm herunter, in Gestalt eines Hundes sprang schnell der Teufel hintennach, wie beides in Stein gehauen noch wirklich am Turme zu schauen ist. Auch soll, wenn man sich mit dem Ohr auf die Erde legt, noch heute der Bach zu hören sein, wie er unter dem Dome wegfließt.

Endlich hat man eine dritte Sage, welche den Teufel mit des Meisters Frau Buhlschaft treiben läßt, wodurch er vermutlich, wie in der ersten, hinter das Baugeheimnis ihres Mannes kam.

Der feststellende Köhler

Ein Kohlenbrenner von Barmen, der im Wirtshause saß, rühmte vor seinen Gefährten, daß ihm niemand etwas von seinem Meiler entwenden könne, wenn er schon nicht dort sei, weil er die Kunst verstehe, die Diebe festzustellen. Da wettete einer von der Gesellschaft mit ihm, binnen Stundenfrist mit seiner Schürhacke in der Stube zu sein. Der Bursche ging zum Walde, der Köhler aber sprach seine Zaubersprüche. Der erstere kam richtig an den Meiler, wie er aber die Hacke anfaßte siehe da waren ihm die Füße wie an die Erde festgewachsen und, was er zappelte, er vermochte nicht von der Stelle zu kommen. Er rief da dreimal: laß mich los im Namen der heiligen Dreifaltigkeit. Diese Worte vermochten aber den Zauber nicht zu brechen. Da griff er mit der Linken in die Tasche, die Rechte klebte an der Hacke, zog sein Messer und zerschnitt damit den linken Hosenträger. Gleich konnte er nun von der Stelle und mit der ergriffenen Schürhacke zum Wirtshause eilen. Er fand den Köhler dort tot; der Schnitt, welcher den Hosenträger spaltete, hatte ihn auch ins Herz getroffen.

Frau säugt junge Schweine bei den Zwergen

Zu Richrath wurden noch vor kurzem in einem Steinbruch Höhlen gezeigt, in welchen in grauer Vorzeit Zwerge hausten. Einmal stahlen diese Zwerge eine Frau in der Nähe des Dellbaches und schleppten sie mit in ihre Höhle. Dort zwangen sie das arme Weib, ihre Schweine zu säugen.

Lange Jahre weilte die Frau bei den Zwergen, welche im allgemeinen gut und liebreich gegen sie waren. Aber die Sehnsucht nach dem hellen Sonnenlicht und ihrer lieben Heimat wuchs täglich bei der Frau, bis es ihr einmal gelang, aus der Höhle zu entfliehen. Sie gelangte bald auf den Hof, wo sie einst gewohnt hatte; aber niemand kannte sie mehr, und auch sie fand keinen der alten Bekannten wieder. Traurig setzte sie sich auf einen Stein im Hof und begann bitterlich zu weinen. Einige Kinder drängten sich neugierig um das seltsame, fremde Weib. Der Anblick der lebensfrohen Kinder vermehrte ihren Schmerz, und mit doppelter Bitterkeit dachte sie an ihr Los in der finstern Höhle bei den mißgestalteten Zwergen. Als einige der Kinder zudringlich wurden, rief sie ihnen zu: »Stört meine Ruhe nicht, denn ich habe keins von Euch unter meinem Herzen getragen.«

Dann ging sie fort und wurde nie wieder gesehen.

Das Kräutermännchen

Ein Fischer stand bei Sonnenuntergang mit seinem Wurfgarn oberhalb der Fließemer Mühle an der Kyll. Immer wieder warf er das Netz in die klare Flut, doch es gelang ihm nicht, auch nur ein einziges Fischlein zu fangen. Das machte ihn sehr verdrießlich, hatte er doch zu Hause zwei kranke Zwillingskinder, die einen Fisch zu essen begehrten.

Während er so ungeduldig harrend am Ufer stand, kamen auf dem Wasser zwei junge Schwäne daher, die, schwach und matt, langsam flußaufwärts schwammen. Schon war er versucht, das Garn nach ihnen auszuwerfen, da trat am andern Ufer das grasgüne Kräutermännlein aus dem Walde und drohte ihm mit erhobenem Finger. Doch der Fischer achtete nicht auf die Warnung, er ließ das Garn fliegen, und die Schwäne waren gefangen. Als er aber das Netz aus dem Wasser zog, da waren statt der Schwäne zwei glänzende Forellen drin. Nicht wenig war darüber der Fischer verwundert; er eilte rasch nach Hause, um den kranken Kindern die sehnsüchtig erwartete Speise zu bringen. Als er sich seiner Hütte näherte, sah er zwei Schwäne über dem Dache emporsteigen und in nebelhafter Ferne verschwinden. Die Kinder aber lagen in ihren Betten und waren tot.

Da wußte er, daß die kranken Schwäne seine eigenen Kinder gewesen waren, und untröstlich sprach er immer wieder: »O hätte ich doch dem Kräutermännlein gefolgt! «

Der Teufelstein

Da liegt im Weselerwald zwischen Drevenack und Marienthal, dem Dorf, in dem das alte Kloster am grünen Isselufer lag, mitten in einer Wiese ein mächtiger Steinblock, von dem niemand weiß, wie er dahingekommen ist. Von einem Felsen kann er nicht hinabgerollt sein, weil es dort in der niederrheinischen Ebene keine Felsen gibt. Und wenn die Gelehrten heute sagen, daß er in Zeiten, als dies weite Land noch Meer war, mit einem Eisberg angespült sei, so haben aber doch die Urgroßväter der Bauern, die dort noch heute wohnen, nichts gewußt von so gelehrten Dingen, von nordischem Granit, woraus der Stein besteht, und auch von einer Zeit vor mehr als hunderttausend Jahren nichts. Als sei er aus der Luft herabgefallen, so lag er immer da, Jahrzehnt schon um Jahrzehnt, breit und dick und fast so hoch wie eine Weihnachtstanne, so daß die Knechte sich vor Sonnenschein und Regen hinter ihm verstecken konnten. Wie aus der Luft herabgefallen – doch wie kann das sein? Vom Himmel? Aus den Wolken? Von den Sternen? Es war noch nie, so daß sie’s wußten, solch ein Felsblock aus der Luft gekommen -und es konnte da nur eine einzige Lösung geben, da nur einer solche Kräfte haben konnte und auch den bösen Sinn, diesen Stein hoch durch die Luft zu werfen: Der Teufel selber kann es nur gewesen sein. Und so erzählten sie:

In jener Zeit, als auch diesem Lande das Evangelium vorn Christ gepredigt wurde, als in Marienthal fromme Männer das Kloster bauten und in Drevenack die Kirche immer höher stieg, daß der Turm schon weither vom Walde zu sehen war, da habe der Teufel seinen bösen Streich ausführen wollen. Den Nixen in der Issel war es fast gelungen, den Bau des Klosters zu verhindern. Sie trieben das Wasser des kleinen Flüßchens hoch über die neuen Fundamente; die Mönche aber ließen sich keine Mühe mehr verdrießen: Sie bauten neu, einige Meter höher, den Hügel aufwärts, da wo nun heute noch das Kirchlein steht und wo noch der Kreuzgang und die alten Zellen immer noch an jene längst vergangene Zeit erinnern.

Das aber war dem Teufel denn nun doch zu viel. Hoch oben auf den Testerbergen jenseits der Lippe habe ihn die Satanswut erfaßt, so daß er jenen Fels, den Teufelsstein, gegriffen habe, um ihn weit – (mit donnerstarkem Brausen sei er durch die Luft geflogen) – ja, nun weiß man nicht, um ihn gegen das Kloster oder die neue Drevenacker Kirche, die er beide von seinem hohen Sitze habe sehen können, zu schleudern. Und man weiß nicht, war seine Kraft zu schwach, so daß der Stein zwischen Marienthal und Drevenack am Weselerwald zu Boden fiel und also das Kloster nicht erreichte – oder zu ungestüm, so, daß er über Drevenacks Kirche weit in die großen Wälder flog, dahin, wo heute Wiese ist und wo er immer noch, wenn auch schon fast in die Tiefe eingesunken, liegt, und wo man immer noch an einer Seite die Löcher sieht, da seine Teufelskrallen sich in blinder Wut in die harte Masse eingegraben haben.

Im Sommer, wenn die Wiesenblumen blühen und die Rispen und die Ähren wogen, ist er kaum mehr zu sehen. Einst wird er ganz verschwunden sein, wenn aber doch die Kirchen von Marienthal und Drevenack noch lange, lange stehen werden.

Die Nachtwandlerin zu Düssel

Auf einem Bauernhofe zwischen Düssel und Wülfrath lebte einst eine Bäuerin, welche sehr geizig war. Den ganzen Tag hörte man ihr Zanken und Schelten durch das ganze Haus. Versah die Magd nur das Geringste im Dienst, so folgte eine Flut von Schimpfwörtern aus dem Munde ihrer Herrin.

Namentlich war die Bauersfrau hart gegen die Armen. Nahte jemand ihrer Türe und bat um ein Stück Brot oder eine kleine Gabe, so wies sie ihn hart ab. Das Essen, welches übrig blieb, schüttete sie regelmäßig in den Schweinetrog.

Da starb die Bäuerin. Aber sie konnte keine Ruhe im Grabe finden. Regelmäßig, wenn am Abend die Schweine gefüttert wurden, erschien sie klagend und stöhnend. Dann wurden die Schweine und die andern Haustiere in ihren Ställen sehr ungebärdig.

Lange war man auf dem Hofe ratlos, wie diesem Unwesen zu steuern sei, da man die Nachtwandlerin nicht zu erblicken vermochte. Aber man war überzeugt, daß nur ein Geist diese Beunruhigung des Viehs hervorbringe. Dagegen konnte nur ein Mittel empfohlen werden: Der Geist mußte »besprochen« werden. Dazu wollte sich lange Zeit niemand verstehen, bis endlich eine Magd sich bereit erklärte.

Als am nächsten Abend der Geist wieder sein Wesen trieb, rief die Magd herzhaft: »Wer ist da?« Eine Stimme antwortete: »Die Frau vom Hause!« Die Magd erkundigte sich nun, was jene wünsche. Da erwiderte die Abgeschiedene, sie könne keine Ruhe im Grabe finden, weil sie zu ihren Lebzeiten so hart und unbarmherzig gegen die Armen gewesen sei, und das Essen lieber den Schweinen als den Armen gegeben habe. Man möchte doch ihre Schuld durch Güte gegen die Armen wieder gut machen und vor allen Dingen das Essen nicht mehr den Schweinen geben. Dann würde sie Ruhe im Grabe finden.

Die Magd versprach, die Wünsche ihrer früheren Herrin getreulich zu erfüllen. Als diese nun ein Pfand begehrte, reichte sie einen Zipfel ihrer Schürze (nicht die Hand, wie man sie ausdrücklich belehrt hatte) hin, welcher jäh abgerissen wurde.

Die Tiere beruhigten sich von der Zeit an, und von dem Geiste der nachtwandelnden Bäuerin wurde seit der Zeit nichts mehr verspürt.

Die Meerfrau im Altwasser

Zwischen Birten und Xanten liegt ein tiefer See, der wahrscheinlich aus einem alten Rheinarme entstanden ist. In diesem See sind schon viele Leute zugrunde gegangen. Ein Mann, der in Birten die Weihnacht mitgefeiert hatte und aus der Kirche durch das nächtliche Dunkel nach Hause gehen wollte, suchte seinen Weg durch eine geweihte Weihnachtskerze zu beleuchten. Dennoch geriet er auf Abwege, und bald war der Nebel so feucht um ihn, daß das Licht zu erlöschen drohte. Mit Mühe hielt er es brennend und konnte endlich ein anderes Licht durch den Nebel schimmern sehen. Er gelangte nun bald an ein stattliches Haus, öffnete die Tür, um sich nach dem Wege zu erkundigen und trat in eine weite, erleuchtete Halle, an deren Wänden er eine Menge von seltsamen Töpfen stehen sah. Als er sich nun in der Halle umschaute, ob nicht jemand da sei, der ihm den Weg zeigen könne, hörte er sich plötzlich bei Namen rufen. Da er niemand sah, erschrak er anfangs und wollte sich entfernen. Da der Ruf sich jedoch wiederholte, ging er auf den Schall zu und gelangte so an einen der Töpfe. »Wer will hier etwas von mir?« sagte der Bauer. Da entgegnete die Stimme: »Ich bin’s, dein Großvater! Mich hat die Meerfrau in die Tiefe hinabgezogen und hütet mich in ihrem Nelkentopf.« »Ihr seid ja hier in einem stattlichen Hause«, entgegnete der Bauer. »Da irrst du«, sagte die Stimme. »Du bist hier tief im Altwasser. Trügst du nicht die geweihte Kerze, wärst du längst ertrunken. Das, was dir Nebel schien, war Wasser, in dessen Tiefe du geraten bist, und dies ist das Haus der Meerfrau. Du mußt dich sputen, sonst kehrt die Wasserfrau zurück und wird dich fangen.« »Wie soll ich den Weg nach Hause finden?« fragte der Bauer ängstlich. »Nimm den Hausschlüssel, den du in der Tasche trägst und schlage den Deckel auf dem Topfe entzwei. Lege aber die Kerze nicht aus der Hand, sonst bist du verloren. Ist der Deckel in drei Schlägen entzwei, so bekreuzige dich dreimal mit dem Schlüssel und eile hinaus. Ich will dir dann leuchten, du folge mir; tu es aber rasch und schau nicht hinter dich! «

Der Bauer tastete nun in die Tasche, fand den Schlüssel und führte damit drei Schläge gegen den Deckel des Topfes, der unter dem dritten Schlage zerbrach. Dann bekreuzte er sich und suchte so rasch wie möglich durch die Tür zu entkommen. Draußen sah er auch bald ein Licht, das lustig vor ihm her flatterte. Dem folgte er so rasch wie möglich, sorgte aber, daß seine Kerze nicht erlosch. Es ging ziemlich bergan, bis endlich der feuchte Nebel verschwand und die Sterne über ihm funkelten. Er erkannte nun die Gegend und erreichte seine Wohnung.

Als der Morgen anbrach, fand er seine Fußbekleidung voll Schlamm, obschon die Wege allenthalben fest und hart gefroren waren. Da wußte er, daß er tief unten im Altwasser gewandert war.

Gräfin Loretta

Nicht weit von Traben-Trarbach liegt, weit ins Land schauend, auf dem Kamm steilragender Rebenhänge das Dörflein Starkenburg. Nur eine einzige Fahrstraße führt von Enkirch aus auf die luftige Höhe. Ein kleiner Trümmerrest zeigt die Stelle, wo vormals die ritterliche Feste stand, die dem Dörflein den Namen gab.

Zur Zeit des Trierer Kurfürsten Balduin wohnte auf der Starkenburg die tatkräftige und schöne Gräfin Loretta von Sponheim. Sie war früh Witwe geworden, ihr Gemahl war von einer Fahrt ins heilige Land nicht heimgekehrt. Um das Erbgut ihrer Kinder lag sie nicht nur mit gierigen Nachbarn, sondern mehr noch mit dem herrschgewaltigen Kurfürsten in gar erbittertem Streit, bis es der Vermittlung wohlmeinender Freunde und Verwandten endlich gelang, einen Waffenstillstand zu vereinbaren. Doch bald bot sich ihr eine solch günstige Gelegenheit, den großen Gegner in ihre Hände zu bekommen, daß sie sich kein Gewissen daraus machte, den geschlossenen Vertrag zu brechen.

Von ihren Spähern erfuhr die Gräfin, der Kurfürst werde auf einem kleinen Schifflein mit geringer Begleitung moselabwärts nach Koblenz fahren. An trefflich geeigneter Stelle, von einem mit Weidengebüsch dicht bestandenen Vorland aus, ließ sie nahe unter dem Wasserspiegel eine starke Kette spannen, die den Fluß absperrte. Ahnungslos fuhr der Kurfürst in die Falle. Die plötzlich straffgezogene Kette zwang sein leichtes Fahrzeug, zu halten, und von der Übermacht der Mannen Lorettas überwältigt, ward er gefangen und auf die Starkenburg geführt. Dort empfing ihn die Gräfin mit allen seinem Stande zukommenden Ehren, hielt ihn aber in sicherem Gewahrsam. Selbst der Bannstrahl des Papstes vermochte nicht, ihn aus den Händen Lorettas zu befreien.

Lange zogen sich die Verhandlungen zwischen den Gegnern hin; endlich verpflichtete sich Balduin, der Gräfin ein hohes Lösegeld zu zahlen, ihr eine auf Sponheimschen Grund zu Birkenfeld erbaute Burg zu übergeben und gar ein Bündnis mit ihr zu schließen. Nach seiner Entlassung hielt der Kirchenfürst diese Versprechungen aufs Wort; ja, er schloß sogar Freundschaft mit der tapferen und klugen Frau, die so mannhaft für die Rechte ihrer Kinder eingetreten war.

Die Entstehung des Siebengebirges

In uralter Zeit lag oberhalb Königswinter ein großer See, der zur Zeit der Schneeschmelze oft Schaden anrichtete. Die Uferbewohner aus der Eifel und vom Westerwald faßten daher den Plan, ihn abzuleiten. Da dies Werk aber Menschenkraft überstieg, wandten sie sich an die Riesen, denen sie hohen Lohn versprachen. Sieben von ihnen kamen. Sie trugen gewaltige Schaufeln auf den Schultern und machten sich alsbald an die Arbeit. Nach ein paar Tagen hatten sie schon eine tiefe Scharte in das Gebirge gegraben. In die Vertiefung drang das Wasser und vollendete das Werk der Riesen. Der See floß ab. Wo früher seine Fluten gespült hatten, lag nun fruchtbares Land. Die dankbaren Uferbewohner schleppten den Lohn für die Riesen herbei. Diese teilten ihn brüderlich, und jeder von ihnen schob seinen Anteil in seinen Reisesack. Ehe sie Abschied nahmen, klopften sie noch Erdreich und Gestein, die an den Spaten hafteten, ab. Dadurch entstanden sieben Berge, die man noch heute am rechten Rheinufer sehen kann.

Der Wechselbalg von Schalken

In Schalken war einem jungen Bauer die Frau gestorben und hatte ihrem Mann einen mutterlosen Säugling hinterlassen. Da sah nun niemand recht auf das Kleine, wenn auch die Nachbarinnen zuweilen Nachschau hielten. Eines Tages nahmen die Erdmännchen das Kind mit sich und legten eine alte, zahnlose Zwergin an seine Stelle.

Zunächst merkte dies niemand. Das Zwergmütterchen war noch stiller, als das kleine Mädchen gewesen war, und schlief viel; nur wenn man es bekreuzte oder mit Weihwasser besprengte, wimmerte es jedesmal. Als es aber nach geraumer Zeit gar nicht an Gewicht zugenommen hatte, ging der Bauer zu einer vielbefragten Wahrsagerin nach Lindlar und zeigte ihr ein paar Kopfhaare von dem Kinde. Da sagte die Frau sofort: »Das ist ein Wechselbalg, eine Zwergin, die wächst überhaupt nicht, und das rechte Kind ist in der Zwergenhöhle.« Und sie belehrte den Bauern ganz genau, was er tun müsse.

Als man am nächsten Mittag bei Tisch saß, während der Wechselbalg nahebei in der Wiege lag und wieder tat, als ob er schliefe, klagte der Bauer ganz laut, daß das Kind gar nicht wachsen wolle; ein Mittel werde er noch versuchen, nämlich es diesen Abend wieder taufen zu lassen. Dann ordnete er sogleich alles für die Taufe an, schickte das Gesinde hinaus und schloß hinter ihm zu. Er selbst holte sämtliche Töpfe herbei, stellte sie um den Herd herum und legte quer durchgeschlagene Eierschalen dazu. Dann tat er, als ob er auch hinausgehe, versteckte sich aber im Rauchfang.

Als es ganz still und finster geworden war, trippelte aufeinmal etwas durch die Stube zur Stubentür; diese ging auf, und die Kleine wollte bei der Haustür hinaus, um der angedrohten Taufe zu entgehen. Als sie aber die vielen Töpfe und Eierschalen am Herd sah, guckte sie neugierig hinein, zählte sie und rief:

»Ich bin so alt
Wie der Duisburger Wald,
Hab‘ aber mein Lebtag nicht gesehn
So viel‘ Töpfe am Herd eines Bauern stehn.«

Dann lief sie fort.

Der Bauer kroch aus dem Rauchfang heraus, holte seine Leute und auch den Pfarrer herbei, und als diese vors Haus kamen, hörten sie von draußen in der Stube drinnen ein Kind weinen. Als sie aber eilig nachsahen, lag in der Wiege des Bauern sein kleines Mädchen, gesund und frisch und schon ordentlich gewachsen, das häßliche Zwergenkind aber war verschwunden.

Seit diesen aufregenden Tagen ließ der Vater seinem Kind alle Liebe und Sorgfalt angedeihen.

Der Rittersprung

Der junge Günther von der Saffenburg bewarb sich um die Hand der Hildegunde, der Tochter des Grafen von Are. Das Burgfräulein nahm den Antrag des ritterlichen Bewerbers, dem es schon lange in Liebe zugetan war, mit Freuden an, doch der Vater, der mit den Saffenburgern eine alte Rechnung zu begleichen hatte, wies den Freier mit höhnischen Worten ab und verbot ihm, die Burg Are jemals wieder zu betreten.

Günther störte sich nicht an das Verbot des Haßerfüllten. In nächtlicher Stunde erstieg er immer wieder unter Lebensgefahr den Burgberg von Are zu heimlicher Zwiesprache mit der Braut. Bald ward das dem Grafen hinterbracht, und als der treue Liebhaber wieder einmal im Schutze der Dunkelheit den steilen Pfad hinaufklomm, da schreckte ihn plötzlich Waffengeklirr aus seinen sehnsüchtigen Gedanken auf. Im Augenblick sah er sich von einer bewaffneten Schar umringt. Mit geschwungenem Schwerte stürmte der Burgherr rachedürstend auf ihn zu. Der wehrlose Jüngling schien verloren; jeder Widerstand war bei der Übermacht der Feinde nutzlos. Doch lieber wollte er sterben, als in schimpfliche Gefangenschaft geraten. Rasch entschlossen stürzte er sich in kühnem Sprunge in den schauerlichen Abgrund. Wie durch ein Wunder kam er mit dem Leben davon.

Schon am folgenden Tage gab der Graf von Are seine Einwilligung zur Vermählung der Liebenden. Die Stelle aber, von der aus der junge Saffenburger den tollkühnen Sprung gewagt hatte, heißt noch heute »Zum Rittersprung! «

Die Bäckerjungen von Andernach

Einst zogen die Linzer gegen ihre Erbfeinde, die Andernacher, zum Streite. Bei grauendem Morgen kamen sie vor die Tore der feindlichen Stadt. Sie wähnten die Bewohner noch in den Federn; doch sie hatten die Rechnung ohne die fleißigen Bäcker gemacht, die seit dem ersten Hahnenschrei in ihren Backstuben hantierten, und deren jungen die frischen Wecken schon von Haus zu Haus trugen.

Zwei der Burschen, die ihren Rundgang beendet haben, steigen zum Vergnügen auf den Torturm am Rheinufer. Von dort aus sehen sie die vorsichtig heranschleichenden Linzer. Sogleich reißen sie mit aller Kraft am Strang der Sturmglocke. Dann aber werfen sie den Feinden die auf der Mauerbrüstung stehenden Bienenkörbe auf die Köpfe. Die gereizten Immen stechen wütend drauf los, und alsbald wenden sich die Linzer vor solch grimmigem Feinde zur Flucht. Gepeinigt von rasendem Schmerz, mit dikken Mäulern und verbeulten Gesichtern sitzen sie nach kurzer Zeit reihenweise am Rheinufer, um die Qual durch Kühlung zu lindern. Von der Andernacher Stadtmauer her aber tönt lautes Hohngelächter.

Das Lob der tüchtigen Bäckerjungen klingt noch heute fort; ihr Andenken ist durch ein Steinbild am Rheintor für immer gesichert.

Die Zwerge von Kollenberg

Auf dem Kirchgute Kollenberg bei Radevormwald wohnte einst ein Pächter, welcher niemals seine Kühe selbst hütete, sondern die Sorge für dieselben den Zwergen überließ, welche aufs beste für das Vieh sorgten. Das Essen setzte man den kleinen Leuten in Näpfchen auf einen bestimmten Zaunpfahl.

War der Herbst herbeigekommen, so beteiligte sich einer der Zwerge auch an der Ernte. Aber er trug niemals mehr als einen Halm und schleppte denselben anscheinend nur mühsam fort, schwer seufzend bei dieser Arbeit. Die Pächtersfrau wurde einst ärgerlich darüber, daß der kleine Mann bei einer so scheinbar geringfügigen Arbeit so schwer seufzte und gab ihrem Unmut unverhohlenen Ausdruck. Seit der Zeit verschwanden die Zwerge von Kollenberg. Der Wächter aber verarmte von da ab immer mehr.

Jan Frithoff

Eine Zeit lang war es in der Gegend von Krußstammhecken, einer alten Grenzbezeichnung in Bruckhausen bei Dinslaken, nicht geheuer. Wenn man zur Mitternachtsstunde an dieser Stelle vorüberging, hörte man ein deutliches Stöhnen und Ächzen. Niemand konnte begreifen, was das zu bedeuten hatte, und ängstlich wurde die Stelle von jedermann gemieden. Es war aber niemand anders als der böse, alte Frithoff, der seinem Nachbar alljährlich von seinem Acker ein paar Furchen abgepflügt hatte. Als er plötzlich starb – er fiel »inne Höll« – konnte er im Grabe keine Ruhe finden. jede Nacht mußte er den Weg vom Hünxer Kirchhof durch die »Stollbeck« zum Bruckhauser Feld machen. Hier plagte er sich mit einem schweren, eisernen Pflug, den er immer hin und her über den Acker schleifen mußte. Punkt ein Uhr war er plötzlich verschwunden. Das wiederholte sich jede Nacht, bis er endlich erlöst wurde. Eines Nachts erschien eine weißgekleidete Jungfrau, die mit silbernem Pflug die gestohlenen Furchen wieder zurückpflügte. Seitdem fand er Ruhe, und der Spuk war verschwunden.

Der Feuerkopf von Wülfrath

Eine Gegend zwischen Mettmann und Wülfrath war längere Zeit sehr verrufen wegen eines Feuerkopfes, der sich dort oft in der Nacht zeigte. Viele Leute haben ihn gesehen und haben in eiliger Flucht ihr Heil gesucht.

Das behexte Kind

Eine Frau in Hilden hatte ein kleines Kind, welches sich durch seine Schönheit auszeichnete. Eines Tages trug sie dasselbe, um in der Nachbarschaft einen Besuch abzustatten, über Feld, als ihr eine Frau begegnete, welche in der ganzen Gegend als Hexe verschrieen war. Gerne wäre die glückliche Mutter mit ihrem Kinde schnell davongeeilt; doch jene vertrat ihr den Weg, liebkoste das Kind und sprach: »O, welch schönes Kind!« Von diesem Augenblicke an war das Kind behext. Außer manchen anderen Untugenden, die es früher nicht besessen hatte, fing es nun an, laut in der Wiege zu krähen, wie ein Hahn. In ihrer Herzensangst eilten die Eltern zum Pfarrer und flehten ihn an, zu helfen. Doch dieser suchte ihnen den Glauben, das Kind sei behext, auszureden. Die Leute gingen wieder heim und trennten das Kissen auf, auf welchem das Kind zu liegen pflegte, und fanden mehrere Federkränze in demselben. In der Mitte der Kränze befand sich ein fast ausgebildeter Hahn. Wäre er zur völligen Entwicklung gelangt, so hätte das Kind in demselben Zeitpunkte sterben müssen. Nun trugen die Eltern die Kränze zum Geistlichen, der sie »überredete«.

Das Übel war nun völlig gehoben. Das trug sich auf der Sandstraße in Hilden zu.

Das Zwergenloch bei Elberfeld

In der Kluse bei Elberfeld führte vor dem Bau der Bergisch-Märkischen Eisenbahn von der Wupper aus das Zwergenloch in den steilen Abhang des Döppersberges hinein. Dort war der Eingang zum Reich der Schwarzelfen oder Zwerge. Von dort aus besuchten die kleinen, mißgestalteten, aber gutmütigen Wesen bis in den Anfang des gegenwärtigen Jahrhunderts hinein die Kluse und lustwandelten im Schatten der Buchen und Eichen, unterhielten wohl auch, trotz ihres scheuen Charakters, mit den Menschen, wenn man ihnen redlich begegnete, einen freundlichen Verkehr. Denn diese Erdmännchen, die in den Spalten und Höhlen der Berge Schätze sammeln, prächtige Waffen schmieden und herrliche Paläste bauen, verstanden sich ganz gut mit den Menschen, auch als im Wuppertale an die Stelle des Garnbleichens andere Beschäftigungen getreten waren. Aber als die Eisenbahn gebaut wurde, schlug auch die Stunde der kleinen Leute.

Bockum

In der Zeit der Kämpfe um das heilige Grab in Jerusalem hatte auch der Ritter Ulrich Bock das Kreuz genommen und sich beeilt, einer der ersten im frommen Zuge zu sein. Aber er geriet in Feindes Hand und mußte Jahre lang im unterirdischen Verließ, hundert Meilen von der Heimat entfernt, in Elend und Not schmachten. Einem fast wunderbaren Zufall dankte er es, daß er seine Freiheit wieder erhielt. Geschwächt an Körper und Geist und ergraut vor der Zeit trat er seine Heimkehr an, und unter vielen Mühseligkeiten landete er endlich im Pilgergewande, allen fremd geworden, in seiner Heimat. Aber auch ihm war alles fremd. Der stattliche Buchenwald, in dem er dem edlen Waidwerk obgelegen, war gefallen, von seiner Burg war jede Spur verwischt. Ein prächtiger Neubau mit doppeltem Graben erhob sich an der Stelle. Nebenan stand aus Tuffstein erbaut ein Kirchlein, der St. Gertraudis geweiht. Wo er anklopfte, sah er fremde Gesichter. Sprach er einen Menschen an, so wich der scheu zurück, und selbst auf der Burg kannte man ihn nicht. Als er sich zum Kirchlein wandte, um sich im Gebete Mut und Stärkung zu suchen, begegnete ihm auf der Schwelle ein altes Mütterchen, das ihn stieren Blickes ansah und wie in einem Krampf mit wilder Stimme schrie: »Bock um!« Da brach der arme Ritter mit lautem Aufschrei zusammen und lag regungslos am Boden. Die Alte trippelte fort und brachte das ganze Kirchspiel in Verwirrung. Sie war die Einzige, welche den Ritter wiedererkannt hatte, aber die unerwartete Begegnung hatte ihren schwachen Geist zerrüttet. »Bock um! Bock um! « so sprach sie immerfort vor sich hin.

Als man den Ritter fand, lag er im Todeskampf. »Bock um« war auch sein letztes Wort gewesen. Der Herr von Neuenhofen, wie das neue Schloß sich nannte, war herbeigeeilt und schaute in das blasse Angesicht des entseelten Pilgers. Er sank an seine Seite, strich die weißen Locken zurück und drückte einen Kuß auf die erstarrten Lippen.

Ritter Bock war erkannt, der Ort, bisher nur St. Gertrud genannt, erhielt zur Erinnerung an den merkwürdigen Vorgang im Munde des Volkes die Bezeichnung St. Gertrudis-Bockum und bald kurzweg nur Bockum. Das alte Weib wurde nicht wieder gesehen. Auf dem Grabstein des Ritters steht ein rückwärts gewandter Bock. An die Stelle seines Geschlechts trat das der Neuhofer, die aber auch schon seit langen Zeiten ausgestorben sind.

Der Fluch von Altenberg

Beim Kloster Altenberg befanden sich früher sieben Teiche, in welchen die Mönche ihre Fische mästeten.

Einst hatte ein Mönch des Klosters eine Jungfrau verführt. Als das im Kloster ruchbar wurde, beschloß man den Tod des Mädchens, damit jeder Makel vom Kloster ferngehalten würde. Man führte es auf einen Damm von einem der Fischteiche, um es hinabzustoßen in die kalten Fluten. Aber ehe dies geschah, erhob die Jungfrau drohend ihre Hand gegen das Kloster und sprach einen schauerlichen Fluch über dasselbe aus, dabei prophezeiend, daß es durch Flammen zu Grunde gehen werde.

Der Fluch ging in Erfüllung. Niemals ging eine Leuchte der Wissenschaft aus jenem Kloster hervor, und Flammen verzehrten teilweise das ehrwürdige Kloster mit der Kirche.

Die Nikolauskerze

Zwischen Sennheim und Mesenich an der Mosel stand früher ein schroffer Schieferfelsen. Die Schiffer kannten ihn alle und nannten ihn schlechtweg die »Lei«. Es war eine gefährliche Stelle für sie, und in einer Nische des Felsens stand ein Bild des heiligen Nikolaus, ihres Schutzpatrons, und keiner vergaß, ihn um Hilfe anzurufen. Einmal bei Hochwasser fuhr ein Schiffer mit kostbarer Ladung zu Tal. Da trieb ihn die reißende Strömung dem Riff zu, und es half auch nichts, daß er mit dem Schorbaum das Schiff vom Felsen abzuhalten suchte. Da warf er sich in seiner Angst auf die Knie und rief: »Heiliger Nikolaus, hilf mir! Ich opfere dir auch eine Kerze so dick wie der Schorbaum.« Kaum hatte er das Gelöbnis getan, da dreht sich das Schiff dicht vor der Lei herum und treibt ganz ruhig im schönsten Fahrwasser. Da wurde der Schiffer gleich wieder übermütig, und wie er an dem Kapellchen vorbeifuhr, rief er: »Niklösche, no kriegst de nit esu lang! «, und dabei legte er den einen Zeigefinger über das erste Glied des andern. Aber er hatte zu früh triumphiert. Gleich unterhalb Mesenich, wo er so oft gefahrlos vorübergefahren war, wurde das Schiff auf einmal so gegen den Riverberg geschleudert, daß es in wenigen Augenblicken unterging. Nur der Schiffsknecht konnte mit Mühe und Not an Land schwimmen.

Die Zöpfe von Ruhrort

Es war zu allen Zeiten und ist auch noch heute so, daß die Schützenfeste am Niederrhein mit recht lauter, jubelnder Freude, aber auch manchmal mit ein wenig Zank und Streit gefeiert werden. Und so war es einmal in Ruhrort, dem damals kleinen Städtchen an der Ruhr. Das Geschehen einer Nacht in längst vergangener Zeit ist bis heute noch nicht ganz in der Erinnerung geschwunden, wie folgende kleine Geschichte zeigen kann.

Die Ruhrorter Junggesellen hatten ihre Duisburger Freunde eingeladen, und es ging recht lustig her mit Wort und Spiel. Aber wie es denn so ist: wenn der Wein die Gemüter erhitzt, werden die Münder übermütig. Und schließlich war es hier wie überall, daß der eine dieses und jenes vor seinen Nachbarn voraushaben wollte; aus Scherz wurde Ernst, und zuletzt entschieden die Fäuste über Recht und Unrecht – und weil die Duisburger stärker waren als ihre Gastgeber, trieben sie sie recht ins Gedränge, daß sie in ihre Häuser flüchten mußten. Da sie auch ein Zeichen ihres Sieges wünschten, schnitten sie ihnen die langen Zöpfe ab, die sie dann an der Stadtpumpe angenagelt haben.

Noch heute soll es so sein, daß die Ruhrorter Vereine bei ihren Festen mit Musik und Fahnen dreimal um die alte Pumpe ziehen.

Der Teufelssand

Der Satan wollte sich rächen für den Streich, der ihm gespielt worden war, flog darum nach dem Gestade der See und lud eine große Düne gleich einem Mehlsack auf den Rücken; mit der Last machte er sich alsbald wieder nach Aachen, um die Stadt gänzlich zu verschütten und unter dem Sand zu begraben. So war er schon über die Maas gekommen und stand endlich nicht mehr weit von der Stadt im Soerstal; da trieb ihm ein plötzlicher Wind so viel Sand in die Augen, daß er die Gegend nicht recht erkennen konnte. Eben kam ein altes Weib daher, das hatte Schlubben (Schlappschuhe) an. Das fragte er, wo er denn eigentlich wäre und wie weit er noch bis Aachen hätte. Die Alte schaute ihm einmal ins Gesicht und erkannte ihn gleich wieder, denn sie hatte ihn früher oft beim Bau des Münsters gesehen; auch erriet sie schnell seine Absicht, als sie den Sandberg auf seinen Schultern sah, und sie sprach schlau: »Ach, da seid ihr ja ganz vom Wege abgekommen, lieber Herr. Schaut nur auf mein Fußzeug; ich habe die Schuhe in Aachen neu angezogen, und jetzt sind die Sohlen mir von der lange Reise bis hierher schon ganz zerrissen.«

Da fluchte der Teufel einen greulichen Fluch und schrie zornig: »Ich bin der Schlepperei müde; für jetzt mag mir das Betrügernest entgehen, ich werde mich doch noch an ihm zu rächen wissen.« Und mit den Worten warf er den Sandberg nieder auf die Erde und fuhr ab, wobei er einen übernatürlichen Gestank hinterließ.

Den Sandhaufen kann man noch sehen; er ist durch den gewaltigen Stoß, den er bekam, als der Teufel ihn hinwarf, in der Mitte gespalten und bildet so eigentlich zwei Berge, von denen einer der Lousberg heißt, wie das alte Weib dem Teufel selbst zu loos (lose, schlau) war.

Gott läßt seiner nicht spotten

Der Wandersmann, der das Geldernsche Land durchwanderte und spät in der Nacht auf einem Bauernhofe ankam und Obdach erhielt, fühlte plötzlich in der Nacht, daß sein Ende nahe war; und den Knecht, der auf sein Stöhnen hin herzugekommen war, hat er in herzlichem Verlangen, einen Priester zu holen, damit er nicht ohne letzte Zehrung den Weg in die Ewigkeit zu gehen brauche.

Der Knecht, den die durchstürmte kalte Nacht nicht gerade einlud, den gefahrvollen Weg durch das Dunkel allein zu machen, weckte den Bauer selbst, ihn um seinen Rat zu fragen, ihn auch wohl zu bewegen, mit ihm zu gehen – und der, wohl wissend, daß man den Armen nicht ohne Stärkung dürfe sterben lassen, glaubte in seiner dummen Verschlagenheit, den Ewigen selbst in seiner heiligsten Feier umgehen und seiner spotten zu können. Ein wenig als Priester verkleidet, in seiner wahren Eigenschaft den schwachen, verlöschenden Augen des Sterbenden kaum erkennbar, teilte er das heilige Mahl selber aus, so wenigstens, daß der Wandersmann alsbald schon ohne Erkenntnis der Täuschung, mit Welt und Leben ausgesöhnt, hinüberschlief.

Als es Tag wurde, begrub man ihn und sprach zu keinem davon. Und es war, als sei alles gut – die Saat wuchs, Lerchen jubelten, und als die Vögel ringsumher in den Pappeln, Erlen und den Büschen zwischen den Weiden verstummten, reifte das Korn. Doch in diesen Zeiten, als schon die Ernte in den Scheunen geborgen war, geschah es, daß eines Tages die Magd mit verstörtem Gesicht ins Haus gestürzt kam: »In der Scheune steht ein schwarzes Gespenst, furchtbaren Gesichts, mit funkelnden Augen und langer roter schnalzender Zunge … « Und die es durch den Türspalt sahen, erschraken nicht minder, und Tag um Tag, Nacht um Nacht (da keiner schlief) blieb das Gespenst da, wo es war. Und schließlich, als der Bauer den Priester holte, der mit einem Kruzifix durch die weite Tür dem Untier entgegenging, ward der Bann gelöst: Das Tier sprang auf, sprang an allen vorbei… und eh sie sichs versahen, lag der Bauer im Blute da: Das Untier war ihm an die Kehle gesprungen und kaum, daß er hatte schreien können, war er schon tot.

Der Ritt auf dem Ungeheuer im Walde

In Kosthausen bei Haan soll ein alter, längst verstorbener Bauer umgehen. Den Anlaß dazu bot Folgendes:

Eines Tages ließ jener Bauer den Vieharzt auf seinen Hof kommen, da eine Kuh krank geworden war. Der Arzt schrieb ein Rezept, und der Bauer machte sich auf den Weg nach Erkrath, um in der dortigen Apotheke die Medizin zu holen. Da der Arzt denselben Weg nahm, gingen beide zusammen zum Kosthausener Wald. Durch denselben zieht sich noch heute ein Wassergraben. Als die beiden an diesem Graben angelangt waren, mahnte der Bauer den Arzt zur größten Vorsicht. Dieser war eben im Begriff, über den Graben zu schreiten, als sich plötzlich vor ihm ein Ungeheuer erhob. In demselben Augenblicke war er aber auch den Blicken des Bauern entschwunden. Voller Entsetzen rennt der Bauer nun durch den Wald und vernimmt endlich von fern her die Stimme des Arztes. Er eilt hinzu und findet ihn nach kurzer Zeit auf der Erde liegend. Endlich rafft er sich wieder auf und erzählt seinem Gefährten, daß er von einem wilden Tier weggetragen worden sei. Alle Versuche, von demselben loszukommen, seien vergeblich gewesen. Endlich hätte ihn das Ungeheuer zu Boden geschleudert.

Beide setzten nun ihren Weg unbehelligt fort. Der Bauer aber, welcher bald darauf starb, geistert seit seinem Tode auf Kosthausen.

Die Jungfrau am Drachenfels

Unter den Bergen des Siebengebirges hebt sich der Drachenfels mit seinen Ruinen am kühnsten am Rhein empor. In uralten Zeiten, so erzählt die Sage, lag hier in einer Höhle ein Drache, dem die heidnischen Bewohner der Gegend Verehrung erwiesen und Menschenopfer darbrachten. Gewöhnlich wurden dazu Leute ausgewählt, die im Krieg gefangen worden waren. Unter ihnen befand sich einst eine Jungfrau, die sich bereits zum Christentum bekehrt hatte. Sie war von hoher Schönheit, und zwei Anführer stritten sich um ihren Besitz. Da entschieden die Ältesten, daß sie dem Drachen geopfert werde, damit keine Zwietracht unter den Häuptern des Volkes entstehe.

In weißem Gewand, einen Blumenkranz im Haar, wurde die Jungfrau den Berg hinaufgeführt und in der Nähe der Felsenhöhle, worin der Lindwurm lag, an einen Baum gebunden. Viel Volk hatte sich in einiger Entfernung versammelt, um dem Schauspiel zuzusehen; aber es waren wenige, die das Los der Armen nicht vom Herzen bedauerten. Die Jungfrau stand ruhig da und schaute mit frommer Ergebung zum Himmel auf.

Eben stieg die Sonne hinter den Bergen hervor und warf ihre ersten Strahlen an den Eingang der Höhle. Bald kroch das geflügelte Untier heraus und eilte nach der Stätte, wo es seinen Raub zu finden gewohnt war. Die Jungfrau erschrak nicht, sie zog vielmehr ein Kreuz mit dem Bilde des Erlösers aus ihrem Gewande hervor und hielt es dem Drachen entgegen. Dieser bebte zurück und stürzte mit fürchterlichem Gezische und Dröhnen in den nahen Abgrund. Man hat ihn niemals mehr gesehen.

Da eilte das Volk, aufs tiefste ergriffen von dem Wunder, zur Jungfrau hin, löste ihre Bande und sah mit Erstaunen das kleine Kreuz an. Die Jungfrau aber erklärte ihnen die Bedeutung des heiligen Zeichens, und alle fielen zur Erde und baten sie, zu den Ihrigen zurückzukehren und ihnen einen Priester zu schicken, der sie unterweisen und taufen möge.

So kam das Christentum in die Gegend des Siebengebirges, und bei der Drachenhöhle wurde eine Kapelle erbaut.

Der blinde Schütz auf Sooneck

In alten Zeiten hauste auf der stolzen Burg Sooneck ein gewalttätiger Raubritter. Er war der Schrecken der Reisenden, die duch sein Gebiet ziehen mußten, und lag mit allen Nachbarn, die sich an seinen Raubzügen nicht beteiligten, in Fehde. Zu seinen Freunden zählte er nur Gesellen seines eigenen Schlages.

Eines Tages überfiel er mit seinen Kumpanen einen Zug friedlicher Kaufleute. Den billig errungenen Sieg feierte er mit einem wüsten Trinkgelage. Als die Zecher vom reichlich genossenen Wein erhitzte Köpfe hatten, gerieten sie in Streit darüber, wer von ihnen Bogen und Pfeil am besten zu handhaben verstehe. Keiner wollte zurückstehen, jeder wollte Meister sein.

Da rief der Burgherr in den Streit und Lärm hinein: »Nicht einer von uns allen kann es als Schütze mit dem Fürstenecker aufnehmen!« Die Spießgesellen schauten einander verwundert an, war doch der Ritter von Burg Fürsteneck seit einiger Zeit auf unerklärliche Weise verschwunden. Mit seiner vom Trunke heiseren Stimme rief da der Soonecker: »Ich weiß, wo der fromme Schleicher ist! In meinem Burgverlies liegt er gefangen und geblendet. Doch heute soll er vor euch einen Meisterschuß tun,«

Nach wenigen Augenblicken steht der Gefangene im Saal, erloschenen Auges und mit vergrämten Zügen, aber doch hoch erhobenen Hauptes. »Heute sollst du deinen Meisterschuß tun«, höhnt der Soonecker. »Wenn. du das Ziel triffst, bist du frei!« »Ich will es wagen«, sagt der Blinde und umspannt prüfend den dargereichten Bogen. Da wirft der Räuber einen Becher mitten unter die Zechgenossen und schreit: »Hier der Becher ist das Ziel. Schieß los!«

Schnell spannt der Blinde den Bogen, schon schwirrt die Sehne, und mit dem Pfeil im Herzen sinkt der Ritter von Sooneck tot zu Boden. Ernüchtert verlassen die Gäste den Saal. Nur ein Mitleidiger bleibt zurück und führt den Blinden auf seine Burg, heim zu Weib und Kind.

Der Weisenstein

In Viersen auf dem Markte lag in früherer Zeit ein Stein, den man den Weisenstein nannte. Er sollte weiser sein als die Menschen, die oftmals, wenn ein Unrecht geschehen war, trotz vieler Zeugen und der klügsten Richter nicht den Übeltäter fanden und in leblosen Dingen Gottes Kraft vermuteten und durch sie ein sichtbares Zeichen als sein Urteil suchten. Bei diesem Stein aber sollte es sein, daß der Angeklagte mit der Hand auf ihn schlagen sollte. Blutete ihm davon die Nase, dann war er der Übeltäter. jedermann aber weiß, daß es Menschen gibt, denen leicht die Nase blutet, sogar ohne daß sie auf einen Stein schlagen, und es wird wohl keiner sein, dem nicht schon einmal die Nase blutete, ohne daß er irgend eine Ursache dazu wußte.

So geschah es denn einmal (und wahrscheinlich oft), daß nicht der Übeltäter sondern derjenige verurteilt wurde, der die dünnsten Nasenadern hatte. Und als ein ehrsamer Bürger so zum Tode geführt werden sollte, ergriff es ihn so tief, ob dieses einfältigen Zeichens willen sterben zu sollen, daß er gar nicht anders denken konnte, als daß Gott ein anderes für ihn aufgespart habe. Und als er mit dem Henker an einem Lindenbaum vorbeikam, der voll der schönsten grünen Blätter hing, da trieb es ihn aus einer wunderbaren Kraft, herauszuschreien: »So gewiß der Baum im Augenblick alle Blätter verliert, so gewiß bin ich unschuldig …« Und indem er dieses sagte, ehe noch die Menge es ganz verstanden hatte, begann ein Rieseln und ein Wehen, fielen die grünen Blätter mitten in der Sommerzeit, als noch die Bienen in den Blüten summten, hernieder, daß der Platz grün wurde, wie festlich bestreut, und daß jeder, in Erschauerung vor dem Wunder, auch mit in dem Rieseln stehen wollte, das ihnen allen wie eine Gnade war, wie ein niederschwebender Segen. Und so erwiesen sie dem Angeklagten alle Ehre, und da sie dem Stein nicht mehr glaubten, warfen sie ihn über die Mauer in den Wassergraben, wo er schon bald von andern seiner Art nicht mehr zu unterscheiden war.

Das Haus der Frau Richmut zu Köln

Frau Richmut von Adocht, die Gemahlin eines reichen Bürgermeisters zu Köln, starb und wurde feierlich begraben. Der Totengräber hatte bemerkt, daß die Verstorbene einen wertvollen Ring am Finger trug. Die Goldgier trieb ihn nachts zu dem Grabe, das er heimlich öffnete, um den Ring abzuziehen.

Kaum aber hatte er den Sargdeckel aufgemacht, so sah er, daß der Leichnam die Hand zusammendrückte und aus dem Sarg steigen wollte. Erschrocken floh er davon. Die Frau wand sich aus den Grabtüchern, stieg aus dem Grab heraus und ging geradewegs auf ihr Haus zu, wo sie dem Hausknecht rief, er möge ihr schnell die Tür öffnen; dann erzählte sie ihm mit wenigen Worten, was ihr widerfahren sei.

Der Hausknecht eilte zu seinem Herrn, und atemlos stammelte er: »Unsere Frau steht unten vor der Tür und will eingelassen werden.«

»Ach«, erwiderte der Herr, »das ist unmöglich; eher würden meine Schimmel oben auf dem Heuboden stehen.«

Kaum hatte er die Bemerkung fallen gelassen, so trappelte es auf der Treppe und dem Boden, und siehe, die sechs Schimmel des Bürgermeisters standen alle oben auf dem Boden beisammen.

Die Frau aber hatte nicht augehört zu klopfen; nun glaubte es der Bürgermeister, daß sie wirklich da sei, und ließ sie mit Freuden ins Haus. Wie waren alle glücklich, daß die Frau wieder dem Leben zurückgegeben war.

Am nächsten Tag schauten die Pferde noch aus dem Bodenloch, und man mußte ein großes Gerüst aufstellen, um sie unversehrt wieder herabzubringen .

Zum Gedenken an diesen Vorfall hat man Pferde ausgestopft, die an diesem Haus zum Boden herausschauen. Auch ist Frau Richmut in der Apostelkirche zu Köln dargestellt, wo man überdies einen langen leinenen Vorhang zeigt, den sie nachher mit eigener Hand gesponnen und der Kirche verehrt hat. Denn sie lebte noch sieben Jahre nach den schrecklichen Tagen ihrer Beerdigung.

Der Heribertsborn

Zwischen der Stadt Solingen und den Dörfern Witzhelden und Leichlingen erhebt sich ein bedeutender waldbedeckter Höhenzug, das Grünscheidt; auf diesem entspringt, von allen menschlichen Wohnungen entfernt, der Heribertsborn. An diesem Borne will man oft eine weiße Frau, oft deren drei erblickt haben. Einige Augenzeugen bemerkten sie, in blendend weiße Gewande gehüllt, unter hohen Bäumen sitzen; andere erzählen, sie pflegten in dem Quell zu baden. Alle Wanderer, welche am Tage, besonders die, welche zur Abendzeit an dieser Stelle vorbei müssen, tun dieses nicht ohne Grausen, obschon man nicht gehört hat, daß die Erscheinungen je einem ein Leides getan. Wenn Leichen an dieser Stelle vorbei getragen werden, was wohl zu geschehen pflegt, da die Bewohner der nahen Weiler ihre Toten nach den Friedhöfen von Leichlingen, Witzhelden oder Solingen bringen, setzen sie hier die Bahre nieder, sprechen im Stillen ein Gebet und verfolgen dann erst ihren Weg. Es wird erzählt, daß noch während der letzten Jahre ein Bewohner des Rheintales, welcher nach Solingen wollte und sich den näheren Weg durch den Gebirgswald beschreiben ließ, in demselben irre geworden, die Kreuz und Quer, bergan und bergab gezogen, bis zum Sinken der Nacht ohne Ausweg geblieben, endlich in seiner Trostlosigkeit an jene Bäume gelangt sei. Dort habe er drei hohe Frauen in schimmernd weißen Gewanden nebeneinander sitzen sehen. Obschon ihm das Herz hier tief im Walde in der Dämmerung dieser Erscheinung gegenüber erbebte, und obschon er sich nicht getraute, näher zu treten, fragte der Verirrte bescheiden nach dem Wege, worauf eine der Frauen sich aufrichtete und hochragend mit der Hand nach der Gegend winkte, wo sein Weg lag, welchem der Wanderer sich auch gleich mit beklommenem Herzen und wankenden Knien zuwandte. Er gelangte bald zu einem Weiler, hörte dessen Bewohner, die er um den ferneren Weg anging, manches Verdächtigte über die Frauen am Borne murmeln, fand aber keine Ursache, sich über die Weißen zu beklagen, indem sie ihm den kürzesten Weg zum Ziele angedeutet hatten.

Die Hand aus dem Grabe

Es war eine Tochter, die ihre Mutter geschlagen hatte. Als sie gestorben war, wuchs ihre Hand aus dem Grabe, und wo sonst Gras und Blumen stehen, war es grau und kahl. Und trotz Pflanzen und Begießen: alles verdorrte ringsumher. Das einzige, was erschauernd und furchtbar aufwuchs aus der Nacht der Erde war die weiße Totenhand.

Alle Tage war die Mutter mit Beten und Weinen zum Friedhof gegangen, bis sie schließlich die Schaufel nahm und ihr Kind tiefer in die Erde grub. Und es war so an diesem wie am nächsten und übernächsten Tage: So tief sie das Grab auch schaufelte, immer war der Arm so hoch gewachsen, daß immer wieder die Hand aus dem Grabe aufrecht stand, daß jeden, der vorüberging, ein Grauen ankam und die Mutter immer einsamer sich verschloß vor aller Menschen Blick. Einer Mutter Liebe ist jenseits von Gut und Böse, sie duldet alles und erträget alles; und also war das Grab zuletzt ihr einziger Ort, an dem sie mit der toten Tochter und ihrem eigenen schweren Leib allein war, von den Menschen fern in dieser leeren, öden Friedhofseinsamkeit.

Es begab sich eines Tages, daß der Pfarrer des Weges ging und sie ihn anrief, daß er möge beten und die Gemeinde bitten, mit zu beten um der gestraften Tochter Heil. Und als ihr die Antwort ward, es wüchsen auf dem Friedhof Birkenreiser für ein ungezogenes Kind genug, sie solle es noch im Tode strafen, dann würde jener Fluch entkräftet und die Hand im Grab verbleiben, da regte es sich in der Erde tief, das Grab zerbarst und der Tochter dumpfe Grabesstimme sprach: » So strafe mich, o Mutter, damit Du Ruhe findest. Dort steht der Birkenbaum, des Wurzeln bis in meine Tiefe kommen, schlag mich mit seinen Reisern! O, ich möchte ein Leben lang mich von dir strafen lassen, die ich dir den Frieden und die Freude dieses Lebens ganz zerstörte.« Doch indem sie sprach, zitterte es durch den Leib der Mutter: »Sie lebt, sie lebt, o, das ist ihre Stimme!« … und es hielt sie nichts: mit einem Freudenschrei warf sie sich zu der Tochter in die dunkle Gruft, umschloß sie fest mir ihren Armen und ließ die Schollen über sich hinrieseln, daß sie bald schon beide, ganz bedeckt mit Erde, begraben waren: Im Tod vereint.

Der Pfarrer, der es so erzählte, kam mit verstörtem Blick nach Hause. Man fand ihn am andern Morgen auf jenem Grab erstarrt und tot. Doch als die Gemeinde nach drei Tagen mit seiner Leiche im großen, feierlichen Zug zum Friedhof kam, da sahen sie alle auf jenem Mutter-Tochtergrab ein Grünen und ein Blühen mit Nelken und Reseden und hundert Sommerblumen wie nirgendwo. Und jener Birkenbaum, der seine Zweige senkte, und dessen Wurzeln bis in jene Tiefe reichten, da die beiden schliefen, war wunderbar verwandelt, daß aus seinen Zweigen rote Rosen blühten.

Der Todeskampf in der Luft

In dem Augenblicke, wo jemand verscheidet, findet ein Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen, zwischen Gott und dem Teufel, zwischen dem Licht und der Finsternis statt. Dieser Glauben herrscht namentlich noch im Dönberg und hat sich vielfach zu Sagen verdichtet.

Einst lag ein Greis zu Kattenbruch im Dönberg auf seinem Sterbelager. Als er das Ende nahen fühlte, sandte er seinen erwachsenen Sohn eiligst zu einem reformierten Geistlichen nach Elberfeld. Der Geistliche war sofort bereit, dem Sterbenden die Tröstungen der christlichen Kirche zu gewähren, und begab sich mit dem Burschen auf den Weg. Als sie nahe zum Hause gekommen waren, blieb der junge Mann plötzlich stehen und starrte einige Zeit sprachlos in die Luft. Auf die Frage des Pfarrers, was er dort sehe, erwiderte er, daß er dort einen Kampf, ein gewaltiges Ringen zwischen unbeschreibbaren Wesen gesehen habe. Der Pfarrer teilte nun dem jungen Manne mit, daß jedesmal beim Sterben des Menschen ein Kampf stattfinde. Als sie einige Minuten später ins Haus traten, hatte der Alte ausgekämpft. Sein Tod war in demselben Augenblicke eingetreten, als sein Sohn den Kampf in der Luft beobachtete.

Die Zedern von Aspel

Unweit der Stelle, wo am Rhein die alte Stadt Rees mit ihren breiten Mauern, Türmen und Bäumen liegt, steht auch seit vielen hundert Jahren schon das Schloß Aspel. Turm und Fenster spiegeln sich im tiefen Wasser, und hohe Pappeln, Weiden, Kiefern und auch Eichen wachsen in seiner Nähe, und niemand wundert sich dessen, weil eben der Niederrhein aller dieser Bäume Heimat ist. Bei Aspel aber stehen in einer Allee, die nach Rees zu führt, einige Stämme, die in dieser Landschaft etwas ganz besonderes sind: Zedern aus dem Morgenland; und es geht eine schöne Sage, die erzählt, wie sie einst vom Süden her in diese nordische Landschaft kamen.

In der Zeit der Kreuzzüge, als sich die deutschen Ritter zusammenscharten, um das heilige Grab vor der Macht der ungläubigen Türken zu schützen, sollen sie dorthin gebracht worden sein. Der Aspeler Schloßherr, der auch manches Jahr der Heimat fern gewesen, war zurückgekehrt. Aber in dem Fest der Freude und des Wiedersehens war eine große Trauer um einen Knecht, der ihm treu gedient, der ihm und allen, die ihn kannten, der Gräfin auch, lieb und teuer war, und über den er dennoch nun schon in den ersten Tagen seiner Rückkehr ein strenges Strafgericht verhängen mußte. Eines Verbrechens war er angeklagt, einen Priester sollte er ermordet haben, drüben im heiligen Land. Er habe ihn ins Schilf geworfen und den Toten dann, um den Verdacht von sich abzulenken, auf seinem Rücken selbst zu seinem Herrn ins Lager getragen.

Das war nun alles schon eine lange Zeit vorbei. Man hatte ihn, der immer seine Unschuld beteuerte, gefangen mitgeführt, um ihn erst in der Heimat zu verurteilen. Es war dem Grafen selber schwer, an seine Schuld zu glauben. Aber durch das Zeugnis eines anderen Knechts, der die böse Tat gesehen haben wollte und einen Eid gegen ihn geschworen hatte, war kein Zweifel mehr… und nun, nach jenen ersten Tagen der Heimkehr, sollte ohne langes Gericht und Urteil die Todesstrafe an dem Knecht, der vermeintlich doch nun auch des Herrn besonderes Vertrauen betrogen hatte, vollzogen werden.

Jedoch die Gräfin, die auch den Knappen liebte, bat in letzter Stunde noch für ihn: »Laßt wenigstens den Richter sprechen! Laßt uns Klage und Gegenklage, Verteidigung und Richterspruch anhören… Denn falsches Urteil ist eine Sünde wider Gott!« Und so geschahs denn auch: Der ihn beschuldigt hatte wiederholte seine Klage gegen ihn, und er selbst beteuerte wie schon immer seine Unschuld. Er sei von eines Türken Hand verwundet worden, und indem er sich die Wunde vom Blut reinwaschen wollte, habe er die Leiche im Schilf des Flusses verborgen aufgefunden und zum Lager gebracht. Auf dem Wege aber sei ihm eben dieser Knecht, der ihn des Mords beschuldige, mit verstörtem Blick und in hastigem Lauf begegnet… und er erhebe nun, da sie in der Heimat seien, die Gegenklage: »Ich beschuldige ihn«, so rief er, zitternd am ganzen Leibe, der Versammlung zu, »des Mords. Ihn, der an meiner Statt des Grafen Freund geworden ist. Und ich beschuldige weiter ihn der bösen Tat, die er drüben im fremden Land an einem Mädchen vollbringen wollte, daran ich ihn gehindert. Ich weiß, daß nur die Angst vor mir, sein böses Gewissen wegen dieser schlechten Tat, ihn zu dem falschen Eid verleitet haben, und ich hätte geschwiegen, müßte ich nun nicht selber um mein Leben kämpfen! «

Nach diesen Worten war es still ringsum. So sehr alle auch den Knappen liebten, und so sehr einige auch ihm zu glauben neigten: Es stand Klage gegen Klage… und um ein Ende und des schweren Rätsels Lösung nun zu finden, kam man überein, daß Gott entscheiden solle. Und ehe man sich über die Art des Gottesurteils geeinigt hatte, sprang der Beschuldigte vor, schwang einen dürren Peitschenstiel, geflochten rund aus Zedernreisern, und rief also: »Ich will den dürren Stab, aus dem Morgenlande heimgebracht, in diese trockene Erde stecken. Ohne Wunder Gottes wird er nicht zum Wachsen kommen. Wächst er aber im Augenblick mit grünen Nadeln und mit jungen Spitzen wie ein junger Baum im Frühling, alsdann sei meine Unschuld klar erwiesen!« Und schon sprang er durch der Knechte Kette, pflanzte den Stab gleich nebenan in die harte, trockene Burghofserde – und seine Hände und Augen wie in Verzweiflung zum Himmel erhoben, betete er: »Gott, gib der Wahrheit Kraft! Gib diesem dürren Stabe Kraft, Wahrheit zu zeugen und die Lüge und die Sünde zu beweisen! « Und indem er kniete, lichtete sich aus grauen Wolken des Himmels klarer Schein. Und im harten Burghof lockerte sich die Erde, daß es wie ein leises Rieseln war; Wurzeln wuchsen… und zugleich brachen Knospen auf zu feinen Nadeln, und schon auch streuten sich Samen ringsumher, aus denen junge Zedern wuchsen, die noch heute dort in Aspel bei dem Burghof stehen, und deren eine bis heute die Gestalt des gewundenen Peitschenstiels behalten hat.

Da war stille Befriedigung über des Knappen Unschuld und Gottes sichtbarliches Zeichen. Erst war Staunen, eine heilige Stille wie Gebet… dann aber brach der Jubel los, und mit aufgetanen Armen holte der Graf den also treu Erwiesenen zu seinem Stuhl. Und nun erst war rechte Freude der Heimkehr nach so langer Fahrt durch Nöte und Gefahr in Kampf und heißer Sonnenglut des Morgenlandes.

Der Teufelsschornstein

Bei Saarhölzbach lebte einmal ein Schmied, der war so stark, daß er seinen Amboß mit Leichtigkeit bis über den Kopf heben konnte. Er war ein rauher Geselle, fluchte den ganzen Tag und glaubte weder an Gott noch an den Teufel.

Eines Tages stand er in seiner Werkstatt und machte Hufeisen. Als er das erste fertig hatte und beiseite schob, sprang es mitten durch. Zornig nahm er ein zweites unter den Hammer, doch auch dieses zersprang. Da packte er fluchend ein neues Stück Eisen mit der Zange und sprach: »Wenn das nun auch zerspringt, dann soll mich gleichfalls der Teufel holen! « Wütend hämmerte er drauf los, daß die Funken bis an die Wände stoben. Wie nun auch das dritte Hufeisen klirrend in zwei Stücke zerbrach, da kam schon der Teufel durch den Rauchfang und redete den Überraschten an: »Ich habe deinen Wunsch gehört und bin gekommen, ihn zu erfüllen. Folge mir! «

Da wurde es dem Schmied angst und bange; er dachte darüber nach, wie er dem Teufel entrinnen könne, und sagte endlich: »Mein Wort will ich halten, doch sollst du mir vorher zeigen, wie groß deine Macht ist. « Der Teufel war’s zufrieden, und nachdem die beiden abgemacht hatten, sich um Mitternacht auf dem Berge gegenüber Saarhölzbach zu treffen, verschwand der Böse wieder durch den Rauchfang.

Als es Nacht geworden war, nahm der Schmied seinen schweren Zuschlaghammer unter den Arm, fuhr mit einem Nachen über die Saar, stieg den Berg hinan und stellte sich in einen hohlen Baum, Um den Teufel zu erwarten. Plötzlich tat sich am Abhange des Berges die Erde auf, und der Fürst der Unterwelt kam, in eine Rauchwolke gehüllt, aus der Öffnung hervor. Er hob schnuppernd die Nase und kam dann geradeswegs auf den hohlen Baum zu. Der Schmied gab ihm nun auf, zwischen 12 und 1 Uhr sämtliche Marksteine des Trierer Landes auf einen Haufen zusammenzutragen, und sie dann zwischen 1 und 2 Uhr wieder zurückzuschaffen, einen jeden an seine Stelle. Der Teufel war einverstanden; er pfiff auf den Fingern, und sogleich kam eine ganze Schar bocksfüßiger Gesellen herbeigestürmt. Die gingen, als es im nahen Mettlach zwölf Uhr schlug, mit ihrem Meister ans Werk. Bald regnete es Marksteine, und noch vor Ablauf einer Stunde war die halbe Arbeit getan; die Steine lagen, haushoch aufgetürmt, beisammen. Nur einer lag etwas abseits; ein Teufel hatte ihn fallen lassen, als ob er ihm zu heiß sei. Als der Schmied ihn genauer betrachtete, sah er, daß er mit einem Kreuz gezeichnet war. Er zerschlug ihn heimlich mit dem Hammer zu Staub und streute diesen in den nahen Bach.

Beim Schlage eins begann die höllische Schar die Steine wieder fortzuschaffen, und schon vor der ausbedungenen Zeit konnte der Meister berichten, daß die Abmachung erfüllt sei. Der Schmied aber machte ihn darauf aufmerksam, daß noch ein Stein fehle. Als die Teufel merkten, was geschehen war, drangen sie wütend auf den Mann in der Lederschürze ein. Der aber packte den Hammer und schlug den Anstürmenden gewaltig auf die Köpfe, daß sie klirrten. Doch allmählich erlahmten seine Kräfte, und er wäre sicher verloren gewesen, wenn es nicht im Augenblick der höchsten Gefahr vom Mettlacher Kirchturm zwei geschlagen hätte. Da fuhren die Teufel durch die Öffnung am Bergabhang wieder in die Tiefe.

Als der Schmied sich erholt hatte, ging er langsam nach Hause. Schon am andern Morgen warf er Hammer und Amboß in die Saar und trat eine Fahrt nach dem heiligen Lande an. Der Felsen aber, unter dem die Höllenbewohner aus- und eingefahren waren, heißt noch heute der Teufelsschornstein.

Der Wolf und der Tannenzapf

Zu Aachen im Dom zeigt man an dem einen Flügel des ehernen Kirchentors einen Spalt und das Bild eines Wolfs nebst einem Tannenzapfen, beide gleichfalls aus Erz gegossen. Die Sage davon lautet: vor Zeiten, als man diese Kirche zu bauen angefangen, habe man mitten im Werk einhalten müssen aus Mangel an Geld. Nachdem nun die Trümmer eine Weile so dagestanden, sei der Teufel zu den Ratsherrn gekommen, mit dem Erbieten, das benötigte Geld zu geben unter der Bedingung, daß die erste Seele, die bei der Einweihung der Kirche in die Türe hineinträte, sein eigen würde. Der Rat habe lang gezaudert, endlich doch eingewilligt und versprochen, den Inhalt der Bedingung geheim zu halten. Darauf sei mit dem Höllengeld das Gotteshaus herrlich ausgebaut, immittelst aber auch das Geheimnis ruchtbar geworden. Niemand wollte also die Kirche zuerst betreten und man sann endlich eine List aus. Man fing einen Wolf im Wald, trug ihn zum Haupttor der Kirche und an dem Festtag, als die Glocken zu läuten anhuben, ließ man ihn los und hineinlaufen. Wie ein Sturmwind fuhr der Teufel hinterdrein und erwischte das, was ihm nach dem Vertrag gehörte. Als er aber merkte, daß er betrogen war und man ihm eine bloße Wolfsseele geliefert hatte, erzürnte er und warf das eherne Tor so gewaltig zu, daß der eine Flügel sprang und den Spalt bis auf den heutigen Tag behalten hat. Zum Andenken goß man den Wolf und seine Seele, die dem Tannenzapf ähnlich sein soll. – Andere erzählen es von einer sündhaften Frau, die man für das Wohl der ganzen Stadt dem Teufel geopfert habe und erklären die Frucht durch eine Artischocke, welche der Frauen arme Seele bedeuten soll.

Das steinerne Kreuz

Unweit der hellen Fläche des Talsperrsees bei Remscheid steht im Gestrüpp ein altes, morsches Steinkreuz, mit unleserlichen Inschriften bedeckt. Der Platz umher ist fast ganz frei von Strauchwerk und dient alljährlich am zweiten Pfingsttag einer zahlreichen Volksmenge von nah und fern zum Festplatz. In geringer Entfernung zieht die alte kölnische Straße vorüber.

Von diesem Kreuz erzählt das Volk folgendes:

Vor Zeiten wurde an diesem Platze ein Bote erschlagen und ausgeraubt. Sterbend rief er seinen Mördern zu, der Himmel werde ihn durch die Vögel rächen, welche grade über sie hinflogen. Nach vollbrachter Tat zogen die Mörder nach dem Born und kehrten in einem dortigen Wirtshause ein. Hier ließen sie es sich wohl schmecken, und bald standen Kramtsvögel vor ihnen. Da bemerkte der eine, diese würden sie gewiß nicht verraten. Aber der Wirt hatte diese Worte vernommen. Er sandte zum Gericht, und halb saßen die beiden im Kerker. So entgingen sie ihrer gerechten Strafe nicht.

Die Bockreiter

In den Ländern links des Niederrheines verbreiteten in alten Zeiten die Bockreiter Furcht und Schrecken. Sie waren eine Verbrecherzunft, die durch strenge Gesetze zusammengehalten wurde. Bei ihrer Aufnahme in die Zunft mußten sie Gott absagen und sich dem Teufel verschreiben. Der höllische Geist stand ihnen bei. Er trug sie in der Gestalt eines schwarzen Bockes an die Orte ihrer Verbrechen und wieder zurück, so daß es nur selten gelang, einen von ihnen der strafenden Gerechtigkeit zuzuführen.

Daß die Bockreiter mit des Teufels Hilfe Wunder vollbringen konnten, erfuhr ein junger Bursch aus Jülich, der den Werbern des Preußenkönigs in die Hände gefallen und nach Spandau gebracht worden war. Als er dort sieben Jahre lang Kommißbrot gegessen hatte, wurde seine Sehnsucht nach Freiheit so groß, daß er es fast nicht mehr aushalten konnte. Das merkte ein alter Korporal, ein Landsmann des Jülichers aus Herzogenrath. Der redete ihn eines Tages an und sagte: »Kamerad, du willst heim, ich sehe es dir an. Ich will dir zur Flucht verhelfen. Ich bin Bockreiter und erwarte dich in der kommenden Nacht um die zwölfte Stunde auf der Bastei. Wenn du tust, was ich dir sage, dann wirst du morgen früh vor dem ersten Hahnenschrei in deines Vaters Haus sein.« Der junge Soldat hatte in seiner Heimat viel seltsame Geschichten von den Bockreitern gehört. Seine Großmutter hatte ihm erzählt, daß zwei von ihnen einmal abends dem Sultan in Konstantinopel die Wäsche gestohlen und sie am nächsten Morgen auf dem Markt in London fellgeboten hätten. Dem Soldaten widerstrebte es zwar, sich einem Bockreiter anzuvertrauen, doch war sein Heimweh so übermächtig, daß er sich um Mitternacht an der verabredeten Stelle einfand. Der Korporal kam ihm schon entgegen. Er winkte mit einem Stock, und im nächsten Augenblicke stand ein schwarzer zottiger Bock mit feurigen Augen vor ihnen. »Steige auf seinen Rücken«, sagte der Alte, »und packe ihn fest bei den Hörnern. Wenn dich etwas unterwegs erschreckt, dann sprich nicht das Wort aus, das eine Mutter sagt, wenn sie unversehens in Gefahr kommt. Fluche lieber, soviel du willst, in drei Teufels Namen.«

Im nächsten Augenblick erhob sich der Bock in die Lüfte, und fort ging es mit Windeseile nach Westen. Plötzlich ging die Fahrt in die Tiefe. Der Soldat erschrak und rief: »Jesses!« Da warf der Bock ihn ab. Er fiel zum Glück in ein dichtes Gebüsch und kam so mit dem Leben davon. Als er sich erheben wollte, merkte er, daß er ein Bein gebrochen hatte. Am Morgen kam ein Bauer mit seinem Fuhrwerk vorbei. Der sagte ihm, daß er am Rande des Jülicher Waldes liege, und brachte ihn zu seinen Eltern.

Die Ebernburg

Unweit der Badestädte Kreuznach und Münster am Stein, im Winkel von Nahe und Alsenz, steht die stolze Ebernburg. Dort wohnte um das Jahr 1500 Franz von Sickingen, das Oberhaupt des schwäbischrheinischen Ritterbundes, ein tatkräftiger Schirmherr der Reformation. Viele Anhänger der neuen Lehre fanden bei ihm Schutz vor Verfolgung und eine gastliche Freistätte, darunter auch Ulrich von Hutten, der den Ebernburger zum Kampf gegen die geistlichen Fürsten am Rhein aufrief.

Einst wurde die Ebernburg belagert. Viele Wochen lang rannten die Feinde vergebens gegen ihre starken Mauern an. Den Belagerern blieb schließlich die einzige Hoffnung, Sickingen mit seinen Mannen auszuhungern; allzu groß konnten die Lebensmittelvorräte auf der Burg nicht mehr sein. Aber die Zeit bis zur Übergabe wurde den Feinden doch lange gemacht. Tag für Tag mußten sie sehen, wie die Burgmannen ein großes Schwein zum Hof hinausführten und zum Abstechen niederwarfen; gleichzeitig vernahmen sie ein lautes quiekendes Geschrei. Hätten sie geahnt, daß ihnen mit einem einzigen Borstentier, einem stattlichen Eber, solch Schauspiel immer von neuem vorgeführt wurde, dann würden sie die Belagerung nicht so bald aufgegeben haben. So aber gelang die Täuschung, und der Feind zog ab.

Des Ebers Bild, in Stein gehauen, ist noch jetzt am Eingang der Burg, die zum Teil aus dem Schutt vergangener Jahrhunderte neu erstanden ist, zu sehen.

Woher Hückeswagen seinen Namen hat

Vor langen, langen Zeiten fuhr einmal eine Frau auf ihrem von einem Esel. gezogenen Gefährt Käse zur Stadt. In einem Hause verweilte die Bäuerin über Gebühr, während das Langohr draußen stand. Diesem wurde allmählich die Zeit zu lang, und plötzlich setzte sich das Tier in Bewegung. Als das die Frau gewahrte, stürzte sie hinaus und lief, laut: »Hü (Halt) Keswagen« rufend, hinter dem enteilenden Fuhrwerk her. Daher rührt die Bezeichnung des Städtchens an der obern Wupper.

Wo das Paradies lag

Da zerbrechen sich die Gelehrten den Kopf darüber, wo das Paradies gelegen haben kann, und wer nach Kleve kommt, der kann es von jedem einfachen Mann, ja von jedem Kind, das zur Schule geht, erfahren. Warbeyen heißt der Ort, der nicht weit von der holländischen Grenze liegt. Als Adam und Eva von dem verbotenen Apfel gegessen und sich versteckt hatten und der liebe Gott hinter ihnen her war und sie im Garten suchte, da hat er in der Sprache dieser Gegend schon damals Adam angerufen: »Adam, war bey je?« – (Adam, wo bist du?) und nach dieser Frage des lieben Gottes an Adam bekam die Gegend dort ihren Namen. Aber es wird auch weiter erzählt, daß, gleich nachdem die ersten Menschen aus dem Paradies Warbeyen gewiesen waren, der Teufel hinter ihnen her gewesen sei, so, daß Gott ihn voll Zorn anrufen mußte: »Düffel, wart! « Und wo der Teufel da gestanden hat, ist heute der Ort Düffelward, und wo Adam und Eva stehen blieben – se bleven stohn un »keeken« – ist heute das Dorf Keeken. So also haben Warbeyen, Düffelward und Keeken ihre Namen aus der allerältesten Zeit, als nur Adam und Eva und sonst noch keine Menschen auf Erden waren.

Wie ein Bauer zu einem neuen Hofe kam

In der Nähe von Hinsbeck am Herschen lebte in alten Zeiten ein Bauer, dessen Hof in schlechtem Zustande war. Als er nun eines Tages über sein Feld ging und nachdachte, wie er zu einem neuen Hofe kommen könne, stand auf einmal ein feiner Herr vor ihm und fragte ihn: »Ei, Bauer, warum so schlechten Mutes?« »Ach«, sagte der Bauer, »mein Hof ist so schlecht, und ich weiß nicht an einen neuen zu kommen.« »0«, sprach der Herr, »da kann ich wohl helfen, ich will dir Geld genug geben, daß du dir einen schönen, neuen Hof bauen kannst; dafür mußt du mir aber deine Seele verschreiben.« Der Bauer sagte: »Das ist doch zu viel verlangt, dir meine Seele zu verschreiben, wenn ich den Hof gebaut habe; ich muß doch auch Genuß davon haben.« Da sprach der Teufel: »Du kannst noch vierzehn Jahre leben, und wir teilen uns in dieser Zeit die Ernte so, daß ich in einem Jahre bekomme, was auf dem Erdboden wächst und in dem folgenden, was in der Erde wächst – und so abwechselnd.« Wenn nun das Jahr kam, wo des Teufels Anteil die Ernte auf der Erde war, pflanzte der Bauer, was in der Erde wuchs; dann bekam der Teufel nichts und der Bauer alles. Wenn das Jahr kam, wo der Teufel Anspruch auf die Ernte in der Erde hatte, säte der Bauer Hafer, Roggen, Weizen und dergleichen. So bekam der Teufel wieder nichts. Als das einige Jahre so zuging, sagte der Teufel zum Bauer: »So geht es aber nicht weiter, denn da bekomme ich ja gar nichts. Da wollen wir lieber einen Wettkampf eingehen. Wer am weitesten einen Stein werfen kann, der soll Sieger sein.« – Das war dem Bauer recht, wenn der Teufel zuerst werfen wollte. Da nahm der Teufel einen ganz großen Stein und warf ihn bis auf den Buschberg. Nun war der Bauer an der Reihe. Er nahm einen viel kleineren Stein, sagte aber: »Nun weiß ich nicht, wo jetzt mein Bruder weilt; der ist in Frankreich, England oder Spanien, den darf ich doch nicht totwerfen.« »Hu«, sagte der Teufel, »wenn du so weit werfen kannst bis in Frankreich, England oder Spanien, so fange nur ja nicht an, denn so weit kann ich es nicht.« Und der Teufel ging seiner Wege und überließ dem Bauer die Ernte und den Hof.

Der Schnutenteich bei Mettmann

Hart am Wege von Gruiten nach Mettmann, ungefähr auf der Hälfte, liegt der von der Bevölkerung der dortigen Gegend gefürchtete und gemiedene »Schnutenteich«.

Fast jedermann weiß eine Reihe von Geschichten zu erzählen, welche alle darin übereinstimmen, daß dort den Leuten zu nächtlicher Stunde auf geheimnisvolle Weise das Geld aus der Tasche geraubt wird.

»Das tun die bösen Geister«, setzt der Landmann geheimnisvoll hinzu.

Die Kapelle auf dem Petersberg

In alten Zeiten stand in Neef an der Mosel ein kleines Kirchlein mitten in einem Friedhofe, auf dem die Dorfbewohner seit Menschengedenken zur letzten Ruhe gebettet wurden. Wie nun das ehrwürdige Gotteshaus baufällig wurde, rissen die Neefer es ab, um an seiner Stelle ein größeres und schöneres zu errichten. Alt und jung beteiligten sich in frohem Wetteifer an der Arbeit, und bald lagen Holz und Steine in Fülle auf der Baustelle. Als aber die Steinmetzen eines Morgens ans Werk gehen wollten, um das Gebäude aufzuführen, da war der Bauplatz leer, Holz und Steine waren verschwunden. Und wie man suchte, fand man alles auf der Höhe des Petersberges, fein säuberlich zu hohen Stapeln aufgeschichtet. Zuerst dachte man an einen losen Scherz mutwilliger Buben, doch die Umlagerung war ohne jeden Lärm vor sich gegangen; kein Hund hatte in der Nacht angeschlagen.

Mühsam schafften die fleißigen Neefer die Vorräte auf die alte Stelle. Vergebens! Morgens lagen sie wieder auf der Höhe des Berges. In der nächsten Nacht standen die Männer des Dorfes Wache, um zu sehen, wer ihnen wohl den bösen Streich spiele. Bis Mitternacht blieb alles still, der Bauplatz lag friedlich im Mondenschein. Da stiegen aus einer Wolke leuchtende Gestalten hernieder und trugen Holz und Steine durch die Luft erneut zur Bergesspitze empor. Nun erkannten die Neefer, daß die Kapelle nach Gottes Willen hoch oben über ihren Weinbergen errichtet werden sollte. Sie fügten sich dem göttlichen Befehl, und heute noch steht das Kirchlein inmitten des stillen Friedhofes an der Stelle, die Gott durch ein Wunder gezeigt hatte.

Die drei Jungfrauen von Landskron

Auf der Burg Landskrone an der Ahr wohnte einmal ein mächtiger Graf, der hatte drei liebliche Töchter, denen es an Freiern nicht fehlte. Um die Hand der jüngsten bewarb sich ein benachbarter Ritter, der aber kein Gehör fand und daher auf blutige Rache sann.

Eines Tages zog der Graf mit seinen Knappen auf die Jagd. Da überfiel der abgewiesene Freier mit seinen Leuten die Burg. Ungestüm polterte er von einem Gemach zum andern, doch die Gesuchte fand er nicht. In seiner wilden Wut ließ er das Schloß plündern und in Brand stecken.

Den Schwestern war es rechtzeitig gelungen, durch ein geheimes Pförtchen in der Ringmauer zu fliehen und in einer nahen Felsenkluft Schutz zu suchen. Doch auch dorthin fand der Rasende im Feuerschein der brennenden Burg den Weg. Die Jungfrauen, die sich in ihrer Herzensangst im fernsten Winkel der Schlucht verborgen hatten, vernahmen alsbald vom Eingang her drohende Rufe und Waffengeklirr. In dieser großen Not konnte nur Gott ihnen helfen. Engumschlungen knieten sie nieder und flehten inbrünstig um seinen Schutz. Und siehe, die Felswand teilte sich wie ein Vorhang; eine dunkle Grotte wurde sichtbar und nahm die Schwestern bergend auf. Nach einer Weile verhallten Schwertgerassel und Verwünschungen in der Ferne.

Mittlerweile war der Graf von der Jagd zurückgekehrt. Schon von weitem hatte er die rauchenden Trümmer seiner Burg gesehen. Er jagte dem FrevIer nach und tötete ihn im Zweikampfe. Dann suchte er nach seinen Töchtern, doch all sein rastloses Forschen war vergeblich. Er durchstreifte die Wälder zu beiden Seiten der Ahr, er räumte den Schutt der zerstörten Burg hinweg, er stieg sogar ins tiefe Burgverlies hinab, nirgendwo fand er eine Spur der Verschwundenen.

Endlich, in der dritten Nacht nach jenem Schreckenstage, zeigte ihm ein Engel im Traume das Versteck seiner Töchter. Noch ehe der Tag graute, machte er sich froher Hoffnung voll auf den Weg nach der Schlucht, und schon bald schloß er die Wiedergefundenen beglückt in seine Arme. An der Stelle aber, wo Gott durch ein Wunder die verfolgte Unschuld gerettet hatte, ließ er eine Kapelle erbauen, die noch heute weißglänzend vom Gipfel des Burgberges ins Ahrtal hinabschaut.

Zwerge als Hirten am Niederrhein

Am Niederrhein weiß man viel zu erzählen von der Hilfe der Unterirdischen bei der Feldarbeit. Vor allem hüten sie gern das Vieh. Wo Zwerge das Hüten übernahmen, da ging kein Stück der Herde verloren. Man trieb die Tiere nur bis ans Hoftor und brauchte sich nicht weiter um sie zu kümmern. Es war niemand zu sehen, der das Vieh hütete, aber die Tiere gediehen dabei aufs beste, und am Abend wurden sie wieder von unsichtbaren Hirten heimgetrieben, wo die Mägde dann das Weitere besorgten. Man vergaß aber nie, auf den Pfosten des Tores oder der Stalltür ein Näpfchen mit Milch nebst einem Butterbrot oder auch sonstiges Essen zu stellen; all das zurecht Gemachte wurde auch regelmäßig verzehrt.

Etwas habe man aber doch von den Zwergen gesehen, meint man in Dierrath – nämlich die zwei ellenlangen weißen Stäbchen der Hirtenzwerge, und es sah wunderbar aus, wenn sich diese Stäbchen, von keinem sichtbaren Wesen gehalten, scheinbar ganz von selbst hinter dem Vieh her bewegten.

Ähnliches erzählt man auch von den »Holen« in Hardt bei Wildberg. Alte Leute warnten die Dorfjungen immer davor, mit Steinen zu werfen, wenn Vieh in der Nähe war; einmal traf einer von den Buben, der das Werfen nicht lassen konnte, einen Zwerg am Kopf, so daß ihm das Hütchen herabfiel und er sichtbar wurde. Da nahm der Zwerg seinen weißen Stab und schlug damit den Jungen; dieser erschrak so sehr darüber, daß er fallsüchtig wurde. Das Vieh aber blieb seitdem unbehütet, die Speisenäpfe auf dem Pfosten wurden nicht mehr berührt, und die guten Erdgeister sind seit diesem Vorkommnis dort nicht mehr zu verspüren.

Die Hexe von Nattenheim

Zu der Zeit, als im Trierischen Lande die Hexen noch ihr Unwesen trieben, diente in Nattenheim ein armes Knechtlein bei einem Bauern, dessen Weib auch mit dem Teufel im Bunde stand. Allabendlich trat die Hexe an den Jungen heran, warf ihm einen Pferdezaum um den Hals und ritt auf seinem Rücken über Berg und Tal, durch Feld und Wald bis in den Morgen hinein. Kaum war nach dem wilden Ritt der Todmüde in seiner Kammer eingeschlafen, dann trommelte ihn seines Herrn harte Faust schon wieder heraus.

Wie der Arme nun von Tag zu Tag blasser und schmaler wurde, schickte ihn der Bauer zum Arzt. Das Knechtlein aber sprach: »Der Doktor kann mich nicht heilen, nur Ihr könnt mir helfen«; und er erzählte dem Bauern sein ganzes Elend. Vor Staunen fiel der Mann beinahe auf den Rücken, und er nahm sich vor, sein Weib zu kurieren.

Noch am gleichen Abend versteckte er sich hinter der Tür der Knechtekammer. Wie dann die Bäuerin eintrat, riß er ihr den Zaum aus der Hand und warf ihn ihr um den Hals. Da stand ein Schimmel vor ihm mit Pferdehuf und Schweif. Er schwang sich auf seinen Rücken, und fort ging’s über Stock und Stein, bis der Schaum dem Pferde von den Flanken flog. Doch dem Bauer ging es noch immer zu langsam. Er bearbeitete sein Reittier mit Peitsche und Sporn, daß es dahinfegte wie der Wind, bis endlich ihm selber der Atem stockte. Dann hielt der Reiter vor eines Hufschmieds Haus und ließ seinem Gaul vier neue Eisen anschlagen. Und weiter ging der rasende Galopp bis zum Frührot. Als die Sonne eben aufging, löste vor seines Hauses Tür der Bauer den Zaun vom lahmenden Schimmel. Eine Stunde später fand man die Hexe im Bette liegend, zerkratzt und zerschunden, mit Hufbeschlag an Hand und Fuß.

Der Meister über alle Meister

In jener glücklichen Zeit, als unser Herr noch unter den Menschen wandelte, kam er eines Tages in Begleitung des heiligen Petrus durch eine Stadt. In der Hauptstraße trafen sie von ungefähr auf die Werkstätte eines Schmiedes, der der Welt seine Kunst und Geschicklichkeit durch die prahlerischen Worte auf einem Schilde über der Türe verkündigte: »Hier wohnt ein Meister über alle Meister.«

Da sprach unser Herr zu Petrus: »Wollen doch einmal eben vorsprechen und diesen eingebildeten Prahler von seinem Dünkel und seiner Anmaßung gründlich kurieren.« – Traten also in die rußige Schmiede und fragten den Meister, den sie eben antrafen, bescheiden um Arbeit, vorgebend, daß sie wandernde Zunftgenossen seien und sich nach Arbeit umsähen.

Der Meister war hocherfreut und grüßte herzlich die willkommene Hilfe, die ihm in Gestalt so schmucker Gesellen wie vom Himmel gesandt erschien. Er beauftragte unsern Herrn auch sogleich mit dem Beschlagen eines Pferdes, und Petrus sollte ihm helfend zur Hand gehen.

Unser Herr nimmt alsbald ein großes Messer und schneidet, während die Zuschauer vor Grausen sprachlos stehen, dem Pferde einen Fuß nach dem andern ab, spannt sie zwischen den Schraubstock, schneidet sie nach allen Regeln der Kunst zurecht und schlägt in aller Gemütsruhe die neuen Eisen auf die Hufe. Nachdem dies geschehen, setzt er jeden der Füße wieder an das zugehörige Pferdebein, als wär’s eben nur ein Kinderspiel. Doch siehe da! alle Füße sind alsbald heil und gesund und so richtig beschlagen wie nie zuvor.

Grenzenlos ist das Erstaunen des früher so eingebildeten Meisters; voll Reue wirft er sich dem Herrn zu Füßen und gelobt von der Stunde an, sich zur Demut zu bekehren und das Schild mit der lügnerischen Inschrift zu verbrennen. Der aber, durch den er so handgreiflich von dem Dasein eines Meisters über ihm belehrt worden, setzte noch in derselben Stunde, von St. Petrus begleitet, seinen Wanderstab weiter, um auch andere Leute mit seiner frohen Botschaft zu beglücken.

Die Entstehung der Wupper

Einst schritt ein Gnom, den Stab in zarter Hand, durchs rauhe Land der Berge dahin. Den Menschen Wohltaten zu spenden, war sein unablässiges Bestreben. Allein ihm mangelte es an Speise, denn es war ein Hungerjahr. Da gewahrte ihn ein Weib, und, seine Not erkennend, bot sie ihm würzige Erdbeeren, welche sie im fernen Tale für ihre Kleinen gepflückt hatte. Hoch erfreut aß der Zwerg, gewährte aber dem Weibe aus Dankbarkeit die Gewährung eines Wunsches. Dessen Verlangen war nun nicht auf Gold gerichtet. Darum erbat sie das Wohlwollen des Gnomenkönigs für ihre Kinder und dies rauhe, unwirtliche Land. Der König gewährte die Bitte und befahl dem Weibe, an dieser Stelle zu graben. Kaum hatte es mit der Arbeit begonnen, als ein wasserreicher Quell hervorsprudelte, der munter zu Tal hüpfte. »Dieser Quell«, sprach der Gnom, »wird das Glück Deiner Kinder sein. Denn sein Wasser wird bald zum kräftigen Fluß erstarken, der Segen verbreiten und Gold und Silber hervorzaubern wird. Namentlich wird der Ort beglückt werden, wo Du mir die Erdbeeren gepflückt hast. Weit wird einst der Ruhm Elberfelds durch die Welt dringen.«

Da verschwand der Gnom.

Sage vom Broß

Uin das Jahr 1600 lebte auf dem Gehöft Oberhof bei Beyenburg ein Mann, namens Broß, dessen Grabstein sich noch auf dem katholischen Friedhof befindet. Broß hatte seine Magd getötet. Jäger fanden den Kopf derselben in einer hohlen Buche, welche die Hunde eifrig beschnupperten. Der Körper der Magd lag aber in einem nahegelegenen Teiche, noch heute der Broßteich genannt.

Broß ist dann nach seinem Tode sieben Jahre auf dem Oberhof umgegangen und machte sich namentlich, wenn der Besitzer desselben wechselte, bemerkbar. Abends sah man ihn wohl in der Scheune, wie er sich die Nägel an Händen und Füßen schnitt. Am Tage neckte er die Drescher, indem er leere Pickeln (ausgedroschene Garben) vom Speicher herunterwarf.

Vielfach bewegte er sich auf allen Vieren fort, sprang den Leuten im Dunkeln auf den Rücken, klammerte sich an und verließ sie erst an der Grenze des Hofes.

Die Furcht vor dem Geist des alten Broß war so groß, daß sich selbst erwachsene Leute hüteten, zu jener Zeit am Abend den Hof zu betreten.

Das Ende des Zwergenvolkes im Hülser Berg

Der junge König des Zwergenvolks, das im Hülser Berg am Niederrhein wohnte, hörte einmal von der vielumworbenen Tochter des Grafen von Krakauen bei Krefeld. Er nahm sich vor, das schöne Menschenkind zu gewinnen, und machte sich alsbald auf die Fahrt. Als er an den Schloßteich kam, traf er ein altes Weib; das riet ihm, er solle rufen:

Fischlein, Fischlein, Timpatee,
hol mich rasch wohl über den See!

Er befolgte den Rat, und sogleich kam ein großer Fisch ans Ufer. Der König setzte sich auf seinen Rücken, und schnell trug ihn der Fisch übers Wasser.

Im Schloßgarten fand er die Königstochter. Sie wurde seine Liebste. Von nun an kam er Tag für Tag zu ihr. Eines Abends überraschte ihn der Graf, wie er gerade von seiner Liebsten Abschied genommen hatte und auf dem Rücken des Fisches davonschwamm. Voll Zorn griff der Graf nach seinem Bogen und durchbohrte den Zwerg mit einem Pfeil.

An diesem Abend wartete das Volk im Hülser Berg vergebens auf die Heimkehr seines Königs. Nach langem Suchen fanden seine Getreuen ihn tot im Schloßteich von Krakauen. Sie begruben ihn und sangen dabei einen seltsamen Grabgesang. jedesmal, wenn sie das Lied gesungen hatten, sprang einer von ihnen in das Wasser, bis sie alle ertrunken waren.

Der Sänger Arnold

Ein Wald, in dem der Kaiser Karl gern jagte, war der Burgel bei Arnoldsweiler; er ist so oft von Aachen dahin geritten, daß ein Feldweg durch die Lucherberger Mark zum Andenken daran noch heute Keseschpättche (Kalserspfädchen) genannt wird. Von diesem Burgel- oder Bürgelwald wird auch eine Schenkungsgeschichte erzählt, die sich auf einer Jagd Karls zugetragen hat.

Es war zu der Zeit ein Sänger ins Land gekommen, der Legende nach aus Griechenland, er hieß aber Arnold. Da er ein Meister in seiner Kunst war, wurde er am Hofe wohl aufgenommen. Alles aber, was er mit Singen und Saitenspiel gewann, verteilte er unter die Armen und Waisen. Einst ging König Karl mit seinem Gefolge bei Ginnezwilre (Arnoldsweiler) auf die Jagd. Da lag ein großer Wald, Burgel genannt; die Leute aber, die ringsum wohnten, hatten kein Holz und litten große Not dadurch, wagten aber keines aus dem Walde zu holen, da er zum Königsgut gehörte. Da sann der fromme Arnold, wie er ihnen helfen könnte.

Und eines Tages, als der König sich zu Tisch setzte, trat er zu ihm und erbat sich eine Gnade. Der König fragte, was es wäre, da sprach er.- »Ich bitte dich darum, daß du mir so viel von dem benachbarten Wald schenkst, als ich umreiten kann, während du an der Tafel sitztest. « Karl gewährte es ihm; der Sänger aber hatte schon vorher eine Anzahl der schnellsten Pferde rings um den Wald, den er zu erwerben gedachte, in gleichen Abständen aufgestellt, so daß er sofort, wenn ein Tier müde war, ein anderes besteigen konnte. So umritt er ein Waldstück zwei Meilen in die Länge und halb so breit; jedesmal aber, wenn er abstieg, zeichnete er eine hohe Eiche mit dem Schwert – die Marken sollen noch zu der Zeit, da diese Legende aufgezeichnet wurde (1637), zu sehen gewesen sein. Dann kehrte er voll Freude zurück, als Karl noch an der Tafel saß. Der König verwunderte sich über die Maßen, aber was er ihm zugesagt hatte, säumte er nicht zu erfüllen, zog einen Ring vom Finger und gab ihm mit diesem nach Königs Brauch vor aller Augen den Wald zu eigen. Der Sänger dankte ihm auf den Knien und flehte Gott um langes Leben und himmlischen Lohn für ihn an: »Wisse, Herr«, sprach er, »diese reiche Gabe wird dir für alle Zeit unvergessen sein, denn ich will sie dem Himmelsherrn darbringen für das Heil deiner und meiner Seele. «

Und nachdem er den Wald so durch Übergabe des Ringes empfangen, verteilte er ihn an die umliegenden Dörfer, deren Namen hier angeführt seien, damit kein Fremder und von dieser Schenkung Ausgeschlossener sich deren etwas anmaße: Arnoldsweiler, Ellen, Oberzier, Niederzier, Lich, Ober- und Niederembt, Angelsdorf, Elsdorf, Paffendorf, Glesch, Heppendorf, Sindorf, Manheim, Kerpen, Blazheim, Golzheim, Buir, Morschenich, Merzenich.

Auf seinen Wegen zum Bürgelwald soll der Kaiser auch über den Plan nachgedacht haben, eine große Stadt zu bauen, die von Aachen bis Düren reichte; soll es dann aber schweren Herzens der zu großen Kosten wegen aufgeben haben mit den Worten: »Ach weh, teuer! « Danach, so meinten die alten Leute früher dort, seien dann die Orte Aachen, Wehe und Düren benannt worden. Dagegen weiß man an vielen Orten des Landes um Aachen über die ganze Eifel und die Ardennen hin von einem Jagdschloß zu erzählen, das sich Karl da gebaut haben soll, so in Stolberg, Monschau, Karlshausen (im Kreise Bitburg) und Bertrad.

Die Leiter am Teufelskädrig

Es war an einem launischen Tage im Mai. Heulend trieb der Wind Regen und verspäteten Schnee vor sich her. Da kam der Ritter Sibo, Herr zu Lorch, von einem langen Ritt ermüdet zurück. Er hatte dem jungen Ruthelm, der das Waffenhandwerk bei ihm gelernt hatte, und nun zu seinem ersten Kriegszug ausritt, das Geleite gegeben.

Kaum hatte der Wächter das Tor hinter seinem Herrn geschlossen, da bat auch ein Fremder um Einlaß. Sibo war schlechter Laune und ließ ihn kurz abweisen. Der grobe Torwart schlug dem Unbekannten das Guckfenster vor der Nase zu und empfahl ihm höhnisch, unter der Zugbrücke zu übernachten.

Hell leuchtete am anderen Morgen die Maiensonne wieder, als des Burgherrn einziges Töchterlein, die zwölfjährige Gerlind, vor das Tor hinaussprang, um Blumen zu einem Frühlingsstrauß zu pflücken. Als das Kind um die Mittagsstunde noch nicht heimgekehrt war, schickte der Ritter Leute aus, um es zu suchen. Ganz niedergeschlagen und ohne Erfolg kehrten sie zurück. Da überfiel bange Sorge des Vaters Herz; mit seinen Knechten eilte er hinaus und durchforschte jeden Winkel in der ganzen Gegend. Doch alle Mühe war umsonst, nicht einmal eine Spur der Verlorenen ward gefunden. Endlich trafen die Suchenden einen Hirtenknaben, der das Kind frühmorgens am Fuße eines hohen Felsens, Kädrig genannt, gesehen hatte. »Mit einem Male«, so berichtete der Knabe, »kamen mehrere graue Männlein vom Felsen herabgesprungen, faßten das kleine Fräulein bei den Händen und stiegen mit ihm am Gestein empor.«

Wie Sibo nun vor dem steilen Berge stand und mit den Augen das glatte Gestein absuchte, da krampfte sich ihm das Herz zusammen vor Weh; eines Menschen Fuß, das sah er, konnte diesen Felsen nicht ersteigen. Endlich glaubte er hoch oben ein helles Gewand zu sehen. Er streckte die Arme sehnsüchtig aus und rief den Namen seines Kindes. Doch ein böses Lachen ertönte, und eine schrille Stimme rief: »Das ist der Dank für deine Gastfreundschaft!«

Alsbald versuchten beherzte Männer den Felsen zu erklimmen; aber auf halbem Wege mußten sie haltmachen, ja man hatte Mühe, sie aus ihrer gefährlichen Lage zu befreien. Als die Knechte des Ritters am anderen Morgen versuchten, mit Hacke und Meißel eine Treppen in den Felsen zu schlagen, da setzte sich über ihren Köpfen eine Steinrausche in Bewegung und vertrieb sie.

Sommer und Winter vergingen, der Kädrig wurde nicht erstiegen, und Sibos Haar wurde weiß vor Kummer und Sorge. Auf der vereinsamten Burg ging der unglückliche Vater umher mit gramdurchfurchten Zügen und trüben Augen. All das reiche Almosen, mit dem er Kirchen und Klöster beschenkte, konnte ihm nicht eine einzige frohe Stunde schaffen.

Vier lange Jahre waren verflossen, da kehrte der junge Ruthelm von seinem Kriegszuge zurück. Er war inzwischen zu einem kraftvollen Manne herangereift. Als er von Sibo vernahm, was am Tage nach seinem Weggang geschehen war, da rief er in froher Zuversicht: »Ich bringe Euch die Tochter wieder! Ich will sie den grauen Männlein schon entreißen! « Voll Zweifel, doch in leiser Hoffnung, entgegnete Sibo: »Wenn du sie befreist, dann darfst du mit ihr als deiner Braut einreiten durch die Tore von Lorch!«

Ohne Säumen begab sich Ruthelm an den Fuß des Kädrig. Scharfen Blickes späht er hinauf, um einen Weg zu finden, den trotzigen Felsen zu bezwingen. Da sah er auf einem Felsvorsprung ein graues Männlein sitzen, das sich den langen Bart strich und ihm lachend zurief: »Heda, der Junker will wohl hinaufsteigen, um sein Schätzchen zu suchen! Wenn er das fertig bringt, dann soll er das Mägdlein haben. Darauf kann er sich verlassen! « Im Augenblick verschwand der Graue im Gestein wie ein Mäuslein in altem Gemäuer.

Wie nun Ruthelm wieder emporblickte, da sah er über dem Berge einen Vogel seine Schwingen breiten, und er sprach vor sich hin: »Ach wäre ich doch ein Vogel, wie jener Falke, der so leicht um des Berges Gipfel kreist! « Da stand neben ihm ein Zwergenweiblein, sah ihn freundlich an und sagte: »Auch ohne Flügel wird es dir möglich sein, den Felsen zu ersteigen und die Gefangene zu befreien. Der dir das Mägdlein eben versprochen hat, ist mein Bruder; er wird Wort halten. Ich aber will dir verraten, wie du den Weg zur Höhe findest. Im Wispertal ist ein verfallener Stollen. Über seinem Eingang ist eine Buche mit einer Tanne dicht zusammengewachsen. Dort läute mit diesem Glöcklein, und es wird dir Hilfe werden.«

Schon nach wenig Stunden stand Ruthelm am Stolleneingang im Wispertal und schwang das Glöcklein. Da tauchte aus der Tiefe ein graues Männlein auf, das ein Grubenlicht in der Hand hielt. Ruthelm erzählte, wer ihn geschickt habe, und bat flehentlich um Hilfe. Der Alte sagte: »Wenn du Mut hast, dann komme morgen früh vor Tagesanbruch an den Kädrig!« Darauf steckte er zwei Finger in den Mund und pfiff, und sogleich raschelte es ringsum im Laube. Ruthelm sah eine ganze Schar von Männlein mit Axt und Säge, die mit einem Male wieder seinen Blicken entschwanden. Auf dem Heimwege aber vernahm er solch lauten Lärm im Walde, als ob hundert Holzhauer an der Arbeit wären.

Ehe die erste Morgenröte sich am Himmel zeigte, stand Ruthelm schon am Fuße des Kädrig und sah eine mächtig große Leiter, die am Felsen lehnte. Ohne Zögern begann er emporzusteigen. Als er aber nach einer Weile in den Abgrund schaute, da zitterten ihm die Knie vor Entsetzen. Doch er biß die Zähne zusammen und straffte die Muskeln, bis er endlich über die oberste Leitersprosse hinweg auf ebenen Boden gelangte und halb ohnmächtig vor übermäßiger Anstrengung zusammenbrach. Nach einigen Augenblicken der Ruhe schaute er um sich und sah ganz nahe eine Hütte. Dorthin lenkte er den Schritt. Wer beschreibt seine Freude, als er vor der Hütte auf einem Mooslager ein liebliches Mägdelein in tiefem Schlafe fand. Er erkannte in der Schlummernden die kleine Gefährtin seiner Kindertage kaum wieder, war sie doch zu einer blühenden Jungfrau herangewachsen. Leise ließ er sich neben ihr auf die Knie nieder und ergriff ihre Hand. Da öffnete sie die Augen und erkannte in freudigem Erschrecken den Jugendfreund. Ruthelm erzählte der Überglücklichen, daß er gekommen sei, um sie zu befreien und heimzuführen. Lange saßen die beiden zusammen in seliger Freude, bis sie endlich die Männlein gewahrten, die um sie herstanden. Der Anführer der Schar sprach zu Ruthelm: »Du hast nun die Braut gewonnen. Aber ehe du sie nach der Burg Lorch führen darfst, mußt du noch die Leiter hinabsteigen. Gerlind wirst du unten finden. Wenn du dann nach Lorch kommst, dann sage dem Alten, daß er für seine Ungastlichkeit nun genug gebüßt habe.«

Beim Abstieg hüllten freundliche Rheinnebel Ruthelm ein, so daß er den grausigen Abgrund zu seinen Füßen nicht sah. Sobald sein Fuß den Boden betrat, kam Gerlind an der Hand des Zwergenweibleins auf ihn zu. Beim Abschied drückte ihnen die Alte als Hochzeitsgeschenk ein Kästchen mit edlem Gestein in die Hand.

Der hochbeglückte Burgherr von Lorch fand nach der Wiedervereinigung mit seinem Kinde bald Gesundheit und Lebensmut wieder. Er richtete ein Hochzeitsfest, zu dem jedermann willkommen war. Wenn aber in Zukunft auf Burg Lorch ein Kindlein in der Wiege lag, dann erschien jedesmal bei Gerlind und Ruthelm die Alte mit kostbaren Geschenken und erfreute sich am Anblick des jungen Lebens.

Der Binger Mäuseturm

Zu Bingen ragt mitten aus dem Rhein ein hoher Turm, von dem nachstehende Sage umgeht. Im Jahr 974 ward große Teuerung in Deutschland, daß die Menschen aus Not Katzen und Hunde aßen und doch viel Leute Hungers sturben. Da war ein Bischof zu Mainz, der hieß Hatto der andere, ein Geizhals, dachte nur daran, seinen Schatz zu mehren und sah zu, wie die armen Leute auf der Gasse niederfielen und bei Haufen zu den Brotbänken liefen und das Brot nahmen mit Gewalt. Aber kein Erbarmen kam in den Bischof, sondern er sprach: »Lasset alle Arme und Dürftige sammlen in einer Scheune vor der Stadt, ich will sie speisen.« Und wie sie in die Scheune gegangen waren, schloß er die Türe zu, steckte mit Feuer an und verbrannte die Scheune samt den armen Leuten. Als nun die Menschen unter den Flammen wimmerten und jammerten, rief Bischof Hatto: »Hört, hört, wie die Mäuse pfeifen! « Allein Gott der Herr plagte ihn bald, daß die Mäuse Tag und Nacht über ihn liefen und an ihm fraßen, und vermochte sich mit aller seiner Gewalt nicht wider sie behalten und bewahren. Da wußte er endlich keinen andern Rat, als er ließ einen Turm bei Bingen mitten in den Rhein bauen, der noch heutiges Tags zu sehen ist, und meinte sich darin zu fristen, aber die Mäuse schwummen durch den Strom heran, erklommen den Turm und fraßen den Bischof lebendig auf.

Auf dem Drachenfels

In alten Zeiten, als an den Ufern des Rheins noch Heiden wohnten, hauste im Siebengebirge ein furchtbarer Drache, dem man tagtäglich Menschenopfer darbrachte. Meist waren es arme Kriegsgefangene, die ihm vorgeworfen wurden. Unweit der Höhle band man sie fest an einen Baum, unter dem ein Altar aufgemauert war. Zur Zeit der Abenddämmerung kam das Ungeheuer hervor und verschlang gierig die Opfer.

Einst brachten die Bewohner des Landes von einem Kriegszuge eine christliche Jungfrau von großer Schönheit als Gefangene mit. Da sich die Anführer über den Besitz der Beute nicht einigen konnten, wurde die Unglückliche als Opfer für den Drachen bestimmt. Auf dem Altarsteine wurde sie, in weißem Gewande, wie eine Braut geschmückt, festgebunden. Ruhig stand sie da, ergeben in Gottes Willen. Aus der Ferne blickte das Volk wie gebannt nach der furchtbaren Stätte.

Als die letzten Strahlen der untergehenden Sonne auf den Eingang der Höhle fielen, kam mit glühendem Atem der Drache hervor und kroch nach dem Altare, um sein Opfer zu verschlingen. Doch auch da verzagte die edle Jungfrau nicht. Zuversichtlich hielt sie ihr Kreuzlein empor. Vor diesem Zeichen wich das Untier zurück; brüllend und schnaubend stürzte es sich den Felsen hinab in den Rhein.

Voll Staunen und Freude eilte das Volk herbei, um die Jungfrau zu befreien. Es bewunderte gar sehr die Macht des Christengottes und ließ die Gerettete frei in die Heimat zurückziehen.

Die Felsenkirche

Auf steilem Felsen über dem Nahestädtchen Oberstein stand in alten Zeiten ein stolzes Grafenschloß. Dort lebten einmal zwei Brüder, Emich und Wyrich, die waren einander in treuer Liebe zugetan. Bei einem Turnier, auf dem sie Seite an Seite kämpften und sich hohen Ruhm erwarben, lernten sie ein junges Edelfräulein von der Burg Lichtenberg kennen. Das Schicksal fügte es, daß beide die Schöne liebgewannen. Mit der Liebe zog aber auch die Eifersucht in ihre Herzen ein, und es dauerte nicht lange, da schauten sie sich nicht mehr mit freundlichen Augen an. Als der Zufall sie einmal im Erkerzimmer der Burg zusammenführte, da flammte der Haß zwischen ihnen wild auf. Wyrich packte den Bruder und schleuderte ihn hinab in den schauerlichen Abgrund. Mit zerschmetterten Gliedern blieb Emich am Fuße des Burgfelsens tot liegen.

Die furchtbare Tat lastete schwer auf dem Mörder, und das vergossene Bruderblut ließ ihn nicht mehr zur Ruhe kommen. Wie Kain irrte er unstet und flüchtig umher. Auch eine Fahrt ins heilige Land brachte seiner Seele den Frieden nicht. Da traf er einmal einen Einsiedler, dem er seine bittere Herzensnot klagte. Der kluge Greis gab ihm den Rat: »Achte auf deinen nächsten Traum. Was Gott dir in seiner Weisheit und Güte eingeben wird, das tue!«

Bald nachher sah der Ritter im Schlafe sich selbst, wie er mit Meißel und Hammer eine Grotte in einen Felsen schlug und in die tiefe Höhlung eine Kirche baute. Als er erwachte, erinnerte er sich an den Rat des Klausners und machte sich sofort ans Werk. Mit unermüdlichem Fleiß führte er am steilen Hange über der rauschenden Nahe Schlag auf Schlag gegen den harten Felsen. Oft wollten ihm die müden Hände beinahe den Dienst versagen, doch nach einem kurzen Gebet griff er immer wieder mit neuem Mute nach Brecheisen und Schlägel. An einem heißen Sommertag sehnte er sich bei der harten Arbeit nach einem Trunke frischen Wassers. Siehe, da sprudelte aus einem Felsspalt eine klare Quelle hervor. »Herr, du bist gütig und allmächtig«, sprach der Ritter voll Zuversicht, als er das wunderbare Zeichen sah, »du kannst mir auch Verzeihung meiner schweren Sünde gewähren.« Mit allen Kräften arbeitete er nun weiter, und noch vor Ablauf eines Jahres war die Kirche vollendet.

Als am Morgen des Einweihungstages der Priester, der das erste heilige Opfer in der neuen Kirche darbringen sollte, zum Altare schritt, da fand er den Ritter tot an den Stufen des Heiligtums. Sanfter Friede verklärte das bleiche Antlitz.

Der Ring im See bei Aachen

Petrarcha, auf seiner Reise durch Deutschland, hörte von den Priestern zu Aachen eine Geschichte erzählen, die sie für wahrhaft ausgaben, und die sich von Mund zu Munde fortgepflanzt haben sollte. Vor Zeiten verliebte sich Karl der Große in eine gemeine Frau so heftig, daß er alle seine Taten vergaß, seine Geschäfte liegen ließ, und selbst seinen eigenen Leib darüber vernachlässigte. Sein ganzer Hof war verlegen und mißmutig über diese Leidenschaft, die gar nicht nachließ; endlich verfiel die geliebte Frau in eine Krankheit und starb. Vergeblich hoffte man aber, daß der Kaiser nunmehr seine Liebe aufgeben würde: sondern er saß bei dem Leichnam, küßte und umarmte ihn, und redete zu ihm, als ob er noch lebendig wäre. Die Tote hub an zu riechen und in Fäulnis überzugehen; nichtsdestoweniger ließ der Kaiser nicht von ihr ab. Da ahnte Turpin der Erzbischof, es müsse darunter eine Zauberei walten; daher, als Karl eines Tages das Zimmer verlassen hatte, befühlte er den Leib der toten Frau allerseits, ob er nichts entdecken könnte; endlich fand er im Munde unter der Zunge einen Ring, den nahm er weg. Als nun der Kaiser in das Zimmer wiederkehrte, tat er erstaunt, wie ein Aufwachender aus tiefem Schlafe, und fragte »Wer hat diesen stinkenden Leichnam hereingetragen?« und befahl zur Stunde, daß man ihn bestatten solle. Dies geschah, allein nunmehr wandte sich die Zuneigung des Kaisers auf den Erzbischof, dem er allenthalben folgte, wohin er ging. Als der weise, fromme Mann dieses merkte und die Kraft des Ringes erkannte, fürchtete er, daß er einmal in unrechte Hände fiele, nahm und warf ihn in einen See, nah bei der Stadt. Seit der Zeit, sagt man, gewann der Kaiser den Ort so lieb: daß er nicht mehr aus der Stadt Aachen weichen wollte, ein kaiserliches Schloß und einen Münster da bauen ließ, und in jenem seine übrige Lebenszeit zubrachte; in diesem aber nach seinem Tode begraben sein wollte. Auch verordnete er, daß alle seine Nachfolger in dieser Stadt sich zuerst sollten salben und weihen lassen.

Die Rosen von Altenberg

Im Hochaltar des Domes zu Altenberg befanden sich früher im gemalten Holzschnitzwerk zwei Rosen, eine weiße und eine rote, mit denen hat es folgende Bewandtnis.

Ein Bruder des Klosters lag einst schwer leidend darnieder, und mit ihm flehten alle übrigen Brüder, daß ihn der Himmel durch den Tod von seinem Schmerzenslager bald erlösen möge. Da sproßte im Mönchschor, wo der kranke Bruder gewöhnlich zu sitzen und zu beten pflegte, eine weiße Rose hervor. Drei Stunden darnach starb der Kranke. Seitdem wiederholte sich das Zeichen. Stets fand derjenige, welchem der Tod bevorstand, drei Stunden vor einem Ende eine weiße Rose auf seinem Platze. Dies währte so lange, bis einst ein junger, lebenslustiger Mönch, der dieses Todeszeichen auf seinem Stuhle fand, es seinem Nachbar hinschob. Da ward die weiße Rose plötzlich rot, wie von Blut übergossen, und beide Mönche starben darauf.

Seit dieser Zeit erschien das Zeichen nicht mehr.

Der Zauberring

In der Nähe des Klosters von Grevenmacher an der Mosel wohnte einst ein Mann, der einen Zauberring besaß. Sein Nachbar, ein reicher Bauer, hatte sich mit den Klosterherren entzweit. Um den Abt einmal ungestraft gründlich ärgern zu können, erbat der Streitsüchtige sich für einen Tag den Zauberring. Nur mit großem Widerstreben ging der Besitzer des Ringes darauf ein, mußte er doch während der ganzen Zeit, in der er das seltsame Schmuckstück nicht am Finger hatte, ständig in tiefem Schlafe liegen. Nur durch große Versprechungen ließ er sich schließlich bewegen, den Wunsch des Zudringlichen zu erfüllen.

Als dann der Bauer den schmalen Eisenreifen über den Finger streifte, ward er sogleich in eine Katze verwandelt. Kaum war es dunkel geworden, da kletterte er an dem Weinstocke des Klostergebäudes bis zu der Fensterbank vor des Prälaten Studierzimmer, öffnete den Fensterriegel, indem er die Pfote durch eine zerbrochene Scheibe hineinsteckte, warf voll Schadenfreude Bücher und Schriftwerk vom Schreibtisch auf den Boden und goß das bis an den Rand gefüllte Tintenfaß darüber aus.

Zweimal wiederholte er den Schabernack, der den Abt weidlich in Harnisch brachte. Beim vierten Male aber ging es ihm übel. Der gewitzte Prälat stand hinter dem Fenstervorhang auf der Lauer. Wie nun die Pfote durch die Scheibe hineinlangte, hieb er sie blitzschnell mit einem großen Messer ab und verbrannte sie im Kamin.

Seit diesem Tage schleicht die Katze noch immer umher und sucht die verlorene Pfote, um den Zauber lösen zu können; in dem Häuschen neben dem Kloster aber schlief bis zu seinem Tode jener törichte Mann, der seinen Zauberring verliehen hatte.

Der Mäuseturm

Wo aus dem Rheinstrom unterhalb von Bingen weiße Klippen gefahrdrohend emporragen und nur einen schmalen Raum – das sogenannte Binger Loch – für die Durchfahrt freilassen, da erhebt sich in der Nähe der Ruine Ehrenfels und unweit des Rheinsteins inmitten der schäumenden Fluten ein finsteres, halbzertrümmertes Gemäuer. Es ist »Hattos Turm«. Von Eulen und Fledermäusen umflattert, erscheint er dem Beschauer wie das Haus eines Bösen, wie das Denkmal eines ungeheuren Frevels. »Mäuseturm« nennt die Sage jenes Gemäuer, von dem der Schiffer mit Grauen das Gesicht abwendet.

Einst lebte zu Mainz ein Erzbischof namens Hatto, dessen Herz rauh und hart war und unempfänglich gegen die Not der Bedrängten. Um diese Zeit brach am Rhein und rings in der Gegend eine große Hungersnot aus, so daß viele Menschen umkamen. Der Bischof jedoch, dessen Speicher mit Korn gefüllt waren, öffnete diese dem Wucher, aber nicht den Armen seines weiten Sprengels.

Als nun die Not seiner Untertanen größer und größer wurde, fielen sie in Scharen zusammen und flehten den gefühllosen Mann um Erbarmen und Nahrung an, und als dies umsonst war, murrten sie und fluchten in ohnmächtiger Wut dem Tyrannen. Und ob sein Herz sich nicht vor Mitleid regte, wurde es doch rege vor Zorn. Er ergrimmte und schickte seine Schergen aus, um die Murrenden zu fangen, sperrte sie in eine große Scheune ein und ließ Feuer daranlegen. Als die Unglücklichen von den Flammen ergriffen wurden und ihr Todesgeschrei bis in den Bischofspalast drang, bis herauf an die Ohren des Unmenschen und aller derjenigen, die mit ihm an der üppigen Tafel saßen, da rief er in teuflischem Hohn: »Hört ihr die Kornmäuslein unten pfeifen?«

Aber still wurde es unten, und die Sonne verhüllte ihr Antlitz. Im Saal wurde es dunkel, und die angezündeten Kerzen vermochten nicht, die Dämmerung zu durchbrechen, die den finsteren Mann von nun an umlagerte. Und siehe! Im Saal begann es sich zu regen, und aus allen Winkeln, aus den Ritzen des Fußbodens, zu den Fenstern herein und von der Decke herab krochen und liefen Scharen nagender Mäuse und erfüllten alsbald alle Gemächer des Palastes. Ohne Scheu sprangen sie auf die Tische und benagten die Speisen vor den Augen der erstaunten Versammlung. Immer neue kamen hinzu, und nicht die Brosamen auf der Tafel blieben verschont und nicht der Bissen, der zum Munde geführt wurde.

Da ergriffen Furcht und Entsetzen alle, die das sahen, und seine Freunde, seine Knechte und Mägde flohen die Nähe des Geächteten.

Der Bischof aber wollte entrinnen, bestieg ein Schiff und fuhr den Rhein hinab bis zu jenem Turm, der von den Wellen des Stroms umspült wird. Dort wähnte er sich vor seinen unersättlichen Peinigern sicher. Doch Tausende von Mäusen krochen wiederum mit Gepfeife aus alIen Wänden hervor. Vergebens erstieg er bebend vor Angst, stumm vor Entsetzen die höchste Warte. Auch dahin folgten sie ihm, und heißhungrig fielen sie den unmenschlichen Spötter an. Bald war nichts nichts von ihm übrig.

So lautet die Sage von jenem einsamen Turm mitten im Rhein.

Die glühenden Kohlen

In der Nähe eines Franziskanerklosters vor den Toren von Adenau wohnte einmal ein armer Bauersmann, dessen Weib in jungen Jahren gestorben war. Gern hätte der Witwer die Magd, die ihm das Hauswesen führte, und die er wegen ihre Tugendhaftigkeit und Schönheit von Herzen lieb gewonnen hatte, zum Weibe genommen. Doch er brachte es nicht über sich, das junge Blut zum Genossen seiner Dürftigkeit und Not zu machen.

Es war an einem frühen Morgen in der Adventszeit. Der Bauer hatte mit seiner Magd die Roratemesse in der nahen Klosterkirche besucht. Nach der Heimkehr machte er sich im Stalle zu schaffen, während die Magd in die Küche ging, um das Essen zu bereiten. Zu ihrem größten Erstaunen war die Glut auf der Herdstätte erloschen. Sie eilte sogleich mit der Kohlenpfanne nach der Klosterküche, um neue Glut zu holen. Doch siehe, am Wegrande vor der Klostermauer loderte ein helles Feuer empor. Schnell füllte sie die Pfanne mit glühenden Kohlen und lief nach Hause. Als sie wieder am Herde stand, waren die eben noch brennenden Holzkohlen kalt und schwarz geworden. Auch beim zweiten und dritten Versuch, mit frischer Glut vom Feuer am Wege die Herdflamme wieder zu entfachen, hatte sie keinen Erfolg.

Unterdessen kam der Hausherr, und die Magd erzählte ihm ihr sonderbares Erlebnis. Prüfend schauten beide nach dem Herde. Da sahen sie anstatt der schwarzen Kohlen einen Haufen puren Goldes. Der arme Bauer war nun ein wohlhabender Mann. Dankbaren Herzens machte er dem Kloster ein reiches Geschenk und vermählte sich mit der treuen Magd.

Die krummbeinigen von Solingen

An der Wupper, in der Nähe von Solingen, lag ein Schleifkotten, welcher von einer armen Schleiferfamilie bewohnt war. Wenn diese Familie einen Feiertag beging, wurde Reisbrei gekocht.

Allmählich wuchs die Familie immer mehr an, und der alte Topf wurde bald zu klein. Einen neuen, größeren Topf konnte der Schleifer nicht kaufen. Dazu reichten seine Mittel nicht.

Nun wohnten in dem gegenüberliegenden Berge die Heinzelmännchen, welche viele Töpfe, große und kleine, besaßen. Dort lieh nun unsere Schleiferfamilie jedesmal einen großen Topf, wenn wieder Reis für die Familie gekocht werden sollte. Einen Rest der Speisen ließ man den Heinzelmännchen jedesmal aus Dankbarkeit im Topf zurück. So bestand lange ein freundnachbarlicher Verkehr zwischen den Schleifersleuten und den Heinzelmännchen.

Die Kunde davon verbreitete sich auch in Solingen, und einige der dortigen Schleifer beschlossen, auch einmal einen Topf von den liebenswürdigen Heinzelmännchen zu leihen. Gesagt, getan. Als sie aber den Topf zurückbrachten, ließen sie keinen Rest der Speisen zurück, sondern verunreinigten den Topf mit menschlichem Unrat. Das erbitterte die Heinzelmännchen derart, daß sie die Solinger Einwohner verfluchten und ihnen für alle Zukunft krumme Beine wünschten.

Der Fluch ging in Erfüllung. Und seit jener Zeit sind die Solinger krummbeinig.

Die Kanzel-Ley bei Nideggen

In einer Felsenhöhle bei Schloß Nideggen brachte in alter Zeit ein Eremit seine Tage mit Gebet und Bußübungen zu. Jeden Sonntag hielt er dem von nah und fern herbeiströmenden Volke eine erbauliche Predigt über Gottes Wort. Als Predigtstuhl diente ihm ein Felsblock, die Kanzel-Ley; rings im Kreise standen die andächtig lauschenden Zuhörer.

Da geschah es einmal, daß der Prediger eine halbe Stunde später zum gewohnten Dienste kam. Zu seinem größten Erstaunen sah der Herbeieilende auf seiner Felsenkanzel inmitten des zahlreich versammelten Volks einen Kuttenträger, der in Gestalt und Gesichtszügen sein leibhaftiges Ebenbild war. Auch glaubte er seine eigene Stimme zu vernehmen.

»Das kann nur der Teufel sein! « dachte der Klausner und hob sein Kreuz hoch empor vor des Predigers Gesicht. Der sprang mit einem gewaltigen Satze vom Predigtstuhl und entfernte sich eilenden Laufes mit flatternder Kutte, indem er den einen Fuß etwas nachzog. Bei Kühlenbusch kam er an eine breite Schlucht. Er schätzte in seiner Hast die Entfernung bis zum jenseitigen Rande zu kurz und sprang, statt oben auf den Rasen, unten auf ein Felsstück, wobei sich sein Pferdehuf tief in das Gestein drückte. Noch heute ist jene Stelle, »Düvelstrett«, zu sehen.

Das Schwanschiff am Rhein

Im Jahr 711 lebte Dieterichs, des Herzogen zu Kleve, einzige Tochter Beatrix, ihr Vater war gestorben, und sie war Frau über Kleve und viel Lande mehr. Zu einer Zeit saß diese Jungfrau auf der Burg von Nimwegen, es war schön, klar Wetter, sie schaute in den Rhein, und sah da ein wunderlich Ding. Ein weißer Schwan trieb den Fluß abwärts, und am Halse hatte er eine goldne Kette. An der Kette hing ein Schiffchen, das er fortzog, darin ein schöner Mann saß. Er hatte ein goldnes Schwert in der Hand, ein Jagdhorn um sich hängen, und einen köstlichen Ring am Finger. Dieser Jüngling trat aus dem Schifflein ans Land, und hatte viel Worte mit der Jungfrau, und sagte: daß er ihr Land schirmen sollte, und ihre Feinde vertreiben. Dieser Jüngling behagte ihr so wohl, daß se ihn liebgewann und zum Manne nahm. Aber er sprach zu ihr: »Fraget mich nie nach meinem Geschlecht und Herkommen; denn wo ihr danach fraget, werdet ihr mein los und ledig, und mich nimmer sehen.« Und er sagte ihr, daß er Hellas hieße; er war groß vom Leibe, gleich einem Riesen. Sie hatten nun mehrere Kinder mit einander. Nach einer Zeit aber, so lag dieser Helias bei Nacht neben seiner Frau im Bette, und die Gräfin fragte unachtsam, und sprach: »Herr, solltet ihr euren Kindern nicht sagen wollen, wo ihr herstammet?« Über das Wort verließ er die Frau, sprang in das Schwanenschiff hinein, und fuhr fort, wurde auch nicht wieder gesehen. Die Frau grämte sich, und starb aus Reue noch das nämliche Jahr. Den Kindern aber soll er die drei Stücke, Schwert, Horn und Ring zurück gelassen haben. Seine Nachkommen sind noch vorhanden, und im Schloß zu Kleve stehet ein hoher Turm, auf dessen Gipfel ein Schwan sich drehet; genannt der Schwanthurm, zum Andenken der Begebenheit.

Das Eberhardsfäßchen

Der fromme Einsiedler Eberhard errichtete an der Stelle, wo heute der weitbekannte Wallfahrtsort Klausen liegt, zur Ehre der Gottesmutter eine schlichte Kapelle. Rasch ging der Bau vonstatten; denn von allen Seiten eilten die Landleute herbei und halfen an dem gottseligen Werke. Es war mitten in der Sommerzeit, und Eberhard hatte von der Mosel ein Fäßlein guten Weines besorgt, um die Arbeiter von Zeit zu Zeit mit einem kühlen Trunk zu erquicken. Als aber an einem Tage die Sonne besonders heiß vom Himmel brannte, ging der Wein zur Neige. Der vorsorgliche Bauherr hatte zwar zeitig nach einem zweiten Fäßchen gesandt, doch es war noch nicht angekommen. Da fingen die Bauleute an zu murren und drohten fortzugehen. In dieser Not wendete sich der Einsiedler an die himmlische Mutter. Er betete: »Liebe Mutter, ich habe das Meinige getan, die Reihe ist jetzt an dir; hilf mir in meiner großen Not.« Und siehe, sein Gebet wurde erhört; das eben noch leere Fäßchen war wieder bis zum Spundloch voll des besten Weines.

Die Nachricht von diesem großen Wunder verbreitete sich rasch in der ganzen Gegend. Noch heute ist es im Mosellande Sitte, sich bei Hitze und Durst ein Eberhardsfäßchen zu wünschen.

Der Bernkasteler Doktor

Auf seiner schönen Burg Landshut lag Erzbischof Boemund schwer krank danieder; vergebens hatten die Ärzte ihre Kunst an ihm versucht, unrettbar schien er dem Tode verfallen.

Da versprach der Kirchenfürst hohen Lohn dem, der ihm noch helfen könne. Ein schlichter Bürger aus Bernkastel hörte das. Gar feinen Wein hatte er im Keller; er nahm ein Fäßlein vom Allerbesten und trug es keuchend hinauf zur kurfürstlichen Burg. Erst wollte man ihm hier den Eintritt verwehren, doch als er dringlich vorgab, er sei der rechte Doktor, der den Kurfürsten ganz gewiß wieder gesund machen könne, ward er eingelassen. Vor dem Krankenbette schlug er den Kran ins Fäßlein, füllte einen Becher mit perlendem Wein und reichte ihn dem Kurfürsten mit den Worten: »Wer von diesem Wein trinkt, der muß gesund werden. Das ist der rechte Doktor! «

Erst nippte der Kranke, dann schlürfte er, dann tat er einen langen Zug. Als der Becher geleert war, sprach er: »Reich mir noch mehr von dieser guten Arznei! Ich fühle, wie sie mir wohlig durch die Adern rinnt.« Nun trank er weiter von dem köstlichen Lebenselixier, und schon nach kurzer Zeit konnte er völlig genesen vom langen Krankenlager aufstehen.

Noch heute rühmt man jenen Wein als den »Bernkasteler Doktor«.

Karls Rückkehr aus Ungarn

Als König Karl nach Ungarn und der Walachei fahren wollte, die Heiden zu bekehren, gelobte er seiner Frau, in zehn Jahren heimzukehren. Käme er in dieser Zeit nicht, so sollte sie seinen Tod für gewiß halten. Würde er ihr aber durch einen Boten sein golden Fingerlein zusenden, dann möge sie auf alles vertrauen, was er ihr durch denselben entbieten lasse. Nun geschah es, daß der König schon über neun Jahre ausgewesen war, da begann der Unfriede in den Ländern am Rhein; Raub und Brandschatzungen wollten nicht aufhören. Die Herren gingen zur Königin und baten, daß sie sich einen andern Gemahl auswähle, der das Reich beschützen könne. Die Königin aber wollte ihrem Gemahl nicht untreu werden und nichts tun, eh‘ er das Wahrzeichen gesandt hätte. Doch die Herren drängten so lange, bis sie endlich nachgab. Gott der Herr aber sandte einen Engel an König Karl nach Ungarland, der es ihm kundtat. Wie der König aber verzagte, daß er in drei Tagen sollte heimkehren können, sprach der Engel: »Weißt du nicht, Gott kann tun, was er will? Geh zu deinem Schreiber, der hat ein gutes starkes Pferd, das du ihm abgewinnen mußt; das soll dich in einem Tag tragen über Moos und Heide bis in die Stadt zu Raab, das sei dein erster Tagesritt. Den andern Morgen sollst du früh ausreiten die Donau hinauf bis gen Passau; das sei der nächste Tagesritt. Zu Passau sollst du dein Pferd lassen; der Wirt, bei dem du einkehrst, hat ein schön Füllen; das kauf ihm ab, es wird dich den dritten Tag bis in dein Land tragen.«

Der Kaiser tat, wie ihm geboten war und ritt in einem Tag von der Bulgarei bis nach Raab, und den zweiten kam er nach Passau. Der Wirt, bei dem er abends, als das Vieh einging, das Füllen sah und es kaufen wollte, gab es ihm aber erst nicht, weil es noch zu jung sei und er zu schwer dafür. Erst als der Gast ihn zum drittenmal darum anging, ließ er es ihm gegen dessen Pferd.

Also machte sich der König des dritten Tages auf und ritt schnell und unaufhaltsam bis gen Aachen vor das Burgtor; da kehrte er bei einem Wirt ein. Überall in der ganzen Stadt hörte er einen fröhlichen Lärm, der kam vom Singen und Tanzen. Da fragte er, was das wäre. Der Wirt sprach: »Eine große Hochzeit soll heute gefeiert werden, denn unsere Frau wird einem reichen König anvermählt; da wird große Kost gemacht, und jungen und Alten, Armen und Reichen Brot und Wein gereicht, und Futter wird vor die Pferde geschüttet.« Der König sprach: »Hier will ich mein Gemach haben und mich nicht um die Speise bekümmern, die sie in der Stadt austeilen; kauft mir für mein Guldenpfennig, was ich bedarf, schafft mir viel und genug.« Als der Wirt das Gold sah, sagte er bei sich selbst: »Das ist ein Edelmann, wie ich noch keinen erblickte!« Nachdem die Speise köstlich und reichlich zugerichtet und Karl zu Tisch gesessen war, forderte er einen Wächter vom Wirt, der sein des Nachts über pflege, und legte sich zu Bette. In dem Bette aber liegend, rief er den Wächter, und mahnte ihn: »Wann man den Singos im Dom läuten wird, sollst du mich wecken, daß ich das Läuten höre; dies gülden Fingerlein will ich dir zum Lohn geben.« Als nun der Wächter die Glocke vernahm, trat er ans Bett vor den schlafenden König: »Wohlan, Herr, gebt mir meinen Lohn, eben läuten sie den Singos im Dom.« Schnell stand dieser auf, legte ein reiches Gewand an und bat den Wirt, ihn zu begleiten. Dann nahm er ihn bei der Hand, und ging mit ihm vor das Burgtor, es lagen starke Riegel davor. »Herr«, sprach der Wirt, »ihr müßt unten durchschlüpfen, aber dann wird euer Gewand kotig werden.« – »Daraus mach ich mir wenig, und würde es ganz zerrissen.« So krochen sie unterm Tor hindurch; der König voll weisen Sinnes hieß den Wirt um den Dom gehen, während er selber in den Dom ging. Nun galt in Franken das Recht, »wer auf dem Stuhl im Dom sitzt, der muß König sein«. Das erschien ihm gut, er setzte sich auf den Stuhl, zog sein Schwert und legte es nackt über seine Knie. Da trat der Mesner in den Dom und wollte die Bücher bereitlegen; als er aber den König sitzen sah mit blankem Schwert und stillschweigend, begann er zu zagen, und verkündete eilends dem Priester: »Als ich zum Altar ging, sah ich einen greisen Mann mit bloßem Schwert über die Knie auf dem gesegneten Stuhl sitzen.« Die Domherren wollten dem Mesner nicht glauben; einer von ihnen ergriff ein Licht und ging unverzagt zu dem Stuhle. Als er die Wahrheit sah, wie der greise Mann auf dem Stuhle saß, warf er das Licht aus der Hand, und floh erschrocken zum Bischof. Der Bischof ließ sich zwei Kerzen von Knechten tragen, die mußten ihm zum Dom leuchten; da sah er den Mann auf dem Stuhle sitzen und sprach furchtsam: »Ihr sollt mir sagen, was Mannes Ihr seid, geheuer oder ungeheuer, und wer Euch ein Leids getan, daß Ihr an dieser Stätte sitzt?« Da hob der König an: »Ich war Euch wohl bekannt, als ich König Karl hieß, an Gewalt war keiner über mir! « Mit diesen Worten trat er dem Bischof näher, daß er ihn recht ansehen könne. Da rief der Bischof: »Willkommen, liebster Herr! Eurer Kunft will ich froh sein«, umfing ihn mit seinen Armen und leitete ihn in sein reiches Haus. Da wurden alle Glocken geläutet, und die Hochzeitsgäste fragten, was der Schall bedeute. Als sie aber hörten, daß König Karl zurückgekehrt sei, stoben sie auseinander, und jeder suchte sein Heil in der Flucht. Doch der Bischof bat, daß ihnen der König Friede gäbe und der Königin wieder hold würde, es sei ohne ihre Schuld geschehen. Da gewährte Karl die Bitte, und gab der Königin seine Huld.

Vorahnungen

Bei Rabevormwald liegt eine Stelle, Bu (=Bau) genannt, weil dort vor Zeiten ein gar wunderliches Bauwerk stand. Dasselbe brannte im Jahre 1863 oder 1864 ab, wobei eine ganze Familie, und zwar Vater, Mutter und Sohn unter merkwürdigen Umständen verbrannten.

Zwei Monate vorher hatten Leute, welche von Rade kamen, an jenem Platze Feuer gesehen. Sie eilten herzu, um rettende Hand anzulegen; aber es stellte sich heraus, daß es gar nicht brannte.

Etwas später vernahm man an jener Stelle ein furchtbares Jammergeschrei. Als man aber näher kam, war wiederum alle Besorgnis grundlos.

Noch einige Tage darnach sah man in der benachbarten Lunenmühle eine Person herankommen, gehüllt in ein großes, weißes Tuch. Die Person kam näher und näher und zerrann plötzlich vor den Augen der entsetzten Bewohner der Mühle.

Bei jenem schon angedeuteten Brande trugen sich alle diese angedeuteten Einzelheiten zu. Wie das Gerede ging, hatten die Bewohner selbst das Haus angezündet; und trotzdem fanden drei Personen dabei ihren Tod. Der Vater hatte vergessen, sein Geld zu retten. Er stürzte mit seinem Sohne durch die Flammen in das Haus hinein. Da er aber den Sprung vom Söller nicht wagen wollte, wie jener, so eilte er hinab und fand auch glücklich wieder den Weg ins Freie. Aber in demselben Augenblick, als sein flüchtiger Fuß das brennende Haus verlassen wollte, stürzte ein Teil des brennenden Daches auf ihn herab, ihn unter Trümmern und Feuergarben begrabend. Aber nochmals raffte er sich auf, hüllte sich in ein großes, weißes Tuch, und schleppte sich, über und über mit Brandwunden bedeckt, zur Lunenmühle hin, wo er kurz darauf seinen Verletzungen erlag.

Auch die Mutter geriet, als sie sich zu eifrig an der Bergung von ihrem Hab und Gut beteiligte, in Brand. Ihr entsetzliches Jammergeschrei verhallte anfangs ungehört; als man endlich hinzueilte, glich sie einer brennenden Säule. Man wälzte sie zum nahen Bach hin, um die Flammen zu löschen. Dabei verbrannte der Sohn seine Augen. Die Mutter starb. Dem Sohn verheimlichte man bis zum Begräbnistage den Tod seiner Eltern. Als man aber die Totengesänge anstimmte, erkannte er den wahren Sachverhalt und brach in ein entsetzliches Klagegeschrei aus. Auch er fand bald darnach seinen Tod.

Dieser schreckliche Brand erfolgte am hellen Tage.

Der Pfeil

Gegen Ende des 9. Jahrhunderts lebte in der Nähe von Laon in Frankreich der reiche Ritter Nithard mit seiner edlen Gemahlin Erkanfrieda. Er diente Gott mit Gebet und guten Werken und war seinen Untertanen ein milder und gerechter Herr. Alles, was er unternahm, gelang ihm, und sein Glück wäre vollkommen gewesen, wenn Gott ihm einen Erben geschenkt hätte.

Als seine Tage sich dem Ende zuneigten, faßte er den Entschluß, seine Güter einem Kloster zu übertragen, damit sie zu guten und wohltätigen Zwecken verwandt würden. Um die richtige Wahl zu treffen, zog er seinen Beichtvater zu Rate. Der sprach zu ihm. »Nimm aus deinem Köcher einen Pfeil und schieß ihn ab. Die Lüfte werden ihn weitertragen über Berg und Tal. Dem Kloster, in dessen Bereich er niederfällt, schenke deinen Reichtum.«

Der Vorschlag gefiel dem Ritter, und er veranstaltete auf seiner Burg ein großes Fest, das sieben Tage dauerte. Am letzten Tage wollte er den Pfeil abschießen. Er versammelte seine Gäste um sich und stieg mit ihnen den Burgberg hinab ins Tal zu einem sagenumwobenen Felsen. Dort befestigte er die Schenkungsurkunde an einem Pfeil. Bevor er ihn in die Lüfte sandte, sprach der Burgkaplan zu der harrenden Menge: »Nithard übt ein edles Werk. Lasset uns zum Herrn beten, daß es recht gelingen möge! « Alle knieten nieder und beteten andächtig. Dann bestieg Nithard den Felsen und schoß den Pfeil ab hoch in die Wolken. Im gleichen Augenblick öffnete sich der Himmel, lieblicher Gesang ertönte, ein strahlender Engel stieg hernieder, fing den Pfeil auf und trug ihn durch die Lüfte davon.

Zur selben Stunde stand im fernen Eifelkloster Prüm Abt Ansbald am Altare und feierte das heilige Opfer. Auf einmal erfüllten süße Klänge das Gotteshaus. In hehrem Glanze schwebte ein Engel hernieder und überreichte dem Abt im Angesichte des staunenden Volkes Nithards Pfeil mit der Urkunde. Nachdem der Engel sich vor dem Allerheiligsten geneigt hatte, verschwand er wieder.

Lange wurde der wunderbare Pfeil als kostbares Kleinod im Prümer Kloster aufbewahrt.

Das blutende Marienbild

Im Jahre 1302 kam König Albrecht, des Kaisers Rudolf von Habsburg Sohn, an den Rhein und zog gen Bingen, um die Stadt zu erobern. Da entflohen die Nonnen aus dem ehrwürdigen Kloster Rupertsberg, wo vor Zeiten die heilige Seherin Hildegard Äbtissin gewesen war. Die Kriegsleute des Königs drangen in die verlassenen Zellen der Nonnen und in die Klosterkapelle ein und raubten, was ihnen des Mitnehmens wert schien.

Eine Mauernische im Chor der Kapelle barg ein altes Holzbild der hl. Jungfrau mit dem göttlichen Kind. Die Krone der Gottesmutter war mit vier Edelsteinen herrlich geschmückt; ein besonders kostbarer Diamant zierte die Halskette der hohen Frau. Angelockt durch den Glanz des Geschmeides, kam einer der Kriegsleute herbei und riß die Edelsteine aus der Krone. Auch nach dem fünften Steine streckte er die räuberischen Hände. Dabei stieß er mit dem Dolch in das fromme Bild. Und siehe, sogleich quoll rotes Blut aus dem harten Holze. Entsetzt sprang der Frevler zurück. Mit einem Fetzen vom Seidengewand des Gnadenbildes suchte er das Blut zu stillen. Doch vergebens! Da kam ein Priester, um das heilige Opfer darzubringen; ihm gelang es, mit dem geweihten Kelchtüchlein die Wunde zu schließen.

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Kunde von diesem großen Mirakel. König Albrecht und seine Scharen sahen staunend und ehrfürchtig, was geschehen war; und es dauerte nicht lange, da kamen von nah und fern fromme Pilger, um vor dem blutenden Marienbild ihre Andacht zu verrichten.

Die Geister im Schloß Ehrenbreitstein

In der Philippsburg zu Ehrenbreitstein, der alten Residenz der Trierer Kurfürsten, war es niemals recht geheuer. Als der letzte der Kurfürsten, Clemens Wenzeslaus, seinen Wohnsitz nach dem neuen Koblenzer Schloß verlegte, da mag der Gedanke an die Geister von Philippsburg ihm den Entschluß dazu erleichtert haben.

Der Kurfürst Johann Hugo von Orsbeck, einer der Vorgänger des Clemens Wenzeslaus, hatte einmal in Ehrenbreitstein ein ganz seltsames Erlebnis. Am Dreikönigstage des Jahres 1701 wurde in der Schloßkirche das Fest des ewigen Gebetes gefeiert, das nach damaligem Brauch um 4 Uhr nachmittags seinen Anfang nahm. Wichtige Amtsgeschäfte brachten es mit sich, daß der Kurfürst erst gegen Mitternacht dazu kam, seine Betstunde zu halten. Er fand die Kirche hell erleuchtet, am Altare brannten die Kerzen. Endlich öffnete sich lautlos die Türe der Sakristei, und es kamen drei Priester hervor, die in den kostbarsten Gewändern zum Altare schritten. Über das Ungewöhnliche dieses Vorganges verwunderte sich der Kurfürst sehr; auch kam es ihm so vor, als habe er keinen der drei Herren je gesehen.

Nach einer kurzen Anbetung setzten sich die Priester stumm nieder. Der Kurfürst machte ihnen ein Zeichen, mit dem Dienste zu beginnen, doch er erhielt zur Antwort: »Wir warten noch auf einen Mitbruder!« Das alles kam ihm ganz absonderlich vor, und er ging in die Sakristei, um nachzusehen, wer doch jener sei, auf den die drei am Altare warteten. Da erblickte er eine Gestalt, die in Größe, Gewand und Gesichtszügen sein vollkommenes Ebenbild war. Durch eine Türe, zu der nur er den Schlüssel trug, ging die Gestalt in die Kirche. Er folgte ihr, fand aber die Türe fest verschlossen, und selbst mit seinem Schlüssel konnte er sie nicht öffnen.

Tiefer Schreck überfiel nun den Kurfürsten; er stieg auf die Empore über dem Chor, um von dort aus die Herren am Altare genauer zu betrachten. Endlich erkannte er in ihnen drei längst verstorbene Amtsbrüder, die bei seiner Bischofswelhe die heiligen Handlungen vorgenommen hatten. Auch unter den anwesenden Gläubigen erkannte er die Gesichter von alten Freunden und Bekannten, die lange im Grabe ruhten. Und als der feierliche Dienst beendet war, da kamen seine verstorbenen Eltern, umgeben von ihren Kindern, Hand in Hand durch das Kirchenschiff.

Mit einem Schlage war darauf alles in der Kirche verändert. Die Wände waren schwarz ausgeschlagen wie zu einer feierlichen Trauermesse. Herzbeklemmend erklang das dies irae. In einem offenen Sarge sah der Kurfürst sich selber liegen, angetan mit den Zeichen seiner bischöflichen Würde. Tiefes Grauen überfiel ihn; er fühlte sich umweht von den geheimnisvollen Schauern der Ewigkeit; ganz gebrochen schleppte er sich in sein Schlafgemach.

Zehn Jahre später am Dreikönigstage starb Johann Hugo. Er liegt begraben vor den Stufen des Altares, den er den drei Heiligen aus dem Morgenlande zu Ehren in der hohen Domkirche zu Trier hatte errichten lassen.

Der Teufelsweg

Der junge Ritter Siegfried von Sezin hielt eines Tages um die Hand der schönen Tochter des Burgherrn von Falkenstein an. In finsterem, hochmütigem Schweigen stand der Falkensteiner, dann sprach er: »Bei Rittern ist es Sitte, die Braut hoch zu Roß mit Wagen und Gefolge abzuholen. Wenn Ihr es fertig bringt, in einer einzigen Nacht einen Weg auf meine Burg zu schaffen, so daß Ihr der Braut Eure Aufwartung machen könnt, wie es ihrem Stande zukommt, dann will ich Euren Wunsch erfüllten.« Niedergeschlagen und ohne Hoffnung ging der Freier davon; war doch die Forderung des Falkensteiners nicht in einem ganzen Jahre, geschweige denn in einer Nacht zu erfüllen.

Als der junge Ritter den Felsenpfad von Falkenstein hinabschritt, trat aus dem Gebüsch der Zwergenkönig in grünem Gewande und redete ihn an: »Der Grund Eures Trübsinns ist mir bekannt. Ich kann Euch zur Erfüllung Eures Wunsches verhelfen, wenn Ihr auf meinen Vorschlag eingeht. Ihr habt ein Bergwerk in der Nähe der Behausung meines Volkes. Wenn Eure Leute dort weiter arbeiten, so werden sie uns bald vertreiben. Versprecht mir, die Arbeit einzustellen, dann wollen wir noch in dieser Nacht den Weg nach Falkenstein vollenden.«

Mit tausend Freuden sagte Siegfried zu, und in wenig Minuten wimmelte der ganze Wald von Männlein, die den Weg absteckten, Bäume fällten und Gestein und Erdreich bewegten. Und als vom Turm die erste Stunde nach Mitternacht schlug, war das Werk vollendet. Dunkel und still lag der Wald, der eben noch hell erleuchtet und vom Lärm der Arbeit erfüllt gewesen war.

Am frühen Morgen ertönte des Falkensteiner Turmwarts Horn; ein prächtiger Zug von Reitern und Wagen bewegte sich auf breitem Fahrweg den Burgberg herauf. Da löste der Burgherr sein Wort ein und nahm den Ritter, der solchen Teufelsweg fertiggebracht hatte, zum Schwiegersohne an.

Der Elbersfelder Martinsreiter

In der Martinsnacht (10. November) schreitet eine schreckliche Erscheinung in der Stadt Elberfeld von der Höhe hinunter zum Mirkerbache, dorten besteigt sie einen feuersprühenden gewaltigen Ochsen und reitet auf demselben über den Markt zur Wupper. Über dem Ritte soll der Spuk seinen Kopf gleich einem Hute abnehmen. Dieser Reiter soll ein sehr reicher Mann gewesen sein, welcher ehedem auf dem Kerstenplatze gewohnt und nach und nach die ganze Nachbarschaft erworben hätte. Zuletzt habe er eine Witwe um das ihre betrogen und deren letztes Stück Vieh sich angeeignet, wegen dieses Betruges wäre er verdammt, und müsse auf dem Stück Vieh den jährlichen Ritt unternehmen. Anfangs vollführte er diesen Ritt bis in sein Haus am Kerstenplatze. Da die Besitzer dieses Gutes aber diesen unheimlichen Gast nicht bei sich dulden wollten, ließen sie von Köln einen Geisterbeschwörer kommen, welcher den Spukgeist überlas, so daß er in das Tal der Mirke weichen, sich dort einen Schlupfwinkel suchen mußte. Mit jedem Jahre rückt er aber um einen Hahnenschritt näher, bis er endlich wieder in der alten Wohnung angelangt sein wird. Die Leute nennen den Spuk den glühenden Kornelius, oder Kornelius mit der glühenden Kuh.

Gunhild

Gunhild war einem vornehmen Adelsgeschlecht am Niederrhein entsprossen. Schon in zarter Jugend zeigte sie viel Neigung zu einem beschaulichen Leben. Als sie zur Jungfrau herangewachsen war, trat sie ins Kloster zu Gräfrath. Sie war eine der frömmsten Nonnen. Aber auch bei diesen pflegt sich der Versucher einzustellen. Er erschien Gunhild in der Person des Beichtvaters, eines jungen, strengen Klostergeistlichen.

Die Unschuld und Schönheit der jungen Nonne machten den Mönch seinem Gelübde ungetreu. Er wollte um jeden Preis die Liebe der Jungfrau erwerben und in ihren Besitz gelangen. Er hatte lange zu kämpfen und zu überreden, bis er sie zur Flucht bewegen konnte. Durch Freunde und Verwandte, aber auch durch unehrliche Mittel, hatte er sich einen vollen Säckel zur Reise zu verschaffen gewußt. Glücklich kam er mit seiner Geliebten in die Fremde, wo die beiden anfangs im seligen Liebesrausch wie ehelich Verbundene miteinander lebten. Aber bald schwanden die Mittel. des Mönches dahin und er suchte Betäubung im Genuß geistiger Getränke. In den Schenken lernte er verwegene, gesetzlose Menschen kennen und wurde ihnen zu vielen Niederträchtigkeiten verleitet. Die Vorstellungen, welche ihm Gunhilde machte, halfen nichts; er fiel immer tiefer und fand zuletzt an der Heerstraße, welche er als Räuber unsicher gemacht hatte, seinen Tod. Gunhilde verfiel nun der bittersten Armut. Aber noch mehr drückte sie das Bewußtsein ihrer Schuld, wodurch sie in diese traurige Lage gekommen war. Sie beschloß endlich, in das verlassene Kloster zurückzukehren und ihr Vergehen dort zu bekennen. Ehe sie aber ihr Ziel erreichte, mußte sie den Weg, welchen sie vorher in Freude und Wohlleben gemacht hatte, in Armut und Not wieder zurücklegen. In prächtigen Kleidern war sie geflohen – als abgezehrte Bettlerin kehrte sie ins Kloster zurück. Mit Auszeichnung wurde sie von der Pförtnerin aufgenommen. Verwirrt eilte sie zur Äbtissin und klagte sich der Flucht und der vielen anderen Vergehen an. Aber sie fand kein Gehör, sondern wurde als eine Kranke zu Bett gebracht. Jedesmal, wenn sie beichtete, beschwichtigte man sie wie eine Fieberkranke und sagte, daß sie nie ein Gesetz übertreten, nie das Kloster verlassen und stets in größtem Eifer allen ihren Pflichten genügt habe. Zuletzt begriff sie, daß sie in den sieben Jahren ihrer Abwesenheit auf Geheiß der heiligen Himmelskönigin durch einen Engel vertreten worden war, so daß niemand ihre Flucht ahnen konnte. Von nun an hielt sie ihren früheren unbescholtenen Lebenswandel wieder aufs strengste inne und befleißigte sich noch größerer Sittenstrenge und Frömmigkeit.

Der heilige Mauritius auf dem Speicher zu Georgsweiler

In Büchel wurde vor Zeiten eine neue Pfarrkirche errichtet. Als der Bau fertig war, trug man alle heiligen Geräte und Bilder aus der alten, baufälligen Vikariekirche (Kirche, der ein Vikar vorsteht) zu Georgsweiler in das neue Gotteshaus hinüber. Nur eine Reiterstatue des heiligen Mauritius, die aus Morschweiler stammte, vergaß man. Die Dorfkinder spielten damit und führten das hölzerne Pferd auf den Grasplatz bei der Kirche zur Weide. Eines Abends nahmen zwei Geschwister die Statue verstohlen mit heim. Als sie größer geworden waren und nicht mehr mit dem Pferd des Heiligen spielten, wurde die Statue in den Speicher gestellt und geriet allmählich in Vergessenheit. Da oben in der staubigen Dachkammer zwischen Spinnen und Mäusen mochte es dem Heiligen wenig gefallen. Durch eine Dachlucke konnte er auf die schöne neue Pfarrkirche hinübersehen, während er sich mit einem düsteren Kämmerlein begnügen mußte.

Eines Tages nun merkte der Bauer, daß sein Hafer, den er auch auf dem Speicher dem Heiligen gegenüber in einer Ecke aufgeschüttet hatte, bedenklich abnahm. Er dachte, es wären die Mäuse, und hielt sich Katzen. Doch das half nichts. Da meinte er, die Spatzen könnten den Hafer vielleicht gefressen haben, ließ sein Strohdach ausbessern und Drahtnetze vor die Lucken ziehen. Aber der Hafer nahm immer weiter ab.

Schließlich versteckte sich der Mann mit zwei Nachbarn auf dem Speicher im Stroh und wachte eine Nacht über, um endlich den Dieb zu erwischen. Da, als es zwölf Uhr schlug, bewegte sich der hölzerne Mauritius, gab seinem Schimmel die Sporen, und das Tier sprang von der Mauer herab, auf der es stand, nach der andern Ecke, mitten in den Hafer hinein, fraß sich dort tüchtig satt und schritt dann gemächlich in seine Ecke zurück. Roß und Reiter standen dann wieder unbeweglich dort wie zuvor.

Am andern Morgen ließ sich der Bauer vom Küster gleich die Kirche aufschließen und trug die Holzstatue auf seinen Armen hinein. So hatte Mauritius wieder einen Aufenthalt, wie er sich für einen Heiligen geziemt, und dem Bauern wurde kein Hafer mehr weggefressen.

Die versunkene Ritterburg

Bei Goch an der Niers stand in alten Zeiten eine Ritterburg. Der letzte Burgherr war sehr reich. Er ließ seinen Pferden goldene Hufeisen aufschlagen, die Reifen seiner Wagenräder waren aus Silber, und die Halsbänder seiner Hunde waren mit Edelsteinen besetzt. Der Ritter war aber ebenso hartherzig wie reich. Einst kam um die Zeit der Abenddämmerung ein greiser Pilger auf den Burghof und bat um Herberge. Aber niemand kümmerte sich um ihn, und niemand hielt die Hunde zurück, die ihn mit wütendem Gebell anfielen. Es gelang ihm kaum die Tiere mit seinem Stabe abzuwehren. Da ritt der Burgherr mit seinem Gefolge daher. Er befahl seinen Knappen, den Pilger vor das Burgtor zu werfen. Ehe der Befehl ausgeführt werden konnte, trat die Tochter des Ritters dazwischen. Sie nahm den Pilger bei der Hand und führte ihn hinaus. Draußen beschwor der Alte die Jungfrau, nicht mehr in die Burg zurückzukehren, da sie sonst den nächsten Tag nicht mehr erleben werde. Sie glaubte ihm nicht, gab ihm zum Abschied die Hand und ging in die Burg.

In der folgenden Nacht versank das stolze Gebäude mit allem, was darin war. Nur der Garten blieb erhalten. Wo er einst lag, wachsen noch jetzt Jahr für Jahr die schönsten Blumen weit und breit.

Der Elfenkönig

Bei Wiesdorf am Rhein, wo es früher in Sumpf und Bruch viele Erlen gab und allerlei dichtes Gestrüpp, war eine Gegend, die Wüstenei genannt. Man erzählt sich, daß dort der Erlen- oder Elfenkönig gewohnt habe, der in den nebeligen Nächten, wenn der Mond durch die Erlen schien, über die Felder und Weiden ging und auch manchmal in den frühen Morgenstunden noch sichtbar war.

Es war ein Mädchen, das hinausgegangen war, um Futter für die Kuh zu holen, ehe noch die Sonne aufging und als der Tau noch im Grase lag. Da aber die Bürde so schwer geworden war, daß sie sie selbst nicht auf ihren Kopf heben konnte, sah sie sich nach jemandem um, der ihr hätte helfen können. Da aber in so früher Stunde noch niemand auf dem Acker war, war sie gerade im Begriff, ihre Last zu erleichtern. In dem Augenblick aber, in dem sie sich niederbeugte, stand ein Mann neben ihr von sonderbarer Gestalt. War es eine Krone oder war es nur Licht, goldenes Licht, das sein Haupt umstrahlte? Milde schienen seine Augen, und freundlich war seine Stimme, mit der er sich anbot, ihr zu helfen. Und es war, als hätte er das Bündel Gras kaum berührt, als sei es mit seiner Hand leicht, wie von selbst auf ihren Kopf hinaufgeschwebt – und ebenso leicht war die Last, als sie heimging und der Mann (wie war sie erschrocken) so plötzlich, wie er gekommen, verschwunden war.

Und sonderbar: Ihre Backe brannte, als wäre sie dem Herdfeuer zu nahe gekommen, so heiß, als wenn noch die Flammen sie berührten. Sie entsann sich, daß, als der Mann das Bündel auf ihr Haupt gehoben, seine Hand ihre Backe gestreift hatte, und daß seitdem das Brennen an ihr war, daß sie noch nach Tagen an diese sonderbare Begegnung und den wunderbaren Morgen erinnert wurde. Und man erzählte ihr, daß es niemand anders hätte sein .können, als der Elfenkönig, der aus der Vorzeit Tagen dort in jenem einsamen Erlengrund noch immer seine Wohnung habe.

Der Fischerknabe am Laacher See

Am Ufer des Laacher Sees wohnte einmal ein Fischer, der hatte einen Sohn, den alles Geheimnisvolle unwiderstehlich lockte. Wenn an stillen Abenden der See im Mondenschein gespenstisch leuchtete, dann erzählte die Großmutter dem atemlos lauschenden Knaben von versunkenen Schlössern und verborgenen Schätzen, und der Wißbegierige nahm sich vor, einmal in der Mitternachtsstunde hinauszufahren, um die Wunder der Tiefe zu schauen.

In einer sternenhellen Nacht verließ er unbemerkt sein Lager und schlich ans Seeufer hinab. Mit kundiger Hand löste er einen Kahn vom Pflocke, schwang sich hinein und ruderte furchtlos der Mitte des Sees zu. Tiefe Stille herrschte ringsum, der Knabe vernahm nur das Plätschern der Bugwellen und vom Ufer her den Ruf des Käuzchens.

Plötzlich drangen sanfte Töne an sein Ohr, die allmählich anschwollen und immer lauter aufrauschten. Harfen und Flöten erklangen, dazwischen erscholl froher Becherklang und das kriegerische Klirren der Waffen. Beglückt und frohen Staunens voll beugte sich der Knabe weit über den Rand des Fahrzeuges. Da sah er tief unten ein herrliches Schloß mit festen Mauern und hohen Zinnen. An den hellerleuchteten Fenstern vorbei bewegten sich eilende Schatten wie von tanzenden Paaren. Nixen stiegen aus der Tiefe und lockten mit holdem Lächeln. Der Knabe wußte nicht, wie ihm geschah; er glitt vom Rande des Nachens in die grundlose Tiefe.

Am folgenden Morgen fand der Fischer ein Boot, kieloben auf den Fluten treibend; von dem Knaben ward nichts mehr gesehen.

Die Neunhollen in Georgsweiler

Die Neunhollen im Hochpochtner Wald sind in manchen Dingen den kleinen Holz- und Moosleuten ähnlich, von denen besonders in den mitteldeutschen Waldländern viel erzählt wird. Die Neunhollen blieben im Frühjahr und Sommer in ihrem Wald, ging es aber gegen den Winter, so kamen sie heraus und hüpften auf freiem Feld so lange umher, bis der Sturmwind sie aufnahm und über Berg und Tal zu ihrer Winterwohnung wehte, einem alten Bauernhaus in Georgsweiler. Dort huschten sie in die Küche und hockten sich um den Herd.

Freilich nur bei Nacht saßen sie dort und hüteten die Glut in der Asche. Bei Tag hielten sie sich in der dunklen, warmen Ecke über dem Backofen auf und schliefen; erst gegen Abend kamen sie hervor und betätigten sich nützlich wie gute Hausgeister. Als kräuterkundige Waldleute machten sie sich bisweilen mit dem alten Bauern einen besonderen Spaß, indem sie ihm heimlich ein paar Blättchen Maikräuter in die Pfeife stopften. »Kathrin, wo hast du denn den guten, Tabak gekauft?« pflegte der Alte dann wohl die Bäuerin zu fragen, ohne zu ahnen, woher dies feine Kraut komme.

Um Ostern herum machten sich dann die Neunhollen wieder auf die Reise. Sie befeuchteten zuerst den Zeigefinger mit Speichel und hielten ihn zum Schornstein hinaus, um zu fühlen, woher der Wind wehe. Wenn es dann der richtige war, setzten sie sich frei hin, atmeten tief ein, damit sie recht luftig würden, und im Nu hatte sie der Wind gefaßt und weggeführt.

So waren sie manchen Winter in dem Bauernhaus zu Gast gewesen; aber einmal, als sie wieder kamen, war die gute alte Bäuerin nicht mehr da, eine junge Frau führte den Haushalt und wollte von Neunhollen und dergleichen dummem Zeug nichts wissen. Da gaben ihr die Zwerge zunächst eine Lehre. Am Abend hatte die junge Bäuerin Brotteig angerührt für den andern Tag. Da buken die Männlein des Nachts vierzehn große, runde Brote und stellten sie zum Ausdunsten auf die Treppenstufen. Als nun die Frau am Morgen in der Dunkelheit die Treppe herunter wollte, stolperte sie und sauste über vierzehn Brotlaibe die finsteren Stufen hinab. Und die Brote bumsten unten gegen Tür und Tische, gegen Stühle und Schrank; alles fiel um, das Geschirr kollerte auf den Boden, und die junge Frau lag mitten in dem Wirrwarr und jammerte. Trotzdem hätten die Neunhollen wohl noch bis zum Frühjahr ausgehalten, wäre nicht der Dreikönigstag gewesen.

Am Abend dieses Tages kam nämlich eine arme Witwe mit ihrem kleinen kranken Jungen an der Hand; um seine Pelzmütze trug er eine Dreikönigskrone aus Papier und auf seinem Stock einen Blechstern. Der Hunger guckte den beiden aus den Augen. Sie sprachen vor der Tür ein lautes »Vaterunser« und traten dann zaghaft in die große Küche. Als sie da im Schornstein die vielen Schinken, Speckseiten und Würste hängen sahen, sagte die Mutter voll Vertrauen den alten Reim:

Stellt die Leiter an die Wand,
Nehmt das Messer in die Hand,
Laßt das Messer klinken,
Schneid’t mir ’n Stück vom Schinken!

Und der kleine Junge schwang seinen Stab, hustete und plapperte:

Ich bin an kleiner König,
Gebt mir nicht zu wenig!

Aber die Bäuerin machte ein böses Gesicht, riß die Tür weit auf und wies beide hinaus, ohne ein Wort zu reden. Da fingen aber die Neunhollen zu knurren, zu brummen und zu brausen an wie ein Sturmwind, so fürchterlich, daß es die Frau nicht mehr aushalten konnte, angsterfüllt in ihre Kammer lief und den Kopf unters Federbett steckte. Sogleich warfen die Neunhollen allen Speck und Schinken auf den Herd herunter und kletterten dann rasch durch den Schornstein hinaus; es war auch die höchste Zeit dazu, denn hinter ihnen schoß eine gewaltige Flamme empor. Das ganze Dorf lief zusammen, aber es war nichts mehr zu machen; alle Würste, Schinken und Speckseiten waren verbrannt. Die Neunhollen aber suchten von da an eine andere Winterwohnung auf.

Der Geist im schwarzen Broich

Im schwarzen Broich bei Ratingen wandelt nachts eine hohe Männergestalt in Schuhen von Blech umher. Alle vier Jahre müssen ihm von einem entfernt wohnenden, vornehmen Geschlechte, welchem er angehört, ein Paar neue Blechschuhe auf den Kreuzweg gebracht werden, welcher sich mitten im schwarzen Broiche befindet, und zwar müssen diese Blechschuhe auf einem vierspännigen Wagen stehen und in der Mitternachtsstunde angefahren kommen. Diese Lieferung soll sich, wie gesagt wird, fünfundzwanzigmal erneuern. Einige behaupten, der Mann sei aus Tiefenbroich gewesen und habe sich in diesem Walde erhängt, wandle deshalb strafweise umher.

Die jugendliche Melkerin

Auf einem Bauerngute bei Ratingen war einst die Bäuerin zur Kirche gegangen. Der Bauer unterhielt sich mit seinem Töchterchen über Stall und Küche. Wie staunte aber der Vater, als ihm das Kind erklärte, daß sie schon melken könne, dazu aber gar nicht einmal den Stall zu betreten brauche, sondern die Milch aus dem Handtuch in der Wohnstube melken könne. Der Vater ersuchte das Mädchen, sofort eine Probe ihrer Kunst zu geben. Dasselbe holte auch den Melkeimer und molk an dem Handtuch, daß der Eimer in kurzer Zeit voll war. Nun wollte das Kind aufhören, weil sonst die beste Kuh im Stall zu Schanden gehen würde. Der Vater gebot ihm aber, fortzumelken und sich um alles Andere nicht zu kümmern. Das Mädchen gehorchte, holte einen anderen Eimer und molk weiter. Nach einiger Zeit hielt sie wieder an und machte den Vater darauf aufmerksam, daß die Kuh wirklich gefallen sei. Der Vater eilte zum Stall und sah seine beste Kuh verendet am Boden liegen.

Dieses Mädchen soll auch Mäuse habe machen können, denen aber die Schwänze fehlten. Später ist sie mit andern Hexen auf dem Hexenberge bei Gerresheim verbrannt worden.

Der Mäuseturm bei Bingen

Am Eingang zur schauerlichen Felsschlucht, in die sich der Rhein bei Bingen hineinzwängt, erhebt sich auf dem rechten Ufer des Stroms zwischen den Gesträuchen und Weinbergen der Rüdesheimer Höhen die Ruine der stolzen Burg Ehrenfels; inmitten der brausenden Fluten des Rheins aber ragt auf einer Felseninsel ein düsteres Gemäuer empor, das unter dem Namen »Mäuseturm« oder »Hattos Turm« berüchtigt geworden ist. Das alte Bauwerk steht hart bei dem sogenannten Binger Loch, wo der Strom über Klippen rauscht und nur eine enge Durchfahrt freiläßt, die man einst für sehr gefährlich hielt; man glaubte, daß die Trümmer von Fahrzeugen, die das Binger Loch verschlungen, an der Felsenbank von St. Goar wieder zum Vorschein kämen. Aber seit langer Zeit kennt der Schiffer diesen Weg so genau, daß die Durchfahrt nur bei Sturm bedenklich ist; jetzt sind die meisten der gefährlichen Felsen gesprengt.

Im Anfang des zehnten Jahrhunderts lebte in jener Gegend ein gewisser Hatto, der durch Wohlleben, Übermut und Hartherzigkeit weithin verrufen war. Der ehrgeizige Mann wurde schließlich zum Erzbischof von Mainz erhoben. Nachdem er jahrelang seines Amtes gewaltet hatte, wurde das gesegnete Land am Rhein von schweren Plagen heimgesucht. Schwüle Hitze brannte die reichen Felder aus; eine starke Wasserflut vernichtete alle Hoffnung auf die Ernte; überall herrschte Not und Teuerung. Nur Hatto spürte nichts davon; denn seine Speicher waren gefüllt, und er scheute sich auch nicht, üblen Getreidewucher mit seinen Vorräten zu treiben.

Die Not stieg immer höher, und das arme, ausgehungerte Volk bestürmte den reichen Kirchenfürsten mit der flehentlichen Bitte um Brot. Der hartherzige Mann aber wollte nicht an seine Pflicht erinnert werden und ließ die Armen fortjagen; es seien nur Müßiggänger, sagte er, die sich ihr Brot auf leichte Art durch Bettel erwerben wollten. Doch nur um so stärker erscholl die Klage, man hörte sogar Worte der Verwünschung, aus der die Verzweiflung zu erkennen war. Denn der Erzbischof hatte sich beim Volke durch Bedrückungen schon längst verhaßt gemacht; immer neue Bittsteller vermehrten die Schar der Flehenden, die schließlich mit Gewalt zu drohen schienen, da er ihrem Flehen kein Gehör schenkte.

Hatto sah darin einen Aufstand, rief seine Waffenknechte herbei und befahl ihnen, die frechen Empörer zu ergreifen. Die Söldner stürmten heran und zerstreuten die zusammengerottete Menge nach kurzem Widerstand. Groß war die Zahl derer, die man gefangen ins Schloß führte.

»Sie trachten nach meiner Frucht«, erklärte Hatto mit bitterem Hohn. »Gut! Man sperre sie in eine der Scheunen!« Die Knechte schleppten die Ärmsten hinein, und der grausame Herr befahl, die Scheune in Brand zu stecken. Bald loderten die Flammen ringsum empor, und das Klagegeschrei der Unglücklichen, für die jeder Weg zur Rettung verschlossen war, drang zum Himmel. Mit satanischem Gelächter rief der Bischof: »Hört doch, hört, wie die Kornmäuse pfeifen!« Den Aufruhr hatte der Bösewicht nun unterdrückt, der Strafe Gottes aber vermochte er nicht zu entrinnen.

Als sich Hatto am Abend nach dem Mahle in sein prächtiges Schlafgemach zurückzog, hörte er plötzlich ein sonderbares Gepolter und ein durchdringendes Pfeifen. Kalter Schauer fuhr ihm durch die Glieder. Mit einemmal sprangen Mäuse aus allen Wänden und Ritzen und fielen über den erschrockenen Mann her. Heulend rief er seine Diener zu Hilfe; aber sie konnten den dichten Haufen der Tiere nicht, abwehren; die Leute bekreuzten sich entsetzt und flohen. Endlich warf sich Hatto zu Pferd, eilte mit einem Trupp seiner Knechte stromabwärts und suchte Schutz in der Burg Ehrenfels. Doch die Plagegeister wimmelten auch hier durch das ganze Schloß, ihn mit scharfen, quälenden Bissen verfolgend.

Nun erwachte Hattos Gewissen, er fühlte seine Sünde und flehte zum Himmel um Hilfe. Aber die gerechte Strafe, die ihn treffen sollte, war noch nicht vollendet. Er floh daraufhin auf einem Kahn zu dem einsamen Turm, der sich auf der kleinen Rheininsel erhob, und – ließ dort sein Bett an Ketten aufhängen. Aber die Mäuse schwammen durch die Flut, kamen ihm nach, schlüpften durch alle Gitter und Löcher und nagten mit scharfem Biß so lange an seinem Leib, bis der geistliche Würdenträger den Geist aufgab. Ja, selbst sein Name, der in die Tapeten des Gemachs gewirkt war, wurde von den Tieren zernagt.

Kaum war dies geschehen, so zerstreute sich das ganze Heer der Mäuse und wurde nicht mehr gesehen. Der Ort aber, wo der Bischof seinen gerechten Lohn gefunden, heißt von jener Zeit an der »Mäuseturm«. Noch oft soll bei Nacht, wenn der Sturm braust und die Woge grollt, sein Geist gleich einer grauen Wolke das uralte Gemäuer umschweben; somit hat der Bischof wegen seiner schweren Schuld noch immer nicht die ewige Ruhe gefunden.

St. Oranna

Die hl. Oranna war eine Königstochter aus Schottland. Gleich ihrem Bruder Wendelin verließ sie ohne Wissen der Eltern Vaterhaus und Heimat und zog über das Meer, um in der Stille und Verborgenheit Gott zu dienen. Als sie mit ihrer Gefährtin Cyrilla in die Bergwälder an der Saar gekommen war und eines Tages auf der steilen Höhe von Berus rastete, sah sie im Tale eine Reiterschar, die sie auf Befehl ihres Vaters verfolgte und nach Schottland zurückbringen sollte. Voll Angst flohen die beiden Jungfrauen weiter.

Zur gleichen Stunde war ein Bauersmann auf einem nahen Felde bei der Arbeit. Als er zum letzten Male die braunen Ackerfurchen entlang schritt, um seinen Samen auszustreuen, kamen die Verfolger auf der Höhe an. Sie fragten ihn, ob er keine Flüchtlinge gesehen habe. »Als ich anfing zu säen«, antwortete der Gefragte, »ritten zwei vornehme Jungfrauen in Eile hier vorbei.« Bei diesen Worten blickte er um sich, und siehe, die eben gesäte Gerste stand kniehoch. Auch die Reiter sahen das grüne Getreidefeld und sprachen bei sich: »Es ist umsonst gewesen, wir kommen zu spät.« Und sie gaben die Verfolgung auf und kehrten nach Schottland zurück.

Oranna und Cyrilla blieben als fromme Klausnerinnen im Walde von Berus. Als sie starben, wurden sie im nahen Eßweiler begraben. Über ihrer Gruft wurde eine Kapelle errichtet. In den Bauernkriegen wurde das Dorf dem Erdboden gleichgemacht. Obwohl das Kirchlein der Zerstörung entging, brachte man doch die Gebeine der heiligen Jungfrauen in die Pfarrkirche von Berus. Dort sind sie noch heute der Gegenstand frommer Verehrung. Das in der Regel am dritten Sonntage im September stattfindende Orannafest wird von zahlreichen Wallfahrern aus dem Saarlande und dem benachbarten Lothringen besucht.

Bonschariant

Zu dem reichen Grafen Sibodo, der in der Zeit Kaiser Heinrichs I. lebte und ein lauer Christ war, trat einmal der Teufel in Gestalt eines Dieners, der sich Bonschariant nannte. Der Graf nahm ihn mit auf sein Schloß an der Ahr. Mit wunderbarer Geschicklichkeit erfüllte der neue Diener alle Befehle und Wünsche seines Herrn, der sich schließlich gar nicht mehr von ihm trennen konnte. Wenn der Ritter auszog zu Kampf oder Turnier, war Bonschariant stets sein unentbehrlicher Begleiter. Sibodo nahm ihn auch mit ins heilige Land, und wo der Diener an der Seite seines Herrn kämpfte, da war der Sieg.

Als der Ritter aus dem Morgenlande zurückgekehrt war, tobten bald auch am Rhein heftige Kämpfe. Es gelang Sibodo, den Feind zu schlagen und über den Strom zurückzudrängen. Eines Abends schlief er, müde vom Kampfe, unter einem Baume ein. Da schlichen die Feinde unbemerkt heran, und sein Leben schwebte in höchster Gefahr. Doch Bonschariant eilte rechtzeitig herbei und trug den Schlafenden durch die Lüfte davon. Während sie in den Wolken dahinschwebten, erwachte Sibodo und rief: »Gott sei mir gnädig!« Da knurrte und rumorte der erboste Teufel gewaltig. Von dieser Stunde an betrachtete Sibodo seinen unheimlichen Diener mit Mißtrauen und geheimer Sorge.

Nach einer Reihe von Jahren erkrankte die Gemahlin Sibodos schwer. Von nah und fern rief der Ritter die berühmtesten Ärzte herbei, doch ihre Kunst versagte am Leiden der Gräfin. Endlich sagte einer der Ärzte: »Es gibt noch ein letztes Mittel, die Kranke zu hellen, Löwenmilch mit Drachenblut, aber wer kann das herbeischaffen?« »Dies werde ich tun«, sagte Bonschariant, erhob sich in die Lüfte und rauschte nach Süden davon. Schon nach zwei Stunden kam er mit dem Wunderelixier aus dem innersten Afrika zurück. Die Gräfin genas und ward gesünder denn) e. Als sie aber hörte, wie ihre Heilung sich zugetragen hatte, da drängte die Fromme ihren Gatten, den Diener, der doch der leibhaftige Teufel sein müsse, zu entlassen.

Sibodo fiel es schwer, auf die Dienste Bonschariants zu verzichten. Um aber seine Gattin zu beruhigen, beschloß er, in den Eifelbergen zur Ehre Gottes ein Kloster zu erbauen und es Steinfeld zu nennen. Dem Diener sagte er, daß die stattlichen Gebäude ein Jagdschloß werden sollten. Als das Werk nahezu vollendet war, setzte der Graf über Nacht ein Kreuz auf die höchste Spitze. Das sah am nächsten Tage in der Frühe der Teufel, als er eben einen schweren Stein herbeischleppte. Da geriet er in rasende Wut und schleuderte den Stein nach dem Zeichen des Menschensohnes. Doch das Wurfgeschoß wurde von unsichtbarer Hand abgelenkt und fiel weitab bei Dieffenbach nieder, wo es noch heute liegt. Von dieser Zeit an wurde Bonscharlant nicht mehr gesehen.

Das verlorene Pantöffelchen

Bei Speicher, unweit der Kyll, hausten in einer Felsenhöhle Wichtelmännchen. Sie waren winzig klein und trugen hohe, spitze Hütchen. Am Tage waren sie nie zu sehen; nur in dunklen Nächten gingen sie aus. Man sah dann am Morgen im feuchten Grunde vor der Höhle ihre zierlichen Fußspuren. Sie waren den Menschen freundlich gesinnt und besserten ihnen Schuhe und Kleider aus.

Einst wurde in einer Mühle an der Kyll eine Hochzeit gefeiert. Musik und Jubel drangen bis in die Höhle der winzigen Gesellen. Und als die Nacht hereinbrach, da schimmerten hellerleuchtete Fenster lockend durch das tiefe Dunkel. Wie gerne hätten die Männlein an der Freude der Menschen, mit denen sie es so gut meinten, teilgenommen, doch sie wagten es nicht. Endlich faßte der Nestling der Schar Mut und sprach: »Wenn wir auch nicht ins Haus hineingehen dürfen, so wollen wir uns doch die Hochzeit von außen ansehen!« Trotz der Warnung der Alten machten sie sich zusammen auf und schlichen klopfenden Herzens an das Hochzeitshaus. Sie stiegen auf die Haselnußsträucher, die vor der Mühle wuchsen, und schauten sehnsüchtigen Blickes durch die Fenster. Doch, O Schrecken, der Neugierigsten einer stieß unversehens an eine Fensterscheibe. »Die Wichtelmännchen belauschen uns!« so hörten die zu Tode Erschrockenen eine laute Stimme rufen. Und sie liefen fort, so schnell ihre kurzen Beinchen sie trugen. Die jungen Burschen im Hochzeitshaus aber ließen vom Tanze ab und verfolgten die Fliehenden. Der Bruder der Braut fand ein winziges Pantöffelchen von purem Golde, das der Männlein einst verloren hatte.

Während nun die Hochzeitsgesellschaft ihre Feier fortsetzte, irrte der arme Kleine im Finstern umher und suchte sein verlorenes Schühlein. Da er es nicht wiederfand, durfte er nicht mehr zu seinen Brüdern zurückkehren. Er wußte nicht, daß die bösen Menschen es gefunden hatten. Noch heute wandelt er in nächtlicher Stunde klagend durch das Kylltal. Die andern Wichtelmännchen aber zogen bald nach jener Hochzeit von dannen, wohin, weiß niemand.

Die heiligen drei Könige von Köln

As Kaiser Friedrich Barbarossa Mailand belagerte, da bat die Schwester des Bürgermeisters, die Äbtissin eines Nonnenklosters in Mailand war, den Erzbischof Reinald von Köln, ihren Bruder zu retten, dem der Kaiser den Tod zugeschworen hatte. Reinald versprach es, wenn sie ihm die Reliquien der hl. drei Könige schenken würde. Als nun die Stadt sich dem Kaiser ergab, bat sich der Erzbischof vom Kaiser das aus, was die Äbtissin auf den Schultern tragen würde. Der Kaiser gestand es ihm zu. Die fromme Frau aber kam und hatte ihren Bruder den Bürgermeister auf dem Rücken. Und so wurde ihm das Leben gerettet, denn der Kaiser mußte Wort halten. Reinald bekam nun die Reliquien und sandte sie heimlich nach Köln. Doch hatten andere Fürsten im Lande davon gehört und rüsteten sich, ins Kölnische einzufallen und den Kölnern den kostbaren Schatz abzugewinnen. Da zogen die Lehnsleute des Bischofs und die Bürger von Köln hinauf gegen Andernach, die Feinde zu erwarten. Als die es gewahr wurden, wagten sie keinen Angriff und die Kölner behielten die hl. drei Könige; die Reliquien kamen dann hernach in den Dom; und viele Andächtige pilgerten nach Köln, sie zu verehren.

Die Andacht zu den drei Königen hatte in Köln zuletzt so zugenommen, daß es den Teufel schwer ärgerte und er einen großen Stein auf das Dach des Domes warf; der fuhr hindurch, durchbrach das Gewölbe und fiel auf die Dreikönigskapelle. Da hätte er den kostbaren Schrein, der die Gebeine der drei Weisen enthält, ohne Zweifel zerschmettert, aber das wollte Gott nicht. Der Kasten wich zurück gegen die Wand hin und blieb also unverletzt.

Die weiße Frau im Düsseldorfer Schloß

Im Schlosse zu Düsseldorf hört man zuweilen um Mitternacht ein seltsames Rauschen, wie von seidenen Gewändern, ja es sollen Töne der Klage nicht selten dabei vernommen werden. Es schreitet dann ein hohes verschleiertes Weib in weißem Gewande durch die Gänge und soll besonders häufig in einem Saale verkehren, der den Namen des Schwanenzimmers führt. Einige sagen, das sei Jakobe von Baden, die durch ihre Schwägerin ermordete Herzogin von Berg, andere halten dafür, daß es die Stamm-Mutter des Altena-Berg-Brandenburgischen Geschlechtes sei, welche sich in den Räumen der alten Wohnung zeige, wenn irgend ihrem Hause ein glückliches oder unglückliches Verhängnis nahe. Diese Ahnfrau soll aus dem Geschlechte der Schwanen-Jungfrauen gewesen sein, und nach ihr soll das Zimmer, wo sie am meisten erscheint, das Schwanenzimmer heißen.

Siegfried

In jenen grauen, fernen Zeiten war es, als noch die Götter lebten, als in den wilden, sturmdurchtobten Nächten des November die Menschen in den Höfen unterm Schilfdach saßen und hörten die wilde Jagd. Wodan, der einäugige Gott, fuhr mit seinen göttlichen Mannen und Walküren durch die Wolken. Und Donar erlebte seine Abenteuer, der starke Göttersohn mit rotem Bart, aus dem die Blitze sprühten, wenn er seinen Hammer auf den Himmelsboden warf. Ziu war der Gott des Krieges, sie machten ihm zu Ehren Schwerttänze. Und Freia, Nerthus, Hertha oder Bertha, die Mutter Erde, Göttin der Fruchtbarkeit, Göttin alles Wachsens, alles Werdens, war den Menschen gütig, – und wenn die Erde frei vom Else war und die ersten Blumen aus dem Rasen sprossen, dann wurde sie mit Reigen und Tanz geehrt.

In diesen Zeiten war es, da Kobolde und Nixen, Elfen und Alben, Zwerge und Riesen lebten, da der Rhein wilder von den Bergen her ins Land schoß, da noch nicht lange die gewaltigen Gletscher verschwunden waren, die das niederrheinische Land mit Geröll und Steinen füllten, ganze Berge anschütteten; da noch keine Kirchtürme weithin über die Ebene grüßten, da in »Xanten am Rhein« der König Siegmund lebte, der von Gott und Christus noch nichts wußte; Siegmund, reich und stark, dessen Schwert im letzten Kampf zerbrach, als sich Wodan, der ihn heimforderte von Manheim, dem Land der Menschen, nach Wallhall in Asenheim, der Götterheimat, ihn, der bisher unbesiegbar war, im Kampfe selber stellte. Sieglind, Siegmunds Weib, war vor der Schwerter Klang und der Stimmen Kampfgewirr in den Wald geflohen, gebar einen Sohn, dem eine Hirschkuh Amme ward, weil die Mutter starb. Und so lebte Siegfried allein im Walde, wuchs heran, hatte blaue Augen und gelbes Haar, ward von der Hirschkuh behütet und gewärmt in kalten Nächten, bis er eines Tages zu der Schmiede kam, in der er sein Schwert hämmerte, nach Regins Weisung, der ein Albe war, aus der Unterwelt stammte und ihn den Weg nach Gnitaheide wies, wo der Drache lebte, den er tötete, in dessen Blut er badete. Siegfried aber, der Balmungschwinger, der nun unverwundbar war bis auf die eine Stelle, da das Lindenblatt den Körper deckte, der die Sprache der Vögel verstehen lernte, und der dann Regin (der ihm, wie die Vögel zwitscherten, nach dem Leben trachtete), mit dem Balmung den Kopf abschlug und den großen Schatz, den Nibelungenhort bekam, die Tarnkappe auch dazu… ; er wurde dann der größte Held der alten Deutschen.

Als er noch auf Gnitaheide stand, kam ein Roß herangetrabt, dem er einen Teil des Schatzes auf den Rücken laden wollte, das aber stehen blieb und nicht von der Stelle wich, bis Siegfried selber sich auf seinen Rücken schwang. Dann gings im Trab (Grani hieß das Pferd) weite Wege durch das graue Heideland zum Meere hin, wo auf hohem Fels des Isensteins die dunkle Burg lag, darinnen Brunhild, die Walküre, schon seit ewgen Zeiten schlief. Der Berg war hell umflammt von jener Waberlohe, in der schon mancher kühne Recke umgekommen war. jedoch als Siegfried auf seinem Grani-Rosse nahte, wichen die Flammen zur Seite – er ritt unversehrt hindurch – er ritt in den Burghof, da wie in einem Sarg Brunhilde schlief, in einem Panzer, der sie ganz umhüllte, der ganz wie um ihren Leib gewachsen war. Nur aber brauchte Siegfried mit dem Balmung das Erz zu berühren, da wich es wie eine dünne Haut von ihr ab. Sie reichte Siegfried den Minnetrunk, er gelobte Treue und zog dann wieder von neuem durch die Lande auf Abenteuer, bis er nach Worins an den Rhein kam, wo er Brunhild vergaß – (er hatte den Vergessenstrank getrunken, der von den Göttern gewollt war, weil sie fürchteten, daß die Kinder dieser stärksten Menschen Siegfried und Brunhild ihnen einmal gefährlich werden könnten). Und so nahm er Kriemhild zum Weibe, nachdem er in der Tarnkappe für Gunther gekämpft und Brunhild ohne seine Schuld betrogen hatte.

Brunhild ward Gunthers Weib, und Kriemhild hatte nicht unterlassen können, ihr zu sagen, daß Siegfried doch der Stärkere wäre, daß gar nicht Gunther sie besiegt habe, wodurch die Stolze so tief verletzt war, weil sie Siegfried, der sie einst auf dem Isenstein so stolz befreit, dem sie so stolz und voll Vertrauen ihre Hand gereicht hatte, trotz allem liebte. Ihre Liebe aber wandelte sich in Haß, daß sie die Anstifterin zum Morde wurde. Bei der Jagd im Spessart war es der finstere Hagen, der von den Alben abstammte, den Unterirdischen, der den stolzen Siegfried tötete. Über der Quelle brach er zusammen, auf einer Bahre brachte man den Toten in die Burg. Und nun erhob Brunhild, die selbst die Helden zu dem Morde angestiftet hatte, große Klage…

»Schauriges, Gunther, erschien mir im Traum: Leichen im Saal – ich – tot – auf dem Lager –Du, König, bekümmert in Ketten geschlossen, Zu Roß umringt von feindlichen Reitern – Die gesamte Sippe der Söhne Niblungs beraubt der Macht zur Rache des Meineids.

So gänzlich Gunther, vergessen hast du’s, Daß ihr beide in der Fußspur am Boden damals Euer Blut gemischt! Mit Mord belohnst du Deinen vordersten Vormann in allen Gefahren!

Mit welcher Treue der junge Thronherr Der streitbare Held seine Schwüre gehalten, Offenbarte deutlich ein Dienst ohne Beispiel: Sein Herz widerriets, doch er kam geritten, Um dir zum Weibe – mich zu werben.

Zwischen uns zweien legt er aufs Lager Die mit goldenen Zeichen verzierte Klinge, Der das Feuer gestählt die feine Schneide, Und Gift gegütet das innere Eisen.«

Und als Brunhild so gesprochen hatte, da stieß sie sich selber das Schwert ins Herz, um mit Siegfried zusammen auf dem Brandstoß zu verbrennen. Aber eine andere Sage erzählt, daß sie auf Siegfrieds Roß Grani aufrecht und stolz den Brandstoß hinaufgeritten sei, auf dem seine Leiche in den Flammen lag, auf daß ihrer beider Seelen gemeinsam hinaufschwebten in die Ewigkeit Walhalls.

Das versunkene Schloß

Es stand in der weiten Ebene, die da fruchtbar wie ein Garten war, dies starke Schloß mit hellen Zinnen, reich an Gold verziert und nicht unweit des Waldes, da stolze Eichen und Buchen rauschten und da oft das Jagdhorn Ritter Erichs widerhallte, der mit seinen Freunden ein wildes, lautes Leben führte im Wald beim Jagen und im Schloß beim Wein.

Es geschah, daß ein armer, alter Pilgersmann des Weges kam und durch das Schloßtor ging und sich wohl etwas fürchtete ob des Gekläffs der Hunde… und daß sich Ritter Erich, eben von der Jagd zurück, über diese Scheu des Alten lustig machte: »Hei, hetzt die Hunde auf den Mann, das gibt ein lustig Schauen und ein Lachen … « Und schon wollte sich die wilde Meute auf ihn stürzen, als von der Seite durch das schmale Törchen des Ritters wunderschöne Tochter aus dem Garten kam, beide Hände voll von roten und weißen Rosen: Elisabeth, schön von Gestalt und schöner noch in ihres Herzens Unschuld, die, als sie jenes frevle Treiben sah, die Hunde rief, die ihr gehorchten und die dann trotz des Scheltens ihres wilden Vaters zu dem Armen ging und – da sie beide Hände voll von Rosen hatte, ihm erst einen Strauß und dann die Hand gab und freundlich zu ihm sprach, so daß der Alte ganz beglückt tränenden Auges vor ihr niederkniete.

Sie aber hob ihn auf und führte ihn durch das Tor, ging eine Weile mit ihm auf den Weg, gab ihm eine gute Gabe und wies ihn zur Herberge. Aber als sie sich wieder wenden wollte, um zur Burg zurückzugehen, sprach der Alte sonderbare Worte, die sie nicht verstand, er verdrehte die Augen… und indem sie ihm zur Hilfe sprang, um den Wankenden zu halten, sah sie plötzlich mitten im hellen Sommerlicht über ihres Vaters Burg eine dunkle Wolke, die immer tiefer sank, und im gleichen Augenblick wankten des Schlosses Türme, ein ungeheuerer Donner brach los, als wenn von tausend Riesenschmiedehämmern die ganze Burg zerschlagen worden wäre. Und wo noch eben blühendes Leben war und Menschen, die nach der Heimkehr sich des Weines freuten, war nun ein See. Dunkle Bäume rauschten traurig an den Ufern rings, Schloß und Gärten sind für alle Zeiten nur Vergangenheit.

Als aber dies geschehen war, stand der Pilger wieder aufrecht. Es wird erzählt, daß Elisabeth an seiner Seite blieb, mit ihm durch weite Länder wandelte und ihn pflegte bis zu seinem Tode. Die Rosen aber, die sie ihm geschenkt, seien nie verblüht, – und als er mit ihnen vor die Himmelstür gekommen wäre, habe sie sich so weit aufgetan, daß auch Elisabeth, ihrer Irdischkeit vergessend, von dem Glanz und Licht herangezogen, lebend, ohne Tod, aus dieser Zeit in die Ewigkeit und Seligkeit gegangen wäre.

Die reichen Bauern

In der Gegend von Niederkassel und Heerdt war früher ein sehr fruchtbarer Boden, und als die Leute nun viele gute Jahre auf der Reihe hatten, da wurden sie so üppig und protzenhaft, daß der Pfarrer seine liebe Not mit ihnen hatte. Ein Bauer ließ ein Hufeisen von Silber machen mit seinem Namen drauf und ließ das seinem Pferde nur lose unterschlagen; und als er einmal auf die Nachbardörfer ausritt, fiel es natürlich ab. Aber das wollte er ja auch gerade; die armen Schlucker dort sollten es finden und sehen, was die Bauern in Niederkassel für schwerreiche Leute wären. Die Sache sprach sich denn auch herum, aber es kam auch dem Pastor von Heerdt zu Ohren, und der hat dann von der Kanzel herunter seiner Gemeinde ins Gewissen geredet und sie gewarnt und dabei gerufen:

Kassel, Kassel!
Gott wird dich hassen
Mit Feuer oder mit Wasser!

Und bald darnach ist eine furchtbare Überschwemmung gekommen – dieselbe, bei der auch das »Heerdter Loch« entstanden ist – hat Hunderte von Morgen des besten Ackerlandes mit Sand und Kies bedeckt und viele reiche Bauern zu armen Leuten gemacht.

Der Binger Bleistift

In alten Zeiten rief einmal der Bürgermeister von Bingen seine einundzwanzig Schöffen zusammen, um mit ihnen über das Wohl und Wehe der Bürger zu beraten. Viel kluge Gedanken wurden da zu Tage gefördert, manch guter Rat wurde gegeben. Endlich sagte der Bürgermeister: »Ihr Herrn, was ihr vorgebracht habt, hat Hand und Fuß. Damit es aber nicht in Vergessenheit gerät, sondern zum Besten unserer guten Stadt in die Tat umgesetzt werden kann, will ich die trefflichsten Vorschläge zu Papier bringen.« Er begann in seinen Rocktaschen nach einem Bleistift zu suchen, fand aber keinen. »Kann einer der Herren mir einen Bleistift leihen?« wandte er sich an die Stadtväter. Die schauten ihn halb verlegen, halb vorwurfsvoll an und griffen dann zögernd in die Taschen; es kam kein Bleistift zum Vorschein. »Dann wollen wir«, fuhr der Bürgermeister fort, »die Sitzung schließen und auf das gute Gelingen unserer Pläne ein paar Flaschen leeren.« Er winkte dem Ratsdiener, der alsbald verschwand und nach ein paar Minuten mit einem Korb voll bemooster Flaschen Scharlachberger zurückkam.

Von neuem kam das würdige Stadtoberhaupt in Verlegenheit; in seinen Hosentaschen fand sich kein Stopfenzieher. Auf seine Frage nach diesem im Weinlande so unentbehrlichen Gerät zuckten die Hände der Ratsherrn, ohne fehl zu greifen, blitzschnell nach den richtigen Taschen, und im nächsten Augenblick lagen einundzwanzig Stopfenzieher vor dem verständnisvoll schmunzelnden Bürgermeister. Sie waren alle vom fleißigen Gebrauch so blank wie ein neuer Silbertaler.

Noch heute heißen im Rheingau die Stopfenzieher Binger Bleistifte.

Vom Ulmener Maar

In düstere Wälder, fruchtbare Ackerbreiten und sonnige Heidehänge eingebettet, liegen geheimnisvoll blinkend die sagenumwobenen Eifelmaare. In ihrem Rund spiegelt sich an lieblichen Frühlingstagen seidenblau der Himmel, träge wie geschmolzenes Blei liegt unter der Sommersonne ihre Flut, an düsteren Herbsttagen ist tiefe Schwermut über sie ausgebreitet, und im Winter steigen die Nixen aus der Tiefe und pochen gegen die glitzernde Decke, die die Wasser gefangen hält.

Die Alten sagten, die Maare seien unergründlich tief und ständen nicht nur untereinander, sondern auch mit dem Weltmeer in Verbindung. Einst fing ein Fischer im See von Ulmen einen Hecht, der mehr als zwei Meter lang war. Er band ihm eine Schelle um und brachte ihn dann wieder ins Wasser zurück. Und siehe, einige Wochen später zog ein Klosterbruder am Laacher See den Riesenfisch mit der Schelle staunend aus dem Netz.

Das versunkene Schloß

Wo sich jetzt das Weinfelder Maar ausbreitet, da stand vor Zeiten auf gesegneter Flur ein prächtiges Schloß. In diesem Schlosse wohnte ein reicher Graf, der wegen seiner Mildherzigkeit weit und breit berühmt war. Seine Gemahlin aber hatte ein hartes Gemüt. Lieber trat sie das Brot mit Füßen, als daß sie es einem Hungrigen reichte. Das bereitete dem Grafen großen Kummer. Doch still duldend ertrug er sein Leid. Er fand nur Trost in der Liebe zu seinem einzigen Kinde.

Eines Tages war der Graf mit seinem Gefolge zur Jagd geritten. Da verfinsterte sich plötzlich über dem Schlosse der Himmel, aus schwarzem Gewölk zuckten grelle Blitze, unheimlich rollte der Donner. Unter betäubendem Getöse spaltete sich der Boden, und ungeheure Wassermassen stiegen empor und verschlangen das Schloß mit allem, was darin war. In den aufsteigenden Fluten fand auch die Gräfin einen jähen Tod.

Ein Bote überbrachte dem heimkehrenden Herrn die schreckliche Kunde. Schon von weitem rief er dem Ahnungslosen zu: »Herr Graf, verschwunden ist Euer Schloß; wo es gestanden hat, da flutet jetzt ein tiefer See! « Ungläubig erwiderte der Graf: »Das ist ebensowenig möglich, als daß mein treuer Falchert, auf dem ich sitze, hier eine Quelle aus dem Boden stampfen könnte.« Noch hatte er nicht ausgesprochen, da fing das Pferd an zu scharren, und unter seinen Hufen sprudelte alsbald eine frische Quelle hervor. Der Graf wurde bleich wie der Tod. Er drückte seinem Pferde die Sporen in die Weichen und sprengte der Unglücksstätte zu. Als er dort ankam, sah er nichts als eine weite, unheimliche Wasserfläche. Bleich und zitternd starrte der Schwergeprüfte auf die dunkle Flut, die ihm alles genommen hatte. Doch siehe, da trieb, wie durch ein Wunder gerettet, sein liebes Kind wohlbehalten in einer Wiege ans Ufer. Voll Dank gegen Gott drückte er es an seine Brust und zog getröstet von dannen.

Der Spuk auf der Burg Manderscheid

Im Jahre 1844 wurden in der Niederburg bei Manderscheid Ausbesserungsarbeiten vorgenommen. Dabei fand man in der Wand neben dem großen Wachtturm eine Nische, deren Eingang zugemauert war. Der Raum war so groß, daß ein erwachsener Mensch zur Not aufrecht darin stehen konnte. Ganz oben an der Decke befand sich eine kleine Öffnung. Als die Steinmetzen die Vorderwand entfernten, fanden sie in dem Kämmerchen ein menschliches Gerippe, eine kleine irdene Schüssel und einen Stein zum Sitzen.

Die Alten in Manderscheid wußten diesen schauerlichen Fund zu erklären.

Vor ein paar hundert Jahren lebte auf der Niederburg ein stolzer Graf, der das gewöhnliche Volk verachtete. Seine Tochter liebte einen von den Dienstmannen der Burgbesatzung, und dieser, ein schmuckes junges Blut, erwiderte ihre Liebe. Bei einer heimlichen Zusammenkunft wurde das ungleiche Paar überrascht, und der jähzornige Alte ließ den unglücklichen Liebhaber auf der Stelle töten. Seine Tochter aber ließ er in jener Nische einmauern. Durch die kleine Öffnung erhielt sie täglich ein wenig Nahrung, bis der Tod sie von ihrer Qual erlöste.

Von dieser Zeit an spukte es jahrhundertelang um die Mitternachtsstunde am alten Wachtturm. Der Spuk hörte erst auf, als man das Gerippe in ein christliches Grab gebettet hatte.

Der Ritter in der Manne

Auf einer von der Üß umflossenen Anhöhe in der Nähe von Bertrich stand in alter Zeit die Entersburg. Dort hauste ein Raubritter, der die Handelswege im Moseltal und in den Eifelbergen unsicher machte. Die Reisigen des Trierer Kurfürsten hatten Befehl, ihm das Handwerk zu legen, doch er entging durch eine List immer wieder ihren Verfolgungen. Wenn er die Feinde in der Nähe wußte, ließ er seinem Pferde die Hufeisen umgekehrt aufschlagen, so daß die Spuren nach der entgegengesetzten Richtung zeigten und die Verfolger in die Irre führten.

Um des verwegenen Räubers habhaft zu werden, beschloß der kurfürstliche Hauptmann, seine Burg zu belagern. Einige Zeitlang hielt die Besatzung tapfer stand; dann aber gingen ihr die Lebensmittel aus, und sie mußte sich ergeben. Die Gemahlin des Ritters erschien auf der Ringmauer und führte die Verhandlungen. »Wir übergeben euch«, so rief sie hinab, »die Burg, wenn ihr mir gestattet, frei auszuziehen und soviel mitzunehmen, wie ich in einer Manne auf dem Kopfe tragen kann.«

Der Anführer der Belagerer war mit diesem Vorschlage einverstanden. Das Burgtor ward von innen geöffnet, und heraus kam mit einem großen Korbe auf dem Kopf eine stattliche Frau. Unbehelligt schritt sie mitten durch die Schar der staunenden Feinde und verschwand im nahen Walde.

Die Kurtrierer drangen nun in die Burg ein, um den Räuber dingfest zu machen. Doch sie fanden ihn nicht, obwohl sie jeden Winkel vom Burgverlies bis zum höchsten Turmgemach hinauf durchsuchten. Zu spät fiel es ihnen ein, daß sie veräumt hatten, sich den Inhalt der Manne zeigen zu lassen.

Der Mönch zu Heisterbach

Im ehrwürdigen Kloster Heisterbach lebte einmal ein junger Mönch, der in der heiligen Schrift und in den frommen Büchern der Väter die Gottesgelehrtheit eifrig studierte. Mit heißem Bemühen und rastlosem Fleiß suchte er einzudringen in die ewigen Dinge, die dem Menschenverstande verborgen sind. Und er las: »Vor Gott sind tausend Jahre wie ein Tag.« Lange grübelte er über den Sinn dieser Worte nach; bange Zweifel quälten seine Seele, während er sinnend im Klostergarten auf und ab ging.

Da hörte er der Vöglein liebliches Singen im nahen Walde. Er folgte den süßen Tönen und ließ sich endlich auf das weiche Moos nieder. Langsam schlossen sich seine müden Augen zum Schlafe.

Als er erwachte, leuchtete das Abendrot durch die Zweige; vom nahen Kloster tönte das Vesperglöcklein herüber. Um das gemeinsame Mönchsgebet nicht zu versäumen, schritt er frisch dahin. Doch alles kam ihm gar seltsam vor. Den Bruder an der Klosterpforte erkannte er nicht. An seinem Platze im Chor kniete ein fremder Mönch. Der Abt fragte ihn nach seinem Namen, und als er ihn bekommen nannte, da hatte keiner der Brüder ihn je gehört. Ein Mönch brachte dann die Klosterchronik herbei, und es stellte sich heraus, daß ein Bruder seines Namens vor dreihundert Jahren das Kloster verlassen hatte und nicht wiedergekommen war. Nun merkte der Heimgekehrte, er selber war jener Verschollene. Aufrichtig bereute er all seine Zweifel; dann sank er sterbend zu Boden, indem er gläubig flüsterte: »Vor Gott sind tausend Jahre wie ein Tag.«

Der Schwanritter

Herzog Gottfried von Brabant war gestorben, ohne männliche Erben zu hinterlassen; er hatte aber in einer Urkunde gestiftet, daß sein Land der Herzogin und seiner Tochter verbleiben sollte. Hieran kehrte sich jedoch Gottfrieds Bruder, der mächtige Herzog von Sachsen wenig: sondern bemächtigte sich, aller Klagen der Witwe und Waise unerachtet, des Landes, das nach deutschem Rechte auf keine Weiber erben könne.

Die Herzogin beschloß daher, bei dem König zu klagen; und als bald darauf Carl nach Niederland zog, und einen Tag zu Neumagen am Rheine halten wollte, kam sie mit ihrer Tochter dahin und begehrte Recht. Dahin war auch der Sachsen Herzog gekommen, und wollte der Klage zu Antwort stehen. Es ereignete sich aber, daß der König durch ein Fenster schaute; da erblickte er einen weißen Schwan, der schwamm den Rhein herdan und zog an einer silbernen Kette, die hell glänzte, ein Schifflein nach sich; in dem Schiff aber ruhte ein schlafender Ritter, sein Schild war sein Hauptkissen, und neben ihm lagen Helm und Halsberg; der Schwan steuerte gleich einem geschickten Seemann, und brachte sein Schiff an das Gestade. Carl und der ganze Hof verwunderten sich höchlich ob diesem seltsamen Ereignis; jedermann vergaß der Klage der Frauen, und lief hinab dem Ufer zu. Unterdessen war der Ritter erwacht und stieg aus der Barke; wohl und herrlich empfing ihn der König, nahm ihn selbst zur Hand, und führte ihn gegen die Burg. Da sprach der junge Held zu dem Vogel: »Flieg deinen Weg wohl, lieber Schwan! wann ich dein wieder bedarf, will ich dir schon rufen.« Sogleich schwang sich der Schwan, und fuhr mit dem Schifflein aus aller Augen weg. jedermann schaute den fremden Gast neugierig an; Carl ging wieder ins Gestühl zu seinem Gericht, und wies jenem eine Stelle unter den andern Fürsten an.

Die Herzogin von Brabant, in Gegenwart ihrer schönen Tochter, hub nunmehr ausführlich zu klagen an, und hernach verteidigte sich auch der Herzog von Sachsen. Endlich erbot er sich zum Kampf für sein Recht, und die Herzogin solle ihm einen Gegner stellen, das ihre zu bewähren. Da erschrak sie heftig; denn er war ein auserwählter Held, an den sich niemand wagen würde; vergebens ließ sie im ganzen Saale die Augen umgehen, keiner war da, der sich ihr erboten hätte. Ihre Tochter klagte laut und weinte; da erhob sich der Ritter, den der Schwan ins Land geführt hatte, und gelobte, ihr Kämpfer zu sein. Hierauf wurde sich von beiden Seiten zum Streit gerüstet, und nach einem langen und hartnäckigen Gefecht war der Sieg endlich auf Seiten des Schwanritters. Der Herzog von Sachsen verlor sein Leben, und der Herzogin Erbe wurde wieder frei und ledig. Da neigten sie und die Tochter dem Helden, der sie erlöst hatte, und er nahm die ihm angetragene Hand der Jungfrau mit dem Beding an, daß sie nie und zu keiner Zeit fragen solle, woher er gekommen, und welches sein Geschlecht sei, denn außerdem müsse sie ihn verlieren.

Der Herzog und die Herzogin zeugten zwei Kinder zusammen, die waren wohl geraten; aber immer mehr fing es an, ihre Mutter zu drücken, daß sie gar nicht wußte, wer ihr Vater war; und endlich tat sie an ihn die verbotene Frage. Der Ritter erschrak herzlich und sprach: »Nun hast du selbst unser Glück zerbrochen und mich am längsten gesehen.« Die Herzogin bereute es aber zu spät, alle Leute fielen zu seinen Füßen und baten ihn zu bleiben. Der Held waffnete sich, und der Schwan kam mit demselben Schifflein geschwommen, darauf küßte er beide Kinder, nahm Abschied von seinem Gemahl und segnete das ganze Volk; dann trat er in’s Schiff, fuhr seine Straße und kehrte nimmer wieder. Der Frau ging der Kummer zu Bein und Herzen, doch zog sie fleißig ihre Kinder auf. Aus dem Samen dieser Kinder stammen viel edle Geschlechter, die von Geldern sowohl als Kleve, auch die rieneker Grafen und manche andre; alle führen den Schwan im Wappen.

Der Kalkbrenner aus Birkenfeld und der Teufel

In Birkenfeld lebte vor langer Zeit in der Achtstraße ein armer Kalkbrenner namens Jakob. Sein Kalkofen befand sich am Palmsberg, am Wege nach Neubrücke, und heute noch heißt die Stelle im Volksmund »Am Kalkofen«.

In der bittersten Not, als seine zahlreiche Familie schon Hunger litt, entschloß sich der arme Mann in einer schlaflosen Nacht, ein Bündnis mit dem Teufel einzugehen. Dieser fand sich auch schon am folgenden Morgen, als vornehmer Herr auftretend, am Kalkofen ein und versprach, den Kalkbrenner zum reichen Mann zu machen und sein Geschäft glänzend auszugestalten. Als Bedingung stellte er aber, wie bei ihm üblich, daß der Kalkbrenner ihm seine Seele verschreibe, die er nach zehn Jahren abholen werde.

Nach langem Zögern ging der Mann auf diesen Vertrag ein. Der Teufel hielt Wort, und das Gold floß dem Birkenfelder in Strömen zu. Nach zehn Jahren fand sich der Teufel auch richtig am Kalkofen ein, um sein Opfer abzuholen. Der Kakbrenner bettelte um weitere zwei Jahre Frist, aber der Teufel ließ sich nur auf zehn Tage Verlängerung ein.

Sie vereinbarten nun nach langem Feilschen, daß der Teufel den Kalkbernner nach dieser Frist pünktlich mittags um zwölf Uhr mit einem Sack am Feuerloch seines Kalkofens in Empfang nehmen solle. Als der Tag heranbrach, kam der kluge Birkenfelder mit einem starken jungen Eber über den Zinnerbach zum Palmsberg gegangen. Er führte das halbwilde Tier an einem Strick. Mit Mühe und Not gelang es ihm, den Eber in den Kalkofen zu schaffen und die Tür zu schließen.

Zur festgesetzten Stunde traf auch der Teufel mit seinem Sack von Emmerichsberg herkommend, beim Kalkofen ein, freute sich, als er den Höllenlärm, das Poltern, Grunzen und Quieken aus dem engen Raum heraus hörte, und dachte, es sei der Kalkbrenner, der in seiner Seelenangst solchen Lärm anstelle. Mit großer Vorsicht machte er die Tür des Kalkofens auf und hielt den geöffneten Sack davor; der durch das Feuerspeien wildgewordene Eber war mit einem Satz im Sack, machte aber gleich darauf alle Anstrengung, dem neuen Gefängnis zu entrinnen. Nicht ohne Mühe brachte ihn der Teufel zur Hölle, frohlockend über seinen guten Fang.

Doch wie erschraken er und seine Großmutter, als beim Öffnen des Sackes nicht der Birkenfelder, sondern der wilde Eber daraus hervorbrach und rücksichtslos, wie Schweine nun einmal sind, zwischen ihren Beinen hindurch in der Hölle herumsauste und dort eine heillose Verwirrung anrichtete.

Seitdem ist man im Reich des Höllenfürsten recht vorsichtig geworden; Kalkbrenner sind dort nicht mehr beliebt, besonders solche aus Birkenfeld. Jakob aber lebte noch viele Jahre in Glück und Zufriedenheit und sah Enkel und Urenkel.

Der tabakrauchende Teufel

Im großen Wildenburger Wald auf dem Hunsrück machte einmal ein alter Förster seinen Reviergang und ließ dabei mächtige Rauchwolken aus seiner schön geschnitzten Pfeife aufsteigen. Mit einem Male stand, wie aus dem Boden gewachsen, ein wildfremder Kerl vor ihm, der einen weiten Mantel trug und einen Klumpfuß hatte. Wie der Förster in das feuerrote Gesicht mit den grellen Augen sah, wurde es ihm unheimlich, und verstohlen faßte er nach dem Schaft seiner Flinte, die er schußbereit über der Schulter trug. Und als ihn dann der Kerl fragte, was er tue, sagte er ganz seelenruhig: »Oh, nichts Besonderes; ich rauche meinen Tabak.« Da bat der Fremde: »Darf ich auch einen Zug aus dieser schönen Pfeife tun?« Bereitwillig kam der Förster der Bitte des Zudringlichen nach, hielt ihm aber statt der Pfeife den Flintenlauf an den Mund und forderte ihn auf, tüchtig zu ziehen. Kaum tat der Fremde den ersten Zug, da griff der Förster blitzschnell ans Flintenschloß und drückte los. Doch ruhig, als sei nichts geschehen, spuckte der Teufel, denn er war es, die Kugel aus und sagte: »Ei, zum Donner, du rauchst ein starkes Kraut.« Mit einem Schlage war darauf der Böse verschwunden. Der Förster aber merkte an dem abscheulichen Schwefelgeruch, wen er vor sich gehabt hatte.

Der entdeckte Werwolf

Ein Bauer aus der Nähe von Neviges kam nachts mit seiner Frau von einer Hochzeit. Da es geregnet hatte, trug die Frau ihr Kleid hoch aufgeschürzt, so daß der rote Unterrock zum Vorschein kam. Als sie in die Nähe ihrer Wohnung gekommen waren, bat der Bauer seine Frau, schon voran zu gehen, er werde bald nachkommen. Nach kurzer Zeit erblickte die Frau, durch ein Geräusch aufmerksam gemacht, ein Wolfsungeheuer hinter sich, das sie verfolgte und seine langen Zähne tief in ihrem Unterrocke begrub. Sie schrie laut auf und flüchtete der nahen Wohnung zu, worauf das Untier von ihr abließ. Kurz darnach erschien ihr Mann, dem sie sofort den Vorfall erzählte. Ohne viel zu sagen, legte sich dieser aber zu Bett. Als sich die Frau am folgenden Morgen erhob, schlief ihr Mann noch fest. Da gewahrte sie die roten Fetzen von ihrem Unterrock zwischen seinen Zähnen. Nun wußte sie, daß ihr Mann ein Werwolf sei. Sie floh zu ihren Eltern und setzte die Scheidung von ihrem Manne durch.

Der Geiger von Echternach

Vor mehr als tausend Jahren lebte in Echternach der hl. Willibrord, der in großer Wohltäter unseres Landes war. Wenn er predigte, dann drängte sich das Volk in dichten Scharen um ihn. In der vordersten Reihe der Zuhörer sah man stets den lange Veit, einen ungewöhnlich großen Mann, der als Musikant durchs Land und bei Festlichkeiten zum Tanze aufspielte. Das Wort des gewaltigen Bußpredigers rührte so sehr das Herz des Spielmanns, daß dieser sich eines Tages aufmachte und mit seinem Weibe eine Wallfahrt nach dem heiligen Lande antrat.

Jahre vergingen, doch Veit kehrte nicht zurück; nicht einmal eine Nachricht von ihm kam in die Heimat. Seine Verwandten hielten ihn für tot und teilten seinen Besitz. Da endlich, am Ostertage des zehnten Jahres seiner Wallfahrt, erschien ganz unerwartet der Totgesagte wieder, allein und bettelarm. Sein Weib hatten Räuber im Morgenlande erschlagen. Eine alte Geige war seine ganze Habe. Er trat vor seine Verwandten und forderte sein Gut zurück. Die Unredlichen erschraken und beschlossen, sich des Heimgekehrten zu entledigen. Sie klagten ihn an, er selbst habe sein Weib im fernen Lande ermordet.

Für solch schwere Anklage war der Beweis vor dem Gerichte nicht zu führen; nur ein Gottesurteil konnte entscheiden. Gegen einen waffengewandten Vetter mußte der lange Veit zum Kampfe antreten; er wurde besiegt, und der Richter verurteilte den Unterlegenen nach Gesetz und Herkommen zum Tode.

Als der Unglückliche unter dem Galgen stand und den Strick schon am Halse spürte, bat er, noch einmal auf seiner Geige spielen zu dürfen. Das wurde ihm als letzte Gnade gewährt, und er entlockte den Saiten solche wehmütige Töne, daß den Zuhörern die hellen Tränen über die Wangen liefen. Dann aber spielte er feurige Weisen, die alle zur Hinrichtung Herbeigeeilten, Burschen und Dirnen, Männlein und Weiblein, ja selbst die ernsten Richter und den finstern Henker, zum Tanze mitrissen. Toll und immer toller drehte sich die Schar im Kreise, Veit aber stieg gemächlich von der Leiter herab und verschwand, immer weiter spielend, im Walde.

Erst am späten Abend hörten die Tänzer auf, sich zu drehen, doch die Verwandten Veits, die ihn fälschlich angeklagt hatten, mußten ohne Unterbrechung weiter springen. Schon hatten sie sich bis an die Knie in die Erde hineingetanzt, da löste endlich Sankt Willibrord, den man herbeigerufen hatte, den tollen Zauber.

Der Abt und der Schweinehirt

Kurfürst Jan Willem schenkte 1707 den Trappistenmönchen, die bis dahin das Löricker Werth bewohnt hatten, die beiden Speckerhöfe an der Düssel, aus denen dann das Kloster Düsseltal entstand. Nun brauchten sich die Mönche nicht mehr vor Hochwasser, Eisgang und feindlichen Überfällen zu fürchten und fühlten sich hier so wohl, daß sie, wie die Sage berichtet, über dem Eingangstor zum Kloster die Inschrift anbrachten: »Wir leben ohne Sorgen.« Nun stattete eines Tages der Erzbischof Joseph Clemens von Köln dem Kloster einen Besuch ab. Er hatte in seiner langen, wenig gesegneten Regierung über Mangel an Sorgen nicht zu klagen gehabt. Als er die Aufschrift las, gedachte er, dem Abt einen Schrecken einzujagen. Er legte ihm drei Fragen vor und drohte, wenn diese nicht binnen vierzehn Tagen richtig gelöst würden, solle der Abt seinen Posten verlieren. Die Fragen aber lauteten:

1. Was ist nicht krumm und auch nicht gerade?
2. Was ist nicht im Wege und auch nicht daneben?
3. Wo ist der Mittelpunkt der Erde?

Trotz allen Kopfzerbrechens konnte der Abt die Lösung der Rätselfragen nicht finden. Traurig schlich er umher, bis er eines Tages dem Schweinehirten des Klosters begegnete. Der faßte sich ein Herz und fragte nach dem Grunde seiner Traurigkeit. Als der Abt ihm nun seinen Kummer vertraute, da wußte der Hirt ihm die Lösung zu sagen. »Das erste ist eine Kegelkugel, das zweite ein Karrengeleise, und der Mittelpunkt der Erde ist hier, wo ich stehe«, sagte der pfiffige Knecht. Da wurde der Abt hocherfreut. Weil er sich aber trotzdem scheute, dem Erzbischof vor die Augen zu treten, so bewog er den Schweinehirten, an seiner Statt und in seiner Amtskleidung die Reise nach Bonn zu unternehmen. Als der nun dort die drei Fragen zur Zufriedenheit gelöst hatte, plagte ihn der Schalk, und er erbot sich, des Kurfürsten geheimste Gedanken zu erraten. Da wurde dieser neugierig, machte aber ein recht verdutztes Gesicht, als er hörte: »Ihr denkt, Ihr sprecht mit dem Abt von Düsseltal; ich bin aber nur des Klosters Schweinehirt.« Zum Schluß legte der wackere Beherrscher des Borstenviehes noch ein gutes Wort für seinen Herrn ein, damit dieser auf seinem Posten verbleiben konnte. Der Schweinehirt aber erhielt als Lohn einen Freibrief und das Gnadenbrot im Kloster bis an sein Ende.

Die Herdmännchen von Wachtendonk

In Wachtendonk wohnten die Erdmännchen oder Herdmännchen unter dem Rathaus; sie hatten einen großen kupfernen Kessel, den die Bürger bei Tage mitbenutzen durften. Dafür mußten sie ihn abends blankgescheuert wieder vor das Rathaus hinstellen und ein kleines Geschenk, ein Weißbrot oder dergleichen, hineinlegen. Ein Wachtendonker aber, der in der Nachbarschaft wohnte – man wußte sogar seinen Namen –, unterließ dies einst und machte sogar zum Hohn noch eine Schweinerei mit dem Kessel. Die Erdmännchen rächten sich damit, daß sie ihm in der nächsten Nacht alles Getreide aus dem Hause forttrugen. Da wollte er ihnen einen rechten Streich spielen und streute abends Erbsen auf die Treppe, daß sie in der Dunkelheit ausgleiten und herunterfallen sollten. Nun hatte er es aber ganz mit ihnen verdorben, sie stahlen ihm alles aus dem Hause weg, so daß er völlig verarmte.

Später als das Morgen-, Mittag- und Abendläuten in Wachtendonk eingeführt wurde, konnten die Erdmännchen das nicht ertragen und sind fortgezogen nach dem Hülser Berg im Kempener Land, dort hausten sie, wo jetzt der Aussichtsturm steht. Die Bauern der Umgegend hörten oft, wenn sie an dem Berg vorbeigingen, ein Gesumme wie von einem Bienenschwarm, konnten aber nirgends einen Eingang finden und sahen auch niemals irgend etwas Lebendiges aus- und eingehen. Solange die Erdmännchen aber in dem Berg wohnten, hatten die Bauern gute Tage. Einmal als der Rhein austrat, waren in einer Nacht tiefe breite Gräben gezogen, durch die das Wasser abfloß, so daß es den Feldern keinen Schaden tat; von diesen Gräben sind noch die Niepkuhlen erhalten. Und wenn die Bauern Roggen und Weizen gemäht auf dem Felde liegen hatten, konnten sie sicher sein, daß es am andern Morgen gedroschen und in Stroh und Körner gesondert auf der Tenne lag.

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Sagen aus Brandenburg


Sagen aus Brandenburg

Die verwunschene Prinzessin auf den Müggelbergen

Seltsame Geschichten von einem merkwürdigen Stein auf den Müggelbergen sind in der Gegend von Köpenick im Umlauf. Die Müggelheimer erklären zwar, der Stein sei zersprengt und die Teile zum Bau ihrer Brunnen verwendet worden. Der Felsblock habe der Teufelsaltar geheißen, und an der Stelle, wo er gelegen, lodere oft ein Feuer auf, das so hell leuchte, daß man es sogar in Müggelheim sehe. Sobald man aber in seine Nähe komme und nur ein lautes Wort spreche, so verschwinde es.

In Köpenick dagegen behaupten die Leute, der Stein, den man hier den Prinzessinnenstein nennt, liege noch auf einem Vorberg in der Nähe des Teufelssees, der ringsum von dunklen Fichten und Moorgrund umgeben ist. Das Wasser dieses Sees ist von fast schwarzer Farbe, und obgleich er nur klein ist, hat man sich doch bisher vergeblich bemüht, ihn zu ergründen.

Der Stein soll an Stelle eines prächtigen Schlosses liegen, in dem einst eine schöne Prinzessin gewohnt habe, die nun verwunschen und mit dem Schloß in den Berg versunken sei. Sie kommt jedoch zuweilen wieder zum Vorschein; unter dem Stein sei nämlich eine Öffnung, und von da führe ein Weg tief in den Berg hinein; daraus sieht man sie abends als altes Mütterchen am Stabe gebückt hervortreten. Andere Leute haben sie auch, namentlich um die Mittagszeit, als schönes Weib am Ufer des Teufelssees sitzen sehen, wie sie sich im Wasser beschaute und ihre langen Haare kämmte. So sah sie einst ein kleines Mädchen aus Köpenick, das in der Nähe mit ihrer Mutter Beeren gesucht und dabei die Mutter verloren hatte; weinend war die Kleine dann im Wald umhergeirrt. Da hatte die Prinzessin das Mädchen mit sich in ihr Schloß hinuntergenommen und reich beschenkt nach kurzer Zeit wieder heraufgebracht.

Sieht man die Jungfrau am Abend aus dem Berge hervorkommen, so trägt sie ein Kästchen, das leuchtendes Gold enthält; das soll der erhalten, der sie dreimal um die Kirche von Köpenick herumträgt und sich dabei nicht umsieht; dadurch wird sie erlöst. Einen Burschen hat,s einmal nach dem Golde gelüstet, und er hat das Wagestück unternommen. Er hob die Prinzessin auf den Rücken, denn sie war federleicht, und schritt mit ihr nach Köpenick. Aber je mehr er sich der Stadt näherte, desto schwerer wurde die Bürde; doch er hielt tapfer aus und kam endlich mit ihr ans Ziel. Nun begann er seinen Umgang um die Kirche. Da erschienen plötzlich Schlangen und Kröten und allerhand scheußliche Tiere mit feurigen Augen; koboldartige Wesen stürzten wild hinter dem Burschen her und bewarfen ihn mit Holzblöcken und Steinen. Aber er ließ sich durch all diese Schrecknisse nicht beirren und schritt mutig vorwärts. So hatte er schon den dritten Umgang begonnen und seine Aufgabe fast vollendet, als ihn ein grellroter Schein blendete, der so fürchterlich war, als stünde ganz Köpenick in Flammen. Da vergaß der junge Mensch das Verbot und sah sich um; doch im selben Augenblick war alles verschwunden, und ein heftiger Schlag raubte ihm das Leben.

Die Jungfrau aber harrt weiter des Mannes, der sie dereinst aus ihrer Verbannung erlösen werde, doch hat seit langem niemand mehr die Prinzessin erblickt.

Der Schatz im Brunnen des Schloßhofes zu Wiesenburg

Mitten im Burghof zu Wiesenburg steht ein reichverziertes Brunnenhäuschen. Aus der Wendenzeit her soll auf dem Brunnenboden ein Schatz ungehoben ruhen. Man erzählt, daß den Brunnenboden eine mächtige Steinplatte bilde. Unter ihr ruhe ein prächtiger Goldschmuck des Wendenkönigs Pribislav, nur in der Nacht zum 1. Mai sei es möglich, ihn zu heben. In dieser Zeit verlaufe sich nämlich auf eine geheimnisvolle Weise das Wasser und der Brunnengrund liege trocken da. Wer nun, ohne dabei zu sprechen, die Platte höbe, könne sich in den Besitz des Schatzes setzen. Vor vielen Jahren haben sich denn auch zwei Bewohner Wiesenburgs, ein Flame und ein Wende, aufgemacht, den Schatz zu suchen. Als die Uhr vom Bergfried her die zwölfte Stunde rief, ließen sie sich in den tiefen Brunnenschacht hinab. Das Wasser war fort, und sie fanden auch richtig die Steinplatte, die den Schatz verschloß. Schnell machten sie sich an die Arbeit. Schaurig hallten die Schläge mit der Hacke an den Brunnenwänden wider und tönten zu den grauen Burgmauern hinauf, kamen zurück und ballten sich wieder zu schrecklichem Getöse. Als die Schatzgräber einen Augenblick Atem schöpften und ihre Köpfe von dem mühseligen Werk aufhoben, bot sich ihnen ein fürchterlicher Anblick. Auf dem Rand des Brunnenhäuschens saßen entsetzliche Gespenster mit Hörnern, Kuhfüßen und Schwänzen, die bemüht waren, einen Galgen aufzurichten. Den Männern trat bei diesem Anblick der kalte Schweiß auf die Stirn. Aber ihrem Ziel so nahe, wollten sie die Arbeit nicht aufgeben und begannen aufs neue an der Platte zu zerren, die sich bereits zu heben begann.

Hierdurch lebte ihr Mut wieder auf, ihre Kräfte vermehrten sich, der Stein hob sich schon, als sich vom Brunnenrand eine schreckliche Stimme hören ließ: »Welchen von den beiden Geldgierigen soll ich denn aufhängen?« Die Gemeinten hoben erschrocken die Augen und sahen den Galgen bereits fertig dastehen. »Den Holländer hängt auf! « ertönte es jetzt dumpf zur Antwort. Da war aber auch des soeben Verurteilten Mut zu Ende, und mit dem verzweifelten Ausrufe: »Gnade für mich!« fiel er in die Knie. Damit war aber auch das Werk vereitelt. Ein Donnerschlag ertönte, Galgen und Teufel verschwanden. Die Platte, hinter der Gold und Silber bereits verführerisch geglänzt hatten, sank in ihre alte Lage zurück, und nur die schleunigste Flucht konnte die zwei vor dem Tod des Ertrinkens retten, da der Brunnen bereits anfing, sich schnell wieder mit Wasser zu füllen.

Die alte Hexe Frick

Einst fuhr ein Bauer nach der Mühle von Boitzenburg, um sein Getreide mahlen zu lassen. Abends als er wieder mit seinen schweren Säcken nach Hause fuhr, hörte er plötzlich ein wildes Brausen und lautes Hundegebell. Da kam ihm die Hexe Frick mit ihrem Hundegespann entgegengefahren, und die Hunde spieen helles Feuer aus Maul und Nase, so oft sie bellten. Dem Bauern wurde angst und bange, und er wußte sich Mehl den Hunden zum Fressen gab, nicht anders zu helfen, als daß er sein die auch mit Gier alles bis zum letzten Rest auffraßen. Und der Bauer wußte ganz genau, wenn er das nicht getan hätte, wäre es ihm sehr schlimm ergangen. Als er nun betrübt nach Hause kam und seiner Frau erzählte, wie es ihm ergangen, da meinte diese: »Bist du dein Mehl losgeworden, dann kannst du die leeren Säcke auch gleich mit fortwerfen.« Und der Mann tat, wie ihm die Frau geboten, brachte die Säcke auf den Hof und warf sie zum Kehricht. Als er aber am andern Morgen auf den Hof trat, da sah er zu seinem größten Erstaunen die Mehlsäcke wieder voll gefüllt beieinanderstehen, wie er sie aus der Mühle nach Hause gefahren hatte. Das war zum Dank dafür, daß der Bauer den Hunden der Hexe Frick zu fressen gegeben hatte.

Der Schmied von Jüterborg

Zu Jüterbog lebte einmal ein Schmied, der ein sehr frommer Mann war. Eines Abends, ganz spät, trat ein alter Mann ins Haus, der recht würdig aussah, und bat ihn um ein Nachtquartier. Der Schmied war zu jedermann immer freundlich und gütig; er nahm den Fremden gern auf und bewirtete ihn nach Möglichkeit. Als der Gast am nächsten Morgen weggehen wollte, dankte er seinem Wirt herzlich und sagte, der Schmied solle drei Bitten tun, diese wolle er ihm gewähren. Da bat der Schmied zuerst, daß sein Stuhl hinter dem Ofen, auf dem er abends nach der Arbeit auszuruhen pflege, die Kraft bekomme, jeden ungebetenen Gast so lange festzuhalten, bis ihn der Schmied selbst loslasse; zweitens, daß sein Apfelbaum im Garten die Hinaufsteigenden nicht herablasse; drittens, daß aus seinem Kohlensack keiner herauskomme, den er nicht selbst befreie. Diese drei Bitten gewährte der Fremde und ging darauf fort.

Nicht lange nachher, kam der Tod und wollte den Schmied holen. Dieser aber bat ihn, er möge sich doch ein wenig auf seinem Stuhle ausruhen, da er sicher von der Reise sehr ermüdet sei. Da setzte sich denn der Tod nieder, und als er nachher wieder aufstehen wollte, saß er fest. Nun bat er den Schmied inständig, er möge ihn doch wieder befreien, doch dieser wollte lange nichts davon wissen; endlich verstand er sich dazu unter der Bedingung, daß der Tod ihm noch zehn Jahre schenke. Damit war der Tod zufrieden. Der Schmied löste ihn von seinem Sitz, und der ungebetene Gast entfernte sich.

Als die zehn Jahre um waren, erschien der Tod wieder. Da erklärte ihm der Schmied, er sei bereit mitzugehen, doch solle der Tod erst noch auf den Apfelbaum im Garten steigen und einige Äpfel herunterholen, sie würden ihnen auf der weiten Reise gut schmecken. Das tat der Tod und saß wieder fest. Nun rief der Schmied seine Gesellen herbei, die mit schweren eisernen Stangen gewaltig auf den Tod losschlagen mußten, daß er Ach und Weh schrie und den Schmied flehentlich bat, er möge ihn doch freilassen, er wolle von nun an gern ausbleiben.

Als der Schmied hörte, daß der Tod ihn ewig leben lassen wollte, hieß er die Gesellen einhalten und entließ seinen Besucher von dem Baum. Der Tod zog glieder- und lendenlahm davon und kam nur mit Mühe vorwärts. Da begegnete ihm unterwegs der Teufel, dem er sogleich sein Leid klagte; aber der Satan lachte ihn aus, weil er so dumm gewesen sei, sich von dem Schmied täuschen zu lassen, und meinte, er würde bald mit dem Schmied fertig werden. Darauf wanderte der Teufel in die Stadt, klopfte bei dem Schmied an und bat, er möge ihm Herberge für die Nacht geben. Nun war,s aber schon spät; der Schmied weigerte sich, den Teufel einzulassen, und erklärte, er könne die Haustür nicht mehr öffnen; wenn er jedoch zum Schlüsselloch hereinfahren wolle, so möge er nur kommen. Das war nun dem Teufel ein leichtes, und sogleich huschte er hindurch.

Der Schmied war aber klüger gewesen als der Teufel; er hatte innen seinen Kohlensack vorgehalten, und als nun der Teufel darin saß, band er den Sack schnell zu, warf ihn auf den Amboß und ließ seine Gesellen wacker draufloshämmern. Da flehte der Teufel jämmerlich, sie möchten doch aufhören; aber die Gesellen ließen nicht eher nach, als bis ihnen die Arme von dem Hämmern müde waren und der Schmied ihnen endlich das Ende befahl. Der Schmied ließ den Teufel nun frei; doch mußte er bei dem gleichen Loch wieder hinaus, wo er hereingeschlüpft war.

Fortan trug der Teufel kein Verlangen mehr, noch einen zweiten Besuch beim Schmied von Jüterbog zu machen.

Der Name von Jüterbog

Als die Stadt Jüterbog gebaut worden war, wußte man nicht, welchen Namen man ihr geben sollte und beschloß daher, vors Tor zu gehen und zu warten, bis jemand käme; nach dem wolle man dann die Stadt nennen. So geschah’s auch, und es währte nicht lange, so kam eine Krügersfrau, Jutte mit Namen, die führte einen weißen Bock mit sich; da hat man denn nach ihr und ihrem Begleiter die Stadt Jüterbog genannt, und hat ihr deshalb einen weißen Bock zum Wappen gegeben.

Die goldene Wiege

Zwischen dem Dorfe Wadekath und dem hannöverschen Orte Wittingen liegt unweit des Weges eine goldene Wiege vergraben, die ist bis zum Rande mit Geld angefüllt. Einen Bauer aus Wadekath gelüstete es einst gar zu sehr nach diesem Schatze, da machte er denn ein Bündnis mit dem Teufel, damit der ihm dazu verhülfe. Der Teufel war auch willig und sagte, daß er ihm durch ein Zeichen den Ort angeben wolle, damit er ihn in der Nacht finden könne. So wartete denn der Bauer bis um Mitternacht und ging nun seines Schatzes schon ganz gewiß nach der bestimmten Stelle, allein wie er dahin kam, hatte der Teufel in einem weiten Umkreis Sträuße gesteckt, so daß der Bauer sich vergeblich mit Graben abmühte und nichts fand.

Mehrere Leute aus Wadekath vereinigten sich auch einmal die goldene Wiege zu heben, gingen daher zur Nacht hinaus und machten sich frisch an die Arbeit. Da ging denn auch zuerst alles ganz gut vonstatten; wie sie aber eine Welle gegraben hatten, wards anders, denn der eine hebt so von ungefähr die Augen auf, da sieht er einen schwer beladenen Heuwagen dicht an sich vorüberfahren, den zieht ein kleiner Hahn mit der größten Leichtigkeit, so daß es ihm ganz grausig wurde; kaum ist der Spuk verschwunden, so geht ein Feuer auf und erhellt rings umher den ganzen Himmel, allein sie ließen sich durch das alles noch nicht stören, sondern gruben frisch weiter. Da kamen plötzlich schwarze Männer dahergegangen, die schleppten schwere Balken heran und richteten einen großen Galgen auf. Wie der nun fertig war, stiegen sie herab und wollten den ersten der Gräber greifen um ihn daran aufzuknüpfen, da rief er unwillkürlich, nicht ihn sollten sie aufhängen, sondern seinen Nebenmann, und augenblicklich war alles wie der Wind zerstoben; aber die Wiege haben sie auch nicht gefunden.

Schloß Grunewald

Im Grunewald ist manche Stelle, wo es nicht ganz richtig sein soll; vor allem aber spukt es im Grunewalder Schloß. Waren einmal ein paar Fischer zur Herbstzeit im Schloß und hatten sich, nachdem sie bis spät am Abend gefischt, müde in dem Seitengebäude in einem eine Treppe hoch gelegenen Zimmer zum Schlafen hingelegt. Sorgfältig hatten sie die zwei Türen, sowohl die unten an der Treppe als auch die andere, welche oben vom Treppenflur in das Zimmer führt, zugemacht. Auch die dritte Tür, die nach der angrenzenden Kammer geht, war fest zu, wie sie denn auch keiner ohne die zugehörige Klinke überhaupt öffnen kann.

Als sie nun im tiefen Schlaf lagen, kam es laut und vernehmlich »trott, trott, trott« die hölzerne Treppe herauf, die Stubentür flog auf, und sausend stürzte es durch die Stube. Die Kammertür öffnete sich, und heulend wie ein Sturmwind zog’s in die Kammer hinein. Dann war’s still im Zimmer. Da mit einemmal fuhr es aus dem Schlot und polterte den Ofen hinab. Wieder war dann alles still. Die Männer aber waren gleich anfangs aufgewacht und zitterten und bebten vor Entsetzen, eiskalt fuhr es ihnen durch Mark und Bein, es wagte keiner aufzusehen, sondern alle zogen sich ihre Mäntel übers Gesicht, als es bei ihnen vorbeiging. Als aber das Tosen und Poltern im Ofen vorbei war, fuhren sie auf und im Nu, sie wußten selbst nicht wie, waren sie die Treppe hinunter und stürzten über den Hof in die Kutscherstube; erst da wagten sie aufzuatmen.

Ein anderes Mal passierte ähnliches, als sie in der Kutscherstube selbst schliefen. Da öffnete sich plötzlich die Pferdestalltür und der Kutscher kam zitternd zu ihnen in die Stube. Hinter ihm raste es wie ein Wirbelwind, riß die Flurtür auf und fuhr durch den schmalen Flur nach dem Hof hinaus. Wie sie da ans Fenster eilten, sahen sie mit Schrecken, wie es im Mondschein wild auf dem Hof und an den Wänden der Gemäuer herumjuchte und tobte wie die wilde Jagd und ganz deutlich eine weiße Gestalt da herumstürmte. Derartiges wollen die Leute, die dort verkehren, öfters erlebt haben.

Namentlich soll aber der alte Kellermeister (der auch auf dem Bild am Eingang abgebildet ist) des Nachts um zwölf Uhr noch oft die große Wendeltreppe des Schlosses herabkommen und mit den Schlüsseln klappern. Auch fangen manchmal die alten großen Bratspieße unten in der gewölbten Küche an, sich von selbst zu drehen. Das Leben, das hier früher gewesen zu der alten Kurfürsten Zeiten, erklärte dabei der Erzähler, ist noch nicht vollständig zur Ruhe gekommen, und damals ist auch manches passiert, was jetzt nicht mehr vorkommt. So soll in einem Zimmer des südlichen Flügels einmal jemand eingemauert worden sein. Einige meinen, es sei die schöne Gießerin Anna Sydow gewesen, welche Kurfürst Joachim liebgehabt und deren Geist nun noch spuke; andere behaupten, es sei eine Hofdame, welche er geliebt und die seine Gemahlin während seiner Abwesenheit lebendig da hat einmauern lassen. Wunderlich sieht die Stelle allerdings aus, zumal eine kleine Wendeltreppe im oberen Stock sich gerade an sie anschließt und früher von dort auch nach unten geführt zu haben scheint; wer weiß aber, ob da überhaupt etwas eingemauert war und die Treppe nicht einfach abgebrochen und die Stelle zugemauert wurde?

Der Name von Pritzwalk

Vor alters war da, wo jetzt die Stadt Pritzwalk liegt, ein großer Wald, bis endlich einmal mehrere Handwerker und Landleute, zur Zeit, als in hiesiger Gegend noch Wenden wohnten, Lust bekamen, sich hier niederzulassen. Wie sie nun den Anfang damit machen wollten, die Bäume auszuroden, da fanden sie einen Wolf unter einer Linde liegen, den schrien sie an.»Priz wolk« oder »Priz fouk! « das heißt zu deutsch: »Fort, Wolf! « Und wie sie nun bald darauf die Stadt an diesem Ort erbauten, da nannten sie diese Prizwalk, und den Namen hat sie bis heute behalten. Zum Andenken hat man auch einen Wolf, der unter einer Linde fortflieht, ins Stadtwappen gesetzt.

Wie Ferch entstand

Zur Zeit, als es noch Ritter im Land gab, lebte in einem Waldhaus am Schwielowsee eine Fee. Eines Tages durchstreifte ein fremder Ritter die Wälder um den Schwielowsee. Er verirrte sich. Die Nacht brach herein, ohne daß er auf den rechten Weg gekommen war. Da schimmerte durch die Baumstämme ein schwacher Lichtschein, auf den er zuging. Bald stand er vor dem Waldhaus. Auf sein Klopfen ließ ihn die freundliche Fee eintreten. Sie fand Wohlgefallen an dem schmucken Edelmann und bezauberte ihn deshalb, so daß er Pflichten und Heimat vergaß. Lange mochte er so bei der Fee geblieben sein. Da läuteten eines Tages irgendwo Kirchenglocken; denn deutlich wurde ihr Schall über den Schwielowsee getragen. Nun packte den Ritter tiefe Reue. Sofort wollte er das Waldhaus verlassen. Doch die schöne Fee hielt ihn noch einen Tag zurück. Sie wußte nicht den wahren Grund für des Ritters Verhalten und meinte, es wäre ihm nur zu einsam im Wald. Darum nahm sie ihn am nächsten Morgen bei der Hand und führte ihn auf einen Berg am Schwielowsee. Und siehe! Da, wo sonst Wälder sich ausbreiteten, lag plötzlich eine von der Fee über Nacht hervorgezauberte Ortschaft, die der Ritter vorher noch nie gesehen hatte. Dieser Ort war Ferch.

Die Sage meldet nicht, was nun geschah. Doch das ist unbestritten bis auf den heutigen Tag Wahrheit geblieben: Ferch macht noch immer auf jeden Wanderer den Eindruck, als könnte es nur von den Zauberhänden einer gütigen Fee und nicht von Menschenhand geschaffen worden sein.

Der Name von Köpenick

Vor langen Zeiten war einmal ein alter Fischer, der in der Nähe von Köpenick seinem Gewerbe nachging und namentlich am Müggelsee seine Netze auszuwerfen pflegte. Da geschah es einst, daß er auch dort war und ein großer Krebs vom See ans Ufer geschwommen kam, ihn anredete und sagte, er wolle ihm viel Glück bringen und ihn zum reichen Mann machen, wenn er ihn aus dem Wasser nähme und nach dem ersten Ort jenseits der Spree brächte. Darauf nahm der Fischer den Krebs und ging mit ihm nach Köpenick zu, wo er uneingedenk dessen, was derselbe gesagt, ihn auf den Markt brachte, um ihn zu verkaufen. Da das Tier so groß war, fand sich auch bald ein Käufer; aber da begann der Krebs auf einmal zu rufen: »Kööp nich! Kööp nich!« Nun gedachte der Fischer wieder der Bedingung, nahm seinen Krebs und ging weiter. Darauf setzte er über die Spree und kam nach Stralau, wo er den Krebs um vieles Geld verkaufte. Zum Andenken aber an die Worte, die der Krebs dort vor allen Leuten auf dem Markt gesprochen, wurde die Stadt Köpenick genannt, und die Stralauer zeigen noch alljährlich am Tag des großen Fischzugs, am 24. August, den großen Krebs, der von Köpenick dahin gebracht wurde.

Die Ruppiner Kobolde

Als die Stadt Neu-Ruppin am Ende des vorigen Jahrhunderts abbrannte und schon die Kirche in Flammen stand, sah man hoch oben auf dem Turme einen kleinen roten Kobold, der bald hier bald da aus den Luken herausschaute, und die unten stehenden Leute, denn der Kirchhof war ganz mit Menschen angefüllt, auslachte. Wie er aber hinaufgekommen, wußte sich niemand zu erklären, denn die Türen der Kirche und des Turms waren alle fest verschlossen.

Ein anderer Kobold hält sich am Ufer des Sees auf, und oft hören die Fischer abends jemanden mit lauter Stimme rufen: »Hol ööwer!« Fahren sie dann nach der andern Seite des Sees hinüber, so ist niemand da, und sie erkennen zu spät, daß der Kobold sie gefoppt, dessen lautes Hohngelächter auch alsbald aus dem Dickicht des Rohrs erschallt.

Pumphuts Tod

So gut es Pumphut in seinem Leben gegangen ist, weil er furchtbar stark war und vieles wußte, so schrecklich ist doch sein Tod gewesen. Einst wanderte er mit einem Müllergesellen durch das Land. Als sie an einem großen Baum vorüberkamen, schoß von diesem eine große, mächtige Schlange herab, gerade auf Pumphut zu. Da half kein Wehren. Grausig ist es anzusehen gewesen, wie Pumphut mit der Schlange gerungen hat. Der Schlange ist ein Kopf nach dem andern aus dem Hals herausgewachsen, bis es an die hundert waren. Pumphut ist schließlich von der Schlange lebendig verzehrt worden.

Der unfehlbare Schuß im Prenzlauer Stadtwald

Im großen Prenzlauer Stadtwald war einmal ein Jägersbursche bedienstet, der auch das entfernteste Ziel nie verfehlte. Einst traf er im Wald den Prenzlauer Pfarrherrn, und sie gingen eine Weile mitsammen weiter. Im Gespräch fragte der Pfarrer den Jägersburschen, ob er denn wohl auch ein sicherer Schütze sei.

»Wie ich schieße, will ich Ihnen gleich zeigen«, antwortete der Bursche. »Sehen Sie dort den Raben fliegen?«

Der Pfarrer bejahte, bemerkte aber zum Jäger, daß es doch schier unmöglich sei, aus solcher Entfernung einen Vogel zu treffen. Der Jägerbursche lächelte, murmelte ein paar Worte in fremder Sprache und riß das Gewehr an die Backe. Der Schuß krachte, und der Rabe fiel wie ein Stein zur Erde. Stolz auf sein Werk wandte sich der junge Forstmann wieder zu dem Pastor, gewahrte aber, daß dieser sehr ernst, fast verstört aussah.

»Nun,« fragte er heiter, »gefiel Ihnen der Schuß?«

»Der Schuß war gut,« gab der Pfarrer zur Antwort, »aber, mein Sohn, ist dir auch die Bedeutung des Spruches bekannt, den du gebraucht hast?«

»Nein,« sagte der Forstgehilfe, »was er bedeutet, weiß ich nicht. Ich habe ihn von einem alten Jäger gehört, der ihn wohl selbst nicht verstand.«

»So höre,« erwiderte der Pfarrherr ernst, »ich werde dir den arabischen Spruch verdeutschen, er lautet:

Teufel, komm, halt mir das Tier;

Ich gebe dir Leib und Seele dafür.«

Als der Jägersbursche das hörte, wurde er leichenblaß. »Bei Gott,« rief er, »das habe ich nicht gewußt.« Dann nahm er seine Flinte und zerschlug sie am nächsten Baum. Er hat nie wieder einen Schuß abgegeben.

Die drei Linden auf dem Heiligen-Geist-Kirchhof

Auf dem Kirchhof des früheren Hospitals zum Heiligen Geist (zwischen Heiligengeistgasse und Spandauer Straße) haben vor vielen Jahren drei gewaltig große Linden gestanden, die mit ihren Ästen den ganzen Raum weithin überdeckten.

Das Wunderbarste an diesen Bäumen war, daß sie angeblich mit den Kronen in die Erde gepflanzt waren und dennoch ein so herrliches Wachstum erreicht hatten.

»Aber dieses Wunder«, heißt es in einem alten Bericht, »hatte auch die göttliche Allmacht gewirkt, um einen Unschuldigen vom Tod zu erretten. Vor vielen, vielen Jahren lebten nämlich in Berlin drei Brüder, die mit der herzlichsten Liebe einander zugetan waren und mit Leib und Leben füreinander einstanden. So lebten sie glücklich und zufrieden, als dies Glück plötzlich durch einen Vorfall gestört wurde, den wohl keiner hätte ahnen können. Denn so unbescholtenen Wandels auch alle drei bisher gewesen waren, wurde doch der eine von ihnen plötzlich des Meuchelmordes angeklagt und sollte, obgleich er noch kein Geständnis getan, den Tod erleiden, da alle Umstände die ihm zur Last gelegte Tat wahrscheinlich machten. Noch saß er im Gefängnis, als eines Tages seine beiden Brüder vor dem Richter erschienen und jeder von ihnen sich des begangenen Mordes schuldig erklärte. Kaum hatte dies der zum Tod Verurteilte vernommen, als auch er, indem er erkannte, daß seine Brüder ihn nur retten wollten, der Tat geständig wurde, und so auf einmal statt eines Täters drei vor Gericht standen, von denen jeder mit gleichem Eifer behauptete, daß er allein jenen Mord begangen.

Da wagte der Richter nicht den Urteilsspruch an dem ersten zu vollstrecken, sondern legte den Fall zuvor noch einmal dem Kurfürsten vor, welcher verordnete, daß hier ein Gottesurteil entscheiden solle. Er befahl daher, ein jeder der drei Brüder solle eine junge, gesunde Linde mit der Krone in das Erdreich pflanzen, so daß die Wurzeln nach oben stünden; wessen Baum dann vertrocknen würde, den hätte Gott selbst dadurch als den Täter bezeichnet.

Dies Urteil sollte dann sogleich beim Anbruch des Frühlings vollzogen werden, aber siehe da! nur wenige Wochen vergingen, und alle drei Bäume, die man auf dem Heiligen-Geist-Kirchhof gepflanzt hatte, bekamen frische Triebe und wuchsen bald zu kräftigen Bäumen heran. So wurde denn die Unschuld der drei Brüder erwiesen, und die Bäume haben noch lange in üppiger Kraft an der alten Stelle gestanden, bis sie endlich verdorrt sind und anderen Platz gemacht haben.«

Die Erbauung des Klosters Lehnin

Der Markgraf Otto I. von Brandenburg jagte einst in Gesellschaft seiner Edelleute in der Gegend, wo jetzt das Kloster Lehnin steht. Von der Jagd ermüdet, legte er sich unter eine Eiche, um auszuruhen. Hier schlief er ein und träumte, daß ein Hirsch auf ihn eindrang und mit dem Geweih ihn aufspießen wollte; er wehrte sich tapfer mit seinem Jagdspieß gegen diesen Feind, konnte ihm aber nichts anhaben, vielmehr drang der Hirsch immer hitziger gegen ihn an. In dieser Gefahr rief der Markgraf Gott um Beistand an, und kaum war das geschehen, da verschwand der Hirsch und er erwachte. Er erzählte hierauf seinen Begleitern diesen Traum, und da er schon längst den Vorsatz gefaßt hatte, aus Dankbarkeit gegen die Vorsehung, die ihn bisher in Gefahren gnädig beschützt hatte, und um sich der göttlichen Gnade noch mehr zu versichern, ein Kloster zu stiften, auch seine Begleiter den Traum so auslegten, daß sie meinten, der Hirsch, der erst bei Anrufung des göttlichen Namens von ihm gewichen, sei niemand als der Teufel selber gewesen, rief er aus: »An diesem Ort will ich eine Feste bauen, aus welcher die höllischen Feinde durch die Stimmen heiliger Männer vertrieben werden sollen, und in welcher ich den jüngsten Tag ruhig erwarten will!« Darauf legte er auch sogleich Hand ans Werk, ließ aus dem Kloster Sittchenbach (oder Sevekenbecke) im Mansfeldischen Zisterzienser-Mönche kommen und baute das Kloster, das er wegen der noch dem Christentum sehr abgeneigten slawischen Umwohner mit Befestigungen versah, von denen noch Spuren vorhanden sind. Weil aber ein Hirsch den Anlaß zur Erbauung des Klosters gegeben hatte, und dieser in der alten slawischen Sprache den Namen Lanie führte, so nannte er es Lehnin. In der Kirche zeigt man noch bis auf den heutigen Tag den Stumpf der Eiche, unter welcher der Markgraf den Traum gehabt, und hat ihn zum ewigen Andenken an den Stufen vor dem Altar eingemauert.

Der Schlüssel im Grabe

In der Gegend von Magdeburg, andere sagen auch in der Mark, ist vor mehreren Jahren ein Bischof oder Graf gestorben, der ist ein gar reicher Mann gewesen; da er nun aber an seinen Schätzen sehr gehangen, so hat er sie verborgen und auch der Schlüssel zu dem Kasten ist verschwunden; man sagt, der liegt bei ihm in dem Grabgewölbe und die Erben könnten ihn nur erlangen, wenn sich einer finde, der neun Nächte hintereinander bei dem Sarge wache, dann werde der Tote erlöst sein und den verschwundenen Schlüssel herausgeben. Aber das ist ein gar schweres Ding, denn der Verstorbene erscheint oft als ein ungestaltes Gespenst, das halb tierische, halb menschliche Gestalt hat, dann wieder oben als ein großer Hund, unten als ein Pferd sich zeigt und dem ähnliche Gestalten annimmt. Deshalb haben alle, die ihn zu erlösen versuchten, wieder von ihrem Unternehmen abstehen müssen, da sie zuletzt die Furcht übermannte, und keiner hat es bis jetzt über vier Nächte ausgehalten; weshalb auch die Erben dem, welcher ihn wirklich erlösen wird, für jede Nacht, da er wacht, tausend Taler geboten haben.

Das gefangene Lüchtemännchen im Havelland

Einst wollte ein Hirt abends seine Herde von der Weide heimtreiben. Als er nahe bei seinem Dorfe Ferchesar im Westhavellande war, bemerkte er, daß ihm eine Kuh fehle. Sofort kehrte er um und suchte, konnte sie aber nicht finden. Ermüdet setzte er sich auf einen Baumstumpf und zündete seine Pfeife an. Da schwirrte plötzlich eine Schar von Lüchtemännchen (Irrlichtern) heran und umringte ihn von allen Seiten. Anfangs sah er ihnen ruhig zu; als sie ihn aber gar zu dicht umschwärmten, fürchtete er, sie würden ihm das Haar versengen, und schlug mit seinem Stock um sich. Aber je heftiger er dareinhaute, desto ärger trieben sie es. Als er sich ihrer gar nicht mehr erwehren konnte, griff er mit der Hand in den Schwarm und haschte eins von den Lichtlein.

In demselben Augenblick war die ganze leuchtende Schar verschwunden, und der Hirt hatte kein Lüchtemännchen, sondern einen Knochen in der Hand, den er mit nach Hause nahm. Andern Tags fand er auf der Weide die verirrte Kuh wieder. Als er aber abends heimkehrte, war die ganze Dorfstraße voll von Lüchtemännchen, die ihn umringten wie am Tag vorher. Aber es waren ihrer noch viel mehr, und sie riefen ihm zu: »Gib uns unsern Kameraden wieder, sonst stecken wir dir dein Haus in Brand.«

Vergebens beteuerte der Hirt, er habe nur einen Knochen mitgenommen; sie drohten ihm noch ärger. Da eilte der Hirt ins Haus und hielt den Knochen auf der flachen Hand zum Fenster hinaus. Mit einemmal war es wieder ein Lüchtemännchen, das sich, von den andern umringt, ins Freie schwang, und bald war die ganze Schar hüpfend und springend zum Dorfe hinaus.

Der Hirt aber hat von dieser Zeit an keine Hand mehr gegen ein Lüchtemännchen gehoben, so viele er ihrer auch fernerhin antraf.

Die großen Steine bei Groß-Ballerstedt

Zwischen den Dörfern Groß-Ballerstedt und Grävenitz, südwestlich von Osterburg, liegen zwei gewaltige, sogenannte Hünenbetten, die aus großen Steinblöcken bestehen, die in einem Viereck gesetzt sind, in der Mitte aber liegen die größsten derselben, und zwar in dem wenige Minuten von Grävenitz in den Fichten gelegenen sechs solcher, die auf untergelegten kleineren ruhen. Um diese her sind sechzig bis siebzig in beschriebener Gestalt aufrecht aufgestellt. Diese Steine, sagt man, haben die Riesen vor alten Zeiten mit Schleudern (Slapslingers) von Schorstedt nach Grävenitz geworfen; andere erzählen, daß dort der Riesenkönig begraben liege, weshalb die Stelle auch noch »upt Graft« heißt.

Das zweite dieser Gräber liegt auf dem halben Wege zwischen Grävenitz und Groß-Ballerstedt auf einer Anhöhe mitten im Felde; ein drittes lag noch vor wenigen Jahren dicht bei Ballerstedt, ist aber jetzt zerstört, indem man die Steine zum Bau von Häusern verwandt hat. Unter diesen Steinen sollen die in der Schlacht zwischen den Markgrafen Albert und Huder erschlagenen Wenden begraben liegen. Nachdem nämlich dem letzteren die Altmark von Kaiser Heinrich genommen und dem Markgrafen Albert verliehen war, erhob sich zwischen beiden ein blutiger Krieg, in welchem Huder dreimal geschlagen wurde, zuerst südlich von Stendal bei Darnstedt, wo noch ein Steinblock mit der Spur eines Pferdehufs gezeigt wird, von dem man Ähnliches, wie von dem Steine bei Salzwedel, erzählt, dann bei Ballerstedt, und endlich bei Osterburg an dem Wasser, die Klia genannt, wo die Schlacht so blutig war, daß die Äcker noch vor dreihundert Jahren gerötet waren, und der Name der Klia in den der roten Furt umgewandelt wurde.

Die Bauern erzählen noch von allerhand Gespenstern und seltsamem Geschrei, so man hier sowohl bei Tage als bei Nacht siehet und höret, und früher wagte auch niemand, irgend einen der Steine zu verrücken oder von der Stelle zu nehmen. Ein Müller aus der Nähe unterfing sich einmal, einen derselben fortzunehmen, spaltete ihn und fertigte einen Mühlstein daraus, aber er hat kein Getreide damit mahlen können, sondern es ist wie zerquetscht darunter liegen geblieben.

Feuer bannen

Unter den Bürgermeistern, welche die Stadt Stendal bisher hatte, ist es öfter vorgekommen, daß, wenn eine Feuersbrunst ausbrach, gewöhnlich gleich mehrere Häuser vom Feuer zerstört wurden, aber seitdem der jetzige Bürgermeister das Regiment führt, ist in diesem Falle höchstens ein Haus vernichtet worden. Das ist aber so gekommen: Als nämlich auch einmal eben eine Feuersbrunst ausbrach, kam ein kleines Männchen zu ihm, brachte ihm einen Schimmel und sagte, auf dem solle er um das Feuer reiten, da werde es sogleich stille stehn. Das hat er denn auch getan, und augenblicklich war dem Feuer Einhalt getan. So hat er es jedesmal, sobald irgendwo ein Feuer aufschlug, wiederholt, und nie ist mehr als ein Haus von demselben verzehrt worden. Aber der Schimmel ist alt geworden und endlich gestorben; da war nun der Bürgermeister in großer Not, denn er sah augenscheinlich, als wieder ein Feuer ausbrach, daß es weiter und weiter um sich griff; doch faßte er sich endlich und lief nun um das Feuer herum, wie er früher herum geritten war, und siehe da! das hatte dieselbe Wirkung; das Feuer stand still. Das tut er nun jedesmal, und nie brennt mehr als ein Haus ab.

Der Schmied zu Jüterbog

Zu Jüterbog lebte einmal ein Schmied, der war ein sehr frommer Mann und trug einen schwarz und weißen Rock; zu ihm kam eines Abends noch ganz spät ein Mann, der gar heilig aussah, und bat ihn um eine Herberge; nun war der Schmied immer freundlich und liebreich zu jedermann, nahm daher den Fremden auch gern und willig auf und bewirtete ihn nach Kräften. Andern Morgens, als der Gast von dannen ziehen wollte, dankte er seinem Wirt herzlich und sagte ihm, er solle drei Bitten tun, die wolle er ihm gewähren. Da bat der Schmied erstlich, daß sein Stuhl hinter dem Ofen, auf dem er abends nach der Arbeit auszuruhen pflegte, die Kraft bekäme, jeden ungebetenen Gast solange auf sich festzuhalten, bis ihn der Schmied selbst loslasse; zweitens, daß sein Apfelbaum im Garten die Hinaufsteigenden gleicherweise nicht herablasse; drittens, daß aus seinem Kohlensack keiner herauskäme, den er nicht selbst befreite. Diese drei Bitten gewährte auch der fremde Mann und ging darauf von dannen. Nicht lange währte das nun, so kam der Tod, wollte den Schmied holen; der aber bat ihn, er möge doch, da er sicher von der Reise zu ihm ermüdet sei, sich noch ein wenig auf seinem Stuhl erholen; da setzte sich denn der Tod auch nieder, und als er nachher wieder aufstehen wollte, saß er fest. Nun bat er den Schmied, er möge ihn doch wieder befreien, allein der wollte es zuerst nicht gewähren; nachher verstand er sich dazu unter der Bedingung, daß er ihm noch zehn Jahre schenke; das war der Tod gern zufrieden, der Schmied löste ihn, und nun ging er davon. Wie nun die zehn Jahre um waren, kam der Tod wieder, da sagte ihm der Schmied, er solle doch erst auf den Apfelbaum im Garten steigen, einige Äpfel herunterzuholen, sie würden ihnen wohl auf der weiten Reise schmecken; das tat der Tod, und nun saß er wieder fest. Jetzt rief der Schmied seine Gesellen herbei, die mußten mit schweren eisernen Stangen gewaltig auf den Tod losschlagen, daß er ach und wehe schrie und den Schmied flehentlich bat, er möge ihn doch nur frei lassen, er wolle ja gern nie wieder zu ihm kommen. Wie nun der Schmied hörte, daß der Tod ihn ewig leben lassen wolle, hieß er die Gesellen einhalten und entließ jenen von dem Baum. Der zog glieder- und lendenlahm davon und konnte nur mit Mühe vorwärts; da begegnete ihm unterwegs der Teufel, dem er sogleich sein Herzleid klagte; aber der lachte ihn nur aus, daß er so dumm gewesen, sich von dem Schmied täuschen zu lassen und meinte, er wolle schon bald mit ihm fertig werden. Darauf ging er in die Stadt und bat den Schmied um ein Nachtlager; nun war’s aber schon spät in der Nacht und der Schmied verweigerte es ihm, sagte wenigstens, er könne die Haustür nicht mehr öffnen, wenn er jedoch zum Schlüsselloch hineinfahren wolle, so möge er nur kommen. Das war nun dem Teufel ein leichtes und sogleich huschte er durch, der Schmied war aber klüger als er, hielt innen seinen Kohlensack vor, und wie nun der Teufel darinsaß, band er ihn schnell zu, warf den Sack auf den Amboß und ließ seine Gesellen wacker drauflosschmieden. Da flehte der Teufel zwar gar jämmerlich und erbärmlich, sie möchten doch aufhören, aber sie ließen nicht eher nach, bis ihnen die Arme von dem Hämmern müde waren und der Schmied ihnen befahl aufzuhören. So war des Teufels Keckheit und Vorwitz gestraft und der Schmied ließ ihn nun frei, doch mußte er zu demselben Loch wieder hinaus, wo er hineingeschlüpft war und wird wohl kein Verlangen mehr nach einem zweiten Besuch beim Schmied getragen haben.

Die Hexe im Teufelssee

An den Hintergebäuden der Försterei Tornow vorbei führt ein Fußpfad hinab in eine von Kieferngehölz bestandene Schlucht, an deren einem Ende der kleine, dichtumschattete und fast kreisrunde Teufelssee liegt. Diese See, heißt es, habe seinen Namen daher erhalten, daß man einst versucht habe, den Teufel darin weiß zu waschen.

Aber auch noch eine andere Sage ist von ihm im Volk bekannt.

Einst trieb hier, so erzählt man sich in Zermützel, einem in der Nähe gelegenen Dorf, Frau Klöckner aus Binenwalde, eine arge Hexe, ihr Wesen. Schon oft war sie, wenn ein . er dort angelte, blutrot aus dem Wasser emporgestiegen und hatte den einsamen Angler am Land getötet oder auch wohl mit sich in das kühle Wasser hinabgezogen. Vergebens suchte man diesem Treiben ein Ende zu machen. Da kam man denn auf den Gedanken, sie zu erschießen; aber sooft man es auch versuchte, keine Kugel wollte treffen; ja der leichtsinnige Schütze konnte von Glück sagen, wenn er selbst bei dem Wagstück mit heller Haut davonkam, da die Kugel jedesmal zurückprallte. Da meinte denn einer, der in solchen Dingen Bescheid wußte, man solle nur eine silberne Kugel in das Gewehr laden, dann würde man sie schon treffen, denn eine Hexe könne nur mit Silber erschossen werden. Aber man befolgte den Rat nicht, da man fürchtete, die Sache könne zu teuer zu stehen kommen, wenn sie öfter fehlschlüge. Schließlich gelang es eines schönen Tages, die Hexe mit einem Milchbrot in eine Flasche zu locken und diese fest zu verkorken. Darauf machte man sich denn mit der Flasche nach Rheinsberg auf den Weg. Aber unterwegs ging die Flasche durch irgendeinen Zufall auf, und die Hexe entkam nach dem Hacht, einer dicken Schonung in der Nähe von Rheinsberg, und dort soll sie noch heute ihr Wesen treiben.

Die Stadt im Plagesee

Vor langen Jahren ging einmal ein Bauer aus Brodowin nach Oderberg. E war schon stockfinstere Nacht, und so kam er vom Weg ab und geriet in die Teufelsberge. Plötzlich gewahrte er eine Gestalt, die ihn mit unsichtbarer Hand immer weiter und weiter, bergauf und bergab führt. Auf einmal war er in einer großen schönen Stadt, die er zuvor noch nie gesehen. Und wie er sich an all der Pracht sattgesehen, wird er wieder hinausgeführt. Da sieht er sich verwundert um, und beim Schein des Mondes, der indes aufgegangen, erkennt er, daß er dicht vor dem großen Plagesee steht. Und nun hat er wohl erraten, wo er gewesen ist, in der untergegangenen Stadt im Plagesee.

Spuk in Tegel

Tegel ist ein ehemaliges Jagdhaus des Großen Kurfürsten, das zum Unterschied vom nahe gelegenen Dorf gleichen Namens Schloß Tegel heißt. Hier war ein Poltergeist zu Hause, der Tag und Nacht lärmte und den Bewohnern keine Ruhe ließ.

Zunächst war der Geist nur durch sein Lärmen lästig, schließlich aber fing er an, die Leute mit Steinen zu bewerfen. Da diese glühend heiß waren, vermutete man, daß das Gespenst seine Wurfgeschosse direkt aus der Hölle beziehe. Manchmal knallte der Geist mit Peitschen in den Räumen des Schlosses; auch mit den Eßwaren trieb er Schindluder und machte sie häufig ungenießbar, mit dem Feuer aber ging er ganz gefährlich um. Hie und da konnte man ihn sehen. Bald zeigte er sich als kleines Männchen, dann war er wieder riesengroß, einmal sah er wie ein schwarzer Kobold aus, dann wieder wie ein weißgrauer Dunst. In ganz Berlin kannte man ihn, in allen Kreisen der Gesellschaft sprach man von diesem unheimlichen Spuk. Alle Versuche, ihn zu vertreiben, blieben lange Zeit erfolglos. Endlich verschwand er und zeigte sich nicht mehr.

Goethe erinnert im Faust spöttelnd an diesen Spuk:

Das Teufelspack, es fragt nach keiner Regel,
Wir sind so klug, und dennoch spukt’s in Tegel.

Abenteuer der Kurrende-Knaben in der Kirche zu Spandau

Die Spandauer Kirche war früher katholisch, und die Kurrende-Knaben mußten die Kirche reinigen. Diese waren auch einst damit beschäftigt und in ihrem Übermut spielten sie Karten. Da kam auf einmal einer an sie heran – es war der Böse – und wollte mitspielen. Ruhig gestatteten sie es auch. Als er aber eine Karte nach der andern fallen ließ, merkten sie wohl, daß es der Böse wäre, spielten aber doch weiter, und einer, der viel verlor, meinte sogar, ihn solle der Teufel holen, wenn er noch weiter verlöre. Er spielte weiter und verlor wieder. Da sprang der Böse auf, riß ihn zu sich, zog ihn mit in die Höhe, die Mauer tat sich auf und beide verschwanden. Und der Riß in der Mauer ist noch bis auf den heutigen Tag zu sehen und kann nicht übertüncht werden.

Auch ein anderes Mal soll durch den Übermut eines Kurrende-Knaben etwas Merkwürdiges dort passiert sein. Bis vor hundert Jahren waren nämlich in der Kirche noch mächtige dicke Bücher, die an Ketten lagen. Darunter sollen auch das VI. und VII. Buch Mose gewesen sein, welche wir jetzt nicht mehr haben, in denen aber, wie man allgemein erzählt, alle die alten Zaubergeschichten enthalten sind. Wie nun wieder einmal die Kurrende in der Kirche reinmacht, kommen sie an diese Bücher, und vorwitzig, wie die Knaben sind, werden sie sich an dieselben machen und sehen, was darin steht. Kaum aber haben sie selbige aufgeschlagen und fangen an zu lesen, da wird auch die ganze Kirche von unten bis oben voll von allerhand Geistern. Natürlich überfiel sie eine furchtbare Angst, und es war noch ein Glück, daß der Prediger hinzukam, der fing an, das Buch rückwärts zu lesen – da verschwand der Spuk.

Ähnliches erzählt man auch in Bernau. Da fand einmal ein Knecht angeblich das VI. und VII. Buch Mose, welche der Gutsherr hatte offen liegen lassen. Wie der anfing zu lesen, da füllte sich, heißt es, das ganze Gehöft mit Ratten, und als er weiter las, mit Raben, die kamen von allen Seiten herbeigeflogen, dann kamen lauter schwarze Männer und anderer Spuk. Zum Glück kam auch hier der Gutsherr hinzu und bannte alles, indem er rückwärts anfing zu lesen.

Die wahre Bibel, sagt man dort, liegt in Leipzig, die wird nie losgemacht. Nur Napoleon I. hat sie sich losmachen lassen, aber ist damit auch nicht weiter gegangen als bis vor den Altar und hat dort darin gelesen. Da hat er denn gesehen, wie alles kommen würde in Rußland, welche Generale ihm untreu werden würden usw. Nichtsdestoweniger hat er den Zug nach Rußland freilich doch unternommen.

Der unsichtbare Bauer

Nur in der Johannisnacht, in der Stunde zwischen elf und zwölf Uhr, blüht das Kraut Reenefarre (Rainfarren), und wer diese Blüte bei sich trägt, der wird dadurch den übrigen Menschen unsichtbar. So ging es auch einmal einem Bauern in der Gegend von Brodowin; der fuhr nämlich gerade zu dieser Zeit mit seiner Frau nach der Stadt, um Bier zu holen, und stieg, da die Pferde im Sand nur langsam gehen konnte, vom Wagen, um ein Weilchen nebenher zu gehen. Auf einmal bemerkte seine Frau, daß er verschwunden ist, aber gleichwohl sieht sie, daß die Zügel wie vorher gehalten werden; sie ruft daher, und er antwortet ganz verwundert, ob sie ihn denn nicht sehe, er sei ja dicht neben ihr am Wagen. Aber sie sah ihn nicht, und dabei war’s doch, da ja Johannisnacht war, so helle, daß man hätte eine Stecknadel finden können. So ging’s fort bis nach der Stadt, sie sprach mehrmals mit ihm, er antwortete auch, aber blieb immer noch unsichtbar. Als sie nun nach der Stadt kamen, hörte der Wirt und alles Hausgesinde wohl den Bauern reden, aber sie sahen ihn nicht, so daß dem Bauern ganz angst wurde, weil er nicht wußte, was er daraus machen solle. Da sagte ihm der Wirt, der ein kluger Mann war, er solle doch einmal die Schuhe ausziehen; das tat er auch, und augenblicklich war er wieder sichtbar, aber nun war an seiner Stelle der Wirt verschwunden. Nach einer kleinen Weile kam auch dieser wieder zum Vorschein und brachte dem Bauern seine Schuhe, und nun waren beide wieder sichtbar wie zuvor. Das war, wie der Wirt in späterer Zeit einmal erzählt hat, daher gekommen, daß der Bauer während des Gehens mit seinen Füßen die Blüten vom Rainfarren abgestreift hatte und diese ihm in die Schuhe gefallen waren; daher hatte ihm der Wirt geraten, er solle sie ausziehen, und hatte in seiner Kammer die Blüten herausgeschüttet, die er darauf zu seinem eigenen Nutzen, da ja der Bauer nichts davon wußte, aufbewahrt hat.

Wie Brodowin seinen Namen erhielt

Als das Kloster Chorin noch von Mönchen bewohnt war, mußten viele Dörfer dahin bestimmte Abgaben leisten, aus denen die Brüder ihre Bedürfnisse bestritten. So mußte namentlich Brodowin alljährlich Brot und Wein nach Chorin liefern, und davon hat es seinen Namen Brodowin erhalten.

Die Teufelsmühle bei Neu-Brandenburg

Unweit Neu-Brandenburg lagen vor alters nicht weit voneinander in einem großen, finsteren Laubwald zwei Wassermühlen. Die eine davon hieß die Teufelsmühle, weil der leibhaftige Teufel darin wohnte. Dieser hatte mit dem Besitzer der andern Mühle einen Pakt abgeschlossen, wonach der Müller dem Teufel an jedem ersten Ta im Monat eine Seele abliefern mußte. Der Müller erfüllte seinen Vertrag pünktlich. Bald aber war er in den allerärgsten Verruf geraten, denn alle seine Gesellen waren regelmäßig nach kurzer Zeit immer wieder spurlos verschwunden. Eines Tages kam ein Müllerbursch aus dem Schwabenlande zu ihm gewandert. Er hatte keinen Heller mehr im Beutel und war ganz abgerissen, deshalb suchte er um jeden Preis Arbeit. Der Müller nahm ihn auch sofort auf und gab ihm bekannt, daß er am Ersten jedes Monats eine Fuhre Sägespäne zu fahren habe. Der Geselle erklärte sich bereit, diese Arbeit zu übernehmen, und fuhr am andern Tag, der gerade der Monatserste war, mit seiner Ladung zur Teufelsmühle hinab. Als er dort angekommen war, trat ein Herr in weitem Mantel vor das Haus und befahl ihm, die Sägespäne in eine tiefe Grube zu werfen, die im Hof ausgehoben war. In diese Grube hatte der Teufel früher stets unversehens die Gesellen hineingestürzt, wenn sie sich zum Abladen arglos dem Rand der Grube genähert hatten.

Der Müllergeselle, der schon vieles von der Mühle und ihrem Bewohner gehört hatte, weigerte sich, die Fuhre abzuladen, weil er dazu nicht gedungen sei. Wohl oder übel mußte sich jetzt der Teufel selbst an die Arbeit machen. Kaum bückte er sich jedoch über das tiefe Loch, um einen Armvoll Sägespäne hinunterzuwerfen, als der schlaue Schwabe ihn fix beim Schopf faßte und kopfüber hinabwarf. Gleich darauf stieg aus der Grube ein greulicher Schwefeldampf empor, und mit donnerndem Geprassel brachen die Mühle und alle Gebäude des Gehöfts zusammen; von dem Teufelssitz blieb nichts übrig. Eine Rauchsäule erhob sich über den Trümmern und senkte sich dann in die Grube, in die der Teufel gestürzt war. Der mutige Müllergeselle zog leichten Herzens mit seinem Gespann von dannen, der Teufel aber war von da an um seine Beute geprellt.

Der Trümmelmann des Alten Fritz

Der Alte Fritz hatte einen Trümmelmann (Trommler), den er sehr hochschätzte; denn solange dieser die Trommel rührte, war,s eine Lust im Feld zu stehn. Zuletzt freilich nützten dem König auch seine Siege nichts mehr, denn das Geld ging ihm aus; er trug schon löcherige Stiefel, in die das Wasser hineinlief, und stieg deshalb lieber nicht mehr vom Pferde.

Eines Tages ließ der König den Trümmelmann zu sich rufen und sprach zu ihm: »Trümmelmann, du mußt mir einige Scheffel Gold herschaffen, kieke mal, wo du die herkriegst!« Der Trümmelmann machte ein trauriges Gesicht, dann aber fiel ihm ein, daß man dem alten Amtmann von Chorin, einem argen Geizhals und Zauberer, der weder Frau noch Kinder hatte, nachsagte, er habe ungezählte Fässer Goldes in heimlichen Kellern lagern.

Trümmelmann machte sich also auf den Weg. Als er in Chorin anlangte, sah er die Arbeitsleute des Alten sich keuchend bei der Ernte abmühen, denn dem hartherzigen Amtmann ging nichts schnell genug. Trümmelmann stellte sich hin und begann seine Trommel zu schlagen. Gleich bei den ersten Wirbeln belebten sich die Mienen und die Glieder der Arbeiter, und bald lief die Arbeit dahin, als regten sich hundert unsichtbare Hände. Ein solcher Schwung gefiel dem Amtmann, und er überlegte, wie er die wunderbare Trommel an sich bringen könne.

Bei Nacht schlief der Trümmelmann nach schlechtem Abendessen in der Bräustube. An diese stieß eine kleine Kammer, die durch eine schmale offene Spalte mit seinem Schlafraum in Verbindung stand. Der Amtmann hatte ihm streng verboten, hier einzutreten. Gegen Mitternacht erwachte der Trümmelmann von dem Geräusch schlürfender Schritte in dieser Kammer. Dann hörte er eine schwere Tür

gehen, und dampfe Kellerluft drang bis zu ihm hin. Nach einiger Zeit schien sich die schwere Tür wieder zu schließen, und die Schritte entfernten sich.

»Ha,« dachte Trümmelmann, »das muß ich untersuchen!« Leise betrat er die Kammer, schlug mit seinem Zunder Licht und trommelte sachte mit den Trommelstöcken die Wände entlang. Auf einmal wich ein Teil der Wand zurück, und eine steile Treppe zeigte sich, die in einen Keller hinunterführte, wo mehrere Reihen von Fässern übereinanderstanden. Hier also war der Schatz! Der Trümmelmann stieg vorsichtig die Stufen hinab und versuchte, eines der Fässer zu bewegen; aber er war es nicht imstande, denn so groß war sein Gewicht.

Am nächsten Morgen geschah alles wie Tags zuvor. Der Amtmann benahm sich noch ungeduldiger, und Trümmelmann mußte trommeln, bis ihm die Hände erlahmten. Endlich – schon stieg der Vollmond herauf – war die Arbeit getan, die letzte Fuhre, ein Fuder Erbsen, in die Scheuer gebracht.

Der geizige Amtmann aber kümmerte sich nicht mehr um seinen treuen Helfer und bot ihm nicht einmal ein Abendbrot. Da las Trümmelmann mit knurrendem Magen voll Ärger die Erbsen auf, die beim Einfahren der letzten Fuhre zur Erde gefallen waren, um sich daraus selbst ein Gericht zu bereiten. Als er aber die Bräustube betrat, wo er die vorige Nacht geschlafen hatte, schoß ihm ein Gedanke durch den Kopf. Rasch eilte er in die Nebenkammer, ließ die Wand zurückweichen und streute auf der Treppe, die zum Keller führte, vorsichtig einen Teil der Erbsen aus. Dann kochte er sich die übrigen und legte sich zur Ruhe nieder.

Alles geschah wie in der vorigen Nacht. Aber auf die schlürfenden Schritte und das Ächzen der Tür folgte diesmal ein dumpfer Fall. Dann war alles still. Als Trümmelmann Nachschau hielt, fand er den Alten am Fuß der Treppe tot liegen.

Nun war der König Erbe des einsamen, kinderlosen Geizhalses. Trümmelmann wollte gleich in aller Früh fort, um es dem König zu melden. Doch gerade als er seine Kammer verließ, hörte er Pferdegetrappel, und bald stand der Alte Fritz mit wenigen Getreuen selbst vor ihm und rief: »Trümmelmann, es steht schlecht, vielleicht kannst du noch helfen, her mit dem Geld und deiner Trommel !« Da berichtete Trümmelmann, was er erlebt hatte. Neun volle Wagen Gold konnte der König aus dem Keller wegschaffen lassen, und nun nahm der Krieg bald eine bessere Wendung und fand schließlich sein Ende.

Der Alte Fritz kannte nunmehr keine Geldsorgen.

Der Sichelmann

In früheren Zeiten erschien mittags um zwölf Uhr ein scheußlicher Mann von eigentümlicher Gestalt auf dem Feld. Er war furchtbar anzusehen, hatte feurig-funkelnde Augen, ein Pferde- und ein Kuhbein, an den Fingern lange Krallen und in der Hand führte er eine große Sichel. Wenn er nun mittags in der Stunde von zwölf bis eins jemand auf dem Feld antraf, so hatte dieser eine lange Unterredung mit ihm zu bestehen, und wenn er die ihm vorgelegten Fragen nicht richtig beantworten konnte, so schnitt ihm der Sichelmann den Kopf ab.

Die drei Blutstropfen

Es lebte ungefähr zur Zeit der Regierung des Großen Kurfürsten ein Brauer in der Lindenstraße, der besaß dreierlei: ein gutes Bier, einen Batzen Geld und eine hübsche Schenkin. Freute sich auch, daß letztere so keusch und sittsam war, daß sie sich auf die Liebesbeteuerungen der Gäste nicht einließ, denn er begehrte das schöne Kind selber zur Ehefrau. Aber als er damit Ernst machen wollte, ging’s ihm wie den andern, das Mädchen lachte ihn aus und wies ihn ab. Da schlich er sich zu nächtlicher Zeit in des Mädchens Kammer, wollte sie durch gleißendes Gold betören und gebrauchte schließlich Gewalt, um den Widerstand der schönen Schenkin zu brechen. Die aber entfloh vor ihm und sprang in ihrer Angst zum Fenster hinaus auf den Hof. Als der Brauer ihr nacheilte, war sie verschwunden, aber die Stelle, wo sie herabgesprungen, war durch drei Blutstropfen gekennzeichnet. Haß und Rache füllten nun das Herz des Brauers. Er schlug Lärm, behauptete, er sei von seiner Schenkin bestohlen worden und wies auf die Goldstücke hin, die in ihrer Kammer gefunden wurden, die er selbst aber dort zurückgelassen hatte. Das Mädchen wurde erwischt und nach kurzem Prozeß zum Tod verurteilt. Als man sie noch einmal nach dem Hof ihres früheren Brotherrn führte, rief sie aus: »Diese drei Blutstropfen werden für mich zeugen, wenn ich unschuldig sterben muß.« Und so geschah es auch. Die Blutflecken blieben sichtbar, so sehr sich auch der Brauer, von Gewissenspein gequält, bemühte, sie fortzuschaffen. In der Nacht erhob er sich von seinem Lager und wusch und scheuerte auf dem Hof herum, bis ihm Arme und Beine schmerzten und er sich kaum halten konnte von Ermattung. Aber auch in nächtlicher Stunde leuchteten ihm die drei Blutstropfen wie flammende Wahrzeichen entgegen, also daß er keine Ruhe mehr finden konnte bei Tag und Nacht. Da entschloß er sich, den ganzen Hof neu pflastern zu lassen. Die Steine mit den Blutstropfen hob er selber heraus, nahm sie in den Keller und zerschlug sie mit einem großen Hammer. Nun hoffte er Ruhe zu haben sein Leben lang. Als er aber am andern Morgen erwachte, sah er auf der Straße viele Gaffer vor seinem Haus stehen, hörte auch laute Verwünschungen gegen sich aussprechen. Er eilte auf die Straße und gewahrte zu seinem Schreck die drei Blutstropfen an der weißgestrichenen Wand des Hauses. Da packte ihn die Verzweiflung und in der Nacht stieg er zum Fenster hinaus auf ein Gesims und versuchte, mit den Nägeln die Blutflecken abzukratzen. Als es ihm aber nicht gelang, hob er verzweifelnd die Hände zum Himmel, verlor den Halt und stürzte auf die Straße. Dort fand man ihn am andern Morgen tot, mit zerschmetterten Gliedern. Die drei Blutstropfen aber verschwanden erst mit dem Abbruch des Hauses.

Der Teufelsdamm bei Galenbeck

Etwa zwei Meilen nördlich von Straßburg liegt an der äußersten Spitze der Ukermark der Galenbecker See; in diesen zieht sich eine ganze Strecke ein Damm hinein, und bei niedrigem Wasser tauchen noch ein paar Stücke Land wie Inseln aus dem See hervor, die gleichsam die Fortsetzung des Dammes bilden. Von diesem erzählt man sich folgendes:

Der Hirt des Dorfes mußte vor alter Zeit seine Kühe immer jenseits des Sees weiden, und da blieb ihm denn nichts weiter übrig, als sie um denselben herum zu treiben. Das verdroß ihn, und als er sich mal wieder so recht darüber ärgerte, kam plötzlich der Teufel zu ihm, welcher ihm versprach, noch vor dem ersten Hahnenruf des folgenden Tages einen Damm durch den See zu bauen, auf dem er seine Kühe bequem zum andern Ufer hinübertreiben könne, doch müsse er ihm dafür seine Seele verschreiben. Das ging denn auch der Hirt in seinem Unmut ein, und der Teufel machte sich sogleich ans Werk, und war, als es gegen Morgen kam, mit dem Damme fast fertig; da wurde denn doch dem Hirten angst, und er lief in den Hühnerstall, wo er so lärmte, daß der Hahn zu krähen begann. Eben kam der Teufel grade über den See herüber und hatte die ganze Schürze voll Erde, um den Damm damit zu vollenden, da hörte er den Hahnenruf, ließ ärgerlich die Erde mitten in den See fallen und flog, ohne seine Arbeit zu vollenden, davon. Und so unbeendigt ist denn der Damm bis jetzt geblieben.

Die Fika

Die Fika ist eine Frau gewesen, welche gern Tabak geraucht hat. Sie hatte immer etwas Sonderbares an sich und deshalb mied man sie. Ihren Tod hat sie in einer der Branitzer Lachen gefunden. Fortan wagte sich niemand mehr an die Lache, wo die Fika ertrunken war. Nun geschah es aber doch einmal, daß ein Hirt es versah und seinen Grauschimmel in der Nähe der Lache weidete. Auch er hatte früher gehört, daß es mit der Fika nicht recht richtig gewesen sei. Da er aber von ihr, seit sie gestorben war, nichts mehr vernommen hatte, so glaubte er nicht daran, sondern rief in seinem Übermut: »Fika, willst du nicht eine Pfeife Tabak rauchen?« Es rührte sich nach diesen Worten zwar nichts in der Lache, als er sich aber nach seinem Schimmel umsah, war dieser verschwunden. Nun machte er sich auf und suchte überall nach seinem Pferd. Endlich fand er den Schimmel in der Nähe der Lache. Sofort bestieg er ihn, um nach Hause zu reiten. Kaum aber saß er auf dem Pferd, so wurde dieses immer größer und größer, so daß er nicht mehr herabsteigen konnte. Da merkte er zu seinem Schrecken, daß es ein Gespenst war, auf dem er ritt. Also hatte die Fika sich für seinen Übermut gerächt.

Das vertauschte Kind

Die Unterirdischen, oder, wie sie gewöhnlich genannt werden, »Untereerdschken«, sind dickleibige, breitköpfige kleine Wesen, die indes nur selten in ihrer ganzen Gestalt erscheinen, und meistens unsichtbar ihr Wesen treiben. Gar gern vertauschen sie die neugebornen, schöngestalteten Kinder der Menschen gegen die ihrigen, die ungestaltet sind, und man sieht dabei höchstens die Hand, mit der sie das Kind fassen. Das beste Mittel, dasselbe vor dem Raube zu schützen, ist, daß man der Wöchnerin ein Gesangbuch unter den Kopf legt, oder im Augenblick des Vertauschens den Namen Jesu Christi ruft.

Eine Wöchnerin in Straußberg fühlte auch einst in der Nacht, daß plötzlich eine Hand über ihr Bett faßte, ihr Kind nahm und statt dessen ein andres hinlegte. Als es nun Tag wurde, sah sie ein Kind mit breitem dickem Kopf neben sich in der Wiege liegen, das war in schlechtes graues Linnen eingeschlagen, und das ihre war doch so schön gewickelt gewesen. Darüber war sie nun ganz untröstlich und mochte das garstige Ding gar nicht ansehen, die Nachbarinnen aber, die davon hörten und hinzukamen, sagten ihr, das Kind sei ein Untereerdschken, und sie sollte es ja recht liebreich aufziehen und nicht schlagen, sonst würde das ihre von den Unterirdischen wieder geschlagen. Das hat sie denn auch treulich befolgt, aber so rechte Liebe hat sie doch zu dem untergeschobenen Kinde nie fühlen können.

Wetter und Hagel machen

Im Jahr 1553 sind zu Berlin zwei Zauberweiber gefangen worden, welche sich unterstanden, Eis zu machen, die Frucht damit zu verderben. Und diese Weiber hatten ihrer Nachbarin ein Kindlein gestohlen und dasselbige zerstückelt gekocht. Ist durch Gottes Schickung geschehen, daß die Mutter, ihr Kind suchend, dazu kommt und ihres verlorenen Kindes Glieder in einen Topf gelegt siehet. Da nun die beiden Weiber gefangen und peinlich gefragt worden, haben sie gesagt, wenn ihr Geköch fortgegangen, so wäre ein großer Frost mit Eis kommen, also daß alle Frucht verderbt wäre.

Zu einer Zeit waren in einem Wirtshaus zwei Zauberinnen zusammengekommen, die hatten zwei Gelten oder Kübel mit Wasser an einen besonderen Ort gesetzt und ratschlagten miteinander: ob es dem Korn oder dem Wein sollt gelten. Der Wirt, der auf einem heimlichen Winkel stand, hörte das mit an und abends, als sich die zwei Weiber zu Bett gelegt, nahm er die Gelten und goß sie über sie hin, da wurde das Wasser zu Eis, so daß beide von Stund an zu Tod froren.

Eine arme Witfrau, die nicht wußte, wie sie ihre Kinder nähren sollte, ging in den Wald, Holz zu lesen, und bedachte ihr Unglück. Da stand der Böse in eines Försters Gestalt und fragte: warum sie so traurig? Ob ihr der Mann abgestorben? Sie antwortete: »Ja.« Er sprach: »Willst du mich nehmen und mir gehorsamen, will ich dir Geld die Fülle geben.« Er überredete sie mit vielen Worten, daß sie zuletzt wich, Gott absagte und mit dem Teufel buhlte. Nach Monatsfrist kam ihr Buhler wieder und reichte ihr einen Besen zu, darauf sie ritten durch dick und dünn, trocken und naß auf den Berg zu einem Tanz. Da waren noch andre Weiber mehr, deren sie aber nur zwei kannte, und die eine gab dem Spielmann zwölf Pfennig Lohn. Nach dem Tanz wurden die Hexen eins und taten zusammen Ähren, Rebenlaub und Eichblätter, damit Korn, Trauben und Eicheln zu verderben; es gelang aber nicht recht damit, und das Hagelwetter traf nicht, was es treffen sollte, sondern fuhr nebenbei. Sich selbst brachte sie damit ein Schaf um, darum daß es zu spät heimkam.

Der große Stechlin

Nahe dem Dorf Neuglobsow breitet der den Bauern von Menz gehörige große Stechlin-See seine Gewässer über einen Flächenraum von ungefähr 500 Hektar aus. Ein prächtiger Wald, mit den schönsten Eichen, Buchen und Kiefern bestanden, und hohe, zum Teil sehr steil zum Uferrand abfallende Berge schließen schützend seine silberklaren Fluten ein, welche uns gestatten, noch bei 10 Meter Tiefe bis auf den Grund zu schauen. Man glaubt, einen Alpen-See vor sich zu haben. Die bergige Beschaffenheit seiner Umgebung setzt sich noch unter dem Wasser fort, und wenn auch keine Inseln in ihm zutage treten, so erheben sich doch inmitten der sehr großen Tiefe an fünf bis sechs Stellen Berge steil bis dicht an die Oberfläche. Der Boden ist zum Teil moorig und mit Wasserpflanzen, namentlich der sogenannten Pest, dicht bewachsen; auch ganze Baumstämme, die im Lauf der Zeit in die Tiefe gesunken sind, haben sich dort eingebettet. Alle diese Umstände machen den Fischern bei ihrem Handwerk große Schwierigkeiten. Es kommt oft vor, daß Netze und Taue reißen oder Holzmassen sich in dem Fischerzeug festsetzen, ja einmal brachten die Fischer anstatt der leckeren kleinen Maräne (Coregonus albula L.), die der See in Menge birgt, mehrere Scheffel Steine in ihrem Netz ans Tageslicht.

Das alles mag mit Veranlassung gegeben haben, daß sich manches Geheimnisvolle und Sagenhafte im Verlauf der Jahrhunderte an den See geknüpft hat. Schon Bratring erzählt vom Stechlin, daß man am Tag des Erdbebens von Lissabon (1. November 1755) Bewegungen auf ihm verspürt habe, und noch heute lebende alte Personen haben es in ihrer Kindheit von den Großeltern bestätigen hören, daß der See an jenem Tag geschäumt und Wellen geschlagen habe, trotz des heiteren und stillen Wetters. Der See ist ein »Kreuz-See«, d. h., er hat eine einem Kreuz ähnliche Gestalt. Schon dieser Umstand hat dem Volk zu denken gegeben. So heißt es, kein Gewitter könne über ihn hinwegziehen, im Winter friere er nur selten zu, insbesondere aber berge er in seinem unergründlichen Innern einen ,gewaltigen und bösen purpurroten Riesenhahn, der das Messen der großen Tiefen und das Fischen an gewissen Orten nicht dulden wollte und seine Herde im See gegen die raubgierigen Menschen schirme und schütze. Die Jetzige Generation freilich weiß nur wenig oder gar nichts mehr von diesem Ungeheuer der Tiefe, allein in den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts ,war der große Hahn im Stechlin noch in aller Munde: schon manchem wäre er erschienen und hätte auch manchen, der seine Warnungen nicht beachtet oder gar verlacht hätte, in die Tiefe hinabgezogen.

Von diesem roten Hahn nun erzählte vor ungefähr 70 Jahren ein damals fast 50jähriger alter Mann folgende Geschichte, von deren Wahrheit er so fest überzeugt war, daß er sie auf das Evangelium beschwor.

Vor vielen Jahren lebte im Fischerhaus am Stechlin ein Fischer namens Minack. Das war ein roher und wilder Mann, der im Vertrauen auf seine gewaltigen Kräfte weder Menschen noch Geister fürchtete. Selbst wenn ihm Nachbarn und Freunde den guten Rat gaben, er solle vor dem großen Hahn im Stechlin-See Respekt haben und sich wohl hüten, an den und den Orten zu fischen, wo der Hahn es nicht dulden wolle, so lachte er nur dazu. Und wiesen sie darauf hin, daß bereits seine Vorgänger, wenn sie sich an eine der verrufenen Stellen gewagt, ihren Frevel mehrfach durch Verlust ihrer Netze und andere Unfälle gebüßt hätten, ja daß einer hier beim Fischen »den Totenzug« getan und ertrunken wäre, so ließ sich Minack durch all das Gerede nicht schrecken, sondern fischte nach wie vor, wo und wie er wollte. Einst gedachte nun Minack an einer der tiefsten und gerade darum verpöntesten Stellen einen Hauptfang zu machen, da er genau wußte, daß sich hier die Maränen besonders zahlreich aufhielten. Es war böses, stürmisches Wetter, und mit Zitten und Zagen folgten ihm seine Gesellen. Das Netz wird auf der Höhe des Sees ausgeworfen, man fährt an das Ufer und beginnt an den mehrere hundert Ellen langen Tauen das Netz herauszuwinden. Doch bald gehen die Winden schwerer und immer schwerer herum, bis man schließlich vollständig festsitzt. Minack fährt mit seinem bereitgehaltenen Nachen auf die Höhe des Sees, um das Fischerzeug, das sich vielleicht in Schlamm und Kraut verfangen haben mochte, zu lüften. Dies geschieht in der Art, daß man das Tau, an welchem das Netz befestigt ist, über den kleinen Kahn hinnimmt und diesen demnächst am Tau auf den See hinaufzieht. So machte es denn auch Minack. Doch das Tau wird immer straffer und straffer und droht schon, den kleinen Kahn unter Wasser zu drücken. Da ruft Minack seinen Gesellen am Ufer zu: »Halt! Haltet an, laßt die Winden los!« Aber der Sturm war jetzt stärker losgebrochen, und bei dem Toben der Elemente verstehen jene fälschlich: »Windet zu, windet zu!« und arbeiten um so kräftiger darauflos. Jetzt füllt sich der kleine Nachen des Minack schon mit Wasser; das straffe Tau vom Kahn herunterzuheben, ist ihm unmöglich; in seiner Todesangst holt er sein Messer hervor und zerschneidet es. In dem Augenblick, in welchem die beiden Enden des durchschnittenen Taues in die Tiefe fahren, teilt sich die Flut, und aus den Wogen rauscht der rote Hahn empor. Indem er mit seinen mächtigen Flügeln das Wasser peitscht, betäubt er mit donnerndem Krähen den Fischer und zieht ihn hinab.

Auch von einem im See versunkenen Dorf oder gar Stadt wurde früher viel erzählt, vor allem als man vor Jahren ein Stück Holz, ähnlich dem Knopf einer Dorfkirche, einmal beim Fischen aus dem Wasser zog. Fährt man an einem schönen stillen Sonntagvormittag über die Stelle, wo die Stadt untergegangen ist, so kann man noch heute, heißt es, aus dem Wasser herauf das Läuten der Glocken vernehmen.

In der Nähe der nördlichen Spitze des Stechlin, die Kreuzlaute genannt, befindet sich ein Luch. Dort erscheinen dem nächtlichen Wanderer drei Jungfrauen mit brennenden Laternen und führen ihn so in die Irre, daß er stundenlang laufen muß, ehe er den rechten Weg wieder findet.

Der Name von Krebsjauche

In der Nähe von Frankfurt liegt das Dorf Krebsjauche; hier trafen einmal ein Fuchs und ein Krebs zusammen, die wetteten miteinander, wer am schnellsten laufen könnte. Da machten sich denn beide auf, und der Fuchs, der doch seiner Sache gewiß war, ging ganz langsam voraus, der Krebs aber kniff sich ganz leise und ohne daß es der Fuchs merkte, in die Haare der Rute des Fuchses und ließ sich auf solche Weise nachschleifen. Wie sie nun dicht am Ziel waren, kroch der Krebs tiefer in die Haare hinein und kniff den Fuchs mit den Scheren so an der Rute, daß dieser wütend mit ihr um sich schlug, wobei der Krebs den richtigen Augenblick wahrnahm, losließ und so mit aller Macht ans Ziel geschleudert wurde. Da rief er vor Freude: »Krebs juchhe!« und als später an dieser Stelle ein Dorf gebaut wurde, nannte man es zum Andenken an die List des Krebses »Krebsjuchhe«, woraus dann der jetzige Name entstanden ist.

Der Bötticher bei den Unterirdischen

Öfter hat es schon des Nachts Leute in der Nähe des Klosters Chorin gerufen, daß sie dahin kommen sollen, aber nicht alle haben diese Stimme beachtet und sind darum auch nicht so glücklich gewesen, wie der Bötticher, der vor mehreren Jahren in einem der Tagelöhnerhäuser bei Chorin wohnte. Der hörte auch einmal in der Nacht die Stimme, die rief ganz laut seinen Namen, als wenn jemand in der Stube wäre, und gab ihm einen Ort im Kloster an, wo er sich einfinden solle, aber er tat, als höre er’s nicht und drehte sich um. Da rief es zum zweiten und endlich zum dritten Mal; nun stand er auf, nahm all sein Handwerkszeug, Messer, Beil, Hammer und Reifen, wie es ihm die Stimme geheißen hatte, mit sich und ging nach dem bestimmten Ort. Hier fand er ein kleines Männchen, das grüßte ihn und war sehr freundlich, sagte ihm aber, er müsse sich die Augen verbinden lassen, denn anders könne er nicht mit ihm gehen, fügte auch hinzu, daß ihm kein Leid geschehen sollte. Da ließ es denn der Bötticher geschehen, und das Männlein führte ihn nun eine ganze Strecke, bis es ihm endlich die Binde abnahm und er sich in einem geräumigen Keller sah, wo er noch eine große Menge eben solcher Männlein wie seinen Begleiter erblickte, die .mit verschiedenen Dingen beschäftigt waren, aber kein Wort sprachen. .jetzt hieß das graue Männchen den Bötticher um zwölf große Fässer, die dort standen, neue Bänder legen, er führte diese Arbeit zur Zufriedenheit aus und erhielt nun die Erlaubnis, von jedem der zwölf großen Goldhaufen, die bei den Fässern lagen, einen Teil für sich als Bezahlung zu nehmen. Darauf wurde ihm die Binde wieder vor die Augen gelegt, dasselbe graue Männlein führte ihn zurück, und er fand sich bald mit seinem Schatz allein an dem Ort, wohin ihn die Stimme zuerst gerufen hatte.

Der Kobold, der nicht weichen wollte

Ein Bauer in der Nähe von Blankensee kaufte einmal einen neuen Hof und merkte gar bald, daß es in dem Hause nicht recht richtig sei und ein Kobold sein Wesen darin treibe. Er versuchte alle möglichen Mittel, konnte ihn aber nicht los werden; da riet ihm endlich ein kluger Mann, er solle mit dem Kobold in den Wald fahren, ihn da auf einen Baum locken, und sobald er oben sei, schnell davon fahren. Das tat er denn auch, und, als er ins Holz kam, machte er sich an den ersten besten Stamm, nahm die Axt und tat, als wolle er ihn umhauen; alsbald war auch der Kobold oben in der höchsten Spitze, und schaukelte sich im Wipfel hin und her, damit er den Baum leichter zum Umsturz brächte. Kaum ersah das aber der Bauer, so sprang er auf seinen Wagen und jagte so eilig als möglich davon, aber er war nur erst wenige Schritte fort, so hört er‘s plötzlich hinter sich rufen: »Watt jechste (jagst du) denn so, de lööwst (glaubst) woll de jrööne kümmt?« und siehe da! der Kobold saß wieder hinten auf dem Wagen.

Die Wendenschlacht bei Lenzen

An vielen Orten der Umgegend von Lenzen und in der Stadt selber erzählt man sich von einer großen Schlacht mit den Wenden, die einst hier stattgefunden. Die einen sagen, das Schlachtfeld sei auf dem Marienberg vor Lenzen gewesen, andere, es sei bei Mohr, bei Seedorf und endlich auch bei Möllen gewesen, wo sich überall noch die Spuren des vergossenen Blutes am Boden zeigen, der davon ganz rot gefärbt ist. An allen diesen Orten lassen sich auch noch oft die Geister der Erschlagenen sehen und spuken dort kopflos umher oder tragen ihre Köpfe unter dem Arm. Bei Seedorf insbesondere wird erzählt, daß eine von der Löcknitz gebildete Breite, welche der Wennensee heißt, davon ihren Namen habe, daß einstmals ein ganzes Wendenheer darin seinen Untergang fand.

Die Erlösung des Großmütterchens in Gransee

Wer vor langen Jahren auf der Straße von der Stadt Gransee nach dem Dorf Schönermark wanderte, konnte, wenn er das alte Stadttor im Rücken hatte, gleich zur Linken mitten in Gärten ein kleines Gehöft erblicken, unansehnlich und zerfallen. In der ganzen Stadt war das Gerücht verbreitet, daß es dort spuke, und jedermann scheute sich, in dieser Gegend zu wohnen.

Eines Tages ließ sich ein junges, armes Brautpaar trauen. Die Hochzeit wurde gefeiert, aber nirgends in der Stadt war eine Wohnung zu finden, wo die jungen Leute hätten unterkommen können. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als das verrufene kleine Haus zu beziehen. Lange wohnten sie darin friedlich, nichts geschah; weder bei Tag noch bei Nacht trat etwas Auffallendes ein.

Da, eines Abends, tat sich die Tür auf, und herein trat ein altes Mütterchen mit einem Schemel und einem Spinnrocken in den Händen, setzte sich am Kaminfeuer nieder und begann zu spinnen, ohne ein Wörtchen zu sagen. Nach ein paar Stunden erhob sich die alte Frau und ging stillschweigend, wie sie gekommen, wieder zur Tür hinaus. Anfangs erschraken die jungen Leute über die Erscheinung; als sich aber der merkwürdige Besuch Abend für Abend wiederholte, gewöhnten sie sich daran und blieben ruhig beieinander an ihrem Tische sitzen, während die Alte am Kamin ihren Faden spann. Nur eins wunderte die beiden, daß nämlich die Frau auf keine ihrer Fragen antwortete, sondern immer schwieg, als ob sie nichts hörte.

Einmal ging der junge Mann in die Stadt; es war gegen Abend, und seine junge Frau bat ihn, recht bald wiederzukommen.

»Nun, du wirst dich doch nicht fürchten?« erwiderte der Gatte. »Großmütterchen« – so pflegte nämlich das Ehepaar die Alte zu nennen, sooft von ihr die Rede war – »Großmütterchen ist ja bei dir.« Mit diesen Worten verließ der junge Ehemann die Stube.

Die Frau blieb zurück, setzte sich am Tisch nieder und schaute unverwandt der Arbeit des Mütterchens zu, das auch heute wieder erschienen war. Plötzlich rief sie: »Großmutter, Ihr spinnt ja nach links herum!«

»Meine Tochter,« gab ihr die Alte zurück, »ich danke dir; mit diesen Worten hast du mich erlöst. Zum Lohne aber für die Wohltat, die du mir erwiesen hast, tue ich dir kund, daß hier unter diesen Steinen, auf denen mein Schemel und mein Spinnrocken stehen, ein Topf mit vielem Gelde verborgen liegt. Grabe ihn aus, doch so, daß dein Mann nichts davon sieht, und verbirg ihm das Geheimnis, das ich dir anvertraut habe, bis zum dritten Tag; dann wird euch der Schatz zu glücklichen Leuten machen.«

Damit ergriff das Mütterchen Schemel und Spinnrocken und verließ das Zimmer, um nie wieder zu erscheinen. Das junge Ehepaar aber gelangte von da an zu Wohlstand und Glück.

Das schwarze Pferd

Es war im Jahr 1590, als sich in einer Nacht in der Stunde zwischen elf und zwölf Uhr in Königsberg ein schwarzes feuriges Pferd mit brennenden Augen zeigte, das lief in allen Gassen mit erschrecklichem Geräusch auf und nieder und sprang dergestalt, daß die Häuser gebebt und Feuer aus den Steinen gesprungen. Andern Morgens fand man das Bernekowsche innere Tor offen und das Pferd in dem Raum zwischen diesem und dem äußeren Tor liegen; sobald aber der Torwärter dazu kam, sprang es in die Höhe und verschwand. Dieses Pferd ist vielleicht der Satan selber gewesen, denn am selben Tage abends gegen zehn Uhr brach in einem Haus der Stadt Feuer aus, welches er vielleicht angeblasen, um der Stadt eine große Feuersbrunst anzurichten.

Der fliegende Chorschüler

In vielen Städten der Mark und namentlich in Berlin erzählt man sich folgende Sage:

Eines Tages verabredeten mehrere Chorschüler miteinander, daß sie auf den Kirchturm (in Berlin soll es der der Marienkirche gewesen sein) steigen und dort aus den Krähennestern, deren sich eine große Anzahl oben befand, die Eier ausnehmen wollten. Diesen Vorsatz führten sie auch aus und stiegen zum Turm hinauf; als sie dort ankamen, wurde zu einem der Schallöcher hinaus ein Brett gelegt, welches zwei Schüler hielten, der dritte aber kroch auf diesem Brett hinaus, um in den Ritzen und Spalten des Turms Nester zu suchen. Er fand auch bald eine große Zahl derselben, gab jedoch seinen Gefährten kein einziges der Eier, welche er dort fand, und als sie ihn nun fragten, ob sie ihr Teil nicht erhalten würden, schlug er es ihnen rund ab, weil er sagte, er habe sich allein der Gefahr unterzogen und so wolle er auch allein die Frucht derselben genießen. Da wurden die andern böse und drohten ihm, daß sie das Brett loslassen würden, wenn er ihnen nicht augenblicklich einen Teil seiner Beute abgäbe; er jedoch, der vor der Ausführung ihrer Drohung sicher zu sein glaubte, sagte, das sollten sie nur tun, dann würden sie gewiß nichts bekommen. Aber kaum hatte er das gesagt, so ließen jene das Brett los und der arme Chorschüler stürzte von der höchsten Höhe des Turms herab. Nun hatte er aber seinen weiten Mantel um, der bis unten hinab zugeknöpft war, so daß sich sogleich der Wind darunter fing, den Fall hemmte und ihn wohlbehalten und unversehrt mitten auf den Markt hinabtrug, wo er zur größten Verwunderung der Käufer und Verkäufer ankam. Ob er jetzt seinen Gefährten ihren Anteil am Gewinn gegeben, weiß ich nicht, sie mögen aber auch wohl nicht mehr danach verlangt haben.

Die Riesensteine

An vielen Orten der Altmark finden sich große, mächtige Steinblöcke, die sind gewöhnlich in Vierecken aneinander gereiht, und in der Mitte liegen dann die größten Blöcke, doch oft liegen sie auch ungeordnet und wild durcheinander. Von diesen Steinen erzählt man an mehreren Orten, daß es vor Zeiten gewaltige Riesen gegeben, die einander damit warfen. Solche Steine liegen in der Gegend von Oebisfelde und Wassensdorf, die haben die Riesen über den Drömling herüber geworfen; andere liegen bei Köbbelitz, die warfen die Riesen vom Papenberg zwischen Immekath und Klötze nach Wentze, sie zielten aber nicht recht, da fielen sie an dieser Stelle nieder. Auch in der Gegend von Steinfeld und Schinne, zwischen Stendal und Bismark liegen viele derselben, mit denen sich die Riesen beider Orte, als ein Krieg zwischen ihnen ausbrach, zu Tode warfen.

Der Fisch und der Kolk am Berliner Rathaus

Am Rathaus in der Spandauer Straße war vordem ein eiserner Fisch angebracht, der nach der Sage anzeigen sollte, wie hoch einst da das Wasser gestanden. Allein dies ist unrichtig, jener eiserne Fisch gab nämlich früher den Fischern die Größe an, unter welcher sie keine Fische mit dem Garn fangen und zur Stadt bringen durften. Ein ähnliches Bild, dessen Erklärung nicht ganz sicher ist, ist der sogenannte Kolk, ein aus Sandstein geformtes Spottbild in Vogelgestalt, mit menschlichem Antlitz und langen Tierohren, das sich an einem der niedrigen Strebepfeiler des Rathauses befindet und eine Allegorie des Prangers sein sollte, insofern früher gerade drüber das Halseisen angebracht war.

Der Teufel und die Holzhauer am Zootzen

Als die Holzhauer aus einem Dorfe am Zootzen eines Morgens in den Wald kamen, um sich an ihre Tagesarbeit zu machen, fanden sie das tags zuvor aufgeschlichtete Holz umgestoßen. Ärgerlich beschuldigten sie die Knechte des Dorfes, ihnen diesen Schabernack gespielt zu haben. Sie setzten das Holz wieder auf, fanden es aber am nächsten Morgen wieder umgestoßen. Nun beschlossen sie, daß einer von ihnen die nächste Nacht Wache halten solle, um die Übeltäter auf frischer Tat zu ertappen. Da sich aber niemand freiwillig meldete, wurde gelost. Das Los traf einen bärenstarken Mann, der erklärte, er habe sich schon melden wollen; nun sei es gut, daß ihn das Los getroffen habe. Als er dann des Nachts Wache stand, zündete er sich ein Feuer an und begann aus Langeweile Holz zu spalten.

Zwischen zwölf und ein Uhr tauchte plötzlich ein kleines rotes Männchen – es war der Teufel – neben ihm auf und fragte neugierig: »Warum setzt du denn da immer einen Keil in die Spalte? Kannst du das Holz nicht mit den Händen auseinanderreißen?«

Der Holzhauer antwortete mit der Gegenfrage: »Kannst du es denn?«

Der Kleine erwiderte, ja, das könne er. Da wählte der Holzhauer einen starken Eichenklotz aus, schlug mit der Axt hinein und setzte einen Keil in die Spalte; darauf stieß er mit der Axt gegen den Keil, um diesen ordentlich zu lockern. Als nun der Kleine den Klotz auseinanderreißen wollte, zog der Holzhauer flugs den Keil aus der Spalte und klemmte dem Männchen die Finger ein. Verzweifelt schrie da der Kleine: »Setz, doch den Keil ein! Setz, doch den Keil ein!«

Aber er war gerade an den Rechten gekommen; denn der Holzhauer packte einen Prügel und hieb tüchtig auf den Kleinen ein. Der Teufel aber schrie weiter: »Setze doch den Keil ein!« Doch je mehr er brüllte, desto kräftiger schlug der andere zu und knirschte dabei: »Wirst du uns noch einmal das Holz umstoßen?«

Nach vielen Anstrengungen gelang es dem Teufel endlich, seine Finger aus der Klemme zu ziehen und seinem Widersacher durch die Flucht zu entrinnen. Aus sicherer Entfernung aber schrie er zurück: »Nun stoße ich euch das Holz erst recht um.«

Am andern Morgen erzählte der Holzhauer seinen Kameraden wie es ihm in der Nacht ergangen sei, und machte den Vorschlag, an jedes Klafter Holz einen Klotz mit einem Keil zu stellen. Als nun der Kleine in der folgenden Nacht wieder erschien, um sein Mütchen zu kühlen, erblickte er den Klotz an dem ersten Klafter und rief: »Huh, da ist der Klotz!,« wobei er sich seine in der vorigen Nacht zerschundenen Finger besah. Darauf eilte er weiter zum zweiten Klafter; auch hier fand er einen Klotz und ebenso an den andern Holzstapeln. Da bekam es der Teufel mit der Angst zu tun, drehte sich um und lief schleunig davon, ohne jemals wiederzukommen. Die Holzstöße im Wald hatten von nun an Ruhe vor ihm.

Kohlhasenbrück

In der Nähe von Potsdam, auf der Straße nach Berlin, führt eine Brücke über die Bäke oder Telte, einen kleinen Nebenfluß der Nuthe, die Brücke heißt Kohlhasenbrück und hat von Hans Kohlhase, einem Berliner Roßkamm, der zur Zeit der Kurfürsten Joachim I. und II. einst viel von sich reden gemacht hat, den Namen bekommen. Die Sache ist recht bezeichnend für jene Zeiten und war folgende.

Hans Kohlhase war ein angesehener Bürger zu Kölln an der Spree, der einen nicht unbedeutenden Pferdehandel betrieb. Was seine Bildung anbetrifft, ist zu bemerken, daß er sogar Lateinisch verstand. Einmal kam er nun mit einigen Pferden von Leipzig zurück, da wurde er in der Nähe von Düben durch die Leute des Junkers von Zaschwitz angehalten; er sollte sich ausweisen über die Pferde, es wären sicherlich gestohlene. Vergeblich, daß er seine Unschuld beteuerte, die Pferde wurden zurückbehalten. Da klagte er den Unfall seinem Kurfürsten Joachim I., und der erwirkte den Befehl vom Kurfürsten von Sachsen, daß ihm die Pferde vom Junker von Zaschwitz zurückgegeben werden sollten. Inzwischen waren dieselben aber hinter dem Ackerpflug abgetrieben und schlecht im Futter gehalten worden, so daß Kohlhase sich weigerte, sie zurückzunehmen und Schadenersatz forderte. Als alle seine Bemühungen vergeblich waren und er nicht zu seinem Recht kommen konnte, da sandte er nach damaliger Sitte als freier Mann, dem sein Recht verweigert wurde, einen Absagebrief an den Landvogt von Sachsen, daß er des Junkers von Zaschwitz und des ganzen Landes Sachsen abgesagter Feind fortan sein wolle, bis er zu vollem Recht und zu vollem Schadenersatz für alles, was er erlitten, gelange. Mit einer Schar verwegener Gesellen begann er auch nun das sächsische Land auf jede nur mögliche Weise zu schädigen und trieb bald die Sache so weit, daß die Kurfürsten von Sachsen und Brandenburg selbige beizulegen beschlossen und beiderseitig einige ihrer Räte nach Jüterbog schickten, wohin auch Kohlhase kommen sollte, um seine Forderungen geltend zu machen. Der kam auch mit einem Gefolge von 40 Pferden; aber man ging unverrichteter Sache auseinander, da der Junker von Zaschwitz inzwischen gestorben war und seine Erben sich zu keiner Entschädigung bereit erklären wollten. Von neuem begann Kohlhase das sächsische Land heimzusuchen, ja er brannte sogar die Vorstadt von Wittenberg nieder. Da schrieb Dr. Martin Luther an den gefährlichen Mann, wie unchristlich es sei, sich selbst zu rächen. Das machte auf Kohlhase Eindruck und heimlich kam er, als Pilger verkleidet, nach Wittenberg, um mit Luther über die Angelegenheit zu verhandeln. Luther versprach, sich der Sache anzunehmen; aber es war vergeblich, und die Geschichte spielte in der früheren Weise weiter, nur daß der Kurfürst von Sachsen es bei dem Kurfürsten von Brandenburg schließlich durchsetzte, daß er Kohlhasen auch auf märkischem Grund und Boden verfolgen und fangen lassen könne. Aber die sächsischen Späher und Landsknechte griffen ihn doch nicht. So kam das Jahr 1540 heran.

Da verfiel Kohlhase auf den Rat eines seiner Spießgesellen, Georg Nagelschmidt mit Namen, auf den Gedanken, sich an seinen Kurfürsten selbst zu machen und ihn so zu veranlassen, dem Wesen ein Ende zu bereiten und sich wirksamer seiner anzunehmen. Er überfiel den kurfürstlichen Faktor Drezscher, der mit Silberkuchen aus dem Mansfeldschen unterwegs war, in der Gegend wo eben jetzt Kohlhasenbrück liegt, nahm ihm die Silberkuchen fort und versenkte sie unter der Brücke in die Telte. Das bekam ihm aber übel. Denn nun wurde überall nach ihm und Nagelschmidt gefahndet und bei Leibesstrafe verboten, sie zu beherbergen, als sich das Gerücht verbreitete, sie seien in Berlin.

Wirklich fing man auch Kohlhase, als man Haussuchung hielt. Er hatte sich beim Küster zu St. Nicolai in einer Kiste versteckt. Ebenso wurde Nagelschmidt im Haus eines armen Bürgers am Georgentor aufgefunden. Beiden wurde der Prozeß gemacht. Kohlhase wollte man insofern begnadigen, als er nicht mit dem Rad, sondern mit dem Schwert hingerichtet werden sollte, was für minder schmachvoll galt. Schon war Kohlhase bereit, dies anzunehmen. Da rief ihm Georg Nagelschmidt zu: »Gleiche Brüder, gleiche Kappen! « – »Ich will die Begnadigung nicht, ich will mein Recht«, sagte Kohlhase, und so wurde er wie Nagelschmidt am Sonntag nach Palmarum im Jahr 1540 mit dem Rad gerichtet, obwohl es dem Kurfürsten leid getan haben soll, daß eine so tüchtige Natur ein solches Ende genommen. Ob man die Silberkuchen gefunden, berichtet keine Chronik. Die Brücke aber und der Ort, der später da entstand, bekam den Namen Kohlhasenbrück.

Das Gespenst an der Kirche zu Oderin

Als die alte Kirche in Oderin noch stand, kam einst ein junger kräftiger Bursche auf den Gedanken, die nächtens vom Spinnen heimkommenden Mädchen zu erschrecken. Er nahm ein Laken, hüllte sich dar ein und stellte sich an die Kirchtür.

Nun wußten aber alle Leute, daß es auf dem Kirchhof umgehe, und wer nicht mußte, ging von Dunkelwerden an nicht mehr darüber. Der Bursche hatte diese Erzählung immer verlacht. .Aber als er an der Kirchtür stand und auf die Mädchen lauerte und es eben zwölf geschlagen hatte, hörte er, wie etwas die Turmtreppe herunterkam und dabei röchelte. Vor Entsetzen lief der Bursche nach Hause, kroch ins Bett und am nächsten Morgen war er tot.

Die kupferne Pfanne im Schloß Sternberg

In der Walpurgisnacht hört man im Städtchen Sternberg lautes Hundegebell und dumpfes Glockenläuten, wie aus der Tiefe heraufkommend. Das sind die Geister, die den großen Schatz bewachen, welcher einst von der zerstörten Burg übriggeblieben ist. Das war um das Jahr 1500, als Markgraf Joachim I. mit dem Markgrafen der Lausitz und dem Herzog von Glogau gegen den Raubrittersitz in Sternberg zu Felde zog. Schrecklich hatten die »edlen Ritter« unter Führung des Balthasar von Winning in und um Sternberg gehaust und ein hübsches Mädchen, das sie geraubt und geschändet hatten, das aber glücklich entkommen war, erzählte die grausigsten Dinge von dem Menschenfleisch, das ihm täglich vorgesetzt wurde, von dem großen Messer, mit dem Männer und Frauen abgeschlachtet wurden und von der riesengroßen kupfernen Pfanne, die bis an den Rand mit dem geraubten Gold und Silber angefüllt war. Die Burg wurde bis auf den Grund niedergebrannt, nachdem die erst kurz zuvor erfundenen »Donnerbüchsen« die Mauern zerstört hatten. Alle Raubritter wurden zum Tod durch den Strang verurteilt, nur die Winnings durften am Leben bleiben, mußten sich aber auf dem flachen Land ansiedeln.

Die große Kupferpfanne hat man bei der Eroberung der Burg auch gesehen, aber zwei große Schlangen haben darauf gelegen; und eine verzauberte Jungfrau, die ein großes Schlüsselbund in der Hand hielt, hat den Schatz bewacht, daß niemand sich heranwagte. Dann ist die Pfanne nebst ihrer Bewachung unter den Trümmern der Burg begraben worden. Dort ruht der Schatz noch heute, und der Geisterruf in der Walpurgisnacht erweckt immer aufs neue bei den Sternbergern das Verlangen, ihn zu heben.

Im Schloßpark zu Caputh

Des Nachts zu Beginn der Geisterstunde taucht im Schloßpark zu Caputh eine geheimnisvolle Kutsche auf, die eine Stunde lang völlig geräuschlos das alte Schloß umfährt. Besetzt ist der Wagen mit Gästen, die starr und unbeweglich im Fond sitzen. Die Pferde aber haben keine Vorderfüße und keine Köpfe. Mit dem Glockenschlag eins ist die rätselhafte Kutsche verschwunden.

Vor vielen Jahren ging ein junger Mann einst am Parktor des Schlosses vorbei, und wie er so in Gedanken versunken dahinschreitet, öffnet sich unhörbar das Parktor, und eine schwarze Gestalt huscht neben ihm her. Als er sie ansprach, war sie verschwunden. Die Gestalt soll weder Kopf noch Hände noch Füße gehabt haben.

An der sogenannten Bucht im Schloßpark gehen Geister um. Oft will man ein Schaf ohne Kopf gesehen haben. Lautlos und unstet rennt es umher, und wem es begegnet, der hat Pech am nächsten Tag. Eine Frau ist von dem Schaf einst bis fast an die Post begleitet worden, und als sie nach Hause kam, war ihr Kind erkrankt.

Der spukende Mönch im Ringelturm zu Lehnin

An dem zerstörten Teil der Lehniner Klosterkirche befindet sich ein fast noch ganz erhaltener Turm, zu dessen Spitze eine gewundene Treppe leitet, weshalb er der Ringelturm heißt. Hier ist’s nicht recht geheuer, denn man hört es oft hier Trepp auf, Trepp ab poltern und in der halb eingestürzten gotischen Halle, die darunterliegt, umhertoben. Wer dreist ist, kann auch eine mächtige Gestalt mit schwarzem Gesicht, krausem Haar und weißem flatternden Gewand sehen, aber er muß nicht zu nahe herangehen, sonst verfolgt sie ihn so lange, bis sie ihn vom alten Kirchhof vertrieben hat. Andere haben in dieser Gestalt einen Mönch erkannt, der in gefalteten Händen das Evangelienbuch hält und mit funkelnden Augen gen Himmel blickt, gleichsam als bete er zu Gott für die Ruhe der Grabstätten, die ehemals in diesem Teile der Kirche waren, aber vor mehreren Jahren zerstört wurden. Niemand kann den Greis ansehen, ohne von tiefer Rührung ergriffen zu werden.

Doktor Faust

Der Doktor Faust soll ehemals auch zu Neuruppin gelebt haben, und man erzählt, daß er gewöhnlich des Abends mit einigen Bürgern Karten spielte und sehr viel gewann. Eines Abends nun fiel einem seiner Mitspieler eine Karte unter den Tisch, und als er sie aufhob, bemerkte er, daß der Doktor Pferdefüße habe; da ist denn allen sogleich klar gewesen, warum er immer so viel gewinne. – Lange Zeit nach seinem Tod hat man ihn noch öfter in einem Dickicht am See mit mehreren Leuten am Tisch sitzen und Karten spielen sehen, und da soll er noch jetzt sein Wesen treiben.

Die Roggenmuhme

Wenn das Getreide am höchsten steht und die sommerliche Mittagshitze sich über Feld und Wiese ausbreitet, dann geht die Roggenmuhme über Land. Unsichtbar schwebt sie einher, und wenn sie Kinder am Rande des Kornfeldes sieht, die Mohn- und Kornblumen suchen, dann lockt sie das ahnungslose Völkchen immer tiefer in das wogende Meer der Halme. Wehe den Kleinen, die ihr folgen! Bald schlagen die Halme über den Köpfen der Kinder zusammen, sie werden von unerträglicher Müdigkeit befallen und sinken mit glühend heißer Stirn und brennenden Wangen in dem lispelnden Gewoge zu Boden.

Deshalb sind die Mütter ängstlich bedacht, ihre Kinder an Julitagen nicht aufs Feld zu schicken; denn die Roggenmuhme sitzt auf der Lauer.

Die spukende Sau in Woltersdorf

In dem Dorfe Woltersdorf, das am Fuße der Kranichs- oder Kronsberge liegt, welche sich an den von Rüdersdorf sich bis zur Spree erstreckenden Seen ausdehnen, treibt sich oft nachts in der zwölften Stunde eine große Sau herum, und wer ihr begegnet, dem läuft sie unter die Beine, daß er eine Strecke auf ihr reiten muß. So ging auch einmal einer noch spät um Mitternacht durchs Dorf, da sieht er plötzlich die Sau herbeistürzen; er aber trug einen Kreuzdornstock (und wer den hat, dem können die Geister nichts anhaben), mit dem schlug er der Sau über den Rücken, daß sie taumelte und eilends davonlief. Da hatte er nun zwar Ruhe vor ihr, aber als er aus dem Dorfe hinauskam, erhob sich ein so gewaltiger Sturm, daß er kaum weiter gekonnt hat, und er wird daher wohl die Sau künftig nicht wieder geschlagen haben.

Der Alte Fritz geht um

Die Potsdamer Garnisonkirche, in deren Gruft der Alte Fritz begraben liegt, wird manchmal um Mitternacht ganz hell im Innern, Orgelspiel ertönt, es öffnen sich die Türen weit, und der Alte Fritz kommt hoch zu Roß herausgeritten. Die Schildwachen haben den König deutlich erkannt und vor ihm präsentiert; aber das Pferd des Königs ist ohne Kopf gewesen. Er reitet nun durch die nächtliche Stadt bis hinaus nach Sanssouci, kehrt auf gleichem Weg zurück und betritt wieder die Kirche, deren Türen sich dann schließen. Das Reiterstandbild im Park von Sanssouci aber soll sich jedesmal umwenden, wenn der König die Gruft verläßt.

Die Erbauung von Bernau

An der Ecke der Brauerstraße, wo fast der Mittelpunkt der Stadt ist, soll ehedem ein einzelner Krug gestanden haben, zu dem einst Markgraf Albrecht der Bär gekommen und sich daselbst einen Trunk gefordert. Der hat ihm so herrlich gemundet, daß er sich entschloß, an dieser Stelle eine Stadt zu bauen, welchen Entschluß er auch alsbald ausgeführt. Zu dem Ende hat er die drei Dörfer Lindow, Schmetzdorf und Lüpenitz eingehen und die Einwohner in die neue Stadt ziehen lassen; daher haben die Felder der beiden ersten noch heutzutage ihren alten Namen und besteht das Lindowsche Feld aus 84 und das Schmetzdorfsche aus 48 Hufen; Lüpenitz aber ist zu einer Heide geworden, welches jedoch ein großes Dorf gewesen sein muß, da sich dessen Feldmark auf eine Meile erstreckt. Man sieht auch noch an allen drei Orten die Rudera der Kirchen und Kirchhöfe, zu Schmetzdorf aber hat der Magistrat ein Vorwerk angelegt. Es ist jedoch auch noch eine vierte Feldmark vorhanden mit 103 Hufen, diese heißt die Bernausche, und ist daher wahrscheinlich, daß früher auch ein Dorf Bernau vorhanden gewesen, von dem die Stadt wohl dann ihren Namen erhalten.

Spukgestalten in Köpenick

Im Schloß zu Köpenick wohnte einst eine Prinzessin, welche eine unglückliche Liebe hatte; die soll sich, als sie das Leben nicht länger ertragen mochte, von der Schloßbrücke in den Graben hinabgestürzt haben und so ums Leben gekommen sein. Nun aber läßt’s ihr keine Ruhe im Grab, und sie geht im Schloß um; namentlich aber sieht man ihren weißen Schleier oft des Nachts von der Plattform herabwehen.

Abends und nachts sieht man oft in Köpenick einen großen grauen Hund mit feurigen Augen herumgehen, der heißt Morro und hat sein Lager im Sand bei der Pyramidenbrücke; besonders sieht man ihn vor den Häusern gewisser Leute sitzen und sie gleichsam bewachen. Namentlich saß er oft stundenlang an der Tür eines langen dürren Friseurs, der in seiner ganzen Erscheinung so recht etwas Grauenhaftes hatte.

Auch sieht man um die Nachtzeit oft einen Reiter ohne Kopf auf einem Schimmel durch die Straßen von Köpenick reiten, dem Hunde nachfolgen, die gleichfalls keinen Kopf haben. Dieselbe Erscheinung zeigt sich auch in Straußberg und andern Orten.

Wie die alten Wenden spuken

In der Prignitz geht die Sage, daß die ungetauft verstorbenen Wenden auf der Erde und in den Lüften ruhelos bis zum jüngsten Tag wandern müssen. Sie spielen den Nachkommen der Deutschen, welche einst ihre Tempel zerstörten, mancherlei Schabernak. So manchen Wanderer haben sie des Nachts bös erschreckt und manchem Fuhrmann unsichtbar den Wagen so beschwert, daß die Pferde die Last kaum ziehen konnten.

Hauptsächlich erscheinen die Wenden als Unglücksboten an Kreuzwegen, z. B. am Kreuzweg Groß Gottschow-Rambow – Kleinow-Krampfer, selbst am hellen Tag.

Die drei Linden auf dem Heiligen-Geist-Kirchhof zu Berlin

Auf dem Kirchhof des Hospitals zum Heiligen. Geist in Berlin standen vor vielen Jahren, wie ältere Leute noch von ihren Vorfahren gehört haben mögen, drei große Linden, die mit ihren dichten Kronen den Raum weithin überschatteten. Das Wunderbarste an diesen Bäumen aber war, daß sie mit den Kronen in die Erde gepflanzt waren und dennoch ein so herrliches Wachstum erreicht hatten. Dieses Wunder hatte die göttliche Allmacht bewirkt, um einen Unschuldigen vom Tode zu erretten.

Vor vielen Jahren lebten nämlich zu Berlin drei Brüder, die einander mit der herzlichsten Liebe zugetan waren und mit Leib und Leben für einander einstanden. Doch ihr Glück wurde plötzlich durch einen Vorfall gestört, den sich keiner hätte je träumen lassen. Obgleich alle drei bisher einen vollkommen unbescholtenen Lebenswandel geführt hatten, wurde doch einer von ihnen des Meuchelmordes angeklagt und sollte den Tod erleiden, weil alle Umstände die ihm zur Last gelegte Tat wahrscheinlich machten. Sämtliche Unschuldsbeteuerungen waren erfolglos geblieben.

Noch saß der junge Mann im Gefängnis, als eines Tages seine beiden Brüder vor dem Richter erschienen und jeder von ihnen sich des begangenen Mordes bezichtigte. Kaum hatte dies der zum Tod Verurteilte vernommen, als auch er, obzwar schuldlos, die Tat eingestand, da er erkannte, daß seine Brüder ihn nur retten wollten. So standen nun statt eines Täters auf einmal deren drei vor Gericht; jeder behauptete mit gleichem Eifer, er allein habe den Mord begangen.

Da wagte der Richter nicht, den Urteilsspruch an dem ersten vollstrecken zu lassen, sondern legte den Fall noch einmal dem Kurfürsten vor. Dieser verordnete, daß hier ein Gottesurteil entscheiden solle. Er befahl daher, jeder der drei Brüder möge eine junge, gesunde Linde mit der Krone ins Erdreich pflanzen, so daß die Wurzeln nach oben stünden; wessen Baum dann vertrocknen würde, den hätte Gott selbst dadurch als Täter bezeichnet.

Dieses Urteil wurde beim Anbruch des Frühlings vollzogen und, siehe da! nur wenige Wochen vergingen, und alle drei Bäume, die man auf dem Heiligen-Geist-Kirchhofe angepflanzt hatte, bekamen frische Triebe und wuchsen bald zu kräftigen Bäumen heran.

So war denn die Unschuld der drei Brüder erwiesen, und die Bäume haben noch lange in üppiger Kraft an der alten Stelle gestanden, bis sie endlich verdorrten und anderen Platz machen mußten.

Spuk am Kesselgrund bei Gehren

Einmal waren vier junge Burschen aus Gehren übereingekommen, aus dem Gräflichen Stangenholz zu mausen. Es war im Sommer bei hellem Mondschein gegen Mitternacht. Sie nahmen also ihre Gabeln und gingen los. Als sie sich zwei schöne Bäume geholt hatten, gingen sie wieder nach Hause zu. Sie kamen an den Kesselgrund am grünen Berg. Plötzlich blieb der vorderste Bursche stehen. Da mußte auch der zweite anhalten. Der fragte nun den ersten ganz heimlich, warum er stehenbliebe. Da sagte der zu ihm, ich habe leise Schritte gehört. Inzwischen kamen auch die beiden andern Burschen heran und stützten ihren Baum auch auf die Gabeln. Alle vier horchten ganz genau. Da hörten sie, wie es leise um sie herumging; bald vor, bald hinter ihnen, dann nach rechts, dann nach links. Dann entfernten sich die Schritte. Die vier Burschen standen dicht beieinander, aber trotzdem sie jung und kräftig waren, kam sie ein Grausen an; denn die Schritte kamen wieder näher, ohne daß sie etwas sehen konnten. Da sagte einer von ihnen halblaut: »Hier ist eine Seele zuviel« und winkte den andern, und sie ließen die Bäume auf den Gabeln und gingen ein Stück weiter bis auf ein anderes Stück über die Grenze. Da hörten die Schritte auf, die immer um sie herumgegangen waren und der Spuk ging nach dem Kirchsteig zu, der nach Drehna führte, und sie hörten den Schall jetzt so deutlich, als ob einer auf hartem Boden mit Pantoffeln ging. Frühmorgens gingen sie dann nochmals hin, holten die Bäume, sahen aber keine Spur von einem, der da gelaufen wäre.

Markgraf Hans auf der Jägersburg im Regenthinsee

Markgraf Hans, von dem man sich in der Neumark vielerlei Geschichten erzählt, besaß ein altes Schloß auf einer Insel des Regenthinsees, die Jägersburg. Die Schweden haben es später zerstört, und kein Stein ist mehr auf dem andern geblieben. Wer in trockener Jahreszeit an der Stätte des alten Schlosses steht, bemerkt dicht unter dem Wasserspiegel des tiefen Sees, nicht weit von der Insel nach Norden zu, einen langen Wall. Mit diesem hat es folgende Bewandtnis:

Markgraf Hans war ein frommer Herr, der Teufel aber ließ nichts unversucht, ihn in seine Gewalt zu bekommen. Er erbot sich einmal, wenn der Markgraf sich ihm mit Leib und Seele verpfänden wolle, dem Schloßherrn einen Damm vom Ufer bis zum Schloß zu bauen. Der Markgraf, der einen Damm nach dem Nordufer wohl brauchen konnte, war schließlich zu dem Bunde bereit, doch stellte er dem Teufel die Bedingung, der Damm müsse in einer Nacht bis zum Hahnenschrei fertig sein. Im stillen aber dachte er, dies sei auch dem Teufel unmöglich.

In der Nacht begann nun der Böse sein Werk, und dabei halfen ihm so viele höllische Geister, daß der Bau ungemein schnell vor sich ging. Um Mitternacht war schon mehr als die Hälfte des Dammes fertig. Als der Markgraf das schnelle Wachsen des Teufelswerkes sah, erschrak er und wandte sich in seiner Angst an seinen Kutscher um Hilfe. Der Kutscher war nämlich ein schlauer Mensch und wußte auch hier bald Rat.

»Ich werde dafür sorgen,« beruhigte er den Markgrafen, »daß der Hahn eine Stunde früher kräht,« und übte sogleich das Kikeriki, daß er es bald so gut konnte wie ein Hahn. Um ein Uhr schlich er zum Hühnerstall und fing zu krähen an. Da erwachte der Hahn und begann laut seinen Morgengruß, noch ehe der Teufel sein Werk zu Ende gebracht hatte. Der Markgraf aber jubelte laut und lachte den Teufel aus.

Als der Höllenfürst erkannte, daß er sein Spiel verloren habe, machte er sich mit seiner ganzen Helferschar auf und fuhr wütend durch die Lüfte über die Wälder davon. Dabei entstand ein so heftiger Sturmwind, daß die Kiefern sich bogen, die Äste brachen und die Stämme krüppelig wurden.

Noch nach vielen Jahren konnte man an diesen Bäumen, die im Wachstum zurückblieben, die Richtung erkennen, in der die höllischen Geister mit ihrem Anführer davongeflogen sind.

Die erschlagene Hexe

Am letzten April war einst ein Müllergesell noch spät Abends in einer Mühle bei Rathenow beschäftigt, da kommt eine schwarze Katze zur Mühle hinein; er jagt sie mehrmals hinaus, aber sie kam immer wieder, so daß er ihr endlich einen Schlag auf den Vorderfuß versetzte, daß sie schreiend davon lief. Als er darauf die Räder geschmiert und alles in Ordnung gebracht hatte, ging er zu Bett. Andern Morgens, als er in das Haus des Müllers zum Frühstück kommt, bemerkt er, daß dessen Frau mit gequetschtem Arm im Bett liegt, und erfährt, daß sie das seit gestern abend habe, niemand wisse aber woher. Da hat er denn gemerkt, daß die Müllerfrau eine Hexe war und daß sie am vorigen Abend als Katze zum Blocksberg gewesen sein müsse.

Der Name von Küstrin

Als die Stadt Küstrin gebaut war, wußten die Ratsherrn nicht, wie man die Stadt benamen solle, und rieten lange hin und her; da machte endlich einer den Vorschlag, es solle sich der gesamte Rat vor das Haupttor der Stadt setzen, und nach dem die Stadt benennen, der zuerst in dies Tor hereinkommen würde. So geschah’s denn auch, und der weise Rat setzte sich ans Tor und harrte; da kam auch bald ein Bauernmädchen des Weges, und als man sie fragte, wer sie sei, antwortete sie, sie sei Küsters Trin, das hat man denn zusammengezogen und der Stadt den Namen Küstrin gegeben.

Der Teufel zu Spandau

Im Jahre 1595 zeigten sich zu Spandau, Friedeberg und an anderen Orten viele vom Teufel Besessene. Deshalb wurden auf kurfürstlichen Befehl allgemein Betstunden abgehalten. Zu Spandau, oder wie man damals sagte Spandow, war die Anzahl derer, die vom Teufel geplagt wurden, besonders groß, und die Spandauer hatten sich das wohl selber zuzuschreiben, meinten die Anrainer; denn in Spandau war es allgemein der Brauch, daß man die Verwünschung aussprach, der Teufel möge einen holen, wenn das, was man sage, nicht wahr sei. Auch fluchte man damals, wenn man einem andern Übles wünschte, es möchten ihm ganze Fässer und Scheffel voll Teufel in den Leib fahren. Darauf wurden dann viele Bürger, junge und alte, vom Satan besessen und von Teufeln gequält. Diese schrien: „Ihr habt uns gerufen, wir haben kommen müssen.“

Aber auch früher schon, geht die Sage, hatte es dem Teufel in Spandau sehr gut gefallen; denn bereits im Jahre 1584 war er vor die Stadt gekommen und hatte dort als reicher Händler große Kragen feilgehalten und zahlreichen Zulauf gehabt. Die Käufer aber waren nachher alle vom Teufel geplagt worden, bis es nach langwierigen Beschwörungen gelang, die Teufel aus den Besessenen wieder auszutreiben.

Die Rippe zu Berlin

An dem Eckhaus des Molkenmarkts und der Bollengasse hängen ein Paar gewaltige Knochen, das ist das Schulterblatt und die Rippe eines Riesen, und darum nennt man das Haus auch schlechthin »Die Rippe«. Dieser Riese soll aber hier von einem Erdwurm, so nannten die Riesen in ihrem Übermut die Menschen, erschlagen und so groß gewesen sein, daß sein Leib nicht auf einem Kirchhof Platz hatte, daher hat man ihn denn zerstückeln und auf allen Kirchhöfen begraben müssen.

In der Nähe des Molkenmarkts, nach dem Rathaus zu, soll überhaupt ehemals die wahre Bärengrube gewesen sein, wo sich die Bären aufgehalten haben, und daher ist es denn auch gekommen, daß Berlin einen Bären im Wappen führt.

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Sagen aus dem Burgenland


Sagen aus dem Burgenland

Der Fluch der Nixe vom Neusiedler

In alten Zeiten, als noch das muntere Völklein der Nixen und Wasserfeen in den spiegelnden Fluten des Neusiedler Sees sein Spiel trieb und sich hie und da unvermutet auch den Augen der Menschen zeigte, wohnte am Ufer des Sees ein alter geiziger Fischer. Täglich legte er seine Netze im See aus und kehrte am Abend, mit reicher Beute beladen, in seine Hütte zurück. Der Verkauf der Fische brachte ihm stets guten Gewinn, und so war er mit der Zeit ein wohlhabender Mann geworden, der es nicht nötig gehabt hätte, über jedes nicht volle Netz in lauten Jammer auszubrechen. Aber er war unersättlich in seiner Gier nach Gewinn. Als nun der Fischreichtum des Sees allmählich nachließ, schob er die Schuld daran auf die Wasserfeen, die durch ihr Treiben die Fische verjagt hätten, und beschimpfte sie mit bösen Worten.

Eines Tages hatte er wieder sein Boot bestiegen und war das Seeufer entlanggefahren. Da bemerkte er in einer Bucht ein anmutiges Wesen, das sich vergebens bemühte, von der Stelle zu kommen. Als er näher heranruderte, erkannte er, daß es eine wunderschöne Wassernixe war. Sie hatte sich in einem seiner Netze verstrickt und bei ihren Anstrengungen, sich zu befreien, mehrere Löcher hineingerissen.

»Hilf mir aus dem Netz!« bat sie flehentlich. »Sieben Tage und sieben Nächte bin ich hier schon gefangen, und es gelingt mir nicht, loszukommen. Meine Kinder weinen nach mir.« Aber der Fischer hatte taube Ohren für ihre Bitte. Wütend, daß ihm die Fee die Fische verjagt und noch dazu das Netz zerrissen habe, stieß er mit seiner Gabel das Seeweib nieder, das ihm mit letzter Kraft noch zurief: »Sei verflucht für deine ruchlose Tat! Nie sollst du die Deinen wiedersehen!« Dann versank sie sterbend im See.

Höhnisch lachte der Fischer. Da erbebte der Seegrund, finstere Nacht brach herein. Heulend fuhr ein rasender Sturmwind in die glatte Fläche des Sees und rührte gewaltige Wogen auf. Die Windsbraut riß Fischer und Kahn in den offenen See hinaus, wo sich die tobenden Wellen über dem grausamen Mann schlossen, um ihn nie wieder herauszugeben.

Wenn an stillen Abenden dünne Nebelschleier das flüsternde Röhricht des Sees bedecken, hört man wohl ferne ein leises Plätschern und Knirschen im See. Es ist der verdammte Fischer, der sein Boot mit müder Hand dem Ufer zusteuert. Doch umsonst ist sein Bemühen, der Kahn weicht nicht von der Stelle, und es gelingt ihm nie, den rettenden Strand zu erreichen.

Der Neusiedler See

Im Herzen des Burgenlandes liegt der Neusiedler See. An seinen schilfumwachsenen Ufern spielen die Wassergeister, wenn das Rohr sich im Winde wiegt, wenn die Sumpfvögel sich kreischend in die Lüfte schwingen und das Wasser sich leise kräuselt. Dann singt und klingt es um den See, und wie die Bauern erzählen, gibt es besonders um zwölf Uhr mittags dort oft viel Tumult und Lärm, man hört jauchzen und schreien, geigen und pfeifen, daß man meinen könnte, eine Bauernhochzeit werde auf dem Grund des Sees gefeiert. Das sind die Wassermänner und ihre Nixenfrauen, die sich vergnügen. Aber einmal wurde ihre Lustbarkeit gewaltsam gestört, worüber uns Christof Hanstein und Hans Kötner wahre Kunde geben.

Ein Mann aus Andau, der zum Neusiedler See gegangen war, um an seinen Ufern Schilf zu schneiden, hörte schon längere Zeit die laute Fröhlichkeit, die aus der Tiefe des Sees emporstieg. Da kam plötzlich auf einem großen Rappen ein schöner Reiter dahergesprengt. Eine lange Gerte hielt er in der Hand. Er grüßte den Mann und fragte ihn, ob dieses seichte Wasser hier der berühmte Neusiedler See sei.

»Das ist er wohl, und gar so verächtlich müßt Ihr von ihm nicht reden. In seiner Tiefe gibt es Nixen und Wassermänner genug, hört Ihr nicht, wie lustig sie eben sind?«

»Dann bin ich hier recht am Ort«, brummte der Reiter, sprang von seinem Pferd, trat ans Wasser heran, hob seine Gerte, ließ sie jedoch wieder sinken und wandte sich dem Mann aus Andau zu.

»Ich bin ein Wassermann. Man hat mir mein Weib entführt. In allen Gewässern der Welt habe ich sie schon gesucht und nicht gefunden. Vielleicht ist sie hier. Halte mir mein Pferd fest, damit es mir nicht nachspringe.« Einen Augenblick überlegte er noch, dann trat er so dicht an den See heran, daß seine Füße schon im Wasser standen, hob die Gerte hoch und schlug damit aufs Wasser. Im selben Augenblick erklang von ferne das Mittagsgeläute der Kirchenglocken herüber. Das Wasser teilte sich, und wie auf einer breiten Straße schritt der Wassermann in den See hinein und war bald darauf verschwunden.

Aus der Tiefe tönte noch immer das Jauchzen und Singen, aber mit einem Mal brach es jäh ab, und gleich darauf erhob sie ein jämmerliches Geschrei und Wehklagen. Dem Mann am Ufer des Sees wurde bang zumute, und er konnte kaum mehr das Roß halten, das ungestüm dem Wasser zustrebte.

Plötzlich färbte sich der See an einer Stelle dunkelrot. Es war, als wäre eine Blutquelle in der Tiefe entsprungen. Kurze Zeit darauf öffnete sich die Wasserstraße wieder, der Wassermann schritt dem Ufer zu, aber er war nicht mehr allein, seine Nixenfrau ging an seiner Seite.

»Die Rache ist gelungen, der Räuber ist tot«, rief er frohlockend. Er setzte sich auf sein Pferd, hob die Nixe vor sich in den Sattel und warf dem Mann aus Andau einen kleinen Beutel zu, in dem nur ein einziger Kreuzer war.

»Das dir zum Lohn, Bauer. Sooft du in diesen Beutel greifst, wirst du ihm einen Kreuzer entnehmen können.«

Der Mann ist reich geworden, denn er tat nichts anderes mehr als in den Beutel greifen und einen Kreuzer nach dem anderen herauszuholen.

Ein Zigeuner stahl ihm diesen Beutel, hatte aber nichts davon, denn für die Diebeshand war kein Kreuzer im Beutel vorhanden.

Die Waldfee

Vor langer Zeit lebte in einem kleinen Dorf des südlichen Burgenlandes ein hübscher, munterer Bursche namens Hans, dem alle Mädchen gut waren, so daß ihn jede gern zum Ehegatten genommen hätte. Der Jüngling war lieb und freundlich zu allen, aber das Heiraten wollte er sich noch überlegen. Schließlich verließ er das Dorf und hielt sich längere Zeit in der Fremde auf. Aber eines Tages kam er mit einem unbekannten Mädchen wieder angeritten, das ein blaues Kleidchen trug und von bezaubernder Schönheit war. Bald darauf feierte er Hochzeit mit der holden Schönen.

Es lag ein geheinmisvolles Dunkel um sie; niemand wußte, woher sie stammte, und wenn man Hans fragte, zuckte er lächelnd die Achseln. Man redete bald im Dorf, daß die Frau eine Vila, eine gute Waldfee sei, die das Herz des jungen Burschen erobert habe. Manche glaubten zu wissen, Hans habe der Geliebten versprochen, ihre Herkunft geheimzuhalten, sie nie Vila zu rufen und sie auch nie aufzufordern, zu tanzen oder zu singen, sonst sei es mit dem Glück beider zu Ende.

Die Jahre vergingen dem jungen Ehepaar in ungetrübter Freude; zwei liebe Kinder, die ihnen der Himmel beschert hatte, vermehrten ihr Glück. Es gab zwar Tage, an denen die junge Frau allein das Haus verließ und sich stundenlang im Wald aufhielt, aber Hans, der diese Gänge den Dorfbewohnern möglichst zu verheimlichen suchte, tat nie eine Frage und machte nie seiner Frau einen Vorwurf daraus. Freundlich ließ er sie gehen, und herzlich war sein Gruß, wenn sie zurückkam.

Einmal kehrte Hans von einem weiten Weg nach Haus, und als er seine schöne Frau und seine beiden Kinder erwartungsvoll nach ihm ausschauen sah, begrüßte er sie jubelnd und rief im Überschwang der Freude seiner lieblich lächelnden Frau zu: »Oh, sing doch und tanz, liebe Vila, wie damals, als ich dich auf der Waldwiese sah!« Da trübten sich die lieblichen Gesichtszüge seiner Ehegattin, aber sie begann zierlich zu tanzen und mit leiser, wohlklingender Stimme ein Lied zu singen.

Mit einemmal erinnerte sich Hans seines Versprechens. Mit raschem Griff suchte er die Gattin am Weitertanzen zu hindern; aber es war schon zu spät. Schluchzend warf sich die Frau in seine Arme und stöhnte: »Hans, Hans, warum hast du das getan? Nun ist’s aus mit unserem Glück!« Wie ein Nebelhauch entschwand sie aus seinen Armen. Der Mann und die Kinder blieben allein zurück.

Zwar war es Hans noch oft an nebeligen Abenden, als blicke die Waldfee durch das Fenster zu ihren Lieben herein, aber wenn er dann ins Freie eilte, um sie zu ergreifen, war es nur ein Nebelstreif, der ihm das geliebte Bild vorgetäuscht hatte.

Im Eichenwald am Scheibenberg bei St. Jörgen hatte vor alten Der Teufelskirnstein bei St. JörgenZeiten ein einschichtiger Teufel seinen Wohnsitz aufgeschlagen. Er hatte sich gegen die Gesetze seiner teuflischen Obern vergangen und war deshalb aus der Hölle ausgestoßen worden. Nun mußte er sich allein recht und schlecht auf Erden durchbringen. Eine lahme Kuh und eine blinde Geiß waren sein ganzer Besitz. Tagsüber führte er seine Tiere auf die Weide, die Nächte verbrachte er unter einem mächtigen Felsblock, der heute noch der Teufelskirnstein heißt.

Wenn am Abend die Sonne hinter das ferne Hochgebirge hinabtauchte und die Seehügel sich in dämmernde Schatten hüllten, stieg er auf den Stein und lockte mit heiserem Geschrei und lautem Peitschenknall seine weidenden Haustiere zu ihrem nächtlichen Obdach. Als Peitsche benützte er eine Schlange, die an Länge alles Dagewesene übertraf. Bei seinem Locken und Rufen machte er aber einen wahrhaft höllischen Lärm, daß den Bewohnern von St. Jörgen häufig vor Grauen die Haare zu Berg stiegen und die heimkehrenden Herden stutzig und störrisch wurden. Oft verschlug es den Milchkühen vor Schrecken die Milch, und die armen Bauersfrauen wußten vor Arger nicht aus noch ein. Die Bauern aber verfluchten den bockfüßigen Störenfried und wünschten den dummen Teufel zur Hölle.

Einmal saßen die Bauern im Dorfwirtshaus beisammen und sprachen über Wetter und Ernte, über Not und Plagen und kamen endlich auch auf den höllischen Nachbarn des Ortes zu sprechen. Während sie sich so unterhielten, trat ein fremder alter Mann in die Wirtsstube und setzte sich müde und bescheiden am Bettlertisch nieder.

»Woher des Weges, Alter?« fragte ihn der Bürgermeister.

»Ich komme aus der Türkei«, erwiderte der Alte, »aus langer Gefangenschaft. Als junger Bursche bin ich im Heer des Kaisers gegen die Türken zu Feld gezogen, geriet in Gefangenschaft und war mein Leben lang an die Ruderbank eines türkischen Schiffes gekettet. Erst jetzt, da ich ein alter Mann bin, hat man mir die Freiheit wiedergegeben.«

»Und was gedenkt Ihr nun anzufangen?« erkundigte sich einer der Bauern.

Mit einer matten Handbewegung entgegnete der Greis: »Ich möchte meine Ketten, die ich aus der Gefangenschaft mitgebracht habe, der Muttergottes zu Loretto opfern und dann die paar Jahre, die ich noch zu leben habe, hier irgendwo in der Einsamkeit, vielleicht als Klausner, verbringen; denn in meine Heimat, das schöne Schwabenland, ist mir der Weg zu weit, auch kennt mich dort niemand mehr.« Seufzend stützte er das graue Haupt in seine Hände und wollte nach einiger Zeit wieder nach seinem Wanderstab greifen.

Inzwischen hatte der Bürgermeister eifrig mit den andern geflüstert, und diese nickten mehrmals zustimmend mit dem Kopf. »Hört, guter Alter«, nahm endlich der Bürgermeister wieder das Wort, »Ihr könnt in St. Jörgen bleiben. Die Gemeinde stellt Euch Steine und Holz bei zum Bau einer Einsiedelei. Wenn Ihr Euch dann für unser Entgegenkommen dankbar erweisen wollt, so vertreibt unsern dummen Teufel, der uns gerade genug Ärger bereitet Ihr werdet vielleicht schon von ihm gehört haben.«

Der weißhaarige Alte bedankte sich herzlich für dieses freundliche Angebot und versprach, sein Bestes zu tun, um den lärmenden Teufel aus der Gegend zu jagen. Am andern Tag suchte er sich eine Baustelle am Scheibenberg aus, und während die Bauern Steine und Bauholz heranführten, machte er sich eitrig an die Arbeit.

Es dauerte nicht lange, so erschien der Teufel zu Besuch bei ihm und erkundigte sich neugierig, was er da mache.

»Im Auftrag der Gemeinde baue ich hier Wohnung und Stall für Euch und Eure Tiere«, meinte mit listigem Blinzeln der Alte.

Das vernahm der Teufel mit Vergnügen; er vollbrachte aus Freude und Übermut über diese frohe Kunde noch größeren Lärm als bisher und werkte mit höllischem Getöse bis spät in die Nacht hinein.

Endlich war der Bau vollendet. Heimlich war ein Glöcklein geweiht worden, das man nun in die Einsiedelei brachte. Als dann am Abend das Glöcklein zum erstenmal sein feines Stimmchen ertönen ließ, stand der Teufel gerade auf seinem Felsblock, schrie seinen Tieren und knallte mit seiner sonderbaren Peitsche, daß es schauerlich durch den Wald und über die Felder hallte. Da hörte er den Glockenton, schlug vor Schrecken ein Rad und sprang mit einem gräßlichen Geheul auf und davon.

So waren die Bauern von St. Jörgen von ihrem höllischen Ärgernis befreit, und anstatt wüsten Gegröles zitterte allabendlich der feine Glockenton aus der Klause des Einsiedlers über die im Abendgold schimmernden Fluren.

Aus den Fußstapfen des Teufels am Felsen sprießen hellgrüne Farnblätter, und nur ein paar moosige Steine deuten die Stelle an, wo einst die Klause des Einsiedlers stand.

Der Binderschlegel im Neusiedler See

Der Neusiedler See und die Donau müssen durch ein unterirdisches Gerinne miteinander verbunden sein, sonst wäre nicht möglich, was ein Bindergeselle aus Neusiedl am See mit seinem Schlegel erlebte.

Es ist wohl schon lange her, da wandelte einen einsamen Bindergesellen, der in Neusiedl am See bei einem Meister in Arbeit stand, die Lust an, auf Wanderschaft zu gehen und sich die Welt anzusehen. Handwerk hat goldenen Boden; und da sich der Geselle auf sein Handwerk verstand, brachte er sich überall gut durch und konnte sich auch einen netten Zehrpfennig anlegen. In seiner Freizeit hatte er sich einen kunstvollen Schlegel angefertigt, dessen Stiel hohl war. Hier verbarg er die zehn Dukaten, die er sich von seinem Lohn erübrigt hatte.

Aber jeder, der die Heimat verläßt, bekommt es einmal mit dem Heimweh zu tun. So packte denn auch unseren Bindergesellen das Heimweh. Er schnürte sein Bündel, legte auch den wertvollen Schlegel dazu und begab sich auf den Heimweg. Munter zog er auf Schusters Rappen fürbaß, aber weil sich der Weg zog und in Regensburg gerade eine billige Fahrgelegenheit zu haben war, beschloß er, es auf dem Wasser zu versuchen, bestieg ein Schiff und schwamm bald lustig die Donau herunter. Aber schon bei Grein fand die Fahrt ein vorzeitiges Ende. Das Schiff geriet in den berüchtigten Strudel, wurde an die Felsen geworfen und zerschellte. Der Geselle schwebte in Lebensgefahr, aber weil er ein guter Schwimmer war, gelang es ihm, sich aus der wirbelnden Strömung herauszuarbeiten und das Ufer zu gewinnen. Freilich, das Bündel mit dem Schlegel und sein goldener Sparpfennig waren auf Nimmerwiedersehen dahin.

So kam er zwar heil und gesund, aber ärmer, als er ausgezogen war, nach langen Jahren in die Heimat zurück. Doch der junge Mann verzagte nicht, machte sich frisch wieder an die Arbeit und war mit Fleiß und Ausdauer nach einigen Jahren soweit, daß er eine Frau nehmen und seine eigene Werkstätte aufmachen konnte.

An einem Sonntag war’s, da spazierte der junge Meister mit seiner hübschen Frau am Ufer des Neusiedler Sees. Zufrieden mit seinem Los, schritt er gemächlich dahin und ließ seine Blicke über den See schweifen. Da sah er unweit des Ufers ein merkwürdiges Ding in den Fluten treiben. Mit dem Stock danach angelnd, zog er den Gegenstand zu sich heran. Wie erstaunte er aber, als er seinen Schlegel erkannte, den er vor Jahren im Strudel der Donau bei Grein eingebüßt hatte. Das Werkzeug war unbeschädigt, und so kam er auch zu seinen zehn Dukaten wieder, die noch im hohlen Stiel des Schlegels staken.

Wie aber konnte der Schlegel hierher gelangt sein? Kaum anders als durch ein unterirdisches Rinnsal, dessen Vorhandensein durch diesen Fund bestätigt erscheint.

Der Neusiedler See

Die Niederung, in der sich heute der Neusiedler See ausbreitet, war einst ein fruchtbarer Talboden, wo glückliche Menschen in mehreren Dörfern wohnten. Einmal verirrte sich der Burgherr von Forchtenstein auf der Jagd in dieser Gegend und kam zuletzt in das Dorf Mädchenthal. Hier sah er Maria, das schönste Mädchen des Dorfes, und verliebte sich in das liebliche Mädchen, das seiner Neigung Gehör schenkte, da sie ihn für einen einfachen Jäger hielt. Samuel, der Diener des Schloßherrn, verriet dies aber der Gattin des Fürsten, die nun das Mädchen zu beseitigen dachte.

Als der Fürst bald darauf in den Krieg zog, ritt die Burgherrrin mit Samuel und einem kleinen Gefolge nach Mädchenthal und ließ Maria sowie ihre Mutter ergreifen und ins Gefängnis werfen. Obwohl die beiden Frauen ihre Unschuld beteuerten und schworen, den Fürsten für einen Jäger gehalten zu haben, gab sie ihnen die Freiheit nicht wieder; ja, als einige von der Burgfrau bestochene Bauern belastende Aussagen machten, sprach die Fürstin von Forchtenstein das Todesurteil über beide aus. Schicksalsergeben erwartete Marie ihr Ende; nicht so ihre Mutter. Als sie zum Tode geführt wurde, stieß sie einen gräßlichen Fluch über die grausame, rachgierige Burgherrin und über die bösen Menschen aus, die falsches Zeugnis wider sie abgelegt und ihren Tod verschuldet hatten. ,,Noch bevor die Sonne zum zweitenmal untergeht, soll die gerechte Strafe sie treffen!“ rief sie mit gellender Stimme, dann stieß man sie mit ihrer Tochter in den großen Weiher des Dorfes, wo beide ertranken.

Am folgenden Morgen war das Wasser des Weihers beträchtlich gestiegen, an seiner Oberfläche aber schwammen mit friedlichen Gesichtern und gekreuzten Händen die Leichen der beiden Frauen. Die geängstigten Bauern glaubten an ein Wunder und bestatteten reuevoll die unschuldigen Opfer der Schloßherrin. Doch das Wasser hörte nicht auf zu steigen. Es wuchs und wuchs und vertrieb schon am nächsten Tag die verzweifelten Bauern aus ihren Häusern. Der Weiher wurde zum See, und dieser dehnte sich immer weiter aus, bis er endlich seinen heutigen Umfang erreichte.

Die aus Mädchenthal geflüchteten Bewohner siedelten sich am nördlichen Ufer des Sees an und nannten ihren neuen Wohnort Neusiedl.

Als man der Fürstin von Forchtenstein die traurige Nachricht von der großen Überschwemmung und vom Untergang des Dorfes Mädchenthal und anderer Orte, die der See überflutet hatte, überbrachte, da überfielen Reue und Verzweiflung die stolze Frau. Gewissensbisse quälten sie, bis der Wahnsinn ihre Sinne umnachtete. Samuel jedoch, der Verräter, empfand keine Reue über seine Tat. Ja, er vergnügte sich sogar eines Tages, mit dem Kahn den neuen See zu befahren. Hier aber sollte ihn seine Strafe ereilen. Ein Unwetter brach los, der Sturmwind wühlte den See bis zum Grund auf und brachte das Boot zum Kentern; so fand Samuel in den tobenden Wellen den Tod.

Nach einiger Zeit kehrte auch der Fürst von Forchtenstein nach Beendigung des Krieges wieder in seine Heimat zurück. Als er vom Tod Marias erfuhr, da war er untröstlich und ließ zum ewigen Gedächtnis an sie in der Nähe des Sees das Kloster Frauerkirchen erbauen. Dann pilgerte er nach Rom, um Vergebung seiner Sünden zu erflehen.

Allmählich verschwanden die Baumwipfeln und Kirchturmspitzen, die noch eine Zeitlang aus dem Wasser ragten, und nichts erinnerte mehr an die Orte, die einst in dem Talboden lagen, wo sich heute die Weite des Sees erstreckt.

Die Totenschlucht bei Breitenbrunn

Als die Türken im Jahre 1683 auf dem Vormarsch nach Wien waren, um die Hauptstadt der Christenheit dem Halbmond zu unterwerfen, verrichteten sie viele Greueltaten. Angst und Schrecken zogen vor ihnen her. Die Landbewohner flüchteten an versteckte, schwer zugängliche Orte und nahmen ihre wertvollste Habe mit sich, ihre Heimstätten schutzlos den wilden Horden überlassend. Die Zurückgebliebenen waren allen Bedrängnissen ausgesetzt, mußten Vieh und Lebensmittel liefern und wurden zu den schwersten Arbeiten herangezogen. Noch ärger trieben es die zurückweichenden Scharen der Türken nach ihrer Niederlage vor Wien. Häuser und Dörfer wurden in Brand gesteckt, die Ortsbewohner verschleppt und getötet. Wer konnte, rettete sich in Schluchten und Wälder.

Auch die Bewohner des Dorfes Breitenbrunn hatten ihre Häuser verlassen und waren in die Wälder an der Sommereiner Gemeindegrenze geflüchtet. Dort gruben sie in die Seitenwand einer Schlucht eine Höhle, wo sie sich verbargen. Nur des Nachts streiften sie in der Umgebung umher, um sich Nahrung zu verschaffen. Eines Tages erschien vor der Höhle eine Frau mit ihrem kleinen Kind. Die Breitenbrunner gewährten ihr Schutz und ließen sie in die Höhle ein. Da es aber drinnen sehr feucht war, erkrankte das Kind und begann unaufhörlich zu weinen. Nun bekamen es die andern Bewohner der Höhle mit der Angst zu tun; sie meinten das Geschrei des Kindes könne ihr Versteck verraten und die Türken herbeilocken. Als sich aber gar eines Tages das Gerücht verbreitete, türkische Horden seien in der Nähe gesehen worden, jagten sie die Frau samt dem Kind davon. Die arme Mutter fand in ihrer Angst keinen anderen Ausweg, als ergeben in ihr Schicksal in ihr Dorf zurückzukehren. Sie fand es zerstört, aber von den Türken geräumt.

Nach und nach wagten sich auch die Geflüchteten aus ihren Höhlen hervor. Als die ausgesandten Späher meldeten, daß kein Feind mehr zu erblicken sei, trieben sie das Vieh aus den Wäldern und zogen damit in ihre Dörfer zurück. Dabei kamen einige auch durch die Schlucht, die den Breitenbrunnern zum Aufenthalt gedient hatte. Hier bot sich ihnen ein grausiger Anblick; zahlreiche Leichen ohne Kopf bedeckten den Boden. Eine der letzten heimziehenden Türkenscharen mußte das Versteck der Bauern entdeckt und dieses Gemetzel angerichtet haben. Die Herzlosigkeit der Bauern war der armen Frau zur Rettung geworden, während jene selbst ein so schauriges Ende fanden. Seitdem heißt diese Waldschlucht der »Totenkopfzwickel«.

Der Schloßhansl

Im Familienkreise der vorletzten Besitzer Bernsteins war die Behauptung der Bevölkerung allbekannt, daß der »Rote Iván« bald im inneren Burgtor vor der Schloßkapelle, bald vor dem Schloß, beim alten Nußbaum am Tümpel, wo seinerzeit das Tor der äußeren Umwallung gestanden haben muß, gewöhnlich in später Abendstunde gesehen worden sei: eine hagere, rothaarige Gestalt mit böse blickenden Augen, in ein rotes Warns gekleidet. Es gab in der Familie wenige, die den Aussagen der angeblichen Augenzeugen glaubten, meist wurde über die Furcht der Bauern gelacht. Am meisten wußten die Schloßknechte zu erzählen, die in den Häuslein am äußeren Burghof wohnten und deren Ahnen schon seit Jahrhunderten als Hörige innerhalb der Schloßmauern lebten.

In unserem Jahrzehnt starben die Enkel der letzten Hörigen als Greise weg, und die Nachrichten über die Spukerscheinungen gerieten in Vergessenheit oder gingen in der Gleichgültigkeit des Alltags verloren. Wenn heute einer oder der andere im Dorf noch eine Überlieferung über den »Schloßhansl« bewahrt, so hütet er sie wohl und läßt sie sich nur schwer entlocken. Unglaube der »aufgeklärten« Zuhörer und schon oft empfundener Spott verschließen ihm den Mund und lassen ihn jedes Wissen hartnäckig leugnen. Viel haben zur Diskreditierung der Erscheinung die Vermummungen und Maskeraden beitragen, mit denen im Abenddunkel jüngere Mitglieder obiger Familie zeitweilig die Gäste und die Bevölkerung schreckten.

Von Hexen in Au und ihren Zauberkünsten

Ein Bauer aus Au ging einmal um Mitternacht nach Hause, da sah er eine ganz in Schwarz gekleidete Frau auf sich zukommen, die ihn mit feurigen Augen bös anblickte. Erschrocken suchte der Bauer das Weite. Eine ähnliche Begegnung mit einer weiß vermummten Gestalt hatten gleichfalls zwei Bauern aus Au, die zur mitternächtlichen Stunde heimgingen. Einer der Bauern erkannte in der Gestalt eine Bäuerin des Dorfes, die ihm mit dem Tode drohte, falls er ihren Namen verraten würde. Der Bauer ließ sich auch nicht dazu bewegen, den Namen zu nennen.

Zwei Bauern aus Au, welche Bürteln nach Mariental verkauft hatten, wollten des Nachts aufbrechen, um am nächsten Tage zeitig ihre Ladung abliefern zu können. Vor Mitternacht ging einer der Fuhrleute seinen Fahrtgenossen wecken. Als er beim Hause Nr. 24 (ich habe in diesem Hause öfters übernachtet) vorbeikam, gewahrte er aus den Fenstern Licht schimmern. Neugierig, wer noch zu so später Stunde auf sei, blickte er durch eine kleine Fensterspalte ins Zimmer und sah vier in Leintücher gehüllte Frauen, um einen Tisch sitzend, essen. Eine der Frauen drohte ihm mit erhobener Faust. Im selben Augenblick schlug es ein Uhr, und die vier Frauen waren verschwunden und das Zimmer in Dunkelheit gehüllt.

Der Bauer R. aus Au hatte die Frau L. schon lange im Verdacht, daß sie eine Hexe sei. Als er ihr einmal beim Pestkreuz begegnete, spuckte er vor ihr aus. Kurze Zeit darauf bekam er einen ganz schiefen Mund. Nun wußte er bestimmt, daß Frau L. eine Hexe sei.

Der Landwirt D. aus Au ging vor Jahren mit seiner Frau zu Fuß nach Wien Gänse verkaufen. Auf dem Rückwege rasteten sie in Himberg. Es war gegen zehn Uhr abends, stockfinster, und es regnete stark. D. weigerte sich, bei diesem Wetter nach Au zurückzugehen, und wollte in Himberg übernachten. Seine Frau bestand jedoch auf der Rückkehr. Sie brachen um halb elf Uhr auf, um elf Uhr gingen sie bereits an der Auer Kirche vorbei. (Der Weg von Himberg nach Au beträgt sechs Gehstunden.) D. war ein Sonntagskind und soll alles Böse, das nach dem Ave-Läuten ins Dorf kam, gesehen haben. »Macht’s die Türen zu, denn ihr wißt nicht, was in den Ort kommt.«

Daß es Hexen gibt und diese Begebenheiten wahr sind, daran zweifelt niemand. Lautet doch der Ausspruch eines Sonntagskindes: In Au sind 27 Hexen und ein Hexenmeister.« Auch Hexen, welche die Gestalt von Katzen annehmen und sprechen können, kommen vor.

Die Teufelsmühle bei Landsee

An der Straße von Neudorf nach Landsee im Schloßgraben unterhalb der Ruine Landsee stehen die Mauerreste einer Mühle, bei deren Bau der Teufel störend seine Hand im Spiel hatte, weil er den Bau an dieser Stelle nicht dulden wollte.

Vor vielen, vielen Jahren beschloß ein reicher Müller aus der Umgebung, im Schloßgraben eine Mühle zu errichten. Holz, Steine, Kalk wurden herbeigeschafft, die Arbeiter gedungen, und der Bau hatte bald eine ansehnliche Höhe erreicht. Aber als der Müller eines Tages frühmorgens zur Baustelle kam, fand er die Mauern zerstört und das Baumaterial ringsumher verstreut. Ratlos und betroffen betrachteten der Bauherr und die Maurer den Trümmerhaufen und konnten sich die Ursache der Zerstörung nicht erklären. Aber man begann mit frischem Mut den Bau von neuem und kam rasch vorwärts. Doch nach einigen Tagen bot sich ihnen am frühen Morgen das gleiche Bild. »Hier kann nur der Teufel sein Spiel treiben!« rief der Müller zornig. »Was soll ich tun, um dem Bösen dieses unheimliche Spiel zu verderben?«

Da trat ein alter Arbeiter an den Herrn heran und sagte: »Haltet in der nächsten Nacht Wache auf der Baustelle und tretet dem Satan mit einem Kreuz in der Hand entgegen; das wird ihn von seinem boshaften Tun abschrecken.«

Die Maurer begannen ihre Arbeit aufs neue, der Müller aber befolgte den Rat des Alten und begab sich bei Einbruch der Nacht mit einem Kreuz in der Hand zur Baustelle. Es wurde dunkler und dunkler, ein schauriger Wind brauste durch die Wipfel der Bäume, seltsame Geräusche erklangen: bald polterte es auf der Straße, bald knarrte es im Wald, dann wieder erschollen dumpfe Rufe vom Bach her. Dem Wartenden wurde immer unheimlicher zumute. Das Getöse steigerte sich und schien dem Müller das Nahen des Teufels anzuzeigen. Da packte den Mann ein entsetzlicher Schrecken, das Kreuz entfiel seiner Hand, und wie gejagt flüchtete er von diesem Ort des Grauens.

Als die Arbeiter am nächsten Morgen ihr Werk fortsetzen wollten, fanden sie die Mauern wieder zerstört. Doch soll dem Teufel der Anblick des liegengebliebenen Kreuzes die Lust am Wiederkommen verleidet haben. Trotzdem wollte der Müller, abgeschreckt durch das schauerliche Erlebnis die Mühle nicht fertigbauen lassen, und so blieb der Bau unvollendet bis zum heutigen Tag. Die Stätte aber wurde von den Bewohnern gemieden und heißt heute noch die Teufelsmühle.

Die Hexenschmiede bei Rechnitz

In der Nähe von Rechnitz, dort wo die Bucklige Welt in das Burgenland hineinragt, stand ehemals eine Schmiede, in der neben dem Meister ein Geselle und ein Lehrjunge die Arbeit verrichteten. Lehrbube und Geselle schliefen in der Kammer in einem breiten Bett, das Raum genug für beide bot Der Geselle hatte sich schon lange Gedanken darüber gemacht, warum der Junge des Nachts oft nicht im Bett lag, täglich blasser wurde und vor Schwäche kaum mehr arbeiten konnte. Da stellte er ihn eines Tages zur Rede, und der Junge erzählte ihm sichtlich verlegen: »Da sind die Hexen dran schuld. Um Mitternacht weckt mich oft eine Hexe aus dem Schlaf, befiehlt mir aufzustehen und wirft mir ein Zaumzeug über den Kopf. Dann fühle ich mich sogleich in ein Pferd verwandelt Sie schwingt sich auf meinen Rücken und rast wie der Wind zum Haus hinaus. Nun geht es kreuz und quer durch die Luft, mit der Peitsche treibt sie mich zu immer größerer Schnelligkeit an, bis ich nicht mehr weiter kann.«

Der Schmiedgeselle lachte über diese Erzählung des ehrlichen Jungen. Er hielt das Ganze für die Ausgeburt einer krankhaften Einbildung. Aber als er weiter die gleichen Beobachtungen machte und der Junge immer trübsinniger wurde, begann er doch nachdenklich zu werden und beschloß, es mit einer List zu versuchen. Er tauschte mit dem Buben die Schlafstelle, legte sich angekleidet auf das Bett und wartete, ob der unheimliche Besuch sich wirklich einstellen werde. Und richtig, genau um Mitternacht erschien die Hexe, sie hatte – ein Gruseln lief dem Gesellen über den Rücken – wirklich ein Zaumzeug in Händen. Aber er überwand den Schrecken, packte fest an und warf der gespenstischen Gestalt flugs das Zaumzeug über den Leib. Und augenblicklich war die Hexe in ein Pferd verwandelt

»Lehrbub!« brüllte er seinen schlafenden Bettkameraden an, »steh auf, schau dir einmal dieses Teufelsroß an! Komm, wir wollen es beschlagen, damit es seinen Ritt besser machen kann!« Sie packten das sich sträubende Hexenpferd und zerrten es in die Schmiede, wo sie es kunstgerecht beschlugen. Sodann schwangen sich beide auf den Rücken des Pferdes und ritten hinaus in die helle Mondnacht. Sie hetzten es unter Hussa und Holla über Wiesen und Felder, daß es schnaufte und schäumte und fast nicht mehr weiter konnte; dann lenkten sie zur Schmiede zurück, stiegen vom Rücken des zitternden Gauls und jagten ihn mit ein paar tüchtigen Gertenhieben zum Teufel.

»Hoffentlich hat das Biest jetzt genug für immer«, meinte lachend der Geselle, als er mit dem Lehrbub wieder sein Lager aufsuchte.

Aber am nächsten Tag sollten sie erst ihre Wunder erleben! Als der Geselle mit dem Buben sich frühmorgens an den Tisch setzte und auf das Frühstück wartete, ließ sich die Meisterin nicht blicken, und auch der Meister begann ärgerlich über diese nachlässige Wirtschaft zu murren. Schließlich ging er zornig in die Schlafstube, wo die Meisterin noch im Bett lag. schimpfend riß er die Decke vom Lager herunter, aber entsetzt fuhr er zurück; da lag die Meisterin, aber Hände und Füße waren mit Hufeisen beschlagen.

Der arme Meister erschrak so sehr, daß er, vom Schlag getroffen, tot zu Boden stürzte. Geselle und Lehrjunge verließen noch am gleichen Tag eiligst die unheimliche Schmiede. Die Meisterin aber verfiel ihrem Schicksal, sie wurde als Hexe auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Die Romfahrt der Dorfhexe

Und es war eine Dorfhexe, und es waren im Dorf Au sieben Bräute und sieben Bräutigame. Und sie gingen zusammen alle sieben Bräute und alle sieben Bräutigame, in die heilige Kirche (um) zu heiraten. Und wie sie gingen zu heiraten, sah sie die Dorfhexe. Und sie verwünschte sie, daß niemals eine einzige Braut Kinderchen bekommen möge. Und die Bauern waren mit ihren Frauen sieben Jahre, und es war (ihnen) kein einziges Kindchen. Und es dachte die Dorfhexe, daß sie das diesen sieben Bräuten gemacht hatte, weil sie sie verwünscht hatte, daß sie niemals Kinderchen bekommen. Und es dachte die Dorfhexe, daß sie gehen muß nach dem heiligen römischen Papst, dies herauszubeichten, was sie diesen sieben Bräuten gemacht hatte, daß sie keine Kinderchen bekommen.

Und sie machte sich auf und ging fort nach dem heiligen römischen Papst. Und als sie auf die römisch-päpstliche Grenze kam, kam ihr der größte Priester entgegen, daß sie nicht hinübertrete auf die heilige Grenze. Und wo er sie getroffen hatte, sagte zu ihr der Priester, auf jener Stelle, wo er sie getroffen hatte, sie möge nichts vorwärts (und) nichts zurück gehen, sondern dort auf jener Stelle soll sie sich niederlassen. »Und am Morgen werde ich kommen, der Priester, hierher auf diese Stelle zu dir. Und du wirst mir erzählen, was für einen Traum du heute nacht sahst.«

Und der Priester kam zu ihr am Morgen, und sie, die Dorfhexe, schlief noch, und der Priester weckte sie auf, die Dorfhexe. Und der Priester sagte zu ihr: »Nun, erzähl mir, was für einen Traum du heute nacht sahst! «

Und (es) sagte zu ihm, dem Priester, die Dorfhexe, daß sie, die Dorfhexe, keinen anderen Traum sah, nur eine Triste Stroh [Strohbündel], daß (diese) bis in das Himmelreich reichte. »Und ich war oben auf ihrer Spitze gelegen.«

Und der Priester sagte zu ihr, er kann ihr nicht Beichte (hören), und er kann sie nicht lossprechen diesen Tag. Und er nahm (die) Hexe und steckte sie in eine Kapelle hinein. Und er sagte zu ihr, der Hexe: »Am Morgen komme ich und nehme dich heraus, und dann kannst du beichten.« Und er sagte zu ihr, zu der Dorfhexe, sie kann nicht beichten, weil, wieviel lauter Stroh in jener Triste war, so viele Menschen hat sie auf der Welt verhext. Und er sagte dann zu ihr, daß sie, eine Dorfhexe, so viele Leute auf der Welt verhext hat, darum kann sie nicht beichten, und steckte sie nachher hinein in eine Stube, und bis zum Morgen fraßen sie die Schlangen und die Ratten.

Und am Morgen ging der Priester in die Stube, wo er die Dorfhexe hineingesteckt (hatte) und klaubte ihre Knochen zusammen und steckte sie in einen gläsernen Sarg. Und der Priester gab einen Zettel auf diesen gläsernen Sarg. Und es stand darauf, daß jene Knochen einer Dorfhexe sind. Weil jene Dorfhexe sieben Bräuten die Kinderchen verhext, und darum ließ er sie auffressen und quälte sie in jener Stube, damit sie nur die Schlangen und die Ratten fressen, weil sie so viele Leute auf der Welt verhext.

Der ewige Jäger von Mogersdorf

Einst lebte in Mogersdorf ein Bursche, der sich von jeder Arbeit drückte, lieblos und hartherzig gegen seinen greisen Vater war und auch von Gott und der Kirche nichts wissen wollte. Wenn die anderen Dorfbewohner am Sonntag zum Gottesdienst gingen, nahm er lieber seine Büchse zur Hand und streifte mit seinen Hunden durch Wald und Feld, um seiner Jagdlust zu frönen; denn er war ein so eifriger Jäger, daß ihm die Jagd über alles ging.

Wieder war Sonntag, und sein alter Vater lag schwerkrank danieder; sein Tod war stündlich zu erwarten. Der Sohn aber griff zur Büchse, ohne seinem mit dem Tode ringenden Vater einen Blick zu gönnen, und pfiff seinen Hunden, um seinem Sonntagsvergnügen nachzugehen. Unbekümmert strich er durch die Fluren, nur von dem Gedanken geleitet, etwas Jagdbares aufzutreiben. Da hörte er plötzlich das Sterbeglöcklein im Dorf läuten. Es galt seinem todkranken Vater, der in den letzten Zügen lag. Zugleich kam eiligen Laufes ein junger Bursche quer über das Feld zu ihm gerannt, der ihm die Bitte seines sterbenden Vaters überbrachte, sogleich an sein Sterbebett zu kommen. Der Greis wollte vor seinem Tod noch einmal in seinen Sohn dringen, von seinem Ärgernis erregenden Lebenswandel abzulassen. Doch der Sohn schüttelte kalt das Haupt. Nicht einmal die letzte Bitte des sterbenden Vaters vermochte das harte Herz des Burschen zu erweichen. Ruhig gab er sich weiter seinem Vergnügen hin.

Mit banger Ungeduld harrte der Vater auf das Erscheinen des Sohnes. Angst verzerrte seine fahlen Züge; denn er fühlte, es wurde bald zu spät sein. Als man ihm aber die Absage des Sohnes mitteilte, ergoß sich die letzte Zornesröte über sein blasses Gesicht, und, sich mühsam aufrichtend, stieß er den Fluch aus: »Von nun an soll er nie mehr Ruhe finden und ewig auf der Jagd sein.« Dann sank er zurück und starb.

Kurze Zeit darauf ereilte der Tod auch den hartherzigen Sohn. Aber er fand im Grab keine Ruhe; denn der Fluch des Vaters ging in Erfüllung. Der Geist des lieblosen Sohnes ist dazu verurteilt, ruhelos auf ewige Zeiten jagend umherzustreifen. Seitdem treibt nächtlicher Spuk in der Gegend von Mogersdorf sein gespenstisches Wesen. Geht man um Mitternacht zum Saubach, so dringen unheimlich gedehnte Rufe dem nächtlichen Wanderer ans Ohr. »Uto toto, uto – toto!« so scheint es nah und fern zu erschallen, lautes Hundegekläff wird hörbar, und bald saust die tolle Meute vorüber, feurigen Dampf aus den Nüstern schnaubend. Sie rast gegen den Schlößlwald, und hinter ihr jagt rastlos der ewige Jäger einher, beim Schlößl kehrt er um und tobt wieder gegen den Saubach zu.

Dieser lärmende Spuk erscheint Nacht für Nacht und findet kein Ende. Man sagt, daß der ewige Jäger abwechselnd fünfzig Jahre in der Luft und fünfzig Jahre auf Erden seine wilde Jagd machen muß ohne Rast und Ruhe bis zum Ende der Zeiten, wo auch der Fluch des Vaters sein Ende finden wird.

Die Farnsammler von Goberling

In der Thomasnacht (29. Dezember) ereignen sich allerlei Wunder. Der Samen des Farnkrauts, das in dieser Nacht im Wald blüht, ist heilkräftig und hat die wunderbare Eigenschaft, drei oder fünf Personen unsichtbar zu machen, wenn sie den Farnsamen in einem Kirchenkelch auffangen. Er verleiht seinem Besitzer auch die Gabe, verborgene Schätze zu sehen.

Diese Wunderkraft des Farnsamens war vor vielen Jahren dem Mesner von Goberling bekannt, und er versuchte mit zwei anderen Männern, in der Thomasnacht sein Glück zu machen. Der bucklige Dorfwirt, der in vielen Zaubersachen erfahren war, belehrte sie, wie sie sich beim Einsammeln des Farnsamens zu benehmen hätten. Er selber konnte den Weg nicht mitmachen, da er als vierter überzählig war.

So schlichen sich denn die drei Farnsucher unter Mitnahme eines Kirchenkelches, den der Mesner heimlich entlehnt hatte, vor Mitternacht in den Wald, um das große Werk zu vollbringen. Mit geweihter Kreide zogen sie um das Farnkraut einen Zauberkreis und warteten in demselben auf das Wunder, das sich ereignen sollte. Erstaunt gewahrten sie um Mitternacht, wie das Farn zu blühen anfing. Als aber die Blüten abfielen und der Samen zu reifen begann, wandelte sich die Verwunderung der Männer in Schrecken und Furcht; denn ringsumher krachte der Donner, die Erde bebte, und gespenstische Gestalten umringten den Zauberkreis. Endlich fiel der Samen in den Kelch, den sie unterhielten, die Elemente beruhigten sich, und die schattenhaften Bedränger verschwanden.

Froh über den glücklichen Ausgang des Unternehmens verließen die drei die unheimliche Stätte und traten den Rückweg an. Der Mesner, der den Kelch trug, konnte den beiden andern nicht genug erzählen von den Schätzen, die er vor sich sehe, so daß seine Begleiter lange Zähne bekamen und die verborgenen Herrlichkeiten auch sehen wollten. So trugen sie abwechselnd den Kelch und erlebten dabei ihre Wunder.

Da kam ihnen plötzlich der bucklige Wirt entgegen und tat, als ob ihm die Neugierde über den Ausgang ihres Vorhabens keine Ruhe mehr gelassen hätte. Als er hörte, daß sie den Farnsamen richtig gefunden und was für Schätze sie schon gesehen hätten, wollte er den Samen sehen. Aber die andern konnten sich nicht entschließen, den Deckel vom Kelch zu heben, da sie meinten, der Samen könnte vom Wind weggeweht werden. Nun wurde der Wirt zornig und drohte ihnen, die ganze Sache dem Pfarrer zu verraten.

So blieb ihnen nichts übrig, als den Deckel zu lüften. Der Bucklige blickte hinein und blies zu ihrem Schrecken auf einmal den Samen aus dem Kelch; dann war er mit hähmschem Gelächter verschwunden.

Jetzt erkannten die Farnsucher bestürzt, daß es der Teufel selbst gewesen sei, der ihnen in Gestalt des buckligen Wirts entgegengetreten war und sie überlistet hatte. Mit langen Gesichtern, aber doch heilfroh, daß ihnen kein ärgeres Übel zugestoßen war, trotteten die drei Männer ihrem Dorf zu.

Die Sumpfgeister

Vor mehr als hundert Jahren, als in Glashütten noch Glas erzeugt wurde, trugen die »Glaserer« das Glas in schweren Buckelkraxen weit ins Ungarische hinein, um es dort zu verkaufen. Sie waren oft tagelang unterwegs und wanderten erst heim, wenn die letzte Glasplatte veräußert war. Nicht selten marschierten sie auch während der Nacht, und im Sommer schliefen sie in den Heuschobern.

In jener Zeit war die Straße von Lockenhaus nach Glashütten noch nicht ausgebaut und führte durch ein Sumpfgebiet. Nur im Winter, wenn der Boden gefroren war, oder in ganz trockenen Sommermonaten konnte man mit einem Pferdefuhrwerk das Moor durchqueren. Der Weg war gefährlich, und wer keinen triftigen Grund hatte, ihn zu benutzen, machte lieber einen Umweg.

Einmal ging der alte Knozer Toni mitten in der Nacht durch den Sumpf. Er hatte es eilig heimzukommen, deshalb wählte er die Abkürzung, außerdem war es mondhell und windstill, was konnte da schon viel geschehen!

Als er sich dem Sumpf näherte, tauchten plötzlich mehrere Lichter vor ihm auf, die wie toll durcheinanderwirbelten und immer vor ihm hergaukelten. Er beschleunigte seine Schritte, um sie einzuholen, aber es gelang ihm nicht. je schneller er ging, desto schneller tanzten die Lichter vor ihm her.

»Verflixt noch einmal!« ärgerte sich der Toni und blieb stehen, um zu verschnaufen.

In diesem Augenblick begann sich ein heftiger Sturm zu erheben, der von einem unheimlichen Sausen begleitet war. Es hörte sich an, als ob ein Geisterheer durch die Luft fegte.

Da bekam es der Knozer Toni mit der Angst zu tun, und er fing zu laufen an. Nach einer Weile fühlte er festen Boden unter seinen Füßen. Da hörte der Lärm auf, und es war wieder ganz still und ruhig wie zuvor.

Er war froh, als er endlich daheim anlangte. Auf die Frage seiner Frau, warum er so gerannt sei, ob ihn jemand verfolgt habe, erzählte er ihr sein Erlebnis. Aber sie lachte nur darüber und meinte, es hätten ihn bloß die Irrlichter genarrt. Als aber einige Tage später ein anderer und ein dritter dasselbe Erlebnis hatten, war es allen klar, daß in dem Sumpfgebiet die Hexen ihr Unwesen trieben.

Um ihnen den Aufenthalt zu verleiden, bauten die Bewohner von Glashütten eine Kapelle, die noch heute zu sehen ist. Und wirklich sind seit damals die Hexen aus der Gegend verschwunden.

Der Klarinetthiasl

Der Klarinetthiasl aus Wiesen war ein tüchtiger Musikant. Einst ging er spät in der Nacht von einem Nachbarorte, in dem er zum Tanz aufgespielt hatte, nach Hause.

Als er durch das Spatzenviertel in Wiesen ging, wurde er auf einmal von hohen weißen Gestalten umringt. Bevor er sich von seinem Schrecken erholt hatte, fühlte er sich in die Luft gehoben und fortgetragen. Er erkannte nun, daß er Hexen in die Hände gefallen war. Sie brachten ihn auf den Hexenanger, eine kleine Wiese in der Nähe des Ortes, die von den Leuten stets gemieden wurde, weil sie wußten, daß sich dort Geister und Hexen aufhalten. Hier angelangt, mußte er vorerst den Hexen einen Schwur leisten, der so lautete:

»Wir reiten siebenmal um den Mist
und leugnen den Herrn Jesu Christ.«

Hernach wurde er mit köstlichen Speisen und Getränken bewirtet, und dann mußte er den Hexen aufspielen. In seiner Angst spielte er, so gut er konnte. Die Hexen tanzten und sangen zu seinem Spiel, bis die goldene Sonne über die Berge stieg.

Reichlich mit Krapfen und Mehlspeisen beschenkt, wurde er entlassen. Daheim erzählte er das sonderbare Erlebnis seiner Frau. Sie machte ein sehr ungläubiges Gesicht und hatte ihn augenscheinlich in Verdacht, daß er zuviel getrunken habe.

Als er nun die Mehlspeisen hervorziehen wollte, um die Wahrheit seiner Erzählung zu beweisen, fand er in seiner Tasche nur Pferdemist.

Die Türken in Güssing

Bei der Belagerung der Burg Güssing durch die Türken gab es einen langen Kampf. Vergebens hatte der Feind die auf einem steilen Felsen gelegene Burg bestürmt. Die Tapferkeit der Verteidiger vereitelte jeden Erfolg. Als die Türken endlich erkannten, daß die Burg mit Waffengewalt nicht zu erobern sei, wollten sie die Besatzung durch Aushungerung zur Übergabe zwingen.

Lange dauerte die Belagerung schon, und trotz aller Einschränkung gingen die Lebensmittel in der Burg allmählich zur Neige. Es war den tapferen Verteidigern klar, daß sie sich nicht mehr lange halten konnten. Da wollte es der Burgherr in der äußersten Not noch mit einer List versuchen, um die Belagerer zu täuschen und sie zum Abzug zu veranlassen.

Er ließ den noch vorhandenen bescheidenen Mehlvorrat herbeischaffen, der aber so gering war, daß er kaum ein kleines Körbchen füllte. Bei Nacht stellte man ein großes Mehlfaß auf die äußere Burgmauer, so zwar, daß der Boden des Fasses nach oben zu stehen kam. Darauf schüttete man die geringe Mehlmenge, so daß es den Anschein hatte, als sei das Faß bis über den Rand gefüllt und noch Mehl im Überfluß in der Burg vorhanden. Bei Tagesanbruch ließ der Burgherr den letzten Ochsen, der noch in der Feste am Leben war, hinter der Burgmauer herumtreiben und so heftig mit Knütteln schlagen, daß das schmerzgequälte Vieh unaufhörlich brüllte. Den Belagerern sollte dadurch vorgetäuscht werden, daß noch eine ganze Herde von Schlachtvieh in der Burg vorhanden sei.

Als die Türken das anhaltende Ochsengebrüll hörten und das übervolle Mehlfaß auf der Burgmauer stehen sahen, glaubten sie wirklich, die Belagerten seien mit Vorräten noch im Überfluß versorgt und es sei daher zwecklos, noch länger auf eine Hungersnot in der Burg zu warten. Sie hoben die Belagerung auf und zogen noch am selben Tag eine halbe Stunde vor Mittag von Güssing ab.

Zur Erinnerung an diese Rettung aus der Türkengefahr wurden seit dieser Zeit die Glocken in der alten Pfarrkirche zu Güssing täglich um halb zwölf Uhr geläutet.

Die Entstehung von Bad Tatzmannsdorf

Vor vielen Jahrhunderten lebte in Oberwart ein fremder Arzt, dessen Wunderkuren in der ganzen Umgebung bekannt und berühmt waren.

Niemand wußte um das Geheimnis des Wundermittels, das er seinen Kranken eingab. Der Alte aber wanderte in finsteren Nächten verstohlen zu einer Quelle, die im Sumpfgebiet von Jormannsdorf aus dem Boden sprudelte, füllte die mitgebrachten Gefäße mit dem heilkräftigen Wasser und gab seinen Patienten davon zu trinken. Kein Mensch hatte ihn bisher bei seinem Tun beobachtet Wohl hatte man hie und da bei der Quelle zur Nachtzeit ein Licht flackern sehen, aber die Gegend galt als verrufen, und die Leute meinten, nächtlicher Spuk treibe dort sein Wesen.

In der Nähe von Oberwart bestand damals ein Bergwerk. Da kam auch ein junge Bergmann aus Deutschland hierher, der die Gegend abstreifte, um erzhaltiges Gestein zu finden. Auf seinen Wanderungen verirrte er sich einmal und wurde in dem sumpfigen Tal von Jormannsdorf von der Nacht überrascht. Während er sich abschickte, unter einem Busch sein Nachtlager aufzuschlagen, sah er unweit der Stelle ein Licht leuchten. Neugierig schlich er näher und bemerkte einen alten Mann, der aus einer Quelle Wasser schöpfte. Als der Alte sich entfernt hatte, bedeckte der Bergmann die Quelle mit grünen Zweigen und knickte einige Aste der umstehenden Bäume, um die Quelle am nächsten Tag wieder zu finden. Am andern Morgen füllte er eine Flasche mit dem Quellwasser und gab einem erkrankten Bergmann davon zu trinken. Der Mann wurde gesund und konnte wieder seiner Arbeit nachgehen.

Doch nicht nur diese eine Quelle, eine zweite, weit ergiebigere, wurde gefunden, und dies geschah so:

In alter Zeit breitete sich dort, wo heute Bad Tatzmannsdorf liegt, ein weiter See aus. Am Rand des Sees sprudelte am Fuß einer alten Erle eine Quelle aus dem Boden, deren Wasser den See speiste. Einmal hütete ein Hirte seine Schweine, die alle krank waren, in der Nähe der Quelle. Er trieb die Tiere an die Quelle zur Tränke, und die Schweine wurden in kurzer Zeit gesund. Die Nachricht von der Wunderkraft der Quelle verbreitete sich bald in der Umgebung; von weit und breit kamen die Bauern zum See, um Heilung von ihren Leiden zu finden, und das führte zur Gründung von Tatzmannsdorf.

Der Purbacher Türke

Als die Türken im Jahre 1532 neuerlich in das Land eingefallen waren, streiften vereinzelte Horden raubend und plündernd auch in der Gegend des Neusiedler Sees umher und kamen auf ihren Raubzügen bis in die Nähe von Purbach. Die Bewohner der Ortschaft, die vom Herannahen des Feindes rechtzeitig Nachricht erhalten hatten, verborgen schleunigst alle ihre Habseligkeiten, so gut sie vermochten, und versteckten sich im nahen Leithagebirge. Als die Türken kurze Zeit darauf in das Dorf eindrangen, fanden sie die Häuser leer und keinen Menschen in den Straßen. Wütend durchsuchten sie alle Räume nach Nahrungsmittel und ließen dabei auch die Keller nicht außer acht. Hier aber hatten die Purbacher ihren guten Wein eingelagert, dem die Türken bald Geschmack abgewannen, so daß gar mancher des Guten zuviel tat.

Nun war auch einer unter ihnen, der gerade noch mit Müh und Not über die Kellerstiege herauftaumeln konnte, dann aber in eine Kammer geriet, wo der gleich hinfiel und seinen Rausch ausschlief. Als er nach vielen Stunden erwachte und sich ernüchtert davonmachen wollte, hörte er Stimmen, die eine fremde Sprache redeten. Er ahnte sogleich, daß seine Kameraden abgezogen und die Dorfbewohner wieder zurückgekehrt seien. Da er bei Tag nicht ungesehen aus dem Ort entkommen konnte, versteckte er sich in der Hoffnung, des Nachts Gelegenheit zur Flucht zu finden.

Sobald es finster geworden war, tastete er sich die Wände entlang und kam schließlich in eine Küche, wo der Mond durch den Rauchfang hereinschien. Hier meinte er, unbemerkt hinausgelangen zu können. Er stieg auf den Herd, zwängte sich in den Schornstein und kroch mit vieler Mühe in den engen Schlauch aufwärts, bis er endlich seinen Kopf ins Freie hinausstecken konnte.

Als er nun von seiner luftigen Höhe Umschau hielt, wie er am besten zur Erde hinabkommen könne, hörte er auf einmal ein lautes Geschrei. Wie der Blitz fuhr er wieder in seinen Rauchfang zurück, aber die Bauern, die noch auf der Straße standen, hatten im Mondenschein seinen Kopf aus dem Schornstein ragen gesehen und sogleich einen versprengten Türken in ihm erkannt. Als er den Kopf nochmals hinaussteckte, schrien sie wieder und drohten ihm mit den Fäusten. Da zog er sich abermals in den Rauchfang zurück und rührte sich nicht mehr, obwohl sie ihn aufforderten herunterzusteigen. Nun gab ein Bauer den Rat, ihn auszuräuchern. Das Half. Der Türke mußte aus dem Rauchfang heraus und kletterte zitternd auf den Boden herunter, wo ihn die derben Fäuste der Bauern in Empfang nahmen und einstweilen in den Dorfkotter sperrten.

Sogleich folgte eine große Beratung im Gemeindehaus, was mit dem gefangenen Türken geschehen solle. Man einigte sich schließlich, ihm das Leben zu schenken, wenn er den christlichen Glauben annehme.- Damit er aber der Gemeinde nicht zur Last falle, sollte er bei dem Bauern, in dessen Haus man ihn gefangen hatte, als Knecht dienen. Der Türke war froh, so gut davonzukommen, trat zum Christentum über und blieb ein getreuer Knecht seines Herrn.

Nach seinem Tode ließ der Bauer zum Gedächtnis an dieses Ereignis einen steinernen Türkenkopf am Schornstein seines Hauses anbringen, der heute noch in Purbach zu sehen ist.

Das Neusonntagskind vom Wörtherberg

Auf dem Heideboden des Burgenlandes stehen die Sonntagskinder in großem Ansehen; sie gelten als Hellseher und Propheten. Wenn sie in einer Neumondnacht zur Welt kommen, heißen sie Neusonntagskinder. Die Hexen sind auf solche Menschen nicht gut zu sprechen, weil sie die Gabe haben, Hexen in der Nacht zu erkennen. Neusonntagskinder soll in der Nacht überhaupt viel Böses zustoßen.

Der alte Hundsmüller in Wörtherberg war ein solches Neusonntagskind und hatte durch die Verfolgungen der Hexen viel zu leiden. War er mit seinem Fuhrwerk nach dem Gebetläuten noch unterwegs, so konnte er sicher sein, daß die Hexen sich von allen Seiten an ihn herandrängten und ihn zu nötigen suchten, vom Wagen herabzusteigen; sie wollten ihn gern mit sich in die Keller schleppen, damit er mit ihnen dort Zechgelage feiere. Aber der alte Müller hütete sich, den Wagen zu verlassen oder auch nur ein Wort zu sprechen; denn er wußte ganz gut, daß er ihnen verfallen sei, wenn er nur einen Schritt vom Wagen weg tue oder ein Wort zu ihnen sage. Er mußte sich immer recht fest am Bock anhalten, um ihnen ja nicht nachzugeben. Später, als er schon gewitzigt genug war, machte er vor der Ausfahrt mit einem geweihten Messer, das er immer bei sich trug, das Kreuzzeichen vor den Pferden.

Hatte der immer durstige Müller aber einmal zu tief ins Glas geguckt und konnte er seine Zunge nicht im Zaum halten, so daß er beim abendlichen Heimweg auf die lästigen Quälgeister tüchtig zu schimpfen anfing, dann war er ihrem Bann verfallen, und sie säumten nicht, ihm ihre Überlegenheit ordentlich fühlen zu lassen und ihm den Ärger heimzuzahlen, den er ihnen durch seine Standhaftigkeit an anderen Tagen verursacht hatte. Da trieben sie nun ihr grausames Spiel mit ihm, hetzten ihn über Berg und Tal oder bestiegen seinen Rücken, um ihn als Pferd zu benützen, das sie zu den Kellern bringen mußte. Dort krochen sie beim Schlüsselloch hinein, soffen den Wein aus und füllten Jauchenwasser in die Fässer. Der arme Müller aber mußte inzwischen vor dem Keller im nassen Gras liegen bleiben, bis sie wieder herauskamen und ihn weiterquälten. Am Morgen nach einer solchen Schreckensnacht fand er sich dann in einem Graben liegen, irgendwo stundenweit vor Wörtherberg entfernt, müd und matt und mit zerschlagenen Gliedern. Und das kam oft vor; denn der Hundsmüller war einem guten Glas Wein nicht abgeneigt.

Wie nun der arme Mann sich gar nicht mehr zu helfen wußte und die Plage der Hexen immer ärger wurde, klagte er seinen Jammer einer klugen alten Frau. Diese gab ihm den Rat, auf den Friedhof zu gehen und von einem ausgegrabenen Sarg ein Stück Brett herauszuschneiden, das ein Astloch habe. Wenn er am Pfingstsonntag während der Messe bei der Kirchentür stehe und durch das Astloch blicke, werde er alle Hexen des Ortes, die ihn verfolgen, sehen und erkennen. Der Müller befolgte den Rat der alten Frau und sah durch das Astloch wirklich die Hexen, die zu seiner Überraschung Melkkübel und Butterfässer auf dem Kopf trugen.

Als ihn bei der nächsten abendlichen Fahrt die Hexen wieder überfielen und ihr Mütchen an ihm zu kühlen versuchten, nannte der Müller, der nun die Gabe besaß, die Hexen zu erkennen, jede einzelne Spukgestalt beim Namen, worauf sie bestürzt entwichen. Auch auf dem Tanzboden machte er sich das Vergnügen, die Hexen, die sich unter das tanzlustige Volk gemengt hatten, zu entlarven. Da fuhren sie vom Tanzboden aus und schwuren ihm bittere Rache. Doch der Müller war vorsichtig und trug nun stets sein geweihtes Messer bei sich; daher konnten ihm die boshaften Wesen nichts anhaben. Das ärgerte die Hexen so sehr, daß eine nach der andern das Dorf verließ; nach wenigen Jahren war weit und breit keine Hexe mehr zu sehen.

Das hatte die Gegend dem Neusonntagskind zu verdanken.

Die grausame Burgfrau von Forchtenstein

Rosalie, die Gattin des gütigen, gerechten Fürsten Giletus von Forchtenstein, war eine herzlose, grausame Frau, der ihre Untertanen weniger galten als ein Stück Freiwild. Solange ihr milder, menschenfreundlicher Ehemann auf der Burg lebte, konnte sie ihrer Grausamkeit und Willkür weniger Zügel schießn lassen; aber als der Fürst einmal in den Krieg gezogen und die Burgfrau Alleinherrin über ihre Untertanen war, begann eine Zeit des Schreckens für die armen Landwirte. Sie peinigte und bedrückte die hilflose Bevölkerung in der herzlosesten Weise, ließ sie, wenn nur ein Groschen weniger Steuer einging oder die Abgabe nicht pünktlich auf den Tag geliefert wurde, Unbarmherzig in den Schuldturm werfen, ja, viele, die ihr nicht zu Gesicht standen, mußten grundlos in den schwarzen Turm wandern, wo manche sogar den Hungertod fanden.

Als Giletus nach Jahren aus dem Krieg heimkehrte, klagten ihm die unterdrückten Landwirte ihr Leid und erzählten, wie grausam die Fürstin mit ihnen umgegangen sei. Giletus versprach ihnen, seine Frau zur Rechenschaft zu ziehen. Bei einem Festmahl, an dem viele Gäste teilnahmen, schilderte der Fürst die Erlebnisse auf seiner Kriegsfahrt und kam dabei auch auf eine hartherzige Frau zu sprechen, die ihre Untertanen grausam gequält habe, wobei er allerlei böse Taten anführte, wie sie nach Angabe der Bauern von Rosalie verübt worden waren. Dann fragte er seine Gäste, welche Strafe solch ein schändliches Frauenzimmer verdiene. »Den Tod!«, war die einstimmige Antwort. Als sich der Fürst sodann an seine Ehefrau wandte und sie fragte, wie sie eine solche Frau bestrafen würde, sagte sie, ohne mit der Wimper zu zucken: »Ich würde sie an eine Querstange binden und in einen tiefen Schacht hängen, wo sie elend verhungern sollte.« Da erhob sich Giletus und sprach:

»Salah, du hast dein eigenes Urteil gesprochen!«

Die grausame Burgfrau wurde an ein Seil gebunden, das an einem Querholz befestigt war, und in den schwarzen Turm hinabgelassen, wo sie, am Seil über den Opfern ihrer Grausamkeit hängend, elend verhungern mußte. Alle Viertelstunden trat die Burgwache an eine Turmöffnung heran und rief in den Turm hinab: »Salah he!« Und jedesmal drang ein grausiger Schrei aus der Tiefe empor. Erst am achten Tag wurde es stille im Turm. Die Schloßherrin hatte ihr verdientes Schicksal gefunden.

Seitdem schwebte immer um Mitternacht der Geist der toten Schloßherrin gespenstisch leuchtend um den schwarzen Turm der Burg Forchtenstein. Erst wenn die Burgwache, ins Gewehr tretend, ein gedehntes »Salah he!« zum Turm herüberrief, verflüchtigte sich der nächtliche Spuk.

Jahre- und jahrhundertelang wiederholte sich die gleiche Erscheinung. Erst als in späterer Zeit ein Burgherr von Forchtenstein zur Sühne auf einem nahen Berg die Rosalienkapelle erbauen ließ, fand der Geist der grausamen Schloßfrau die ewige Ruhe.

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