Fünfzehntes Kapitel.

Fünfzehntes Kapitel.

»Leben Sie wohl, Beß; ich versprach Ihnen fünfzig Pfund. Hier sind hundert – alles, was ich für meine Einrichtung von Benton erhielt. Das wird Sie eine Zeit lang mit hübschen Kleidern versorgen. Sie sind ein gutes, kleines Mädchen gewesen, alles in allem betrachtet, aber Sie haben Torpenhow und mir eine hübsche Menge Unruhe verursacht.«

»Grüßen Sie Mr. Torpenhow recht herzlich von mir, wenn Sie ihn sehen; wollen Sie das thun?«

»Natürlich werde ich es thun, Teuerste. Nun führen Sie mich zu der Laufplanke und in meine Kabine. Einmal an Bord des Luggers und das Mädchen ist – und ich bin frei, meine ich.«

»Wer wird auf dem Schiffe nach Ihnen sehen?«

»Der Obersteward, wenn das Geld irgend einen Nutzen hat. Dann der Doktor, wenn wir nach Port Saïd kommen, so weit ich mich auf die P. und O. Doktoren auskenne. Nach diesen wird der Herr für mich sorgen, wie er es zu thun pflegte.« Beß fand Dicks Kabine in der wilden Unruhe eines Schiffes, das voll von scheidenden und weinenden Verwandten war. Dann küßte er sie und legte sich in seine Koje, bis das Verdeck wieder klar sein würde. Er, der so lange Zelt gebraucht, sich in seinen eignen, für ihn dunklen Zimmern zu bewegen, kannte vortrefflich die Geographie eines Schiffes, und die Notwendigkeit, für seine eigne Bequemlichkeit zu sorgen, war wie Wein für ihn. Bevor die Schraube begann, das Schiff längs den Docks vorwärts zu treiben, hatte er sich mit dem Obersteward bekannt gemacht, ihn mit einem fürstlichen Trinkgelde bedacht, sich einen guten Platz an der Tafel gesichert, sein Gepäck geöffnet und sich ganz lustig in seiner Kabine hingesetzt. Er hatte kaum nötig, seinen Weg durch das Gefühl zu finden, denn er kannte alles ganz genau. Dann war Gott sehr gütig gegen ihn, ein tiefer Schlaf der Ermüdung kam über ihn, gerade als er an Maisie hatte denken wollen, er schlief, bis der Dampfer die Themsemündung hinter sich hatte und dem Kanale zusteuerte.

Das Rasseln der Maschinen, der Geruch von Oel und Farbe, und ein sehr vertrauter Ton in der nächsten Kabine veranlaßten ihn, aufzustehen.

»O, es ist gut, wieder aufzuleben!« Er gähnte, dehnte sich kräftig und ging auf Deck, wo man ihm mitteilte, daß man sich beinahe den Leuchtfeuern von Brighton gegenüber befände. Das ist ebenso wenig offenes Wasser, wie Trafalgar Square eine Gemeindewiese ist; die freie See beginnt bei Ushant, aber Dick konnte nichtsdestoweniger bereits das Heilsame der See auf sich wirken fühlen. Eine ungestüme kleine Gegendünung packte den Dampfer respektwidrig bei der Nase, während eine sich in der Nähe brechende Welle das Hinterdeck und den Haufen neuer Verdeckstühle bespritzte. Er hörte den Gischt mit dem Tone von zerbrochenem Glase niederfallen, erhielt einen Tassenkopf voll davon ins Gesicht, schnüffelte kräftig, und fühlte sich nach dem Rauchzimmer beim Steuerrade hin. Dort traf ihn eine kräftige Brise, blies ihm die Mütze fort und ließ ihn barhäuptig in der Thüre stehen, worauf der Kellner des Rauchzimmers, der begriffen, daß Dick ein erfahrener Reisender sei, sagte, daß das Wetter in der Verengerung des Kanals steif und mehr als eine steife Brise in der Bai sein würde. Diese Dinge ereigneten sich so, wie eben erwähnt, und Dick empfand eine außerordentliche Freude darüber. Es ist auf See gebräuchlich und sogar notwendig, sich an Tischen, Stützen und Tauen festzuhalten, wenn man von einer Stelle zur andern geht. Auf dem Lande ist ein Mann, der sich mit den Händen weiter fühlt, offenbar blind; auf der See kann sogar ein blinder Mann, der nicht seekrank ist, den Doktor über sein Gebrechen täuschen. Dick erzählte dem Arzte zahlreiche Geschichten, und diese sind eine Münze von größerem Werte als Silber, wenn sie richtig gehandhabt werden – rauchte mit demselben bis in die späte Nacht hinein, und gewann dessen kurzlebige Beachtung in einem Maße, daß er Dick versprach, ihm einige Stunden von seiner Zeit zu widmen, wenn sie in Port Saïd angelangt sein würden.

Die See brüllte oder war ruhig, je nachdem der Wind blies, die Maschinen sangen Tag und Nacht ihr Lied, die Sonne schien mit jedem Tage heißer, während Tom, der laskarische Barbier, Dick eines Morgens unter dem offenen Lukengitter rasirte, wo die kühle Luft wehte; die Sonnenzelte wurden aufgespannt, alle Passagiere lebten auf und schließlich traf man in Port Saïd ein.

»Bringen Sie mich,« sagte Dick zum Doktor, »in das Haus der Madame Binat, wenn Sie wissen, wo es liegt.«

»Pfui!« rief der Doktor. »Ich weiß es. Es ist keine große Auswahl vorhanden; aber ich setze voraus, Sie wissen, daß das eines der verrufensten Häuser der Stadt ist. Man wird Sie erst ausplündern und später totstechen.«

»O nein, diese Leute nicht. Bringen Sie mich nur hin, ich kann dann schon selbst für mich sorgen.«

Er wurde demgemäß zu Madame Binat gebracht, während seine Nasenlöcher den wohlbekannten Geruch des Ostens einsogen, der sich ohne irgend eine Abwechslung, von der Spitze des Kanals zu Hongkong bis dort hinzieht, und sein Mund die abscheuliche Sprache der Lingua Franka der Levante redete. Die Hitze traf ihn zwischen den Schulterblättern wie der Schlag eines alten Freundes, seine Füße glitten auf dem Sande aus, während seine Rockärmel so heiß wie frisch gebackenes Brot waren, wenn er sie an seine Nase brachte.

Madame Binat lächelte mit dem Lächeln, das kein Erstaunen kennt, als Dick in das Schanklokal eintrat, das eine Quelle ihrer Einnahme war.

Mit Ausnahme des kleinen Zwischenfalles vollständiger Dunkelheit konnte er sich kaum vorstellen, daß er jemals das frühere Leben hier verlassen, das vor seinen Ohren brummte. Jemand öffnete eine Flasche starken Schiedamer. Dieser Geruch erinnerte Dick an Monsieur Binat, der beiläufig über Kunst und Degradation gesprochen hatte. Binat war tot; Madame sagte es, nachdem der Doktor, entrüstet, so weit ein Schiffsarzt entrüstet sein kann, über die Wärme von Dicks Empfang, fortgegangen war. »Man entsinnt sich hier meiner noch nach einem Jahre. Man hatte mich über dem Wasser in derselben Zeit vergessen. Madame, ich muß eine lange Unterredung mit Ihnen haben, sobald Ihre Zeit es gestattet. Es ist gut, wieder zurück zu sein.«

An jenem Abend stellte sie einen eisernen Kaffeetisch draußen auf den Sand und nahm mit Dick an demselben Platz, während das Haus hinter ihnen von Lärm, Fröhlichkeit, Flüchen und Drohungen erfüllt war. Die Sterne kamen hervor und die Lichter der Schiffe im Hafen blinkten an der Mündung des Kanals. »Ja, der Krieg ist gut für das Geschäft, mein Freund; aber was willst Du hier machen? Wir haben Dich nicht vergessen.«

»Ich war drüben in England und wurde blind.«

»Aber erst kam der Ruhm. Wir hörten hier davon, sogar hier – ich und Binat; Du hast den Kopf der ›Gelben Tina‹ benützt – sie lebt noch – so oft und so gut, daß Tina lachte, wenn die Zeitungen mit den Mailbooten eintrafen. Es war in den Bildern stets etwas vorhanden, was wir hier wieder erkennen konnten. Und dann gab es noch stets Ruhm und Geld für Dich.«

»Ich bin nicht arm – ich werde Sie gut bezahlen.«

»Nicht mich. Du hast für alles bezahlt.« Dann sagte sie leise: »Mon Dieu, blind zu sein und noch so jung! Wie schrecklich!«

Dick konnte ihr Gesicht mit dem mitleidigen Ausdrucke nicht sehen, noch sein eignes mit dem farblosen Haare an den Schläfen. Er fühlte nicht das Bedürfnis, bemitleidet zu werden, er war zu begierig, noch einmal nach der Front zu gelangen, und erklärte seinen Wunsch.

»Und wohin? Der Kanal ist voll von englischen Schiffen. Zuweilen feuern sie, wie sie es zu thun pflegten, als der Krieg hier war – vor zehn Jahren. Jenseits Kairo wird gekämpft, aber wie kannst Du dorthin gelangen ohne einen Korrespondentenpaß? In der Wüste gibt es stets Gefechte, das ist also auch unmöglich,« sagte sie.

»Ich muß nach Suakim gehen!« Er wußte, dank Alfs Vorlesen, daß Torpenhow sich bei der Kolonne befinde, die den Bau der Suakim-Berberlinie beschützte. Die P. und O. Dampfer berühren jenen Hafen nicht, und außerdem kannte Madame Binat einen jeden, dessen Beistand oder Rat von Wert war. Es waren keine respektablen Leute, aber sie konnten manche Dinge fertig bringen, was viel wichtiger ist, wenn man etwas durchsetzen will.

»Aber bei Suakim wird fortwährend gefochten. Die Wüste erzeugt beständig Menschen, – beständig mehr Menschen. Und dieselben sind so kühn! Weshalb denn nach Suakim?«

»Mein Freund befindet sich dort.«

»Dein Freund! Pfüt! Dein Freund ist dann tot.« Madame Binat ließ ihren fetten Arm auf den Tisch fallen, füllte Dicks Glas von neuem, und blickte ihn aus der Nähe an, beim Lichte der Sterne. Er brauchte gar nicht seinen Kopf zustimmend zu beugen und zu sagen:

»Nein. Er ist ein Mann, aber – wenn es geschehen sollte – würdest Du es tadeln?«

»Ich es tadeln?« sagte sie mit gellendem Gelächter. »Wer bin ich, um irgend jemand zu tadeln – ausgenommen diejenigen, die mich bei dem zu betrügen versuchen, was sie verzehrt haben. Aber es ist wirklich schrecklich.«

»Ich muß nach Suakim gehen. Denken Sie für mich. Es hat sich in diesem Jahre sehr viel geändert, und alle Leute, die ich kannte, sind nicht hier. Der ägyptische Leuchtturmdampfer geht den Kanal hinunter nach Suakim – auch die Postboote – aber selbst dann …«

»Denken Sie nicht weiter darüber nach. Ich weiß es, und es ist meine Sache, nachzudenken. Du sollst hingehen – Du sollst hingehen und Deinen Freund sehen. Sei klug. Bleibe hier sitzen, bis es im Hause etwas ruhiger ist, ich muß nach meinen Gästen sehen – und dann gehe zu Bett. Du sollst hingehen, wirklich. Du sollst.«

»Morgen?«

»Sobald es sein kann.« Sie sprach mit ihm, als ob er ein Kind wäre.

Er blieb an dem Tische sitzen und hörte nach den Stimmen im Hafen und auf den Straßen, und war neugierig, wie bald das Ende kommen würde, bis Madame Binat ihn zu Bett brachte und ihm befahl zu schlafen. Im Hause schrie, sang, tanzte und lärmte man, während Madame Binat sich zwischen durch bewegte, mit einem Auge auf die Bezahlung für die Getränke und die Mädchen, mit dem andern auf Dicks Interessen. Zu diesem letzteren Zwecke lächelte sie einem finster aussehenden türkischen Offizier von den Fellahregimentern zu, war sehr liebenswürdig gegen einen Cyprioten, einen Unterbeamten des Kommissariats, und mehr als freundlich gegen einen Kamelagenten ohne jede Nationalität. Früh morgens machte Madame Binat, angemessen gekleidet, mit einem Ballkleide von flammend roter Seide, vorn mit verblichener Goldstickerei bedeckt, und einem Halsbande aus flachen Glasdiamanten, die Schokolade fertig und brachte sie Dick hinein.

»Ich bin es nur; ich stehe in einem diskreten Alter, nicht? Trinke nur und iß die Rolle dazu. In Frankreich bringen die Mütter ihren Söhnen, wenn dieselben sich artig betragen haben, eben so die Morgenschokolade.« Sie setzte sich auf den Rand des Bettes und flüsterte:

»Es ist alles arrangirt. Du wirft mit dem Leuchtturmboote gehen. Es kostet ein Geschenk von zehn englischen Pfund. Der Kapitän wird niemals von der Regierung bezahlt. Das Boot erreicht Suakim in vier Tagen. Mit Dir wird George gehen, ein griechischer Maultiertreiber. Ein zweites Geschenk von zehn Pfund. Ich werde sie bezahlen; man darf nichts von Deinem Gelde wissen. George wird mit Dir so weit gehen wie mit seinen Maultieren. Darauf kehrt er zu mir zurück, denn seine Geliebte befindet sich hier; und wenn ich kein Telegramm von Suakim erhalte, daß Du Dich wohl befindest, so wird das Mädchen für George verantwortlich gemacht.«

»Ich danke Ihnen.« Er reichte ihr schläfrig die Tasse. »Sie sind wirklich zu gütig, Madame.«

»Wenn es irgend etwas gäbe, was ich für Dich thun könnte, so würde ich sagen, bleibe hier und sei klug; aber ich glaube nicht, daß es das beste für Dich wäre!« Sie blickte mit einem traurigen Lächeln auf ihr mit Liqueurflecken bedecktes Kleid. »Nein, Du sollst gehen, wirklich. Du sollst gehen. Es ist so am besten. Mein Junge, es ist so am besten.«

Sie schwieg und küßte Dick zwischen die Augen. »Das ist zum Morgengruß,« sagte sie im hinausgehen. »Wenn Du angekleidet bist, wollen wir mit George sprechen und alles fertig machen. Aber zuerst müssen wir den kleinen Koffer öffnen. Gib mir die Schlüssel.«

»Die Anzahl der Küsse ist in letzter Zeit einfach skandalös geworden. Ich muß erwarten, daß Torpenhow mich nächstens gleichfalls küßt; obschon er wahrscheinlich über mich fluchen wird, weil ich ihm in den Weg gekommen bin. Nun, es wird nicht lange dauern! – O, Madame, helfen Sie mir bei meiner Toilette für die Guillotine! Dort hinten wird wohl keine Gelegenheit sein, sich ordentlich anzukleiden.«

Er kramte in seiner neuen Feldzugsausrüstung und ritzte sich mit den Sporen an den Händen. Es gibt zwei Manieren, gut geölte Jaquets, fleckenlos blaue Gamaschen, Khakiröcke und Hosen, sowie einen vortrefflich mit Schlemmkreide geputzten Helm zu tragen. Die richtige Manier ist diejenige des unermüdlichen Mannes, der Herr seiner selbst ist und fröhlich zu einer Expedition auszieht.

»Alles muß ganz korrekt sein,« erklärte Dick. »Es wird später schmutzig werden, aber jetzt thut es wohl, sich gut gekleidet zu fühlen. Ist alles, wie es sein soll?«

Er klopfte auf den Revolver, der unter der überhängenden Bluse an der rechten Hüfte verborgen war und fühlte mit den Fingern nach seinem Kragen.

»Ich kann nichts weiter thun,« sagte Madame zwischen Lachen und Weinen, »Sieh selbst nach – doch ich vergaß.«

»Ich bin sehr zufrieden. Nun lassen Sie uns zu dem Kapitän, Georg und dem Leuchtturmboote gehen. Seien Sie etwas rasch, Madame.«

»Aber Du darfst nicht gesehen werden, wie Du bei Tage mit mir am Hafen spazieren gehst. Stelle Dir selbst nur vor, wenn einige englische Damen …«

»Es gibt hier keine englischen Damen; und wenn es welche gäbe, so habe ich sie vergessen. Bringen Sie mich nur hin.«

Trotz seiner glühenden Ungeduld, wurde es beinah Abend, bevor das Leuchtturmboot abfuhr. Madame hatte viel mit George und dem Kapitän gesprochen bezüglich der für Dicks Wohl zu treffenden Arrangements. Sehr wenig Männer, die die Ehre ihrer Bekanntschaft hatten, wagten es, Madames Ratschläge zu verachten. Diese Art von Verachtung möchte leicht damit enden, von einem Fremden in einer Spielhölle, nach einer überraschend kurzen Herausforderung, niedergestochen zu werden.

Sechs Tage arbeitete der kleine Dampfer sich bis Suakim durch, wo er den Oberaufseher der Leuchttürme aufnehmen sollte; Dick machte es sich zum Geschäft, George zu versöhnen, der von der Furcht für seine Geliebte gequält wurde und halb geneigt war, Dick für seinen eigenen Verdruß verantwortlich zu machen. Als sie gelandet, nahm George ihn unter seine Flügel und betrat mit ihm zusammen den glühendheißen Seehafen, der angefüllt war mit Material und Abfällen der Suakim-Berberlinie, von Lokomotiven in trostlosen Fragmenten bis zu Bergen von Schienenstücken und Schwellen.

»Wenn Sie sich zu mir halten,« sagte George »so wird niemand Sie nach einem Passe oder nach dem, was Sie hier wollen, fragen. Alle sind hier sehr beschäftigt.«

»Ja, aber ich möchte gern mit einigen von den Engländern sprechen. Vielleicht entsinnen sie sich meiner. Ich war hier vor längerer Zeit bekannt – als ich wirklich noch jemand war.«

»Vor längerer Zeit bedeutet hier vor sehr langer Zeit. Die Kirchhöfe sind voll. Nun hören Sie zu. Diese neue Eisenbahn geht bis Tanai-al-Hassan – sieben Meilen weit – hinaus. Dort befindet sich ein Lager. Man sagt, daß jenseits Tanai-al-Hassan die englischen Truppen vorwärts marschiren und alles, was dieselben verlangen, ihnen auf dieser Linie hingebracht wird.«

»Ah! Ein Basislager. Ich verstehe. Das ist ein besseres Geschäft, als mit den Fuzzies im offenen Feld zu fechten.«

»Aus diesem Grunde eben gehen die Maultiere mit dem eisernen Zuge hinauf.«

»Eisernen, was?«

»Er ist ganz gepanzert mit Eisen, weil immer auf ihn geschossen wird.«

»Ein gepanzerter Zug. Immer besser! Fahre fort, redlicher George.«

»Ich gehe mit meinen Maultieren heute abend hinauf. Nur diejenigen, die besonders verlangen, nach dem Lager zu gehen, dürfen mit diesem Zuge hinausfahren. Nicht weit von der Stadt fangen sie schon an, auf ihn zu schießen.«

»Die lieben Menschen, sie machten es immer so!« Dick zog den Geruch von trocknem Staub, heißem Eisen und abgeblätterter Farbe mit Wonne ein. Gewiß bewillkommnete ihn das frühere Leben in großmütigster Weise.

»Wenn ich meine Maultiere zusammen habe, gehe ich heute abend hinauf, aber Sie müssen erst ein Telegramm nach Port Said mit der Erklärung abschicken, daß ich Ihnen kein Leid angethan habe.«

»Madame hat Dich gut in der Hand. Würdest Du mir ein Messer in den Leib stoßen, wenn Du Gelegenheit dazu hättest?«

»Ich habe keine Gelegenheit dazu,« erwiderte der Grieche. »Sie befindet sich dort bei dem Weibe.«

»Ich verstehe. Es ist eine böse Sache, zwischen der Liebe einer Frau und der Gelegenheit, Beute zu machen, hin und her zu schwanken. Ich sympathisire mit Dir, George.«

Sie gelangten ungefragt zu dem Telegraphenbureau, da alle Welt außerordentlich beschäftigt war und kaum Zeit hatte, den Kopf nach ihnen zu drehen, denn Suakim war der letzte Ort unter dem Himmel, den man zu seiner Erholung an einem freien Tage sich auswählen würde. Bei ihrer Rückkehr fragte ein englischer Subalternoffizier Dick, was er hier mache.

Dieser trug eine blaue Brille, und hielt sich an Georges Ellenbogen mit der Hand, als er antwortete:

»Aegyptische Regierung – Maultiere. Meine Ordres lauten, dieselben der A. E. G, in Tanai-al-Hassan zu übergeben. Wünschen Sie, meine Papiere zu sehen?«

»O, sicherlich nicht. Ich bitte um Entschuldigung, Ich würde gar nicht gefragt haben, aber da ich Ihr Gesicht früher nicht gesehen, so …«

»Ich gehe heute abend mit dem Zuge hinaus, vermute ich,« sagte Dick kühn. »Es wird doch keine Schwierigkeiten bei dem Verladen der Maultiere geben, nicht wahr?«

»Sie können die Plattformen für die Pferde von hier aus sehen. Sie müssen beizeiten einladen lassen.«

Der junge Mann ging fort und war neugierig, was für eine Art von vom Schicksal Verschlagener das sein möge, der wie ein Gentleman sprach und sich mit einem griechischen Maultiertreiber associirt hatte. Dick fühlte sich ganz unglücklich. Einem englischen Offizier Trotz zu bieten, ist keine Kleinigkeit, doch der Spaß verliert seinen Geschmack, wenn man ihn aus der Dunkelheit herausspielt und über rauhe Wege hinstolpert, mit dem ewigen Gedanken daran, wie es sein würde, wenn die Dinge sich anders gestaltet hätten und alles gewesen wäre, wie es nicht war.

George teilte seine Mahlzeit mit Dick und ging dann zu seinen Maultieren, seinen Schützling allein in einem Schuppen zurücklassend, wo derselbe mit dem Gesichte in den Händen saß. Vor seinen dichtgeschlossenen Augen tanzte das Gesicht von Maisie, lächelnd, mit geöffneten Lippen. Um ihn her gab es viel Lärm und Geschrei. Er bekam Furcht und hätte beinahe nach George gerufen.

»Hast Du Deine Maultiere bereit?« ertönte die Stimme des Subalternoffiziers hinter ihm.

»Mein Diener sieht nach ihnen, Thatsache ist, daß ich einen Anfall von Ophthalmie habe, so daß ich nicht gut sehen kann.«

»Beim Himmel, das ist schlimm. Sie sollten eine Zeit lang in ein Hospital gehen. Ich habe selbst einen Anfall davon gehabt. Es ist eben so schlimm als blind zu sein.«

»Das finde ich auch. Wann fährt der gepanzerte Zug ab?«

»Um sechs Uhr. Er gebraucht eine Stunde zu den sieben Meilen.«

»Sind die Fuzzies in der Nähe der Strecke, wie?«

»Etwa an drei Abenden in der Woche. Ich habe das Kommando über den Zug heute abend. Gewöhnlich kehrt derselbe leer in der Nacht nach Tanai zurück.«

»Ein großes Lager in Tanai, vermute ich?«

»Ziemlich groß. Es muß unsere Wüstenkolonne irgendwo mit Lebensmitteln versorgen.«

»Ist dieselbe weit davon entfernt?«

»Zwischen dreißig und vierzig Meilen, in einem höllisch trockenen Lande.«

»Ist das Land zwischen Tanai und unseren Leuten ruhig?«

»Mehr oder weniger. Ich möchte nicht allein über dasselbe reiten, oder mit einem kleinen Kommando, obgleich die Späher oft auf außerordentliche Weise durchkommen.«

»Das thaten sie stets.«

»Sind Sie denn früher hier gewesen?«

»Ich war während des ganzen Krieges hier, als er zuerst ausbrach.«

»Im Dienst und kassirt,« war der erste Gedanke des Offiziers, deshalb stand er von weiteren Fragen ab.

»Dort kommt Ihr Diener mit den Maultieren. Es erscheint wirklich sonderbar …«

»Daß ich Maultiere führe?« fragte Dick.

»Das wollte ich nicht sagen, aber es ist so. Verzeihen Sie mir – es ist schrecklich unbescheiden, ich weiß es, aber Sie sprechen wie ein Mann, der in einer öffentlichen Schule gewesen ist. Man kann sich über den Ton nicht täuschen.«

»Ich war in einer öffentlichen Schule.«

»Ich dachte es. Ich will Ihre Gefühle nicht verletzen, aber Sie scheinen in Ihren Verhältnissen etwas heruntergekommen zu sein, nicht wahr? Ich sah Sie mit dem Kopf in den Händen sitzen, und deshalb redete ich Sie an!«

»Ich danke Ihnen. Ich bin so vollständig heruntergekommen, wie ein Mann es nur sein kann.«

»Ich vermutete es – ich will sagen, ich bin selbst ein Mann aus einer öffentlichen Schule. Könnte ich vielleicht – nehmen Sie es als ein Darlehen an, Sie wissen, und …«

»Sie sind zu freundlich, aber, bei meiner Ehre, ich habe so viel Geld, wie ich brauche – ich will Ihnen sagen, was Sie für mich thun könnten; Sie würden mich damit für immer verpflichten. Lassen Sie mich in den vordersten Waggon steigen. Es gibt doch einen Vorderwagen, nicht wahr?«

»Ja. Wie wissen Sie das?«

»Ich hin schon früher in einem gepanzerten Zuge gewesen. Lassen Sie mich nur etwas von dem Spasse sehen – hören, meine ich, und ich werde Ihnen sehr dankbar sein. Ich gehe auf eigene Gefahr als ein Nichtkombattant.«

Der junge Mann dachte einen Augenblick nach.

»Gewiß,« sagte er dann, »Man hält uns für einen leeren Zug, und niemand wird mich am andern Ende niederblasen.«

George und eine Horde freiwilliger Gehilfen hatten mit vielem Geschrei die Maultiere eingeladen, und der schmalspurige gepanzerte Zug, mit dreizolligen Platten aus Gußstahl so bekleidet, daß er wie ein langer Sarg aussah, stand fertig zum Abfahren da bereit.

Zwei Vorwagen befanden sich vor der Lokomotive und waren vollständig mit Panzerplatten bedeckt, nur der erste hatte vorn eine Oeffnung für die Mündung eines Maschinengeschützes, während der zweite Wagen auf jeder Seite eine solche Oeffnung besaß, um seitwärts feuern zu können. Beide Wagen bildeten zusammen ein langes, gewölbtes Zimmer aus Eisen, in dem eine Abteilung Artilleristen lärmte.

»Whitechapel – der letzte Zug! Ah, ich sehe, wie Ihr dort in der ersten Klasse jemanden küßt!« rief ein Artillerist ans, gerade als Dick in den vordersten Wagen kollerte.

»Himmel! Da ist ein wirklicher, lebendiger Passagier für den Kew-Tanai-Actoa-Frühzug.« – »Echo, Herr! Extrablatt! Star, Herr!« – »Soll ich Ihnen einen Fußwärmer bringen?« fragte ein anderer.

»Danke. Ich will meinen Eintritt bezahlen,« sagte Dick, worauf sich bis zur Ankunft des Subalternoffiziers ein sehr freundschaftlicher Verkehr entwickelte, dann rüttelte der Zug auf der rauhen Bahn fort.

»Dieses ist eine sehr große Verbesserung bei dem Feuern auf die unempfindlichen Fuzzies in offenem Felde,« bemerkte Dick von seinem Platze in einer Ecke aus.

»O, aber sie hat noch keinen Eindruck auf sie gemacht. Da geht es los!« sagte der Offizier, als eine Kugel gegen die Außenseite des Wagens schlug. »Wir haben immer mindestens einen Angriff auf den Abendzug. Gewöhnlich greifen sie den letzten Wagen an, wo mein jüngerer Kamerad kommandirt. Er hat den ganzen Spaß von der Geschichte.«

»Doch nicht heute abend! hören Sie!« erwiderte Dick. Einer Salve von anprallenden Kugeln folgte gellendes Geschrei. Die Kinder der Wüste liebten ihre nächtliche Unterhaltung und der Zug bot ein ausgezeichnetes Ziel darauf dar.

»Lohnt es, ihnen einen halben Springer zu geben?« fragte der Offizier den Lieutenant von den Sappeurs, der auf der Maschine stand.

»Ich denke, ja! Es ist dieses meine Sektion der Bahn. Sie werden allen möglichen Unfug mit meinem Bahndämme anstellen, wenn wir ihnen nicht Einhalt thun.«

»Fertig!«

»Grrmph!« machte das Maschinengeschütz durch alle fünf Mündungen, als der Offizier den Hebel zurückzog. Die leeren Patronenhülsen fielen auf den Fußboden, während der Rauch sich nach hinten durch den Wagen zog. Auch am Ende des Zuges wurde gefeuert und aus dem Dunkel der Nacht das Feuer mit großem Geheule erwidert. Dick streckte sich auf dem Fußboden aus, ganz aufgeregt vor Entzücken über das Knallen und den Geruch des Pulvers.

»Gott ist sehr gnädig – ich glaubte niemals, daß ich dies noch einmal hören würde. Gebt ihnen die Hölle, Leute. O, gebt ihnen die Hölle!« rief er aus.

Der Zug hielt vor irgend einem Hindernisse auf der Bahn, worauf eine Abteilung zum Rekognosziren aussteigen mußte, doch kam sie fluchend zurück, um Schaufeln zu holen. Die Kinder der Wüste hatten Sand und Kies auf den Schienen aufgehäuft, so daß zwanzig Minuten verloren wurden, um ihn fortzuräumen. Dann fing das langsame Fahren wieder an, während noch mehr Schüsse, noch mehr Geschrei mit dem stetigen Geknatter des Maschinengeschützes abwechselten; schließlich hatte man noch einige Schwierigkeit mit einer halb ausgehobenen Schiene, bis man in den Schutz des geräuschlosen Lagers bei Tanai-al-Hassan gelangte.

»Nun, Sie haben gesehen, daß es anderthalb Stunden erfordert, um den Zug durchzubringen,« sagte der Subalternoffizier.

»Es war dennoch ein Spaß! Ich wünschte, es hätte noch zweimal so lange gedauert. Wie prächtig muß die Sache sich von außen ausgenommen haben!« sagte Dick, einen Seufzer des Bedauerns ausstoßend.

»Es wird nach den ersten paar Nächten langweilig. Beiläufig, wenn Sie Ihre Maultiere untergebracht haben, so kommen Sie in mein Zelt, ich will sehen, ob ich etwas zu essen finden kann. Ich bin Bennit von den Kanonieren – wo die Artillerie kampirt – und, denken Sie daran, daß Sie nicht im Finstern über meine Zeltstricke stolpern.«

Aber für Dick war ja alles finster. Er konnte die Kamele, die Heuballen, das Kochen, die rauchenden Feuer und die in Lohe getränkte Leinwand der Zelte nur riechen, als er dort stillstand, wo er aus dem Zuge gestiegen und nach George rief. Dieser lud, am Ende des Zuges, seine Maultiere aus.

Die Maschine blies den Dampf fast in Dicks Ohr ab; ein kalter Wind aus der Wüste strich über ihn hin; er war hungrig und fühlte sich ermüdet und schmutzig, so schmutzig, daß er versuchte, seinen Rock mit den Händen zu reinigen. Das war eine vergebliche Arbeit; er steckte die Hände in die Taschen und fing an nachzuzählen, wie oft er in fremden oder entlegenen Orten auf Eisenbahnzüge oder Kamele, Maultiere oder Pferde hatte warten müssen, um sich fortschaffen zu lassen. Zu jener Zeit konnte er sehen – wohl wenig Menschen besser – und der Anblick eines bewaffneten Lagers zur Zeit des Diners unter den Sternen war ein stets neues Vergnügen für das Auge. Da gab es Farbe, Licht und Bewegung, ohne die kein Mensch viel Vergnügen im Leben hat. An diesem Abende blieb für ihn nur noch eine Reise durch die Finsternis, die niemals aufhört, übrig, um einem Menschen zu fügen, wie weit er gereist sei. Dann wollte er Torpenhows Hand noch einmal ergreifen, Torpenhows, der lebend und kräftig war, und mitten in der Aktion lebte, die einst den Ruf eines Mannes gegründet, der Dick Heldar hieß; nicht im geringsten zu verwechseln mit dem blinden, verwilderten Vagabunden, der denselben Namen zu führen schien. Ja, er wollte Torpenhow aufsuchen und dem früheren Leben so nahe als möglich kommen. Später wollte er alles vergessen: Bessie, welche die Melancholie zerstört hatte und beinahe sein eigenes Leben zerstört hätte; Benton, der in einer merkwürdig unreellen Stadt lebte voll von Zinnstiften, Gashähnen und anderer Dinge, die kein Mensch nötig hatte; jenes unverständige Wesen, das ihm Liebe und Treue umsonst angeboten, aber nicht seinen Namen unterschrieben hatte; und vor allem Maisie, die, von ihrem eignen Gesichtspunkte aus, recht hatte in allem, was sie that, aber, o, in dieser Entfernung, so verführerisch schon war.

Georgs Hand legte sich auf seinen Arm und brachte ihn in die Gegenwart zurück.

»Und was nun?« fragte George.

»O ja, natürlich. Was nun? Bringe mich zu den Kameltreibern; wo die Späher sitzen, wenn sie von der Wüste hereinkommen. Sie sitzen bei ihren Kamelen, während diese Korn aus einer an den Ecken hochgebundenen schwarzen Decke fressen. Bringe mich zu ihnen!«

Das Lager war rauh und uneben, so daß Dick häufig über die Stümpfe von Gesträuch stolperte. Die Späher saßen bei ihren Tieren, wie Dick es gesagt. Der Schein von den Dungfeuern flackerte auf ihren bärtigen Gesichtern, während die Kamele an ihrer Seite sprudelten und murmelten. Es lag nicht in Dicks Absicht, mit einem Transporte von Lebensmitteln in die Wüste zu gehen, das würde zu lästigen Fragen führen, und da man einen blinden Nichtkombattanten in der Front nicht gebrauchen kann, so würde er wahrscheinlich genötigt werden, nach Sullkim zurückzukehren. Er mußte allein und sogleich hinausgehen.

»Jetzt noch einen letzten Spaß – den größten von allen,« sagte er. »Friede sei mit euch, Brüder!« Der aufmerksame George führte ihn zu dem Kreise am nächsten Feuer. Die Kamelscheiks neigten ernst den Kopf, während die Kamele, einen Europäer riechend, neugierig zur Seite blickten, wie brütende Hennen, halb bereit, aufzuspringen.

»Ein Tier und einen Treiber, um heute nacht bis zu den Vortruppen zu gehen,« sagte Dick.

»Ein Mulaid?« fragte eine Stimme, spöttisch die Rasse der besten Lastkamele nennend, die er kannte.

»Ein Bisharin,« erwiderte Dick mit großem Ernste. »Ein Bisharin ohne Sattelgallen.«

Zwei oder drei Minuten gingen in tiefem Schweigen vorüber.

»Wir haben diese Nacht Ruhe. Man kann nicht aus dem Lager hinauskommen.«

»Auch nicht für Geld?«

»Hm! Ah! Englisches Geld?«

Ein zweites drückendes Schweigen.

»Wie viel?«

»Fünfundzwanzig Pfund englisches Geld, bezahlt in die Hand des Treibers am Ende meiner Reise, und ebenso viel in die Hand des Kamelscheiks hier, um bezahlt zu werden bei der Rückkehr des Treibers.«

Das war eine fürstliche Bezahlung und der Scheik, der wußte, daß er von dem Depositum seine Kommission erhalten würde, schürte Dicks wegen die Sache an.

»Für kaum einen Nachtmarsch – fünfzig Pfund. Land und Mühlen, gute Bäume und Weiber, um einen Mann für den Rest seiner Tage zufrieden zu machen.«

»Wer spricht?« sagte Dick.

»Ich,« rief eine Stimme. »Ich will gehen – aber man kann nicht aus dem Lager herauskommen.«

»Thor! Ich weiß, daß ein Kamel sein Kniehalfter zerreißen kann und die Schildwachen nicht feuern, wenn man geht, um es wieder einzufangen. Fünfundzwanzig Pfund und noch fünfundzwanzig Pfund. Aber das Tier muß ein gutes Bisharin sein; ich werde kein Lastkamel nehmen.«

Dann fing das Handeln von neuem an und nach einer halben Stunde wurde das erste Depositum dem Scheik eingehändigt, der leise mit dem Treiber sprach. Dick hörte den letzteren sagen: »Nur ein Stückchen Weges außerhalb. Irgend ein Lasttier wird genügen. Bin ich ein Narr, mein Vieh für einen blinden Mann zu riskiren?«

»Obgleich ich nicht sehen kann,« – Dick erhob seine Stimme ein wenig, – »so führe ich doch etwas bei mir, das sechs Augen hat, und der Treiber wird vor mir sitzen. Wenn wir die englischen Truppen nicht bis zur Morgendämmerung erreichen, wird er tot sein.«

»Aber wo, in Gottes Namen, befinden sich die Truppen?«

»Wenn Du es nicht weißt, so lasse einen andern Mann reiten. Weißt Du es? Denke daran, daß es Leben oder Tod für Dich ist.«

»Ich weiß es,« sagte der Treiber mürrisch. »Stelle Dich hinter mein Tier. Ich will es los lassen.«

»Nicht so rasch. George, halte den Kopf des Kamels einen Augenblick; ich will seine Backe befühlen.« Die Hände wanderten über die Haut, bis sie den eingebrannten Halbkreis fanden, das Zeichen des Bisharin, des leicht gebauten Reitkamels. »Das ist gut. Schneide dieses eine los. Denke daran, daß Gottes Segen nicht über den kommt, der versucht, den Blinden zu betrügen.«

Die Männer bei den Feuern kicherten über die Niederlage des Kameltreibers. Er hatte beabsichtigt, ein träges, sattelgalliges Lasttier unterzuschieben.

»Stelle Dich dahinter!« rief jemand, das Bisharin unter den Bauch mit einem Dorn schlagend. Dick gehorchte, sobald er den Nasenriemen fest in seiner Hand fühlte, worauf ein Schrei folgte. »Illaha, aho! Es ist los!«

Mit einem Schrei und Gegrunze erhob das Bisharin sich auf seine Füße und tauchte nach vorwärts der Wüste zu, gefolgt von seinem schreienden und jammernden Treiber. George ergriff Dick am Arm und lief mit ihm dicht, bei einer Schildwache vorüberstolpernd, die an das Losbrechen von Kamelen gewöhnt war.

»Was ist denn das nun für ein Lärm?« schrie sie.

»Jedes Stück von meiner Ausrüstung auf diesem verdammten Dromedar,« antwortete Dick in dem Tone eines gewöhnlichen Soldaten.

»Lauf zu und nimm Dich in acht, daß man Dir draußen nicht die Kehle durchschneidet – Dir und Deinem Dromedar.«

Das Geschrei hörte auf, als das Kamel hinter einem Hügel verschwunden war, worauf sein Treiber es zurückrief und niederknien ließ.

»Steige zuerst auf,« sagte Dick. Dann kletterte er in den zweiten Sitz und druckte die Mündung des Revolvers gegen den Rucken des Gefährten »Geh in Gottes Namen und schnell. Leb wohl, George. Grüße Madame von nur und amüsire Dich mit Deinem Mädchen. Vorwärts, Kind des Pit««

Wenige Minuten später war er von tiefem Schweigen umgeben, das kaum von dem Knarren des Sattels und dem leisen Tritt der unermüdlichen Fuße unterbrochen wurde. Dick bequemte sich gemächlich dem Schaukeln der Gangart an, zog seinen Gürtel fester und fühlte die Finsternis an sich vorübergleiten. Während einer Stunde war er sich nur des Gefühles des raschen Vorwartskommens bewußt

»Ein gutes Kamel,« sagte er schließlich

»Es ist niemals schlecht gehalten worden. Es ist von meiner eignen und reinen Zucht,« erwiderte der Treiber.

»Vorwärts!«

Sein Kopf sank auf seine Brust und er versuchte nachzudenken, aber der Gang seiner Gedanken wurde unterbrochen, weil er sehr schläfrig war. In dem halben Dusel schien es ihm, als ob er bei Mrs. Jennet zur Strafe eine Hymne lernen müsse. Er hatte irgend ein Verbrechen begangen, wie Sabbathschändung, und sie ihn in seinem Schlafzimmer eingeschlossen. Aber er konnte nur die beiden ersten Zeilen der Hymne wiederholen

Als Israel, das der Herr geliebt.
Heim aus dem Land der Knechtschaft kam

Er sagte dieselben immer wieder her. Der Treiber drehte sich im Sattel, um zu sehen, ob eine Gelegenheit sich darböte, sich des Revolvers zu bemächtigen und den Ritt zu beendigen. Dick richtete sich auf und schlug ihm mit dem Kolben über den Kopf und wurde wieder vollständig wach. Jemand, in einem Haufen Kameldorn verborgen, schrie, als das Kamel sich eine Bodenerhöhung hinaufarbeitete. Ein Schuß fiel, worauf tiefes Schweigen eintrat, das den Wunsch zu schlafen mit sich brachte. Dick konnte nicht mehr nachdenken. Er war zu ermüdet, steif und krampfig, um mehr thun zu können als von Zeit zu Zeit mit dem Kopfe zu nicken, ruckweise zu erwachen und den Treiber mit dem Revolver zu schlagen.

»Ist Mondschein?« fragte er schläfrig.

»Der Mond geht bald unter.«

»Ich wollte, ich könnte ihn sehen. Halte das Kamel an. Ich will wenigstens die Sprache der Wüste hören.«

Der Mann gehorchte. Aus der tiefsten Stille kam der Atem des Windes. Es raschelte in den abgefallenen Blättern eines Strauches und hörte dann auf. Eine Handvoll trockener Erde löste sich vom Rande eines Regengrabens und kollerte leise auf den Boden.

»Weiter! Die Nacht ist recht kalt.«

Diejenigen, die bis zum Morgen gewacht haben, wissen, wie sich die letzte Stunde vor Sonnenaufgang zu einer Ewigkeit ausdehnt. Es kam Dick so vor, als ob er seit dem Beginne der ursprünglichen Finsternis nichts anderes gethan hätte, als sich durch die Luft rütteln zu lassen. Einmal in tausend Jahren berührte er mit den Fingern die Nägelköpfe vorn auf dem Sattel und zählte sie sorgfältig. Jahrhunderte später nahm er den Revolver aus der rechten in die linke Hand und ließ den ermüdeten Arm herunterhängen. Von dem sichern London her war er beschäftigt gewesen, auf sich zu achten.

Der Treiber grunzte und Dick bemerkte eine Veränderung im Luftzuge.

»Ich rieche die Dämmerung,« flüsterte er.

»Sie ist da, und dort sind die Truppen. Habe ich es gut gemacht?«

Das Kamel streckte seinen Hals aus und schrie, als mit dem Winde der scharfe Geruch der Kamele im Viereck herüberkam.

»Vorwärts. Wir müssen schnell dort sein. Vorwärts.«

»Im Lager findet eine Bewegung statt. Der Staub ist so dicht, daß ich nicht sehen kann, was sie machen.«

»Bin ich besser daran? Nur vorwärts.«

Sie konnten das Gesumme von Stimmen vor ihnen hören, das Heulen und Brummen der Tiere und das heisere Schreien der Soldaten, die sich rüsteten.

Zwei oder drei Schüsse fielen.

»Ist das für uns? Sie können doch genau sehen, daß ich ein Engländer bin.« sagte Dick ärgerlich.

»Nein, es kommt von der Wüste her,« antwortete der Treiber, sich in seinem Sattel deckend.

»Geh vorwärts, mein Kind! Es ist gut, daß die Dämmerung uns nicht eine Stunde früher hat entdecken lassen.«

Das Kamel eilte gerade auf die Kolonne zu, während die Schüsse hinter demselben sich vervielfältigten. Die Kinder der Wüste hatten die allerunangenehmste Ueberraschung für die englischen Truppen ins Werk gesetzt, einen Angriff in der Morgendämmerung, und nahmen ihre Distanz durch Versuchsschüsse auf den einzigen Gegenstand, der sich außerhalb des Carrés bewegte.

»Welches Glück! Welches großartige Glück!« sagte Dick. »Es ist, wie gerade vor der Schlacht, Mutter. O, Gott ist sehr gütig gegen mich gewesen! Nur« – das Schmerzliche des Gedankens ließ ihn einen Moment die Augen aufreißen – »Maisie …«

»Allahu! Wir sind darin,« sagte der Mann, als er in die Nachhut ritt und das Kamel niederkniete.

»Wer zum Henker sind Sie? Depeschen oder was? Wie stark ist der Feind hinter jenem Hügelrücken? Wie sind Sie durchgekommen?« fragte ein Dutzend Stimmen. Statt jeder Antwort holte Dick tief Atem, löste seinen Gürtel und rief vom Sattel aus mit einer ermüdeten und vom Staube heiseren Stimme: »Torpenhow! O, Torp! Cu–ca, Tor–pen–how!«

Ein bärtiger Mann, der in der Asche eines Feuers herumstocherte nach einer Kohle für seine Pfeife, lief rasch auf diesen Ruf herbei, als die Nachhut nach den Rauchwolken von den Hügeln rings umher zu feuern begann. Allmälich zogen sich die vereinzelten weißen Wölkchen zu einer langen weißen Linie zusammen, die in der Stille der Dämmerung hing, bevor sie wie Wellen in die Thäler glitt. Die Soldaten im Carré husteten und fluchten über ihren eigenen Rauch, der sie am Sehen verhinderte, und rückten vor, um aus demselben herauszukommen. Ein verwundetes Kamel sprang auf und schrie laut; der Schrei endete mit einem murmelnden Röcheln; es hatte ihm jemand die Kehle durchschnitten, um Verwirrung zu verhüten. Dann kam das schwere Stöhnen eines Mannes, der von einer Kugel seine Todeswunde erhalten hatte; dann ein gellender Schrei und verdoppeltes Feuern.

Es war keine Zeit, viel zu fragen.

»Komme herunter, Mann! Komme herunter hinter das Kamel!«

»Nein. Bringen Sie mich, ich bitte, zur Front des Gefechtes.« Dick wandte sein Gesicht Torpenhow zu und erhob die Hand, um seinen Helm gerade zu setzen, stieß denselben indes herunter, da er die Entfernung falsch berechnet hatte. Torpenhow sah, daß sein Haar an den Schläfen grau geworden, sein Gesicht das eines alten Mannes geworden war.

»Kommen Sie herunter, Sie verdammter Narr! Dickie, kommen Sie herunter!«

Dick kam gehorsam herunter, doch wie ein Baum fällt, seitwärts aus des Bisharin Sattel zu Torpenhows Füßen stürzend. Sein Glück hatte bis zuletzt standgehalten, gerade bis zur letzten Gnade einer mitleidigen Kugel durch den Kopf. Torpenhow kniete unter dem Schutze des Kamels, mit Dicks Körper in seinen Armen.

Zweites Kapitel.

Zweites Kapitel.

»Ich bin nicht ärgerlich über das britische Publikum, aber ich wünsche doch, wir hätten hier einige Tausend davon zwischen den Felsen zerstreut; sie würden dann gewiß nicht in solcher Eile sein, ihre Morgenzeitung zu erhalten. Könnt Ihr Euch den pedantischen Hausherrn – den Freund der Gerechtigkeit, den ständigen Leser, Paterfamilias und all das Zeug – vorstellen, schmorend auf heißem Kies?«

»Mit einem blauen Schleier über seinem Haupte und zerrissenen Kleidern. Hat irgend jemand hier eine Nadel? Ich habe ein Stück von einem Zuckersack bekommen.«

»Ich will Ihnen eine Stecknadel leihen für sechs Quadratzoll davon. Meine beiden Kniee sind durchgescheuert.«

»Weshalb nicht gleich sechs Quadrat-Acres, da Sie doch einmal beim Fordern sind? Doch leihen Sie mir die Nadel, und ich will sehen, was ich mit dem Fetzen anfangen kann. Ich glaube nicht, daß genug davon vorhanden ist, um meinen königlichen Leib gegen den kalten Zug zu beschützen, der augenblicklich weht. Was machen Sie denn mit Ihrem ewigen Skizzenbuche, Dick?«

»Studien von unserem Spezialkorrespondenten, seine Hosen ausbessernd,« antwortete Dick ernsthaft, während der andere Mann ein Paar sehr abgetragener Reithosen hervorzog und anfing, ein viereckiges Stück grober Sackleinwand auf die am meisten sichtbaren offenen Stellen zu setzen. Er murrte entmutigt, als sich die ungeheure Ausdehnung des leeren Raumes vor ihm entfaltete.

»Kaffeesäcke, in der That! Heda! Du, Lotse dort, leihe mir die sämtlichen Segel Deines Walfischbootes!«

Ein mit einem Fez bedeckter Kopf richtete sich in den Sternschooten auf, in zwei genau gleich große Hälften durch ein aufblitzendes Grinsen geteilt, und verschwand dann wieder. Der Mann mit den beschädigten Hosen, nur mit einem Norfolk-Jaquet und einem grauen Flanellhemd bekleidet, fuhr mit seiner Näharbeit fort, während Dick über seiner Skizze kicherte.

Einige zwanzig Walfischboote lagen mit der Nase auf einer Sandbank, die mit sich badenden oder ihre Kleider waschenden englischen Soldaten von einem halben Dutzend Corps bedeckt war. Ein Haufen von Bootwalzen, Kommissariatskisten, Zuckersäcken, Mehl- und Munitionskisten für Handfeuerwaffen zeigte, wo eins der Walfischboote gezwungen gewesen war, hastig seine Ladung zu löschen; ein Regimentszimmermann fluchte laut, als er versuchte, mit einem gänzlich unzureichenden Stück Zinn die von der Sonne ausgedörrten offenen Fugen des Bootes zu verstopfen.

»Erst bricht das verflixte Ruder ab,« sagte der Mann vor sich hin, »dann geht der Mast zum Henker, und zuletzt öffnet sich das Boot wie ein hahnenäugiger chinesischer Lotus!«

»Genau der Fall wie mit meinen Hosen,« sagte der Nähende, ohne aufzublicken. »Dick, ich bin wirklich neugierig, wann ich wieder einen anständigen Laden zu Gesicht bekommen werde.«

Er erhielt keine Antwort, nur das unaufhörliche starke Murmeln des Nil ließ sich hören, der um die Basaltufer einer Biegung strömte und eine halbe Meile stromaufwärts über ein Felsriff schäumte. Es war, als ob die braune Masse des Flusses die weißen Männer in ihr eigenes Land zurücktreiben wollte. Der unbeschreibliche Geruch des Nilschlammes verkündete, daß der Strom im Fallen begriffen sei und daß es für die Walfischboote keine leichte Arbeit sein würde, die nächsten paar Meilen zu überwinden. Die Wüste stieg bis zu den Ufern hinab, wo zwischen grauen, roten und schwarzen Hügeln ein Kamelcorps lagerte. Niemand durfte es wagen, auch nur für einen Tag die Fühlung mit den langsam sich vorwärts bewegenden Booten zu verlieren; seit Wochen hatte kein Gefecht stattgefunden und während der ganzen Zeit der Nil ihnen viel zu schaffen gemacht. Eine Stromschnelle war der andern gefolgt, ein Fels dem andern und Inselgruppe auf Inselgruppe, bis die ganze Kolonne seit langem jede Berechnung bezüglich der Richtung und beinahe auch der Zeit verloren hatte. Sie bewegten sich irgendwohin und wußten nicht, weshalb, und verrichteten Dinge, ohne zu wissen, was. Vor ihnen lag der Nil und am andern Ende desselben befand sich Gordon, kämpfend um sein teures Leben, in einer Stadt, genannt Khartum. In der Wüste, oder in einer der zahlreichen Wüsten, marschirten Kolonnen britischer Truppen, andere Kolonnen befanden sich auf dem Strome, während noch mehr Truppenkörper warteten, sich ebenfalls auf dem Flusse einzuschiffen; frische Fahrzeuge warteten in Assiut und Assuan; Lügen und Gerüchte waren von Suakim bis zum sechsten Katarakt über die ganze Ausdehnung des hoffnungslosen Landes verbreitet, und man vermutete allgemein, daß irgend jemand an der Spitze stehen müsse, welcher den Generalplan aller dieser mannigfachen Bewegungen dirigire. Die Aufgabe dieser besonderen Flußkolonne war, die Walfischboote flott auf dem Wasser zu erhalten, zu verhindern, daß die Ernte der Dorfbewohner niedergetreten werde, wenn die Leute die Boote mit Tauen von der Mitte des Stromes ans Ufer zogen, drittens so viel Schlaf und Nahrung als möglich zu sich zu nehmen und vor allem ohne Aufenthalt so weit als möglich den sprudelnden Nil aufwärts vorzudringen.

Mit den Soldaten gemeinschaftlich schwitzten und plagten sich die Korrespondenten der verschiedenen Zeitungen; sie waren meistens ebenso unwissend als ihre Gefährten über das, was vorging. Aber es war vor allen Dingen absolut notwendig, daß England beim Frühstück sich unterhielt, zitterte und sich interessirte, ob Gordon lebte oder tot sei, oder die Hälfte der britischen Armee im Wüstensande zu Grunde gegangen. Der Feldzug im Sudan war ein pittoresker und eignete sich vortrefflich dazu, eine Schilderung mit Worten durch Skizzen zu beleben, hin und wieder richtete ein Spezialkünstler es so ein, daß er erschlagen wurde – was nicht immer gerade ein Nachteil für das Blatt war, das ihn angestellt hatte – und noch häufiger bot der Verlauf der meistens aus Handgemengen bestehenden Gefechte Gelegenheit, wunderbare Rettungen und merkwürdiges Entrinnen, zu achtzehn Pence das Wort, nach der Heimat zu telegraphiren. Bei den verschiedenen Corps und Kolonnen gab es Korrespondenten aller Art, von den Veteranen, die der Kavallerie bei der 1882 ausgeführten Einnahme von Kairo, als Arabi-Pascha sich selbst noch König nannte, auf dem Fuße gefolgt waren, und dann die ersten elenden Schanzen rings um Suakim gesehen hatten, wo die Schildwachen des Nachts aufgehoben und ermordet wurden – von diesen Veteranen bis zu den telegraphisch berufenen jungen Korrespondenten, die an Stelle von getöteten oder invalid gewordenen, besseren Leuten treten, sollten.

Zu diesen Senioren, die jeden oft überraschenden Wechsel in den Posteinrichtungen ebenso gut kannten wie den Wert des elendesten Karrengauls in Kairo oder Alexandrien, die es verstanden, einen Telegraphenbeamten bis zur Liebenswürdigkeit zu bringen und die geräuschvolle Eitelkeit eines frisch ernannten Offiziers des Stabes zu besänftigen, wenn die Bestimmungen über die Presse zu lästig wurden – zu diesen Senioren gehörte auch der Mann im Flanellhemde, der schwarzhaarige Torpenhow. Er repräsentirte im Feldzuge das Central Southern Syndikat, wie er dasselbe bereits im ägyptischen Kriege und anderswo repräsentirt hatte. Das Syndikat befaßte sich selbst nicht besonders mit Kritiken über Attaken und dergleichen. Es sorgte für die Unterhaltung der Massen, und alles, was es verlangte, waren Skizzen und zahlreiche Einzelheiten; denn in England ist mehr Freude über einen Soldaten, der subordinationswidrig aus dem Carré heraustritt, um einen Kameraden zu befreien, als über zwanzig Generale, die mit den einfältigen Details des Transportes und der Verpflegung sich abquälen, bis sie kahlköpfig werden. Er hatte in Suakim einen jungen Mann angetroffen, der auf dem Rande einer vor kurzem verlassenen Redoute saß, die etwa die Gestalt einer Hutschachtel hatte, und einen Haufen von Leichen skizzirte, die, von Granaten zerrissen, auf der mit Kies bedeckten Ebene lagen.

»Für wen sind Sie hier?« fragte Torpenhow. Die Begrüßung eines Korrespondenten gleicht derjenigen eines Geschäftsreisenden auf der Landstraße. »Auf eigene Hand,« antwortete der junge Mann, ohne aufzublicken, »Haben Sie etwas Tabak?«

Torpenhow wartete, bis die Skizze beendigt war, und als er dieselbe betrachtet, sagte er: »Was für eine Beschäftigung haben Sie hier?«

»Gar keine; es bot sich mir Gelegenheit zu einer Ruderfahrt dar, und so kam ich her. Man nahm an, daß ich hier unten etwas an den gemalten Streifen der Boote zu thun hatte, oder auch beauftragt sei, den Kondensator auf einem der Wasserschiffe zu beaufsichtigen. Ich habe vergessen, auf welchem.«

»Sie haben Keckheit genug, um überall durchzukommen,« sagte Torpenhow und nahm die Skizzenmappe seines neuen Bekannten auf. »Zeichnen Sie immer so wie das hier?«

Der junge Mann zeigte ihm noch andere Skizzen.

»Ruderfahrt auf einem chinesischen Schweineboot,« sagte er erläuternd, ihm eine der Zeichnungen zeigend, »Obersteuermann, erdolcht von einem Comprador. – Dschunke an der Küste von Hakodate. – – Ein Somali-Maultiertreiber, der gepeitscht wird. – Eine Granate, über dem Lager von Berbera platzend. – Sklaven-Dhau in der Tajurrah-Bai gejagt. – Ein toter Soldat im Mondlicht außerhalb Suakims, die Kehle von Fuzzies durchgeschnitten.«

»Hm!« sagte Torpenhow, »kann gerade nicht behaupten, daß ich Werestschagin besonders liebe; aber über den Geschmack kann man nicht streiten, haben Sie jetzt irgend etwas zu thun?«

»Nein, ich amüsire mich hier.«

Torpenhow betrachtete die schreckliche Trostlosigkeit des Platzes.

»Wahrlich, Sie haben sonderbare Ansichten über Amusement. Haben Sie noch Geld?«

»Genug, um weiter zu gehen. Doch wohlan; können Sie mich für Kriegsarbeit gebrauchen?«

»Ich nicht, doch mein Syndikat vielleicht, Sie können mehr als ein bißchen zeichnen und ich vermute, Sie bekümmern sich nicht viel darum, was Sie bekommen können, nicht wahr?«

»Jetzt nicht. Ich warte auf die erste günstige Gelegenheit.«

Torpenhow betrachtete nochmals die Skizzen und nickte mit dem Kopfe, »Ja, Sie haben recht, Ihre erste günstige Gelegenheit zu benützen, wenn Sie eine ergreifen können.«

Er ritt schnell davon durch das Thor der »Zwei Kriegsschiffe«, klapperte über den Damm in die Stadt und telegraphirte an sein Syndikat: »Einen Mann hier gefunden, Maler. Gut und billig. Soll ich Sache arrangiren? Wird Skizzen liefern!«

Der Mann auf der Redoute saß da, mit den Beinen schlenkernd, und murmelte:

»Ich wußte, daß die Gelegenheit kommen würde, früher oder später. Bei Gott! Sie sollen schwitzen dafür, wenn ich lebendig aus diesem Geschäfte hier davonkomme!«

An demselben Abende war Torpenhow im stande, seinem jungen Freunde anzukündigen, daß die Central Southern Agentur willens sei, ihn aus Probe anzunehmen und alle Unkosten für die nächsten drei Monate zu bezahlen. »Und, beiläufig, wie ist Ihr Name?« fragte Torpenhow.

»Heldar. Laßt man mir freie Hand?«

»Man hat Sie auf Risiko angenommen; es ist an Ihnen, diese Wahl zu rechtfertigen. Sie würden besser thun, sich an mich anzuschließen. Ich gehe mit einer Kolonne das Land aufwärts, und will für Sie thun, was ich kann. Geben Sie mir einige von Ihren Skizzen, die Sie hier gemacht haben, ich will sie den Leuten hinschicken.« Zu sich selbst sagte er: »Das ist der beste Handel, den die Central Southern jemals gemacht hat; und sie hatten mich selbst doch billig genug bekommen.«

So ereignete es sich denn, daß, nachdem er einige Einkäufe von Pferdefleisch und finanzielle wie politische Arrangements getroffen, Dick als Geselle freigesprochen wurde von der »Neuen und Ehrenwerten Brüderschaft« der Kriegskorrespondenten, die alle das unveräußerliche Recht besitzen, so viel zu arbeiten, wie sie können und dafür so viel zu empfangen, wie es der Vorsehung und ihren Prinzipalen beliebt, ihnen zu geben. Zu diesen Vorrechten kommt noch die Macht hinzu, so eindringlich zu sprechen, daß weder Mann noch Weib widerstehen können, wenn es sich um eine Mahlzeit oder ein Bett handelt; ferner besitzt er das Auge eines Roßtäuschers, das Geschick eines Kochs, die Konstitution eines Stieres, die Verdauung eines Straußen und eine unbegrenzte Fähigkeit, sich allen Verhältnissen anzupassen. Indes sterben manche, bevor sie es zu diesem Grade von Vollkommenheit gebracht haben, und die Meister in der Kunst erscheinen meistenteils in elegantem Anzuge, wenn sie wieder in England sind, wodurch natürlich ihr Ruhm der großen Menge verborgen bleibt.

Dick folgte Torpenhow überall, wohin es dessen Phantasie beliebte, ihn zu führen, und sie fertigten zu zweien manche Arbeit an, die meistens sie selbst sehr befriedigte. Es war in keiner Hinsicht ein leichtes, gemächliches Leben, das sie führten, doch wurden sie durch dasselbe wirklich innig zu einander hingezogen; denn sie aßen aus derselben Schüssel, teilten dieselbe Wasserflasche mit einander und schickten, was sie am meisten verband, zusammen ihre Postsendungen ab. Dick war es, dem es gelang, einen Telegraphenbeamten in einer Palmenhütte, weit jenseits des zweiten Kataraktes, gewaltig betrunken zu machen und sich dann, während der Mann selig auf dem Fußboden lag, in den Besitz einiger mühsam erlangten, geheimen Informationen zu setzen, die von einem vertrauten Korrespondenten eines konkurrirenden Syndikates abgesandt worden waren. Er fertigte ein sorgfältiges Duplikat des Berichtes an und brachte Torpenhow das Resultat seiner Arbeit; der sagte, alles sei erlaubt in der Liebe oder in der Kriegskorrespondenz, und fertigte dann einen vortrefflichen Artikel aus seines Nebenbuhlers wortreichem Aufsatz an. Torpenhow war es – doch die Erzählung ihrer Abenteuer, gemeinschaftlicher und einzelner, von Philae bis zu der weiten Wildnis von Herawi und Muella, würde Bücher anfüllen. Sie waren Seite an Seite in einem Carré eingeschlossen gewesen, in der größten Gefahr, von den aufgeregten Soldaten erschossen zu werden; sie hatten in der kalten Dämmerung mit den Bagagekamelen gekämpft; sie waren in der blendenden Sonne auf unermüdlichen, kleinen ägyptischen Pferden schweigend dahingetrabt, und sie hatten sich abgemüht auf den Untiefen des Nils, wenn die Walfischboote, in denen sie einen Platz gefunden, auf einen verborgenen Felsen stießen und die Hälfte ihrer Bodenplanken aufgerissen wurde.

Jetzt saßen sie auf der Sandbank, während die Walfischboote die Nachzügler der Kolonne heranbrachten.

»Ja,« sagte Torpenhow, als er die letzten ungeschickten Stiche in seinen schon lange vernachlässigten Kleidern anbrachte, »es war eine schöne, herrliche Beschäftigung, die wir gehabt.«

»Das Flicken oder der Feldzug?« fragte Dick. »Ich, meinerseits, halte nicht besonders viel von beiden.«

»Sie wollen den ›Euryalus‹ bis oberhalb des dritten Kataraktes hinaufgebracht haben, nicht wahr? und Einundachtzig-Tonnen-Geschütze nach Jakdul? Nun, was mich anbetrifft, so bin ich sehr befriedigt über meine Hosen.« Er drehte sich ganz ernsthaft um sich selbst, um seine Person zu zeigen, auf die Art, wie es die Clowns machen.

»Es ist wirklich sehr hübsch, besonders die Buchstaben auf dem Sacke: G. B. T. ›Gouvernements-Büffel-Train‹. Das ist ein Sack aus Indien.«

»Es sind die Anfangsbuchstaben meines Namens: Gilbert Belling Torpenhow. Ich stahl das Zeug nur deswegen. Was für Unheil stiftet denn das Kamelcorps dort hinten an?« Torpenhow beschattete seine Augen mit der Hand und blickte über den Kies.

Ein Horn ertönte aus aller Macht; die Leute am Ufer liefen zu ihren Waffen und ihrer Ausrüstung.

»Eingeborene Soldaten beim Baden überrascht,« bemerkte Dick ruhig. »Erinnern Sie sich des Gemäldes? Es ist von Michel Angelo; alle Anfänger kopiren es. Der Kies wimmelt von lauter Feinden.«

Der Befehlshaber des Kamelcorps am Ufer schrie der Infanterie zu, sich mit ihm zu vereinigen, während ein heiseres Geschrei stromabwärts verkündete, daß die Nachzügler der Kolonne von dem Ueberfalle Wind bekommen hatten und sich beeilten, an dem Gefechte teilzunehmen. So plötzlich wie eine Fläche ruhigen Wassers vom Winde gekräuselt wird, so rasch belebten sich die felsigen Höhen und die mit Gesträuch bedeckten Hügel mit bewaffneten Männern. Glücklicherweise standen diese letzteren eine Zeit lang ziemlich entfernt und begnügten sich, laut zu schreien und lebhaft zu gestikuliren; ein Mann hielt ihnen sogar eine lange Rede. Das Kamelcorps feuerte nicht; die Soldaten waren sehr froh, einen Augenblick verschnaufen zu können, bis eine Art von Carré formirt werden konnte. Die Leute auf der Sandbank liefen dorthin und stellten sich seitwärts auf, während die Walfischboote, als sie bis auf Rufweite sich herangequält hatten, am nächsten Ufer anlegten und alle Gesunden ausschifften, nur die Kranken und einige Leute au Bord behaltend, um die Boote zu bewachen. Der arabische Redner hatte seine Ansprache beendigt, worauf seine Gefährten ein fürchterliches Geheul ausstießen.

»Sie sehen gerade so aus wie die Leute des Mahdi,« sagte Torpenhow, sich Bahn machend in das Gedränge des Carrés hinein, »aber wie viel Tausende von ihnen sind dort! Die Stämme hier aus der Umgegend sind uns nicht feindlich gesinnt, so viel ich weiß.«

»Dann haben die Truppen des Mahdi wieder eine Stadt eingenommen,« erwiderte Dick, »und alle diese bellenden Teufel losgelassen, um uns aufzufressen. Leihen Sie mir Ihr Glas.«

»Unsere Späher hätten uns von dieser Geschichte benachrichtigen sollen. Wir sind in eine Falle geraten,« bemerkte ein Subalternoffizier. »Werden denn die Kanonen des Kamelcorps nicht bald zu feuern anfangen? Rasch, ihr Leute, beeilt euch!«

Es bedurfte gar keines Befehles hierzu. Die Soldaten flogen von selbst keuchend nach den Seiten des Carrés, denn sie wußten nur zu gut, daß diejenigen, welche sich außerhalb desselben befanden, wenn das Gefecht begann, sehr wahrscheinlich auf eine außerordentlich unangenehme Weise getötet würden. Die kleinen, hundertundfünfzig Pfund schweren Geschütze des Kamelcorps, die an den Ecken des Carrés aufgestellt waren, eröffneten den Ball, als das Carré sich nach rechts vorwärts bewegte, um Besitz von einem kleinen Erdhügel auf dem ansteigenden Boden zu nehmen. Alle hatten auf diese Art bereits manchesmal gefochten, es war demnach nichts Neues mehr für die Soldaten; stets dieselbe heiße und erstickende Formation, der Geruch von Staub und Leder, derselbe plötzliche, blitzartige Ansturm des Feindes, dasselbe Gedränge und Drücken auf der schwächsten Seite des Carrés, einige Minuten lang ein verzweifeltes Handgemenge und darauf das Schweigen der Wüste, nur unterbrochen von dem Geschrei derjenigen, welche die Handvoll Kavallerie zu verfolgen versuchte. Die Leute waren sorglos geworden. Die Geschütze ließen in Zwischenpausen ihre Stimme ertönen, während das Carré inmitten der widerspenstigen Kamele langsam vorrückte. Darauf kam der Angriff von dreitausend Mann, die nicht aus Büchern gelernt hatten, daß es für eine undisziplinirte Truppe unmöglich ist, in geschlossener Ordnung ein mit Hinterladern bewaffnetes Carré anzugreifen. Einige wenige vereinzelte Schüsse verkündeten ihre Annäherung; einige Reiter führten die Angreifer an, doch die Masse des Feindes bestand aus nackten Menschen, wahnsinnig vor Wut, mit Speer und Schwert bewaffnet. Der Instinkt der Wüste, in der stets Krieg geführt wird, sagte ihnen, daß die rechte Flanke des Carrés die schwächste sei, denn sie schwenkten von der Front ab. Die Kamelkanonen beschossen sie, als sie vorüberstürmten, und öffneten für einen Augenblick förmliche Straßen mitten durch sie hindurch, ähnlich den sich rasch schließenden Durchblicken, wenn ein Eisenbahnzug bei einem Hopfengarten vorüber saust, während das Gewehrfeuer der Infanterie, bis zum günstigsten Augenblick zurückgehalten, sie in dichten Massen zu Hunderten über den Haufen warf. Keine zivilisirten Truppen der Welt hätten die Hölle ertragen, durch welche die Araber des Mahdi kamen, die Ueberlebenden hoch aufspringend, um die Sterbenden zu vermeiden, die sich an ihre Fersen anklammerten, die Verwundeten verfluchend und nur vorwärts stürzend, bis sie – gleich einem schwarzen Strom – wie das über einen Mühlendamm gleitende Wasser – auf die rechte Flanke des Carrés sich warfen. Dann verschwand die Linie der mit Staub bedeckten Soldaten und der hellblaue Himmel der Wüste über ihnen in dem aufwallenden Rauche, während die kleinen Steine auf dem erhitzten Boden und die zu Zunder gedörrten Haufen von Gestrüpp zu Gegenständen des größten Interesses wurden, denn sterbende Männer suchten hinter denselben Schutz und einen Augenblick Erholung, sich mechanisch einen Weg hauend durch die Zweige und hinter den Steinen sich verbergend. Der ganze Kampf zeigte nicht die mindeste Ähnlichkeit mit einem vorher geplanten, regelrechten Gefechte. Soviel die Soldaten aus Erfahrung wußten, würde der Feind versuchen, alle vier Seiten des Carrés zu gleicher Zeit anzugreifen; ihre Aufgabe bestand deshalb darin, alles zu vernichten, was vor ihrer Front sich befand, mit dem Bajonett diejenigen von hinten niederzustoßen, die über sie hinweggesprungen, um noch sterbend ihren Feind niederzureißen, bis irgend ein Gewehrkolben denselben den Kopf zerschmetterte.

Dick wartete ruhig mit Torpenhow und einem jungen Arzte, bis das Gedränge unerträglich wurde. Es bestand gar keine Hoffnung, den Verwundeten Beistand leisten zu können, bis der Angriff abgeschlagen sein würde, daher bewegten sich die drei Männer allmälich nach der schwächsten Flanke hin. Plötzlich erfolgte ein Ansturm von außen, das kurze »Huf-Huf« der Speerstöße ließ sich vernehmen, während ein Mann zu Pferde, gefolgt von dreißig bis vierzig anderen, schreiend und hauend durchbrach. Die rechte Flanke des Carrés zog sich hinter ihnen wieder zusammen, während die anderen Seiten Unterstützung sandten. Die Verwundeten, die wußten, daß sie nur noch wenige Stunden zu leben hatten, packten die Feinde an den Füßen und rissen sie von den Pferden oder schleppten sich zu einem fortgeworfenen Gewehre und feuerten blindlings in das Handgemenge, das im Zentrum des Carrés wütete. Dick war sich bewußt, daß ihn jemand heftig durch den Helm auf den Kopf gehauen, daß er seinen Revolver auf einen Schwarzen abgefeuert hatte, dessen mit Schaum bedecktes Gesicht keinem menschlichen Antlitze mehr ähnlich sah, und daß Torpenhow unter einem Araber niedergesunken war, den er versucht hatte, beim Kragen zu packen und zu Boden zu werfen, und sich nun mit seinem Gefangenen herumwälzte, nach des Mannes Augen tastend. Der Doktor focht auf gut Glück mit einem Bajonett, wahrend ein helmloser Soldat über Dicks Schulter feuerte, so daß die umherfliegenden Pulverkörner ihn in die Wange stachen. Dick wandte sich aus Instinkt Torpenhow zu. Der Repräsentant Central Southern Syndikates hatte sich selbst seinen Gegner abgeschüttelt und erhob sich gerade, seinen Daumen an den Hosen abwischend. Der Araber, beide Hände vor die Stirn haltend, brüllte laut, dann ergriff er seinen Speer und stürzte auf Torpenhow zu, der, unter dem Schutze von Dicks Revolver, keuchend dastand. Dick feuerte zweimal, worauf der Mann langsam zusammenbrach; in seinem aufwärts gekehrten Gesichte fehlte ein Auge. Das Gewehrfeuer verdoppelte sich, doch mischten sich bereits Hurrarufe in dasselbe. Der Angriff war mißlungen, der Feind befand sich auf der Flucht. Wenn es im Innern des Carrés wie in einer Fleischbank aussah, so glich der Boden rings um dasselbe einem Metzgerladen. Dick drängte sich durch die rasenden Leute. Der Rest des Feindes zog sich zurück, als die wenigen – wirklich sehr wenig zahlreichen – englischen Kavalleristen die Zögernden über den Haufen ritten.

Jenseits der Reihen von Toten lag ein breiter, blutbefleckter arabischer Speer, auf der Flucht fortgeworfen, über einem Baumstumpf, und hinter diesem Gestrüppe, dehnte sich die unbegrenzte dunkle Fläche der Wüste aus. Die Sonne schien auf den Stahl der Lanzenspitze und verwandelte dieselbe in eine rote Scheibe. Jemand hinter ihm sagte: »Ah, geh fort, Du Vieh!« Dick erhob seinen Revolver und zielte in die Wüste hinaus; sein Auge wurde gefesselt durch den roten Fleck in der Entfernung, und der Lärm um ihn her schien zu einem weit entfernten Flüstern herabzusinken, gleich dem Flüstern am Strande eines ruhigen Meeres. Da war der Revolver und das rote Licht, während die Stimme von irgend jemand etwas fortscheuchte, genau so, wie es irgendwo schon früher einmal vorgefallen war, wahrscheinlich in einem vergangenen Leben, Dick wartete, was weiter sich wohl ereignen würde. In seinem Kopfe schien etwas zu krachen, und einen Augenblick stand er im Finstern – eine Finsternis, die stach. Er schoß aufs Geratewohl; die Kugel flog hinaus in die Wüste, während er murmelte: »Mein Ziel gefehlt. Jetzt sind keine Patronen mehr da. Wir müssen nach Hause laufen.« Er brachte die Hand an den Kopf und zog sie mit Blut bedeckt zurück.

»Alter Freund, Sie haben einen bösen Hieb bekommen,« sagte Torpenhow. »Ich bin Ihnen für diese Affaire etwas schuldig. Danke! Stehen Sie auf! Sie können hier nicht krank sein, sage ich Ihnen.«

Dick war ganz steif in Torpenhows Arme gesunken und hatte etwas von »niedrig zielen und nach links« gemurmelt; dann fiel er zu Boden und sagte nichts mehr. Torpenhow schleppte ihn zu einem Arzte und setzte sich dann hin, um einen Bericht aufzusetzen über das, was ihm beliebte, »eine blutige Schlacht, in der unsere Waffen sich rühmlichst bewährt haben« und so weiter, zu nennen. Während der ganzen Nacht, nachdem die Truppen sich bei den Walfischbooten gelagert, tanzte eine schwarze Figur im hellen Mondlicht ans der Sandbarre und schrie, daß Khartum, die verfluchte, tot sei – tot sei – tot sei –, daß zwei Dampfer auf dem Nil festsäßen, auf den Felsen außerhalb der Stadt, und von ihrer ganzen Bemannung nicht ein einziger übrig geblieben sei; und Khartum sei tot – sei tot – sei tot!

Aber Torpenhow beachtete das alles nicht. Er wachte bei Dick, der laut über den ruhelos dahinströmenden Nil nach Maisie rief und immer wieder nach Maisie!

»Seht da ein Phänomen,« sagte Torpenhow, die Decke wieder zurecht ziehend. »Hier ist ein Mann, vermutlich ein menschlich fühlender, der nur immer den Namen einer Frau ruft; und ich habe doch gewiß ein gut Teil von Delirium in meinem Leben gesehen. Dick, hier ist ein erfrischendes Getränk.«

»Danke Dir, Maisie,« entgegnete Dick.

Drittes Kapitel.

Drittes Kapitel.

Der Feldzug im Sudan und Dicks zerschlagener Kopf waren seit einigen Monaten beendigt, respektive wieder geflickt; das Central Southern Syndikat hatte Dick eine gewisse Summe à conto für gelieferte Arbeit gezahlt, welche Arbeit, wie es ihn versicherte, nicht allzusehr nach dem Geschmacke des Syndikates wäre. Dick warf den Brief in den Nil bei Kairo, kassierte den Wechsel in dieser Stadt ein, und sagte auf der Eisenbahnstation Torpenhow herzlich Lebewohl.

»Ich gehe jetzt, mich irgendwo auf eine Zeit lang niederzulassen und auszuruhen,« sagte Torpenhow. »Ich weiß nicht, wo ich in London wohnen werde, doch wenn Gott uns zusammenführen will, so werden wir uns schon treffen. Wollen Sie hier bleiben und die Gelegenheit zu einer zweiten Ruderfahrt abwarten? Bevor nicht das südliche Sudan wieder von unseren Truppen eingenommen ist, wird sich Ihnen keine darbieten. Merken Sie sich das. Leben Sie wohl; der Himmel segne Sie. Kommen Sie zurück, wenn Ihr Geld ausgegeben ist, und geben Sie mir Ihre Adresse.«

Dick bummelte in Kairo, Alexandrien, Ismaïla und Port Saïd herum, – ganz besonders in Port Saïd.

Ungerechtigkeit, Unbilligkeit gibt es in vielen Teilen der Welt, Laster in allen; doch die konzentrirte Essenz aller Ungerechtigkeiten und aller Laster auf sämtlichen Kontinenten findet sich nur in Port Saïd. Und mitten durch diese von Sand eingefaßte Hölle, wo die Lustspiegelung tagelang über den bitteren Seen flackert, bewegen sich, wenn man nur etwas wartet, die meisten von den Männern und Frauen, die man in diesem Leben kennen gelernt hat.

Dick quartierte sich in einem mehr lärmenden, geräuschvollen als anständigen Stadtviertel ein. Er brachte seine Abende auf dem Quai zu und ging an Nord von zahlreichen Schiffen, sah auch manchen von seinen Freunden wieder – anmutige englische Damen, mit denen er nicht allzu weise in der Veranda von Shepheards Hotel geplaudert hatte, eilige Kriegskorrespondenten, Kapitäne von den in diesem Feldzuge kontraktlich gemieteten Transportschiffen, zechende Armeeoffiziere und andere von weniger achtbarem Gewerbe. Er halte die Wahl unter allen Rassen des Ostens und des Westens zu seinen Studien, sowie den Vorteil, diese Leute unter dem Einflusse einer starken Erregung zu beobachten, an den Spieltischen, in den Salons, in den Tanzhöllen und sonst wo. Zur Erholung hatte er die Aussicht auf den schnurgeraden Kanal, den glühenden Sand, die Prozession der Schiffe und die weißen Hospitäler, in denen die englischen Soldaten lagen.

Er bemühte sich, alles, was die Vorsehung ihm sandte, in Schwarz und Weiß und Farbe zu Papier zu bringen, und wenn die Zufuhr erschöpft war, sah er sich nach frischem Material um. Es war eine fesselnde Beschäftigung, doch sie rannte mit seinem Gelde davon, auch hatte er bereits im voraus die hundertundzwanzig Pfund bezogen, die er als jährliche Rente besaß.

»Nun muß ich wieder arbeiten und hungern!« dachte er, als ein geheimnisvolles Telegramm von Torpenhow aus England eintraf, das lautete: »Kommen Sie schnell zurück, Sie haben reussirt. Kommen Sie.«

Ein fröhliches Lächeln überflog sein Gesicht, »So bald! Das ist eine gute Nachricht,« sagte er vor sich hin. »Heute nacht soll eine Orgie stattfinden. Ich will stehen oder fallen mit meinem Glück. Wahrhaftig, es war Zeit, daß es kam!« Er deponirte die Hälfte seines Geldes bei seinen wohlbekannten Freunden, Monsieur und Madame Binal, und bestellte sich einen Zanzibartanz, aber einen feinen. Monsieur Binal schüttelte sich in seiner Betrunkenheit, doch Madame lächelte sympathisch.

»Monsieur bedarf eines Lehnsessels, natürlich, und Monsieur will natürlich skizziren: Monsieur amüsirt sich eigentümlich.« Binal steckte sein blauweißes Gesicht aus einer kleinen Koje im innern Räume. »Ich verstehe,« stammelte er. »Wir kennen alle Monsieur. Monsieur ist ein Künstler, wie ich einst einer gewesen bin.« Dick nickte ihm zu. »Schließlich,« sagte Binal mit großem Ernste, »wird Monsieur lebendig in die Hölle hinabsteigen, wie ich hinabgestiegen bin.« Er lachte.

»Sie müssen gleichfalls zum Tanze kommen,« sagte Dick. »Ich werde Ihrer bedürfen.«

»Meines Gesichtes wegen? Ich wußte, daß es so kommen würde. Meines Gesichts wegen? Mein Gott! Und wegen meiner so entsetzlichen Degradation! Ich will nicht. Nimm ihn fort. Er ist ein Teufel. Oder verlange wenigstens mehr von ihm, Celeste.« Der vortreffliche Binal begann zu schluchzen und zu schreien.

»Alles in Port Saïd ist zum Verkauf da,« sagte Madame. »Wenn mein Gatte kommt, wird es etwas mehr kosten. He! Wie viel geben Sie, einen halben Sovereign?«

Das Geld wurde bezahlt und der wahnsinnige Tanz in der Nacht aufgeführt, in einem von Mauern umschlossenen Hofraume, hinter Madame Binals Hause. Die Dame, in einem fadenscheinigen, anilinroten Seidenkleide, das beständig ihr von den gelben Schultern glitt, spielte selbst ans dem Piano, und nach der klapperigen Musik eines Walzers tanzten die nackenden Zanzibarmädchen wie rasend bei dem Lichte von Oellampen. Binal saß auf einem Stuhle und starrte mit blicklosen Augen auf den Tanz, bis der Wirbel desselben und die klappernden Klänge des Pianos sich in den Branntwein hineinstahlen, der in seinen Adern an Stelle des Blutes floß und sein Gesicht glitzerte. Dick erfaßte ihn kräftig beim Kinn und drehte sein Gesicht dem Lichte zu. Madame Binal blickte über ihre Schulter und lächelte mit mehreren Zähnen. Dick lehnte sich gegen die Mauer und skizzirte eine Stunde lang, bis die Lampen zu stinken begannen und die Mädchen sich keuchend auf den hart geschlagenen Boden warfen. Dann machte er sein Buch zu und ging fort, während Binal ihn leise am Ellenbogen zupfte. »Zeigen Sie es mir,« flüsterte er. »Auch ich war einst ein Künstler, auch ich!« Dick zeigte ihm die rohe Skizze. »Bin ich das?« schrie er. »Wollen Sie das mit sich fortnehmen und aller Welt zeigen, daß ich das bin, ich – Binal?« Er stöhnte und weinte.

»Monsieur hat für alles bezahlt,« sagte Madame. »Ich hoffe, Monsieur bald wieder zu sehen,« fügte sie freundlich hinzu.

Das Hofthor wurde hinter ihm verschlossen, und Dick eilte ans der sandigen Straße nach der nächsten Spielhölle, wo er wohl bekannt war. »Wenn das Glück anhält, ist es ein Omen; wenn ich verliere, muß ich hier bleiben.« Er setzte sein Geld planlos auf den Tisch, kaum wagend, einen Blick auf dasselbe zu werfen. Das Glück blieb beständig. Drei Umdrehungen des Rades machten ihn um zwanzig Pfund reicher, worauf er zu den Schiffen hinunterging, um sich mit dem Kapitän eines morschen Güterdampfers zu befreunden, der ihn in London mit weniger Pfunden in der Tasche ans Land setzte, als er gehofft, und an deren kleine Anzahl er gar nicht zu denken wagte.

Ein dünner grauer Nebel hing über der City; auf der Straße war es recht kalt, denn es war Sommerszeit in England.

»Es ist wirklich eine lustige Wildnis, und sie hat gar nicht das Geschick, sich viel zu ändern,« dachte Dick, als er von den Docks westwärts wanderte: »Was muß ich nun thun?« Die Packhäuser gaben ihm keine Antwort. Dick sah die langen, lichtlosen Straßen hinunter und auf den erschreckenden Geschäftsverkehr. »O, ihr Kaninchenkästen!« sagte er, auf eine Reihe von hochrespektablen, vereinzelt stehenden Häusern blickend. »Wißt ihr, was ihr später zu thun haben werdet? Ihr sollt mich mit männlichen und weiblichen Dienstboten versorgen,« hierbei schmatzte er mit den Lippen, »und mit fürstlichen Reichtümern. Inzwischen will ich mir Kleider und Stiefel anschaffen, und nachher zurückkehren und auf euch herumtrampeln.« Er schritt energisch weiter, und bemerkte, daß einer seiner Schuhe an der Seite aufgeplatzt war. Als er still stand, um den Schaden genauer zu besehen, stieß ihn ein Mann in die Gosse. »Ganz gut,« sagte er. »Das ist ein neuer Schnitt ins Kerbholz. Später werde ich dich umstoßen.«

Gute Kleider und Stiefel sind nicht wohlfeil; Dick verließ daher den letzten Laden mit der Gewißheit, daß er zwar für eine Zeit lang anständig ausgestattet sei, doch nur noch fünfzig Schilling in seiner Tasche habe. Er kehrte in die Straßen bei den Docks zurück und mietete sich ein Zimmer, in dem die Bettwäsche in sehr auffälliger Weise gezeichnet war, für den Fall eines Diebstahls, und wo kein Mensch im Hause überhaupt zu Bett zu gehen schien. Nachdem seine Kleider ihm überbracht worden, begab er sich nach dem Central Southern Syndikate, um sich nach Torpenhows Adresse zu erkundigen; er erhielt dieselbe mit dem Bemerken, daß noch einiges ihm zugehörige Geld für ihn bereit liege.

»Wie viel?« fragte Dick, wie jemand, der gewöhnt ist, mit Millionen umzuspringen.

»Zwischen dreißig und vierzig Pfund. Wenn es Ihnen irgendwie erwünscht wäre, so könnten wir es Ihnen natürlich sofort auszahlen, obschon wir gewöhnlich mir monatlich abrechnen.«

»Wenn ich mir merken lasse, daß ich jetzt etwas Geld nötig habe, so bin ich verloren,« sagte sich Dick. »Alles, was ich brauche, werde ich schon später nehmen.« Laut erwiderte er: »Es lohnt jetzt kaum der Mühe; auch will ich für einen Monat aufs Land gehen. Warten Sie, bis ich zurückkomme, dann werde ich darüber bestimmen.«

»Aber wir verlassen uns darauf, Mr. Heldar, daß Sie nicht die Abficht haben, Ihre Verbindung mit uns aufzulösen?«

Dicks Hauptbeschäftigung lag in dem Studium von Gesichtern, er beobachtete daher scharf den Sprechenden. »Der Mann hat irgend eine Absicht mit mir,« sagte er sich. »Ich will nichts thun, bevor ich nicht Torpenhow gesehen habe. Ich glaube, es wird eine große Sache dabei herausschauen.« Er ging daher fort, ohne sich durch Versprechungen zu binden, und kehrte in sein kleines Zimmer bei den Docks zurück. Jener Tag war der siebente des Monats, und dieser Monat hatte einunddreißig Tage, wie er mit schrecklicher Genauigkeit ausrechnete.

Es ist nicht leicht für einen Mann von gewöhnlichem Geschmack und gesundem Appetit, vierundzwanzig Tage hindurch von fünfzig Schillingen zu existiren, ebenso wenig ist es besonders erheiternd, ein solches Experiment allein in all der Verlassenheit von London zu beginnen. Dick bezahlte sieben Schilling wöchentlich für sein Logis, so daß er beinahe weniger als einen Schilling täglich für Essen und Trinken übrig behielt. Sein erster Einkauf bestand natürlich in denjenigen Artikeln, deren er zur Ausübung seiner Kunst bedurfte, er war ja so lange Zeit ohne dieselben gewesen. Die Erfahrungen und Vergleichungen während eines halben Tages hatten Dick zu der Schlußfolgerung geführt, daß Wurst und gerührte Kartoffeln, zwei Pence die Portion, die besten Gerichte seien. Nun, Wurst ein- oder zweimal wöchentlich zum Frühstück ist ja gar nicht so unangenehm; als zweites Frühstück indes, mit gerührten Kartoffeln, wird sie etwas monoton; als Diner wird sie jedoch impertinent. Am Abende des dritten Tages ekelte die Wurst Dick an, er eilte davon, verpfändete seine Uhr und erquickte sich an einem Schafshaupte, das nicht so wohlfeil ist wie es den Anschein hat, in Anbetracht der Knochen und der Brühe. Darauf kehrte er zu Wurst und gerührten Kartoffeln zurück. Etwas später beschränkte er sich vollständig auf gerührte Kartoffeln einmal täglich, und wurde ganz unglücklich, als er Schmerzen im Leibe verspürte. Er verpfändete dann seine Weste und sein Halstuch und gedachte reuevoll des Geldes, das er in früheren Jahren verschleudert hatte. In der Kunst gibt es wenig Dinge, die erbaulicher für ihre Jünger wären, als das Bauchzwicken des Hungers; Dick verlangte durchaus nicht nach Bewegung während der wenigen Ausgänge, die er machte. Wünsche stiegen in ihm auf, die nicht befriedigt werden konnten; er ertappte sich dabei, wie er die Menschen in Gedanken in zwei Klassen einteilte: – solche, die aussahen, als ob sie ihm wohl etwas zu essen geben möchten, und solche, die anders aussahen. »Ich wußte früher nie, was ich noch zu lernen hatte hinsichtlich des Ausdruckes menschlicher Gesichter,« dachte er; und zur Belohnung für seine Demut, bewog die Vorsehung einen Kabkutscher in einem Wurstladen, wo Dick an jenem Abende aß, einen nur zur Hälfte verzehrten großen Laib Brod liegen zu lassen. Dick ergriff denselben – er hätte mit der ganzen Welt um dessen Besitz gefochten – und erquickte sich an ihm.

Der Monat ging schließlich zu Ende, so daß er, fast rasend vor Ungeduld, sein Geld in Empfang nehmen konnte. Dann eilte er sofort in Torpenhows Wohnung und zog den Geruch von schmorenden Speisen längs der Korridore vor den Zimmern in dessen Hause ein. Torpenhow wohnte im obersten Stockwerk; Dick stürzte in sein Zimmer und wurde mit einer Umarmung empfangen, die seine Rippen fast zum Krachen brachte, als Torpenhow ihn zum Lichte hinschleppte und wohl über zwanzig verschiedene Dinge in einem Atemzuge sprach.

»Aber Sie sehen ja ganz eingefallen aus,« schloß er endlich.

»Bekommen Sie hier etwas zu essen?« fragte Dick, seine Augen durch das ganze Zimmer schweifen lassend.

»Ich werde in einer Minute mein Frühstück erhalten. Was sagen Sie zu etwas Wurst?«

»Nein, alles andre, nur keine Wurst! Torp, ich bin fast verhungert bei diesem verfluchten Pferdefleisch während der letzten dreißig Tage und dreißig Nächte.«

»Nun, was für eine Verrücktheit ist denn Ihre letzte gewesen?«

Dick erzählte ihm ganz freimütig, wie es ihm in den jüngst verflossenen Wochen ergangen; dann knöpfte er seinen Rock auf und zeigte, daß er keine Weste darunter habe. »Ich habe es fein durchgesetzt, schauderhaft fein, aber ich bin doch noch gerade durchgewischt.«

»Sie haben nicht viel gesunde Vernunft, doch Sie haben ein starkes Rückgrat, mag dem nun sein, wie ihm sein wolle. Essen Sie jetzt und erzählen Sie nachher.«

Dick fiel über die Eier und den Schinken her und schlang bis er nicht mehr schlingen konnte. Torpenhow überreichte ihm dann eine gestopfte Pfeife, worauf er rauchte, wie jemand, der seit drei Wochen keinen guten Tabak zu sehen bekommen hat.

»Uf!« machte er. »Das ist himmlisch! Wie?«

»Weshalb sind Sie denn nicht zu mir gekommen, um alles in der Welt willen?«

»Konnte nicht. Ich schulde Ihnen bereits viel zu viel, alter Herr. Außerdem hatte ich so eine Art von Aberglauben, daß dieses zeitweise Verhungern – denn das ist es wirklich gewesen, und es war bös genug – mir später mehr Glück bringen würde. Es ist nun damit vorbei, und lein Mensch vom Syndikat weiß, wie hart es mir ergangen ist. Schießen Sie jetzt los! Wie ist der genaue Stand der Geschäfte, insoweit dieselben mich betreffen?«

»Sie haben mein Telegramm erhalten? Sie sind dann hieher gekommen. Leute wie Sie arbeiten ungeheuer viel; ich weiß nicht, wie es kommt, aber es ist so. Man sagte, Sie besäßen einen frischen Strich und eine neue Manier, die Dinge zu zeichnen; und da die Leute hauptsächlich zu Hause erzogene Engländer sind, so sagen sie auch, Sie hätten Einsicht. Ein halbes Dutzend Zeitungen verlangt nach Ihnen, man bedarf Ihrer, um Bücher zu illustriren.«

Dick grunzte zornig.

»Sie müssen Ihre kleineren Skizzen ausführen und aufarbeiten, und sie dann an die Kunsthändler verkaufen. Diese Leute sind überzeugt, daß das an Sie gezahlte Geld eine gute Kapitalanlage ist. Gütiger Himmel! Wer kann die bodenlose Thorheit des Publikums berechnen?«

»Es ist ein bemerkenswert verständiges Volk.«

»Es ist Launen unterworfen, wenn es das ist, was Sie meinen; Sie sind nun zufällig der Gegenstand der letzten Laune für diejenigen geworden, die sich für das, was sie Kunst nennen, interessiren. Gerade jetzt sind Sie eine Mode, ein Phänomen, oder was Ihnen sonst immer beliebt. Es stellte sich heraus, daß ich die einzige Person bin, die hier etwas von Ihnen wußte, weshalb ich denn auch den am meisten einflußreichen und nützlichen Leuten einige von Ihren Skizzen zeigte, die Sie mir von Zeit zu Zeit gegeben. Es scheint, daß diese Leute, nachdem sie hinter Ihre Sachen für das Central Southern Syndikat gekommen, für Sie gearbeitet haben. Sie haben Glück.«

»Huh! Nennen Sie es Glück! Nennen Sie es Glück, wenn ein Mann wie ein Hund in der Welt herumgestoßen worden ist, immer wartend, ob es kommen wird! Ich brauche jetzt vor allen Dingen einen Ort, wo ich arbeiten kann.«

»Kommen Sie hieher,« sagte Torpenhow, über den Treppenabsatz gehend. »Dieses ist ein großes Zimmer wie eine kolossale Schachtel, aber es wird für Sie passen. Dort haben Sie Ihr Oberlicht, oder Ihr Nordlicht, oder wie Sie das Fenster sonst noch nennen wollen, und reichlich Raum genug, um darin zu arbeiten; dahinter liegt noch ein Schlafzimmer. Was haben Sie mehr nötig?«

»Gut genug,« erwiederte Dick, in dem großen Gemache sich umsehend, das den dritten Teil des obersten Stockwerkes einnahm, aus dessen Zimmern man auf die Themse sehen konnte. Eine blaßgelbe Sonne schien durch das Oberlicht und ließ den Schmutz im Zimmer recht deutlich erkennen. Drei Stufen führten von der Thür zum Treppenabsatz, während drei andere Stufen nach Torpenhows Zimmer führten. Der Schacht des Treppenhauses verschwand in der Dunkelheit, nur von dünnen Gasflammen unterbrochen, während man in dem warmen Qualm die Stimmen von sprechenden Leuten und das Zuwerfen von Thüren, sieben Etagen tiefer, vernahm.

»Läßt man Ihnen hier in allem freie Hand!« fragte Dick vorsichtig. Er war Ismael genug, um den Wert der Freiheit zu kennen.

»Alles, was Sie wollen; Drückerschlüssel und unbegrenzte Freiheit. Die meisten Bewohner hier sind permanente Mieter. Es ist gerade kein Platz, den ich einem Mitgliede eines christlichen Vereins junger Männer empfehlen möchte, doch es wird Ihnen genügen. Ich nahm diese Zimmer für Sie, als ich Ihnen telegraphirte.«

»Sie sind wirklich viel zu gütig gegen mich, alter Herr.«

»Sie dachten doch nicht etwa, daß Sie sich von mir trennen würden, wie?« Torpenhow legte seine Hand auf Dicks Schulter, während sie beide in dem Zimmer auf und ab gingen, dos von nun an das Atelier genannt werden sollte, in freundschaftlicher und schweigender Gemeinschaft. Sie hörten an Torpenhows Thür klopfen. »Das ist irgend ein Kerl, der heraufkommt, um etwas zu trinken zu verlangen,« sagte Torpenhow, worauf er lustig seine Stimme erschallen ließ. Ein stattlicher Herr von mittlerem Alter, in einem mit Atlas eingefaßten blusenartigen Rocke, trat ein. Seine Lippen waren blaß und tiefe Beutel lagen unter den Augen.

»Schwaches Herz,« sagte Dick vor sich hin und, als er mit dem Wanne einen Händedruck ausgetauscht, fügte er hinzu: »ein sehr schwaches Herz. Sein Puls macht seine Finger zittern.«

Der Mann stellte sich vor als das Haupt des Central Southern Syndikates und »einer der glühendsten Bewunderer Ihrer Arbeiten, Mr. Heldar. Ich versichere Sie, im Namen des Syndikates, daß wir Ihnen ungemein zu Dank verpflichtet sind, und ich bin überzeugt, Mr. Heldar, daß Sie nicht vergessen werden, daß wir reichlich dahin gewirkt haben, Sie bei dem Publikum einzuführen.«

Er keuchte noch wegen der sieben Stockwerke, die er hinaufgestiegen.

Dick warf Torpenhow, der einen Moment sein linkes Auge schloß, einen Blick zu.

»Ich werde es nicht vergessen,« erwiderte Dick, in welchem sich sein ganzer Instinkt, sich zu verteidigen, regte. »Sie haben mich so gut bezahlt, wie Sie wissen, daß ich es gar nicht anders konnte. Beiläufig, sobald ich mich hier eingerichtet haben werde, möchte ich wohl zu Ihnen schicken, um meine Skizzen abholen zu lassen. Es müssen sich nahezu an hundertundfünfzig Stück bei Ihnen befinden.«

»Das ist es, weshalb ich hergekommen bin, ich wollte mit Ihnen darüber sprechen. Ich fürchte, wir können das nicht so ganz ohne weiteres bewilligen, Mr. Heldar. Bei dem Mangel an irgend einer spezifizirten Übereinkunft sind diese Skizzen natürlich unser Eigentum.«

»Wollen Sie damit sagen, daß Sie dieselben behalten werden?«

»Ja, und wir hoffen, daß wir Ihren Beistand unter Ihren eignen Bedingungen, Mr. Heldar, bei der Arrangirung einer kleinen Ausstellung der Skizzen haben werden, die, unterstützt durch unsern Namen und bei dem Einflusse, über den wir natürlich in der Presse verfügen, Ihnen zu wesentlichem Vorteile gereichen dürfte. Solche Skizzen wie die Ihrigen –«

»Gehören mir. Sie engagirten mich durch Telegramm, Sie bezahlten mir die niedrigsten Sätze, die Sie überhaupt nur wagen durften mir zu geben. Sie können unmöglich beabsichtigen, die Skizzen zu behalten! Gott im Himmel, Mann, es ist ja alles, was ich auf der Welt besitze!«

Torpenhow beobachtete Dicks Gesicht und pfiff.

Dick ging in Gedanken auf und ab.

Er sah das Ganze seines kleinen Besitzes aus dem Spiele stehen, die erste Waffe seiner Ausrüstung, die beim Beginne seines Feldzuges von einem ältlichen Herrn annektirt war, dessen Namen er nicht einmal richtig verstanden, und der ihm gesagt hatte, daß er der Repräsentant eines Syndikates sei, ein Ding, vor dem Dick nicht den geringsten Respekt fühlte. Die Ungerechtigkeit dieses Verfahrens erregte ihn nicht besonders; er hatte in anderen Fällen bereits zu häufig gesehen, wie die Macht und Stärke stets die Oberhand besaßen, um Ekel zu empfinden bei dem moralischen Verhältnis zwischen Recht und Unrecht. Doch er verlangte glühend nach dem Blute des Gentleman in dem blusenartigen Rocke, und als er wieder zu sprechen anfing, geschah es mit einer so gezwungenen Sanftmut, daß Torpenhow dieselbe sehr gut als den Anfang eines Streites erkannte.

»Verzeihen Sie, Herr, aber haben Sie keinen jüngeren Mann zur Verfügung, mit dem ich dieses Geschäft arrangiren könnte?«

»Ich spreche im Namen des Syndikates. Ich sehe keinen Grund, um eine dritte Person zu –«

»Sie werden in einer Minute einen Grund sehen. Haben Sie die Güte, mir meine Skizzen zurückzugeben.«

Der Mann starrte Dick erbleichend an und dann Torpenhow, der sich gegen die Wand lehnte. Er war nicht an ehemalige Angestellte gewöhnt, die ihm befahlen, die Güte haben zu wollen, irgend eine Sache zu thun.

»Ja, es ist so ziemlich ein Diebstahl bei kaltem Blute,« bemerkte Torpenhow kritisch; »doch fürchte ich, ja ich fürchte sogar sehr, daß Sie an den unrechten Mann geraten sind. Seien Sie vorsichtig, Dick; denken Sie daran, daß wir hier nicht im Sudan uns befinden!«

»In Anbetracht der Dienste, die das Syndikat Ihnen erwiesen, indem es Ihren Namen der Welt bekannt gemacht hat –«

Das war keine glückliche Bemerkung; dieselbe erinnerte Dick an gewisse Jahre, die er umherstreifend in Verlassenheit und im Kampfe, sowie in unbefriedigten Wünschen durchlebt hatte. Der Gedanke hieran stimmte nicht besonders zu dem vom Glück begünstigten Gentleman, der ihm vorschlug, sich der Frucht dieser Jahre zu erfreuen. »Ich weiß wirklich nicht recht, was ich mit Ihnen machen soll,« fing Dick nachdenklich an. »Natürlich sind Sie ein Dieb und verdienten halb tot geschlagen zu werden; doch würden Sie, in Ihrem Falle, wahrscheinlich daran sterben. Ich wünsche nicht Ihren Tod hier in diesem Zimmer, und außerdem wäre das recht unglücklich für jemand, der gerade im Begriffe ist, dasselbe zu beziehen. Schlagen Sie nicht, Herr, Sie würden sich nur aufregen dadurch.« Er legte eine Hand auf den Vorderarm des Mannes und ließ die andere unter dem Rocke längs des dicken Körpers desselben hinabgleiten.

»Du lieber Himmel!« sagte er zu Torpenhow, »und dieser grauhaarige Wechselbalg wagt es, ein Spitzbube zu sein! Ich habe in Esneh einen Kameltreiber gesehen, dem man die schwarze Haut in Streifen vom Leibe gezogen, weil er ein halbes Pfund nasser Datteln gestohlen hatte, und er war dabei so zähe wie eine Peitschenschnur. Dieser Mensch hier ist überall so weich wie ein Weib.«

Es gibt wohl wenige Dinge, die empfindlicher demütigend sind, als von einem Manne gestreichelt zu werden, der nicht die Absicht hat zuzuschlagen. Das Haupt des Syndikates begann schwer zu atmen. Dick ging um ihn herum, ihn streichelnd, wie eine Katze. Dann berührte er mit dem Zeigefinger die bleifarbigen Beutel unter den Augen und schüttelte mit dem Kopfe.

»Sie wollten mir meine Sachen stehlen, meine Sachen! Sie, der Sie nicht wissen, wann Sie sterben können. Schreiben Sie einen Zettel für Ihr Bureau – Sie sagen ja, daß Sie das Haupt desselben sind, – und geben Sie den Befehl, an Torpenhow meine Skizzen zu übergeben – jede einzige von ihnen. Warten Sie eine Minute; Ihre Hände zittern. So, jetzt!«

Er legte ein Taschenbuch vor ihn hin. Der Zettel wurde geschrieben; Torpenhow nahm denselben und ging fort, ohne ein Wort zu sprechen, während Dick um den wie bezaubert dasitzenden Gefangenen hin und her wanderte und ihm die besten Vorschläge für das Wohl seiner Seele erteilte. Als Torpenhow mit der kolossalen Mappe zurückkehrte, hörte er, wie Dick beinahe in beruhigendem Tone sagte: »Nun, ich hoffe, diese Geschichte wird eine Lehre für Sie sein; sollten Sie mich, wenn ich mich erst hier zum Arbeiten eingerichtet habe, mit irgend einem Unsinn wegen gewaltthätiger Handlungen belästigen, so werde ich Sie fassen und so bearbeiten, daß Sie daran sterben werden, davon können Sie überzeugt sein. Sie werden doch nicht mehr sehr lange leben. Gehen Sie! Imshi, Fußsack, – hinaus!«

Der Mann ging fort, stolpernd und wie betäubt Dick holte tief Atem und rief aus: »Pfui! Was für eine gesetzlose Bande ist dieses Volk! Das erste, was einer armen Waise begegnet, ist eine Räuberbande, organisirter Einbruch! Denken Sie doch nur an die scheußliche Schurkerei in dem Charakter dieses Mannes! Sind meine Skizzen sämtlich vorhanden, Torp?«

»Ja, einhundertundsiebenundvierzig Stück. Nun, ich muß wirklich gestehen. Dick, Sie haben prächtig begonnen!«

»Er hat mit mir angefangen und sich eingemischt. Für ihn bedeutete die Geschichte nur einige Pfund, für mich aber war es alles. Ich denke nicht, daß er mich verklagen wird. Ich erteilte ihm gratis einige ärztliche Ratschläge über den Zustand seiner Gesundheit Es war billig für den kleinen Stoß, den es ihn gekostet. Jetzt wollen wir einmal nach meinen Sachen sehen.«

Zwei Minuten später lag Dick auf dem Fußboden und war tief rn der Untersuchung seiner Skizzenmappe versunken, liebevoll lächelnd beim Umwenden der Zeichnungen und bei dem Gedanken an den Preis, um den sie erkauft waren.

Es war spät am Nachmittage, als Torpenhow an der Thüre erschien und Dick unter dem Oberlichte eine wilde Sarabande tanzen sah.

»Ich leistete Besseres als ich geglaubt, Torp,« rief er aus, ohne seinen Tanz zu unterbrechen »Sie sind gut! Sie sind verdammt gut! Sie werden wie eine Flamme aufgehen! Ich werde eine Ausstellung auf meine eigene Rechnung arrangiren. Und dieser Mensch wollte mich darum betrügen! Wissen Sie wohl, daß es mir jetzt leid thut, ihn nicht wirklich durchgeprügelt zu haben?«

»Hören Sie auf,« sagte Torpenhow, »hören Sie auf und beten Sie, daß Sie von der Sünde der Arroganz erlöst werden. Bringen Sie Ihre Sachen her von dem Orte, wo Sie gewohnt haben, und dann wollen wir versuchen, diese Scheune etwas mehr schiffsmäßig einzurichten.«

»Und dann – o dann,« rief Dick aus, einen Luftsprung machend; »wollen wir die Aegypter ausbeuten.«

Zehntes Kapitel.

Zehntes Kapitel.

»Das ist ein lustiges Leben,« sagte Dick einige Tage später »Torp ist fort, Bessie haßt mich und ich kann nicht den richtigen Ausdruck der Melancholie erfassen; Maisies Briefe sind kurze Bruchstücke, und ich habe eine Indigestion, wie ich glaube Was verursacht einem Manne Schmerzen im Kopfe und Punkte vor den Augen, Binkie? Sollen wir einige Pillen für die Leber nehmen?«

Dick hatte gerade eine angenehme Scene mit Bessie überstanden. Sie hatte ihm zum fünfzigstenmale vorgeworfen, daß er Torpenhow fortgeschickt habe, und ihren ewigen Haß gegen Dick erklärt, sowie ihm deutlich gemacht, daß sie nur seines Geldes wegen ihm sitze. »Mr. Torpenhow ist ein zehnmal besserer Mann als Sie,« hatte sie geschlossen.

»Das ist er. Deshalb ist er ja gerade fortgegangen. Ich wäre hier geblieben und hätte eine Liebschaft mit Ihnen angefangen«

Das Mädchen saß da, mit dem Kinn auf die Hand gestützt, und machte ein finsteres Gesicht. »Mit mir! Ich würde es Ihnen angestrichen haben! Wenn ich nicht fürchtete, gehangen zu werden, würde ich Sie umbringen! Ja, das würde ich thun. Glauben Sie mir?«

Dick lächelte müde. Es ist nicht angenehm, mit einer Idee zu leben, die man nicht ausführen, einem Dachshunde, der nicht sprechen kann, und einem Weibe, das zu viel spricht. Er würde ihr geantwortet haben, doch in diesem Augenblick entrollte sich aus einer Ecke des Ateliers ein Schleier wie von der feinsten Gaze. Er rieb sich die Augen, doch der graue Dunst wollte nicht verschwinden.

»Das ist eine schändliche Indigestion. Binkie, wir wollen zu einem Medizinmanne gehen. Wir können unsere Augen nicht dadurch belästigen lassen, denn wir verdienen unser Brot mit denselben, auch gekochte Hammelknochen für kleine Hunde.«

Der Doktor war ein leutseliger, praktischer Arzt mit weißem Haar, der nichts sagte, bis Dick anfing, den grauen Schleier im Atelier zu beschreiben.

»Wir bedürfen alle von Zeit zu Zeit ein wenig des Flickens und Reparirens,« meinte er. »Gerade wie ein Schiff, mein werter Herr – genau wie ein Schiff. Zuweilen ist der Rumpf in Unordnung, dann konsultiren wir den Chirurgus; zuweilen das Takelwerk, und dann erteile ich meinen Rat; mitunter die Maschinerie, dann gehen wir zu einem Gehirn-Spezialisten; manchmal ist auch der Ausguck auf der Kommandobrücke erschöpft, und dann besuchen wir einen Augenarzt. Ich würde Ihnen raten, zu einem solchen zu gehen. Ein wenig flicken und ausbessern von Zeit zu Zeit ist alles, was wir brauchen. Einen Augenarzt auf alle Fälle.«

Dick suchte einen Augenarzt auf, – den besten in London. Er war überzeugt, daß der praktische Arzt nichts von seinem Gewerbe verstehe, und noch überzeugter, daß Maisie ihn auslachen würde, wenn er genötigt wäre, eine Brille zu tragen.

»Ich habe die Warnungen meines Herrn, des Magens, zu lange vernachlässigt. Daher rühren die Punkte vor den Augen, Binkie. Ich kann noch ebenso gut sehen als je.«

Als er in die dunkle Halle trat, die zu dem Sprechzimmer führte, lief ein Mann gegen ihn an. Dick erblickte sein Gesicht, als derselbe eilig auf die Straße hinausging.

»Das ist der Schreibertypus. Seine Stirn ist ebenso geformt als die von Torp. Er sieht sehr krank aus. Wahrscheinlich hörte er etwas, das ihm nicht gefiel.«

Als er noch hieran dachte, überkam Dick eine große Furcht, eine Furcht, die ihm den Atem versetzte, als er in das Wartezimmer des Augenarztes trat, mit der schweren geschnitzten Einrichtung, der dunkelgrünen Tapete und den nüchtern gefärbten Bildern an den Wänden. Er erkannte darunter eine Kopie von einer seiner eigenen Skizzen.

Viele Leute warteten vor ihm, bis die Reihe an sie kommen würde. Sein Auge wurde durch ein flammendrot und goldenes Weihnachtsliederbuch gefesselt. Kleine Kinder kamen zu jenem Augenarzte und bedurften einer derartigen Unterhaltung.

»Das ist abgöttisch schlechte Kunst,« sagte er, das Buch zu sich heranziehend. »Von der Anatomie der Engel, das ist in Deutschland gemacht worden.« Er öffnete mechanisch das Buch, ein in roter Farbe gedruckter Vers fiel ihm ins Auge:

Die nächste holde Freude ward
        Marien süß zu teil,
Als Christ, ihr lieber Sohn, gebracht
        Den Blinden Licht und Heil,
Den Blinden Licht, o güt’ger Herr,
        Und schenk uns Trost im Leid!
Preist Vater, Sohn und heil’gen Geist
        In alle Ewigkeit!

Dick las diesen Vers mehreremale, bis die Reihe an ihn kam; der Doktor beugte sich über ihn, nachdem er sich in einen Armstuhl gesetzt. Der Schein eines Gasmikroskopes, der in seine Augen fiel, ließ ihn zusammenzucken. Der Arzt berührte mit der Hand die Narbe des Säbelhiebes auf Dicks Kopfe, während Dick ihm kurz erklärte, wie er dazu gekommen. Als die Flamme entfernt war, sah Dick in das Gesicht des Doktors, und wieder ergriff ihn Furcht. Der Arzt hüllte sich in einen Nebel von Worten. Dick faßte nur Anspielungen auf Narbe, Stirnknochen, Sehnerv, äußerste Vorsicht und Vermeidung geistiger Aufregung auf.

»Urteil?« fragte er schwach. »Mein Geschäft ist das Malen, ich darf keine Zeit verschwenden. Was machen Sie aus der Sache?«

Wieder ein Wirbel von Worten, aber diesmal hatten dieselben eine Bedeutung.

»Können Sie mir irgend etwas zu trinken geben?«

Schon viele Urteile waren in jenem dunklen Zimmer ausgesprochen worden und oft bedurften die Gefangenen einer Stärkung. Dick fühlte ein Glas Cognac in seiner Hand.

»So weit ich Sie verstehen kann,« sagte er, nach dem Branntwein etwas hustend, »so nennen Sie es Abnahme des Sehnerves oder dergleichen, und daher hoffnungslos. Wie viel Zeit bleibt mir noch, wenn ich jede Anstrengung und jeden Kummer vermeide.«

»Vielleicht ein Jahr.«

»Mein Gott! Und wenn ich mich nicht schone?«

»Das kann ich wirklich nicht sagen. Man kann nicht genau die Schwere der Verletzung durch jenen Säbelhieb bestimmen. Die Narbe ist alt, und – ausgesetzt dem grellen Lichte der Wüste, sagten Sie? – mit außerordentlich vieler seiner Arbeit? Ich kann es wirklich nicht sagen.«

»Ich bitte um Entschuldigung, die Sache ist ohne jede Warnung über mich gekommen. Wenn Sie erlauben, will ich hier noch einen Augenblick sitzen und dann fortgehen. Es ist sehr gütig von Ihnen gewesen, mir die Wahrheit zu sagen. Ohne irgend eine Warnung, ohne jede Warnung, Ich danke Ihnen.«

Dick trat auf die Straße und wurde stürmisch von Binkie empfangen, »Wir haben es sehr schlecht getroffen, kleiner Hund! So schlecht, wie es nur sein kann. Wir wollen in den Park gehen, um darüber nachzudenken.«

Sie gingen zu einem gewissen Baume, den Dick wohl kannte, und setzten sich dort nieder, um nachzudenken, weil seine Beine unter ihm zitterten und die kalte Furcht ihm auf die Magengrube drückte.

»Wie konnte die Sache nur ohne jede vorherige Warnung kommen? Es ist so plötzlich, als wenn man erschossen wird. Es ist der lebendige Tod, Binkie. Wir werden in Dunkelheit eingehüllt sein nach einem Jahre, wenn wir uns schonen, und werden niemand sehen und nie haben, was wir brauchen, niemals, und wenn wir hundert Jahre lebten.«

Binkie wedelte fröhlich mit seinem Schwanze.

»Binkie, wir müssen nachdenken. Laß uns sehen, wie es thut, wenn man blind ist.« Dick schloß die Augen, worauf flammende Kommas und Feuerräder hinter den Augenlidern hin und her schossen. Als er durch den Park blickte, war seine Sehkraft noch nicht verringert; er konnte vollkommen gut sehen, bis eine Prozession von langsam sich drehenden Feuerrädern durch seine Augäpfel zog.

»Kleiner Knirps, wir befinden uns durchaus nicht gut. Laß uns nach Hause gehen. Wenn nur Torp jetzt wieder zurück wäre!«

Aber Torpenhow befand sich im südlichen England, wo er in Gesellschaft von Nilghai Werfte inspizirte. Seine Briefe waren kurz und geheimnisvoll.

Dick hatte nie jemand gebeten, ihm bei seinen Freuden oder seinem Kummer beizustehen. Er überlegte in der Einsamkeit seines Ateliers, daß er fortan mit einem Schleier von grauer Gaze in einem Winkel sitzen müsse und alle Torpenhows auf der Welt ihn nicht retten könnten, wenn es sein Schicksal sei, zu erblinden.

»Ich kann ihn nicht von seinem Ausfluge abrufen, um bei mir zu sitzen und für mich zu sorgen. Ich muß die Sache allein durchmachen,« sagte er. Er lag auf dem Sopha, kaute au seinem Schnurrbarte und war neugierig, wie die Dunkelheit der Nacht ihm vorkommen würde. Dann stieg die Erinnerung an eine seltsame Scene im Sudan in ihm auf. Ein Soldat war von einem breiten arabischen Speere fast in zwei Stücke getrennt worden; im ersten Augenblick hatte der Mann gar keinen Schmerz gefühlt. Als er dann an sich herunterblickte, sah er, wie er sein ganzes Blut verlor. Die verblüffte Verwirrung auf seinem Gesichte war so überaus komisch gewesen, daß Dick und Torpenhow, noch keuchend und abgespannt nach einem Kampfe um ihr Leben, in lautes Gelächter ausbrachen, in welches der Mann einstimmen wollte, wie es schien, doch als er seine Lippen zu einem blöden Grinsen öffnete, trat der Todeskampf ein und er stürzte stöhnend zu ihren Füßen. Dick mußte wieder lachen, als er an jenes Entsetzen dachte. Es kam ihm genau wie sein eigener Fall vor. »Aber es ist mir etwas mehr Zeit bewilligt,« sagte er. Er ging im Zimmer auf und ab, zuerst ruhig, bald aber, von Furcht ergriffen, mit eiligen Schritten, Es war ihm, als ob ein schwarzer Schatten neben ihm schritt und ihn antrieb, weiter zu gehen, während vor seinen Augen nur drehende Kreise und spitze Punkte sich hin und her bewegten. »Wir müssen ruhig sein, Binkie, wir müssen ruhig sein.« Er sprach ganz laut, um sich zu zerstreuen. »Dies ist durchaus nicht besonders hübsch. Was sollen wir anfangen? Wir müssen irgend etwas thun. Unsere Zeit ist kurz. Ich hätte das heute morgen nicht gedacht, aber jetzt liegen die Dinge anders. Binkie, wo war Moses, als das Licht erlosch?«

Binkie lächelte von einem Ohr zum andern, wie ein wohl erzogener Teckel, erhob indes keinen Einwand.

»Wenn noch Raum und Zeit genug vorhanden wäre, Binkie, so würde diese Scheu kein Verbrechen sein … Aber hinter mir höre ich stets –« Er wischte sich die Stirn ab, die ganz feucht geworden. »Was soll ich thun? Was soll ich thun? Ich habe keinen Begriff mehr und kann nicht zusammenhängend denken, doch muß ich irgend etwas thun, oder ich verliere den Verstand.«

Dick begann wieder rasch hin und her zu wandern, dann hielt er von Zeit zu Zeit an und zog lange vergessene Bilder und alte Notizbücher hervor; denn instinktmäßig hatte er sich seiner Arbeit zugewendet als einer Sache, die nicht versagen konnte. »Das wird es nicht thun, und das auch nicht,« sagte er bei der Betrachtung eines jeden Bildes. »Keine Soldaten mehr, ich könnte sie jetzt nicht malen. Ein plötzlicher Tod trifft zu rasch, und dies ist Kampf und Mord zugleich für mich.«

Der Tag sank. Dick glaubte einen Augenblick, daß die Dämmerung des Blinden ihn unverhofft überfallen habe. »Allmächtiger Allah!« schrie er verzweiflungsvoll, »hilf mir über die Zeit des Wartens hinweg, und ich werde nicht jammern, wenn meine Strafe über mich kommt. Was kann ich jetzt thun, bevor das Licht erlischt?«

Er fand keine Antwort darauf. Dick wartete, bis er wieder einigermaßen Fassung erlangt hatte. Seine Hände zitterten, während er sich mit ihrer Festigkeit gebrüstet, er fühlte, wie seine Lippen bebten und der Schweiß über sein Gesicht herunterfloß. Er wurde von der Furcht gegeißelt und dabei von dem Verlangen vorwärts getrieben, sogleich irgend eine Arbeit zu unternehmen und zu vollenden, während er fast wahnsinnig wurde, daß sein Gehirn sich weigerte, etwas anderes zu thun, als fortwährend den Gedanken zu wiederholen, daß er erblinden müsse. »Es ist ein erniedrigender Zustand,« dachte er; »ich bin froh, daß Torp nicht hier ist, um ihn mit anzusehen. Der Doktor sagte, ich müßte jede geistige Aufregung vermeiden. Komm her, Binkie, und laß dich von mir hätscheln.«

Der kleine Hund bellte, weil Dick ihm beinah‘ die Haut zerquetschte. Darauf horte er, wie der Mann in der Dämmerung mit sich selbst sprach, und begriff als ein kluger Hund, daß diese Erregung ihn nicht betreffe.

»Allah ist gut, Binkie. Nicht ganz so gütig, wie wir es wohl wünschten, doch wollen wir später darüber reden. Ich denke, ich sehe jetzt, was ich zu thun habe. Alle diese Studien von Bessies Kopf waren Unsinn und brachten deinen Herrn fast in die Klemme. Ich habe die Idee jetzt so klar wie Kristall vor mir, – die Melancholie, die alle Vernunft übertrifft. In dein Kopfe soll Maisie erscheinen, weil ich niemals Maisie gewinnen werde; und natürlich auch Bessie, weil sie alles weiß, was Melancholie sagen will, obschon sie sich dessen nicht bewußt ist; auch etwas Anziehendes soll darin liegen und alles soll mit einem Lachen endigen. Das ist für mich selbst. Soll sie kichern oder grinsen? Nein, sie soll auf der Leinwand gerade herauslachen, und jeder, Mann wie Weib, der jemals Sorgen und Kummer hatte, soll – wie heißt es doch in dem Gedichte?

Versteht die Rede, und als Bruder fühlt
Euch eins in jedem unheilvollen Streit.

In jedem unglücklichen Kampfe? Das ist bester, als die Melancholie zu malen, nur um Maisie zu kränken. Ich kann es nicht, weil es nicht in mir liegt. Binkie, ich will dich jetzt beim Schwanze aufheben. Du bist ein Omen für mich. Komm her.«

Binkie hing stumm eine Minute lang mit dem Kopfe nach unten.

»Als wenn man ein Meerschweinchen in die Höhe hielte; aber du bist ein braver kleiner Hund und bellst nicht, wenn man dich hoch hebt. Es ist ein Omen.«

Binkie ging auf seinen Stuhl und sah, so oft er aufblickte, wie Dick auf und ab ging, sich die Hände rieb und kicherte. An jenem Abende schrieb Dick an Maisie einen Brief voll der zärtlichsten Besorgnis für ihre Gesundheit, während er nur sehr wenig über seine eigene sagte, und träumte dann von seiner zu schaffenden Melancholie. Erst gegen Morgen entsann er sich, daß ihm in der Zukunft ein Unglück zustoßen würde.

Er begann, leise pfeifend, zu arbeiten und versank ganz in die reine, ungetrübte Freude des Schaffens, die nicht zu häufig einem Menschen zu teil wird, damit er sich nicht seinem Gotte gleich dünkt und deshalb zu der ihm bestimmten Zeit nicht sterben will. Er vergaß Maisie, Torpenhow und den zu seinen Füßen liegenden Binkie, aber dachte daran, Bessie, die nur geringer Aufreizung bedurfte, zu fürchterlicher Wut anzureizen,, um die aufsprühenden Lichter in ihren Augen zu beachten. Ohne Rückhalt vertiefte er sich in seine Arbeit und dachte gar nicht an das Schicksal, das ihm bevorstand, denn er war ganz eingenommen von seinem Sujet, so daß die Dinge dieser Welt keine Gewalt über ihn besaßen.

»Sie sind heute lustig,« bemerkte Bessie.

Dick schwenkte seinen Malstock in geheimnisvollen Kreisen und ging nach dem Buffet, um etwas zu trinken. Gegen Abend, als die Aufregung des Tages sich gelegt, trat er wieder ans Buffet und gelangte nach einigen Besuchen desselben zu der Ueberzeugung, daß der Augenarzt ein Lügner sei, da er jeden Gegenstand sehr deutlich sehen konnte. Er war der Ansicht, daß er sogar ein Heim für Maisie schaffen könne und diese seine Frau werden sollte, ob sie wolle oder nicht. Diese Stimmung war am folgenden Morgen vorüber, doch das Buffet mit allem, was sich darauf befand, blieb zu seinem ferneren Gebrauche. Er setzte sich wieder an die Arbeit, und bald störten ihn seine Augen aufs neue durch Flecken, Striche und Punkte, bis er sich am Buffet Rats erholt und die Melancholie auf der Leinwand wie in seinem Geiste lieblicher als je erschien. Er empfand ein entzückendes Gefühl von Unverantwortlichkeit, wie diejenigen haben, die, während sie sich noch zwischen ihren Gefährten bewegen, wissen, daß das Todesurteil der Krankheit über sie ausgesprochen ist und ausgelassen fröhlich sind, da Furcht nur Vergeudung der kurzen Zeit wäre, die ihnen geblieben.

Die nächsten Tage verstrichen ohne irgend ein Ereignis. Bessie traf stets pünktlich ein und obschon es Dick so schien, als ob ihre Stimme ans einer ziemlichen Entfernung ertöne; so war ihr Gesicht ihm doch stets nahe, so daß die Melancholie bald aus der Leinwand zu leuchten begann; sie sah einem Weibe ähnlich, das allen Kummer auf der Welt hatte kennen gelernt und doch darüber lachte. Es war richtig, daß die Ecken des Ateliers sich in graue Schleier hüllten und allmälich in Dunkelheit verschwanden, daß die Punkte vor den Augen und die Schmerzen im Kopfe immer störender wurden, und Maisies Briefe immer mühsamer gelesen und noch schwieriger beantwortet werden konnten. Er konnte ihr nichts von seinem Unglück erzählen und sie nicht auslachen wegen ihrer eigenen Melancholie, die stets nahe daran war, fertig zu werden. Aber die Tage eifrigster Arbeit sowie die Nächte voll wilder Träume boten für alles Ersatz, während das Buffet sein bester Freund auf Erden wurde. Bessie war merkwürdig still und trübe. Sie schrie gewöhnlich vor Wut laut auf, wenn Dick sie zwischen seinen halb geschlossenen Augen anstarrte. Dann war sie wieder verdrießlich und betrachtete ihn voll Abscheu, nur hin und wieder ein Wort sprechend.

Torpenhow war seit sechs Wochen fort. Ein unzusammenhängendes Billet hatte seine Rückkehr verkündet. »Neuigkeiten, große Neuigkeiten!« schrieb er. »Nilghai kennt sie, ebenso Keneu. Wir sind am Donnerstag alle wieder zurück. Halten Sie das Frühstück bereit und bringen Sie Ihre Ausrüstung in Ordnung.«

Dick zeigte Bessie den Brief, worauf sie ihn ausschimpfte, daß er Torpenhow fortgeschickt und ihr Leben ruinirt hätte.

»Nun,« sagte Dick barsch, »Sie sind doch so besser daran, als wie auf der Straße mit der ersten besten betrunkenen Bestie Liebschaft zu haben.« Er fühlte, daß er Torpenhow vor einer großen Versuchung bewahrt hatte.

»Ich weiß nicht, ob das etwa schlechter ist, als bei einer betrunkenen Bestie in einem Atelier zu sitzen. Sie sind seit drei Wochen nicht nüchtern gewesen. Sie haben die ganze Zeit hindurch getrunken, und dennoch behaupten Sie, daß Sie besser wären als ich!«

»Was wollen Sie damit sagen?« fragte Dick.

»Sagen? Sie werden es sehen, wenn Torpenhow zurück ist.«

Sie brauchten nicht lange zu warten. Torpenhow traf Bessie auf der Treppe, ohne daß er das Geringste bei ihrem Anblicke empfand. Er brachte eine Neuigkeit mit, die ihm mehr galt als alle Bessies auf der Welt, während Keneu und Nilghai hinter ihm herstampften und laut nach Dick riefen.

»Er hat getrunken wie ein Fisch,« flüsterte Bessie.

»Er ist beinahe seit einem Monate damit im Gange.« Sie folgte verstohlen den Männern, um deren Urteil zu hören.

Sie traten voll Freude ins Atelier, um in überströmender Weise von einem verfallenen, verschrumpften, hageren Menschen empfangen zu werden, – der unrasirt war, mit blauweißen Flecken um die Nasenflügel, hängenden Schultern und nervös unter den Augenbrauen zwinkernd. Das Trinken war ebenso eifrig am Werke gewesen wie Dick.

»Sind Sie das?« rief Torpenhow aus.

»Alles, was von mir übrig geblieben ist. Setzt Euch hin. Binkie befindet sich ganz vortrefflich, und ich habe eine gute Arbeit gemacht.« Er schwankte auf seinen Platz.

»Sie haben das Schlechteste gethan, was Sie jemals in Ihrem Leben ausgeführt, Menschenkind, Sie sind –«

Torpenhow wandte sich appellirend seinen Begleitern zu, worauf diese das Zimmer verließen, um sich wo anders um ein Frühstück umzusehen. Dann fing er zu sprechen an; doch da Vorwürfe eines Freundes eine viel zu heilige und intime Sache sind, um gedruckt zu werden, und Torpenhow Bilder und Metaphern gebrauchte, die unziemlich und unübersetzbar sind. so wird es niemals bekannt werden, was er wirklich zu Dick sagte, der blinzelte, winkte und in seine Hände schlug. Nach einiger Zeit fing der Schuldige an, die Notwendigkeit einzusehen, etwas Selbstachtung zu fühlen. Er war überzeugt, daß er in keiner Weise vom Pfade der Tugend abgewichen sei und außerdem Gründe vorhanden wären, von denen Torpenhow nichts wußte. Er wollte die Sache erklären.

Er stand auf, versuchte seine Schultern aufrecht zu halten, und sprach zu dem Mann, dessen Gesicht er kaum sehen konnte.

»Sie haben recht,« sagte er, »ich aber gleichfalls. Nachdem Sie fortgegangen, bekam ich mit meinen Augen zu schaffen. Ich ging deshalb zu einem Augenarzte, der eine Gasmaschine in mein Auge leuchten ließ. Das wäre schon von langer Zeit her. Er sagte: ›Narbe auf dem Kopfe – Säbelhieb und Sehnerv.‹ Merken Sie sich das wohl. Ich werde also erblinden. Ich muß eine Arbeit ausführen, bevor ich blind werde; ich kann jetzt nicht viel sehen, aber ich sehe noch vortrefflich, wenn ich betrunken bin. Ich wußte gar nicht, daß ich betrunken war, bis man mir es sagte, aber ich mußte an meinem Bilde weiter arbeiten. Wenn Sie es sehen wollen, dort ist es.«

Er deutete auf die fast vollendete Melancholie und erwartete den Beifall Torpenhows.

Dieser sagte nichts, so daß Dick leise zu wimmern begann aus Freude, Torpenhow wiederzusehen, aus Schmerz über schlechte Arbeit, – wenn es in der That eine schlechte Arbeit wäre, die Torpenhow zurückhaltend und teilnahmslos machte – und aus verletzter kindischer Eitelkeit, weil Torpenhow kein Wort des Lobes für sein wundervolles Bild hatte.

Bessie blickte nach längerer Zeit durch das Schlüsselloch und sah die beiden, wie gewöhnlich, auf und ab gehen, Torpenhows Hand auf Dicks Schulter. Bei diesem Anblicke sagte sie etwas so Unpassendes, daß es sogar Binkie verletzte, der geduldig auf dem Flur wartete in der Hoffnung, seinen Herrn wieder zu sehen.

Erstes Kapitel.

Erstes Kapitel.

»Was, denkst Du, wird sie mit uns anfangen, wenn sie uns erwischt? Wir durften ihn nicht kaufen, wie Du weißt,« sagte Maisie.

»Mich durchprügeln und Dich in Dein Schlafzimmer einsperren,« erwiderte Dick, ohne sich zu besinnen. »Hast Du auch die Patronen mitgenommen?«

»Ja, sie stecken in meiner Tasche, aber sie werden schrecklich zusammengerüttelt. Gehen Zündnadelpatronen nicht von selbst los?«

»Das weiß ich nicht. Nimm Du den Revolver, wenn Du dich fürchtest, und laß mich sie tragen.«

»Ich fürchte mich gar nicht!« Maisie schritt rasch weiter, mit einer Hand in der Tasche und kühn erhobenem Gesichte, Dick folgte ihr mit einem kleinen Zündnadelrevolver.

Die Kinder waren zu der Ueberzeugung gelangt, daß ihr Leben unerträglich sein würde, wenn sie nicht im Pistolenschießen sich üben könnten. Nach vielem Ueberlegen und mit großer Selbstverleugnung hatte Dick sieben Shilling und einen Sixpence erspart, den Preis eines schlecht konstruirten belgischen Revolvers. Maisie konnte nur eine halbe Krone in die gemeinschaftliche Kasse, zum Ankauf von hundert Patronen, beisteuern. »Du kannst besser sparen als ich, Dick,« hatte sie diesem erklärt, »ich esse sehr gern etwas Gutes, und Du machst Dir nichts daraus. Außerdem müssen Jungens mit Revolvern schießen.«

Dick murrte zwar etwas über diese Anordnung, doch fügte er sich, ging fort und besorgte den Einkauf der Sachen, welche die Kinder jetzt probiren wollten. Revolver waren keineswegs einbegriffen in dem Plane ihres täglichen Lebens, wie er von ihrer Behüterin, die in nicht ganz korrekter Weise bei den beiden Kindern Mutterstelle vertrat, festgestellt worden. Dick befand sich seit sechs Jahren unter ihrer Obhut; Mrs. Jennet war während dieser ganzen Zeit eifrig bemüht gewesen, möglichst viel Vorteil aus dem Zuschusse zum Kostgelde der ihr zur Anschaffung von Kleidungsstücken für ihre Pfleglinge bewilligt worden war, für sich herauszuschlagen. Sie war eine Witwe in reiferen Jahren, mit dem lebhaften Wunsche, sich wieder zu verheiraten, und hatte, teils aus Gedankenlosigkeit, teils aus angeborener Sucht, andere zu quälen, auf die jungen Schultern von Dick Lasten gelegt, die schwer genug zu tragen waren. Wo er sich nach Liebe gesehnt, gab sie ihm erst Widerwillen und dann Haß. Wo er, als er herangewachsen, ein wenig Teilnahme und Sympathie gesucht, hatte sie ihn lächerlich gemacht. Die zahlreichen Stunden, welche sie nach der Besorgung ihrer kleinen Haushaltung übrig hatte, verwandte sie dazu, Dick Heldar eine häusliche Erziehung zu geben, wie sie es nannte. Ihre Religion, ein Produkt ihres eigene« Verstandes und eines eifrigen Studiums der heiligen Schrift und frommer Bücher, kam ihr bei dieser Arbeit vortrefflich zu statten. In Zeiten, wenn sie persönlich nicht unzufrieden mit dem Betragen von Dick war, gab sie ihm zu verstehen, daß er eine schwere Abrechnung mit seinem Schöpfer auszugleichen habe; die Folge davon war, daß Dick lernte, seinen Gott ebenso aufrichtig zu verabscheuen, wie er bereits Mrs. Jennet verabscheute, ein Gemütszustand, der keineswegs ein heilsamer für die Jugend ist. Seitdem es ihr beliebte, ihn als einen hoffnungslosen Lügner zu betrachten, als die Androhung von Strafe und Schmerz ihn zu seiner ersten Unwahrheit getrieben, entwickelte er sich natürlich zu einem Lügner, doch zu einem mäßigen und sich selbst beherrschenden, der niemals die geringste unnötige Unwahrheit aussprach und nie vor der schwärzesten sich scheute, wenn es ihm klar war, daß dieselbe sein Leben einigermaßen erträglicher machen könnte. Diese Behandlung lehrte ihn schließlich die Kunst, allein zu leben, eine Erwerbung, die ihm von großem Nutzen war, als er in eine öffentliche Schule kam und die anderen Knaben seiner Kleider wegen, die ärmlich und vielfach ausgebessert waren, über ihn lachten. An den Feiertagen kehrte er zu den Lehren der Mrs. Jennet zurück und wurde, damit die Kette der Disziplin nicht durch die Gemeinschaft mit der Welt gelockert würde, meistens durchgeprügelt für daß eine oder das andere Vergehen, bevor er sich noch zwölf Stunden unter ihrem Dache befand. Im Herbste eines Jahres erhielt er eine Gefährtin in der Knechtschaft, ein langhaariges, grauäugiges, kleines Wesen, ebenso zurückhaltend wie er selbst, das sich schweigend im Hause bewegte und während der ersten Wochen nur mit ihrer Ziege sprach, ihrer teuersten Freundin auf Erden, die in einem Garten hinter dem Hanse lebte. Mrs. Jennet widersetzte sich dem Verkehre mit der Ziege aus dem Grunde, weil dieselbe unchristlich sei, – was sie sicherlich auch war. »Dann,« sagte das kleine Wesen, »dann werde ich an meinen Vormund schreiben und ihm mitteilen, daß Sie eine sehr böse Frau sind. Amomma ist mein, mein, mein!« Mrs. Jennet machte eine Bewegung nach dem Hausflur zu, wo in einem Ständer mehrere Sonnenschirme und Stücke sich befanden. Das kleine Wesen begriff ebenso gut wie Dick, was das bedeutete. »Ich bin früher geschlagen worden,« sagte sie mit ebenso leidenschaftloser Stimme wie vorher; »ich bin viel schlimmer geprügelt worden, wie Sie mich jemals prügeln können. Wenn Sie mich schlagen, so schreibe ich meinem Vormunde, daß Sie mir nicht genug zu essen geben. Ich fürchte mich gar nicht vor Ihnen.« Mrs. Jennet ging nicht in den Hausflur, und das kleine Wesen begab sich nach einer Pause hinaus, um sich zu versichern, daß alle Kriegsgefahr vorüber sei, und weinte bitterlich an Amommas Halse.

Dick lernte sie als Maisie kennen und mißtraute ihr anfänglich sehr, da er befürchtete, daß sie sich in die geringe Freiheit, die ihm geblieben, einmengen würde. Sie that es indes nicht und zeigte nicht eher Freundschaft ihm gegenüber, als bis Dick die ersten Schritte gethan. Lange bevor die Feiertage zu Ende waren, hatte der Druck der gemeinschaftlich geteilten Strafen die Kinder einander genähert, wenn es auch nur geschehen war, um bei den für Mrs. Jennet vorbereiteten Lügen sich gegenseitig zu unterstützen. Als Dick in die Schule zurückkehrte, lispelte Maisie: »Nun werde ich ganz allein sein, um mich selbst zu behüten; aber ich kann es ganz gut thun,« fügte sie hinzu, tapfer mit dem Kopfe nickend. »Du versprachst mir, für Amomma ein Grashalsband zu schicken; thue es bald,« Eine Woche später forderte sie ihn auf, das Halsband umgehend mit der Post zu schicken, und war sehr unzufrieden, als sie erfuhr, daß es viel Zeit erfordere, dasselbe anzufertigen. Als dann schließlich Dick sein Geschenk absandte, vergaß sie, ihm dafür zu danken.

Manche Feiertage waren seit jener Zeit gekommen und vorübergegangen; Dick war inzwischen zu einem schmächtigen Burschen herangewachsen, mehr als je sich seiner schlechten Kleider bewußt. Mrs. Jennet Hatte keinen Augenblick in ihrer zärtlichen Sorge für ihn nachgelassen, doch die kräftigen Prügel in einer öffentlichen Schule – Dick wurde ungefähr dreimal im Monate mit Stockschlägen bestraft – erfüllten ihn mit Verachtung ihrer Gewalt und ihrer Kraft. »Sie thut mir nicht weh,« erklärte er Maisie, die ihn zum Widerstande aufreizte, »und sie ist freundlicher gegen Dich, wenn sie mich ordentlich durchgewalkt hat.« Dick lebte dahin, schlecht gehalten, was den Körper anbelangte, und wild von Gemütsart, wie die kleineren Knaben in der Schule bald erfuhren; denn wenn der Geist über ihn kam, prügelte er sie weidlich durch, mit Geschick und Gründlichkeit. Derselbe Geist veranlaßte ihn mehr als einmal, zu versuchen, Maisie zu quälen, doch das Mädchen weigerte sich, noch unglücklicher zu werden. »Wir sind beide elend genug so, wie es jetzt ist,« sagte sie; »was hat es für einen Zweck, zu versuchen, die Dinge noch schlimmer zu machen? Laß uns etwas ausfinden, was uns Vergnügen macht, und das Böse vergessen.«

Der Revolver war das Ergebnis dieses Suchens. Derselbe konnte nur auf dem schlammigsten, äußersten Strande der Bucht benützt werden, weit entlegen von Bade-Einrichtungen und den Spitzen der Molen, unterhalb der mit Gras bewachsenen Böschungen des Forts Keeling. Die Ebbe lief beinahe zwei Meilen vom Strande hinaus, wobei die mannigfach gefärbten Schlammbänke unter den Strahlen der Sonne einen widerlichen Geruch von verfaultem Kraut aushauchten. Es war ziemlich spät nachmittags, als Dick und Maisie ihr Terrain mit Amomma, die geduldig hinter ihnen hertrabte, erreichten.

»Muff!« rief Maisie aus, die Luft einziehend. »Ich möchte wissen, was die See so stinken macht. Ich liebe das gar nicht.«

»Du liebst überhaupt nie etwas, das nicht gerade für Dich gemacht worden ist,« bemerkte Dick grob. »Gib mir die Patronen, ich will den ersten Schuß versuchen. Wie weit mag wohl einer von diesen kleinen Revolvern tragen!«

»O, eine halbe Meile!« sagte Maisie schnell. »Wenigstens macht er einen schrecklichen Lärm. Sei vorsichtig mit den Patronen; ich mag diese am Rande befestigten, eingekerbten Dinger nicht leiden. Dick, sei vorsichtig!«

» All right! Ich weiß, wie man laden muß. Ich will nach dem Wellenbrecher da draußen schießen.«

Er feuerte, und Ammoma lief meckernd davon. Die Kugel warf einen Strahl von Schlamm auf, rechts von den mit Seegras bewachsenen Pfeilern.

»Halte hoch und nach rechts. Du schießest jetzt, Maisie. Denke daran, daß er vollständig geladen ist.«

Maisie ergriff den Revolver und schritt vorsichtig bis an den Rand des Schlammes vor, mit der Hand fest den Kolben umfassend, den Mund und das linke Auge aufgesperrt. Dick setzte sich auf einen Büschel am Strande und lachte. Amomma kehrte sehr behutsam zurück. Sie war an seltsame Erfahrungen während dieser Nachmittagsspaziergänge gewöhnt und stellte, da sie die Schachtel mit den Patronen unbewacht fand, mit ihrer Nase einige Untersuchungen an. Maisie schoß, konnte indes nicht sehen, wohin die Kugel geflogen war.

»Ich denke, sie traf den Pfosten,« sagte sie, ihre Augen beschattend und über die See blickend, auf der kein einziges Segel wahrzunehmen war.

»Ich weiß, sie ist hinausgeflogen nach der Marazion-Glockenboje,« bemerkte Dick kichernd. »Schieße niedrig und nach links, dann wirst Du vielleicht die Boje treffen. – O, sieh doch die Amomma! Sie frißt die Patronen auf!«

Maisie drehte sich um, den Revolver in der Hand, gerade in dem Augenblicke, als Amomma vor den Kieseln davonsprang, die Dick hinter ihr her warf. Nichts ist heilig für eine lüsterne Ziege. Obschon wohl genährt und der Liebling ihrer Herrin, hatte Amomma natürlich zwei gefüllte Zündnadelpatronen hinuntergeschluckt. Maisie eilte herbei, um sich selbst zu überzeugen, ob Dick sich auch nicht verzählt habe.

»Ja wohl, sie hat zwei Stück aufgefressen!«

»Abscheuliches kleines Tier! Nun werden sie in ihrem Bauche durch einander gerüttelt werden und losgehen, was ihr ganz recht ist … O, Dick, habe ich Dich totgeschossen?«

Revolver sind gefährliche Dinge in jungen Händen. Maisie konnte sich nicht erklären, wie es geschehen, doch ein Schleier von Rauch trennte sie plötzlich von Dick und sie war fest überzeugt, daß der Revolver ihm gerade ins Gesicht losgegangen sei. Dann hörte sie ihn schnaufen und, an seiner Seite in die Kniee sinkend, rief sie weinend aus: »Dick, Du bist nicht getroffen, nicht wahr? Ich wollte es nicht absichtlich thun.«

»Natürlich thatest Du es nicht absichtlich,« sagte Dick, aus dem Rauche hervortretend und seine Wange abwischend. »Aber Du hast mich beinah blind gemacht. Das schmierige Pulver sticht schrecklich!«

Ein schmaler kleiner Spritzer von grauem Blei auf einem Steine zeigte, wohin die Kugel geflogen war. Maisie begann zu jammern.

»Weine nicht,« sagte Dick, auf seine Füße springend und sich schüttelnd. »Ich bin nicht ein bißchen verletzt.«

»Nein, aber ich hätte Dich totschießen können,« protestirte Maisie, deren Mundwinkel herabhingen. »Was hätte ich dann nur angefangen?«

»Nach Hause gehen und es Mrs. Jennet erzählen.« Dick grinste bei diesem Gedanken; dann sagte er, sie beruhigend: »Bitte, ängstige Dich nicht deswegen. Außerdem verlieren wir unnötig Zeit. Wir müssen zum Thee wieder zu Hause sein. Ich werde nun den Revolver nehmen.«

Maisie würde bei der geringsten Veranlassung jetzt geweint haben, doch die Gleichgiltigkeit von Dick, obschon seine Hand etwas zitterte, als er den Revolver aufhob, hielt sie davon zurück. Sie lag schluchzend auf dem Strande, während Dick methodisch den Wellenbrecher bombardirte. »Doch noch zuletzt getroffen!« rief er aus, als ein Büschel Seegras von dem Holze fortflog.

»Laß es mich auch versuchen,« sagte Maisie gebieterisch. »Mir ist jetzt wieder ganz wohl.«

Sie schossen abwechselnd bis der gebrechliche kleine, Revolver beinahe selbst in Stücke ging, während Amomma, die Verstoßene – weil sie in jedem Augenblick hätte auffliegen können – im Hintergrunde weidete und sich wunderte, weshalb Steine nach ihr geworfen wurden. Darauf fanden sie einen Balken von Zimmerholz in einer Pfütze unterhalb der seewärts gekehrten Böschung des Fort Keeling und setzten sich vor dieser neuen Scheibe nieder.

»In den nächsten Feiertagen,« sagte Dick, als der nun vollständig verdorbene Revolver gewaltig in seiner Hand stieß, »werden wir einen andern Revolver haben – einen mit Zentralfeuer – der wird weiter tragen.«

»Für mich wird es keine nächsten Feiertage geben,« erwiderte Maisie. »Ich gehe fort.«

»Wohin?«

»Ich weiß es nicht. Mein Vormund hat an Mrs. Jennet geschrieben, daß ich irgendwo erzogen werden soll – vielleicht in Frankreich – ich weiß nicht, wo; doch ich werde froh sein, von hier fortzukommen.«

»Ich bin nicht ein bißchen froh. Ich vermute, daß ich hier bleiben muß. Höre, Maisie, ist es wirklich wahr, daß Du fortgehst? Dann werden diese Feiertage Wohl die letzten sein, an denen ich etwas von Dir zu sehen bekomme; ich muß in der nächsten Woche wieder nach der Schule zurückkehren. Ich wünschte …«

Das junge Blut färbte seine Wangen scharlachrot. Maisie rupfte Grasbüschel aus und warf sie die Böschung hinunter nach einem gelben Seemohn, der einsam und allein dastand und zu den unbegrenzten Flächen des Schlammes und der milchweißen See hinabnickte.

»Ich wünschte,« sagte sie nach einer kurzen Pause, »ich könnte Dich zuweilen wiedersehen. Du wünschest das auch, nicht wahr?«

»Ja, doch es wäre besser gewesen, wenn … wenn Du dort unten geradezu geschossen hättest, da unten bei dem Wellenbrecher.«

Maisie blickte einen Augenblick mit weitgeöffneten Augen vor sich hin. Das war der Knabe, welcher erst vor zehn Tagen Amommas Hörner mit Krausen von ausgeschnittenem Papier verziert, mit einem großen Barte geschmückt und so auf den öffentlichen Weg hinausgeführt hatte! Sie schlug ihre Augen nieder; das war nicht derselbe Knabe.

»Sei nicht einsaitig,« sagte sie vorwurfsvoll und griff mit raschem Instinkte seine schwache Seite an. »Wie selbstsüchtig Du bist! Denke doch nur, was ich empfunden hätte, wenn das schreckliche Ding Dich getötet hätte! Ich bin deswegen schon unglücklich genug.«

»Weshalb? Weil Du von Mrs. Jennet fortgehst?«

»Nein.«

»Von mir also?«

Es erfolgte lange Zeit keine Antwort. Dick wagte es nicht, sie anzublicken. Er fühlte, obschon er sich dessen nicht bewußt war, was die letzten vier Jahre für ihn gewesen, und zwar um so mehr, als er nicht wußte, wie er seine Gefühle in Worten ausdrücken sollte.

»Ich weiß es nicht,« sagte sie endlich. »Ich vermute, es ist so.«

»Maisie, Du mußt es wissen. Ich vermute es nicht.«

»Laß uns nach Hause gehen,« sagte Maisie wehmütig.

Dick war jedoch nicht in der Stimmung, nachzugeben.

»Ich kann die Dinge nicht so sagen,« fuhr er fort, »und bin schrecklich betrübt darüber, daß ich Dich neulich so wegen Amomma geplagt habe. Jetzt ist alles ganz anders, Maisie; kannst Du das nicht sehen? Auch hättest Du mir wohl sagen können, daß Du fortgehst, anstatt es mich herausfinden zu lassen.«

»Du hast es nicht herausgefunden, ich habe es Dir gesagt. O Dick, was hat es für einen Nutzen, sich zu betrüben?«

»Gar keinen; aber wir sind doch Jahre und Jahre bei einander gewesen, und ich wußte gar nicht, wie sehr ich mich um Dich sorgte, wie gern ich Dich hatte.«

»Ich glaube nicht, daß Du jemals etwas gern gehabt hast.«

»Nein, ich that es nicht; doch ich thue es jetzt – ich habe Dich schrecklich gerne, Maisie,« sagte er schluckend, »Maisie, Liebling, sage, daß Du mich auch gern hast, bitte.«

»Ich habe Dich gern, wirklich, es ist so; es wird jedoch gar keinen Zweck haben.«

»Weshalb?«

»Weil ich fortgehe.«

»Ja, doch wenn Du mir etwas versprichst, bevor Du gehst. Sage es doch nur – willst Du?« Ein zweites »Liebling« kam auf seine Lippen, leichter als das erstemal. In Dicks häuslichem Leben oder in der Schule hatte er nur sehr wenig Zärtlichkeit erfahren; er fand sie aus Instinkt. Dick erfaßte die kleine Hand, welche von dem Rauche des Revolvers geschwärzt war.

»Ich verspreche es,« sagte sie feierlich, »doch wenn ich Dich gern habe, so bedarf es erst gar keines Versprechens.«

»Und Du hast mich gern?« Zum erstenmal während der letzten Minuten begegneten sich ihre Augen und sprachen für sie, die kein Geschick zum Sprechen hatten…

»O Dick, thu es nicht! Bitte, thu es nicht! Es war alles recht, wenn wir uns guten Morgen sagten; doch nun ist es ganz anders!« Amomma sah von weitem herüber. Sie hatte schon häufig über ihren Besitz streiten, doch noch niemals zuvor Küsse austauschen sehen. Der gelbe Seemohn war weiser und nickte beifällig mit dem Kopfe. Als Kuß betrachtet war es ein Mißlingen, doch, da es der erste war, ein ganz anderer als die von der Pflicht erheischten, der erste, den jeder von den beiden jemals gegeben oder empfangen hatte, so erschloß ihnen derselbe neue Welten, so köstliche, daß sie jeder Betrachtung irgend einer Welt überhaupt entrückt wurden – besonders derjenigen, in welcher Thee notwendig ist; sie saßen ruhig da, Hand in Hand, ohne ein Wort zu sprechen.

»Jetzt kannst Du mich nicht mehr vergessen,« sagte Dick endlich. Auf seiner Wange war etwas, das heftiger stach als Schießpulver.

»Ich würde Dich so wie so nicht vergessen haben,« erwiderte Maisie; sie blickten einander wieder an und bemerkten, daß jeder ein anderer geworden als der Spielgefährte, der er vor einer Stunde gewesen, zu einem Wunder und einem Geheimnis, das sie nicht begreifen konnten. Die Sonne begann sich zum Untergehen zu neigen und der Abendwind strich längs den Biegungen des Vorstrandes.

»Wir werden schrecklich spät zum Thee kommen,« sagte Maisie. »Laß uns nach Hause gehen.«

»Wir wollen erst den Rest der Patronen verschießen,« entgegnete Dick; er half Maisie darauf von der Böschung des Forts nach der See hinunter – ein Abstieg, den sie vollkommen befähigt war, in vollem Laufe zu bewerkstelligen. Ernsthaft nahm sie die beschmutzte Hand. Dick neigte sich ungeschickt vorwärts; Maisie zog ihre Hand zurück und Dick errötete.

»Sie ist wirklich hübsch,« sagte er.

»Puh!« machte Maisie mit einem kleinen Lächeln befriedigter Eitelkeit. Sie stand dicht neben Dick als er den Revolver zum letztenmale lud und über das Wasser hin schoß, mit einem unbestimmten Gefühle, daß er Maisie vor allen Nebeln der Welt beschützen möchte. Ein Wasserpfuhl weit draußen im Schlamme spiegelte die letzten Sonnenstrahlen wider, wie eine grimmige rote Scheibe. Der Schein fesselte Dicks Aufmerksamkeit für einen Augenblick, und als er den Revolver erhob, überkam ihn wiederholt das Gefühl des Wunderbaren, daß er bei Maisie stehe, die versprochen, ihn lieb zu haben für eine unbegrenzte Zeit, bis zu einem Tage, an welchem … Der stärker werdende Wind trieb das lange schwarze Haar des Mädchens ihm über das Gesicht, wie sie bei ihm stand, die eine Hand auf seine Schulter gelegt, Amomma eine kleine Bestie nennend; einen Augenblick lang befand er sich im Dunkeln, – ein Dunkel, das ihn prickelte. Die Kugel flog singend hinaus in die See.

»Mein Ziel verfehlt,« sagte er kopfschüttelnd. »Jetzt sind keine Patronen mehr da; wir wollen nach Hause laufen.«

Doch sie liefen nicht, sondern gingen ganz langsam, Arm in Arm. Es war ihnen gleichgiltig, ob die vernachlässigte Amomma, mit zwei Zündnadelpatronen im Leibe, in die Luft flog oder neben ihnen her trabte; denn sie hatten eine goldene Erbschaft angetreten und disponirten über dieselbe mit der ganzen Weisheit ihrer Jahre.

»Und ich werde sein …« sagte Dick kräftig. Dann schwieg er plötzlich. »Ich weiß nicht, was ich sein werde. Es scheint nicht, daß ich fähig bin, irgend ein Examen abzulegen, aber ich kann schreckliche Karikaturen von den Lehrern zeichnen. Ho! Ho!« »Dann werde ein Künstler,« sagte Maisie. »Du lachst immer über meine Versuche zu zeichnen, aber für Dich wird es gut sein.«

»Ich werde niemals über etwas lachen, was Du thust,« antwortete er. »Ich will ein Künstler werden und alles mögliche ausführen.«

»Künstler brauchen immer Geld, nicht wahr?«

»Ich habe hundertundzwanzig Pfund jährlich als mein Eigentum erhalten. Meine Vormünder sagten mir, daß ich das Geld bekommen würde, sobald ich großjährig wäre. Das wird genug sein, um damit zu beginnen.«

»O, ich bin reich,« sagte Maisie. »Ich habe dreihundert jährlich, die mir ganz allein gehören, wenn ich einundzwanzig Jahre alt bin. Deswegen ist Mrs. Jennet auch freundlicher gegen mich als gegen Dich. Ich wünschte jedoch, daß ich irgend jemand hätte, der zu mir gehörte – einen Vater oder eine Mutter.«

»Du gehörst mir für immer und ewig,« rief Dick aus.

»Ja, wir gehören einander – für immer. Es ist wirklich hübsch.«

Sie zwickte ihn in den Arm. Die gütige Dunkelheit umgab beide, und, ermutigt dadurch, daß er nur gerade Maisies Profil sehen konnte mit den langen, die grauen Augen verschleiernden Augenwimpern, wagte Dick an der Vorderthüre die Worte auszusprechen, über welche er während der letzten zwei Stunden gebrütet hatte: »Und ich – ich liebe Dich, Maisie,« sagte er in flüsterndem Tone, der ihm durch die ganze Welt zu klingen schien, – die Welt, welche zu erobern er morgen oder am folgenden Tage ausziehen wollte.

Es gab eine große Scene, als Mrs. Jennet über ihn herfiel, erstlich wegen schändlicher Unpünktlichkeit und zweitens weil er sich mit einer verbotenen Waffe beinahe getötet.

»Ich spielte mit dem Ding, als es plötzlich von selbst losging,« sagte Dick, als die Wange voll Pulverkörner nicht länger verborgen bleiben konnte, »doch wenn Sie meinen, mich deswegen schlagen zu können, so irren Sie sich. Sie sollen es nie mehr wagen, mich anzurühren! Setzen Sie sich und geben Sie mir meinen Thee. Sie können uns nicht darum betrügen, durchaus nicht.«

Mrs. Jennet schnappte nach Luft und wurde leichenblaß. Maisie sagte nichts, ermutigte jedoch Dick, der sich den ganzen Abend über höchst abscheulich benahm, mit den Augen. Mrs. Jennet prophezeite ein unmittelbar eintreffendes Gericht der Vorsehung und später eine Niederfahrt zur Hölle, nach Tophat, doch Dick wandelte im Paradiese und wollte nichts hören. Erst als er zu Bett gehen wollte, erholte sich Mrs. Jennet und begann wieder zu sich zu kommen. Er hatte mit niedergeschlagenen Augen und aus der Entfernung Maisie »Gute Nacht!« gesagt.

»Wenn Du auch kein Gentleman bist, so solltest Du wenigstens versuchen, Dich wie ein solcher zu betragen,« sagte Mrs. Jennet zornig. »Du hast Dich schon wieder mit Maisie gezankt.«

Das bezog sich darauf, daß der gebräuchliche Gute Nacht-Kuß unterblieben war, Maisie, blaß bis an die Lippen, reichte ihre Wange mit einer allerliebsten Miene von Gleichgiltigkeit hin und wurde pflichtschuldigst von Dick geküßt, der, rot wie Feuer, aus dem Zimmer stolperte. In jener Nacht hatte er einen wilden Traum. Er hatte die ganze Welt gewonnen und brachte dieselbe in einer Patronenschachtel zu Maisie, doch diese stieß sie mit dem Fuße um und rief, anstatt sich zu bedanken:

»Wo ist das Grashalsband, das Du mir für Amomma versprochen hast? O, wie selbstsüchtig bist Du!«