Elftes Kapitel.

Elftes Kapitel.

Es war am dritten Tage nach Torpenhows Rückkehr, Das Herz war ihm schwer.

»Wollen Sie damit sagen, daß Sie ohne Whisky nicht mehr bei der Arbeit sehen können? Gewöhnlich ist das Gegenteil der Fall.«

»Kann ein Trinker bei seiner Ehre schwören?« fragte Dick.

»Ja, wenn er ein so tüchtiger Mann gewesen ist wie Sie.«

»Dann gebe ich Ihnen mein Ehrenwort,« sagte Dick, rasch seine ausgetrockneten Lippen bewegend. »Alter Herr, ich kann jetzt kaum Ihr Gesicht sehen, Sie haben mich während zwei Tagen nüchtern gehalten, – wenn ich überhaupt je betrunken war, – und ich habe nichts arbeiten können. Halten Sie mich nicht länger zurück, denn ich weiß nicht, wann meine Augen erlöschen. Die Flecken und Punkte sowie die Schmerzen quälen mich ärger als je. Ich schwöre Ihnen zu, daß ich alles ganz vortrefflich sehen kann, wenn ich – wenn ich mäßig aufgewunden bin, wie Sie es nennen. Geben Sie mir noch drei Sitzungen mit Bessie, sowie allen Stoff, dessen ich bedarf, und das Bild wird fertig sein. Ich kann mich nicht in drei Tagen töten; es bedeutet nur einen Anfall von D. T. (Delirium tremens) schlimmsten Falles.«

»Wenn ich Ihnen drei Tage gestatte, wollen Sie mir dann versprechen, mit jeder Arbeit aufzuhören und dem andern Dinge, ob das Bild nun fertig ist oder nicht?«

»Ich kann es nicht. Sie wissen gar nicht, welche Bedeutung dieses Bild für mich hat. Aber natürlich könnten Sie Nilghai zu Ihrem Beistande nehmen, mich zu Boden schlagen und festbinden. Ich würde gewiß nicht wegen des Whisky kämpfen, wohl aber für meine Arbeit.«

»Nun, dann machen Sie weiter. Ich gebe Ihnen drei Tage, aber Sie brechen mir fast das Herz.«

Dick kehrte zu seiner Arbeit zurück, wie ein Besessener sich abmühend; der gelbe Teufel des Whisky stand neben ihm und verjagte die Punkte vor seinen Augen. Die Melancholie war fast vollendet und alles, oder doch beinah‘ alles geworden, was er gehofft hatte. Dick scherzte mit Bessie, die ihn daran erinnerte, daß er »eine betrunkene Bestie« wäre; aber der Vorwurf berührte ihn gar nicht.

»Sie können das nicht begreifen, Beß. Wir sind nun in Sicht von Land und werden bald still liegen und über das nachdenken, was wir gemacht haben. Wenn das Bild fertig ist, will ich Ihnen die Bezahlung für drei Monate geben, und nächstens, wenn ich wieder eine Arbeit vorhabe – aber das gehört nicht hieher. Wird das Geld für drei Monate Sie bewegen, mich weniger zu hassen?«

»Nein, das wird es nicht! Ich hasse Sie und werde Sie stets hassen, Mr, Torpenhow wird nie mehr mit mir sprechen. Er ist immer beschäftigt, Karten und rot eingebundene Bücher durchzusehen.«

Bessie sagte nicht, daß sie Torpenhow von neuem in Belagerungszustand versetzt hatte, noch daß er, am Schlusse ihrer leidenschaftlichen Bitten, sie aufgehoben, ihr einen Kuß gegeben und sie vor die Thür gesetzt hatte, mit dem Bemerken, sie möchte doch nicht eine kleine Närrin sein. Den größten Teil seiner Zeit verbrachte er in der Gesellschaft von Nilghai in Gesprächen über den in nächster Zeit stattfindenden Krieg, das Mieten von Transportschiffen und heimliche Vorbereitungen auf den Werften. Er wollte Dick nicht eher sehen, als bis das Bild vollendet sei.

»Er macht eine Arbeit ersten Ranges,« sagte er zu Nilghai; »dieselbe liegt gänzlich außerhalb seines bisherigen Genres. Aber ihretwegen allein trinkt er so infernalisch.«

»Thut nichts. Lassen Sie ihn mir allein. Wenn er wieder zur Vernunft gekommen ist, wollen wir ihn von hier fortbringen und ihn frische Luft einatmen lassen. Armer Dick! Ich beneide Sie nicht, Torp, wenn seine Augen erloschen sind.«

»Ja, es wird ein Fall sein von ›Gott helfe dem Manne, der an unsern Davie angekettet ist.‹ Das Schlimmste ist, daß wir nicht wissen, wann es geschehen wird; ich glaube, daß diese Ungewißheit, sowie die Erwartung mehr als alles übrige den armen Dick zum Whiskytrinken gebracht haben.«

»Wie würde der Araber grinsen, der ihm den Kopf eingeschlagen, wenn er das wüßte!«

»Er hat vollkommen Freiheit, zu grinsen, wenn er kann; er ist tot. Das ist jetzt ein armseliger Trost.«

Am Nachmittage des dritten Tages hörte Torpenhow, wie Dick nach ihm rief. »Alles fertig!« sagte er. »Ich habe es zu stande gebracht! Kommen Sie herein! Ist sie nicht eine Schönheit? Ist sie nicht lieb? Ich bin in die Hölle hinunter gestiegen, um sie zu erlangen; aber ist sie es nicht wert?«

Torpenhow erblickte den Kopf einer Frau, die lachte, einer Frau mit üppigen Lippen, hohläugig, die aus der Leinwand hervorlachte, wie Dick es beabsichtigt hatte.

»Wer lehrte Sie das zu malen?« rief Torpenhow aus. »Der Pinselstrich und das Sujet haben nichts zu schaffen mit Ihren bisherigen Arbeiten. Was für ein Gesicht das ist! Welche Augen und welche Unverschämtheit!« Unwillkürlich bog er seinen Kopf zurück und lachte der Frau zu. »Sie hat eingesehen, daß das Spiel vorbei ist, – ich glaube nicht, daß sie gute Zeiten davon gehabt hat, und jetzt macht sie sich nichts mehr daraus. Ist das nicht Ihre Idee?«

»Genau so.«

»Woher nahmen Sie den Mund und das Kinn? Dieselben gehören nicht Bessie.«

»Sie sind – von irgend jemand anderem. Aber ist es nicht gut? Ist es nicht verteufelt gut? War es nicht all des Whiskys wert? Ich habe es gemalt, ich ganz allein; es ist das Beste, was ich malen kann!« Er holte tief Atem und flüsterte: »Gerechter Gott! Was könnte ich nicht in zehn Jahren leisten, wenn ich das jetzt malen kann! Beiläufig, was halten Sie davon, Beß?«

Das Mädchen biß sich auf die Lippen. Sie war wütend auf Torpenhow, weil er gar keine Notiz von ihr genommen hatte.

»Ich denke, es ist gerade das abschreckendste, scheußlichste Ding, das ich jemals gesehen,« antwortete sie und wandte sich ab.

»Mehr, als Sie glauben, junges Weib. – Dick, es liegt in der Haltung des Kopfes eine Art von mörderischem, eigenartigem Ausdruck, den ich nicht verstehe,« sagte Torpenhow.

»Das ist ein Kunstgriff,« erwiderte Dick, kichernd vor Freude, daß er so vollständig verstanden worden. »Ich konnte einer kleinen Prahlerei nicht widerstehen. Es ist ein französischer Kunstgriff, den Sie nicht verstehen würden; aber man bringt ihn hervor, indem man rund um den Kopf eine Kleinigkeit drapirt und eine ganz geringe Verkürzung an einer Seite des Gesichts macht, von der Ecke des Kinnes bis zur Spitze des linken Ohres. Das und die Vertiefung des Schattens unter dem Ohrläppchen bilden den ganzen Kniff. Es ist ein offenbarer Kunstgriff; nachdem ich indes einmal die ganze Idee fest in mir aufgenommen, hielt ich mich berechtigt ihn anzuwenden. – O, du Schönheit!«

»Amen! Sie ist eine Schönheit. Ich fühle es.«

»So wird jedermann fühlen, der irgendwie Kummer hat,« sagte Dick, sich auf den Schenkel schlagend.

»Er wird dort seine Sorge erblicken und, bei Lord Harry, gerade, wenn er sich besonders kummervoll fühlt, sein Haupt zurückwerfen und lachen – wie sie lacht. Ich habe das Leben meines Herzens und das Licht meiner Augen in sie hineingelegt und kümmere mich nicht um das, was kommen wird. Ich bin erschöpft, furchtbar erschöpft und will mich schlafen legen. Nehmen Sie den Whisky fort, er hat ausgedient, und geben Sie Bessie sechsunddreißig Sovereigns und drei dazu auf gutes Glück. Decken Sie das Bild zu.«

Er fiel sofort auf der Chaiselongue in Schlaf, beinahe bevor er ausgesprochen hatte; sein Gesicht war ganz weiß und verstört, Bessie versuchte, Torpenhows Hand zu erfassen. »Werden Sie nie wieder mit mir sprechen?« fragte sie; doch Torpenhow blickte nur auf Dick.

»Was für eine gewaltige Eitelkeit der Mann besitzt! Ich will mich morgen seiner annehmen und viel aus ihm machen. Er verordnet es. – Eh! Was war das, Bessie?«

»Nichts. Ich will die Sachen hier etwas aufräumen und dann gehen. Sie konnten mir wohl die Bezahlung für drei Monate nicht jetzt gleich geben, wie? Er sagte, Sie sollten es thun.«

Torpenhow gab ihr einen Check und ging in sein eigenes Zimmer. Bessie räumte getreulich das Atelier auf, öffnete die Thür halb, um leichter entfliehen zu können, goß eine halbe Flasche Terpentin auf einen Wischlappen und fing an, das Gesicht der Melancholie damit abzureiben. Die Farbe wurde nicht rasch genug flüssig; sie nahm daher ein Palettemesser und kratzte die Farbe ab, jedem Strich mit dem feuchten Wischlappen folgend. In fünf Minuten war das Bild ein formloser, zusammengekratzter Schlamm von Farben geworden. Darauf warf sie den mit Farbe beschmierten Wischlappen in den Herd, streckte gegen den Schläfer ihre Zunge aus und flüsterte: »Angeführt!« worauf sie die Treppe hinunterlief. Sie wollte Torpenhow niemals wieder sehen, aber sie hatte wenigstens dem Manne Schaden zugefügt, der zwischen sie und ihr Verlangen getreten war und gewöhnlich seinen Scherz mit ihr getrieben hatte. Das Einkassiren des Checks war der Gipfelpunkt des Spasses für Bessie. Darauf segelte der kleine Freibeuter über die Themse und verschwand in der grauen Wildnis der Straßen südlich des Flusses.

Dick schlief bis spät in den Abend hinein, als Torpenhow ihn ins Bett schleppte. Seine Augen waren so klar, wie seine Stimme heiser klang. »Lassen Sie mich noch einmal das Bild ansehen,« sagte er bittend wie ein Kind.

»Sie gehen zu Bett,« entgegnete Torpenhow. »Sie befinden sich durchaus nicht wohl, obschon Sie es selbst kaum wissen mögen. Sie sind so herunter wie ein Kater.«

»Ich erhole mich schon bis morgen. Gute Nacht.«

Als er durch das Atelier zurückging, hob Torpenhow das Tuch über dem Bilde auf und hätte sich beinahe durch einen lauten Aufschrei verraten. »Ausgewischt! ausgekratzt und mit Terpentin abgewaschen! Wenn Dick das heute nacht erführe, würde er vollständig verrückt werden. Er ist so wie so schon am Rande des Abgrundes. Das ist Bessie gewesen – der kleine Teufel! Nur ein Weib hätte das thun können! Noch dazu während die Tinte auf dem Check noch naß war! Dick wird morgen wahnsinnig vor Wut sein. Ich allein bin daran schuld, weil ich versucht habe, Straßendirnen beizustehen. O, mein armer Dick, Gott schlägt Dich wirklich schwer!«

Dick konnte in jener Nacht nicht schlafen, teils aus reiner Freude und teils weil die ihm wohlbekannten Feuerräder in seinen Augen vielfarbigen berstenden Vulkanen Platz gemacht hatten. »Speit nur zu!« sagte er laut. »Ich habe mein Werk vollbracht, ihr könnt jetzt thun, was euch beliebt.« Er lag still, starrte auf die Zimmerdecke, während das lange zurückgehaltene Delirium des Trinkens in seinen Adern glühte, sein Gehirn in Flammen stand mit sich jagenden Gedanken und seine ausgetrockneten Hände sich ballten. Es kam ihm gerade so vor, als ob er das Gesicht der Melancholie aus einer sich drehenden Kuppel malte, die mit Millionen von Lichtern besät war, und alle diese wunderbaren Gedanken verkörpert viele hundert Fuß unterhalb seines schwachen schwankenden Brettes ständen, ihm zu Ehren einander zurufend, als etwas im Innern seiner Schläfe zerbarst, wie eine zu sehr angestrengte Sehne, während die glänzende Kuppel zusammenstürzte und er sich allein in dichter Finsternis befand.

»Ich will versuchen zu schlafen. Das Zimmer ist ganz dunkel. Wir wollen eine Lampe anzünden und sehen, wie die Melancholie aussieht. Es muß Mondschein sein.«

Darauf hörte Torpenhow, wie eine Stimme, die er in den polternden Tönen der Todesangst nicht erkannte, seinen Namen rief.

»Er sieht das Bild an,« war sein erster Gedanke, als er in das Schlafzimmer eilte, wo er Dick aufrecht sitzend und in der Luft mit den Händen umherschlagend fand.

»Torp! Torp! Wo sind Sie? Aus Mitleid, bitte, kommen Sie zu mir!«

»Was gibt es?«

Dick klammerte sich an seine Schulter an. »Was es gibt! Ich habe hier stundenlang im Finstern gelegen und Sie hörten mich nicht. Torp, alter Freund, gehen Sie nicht fort. Ich befinde mich ganz im dunkeln – im dunkeln sage ich Ihnen!«

Torpenhow hielt die Kerze einen Fuß von Dicks Augen, doch in diesen war kein Licht vorhanden. Er zündete das Gas an, und Dick hörte die Flamme knistern. Der Griff seiner Finger auf Torpenhows Schulter ließ diesen zusammenzucken.

»Verlassen Sie mich nicht. Sie wollen mich jetzt nicht allein lassen, nicht wahr? Ich kann nichts sehen. Verstehen Sie wohl? Es ist alles schwarz – ganz schwarz – und ich habe ein Gefühl, als ob ich tief hinunter fiele.«

»Standhaft, Freund!« Torpenhow legte seinen Arm um Dick und begann ihn sanft hin und her zu schaukeln.

»Das thut gut. Sprechen Sie jetzt nicht. Wenn ich mich eine Zeit lang ganz ruhig verhalte, wird die Dunkelheit aufhören. Es scheint gerade so, als ob sie dazu im Begriff wäre. Still!« Dick runzelte die Augenbrauen und starrte verzweiflungsvoll vor sich hin. Die Nachtluft erstarrte Torpenhows Füße.

»Können Sie eine Minute so bleiben?« fragte er. »Ich will meinen Hausrock und ein paar Pantoffeln anziehen.«

Dick umklammerte das Kopfende des Bettes mit beiden Händen und wartete, daß die Dunkelheit verschwinden würde. »Wie lange Sie fort gewesen sind!« schrie er, als Torpenhow zurückkehrte. »Es ist noch so schwarz wie vorhin. Womit stoßen Sie denn gegen die Thür?«

»Eine Chaiselongue, – eine Pferdedecke, – ein Kissen. Ich will bei Ihnen schlafen. Legen Sie sich jetzt nieder; am Morgen wird Ihnen besser sein.«

»Nein, das werde ich nicht!« Die Stimme erhob sich zu einem Jammern. »Mein Gott! Ich bin blind! Ich bin blind, und die Finsternis wird niemals aufhören!«

Er that so, als ob er aus dem Bett springen wollte, doch Torpenhow legte seine Arme um ihn, während sein Kinn auf Dicks Schulter ruhte, der nur das Wort »blind« keuchen und sich schwach hin und her bewegen konnte.

»Standhaft, Dickie, standhaft!« sagte die tiefe Stimme ihm ins Ohr, wahrend Torp ihn fester umfaßte. »Beißen Sie auf die Kugel, alter Freund, und lassen Sie die Leute nicht denken, daß Sie sich fürchten.« Dabei mußte er ihn immer fester fassen, so daß beide Männer schwer atmeten. Dick warf seinen Kopf von einer Seite zur andern und stöhnte.

»Lassen Sie mich los,« keuchte er. »Sie drücken nur die Rippen ein. Wir – wir müssen sie nicht glauben lassen, daß wir uns fürchten, – müssen wir – die ganze Macht der Finsternis und dieses Schicksal?«

»Legen Sie sich nieder. Es ist jetzt alles vorüber.«

»Ja,« sagte Dick gehorsam »Doch würden Sie mir wohl erlauben, Ihre Hand festzuhalten? Ich habe das Gefühl, als ob ich mich an irgend etwas festhalten müßte. Man fällt so tief durch die Finsternis.«

Torpenhow reichte ihm von der Chaiselongue aus seine Hand hinüber, die Dick fest umklammerte und nach einer halben Stunde einschlief. Torpenhow zog seine Hand zurück, beugte sich über Dick und küßte ihn sanft auf die Stirn, wie Männer wohl mitunter emen verwundeten Kameraden in seiner Todesstunde küssen, um ihm das Scheiden zu erleichtern. In der grauen Morgendämmerung hörte Torpenhow, wie Dick mit sich selbst sprach. Er trieb auf den uferlosen Fluten des Deliriums und sprach sehr schnell.

»Es ist ein Jammer – ein großer Jammer; aber es ist nicht zu ändern und muß gegessen werden, Master George. Die Blindheit allein genügt schon hinreichend, deshalb ist es offenbar notwendig, alle Melancholie und verkehrten Ansichten beiseite zu lassen, wie zum Beispiel die war, daß die Königin nicht unrecht thun könne. Torp weiß das nicht; ich werde es ihm erzählen, wenn wir etwas weiter in die Wüste gelangt sind. Was für eine Pfuscherei machen diese Bootsleute mit den Dampfertauen! In einer Minute werden sie eine vierzöllige Trosse durchgerieben haben. Ich sagte es Ihnen ja – da geht er hin! Weißer Schaum auf grünem Wasser, während der Dampfer herum wendet. Wie gut das aussieht! Ich will ihn zeichnen. Nein, ich kann nicht. Ich leide an einer Augenentzündung. Das war eine von den zehn Plagen Aegyptens und erstreckt sich sogar auf den Nil in Gestalt von Katarakten. Ja, das ist ein Spaß, Torp! Lache doch, Du feierliches Gesicht, und halte Dich klar von der Trosse … Sie wird Dich ins Wasser schleudern und Deine Kleider schmutzig machen, teure Maisie.«

»O!« sagte Torpenhow. »Das ereignete sich früher, in jener Nacht auf dem Strome.«

»Sie wird gewiß sagen, es sei meine Schuld, wenn Du voll Schlamm wirst, und Du bist nun nahe genug bei dem Wellenbrecher. Maisie, das ist nicht schön. Ah! Ich wußte ja. Du würdest vorbeischießen. Niedrig und nach links halten, Liebling. Aber Du hast keine Ueberzeugung, alles auf der Welt, nur keine Ueberzeugung. Werde doch nicht ärgerlich, Teuerste. Ich würde mir die Hand abhacken, wenn das Dir etwas anderes als diesen Eigensinn geben könnte. Meine rechte Hand, wenn es nützen würde.«

»Jetzt dürfen wir nicht horchen. Hier ist eine Insel, über Meere von Mißverständnissen nach Rache rufend. Aber sie ruft die Wahrheit, denke ich,« sagte Torpenhow. Das Schwatzen wurde fortgesetzt. Es bezog sich alles auf Maisie. Mitunter sprach Dick weitläufig über seine Kunst, dann verfluchte er sich selbst wegen seiner Thorheit, ein solcher Sklave zu sein. Er bat Maisie um einen Kuß – nur einen einzigen Kuß – bevor sie fortginge, und forderte sie auf, von Vitry-sur-Marne zurückzukehren; doch zwischen all seiner Raserei rief er Himmel und Erde zum Zeugen an, daß die Königin nicht unrecht thun könne.

Torpenhow hörte aufmerksam zu und erfuhr jede Einzelheit aus Dicks Leben, die ihm bisher verborgen geblieben. Drei Tage lang phantasirte Dick in dieser Weise über Vorgänge in seinem Leben, dann fiel er in einen natürlichen Schlaf.

»Was für Aufregungen hat der arme Kerl durchgemacht!« sagte Torpenhow. »Dick, von allen Männern sich wie ein Hund hingebend, wahrend ich ihn wegen Anmaßung heruntermachte! Ich hätte wissen müssen, daß es nichts nützt, einen Mann zu verurteilen. Doch ich that es. Was für ein Dämon muß dieses Mädchen sein! Dick hat ihr sein Leben gegeben – hol sie der Henker! – und sie hat ihm augenscheinlich nur einen Kuß gegeben.«

»Torp,« sagte Dick vom Bett aus, »gehen Sie aus und machen Sie einen Spaziergang, Sie sind hier zu lange gewesen. Ich will aufstehen. Ha! ist das verdrießlich; ich kann mich nicht selbst ankleiden. O, es ist zu albern!«

Torpenhow half ihm in die Kleider und führte ihn zu dem großen Sessel im Atelier. Er saß ruhig da und wartete mit angespannten Nerven, daß die Finsternis weichen möchte. Weder an jenem Tage noch in den nächsten wich dieselbe. Dick wagte einen Rundgang längs den Wänden. Er stieß seine Schienbeine gegen den Ofen, was ihn auf die Idee brachte, auf allen Vieren zu kriechen und eine Hand vor sich auszustrecken. Torpenhow fand ihn so auf dem Fußboden.

»Ich versuche, die Geographie meiner neuen Besitzungen kennen zu lernen,« sagte Dick. »Erinnern Sie sich des Negers, dem Sie in dem Carré das Auge ausdrückten? Schade, daß Sie das Auge nicht behalten haben; es würde nun von Nutzen sein. Sind Briefe für mich da? Geben Sie mir alle in dicken grauen Couverts mit einer Art von Krone auf der Außenseite. Sie sind nicht wichtig.«

Torpenhow gab ihm einen Brief mit einem schwarzen »M« auf dem Umschlage. Dick steckte denselben in die Tasche. Es stand nichts in dem Briefe, was Torvenhow nicht hätte lesen können, doch er gehörte ihm und Maisie, die ihm niemals gehören würde.

»Wenn sie sieht, daß ich nicht schreibe, so wird sie aufhören, mir zu schreiben. Es ist besser so. Ich kann ihr jetzt von gar keinem Nutzen sein,« dachte Dick, wahrend er die Versuchung fühlte, sie seinen Zustand wissen zu lassen. Jeder Nerv in ihm widersetzte sich. »Ich bin bereits tief genug gefallen und will nicht um Mitleid betteln. Außerdem würde es grausam gegen sie sein.«

Er bemühte sich, nicht mehr an Maisie zu denken; aber die Blinden haben vielfache Gelegenheiten, nachzudenken, und als in den langen unthätigen Tagen seine Kraft zurückkehrte, wurde Dicks Seele bis ins Innerste erregt. Ein zweiter und ein dritter Brief von Maisie trafen ein; dann folgte Schweigen, und Dick saß am Fenster, zu dem die warme Sommerluft hereindrang, und malte sich aus, wie ein anderer Mann, kräftiger als er, sie gewann. Seine Phantasie, um so kühner je finsterer der Hintergrund war, gegen den sie ankämpfte, ersparte ihm kein einziges Detail, das ihn rasend im Atelier auf und ab jagte, sich an dem Ofen stoßend, der an vier Stellen zugleich sich zu befinden schien. Das Schlimmste von allem war, daß ihm in der Dunkelheit der Tabak nicht schmeckte. Die Anmaßung des Mannes war verschwunden; an ihre Stelle war die Verzweiflung getreten, die Torpenhow kannte, und blinde Leidenschaft, die Dick in der Nacht seinem Kopfkissen anvertraute. Die Pausen zwischen den Ausbrüchen wurden ausgefüllt durch unerträgliches Warten und die Last unerträglicher Finsternis.

»Kommen Sie hinaus in den Park,« sagte Torpenhow. »Sie sind nicht draußen gewesen, seitdem die Geschichte angefangen hat.«

»Was hat das für einen Zweck? Im Dunkeln gibt es keine Bewegung; und außerdem –« er zögerte unentschlossen oben auf der Treppe, »wird irgend etwas mich umrennen.«

»Nicht, wenn ich bei Ihnen bin. Nur mutig vorwärts.« Der Lärm in den Straßen verursachte Dick nervösen Schrecken, so daß er sich fest an Torpenhows Arm anklammerte. »Es ist, als ob man mit dem Fuße nach einer Gosse fühlen müßte!« sagte er verdrießlich, als er in den Park eintrat. »Lassen Sie uns Gott verfluchen und sterben.«

»Den Schildwachen ist es verboten, unberechtigte Honneurs zu machen. Dort kommen die Garden!«

Dicks Gesicht wurde straff. »Lassen Sie uns näher heran gehen und sie betrachten. Gehen wir auf dem Grase vorwärts, ich kann die Bäume riechen.«

»Nehmen Sie sich vor der niedrigen Einfassung in acht. So ist es gut!« Torpenhow riß ein Büschel Gras aus und sagte: »Riechen Sie daran; ist es nicht gut?« Dick sog begierig den Duft ein. »Jetzt heben Sie Ihre Füße auf und laufen Sie.«

Sie näherten sich dem Regimente soweit es möglich war. Dicks Nasenflügel zitterten beim Klirren der Bajonette, die nicht aufgesteckt waren.

»Lassen Sie uns noch näher herangehen. Sie sind in Kolonne, nicht wahr?«

»Ja. Wie wissen Sie das?«

»Ich fühle es. O, meine Burschen! – meine schönen Burschen!« Er drängte vorwärts, als ob er sehen könne. »Ich könnte diese Leute sofort zeichnen. Wer wird sie jetzt zeichnen?«

»Sie werden in einer Minute abmarschiren. Erschrecken Sie nicht, wenn die Musik beginnt.«

»Ha! Ich bin kein Neuling. Nur das Stillschweigen verwundert mich. Näher, Torp, näher! O, mein Gott, was gäbe ich darum, sie noch einen Augenblick sehen zu können! Nur eine halbe Minute!«

Er konnte die bewaffnete Truppe fast in seinem Bereiche hören, konnte hören, wie der Paukenschläger den Tragriemen über seine Brust warf, als er die große Trommel vom Boden aufnahm.

»Er hat die Trommelstücke über seinem Kopfe gekreuzt,« flüsterte Torpenhow.

»Ich weiß, o, ich weiß! Wer sollte das besser wissen als wie ich! Still!«

Die Trommelstöcke fielen mit einem Bum! Bum! herunter, worauf die Mannschaft nach den Klängen der Musik vorwärts marschirte. Dick fühlte den Luftzug der sich bewegenden Masse in seinem Gesichte, hörte die Fußtritte und das Geräusch der sich an den Gürteln reibenden Brotbeutel. Die große Trommel markirte den Takt. Es war ein bekanntes Konzertstück, das einen ausgezeichneten Marsch im Geschwindschritt abgab.

Ein Mann muß er sein, stolz, stattlich und hoch.
        Ein Mann, mit Gewicht bedacht.
Muß sein bei klarem Verstande noch.
        Kommt Samstag er heim bei Nacht;
Er muß verstehn, mich zu lieben,
        Und er muß zu küssen verstehn;
Und wenn er genug für uns beide hat,
        Soll glücklich er sich sehn.

»Was gibt es?« fragte Torpenhow, als er sah,, wie Dick sein Haupt sinken ließ, nachdem der letzte Mann des Regiments abmarschirt war.

»Nichts. Ich fühle mich ein wenig ermattet von dem Laufen; das ist alles. Torp, bringen Sie mich zurück. Weshalb führten Sie mich hierher?«

Zwölftes Kapitel.

Zwölftes Kapitel.

Nilghai war ärgerlich über Torpenhow. Dick war ins Bett geschickt worden – blinde Leute stehen immer unter den Befehlen von denjenigen, die sehen können – und hatte seit der Rückkehr aus dem Parke heftig über Torpenhow und die ganze Welt geflucht, weil er lebe und sehen könne, während er, Dick, im Tode des Blinden tot sei, der nur eine Last für seine Gefährten wäre. Torpenhow hatte etwas von einer Mrs. Gummidge gesagt, worauf Dick in größter Wut sich zurückgezogen, um drei uneröffnete Briefe von Maisie in den Händen hin und her zu drehen.

Nilghai, fett, dick und streitsüchtig, befand sich in Torpenhows Zimmern. Hinter ihm saß Keneu, der Große Kriegsadler, während zwischen ihnen eine große Karte lag, besteckt mit weiß- und schwarzköpfigen Nadeln.

»Ich hatte mich geirrt in Betreff des Balkans,« sagte Nilghai. »Aber in dieser Sache irre ich mich nicht. Unser ganzes Werk im südlichen Sudan muß noch einmal verrichtet werden. Das Publikum kümmert sich natürlich nicht darum, wohl aber die Regierung, die in aller Stille ihre Vorbereitungen trifft. Sie wissen das ebenso gut wie ich.«

»Ich entsinne mich, wie das Volk uns verwünschte, als unsere Truppen sich von Omdurman zurückzogen. Die Sache mußte früher oder später wieder aufgenommen werden. Ich kann aber nicht mitgehen,« sagte Torpenhow. Er deutete durch die offene Thür; es war sehr heiß an jenem Abende. »Können Sie mich deswegen tadeln?«

Keneu schnurrte, mit der Pfeife im Munde, wie ein großer, sich glücklich fühlender Kater.

»Ich tadle Sie nicht im mindesten. Es ist außerordentlich gütig von Ihnen, alles zusammengenommen, doch ein jeder – auch Sie, Torp – muß Rücksicht auf seine Arbeit nehmen. Ich weiß, daß es brutal klingt, doch Dick ist ausgeschlossen von der Rennbahn – herunter, erschöpft, es ist vorbei mit ihm für immer. Er besitzt etwas Geld und wird nicht verhungern; Sie können seinetwegen nicht Ihre Laufbahn aufgeben. Denken Sie an Ihren eigenen Ruf!«

»Dicks Ruf war fünfmal größer als der meinige und der Ihrige zusammengenommen.«

»Das kam davon, weil er seinen Namen unter jedes Ding setzte, das er gemacht. Jetzt ist das alles vorbei. Sie müssen sich bereit halten, fortzugehen. Sie können Ihre eigenen Preise stellen und liefern bessere Arbeit wie drei von uns.«

»Sie brauchen mir nicht zu erzählen, wie verlockend die Sache für mich ist. Ich werde eine Zeit lang hier bleiben und nach Dick sehen. Er ist so lustig wie ein Bär mit einem wunden Kopfe, aber ich glaube, er hat mich gern in seiner Nähe.«

Nilghai sagte etwas Unhöfliches über schwachköpfige Thoren, die ihre Laufbahn wegen anderer Thoren aufgeben. Torpenhow errötete ärgerlich. Die unausgesetzte Anstrengung bei der Pflege von Dick hatte seine Nerven gereizt.

»Es bleibt noch ein dritter Ausweg,« sagte Keneu nachdenklich. »Ziehen Sie denselben in Betracht und seien Sie kein größerer Thor, als es notwendig ist. Dick ist – oder war vielmehr – ein tüchtig gebauter Mann von mäßiger Anziehung und mit einer gewissen Kühnheit.«

»Oho!« bemerkte Nilghai, der sich an einen Vorfall in Kairo erinnerte. »Ich fange an zu sehen – Torp, es thut mir leid.«

Torpenhow nickte verzeihend. »Es that Ihnen noch mehr leid, als er Sie ausstach. Doch, fahren Sie fort, Keneu.«

»Ich habe oft gedacht, wenn ich Männer draußen in der Wüste sterben sah, daß, wenn die Nachrichten rascher verbreitet werden könnten und die Transportmittel schneller bei der Hand wären, sich mindestens eine Frau am Bette eines jeden Mannes befinden würde.«

»Da würde es manche höchst seltsame Offenbarungen geben. Lasset uns dankbar sein für die Dinge, wie sie sind,« bemerkte Nilghai. »Lasset uns lieber überlegen, ob Torpenhows unbeholfene Dienste genau das sind, was Dick gerade jetzt nötig hat. Wie denken Sie selbst darüber, Torp?«

»Ich weiß, daß sie es nicht sind. Aber was kann ich thun?«

»Die Sache uns als Gerichtshof vorlegen. Wir alle hier sind Dicks Freunde. Sie wissen am meisten aus seinem Leben.«

»Aber ich erfuhr es, als er nicht bei Besinnung war.«

»Um so mehr ist anzunehmen, daß es wahr ist. Ich glaubte, wir würden zum Ziele gelangen. Wer ist sie?«

Darauf berichtete Torpenhow als ein erfahrener Spezialkorrespondent in klaren Worten, was er wußte. Die beiden Männer hörten zu, ohne ihn zu unterbrechen.

»Ist es möglich, daß ein Mann nach Jahren wieder zu seiner Knabenliebe zurückkehren kann?« bemerkte Keneu. »Ist es wirklich möglich?«

»Ich berichte die Thatsachen. Er spricht jetzt gar nicht darüber, aber er sitzt da und zerdrückt drei Briefe von ihr in den Händen, wenn er denkt, daß ich nicht hinsehe. Was soll ich dabei thun?«

»Reden Sie mit ihm?« sagte Nilghai.

»O ja! An sie schreiben – ich weiß nicht einmal ihre genaue Adresse, bedenken Sie – und sie auffordern, ihn aus Mitleid bei sich aufzunehmen. Ich glaube, Nilghai, Sie sagten einmal zu Dick, er thäte Ihnen leid. Erinnern Sie sich noch, was da geschah, wie? Gehen Sie doch ins Schlafzimmer und schlagen Sie ihm ein volles Geständnis vor, sowie eine Berufung an diese Maisie, wer sie auch sein möge. Ich glaube ganz bestimmt, daß er versuchen würde, Sie zu töten; und die Blindheit hat ihn noch kräftiger gemacht.«

»Torpenhows Kurs liegt vollständig klar da,« sagte Keneu. »Er wird nach Vitry-sur-Marne gehen, das an der Bezières-Landes-Bahn liegt, einer einfachen Zweigbahn von Tourgus. Die Preußen schossen es 1870 in Brand, weil eine Pappel auf dem Gipfel eines Hügels stand, achtzehnhundert Ellen vom Kirchturm entfernt. Es liegt eine Eskadron Kavallerie dort in Garnison. Wo dieses Atelier sich befindet, von dem Torp gesprochen, kann ich nicht sagen; das ist Torps Sache. Ich habe ihm seinen Weg vorgezeichnet. Er wird dem Mädchen ohne alle Uebertreibung die Lage auseinandersetzen und dasselbe wird darauf zu Dick zurückkehren, um so mehr, da, um Dicks Worte zu gebrauchen, ›nichts als ihr verdammter Eigensinn sie von einander entfernt hält.‹«

»Dann haben sie zusammen auch vierhundertundzwanzig Pfund jährlich. Dick verlor – selbst nicht in seinem Delirium – nie den Kopf vor Gesichtern. Sie haben nicht die geringste Entschuldigung, nicht gehen zu können,« sagte Nilghai.

Torpenhow sah sehr unbehaglich aus. »Aber es ist thöricht und unmöglich. Ich kann sie doch nicht bei den Haaren zurückschleppen.«

»Unser Geschäft – das Geschäft, für welches wir unser Geld beziehen – ist ja, thörichte und unmögliche Dinge auszuführen, im allgemeinen ohne irgend einen andern Grund, als um das Publikum zu unterhalten. Hier haben wir einen Grund; das übrige thut nichts zur Sache. Ich will in dieser Wohnung mit Nilghai bleiben, bis Torpenhow zurückkehrt. Binnen kurzem wird eine ganze Schar von Spezialkorrespondenten aller Art nach London kommen, und dies hier kann als ihr Hauptquartier dienen. Ein zweiter Grund, Torpenhow fortzuschicken. Also, die Vorsehung hilft denen, die anderen helfen, und« – hier ließ Keneu seine Stimme sinken – »wir können nicht zugeben, daß Sie, wenn der Feldzug beginnt, mit einem Bein an Dick festgebunden sind. Es ist die einzige Möglichkeit für Sie, fortzukommen, und Dick wird Ihnen dankbar dafür sein.«

»Gewiß wird er das – um so schlimmer! Ich kann nur Hinreisen und es versuchen. Ich kann nicht begreifen, wie eine Frau bei gesundem Verstände Dick abweist.«

»Sprechen Sie darüber mit dem Mädchen. Ich habe gesehen, wie Sie ein böses Mahdiweib durch Schmeicheln dahin brachten, daß es Ihnen Datteln gab. Diese Sache hier wird nicht den zehnten Teil so schwierig sein. Es wäre besser, Sie würden morgen nachmittag nicht mehr hier sein, weil Nilghai und ich dann von diesen Zimmern Besitz ergreifen wollen. Es ist ein Befehl. Gehorchen Sie!«

»Dick,« sagte Torpenhow am folgenden Morgen, »kann ich irgend etwas für Sie thun?«

»Nein! Lassen Sie mich allein! Wie oft muß ich Sie daran erinnern, daß ich blind bin?«

»Könnte ich nirgends wohin gehen, um Ihnen etwas zu holen oder zu besorgen?«

»Nein. Ziehen Sie diese höllisch knarrenden Stiefel aus!«

»Armer Bursch!« sagte Torpenhow vor sich hin. »Wie sehr muß ich in letzter Zeit seine Nerven gereizt haben! Er bedarf eines leichteren Trittes.« Darauf fügte er laut hinzu: »Nun gut! Da Sie so unabhängig sind, will ich auf vier bis fünf Tage fortgehen. Sagen Sie mir doch wenigstens Adieu. Der Hausmeister wird nach Ihnen sehen und Keneu wohnt in meinen Zimmern.«

Dicks Gesicht verfinsterte sich. »Sie werden nicht länger als eine Woche fortbleiben? Ich weiß, daß ich in schlechter Stimmung mich befinde, doch ich kann ohne Sie nicht zurecht kommen.«

»Wirklich nicht? Sie werden binnen kurzem ohne mich fertig werden und froh sein, daß ich fortgegangen bin.«

Dick fühlte sich nach dem großen Armstuhle hin und wunderte sich, was diese Worte bedeuten könnten. Er wünschte nicht, von dem Hausmeister gepflegt zu werden, wahrend er Torpenhows ausdauernde Fürsorge noch in sich fühlte. Er wußte nicht genau, was ihm mangelte. Die Dunkelheit wollte nicht weichen und Maisies uneröffnete Briefe wurden von dem fortwährenden Hinundherwenden mürbe. So lange er lebte, würde er dieselben niemals lesen können; doch hätte ihm Maisie einige frische Briefe schicken können, um damit zu spielen. Nilghai trat mit einem Geschenk ein – einem Stück roten Modellirwachses. Er glaubte, Dick würde Interesse darin finden, seine Hände damit zu beschäftigen. Dick betastete und beklopfte den Stoff einige Minuten lang und sagte dann traurig: »Gleicht es irgend einem Dinge auf der Welt? Nehmen Sie es fort! Ich kann das feine Gefühl der Blinden vielleicht in fünfzig Jahren erlangen. Wissen Sie, wohin Torpenhow gegangen ist?«

Nilghai wußte nichts. »Wir bleiben in seinen Zimmern, bis er zurückkommt. Können wir irgend etwas für Sie thun?«

»Ich möchte am liebsten allein gelassen werden. Halten Sie mich nicht für undankbar, aber es ist mir am angenehmsten, wenn ich allein bin.«

Nilghai lächelte, während Dick sein träges Hinbrüten und seine plötzliche Auflehnung gegen das Schicksal wieder aufnahm. Seit längerer Zeit hatte er aufgehört, an die Arbeit zu denken, die er in früheren Tagen ausgeführt; auch der Wunsch, weiter zu schaffen, hatte ihn verlassen. Er war außerordentlich traurig über sein Los, während die Größe seines Herzenskummers dasselbe etwas milderte. Aber seine Seele wie sein Leib schrieen nach Maisie – Maisie, die ihn verstehen könne. Sein Verstand sagte ihm, daß Maisie, die ihre eigene Arbeit zu verrichten habe, sich nicht um ihn sorgen könne. Seine Erfahrung hatte ihn gelehrt, daß, wenn die Geldmittel erschöpft waren, die Frauen fortgingen, und daß, wenn ein Mann aus der Bahn gestoßen worden, die übrigen auf ihn traten.

»Sie könnte mich dann wenigstens verwenden, wie ich Binat verwendete – als eine Art von Studie,« sagte sich Dick. »Ich wollte gar nicht mehr verlangen, als wieder in ihrer Nähe zu sein, selbst wenn ich wüßte, daß ein anderer Mann ihr Liebhaber wäre. Ach, was bin ich doch für ein Hund!«

Eine Stimme auf der Treppe begann fröhlich zu singen, während das Geräusch von Fußtritten ertönte, Torpenhows Thür zugeworfen wurde und Stimmen in eifrigem Gespräch sich hören ließen. Eine derselben rief: »Sehen Sie, meine wackeren Leutchen, ich habe eine neue Wasserflasche erfunden – Patent erster Klasse – wie, was sagen Sie? Sie öffnet sich selbst von innen.«

Dick sprang auf; er kannte diese Stimme ganz genau. »Das ist Cassavetti, der vom Festlande zurückgekehrt ist. Jetzt weiß ich, weshalb Torp fortgegangen ist. Es gibt irgendwo einen neuen Feldzug und – ich kann nicht mit.«

Nilghai befahl vergebens Schweigen.

»Das geschieht meinetwegen,« sagte Dick bitter. »Die Vögel sind bereit, auszufliegen, und wollen es mir nicht sagen. Ich kann Morton Sutherland und Mackay hören. Die Hälfte der Kriegskorrespondenten in London ist dort – und ich kann nicht mit.«

Er stolperte über den Flur und fiel fast in Torpenhows Zimmer. Er fühlte, daß dasselbe voll Leute war. »Wo ist der Krieg?« fragte er. »Endlich in den Balkanländern? Weshalb hat keiner von euch es mir gesagt?«

»Wir dachten, es würde Sie nicht interessiren,« antwortete Nilghai, der sich etwas schämte. »Im Sudan wird er sein wie gewöhnlich.«

»Ihr glücklichen Kerle! Laßt mich hier sitzen, während ihr plaudert. Ich werde kein Skelet beim Feste sein. – Cassavetti, wo sind Sie? Ihr Englisch ist noch ebenso schlecht wie früher.«

Man führte Dick zu einem Sessel. Er hörte das Rascheln der Karten, während das Gespräch weiter ging und ihn mit fortriß. Alle sprachen zugleich über die Zensur der Presse, Eisenbahnlinien, Transporte, Wasserversorgung, die Fähigkeiten der Generale – letzteres in Ausdrücken, die ein vertrauensvolles Publikum entsetzt haben würden – prahlend, streitend und lachend, so laut sie konnten. Jeden Augenblick erklang die glorreiche Gewißheit eines Krieges im Sudan. Nilghai sagte es, und es wäre wohl gut, sich bereit zu halten. Keneu hatte bereits nach Kairo telegraphirt, um Pferde zu bestellen; Cassavetti hatte ein ganz ungenaues Verzeichnis derjenigen Truppen gestohlen, die zu dem Feldzuge bestimmt waren, und las dasselbe unter allerlei Unterbrechungen vor, während Keneu Dick einen unbekannten Herrn vorstellte, der als Kriegsmaler von dem Central Southern Syndikate verwendet werden sollte. »Es ist sein erster Feldzug,« bemerkte Keneu. »Geben Sie ihm einige Winke über das Reiten auf Kamelen.« »O, diese Kamele!« stöhnte Cassavetti. »Ich werde wieder lernen müssen, dieselben zu reiten, und bin jetzt doch so zart und weich geworden! Hört, ihr wackeren Burschen! Ich kenne eure militärischen Vorbereitungen sehr gut. Die Royal Argalshire Sutherländer werden ebenfalls dort sein. Ich habe es aus der besten Quelle.«

Ein Ausbruch von Gelächter unterbrach ihn. »Setzen Sie sich hin,« rief Nilghai. »Die Listen sind noch nicht festgestellt im Kriegsdepartement.«

»Wird in Suakim ein Truppencorps sich befinden?« rief eine Stimme.

Ein allgemeines Stimmengewirr erhob sich darauf: »Wie viel ägyptische Truppen wird man verwenden? – Gott stehe den Fellahs bei! – In den Plumsteadsümpfen gibt es eine Eisenbahn, die ihren Dienst thut wie ein Uhrwerk! – Endlich wird auch die Linie Suakim-Berber gebaut werden, – Kanadische Reisende sind zu vorsichtig. Gebt mir einen halb betrunkenen Krumann in einem Walfischboot! – Wer kommandirt die Wüstenkolonne? – Nein, man sprengte niemals den großen Felsen in der Krümmung bei Ghineh. Wir werden wie gewöhnlich hinauf bugsirt werden. – Einer von euch sage mir, ob ein indisches Kontingent dort sein wird, oder ich will jedermann den Kopf einschlagen. – Reißen Sie die Karte nicht entzwei. – Es ist ein Occupationskrieg, sage ich Ihnen, um mit den afrikanischen Gesellschaften im Süden in Verbindung zu kommen. – In den meisten Brunnen und Quellen auf jener Route kommt der Guineawurm vor.« Darauf heulte Nilghai, der verzweifelte, die Ruhe herzustellen, wie ein Nebelhorn und schlug mit beiden Fäusten auf den Tisch.

»Aber was wird aus Torpenhow?« fragte Dick, als es endlich still geworden.

»Torp ist gerade jetzt noch unentschieden. Er ist irgendwo mit einer Liebelei beschäftigt, vermute ich,« erwiderte Nilghai.

»Er sagte, er wolle zu Hause bleiben,« sagte Keneu.

»So?« rief Dick mit einem Fluche aus. »Er wird es nicht thun. Ich bin jetzt nicht viel wert, aber wenn Sie und Nilghai ihn zurückhalten wollen, so werde ich ihn so lange bearbeiten mit Händen und Füßen, bis er Vernunft annimmt. Er zurückbleiben, in der That! Er ist der beste von euch allen. Bei Omdurman wird es ein hartnäckiges Stück Arbeit geben. Wir werden diesesmal dort bleiben. Doch ich vergaß. Ich wollte, ich könnte mit euch gehen.«

»Das wünschen wir alle, Dickie,« sagte Keneu.

»Und ich am meisten von allen,« bemerkte der neu engagirte Künstler des Central Southern Syndikates. »Könnten Sie mir sagen –«

»Ich will Ihnen einen guten Rat geben,« erwiderte Dick, während er nach der Thüre zu ging. »Wenn es Ihnen passirt, bei einem Scharmützel, einen Hieb über den Kopf zu erhalten, so pariren Sie ihn nicht, sondern sagen Sie dem Manne, er solle nur weiter hauen. Sie werden finden, daß es schließlich am billigsten ist. Danke, daß Sie mich hereingeführt haben.«

»Dieser Dick hat Verstand,« sagte Nilghai eine Stunde später, als alle, mit Ausnahme von Keneu, ihn verlassen hatten.

»Es war der heilige Ruf der Kriegstrompete. Bemerkten Sie, wie er denselben erwiderte? Armer Kerl! Wir wollen nach ihm sehen,« sagte Keneu.

Die Aufregung infolge des Gespräches war verschwunden. Dick saß am Tische im Atelier, mit dem Kopf auf den Armen, als die beiden Freunde eintraten. Er veränderte seine Stellung nicht.

»Es thut weh,« stöhnte er. »Gott verzeihe mir, aber es thut grausam weh; und doch hat die Welt ein Geschick, alles durch sich selbst herumzuwirbeln, wie ihr wißt. Werde ich Torp noch sehen, bevor er fortgeht?«

»O, gewiß werden Sie ihn sehen,« entgegnete Nilghai.

Dreizehntes Kapitel.

Dreizehntes Kapitel.

»Maisie, gehen Sie zu Bett.«

»Es ist so heiß, ich kann nicht schlafen. Quälen Sie mich nicht.«

Maisie lehnte sich mit den Ellenbogen aufs Fensterbrett und blickte auf den im Mondlicht liegenden geraden, von Pappeln eingefaßten Weg. Der Sommer hatte Vitry-sur-Marne völlig ausgedörrt; das Gras auf den Wiesen war verbrannt, die Kreide an den Ufern des Flusses war zu Ziegeln gebrannt, die Blumen an den Seiten des Weges waren seit langer Zeit verdorrt und die Rosen im Garten hingen vertrocknet an ihren Stielen. Die Hitze in dem niedrigen kleinen Schlafzimmer unter der Dachrinne war fast unerträglich. Das Mondlicht an den Wänden von Kamis Atelier über der Straße schien die Nacht noch heißer zu machen, während der Schatten des großen Glockengriffes an der geschlossenen Thüre einen Strich von schwarzer Tinte bildete, der Maisies Auge beleidigte.

»Abscheuliches Ding! Es müßte alles weiß sein,« murmelte sie. »Auch ist die Thür nicht in der Mitte der Wand. Ich habe das früher gar nicht bemerkt.«

Es war Maisie in dieser Stunde nichts recht zu machen. Erstens hatte die Hitze der letzten Wochen sie sehr ermattet; dann war ihre Arbeit, und besonders die Studie eines weiblichen Kopfes, der die Melancholie darstellen sollte, nicht zur richtigen Zeit fertig geworden und unbefriedigend ausgefallen; drittens hatte Kami vor zwei Tagen vieles daran auszusetzen gehabt, und viertens hatte Dick, ihr Eigentum, seit länger als sechs Wochen nicht mehr an sie geschrieben. Sie war ärgerlich über die Hitze, über Kami, über ihre Arbeit, am meisten jedoch über Dick.

Sie hatte demselben dreimal geschrieben – jedesmal eine neue Bearbeitung ihrer Melancholie vorschlagend – und Dick gar keine Notiz von diesen Mitteilungen genommen. Sie war entschlossen, nicht mehr an ihn zu schreiben. Wenn sie im Herbst nach England zurückkehrte – denn ihr Stolz duldete keine frühere Rückkehr – würde sie mit ihm reden. Die Konferenzen an den Sonntagnachmittagen fehlten ihr mehr, als sie zugeben wollte. Alles, was Kami sagte, war: » Continuez, mademoiselle, continuez toujours!« und er hatte diesen langweiligen Rat während des ganzen heißen Sommers wiederholt, gerade wie eine Grille – eine alte graue Grille in einem schwarzen Alpakarocke, weißen Beinkleidern und einem mächtig großen Filzhute. Aber Dick war gebieterisch in ihrem kleinen Atelier in London auf und nieder geschritten und hatte zehnmal schlimmere Dinge als » continuez« gesagt, ehe er ihr den Pinsel aus der Hand nahm und ihr zeigte, worin sie geirrt. Sein letzter Brief enthielt, wie sich Maisie erinnerte, einige triviale Ratschläge, daß sie nicht in der Sonne Skizzen machen und kein Wasser in den Bauernhäusern am Wege trinken solle; und er hatte das nicht einmal, sondern dreimal gesagt – als ob er nicht wüßte, daß Maisie sich selbst in acht nehmen könne!

Aber womit war er beschäftigt, daß er keine Zeit hatte, an sie zu schreiben? Ein Murmeln von Stimmen auf der Straße veranlaßte sie, sich zum Fenster herauszulehnen. Ein Kavallerist von der kleinen Garnison der Stadt plauderte mit Kamis Köchin; der Mondschein glitzerte aus seiner Säbelscheide, die er in der Hand hielt, um ein störendes Klappern zu verhindern. Die Mütze der Köchin warf einen tiefen Schatten auf ihr Gesicht, das sich dicht bei dem des Soldaten befand. Dieser legte seinen Arm um ihre Taille, worauf das Geräusch eines Kusses erfolgte.

»Pfui!« sagte Maisie zurücktretend.

»Was gibt’s?« fragte das rothaarige Mädchen, das sich unruhig auf seinem Bette umherwarf.

»Nur einen Soldaten, der die Köchin küßt,« erwiderte Maisie. »Sie sind jetzt fortgegangen.« Sie lehnte sich wieder zum Fenster heraus und nahm einen Shawl über ihr Nachtkleid zum Schutze gegen die Kälte, denn es wehte eine leichte Nachtbrise. Wäre es möglich, daß Dick seine Gedanken von ihrer und seiner eigenen Arbeit abgewendet hätte, um so tief zu sinken wie Susanne und der Soldat? Das konnte er nicht! Dick konnte es nicht; »weil,« dachte Maisie, »er mir gehört, mir. Er sagte es ja selbst. Es ist wahr, ich bekümmere mich nicht um das, was er thut; es wird nur seiner Arbeit schaden und der meinigen dazu, wenn er es thut.«

Es war durchaus kein Grund vorhanden, weshalb Dick sich nicht belustigen sollte, wenn es ihm beliebte, ausgenommen, daß er durch die Vorsehung, die Maisie war, berufen worden war, Maisie bei ihrer Arbeit beizustehen. Ihre Arbeit bestand darin, Bilder zu malen, die zuweilen an englische Provinzialausstellungen geschickt wurden, wie die Notizen in den Katalogen bewiesen, und die der Salon unabänderlich zurückwies, wenn sie Kami so lange gequält hatte, bis er ihr gestattete, dieselben einzusenden. Ihre Arbeit für die Zukunft würde, wie es schien, darin bestehen, Bilder genau in ähnlicher Weise zu malen, die genau auf dieselbe Weise zurückgewiesen würden.

Das rothaarige Mädchen wälzte sich voll Verzweiflung aus seinem Bette und stöhnte: »Es ist zu heiß zum Schlafen.«

Genau auf dieselbe Weise. Sie würde dann ihre Jahre zwischen ihrem kleinen Atelier in England und Kamis großem Atelier in Vitry-sur-Marne zubringen. Nein, sie wollte zu einem andern Meister gehen, der sie zwingen würde, Erfolg zu haben, auf den sie ein Recht hatte, wenn geduldige Arbeit und verzweifelte Ausdauer jemand ein Recht zu etwas geben. Dick hatte gesagt, daß er zehn Jahre gearbeitet habe, um seine Kunst zu verstehen. Sie hatte ebenfalls zehn Jahre lang gearbeitet und zehn Jahre bedeuteten nichts. Dick hatte gesagt, zehn Jahre wären nichts – aber doch nur in Bezug auf sie selbst. Er hatte auch gesagt – dieser selbe Mann, der keine Zeit zum Schreiben finden konnte, daß er zehn Jahre auf sie warten wolle, und daß sie früher oder später zu ihm zurückkehren müsse. Er hatte dieses in einem albernen Brief über Sonnenstich und Diphtheritis gesagt und dann aufgehört zu schreiben. Er lief im Mondschein die Straßen auf und ab und küßte Köchinnen. Sie möchte ihm am liebsten jetzt gleich Vorwürfe machen – natürlich nicht in ihrem Nachtgewande, sondern gehörig gekleidet – streng und von oben herab. Aber wenn er andere Mädchen küßte, würde er sich gewiß nichts daraus machen, ob sie ihm Vorlesungen hielte oder nicht; er würde sie auslachen.

Maisie stützte ihr Kinn auf die Hand und entschied, daß gar kein Zweifel an der Schlechtigkeit Dicks bestehe. Um sich selbst zu rechtfertigen, begann sie, ganz unweiblich, den Beweis festzustellen. Es war da ein Knabe, der gesagt, daß er sie liebe; derselbe küßte sie auf die Wange bei einem gelben Seemohn, der mit dem Kopfe dazu genickt. Dann kam ein Zwischenraum; andere Männer hatten ihr gesagt, daß sie sie liebten – gerade, wenn sie am eifrigsten mit ihrer Arbeit beschäftigt gewesen. Darauf kehrte der Knabe zurück und hatte ihr gleich bei der zweiten Begegnung gesagt, daß er sie liebe. Dann hatte er – Aber es gab ja gar kein Ende mit all den Dingen, die er gethan. Er hatte ihr seine Zeit und sein Talent gewidmet, mit ihr über Kunst, Haushaltung, Technik, Theetassen, den Mißbrauch von Mixpickles als einem Reizmittel gesprochen und ihr den besten Pinsel aus Zobelhaaren geschenkt, den sie noch täglich benutzte; er hatte ihr guten Rat erteilt, von dem sie Gebrauch gemacht, und hin und wieder einen Blick ihr zugeworfen. Solch einen Blick! Den eines geprügelten Hundes, der auf ein Wort wartet, um zu den Füßen seiner Herrin zu kriechen. Für all das hatte sie ihm gar nichts gegeben, ausgenommen – hier wischte sie sich den Mund mit dem Aermel ihres Nachtkleides ab – die Erlaubnis, sie einmal zu küssen, noch dazu auf den Mund. Schmachvoll! War das nicht genug, mehr als genug? Und wenn es nicht der Fall, hatte er nicht die Schuld gelöscht dadurch, daß er nicht geschrieben und wahrscheinlich andere Mädchen geküßt?

»Maisie, Sie werden sich erkälten. Kommen Sie und legen Sie sich hin,« sagte die müde Stimme ihrer Gefährtin. »Ich kann nicht einschlafen, so lange Sie im Fenster liegen.«

Maisie zuckte mit den Schultern und antwortete nicht. Sie dachte über die Niedrigkeit von Dick und über andere Schlechtigkeiten nach, mit denen derselbe nichts zu schaffen hatte. Der hartherzige Mondschein würde sie doch nicht schlafen lassen. Derselbe lag wie kaltes Silber auf dem Oberlichte des Ateliers über der Straße; sie starrte unausgesetzt darauf hin. bis ihre Gedanken sich zu verwirren begannen. Der Schatten des großen Glockengriffs wurde bald kürzer, bald länger und verschwand, als der Mond hinter der Weide untertauchte, während ein Hase über den Weg nach seinem Lager hinkte. Darauf strich der Abendwind über das hohe Gras und brachte Kühlung mit sich; an den ausgetrockneten Flüssen brüllte das Vieh. Maisies Kopf sank auf das Fensterbrett; der Knoten ihres schwarzen Haares bedeckte ihre Arme.

»Maisie, wachen Sie auf; Sie werden sich erkälten.«

»Ja, Liebe; ja, Liebe.« Sie stolperte wie ein müdes Kind nach ihrem Bette und murmelte, als sie ihr Gesicht in den Kissen begrub: »Ich denke – ich denke … Aber er hätte doch schreiben müssen.«

Der Tag brachte die gewöhnliche Arbeit des Ateliers, den Geruch von Farbe und Terpentin, sowie die monotone Weisheit Kamis, der ein schwerfälliger, bleierner Künstler, aber ein goldener Lehrer war, wenn ihm der Schüler nur sympathisch erschien. Mit Maisie war das an jenem Tage nicht der Fall, so daß sie ungeduldig das Ende ihrer Arbeit erwartete. Sie wußte, wenn es kam, denn Kami würde seinen schwarzen Alpakarock hinten in einem Bündel zusammenraffen und mit mattblauen Augen, die weder Schüler noch Leinwand sahen, in die Vergangenheit zurückblicken, um die Geschichte eines gewissen Binat in Erinnerung zu bringen. »Sie alle haben es nicht so schlecht gemacht wie der,« würde er sagen. »Aber

Sie müssen daran denken, daß es nicht genügt, Methode zu haben, Kunst und Talent, oder dasjenige, was man Strich nennt, zu besitzen, sondern Sie müssen auch die Überzeugung haben, die die Arbeit an die Wand nagelt. Von den vielen Schülern, die ich gehabt,« – hier begannen die Schüler Heftzwicken loszumachen oder ihre Farben zusammenzupacken – »war Binat der beste. Alles, was Studium, Arbeit und Wissen geben können, besaß er, als er zu mir kam; nachdem er mich verlassen, konnte er alles leisten, was mit Farbe, Form und Kenntnis zu leisten ist, nur die Überzeugung fehlte ihm. Deshalb höre ich heute nichts mehr von Binat – dem besten meiner Schüler – und das ist schon lange her; deshalb werden Sie auch froh sein, heute nichts mehr von mir zu hören. Continuez, mesdemoiselles, und, vor allen Dingen, mit Überzeugung.«

Er ging in den Garten, um zu rauchen und über den verlorenen Binat zu trauern, als die Schüler und Schülerinnen sich in ihre verschiedenen Wohnungen zerstreuten oder im Atelier noch trödelten, um Pläne zu machen, wo sie die Kühle des Nachmittags genießen wollten.

Maisie blickte auf ihre unglückselige Melancholie, unterdrückte den Wunsch, derselben eine Grimasse zu machen, und eilte dann über die Straße, um einen Brief an Dick zu schreiben, als sie einen großen Mann auf einem weißen Militärpferde bemerkte. Wie Torpenhow es fertig gebracht hatte, im Laufe von vierundzwanzig Stunden seinen Weg zu den Herzen der in Vitry-sur-Marne liegenden Kavallerieoffiziere zu finden, mit ihnen über die Gewißheit einer glorreichen Revanche für Frankreich zu sprechen, den Colonel zu Thränen reinster Leutseligkeit zu rühren und das beste Pferd der Schwadron zu einem Ritte nach Kamis Atelier zu entlehnen, ist ein Rätsel, das nur Spezialkorrespondenten lösen können.

»Ich bitte um Verzeihung,« sagte er. »Es scheint eine alberne Frage zu sein, aber ich kenne sie in der That nicht bei einem andern Namen: befindet sich hier eine junge Dame, die Maisie heißt?«

»Ich bin Maisie,« lautete die Antwort aus den Tiefen eines großen Sommerhutes.

»Ich muß mich selbst vorstellen,« sagte er, während das Pferd in dem blendend weißen Staube sich bäumte. »Mein Name ist Torpenhow. Dick Heldar ist mein bester Freund, und – und – Thatsache ist, daß er blind geworden ist.«

»Blind!« rief Maisie einfältig aus. »Er kann nicht blind sein!«

»Er ist seit beinahe zwei Monaten stockblind.« Maisie richtete ihr Gesicht auf, das ganz weiß geworden. »Nein, nein! Nicht blind! Ich will ihn nicht blind haben!«

»Würde Ihnen daran liegen, ihn selbst zu sehen?« fragte Torpenhow.

»Jetzt – sogleich?«

»O nein! Der Pariser Zug geht hier erst um acht Uhr abends durch. Es wird hinreichend Zeit sein.«

»Schickte Mr. Heldar Sie zu mir?«

»O nein, gewiß nicht! Dick würde etwas derartiges nicht thun. Er sitzt in seinem Atelier und dreht einige Briefe hin und her, die er nicht lesen kann, weil er blind ist.«

Ein erstickter Ton ließ sich unter dem Sonnenhute vernehmen, Maisie neigte ihren Kopf und ging in die Cottage, wo das rothaarige Mädchen auf dem Sofa lag und über Kopfweh klagte.

»Dick ist blind!« sagte Maisie, schnell atmend, als sie sich gegen eine Stuhllehne stützte. »Mein Dick ist blind!«

»Was?« rief das Mädchen aus, vom Sofa aufspringend.

»Ein Mann ist von England herüber gekommen, um es mir mitzuteilen. Er hat seit sechs Wochen nicht an mich geschrieben.«

»Werden Sie zu ihm gehen?«

»Ich muß wohl daran denken.«

»Denken! Ich würde nach London zurückkehren und ihn sehen, ich würde seine Augen küssen und wieder küssen, bis sie wieder gut würden! Wenn Sie nicht gehen, werde ich gehen. O, was rede ich doch so? Sie böse kleine Blödsinnige! Gehen Sie sofort zu ihm, gehen Sie!«

Torpenhows Genick bekam Blasen in der Sonne, dennoch bewahrte er ein Lächeln unendlicher Geduld, als Maisie mit unbedecktem Kopfe im Sonnenschein erschien.

»Ich komme,« sagte sie mit niedergeschlagenen Augen.

»Dann bitte ich, daß Sie diesen Abend um sieben Uhr an der Station in Vitry sind.« Das war ein Befehl von jemand, der gewöhnt war, daß man ihm gehorchte. Maisie erwiderte nichts, aber sie war dankbar dafür, daß es keine Möglichkeit gab, mit diesem großen Manne zu disputiren, der alles für bewilligt annahm und das unruhige Pferd mit einer Hand regierte. Sie kehrte zu dem rothaarigen Mädchen zurück, das bitterlich weinte, und mit Thränen, Küssen, Menthol, Einpacken und einer Unterredung mit Kami ging der schwüle Nachmittag vorüber. Die Gedanken konnten später kommen. Ihre augenblickliche Pflicht war, zu Dick zu gehen – Dick, der diesen wunderlichen Freund besaß, im Dunkeln saß und mit ihren uneröffneten Briefen spielte.

»Aber was werden Sie machen?« fragte sie ihre Gefährtin.

»Ich? O, ich werde hier bleiben und Ihre Melancholie vollenden,« sagte sie, traurig lächelnd.

»Schreiben Sie mir später.«

An jenem Abend lief ein Gerücht durch Vitry-sur-Marne von einem verrückten Engländer, der zweifellos am Sonnenstich litt, sämtliche Offiziere der Garnison unter den Tisch getrunken, ein Pferd aus den Stallen entliehen hatte und dann nach englischer Sitte mit einem von diesen mehr als verrückten englischen Mädchen, die unter der Leitung dieses guten Monsieur Kami Bilder zeichneten, davongelaufen war.

»Sie sind wirklich drollig,« sagte Susanne zu ihrem Soldaten im Mondschein hinter der Wand des Ateliers, »Sie ging immer mit diesen großen Augen umher, die nichts sahen, und doch küßte sie mich auf beide Wangen, als ob sie meine Schwester wäre, und schenkte mir – sieh – zehn Franken!«

Der Soldat erhob eine Kontribution von beiden Gaben, denn er war stolz darauf, ein guter Soldat zu sein.

Torpenhow sprach nur sehr wenig mit Maisie wahrend der Reise nach Calais, doch sorgte er aufmerksam für alle ihre Bedürfnisse, verschaffte ihr ein Coupé für sich und ließ sie allein. Er war überrascht, daß die ganze Angelegenheit so leicht ausgeführt worden war.

»Das beste wird sein, sie allein über die Sache nachdenken Zu lassen. Nach Dick zu urteilen, muß sie ihn ganz gehörig unter ihrem Befehl gehalten haben. Es wundert mich, daß sie jetzt so willig gehorcht.«

Maisie sprach kein Wort. Sie saß in dem leeren Coupé oft mit geschlossenen Augen, um sich das Gefühl der Blindheit zu vergegenwärtigen. Es war ein Befehl, daß sie rasch nach London zurückkehren sollte, und schließlich fing sie an, sich über die Situation zu freuen. Das war besser, als sich um das Gepäck und eine rothaarige Freundin zu bekümmern, die niemals das geringste Interesse für ihre Umgebung hatte. Aber es lag ein Gefühl in der Luft, als ob sie, Maisie, bei allen Leuten in Ungnade gefallen sei. Sie rechtfertigte ihr Benehmen sich selbst gegenüber mit vielem Erfolge, bis Torpenhow auf dem Dampfboote zu ihr kam und ohne jede Vorrede die Geschichte von Dicks Blindheit zu erzählen begann, nur einige Einzelheiten fortlassend, aber länger bei dem Elende des Delirirens verweilend. Er hielt inne, bevor er zu Ende war, als ob er das Interesse an dem Gegenstände verloren hätte, und ging nach vorn, um zu rauchen. Maisie war wütend über ihn und sich selbst.

In größter Eile wurde sie von Dover nach London befördert, beinahe, ohne daß ihr Zeit zum Frühstücken gelassen wurde, und dann höflichst gebeten, in einem Hausflur vor einigen Stufen zu warten, während Torpenhow hinaufging, um Erkundigungen einzuziehen. Wieder ließ das Bewußtsein, daß sie wie ein unartiges kleines Mädchen behandelt würde, ihre bleichen Wangen erröten. Alles war Dicks Schuld, daß er so albern gewesen, zu erblinden. Torpenhow führte sie dann zu einer verschlossenen Thüre, die er leise öffnete. Dick saß am Fenster mit auf die Brust herabgesunkenem Kinn; in seinen Händen befanden sich drei Briefumschläge, die er hin und her drehte. Der große Mann, der ihr so Befehle erteilt, stand nicht mehr an ihrer Seite, und die Thüre des Ateliers fiel hinter ihr ins Schloß.

Dick steckte die Briefe in seine Tasche, als er das Geräusch hörte. »Hallo, Torp! Sind Sie das? Ich bin so allein gewesen.«

Seine Stimme hatte die den Blinden eigentümliche Klanglosigkeit. Maisie drückte sich in eine Ecke des Zimmers. Ihr Herz pochte heftig, so daß sie eine Hand auf die Brust legte, um es ruhig zu halten. Dick starrte direkt auf sie hin; sie sah zum erstenmale, daß er blind sei. Ihre Augen in einem Eisenbahnwaggon schließen und sie wieder öffnen, wenn es ihr beliebte, war kindische Spielerei; dieser Mann war blind, obgleich seine Augen weit offen standen.

»Torp, sind Sie es? Man sagte mir, Sie würden kommen.« Dick sah verwirrt und etwas ärgerlich über dieses Stillschweigen aus.

»Nein, ich bin es nur,« lautete die Antwort in einem nur mit Mühe hervorgebrachten Flüstern. Maisie konnte kaum ihre Lippen bewegen.

»Hm!« sagte Dick gelassen, ohne sich zu rühren. »Das ist ein neues Phänomen. Ich gewöhne mich allmälich an die Dunkelheit, aber ich weigere mich, Stimmen zu hören.«

War er wahnsinnig, ebenso wie blind, daß er mit sich selbst sprach? Maisies Herz pochte noch ungestümer, und sie schnappte nach Luft. Dick stand auf und begann sich durch das Zimmer zu tasten, jeden Tisch und jeden Stuhl im Vorübergehen berührend. Einmal blieb er mit dem Fuße in einer rauhen Decke hängen und fluchte, während er niederkniete, um zu fühlen, was ihn am Weitergehen hinderte. Maisie erinnerte sich daran, wie er im Parke gegangen, als ob die ganze Erde ihm gehöre, wie er in ihrem Atelier vor zwei Monaten auf und ab geschritten und auf der Laufplanke des Kanaldampfers gelaufen war. Das Herzklopfen machte sie krank, während Dick näher kam, durch das Geräusch ihres Atemholens geleitet. Sie streckte unwillkürlich eine Hand aus, um ihn abzuwehren oder an sich zu ziehen, sie wußte selbst nicht, was von beiden. Die Hand berührte seine Brust; er prallte zurück, als ob er von einer Kugel getroffen worden wäre.

»Es ist Maisie!« schrie er aufschluchzend. »Was thun Sie hier?«

»Ich kam – ich kam – um Sie zu sehen.«

Dicks Lippen preßten sich zusammen.

»Wollen Sie sich denn nicht setzen? Sie sehen, ich habe Unglück mit meinen Augen gehabt und –«

»Ich weiß, ich weiß. Weshalb teilten Sie es mir nicht mit?«

»Ich konnte nicht schreiben.«

»Sie hätten es Mr. Torpenhow sagen sollen.«

»Was hat derselbe mit meinen Angelegenheiten zu schaffen?«

»Er brachte mich von Vitry-sur-Marne hierher. Er glaubte, ich wollte Sie sehen.«

»Wie, was ist vorgefallen? Kann ich irgend etwas für Sie thun? Nein, ich kann es nicht. Ich vergaß.«

»O, Dick, ich bin so betrübt! Ich bin gekommen, es Ihnen zu sagen und – Lassen Sie mich Sie wieder zu Ihrem Stuhle führen.«

»Thun Sie es nicht! Ich bin kein Kind. Sie thun das nur aus Mitleid. Ich beabsichtigte niemals, Ihnen etwas davon mitzuteilen. Ich bin jetzt zu nichts gut; es ist mit mir vorbei. Lassen Sie mich allein!«

Er griff sich zurück nach seinem Stuhle; seine Brust arbeitete, als er sich niedersetzte.

Maisie betrachtete ihn; die Furcht verschwand aus ihrem Herzen, um bitterer Scham Platz zu machen. Er hatte eine Wahrheit ausgesprochen, die das Mädchen während der eiligen Fahrt nach London vor sich selbst verborgen gehalten, denn es war in der That vorbei mit ihm – nicht gebieterisch erschien er mehr, sondern eher ein wenig abschreckend, kein Künstler mehr, der bedeutender war als sie, noch ein Mann, zu dem man aufblickte – nur ein Blinder, der in einem Stuhle saß und auf dem Punkte zu stehen schien, in Weinen auszubrechen. Sie war unendlich und aufrichtig betrübt seinetwegen – trauriger, als sie jemals in ihrem Leben wegen jemand gewesen – aber nicht betrübt genug, um ihre Worte zu verleugnen. Sie stand daher still und fühlte sich beschämt, sowie etwas getroffen, weil sie aufrichtig beabsichtigt hatte, daß ihre Reise siegreich endigen sollte, und jetzt fühlte sie nur Mitleid, nichts von Liebe.

»Nun?« fragte Dick, sein Gesicht abwendend. »Ich beabsichtigte niemals, Sie noch mit irgend etwas zu belästigen. Um was handelt es sich?«

Er war sich bewußt, daß Maisie nach Atem rang, aber er war ebenso unvorbereitet wie sie selbst auf den Sturm von Erregung, der folgte. Leute, die nicht leicht weinen können, vergießen unaufhaltsam Thränen, wenn die Quellen der großen Tiefe aufgeschlossen werden. Sie war in einen Stuhl gesunken und schluchzte, während sie ihr Gesicht mit den Händen bedeckte.

»Ich kann nicht – ich kann nicht!« rief sie verzweiflungsvoll aus. »Wirklich, ich kann nicht. Es ist nicht meine Schuld. Ich bin so betrübt, O, Dickie, ich bin so sehr betrübt.«

Dicks Schultern richteten sich auf, denn die Worte trafen ihn wie ein Peitschenschlag. Das Schluchzen dauerte fort. Es ist nicht gut, zu bemerken, daß man in der Stunde der Prüfung unterlegen oder zurückgewichen ist vor der Möglichkeit, Opfer bringen zu müssen.

»Ich verachte mich selbst – wirklich, ich thue es. Aber ich kann nicht. O, Dickie, Sie werden mich nicht bitten – nicht wahr?« jammerte Maisie. Sie blickte eine Minute auf, während Dicks Augen zufällig den ihrigen begegneten. Das unrasirte Gesicht war ganz weiß und entschlossen; die Lippen versuchten ein Lächeln hervorzubringen. Aber es waren diese toten Augen, vor denen Maisie sich fürchtete. Ihr Dick war blind geworden und an seiner Stelle jemand geblieben, den sie kaum wieder erkennen konnte, bis er sprach.

»Wer bittet Sie denn, irgend etwas zu thun, Maisie? Ich sagte Ihnen ja, wie es sein würde. Weshalb quälen Sie sich so? Aus Mitleid für mich, weinen Sie nicht so; es ist wirklich nicht der Mühe wert.«

»Sie wissen nicht, wie sehr ich mich selbst hasse. O, Dick, helfen Sie mir – helfen Sie mir!« Ihr leidenschaftliches Weinen fing an, Dick zu beunruhigen. Er stolperte zu ihr hin und legte seinen Arm um sie, wahrend sie ihren Kopf an seine Schulter lehnte.

»Still, mein Liebling, still! Weinen Sie nicht, Sie haben ganz recht und sich gar nichts vorzuwerfen – niemals hatten Sie das. Sie sind nur etwas aufgeregt von der Reise und haben vielleicht gar kein Frühstück bekommen. Wie thöricht von Torp, Sie herüber zu holen!«

»Ich verlangte, herzukommen, wirklich,« sagte sie.

»Ganz schön; Sie sind nun gekommen und haben mich gesehen, und ich bin Ihnen unendlich dankbar dafür. Wenn Sie sich etwas erholt haben, so müssen Sie fortgehen und etwas zu sich nehmen. Hatten Sie eine gute Ueberfahrt?«

Maisie unterdrückte ihr Weinen etwas und war zum erstenmale in ihrem Leben froh, daß sie jemand hatte, an den sie sich anlehnen konnte. Dick klopfte sie zärtlich, aber ungeschickt auf die Schulter, denn er war nicht ganz sicher, wo sich ihre Schulter befand.

Sie wand sich schließlich aus seinen Armen los und wartete zitternd und sehr unglücklich. Er hatte sich nach dem Fenster zurückgefühlt, um die Breite des Zimmers zwischen sich und Maisie zu legen und den Aufruhr in seinem Herzen etwas zu beruhigen.

»Befinden Sie sich jetzt besser?« fragte er.

»Ja, aber – hassen Sie mich nicht?«

»Ich Sie hassen? Mein Gott! Ich?«

»Gibt es gar nichts, was ich sonst für Sie thun könnte? Ich will hier in England deswegen bleiben, wenn Sie es wünschen. Vielleicht könnte ich zuweilen herkommen und Sie sehen?«

»O nein, Teuerste. Es wäre gütiger, mich nicht mehr wiederzusehen, ich bitte Sie darum. Ich möchte nicht gerne rauh erscheinen, aber – meinen Sie nicht, daß es vielleicht besser wäre, Sie gingen jetzt?«

Er war sich bewußt, daß er es nicht wie ein Mann ertragen könnte, wenn er sich noch langer bezwingen müßte.

»Ich kann Ihnen in keiner Weise nützlich sein und will deshalb gehen, Dick. O, ich bin so elend, so schlecht!«

»Unsinn. Sie brauchen sich deswegen nicht zu ängstigen; ich würde es Ihnen sonst sagen. Warten Sie einen Augenblick, Liebling, ich möchte Ihnen erst etwas geben. Ich hatte es für Sie bestimmt, noch bevor dieses Unglück anfing. Es ist meine Melancholie; sie war eine Schönheit, als ich sie zuletzt erblickte. Sie können dieselbe von mir annehmen und verkaufen, sollten Sie jemals arm werden. Sie ist stets einige hundert Pfund wert.« Er suchte unter den Bildern. »Sie ist schwarz eingerahmt; ist dieses ein schwarzer Rahmen, den ich in der Hand habe? Da ist es. Was halten Sie davon?«

Er drehte Maisie ein verschrammtes, formloses Gemisch von Farben zu und strengte die Augen an, als ob er ihre Bewunderung und Ueberraschung erfassen wollte. Ein Ding, nur dieses einzige Ding konnte sie für ihn thun.

»Nun?«

Seine Stimme klang voller und kräftiger, weil der Mann wußte, daß er von seinem besten Werke sprach. Maisie blickte auf das Gekleckse, und eine wahnsinnige Lust zu lachen erfaßte sie; aber um Dicks willen durfte sie sich nichts merken lassen, was immer auch dieses verrückte Geschmiere bedeuten mochte, Ihre Stimme bebte von zurückgehaltenen Thränen, als sie antwortete: »O, Dick, es ist schön!«

Er hörte das schwache hysterische Schlucken und hielt es für ein Zeichen der Anerkennung. »Wollen Sie es denn nicht haben? Ich will es Ihnen nach Hause schicken, wenn Sie wollen.«

»Ich? O ja – ich danke Ihnen. Ha! ha!« Wenn sie jetzt nicht fortging, so wurde das unterdrückte Lachen, das schlimmer als Thränen war, sie ersticken. Sie wandte sich ab und lief, erstickend und geblendet, die Treppen hinunter, flüchtete sich in ein Kab und fuhr durch den Park nach ihrem Hause. Dort setzte sie sich in ihrem fast kahlen Zimmer nieder und dachte an Dick in seiner Blindheit, der bis an das Ende seines Lebens, sowohl für sich als auch für sie selbst von gar keinem Nutzen mehr war. Hinter diesem Kummer, der Scham und der Demütigung erhob sich die Furcht vor dem kalten Zorne des rothaarigen Mädchens, wenn Maisie zu demselben zurückgekehrt sein würde. Maisie hatte sich früher nie vor ihrer Gefährtin gefürchtet. Sie vergegenwärtigte sich die Verachtung ihrer selbst erst, als sie sich sagte: »Nun, er hat nichts von mir verlangt!«

Hiermit nehmen wir Abschied von Maisie.

Für Dick waren noch mehr Qualen aufbewahrt. Er konnte erst gar nicht begreifen, daß Maisie, der er befohlen hatte, zu gehen, ihn ohne ein Wort des Abschieds verlassen hatte. Er war außerordentlich ärgerlich über Torpenhow, der diese Demütigung über ihn gebracht und seinen traurigen Frieden gestört hatte. Dann kam seine dunkle Stunde; er befand sich allein mit sich selbst und seinem Verlangen nach etwas, das ihn von dieser Finsternis befreien könnte. Die Königin konnte nichts Unrechtes thun, aber indem dieselbe ihrem Rechte folgte, soweit dasselbe ihrer Arbeit diente, hatte sie ihren einzigen Unterthan mehr verwundet, als dessen Gehirn ihm klar machen konnte.

»Es ist alles, was ich hatte, und ich habe es verloren,« sagte er, sobald sein Elend ihm gestattete, klar zu denken. »Torp wird glauben, er sei so höllisch klug gewesen, daß ich nicht das Herz haben werde, ihm alles zu erzählen. Ich muß die Sache ruhig durchdenken.«

»Hallo!« rief Torpenhow aus, in das Atelier tretend, nachdem Dick zwei Stunden nachgedacht.

»Ich bin zurück. Befinden Sie sich etwas besser?«

»Torp, ich weiß nicht, was ich sagen soll. Kommen Sie her!« Dick keuchte heiser, da er in der That nicht wußte, was er sagen und wie er es ruhig sagen sollte.

»Ist es denn nötig, irgend etwas zu sagen? Stehen Sie auf und gehen Sie umher.« Torpenhow war vollständig befriedigt.

Sie wanderten wie gewöhnlich auf und ab, Torpenhows Hand auf Dicks Schulter ruhend und Dick in Gedanken versunken.

»Wie in aller Welt haben Sie das alles herausgefunden?« fragte Dick schließlich.

»Sie müssen nicht im Fieber sprechen, wenn Sie Geheimnisse bewahren wollen, Dickie. Es war durchaus unpassend von meiner Seite, aber wenn Sie mich gesehen hätten, wie ich bei einer glühenden Sonnenhitze auf einem halb zugerittenen französischen Kavalleriepferde zusammengeschüttelt wurde, Sie hätten sicherlich gelacht, heute abend wird es einen Charivari in meinen Zimmern geben. Sieben andere Teufel –«

»Ich weiß – der Spektakel im südlichen Sudan. Ich überraschte sie neulich bei ihren Beratungen; es machte mich ganz unglücklich, haben Sie sich entschlossen, zu gehen? Für wen arbeiten Sie?«

»Ich habe noch keinen Vertrag abgeschlossen. Ich wollte erst sehen, wie sich die Sache mit Ihnen gestalten würde.«

»Wollten Sie denn bei mir bleiben, wenn die Dinge schlecht abgelaufen wären?« Er stellte seine Frage sehr vorsichtig.

»Fragen Sie mich nicht zu viel. Ich bin nur ein Mensch.«

»Sie haben sehr erfolgreich versucht, ein Engel zu sein.«

»O ja … Wollen Sie das Amt eines solchen heute abend übernehmen? Wir werden halb toll sein, bevor der Morgen anbricht. Alle Welt glaubt, daß der Krieg gewiß ist.«

»Ich denke nicht, daß ich es thue, alter Freund, wenn es Ihnen egal ist. Ich werde ruhig hier bleiben.«

»Und nachgrübeln? Ich tadle Sie nicht. Sie haben sich lange genug verdient gemacht wie nur je ein Mann.«

An jenem Abend gab es viel Lärm auf den Treppen. Die Korrespondenten kamen vom Theater, vom Diner und von den Konzerten zu Torpenhow, um über ihren Feldzugsplan zu sprechen, im Falle die militärischen Operationen bereits festgesetzt wären. Torpenhow, Keneu und Nilghai hatten alle diese Leute eingeladen, an der Orgie teilzunehmen; Mr. Benton, der Haushälter, erklärte, daß er noch nie während seines ganzen Lebens einen solchen tollen Haufen von Gentlemen gesehen. Sie weckten die Zimmerbewohner durch Schreien und Singen auf, und die älteren Herren waren gerade so schlimm als die jüngeren. Denn sie hatten die Zufälligkeiten des Krieges vor sich, und alle wußten, was das sagen wollte.

Dick saß in seinem Zimmer, etwas bestürzt über den zu ihm herüberschallenden Lärm; plötzlich fing er an zu lachen.

»Wenn jemand darüber nachdenkt, so ist die Situation außerordentlich komisch. Maisie hat ganz recht – armes, kleines Ding! Ich wußte früher gar nicht, daß sie so weinen könnte, aber nun ich weiß, was Torp denkt, bin ich überzeugt, er wäre thöricht genug, zu Hause zu bleiben und zu versuchen, mich zu trösten – wenn er wüßte. Außerdem ist es nicht besonders hübsch, sich sagen zu müssen, daß man wie ein zerbrochener Stuhl beiseite geworfen ist. Ich muß diese Sache allein tragen – wie gewöhnlich. Wenn es keinen Krieg gibt und Torp kommt dahinter, werde ich ihm wie ein Thor erscheinen, das ist alles. Gibt es aber Krieg, so darf ich nicht zwischen das Glück eines andern treten, Geschäft ist Geschäft, und ich muß allein sein. – Was für einen Lärm sie machen!«

Jemand hämmerte gegen die Thüre des Ateliers.

»Kommen Sie heraus, Dickie, und seien Sie lustig,« sagte Nilghai.

»Ich möchte wohl, aber ich kann nicht. Ich bin nicht aufgelegt, fröhlich zu sein.«

»Dann werde ich es den Jungens sagen, und man wird Sie wie einen Dachs herausholen.«

»Bitte, thun Sie es nicht, alter Herr. Auf mein Wort, ich möchte gerade jetzt lieber allein sein.«

»Nun gut. Können wir Ihnen irgend etwas hereinschicken? Fipp zum Beispiel. Cassavetti fängt bereits an, Lieder vom ›sonnigen Süden‹ zu singen.«

Einen Augenblick dachte Dick ernstlich über den Vorschlag nach.

»Nein, danke. Ich habe schon Kopfweh.«

»Tugendhaftes Kind! Das ist die Wirkung von Aufregungen in der Jugend. Meine Glückwünsche, Dick! Auch ich war an der Verschwörung für Ihre Wohlfahrt beteiligt.«

»Gehen Sie zum Teufel und – o, schicken Sie nur Binkie herein.«

Der kleine Hund trat mit elastischen Schritten ein, ganz aufgeregt von dem vielen Lärmen während des Abends. Er hatte geholfen, den Refrain zu singen, aber kaum befand er sich im Atelier, als er gewahr wurde, daß dies nicht der Ort sei, mit dem Schwanze zu wedeln; er setzte sich daher auf Dicks Schoß, bis es Zeit war, ins Bett zu gehen. Dann legte er sich mit Dick ins Bett, der jede Stunde schlagen hörte und am Morgen mit einem schmerzlich klaren Kopfe aufstand, um Torpenhows formellere Glückwünsche, sowie einen besonderen Bericht über das nächtliche Gelage entgegenzunehmen.

»Sie sehen nicht besonders glücklich aus für einen kürzlich angenommenen Mann,« bemerkte Torpenhow.

»Thut nichts, das ist meine Sache, ich befinde mich ganz gut. Gehen Sie wirklich fort?«

»Ja. Mit dem alten Central Southern wie gewöhnlich. Sie telegraphirten mir, und ich nahm unter besseren Bedingungen als früher an.«

»Wann reisen Sie ab?«

»Uebermorgen, nach Brindisi.«

»Gott sei Dank,« sagte Dick aus dem Grunde seines Herzens.

»Nun, das ist gerade keine hübsche Art und Weise zu sagen, daß Sie froh sind, mich los zu werden. Doch Leuten in Ihrer Lage ist es erlaubt, selbstsüchtig zu sein.«

»Ich meinte es nicht so. Wollen Sie für mich hundert Pfund einkassiren, bevor Sie abreisen?«

»Das ist eine kleine Summe zum Haushalte», nicht wahr?«

»O, es ist nur für – die Kosten der Hochzeit.«

Torpenhow brachte das Geld, zählte es in Fünf- und Zehnpfundnoten auf und schloß es sorgfältig in den Schreibtisch ein.

»Jetzt, denke ich, werde ich etwas zu hören bekommen von seiner Schwärmerei für sein Mädchen, bis ich fortgehe. Der Himmel verleihe uns Geduld mit einem verliebten Manne,« sagte er zu sich selbst.

Dick sagte indes nicht ein Wort über Maisie oder Heirat. Er lehnte in der Thür von Torpenhows Zimmer, als dieser packte, und richtete unzählige Fragen an ihn über den bevorstehenden Feldzug, bis es Torpenhow langweilig wurde.

»Sie sind ein geheimnisvolles Tier, Dickie, und verzehren Ihren eigenen Rauch, nicht wahr?« sagte er am letzten Abend.

»Ich – ich glaube so. Wie lange denken Sie beiläufig, wird dieser Feldzug dauern?«

»Tage, Wochen oder Monate; man kann das niemals vorhersagen. Er kann auch jahrelang währen.«

»Ich wünschte wohl, ich könnte mitgehen.«

»Gütiger Himmel! Sie sind wirklich das unberechenbarste Geschöpf. Ist es Ihnen nicht zu teil geworden, daß Sie sich verheiraten werden – dank meinen Bemühungen?«

»Natürlich ja. Ich werde mich verheiraten, gewiß. Werde mich verheiraten. Ich bin Ihnen außerordentlich dankbar dafür. Hatte ich es Ihnen nicht mitgeteilt?«

»Nach Ihrem Aussehen zu schließen, könnten Sie ebenso gut im Begriffe stehen, gehangen zu werden,« sagte Torpenhow.

Am nächsten Tage sagte Torpenhow ihm adieu und ließ ihn in der Einsamkeit zurück, nach der er so sehr verlangt hatte.

Vierzehntes Kapitel.

Vierzehntes Kapitel.

»Bitt um Verzeihung, Mr. Heldar, aber – aber wird sich nicht irgend etwas ereignen?« fragte Mr. Benton.

»Nein!« Dick war gerade erwacht voll Verzweiflung, und seine Stimmung war außerordentlich schlecht.

»Es ist natürlich nicht mein gewöhnliches Geschäft, Herr, und ich sage nur: ›Besorge dein eigenes Geschäft und laß andere Leute die ihrigen besorgen.‹ Aber gerade, bevor Mr. Torpenhow abreiste, gab er mir zu verstehen, als ob Sie in Ihr eigenes Haus übersiedeln würden, sozusagen ein Haus mit Zimmern oben und parterre, wo Sie besser bedient sein würden, obschon ich mich bemühe, allen unseren Mietern gerecht zu werden. Nicht wahr?«

»O, das muß ein Irrenhaus gewesen sein. Ich werde Sie nicht bemühen, mich dorthin zu bringen. Bringen Sie mir mein Frühstück, bitte, und lassen Sie mich allein.«

»Ich hoffe, ich habe nichts Unrechtes gethan, Herr, aber Sie wissen, ich hoffe, daß ich, soweit es in den Kräften eines Menschen liegt, alle Gentlemen in den Zimmern zufrieden zu stellen suche, und ganz besonders diejenigen, deren Los ein hartes ist, wie zum Beispiel das Ihrige, Mr. Heldar. Sie lieben weichen Rogen von Bücklingen, nicht wahr? Weiche Bücklinge sind seltener als harte, aber was ich sagen wollte: ›Scheue niemals eine kleine Extramühe, so lange du die Mieter befriedigst.‹«

Mr. Benton zog sich zurück und überließ Dick sich selbst. Torpenhow war bereits lange fort, in seinen Zimmern gab es keinen Lärm mehr; Dick hatte ein neues Leben begonnen, das er schwach genug war, für nicht besser als den Tod zu betrachten.

Es ist sehr hart, allein im Dunkeln zu leben, Tag und Nacht vermischend, mitten am Tage in Schlaf zu fallen aus reinem Ueberdruß und in der Kühle der Dämmerung sich ruhelos zu erheben. Anfänglich fühlte sich Dick, wenn er aufwachte, längs den Korridors bei den Zimmern vorüber, bis er jemand schnarchen hörte, dann wußte er, daß der Tag noch nicht angebrochen war, und kehrte traurig in sein Schlafzimmer zurück. Später lernte er nicht eher aufstehen, als bis er Lärm und Bewegung im Hause hörte und Mr. Benton ihm sagte, es wäre Zeit dazu. Nachdem er sich angekleidet – und das Ankleiden war, nun Torpenhow fortgegangen, ein langsames Geschäft, weil Kragen, Krawatten und dergleichen in den Ecken des Zimmers umherlagen und das Suchen nach denselben mit Stößen des Kopfes an Stühlen und Kästen verbunden war – nachdem er sich einmal angekleidet, hatte er nichts zu thun, als still zu sitzen und zu grübeln, bis die drei täglichen Mahlzeiten erschienen. Jahrhunderte lagen zwischen dem Frühstück und dem Lunch, zwischen diesem und dem Mittagessen. Er betete, daß Gott ihm seinen Verstand nehmen möge, doch wollte Gott ihn nicht erhören. Sein Denkvermögen wurde im Gegenteil rascher, und seine kreisenden Gedanken rieben sich an einander wie Mühlsteine, wenn sich kein Korn zwischen ihnen befindet; dennoch wollte sein Gehirn nicht müde werden und ihm Ruhe gönnen; es fuhr fort, zu denken, seine Phantasie war thätig, und alle Arten von Erinnerungen stiegen in ihm auf. Er dachte an Maisie und seine früheren Erfolge, an fröhliche Reisen zu Lande und zur See, an die Herrlichkeit der Arbeit und das Bewußtsein, dieselbe wäre gut, und stellte sich vor, was alles hätte geschehen können, wenn die Augen getreulich ihre Schuldigkeit gethan. Wenn das Nachdenken infolge von Ermüdung aufhörte, stiegen in Dicks Seele Fluten von Ueberwältigung gegenstandsloser Furcht – vor der Gefahr des Verhungerns, der Angst, daß die Zimmerdecke auf ihn herabstürzen könnte – auf, ferner die Furcht vor Feuer in den Zimmern und vor dem Tode einer Wanze in den Flammen, sowie die Todesangst vor noch größeren Schrecken, die nichts mit der Furcht vor dem Tode zu schaffen hatten. Dann beugte Dick sein Haupt, umklammerte die Seitenlehnen seines Sessels und kämpfte schweißtriefend gegen diese Furcht an, bis das Geräusch von Schüsseln ihm anzeigte, daß etwas zu essen vor ihn hingesetzt worden war.

Mr. Benton brachte die Mahlzeiten, wenn er Zeit übrig hatte, und Dick lernte für seine Gespräche sich zu interessiren, die gewöhnlich über schlecht schließende Gashähne, reparaturbedürftige Abzugsröhren und die Sünden der Putzfrau oder der Dienstmädchen handelten. Ein- oder zweimal wöchentlich nahm Mr. Benton Dick mit sich, wenn er ausging, um des Morgens Einkäufe auf dem Markte zu machen, mit den Verkäufern über Fische, Lampendochte, Senf, Tapioca und so weiter zu feilschen, wahrend Dick, bald auf dem einen, bald auf dem anderen Fuße ruhend, dabei stand und absichtslos mit dem Zinngeschirr oder dem Schnurknäuel auf dem Ladentische spielte. Dann begegneten sie auch vielleicht einem Freunde von Mr. Benton, und Dick mußte ruhig warten, bis es dem letzteren beliebte, weiter zu gehen.

Dieses Leben trug nicht dazu bei, seine Selbstachtung zu vermehren. Er gab das Rasiren auf als ein gefährliches Geschäft, und sich in einem Barbierladen rasiren zu lassen, hieß sein Unglück offenbaren. Er konnte nicht sehen, ob seine Kleider sauber ausgebürstet waren, und seitdem er keine Sorgfalt mehr auf seine persönliche Erscheinung verwendete, wurde er in jeder Hinsicht ein Schmutzfinke. Ein Blinder kann nicht reinlich essen, bevor er sich nicht einige Monate an die Dunkelheit gewöhnt hat. Wenn er Beistand verlangt und zornig wird wegen des Mangels daran, muß er sich zusammennehmen und aufrecht hinstellen, dann kann der geringste Dienstbote sehen, daß er blind und infolge dessen nicht gefährlich ist. Ein weiser Mann wird seine Augen niedergeschlagen halten und still sitzen. Um sich zu unterhalten, kann er mit der Zange Stück für Stück Kohlen aus dem Kasten nehmen und dieselben zu einem kleinen Haufen in dem Kamingitter aufstapeln, indem er die Stücke zählt, die alle wieder in den Kasten zurückgelegt werden müssen, eins nach dem andern, und zwar sehr sorgfältig. Er kann sich selbst arithmetische Aufgaben stellen, um dieselben auszuarbeiten; er kann auch mit sich selbst sprechen oder mit der Katze, wenn es ihr beliebt, ihn zu besuchen, und wenn sein Geschäft das eines Künstlers gewesen ist, so kann er mit seinem Zeigefinger Skizzen in der Luft machen, doch das ist so viel als ein Schwein mit geschlossenen Augen zu zeichnen. Er kann ferner an seine Bücherbretter herantreten, seine Bücher zählen und dieselben nach ihrer Größe aufstellen, oder in seiner Garderobe seine Hemden nachzählen und dieselben ans das Bett in Haufen von zwei oder drei Stück legen, wenn Knöpfe daran fehlen oder die Manschetten ausgefranst find. Aber auch diese Unterhaltung wird nach einiger Zeit langweilig, und die Zeit wird so lang, so schrecklich lang!

Dick wurde gestattet, eine Wertzeugkiste zu sortiren, in der Mr. Benton Hammer, Zapfen und Schrauben, Stücke von Gasröhren, Oelflaschen und Schnur aufbewahrte.

»Wenn ich nicht jedes Ding an dem Platze habe, wo ich es zu suchen weiß, dann kann ich nichts finden, wenn ich etwas gebrauche. Sie haben keine Vorstellung, Herr, von der Menge dieser kleinen Dinge, die in den Zimmern verbraucht werden,« sagte Mr. Benton. An dem Thürgriffe herumfingernd, als er fortging, fügte er hinzu: »Es ist hart für Sie, Herr, ich denke, es ist sehr hart für Sie. Wollen Sie nicht irgend etwas thun, Herr?«

»Ich will meine Miete und die Kost bezahlen. Ist das nicht genug?«

»Ich zweifelte keinen Augenblick daran, daß Sie alles bezahlen können, aber ich habe oft zu meiner Frau gesagt: ›Es ist hart für ihn, weil er noch kein alter Mann ist, nicht einmal einer in mittleren Jahren, sondern ein ganz junger Gentleman. Das ist es, weshalb es ihn so hart trifft.‹«

»Ich vermute so,« erwiderte Dick zerstreut. Dieser besondere Nerv hatte, infolge langer Abnutzung, aufgehört zu fühlen.

»Ich dachte,« fuhr Mr. Benton fort, noch immer so thuend, als ob er gehen wollte, »daß es Ihnen gefallen würde, wenn mein Knabe Alf Ihnen zuweilen abends die Zeitungen vorläse. Er liest sehr gut, in Anbetracht, daß er erst neun Jahre alt ist.«

»Ich würde sehr dankbar dafür sein,« entgegnete Dick. »Nur müssen Sie mir erlauben, ihn für die Zeit zu entschädigen.«

»Wir haben daran gar nicht gedacht, Herr, aber es steht natürlich ganz bei Ihnen; doch nur Alf das Lied ›Eines Knaben bester Freund ist seine Mutter!‹ singen zu hören. – Ah!«

»Ich will ihn auch gern singen hören. Lassen Sie ihn heute abend mit den Zeitungen zu mir kommen!«

Alf war kein nettes Kind; er war aufgeblasen durch zahlreiche Schulzeugnisse über gutes Betragen und ungewöhnlich stolz auf sein Singen. Mr. Benton blieb glückstrahlend stehen, während das Kind ein unendlich langes Lied herunterjammerte, und überließ den Knaben dann Dick, um demselben die auswärtigen Telegramme vorzulesen. Zehn Minuten später kehrte Alf bleich zu seinen Eltern zurück.

»Er sagte, er könnte es nicht mehr aushalten,« erklärte er.

»Er sagte doch nicht, daß Du schlecht vorlasest, Alf?« fragte Mrs. Benton.

»Nein. Er sagte, ich läse schon, er hätte noch nie jemand so lesen gehört, aber er sagte, er könnte das Zeug in den Zeitungen nicht aushalten.«

»Vielleicht hat er etwas Geld in den Stocks verloren. Hast Du ihm etwas über die Stocks vorgelesen, Alf?«

»Nein; es war alles über das Fechten da draußen, wohin die Soldaten gegangen sind – ein großes, langes Stück mit vielen Zeilen dicht untereinander und sehr schweren Worten darin. Er schenkte mir eine halbe Krone, weil ich so gut gelesen habe, und sagte, wenn er nächstens wieder etwas vorgelesen haben wollte, würde er nach mir schicken.«

»Das ist gut, doch, ich denke, Alf, Du legst die halbe Krone in die Sparbüchse und lässest mich sehen, wie Du es thust – er hätte Dich dafür länger oben behalten können. Er konnte ja kaum angefangen haben zu begreifen, wie schön Du liest.«

»Man thut am besten, ihn sich selbst zu überlassen – die Gentlemen lieben das immer, wenn sie sich unglücklich fühlen,« bemerkte Mr. Benton.

Alfs sehr beschrankte Fähigkeiten, Torpenhows Spezialkorrespondenz zu begreifen, hatten den Teufel der Unruhe in Dick erweckt. Er konnte durch des Knaben näselnden Ton das Grunzen der Kamele in den Vierecken hinter den Soldaten außerhalb Suakim hören; er konnte hören, wie die Leute zwischen den Kochkesseln fluchten und den scharfen Rauch des Holzes riechen, der vor dem Wüstenwinde über das Lager dahin trieb.

In jener Nacht bat er Gott, daß er ihm den Verstand nehmen möchte, indem er als Beweis dafür, er sei dieser Gunst wert, anführte, daß er sich nicht schon lange vorher erschossen habe. Dieses Gebet wurde nicht erhört und Dick war sich in der That im Innersten seines Herzens bewußt, daß nur ein zurückgebliebener Sinn von Humor und nicht spezielle Tugend ihn am Leben gelassen hatte. Er überredete sich selbst, daß Selbstmord eine etwas spaßhafte Beleidigung für den Ernst der Lage sein würde, ebenso wie ein feiges Geständnis von Furcht.

»Gerade wegen des Spasses von dem Dinge,« sagte er zu der Katze, die den Platz von Binkie in seiner Wohnung eingenommen hatte. »Ich möchte wohl wissen, wie lange diese Geschichte dauern wird. Ich kann ein Jahr von den hundert Pfund leben, die Torpenhow für mich einkassirt hat. Ich muß mindestens zwei- oder dreitausend Pfund in der Bank haben – die für zwanzig bis dreißig Jahre ausreichen. Dann komme ich auf meine hundertundzwanzig jährlich zurück, die sich inzwischen vermehrt haben werden. Laß uns einmal nachrechnen! Fünfundzwanzig – fünfunddreißig – ein Mann steht dann in seiner Blüte, man sagt – fünfundvierzig – ein Mann mitten in den Jahren, in die Politik eintretend – fünfundfünfzig – ›er starb in dem verhältnismäßig frühen Alter von fünfundfünfzig,‹ wie die Zeitungen immer berichten. Bah! Wie diese Christen den Tod fürchten! Fünfundsechzig – wir kommen nun in die Jahre! Fünfundsiebzig ist dennoch gerade möglich. Große Hölle, o Katze! Noch fünfzig Jahre einsamen Gefängnisses im Dunkeln! Du wirst sterben, Benton und Torp werden sterben und Mai – jedermann sonst wird sterben, nur ich soll leben bleiben und mich herumstoßen mit nichts zu thun. Ich bin wirklich betrübt über mich selbst. Ich möchte wohl, daß jemand anders meinetwegen betrübt wäre. Offenbar werde ich nicht verrückt werden, bevor ich sterbe, aber die Qual ist ebenso schlimm als je. Wenn du eines Tages vivisezirt wirst, o Katze, wird man dich auf einen kleinen Tisch binden und dich aufschneiden – aber fürchte dich nicht; man wird sich in acht nehmen, daß du nicht stirbst. Du wirst leben und dann sehr betrübt sein, daß du nicht meinetwegen betrübt gewesen bist … Ich wollte, ich könnte zu Torp und Nilghai gehen, ich befände mich dann doch bei ihnen.«

Pussy verließ das Zimmer, bevor die Rede zu Ende war, und Alf fand bei seinem Eintritte Dick, wie er die leere Kamindecke anredete.

»Da ist ein Brief für Sie, Herr,« sagte er. »Vielleicht wünschen Sie, daß ich ihn vorlese?«

»Gib mir ihn einen Augenblick; ich werde es Dir dann sagen.«

Seine ausgestreckte Hand bebte ein wenig und seine Stimme war nicht besonders fest. Es lag in den Grenzen menschlicher Möglichkeit, daß – das war kein Brief von Maisie. Er kannte das Gewicht von drei verschlossenen Couverts zu gut. Es war eine thörichte Hoffnung, daß das Mädchen ihm schreiben würde, denn er vergegenwärtigte sich nicht, daß es eine Schuld, ein Unrecht gibt, das kein Wiedergutmachen zuläßt, wenn der Uebelthäter auch mit Thränen und der ganzen Liebe seines Herzens bestrebt ist, es gut zu machen. Es ist am besten, das Unrecht zu vergessen, ob es nun verursacht oder erduldet ist, da es ebenso unheilbar ist, wenn die böse That einmal verübt worden.

»Lies ihn nur,« sagte Dick, worauf Alf zu lesen begann, mit der Betonung, wie sie auf den Schulbänken üblich ist.

»Ich hätte Ihnen Liebe und Treue geben können, wie Sie niemals von solchen Gefühlen geträumt haben. Glauben Sie, ich bekümmerte mich um das, was Sie wären? Aber es beliebte Ihnen, auf alles herabzusehen für gar nichts. Meine einzige Entschuldigung für Sie ist, daß Sie so jung sind.«

»Das ist alles,« sagte er, das Papier zurückgebend, damit es ins Feuer geworfen würde.

»Was stand in dem Briefe?« fragte Mrs. Benton, als Alf wieder zurückkehrte.

»Ich weiß es nicht. Ich glaube, es war ein Zirkular oder eine Abhandlung über das Herabsehen auf alles, wenn man jung ist.«

»Ich muß auf irgend etwas getreten haben, als ich noch lebte und umherging; das ist nun aufgesprungen und hat mich getroffen. Gott helfe ihm, was es auch sein möge – wenn das Ganze nicht ein Scherz war. Aber ich kenne niemand, der sich die Mühe nehmen würde, einen Scherz mit mir zu machen … Liebe und Treue für gar nichts? Es klingt verführerisch genug. Ich möchte wohl wissen, ob ich wirklich etwas verloren habe.«

Dick sann lange Zeit darüber nach, konnte sich indes nicht erinnern, wann oder wie er in der Lage gewesen, diese Kindereien von eines Weibes Hand zu erhalten.

Da dieser Brief Dinge berührte, an die er nicht denken wollte, so versetzte derselbe ihn in einen Anfall von Wahnsinn, der einen Tag und eine Nacht anhielt. Wenn sein Herz so voll Verzweiflung war, daß es zerspringen wollte, so schienen Körper und Seele in Finsternis zu versinken. Dann folgte die Furcht vor dieser Finsternis und verzweifelte Versuche, das Licht wieder zu gewinnen. Aber es gab kein Licht wieder zu gewinnen. Wenn dieser Kampf ihn schweißtriefend und atemlos zurückgelassen, fing das Versinken nach unten wieder an, bis alle diese Qualen ihn zu einem neuen Kampfe anspornten, der ebenso hoffnungslos war als der erste. Dann folgte wohl ein Schlaf von einigen Minuten, in dem er träumte, daß er sehen könne, worauf sich die Reihenfolge von Ereignissen wiederholten, bis er aufs äußerste erschöpft war und sein Gehirn die nie ruhenden Gedanken an Maisie und allerlei Möglichkeiten von neuem aufnahm.

Schließlich trat Mr. Benton in Dicks Zimmer und bot sich an, ihn mitzunehmen. »Diesesmal nicht, um Einkaufe auf dem Markte zu machen, sondern um in den Park zu gehen, wenn es Ihnen beliebt.«

»Ich will verdammt sein, wenn ich es thue!« schrie Dick. »Bleiben Sie in den Straßen und gehen Sie auf und ab. Ich höre gern die Leute um mich her.«

Das war nicht ganz der Wahrheit entsprechend. Die Blinden lieben in den ersten Stadien ihres Gebrechens nicht diejenigen, die sich mit freien Schritten bewegen können – aber Dick hatte durchaus kein Verlangen, in den Park zu gehen. Einmal, nur ein einzigesmal, seitdem Maisie ihre Thüre abgeschlossen hatte, war er unter Alfs Führung dorthin gegangen. Alf vergaß ihn und fischte mit einigen Schulkameraden Elritzen in dem Bache. Nachdem er eine halbe Stunde gewartet, wandte Dick, fast weinend vor Wut und Zorn, sich an einen Vorübergehenden, der ihn zu einem freundlichen Polizisten führte; dieser brachte ihn an der gegenüberliegenden Seite von Albert Hall in einem Kabriolet unter. Er sagte Mr. Benton nichts von Alfs Vergeßlichkeit, aber … das war nicht die Art und Weise, wie er früher im Park spazieren zu gehen pflegte.

»Durch welche Straßen möchten Sie denn gern gehen?« fragte Mr. Benton teilnehmend. Seine eigenen Ansichten über einen ausgelassenen Feiertag bedeuteten ein Picknick auf dem Rasen von Green Park mit seiner Familie und einem halben Dutzend Papiersäcken voll Eßwaren.

»Gehen Sie nach dem Flusse hin,« sagte Dick, worauf sie die Richtung nach demselben einschlugen; das Rauschen desselben klang Dick in den Ohren, bis sie zur Blackfriarsbrücke gelangten und sich von dort nach Waterloo Road wandten, während Mr. Benton unterwegs die Schönheiten der Scenerie erklärte.

»Auf der andern Seite des Trottoirs,« sagte er, »geht, wenn ich mich nicht irre, die junge Frauensperson, die in Ihre Wohnung zu kommen pflegte, um gezeichnet zu werden. Ich vergesse niemals ein Gesicht und behalte niemals einen Namen, ausgenommen natürlich die von zahlenden Mietern.«

»Bleiben Sie hier stehen,« sagte Dick, »Es ist Bessie Broke. Sagen Sie ihr, ich möchte sie gern einmal sprechen. Rasch, Mann!«

Mr. Benton ging über die Straße und hielt Bessie auf ihrem Wege nach Norden an. Sie erkannte ihn als den Wann, der sie anzustarren pflegte, wenn sie die Treppen zu Dick hinaufging, und hatte Lust fortzulaufen.

»Waren Sie nicht Mr. Heldars Modell?« fragte Mr. Benton, sich vor sie hinpflanzend. »Sie waren es. Er steht auf der andern Seite der Straße und möchte Sie gern sehen.«

»Weshalb?« erwiderte Bessie schwach. Sie erinnerte sich an eine Geschichte mit einem soeben vollendeten Bilde.

»Weil er mich aufgefordert hat, es zu thun, und weil er ganz blind ist.«

»Betrunken?«

»Nein, hospitalblind. Er kann nicht sehen. Das ist er, da drüben.«

Dick lehnte an der Brüstung der Brücke, als Mr. Benton auf ihn zeigte, ein Geschöpf mit struppigem Barte, niedergebeugt, ein schmutziges, magentafarbiges Halstuch umgeschlungen und einen ungebürsteten Rock auf dem Leibe: Von einem solchen Menschen war nichts zu befürchten. Selbst wenn er sie verfolgen wollte, meinte Bessie, würde sie sich ihm leicht entziehen können. Sie ging hinüber, worauf Dicks Gesicht sich aufklärte. Es war schon lange her, daß irgend eine Frau sich die Mühe gegeben, mit ihm zu sprechen.

»Ich hoffe, Sie befinden sich wohl, Mr. Heldar?« sagte Bessie etwas verlegen. Mr. Benton stand daneben mit der Miene eines Gesandten.

»Ich befinde mich ganz wohl und, beim Himmel! freue mich, Sie zu sehen – zu hören, meine ich, Beß. Sie hielten es nie der Mühe wert, heraufzukommen und mich zu besuchen, nachdem Sie Ihr Geld erhalten. Gehen Sie jetzt vielleicht irgendwohin?«

»Ich bin nur ausgegangen, um einen Spaziergang zu machen,« erwiderte Bessie.

»Doch nicht das alte Geschäft?« fragte Dick leise.

»O nein! Ich bezahlte meine Prämie« – Bessie war sehr stolz auf dieses Wort – »als Schenkmädchen, wohne auch dort und bin jetzt am Schenktisch ganz ordentlich. Wirklich, es ist so!«

Mr. Benton hatte keinen besondern Grund, an die Erhabenheit der menschlichen Natur zu glauben, deshalb verschwand er wie ein Nebel und kehrte ohne ein Wort der Entschuldigung zu seinen Gashähnen zurück. Bessie beobachtete seine Flucht mit einer gewissen Unruhe, aber so lange Dick sich nicht des Schadens bewußt zu sein schien, den sie ihm angethan hatte …

»Es ist eine schwere Arbeit, sich mit den Bierkrügen herumzuschleppen,« fuhr sie fort, »und sie haben dort eine Geldkontrollmaschine, so daß, wenn man sich am Schlusse des Tages um einen Penny irrt – aber dann glaube ich nicht, daß die Maschine recht hat. Glauben Sie es?«

»Ich habe dieselbe nur arbeiten sehen. – Mr. Benton!«

»Er ist fortgegangen.«

»Ich fürchte, ich muß Sie dann bitten, mir nach Hause zu helfen. Ich will Sie für Ihre Zeit entschädigen. Sie sehen es ja.« Die lichtlosen Augen wandten sich Bessie zu und diese sah es in der That.

»Es ist doch kein Umweg für Sie?« fragte er zögernd. »In diesem Falle kann ich einen Polizisten darum bitten.«

»O, durchaus nicht. Ich muß um sieben Uhr wieder zurück sein und bin um vier Uhr fortgegangen. In diesen Stunden geht es ruhig zu.«

»Gütiger Himmel! Ich bin die ganze Zeit frei. Ich wünschte wohl, ich hätte etwas zu arbeiten. Lassen Sie uns nach Hause gehen, Beß.«

Er drehte sich um und stieß gegen einen Mann auf dem Trottoir, der mit einem Fluche zurückprallte. Bessie nahm seinen Arm und sagte nichts – ebenso wie sie nichts gesagt hatte, wenn er ihr befohlen, ihr Gesicht mehr dem Lichte zuzuwenden. Sie gingen eine Zeit lang schweigend weiter, während das Mädchen ihn sicher durch die Menge leitete.

»Und wo ist – wo ist Mr. Torpenhow?« fragte sie schließlich.

»Er ist weit fort in die Wüste gegangen.«

»Wo ist das?«

Dick zeigte nach rechts. »Im Osten – aus der Mündung der Themse hinaus,« sagte er. »Dann nach Westen, nach Süden und dann wieder östlich, immer längs der Südseite von Europa. Zuletzt wieder südlich, Gott weiß wie weit.« Diese Erklärung unterrichtete Bessie nicht im mindesten, aber sie hielt den Mund und gab auf Dicks Pfad acht, bis sie dessen Zimmer erreichten.

»Wir wollen Thee und Kuchen haben,« sagte er fröhlich. »Ich kann Ihnen gar nicht sagen, Bessie, wie sehr ich mich freue, Sie wieder getroffen zu haben. Weshalb gingen Sie damals so plötzlich fort?«

»Ich glaubte, Sie bedürften meiner nicht mehr,« erwiderte sie, kühn gemacht durch seine Unwissenheit.

»Ich brauchte Sie in der That nicht mehr – aber später. Jedenfalls freue ich mich, daß Sie gekommen sind. Sie kennen die Treppen.«

Bessie brachte ihn nach Hause und in sein Zimmer, ohne daß es jemand verhindert hätte, und schloß die Thür des Ateliers zu.

»Was für eine Unordnung!« war ihr erstes Wort. »Seit Monaten hat sich kein Mensch um alle diese Sachen bekümmert.«

»Nein, nur seit Wochen, Beß. Man kann nicht erwarten, daß sie sich darum kümmern.«

»Ich weiß nicht, was Sie von den Leuten erwarten in dieser Hinsicht. Dieselben müssen doch wissen, was Sie ihnen dafür bezahlt haben. Der Staub ist geradezu entsetzlich. Die ganze Staffelei ist damit bedeckt.«

»Ich benütze dieselbe jetzt nicht viel.«

»Auch die Bilder, der Fußboden und Ihr Rock sind ganz bedeckt mit Staub. Ich möchte wohl mit diesen Dienstmädchen sprechen.«

»Dann läuten Sie, daß man Thee bringt.« Dick fühlte sich nach dem Sessel hin, den er gewöhnlich benützte. Bessie sah es und wurde gerührt davon, soweit es in ihrer Natur lag. Aber es blieb immer noch ein keckes Gefühl von frisch erlangter Ueberlegenheit zurück, das auch in ihrer Stimme herausklang, wenn sie sprach.

»Wie lange befinden Sie sich in diesem Zustande?« fragte sie zornig, als ob seine Blindheit irgend ein Verschulden der Dienstmädchen wäre.

»Wie?«

»Nun, was Sie sind.«

»Seit dem Tage nach dem, an welchem Sie mit dem Check fortgingen, sobald als mein Bild vollendet war; ich habe dasselbe kaum gesehen.«

»Dann hat man Sie seitdem stets betrogen, das ist klar. Ich kenne ihre netten kleinen Mittel und Wege.«

Eine Frau kann den einen Mann lieben und den andern verachten, aber sie wird nach allgemein weiblichen Grundsätzen ihr Möglichstes thun, den verachteten Mann davor zu bewahren, betrogen zu werden. Ihr Geliebter kann für sich selbst sorgen, aber der andere Mann bedarf des Schutzes, zumal wenn er augenscheinlich hilflos ist.

»Ich glaube nicht, daß Mr. Benton mich viel betrügt,« sagte Dick.

Bessie ging hastig auf und ab im Zimmer, während er ein starkes Gefühl von Freude verspürte, als er das Rascheln ihres Kleidersaums vermischt mit dein leichten Tritte hörte.

»Thee und dünnen Kuchen,« sagte sie kurz, als das Dienstmädchen infolge des Läutens eingetreten, »zwei Theelöffel voll und einen dazu für den Topf. Ich wünsche nicht den alten Theetopf wieder zu haben, der hier war, als ich zu kommen pflegte; er zieht nicht ordentlich. Bringen Sie einen andern.«

Das Dienstmädchen ging entrüstet fort, während Dick kicherte. Darauf fing er an zu husten, als Bessie im Atelier anfing auszuklopfen, um den Staub zu entfernen.

»Was machen Sie denn da?«

»Die Sachen in Ordnung bringen. Dies ist ja gerade wie eine unmöblirte Wohnung. Wie konnten Sie es so weit kommen lassen?«

»Wie konnte ich es ändern? Stauben Sie nur weiter ab.«

Sie klopfte wütend den Staub aus, und mitten in all den Lärm trat Mrs. Benton ein. Ihr Gatte hatte ihr bei seiner Rückkehr die Situation erklärt, sich mit dem besonders zutreffenden Sprichworte tröstend »Thue anderen, wie du willst, daß man dir thue.« Sie war herunter gekommen, um der Person ihren Platz anzuweisen, die dünnen Kuchen und einen nicht gesprungenen Theetopf verlangt, als ob sie ein Recht zu beidem hätte.

»Sind die Kuchen fertig?« fragte Bessie, immer noch ausklopfend. Sie war nicht mehr ein schmutziges Weibsbild von der Straße, sondern eine junge Dame, die, dank dem Check von Dick, ihre Prämie bezahlt hatte und berechtigt war, Bierkrüge mit dem besten Stoffe zu füllen. Da sie sehr nett in Schwarz gekleidet war, zögerte sie durchaus nicht, Mrs. Benton gegenüberzutreten, worauf zwischen den beiden Frauen gewisse Blicke gewechselt wurden, die Dick sicherlich gewürdigt hätte. Die Situation wurde durch Blicke entschieden. Bessie hatte gesiegt, und Mrs. Benton kehrte zurück, um Kuchen zu backen und scharfe Bemerkungen über Modelle, Weibsbilder, Schlampen und dergleichen zu machen.

»Es kommt nichts dabei heraus, dazwischen zu treten, Lisa,« sagte Mr. Benton. »Alf, gehe hinaus auf die Straße und spiele. Wenn er guter Laune ist, kann er freundlich sein wie die Güte selbst; wenn er aber ärgerlich ist, ist er der reine Teufel. Wir nahmen zu viel Sachen aus seinen Zimmern, seitdem er blind geworden. Es sind natürlich keine Gegenstände für einen blinden Mann, aber wenn die Geschichte vor Gericht käme, würden wir den Laufpaß bekommen. Ja, ich brachte das Mädchen zu ihm, weil ich selbst ein mitfühlender Mensch bin.«

»Viel zu mitfühlend!« Mrs. Benton klopfte die dünnen Kuchen aus der Pfanne auf die Schüssel und dachte an vor langer Zeit wegen Verdacht entlassene, hübsche Dienstmädchen.

»Ich schäme mich dessen nicht, und es ist nicht unsere Sache, hart über ihn zu urteilen, so lange er ruhig und regelmäßig bezahlt, wie er es thut. Ich weiß, wie man junge Gentlemen behandeln, Du weißt, wie man für sie kochen muß, und, was ich sagen wollte, laß einen jeden auf seine eigenen Geschäfte achten, dann wird niemals Streit entstehen. Trage die Kuchen hinunter, Lisa, und sei überzeugt, daß Du keinen Wortwechsel mit der jungen Person haben wirst. Sein Los ist grausam schwer, und wenn man ihm widerspricht, flucht er schlimmer, als irgend jemand, den ich je bedient habe.«

»Das ist besser,« bemerkte Bessie, sich zum Thee niedersetzend. »Sie brauchen nicht zu warten; danke Ihnen, Mrs. Benton.«

»Ich hatte durchaus nicht die Absicht, es zu thun, das versichere ich Sie.«

Bessie gab keine Antwort. Dieses war, wie sie wußte, die Art und Weise, wie wirkliche Damen ihre Feinde behandelten, und wenn man ein Schenkmädchen in einem öffentlichen Lokale ersten Ranges ist, kann man nach zehn Minuten Aufmerkens eine wirkliche Dame werden.

Ihre Augen fielen auf den ihr gegenüber sitzenden Dick, und sie wurde erschüttert und ungehalten. Die ganze Vorderseite seines Rockes war bis unten hin voll von Flecken von herabgefallenen Speisen, der Mund hing mürrisch herab unter dem struppigen Barte; die Stirn war voll Falten und gerunzelt, während das Haar an den Schläfen von einer unbestimmten Farbe war, die man wohl grau nennen konnte. Das äußerliche Elend und diese Vernachlässigung des Mannes rührten sie, während aus dem Grunde ihres Herzens ein böses Gefühl lag, daß derjenige, der sie einst gedemütigt, nun selbst gedemütigt und erniedrigt worden war.

»O, es ist so gut zu hören, wie Sie sich hier umherbewegen,« sagte Dick, sich die Hände reibend.

»Erzählen Sie mir alles über Ihre Erfolge am Schenktisch, Bessie, und wie Sie jetzt leben.«

»Denken Sie nichts Derartiges; ich bin ganz respektabel, wie Sie bemerken könnten, wenn Sie mich sähen. Sie aber scheinen nicht besonders gut zu leben. Wodurch wurden Sie so plötzlich blind? Warum ist denn niemand hier, um nach Ihnen zu sehen?«

Dick war zu dankbar für den Ton ihrer Stimme, um diese Frage übel zu nehmen.

»Ich erhielt vor längerer Zeit einen Schwerthieb über den Kopf, der meine Augen zu Grunde gerichtet hat. Ich glaube nicht, daß irgend jemand es der Mühe wert hält, nach mir zu sehen. Weshalb sollte man es auch thun? – Außerdem besorgt Mr. Benton wirklich alles, was ich nötig habe.«

»Kennen Sie denn keine Herren und Damen aus der Zeit her, als Sie noch – gesund waren?«

»Einige wenige, aber ich wünsche nicht, daß dieselben zu mir kommen.«

»Ich vermute, weil Sie sich haben einen Bart wachsen lassen. Lassen Sie sich ihn abnehmen, er kleidet Sie nicht.«

»Gütiger Himmel, Kind, bilden Sie sich ein, daß ich jetzt noch daran denke, was mich kleidet?«

»Sie müssen. Lassen Sie ihn abnehmen, bevor ich wieder komme. Ich nehme an, daß ich kommen darf, nicht wahr?«

»Ich würde Ihnen wirklich sehr dankbar sein, wenn Sie es thäten. Ich denke, ich habe Sie früher nicht besonders gut behandelt; ich pflegte Sie oft zornig zu machen.«

»Sehr zornig, das ist wahr.«

»Es thut mir sehr leid. Kommen Sie und besuchen Sie mich, wann und so oft Sie können. Gott weiß, es gibt keine Seele auf der Welt, außer Ihnen und Mr. Benton, die sich die Mühe macht.«

»Eine ganze Menge Mühe macht er sich und Sie dazu,« sagte Bessie kopfschüttelnd. »Sie haben Sie alles thun lassen, so gut Sie konnten, und haben selbst gar nichts für Sie gethan. Ich habe das auf den ersten Blick gesehen. Ich werde kommen und mich freuen, wieder zu kommen, aber Sie müssen sich rasiren lassen und andere Kleider anziehen – diese sind nicht mehr zum Ansehen.«

»Ich habe irgendwo einen ganzen Haufen von Kleidern,« fügte er hilflos.

»Ich weiß es. Sagen Sie Mr. Benton, er solle Ihnen einen neuen Anzug geben; ich werde denselben ausbürsten und sauber halten. Sie mögen so blind sein wie ein Scheunenthor, Mr. Heldar, das ist aber keine Entschuldigung, daß Sie aussehen wie ein Lumpenkerl.«

»Sehe ich denn aus wie ein Lumpenkerl?«

»O, es thut mir leid Ihretwegen; es thut mir das Ihretwegen so leid,« rief sie erregt aus, Dicks Hände ergreifend. Mechanisch bog er seinen Kopf herab, als ob er sie küssen wollte – sie war das einzige weibliche Wesen, das Mitleid mit ihm hatte, und er war setzt nicht mehr zu stolz gegen ein wenig Mitleid. Sie stand auf, um fortzugehen.

»Nichts Derartiges, als bis Sie wieder mehr wie ein Gentleman aussehen. Es ist das ganz leicht, wenn Sie sich rasiren lassen und andere Kleider anziehen.«

Er hörte, wie sie ihre Handschuhe anzog, und stand auf, um ihr Adieu zu sagen. Sie trat hinter ihn, küßte ihn keck auf den Nacken und lief so schnell fort wie an jenem Tage, als sie die Melancholie zerstört hatte.

»Wer hätte je gedacht, daß ich Mr. Heldar küssen würde,« sagte sie vor sich hin, »nach allem, was er mir gethan, und dem übrigen! Nun, er thut mir leid, und wenn er rasirt ist, wird er nicht so übel aussehen, aber … O, diese Bentons, wie schändlich haben sie ihn behandelt. Ich weiß, daß dieser Benton seine Hemden heute auf dem Leibe trägt, gerade als ob ich es gesehen hätte. Morgen werde ich sehen … Es sollte mich wundern, wenn er noch viel davon hat. Es wäre vielleicht mehr wert als der Schenktisch – ich würde gar nichts zu arbeiten brauchen – und gerade so respektabel sein, wenn niemand es wüßte.«

Dick war Bessie nicht dankbar für ihre Abschiedsgabe. Er fühlte dieselbe genau im Genick während der ganzen Nacht, aber sie schien ihm außer anderen Dingen die Ueberzeugung zu geben, daß er sich rasiren lassen müsse. Am andern Morgen that er es auch und fühlte sich wohler darnach. Ein neuer Anzug, weiße Wäsche und das Bewußtsein, daß jemand auf der Welt gesagt, er nähme Interesse an seiner persönlichen Erscheinung, richtete ihn selbst beinahe auf, denn sein Gehirn wurde eine Zeit lang von dem Gedanken an Maisie befreit, die unter anderen Umständen ihm jenen Kuß und eine Million andere hätte geben können.

»Laß uns nachdenken,« sagte er nach dem Lunch. »Das Mädchen kann sich nicht um mich bekümmern; es ist noch sehr die Frage, ob sie wieder kommt oder nicht, aber wenn Geld sie erkaufen kann, nach mir zu sehen, so soll sie erkauft werden. Niemand auf der Welt würde sich die Mühe nehmen und ich kann sie dafür entschädigen. Sie ist ein Kind der Gosse, das als Schenkmädchen angestellt ist; deshalb soll sie alles haben, dessen sie bedarf, wenn sie nur kommen, mit mir reden und nach mir sehen will.«

Er rieb sein frisch rasirtes Kinn und versetzte sich selbst in Aufregung durch den Gedanken, daß sie vielleicht nicht kommen würde.

»Ich vermute, daß ich wirklich wie ein Lumpenkerl ausgesehen habe,« fuhr er fort. »Ich hatte ja keine Ursache, anders auszusehen. Ich wußte, daß meine Kleider voll Flecken waren, aber ich beachtete es nicht. Es wäre grausam, wenn sie nicht käme. Sie muß. Maisie kam ein einzigesmal, das war genug für sie. Sie hatte ganz recht. Sie muß arbeiten. Dieses Geschöpf hat nur Bierkrüge zu füllen, wenn sie nicht irgend einen jungen Mann verleitet hat, ihr Gefährte zu sein. Ein netter Gedanke, wegen eines Ladentischspringers betrogen zu werden! Wir sind wirklich recht nett gesunken!«

In ihm rief etwas ganz laut: »Dies wird mehr schmerzen als irgend etwas, das früher geschehen. Es wird dir alles zurückrufen, dich an alles erinnern und dich quälen und schließlich dich zum Wahnsinn treiben.«

»Ich weiß es, ich weiß es!« schrie Dick, seine Hände verzweiflungsvoll zusammenschlagend, »aber, gütiger Himmel, hat ein armer blinder Bettler etwas anderes von seinem Leben, als drei Mahlzeiten täglich und eine schmierige Weste? Ich wünschte, sie käme.«

Zeitig nachmittags kam sie, weil es gerade damals keinen jungen Mann in ihrem Leben gab und sie an die materiellen Vorteile dachte, die ihr dafür zufallen würden, daß sie für den Rest ihrer Tage müßig ginge.

»Ich würde Sie nicht wieder erkannt haben,« sagte sie beifällig. »Sie sehen aus wie sonst – wie ein Gentleman, der etwas auf sich hält!«

»Glauben Sie nicht, daß ich nun einen zweiten Kuß verdiene?« fragte Dick, ein wenig errötend.

»Kann sein, aber Sie werden ihn jetzt noch nicht bekommen. Setzen Sie sich und lassen Sie uns sehen, was ich für Sie thun kann. Ich bin überzeugt, daß Mr. Benton Sie betrügt, nun Sie nicht in jedem Monat die Haushaltungsbücher durchsehen können. Ist das nicht wahr?«

»Sie thäten dann besser, herzukommen und für mich hauszuhalten, Bessie.«

»In diesen Zimmern würde ich das nicht thun können, Sie wissen das ebenso gut wie ich.«

»Ich weiß es, doch könnten wir anderswohin gehen, wenn Sie es der Mühe wert halten.«

»Jedenfalls will ich versuchen, nach Ihnen zu sehen, aber ich möchte nicht für uns beide zu arbeiten haben.«

Dies war verlockend.

Dick lachte.

»Entsinnen Sie sich, wo ich mein Bankbuch hinzulegen pflegte?« fragte er. »Torp nahm es, um dasselbe abschließen zu lassen, gerade bevor er fortging. Sehen Sie einmal nach!«

»Es lag gewöhnlich unter dem Tabakskasten. Ah!«

»Nun?«

»O, viertausendzweihundertundzehn Pfund neun Schilling und einen Penny! O, wie viel Geld!«

»Sie können den Penny haben. Das ist nicht so übel für die Arbeit eines Jahres. Ist das und hundertundzwanzig Pfund jährlich genug?«

Das Nichtsthun und hübsche Kleider befanden sich beinahe in ihrem Bereich, aber sie mußte als eine haushälterische Person zeigen, daß sie dieselben verdiene.

»Ja; aber Sie müßten dann ausziehen, und wenn wir ein Inventar aufnehmen, so werden wir meiner Ansicht nach finden, daß Mr. Benton hie und da verschiedene kleine Sachen aus den Zimmern fortgenommen hat. Dieselben sehen nicht so voll aus wie früher.«

»Thut nichts, wir wollen sie ihm lassen. Der einzige Gegenstand, den ich besonders gern mitnehmen möchte, ist das Bild, zu welchem ich Sie gebrauchte, als Sie noch auf mich zu fluchen pflegten. Wir wollen von dieser Stelle fortziehen, Beß, so weit, als wir nur können.«

»O ja,« erwiderte sie etwas unbehaglich.

»Ich weiß nicht, wohin ich gehen soll, um vor mir selbst zu fliehen, aber ich will es versuchen und Sie sollen alle die hübschen Kleider haben, nach denen Sie verlangen. Das wird Ihnen gefallen. Geben Sie mir jetzt den Kuß, Beß! Ihr Götter, es ist schön, wieder einmal seinen Arm um eines Weibes Taille zu legen.«

In demselben Augenblicke mußte er an die Erfüllung der Prophezeiung denken. Wenn sein Arm ebenso um Maisies Taille läge und ein Kuß ebenso zwischen ihnen ausgetauscht worden wäre – wie dann! Er drückte das Mädchen fest an sich, weil ihn der Schmerz quälte. Sie überlegte, wie sie den kleinen Vorfall mit der Melancholie erklären sollte. Wenn dieser Mann wirklich wünschte, sich durch ihre Gesellschaft zu trösten – sicherlich würde er in seine frühere Verwahrlosung zurückfallen, wenn sie dieselbe ihm entzog – so würde er jedenfalls ein wenig mehr darüber betrübt sein. Wenigstens würde es amüsant sein, zu sehen, was geschähe, und nach ihren Erfahrungen war es gut für einen Mann, eine gewisse Ehrfurcht oder Scheu vor seiner Gefährtin zu haben.

Sie lachte etwas nervös und schlüpfte aus seinem Bereiche.

»Ich würde mich an Ihrer Stelle nicht so viel um das Bild bekümmern,« fing sie an, in der Absicht, seine Aufmerksamkeit abzulenken.

»Es steht irgendwo hinter meinen übrigen Bildern. Suchen Sie es, Beß; Sie kennen es ebenso gut wie ich.«

»Ich kenne es – aber –«

»Aber was? Sie haben Verstand genug, um den Verkauf desselben an einen Kunsthändler zu besorgen. Frauen feilschen viel besser als Männer. Es kann sich dabei leicht um eine Summe von acht- bis neunhundert Pfund für uns handeln. Ich habe nur seit längerer Zeit nicht gern an diese Sache gedacht. Diese hing so sehr mit meinem Leben zusammen. Aber wir wollen glatte Bahn machen und alles losschlagen, wie? Nehmen Sie einen frischen Anlauf von Anfang an, Beß.«

Da bereute sie sehr, was sie gethan, denn sie kannte den Wert des Geldes. Doch es war wahrscheinlich, daß der blinde Mann den Wert seines Werkes überschätzte. Die Herren waren, wie sie wußte, lächerlich eingenommen von ihren Sachen.

Sie kicherte, wie ein nervöses Dienstmädchen kichert, wenn es versucht, das Zerbrechen einer Pfeife zu erklären.

»Es thut mir sehr leid, aber Sie entsinnen sich, daß ich wütend über Sie war, bevor Mr. Torpenhow fortging?«

»Sie waren sogar sehr wütend, Kind, und, auf mein Wort, hatten auch einigen Grund dazu.«

»Da – aber sind Sie überzeugt, daß Mr. Torpenhow es Ihnen nicht erzählt hat?«

»Mir was erzählt hat? Lieber Himmel, weshalb machen Sie so viel Umstände, wenn Sie mir ebenso gut noch einen Kuß geben könnten.«

Er fing an einzusehen, nicht zum erstenmal in seinem Leben, daß das Küssen ein accumulatives Gift ist; je mehr man davon erhält, nach desto mehr verlangt man.

Bessie gab ihm prompt den Kuß und flüsterte dabei: »Ich war so wütend, daß ich das Bild mit Terpentin ausrieb. Sie sind deswegen nicht böse, nicht wahr?«

»Was? Sagen Sie das noch einmal!« Seine Hand umschloß ihr Handgelenk.

»Ich rieb es mit Terpentin und dem Messer aus,« stammelte Bessie. »Ich glaubte, Sie brauchten es nur noch einmal zu malen, Sie thaten das auch, nicht wahr? O, lassen Sie mein Handgelenk los, Sie thun mir weh.«

»Ist gar nichts von dem Ding übrig geblieben?«

»Nichts, was irgend einem Dinge ähnlich sähe. Es thut mir leid – ich wußte nicht, daß Sie so viel davon hielten; ich wollte nur einen Spaß machen. Sie wollen mich doch nicht schlagen?«

»Sie schlagen! O nein! Lassen Sie mich nachdenken.«

Er ließ ihr Handgelenk nicht los und starrte auf den Teppich, Darauf schüttelte er seinen Kopf wie ein junger Stier, wenn er einen Schlag mit der Peitsche über die Nase erhält, um ihn auf den Weg zu den Fleischscharren zurückzutreiben, denen er entrinnen wollte. Seit Wochen hatte er sich gezwungen, nicht an die Melancholie zu denken, weil dieselbe ein Teil seines toten Lebens war. Mit Bessies Rückkehr und gewissen neuen Plänen, die sich entwickelt hatten, war die Melancholie – reizender in seiner Phantasie, als sie jemals auf der Leinwand gewesen – wieder erschienen. Durch dieselbe hatte er sich mehr Geld verschafft, um damit Bessie zu amüsiren und Maisie zu vergessen. Jetzt war – dank der Thorheit eines bösen kleinen Dienstmädchens – nicht mehr die Rede davon, nicht einmal die Hoffnung vorhanden, daß er eines Tages ein dauerndes Interesse an dem Dienstmädchen nehmen könnte. Das Aergste von allem war, daß er in Maisies Augen infolge dessen lächerlich erschienen. Eine Frau wird dem Manne, der die Arbeit ihres Lebens vernichtet hat, verzeihen, so lange er ihr Liebe gibt; ein Mann kann demjenigen verzeihen, der die Liebe seines Lebens vernichtet, aber niemals wird er die Zerstörung seines Werkes verzeihen.

»Tok – tok – tok,« machte Dick zwischen den Zähnen, dann lächelte er mild. »Es ist ein Omen, Bessie, und – alles genauer betrachtet – es geschieht mir recht für das, was ich gethan habe. Beim Himmel, das erklärt das Fortlaufen von Maisie. Sie muß mich für vollständig verrückt gehalten haben – sie ist nur wenig zu tadeln. Das ganze Bild ist also verdorben, nicht wahr? Weshalb thaten Sie es?«

»Weil ich damals zornig war. Ich bin es jetzt nicht – es thut mir ganz schrecklich leid.«

»Das wundert mich. – Es macht jedoch nichts. Ich bin zu tadeln wegen meines Irrtums.«

»Welchen Irrtums?«

»Etwas, was Sie nicht verstehen würden, Teuerste. Großer Gott, zu denken, daß ein kleines Stück Schmutz wie Sie mich aus meiner Bahn schleudern konnte!«

Dick sprach mit sich selbst, als Bessie versuchte, ihr Handgelenk aus seinem Griffe zu befreien.

»Ich bin kein Stück Schmutz, Sie sollten mich nicht so nennen! Ich that es, weil ich Sie haßte, und es thut mir jetzt nur leid, weil Sie – weil Sie –«

»Gerade heraus – weil ich blind bin. Es geht nichts über Takt bei kleinen Dingen.«

Bessie begann zu schluchzen. Sie liebte es nicht, gegen ihren Willen festgehalten zu werden; sie fürchtete sich vor dem blinden Antlitz und fürchtete sich, dasselbe anzublicken, und war außerdem betrübt, daß Dick über ihre große Rache nur gelacht hatte.

»Weinen Sie nicht,« fügte er und nahm sie in seine Arme. »Sie thaten nur, was Sie für recht hielten.«

»Ich – ich bin kein kleines Stück Schmutz, und wenn Sie das sagen, werde ich niemals wieder zu Ihnen kommen.«

»Sie wissen gar nicht, was Sie mir angethan haben. Ich bin nicht zornig – wirklich nicht. Seien Sie eine Minute ruhig.«

Bessie blieb zitternd in seinen Armen. Dicks erster Gedanke fiel auf Maisie; es schmerzte ihn, als wenn ein weißglühendes Eisen auf eine Wunde trifft. Nicht umsonst ist es einem Manne gestattet, sich mit der unrechten Frau zu verbünden. Sobald der erste Schmerz, die erste Verbindung vorüber, die nur das Vorspiel sind, beginnt das eigentliche Spiel, denn die gerechte Vorsehung, der es gefällt, Schmerzen aufzuerlegen, hat bestimmt, daß der Todeskampf wiederkehren wird, und zwar mitten in der ärgsten Freude. Diejenigen kennen diese Qual, die durch die Liebe ihres Lebens verlassen worden sind oder dieselben verlassen haben und gezwungen wurden, sich diese Liebe in den Armen ihrer zweiten Frau zu vergegenwärtigen. Es ist besser, allein zu bleiben und nur die Qualen dieses Alleinseins zu erdulden, so lange es möglich ist, in der täglichen Arbeit Zerstreuung zu finden. Wenn dieses Mittel aufhört, so muß der Mensch bemitleidet und allein gelassen werden.

An diese Dinge und noch einige andere dachte Dick, während er Bessie an sein Herz gedrückt hielt.

»Obgleich Sie es vielleicht nicht wissen,« sagte er, sein Haupt aufrichtend, »so ist der Herr ein gerechter und ein schrecklicher Gott, Beß, mit einem sehr kräftigen Sinn für Humor, Es geschieht mir recht – es geschieht mir ganz recht! Torp würde es verstehen, wenn er hier wäre; er muß unter Ihren Händen etwas gelitten haben, Kind, doch nur für einen Augenblick. Ich rettete ihn. Möge das jemand mir gutschreiben.«

»Lassen Sie mich gehen,« sagte Bessie, während ihr Gesicht sich verfinsterte. »Lassen Sie mich gehen.«

»Alles zu seiner Zeit. Haben Sie jemals die Sonntagsschule besucht?«

»Nein. Lassen Sie mich gehen, sage ich Ihnen! Sie machen sich über mich lustig.«

»Wirklich nicht. Ich mache mich über mich selbst lustig … Also: ›Er erlöste andere, sich selbst konnte er nicht erlösen.‹ Es ist nicht ganz genau ein Schulstubentext.« Er ließ ihr Handgelenk los, aber da er sich zwischen ihr und der Thüre befand, konnte sie nicht entfliehen. »Was für eine ungeheure Menge Böses kann doch solch eine kleine Frau anrichten?«

»Es thut mir leid, ganz schrecklich leid wegen des Bildes.«

»Mir nicht. Ich bin Ihnen sogar sehr dankbar dafür, daß Sie es verdorben haben … Worüber sprachen wir, ehe Sie dieser Sache erwähnten?«

»Ueber das Fortziehen – und über Geld. Daß ich und Sie fortziehen sollten.«

»Natürlich. Wir wollen fortgehen – das heißt, ich werde es.«

»Und ich?«

»Sie sollen fünfzig ganze Pfund für das Verderben eines Bildes erhalten.«

»Dann wollen Sie nicht –?«

»Ich fürchte, nein, Teuerste. Denken Sie an die fünfzig Pfund für lauter hübsche Dinge für Sie.«

»Sie sagten doch, Sie könnten nichts machen ohne mich.«

»Das war vor kurzem auch wahr. Dank Ihnen, befinde ich mich jetzt besser. Geben Sie mir meinen Hut.«

»Nehmen Sie an, ich thäte es nicht?«

»Dann wird es Benton thun, und Sie würden fünfzig Pfund verlieren. Das ist alles. Geben Sie ihn her.«

Bessie fluchte leise vor sich hin. Sie hatte den Mann aufrichtig bemitleidet, ihn beinahe ebenso aufrichtig geküßt, denn er war nicht häßlich; es gefiel ihr bei ihm und eine Zeit lang seine Beschützerin zu sein, und vor allen Dingen waren da viertausend Pfund zu handhaben. Jetzt hatte sie infolge eines Ausgleitens der Zunge und eines kleinen weiblichen Verlangens, jemand ein wenig, nicht zu viel, Schmerz zu verursachen, das Geld verloren, ebenso das gesegnete Nichtsthun und die hübschen Sachen, das Zusammenleben, sowie die Gelegenheit, von außen wie eine respektable wirkliche Dame auszusehen.

»Jetzt stopfen Sie mir eine Pfeife. Der Tabak schmeckt mir zwar nicht, doch das thut nichts, ich will über etwas nachdenken. Welchen Tag in der Woche haben wir, Beß?«

»Dienstag.«

»Dann ist Donnerstag Mailtag. Was für ein Thor – was für ein blinder Thor bin ich gewesen! Zweiundzwanzig Pfund genügen für meine Rückreise. Nehmen wir zehn für außerordentliche Ausgaben. Wir müssen bei Madame Binat aus alter Freundschaft einkehren. Zweiunddreißig Pfund zusammen. Fügen wir hundert Pfund hinzu für die Kosten des letzten Ausfluges – Gott, wie wird Torp mich anstarren, wenn er mich sieht! – hundertundzweiunddreißig, es bleiben achtundsiebenzig für Bakschisch – ich werde sie nötig haben – und zum Spielen. Weshalb weinen Sie, Beß? Es war nicht Ihre Schuld, mein Kind, es war die meine ganz allein. O, Sie komisches, kleines Opossum, trocknen Sie Ihre Augen und führen Sie mich aus! Ich bedarf des Paß- und des Checkbuches. Warten Sie eine Minute. Viertausend Pfund zu vier Prozent – das ist ein sicherer Zinsfuß – geben hundertundsechzig Pfund jährlich; hundertundzwanzig Pfund jährlich – die ebenfalls sicher sind – macht zweihundertundachtzig, und zweihundertundachtzig Pfund zu dreihundert jährlich addirt, bedeuten goldenen Luxus für eine einzelne Frau. Beß, wir wollen zur Bank gehen.«

Um zweihundertundzehn Pfund reicher, die in seinem Geldgurt untergebracht waren, veranlaßte Dick Bessie, die jetzt ganz verwirrt geworden, von der Bank nach den Bureaux der P. und O. mit ihm zu fahren, wo er seine Sache glatt erklärte.

»Port Saïd, Einzelkabine erster Klasse, die Kabine so nahe als möglich bei der Gepäckluke. Welches Schiff geht?«

»Der Kolpong,« antwortete der Beamte.

»Das ist ein nasser kleiner Hooker. Ist es in Tilbury mit einem Tender oder in Galleons bei den Docks?«

»Galleons. Zwölf vierzig, Donnerstag.«

»Danke. Bitte, wechseln Sie. Ich kann nicht besonders gut sehen. Wollen Sie mir das Geld in die Hand zählen?«

»Wenn alle Leute ihre Passage so nähmen wie der, anstatt über ihre Koffer zu schwatzen, würde das Leben etwas wert sein,« bemerkte der Beamte zu seinem Nachbarn, der versuchte, einer abgematteten Mutter zahlreicher Kinder auseinanderzusetzen, daß kondensirte Milch für Babies auf dem Meere ebenso gut sei als täglich frisch gemolkene.

»Wir sind nun,« rief Dick aus, als sie wieder in das Atelier zurückgekehrt waren, und klopfte dabei auf seinen mit Billet und Geld angefüllten Geldgurt – »wir sind nun außerhalb des Bereiches von Mann, Teufel oder Weib, was noch viel wichtiger ist. Ich muß noch drei kleine Geschäfte abmachen vor Donnerstag, aber ich bedarf dabei nicht Ihrer Hilfe, Beß. Kommen Sie am Donnerstag morgens neun Uhr her. Wir werden zusammen frühstücken und Sie sollen mich dann hinunter nach der Galleonsstation bringen.«

»Was wollen Sie denn thun?«

»Natürlich fortgehen. Weshalb sollte ich noch hier bleiben?«

»Sie können doch aber nicht für sich selbst sorgen?«

»Ich kann alles thun. Ich stellte es mir früher nicht so vor, aber ich kann es. Ich habe bereits ein gut Teil gethan. Der Entschluß soll mit einem Kuß belohnt werden, wenn Bessie nichts einzuwenden hat.«

Merkwürdig genug hatte Bessie etwas einzuwenden, worauf Dick lachte: »Ich vermute, Sie haben recht. Nun kommen Sie übermorgen um neun Uhr und Sie werden Ihr Geld erhalten.«

»Bestimmt?«

»Ich bin kein Schwindler, und Sie werden nicht erfahren, was ich thue oder lasse, wenn Sie nicht kommen. O, aber es ist lange, sehr lange zu warten. Adieu, Bessie – schicken Sie Benton her, wenn Sie fortgehen.«

Der Haushälter kam.

»Was ist die ganze Ausstattung in meinen Zimmern wert?« fragte Dick herrisch.

»Das kann ich nicht sagen, Herr. Einige Sachen sind sehr hübsch und manche schrecklich abgenützt.«

»Ich bin für zweihundertundsiebenzig Pfund versichert.«

»Versicherungspolicen sind nicht maßgebend, obschon ich nicht sage –«

»O, verdammt sei Ihre Weitschweifigkeit! Sie haben Ihre Auslese bei mir und den übrigen Mietern gehalten. Wie, Sie sprachen neulich davon, sich zurückzuziehen und ein öffentliches Haus zu kaufen. Geben Sie auf eine gerade Frage eine gerade Antwort.«

»Fünfzig!« sagte Mr. Benton, ohne einen Augenblick zu zaudern.

»Verdoppeln Sie die Summe oder ich werde die Hälfte von allem zerbrechen und den Rest verbrennen.«

Er tastete sich nach dem Bücherständer hin, auf dem ein Haufen Skizzenbücher lag, und drehte eine von den Mahagonisäulen heraus.

»Das ist sündhaft,« sagte der Haushälter beunruhigt.

»Es ist mein Eigentum. Hundert oder –«

»Einhundert sei es. Es wird mich drei Pfund sechs Schilling kosten, um diese Säule wieder ausbessern zu lassen.«

»Ich glaubte so ungefähr. Was müssen Sie für ein ausgemachter Schwindler sein, um den Preis auf einmal so zu verdoppeln.«

»Ich hoffe, daß ich nichts gethan habe, um irgend einen von den Mietern unzufrieden zu machen, am wenigsten von allen Sie, Herr.«

»Das thut nichts. Bringen Sie mir morgen das Geld und sorgen Sie dafür, daß meine sämtlichen Kleider eingepackt werden in den kleinen Koffer aus Büffelleder. Ich gehe fort.«

»Aber die Rechnung für das Vierteljahr?«

»Ich werde Entschädigung bezahlen. Sehen Sie nach dem Einpacken und lassen Sie mich allein.«

Mr. Benton besprach diese neue Abreise mit seiner Gattin, die der festen Ueberzeugung war, daß Bessie die Ursache von allem sei. Ihr Gatte hatte eine mildere Ansicht.

»Es kommt sehr plötzlich – aber er war stets so plötzlich in allem, was er that. Höre ihn nur jetzt!« Aus Dicks Zimmern ertönte ein altes Matrosenlied.

»Mr. Benton! Mr. Benton! Wo, zum Henker, ist meine Pistole?«

»Rasch, er will sich erschießen – nachdem er verrückt geworden!« rief Mrs. Benton aus.

Mr. Benton sprach besänftigend zu Dick, aber erst etwas später konnte der letztere, in seinem Schlafzimmer auf und ab trabend, die Absicht des Versprechens begreifen, daß er morgen alles finden würde.

»O, Sie kupfernasiger alter Narr – Sie impotenter Akademiker,« schrie er schließlich. »Glauben Sie, ich wollte mich totschießen? Nehmen Sie doch die Pistole in Ihre albern zitternde Hand. Wenn Sie dieselbe berühren, wird sie losgehen, weil sie geladen ist. Sie muß sich irgendwo unter meinen Feldzugsgegenständen befinden – in der Abteilung ans dem Boden des Koffers.«

Lange vorher hatte sich Dick sorgfältig mit einer Feldausrüstung von vierzig Pfund Gewicht versehen, die nach seinen eigenen Erfahrungen zusammengestellt war. Es war dieser beiseite geschobene Schatz, den er herauszufinden und wieder zu benützen versuchte. Mr. Benton zog den Revolver von seinem Platze oben auf dem Gepäck hervor, während Dick seine Hand zwischen den Khakirock und Hosen steckte, die blauen Tuchgamaschen und die dicken Flanellhemden, die über ein Paar gebogene Sporen ausgebreitet waren. Unter diesen und der Wasserflasche lagen ein Skizzenbuch und eine schweinslederne Schreibmappe.

»Diese Dinge gebrauchen wir nicht; Sie können dieselben bekommen, Mr. Benton. Alles andere will ich behalten. Packen Sie das übrige oben rechts in meinen Koffer. Wenn Sie das gethan haben, so kommen Sie mit Ihrer Frau zu mir ins Atelier; ich habe euch beide nötig. Warten Sie noch einen Augenblick, geben Sie mir eine Feder und ein Blatt Notenpapier.«

Es ist keine leichte Sache, zu schreiben, wenn man nicht sehen kann, und Dick hatte besondere Gründe zu wünschen, daß seine Schrift deutlich sei. Er fing deshalb an, indem er seiner rechten Hand mit der linken folgte: »Die schlechte Schrift rührt davon her, weil ich blind bin und meine Feder also nicht sehen kann.« – »Hm! Selbst ein Anwalt kann das nicht mißverstehen. Es muß unterzeichnet sein, vermute ich, braucht aber nicht bezeugt zu werden. Jetzt einen Zoll niedriger – weshalb lernte ich nicht, mich einer Schreibmaschine zu bedienen?« – »Dies ist der letzte Wille und das Testament von mir, Richard Heldar. Ich bin körperlich und geistig gesund, auch ist kein vorhergehendes Testament zu widerrufen.« – »Das ist alles richtig. Verdammte Feder! Wo war ich denn auf dem Papier?« – »Ich vermache alles, was ich auf der Welt besitze, nämlich viertausend Pfund, sowie zweitausendsiebenhundertundachtundzwanzig Pfund, die für mich angelegt sind –« – »O, ich kann das nicht so geradezu sagen.« Er riß die Hälfte des Blattes ab und begann von neuem mit der Klausel bezüglich der Handschrift; dann fuhr er fort: »Ich hinterlasse alles Geld, das ich besitze …« hier folgten Maisies Namen, sowie diejenigen der beiden Banken, bei denen sein Geld angelegt war. »Es mag wohl nicht ganz in Ordnung sein, aber kein Mensch hat nur einen Schatten von Recht, es anzufechten, auch habe ich Maisies Adresse angegeben. – Kommen Sie herein, Mr. Benton. Dies hier ist meine Unterschrift; Sie haben dieselbe oft genug gesehen, um sie zu kennen; es ist notwendig, daß Sie und Ihre Frau dieselbe bezeugen. Ich danke. Morgen müssen Sie mich zu dem Hausbesitzer führen, weil ich Entschädigung dafür bezahlen will, daß ich ohne Kündigung fortgehe; auch will ich dieses Papier bei ihm deponiren, im Falle mir während meiner Abwesenheit etwas zustoßen sollte. Jetzt wollen wir ein Feuer im Kamin des Ateliers anzünden. Bleiben Sie bei mir und reichen Sie mir meine Papiere, wie ich dieselben gebrauche.«

Niemand, der es nicht selbst erfahren hat, weiß, was für ein schönes Feuer Briefe, Zettel und Listen, die sich im Laufe eines Jahres angesammelt haben, machen können. Dick stopfte jedes Schriftstück aus dem Atelier in den Kamin – nur drei uneröffnete Briefe verschonend, verbrannte Skizzenbücher, Notizbücher, desgleichen neue und halb vollendete Bilder.

»Was für einen Haufen von Plunder hat doch ein Mieter um sich herum, wenn er längere Zeit an einem Orte bleibt!« sagte Mr. Benton schließlich.

»Das ist wahr. Ist noch irgend etwas übrig geblieben?« Dick tastete längs den Wänden hin. »Nicht ein Stück, der Kamm ist beinahe glühend rot.«

»Vortrefflich, Sie haben an den Skizzen einen Wert von etwa tausend Pfund Wert verloren. Ha, ha! Ganze tausend Pfund an Wert, wenn ich daran denke, was ich zu sein pflegte.«

»Ja Herr,« bemerkte Mr Benton höflich. Er war fest überzeugt, daß Dick verrückt geworden sei, sonst würde derselbe sich niemals von seiner schönen Einrichtung für einen Pappenstiel getrennt haben. Die Bilder hätten nur Platz fortgenommen, es war viel besser, dieselben zu verbrennen.

Es blieb jetzt nur noch übrig, das kurze Testament in sichere Hände niederzulegen, was indes erst am folgenden Tage geschehen konnte. Dick griff auf dem Boden umher, suchte die kleinsten Papierstücke zusammen und überzeugte sich wiederholt, daß kein geschriebenes Wort, kein Zeichen aus seinem vergangenen Leben in den Schubkästen oder dem Schreibtische zurückgeblieben war; darauf setzte er sich vor den Kamm hin, bis das Feuer erlosch und das erkaltete Eisen im Schweigen der Nacht krachte.

Erstes Kapitel.

Erstes Kapitel.

»Was, denkst Du, wird sie mit uns anfangen, wenn sie uns erwischt? Wir durften ihn nicht kaufen, wie Du weißt,« sagte Maisie.

»Mich durchprügeln und Dich in Dein Schlafzimmer einsperren,« erwiderte Dick, ohne sich zu besinnen. »Hast Du auch die Patronen mitgenommen?«

»Ja, sie stecken in meiner Tasche, aber sie werden schrecklich zusammengerüttelt. Gehen Zündnadelpatronen nicht von selbst los?«

»Das weiß ich nicht. Nimm Du den Revolver, wenn Du dich fürchtest, und laß mich sie tragen.«

»Ich fürchte mich gar nicht!« Maisie schritt rasch weiter, mit einer Hand in der Tasche und kühn erhobenem Gesichte, Dick folgte ihr mit einem kleinen Zündnadelrevolver.

Die Kinder waren zu der Ueberzeugung gelangt, daß ihr Leben unerträglich sein würde, wenn sie nicht im Pistolenschießen sich üben könnten. Nach vielem Ueberlegen und mit großer Selbstverleugnung hatte Dick sieben Shilling und einen Sixpence erspart, den Preis eines schlecht konstruirten belgischen Revolvers. Maisie konnte nur eine halbe Krone in die gemeinschaftliche Kasse, zum Ankauf von hundert Patronen, beisteuern. »Du kannst besser sparen als ich, Dick,« hatte sie diesem erklärt, »ich esse sehr gern etwas Gutes, und Du machst Dir nichts daraus. Außerdem müssen Jungens mit Revolvern schießen.«

Dick murrte zwar etwas über diese Anordnung, doch fügte er sich, ging fort und besorgte den Einkauf der Sachen, welche die Kinder jetzt probiren wollten. Revolver waren keineswegs einbegriffen in dem Plane ihres täglichen Lebens, wie er von ihrer Behüterin, die in nicht ganz korrekter Weise bei den beiden Kindern Mutterstelle vertrat, festgestellt worden. Dick befand sich seit sechs Jahren unter ihrer Obhut; Mrs. Jennet war während dieser ganzen Zeit eifrig bemüht gewesen, möglichst viel Vorteil aus dem Zuschusse zum Kostgelde der ihr zur Anschaffung von Kleidungsstücken für ihre Pfleglinge bewilligt worden war, für sich herauszuschlagen. Sie war eine Witwe in reiferen Jahren, mit dem lebhaften Wunsche, sich wieder zu verheiraten, und hatte, teils aus Gedankenlosigkeit, teils aus angeborener Sucht, andere zu quälen, auf die jungen Schultern von Dick Lasten gelegt, die schwer genug zu tragen waren. Wo er sich nach Liebe gesehnt, gab sie ihm erst Widerwillen und dann Haß. Wo er, als er herangewachsen, ein wenig Teilnahme und Sympathie gesucht, hatte sie ihn lächerlich gemacht. Die zahlreichen Stunden, welche sie nach der Besorgung ihrer kleinen Haushaltung übrig hatte, verwandte sie dazu, Dick Heldar eine häusliche Erziehung zu geben, wie sie es nannte. Ihre Religion, ein Produkt ihres eigene« Verstandes und eines eifrigen Studiums der heiligen Schrift und frommer Bücher, kam ihr bei dieser Arbeit vortrefflich zu statten. In Zeiten, wenn sie persönlich nicht unzufrieden mit dem Betragen von Dick war, gab sie ihm zu verstehen, daß er eine schwere Abrechnung mit seinem Schöpfer auszugleichen habe; die Folge davon war, daß Dick lernte, seinen Gott ebenso aufrichtig zu verabscheuen, wie er bereits Mrs. Jennet verabscheute, ein Gemütszustand, der keineswegs ein heilsamer für die Jugend ist. Seitdem es ihr beliebte, ihn als einen hoffnungslosen Lügner zu betrachten, als die Androhung von Strafe und Schmerz ihn zu seiner ersten Unwahrheit getrieben, entwickelte er sich natürlich zu einem Lügner, doch zu einem mäßigen und sich selbst beherrschenden, der niemals die geringste unnötige Unwahrheit aussprach und nie vor der schwärzesten sich scheute, wenn es ihm klar war, daß dieselbe sein Leben einigermaßen erträglicher machen könnte. Diese Behandlung lehrte ihn schließlich die Kunst, allein zu leben, eine Erwerbung, die ihm von großem Nutzen war, als er in eine öffentliche Schule kam und die anderen Knaben seiner Kleider wegen, die ärmlich und vielfach ausgebessert waren, über ihn lachten. An den Feiertagen kehrte er zu den Lehren der Mrs. Jennet zurück und wurde, damit die Kette der Disziplin nicht durch die Gemeinschaft mit der Welt gelockert würde, meistens durchgeprügelt für daß eine oder das andere Vergehen, bevor er sich noch zwölf Stunden unter ihrem Dache befand. Im Herbste eines Jahres erhielt er eine Gefährtin in der Knechtschaft, ein langhaariges, grauäugiges, kleines Wesen, ebenso zurückhaltend wie er selbst, das sich schweigend im Hause bewegte und während der ersten Wochen nur mit ihrer Ziege sprach, ihrer teuersten Freundin auf Erden, die in einem Garten hinter dem Hanse lebte. Mrs. Jennet widersetzte sich dem Verkehre mit der Ziege aus dem Grunde, weil dieselbe unchristlich sei, – was sie sicherlich auch war. »Dann,« sagte das kleine Wesen, »dann werde ich an meinen Vormund schreiben und ihm mitteilen, daß Sie eine sehr böse Frau sind. Amomma ist mein, mein, mein!« Mrs. Jennet machte eine Bewegung nach dem Hausflur zu, wo in einem Ständer mehrere Sonnenschirme und Stücke sich befanden. Das kleine Wesen begriff ebenso gut wie Dick, was das bedeutete. »Ich bin früher geschlagen worden,« sagte sie mit ebenso leidenschaftloser Stimme wie vorher; »ich bin viel schlimmer geprügelt worden, wie Sie mich jemals prügeln können. Wenn Sie mich schlagen, so schreibe ich meinem Vormunde, daß Sie mir nicht genug zu essen geben. Ich fürchte mich gar nicht vor Ihnen.« Mrs. Jennet ging nicht in den Hausflur, und das kleine Wesen begab sich nach einer Pause hinaus, um sich zu versichern, daß alle Kriegsgefahr vorüber sei, und weinte bitterlich an Amommas Halse.

Dick lernte sie als Maisie kennen und mißtraute ihr anfänglich sehr, da er befürchtete, daß sie sich in die geringe Freiheit, die ihm geblieben, einmengen würde. Sie that es indes nicht und zeigte nicht eher Freundschaft ihm gegenüber, als bis Dick die ersten Schritte gethan. Lange bevor die Feiertage zu Ende waren, hatte der Druck der gemeinschaftlich geteilten Strafen die Kinder einander genähert, wenn es auch nur geschehen war, um bei den für Mrs. Jennet vorbereiteten Lügen sich gegenseitig zu unterstützen. Als Dick in die Schule zurückkehrte, lispelte Maisie: »Nun werde ich ganz allein sein, um mich selbst zu behüten; aber ich kann es ganz gut thun,« fügte sie hinzu, tapfer mit dem Kopfe nickend. »Du versprachst mir, für Amomma ein Grashalsband zu schicken; thue es bald,« Eine Woche später forderte sie ihn auf, das Halsband umgehend mit der Post zu schicken, und war sehr unzufrieden, als sie erfuhr, daß es viel Zeit erfordere, dasselbe anzufertigen. Als dann schließlich Dick sein Geschenk absandte, vergaß sie, ihm dafür zu danken.

Manche Feiertage waren seit jener Zeit gekommen und vorübergegangen; Dick war inzwischen zu einem schmächtigen Burschen herangewachsen, mehr als je sich seiner schlechten Kleider bewußt. Mrs. Jennet Hatte keinen Augenblick in ihrer zärtlichen Sorge für ihn nachgelassen, doch die kräftigen Prügel in einer öffentlichen Schule – Dick wurde ungefähr dreimal im Monate mit Stockschlägen bestraft – erfüllten ihn mit Verachtung ihrer Gewalt und ihrer Kraft. »Sie thut mir nicht weh,« erklärte er Maisie, die ihn zum Widerstande aufreizte, »und sie ist freundlicher gegen Dich, wenn sie mich ordentlich durchgewalkt hat.« Dick lebte dahin, schlecht gehalten, was den Körper anbelangte, und wild von Gemütsart, wie die kleineren Knaben in der Schule bald erfuhren; denn wenn der Geist über ihn kam, prügelte er sie weidlich durch, mit Geschick und Gründlichkeit. Derselbe Geist veranlaßte ihn mehr als einmal, zu versuchen, Maisie zu quälen, doch das Mädchen weigerte sich, noch unglücklicher zu werden. »Wir sind beide elend genug so, wie es jetzt ist,« sagte sie; »was hat es für einen Zweck, zu versuchen, die Dinge noch schlimmer zu machen? Laß uns etwas ausfinden, was uns Vergnügen macht, und das Böse vergessen.«

Der Revolver war das Ergebnis dieses Suchens. Derselbe konnte nur auf dem schlammigsten, äußersten Strande der Bucht benützt werden, weit entlegen von Bade-Einrichtungen und den Spitzen der Molen, unterhalb der mit Gras bewachsenen Böschungen des Forts Keeling. Die Ebbe lief beinahe zwei Meilen vom Strande hinaus, wobei die mannigfach gefärbten Schlammbänke unter den Strahlen der Sonne einen widerlichen Geruch von verfaultem Kraut aushauchten. Es war ziemlich spät nachmittags, als Dick und Maisie ihr Terrain mit Amomma, die geduldig hinter ihnen hertrabte, erreichten.

»Muff!« rief Maisie aus, die Luft einziehend. »Ich möchte wissen, was die See so stinken macht. Ich liebe das gar nicht.«

»Du liebst überhaupt nie etwas, das nicht gerade für Dich gemacht worden ist,« bemerkte Dick grob. »Gib mir die Patronen, ich will den ersten Schuß versuchen. Wie weit mag wohl einer von diesen kleinen Revolvern tragen!«

»O, eine halbe Meile!« sagte Maisie schnell. »Wenigstens macht er einen schrecklichen Lärm. Sei vorsichtig mit den Patronen; ich mag diese am Rande befestigten, eingekerbten Dinger nicht leiden. Dick, sei vorsichtig!«

» All right! Ich weiß, wie man laden muß. Ich will nach dem Wellenbrecher da draußen schießen.«

Er feuerte, und Ammoma lief meckernd davon. Die Kugel warf einen Strahl von Schlamm auf, rechts von den mit Seegras bewachsenen Pfeilern.

»Halte hoch und nach rechts. Du schießest jetzt, Maisie. Denke daran, daß er vollständig geladen ist.«

Maisie ergriff den Revolver und schritt vorsichtig bis an den Rand des Schlammes vor, mit der Hand fest den Kolben umfassend, den Mund und das linke Auge aufgesperrt. Dick setzte sich auf einen Büschel am Strande und lachte. Amomma kehrte sehr behutsam zurück. Sie war an seltsame Erfahrungen während dieser Nachmittagsspaziergänge gewöhnt und stellte, da sie die Schachtel mit den Patronen unbewacht fand, mit ihrer Nase einige Untersuchungen an. Maisie schoß, konnte indes nicht sehen, wohin die Kugel geflogen war.

»Ich denke, sie traf den Pfosten,« sagte sie, ihre Augen beschattend und über die See blickend, auf der kein einziges Segel wahrzunehmen war.

»Ich weiß, sie ist hinausgeflogen nach der Marazion-Glockenboje,« bemerkte Dick kichernd. »Schieße niedrig und nach links, dann wirst Du vielleicht die Boje treffen. – O, sieh doch die Amomma! Sie frißt die Patronen auf!«

Maisie drehte sich um, den Revolver in der Hand, gerade in dem Augenblicke, als Amomma vor den Kieseln davonsprang, die Dick hinter ihr her warf. Nichts ist heilig für eine lüsterne Ziege. Obschon wohl genährt und der Liebling ihrer Herrin, hatte Amomma natürlich zwei gefüllte Zündnadelpatronen hinuntergeschluckt. Maisie eilte herbei, um sich selbst zu überzeugen, ob Dick sich auch nicht verzählt habe.

»Ja wohl, sie hat zwei Stück aufgefressen!«

»Abscheuliches kleines Tier! Nun werden sie in ihrem Bauche durch einander gerüttelt werden und losgehen, was ihr ganz recht ist … O, Dick, habe ich Dich totgeschossen?«

Revolver sind gefährliche Dinge in jungen Händen. Maisie konnte sich nicht erklären, wie es geschehen, doch ein Schleier von Rauch trennte sie plötzlich von Dick und sie war fest überzeugt, daß der Revolver ihm gerade ins Gesicht losgegangen sei. Dann hörte sie ihn schnaufen und, an seiner Seite in die Kniee sinkend, rief sie weinend aus: »Dick, Du bist nicht getroffen, nicht wahr? Ich wollte es nicht absichtlich thun.«

»Natürlich thatest Du es nicht absichtlich,« sagte Dick, aus dem Rauche hervortretend und seine Wange abwischend. »Aber Du hast mich beinah blind gemacht. Das schmierige Pulver sticht schrecklich!«

Ein schmaler kleiner Spritzer von grauem Blei auf einem Steine zeigte, wohin die Kugel geflogen war. Maisie begann zu jammern.

»Weine nicht,« sagte Dick, auf seine Füße springend und sich schüttelnd. »Ich bin nicht ein bißchen verletzt.«

»Nein, aber ich hätte Dich totschießen können,« protestirte Maisie, deren Mundwinkel herabhingen. »Was hätte ich dann nur angefangen?«

»Nach Hause gehen und es Mrs. Jennet erzählen.« Dick grinste bei diesem Gedanken; dann sagte er, sie beruhigend: »Bitte, ängstige Dich nicht deswegen. Außerdem verlieren wir unnötig Zeit. Wir müssen zum Thee wieder zu Hause sein. Ich werde nun den Revolver nehmen.«

Maisie würde bei der geringsten Veranlassung jetzt geweint haben, doch die Gleichgiltigkeit von Dick, obschon seine Hand etwas zitterte, als er den Revolver aufhob, hielt sie davon zurück. Sie lag schluchzend auf dem Strande, während Dick methodisch den Wellenbrecher bombardirte. »Doch noch zuletzt getroffen!« rief er aus, als ein Büschel Seegras von dem Holze fortflog.

»Laß es mich auch versuchen,« sagte Maisie gebieterisch. »Mir ist jetzt wieder ganz wohl.«

Sie schossen abwechselnd bis der gebrechliche kleine, Revolver beinahe selbst in Stücke ging, während Amomma, die Verstoßene – weil sie in jedem Augenblick hätte auffliegen können – im Hintergrunde weidete und sich wunderte, weshalb Steine nach ihr geworfen wurden. Darauf fanden sie einen Balken von Zimmerholz in einer Pfütze unterhalb der seewärts gekehrten Böschung des Fort Keeling und setzten sich vor dieser neuen Scheibe nieder.

»In den nächsten Feiertagen,« sagte Dick, als der nun vollständig verdorbene Revolver gewaltig in seiner Hand stieß, »werden wir einen andern Revolver haben – einen mit Zentralfeuer – der wird weiter tragen.«

»Für mich wird es keine nächsten Feiertage geben,« erwiderte Maisie. »Ich gehe fort.«

»Wohin?«

»Ich weiß es nicht. Mein Vormund hat an Mrs. Jennet geschrieben, daß ich irgendwo erzogen werden soll – vielleicht in Frankreich – ich weiß nicht, wo; doch ich werde froh sein, von hier fortzukommen.«

»Ich bin nicht ein bißchen froh. Ich vermute, daß ich hier bleiben muß. Höre, Maisie, ist es wirklich wahr, daß Du fortgehst? Dann werden diese Feiertage Wohl die letzten sein, an denen ich etwas von Dir zu sehen bekomme; ich muß in der nächsten Woche wieder nach der Schule zurückkehren. Ich wünschte …«

Das junge Blut färbte seine Wangen scharlachrot. Maisie rupfte Grasbüschel aus und warf sie die Böschung hinunter nach einem gelben Seemohn, der einsam und allein dastand und zu den unbegrenzten Flächen des Schlammes und der milchweißen See hinabnickte.

»Ich wünschte,« sagte sie nach einer kurzen Pause, »ich könnte Dich zuweilen wiedersehen. Du wünschest das auch, nicht wahr?«

»Ja, doch es wäre besser gewesen, wenn … wenn Du dort unten geradezu geschossen hättest, da unten bei dem Wellenbrecher.«

Maisie blickte einen Augenblick mit weitgeöffneten Augen vor sich hin. Das war der Knabe, welcher erst vor zehn Tagen Amommas Hörner mit Krausen von ausgeschnittenem Papier verziert, mit einem großen Barte geschmückt und so auf den öffentlichen Weg hinausgeführt hatte! Sie schlug ihre Augen nieder; das war nicht derselbe Knabe.

»Sei nicht einsaitig,« sagte sie vorwurfsvoll und griff mit raschem Instinkte seine schwache Seite an. »Wie selbstsüchtig Du bist! Denke doch nur, was ich empfunden hätte, wenn das schreckliche Ding Dich getötet hätte! Ich bin deswegen schon unglücklich genug.«

»Weshalb? Weil Du von Mrs. Jennet fortgehst?«

»Nein.«

»Von mir also?«

Es erfolgte lange Zeit keine Antwort. Dick wagte es nicht, sie anzublicken. Er fühlte, obschon er sich dessen nicht bewußt war, was die letzten vier Jahre für ihn gewesen, und zwar um so mehr, als er nicht wußte, wie er seine Gefühle in Worten ausdrücken sollte.

»Ich weiß es nicht,« sagte sie endlich. »Ich vermute, es ist so.«

»Maisie, Du mußt es wissen. Ich vermute es nicht.«

»Laß uns nach Hause gehen,« sagte Maisie wehmütig.

Dick war jedoch nicht in der Stimmung, nachzugeben.

»Ich kann die Dinge nicht so sagen,« fuhr er fort, »und bin schrecklich betrübt darüber, daß ich Dich neulich so wegen Amomma geplagt habe. Jetzt ist alles ganz anders, Maisie; kannst Du das nicht sehen? Auch hättest Du mir wohl sagen können, daß Du fortgehst, anstatt es mich herausfinden zu lassen.«

»Du hast es nicht herausgefunden, ich habe es Dir gesagt. O Dick, was hat es für einen Nutzen, sich zu betrüben?«

»Gar keinen; aber wir sind doch Jahre und Jahre bei einander gewesen, und ich wußte gar nicht, wie sehr ich mich um Dich sorgte, wie gern ich Dich hatte.«

»Ich glaube nicht, daß Du jemals etwas gern gehabt hast.«

»Nein, ich that es nicht; doch ich thue es jetzt – ich habe Dich schrecklich gerne, Maisie,« sagte er schluckend, »Maisie, Liebling, sage, daß Du mich auch gern hast, bitte.«

»Ich habe Dich gern, wirklich, es ist so; es wird jedoch gar keinen Zweck haben.«

»Weshalb?«

»Weil ich fortgehe.«

»Ja, doch wenn Du mir etwas versprichst, bevor Du gehst. Sage es doch nur – willst Du?« Ein zweites »Liebling« kam auf seine Lippen, leichter als das erstemal. In Dicks häuslichem Leben oder in der Schule hatte er nur sehr wenig Zärtlichkeit erfahren; er fand sie aus Instinkt. Dick erfaßte die kleine Hand, welche von dem Rauche des Revolvers geschwärzt war.

»Ich verspreche es,« sagte sie feierlich, »doch wenn ich Dich gern habe, so bedarf es erst gar keines Versprechens.«

»Und Du hast mich gern?« Zum erstenmal während der letzten Minuten begegneten sich ihre Augen und sprachen für sie, die kein Geschick zum Sprechen hatten…

»O Dick, thu es nicht! Bitte, thu es nicht! Es war alles recht, wenn wir uns guten Morgen sagten; doch nun ist es ganz anders!« Amomma sah von weitem herüber. Sie hatte schon häufig über ihren Besitz streiten, doch noch niemals zuvor Küsse austauschen sehen. Der gelbe Seemohn war weiser und nickte beifällig mit dem Kopfe. Als Kuß betrachtet war es ein Mißlingen, doch, da es der erste war, ein ganz anderer als die von der Pflicht erheischten, der erste, den jeder von den beiden jemals gegeben oder empfangen hatte, so erschloß ihnen derselbe neue Welten, so köstliche, daß sie jeder Betrachtung irgend einer Welt überhaupt entrückt wurden – besonders derjenigen, in welcher Thee notwendig ist; sie saßen ruhig da, Hand in Hand, ohne ein Wort zu sprechen.

»Jetzt kannst Du mich nicht mehr vergessen,« sagte Dick endlich. Auf seiner Wange war etwas, das heftiger stach als Schießpulver.

»Ich würde Dich so wie so nicht vergessen haben,« erwiderte Maisie; sie blickten einander wieder an und bemerkten, daß jeder ein anderer geworden als der Spielgefährte, der er vor einer Stunde gewesen, zu einem Wunder und einem Geheimnis, das sie nicht begreifen konnten. Die Sonne begann sich zum Untergehen zu neigen und der Abendwind strich längs den Biegungen des Vorstrandes.

»Wir werden schrecklich spät zum Thee kommen,« sagte Maisie. »Laß uns nach Hause gehen.«

»Wir wollen erst den Rest der Patronen verschießen,« entgegnete Dick; er half Maisie darauf von der Böschung des Forts nach der See hinunter – ein Abstieg, den sie vollkommen befähigt war, in vollem Laufe zu bewerkstelligen. Ernsthaft nahm sie die beschmutzte Hand. Dick neigte sich ungeschickt vorwärts; Maisie zog ihre Hand zurück und Dick errötete.

»Sie ist wirklich hübsch,« sagte er.

»Puh!« machte Maisie mit einem kleinen Lächeln befriedigter Eitelkeit. Sie stand dicht neben Dick als er den Revolver zum letztenmale lud und über das Wasser hin schoß, mit einem unbestimmten Gefühle, daß er Maisie vor allen Nebeln der Welt beschützen möchte. Ein Wasserpfuhl weit draußen im Schlamme spiegelte die letzten Sonnenstrahlen wider, wie eine grimmige rote Scheibe. Der Schein fesselte Dicks Aufmerksamkeit für einen Augenblick, und als er den Revolver erhob, überkam ihn wiederholt das Gefühl des Wunderbaren, daß er bei Maisie stehe, die versprochen, ihn lieb zu haben für eine unbegrenzte Zeit, bis zu einem Tage, an welchem … Der stärker werdende Wind trieb das lange schwarze Haar des Mädchens ihm über das Gesicht, wie sie bei ihm stand, die eine Hand auf seine Schulter gelegt, Amomma eine kleine Bestie nennend; einen Augenblick lang befand er sich im Dunkeln, – ein Dunkel, das ihn prickelte. Die Kugel flog singend hinaus in die See.

»Mein Ziel verfehlt,« sagte er kopfschüttelnd. »Jetzt sind keine Patronen mehr da; wir wollen nach Hause laufen.«

Doch sie liefen nicht, sondern gingen ganz langsam, Arm in Arm. Es war ihnen gleichgiltig, ob die vernachlässigte Amomma, mit zwei Zündnadelpatronen im Leibe, in die Luft flog oder neben ihnen her trabte; denn sie hatten eine goldene Erbschaft angetreten und disponirten über dieselbe mit der ganzen Weisheit ihrer Jahre.

»Und ich werde sein …« sagte Dick kräftig. Dann schwieg er plötzlich. »Ich weiß nicht, was ich sein werde. Es scheint nicht, daß ich fähig bin, irgend ein Examen abzulegen, aber ich kann schreckliche Karikaturen von den Lehrern zeichnen. Ho! Ho!« »Dann werde ein Künstler,« sagte Maisie. »Du lachst immer über meine Versuche zu zeichnen, aber für Dich wird es gut sein.«

»Ich werde niemals über etwas lachen, was Du thust,« antwortete er. »Ich will ein Künstler werden und alles mögliche ausführen.«

»Künstler brauchen immer Geld, nicht wahr?«

»Ich habe hundertundzwanzig Pfund jährlich als mein Eigentum erhalten. Meine Vormünder sagten mir, daß ich das Geld bekommen würde, sobald ich großjährig wäre. Das wird genug sein, um damit zu beginnen.«

»O, ich bin reich,« sagte Maisie. »Ich habe dreihundert jährlich, die mir ganz allein gehören, wenn ich einundzwanzig Jahre alt bin. Deswegen ist Mrs. Jennet auch freundlicher gegen mich als gegen Dich. Ich wünschte jedoch, daß ich irgend jemand hätte, der zu mir gehörte – einen Vater oder eine Mutter.«

»Du gehörst mir für immer und ewig,« rief Dick aus.

»Ja, wir gehören einander – für immer. Es ist wirklich hübsch.«

Sie zwickte ihn in den Arm. Die gütige Dunkelheit umgab beide, und, ermutigt dadurch, daß er nur gerade Maisies Profil sehen konnte mit den langen, die grauen Augen verschleiernden Augenwimpern, wagte Dick an der Vorderthüre die Worte auszusprechen, über welche er während der letzten zwei Stunden gebrütet hatte: »Und ich – ich liebe Dich, Maisie,« sagte er in flüsterndem Tone, der ihm durch die ganze Welt zu klingen schien, – die Welt, welche zu erobern er morgen oder am folgenden Tage ausziehen wollte.

Es gab eine große Scene, als Mrs. Jennet über ihn herfiel, erstlich wegen schändlicher Unpünktlichkeit und zweitens weil er sich mit einer verbotenen Waffe beinahe getötet.

»Ich spielte mit dem Ding, als es plötzlich von selbst losging,« sagte Dick, als die Wange voll Pulverkörner nicht länger verborgen bleiben konnte, »doch wenn Sie meinen, mich deswegen schlagen zu können, so irren Sie sich. Sie sollen es nie mehr wagen, mich anzurühren! Setzen Sie sich und geben Sie mir meinen Thee. Sie können uns nicht darum betrügen, durchaus nicht.«

Mrs. Jennet schnappte nach Luft und wurde leichenblaß. Maisie sagte nichts, ermutigte jedoch Dick, der sich den ganzen Abend über höchst abscheulich benahm, mit den Augen. Mrs. Jennet prophezeite ein unmittelbar eintreffendes Gericht der Vorsehung und später eine Niederfahrt zur Hölle, nach Tophat, doch Dick wandelte im Paradiese und wollte nichts hören. Erst als er zu Bett gehen wollte, erholte sich Mrs. Jennet und begann wieder zu sich zu kommen. Er hatte mit niedergeschlagenen Augen und aus der Entfernung Maisie »Gute Nacht!« gesagt.

»Wenn Du auch kein Gentleman bist, so solltest Du wenigstens versuchen, Dich wie ein solcher zu betragen,« sagte Mrs. Jennet zornig. »Du hast Dich schon wieder mit Maisie gezankt.«

Das bezog sich darauf, daß der gebräuchliche Gute Nacht-Kuß unterblieben war, Maisie, blaß bis an die Lippen, reichte ihre Wange mit einer allerliebsten Miene von Gleichgiltigkeit hin und wurde pflichtschuldigst von Dick geküßt, der, rot wie Feuer, aus dem Zimmer stolperte. In jener Nacht hatte er einen wilden Traum. Er hatte die ganze Welt gewonnen und brachte dieselbe in einer Patronenschachtel zu Maisie, doch diese stieß sie mit dem Fuße um und rief, anstatt sich zu bedanken:

»Wo ist das Grashalsband, das Du mir für Amomma versprochen hast? O, wie selbstsüchtig bist Du!«