XXII.

Das Ballet der Merlaison.

Am folgenden Tag sprach man in allen Straßen von Paris nur von dem Ball, den die Herren Schöppen der Stadt dem König und der Königin gaben, und wobei Ihre Majestäten das berühmte Ballet der Merlaison, das Lieblingsballet des Königs, tanzen sollten.

Man traf wirklich seit acht Tagen im Stadthaus alle Anstalten zu dieser feierlichen Soiree. Der Stadtwerkmeister hatte Gerüste aufgeschlagen, auf welchen die eingeladenen Damen ihre Plätze bekommen sollten. Die Krämer der Stadt hatten die Säle mit zweihundert Flambeaux von weißem Wachs geschmückt, was in jener Zeit als ein unerhörter Luxus zu betrachten war; endlich waren zwanzig Geiger bestellt worden, und man hatte ihnen das Doppelte des gewöhnlichen Lohnes bewilligt, in Betracht – sagt der Bericht – daß sie die ganze Nacht spielen mußten.

Um zehn Uhr Morgens erschien der Sieur de la Coste, Fähnrich der Garden des Königs, gefolgt von zwei Gefreiten und von mehreren Leibbogenschützen, und forderte von dem Rathsschreiber der Stadt, Namens Clement, alle Schlüssel der Thüren, der Zimmer und Bureaux des Stadthauses. Diese Schlüssel wurden ihm sogleich zugestellt. An jedem derselben war ein Zettelchen befestigt, damit man sich auskennen sollte, und von diesem Augenblick an war dem Sieur de la Coste die Bewachung aller Thüren und Zugänge übertragen.

Um elf Uhr kam du Hallier, Kapitän der Garden, mit fünfzig Bogenschützen, die sich sogleich in dem Stadthaus an den Thüren, die man ihnen bezeichnete, aufstellten.

Um drei Uhr langten zwei Kompagnien Garden an, eine französische und eine schweizerische. Die Kompagnie der französischen Garden bestand zur Hälfte aus der Mannschaft des Herrn du Hallier, zur Hälfte aus der des Herrn des Essarts.

Um sechs Uhr fingen die Eingeladenen an einzutreten. Bei ihrem Eintritt wurden ihnen Plätze im großen Saal auf den hiezu bestimmten Gerüsten angewiesen.

Um neun Uhr traf die Gemahlin des ersten Präsidenten ein. Da diese nach der Königin die bedeutendste Person des Festes war, so wurde sie von den Herren der Stadt empfangen und in die Loge derjenigen gegenüber geführt, welche die Königin einnehmen sollte.

Um zehn Uhr trug man in dem kleinen Saal, auf der Seite der St. Jean-Kirche, und zwar dem silbernen Büffet der Stadt gegenüber, das von vier Bogenschützen bewacht wurde, das Zuckerwerk für den König auf.

Um Mitternacht hörte man einen gewaltigen Lärmen und zahlreiche Zurufe. Es war der König, welcher durch die Straßen zog, die vom Louvre nach dem Stadthause führten und insgesammt durch farbige Lampen beleuchtet waren.

Die Herren Schöppen, vor denen Sergenten mit Fackeln in den Händen einhergingen, eilten, in ihre Tuchgewänder gekleidet, dem König bis auf die Treppe entgegen, wo ihn der Prevot der Kaufleute mit einer Anrede bewillkommte, die der König dadurch erwiederte, daß er sein spätes Erscheinen entschuldigte, und die Schuld auf den Herrn Kardinal schob, der ihn bis elf Uhr mit Staatsangelegenheiten aufgehalten habe.

Se. Majestät erschien in großer Gala, und sein Gefolge bestand aus Sr. Königl. Hoheit Monsieur, dem Grafen von Soissons, dem Großprior, dem Herzog von Longueville, dem Herzog d’Elbeuf, dem Grafen d’Harcourt, dem Grafen de la Roch-Guyon, Herrn von Liancourt, Herrn von Baradas, dem Grafen von Cramail und dem Chevalier Souveray. Jedermann bemerkte, daß der König traurig und mißgestimmt war.

Man hatte ein Kabinet für den König und ein anderes für Monsieur bereitet; in jedem von diesen Kabineten lagen Maskenkleider.

Dasselbe hatte man für die Königin und die Frau Präsidentin gethan. Die Herren und Damen vom Gefolge Ihrer Majestäten sollten sich zwei und zwei in Zimmern ankleiden, welche zu diesem Ende eingerichtet waren.

Ehe der König in das Kabinet eintrat, gab er Befehl, ihn sogleich zu benachrichtigen, wenn der Herr Kardinal erscheinen würde.

Eine halbe Stunde nach dem Eintritt des Königs ertönten neue Zurufe; diese verkündeten die Ankunft der Königin; die Schöppen der Stadt thaten dasselbe, was sie bereits gethan hatten, und gingen, Sergenten voran, ihrem erhabenen Gaste entgegen.

Die Königin erschien im Saal. Man bemerkte, daß sie, wie der König, traurig und angegriffen aussah.

Im Augenblick, wo sie eintrat, öffnete sich der Vorhang einer kleinen Tribüne, die bis jetzt geschlossen gewesen war, und man erblickte den bleichen Kopf Richelieu’s, der die Tracht eines spanischen Cavaliers angelegt hatte. Seine Augen hefteten sich auf die der Königin und ein Lächeln furchtbarer Freude umzuckte seine Lippen: die Königin trug ihre diamantenen Nestelstifte nicht.

Die Königin verweilte einige Zeit, um die Komplimente der Herren der Stadt in Empfang zu nehmen und die Begrüßungen der Damen zu erwidern.

Plötzlich erschien der König mit dem Kardinal an einer der Saalthüren. Der Kardinal sprach sehr leise mit ihm und der König war äußerst bleich.

Der König durchschritt die Menge; er war ohne Maske und hatte sich nicht einmal die Zeit genommen, die Bänder seines Wammses knüpfen zu lassen; so näherte er sich der Königin und sprach mit erschütternder Stimme zu ihr:

»Madame, wenn ich fragen darf, warum tragt Ihr Euere diamantenen Nestelstifte nicht, da Ihr doch wißt, daß es mir angenehm gewesen wäre, dieselben zu sehen?«

Die Königin schaute um sich her und erblickte hinter sich den Kardinal, der mit wahrhaft teuflischer Miene lächelte.

»Sire,« antwortete die Königin mit bebender Stimme, »ich fürchtete, unter dieser großen Menschenmasse könnte mir damit ein Unglück begegnen.«

»Und Ihr habt Unrecht gehabt, Madame. Wenn ich Euch dieses Geschenk machte, so geschah es, damit Ihr Euch damit schmücken solltet. Ich wiederhole, Ihr habt Unrecht gehabt.«

Die Stimme des Königs zitterte vor Zorn. Jedermann sah und hörte mit Erstaunen und Niemand begriff, was vorging.

»Sire,« sagte die Königin, »ich kann sie im Louvre holen lassen, um den Wünschen Ew. Majestät zu entsprechen.«

»Thut das, Madame, thut das, und zwar so bald als möglich; denn in einer Stunde beginnt das Ballet.«

Die Königin verbeugte sich, um damit ihre Folgsamkeit anzudeuten, und begab sich mit ihren Damen in das für sie bestimmte Kabinet.

Der König kehrte ebenfalls in das seinige zurück.

Es herrschte einen Augenblick Unruhe und Verwirrung im Saale.

Jedermann konnte bemerken, daß etwas zwischen dem König und der Königin vorging; aber beide sprachen so leise, daß sich alle Anwesenden aus Ehrfurcht einige Schritte zurückzogen und somit Niemand etwas vernahm. Die Geigen ertönten mit aller Gewalt aber Niemand hörte sie.

Der König trat zuerst aus seinem Kabinet. Er trug ein äußerst elegantes Jagdcostüm, und Monsieur und die übrigen Großen hatten sich ebenso gekleidet. Es war dies das Costüm, welches dem König am besten stand, und worin er allerdings der erste Edelmann seines Königreichs zu sein schien.

Der Kardinal näherte sich dem König und übergab ihm ein Etui, der König öffnete es und fand darin zwei diamantene Nestelstifte.

»Was soll das bedeuten?« fragte er den Kardinal.

»Nichts,« antwortete dieser; »wenn die Königin Nestelstifte trägt, woran ich zweifle, so zählt sie, Sire, und wenn Ihr nur zehn findet, so fragt Ihre Majestät, wer ihr die Stifte, die Ihr hier in Händen habt, genommen haben könne.«

Der König schaute den Kardinal forschend an, aber er hatte nicht Zeit, eine Frage an ihn zu richten, ein Schrei der Verwunderung drang aus dem Munde aller Anwesenden. Schien der König der erste Edelmann seines Reiches zu sein, so war die Königin sicherlich die schönste Frau Frankreichs.

Die Tracht einer Jägerin stand ihr allerdings wunderbar schön. Sie trug einen Filzhut mit blauen Federn, ein durch Diamant-Agraffen befestigtes perlgraues Sammetoberkleid und ein durchaus mit Silber gesticktes Unterkleid von blauer Seide. Auf ihrer linken Schulter glänzten die Nestelstifte, gehalten von einer Schleife von derselben Farbe wie die Federn und das Unterkleid.

Der König bebte vor Freude, der Kardinal vor Zorn; doch in der Entfernung, in der sie von der Königin standen, konnten sie die Stifte nicht zählen. Die Königin hatte sie, so viel war gewiß; nur fragte es sich, hatte sie zehn oder zwölf?

In diesem Augenblick gaben die Geigen das Zeichen zum Ballet. Der König schritt gegen die Frau Präsidentin vor, mit der er tanzen sollte, und seine Hoheit Monsieur näherte sich der Königin. Man stellte sich in Ordnung und das Ballet begann.

Der König figurirte der Königin gegenüber, und so oft er an ihr vorüberkam, verschlang er mit seinen Blicken die Nestelstifte, die er nicht abzuzählen vermochte. Kalter Schweiß bedeckte die Stirne des Kardinals.

Das Ballet dauerte eine Stunde; es hatte sechszehn Entres.

Sobald das Ballet vorüber war, führte jeder Herr unter dem Beifallklatschen des ganzen Saales seine Dame an ihren Platz. Aber der König benützte das ihm zukommende Vorrecht, seine Dame da zu lassen, wo er sich gerade befand, um lebhaft auf die Königin zuzugehen.

»Ich danke Euch Madame,« sprach er, »für die Bereitwilligkeit, mit der Ihr meinen Wünschen Folge geleistet habt, aber ich glaube, es fehlen Euch zwei Nestelstifte, die ich Euch hier überbringe.«

Bei diesen Worten überreichte er die zwei Stifte, die ihm der Kardinal gegeben hatte.

»Wie, Sire!« sagte die Königin, die Erstaunte spielend, »Ihr gebt mir noch zwei andere, dann habe ich vierzehn.«

Der König zählte wirklich, und die zwölf Nestelstifte fanden sich an der Schulter Ihrer Majestät.

Der König rief den Kardinal und fragte in strengem Tone: »Ei, was soll das bedeuten, Herr Kardinal?«

»Sire,« antwortete der Kardinal, »das bedeutet, daß ich der Königin gerne diese Stifte verehrt hätte, und da ich es nicht wagte, dieselben Ihrer Majestät anzubieten, so wählte ich dieses Mittel.«

»Und ich bin Ew. Eminenz hiefür um so mehr zu Dank verpflichtet,« antwortete Anna von Oesterreich mit einem Lächeln, welches bewies, daß sie sich durchaus nicht von dieser geistreichen Galanterie täuschen ließ, »als ich die Ueberzeugung hege, daß diese zwei Stifte allein Euch mehr kosten, als die zwölf andern Seine Majestät gekostet haben.«

Dann zog sich die Königin, nachdem sie den König und den Kardinal gegrüßt hatte, wieder in das Zimmer zurück, wo sie sich angekleidet hatte und wo sie sich entkleiden sollte.

Die Aufmerksamkeit, welche wir am Anfang dieses Kapitels den von uns eingeführten hohen Personen schenken mußten, entfernte uns einen Augenblick von demjenigen, welchem Anna von Oesterreich den unerhörten Triumph zu verdanken hatte, den sie über den Kardinal davon trug, und der unbekannt, verloren unter der an der Thür sich drängenden Menge, diese Scene betrachtete, welche nur für vier Personen, für den König, die Königin, Seine Eminenz und ihn begreiflich war.

Die Königin hatte ihr Zimmer wieder erreicht und d’Artagnan schickte sich an abzugehen, als er fühlte, daß man leicht seine Schulter berührte; er wandte sich um und sah eine junge Frau, die ihn durch ein Zeichen aufforderte, ihr zu folgen. Das Gesicht dieser jungen Frau war mit einer schwarzen Sammetmaske bedeckt; aber trotz dieser Vorsichtsmaßregel, welche übrigens mehr Andern als ihm galt, erkannte er sogleich seine gewöhnliche Führerin, die heitere und geistreiche Frau Bonacieux.

Am Tag vorher hatten sie sich kaum bei dem Schweizer Germain, wohin sie d’Artagnan hatte rufen lassen, gesprochen, Die junge Frau eilte so sehr, der Königin die vortreffliche Nachricht von der Rückkehr ihres Boten zu überbringen, und somit konnten die beiden Liebenden nur sehr wenige Worte mit einander wechseln. Von einer doppelten Empfindung, von Liebe und Neugierde getrieben, folgte d’Artagnan Frau Bonacieux. Auf dem ganzen Weg und als es in den Hausfluren öde wurde, wollte d’Artagnan die junge Frau anhalten, ergreifen, betrachten, wenn auch nur für einen Augenblick; aber lebhaft wie ein Vogel entschlüpfte sie stets seinen Händen, und wenn er sprechen wollte, wurde er durch ihren, mit einer kleinen gebieterischen Miene voll Liebreiz auf den Mund gelegten Finger daran erinnert, daß er unter der Herrschaft einer Macht stand, der er blindlings gehorchen mußte und die ihm auch die leiseste Klage untersagte. Nachdem Beide ein paar Minuten lang die Kreuz und Quer gegangen waren, öffnete Frau Bonacieux eine Thüre und führte den jungen Mann in ein völlig dunkles Kabinet. Hier gab sie ihm ein neues Zeichen, stumm zu bleiben, schloß eine zweite, unter einer Tapete verborgene, Thüre auf, deren Oeffnung plötzlich ein lebhaftes Licht verbreitete, und verschwand.

D’Artagnan blieb einen Augenblick unbeweglich und fragte sich, wo er wäre; aber ein Lichtstrahl, der aus diesem Zimmer drang, die warme und von Wohlgerüchen geschwängerte Lust, die an ihn heranströmte, die Unterhaltung mehrerer Frauen in zugleich ehrfurchtsvoller und zierlicher Sprache, das mehrmals wiederholte Wort Majestät zeigten ihm plötzlich ganz klar, daß er sich in einem an das Zimmer der Königin stoßenden Kabinet befand.

Der junge Mann blieb im Schatten stehen und wartete der Dinge, die da kommen sollten.

Die Königin schien heiter und glücklich, worüber die Personen ihrer Umgebung ohne Zweifel gewaltig staunten, da sie im Gegenteil gewöhnlich beinahe kummervoll aussah. Die Königin schrieb dieses heitere Gefühl der Schönheit des Festes, dem Vergnügen, das ihr das Ballet verursacht habe, zu, und da es nicht erlaubt ist, einer Königin zu widersprechen, so überboten sich alle in Lobeserhebungen über die Galanterie der Herren Schöppen der Stadt Paris.

Obgleich d’Artagnan die Königin nicht kannte, so unterschied er doch bald ihre Stimme von den übrigen, einmal an dem etwas fremdartigen Accent und dann an jenem Gefühl der Oberherrschaft, das allen fürstlichen Reden ein eigenthümliches Gepräge verleiht. Er hörte, wie sie sich der offenen Thüre näherte und sich von derselben entfernte. Er sah sogar zwei- oder dreimal, wie der Schatten eines Körpers das Licht unterbrach. Endlich kamen plötzlich eine Hand und ein Arm von bewunderungswürdiger Form und Weiße durch die Tapete hervor. D’Artagnan begriff, daß dieß seine Belohnung war. Er warf sich auf ein Knie, ergriff diese Hand und drückte ehrfurchtsvoll seine Lippen darauf. Dann zog sich diese Hand zurück und ließ in der seinigen einen Gegenstand, in welchem er einen Ring erkannte. Alsbald schloß sich die Thüre wieder und d’Artagnan befand sich in völliger Finsterniß.

D’Artagnan steckte den Ring an seinen Finger und wartete abermals. Offenbar war noch nicht Alles zu Ende. Auf die Belohnung seiner Ergebenheit mußte der Lohn seiner Liebe folgen. Das Ballet war allerdings getanzt, aber das Fest hatte kaum seinen Anfang genommen. Man speiste um drei Uhr zu Nacht und die Glocke von St. Jean hatte bereits vor einiger Zeit drei Viertel nach zwei geschlagen.

Der Lärm der Stimmen nahm in der That in dem anstoßenden Zimmer allmählig ab. Dann hörte man, wie er sich entfernte; die Thüre des Kabinets, in welchem sich d’Artagnan befand, öffnete sich wieder und Frau Bonacieux trat heraus.

»Endlich kommt Ihr!« rief d’Artagnan.

»Stille!« sprach die junge Frau und legte ihre Hand auf seine Lippen; »stille! und geht auf demselben Weg zurück, aus dem Ihr gekommen seid.«

»Aber wo und wann werde ich Euch wiedersehen?« rief d’Artagnan.

»Ein Billet, das Ihr bei Eurer Rückkehr zu Hause findet, wird Euch das sagen. Geht, geht!«

Bei diesen Worten öffnete sie die Flurthüre und drängte d’Artagnan aus dem Kabinet.

D’Artagnan gehorchte wie ein Kind ohne Widerstand, ohne Einwendung, woraus hervorgeht, daß er wirklich sehr verliebt war.

XIX.

Feldzugsplan.

D’Artagnan begab sich geraden Wegs zu Herrn von Treville. Er hatte überlegt, daß in einigen Minuten der Kardinal durch diesen verdammten Unbekannten, welcher sein Agent zu sein schien, benachrichtigt sein mußte, und dachte mit Recht, daß man keinen Augenblick verlieren dürfe.

Das Herz des jungen Mannes strömte vor Freude über. Ein Abenteuer, wobei Ruhm zu erwerben und Geld zu gewinnen war, bot sich ihm dar, und hatte ihn als erste Ermuthigung einer Frau näher gebracht, die er anbetete. Dieser Zufall that beinahe auf den ersten Schlag mehr für ihn, als er von der Vorsehung zu verlangen gewagt hätte.

Herr von Treville befand sich mit seinem gewöhnlichen Hofe von Edelleuten in seinem Salon. D’Artagnan, den man als einen Vertrauten des Hauses kannte, begab sich geradezu in sein Kabinet und ließ ihn benachrichtigen, daß er ihn in einer wichtigen Angelegenheit erwarte.

D’Artagnan war hier seit etwa fünf Minuten, als Herr von Treville eintrat. Beim ersten Blicke und aus der Freude, die aus seinem Antlitz strahlte, erkannte der würdige Kapitän, daß wirklich etwas Neues vorging.

Den ganzen Weg entlang hatte d’Artagnan sich gefragt, ob er sich Herrn von Treville anvertrauen oder ob er ihn nur bitten sollte, ihm Carte blanche in einer wichtigen Angelegenheit zu bewilligen. Aber Herr von Treville war stets so vollkommen gut gegen ihn gewesen, er war so sehr dem König und der Königin ergeben, er haßte den Richelieu so von ganzem Herzen, daß der junge Mann sich entschloß, ihm Alles zu sagen.

»Ihr habt mich bitten lassen, mein junger Freund?« sprach Herr von Treville. – »Ja, mein Herr,« sprach d’Artagnan, »und Ihr werdet mir diese Störung hoffentlich vergeben, wenn Ihr erfahrt, wie wichtig die Angelegenheit ist, um die es sich handelt.« – »Sprecht, ich höre!« – »Es handelt sich um nichts Geringeres,« sagte d’Artagnan, die Stimme dämpfend, »als um die Ehre, und vielleicht um das Leben der Königin.« – »Was sprecht Ihr da?« fragte Herr von Treville, indem er sich rings umschaute, ob sie auch gewiß allein seien, und heftete dann wieder seinen Blick auf d’Artagnan.

»Ich sage, gnädiger Herr, daß mir der Zufall ein Geheimniß in die Hände gespielt hat …« – »Das Ihr hoffentlich bewahren werdet, junger Mann! Bei Eurem Leben warne ich Euch!« – »Das ich aber Euch anvertrauen muß, gnädiger Herr, denn Ihr allein könnt mich in der Sendung unterstützen, die ich von der Königin erhalten habe.« – »Gehört das Geheimniß Euch?« – »Nein, der Königin.« – »Seid Ihr von Ihrer Majestät bevollmächtigt, es mir anzuvertrauen?« – »Nein, es ist mir im Gegentheil das tiefste Stillschweigen anempfohlen.« – »Und warum wollt Ihr es mir gegenüber brechen?« – »Weil ich, wie gesagt, ohne Euch nichts thun kann, und weil ich fürchte, Ihr könntet mir die Gnade, um die ich Euch bitte, abschlagen, wenn Ihr nicht wüßtet, in welcher Absicht ich Euch bitte.« – »Behaltet Euer Geheimniß, junger Mann, und nennt mir Euern Wunsch.« – »Ich wünsche, daß Ihr mir bei Herrn des Essarts einen Urlaub von vierzehn Tagen verschaffet.« – »Wann dies?« – »Noch in dieser Nacht.« – »Ihr verlaßt Paris?« – »Ich gehe in einem Auftrag.« – »Könnt Ihr mir sagen, wohin?« – »Nach London.« – »Hat Jemand ein Interesse dabei, daß Ihr Euer Ziel nicht erreicht?« – »Der Kardinal würde, glaube ich. Alles in der Welt dafür geben, wenn es mir nicht gelänge.« – »Und Ihr reist allein?« – »Ich reise allein.« – »In diesem Fall kommt Ihr nicht über Bondy hinaus; das sage ich Euch, so wahr ich Treville heiße.« – »Wie so?« – »Man läßt Euch ermorden.« – »Dann sterbe ich in der Erfüllung meiner Pflicht.« – »Aber Eure Sendung ist nicht vollzogen.« – Das ist wahr,« sprach d’Artagnan. – »Glaubt mir,« fuhr Treville fort, »bei dergleichen Unternehmungen müssen es vier sein, wenn einer ankommen soll.« – »Ihr habt Recht, gnädiger Herr,« sagte d’Artagnan, »aber Ihr kennt Porthos, Athos und Aramis und wißt, daß ich über diese verfügen kann.« – »Ohne ihnen das Geheimniß anzuvertrauen, das ich nicht wissen wollte?« – »Wir haben uns ein für allemal blindes Vertrauen und Ergebenheit unter jeder Bedingung geschworen. Ueberdies könnt Ihr ihnen sagen, daß Ihr volles Vertrauen in mich setzt, und sie werden nicht minder gläubig sein, als Ihr.« – »Ich kann nicht mehr thun, als jedem von ihnen einen Urlaub von vierzehn Tagen schicken: Athos, der immer noch an seiner Wunde leidet, um die Bäder von Farges zu besuchen; Porthos und Aramis, um ihrem Freunde zu folgen, den sie in einer so schmerzlichen Lage nicht verlassen wollen. Die Übersendung des Urlaubs wird ihnen zum Beweise dienen, daß ich die Reise billige.« – »Ich danke, gnädiger Herr, für diese hundertfache Güte.« – »Sucht sie also sogleich auf, und bringt Alles noch in dieser Nacht zur Ausführung. Doch schreibt mir vor Allem Euer Urlaubsgesuch an Herrn des Essarts. Vielleicht hattet Ihr einen Spion auf Euren Fersen, und Euer Besuch, der in diesem Falle dem Kardinal bereits bekannt ist, wird hierdurch legitimirt.«

D’Artagnan faßte die Meldung ab; Herr von Treville übernahm sie mit der Versicherung, vor zwei Uhr Morgens sollen die vier Urlaube in den Wohnungen der verschiedenen Reisenden sein.

»Habt die Güte, den meinigen zu Athos zu schicken,« sagte d’Artagnan. »Ich fürchte ein schlimmes Zusammentreffen, wenn ich nach Hause heimkehren würde.« – »Seid unbesorgt. Gott befohlen und glückliche Reise! Doch hört,« sagte Herr von Treville zurückrufend.

D’Artagnan kehrte noch einmal um.

»Habt Ihr Geld?«

D’Artagnan ließ den Sack erklingen, den er in seiner Tasche hatte.

»Genug?« fragte Herr von Treville. – »Dreihundert Pistolen.« – »Gut! damit kann man bis ans Ende der Welt kommen.«

D’Artagnan verbeugte sich vor Herrn von Treville, der ihm die Hand reichte; der junge Gardist drückte sie mit einer Mischung von Ehrfurcht und Dankbarkeit. Seit seiner Ankunft in Paris hatte er nur Rühmenswertes von diesem vortrefflichen Manne zu erfahren gehabt, den er stets würdig, redlich, groß in seinem ganzen Benehmen fand.

Zuerst suchte er Aramis auf; er war nicht mehr zu seinem Freunde gekommen seit dem bekannten Abend, wo er Frau Bonacieux folgte. Mehr noch, er hatte den jungen Musketier kaum gesehen, und so oft er ihn wiedersah, glaubte er das Gepräge tiefer Schwermuth auf seinem Antlitz wahrzunehmen.

Auch diesen Abend wachte Aramis düster und träumerisch; d’Artagnan richtete einige Fragen an ihn über diese lange anhaltende Schwermuth; Aramis entschuldigte sich mit einem Commentar über das neunzehnte Kapitel des heiligen Augustin, den er in lateinischer Sprache bis zur nächsten Woche schreiben müsse, was seinen Geist sehr in Anspruch nehme.

Die zwei Freunde hatten kaum einige Minuten miteinander geplaudert, als ein Diener von Herrn von Treville mit einem versiegelten Päckchen eintrat.

»Was ist das?« fragte Aramis. – »Der Urlaub, den der Herr verlangt hat,« antwortete der Lakai. – »Ich? ich habe keinen Urlaub verlangt.« – »Schweigt und nehmt,« sagte d’Artagnan. »Und Ihr, mein Freund, habt hier eine halbe Pistole für Euere Mühe. Ihr sagt Herrn von Treville, Herr Aramis lasse ihm von Herzen danken. Geht.«

Der Bediente verbeugte sich bis zur Erde und trat ab.

»Was soll das bedeuten?« fragte Aramis. – »Nehmt, was Ihr zu einer Reise von vierzehn Tagen braucht, und folgt mir.«

– »Aber ich kann Paris diesen Augenblick nicht verlassen, ohne zu wissen …«

Aramis hielt inne.

»Was aus ihr geworden ist, nicht wahr?« fuhr d’Artagnan fort. – »Aus wem?« – »Aus der Frau, welche hier war, aus der Frau mit dem gestickten Taschentuch.« – »Wer sagt Euch, daß eine Frau hier war?« fragte Aramis und wurde dabei bleich wie der Tod. – »Ich habe sie gesehen.« – »Und Ihr wißt, wer es ist?« – »Ich glaube es wenigstens zu vermuthen.« – »Hört,« sprach Aramis, »da Ihr so viele Dinge wißt, wißt Ihr vielleicht auch, was aus dieser Frau geworden ist?« – »Meiner Ueberzeugung nach ist sie nach Tours zurückgekehrt.« – »Nach Tours? ja, so hieß es; Ihr kennt sie. Aber warum ist sie nach Tours zurückgekehrt, ohne mir etwas davon zu sagen?« – »Weil sie verhaftet zu werden fürchtete.« – »Warum hat sie mir nicht geschrieben?« – »Weil sie Euch einer Gefahr auszusetzen fürchtete.« – »D’Artagnan, Ihr gebt mir das Leben wieder!« rief Aramis; »ich hielt mich für verachtet, für verrathen. Ich war so glücklich, sie wieder zu sehen, und konnte nicht glauben, daß sie ihre Freiheit für mich auf das Spiel setzen würde, und doch, aus welcher andern Ursache sollte sie nach Paris gekommen sein?« – »Aus derselben Ursache, die uns heute zu der Reise nach England veranlaßt.« – »Und was ist dies?« – »Ihr sollt es eines Tages erfahren, Aramis; für den Augenblick aber werde ich die Zurückhaltung der Nichte des Doctors nachahmen.«

Aramis lächelte, denn er erinnerte sich dessen, was er an einem gewissen Abend seinen Freunden erzählt hatte.

»Nun also, da sie Paris verlassen hat, und da Ihr es gewiß wißt, d’Artagnan, so hält mich nichts hier zurück, und ich bin bereit, Euch zu folgen. Ihr sagt, wir gehen …«

Zunächst zu Athos, und wenn Ihr mitkommen wollt, so bitte ich Euch um Eile, denn wir haben bereits viel Zeit verloren. Doch bald hätte ich vergessen, setzt Bazin davon in Kenntniß.«

»Wird uns Bazin begleiten?«

»Vielleicht. In jedem Falle ist es gut, wenn er uns vorläufig zu Athos folgt.«

Aramis rief Bazin und nachdem er demselben Befehl gegeben hatte, ihn bei Athos aufzusuchen, sagte er: »Nun wollen wir gehen.« Ehe er jedoch sein Zimmer verließ, nahm er seinen Mantel, seinen Degen und seine Pistolen, und öffnete vergeblich mehrere Schubladen, um nachzusehen, ob nicht etwa irgend ein verirrtes Goldstück zu finden wäre. Nachdem er sich von der Fruchtlosigkeit seiner Nachsuchung überzeugt hatte, folgte er d’Artagnan, indem er sich fragte, wie es komme, saß der junge Gardecadett so gut wie er selbst wisse, wer die Frau gewesen, der er Gastfreundschaft gegeben, und besser als er, was aus ihr geworden.

Als sie aus dem Hause traten, legte Aramis seine Hand auf d’Artagnan’s Arm, schaute ihn fest an und sagte:

»Ihr habt mit Niemand von dieser Frau gesprochen?« – »Mit Niemand auf dieser Welt.« – »Nicht einmal mit Athos und Porthos?« – »Ich habe nicht davon gehaucht.« – »Dann ist es gut.«

Und über diesen wichtigen Punkt beruhigt, setzte Aramis den Weg mit d’Artagnan fort und beide gelangten bald zu Athos.

Als sie eintraten, hielt er seinen Urlaub in der einen, den Brief des Herrn von Treville in der andern Hand.

»Könnt Ihr mir erklären, was dieser Brief und dieser Urlaub bedeuten sollen?« sprach Athos erstaunt.

»Mein lieber Athos, es ist mein Wille, da es Eure Gesundheit durchaus heischt, daß Ihr vierzehn Tage ausruht. Geht in die Bäder von Forges oder in jedes andere Bad, das Euch zusagen mag, und sorgt, daß Ihr Eure Gesundheit bald wieder herstellt.

Euer wohlaffectionirter
Treville

»Nun! dieser Urlaub und dieser Brief bedeuten, daß Ihr mir folgen sollt, Athos!« – »In die Bäder von Forges?« – »Dahin oder wo andershin.« – »Im Dienste des Königs?« – »Des Königs oder der Königin: sind wir nicht Diener Ihrer Majestäten?«

In diesem Augenblick trat Porthos ein.

»Bei Gott,« sagte er, »das ist eine seltsame Geschichte. Seit wann bewilligt man bei den Musketieren den Leuten einen Urlaub, wenn sie ihn nicht verlangen?« – »Seitdem es Freunde gibt, die einen solchen für sie erbitten,« erwiederte d’Artagna», – »Ah, ah,« sagte Porthos, »da scheint etwas Neues vorzugehen.« – »Ja, wir reisen,« sprach Aramis. – »Nach welchem Lande?« fragte Porthos. – »Meiner Treu‘, ich weiß es nicht,« erwiederte Athos. »Frage d’Artagnan.« – »Nach London, meine Herren,« sagte d’Artagnan. – »Nach London!« rief Porthos, »und was sollen wir in London machen?« – »Das kann ich Euch nicht sagen, meine Herren, Ihr müßt mir trauen.« – »Aber um nach London zu gehen,« fügte Porthos bei, »braucht man Geld und ich habe keines.« – »Ich auch nicht,« sagte Aramis. – »Ich eben so wenig,« sprach Athos. – »Ich aber habe,« versetzte d’Artagnan, zog seinen Schatz aus seiner Tasche und legte ihn auf den Tisch. »In diesem Sack sind dreihundert Pistolen. Jeder von uns nimmt fünf und siebzig davon. Das ist genug, um nach London zu reisen und wieder zurückzukehren. Ueberdies seid ruhig wir erreichen nicht alle London.« – »Und warum dies?« – »Weil aller Wahrscheinlichkeit nach einige von uns auf dem Marsche bleiben werden.« – »Wir unternehmen also einen Feldzug?« – »Und zwar einen sehr gefährlichen, das sage ich Euch.« – »Ei, da wir Gefahr laufen, uns umbringen zu lassen,« sprach Porthos, »so möchte ich wenigstens wissen, warum?« – »Du wirst bald der Sache auf dem Grunde sein,« sprach Athos. – »Ich bin indessen auch der Meinung von Porthos,« sagte Aramis. – »Hat der König die Gewohnheit, Euch Rechenschaft abzulegen? Nein; er sagt ganz einfach: Meine Herren, man schlägt sich in der Gascogne oder in Flandern. Begebt Euch dahin, schlagt Euch. Warum? Um das Warum habt Ihr Euch nicht zu kümmern.« – »D’Artagnan hat Recht,« sagte Athos. »Hier sind unsere drei Urlaube, welche von Herrn von Treville kommen, und hier dreihundert Pistolen, welche Gott weiß woher kommen. Lassen wir uns tödten, wo man uns sagt, daß wir hingehen sollen. Lohnt sich das Leben nur der Mühe, so viele Fragen darüber zu machen? D’Artagnan, ich bin bereit. Dir zu folgen.« – »Und ich auch,« sprach Porthos. – »Und ich ebenfalls,« rief Aramis. »Auch ist es mir gar nicht unangenehm, Paris zu verlassen. Ich bedarf der Zerstreuung.« – »Gut! seid nur ruhig, Ihr sollt Zerstreuung finden, meine Herren,« sagte d’Artagnan. – »Und nun, wann reisen wir?« fragte Athos. – »Sogleich,« antwortete d’Artagnan, »es ist keine Minute zu verlieren!« – »Holla, Grimaud, Planchet, Mousqueton, Bazin!« riefen die vier jungen Leute ihren Lakaien zu. »Schmiert unsere Stiefel und führt unsere Pferde vom Hotel herbei!«

Jeder Musketier ließ wirklich im allgemeinen Hotel wie in einer Kaserne sein Pferd und das seines Lakaien.

Planchet, Grimaud, Mousqueton und Bazin entfernten sich eiligst.

»Nun wollen wir einen Feldzugsplan entwerfen,« sagte Porthos. »Wohin gehen wir zuerst?«

»Nach Calais,« antwortete d’Artagnan. »Das ist die geradeste Linie, um nach London zu gelangen.«

»Nun so hört meinen Rath,« versetzte Porthos.

»Sprich!«

»Vier mit einander reisende Personen wären verdächtig; d’Artagnan wird jedem von uns seine Instruction geben. Ich reise voraus auf der Route von Boulogne, um den Weg zu lichten; Athos geht zwei Stunden später auf der Route von Amiens ab; Aramis folgt uns auf der von Noyon; d’Artagnan reist auf einer ihm beliebigen Straße in den Kleidern Planchets, während uns Planchet als d’Artagnan in der Uniform der Garden folgt.«

»Meine Herren,« sagte Athos, »es ist meine Ansicht, daß es nicht zuträglich sein kann, die Lakaien bei einer solchen Angelegenheit ins Vertrauen zu ziehen; ein Geheimnis wird von Edelleuten zufällig verrathen, aber von den Bedienten stets verkauft.«

»Der Plan von Porthos scheint mir unausführbar,« sprach d’Artagnan, »insofern ich selbst nicht weiß, welche Instructionen ich Euch geben soll. Ich bin der Ueberbringer eines Briefes, das ist das Ganze. Ich kann nicht drei Abschriften von dem Briefe machen, weil er versiegelt ist. Wir müssen also meiner Meinung nach in Gesellschaft reisen. Dieser Brief ist hier in meiner Tasche.« Und er deutete auf die Tasche, in welcher der Brief verwahrt war. »Werde ich getödtet, so nimmt ihn einer von Euch, und Ihr setzt den Marsch fort. Wird dieser getödtet, so ist die Reihe an einem Andern, u. s. f. Wenn nur einer ankommt, das ist genug.«

»Bravo, d’Artagnan, Dein Rath ist auch der meinige,« sprach Athos. »Man muß überdieß consequent sein. Ich will die Bäder gebrauchen; Ihr begleitet mich. Statt die Bäder von Forges zu gebrauchen, wähle ich Seebäder; das steht in meinem Belieben. Man will uns verhaften, ich zeige den Brief von Herrn von Treville, und Ihr zeigt Eure Urlaube; man greift uns an, wir vertheidigen uns; man stellt uns vor Gericht, wir behaupten steif und fest, daß wir nichts Anderes beabsichtigen, als uns ein Dutzendmal in das Meer zu tauchen; mit vier vereinzelten Menschen hätte man zu leichten Kauf, während wir zusammen eine Truppe bilden; wir bewaffnen die vier Lakaien mit Pistolen und Gewehren; schickt man eine Armee gegen uns, so liefern wir eine Schlacht, und der Ueberlebende bringt den Brief nach London, wie d’Artagnan gesagt hat.«

»Wohl gesprochen!« rief Aramis. »Du sprichst nicht viel, Athos, aber wenn Du sprichst, klingt es wie ein Evangelium. Ich schließe mich dem Plane von Athos an. Und Du, Porthos?

»Ich ebenfalls,« antwortete Porthos, »wenn er d’Artagnan zusagt. D’Artagnan ist als Ueberbringer des Briefes natürlich das Haupt der Unternehmung; er mag entscheiden, wir führen aus.«

»Gut!« sagte d’Artagnan; ich entscheide mich für den Plan von Athos, und wir reisen in einer halben Stunde.«

»Angenommen!« riefen im Chor die drei Musketiere.

Jeder von ihnen streckte die Hand nach dem Sacke aus, nahm fünf und siebenzig Pistolen und traf Anstalt zu schleuniger Abreise.

II.

Das Vorzimmer des Herrn von Treville.

Herr von Troisville, wie seine Familie in der Gascogne noch hieß, oder Herr von Treville, wie er sich selbst am Ende in Paris nannte, hatte wirklich gerade wie d’Artagnan angefangen, nämlich ohne einen Sou Geldeswerth, aber mit jenem Grundstock von Kühnheit, Geist und Ausdauer, worin der ärmste gascognische Krautjunker mehr an Hoffnungen zum väterlichen Erbtheil erhält, als der reichste Edelmann des Perigord oder Berry in Wirklichkeit empfängt. Sein kecker Muth und sein noch viel keckeres Glück in einer Zeit, wo die Schläge wie Hagel fielen, hatten ihn auf die Höhe der schwer erklimmbaren Leiter gehoben, die man Hofgunst nennt, und deren Stufen er vier und vier auf einmal erstiegen hatte.

Er war der Freund des Königs, der, wie Jedermann weiß, das Andenken seines Vaters Heinrich IV. sehr in Ehren hielt. Der Vater des Herrn von Treville hatte ihm in seinen Kriegen gegen die Ligue so treu gedient, daß er ihm in Ermangelung von baarem Geld – eine Sache, die dem Bearner sein ganzes Leben lang abging, denn er bezahlte seine Schulden stets mit dem einzigen Ding, das er nicht zu entlehnen brauchte, mit Witz – daß ihm in Ermangelung von baarem Geld, sagen wir, nach der Übergabe von Paris die Vollmacht verlieh, als Wappen eines goldenen Löwen im rothen Felde mit dem Wahlspruch: fidelis et fortis zu führen; das war viel in Bezug auf Ehre, aber mittelmäßig in Bezug auf Vermögen. Als der berühmte Gefährte des großen Heinrich starb, hinterließ er also seinem Herrn Sohn als einziges Erbe nur seinen Degen und seinen Wahlspruch. Dieser doppelten Gabe und dem fleckenlosen Namen, von dem sie begleitet war, hatte Herr von Treville seine Aufnahme unter die Haustruppen des jungen Fürsten zu verdanken, wo er sich so gut seines Schwertes bediente, und seiner Devise so treu war, daß Ludwig XIII., einer der besten Degen seines Königreichs, zu sagen pflegte, wenn er einen Freund hätte, der sich schlagen wollte, so würde er ihm den Rath geben, zum Secundanten zuerst ihn selbst und dann Herrn von Treville oder sogar vielleicht diesen vor ihm zu nehmen.

Ludwig XIII. hegte eine wahre Anhänglichkeit an Treville, eine königliche Anhänglichkeit, eine selbstsüchtige Anhänglichkeit allerdings, darum aber nicht minder eine Anhänglichkeit. In dieser unglücklichen Zeit strebte man mit aller Macht darnach, sich mit Männern von dem Schlage Treville’s zu umgeben. Viele konnten sich den Beinamen fortis geben, der die zweite Hälfte seiner Devise bildete, aber wenige Edelleute hatten Anspruch darauf, sich fidelis zu nennen, wie der erste Theil hieß. Treville gehörte zu den letzteren; er war eine von den seltenen Organisationen mit dem gehorchenden Verstande des Hundes, dem blinden Muth, dem raschen Auge, der schnellen Hand, ein Mann, dem das Auge nur gegeben schien, um zu sehen, ob der König mit Jemand unzufrieden war, und diesen Jemand, einen Besme, einen Maurevers, einen Poltrot von Meré, einen Vitry niederzuschlagen. Treville hatte bis jetzt nur die Gelegenheit gefehlt, aber er lauerte darauf, er hatte sich gelobt, sie beim Schopfe zu fassen, sobald sie in den Bereich seiner Hand käme. Ludwig XIII. machte Treville zum Kapitän seiner Musketiere, welche in Bezug auf Ergebenheit oder vielmehr auf Fanatismus für ihn dasselbe waren, was die schottische Leibwache für Ludwig XI. und die Ordinären für Heinrich III.

Der Kardinal seiner Seite blieb in dieser Beziehung nicht hinter dem König zurück. Als dieser zweite oder vielmehr erste König von Frankreich die furchtbare Eile wahrnahm, mit der sich Ludwig XIII. seine Umgebung schuf, wollte er ebenfalls seine Leibwache haben. Er hatte also seine Musketiere, wie Ludwig XIII. und man sah diesen mächtigen Nebenbuhler in allen Provinzen Frankreichs und sogar in auswärtigen Staaten die berühmtesten Kampfhähne ausheben. Ludwig XIII. und Richelieu stritten sich auch oft, wenn sie Abends eine Partie Schach spielten, über die Verdienste ihrer Anhänger. Jeder lobte den Muth und die Haltung der seinigen, und während sie sich laut gegen Zweikämpfe und Händel aussprachen, stachelten sie dieselben ganz in der Stille gegen einander auf, und das Unterliegen oder der Sieg ihrer Leute bereitete ihnen wahren Kummer oder eine maßlose Freude. So erzählen wenigstens die Memoiren eines Mannes, der bei einigen dieser Niederlagen und bei vielen von diesen Siegen betheiligt war.

Treville hatte seinen Herrn bei der schwachen Seite gefaßt, und dieser Geschicklichkeit verdankte er die lange und beständige Gunst eines Königs, der nicht den Ruf großer Treue in seinen Freundschaften hinterlassen hat. Mit einem verschmitzten Lächeln ließ er seine Musketiere vor dem Kardinal Armand Duplessis paradiren, wobei sich die Haare im Schnurrbart Sr. Eminenz vor Zorn sträubten. Treville verstand sich vortrefflich auf den Krieg dieser Zeit, wo man, wenn man nicht auf Kosten des Feindes leben konnte, auf Kosten seiner Landsleute lebte; seine Soldaten bildeten eine gegen Jedermann, nur gegen ihn nicht, unbotmäßige Legion lebendiger Teufel.

Hals und Brust entblößt, betrunken, verbreiteten sich die Musketiere des Königs, oder vielmehr des Herrn von Treville, in den Schenken, auf den Spaziergängen, bei den öffentlichen Spielen, schrieen, strichen ihren Schnurrbart, ließen ihre Degen klirren, versetzten aus lauter Muthwillen den Leibwachen des Herrn Kardinals Rippenstöße und zogen unter tausenderlei Scherzen am hellen Tag auf offener Straße vom Leder; sie wurden zuweilen getödtet, aber sie wußten gewiß, daß man sie in diesem Falle beweinte und rächte; zuweilen tödteten sie, aber sie wußten ebenso gewiß, daß sie nicht im Gefängniß zu verschimmeln hatten, denn Herr von Treville war da, um sie zurückzufordern. Das Loblied des Herrn von Treville wurde auch in allen Tonarten von diesen Leuten gesungen, die den Satan nicht fürchteten, aber vor ihm zitterten, wie Schüler vor ihrem Lehrer, seinem geringsten Worte gehorchten und stets bereit waren, sich tödten zu lassen, um einen Vorwurf abzuwaschen.

Herr von Treville hatte sich Anfangs dieses mächtigen Hebels für den König und die Freunde des Königs – dann für sich selbst und für seine Freunde bedient. Übrigens findet man in keinem Memoirenwerk dieser Zeit, welche so viele Memoiren hinterlassen hat, daß dieser würdige Edelmann, selbst nicht einmal von seinen Feinden – und er hatte deren so viele unter den Leuten von der Feder, als unter denen vom Degen – nirgends, sagen wir, findet man, daß dieser würdige Edelmann angeklagt worden wäre, er habe sich für die Mitwirkung seiner Seïden bezahlen lassen. Bei einem seltenen Talent für Intriguen, das ihn auf dieselbe Stufe mit den stärksten Intriganten stellte, war er ein ehrlicher Mann geblieben. Noch mehr, trotz der großen Stoßdegen, welche lendenlahm machen, und der angestrengten Übungen, welche ermüden, war er einer der galantesten Boudoirläufer, einer der feinsten Jungfernknechte, einer der gewürfeltsten Schönredner seiner Zeit geworden; man sprach von Treville’s Liebesglück, wie man zwanzig Jahre früher von Bassompierre gesprochen hatte, und das wollte viel sagen. Der Kapitän war also bewundert, gefürchtet und geliebt, und dies bildet wohl den Höhepunkt menschlicher Glücksumstände.

Ludwig XIV. verschlang alle kleinen Gestirne seines Hofes in seiner weiten Ausstrahlung, aber sein Vater, eine Sonne pluribus impar, ließ jedem seiner Günstlinge seinen persönlichen Glanz, jedem seiner Höflinge seinen eigenthümlichen Werth. Außer dem Lever des Königs und dem des Kardinals zählte man damals in Paris mehr als zweihundert einigermaßen besuchte Levers. Unter den zweihundert kleinen Levers war das von Treville eines von denjenigen, zu welchen man sich am meisten drängte.

Der Hof seines in der Rue du Vieux-Colombier gelegenen Hotels glich einem Lager, und dies von Morgens sechs Uhr im Sommer und von acht Uhr im Winter. Fünfzig oder sechzig Musketiere, welche sich hier abzulösen schienen, um stets eine imposante Zahl darzustellen, gingen beständig in völliger Kriegsrüstung und zu jedem Thun bereit umher. Auf einer der großen Treppen, auf deren Raum unsere moderne Civilisation ein ganzes Gebäude errichten würde, stiegen die Bittsteller von Paris aus und ab, die irgend eine Gunst zu erhaschen suchten; ferner die Edelleute aus der Provinz, deren höchster Wunsch war, ins Corps aufgenommen zu werden, und die in allen Farben verbrämten Lakaien, die an Herrn von Treville die Botschaften ihrer Gebieter überbrachten. In den Vorzimmern ruhten auf langen, kreisförmigen Bänken die Auserwählten, das heißt diejenigen, welche berufen waren. Das Gesumme dauerte vom Morgen bis zum Abend, während Herrn von Treville in seinem an dieses Vorzimmer stoßenden Kabinet Besuche empfing, Klagen anhörte, seine Befehle ertheilte und, wie der König auf seinem Balkon im Louvre, sich nur an das Fenster zu stellen hatte, um Menschen und Waffen Revue passiren zu lassen.

Den Tag, an welchem d’Artagnan sich hier einfand, war die Versammlung äußerst imposant, besonders für einen Provinzbewohner, der eben erst aus seiner Heimath anlangte; dieser Provinzbewohner war allerdings Gascogner, und damals besonders standen d’Artagnans Landsleute nicht im Rufe, als ließen sie sich so leicht einschüchtern. In der That, sobald man einmal durch die starke, mit langen viereckigen Nägeln beschlagene Thür gelangt war, gerieth man unmittelbar mitten in eine Truppe von Männern des Degens, die sich im Hofe herumtrieben, einander anriefen, mit einander stritten und spielten. Um sich durch diese brausenden Wogen eine Bahn zu brechen, hätte man ein Offizier, ein vornehmer Herr oder eine hübsche Frau sein müssen.

Mitten durch dieses Gedränge und diese Unordnung rückte unser junger Mann mit zitterndem Herzen, den langen Raufdegen an die magern Beine drückend und eine Hand an den Rand seines Filzes haltend, mit dem verlegenen provinzialen Halblächeln, das eine gute Haltung geben soll, sachte vorwärts. Hatte er eine Gruppe hinter sich, so athmete er freier; aber er begriff wohl, daß man sich umwandte, um ihm nachzuschauen, und zum ersten Mal in seinem Leben kam sich d’Artagnan, der bis auf diesen Tag eine ziemlich gute Meinung von sich selbst gehabt hatte, lächerlich vor.

Als er zur Treppe gelangte, war die Sache noch schlimmer: er fand hier auf den ersten Stufen vier Musketiere, die sich mit folgender Uebung belustigten, während zehn bis zwölf mit ihren Kameraden auf dem Ruheplatz der Treppe warteten, bis es an sie käme, an der Partie Theil zu nehmen. Einer von ihnen, der mit entblößtem Degen auf der obersten Stufe stand, verhinderte die Andern herauf zu steigen, oder er bemühte sich wenigstens, sie daran zu verhindern. Diese drei Andern fochten mit sehr behenden Degenstößen gegen ihn. D’Artagnan hielt Anfangs ihre Eisen für Fechtrappiere und glaubte, sie seien mit Knöpfen versehen; aber bald erkannte er an gewissen Schrammen, daß jede Waffe im Gegentheil gehörig zugespitzt und scharf geschliffen war. Und bei jeder von diesen Schrammen lachten nicht nur die Zuschauer, sondern auch die handelnden Personen, wie die Narren.

Derjenige, welcher in diesem Augenblick die oberste Stufe behauptete, hielt seine Gegner vortrefflich im Schach. Man bildete einen Kreis um sie. Es war Bedingung hiebei, daß bei jedem Stoße der Getroffene die Partie verlassen mußte, und dadurch seine Audienzreihe zu Gunsten des Berührenden verlieren sollte. In fünf Minuten waren drei gestreift, der eine an der Handwurzel, der andere am Kinn, der dritte am Ohr, während der Verteidiger, der ihnen diese Schrammen beibrachte, unberührt blieb, eine Geschicklichkeit, die ihm eine dreimalige Audienzreihe zu seinen Gunsten eintrug. So schwer auch unser junger Reisender in Erstaunen zu setzen war, oder wenigstens sein wollte, so verblüffte ihn doch dieser Zeitvertreib gewaltig: er hatte in seiner Provinz, auf diesem Boden, wo sich die Köpfe doch so schnell erhitzen, etwas mehr als Präliminarien zu Zweikämpfen gesehen, und die Gasconnade der vier Spieler erschien ihm als die stärkste unter allen, von denen er bis jetzt selbst in der Gascogne gehört hatte. Er glaubte sich in das berühmte Land der Riesen versetzt, wohin Gulliver ging und wo er so gewaltig bange hatte; und er war noch nicht einmal am Ziele: es blieben noch der Ruheplatz und das Vorzimmer.

Auf dem Ruheplatz der Treppe schlug man sich nicht, man erzählte sich Geschichten von Frauen, und im Vorzimmer Hofgeschichten. Auf dem Ruheplatz erröthete d’Artagnan, im Vorzimmer schauderte er. Seine rege, umherirrende Einbildungskraft, die ihn in der Gascogne für Kammermädchen und zuweilen sogar für junge Edeldamen furchtbar machte, hatte nie, selbst nicht einmal in den Augenblicken des Delirirens, die Hälfte dieser verliebten Abenteuer und den vierten Theil dieser Heldenthaten geträumt, bei denen die bekanntesten Namen herhalten mußten und die Details ganz und gar nicht verschleiert wurden. Aber wenn auf dem Ruheplatz sein Sittlichkeitsgefühl verletzt wurde, so bereitete man im Vorzimmer seiner Achtung vor dem Kardinal ein wahres Aergerniß. Hier hörte d’Artagnan zu seinem größten Erstaunen ganz laut die Politik, welche Europa erzittern machte, und das Privatleben des Kardinals kritisiren, für dessen Verunglimpfung so viele hochgestellte und mächtige Herren gestraft worden waren; dieser große, von Herrn d’Artagnan Vater verehrte Mann wurde verspottet von den Musketieren des Herrn von Treville, welche sich über seine krummen Beine und seinen gewölbten Rücken lustig machten; Einige sangen Spottlieder auf Madame d’Aiguillon, seine Geliebte, und auf Frau Combalet, seine Nichte, während Andere gegen die Pagen und die Leibwachen des Kardinal-Herzogs Pläne schmiedeten, lauter Dinge, welche d’Artagnan als monströse Unmöglichkeiten vorkamen.

Indessen kam zuweilen plötzlich und ganz unversehens der Name des Königs mitten unter diese kardinalistischen Scherze wie eine Art von Knebel, der für einen Augenblick allen Anwesenden den spöttischen Mund verstopfte; man schaute sachte um sich her und schien die Indiskretion der Scheidewand am Kabinet des Herrn von Treville zu fürchten. Aber bald brachte irgend eine Anspielung das Gespräch wieder auf Se. Eminenz, die Spöttereien wurden immer derber und keine seiner Handlungen blieb mit einer kräftigen Beleuchtung verschont.

»Gewiß sind dieß Leute, welche insgesammt nach der Bastille gebracht und gehängt werden,« dachte d’Artagnan mit Schrecken, »und ich ohne Zweifel mit ihnen, denn von dem Augenblick an, wo ich sie gehört und verstanden habe, wird man mich für ihren Mitschuldigen halten. Was würde mein Herr Vater sagen, der mir so dringend Achtung vor dem Kardinal eingeschärft hat, wenn er mich in Gesellschaft von solchen Lümmeln wüßte?«

D’Artagnan wagte es also, wie man sich leicht denken kann, nicht, an dem Gespräche Theil zu nehmen, er schaute nur mit beiden Augen, hörte nur mit beiden Ohren, er hielt seine fünf Sinne gierig gespannt, um nichts zu verlieren, und trotz seines Vertrauens auf die väterlichen Ermahnungen fühlte er sich, in Folge seiner Geschmacksrichtung und von seinen Instinkten hingerissen, mehr geneigt, die unerhörten Dinge, die sich in seiner Gegenwart ereigneten, zu loben als zu tadeln.

Da er indessen der Menge der Höflinge des Herrn von Treville völlig fremd war, und da man ihn zum ersten Male an diesem Ort bemerkte, so fragte man ihn, was er wünsche. Auf diese Frage nannte d’Artagnan demüthig seinen Namen; er berief sich aus seinen Titel als Landsmann und ersuchte den Kammerdiener, der diese Frage an ihn gerichtet hatte, Herrn von Treville für ihn um eine kurze Audienz zu bitten, welche Bitte man in hohem Gönnertone zu geeigneter Zeit und geeigneten Orts vorzutragen versprach.

D’Artagnan erholte sich allmälig von seinem ersten Staunen und hatte nun Muße, die Trachten und Gesichter ein wenig zu studiren.

Der Mittelpunkt der belebtesten Gruppe war ein Musketier von großer Gestalt, hochmüthigem Antlitz und höchst wunderlichem Aufzug, welcher die allgemeine Aufmerksamkeit auf ihn lenkte. Er trug in diesem Augenblick keine Uniform, wozu er auch in jener Zeit geringerer Freiheit, aber größerer Unabhängigkeit nicht durchaus verbunden war, sondern er hatte einen etwas abgetragenen Leibrock an, und auf diesem Kleide gewahrte man ein prachtvolles Wehrgehänge mit goldenen Stickereien, das funkelte, wie ein Wasserspiegel im vollen Sonnenschein. Ein langer, karmesinrother Mantel fiel anmuthig über die Schultern und ließ vorn nur das glänzende Wehrgehänge sehen, woran ein riesiger Raufdegen befestigt war.

Dieser Musketier war so eben von der Wache abgekommen, beklagte sich über Schnupfen und hustete von Zeit zu Zeit mit einer gewissen Affektation. Deßhalb hatte er den Mantel genommen, wie er zu seiner Umgebung sagte, und während er von oben herab sprach und verächtlich seinen Schnurrbart kräuselte, bewunderte man mit großer Begeisterung – d’Artagnan mehr, als jeder Andere – das gestickte Wehrgehänge.

»Was wollt Ihr, es kommt in die Mode,« sagte der Musketier; »es ist eine Thorheit, ich weiß es wohl, aber es ist einmal Mode. Ueberdies muß man doch auch sein anererbtes Vermögen draufgehen lassen.«

» Ah! Porthos!« rief einer von den Umherstehenden, »suche uns nicht glauben zu machen, dieses Wehrgehänge sei Dir durch die väterliche Großmuth zugefallen; die verschleierte Dame hat es Dir ohne Zweifel gegeben, mit der ich Dir an einem Sonntag in der Nähe der Porte Saint-Honoré begegnete.«

»Nein, auf Ehre und Edelmannsparole, ich habe es selbst und zwar um mein eigenes Geld gekauft,« antwortete derjenige, welchen man mit dem Namen Porthos bezeichnete.

»Ja, wie ich diese neue Börse mit Dem gekauft habe, was mir meine Geliebte in die alte gesteckt hat,« sprach ein anderer Musketier.

»Wahrhaftig, ich habe zehn Pistolen dafür bezahlt,« sagte Porthos.

Die Bewunderung verdoppelte sich, obgleich der Zweifel noch fortbestand.

»Nicht wahr, Aramis?« fragte Porthos, und wandte sich dabei gegen einen dritten Musketier um.

Dieser bildete einen vollständigen Contrast mit dem Fragenden, der ihn mit dem Namen Aramis bezeichnet hatte. Er war ein junger Mann von kaum zwei- bis dreiundzwanzig Jahren, mit naivem, süßlichem Gesichte, schwarzem, sanftem Auge und mit Wangen, so rosig, wie ein Pfirsich im Herbste; sein feiner Schnurrbart zog eine völlig gerade Linie auf seiner Oberlippe; seine Hände schienen sich vor dem Herabhängen zu hüten, weil ihre Adern anschwellen könnten, und von Zeit zu Zeit kniff er sich in die Ohren, um sie in einem zarten, durchsichtigen Incarnat zu erhalten. Er hatte die Gewohnheit, wenig zu sprechen, viel zu grüßen und geräuschlos zu lachen, wobei er seine schönen Zähne zeigte, auf die er, wie aus seine ganze Person, die größte Sorgfalt zu verwenden schien. Er beantwortete die Aufforderung seines Freundes mit einem bestätigenden Kopfnicken.

Diese Bestätigung schien allen Zweifeln in Beziehung auf das Wehrgehänge ein Ende zu machen; man bewunderte es fortwährend, aber man sagte nichts mehr davon, und das Gespräch ging in Folge einer der raschen Wendungen des Gedankens auf einen andern Gegenstand über.

»Was denkt Ihr von dem, was der Stallmeister von Chalais erzählt?« fragte ein anderer Musketier, ohne seine Worte unmittelbar an Einen von der Gruppe zu richten, sondern im Gegentheil sich an alle Umstehenden wendend.

»Und was erzählt er?« sagte Porthos in anmaßendem Tone.

»Er erzählt, er habe in Brüssel Rochefort, den Vertrauten des Kardinals, als Kapuziner verkleidet getroffen; der verfluchte Rochefort hatte in dieser Verkleidung Herrn von Laigues, gerade wie er ist, als einen wahren Einfaltspinsel gespielt.«

»Als einen wahren Einfaltspinsel,« fragte Porthos, »aber ist die Sache gewiß?«

»Ich habe es von Aramis gehört,« antwortete der Musketier.

»Wirklich?«

»Ei! Ihr wißt es wohl, Porthos,« sagte Aramis, »ich habe es Euch selbst gestern erzählt; sprechen wir nicht mehr davon.«

»Nicht mehr davon sprechen, meint Ihr?« erwiederte Porthos. »Nicht mehr davon sprechen? Zum Henker! Wie! der Kardinal läßt einen Edelmann ausspähen, er läßt ihm seine Korrespondenz durch einen Verräther, durch einen Dieb, durch einen Galgenstrick stehlen; läßt mit Hülfe dieser Späher und dieser Korrespondenz Chalais unter dem thörichten Vorwand, er habe den König ermordet und Monsieur mit der Königin verheirathen wollen, den Hals abschneiden! Niemand wußte etwas von diesem Räthsel, Ihr erfuhrt es gestern zum allgemeinen Erstaunen, und während wir über diese Neuigkeit noch ganz verwundert sind, kommt Ihr heute und sagt: Sprechen wir nicht mehr davon!«

»Sprechen wir also davon, wenn Ihr es wünscht,« erwiederte Aramis geduldig.

»Wäre ich der Stallmeister des armen Chalais,« rief Porthos, »so würde dieser Rochefort einen schlimmen Augenblick mit mir erleben.«

»Und ihr würdet einen schlimmen Augenblick mit dem Herzog Roth erleben,« versetzte Aramis.

»Ah! der Herzog Roth! bravo, bravo, der Herzog Roth!« erwiederte Porthos, in die Hände klatschend. »Der Herzog Roth, das ist allerliebst. Ich werde den Witz verbreiten, seid nur ruhig. Welch ein gescheidter Kerl doch dieser Aramis ist! Es ist ein wahres Unglück, daß Ihr Euren Beruf nicht verfolgen konntet, mein Lieber; was für ein köstlicher Abbé wäre doch aus Euch geworden!«

»Ah! das ist nur für den Augenblick hinausgeschoben,« entgegnete Aramis, »ich werde es später schon noch werden; Ihr wißt wohl, Porthos, daß ich zu diesem Behuf die Theologie zu studiren fortfahre.«

»Er thut, was er sagt,« rief Porthos, »er thut es früher oder später.«

»Früher,« sprach Aramis.

»Er wartet nur Eines ab, um sich gänzlich hiefür zu entscheiden und die Sutane zu nehmen, welche hinter seiner Uniform hängt,« sagte ein anderer Musketier.

»Und was wartet er denn ab?« fragte ein Dritter.

»Er wartet, bis die Königin der Krone Frankreich einen Erben geschenkt hat.«

»Scherzen wir nicht hierüber, meine Herren,« sprach Porthos; »sie ist, Gott sei Dank! noch in dem Alter, um der Krone einen Erben zu schenken.«

»Man sagt, Herr von Buckingham sei in Frankreich,« versetzte Aramis mit einem spöttischen Lächeln, das dieser scheinbar so einfachen Aeußerung eine ziemlich skandalöse Bedeutung verlieh.

»Aramis, mein Freund,« unterbrach ihn Porthos, »diesmal habt Ihr Unrecht; Eure Manie, Witze zu machen, läßt Euch beständig alle Grenzen überspringen; wenn Herr von Treville Euch hörte, so dürftet Ihr eine solche Sprache theuer zu bezahlen haben.«

»Wollt Ihr mir eine Lektion geben. Porthos!« rief Aramis, und durch sein sanftes Auge zuckte ein Blitz.

»Mein Lieber, seid Musketier oder Abbé, seid das Eine oder das Andere, aber nicht das Eine und das Andere,« erwiederte Porthos. »Hört, Athos hat Euch noch vor Kurzem gesagt: Ihr eßt an allen Raufen! Oh! erzürnt Euch nicht, es wäre vergeblich, Ihr wißt wohl, was zwischen Euch, Athos und mir abgemacht ist. Ihr geht zur Frau d’Aiguillon und macht ihr den Hof; Ihr geht zur Frau von Bois-Tracy, der Base der Frau von Chevreuse, und man sagt, Ihr stehet bedeutend in Gnade bei der Dame. Oh! mein Gott, Ihr braucht Euer Glück nicht einzugestehen; man fragt Euch nicht um Euer Geheimniß, denn man kennt Eure Discretion. Aber da Ihr diese Tugend besitzt, so macht in des Teufels Namen in Beziehung auf Ihre Majestät davon Gebrauch. Beschäftige sich mit dem König und dem Kardinal wer will und wie jeder will; aber die Königin ist geheiligt, und wenn man von ihr spricht, so muß es in Gutem geschehen.«

»Porthos, Ihr seid anmaßend, wie ein Narziß,« erwiederte Aramis. »Ihr wißt, daß ich die Moral hasse, außer wenn sie von Athos gepredigt wird. Was Euch betrifft, mein Lieber, Ihr habt ein viel zu prachtvolles Wehrgehänge, um in diesem Punkt stark zu sein. Ich werde Abbé, wann es mir beliebt; mittlerweile bin ich Musketier; in dieser Eigenschaft sage ich, was mir gefällt, und in diesem Augenblick gefällt es mir zu sagen, daß Ihr mich ungeduldig macht!«

»Aramis!«

»Porthos!«

»He, meine Herren! meine Herren!« rief man um sie her.

»Herr von Treville erwartet Herrn d’Artagnan,« unterbrach der Bediente, die Thür des Kabinets öffnend.

Bei dieser Ankündigung, während welcher die Thüre offen blieb, schwieg Jeder, und unter diesem Stillschweigen durchschritt der junge Gascogner das Vorzimmer und trat bei dem Kapitän der Musketiere ein, nicht ohne sich von ganzem Herzen Glück zu wünschen, daß er gerade zu rechter Zeit dem Ende dieses seltsamen Streites entging.

XVI.

Worin der Herr Siegelbewahrer Seguier mehrmals die Glocke suchte, um zu läuten, wie er auch sonst gethan.

Man kann sich unmöglich einen Begriff von dem Eindruck machen, den diese paar Worte bei Ludwig XIII. hervorriefen. Er wurde abwechselnd blaß und roth, und der Kardinal sah sogleich, daß er mit einem einzigen Schlag das verlorene Terrain wieder gewonnen hatte.

»Herr von Buckingham in Paris!« rief der König. »Und was hat er hier gemacht?«

»Ohne Zweifel mit den Hugenotten und den Spaniern, Euern Feinden, conspirirt.«

»Nein, bei Gott, nein! er hat mit Frau von Chevreuse, Frau von Longueville und dem Condé gegen mein Glück conspirirt.«

»Oh, welcher Gedanke, Sire! Die Königin ist zu klug, zu vernünftig und liebt Ew. Majestät zu sehr.«

»Das Weib ist schwach, mein Herr Kardinal,« sprach der König, »und was die allzugroße Liebe betrifft, so habe ich meine eigene Ansicht darüber.«

»Nichtsdestoweniger behaupte ich,« sagte der Kardinal, »daß der Herzog von Buckingham in rein politischen Zwecken nach Paris gekommen ist.«

»Und ich bin überzeugt, daß er anderer Dinge wegen sich hier eingefunden hat, mein Herr Kardinal. Aber wenn die Königin sich verfehlt hat, so mag sie zittern!«

»Obgleich mein Geist nur mit dem größten Widerwillen bei einem solchen Verrathe verweilt,« erwiederte der Kardinal, »so bringen mich Ew. Majestät doch auf einen Gedanken: Frau von Lannoy, die ich auf Ew. Majestät Befehl wiederholt befragt habe, sagt mir, Ihre Majestät habe in der letzten Nacht sehr lange gewacht, diesen Morgen viel geweint und den ganzen Tag geschrieben.« »So ist’s,« sprach der König; »gewiß an ihn. Kardinal, ich muß die Papiere der Königin haben.«

»Aber wie diese nehmen, Sire! Es scheint mir, daß weder ich, noch Ew. Majestät einen solchen Auftrag vollziehen kann.«

»Wie hat man’s bei der Marschallin d’Ancre gemacht?« rief der König, im höchsten Grade zornig. »Man hat zuerst ihre Schränke und dann sie selbst untersucht.«

»Die Marschallin d’Ancre, Sire, war nur die Marschallin d’Ancre, eine florentinische Abenteurerin, und weiter nichts, während die erhabene Gemahlin Eurer Majestät, Anna von Oesterreich, Königin von Frankreich, das heißt eine der größten Fürstinnen der Welt ist.«

»Sie ist darum nur um so schuldiger, mein Herr Herzog! Je mehr sie ihre hohe Stellung vergessen hat, desto tiefer ist sie hinabgestiegen. Ich bin überdieß schon längst entschlossen, allen diesen kleinen politischen Intriguen und Liebeshändeln ein Ende zu machen. Sie hat auch einen gewissen la Porte bei sich …«

»Den ich für den Hauptschuldigen beim Ganzen halte,« sagte der Kardinal.

»Ihr glaubt also wie ich, daß sie mich täuscht?« sprach der König.

»Ich glaube und wiederhole Ew. Majestät, daß die Königin gegen die Macht ihres Königs conspirirt; aber ich habe keineswegs gesagt, gegen seine Ehre.«

»Und ich sage Euch, gegen Beides. Ich sage Euch, daß die Königin mich nicht liebt; ich sage Euch, daß sie einen Andern liebt; ich sage Euch, daß sie den Herzog von Buckingham liebt! Warum habt Ihr ihn nicht während seines Aufenthalts in Paris verhaften lassen?«

»Den Herzog verhaften! Den ersten Minister Karls I. verhaften! Bedenkt doch, Sire, welches Aufsehen dies machen müßte, und wenn es sich zeigte, daß der Verdacht Eurer Majestät nicht grundlos gewesen wäre, woran ich immer noch zweifle, welch ein furchtbarer Lärm! welch ein verzweifelter Scandal!«

»Aber da er sich wie ein Vagabund, wie ein Dieb bloßstellte, mußte man …«

Ludwig XIII. hielt erschrocken über das, was er zu sagen im Begriff war, selbst inne, während Richelieu mit großer Spannung vergeblich das Wort erwartete, das auf seinen Lippen fest hielt.

»Man müßte …?«

»Nichts,« sagte der König, »aber Ihr habt ihn doch während der ganzen Zeit, die er sich in Paris aufhielt, nicht aus dem Gesichte verloren?«

»Nein, Sire.«

»Wo wohnte er?«

»In der Rue de la Harpe, Nro. 75.«

»Wo ist dies?«

»Neben dem Luxemburg.«

»Und Ihr seid überzeugt, daß die Königin und er sich nicht gesehen haben?«

»Ich glaube, daß die Königin zu fest an ihren Pflichten hängt, Sire.«

»Aber sie wechselten Briefe, an ihn hat die Königin den ganzen Tag geschrieben. Mein Herr Herzog, ich muß diese Briefe haben.«

»Sire, wenn indessen …«

»Mein Herr Herzog, ich will sie haben, um welchen Preis es auch sein mag.«

»Ich erlaube mir indessen, Ew. Majestät zu bemerken …«

»Verrathet Ihr mich also auch, Herr Kardinal, daß Ihr Euch stets auf diese Art meinem Willen widersetzt? Seid Ihr im Einverständniß mit dem Spanier und dem Engländer? mit Frau von Chevreuse und der Königin?«

»Sire,« antwortete der Kardinal lächelnd, »ich glaubte mich vor einem solchen Verdachte geschützt.«

»Mein Herr Kardinal, Ihr habt mich verstanden, ich will diese Briefe haben.«

»Es dürfte nur ein Mittel geben.«

»Welches?«

»Man müßte den Herrn Siegelbewahrer Seguier damit beauftragen. Die Sache gehört ganz zu den Verpflichtungen seines Amtes.«

»Man soll ihn sogleich holen lassen.«

»Er muß bei mir sein, Sire. Ich habe ihn zu mir bestellt, und als ich in den Louvre ging, Befehl gegeben, ihn warten zu lassen, wenn er sich einfinden würde.«

»Man hole ihn sogleich hieher.«

»Die Befehle Ew. Majestät sollen vollzogen werden, aber …«

»Was aber?«

»Aber die Königin wird sich vielleicht weigern, zu gehorchen.«

»Meinen Befehlen?«

»Ja, wenn sie nicht weiß, daß diese Befehle von dem König herrühren.«

»Gut! damit sie daran nicht zweifelt, will ich sie selbst in Kenntniß setzen.«

»Ew. Majestät werden nicht vergessen, daß ich Alles, was in meinen Kräften lag, gethan habe, um einen Bruch abzuwenden.«

»Ja, Herzog, ja, ich weiß, daß Ihr vielleicht zu nachsichtig seid, und ich sage Euch, daß wir später hierüber sprechen müssen.«

»Wann es Ew. Majestät belieben wird; aber ich werde stets glücklich und stolz sein, Sire, mich dem guten Einvernehmen aufzuopfern, von dem ich wünsche, daß es beständig zwischen dem König und der Königin von Frankreich herrschen möge.«

»Gut, Kardinal, gut. Aber laßt mir mittlerweile den Herrn Siegelbewahrer holen.«

Und Ludwig XIII. öffnete die Verbindungsthüre und ging in die Flur, welche von seinen Zimmern in die Gemächer Anna’s von Oesterreich führte.

Die Königin befand sich inmitten ihrer Frauen; um sie her saßen Frau von Guitaut, Frau von Sablé, Frau von Montbazon und Frau von Guémené. In einem Winkel stand die spanische Kammerfrau, Donna Estefania, die ihr von Madrid gefolgt war. Frau von Guémené las vor, und Alle horchten aufmerksam auf die Vorleserin, mit Ausnahme der Königin, welche im Gegentheil diese Lektüre befohlen hatte, um, während sie sich den Anschein gab zu hören, dem Faden ihrer eigenen Gedanken folgen zu können.

Diese Gedanken waren, so sehr sie auch durch einen letzten Widerschein der Liebe vergoldet wurden, darum nicht minder trauriger Natur. Des Vertrauens ihres Gatten beraubt, verfolgt von dem Hasse des Kardinals, der ihr nicht vergeben konnte, daß sie ein zärtlicheres Gefühl zurückgewiesen, das Beispiel der Königin Mutter vor Augen, welche von diesem Hasse ihr ganzes Leben hindurch gequält wurde, obgleich Maria von Medicis, wenn man den Memoiren jener Zeit glauben darf, Anfangs dem Kardinal ein Glück zugestanden, das Anna von Oesterreich beständig verweigerte – hatte sie ihre ergebensten Diener, ihre innigsten Vertrauten, ihre liebsten Günstlinge fallen sehen. Sie brachte Unglück über Alles, was sie berührte; ihre Freundschaft war ein unseliges Zeichen, das Verfolgung hervorrief. Frau von Chevreuse und Frau von Vernet waren verbannt; La Porte verbarg seiner Gebieterin nicht, daß er jeden Augenblick einer Verhaftung entgegen sah.

Während sie aber in ihre düsteren Gedanken vertieft war, öffnete sich die Thüre und der König trat ein.

Die Vorleserin schwieg sogleich, alle Damen standen auf und es herrschte allgemeines Stillschweigen. Der König enthielt sich aller Höflichkeitsbezeigungen, blieb vor der Königin stehen und sagte mit bebender Stimme:

»Madame, Ihr erhaltet einen Besuch von dem Herrn Kanzler, der Euch gewisse Angelegenheiten mittheilen wird, mit denen ich ihn beauftragt habe.«

Die unglückliche Königin, welche man beständig mit Ehescheidung, Verbannung und sogar mit einem Urtheile bedrohte, erbleichte unter der Schminke, und konnte nicht umhin zu erwiedern:

»Aber warum dieser Besuch, Sire? was wird mir der Herr Kanzler sagen, das mir Ew. Majestät nicht selbst sagen könnten?«

Der König wandte sich auf den Fersen um, ohne eine Antwort zu geben, und beinahe in demselben Augenblicke kündigte der Kapitän der Garden, Herr von Guitaut, den Besuch des Herrn Kanzlers an.

Als der Kanzler erschien, war der König bereits durch eine andere Thüre abgegangen.

Der Kanzler trat halb lächelnd, halb erröthend ein, wie wir ihn im Verlaufe dieser Geschichte wieder finden werden. Es kann nicht schaden, wenn unsere Leser sogleich seine Bekanntschaft machen.

Dieser Kanzler war ein drolliger Mensch. Des Roches le Masler, Kanonikus bei Notre-Dame, früher Kammerdiener des Kardinals, schlug ihn Seiner Eminenz als einen ergebenen, zuverlässigen Mann vor. Der Kardinal vertraute hierauf und befand sich gut dabei.

Man erzählte sich gewisse Geschichten von ihm; unter andern folgende:

Nach einer stürmischen Jugend hatte er sich in ein Kloster zurückgezogen, um wenigstens eine Zeit lang die Thorheiten seiner Jugend zu büßen; aber bei seinem Eintritte konnte der arme Reumüthige nicht so schnell die Thüre schließen, daß die Leidenschaften, welche er floh, nicht mit ihm eingezogen wären. Er war ohne Unterlaß von ihnen belagert, und der Superior, dem er dieses Unglück anvertraut hatte, empfahl ihm, er solle, um sich vor diesen Anfällen zu schützen und den versuchenden Teufel zu beschwören, seine Zuflucht zu der Glocke nehmen und mit aller Gewalt läuten. Dadurch würden die Mönche benachrichtigt werden, daß die Versuchung einen Bruder belagere, und die ganze Gemeinde würde Gebete für sein Heil verrichten.

Der Rath schien dem zukünftigen Kanzler gut. Er beschwor den bösen Geist mit starker Unterstützung der Gebete, welche die Mönche verrichteten. Aber der Teufel läßt sich nicht leicht aus einem Orte vertreiben, wo er seine Garnison eingelegt hat.

In demselben Maße, wie man die Exorcismen verdoppelte, verdoppelte er seine Versuchungen, so daß die Glocke Tag und Nacht ertönte und das heiße Verlangen des Reumüthigen nach Abtödtung des Fleisches kund gab.

Die Mönche hatten Tag und Nacht keine Ruhe mehr; sie mußten den ganzen Tag die Treppe auf- und abspringen, welche zu der Kapelle führte; in der Nacht waren sie außer den Completen und Frühmetten noch genöthigt, sich zwanzigmal aus ihren Betten zu erheben und auf den Boden ihrer Zellen niederzustürzen.

Man weiß nicht, ob der Teufel nachließ, oder ob die Mönche müde wurden; nur so viel ist gewiß, daß der Reumüthige nach Verlauf von drei Monaten mit dem Ruf des furchtbarsten Besessenen, der je gelebt, wieder in der Welt erschien.

Als er das Kloster verließ, trat er in die Magistratur, wurde nach seinem Oheim Parlaments-Präsident, schlug sich auf die Partei Richelieu’s, was nicht wenig Scharfsinn verrieth, erhielt seine Ernennung als Kanzler, diente Sr. Eminenz mit dem größten Eifer in seinem Hasse gegen die Königin Mutter und in seiner Rache gegen Anna von Oesterreich; stachelte die Richter in der Angelegenheit von Chalais auf, unterstützte die Versuche des Herrn von Laffemas, Großwildmeisters von Frankreich, und erhielt endlich, in das volle, so wohl erworbene Vertrauen des Kardinals eingesetzt, den seltsamen Auftrag, zu dessen Vollstreckung er sich bei der Königin einfand.

Die Königin stand noch bei seinem Eintritte, aber so bald sie ihn gewahr wurde, setzte sie sich nieder in ihr Fauteuil und gab ihren Frauen ein Zeichen, auf ihre Kissen und Tabourets niederzusitzen. In höchst stolzem Tone fragte Anna von Oesterreich:

»Was wollt Ihr, mein Herr? und in welcher Absicht erscheint Ihr hier?«

»Um hier im Namen des Königs und in aller Ehrfurcht, die ich Ew. Majestät schuldig bin, eine genaue Durchsuchung Eurer Papiere anzustellen.«

»Wie? mein Herr! eine Durchsuchung meiner Papiere! Mir dies! Das ist eine unwürdige Handlungsweise.«

»Wollt mir vergeben, Madame, aber unter diesen Umständen bin ich nur das Werkzeug, dessen sich der König bedient. Ist Se. Majestät nicht so eben von hier weggegangen? Hat er Euch nicht selbst aufgefordert, dieses Besuchs gewärtig zu sein?«

»Sucht also, mein Herr. Ich bin, wie es scheint, eine Verbrecherin; Estefania, gebt ihm die Schlüssel zu meinen Tischen und meinen Secretären.«

Der Kanzler suchte der Form wegen in diesen Meubeln, aber er wußte wohl, daß die Königin den Brief, welchen sie am Tage geschrieben, in keinem derselben verschließen würde.

Nachdem der Kanzler zwanzigmal die Schubladen des Secretärs geöffnet und wieder verschlossen hatte, mußte er, wie sehr er auch zögerte, seinen Auftrag zu Ende führen, das heißt, die Königin selbst durchsuchen. Der Kanzler trat gegen Anna von Oesterreich vor und sagte mit äußerst verlegenem Ton und verwirrter Miene:

»Nun habe ich noch die Hauptdurchsuchung vorzunehmen.«

»Welche?« fragte die Königin, die nicht begriff oder vielmehr nicht begreifen wollte.

»Seine Majestät weiß gewiß, daß heute ein Brief von Euch geschrieben worden und daß derselbe noch nicht an seine Adresse abgegangen ist. Dieser Brief findet sich weder in Eurem Tische noch in Eurem Secretär, und doch ist er irgendwo.«

»Solltet Ihr es wagen, Hand an Eure Königin zu legen!« rief Anna von Oesterreich, sich hoch aufrichtend und einen Blick auf den Kanzler heftend, dessen Ausdruck beinahe drohend wurde.

»Ich bin ein getreuer Unterthan des Königs, Madame, und Alles, was Seine Majestät mir befiehlt, werde ich thun.«

»Wohl, das ist wahr,« sprach Anna von Oesterreich, »und der Herr Kardinal ist von seinen Spionen gut bedient worden. Ich habe heute einen Brief geschrieben und dieser ist noch nicht abgegangen. Hier ist der Brief.«

Und die Königin legte hiebei ihre schöne Hand an den Leib.

»Dann gebt mir diesen Brief, Madame,« sprach der Kanzler.

»Ich werde ihn nur dem König geben, mein Herr,« sagte Anna.

»Wäre es des Königs Wille gewesen, den Brief selbst in Empfang zu nehmen, so würde er ihn von Euch gefordert haben. Aber ich wiederhole Euch, er hat mich beauftragt, ihn zu fordern, und wenn Ihr mir denselben nicht geben solltet…«

»Nun?«

»So bin ich ebenfalls beauftragt, ihn zu nehmen.«

»Wie? was wollt Ihr damit sagen?«

»Daß meine Befehle weit gehen, Madame, und daß ich bevollmächtigt bin, das verdächtige Papier sogar an der Person Eurer Majestät zu suchen.«

»Wie abscheulich!« rief die Königin.

»Wollt Euch also etwas leichter ergeben, Madame.«

»Dieses Benehmen ist eine schändliche Gewaltthat; wißt Ihr das, mein Herr?«

»Der König befiehlt, Madame, entschuldigt.«

»Ich werde es nicht dulden, nein, nein, eher sterben!« rief die Königin, bei der sich das kaiserliche Blut der Spanierin und Oesterreicherin empörte.

Der Kanzler machte eine tiefe Verbeugung; mit der klaren Absicht, keinen Zollbreit von der Erfüllung des Auftrags, den er übernommen, zurückzuweichen, und wie es etwa ein Henkersknecht in der Folterkammer hätte thun mögen, näherte er sich Anna von Oesterreich, aus deren Augen man jetzt Thränen der Wuth hervorstürzen sah.

Die Königin war, wie gesagt, eine große Schönheit. Der Auftrag konnte als äußerst delikat angesehen werden, aber der König war durch seine Eifersucht gegen Buckingham so weit gekommen, daß er gegen Niemand mehr Eifersucht fühlte.

Ohne Zweifel suchte der Kanzler Seguier in dieser Minute mit seinen Augen den Strang der berüchtigten Glocke, da er ihn aber nicht fand, so faßte er seinen Entschluß und streckte die Hand nach dem Orte aus, wo das Papier nach dem Geständniß der Königin verwahrt war. Anna von Oesterreich wurde so bleich, daß man hätte glauben sollen, sie würde sterben; einen Schritt rückwärts machend, stützte sie sich, um nicht zu fallen, mit der linken Hand auf einen Tisch, der hinter ihr stand, zog mit der rechten ein Papier aus ihrem Busen hervor, und reichte es dem Siegelbewahrer.

»Nehmt, hier ist der Brief!« rief die Königin mit zitternder Stimme, »nehmt und befreit mich von Eurer gehässigen Gegenwart.«

Der Kanzler, der ebenfalls von einer leicht begreiflichen Aufregung zitterte, nahm den Brief, verbeugte sich bis zur Erde und trat ab.

Kaum war die Thüre hinter ihm geschlossen, als die Königin halb ohnmächtig in die Arme ihrer Frauen sank.

Der Kanzler trug den Brief zum König, ohne ein einziges Wort zu lesen. Der König ergriff ihn mit zitternder Hand, suchte die Adresse, welche fehlte, wurde sehr bleich, öffnete ihn langsam und las den Inhalt sehr rasch, als er bei den ersten Worten bemerkte, daß er an den König von Spanien gerichtet war.

Es war ein förmlicher Angriffsplan gegen Richelieu. Die Königin forderte ihren Bruder und den Kaiser von Oesterreich auf, sich zu stellen, als würden sie, verletzt durch die Politik Richelieu’s der sich unablässig mit der Erniedrigung des Hauses Oesterreich beschäftigte, Frankreich den Krieg erklären, und sodann als Friedensbedingung die Entfernung des Kardinals zu fordern; aber von Liebe stand kein Wörtchen in dem Briefe.

Hocherfreut darüber, erkundigte sich der König, ob der Kardinal noch im Louvre sei. Man sagte ihm. Seine Eminenz erwarte im Arbeitskabinet die Befehle Sr Majestät.

Der König begab sich sogleich zu ihm.

»Hört, Herzog,« sprach er, »Ihr hattet Recht, und ich hatte Unrecht. Die ganze Intrigue ist politischer Natur, und die Liebe wird in diesem Briefe von keiner Silbe berührt. Dagegen ist sehr viel von Euch die Rede.«

Der Kardinal nahm den Brief und las ihn mit der größten Aufmerksamkeit. Nachdem er damit zu Ende war, las er ihn noch einmal.

»Gut, Ew. Majestät,« sagte er. »Ihr seht, wohin meine Feinde zielen. Man bedroht Euch mit zwei Kriegen, wenn Ihr mich nicht entfernt. An Eurer Stelle, Sire, würde ich in der That bei so mächtigem Andringen nachgeben, und ich würde mich wahrhaft glücklich fühlen, mich von den Geschäften zurückziehen zu dürfen.«

»Was sagt Ihr da, Herzog?«

»Ich sage, Sire, daß meine Gesundheit in diesen Kämpfen zu Grunde geht; ich sage, daß ich aller Wahrscheinlichkeit nach die Strapazen der Belagerung von La Rochelle nicht aushalten kann, und daß Ihr besser Herrn von Condé oder Herrn von Bassompierre oder irgend einen tapfern Mann, der seinem Stande nach zum Kriegsführen bestimmt ist, hiezu ernennen würdet, aber nicht mich, der ich ein Mann der Kirche bin, und den man beständig von seinem Beruf abzieht, um ihn zu Dingen zu gebrauchen, für welche er keine Geschicklichkeit besitzt. Ihr werdet glücklicher im Innern und, ich zweifle nicht daran, auch nach außen größer sein.«

»Mein Herr Herzog,« sprach der König, »ich begreife, seid nur ruhig. Alle diejenigen, welche in diesem Briefe genannt sind, und die Königin selbst, sollen nach Verdienst bestraft werden.«

»Was sagt Ihr, Sire? Gott behüte mich, daß die Königin meinetwegen die geringste Unannehmlichkeit erfahre; sie hat mich immer für ihren Feind gehalten, Sire, obgleich Ew. Majestät bezeugen kann, daß ich stets ihre Partie, sogar gegen Euch genommen habe. Oh! wenn sie Ew. Majestät in Beziehung auf die Ehre verriethe, dann wäre es etwas Anderes und ich wäre der Erste, der sagen müßte: keine Gnade für die Schuldige! Zum Glück ist dem nicht so, und Eure Majestät haben einen neuen Beweis hiefür erlangt.«

»Das ist wahr, Herr Kardinal,« erwiederte der König, »und Ihr habt Recht, wie immer. Aber die Königin verdient darum nicht minder meinen ganzen Zorn.«

»Ihr habt den ihrigen auf Euch gezogen, Sire, und wenn sie Ew. Majestät ernstlich grollen würde, so könnte ich es wohl begreifen! …«

»So werde ich stets meine Feinde und die Eurigen behandeln, Herzog, so hoch sie gestellt sein mögen, und welche Gefahr ich auch bei strenger Behandlung derselben laufen könnte.«

»Die Königin ist meine Feindin, aber nicht die Eurige, Sire. Sie ist im Gegenteil eine gehorsame und tadellose Gattin. Laßt mich also für sie ein Wort einlegen.« –

»Sie demüthige sich und komme mir zuerst entgegen.«

»Im Gegentheil, Sire, gebt Ihr das Beispiel. Ihr habt zuerst Unrecht gehabt, denn in Euch ist der Verdacht gegen die Königin entstanden.«

»Ich den ersten Schritt thun?« sagte der König. »Nie!«

»Sire, ich flehe Euch an.«

»Uebrigens, wie sollte ich ihr zuerst entgegenkommen?«

»Indem Ihr irgend Etwas veranstaltet, wovon Ihr wißt, daß es ihr angenehm ist.«

»Was?«

»Gebt einen Ball. Ihr wißt, wie gerne die Königin tanzt. Ich stehe dafür, daß ihr Groll gegen eine solche Aufmerksamkeit nicht Stand halten wird.«

»Mein Herr Kardinal, es ist Euch bekannt, daß ich die weltlichen Freuden nicht liebe.«

»Die Königin wird Euch um so dankbarer sein, weil sie Eure Antipathie gegen dieses Vergnügen kennt. Ueberdies wird es ihr eine Gelegenheit bieten, die schönen Diamant-Nestelstifte zu tragen, die Ihr Eurer Gemahlin an ihrem Namenstag geschenkt habt, ohne daß sie sich bis jetzt damit schmücken konnte.«

»Wir werden sehen, Herr Kardinal, wir werden sehen,« sagte der König, der, voll Freude darüber, daß die Königin eines Verbrechens, um das er sich nichts kümmerte, schuldig, und in Betreff eines Vergehens, das er so sehr fürchtete, unschuldig befunden worden, sehr geneigt war, sich mit ihr auszusöhnen; »wir werden sehen, aber bei meiner Ehre, Ihr seid zu nachsichtig.«

»Sire,« sprach der Kardinal, »überlaßt die Strenge Euren Ministern, die Nachsicht ist eine königliche Tugend; wendet sie an, und Ihr werdet Euch überzeugen, daß Ihr Euch gut dabei befindet.«

Als der Kardinal sodann die Uhr elf schlagen hörte, machte er eine tiefe Verbeugung, bat den König, sich beurlauben zu dürfen, und forderte ihn, ehe er sich entfernte, noch einmal auf, sich mit der Königin zu versöhnen.

Anna von Oesterreich, welche in Folge des ihr abgenommenen Briefes Vorwürfe erwartete, war sehr erstaunt, als sie den König am andern Tage Annäherungsversuche machen sah. Ihre erste Bewegung war zurückweisend. Der Stolz der Frau und die Würde der Königin waren so grausam verletzt worden, daß sie sich nicht sogleich von diesem Schlag erholen konnte. Doch ließ sie sich von den Frauen ihrer Umgebung bereden und that, als wollte sie allmählig vergessen. Der König benützte den ersten Moment eines Entgegenkommens, um ihr zu sagen, er gedenke ein Fest zu geben.

Ein Fest war etwas so Seltenes für die arme Anna von Oesterreich, daß bei dieser Ankündigung, wie es der Kardinal vorhergesehen hatte, die letzte Spur ihres Grolles, wenn nicht in ihrem Herzen, doch wenigstens auf ihrem Gesichte verschwand. Sie fragte, an welchem Tage dieses Fest statt haben sollte, aber der König antwortete, er müsse sich über diesen Punkt mit dem Kardinal verständigen.

Der König fragte den Richelieu wirklich jeden Tag, wann das Fest gegeben werden solle, und jeden Tag schob Richelieu eine bestimmte Aeußerung darüber unter irgend einem Vorwande hinaus.

Am achten Tage nach der von uns mitgetheilten Scene bekam der Kardinal einen Brief mit dem Stempel von London, der nur folgende Zeilen enthielt:

»Ich habe sie, aber ich kann London nicht verlassen, weil es mir an Geld fehlt; schickt mir fünfhundert Pistolen, und vier bis fünf Tage nach Empfang derselben bin ich in Paris.«

An demselben Tag, wo der Kardinal diesen Brief empfangen hatte, richtete der König seine gewöhnliche Frage an ihn.

Richelieu zählte an den Fingern und sagte ganz leise zu sich selbst:

»Sie wird, schreibt sie, vier bis fünf Tage nach Empfang des Geldes ankommen; das Geld braucht vier bis fünf Tage, um dort anzukommen, sie braucht vier bis fünf Tage, um hierher zu kommen: das macht zehn Tage; nun rechnen wir noch conträre Winde, etwaige Unfälle, Weiberschwäche dazu, und setzen wir zwölf Tage.«

»Nun, Herr Herzog,« sprach der König, »habt Ihr Eure Rechnung gemacht?«

»Ja, Sire, heute ist der 20. September; der Rath der Stadt Paris giebt am 3. Oktober ein Fest. Das trifft vortrefflich zusammen: dann sieht es nicht aus, als ob Ihr Euch so große Mühe gäbet, um die Königin zu versöhnen.«

»Doch,« fügte der Kardinal bei, »vergeßt nicht, Sire, am Vorabend des Festes Ihrer Majestät zu sagen, daß Ihr zu sehen wünscht, wie ihr die diamantenen Nestelstifte stehen.«

XVII.

Die Haushaltung Bonacieux.

Es war das zweite Mal, daß der Kardinal der diamantenen Nestelstifte gegen den König erwähnte. Ludwig XIII. war über diese Wiederholung betroffen und dachte, es müsse ein Geheimniß dahinter liegen, daß er ihm diesen Gegenstand so dringend empfahl.

Mehr als einmal hatte sich der König dadurch gedemüthigt gesehen, daß der Kardinal, der eine vortreffliche Polizei besaß, obgleich diese noch nicht die Vollendung der modernen Polizei erreicht hatte, über das, was in seinem eigenen Haushalt vorging, besser unterrichtet war, als er selbst. Er hoffte nun aus einem Gespräch mit Anna von Oesterreich einiges Licht zu gewinnen und sodann mit irgend einem Geheimniß, das der Kardinal mühte, zur Eminenz zurückzukehren, was ihn in den Augen seines Ministers unendlich erhöhen müßte.

Er suchte deßhalb die Königin auf und knüpfte seiner Gewohnheit gemäß die Unterredung mit neuen Drohungen gegen ihre Umgebung an. Anna von Oesterreich senkte den Kopf, ließ den Strom verlaufen, ohne zu antworten, und hoffte, er werde am Ende von selbst stille stehen; aber das war es nicht, was Ludwig XIII. wollte. Ludwig XIII. wollte einen Wortwechsel, aus dem irgend ein Lichtfunke hervorspringen würde, denn er war überzeugt, daß der Kardinal einen Hintergedanken habe und ihm eine von jenen furchtbaren Ueberraschungen bereite, welche Seine Eminenz herbeizuführen wußte. Er gelangte zu diesem Ziele durch seine Beharrlichkeit im Anschuldigen.

»Aber,« rief Anna von Oesterreich, dieser unbestimmten, schwankenden Angriffe müde, »aber, Sire, Ihr sagt mir nicht Alles, was Ihr auf dem Herzen habt; was habe ich denn gethan? Sprecht, welches Verbrechen habe ich begangen? Es ist nicht möglich, daß Ew. Majestät all diesen Lärmen wegen eines Briefes machen, den ich an meinen Bruder geschrieben.«

Seinerseits so direct angegriffen, wußte der König nicht, was er antworten sollte. Er dachte, dies sei der geeignete Augenblick, die Aufforderung anzubringen, die er erst am Vorabend des Festes machen sollte.

»Madame,« sprach er mit Hoheit, »es wird alsbald ein Ball im Rathhaus stattfinden. Ich erwarte, daß Ihr unsern braven Rathsherrn die Ehre anthun werdet, daselbst in Ceremonienkleidern und besonders mit den diamantenen Nestelstiften, die ich Euch an Euerem Namensfest gegeben habe, zu erscheinen. Das ist meine Antwort.«

Die Antwort war furchtbar; Anna von Oesterreich glaubte, Ludwig XIII. wisse Alles, und der Kardinal habe ihn zu dieser sechs- bis siebentägigen Verstellung bestimmt, die übrigens in seinem Charakter lag. Sie wurde todesblaß, stützte ihre bewunderungswürdig schöne Hand, welche jetzt von Wachs zu sein schien, auf eine Console, schaute den König mit erschrockenen Augen an und antwortete keine Sylbe.

»Ihr versteht, Madame,« sagte der König, der sich an dieser Verlegenheit in seiner ganzen Ausdehnung ergötzte, aber ohne die Ursache zu errathen, »Ihr versteht?«

»Ja, Sire, ich verstehe,« stammelte die Königin.

»Ihr werdet auf diesem Balle erscheinen?«

»Ja!«

»Mit Euren Nestelstiften?«

»Ja!«

Die Blässe der Königin nahm wo möglich noch zu, der König bemerkte es und waidete sich daran mit jener kalten Grausamkeit, welche eine der schlimmsten Seiten seines Charakters bildete.

»Dann ist die Sache abgemacht,« sprach der König, »und das ist Alles, was ich Euch zu sagen hatte.«

»Aber an welchem Tage soll der Ball stattfinden?« fragte Anna von Oesterreich.

Ludwig XIII. fühlte instinktmäßig, daß er auf diese Frage, welche die Königin mit beinahe ersterbender Stimme gethan hatte, nicht antworten durfte.

»Sehr bald, Madame,« sagte er, »aber ich erinnere mich nicht mehr genau des Datums und werde den Kardinal fragen.«

»Also hat Euch der Kardinal dieses Fest angekündigt!« rief die Königin. – »Ja, Madame,« erwiederte der König erstaunt. »Aber warum dies?« – »Er hat Euch gesagt, Ihr sollet mich auffordern, dabei mit diesen Nestelstiften zu erscheinen.« – »Das heißt, Madame …« – »Er, Sire!« – »Was liegt daran, ob er oder ich? Ist diese Aufforderung etwa ein Verbrechen?« – »Nein, Sire!« – »So werdet Ihr also erscheinen?« – »Ja, Sire!« –»Gut,« sprach der König sich entfernend, »ich zähle darauf.«

Die Königin machte eine Verbeugung, weniger aus Etikette, als weil ihre Kniee unter ihr brachen.

Der König schien entzückt.

»Ich bin verloren,« murmelte die Königin, »verloren, denn der Kardinal weiß Alles. Und er ist es, der den König antreibt, welcher nichts weiß, aber bald Alles erfahren wird. Ich bin verloren! Mein Gott! mein Gott! mein Gott!«

Sie knieete auf ein Kissen nieder und betete, den Kopf zwischen die zitternden Arme gesenkt.

Ihre Lage war in der That furchtbar. Buckingham war nach London zurückgekehrt. Frau von Chevreuse befand sich in Tours. Strenger als je überwacht, hatte die Königin eine geheime Ahnung, daß sie von einer ihrer Frauen verrathen wurde, ohne sich sagen zu können, von welcher. La Porte konnte den Louvre nicht verlassen. Sie hatte nicht eine Seele auf der Welt, der sie sich anvertrauen durfte.

Bei dem Unglück, das sie bedrohte, und bei der Verlassenheit, der sie preisgegeben war, brach sie in heftiges Schluchzen aus.

»Kann ich Ew. Majestät nichts nützen?« sprach plötzlich eine Stimme voll Sanftmuth und Mitleid.

Die Königin wandte sich lebhaft um, denn man konnte sich im Ausdruck dieser Stimme nicht täuschen: es war eine Freundin, welche so sprach.

An einer der Thüren, welche in das Gemach der Königin führten, erschien wirklich die hübsche Frau Bonacieux; sie war, als der König eintrat, damit beschäftigt gewesen, Kleider und Weißzeug in einem Kabinet zu ordnen. Sie konnte sich nicht entfernen und hatte Alles gehört. Die Königin stieß einen durchdringenden Schrei aus, als sie sich überrascht sah; denn in ihrer Angst erkannte sie anfangs die junge Frau nicht, die ihr La Porte gegeben hatte.

»O, fürchtet nichts, Madame,« sagte die junge Frau, die Hände faltend und selbst über die Bangigkeit der Königin weinend. »Ich gehöre Ew. Majestät mit Leib und Seele, und so fern ich Euch stehe, so untergeordnet meine Stellung ist, so glaube ich doch das Mittel gefunden zu haben, Ew. Majestät aller Pein zu entziehen.«

»Ihr! O Himmel, Ihr!« rief die Königin. »Aber seht, schaut mir ins Gesicht. Ich bin von allen Seiten verrathen; kann ich mich Euch anvertrauen?«

»O, Madame!« rief die junge Frau auf die Kniee fallend, »o, bei meiner Seele, ich bin bereit, für Euch zu sterben!«

Dieser Ruf kam aus der Tiefe des Herzens und man konnte sich über seine Wahrheit so wenig täuschen, als bei dem ersten.

»Ja,« fuhr Frau Bonacieux fort, »ja es gibt Verräther hier. Aber bei der heiligen Jungfrau beschwöre ich Euch, daß Niemand ergebener sein kann, als ich es Ew. Majestät bin. Diese Nestelstifte, welche der König fordert, habt Ihr dem Herzog von Buckingham gegeben, nicht wahr? Diese Nestelstifte waren in einem Kistchen von Rosenholz verschlossen, das er unter seinem Arm trug. Täusche ich mich? ist es nicht so?«

»Oh! mein Gott! mein Gott!« murmelte die Königin, der die Zähne vor Angst klapperten.

»Nun,« fuhr Frau Bonacieux fort, »man muß diese Nestelstifte wieder bekommen.« – »Ja, allerdings, das muß sein!« rief die Königin, »aber wie soll man dies machen, wie dazu gelangen?« – »Man muß Jemand zu dem Herzog schicken.« – »Aber wen? … wem mich anvertrauen?« – »Habt Vertrauen zu mir, Madame; erweist mir diese Ehre, und ich werde den Boten finden.« – »Aber ich werde schreiben müssen!« – »Oh! ja, das ist unerläßlich. Zwei Worte von Ew. Majestät Hand und Euer Privatsiegel.« – »Aber diese zwei Worte sind meine Verdammung, die Ehescheidung, die Verbannung!« – »Ja, wenn sie in böse Hände fallen. Aber ich stehe dafür, daß diese zwei Worte ihrer Adresse zugestellt werden.« – »O mein Gott! Ich muß also mein Leben, meine Ehre, meinen Ruf in Eure Hände legen.« – »Ja, ja, Madame, das muß sein, und ich werde Alles dies retten!« – »Aber wie? sagt mir dies wenigstens.« – »Mein Gatte ist vor zwei oder drei Tagen in Freiheit gesetzt worden, ich habe noch nicht Zeit gehabt, ihn zu sehen; er ist ein braver, ehrlicher Mann, der weder Haß noch Liebe für irgend Jemand hegt. Er wird thun, was ich haben will. Er wird auf einen Befehl von mir abreisen, ohne zu wissen, was er mit sich trägt, und den Brief Ew. Majestät an seine Adresse abgeben, ohne zu erfahren, daß er von Eurer Majestät herrührt.«

Die Königin ergriff die zwei Hände der jungen Frau mit leidenschaftlicher Begeisterung, schaute sie an, als wollte sie in der Tiefe ihres Herzens lesen, und küßte sie zärtlich, als sie nur Aufrichtigkeit in ihren schönen Augen gewahr wurde.

»Thu‘ dies,« rief sie, »und Du hast mir das Leben, Du hast mir die Ehre gerettet!« – »O, schlaget den Dienst, den ich Euch zu leisten so glücklich bin, nicht allzuhoch an. Ich habe Ew. Majestät, die nur das Opfer treuloser Komplotte ist, nichts zu retten.« – »Das ist wahr, das ist wahr, mein Kind,« sprach die Königin, »und Du hast Recht.« – »Gebt mir also den Brief, Madame, die Zeit drängt.«

Die Königin lief nach einem Tischchen, worauf sich Dinte, Papier und Federn befanden. Sie schrieb zwei Zeilen, versiegelte den Brief mit ihrem Siegel und stellte ihn Frau Bonacieux zu.

»Nun aber,« sagte die Königin, »nun aber vergessen wir eine sehr notwendige Sache.« – »Welche?« – »Das Geld.«

Frau Bonacieux erröthete.

»Ja, das ist wahr,« sagte sie, »und ich gestehe Eurer Majestät, daß mein Mann …« – »Dein Mann hat keines, nicht wahr, das willst Du mir sagen?« – »Gewiß, er hat, aber er ist sehr geizig, das ist sein Fehler. Uebrigens dürfen sich Ew. Majestät hiedurch nicht beunruhigen lassen, wir werden Mittel finden …« – »Ich habe auch keines,« sprach die Königin (diejenigen, welche die Memoiren der Frau von Moteville lesen, werden über diese Antwort nicht staunen), »aber warte!«

Anna von Oesterreich eilte nach ihrem Geschmeidekästchen.

»Halt,« sagte sie, »hier ist ein Ring von großem Werthe, wie man mich versichert. Er kommt von meinem Bruder, dem König von Spanien; er gehört mir, und ich kann darüber verfügen. Nimm diesen Ring, mach ihn zu Gelde und schick Deinen Mann auf die Reise.«

»In einer Stunde soll Euch gehorcht sein.«

»Du siehst die Adresse,« fügte die Königin bei, indem sie so leise sprach, daß man kaum hören konnte, was sie sagte: »An Mylord Herzog von Buckingham in London.«

»Der Brief soll ihm selbst eingehändigt werden.«

»Edelmüthiges Kind!« rief Anna von Oesterreich.

Frau Bonacieux küßte der Königin die Hände, verbarg das Parier in ihrem Schnürleib und verschwand mit der Leichtigkeit eines Vogels.

Zehn Minuten nachher war sie in ihrem Hause. Sie hatte, wie sie der Königin gesagt, ihren Gatten, seid er in Freiheit gesetzt worden war, nicht wieder gesehen und wußte nichts von der Veränderung, welche in ihm, in Beziehung auf den Kardinal vorgegangen war; einer Veränderung, die durch die Schmeichelei und das Geld seiner Eminenz bewerkstelligt und seitdem durch einige Besuche des Grafen von Rochefort gekräftigt worden, welche der beste Freund von Bonacieux wurde und diesen ohne alle Mühe glauben machte, die Entführung seiner Frau sei nicht durch irgend eine Schuld herbeigeführt worden, sondern er habe sie nur als eine politische Vorsichtsmaßregel zu betrachten.

Sie fand Herr Bonacieux allein: der arme Mann brachte mit großer Anstrengung wieder Ordnung in das Haus, dessen Geräthe er beinahe alles zertrümmert, und dessen Schränke er beinahe leer fand, da die Gerechtigkeit nicht zu den drei Dingen gehört, von denen der König Salomo sagt, daß sie keine Spuren ihres Erscheinens zurücklassen. Die Magd war bei der Verhaftung ihres Herrn entflohen. Des armen Mädchens hatte sich ein solcher Schrecken bemächtigt, daß sie von Paris bis in ihr Heimathland Burgund eilte.

Der würdige Krämer hatte sogleich nach seiner Rückkehr in sein Haus seine Frau benachrichtigt, und diese hatte ihm hieraus mit ihrem Glückwunsche und mit der Ankündigung geantwortet, daß der erste Augenblick, wo sie sich ihren Verpflichtungen entziehen könne, vollständig einem Besuche bei ihm gewidmet werden solle.

Dieser erste Augenblick ließ fünf Tage auf sich warten, was unter allen andern Umständen Meister Bonacieux sehr lange vorgekommen sein würde: aber er hatte in dem Besuche, den er dem Kardinal gemacht, und in den Besuchen, die ihm Rochefort machte, reichlichen Stoff zum Nachdenken gefunden, und bekanntlich verkürzt nichts die Zeit so sehr, als das Nachdenken. Ueberdies waren die Betrachtungen von Bonacieux insgesammt rosenfarbig. Rochefort nannte ihn seinen Freund, seinen lieben Bonacieux, und versicherte ihn unaufhörlich, der Kardinal halte große Stücke auf ihn. Der Krämer sah sich bereits auf dem Weg der Ehre und des Glückes.

Frau Bonacieux hatte ihrerseits auch nachgedacht, allerdings über etwas ganz Anderes, als über den Ehrgeiz. Unwillkürlich kam ihr immer und immer wieder der schöne, muthige, junge Mann in den Sinn, der so verliebt schien. Mit achtzehn Jahren an Herrn Bonacieux verheirathet, stets unter den Freunden ihres Gatten lebend, welche gar wenig geeignet waren, einer jungen Frau, deren Herz hoch über ihrer bürgerlichen Stellung stand, Gefühle einzuflößen, war Madame Bonacieux unempfindlich für gewöhnliche Verführung geblieben; der Titel eines Edelmannes übte besonders in dieser Epoche einen großen Einfluß auf das Bürgerthum aus, und d’Artagnan war Edelmann; überdies trug er die Uniform der Garden, welche nach der Musketier-Uniform bei den Damen in der höchsten Achtung stand. Er war, wir wiederholen es, schön, jung, abenteuerlich. Er sprach von Liebe wie ein Mann, welcher liebt und nach Gegenliebe dürstet; darin lag mehr, als es bedurfte, um ein dreiundzwanzigjähriges Köpfchen zu verdrehen. Und Frau Bonacieux war gerade bei diesem glücklichen Lebensalter angelangt.

Die zwei Gatten trafen also, obgleich sie sich seit mehr als acht Tagen nicht gesehen hatten, obgleich im Verlauf dieser Woche wichtige Ereignisse unter ihnen vorgefallen waren, nicht ohne allen Zwang wieder zusammen; dessenungeachtet gab Herr Bonacieux eine wahre Freude kund und ging mit offenen Armen auf seine Frau zu.

Frau Bonacieux bot ihm die Stirne.

»Sprechen wir ein wenig,« sagte sie.

»Wie?« fragte Bonacieux erstaunt.

»Ja, allerdings; ich habe Dir eine Sache von der größten Wichtigkeit mitzutheilen.«

»In der That, ich habe ebenfalls einige sehr ernsthafte Fragen an Dich zu richten. Ich bitte Dich, erkläre mir ein wenig Deine Entführung.«

»Es handelt sich in diesem Augenblicke nicht hievon,« sagte Frau Bonacieux.

»Und wovon handelt es sich denn? von meiner Gefangenschaft?«

»Ich habe sie an demselben Tage erfahren; aber da Du keines Verbrechens, keiner Intriguen schuldig warst, da Du nichts wußtest, was Dich oder sonst Jemand hätte gefährden können, so legte ich nicht mehr Gewicht auf dieses Ereigniß, als es verdiente.«

»Ihr sprecht freundlich, Madame!« versetzte Bonacieux verletzt durch die geringe Theilnahme, welche seine Frau für ihn an den Tag legte. »Wißt Ihr, daß ich einen Tag und eine Nacht in einem Kerker der Bastille saß!«

»Ein Tag und eine Nacht sind bald vorüber. Lassen wir Deine Gefangenschaft und kommen wir auf das, was mich hieher führt.«

»Wie? was Dich hieher führt! Also nicht das Verlangen, einen Gatten wiederzusehen, von dem Du seit acht Tagen getrennt bist?« fragte der Krämer in äußerst gereiztem Tone.

»Zuerst dies und dann etwas Anderes.«

»Sprich!«

»Eine Sache von dem größten Interesse, wovon vielleicht unser zukünftiges Glück abhängt.«

»Unser zukünftiges Glück hat sich bedeutend verändert, seitdem ich Dich nicht mehr gesehen habe, und es sollte mich nicht wundern, wenn uns in einigen Monaten gar viele Leute darum beneiden würden.«

»Ja, besonders wenn Du die Anweisungen befolgen willst, die ich Dir geben werde.«

»Mir?«

»Ja, Dir! Es ist eine gute und heilige Handlung zu vollbringen, mein Freund, und vielleicht viel Geld dabei zu gewinnen.«

Frau Bonacieux wußte, daß sie ihren Mann bei der schwachen Seite faßte, wenn sie von Geld sprach.

Aber ein Mensch, und wäre es auch ein Krämer, ist, wenn er zehn Minuten mit dem Kardinal von Richelieu gesprochen hat, nicht mehr derselbe Mensch.

»Viel Geld zu gewinnen!« – sagte Bonacieux. –»Ja, viel!«

– »Wie viel ungefähr?« – »Etwa tausend Pistolen.« – »Was Du von mir zu verlangen hast, ist also sehr wichtig?« – »Ja!«

– »Was ist zu thun?« – »Du reisest sogleich ab, ich gebe Dir ein Papier, das Du unter keinem Vorwand aus Deinen Händen lassest, und nur an seine Adresse abgibst.« – »Und wohin soll ich reisen?« – »Nach London.« – »Ich nach London! Geh, Du scherzest; ich habe nichts in London zu thun!« – »Aber für Andere ist es nothwendig, daß Du dahin gehst.« – »Wer sind die Anderen? Ich sage Dir, daß ich nichts mehr blindlings thue, und will nicht nur wissen, welchen Gefahren ich mich aussetze, sondern für wen ich mich aussetze.« – »Eine vornehme Person schickt Dich, eine vornehme Person erwartet Dich. Die Belohnung wird Deine Wünsche übertreffen. Das ist Alles, was ich Dir versprechen kann.« – »Abermals Intriguen! immer Intriguen! ich danke, ich traue jetzt nicht mehr, und der Herr Kardinal hat mich hierüber aufgeklärt.« – »Der Kardinal?« rief Frau Bonacieux, »hast Du den Kardinal gesehen?« – »Er hat mich rufen lassen,« antwortete der Krämer stolz. – »Und Du hast seiner Einladung Folge geleistet, unkluger Mann?« – »Ich muß gestehen, daß es nicht in meiner Wahl stand, mich zu ihm zu begeben oder nicht; denn ich befand mich zwischen zwei Wachen. Ich kann nicht läugnen, daß ich, da ich damals Seine Eminenz nicht kannte, sehr entzückt gewesen wäre, mich von diesem Besuche frei machen zu können.« – »Er hat Dich also mißhandelt? er hat Dich bedroht?« – »Er hat mir die Hand gereicht und mich seinen Freund genannt – seinen Freund! hörst Du wohl? Ich bin der Freund des großen Kardinals!« – »Des großen Kardinals!« – »Wollt Ihr ihm vielleicht diesen Titel streitig machen, Madame?« – »Ich bestreite nichts, ich sage nur, daß die Gunst eines Ministers eine Eintagsfliege ist, und daß man ein Thor sein muß, um sich an einen Minister zu hängen. Es gibt Gewalten, die über den seinigen stehen, und nicht auf der Laune eines Menschen oder dem Ausgang eines Ereignisses beruhen; mit diesen Gewalten muß man sich verbinden.« – »Es thut mir leid, Madame, aber ich kenne keine andere Gewalt, als die des großen Mannes, dem ich zu dienen die Ehre habe.« – »Du dienst also dem Kardinal?« – »Ja, Madame, und als sein Diener werde ich nicht zugeben, daß Ihr Euch in Komplotte gegen die Sicherheit des Staates einlasset, und eine Frau, die keine Französin ist und ein spanisches Herz hat, in ihren Intriguen unterstützt. Zum Glück ist der große Kardinal da. Sein wachendes Auge dringt bis in die Tiefe des Herzens.«

Bonacieux wiederholte Wort für Wort eine Phrase, die er vom Grafen von Rochefort gehört hatte. Aber die arme Frau, die auf ihren Gatten gerechnet und sich in dieser Hoffnung bei der Königin für ihn verantwortlich gemacht hatte, zitterte darum nicht minder über die Gefahr, in die sie sich beinahe gestürzt, so wie über die Ohnmacht, in welche sie sich versetzt sah. Da sie jedoch die Schwäche und besonders die Habgier ihres Mannes kannte, so verzweifelte sie noch nicht daran, ihn zu ihrem Ziele zu lenken.

»Ah, Ihr seid ein Kardinalist, mein Herr,« rief sie, »ah! Ihr dient der Partei derjenigen, welche Eure Frau mißhandeln und Eure Königin beleidigen!« – »Die Privatinteressen sind nichts den allgemeinen Interessen gegenüber. Ich bin für diejenigen, welche den Staat retten,« sagte Bonacieux mit Pathos.

Das war abermals eine Phrase des Grafen von Rochefort, die er im Kopfe behalten hatte und hier gut angebracht glaubte.

»Und wißt Ihr, was der Staat ist, von dem Ihr sprecht?« sagte Frau Bonacieux die Achseln zuckend. »Begnügt Euch, ein Bürger ohne alle seine Unterscheidungen zu sein, und haltet Euch auf die Seite, welche Euch am meisten Vortheil bietet.« – »Ei, ei!« erwiederte Bonacieux, und schlug auf einen Sack mit gerundetem Wanste, der einen silbernen Ton von sich gab. »Was sagt Ihr hievon, Frau Predigerin?« – »Woher kommt dieses Geld?« – »Ihr errathet es nicht?« – »Vom Kardinal?« – »Von ihm und von meinem Freunde, dem Grafen von Rochefort.« – »Von dem Grafen von Rochefort! Aber das ist ja derjenige, welcher mich weggeschleppt hat.« – »Das kann sein, Madame.« – »Und Ihr nehmt Geld von diesem Menschen an?« – »Habt Ihr mir nicht gesagt, diese Entführung sei ganz politischer Natur gewesen?« – »Ja, aber der Zweck dabei war, mich zu einem Verrath an meiner Gebieterin zu veranlassen, mir durch Foltern Geständnisse zu erpressen, welche die Ehre und vielleicht das Leben der erhabenen Fürstin bloßstellen sollten.« – »Madame,« entgegnete Bonacieux, »Eure erhabene Fürstin ist eine treulose Spanierin, und was der große Kardinal thut, ist wohlgethan.« – »Mein Herr,« sprach die junge Frau, »ich kannte Euch als feig, geizig und einfältig, aber ich wußte nicht, daß Ihr ehrlos seid!« – »Madame,« sagte Bonacieux, der seine Frau nie zornig gesehen hatte und vor dem ehelichen Grimme zurückwich; »Madame, was sagt Ihr da?« – »Ich sage, daß Ihr ein Elender seid!« fuhr Madame Bonacieux fort, der es nicht entging, daß sie wieder einigen Einfluß auf ihren Gatten gewann. »Ah! Ihr treibt Politik, Ihr! und zwar kardinalistische Politik! Ah! Ihr verkauft um schnödes Gold Leib und Seele an den Teufel!« – »Nein, aber an den Kardinal.« – »Das ist ganz dasselbe. Wer Richelieu sagt, sagt Satan.« – »Schweigt, Madame, schweigt, man könnte Euch hören!« – »Ihr habt Recht, und ich würde mich Eurer Feigheit schämen.« – »Aber was verlangt Ihr denn von mir? laßt hören!« – »Ich habe Euch gesagt, mein Herr, daß Ihr stehenden Fußes abreisen und den Auftrag, dessen ich Euch würdige, sogleich vollziehen sollt, unter dieser Bedingung vergebe ich Alles, vergesse ich Alles; mehr noch« – sie reichte ihm die Hand – »ich schenke Euch wieder meine Freundschaft.«

Bonacieux war feig und geizig, aber er liebte seine Frau; er ließ sich erweichen. Ein Mann von fünfzig Jahren grollt einer Frau von dreiundzwanzig nicht lange. Madame Bonacieux sah, daß er schwankte, und sagte:

»Nun, seid Ihr entschlossen?« – »Aber, meine liebe Freundin, bedenkt doch einen Augenblick, was Ihr von mir fordert; London ist weit von Paris, sehr weit, und es ist vielleicht mit dem Auftrag, den Ihr mir gebt, Gefahr verbunden.« – »Was ist daran gelegen, wenn Ihr sie vermeidet?« – »Hört, Madame Bonacieux, hört,« sagte der Krämer, »ich widersetze mich entschieden Euerem Ansinnen: die Intriguen machen mir bange. Ich habe die Bastille gesehen. Brrrr! Die Bastille ist furchtbar. Wenn ich nur daran denke, überläuft mich eine Schauer. Man hat mich mit der Folter bedroht. Wißt Ihr, was die Folter ist? steile, die man einem zwischen die Beine treibt, bis die Knochen krachen! Nein, ich bin entschlossen, ich gehe nicht. Ei, der Teufel! warum geht Ihr nicht selbst? Denn in der That, ich glaube, daß ich mich jetzt in Beziehung auf Euere Person nicht getäuscht habe: Ihr seid ein Mann und noch dazu einer der wüthendsten.« – »Und Ihr, Ihr seid ein Weib, ein elendes, albernes, dummes Weib. Ah! Ihr habt Furcht! Nun wohl! wenn Ihr nicht in diesem Augenblick reist, lasse ich Euch auf Befehl der Königin verhaften und in die Bastille setzen, die Ihr so sehr fürchtet.«

Bonacieux versank in tiefes Nachdenken; er erwog reiflich in seinem Gehirne die zwei Grimme, den des Kardinals und den der Königin: der des Kardinals gewann in einem ungeheuer Grade die Oberhand.

»Laßt mich im Namen der Königin verhaften,« sprach er; »ich fordere meine Freilassung von Seiner Eminenz.«

Madame Bonacieux sah ein, daß sie zu weit gegangen war, und erschrack darüber, daß sie sich hatte so fortreißen lassen. Sie betrachtete einen Augenblick nicht ohne Bangigkeit dieses alberne Gesicht, auf dem eine unüberwindliche Entschlossenheit zu lesen war, wie gewöhnlich bei Albernen, welche Furcht haben.

»Nun gut, es sei so!« sagte sie, »Ihr habt vielleicht am Ende Recht; ein Mann sieht in der Politik weiter, als ein Weib, und Ihr besonders, Herr Bonacieux, der Ihr mit dem Kardinal gesprochen habt; aber dennoch ist es sehr hart,« fügte sie bei, »daß mein Gatte, daß ein Mann, aus dessen Liebe ich rechnen zu dürfen glaubte, mich so unfreundlich behandelt und meine Launen nicht befriedigt.«

»Weil Euere Launen zu weit führen könnten,« entgegnete Bonacieux triumphirend, »und weil ich nicht traue.«

»Ich werde also Verzicht leisten,« sprach die junge Frau seufzend, »gut, reden wir nicht mehr davon.«

»Wenn Ihr nur wenigstens sagen wolltet, was ich in London zu thun hätte,« fragte Bonacieux, dem es etwas spät einfiel, daß ihm Rochefort aufgetragen hatte, er solle die Geheimnisse seiner Frau zu erforschen suchen.

»Ihr braucht es nicht zu wissen,« antwortete die junge Frau, welche ein instinktmäßiges Mißtrauen nun wieder zurücktrieb, »es handelte sich um eine Bagatelle, wie sie die Frauen oft zu bekommen wünschen, um einen Einkauf, wobei viel zu gewinnen gewesen wäre.«

Aber je mehr sich die junge Frau vertheidigte, desto mehr kam Bonacieux auf die Meinung, das Geheimniß, welches sie ihm anzuvertrauen sich weigerte, müsse von großem Belang sein. Er beschloß deßhalb, sogleich zu dem Grafen von Rochefort zu laufen und ihm mitzutheilen, die Königin suche einen Boten, um ihn nach England zu schicken.

»Verzeiht, wenn ich Euch verlasse, meine liebe Madame Bonacieux,« sagte er, »aber da ich nicht wußte, daß Ihr kommen würdet, so hatte ich mich mit einem von meinen Freunden zusammenbestellt, ich komme sogleich wieder, und wenn Ihr eine halbe Minute auf mich warten wollt, so hole ich Euch ab, sobald ich meinen Freund abgefertigt habe, und führe Euch, da es bereits spät zu werden anfängt, in den Louvre zurück.«

»Ich danke, mein Herr,« erwiederte Madame Bonacieux. »Ihr seid nicht muthig genug, um mir von irgend einem Nutzen zu sein, und ich werde allein in den Louvre zurückkehren.«

»Wie es Euch gefällig ist, Madame Bonacieux,« versetzte der Exkrämer. »Werde ich Euch bald wieder sehen?«

»Ohne Zweifel; in der nächsten Woche wird mir mein Dienst hoffentlich einige Freiheit gönnen, und ich gedenke diese zu benützen, um die Ordnung in unsern Sachen wieder herzustellen, welche ein wenig durcheinander gebracht worden sein müssen.«

»Gut, ich erwarte Euch; Ihr seid mir nicht böse?«

»Ich! nicht im mindesten.«

»Also, auf baldiges Wiedersehen?«

»Gewiß.« Bonacieux küßte seiner Frau die Hand und entfernte sich rasch.

»Schön,« sagte Madame Bonacieux, als ihr Mann die Hausthüre geschlossen hatte und sie sich allein befand, »diesem Schwachkopf fehlte nichts mehr, als daß er ein Kardinalist wurde. Und ich, die ich der Königin dafür stand, ich, die ich meiner armen Gebieterin versprochen habe … Ah! mein Gott! mein Gott! sie wird mich für eine von den Elenden halten, von denen der Palast wimmelt und die man in ihre Nähe gebracht hat, um sie auszuspioniren. Ah! Herr Bonacieux, ich habe Euch nie sehr geliebt, aber jetzt steht es noch schlimmer! Ich hasse Euch und gebe Euch mein Wort, Ihr sollt es mir bezahlen.«

In dem Augenblicke, wo sie diese Worte sprach, vernahm sie einen Schlag an den Plafond, sie hob den Kopf in die Höhe und eine Stimme, welche durch die Decke kam, rief ihr zu: »Liebe Madame Bonacieux, öffnet mir die kleine Thüre und ich komme zu Euch hinab.«

XVIII.

Der Liebhaber und der Gatte.

»Aber, Madame Bonacieux,« sagte d’Artagnan, durch die Thüre eintretend, welche ihm die junge Frau öffnete, »erlaubt mir. Euch zu bemerken. Ihr habt da einen traurigen Mann.«

»Hörtet Ihr denn unser Gespräch?« fragte Madame Bonacieux lebhaft und schaute dabei d’Artagnan unruhig an.

»Vollkommen.«

»Aber, mein Gott, wie dies?«

»Durch ein mir bekanntes Verfahren, durch welches ich auch Euer etwas belebteres Gespräch mit der Polizei vernahm.«

»Und was habt Ihr von dem, was wir sagten, verstanden.«

»Tausenderlei Dinge. Vor allem, daß Euer Gatte ein armseliger Tropf ist; ferner daß Ihr glücklicher Weise in Verlegenheit seid, denn dies ist mir sehr angenehm, weil es mir Gelegenheit bietet. Euch zu Diensten zu sein, und Gott weiß, daß ich bereit bin, mich für Euch in die Flammen zu stürzen; endlich, daß die Königin eines braven, gescheiten und ergebenen Mannes zu einer Reise nach London bedarf. Ich besitze wenigstens zwei von diesen Eigenschaften, und hier bin ich.«

Madame Bonacieux antwortete nicht; aber ihr Herz schlug gewaltig vor Freude, und eine geheime Hoffnung erglänzte in ihren Augen.

»Und welche Bürgschaft könnt Ihr mir geben,« fragte sie, »wenn ich mich entschließe, Euch diese Sendung anzuvertrauen?« – »Meine Liebe für Euch. Sprecht, befehlt, was soll ich thun?« – »Mein Gott, mein Gott,« murmelte die junge Frau, »darf ich Euch ein solches Geheimnis anvertrauen, Herr? Ihr seid beinahe noch ein Kind.« – »Ich sehe schon, daß irgend Jemand für mich gut stehen müßte.« – »Ich kann nicht leugnen, daß mich dies ungemein beruhigen würde.« – »Kennt Ihr Athos?« – »Nein!« – »Porthos?« – »Nein!« – »Aramis?« – Nein. Wer sind diese Herren?« – »Musketiere des Königs. Kennt Ihr Herrn von Treville, ihren Kapitän?« – »O ja, diesen kenne ich; nicht persönlich, aber ich habe oft von ihm als einem braven und rechtschaffenen Edelmann sprechen hören.« – »Ihr fürchtet nicht, von ihm an den Kardinal verrathen zu werden, nicht wahr?« – »O nein, gewiß nicht.« – »Nun, so enthüllt diesem Euer Geheimniß, und fragt ihn, ob Ihr es mir, so wichtig, so kostbar, so furchtbar es auch sein mag, anvertrauen könnt?« – »Aber das Geheimniß gehört nicht mir und ich kann es nicht auf diese Art enthüllen.« – »Ihr wolltet es Herrn Bonacieux anvertrauen,« sprach d’Artagnan etwas ärgerlich. – »Wie man einen Brief einem hohlen Baume, dem Flügel einer Taube, dem Halsbande eines Hundes anvertraut.« – »Und doch seht Ihr wohl, daß ich Euch liebe.« – »Ihr sagt es.« – »Ich bin ein gefälliger Mann!« – »Ich glaube es.« – »Ich habe Muth.« – »Oh! davon bin ich überzeugt.« – »Dann stellt mich auf die Probe.«

Madame Bonacieux schaute den jungen Mann mit einem letzten Zögern an. Aber es lag ein solcher Eifer in seinen Augen, eine solche Überzeugungskraft in seiner Stimme, daß sie sich hingezogen fühlte, d’Artagnan sich anzuvertrauen. Ueberdieß befand sie sich in einem jener Verhältnisse, wo man Alles für Alles wagen muß. Die Königin war eben so wohl durch eine zu große Zurückhaltung, als durch ein zu großes Vertrauen verloren. Dann müssen wir gestehen, daß das Gefühl, welches sich unwillkürlich für diesen jungen Beschützer in ihr regte, ihr vollends den Mund verschloß.

»Hört,« sprach sie, ich füge mich Eueren Betheuerungen, ich gebe Eueren Versicherungen nach; aber ich schwöre Euch vor Gott, der uns hört, daß ich, wenn Ihr mich verrathet und meine Feinde mich tödten, Euch meines Todes anklage.«

»Und ich schwöre Euch vor Gott, Madame,« sagte d’Artagnan, »daß ich, wenn ich bei der Vollziehung Euerer Befehle ergriffen werde, sterbe, ehe ich irgend etwas thue oder sage, was einen Menschen gefährden könnte.«

Hierauf vertraute ihm die junge Frau das furchtbare Geheimniß an, das ihm der Zufall theilweise vor der Samaritaine geoffenbart hatte.

Das war ihre gegenseitige Liebeserklärung.

D’Artagnan strahlte vor Stolz und Freude. Das Geheimniß, welches er nun besaß, die Frau, die er liebte, das Vertrauen und die Liebe machten ihn zum Riesen.

»Ich reise,« sagte er, »ich reise auf der Stelle.« – »Wie! Ihr reist!« rief Madame Bonacieux, »und Euer Kapitän, Euer Regiment? – »Bei meiner Seele! Ihr habt mich das ganz und gar vergessen gemacht, liebe Constanze. Ja, Ihr habt Recht, ich bedarf eines Urlaubs.« – »Abermals ein Hinderniß!« murmelte Madame Bonacieux schmerzlich. – »Oh! was dieses betrifft,« rief d’Artagnan nach kurzem Bedenken, »seid ruhig, ich werde es zu beseitigen wissen.« – »Wie dies?« – »Ich suche noch diesen Abend Herrn von Treville auf und veranlasse ihn, seinen Schwager, Herrn des Essarts, um diese Gunst für mich zu bitten.« – »Nun, noch etwas Anderes.« – »Was?« fragte d’Artagnan, als er sah, daß Madame Bonacieux fortzufahren zögerte. – »Habt Ihr vielleicht kein Geld?« –»Vielleicht ist zu viel,« erwiederte d’Artagnan lächelnd. – »Gut,« versetzte Madame Bonacieux, öffnete einen Schrank und zog daraus den Sack, den ihr Gatte vor einer halben Stunde so verliebt gestreichelt hatte; »gut, so nehmt diesen Sack.« – »Den Sack des Kardinals!« rief d’Artagnan mit lautem Lachen, denn er hatte, wie man sich erinnert, durch Wegnahme seiner Fließen keine Silbe von der Unterredung des Krämers und seiner Frau verloren. – »Ja freilich,« antwortete Madame Bonacieux; »Ihr seht, daß er sich unter einer sehr ehrwürdigen Gestalt präsentirt.« – »Bei Gott!« rief d’Artagnan, es wird doppelt belustigend sein, die Königin mit dem Gelde Seiner Eminenz zu retten!« – »Ihr seid ein liebenswürdiger und artiger junger Mann,« sagte Madame Bonacieux. »Glaubt mir, Ihre Majestät wird nicht undankbar sein.«

»Oh! ich bin bereits großartig belohnt,« rief d’Artagnan. »Ich liebe Euch. Ihr erlaubt mir, es Euch zu sagen, das ist bereits mehr Glück, als ich zu hoffen wagte.« – »Stille,« sprach Madame Bonacieux zitternd. – »Was?«

»Man spricht auf der Straße.« –

»Es ist die Stimme …« –

»Meines Mannes, ja ich erkenne sie.« –

D’Artagnan lief an die Thüre, und stieß den Riegel vor.

»Er wird nicht eher eintreten, als bis ich weggegangen bin,« sprach er, »und dann öffnet Ihr ihm.«

»Aber ich sollte ebenfalls weggegangen sein. Wie ließe sich das Verschwinden des Geldes rechtfertigen, wenn ich hier wäre?« – »Ihr habt Recht, wir müssen fortgehen.« – »Wie dies? Er wird uns gehen sehen.« – »Dann müssen wir in meine Wohnung hinauf.« – »Ach! rief Madame Bonacieux, »Ihr sagt mir dies in einem Tone, der mich bange macht.«

Madame Bonacieux sprach diese Worte mit einer Thräne in den Augen. D’Artagnan gewahrte diese Thräne und warf sich beunruhigt, gerührt vor ihr auf die Kniee.

»Bei mir,« sagte er, »seid Ihr so sicher, wie in der Kirche, darauf gebe ich Euch mein Edelmannswort.«

»So laßt uns gehen,« erwiederte sie; »ich traue Euch, mein Freund.«

D’Artagnan öffnete vorsichtig den Riegel wieder. Beide schlüpften leicht wie Schatten durch die innere Thüre des Ganges, stiegen geräuschlos die Treppe hinauf und traten in das Zimmer d’Artagnans.

Sobald sich der junge Mann hier befand, verbarrikadierte er zu größerer Sicherheit die Thüre; dann näherten sich beide dem Fenster und sahen durch einen Spalt des Ladens Herrn Bonacieux, der mit einem in einen Mantel gehüllten Mann sprach.

Beim Anblick dieses Mannes im Mantel sprang d’Artagnan auf und stürzte mit halbgezogenem Degen nach der Thüre. Es war der Mann von Meung.

»Was wollt Ihr thun?« rief Madame Bonacieux, »Ihr richtet uns zu Grunde.« – »Aber ich habe geschworen, diesen Menschen zu tödten!« sagte d’Artagnan. – »Euer Leben ist in diesem Augenblick Andern geweiht und gehört nicht Euch. Ich verbiete Euch im Namen der Königin, Euch in irgend eine Gefahr zu begeben, außer in die der Reise.« – »Und in Eurem Namen befehlt Ihr mir nichts?« – »In meinem Namen,« sagte Madame Bonacieux äußerst bewegt, »in meinem Namen bitte ich Euch. Aber horchen wir! Es scheint mir, sie sprechen von mir.« D’Artagnan näherte sich dem Fenster und lauschte.

Herr Bonacieux hatte die Thüre wieder geöffnet und kehrte, als er die Wohnung leer fand, zu dem Manne im Mantel zurück, den er einen Augenblick allein gelassen hatte.

»Sie ist fort,« sprach er, »sie wird in den Louvre zurückgekehrt sein.« – »Ihr wißt gewiß,« erwiederte der Fremde, »daß sie nicht vermuthet, in welcher Absicht Ihr weggegangen seid?«

– »Allerdings,« antwortete Bonacieux mit anmaßendem Tone. »Es ist eine zu gedankenlose Frau.« – »Ist der Gardecadet zu Hause?« – »Ich glaube nicht. Sein Laden ist, wie Ihr seht, geschlossen, und man sieht kein Licht durch die Spalten glänzen.« – »Gleich viel, man sollte sich vergewissern.« – »Wie dies?« – »Indem man an die Thüre klopfen würde.« – »Ich werde nach seinem Bedienten fragen.« – »Geht!«

Bonacieux kehrte in sein Haus zurück, ging durch dieselbe Thüre, durch welche die zwei Flüchtlinge geschlüpft waren, stieg bis zu dem Vorplatze d’Artagnan’s hinauf und klopfte.

Niemand antwortete. Um eine größere Figur zu spielen, hatte Porthos diesen Abend Planchet entlehnt. D’Artagnan hütete sich wohl, ein Lebenszeichen von sich zu geben.

Im Augenblick, wo der Finger von Bonacieux an der Thüre ertönte, schlugen die Herzen der jungen Leutchen gewaltig.

»Es ist Niemand zu Hause,« sagte Bonacieux. – »Gut, doch gehen wir immerhin zu Euch hinein. Wir sind sicherer als auf einer Thürschwelle.« – »Ach, mein Gott,« murmelte Madame Bonacieux, »wir werden nichts mehr hören.« – »Im Gegentheil,« sprach d’Artagnan, »wir hören nur besser.«

D’Artagnan hob die drei bis vier Fließen auf, welche aus seinem Zimmer ein zweites Dionysiusrohr machten, breitete einen Teppich auf dem Boden aus, legte sich auf die Kniee und gab Madame Bonacieux durch ein Zeichen zu verstehen, sie möge sich, wie er, gegen die Oeffnung neigen.

»Ihr wißt gewiß, daß Niemand zu Hause ist,« sprach der Unbekannte. – »Ich stehe dafür,« sagte Bonacieux – »Und Ihr glaubt, daß Euere Frau …« – »In den Louvre zurückgekehrt ist.« – »Ohne mit irgend Jemand zu sprechen, außer mit Euch?« – »Ich bin dessen gewiß.« – »Das ist ein wichtiger Punkt, versteht Ihr.« – »Also hat die Nachricht, die ich Euch überbracht habe, einigen Werth? …« – »Einen sehr großen Werth, mein lieber Bonacieux, ich will es Euch nicht verbergen.« – »Dann wird der Kardinal mit mir zufrieden sein.« – »Ich zweifle nicht daran.« – »Der große Kardinal!« – »Ihr wißt gewiß, daß Euere Frau in Euerer Unterredung mit Euch keinen Eigennamen ausgesprochen hat.« – »Ich glaube nicht.« – »Sie hat weder Frau von Chevreuse, noch Herrn von Buckingham, noch Frau von Vernet genannt?« – »Nein, sie hat mir nur gesagt, sie wolle mich nach London schicken, um den Interessen einer vornehmen Person zu dienen.« – »Der Verräther!« murmelte Madame Bonacieux. – »Stille,« sagte d’Artagnan und nahm sie bei der Hand, die sie ihm, ohne daran zu denken, überließ.

»Wie dem sein mag,« fuhr der Mann im Mantel fort, »Ihr seid ein Thor, daß Ihr Euch nicht gestellt habt, als wollet Ihr den Auftrag übernehmen. Ihr hättet jetzt den Brief, der Staat, den man bedroht, wäre gerettet, und Ihr …« – »Und ich? … – »Nun, der Kardinal würde Euch in den Adelstand erheben.« – »Hat er Euch dies gesagt?« – »Ja, er wollte Euch diese Ueberraschung bereiten.« – »Seid ruhig,« erwiederte Bonacieux, »meine Frau betet mich an, und es ist noch Zeit.« – »Der Dummkopf!« murmelte Madame Bonacieux. – »Stille!« sagte d’Artagnan und drückte ihr die Hand noch stärker. – »Wie, ist es noch Zeit?« versetzte der Mann in dem Mantel. – »Ich kehre in den Louvre zurück, ich frage nach Madame Bonacieux, ich sage, ich habe mir die Sache überdacht, ich knüpfe die Angelegenheit wieder an, ich erhalte den Brief und laufe zu dem Kardinal.« – »Nun! geht geschwind. Ich werde bald zurückkehren, um den Erfolg Eueres Ganges zu erfahren.«

Der Unbekannte entfernte sich.

»Der Schändliche!« sagte Madame Bonacieux, sich mit diesem Beinamen abermals an ihren Gatten wendend.

»Stille!« wiederholte d’Artagnan, und drückte ihr die Hand immer stärker.

Ein furchtbares Gekreische unterbrach jetzt die Betrachtungen d’Artagnans und der Frau Bonacieux. Ihr Gatte hatte das Verschwinden seines Sackes bemerkt und schrie um Hilfe gegen Diebe.

»O mein Gott!« rief Madame Bonacieux, »er wird das ganze Quartier in Aufruhr bringen!«

Bonacieux schrie lange Zeit, aber da dergleichen Geschrei, weil es sehr häufig vorkam, Niemand nach der Rue des Fossoyeurs zog, und da überdies das Haus des Krämers seit einiger Zeit in ziemlich schlimmem Rufe stand, so ging er, als er Niemand kommen sah, hinaus, ohne in seinem Gekreische nachzulassen, und man hörte seine Stimme in der Richtung der Rue du Bac verhallen.

»Und nun, da er fort ist, ist es an Euch wegzugehen,« sagte Madame Bonacieux. »Muth und besonders Klugheit! Bedenkt, daß Ihr Euch der Königin weiht.«

»Ihr und Euch!« rief d’Artagnan, »seid ruhig, schöne Constanze, ich werde Ihrer Dankbarkeit würdig wiederkehren, aber werdet Ihr mich dann auch Eurer Liebe würdig halten?«

Die junge Frau antwortete nur durch eine lebhafte Röthe, welche ihre Wangen färbte. Einige Augenblicke nachher entfernte sich auch d’Artagnan, ebenfalls in einen großen Mantel gehüllt, aus welchem kavaliermäßig die Scheide eines langen Degens vorstand.

Madame Bonacieux folgte ihm mit jenem langen Liebesblicke, womit die Frau den Mann begleitet, von dem sie sich geliebt fühlt; aber nachdem er an der Straßenecke verschwunden war, fiel sie auf ihre Kniee, faltete die Hände und rief:

»O! mein Gott! mein Gott! beschütze die Königin, beschütze mich!«

XI.

Die Intrigue schürzt sich.

Als d’Artagnan seinen Besuch bei Herrn von Treville gemacht hatte, nahm er den weitesten Weg, um nach Hause zu gehen.

An was dachte d’Artagnan, als er sich so weit von seiner Straße entfernte, die Gestirne des Himmels betrachtete, bald seufzte, bald lächelte?

Er dachte an Frau Bonacieux. Für einen Musketierlehrling war diese junge Frau fast ein Liebesideal. Hübsch, mysteriös, beinahe in alle Geheimnisse des Hofes eingeweiht, welche so viel reizenden Ernst auf ihren anmuthigen Zügen wiederspiegelten, stand sie im Verdacht, nicht unempfindlich zu sein, was für Neulinge in der Liebe einen unwiderstehlichen Reiz bildet. Ueberdies hatte d’Artagnan sie aus den Händen dieser Teufel befreit, die sie mißhandeln und durchsuchen wollten. Und dieser wichtige Dienst hatte Dankbarkeitsgefühle bei ihr gegründet, welche so leicht einen zärtlicheren Charakter annehmen.

D’Artagnan sah bereits, so rasch gehen die Träume auf den Flügeln der Einbildungskraft, einen Boten von der jungen Frau vor sich, der ihm ein Rendezvousbillet, eine goldene Kette oder einen Diamant zustellte. Wir haben schon erwähnt, daß junge Cavaliere, ohne sich zu schämen, Geld von ihrem König annahmen; fügen wir noch bei, daß sie in jenen Zeiten leichter Moral auch vor ihren Geliebten nicht errötheten, und daß diese ihnen beinahe beständig kostbare und dauerhafte Erinnerungen zurückließen, als ob sie die Gebrechlichkeit ihrer Gefühle durch die Festigkeit ihrer Geschenke hätten gutmachen wollen.

Man machte damals seinen Weg durch die Frauen, ohne sich dessen zu schämen. Diejenigen, welche nur schön waren, gaben ihre Schönheit, und hievon rührt ohne Zweifel das Sprichwort: daß das schönste Mädchen der Welt nur das geben kann, was sie hat. Die Reichen gaben überdies einen Theil ihres Geldes, und man könnte gar manche Helden aus dieser galanten Epoche anführen, welche erstens ihre Sporen und zweitens ihre Schlachten nicht gewonnen hätten ohne die mehr oder minder gespickte Börse, die ihre Geliebte ihnen an den Sattelbogen befestigte.

D’Artagnan besaß nichts; die Blödigkeit des Provinzbewohners, – ein leichter Firniß, eine ephemere Blüthe, ein Pfirsichflaum, – war unter dem Winde der nicht sehr orthodoxen Rathschläge verdunstet, welche die drei Musketiere ihrem Freunde gaben. D’Artagnan betrachtete sich, nach dem seltsamen Gebrauch jener Zeit, in Paris wie im Felde, und dies nicht mehr und nicht weniger als in Flandern: der Spanier da unten, die Frau hier. Es gab überall Feinde, die man zu überwinden hatte, überall waren es Steuern, die man eintreiben zu müssen glaubte.

Aber wir können nicht leugnen, daß d’Artagnan in diesem Augenblick von einem edleren, uneigennützigeren Gefühle bewegt war. Der Krämer hatte ihm gesagt, er sei reich; der junge Mann konnte sich leicht denken, daß bei einem albernen Menschen, wie Herr Bonacieux, die Frau den Kassenschlüssel in der Hand haben mußte. Aber Alles dies übte durchaus keinen Einfluß auf die Empfindung aus, welche der Anblick der Frau Bonacieux hervorgebracht hatte, und das Interesse war diesem Liebesanfang, der Folge dieses Anblicks, beinahe fremd geblieben; wir sagen beinahe, denn der Gedanke, daß eine schöne, anmuthige, geistreiche junge Frau zu gleicher Zeit reich ist, benimmt diesem Liebesanfang durchaus nichts, sondern verstärkt ihn vielmehr. Es gibt bei der Wohlhabenheit eine Menge von aristokratischen Launen und Bedürfnissen, die der Schönheit sehr gut stehen. Ein feiner weißer Strumpf, ein seidenes Kleid, ein Spitzenbesatz, ein schöner Schuh am Fuß, ein frisches Band auf dem Kopfe machen eine häßliche Frau nicht hübsch, aber eine hübsche Frau schön, abgesehen von den Händen, die bei Allem dem gewinnen. Die Hände müssen bei den Frauen müßig bleiben, um schön zu bleiben

Dann war d’Artagnan, wie der Leser wohl weiß, da wir ihm seinen Vermögensstand nicht verborgen haben, kein Millionär; er hoffte, es eines Tags zu werden, aber die Zeit, die er selbst für diese glückliche Veränderung der Dinge feststellte, war ziemlich weit entfernt. Bis dahin, welche Verzweiflung, eine Frau die tausenderlei Kleinigkeiten verlangen zu sehen, die das Glück der Frauen bilden, und ihr eben diese tausenderlei Kleinigkeiten nicht geben zu können! Wenn die Frau reich ist und der Liebhaber nicht, so gibt sie sich selbst, was ihr der Liebhaber nicht bieten kann, und obgleich sie sich diesen Genuß gewöhnlich mit dem Gelde ihres Mannes verschafft, so fließt doch ihr Dank sehr selten diesem zu.

Geneigt, der zärtlichste Liebhaber zu sein, war d’Artagnan mittlerweile der ergebenste Freund. Mitten unter den verliebten Entwürfen auf die Frau des Krämers, vergaß er die seinigen nicht; die hübsche Bonacieux war ganz die Frau, die man auf der Ebene St. Denis oder auf dem Markte St. Germain spazieren führen konnte, in Gesellschaft von Athos, Porthos und Aramis, denen er eine solche Eroberung mit Stolz zeigen würde. Wenn man lang gegangen ist, stellt sich der Hunger ein; dies hatte d’Artagnan seit ewiger Zeit bemerkt. Man konnte da jene kleinen Diners einnehmen, wobei man auf der einen Seite die Hand eines Freundes und auf der andern den Fuß einer Geliebten berührt. Und dann konnte d’Artagnan in dringlichen Augenblicken und peinlichen Lagen der Retter seiner Freunde werden.

Herr Bonacieux aber, den d’Artagnan in die Hände der Sbirren gestoßen, den er laut verläugnet und dem er ganz leise Rettung versprochen hatte? Wir müssen unsern Lesern gestehen, daß d’Artagnan auf keine Weise hieran dachte, oder daß er, wenn er auch daran dachte, sich höchstens sagte, der Mann sei ganz gut da, wo er sich befinde, wo dies auch sein möchte. Für den Augenblick wollen wir es machen, wie der verliebte Gascogner; wir kommen jedoch später auf den würdigen Krämer zurück.

Während d’Artagnan seine zukünftige Liebe überdachte, mit der Nacht sprach und den Sternen zulächelte, ging er die Rue Cherche-Midi oder Chasse-Midi, wie man sie damals nannte, hinauf. Da er sich in dem Quartier von Aramis befand, so kam ihm der Gedanke, seinem Freund einen Besuch zu machen und ihm die Gründe auseinanderzusetzen, die ihn bewogen hatten, denselben durch Planchet zu einem augenblicklichen Besuch in der Mausfalle auffordern zu lassen. Wäre Aramis zu Hause gefunden worden, so würde er ohne Zweifel nach der Rue des Fossoyers gelaufen sein und dort Niemand als seine zwei Kameraden gefunden haben, welche eben so wenig, wie er selbst gewußt hätten, was dies bedeuten sollte. Diese Störung verdiente wohl aufgeklärt zu werden; das war es, was sich d’Artagnan ganz laut sagte.

Ganz leise dachte er, es sei für ihn eine Gelegenheit, von der hübschen, kleinen Bonacieux zu sprechen, welche seinen Geist, wenn auch nicht sein Herz, bereits gänzlich erfüllt hatte. Bei einer ersten Liebe darf man keine Discretion fordern; diese erste Liebe ist von so großer Freude begleitet, daß sie ausströmen muß, wenn sie uns nicht ersticken soll.

Paris war seit zwei Stunden düster und fing an, öde zu werden. Es schlug elf Uhr auf allen Glockentürmen des Faubourg St. Germain. Das Wetter war mild. D’Artagnan ging eine Gasse entlang, welche auf der Stelle lag, wo sich jetzt die Rue d’Assas hinzieht. Er athmete die balsamischen Ausdünstungen ein, welche der Wind aus der Rue de Vaugirard und den daran anstoßenden, vom Abendthau erfrischten Gärten herübertrug. Aus der Ferne tönte das durch gute Fensterläden etwas gedämpfte Geräusch der auf der Ebene zerstreuten Schenken. Am Ende der Gasse angelangt, wandte sich d’Artagnan nach links. Das von Aramis bewohnte Haus lag zwischen der Rue Cassette und der Rue Servandoni. D’Artagnan hatte bereits die Rue Cassette durchschritten und erkannte die Hausthüre seines Freundes, welche unter Sykomoren und Rebwinden vergraben war, die über derselben einen schweren Wulst bildeten, als er etwas wie einen Schatten erblickte, der aus der Rue Servandoni hervorkam. Dieses Etwas war in einen Mantel gehüllt und d’Artagnan hielt es Anfangs für einen Mann. Aber an der Feinheit des Wuchses und der Unsicherheit des Ganges erkannte er bald, daß es eine Frau war. Diese Frau schlug, als wäre sie ungewiß über das Haus, das sie suchte, die Augen auf, um sich zu orientieren, blieb stille stehen, kehrte sich um, ging einige Schritte rückwärts und wieder vorwärts. Das reizte die Neugierde d’Artagnan’s.

»Wenn ich ihr meine Dienste anböte,« dachte er; »an ihrem Wesen erkennt man, daß sie jung ist; vielleicht ist sie auch hübsch. Oh! ja. Aber eine Frau, welche um diese Zeit in den Straßen umherläuft, sucht in der Regel nichts Anderes, als ihren Liebhaber. Pest! Rendezvous zu stören, wäre eine schlimme Einleitung zu meinem Liebeshandel!«

Die junge Frau ging indessen immer vorwärts, und zählte die Häuser und Fenster. Das war übrigens weder schwierig noch langwierig. Es gab in diesem Theil der Straße nur drei Hotels und zwei Fenster, welche auf die Straße gingen. Das eine war das eines Pavillons, welcher mit der Wohnung von Aramis parallel lag, das andere das von Aramis selbst.

»Bei Gott,« sprach d’Artagnan, dem die Nichte des Theologen einfiel, zu sich selbst, »bei Gott es wäre drollig, wenn diese verspätete Taube das Haus unseres Freundes aufsuchte. Aber, bei meiner Seele, es sieht so aus. Ah, mein lieber Aramis, diesmal wollen wir Dir auf die Sprünge kommen.«

D’Artagnan machte sich so schmal als möglich und verbarg sich auf der dunkelsten Seite der Straße bei einer steinernen Bank, welche im Hintergrund einer Nische stand.

Die junge Frau schritt immer vorwärts; abgesehen von dem leichten Gang, der sie verrathen hatte, ließ sie ein leichtes Husten vernehmen, das eine äußerst frische Stimme offenbarte. D’Artagnan hielt es für ein Signal. Aber ob nun das Husten durch em gleichbedeutendes Zeichen erwiedert wurde, das der Unentschlossenheit der nächtlichen Sucherin ein Ende machte, oder ob sie ohne fremde Hülfe erkannt hatte, daß sie am Ziele ihrer Wanderung angelangt war, – sie näherte sich entschlossen dem Fensterladen von Aramis und klopfte dreimal in gleichen Zwischenräumen mit gekrümmtem Finger daran.

»Das ist allerdings bei Aramis,« murmelte d’Artagnan. »Ah, mein Herr Heuchler, ich ertappe Euch bei den theologischen Studien!«

Die Unbekannte hatte kaum dreimal geklopft, als der innere Kreuzstock sich öffnete und ein Licht durch den Laden sichtbar wurde.

»Ah, ah!« flüsterte der Horcher, »nicht durch die Thüren, sondern durch die Fenster, ah, ah! der Besuch war erwartet. Schön! der Laden wird sich öffnen und die Dame einsteigen. Sehr gut!«

Aber zum großen Erstaunen d’Artagnans blieb der Laden geschlossen, das Licht, welches einen Augenblick geflammt hatte, verschwand wieder, und Alles versank abermals in die frühere Dunkelheit.

D’Artagnan dachte, dies könne nicht lange so dauern, und horchte und schaute mit gespannten Ohren und weit geöffneten Augen. Er hatte Recht. Nach Verlauf einiger Sekunden ertönten zwei dumpfe Schläge im Innern.

Die junge Frau auf der Straße antwortete durch ein einmaliges Klopfen und der Laden öffnete sich.

Man kann sich leicht denken, mit welcher Gier d’Artagnan schaute und horchte.

Zum Unglück hatte man das Licht in ein anderes Zimmer gebracht. Aber die Augen des jungen Mannes waren an die Nacht gewöhnt. Ueberdieß haben die Augen der Gascogner, wie man versichert, die Eigenschaft, daß sie, wie die Katzen, in der Finsterniß sehen.

D’Artagnan bemerkte also, wie die junge Frau aus ihrer Tasche einen weißen Gegenstand herausholte, den sie lebhaft auseinanderwickelte, und der sodann die Gestalt eines Sacktuches annahm. Sobald dieser Gegenstand entwickelt war, zeigte sie der Person im Hause eine Ecke desselben.

Dies erinnerte d’Artagnan an das Taschentuch, das er zu den Füßen der Frau Bonacieux gefunden, und welches ihn an das zu den Füßen von Aramis gefundene erinnert hatte.

»Was Teufel konnte denn dieses Taschentuch bedeuten?«

Auf der Stelle, wo er stand, vermochte d’Artagnan das Gesicht von Aramis nicht zu sehen. Wir sagen, von Aramis, weil d’Artagnan nicht im Geringsten zweifelte, daß sein Freund es sei, der von innen mit der Dame außen sprach. Die Neugierde trug den Sieg über die Klugheit davon, und den Umstand benutzend, daß die zwei Personen, welche wir in Scene gesetzt haben, ganz von der Aufmerksamkeit gefesselt zu sein schienen, die sie dem Anblick des Taschentuchs widmeten, verließ er sein Versteck und drückte sich, rasch wie ein Blitz, aber mit gedämpften Tritten, an eine Mauerecke, von wo aus sein Auge vollkommen in’s Innere von Aramis Wohnung dringen konnte.

Hier angelangt, stieß d’Artagnan beinahe einen Schrei des Erstaunens aus. Nicht Aramis sprach mit dem nächtlichen Besuche, sondern eine Frau. D’Artagnan sah wohl genug, um die Form ihrer Kleidung zu erkennen, aber nicht genug, um ihre Züge zu unterscheiden.

In demselben Augenblick zog die Frau in der Wohnung ein zweites Taschentuch hervor, und vertauschte es mit dem, welches man ihr gezeigt hatte. Dann wurden einige Worte zwischen den zwei Frauen gewechselt, der Laden verschloß sich wieder, die Frau, welche sich außen befand, wandte sich um und ging auf vier Schritte, die Kappe ihres Mantels niederschlagend, an d’Artagnan vorüber; aber letztere Vorsichtsmaßregel war zu spät genommen worden, d’Artagnan hatte bereits Frau Bonacieux erkannt.

Frau Bonacieux! Dieser Verdacht hatte sich schon in seinem Geiste geregt, als sie das Taschentuch hervorzog; aber welche Wahrscheinlichkeit war vorhanden, daß Frau Bonacieux, die nach Herrn de la Porte geschickt hatte, um sich nach dem Louvre zurückführen zu lassen, allein um halb zwölf Uhr in der Nacht, auf die Gefahr, abermals verhaftet zu werden, in den Straßen umhergehen würde?

Es mußte also eine sehr wichtige Angelegenheit im Spiele sein, und was für wichtige Angelegenheiten gibt es für eine Frau von fünfundzwanzig Jahren? Die Liebe.

Aber setzte sie sich für eigene Rechnung oder für Rechnung einer andern Person solchen Zufällen aus? Das war es, was sich der junge Mann selbst fragte; denn der Dämon der Eifersucht nagte nicht mehr und nicht minder an seinem Herzen, als wenn er bereits ein in volles Recht eingesetzter Liebhaber gewesen wäre.

Es gab übrigens ein sehr einfaches Mittel, sich zu überzeugen, wohin Frau Bonacieux ging. Er brauchte ihr nur zu folgen, und dieses Mittel war so einfach, daß d’Artagnan es ganz von selbst und instinktmäßig anwandte.

Aber bei dem Anblick des jungen Mannes, der von der Mauer hervortrat, wie eine Statue aus ihrer Nische, und bei dem Geräusch der Tritte, die sie hinter sich erdröhnen hörte, stieß Frau Bonacieux einen kurzen Schrei aus und entfloh.

D’Artagnan lief ihr nach. Es wurde ihm nicht schwer, eine Frau zu erreichen, die durch ihren Mantel im Laufe gehemmt wurde. Er hatte sie also schon innerhalb des ersten Drittels der Straße eingeholt, in die sie sich flüchtete. Die Unglückliche war erschöpft, nicht vor Ermüdung, sondern vor Schrecken, und als ihr d’Artagnan die Hand auf die Schulter legte, stürzte sie auf die Kniee und schrie mit erschreckter Stimme:

»Tödtet mich, wenn Ihr wollt, aber Ihr sollt nichts erfahren.«

D’Artagnan schlang seinen Arm um ihren Leib und hob sie auf. Da er aber an ihrem Gewichte bemerkte, daß sie einer Ohnmacht nahe war, so beeilte er sich, sie durch Betheuerungen seiner Ergebenheit zu beruhigen. Diese Betheuerungen galten der Frau Bonacieux Nichts, denn man kann solche mit den schlimmsten Absichten der Welt geben, aber die Stimme war Alles. Die junge Frau glaubte den Klang dieser Stimme zu erkennen; sie öffnete die Augen, warf einen Blick auf den Mann, der ihr so bange gemacht hatte, erkannte d’Artagnan und stieß einen Freudenschrei aus.

»Ah, Ihr seid’s, Ihr seid’s,« sprach sie, »Gott sei gelobt!« – »Ja, ich bin’s,« erwiederte d’Artagnan, »Gott hat mich gesandt, über Euch zu wachen.« – »Seid Ihr mir in dieser Absicht gefolgt?« fragte mit kokettem Lächeln die junge Frau, deren etwas spöttischer Charakter wieder die Oberhand gewann, und deren Furcht gänzlich verschwunden war, seit sie in dem vermeintlichen Feind einen Freund erkannt hatte. – »Nein,« sprach d’Artagnan, »nein, ich gestehe es, der Zufall hat mich Euch in den Weg geführt. Ich sah eine Frau an das Fenster eines meiner Freunde klopfen.« –»Eines Eurer Freunde?« unterbrach ihn Frau Bonacieux. – »Allerdings; Aramis ist einer meiner besten Freunde.« – »Aramis? wer ist dies?« – »Geht doch! wollt Ihr etwa behaupten, Ihr kennet Aramis nicht?« – »Ich höre zum ersten Mal seinen Namen aussprechen.« – »Ihr kommt also auch zum ersten Mal an dieses Haus?« – »Allerdings!« – »Und Ihr wußtet nicht, daß es von einem jungen Menschen bewohnt war?« –»Nein.« – »Von einem Musketier?« – »Keineswegs.« – »Ihr habt also nicht ihn aufgesucht?« – »Durchaus nicht. Ueberdieß habt Ihr wohl gesehen, daß die Person, mit der ich sprach, eine Frau war.« – »Allerdings; aber diese Frau gehört wohl zu den Freundinnen von Aramis?« – »Ich weiß es nicht.« – »Da sie bei ihm wohnt.« – »Das geht mich nichts an.« – »Aber wer ist sie denn?« –»Oh! das ist nicht mein Geheimniß.« – »Liebe Frau Bonacieux, Ihr seid reizend, aber zugleich die geheimnißvollste Frau…« –»Verliere ich dabei?« – »Nein, Ihr seid im Gegentheil anbetungswürdig.« – »Dann gebt mir den Arm.« – »Sehr gerne; und nun? …« – »Nun führt mich.« – »Wohin?« – »Wohin ich gehe.« – »Aber wohin geht Ihr?« – »Ihr werdet es sehen, da Ihr mich an der Thüre verlassen müßt.« – »Soll ich Euch erwarten?« – »Das wird unnöthig sein.« – »Ihr werdet also allein zurückkehren?« – »Vielleicht ja, vielleicht nein.« – »Aber wird die Person, die Euch sodann begleitet, ein Mann oder eine Frau sein?« – »Ich weiß es noch nicht.« – »Das werde ich wohl erfahren.« – »Wie dies?« – »Ich werde Euch erwarten, um Euch herauskommen zu sehen.« – »In diesem Falle adieu!« – »Wie so?« – »Ich bedarf Eurer nicht.« – »Aber Ihr erbatet Euch ja…« – »Die Hülfe eines Edelmannes und nicht die Überwachung eines Spions.« – »Das Wort ist etwas hart.« – »Wie nennt man diejenigen, welche den Leuten ungeheißen folgen?« – »Indiscrete.« – »Das Wort ist zu weich.« – »Nun, Madame, ich sehe wohl, daß man alles thun muß, was Ihr haben wollt.« – »Warum habt Ihr Euch des Verdienstes beraubt, es sogleich zu thun?« – »Gibt es nicht Menschen, welche zu bereuen wissen?« – »Ihr bereuet also ernstlich? – »Ich weiß dies selbst nicht. Ich weiß nur so viel, daß ich Euch Alles zu thun verspreche, was Ihr haben wollt, wenn Ihr mich Euch bis dahin begleiten laßt, wohin Ihr geht.« – »Und Ihr verlaßt mich sodann?« – »Ja.« – »Ohne mich bei meinem Austritt zu bespähen?« – »Nein.« – »Auf Ehrenwort?« – »So wahr ich ein Edelmann bin!« – »Gebt mir Euren Arm und dann vorwärts!«

D’Artagnan bot seinen Arm der Frau Bonacieux, welche sich halb lachend, halb zitternd daran hing, und sie gewannen die Höhe der Rue de la Harpe. Hier angelangt, schien die junge Frau zu zögern, wie sie dies bereits in der Rue de Vaugirard gethan hatte. Aber sie erkannte wohl an gewissen Zeichen die Thüre, näherte sich dieser und sprach:

»Nun, mein Herr, hier habe ich Geschäfte. Ich danke Euch tausendmal für das ehrenvolle Geleite, das mich vor allen Gefahren beschützt hat; aber der Augenblick, Wort zu halten, ist gekommen. Ich bin am Orte meiner Bestimmung.«

»Und Ihr habt bei Eurer Rückkehr nichts mehr zu befürchten?«

»Ich habe nur die Diebe zu fürchten.«

»Ist das nichts?« »Was könnten sie mir nehmen? ich habe keinen Pfennig bei mir.«

»Ihr vergeßt das schön gestickte Taschentuch mit dem Wappen.«

»Welches?«

»Das, welches ich zu Euren Füßen gefunden und wieder in Eure Tasche gesteckt habe.«

»Schweigt, schweigt. Unglücklicher!« rief die junge Frau. »Wollt Ihr mich verderben?«

»Ihr seht, daß immer noch Gefahr für Euch vorhanden ist, da Euch ein einziges Wort zittern macht und Ihr eingesteht, daß Ihr verloren wäret, wenn man dieses Wort hören würde. Ah! Madame,« fuhr d’Artagnan fort, indem er ihre Hand ergriff und mit glühenden Blicken betrachtete, »seid edelmüthiger, vertraut Euch mir an; habt Ihr nicht in meinen Augen gelesen, daß in meinem Herzen nur Ergebenheit und Mitgefühl herrschen?«

»Allerdings,« antwortete Frau Bonacieux, »verlangt meine Geheimnisse von mir und ich werde sie Euch sagen; aber bei fremden Geheimnissen ist mir dies nicht möglich.«

»Gut,« sprach d’Artagnan, »ich werde sie zu entdecken wissen; da diese Geheimnisse Einfluß auf Euer Leben üben können, so müssen sie die meinigen werden.«

»Hütet Euch wohl,« rief die junge Frau mit einem Ernst, der d’Artagnan unwillkürlich beben machte. »Oh! mischt Euch auf keinerlei Weise in meine Angelegenheiten, sucht mich nicht in der Erfüllung meiner Aufgabe zu unterstützen, ich bitte Euch darum, bei der Theilnahme, die ich Euch einflöße, bei dem Dienste, den Ihr mir geleistet habt, und den ich in meinem ganzen Leben nicht vergessen werde. Glaubt vielmehr, was ich Euch sage. Beschäftigt Euch nicht mehr mit mir, ich sei für Euch gar nicht mehr vorhanden, es sei, als ob Ihr mich gar nicht gesehen hättet.«

»Muß Aramis dasselbe thun, wie ich?« fragte d’Artagnan gereizt.

»Ihr habt diesen Namen schon zwei- oder dreimal ausgesprochen, mein Herr, und ich sagte Euch doch, daß ich ihn nicht kenne.«

»Ihr kennt den Mann nicht, an dessen Laden Ihr geklopft habt? Ihr haltet mich doch für gar zu leichtgläubig, Madame!« »Gesteht, daß Ihr, um mich zum Sprechen zu veranlassen, diese Geschichte erfindet und diese Person schafft.«

»Ich erfinde nichts, ich schaffe nichts, Madame, ich sage die strenge Wahrheit.«

»Und Ihr behauptet, einer von Euren Freunden wohne in diesem Hause?«

»Ich behaupte und wiederhole es zum dritten Male, in diesem Hause wohnt mein Freund, und dieser Freund ist Aramis.«

»Alles das wird sich später erklären, für jetzt, mein Herr, schweigt.«

»Wenn Ihr mein Herz ganz unverhüllt sehen könntet,« sprach d’Artagnan, »so würdet Ihr darin so viel Neugierde lesen, daß Ihr Mitleid mit mir hättet, und so viel Liebe, daß Ihr sogleich eben diese Neugierde befriedigen würdet. Man hat von Liebenden nichts zu befürchten.«

»Ihr sprecht sehr rasch von Liebe, mein Herr,« sagte die junge Frau, den Kopf schüttelnd.

»Weil die Liebe mich rasch und zum ersten Male erfaßt hat, und weil ich noch nicht zwanzig Jahre alt bin.«

Die junge Frau schaute ihn verstohlen an.

»Hört, ich bin der Sache bereits auf der Spur,« versetzte d’Artagnan. »Vor drei Monaten hätte ich beinahe ein Duell mit Aramis wegen eines Taschentuchs gehabt, das ganz dem ähnlich ist, das Ihr der Frau, welche bei ihm war, gegen ein auf dieselbe Weise bezeichnetes Tuch vorwieset.«

»Mein Herr,« erwiederte die junge Frau, »ich schwöre Euch, Ihr ermüdet mich mit diesen Fragen.«

»Aber Ihr, die Ihr so klug seid, Madame, bedenkt doch: wenn man Euch verhaftete und dieses Taschentuch bei Euch fände, würdet Ihr hiedurch nicht gefährdet?«

»Warum denn, sind die Anfangsbuchstaben nicht die meinigen: C. B. Constance Bonacieux?«

»Oder Camille von Bois-Tracy.«

»Stille, mein Herr, stille! da die Gefahren, denen ich ausgesetzt bin, Euch nicht zurückhalten, so bedenkt, wie Ihr gefährdet seid.« »Ich?«

»Ja, Ihr, Eure Freiheit ist bedroht. Euer Leben steht auf dem Spiele, wenn Ihr mich kennt.«

»Dann verlasse ich Euch nicht mehr.«

»Mein Herr,« sprach die junge Frau flehend und die Hände faltend, »mein Herr, im Namen des Himmels, im Name der Ehre eines Militärs, im Namen der Ritterlichkeit eines Edelmannes, entfernt Euch; hört, es schlägt Mitternacht, es ist die Stunde, wo man mich erwartet.«

»Madame,« erwiederte der junge Mann sich verbeugend, »wenn man mich so bittet, kann ich nichts verweigern; seid ruhig, ich entferne mich.«

»Aber Ihr folgt mir nicht, Ihr bespäht mich nicht?«

»Ich gehe sogleich nach Hause.«

»Oh! ich wußte wohl, daß Ihr ein braver junger Mann seid!« rief Frau Bonacieux, indem sie ihm eine Hand reichte und die andere an den Klopfer einer beinahe in der Mauer verborgenen Thür legte.

D’Artagnan ergriff die Hand, die man ihm darbot, und bedeckte sie mit glühenden Küssen.

»Ach! ich wollte, ich hätte Euch nie gesehen,« rief d’Artagnan mit jener naiven Derbheit, welche die Frauen häufig den künstlichen Redensarten der Höflichkeit vorziehen, weil sie den Grund der Denkungsart enthüllt und zum Beweise dient, daß das Herz den Sieg über den Geist davon trägt.

»Nun!« erwiederte Frau Bonacieux, mit beinahe schmeichelndem Tone, und drückte dabei d’Artagnans Hand, welche die ihrige noch nicht losgelassen hatte, »nun! ich sage noch nicht so viel, wie Ihr: was für heute verloren ist, ist nicht für die Zukunft verloren. Wer weiß, ob ich nicht, wenn ich eines Tags entbunden bin. Eure Neugierde befriedige.«

»Und leistet Ihr meiner Liebe dasselbe Versprechen?« rief d’Artagnan in der höchsten Freude.

»Ah! von dieser Seite will ich mich zu nichts verpflichten, das hängt von den Gefühlen ab, die Ihr mir einzuflößen wissen werdet.«

»Also heute, Madame…« »Heute, mein Herr, stehe ich erst bei der Dankbarkeit!«

»Ah! Ihr seid zu reizend,« sprach d’Artagnan traurig, »und Ihr mißbraucht meine Liebe.«

»Nein, ich gebrauche Euern Edelmuth, das ist das Ganze. Aber glaubt mir, bei gewissen Menschen findet sich Alles wieder.«

»Oh! Ihr macht mich zum glücklichsten Sterblichen. Vergeßt diesen Abend nicht, gedenket dieses Versprechens.«

»Seid unbesorgt, zu geeigneter Zeit, an geeignetem Orte werde ich mich an Alles erinnern. Aber nun geht, geht in des Himmels Namen! Man erwartet mich auf den Schlag zwölf, und ich habe mich bereits verspätet.«

»Um fünf Minuten.«

»Ja, aber unter gewissen Umständen sind fünf Minuten fünf Jahrhunderte.«

»Wenn man liebt.«

»Ei! wer sagt Euch denn, daß ich es nicht mit einem Liebenden zu tun habe?«

»Ein Mann erwartet Euch,« rief d’Artagnan, »ein Mann?«

»Geht, soll der Streit schon wieder beginnen?« sprach Frau Bonacieux mit einem leichten Lächeln, das nicht ganz von Unruhe frei war.

»Nein, nein, ich gehe, ich gehe, ich entferne mich, ich glaube Euch, ich will das volle Verdienst meiner Ergebenheit haben, und wäre diese auch eine Albernheit. Gott befohlen, Madame! Gott befohlen!«

Und als fühlte er nicht die Kraft in sich, von der Hand, die er hielt, sich anders als durch ein gewaltsames Losreißen zu trennen, lief er rasch weg, während Frau Bonacieux, wie bei dem Fensterladen, dreimal langsam und in denselben Zwischenräumen klopfte; an der Ecke der Straße drehte er sich um; man hatte die Thüre geöffnet und wieder geschlossen. Die schöne Krämerin war verschwunden.

D’Artagnan setzte seinen Weg fort; er hatte sein Wort gegeben, Frau Bonacieux nicht zu beobachten, und hätte sein Leben von dem Orte, wohin sie ging, und von der Person, die sie begleiten sollte, abgehangen, d’Artagnan wäre nach Hause gegangen, weil er es zugejagt hatte. Nach fünf Minuten befand er sich in der Rue des Fossoyeurs.

»Armer Athos,« sprach er, »er wird nicht wissen, was dies heißen soll. Er ist ohne Zweifel, mich erwartend, eingeschlafen, oder nach Hause gegangen, und dort wird er erfahren haben, daß eine Frau in seine Wohnung gekommen ist. Eine Frau bei Athos. Uebrigens war auch eine bei Aramis,« fuhr d’Artagnan fort. »Das ist eine ganz seltsame Geschichte, und ich bin neugierig, wie das Alles enden wird.«

»Schlimm, gnädiger Herr, schlimm,« antwortete eine Stimme, an welcher der junge Mann Planchet erkannte, denn nach Art der Leute, welche ganz und gar von ihren Gedanken in Anspruch genommen sind, war er laut mit sich sprechend in den Gang gelangt, an dessen Hintergrund die Treppe lag, die nach seinem Zimmer führte.

»Wie so, schlimm? Was willst Du damit sagen, Dummkopf?« fragte d’Artagnan, »und was ist denn vorgefallen?« – »Alles mögliche Unglück.« – »Was denn?« – »Erstens hat man Athos verhaftet.« – »Verhaftet! Athos! verhaftet! Warum?« – »Man hat ihn in Eurer Wohnung gefunden und für Euch gehalten.« – »Und durch wen ist er verhaftet worden?« – »Durch die Wache, welche die schwarzen Menschen holen wollte, welche Ihr in die Flucht geschlagen habt.« – »Warum hat er nicht seinen Namen genannt? Warum hat er nicht gesagt, daß er gar nichts von dieser Angelegenheit wisse?« – »Er hat sich wohl gehütet, gnädiger Herr; er näherte sich mir im Gegentheil und sagte: ›Dein Herr bedarf seiner Freiheit in diesem Augenblick, ich nicht, da er Alles weiß und ich nichts. Man wird glauben, er sei verhaftet, und dadurch gewinnt er Zeit. In drei Tagen sage ich, wer ich bin, und dann muß man mich wohl gehen lassen.‹ – »Bravo, Athos! edles Herz, daran erkenne ich ihn,« murmelte d’Artagnan. »Und was thaten die Sbirren?« –»Vier haben ihn, ich weiß nicht wohin, nach der Bastille oder nach dem Fort-l’Evêque geführt, zwei sind mit den schwarzen Männern zurückgeblieben, welche alles durchsuchten und alle Papiere in Beschlag nahmen. Während dieser Expedition hielten die zwei letzten Wache vor der Thüre; sobald Alles zu Ende gebracht war, zogen sie ab und ließen das Haus leer und offen.« – »Und Porthos und Aramis?« – »Ich fand sie nicht, sie kamen nicht.« – »Aber sie können jeden Augenblick kommen, denn Du hast ihnen doch sagen lassen, daß ich sie erwarte?« – »Ja, gnädiger Herr.« – »Gut, geh nicht von der Stelle; wenn sie kommen, sage ihnen, was mir begegnet ist, sie mögen mich in der Herberge zum Fichtenapfel erwarten; hier ist Gefahr, das Haus kann bespäht werden. Ich laufe zu Herrn von Treville, um ihm alles mitzuteilen, und kehre dann zu ihnen zurück.« – »Ganz wohl, gnädiger Herr,« sprach Planchet. – »Aber Du bleibst. Du hast keine Furcht?« sagte d’Artagnan, noch einmal zurückkehrend, um seinem Diener Muth einzuschärfen. – »Seid ruhig,« erwiederte Planchet, »Ihr kennt mich noch nicht; ich bin muthig, wenn ich einmal anfange; ich brauche nur anzufangen; überdieß bin ich ein Picarde.« – »Abgemacht also,« sagte d’Artagnan: »Du läßt Dich eher tödten, als daß Du von deinem Posten weichst.« – »Ja, Herr, es gibt nichts, was ich nicht thun würde, um Euch meine Anhänglichkeit zu beweisen.« – »Gut,« sprach d’Artagnan zu sich selbst; »die Methode, welche ich bei diesem Burschen in Anwendung gebracht habe, scheint offenbar gut zu sein; ich werde bei Gelegenheit weiteren Gebrauch davon machen.«

Und mit der ganzen Geschwindigkeit seiner, durch die verschiedenen Märsche dieses Tages bereits etwas ermüdeten Beine lief d’Artagnan nach der Rue du Colombier.

Herr von Treville war nicht zu Hause; seine Compagnie hatte die Wache im Louvre; er war bei seiner Compagnie.

Man mußte nothwendig zu Herrn von Treville gelangen; es war sehr wichtig, ihn von allen Vorgängen in Kenntniß zu setzen. D’Artagnan beschloß, den Versuch zu machen, ob er in den Louvre könnte. Seine Uniform als Gardist von der Compagnie des Herrn des Essarts sollte ihm als Paß dienen.

Er ging also durch die Rue des Petits-Augustins hinab und an dem Quai hinauf, um den Pont Neuf zu erreichen. Einen Augenblick kam ihm der Gedanke, in der Fähre über den Fluß zu setzen; als er aber am Rande des Wassers stand, steckte er mechanisch die Hand in die Tasche und bemerkte, daß er kein Geld bei sich hatte, um den Fährmann zu bezahlen.

In dem Augenblick, wo er auf die Höhe der Rue Guenegaud gelangte, sah er aus der Rue Dauphine eine aus zwei Personen bestehende Gruppe hervorkommen, deren Erscheinung ihn sehr in Erstaunen setzte.

Die zwei Personen, welche die Gruppe bildeten, waren ein Mann und eine Frau.

Die Frau hatte die Gestalt der Frau Bonacieux, und der Mann war Aramis zum Täuschen ähnlich.

Die Frau trug überdies den schwarzen Mantel, dessen Umrisse d’Artagnan noch auf dem Laden der Rue Vaugirard und auf der Thüre der Rue de la Harpe vor sich sah.

Noch mehr, der Mann trug die Musketier-Uniform.

Die Mantelkappe der Frau war vorgeschlagen; der Mann hielt ein Sacktuch vor sein Gesicht; beide hatten, wie diese Vorsicht bewies, ein Interesse dabei, nicht erkannt zu werden.

Sie schlugen den Weg nach der Brücke ein; es war auch d’Artagnans Weg, da sich dieser nach dem Louvre begab. D’Artagnan folgte ihnen. Kaum hatte er aber zwanzig Schritte gemacht, als er überzeugt war, daß diese Frau nur Frau Bonacieux, dieser Mann nur Aramis sein könne.

Sogleich regte sich der ganze Argwohn der Eifersucht in seinem bewegten Herzen.

Er glaubte sich doppelt verrathen: von seinem Freunde und von derjenigen, welche er bereits wie eine Geliebte liebte. Frau Bonacieux hatte ihm bei allen Göttern geschworen, sie kenne Aramis nicht, und eine Viertelstunde nach diesem Schwur findet er sie am Arme von Aramis.

D’Artagnan bedachte nicht einmal, daß er die hübsche Frau erst seit drei Stunden kannte, daß sie ihm zu nichts verpflichtet war, als zu einiger Dankbarkeit für ihre Errettung aus den Händen der schwarzen Männer, und daß sie ihm gar nichts versprochen hatte. Er betrachtete sie als einen beleidigten, verachteten, verspotteten Liebhaber, das Blut und der Zorn stiegen ihm ins Gesicht, und er beschloß, sich Aufklärung über alles zu verschaffen.

Die junge Frau und der junge Mann bemerkten, daß man ihnen folgte, und verdoppelten ihre Schritte.

D’Artagnan lief schneller, überholte sie und kehrte sich gegen sie in dem Augenblicke um, wo sie sich vor der Samaritaine befanden, welche durch eine Laterne beleuchtet wurde, die ihr Licht über diesen Theil der Brücke verbreitete.

D’Artagnan blieb vor ihnen stehen und sie standen vor ihm stille.

»Was wollt Ihr, mein Herr?« fragte der Musketier, einen Schritt zurückweichend und mit einer fremdartigen Betonung, woraus d’Artagnan ersah, daß er sich in einem Theil seiner Vermuthung getäuscht habe.

»Das ist nicht Aramis,« rief er.

»Nein, mein Herr, es ist nicht Aramis, und da ich aus Eurem Ausrufe erkenne, daß Ihr mich für einen Andern gehalten habt, so vergebe ich Euch.«

»Ihr vergebt mir!« rief d’Artagnan.

»Ja,« erwiederte der Unbekannte, »laßt mich meines Wegs ziehen, da Ihr mit mir nichts zu schaffen habt.«

»Ihr habt Recht, mein Herr, ich habe mit Euch nichts zu thun, wohl aber mit dieser Frau.«

»Mit dieser Frau! Ihr kennt sie nicht,« sprach der Fremde.

»Ihr täuscht Euch, Herr, ich kenne sie.«

»Ah!« sagte Frau Bonacieux mit einem Tone des Vorwurfs, »ah, mein Herr, ich hatte Euer Ehrenwort als Militär und Edelmann und glaubte darauf zählen zu dürfen.«

»Und Ihr, Madame,« erwiederte d’Artagnan verlegen, »Ihr habt mir versprochen …«

»Nehmet meinen Arm, Madame,« sprach der Fremde, und wir wollen weiter gehen.«

Betäubt, niedergebeugt, vernichtet durch Alles, was ihm begegnete, blieb d’Artagnan indessen mit gekreuzten Armen vor dem Musketier und Frau Bonacieux stehen.

Der Musketier trat zwei Schritte vorwärts und suchte d’Artagnan mit der Hand auf die Seite zu schieben.

D’Artagnan sprang zurück und zog seinen Degen.

Zu gleicher Zeit und mit Blitzesschnelligkeit zog der Unbekannte ebenfalls vom Leder.

»Im Namen des Himmels, Mylord,« rief Frau Bonacieux, sich zwischen die Kämpfenden werfend und nach dem Degen greifend.

»Mylord,« rief d’Artagnan, plötzlich durch einen Gedanken erleuchtet, »Mylord, um Vergebung. Gnädiger Herr, solltet Ihr es sein …«

»Mylord Herzog von Buckingham,« sagte Frau Bonacieux mit lauter Stimme, »und nun könnt Ihr uns Alle ins Verderben stürzen.«

»Mylord und Madame, ich bitte um Vergebung, tausendmal um Vergebung; aber ich liebe, Mylord, und war eifersüchtig, und Ihr wißt, was lieben heißt, Mylord. Vergebt mir und sagt mir, wie ich mich für Eure Herrlichkeit kann tödten lassen?«

»Ihr seid ein braver junger Mann,« sprach Buckingham und reichte d’Artagnan eine Hand, die dieser ehrfurchtsvoll drückte. »Ihr bietet mir Eure Dienste, ich nehme sie an; folgt mir auf zwanzig Schritte bis zum Louvre, und wenn uns Jemand verfolgt, so tödtet ihn.«

D’Artagnan nahm seinen bloßen Degen unter den Arm, ließ Frau Bonacieux und den Herzog zwanzig Schritte vorausgehen und folgte ihnen, bereit, die Anweisung des edlen und eleganten Ministers von Carl I. buchstäblich zu vollstrecken.

Glücklicherweise hatte der junge Mann keine Gelegenheit, dem Herzog diesen Beweis von Ergebenheit abzulegen, und die junge Frau und der hübsche Musketier erreichten die Pforte des Louvre an der Rue de l’Echelle, ohne beunruhigt zu werden.

D’Artagnan begab sich sogleich nach der Schenke zum Fichtenapfel, wo er Porthos und Aramis fand, die seiner harrten.

Er gab ihnen keine nähere Erklärung über die Störung, die er beiden verursacht hatte, sondern sagte nur, er habe die Angelegenheit, wobei er ihren Beistand einen Augenblick für nothwendig erachtet, allein abgemacht. Fortgerissen durch den Gang unserer Erzählung, wollen wir die drei Freunde nach Hause gehen lassen und dem Herzog mit seiner Führerin in die Gänge des Louvre folgen.

XII.

George Villiers, Herzog von Buckingham.

Frau Bonacieux und der Herzog gelangten ohne Mühe in den Louvre; von Frau Bonacieux war es bekannt, daß sie im Dienste der Königin stand. Der Herzog trug die Uniform der Musketiere des Herrn von Treville, welche an diesem Abend die Wache hatten. Ueberdies war Germain im Interesse der Königin, und wenn etwas vorfiel, so wäre Frau Bonacieux ganz einfach beschuldigt worden, sie habe ihren Liebhaber in den Louvre gebracht; sie nahm das Verbrechen auf sich: ihr Ruf war allerdings verloren, aber welchen Werth hat in der Welt der Ruf einer kleinen Krämerin!

Sobald der Herzog und die junge Frau sich im Innern des Hofes befanden, gingen sie ungefähr zwanzig Schritte an einer Mauer hin. Nachdem sie diesen Raum durchwandert hatten, stieß Frau Bonacieux an eine kleine Thüre, welche bei Tag offen, aber in der Nacht gewöhnlich geschlossen war. Die Thüre gab nach, Beide traten ein und befanden sich in der Dunkelheit; Frau Bonacieux kannte jedoch alle Winkel und Räume dieses für die Leute vom Gefolge bestimmten Theiles vom Louvre. Sie verschloß die Thüre hinter sich, nahm den Herzog bei der Hand, machte tastend einige Schritte, faßte ein Geländer, berührte mit dem Fuß eine Stufe und fing an eine Treppe hinaufzusteigen, wobei der Herzog zwei Stockwerke zählte. Dann wandte sie sich nach der rechten Seite, folgte einer langen Flur, stieg wieder ein Stockwerk hinab, machte noch einige Schritte, steckte einen Schlüssel in ein Schloß, öffnete eine Thüre, schob den Herzog in ein nur durch eine Nachtlampe beleuchtetes Zimmer und sagte zu ihm: »Bleibt hier, Mylord Herzog, man wird kommen!« Hierauf entfernte sie sich durch dieselbe Thüre, welche sie mit dem Schlüssel wieder verschloß, so daß sich der Herzog buchstäblich gefangen fand.

Obschon sich der Herzog von Buckingham von aller Welt abgeschnitten sah, so befiel ihn doch nicht die geringste Furcht; eine der hervorspringendsten Seiten seines Charakters bestand in der Aufsuchung von Abenteuern und in der Liebe zum Romantischen. Tapfer, kühn, unternehmend, war es nicht das erste Mal, daß er sein Leben in solchen Versuchen wagte; er hatte erfahren, daß die angebliche Botschaft von Anna von Oesterreich, im Vertrauen auf deren Inhalt er nach Paris kam, eine Falle war, und statt nach England zurückzukehren, hatte er die Lage, in die man ihn versetzt, mißbraucht und der Königin erklärt, er würde nicht zurückkehren, ohne sie gesehen zu haben. Die Königin hielt seinem Drängen Anfangs eine gänzliche Weigerung entgegen, später aber befürchtete sie, der Herzog könnte außer sich gerathen und eine Thorheit begehen. Schon war sie entschlossen, ihn zu empfangen und ihn zu bitten, er möge sogleich abreisen, als gerade an dem Abend dieser Entscheidung Frau Bonacieux, welche den Herzog zu suchen und nach dem Louvre zu führen beauftragt war, verhaftet wurde. Zwei Tage lang wußte man durchaus nicht, was aus ihr geworden war, und Alles blieb ausgesetzt. Aber sobald sie ihre Freiheit wieder erlangt und mit La Porte die Verbindung wiederhergestellt hatte, nahmen die Dinge wieder ihren Lauf, und sie erfüllte den gefahrvollen Auftrag, den sie ohne ihre Verhaftung drei Tage früher vollführt haben würde.

Als sich Buckingham allein sah, näherte er sich einem Spiegel. Die Musketierkleidung stand ihm vortrefflich. Damals ein Mann von fünf und dreißig Jahren, galt er mit Recht für den schönsten Baron und zierlichsten Cavalier von Frankreich und England. Der Liebling zweier Könige, im Besitze eines Vermögens von Millionen, allmächtig in einem Reiche, das er nach seiner Laune aufregte oder beruhigte, war George Villiers, Herzog von Buckingham, eine jener fabelhaften Existenzen, welche noch nach Jahrhunderten die Nachwelt in fortwährendes Erstaunen setzen. Seiner sicher, überzeugt von seiner Macht, gewiß, daß die Gesetze, welche Andere beherrschen, ihn nicht erreichen konnten, ging er gerade auf das Ziel los, das er sich gesteckt hatte, und war dasselbe auch so erhaben, so blendend, daß es für einen Andern eine Thorheit gewesen wäre, nur seinen Blick darauf zu werfen. So war es ihm gelungen, sich wiederholt der schönen und stolzen Anna von Oesterreich zu nähern und durch die Macht der Verblendung ihre Liebe zu gewinnen.

George Villiers stellte sich, wie gesagt, vor einen Spiegel und gab seinem schönen blonden Haare die Wellenlinien wieder, die das Gewicht seines Hutes niedergedrückt hatte, strich seinen Schnurrbart in die Höhe und lächelte, glücklich und stolz, dem so lange ersehnten Augenblick nahe zu sein, sich selbst in übermüthiger Hoffnung zu.

In diesem Augenblick öffnete sich eine verborgene Tapetenthüre und eine Dame erschien. Buckingham sah diese Erscheinung im Spiegel; er stieß einen Schrei aus, es war die Königin!

Anna von Oesterreich zählte damals sechs bis sieben und zwanzig Jahre, das heißt sie stand im vollen Glanze ihrer Schönheit. Ihr Gang war der einer Königin oder Göttin. Ihre Augen, welche Smaragdreflexe warfen, waren unendlich schön und zugleich voll Sanftmuth und Majestät. Ihr Mund war klein und frischroth, und obgleich ihre Unterlippe, wie bei allen Prinzen vom Hause Oesterreich, etwas vortrat, so war er doch äußerst anmuthig in seinem Lächeln, aber ungemein wegwerfend in der Geringschätzung. Ihre Haut war berühmt wegen ihrer sammetartigen Weichheit; ihre Hand und ihre außerordentlich reizenden Arme wurden von den Dichtern der Zeit als unvergleichlich besungen. Ihre Haare, welche in ihrer Jugend blond, nunmehr aber kastanienbraun geworden waren, umrahmten auf eine bewunderungswürdige Weise ihr Antlitz, dem der strengste Richter nur etwas weniger Röthe und der anspruchsvollste Bildhauer nur eine etwas feinere Nase hätte wünschen können.

Buckingham stand geblendet da; nie war ihm Anna von Oesterreich auf den Bällen, bei den Feten, bei den Carroussels so schön vorgekommen, als sie ihm in diesem Augenblick in ihrem einfachen weißen Seidenkleide erschien. Sie war begleitet von Donna Estefania, der einzigen von ihren spanischen Frauen, welche nicht durch die Eifersucht des Königs oder die Verfolgungen von Richelieu vertrieben worden war.

Anna von Oesterreich ging zwei Schritte vorwärts; Buckingham stürzte auf seine Kniee und küßte, ehe es die Königin verhindern konnte, den Saum ihres Kleides.

»Herzog, Ihr wißt bereits, daß ich Euch nicht habe schreiben lassen?«

»O ja, Madame, ja, Ew. Majestät. Ich weiß, daß ich ein Thor, ein Wahnsinniger gewesen bin, glauben zu können, der Schnee würde sich beleben, der Marmor erwärmen; aber was wollt Ihr? wenn man liebt, glaubt man leicht an die Liebe; überdies habe ich bei dieser Reise nicht Alles verloren, da ich Euch sehe.«

»Ja,« erwiederte Anna, »aber Ihr wißt, warum und wie ich Euch sehe, Mylord. Ich sehe Euch aus Mitleid für Euch selbst; ich sehe Euch, weil Ihr, unempfindlich für alle meine Qualen, hartnäckig in einer Stadt verweilt, wo Ihr Euer Leben wagt und meine Ehre bloßstellt. Ich sehe Euch, um Euch zu sagen, daß uns Alles trennt, die Tiefe des Meeres, die Zwistigkeiten der Königreiche, die Heiligkeit der Schwüre. Es ist ein wahrer Frevel, gegen so viele Dinge zu kämpfen, Mylord. Ich sehe Euch endlich, um Euch zu sagen, daß wir uns nicht mehr sehen dürfen.«

»Sprecht, Madame, sprecht, Königin,« erwiederte Buckingham, »die Sanftheit Eurer Stimme verhüllt die Härte Eurer Worte. Ihr sprecht von Frevel! aber der Frevel liegt in der Trennung von Herzen, welche Gott für einander geschaffen hatte.«

»Mylord!« rief die Königin, »Ihr vergeht, daß ich Euch nie gesagt habe, ich liebe Euch.«

»Aber Ihr habt mir auch nie gesagt, Ihr liebet mich nicht, und in der That, eine solche Aeußerung wäre von Seiten Eurer Majestät eine zu große Undankbarkeit. Denn sagt mir, wo würdet Ihr eine Liebe finden, die der meinigen gliche, eine Liebe, welche weder die Zeit, noch die Entfernung, noch die Verzweiflung zu ersticken vermögen; eine Liebe, die sich mit einem entfallenen Bande, einem verlorenen Blicke, einem entschlüpften Worte begnügt? Vor drei Jahren, Madame, habe ich Euch zum ersten Male gesehen, und seit drei Jahren liebe ich Euch auf diese Weise. Soll ich Euch sagen, wie Ihr gekleidet wäret, als ich Euch zum ersten Male sah, soll ich jedes Stück Eurer damaligen Toilette beschreiben? Ich sehe Euch noch vor mir: Ihr saßet nach spanischer Sitte, auf Polstern; Ihr hattet ein Kleid von grüner Seide mit Gold- und Silberstickerei, lange, an Euren schönen, Euren bewunderungswürdigen Armen mit großen Diamanten befestigte Aermel, eine geschlossene Krause, auf Eurem Haupt eine kleine Mütze von der Farbe Eures Kleides und auf dieser Mütze eine Reiherfeder. Oh! ich schließe die Augen und sehe Euch, wie Ihr damals waret. Ich öffne sie wieder, und sehe Euch, wie Ihr jetzt seid – noch hundertmal schöner!«

»Welche Thorheit!« murmelte Anna von Oesterreich, die nicht den Muth besaß, dem Herzog zu grollen, weil er ihr Porträt so gut in seinem Innern bewahrt hatte; »welche Thorheit, eine vergebliche Leidenschaft mit solchen Erinnerungen zu nähren!«

»Und wovon soll ich denn leben? ich habe nur Erinnerungen. Das ist mein Glück, mein Schatz, meine Hoffnung! So oft ich Euch sehe, finde ich einen Diamant mehr, den ich in dem Gefässe meines Herzens einschließe. Dieser ist der vierte, den Ihr fallen laßt und ich aufraffe; denn in drei Jahren, Madame, habe ich Euch nur vier Mal gesehen, das erste Mal, wie ich so eben gesagt, das zweite Mal bei Frau von Chevreuse, das dritte Mal in den Gärten von Amiens …«

»Herzog,« rief die Königin, »sprecht mir nicht von diesem Abend.«

»Oh, sprechen wir im Gegenteil davon, Madame, sprechen wir davon, es ist der schönste, leuchtendste Abend meines Lebens. Ihr erinnert Euch jener herrlichen Nacht! Wie schön und balsamisch war die Lust, wie war der Himmel so blau und mit Sternen bestreut. Ach! damals, Madame, konnte ich einen Augenblick mit Euch allein sein; damals wäret Ihr bereit, mir Alles mitzutheilen, die Einsamkeit Eures Lebens, den Kummer Eures Herzens. Ihr lehntet Euch auf meinen Arm, auf diesen hier. Als ich meinen Kopf nach Eurer Seite neigte, da streiften Eure schönen Haare mein Gesicht, und so oft sie es streiften, bebte ich vom Scheitel bis zu den Zehen. Oh! Königin! Königin! Oh! Ihr wißt nicht Alles, was ein solcher Augenblick an himmlischen, paradiesischen Freuden in sich schließt. Meine Güter, mein Vermögen, meinen Ruhm, mein ganzes übriges Leben würde ich für einen solchen Augenblick und für eine solche Nacht hingeben: denn in dieser Nacht, Madame, in dieser Nacht liebtet Ihr mich, das schwöre ich Euch.«

»Mylord, ja, es ist möglich, daß der Einfluß des Ortes, der Zauber jener schönen Nacht, das Blendwerk Eures Blickes, daß die tausend Umstände, welche sich zuweilen vereinigen, um eine Frau ins Verderben zu stürzen, sich in diesem unseligen Augenblick um mich gruppirt haben; aber Ihr mußtet wahrnehmen, Mylord, daß die Königin der schwach werdenden Frau zu Hülfe kam: bei dem ersten Wort, das Ihr zu sagen wagtet, bei der ersten Kühnheit, auf die ich zu antworten hatte, rief ich die Hülfe herbei.«

»Oh! ja, ja, das ist wahr, und eine andere Liebe, als die meinige, wäre dieser Prüfung unterlegen. Aber meine Liebe ist nur noch glühender und beständiger daraus hervorgegangen. Ihr glaubtet mich zu fliehen, indem Ihr nach Paris zurückkehrtet, Ihr glaubtet, ich würde es nicht wagen, den Schatz zu verlassen, dessen Bewachung mein Herr mir übertragen hatte. Ach! was liegt mir an allen Schätzen der Welt und an allen Königen der Erde! Nach acht Tagen war ich zurückgekehrt, Madame. Diesmal hattet Ihr mir nichts zu sagen. Ich hatts meine Gnade, mein Leben eingesetzt, um Euch zum zweiten Mal zu sehen. Ich berührte nicht einmal Eure Hand und Ihr vergabt mir, als Ihr mich so unterwürfig, so reumüthig erblicktet.«

»Ja, aber die Verleumdung hat sich aller dieser Thorheiten bemächtigt, an denen ich, wie Ihr wohl wißt, nicht im Geringsten schuldig war. Der König hat, durch den Kardinal aufgereizt, ein furchtbares Geschrei erhoben; Frau von Verne wurde fortgejagt, Putange verbrannt, Frau von Chevreuse fiel in Ungnade, und als Ihr als Botschafter nach Frankreich zurückkehren wolltet, widersetzte sich der König selbst, Mylord, wie Ihr Euch wohl erinnern werdet.«

»Ja, und Frankreich wird die Weigerung seines Königs mit einem Kriege bezahlen. Ich kann Euch nicht mehr sehen, Madame, wohl! Ihr sollt jeden Tag von mir sprechen hören. Welchen Zweck glaubt Ihr wohl, daß diese Expedition von Re und das von mir beabsichtigte Bündniß mit den Protestanten von La Rochelle haben? Das Vergnügen, Euch zu sehen. Ich habe nicht die Hoffnung, mit gewaffneter Hand bis nach Paris vorzudringen das weiß ich wohl. Aber dieser Krieg kann einen Frieden herbeiführen; dieser Friede wird die Person eines Unterhändlers nöthig machen, und dieser Unterhändler werde ich sein. Man wird es nicht mehr wagen, mich zurückweisen, ich werde nach Paris zurückkommen, Euch sehen und einen Augenblick glücklich sein. Tausende von Menschen müssen allerdings mein Glück mit ihrem Leben bezahlen, aber was liegt mir daran, wenn ich nur Euch sehe? Alles dieß ist vielleicht thöricht, vielleicht wahnsinnig, aber sagt mir, welche Frau hat einen liebenderen Liebhaber, welche Königin einen glühenderen Diener?«

»Mylord! Mylord! Ihr beruft Euch zu Eurer Vertheidigung auf Dinge, welche Euch noch mehr anklagen. Mylord, alle diese Beweise von Liebe, die Ihr mir geben wollt, sind beinahe Verbrechen.«

»Weil Ihr mich nicht liebt, Madame; wenn Ihr mich liebtet, würdet Ihr alles das ganz anders ansehen; wenn Ihr mich liebtet, oh! es wäre zu viel Glück, ich würde närrisch werden. Ah! Frau von Chevreuse, von der Ihr so eben gesprochen habt, Frau von Chevreuse war minder grausam als Ihr. Holland liebte sie und sie erwiederte seine Liebe.«

»Frau von Chevreuse war nicht Königin,« murmelte Anna von Oesterreich, wider Willen durch den Ausdruck einer so innigen Liebe besiegt.

»Ihr würdet mich also lieben, wenn Ihr nicht Ihr wäret, Madame, Ihr würdet mich also lieben? Ich darf also glauben, daß Euch nur die Würde Eures Ranges so grausam gegen mich macht! Ich darf glauben, daß der arme Buckingham hätte hoffen dürfen wenn Ihr Frau von Chevreuse gewesen wäret? Dank, für die süßen Worte, oh! meine schöne Majestät! hundertfachen Dank!«

»Ei, Mylord, Ihr habt schlecht verstanden, falsch ausgelegt; ich wollte nicht sagen …«

»Stille, stille,« erwiederte der Herzog, »wenn ein Irrthum mich glücklich macht, so seid nicht so grausam, ihn mir zu benehmen. Ihr sagtet mir selbst, man habe mir eine Falle gelegt. Ich werde vielleicht mein Leben darin lassen; denn ich habe seltsamer Weise seit einiger Zeit Vorgefühle meines nahe bevorstehenden Todes.« Und der Herzog lächelte traurig, aber voll Grazie.

»Oh! mein Gott!« rief Anna von Oesterreich mit einem Ausdruck des Schreckens, welcher eine größere Theilnahme für den Herzog kundgab, als sie es gestehen wollte.

»Ich sage dies nicht, um Euch zu erschrecken, Madame. Nein, es ist sogar lächerlich, daß ich es Euch sage. Glaubt mir, dergleichen Träume beschäftigen mich durchaus nicht. Aber das Wort, das Ihr so eben zu mir gesprochen, die Hoffnung, die Ihr mir beinahe gegeben, wird Alles, sogar mein Leben bezahlt haben.«

»Auch ich, Herzog,« sprach Anna von Oesterreich, »auch ich habe Ahnungen und Träume. Ich sah Euch im Traume verwundet, blutend auf der Erde ausgestreckt.«

»Auf der linken Seite verwundet, nicht wahr, und zwar mit einem Messer?« unterbrach Buckingham die Königin.

»Ja, so ist es, Mylord, so ist es, auf der linken Seite mit einem Messer, wer konnte Euch sagen, daß mir dieses träumte? Ich habe es nur Gott in meinem Gebete anvertraut.«

»Ich verlange nicht mehr, und Ihr liebt mich, Madame, das ist gewiß.«

»Ich liebe Euch, ich?«

»Ja, Ihr. Würde Euch Gott dieselben Träume schicken, wie mir, wenn Ihr mich nicht liebtet? Hätten wir dieselben Ahnungen, wenn sich unser beiderseitiges Dasein nicht durch das Herz berührte? Ihr liebt mich, o Königin, und werdet mich beweinen.«

»Oh mein Gott! mein Gott!« rief Anna von Oesterreich, »das ist mehr, als ich ertragen kann. Geht, Herzog, ums Himmels, willen, geht, entfernt Euch! Ich weiß nicht, ob ich Euch liebe oder ob ich Euch nicht liebe; aber ich weiß nur so viel, daß ich nicht meineidig sein werde. Habt also Mitleid mit mir und geht. Oh! wenn Ihr in Frankreich getroffen würdet, wenn Ihr in Frankreich sterben müßtet, und ich könnte glauben. Eure Liebe für mich wäre die Ursache Eures Todes – ich wüßte mich nie mehr zu trösten: ich würde wahnsinnig. Geht also, geht, ich flehe Euch an.«

»Oh! wie schön seid Ihr so, wie liebe ich Euch!« sprach Buckingham.

»Entfernt Euch, geht, ich bitte Euch, und kommt später wieder; kommt als Botschafter, als Minister, kommt umgeben von Garden, die Euch vertheidigen, von Dienern, die Euch bewachen werden, und dann fürchte ich nicht mehr für Euer Leben und werde mich glücklich schätzen, Euch wieder zu sehen.«

»Oh! ist es wahr, was Ihr mir sagt?«

»Ja …«

»Nun wohl, ein Pfand Eurer Huld, einen Gegenstand, der von Euch kommt und mich daran erinnert, daß ich nicht träumte, irgend eine Sache, die Ihr getragen habt und die ich selbst tragen kann, einen Ring, ein Halsband, eine Kette.«

»Und geht Ihr gewiß, wenn ich Euch gebe, was Ihr von mir verlangt?«

»Ja, sogleich, ja.«

»Ihr verlaßt Frankreich? Ihr kehrt nach England zurück?«

»Ja, ich schwöre es.«

»Dann wartet einen Augenblick.«

Anna von Oesterreich ging in ihr Gemach zurück und kam beinahe in demselben Augenblick wieder heraus. Sie hielt in der Hand ein mit Gold incrustirtes Kistchen von Rosenholz.

»Hört, Mylord Herzog, hört,« sprach sie, »behaltet dies zur Erinnerung an mich.«

»Buckingham nahm das Kistchen und sank zum zweiten Male auf die Kniee.

»Ihr habt mir versprochen, abzureisen,« sprach die Königin.

»Und ich halte mein Wort, Eure Hand, Eure Hand, Madame, und ich reise.«

Anna reichte ihm die Hand, indem sie zugleich die Augen schloß und sich auf Estefania stützte, denn sie fühlte, daß ihre Kräfte zusammenbrachen.

Buckhingham drückte seine Lippen leidenschaftlich auf diese schöne Hand, stand dann auf und rief:

»Ehe sechs Monate vergehen, habe ich Euch wieder gesehen, wenn ich nicht todt bin, Madame, und sollte ich auch die ganze Welt umkehren.«

Seinem Versprechen getreu, stürzte er aus dem Zimmer.

Auf der Flur traf er Frau Bonacieux, die ihn erwartete und mit denselben Vorsichtsmaßregeln und mit demselben Glücke aus dem Louvre zurückführte.

XIII.

Herr Bonacieux

Bei dieser ganzen Geschichte spielte eine Person mit, um die man sich, trotz ihrer bedenklichen Lage, nur wenig zu beunruhigen schien: diese Person war Herr Bonacieux, der ehrenwerthe Märtyrer politischer und verliebter Intriguen, die sich in dieser zugleich so ritterlichen und so galanten Epoche so gut mit einander vermengten.

Zum Glück erinnert sich der Leser, oder er erinnert sich auch nicht, daß wir ihn nicht aus dem Blick zu lassen versprochen haben.

Die Schergen, welche ihn verhaftet hatten, führten ihn geraden Wegs nach der Bastille, wo man ihn ganz zitternd an einem Zug Soldaten, welche ihre Musketen luden, vorübergehen ließ. Von hier in eine halb unterirdische Galerie gebracht, wurde er von Seiten derjenigen, welche ihn verhaftet hatten, der Gegenstand der gröbsten Beleidigungen, der größten Mißhandlungen. Die Sbirren sahen, daß sie es mit keinem Edelmann zu thun hatten, und behandelten ihn als einen armen Schlucker.

Nach Verlauf einer halben Stunde machte ein Gerichtsschreiber seinen Qualen, aber nicht seiner Unruhe ein Ende, indem er befahl, Herrn Bonacieux ins Verhörzimmer zu bringen. Gewöhnlich befragte man die Gefangenen in ihrem Zimmer, aber mit Herrn Bonacieux machte man nicht so viel Umstände.

Zwei Garden ergriffen den Krämer, ließen ihn durch einen Hof schreiten, sodann in eine Flur eintreten, wo drei Schildwachen standen, öffneten eine Thüre und stießen ihn in eine niedrige Stube, in der das ganze Geräthe aus einem Tische, einem Stuhl und einem Commissär bestand. Der Commissär saß auf dem Stuhle und schrieb auf dem Tisch. Die zwei Garden führten den Gefangenen vor den Tisch und entfernten sich auf ein Zeichen des Commissärs aus dem Bereich seiner Stimme. Der Commissär, welcher bis dahin seinen Kopf gesenkt gehalten hatte, erhob ihn nun, um zu sehen, mit wem er es zu thun hätte. Dieser Commissär war ein Mann von widerlicher Miene, mit spitziger Nase, gelben, hervorstehenden Backenknochen, kleinen, aber forschenden und lebhaften Augen, ein Mann, dessen Physiognomie eine Mischung von Marder und Fuchs zu sein schien. Sein von einem langen Halse getragenes Haupt trat, sich wiegend, aus seinem schwarzen Gewande beinahe mit derselben Bewegung hervor, die man bei der Schildkröte wahrnimmt, wenn sie den Kopf aus ihrer Schale herausstreckt.

Er fing damit an, daß er Herrn Bonacieux nach Namen und Vornamen, Alter und Domicil fragte. Der Angeklagte antwortete, er heiße Jacques Michel Bonacieux, sei einundfünfzig Jahre alt, Krämer, der sich vom Geschäfte zurückgezogen, und wohne in der Rue des Fossoyeurs, Nro. 11.

Statt mit dem Verhör fortzufahren, hielt ihm der Commissär nun eine lange Rede über die Gefahr, die ein unbedeutender Bürger laufe, wenn er sich in die öffentlichen Angelegenheiten mische. Diese Predigt verband er mit einer Erläuterung, worin er von der Macht und den Handlungen des Herrn Kardinals, dieses unvergleichlichen Ministers, dieses Besiegers früherer Minister, dieses Beispiels zukünftiger Minister sprach, von einer Macht und von Handlungen, denen Niemand ungestraft in den Weg trete.

Nach diesem zweiten Theil seiner Rede heftete er seinen Sperberblick auf den armen Bonacieux, und forderte ihn auf, den Ernst seiner Lage in Betracht zu ziehen.

Die Betrachtungen des Krämers waren alle angestellt. Er wünschte den Augenblick zum Teufel, wo Herr La Porte den Gedanken gehabt hatte, ihn mit seiner Pathin zu verheirathen, und mehr noch den Augenblick, wo eben diese Pathin in die Garderobe der Königin aufgenommen wurde.

Der Grundstoff im Charakter von Meister Bonacieux war verhärtete Selbstsucht, vermischt mit schmutzigem Geiz und gewürzt mit außerordentlicher Feigheit. Die Liebe, die ihm seine junge Frau eingeflößt hatte, war ein ganz secundäres Gefühl und konnte mit den aufgezählten Gefühlen nicht in die Schranken treten.

Herr Bonacieux überdachte sich in der That, was man ihm so eben gesagt hatte.

»Aber, mein Herr Commissär,« sprach er schüchtern, »glaubt mir, daß ich mehr als irgend ein Mensch das Verdienst der unvergleichlichen Eminenz, von der wir regiert zu werden die Ehre haben, kenne und zu schätzen weiß.«

»Wirklich?« fragte der Commissär mit etwas zweifelhafter Miene. »Aber wenn dem in der That so ist, wie kommt ihr in die Bastille?«

»Wie ich hieher komme, oder vielmehr, warum ich hier bin,« erwiederte Bonacieux, »das kann ich Euch unmöglich sagen, weil ich es selbst nicht weiß; aber sicherlich nicht, weil ich den Herrn Kardinal beleidigt habe, wenigstens nicht wissentlich.«

»Ihr müßt doch ein Verbrechen begangen haben, da Ihr hier des Hochverraths angeklagt seid.«

»Des Hochverraths!« rief Bonacieux erschrocken. »Des Hochverraths! wie sollte ein armer Krämer, der die Hugenotten haßt und die Spanier verabscheut, des Hochverraths angeklagt sein? Bedenkt doch, mein Herr, dies ist in der That rein unmöglich.«

»Herr Bonacieux,« sprach der Commissär, und schaute dabei den Angeklagten an, als ob seine kleinen Augen die Macht besäßen, in der Tiefe der Herzen zu lesen, »Herr Bonacieux, habt Ihr eine Frau?«

»Ja, mein Herr,« antwortete der Krämer, am ganzen Leibe zitternd, denn er fühlte, daß in diesem Punkte der böse Knoten der ganzen Angelegenheit liegen mußte; »das heißt, ich hatte eine.«

»Wie? Ihr hattet eine! Was habt Ihr gemacht, wenn Ihr sie nicht mehr besitzt?«

»Man hat sie mir entführt, mein Herr.«

»Man hat sie Euch entführt?« sprach der Commissär. »Ah!«

Bonacieux fühlte bei diesem Ah, daß sich die Angelegenheit immer mehr verwickelte.

»Man hat sie Euch entführt?« versetzte der Commissär; »und wißt Ihr, wer der Mann ist, der diesen Raub begangen hat?«

»Ich glaube. Ihn zu kennen.«

»Wer ist es?«

»Bedenkt, daß ich nichts behaupte, mein Herr Commissär, sondern nur vermuthe.«

»Wen habt Ihr im Verdacht? Antwortet offenherzig.«

Herr Bonacieux war in der größten Verlegenheit; sollte er Alles leugnen oder Alles sagen? Leugnete er Alles, so konnte man glauben, er wisse zu viel, um zu gestehen; sagte er Alles, so war dies ein Beweis von gutem Willen. Er entschloß sich, Alles zu sagen.

»Ich habe,« sprach er, »einen großen Mann von bräunlicher Gesichtsfarbe und stolzer Miene im Verdacht, der ganz aussieht, wie ein vornehmer Herr; er folgte uns wiederholt, wie es mir vorkam, wenn ich meine Frau vor der Pforte des Louvre erwartete, um sie nach Haus zu begleiten.«

Der Commissär schien sich etwas beunruhigt zu fühlen.

»Und sein Name?« sprach er.

»Ah, was seinen Namen betrifft, den weiß ich nicht. Aber wenn ich ihm je begegne, und wäre es unter tausend Menschen, werde ich ihn sogleich wieder erkennen, dafür stehe ich Euch.«

Die Stirne des Commissärs verfinsterte sich.

»Ihr werdet ihn unter tausend Menschen wieder erkennen, sagt Ihr?« fuhr er fort.

»Das heißt, erwiederte Bonacieux, welcher einsah, daß er einen falschen Weg eingeschlagen hatte, »das heißt …«

»Ihr habt mir geantwortet, Ihr würdet ihn wieder erkennen,« sprach der Commissär, »schon gut, das ist für heute genug. Ehe wir weiter gehen, muß Jemand davon in Kenntniß gesetzt werden, daß Ihr den Räuber Eurer Frau kennt.«

»Aber ich habe Euch nicht gesagt, ich kenne ihn!« rief Bonacieux in Verzweiflung. »Ich sagte Euch im Gegentheil …«

»Führt den Gefangenen ab,« sprach der Commissär zu den Wachen.

»Und wohin soll man ihn führen?« fragte der Gerichtsschreiber.

»In einen Kerker.«

»In welchen?«

»Oh, mein Gott! in den nächsten besten, wenn er nur fest ist,« erwiederte der Commissär mir einer Gleichgültigkeit, die den armen Bonacieux schaudern machte.

»Wehe, wehe!« sprach er zu sich selbst, »das Unglück lastet auf meinem Haupt; meine Frau wird ein furchtbares Verbrechen begangen haben; man hält mich für ihren Mitschuldigen und bestraft mich mit ihr. Sie wird gesprochen, sie wird eingestanden haben, ich sei mit Allem vertraut; eine Frau ist so schwach! Ein Kerker! der nächste beste! so geht es! eine Nacht ist bald vorüber, und dann morgen Galgen und Rad! Oh! mein Gott, mein Gott, erbarme Dich meiner!«

Ohne im Geringsten auf das Klagegeschrei des Meisters Bonacieux zu hören, ein Geschrei, woran sie übrigens gewöhnt sein mußten, nahmen die zwei Wachen den Gefangenen beim Arm und führten ihn weg, während der Commissär in Eile einen Brief schrieb, auf den der Gerichtschreiber wartete.

Bonacieux schloß kein Auge; nicht als ob sein Kerker zu abscheulich gewesen wäre, sondern weil seine Unruhe zu groß war. Er blieb die ganze Nacht auf seiner Bank, er zitterte bei dem geringsten Geräusche, und als die ersten Strahlen des Tages in seine Kammer drangen, kam es ihm vor, als hätte das Morgenroth eine Leichenfärbung angenommen.

Plötzlich hörte er die Riegel klirren und sprang erschrocken auf. Der Unglückliche glaubte, man komme, um ihn zu holen und nach dem Schaffot zu führen. Aber als er statt des erwarteten Henkers seinen Commissär und seinen Gerichtsschreiber vom vorigen Tage erscheinen sah, war er sehr geneigt, ihnen um den Hals zu fallen.

»Eure Angelegenheit hat sich seit gestern Abend sehr verwirrt, mein braver Mann,« sagte der Kommissär, »und ich rathe Euch, die Wahrheit unumwunden zu gestehen, denn nur Eure Reue vermag den Zorn des Kardinals zu beschwören.«

»Ich bin bereit. Alles zu sagen,« rief Bonacieux, »wenigstens Alles, was ich weiß. Fragt, ich bitte Euch.«

»Vor Allem: wo ist Eure Frau?«

»Ich sagte Euch doch, man habe sie mir entführt.«

»Ja, aber seit gestern Mittag um fünf Uhr ist sie durch Eure Hülfe entflohen.«

»Meine Frau ist entflohen?« rief Bonacieux. »Oh, die Unglückliche! Mein Herr, wenn sie entflohen ist, so bin ich nicht Schuld, ich schwöre es Euch.«

»Was hattet Ihr dann bei Herrn d’Artagnan, Eurem Nachbar zu thun, mit welchem Ihr an diesem Tag eine lange Konferenz hieltet?«

»Ach! ja, Herr Commissär, ja, das ist wahr, und ich gestehe, daß ich Unrecht hatte. Ja, ich bin bei Herrn d’Artagnan gewesen.«

»Und was war der Zweck Eures Besuches?«

»Ich wollte ihn bitten, mir meine Frau aufsuchen zu helfen. Ich glaubte mich berechtigt, sie zurückzufordern; aber ich täuschte mich, wie es scheint, und bitte um Vergebung.«

»Was antwortete Herr d’Artagnan?«

»Herr d’Artagnan hat mir seinen Beistand zugesagt; aber ich sah bald ein, daß er mich verrieth.«

»Ihr wollt der Justiz eine Lüge aufschwatzen! Herr d’Artagnan hat einen Vertrag mit Euch abgeschlossen, hat kraft dieses Vertrags die Polizei, welche Eure Frau verhafteten, in die Flucht gejagt, und alle Nachforschungen vereitelt.«

»Herr d’Artagnan hat meine Frau entführt? Ei, ei, was sagt Ihr mir da?«

»Zum Glück ist Herr d’Artagnan in unsern Händen und Ihr sollt ihm gegenüber gestellt werden.«

»Ah! meiner Treu, das ist mir ungemein lieb;« rief Bonacieux, »es soll mir gar nicht leid thun, ein bekanntes Gesicht zu sehen.«

»Laßt Herrn d’Artagnan eintreten,« sprach der Commissär zu den zwei Wachen.

Die Wachen ließen Athos eintreten.

»Herr d’Artagnan,« sprach der Commissär, sich an Athos wendend, »erklärt, was zwischen Euch und diesem Herrn vorgefallen ist.«

»Aber Ihr zeigt mir ja gar nicht d’Artagnan,« rief Bonacieux.

»Wie, das ist nicht d’Artagnan?« sprach der Commissär.

»Keineswegs,« antwortete Bonacieux.

»Wie heißt dieser Herr?« fragte der Commissär.

»Ich kann es Euch nicht sagen, ich kenne ihn nicht.«

»Wie, Ihr kennt ihn nicht?«

»Nein!«

»Ihr habt ihn nie gesehen?«

»Doch; aber ich weiß nicht, wie er heißt.«

»Euer Name?« fragte der Commissär.

»Athos«, antwortete der Musketier.

»Das ist kein Menschenname, sondern der Name eines Berges,« rief der arme Untersuchungsrichter, der den Kopf zu verlieren anfing.

»Es ist mein Name,« sprach Athos ruhig.

»Aber Ihr sagtet doch, Ihr hießet d’Artagnan?«

»Ich?«

»Ja, Ihr!«

»Man hat zu mir gesagt: Ihr seid Herr d’Artagnan? ich erwiederte: Ihr glaubt? Meine Wachen meinten, sie wüßten es gewiß; ich wollte ihnen nicht widersprechen; überdies konnte ich mich täuschen.«

»Mein Herr, Ihr beleidigt die Majestät der Justiz!«

»Durchaus nicht,« entgegnete Athos gelassen.

»Ihr seid Herr d’Artagnan?«

»Seht, Ihr sagt es mir noch einmal.«

»Nun ich sage Euch, mein Herr Commissär,« rief Bonacieux, »daß man hier keinen Augenblick zweifeln darf. Herr d’Artagnan wohnt in meinem Hause, und ich muß ihn folglich kennen, obgleich er mir meinen Miethzins nicht bezahlt, und gerade aus diesem Grunde. Herr d’Artagnan ist ein junger Mann von kaum neunzehn bis zwanzig Jahren, und dieser Herr ist gewiß dreißig Jahre alt. Herr d’Artagnan steht bei den Garden des Herrn des Essarts, und dieser Herr bei der Musketiercompagnie des Herrn von Treville. Schaut die Uniform an, mein Herr Commissär, schaut die Uniform an.«

»Es ist wahr,« murmelte der Commissär, »es ist bei Gott wahr!«

In diesem Augenblicke wurde die Thüre rasch geöffnet, und ein von einem Gefangenenwärter der Bastille eingeführter Bote übergab dem Commissär einen Brief.

»Oh! die Unglückliche!« rief der Commissär.

»Wie? was sagt Ihr? von wem sprecht Ihr? Hoffentlich nicht von meiner Frau?«

»Im Gegentheil gerade von ihr. Eure Angelegenheit steht ganz schön!«

»Ah,« rief der Krämer in Verzweiflung, »macht mir das Vergnügen und sagt mir, wie sich meine Angelegenheit durch das verschlimmern kann, was meine Frau thut, während ich im Gefängniß sitze.«

»Weil das, was sie thut, die Folge eines unter Euch abgekarteten höllischen Planes ist.«

»Ich schwöre Euch, Herr Commissär, daß Ihr in einem gewaltigen Irrthume befangen seid; daß ich nicht das Mindeste von dem weiß, was meine Frau thun sollte; daß ich dem, was sie gesagt hat, völlig fremd bin, und daß ich sie, wenn sie Dummheiten begangen hat, verleugne, verfluche.«

»Ei,« sprach Athos zu dem Commissär, »wenn Ihr mich hier nicht braucht, so schickt mich irgendwo hin. Dieser Herr Bonacieux ist ein sehr langweiliger Geselle.«

»Führt die Gefangenen in ihre Kerker zurück,« sprach der Commissär, mit derselben Geberde Athos und Bonacieux bezeichnend, »und man bewache sie mit der größten Strenge!«

»Wenn Ihr indessen mit Herrn d’Artagnan zu thun habt,« sagte Athos mit seiner gewöhnlichen Ruhe,« so sehe ich nicht ganz ein, warum ich seine Stelle vertreten soll.«

»Thut, was ich gesagt habe,« rief der Commissär, »und beobachtet das tiefste Stillschweigen, hört Ihr?«

Athos folgte den Wachen mit einem Achselzucken, und Herr Bonacieux mit einem Klagegeschrei, das einem Tiger hätte das Herz zerreißen mögen.

Man führte den Krämer in denselben Kerker, wo er die Nacht zugebracht hatte, und ließ ihn hier den ganzen Tag. Den ganzen Tag weinte Herr Bonacieux, wie ein wahrer Krämer, denn er war durchaus kein Mann vom Schwerte, wie er uns selbst gesagt hat.

Abends gegen neun Uhr, in dem Augenblick, wo er sich entschloß, zu Bette zu gehen, hörte er Tritte in der Hausflur. Diese Tritte näherten sich seinem Kerker, die Thüre wurde geöffnet, die Wachen erschienen.

»Folgt mir,« sagte ein Gefreiter, der hinter den Wachen ging.

»Euch folgen!« rief Bonacieux, »Euch folgen, zu dieser Stunde! und wohin denn, mein Gott?«

»Wohin wir Euch zu führen den Befehl haben.«

»Aber das ist keine Antwort.«

»Es ist die einzige, die wir Euch geben können.«

»Ach! mein Gott, mein Gott,« murmelte der arme Krämer, »diesmal bin ich verloren.«

Und er folgte maschinenmäßig ohne Widerstand den Wachen, die ihn holten. Er ging durch dieselbe Flur, durch die er bereits gegangen war, durchschritt einen ersten Hof und dann ein zweites Hauptgebäude. Vor dem Thore des Einfahrthofes fand er einen von vier Reitern umgebenen Wagen. Man ließ ihn in diesen Wagen einsteigen, der Gefreite setzte sich neben ihn. Man verschloß den Kutschenschlag mit einem Schlüssel, und Beide befanden sich in einem fahrenden Gefängnisse.

Das Gefährt setzte sich langsam wie ein Leichenwagen in Bewegung. Durch das geschlossene Gitter gewahrte der Gefangene die Häuser und das Pflaster, mehr nicht. Aber als wahrer Pariser erkannte Bonacieux jede Straße an den Ecksteinen, an den Schilden, an den Laternen. Als sie zu St. Paul gelangten, wo man die Verurtheilten der Bastille hinrichtete, war er einer Ohnmacht nahe und bekreuzte sich zweimal. Er glaubte, der Wagen würde hier halten, aber er ging weiter. Später erfaßte ihn abermals ein gewaltiger Schrecken, als er an dem Kirchhof St. Jean vorüberfuhr, wo man die Staatsverbrecher beerdigte. Ein einziger Umstand beruhigte ihn einigermaßen, nämlich daß man ihnen vor der Einscharrung gewöhnlich den Kopf abschnitt, und sein Kopf saß noch auf seinen Schultern. Als er aber sah, daß der Wagen die Straße nach der Grève einschlug, als er die spitzigen Dächer des Stadthauses bemerkte und wahrnahm, daß man unter der Arcade einbog, da glaubte er, jetzt sei Alles aus. Er wollte dem Gefreiten beichten; da ihm dieser aber alles Gehör verweigerte, so stieß er ein so erbarmungswürdiges Geschrei aus, daß ihm der Gefreite erklärte, wenn er nicht aufhöre, ihm die Ohren voll zu schreien, so werde er ihm einen Knebel anlegen. Diese Drohung beruhigte Bonacieux einigermaßen. Wollte man ihn an der Grève hinrichten, so lohnte es sich nicht der Mühe, ihn zu knebeln, da man die Richtstätte beinahe erreicht hatte. Der Wagen fuhr in der That über den unseligen Ort hin, ohne anzuhalten. Jetzt war nichts mehr zu befürchten, als die Croix-du-Trahoir, und der Wagen nahm seinen Weg wirklich gerade in dieser Richtung.

Diesmal konnte man nicht mehr zweifeln. Auf der Croix-du-Trahoir wurden Verbrecher untergeordneten Ranges hingerichtet. Bonacieux hatte sich des St. Paul oder des Grève-Platzes würdig gehalten. An der Croix-du-Trahoir sollten sein Leben und sein Schicksal sich endigen! Er konnte das unglückliche Kreuz noch nicht sehen, aber er hatte ein Gefühl, als ob es ihm entgegen käme. Als nur noch etwa zwanzig Schritte zurückzulegen waren, hörte er ein Geräusch und der Wagen hielt stille. Das war mehr, als der arme, durch die rasch auf einander erfolgten Gemüthsbewegungen niedergeschmetterte Krämer zu ertragen vermachte. Er stieß einen schwachen Seufzer aus, den man für den letzten Athemzug eines Sterbenden hätte halten können, und sank in Ohnmacht.

XIV.

Der Mann von Meung.

Der Zusammenlauf fand nicht statt, weil man einen für den Galgen bestimmten Menschen erwartete, sondern er wurde durch die Anschauung eines Gehenkten veranlaßt. Einen Augenblick aufgehalten, fuhr der Wagen bald wieder weiter, setzte seinen Weg durch die Menge fort, gelangte in die Rue St. Honoré, wandte sich nach der Rue des Bons-Enfants und hielt vor einer niedern Pforte an.

Die Thüre öffnete sich; zwei Wachen nahmen Bonacieux, der von dem Gefreiten unterstützt wurde, in ihre Arme, und man stieß ihn in einen Gang, ließ ihn eine Treppe hinaufsteigen und setzte ihn in einem Vorzimmer nieder. Alle dese Bewegungen hatten sich für ihn maschinenmäßig bewerkstelligt. Er war gegangen, wie man im Traume geht; er hatte die Gegenstände in einem Nebel gesehen. Seine Ohren hatten Töne vernommen, ohne ihre Bedeutung zu verstehen. Man hätte ihn in diesem Augenblick hinrichten können, und er würde nicht die geringste Geberde zu seiner Vertheidigung unternommen, keinen Schrei ausgestoßen haben, um Mitleid zu erflehen.

Er blieb also, den Rücken an die Wand gelehnt und die Arme herabhängend, auf derselben Stelle der Bank sitzen, wo ihn die Wachen niedergesetzt hatten. Da er jedoch bei Umherschauen nichts Bedrohliches gewahr wurde, da nichts eine wirkliche Gefahr andeutete, da die Bank geziemend ausgepolstert und die Wand mit schönem Corduanleder tapeziert war, da prächtige rothe Damastvorhänge, vom Fenster herabwogten, so begriff er allmälig, daß seine Furcht übertrieben war, und er fing an, seinen Kopf nach rechts und links, und von unten nach oben zu bewegen. Durch diese Bewegung, der sich Niemand widersetzte, gewann er etwas Muth; er wagte es, zuerst ein Bein, dann das andere vorzuziehen; dann erhob er sich vorsichtig mit Hülfe seiner Hände auf seiner Bank und stand bald auf seinen Füßen.

In diesem Augenblicke öffnete ein hübscher Offizier einen Thürvorhang. Er wechselte noch ein paar Worte mit einer im anstoßenden Zimmer befindlichen Person, wandte sich sodann gegen den Gefangenen um und sagte:

»Seid Ihr Bonacieux?«

»Ja, mein Herr Offizier,« stammelte der Krämer, mehr todt als lebendig, »Euch zu dienen.«

»Tretet ein,« sagte der Offizier.

Und er trat auf die Seite, daß der Krämer durchgehen konnte. Dieser gehorchte ohne Erwiederung und trat in das Zimmer, wo man ihn zu erwarten schien.

Es war ein großes, an den Wänden mit Vertheidigungs- und Angriffswaffen geschmücktes, geschlossenes und lustloses Cabinet, in welchem bereits ein Feuer brannte, obgleich man erst am Ende des Monats September war. Ein viereckiger, mit Büchern und Papieren bedeckter Tisch, auf welchem ein ungeheurer Plan der Stadt Rochelle entrollt war, nahm die Mitte des Zimmers ein. Vor dem Kamin stand ein Mann von mittlerer Gestalt, stolzer, hochmütiger Miene, mit durchdringenden Augen, breiter Stirne und abgemagertem Gesichte, das durch Schnurr- und Knebelbart noch länger wurde. Obgleich er erst sechs- bis siebenunddreißig Jahre alt sein mochte, so fingen doch Haupthaare, Schnurrbart und Knebelbart an grau zu werden. Dieser Mann trug zwar keinen Degen, sah aber ganz wie ein Krieger aus, und seine büffelledernen, noch leicht mit Staub bedeckten Stiefel deuteten an, daß er im Verlauf des Tages geritten war.

Dieser Mann war Armand Jean Duplessis, Kardinal von Richelieu, nicht wie man ihn uns darstellt, hinfällig wie ein Greis, leidend wie ein Märtyrer, mit gebrochenem Körper, erloschener Stimme, in einem großen Lehnstuhl begraben, nur durch die Kraft seines Genies lebend und den Kampf mit Europa einzig und allein durch die ewige Thätigkeit seines Geistes aushaltend; sondern, so wie er in Wirklichkeit zu dieser Zeit war, das heißt ein galanter Kavalier von aufrechter Haltung, zwar schwach von Körper, aber unterstützt von jener moralischen Kraft, die ihn zu einem der außerordentlichsten Menschen machte, welche je gelebt haben; jetzt, nachdem er den Herzog von Revers in seinem Herzogthum Mantua aufrecht erhalten, nachdem er Nimes, Castres und Uzés genommen hatte, mit den Vorbereitungen beschäftigt, um die Engländer von der Insel Re zu vertreiben und La Rochelle zu belagern.

Beim ersten Anblick bezeichnete nichts den Kardinal, und diejenigen, welche sein Gesicht nicht kannten, konnten unmöglich errathen, vor wem sie sich befanden.

Der arme Krämer blieb vor der Thüre stehen, während die Augen der so eben beschriebenen Person auf ihn gerichtet waren, als wollten sie bis in die tiefste Tiefe seiner Gedanken dringen.

»Ist das Bonacieux?« fragte er nach kurzem Stillschweigen.

»Ja, Monseigneur,« antwortete der Offizier.

»Gut; gebt mir diese Papiere und laßt uns allein.«

Der Offizier nahm die bezeichneten Papiere vom Tisch, übergab sie, verbeugte sich zur Erde und trat ab.

Bonacieux erkannte in diesen Papieren das Verhör in der Bastille. Von Zeit zu Zeit schlug der Mann am Kamin die Augen von den Schriften auf und bohrte sie wie zwei Dolche dem armen Krämer in den Grund des Herzens.

Nachdem der Kardinal zwei Minuten gelesen und zwei Sekunden geprüft hatte, war er entschieden.

»Dieser Kopf da hat nicht conspirirt,« murmelte er, »doch gleich viel, sehen wir ein wenig nach.«

»Ihr seid des Hochverraths angeklagt,« sprach der Kardinal langsam.

»Das hat man mir bereits gesagt, Monseigneur,« rief Bonacieux, indem er dem Fragenden den Titel gab, welchen er von dem Offizier gehört hatte; »aber ich schwöre Euch, daß ich nichts davon wußte.«

Der Kardinal unterdrückte ein Lächeln.

»Ihr habt mit Eurer Frau, mit Frau von Chevreuse und mit Mylord Herzog von Buckingham conspirirt.« – »In der That, Monseigneur,« antwortete der Krämer, »ich habe sie alle diese Namen aussprechen hören.« – »Und bei welcher Veranlassung?« – »Sie sagte, der Kardinal von Richelieu habe den Herzog von Buckingham nach Paris gelockt, um ihn und die Königin mit ihm zu verderben.« – »Das sagte sie?« rief der Kardinal heftig. – »Ja, Monseigneur; aber ich erwiederte ihr, sie hätte Unrecht, solche Worte zu sprechen, und Seine Eminenz sei unfähig …« – »Schweigt! Ihr seid ein Dummkopf,« versetzte der Kardinal. – »Meine Frau hat mir gerade dasselbe geantwortet, gnädigster Herr.« – »Wißt Ihr, wer Eure Frau entführt hat?« – »Nein, Monseigneur!« – »Ihr habt jedoch Verdacht?« – »Ja, Monseigneur, aber dieser Verdacht schien dem Herrn Commissär ärgerlich zu sein und ich habe ihn nicht mehr.« – »Eure Frau ist entflohen; wußtet Ihr es?« – »Nein Monseigneur, ich habe es erst erfahren, seit ich im Gefängniß bin, und zwar einzig und allein durch die Vermittlung des Herrn Commissärs, eines sehr liebenswürdigen Mannes!«

Der Kardinal unterdrückte ein zweites Lächeln.

»Dann wißt Ihr also auch nicht, was aus Eurer Frau seit Ihrer Flucht geworden ist?« – »Durchaus nicht, Monseigneur; aber sie muß in den Louvre zurückgekommen sein.« – »Um ein Uhr Morgens war sie noch nicht zurückgekehrt.« – »Aber mein Gott, was ist dann aus ihr geworden?« – »Man wird es erfahren, seid ruhig; man verbirgt dem Kardinal nichts; der Kardinal weiß Alles.« – »Glaubt Ihr in diesem Fall, Monseigneur, der Kardinal werde sich herablassen, mir zu sagen, was aus meiner Frau geworden ist?« – »Vielleicht; aber zuvor müßt Ihr Alles gestehen, was Ihr in Beziehung auf die Verhältnisse Eurer Frau zu Frau von Chevreuse wißt.« – »Monseigneur, ich weiß nichts, ich habe diese nie gesehen.« – »Kehrte Eure Frau, wenn Ihr sie im Louvre abholtet, unmittelbar in Euer Haus zurück?« – »Beinahe nie, sie hatte Geschäfte mit Leinwandhändlern, zu denen ich sie führte.« – »Mit wie viel Leinwandhändlern?« – »Mit zwei, gnädigster Herr.« – »Wo wohnen sie?« – »Der eine in der Rue de Vaugirard, der andere in der Rue de la Harpe.« – »Gingt Ihr mit ihr hinein?« – »Nie, Monseigneur, ich erwartete sie an der Thüre.« – Welchen Vorwand nahm sie, um allein hineinzugehen?« – »Keinen, sie sagte mir, ich sollte warten, und ich wartete.« – »Ihr seid ein gefälliger Gatte, mein lieber Herr Bonacieux«, sprach der Kardinal.

»Er hat mich seinen lieben Herrn genannt,« sagte der Krämer zu sich selbst; »Teufel, die Sache geht gut.«

»Würdet Ihr die Thüren wieder erkennen?« – »Ja.« – »Wißt Ihr die Nummern?« – »Ja.« – »Welche sind es?« – »Nro. 25 in der Rue de Vaugirard, Nro. 75 in der Rue de la Harpe.« – »Gut,« sagte der Kardinal.

Bei diesen Worten nahm er ein silbernes Glöckchen, läutete, und der Offizier trat wieder ein.

»Sucht mir Rochefort,« sagte er mit leiser Stimme, »und er soll sogleich hieher kommen, sobald er zurückgekehrt ist.«

»Der Graf ist da,« erwiederte der Offizier, »und wünscht mit Ew. Eminenz zu sprechen.«

»Er komme, er komme!« sagte der Kardinal lebhaft.

Der Offizier entfernte sich mit der Geschwindigkeit, mit der alle Diener Richelieus zu gehorchen pflegten.

»Mit Ew. Eminenz!« murmelte Bonacieux, und drehte ganz verwirrt seine Augen in ihren Höhlen.

Es waren noch keine fünf Sekunden seit dem Verschwinden des Offiziers abgelaufen, als die Thüre sich öffnete und eine neue Person eintrat.

»Er ist es!« rief Bonacieux.

»Wer?« fragte der Kardinal.

»Derjenige, welcher mir meine Frau entführt hat.«

Der Kardinal läutete zum zweiten Male. Der Offizier erschien wieder.

»Uebergebt diesen Menschen seinen zwei Wachen und er soll warten, bis ich ihn vor mich rufe.«

»Nein, Monseigneur, nein, er ist es nicht,« schrie Bonacieux, »ich habe mich getäuscht; es ist ein Anderer, der nicht die geringste Aehnlichkeit mit ihm hat. Dieser Herr ist ein rechtschaffener Mann.«

»Führt diesen Dummkopf weg,« sprach der Kardinal.

Der Offizier nahm Bonacieux beim Arm und führte ihn in das Vorzimmer, wo er seine zwei Wachen fand.

Die zuletzt eingeführte Person folgte Bonacieux ungeduldig mit den Augen, bis man ihn aus der Thüre gebracht hatte, und sobald diese wieder verschlossen war, näherte sie sich lebhaft dem Kardinal und sprach:

»Sie haben sich gesehen!« – »Wer?« fragte die Eminenz. – »Er und sie.« – »Die Königin und der Herzog!« rief Richelieu. – »Ja.« – »Und wo?« – »Im Louvre.« – »Wißt Ihr es gewiß?« – »Ganz gewiß!« – »Wer hat es Euch gesagt?« – »Frau von Lannoy, welche Ew. Eminenz ganz ergeben ist, wie Ihr wißt.« – »Warum hat sie es nicht früher gesagt?« – »Die Königin ließ zufälligerweise oder aus Mißtrauen Frau von Surgis in ihrem Zimmer schlafen und behielt sie den ganzen Tag.« – »Das ist schön, wir sind geschlagen; doch wir wollen unsere Revanche nehmen.« – »Ich werde Euch von ganzem Herzen unterstützen, gnädiger Herr, seid ruhig.« – »Wie ist das zugegangen?« – »Um halb ein Uhr war die Königin bei ihren Frauen …« – »Gut.« – »Als man ihr ein Taschentuch von Seiten ihrer Weißzeugverwalterin zustellte.« – »Hernach? …« – »Sogleich gab die Königin eine große Unruhe kund und erbleichte trotz der Schminke, mit der sie ihr Antlitz bedeckt hatte.« – »Hernach, hernach?« – »Sie stand jedoch auf, und sagte mit bewegter Stimme: »Meine Damen, wartet hier zehn Minuten auf mich, ich komme zurück.« Und sie öffnete die Thüre ihres Alkovens und entfernte sich.« – »Warum hat Frau von Lannoy Euch nicht in demselben Augenblick davon unterrichtet?« – »Es war noch nichts gewiß. Ueberdies hatte die Königin gesagt: »Meine Damen, wartet auf mich,« und sie wagte es nicht, ungehorsam gegen ihre Gebieterin zu sein.« – »Und wie lange ist die Königin aus dem Zimmer geblieben?« – »Drei Viertelstunden.« – »Keine ihrer Frauen begleitete sie?« – »Donna Estefania allein.« – »Und sie kehrte dann zurück?« – »Ja, um ein kleines Kistchen von Rosenholz mit ihrem Namenszuge zu holen und sich sogleich wieder zu entfernen.« – »Und als sie später wieder kam, brachte sie dieses Kistchen zurück?« – »Nein.« – »Weiß Frau von Lannoy, was in diesem Kistchen enthalten war?« – »Ja, die Diamant-Nestelstifte, welche Se. Majestät der Königin gegeben hatte.« – »Und sie kehrte ohne das Kistchen zurück?« – »Ja.« – »Frau von Lannoy meint, sie habe es Buckingham gegeben?« – »Sie ist fest davon überzeugt.« – »Wie so?« – »Im Verlauf des Tages suchte Frau von Lannoy als Kammerdame der Königin nach dem Kistchen, stellte sich beunruhigt darüber, daß sie es nicht fand, und fragte endlich die Königin danach.« – »Und die Königin…« – »Wurde sehr roth und erwiederte, sie habe am Tage vorher einen von den Nestelstiften zerbrochen und das Ding zur Ausbesserung ihrem Goldschmied geschickt.« – »Man muß dahin gehen und sich überzeugen, ob es wahr ist oder nicht.« – »Ich bin dort gewesen.« – »Nun, der Goldschmied …« – »Hat keine Sylbe davon erfahren.« – »Gut! gut! Rochefort, es ist noch nicht Alles verloren und vielleicht … vielleicht steht Alles auf’s Beste.« – »Ich zweifle allerdings nicht, daß das Genie Ew. Eminenz …« – »Die Thorheiten meines Agenten wieder gut macht, nicht wahr?« – »Das war ich im Begriff zu sagen, wenn Ew. Eminenz mich hätte aussprechen lassen.« – »Wißt Ihr nun, wo sich die Herzogin von Chevreuse und der Herzog von Buckingham verborgen hielten?« – »Nein, Monseigneur, meine Leute konnten mir nichts Bestimmtes hierüber sagen.« – »Ich weiß es.« – »Ihr, Monseigneur?« – »Wenigstens vermuthe ich es. Die eine von diesen zwei Personen hielt sich in der Rue de Vaugirard No. 25, die andere in der Rue de la Harpe No. 75 auf. – »Befehlen Ew. Eminenz, daß ich beide verhaften lasse?« – »Es ist ohne Zweifel zu spät, sie werden abgereist sein.« – »Gleichviel, man kann sich Gewißheit verschaffen.« – »Nehmt zehn Mann von meinen Wachen und durchsucht die zwei Häuser.« – »Ich gehe, Monseigneur.«

Rochefort eilte aus dem Zimmer.

Als der Kardinal allein war, dachte er einen Augenblick nach und läutete zum dritten Male.

Derselbe Offizier erschien.

»Laßt den Gefangenen eintreten,« sprach der Kardinal.

Meister Bonacieux wurde abermals eingeführt und der Offizier zog sich auf ein Zeichen des Kardinals zurück.

»Ihr habt mich getäuscht,« sprach der Kardinal mit strengem Tone.

»Ich!« rief Bonacieux, »ich Ew. Eminenz täuschen!«

»Wenn Euere Frau in die Rue de Vaugirard und in die Rue de la Harpe ging, ging sie nicht zu Leinwandhändlern.«

»Wohin ging sie denn, gerechter Gott!«

»Sie ging zu der Herzogin von Chevreuse und zu dem Herzog von Buckingham.«

»Ja,« sagte Bonacieux, alle seine Erinnerungen in sich sammelnd, »ja, so ist es, Ew. Eminenz haben Recht. Ich bemerkte meiner Frau wiederholt, es sei sonderbar, daß Leinwandhändler in solchen Häusern wohnen, die gar keine Schilder haben, und da lachte sie jedesmal laut auf. Ach! Monseigneur,« fuhr Bonacieux sich dem Richelieu zu Füßen werfend fort, »ach! Ihr seid wohl der Kardinal, der große Kardinal, der Mann von erhabenem Geiste, den alle Welt verehrt!«

So geringfügig auch der Sieg war, den er über einen so gewöhnlichen Menschen, wie Bonacieux, davon getragen hatte, so freute sich doch der Kardinal nichtsdestoweniger einen Augenblick darüber; aber sogleich, als wäre ein neuer Gedanke in ihm aufgetaucht, spielte ein Lächeln um seine Lippen, und er sprach, dem Krämer die Hand reichend:

»Steht auf, mein Freund, Ihr seid ein braver Mann.«

»Der Kardinal hat meine Hand berührt! ich habe die Hand des großen Mannes berührt!« rief Bonacieux. »Der große Mann hat mich seinen Freund genannt.«

»Ja, mein Freund, ja,« sprach der Kardinal mit dem väterlichen Tone, den er zuweilen anzunehmen wußte, wodurch aber nur diejenigen hintergangen wurden, sie ihn nicht kannten; »und da man Euch ungerechter Weise im Verdacht gehabt hat, so verdient Ihr eine Entschädigung. Nehmt diesen Sack mit hundert Pistolen und vergebt mir.«

»Ob ich Euch vergebe, Monseigneur!« sagte Bonacieux, zögerte jedoch, den Sack zu nehmen, ohne Zweifel aus Furcht, das angebliche Geschenk möchte nur ein Scherz sein. »Es stand Euch ganz frei, mich verhaften zu lassen, es steht Euch vollkommen frei, mich foltern, mich hängen zu lassen, Ihr seid der Herr, und ich hätte kein Wörtchen darüber zu sagen gehabt. Euch verzeihen, Monseigneur? Geht, das kann nicht Euer Ernst sein.«

»Ah! mein lieber Herr Bonacieux, Ihr wollt Großmuth üben, wie ich sehe, und ich danke Euch dafür. Ihr nehmt also diesen Sack und geht ohne Groll?«

»Ich gehe entzückt, Monseigneur.«

»So lebt wohl, oder vielmehr auf Wiedersehen, denn ich hoffe, wir werden uns wieder sehen.«

»So oft es Monseigneur haben will, ich stehe ganz Eurer Eminenz zu Befehlen.«

»Seid ruhig, das wird oft vorkommen, denn Eure Unterhaltung hat mich in hohem Maße ergötzt.«

»Ah! Monseigneur!«

»Auf Wiedersehen, Herr Bonacieux, auf Wiedersehen.«

Der Kardinal machte ein Zeichen mit der Hand, das Bonacieux mit einer Verbeugung bis zur Erde erwiederte. Dann entfernte er sich rückwärts, und als er im Vorzimmer war, hörte ihn der Kardinal aus vollem Halse schreien: »Es lebe Monseigneur! Es lebe Se. Eminenz! Es lebe der große Kardinal!«

Der Kardinal vernahm mit einem Lächeln die geräuschvolle Kundgebung der enthusiastischen Gefühle von Meister Bonacieux; als sich das Geschrei in der Ferne verloren hatte, sagte er: »Das ist nunmehr ein Mensch, der sich für mich todtschlagen ließe.«

Und der Kardinal betrachtete mit der größten Aufmerksamkeit die Karte von la Rochelle, welche, wie gesagt, auf seinem Schreibtische ausgebreitet lag, und zog mit dem Bleistift eine Linie, wo sich der bekannte Damm sich hinziehen sollte, der achtzehn Monate später den Hafen der belagerten Stadt schloß.

Als er ganz in seine strategischen Betrachtungen vertieft war, öffnete sich die Thüre wieder und Rochefort trat ein.

»Nun?« sprach der Kardinal, sich mit einer Schnelligkeit erhebend, die verrieth, welch hohes Gewicht er auf den Auftrag legte, den er dem Grafen ertheilt hatte.

»Nun,« sprach dieser, »eine junge Frau von sechs- bis achtundzwanzig Jahren und ein Mann von fünfunddreißig bis vierzig Jahren haben wirklich, die eine vier Tage, der andere fünf, in den von Ew. Eminenz bezeichneten Häusern gewohnt; aber die Frau ist in der vergangenen Nacht und der Mann diesen Morgen abgereist.«

»Sie waren es!« rief der Herzog auf die Pendeluhr schauend; »und nun,« fuhr er fort, »ist es zu spät, um ihnen nachzusetzen; die Herzogin ist in Tours, der Herzog in Boulogne. Man muß sie in London treffen.«

»Was sind Ew. Eminenz Befehle?«

»Kein Wort verlaute von dem, was vorgefallen ist. Die Königin verharre in vollkommener Sicherheit; sie darf nicht erfahren, daß wir ihr Geheimniß wissen; sie soll glauben, wir forschen irgend einer Verschwörung nach. Schickt mir den Siegelbewahrer Seguier.«

»Und dieser Mensch? was hat Ew. Eminenz mit ihm gemacht?«

»Was für ein Mensch?« fragte der Kardinal.

»Dieser Bonacieux?«

»Ich habe Alles aus ihm gemacht, was man aus ihm machen konnte. Ich habe ihn zum Spion seiner Frau gemacht.«

Der Graf von Rochefort verbeugte sich als ein Mann, der die große Ueberlegenheit seines Herrn anerkennt, und ging ab.

Wieder allein setzte sich der Kardinal abermals, schrieb einen Brief, den er mit seinem Privatsiegel verschloß, und läutete. Der Offizier trat zum vierten Male ein.

»Laßt mir Vitray kommen,« sprach er, »und sagt ihm, er solle sich zur Reise bereit halten.«

Einen Augenblick nachher stand der verlangte Mann gestiefelt und gespornt vor ihm.

»Vitray,« sagte der Kardinal, »Ihr geht sogleich nach London. Ihr haltet Euch nicht einen Augenblick unterwegs auf; diesen Brief übergebt Ihr Mylady; hier ist eine Anweisung von zweihundert Pistolen; geht zu meinem Schatzmeister und laßt sie Euch ausbezahlen. Eben so viel erhaltet Ihr, wenn Ihr in sechs Tagen zurück seid und Euern Auftrag gut vollzogen habt.«

Ohne ein Wort zu erwiedern, verbeugte sich der Bote, nahm den Brief und die Anweisung von zweihundert Pistolen und ging ab.

Der Brief enthielt Folgendes:

»Mylady!

»Findet Euch auf dem ersten Balle ein, den der Herzog von Buckingham besucht. Er wird an seinem Wamms zwölf Diamantnestelstifte tragen. Nähert Euch ihm und schneidet zwei davon ab.

»Sobald diese Nestelstifte in Euren Händen sind, gebt mir Nachricht.«