Joseph von Eichendorff – Der letzte Held von Marienburg

Joseph von Eichendorff

 

Der letzte Held von Marienburg

Trauerspiel

 

 

Personen.

Graf Heinrich von Plauen, Komtur, dann Hochmeister des deutschen Ritterordens

 

Michael Küchmeister von Sternberg, Vogt der Neumark, dann Marschall des Ordens

 

Hermann Gans, Spittler des Ordens

 

Johann Graf von Sayn

Rudolph Graf von Kyburg

Johann von Schönfeld

Georg von Wirsberg

Heinrich Schäven

Ulrich Zenger, , Komture des Ordens

 

Günther Graf von Schwarzburg

Heinrich von Rode

Walther von Merheim

König, , Ordensritter

 

Jost von Hohenkirch, Hochmeisters Kompan

 

Friedrich von Kinthenau

Nikolaus von Renys

Hanns von Polkau, des letztern Bruder, , preußische Landritter

 

Gertrud, Polkaus Tochter

 

Elsbeth, ihre Zofe

 

Rominta

 

Jolante, ihre Dienerin

 

Hanns von Baysen

 

Der Burgemeister von Marienburg

 

Ein polnischer Herold

 

Ein polnischer Hauptmann

 

Czerwany

Langschenkel

Wuttke

Kuntz, , Söldner des Ordens

 

Dietrich, Wirsbergs Diener

 

Burgwart des Nikolaus von Renys

 

Der Burgwart zu Lochstädt

 

Ein Diener des Hanns von Polkau

 

Ordensritter, Hauptleute, Soldaten, Reisige, Söldner und Bauern

 

Die Handlung geht in Preußen im fünfzehnten Jahrhundert vor.

 

 

Erster Aufzug

 

Erste Szene

 

 

 

Feldlager. Nacht. Walther von Merheim und Ulrich Zenger ruhen, in ihre Mäntel gehüllt, auf dem Boden.

 

 

ZENGER.

Eine wahre Hexennacht! Die Nebel jagen

Sich übers Feld wie fliegende Gestalten,

Das Heidekraut mit langen flatternden

Gewändern streifend.

WALTHER.

War mir’s doch,

Wie ich so rücklings den Gedanken nachhing,

Als hingen Länder über mir und Wälder,

Mit Felsen wundervoll und Schlössern drauf,

Daß ich die ferne Heimat meint zu sehn

In unserm lieben Deutschland, das Gott segne.

Horch was für Lärm im Lager dort?

ZENGER.

Die Wachen

Fern rufen an, das hallt so durch die Stille.

WALTHER sich fester in den Mantel hüllend.

Es wird schon kalt. Da sieh nur, graue Streifen,

Wie Trauerschleier, hängen von den Tannen,

Und manchmal in der Stille fährt der Mond

Ganz blutrot durch die Wolken. Das bedeutet

Nichts Guts, da ließ’ sich viel darüber sprechen.

Rück näher, Zenger sag, hast nichts gemerkt

An unserm Vogt, dem tapfern Küchenmeister?

ZENGER.

Unruhig scheint er, trüb und in Gedanken.

WALTHER.

Wozu verdoppelt er den Kreis der Wachen

In dieser öden Heide hier? Was schickt

Er Boten dahin, dorthin aus auf Kundschaft?

Ich will dir’s sagen doch’s bleibt unter uns:

Ein Söldner gestern kam von Meisters Fahnen

Der Polenkönig der sein krummes Schwert

Voll Grimm gewetzt an unsers Ordens Schwelle,

Sein Heer türmt’ lang genug, wie ein Gewitter

Verfinsternd an der Grenze sich, von ferne

Mit Wetterleuchten zuckend, ungewiß,

Wohin der Sturm, der wachsende, es wende.

Jetzt ist er plötzlich in das Land gebrochen

Mit Schrein, Tartaren, Raub und Brand! Gib acht,

Wir hören bald von mörderlichen Schlachten.

ZENGER.

Ich glaub’s noch nicht. Der Meister Ulrich führt

Was nur das Land vermag an Roß und Leuten,

Die ganze Macht. Der König traut sich nicht.

WALTHER.

Nicht? Ganze Macht? Just, Zenger, just da steckt’s!

Versieht’s der Meister nun Gott schütz das Heer!

Verliert er diesmal: sind wir all verloren!

Sieh, ‘s hilft nichts mehr, sie müssen aneinander:

Hier Gilgenburg, da steht der König gut,

Sieh und hier Löbau, wo der Meister

ZENGER.

Still!

Da kommt Küchmeister schon so früh daher.

 

Sie stehen auf.

 

 

KÜCHMEISTER auftretend.

Gelobt sei Christ!

WALTHER.

In alle Ewigkeit.

KÜCHMEISTER.

Nun, kennt ich Euch doch kaum. Wie Fledermäuse

Durchschwirren wir die Nebel hier, ich fürcht

Wir rosten ein, derweil die andern draußen

Harnisch und Ehre wieder blank sich scheuern.

ZENGER.

So oder so! Wir schirmen hier die Neumark.

Mehr, als er soll, kann keiner tun.

KÜCHMEISTER.

Gut, gut

Geh nach den Reutern sehn, sie sollen futtern.

 

Zenger ab.

 

 

KÜCHMEISTER zu Walther.

Was ist es an der Zeit?

WALTHER.

Ich denk bald Morgen.

KÜCHMEISTER.

Ich wollt, das Licht bräch durch! Schliefst du heut nacht?

WALTHER.

Ich revidiert die Wachen.

KÜCHMEISTER.

Welche Stunde?

WALTHER.

Um Mitternacht.

KÜCHMEISTER.

Und sahst du nichts?

WALTHER.

Wo?

KÜCHMEISTER.

Auch nichts!

WALTHER.

Was ist geschehn?

KÜCHMEISTER.

Ein seltsam wunderlich Gesicht!

Ich konnt nicht schlafen und, am Zelte sitzend,

Betrachtet ich der Wolken Flucht, die über

Die Heide, seltsam sich verschlingend, wälzten.

Still war’s ringsum der Lagerfeuer Kranz

Nur flackert’ düster aus dem tiefen Nebel

Und hin und wieder hörte man den Ruf

Der Wachen durch die Einsamkeit. Da war’s,

Als flög ein Blitz mir über beide Augen;

Ich schau empor und durch der Wolken Riß,

Die sich, wie vor dem Glanze scheuend teilen,

Strahlt mir, Geblendetem, ein feurig Schwert

Entgegen, schmucklos wie des Meisters Schwert,

Den Griff nach mir gewandt als sollt ich’s fassen.

Und wie ich so, in Lust und Grauen, noch

Emporstarr, schließt sich das gluthelle Aug

Des Himmels wieder, und das Bild versinkt

Schnell in der Nacht geheimnisvollen Abgrund.

Ich frug die Wachen drauf doch keiner sah es.

WALTHER der unterdes seinen Mantel abgeschüttelt hat, und die Rüstung abtrocknet.

Hm Nun, Natur hat auch wohl ihre Träume

Und malt sich solches Nichts in öde Luft.

Da sieh, ganz blind vom Qualm. Tut’s das dem Stahl,

Wie sollt es nicht der spiegelblanken Seele?

Und doch kurios, höchst wunderbar!

KÜCHMEISTER.

Was sagst du?

WALTHER.

Wahrhaftig, Herr nun sieh, ich glaub nicht dran,

Doch hört ich oft erfahrne Männer sagen:

Wer Meister werden soll, der läs solch Zeichen

Vorher im Buch der Nacht. Da kommt Er!

KÜCHMEISTER zusammenfahrend.

Wer?

WALTHER.

Heinrich von Rode, mein ich, ist’s, der Bruder,

Den du gen Tannenberg gesandt auf Kundschaft.

Schau, wie da hinterm grauen Flor der Nacht

Im Fluge Roß und Reiter dunkel wachsen!

 

Heinrich von Rode stürzt atemlos herein.

 

 

RODE.

Entsetzlich, jammervolles Unheil! Alles

Verloren. Oh!

KÜCHMEISTER.

Der Teufel ist verloren!

Sprich wie ein Mann und spar dein Wehgeheul!

RODE.

Bezähme sich, wer das gesehn!

WALTHER.

Nicht doch!

Fein mit Vernunft vor deinem Vogt!

RODE zu Küchmeister.

Du weißt,

Ich ritt gen Tannenberg da lagen heut

Die Städt und Burgen rings so ernst und still,

Als hinge ein Gewitter in der Luft.

Die Leute gingen stumm an mir vorüber

Und wen ich fragt, der starrt’ mich seltsam an

Und murmelt, schnell sich wendend, in den Bart

Von Brand und naher Schlacht man wüßt nicht recht

Das Blatt könnt leicht sich wenden.

WALTHER.

Hei, da hätt ich

Die Sporen eingedrückt, und blind drauflos!

KÜCHMEISTER.

Nur weiter, weiter.

RODE.

Drauf, wie’s dunkel wurde,

Erblickt ich fern des Kriegsgotts Lagerfeuer,

Brennende Dörfer rings am Horizont,

Derweil ich einsam fortzog durch die Wälder.

Da Roß und Atem hielt ich lauschend an

Vernahm ich rechts und links, bald fern, bald näher

Verworrne Stimmen durch die stille Nacht

Und wunderlichen, fremden Laut, dazwischen

Weitab in dumpfem schweren Takt den Marsch

Zahllosen Volks dann alles wieder still.

Auf einmal scheut mein Pferd und durch den Waldgrund

Zieht schweigend, wie ein Traum, ein Leichenzug

Mit Kerzen, weit im Tann die weißen Stämme

Beleuchtend, die da wie ein Chor von Geistern

Verwundert in dem Schein der Fackeln standen.

Ich ruf die Männer an, da setzen sie

Die Bahre lautlos auf den Grund. »Wen bringt ihr

Zur Ruh da?« frag ich da tritt einer vor,

Und sagt kein Wort, und schlägt ernst von der Bahre

Das Leichentuch zurück o Herr des Himmels!

Das Todesangesicht von Blut entstellt,

Erblick ich unsern Meister!

KÜCHMEISTER erschüttert sich auf einen Baumsturz setzend.

Tot der Meister?!

RODE nach einer Pause.

Hier nun vernahm ich’s: wie bei Tannenberg

Laut donnernd unsers heil’gen Ordens Bau

Zusammenstürzt und über seinen Trümmern

Der wackre Meister sank. Und von dem Toten

Zurück mich wendend, stürzt ich schaudernd fort,

Und hinter mir, mit weitausgreifenden Schritten

Ging das Entsetzen durchs verlorne Land.

WALTHER Küchmeistern am Arm fassend.

Hör, hör! Was sitzt du so versunken?

KÜCHMEISTER.

Ich?

 

Zerstreut zu Rode.

 

 

Wo fiel der Meister? Ist die Schlacht verloren?

WALTHER.

Soeben sagt’ er’s ja.

KÜCHMEISTER.

Ja so ganz recht

 

Sich plötzlich aufrichtend.

 

 

Nun denn, was stehn wir noch und plaudern!

 

Zu Rode.

 

 

Wo

Hat sich der König hingewandt?

RODE.

Es stürzt,

Die Städt und Schlösser vor sich niederwerfend,

Grad nach Marienburg der wilde Strom.

KÜCHMEISTER.

O Gott, so kommen wir ihm nicht mehr vor!

 

Zu Rode.

 

 

Du, flieg nach Krone, wie der Pfeil vom Bogen,

Drei Fähnlein lagern dort, führ sie hieher,

Wir müssen in den Rücken dem Polacken.

 

Rode ab.

 

 

WALTHER.

Nun seltsam doch! Dein Zeichen heut.

KÜCHMEISTER.

Ei was!

Der Sturm zerreißt die falschen Nebelbilder,

Denk nicht an mich und dich in solcher Not!

Laß blasen durch das Land, wie die Posaunen

Am Jüngsten Tag, denn ins Gericht geht’s nun,

Nicht mehr um eitel Ruhm und Gut da ficht’s

So heiter sich wie an des Himmels Toren;

Solang ich atme, geb ich nichts verloren!

 

Beide ab.

 

 

 

Zweite Szene

 

 

 

Freier Platz im Walde, im Hintergrunde ein Hügel.

 

 

ROMINTA in Tracht und Rüstung eines polnischen Ritters rasch auftretend und auf ihre Knie sinkend.

Dank! dank, Perkunos! Christus! wer du seist,

Der du im Feuer mir erschienen heut,

Furchtbarer Gott der Schlachten, Gott der Rache!

Dank dir! Zerschmettert hat dein Arm die Deutschen

Und taumelnd küß ich den befreiten Grund!

JOLANTE draußen.

Wo bist du denn? Rominta! Hör!

ROMINTA sich aufrichtend.

Wer rief mich?

JOLANTE.

O schöne Herrin, wie erschrecklich blickst du

Heut aus der Locken Nacht! Als du vorhin

Dem flücht’gen Volk dich so behende nachschwangst:

Es war, als flög ein buntgefleckter Tiger

Die Heid entlang. Da dein Visier ist blutig.

ROMINTA in Gedanken nach dem Walde schauend.

Hörst du, wie lustig da die Vögel singen,

Und in der schönen alten Landessprache

Tief, weit herauf die Wälder wieder grüßen?

JOLANTE.

Mir graut hier, Herrin. Deine wilde Hast

Hat uns verlockt in diese Einsamkeit.

Rings schweifen Deutsche noch die Unsern sind

Weit hinter uns, und vor uns immer tiefer

Zieht sich hinab der Wälder Labyrinth.

ROMINTA wie oben.

Solch grauer Tag war’s, da die deutschen Ritter

Zum erstenmal mit fremder Waffenpracht

Herauf den Waldgrund stiegen da erschlugen

Sie mir den Vater, und das Schloß verbrannte.

 

Man hört in der Ferne Trompeten.

 

 

Horch! Das war nicht der Klang von unsern Scharen!

Dort ist ein Hügel, steig hinauf, Jolante,

Und spähe, wer im Tale naht. Was siehst du?

JOLANTE auf dem Hügel.

‘s ist alles still, weit über alle Wälder

Wie scheues Wild nur, wenn die Jagd zu Ende,

Schlüpft noch zerstreutes Volk von Busch zu Busch.

Rominta! ach!

ROMINTA.

Was ist’s?

JOLANTE.

Wie ‘n dunkles Wetter

Zieht’s, dichtgeschlossen, nun am Saum des Waldes,

Nur manchmal blitzt ein Helm im Frühlicht auf.

Die deutschen Ritter sind’s! Jetzt übern Wald

Tönt’s wunderbar herüber durch die Lüfte,

Sie singen freudig: Christus ist erstanden!

ROMINTA.

Wo ziehn sie hin?

JOLANTE.

Hierher, wie’s scheint. Ein Ritter

Auf weißem Roß, in güldner Rüstung funkelnd,

Führt hoch voran die Fahne.

ROMINTA.

Was für Farben

Erkennst du? Sprich!

JOLANTE.

Blau schimmern Büsch und Decken.

ROMINTA.

Die Zeichen sah ich nicht bei Tannenberg.

So ist’s der Plauen oder Küchenmeister,

Die standen beide auf des Landes Hut

Fern von der Schlacht. Siehst du die Unsern nicht?

JOLANTE.

Nein Auch das Singen tönt schon fern und ferner.

Jetzt um die Waldesecke biegt, verhallend,

Die ganze Schar nun alles wieder stille.

ROMINTA.

Komm, steig herab so muß ich rasch zum König!

O dieser buntgelaunte Slawenschwarm!

Derweil die Donner an den Höhn noch rollen,

Sind sie wohl übers Schlachtfeld nun gelagert

Und schmausen, zanken da in wüstem Lärm,

Halleluja und Vivat durcheinander,

Und keiner hört des Kriegsgotts leisen Tritt,

Der heimlich rasselnd durch die Wälder schreitet.

Komm nur! Noch steht Marienburg. Auf den Trümmern

Des letzten aller deutschen Ritterschlösser

Ruf ich Viktoria erst, und werf mein Schwert fort!

 

Sie will abgehn.

 

 

GEORG VON WIRSBERG mit gezogenem Schwert ihr entgegentretend.

Da meld der Hölle den verfluchten Sieg!

JOLANTE.

Ein Ordensritter! weh! wer hilft der Herrin!

 

Sie entflieht.

 

 

ROMINTA ihr Schwert ziehend, zu Wirsberg.

Erst fecht mit mir, dann prahle wenn du kannst!

 

Sie fechten.

 

 

WIRSBERG plötzlich zurücktretend.

Du bist ein Weib! Die üppig wallenden Locken

Verdunkeln Stirn und Wangen dir wer bist du?

ROMINTA.

Rominta bin ich, hoher Fürsten Tochter,

Die dieses Land regiert, eh euer Schwert

Erklang in unsrer Wälder Einsamkeit.

Wild-grüne Trümmer waren meine Wiege

Hoch überm Heldengrab, mein Wiegenlied

Des Meeres und der heil’gen Wipfel Rauschen.

Was stehst du zaudernd da, Georg von Wirsberg?

Ich kenn dich wohl! Viel tapfre Seelen sandtst du

Dem Himmel zu Du bist der Kecksten einer,

Komm, mich gelüstet recht nach deinem Herzblut!

 

Sie dringt auf ihn ein.

 

 

WIRSBERG.

Laß ab, graunvolles Lieb! Dein Aug verwirrt

Wie Wetterleuchten mir bei dunkler Nacht

Der Seele tiefsten Grund wie du auch dräust,

Dich töt ich nicht! die Lebende entführ ich!

 

Draußen Trompetenklang.

 

 

ROMINTA.

Das ist mein lust’ges Reitervolk von Litau’n!

Das ist des weißen Adlers Flügelschlag,

Der König naht o freudenreicher Tag!

Laß mich hindurch, Vermeßner, fängst mich nicht!

 

Sie drängt ihn zurück und eilt fort. Wirsberg sieht ihr schweigend nach, während von der andern Seite mehrere Soldaten auftreten.

 

 

ERSTER SOLDAT.

Ich lauf dorthin!

ZWEITER.

Bist du gescheut? dort schweifen

Polacken her!

WIRSBERG plötzlich sich nach ihnen kehrend.

Saht ihr es auch? als streift’s

Im Fliehen rings mit Wunderglanz die Zweige.

ERSTER.

Nein, blutrot streift’s das Gras!

WIRSBERG zerstreut.

An solchen Tagen

Des Greuels, sagt man, steigen von dem Blut

Erschlagner, Truggestalten aus dem Boden,

Den Sinn verwirrend. Fort aus diesem Wald!

 

Zu den Soldaten.

 

 

Auf! greift die Flücht’gen! ruft den andern nach!

Heinrich von Plauen, heißt’s, der Vogt von Pommern,

Rückt an zur Hülf Seht, daß wir zu ihm stoßen!

ZWEITER SOLDAT.

Ja wohl, zerstoßen sind wir heut genug.

Was Hülfe da, wo alles schon verloren!

WIRSBERG.

Du lügst, Gesell! Die Ehr ist unverloren!

Das ist ein blanker Stern, der freud’ger funkelt

Je tiefer rings die Nacht des Unglücks dunkelt,

Laßt uns nur alle Stern zusammenstellen,

Wir wollen sternklar noch die Welt erhellen.

ERSTER SOLDAT.

Ihr wart verwegen stets zu jedem Streich,

Je toller in der Welt, je wohler Euch.

ZWEITER SOLDAT.

Wo andre kaum auf ihren Füßen schreiten,

Sieht man Euch schwindelnd übern Felskamm reiten.

ERSTER SOLDAT.

Wer einst alt werden will, schon seine Jugend!

WIRSBERG sein Schwert ziehend.

Voraus! bei Gott, sonst prügl ich euch zur Tugend!

 

Er treibt sie vor sich her. Alle ab.

 

Rudolf Graf von Kyburg, Hermann Gans, Günther Graf von Schwarzburg, Johann von Schönfeld und mehrere andere Ordensritter treten auf.

 

 

HERMANN GANS.

Horcht da es huscht den Wald herab wie Nachtspuk.

GRAF VON KYBURG.

Feldflüchtig Landvolk Sturmgewölk, das wirbelnd

Bellona vor sich hertreibt durch den Wald.

Wo sind wir jetzt?

SCHÖNFELD.

Wo sich die Straßen scheiden,

Nach Deutschland hier, dort nach Marienburg.

HERMANN GANS.

Hier stehn wir nun, die einzigen Gebiet’ger,

Die Gott salviert aus dieser wilden Schlacht,

Und Würd und Last des Regiments merkt’s wohl!

Ruht bis zur neuen Meisterwahl auf uns.

So laßt uns denn, bevor wir weiterziehn,

Nach den Artikeln hier den Plan des Zuges

Beraten, wie sich’s ziemt.

 

Zu den Rittern.

 

 

Platz da, ihr andern!

Ich bin der Ältste hier Graf Kyburg, kommt!

Ich also sprech zuerst. Ich mein: wenn wir

Mehr Leute hätten noch, und wenn

SCHÖNFELD.

In summa:

Mir ist’s, wie wir hier aus dem Lande wandern,

Als wär’s von Letten ganz, und hielt mich fest

Bei jedem Schritt, je mehr ich zuck, je fester,

Als sollt ich meine blanken Rittersporn

Mitsamt den Stiefeln lassen drin.

GRAF VON KYBURG.

Das Land?

Was ich davon vor Nebeln noch gesehen,

Hält mich nicht fester, als sein Sand mein Roß.

Und ist das Schiff zerschlagen, denk ich, greift

Nach jeder Planke jeder wie er kann,

Da fragt den Sturm dann und die taube Woge,

Wohin es geht!

HERMANN GANS.

Gut.

SCHÖNFELD.

Gut? den Teufel auch!

HERMANN GANS.

Still, Ordnung! Ordnung! Nun, Graf Günther, du!

Es wird um ernst Gehör anjetzt gebeten,

Was stehst du so in dich gekehrt zur Seite?

GRAF SCHWARZBURG.

Was gibt’s?

HERMANN GANS.

Ei, wir beraten hier, wohin

GRAF SCHWARZBURG.

Wohin?

 

Rasch zu ihnen sich wendend.

 

 

Seid ihr bei Ja und Nein bereit

Mit dieser Handvoll Reiter, die uns folgen,

Euch nach Marienburg hineinzuwerfen,

Und mit dem letzten dumpfen Klang der Brücke,

Die, wie der Grabstein, hinter unsern Sporn

Sich rasselnd schließt, Leib, Gut und alles Trachten,

Bis auf die Ehre, fröhlich einzusetzen?

Seid ihr entschlossen, wenn der rasche Feind

Von Trepp zu Trepp die müden Fechter drängt

Bis in des Schlosses tiefsten Kellergrund,

Den einz’gen Pfeiler dort, der alle trägt,

Mit letzter, herrlicher Gewalt zu brechen,

Daß über uns der Bau zusammendonnert

Und Weh und Jubelschrei ein Grab verschlingt?

Seid ihr bereit? Seid ihr?

SCHÖNFELD.

Ein herrlich Grab!

GRAF KYBURG.

Da hätt die Welt nicht mehr davon, als wir.

HERMANN GANS.

Nach den Artikeln sind wir nicht befugt,

Sede vacante alles auf solch Wagnis

GRAF SCHWARZBURG.

Nun denn so plaudert nicht und zieht nach Deutschland!

Was mich betrifft, mein Fähnlein brach dahin

Schon auf aus dieser sternenlosen Nacht.

SCHÖNFELD.

Ja Nacht! ich weiß nicht mehr: Wo, wie, weshalb

Und was ich will!

GRAF SCHWARZBURG.

Was ich in Deutschland will?

An alle unsre Burgen will ich schlagen,

Daß es durchs ganze Land erschütternd Klang gibt;

Wo Sorge schläft bei Tänzen, Schmaus, so weit

Rings heitre Schlösser deutsche Berge kränzen,

Will ich Weh schrein und durch die Stille rufen:

»Wacht auf! der Christen Bollwerk ist gebrochen,

Von Osten braust die blinde Flut, wacht auf!«

Und sind die Herzen dort und Schwerter rostig

Nun so es gibt noch Heiden in Algier

Und ehrlichen Rittertod, die Haft zu lösen

Aus solcher Jammerzeit.

SCHÖNFELD der herumspähend, tiefer in den Wald getreten.

Was für Spektakel!

Da stürzen Kind’ und Weiber durch den Wald

So ‘n knolliger Bauer lärmt für zehn Soldaten!

Du steh da! Sieh, nun hab ich dich beim Schopf.

 

Er bringt einen Bauer geschleppt.

 

 

Komm, fürcht dich nicht, ich bin dein gnäd’ger Herr.

Sag uns, was gibt’s? was lauft ihr wie besessen?

BAUER.

Ach Herr, Gespenster ziehn im Wald!

GRAF KYBURG.

Das Volk

Ist hier noch ziemlich dumm denk ich an Sachsen

SCHÖNFELD.

Denk was du willst! Laßt ihn. Erzähl nur weiter.

BAUER.

Mir steigt das Haar noch, denk ich dran zurück.

Seht nur, der Pole kam, wir mußten fliehn

Und rasteten die Nacht im dunkeln Walde.

Da, wie wir lagen so, gehn rote Lichter

Bald da, bald dort, und wunderbare Stimmen,

Dann alles wieder still. Auf einmal stürzen

Zwei Nachbarn her, drauf mehr und immer mehre,

Wüst, bleich, verstört, und sagen aus: die Herren,

So in der Schlacht bei Tannenberg erschlagen,

Die säßen all gewappnet wieder auf

Und zögen mit Gesang bei Fackelschein

Langsam den stillen Waldesgrund herauf.

SCHÖNFELD.

Na, sei kein Narr!

BAUER.

Ich hab es selbst gesehn.

Es wuchs und wuchs die stille Reiterschar,

Daß sich der Wald drob schüttelte vor Grausen,

Und hoch voran beim Widerschein der Fackeln

Sankt Georg auf weißem Roß in güldnem Harnisch,

Die Fahne in der Hand. Wir aber gaben

Uns auf die Flucht, und hörten hinter uns

Der Rosse Wiehern noch und den Gesang

Von ferne durch die Morgenluft.

 

Ein Ritter tritt auf.

 

 

GRAF SCHWARZBURG.

Was bringst du?

RITTER.

Herr! Reiter zahllos ziehn den Wald herauf!

GRAF SCHWARZBURG freudig.

Herrgott! hierher?

BAUER.

Da habt Ihr’s selbst!

GRAF SCHWARZBURG zum Ritter.

Wer ist’s?

RITTER.

Wir wissen’s nicht. Wie du befohlen, zog

Dein Fähnlein still des Wegs nach Deutschland fort,

Da blitzten plötzlich Reiter uns entgegen.

Die lassen keinen durch doch was im Walde

Noch irre schweift, ringsher von allen Bergen,

Gleich Bächen stürzt’s dem Zuge schwellend nach,

Der wie ein Strom daherrauscht durch den Morgen.

Ein hoher Ritter führt den Zug. Das Volk

Scheut sich entsetzt vor ihm und alle meinen,

Es sei der heil’ge Ritter Georg

BAUER.

Da ist er!

 

Er entflieht.

 

 

GRAF HEINRICH VON PLAUEN mit der Fahne auftretend.

Zurück da!

 

Rückwärts in die Szene rufend.

 

 

Greift das flüchtige Gesindel,

Das heulend rings das Morgenrot verstört,

Stoßt nieder, was nicht steht!

 

Die Ritter erkennend.

 

 

Wie Ihr seid’s? hier?

Nun, Gott willkommen, Brüder mein!

HERMANN GANS.

Du Plauen?

GRAF KYBURG.

Was soll der Schwank? warum verrennst du uns

Den Weg?

HEINRICH VON PLAUEN.

Ich Euch? Der grade Weg geht ja

Dorthin.

SCHÖNFELD.

Wohin?

HEINRICH VON PLAUEN.

Nun, wo in aller Welt

Als nach Marienburg?

HERMANN GANS.

Du willst aufs Haupthaus?

HEINRICH VON PLAUEN im höchsten Erstaunen.

Ihr nicht?!

GRAF KYBURG.

Bist du denn toll? Ein Häuflein Greise

Wankt auf den Zinnen dort, gleich Wetterhähnen,

Der Winde Spiel.

HEINRICH VON PLAUEN.

So laß sie Kugeln gießen!

Dreitausend frische Männer bring ich mit.

SCHÖNFELD.

Jagello dringt zum Haus.

HEINRICH VON PLAUEN.

Nun just deswegen!

HERMANN GANS.

Der Meister tot

HEINRICH VON PLAUEN.

Der hohe Meister stirbt nicht!

EIN HAUPTMANN auftretend, zu Plauen.

Herr, eilt! von jenen Höhn dort komm ich eben;

Am Firmament fern überm dunklen Kranze

Der Wälder zieht der Pole eine Furt

Von Glut und Rauch grad nach Marienburg.

HEINRICH VON PLAUEN.

O Herr! so gib denn Flügel, heut nur Flügel!

Eil schnell hinunter, es soll niemand ruhn!

Geh, treibe, bitte, schelte, fort nur, fort!

Ich folge gleich Hör noch.

 

Leise.

 

 

Ein Fähnlein sende

Hierher, sie sollen diesen Platz umzingeln

Und keinen lebend lassen aus dem Kreis.

 

Hauptmann ab.

 

Zu den Gebietigern.

 

 

Nun rundheraus, ihr Herrn: wer nicht mit uns,

Ist gegen uns und so verhafte ich

Euch hier in unsers heil’gen Ordens Namen.

GRAF SCHWARZBURG sein Schwert ziehend.

Komm her, wes Herz nach Stahl verlangt! Wer gab

So ungemeßnes Recht dir, Übermüt’gem?

HEINRICH VON PLAUEN.

Frag mich nicht drum ich weiß es nicht, doch, so mir

Gott helfen mag, ich kann nicht anders! Eins

Muß Seel und Leib hier sein, und wo ein Glied

Abtrünnig, faul haut’s ab, bevor sein Gift

Das frische Blut verstört, denn nicht mehr Zeit

Ist’s zu Erbarmen hier und Wortgeklingel!

Gebt ihr das Haupthaus auf: Ihr findet nimmer

Ein Haus auf Erden wieder!

GRAF KYBURG.

Nun, so fange

Dir Knechte ein, nicht deutschen Reiches Grafen!

HERMANN GANS.

Um Gottes willen, still! ich bitt euch, Friede!

SCHÖNFELD.

Was Friede da, hat gleich der Plauen recht!

Oho, ihr Gräflein, ho! Ihr lagt in Windeln

Als nackte Heiden noch, da rauft ich hier

Als Ritter schon der Königin der Ehren!

GRAF SCHWARZBURG rasch vortretend.

Nun gut, ich will ja Frieden. Hab’s bedacht

Ein schöner Strauß, Marienburg zu retten,

Kühn, glänzend ob es glückt, ob nicht: wer’s wagt,

Des Name hebt mit feur’gem Arm der Ruhm

Hoch über den gemeinen Strom der Zeiten.

 

Den Plauen scharf ins Auge fassend.

 

 

Tritt mir die Macht des Feldherrn ab so sei’s!

Gib mir den Zügel dieser mut’gen Seelen,

Und nach Marienburg lenk ich Roß und Mann!

Was sinnst du nach?

HEINRICH VON PLAUEN.

Du bist mir unbekannt

In fremde Hand so Großes alles legen.

GRAF SCHWARZBURG.

Des Höhren Hand ist über dir und mir

Willst du? willst du?

HEINRICH VON PLAUEN nach einer Pause.

So nimm das Regiment!

 

Er reicht ihm die Fahne.

 

 

Nur fort jetzt, fort! Mit Gott ein Herz, ein Schwert!

GRAF SCHWARZBURG zurücktretend, indem er sein Schwert in die Scheide wirft.

Nun, so sei Gott gepriesen! Meinst du’s so.

So kann’s gelingen und mit Freuden beug ich

Mich vor dem bessern Mann. Da nimm, und führ uns!

HERMANN GANS.

Ist’s gleich die Regel nicht

GRAF KYBURG.

Man soll nicht sagen,

Daß je ein Kyburg fehlt, wo’s adlig gilt!

SCHÖNFELD.

Ich zerr schon lang hier, wie ein Ochs am Stricke

Oh, geht es da hinaus und stünd’s noch dicker,

Die Hörner eingesetzt und frisch drauflos!

GRAF SCHWARZBURG zu Plauen.

Was stehst du zaudernd noch?

HEINRICH VON PLAUEN.

Mir ist’s so hell

Wie ‘n klarer Sonntagsmorgen in der Seele.

Seht, wie’s im Tal da blitzt, die Banner wehn,

Die Lerche schwingt sich auf und aus der Ferne

Die Morgenglocken durch die stille Luft

O großer Gott, wie bist du gnadenreich!

 

Er sinkt auf die Knie. Alle andern Ritter knien gleichfalls zu stillem Gebet nieder. Währenddes hört man.

 

 

GESANG draußen.

 

Sei gegrüßt, du Königin

Himmels und der Erden;

Hilf uns, laß die Deinen heut

Nicht zuschanden werden!

 

HEINRICH VON PLAUEN aufstehend.

Sie rufen schon auf, nach Marienburg!

 

Während sich alle erheben, und, Plauen folgend, abgehn.

 

 

GESANG wie oben.

 

Sei gegrüßt, du Morgenstern

In dem Graun der Schlachten,

Führ uns heim ins Morgenrot,

Will uns Tod umnachten!

 

Zweiter Aufzug

 

Erste Szene

 

 

 

Schloßhof in Marienburg, links eine Mauer, über die man ins Land hinaussehen kann, im Hintergrunde buntbewegte Geschäftigkeit von Rittern und Soldaten. Hanns von Baysen, eine Büchse in der Hand, und ein Soldat kommen.

 

 

SOLDAT. Nun Gotts Wunder! laßt Euch noch einmal betrachten wahrhaftig der Herr Junker Hanns von Baysen mit Haut und Haar! wie kamt Ihr her?

BAYSEN. Hab lange genug gehockt zu Haus. Als heut der Plauen die Schar vorüberführte ich stand grade auf der Zinne und hört’s von ferne trampeln und rasseln durch die Nacht und als die Sonne aufging und die Helme blitzten und die Reiter sangen, da ging ich leis die Wendeltrepp hinab, über den stillen Hof weg, mein Rößlein sachte, sachte aus dem Stall und frisch dem Zuge nach! Aber wahrhaftig, ich hätte dich auch bald nicht wiedererkannt, du hast dich sehr verändert.

SOLDAT. Ja, so ein Kriegsjahr kostet ein gut Stück Speck. Sonst, wenn ich mich abends unter der großen Linde vor Eurem Schloße auf die Bank niedersetzte, da zitterte mir der ganze Leib vor Zufriedenheit wie Sülze.

BAYSEN. Du bist noch immer der alte lustige Gesell. Da sieh einmal! ein schmuck Gewehr, so blank; es spiegelt sich der Himmel drin wie lauter helles Glück. Er legt über die Mauer an, läßt aber schnell die Arme wieder sinken. Herr Gott, was gibt’s da unten! Als hätt es Lumpen geschneit: der ganze Platz voll Kasten, Kleider und Gerümpel, und Männer, Kinder und Weiber zwischendurch, das schlingt und schiebt sich durcheinander, alles drängt hier nach dem Schloßtor. Was bedeutet das?

SOLDAT. Gewitter es fliegt der Sturm voraus und wirbelt den Staub auf. Die Marienburger sind es, die vor dem Hagelwetter, das von Stuhm aufsteigt, aus der Stadt zum Schlosse flüchten.

BAYSEN. Wahrhaftig, wie zerrissenes Gewölk vor dem Sturm daher! Ein jeder trägt sein Liebstes da sieh das Weib, wie ein Apfelbaum, aus jeder Falte ihres Mantels guckt ein Kinderköpfchen, und dort der flinke Bursch sein Mädchen hoch im Arm schau nur, sie sieht uns hier und blickt schnell weg, als hätte die Morgensonne sie geblendet; ich wette, sie blinzelt doch wieder herauf. Aber was soll uns das alles hier?

SOLDAT. Der Plauen hat ihnen die Keller aufgetan, da sollen die Ratten hausen, bis wir die heidnischen Tigerkatzen draußen wieder verjagt haben.

BAYSEN. Wie bei der Sündflut in der Arche Noahs.

SOLDAT. Die Arche wird etwas tief gehn von dem Ballast.

BAYSEN. Laß es gut sein, der Plauen ist der rechte Schiffer, der steuert uns alle heraus durch Sturm und Flut! Nach dem Hintergrunde gewendet. Was gibt’s denn da für Lärm?

 

Ein Haufen Söldner, Czervany und Langschenkel an der Spitze, verfolgen den Johann von Schönfeld.

 

 

SCHÖNFELD. Seid ihr toll! Was habt ihr euch grade auf mich versessen? He? bin ich denn der Bettelvogt? So brüllt doch nicht, zum Teufel, und sagt wie vernünftige Bestien, was ihr wollt!

MEHRERE SÖLDNER. Sold!

SCHÖNFELD. Gold?

SÖLDNER. Ihr sollt’t!

SCHÖNFELD auffahrend. Bah! Indem er sein Schwert zieht. Ich hoff ich bin hier noch der Gröbste unter euch!

HEINRICH VON PLAUEN auftretend.

Still!

 

Der Haufe teilt sich schweigend und bildet einen Halbkreis.

 

 

Nun was gibt’s? Laßt sehn: wer spricht zuerst?

CZERVANY leise zu Langschenkel.

Jetzt reiß dein Maul auf.

LANGSCHENKEL ebenso.

Ruhig! ich zerdrück dich,

Wie ‘n Pfeifenstiel sonst zwischen meinen Fingern!

CZERVANY vortretend.

Herr Ihr erlaubt der arme blinde Troß

Ich kenn das Volk, glaubt einem grauen Krieger

So lumpig ‘s ist, so furchtbar wenn sie hungern.

Ich kann ‘s nicht bill’gen doch die Armut drückt

Sie bitten, daß Ihr ihren Sold erhöht.

HEINRICH VON PLAUEN lachend.

Nun, dacht ich Wunder doch!

 

Zu den Söldnern gewendet.

 

 

Seid ihr Soldaten,

So holt’s euch selbst! Bald strotzen rings die Felder

Von poln’schen Zelten, reichgewirkten Tepp’chen

Mit goldnen Franzen dran und Reiherbüschen.

Jagjels Schabracke, ja ein Zipfel dran

Gilt mehr, als meine ganze Rüstung. Holt’s euch,

Ihr habt den ersten Griff.

CZERVANY.

Wie gnäd’ger Herr,

Ihr meinet, daß die Beute Gott gesegnes!

Nicht, wie es sonst Gebrauch, geteilt soll werden?

LANGSCHENKEL.

Daß wir bei Plündrung, nächt’gen Überfällen

So Vorhand haben dürfen?

HEINRICH VON PLAUEN.

Ja, so mein ich’s.

Nun geht ihr’s ein?

 

Zu den Söldnern.

 

 

DIE SÖLDNER.

Heil, Plauen, Heil! Hussa!

 

Sie zerstreuen sich.

 

 

HEINRICH VON PLAUEN auf Czervany deutend.

Den greift und werft ihn in den Turm.

CZERVANY.

Wie mich

Unschuld’gen Mann?

 

Indem er abgeführt wird.

 

 

Das will ich dir gedenken!

LANGSCHENKEL für sich.

Oho, nur zu! Dem tut Ihr nichts, das ist

Ein alter Walnußbaum, je mehr man ihn

Mit Knüppeln schmeißt, je üppiger gedeiht er!

 

Ab.

 

 

HEINRICH VON PLAUEN zu Schönfeld.

Nun hast du dich erholt? Sieh, wie das wimmelt.

Mir ist, als wär ich heimgekehrt von ferne

Auf meiner Väter Schloß und schmückt’ mir’s aus

Zu einem großen Fest.

GRAF GÜNTHER VON SCHWARZBURG tritt auf.

Was bringst du uns?

GRAF SCHWARZBURG.

Schloß Stuhm, das letzte Bollwerk, ist gebrochen

Und unaufhaltsam rauscht die Flut heran.

HEINRICH VON PLAUEN Schwarzburg rasch beiseite ziehend, heimlich.

Ist alles fertig, wie ich dir befohlen?

SCHWARZBURG ebenso.

Ein Wink, und Stadt Marienburg steht in Flammen.

HEINRICH VON PLAUEN sich zu den Rittern wendend.

Nun frisch zum Tanze! Stimmt die Instrumente,

Wir wollen ihnen weite Sprünge lehren!

Gebt acht, wer seine Note fehlt, den lachen

Die Frauen aus; manch Lockenköpfchen duckt

Wie Ringelblumen aus dem Erdgeschoß.

Schafft ihnen Speis und Trank hinab, das Volk

Soll schmausen an der Herren Ehrentag!

SCHÖNFELD.

Nun, wenn’s nur schmeckt nichts, als gekochtes Korn.

HEINRICH VON PLAUEN.

Das macht die Zähne blank, wir können’s brauchen,

Uns durchzubeißen hier.

DER BURGEMEISTER VON MARIENBURG verstört und eilig eintretend.

Wo ist der Feldherr?

HEINRICH VON PLAUEN.

Was willst du, Burgemeister? Schaust so trüb.

BURGEMEISTER.

O Herr! Auf dein Gebot verließ das Volk

Die Stadt ich schied zuletzt, und hinter mir

War’s da so leer und still auf allen Gassen,

Daß man den Brunnen rauschen hört’ vom Markt

Doch durch die Einsamkeit, bald da, bald dort

Sah ich geschäftig fremde Männer schreiten

Ein schreckliches Gerücht geht um o sprich,

Gestrenger Herr, was soll das?

HEINRICH VON PLAUEN.

Was es soll?

Was macht ihr da! dorthin bringt das Geschütz!

 

Er geht, anordnend, in den Hintergrund.

 

 

BAYSEN an der Mauer.

Da da, seht hin! Dort dunkelt’s schon herauf!

Wie Schwalben vorm Gewitter, kreuzen pfeilschnell

Tartaren einzeln übers stille Feld

Hei, wie die nun aus Wald und Hecken brechen,

Hoch überm Kopf die blanken Lanzen schwingend!

Wie bunte Pfeile übern grünen Plan

Schwirrt’s her und hin, daß mir die Augen flimmern

Ein Herold fliegt vorauf

HEINRICH VON PLAUEN plötzlich vortretend.

Jetzt zünd’t die Stadt an!

BURGEMEISTER sich vor ihm auf die Knie werfend.

O meine Ahnung! Hab Erbarmen, Herr!

Zertrümmre nicht im raschen Augenblick,

Was viel Jahrhundert’ liebend aufgerichtet!

HEINRICH VON PLAUEN ihn schnell aufhebend.

Knie du vor Gott, damit er euch erleuchte!

Wollt ihr, daß ich dem polnischen Adler draußen

Ein Nest bereite vor dem eignen Tor?

EIN RITTER eintretend.

Ein Herold von Jagello harrt am Tor.

HEINRICH VON PLAUEN.

Verbrennt die Stadt!

 

Mehrere Soldaten ab.

 

 

Du führ den Herold her.

 

Hermann Gans und Graf Kyburg drängen sich vor.

 

 

HERMANN GANS.

Bedenke, Plau’n! bedenke wohl in diesem

Hochwicht’gen Fall

GRAF KYBURG.

Die überspannte Senne

Verletzt den Schützen

HEINRICH VON PLAUEN.

Ruhig. Was ich soll,

Das les ich in der leisen Schrift erblaßter

Gesichter rings in dieser stillen Runde.

HEROLD tritt auf.

Wer ist der Erste unter euch hier?

HEINRICH VON PLAUEN.

Ich.

HEROLD.

Jagello, Polens König spricht also

Durch meinen Mund zu dir: Der Sturm, den rasend

Der Übermut des Ordens hat beflügelt,

Vermessend sich, die Throne umzustürzen,

Er hat das hehre Meer der Majestät

Empöret, das, aus seinem Bett aufbäumend,

Das Land verschlingt und euch, und eure Burgen,

Und fliehender Völker Schrei verkündet wachsend

Dem bangen Rund der nahnden Wogen Donner.

So kommt der König um auf dieser Burg,

Den letzten Trümmern eures trotz’gen Hochmuts,

Gericht zu halten über alle Frevel.

Du aber sollst das Tor dem Herren öffnen!

HEINRICH VON PLAUEN.

Wortkühner Herold ist das alles?

HEROLD.

Alles.

HEINRICH VON PLAUEN.

So reit zurück und drück die Sporen ein,

Denn eh du noch des Königs Zelt erreicht,

Hab ich mit Flammen auf das Firmament

Die Antwort ihm geschrieben! Und befrägt er

Dich um die Deutung noch, so sag ihm das:

Wie Flut und Feuer woll ich mit ihm ringen,

Und keinen Richter kennt ich über mir,

Als den allmächt’gen Gott, der hier entscheide,

Denn lebend laß ich nimmer diese Burg!

Nun eil, eh über dir die Wolke bricht!

 

Der Herold ab. Im Hintergrunde sieht man die Flamme der brennenden Stadt aufsteigen. Allgemeines Stillschweigen.

 

 

HEINRICH VON PLAUEN ins Feuer schauend, zu Graf Schwarzburg.

Das ist ein schönes, kühnes Element,

Was schwer, vernichtet es und greift zum Himmel.

 

Zu den Umstehenden.

 

 

Nun denn mit Gott ein jeder an sein Werk!

 

Alle ab.

 

 

Zweite Szene

 

 

 

Nacht. Freier Platz vor Romintas Zelt. Zur Seite Bäume. Wirsberg, in einen polnischen Mantel gehüllt, tritt auf.

 

 

WIRSBERG.

Das sind die Bäume Romintas Zelt!

Es wittert mich keiner hier durch die Runde

Der Wachen strich ich leise übers Feld.

Horch aus den Dörfern bellen die Hunde,

Die Wolken fliegen am Himmel geschwind,

Die Fähnlein an den Zelten dreht der Wind,

Und rings schaut die dunkele Nacht herauf,

Als schlüge Rominta ihr Auge auf.

Rauscht nicht das Zelt da? sie tritt hervor

 

Er stellt sich hinter einen Baum.

 

Rominta und Jolante kommen aus dem Zelt.

 

 

ROMINTA.

Da blitzt’s von fern es kühlt sich nur die Nacht,

Die Welt ruht aus, derweil der Himmel wacht.

JOLANTE.

Im Mondschein glänzen rings die Zelte hier,

Da ruht manch Ritter jetzt und träumt von dir.

ROMINTA.

Horch übers Lager rauscht verworrnen Schalles

Der Abend halb im Schlaf das ist so schön

Und stille hier, als wär der Krieg und alles

Vorbei, und ich stünd in der Heimat wieder.

Komm, setz dich zu mir auf den Rasen nieder,

Wir wollen plaudern in der Einsamkeit.

Flecht mir die Zöpfe und erzähl ein Märlein,

Wie sonst zu Hause in der schönen Zeit.

 

Sie setzt sich vor das Zelt.

 

 

JOLANTE.

Ein Märlein? Willst du das vom Wassermann?

Es war wüßt ich’s nur gleich wie fängt’s doch an?

 

Hinter Rominta kniend, während sie mit ihren Locken beschäftigt ist.

 

 

Es war einmal ein Fräulein schön und jung,

Dem war kein Mann zum Freier gut genung.

Und als die Störche zogen übers Haus,

Schaut’ nach dem Bräut’gam sie vom Berg hinaus,

Und als der Frühling wiederkam,

Ihr Ringlein sie vom Finger nahm:

»Sie alle gefallen mir nimmermehr,

Der Schönste bring’s als Bräut’gam wieder her!«

Sie warf das Ringlein in den Morgen bunt,

Das blitzte weit und ging im Strom zu Grund.

ROMINTA nach ihr sich wendend.

Du hättest dich so lange nicht bedacht.

JOLANTE.

Ach, Herrin! wie der Mondschein blaß dich macht!

Die losen Locken um die Wangen her

Recht wie das Zauberfräulein in der Mär!

ROMINTA.

Ja wenn ich zaubern könnt! Nun weiter nur.

JOLANTE.

Als nun die Nacht bedeckte Wald und Flur,

Das Fräulein einsam in dem Garten stund,

Im dunkeln Gange spielt der Mondenschein,

Einsiedlers Glöcklein nur vom Waldesgrund

Noch hört’ man dort, und fern des Wildes Schrein.

Und als der lichte Tag nun war entflohn

Da und das Käuzlein lacht

ROMINTA.

Du schläfst wohl schon?

JOLANTE sich ermunternd.

Das Käuzlein lacht Da rauscht’ der Fluß herauf,

Als tauchten plötzlich Roß und Reiter auf,

Dann wieder alles still dem Fräulein graut,

Sie beugt sich vor und scharf ins Dunkel schaut:

»Was steht für ‘n Stein dort in den Fluß hinein? «

Der Mond brach durchs Gewölk, sie sagt: »Kein Stein!

Da steht ein Ritter an der Felsenwand,

Mein Ringlein funkelt hell von seiner Hand «

ROMINTA plötzlich aufspringend.

Was rührt sich dort?

JOLANTE.

Ein Ritter

ROMINTA nach einer kurzen Pause.

Geh hinein,

Es wird ein Bote aus dem Lager sein.

 

Jolante geht zögernd in das Zelt, während Wirsberg hervortritt.

 

 

ROMINTA zu Wirsberg.

Was bringst du mir in dieser stillen Stund?

WIRSBERG.

Vom Lager komm ich, mach die nächt’ge Rund.

ROMINTA.

Ein polnischer Ritter bist du nicht

Warum verbirgst du dein Gesicht?

WIRSBERG.

Nicht Augen, nur die Arme still

Braucht wer im Finstern schaffen will.

ROMINTA.

Was drängst du dich so wild heran?

WIRSBERG.

Damit ich dich besser fassen kann!

 

Er umschlingt sie rasch, und schwingt sie auf seinen Arm.

 

 

Der Mond geht unter, es schnaubt das Roß,

Fort, Lieb, durchs Dunkel auf mein Schloß!

ROMINTA entwindet sich ihm plötzlich, einen Dolch ziehend, und bleibt erstaunt vor ihm stehen.

Du bist’s dem ich begegnet nach der Schlacht.

WIRSBERG sie betrachtend.

Seltsam! so träumt’ mir’s stets tief in der Nacht

Umflattert von der Locken dunklen Pracht,

Den Dolch so funkelnd über mir gezückt

Und in dem Grauen atmet ich beglückt.

ROMINTA.

Du wagst dich hoch hörst du der Wachen Ruf?

Ein Wink, und dich zermalmt der Rosse Huf!

WIRSBERG.

Die fürcht ich nicht. Die Stimme, dein’ Gestalt,

Die Augen zauberhaft tun mir Gewalt.

Komm! Fern die Nachtigall aus Träumen schallt,

Im Mondlicht rauscht der alte Zauberwald!

ROMINTA.

Du redest irr hüt dich, es hat die Nacht

Ein leis Gehör, und schlauer Argwohn wacht.

Entflieh von hier, sonst faßt der Kriegsgott dich!

WIRSBERG.

O süßer Klang der Furcht Du fürchtst für mich!

ROMINTA stolz.

Ich? Kehr zurück in deine stille Klause!

Ihr habt ja einen Meister auf dem Hause,

Den hochgewalt’gen Plau’n er sperrt dich ein,

Kommst du so spät. Möcht nicht Geselle sein!

WIRSBERG.

Komtur bin ich, kann selber Meister werden!

ROMINTA.

Es gibt für einen stets nur Raum auf Erden.

WIRSBERG.

Wie meinst du das?

ROMINTA nachdem sie ein Weilchen in Gedanken dagestanden, plötzlich gegen Wirsberg gewandt.

Wohlan! Liebst du mich recht?

WIRSBERG.

O frag nicht noch!

ROMINTA.

Nur einen fürcht ich, haß ich

Man sagt, du seist beherzt, stolz

WIRSBERG.

Was verlangst du?

ROMINTA seine Hand fassend.

Sieh wenn du heimlich mit Gewalt ich wüßt

Ein Plätzchen wohl, mich traulich zu besuchen

Wenn Mondenlicht die stillen Hügel küßt.

Die Stern nur flimmern dort durch dunkle Buchen,

Der Springbrunn rauscht, die Wipfel flüstern sachte,

Glühwürmchen schweifen in den stillen Gängen

Die Lerche nur weiß drum, die früherwachte,

Verträumt in morgenroten Lüften hängend

WIRSBERG sie umschlingend.

So komm leis, schnell durchs Dunkel, schönes Weib!

ROMINTA.

Fort! Nicht berühren sollst du meinen Leib,

Nicht aus dem Panzer lös ich diese Glieder,

Solang er atmet, uns zu Schmach und Not!

Nicht eher, Wirsberg, sehen wir uns wieder,

Bis du mir Kunde bringst daß Plauen tot.

WIRSBERG.

Was sagst du, Schreckliche!

ROMINTA.

Nun, reit zurück!

Ich hör Geräusch hier tötet jeder Blick.

 

Sie geht ins Zelt.

 

 

WIRSBERG.

Wie’n Wandrer, der ein grauenhaft Gesicht

Erblickte in des Blitzes rotem Licht,

Erschrocken in die Nacht zurück sich wendet,

So steh ich von der Hölle hier geblendet.

Horch Tritte rauschen auf den tau’gen Matten!

Sie nahen schon so berget mich, ihr Schatten.

 

Er tritt wischen die Bäume. Langschenkel und Czervany treten von verschiedenen Seiten vorsichtig auf.

 

 

CZERVANY. Pst sachte Pst!

LANGSCHENKEL. Bist du’s, Czervany? Du zischst ja wie eine Fledermaus durch die Nachtluft. Wie bist du denn schon jetzt aus dem Verlies entkommen?

CZERVANY. Verstand der Wuttke gute Freunde. Hör Langschenkel wir sind doch unter uns? Dreihundert nein, wollt sagen: Zweihundert Rosenobel

LANGSCHENKEL. Sollen wir haben?

CZERVANY. Ja, einhundert Rosenobel wenn der Anschlag gelingt! Hab alles abgemacht mit den Polacken.

LANGSCHENKEL. Was! läßt du herunter, wie ein Jude? Du sagtest ja erst dreihundert.

CZERVANY. Ich? dreihundert? nein, guter Langschenkel, sagt ich so?

LANGSCHENKEL. Hör, guter Czervany, du willst uns da wieder betrügen ist’s nicht so?

CZERVANY. Sei doch nur vernünftig! von wem kriegen wir das Geld?

LANGSCHENKEL. Nun, vom König Jagjel.

CZERVANY. Siehst du den Dummkopf, und will da judizieren! Der König gibt’s dem Kronschatzmeister, der Kronschatzmeister dem Oberzahlmeister, der dem Unterzahlmeister, der dem Schreiber, der dem Kastellan, der dem Hauptmann, der mir, sind sieben Personen, jede Person hat zwei Hände, jede Hand fünf Finger, an jedem Finger bleiben zwei Rosenobel hängen, ich frage: wieviel bleibt da?

LANGSCHENKEL ihn beim Kragen fassend. Rechen’s einmal aus, Czervany, aber rasch, sonst erwürg ich dich hier in der Stille ich frage wieviel bleibt?

CZERVANY. Siebenzig Finger, doppelt genommen und von dreihundert subtrahiert zum Teufel! Du schnürst ja, daß mir keine Ziffer aus der Kehle kann bleiben hundertsechzig bleiben

LANGSCHENKEL. Möchtest du nicht die Güte haben und noch ein Dutzend von den verfluchten Fingern auf mein Wams abrechnen, das mir zu kurz ist, und noch ein Dutzend auf das Loch im Ärmel, das mir zu lang wird?

CZERVANY. Warum bist du so ein langer Kerl, man muß sich einschränken, wenn man’s nicht dazu hat und so ein cholerischer, spitziger Kerl, der überall mit dem Ellbogen durchfährt! laß los! dreihundert laß los, sag ich vierhundert Rosenobel aber nun auch keinen Schilling mehr!

LANGSCHENKEL ihn loslassend. So, nun will ich auch durch die noch übrigen Finger sehn. Siehst du guter Czervany, es kommt nur drauf an, daß man’s am rechten Fleck anfaßt.

CZERVANY. Du bist doch immer der alte Spaßvogel! immer Witz und kitzliche Einfalle bei der Hand. Aber jetzt tu mir den Gefallen, mach keine Händel weiter, und sag mir aufrichtig, wie’s im Felde steht, sind die Polacken bereit?

LANGSCHENKEL. Sie ziehen soeben zwischen dem Gebüsch und den Gräben heimlich nach der Marienburg; die auserlesensten Kerls streichen dann einzeln leise, dicht an der Schloßmauer durchs Dunkel hin bis zu dem Pförtchen an der Nogat. Der Wuttke hat die Wache dort, Schlag Mitternacht dreht er die Tür sachte in den Angeln und läßt sie ein.

CZERVANY. Und ihn ihn?

LANGSCHENKEL. Den Plauen? Auf die Schloßzinne pflegt er jede Nacht hinauszutreten, wie der Burggeist, und spricht einsam im Winde mit sich selbst; sie sagen, er läs in den Sternen und im Zug der Wolken

CZERVANY. Gut, laß ihn lesen! Wenn der Janhagel drin ist, gehst du mit dem einen Haufen grade aufs Hochschloß los, ich führ unterdes die andern durch den stillen Gang, wo die Unsern stehen, auf die Zinne

LANGSCHENKEL. Ist der Plauen tot, so ist das Haus unser.

CZERVANY. Horch was war das?

LANGSCHENKEL. Eine Wetterfahne schreit, da hängt sich einer, sagt man. Du fröstelst ja!

CZERVANY. Der Tod läuft über mein Grab. Komm nur, solche Nacht ist mir just die liebste, wenn die Wolken so über- einanderstürzen und die Dachluppen klappen und die Hunde heulen in den Dörfern.

LANGSCHENKEL. Geh voraus, du trittst so leise über den Rasen, wie ein Wolf der von der Kette losgekommen, die Augen funkeln dir ordentlich rot im Kopfe.

 

Beide ab.

 

 

WIRSBERG aus seinem Hinterhalt rasch hervortretend.

Mein Roß! Feld, Bäume drehn sich wie im Wahnsinn,

Ich taumle fast o höllischer Verrat!

Und faßt ich sie, ein Schrei hier in der Nacht

Verdürbe mich und alles wär verloren.

Fort nach Marienburg, dem Mord voraus!

 

Er stürzt fort.

 

 

 

Dritte Szene

 

 

 

Nacht. Auf der Zinne von Marienburg. Kuntz und Wuttke.

 

 

WUTTKE. Siehst du noch immer nichts von den Polacken, Kuntz?

KUNTZ. Bin ich denn eine Katze, daß ich in der Nacht sehen soll?

WUTTKE. Nun, aufs Mausen verstehst du dich doch. Pfui über diese podolische Langsamkeit! Ich wette, die ganze Armee ist wieder in Tran getreten, und kann die Stiefeln nicht herauskriegen. Aber gib acht, Kuntz, geht das schief heut nacht, so erlebst du ein exemplarisches Unglück an mir! Ist das ein Leben hier zwischen den Mauern, wie ein verrosteter Ladstock im Laufe des Kriegs!

KUNTZ. Ich bitt dich, Wuttke, deine Zunge wird dir noch den Hals kosten.

WUTTKE. Kosten? Da ist nicht viel zu kosten, nichts als Flechsen!

KUNTZ. Das unmenschliche Saufen! Du bist schon wieder übergeschnapst. Stehst da wie ein zerzauster Weidenbusch im Sturme.

WUTTKE. O du langer schlanker, blasser Jüngling! recht wie ein Talglicht! Wenn dich der Krieg abgebrannt hat, wird dich noch eine schmierige Ehefrau als Profitchen aufstecken. Saufen! was verstehst du davon! Mir fängt eben erst an martialisch zu werden, es knistert mir schon in den Haaren, ich fühl’s ordentlich, wie mir der Feuermann sachte durchs Sparrwerk zu Dache steigt. Aber hör, Kuntz ich glaube, der Wirsberg ist auch noch nicht wieder zurück? den hat auch der Teufel grade heut auf Patrouille geritten! Geh hinunter ans Pförtchen, und laß ihn hurtig ein sobald er kommt, daß er draußen nicht Lunten riecht.

KUNTZ. Wenn ich nur dem Schönfeld nicht in die Hände laufe, er hat heut das Kommando auf diesem Flügel, da komm ich nicht so bald wieder los. Dem hast du gut eingeschenkt! Er rumort und lärmt und kommandiert treppauf, treppab durchs ganze Haus, wie ein betrunkenes Gespenst. Horch bei Gott, da kommt er eben wieder dahergeschimpft!

 

Eilt durch die entgegengesetzte Türe ab.

 

 

WUTTKE. Er sei mir willkommen.

JOHANN VON SCHÖNFELD das Folgende zum Teil, ehe er noch eintritt. Des Teufels Söldner seid ihr! Was! ist das Dressur? ist das Subordination? Gar keine Ordination, gar keine Tonsur habt ihr! Hundezucht! und wären die Kerls wenigstens fetter, so wären’s wahre Hundsfötter!

WUTTKE. Im Namen der Gottseligkeit, hebe dich von mir, du nachtschwärmender Geist, begib dich zur Ruh, sonst kräh ich dich an, wie ein Hahn!

SCHÖNFELD. Der abergläubische Mensch hält mich für ein Gespenst. Gravitätisch auf ihn zugehend. Abera, Kadabera! aber Ihr irdisches Hornvieh versteht kein Latein. Unglückseliger Wuttke! ich komme dir den Kopf zu waschen von dem Schimmel deiner Sünden, ich komme

WUTTKE. Ja, aber sacht nur! sacht! Du stolperst, seliger Geist wirfst einen recht dicken hoffärtigen Schatten im Mondschein hinter dir.

SCHÖNFELD sich erschrocken umsehend. Schatten? hinter mir? was? dummes Zeug! Du bist so ein verwitterter, langer schlottricher Kerl, Wuttke soll ich mich fürchten vor dir? Glaubst du, daß ich dich wirklich für einen verstorbnen Geist halte? Dummes Zeug! so ein langer, rindslederner Kerl, so ‘n

WUTTKE. Ho! ho!

SCHÖNFELD. Hör Wuttke meiner Treu, das gibt eine schöne Resonanz hier von der Zinne.

WUTTKE. Kommt, kommt nun zu Bett, gestrenger Herr, die Nachtluft greift Euch an.

SCHÖNFELD. Dummes Zeug! Schrei noch einmal mit mir zugleich.

BEIDE. Oho! Hihaho! Gehn schreiend ab.

 

Georg von Wirsberg tritt nach einer kurzen Pause durch die entgegengesetzte Türe rasch ein,

 

zurücksehend.

 

 

WIRSBERG.

Da in dem stillen Gange schlüpft’s jetzt dort

Als wär ich zwiefach hier nur wüster, bleicher,

Verstörter dort verfluchter Doppelgänger!

Wo ich mich umseh, kauert er im Winkel,

Die Wendeltrepp hinan schlich’s leise, leise

Dicht hinter mir, und schwäng ich vor Entsetzen

Mich über die Zinne hier, er stürzt’ mir nach!

Nicht doch still, still wer Arges sinnt, der sieht

Den Schattenriß der eigenen Gedanken

Verlockend über Feld und Wände schweifen.

O welchen Sturm verwegener Gelüste

Regst du geschäftig in der Brust mir, Teufel!

Mord, Lüge, Wahnsinn brütet diese Nacht

Und wird mit ihrem Hauch der künft’gen Tage

Unschuld’ges Morgenrot verlöschen! Draußen,

Als ich allein zurückritt aus dem Lager,

Im Feld, im Wald, durch die Nachteinsamkeit

Flüstert’s mir leise zu, daß mir die Haare

Vor Graun sich sträubten: Heut noch wird sie dein!

Noch weiß hier keiner von dem Plan nur schweigen

Dürft ich im ersten Schreck, in der Verwirrung

Des Überfalls es träf sich leicht der Plauen

Ist keck und stürzt sich blind hinein ich selbst,

Ich könnt ihn ungesehn Wie! sprach da wer?

Wenn ich im innern Hof die Unsern stellte

Der Plauen tot wir werfen in die Nacht

Die Polen rasch zurück ich rett das Haus

Und mein mein: Lust dann, ew’ger Ruhm

 

Plötzlich laut aufschreiend.

 

 

Wer ist da?

PLAUEN tritt auf.

Du hier? Was fährst du so erschrocken auf?

Du siehst ganz bleich im Widerschein der Blitze.

WIRSBERG verwirrt.

Die Fahrt die wilde Nacht

PLAUEN.

Die Nacht ist schön.

Sieh, in Gewittern geht der Herr vorüber

Mit allen Schrecken seiner Majestät,

Als wär da nichts Gemeines mehr auf Erden

Und nur das Große könnt der Mensch bedenken.

WIRSBERG.

O Herr!

PLAUEN.

Was ist’s? Du bist seit kurzer Frist

Verwandelt, Wirsberg, blickst so scheu und traurig.

Sonst, wenn wir um die Lagerfeuer ruhten

Bei Nacht im stillen Felde, und die alten

Geschichten da von Not und Lust und Kampf

Der Ordenshelden in die Runde gingen:

Da funkelt’ es so hell aus deinen Augen,

Ich sah dich stundenlang, fern von dem Lärm

Der andern, sinnend in die Nacht hinausschaun,

Und bei dem Widerschein der Flamme flog

Ein mut’ges Zürnen über Stirn und Wangen:

Daß du in jenen Zeiten nicht gelebt.

Nun, Georg die alte Zeit ist wiederkommen

Und frägt nach ihren Helden wieder Stamm

Und Kron zugleich gilt’s jetzt! Was willst du noch?

WIRSBERG.

Nein Plauen nein! das waren andre Zeiten,

Als die hier freudlos zwischen dumpfen Mauern!

Da lag im Morgenglanz das Heil’ge Land,

Gebirge wunderbar und Wasserfälle

Und Palmen träumend über Zaubergärten,

Wie man’s bei Nacht in Wolken glaubt zu schauen.

Und aus dem Glanze blitzten von den Auen

In fremder Pracht seltsame Kriegsgestalten,

Auf schlanken Rossen schön geschmückte Frauen,

Die plaudernd vor den bunten Zelten halten,

Gesang dazwischen durch den Abend her

Von Christenschiffen übers blaue Meer.

Da war’s ‘ne Lust, die Sporen einzudrücken,

Als funkelt’ rings die Welt von Edelsteinen!

Da mocht dem Kühnen noch das Höchste glücken

Und jeder konnte aus den Zauberhainen

Sich selbst zum Kranz den frischen Lorbeer pflücken!

PLAUEN.

Du dauerst mich mit deinem irren Sehnen.

Was Lorbeer, Glanz! Schwatzt du vom Heil’gen Land,

So denk des Meisters auch, der dort gewandelt!

Ihm lohnt’ die Welt mit einer Dornenkrone.

WIRSBERG.

Du bist so herb und streng in diesen Tagen

Verstör mich nicht um Gott! nur heut nur jetzt nicht!

PLAUEN.

Warum sollt ich den Jägersmann nicht wecken,

Der träumerisch am Abgrund eingeschlummert?

O glaub mir, Georg, in solcher wilden Zeit,

In Kriegsgefahren wie in großer Freude,

Steigt aus sich selbst der Mensch und zeigt sich offen.

Ich hab’s mit Schmerz gesehn: Kühn, tapfer seid ihr,

Doch jeder will’s auf seine Weise sein

Und keiner selbst sich opfern dem Gesetz.

Viel Helden gab’s zur Heidenzeit schon wollt ihr

Zu ihrem Banner euch von Christus wenden?

Christlich Panier, geistlichen Sinn verlangt

Der Augenblick, doch euer Sinn ist weltlich

Und liebt noch andre Dinge, als die Pflicht:

Besitz, des Namens Glanz, Gold, Frauenlob.

Der Frauen höchste hast du dir erkoren,

Die, unsre Fahne in der reinen Hand,

Hoch vor uns herzieht auf der Morgenröte,

In stillen Nächten übern Sternengrund,

Mit Himmelsglanz die arme Erde streifend.

WIRSBERG.

O Plauen könntest du ins Herz mir sehn!

Die Nacht schilt auf mich her mit allen Wipfeln,

All Sterne funkeln zornig auf mich nieder

Ich bin so ganz, ganz ein verlorner Mann!

 

Er stürzt sich auf die Brüstung der Zinne, das Gesicht mit beiden Händen bedeckend.

 

 

PLAUEN ihn betrachtend, nach einer Pause.

Geh schlafen du bist überwacht und stachle

Dich nicht mit Fechterworten, die das Ohr

Der ernsten Nacht verstörn nicht höher acht ich’s,

Als Sternenschnuppen an dem Firmament,

Das löscht der Sturm hier oben aus.

 

Er will gehn, sich zurückwendend.

 

 

Noch eins!

Wir sind allein ich wollt dir’s lange sagen:

Verworrenes Gerücht von dir, wie Nachtluft

Durch Unkraut, zischelt heimlich hier durchs Haus.

Man sagt, du suchst das Labyrinth der Nacht

Und wirfst die frische Jugend weg an Weiber.

Wirsberg! Zwei Herrn dient keiner unversehrt.

WIRSBERG gespannt aufhorchend.

Zwei Herrn? Wie meinst du das?

PLAUEN.

Hör, Georg hier ist’s

So still wer weiß, wie’s morgen um uns steht.

Sitz noch ich will dir eine Mär erzählen,

Die merke wohl.

 

Er setzt sich zu Wirsberg auf die Zinne.

 

 

Es lag die Welt im argen.

Ein Jüngling, drob erzürnt, floh in den Wald

Und sann, sie einzurichten. Da erschien

Der Herr ihm in der Einsamkeit und winkte

Zu folgen ihm. Und über still Gebirge

Von Fels zu Felsen stieg der wilde Pfad,

Er sah die Länder durch den Riß der Wolken,

Die Heimat unten und des Vaters Schloß,

Und tiefe Wehmut wollt ihn ganz bezwingen.

Und da sie oben standen, sprach der Herr:

»Nun blick noch einmal in die blühnde Tiefe

Willst du der Erde dienen oder mir?«

»Ei dir!« rief der, und wandte sich geblendet

Vom Feuerglanz; der Meister aber sprach:

»So werfe fort dein ird’sches Kleid von Hochmut,

Weltlust und eitlem Ruhm es hat die Erde

Noch andre Götter neben mir, du sollst

Sie niederwerfen nun, denn mich erbarmt’s

Der Reinen. « »Herr«, entgegnet da der Knabe,

»Wie doch vollbrächt ich das, so arm, verlassen

Hier in der Öde! « Der Allmächt’ge aber

Blickt’ leuchtend in sein Herz und sprach: »Da nimm

Mein Schwert ich will dich ganz in Feuer kleiden. «

Der Jüngling, tief erschauernd, drauf: »Hie bin ich! «

Da faßte den Verzückten Gottes Hand,

Und wo er auftrat, schlugen Zornesflammen

Vom Boden auf und hinter sich vernahm er

Den Schrei der Welt, in Lohen niederdonnernd.

Ihm selber aber war das Haar ergraut

Und öfter stand er still und schüttelt schaudernd

Das Blut sich von den Locken. Und als nun

Gesühnt der Frevel: hatt das Himmelsfeuer

Auch ihn verzehrt und als die Donner dann

Fernab vergrollten und die neue Zeit

Verweint emporstieg unterm Friedensbogen:

Da wußten die unschuldigen Geschlechter

Nichts von dem Streiter mehr, und keiner kannte

Den Platz noch, wo er sank ein Häuflein Asche

Vom Wind zerstiebt.

WIRSBERG aufstehend.

Laß los mich Du bist schrecklich!

PLAUEN.

Ich nicht. Fürcht Gott und laß bei Gotteswerk

Fortan all andre Furcht und andres Hoffen!

Und wenn dereinst Horch da, was rührt sich?

WIRSBERG erschrocken.

Wo?

PLAUEN.

Dort an dem Wall, beim hellen Schein des Blitzes,

War’s doch, als ob dort fremde Männer stünden.

WIRSBERG.

Hörst du nicht Waffen rasseln durch die Nacht?

PLAUEN.

Da immer mehr und mehr jetzt hier dort wieder

WIRSBERG stürzt vor Plauen zu Boden.

O Gott! Hülf, Plau’n, die Hölle tut sich auf!

PLAUEN sich hoch aufrichtend.

Was gibt’s?

WIRSBERG.

Sieh mich nicht so entsetzlich an!

PLAUEN.

Was gibt’s? hier über dieser Zinne Rand,

Wo Schwindel, sturmgleich, jedes Haar emporsträubt,

Treib ich hinab dich in den nächt’gen Abgrund,

Sag schnell, was weißt du? sprich!

WIRSBERG.

Verrat! Die Söldner

Am Nogattor sie nahn schon rette dich!

PLAUEN ihn ergreifend und nach der Türe schleudernd.

Voraus, armsel’ger Wicht!

 

Er zieht sein Schwert, fortstürzend.

 

 

He Ratten! Ratten!

 

 

Vierte Szene

 

 

 

Nacht. Freier Platz, im Hintergrunde das Schloß Marienburg, zum Teil von Flammen beleuchtet. Kriegslärm in der Ferne. Friedrich von Kinthenau und Hanns von Polkau treten von verschiedenen Seiten auf.

 

 

KINTHENAU.

Wer kommt da?

POLKAU.

Hanns von Polkau.

KINTHENAU.

Hat dich auch

Der kecke Überfall herausgelockt

Aus deinem stillen Baue, alter Fuchs?

Ich denk, heut nacht wird dieser Pfaffenritter

Hochfahrnder Sinn gebrochen, und ein simpler

Landritter auch einmal im Preise steigen.

POLKAU.

Steck nur dein Denken wieder in die Tasche.

Soeben kam mein Diener von dem Kampf:

Sie hatten Wittrung drin, noch eh die Polen

Recht wußten, wo hinein. Der Plauen merkt’s.

KINTHENAU.

Nun dieser Plau’n ist recht des Teufels Spürhund!

POLKAU.

Horch, immer lauter wächst das Kriegsgetümmel

Und hieher wendet sich der wilde Klang.

KINTHENAU.

So komm! Am schlimmsten zwischen zwei Parteien

So mitten stehen in der falschen Stille.

Man darf uns hier nicht schleichen sehn. Ich sammle

Die Meinen schnell, und jag den mit, der flieht.

POLKAU.

Das, Kinthenau, das ist es just die Schmach,

Wie feiler Hunde Schwarm, so an die Fersen

Gekoppelt dieser übermüt’gen Ritter!

KINTHENAU.

Laß nur! Gewaltig kreißt die wilde Nacht,

Wer sagt voraus da, wie das enden mag!

 

Beide ab.

 

Czervany und Langschenkel kommen eilig von der entgegengesetzten Seite.

 

 

CZERVANY. Der Tausend! ich bin da herausgeflogen, ich weiß selbst nicht wie!

LANGSCHENKEL. Der Plauen hat uns wie Bomben herausgeschossen nun können wir hier draußen vor Ärger zerplatzen.

CZERVANY. O Glück! Glück! was soll aus klugen Köpfen werden, wenn du nicht gleichen Schritt hältst mit dem Verstande!

LANGSCHENKEL. Du schrittst jetzt ein wenig zu lang aus, es kann dich nicht einholen.

CZERVANY. Hör nur das würgt und kollert in der dicken Nacht wie verbissene Hunde und Katzen durcheinander aber es schadet nichts, ich mach mich doch bezahlt! das polnische Lager steht jetzt leer, da gibt’s noch Rosenobles genug ich geh hin, und mache mich bezahlt!

LANGSCHENKEL. Wahrhaftig, alter Schariwari, wenn dir Fortuna ins Gesicht schlägt, gibt’s artige Funken! Geschwind fort ins Lager, eh die andern nachstürzen! Ein rechter Soldat ist überall der Erste!

 

Sie wollen abgehn.

 

 

WUTTKE mit gezogenem Schwert ihnen entgegen. He Hollaho! Mord! Pest! Brand!

CZERVANY. Bist du toll? wir sind ja von uns!

WUTTKE. Das ist mir alles gleich! Ihr just habt mich in das Pech gebracht, daß ich Stiefel und Reputation drin steckenlassen muß die ganze Welt ist ein feuerspeiender Berg, der uns ausspeit! Oh!

LANGSCHENKEL. Beiß dich in die Nase, Wuttke, beiß dir ein Ohr ab, das ist gut für jähe Wut.

CZERVANY. Nimm doch nur Vernunft an, ehrlicher Wuttke!

WUTTKE. Wer kann mich dazu zwingen? das will ich doch sehn!

 

Er fällt sie an.

 

 

LANGSCHENKEL. Frisch Czervany! den Kerl muß man in sein eignes Bestes hineinprügeln.

 

Sie treiben den Wuttke hinaus.

 

Ein polnischer Hauptmann und Soldaten fliehend.

 

 

HAUPTMANN.

Horcht wie die Windsbraut, stürzt’s sich in die Nacht

Hoch über uns hinweg.

ERSTER SOLDAT.

Auf unsichtbaren

Luftrossen reiten schreckliche Gestalten.

ZWEITER.

Wie gräßlich leuchtet dieser Brand hinaus

Weit in das Feld und übers leere Lager,

Verwirrend Angst und Flucht!

ERSTER.

Fort! dort hinaus!

ROMINTA ganz gewaffnet, ihnen entgegenstürzend.

Zurück da, hünd’sche Knechte ihr des Glücks!

Wollt ihr, daß eure schandbefleckte Namen

Kindskinder von Geschlecht einst zu Geschlecht

Mit Stachelreden peitschen? Steht! wie hoch

Denn schlagt ihr euer lump’ges Leben an,

Wenn ihr’s nicht setzen mögt an solche Stunde!

ZWEITER SOLDAT.

Mach Platz da, grauenhafte Kriegeshexe!

 

Sie eilen ab.

 

 

ROMINTA.

Wär ich ein Mann!

HAUPTMANN ihre Hand ergreifend.

Ich kenn dich komm! Noch ließ

Der Tod hier eine stille Gasse offen,

Ich führ ins Feld dich durch die Flammen. Fort!

Der Plauen bricht sogleich dort aus dem Tor.

ROMINTA.

Dort, sagst du, aus dem Flammentore kommt er?

Sag schnell, woran erkenn ich ihn?

HAUPTMANN.

Was sinnst du?

ROMINTA.

Nein, geh du nur.

 

Sie stellt sich an der äußersten Seite der Bühne hinter einen Stein und legt ihre Armbrust auf das Tor an.

 

 

HAUPTMANN.

Ich kann dich hier nicht lassen.

Was zielst du in die öde Nacht?

ROMINTA.

Wer ist

Der Furchtbar-Schöne in den Feuerwogen?

Die Fahne hält er hoch empor, wie ‘n Cherub

Mit goldnen Flügeln in den Flammen schlagend

Entsetzt weicht alles, ihm gehorcht die Schlacht

Jetzt wendet er sich

 

Plauen mit Schwert und Fahne erscheint im Getümmel auf der Mauer.

 

 

HAUPTMANN.

Weh! der Plauen!

ROMINTA läßt plötzlich ihre Armbrust sinken.

Der?

HAUPTMANN.

Um Gottes willen, fort! wir sind allein schon

Eil, eh der Sturmeswirbel dich erfaßt!

ROMINTA die fortwährend nach der Mauer hingestarrt, plötzlich auffahrend.

Ja fort! Führ mich hinweg, weit weit von hier!

 

Beide ab.

 

Polen, im Kampf mit Ordenssoldaten, fliehen über die Bühne. Im Hintergrunde sieht man Plauen, Graf Günther von Schwarzburg und mehrere Ordensritter.

 

 

PLAUEN.

Setzt ihnen nach! Wer sah den Wirsberg heut?

SCHWARZBURG.

Ich, Herr. Das Haar gesträubt, bleich, zähneknirschend,

Wie ‘n grauenhaft Gespenst, teilt’ er die Flammen

Und stürzt’, uns allen vor, sich auf den Feind.

PLAUEN.

Eil, faß ihn mitten aus dem Mordgetümmel.

Und lad zum Morgenrot ihn vor Gericht!

SCHWARZBURG.

Gericht? den Wirsberg?

PLAUEN in die Ferne schauend.

Dort hinaus die Reiter!

Sie stehn noch einmal laßt sie nicht verschnaufen!

Mehr Fußvolk noch zum Wald! das stockt und ringt!

 

Draußen Glockengeläut und Jubelruf.

 

 

Jetzt wenden sie sich unabsehbar wälzt

Im Widerschein der Flammen sich die Flucht,

Sturmglocken hör ich gehn von Dorf zu Dorf,

Das Land ist frei!

 

Er fällt auf die Knie.

 

 

Du hast’s getan! halt fest mich

In diesem Sturm der Freude, starker Gott!

 

Dritter Aufzug

 

Erste Szene

 

 

 

Konventsremter im Schlosse zu Marienburg. Hermann Gans und Jost von Hohenkirch spielen Schach. König sieht dem Spiele zu. Ulrich Zenger, Heinrich Schäven und mehrere Ordens-Ritter teils sitzend, teils miteinander umherwandelnd. Hanns von Baysen sitzt in einer Fensternische und ist beschäftigt, eine Zither instand zu setzen.

 

 

SCHÄVEN.

Du, Zenger, kommst vom Haus zu Brandenburg?

ZENGER.

Ja, zum Kapitel bin ich mit berufen.

Wir haben lang uns nicht gesehen, Schäven,

Was hat seitdem sich alles umgewandelt!

Mit Polen Friede, hier ein neuer Meister

SCHÄVEN.

Ja, mit der Wahl ging’s rasch, wie mit dem Krieg.

Küchmeister lag in Polen, wund, gefangen,

Hier ging die See vom Kriegessturm noch hohl

Und warf das lecke Schiff, da blickten alle

Nur nach dem Steuermann, und Plauen ward

Einmütiglich zum Meister ausgerufen.

ZENGER.

Nun, und was meint man hier zum neuen Herrn?

SCHÄVEN.

Hm Zenger, ‘s ist nicht gut, von allem reden.

ZENGER.

Als ich hereinritt hier, hört ich Chorsingen,

Es war nicht eure Zeit das ist was Neues.

SCHÄVEN.

Der Meister hat zwölf Mönche hergerufen,

Die heben an zu psaltern, wenn wir ruhn,

Daß Tag und Nacht kein Schweigen ist im Chore

Dir, Zenger, darf ich’s schon vertraun er will’s

Erzwingen mit der alten Regel, Beten,

Kastein und Füße waschen schmutz’gen Kranken

Ist das ein Leben, wie es Rittern ziemt,

Die, gleich den Fürsten, Land und Leut regieren?

Dabei das Schanzen, Baun und Truppenmustern,

Als wär’s im Feld noch zwischen Sarazenen,

Und keiner wird des lieben Friedens froh.

ZENGER.

Da lob ich mir mein abgelegnes Schloß

Weit von Marienburg, da bin ich Herr

Und mach’s kommode mir, Sieh da, der Schönfeld!

SCHÖNFELD eintretend.

Salus, ihr Herren!

ZENGER.

Gratias.

SCHÖNFELD.

Ich meint schon,

Ich käm zu spät.

SCHÄVEN.

Um zehn erst ist Kapitel.

SCHÖNFELD.

So besser. Brr, ein rauhes Wetter heut!

 

Er legt den Mantel ab.

 

 

SCHÄVEN.

Da klirrt was drin.

SCHÖNFELD.

Merkst du’s? Ich bin kein Narr,

Mich so der Luft zu exponieren da

 

Er holt Flasche und Becher aus dem Mantel.

 

 

Echt ungrisches Gewächs! Du bist ja auch

Ein Kenner, Zenger. Sieh doch, wie’s ihm gleich

Die Nase rötlich überläuft! Kommt, setzt euch.

Soll’s munden mir, so muß ich diskurrieren.

 

Sie setzen sich um einen Tisch.

 

 

SCHÖNFELD einschenkend.

Auf langen Frieden!

ZENGER anstoßend.

Draußen und im Haus!

SCHÖNFELD.

‘ne christliche Gesundheit!

 

Trinkt.

 

 

Doch nun sagt,

Wozu hat uns der Meister herbeschieden?

SCHÄVEN.

Wozu? Hm davon wäre viel zu sprechen.

SCHÖNFELD.

Gib’s von dir, Freund, gib’s von dir, ‘s bläst dich auf.

SCHÄVEN geheimnisvoll, sich nach allen Seiten umsehend.

Im Friedensinstrumente, zwischen uns

Und Polen, heißt’s: der Schatz soll hunderttausend

Schock Groschen zahlen an die Krone Polen

SCHÖNFELD.

Nun, dacht ich wunder doch! das wissen wir alle.

SCHÄVEN.

So? Nun, wirst du die Groschen zahlen?

SCHÖNFELD.

Ich?

SCHÄVEN.

Ich dachte denn der Ordensschatz hat nichts

ZENGER.

Der Ordensschatz?

SCHÄVEN.

Hat nichts. Nun frag ich, Schönfeld,

Wo kam es hin?

SCHÖNFELD.

Na, was weiß ich! Bibamus!

 

Trinkt.

 

 

HOHENKIRCH am Spiele.

Schach! Ihr bedenkt zuviel. Da unterdessen

Rückt frisch mein Springer auf.

GANS.

Gemach nur, Jost!

Man wird jetzt ganz verwirrt mit Eurem Spiele,

Ihr jungen Ritter steckt voll neuer Finten.

KÖNIG der bisher hinter seinem Stuhle gestanden, eine Figur ergreifend

Den Turm dorthin!

GANS heftig zu König.

Seht doch den Superklug!

Dumm Zeug! das mach ich selbst, brauch deinen Witz nicht!

Verstanden?

KÖNIG sich stolz von den Spielenden wegbegebend.

Wohl, so macht’s auch ohne Witz!

SCHÖNFELD.

Da kommt der vierte heilige Dreikönig!

SCHÄVEN.

Nein, laß den nur, das ist ein offner Kopf.

SCHÖNFELD.

Drum läuft ihm auch die Weisheit allzeit über.

KÖNIG zu ihnen tretend.

Habt ihr von Wirsberg nichts gehört?

ZENGER.

Man sagt,

Er treib im Land sich um.

SCHÖNFELD.

Schad um den Jungen!

Ein wackrer Bursch.

KÖNIG.

Im Marstall und beim Jagen.

SCHÄVEN.

Was es nur gibt mit ihm? der Plauen fodert’

Ihn vor Gericht er aber trotzt und kommt nicht.

KÖNIG.

Es sollt mich wundern, wenn es anders ginge.

Ross’ tummeln, Hunde ziehn und Falken werfen!

Woher soll da die reife Einsicht kommen?

Die Friedenszeit braucht andre würd’ge Männer,

Die sich in Wissenschaften umgesehn

Nimmt man den Helm ab, gilt der Kopf allein.

SCHÖNFELD.

Wär ich wie du, ich richtet’ hier ein Heer

Latein’scher Reiter auf mit Doktorhüten.

KÖNIG.

Lohnt nicht ‘s gibt manchen Graukopf, dem der Hut

Nicht passen möchte auf die langen Ohren.

 

Er geht weiter.

 

 

ZENGER.

Da hast eins weg.

SCHÖNFELD dem König nachsehend.

Seht doch! der Klapperstorch!

Stolziert, als wär er aus dem ältsten Haus!

Ja, alt genug ist’s, ein durchlauchtig Dach,

Da guckt die Sonn hinein, die Ratt heraus,

Das Wappen ein Kossät’ in grünem Felde.

BAYSEN der unterdes hinzugetreten.

Was habt ihr hier? Gibt’s Händel? Laßt doch hören!

SCHÖNFELD.

Bist du auch wieder da, mein Reiterbürschchen!

Wo hast du denn die Laute aufgestöbert?

BAYSEN.

Fand’s droben ganz verstaubt nun klingt’s schon wieder.

 

Er tut einige Griffe.

 

 

SCHÖNFELD.

Kurioser Klang als ging’ die Frühlingssonne

Hell über Haus und Hof, da fallen einem

Die alten Zeiten wieder ein. Laß sehn,

Ich wußt ein Lied sonst lernt’s in Welschland noch

 

Er nimmt die Laute und singt, sich besinnend, halb

 

für sich.

 

 

Ich ging, bei Nacht einst über Land

Wie heißt’s doch weiter? von dem Jägerbürschchen

Singt.

 

 

Ich ging auf meiner Nasen

BAYSEN nimmt ihm die Laute.

Gebt! Ihr verderbt das Lied. So geht die Weise:

 

Spielt und singt.

 

 

Ich ging bei Nacht einst über Land,

Ein Bürschlein traf ich draußen,

Das hatt ‘nen Stutzen in der Hand

Und zielt’ auf mich voll Grausen.

Ich renne, da ich mich erbos,

Auf ihn in vollem Rasen,

Da drückt das kecke Bürschlein los

Und ich stürzt auf die Nasen.

Er aber lacht mir ins Gesicht,

Daß er mich angeschossen,

Cupido war der kleine Wicht

Das hat mich sehr verdrossen.

 

Alle lachen.

 

 

GANS.

Hoho! hoho! ist das ein geistlich Haus!

Du, alter Schönfeld, auch, du bist der Schlimmste!

SCHÖNFELD.

Sieh du zum Schach und frag nicht nach Cupido,

Sonst geht dein Spiel schief.

HOHENKIRCH.

Matt!

SCHÖNFELD.

Siehst du, ich sagt’s ja!

BAYSEN.

Es ist langweilig hier bei euch im Frieden,

Ihr selbst kommt mir jetzt anders vor als damals

Im Feld zu Roß, mit hohen Federbüschen

SCHÄVEN.

Sei du nicht naseweis.

SCHÖNFELD.

Nein, er hat recht,

So ‘n Friede ist wie abgestandnes Bier,

Wirft keinen nieder, aber schmeckt langweilig,

Die Zeit wird sauer, wenn sie lange steht.

 

Johann Graf von Sayn und Rudolf Graf von Kyburg

 

treten ein.

 

 

SCHÄVEN zu Schönfeld.

Da rauscht des römischen Reiches Adel her!

Sie werfen stolz die Handschuh auf den Tisch

Sie grüßen nicht

SCHÖNFELD.

So brauchst du nicht zu danken.

GRAF KYBURG auf König deutend zu Sayn.

Sieh doch, da ist der Bauersohn, der König,

Wie ‘n Hahn mit seinen Ritterspor’n, der sich

Verlaufen von des Vaters Mist.

GRAF SAYN.

Gib acht,

Er streckt sich vornehm schon, er wird gleich krähen.

GRAF KYBURG zu den andern.

Willkommen hier bei uns!

ZENGER.

Ihr selbst willkommen!

Wir sind hier, mein ich, allesamt zu Hause.

GRAF KYBURG.

In alten Häusern nistet vielerlei.

KÖNIG.

Ja, Raubgeflügel hoch vor allen andern,

Das auf den armen Landmann niederstößt.

GRAF KYBURG.

Wenn er sich duckt, geht’s über ihn hinweg.

GRAF SAYN.

Gib dich nicht ab mit ihm. Es flügeln Adler

Zaunkön’ge wohl mit sich empor, die dann

Verwundert schwirrn, daß sie so hoch gestiegen.

KÖNIG heftig.

Wie meint Ihr das?

GRAF SAYN ebenso.

Wie Ihr es deuten wollt.

GRAF KYBURG.

Ei, laß ihn schwirren doch!

GRAF SAYN.

Ich nicht! Er soll

Nicht Hohes messen mit gemeinem Spaten!

KÖNIG.

Ich messe dich wie mich nach dem Gesetz!

GRAF SAYN.

Hüt dich! wer mit dem Schwert ins Buch der Welt

Gesetze schreibt, der frägt nicht, ob ein Blatt

Ihm an der Degenspitze hängenbleibt.

Du selber zeigst, wie’s hohe Zeit, den Trotzmut

Des Bauers, der gern Herr sein will, zu brechen!

KÖNIG an sein Schwert greifend.

Trotz gegen Trotz! laß sehn, wer eher bricht!

Ich trag ein Kreuz

GRAF SAYN.

Das tut der Esel auch!

 

Man hört Glockengeläut.

 

 

SCHÖNFELD dazwischentretend.

Nun, Schwerenot! wird’s ruhig bald? wen’s juckt,

Der kratze draußen sich!

GANS.

Gott schütz! nun wird

Der Schönfeld auch noch toll! Hört Ihr denn nicht!

Sie läuten zum Kapitel schon.

GRAF SAYN.

Was lärmt Ihr?

Meint Ihr, ich würd ihn hier im Remter prügeln?

 

Geht mit Kyburg ab.

 

 

SCHÖNFELD zu Zenger.

Wenn man sich so auf nüchternen Magen ärgert,

Muß man dazutun

 

Er trinkt.

 

 

ZENGER.

Komm, die andern gehn schon.

 

Alle ab, bis auf Hohenkirch und Baysen.

 

 

BAYSEN.

Hier scheint der Krieg noch sachte fortzuplänkeln.

HOHENKIRCH.

Nach Ungewittern sieht man’s lang noch blitzen.

BAYSEN.

Küchmeistern sah ich nicht, wo bleibt der heut?

HOHENKIRCH.

Er lag so lang in Polen. Wir erwarten

Ihn täglich hier aus seiner Haft.

BAYSEN.

Ich meine,

Der Meister sandte dich, ihn auszulösen.

Sprachst du ihn dort?

HOHENKIRCH.

Ja ich erschrak vor ihm,

Bleich, düster sieht er aus, das Haar ergraut

So härmt er sich, daß ihn die Polen fingen

Inmitten seines feur’gen Siegerlaufs.

BAYSEN.

Ja, ‘s ist ein stolzer Mann.

HOHENKIRCH.

Er wußt’s noch nicht,

Daß Plauen Meister ward.

BAYSEN.

Wie nahm er’s auf?

HOHENKIRCH.

Erst schwieg er lang, doch seine Stirne zuckte,

Dann murmelt’ er halblaut: »Ei freilich, Kön’ge

Verjagen und Marienburg befrein

So was macht weidlich Lärm, gibt schöne Echos

In ferner Nachwelt. «

BAYSEN.

Sagtest du ihm nicht,

Daß sie zum Ordensmarschall ihn erwählt?

HOHENKIRCH.

Ja wohl da lacht’ er plötzlich auf und sprach

»So ‘n Marschall Halt! soll ich die Federbüsche

Auflesen, die der Plau’n verstreut im Felde?«

BAYSEN.

Geh, du verdirbst mir ganz das Heldenbild.

Laß uns zum Hochschloß sehn, die Herren sind

Beisammen nun, ich denk, da gibt’s was Neues.

 

Beide ab.

 

 

 

Zweite Szene

 

 

 

Kapitelsaal zu Marienburg, Hermann Gans, die Grafen von Kyburg und Sayn, Schönfeld, Zenger und Schäven um eine Tafel sitzend, an deren oberen Ende Heinrich von Plauen.

 

 

PLAUEN.

Seitdem die Waffen ruhn, seh ich hier finstre

Gewalten gehn durchs Haus, verhüllt und scheu noch,

Doch heimlich zornentbrannte Blicke wechselnd;

Argwohn verdreht der Dinge klaren Sinn,

Und aus dem Mißverständnis wächst die Zwietracht.

So darf es nimmer bleiben, liebe Brüder,

Sag’s jeder freiheraus doch was er sinnt!

Wie helle Blitze die Gewitterschwüle,

Bricht ehrlich Wort und rechte Gegenrede

Verhaltnen Groll. Darum berief ich euch,

Und sag zuerst euch meines Herzens Meinung:

Ihr schloßt mit Polen wider meinen Willen

Den Frieden ab, und unerhörte Zahlung

Habt ihr dem Kön’ge zugesagt. Was hilft’s uns?

Nicht eitel Gold, der Stahl, das Eisen gilt

Auf solchem Markt! Mit unsrer Armut hier

Wächst dort die Gier nur und der Übermut,

Und mit dem eignen Marke füttern wir

Den Krieg auf, den wir abzuwenden meinen.

So lastet schwer der Friede auf uns allen

Und wie ein Friedhof ist das ganze Land.

Die Ungewißheit ist’s, die Furcht, die Sorge,

Die wie ein grauer Regenhimmel tief

Mit trägem Flug die müden Seelen streift,

Das unerträglich Hoffnungslose ist’s,

So Roß und Schwert allmählich zu verpfänden,

Um von dem prahlerischen Feind die Schmach

Solch zweifelhaften Daseins zu erkaufen.

GANS.

Bevor wir weitergehn in der Verhandlung,

Muß ich, der Ordnung wegen, replizieren,

Daß in Paragrapho vier oder fünf

Des Friedensbriefs die Zahlung stipuliert ist

Als Lösegeld für die gefangnen Brüder.

Gott schütz, daß wir die Unsern nun verließen!

PLAUEN.

Du meinst es immer ehrlich, alter Freund.

Drum nenn’s, wie’s recht dir dünkt. Ich nenn’s Tribut.

GRAF KYBURG.

Eh’s dahin käm, eh soll!

PLAUEN rasch und streng.

Wie willst du’s wenden?

GRAF SAYN.

In Deutschland ist noch Geld. Eure Hoheit hat

Die Brüder dort zu reicher Spend entboten.

PLAUEN.

Die Boten sind zurück mit leeren Händen.

In Franken, heißt’s, war Hagel, Mäusefraß,

In Koblenz ist der Wein just nicht geraten,

Und ekler Mißwachs überall im Orden.

Ein Tor, der, wo es gilt, auf viele baut!

Wir stehn für alle auf der Vorhut hier

Der Christenheit, von uns verlangt sie Hülfe!

Täuscht euch nicht länger Polen und der Orden,

Wie Löw und Tiger liegen lechzend wir

Einander gegenüber, jeder scharf

Des andern Blick bewachend wer zuerst

Sich wieder aufrafft, der zerreißt den andern!

GRAF SAYN.

Was meint Euer Hoheit?

ZENGER.

Kaum zu deuten wag ich’s

SCHÄVEN.

Du siehst verwirrt uns alle, bleich, voll Staunen

PLAUEN.

Was starrt ihr mich so an? Es ist die Zeit nicht,

Mit eitler Red sich selber zu belügen.

Ich sag’s euch freiheraus: die Stille hält nicht!

Die Friedensmatten zu vernichten sinnt

Der König Jagjel, und wir sind verloren,

Bricht er ins Land! Da gibt’s nur einen Rat:

In raschem Überfall des Ordens Banner

Zu pflanzen mitten in des Feindes Reich

Und so die Wetter, die sie heimlich türmen,

Zurückzuwerfen auf ihr eignes Haupt!

GANS.

Bedenk die hochbeschworenen Artikel

SCHÄVEN.

Wie? ist das eine geistliche Versammlung?

Den heil’gen Friedenstempel, den der Herr

Mit seinen Engelscharen aufgerichtet

Ob diesem Land, daß es ihn dankbar preise

PLAUEN.

Hüll dich nicht in den Pfaffenmantel, Schäven!

Sprich ohne Falsch, als stündest du vor Gott,

Der Rechenschaft wird fordern von der Stunde!

GRAF SAYN.

Und ständ ich hier vor Gott, ich spräch nicht anders!

Noch raucht der Krieg ringsum von allen Burgen,

Das Volk eratmet’ kaum nie spannt es willig

Zu neuem Kampf das letzte Roß vom Pfluge.

PLAUEN.

Da’s draußen galt, wer frug da nach dem Plunder?

Gib ihnen einen einzigen Gedanken,

Und jeder setzt das Seine freudig dran!

SCHÄVEN.

Um Gott! wir haben kaum das Leben noch,

Zumal wir auf den armen Komtureien,

Und insbesondre ich! wo nähm ich’s her?

PLAUEN.

Ich wende an euch alle mich noch einmal

Ich bitte, ich beschwör euch, denke keiner

Jetzt an sich selbst in der gemeinen Not!

Müd sind wir alle doch die dort vom Schreck,

Vom Siege wir im Ehrenschmuck der Wunden.

Noch einmal ging des Ordens strenger Geist

Geharnischt durch die Flammen dieses Hauses

Und aus den Kriegeswolken über uns,

Die kaum fernab am Horizont vergrollen,

Langt Gottes Hand laßt sie uns rasch erfassen,

Eh sich der Himmel schließt zum letztenmal!

GRAF SAYN.

Ein Wunder müßt geschehn, wenn wir’s vollbrächten!

PLAUEN.

Das größte Wunder ist der starke Glaube,

Der Roß und Reiter schlägt aus dürrem Sand.

GRAF SAYN.

Es soll der Mensch den Himmel nicht versuchen

Und, was die andern auch beschließen mögen,

Ich stimme nimmer drein, tollkühn das Ganze

An einen ungewissen Wurf zu setzen.

Ein halb Jahrhundert blut’gen Kriegsruhms hab ich

Zu wagen, und will meines Stammes nicht

Der erste sein, der Ehre schmachvoll endigt.

PLAUEN.

Nun was für Ehr wär das, die von Fortuna,

Der Metze, noch des Ritterschlags bedürfte!

Halt höher dich, wenn du hier mit willst stimmen,

Denn nicht von deinem Ruhm wird jetzt gehandelt.

SCHÄVEN.

Nein doch von unser aller Hab und Gut.

PLAUEN.

So werft den Ballast fort, wenn er euch hindert!

ZENGER.

Wozu dann Krieg?

SCHÄVEN.

Was blieb’ dann noch zu schützen?

PLAUEN.

Spottwenig ja, du hast erschrecklich recht.

 

Zu den andern gewendet.

 

 

Zur Sache denn: wollt Krieg ihr oder nicht?

ZENGER.

Wenn erst die Häuser wiederhergestellt

GANS.

Ich rat zu kluger Unterhandlung erst

SCHÖNFELD.

Ja nennt, anstatt Hans Schönfeld, mich Hanswurst,

Wenn ich hier weiß, wer recht hat in dem Handel.

PLAUEN.

Ich frag: wollt ihr den Krieg?

GRAF SAYN.

Und ich sag nochmals

FÜR ALLE.

Nein!

PLAUEN.

Nun denn so helf mir Gott!

 

Er steht rasch auf und tritt in den Vordergrund, die andern erheben sich gleichfalls. Allgemeine Stille. Währenddes hört man draußen Trompetenklang.

 

 

PLAUEN freudig auffahrend.

O frischer Klang! Wer naht?

GRAF KYBURG am Fenster.

Küchmeister ist’s,

Der neue Marschall. Viele bunte Banner,

Die er dem Feind bei Tuchel abgerungen,

Umflattern ihn, und wie ein Frühlingssturm

Stürzt Jubel nach und zahllos Volk, das er

Auf dunklem Rosse mächtig überragt.

GRAF SAYN.

Seht doch, grad hinter ihm hat ein Gewitter

Zornfinster sich gelagert überm Land.

Jetzt bricht er durch den Haufen und sprengt donnernd

Voraus in heller Rüstung auf der Brücke,

Wie Wetterleuchten auf dem dunklen Grund.

PLAUEN der unterdes ans Fenster getreten.

Flieg zu, du feur’ger Blitz!

GRAF KYBURG.

Jetzt schwingt er sich

Vom Roß und eilt hierher.

PLAUEN.

Laßt uns allein.

 

Alle ab.

 

Küchmeister in voller Rüstung tritt herein.

 

 

PLAUEN der ihm entgegengegangen, ihn freudig bei der Hand fassend.

Willkommen, wackerer Genoß! Nun ich

Dich wiederseh, ist’s mir, als schaut ich weit

Ins Morgenrot und alles stünde freudig.

KÜCHMEISTER.

Heinrich Euer’ Hoheit wie es sich gebührt,

Komm ich zu grüßen

PLAUEN.

Gut, doch laß die Flausen,

Wir sind allein.

KÜCHMEISTER.

Der Bruder mit dem Meister.

PLAUEN.

Du bringst mich nicht zum Lachen meine Seele

Ist tief betrübt.

KÜCHMEISTER.

So werden wir auf neue

Zerstreuung sinnen müssen hier.

PLAUEN ihn scharf ansehend nach einer Pause.

Küchmeister!

Es wär entsetzlich, wenn auch du

KÜCHMEISTER.

Wenn ich?

Nun was denn? Was wär denn entsetzlich?

PLAUEN.

Laß das!

Von andern wicht’gern Dingen laß uns reden.

Den Günther sandt ich zu dir, meine Meinung

Sollt er eröffnen dir.

KÜCHMEISTER.

Unglaubliches

Hört ich von neuer Rüstung, Friedensbruch,

Und eilte, gegen diesen neuen Krieg

Hier feierlich mein Wort, soweit’s noch gilt

Im Orden, zu erheben.

PLAUEN.

Du? Warum?

KÜCHMEISTER.

Frag das zertrümmerte Marienburg,

Das blut’ge Volk frag, das zertretne Land!

PLAUEN.

Das war sonst deine Art nicht, viel zu fragen.

Du weißt’s so gut wie ich, es fällt das Heil

Vom Himmel nicht, es will erobert sein,

Und wer da nach dem Höchsten zielt, darf nimmer

Gemeine Übel scheun.

KÜCHMEISTER.

O wackrer Schütz,

Der jedesmal das Schwarze trifft und immer

Von neuem wieder höher zielt!

PLAUEN.

Was meinst du?

KÜCHMEISTER.

Daß es ein stolz und königlich Gelüsten,

Die Welt mit Unerhörtem zu erschüttern

Und wie ein Sturm, der kein Gesetz erkennt,

Als seinen eignen unermeßnen Trieb,

Den Wald zu packen und das Meer zu peitschen.

Doch Felsen gibt’s im Meer, die Flut zu brechen,

Und Stämm im Walde noch, die sich nicht beugen.

PLAUEN.

Nun das vergeb dir Gott! den dunklen Abgrund

In deiner Seele aber hab ich nun erkannt

Und sag dir’s unverhohlen was dich treibt

Zu solchem frechen Wort: der Fürstenmantel

Auf meiner Schulter ist’s, der dich verstört,

Der Neid, der hünd’sche ist’s, der die Gestirne

Anbellt, weil er sie nicht erreichen kann!

Schäm dich, schäm dich dich schlug ich höher an!

KÜCHMEISTER.

Sprich du mit Knaben so! Nicht du, die Welt

Wägt den, der Burgen bricht und Schlachten lenkt

Und siegreich heimkehrt, schuld’gen Dank zu fordern.

PLAUEN.

Du tatst’s um dich, du mordetest für dich

Nichts tatst du, Wilder, und nichts kannst du tun

Mit dem gemeinen Sinn!

KÜCHMEISTER.

Dräng mich nicht mehr!

Bei Gott es könnt sich Gräßliches begeben!

PLAUEN.

Es hat sich schon begeben! was noch kommt

Verlach ich nur. Auf Tod und Leben ring ich

Von heut mit dir, wie mit ‘nem gift’gen Wurm,

Eh du die Drachenzähne ausgesät

In diesen schlamm’gen, giftgeschwollnen Boden.

Wie der Geringste bist du mir fortan,

Nur grimmiger Geh, ich verachte dich!

KÜCHMEISTER.

Heinrich ist das dein letztes Wort?

PLAUEN.

Das letzte.

KÜCHMEISTER faßt rasch an sein Schwert, stößt es aber nach einer kurzen Pause wieder in die Scheide.

Still, stille, wildes Herz und wenn du börstest,

Ich zwing dich doch! Eur’ Hoheit lebe wohl.

 

Ab.

 

 

PLAUEN der ihm schweigend nachgesehen, nach der andern Türe rufend.

He Günther! Günther!

 

Graf Günther von Schwarzburg tritt ein.

 

 

SCHWARZBURG.

Was verlangt Eur’ Hoheit?

PLAUEN.

Du bist ein ernster Mann, rasch, wachsam, klug

Geh zum Archiv, dort findest du ein Buch,

Worin all Gold und Silber und Kleinodien

Verzeichnet, die des Ordens Schlösser schmücken.

Wähl einen treuen Ritter aus, der’s ehrlich

Noch mit uns allen meint, dem gib das Buch.

Von Burg zu Burg dann eil er, mit dem Haupthaus

Die Rund beginnend, und was er da trifft

Des Mammons, soll er fassen auf mein Wort

Und sicher gen Marienburg senden!

SCHWARZBURG erstaunt.

Herr!

PLAUEN.

Du selbst mußt gleich nach Böhmen fort und Deutschland,

Die Briefe liegen drin für dich bereit,

Dort sollst du Söldner werben mir, so viel

In Hast du greifen kannst von dem Gesindel,

Das rings der Sturm der Zeit zerstiebt. Rasch, heimlich

Bei Nacht, durch Wälder, daß der Pole drüben

Den leisen Tritt nicht hört, führ sie ins Land

In kleinen Haufen, bis die Bäche alle

Hier plötzlich als ein Strom zusammenstürzen.

SCHWARZBURG.

O freud’ge Kunde! so hat das Kapitel

Den Krieg beschlossen?

PLAUEN finster.

Frag nicht!

SCHWARZBURG.

Wie? Das Recht

Der Herrn, zu stimmen in so wicht’gem Werk?

PLAUEN.

Frag nicht. Mein Recht ist höher hier als ihres

Und überwältigt kleiner Formen Maß,

Wo Not hereinbricht über alle Maßen!

SCHWARZBURG nach einer Pause.

Du bist des Ordens Meister ich gehorche.

 

Er will gehn.

 

 

PLAUEN in tiefer Bewegung seine Hand fassend.

O Günther! wär die Seel von ird’schen Stoffen,

Wie Felsen oder grimmer Löwen Leib,

Sie bräch beim Anblick dieser Jammerwelt!

SCHWARZBURG.

Mein hoher Herr!

PLAUEN.

Laß nur Eil nun, die Zeit

Geht ohne Rast, und wirft den Säum’gen nieder.

 

Ab.

 

 

SCHWARZBURG.

Ich stehe wie bei Nacht in fremder Gegend,

Wo ferne Blitze kaum den Richtweg deuten.

 

Er folgt Plauen.

 

 

 

Dritte Szene

 

 

 

Wald bei Polkaus Schloß. Gertrud und Elsbeth.

 

 

GERTRUD sitzend und einen Kranz von Feldrosen bindend, singt.

Mein Schatz hat mich betrogen,

Hat sich von mir gewandt,

Ist fort von hier gezogen,

Fort in ein fremdes Land.

Elsbeth, nun bin ich fertig mit dem Kranze!

 

Setzt sich ihn auf.

 

 

ELSBETH.

Ihr schaut so fröhlich wie ‘ne Braut beim Tanze,

Die Rosen stehn Euch schön zum dunklen Haar.

Nun, nun, wer weiß, was heute übers Jahr

GERTRUD den Kranz im Haar befestigend, singt.

Herr Ritter, laßt mich gehen

Auf diesen Felsen groß,

Ich will noch einmal sehen

Nach meines Liebsten Schloß.

 

Aufstehend.

 

 

Was hast du denn dort unten in dem Grunde?

ELSBETH.

Nun ist die Bauernhochzeit auch verschwunden,

Die bunten Bänder in der grünen Schluft,

Die Braut auf ihrem schöngeputzten Rosse

Die Geigen nur noch klingen durch die Luft.

Kommt, Fräulein Gertrud, auch nun heim zum Schlosse!

So graulich sieht der Wald am Abend aus,

Die Käfer schwirren und die Wölfe gehn,

Das mag ich gern vom Söller droben sehn

Herr Ritter Polkau ist wohl längst zu Haus.

GERTRUD.

Der Vater jagt, da kommt er nicht so bald.

Laß uns ein wenig noch im Grün spazieren,

Das Abendrot spielt noch so schön im Wald

Und alle Vögel lustig musizieren;

Horch, bis ins fernste Tal blüht das und singt,

Weil heut der Storch den Frühling wiederbringt.

ELSBETH.

Da auch der Kuckuck ist schon wieder hier.

GERTRUD.

Laß hören.

 

Nach dem Walde gewandt.

 

 

Lieber Kuckuck, sage mir:

Wenn ich geheurat’ hab den Liebsten mein,

Wie lang wohl werden wir beisammen sein?

ELSBETH.

Horch alles still Ach Gott erbarm sich dein!

GERTRUD.

Du bist zwei Jahre älter fast als ich,

Elsbeth, und immer noch so dümmerlich.

Wir leben alle fort, solang wir müssen,

Was soll doch so ein Vogel davon wissen!

ELSBETH.

Ja, und dann, Euer Liebster auch das lohnt!

Ihr wißt nicht mal, wer’s ist und wo er wohnt.

GERTRUD.

Ein Jäger ist’s, sein Haus der grüne Wald,

Was tut’s, daß er sich noch nicht nennen will?

Ist er doch schön und adlig von Gestalt.

ELSBETH.

Was wirbt er nicht beim Vater? Heimlich-still

Kommt er und geht, weiß niemand wo er blieb,

Recht wie ein Dieb bei Nacht.

GERTRUD.

Ja wohl ein Dieb!

 

Plötzlich in die Ferne blickend.

 

 

Ach Elsbeth! sieh doch nur was war das?

ELSBETH.

Wo?

GERTRUD ängstlich.

Nein, nein das Abendrot nur blitzte so.

 

Für sich.

 

 

Er ist’s, er ist’s! ich kannte gleich ihn wieder.

 

Laut.

 

 

Ja hast doch recht die Sonn ist lange nieder,

Der Vater könnte früher wiederkommen,

Ich habe alle Schlüssel mitgenommen,

Da geh voraus, ich komm gleich hinterdrein.

ELSBETH.

Nein, jetzt im Wald laß ich Euch nicht allein.

GERTRUD für sich.

Es ist noch jemand bei ihm wer mag’s sein?

 

Laut.

 

 

Ich bitt dich, liebste Elsbeth, geh hinein,

Geh, nur geschwind! ich will dir’s auch vergelten.

ELSBETH.

Ja doch Herr Polkau wird darum mich schelten.

 

Ab.

 

 

GERTRUD.

Sie kommen grade nach dem Waldplatz hier,

Er war schon lange, lange nicht bei mir!

Was nur der dumme Fremde bei ihm will!

Er geht wohl fort ich halt indes mich still.

 

Sie geht tiefer in den Wald.

 

Wirsberg und Dietrich, sein Diener, kommen.

 

 

DIETRICH.

Wüßt ich nur, was uns in den Bergen umtreibt,

Als schritten wilde Geister hinter uns!

Es steigt die Nacht herauf schon, und wir finden

Nicht mehr zurück.

WIRSBERG.

Zurück? Ich will zurück nicht!

Hier wird mir wohl erst in der Einsamkeit,

Hier kann nicht Furcht noch Hoffnung uns erreichen.

Gleichviel, wohin wir wenden uns, aus Öde

In Öd dem Vogelfreien auf den Bergen

Steht offen ja die ganze weite Welt.

DIETRICH.

Wär ich ein freier Rittersmann wie Ihr,

Ich ging’ zum Meister nach Marienburg

Und sprach: »Hie bin ich, Herr, was wollt Ihr von mir?

Was drängt Ihr mich? Wußt ich um den Verrat:

Was kümmert’s Euch denn jetzt, woher ich’s wußte?

‘s war Euer Glück doch, denn ich warnte Euch,

Und ohne mich wart Ihr und Haus verloren.«

WIRSBERG.

Es steht der Meister hoch an Gottes Statt,

Die Meinung richtend, wie die Tat auch falle.

Viel Dinge, Dietrich, gibt’s, so heimlich wie

Die Nacht, die man verstört wenn man sie nennt,

So schwarze Dinge, die so tiefer dunkeln,

Je mehr man wäscht daran, Blick, Hand und Quelle

Verfinsternd. Nimmer will ich draußen stehn

Als ein entlaubter Baum zum Hohn der Winde,

Zu reich noch bin ich und verwöhnt von Ehre,

Um sie jetzt Haus zu Haus mir zu erbetteln.

An jenem Tage, da wir Kön’ge jagten

Und da der Herrgott selbst saß zu Gericht,

Da hab ich’s ausgefochten und durchstrichen

Mit rotem Heidenblut die ganze Rechnung;

Ich stell mich nicht noch einmal vor Gericht!

DIETRICH.

Doch Herr, der Meister will’s man sagt

WIRSBERG.

Was sagt man?

DIETRICH.

Vergebt daß Ihr noch mehrern Frauen dient,

Als Unsrer Lieben Fraun und daß

WIRSBERG.

Nun, nun!

DIETRICH.

Und daß der Meister, so Ihr Euch nicht reinigt,

Beschlossen, aus dem Orden Euch zu stoßen.

WIRSBERG.

Oho! bläst’s dorther? Nun so sind wir quitt!

DIETRICH.

Wie meint Ihr das? Ich bitt, kommt aus dem Wald nur,

Wir werden sicher toll noch in den Bergen.

Kein Haus, kein Fußsteig und Gott weiß, es ist

Geheuer nicht in dieser wilden Heide.

Als ich vorhin Euch aufsucht, hört ich tief

Im Tal den Tritt von vielem Fußvolk stampfen

WIRSBERG rasch.

Wo? wo?

DIETRICH.

O Herr, was blickt Ihr heut so wild!

Nun ich hielt lauschend an, da kam ein Troß

Ganz nah vorbei

WIRSBERG.

Wer war’s? was sagten sie?

DIETRICH.

Fremd Volk! Glaubt mir, da geht was vor. Ich hörte

Nur einzle Worte hier und da: sie sprachen

Vom Kinthenau dem ziehn sie heimlich zu.

WIRSBERG der in Gedanken gestanden, nach einer Pause.

So? Dietrich, auf! steig auf den Hügel dort,

Schau um dich, wo wir sind, und siehst du Fremde

Fern zwischen Bäumen, gib mir schnell ein Zeichen.

Fort, fort!

DIETRICH.

Nun Gott beschütz uns diese Nacht!

 

Ab.

 

 

WIRSBERG allein.

Horch wie die Waldgewässer durch die Stille

Da zornig nach dem dunklen Abgrund gehn

Und rings die Wälder rauschen in die Runde

Was ist denn das! wo bin ich? Polkaus Schloß!

Im Abendgold die Türme überm Walde.

Mein Gott! Hier war’s hier kam ich von den Bergen

Jagdmüd hier sah ich sie zum erstenmal.

Wie fern liegt nun die schöne, stille Zeit!

‘s war auch in solchen linden Frühlingstagen

Dort rauscht, wie damals, noch die Mühle weit,

Die Rehe grasen wieder tief im Grunde

Es ist mir alles, alles wie ein Traum.

GERTRUD kommt hinter ihm aus dem Walde und hält ihm mit den Händen die Augen zu.

Wen siehst du nun im Traum?

WIRSBERG.

Mein liebes Kind!

GERTRUD an seinem Halse.

Das war der alte, schöne Klang! das hört ich

Viel Monat nicht wo bliebst du denn so lange?

Komm, setz dich zu mir her. Oft glaubt ich schon,

Du hättst vergessen mich, dann lacht ich wieder,

Ich wußt es wohl: es konnt nicht sein! Heut nacht

Noch träumte mir von dir, mir war’s wie sonst,

Tief in dem Garten schlug die Nachtigall

Und alle Stern am Himmel flammten, zitternd

Vor Lust, durchs dunkle Laub ins offne Fenster.

Da war’s, als schlummertest du neben mir,

Ich aber lauschte über dich geneigt,

Daß meine Locken fallend dich umgaben,

Wie eine Trauerbirke überm Quell.

Doch warum bist du denn so stille heut?

WIRSBERG.

Ich? Sieh, ich kann mich nur nicht wiederfinden,

Wie einer der von weiten Reisen kommt

So alles anders hier, die Bäume höher

Du selber, Trudchen kommst mir kleiner vor,

Ist’s doch, als schwöll dein Haar nicht mehr wie sonst

So voll um Hals und Schultern Auch die Augen

Ach, Kind, Kind! was weiß ich!

GERTRUD.

Sieh wie du falsch bist!

Wie oft mußt ich vor dir die dunklen Locken

Mir schütteln ins Gesicht, daß nur die Augen

Noch funkelnd blitzten durch den schwarzen Vorhang,

Da sagtest du, es sei’n zwei Stern in Nacht!

WIRSBERG.

Schon Sterne? Ja bei Gott, schon wieder Nacht!

GERTRUD.

Geh, du bist so zerstreut heut! Sag mir lieber

Recht ehrlich einmal, wer du eigentlich bist?

Wenn ich ins Land dann einsam schau vom Söller:

Ich riefe in Gedanken dich so gern,

Und habe keinen Klang für meine Liebe!

WIRSBERG.

Nachtwandler bin ich, Liebchen, schreite schwindelnd

Hoch übern Schlaf hinweg zu deiner Kammer

Riefst du beim Namen mich, ich stürzt und riß’ dich

Mit mir hinab in die phantast’sche Nacht.

GERTRUD.

Oh, Gott behüt!

WIRSBERG.

Horch! waren das nicht Tritte?

GERTRUD ihn festhaltend.

Nicht doch! Was blickst du so verworren um dich?

Nur noch ein Weilchen, schöner, lieber Mann!

 

Zögernd.

 

 

Ich hab’s so lang schon auf dem Herzen

WIRSBERG.

Nun?

GERTRUD.

Nein, so nicht sieh hinweg!

 

Sie verbirgt ihr Gesicht an seiner Brust.

 

 

Die Sommernächte

Sie sind so kurz und meine Lieb zu dir

So lang, so lang, so ohne alles Ende!

Sieh, alles ist schon fertig, Brautkleid, Betten

Ich nähte heimlich dran manch langen Tag

Und dacht dabei an dich. Wann führst du heim mich?

WIRSBERG.

O tön noch, Glöckchen!

GERTRUD.

Wie?

WIRSBERG.

Du plauderst so süß

Wie eine Nachtigall in Frühlingsnächten.

GERTRUD.

Ja manche Nacht wohl, wenn sie draußen sangen,

Verwacht ich still, da fiel mir’s oft aufs Herz:

Wenn du so wärest wie Herr Georg von Wirsberg!

WIRSBERG.

Was! wie der Wirsberg?

GERTRUD.

Nein, sei drum nicht böse!

Ich glaub’s ja nicht Du trägst ja auch kein Kreuz.

Das ist ein falscher Mann! Ich sah ihn nie,

Denn wenn er hier vorüberritt, trieb mich

Der Vater in das Haus. Ein Ordensherr,

Ein hoher, schöner Ritter, wie sie sagen,

Der mit der Stimme Klang und Zauberblicken

Viel Jungfraun schon des Landes hat verlockt.

WIRSBERG.

Wie kommst du heut darauf?

GERTRUD.

Ach, ich weiß selbst nicht,

Das kommt und geht so in der Einsamkeit.

Auch gibt’s jetzt manches hier, das mich wohl ängstigt,

Unheimlich wird’s bei uns. Wenn ich des Nachts

Am Fenster deiner harrte und die Wolken

Wild flogen übers Haus, da schlichen Männer

Verhüllt und heimlich durch den stillen Garten.

Ich konnt nicht alles hören, doch sie sprachen

Vom Wirsberg oft, vom Orden und vom Meister,

Bald leis, bald zornig laut, dazwischen wieder

Auf einmal alles stille, daß mich schauert’.

WIRSBERG gespannt.

Wer sind die Männer?

GERTRUD.

Meinen Vater kannt ich,

Den Otto Konjad auch, und Kinthenau

Ach wärst du mein nur jetzt, so ganz erst mein!

Du sprächst mit ihnen, warntest, lenktest sie.

Glaub mir, sie halten furchtbarn Rat. Den Meister,

Sie wollen ihn verderben. Doch was ist dir?

WIRSBERG.

Mehr! mehr! Es steigt die Nacht schon auf, sprich weiter!

GERTRUD aufspringend.

Nein, jetzt nicht! Deine Augen blitzen wild,

Ich fürchte mich vor dir!

WIRSBERG.

Nun denn, Waldvöglein,

So führ ich durch die Luft dich mit mir fort,

Bis du dein Liedlein ganz mir hast gesungen!

 

Er will sie forttragen.

 

 

GERTRUD.

Weh, faß mich nicht so an! O Gott, mein Vater!

 

Sie reißt sich von ihm los und bleibt, wie vernichtet vor Schreck, regungslos stehen. Hanns von Polkau, in der Linken ein Windlicht, in der Rechten ein bloßes Schwert, tritt auf.

 

 

POLKAU.

Hier regt’ es sich.

 

Wirsberg erblickend.

 

 

Verfluchter Jungfernräuber!

Stell dich, wer du auch seist!

GERTRUD ihm rasch in den Arm fallend.

Barmherzigkeit!

Er ist mein Bräutigam Ihr mordet mich!

POLKAU.

Was wär zu morden noch an dir, Verlorne!

Zurück!

 

Er schleudert sie von sich, dann, den Wirsberg beleuchtend und die Fackel schnell wegwerfend.

 

 

Du bist es, Wirsberg!

GERTRUD.

Heil’ ger Gott!

 

Sie stürzt ohnmächtig nieder.

 

 

WIRSBERG.

Hilf deiner Tochter, alter Mann mich graut,

Dich zu ermorden.

POLKAU.

Abgerissen, Wüster,

Hast du die süße Blüte meines Lebens,

Nun mag der schmuckberaubte Stamm verdorren,

Der keine Lust mehr kennt und keine Hoffnung,

Als dich im Fallen zu zerschmettern! Wehr dich

Du schlanker Tiger, der mein Kind erwürgt!

 

Er greift ihn an.

 

 

WIRSBERG indem er zieht, aber nur lässig und abwehrend ficht.

Hüt dich, du bist zu alt für solches Wild!

Ich will dein Blut nicht.

POLKAU.

Aber ich will deins!

Stoß zu! denn wenn du fehlst, bist du verloren!

 

In der Ferne Geräusche und Fackelschein.

 

 

WIRSBERG.

Verworrne Stimmen horch und roter Schein

Von Fackeln fern die stille Nacht entlang

Da immer näher. Aberwitz’ger Tor!

Denkst Tiger du, gleich Füchsen, einzufangen?

Mach Platz da, morscher Greis, der frischen Jugend!

 

Er ersticht ihn.

 

 

POLKAU im Sinken Wirsbergs Mantel fassend.

Jauchz nicht! ich pack, ich halt dich. Oh es weichen

Die wandelbaren Ufer rings der Welt

Hörst du mich noch? Hör: ich verfluch dich! Hör

Ich ruf dich nach ich zieh dich mit hinunter

 

Er stirbt.

 

 

WIRSBERG sich dem Toten entwindend.

Starr mich nicht so entsetzlich an, laß los!

 

Er entflieht.

 

 

 

Vierter Aufzug

 

Erste Szene

 

 

 

Gemach in der Burg des Nikolaus von Renys. Später Abend. Der Burgwart mit Licht, und hinter ihm Renys, treten ein.

 

 

RENYS ein Fenster öffnend.

Es ist so schwül hier.

 

Herausblickend.

 

 

Eine wilde Nacht!

BURGWART.

Seid Ihr doch wieder da, nun laßt es toben!

Es schäumt und zittert Euer Roß, als hätt’s

Unheimliches gesehen in der Nacht.

Seht, wie’s da überm Walde blitzt!

RENYS.

Ich fürchte

Das kommt herauf. Wie steht’s? das Geld, das neulich

Der Orden ausgeschrieben, ist’s bezahlt?

BURGWART.

Ich sagt’s Euch ja unmöglich schaffen wir’s.

RENYS.

So schlage meine Falken los ich hab

Nicht Lust mehr an der Jagd.

BURGWART.

Ach gnäd’ger Herr,

Wo reicht’ das!

RENYS heftig.

So verkauf die Roß dazu!

Dem Landesherren muß sein Recht geschehn!

Und nun geh schlafen, geh, laß mich allein!

 

Burgwart ab.

 

Schwert und Jagdgerät ablegend.

 

 

Elend, gebrechlich Ding, der Leib! wie ‘n Gaul

Bricht er zusammen unterm Sporn der Seele,

Der kühnen Reiterin, die überwach

Nichts weiß von Nacht und Schlaf.

 

Er tritt an das Fenster.

 

 

Das war ein Blitzen!

Sieh doch und aus dem weiten, finstern Grund

Blickt die Marienburg in rotem Feuer

Vom Walde auf nun alles wieder finster.

Du zorn’ges, kühnes Element, kannst du

Gedanken lesen? Wie ein wilder Mahner

Ruft diese Nacht mit feur’gen Zungen: Schlaft nicht!

 

Er wirft das Fenster zu.

 

 

Still, still! Durch solcher Nächte Einsamkeit

Geht der Versucher

 

Es wird gepocht an der Tür, Renys fährt zusammen.

 

 

Horch, wer naht da draußen?

FRIEDRICH VON KINTHENAU vorsichtig eintretend und sich nach allen Seiten umsehend.

Bist du allein?

RENYS.

Du Kinthenau so spät!

KINTHENAU.

Ja fast zu spät, wenn Ritter sich die Zeit

Der Diebe stehlen müssen zum Gespräch.

RENYS.

Warum? auf offnem Markt steh ich dir Rede.

KINTHENAU.

Nun, jagtest eben doch wie toll im Walde,

Was fingst du draußen in der Nacht, als Grillen?

Nein, gib nur zu, du selber warst das Wild

Und hinter dir ‘ne Meute von Gedanken,

Wie aufgescheuchter Eulen Schwarm, die gern

In solche Nacht mit leisem Flug sich stürzen.

RENYS.

Was ich gedacht, ist mein, solang ich schweige.

Doch weiß ich wohl, worauf du künstlich zielst,

Und leugn es nimmermehr so mich wie dich

Verdrießt des Plauen ungemeßnes Fordern.

Zum Himmel schreit die Not und mich erbarmt’s

Des armen Volks.

KINTHENAU.

Zwei Schilling von der Mark,

Und eine Mark von jeder Hube Herren,

Knecht’, Bauern, Mägde, niemand ausgenommen,

‘s ist hart. Doch komm, laß uns ein wenig setzen,

Mir geht wohl andres noch im Kopf herum.

 

Sie setzen sich.

 

 

Du weißt, es gab einst schwere Zeiten hier,

Doch gnäd’ge Meister auch. In solcher Zeit

Empfing mein Ahn ein Darlehn von dem Orden

Ich mein, der deine auch?

RENYS.

Nun ja was soll’s?

KINTHENAU.

Der Plauen fordert’s jetzt zurück mit Zinsen.

RENYS nach einer kurzen Pause, finster.

Die Forderung ist klar, gerecht wenn auch

Die Zeit nicht eben schicklich jetzt.

KINTHENAU.

Drum kam ich,

Hier zu beraten mich, wie wir’s erschwingen?

RENYS.

Wir? Mich hat keiner noch gemahnt.

KINTHENAU.

Noch nicht?

Tut nichts so kommt er morgen, übermorgen.

Traun, rätlich scheint’s, die Schuld, die wuchernd wächst

Von Jahr zu Jahr, auf einmal abzutragen,

Bevor sie uns erdrückt.

RENYS.

Wie meinst du das?

KINTHENAU.

Gleichviel! Ich sehe, das Gespräch erhitzt dich.

So laß uns denn von andern Dingen reden.

Ich denk, es war vergangne Nacht, da träumt’ mir

Gar wunderliches Ding, das mußt du hören:

Es war, als sei’n wir beide tief im Wald

Auf einer Jagd mit vielen Ordensrittern,

Und ruhten einsam aus in einem Tal.

Derweil war’s Nacht geworden, und das Rauschen

Des Walds, das Rufen und der Rosse Schnauben

Verwirrt’ sich rings, in immer engern Kreisen

Geht’s um uns her erst laut, dann heimlich flüsternd

Bald da, bald dort bis wir mit Graun gewahrten,

Daß selber wir das Wild, das alle meinten.

Und als wir fliehn nun wollten durch die Nacht,

Die über uns in roten Blitzen spielte,

Da war von Felsen rings das Tal umgeben,

Seltsam’ Gesichte schauten von den Wänden

Und immer näher rückt’ die Traumesjagd.

Am Ausgang aber aus den Felsenzacken

Saß da ein ries’ger Wächter, wie von Stein,

Das Haupt aufs Schwert gestützt, als ob er schliefe.

»Treff ich sein Haupt, so bricht der ganze Zauber«,

Sprachst du da leis und hobst die Hand gen Himmel

Mit ausgereckten Fingern wie zum Schwur.

Da zuckten Blitze fünffach, und in Flammen

Stand plötzlich deine Hand so drangst du gräßlich

Im Zorne vor, und wie du nach dem Schwert

Drauf faßtest, mit der feuersprühnden Hand

Den Riesen, der sich aufgericht’, beleuchtend

Da war’s der Plauen!

RENYS aufspringend.

Entsetzlicher, was willst du?

KINTHENAU sich gleichfalls erhebend.

Ich? Nun du weißt, ich halte viel auf Träume,

Ich wollt nur hören, wie du diesen deutest?

RENYS nach einer Pause.

Du gehst nicht frei und redlich mit mir um

Was habt ihr vor?

KINTHENAU.

Nun wahrlich, was sollt’s geben?

Ich und dein Bruder Polkau, weißt du wohl,

Wir reden manchmal von des Landes Not.

 

Lauernd.

 

 

Du kennst den Polkau ja, toll wie er ist,

Der pflegt’ gesprächsweis manchmal denn zu sagen:

Das Land sei längst bekehrt, das Volk sei wehrhaft,

Was braucht’s der Meister noch? Das ist so sagt

Der Polkau nämlich auch das ist der Gang,

Der unabänderliche, der Natur,

Daß junger Wald gradaus zum Himmel wächst

Und aus den Wurzeln hebt die morschen Stämme,

Die ihm die freie Lebensluft verdüstern.

RENYS.

Geschwätz! unnütz Geschwätz!

KINTHENAU.

Das meint ich auch,

Und stellt ihm vor: der alte Wald sei noch

Nicht morsch genug, der junge noch zu grün.

Da sei ein übermächt’ger Stamm im Wege

Ja, wenn wir einen andern Meister hätten

RENYS.

Wüßt ich doch keinen bessern jetzt.

KINTHENAU.

Kennst du

Den Wirsberg wohl?

RENYS.

Den buntgelaunten Fant?

KINTHENAU.

Just deshalb, Freund! Er liebt die Jagd, die Weiber,

Und schlüge Orden, Volk und Regiment

Nicht höher an, als wie ein fürstlich Spiel.

Solch einen Meister braucht das müde Land.

Wir wüchsen so im stillen fort erwehrten

Des Ordens wohl sowie der Polen uns,

Des einen durch den andern, und behielten

Die Arme frei.

RENYS.

In welches Labyrinth

Gefährlicher Gedanken führst du mich?

KINTHENAU rasch.

Ich führ dich auch hinaus, so du vertraust!

Was soll die Vorsicht noch! Vernimm denn, Renys:

Derweil ihr Wehe rieft in zorn’ger Ohnmacht,

Hab ich mit leisem Tritt den Leu umgarnt.

Meinst du, der Pole schlafe, weil er ruht?

Mit poln’schem Gelde warb ich heimlich Söldner,

Viertausend lauern, meinem Wink bereit

Es murrt das Volk, an ihren Ketten rütteln

Die Ordensritter die der Plau’n gekoppelt.

Und wunderbar fügt’ sich’s den Wirsberg treibt

Der Plauen selbst uns in die offnen Arme!

Du weißt der Meister drängt ihn hart um Argwohn,

Und den Landflücht’gen traf ich heut im Wald

Wüst und verstört inmitten unsrer Söldner.

Da half kein Leugnen, er durchschaute alles,

Ich sagt ihm unsern Plan und er schlug ein,

Und auf sein einsam Schloß zu Rehden will er

Die Söldner heimlich führen durch den Wald

Und Roß und Mann dort bergen, bis es Zeit.

RENYS.

Um Gott! was tatst du? er verrät uns!

KINTHENAU.

Tor!

Auch nicht ein Härchen an ihm, das nicht unser!

Das Söldnerheer, das er zu führen meint,

Soll ihn uns hüten auf dem eignen Schloß.

So laß es branden nur! den Leichtsten hebt

Die Woge über alle hoch, der spiele

Den Meister dann der Flut, die mit ihm spielt.

RENYS.

O Unglücksnacht hätt ich das nie gehört!

Mein ganzes Leben gäb ich um die Unschuld

Der vor’gen Stunde hin! Wie du’s auch stellst,

Verwegner, ‘s ist doch Hochverrat! Wer kommt da!

EIN DIENER in der Tür den ihn aufhaltenden Burgwart zurückdrängend.

Fort, Alter! laß mich los! Und schliefe er

Den Todesschlaf, ich muß ich rüttl ihn auf!

 

Renys erblickend.

 

 

O gnäd’ger Herr!

RENYS.

Macht dich die Nacht auch rasend?!

DIENER.

O hätt ich das im Wahnsinn nur gesehen!

RENYS.

Du zitterst ja

KINTHENAU.

Zum Teufel! sprich, was bringst du?

DIENER zu Renys.

Herr Euer Bruder, Hanns von Polkau

RENYS.

Nun?

DIENER.

Er ward erschlagen heut!

RENYS in einen Stuhl sinkend.

Barmherziger Gott!

KINTHENAU.

Unmöglich! Unlängst ließ ich ihn im Walde

Sprich! wie begab sich die graunvolle Tat?

DIENER.

Er kehrt’ vom Jagen heim es war schon dunkel

Und gleich am Tor frug er nach Fräulein Gertrud.

Darauf, in seiner heft’gen Art, entriß er

Dem Burgwart schnell das Windlicht, und zum Walde

Sahn wir ihn zornig schreiten. Wir nun auch

Rasch von den Rossen und mit Schwert und Fackeln

Dem Herren nach bis zu dem Tal am Waldbach

Oh, daß ich das erlebt! Erstochen lag er

Im Grase dort, das Fräulein neben ihm.

KINTHENAU.

Sie auch?

DIENER.

Tot? Nein.

KINTHENAU.

Sie lebt? was sagt sie aus?

DIENER.

Ohnmächtig fand man sie, und, wie aus Träumen,

Als wir umher so standen, hob sie langsam

Empor sich, nach dem toten Vater starrend,

Gleichwie ein Marmorbild im Kreis der Fackeln;

Drauf schaut’ sie rings umher und schauert’ heimlich.

Jetzt aber in der Halle, wo der Herr

Auf schwarzem Bett ruht beim Gesang der Priester,

Sitzt sie und weinet still, und will nicht sprechen!

KINTHENAU.

Und ließ der Mörder keine Spur zurück?

DIENER.

Ein Ordensknecht

RENYS der bisher in sich versunken dagesessen, aufhorchend.

Vom Orden, sagtest du?

DIENER.

Nicht weit vom Platze wo der Mord geschehen,

Sahn kurz vorher wir einen ihrer Leute

Gebückt und heimlich durch die Büsche schleichen.

Was barg er sich? was hatt er da zu lauern?

Vergebens dann durchforschten wir den Wald,

Es hatt die falsche Nacht ihn längst verschlungen.

KINTHENAU.

So haben sie schon Witterung und Polkaun hat

Des Ordens unsichtbarer Arm getroffen!

RENYS sich plötzlich aufrichtend.

Nun rede keiner mehr von Vorsicht, Aufschub!

Unvorgesehen bricht das Schrecken ein,

Ich zagt, da sie den Bruder mir erschlugen!

Du stehst und sinnst auf Blut so rüttl den Schlaf auf!

Schrei: Mord! und laß des Aufruhrs Hunde los!

KINTHENAU.

Hast recht kein Augenblick ist zu verlieren!

Es jagt der Plauen heut im Wald bei Schaken

Und will zur Nacht heim nach dem Haupthaus.

So muß es heut geschehn er zieht allein,

Wir lagern uns im Wald dort muß er fallen!

Dann mit den Söldnerscharen, die bei Rehden

Der Wirsberg sammelt, auf Marienburg!

RENYS.

Mein Kopf ist wüst, ich tauge nicht zum Rat

Drum schwatze nicht, und führ mich rasch zur Tat!

 

Beide ab.

 

 

 

Zweite Szene

 

 

 

Garten bei Romintas Schloß. Rominta ruht auf einer Rasenbank, Jolante sitzt zu ihren Füßen im Grase. Draußen zweistimmiger Wechselgesang.

 

 

ERSTE STIMME.

Von allen Bergen nieder

So fröhlich Grüßen schallt.

ZWEITE STIMME.

Das ist der Frühling wieder,

Der ruft zum grünen Wald!

ERSTE STIMME.

Ein Liedchen ist erklungen

Herauf zum stillen Schloß.

ZWEITE STIMME.

Dein Liebster hat’s gesungen

Der hebt dich auf sein Roß!

ROMINTA winkend.

Schweigt, schweigt! ich will das Lied nicht weiter hören!

Falsch ist Musik, verträumte Fernen lügt sie,

Wo silbern Ströme gehn von blauen Bergen

Und wenn wir folgen, bricht der Zaubergrund

Und mit den Klängen zieht uns die Sirene

Hinab ins bodenlose Meer von Wehmut.

JOLANTE.

Was nur ersinnen wir, dich herzustellen?

ROMINTA.

Herstellen mich? Warum? bin ich denn krank?

JOLANTE.

Was wär es sonst? Tanz, heitrer Gäste Schwarm,

Die Jagd, der Gärten Pracht nichts freut dich mehr.

Die Rehe grasen um das stille Schloß,

Das in dem See sich melancholisch spiegelt,

Und durch die weite Einsamkeit hier hört man

Nur fern die Bäche gehn und dumpfen Schall

Der Äxte tief vom Waldesgrund herauf.

ROMINTA.

Horch wie die Wipfel da herüberrauschen!

Das hört ich lange nicht. Reich mir die Armbrust!

JOLANTE aufspringend.

Das ist ein Wort! ja, und dann frisch zu Pferde!

Dort hängt die Armbrust ganz verstaubt am Baum.

 

Sie reicht Rominta die Armbrust.

 

 

ROMINTA.

Die? Nein, nur diese nicht!

 

Sie wirft sie fort.

 

 

JOLANTE.

Sie war doch sonst

Die liebste dir Du hattest sie zuletzt

Noch bei Marienburg.

ROMINTA.

Sahst du ihn damals?

JOLANTE.

Wen, schöne Herrin?

ROMINTA.

Das war eine Nacht!

JOLANTE.

Mich schauert noch, wenn ich dran denk wie unten

Das Lager brannte und die Glocken stürmten

Die wilde Flucht verworren durch den Wald,

Das Schrein, der Klang der Schilde und fernher

Die Flammen zwischendurch

ROMINTA.

Und, wie der Kriegsgott,

Der Plauen mitten in der furchtbarn Runde

Der roten Gluten, wunderbar beleuchtet

JOLANTE die unterdes in die Ferne gesehen.

Gott steh uns bei!

ROMINTA.

Was ist’s?

JOLANTE.

Da kommt er!

ROMINTA rasch aufstehend.

Wer?

JOLANTE.

Der fürchterliche Ordensritter siehst du

Wie Sturm vom Wald her wirbelt er den Staub auf

ROMINTA.

Das ist sein Helmbusch! das sind seine Waffen!

Wie kannst du so gelassen stehn, Jolante?

Geh, hol die Sänger wieder, ruf die Jäger,

Mit Hörnerklang von allen Bergen sollen

Sie grüßen ihn, daß Hall und Widerhall

Melodisch sich verwirrt ich bin so fröhlich,

Wer weiß, wo das noch alles enden mag!

Jetzt lenkt er her o eile doch nur, eile!

JOLANTE.

Was will er hier? ich fürcht mich vor dem Gast.

 

Ab.

 

 

ROMINTA noch hinaussehend.

Nun schwingt er sich vom Roß wie ist mir denn?

Das ist sein Gang nicht! Schlanker auch, viel höher

Erschien er mir. Man sagt, die Mittagsstille

Brüt wunderbaren Spuk so grauenvoll

Verwandelt er sich, wie er naht was blickt er

So scheu? o Gott! das ist der Plauen nicht!

WIRSBERG auftretend.

Rominta! hohe, wilde, schöne Frau!

ROMINTA zusammenfahrend.

Du bist’s!

WIRSBERG.

Ein lechzend Wild, und hinter mir

Die Zeit auf feuersprühndem Rosse jagend.

Bis hierher reicht sie nicht, hier laßt mich ruhn!

 

Er stürzt vor Rominta nieder.

 

 

ROMINTA nach einer kurzen Pause.

Dich wollt ich wiedersehen, wenn’s vorüber

Die Lippe bebt zu fragen ist er tot?

WIRSBERG.

Was zitterst du?

ROMINTA.

Um Gottes willen, rede!

WIRSBERG.

Noch lebt er funkle nicht so mit den Augen!

Noch heut ja wird’s vollbracht.

ROMINTA.

Noch heute?

WIRSBERG aufstehend.

Laß das!

Sind wir so heimlich doch beisammen hier

 

Er zieht sie zu sich auf die Rasenbank nieder.

 

 

ROMINTA.

Den Plauen mordet ihr? gibt’s keinen Rückweg?

Besinn dich wohl!

WIRSBERG.

Zu spät.

ROMINTA.

O deine Blicke,

Verwildert ganz! So sag denn, wo geschieht es?

WIRSBERG.

Im Wald bei Schaken.

 

Sich rings umsehend.

 

 

Horch, kein Vogel singt

Hier in der blühnden Wildnis. Seltsam doch!

Wie sehnt ich mich hierher aus tiefster Seele!

Und nun erschreckt mich diese Einsamkeit:

Das Spiel der Blätter und der Brunnen Rauschen,

Die steinern Bilder in der schwülen Stille.

Was kümmert’s uns! Laß deine Locken flattern

Um mich und dich! Die Zeit geht rasch ein Tor,

Der noch auf morgen hofft in solchen Zeiten!

Heut ist mein Reich und heut will ich noch herrschen!

Voraus den Siegerpreis mir holen will ich

Und, eh der Boden bricht, mit einem Zug

Den Taumelkelch des ganzen Lebens leeren!

Oh, so sei fröhlich doch, Rominta, fröhlich!

ROMINTA die unterdes nachsinnend dagesessen, sich rasch erhebend.

Zurück! Wenn es vollbracht ist ja, dann ruhst du,

Will’s Gott, wohl eine lange, lange Nacht.

 

Gesang von fern, nach der vorigen Melodie.

 

 

ERSTE STIMME.

Wir reiten so geschwinde,

Von allen Menschen weit.

WIRSBERG aufspringend.

Was ist das? Winktest du nicht heimlich jetzt?

ZWEITE STIMME.

Da rauscht die Luft so linde

In Waldeseinsamkeit.

WIRSBERG scheu um sich blickend.

Ich hör Geräusch vom Schlosse her dort regt sich’s

Hier soll mich keiner sehn! Sieh, und dort unten

Da sprengen Reiter blitzend übers Feld!

ROMINTA.

Die Jäger sind’s, die heim vom Walde kehren.

WIRSBERG.

Jetzt wieder dort noch einer Nein, der Plauen

Schickt sie nach mir Sie sollen mich nicht fangen!

 

Er zieht sein Schwert und stürzt fort.

 

 

ROMINTA.

Jolante, he, Jolante!

JOLANTE auftretend.

Was geschah dir?

ROMINTA.

Wo wendet’ er sich hin?

JOLANTE.

Wer?

ROMINTA.

Oh, wir hätten

Ihn so nicht lassen sollen! Rasch mein Pferd!

JOLANTE.

Jetzt noch? Schon neigt die Sonne sich ins Land.

ROMINTA.

Sie geht auf ewig unter und wird scheidend

In Blut die Höhen rings und Wälder tauchen!

GESANG draußen.

Wohin? im Mondenschein

So bleich der Wald schon steht.

ROMINTA.

O diese Töne in der tiefsten Angst!

Schafft mir mein Roß! mein Ritterwams! Fort, fort!

 

Beide ab.

 

 

GESANG wie oben.

Leis rauscht die Nacht frag nimmer,

Wo Lieb zu Ende geht!

 

 

Dritte Szene

 

 

 

Gemach auf Küchmeisters Burg. Küchmeister, Graf Sayn, Schäven und Johann von Schönfeld sitzen um einen Tisch mit Weinkrügen und Bechern.

 

 

SCHÄVEN.

Ich mal nicht trüber, als es draußen steht,

Frag, Marschall, wen du willst

KÜCHMEISTER.

Nennt mich nicht so.

SCHÖNFELD.

So, oder so doch er hat recht: der Plauen

Weiß es herauszuschrecken

KÜCHMEISTER.

Schrecken? wen?

GRAF SAYN.

Vertraute Ritter, Schreibervolk und Knechte

Schickt’ er auf unsre Häuser aus, die stoßen

Wie Raben dreist auf alles, was drin glänzt.

Der alte Tetting, dessen graues Haupt

Mehr Wunden zählt, als dieser Plauen Jahre,

Er hatt zehn Mark erspart, um auszuruhn

Die letzten Tage von ruhmvollen Taten;

Der Plauen drückt’s ihm ab. Was scheut’ er Menschen?

Streckt er nach Gottes Gut doch frech die Hand

Und bricht den heil’gen Schmuck von den Altären,

Um aus Monstranzen Sündengeld zu münzen!

Zu bettelhaften Trott hält ihm die Zeit,

Er tritt ihr ungeduldig auf die Fersen.

KÜCHMEISTER.

So schlägt sie hinten aus.

SCHÄVEN.

Und trifft uns alle!

KÜCHMEISTER.

Bin ich der Meister denn? Was kümmert’s mich!

GRAF SAYN.

Fürwahr, wir hatten eines andern uns

Zu dir versehn. Ich sprech hier nicht für mich,

Im Namen sämtlicher Gebiet’ger red ich.

Noch heut erst waren alle wir versammelt

Und sprachen viel

KÜCHMEISTER.

Ich weiß und trankt nicht wenig.

GRAF SAYN.

Da fiel der ein’ auf das, auf jenes jener

KÜCHMEISTER.

Der auf die Bank, der andre untern Tisch

Nicht wahr? und ich soll eiligst auf die Beine

Nun wieder dem gemeinen Besten helfen?

SCHÄVEN.

Ja, großer Michel Küchenmeister! Held!

Ich sagt es nicht allein, sie alle sprachen:

»Da ist der Marschall noch daß Gott ihn segne!

Das ist ein Mann! Wo solche Tugend noch «

SCHÖNFELD.

Bah, Larifari!

SCHÄVEN.

Was! sagst du das mir?

SCHÖNFELD.

Ich sage: Larifari!

GRAF SAYN zu Küchmeister.

Nun zur Sache!

Rat uns, was ist zu tun nun?

KÜCHMEISTER.

Auszuschlafen.

GRAF SAYN.

Vermeng hier nicht die Sprecher mit der Sache!

Was mich betrifft, ich trank nur grad so viel,

Um schärfer in der Dinge Lauf zu schauen,

Und sage dir: wahr deine silbernen Becher,

Den Schwertgriff da

KÜCHMEISTER heftig.

Wer wagt’s, darnach zu fassen?

GRAF SAYN.

Der alles wagt!

KÜCHMEISTER.

‘s ist gegen die Statuten!

GRAF SAYN.

So schreibt er neue auf mit seinem Schwert!

Gar seltsam doch ich nennte jeden Lügner,

Der mir’s erzählt’, daß du wie’n kranker Löwe

Hier über deines Kriegsruhms Trümmern liegst

Und mitten in dem Sturme, der dich zaust,

Nichts tust, als deine graue Mähne schütteln.

KÜCHMEISTER.

Sprich so nicht noch einmal!

GRAF SAYN.

Nicht so? Noch mehr!

Dich überwältigt dieses Plauens Glück,

Und dein Gestirn, das vormals hat geleuchtet

Hell in des Unglücks Nacht, es sinkt verbleichend

Zurück in die gemeine Dämmerung,

Je höher diese junge Sonne steigt,

Die alle Stern auslöscht am Firmament

Und das unsel’ge Land versenkt in Feuer!

SCHÖNFELD am Fenster.

Bei Gott! des Meisters Kompan kommt!

SCHÄVEN.

Hierher?

 

Alle, außer Küchmeister, fahren erschrocken auf.

 

 

KÜCHMEISTER.

Nun glaub ich’s selbst! Das muß ein Sturm sein, der

Bis von Marienburg so den Staub aufwirbelt!

JOST VON HOHENKIRCH eintretend.

Gegrüßt Ihr Herren! zur gelegnen Stunde

Find ich euch hier versammelt all.

KÜCHMEISTER.

Was bringst du?

HOHENKIRCH.

An dieses Lands Gebiet’ger insgemein

Ergeht des hohen Meisters Gruß und Meldung,

Daß in dem Haupthaus auf St. Burkhardstag

Ein allgemein Kapitel angesagt,

Wo Seine Hoheit in hochwicht’gen Dingen

Des treuen Rats der Brüder sich versieht.

Und in dem Namen des hochwürd’gen Meisters

Entbiet ich alle, die hier gegenwärtig,

Auf selb’gen Festtag gen Marienburg.

KÜCHMEISTER.

Was soll es da? Ich hab dort nichts zu schaffen.

Der in den Sturm gesteuert ohne mich,

Lenk auch hinaus!

EIN DIENER schnell eintretend, zu Küchmeister.

O Herr! ein Wort

KÜCHMEISTER.

Was ist’s?

 

Sie reden während des Folgenden lebhaft und heimlich miteinander.

 

 

SCHÖNFELD zu Hohenkirch.

Hast wacker zugehalten. Komm!

 

Ihm zutrinkend.

 

 

Dem Orden!

HOHENKIRCH einen Becher fassend.

Auf Eintracht drin und frische Händel draußen!

KÜCHMEISTER zu dem Diener.

Vom Plauen, sagst du, sind sie abgesendet?

DIENER.

Ja Herr, ein Ritter, Knechte und ein Schreiber.

KÜCHMEISTER.

Unmöglich! Nanntest du nicht meinen Namen?

DIENER.

Ich tat es.

KÜCHMEISTER.

Und die Narren bleiben doch?

DIENER.

In Meisters Namen fordern sie die Schlüssel

Zu Kellern und Gemach; was dort an Schätzen,

Auf ihre Saumroß denken sie’s zu laden.

KÜCHMEISTER.

Gut, gut! Der Schatz, der Land und Orden groß macht,

Er ist in dieser Brust. Wohlan! sie sollen

Ihn haben nun! Doch seht euch vor er brennt!

Nun eil, ruf mein Gesinde, faß die Schergen!

Werft sie zum Schloß hinaus und schließt das Tor!

DIENER.

Doch Herr

KÜCHMEISTER.

Kein Wort! Gehorch, bei deinem Leben!

 

Diener ab.

 

 

KÜCHMEISTER sich plötzlich hoch aufrichtend, zu Hohenkirch.

Jetzt reit zurück zum Plau’n, sag ihm: ich komme!

 

Er geht ab.

 

 

GRAF SAYN.

Was hat er vor?

SCHÄVEN.

Laßt uns ihm eilig folgen!

 

Alle ab.

 

 

 

Vierte Szene

 

 

 

Wald. Man hört in der Ferne Hörnerklang, der nach und nach verhallt. Plauen und Graf von Schwarzburg treten auf.

 

 

PLAUEN in die Szene hinaussprechend.

Laßt nur die Roß verschnaufen noch, wir kommen

Vor Nacht doch immer nach Marienburg.

 

Zu Schwarzburg.

 

 

Wo sind wir hier?

SCHWARZBURG.

Das ist der Wald von Schaken.

Dorthin liegt Rehden, hier geht’s nach dem Haupthaus.

PLAUEN.

Da klingt die Jagd recht fröhlich noch herüber.

SCHWARZBURG.

Und alle Vögel singen zum Valet.

PLAUEN.

Laß uns ein wenig rasten hier im Grünen.

 

Sie lagern sich auf den Rasen.

 

 

Sieh, wie die Sonne herrlich untergeht

Und Feld und Strom und Wald in Feuer löst,

Als wollt sie all mit sich hinübernehmen.

Ein königlich Gestirn! Ich wollt, ich hätte

Mein Haus bestellt, wie sie, und schiede so.

SCHWARZBURG.

Sprich nicht vom Scheiden, Herr, schau nun einmal

Auch hinter dich und freu des reichen Blicks dich

Auf das, was du vollbracht.

PLAUEN.

Täusch dich nicht, Günther!

Ich glaubt es auch, es wäre was, den Orden

Herauszuschlagen aus der höchsten Not.

Was nützt’s dem Greis, ihn aus der Haft zu lösen?

Er taumelt in der ungewohnten Luft.

Das Unglück fand sie zag, das Glück hoffärtig

So rennt die Zeit uns um, die Gott gegeben

In unsre Hand, sie zu ihm aufzurichten.

SCHWARZBURG.

Wie und du wendest dich, und gibst uns auf?

PLAUEN.

So gebe Gott mich auf, wenn ich das tue!

Nein, an den frischen Morgen glaub ich fest,

Solang die Sonn noch einzle Höhn vergoldet

Und einer noch das Rechte will, wie du.

Dich, Schwarzburg, traf ich überall, wo’s galt,

Und komm ich nicht lebendig aus dem Handel:

Ich wüßte keinen sonst dich setzt ich gern

Zum Erben ein der freudigen Gedanken.

SCHWARZBURG.

Mein Herzblut, Herr, für dich! doch einsam nicht,

An deiner Seite denk ich einst zu fechten.

PLAUEN.

Gleichviel, wenn es nur ausgefochten wird.

Sieh, Günther, junge Ritter nahn aus Deutschland,

Die jetzt, zur Zeit der Not, in kühner Lust

Der ersten morgenfrischen Jugendliebe

Das Kreuz genommen um des Kreuzes willen.

Sie will ich stellen über alle andre,

Wie Sterne über der verworrnen Nacht.

Mit neuer strenger Satzung, wie’s mir leuchtend

Bei Tag und Nacht die Seele füllt, will ich

Den Orden rüsten und ein stark Geschlecht

Von Brüdern auferziehn, an die kein Herr

Der Erde fürder mehr Gewalt soll haben,

Weil sie dem höchsten Herren wahrhaft dienen.

Doch dazu brauch ich Krieg, daß er die Seelen

Aufrüttle aus dem Schlaf und erst den Grund

Uns feststampft zu dem Bau.

SCHWARZBURG.

Doch das Kapitel

Beschloß den Frieden jüngst und nimmer fügen

Sie solcher neuen Ordnung sich.

PLAUEN.

Sie müssen!

Du selbst warbst mir das Söldnerheer und führtest

Sie in das Land

SCHWARZBURG.

Herr ich versteh dich nicht.

PLAUEN.

Meinst du, ich dürfte hier noch andre fragen,

Als Gott und mich? Gab mir der Herr das Schwert,

So muß ich’s brauchen nun! Da kommt ein Fremder.

 

Rominta in Ritterkleidung tritt auf.

 

 

ROMINTA.

Wer ruht so sorglos dort im Dämmerschein,

Durch den die Mörder schleichen?

 

Sie erkennt Plauen und sinkt zu seinen Füßen.

 

 

Hoher Herr!

PLAUEN.

Was bringst du, wunderlicher Bote, mir?

ROMINTA.

O Herr, brich eilig auf von hier! Trau nicht

Der falschen Stille! Sommerfäden spinnen

Im Zwielicht draußen Netze überm Plan,

Die Wipfel flüstern heimlich zueinander

Und auf den Zehen, wie wir sprechen hier,

Naht leis der Mord!

SCHWARZBURG aufspringend.

Was faselst du von Mord?

PLAUEN zu Rominta.

Dein Auge scheint verstört und sieht Gespenster

In stiller Luft.

ROMINTA.

O glaubt mir doch nur! glaub mir!

Ermorden wollen sie dich hier im Wald.

Der Wirsberg sann es aus und harrt auf Rehden,

Dort sammeln sich die Mörder nach der Tat.

SCHWARZBURG.

Verworrne Mär! Und doch der schwanke Wirsberg

PLAUEN.

Wer bist du selbst? ich sah dich nie vorher.

ROMINTA.

O hätt auch ich dich nimmermehr gesehn!

PLAUEN.

Und suchst und warnst mich doch?

ROMINTA.

O frag mich nicht!

Ich lieb den Stern, kann er auch mein nicht werden,

Ich lieb den Blitz in Nacht, wenn er auch tötet,

So unermeßlich groß ist ja die Liebe!

 

Sie verbirgt ihr Gesicht an seinen Knien.

 

 

PLAUEN aufstehend.

Was ist dir denn? Du zitterst ja Du weinst

ROMINTA.

O fragt nicht weiter, unbarmherz’ge Männer!

Schwingt auf die Roß euch! draußen, wenn die Nacht

Mich dicht verhüllt, will ich dir alles sagen.

Mit meiner Brust will ich dein Herz beschirmen,

Und bin ich tot, gedenkst du meiner doch!

PLAUEN der sie aufmerksam betrachtet hat.

Seltsamer Knab. So junges Herz vergiftet

Mit Falschheit nicht der Augen reinen Quell.

So sage denn: ist Rehden schon bemannt?

ROMINTA.

Seitwärts vom Schlosse lagern fremde Scharen,

Geheimnisvoll in Schluchten rings zerstreut,

Doch auf der Burg, als ich vorüberritt,

War’s leer und still vom Grund noch bis zur Zinne.

PLAUEN.

Wohlan! so will ich hin! Zeig uns den Weg!

Dein Leben haftet mir für deine Zunge.

SCHWARZBURG.

Bedenke! so allein in Wald und Nacht

PLAUEN.

Ich kenn die Schlüfte dort, rechts an den Wällen

Gelangen ungesehen wir ans Tor.

SCHWARZBURG.

Und wenn der Knabe wirklich wahr gesprochen?

PLAUEN.

So faß ich die Verräter, eh sie’s denken,

Und lehr den Wirsberg, ehrlich sein

Mit seinem treuen Herrn! Frisch auf nach Rehden!

 

Alle ab.

 

Nikolaus von Renys und Friedrich von Kinthenau treten auf.

 

 

KINTHENAU.

Er weilt im Walde noch das ist der Kreuzweg,

Hier muß er durch. Der Pfad ist schmal, sie pflegen

Zu Fuße hier den kurzen Weg zu gehn,

Derweil die Knecht am Saum des Waldes reiten.

Drei wackre Burschen lauern dort am Busch,

Sie sollen uns des Plauen Jagdtroß greifen.

RENYS.

Der Mond ist schon herauf. Wo bleibt der Wirsberg?

KINTHENAU.

Laß ihn! so schwerer wiegt am Zahlungstage

Des Dankes Schuld, wenn wir’s allein vollbringen.

RENYS.

Ich wollt, es wär vorüber. Dieses Rauschen

Der Wälder durch die weite Einsamkeit,

Es macht mich noch verrückt.

KINTHENAU.

Horch, Pferdetritt!

STIMME draußen.

Führt dort die Roß herum und wartet drunten.

RENYS.

Ein Ordensmantel schimmert bleich

KINTHENAU.

Er ist’s!

KÜCHMEISTER auftretend.

Eine schöne, klare Nacht

RENYS mit gezogenem Schwert auf ihn eindringend.

Mach Platz da, Dränger!

KINTHENAU ihm in den Arm fallend.

Zurück! Küchmeister ist’s! Verfluchtes Blendwerk!

KÜCHMEISTER sie verwundert ansehend.

Was soll’s, ihr Herrn? im Harnisch hier?

KINTHENAU.

Verzeiht

Wo zieht Ihr hin so spät noch?

KÜCHMEISTER.

Zum Kapitel

Nach der Marienburg. Ich aber meine,

Ihr hieltet hier für einen Höhern mich.

KINTHENAU nach einer Pause.

Und wär’s nun so den Ihr im Sinne führt,

Ihr seid sein Feind und habt des guten Grund,

Er kränkt’ Euch hart.

KÜCHMEISTER.

Das tat er, und ich will’s

Ausfechten mit ihm doch was kümmert’s Euch?

KINTHENAU.

Es könnte leicht die Nacht verhaltnem Groll

Das Schwert zur Rache reichen.

 

Man hört Lärm und Waffengeklirr.

 

 

KÜCHMEISTER.

Horch, da zuckt

Das Schwert schon! Merkt ich’s doch: Dem Meister gilt’s!

Denkt, Buben ihr, daß ich im Finstern morde?

Den Plau’n regierte Gottes Hand, gen Rehden

Sah ich ihn sturmschnell eben ziehn.

KINTHENAU.

Gen Rehden?

So ist verloren alles!

KÜCHMEISTER.

Und kein Haar

Krümmt ihr dem Plau’n! nur über meine Leiche

Erreichst du ihn, Rebell! Zieh, grauer Sünder!

 

Er zieht.

 

 

RENYS der immer mürrisch schweigend dagestanden, plötzlich mit bloßem Schwert vortretend.

Nun denn! hervor! ich haß dich, Henkershelfer,

Gleichwie den Plau’n, und eure ganze Horde!

 

Sie fechten.

 

 

KINTHENAU zurücktretend.

Da drängt Küchmeisters Schar heran mit Fackeln,

Wie Furien rings aus allen Hecken wachsend!

Wir sind verraten! Fort! ich flieh nach Polen!

Mach Platz dem Wahnsinn, wem sein Hirn noch festhält!

 

Ab.

 

Küchmeisters Diener mit Fackeln treten auf.

 

 

ERSTER DIENER.

Wer eilte dort hinunter? Setzt ihm nach!

ZWEITER.

Laßt, laßt! dort ist der Bluthund!

DRITTER.

Helft dem Herrn!

 

Sie mischen sich in den Kampf. Renys wird verwundet.

 

 

RENYS.

Verflucht der falsche Boden, der das Blut

Der eignen Kinder trinkt! Molch, Schierling schieße

Aus jedem Tropfen und verpest die Luft!

Verflucht der Orden! und in Fluch verkehre

Berauschend sich sein Glück, Macht, Gold daß trunken

Dereinst von wilder Gier, wie Hunde einer

Den andern würgt bis alles öde wüst.

 

Er stirbt.

 

 

KÜCHMEISTER.

Der Wütende ist still auf ewig. Tragt ihn

Hinunter auf ein Saumroß und dann fort

Aus diesem Wald, wo Mord die Nacht befleckt.

Weh Plauen dir, der solchen Sturm geweckt!

 

Renys wird fortgetragen.

 

Alle ab.

 

 

 

Fünfte Szene

 

 

 

Nacht. Auf der Burgzinne von Rehden. Weinkrug und Becher stehn auf der Mauer. Georg von Wirsberg geht unruhig auf und nieder.

 

 

WIRSBERG über die Mauer blickend.

Vom Tage blieb ein blut’ger Streif in Westen,

Der nicht verlöschen will. Horch da! war das

Ein Ruf nicht fern im Walde? Nein, die Nacht nur

Gibt schläfrig Antwort mit verworrnem Rauschen.

Jetzt steigt der Mond verzaubernd durch die Wipfel

Es rascheln Tritte heimlich in dem Laub,

Rasch blitzt der Dolch, ein Schrei und alles still,

Und niemand nannt dabei den Namen Wirsberg

Wer rief mich da?!

 

Lachend.

 

 

Narr! Narr, dem vor dem Schatten

Der eigenen Gedanken sich das Haar sträubt!

 

Er ergreift heftig einen Becher und trinkt.

 

 

Horch schlägt da nicht die Turmuhr fern? Wie hell

Das herklingt durch die stille Luft. Neun zehn

 

Tief aufatmend.

 

 

So ist’s vorüber schon! Das war die Stunde,

Wo sie auf Rehden sich versammeln wollten.

 

Er trinkt wieder.

 

 

Es trieft die Stirn vom Schweiß was friert mich denn?

Ich lache dein, du lächerliches Grauen,

Das vor dem Hahnenruf in nichts zerrinnt!

Ringst mich nicht nieder in der Einsamkeit.

 

Den Becher ergreifend.

 

 

Laß sehn! Ich trink dir zu, wer du auch bist!

Stern ja auf Stern in unermeßner Pracht

Blitzt auf mich nieder und entgürtet ist

Die Zauberschönheit der phantast’schen Nacht!

Da unten tief, wie in prophet’schen Träumen,

Rausch zu, geheimnisvoll mit allen Bäumen!

Ich komm! Des zagen Nippens ist genug!

 

Den Becher über die Zinne schleudernd.

 

 

Gib einen vollen, frischen tiefen Zug!

 

Sturmgeläute.

 

 

Was ist das! Läuten sie dem Toten schon?

DIETRICH hereinstürzend.

Um Gottes willen, Herr!

WIRSBERG.

Was krächzt du, Rabe?

DIETRICH.

O eilt! Der Unsern einer, der am Walle

Die Wache hatt, sprengt’ atemlos herein

Und hinter ihm vom Wald her fremde Reiter.

Wie er im Fliehn zurück sich wandt, erkannt er

Entsetzt zwei Ritter aus Marienburg.

WIRSBERG.

Das lügt der Hund! das lügst du!

DIETRICH.

Horcht, da rasselt’s

Im Burghof schon.

WIRSBERG.

Nun so verschling die Hölle

Hof, Burg, und mich und alles was drin atmet!

 

Er eilt, sein Schwert ziehend, mit Dietrich fort.

 

Draußen Waffenlärm, währendes kommen Zwei Reisige von der andern Seite.

 

 

ERSTER.

Dorthin! Ich sag’s dir, ‘s ist der Meister selbst!

Ich kenne seine Stimme durchs Visier.

ZWEITER.

Da wie das Schrein und Läuten ineinander

Durch alle Gänge zieht.

ERSTER.

Fort, fort! sonst wirbelt

Der Sturm uns mit hinab hier in den Abgrund!

 

Beide ab.

 

 

WIRSBERG bleich, fliehend, mit bloßem Schwerte zurückkommend.

Wer ist der Schreckliche, der hinter mir

Entsetzlich dort von Hall zu Halle dringt?

Zeig dein Gesicht und funkle nicht so gräßlich

Aus deinen dunklen Eisenstäben her!

Ich will dein Antlitz sehn und wenn mich’s tötet!

 

Er stürzt sich zurück nach der Pforte.

 

 

ROMINTA in ihrer Ritterkleidung mit niedergelaßnem Visier ihm entgegentretend.

Zurück da, Wahnsinn! sollst ihn nicht versehren!

WIRSBERG.

Dich meint ich nicht! Laß mich! es ist gefährlich,

Mir heut zu nahn!

ROMINTA.

So helf mir Gott!

 

Sie fechten.

 

 

WIRSBERG.

Platz da!

 

Er ersticht sie.

 

 

ROMINTA im Sinken den Helm verlierend.

Wo bist du Heinrich? Weh wie einsam da!

Die Erde sinkt und sinkt nun bin ich dein!

 

Sie stirbt.

 

 

WIRSBERG sie erstaunt ansehend.

Wie ist mir denn? Da ringelt sich die Nacht

Der Locken wieder wildes Traumgesicht!

O wer mir sagt’, das sei ein Traum, meine Seele

Gäb ich ihm drum! Fort! Schlangen sind dein Haar

Und jede hat ein Stück von mir vergiftet:

Treu, Ehr den Rest werf ich dir nach, mich graut

Vor mir und dir. Laß los! da naht er wieder!

 

Nach der Pforte gewendet.

 

 

Es ist nicht wahr! Das lügenhafte Zwielicht

Verwirrt nur Sinn und Auge mir und spiegelt

Verfluchte Doppelgänger in die Nacht

Wer bist du? sprich!

PLAUEN tritt ein und schlägt sein Visier auf.

WIRSBERG plötzlich sein Schwert fallen lassend.

Furchtbarer Gott im Himmel!

 

Er stürzt sich über die Zinne in den Abgrund.

 

 

GÜNTHER VON SCHWARZBURG auftretend.

Herr! das Gerücht, daß du im Schloß erschienen,

Geht wie ein Sturmwind durch den Wald, und hauptlos

Zerstreun sich die erschrocknen Meuterscharen.

Doch, wo ist Wirsberg? Was geschah?

PLAUEN.

Er hat

Sich selbst gerichtet, und mein Rächeramt

Leg ich in höhre Hand. Gott sei ihm gnädig!

 

Fünfter Aufzug

 

Erste Szene

 

 

 

Vor Tagesanbruch. Freies Feld, im Hintergrunde sieht man verlöschende Lagerfeuer. Graf Günther von Schwarzburg führt rasch den Jost von Hohenkirch an der Hand herbei.

 

 

SCHWARZBURG.

Dort lagert rings das neue Söldnerheer

Sie schlafen alle noch, komm, komm tritt sachte

Mit deiner Botschaft auf, daß du den Tag

Nicht weckst, der leise auf den Höhen schlummert.

Ich weiß hier sollt ich von dem Meister hören.

Warum von Rehden sandt er mich hierher?

Woher die Eil, das Söldnerheer zu ordnen?

Zerstört ist ja der Anschlag der Rebellen.

HOHENKIRCH.

Ihr laßt mich nicht zu Worte kommen, Herr

SCHWARZBURG.

Ich habe Furcht vor dir und deinem Worte

Und möchte gern die Angst mir noch verschwatzen.

Nun denn in Gottes Namen rede nur!

HOHENKIRCH.

Der Meister läßt Euch seinen Gruß entbieten:

Versammelt sei’n die Herrn nun zum Kapitel

Ihr wüßtet schon das sei die rechte Zeit.

Drum sollt Ihr rasch nun gen Marienburg

Die Söldner führen, und das Tor besetzen,

Und keinem ein- und auszugehn verstatten,

Bis er es selbst Euch heißt.

SCHWARZBURG.

O meine Ahnung!

HOHENKIRCH.

Was sinnt Ihr so?

SCHWARZBURG.

Nun, das ist eine Botschaft!

Ich bitt dich, Jost, geh, ruh dir an den Zelten,

Nur einen Augenblick laß mich allein!

 

Hohenkirch ab.

 

 

SCHWARZBURG allein.

Herrgott, Herrgott! das also, Plauen, war

Das ferne Wetterleuchten deiner Seele,

Das oft in stillen Stunden mich erschreckt!

Und nun das Wetter unversehns hereinbricht,

Steh ich allein hier auf des Landes Hut

Und schaudere die Sturmglock anzuziehn!

Fort! nach Marienburg reit ich allein,

Sein Knie umklammre ich und fleh und weich nicht,

Er darf, er soll nicht weitergehn! Was hülf es?

Unbeugsam ist sein Sinn, und solchem Willen

Dient die geschäft’ge Welt, die er verschüchtert.

Heraus stellt er sich einsam vor die Welt,

Wie ‘n schlechtes Bild sie anders umzuzeichnen.

Wer darf je sagen von sich selbst, er habe

Recht gegen seine Zeit? Was ist die Meinung

Des einzelnen im Sturm der Weltgeschichte,

Die über uns ein höhrer Meister dichtet,

Uns unverständlich und nach andern Regeln.

Nicht rühren soll er mit der Menschenhand

An diesem Ritterbund, den Gott gefügt,

Dem ich verschworen mich mit tausend Eiden!

O Heinrich! Heinrich, Herzensbruder! wärst du

Im dicksten Schlachtgewühl, ich hieb’ dich raus!

Nun, lieber Meister, kann ich’s nicht Leb wohl!

Tu du, was du für recht erkannt ich auch!

Wir sind doch eines Fels verschiedne Quellen,

Ein Meer ja ist es, das wir redlich suchen

Gott richte da, wer von uns beiden irrte!

 

In die Szene rufend.

 

 

He, Hohenkirch!

HOHENKIRCH auftretend.

Ich harre Eurer Antwort.

SCHWARZBURG.

Weißt du des Meisters Plan und rechte Absicht?

HOHENKIRCH.

Nicht mehr, als ich Euch eben sagte, Herr.

SCHWARZBURG.

Nun denn, wenn du ihn liebst, so flieg zurück

Jetzt nach Marienburg und sag dem Meister:

Ich wüßt im ganzen Land hier keinen Feind,

Der stünd in Polen vor der Tür. Dorthin

Führt ich das Söldnerheer und woll es legen

Auf Straßburg, Soldau, Ortelsburg, wo ich

Des Ordens weiteren Befehl erwarte.

Nun reite schnell und Gott beschütz den Meister!

 

Hohenkirch geht ab.

 

 

Will denn das Morgenrot heut nicht herauf?

 

In den Hintergrund rufend.

 

 

Auf! rührt die Trommeln, laßt zum Aufbruch blasen!

 

Ab.

 

 

 

Zweite Szene

 

 

 

Meisters Gemach in Marienburg. Plauen sitzt in Gedanken versunken.

 

 

HANNS VON BAYSEN draußen.

Laßt mich hindurch! ich muß zu ihm!

PLAUEN aufspringend.

Kommt er?

 

Baysen tritt ein.

 

 

Du bist es, wackrer Bursch was bringst du mir?

BAYSEN.

O Herr! versammelt längst ist das Kapitel

PLAUEN.

Ich weiß.

BAYSEN.

Der finstre Küchenmeister grollt,

Mit kühnem Wort den schwanken Rat regierend.

Man sagt, einstimmig hätten sie verworfen

Den Krieg mit Polen. Oh, ich bitt dich, Herr,

Gib ihnen heut nur nach! Sie sinnen Böses.

PLAUEN.

Nun just deshalb.

 

Durch das Fenster sehend.

 

 

Noch immer nichts zu sehen!

BAYSEN.

Glaub mir, es ist was vor und gegen dich!

Ich weiß nicht, was sie sinnen, doch zu dreien

Und mehr beisammen stehn sie in den Winkeln

Und flüstern leis, und schweigen wenn ich nahe.

Ein heimlich Wesen, unsichtbar, wie Zugwind

Streicht durch das Schloß, und alles ist verfinstert,

Als ging’ ein dunkles Wetter übers Haus.

PLAUEN.

Hast recht, es wird bald wetterleuchten. Komm,

Hilf unterdes mir meine Rüstung antun.

BAYSEN.

Jetzt, Herr wozu denn?

PLAUEN.

Dort die helle reich mir,

Die trug ich einst an meinem Ehrentag,

Als wir Marienburg vom Feind befreiten.

 

Die Rüstung anlegend, wobei ihm Baysen behülflich ist.

 

 

‘s war auch im Herbste. Sieh, wie damals glüht

Das farb’ge Land, die Wandervögel ziehen,

Und alles mahnt mich an die schöne Zeit,

Wo wir zu Lust und Not im Felde lagen,

Ich noch ein Bruder unter treuen Brüdern.

Die heitre Nacht erscholl von frommen Liedern,

Im stillen Tale riefen fern die Wachen,

Derweil die Sterne ihre Runde machten,

Die Zukunft lag noch wunderbar verborgen,

Da wittern schnaubend schon die Roß den Morgen,

Es schauert das Heer und die Trompeten werben

Da ist’s ‘ne Lust, zu leben und zu sterben!

BAYSEN.

Wär ich der Meister nur, ich säß heut auf,

Und ließ sie ruhig raten!

PLAUEN.

Sieh doch wirbelt

Nicht Staub dort in der Ferne auf? Nein nichts.

Du bist ein braver Junge werde nicht

Auch wie die andern einst, glaub’s ihnen nicht,

Die niemals jung gewesen, ‘s ist nicht wahr,

Daß rechte Jugend alt wird mit den Jahren.

Und wenn sie’s alle meinten nun ich setze

Zum letzten Male meinen frischen Glauben

Heut an des letzten Bruders kühnes Herz!

Was ist das? Dort mein Kompan kommt zurück,

Allein! Siehst du nicht Waffen fernher blitzen?

Gott, Gott! es ist die höchste Not wo weilt er?

Schwarzburg, ich rufe dich im Namen Gottes

Und aller künftigen Geschlechter! Schwarzburg!

 

Jost von Hohenkirch tritt ein.

 

 

PLAUEN.

Was bringst du, Unglücksel’ger?

HOHENKIRCH.

Hoher Herr

PLAUEN.

Der Schwarzburg, sprich! wo ist der Graf von Schwarzburg?

HOHENKIRCH.

Herr, er entbietet dir nur wen’ge Worte:

Nicht hier daheim, an Jagjels Königshofe

Steh lauernd dein und unser aller Todfeind,

Und darum führt’ er ungesäumt gen Polen

Dein Söldnerheer.

PLAUEN in den Sessel sinkend.

Verloren ist der Orden!

HOHENKIRCH zu Baysen.

Was ist dem Herrn?

BAYSEN.

Wie wenn ein Wetterstrahl

Die Eiche traf. Horch, draußen naht es rasselnd,

Laßt niemand jetzt herein!

HOHENKIRCH.

Seht die Gebiet’ger!

 

Küchmeister, Hermann Gans, Graf Sayn, und mehrere Ordensritter treten ein.

 

 

KÜCHMEISTER.

Wo ist der Plau’n?

BAYSEN.

Der Meister wollt Ihr sagen.

KÜCHMEISTER.

Heinrich von Plau’n in der Gebiet’ger Namen

Steh ich vor dir, vernimm des Ordens Schluß:

Erwägend deines Regiments Gewalt,

Die alle Satzung schrankenlos durchbrochen,

Der Ritter Jammer und des Lands Empörung,

Hat das Kapitel, seiner Pflicht gedenk

Und auf das Flehen aller Ordensbrüder,

Entsetzt dich deines Amts als hoher Meister.

BAYSEN.

Wer wagt das!

HERMANN GANS.

Und den Ältsten uns befohlen,

Der Zeichen deiner Macht dich zu entkleiden.

GRAF SAYN.

Reich uns den Mantel, Siegel und das Schwert.

BAYSEN zu Plauen.

Erhebe dich! O brich dein furchtbar Schweigen!

Noch denken viele hier, wie ich, und setzen

Ihr Leben an dein Recht!

KÜCHMEISTER.

Greift den Wahnsinnigen!

PLAUEN sich aufrichtend.

Zurück! Noch bin ich hier der Meister.

 

Zu Baysen.

 

 

Ruhig!

Meint Ihr, ich tat das alles für mein Recht?

 

Sein Schwert an Küchmeister reichend.

 

 

Da nimm wofür sollt ich’s fortan noch ziehn!

 

Indem er den Mantel dem Hermann Gans überreicht.

 

 

Dies dir. Und reichte er von einem Ende

Der Welt zum andern, er verhüllte nimmer

Die Schande seit auch Günther mich verließ!

Oh, das ist eine Welt!

KÜCHMEISTER.

Was wünschst du noch?

PLAUEN.

Nichts mehr.

 

Im Kreise umherblickend, nach einer kurzen Pause.

 

 

Frohlocket nicht ihr armen Brüder,

Wenn lang entwöhnte Tränen übermächtig

Vielleicht aus diesen müden Augen brechen.

Glaubt nimmermehr, daß es der Hoheit gilt,

Von der ich scheide nun. Daß es nicht lohnt

Zu leben mehr, das ist’s, was mir das Herz bricht!

Noch einmal tat es einen langen Blitz

In wüster Nacht weit über diese Zinnen

Und schauernd in dem wunderbaren Licht

Erkannte ich des Ordens Heldengeist

Und reicht die Hand ihm da verschlang auf einmal

Das Dunkel wieder Schloß und Land. Es war

Ein schöner kurzer Traum. Der Alte aber,

Nun merk ich’s wohl, meint’s gut mit mir, er läßt

Die Hand nicht los und zieht mich mit hinab.

 

Er geht ab, die andern weichen ihm scheu und ehrerbietig aus.

 

Allgemeines Stillschweigen.

 

 

GRAF SAYN zu Küchmeister.

Heil, dir, Hochmeister nun!

KÜCHMEISTER der in tiefen Gedanken gestanden, finster.

Schweig! Eilt ihm nach,

Gebt fürstliches Geleit ihm! Fort da, sag ich!

 

Er bedeckt sein Gesicht mit beiden Händen und geht schnell ab. Die übrigen folgen schweigend.

 

 

 

Dritte Szene

 

 

 

Gebirg und Wald. Gertrud und Elsbeth treten auf.

 

 

ELSBETH.

Tretet nur hierher auf das weiche Moos,

Wir können nicht mehr weit zum Kloster haben.

GERTRUD.

Sind wir so nahe schon?

ELSBETH.

Was zittert Ihr?

GERTRUD.

Ich? nein Ich kenne ja die Priorin.

Wir ritten einst an einem Sommerabend

Noch mit dem Vater dort vorbei und hielten

Am Pförtchen plaudernd unter hohen Linden.

Das ist schon lange her der Abend glänzte

So seltsam in den Hof, und vor den Fenstern

Bewegten rauschend sich die alten Bäume.

Da ritt der Wirsberg fern am Saum des Waldes,

Vom Jagdgeschmeide blitzend, uns vorüber

Und winkt’ mir zu. Der Vater sah ihn nicht,

Ich aber blickte weg und wurde rot.

Wenn er so einmal wiederkäme.

ELSBETH.

Wer?

GERTRUD.

Ach Elsbeth sieh, mein Kopf ist mir jetzt so schwach

Komm, laß uns gehn.

 

Sie steigen den Berg hinan.

 

 

ELSBETH.

Wenn du im Kloster bist,

Will ich durchs Land mit Grüßen hin und her gehen

Zu allen Freunden und geliebten Plätzen,

Wo wir sonst froh gewesen, und erzähle

Dir von der Welt dann, wenn es ringsum stille,

Und wir beim Abendschein im Klostergarten

Was weinst du denn?

GERTRUD von der Höhe herabblickend.

Ach!

ELSBETH.

Schaut, da liegt das Kloster

Im tiefen kühlen Grund, von Fichtenwäldern

Umgeben rings und stillen Höhn die Glocken

Erklingen aus der Einsamkeit herauf.

GERTRUD ihr um den Hals fallend und in heftiges Weinen ausbrechend.

Ach Els’, das ist ja wie ein Grab ich kann,

Ich kann nicht Nonne werden!

ELSBETH.

Weint nur nicht

So schmerzlich! Seht, ich will ja mit Euch gehen

Ans End der Welt!

GERTRUD lebhaft.

Wir wollen Männerkleider

Im Dorf uns kaufen, und dann fort, weit, weit,

Wohin du willst nur dort hinunter nicht!

Wir suchen ihn in Weilern, Städten, Schlössern,

Als Zitherbuben vor den Fenstern singend.

Er kennt mich gleich an meiner Stimme wieder,

Und unter Tausenden blick ich ihn raus!

Komm nur, er kann mich nicht verlassen haben,

Er war mir ja so herzlich gut!

ELSBETH.

Besinnt Euch!

Ihr seid erhitzt vom weiten Wandern setzt Euch.

GERTRUD nach einer kurzen Pause.

Ach Gott, ich bin so müde.

 

Sie setzt sich.

 

 

Ruhn wir aus.

Was würd die Priorin auch dazu sagen,

Wenn sie mich so verweint jetzt wiedersah.

Wie da die Vöglein singen durch den Wald!

Sing noch einmal das traurige Lied Du kennst’s ja

Nur noch ein einz’ges Mal!

ELSBETH.

Denkt nicht daran!

GERTRUD leise vor sich hinsingend.

Mein Schatz hat mich betrogen,

Hat sich von mir gewandt,

Ist fort von hier gezogen,

Fort in ein fremdes Land.

 

O Ritter, laßt mich gehen

Auf diesen Felsen groß,

Ich will noch einmal sehen

Nach meines Liebsten Schloß.

 

Ich will noch einmal sehen

 

Man hört in der Ferne Trompetenklang.

 

 

GERTRUD aufspringend.

Dort sieh! es blitzen Reiter durch das Grün,

Die Rosse schnauben und die Helme funkeln

Belogen habt ihr mich, er ist nicht tot!

Sieh wie sein Helmbusch hoch im Winde flattert,

Sie lenken hier herauf was hältst du mich?

Es ruft und jauchzt den grünen Wald hinunter,

Der auf dem dunkeln Rosse dort ist mein!

Mein Herz wird mir so munter,

Der muß mein Liebster sein!

 

Sie reißt sich von Elsbeth los, und stürzt in den Abgrund.

 

 

ELSBETH.

O Gott! Hülft niemand mir in diesem Jammer?

 

Sie eilt hinab.

 

Graf von Kyburg, Hermann Gans, Johann von Schönfeld, König und Zenger treten auf.

 

 

GRAF KYBURG.

Verdammtes Bauervolk, das sich wie Unkraut

Um Sporn und Bein schlingt und am Mantel zerrt,

Man kann nicht schreiten ohn es zu zertreten!

SCHÖNFELD.

Ei, ei.

HERMANN GANS.

Hier haben wir dem flücht’gen Landvolk

Den Vorsprung abgewonnen nun berichte

Umständlich, Zenger, wie’s im Lande steht.

ZENGER.

Es steht fast gar nichts mehr, mein alter Herr.

Denn kaum erscholl nach Polen hin die Kunde,

Daß Plau’n das Schwert gelegt aus seiner Hand,

So brach der König Jagjel, wie ein Tiger,

Aus seinem Hinterhalt, wo’s keiner dachte,

Und würgt’ durchs Land hin bis gen Marienwerder.

Vor mir, so weit das Auge reicht’, bedeckte

Verworrne Flucht das Feld, und hinter mir

Sah ich vom Wald Rauchsäulen zahllos steigen.

HERMANN GANS.

Die ganze alte Konfusion schon wieder!

Was nun, ihr Brüder? Sprecht, was nun?

SCHÖNFELD.

Ei, ei

KÖNIG.

Ich eil nach Hause, für den schlimmsten Fall

Zu retten dort, was noch zu retten ist.

GRAF KYBURG.

Was wär denn hier zu retten, außerm Haupthaus!

KÖNIG.

Leicht vornehm tun! was hast du zu verlieren?

GRAF KYBURG.

Was du vielleicht nicht hast: die Ritterehre,

Die auf der Spitze ruht von diesem Schwert!

Schon einmal blitzt’ es die Polacken nieder,

Und fegt sie wohl auch diesmal wieder heim!

SCHÖNFELD.

Ei, ei!

GRAF KYBURG.

Was hast du heut mit deinem Ei und Ei?

Ich schlag’s entzwei, laß sehn, was da herauskriecht!

SCHÖNFELD.

Zerschlagen? He? ‘s kriecht mehr aus diesem Ei,

Als schlüg ich dir den blonden Dotter da

Von Kopf entzwei!

 

Er zieht.

 

 

Komm her! Hab Lust dazu!

Den großen Meister umhaun, und zehntausend

Kleinmeisterlein gleich schießen aus der Wurzel

Und Krieg und Pestilenz! Ei, seht mir doch!

 

Er geht mit Graf Kyburg fechtend ab.

 

 

He, Friede, Ruh! Da kommen die Bauern schon wieder!

Das schnappt und kreischt und stößt nach uns wie Krähen

Was! sind wir Eulen denn? Seid doch gescheut!

 

Alle ab.

 

Mehrere Bauern kommen von der andern Seite.

 

 

ERSTER BAUER.

Da seht der Polack hat uns all beim Schopf,

Und die indes da raufen eins das andre!

ZWEITER.

Das lauft und stürzt! ‘ne rechte Herrenkunst,

Wenn man vier Beine unterm Leibe hat!

Nach! Reißt herab sie!

ERSTER.

Still! dort kommt der neue

Hochmeister. Halt ihn an, der muß uns helfen!

 

Küchmeister mit mehreren Rittern tritt auf.

 

 

KÜCHMEISTER.

Es schlagen immer neue Flammen auf

Aus allen Wäldern rings, und donnernd bricht

Der morsche Boden hinter uns zusammen!

MEHRERE BAUERN.

Herr! rette, hilf uns!

KÜCHMEISTER zu einem von den Rittern.

Dort am Fuß des Hügels

Versammle, was im Walde flüchtig irrt,

Ich selbst reit mit dem Banner vor.

 

Zu den Bauern.

 

 

Zurück da!

ERSTER BAUER.

Du sollst nicht fort!

MEHRERE.

Du bist der Meister, schütz uns!

ERSTER.

Die Dörfer brennen und das Feld ist leer,

Das Leben gilt’s nun, seht euch vor! der Hunger

Packt selbst den Wolf an und zerreißt ihn rasend!

KÜCHMEISTER.

Es geht die Not wild über alle weg

Und tritt den Knecht so wie den Herren nieder.

Wie soll ich helfen da! daß Volk und Orden

Zu einem Mann sich eisern fügt, das hilft!

 

Zu den Rittern.

 

 

Treibt die Unsinn’gen zu den Fahnen fort!

Sie sollen fechten, wenn sie leben wollen!

 

Die Bauern werden fortgedrängt. Währenddes tritt Walther von Merheim auf.

 

 

MERHEIM.

Herr, unheilvolle grauenhafte Botschaft!

KÜCHMEISTER.

Noch mehr? Was ist’s?

MERHEIM.

Marienwerder brennt

Und aus den Lohen schwang der weiße Adler

Sich gen Marienburg auf.

KÜCHMEISTER.

Sie wagen’s doch?

MERHEIM.

Schwarzburg mit seinen zweifelhaften Scharen,

Den sie umgangen an des Landes Mark

Er bleibt noch immer aus und keiner weiß,

Wohin er sich gewandt und was er sinne.

KÜCHMEISTER.

Sitz auf! reit Tag und Nacht bis du ihn triffst!

Ich, jetzt sein Herr und Meister, ließ’ ihm sagen:

Es gölt Marienburg! Was er auch sinne,

Er soll den Todfeind rasch im Rücken fassen,

Ich dräng vom Haupthaus auf den König los!

 

Merheim ab.

 

 

KÜCHMEISTER zu den Rittern.

Fort, fort ins Tal nun laßt die Banner wehen!

 

Die Ritter von verschiedenen Seiten ab.

 

 

KÜCHMEISTER.

Brichst du schon jetzt herein, furchtbar Gericht,

Im finstern Wetterzug die Welt verdunkelnd?

O ständ ich ohne Schuld in diesem Graun!

 

Ab.

 

 

 

Vierte Szene

 

 

 

Das Innere des Burghofes zu Lochstädt. Rechts eine Linde mit einer Rasenbank, auf welcher Plauen schlummernd ruht. Von der andern Seite treten Graf Günther von Schwarzburg und der Schloss-Wart auf, ohne Plauen zu bemerken. In der Ferne hört man Trompeten.

 

 

SCHWARZBURG.

Das ist recht still und einsam hier. Der Herbstwind

Rauscht durch die alten Wipfel schon und streut

Die bunten Blätter auf den öden Hof.

SCHLOSSWART.

Horcht ist’s mir doch, als ginge Kriegsmusik

In weiter Ferne durch die stillen Lüfte.

SCHWARZBURG.

Mein Fähnlein ist’s, das gen Marienburg zieht.

Da draußen, Alter, hält der Tod jetzt Heerschau,

Die Besten sucht’ er längst sich aus, und alt

Geworden ist die Welt, seit du hier einsam

Das stille Schloß gehütet. Mich verlangt

Auch recht nach ehrlichem Soldatentod!

Doch ging’ ich ungern in den letzten Kampf,

Bevor der alte Meister nicht noch einmal

Die Hand mir herzlich hat gereicht zum Abschied.

Krank, sagst du, ist der Held?

SCHLOSSWART.

Still und todmüde

Der Undank brach das Herz ihm. Seht! da ruht er.

SCHWARZBURG nachdem er ihn lange schweigend betrachtet.

Du wunder Leu! Verlassen von der Welt,

Die du so lang bewacht in Nacht und Schrecken!

Ich drückt den Pfeil ab, doch so meint ich’s nicht!

 

Man hört draußen kriegerische Musik.

 

 

Horch da! sie mahnen schon, die Stunde drängt!

SCHLOSSWART.

Der alte Klang hat ihn erweckt, er rührt sich

PLAUEN sich halb erhebend und die beiden anschauend, nach einer Pause.

Mir träumte, es sei tiefer, tiefer Abend

Die Gipfel nur noch ragten aus dem Grau,

Und in der Abendglut, wie über Trümmern,

Stand wunderbar der Engel mit dem Schwert,

Zu richten die vergangenen Geschlechter.

Und als, die weite Einsamkeit entlang,

Sein Schwert ertönte, an das Schild geschlagen:

Da Günther faßt ich rasch dich bei der Hand,

Es war, als hätt ich Gräßliches zu sagen

Und da ich mit dir vor dem Engel stand,

Senkt ich mein Haupt und konnt dich nicht verklagen.

SCHWARZBURG.

O hoher Herr wie Schwerter kreuzweis drückst du

Mir deine Worte schneidend in die Brust!

PLAUEN.

Denn wie der Engel ernst das Auge wandte,

Traf solche Hoheit mich und solche Milde,

Daß ich erschrocken in die Kniee sank:

Ach gegen dich, wie ist mein Herz so wilde!

Vermessen richtet ich mich auf ob allen

Und in die Wolken griff ich über mir,

Des Herren Blitze wollt ich strafend schwingen

Ich Staub vom Staub im Zorn die Welt bezwingen.

SCHWARZBURG seine Hand fassend.

O laß mich weinen auf die teure Hand.

Nicht du der starke Gott hat dich gehoben,

Ein feur’ges Zeichen, über diese Zeit,

Daß alle Herzen sich zum Himmel wenden!

Nun sucht der Blick verwirrt die Tiefe wieder,

Graun kommt und Sturm wühlt, Haß, Grimm, wildes Trachten,

Und sternlos geht der heil’ge Orden unter.

PLAUEN.

Ein Tropfen kaum, war’s in dem großen Strome

Gelobt sei Gott! des Herren Wege gehn

Hoch über die Gedanken weg der Menschen.

So laß den Orden nur zusammenstürzen:

Das Kreuz bleibt stehn, das er gepflanzt im Norden,

Und übers Graun geht frommer Helden Kunde

Erschütternd fort durch künftige Geschlechter!

Sieh, Schwarzburg hinter der tiefen langen Nacht,

Wo alle Sterne ausgelöscht am Himmel,

Die trostlos aus dem Schutt der Zeiten stiert

Und uns nicht kennt mehr, die da unten ruhn

Seh ich den Himmel, wie von Schmerz zerrissen,

Und bei der Blitze Schein, dem ungewissen,

Die Helden all aus ihren Gräbern gehn;

Die richten schweigend auf den stillen Höhn

Ein wunderbares Kreuz empor von Eisen

In der gewitterschwarzen Einsamkeit.

Da geht ein Schauer durch das Volk der Preußen

Und noch einmal gedenkt’s der großen Zeit.

SCHWARZBURG.

Dein Auge leuchtet seltsam Herr wie ist dir?

PLAUEN sich nach und nach hoch aufrichtend.

Hoch überm Walde, der sich rauschend neigt,

Wie unermeßlich da Aurora steigt!

Die Waffen blitzen, mutig schallen Lieder

Reich mir den Helm, gebt mir das Banner wieder!

Das flatternde Panier hoch in der Hand,

Zieh ich der Schar voran durchs deutsche Land,

Am Rheine pflanzen wir’s zu Gottes Ruhm

Was zagt ihr? Ewig ist das Rittertum!

 

Er stürzt tot nieder.

 

 

SCHWARZBURG.

O scheide nicht was soll ich ohne dir

In dieser öden Welt! Gleichwie ein Cherub

Schwang er sich auf, es ist als hört ich leise

Den Flügelschlag noch in den stillen Lüften,

Und mahnend lockt mich’s nach.

HANNS VON BAYSEN mit einer Fahne hereinstürzend.

Hoch! Freud’ge Botschaft!

Das bring ich dir! Marienburg ist frei!

Was ist das?

SCHWARZBURG.

Still der müde Held ruht aus.

BAYSEN.

Tot?

 

Die Fahne wegschleudernd.

 

 

Nun so fechte wer da will! das lohnte

Für so ‘ne lump’ge Welt noch! O mein Meister!

 

Er wirft sich vor Plauen nieder.

 

 

SCHWARZBURG.

Steh auf! Und liebtest du ihn recht, so wende

Des Schmerzes Schneide auf des Feindes Haupt!

Not drängt und Großes gibt’s zu tun. Was sprachst du

Da von Marienburg?

BAYSEN sich aufrichtend.

Höchst wunderbar

Bis an das Tor schon mit entbundnen Wogen

Stürzt’ das Verderben da auf einmal lautlos

Stutzt Jagjels Heer, die Rosse steigen schnaubend,

Und Flüstern murmelt durch die bleiche Schar:

Des totgeglaubten Plauens Schreckensbild

Erblicken sie gewappnet auf der Zinne.

Da faßt Entsetzen Herrn und Knecht’, und mitten

Im Jubel wandte schauernd sich der König.

SCHWARZBURG.

So schreckt im Sterben noch des Löwen Blick

Die dumpfe Welt. Den wunderbaren Sieger,

Wenn alle sein vergessen, laß uns ehren

Wie ‘s Kriegern ziemt dann fort ins Kampfgewühl!

 

Plauen mit der Fahne bedeckend, während draußen die Kriegsmusik wieder ertönt.

 

 

Solch Held regiert Jahrhundert’ lang die Geister,

Und lebend oder tot, Er bleibt der Meister!

 

 

Joseph von Eichendorff – Das Incognito

Joseph von Eichendorff

 

Das Incognito

oder

Die mehreren Könige

oder

Alt und Neu

Ein Puppenspiel

 

I.

 

 

 

Freies Feld. König mit Krone und Szepter und Narr treten rasch auf.

 

 

KÖNIG.

Nimmt denn die Erde kein End einmal!

Das Reisen ist mir schon ganz fatal.

Gibt’s denn nichts Neues? kein Krieg, kein Kurier?

NARR.

Die Welt schmaucht ihr Pfeifchen beim Glase Bier.

KÖNIG.

Du wirst auch schon jetzo recht ennüyant,

Je mehr du kommst zu Jahren und Verstand.

NARR.

Das lohnte auch noch, ein Narr zu sein,

Pfuscht jeder mir ins Handwerk hinein.

Man hat nichts voraus mehr mit seinen Gaben,

Seit alle Narren Gewerbfreiheit haben.

 

Man hört einen Kanonenschuß in der Ferne.

 

 

KÖNIG.

Ha, Narr, sag’ an, was ist das gewesen?

NARR.

Vaterlandsliebe und Gemeindewesen,

Sie können den Patriotismus nicht mehr halten,

Sie sahen vom Turme uns dort und knallten.

KÖNIG.

Wahrhaftig, schon wieder eine Stadt!

Ich wette, da gibt’s wieder die alte Geschichte:

Weiße Mädchen und schwarzer Magistrat,

Gute Leute und schlechte Gedichte,

Entsetzlich Geschrei, das man Vivat nennt –

Man kann nicht treten vor Kompliment –

Das halt’ der Teufel aus, Gott’s Sapperment!

Da werf’ ich von mir Kron’, Szepter und Talar,

Will auch ein Mensch sein ganz und gar,

Laß’ die Chausée gradaus immer laufen,

Will im Wald vom Regieren verschnaufen.

In diesen neuaquirierten Provinzen

Sah noch niemand weder König noch Prinzen,

Da sollen unschuldige Hirten

Ungekannt ihren Herren bewirten,

Ich will auf Erden

Um mein selbst geliebt und geehret werden,

Incognito schneiden in zarte Rinden

Meinen Namen mit der Krone auf alle Linden,

Daß einst die künft’gen Geschlechter lesen:

Das ist ein philosophischer König gewesen!

 

Ab.

 

 

NARR.

Da ist er durch Strauch und Nesseln gebrochen,

Als hätt’ ihn eine Bremse gestochen.

Hier liegt noch Kron’, Szepter, das freut mich nicht wenig.

Macht er den Narren, so mach’ ich den König.

 

Er schiebt Kron und Szepter in den Schubsack und singt.

 

 

O kluge, kluge Welt, wie fein

Deine Schellenkappe klinge,

Kluge Welt, sollst mein Hofnarr sein.

Fang’ an deine lustigen Sprünge!

 

Ab.

 

 

 

II.

 

 

 

Platz am Tore einer kleinen Stadt, viel Volk durcheinander, Paphnutius und der Bürgermeister.

 

 

BÜRGERMEISTER.

Platz da! Der Herr Kommerzienrat!

PAPHNUTIUS.

Nun wie ich euch sage, der Potentat

Kommen incognito in die Stadt

Gleichwie ein Hirt unter seinen Rindern

Zu den geliebten Landeskindern.

BÜRGERMEISTER.

Da wird man ja ganz im Kopfe verwirrt,

Rinder, Hirt, König und Hirt und nicht Hirt,

Als wär’ ich selber meine eigne Frau Schwester!

PAPHNUTIUS.

Das nennt man so diplomatisch, mein Bester:

Der König nennt Graf sich und lächelt ein wenig,

Wir aber verneigen uns untertänig

Und lächeln und tun, als ob wir’s glauben,

Er tut, als glaubt’ er, daß wir’s glauben

Und so aus Lächeln und solchem Glauben

Und Gegenglauben, an den niemand glaubt,

Bestehen die Staaten überhaupt. –

ERSTER BÜRGER.

Der König muß gleich kommen, man

Hört schon in der Ferne den Wagen rumpeln.

ZWEITER.

Frisch die Rosen und Vergißmeinnichts auf den Weg gestreut!

DRITTER.

Haltet den Galgen fest.

VIERTER.

Galgen! ‘s ist ja das Triumphtor –

SECHSTER.

Platz da! Hurrah, vivat hoch!

ANDRER.

Kommt er geritten, gefahren oder gegangen?

DRITTER.

Nichts von allem, incognito kommt er.

VIERTER.

Die Hirten sagten’s, so reist er prompter.

FÜNFTER.

Wo ist die Lampe, der Opferaltar?

SECHSTER.

Und die Jungfern mit den Kränzen im Haar?

SIEBENTER.

Sie haben ihn im Gedränge umgestoßen –

ACHTER.

Und sich die weißen Kleider mit Öl begossen.

GYMNASIAST.

Phoebus, mit rosenwangigen Rossen

NEUNTER.

Macht dem Platz! Der memoriert!

ZEHNTER.

Aha, der Schüler, der den König salutiert.

BÜRGERMEISTER.

Man kann ja hier vor Menschheit nicht treten. –

Kurz, und wenn sie mir die Kehle vernähten,

Incognito oder nicht,

Ein Patriot doch in Vivat ausbricht,

Ihr wißt schon, ich bin immer so grade aus.

 

Man hört draußen ein Posthorn.

 

 

BÜRGERMEISTER.

Da kommt er. Jetzt schmettert, ihr Flöten,

Blaset die Baßgeigen, streicht die Trompeten!

 

Tusch. Währenddeß tritt der Narr in einfacher Reisetracht durch das Tor herein.

 

 

GYMNASIAST den Paphnutius anredend.

Phoebus mit den rosen-

PAPHNUTIUS ihn zum Narren wendend.

Hier herum, Narr!

NARR.

Narr? Narr? – ja so – ich dachte schon gar.

GYMNASIAST.

Greif’ dir im Fluge die Adler, sie reißen –

NARR.

Ha, den schwarzen, den roten, den weißen!

GYMNASIAST.

Auf zu den Sternen dich aus dem Engen!

NARR.

Es bleibt dir einer im Knopfloche hängen!

GYMNASIAST.

Ja, nicht vergebens –

NARR.

Freut euch des Lebens!

GYMNASIAST.

Manneskraft blüht!

NARR.

Wenn noch das Lämpchen glüht!

 

Er faßt den Gymnasiasten begeistert bei der Hand.

 

 

Und für alle diese Tugend

Will die edelmüt’ge Jugend

Rührend nichts, als Brot, Brot, Brot!

Aber ich sage: wer auf Leben und Tod

Nur befolgt jene ewigen Lehren,

Dem wird man auch Butter aufs Brot bescheren,

Ja, schmiere nur, junges Blut,

Im Alter schmeckt es gut!

 

Unauslöschliches Hurra.

 

 

PAPHNUTIUS.

Woll’t Ihr mit hohem Fuß mein niedres Haus beglücken?

NARR.

Ja wohl, Paphnutius, ich möchte gern frühstücken.

 

Alle ab.

 

 

 

III.

 

 

 

Rasenplatz vor einem Dorfe. Bauernhochzeit. Tanz und Gesang.

 

 

REIGEN.

Wir dampfen,

Im Stampfen,

Und nimm es nicht krumm,

Dein Bengel

Mein Engel

Der schwenkt dich herum.

KÖNIG der sich lustwandelnd nähert.

Oh, ein bukolisches Vergnügen,

Zwei Herzen, die einander kriegen!

 

Ein Bursch und ein Mädchen treten rasch aus dem Tanz.

 

 

ER.

Du sollst nicht nach den Burschen schaun!

SIE.

Und du nicht nach den jungen Fraun!

ER.

Ich laß’ mich unter die Soldaten werben!

SIE.

Ich werd’ drum nicht ab Jungfer sterben.

KÖNIG.

Die zanken ja recht grob und laut.

Wer bist du, holdes Kind?

SIE.

Die Braut.

KÖNIG.

Braut? Du? Ei, ei – ha, ich verstehe –

Ein harter Vater – gezwungne Ehe

Du kannst den Jüngling dort nicht lieben?

SIE.

Warum nicht? Hat’nen hübschen Hof da drüben,

Drei bunte Kuh und ein fettes Schwein.

KÖNIG.

Ach, das ist ja ganz gemein.

Hymen, nur Seele an Seele reiht er –

SIE.

Da kommt der Vater, mit dem gackelt weiter.

 

Läuft fort.

 

 

KÖNIG zum Vater.

Hört, aus der Partie wird nichts, ihr Herrn!

VATER.

Oho, ein fremder Lustigmacher,

Die wittern den Hochzeitsbraten von fern.

KÖNIG.

Zärtliche Herzen, sie sind nicht zum Schacher.

VATER.

Zu schachern? Topp, Jude! heut kauf’ ich gern!

KÖNIG.

Des Starrkopfs Tücken hier will ich wandeln.

EIN BAUER.

Wie? Mit Kopfstücken will er handeln?

KÖNIG.

Ja, ich verlange höh’re Gesittung –

VATER.

Was! und darüber verlangt er noch Quittung?

KÖNIG.

Hoch in der Luft –

BAUER.

Wo?

KÖNIG.

Walten und schlummern –

VATER.

Wo siehst du Nummern?

KÖNIG.

Was denn?

BAUER.

Bei Gott, da kommen sie an.

BAUERN UND TÄNZER plötzlich nach allen Seiten auseinanderstiebend.

Die Nummernjäger! rett’ sich, wer kann!

KÖNIG.

Was kommt denn da für ein entsetzlich Schnattern?

Die Luft wird dunkel, Papiere flattern.

 

Fliegende Hefte im Wind, hinterdrein die Nummernjagd.

 

 

ERSTER JÄGER.

Das ist fürwahr jetzt ein unruhig Wetter,

Der Wind verwirrt uns die zahmsten Blätter.

OBERJÄGERMEISTER.

Das müßige Volk hat da auch noch Zeit

Zu Narreteien und Lustbarkeit!

Nun ja, nicht rechts und nicht links geblickt,

Gestoßen, gehascht und aufgespickt,

Der hohen Bestimmung nicht vergessen!

ZWEITER JÄGER.

Das ist einmal ein Aktenfressen.

DRITTER JÄGER.

Da seht, ein kapitales Stück,

An die zweihundert Folien dick!

KÖNIG.

Halt, halt! ich seh’s an den Tintenfässern,

Sind meine Leut’, die die Welt verbessern.

OBERJÄGERMEISTER.

Wer ist allhier denn so verwegen,

Sich dem Geschäftsgang in den Weg zu legen?

ERSTER JÄGER.

Gewiß ein Poet, so ein Allotrientreiber.

Seid nützlich, Mensch, engagiert euch als Schreiber.

KÖNIG.

Aber so hört’ doch – ein Herz bricht vor Leid,

Ein tyrannischer Vater, der zum Himmel schreit –

OBERJÄGERMEISTER.

Ach was da, wir haben keine Zeit!

DIE ANDERN.

Platz hier, halt’ das Gemeinwohl nicht auf!

Für König und Vaterland, hurra, frisch drauf!

 

Sie stürmen weiter.

 

 

EIN BAUER steckt den Kopf vorsichtig aus dem Gebüsch hervor.

Ich trau noch nicht recht, ist’s wieder vorüber?

KÖNIG.

Aber, was war denn das eigentlich, mein Lieber?

Das trampelt ja über Beete und Saat –

BAUER.

Man nennt das hier zu Lande den Staat,

Das pflegt so manchmal heraufzurucken

Wie Hagel und andre Kalamität

Man muß sich eben ein wenig ducken,

Und nur nicht mucken, es kommt und geht

Und bleibt am Ende alles beim Alten.

KÖNIG.

Ich glaube, ihr seid hier alle verdreht.

Ich kann vor Verwunderung den Kopf noch nicht halten.

REIGEN wieder hervorbrechend.

Jetzt hampelt

Und trampelt

Von frischem herum!

KÖNIG.

Und auch der Tanz da, das wilde Schwenken,

Gar keine Grazie in den Gelenken!

REIGEN.

Wer schwatzt da?

He, Platz da!

Wir rennen dich um!

 

Der König wird tanzend von der Bühne gedrängt.

 

 

 

IV.

 

 

 

Kirchhof. Vor Tagesanbruch, im Felde, man hört aus der Ferne Getöse, Lärm und zuweilen dazwischen Gesang herübertönen. Währenddes ruckt und hebt sich hier und da der Boden.

 

 

KRIEGSGESANG draußen.

Licht! Licht! Licht! Licht!

Der Geist durchbricht!

Dem Menschengeist Verehrung!

Ha! Auf! auf, auf –

BIESTER sich ungeduldig herauswühlend duckt plötzlich mit der Schlafmütze auf dem Kopfe empor und schreit.

Aufklärung! –

Ich weiß nicht, ist mir noch so wüst im Kopf,

Als hätt’ mich jemand plötzlich erwischt beim Zopf.

 

Er sieht sich nach allen Seiten um.

 

 

‘S ist aber doch noch recht eklig finster,

Das sind gewiß so Jesuitengespinster.

NICOLAI noch im Boden.

Jesuiten? Ei, die soll –

 

Sich emporreckend.

 

 

Philosoph noch ein jeder Zoll!

BIESTER.

Ah, Herr Kollege, auch schon wach?

NICOLAI sich die Augen reibend.

Mir war’s, der Zeitgeist kräht vom Dach.

Ich hört’ unsre Stichwörter durch die Luft fliegen,

Da mag der Teufel länger im Grabe liegen.

BIESTER.

Die Herren Romantiker sagen,

Sie hätten uns alle totgeschlagen,

Ja, gehorsamer Diener! –

SEBALDUS NOTHANKER auch ebenfalls aufduckend.

Ganz ergebenster Knecht.

BIESTER.

Ih, unser würd’ger Herr Magister, seh’ ich recht.

NOTHANKER.

Geht’s wieder los? Hab’ schnell schon meine Perücke genommen.

Hatt’ da mein ruhig Unterkommen.

GESANG draußen.

Nationen etc. – Tand!

Welt, mein Vaterland!

BIESTER.

Schon wieder! Was soll das nur bedeuten?

Das sind gewiß von unsren Leuten.

NICOLAI.

Wachtfeuer – Seh’n Sie dort den Schimmer?

Fort, fort, dem Lichte nach wie immer.

 

Alle ab.

 

 

 

V.

 

 

 

Vor Tagesanbruch. Freies Feld. Ralf, Kunz und andre Soldaten liegen um Wachtfeuer. Ein Offizier steht gedankenvoll im Vordergrunde, auf seinen Regenschirm gestützt.

 

 

RALF.

Vom Tage noch immer keine Spur.

KUNZ.

Was Wunder! wir steh’n ja hier auf der Vorhut der Kultur.

RALF.

Nur Nachtvögel durch die Nebel jagen.

KUNZ.

Sie wittern’s, ihr letztes Stündlein hat geschlagen;

Wären sie nie geboren, ihnen wäre wohl.

OFFIZIER halb für sich.

Außen morsch, pfui, pfui, und inwendig hohl!

SOLDATEN singen in der Ferne.

Von der Welt die Freiheit verschwunden ist!

OFFIZIER.

Frägst du nach Religion zu dieser Frist:

Man nennt dir Mohammedaner, Juden, Christ –

SOLDATEN singen.

Man sieht nichts als Herren und Knechte!

OFFIZIER.

Ha, bin ich denn allein hier der Gerechte?

Weh! Warum muß ich von allem Wehe wissen,

Das mich, wie tausend Morde, hat zerrissen?

Die Erde bis in den tiefsten Kern zerspalten –

O unglücksel’ger Atlas, sie zu halten!

Und nun fängt’s gar noch an zu regnen,

Ha, auch noch dies muß mir begegnen!

 

Indem er verzweifelt den Regenschirm aufspannt, kommen Nicolai, Biester, Nothanker etc. Er stößt sie auf die Seite und schreitet tiefsinnig weiter.

 

 

NICOLAI.

Ei seh’t doch, trägt eine Brille der Fant

Und hätt’ uns doch fast umgerannt.

RALF sie anrufend.

Halt! Wer da? Etwa gar romant-?

NICOLAI.

Ih, daß uns doch Zeus davor behüte!

BIESTER.

Warum nicht gar noch Jesuite!

NICOLAI noch immer entrüstet dem Offizier nachsehend.

Aber was war denn der Herr Leutnant so echauffiert?

KUNZ.

Das kommt so, wenn man sich übcrmarschiert,

Er hat wieder seinen Anfall von Weltschmerz,

Das ist so eine Art von Heldscherz.

Aber jetzt macht euch nicht so breit hier!

Parol und Feldgeschrei! Wer seid Ihr?

NICOLAI.

Weltbürger. Hörten im Feld euer Geschrei,

Schien uns viel Verstand dabei,

Da nahmen wir geschwind unsere Perücken,

Um euch brüderlich die Hand zu drücken.

RALF.

Wer ist denn die? – aus dem Fräuleinstift?

BIESTER.

Es ist unsre blaue Monatsschrift,

Etwas verblüht schon und zerlesen,

Dünn und verschossen, das liebe Wesen.

KUNZ.

So macht ihr doch eine neue Ode

So von Rokoko, das ist jetzt wieder Mode.

DIE BLAUE pikiert.

Frag’ nach Odenschneidern nichts, noch Dichtern.

RALF.

Die Mamsell ist gar nicht schüchtern.

BIESTER.

Ihr Herren, wir schliefen da unter den Bäumen,

Da fingen wir an, bedenklich zu träumen

Mit allerhand Visionen und Gesichtern –

Ich sehe hier die Kaffeekannen schäumen,

Wenn’s erlaubt ist, – das macht hübsch nüchtern.

 

Sie setzen sich alle um das Feuer zu den Soldaten.

 

 

NICOLAI.

Aber sagen Sie doch, verehrliches Korps,

Was haben Sie allhier denn eigentlich vor?

RALF.

Seh’n Sie dort drüben die alte Stadt

Sich finster in der Dämmrung türmen?

NICOLAI.

Ja, etwas finsterlich und platt.

RALF.

Die wollen wir stürmen!

BIESTER.

Da rat’ ich doch, vorsichtig und bedächtig.

RALF.

Ei was! Der Fortschritt ist allmächtig.

KUNZ.

Das Große schafft sich selber Bahn.

NICOLAI.

Aber was hat Ihnen denn die Stadt getan?

RALF.

Drinn wohnt die alte gute Zeit,

Wir denken, und sie essen – das tut uns leid.

Sie sitzen gähnend um ihre Fleischtöpfe,

‘S ist eine Schande, und tragen noch Zöpfe,

Wir haben nichts und sie sind reich,

Wir überfallen sie und machen alles gleich.

KUNZ.

Hört Ihr die Nachtigallen schlagen? es rauschen

Die Springbrunnen in den Gärten – da lauschen

Hinter ihren seid’nen Gardinen im Schlummer

Die Aristokraten und werden immer dummer.

RALF.

Wir lassen in den Gärten die verschnittnen Hecken

Nach allen Seiten sich in die Freiheit strecken,

Die Wasserkünste sollen wieder vernünftig fließen,

Das Vieh tränken und überrieseln die Wiesen.

BIESTER entzückt.

Jeder wieder frei des eignen Kohles warten.

NICOLAI ebenso.

Ja, alles Ein Weltgemüsegarten!

RALF.

Horch’t, die Morgenglocken schon herüberhallen.

KUNZ.

Das ist des Mittelalters Lallen.

RALF.

Wir machen Lokomotiven aus ihren Metallen.

KUNZ.

Die Vernunft liest Messe und die Kirchen fallen!

DIE BLAUE.

Himmel, diese Laute –

Wie alte Vertraute –

 

Zu Ralf, Kunz und den andern.

 

 

Sind Sie nicht aus der Residenz?

RALF.

Ja, das Mir und Mich.

BLAUE.

Wo der viele Sand?

KUNZ.

Und der große Verstand.

BLAUE.

Ja, dies Gefühl ist keine Lüge,

Diese Familienzüge –

NICOLAI.

Diese kritischen Nasen –

BIESTER.

Die prächtigen Phrasen.

BLAUE.

An mein Herz! Ihr seid meine Kinder und da

 

Auf Nicolai deutend.

 

 

Euer natürlicher Papa.

RALF.

Das ist ja rührend, wir dachten immer,

Wir hätten uns selber erschaffen.

BLAUE.

Durch die Aufklärung – ohne Ehe.

KUNZ.

Ich verstehe.

BLAUE.

Nennt mich nur Tante.

NICOLAI.

Doch wer stört da die Familienszene?

RALF.

Herr Onkel, ich höre wütend sprechen,

Es sind zwei Duellanten, die da den Tag anbrechen.

FREIMUND draußen.

Nicht weiter hier, nicht einen Fuß!

KUNZ.

Da hat gewiß unser Regimentsdichter wieder Verdruß.

 

Freimund und Willibald stürzen miteinander fechtend herein.

 

 

WILLIBALD.

Wart’, jetzt streck’ ich doch, ich wette,

Nieder dich mit dem Sonette!

FREIMUND.

Der Jambe ist ein Dolch zum Streiten,

Aus Begriffen

Von beiden Seiten

Scharf geschliffen,

Die eine kritisch,

Die andre politisch!

WILLIBALD.

Bah, das ist nix

Hier ein Spondäus fix!

Da parier’ einmal

Dies Madrigal!

FREIMUND.

Längst stumpf und schal!

Mein Arm ist Stahl.

Und Stein die Welt versunken,

Hau’ drein, da gibt’s Funken

Und Funken geben Licht

Und jedes Gedicht

Ein Weltgericht!

RALF.

Göttlich! wie ein antiker Heros ficht er!

 

Dazwischentretend, zu Freimund.

 

 

Aber genug nun des Gemetzels, Herr Regimentsdichter!

Wo trafen Sie den fremden Mann?

FREIMUND.

Im Felde draußen, er sah die Sterne an;

Ich rief ihm zu: er existier’ ja nicht mehr!

Da meint er frech, das glaub’ er schwer.

NICOLAI auf Willibald deutend.

Wer ist denn der mit der Hellebarde?

RALF.

Einer von der alten romantischen Garde.

NICOLAI erschrocken zurücktretend.

Herrje! bindet den Kerl! Die schlagen alles tot!

WILLIBALD.

Aber so hört mich doch nur, Schwerenot!

Hab’ in meiner jungen Zeit

In der Waldeinsamkeit

Das Waldhorn geblasen.

Aber bei eurem Schrei’n und Rasen

Die Rehe nicht mehr im Mondschein grasen,

Um’s Waldhorn sich jetzt niemand mehr schiert,

Da bin ich zu euch herüberdesertiert.

RALF.

Ja, in Ihrer Waldeinsamkeit

Haben Sie ganz versäumt die Zeit,

Ich hoffe, Sie werden sich noch applizieren.

Sie müssen nur tüchtig nachexerzieren.

BIESTER.

Ja, das kann den Herren nichts schaden,

Lebten ins Blaue hinein wie die Nomaden.

KUNZ.

Na, stecken Sie jetzt Ihren Spieß in den Boden,

Setzen Sie sich zu uns und holen Sie erst Odem;

Dann geht’s mit Kriti- und Suitisieren

Unaufhaltsam fort ans Emanzipieren:

Juden, Fleisch, Weib, Nationen,

Wo sie schachern, wo sie wohnen.

WILLIBALD der sich zu ihnen an das Feuer gesetzt.

Doch ich habe zu Hause Kinder und Frau

Und die Romantik ging jetzo flau,

Wenn ich mich lasse anwerben hier,

Was geb’t Ihr denn als Handgeld mir?

RALF.

Wir pflegen nur in Papier zu zahlen,

Ein preisender Artikel in unsern Journalen,

Wo du philosophisch wirst entwickelt

Und bist du bei uns erst eingeartikelt,

Dann lobst du uns wieder,

So sind wir Brüder.

WILLIBALD sich unruhig umsehend.

Tout comme chez nous! – Aber ich weiß nicht, hier um’s Feuer,

Es ist mir da nicht ganz geheuer –

Mitten unter uns sind tote Leut’!

NICOLAI erschrocken.

Sie sind wohl gar nicht recht gescheut!

 

Leise zu Biester.

 

 

Die Romantiker gleich jeden Spuk aufspüren.

BIESTER ebenso.

Er wird uns hier noch kompromittieren.

NICOLAI laut.

Meine Herren, Sie wollen uns nur schrauben,

Sie werden doch nicht an Geister glauben?

BIESTER.

Ha, wahrlich, das ist kolossal!

RALF welcher beide genauer betrachtet.

Ihr schaut in der Tat ein wenig fahl.

Wollt Ihr mit uns fraternisieren,

Müß’t Ihr Euch nach dem Zeitgeist modernisieren

Fort mit dem Zopf vom freien Rücken!

Daß sie uns nicht die Gedanken erdrücken,

Hängen wir jetzt an’s Kinn die Perücken

à la Gog, Magog –

WILLIBALD.

Demagog oder Ziegenbock.

ALLE plötzlich durcheinander gegen Willibald.

Nun, abgeschabt ist auch schon Ihr altdeutscher Rock –

Sieht noch durch gemalte Fenster –

Des Mittelalters Hexen und Gespenster –

So ein rückwärts gewandter –

Von der Zeit längst überrannter –

Ritterlich galanter, hirnverbrannter –

RALF.

Aber was gibt’s denn da?

DRAUSSEN.

Halleluja!

KUNZ.

Ruhig jetzt allzumal,

Unser Frau General!

FREIMUND.

Welt, lauschend harre!

MATHILDE tritt rasch auf, zwei deutsche Jünglinge tragen ihre Schleppe.

Heda, eine Zigarre!

DIE SCHLEPPTRAGENDEN JÜNGLINGE.

Sie schwänzelt so viel hin und her,

Wir müssen hinter ihr immer kreuz und quer.

NICOLAI leise zu Biester.

Wie ‘ne alte Jungfer – etwas schofel.

BIESTER ebenso.

Hat im Gürtel einen Ungeheuern Pantoffel.

MATHILDE.

Gegrüßt mein Volk, das mich emanzipiert!

Schon glüh’n vom Morgenrot der Zeit die Wangen

Des freien Weibes, das zum Sieg euch führt;

Die gute alte Zeit und was vergangen,

– Die Jungfer hat mich heut zu fest geschnürt! –

Es hat vor Langerweil’ sich selbst erhangen.

Ein Orgelstrom von Stimmen fern und nah,

Die Nacht geht unter und der Tag ist da!

DRAUSSEN.

Halleluja!

MATHILDE.

Sie glauben mir alles, wie sonst den Pfarren –

Zum Sterben ennuyant mit den guten Narren!

Auch die Zigarre brennt mich an die Nasen –

Will Hirtin spielen hier auf dem Rasen.

 

Sie setzt sich auf den Boden.

 

 

Pfui, das Gras ist naß und die Erde hart!

 

Zu Kunz.

 

 

Da breite mir unter deinen frisierten Bart. –

Es schmeckt doch nichts recht, wenn man von allem nascht,

Die Welt hat nichts mehr, das mich überrascht.

Was fang’ ich nun mit der langen Freiheit an?

Ich wünscht, Kunz, du wärst ein Tyrann!

Rück’ weiter her, sitz’ noch nicht recht –

Die Männer sind doch ein recht ungeschicktes Geschlecht.

KUNZ.

Bin etwas dick, das Bücken wird mir schwer.

MATHILDE aufspringend.

Nein so geht’s auch nicht – ein Sofa her!

 

Es wird eilig gebracht. Sie setzt sich. Zu Ralf.

 

 

Neig’ dich als Schemmel meinen Füßen.

RALF sich vor ihr niederstreckend.

Laß mich begeistert deinen Pantoffel küssen,

O freies Weib!

MATHILDE.

Schafft Zeitvertreib!

Soll ich euch hier kommandieren,

Um mich so elend zu ennuyieren?

Was wird denn heut in der Stadt gegeben?

FREIMUND.

Ein Spion brachte den Komödienzettel eben:

»Der Marschall Rückwärts oder wer lacht zuletzt?«

Ein altes Stück, nur neu besetzt,

Die Baschkiren tanzen ein Menuett darin.

MATHILDE.

Das will ich sehn, da muß ich hin!

KUNZ.

Aber wie willst du in die Loge kommen?

Wir haben ja die Stadt noch nicht genommen.

MATHILDE.

Ihr seid ja Männer, das ist eure Sache,

Berenn’t den Wall, überrenn’t die Wache,

Ich will noch heute auf den Schanzen

Mit dem Burgemeister tanzen.

RALF.

Aber wenn man doch keine Leitern hat!

Der Wall ist hoch, die Mauern glatt.

MATHILDE.

Jetzt hab’ ich eure Flausen satt.

So müß’t Ihr unterminieren die Stadt,

Ich will als Genius durch die Trancheen

Mit der Vernunftsfackel ins Theater gehen.

VIELE STIMMEN durcheinander.

Punkt Sechs wird ja schon eröffnet die Kasse,

So fix durchtunnelt man keine Gasse.

Sie hat so viel Bücher in ihren Poschen,

Da bleibt sie hängen in den Approschen.

Wir ersticken noch alle in dem Gemüll –

MATHILDE ungeduldig mit den Füßen stampfend.

Mir alles gleich – aber ich will, ich will!

 

Man hört aufrührerisches Gemurmel. Währenddes kommt der König im eifrigen Gespräche mit mehreren Soldaten eilig über das Feld daher.

 

 

KÖNIG.

Laßt mich nur erst ein wenig verschnaufen.

Wie gesagt: Partikülier aus fernen Weiten,

Ich habe mich schon ganz müde gelaufen,

Um mit der Zeit recht fortzuschreiten.

ERSTER SOLDAT.

Da kommen Sie ja eben zurecht allhier.

ZWEITER SOLDAT.

Da ist jetzt ihr neustes Hauptquartier.

KÖNIG.

Die falsche Freiheit also, wollt’ ich sagen –

DRITTER SOLDAT.

Ihr Regiment ist nicht mehr zu ertragen!

KÖNIG.

Zerbrodelt, was uns die Vorzeit ließ.

VIERTER SOLDAT.

Behält sich den Braten und zeigt uns den Spieß.

RALF mit den andern hinzutretend.

Als ob wir nicht selber Hunger hätten!

KÖNIG.

Nur Mut! ich zerbreche ihre Ketten.

KUNZ.

Ja, Fortschritt ohne historische Krücken!

KÖNIG.

Juste milieu und Völkerbeglücken!

ERSTER SOLDAT.

Und freie Presse!

ZWEITER SOLDAT.

Und deutsche Messe!

DRITTER SOLDAT.

Jedes Maul ohne Gebiß!

KÖNIG.

Aber so hört doch! Ihr versteht mich ganz miß.

RALF.

Und emanzipierten Leib!

ALLE.

Nieder mit dem freien Weib!

MATHILDE.

Das ganze Volk kommt plötzlich in Trab,

Sie treten mir noch die Schleppe ab.

KÖNIG.

So laß’t mich doch nur zu Worte kommen!

ALLE.

Sollst unser Führer sein! Frisch auf die Schultern genommen!

 

Sie heben den sich sträubenden König auf ihren Schilden empor und tragen ihn im Triumphe fort.

 

 

KÖNIG.

Aber ich bin ja hier incognito!

GESANG.

Hat Zeit, in steter Metamorpho-

KÖNIG.

Lass’t mich herunter, ich krieg’ den Schwindel!

GESANG.

Und aus der Windel

Reckt sich und wächst die Zeit

Hinein in die Ewigkeit!

 

Sie tragen den König fort.

 

 

 

VI.

 

 

 

Früher Morgen. Garten des Paphnutius, im Hintergrunde sein Schloß mit Balkon, von dem Stufen hinabführen. Paphnutius tritt auf.

 

 

PAPHNUTIUS.

Wahrhaftig, da graut der Tag noch kaum.

Ich könnt’ nicht schlafen auf meinem Kissen,

Ich träumt’ und träumt’ – das war ein Traum!

Nun, nun, man kann nicht wissen, man kann nicht wissen –

Die das Schicksal machen, die hohen Herrn,

Sie sehen auch auf Schickseln gern.

Der König war kaum angekommen,

So hatt’ er schon die Lorgnette gekommen:

»Es haben mir hier Töchter zu sein geschienen. –«

»Nur eine Base, Ew. Majestät zu dienen.«

 

Er blickt umher.

 

 

Der Morgen mich ordentlich in die Augen sticht.

Ja, wer pries da Jehovahs Allmacht nicht!

Die Blumen, die Bäume, Garten und Wiesen

Lauter Diamanten, Smaragden und Türkisen,

Der Himmel von Dukatengold, auch nicht schlecht –

Mein! was hat er davon, ‘s ist ja doch nicht echt.

Ja, im Traum erblickt’ ich mich voll Entzücken,

Ich mußte mich vor mir selber bücken:

Auf der Brust einen Stern von den reinsten Brillanten,

So eine Art Hausorden von hohen Verwandten –

Unsre Leut’ hatten all’ die Hüte abgenommen

Und zischelten, ob da nicht der Messias gekommen?

Der Offizier, wie er mich so sieht promenieren,

Ruft selbst: Heraus! Läßt die Trommel rühren

Ich nick’ ein wenig, die Wachen präsentieren –

 

Er promeniert vorüber; währenddes erscheint der Narr mit Kron und Szepter auf dem Balkon.

 

 

NARR.

Fürwahr, ich seh’ recht würdig aus.

So tret’ ich freundlich denn hinaus,

Mich dem entzückten Volk zu zeigen;

So – rechts und links mich huldvoll erst verneigen –

Aber wer kommt denn dorther so verwegen,

Als war die Welt an ihm gelegen?

FREIMUND im Garten.

Genug bin ich nun in die Hütten gekrochen,

Da war es schmutzig und hat übel gerochen,

Nun will ich an die Paläste pochen –

Da steht ja gleich einer.

 

Er klopft an die Schloßtür.

 

 

NARR.

Herein.

FREIMUND.

Es scheint mir der König selbst zu sein.

Da komm’ ich ja eben wie gerufen

Und trete keck an des Thrones Stufen.

NARR.

Guten Morgen, mein lieber Untertan.

FREIMUND in erhabener Stellung.

Es führt ein Gott hier einen freien Mann

Zu Ihnen, Sir’, eh’ Sie der Tag verschachtet –

Ich stand und sann und eine Träne rann,

Denn dunkel war es und das Land umnachtet.

O Sire, lösen Sie des Lichtes Bann,

Wonach die Menschheit freiheitdürstend schmachtet

Und Volkes Schrei wird orgelndes Entzücken!

NARR.

Es hängt der Zopf recht stattlich dir im Rücken.

FREIMUND erschrocken hinter sich sehend.

Zopf? mir?

NARR.

Und wenn ich dich dran hängen ließe? –

FREIMUND.

Und richtend Sie die Nachwelt: Narr hieße?

NARR mit über der Brust gekreuzten Armen.

Welt – Nachwelt – ha, papierne Knabendrachen.

FREIMUND.

O Sire, nicht dies schneidend kalte Lachen!

NARR.

‘S ist so mein gähnendes Hyänenlächeln. –

Mich lüstert recht, mit einem Herren Vetter

Um der erschrocknen Gauen Los zu knöcheln.

Es fragt der Blitzstrahl nicht, wen er zerschmetter’,

Und über und Völkerröcheln

Geht unbekümmert hin das Donnerwetter! –

Reich’s schriftlich ein, ich will dich drauf bescheiden,

Nun geh’ und laß dir drinn den Zopf verschneiden.

FREIMUND für sich.

Mir graut zwar nicht vor des Tyrannen Wink,

Doch wende ich mich stolz und etwas flink.

 

Er verneigt sich kalt und springt dann hastig in die Schloßtür.

 

 

NARR.

Ha, Marquis Posa, der da dithyrambte,

Fand’st deinen Philipp, der dich überjambte!

PAPHNUTIUS wieder unten im Garten erscheinend, den Narr erblickend.

Aha, der schwärmt – von jeher ja beliebten,

So mit sich selbst zu reden die Verliebten.

Ich verstecke mich hier hinter die Ranken

Vielleicht spricht er wieder in Gedanken.

 

Er tritt hinter eine Laube.

 

 

NARR.

Da schweift ein Mädchen schon so früh durch’s Grüne.

PAPHNUTIUS.

Ja, dacht’ ich’s doch – er sieht die Colombine.

NARR.

Ich seh’ nur Streifen des Gewands.

PAPHNUTIUS.

Ich, Schwiegervater des Vaterlands –

NARR.

Mein großer Tubus, ha, wo ist er?

PAPHNUTIUS.

Elefantenorden – Premier-Minister! –

COLOMBINE tiefer im Garten singt.

Pensionsanstalt, wie liegst du so weit,

Langweilige Zeit!

Vor der Anstalt an der Linde

Saß und strickt ich ganz verschneit

Von den Blüten – nicht vom Winde,

Denn der Abend atmet kaum

‘S war der Kasperl auf dem Baum.

NARR.

Kasperl? – ja so heiß’ ich – welcher Ton?

Woher kennt mich die Person?

COLOMBINE singt wieder.

Rosinen und Mandelkern,

Die eß’ ich so gern!

Warf er mir auf Schoß und Nacken,

Ja, da sah der Abendstern

Mich so oft zufrieden knacken –

Und nun hat er sich verlaufen,

Muß mir selbst die Mandeln kaufen.

NARR.

Das ist richtig. Ja, sie ist es ohne Frage,

Kenn’ die Nachtigall an ihrem Schlage!

 

Er stürzt in den Garten hinab und prellt mit Paphnutius zusammen.

 

 

Ihr kommt ja grade zurecht wie ein Wechsel auf Sicht!

Ihr seid doch hier auch auf die Gleichheit erpicht,

Runkelrüben und Menschenbeglückung?

PAPHNUTIUS.

Ja wohl, mit untertäniger Entzückung.

NARR.

Vortrefflich! die Lieb’ gehört auch in dies Fach:

Ein Ach, ein Bach, einer Hütte Dach

Und zweier zärtlicher Herzen Vereinung –

PAPHNUTIUS.

Bin ganz derselben hohen Meinung.

NARR.

Drum mach’ ich mir auch nichts draus,

Ob meine Braut aus einem alten Haus,

Es weiß ja keiner, wie’s ihm morgen gehe.

PAPHNUTIUS.

O, ich verstehe. –

Und in der Lieb aufs Herz nur sehe!

NARR.

Was ist Rang, Geld, wenn ich’s recht betrachte!

PAPHNUTIUS.

Ha, wie ich diesen Mammon verachte!

NARR.

Kurz: kann ich Euere Jungfer Tochter kriegen?

PAPHNUTIUS.

Sie soll an’s klopfende Herz Euch fliegen.

NARR.

Laß’t Euch embrassieren, Schwiegerpapa!

PAPHNUTIUS.

Das geht ja ganz vortrefflich, Sassa!

 

Beide unter heftigen Umarmungen ab.

 

 

 

VII.

 

 

 

Ein andrer Teil des Gartens vor dem Schloß, in der Mitte ein Kirschbaum mit Hecken zu beiden Seiten. Colombine, eine Larve im Gürtel, sitzt auf dem Baume.

 

 

COLOMBINE.

Die Kirschen äugeln im Sonnenschein,

Das möcht’ so gern gegessen sein.

Da muß ich geschwind noch ein wenig naschen

Und auf die Reise mir füllen die Taschen. –

Wie der Vormund sich streckt und vornehm spricht,

Die Narren denken, ich merk’ es nicht:

Zur Hochzeit sie drinnen kochen und braten,

Ich soll den langweiligen König heiraten,

Sitzen mit güldenem Mantel und Krone,

Da lacht’ ich halbtot mich auf dem Throne.

Die Untertanen tanzen, die Fiedeln klingen,

Hab’ neue Schuh’ an, will auch mitspringen!

Die Vögel singen und die Länder blühn,

Die Erde bleibt noch lange, lange grün,

Will in die weite Welt jetzt wandern,

Find’ ich den Kasper nicht, find’ ich einen andern.

So jetzt die Larve vor’s Gesicht,

Nur die Waldvöglein wissen’s, die verraten mich nicht.

 

Indem sie hinabsteigen will, kommt unten Paphnutius an; sie nimmt geschwind wieder die Larve ab und bleibt auf dem Baume.

 

 

O weh, da hat mich der Vormund entdeckt! –

Was wollt Ihr? Hab’t Ihr mich doch erschreckt!

PAPHNUTIUS ganz, außer Atem.

Der König – du geruhtest ihm zu gefallen –

Er seufzt und ließ sichtbar ein Ach erschallen,

Die Krone wackelt ihm hin und her

Da fliegt er schon selbst über’s Aurikelbeet –

COLOMBINE

Der?!

 

Für sich.

 

 

Herrje! der Kasperl mit Stern und Orden!

Wie ist denn der auf einmal König geworden?

NARR noch in der Ferne.

Dort schimmert ihres Röckleins Saum,

Ich wett’, das Eichkätzchen sitzt im Baum.

COLOMBINE für sich.

Wie’n Kartenkönig! – wart’ den will ich necken.

 

Laut zu Paphnutius.

 

 

Versteckt Euch geschwind dort hinter die Hecken,

So hört Ihr, was wir mitsammen diskutieren,

Könnt’s Euch gleich mit Bleistift notieren.

NARR vor dem Baume anlangend.

Verzeih’n Sie, wohnt hier nicht eine gewisse Colombine?

COLOMBINE die Larve vornehmend.

Das bin ich selber, Ew. Majestät zu dienen.

NARR.

Was? – Hast ja eine Nase wie eine Hexe!

COLOMBINE.

Man muß Gott danken für jedes Gewächse.

 

Sie wendet sich auf die andere Seite und nimmt die Larve ab.

 

 

Herr Vormund, er mag mich nicht, wie er spricht,

Denn Eure Nase gefällt ihm nicht!

PAPHNUTIUS.

Ach, das kann ja nicht sein, geh’ frag’ ihn nur weiter.

COLOMBINE nach der vorigen Seite, mit der Larve.

Ihr könn’t wohl nicht klettern? Hab’ keine Leiter.

NARR.

Geh’, sprichst durch die Nase, mir wird ganz graulich.

COLOMBINE nach der andern Seite, ohne Larve.

Herr Vormund, er sagt, Euere Nase wär’ blaulich.

PAPHNUTIUS.

Was er mit meiner Nase hat, möcht’ ich nur wissen.

COLOMBINE nach der andern Seite, Larve vor.

Ihr braucht mich ja nicht grade auf die Nase zu küssen.

NARR.

Küssen? Da bin ich gut angekommen,

Am besten hier Reißaus genommen!

 

Er entflieht.

 

 

PAPHNUTIUS plötzlich mit gezücktem Degen hervorbrechend.

Ha, Sire! ihr Herz erst brechen in Stücken

Und dann von den Scherben sich heimlich drücken?

Jetzt müßt Ihr sie nehmen und wechseln die Ringe.

Mein, was macht der für große Sprünge!

 

Er eilt ihm nach.

 

Die Dienerschaft des Paphnutius stürzt in voller Flucht aus dem Schlosse hervor.

 

 

ERSTER DIENER.

Der Weltweise richtet uns ganz zugrunde!

ZWEITER.

Hängt ihm alleweil ein’ Sentenz aus dem Munde!

DRITTER.

Vor Langerweile sterbe ich schon!

VIERTER.

O Gott! Da hält er dir gewiß noch einen Leichensermon.

FÜNFTER.

Da kommt er schon wieder, wohin mich verstecken!

SECHSTER.

Wie er seine Sprüche tut nach uns strecken!

FREIMUND heraustretend.

Nun also wende ich mich zum Schluß –

ERSTER.

Wend’t Euch nur dorthin, wenn’s durchaus sein muß.

FREIMUND.

Ihr überwacht es nicht – der Morgen bricht herein!

WÄCHTER.

Na, was kann ich dafür! ich nickte ein.

FREIMUND.

Und kreisend aus der Nacht gestalten –

ERSTER DIENER.

Das ist ja gar nicht auszuhalten!

FREIMUND.

Die jungen Mächte sich zum Bund –

ZWEITER DIENER.

Allons, das Maul ihm zugespundt!

 

Sie umringen alle den Regimentsdichter und binden und knebeln ihn.

 

 

FREIMUND.

Der Gedanke – und sein Wort – ist – frei –

WÄCHTER.

Da zieht’s noch immer nebenbei,

Den Propfen fester zugeschnürt!

ERSTER DIENER.

So, der wär’ glücklich quiesziert,

Da setz dich ruhig auf die Banken

Und zerplatz meinetwegen vor Gedanken.

COLOMBINE vom Baume.

Herrje! seht doch und laß’t das Raufen,

Da ist ein Schornstein fortgelaufen,

Sie setzen ihm nach in vielen Wagen,

Hie, das ist einmal ein lustig Jagen!

WÄCHTER in die Ferne hinaussehend.

Ein Irrlicht, Feuermann, Hirngespinste

Das sind so metaphysische Dünste.

ERSTER DIENER.

Nein, das ist so eine Art von Drachen,

Es speit ja Feuer aus dem Rachen.

ZWEITER DIENER.

Und wie’s ihm gollert im Leibe,

Ja sehe jeder, wo er bleibe!

DRITTER DIENER.

Jetzt hat sich’s bis zur Stadt gewunden,

Ich wünscht’, ich wär’ von hier verschwunden!

 

Der Wächter tutet Feuerlärm, flüchtiges Landvolk stürzt plötzlich herein.

 

 

EINIGE.

Zu Hilfe, Brand!

ANDRE.

Sie haben den Satan vorgespannt!

ANDRE.

Nichts als Sengen und Morden!

STIMMEN draußen.

Weh! die Lokomotive ist toll geworden!

ERSTER DIENER.

Nein, das ist doch impertinent,

Jetzt kommt’s grad auf die Stadtmauer losgerennt!

 

Ungeheures Krachen, darauf steigt eine Staubwolke auf. Als sie sich teilt, erblickt man die umgeworfene Lokomotive und zertrümmerte Waggons, der König, Ralf, Kunz, Nicolai, Biester und die blaue Monatsschrift treten hastig hervor.

 

 

KÖNIG.

Nein, ich danke für solche Lebensart,

Das war ja eine Teufelsfahrt!

RALF.

Ha, welcher Effekt in diesem Knall,

Das nenn’ ich mir einen Überfall!

KÖNIG.

Und die Stadtmauer umzurennen

Die Nachwelt wird Barbar mich nennen.

 

Trommelwirbel. Soldaten marschieren auf. Der General tritt vor.

 

 

GENERAL.

Hier scheint die Anarchie zu wohnen,

Platz da, sonst setzt es Kontusionen!

Die bewaffnete Macht tut Gehör verlangen:

Der Fürst ist neulich verloren gegangen,

Die hohen Behörden sind sehr erschrocken,

Die Regierungsmaschine kommt ganz ins Stocken,

Da sandte das hochfürstliche Geschwister

Mich aus, ihn aufzusuchen – das ist er!

ALLE.

Was? wie? wo? welcher denn? der, der, der, der?

GENERAL.

Freilich. – Gebt Achtung, präsentiert das Gewehr!

RALF für sich.

Ich dacht’ allein hier zu regieren,

Nun fängt mich’s an zu ennuyieren.

KUNZ ebenso.

Der Ralf hätt’ gern uns all’ geknecht’t,

Etsch, etsch! jetzt sitzt er, das geschieht ihm recht.

WILLIBALD leise.

So war nur Schnee die üpp’ge Blüte?

Ich nehm’s ironisch denn als Mythe.

MATHILDE. für sich.

Da soll mich doch Gott davor behüten,

Alle ihre Konstitutionen auszubrüten.

Will endlich auch unter die Haube kommen.

RALF vor den König tretend.

Wir hatten uns längst schon vorgenommen –

MATHILDE.

Aber konnten vor dem Rumpeln nicht zu Worte kommen –

KUNZ.

Es riß der Taten Strom uns fort –

WILLIBALD.

Auch wollten wir das Incognito nicht brechen –

RALF.

Ja, Sire, wir erkannten Sie gleich

Und führten Sie jubelnd in Ihr Reich!

KÖNIG.

Der Dampf ist ein Allerwelt-Haus worden;

Ich ernenn’ Euch zu Rittern des Hans-Dampfen-Orden.

FREIMUND.

Hm, hm –

KUNZ.

Der Freimund!

FREIMUND.

Hum, hum, hum.

KÖNIG.

Er sei Hofdemagog.

RALF.

Er ist ja stumm.

KÖNIG.

Nun eben drum.

 

Zu Mathilde.

 

 

Und Ihr sollt den reichen Paphnutius heiraten.

MATHILDE macht einen Knix.

Ringrazio, o Duka- Duka- Dukaten!

NICOLAI.

Aus dieser retrograden Umnachtung

Laß’t, Hochselige, mit Verachtung

Den Rücken uns wenden jenem Schwarm.

 

Zur blauen Monatsschrift.

 

 

Reichen Sie, Zarte, mir den Arm.

Hier schleichen Jesuiten verkappt auf den Zeh’n –

Wir wollen anderwärts spuken gehn.

 

Mit Biester, Nothanker etc. ab.

 

Narr kommt eilig, Paphnutius hinter ihm drein.

 

 

PAPHNUTIUS.

Der König macht ganz besondre Kapriolen,

Ich kann ihn schlechterdings nicht einholen.

GENERAL.

Verpustet, wir haben ihn schon gefunden.

KÖNIG.

Solch’ Treu’ ist Balsam für die Wunden,

Die uns die kalten Kronen drücken.

PAPHNUTIUS.

Ich glaube gar – o welch Entzücken!

NARR plötzlich stutzend.

Der König und die Garde? – Das ist doch die Bühne?

Der Platz, der Kirschbaum – da ist Colombine!

 

Er rennt vergnügt zu dem Kirschbaum, rüttelt und singt.

 

 

Es schüttelt der Wind

Vor Freuden die Äste,

Bunt Vöglein geschwind

Zu Neste, zu Neste!

 

Colombine gleitet vom Baume ihm in den Arm, er küßt sie.

 

 

COLOMBINE ihm mit dem Pantoffel eins versetzend.

Aber sei doch nicht so dumm,

Es sieht’s ja das ganze Publikum!

NARR tut mit Colombinen einen Fußfall.

So schrei’ auch ich allhier zum Throne:

Ha, dem Verdienste seine Krone!

Paphnutius da, bei dem ich wohne,

In patriotischer Sympathie

Für deine veredelten Menschheits-Gedanken,

Gab er mir die Muhme aus Philosophie!

Ich litt’s erst nicht und wollte danken,

Ich sagt’ ihm, ich war’ nur ein Genie,

Das seine Sach’ auf nichts gestellt,

‘S half alles nichts – er verachtet Geld,

Rang, Gut und solchen Aberglauben

Und tät’ ordentlich vor Aufklärung schnauben –

Ja, ein Kuppelpelz ziehmt ihm, wie mir scheint.

PAPHNUTIUS.

Nein, glaubet ihm nicht – es war nur – ich meint’ –

KÖNIG.

Nicht doch, deine Bescheidenheit acht’ ich sehr –

Einen Ehrenpelz mit Zymbeln her!

 

Diener bringen den Pelz.

 

 

Den häng’ ich dir um mit höchsteignem Arm,

Knöpf dir ihn zu, so sitzst du hübsch warm.

 

Des Narren und Colombinens Hände zusammenfügend.

 

 

Da hab’t Euch und mehret Euch jedes Jahr,

Daß die Narren im Reich’ nicht werden rar.

Musik, zu Ehren dem jungen Paar!

 

Musik. Narr erwischt den Paphnutius, der General reicht der Colombine den Arm; allgemeiner Tanz; während des Tanzes singen.

 

 

COLOMBINE.

Was Königskerzen und Kaiserkronen!

Will mit Kasperl unter Lavendel wohnen.

PAPHNUTIUS.

Ich muß vor Wut entsetzlich springen,

Daß der Pelz fliegt und die Zymbeln klingen!

NARR.

Mein hochverehrtes Pu-

Nun wirst du sicher fra-

Und nimmer doch erra-

Wen wir gemeint im Bu-

Es gibt zu viele Na-

Und klingen ihre Sche-

So meint wohlweislich je-

Es sei des andern Ka-

Derweil geht durch die Ko-

Der Ernst incognito.

Ich bin ganz außer A-

Und muß auch gleich heira-

Drum wünsch’ ich wohl zu schla-

 

 

Joseph von Eichendorff – Gedichte (Ausgabe 1841)

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Joseph von Eichendorff

 

Gedichte

(Ausgabe 1841)

 

1. Wanderlieder

 

Viele Boten gehn und gingen

Zwischen Erd und Himmelslust,

Solchen Gruß kann keiner bringen,

Als ein Lied aus frischer Brust.

 

 

Frische Fahrt

Laue Luft kommt blau geflossen,

Frühling, Frühling soll es sein!

Waldwärts Hörnerklang geschossen,

Mut’ger Augen lichter Schein;

Und das Wirren bunt und bunter

Wird ein magisch wilder Fluß,

In die schöne Welt hinunter

Lockt dich dieses Stromes Gruß.

 

Und ich mag mich nicht bewahren!

Weit von euch treibt mich der Wind,

Auf dem Strome will ich fahren,

Von dem Glanze selig blind!

Tausend Stimmen lockend schlagen,

Hoch Aurora flammend weht,

Fahre zu! ich mag nicht fragen,

Wo die Fahrt zu Ende geht!

 

 

Allgemeines Wandern

Vom Grund bis zu den Gipfeln,

So weit man sehen kann,

Jetzt blüht’s in allen Wipfeln,

Nun geht das Wandern an:

 

Die Quellen von den Klüften,

Die Ström auf grünem Plan,

Die Lerchen hoch in Lüften,

Der Dichter frisch voran.

 

Und die im Tal verderben

In trüber Sorgen Haft,

Er möcht sie alle werben

Zu dieser Wanderschaft.

 

Und von den Bergen nieder

Erschallt sein Lied ins Tal,

Und die zerstreuten Brüder

Faßt Heimweh allzumal.

 

Da wird die Welt so munter

Und nimmt die Reiseschuh,

Sein Liebchen mittendrunter

Die nickt ihm heimlich zu.

 

Und über Felsenwände

Und auf dem grünen Plan

Das wirrt und jauchzt ohn Ende –

Nun geht das Wandern an!

 

 

Der frohe Wandersmann

Wem Gott will rechte Gunst erweisen,

Den schickt er in die weite Welt;

Dem will er seine Wunder weisen

In Berg und Wald und Strom und Feld.

 

Die Trägen, die zu Hause liegen,

Erquicket nicht das Morgenrot,

Sie wissen nur von Kinderwiegen,

Von Sorgen, Last und Not um Brot.

 

Die Bächlein von den Bergen springen,

Die Lerchen schwirren hoch vor Lust,

Was sollt ich nicht mit ihnen singen

Aus voller Kehl und frischer Brust?

 

Den lieben Gott laß ich nur walten;

Der Bächlein, Lerchen, Wald und Feld

Und Erd und Himmel will erhalten,

Hat auch mein Sach aufs best bestellt!

 

 

Im Walde

Es zog eine Hochzeit den Berg entlang,

Ich hörte die Vögel schlagen,

Da blitzten viel Reiter, das Waldhorn klang,

Das war ein lustiges Jagen!

 

Und eh ich’s gedacht, war alles verhallt,

Die Nacht bedecket die Runde,

Nur von den Bergen noch rauschet der Wald

Und mich schauert im Herzensgrunde.

 

 

Zwielicht

Dämmrung will die Flügel spreiten,

Schaurig rühren sich die Bäume,

Wolken ziehn wie schwere Träume –

Was will dieses Graun bedeuten?

 

Hast ein Reh du, lieb vor andern,

Laß es nicht alleine grasen,

Jäger ziehn im Wald und blasen,

Stimmen hin und wieder wandern.

 

Hast du einen Freund hienieden,

Trau ihm nicht zu dieser Stunde,

Freundlich wohl mit Aug und Munde,

Sinnt er Krieg im tück’schen Frieden.

 

Was heut müde gehet unter,

Hebt sich morgen neugeboren.

Manches bleibt in Nacht verloren –

Hüte dich, bleib wach und munter!

 

 

Nachts

Ich wandre durch die stille Nacht,

Da schleicht der Mond so heimlich sacht

Oft aus der dunklen Wolkenhülle,

Und hin und her im Tal

Erwacht die Nachtigall,

Dann wieder alles grau und stille.

 

O wunderbarer Nachtgesang:

Von fern im Land der Ströme Gang,

Leis Schauern in den dunklen Bäumen –

Wirrst die Gedanken mir,

Mein irres Singen hier

Ist wie ein Rufen nur aus Träumen.

 

 

Der wandernde Musikant

1.

Wandern lieb ich für mein Leben,

Lebe eben wie ich kann,

Wollt ich mir auch Mühe geben,

Paßt es mir doch gar nicht an.

 

Schöne alte Lieder weiß ich,

In der Kälte, ohne Schuh

Draußen in die Saiten reiß ich,

Weiß nicht, wo ich abends ruh.

 

Manche Schöne macht wohl Augen,

Meinet, ich gefiel’ ihr sehr,

Wenn ich nur was wollte taugen,

So ein armer Lump nicht wär. –

 

Mag dir Gott ein’n Mann bescheren

Wohl mit Haus und Hof versehn!

Wenn wir zwei zusammen wären,

Möcht mein Singen mir vergehn.

 

 

2.

Wenn die Sonne lieblich schiene

Wie in Welschland lau und blau,

Ging’ ich mit der Mandoline

Durch die überglänzte Au.

 

In der Nacht dann Liebchen lauschte

An dem Fenster süß verwacht,

Wünschte mir und ihr, uns beiden,

Heimlich eine schöne Nacht.

 

Wenn die Sonne lieblich schiene

Wie in Welschland lau und blau,

Ging’ ich mit der Mandoline

Durch die überglänzte Au.

 

 

3.

Ich reise übers grüne Land,

Der Winter ist vergangen,

Hab um den Hals ein gülden Band,

Daran die Laute hangen.

 

Der Morgen tut ein’n roten Schein,

Den recht mein Herze spüret,

Da greif ich in die Saiten ein,

Der liebe Gott mich führet.

 

So silbern geht der Ströme Lauf,

Fernüber schallt Geläute,

Die Seele ruft in sich: Glück auf!

Rings grüßen frohe Leute.

 

Mein Herz ist recht von Diamant,

Ein’ Blum von Edelsteinen,

Die funkelt lustig übers Land

In tausend schönen Scheinen.

 

Vom Schlosse in die weite Welt

Schaut eine Jungfrau ‘runter,

Der Liebste sie im Arme hält,

Die sehn nach mir herunter.

 

Wie bist du schön! Hinaus, im Wald

Gehn Wasser auf und unter,

Im grünen Wald sing, daß es schallt,

Mein Herz, bleib frei und munter!

 

Die Sonne uns im Dunklen läßt,

Im Meere sich zu spülen,

Da ruh ich aus vom Tagesfest

Fromm in der roten Kühle.

 

Hoch führet durch die stille Nacht

Der Mond die goldnen Schafe,

Den Kreis der Erden Gott bewacht,

Wo ich tief unten schlafe.

 

Wie liegt all falsche Pracht so weit!

Schlaf wohl auf stiller Erde,

Gott schütz dein Herz in Ewigkeit,

Daß es nie traurig werde!

 

 

4.

Bist du manchmal auch verstimmt,

Drück dich zärtlich an mein Herze,

Daß mir’s fast den Atem nimmt,

Streich und kneif in süßem Scherze,

Wie ein rechter Liebestor

Lehn ich sanft an dich die Wange

Und du singst mir fein ins Ohr.

Wohl im Hofe bei dem Klange

Katze miaut, Hund heult und bellt,

Nachbar schimpft mit wilder Miene –

Doch was kümmert uns die Welt,

Süße, traute Violine!

 

 

5.

Mürrisch sitzen sie und maulen

Auf den Bänken stumm und breit,

Gähnend strecken sich die Faulen,

Und die Kecken suchen Streit.

 

Da komm ich durchs Dorf geschritten,

Fernher durch den Abend kühl,

Stell mich in des Kreises Mitten,

Grüß und zieh mein Geigenspiel.

 

Und wie ich den Bogen schwenke,

Ziehn die Klänge in der Rund

Allen recht durch die Gelenke

Bis zum tiefsten Herzensgrund.

 

Und nun geht’s ans Gläserklingen,

An ein Walzen um und um,

Je mehr ich streich, je mehr sie springen

Keiner fragt erst lang: warum? –

 

Jeder will dem Geiger reichen

Nun sein Scherflein auf die Hand –

Da vergeht ihm gleich sein Streichen,

Und fort ist der Musikant.

 

Und sie sehn ihn fröhlich steigen

Nach den Waldeshöhn hinaus,

Hören ihn von fern noch geigen,

Und gehn all vergnügt nach Haus.

 

Doch in Waldes grünen Hallen

Rast ich dann noch manche Stund,

Nur die fernen Nachtigallen

Schlagen tief aus nächt’gem Grund.

 

Und es rauscht die Nacht so leise

Durch die Waldeseinsamkeit,

Und ich sinn auf neue Weise,

Die der Menschen Herz erfreut.

 

 

6.

Durch Feld und Buchenhallen

Bald singend, bald fröhlich still,

Recht lustig sei vor allen

Wer ‘s Reisen wählen will!

 

Wenn’s kaum im Osten glühte,

Die Welt noch still und weit:

Da weht recht durchs Gemüte

Die schöne Blütenzeit!

 

Die Lerch als Morgenbote

Sich in die Lüfte schwingt,

Eine frische Reisenote

Durch Wald und Herz erklingt.

 

O Lust, vom Berg zu schauen

Weit über Wald und Strom,

Hoch über sich den blauen

Tiefklaren Himmelsdom!

 

Vom Berge Vöglein fliegen

Und Wolken so geschwind,

Gedanken überfliegen

Die Vögel und den Wind.

 

Die Wolken ziehn hernieder,

Das Vöglein senkt sich gleich,

Gedanken gehn und Lieder

Fort bis ins Himmelreich.

 

 

Die Zigeunerin

Am Kreuzweg, da lausche ich, wenn die Stern

Und die Feuer im Walde verglommen,

Und wo der erste Hund bellt von fern,

Da wird mein Bräut’gam herkommen.

 

»Und als der Tag graut’, durch das Gehölz

Sah ich eine Katze sich schlingen,

Ich schoß ihr auf den nußbraunen Pelz,

Wie tat die weitüber springen!« –

 

‘s ist schad nur ums Pelzlein, du kriegst mich nit!

Mein Schatz muß sein wie die andern:

Braun und ein Stutzbart auf ung’rischen Schnitt

Und ein fröhliches Herze zum Wandern.

 

 

Der wandernde Student

Bei dem angenehmsten Wetter

Singen alle Vögelein,

Klatscht der Regen auf die Blätter,

Sing ich so für mich allein.

 

Denn mein Aug kann nichts entdecken,

Wenn der Blitz auch grausam glüht,

Was im Wandern könnt erschrecken

Ein zufriedenes Gemüt.

 

Frei von Mammon will ich schreiten

Auf dem Feld der Wissenschaft,

Sinne ernst und nehm zuzeiten

Einen Mund voll Rebensaft.

 

Bin ich müde vom Studieren,

Wann der Mond tritt sanft herfür,

Pfleg ich dann zu musizieren

Vor der Allerschönsten Tür.

 

 

Der Maler

Aus Wolken, eh im nächt’gen Land

Erwacht die Kreaturen,

Langt Gottes Hand,

Zieht durch die stillen Fluren

Gewaltig die Konturen,

Strom, Wald und Felsenwand.

 

Wach auf, wach auf! die Lerche ruft,

Aurora taucht die Strahlen

Verträumt in Duft,

Beginnt auf Berg und Talen

Ringsum ein himmlisch Malen

In Meer und Land und Luft.

 

Und durch die Stille, lichtgeschmückt,

Aus wunderbaren Locken

Ein Engel blickt. –

Da rauscht der Wald erschrocken,

Da gehn die Morgenglocken,

Die Gipfel stehn verzückt.

 

O lichte Augen, ernst und mild,

Ich kann nicht von euch lassen!

Bald wieder wild

Stürmt’s her von Sorg und Hassen –

Durch die verworrnen Gassen

Führ mich, mein göttlich Bild!

 

 

Der Soldat

1.

Ist auch schmuck nicht mein Rößlein,

So ist’s doch recht klug,

Trägt im Finstern zu ‘nem Schlößlein

Mich rasch noch genug.

 

Ist das Schloß auch nicht prächtig:

Zum Garten aus der Tür

Tritt ein Mädchen doch allnächtig

Dort freundlich herfür.

 

Und ist auch die Kleine

Nicht die Schönst auf der Welt,

So gibt’s doch just keine,

Die mir besser gefällt.

 

Und spricht sie vom Freien:

So schwing ich mich auf mein Roß –

Ich bleibe im Freien,

Und sie auf dem Schloß.

2.

 

Wagen mußt du und flüchtig erbeuten,

Hinter uns schon durch die Nacht hör ich’s schreiten,

Schwing auf mein Roß dich nur schnell

Und küß noch im Flug mich, wildschönes Kind,

Geschwind,

Denn der Tod ist ein rascher Gesell.

 

Seemanns Abschied

Ade, mein Schatz, du mochtst mich nicht,

Ich war dir zu geringe.

Einst wandelst du bei Mondenlicht

Und hörst ein süßes Klingen,

Ein Meerweib singt, die Nacht ist lau,

Die stillen Wolken wandern,

Da denk an mich, ‘s ist meine Frau,

Nun such dir einen andern!

 

Ade, ihr Landsknecht, Musketier!

Wir ziehn auf wildem Rosse,

Das bäumt und überschlägt sich schier

Vor manchem Felsenschlosse,

Der Wassermann bei Blitzesschein

Taucht auf in dunklen Nächten,

Der Haifisch schnappt, die Möwen schrein –

Das ist ein lust’ges Fechten!

 

Streckt nur auf eurer Bärenhaut

Daheim die faulen Glieder,

Gott Vater aus dem Fenster schaut,

Schickt seine Sündflut wieder,

Feldwebel, Reiter, Musketier,

Sie müssen all ersaufen,

Derweil mit frischem Winde wir

Im Paradies einlaufen.

 

 

Die Spielleute

Frühmorgens durch die Klüfte

Wir blasen Victoria!

Eine Lerche fährt in die Lüfte:

»Die Spielleut sind schon da!«

Da dehnt ein Turm und reckt sich

Verschlafen im Morgengrau,

Wie aus dem Traume streckt sich

Der Strom durch die stille Au,

Und ihre Äuglein balde

Tun auf die Bächlein all

Im Wald, im grünen Walde,

Das ist ein lust’ger Schall!

 

Das ist ein lust’ges Reisen,

Der Eichbaum kühl und frisch

Mit Schatten, wo wir speisen,

Deckt uns den grünen Tisch.

Zum Frühstück musizieren

Die muntern Vögelein,

Der Wald, wenn sie pausieren,

Stimmt wunderbar mit ein,

Die Wipfel tut er neigen,

Als gesegnet’ er uns das Mahl,

Und zeigt uns zwischen den Zweigen

Tief unten das weite Tal.

 

Tief unten da ist ein Garten,

Da wohnt eine schöne Frau,

Wir können nicht lange warten,

Durchs Gittertor wir schaun,

Wo die weißen Statuen stehen,

Da ist’s so still und kühl,

Die Wasserkünste gehen,

Der Flieder duftet schwül.

Wir ziehn vorbei und singen

In der stillen Morgenzeit,

Sie hört’s im Traume klingen,

Wir aber sind schon weit.

 

 

Vor der Stadt

Zwei Musikanten ziehn daher

Vom Wald aus weiter Ferne,

Der eine ist verliebt gar sehr,

Der andre wär es gerne.

 

Die stehn allhier im kalten Wind

Und singen schön und geigen:

Ob nicht ein süßverträumtes Kind

Am Fenster sich wollt zeigen?

 

 

Dryander mit der Komödiantenbande

Mich brennt’s an meinen Reiseschuhn,

Fort mit der Zeit zu schreiten –

Was wollen wir agieren nun

Vor so viel klugen Leuten?

 

Es hebt das Dach sich von dem Haus

Und die Kulissen rühren

Und strecken sich zum Himmel ‘raus,

Strom, Wälder musizieren!

 

Und aus den Wolken langt es sacht,

Stellt alles durcheinander,

Wie sich’s kein Autor hat gedacht:

Volk, Fürsten und Dryander.

 

Da gehn die einen müde fort,

Die andern nahn behende,

Das alte Stück, man spielt’s so fort

Und kriegt es nie zu Ende.

 

Und keiner kennt den letzten Akt

Von allen, die da spielen,

Nur der da droben schlägt den Takt,

Weiß, wo das hin will zielen.

Der verliebte Reisende

 

1.

Da fahr ich still im Wagen,

Du bist so weit von mir,

Wohin er mich mag tragen,

Ich bleibe doch bei dir.

 

Da fliegen Wälder, Klüfte

Und schöne Täler tief,

Und Lerchen hoch in Lüften,

Als ob dein’ Stimme rief.

 

Die Sonne lustig scheinet

Weit über das Revier,

Ich bin so froh verweinet

Und singe still in mir.

 

Vom Berge geht’s hinunter,

Das Posthorn schallt im Grund,

Mein’ Seel wird mir so munter,

Grüß dich aus Herzensgrund.

2.

 

Ich geh durch die dunklen Gassen

Und wandre von Haus zu Haus,

Ich kann mich noch immer nicht fassen,

Sieht alles so trübe aus.

 

Da gehen viel Männer und Frauen,

Die alle so lustig sehn,

Die fahren und lachen und bauen,

Daß mir die Sinne vergehn.

 

Oft wenn ich bläuliche Streifen

Seh über die Dächer fliehn,

Sonnenschein draußen schweifen,

Wolken am Himmel ziehn:

 

Da treten mitten im Scherze

Die Tränen ins Auge mir,

Denn die mich lieben von Herzen

Sind alle so weit von hier.

3.

 

Lied, mit Tränen halb geschrieben,

Dorthin über Berg und Kluft,

Wo die Liebste mein geblieben,

Schwing dich durch die blaue Luft!

 

Ist sie rot und lustig, sage:

Ich sei krank von Herzensgrund;

Weint sie nachts, sinnt still bei Tage,

Ja, dann sag: ich sei gesund!

 

Ist vorbei ihr treues Lieben,

Nun, so end auch Lust und Not,

Und zu allen, die mich lieben,

Flieg und sage: ich sei tot!

4.

 

Ach Liebchen, dich ließ ich zurücke,

Mein liebes, herziges Kind,

Da lauern viel Menschen voll Tücke,

Die sind dir so feindlich gesinnt.

 

Die möchten so gerne zerstören

Auf Erden das schöne Fest

Ach, könnte das Lieben aufhören,

So mögen sie nehmen den Rest.

 

Und alle die grünen Orte,

Wo wir gegangen im Wald,

Die sind nun wohl anders geworden,

Da ist’s nun so still und kalt.

 

Da sind nun am kalten Himmel

Viel tausend Sterne gestellt,

Es scheint ihr goldnes Gewimmel

Weit übers beschneite Feld.

 

Mein’ Seele ist so beklommen,

Die Gassen sind leer und tot,

Da hab ich die Laute genommen

Und singe in meiner Not.

 

Ach, wär ich im stillen Hafen!

Kalte Winde am Fenster gehn,

Schlaf ruhig, mein Liebchen, schlafe,

Treu’ Liebe wird ewig bestehn!

5.

 

Grün war die Weide,

Der Himmel blau,

Wir saßen beide

Auf glänzender Au.

 

Sind’s Nachtigallen

Wieder, was ruft,

Lerchen, die schallen

Aus warmer Luft?

 

Ich hör die Lieder,

Fern, ohne dich,

Lenz ist’s wohl wieder,

Doch nicht für mich.

6.

 

Wolken, wälderwärts gegangen,

Wolken, fliegend übers Haus,

Könnt ich an euch fest mich hangen,

Mit euch fliegen weit hinaus!

 

Tag’lang durch die Wälder schweif ich,

Voll Gedanken sitz ich still,

In die Saiten flüchtig greif ich,

Wieder dann auf einmal still.

 

Schöne, rührende Geschichten

Fallen ein mir, wo ich steh,

Lustig muß ich schreiben, dichten,

Ist mir selber gleich so weh.

 

Manches Lied, das ich geschrieben

Wohl vor manchem langen Jahr,

Da die Welt vom treuen Lieben

Schön mir überglänzet war;

 

Find ich’s wieder jetzt voll Bangen:

Werd ich wunderbar gerührt,

Denn so lang ist das vergangen,

Was mich zu dem Lied verführt.

 

Diese Wolken ziehen weiter,

Alle Vögel sind erweckt,

Und die Gegend glänzet heiter,

Weit und fröhlich aufgedeckt.

 

Regen flüchtig abwärts gehen,

Scheint die Sonne zwischendrein,

Und dein Haus, dein Garten stehen

Überm Wald im stillen Schein.

 

Doch du harrst nicht mehr mit Schmerzen,

Wo so lang dein Liebster sei –

Und mich tötet noch im Herzen

Dieser Schmerzen Zauberei.

 

Rückkehr

Mit meinem Saitenspiele,

Das schön geklungen hat,

Komm ich durch Länder viele

Zurück in diese Stadt.

 

Ich ziehe durch die Gassen,

So finster ist die Nacht,

Und alles so verlassen,

Hatt’s anders mir gedacht.

 

Am Brunnen steh ich lange,

Der rauscht fort, wie vorher,

Kommt mancher wohl gegangen,

Es kennt mich keiner mehr.

 

Da hört ich geigen, pfeifen,

Die Fenster glänzten weit,

Dazwischen drehn und schleifen

Viel fremde, fröhliche Leut.

 

Und Herz und Sinne mir brannten,

Mich trieb’s in die weite Welt,

Es spielten die Musikanten,

Da fiel ich hin im Feld.

 

Auf einer Burg

Eingeschlafen auf der Lauer

Oben ist der alte Ritter;

Drüber gehen Regenschauer,

Und der Wald rauscht durch das Gitter.

 

Eingewachsen Bart und Haare,

Und versteinert Brust und Krause,

Sitzt er viele hundert Jahre

Oben in der stillen Klause.

 

Draußen ist es still und friedlich,

Alle sind ins Tal gezogen,

Waldesvögel einsam singen

In den leeren Fensterbogen.

 

Eine Hochzeit fährt da unten

Auf dem Rhein im Sonnenscheine,

Musikanten spielen munter,

Und die schöne Braut die weinet.

 

 

Jahrmarkt

Sind’s die Häuser, sind’s die Gassen?

Ach, ich weiß nicht, wo ich bin!

Hab ein Liebchen hier gelassen,

Und manch Jahr ging seitdem hin.

 

Aus den Fenstern schöne Frauen

Sehn mir freundlich ins Gesicht,

Keine kann so frischlich schauen,

Als mein liebes Liebchen sicht.

 

An dem Hause poch ich bange –

Doch die Fenster stehen leer,

Ausgezogen ist sie lange,

Und es kennt mich keiner mehr.

 

Und ringsum ein Rufen, Handeln,

Schmucke Waren, bunter Schein,

Herrn und Damen gehn und wandeln

Zwischendurch in bunten Reihn.

 

Zierlich Bücken, freundlich Blicken,

Manches flücht’ge Liebeswort,

Händedrücken, heimlich Nicken –

Nimmt sie all der Strom mit fort.

 

Und mein Liebchen sah ich eben

Traurig in dem lust’gen Schwarm,

Und ein schöner Herr daneben

Führt sie stolz und ernst am Arm.

 

Doch verblaßt war Mund und Wange,

Und gebrochen war ihr Blick,

Seltsam schaut’ sie stumm und lange,

Lange noch auf mich zurück. –

 

Und es endet Tag und Scherzen,

Durch die Gassen pfeift der Wind –

Keiner weiß, wie unsre Herzen

Tief von Schmerz zerrissen sind.

 

 

In der Fremde

Ich hör die Bächlein rauschen

Im Walde her und hin,

Im Walde in dem Rauschen

Ich weiß nicht, wo ich bin.

 

Die Nachtigallen schlagen

Hier in der Einsamkeit,

Als wollten sie was sagen

Von der alten, schönen Zeit.

 

Die Mondesschimmer fliegen,

Als säh ich unter mir

Das Schloß im Tale liegen,

Und ist doch so weit von hier!

 

Als müßte in dem Garten

Voll Rosen weiß und rot,

Meine Liebste auf mich warten,

Und ist doch lange tot.

 

 

Sehnsucht

Es schienen so golden die Sterne,

Am Fenster ich einsam stand

Und hörte aus weiter Ferne

Ein Posthorn im stillen Land.

Das Herz mir im Leib entbrennte,

Da hab ich mir heimlich gedacht:

Ach, wer da mitreisen könnte

In der prächtigen Sommernacht!

 

Zwei junge Gesellen gingen

Vorüber am Bergeshang,

Ich hörte im Wandern sie singen

Die stille Gegend entlang:

Von schwindelnden Felsenschlüften,

Wo die Wälder rauschen so sacht,

Von Quellen, die von den Klüften

Sich stürzen in die Waldesnacht.

 

Sie sangen von Marmorbildern,

Von Gärten, die überm Gestein

In dämmernden Lauben verwildern,

Palästen im Mondenschein,

Wo die Mädchen am Fenster lauschen,

Wann der Lauten Klang erwacht

Und die Brunnen verschlafen rauschen

In der prächtigen Sommernacht. –

 

 

Abschied

O Täler weit, o Höhen,

O schöner, grüner Wald,

Du meiner Lust und Wehen

Andächt’ger Aufenthalt!

Da draußen, stets betrogen,

Saust die geschäft’ge Welt,

Schlag noch einmal die Bogen

Um mich, du grünes Zelt!

 

Wenn es beginnt zu tagen,

Die Erde dampft und blinkt,

Die Vögel lustig schlagen,

Daß dir dein Herz erklingt:

Da mag vergehn, verwehen

Das trübe Erdenleid,

Da sollst du auferstehen

In junger Herrlichkeit!

 

Da steht im Wald geschrieben,

Ein stilles, ernstes Wort

Von rechtem Tun und Lieben,

Und was des Menschen Hort.

Ich habe treu gelesen

Die Worte, schlicht und wahr,

Und durch mein ganzes Wesen

Ward’s unaussprechlich klar.

 

Bald werd ich dich verlassen,

Fremd in der Fremde gehn,

Auf buntbewegten Gassen

Des Lebens Schauspiel sehn;

Und mitten in dem Leben

Wird deines Ernsts Gewalt

Mich Einsamen erheben,

So wird mein Herz nicht alt.

 

 

Wann der Hahn kräht

Wann der Hahn kräht auf dem Dache,

Putzt der Mond die Lampe aus,

Und die Stern ziehn von der Wache,

Gott behüte Land und Haus!

 

 

Der Morgen

Fliegt der erste Morgenstrahl

Durch das stille Nebeltal,

Rauscht erwachend Wald und Hügel:

Wer da fliegen kann, nimmt Flügel!

 

Und sein Hütlein in die Luft

Wirft der Mensch vor Lust und ruft:

Hat Gesang doch auch noch Schwingen,

Nun, so will ich fröhlich singen!

 

Hinaus, o Mensch, weit in die Welt,

Bangt dir das Herz in krankem Mut;

Nichts ist so trüb in Nacht gestellt,

Der Morgen leicht macht’s wieder gut.

 

 

Mittagsruh

Über Bergen, Fluß und Talen,

Stiller Lust und tiefen Qualen

Webet heimlich, schillert, Strahlen!

Sinnend ruht des Tags Gewühle

In der dunkelblauen Schwüle,

Und die ewigen Gefühle,

Was dir selber unbewußt,

Treten heimlich, groß und leise

Aus der Wirrung fester Gleise,

Aus der unbewachten Brust,

In die stillen, weiten Kreise.

 

 

Der Abend

Schweigt der Menschen laute Lust:

Rauscht die Erde wie in Träumen

Wunderbar mit allen Bäumen,

Was dem Herzen kaum bewußt,

Alte Zeiten, linde Trauer,

Und es schweifen leise Schauer

Wetterleuchtend durch die Brust.

 

 

Die Nacht

Wie schön, hier zu verträumen

Die Nacht im stillen Wald,

Wenn in den dunklen Bäumen

Das alte Märchen hallt.

 

Die Berg im Mondesschimmer

Wie in Gedanken stehn,

Und durch verworrne Trümmer

Die Quellen klagend gehn.

 

Denn müd ging auf den Matten

Die Schönheit nun zur Ruh,

Es deckt mit kühlen Schatten

Die Nacht das Liebchen zu.

 

Das ist das irre Klagen

In stiller Waldespracht,

Die Nachtigallen schlagen

Von ihr die ganze Nacht.

 

Die Stern gehn auf und nieder –

Wann kommst du, Morgenwind,

Und hebst die Schatten wieder

Von dem verträumten Kind?

 

Schon rührt sich’s in den Bäumen,

Die Lerche weckt sie bald –

So will ich treu verträumen

Die Nacht im stillen Wald.

 

 

Wegweiser

»Jetzt mußt du rechts dich schlagen,

Schleich dort und lausche hier,

Dann schnell drauflos im Jagen –

So wird noch was aus dir.«

 

Dank! doch durchs Weltgewimmel,

Sagt mir, ihr weisen Herrn,

Wo geht der Weg zum Himmel?

Das eine wüßt ich gern.

 

 

Täuschung

Ich ruhte aus vom Wandern,

Der Mond ging eben auf,

Da sah ich fern im Lande

Der alten Tiber Lauf,

Im Walde lagen Trümmer,

Paläste auf stillen Höhn

Und Gärten im Mondesschimmer –

O Welschland, wie bist du schön!

 

Und als die Nacht vergangen,

Die Erde blitzte so weit,

Einen Hirten sah ich hangen

Am Fels in der Einsamkeit.

Den fragt ich ganz geblendet:

»Komm ich nach Rom noch heut?«

Er dehnt’ sich halbgewendet:

»Ihr seid nicht recht gescheut!«

Eine Winzerin lacht’ herüber,

Man sah sie vor Weinlaub kaum,

Mir aber ging’s Herze über –

Es war ja alles nur Traum.

 

 

Schöne Fremde

Es rauschen die Wipfel und schauern,

Als machten zu dieser Stund

Um die halbversunkenen Mauern

Die alten Götter die Rund.

 

Hier hinter den Myrtenbäumen

In heimlich dämmernder Pracht,

Was sprichst du wirr wie in Träumen

Zu mir, phantastische Nacht?

 

Es funkeln auf mich alle Sterne

Mit glühendem Liebesblick,

Es redet trunken die Ferne

Wie von künftigem, großem Glück!

 

 

Liebe in der Fremde

1.

Jeder nennet froh die Seine,

Ich nur stehe hier alleine,

Denn was früge wohl die Eine:

Wen der Fremdling eben meine?

Und so muß ich, wie im Strome dort die Welle,

Ungehört verrauschen an des Frühlings Schwelle.

2.

 

Wie kühl schweift sich’s bei nächt’ger Stunde,

Die Zither treulich in der Hand!

Vom Hügel grüß ich in die Runde

Den Himmel und das stille Land.

 

Wie ist da alles so verwandelt,

Wo ich so fröhlich war, im Tal.

Im Wald wie still! der Mond nur wandelt

Nun durch den hohen Buchensaal.

 

Der Winzer Jauchzen ist verklungen

Und all der bunte Lebenslauf,

Die Ströme nur, im Tal geschlungen,

Sie blicken manchmal silbern auf.

 

Und Nachtigallen wie aus Träumen

Erwachen oft mit süßem Schall,

Erinnernd rührt sich in den Bäumen

Ein heimlich Flüstern überall.

 

Die Freude kann nicht gleich verklingen,

Und von des Tages Glanz und Lust

Ist so auch mir ein heimlich Singen

Geblieben in der tiefsten Brust.

 

Und fröhlich greif ich in die Saiten,

O Mädchen, jenseits überm Fluß,

Du lauschest wohl und hörst’s von weitem

Und kennst den Sänger an dem Gruß!

3.

 

Über die beglänzten Gipfel

Fernher kommt es wie ein Grüßen,

Flüsternd neigen sich die Wipfel

Als ob sie sich wollten küssen.

 

Ist er doch so schön und milde!

Stimmen gehen durch die Nacht,

Singen heimlich von dem Bilde –

Ach, ich bin so froh verwacht!

 

Plaudert nicht so laut, ihr Quellen!

Wissen darf es nicht der Morgen!

In der Mondnacht linde Wellen

Senk ich still mein Glück und Sorgen. –

4.

 

Jetzt wandr ich erst gern!

Am Fenster nun lauschen

Die Mädchen, es rauschen

Die Brunnen von fern.

Aus schimmernden Büschen

Ihr Plaudern, so lieb,

Erkenn ich dazwischen,

Ich höre mein Lieb!

 

Kind hüt dich! bei Nacht

Pflegt Amor zu wandern,

Ruft leise die andern,

Da schreiten erwacht

Die Götter zur Halle

Ins Freie hinaus,

Es bringt sie dir alle

Der Dichter ins Haus.

 

Lustige Musikanten

Der Wald, der Wald! daß Gott ihn grün erhalt,

Gibt gut Quartier und nimmt doch nichts dafür.

 

Zum grünen Wald wir Herberg halten,

Denn Hoffart ist nicht unser Ziel,

Im Wirtshaus, wo wir nicht bezahlten,

Es war der Ehre gar zuviel.

Der Wirt, er wollt uns gar nicht lassen,

Sie ließen Kann und Kartenspiel,

Die ganze Stadt war in den Gassen,

Und von den Bänken mit Gebraus

Stürzt’ die Schule heraus,

Wuchs der Haufe von Haus zu Haus,

Schwenkt’ die Mützen und jubelt’ und wogt’,

Der Hatschier, die Stadtwacht, der Bettelvogt,

Wie wenn ein Prinz zieht auf die Freit,

Gab alles, alles uns fürstlich Geleit.

Wir aber schlugen den Markt hinab

Uns durch die Leut mit dem Wanderstab,

Und hoch mit dem Tamburin, daß es schallt’ –

 

Zum Wald, zum Wald, zum schönen, grünen Wald!

 

Und da nun alle schlafen gingen,

Der Wald steckt’ seine Irrlicht’ an,

Die Frösche tapfer Ständchen bringen,

Die Fledermaus schwirrt leis voran,

Und in dem Fluß auf feuchtem Steine

Gähnt laut der alte Wassermann,

Strählt sich den Bart im Mondenscheine,

Und fragt ein Irrlicht, wer wir sind?

Das aber duckt sich geschwind;

Denn über ihn weg im Wind

Durch die Wipfel der wilde Jäger geht,

Und auf dem alten Turm sich dreht

Und kräht der Wetterhahn uns nach:

Ob wir nicht einkehrn unter sein Dach?

O Gockel, verfallen ist ja dein Haus,

Es sieht die Eule zum Fenster heraus,

Und aus allen Toren rauschet der Wald.

 

Der Wald, der Wald, der schöne, grüne Wald!

 

Und wenn wir müd einst, sehn wir blinken

Eine goldne Stadt still überm Land,

Am Tor Sankt Peter schon tut winken:

»Nur hier herein, Herr Musikant!«

Die Engel von den Zinnen fragen,

Und wie sie uns erst recht erkannt,

Sie gleich die silbernen Pauken schlagen,

Sankt Peter selbst die Becken schwenkt,

Und voll Geigen hängt

Der Himmel, Cäcilia an zu streichen fängt,

Dazwischen Hoch vivat! daß es prasselt und pufft,

Werfen die andern vom Wall in die Luft

Sternschnuppen, Kometen,

Gar prächt’ge Raketen

Versengen Sankt Peter den Bart, daß er lacht,

Und wir ziehen heim, schöner Wald, gute Nacht!

 

 

Wandersprüche

1.

Es geht wohl anders, als du meinst:

Derweil du rot und fröhlich scheinst,

Ist Lenz und Sonnenschein verflogen,

Die liebe Gegend schwarz umzogen;

Und kaum hast du dich ausgeweint,

Lacht alles wieder, die Sonne scheint –

Es geht wohl anders, als man meint.

 

 

2.

Herz, in deinen sonnenhellen

Tagen halt nicht karg zurück!

Allwärts fröhliche Gesellen

Trifft der Frohe und sein Glück.

 

Sinkt der Stern: alleine wandern

Magst du bis ans End der Welt –

Bau du nur auf keinen andern

Als auf Gott, der Treue hält.

3.

 

Was willst auf dieser Station

So breit dich niederlassen?

Wie bald nicht bläst der Postillion,

Du mußt doch alles lassen.

4.

 

Die Lerche grüßt den ersten Strahl,

Daß er die Brust ihr zünde,

Wenn träge Nacht noch überall

Durchschleicht die tiefen Gründe.

 

Und du willst, Menschenkind, der Zeit

Verzagend unterliegen?

Was ist dein kleines Erdenleid?

Du mußt es überfliegen!

5.

 

Der Sturm geht lärmend um das Haus,

Ich bin kein Narr und geh hinaus,

Aber bin ich eben draußen,

Will ich mich wacker mit ihm zausen.

6.

 

Ewig muntres Spiel der Wogen!

Viele hast du schon belogen,

Mancher kehrt nicht mehr zurück.

Und doch weckt das Wellenschlagen

Immer wieder frisches Wagen,

Falsch und lustig wie das Glück.

7.

 

Der Wandrer, von der Heimat weit,

Wenn rings die Gründe schweigen,

Der Schiffer in Meereseinsamkeit,

Wenn die Stern aus den Fluten steigen:

 

Die beiden schauern und lesen

In stiller Nacht,

Was sie nicht gedacht,

Da es noch fröhlicher Tag gewesen.

 

Wandernder Dichter

Ich weiß nicht, was das sagen will!

Kaum tret ich von der Schwelle still,

Gleich schwingt sich eine Lerche auf

Und jubiliert durchs Blau vorauf.

 

Das Gras ringsum, die Blumen gar

Stehn mit Juwelen und Perln im Haar,

Die schlanken Pappeln, Busch und Saat

Verneigen sich im größten Staat.

 

Als Bot voraus das Bächlein eilt,

Und wo der Wind die Wipfel teilt,

Die Au verstohlen nach mir schaut,

Als wär sie meine liebe Braut.

 

Ja, komm ich müd ins Nachtquartier,

Die Nachtigall noch vor der Tür

Mir Ständchen bringt, Glühwürmchen bald

Illuminieren rings den Wald.

 

Umsonst! das ist nun einmal so,

Kein Dichter reist inkognito,

Der lust’ge Frühling merkt es gleich,

Wer König ist in seinem Reich.

Erinnerung

 

1.

Lindes Rauschen in den Wipfeln,

Vöglein, die ihr fernab fliegt,

Bronnen von den stillen Gipfeln,

Sagt, wo meine Heimat liegt?

 

Heut im Traum sah ich sie wieder,

Und von allen Bergen ging

Solches Grüßen zu mir nieder,

Daß ich an zu weinen fing.

 

Ach, hier auf den fremden Gipfeln:

Menschen, Quellen, Fels und Baum,

Wirres Rauschen in den Wipfeln –

Alles ist mir wie ein Traum.

2.

 

Die fernen Heimathöhen,

Das stille, hohe Haus,

Der Berg, von dem ich gesehen

Jeden Frühling ins Land hinaus,

Mutter, Freunde und Brüder,

An die ich so oft gedacht,

Es grüßt mich alles wieder

In stiller Mondesnacht.

 

Heimweh

Wer in die Fremde will wandern,

Der muß mit der Liebsten gehn,

Es jubeln und lassen die andern

Den Fremden alleine stehn.

 

Was wisset ihr, dunkele Wipfel,

Von der alten, schönen Zeit?

Ach, die Heimat hinter den Gipfeln,

Wie liegt sie von hier so weit!

 

Am liebsten betracht ich die Sterne,

Die schienen, wie ich ging zu ihr,

Die Nachtigall hör ich so gerne,

Sie sang vor der Liebsten Tür.

 

Der Morgen, das ist meine Freude!

Da steig ich in stiller Stund

Auf den höchsten Berg in die Weite,

Grüß dich, Deutschland, aus Herzensgrund!

 

 

An der Grenze

Die treuen Berg stehn auf der Wacht:

»Wer streicht bei stiller Morgenzeit

Da aus der Fremde durch die Heid?«

Ich aber mir die Berg betracht

Und lach in mich vor großer Lust,

Und rufe recht aus frischer Brust

Parol und Feldgeschrei sogleich:

Vivat Östreich!

 

Da kennt mich erst die ganze Rund,

Nun grüßen Bach und Vöglein zart

Und Wälder rings nach Landesart,

Die Donau blitzt aus tiefem Grund,

Der Stephansturm auch ganz von fern

Guckt übern Berg und säh mich gern,

Und ist er’s nicht, so kommt er doch gleich,

Vivat Östreich!

 

 

Wanderlied der Prager Studenten

Nach Süden nun sich lenken

Die Vöglein allzumal,

Viel Wandrer lustig schwenken

Die Hüt im Morgenstrahl.

Das sind die Herrn Studenten,

Zum Tor hinaus es geht,

Auf ihren Instrumenten

Sie blasen zum Valet:

Ade in die Läng und Breite

O Prag, wir ziehn in die Weite:

Et habeat bonam pacem,

Qui sedet post fornacem!

 

Nachts wir durchs Städtlein schweifen,

Die Fenster schimmern weit,

Am Fenster drehn und schleifen

Viel schön geputzte Leut.

Wir blasen vor den Türen

Und haben Durst genung,

Das kommt vom Musizieren,

Herr Wirt, einen frischen Trunk!

Und siehe über ein kleines

Mit einer Kanne Weines

Venit ex sua domo –

Beatus ille homo!

 

Nun weht schon durch die Wälder

Der kalte Boreas,

Wir streichen durch die Felder,

Von Schnee und Regen naß,

Der Mantel fliegt im Winde,

Zerrissen sind die Schuh,

Da blasen wir geschwinde

Und singen noch dazu:

Beatus ille homo

Qui sedet in sua domo

Et sedet post fornacem

Et habet bonam pacem!

 

 

Rückkehr

Wer steht hier draußen? – Macht auf geschwind!

Schon funkelt das Feld wie geschliffen,

Es ist der lustige Morgenwind,

Der kommt durch den Wald gepfiffen.

 

Ein Wandervöglein, die Wolken und ich,

Wir reisten um die Wette,

Und jedes dacht: nun spute dich,

Wir treffen sie noch im Bette!

 

Da sind wir nun, jetzt alle heraus,

Die drin noch Küsse tauschen!

Wir brechen sonst mit der Tür ins Haus:

Klang, Duft und Waldesrauschen.

 

Ich komme aus Italien fern

Und will euch alles berichten,

Vom Berg Vesuv und Romas Stern

Die alten Wundergeschichten.

 

Da singt eine Fei auf blauem Meer,

Die Myrten trunken lauschen –

Mir aber gefällt doch nichts so sehr,

Als das deutsche Waldesrauschen!

 

Zur Hochzeit

Was das für ein Gezwitscher ist!

Durchs Blau die Schwalben zucken

Und schrein: »Sie haben sich geküßt!«

Vom Baum Rotkehlchen gucken.

 

Der Storch stolziert von Bein zu Bein;

»Da muß ich fischen gehen –«

Der Abend wie im Traum darein

Schaut von den stillen Höhen.

 

Und wie im Traume von den Höhen

Seh ich nachts meiner Liebsten Haus,

Die Wolken darüber gehen

Und löschen die Sterne aus.

 

 

Der irre Spielmann

Aus stiller Kindheit unschuldiger Hut

Trieb mich der tolle, frevelnde Mut.

Seit ich da draußen so frei nun bin,

Find ich nicht wieder nach Hause mich hin.

 

Durchs Leben jag ich manch trügrisch Bild,

Wer ist der Jäger da? wer ist das Wild?

Es pfeift der Wind mir schneidend durchs Haar,

Ach Welt, wie bist du so kalt und klar!

 

Du frommes Kindlein im stillen Haus,

Schau nicht so lüstern zum Fenster hinaus!

Frag mich nicht, Kindlein, woher und wohin?

Weiß ich doch selber nicht, wo ich bin!

 

Von Sünde und Reue zerrissen die Brust,

Wie rasend in verzweifelter Lust,

Brech ich im Fluge mir Blumen zum Strauß,

Wird doch kein fröhlicher Kranz daraus! –

 

Ich möcht in den tiefsten Wald wohl hinein,

Recht aus der Brust den Jammer zu schrein,

Ich möchte reiten ans Ende der Welt,

Wo der Mond und die Sonne hinunterfällt.

 

Wo schwindelnd beginnt die Ewigkeit,

Wie ein Meer, so erschrecklich still und weit,

Da sinken all Ström und Segel hinein,

Da wird es wohl endlich auch ruhig sein.

 

 

Letzte Heimkehr

Der Wintermorgen glänzt so klar,

Ein Wandrer kommt von ferne,

Ihn schüttelt Frost, es starrt sein Haar,

Ihm log die schöne Ferne,

Nun endlich will er rasten hier,

Er klopft an seines Vaters Tür.

 

Doch tot sind, die sonst aufgetan,

Verwandelt Hof und Habe,

Und fremde Leute sehn ihn an,

Als käm er aus dem Grabe;

Ihn schauert tief im Herzensgrund,

Ins Feld eilt er zur selben Stund.

 

Da sang kein Vöglein weit und breit,

Er lehnt’ an einem Baume,

Der schöne Garten lag verschneit,

Es war ihm wie im Traume,

Und wie die Morgenglocke klingt,

Im stillen Feld er niedersinkt.

 

Und als er aufsteht vom Gebet,

Nicht weiß, wohin sich wenden,

Ein schöner Jüngling bei ihm steht,

Faßt mild ihn bei den Händen:

»Komm mit, sollst ruhn nach kurzem Gang.« –

Er folgt, ihn rührt der Stimme Klang.

 

Nun durch die Bergeseinsamkeit

Sie wie zum Himmel steigen,

Kein Glockenklang mehr reicht so weit,

Sie sehn im öden Schweigen

Die Länder hinter sich verblühn,

Schon Sterne durch die Wipfel glühn.

 

Der Führer jetzt die Fackel sacht

Erhebt und schweigend schreitet,

Bei ihrem Schein die stille Nacht

Gleichwie ein Dom sich weitet,

Wo unsichtbare Hände baun –

Den Wandrer faßt ein heimlich Graun.

 

Er sprach: »Was bringt der Wind herauf

So fremden Laut getragen,

Als hört ich ferner Ströme Lauf,

Dazwischen Glocken schlagen?«

»Das ist des Nachtgesanges Wehn,

Sie loben Gott in stillen Höhn.«

 

Der Wandrer drauf: »Ich kann nicht mehr –

Ist’s Morgen, der so blendet?

Was leuchten dort für Länder her?« –

Sein Freund die Fackel wendet:

»Nun ruh zum letzten Male aus,

Wenn du erwachst, sind wir zu Haus.«

 

 

2. Sängerleben

 

Singen kann ich nicht wie du

Und wie ich nicht der und jener,

Kannst du’s besser, sing frisch zu!

Andre singen wieder schöner,

Droben an dem Himmelstor

Wird’s ein wunderbarer Chor.

 

 

Schlimme Wahl

Du sahst die Fei ihr goldnes Haar sich strählen,

Wenn morgens früh noch alle Wälder schweigen,

Gar viele da im Felsgrund sich versteigen,

Und weiß doch keiner, wen sie wird erwählen.

 

Von einer andern Dam hört ich erzählen

Im platten Land, die Bauern rings dir zeigen

Ihr Schloß, Park, Weiler – alles ist dein eigen,

Freist du das Weib – wer möcht im Wald sich quälen!

 

Sie werden dich auf einen Phaeton heben,

Das Hochzeitskarmen tönt, es blinkt die Flasche,

Weitrauschend hinterdrein viel vornehm Wesen.

 

Doch streift beim Zug dich aus dem Walde eben

Der Feie Blick, und brennt dich nicht zu Asche:

Fahr wohl, bist nimmer ein Poet gewesen!

 

 

Anklänge

1.

Vöglein in den sonn’gen Tagen!

Lüfte blau, die mich verfahren!

Könnt ich bunte Flügel rühren,

Über Berg und Wald sie schlagen!

 

Ach! es spricht des Frühlings Schöne,

Und die Vögel alle singen:

Sind die Farben denn nicht Töne,

Und die Töne bunte Schwingen?

 

Vöglein, ja, ich laß das Zagen!

Winde sanft die Segel rühren,

Und ich lasse mich entführen,

Ach! wohin? mag ich nicht fragen.

 

 

 

2.

 

Ach! wie ist es doch gekommen,

Daß die ferne Waldespracht

So mein ganzes Herz genommen,

Mich um alle Ruh gebracht!

 

Wenn von drüben Lieder wehen,

Waldhorn gar nicht enden will,

Weiß ich nicht, wie mir geschehen,

Und im Herzen bet ich still.

 

Könnt ich zu den Wäldern flüchten,

Mit dem Grün in frischer Lust

Mich zum Himmelsglanz aufrichten –

Stark und frei wär da die Brust!

 

Hörnerklang und Lieder kämen

Nicht so schmerzlich an mein Herz,

Fröhlich wollt ich Abschied nehmen,

Zög auf ewig wälderwärts.

 

 

 

Intermezzo

 

Wie so leichte läßt sich’s leben!

Blond und rot und etwas feist,

Tue wie die andern eben,

Daß dich jeder Bruder heißt,

Speise, was die Zeiten geben,

Bis die Zeit auch dich verspeist!

 

3.

Wenn die Klänge nahn und fliehen

In den Wogen süßer Lust,

Ach! nach tiefern Melodien

Sehnt sich einsam oft die Brust.

 

Wenn auf Bergen blüht die Frühe,

Wieder buntbewegt die Straßen,

Freut sich alles, wie es glühe,

Himmelwärts die Erde blühe:

Einer doch muß tief erblassen,

Goldne Träume, Sternenlust

Wollten ewig ihn nicht lassen –

Sehnt sich einsam oft die Brust.

 

Und aus solcher Schmerzen Schwellen,

Was so lange dürstend rang,

Will ans Licht nun rastlos quellen,

Stürzend mit den Wasserfällen,

Himmelstäubend, jubelnd, bang,

Nach der Ferne sanft zu ziehen,

Wo so himmlisch Rufen sang,

Ach! nach tiefern Melodien.

 

Blüten licht nun Blüten drängen,

Daß er möcht vor Glanz erblinden;

In den dunklen Zaubergängen,

Von den eigenen Gesängen

Hold gelockt, kann er nicht finden

Aus dem Labyrinth der Brust.

Alles, alles will’s verkünden

In den Wogen süßer Lust.

 

Doch durch dieses Rauschen wieder

Hört er heimlich Stimmen ziehen,

Wie ein Fall verlorner Lieder

Und er schaut betroffen nieder:

»Wenn die Klänge nahn und fliehen

In den Wogen süßer Lust,

Ach! nach tiefern Melodien

Sehnt sich einsam oft die Brust!«

 

 

 

4.

 

Ewigs Träumen von den Fernen!

Endlich ist das Herz erwacht

Unter Blumen, Klang und Sternen

In der dunkelgrünen Nacht.

 

Schlummernd unter blauen Wellen

Ruht der Knabe unbewußt,

Engel ziehen durch die Brust;

Oben hört er in den Wellen

Ein unendlich Wort zerrinnen,

Und das Herze weint und lacht,

Doch er kann sich nicht besinnen

In der dunkelgrünen Nacht.

 

Frühling will das Blau befreien.

Aus der Grüne, aus dem Schein

Ruft es lockend: Ewig dein –

Aus der Minne Zaubereien

Muß er sehnen sich nach Fernen,

Denkend alter Wunderpracht,

Unter Blumen, Klang und Sternen

In der dunkelgrünen Nacht.

 

Heil’ger Kampf nach langem Säumen,

Wenn süßschauernd an das Licht

Lieb in dunkle Klagen bricht!

Aus der Schmerzen Sturz und Schäumen

Steigt Geliebte, Himmel, Fernen –

Endlich ist das Herz erwacht

Unter Blumen, Klang und Sternen

In der dunkelgrünen Nacht.

 

Und der Streit muß sich versöhnen,

Und die Wonne und den Schmerz

Muß er ewig himmelwärts

Schlagen nun in vollen Tönen:

Ewigs Träumen von den Fernen!

Endlich ist das Herz erwacht

Unter Blumen, Klang und Sternen

In der dunkelgrünen Nacht.

 

 

Rettung

Ich spielt, ein frohes Kind, im Morgenscheine,

Der Frühling schlug die Augen auf so helle,

Hinunter reisten Ström und Wolken schnelle,

Ich streckt die Arme nach ins Blaue, Reine.

 

Noch wußt ich’s selbst nicht, was das alles meine:

Die Lerch, der Wald, der Lüfte blaue Welle,

Und träumend stand ich an des Frühlings Schwelle,

Von fern rief’s immerfort: Ich bin die Deine!

 

Da kam ein alter Mann gegangen,

Mit hohlen Augen und bleichen Wangen,

Er schlich gebogen und schien so krank;

Ich grüßt ihn schön, doch für den Dank

Faßt’ er mich tückisch schnell von hinten,

Schlang um die Arme mir dreifache Binden,

Und wie ich rang und um Hülfe rief,

Geschwind noch ein andrer zum Alten lief,

Und von allen Seiten kamen Menschen gelaufen,

Ein dunkelverworrner, trübseliger Haufen.

Die drängten mich gar tückisch in ihre Mitte,

Führten durchs Land mich mit eiligem Schritte.

Wie wandt ich sehnend mich oft zurücke!

Die Heimat schickte mir Abschiedsblicke;

Die Büsche langten nach mir mit grünen Armen,

Es schrien alle Vöglein recht zum Erbarmen.

Doch die Alten hörten nicht die fernen Lieder,

Sumsten düstere Worte nur hin und wieder,

Führten mich endlich in ein altes Haus,

Da wogt’ es unten in Nacht und Graus,

Da war ein Hämmern, ein Schachern und Rumoren,

Als hätte das Chaos noch nicht ausgegoren.

Hier hielt der Alte würdig und breit:

»Mein Sohn«, sprach er zu mir, »das ist die Nützlichkeit!

Die haben wir so zum gemeinen Besten erfunden.

Das betrachte hübsch fleißig und sei gescheit.« –

So ließen sie mich Armen allein und gebunden.

 

Da schaut ich weinend aus meinem Kerker

Hinaus in das Leben durch düstern Erker,

Und unten sah ich den Lenz sich breiten,

Blühende Träume über die Berge schreiten,

Drüber die blauen, unendlichen Weiten.

Durchs farbige Land auf blauen Flüssen

Zogen bunte Schifflein, die wollten mich grüßen.

Vorüber kamen die Wolken gezogen,

Vorüber singende Vöglein geflogen;

Es wollt der große Zug mich mit fassen,

Ach, Menschen, wann werd’t ihr mich wieder hinunterlassen!

Und im dunkelgrünen Walde munter

Schallte die Jagd hinauf und hinunter,

Eine Jungfrau zu Roß und blitzende Reiter –

Über die Berge immer weiter und weiter

Rief Waldhorn immerfort dazwischen:

Mir nach in den Wald, den frischen!

 

Ach! weiß denn niemand, niemand um mein Trauern?

Wie alle Fernen mir prophetisch singen

Von meinem künft’gen wundervollen Leben!

 

Von innen fühlt ich blaue Schwingen ringen,

Die Hände konnt ich innigst betend heben –

Da sprengt’ ein großer Klang so Band wie Mauern.

 

Da ward ich im innersten Herzen so munter,

Schwindelten alle Sinne in den Lenz hinunter,

Weit waren kleinliche Mühen und Sorgen,

Ich sprang hinaus in den farbigen Morgen.

 

 

Hippogryph

Das ist das Flügelpferd mit Silberschellen,

Das heitere Gesellen

Emporhebt über Heidekraut und Klüfte,

Daß durch den Strom der Lüfte,

Die um den Reisehut melodisch pfeifen,

Des Ernsts Gewalt und Totenlärm der Schlüfte

Als Frühlingsjauchzen nur die Brust mag streifen;

Und so im Flug belauschen

Des trunknen Liedergottes rüst’ge Söhne,

Wenn alle Höhn und Täler blühn und rauschen,

Im Morgenbad des Lebens ew’ge Schöne,

Die, in dem Glanz erschrocken,

Sie glühend anblickt aus den dunklen Locken.

 

 

Die zwei Gesellen

Es zogen zwei rüst’ge Gesellen

Zum erstenmal von Haus,

So jubelnd recht in die hellen,

Klingenden, singenden Wellen

Des vollen Frühlings hinaus.

 

Die strebten nach hohen Dingen,

Die wollten, trotz Lust und Schmerz,

Was Rechts in der Welt vollbringen,

Und wem sie vorübergingen,

Dem lachten Sinnen und Herz. –

 

Der erste, der fand ein Liebchen,

Die Schwieger kauft’ Hof und Haus;

Der wiegte gar bald ein Bübchen,

Und sah aus heimlichem Stübchen

Behaglich ins Feld hinaus.

 

Dem zweiten sangen und logen

Die tausend Stimmen im Grund,

Verlockend’ Sirenen, und zogen

Ihn in der buhlenden Wogen

Farbig klingenden Schlund.

 

Und wie er auftaucht’ vom Schlunde,

Da war er müde und alt,

Sein Schifflein das lag im Grunde,

So still war’s rings in die Runde,

Und über die Wasser weht’s kalt.

 

Es singen und klingen die Wellen

Des Frühlings wohl über mir;

Und seh ich so kecke Gesellen,

Die Tränen im Auge mir schwellen –

Ach Gott, führ uns liebreich zu dir!

 

 

Das Bilderbuch

Von der Poesie sucht Kunde

Mancher im gelehrten Buch,

Nur des Lebens schöne Runde

Lehret dich den Zauberspruch;

Doch in stillgeweihter Stunde

Will das Buch erschlossen sein,

Und so blick ich heut hinein,

Wie ein Kind im Frühlingswetter

Fröhlich Bilderbücher blättert,

Und es schweift der Sonnenschein

Auf den buntgemalten Lettern,

Und gelinde weht der Wind

Durch die Blumen, durch das Herz

Alte Freuden, alten Schmerz –

Weinen möcht ich, wie ein Kind!

 

 

Mandelkerngedicht

Zwischen Akten, dunkeln Wänden

Bannt mich, Freiheitbegehrenden,

Nun des Lebens strenge Pflicht,

Und aus Schränken, Aktenschichten

Lachen mir die beleidigten

Musen in das Amtsgesicht.

 

Als an Lenz und Morgenröte

Noch das Herz sich erlabete,

O du stilles, heitres Glück!

Wie ich nun auch heiß mich sehne,

Ach, aus dieser Sandebene

Führt kein Weg dahin zurück.

 

Als der letzte Balkentreter

Steh ich armer Enterbeter

In des Staates Symphonie,

Ach, in diesem Schwall von Tönen

Wo fänd ich da des eigenen

Herzens süße Melodie?

 

Ein Gedicht soll ich euch spenden:

Nun, so geht mit dem Leidenden

Nicht zu strenge ins Gericht!

Nehmt den Willen für Gewährung,

Kühnen Reim für Begeisterung,

Diesen Unsinn als Gedicht!

 

 

Der Unverbesserliche

Ihr habt den Vogel gefangen,

Der war so frank und frei,

Nun ist ihm ‘s Fliegen vergangen,

Der Sommer ist lange vorbei.

 

Es liegen wohl Federn neben

Und unter und über mir,

Sie können mich alle nicht heben

Aus diesem Meer von Papier.

 

Papier! wie hör ich dich schreien,

Da alles die Federn schwenkt

In langen, emsigen Reihen –

So wird der Staat nun gelenkt.

 

Mein Fenster am Pulte steht offen,

Der Sonnenschein schweift übers Dach,

Da wird so uraltes Hoffen

Und Wünschen im Herzen wach.

 

Die lustigen Kameraden,

Lerchen, Quellen und Wald,

Sie rauschen schon wieder und laden:

Geselle, kommst du nicht bald?

 

Und wie ich durch die Gardinen

Hinaussah in keckem Mut,

Da hört ich lachen im Grünen,

Ich kannte das Stimmlein recht gut.

 

Und wie ich hinaustrat zur Schwelle,

Da blühten die Bäume schon all

Und Liebchen, so frühlingshelle,

Saß drunter beim Vogelschall.

 

Und eh wir uns beide besannen,

Da wiehert’ das Flügelroß –

Wir flogen selbander von dannen,

Daß es unten die Schreiber verdroß.

 

 

Die Werber

»O Frühling, wie bist du helle!

Ade nun Hof und Haus!«

Und jubelnd auf den Schwellen

Mit fröhlichen Gesellen

Wandert der Dichter aus.

 

Doch ihre Lieder wecken

Rings leises Zischeln bald,

Kobold’ aus allen Hecken

Erweisen sich mit Necken

Gar wunderbar im Wald.

 

Zu Roß, so schön und wüste,

Ein hohes Weib fliegt her,

Behelmt, entblößt die Brüste,

Ihr Aug weckt wild Gelüste,

Sie heißt Soldatenehr.

 

Ihr nach aus Felsenritzen

Schaun graue Wichte klein,

Verstreun von ihren Mützen

Dukaten rings, die blitzen

Blutrot ins Land herein.

 

Der Schlauste gar durchs Blaue

Als Flügelbübchen schwirrt,

Führt über Berg und Aue

Daher die schönste Fraue –

Die macht erst all’ verwirrt.

 

Und der Dichter in dem Toben

Steht einsam auf der Höh,

Die andern sind zerstoben,

So still nun ist’s da oben,

Sein Herz tut ihm so weh.

 

Er hört der Quellen Gänge

Durch die Waldeinsamkeit,

Da sinnt er auf Gesänge,

Die Welt gibt volle Klänge,

Sein Herz wird ihm so weit.

 

Und jeden Frühling wieder

Von der schönen Jugendzeit

Singt er vom Berg hernieder,

Und Heimweh faßt die Brüder,

Die in dem Tal zerstreut.

 

 

Sonette

1.

So viele Quellen von den Bergen rauschen,

Die brechen zornig aus der Felsenhalle,

Die andern plaudern in melod’schem Falle

Mit Nymphen, die im Grün vertraulich lauschen.

 

Doch wie sie irrend auch die Bahn vertauschen,

Sie treffen endlich doch zusammen alle,

Ein Strom, mit brüderlicher Wogen Schwalle

Erfrischend durch das schöne Land zu rauschen.

 

An Burgen, die vom Felsen einsam grollen,

Aus Waldesdunkel, zwischen Rebenhügeln

Vorübergleitend in die duft’ge Ferne,

 

Entwandelt er zum Meer, dem wundervollen,

Wo träumend sich die sel’gen Inseln spiegeln

Und auf den Fluten ruhn die ew’gen Sterne.

 

 

2.

So eitel künstlich haben sie verwoben

Die Kunst, die selber sie nicht gläubig achten,

Daß sie die Sünd in diese Unschuld brachten:

Wer unterscheidet, was noch stammt von oben?

 

Doch wer mag würdig jene Reinen loben,

Die in der Zeit hochmüt’gem Trieb und Trachten

Die heil’ge Flamme treu in sich bewachten,

Aus ihr die alte Schönheit neu erhoben!

 

O Herr! gib Demut denen, die da irren,

Daß, wenn ihr’ Künste all zuschanden werden,

Sie töricht nicht den Gott in sich verfluchen!

 

Begeisterung, was falsch ist, zu entwirren,

Und Freudigkeit, wo’s öde wird auf Erden,

Verleihe denen, die dich redlich suchen!

 

 

3.

Ein Wunderland ist oben aufgeschlagen,

Wo goldne Ströme gehn und dunkel schallen,

Gesänge durch das Rauschen tief verhallen,

Die möchten gern ein hohes Wort dir sagen.

 

Viel goldne Brücken sind dort kühn geschlagen,

Darüber alte Brüder sinnend wallen –

Wenn Töne wie im Frühlingsregen fallen,

Befreite Sehnsucht will dorthin dich tragen.

 

Wie bald läg unten alles Bange, Trübe,

Du strebtest lauschend, blicktest nicht mehr nieder,

Und höher winkte stets der Brüder Liebe:

 

Wen einmal so berührt die heil’gen Lieder,

Sein Leben taucht in die Musik der Sterne,

Ein ewig Ziehn in wunderbare Ferne!

 

 

4.

Wer einmal tief und durstig hat getrunken,

Den zieht zu sich hinab die Wunderquelle,

Daß er melodisch mitzieht, selbst als Welle,

Auf der die Welt sich bricht in tausend Funken.

 

Es wächst sehnsüchtig, stürzt und leuchtet trunken

Jauchzend im Innersten die heil’ge Quelle,

Bald Bahn sich brechend durch die Kluft zur Helle,

Bald kühle rauschend dann in Nacht versunken.

 

So laß es ungeduldig brausen, drängen!

Hoch schwebt der Dichter drauf in goldnem Nachen,

Sich selber heilig opfernd in Gesängen.

 

Die alten Felsen spalten sich mit Krachen,

Von drüben grüßen schon verwandte Lieder,

Zum ew’gen Meere führt er alle wieder.

 

 

5.

Nicht Träume sind’s und leere Wahngesichte,

Was von dem Volk den Dichter unterscheidet.

Was er inbrünstig bildet, liebt und leidet,

Es ist des Lebens wahrhafte Geschichte.

 

Er fragt nicht viel, wie ihn die Menge richte,

Der eignen Ehr nur in der Brust vereidet;

Denn wo begeistert er die Blicke weidet,

Grüßt ihn der Weltkreis mit verwandtem Lichte.

 

Die schöne Mutter, die ihn hat geboren,

Den Himmel liebt er, der ihn auserkoren,

Läßt beide Haupt und Brust sich heiter schmücken.

 

Die Menge selbst, die herbraust, ihn zu fragen

Nach seinem Recht, muß den Beglückten tragen,

Als Element ihm bietend ihren Rücken.

 

 

6.

Ihm ist’s verliehn, aus den verworrnen Tagen,

Die um die andern sich wie Kerker dichten,

Zum blauen Himmel sich emporzurichten,

In Freudigkeit: Hie bin ich, Herr! zu sagen.

 

Das Leben hat zum Ritter ihn geschlagen,

Er soll der Schönheit neid’sche Kerker lichten;

Daß nicht sich alle götterlos vernichten,

Soll er die Götter zu beschwören wagen.

 

Tritt erst die Lieb auf seine blüh’nden Hügel,

Fühlt er die reichen Kränze in den Haaren,

Mit Morgenrot muß sich die Erde schmücken;

 

Süßschauernd dehnt der Geist die großen Flügel,

Es glänzt das Meer – die mut’gen Schiffe fahren,

Da ist nichts mehr, was ihm nicht sollte glücken!

 

 

Wehmut

1.

Ich kann wohl manchmal singen,

Als ob ich fröhlich sei,

Doch heimlich Tränen dringen,

Da wird das Herz mir frei.

 

So lassen Nachtigallen,

Spielt draußen Frühlingsluft,

Der Sehnsucht Lied erschallen

Aus ihres Käfigs Gruft.

 

Da lauschen alle Herzen,

Und alles ist erfreut,

Doch keiner fühlt die Schmerzen,

Im Lied das tiefe Leid.

2.

 

Sage mir mein Herz, was willst du?

Unstet schweift dein bunter Will;

Manches andre Herz wohl stillst du,

Nur du selbst wirst niemals still.

 

»Eben, wenn ich munter singe,

Um die Angst mir zu zerstreun,

Ruh und Frieden manchen bringe,

Daß sich viele still erfreun:

 

Faßt mich erst recht tief Verlangen

Nach viel andrer, beßrer Lust,

Die die Töne nicht erlangen –

Ach, wer sprengt die müde Brust?«

3.

 

Es waren zwei junge Grafen

Verliebt bis in den Tod,

Die konnten nicht ruhn, noch schlafen

Bis an den Morgen rot.

 

O trau den zwei Gesellen,

Mein Liebchen, nimmermehr,

Die gehn wie Wind und Wellen,

Gott weiß: wohin, woher. –

 

Wir grüßen Land und Sterne

Mit wunderbarem Klang

Und wer uns spürt von ferne,

Dem wird so wohl und bang.

 

Wir haben wohl hienieden

Kein Haus an keinem Ort,

Es reisen die Gedanken

Zur Heimat ewig fort.

 

Wie eines Stromes Dringen

Geht unser Lebenslauf,

Gesanges Macht und Ringen

Tut helle Augen auf.

 

Und Ufer, Wolkenflügel,

Die Liebe hoch und mild –

Es wird in diesem Spiegel

Die ganze Welt zum Bild.

 

Dich rührt die frische Helle,

Das Rauschen heimlich kühl,

Das lockt dich zu der Welle,

Weil’s draußen leer und schwül.

 

Doch wolle nie dir halten

Der Bilder Wunderfest,

Tot wird ihr freies Walten,

Hältst du es weltlich fest.

 

Kein Bett darf er hier finden.

Wohl in den Tälern schön

Siehst du sein Gold sich winden,

Dann plötzlich meerwärts drehn.

 

 

Intermezzo

Dein Bildnis wunderselig

Hab ich im Herzensgrund,

Das sieht so frisch und fröhlich

Mich an zu jeder Stund.

 

Mein Herz still in sich singet

Ein altes, schönes Lied,

Das in die Luft sich schwinget

Und zu dir eilig zieht.

 

 

Laß das Trauern

Laß, mein Herz, das bange Trauern

Um vergangnes Erdenglück,

Ach, von diesen Felsenmauern

Schweifet nur umsonst der Blick.

 

Sind denn alle fortgegangen:

Jugend, Sang und Frühlingslust?

Lassen, scheidend, nur Verlangen

Einsam mir in meiner Brust?

 

Vöglein hoch in Lüften reisen,

Schiffe fahren auf der See,

Ihre Segel, ihre Weisen

Mehren nur des Herzens Weh.

 

Ist vorbei das bunte Ziehen,

Lustig über Berg und Kluft,

Wenn die Bilder wechselnd fliehen,

Waldhorn immer weiterruft?

 

Soll die Lieb auf sonn’gen Matten

Nicht mehr baun ihr prächtig Zelt,

Übergolden Wald und Schatten

Und die weite, schöne Welt? –

 

Laß das Bangen, laß das Trauern,

Helle wieder nur den Blick!

Fern von dieser Felsen Mauern

Blüht dir noch gar manches Glück!

 

 

Dichterfrühling

Wenn die Bäume lieblich rauschen,

An den Bergen, an den Seen,

Die im Sonnenscheine stehen,

Warme Regen niederrauschen,

Mag ich gern begeistert lauschen.

Denn um die erfrischten Hügel

Auf und nieder sich bewegen

Fühl ich Winde, Gottes Flügel,

Und mir selber wachsen Flügel,

Atm ich still den neuen Segen.

 

Wie der Kranke von der Schwelle

Endlich wieder in die warme

Luft hinausstreckt Brust und Arme,

Und es spült des Lebens Welle

Fort die Glieder in das Helle:

Also kommt ein neues Leben

Oft auf mich herab vom Himmel,

Und ich seh vor mir mein Streben

Licht und unvergänglich schweben

Durch des Lebens bunt Gewimmel.

 

Will erquickt nun alles prangen,

Irrt der Dichter durch die Schatten,

Durch die blumenreichen Matten,

Denkt der Zeiten, die vergangen,

Ferner Freunde voll Verlangen,

Und es weben sich die Träume

Wie von selbst zum Werk der Musen,

Und rings Berge, Blumen, Bäume

Wachsen in die heitern Räume

Nach der Melodie im Busen.

 

 

Intermezzo

Wohl vor lauter Sinnen, Singen

Kommen wir nicht recht zum Leben;

Wieder ohne rechtes Leben

Muß zu Ende gehn das Singen;

Ging zu Ende dann das Singen:

Mögen wir auch nicht länger leben.

 

 

Aufgebot

Waldhorn bringt Kund getragen,

Es hab nun aufgeschlagen

Auf Berg und Tal und Feld

Der Lenz seine bunten Zelt!

 

Ins Grün ziehn Sänger, Reiter,

Ein jeglich Herz wird weiter,

Möcht jauchzend übers Grün

Mit den Lerchen ins Blaue ziehn.

 

Was stehst du so alleine,

Pilgrim, im grünen Scheine?

Lockt dich der Wunderlaut

Nicht auch zur fernen Braut?

 

»Ach! diese tausendfachen

Heilig verschlungnen Sprachen,

So lockend Lust, wie Schmerz,

Zerreißen mir das Herz.

 

Ein Wort will mir’s verkünden,

Oft ist’s, als müßt ich’s finden,

Und wieder ist’s nicht so,

Und ewig frag ich: Wo?« –

 

So stürz dich einmal, Geselle,

Nur frisch in die Frühlingswelle!

Da spürst du’s im Innersten gleich,

Wo ‘s rechte Himmelreich.

 

Und wer dann noch mag fragen:

Freudlos in blauen Tagen

Der wandern und fragen mag

Bis an den Jüngsten Tag!

 

 

Intermezzo

Der Bürgermeister

Hochweiser Rat, geehrte Kollegen!

Bevor wir uns heut aufs Raten legen,

Bitt ich, erst reifllich zu erwägen:

Ob wir vielleicht, um Zeit zu gewinnen,

Heut sogleich mit dem Raten beginnen,

Oder ob wir erst proponieren müssen,

Was uns versammelt und was wir alle wissen? –

Ich muß pflichtmäßig voranschicken hierbei,

Daß die Art der Geschäfte zweierlei sei:

Die einen sind die eiligen,

Die andern die langweiligen.

Auf jene pfleg ich cito zu schreiben,

Die andern können liegenbleiben.

Die liegenden aber, geehrte Brüder,

Zerfallen in wicht’ge und höchstwicht’ge wieder.

Bei jenen – nun – man wird verwegen,

Man schreibt nach amtlichem Überlegen

More solito hier, und dort ad acta,

Die Diener rennen, man flucht, verpackt da,

Der Staat floriert und bleibt im Takt da,

Doch werden die Zeiten so ungeschliffen,

Wild umzuspringen mit den Begriffen,

Kommt gar, wie heute, ein Fall, der eilig

Und doch höchstwichtig zugleich – dann freilich

Muß man von neuem unterscheiden:

Ob er mehr eilig oder mehr wichtig. –

Ich bitte, meine Herrn, verstehn Sie mich richtig!

Der Punkt ist von Einfluß. Denn wir vermeiden

Die species facti, wie billig, sofort,

Findt sich der Fall mehr eilig als liegend.

Ist aber das Wichtige überwiegend,

Wäre die Eile am unrechten Ort.

Meine Herren, sie haben nun die Prämissen,

Sie werden den Beschluß zu finden wissen.

 

 

Terzett

Hirt

 

 

Wenn sich der Sommermorgen still erhebt,

Kein Wölkchen in den blauen Lüften schwebt,

Mit Wonneschauern naht das Licht der Welt,

Daß sich die Ährenfelder leise neigen,

Da sink ich auf die Knie im stillen Feld,

Und bete, wenn noch alle Stimmen schweigen.

 

Jäger

 

 

Doch keiner atmet so den Strom von Lüften,

Als wie der Jäger in den grünen Klüften!

Wo euch der Atem schwindelnd schon vergangen,

Hat seine rechte Lust erst angefangen,

Wenn tief das Tal auffunkelt durch die Bäume,

Der Aar sich aufschwingt in die klaren Räume.

 

Hirt

 

 

Und sinkt der Mittag müde auf die Matten,

Rast ich am Bächlein in den kühlsten Schatten,

Ein leises Flüstern geht in allen Bäumen,

Das Bächlein plaudert wirre wie in Träumen,

Die Erde säuselt kaum, als ob sie schliefe,

Und mit den Wolken in den stillen Räumen

Schiff ich still fort zur unbekannten Tiefe.

 

Jäger

 

 

Und wenn die Tiefe schwül und träumend ruht,

Steh ich am Berg wie auf des Landes Hut,

Seh fern am Horizont die Wetter steigen,

Und durch die Wipfel, die sich leise neigen,

Rauscht droben schwellend ein gewaltig Lied,

Das ewig frisch mir durch die Seele zieht.

 

Hirt

 

 

Es blitzt von fern, die Heimchen Ständchen bringen,

Und unter Blüten, die im Wind sich rühren,

Die Mädchen plaudernd sitzen vor den Türen;

Da laß ich meine Flöte drein erklingen,

Daß ringsum durch die laue Sommernacht

In Fels und Brust der Widerhall erwacht.

 

Jäger

 

 

Doch wenn die Täler unten längst schon dunkeln,

Seh ich vom Berge noch die Sonne funkeln,

Der Adler stürzt sich jauchzend in die Gluten,

Es bricht der Strom mit feuertrunknen Fluten

Durchs enge Steingeklüft, wie er sich rette

Zum ew’gen Meer – ach, wer da Flügel hätte!

 

Angela

 

 

Wenn von den Auen

Die Flöte singt,

Aus Waldesrauschen

Das Horn erklingt,

Da steh ich sinnend

Im Morgenlicht –

Wem ich soll folgen,

Ich weiß es nicht.

 

Doch kehrt ihr beide

Im letzten Strahl

Der Sonne wieder

Zurück ins Tal,

Schaut mir so freudig

Ins Angesicht:

Da weiß ich’s plötzlich –

Doch sag ich’s nicht.

 

 

Intermezzo

Chor der Schmiede

Bist zum künft’gen Holmgang

Nun gehämmert, Nordmann!

Schlängelt sich im Todkampf

Glutrot einst dein Schwertblitz –

Sehr weint da die Heldbraut –

Denk! der Waffenmeister

Hämmert, singet! Ist’s auch

Ungereimt, so klappt’s doch!

 

 

Morgenlied

Ein Stern still nach dem andern fällt

Tief in des Himmels Kluft,

Schon zucken Strahlen durch die Welt,

Ich wittre Morgenluft.

 

In Qualmen steigt und sinkt das Tal;

Verödet noch vom Fest

Liegt still der weite Freudensaal,

Und tot noch alle Gäst.

 

Da hebt die Sonne aus dem Meer

Eratmend ihren Lauf;

Zur Erde geht, was feucht und schwer,

Was klar, zu ihr hinauf.

 

Hebt grüner Wälder Trieb und Macht

Neurauschend in die Luft,

Zieht hinten Städte, eitel Pracht,

Blau Berge durch den Duft.

 

Spannt aus die grünen Tepp’che weich,

Von Strömen hell durchrankt,

Und schallend glänzt das frische Reich,

So weit das Auge langt.

 

Der Mensch nun aus der tiefen Welt

Der Träume tritt heraus,

Freut sich, daß alles noch so hält,

Daß noch das Spiel nicht aus.

 

Und nun geht’s an ein Fleißigsein!

Umsumsend Berg und Tal

Agieret lustig groß und klein

Den Plunder allzumal.

 

Die Sonne steiget einsam auf,

Ernst über Lust und Weh

Lenkt sie den ungestörten Lauf

Zu stiller Glorie. –

 

Und wie er dehnt die Flügel aus,

Und wie er auch sich stellt,

Der Mensch kann nimmermehr hinaus

Aus dieser Narrenwelt.

 

 

Intermezzo

Chor der Schneider

Nur vom Ganzen frisch gerissen,

Eh die Ware ganz verschlissen,

Hier ein uralt gülden Stück,

Gibt so ‘n gewissen frommen Blick,

Hier ein bunter welscher Flick,

Drauf ein Stück Hausleinewand,

Macht das Welsche erst pikant.

Hie ‘nen Fetzen Bärenhaut,

Daß man auch das Deutsche schaut,

Drüber einen span’schen Kragen,

Das Erhabne wird behagen,

Frisch gestichelt, fein zum Werke,

Und wird auch nichts Ganzes draus,

Sieht es doch gar niedlich aus.

 

 

Guter Rat

Springer, der in luft’gem Schreiten

Über die gemeine Welt,

Kokettieret mit den Leuten,

Sicherlich vom Seile fällt.

 

Schiffer, der nach jedem Winde

Blas er witzig oder dumm,

Seine Segel stellt geschwinde,

Kommt im Wasser schmählich um.

 

Weisen Sterne doch die Richtung,

Hörst du nachts doch fernen Klang,

Dorthin liegt das Land der Dichtung,

Fahre zu und frag nicht lang.

 

 

Umkehr

Leben kann man nicht von Tönen,

Poesie geht ohne Schuh,

Und so wandt ich denn der Schönen

Endlich auch den Rücken zu.

 

Lange durch die Welt getrieben

Hat mich nun die irre Hast,

Immer doch bin ich geblieben

Nur ein ungeschickter Gast.

 

Überall zu spät zum Schmause

Kam ich, wenn die andern voll,

Trank die Neigen vor dem Hause,

Wußt nicht, wem ich’s trinken soll.

 

Mußt mich vor Fortuna bücken

Ehrfurchtsvoll bis auf die Zeh’n,

Vornehm wandt sie mir den Rücken,

Ließ mich so gebogen stehn.

 

Und als ich mich aufgerichtet

Wieder frisch und frei und stolz,

Sah ich Berg’ und Tal gelichtet,

Blühen jedes dürre Holz.

 

Welt hat eine plumpe Pfote,

Wandern kann man ohne Schuh –

Deck mit deinem Morgenrote

Wieder nur den Wandrer zu!

 

 

Intermezzo

Blonder Ritter

Blonder Ritter, blonder Ritter,

Deine Blicke, weltschmerzdunkel,

Statt durch Helmes Eisengitter,

Durch die Brille gläsern funkeln.

 

Hinterm Ohre, statt vom Leder,

Zornig mit verwegner Finte

Ziehst du statt des Schwerts die Feder,

Und statt Blutes fließet Dinte.

 

Federspritzeln, Ehr beklecken,

Ungeheueres Geschnatter!

Wilde Recken, wilde Recken,

Trampelt nicht die Welt noch platter.

 

 

Liedesmut

Was Lorbeerkranz und Lobestand!

Es duftet still die Frühlingsnacht

Und rauscht der Wald vom Felsenrand,

Ob’s jemand hört, ob niemand wacht.

 

Es schläft noch alles Menschenkind,

Da pfeift sein lust’ges Wanderlied

Schon übers Feld der Morgenwind

Und frägt nicht erst, wer mit ihm zieht.

 

Und ob ihr all zu Hause saßt,

Der Frühling blüht doch, weil er muß,

Und ob ihr’s lest oder bleibenlaßt,

Ich singe doch aus frischer Brust.

 

 

Entgegnung

»Sei antik doch, sei teutonisch,

Lern, skandiere unverdrossen,

Freundchen, aber nur ironisch!

Und vor allem laß die Possen,

Die man sonst genannt: romantisch.« –

Also hört man’s ringsher schallen;

Aber mich bedünkt: pedantisch,

Sei das Schlimmste doch von allen.

 

Wem der Herr den Kranz gewunden,

Wird nach alledem nicht fragen,

Sondern muß, wie er’s befunden,

Auf die eigne Weise sagen,

Stets aufs neu mit freud’gem Schrecken,

Ist sie auch die alte blieben,

Sich die schöne Welt entdecken,

Ewig jung ist, was wir lieben!

 

Oft durch des Theaters Ritzen

Bricht’s mit wunderbarem Lichte,

Wenn der Herr in feur’gen Blitzen

Dichtend schreibt die Weltgeschichte,

Und das ist der Klang der Wehmut,

Der durch alle Dichtergeister

Schauernd geht, wenn sie in Demut

Über sich erkannt den Meister.

 

 

Der Isegrim

Aktenstöße nachts verschlingen,

Schwatzen nach der Welt Gebrauch,

Und das große Tretrad schwingen

Wie ein Ochs, das kann ich auch.

 

Aber glauben, daß der Plunder

Eben nicht der Plunder wär,

Sondern ein hochwichtig Wunder,

Das gelang mir nimmermehr.

 

Aber andre überwitzen,

Daß ich mit dem Federkiel

Könnt den morschen Weltbau stützen,

Schien mir immer Narrenspiel.

 

Und so, weil ich in dem Drehen

Da steh oft wie ein Pasquill,

Läßt die Welt mich eben stehen –

Mag sie’s halten, wie sie will!

 

 

Tafellieder

1. (Damen-Liedertafel in Danzig)

Die Frauen

 

 

Gleich wie Echo frohen Liedern

Fröhlich Antwort geben muß,

So auch nahn wir und erwidern

Dankend den galanten Gruß.

 

Die Männer

 

 

Oh, ihr Güt’gen und Charmanten!

Für des Echos holden Schwung

Nehmt der lust’gen Musikanten

Ganz ergebne Huldigung!

 

Frauen

 

 

Doch ihr huldigt, will’s uns dünken,

Andern Göttern nebenbei.

Rot und golden sehn wir’s blinken –

Sagt, wie das zu nehmen sei?

 

Männer

 

 

Teure! zierlich, mit drei Fingern,

Sichrer, mit der ganzen Hand –

Und so füllt man aus den Dingern

‘s Glas nicht halb, nein, bis zum Rand.

 

Frauen

 

 

Nun, wir sehen, ihr seid Meister.

Doch wir sind heut liberal;

Hoffentlich, als schöne Geister,

Treibt ihr’s etwas ideal.

 

Männer

 

 

Jeder nippt und denkt die Seine,

Und wer nichts Besondres weiß:

Nun – der trinkt ins Allgemeine

Frisch zu aller Schönen Preis!

 

Alle

 

 

Recht so! Klingt denn in die Runde

An zu Dank und Gegendank!

Sänger, Fraun, wo die im Bunde,

Da gibt’s einen hellen Klang!

 

2. Trinken und Singen

Viel Essen macht viel breiter

Und hilft zum Himmel nicht,

Es kracht die Himmelsleiter,

 

Kommt so ein schwerer Wicht.

Das Trinken ist gescheiter,

Das schmeckt schon nach Idee,

Da braucht man keine Leiter,

Das geht gleich in die Höh.

 

Chor

 

 

Da braucht man keine Leiter,

Das geht gleich in die Höh.

 

Viel Reden ist manierlich:

»Wohlauf?« – Ein wenig flau. –

»Das Wetter ist spazierlich.«

Was macht die liebe Frau? –

»Ich danke« – und so weiter,

Und breiter als ein See

Das Singen ist gescheiter,

Das geht gleich in die Höh.

 

Chor

 

 

Das Singen ist gescheiter,

Das geht gleich in die Höh.

 

Die Fisch und Musikanten

Die trinken beide frisch,

Die Wein, die andern Wasser –

Drum hat der dumme Fisch

Statt Flügel Flederwische

Und liegt elend im See –

Doch wir sind keine Fische,

Das geht gleich in die Höh.

 

Chor

 

 

Doch wir sind keine Fische,

Das geht gleich in die Höh.

 

Ja, Trinken frisch und Singen

Das bricht durch alles Weh,

Das sind zwei gute Schwingen,

Gemeine Welt, ade!

Du Erd mit deinem Plunder,

Ihr Fische samt der See,

‘s geht alles, alles unter,

Wir aber in die Höh!

 

Chor

 

 

‘s geht alles, alles unter,

Wir aber in die Höh!

 

 

3. Zum Abschied

Horcht! die Stunde hat geschlagen,

Und ein Schiffer steht am Bord,

Grüßt noch einmal, und es tragen

Ihn die Wellen rauschend fort.

 

Sturm wühlt, und die Zeiten bäumen

Sehnsüchtig sich himmelan,

Hoch in solcher Wellen Schäumen

Segle, kühner Steuermann!

 

Und den letzten Becher, Brüder,

Eh wir hier verlassen stehn,

Und den letzten Klang der Lieder

Auf ein freudig Wiedersehn!

 

 

4. Berliner Tafel

Viele Lerchen hellerwacht,

Die zum Himmel steigen,

Viele Sterne in der Nacht,

Vieler Wipfel Neigen,

Viele frische Herzen dann,

Die begeistert lauschen –

Da bricht erst der Lenz recht an,

Klang und Waldesrauschen.

 

So sind viele hier gesellt:

Rüstige Gesellen,

Die ihr’ Sach auf Klang gestellt,

Schauspiel und Novellen,

Viele dann, die recht sich freun,

Wenn wir’s löblich machen,

Und, greift einer falsch darein,

Auch von Herzen lachen.

 

Und wo solche Resonanz,

Klingt das Lied erst helle,

Wie wir hier vereint zum Kranz,

Blüht die sand’ge Schelle,

Kuckuck ruft und Nachtigall

Und von Lust und Schmerzen

Weckt der Schall den Widerhall

Rings in tausend Herzen.

 

Ein Land, das ihr schweigend meint

Und wir freudig singen,

Und ein Meer, das uns vereint

Soll hinüberbringen.

Frische Fahrt denn, nah und fern,

Allen mut’gen Seglern,

Die getreu dem rechten Stern,

Schleglern oder Heglern!

 

 

5. Die Haimonskinder

Auf feur’gem Rosse kommt Bacchus daher,

Den Becher hoch in der Hand,

Sein Rößlein wird wild, sein Kopf ist ihm schwer,

Er verschüttet den Wein auf das Land.

 

Den Dichter erbarmet der Rebensaft,

In den Bügel er kühn sich stellt

Und trinkt mit dem Gotte Brüderschaft –

Nun geht’s erst, als ging’s aus der Welt!

 

»Ei, sieh da, so einsam, Herr Komponist!

Steig auf mit, ‘s ist schad um die Schuh,

Du löst erst die Schwinge – und wo keine ist,

Da mach uns die Flügel dazu!«

 

Und was sie ersonnen nun, singen die drei.

»O weh!« ruft ein Sänger herauf,

»Ihr schreit ja die köstlichsten Noten entzwei!«

Und schwingt zu den dreien sich auf.

 

Nun setzt der Tonkünstler, skandiert der Poet,

Der Sänger gibt himmlischen Schall,

Es lächelt Herr Bacchus: »Wahrhaftig, das geht,

Und ‘s Trinken verstehen sie all.«

 

Und wie sie nun alle beisammen sind,

Hebt’s sachte die seligen Leut,

Es wachsen dem Rosse zwei Schwingen geschwind

Und überfliegen die Zeit.

 

 

6. Der alte Held

(Tafellied zu Goethes Geburtstag 1831)

 

 

»Ich habe gewagt und gesungen,

Da die Welt noch stumm lag und bleich,

Ich habe den Bann bezwungen,

Der die schöne Braut hielt umschlungen,

Ich habe erobert das Reich.

 

Ich habe geforscht und ergründet

Und tat es euch treulich kund:

Was das Leben dunkel verkündet,

Die Heilige Schrift, die entzündet

Der Herr in der Seelen Grund.

 

Wie rauschen nun Wälder und Quellen

Und singen vom ewigen Port:

Schon seh ich Morgenrot schwellen,

Und ihr dort, ihr jungen Gesellen,

Fahrt immer immerfort!«

 

Und so, wenn es still geworden,

Schaut er vom Turm bei Nacht

Und segnet den Sängerorden,

Der an den blühenden Borden

Das schöne Reich bewacht.

 

Dort hat er nach Lust und Streiten

Das Panner aufgestellt,

Und die auf dem Strome der Zeiten

Am Felsen vorübergleiten,

Sie grüßen den alten Held.

 

 

7. Toast

Auf das Wohlsein der Poeten,

Die nicht schillern und nicht goethen,

Durch die Welt in Lust und Nöten

Segelnd frisch auf eignen Böten.

 

 

Treue

Frisch auf, mein Herz! wie heiß auch das Gedränge,

Bewahr ich doch mir kühl und frei die Brust!

Schickt Wald und Flur doch noch die alten Klänge,

Erschütternd mich mit wunderbarer Lust.

Und ob die Woge feindlich mit mir ränge:

So frömmer nur sing ich aus treuer Brust;

Da bleicht das Wetter, Himmelblau scheint helle,

Das Meer wird still und zum Delphin die Welle.

 

»Was wollt Ihr doch mit Eurem Liederspaße!

Des Würd’gern beut die große Zeit so viel!«

So schallt’s hoffärtig nun auf jeder Gasse,

Und jeder steckt sich dreist sein glänzend Ziel.

Die Lieder, die ich stammelnd hören lasse,

Ew’ger Gefühle schwaches Widerspiel –

Sie sind es wahrlich auch nicht, was ich meine,

Denn ewig unerreichbar ist das Eine.

 

Doch lieben oft, der Sehnsucht Glut zu mildern,

Gefangne wohl, das ferne Vaterland

An ihres Kerkers Mauern abzuschildern.

Ein Himmelsstrahl fällt schweifend auf die Wand,

Da rührt’s lebendig sich in allen Bildern. –

Dem Auge scheint’s ein lieblich bunter Tand –

Doch wer der lichten Heimat recht zu eigen,

Dem wird der Bilder ernster Geist sich zeigen.

 

So wachse denn und treibe fröhlich Blüte,

Du kräftig grüner, deutscher Sangesbaum!

Rausch nur erfrischend fort mir ins Gemüte

Aus deiner Wipfel klarem Himmelsraum!

Du aber, wunderbare, ew’ge Güte,

Die mir den Himmel wies im schönen Traum,

Erhalt auf Erden rüstig mir die Seele,

Daß ich, wo’s immer ehrlich gilt, nicht fehle!

 

 

Heimweh

An meinen Bruder

 

 

Du weißt’s, dort in den Bäumen

Schlummert ein Zauberbann,

Und nachts oft, wie in Träumen,

Fängt der Garten zu singen an.

 

Nachts durch die stille Runde

Weht’s manchmal bis zu mir,

Da ruf ich aus Herzensgrunde,

O Bruderherz, nach dir.

 

So fremde sind die andern,

Mir graut im fremden Land,

Wir wollen zusammen wandern,

Reich treulich mir die Hand!

 

Wir wollen zusammen ziehen,

Bis daß wir wandermüd

Auf des Vaters Grabe knieen

Bei dem alten Zauberlied.

 

 

Dichterlos

Für alle muß vor Freuden

Mein treues Herze glühn,

Für alle muß ich leiden,

Für alle muß ich blühn,

Und wenn die Blüten Früchte haben,

Da haben sie mich längst begraben.

 

 

Spruch

Bau nur auf Weltgunst recht

Und paß auf jeden Wink und Gruß,

Wirst dabei nimmer fröhlich werden!

Es hat’s kein Hund so schlecht,

Der hinter seinen Herren muß,

Nicht frei spazieren kann auf Erden.

 

 

Lockung

Hörst du nicht die Bäume rauschen

Draußen durch die stille Rund?

Lockt’s dich nicht, hinabzulauschen

Von dem Söller in den Grund,

Wo die vielen Bäche gehen

Wunderbar im Mondenschein

Und die stillen Schlösser sehen

In den Fluß vom hohen Stein?

 

Kennst du noch die irren Lieder

Aus der alten, schönen Zeit?

Sie erwachen alle wieder

Nachts in Waldeseinsamkeit,

Wenn die Bäume träumend lauschen

Und der Flieder duftet schwül

Und im Fluß die Nixen rauschen –

Komm herab, hier ist’s so kühl.

 

 

Rückblick

Ich wollt im Walde dichten

Ein Heldenlied voll Pracht,

Verwickelte Geschichten,

Recht sinnreich ausgedacht.

Da rauschten Bäume, sprangen

Vom Fels die Bäche drein,

Und tausend Stimmen klangen

Verwirrend aus und ein.

Und manches Jauchzen schallen

Ließ ich aus frischer Brust,

Doch aus den Helden allen

Ward nichts vor tiefer Lust.

 

Kehr ich zur Stadt erst wieder

Aus Feld und Wäldern kühl,

Da kommen all die Lieder

Von fern durchs Weltgewühl,

Es hallen Lust und Schmerzen

Noch einmal leise nach,

Und bildend wird im Herzen

Die alte Wehmut wach,

Der Winter auch derweile

Im Feld die Blumen bricht –

Dann gibt’s vor Langerweile

Ein überlang Gedicht!

 

 

Zweifel

Könnt es jemals denn verblühen,

Dieses Glänzen, dieses Licht,

Das durch Arbeit, Sorgen, Mühen

Wie der Tag durch Wolken bricht,

Blumen, die so farbig glühen,

Um das öde Leben flicht?

 

Golden sind des Himmels Säume,

Abwärts ziehen Furcht und Nacht,

Rüstig rauschen Ström und Bäume

Und die heitre Runde lacht,

Ach, das sind nicht leere Träume,

Was im Busen da erwacht!

 

Bunt verschlingen sich die Gänge,

Tost die Menge her und hin,

Schallen zwischendrein Gesänge,

Die durchs Ganze golden ziehn,

Still begegnet im Gedränge

Dir des Lebens ernster Sinn.

 

Und das Herz denkt sich verloren,

Besser andrer Tun und Wust,

Fühlt sich wieder dann erkoren,

Ewig einsam doch die Brust.

O des Wechsels, o des Toren,

O der Schmerzen, o der Lust!

 

 

Dichterglück

O Welt, bin dein Kind nicht von Hause,

Du hast mir nichts geschenkt,

So hab ich denn frisch meine Klause

In Morgenrot mir versenkt.

 

Fortuna, streif nur die Höhen

Und wende dein Angesicht,

Ich bleibe im Wald bei den Rehen,

Flieg zu, wir brauchen dich nicht.

 

Und ob auf Höhn und im Grunde

Kein Streifchen auch meine blieb,

Ich segne dich, schöne Runde,

Ich habe dich dennoch so lieb!

 

 

Glückliche Fahrt

Wünsche sich mit Wünschen schlagen,

Und die Gier wird nie gestillt.

Wer ist in dem wüsten Jagen

Da der Jäger, wer das Wild?

Selig, wer es fromm mag wagen,

Durch das Treiben dumpf und wild

In der festen Brust zu tragen

Heil’ger Schönheit hohes Bild!

 

Sieh, da brechen tausend Quellen

Durch die felsenharte Welt,

Und zum Strome wird ihr Schwellen,

Der melodisch steigt und fällt.

Ringsum sich die Fernen hellen,

Gottes Hauch die Segel schwellt –

Rettend spülen sich die Wellen

In des Herzens stille Welt.

 

 

Sommerschwüle

1.

Ich klimm zum Berg und schau zur niedern Erde,

Ich klimm hinab und schau die Berge an,

Süß-melancholisch spitzt sich die Gebärde

Und gift’ge Weltverachtung ficht mich an;

Doch will aus Schmerz und Haß nichts Rechtes werden.

Ermanne dich! – Ich bin doch wohl ein Mann? –

Und ach! wie träge Silb aus Silbe schleichet,

Mit Not hab ich den letzten Reim erreichet.

 

O weg mit Reim und Leierklang und Singen!

Faß, Leben, wieder mich lebendig an!

Mit deiner Woge will ich freudig ringen,

Die tief mich stürzt, hebt mich auch himmelan.

Im Sturme spannt der Adler seine Schwingen –

Blas zu! da spür ich wieder, daß ich Mann!

Viel lieber will ich raschen Tod erwerben,

Als, so verschmachtend, lebenslang zu sterben.

 

 

2.

Die Nachtigall schweigt, sie hat ihr Nest gefunden,

Träg ziehn die Quellen, die so kühle sprangen,

Von trüber Schwüle liegt die Welt umfangen,

So hat den Lenz der Sommer überwunden.

 

Noch nie hat es die Brust so tief empfunden,

Es ist, als ob viel Stimmen heimlich sangen:

»Auch dein Lenz, froher Sänger, ist vergangen,

An Weib und Kind ist nun der Sinn gebunden!«

 

O komm, Geliebte, komm zu mir zurücke!

Kann ich nur deine hellen Augen schauen,

Fröhlich Gestirn in dem verworrnen Treiben:

 

Wölbt hoch sich wieder des Gesanges Brücke,

Und kühn darf ich der alten Lust vertrauen,

Denn ew’ger Frühling will bei Liebe bleiben.

 

Frisch auf!

Ich saß am Schreibtisch bleich und krumm,

Es war mir in meinem Kopf ganz dumm

Vor Dichten, wie ich alle die Sachen

Sollte aufs allerbeste machen.

Da guckt am Fenster im Morgenlicht

Durchs Weinlaub ein wunderschönes Gesicht,

Guckt und lacht, kommt ganz herein

Und kramt mir unter den Blättern mein.

Ich, ganz verwundert: »Ich sollt dich kennen« –

Sie aber, statt ihren Namen zu nennen:

»Pfui, in dem Schlafrock siehst ja aus

Wie ein verfallenes Schilderhaus!

Willst du denn hier in der Tinte sitzen,

Schau, wie die Felder da draußen blitzen!«

So drängt sie mich fort unter Lachen und Streit,

Mir tat’s um die schöne Zeit nur leid.

Drunten aber unter den Bäumen

Stand ein Roß mit funkelnden Zäumen.

Sie schwang sich lustig mit mir hinauf,

Die Sonne draußen ging eben auf,

Und eh ich mich konnte bedenken und fassen,

Ritten wir rasch durch die stillen Gassen,

Und als wir kamen vor die Stadt,

Das Roß auf einmal zwei Flügel hatt,

Mir schauerte es recht durch alle Glieder:

»Mein Gott, ist’s denn schon Frühling wieder?« –

Sie aber wies mir, wie wir so zogen,

Die Länder, die unten vorüberflogen,

Und hoch über dem allerschönsten Wald

Machte sie lächelnd auf einmal halt.

Da sah ich erschrocken zwischen den Bäumen

Meine Heimat unten, wie in Träumen,

Das Schloß, den Garten und die stille Luft,

Die blauen Berge dahinter im Duft,

Und alle die schöne alte Zeit

In der wundersamen Einsamkeit.

Und als ich mich wandte, war ich allein,

Das Roß nur wiehert’ in den Morgen hinein,

Mir aber war’s, als wär ich wieder jung,

Und wußte der Lieder noch genung!

 

 

Kriegslied

Nicht mehr in Waldesschauern

An jäher Klüfte Rand,

Wo dunkle Tannen trauern,

Siehst du die Brut mehr lauern

Auf wüster Felsenwand.

 

Die Greifen nicht mehr fliegen,

Lindwürm auf heißem Sand

Nicht mehr mit Löwen kriegen,

Auf ihren Bäuchen liegen

Die Drachen im platten Land.

 

Doch wo das Leben schimmelt,

So weit man reisen kann,

Von Würmern es noch wimmelt,

Und was auf Erden himmelt,

Sie hauchen’s giftig an.

 

Noch halten sie in Schlingen

Die wunderschöne Braut,

Bei Nacht hört man ihr Singen

Die stille Luft durchdringen

Mit tiefem Klagelaut.

 

Das ist die Brut der Natter,

Die immer neu entstand:

Philister und ihre Gevatter,

Die machen groß Geschnatter

Im deutschen Vaterland.

 

Sankt Georg, du blanker Streiter,

Leg deine Lanze ein,

Und wo ein wackrer Reiter,

Dem noch das Herz wird weiter,

Der steche frisch mit drein!

 

 

Eldorado

Es ist von Klang und Düften

Ein wunderbarer Ort,

Umrankt von stillen Klüften,

Wir alle spielten dort.

 

Wir alle sind verirret,

Seitdem so weit hinaus

Unkraut die Welt verwirret,

Findt keiner mehr nach Haus.

 

Doch manchmal taucht’s aus Träumen,

Als läg es weit im Meer,

Und früh noch in den Bäumen

Rauscht’s wie ein Grüßen her.

 

Ich hört den Gruß verfliegen,

Ich folgt ihm über Land,

Und hatte mich verstiegen

Auf hoher Felsenwand.

 

Mein Herz ward mir so munter,

Weit hinten alle Not,

Als ginge jenseits unter

Die Welt in Morgenrot.

 

Der Wind spielt’ in den Locken,

Da blitzt’ es drunten weit,

Und ich erkannt erschrocken

Die alte Einsamkeit.

 

Nun jeden Morgenschimmer

Steig ich ins Blütenmeer,

Bis ich Glücksel’ger nimmer

Von dorten wiederkehr.

 

 

Frühlingsklage

Ach, was frommt das Wehen, Sprossen,

In der schönen Frühlingszeit:

Ist des Liedes Born verschlossen

Und der Seele Freudigkeit,

Die erst Blüten bringt den Sprossen

Und den Frühling in die Zeit.

 

Gib den alten Frieden wieder,

In der Brust den Sonnenschein,

Gib die Laute mir und Lieder,

Dann laß blühen oder schnein,

Selbst weck ich den Lenz mir wieder,

Sollt es auch der letzte sein!

 

 

An die Waldvögel

Konnt mich auch sonst mitschwingen

Übers grüne Revier,

Hatt ein Herze zum Singen

Und Flügel wie ihr.

 

Flog über die Felder,

Da blüht’ es wie Schnee,

Und herauf durch die Wälder

Spiegelt’ die See.

 

Ein Schiff sah ich gehen

Fort über das Meer,

Meinen Liebsten drin stehen –

Dacht meiner nicht mehr.

 

Und die Segel verzogen,

Und es dämmert’ das Feld,

Und ich hab mich verflogen

In der weiten, weiten Welt.

 

 

Vorwärts!

Wie der Strom sich schwingt

Aus den Wolken, die ihn tränken,

Alle Bäche verschlingt,

Sie ins Meer zu lenken –

Drein möcht ich versenken

Was in mir ringt!

 

Tritt nur mit in mein Schiff!

Wo wir landen oder stranden,

Erklinget das Riff,

Bricht der Lenz aus dem Sande,

Hinter uns dann ins Branden

Versenk ich das Schiff!

 

 

Frühe

Im Osten graut’s, der Nebel fällt,

Wer weiß, wie bald sich’s rühret!

Doch schwer im Schlaf noch ruht die Welt,

Von allem nichts verspüret.

 

Nur eine frühe Lerche steigt,

Es hat ihr was geträumet

Vom Lichte, wenn noch alles schweigt,

Das kaum die Höhen säumet.

 

 

Zum Abschied

Der Herbstwind schüttelt die Linde,

Wie geht die Welt so geschwinde!

Halte dein Kindlein warm.

Der Sommer ist hingefahren,

Da wir zusammen waren –

Ach, die sich lieben, wie arm!

 

Wie arm, die sich lieben und scheiden!

Das haben erfahren wir beiden,

Mir graut vor dem stillen Haus.

Dein Tüchlein noch läßt du wehen,

Ich kann’s vor Tränen kaum sehen,

Schau still in die Gasse hinaus.

 

Die Gassen schauen noch nächtig,

Es rasselt der Wagen bedächtig –

Nun plötzlich rascher der Trott

Durchs Tor in die Stille der Felder

Da grüßen so mutig die Wälder,

Lieb Töchterlein, fahre mit Gott!

 

 

Vergebner Ärger

Im alten Hause steh ich in Gedanken;

Es ist das Haus nicht mehr, der Wind mit Schauern

Geht durch das Gras im Hof, und Eulen lauern

In leeren Fenstern, die schon halb versanken.

 

Mich ärgern nur die jungen, kecken Ranken,

Die wie zum Spott noch schmücken Tor und Mauern,

Die grünen Birken, die mit falschem Trauern

Leicht überm Grabe meiner Lieben schwanken.

 

So, Nachteul selber, auf dem öden Gipfel

Saß ich in meines Jugendglücks Ruinen,

Dumpfbrütend über unerhörten Sorgen;

 

Da blitzten Frühlingslichter durch die Wipfel,

Die leuchtend unter mir das Land beschienen,

Und nichts nach Eulen fragt der junge Morgen.

 

 

Der Wegelagerer

Es ist ein Land, wo die Philister thronen,

Die Krämer fahren und das Grün verstauben,

Die Liebe selber altklug feilscht mit Hauben –

Herr Gott, wie lang willst du die Brut verschonen!

 

Es ist ein Wald, der rauscht mit grünen Kronen,

Wo frei die Adler horsten, und die Tauben

Unschuldig girren in den kühlen Lauben,

Die noch kein Fuß betrat – dort will ich wohnen!

 

Dort will ich nächtlich auf die Krämer lauern

Und kühn zerhaun der armen Schönheit Bande,

Die sie als niedre Magd zu Markte führen.

 

Hoch soll sie stehn auf grünen Felsenmauern,

Daß mahnend über alle stillen Lande

Die Lüfte nachts ihr Zauberlied verführen.

 

 

Der Glücksritter

Wenn Fortuna spröde tut,

Laß ich sie in Ruh,

Singe recht und trinke gut,

Und Fortuna kriegt auch Mut,

Setzt sich mit dazu.

 

Doch ich geb mir keine Müh:

»He, noch eine her!«

Kehr den Rücken gegen sie,

Laß hoch leben die und die –

Das verdrießt sie sehr.

 

Und bald rückt sie sacht zu mir:

»Hast du deren mehr?«

Wie Sie sehn. – »Drei Kannen schier,

Und das lauter Klebebier!« –

‘s wird mir gar nicht schwer.

 

Drauf sie zu mir lächelt fein:

»Bist ein ganzer Kerl!«

Ruft den Kellner, schreit nach Wein,

Trinkt mir zu und schenkt mir ein,

Echte Blum und Perl.

 

Sie bezahlet Wein und Bier,

Und ich, wieder gut,

Führe sie am Arm mit mir

Aus dem Haus, wie ‘n Kavalier,

Alles zieht den Hut.

 

 

Der Schreckenberger

Aufs Wohlsein meiner Dame,

Eine Windfahn ist ihr Panier

Fortuna ist ihr Name,

Das Lager ihr Quartier!

 

Und wendet sie sich weiter,

Ich kümmre mich nicht drum,

Da draußen ohne Reiter,

Da geht die Welt so dumm.

 

Statt Pulverblitz und Knattern

Aus jedem wüsten Haus

Gevattern sehn und schnattern

Alle Lust zum Land hinaus.

 

Fortuna weint vor Ärger,

Es rinnet Perl auf Perl.

»Wo ist der Schreckenberger?

Das war ein andrer Kerl.«

 

Sie tut den Arm mir reichen,

Fama bläst das Geleit,

So zu dem Tempel steigen

Wir der Unsterblichkeit.

 

Trost

Es haben viel Dichter gesungen

Im schönen deutschen Land,

Nun sind ihre Lieder verklungen,

Die Sänger ruhen im Sand.

 

Aber solange noch kreisen

Die Stern um die Erde rund,

Tun Herzen in neuen Weisen

Die alte Schönheit kund.

 

Im Walde da liegt verfallen

Der alten Helden Haus,

Doch aus den Toren und Hallen

Bricht jährlich der Frühling aus.

 

Und wo immer müde Fechter

Sinken im mutigen Strauß,

Es kommen frische Geschlechter

Und fechten es ehrlich aus.

 

 

 

An die Dichter

Wo treues Wollen, redlich Streben

Und rechten Sinn der Rechte spürt,

Das muß die Seele ihm erheben,

Das hat mich jedesmal gerührt.

 

Das Reich des Glaubens ist geendet,

Zerstört die alte Herrlichkeit,

Die Schönheit weinend abgewendet,

So gnadenlos ist unsre Zeit.

 

O Einfalt, gut in frommen Herzen,

Du züchtig schöne Gottesbraut!

Dich schlugen sie mit frechen Scherzen,

Weil dir vor ihrer Klugheit graut.

 

Wo findst du nun ein Haus, vertrieben,

Wo man dir deine Wunder läßt,

Das treue Tun, das schöne Lieben,

Des Lebens fromm vergnüglich Fest?

 

Wo findest du den alten Garten,

Dein Spielzeug, wunderbares Kind,

Der Sterne heil’ge Redensarten,

Das Morgenrot, den frischen Wind?

 

Wie hat die Sonne schön geschienen!

Nun ist so alt und schwach die Zeit;

Wie stehst so jung du unter ihnen,

Wie wird mein Herz mir stark und weit!

 

Der Dichter kann nicht mit verarmen;

Wenn alles um ihn her zerfällt,

Hebt ihn ein göttliches Erbarmen –

Der Dichter ist das Herz der Welt.

 

Den blöden Willen aller Wesen,

Im Irdischen des Herren Spur,

Soll er durch Liebeskraft erlösen,

Der schöne Liebling der Natur.

 

Drum hat ihm Gott das Wort gegeben,

Das kühn das Dunkelste benennt,

Den frommen Ernst im reichen Leben,

Die Freudigkeit, die keiner kennt.

 

Da soll er singen frei auf Erden,

In Lust und Not auf Gott vertraun,

Daß aller Herzen freier werden,

Eratmend in die Klänge schaun.

 

Der Ehre sei er recht zum Horte,

Der Schande leucht er ins Gesicht!

Viel Wunderkraft ist in dem Worte,

Das hell aus reinem Herzen bricht.

 

Vor Eitelkeit soll er vor allen

Streng hüten sein unschuld’ges Herz,

Im Falschen nimmer sich gefallen,

Um eitel Witz und blanken Scherz.

 

Oh, laßt unedle Mühe fahren,

O klingelt, gleißt und spielet nicht

Mit Licht und Gnad, so ihr erfahren,

Zur Sünde macht ihr das Gedicht!

 

Den lieben Gott laß in dir walten,

Aus frischer Brust nur treulich sing!

Was wahr in dir, wird sich gestalten,

Das andre ist erbärmlich Ding. –

 

Den Morgen seh ich ferne scheinen,

Die Ströme ziehn im grünen Grund,

Mir ist so wohl! – die’s ehrlich meinen,

Die grüß ich all aus Herzensgrund!

 

 

Wünschelrute

Schläft ein Lied in allen Dingen,

Die da träumen fort und fort,

Und die Welt hebt an zu singen,

Triffst du nur das Zauberwort.

 

 

3. Zeitlieder

 

Wo ruhig sich und wilder

Unstete Wellen teilen,

Des Lebens schöne Bilder

Und Kläng verworren eilen,

Wo ist der sichre Halt? –

So ferne, was wir sollen,

So dunkel, was wir wollen,

Faßt alle die Gewalt.

 

 

Die Freunde

1.

Wer auf den Wogen schliefe,

Ein sanft gewiegtes Kind,

Kennt nicht des Lebens Tiefe,

Vor süßem Träumen blind.

 

Doch wen die Stürme fassen

Zu wildem Tanz und Fest,

Wen hoch auf dunklen Straßen

Die falsche Welt verläßt:

 

Der lernt sich wacker rühren,

Durch Nacht und Klippen hin

Lernt der das Steuer führen

Mit sichrem, ernstem Sinn.

 

Der ist vom echten Kerne,

Erprobt zu Lust und Pein,

Der glaubt an Gott und Sterne,

Der soll mein Schiffmann sein!

 

 

2.

An L …

 

 

Vor mir liegen deine Zeilen,

Sind nicht Worte, Schriften nicht,

Pfeile, die verwundend heilen,

Freundesaugen, treu und schlicht.

 

Niemals konnte so mich rühren

Noch der Liebsten Angesicht,

Wenn uns Augen süß verführen,

Und die Welt voll Glanz und Licht:

 

Als in Freundesaugen lesen

Meiner eignen Seele Wort,

Fester Treue männlich Wesen,

In Betrübnis Trost und Hort.

 

So verschlingen in Gedanken

Sich zwei Stämme wundertreu,

Andre dran sich mutig ranken

Kron an Krone immer neu.

 

Prächt’ger Wald, wo’s kühl zu wohnen,

Stille wachsend Baum an Baum,

Mit den brüderlichen Kronen

Rauschend in dem Himmelsraum!

3.

 

An L …

 

 

Mit vielem will die Heimat mich erfreuen,

Ein heitres Schloß an blaugewundnem Flusse,

Gesell’ge Lust, Mutwill und frohe Muße,

Der Liebe heitres Spiel, süß zu zerstreuen.

 

Doch wie die Tage freundlich sich erneuen,

Fehlt doch des Freundes Brust in Tat und Muße,

Der Ernst, der herrlich schwelget im Genusse,

Des reichen Blicks sich wahr und recht zu freuen.

 

Wo zwei sich treulich nehmen und ergänzen,

Wächst unvermerkt das freud’ge Werk der Musen.

Drum laß mich wieder, Freund, ans Herz dich drücken!

 

Uns beide will noch schön das Leben schmücken

Mit seinen reichen, heitern, vollen Kränzen,

Der Morgenwind wühlt um den offnen Busen!

4.

 

An Fräulein …

 

 

Schalkhafte Augen reizend aufgeschlagen,

Die Brust empört, die Wünsche zu verschweigen,

Sieht man den leichten Zelter dich besteigen,

Nach Lust und Scherzen durch den Lenz zu jagen.

 

Zu jung, des Lebens Ernste zu entsagen –

Kann ich nicht länger spielen nun und schweigen,

Wer Herrlichs fühlt, der muß sich herrlich zeigen,

Mein Ruhen ist ein ewig frisches Wagen.

 

Laß mich, solang noch trunken unsre Augen,

Ein’n blühnden Kranz aus den vergangnen Stunden

Dir heiter um die weiße Stirne winden;

 

Frag nicht dann, was mich deinem Arm entwunden,

Drück fest den Kranz nur in die muntern Augen,

Mein Haupt will auch und soll den seinen finden!

5.

 

An Fouqué

 

 

1.

 

Seh ich des Tages wirrendes Beginnen,

Die bunten Bilder fliehn und sich vereinen,

Möcht ich das schöne Schattenspiel beweinen,

Denn eitel ist, was jeder will gewinnen.

 

Doch wenn die Straßen leer, einsam die Zinnen

Im Morgenglanze wie Kometen scheinen,

Ein stiller Geist steht auf den dunklen Steinen,

Als wollt er sich auf alte Zeit besinnen:

 

Da nimmt die Seele rüstig sich zusammen,

An Gott gedenkend und an alles Hohe,

Was rings gedeihet auf der Erden Runde.

 

Und aus dem Herzen lang verhaltne Flammen,

Sie brechen fröhlich in des Morgens Lohe,

Da grüß ich, Sänger, dich aus Herzensgrunde!

 

2.

 

Von Seen und Wäldern eine nächt’ge Runde

Sah ich, und Drachen ziehn mit glühnden Schweifen,

In Eicheswipfeln einen Horst von Greifen,

Das Nordlicht schräge leuchtend überm Grunde.

 

Durch Qualm dann klingend brach die Morgenstunde,

Da schweiften Ritter blank durch Nebelstreifen,

Durch Winde scharf, die auf der Heide pfeifen,

Ein Harfner sang, lobt’ Gott aus Herzensgrunde.

 

Tiefatmend stand ich über diesen Klüften,

Des Lebens Mark rührt’ schauernd an das meine,

Wie ein geharn’schter Riese da erhoben.

 

Kein ird’scher Laut mehr reichte durch die Lüfte,

Mir war’s, als stände ich mit Gott alleine,

So einsam, weit und sternhell war’s da oben.

 

3.

 

In Stein gehaun, zwei Löwen stehen draußen,

Bewachen ewig stumm die heil’ge Pforte.

Wer sich, die Brust voll Weltlust, naht dem Orte,

Den füllt ihr steinern Blicken bald mit Grausen.

 

Dir wächst dein Herz noch bei der Wälder Sausen,

Dich rühren noch die wilden Riesenworte,

Nur Gott vertraund, dem höchsten Schirm und Horte –

So magst du bei den alten Wundern hausen.

 

Ob auch die andern deines Lieds nicht achten,

Der Heldenlust und zarten Liebesblüte,

Gedanken treulos wechselnd mit der Mode:

 

So felsenfester sei dein großes Trachten,

Hau klingend Luft dir, ritterlich Gemüte!

 

Der Riese

Es saß ein Mann gefangen

Auf einem hohen Turm,

Die Wetterfähnlein klangen

Gar seltsam in den Sturm.

 

Und draußen hört’ er ringen

Verworrner Ströme Gang,

Dazwischen Vöglein singen

Und heller Waffen Klang.

 

Ein Liedlein scholl gar lustig:

Heisa, solang Gott will!

Und wilder Menge Tosen;

Dann wieder totenstill.

 

So tausend Stimmen irren,

Wie Wind’ im Meere gehn,

Sich teilen und verwirren,

Er konnte nichts verstehn.

 

Doch spürt’ er, wer ihn grüße,

Mit Schaudern und mit Lust,

Es rührt’ ihm wie ein Riese

Das Leben an die Brust.

 

Sängerfahrt

Kühlrauschend unterm hellen

Tiefblauen Himmelsdom

Treibt seine klaren Wellen

Der ew’gen Jugend Strom.

 

Viel rüstige Gesellen,

Den Argonauten gleich,

Sie fahren auf den Wellen

Ins duft’ge Frühlingsreich.

 

Ich aber faß den Becher

Daß es durchs Schiff erklingt,

Am Mast steh ich als Sprecher,

Der für euch alle singt.

 

Wie stehn wir hier so helle!

Wird mancher bald schlafen gehn,

O Leben, wie bist du schnelle,

O Leben, wie bist du schön!

 

Gegrüßt, du weite Runde,

Burg auf der Felsenwand,

Du Land voll großer Kunde,

Mein grünes Vaterland!

 

Euch möcht ich alles geben,

Und ich bin fürstlich reich,

Mein Herzblut und mein Leben,

Ihr Brüder, alles für euch!

 

So fahrt im Morgenschimmer!

Sei’s Donau oder Rhein,

Ein rechter Strom bricht immer

Ins ew’ge Meer hinein.

 

 

In das Stammbuch der M.H.

Akrostichon mit aufgegebenen Endreimen

Ist hell der Himmel, heiter alle Wellen,

Betritt der Schiffer wieder seine Wogen,

Vorüber Wald und Berge schnell geflogen,

Er muß, wohin die vollen Segel schwellen.

In Duft versinken bald all liebe Stellen,

Cypressen nur noch ragen aus den Wogen,

Herüber kommt manch süßer Laut geflogen,

Es trinkt das Meer der Klagen sanfte Quellen.

Nichts weilt. – Doch zaubern Treue und Verlangen,

Da muß sich blühnder alte Zeit erneuern,

Oeffnet die Ferne drauf die Wunderlichtung,

Ruht dein Bild drin, bekränzt in heil’ger Dichtung.

Fern laß den Freund nach Ost und West nur steuern,

Frei scheint er wohl – du hältst ihn doch gefangen!

 

 

In E…s Stammbuch

Mit einem Blatte, ein Bergschloß vorstellend

In klaren Ebenmaßen, schön gefugt,

Gleich dem Palaste freundlich sich erhebend,

Stark wie die Burg, die von dem Fels dort lugt,

In ernster Höh der alten Freiheit lebend,

Gleich jenem Turm stets nach dem Höchsten strebend,

Schloß, Burg und was da irdisch, überflügelnd –

Dabei, still wie die See dort, im Gemüt

Des Himmels Blau und was auf Erden blüht,

In frommer Klarheit ewig heiter spiegelnd;

Vor allem dann fern über Strom und Land

Den alten Freunden treulich zugewandt!

 

 

Auf dem Schwedenberge

Da hoben bunt und bunter

Sich Zelte in die Luft,

Und Fähnlein wehten munter

Herunter von der Kluft.

 

Und um die leichten Tische,

An jenem Bächlein klar,

Saß in der kühlen Frische

Der lust’gen Reiter Schar.

 

Eilt’ durch die rüst’gen Zecher

Die Marketenderin,

Reicht’ flüchtig ihre Becher,

Nimmt flücht’ge Küsse hin.

 

Da war ein Toben, Lachen,

Weit in den Wald hinein,

Die Trommel ging, es brachen

Die lust’gen Pfeifen drein.

 

Durch die verworrnen Klänge

Stürmt’ fort manch wilde Brust,

Da schallten noch Gesänge

Von Freiheit und von Lust.

 

Fort ist das bunte Toben,

Verklungen Sang und Klang,

Und stille ist’s hier oben

Viel hundert Jahre lang.

 

Du Wald, so dunkelschaurig,

Waldhorn, du Jägerlust!

Wie lustig und wie traurig

Rührst du mir an die Brust!

 

 

Lieber alles

Soldat sein, ist gefährlich,

Studieren sehr beschwerlich,

Das Dichten süß und zierlich,

Der Dichter gar possierlich

In diesen wilden Zeiten.

Ich möcht am liebsten reiten,

Ein gutes Schwert zur Seiten,

Die Laute in der Rechten,

Studentenherz zum Fechten.

Ein wildes Roß ist’s Leben,

Die Hufe Funken geben,

Wer’s ehrlich wagt, bezwingt es,

Und wo es tritt, da klingt es!

 

 

Sonette

An A …

 

 

1.

Die Klugen, die nach Gott nicht wollten fragen,

Den heil’gen Kampf gern irdisch möchten schlichten,

Zum Tod kein Herz, nicht Lieb, sich aufzurichten,

Verzehren sich nur selbst in eitlen Klagen.

 

Sind alle eure Schiffe denn zerschlagen:

Sieht man die heil’ge Flagge dich aufrichten,

Vom Liebessturm, der jene mußt vernichten,

Dein junges Schiff siegreich hinweggetragen.

 

Südwinde spielen lau um Laut und Locken,

Im Morgenrot des Hutes Federn schwanken,

Und Gottes Atem macht die Segel schwellen.

 

Wen noch die alten Heimatklänge locken,

Dem füllt der Segel wie der Töne Schwellen

Die Brust mit jungen, ewigen Gedanken.

 

2.

Wir sind so tief betrübt, wenn wir auch scherzen,

Die armen Menschen mühn sich ab und reisen,

Die Welt zieht ernst und streng in ihren Gleisen,

Ein feuchter Wind verlöscht die lust’gen Kerzen.

 

Du hast so schöne Worte tief im Herzen,

Du weißt so wunderbare, alte Weisen,

Und wie die Stern am Firmamente kreisen,

Ziehn durch die Brust dir ewig Lust und Schmerzen.

 

So laß dein’ Stimme hell im Wald erscheinen!

Das Waldhorn fromm wird auf und nieder wehen,

Die Wasser gehn und einsam Rehe weiden.

 

Wir wollen stille sitzen und nicht weinen,

Wir wollen in den Rhein hinuntersehen,

Und, wird es finster, nicht von sammen scheiden.

 

 

3.

Es will die Zeit mit ihrem Schutt verdecken

Den hellen Quell, der meiner Brust entsprungen,

Umsonst Gebete himmelan geschwungen,

Sie mögen nicht das Ohr der Gnade wecken.

 

So laß die Nacht die grausen Flügel strecken,

Nur immerzu, mein tapfres Schiff gedrungen!

Wer einmal mit den Wogen hat gerungen,

Fühlt sich das Herz gehoben in den Schrecken.

 

Schießt zu, trefft, Pfeile, die durchs Dunkel schwirren!

Ruhvoll um Klippen überm tück’schen Grunde

Lenk ich mein Schiff, wohin die Sterne winken.

 

Mag dann der Steuermann nach langem Irren,

Rasch ziehend alle Pfeile aus der Wunde,

Tot an der Heimatküste niedersinken!

 

 

Der Geist

Nächtlich dehnen sich die Stunden,

Unschuld schläft in stiller Bucht,

Fernab ist die Welt verschwunden,

Die das Herz in Träumen sucht.

 

Und der Geist tritt auf die Zinne,

Und noch stiller wird’s umher,

Schauet mit dem starren Sinne

In das wesenlose Meer.

 

Wer ihn sah bei Wetterblicken

Stehn in seiner Rüstung blank:

Den mag nimmermehr erquicken

Reichen Lebens frischer Drang. –

 

Fröhlich an den öden Mauern

Schweift der Morgensonne Blick,

Da versinkt das Bild mit Schauern

Einsam in sich selbst zurück.

 

 

Klage

1809

 

 

O könnt ich mich niederlegen

Weit in den tiefsten Wald,

Zu Häupten den guten Degen,

Der noch von den Vätern alt,

 

Und dürft von allem nichts spüren

In dieser dummen Zeit,

Was sie da unten hantieren,

Von Gott verlassen, zerstreut;

 

Von fürstlichen Taten und Werken,

Von alter Ehre und Pracht,

Und was die Seele mag stärken,

Verträumend die lange Nacht!

 

Denn eine Zeit wird kommen,

Da macht der Herr ein End,

Da wird den Falschen genommen

Ihr unechtes Regiment.

 

Denn wie die Erze vom Hammer,

So wird das lockre Geschlecht

Gehaun sein von Not und Jammer

Zu festem Eisen recht.

 

Da wird Aurora tagen

Hoch über den Wald hinauf,

Da gibt’s was zu singen und schlagen,

Da wacht, ihr Getreuen, auf.

 

 

An …

Wie nach festen Felsenwänden

Muß ich in der Einsamkeit

Stets auf dich die Blicke wenden.

Alle, die in guter Zeit

Bei mir waren, sah ich scheiden

Mit des falschen Glückes Schaum,

Du bliebst schweigend mir im Leiden,

Wie ein treuer Tannenbaum,

Ob die Felder lustig blühn,

Ob der Winter zieht heran,

Immer finster, immer grün –

Reich die Hand mir, wackrer Mann.

 

 

Nachtfeier

1810

 

 

Decket Schlaf die weite Runde,

Muß ich oft am Fenster lauschen,

Wie die Ströme unten rauschen,

Räder sausen kühl im Grunde,

Und mir ist so wohl zur Stunde;

Denn hinab vom Felsenrande

Spür ich Freiheit, uralt Sehnen,

Fromm zerbrechend alle Bande,

Über Wälder, Strom und Lande

Keck die großen Flügel dehnen.

 

Was je Großes brach die Schranken,

Seh ich durch die Stille gehen,

Helden auf den Wolken stehen,

Ernsten Blickes, ohne Wanken,

Und es wollen die Gedanken

Mit den guten Alten hausen,

Sich in ihr Gespräch vermischen,

Das da kommt in Waldesbrausen.

Manchem füllt’s die Brust mit Grausen,

Mich soll’s laben und erfrischen!

 

Tag und Regung war entflohen,

Übern See nur kam Geläute

Durch die monderhellte Weite,

Und rings brannten auf den hohen

Alpen still die bleichen Lohen,

Ew’ge Wächter echter Weihe,

Als, erhoben vom Verderben

Und vom Jammer, da die dreie

Einsam traten in das Freie,

Frei zu leben und zu sterben.

 

Und so wachen heute viele

Einsam über ihrem Kummer;

Unerquickt von falschem Schlummer,

Aus des Wechsels wildem Spiele

Schauend fromm nach einem Ziele.

Durch die öde, stumme Leere

Fühl ich mich euch still verbündet;

Ob der Tag das Recht verkehre,

Ewig strahlt der Stern der Ehre,

Kühn in heil’ger Nacht entzündet.

 

 

Zorn

1810

 

 

Seh ich im verfallnen, dunkeln

Haus die alten Waffen hangen,

Zornig aus dem Roste funkeln,

Wenn der Morgen aufgegangen,

 

Und den letzten Klang verflogen,

Wo im wilden Zug der Wetter,

Aufs gekreuzte Schwert gebogen,

Einst gehaust des Landes Retter;

 

Und ein neu Geschlecht von Zwergen

Schwindelnd um die Felsen klettern,

Frech, wenn’s sonnig auf den Bergen,

Feige krümmend sich in Wettern,

 

Ihres Heilands Blut und Tränen

Spottend noch einmal verkaufen,

Ohne Klage, Wunsch und Sehnen

In der Zeiten Strom ersaufen;

 

Denk ich dann, wie du gestanden

Treu, da niemand treu geblieben:

Möcht ich, über unsre Schande

Tiefentbrannt in zorn’gem Lieben,

 

Wurzeln in der Felsen Marke,

Und empor zu Himmelslichten

Stumm anstrebend, wie die starke

Riesentanne, mich aufrichten.

 

 

Symmetrie

1810

 

 

O Gegenwart, wie bist du schnelle,

Zukunft, wie bist du morgenhelle,

Vergangenheit so abendrot!

Das Abendrot soll ewig stehen,

Die Morgenhelle frisch dreinwehen,

So ist die Gegenwart nicht tot.

 

Der Tor, der lahmt auf einem Bein,

Das ist gar nicht zu leiden,

Schlagt ihm das andre Bein entzwei,

So hinkt er doch auf beiden!

 

 

Heimkehr

1810

 

 

Heimwärts kam ich spät gezogen

Nach dem väterlichen Haus,

Die Gedanken weit geflogen

Über Berg und Tal voraus.

»Nur noch hier aus diesem Walde!«

Sprach ich, streichelt sanft mein Roß,

»Goldnen Haber kriegst du balde,

Ruhn wir aus auf lichtem Schloß.«

 

»Doch warum auf diesen Wegen

Sieht’s so still und einsam aus?

Kommt denn keiner mir entgegen,

Bin ich nicht mehr Sohn vom Haus?

Kein’ Hoboe hör ich schallen,

Keine bunte Truppe mehr

Seh ich froh den Burgpfad wallen –

Damals ging es lust’ger her.«

 

Über die vergoldten Zinnen

Trat der Monden eben vor,

»Holla ho! ist niemand drinnen?

Fest verriegelt ist das Tor.

Wer will in der Nacht mich weisen,

Von des Vaters Hof und Haus!«

Mit dem Schwert hau ich die Eisen,

Und das Tor springt rasselnd auf.

 

Doch was seh ich! wüst, verfallen

Zimmer, Hof und Bogen sind,

Einsam meine Tritte hallen,

Durch die Fenster pfeift der Wind.

Alle Ahnenbilder lagen

Glanzlos in den Schutt verwühlt,

Und die Zither drauf, zerschlagen,

Auf der ich als Kind gespielt.

 

Und ich nahm die alte Zither,

Trat ans Fenster voller Gras,

Wo so ofte hinterm Gitter

Sonst die Mutter bei mir saß:

Gern mit Märlein mich erbaute,

Daß ich still saß, Abendrot,

Strom und Wälder fromm beschaute –

»Mutter, bist du auch schon tot?«

 

So war ich in’ Hof gekommen –

Was ich da auf einmal sah,

Hat den Atem mir benommen,

Bleibt mir bis zum Tode nah:

Aufrecht saßen meine Ahnen,

Und kein Laut im Hofe ging,

Eingehüllt in ihre Fahnen,

Da im ewig stillen Ring.

 

Und den Vater unter ihnen

Sah ich sitzen an der Wand,

Streng und steinern seine Mienen,

Doch in tiefster Brust bekannt;

Und in den gefaltnen Händen

Hielt er ernst ein blankes Schwert,

Tät die Blicke niemals wenden,

Ewig auf den Stahl gekehrt.

 

Da rief ich aus tiefsten Schmerzen:

»Vater, sprich ein einzig Wort,

Wälz den Fels von deinem Herzen,

Starre nicht so ewig fort!

Was das Schwert mit seinem Scheinen,

Rede, was dein Schauen will;

Denn mir graust durch Mark und Beine,

Wie du so entsetzlich still.« –

 

Morgenleuchten kam geflogen,

Und der Vater ward so bleich,

Adler hoch darüber zogen

Durch das klare Himmelreich,

Und der Väter stiller Orden

Sank zur Ruh in Ewigkeit,

Steine, wie es lichte worden,

Standen da im Hof zerstreut.

 

Nur der Degen blieb da droben

Einsam liegen überm Grab;

»Sei denn Hab und Gut zerstoben,

Wenn ich dich, du Schwert, nur hab!«

Und ich faßt es. – Leute wühlten

Übern Berg, hinab, hinauf,

Ob sie für verrückt mich hielten –

Mir ging hell die Sonne auf.

 

 

Gebet

1810

 

 

Was soll ich, auf Gott nur bauend,

Schlechter sein, als all die andern,

Die, so wohlbehaglich schauend,

Froh dem eignen Nichts vertrauend,

Die gemeine Straße wandern?

 

Warum gabst du mir die Güte,

Die Gedanken himmelwärts,

Und ein ritterlich Gemüte,

Das die Treue heilig hüte

In der Zeit treulosem Scherz?

 

Was hast du mich blank gerüstet,

Wenn mein Volk mich nicht begehrt,

Keinen mehr nach Freiheit lüstet,

Daß mein Herz, betrübt, verwüstet,

Nur dem Grabe zugekehrt? –

 

Laß die Ketten mich zerschlagen,

Frei zum schönen Gottesstreit

Deine hellen Waffen tragen,

Fröhlich beten, herrlich wagen,

Gib zur Kraft die Freudigkeit!

 

Mahnung

1810

 

 

1.

In Wind verfliegen sah ich, was wir klagen,

Erbärmlich Volk um falscher Götzen Thronen,

Wen’ger Gedanken, deutschen Landes Kronen,

Wie Felsen, aus dem Jammer einsam ragen.

 

Da mocht ich länger nicht nach euch mehr fragen,

Der Wald empfing, wie rauschend! den Entflohnen,

In Burgen alt, an Stromeskühle wohnen

Wollt ich auf Bergen bei den alten Sagen.

 

Da hört ich Strom und Wald dort so mich tadeln:

»Was willst, Lebend’ger du, hier überm Leben,

Einsam verwildernd in den eignen Tönen?

 

Es soll im Kampf der rechte Schmerz sich adeln,

Den deutschen Ruhm aus der Verwüstung heben,

Das will der alte Gott von seinen Söhnen!«

 

 

 

2.

 

Wohl mancher, dem die wirbligen Geschichten

Der Zeit das ehrlich deutsche Herz zerschlagen,

Mag, wie Prinz Hamlet, zu sich selber sagen:

Weh! daß zur Welt ich kam, sie einzurichten!

 

Weich, aufgelegt zu Lust und fröhlichem Dichten,

Möcht er so gern sich mit der Welt vertragen,

Doch, Rache fordernd, aus den leichten Tagen

Sieht er der Väter Geist sich stets aufrichten.

 

Ruhlos und tödlich ist die falsche Gabe:

Des Großen Wink im tiefsten Marke spüren,

Gedanken rastlos – ohne Kraft zum Werke.

 

Entschließ dich, wie du kannst nun, doch das merke:

Wer in der Not nichts mag, als Lauten rühren,

Des Hand dereinst wächst mahnend aus dem Grabe.

 

Der Tiroler Nachtwache

1810

 

 

In stiller Bucht, bei finstrer Nacht,

Schläft tief die Welt im Grunde,

Die Berge rings stehn auf der Wacht,

Der Himmel macht die Runde,

Geht um und um,

Ums Land herum

Mit seinen goldnen Scharen,

Die Frommen zu bewahren.

 

Kommt nur heran mit eurer List,

Mit Leitern, Strick und Banden,

Der Herr doch noch viel stärker ist,

Macht euren Witz zuschanden.

Wie wart ihr klug! –

Nun schwindelt Trug

Hinab vom Felsenrande –

Wie seid ihr dumm! o Schande!

 

Gleichwie die Stämme in dem Wald

Wolln wir zusammenhalten,

Ein’ feste Burg, Trutz der Gewalt,

Verbleiben treu die alten.

Steig, Sonne, schön!

Wirf von den Höhn

Nacht und die mit ihr kamen,

Hinab in Gottes Namen.

 

 

An die Tiroler

Im Jahre 1810

 

 

Bei Waldesrauschen, kühnem Sturz der Wogen,

Wo Herden einsam läuten an den Klüften,

Habt ihr in eurer Berge heitern Lüften

Der Freiheit Lebensatem eingesogen.

 

Euch selbst die Retter, seid ihr ausgezogen,

Wie helle Bäche brechen aus den Klüften;

Hinunter schwindelt Tücke nach den Schlüften,

Der Freiheit Burg sind eure Felsenbogen.

 

Hochherzig Volk, Genosse größrer Zeiten!

Du sinkst nun in der eignen Häuser Brande,

Zum Himmel noch gestreckt die freien Hände.

 

O Herr! laß diese Lohen wehn, sich breiten

Auffordernd über alle deutschen Lande,

Und wer da fällt, dem schenk so glorreich Ende!

 

 

An die Meisten

1810

 

 

Ist denn alles ganz vergebens?

Freiheit, Ruhm und treue Sitte,

Ritterbild des alten Lebens,

Zog im Lied durch eure Mitte

Hohnverlacht als Don Quijote;

Euch deckt Schlaf mit plumper Pfote,

Und die Ehre ist euch Zote.

 

Ob sich Kampf erneut’, vergliche,

Ob sich roh Gebirgsvolk raufe,

Sucht der Klügre Weg’ und Schliche,

Wie er nur sein Haus erlaufe.

Ruhet, stützet nur und haltet!

Untersinkt, was ihr gestaltet,

Wenn der Mutterboden spaltet.

 

Wie so lustig, ihr Poeten,

An den blumenreichen Hagen

In dem Abendgold zu flöten,

Quellen, Nymphen nachzujagen!

Wenn erst mut’ge Schüsse fallen,

Von den schönen Widerhallen

Laßt ihr zart Sonette schallen.

 

Wohlfeil Ruhm sich zu erringen,

Jeder ängstlich schreibt und treibet;

Keinem möcht das Herz zerspringen,

Glaubt sich selbst nicht, was er schreibet.

Seid ihr Männer, seid ihr Christen?

Glaubt ihr, Gott zu überlisten,

So in Selbstsucht feig zu nisten?

 

Einen Wald doch kenn ich droben,

Rauschend mit den grünen Kronen,

Stämme brüderlich verwoben,

Wo das alte Recht mag wohnen.

Manche auf sein Rauschen merken,

Und ein neu Geschlecht wird stärken

Dieser Wald zu deutschen Werken.

 

 

Der Jäger Abschied

Wer hat dich, du schöner Wald,

Aufgebaut so hoch da droben?

Wohl den Meister will ich loben,

Solang noch mein’ Stimm’ erschallt.

Lebe wohl,

Lebe wohl, du schöner Wald!

 

Tief die Welt verworren schallt,

Oben einsam Rehe grasen,

Und wir ziehen fort und blasen,

Daß es tausendfach verhallt:

Lebe wohl,

Lebe wohl, du schöner Wald!

 

Banner, der so kühle wallt!

Unter deinen grünen Wogen

Hast du treu uns auferzogen

Frommer Sagen Aufenthalt!

Lebe wohl,

Lebe wohl, du schöner Wald!

 

Was wir still gelobt im Wald,

Wollen’s draußen ehrlich halten,

Ewig bleiben treu die Alten:

Deutsch Panier, das rauschend wallt,

Lebe wohl!

Schirm dich Gott, du schöner Wald!

 

 

Auf dem Rhein

Kühle auf dem schönen Rheine,

Fuhren wir vereinte Brüder,

Tranken von dem goldnen Weine,

Singend gute deutsche Lieder.

Was uns dort erfüllt die Brust,

Sollen wir halten,

Niemals erkalten,

Und vollbringen treu mit Lust!

Und so wollen wir uns teilen,

Eines Fels verschiedne Quellen,

Bleiben so auf hundert Meilen

Ewig redliche Gesellen!

 

 

Trost

Sag an, du helles Bächlein du,

Von Felsen eingeschlossen,

Du rauschst so munter immerzu,

Wo kommst du hergeflossen?

 

»Dort oben steht des Vaters Haus

Still in den klaren Lüften,

Da ruhn die alten Helden aus

In den kristallnen Klüften.

 

Ich sah den Morgen freudig stehn

Hoch auf der Felsenschwelle,

Die Adler ziehn und Ströme gehn,

Und sprang hinaus ins Helle.«

 

Sag an, du königlicher Strom,

Was geht mein Herz mir auf,

Seh ich dich ziehn durch Waldesdom?

Wohin führt dich dein Lauf?

 

»Es treibt und rauscht der Eisenquell

Noch fort mir durch die Glieder;

Die Felsenluft, so kühl und hell,

Lockt zu mir alle Brüder.«

 

Zeichen

So Wunderbares hat sich zugetragen:

Was aus uralten Sagen

Mit tief verworrener Gewalt oft sang

Von Liebe, Freiheit, was das Herz erlabe,

Mit heller Waffen Klang

Es richtet sich geharnischt auf vom Grabe,

Und an den alten Heerschild hat’s geschlagen,

Daß Schauer jede Brust durchdrang.

 

 

Unmut

O Herbst! betrübt verhüllst du

Strom, Wald und Blumenlust,

Erbleichte Flor, wie füllst du

Mit Sehnsucht nun die Brust!

 

Weit hinter diesen Höhen

Die hier mich eng umstellt,

Hör ich eratmend gehen

Den großen Strom der Welt.

 

In lichtem Glanze wandelt

Der Helden heil’ger Mut,

Es steigt das Land verwandelt

Aus seiner Söhne Blut.

 

Auch mich füllt’ männlich Trauern,

Wie euch, bei Deutschlands Wehn –

Und muß in Sehnsuchtsschauern

Hier ruhmlos untergehn!

 

 

Entschluß

Gebannt im stillen Kreise sanfter Hügel,

Schlingt sich ein Strom von ewig gleichen Tagen,

Da mag die Brust nicht nach der Ferne fragen,

Und lächelnd senkt die Sehnsucht ihre Flügel.

 

Viel andre stehen kühn im Rossesbügel,

Des Lebens höchste Güter zu erjagen,

Und was sie wünschen, müssen sie erst wagen,

Ein strenger Geist regiert des Rosses Zügel. –

 

Was singt ihr lockend so, ihr stillen Matten,

Du Heimat mit den Regenbogenbrücken,

Ihr heitern Bilder, harmlos bunte Spiele?

 

Mich faßt der Sturm, wild ringen Licht und Schatten,

Durch Wolkenriß bricht flammendes Entzücken –

Nur zu, mein Roß! wir finden noch zum Ziele!

 

 

Abschiedstafel

So rückt denn in die Runde!

Es schleicht die Zeit im Dunkeln,

Sie soll uns rüstig finden

Und heiter, stark und gut!

Gar viel ist zu vollbringen,

Gar vieles muß mißlingen.

So mag die letzte Stunde

Nachleuchten uns und funkeln!

Wo unsre Pfad sich winden,

Wir sind in Gottes Hut.

 

Dem Bruder meines Lebens,

Der, fern, mit mir zusammen,

Sei denn aus Herzensgrunde

Das erste Glas gebracht!

Ich brauch ihn nicht zu nennen,

Er aber wird mich kennen.

Viel Land trennt uns vergebens,

Ihm soll dies Wort, die Stunde,

Durch alle Adern flammen,

Wie ich an ihn gedacht!

 

Zu dir nun, heitre Schöne,

Wend ich mich voll Gedanken.

Wie sie zu dir sich wenden,

Muß ich so fröhlich sein.

So weit Poeten wohnen,

So weit der Wälder Kronen,

So weit kunstreiche Töne

Die heiteren Gedanken

Und Himmelsgrüße senden:

Ist alles mein und dein.

 

Laß nie die Schmach mich sehen,

Daß auch dein Herz, der Lüge

Des andern Volks zum Raube,

Bereuend feig und hohl,

An Licht und Schmuck mag zagen!

Nicht wahr ist, was sie sagen:

Daß Lieb und Lust vergehen,

Nicht wahr, daß uns betrüge

Der schöne, freud’ge Glaube,

Und also lebe wohl!

 

Ihr aber, klug Gesellen,

Die hier mit in dem Kreise,

Wohl quält ihr mich seit Jahren

Mit weisem Rat und Wort. –

Stoßt an, es sei vergessen!

Im Meere, ungemessen,

Sind viele tausend Wellen

Und tausend Schiffe fahren,

Ein jedes seine Reise,

Komm jedes in seinen Port!

 

Vom Berg hinabgewendet,

Seh ich die Ströme, Zinnen,

Der Liebsten Schloß darunter –

Nun, Morgenlohe, hülle

In Glorie dein Reich!

Dir, tieflebend’ge Fülle,

Schleudr ich das Glas hinunter,

Mir schwindeln alle Sinnen,

So wend ich mich geblendet,

Gott segne dich und euch!

 

 

An meinen Bruder

1813

 

 

Steig aufwärts, Morgenstunde!

Zerreiß die Nacht, daß ich in meinem Wehe

Den Himmel wiedersehe,

Wo ew’ger Frieden in dem blauen Grunde!

Will Licht die Welt erneuen,

Mag auch der Schmerz in Tränen sich befreien.

 

Mein lieber Herzensbruder!

Still war der Morgen – Ein Schiff trug uns beide,

Wie war die Welt voll Freude!

Du faßtest ritterlich das schwanke Ruder,

Uns beide treulich lenkend,

Auf froher Fahrt nur einen Stern bedenkend.

 

Mich irrte manches Schöne,

Viel reizte mich und viel mußt ich vermissen.

Von Lust und Schmerz zerrissen,

Was so mein Herz hinausgeströmt in Töne:

Es waren Widerspiele

Von deines Busens ewigem Gefühle.

 

Da ward die Welt so trübe,

Rings stiegen Wetter von der Berge Spitzen,

Der Himmel borst in Blitzen,

Daß neugestärkt sich Deutschland draus erhübe. –

Nun ist das Schiff zerschlagen,

Wie soll ich ohne dich die Flut ertragen! –

 

Auf einem Fels geboren,

Verteilen kühler rauschend sich zwei Quellen,

Die eigne Bahn zu schwellen.

Doch wie sie fern einander auch verloren:

Es treffen echte Brüder

Im ew’gen Meere doch zusammen wieder.

 

So wolle Gott du flehen,

Daß er mit meinem Blut und Leben schalte,

Die Seele nur erhalte,

Auf daß wir freudig einst uns wiedersehen,

Wenn nimmermehr hienieden:

So dort, wo Heimat, Licht und ew’ger Frieden!

 

 

Aufbruch

Silbern Ströme ziehn herunter,

Blumen schwanken fern und nah,

Ringsum regt sich’s bunt und bunter –

Lenz! bist du schon wieder da?

 

»Reiter sind’s, die blitzend ziehen,

Wieviel glänz’ger Ströme Lauf,

Fahnen, liliengleich, erblühen,

Lerchenwirbel, Trommelwirbel

Wecken rings den Frühling auf.«

 

Horch! was hör ich draußen klingen

Wild verlockend wie zur Jagd?

Ach, das Herz möcht mir zerspringen,

Wie es jauchzt und weint und klagt.

 

»Und in Waldes grünen Hallen,

Tiefe Schauer in der Brust,

Lassen wir die Hörner schallen,

In das Blau die Stimmen hallen,

So zum Schrecken wie zur Lust.«

 

Wehe! dunkle Wolken decken

Seh ich all die junge Pracht,

Feur’ge Todeszungen strecken

Durch die grimme Wetternacht.

 

»Wettern gleich blüht Kampfesfülle,

Blitze zieht das gute Schwert,

Mancher wird auf ewig stille –

Herr Gott, es gescheh Dein Wille!

Blast Trompeten! Frisch mein Pferd!«

 

Regenbogen seh ich steigen,

Wie von Tränen sprühn die Au,

Jenen sich erbarmend neigen

Über den verweinten Gau.

 

»Also über Graus und Wogen,

Hat der Vater gnadenreich

Ein Triumphtor still gezogen.

Wer da fällt, zieht durch den Bogen

Heim ins ew’ge Himmelreich.«

 

 

Tusch

Fängt die Sonne an zu stechen,

Tapfer schießen Gras und Kräuter

Und die Bäume schlagen aus:

Muß des Feinds Gewalt zerbrechen,

Nimmt der Winter schnell Reißaus,

Erd und Himmel glänzen heiter;

Und wir Musikanten fahren

Lustig auf dem Fluß hinunter,

Trommeln, pfeifen, blasen, geigen,

Und die Hörner klingen munter.

 

 

Appell

Ich hört viel Dichter klagen

Von alter Ehre rein,

Doch wen’ge mochten’s wagen

Und selber schlagen drein.

 

Mein Herz wollt mir zerspringen,

Sucht’ mir ein ander Ziel,

Denn anders sein und singen,

Das ist ein dummes Spiel.

 

So stieg ich mit Auroren

Still ins Gebirg hinan,

Ich war wie neugeboren,

So kühle weht’s mich an.

 

Und als ich, Bahn mir schaffend,

Zum Gipfel trat hinauf,

Da blitzten schon von Waffen

Ringsum die Länder auf.

 

Die Hörner hört ich laden,

Die Luft war streng und klar –

Ihr neuen Kameraden,

Wie singt ihr wunderbar!

 

Frisch auf, wir wollen uns schlagen,

So Gott will, übern Rhein

Und weiter im fröhlichen Jagen

Bis nach Paris hinein!

 

 

Soldatenlied

Was zieht da für schreckliches Sausen,

Wie Pfeifen durch Sturmeswehn?

Das wendet das Herz recht vor Grausen,

Als sollte die Welt vergehn.

 

Das Fußvolk kommt da geschritten,

Die Trommeln wirbeln voran,

Die Fahne in ihrer Mitten

Weht über den grünen Plan,

Sie prangt in schneeweißem Kleide

Als wie eine milde Braut,

Die gibt dem hohe Freude,

Wen Gott ihr angetraut.

Sie haben sie recht umschlossen,

Dicht Mann an Mann gerückt,

So ziehen die Kriegsgenossen

Sreng, schweigend und ungeschmückt,

Wie Gottes dunkler Wille,

Wie ein Gewitter schwer,

Da wird es ringsum so stille,

Der Tod nur blitzt hin und her.

 

Wie seltsame Klänge schwingen

Sich dort von der Waldeshöh!

Ja, Hörner sind es, die singen

Wie rasend vor Lust und Weh.

 

Die jungen Jäger sich zeigen

Dort drüben im grünen Wald,

Bald schimmernd zwischen den Zweigen,

Bald lauernd im Hinterhalt.

Wohl sinkt da in ewiges Schweigen

Manch schlanke Rittergestalt,

Die anderen über ihn steigen,

Hurra! in dem schönen Wald,

Es funkelt das Blau durch die Bäume –

»Ach, Vater, ich komme bald!«

 

Trompeten nur hör ich werben

So hell durch die Frühlingsluft,

Zur Hochzeit oder zum Sterben

So übermächtig es ruft.

 

Das sind meine lieben Reiter,

Die rufen hinaus zur Schlacht,

Das sind meine lustigen Reiter,

Nun, Liebchen, gute Nacht!

Wie wird es da vorne so heiter,

Wie sprühet der Morgenwind,

In den Sieg, in den Tod und weiter,

Bis daß wir im Himmel sind!

 

Die ernsthafte Fastnacht

1814

 

 

Wohl vor Wittenberg auf den Schanzen

Sind der edlen Werber viel,

Wollen da zur Fastnacht tanzen

Ein gar seltsam Ritterspiel.

 

Und die Stadt vom Felsen droben

Spiegelt sich im Sonnenschein,

Wie ein Jungfräulein erhoben –

Jeder will ihr Bräut’gam sein.

 

Jäger! laßt die Hörner klingen

Durch den Morgen kalt und blank!

Wohl, sie läßt sich noch bezwingen,

Hört sie alten deutschen Klang.

 

Drauf sie einen Reiter schnelle

Senden, der so fröhlich schaut,

Der bläst seinen Gruß so helle,

Wirbt da um die stolze Braut.

 

»Sieh, wir werben lang verstohlen

Schon um dich in Not und Tod,

Komm! sonst wollen wir dich holen,

Wann der Mond scheint blutig rot!«

 

Bleich schon fallen Abendlichter –

Und der Reiter bläst nur zu,

Nacht schon webt sich dicht und dichter –

Doch das Tor bleibt immer zu.

 

Nun so spielt denn, Musikanten,

Blast zum Tanz aus frischer Brust!

Herz und Sinne mir entbrannten,

O du schöne, wilde Lust!

 

Wer hat je so ‘n Saal gesehen?

Strom und Wälder spielen auf,

Sterne auf und nieder gehen,

Stecken hoch die Lampen auf.

 

Ja der Herr leucht’t selbst zum Tanze,

Frisch denn, Kameraden mein!

Funkelnd schön im Mondesglanze

Strenges Lieb, mußt unser sein! –

 

Und es kam der Morgen heiter,

Mancher Tänzer lag da tot,

Und Victoria blies der Reiter

Von dem Wall ins Morgenrot.

 

Schlesier wohl zu Ruhm und Preise

Haben sich dies Lieb gewonnen,

Und ein Schlesier diese Weise

Recht aus Herzenslust ersonnen.

 

 

Auf der Feldwacht

Mein Gewehr im Arme steh ich

Hier verloren auf der Wacht,

Still nach jener Gegend seh ich,

Hab so oft dahin gedacht!

 

Fernher Abendglocken klingen

Durch die schöne Einsamkeit;

So, wenn wir zusammen gingen,

Hört ich’s oft in alter Zeit.

 

Wolken da wie Türme prangen,

Als säh ich im Dust mein Wien,

Und die Donau hell ergangen

Zwischen Burgen durch das Grün.

 

Doch wie fern sind Strom und Türme!

Wer da wohnt, denkt mein noch kaum,

Herbstlich rauschen schon die Stürme,

Und ich stehe wie im Traum.

 

 

Waffenstillstand der Nacht

Windsgleich kommt der wilde Krieg geritten,

Durch das Grün der Tod ihm nachgeschritten,

Manch Gespenst steht sinnend auf dem Feld,

Und der Sommer schüttelt sich vor Grausen,

Läßt die Blätter, schließt die grünen Klausen,

Ab sich wendend von der blut’gen Welt.

 

Prächtig war die Nacht nun aufgegangen,

Hatte alle mütterlich umfangen,

Freund und Feind mit leisem Friedenskuß,

Und, als wollt der Herr vom Himmel steigen,

Hört ich wieder durch das tiefe Schweigen

Rings der Wälder feierlichen Gruß.

 

 

In C.S. … Stammbuch

Dezember 1814

 

 

In verhängnisschweren Stunden,

Streitend für das Vaterland,

Haben wir uns brüderlich gefunden,

In der Menge still erkannt.

 

Sieh! es ruhet nun der Degen

Und die hohe Brandung fällt,

Sich verlaufend auf den alten Wegen,

Und langweilig wird die Welt.

 

Doch der Ernst der heil’gen Stunden

Waltet fort in mancher Brust,

Und was sich wahrhaftig hat verbunden,

Bleibt gesellt in Not und Lust.

 

Unsichtbar geschwungne Brücken

Halten Lieb und Lieb vereint,

Und in allen hellen Lebensblicken

Grüß ich fern den lieben Freund.

 

Und so mag der Herr dich segnen!

Frische Fahrt durchs Leben wild,

Gleichen Sinn und freudiges Begegnen,

Wo es immer Hohes gilt!

 

 

Der Friedensbote

Schlaf ein, mein Liebchen, schlaf ein,

Leis durch die Blumen am Gitter

Säuselt des Laubes Gezitter,

Rauschen die Quellen herein;

Gesenkt auf den schneeweißen Arm,

Schlaf ein, mein Liebchen, schlaf ein,

Wie atmest du lieblich und warm!

 

Aus dem Kriege kommen wir heim;

In stürmischer Nacht und Regen,

Wenn ich auf der Lauer gelegen,

Wie dachte ich dorten dein!

Gott stand in der Not uns bei,

Nun droben, bei Mondenschein,

Schlaf ruhig, das Land ist ja frei!

 

 

An meinen Bruder

1815

 

 

Was Großes sich begeben,

Der Kön’ge Herrlichkeit,

Du sahst’s mit freud’gem Beben,

Dir war’s vergönnt, zu leben

In dieser Wunderzeit.

 

Und über diese Wogen

Kam hoch ein himmlisch Bild

Durchs stille Blau gezogen,

Traf mit dem Zauberbogen

Dein Herz so fest und mild.

 

O wunderbares Grauen,

Zur selben Stund den Herrn

Im Wetterleuchten schauen,

Und über den stummen Gauen

Schuldloser Liebe Stern!

 

Und hat nun ausgerungen

Mein Deutschland siegeswund:

Was damals Lieb gesungen,

Was Schwerter dir geklungen,

Klingt fort im Herzensgrund.

 

Laß bilden die Gewalten!

Was davon himmlisch war,

Kann nimmermehr veralten,

Wird in der Brust gestalten

Sich manches stille Jahr.

 

Die Fesseln müssen springen,

Ja, endlich macht sich’s frei,

Und Großes wird gelingen

Durch Taten oder Singen,

Vor Gott ist’s einerlei.

 

 

An Philipp

(Nach einer Wiener Redoutenmelodie)

Kennst du noch den Zaubersaal,

Wo süß Melodien wehen,

Zwischen Sternen ohne Zahl

Frauen auf und nieder gehen?

 

Kennst du noch den Strom von Tönen,

Der sich durch die bunten Reihen schlang,

Von noch unbekannten Schönen

Und von fernen, blauen Bergen sang?

 

Sieh! die lichte Pracht erneut

Fröhlich sich in allen Jahren,

Doch die Brüder sind zerstreut,

Die dort froh beisammen waren.

 

Und der Blick wird irre schweifen,

Einsam stehst du nun in Pracht und Scherz,

Und die alten Töne greifen

Dir mit tausend Schmerzen an das Herz.

 

Uhren schlagen durch die Nacht,

Drein verschlafne Geigen streichen,

Aus dem Saale, überwacht,

Sich die letzten Paare schleichen.

 

So ist unser Fest vergangen,

Und die lust’gen Kerzen löschen aus,

Doch die Sterne draußen prangen,

Und die führen mich und dich nach Haus.

 

 

Hermanns Enkel

Altdeutsch! – Altdeutsch? – Nun, das ist,

Was man so in Büchern liest: –

Kluge Rosse – prächt’ge Decken,

Händel, Kruzifixe, Recken –

Oh, wie herrlich strahlt dies Leben!

Göttlich! – Doch mit Unterschied.

Es versteht sich, daß man’s deute –

‘s wär doch gar zu unbequem,

Wenn man alles wörtlich nähm,

Wie’s da durcheinander blüht! –

Diese Ritter – gute Leute,

Ehrlich, tapfer, brave Reiter –

Gegen uns doch Bärenhäuter!

Eigentlich sind wir wohl weiter.

Lehnstreu – Klöster – Barbarei –

Davon machen wir uns frei.

Fangen wir so an zu sichten:

Fürcht ich, bleibt es bei Gedichten

Nein doch! Eines, geht mir bei,

Eines bleibt doch: dies Vernichten

Aller Modesklaverei! –

Hohe Vaterländerei!

Schnittst du los nicht Hermanns Söhne

Von des Halstuchs schnöden Schlingen,

Worin, sonder Kraft und Schöne,

Unsre Väter schmählich hingen?

Gabst du nicht dem Löwen Mähne,

Die ihm frech die Zeit gestohlen?

Statt des wind’gen Fracks Geflatter

Der Litewka Schurz aus Polen,

Statt des Franzen knabenglatter

Schnauze: seinen Henri quatre? –

Bruder, ich sag’s unverhohlen,

Und auch du wirst’s nicht bestreiten:

Große Zeichen großer Zeiten! –

Wahrlich, säh ich nicht den Kragen

Übern schwarzen Rock geschlagen,

Schien’ mir alles Ironie.

Doch wie sprech ich da? Ironisch –

Dieses Wort ist nicht teutonisch.

Undeutsch ist die falsche Freude:

Künsteln am wahrhaften Wort!

Ob auch feige Poesie

Sauere Gesichter schneide:

Durch den welschen Lügenwitz

Schreitet stramm der Deutsche fort

Hinter seiner Nasenspitz,

Aller Ehrlichkeiten Sitz,

Biderb immer gradeaus.

Alles Welsche wird mir Graus,

Seit ich steck im deutschen Kleide:

Du auch, Liebchen, wähle gleich

Deine Tracht dir altdeutsch aus!

Wie’s auf Bildern noch zu schauen:

Wedel von dem Schweif der Pfauen,

Dann von Spitzen, blumenreich,

Wie ‘ne mittelmäß’ge Scheibe,

Eine steife Halsrotunde!

‘s ist so überm schlanken Leibe

Wie ein Regenschirm gespannt,

Obendrauf dann statt dem Knopf

Schwebt der holde Frauenkopf,

In das Blütenmeer von Kragen,

Ariadnen gleich, verschlagen. –

Oh, und ein moral’scher Kragen!

Denn wer ist da so gewandt,

Flüsternd was ins Ohr zu sagen,

Was nicht gleich die andern wissen?

Und – unmöglich ist das Küssen!

 

 

Der Liedsprecher1

1.

Und wo ein tüchtig Leben,

Und wo ein Ehrenhaus,

Da geht der Sänger eben

Gern gastlich ein und aus.

 

Der freudige Geselle

Grüßt Pfaff und Rittersmann,

Und frische Morgenhelle

Weht all’ im Liede an.

 

Und kühn im Rossesbügel

Der Ritter waldwärts zieht,

Und das Gebet nimmt Flügel

Und überfliegt das Lied.

 

Denn ob’s mit Schwert, mit Liedern

Sich Bahn zum Himmel schafft;

‘s ist eine Schar von Brüdern

Und eine Liebeskraft.

 

Wo die vereint, da ranken

Sich willig Stein und Erz,

Da pfeilern die Gedanken

Sich freudig himmelwärts.

 

Die haben diese Bogen

Kühn übern wilden Strom

Empörter Zeit gezogen

Zum wunderbaren Dom.

 

Die Burgen sahn wir fallen,

Die Adler zogen aus,

Wehklagend durch die Hallen

Gehn Winde ein und aus.

 

Doch droben auf der Zinne

Steht noch der Heldengeist

Der – was die Zeit beginne –

Still nach dem Kreuze weist.

 

Es wechseln viel Geschlechter

Und sinken in die Nacht –

Steh fest, du treuer Wächter,

Und nimm dein Land in acht!

 

Schon hat zum Kreuzeslichte

Dein Volk sich ernst gewandt,

Im Sturm der Weltgerichte

Tief schauernd dich erkannt.

 

Nun hebt sich wieder fröhlich

Dein Haus im Morgenschein,

Die Jungfrau minneselig

Schaut weit ins Land hinein.

 

Gesänge hör ich schallen,

Durchs Grün geschmückte Gäst

Wallfahrten nach den Hallen –

Wem gilt das frohe Fest?

 

Der Königssohn, ihr Preußen,

Weilt auf dem Ritterschloß,

Das ist nach Adlers Weisen,

Daß er der Höh Genoß.

 

Das ist des Königs Walten,

Was herrlich, groß und recht,

Im Wechsel zu erhalten

Dem kommenden Geschlecht.

 

Er hob die Heldenmale

Zu neuer Herrlichkeit,

Damit das Volk im Tale

Gedenk der großen Zeit.

 

Das ewig Alt und Neue,

Das mit den Zeiten ringt,

Das, Fürst, ist’s, was das treue

Herz deines Volks durchdringt.

 

Wo das noch ehrlich waltet,

Da ist zu Gottes Ruhm

Die Kreuzesfahn entfaltet,

Und rechtes Rittertum.

 

Oh, reicht dem Liedersprecher,

Bevor er scheiden muß,

Den hochgefüllten Becher

Zu seinem besten Gruß!

 

Doch einzeln nicht verhallen

Darf, was ich jetzt gedacht.

Was jeder meint, von allen,

Sei’s freudig auch gebracht!

 

All ritterliche Geister

Umringen fest den Thron,

Und auf zum höchsten Meister

Dringt treuer Liebe Ton:

 

Dem ritterlichen König

Heil, und dem Königssohn!

Fußnoten

 

1 Das vorstehende Lied wurde am 20. Juni 1822 während der Tafel, welche des damaligen Kronprinzen von Preußen, jetzigen Königs, Majestät, in dem großen Rempter des Marienburger Ritterschlosses gab, von einem Freunde des Verfassers in dem Kostüm der alten Liedsprecher gesungen.

 

 

2.

(Als die Kaiserin von Rußland das Schloß Marienburg besuchte)

 

 

Will Lust die Tor’ erschließen,

Da bleib ich draußen nicht,

Das Hohe zu begrüßen,

Das ist des Sängers Pflicht.

 

Das ist die alte Halle,

Hier sang ich manches Mal,

Die hohen Ritter alle

Rings um mich her im Saal.

 

Und von dem Heldenstreiten

Erklang manch kühnes Lied,

Das noch in nächt’gen Zeiten

Den stillen Bau durchzieht.

 

Doch farbenlos vergrauen

Ohn Blüte Fels und Au –

Es fehlt’ der Schmuck der Frauen

Dem hochgewalt’gen Bau.

 

Die Stärke regt das Wilde,

Und nur, der Kraft gesellt,

Die königliche Milde

Bezwingt die starre Welt. –

 

Welch Glanz hat mich umflogen

Und füllt das ganze Haus,

Als pfeilerten die Bogen

Ins Himmelreich hinaus!

 

Und was der Stein will sagen,

Der Mensch in tiefster Brust,

In Klängen anzuschlagen,

Das ist des Sängers Lust:

 

O du – gleichbar der Hohen,

Die dieses Haus bewacht

Und Morgenrotes Lohen

Im Norden angefacht –

 

Was Großes hier ersonnen,

All Segen, der hier weilt,

All Wohl, das hier begonnen,

Dir, hohe Frau, zum Heil!

 

Und so nun will ich neigen

Mich vor der Majestät –

Dann laßt mich gehn und schweigen,

Bis ihr Sie wiederseht.

 

Der neue Rattenfänger

Juchheisa! und ich führ den Zug

Hopp über Feld und Graben.

Des alten Plunders ist genug,

Wir wollen neuen haben.

 

Was! wir gering? Ihr vornehm, reich?

Planierend schwirrt die Schere,

Seid Lumps wie wir, so sind wir gleich,

Hübsch breit wird die Misere!

 

Das alte Lied, das spiel ich neu,

Da tanzen alle Leute,

Das ist die Vaterländerei,

O Herr, mach uns gescheute! –

 

 

Der brave Schiffer

Der Sturm wollt uns zerschmettern,

Was morsch war, lag zerschellt,

Es schrieb mit feur’gen Lettern

Der Herr, und sprach in Wettern

Zu der erschrocknen Welt.

 

Durch wilder Wogen Spritzen

Vorüber manchem Riff,

Wo auf Korallenspitzen

Die finstern Nornen sitzen,

Flog da das Preußenschiff.

 

Das war von echtem Kerne;

Gedankenvoll die Wacht

Schaut durch die wüste Ferne

Zum königlichen Sterne,

Der leuchtet aus der Nacht.

 

Und ob sie Nebel decken,

Was groß und heilig war,

Lenkten da aus den Schrecken

Gewaltig die treuen Recken –

Du mitten in dieser Schar.

 

Da sah man wohl den schlanken

Wald kühner Masten sich

Zum Himmel pfeilernd ranken!

Du lehntest voll Gedanken

Auf deine Harfe dich.

 

Bald mächtiger, bald leise,

Mit wunderbarem Klang,

Zogst du Gesangeskreise,

Daß eine tiefe Weise

Das wilde Meer bezwang.

 

Und Sturm und Nacht verzogen,

Schon blitzt’ es hier und da,

Das Land stieg aus den Wogen,

Und unter dem Friedensbogen

Die alte Victoria. –

 

Fahr wohl! wie Adlerschwingen

Wird in der Zeiten Schwung

Dein Ringen und dein Singen

Durch deutsche Herzen klingen,

So bleibst du ewig jung!

 

 

Ablösung

Wir saßen gelagert im Grünen,

So traulich und lustig gesellt,

Die Lichter des Frühlings schienen

Hold spielend durchs grüne Gezelt.

 

Im Frühlingsglanz still auf und nieder

Ergingen der Frauen sich viel,

Und liebliche Augen und Lieder,

Sie hielten ein herzliches Spiel.

 

Und unten von Tälern und Flüssen

Ein schallendes, wirrendes Reich –

O freudiges, erstes Begrüßen

Von Leben und Lieben zugleich!

 

Verlassen nun stehen die Räume,

Es schauen und rauschen allein

Die groß gewordenen Bäume

So ernst in die Stille herein.

 

Von allen, die dort sonst gesessen,

Es sehnet sich niemand hierher,

Sie haben den Frühling vergessen,

Kennt keiner den anderen mehr.

 

Und wie ich so sinn, da erwachen

Die alten Lieder in mir!

Da hör ich auf einmal ein Lachen

Und Schallen im grünen Revier.

 

Und fröhliche Lieder erklangen

Aus Herzensgrunde so recht,

Und unter den Bäumen ergangen

Erblick ich ein ander Geschlecht.

 

Geöffnet bleibt ewig zum Feste

Des Frühlings lustiges Haus,

Es schwärmen so wechselnd die Gäste

Da immer herein und heraus.

 

Die vorigen Lieder verhallen,

Wir sinken verblühend hinab,

Und neue Gesänge erschallen

Hoch über dem blühenden Grab.

 

 

An die Lützowschen Jäger

Wunderliche Spießgesellen,

Denkt ihr noch an mich,

Wie wir an der Elbe Wellen

Lagen brüderlich?

 

Wie wir in des Spreewalds Hallen,

Schauer in der Brust,

Hell die Hörner ließen schallen

So zu Schreck wie Lust?

 

Mancher mußte da hinunter

Unter den Rasen grün,

Und der Krieg und Frühling munter

Gingen über ihn.

 

Wo wir ruhen, wo wir wohnen:

Jener Waldeshort

Rauscht mit seinen grünen Kronen

Durch mein Leben fort.

 

 

Bei Halle

Da steht eine Burg überm Tale

Und schaut in den Strom hinein,

Das ist die fröhliche Saale,

Das ist der Giebichenstein.

 

Da hab ich so oft gestanden,

Es blühten Täler und Höhn,

Und seitdem in allen Landen

Sah ich nimmer die Welt so schön!

 

Durchs Grün da Gesänge schallten,

Von Rossen, zu Lust und Streit,

Schauten viel schlanke Gestalten,

Gleich wie in der Ritterzeit.

 

Wir waren die fahrenden Ritter,

Eine Burg war noch jedes Haus,

Es schaute durchs Blumengitter

Manch schönes Fräulein heraus.

 

Das Fräulein ist alt geworden,

Und unter Philistern umher

Zerstreut ist der Ritterorden,

Kennt keiner den andern mehr.

 

Auf dem verfallenen Schlosse,

Wie der Burggeist, halb im Traum,

Steh ich jetzt ohne Genossen

Und kenne die Gegend kaum.

 

Und Lieder und Lust und Schmerzen,

Wie liegen sie nun so weit –

O Jugend, wie tut im Herzen

Mir deine Schönheit so leid.

 

 

Wechsel

Es fällt nichts vor, mir fällt nichts ein,

Ich glaub die Welt steht still,

Die Zeit tritt auf so leis und fein,

Man weiß nicht, was sie will.

 

Auf einmal rührt sich’s dort und hier –

Was das bedeuten mag?

Es ist, als hörtst du über dir

Einen frischen Flügelschlag.

 

Rasch steigen dunkle Wetter auf,

Schon blitzt’s und rauscht die Rund,

Der lust’ge Sturmwind fliegt vorauf –

Da atm ich aus Herzensgrund.

 

 

Abschied

Laß, Leben, nicht so wild die Locken wehen

Es will so rascher Ritt mir nicht mehr glücken,

Hoch überm Land von diamantnen Brücken:

Mir schwindelt, in den Glanz hinabzusehen.

 

»Vom Rosse spielend meine Blicke gehen

Nach jüngern Augen, die mein Herz berücken,

Horch, wie der Frühling aufjauchzt vor Entzücken,

Kannst du nicht mit hinab, laß ich dich stehen.«

 

Kaum noch herzinnig mein, wendst du dich wieder,

Ist das der Lohn für deine treusten Söhne?

Dein trunkner Blick, fast möcht er mich erschrecken.

 

»Wer sagt’ dir, daß ich treu, weil ich so schöne?

Leb wohl, und streckst du müde einst die Glieder,

Will ich mit Blumen dir den Rasen decken.«

 

 

Vorbei

Das ist der alte Baum nicht mehr,

Der damals hier gestanden,

Auf dem ich gesessen im Blütenmeer

Über den sonnigen Landen.

 

Das ist der Wald nicht mehr, der sacht

Vom Berge rauschte nieder,

Wenn ich vom Liebchen ritt bei Nacht,

Das Herz voll neuer Lieder.

 

Das ist nicht mehr das tiefe Tal

Mit den grasenden Rehen,

In das wir nachts vieltausendmal

Zusammen hinausgesehen. –

 

Es ist der Baum noch, Tal und Wald,

Die Welt ist jung geblieben,

Du aber wurdest seitdem alt,

Vorbei ist das schöne Lieben.

 

 

Weltlauf

Was du gestern frisch gesungen,

Ist doch heute schon verklungen,

Und beim letzten Klange schreit

Alle Welt nach Neuigkeit.

 

War ein Held, der legt’ verwegen

Einstmals seinen blut’gen Degen

Als wie Gottes schwere Hand

Über das erschrockne Land.

 

Mußt’s doch blühn und rauschen lassen,

Und den toten Löwen fassen

Knaben nun nach Jungenart

Ungestraft an Mähn und Bart.

 

So viel Gipfel als da funkeln,

Sahn wir abendlich verdunkeln,

Und es hat die alte Nacht

Alles wieder gleichgemacht.

 

Wie im Turm der Uhr Gewichte

Rücket fort die Weltgeschichte,

Und der Zeiger schweigend kreist,

Keiner rät, wohin er weist.

 

Aber wenn die ehrnen Zungen

Nun zum letztenmal erklungen,

Auf den Turm der Herr sich stellt,

Um zu richten diese Welt.

 

Und der Herr hat nichts vergessen,

Was geschehen, wird er messen

Nach dem Maß der Ewigkeit –

O wie klein ist doch die Zeit!

 

 

4. Frühling und Liebe

 

An die Freunde

Der Jugend Glanz, der Sehnsucht irre Weisen,

Die tausend Ströme durch das duft’ge Land,

Es zieht uns all zu seinen Zauberkreisen. –

Wem Gottesdienst in tiefster Brust entbrannt,

Der sieht mit Wehmut ein unendlich Reisen

Zu ferner Heimat, die er fromm erkannt;

Und was sich spielend wob als ird’sche Blume,

Wölbt still den Kelch zum ernsten Heiligtume.

 

So schauet denn das buntbewegte Leben

Ringsum von meines Gartens heitrer Zinn,

Daß hoch die Bilder, die noch dämmernd schweben –

Wo Morgenglanz geblendet meinen Sinn –

An eurem Blick erwachsen und sich heben.

Verwüstend rauscht die Zeit darüber hin;

In euren treuen Herzen neu geboren,

Sind sie im wilden Strome unverloren.

 

 

Anklänge

1.

Liebe, wunderschönes Leben,

Willst du wieder mich verführen,

Soll ich wieder Abschied geben

Fleißig ruhigem Studieren?

 

Offen stehen Fenster, Türen,

Draußen Frühlingsboten schweben,

Lerchen schwirrend sich erheben,

Echo will im Wald sich rühren.

 

Wohl, da hilft kein Widerstreben,

Tief im Herzen muß ich’s spüren:

Liebe, wunderschönes Leben,

Wieder wirst du mich verführen!

 

 

2.

Hoch über stillen Höhen

Stand in dem Wald ein Haus,

So einsam war’s zu sehen

Dort übern Wald hinaus.

 

Ein Mädchen saß darinnen

Bei stiller Abendzeit,

Tät seidne Fäden spinnen

Zu ihrem Hochzeitskleid.

3.

 

Jagdlied

 

 

Durch schwankende Wipfel

Schießt güldener Strahl,

Tief unter den Gipfeln

Das neblige Tal.

Fern hallt es am Schlosse,

Das Waldhorn ruft,

Es wiehern die Rosse,

In die Luft, in die Luft!

 

Bald Länder und Seen

Durch Wolkenzug

Tief schimmernd zu sehen

In schwindelndem Flug,

Bald Dunkel wieder

Hüllt Reiter und Roß,

O Lieb, o Liebe

So laß mich los! –

 

Immer weiter und weiter

Die Klänge ziehn,

Durch Wälder und Heiden

Wohin, ach wohin?

Erquickliche Frische

Süß-schaurige Lust!

Hoch flattern die Büsche,

Frei schlägt die Brust.

 

 

Das Zaubernetz

Fraue, in den blauen Tagen

Hast ein Netz du ausgehangen,

Zart gewebt aus seidnen Haaren,

Süßen Worten, weißen Armen.

 

Und die blauen Augen sprachen,

Da ich waldwärts wollte jagen:

»Zieh mir, Schöner, nicht von dannen!«

Ach, da war ich dein Gefangner!

 

Hörst du nun den Frühling laden? –

Jägers Waldhorn geht im Walde,

Lockend grüßen bunte Flaggen,

Nach dem Sänger alle fragen.

 

Ach, von euch, ihr Frühlingsfahnen,

Kann ich, wie von dir, nicht lassen!

Reisen in den blauen Tagen

Muß der Sänger mit dem Klange.

 

Flügel hat, den du gefangen –

Alle Schlingen müssen lassen

Und er wird dir weggetragen,

Wenn die ersten Lerchen sangen.

 

Liebst du, treu dem alten Sange

Wie dem Sänger, mich wahrhaftig:

Laß dein Schloß, den schönen Garten,

Führ dich heim in Waldesprachten!

 

Auf dem Zelter sollst du prangen,

Um die schönen Glieder schlanke

Seide, himmelblau, gespannet,

Als ein süßgeschmückter Knabe.

 

Und der Jäger sieht uns fahren,

Und er läßt das Wild, das Jagen,

Will nun ewig mit uns wandern

Mit dem frischen Hörnerklange.

 

Wer von uns verführt den andern,

Ob es deine Augen taten,

Meine Laut’, des Jägers Blasen? –

Ach, wir können’s nicht erraten;

 

Aber um uns drei zusammen

Wird der Lenz im grünen Walde

Wohl ein Zaubernetze schlagen,

Dem noch keiner je entgangen.

 

 

Der Schalk

Läuten kaum die Maienglocken

Leise durch den lauen Wind,

Hebt ein Knabe froh erschrocken

Aus dem Grase sich geschwind,

Schüttelt in den Blütenflocken

Seine feinen blonden Locken,

Schelmisch sinnend wie ein Kind.

 

Und nun wehen Lerchenlieder,

Und es schlägt die Nachtigall,

Rauschend von den Bergen nieder

Kommt der kühle Wasserfall,

Rings im Walde bunt Gefieder: –

Frühling, Frühling ist es wieder

Und ein Jauchzen überall.

 

Und den Knaben hört man schwirren,

Goldne Fäden zart und lind

Durch die Lüfte künstlich wirren –

Und ein süßer Krieg beginnt:

Suchen, Fliehen, schmachtend Irren,

Bis sich alle hold verwirren. –

O beglücktes Labyrinth!

 

Frühlingsgruß

Es steht ein Berg in Feuer,

In feurigem Morgenbrand,

Und auf des Berges Spitze

Ein Tannbaum überm Land.

 

Und auf dem höchsten Wipfel

Steh ich und schau vom Baum,

O Welt, du schöne Welt, du,

Man sieht dich vor Blüten kaum!

 

 

Abendlandschaft

Der Hirt blast seine Weise,

Von fern ein Schuß noch fällt,

Die Wälder rauschen leise

Und Ströme tief im Feld.

 

Nur hinter jenem Hügel

Noch spielt der Abendschein –

O hätt ich, hätt ich Flügel,

Zu fliegen da hinein!

 

 

Elfe

Bleib bei uns! wir haben den Tanzplan im Tal

Bedeckt mit Mondesglanze,

Johanniswürmchen erleuchten den Saal,

Die Heimchen spielen zum Tanze.

 

Die Freude, das schöne leichtgläubige Kind,

Es wiegt sich in Abendwinden:

Wo Silber auf Zweigen und Büschen rinnt,

Da wirst du die Schönste finden!

 

 

Frühlingsmarsch

Hoch über euren Sorgen

Sah ich vom Berg ins Land

Voll tausend guter Morgen,

Die Welt in Blüten stand.

 

Was zagt ihr träg und blöde?

Was schön ist, wird doch dein!

Die Welt tut nur so spröde

Und will erobert sein.

 

Laßt die Trompeten laden,

Durchs Land die Trommeln gehn,

Es wimmeln Kameraden,

Wo rechte Banner wehn.

 

Wir ziehn durch die Provinzen,

Da funkelt manches Schloß,

Schön Lieb, hol dich vom Zwinger

Und schwing dich mit aufs Roß!

 

Und wenn das Blühen endet:

Noch taumelnd sprengen wir,

Vom Abendrot geblendet,

Ins letzte Nachtquartier.

 

Die Lerche

Ich kann hier nicht singen,

Aus dieser Mauern dunklen Ringen

Muß ich mich schwingen

Vor Lust und tiefem Weh.

O Freude, in klarer Höh

Zu sinken und sich zu heben,

In Gesang

Über die grüne Erde dahinzuschweben,

Wie unten die licht’ und dunkeln Streifen

Wechselnd im Fluge vorüberschweifen,

Aus der Tiefe ein Wirren und Rauschen und Hämmern,

Die Erde aufschimmernd im Frühlingsdämmern,

Wie ist die Welt so voller Klang!

Herz, was bist du bang?

Mußt aufwärts dringen!

Die Sonne tritt hervor,

Wie glänzen mir Brust und Schwingen,

Wie still und weit ist’s droben am Himmelstor!

 

 

Nachtigall

Nach den schönen Frühlingstagen,

Wenn die blauen Lüfte wehen,

Wünsche mit dem Flügel schlagen

Und im Grünen Amor zielt,

Bleibt ein Jauchzen auf den Höhen;

Und ein Wetterleuchten spielt

Aus der Ferne durch die Bäume

Wunderbar die ganze Nacht,

Daß die Nachtigall erwacht

Von den irren Widerscheinen,

Und durch alle sel’ge Gründe

In der Einsamkeit verkünde,

Was sie alle, alle meinen:

Dieses Rauschen in den Bäumen

Und der Mensch in dunkeln Träumen.

 

 

Adler

Steig nur, Sonne,

Auf die Höhn!

Schauer wehn,

Und die Erde bebt vor Wonne.

 

Kühn nach oben

Greift aus Nacht

Waldespracht,

Noch von Träumen kühl durchwoben.

 

Und vom hohen

Felsaltar

Stürzt der Aar

Und versinkt in Morgenlohen.

 

Frischer Morgen!

Frisches Herz,

Himmelwärts!

Laß den Schlaf nun, laß die Sorgen!

 

 

Durcheinander

Spatzen schrein und Nachtigallen,

Nelke glüht und Distel sticht,

Rose schön durch Nesseln bricht,

Besser noch hat mir gefallen

Liebchens spielendes Augenlicht;

Aber fehlte auch nur eins von allen,

‘s wär eben der närrische Frühling nicht.

 

 

Gleichheit

Es ist kein Blümlein nicht so klein,

Die Sonne wird’s erwarmen,

Scheint in das Fenster mild herein

Dem König wie dem Armen,

Hüllt alles ein in Sonnenschein

Mit göttlichem Erbarmen.

 

 

Gedenk

Es ist kein Vöglein so gemein,

Es spürt geheime Schauer,

Wenn draußen streift der Sonnenschein

Vergoldend seinen Bauer.

 

Und du hast es vergessen fast

In deines Kerkers Spangen,

O Menschlein, daß du Flügel hast

Und daß du hier gefangen.

 

 

Die Sperlinge

Altes Haus mit deinen Löchern,

Geiz’ger Bauer, nun ade!

Sonne scheint, von allen Dächern

Tröpfelt lustig schon der Schnee,

Draußen auf dem Zaune munter

Wetzen unsre Schnäbel wir,

Durch die Hecken rauf und runter,

In dem Baume vor der Tür

Tummeln wir in hellen Haufen

Uns mit großem Kriegsgeschrei,

Um die Liebste uns zu raufen,

Denn der Winter ist vorbei!

 

 

Schneeglöckchen

‘s war doch wie ein leises Singen

In dem Garten heute nacht,

Wie wenn laue Lüfte gingen:

»Süße Glöcklein, nun erwacht,

Denn die warme Zeit wir bringen,

Eh’s noch jemand hat gedacht.« –

‘s war kein Singen, ‘s war ein Küssen,

Rührt’ die stillen Glöcklein sacht,

Daß sie alle tönen müssen

Von der künft’gen bunten Pracht.

Ach, sie konnten’s nicht erwarten,

Aber weiß vom letzten Schnee

War noch immer Feld und Garten,

Und sie sanken um vor Weh.

So schon manche Dichter streckten

Sangesmüde sich hinab,

Und der Frühling, den sie weckten,

Rauschet über ihrem Grab.

 

 

Spaziergang

Ochse, wie bist du so stattlich, bedachtsam, fleißig und nützlich!

Wahrlich, ich brauche dich sehr – aber du bist doch ein Ochs!

 

Ho da! Kartoffeln und ihr, ökonomische Knollengewächse,

Schreiten kaum kann man; gemach! macht euch nicht gar zu sehr breit!

 

Grüß dich, Klatschrose und Gänseblum, Butterblum, ländliches Völkchen,

Schmucklos und ohne Geruch, unschuldig – weiter sonst nichts? –

 

Nelke, du reizendes Kind, wie hast du so gar nichts Bescheidnes!

Jauchzende Farben voll Lust flammst du ins traurige Grün,

 

Tief von den eigenen Düften du selber lustig berauschet,

Spiele denn, brenne, von dir laß ich berauschen mich gern!

 

Mädchenseele

Gar oft schon fühlt ich’s tief, des Mädchens Seele

Wird nicht sich selbst, dem Liebsten nur geboren.

Da irrt sie nun verstoßen und verloren,

Schickt heimlich Blicke schön als Boten aus,

Daß sie auf Erden suchen ihr ein Haus.

Sie schlummert in der Schwüle, leicht bedeckt,

Lächelt im Schlafe, atmet warm und leise,

Doch die Gedanken sind fern auf der Reise,

Und auf den Wangen flattert träumrisch Feuer,

Hebt buhlend oft der Wind den zarten Schleier.

Der Mann, der da zum erstenmal sie weckt,

Zuerst hinunterlangt in diese Stille,

Dem fällt sie um den Hals vor Freude bang

Und läßt ihn nicht mehr all ihr Lebelang.

 

 

Steckbrief

Grüß euch aus Herzensgrund:

Zwei Augen hell und rein,

Zwei Röslein auf dem Mund,

Kleid blank aus Sonnenschein!

 

Nachtigall klagt und weint,

Wollüstig rauscht der Hain,

Alles die Liebste meint:

Wo weilt sie so allein?

 

Weil’s draußen finster war,

Sah ich viel hellern Schein,

Jetzt ist es licht und klar,

Ich muß im Dunkeln sein.

 

Sonne nicht steigen mag,

Sieht so verschlafen drein,

Wünschet den ganzen Tag,

Daß wieder Nacht möcht sein.

 

Liebe geht durch die Luft,

Holt fern die Liebste ein;

Fort über Berg und Kluft!

Und Sie wird doch noch mein!

 

Morgenständchen

In den Wipfeln frische Lüfte,

Fern melod’scher Quellen Fall,

Durch die Einsamkeit der Klüfte

Waldeslaut und Vogelschall,

Scheuer Träume Spielgenossen,

Steigen all beim Morgenschein

Auf des Weinlaubs schwanken Sprossen

Dir ins Fenster aus und ein.

Und wir nahn noch halb in Träumen,

Und wir tun in Klängen kund,

Was da draußen in den Bäumen

Singt der weite Frühlingsgrund.

Regt der Tag erst laut die Schwingen:

Sind wir alle wieder weit –

Aber tief im Herzen klingen

Lange nach noch Lust und Leid.

 

 

Aussicht

Komm zum Garten denn, du Holde!

In den warmen, schönen Tagen

Sollst du Blumenkränze tragen,

Und vom kühl kristallnen Golde

Mit den frischen, roten Lippen,

Eh ich trinke, lächelnd nippen.

Ohne Maß dann, ohne Richter,

Küssend, trinkend singt der Dichter

Lieder, die von selbst entschweben:

Wunderschön ist doch das Leben!

 

 

Abendständchen

Schlafe, Liebchen, weil’s auf Erden

Nun so still und seltsam wird!

Oben gehn die goldnen Herden,

Für uns alle wacht der Hirt.

 

In der Ferne ziehn Gewitter;

Einsam auf dem Schifflein schwank,

Greif ich draußen in die Zither,

Weil mir gar so schwül und bang.

 

Schlingend sich an Bäum und Zweigen,

In dein stilles Kämmerlein

Wie auf goldnen Leitern steigen

Diese Töne aus und ein.

 

Und ein wunderschöner Knabe

Schifft hoch über Tal und Kluft,

Rührt mit seinem goldnen Stabe

Säuselnd in der lauen Luft.

 

Und in wunderbaren Weisen

Singt er ein uraltes Lied,

Das in linden Zauberkreisen

Hinter seinem Schifflein zieht.

 

Ach, den süßen Klang verführet

Weit der buhlerische Wind,

Und durch Schloß und Wand ihn spüret

Träumend jedes schöne Kind.

 

 

Nacht

1.

Die Vöglein, die so fröhlich sangen,

Der Blumen bunte Pracht,

‘s ist alles unter nun gegangen,

Nur das Verlangen

Der Liebe wacht.

2.

 

Tritt nicht hinaus jetzt vor die Tür,

Die Nacht hat eignen Sang,

Das Waldhorn ruft, als rief’s nach dir,

Betrüglich ist der irre Klang,

Endlos der Wälder Labyrinth –

Behüt dich Gott, du schönes Kind!

3.

 

Überm Lande die Sterne

Machen die Runde bei Nacht,

Mein Schatz ist in der Ferne,

Liegt am Feuer auf der Wacht.

 

Übers Feld bellen Hunde;

Wenn der Mondschein erblich,

Rauscht der Wald auf im Grunde:

Reiter, jetzt hüte dich!

4.

 

Hörst du die Gründe rufen

In Träumen halb verwacht?

Oh, von des Schlosses Stufen

Steig nieder in die Nacht! –

 

Die Nachtigallen schlagen,

Der Garten rauschet sacht,

Es will dir Wunder sagen

Die wunderbare Nacht.

 

 

Wahl

Der Tanz, der ist zerstoben,

Die Musik ist verhallt,

Nun kreisen Sterne droben,

Zum Reigen singt der Wald.

 

Sind alle fortgezogen,

Wie ist’s nun leer und tot!

Du rufst vom Fensterbogen:

»Wann kommt das Morgenrot!«

 

Mein Herz möcht mir zerspringen,

Darum so wein ich nicht,

Darum so muß ich singen,

Bis daß der Tag anbricht.

 

Eh es beginnt zu tagen:

Der Strom geht still und breit,

Die Nachtigallen schlagen,

Mein Herz wird mir so weit!

 

Du trägst so rote Rosen,

Du schaust so freudenreich,

Du kannst so fröhlich kosen,

Was stehst du still und bleich?

 

Und laß sie gehn und treiben

Und wieder nüchtern sein,

Ich will wohl bei dir bleiben!

Ich will dein Liebster sein!

 

 

Die Stille

Es weiß und rät es doch keiner,

Wie mir so wohl ist, so wohl!

Ach, wüßt es nur Einer, nur Einer,

Kein Mensch es sonst wissen soll!

 

So still ist’s nicht draußen im Schnee,

So stumm und verschwiegen sind

Die Sterne nicht in der Höhe,

Als meine Gedanken sind.

 

Ich wünscht, es wäre schon Morgen,

Da fliegen zwei Lerchen auf,

Die überfliegen einander,

Mein Herze folgt ihrem Lauf.

 

Ich wünscht, ich wäre ein Vöglein

Und zöge über das Meer,

Wohl über das Meer und weiter,

Bis daß ich im Himmel wär!

 

 

Frühlingsnetz

Im hohen Gras der Knabe schlief,

Da hört’ er’s unten singen,

Es war, als ob die Liebste rief,

Das Herz wollt ihm zerspringen.

 

Und über ihm ein Netze wirrt

Der Blumen leises Schwanken,

Durch das die Seele schmachtend irrt

In lieblichen Gedanken.

 

So süße Zauberei ist los,

Und wunderbare Lieder

Gehn durch der Erde Frühlingsschoß,

Die lassen ihn nicht wieder.

 

 

Das Mädchen

Stand ein Mädchen an dem Fenster,

Da es draußen Morgen war,

Kämmte sich die langen Haare,

Wusch sich ihre Äuglein klar.

 

Sangen Vöglein aller Arten,

Sonnenschein spielt’ vor dem Haus,

Draußen überm schönen Garten

Flogen Wolken weit hinaus.

 

Und sie dehnt’ sich in den Morgen,

Als ob sie noch schläfrig sei,

Ach, sie war so voller Sorgen,

Flocht ihr Haar und sang dabei:

 

»Wie ein Vöglein hell und reine,

Ziehet draußen muntre Lieb,

Lockt hinaus zum Sonnenscheine,

Ach, wer da zu Hause blieb’!«

 

 

Die Studenten

Die Jäger ziehn in grünen Wald

Und Reiter blitzend übers Feld,

Studenten durch die ganze Welt,

So weit der blaue Himmel wallt.

 

Der Frühling ist der Freudensaal,

Vieltausend Vöglein spielen auf,

Da schallt’s im Wald bergab, bergauf:

»Grüß dich, mein Schatz, vieltausendmal!«

 

Viel rüst’ge Bursche ritterlich,

Die fahren hier in Stromes Mitt,

Wie wilde sie auch stellen sich,

Trau mir, mein Kind, und fürcht dich nit!

 

Querüber übers Wasser glatt

Laß werben deine Äugelein,

Und der dir wohlgefallen hat,

Der soll dein lieber Buhle sein.

 

Durch Nacht und Nebel schleich ich sacht,

Kein Lichtlein brennt, kalt weht der Wind,

Riegl auf, riegl auf bei stiller Nacht,

Weil wir so jung beisammen sind!

 

Ade nun, Kind, und nicht geweint!

Schon gehen Stimmen da und dort,

Hoch übern Wald Aurora scheint,

Und die Studenten reisen fort.

 

 

Der Gärtner

Wohin ich geh und schaue,

In Feld und Wald und Tal,

Vom Berg hinab in die Aue:

Viel schöne, hohe Fraue,

Grüß ich dich tausendmal.

 

In meinem Garten find ich

Viel Blumen, schön und fein,

Viel Kränze wohl draus wind ich

Und tausend Gedanken bind ich

Und Grüße mit darein.

 

Ihr darf ich keinen reichen,

Sie ist zu hoch und schön,

Die müssen alle verbleichen,

Die Liebe nur ohnegleichen

Bleibt ewig im Herzen stehn.

 

Ich schein wohl froher Dinge

Und schaffe auf und ab,

Und, ob das Herz zerspringe,

Ich grabe fort und singe

Und grab mir bald mein Grab.

 

Jägerkatechismus

Was wollt ihr in dem Walde haben,

Mag sich die arme Menschenbrust

Am Waldesgruße nicht erlaben,

Am Morgenrot und grüner Lust?

 

Was tragt ihr Hörner an der Seite,

Wenn ihr des Hornes Sinn vergaßt,

Wenn’s euch nicht selbst lockt in die Weite,

Wie ihr vom Berg frühmorgens blast?

 

Ihr werd’t doch nicht die Lust erjagen,

Ihr mögt durch alle Wälder gehn;

Nur müde Füß und leere Magen –

Mir möcht die Jägerei vergehn!

 

O nehmet doch die Schneiderelle,

Guckt in der Küche in den Topf!

Sonntags dann auf des Hauses Schwelle,

Krau euch die Ehfrau auf dem Kopf!

 

Die Tierlein selber: Hirsch und Rehen,

Was lustig haust im grünen Haus,

Sie fliehn auf ihre freien Höhen,

Und lachen arme Wichte aus.

 

Doch kommt ein Jäger, wohlgeboren,

Das Horn irrt, er blitzt rosenrot,

Da ist das Hirschlein wohl verloren,

Stellt selber sich zum lust’gen Tod.

 

Vor allen aber die Verliebten,

Die lad ich ein zur Jägerlust,

Nur nicht die weinerlich Betrübten;

Die recht von frisch’ und starker Brust.

 

Mein Schatz ist Königin im Walde,

Ich stoß ins Horn, ins Jägerhorn!

Sie hört mich fern und naht wohl balde,

Und was ich blas, ist nicht verlorn! –

 

 

Der Kadett

Meine Liebste, die ist von allen

Grade die Schönste nicht,

Doch hat mir eben gefallen

Ihr spielendes Augenlicht.

 

Da kann ich von Glücke sagen,

Denn wär sie die Schönste just,

Müßt ich mit allen mich schlagen

Um die Eine nach Herzenslust.

 

 

Übermut

Ein’ Gems auf dem Stein,

Ein Vogel im Flug,

Ein Mädel, das klug,

Kein Bursch holt die ein.

 

 

Der Polack

Und komm ich, komm ich ohne Pelz,

Mein’ Liebste fragt mich aus:

»Wo hast du lassen deinen Pelz?«

Und macht sich doch nichts draus.

 

Da drüben ist gut Schnaps und Bier,

Der Wirt bläst Klarinett,

Da stritten wir, drei oder vier,

Wer’s schönste Liebchen hätt.

 

Ich aber trank aus deinem Schuh,

Ließ meinen Pelz im Haus

Und eine Handvoll Haar’ dazu,

Ich mach mir gar nichts draus.

 

 

Der Jäger

Was Segeln der Wünsche durch luftige Höh!

Was bildendes Träumen im blühenden Klee!

Was Hoffen und Bangen, was Schmachten, was Weh!

 

Und rauscht nicht die Erde in Blüten und Duft?

Und schreitet nicht Hörnerklang kühn durch die Luft?

Und stürzet nicht jauchzend der Quell von der Kluft?

 

Drum jage du frisch auch dein flüchtiges Reh

Durch Wälder und Felder, durch Täler und See,

Bis dir es ermüdet im Arme vergeh!

 

 

Der Landreiter

Ich ging bei Nacht einst über Land,

Ein Bürschlein traf ich draußen,

Das hat ‘nen Stutzen in der Hand

Und zielt auf mich voll Grausen.

Ich renne, da ich mich erbos,

Auf ihn in vollem Rasen,

Da drückt das kecke Bürschlein los

Und ich stürzt auf die Nasen.

Er aber lacht mir ins Gesicht,

Daß er mich angeschossen,

Cupido war der kleine Wicht –

Das hat mich sehr verdrossen.

 

 

Der Bote

Am Himmelsgrund schießen

So lustig die Stern,

Dein Schatz läßt dich grüßen

Aus weiter, weiter Fern!

 

Hat eine Zither gehangen

An der Tür unbeacht’,

Der Wind ist gegangen

Durch die Saiten bei Nacht.

 

Schwang sich auf dann vom Gitter

Über die Berge, übern Wald –

Mein Herz ist die Zither,

Gibt ein’n fröhlichen Schall.

 

 

Die Jäger

Wir waren ganz herunter,

Da sprach Diana ein,

Die blickt’ so licht und munter,

Nun geht’s zum Wald hinein!

 

Im Dunkeln Äuglein funkeln,

Cupido schleichet leis,

Die Bäume heimlich munkeln –

Ich weiß wohl, was ich weiß!

 

 

Der Winzer

Es hat die Nacht geregnet,

Es zog noch grau ins Tal,

Und ruhten still gesegnet

Die Felder überall;

Von Lüften kaum gefächelt,

Durchs ungewisse Blau

Die Sonne verschlafen lächelt’

Wie eine wunderschöne Frau.

 

Nun sah ich auch sich heben

Aus Nebeln unser Haus,

Du dehntest zwischen den Reben

Dich von der Schwelle hinaus,

Da funkelt’ auf einmal vor Wonne

Der Strom und Wald und Au –

Du bist mein Morgen, meine Sonne,

Meine liebe, verschlafene Frau!

 

 

Der Poet

Bin ich fern ihr: schau ich nieder

Träumend in die Täler hier,

Ach, ersinn ich tausend Lieder,

Singt mein ganzes Herz von ihr.

Doch was hilft die Gunst der Musen,

Daß die Welt mich Dichter nennt?

Keiner frägt, wie mir im Busen

Sorge tief und Sehnsucht brennt.

 

Ja, darf ich bei Liebchen weilen:

Fühl ich froh der Stunden Schwall

Wohl melodischer enteilen

Als der schönste Silbenfall,

Will ich singen, Lippen neigen

Sich auf mich und leiden’s nicht,

Und wie gerne mag ich schweigen,

Wird mein Leben zum Gedicht!

 

 

Die Kleine

Zwischen Bergen, liebe Mutter,

Weit den Wald entlang,

Reiten da drei junge Jäger

Auf drei Rößlein blank,

lieb Mutter,

Auf drei Rößlein blank.

 

Ihr könnt fröhlich sein, lieb Mutter

Wird es draußen still:

Kommt der Vater heim vom Walde,

Küßt Euch, wie er will,

lieb Mutter,

Küßt Euch, wie er will.

 

Und ich werfe mich im Bettchen

Nachts ohn Unterlaß,

Kehr mich links und kehr mich rechts hin,

Nirgends hab ich was,

lieb Mutter,

Nirgends hab ich was.

 

Bin ich eine Frau erst einmal,

In der Nacht dann still

Wend ich mich nach allen Seiten,

Küß, soviel ich will,

lieb Mutter,

Küß, soviel ich will.

 

 

Die Stolze

Sie steckt mit der Abendröte

In Flammen rings das Land,

Und hat samt Manschetten und Flöte

Den verliebten Tag verbrannt.

 

Und als nun verglommen die Gründe,

Sie stieg auf die stillen Höhn,

Wie war da rings um die Schlünde

Die Welt so groß und schön!

 

Waldkönig zog durch die Wälder

Und stieß ins Horn vor Lust,

Da klang über die stillen Felder,

Wovon der Tag nichts gewußt. –

 

Und wer mich wollt erwerben,

Ein Jäger müßt’s sein zu Roß,

Und müßt auf Leben und Sterben

Entführen mich auf sein Schloß!

 

 

Der Freiwerber

Frühmorgens durch die Winde kühl

Zwei Ritter hergeritten sind,

Im Garten klingt ihr Saitenspiel,

Wach auf, wach auf, mein schönes Kind!

 

Ringsum viel Schlösser schimmernd stehn,

So silbern geht der Ströme Lauf,

Hoch, weit rings Lerchenlieder wehn,

Schließ Fenster, Herz und Äuglein auf!

 

So wie du bist, verschlafen heiß,

Laß allen Putz und Zier zu Haus,

Tritt nur herfür im Hemdlein weiß,

Siehst so gar schön verliebet aus.

 

Ich hab einen Fremden wohl bei mir,

Der lauert unten auf der Wacht,

Der bittet schön dich um Quartier,

Verschlafnes Kind, nimm dich in acht!

 

 

Jäger und Jägerin

Sie

 

 

Wär ich ein muntres Hirschlein schlank,

Wollt ich im grünen Walde gehn,

Spazierengehn bei Hörnerklang,

Nach meinem Liebsten mich umsehn.

 

Er

 

 

Nach meiner Liebsten mich umsehn

Tu ich wohl, zieh ich früh von hier,

Doch sie mag niemals zu mir gehn

Im dunkelgrünen Waldrevier.

 

Sie

 

 

Im dunkelgrünen Waldrevier

Da blitzt der Liebste rosenrot,

Gefällt so sehr dem armen Tier,

Das Hirschlein wünscht, es läge tot.

 

Er

 

 

Und wär das schöne Hirschlein tot,

So möcht ich jagen länger nicht;

Scheint übern Wald der Morgen rot:

Hüt schönes Hirschlein, hüte dich!

 

Sie

 

 

Hüt schönes Hirschlein, hüte dich!

Spricht’s Hirschlein selbst in seinem Sinn:

Wie soll ich, soll ich hüten mich,

Wenn ich so sehr verliebet bin?

 

Er

 

 

Weil ich so sehr verliebet bin,

Wollt ich das Hirschlein, schön und wild,

Aufsuchen tief im Walde drin

Und streicheln, bis es stille hielt.

 

Sie

 

 

Ja, streicheln, bis es stille hielt,

Falsch locken so in Stall und Haus!

Zum Wald springt ‘s Hirschlein frei und wild

Und lacht verliebte Narren aus.

 

 

Der Tanzmeister

Wohlgerüstet war ich kommen;

Siegsgewiß, doch wie zum Scherz

Hat ein Blick mein Herz genommen –

Wer kann kämpfen ohne Herz?

 

So vom Augenblick – geschlagen,

Kniet ich Armer vor ihr hin,

Hatt kein Herz nun, ihr zu sagen,

Daß ich ihr Entherzter bin.

 

 

Die Braut

Wann die Bäume blühn und sprossen

Und die Lerche kehrt zurück,

Denkt die Seele der Genossen,

Fühlet fern’ und nahes Glück.

 

Selig Weinen sel’ger Herzen!

Wenn das Herz nichts weiter will,

Nicht von Lust erfüllt, noch Schmerzen,

Aber fröhlich ist und still.

 

Frischer sich die Hügel kränzen,

Heitrer lacht das weite Blau,

Alle Blumen schöner glänzen

Durch des Auges süßen Tau.

 

Und soll denn das Lieben leiden,

Und, wer leidet, krank auch sein,

Ach, so will ich keine Freuden,

Und mag nicht gesund mehr sein!

 

 

Die Geniale

Lustig auf den Kopf, mein Liebchen,

Stell dich, in die Luft die Bein!

Heisa! ich will sein dein Bübchen,

Heute nacht soll Hochzeit sein!

 

Wenn du Shakespeare kannst vertragen,

O du liebe Unschuld du!

Wirst du mich wohl auch ertragen

Und noch jedermann dazu. –

 

 

Der verzweifelte Liebhaber

Studieren will nichts bringen,

Mein Rock hält keinen Stich,

Meine Zither will nicht klingen,

Mein Schatz, der mag mich nicht.

 

Ich wollt, im Grün spazierte

Die allerschönste Frau,

Ich wär ein Drach und führte

Sie mit mir fort durchs Blau.

 

Ich wollt, ich jagt gerüstet

Und legt die Lanze aus,

Und jagte all Philister

Zur schönen Welt hinaus.

 

Ich wollt, ich säß jetzunder

Im Himmel still und weit,

Und früg nach all dem Plunder

Nichts vor Zufriedenheit.

 

 

Der Glückliche

Ich hab ein Liebchen lieb recht von Herzen,

Hellfrische Augen hat’s wie zwei Kerzen,

Und wo sie spielend streifen das Feld,

Ach, wie so lustig glänzet die Welt!

 

Wie in der Waldnacht zwischen den Schlüften

Plötzlich die Täler sonnig sich klüften,

Funkeln die Ströme, rauscht himmelwärts

Blühende Wildnis – so ist mein Herz!

 

Wie vom Gebirge ins Meer zu schauen,

Wie wenn der Seefalk, hangend im Blauen,

Zuruft der dämmernden Erd, wo sie blieb? –

So unermeßlich ist rechte Lieb!

 

 

Der Nachtvogel

Liegt der Tag rings auf der Lauer,

Blickt so schlau auf Lust und Trauer:

Kann ich kaum mich selbst verstehen.

Laß die Lauscher schlafen gehen!

Nur ein Stündchen unbewacht

Laß in der verschwiegnen Nacht

Mich in deine Augen sehen

Wie in stillen Mondenschein.

In dem Park an der Rotunde,

Wenn es dunkelt, harr ich dein.

Still und fromm ja will ich sein.

Liebste, ach nur eine Stunde! –

Sieh mir nicht so böse drein!

Willst du nie dein Schweigen brechen,

Ewig stumm wie Blumen sein:

O so laß mich das Versprechen

Pflücken dir vom stillen Munde:

Liebste, ach nur eine Stunde!

In dem Park, an der Rotunde,

Wenn es dunkelt, harr ich dein.

 

 

 

Coda

 

Und kann ich nicht sein

Mit dir zu zwein,

So will ich, allein,

Der Schwermut mich weihn!

 

 

Die Nachtblume

Nacht ist wie ein stilles Meer,

Lust und Leid und Liebesklagen

Kommen so verworren her

In dem linden Wellenschlagen.

 

Wünsche wie die Wolken sind,

Schiffen durch die stillen Räume,

Wer erkennt im lauen Wind,

Ob’s Gedanken oder Träume? –

 

Schließ ich nun auch Herz und Mund,

Die so gern den Sternen klagen:

Leise doch im Herzensgrund

Bleibt das linde Wellenschlagen.

 

 

Der Dichter

Nichts auf Erden nenn ich mein

Als die Lieder meiner Laute,

Doch nenn den, der freud’ger schaute

In die schöne Welt hinein!

Alles Lebens tiefste Schöne

Tun geheimnisvoll ja Töne

Nur dem frommen Sänger kund,

Und die Freude sagt kein Mund,

Die Gott wunderbar gelegt

In des Dichters Herzensgrund.

Wenn die Welt, so wild bewegt,

Ängstlich schaut nach ihren Rettern:

Über aller Nebel Wogen

Wölbt Er kühn den Friedensbogen,

Und, wie nach verzognen Wettern,

Rauscht die Erde wieder mild,

Alle Knospen Blüten treiben,

Und der Frühling ist sein Haus,

Und der Frühling geht nie aus. –

O du lieblich Frauenbild!

Willst du bei dem Sänger bleiben?

Blumen bind’t ein streng Geschick:

Wenn die tausend Stimmen singen,

Alle Schmerzen, alles Glück

Ewig lautlos zu verschweigen.

Doch bei kühlem Mondenblick

Regt ihr stiller Geist die Schwingen,

Möcht dem duft’gen Kelch entsteigen.

Sieh, schon ist die Sonn gesunken

Aus der dunkelblauen Schwüle,

Und zerspringt in tausend Funken

An den Felsen rings und Bäumen,

Bis sie alle selig träumen.

Mit den Sternen in der Kühle

Blühn da Wünsche, steigen Lieder

Aus des Herzens Himmelsgrund,

Und ich fühle alles wieder:

Alte Freuden, junges Wagen!

Ach! so viel möcht ich dir sagen,

Sagen recht aus Herzensgrund,

In dem Rauschen, in dem Wehen

Möcht ich fröhlich mit dir gehen,

Plaudern in der lauen Nacht,

Bis der Morgenstern erwacht! –

 

 

An eine Tänzerin

Kastagnetten lustig schwingen

Seh ich dich, du zierlich Kind!

Mit der Locken schwarzen Ringen

Spielt der sommerlaue Wind.

Künstlich regst du schöne Glieder,

Glühend-wild,

Zärtlich-mild

Tauchest in Musik du nieder

Und die Woge hebt dich wieder.

 

Warum sind so blaß die Wangen,

Dunkelfeucht der Augen Glanz,

Und ein heimliches Verlangen

Schimmert glühend durch den Tanz?

Schalkhaft lockend schaust du nieder,

Liebesnacht

Süß erwacht,

Wollüstig erklingen Lieder –

Schlag nicht so die Augen nieder!

 

Wecke nicht die Zauberlieder

In der dunklen Tiefe Schoß,

Selbst verzaubert sinkst du nieder,

Und sie lassen dich nicht los.

Tödlich schlingt sich um die Glieder

Sündlich Glühn,

Und verblühn

Müssen Schönheit, Tanz und Lieder,

Ach, ich kenne dich nicht wieder!

 

 

Klage

Ich hab manch Lied geschrieben,

Die Seele war voll Lust,

Von treuem Tun und Lieben,

Das Beste, was ich wußt.

 

Was mir das Herz bewogen,

Das sagte treu mein Mund,

Und das ist nicht erlogen,

Was kommt aus Herzensgrund.

 

Liebchen wußt’s nicht zu deuten

Und lacht’ mir ins Gesicht,

Dreht’ sich zu andern Leuten

Und achtet’s weiter nicht.

 

Und spielt mit manchem Tropfe,

Weil ich so tief betrübt.

Mir ist so dumm im Kopfe,

Als wär ich nicht verliebt.

 

Ach Gott, wem soll ich trauen?

Will Sie mich nicht verstehn,

Tun all so fremde schauen,

Und alles muß vergehn.

 

Und alles irrt zerstreuet –

Sie ist so schön und rot –

Ich hab nichts, was mich freuet,

Wär ich viel lieber tot!

 

 

Trauriger Winter

Nun ziehen Nebel, falbe Blätter fallen,

Öd alle Stellen, die uns oft entzücket!

Und noch einmal tief’ Rührung uns beglücket,

Wie aus der Flucht die Abschiedslieder schallen.

 

Wohl manchem blüht aus solchem Tod Gefallen:

Daß er nun eng ans blühnde Herz gedrücket,

Von roten Lippen holdre Sträuße pflücket

Als Lenz je beut mit Wäldern, Wiesen allen.

 

Mir sagte niemals ihrer Augen Bläue:

»Ruh auch aus! Willst du ewig sinnen?«

Und einsam sah ich so den Sommer fahren.

 

So will ich tief des Lenzes Blüte wahren,

Und mit Erinnern zaubrisch mich umspinnen,

Bis ich nach langem Traum erwach im Maie.

 

 

Trauriger Frühling

Mir ist’s im Kopf so wüste,

Die Zeit wird mir so lang,

Wie auch der Lenz mich grüßte

Mit Glanz und frischem Klang,

Das Herz bleibt mir so wüste,

Mir ist so sterbensbang.

 

Viel Vöglein lockend sangen

Im blühenden Revier,

Ich hatt mir eins gefangen,

Jetzt ist es weit von mir,

Viel Vöglein draußen sangen,

Ach, hätt ich meins nur hier!

 

 

Begegnung

Ich wandert in der Frühlingszeit,

Fern auf den Bergen gingen

Mit Geigenspiel und Singen

Viel lust’ge Hochzeitsleut,

Das war ein Jauchzen und Klingen!

Es blühte rings in Tal und Höhn,

Ich konnt vor Lust nicht weitergehn.

 

Am Dorfe dann auf grüner Au

Begannen sie den Reigen,

Und durch den Schall der Geigen

Lacht’ laut die junge Frau,

Ihr Stimmlein klang so eigen,

Ich wußte nicht, wie mir geschehn –

Da wandt sie sich in wildem Drehn.

 

Es war mein Lieb! ‘s ist lange her,

Sie blickt’ so ohne Scheue,

Verloren ist die Treue,

Sie kannte mich nicht mehr –

Da jauchzt’ und geigt’s aufs neue,

Ich aber wandt mich fort ins Feld,

Nun wandr ich bis ans End der Welt!

 

Der Kranke

Vögelein munter

Singen so schön,

Laßt mich hinunter

Spazierengehn!

 

»Nacht ist’s ja draußen;

‘s war nur der Sturm,

Den du hörst sausen

Droben vom Turm.«

 

Liebchen im Garten

Seh ich dort stehn,

Lang mußt sie warten,

O laßt mich gehn.

 

»Still nur, der blasse

Tod ist’s, der sacht

Dort durch die Gasse

Schleicht in der Nacht.«

 

Wie mir ergraute,

Bleiches Gesicht!

Gebt mir die Laute,

Mir wird so licht!

 

»Was willst du singen

In tiefster Not?

Lenz, Lust vergingen,

Liebchen ist tot!« –

 

Laßt mich, Gespenster,

Lied, riegl auf die Gruft!

Öffnet die Fenster,

Luft, frische freie Luft!

 

 

Im Herbst

Der Wald wird falb, die Blätter fallen,

Wie öd und still der Raum!

Die Bächlein nur gehn durch die Buchenhallen

Lind rauschend wie im Traum,

Und Abendglocken schallen

Fern von des Waldes Saum.

 

Was wollt ihr mich so wild verlocken

In dieser Einsamkeit?

Wie in der Heimat klingen diese Glocken

Aus stiller Kinderzeit –

Ich wende mich erschrocken

Ach, was mich liebt, ist weit!

 

So brecht hervor nur, alte Lieder,

Und brecht das Herz mir ab!

Noch einmal grüß ich aus der Ferne wieder,

Was ich nur Liebes hab,

Mich aber zieht es nieder

Vor Wehmut wie ins Grab.

 

 

Die Hochzeitsänger

Fernher ziehn wir durch die Gassen,

Stehn im Regen und im Wind,

Wohl von aller Welt verlassen

Arme Musikanten sind.

Aus den Fenstern Geigen klingen,

Schleift und dreht sich’s bunt und laut,

Und wir Musikanten singen

Draußen da der reichen Braut.

 

Wollt sie doch keinen andern haben,

Ging mit mir durch Wald und Feld,

Prächtig in den blauen Tagen

Schien die Sonne auf die Welt.

Heisa: lustig Drehn und Ringen,

Jeder hält sein Liebchen warm,

Und wir Musikanten singen

Lustig so, daß Gott erbarm.

 

Lachend reicht man uns die Neigen,

Auf ihr Wohlsein trinken wir;

Wollt sie sich am Fenster zeigen,

‘s wäre doch recht fein von ihr.

Und wir fiedeln und wir singen

Manche schöne Melodei,

Daß die besten Saiten springen,

‘s war, als spräng mir’s Herz entzwei.

 

Jetzt ist Schmaus und Tanz zerstoben,

Immer stiller wird’s im Haus,

Und die Mägde putzen oben

Alle lust’gen Kerzen aus.

Doch wir blasen recht mit Rasen

Jeder in sein Instrument,

Möcht in meinem Grimm ausblasen

Alle Stern am Firmament!

 

Und am Hause seine Runde

Tritt der Wächter gähnend an,

Rufet aus die Schlafensstunde,

Und sieht ganz erbost uns an.

Doch nach ihrem Kabinette

Schwing ich noch mein Tamburin,

Fahr wohl in dein Himmelbette,

Weil wir müssen weiterziehn!

 

 

Der letzte Gruß

Ich kam vom Walde hernieder,

Da stand noch das alte Haus,

Mein Liebchen, sie schaute wieder

Wie sonst zum Fenster hinaus.

 

Sie hat einen andern genommen,

Ich war draußen in Schlacht und Sieg,

Nun ist alles anders gekommen,

Ich wollt, ‘s wär wieder erst Krieg.

 

Am Wege dort spielte ihr Kindlein,

Das glich ihr recht auf ein Haar,

Ich küßt’s auf sein rotes Mündlein:

»Gott segne dich immerdar!«

 

Sie aber schaute erschrocken

Noch lange Zeit nach mir hin,

Und schüttelte sinnend die Locken

Und wußte nicht, wer ich bin. –

 

Da droben hoch stand ich am Baume,

Da rauschten die Wälder so sacht,

Mein Waldhorn, das klang wie im Traume

Hinüber die ganze Nacht.

 

Und als die Vögelein sangen

Frühmorgens, sie weinte so sehr,

Ich aber war weit schon gegangen,

Nun sieht sie mich nimmermehr!

 

 

Bei einer Linde

Seh ich dich wieder, du geliebter Baum,

In dessen junge Triebe

Ich einst in jenes Frühlings schönstem Traum

Den Namen schnitt von meiner ersten Liebe?

 

Wie anders ist seitdem der Äste Bug,

Verwachsen und verschwunden

Im härtren Stamm der vielgeliebte Zug,

Wie ihre Liebe und die schönen Stunden!

 

Auch ich seitdem wuchs stille fort, wie du,

Und nichts an mir wollt weilen,

Doch meine Wunde wuchs – und wuchs nicht zu,

Und wird wohl niemals mehr hienieden heilen.

 

 

Vom Berge

Da unten wohnte sonst mein Lieb,

Die ist jetzt schon begraben,

Der Baum noch vor der Türe blieb,

Wo wir gesessen haben.

 

Stets muß ich nach dem Hause sehn,

Und seh doch nichts vor Weinen,

Und wollt ich auch hinuntergehn,

Ich stürb dort so alleine!

 

 

Verlorne Liebe

Lieder schweigen jetzt und Klagen,

Nun will ich erst fröhlich sein,

All mein Leid will ich zerschlagen

Und Erinnern – gebt mir Wein!

Wie er mir verlockend spiegelt

Sterne und der Erde Lust,

Stillgeschäftig dann entriegelt

All die Teufel in der Brust,

Erst der Knecht und dann der Meister,

Bricht er durch die Nacht herein,

Wildester der Lügengeister,

Ring mit mir, ich lache dein!

Und den Becher voll Entsetzen

Werf ich in des Stromes Grund,

Daß sich nimmer dran soll letzen

Wer noch fröhlich und gesund!

 

Lauten hör ich ferne klingen,

Lust’ge Bursche ziehn vom Schmaus,

Ständchen sie den Liebsten bringen,

Und das lockt mich mit hinaus.

Mädchen hinterm blühnden Baume

Winkt und macht das Fenster auf

Und ich steige wie im Traume

Durch das kleine Haus hinauf.

Schüttle nur die dunklen Locken

Aus dem schönen Angesicht!

 

Sieh, ich stehe ganz erschrocken:

Das sind ihre Augen licht,

Locken hatte sie wie deine,

Bleiche Wangen, Lippen rot –

Ach, du bist ja doch nicht meine,

Und mein Lieb ist lange tot!

Hättest du nur nicht gesprochen

Und so frech geblickt nach mir,

Das hat ganz den Traum zerbrochen

Und nun grauet mir vor dir.

Da nimm Geld, kauf Putz und Flimmern,

Fort und lache nicht so wild!

O ich möchte dich zertrümmern,

Schönes, lügenhaftes Bild!

 

Spät von dem verlornen Kinde

Kam ich durch die Nacht daher,

Fahnen drehten sich im Winde,

Alle Gassen waren leer.

Oben lag noch meine Laute

Und mein Fenster stand noch auf,

Aus dem stillen Grunde graute

Wunderbar die Stadt herauf.

Draußen aber blitzt’s vom Weiten,

Alter Zeiten ich gedacht,

Schauernd reiß ich in den Saiten

Und ich sing die halbe Nacht.

Die verschlafnen Nachbarn sprechen,

Daß ich nächtlich trunken sei –

O du mein Gott! und mir brechen

Herz und Saitenspiel entzwei!

 

 

Das Ständchen

Auf die Dächer zwischen blassen

Wolken scheint der Mond herfür,

Ein Student dort auf der Gassen

Singt vor seiner Liebsten Tür.

 

Und die Brunnen rauschen wieder

Durch die stille Einsamkeit,

Und der Wald vom Berge nieder,

Wie in alter, schöner Zeit.

 

So in meinen jungen Tagen

Hab ich manche Sommernacht

Auch die Laute hier geschlagen

Und manch lust’ges Lied erdacht.

 

Aber von der stillen Schwelle

Trugen sie mein Lieb zur Ruh –

Und du, fröhlicher Geselle,

Singe, sing nur immer zu!

 

 

Klang um Klang

1.

Es ist ein Klang gekommen

Herüber durch die Luft,

Der Wind hat’s gebracht und genommen,

Ich weiß nicht, wer mich ruft.

Es schallt der Grund von Hufen,

In der Ferne fiel ein Schuß –

Das sind die Jäger, die rufen,

Daß ich hinunter muß!

2.

 

Das sind nicht die Jäger – im Grunde

Gehn Stimmen hin und her.

Hüt dich zu dieser Stunde,

Mein Herz ist mir so schwer!

 

Wer dich liebhat, macht die Runde,

Steig nieder und frag nicht, wer!

Ich führ dich aus diesem Grunde –

Dann siehst du mich nimmermehr.

3.

 

Ich weiß einen großen Garten,

Wo die wilden Blumen stehn,

Die Engel frühmorgens sein warten,

Wenn alles noch still auf den Höhn.

Manch zackiges Schloß steht darinne,

Die Rehe grasen ums Haus,

Da sieht man weit von der Zinne,

Weit über die Länder hinaus.

 

Neue Liebe

Herz, mein Herz, warum so fröhlich,

So voll Unruh und zerstreut,

Als käm über Berge selig

Schon die schöne Frühlingszeit?

 

Weil ein liebes Mädchen wieder

Herzlich an dein Herz sich drückt,

Schaust du fröhlich auf und nieder,

Erd und Himmel dich erquickt.

 

Und ich hab die Fenster offen,

Neu zieh in die Welt hinein

Altes Bangen, altes Hoffen!

Frühling, Frühling soll es sein!

 

Still kann ich hier nicht mehr bleiben,

Durch die Brust ein Singen irrt,

Doch zu licht ist’s mir zum Schreiben,

Und ich bin so froh verwirrt.

 

Also schlendr ich durch die Gassen,

Menschen gehen her und hin,

Weiß nicht, was ich tu und lasse,

Nur, daß ich so glücklich bin.

 

Frühlingsnacht

Übern Garten durch die Lüfte

Hört ich Wandervögel ziehn,

Das bedeutet Frühlingsdüfte,

Unten fängt’s schon an zu blühn.

 

Jauchzen möcht ich, möchte weinen,

Ist mir’s doch, als könnt’s nicht sein!

Alte Wunder wieder scheinen

Mit dem Mondesglanz herein.

 

Und der Mond, die Sterne sagen’s,

Und in Träumen rauscht’s der Hain,

Und die Nachtigallen schlagen’s:

Sie ist Deine, sie ist dein!

 

 

Frau Venus

Was weckst du, Frühling, mich von neuem wieder?

Daß all die alten Wünsche auferstehen,

Geht übers Land ein wunderbares Wehen;

Das schauert mir so lieblich durch die Glieder.

 

Die schöne Mutter grüßen tausend Lieder,

Die, wieder jung, im Brautkranz süß zu sehen;

Der Wald will sprechen, rauschend Ströme gehen,

Najaden tauchen singend auf und nieder.

 

Die Rose seh ich gehn aus grüner Klause

Und, wie so buhlerisch die Lüfte fächeln,

Errötend in die laue Flut sich dehnen.

 

So mich auch ruft ihr aus dem stillen Hause –

Und schmerzlich nun muß ich im Frühling lächeln,

Versinkend zwischen Duft und Klang vor Sehnen.

 

 

Erwartung

O schöne, bunte Vögel,

Wie singt ihr gar so hell!

O Wolken, luft’ge Segel,

Wohin so schnell, so schnell?

 

Ihr alle, ach, gemeinsam

Fliegt zu der Liebsten hin,

Sagt ihr, wie ich hier einsam

Und voller Sorgen bin.

 

Im Walde steh und laur ich,

Verhallt ist jeder Laut,

Die Wipfel nur wehn schaurig,

O komm, du süße Braut!

 

Schon sinkt die dunkelfeuchte

Nacht rings auf Wald und Feld,

Des Mondes hohe Leuchte

Tritt in die stille Welt.

 

Wie schauert nun im Grunde

Der tiefsten Seele mich!

Wie öde ist die Runde

Und einsam ohne dich!

 

Was rauscht? – Sie naht von ferne! –

Nun, Wald, rausch von den Höhn,

Nun laß Mond, Nacht und Sterne

Nur auf- und untergehn!

 

 

Leid und Lust

Euch Wolken beneid ich

In blauer Luft,

Wie schwingt ihr euch freudig

Über Berg und Kluft!

 

Mein Liebchen wohl seht ihr

Im Garten gehn,

Am Springbrunnen steht sie

So morgenschön.

 

Und wäscht an der Quelle

Ihr goldenes Haar,

Die Äugelein helle,

Und blickt so klar.

 

Und Busen und Wangen

Dürft ihr da sehn. –

Ich brenn vor Verlangen,

Und muß hier stehn!

 

Euch Wolken bedaur ich

Bei stiller Nacht;

Die Erde bebt schaurig,

Der Mond erwacht:

 

Da führt mich ein Bübchen

Mit Flügelein fein,

Durchs Dunkel zum Liebchen,

Sie läßt mich ein.

 

Wohl schaut ihr die Sterne

Weit, ohne Zahl,

Doch bleiben sie ferne

Euch allzumal.

 

Mir leuchten zwei Sterne

Mit süßem Strahl,

Die küß ich so gerne

Vieltausendmal.

 

Euch grüßt mit Gefunkel

Der Wasserfall,

Und tief aus dem Dunkel

Die Nachtigall.

 

Doch süßer es grüßet

Als Wellentanz,

Wenn Liebchen hold flüstert:

»Dein bin ich ganz.«

 

So segelt denn traurig

In öder Pracht!

Euch Wolken bedaur ich

Bei süßer Nacht.

 

 

Trennung

1.

Denkst du noch jenes Abends, still vor Sehnen,

Wo wir zum letztenmal im Park beisammen?

Kühl standen rings des Abendrotes Flammen,

Ich scherzte wild – du lächeltest durch Tränen.

So spielt der Wahnsinn lieblich mit den Schmerzen

An jäher Schlüfte Rand, die nach ihm trachten;

Er mag der lauernden Gefahr nicht achten;

Er hat den Tod ja schon im öden Herzen.

 

Ob du die Mutter auch belogst, betrübtest,

Was andre Leute drüber deuten, sagen –

Sonst scheu – heut mochst du nichts nach allem fragen,

Mir einzig zeigen nur, wie du mich liebtest.

Und aus dem Hause heimlich so entwichen,

Gabst du ins Feld mir schweigend das Geleite,

Vor uns das Tal, das hoffnungsreiche, weite,

Und hinter uns kam grau die Nacht geschlichen.

 

Du gehst nun fort, sprachst du, ich bleib alleine;

Ach! dürft ich alles lassen, still und heiter

Mit dir so ziehn hinab und immer weiter –

Ich sah dich an – es spielten bleiche Scheine

So wunderbar um Locken dir und Glieder;

So ruhig, fremd warst du mir nie erschienen,

Es war, als sagten die versteinten Mienen,

Was du verschwiegst: Wir sehn uns niemals wieder!

 

2.

 

Schon wird es draußen licht auf Berg und Talen;

Aurora, stille Braut, ihr schönen Strahlen,

Die farb’gen Rauch aus Fluß und Wäldern saugen,

Euch grüßen neu die halbverschlafnen Augen.

Verrätrisch, sagt man, sei des Zimmers Schwüle,

Wo nachts ein Mädchen träumte vom Geliebten:

So komm herein, du rote, frische Kühle,

Fliegt in die blaue Luft, ihr schönen Träume!

Ein furchtsam Kind, im stillen Haus erzogen,

Konnt ich am Abendrot die Blicke weiden,

Tiefatmend in die laue Luft vor Freuden.

Er hat um diese Stille mich betrogen.

Mit stolzen Augen, fremden schönen Worten

Lockt er die Wünsche aus dem stillen Hafen,

Wo sie bei Sternenglanze selig schlafen,

Hinaus ins unbekannte Reich der Wogen;

Da kommen Winde buhlend angeflogen,

Die zarte Hand zwingt nicht die wilden Wellen,

Du mußt, wohin die vollen Segel schwellen.

 

Da zog er heimlich fort. – Seit jenem Morgen

Da hatt ich Not, hatt heimlich was zu sorgen.

Wenn nächtlich unten lag die stille Runde,

Einförmig Rauschen herkam von den Wäldern,

Pfeifend der Wind strich durch die öden Felder

Und hin und her in Dörfern bellten Hunde,

Ach! wenn kein glücklich Herz auf Erden wacht,

Begrüßten die verweinten Augen manche Nacht!

 

Wie oft, wenn wir im Garten ruhig waren,

Sagte mein Bruder mir vor vielen Jahren:

»Dem schönen Lenz gleicht recht die erste Liebe.

Wann draußen neu geschmückt die Frühlingsbühne,

Die Reiter blitzend unten ziehn durchs Grüne,

In blauer Luft die Lerchen lustig schwirren,

Läßt sie sich weit ins Land hinaus verführen,

Fragt nicht, wohin, und mag sich gern verirren,

Den Stimmen folgend, die sie wirrend führen.

Da wendet auf den Feldern sich der Wind,

Die Vögel hoch durch Nebel ziehn nach Haus;

Es wird so still, das schöne Fest ist aus.

Gar weit die Heimat liegt, das schöne Kind

Findt nicht nach Hause mehr, nicht weiter fort –

Hüt dich, such früh dir einen sichern Port!«

 

Glück

Wie jauchzt meine Seele

Und singet in sich!

Kaum, daß ich’s verhehle

So glücklich bin ich.

 

Rings Menschen sich drehen

Und sprechen gescheut,

Ich kann nichts verstehen,

So fröhlich zerstreut. –

 

Zu eng wird das Zimmer,

Wie glänzet das Feld,

Die Täler voll Schimmer,

Weit herrlich die Welt!

 

Gepreßt bricht die Freude

Durch Riegel und Schloß,

Fort über die Heide!

Ach, hätt ich ein Roß! –

 

Und frag ich und sinn ich,

Wie so mir geschehn?: –

Mein Liebchen herzinnig,

Das soll ich heut sehn!

 

Die Schärpe

Mein Schatz, das ist ein kluges Kind,

Die spricht: »Willst du nicht fechten:

Wir zwei geschiedne Leute sind;

Erschlagen dich die Schlechten:

Auch keins von beiden dran gewinnt.«

Mein Schatz, das ist ein kluges Kind

Für die will ich leben und fechten!

 

 

Abschied und Wiedersehn

1.

In süßen Spielen unter nun gegangen

Sind Liebchens Augen, und sie atmet linde,

Stillauschend sitz ich bei dem holden Kinde,

Die Locken streichelnd ihr von Stirn und Wangen.

 

Ach! Lust und Mond und Sterne sind vergangen,

Am Fenster mahnen schon die Morgenwinde:

Daß ich vom Nacken leis die Arme winde,

Die noch im Schlummer lieblich mich umfangen.

 

O öffne nicht der Augen süße Strahle!

Nur einen Kuß noch – und zum letzten Male

Geh ich von dir durchs stille Schloß hernieder.

 

Streng greift der eis’ge Morgen an die Glieder,

Wie ist die Welt so klar und kalt und helle –

Tiefschauernd tret ich von der lieben Schwelle.

2.

 

Ein zart Geheimnis webt in stillen Räumen,

Die Erde löst die diamantnen Schleifen,

Und nach des Himmels süßen Strahlen greifen

Die Blumen, die der Mutter Kleid besäumen.

 

Da rauscht’s lebendig draußen in den Bäumen,

Aus Osten langen purpurrote Streifen,

Hoch Lerchenlieder durch das Zwielicht schweifen –

Du hebst das blühnde Köpfchen hold aus Träumen.

 

Was sind’s für Klänge, die ans Fenster flogen?

So altbekannt verlocken diese Lieder,

Ein Sänger steht im schwanken Dämmerschein.

 

Wach auf! Dein Liebster ist fernher gezogen,

Und Frühling ist’s auf Tal und Bergen wieder,

Wach auf, wach auf, nun bist du ewig mein!

Die Einsame

 

1.

Wenn morgens das fröhliche Licht bricht ein,

Tret ich zum offenen Fensterlein,

Draußen gehn lau die Lüft auf den Auen,

Singen die Lerchen schon hoch im Blauen,

Rauschen am Fenster die Bäume gar munter,

Ziehn die Brüder in den Wald hinunter;

Und bei dem Sange und Hörnerklange

Wird mir immer so bange, bange.

 

Wüßt ich nur immer, wo du jetzo bist,

Würd mir schon wohler auf kurze Frist.

Könntest du mich nur über die Berge sehen

Dein gedenkend im Garten gehen:

Dort rauschen die Brunnen jetzt alle so eigen,

Die Blumen vor Trauern im Wind sich neigen.

Ach! von den Vöglein über die Tale

Sei mir gegrüßt vieltausend Male!

 

Du sagtest gar oft: »Wie süß und rein

Sind deine blauen Äugelein!«

Jetzo müssen sie immerfort weinen,

Da sie nicht finden mehr, was sie meinen;

Wird auch der rote Mund erblassen,

Seit du mich, süßer Buhle, verlassen.

Eh du wohl denkst, kann das Blatt sich wenden,

Geht alles gar bald zu seinem Ende.

 

 

2.

Die Welt ruht still im Hafen,

Mein Liebchen, gute Nacht!

Wann Wald und Berge schlafen,

Treu’ Liebe einsam wacht.

 

Ich bin so wach und lustig,

Die Seele ist so licht,

Und eh ich liebt, da wußt ich

Von solcher Freude nicht.

 

Ich fühl mich so befreiet

Von eitlem Trieb und Streit,

Nichts mehr das Herz zerstreuet

In seiner Fröhlichkeit.

 

Mir ist, als müßt ich singen

So recht aus tiefster Lust

Von wunderbaren Dingen,

Was niemand sonst bewußt.

 

O könnt ich alles sagen!

O wär ich recht geschickt!

So muß ich still ertragen,

Was mich so hoch beglückt.

 

3.

Wär’s dunkel, ich läg im Walde,

Im Walde rauscht’s so sacht,

Mit ihrem Sternenmantel

Bedecket mich da die Nacht,

Da kommen die Bächlein gegangen:

Ob ich schon schlafen tu?

Ich schlaf nicht, ich hör noch lange

Den Nachtigallen zu,

Wenn die Wipfel über mir schwanken,

Es klinget die ganze Nacht,

Das sind im Herzen die Gedanken,

Die singen, wenn niemand wacht.

 

 

4.

Im beschränkten Kreis der Hügel,

Auf des stillen Weihers Spiegel

Scheue, fromme Silberschwäne –

Fassend in des Rosses Mähne

Mit dem Liebsten kühn im Bügel –

Blöde Bande – mut’ge Flügel

Sind getrennter Lieb Gedanken!

 

 

An die Entfernte

1.

Denk ich, du Stille, an dein ruhig Walten,

An jenes letzten Abends rote Kühle,

Wo ich die teure Hand noch durfte halten:

Steh ich oft sinnend stille im Gewühle,

Und, wie den Schweizer heim’sche Alphornslieder

Auf fremden Bergen, fern den Freunden allen,

Oft unverhofft befallen,

Kommt tiefe Sehnsucht plötzlich auf mich nieder.

 

Ich hab es oft in deiner Brust gelesen:

Nie hast du recht mich in mir selbst gefunden,

Fremd blieb, zu keck und treibend dir mein Wesen,

Und so bin ich im Strome dir verschwunden.

O nenn drum nicht die schöne Jugend wilde,

Die mit dem Leben und mit seinen Schmerzen

Mag unbekümmert scherzen,

Weil sie die Brust reich fühlt und ernst und milde!

 

Getrennt ist längst schon unsres Lebens Reise,

Es trieb mein Herz durch licht’ und dunkle Stunden.

Dem festern Blick erweitern sich die Kreise,

In Duft ist jenes erste Reich verschwunden –

Doch, wie die Pfade einsam sich verwildern,

Was ich seitdem, von Lust und Leid bezwungen,

Geliebt, geirrt, gesungen:

Ich knie vor dir in all den tausend Bildern.

2.

 

Als noch Lieb mit mir im Bunde,

Hatt ich Ruhe keine Stunde;

Wenn im Schloß noch alle schliefen,

War’s, als ob süß’ Stimmen riefen,

Tönend bis zum Herzensgrunde:

»Auf! schon goldne Strahlen dringen,

Heiter funkeln Wald und Garten,

Neu erquickt die Vögel singen,

Läßt du so dein Liebchen warten?«

Und vom Lager mußt ich springen.

 

Doch kein Licht noch sah ich grauen,

Draußen durch die nächtlich lauen

Räume nur die Wolken flogen,

Daß die Seele, mitgezogen,

Gern versank im tiefen Schauen –

Unten dann die weite Runde,

Schlösser glänzend fern erhoben,

Nachtigallen aus dem Grunde,

Alles wie im Traum verwoben,

Miteinander still im Bunde.

 

Wach blieb ich am Fenster stehen,

Kühler schon die Lüfte wehen,

Rot schon rings des Himmels Säume,

Regten frischer sich die Bäume,

Stimmen hört ich fernab gehen:

Und durch Türen, öde Bogen,

Zürnend, daß die Riegel klungen,

Bin ich heimlich ausgezogen,

Bis befreit aufs Roß geschwungen,

Morgenwinde mich umflogen.

 

Läßt der Morgen von den Höhen

Weit die roten Fahnen wehen,

Widerhall in allen Lüften,

Losgerissen aus den Klüften

Silberner die Ströme gehen:

Spürt der Mann die frischen Geister,

Draußen auf dem Feld, zu Pferde

Alle Ängste keck zerreißt er,

Dampfend unter ihm die Erde,

Fühlt er hier sich Herr und Meister.

 

Und so öffnet ich die schwüle

Brust aufatmend in der Kühle!

Locken fort aus Stirn und Wange,

Daß der Strom mich ganz umfange,

Frei das blaue Meer umspüle,

Mit den Wolken, eilig fliehend,

Mit der Ströme lichtem Grüßen

Die Gedanken fröhlich ziehend,

Weit voraus vor Wolken, Flüssen –

Ach! ich fühlte, daß ich blühend!

 

Und im schönen Garten droben,

Wie aus Träumen erst gehoben,

Sah ich still mein Mädchen stehen,

Über Fluß und Wälder gehen

Von der heitern Warte oben

Ihre Augen licht und helle,

Wann der Liebste kommen werde. –

Ja! da kam die Sonne schnelle,

Und weit um die ganze Erde

War es morgenschön und helle!

 

Das Flügelroß

Ich hab nicht viel hienieden,

Ich hab nicht Geld noch Gut;

Was vielen nicht beschieden,

Ist mein: – der frische Mut.

 

Was andre mag ergötzen,

Das kümmert wenig mich,

Sie leben in den Schätzen,

In Freuden lebe ich.

 

Ich hab ein Roß mit Flügeln,

Getreu in Lust und Not,

Das wiehernd spannt die Flügel

Bei jedem Morgenrot.

 

Mein Liebchen! wie so öde

Wird’s oft in Stadt und Schloß,

Frisch auf und sei nicht blöde,

Besteig mit mir mein Roß!

 

Wir segeln durch die Räume

Ich zeig dir Meer und Land,

Wie wunderbare Träume

Tief unten ausgespannt.

 

Hellblinkend zu den Füßen

Unzähl’ger Ströme Lauf –

Es steigt ein Frühlingsgrüßen

Verhallend zu uns auf.

 

Und bunt und immer wilder

In Liebe, Haß und Lust

Verwirren sich die Bilder –

Was schwindelt dir die Brust?

 

So fröhlich tief im Herzen,

Zieh ich all’ himmelwärts,

Es kommen selbst die Schmerzen

Melodisch an das Herz.

 

Der Sänger zwingt mit Klängen

Was störrig, dumpf und wild,

Es spiegelt in Gesängen

Die Welt sich göttlich mild.

 

Und unten nun verbrauset

Des breiten Lebens Strom,

Der Adler einsam hauset

Im stillen Himmelsdom. –

 

Und sehn wir dann den Abend

Verhallen und verblühn,

Im Meere, kühle labend,

Die heil’gen Sterne glühn:

 

So lenken wir hernieder

Zu Waldes grünem Haus,

Und ruhn vom Schwung der Lieder

Auf blühndem Moose aus.

 

O sterndurchwebtes Düstern,

O heimlich stiller Grund!

O süßes Liebesflüstern

So innig Mund an Mund!

 

Die Nachtigallen locken,

Mein Liebchen atmet lind,

Mit Schleier zart und Locken

Spielt buhlerisch der Wind.

 

Und schlaf denn bis zum Morgen

So sanft gelehnt an mich!

Süß sind der Liebe Sorgen,

Dein Liebster wacht für dich.

 

Ich halt die blühnden Glieder,

Vor süßen Schauern bang,

Ich laß dich ja nicht wieder

Mein ganzes Leben lang! –

 

Aurora will sich heben,

Du schlägst die Augen auf,

O wonniges Erbeben,

O schöner Lebenslauf! –

 

 

Glückwunsch

Brech der lustige Sonnenschein

Mit der Tür euch ins Haus hinein,

Daß alle Stuben so frühlingshelle;

Ein Engel auf des Hauses Schwelle

Mit seinem Glanze säume

Hof, Garten, Feld und Bäume,

Und geht die Sonne abends aus,

Führ er die Müden mild nach Haus!

 

 

Der junge Ehemann

Hier unter dieser Linde

Saß ich vieltausendmal

Und schaut nach meinem Kinde

Hinunter in das Tal,

Bis daß die Sterne standen

Hell über ihrem Haus,

Und weit in den stillen Landen

Alle Lichter löschten aus.

 

Jetzt neben meinem Liebchen

Sitz ich im Schatten kühl,

Sie wiegt ein muntres Bübchen,

Die Täler schimmern schwül,

Und unten im leisen Winde

Regt sich das Kornfeld kaum,

Und über uns säuselt die Linde –

Es ist mir noch wie ein Traum.

 

 

Im Abendrot

Wir sind durch Not und Freude

Gegangen Hand in Hand,

Vom Wandern ruhn wir beide

Nun überm stillen Land.

 

Rings sich die Täler neigen,

Es dunkelt schon die Luft,

Zwei Lerchen nur noch steigen

Nachträumend in den Duft.

 

Tritt her, und laß sie schwirren,

Bald ist es Schlafenszeit,

Daß wir uns nicht verirren

In dieser Einsamkeit.

 

O weiter, stiller Friede!

So tief im Abendrot

Wie sind wir wandermüde –

Ist das etwa der Tod?

 

 

Nachklänge

1.

Lust’ge Vögel in dem Wald,

Singt, solang es grün,

Ach wer weiß, wie bald, wie bald

Alles muß verblühn!

 

Sah ich’s doch vom Berge einst

Glänzen überall,

Wußte kaum, warum du weinst,

Fromme Nachtigall.

 

Und kaum ging ich über Land,

Frisch durch Lust und Not

Wandelt’ alles, und ich stand

Müd im Abendrot.

 

Und die Lüfte wehen kalt,

Übers falbe Grün,

Vöglein, euer Abschied hallt –

Könnt ich mit euch ziehn!

 

 

2.

O Herbst, in linden Tagen

Wie hast du rings dein Reich

Phantastisch aufgeschlagen,

So bunt und doch so bleich!

 

Wie öde, ohne Brüder,

Mein Tal so weit und breit,

Ich kenne dich kaum wieder

In dieser Einsamkeit.

 

So wunderbare Weise

Singt nun dein bleicher Mund,

Es ist, als öffnet’ leise

Sich unter mir der Grund.

 

Und ich ruht’ überwoben,

Du sängest immerzu,

Die Linde schüttelt’ oben

Ihr Laub und deckt’ mich zu.

 

 

3.

Schon kehren die Vögel wieder ein,

Es schallen die alten Lieder,

Ach, die fröhliche Jugend mein

Kommt sie wohl auch noch wieder?

 

Ich weiß nicht, was ich so töricht bin!

Wolken im Herbstwind jagen,

Die Vögel ziehn über die Wälder hin,

Das klang wie in Frühlingstagen.

 

Dort auf dem Berge da steht ein Baum,

Drin jubeln die Wandergäste,

Er aber, müde, rührt wie im Traum

Noch einmal Wipfel und Äste.

 

 

4.

Mir träumt’, ich ruhte wieder

Vor meines Vaters Haus

Und schaute fröhlich nieder

Ins alte Tal hinaus,

Die Luft mit lindem Spielen

Ging durch das Frühlingslaub,

Und Blütenflocken fielen

Mir über Brust und Haupt.

 

Als ich erwacht, da schimmert

Der Mond vom Waldesrand,

Im falben Scheine flimmert

Um mich ein fremdes Land,

Und wie ich ringsher sehe:

Die Flocken waren Eis,

Die Gegend war vom Schnee,

Mein Haar vom Alter weiß.

 

 

5.

Es schauert der Wald vor Lust,

Die Sterne nun versanken,

Und wandeln durch die Brust

Als himmlische Gedanken.

 

 

6.

An meinen Bruder

 

 

Gedenkst du noch des Gartens

Und Schlosses überm Wald,

Des träumenden Erwartens:

Ob’s denn nicht Frühling bald?

 

Der Spielmann war gekommen,

Der jeden Lenz singt aus,

Er hat uns mitgenommen

Ins blühnde Land hinaus.

 

Wie sind wir doch im Wandern

Seitdem so weit zerstreut!

Frägt einer nach dem andern,

Doch niemand gibt Bescheid.

 

Nun steht das Schloß versunken

Im Abendrote tief,

Als ob dort traumestrunken

Der alte Spielmann schlief’.

 

Gestorben sind die Lieben,

Das ist schon lange her,

Die wen’gen, die geblieben,

Sie kennen uns nicht mehr.

 

Und fremde Leute gehen

Im Garten vor dem Haus –

Doch übern Garten sehen

Nach uns die Wipfel aus.

 

Doch rauscht der Wald im Grunde

Fort durch die Einsamkeit

Und gibt noch immer Kunde

Von unsrer Jugendzeit.

 

Bald mächt’ger und bald leise

In jeder guten Stund

Geht diese Waldesweise

Mir durch der Seele Grund.

 

Und stamml ich auch nur bange,

Ich sing es, weil ich muß,

Du hörst doch in dem Klange

Den alten Heimatsgruß.

 

 

5. Totenopfer

 

Gewalt’ges Morgenrot,

Weit, unermeßlich – du verzehrst die Erde!

Und in dem Schweigen nur der Flug der Seelen,

Die säuselnd heimziehn durch die stille Luft. –

 

 

Wehmut

Ich irr in Tal und Hainen

Bei kühler Abendstund,

Ach, weinen möcht ich, weinen

So recht aus Herzensgrund.

 

Und alter Zeiten Grüßen

Kam da, im Tal erwacht,

Gleich wie von fernen Flüssen

Das Rauschen durch die Nacht.

 

Die Sonne ging hinunter,

Da säuselt’ kaum die Welt,

Ich blieb noch lange munter

Allein im stillen Feld.

 

 

Sonette

1.

Es qualmt’ der eitle Markt in Staub und Schwüle,

So klanglos öde wallend auf und nieder,

Wie dacht ich da an meine Berge wieder,

An frischen Sang, Felsquell und Waldeskühle!

 

Doch steht ein Turm dort über dem Gewühle,

Der andre Zeiten sah und beßre Brüder,

Das Kreuz treu halten seine Riesenglieder,

Wie auch der Menschlein Flut den Fels umspüle.

 

Das war mein Hafen auf der weiten Wüste,

Oft kniet ich betend in des Domes Mitte,

Dort hab ich dich, mein liebes Kind, gefunden;

 

Ein Himmelsbote wohl, der so mich grüßte:

»Verzweifle nicht! die Schönheit und die Sitte

Sie sind noch von der Erde nicht verschwunden.«

 

 

2.

Ein alt Gemach voll sinn’ger Seltsamkeiten,

Still’ Blumen aufgestellt am Fensterbogen,

Gebirg’ und Länder draußen blau gezogen,

Wo Ströme gehn und Ritter ferne reiten.

 

Ein Mädchen, schlicht und fromm wie jene Zeiten,

Das, von den Abendscheinen angeflogen,

Versenkt in solcher Stille tiefe Wogen –

Das mocht auf Bildern oft das Herz mir weiten.

 

Und nun wollt wirklich sich das Bild bewegen,

Das Mädchen atmet’ auf, reicht aus dem Schweigen

Die Hand mir, daß sie ewig meine bliebe.

 

Da sah ich draußen auch das Land sich regen,

Die Wälder rauschen und Aurora steigen –

Die alten Zeiten all weckt mir die Liebe.

 

 

3.

Wenn zwei geschieden sind von Herz und Munde,

Da ziehn Gedanken über Berg’ und Schlüfte

Wie Tauben säuselnd durch die blauen Lüfte,

Und tragen hin und wider süße Kunde.

 

Ich schweif umsonst, so weit der Erde Runde,

Und stieg ich hoch auch über alle Klüfte,

Dein Haus ist höher noch als diese Lüfte,

Da reicht kein Laut hin, noch zurück zum Grunde.

 

Ja, seit du tot – mit seinen blühnden Borden

Wich ringsumher das Leben mir zurücke,

Ein weites Meer, wo keine Bahn zu finden.

 

Doch ist dein Bild zum Sterne mir geworden,

Der nach der Heimat weist mit stillem Blicke,

Daß fromm der Schiffer streite mit den Winden.

 

 

Treue

Wie dem Wanderer in Träumen,

Daß er still im Schlafe weint,

Zwischen goldnen Wolkensäumen

Seine Heimat wohl erscheint:

 

So durch dieses Frühlings Blühen

Über Berg’ und Täler tief,

Sah ich oft dein Bild noch ziehen,

Als ob’s mich von hinnen rief;

 

Und mit wunderbaren Wellen

Wie im Traume, halbbewußt,

Gehen ew’ge Liederquellen

Mir verwirrend durch die Brust.

 

 

Gute Nacht

Die Höhn und Wälder schon steigen

Immer tiefer ins Abendgold,

Ein Vöglein frägt in den Zweigen:

Ob es Liebchen grüßen sollt?

 

O Vöglein, du hast dich betrogen,

Sie wohnet nicht mehr im Tal,

Schwing auf dich zum Himmelsbogen,

Grüß sie droben zum letztenmal!

 

 

Am Strom

Der Fluß glitt einsam hin und rauschte,

Wie sonst, noch immer, immerfort,

Ich stand am Strand gelehnt und lauschte,

Ach, was ich liebt, war lange fort!

Kein Laut, kein Windeshauch, kein Singen

Ging durch den weiten Mittag schwül,

Verträumt die stillen Weiden hingen

Hinab bis in die Wellen kühl.

 

Die waren alle wie Sirenen

Mit feuchtem, langem, grünem Haar,

Und von der alten Zeit voll Sehnen

Sie sangen leis und wunderbar.

Sing Weide, singe, grüne Weide!

Wie Stimmen aus der Liebsten Grab

Zieht mich dein heimlich Lied voll Leide

Zum Strom von Wehmut mit hinab.

 

 

Nachruf an meinen Bruder

Ach, daß auch wir schliefen!

Die blühenden Tiefen,

Die Ströme, die Auen

So heimlich aufschauen,

Als ob sie all riefen:

»Dein Bruder ist tot!

Unter Rosen rot

Ach, daß wir auch schliefen!«

 

»Hast doch keine Schwingen,

Durch Wolken zu dringen!

Mußt immerfort schauen

Die Ströme, die Auen –

Die werden dir singen

Von ihm Tag und Nacht,

Mit Wahnsinnesmacht

Die Seele umschlingen.«

 

So singt, wie Sirenen,

Von hellblauen, schönen

Vergangenen Zeiten,

Der Abend vom weiten

Versinkt dann im Tönen,

Erst Busen, dann Mund,

Im blühenden Grund.

O schweiget Sirenen!

 

O wecket nicht wieder!

Denn zaubrische Lieder

Gebunden hier träumen

Auf Feldern und Bäumen,

Und ziehen mich nieder

So müde vor Weh

Zu tiefstillem See –

O weckt nicht die Lieder!

 

Du kanntest die Wellen

Des Sees, sie schwellen

In magischen Ringen.

Ein wehmütig Singen

Tief unter den Quellen

Im Schlummer dort hält

Verzaubert die Welt.

Wohl kennst du die Wellen.

 

Kühl wird’s auf den Gängen,

Vor alten Gesängen

Möcht’s Herz mir zerspringen.

So will ich denn singen!

Schmerz fliegt ja auf Klängen

Zu himmlischer Lust,

Und still wird die Brust

Auf kühl grünen Gängen.

 

Laß fahren die Träume!

Der Mond scheint durch Bäume,

Die Wälder nur rauschen,

Die Täler still lauschen,

Wie einsam die Räume!

Ach, niemand ist mein!

Herz, wie so allein!

Laß fahren die Träume!

 

Der Herr wird dich führen.

Tief kann ich ja spüren

Der Sterne still Walten.

Der Erde Gestalten

Kaum hörbar sich rühren.

Durch Nacht und durch Graus

Gen Morgen, nach Haus –

Ja, Gott wird mich führen.

 

 

Auf meines Kindes Tod

1.

Das Kindlein spielt’ draußen im Frühlingsschein,

Und freut’ sich und hatte so viel zu sehen,

Wie die Felder schimmern und die Ströme gehen –

Da sah der Abend durch die Bäume herein,

Der alle die schönen Bilder verwirrt.

Und wie es nun ringsum so stille wird,

Beginnt aus den Tälern ein heimlich Singen,

Als wollt’s mit Wehmut die Welt umschlingen,

Die Farben vergehn und die Erde wird blaß.

Voll Staunen fragt ‘s Kindlein: »Ach, was ist das?«

Und legt sich träumend ins säuselnde Gras;

Da rühren die Blumen ihm kühle ans Herz

Und lächelnd fühlt es so süßen Schmerz,

Und die Erde, die Mutter, so schön und bleich,

Küßt das Kindlein und läßt’s nicht los,

Zieht es herzinnig in ihren Schoß

Und bettet es drunten gar warm und weich,

Still unter Blumen und Moos. –

 

»Und was weint ihr, Vater und Mutter, um mich?

In einem viel schöneren Garten bin ich,

Der ist so groß und weit und wunderbar,

Viel Blumen stehn dort von Golde klar,

Und schöne Kindlein mit Flügeln schwingen

Auf und nieder sich drauf und singen. –

Die kenn ich gar wohl aus der Frühlingszeit,

Wie sie zogen über Berge und Täler weit

Und mancher mich da aus dem Himmelblau rief,

Wenn ich drunten im Garten schlief. –

Und mitten zwischen den Blumen und Scheinen

Steht die schönste von allen Frauen,

Ein glänzend Kindlein an ihrer Brust. –

Ich kann nicht sprechen und auch nicht weinen,

Nur singen immer und wieder dann schauen

Still vor großer, seliger Lust.«

 

 

2.

Als ich nun zum ersten Male

Wieder durch den Garten ging,

Busch und Bächlein in dem Tale

Lustig an zu plaudern fing.

 

Blumen halbverstohlen blickten

Neckend aus dem Gras heraus,

Bunte Schmetterlinge schickten

Sie sogleich auf Kundschaft aus.

 

Auch der Kuckuck in den Zweigen

Fand sich bald zum Spielen ein,

Endlich brach der Baum das Schweigen:

»Warum kommst du heut allein?«

 

Da ich aber schwieg, da rührt’ er

Wunderbar sein dunkles Haupt,

Und ein Flüstern konnt ich spüren

Zwischen Vöglein, Blüt und Laub.

 

Tränen in dem Grase hingen,

Durch die abendstille Rund

Klagend nun die Quellen gingen,

Und ich weint aus Herzensgrund.

 

3.

Was ist mir denn so wehe?

Es liegt ja wie im Traum

Der Grund schon, wo ich stehe,

Die Wälder säuseln kaum

Noch von der dunklen Höhe.

Es komme wie es will,

Was ist mir denn so wehe –

Wie bald wird alles still.

 

 

4.

Das ist’s, was mich ganz verstöret:

Daß die Nacht nicht Ruhe hält,

Wenn zu atmen aufgehöret

Lange schon die müde Welt.

 

Daß die Glocken, die da schlagen,

Und im Wald der leise Wind

Jede Nacht von neuem klagen

Um mein liebes, süßes Kind.

 

Daß mein Herz nicht konnte brechen

Bei dem letzten Todeskuß,

Daß ich wie im Wahnsinn sprechen

Nun in irren Liedern muß.

 

 

5.

Freuden wollt ich dir bereiten,

Zwischen Kämpfen, Lust und Schmerz

Wollt ich treulich dich geleiten

Durch das Leben himmelwärts.

 

Doch du hast’s allein gefunden

Wo kein Vater führen kann,

Durch die ernste, dunkle Stunde

Gingst du schuldlos mir voran.

 

Wie das Säuseln leiser Schwingen

Draußen über Tal und Kluft

Ging zur selben Stund ein Singen

Ferne durch die stille Luft.

 

Und so fröhlich glänzt’ der Morgen,

‘s war als ob das Singen sprach:

Jetzo lasset alle Sorgen,

Liebt ihr mich, so folgt mir nach!

 

 

6.

Ich führt dich oft spazieren

In Wintereinsamkeit,

Kein Laut ließ sich da spüren,

Du schöne, stille Zeit!

 

Lenz ist’s nun, Lerchen singen

Im Blauen über mir,

Ich weine still – sie bringen

Mir einen Gruß von dir.

 

 

7.

Die Welt treibt fort ihr Wesen,

Die Leute kommen und gehn,

Als wärst du nie gewesen,

Als wäre nichts geschehn.

 

Wie sehn ich mich aufs neue

Hinaus in Wald und Flur!

Ob ich mich gräm, mich freue,

Du bleibst mir treu, Natur.

 

Da klagt vor tiefem Sehnen

Schluchzend die Nachtigall,

Es schimmern rings von Tränen

Die Blumen überall.

 

Und über alle Gipfel

Und Blütentäler zieht

Durch stillen Waldes Wipfel

Ein heimlich Klagelied.

 

Da spür ich’s recht im Herzen,

Daß du’s, Herr, draußen bist –

Du weißt’s, wie mir von Schmerzen

Mein Herz zerrissen ist!

 

8.

Von fern die Uhren schlagen,

Es ist schon tiefe Nacht,

Die Lampe brennt so düster,

Dein Bettlein ist gemacht.

 

Die Winde nur noch gehen

Wehklagend um das Haus,

Wir sitzen einsam drinne

Und lauschen oft hinaus.

 

Es ist, als müßtest leise

Du klopfen an die Tür,

Du hättst dich nur verirret,

Und kämst nun müd zurück.

 

Wir armen, armen Toren!

Wir irren ja im Graus

Des Dunkels noch verloren –

Du fandst dich längst nach Haus.

 

 

9.

Dort ist so tiefer Schatten,

Du schläfst in guter Ruh,

Es deckt mit grünen Matten

Der liebe Gott dich zu.

 

Die alten Weiden neigen

Sich auf dein Bett herein,

Die Vöglein in den Zweigen

Sie singen treu dich ein.

 

Und wie in goldnen Träumen

Geht linder Frühlingswind

Rings in den stillen Bäumen –

Schlaf wohl mein süßes Kind!

 

 

10.

Mein liebes Kind, ade!

Ich konnt ade nicht sagen

Als sie dich fortgetragen,

Vor tiefem, tiefem Weh.

 

Jetzt auf lichtgrünem Plan

Stehst du im Myrtenkranze,

Und lächelst aus dem Glanze

Mich still voll Mitleid an.

 

Und Jahre nahn und gehn,

Wie bald bin ich verstoben –

O bitt für mich da droben,

Daß wir uns wiedersehn!

 

 

An einen Offizier, der als Bräutigam starb

Frisch flogst du durch die Felder

Und faßtest ihre Hand,

Ringsum der Kreis der Wälder

In Morgenflammen stand.

 

O falsches Rot! Verblühen

Mußt dieses Blütenmeer,

Wer dachte, daß dies Glühen

Das Abendrot schon wär!

 

Nun dunkeln schon die Fernen,

Du wirst so still und bleich,

Wie ist da weit von Sternen

Der Himmelsgrund so reich!

 

Trompeten hört ich laden

Fern durch die stille Luft,

Als zögen Kameraden –

Der alte Feldherr ruft.

 

Es sinken schon die Brücken,

Heut dir und morgen mir.

Du müßt hinüberrücken,

Kamrad, mach uns Quartier!

 

Treu’ Lieb ist unverloren,

Empfängst – wie bald ist’s hin! –

Einst an den Himmelstoren

Die müde Pilgerin.

 

 

Angedenken

Berg’ und Täler wieder fingen

Ringsumher zu blühen an,

Aus dem Walde hört ich singen

Einen lust’gen Jägersmann.

 

Und die Tränen drangen leise:

So einst blüht’ es weit und breit,

Als mein Lieb dieselbe Weise

Mich gelehrt vor langer Zeit.

 

Ach, ein solches Angedenken,

‘s ist nur eitel Klang und Luft,

Und kann schimmernd doch versenken

Rings in Tränen Tal und Kluft!

 

 

In der Fremde

Aus der Heimat hinter den Blitzen rot

Da kommen die Wolken her,

Aber Vater und Mutter sind lange tot,

Es kennt mich dort keiner mehr.

Wie bald, wie bald kommt die stille Zeit,

Da ruhe ich auch, und über mir

Rauschet die schöne Waldeinsamkeit

Und keiner mehr kennt mich auch hier.

 

 

Vesper

Die Abendglocken klangen

Schon durch das stille Tal,

Da saßen wir zusammen

Da droben wohl hundertmal.

 

Und unten war’s so stille

Im Lande weit und breit,

Nur über uns die Linde

Rauscht’ durch die Einsamkeit.

 

Was gehn die Glocken heute

Als ob ich weinen müßt?

Die Glocken, die bedeuten,

Daß meine Lieb gestorben ist!

 

Ich wollt, ich läg begraben,

Und über mir rauschte weit

Die Linde jeden Abend

Von der alten, schönen Zeit!

 

 

Die Nachtigallen

Möcht wissen, was sie schlagen

So schön bei der Nacht,

‘s ist in der Welt ja doch niemand,

Der mit ihnen wacht.

 

Und die Wolken, die reisen,

Und das Land ist so blaß,

Und die Nacht wandert leise

Durch den Wald übers Gras.

 

Nacht, Wolken, wohin sie gehen,

Ich weiß es recht gut,

Liegt ein Grund hinter den Höhen,

Wo meine Liebste jetzt ruht.

 

Zieht der Einsiedel sein Glöcklein,

Sie höret es nicht,

Es fallen ihr die Löcklein

Übers ganze Gesicht.

 

Und daß sie niemand erschrecket,

Der liebe Gott hat sie hier

Ganz mit Mondschein bedecket,

Da träumt sie von mir.

 

Nachruf

Du liebe, treue Laute,

Wie manche Sommernacht,

Bis daß der Morgen graute,

Hab ich mit dir durchwacht!

 

Die Täler wieder nachten,

Kaum spielt noch Abendrot,

Doch die sonst mit uns wachten,

Die liegen lange tot.

 

Was wollen wir nun singen

Hier in der Einsamkeit,

Wenn alle von uns gingen,

Die unser Lied erfreut?

 

Wir wollen dennoch singen!

So still ist’s auf der Welt;

Wer weiß, die Lieder dringen

Vielleicht zum Sternenzelt.

 

Wer weiß, die da gestorben,

Sie hören droben mich,

Und öffnen leis die Pforten

Und nehmen uns zu sich.

 

6. Geistliche Gedichte

 

Andre haben andre Schwingen,

Aber wir, mein fröhlich Herz,

Wollen grad hinauf uns singen,

Aus dem Frühling himmelwärts!

 

 

Götterdämmerung

1.

Was klingt mir so heiter

Durch Busen und Sinn?

Zu Wolken und weiter,

Wo trägt es mich hin?

 

Wie auf Bergen hoch bin ich

So einsam gestellt

Und grüße herzinnig,

Was schön auf der Welt.

 

Ja, Bacchus, dich seh ich,

Wie göttlich bist du!

Dein Glühen versteh ich,

Die träumende Ruh.

 

O rosenbekränztes

Jünglingsbild,

Dein Auge, wie glänzt es,

Die Flammen so mild!

 

Ist’s Liebe, ist’s Andacht,

Was so dich beglückt?

Rings Frühling dich anlacht,

Du sinnest entzückt. –

 

Frau Venus, du Frohe,

So klingend und weich,

In Morgenrots Lohe

Erblick ich dein Reich

 

Auf sonnigen Hügeln

Wie ein Zauberring. –

Zart’ Bübchen mit Flügeln

Bedienen dich flink,

 

Durchsäuseln die Räume

Und laden, was fein,

Als goldene Träume

Zur Königin ein.

 

Und Ritter und Frauen

Im grünen Revier

Durchschwärmen die Auen

Wie Blumen zur Zier.

 

Und jeglicher hegt sich

Sein Liebchen im Arm,

So wirrt und bewegt sich

Der selige Schwarm. –

 

Die Klänge verrinnen,

Es bleichet das Grün,

Die Frauen stehn sinnend,

Die Ritter schaun kühn.

 

Und himmlisches Sehnen

Geht singend durchs Blau,

Da schimmert von Tränen

Rings Garten und Au. –

 

Und mitten im Feste

Erblick ich, wie mild!

Den stillsten der Gäste. –

Woher, einsam Bild?

 

Mit blühendem Mohne,

Der träumerisch glänzt,

Und mit Lilienkrone

Erscheint er bekränzt.

 

Sein Mund schwillt zum Küssen

So lieblich und bleich,

Als brächt er ein Grüßen

Aus himmlischem Reich.

 

Eine Fackel wohl trägt er,

Die wunderbar prangt.

»Wo ist einer«, frägt er,

»Dem heimwärts verlangt?«

 

Und manchmal da drehet

Die Fackel er um –

Tiefschauernd vergehet

Die Welt und wird stumm.

 

Und was hier versunken

Als Blumen zum Spiel,

Siehst oben du funkeln

Als Sterne nun kühl. –

 

O Jüngling vom Himmel,

Wie bist du so schön!

Ich laß das Gewimmel,

Mit dir will ich gehn!

 

Was will ich noch hoffen?

Hinauf, ach hinauf!

Der Himmel ist offen,

Nimm, Vater, mich auf!

 

 

2.

Von kühnen Wunderbildern

Ein großer Trümmerhauf,

In reizendem Verwildern

Ein blühnder Garten drauf;

 

Versunknes Reich zu Füßen,

Vom Himmel fern und nah,

Aus anderm Reich ein Grüßen –

Das ist Italia!

 

Wenn Frühlingslüfte wehen

Hold übern grünen Plan,

Ein leises Auferstehen

Hebt in den Tälern an.

 

Da will sich’s unten rühren

Im stillen Göttergrab,

Der Mensch kann’s schauernd spüren

Tief in die Brust hinab.

 

Verwirrend in den Bäumen

Gehn Stimmen hin und her,

Ein sehnsuchtsvolles Träumen

Weht übers blaue Meer.

 

Und unterm duft’gen Schleier

Sooft der Lenz erwacht,

Webt in geheimer Feier

Die alte Zaubermacht.

 

Frau Venus hört das Locken,

Der Vögel heitern Chor,

Und richtet froh erschrocken

Aus Blumen sich empor.

 

Sie sucht die alten Stellen,

Das luft’ge Säulenhaus,

Schaut lächelnd in die Wellen

Der Frühlingsluft hinaus.

 

Doch öd sind nun die Stellen,

Stumm liegt ihr Säulenhaus,

Gras wächst da auf den Schwellen,

Der Wind zieht ein und aus.

 

Wo sind nun die Gespielen?

Diana schläft im Wald,

Neptunus ruht im kühlen

Meerschloß, das einsam hallt.

 

Zuweilen nur Sirenen

Noch tauchen aus dem Grund,

Und tun in irren Tönen

Die tiefe Wehmut kund. –

 

Sie selbst muß sinnend stehen

So bleich im Frühlingsschein,

Die Augen untergehen,

Der schöne Leib wird Stein. –

 

Denn über Land und Wogen

Erscheint, so still und mild,

Hoch auf dem Regenbogen

Ein andres Frauenbild.

 

Ein Kindlein in den Armen

Die Wunderbare hält,

Und himmlisches Erbarmen

Durchdringt die ganze Welt.

 

Da in den lichten Räumen

Erwacht das Menschenkind,

Und schüttelt böses Träumen

Von seinem Haupt geschwind.

 

Und, wie die Lerche singend,

Aus schwülen Zaubers Kluft

Erhebt die Seele ringend

Sich in die Morgenluft.

 

 

Mariä Sehnsucht

Es ging Maria in den Morgen hinein,

Tat die Erd einen lichten Liebesschein,

Und über die fröhlichen, grünen Höhn,

Sah sie den bläulichen Himmel stehn.

»Ach, hätt ich ein Brautkleid von Himmelsschein,

Zwei goldene Flüglein – wie flög ich hinein!« –

 

Es ging Maria in stiller Nacht,

Die Erde schlief, der Himmel wacht’,

Und durchs Herze, wie sie ging und sann und dacht,

Zogen die Sterne mit goldener Pracht.

»Ach, hätt ich das Brautkleid von Himmelsschein,

Und goldene Sterne gewoben drein!«

 

Es ging Maria im Garten allein,

Da sangen so lockend bunt’ Vögelein,

Und Rosen sah sie im Grünen stehn,

Viel rote und weiße so wunderschön.

»Ach, hätt ich ein Knäblein, so weiß und rot,

Wie wollt ich’s liebhaben bis in den Tod!«

 

Nun ist wohl das Brautkleid gewoben gar,

Und goldene Sterne im dunkelen Haar,

Und im Arme die Jungfrau das Knäblein hält,

Hoch über der dunkelerbrausenden Welt,

Und vom Kindlein gehet ein Glänzen aus,

Das ruft uns nur ewig: nach Haus, nach Haus!

 

 

Jugendandacht

1.

Daß des verlornen Himmels es gedächte,

Schlagen ans Herz des Frühlings linde Wellen,

Wie ew’ger Wonnen schüchternes Vermuten.

Geheimer Glanz der lauen Sommernächte,

Du grüner Wald, verführend Lied der Quellen,

Des Morgens Pracht, stillblühnde Abendgluten,

Ihr fragt: wo Schmerz und Lust so lange ruhten,

Die süß das Herz verdunkeln und es hellen?

Wie tut ihr zaubrisch auf die alten Wunden,

Daß losgebunden in das Licht sie bluten!

O sel’ge Zeit entfloßner Himmelbläue,

Der ersten Andacht solch inbrünst’ger Liebe,

Die ewig wollte knien vor der Einen!

Demütig in der Glorie des Maien

Hob sie den Schleier oft, laß offen bliebe

Der Augen Himmel, in das Land zu scheinen.

Und stand ich still, und mußt ich herzlich weinen;

In ihrem Blick gereinigt alle Triebe:

Da war nur Wonne, was ich mußte klagen,

Im Angesicht der Stillen, Ewigreinen

Kein Schmerz, als solcher Liebe Lieb ertragen!

 

2.

Wie in einer Blume himmelblauen

Grund, wo schlummernd träumen stille Regenbogen,

Ist mein Leben ein unendlich Schauen,

Klar durchs ganze Herz ein süßes Bild gezogen.

 

Stille saß ich, sah die Jahre fliegen,

Bin im Innersten dein treues Kind geblieben;

Aus dem duft’gen Kelche aufgestiegen,

Ach! wann lohnst du endlich auch mein treues Lieben!

 

 

3.

Was wollen mir vertraun die blauen Weiten,

Des Landes Glanz, die Wirrung süßer Lieder,

Mir ist so wohl, so bang! Seid ihr es wieder

Der frommen Kindheit stille Blumenzeiten?

 

Wohl weiß ich’s – dieser Farben heimlich Spreiten

Deckt einer Jungfrau strahlend reine Glieder;

Es wogt der große Schleier auf und nieder,

Sie schlummert drunten fort seit Ewigkeiten.

 

Mir ist in solchen linden, blauen Tagen,

Als müßten alle Farben auferstehen,

Aus blauer Fern sie endlich zu mir gehen.

 

So wart ich still, schau in den Frühling milde,

Das ganze Herz weint nach dem süßen Bilde,

Vor Freud, vor Schmerz? – ich weiß es nicht zu sagen.

 

 

4.

Viel Lenze waren lange schon vergangen,

Vorüber zogen wunderbare Lieder,

Die Sterne gingen ewig auf und nieder,

Die selbst vor großer Sehnsucht golden klangen.

 

Und wie so tausend Stimmen ferne sangen,

Als riefen mich von hinnen sel’ge Brüder,

Fühlt ich die alten Schmerzen immer wieder,

Seit deine Blicke, Jungfrau, mich bezwangen.

 

Da war’s, als ob sich still dein Auge hübe,

Langst sehnsuchtsvoll nach mir mit offnen Armen,

Fühlst selbst den Schmerz, den du mir süß gegeben. –

 

Umfangen fühl ich innigst mich erwarmen,

Berührt mit goldnen Strahlen mich das Leben,

Ach! daß ich ewig dir am Herzen bliebe!

 

 

5.

Wann Lenzesstrahlen golden niederrinnen,

Sieht man die Scharen losgebunden ziehen,

Im Waldrevier, dem neu der Schmuck geliehen,

Die lust’ge Jagd nach Lieb und Scherz beginnen.

 

Den Sänger will der Frühling gar umspinnen,

Er, der Geliebteste, darf nicht entfliehen,

Fühlt rings ein Lied durch alle Farben ziehen,

Das ihn so lockend nimmer läßt von hinnen.

 

Gefangen so, sitzt er viel sel’ge Jahre;

Des Einsamen spottet des Pöbels Scherzen,

Der aller Glorie möchte Lieb entkleiden.

 

Doch er grüßt fröhlich alle, wie sie fahren,

Und mutig sagt er zu den süßen Schmerzen:

»Gern sterb ich bald, wollt ihr von mir je scheiden!«

 

 

6.

Wann frisch die buntgewirkten Schleier wallen,

Weit in das Land die Lerchen mich verführen,

Da kann ich’s tief im Herzen wieder spüren,

Wie mich die Eine liebt und ruft vor allen.

 

Wenn Nachtigalln aus grünen Hallen schallen,

Wen möchten nicht die tiefen Töne rühren;

Wen nicht das süße Herzeleid verführen,

Im Liebesschlagen tot vom Baum zu fallen? –

 

So sag auch ich bei jedem Frühlingsglanze:

Du süße Laute! laß uns beide sterben,

Beklagt vom Widerhallen zarter Töne,

 

Kann unser Lied auch nie den Lohn erwerben,

Daß hier mit eignem, frischem Blumenkranze

Uns endlich kröne nun die Wunderschöne! –

 

 

7.

Der Schäfer spricht, wenn er frühmorgens weidet:

»Dort drüben wohnt sie hinter Berg’ und Flüssen!«

Doch seine Wunden deckt sie gern mit Küssen,

Wann lauschend Licht am stillen Abend scheidet.

 

Ob neu der Morgenschmuck die Erde kleidet,

Ob Nachtigallen Nacht und Stern’ begrüßen,

Stets fern und nah bleibt meine Lieb der Süßen,

Die in dem Lenz mich ewig sucht und meidet. –

 

Doch hör ich wunderbare Stimmen sprechen:

»Die Perlen, die du treu geweint im Schmerze,

Sie wird sie sorglich all zusammenbinden,

 

Mit eigner Kette so dich süß umwinden,

Hinaufziehn dich an Mund und blühend Herze –

Was Himmel schloß, mag nicht der Himmel brechen.«

 

 

8.

Wenn du am Felsenhange standst alleine,

Unten im Walde Vögel seltsam sangen

Und Hörner aus der Ferne irrend klangen,

Als ob die Heimat drüben nach dir weine,

 

War’s niemals da, als rief die Eine, Deine?

Lockt dich kein Weh, kein brünstiges Verlangen

Nach andrer Zeit, die lange schon vergangen,

Auf ewig einzugehn in grüne Scheine?

 

Gebirge dunkelblau steigt aus der Ferne,

Und von den Gipfeln führt des Bundes Bogen

Als Brücke weit in unbekannte Lande.

 

Geheimnisvoll gehn oben goldne Sterne,

Unten erbraust viel Land in dunklen Wogen –

Was zögerst du am unbekannten Rande?

 

 

9.

Es wendet zürnend sich von mir die Eine,

Versenkt die Ferne mit den Wunderlichtern.

Es stockt der Tanz – ich stehe plötzlich nüchtern,

Musik läßt treulos mich so ganz alleine.

 

Da spricht der Abgrund dunkel: Bist nun meine;

Zieht mich hinab an bleiernen Gewichtern,

Sieht stumm mich an aus steinernen Gesichtern,

Das Herz wird selber zum kristallnen Steine.

 

Dann ist’s, als ob es dürstend Schmerzen sauge

Aus lang vergeßner Zeit Erinnerungen,

Und kann sich rühren nicht, von Frost bezwungen.

 

Versteinert schweigen muß der Wehmut Welle,

Wie willig auch, schmölz ihn ein wärmend Auge,

Kristall zerfließen wollt als Tränenquelle.

 

 

10.

Durchs Leben schleichen feindlich fremde Stunden,

Wo Ängsten aus der Brust hinunterlauschen,

Verworrne Worte mit dem Abgrund tauschen,

Drin bodenlose Nacht nur ward erfunden.

 

Wohl ist des Dichters Seele stumm verbunden

Mit Mächten, die am Volk vorüberrauschen;

Sehnsucht muß wachsen an der Tiefe Rauschen

Nach hellerm Licht und nach des Himmels Kunden.

 

O Herr! du kennst allein den treuen Willen,

Befrei ihn von der Kerkerluft des Bösen,

Laß nicht die eigne Brust mich feig zerschlagen!

 

Und wie ich schreibe hier, den Schmerz zu stillen,

Fühl ich den Engel schon die Riegel lösen,

Und kann vor Glanze nicht mehr weiterklagen.

 

 

Der Fromme

Es saß ein Kind gebunden und gefangen,

Wo vor der Menschen eitlem Tun und Schallen

Der Vorzeit Wunderlaute trüb verhallen;

Der alten Heimat dacht es voll Verlangen.

 

Da sieht es draußen Ströme, hell ergangen,

Durch zaubrisch Land viel Pilger, Sänger wallen,

Kühl rauscht der Wald, die lust’gen Hörner schallen,

Aurora scheint, so weit die Blicke langen. –

 

O laß die Sehnsucht ganz dein Herz durchdringen!

So legt sich blühend um die Welt dein Trauern

Und himmlisch wird dein Schmerz und deine Sorgen.

 

Ein frisch Gemüt mag wohl die Welt bezwingen,

Ein recht Gebet bricht Banden bald und Mauern:

Und frei springst du hinunter in den Morgen.

 

Willkommen, Liebchen, denn am Meeresstrande!

Wie rauschen lockend da ans Herz die Wellen

Und tiefe Sehnsucht will die Seele schwellen,

Wenn andre träge schlafen auf dem Lande.

 

So walte Gott! – ich lös des Schiffleins Bande,

Wegweiser sind die Stern, die ewig hellen,

Viel Segel fahren da und frisch’ Gesellen

Begrüßen uns von ihrer Schiffe Rande.

 

Wir sitzen still, gleich Schwänen zieht das Segel,

Ich schau in deiner Augen lichte Sterne,

Du schweigst und schauerst heimlich oft zusammen.

 

Blick auf! Schon schweifen Paradiesesvögel,

Schon wehen Wunderklänge aus der Ferne,

Der Garten Gottes steigt aus Morgenflammen.

 

 

Lieder

1.

Frisch eilt der helle Strom hinunter.

Drauf ziehn viel bunte Schifflein munter,

Und Strom und Schiff und bunte Scheine,

Sie fragen alle: was ich weine?

Mir ist so wohl, mir ist so weh,

Wie ich den Frühling fahren seh.

 

Viel Lenze sitz ich schon da oben,

Ein Regenbogen steht im Land erhoben

Und durch die Täler, Wiesen, Wogen

Still, wie ein fernes Lied, gezogen,

Schifft immerfort dein himmlisch Bild –

Doch Strom und Schiff nie stille hielt.

 

 

2.

Denk ich dein, muß bald verwehen

Alle Trübnis weit und breit,

Und die frischen Blicke gehen

Wie in einen Garten weit.

 

Wunderbare Vögel wieder

Weiden dort auf grüner Au,

Einsam Engel, alte Lieder

Ziehen durch den Himmel blau.

 

Wolken, Ströme, Schiffe, alle

Segeln in die Pracht hinein –

Keines kehrt zurück von allen,

Und ich stehe so allein.

 

 

An den heiligen Joseph

Wenn trübe Schleier alles grau umweben,

Zur bleichen Ferne wird das ganze Leben,

Will Heimat oft sich tröstend zeigen;

Aus Morgenrot die goldnen Höhen steigen,

Und aus dem stillen, wundervollen Duft

Eine wohlbekannte Stimm hinüberruft.

 

Du warst ja auch einmal hier unten,

Hast ew’ger Treue Schmerz empfunden;

Längst war Maria fortgezogen,

Wie einsam rauschten rings die dunklen Wogen!

Da breitet oben sie die Arme aus:

Komm, treuer Pilger, endlich auch nach Haus!

 

Seitdem ist wohl viel anders worden,

Treulieb auf Erden ist ausgestorben.

Wem könnt ich’s, außer dir, wohl klagen,

Wie oft in kummervollen Tagen

Mein ganzes Herz hier hofft und bangt,

Und nach der Heimat immer fort verlangt!

 

 

Kirchenlied

O Maria, meine Liebe!

Denk ich recht im Herzen dein:

Schwindet alles Schwer’ und Trübe,

Und, wie heller Morgenschein,

Dringt’s durch Lust und ird’schen Schmerz

Leuchtend mir durchs ganze Herz.

 

Auf des ew’gen Bundes Bogen,

Ernst von Glorien umblüht,

Stehst du über Land und Wogen;

Und ein himmlisch Sehnen zieht

Alles Leben himmelwärts

An das große Mutterherz.

 

Wo Verlaßne einsam weinen,

Sorgenvoll in stiller Nacht,

Den’ vor allen läßt du scheinen

Deiner Liebe milde Pracht,

Daß ein tröstend Himmelslicht

In die dunklen Herzen bricht.

 

Aber wütet wildverkehrter

Sünder frevelhafte Lust:

Da durchschneiden neue Schwerter

Dir die treue Mutterbrust;

Und voll Schmerzen flehst du doch:

Herr! Vergib, o schone noch!

 

Deinen Jesus in den Armen,

Übern Strom der Zeit gestellt,

Als das himmlische Erbarmen

Hütest du getreu die Welt,

Daß im Sturm, der trübe weht,

Dir kein Kind verlorengeht.

 

Wenn die Menschen mich verlassen

In der letzten stillen Stund,

Laß mich fest das Kreuz umfassen.

Aus dem dunklen Erdengrund

Leite liebreich mich hinaus,

Mutter, in des Vaters Haus!

 

 

Morgengebet

O wunderbares, tiefes Schweigen,

Wie einsam ist’s noch auf der Welt!

Die Wälder nur sich leise neigen,

Als ging’ der Herr durchs stille Feld.

 

Ich fühl mich recht wie neu geschaffen,

Wo ist die Sorge nun und Not?

Was mich noch gestern wollt erschlaffen,

Ich schäm mich des im Morgenrot.

 

Die Welt mit ihrem Gram und Glücke

Will ich, ein Pilger, frohbereit

Betreten nur wie eine Brücke

Zu dir, Herr, übern Strom der Zeit.

 

Und buhlt mein Lied, auf Weltgunst lauernd,

Um schnöden Sold der Eitelkeit:

Zerschlag mein Saitenspiel, und schauernd

Schweig ich vor dir in Ewigkeit.

 

 

Mittag

Vergeht mir der Himmel

Vor Staube schier,

Herr, im Getümmel

Zeig dein Panier!

 

Wie schwank ich sündlich,

Läßt du von mir;

Unüberwindlich

Bin ich mit dir!

 

 

Abend

Gestürzt sind die goldnen Brücken

Und unten und oben so still!

Es will mir nichts mehr glücken,

Ich weiß nicht mehr, was ich will.

 

Von üppig blühenden Schmerzen

Rauscht eine Wildnis im Grund,

Da spielt wie in wahnsinnigen Scherzen

Das Herz an dem schwindligen Schlund. –

 

Die Felsen möchte ich packen

Vor Zorn und Wehe und Lust,

Und unter den brechenden Zacken

Begraben die wilde Brust.

 

Da kommt der Frühling gegangen,

Wie ein Spielmann aus alter Zeit,

Und singt von uraltem Verlangen

So treu durch die Einsamkeit.

 

Und über mir Lerchenlieder

Und unter mir Blumen bunt,

So werf ich im Grase mich nieder

Und weine aus Herzensgrund.

 

Da fühl ich ein tiefes Entzücken,

Nun weiß ich wohl, was ich will,

Es bauen sich andere Brücken,

Das Herz wird auf einmal still.

 

Der Abend streut rosige Flocken,

Verhüllet die Erde nun ganz,

Und durch des Schlummernden Locken

Ziehn Sterne den heiligen Kranz.

 

 

Nachtgruß

Weil jetzo alles stille ist

Und alle Menschen schlafen,

Mein Seel das ew’ge Licht begrüßt,

Ruht wie ein Schiff im Hafen.

 

Der falsche Fleiß, die Eitelkeit,

Was keinen mag erlaben,

Darin der Tag das Herz zerstreut,

Liegt alles tief begraben.

 

Ein andrer König wunderreich

Mit königlichen Sinnen,

Zieht herrlich ein im stillen Reich,

Besteigt die ew’gen Zinnen.

 

 

Morgenlied

Kein Stimmlein noch schallt von allen

In frühester Morgenstund,

Wie still ist’s noch in den Hallen

Durch den weiten Waldesgrund.

 

Ich stehe hoch überm Tale

Stille vor großer Lust,

Und schau nach dem ersten Strahle,

Kühl schauernd in tiefster Brust.

 

Wie sieht da zu dieser Stunde

So anders das Land herauf,

Nichts hör ich da in der Runde

Als von fern der Ströme Lauf.

 

Und ehe sich alle erhoben

Des Tages Freuden und Weh,

Will ich, Herr Gott, dich loben

Hier einsam in stiller Höh. –

 

Nun rauschen schon stärker die Wälder,

Morgenlicht funkelt herauf,

Die Lerche singt über den Feldern,

Schöne Erde, nun wache auf!

 

In der Nacht

Das Leben draußen ist verrauschet,

Die Lichter löschen aus,

Schauernd mein Herz am Fenster lauschet

Still in die Nacht hinaus.

 

Da nun der laute Tag zerronnen

Mit seiner Not und bunten Lust,

Was hast du in dem Spiel gewonnen,

Was blieb der müden Brust? –

 

Der Mond ist trostreich aufgegangen,

Da unterging die Welt,

Der Sterne heil’ge Bilder prangen

So einsam hoch gestellt!

 

O Herr! auf dunkelschwankem Meere

Fahr ich im schwachen Boot,

Treu folgend deinem goldnen Heere

Zum ew’gen Morgenrot.

 

 

Werktag

Wir wandern nun schon viel hundert Jahr,

Und kommen doch nicht zur Stelle –

Der Strom wohl rauscht an die tausend gar,

Und kommt doch nicht zur Quelle.

 

 

Sonntag

Weit in das Land die Ström ihr Silber führen,

Fern blau Gebirge duftig hingezogen,

Die Sonne scheint, die Bäume sanft sich rühren,

Und Glockenklang kommt auf den linden Wogen;

Hoch in den Lüften Lerchen jubilieren,

Und, so weit klar sich wölbt des Himmels Bogen,

Von Arbeit ruht der Mensch rings in die Runde,

Atmet zum Herren auf aus Herzensgrunde.

 

 

Frühling

Und wenn die Lerche hell anstimmt

Und Frühling rings bricht an:

Da schauert tief und Flügel nimmt,

Wer irgend fliegen kann.

 

Die Erde grüßt er hochbeglückt,

Die, eine junge Braut,

Mit Blumen wild und bunt geschmückt,

Tief in das Herz ihm schaut.

 

Den Himmel dann, das blaue Meer

Der Sehnsucht, grüßt er treu,

Da stammen Lied und Sänger her

Und spüren’s immer neu.

 

Die dunkeln Gründe säuseln kaum,

Sie schaun so fremd herauf.

Tiefschauernd fühlt er, ‘s war ein Traum –

Und wacht im Himmel auf.

 

 

Herbst

Es ist nun der Herbst gekommen,

Hat das schöne Sommerkleid

Von den Feldern weggenommen

Und die Blätter ausgestreut,

Vor dem bösen Winterwinde

Deckt er warm und sachte zu

Mit dem bunten Laub die Gründe,

Die schon müde gehn zur Ruh.

 

Durch die Felder sieht man fahren

Eine wunderschöne Frau,

Und von ihren langen Haaren

Goldne Fäden auf der Au

Spinnet sie und singt im Gehen:

Eia, meine Blümelein,

Nicht nach andern immer sehen,

Eia, schlafet, schlafet ein.

 

Und die Vöglein hoch in Lüften

Über blaue Berg und Seen

Ziehn zur Ferne nach den Klüften,

Wo die hohen Zedern stehn,

Wo mit ihren goldnen Schwingen

Auf des Benedeiten Gruft

Engel Hosianna singen

Nächtens durch die stille Luft.

 

 

Winter

Wie von Nacht verhangen,

Wußt nicht, was ich will,

Schon so lange, lange

War ich totenstill.

 

Liegt die Welt voll Schmerzen,

Will’s auch draußen schnein:

Wache auf, mein Herze,

Frühling muß es sein!

 

Was mich frech wollt fassen,

‘s ist nur Wogenschaum,

Falsche Ehr, Not, Hassen,

Welt, ich spür dich kaum.

 

Breite nur die Flügel

Wieder, schönes Roß,

Frei laß ich die Zügel,

So brich durch, Genoß!

 

Und hat ausgeklungen

Liebeslust und Leid,

Um die wir gerungen

In der schönsten Zeit;

 

Nun so trag mich weiter,

Wo das Wünschen aus –

Wie wird mir so heiter,

Roß, bring mich nach Haus!

 

 

Der Schiffer

Die Lüfte linde fächeln,

Aus stillen Meeres Schaum

Sirenen tauchend lächeln,

Der Schiffer liegt im Traum.

 

Da faßt der Sturm die Wellen,

Durchwühlt die Einsamkeit:

Wacht auf, ihr Traumgesellen,

Nun ist’s nicht Schlafenszeit! –

 

In jenen stillen Tagen

Wie war ich stolz und klug,

In sichern Glücks Behagen

Mir selber gut genug.

 

Du hast das Glück zerschlagen;

Nimm wieder, was du gabst,

Ich schweig und will nicht klagen,

Jetzt weiß ich, wie du labst.

 

Das sind die mächt’gen Stürme,

Die wecken, was da ruht,

Es sinken Land und Türme

Allmählich in die Flut.

 

Kein Meerweib will sich zeigen,

Kein Laut mehr langt zu mir,

Und in dem weiten Schweigen

Steh ich allein mit dir.

 

O führe an den Riffen

Allmächtig deine Hand,

Wohin wir alle schiffen,

Uns zu dem Heimatstrand!

 

 

Der Soldat

Und wenn es einst dunkelt,

Der Erd bin ich satt,

Durchs Abendrot funkelt

Eine prächt’ge Stadt:

Von den goldenen Türmen

Singet der Chor,

Wir aber stürmen

Das himmlische Tor.

 

 

Der Wächter

Nächtlich macht der Herr die Rund,

Sucht die Seinen unverdrossen,

Aber überall verschlossen

Trifft er Tür und Herzensgrund,

Und er wendet sich voll Trauer:

Niemand ist, der mit mir wacht. –

Nur der Wald vernimmt’s mit Schauer,

Rauschet fromm die ganze Nacht.

 

Waldwärts durch die Einsamkeit

Hört ich über Tal und Klüften

Glocken in den stillen Lüften,

Wie aus fernem Morgen weit –

An die Tore will ich schlagen,

An Palast und Hütten: Auf!

Flammend schon die Gipfel ragen,

Wachet auf, wacht auf, wacht auf!

 

 

Gottes Segen

Das Kind ruht aus vom Spielen,

Am Fenster rauscht die Nacht,

Die Engel Gotts im Kühlen

Getreulich halten Wacht.

 

Am Bettlein still sie stehen,

Der Morgen graut noch kaum.

Sie küssen’s, eh sie gehen,

Das Kindlein lacht im Traum.

 

 

Der Umkehrende

1.

Du sollst mich doch nicht fangen,

Duftschwüle Zaubernacht!

Es stehn mit goldnem Prangen

Die Stern auf stiller Wacht,

Und machen überm Grunde,

Wo du verirret bist,

Getreu die alte Runde –

Gelobt sei Jesus Christ!

 

Wie bald in allen Bäumen

Geht nun die Morgenluft,

Sie schütteln sich in Träumen,

Und durch den roten Duft

Eine fromme Lerche steiget,

Wenn alles still noch ist,

Den rechten Weg dir zeiget –

Gelobt sei Jesus Christ!

 

 

2.

Hier bin ich, Herr! Gegrüßt das Licht,

Das durch die stille Schwüle

Der müden Brust gewaltig bricht

Mit seiner strengen Kühle.

Nun bin ich frei! Ich taumle noch

Und kann mich noch nicht fassen –

O Vater, du erkennst mich doch,

Und wirst nicht von mir lassen!

 

 

3.

Was ich wollte, liegt zerschlagen,

Herr, ich lasse ja das Klagen,

Und das Herz ist still.

Nun aber gib auch Kraft, zu tragen,

Was ich nicht will!

 

 

4.

Es wandelt, was wir schauen,

Tag sinkt ins Abendrot,

Die Lust hat eignes Grauen,

Und alles hat den Tod.

 

Ins Leben schleicht das Leiden

Sich heimlich wie ein Dieb,

Wir alle müssen scheiden

Von allem, was uns lieb.

 

Was gäb es doch auf Erden,

Wer hielt’ den Jammer aus,

Wer möcht geboren werden,

Hieltst du nicht droben Haus!

 

Du bist’s, der, was wir bauen,

Mild über uns zerbricht,

Daß wir den Himmel schauen –

Darum so klag ich nicht.

 

 

5.

Waldeinsamkeit!

Du grünes Revier,

Wie liegt so weit

Die Welt von hier!

Schlaf nur, wie bald

Kommt der Abend schön,

Durch den stillen Wald

Die Quellen gehn,

Die Mutter Gottes wacht,

Mit ihrem Sternenkleid

Bedeckt sie dich sacht

In der Waldeinsamkeit,

Gute Nacht, gute Nacht! –

 

 

Der Kranke

Soll ich dich denn nun verlassen,

Erde, heitres Vaterhaus?

Herzlich Lieben, mutig Hassen,

Ist denn alles, alles aus?

 

Vor dem Fenster durch die Linden

Spielt es wie ein linder Gruß,

Lüfte, wollt ihr mir verkünden,

Daß ich bald hinunter muß? –

 

Liebe, ferne, blaue Hügel,

Stiller Fluß im Talesgrün,

Ach, wie oft wünscht ich mir Flügel,

Über euch hinwegzuziehn!

 

Da sich jetzt die Flügel dehnen

Schaur ich in mich selbst zurück,

Und ein unbeschreiblich Sehnen

Zieht mich zu der Welt zurück.

 

 

Sterbeglocken

Nun legen sich die Wogen,

Und die Gewitter schwül

Sind all hinabgezogen,

Mir wird das Herz so kühl.

 

Die Täler alle dunkeln,

Ist denn das Morgenzeit?

Wie schön die Gipfel funkeln,

Und Glocken hör ich weit.

 

So hell noch niemals klangen

Sie übern Waldessaum –

Wo war ich denn so lange?

Das war ein schwerer Traum.

 

 

Der Pilger

1.

Man setzt uns auf die Schwelle,

Wir wissen nicht, woher?

Da glüht der Morgen helle,

Hinaus verlangt uns sehr.

Der Erde Klang und Bilder,

Tiefblaue Frühlingslust,

Verlockend wild und wilder,

Bewegen da die Brust.

Bald wird es rings so schwüle,

Die Welt eratmet kaum,

Berg’, Schloß und Wälder kühle

Stehn lautlos wie im Traum,

Und ein geheimes Grausen

Beschleichet unsern Sinn:

Wir sehnen uns nach Hause

Und wissen nicht, wohin?

 

 

2.

Dein Wille, Herr, geschehe!

Verdunkelt schweigt das Land,

Im Zug der Wetter sehe

Ich schauernd deine Hand.

O mit uns Sündern gehe

Erbarmend ins Gericht!

Ich beug im tiefsten Wehe

Zum Staub mein Angesicht,

Dein Wille, Herr, geschehe!

3.

 

Schlag mit den flamm’gen Flügeln!

Wenn Blitz aus Blitz sich reißt:

Steht wie in Rossesbügeln

So ritterlich mein Geist.

 

Waldesrauschen, Wetterblicken

Macht recht die Seele los,

Da grüßt sie mit Entzücken,

Was wahrhaft, ernst und groß.

 

Es schiffen die Gedanken

Fern wie auf weitem Meer,

Wie auch die Wogen schwanken:

Die Segel schwellen mehr.

 

Herr Gott, es wacht dein Wille,

Ob Tag und Lust verwehn,

Mein Herz wird mir so stille

Und wird nicht untergehn.

4.

 

So laß herein nun brechen

 

Die Brandung, wie sie will,

Du darfst ein Wort nur sprechen,

So wird der Abgrund still;

Und bricht die letzte Brücke,

Zu dir, der treulich steht,

Hebt über Not und Glücke

Mich einsam das Gebet.

5.

 

Wie ein todeswunder Streiter,

Der den Weg verloren hat,

Schwank ich nun und kann nicht weiter,

Von dem Leben sterbensmatt.

Nacht schon decket alle Müden

Und so still ist’s um mich her,

Herr, auch mir gib endlich Frieden,

Denn ich wünsch und hoff nichts mehr.

6.

 

Wie oft wollt mich die Welt ermüden,

Ich beugt aufs Schwert mein Angesicht

Und bat dich frevelhaft um Frieden –

Du wußtest’s besser, gabst ihn nicht.

 

Ich sah in Nacht das Land vergehen,

In Blitzen du die Wetter brachst,

Da konnt ich schauernd erst verstehen,

Was du zu mir Erschrocknem sprachst:

 

»Meine Lieder sind nicht deine Lieder

Leg ab den falschen Schmuck der Zeit

Und nimm das Kreuz, dann komme wieder

In deines Herzens Einsamkeit.«

 

Und alle Bilder ferne treten,

Und tief noch rauschet kaum die Rund –

Wie geht ein wunderbares Beten

Mir leuchtend durch der Seele Grund!

 

Der Pilot

Glaube stehet still erhoben

Überm nächt’gen Wellenklang,

Lieset in den Sternen droben

Fromm des Schiffleins sichern Gang.

 

Liebe schwellet sanft die Segel,

Dämmernd zwischen Tag und Nacht

Schweifen Paradiesesvögel,

Ob der Morgen bald erwacht?

 

Morgen will sich kühn entzünden,

Nun wird’s mir auf einmal kund:

Hoffnung wird die Heimat finden

Und den stillen Ankergrund.

 

 

Der Einsiedler

Komm, Trost der Welt, du stille Nacht

Wie steigst du von den Bergen sacht,

Die Lüfte alle schlafen,

Ein Schiffer nur noch, wandermüd,

Singt übers Meer sein Abendlied

Zu Gottes Lob im Hafen.

 

Die Jahre wie die Wolken gehn

Und lassen mich hier einsam stehn,

Die Welt hat mich vergessen,

Da tratst du wunderbar zu mir,

Wenn ich beim Waldesrauschen hier

Gedankenvoll gesessen.

 

O Trost der Welt, du stille Nacht!

Der Tag hat mich so müd gemacht,

Das weite Meer schon dunkelt,

Laß ausruhn mich von Lust und Not,

Bis daß das ew’ge Morgenrot

Den stillen Wald durchfunkelt.

 

 

Der Sänger

1.

Siehst du die Wälder glühen,

Die Ströme flammend sprühen,

Die Welt in Abendgluten

Wie träumerische Fluten,

Wo blühnde Inseln trunken

Sich spiegeln in dem Duft? –

Es weht und rauscht und ruft:

O komm, eh wir versunken!

 

Eh noch die Sonn versunken:

Gehn durch die goldnen Funken

Still Engel in den Talen,

Das gibt so leuchtend Strahlen

In Blumen rings und Zweigen. –

Wie frommer Widerhall

Weht noch der Glocken Schall,

Wenn längst die Täler schweigen.

 

Leis wächst durchs dunkle Schweigen

Ein Flüstern rings und Neigen

Wie ein geheimes Singen,

In immer weitern Ringen

Zieht’s alle, die da lauschen,

In seine duft’ge Rund,

Wo kühl im stillen Grund

Die Wasserkünste rauschen.

 

Wie Wald und Strom im Rauschen

Verlockend Worte tauschen!

Was ist’s, daß ich ergrause? –

Führt doch aus stillem Hause

Der Hirt die goldne Herde,

Und hütet treu und wacht,

So lieblich weht die Nacht,

Lind säuselt kaum die Erde.

2.

 

Und zu den Felsengängen

Der nächt’ge Sänger flieht,

Denn wie mit Wahnsinus Klängen

Treibt ihn sein eignes Lied.

 

Bei leuchtenden Gewittern

Schreckt ihn das stille Land,

Ein wunderbar Erschüttern

Hat ihm das Herz gewandt.

 

Bereuend sinkt sein Auge –

Da blickt durch Nacht und Schmerz

Ein unsichtbares Auge

Ihm klar ins tiefste Herz.

 

Sein Saitenspiel zur Stunde

Wirft er in tiefsten Schlund,

Und weint aus Herzensgrunde,

Und ewig schweigt sein Mund.

 

Morgendämmerung

Es ist ein still Erwarten in den Bäumen,

Die Nachtigallen in den Büschen schlagen

In irren Klagen, können’s doch nicht sagen,

Die Schmerzen all und Wonne, halb in Träumen.

 

Die Lerche auch will nicht die Zeit versäumen,

Da solches Schallen bringt die Luft getragen,

Schwingt sich vom Tal, eh’s noch beginnt zu tagen,

Im ersten Strahl die Flügel sich zu säumen.

 

Ich aber stand schon lange in dem Garten

Und bin ins stille Feld hinausgegangen,

Wo leis die Ähren an zu wogen fingen.

 

O fromme Vöglein, ihr und ich, wir warten

Aufs frohe Licht, da ist uns vor Verlangen

Bei stiller Nacht erwacht so sehnend Singen.

 

 

Das Gebet

Wen hat nicht einmal Angst befallen,

Wenn Trübnis ihn gefangenhält,

Als müßt er ewig rastlos wallen

Nach einer wunderbaren Welt?

All’ Freunde sind lang fortgezogen,

Der Frühling weint in einem fort,

Eine Brücke ist der Regenbogen

Zum friedlich sichern Heimatsport.

 

Hinauszuschlagen in die Töne,

Lockt dich Natur mit wilder Lust,

Zieht Minne, holde Frauenschöne

Zum Abgrund süß die sel’ge Brust;

Den Tod siehst du verhüllet gehen

Durch Lieb’ und Leben himmelwärts,

Ein einzig Wunder nur bleibt stehen

Einsam über dem öden Schmerz. –

 

Du seltner Pilger, laß dich warnen!

Aus ird’scher Lust und Zauberei,

Die freud- und leidvoll dich umgarnen,

Strecke zu Gott die Arme frei!

Nichts mehr mußt du hienieden haben,

Himmlisch betrübt, verlassen, arm,

Ein treues Kind, dem Vater klagen

Die ird’sche Lust, den ird’schen Harm.

 

Es breitet diese einz’ge Stunde

Sich übers ganze Leben still,

Legt blühend sich um deine Wunde,

Die niemals wieder heilen will.

Treu bleibt der Himmel stets dem Treuen,

Zur Erd das Ird’sche niedergeht,

Zum Himmel über Zaubereien

Geht ewig siegreich das Gebet.

 

 

Sonntag

Die Nacht war kaum verblühet,

Nur eine Lerche sang

Die stille Luft entlang.

Wen grüßt sie schon so frühe?

 

Und draußen in dem Garten

Die Bäume übers Haus

Sahn weit ins Land hinaus,

Als ob sie wen erwarten.

 

In festlichen Gewanden

Wie eine Kinderschar,

Tauperlen in dem Haar,

Die Blumen alle standen.

 

Ich dacht: ihr kleinen Bräute,

Was schmückt ihr euch so sehr? –

Da blickt’ die eine her:

»Still, still, ‘s ist Sonntag heute.

 

Schon klingen Morgenglocken,

Der liebe Gott nun bald

Geht durch den stillen Wald.«

Da kniet ich froherschrocken.

 

Nachtgebet

Es rauschte leise in den Bäumen,

Ich hörte nur der Ströme Lauf,

Und Berg und Gründe, wie aus Träumen,

Sie sahn so fremd zu mir herauf.

 

Drin aber in der stillen Halle

Ruht’ Sang und Plaudern müde aus,

Es schliefen meine Lieben alle,

Kaum wieder kannt ich nun mein Haus.

 

Mir war’s, als lägen sie zur Stunde

Gestorben, bleich im Mondenschein,

Und schauernd in der weiten Runde

Fühlt ich auf einmal mich allein.

 

So blickt in Meeres öden Reichen

Ein Schiffer einsam himmelan –

O Herr, wenn einst die Ufer weichen,

Sei gnädig du dem Steuermann!

 

 

Ostern

Vom Münster Trauerglocken klingen,

Vom Tal ein Jauchzen schallt herauf.

Zur Ruh sie dort dem Toten singen,

Die Lerchen jubeln: wache auf!

Mit Erde sie ihn still bedecken,

Das Grün aus allen Gräbern bricht,

Die Ströme hell durchs Land sich strecken,

Der Wald ernst wie in Träumen spricht,

Und bei den Klängen, Jauchzen, Trauern,

So weit ins Land man schauen mag,

Es ist ein tiefes Frühlingsschauern

Als wie ein Auferstehungstag.

 

 

Weihnachten

Markt und Straßen stehn verlassen,

Still erleuchtet jedes Haus,

Sinnend geh ich durch die Gassen,

Alles sieht so festlich aus.

 

An den Fenstern haben Frauen

Buntes Spielzeug fromm geschmückt,

Tausend Kindlein stehn und schauen,

Sind so wunderstill beglückt.

 

Und ich wandre aus den Mauern

Bis hinaus ins freie Feld,

Hehres Glänzen, heil’ges Schauern!

Wie so weit und still die Welt!

 

Sterne hoch die Kreise schlingen,

Aus des Schnees Einsamkeit

Steigt’s wie wunderbares Singen –

O du gnadenreiche Zeit!

 

 

Abschied

Abendlich schon rauscht der Wald

Aus den tiefen Gründen,

Droben wird der Herr nun bald

An die Sterne zünden,

Wie so stille in den Schlünden,

Abendlich nur rauscht der Wald.

 

Alles geht zu seiner Ruh,

Wald und Welt versausen,

Schauernd hört der Wandrer zu,

Sehnt sich recht nach Hause,

Hier in Waldes grüner Klause

Herz, geh endlich auch zur Ruh!

 

 

Mondnacht

Es war, als hätt der Himmel

Die Erde still geküßt,

Daß sie im Blütenschimmer

Von ihm nun träumen müßt.

 

Die Luft ging durch die Felder,

Die Ähren wogten sacht,

Es rauschten leis die Wälder,

So sternklar war die Nacht.

 

Und meine Seele spannte

Weit ihre Flügel aus,

Flog durch die stillen Lande,

Als flöge sie nach Haus.

 

 

Glück auf

Gar viel hab ich versucht, gekämpft, ertragen;

Das ist der tiefen Sehnsucht Lebenslauf,

Daß brünstig sie an jeden Fels muß schlagen,

Ob sich des Lichtes Gnadentür tät auf,

Wie ein verschütt’ter Bergmann in den Klüften

Heraus sich hauet zu den heitern Lüften.

 

Auch ich gelang einst zu dem stillen Gipfel,

Vor dem mich schaudert in geheimer Lust.

Tief unten rauschen da des Lebens Wipfel

Noch einmal dunkelrührend an die Brust,

Dann wird es unten still im weiten Grunde

Und oben leuchtet streng des Himmels Runde.

 

Wie klein wird sein da, was mich hat gehalten,

Wie wenig, was ich Irrender vollbracht,

Doch was den Felsen gläubig hat gespalten:

Die Sehnsucht treu steigt mit mir aus der Nacht

Und legt mir an die wunderbaren Schwingen,

Die durch die Stille mich nach Hause bringen.

 

 

Nachtlied

Vergangen ist der lichte Tag,

Von ferne kommt der Glocken Schlag;

So reist die Zeit die ganze Nacht,

Nimmt manchen mit, der’s nicht gedacht.

 

Wo ist nun hin die bunte Lust,

Des Freundes Trost und treue Brust,

Des Weibes süßer Augenschein?

Will keiner mit mir munter sein?

 

Da’s nun so stille auf der Welt,

Ziehn Wolken einsam übers Feld,

Und Feld und Baum besprechen sich –

O Menschenkind! was schauert dich?

 

Wie weit die falsche Welt auch sei,

Bleibt mir doch Einer nur getreu,

Der mit mir weint, der mit mir wacht,

Wenn ich nur recht an ihn gedacht.

 

Frisch auf denn, liebe Nachtigall,

Du Wasserfall mit hellem Schall!

Gott loben wollen wir vereint,

Bis daß der lichte Morgen scheint!

Stimmen der Nacht

 

1.

Weit tiefe, bleiche, stille Felder –

O wie mich das freut,

Über alle, alle Täler, Wälder

Die prächtige Einsamkeit!

 

Aus der Stadt nur schlagen die Glocken

Über die Wipfel herein,

Ein Reh hebt den Kopf erschrocken

Und schlummert gleich wieder ein.

 

Der Wald aber rühret die Wipfel

Im Schlaf von der Felsenwand,

Denn der Herr geht über die Gipfel

Und segnet das stille Land.

2.

 

Nächtlich wandern alle Flüsse

Und der Himmel, Stern auf Stern,

Sendet so viel tausend Grüße,

Daß die Wälder nah und fern

Schauernd rauschen in den Gründen;

Nur der Mensch, dem Tod geweiht,

Träumet fort von seinen Sünden

In der stillen Gnadenzeit.

 

Herbstweh

1.

 

So still in den Feldern allen,

Der Garten ist lange verblüht,

Man hört nur flüsternd die Blätter fallen,

Die Erde schläfert – ich bin so müd.

 

2.

 

Es schüttelt die welken Blätter der Wald,

Mich friert, ich bin schon alt,

Bald kommt der Winter und fällt der Schnee,

Bedeckt den Garten und mich und alles, alles Weh.

 

 

Winternacht

Verschneit liegt rings die ganze Welt,

Ich hab nichts, was mich freuet,

Verlassen steht der Baum im Feld,

Hat längst sein Laub verstreuet.

 

Der Wind nur geht bei stiller Nacht

Und rüttelt an dem Baume,

Da rührt er seinen Wipfel sacht

Und redet wie im Traume.

 

Er träumt von künft’ger Frühlingszeit,

Von Grün und Quellenrauschen,

Wo er im neuen Blütenkleid

Zu Gottes Lob wird rauschen.

 

 

Trost

Der jagt dahin, daß die Rosse schnaufen,

Der muß im Staub daneben laufen;

Aber die Nacht holt beide ein,

Setzt jenen im Traume neben die Rosse

Und den andern in seine Karosse –

Wer fährt nun fröhlicher? der da wacht,

Oder der blinde Passagier bei Nacht?

 

 

Dank

Mein Gott, dir sag ich Dank,

Daß du die Jugend mir bis über alle Wipfel

In Morgenrot getaucht und Klang,

Und auf des Lebens Gipfel,

Bevor der Tag geendet,

Vom Herzen unbewacht

Den falschen Glanz gewendet,

Daß ich nicht taumle ruhmgeblendet,

Da nun herein die Nacht

Dunkelt in ernster Pracht.

 

 

Kurze Fahrt

Posthorn, wie so keck und fröhlich

Brachst du einst den Morgen an,

Vor mir lag’s so frühlingsselig,

Daß ich still auf Lieder sann.

 

Dunkel rauscht es schon im Walde,

Wie so abendkühl wird’s hier,

Schwager, stoß ins Horn – wie balde

Sind auch wir im Nachtquartier!

 

 

Schifferspruch

Wenn die Wogen unten toben,

Menschenwitz zuschanden wird,

Weist mit feur’gen Zügen droben

Heimwärts dich der Wogen Hirt.

Sollst nach keinem andern fragen,

Nicht zurückschaun nach dem Land,

Faß das Steuer, laß das Zagen!

Aufgerollt hat Gottes Hand

Diese Wogen zum Befahren

Und die Sterne, dich zu wahren.

 

 

So oder so

Die handeln und die dichten,

Das ist der Lebenslauf,

Der eine macht Geschichten,

Der andre schreibt sie auf,

Und der will beide richten;

So schreibt und treibt sich’s fort,

Der Herr wird alles schlichten,

Verloren ist kein Wort.

 

 

Walt Gott!

Gestern stürmt’s noch, und am Morgen

Blühet schon das ganze Land –

Will auch nicht für morgen sorgen,

Alles steht in Gottes Hand.

 

Putz dich nur in Gold und Seiden:

In dem Felde über Nacht

Engel Gotts die Lilien kleiden,

Schöner als du’s je gedacht.

 

Sonn dich auf des Lebens Gipfeln:

Über deinem stolzen Haus

Singt der Vogel in den Wipfeln,

Schwingt sich über dich hinaus!

 

Vögel nicht, noch Blumen sorgen,

Hat doch jedes sein Gewand –

Wie so fröhlich rauscht der Morgen!

Alles steht in Gottes Hand.

 

 

Schiffergruß

Stolzes Schiff mit seidnen Schwingen,

Fährst mein Boot zu Grunde schier,

Sang von Bord und Lauten klingen,

O du fröhlicher Schiffsherr, dir;

Ich muß selbst mein Lied mir singen,

Nur der Sturmwind singt mit mir.

 

Stolzes Schiff, wenn deine Feuer

Nachts verlöscht: beim falben Licht

Steht ein Fremder an dem Steuer,

Mit den Winden laut er spricht,

Und die Wogen rauschen scheuer –

Trau dem finstern Bootsmann nicht!

 

Gleiche Winde, gleiche Wellen,

Reiches Schiff und armes Boot

Nach demselben Strande schwellen,

Deine Hoffart, meine Not

Wird an einem Riff zerschellen,

Denn der Bootsmann ist der Tod.

 

 

Todeslust

Bevor er in die blaue Flut gesunken,

Träumt noch der Schwan und singet todestrunken;

Die sommermüde Erde im Verblühen

Läßt all ihr Feuer in den Trauben glühen;

Die Sonne, Funken sprühend, im Versinken,

Gibt noch einmal der Erde Glut zu trinken,

Bis, Stern auf Stern, die Trunkne zu umfangen,

Die wunderbare Nacht ist aufgegangen.

 

 

Warnung

Aus ist dein Urlaub und die Laut zerschlagen,

Nachts aus der stillen Stadt nun mußt du gehen,

Die Wetterfahnen nur im Wind sich drehen,

Dein Tritt verhallt, mag niemand nach dir fragen.

 

Doch draußen waldwärts, wo du herstammst, ragen

Die Zinnen noch der goldnen Burg, es gehen

Die Wachen schildernd auf dem Wall, das Wehen

Der Nacht bringt ihren Ruf ins Land getragen.

 

Der Engel dort mit seinem Flammendegen

Steht blankgerüstet noch, das Tor zu hüten,

Und wird dich mit den ernsten Blicken messen,

 

Die manches Herze schon zu Asche glühten.

Hast du Parol und Feldgeschrei vergessen:

Weh! wo nun willst dein müdes Haupt hinlegen?

 

 

Die heilige Mutter

Es ist ein Meer, von Schiffen irr durchflogen,

Die steuern rastlos nach den falschen Landen,

Die alle suchen und wo alle stranden

Auf schwanker Flut, die jeden noch betrogen.

 

Es ist im wüsten Meer ein Felsenbogen,

An dem die sturmgepeitschten Wellen branden

Und aller Zorn der Tiefe wird zuschanden,

Die nach dem Himmel zielt mit trüben Wogen.

 

Und auf dem Fels die mildeste der Frauen

Zählt ihre Kinder und der Schiffe Trümmer,

Still betend, daß sich rings die Stürme legen.

 

Das sind die treuen Augen, himmelblauen –

Mein Schiff versenk ich hinter mir auf immer,

Hier bin ich, Mutter, gib mir deinen Segen!

 

 

Mahnung

Genug gemeistert nun die Weltgeschichte!

Die Sterne, die durch alle Zeiten tagen,

Ihr wolltet sie mit frecher Hand zerschlagen

Und jeder leuchten mit dem eignen Lichte.

 

Doch unaufhaltsam rucken die Gewichte,

Von selbst die Glocken von den Türmen schlagen,

Der alte Zeiger, ohne euch zu fragen,

Weist flammend auf die Stunde der Gerichte.

 

O stille Schauer, wunderbares Schweigen,

Wenn heimlich flüsternd sich die Wälder neigen,

Die Täler alle geisterbleich versanken,

 

Und in Gewittern von den Bergesspitzen

Der Herr die Weltgeschichte schreibt mit Blitzen –

Denn seine sind nicht euere Gedanken.

 

 

Wacht auf!

Es ist ein Kirchlein zwischen Felsenbogen

So tief versteckt: wie in den alten Sagen

Hat nächtens drin die Glocke angeschlagen,

Weiß keiner, wer die Glocken hat gezogen.

 

Erwache, Steuermann! hoch gehn die Wogen;

Ihr Hirten auf, die Herden nach euch fragen;

Ihr Wächter sollt an Schloß und Hütten schlagen,

Wacht auf, wacht auf, bevor der Klang verflogen!

 

Denn Heerschau halten will in deutschen Gauen

Der Herr und zählen, die ihm treu geblieben,

Eh er den Engel mit dem Schwerte sendet.

 

Schon bricht’s so dunkelrot durchs Morgengrauen,

Ob’s Blut bedeutet oder feur’ges Lieben,

Es steht in Gottes Hand, die niemand wendet.

 

 

Im Alter

Wie wird nun alles so stille wieder!

So war mir’s oft in der Kinderzeit,

Die Bäche gehen rauschend nieder

Durch die dämmernde Einsamkeit,

Kaum noch hört man einen Hirten singen,

Aus allen Dörfern, Schluchten, weit

Die Abendglocken herüberklingen,

Versunken nun mit Lust und Leid

Die Täler, die noch einmal blitzen,

Nur hinter dem stillen Walde weit

Noch Abendröte an den Bergesspitzen,

Wie Morgenrot der Ewigkeit.

 

 

Memento mori

Schnapp Austern, Dukaten,

Mußt dennoch sterben!

Dann tafeln die Maden

Und lachen die Erben.

 

 

Die Flucht der Heiligen Familie

Länger fallen schon die Schatten,

Durch die kühle Abendluft,

Waldwärts über stille Matten

Schreitet Joseph von der Kluft,

Führt den Esel treu am Zügel;

Linde Lüfte fächeln kaum,

‘s sind der Engel leise Flügel,

Die das Kindlein sieht im Traum,

Und Maria schauet nieder

Auf das Kind voll Lust und Leid,

Singt im Herzen Wiegenlieder

In der stillen Einsamkeit.

Die Johanneswürmchen kreisen

Emsig leuchtend übern Weg,

Wollen der Mutter Gottes weisen

Durch die Wildnis jeden Steg,

Und durchs Gras geht süßes Schaudern,

Streift es ihres Mantels Saum;

Bächlein auch läßt jetzt sein Plaudern

Und die Wälder flüstern kaum,

Daß sie nicht die Flucht verraten.

Und das Kindlein hob die Hand,

Da sie ihm so Liebes taten,

Segnete das stille Land,

Daß die Erd mit Blumen, Bäumen

Fernerhin in Ewigkeit

Nächtlich muß vom Himmel träumen –

O gebenedeite Zeit!

 

 

Marienlied

Wenn ins Land die Wetter hängen

Und der Mensch erschrocken steht,

Wendet, wie mit Glockenklängen

Die Gewitter dein Gebet,

Und wo aus den grauen Wogen

Weinend auftaucht das Gefild,

Segnest du’s vom Regenbogen –

Mutter, ach wie bist du mild!

 

Wenn’s einst dunkelt auf den Gipfeln

Und der kühle Abend sacht

Niederrauschet in den Wipfeln:

O Maria, heil’ge Nacht!

Laß mich nimmer wie die andern,

Decke zu der letzten Ruh

Mütterlich den müden Wandrer

Mit dem Sternenmantel zu.

 

 

Durch!

Ein Adler saß am Felsenbogen,

Den lockt’ der Sturm weit übers Meer,

Da hatt er droben sich verflogen,

Er fand sein Felsennest nicht mehr,

Tief unten sah er kaum noch liegen

Verdämmernd Wald und Land und Meer,

Mußt höher, immer höher fliegen,

Ob nicht der Himmel offen wär.

 

 

7. Romanzen

 

Aus schweren Träumen

 

Fuhr ich oft auf und sah durch Tannenwipfel

Den Mond ziehn übern stillen Grund und sang

Vor Bangigkeit und schlummert wieder ein. –

 

Ja, Menschenstimme, hell aus frommer Brust!

Du bist doch die gewaltigste, und triffst

Den rechten Grundton, der verworren anklingt

In all den tausend Stimmen der Natur! –

 

 

 

Die Zauberin im Walde

»Schon vor vielen, vielen Jahren

Saß ich drüben an dem Ufer,

Sah manch Schiff vorüberfahren

Weit hinein ins Waldesdunkel.

 

Denn ein Vogel jeden Frühling

An dem grünen Waldessaume

Sang mit wunderbarem Schalle,

Wie ein Waldhorn klang’s im Traume.

 

Und gar seltsam hohe Blumen

Standen an dem Rand der Schlünde,

Sprach der Strom so dunkle Worte,

‘s war, als ob ich sie verstünde.

 

Und wie ich so sinnend atme

Stromeskühl und Waldesdüfte,

Und ein wundersam Gelüsten

Mich hinabzog nach den Klüften:

 

Sah ich auf kristallnem Nachen,

Tief im Herzensgrund erschrocken,

Eine wunderschöne Fraue,

Ganz umwallt von goldnen Locken.

 

Und von ihrem Hals behende

Tät sie lösen eine Kette,

Reicht’ mit ihren weißen Händen

Mir die allerschönste Perle.

 

Nur ein Wort von fremdem Klange

Sprach sie da mit rotem Munde,

Doch im Herzen ewig stehen

Wird des Worts geheime Kunde.

 

Seitdem saß ich wie gebannt dort,

Und wenn neu der Lenz erwachte,

Immer von dem Halsgeschmeide

Eine Perle sie mir brachte.

 

Ich barg all’ im Waldesgrunde,

Und aus jeder Perl der Fraue

Sproßte eine Blum zur Stunde,

Wie ihr Auge anzuschauen.

 

Und so bin ich aufgewachsen,

Tät der Blumen treulich warten,

Schlummert oft und träumte golden

In dem schwülen Waldesgarten.

 

Fortgespült ist nun der Garten

Und die Blumen all’ verschwunden,

Und die Gegend, wo sie standen,

Hab ich nimmermehr gefunden.

 

In der Fern liegt jetzt mein Leben,

Breitend sich wie junge Träume,

Schimmert stets so seltsam lockend

Durch die alten, dunklen Bäume.

 

Jetzt erst weiß ich, was der Vogel

Ewig ruft so bange, bange,

Unbekannt zieht ew’ge Treue

Mich hinunter zu dem Sange.

 

Wie die Wälder kühle rauschen,

Zwischendurch das alte Rufen,

Wo bin ich so lang gewesen? –

O ich muß hinab zur Ruhe!«

 

Und es stieg vom Schloß hinunter

Schnell der süße Florimunde,

Weit hinab und immer weiter

Zu dem dunkelgrünen Grunde.

 

Hört’ die Ströme stärker rauschen,

Sah in Nacht des Vaters Burge

Stillerleuchtet ferne stehen,

Alles Leben weit versunken.

 

Und der Vater schaut’ vom Berge,

Schaut’ zum dunklen Grunde immer,

Regte sich der Wald so grausig,

Doch den Sohn erblickt’ er nimmer.

 

Und es kam der Winter balde,

Und viel Lenze kehrten wieder,

Doch der Vogel in dem Walde

Sang nie mehr die Wunderlieder.

 

Und das Waldhorn war verklungen

Und die Zauberin verschwunden,

Wollte keinen andern haben

Nach dem süßen Florimunde. –

 

 

 

Die Riesen

Hoch über blauen Bergen

Da steht ein schönes Schloß,

Das hütet von Gezwergen

Ein wunderlicher Troß.

 

Da ist ein Lautenschlagen

Und Singen insgemein,

Die Lüfte es vertragen

Weit in das Land hinein.

 

Und wenn die Länder schweigen,

Funkelnd im Abendtau,

Soll manchmal dort sich zeigen

Eine wunderschöne Frau.

 

Da schworen alle Riesen,

Zu holen sie als Braut,

Mit Leitern da und Spießen

Sie stapften gleich durchs Kraut.

 

Da krachte manche Leiter,

Sie wunderten sich sehr:

Die Wildnis wuchs, je weiter

Je höher rings umher.

 

Sie waren recht bei Stimme

Und zankten um ihren Schatz,

Und fluchten in großem Grimme,

Und fanden nicht den Platz.

 

Und bei dem Lärm sie stunden

In Wolken bis an die Knie,

Das Schloß, das war verschwunden,

Und wußten gar nicht wie. –

 

Aber wie ein Regenbogen

Glänzt’s droben durch die Luft,

Sie hatt indes gezogen

Neue Gärten in den Duft.

 

 

Der Götter Irrfahrt

 

(Nach einer Volkssage der Tonga-Inseln)

 

 

1.

Unten endlos nichts als Wasser,

Droben Himmel still und weit,

Nur das Götterland, das blasse,

Lag in Meereseinsamkeit,

Wo auf farbenlosen Matten

Gipfel wie in Träumen stehn,

Und Gestalten ohne Schatten

Ewig lautlos sich ergehn.

 

Zwischen grauen Wolkenschweifen,

Die verschlafen Berg und Flut

Mit den langen Schleiern streifen,

Hoch der Göttervater ruht.

Heut zu fischen ihn gelüstet,

Und vom zack’gen Felsenhang

In des Meeres grüne Wüste

Senket er die Schnur zum Fang.

 

Sinnend sitzt er, und es flattern

Bart und Haar im Sturme weit,

Und die Zeit wird ihm so lange

In der stillen Ewigkeit.

Da fühlt er die Angel zucken:

»Ei, das ist ein schwerer Fisch!«

Freudig fängt er an zu rucken,

Stemmt sich, zieht und windet frisch.

 

Sieh, da hebt er Felsenspitzen

Langsam aus der Wasser Grund,

Und erschrocken aus den Ritzen

Schießen schupp’ge Schlangen bunt;

Ringelnd’ Ungetüm’ der Tiefen,

Die im öden Wogenhaus

In der grünen Dämmrung schliefen,

Stürzen sich ins Meer hinaus.

 

Doch der Vater hebt aufs neue,

Und Gebirge, Tal und Strand

Taucht allmählich auf ins Freie;

Und es grünt das junge Land,

Irrend farb’ge Lichter schweifen

Und von Blumen glänzt die Flur,

Wo des Vaters Blick’ sie streifen –

Da zerreißt die Angelschnur.

 

Wie ‘ne liebliche Sirene

Halb nun überm Wellenglanz,

Staunend ob der eignen Schöne,

Schwebt es mit dem Blütenkranz,

Bei der Lüfte lindem Fächeln

Sich im Meer, das rosig brennt,

Spiegelnd mit verschämtem Lächeln –

Erde sie der Vater nennt.

2.

 

Staunend auf den Göttersitzen

Die Unsterblichen nun stehn,

Sehn den Morgen drüben blitzen,

Fühlen Duft herüberwehn,

Und so süßes Weh sie spüren,

Lösen leis ihr Schiff vom Strand,

Und die Lüfte sie verführen

Fern durchs Meer zum jungen Land.

 

O wie da die Quellen sprangen

In die tiefe Blütenpracht

Und Lianen dort sich schlangen

Glühend durch die Waldesnacht!

Und die Wandrer trunken lauschen,

Wo die Wasserfälle gehn,

Bis sie in dem Frühlingsrauschen

Plötzlich all erschrocken stehn:

 

Denn sie sehn zum ersten Male

Nun die Sonne niedergehn

Und verwundert Berg’ und Tale

Tief im Abendrote stehn,

Und der schönste Gott von allen

Sank erbleichend in den Duft,

Denn dem Tode ist verfallen,

Wer geatmet ird’sche Luft.

 

Die Genossen faßt ein Grauen,

Und sie fahren weit ins Meer,

Nach des Vaters Haus sie schauen,

Doch sie finden’s nimmermehr.

Mußten aus den Wogenwüsten

Ihrer Schiffe Schnäbel drehn

Wieder nach des Eilands Küsten,

Ach, das war so falsch und schön!

 

Und für immer da verschlagen

Blieben sie im fremden Land,

Hörten nachts des Vaters Klagen

Oft noch fern vom Götterstrand. –

Und nun Kindeskinder müssen

Nach der Heimat sehn ins Meer,

Und es kommt im Wind ein Grüßen,

Und sie wissen nicht woher.

 

 

Die Brautfahrt

Durch des Meeresschlosses Hallen

Auf bespültem Felsenhang,

Weht der Hörner festlich Schallen;

Froher Hochzeitgäste Drang,

Bei der Kerzen Zauberglanze,

Wogt im buntverschlungnen Tanze.

 

Aber an des Fensters Bogen,

Ferne von der lauten Pracht,

Schaut der Bräut’gam in die Wogen

Draußen in der finstern Nacht,

Und die trunknen Blicke schreiten

Furchtlos durch die öden Weiten.

 

»Lieblich«, sprach der wilde Ritter

Zu der zarten, schönen Braut,

»Lieblich girrt die sanfte Zither –

Sturm ist meiner Seele Laut,

Und der Wogen dumpfes Brausen

Hebt das Herz in kühnem Grausen.

 

Ich kann hier nicht müßig lauern,

Treiben auf dem flachen Sand,

Dieser Kreis von Felsenmauern

Hält mein Leben nicht umspannt;

Schönre Länder blühen ferne,

Das verkünden mir die Sterne.

 

Du mußt glauben, du mußt wagen,

Und, den Argonauten gleich,

Wird die Woge fromm dich tragen

In das wunderbare Reich;

Mutig streitend mit den Winden,

Muß ich meine Heimat finden!

 

Siehst du, heißer Sehnsucht Flügel,

Weiße Segel dort gespannt?

Hörst du tief die feuchten Hügel

Schlagen an die Felsenwand?

Das ist Sang zum Hochzeitsreigen –

Willst du mit mir niedersteigen?

 

Kannst du rechte Liebe fassen,

Nun so frage, zaudre nicht!

Schloß und Garten mußt du lassen

Und der Eltern Angesicht –

Auf der Flut mit mir alleine,

Da erst, Liebchen, bist du meine!«

 

Schweigend sieht ihn an die milde

Braut mit schauerlicher Lust,

Sinkt dem kühnen Ritterbilde

Trunken an die stolze Brust:

»Dir hab ich mein Los ergeben,

Schalte nun mit meinem Leben.«

 

Und er trägt die süße Beute

Jubelnd aus dem Schloß aufs Schiff,

Drunten harren seine Leute,

Stoßen froh vom Felsenriff;

Und die Hörner leis verhallen,

Einsam rings die Wogen schallen.

 

Wie die Sterne matter blinken

In die morgenrote Flut,

Sieht sie fern die Berge sinken,

Flammend steigt die hehre Glut,

Überm Spiegel trunkner Wellen

Rauschender die Segel schwellen.

 

Monde steigen und sich neigen,

Lieblich weht schon fremde Luft,

Da sehn sie ein Eiland steigen

Feenhaft aus blauem Duft,

Wie ein farb’ger Blumenstreifen –

Meerwärts fremde Vögel schweifen.

 

Alle faßt ein freud’ges Beben –

Aber dunkler rauscht das Meer,

Schwarze Wetter schwer sich heben,

Stille wird es ringsumher,

Und nur freudiger und treuer

Steht der Ritter an dem Steuer.

 

Und nun flattern wilde Blitze,

Sturm rast um den Felsenriff,

Und von grimmer Wogen Spitze

Stürzt geborsten sich das Schiff.

Schwankend auf des Mastes Splitter,

Schlingt die Braut sich um den Ritter.

 

Und die Müde in den Armen,

Springt er abwärts, sinkt und ringt,

Hält den Leib, den blühend warmen,

Bis er alle Wogen zwingt,

Und am Blumenstrand gerettet,

Auf das Gras sein Liebstes bettet.

 

»Wache auf, wach auf, du Schöne!

Liebesheimat ringsum lacht,

Zaubrisch ringen Duft und Töne,

Wunderbarer Blumen Pracht

Funkelt rings im Morgengolde –

Schau um dich! wach auf, du Holde!«

 

Aber frei von Lust und Kummer

Ruht die liebliche Gestalt,

Lächelnd noch im längsten Schlummer,

Und das Herz ist still und kalt,

Still der Himmel, still im Meere,

Schimmernd rings des Taues Zähre.

 

Und er sinkt zu ihr vor Schmerzen,

Einsam in dem fremden Tal,

Tränen aus dem wilden Herzen

Brechen da zum erstenmal,

Und vor diesem Todesbilde

Wird die ganze Seele milde.

 

Von der langen Täuschung trennt er

Schauernd sich – der Stolz entweicht,

Andre Heimat nun erkennt er,

Die kein Segel hier erreicht,

Und an echten Schmerzen ranken

Himmelwärts sich die Gedanken.

 

Scharrt die Tote ein in Stille,

Pflanzt ein Kreuz hoch auf ihr Grab,

Wirft von sich die seidne Hülle,

Leget Schwert und Mantel ab,

Kleidet sich in rauhe Felle,

Haut in Fels sich die Kapelle.

 

Überm Rauschen dunkler Wogen

In der wilden Einsamkeit,

Hausend auf dem Felsenbogen,

Ringt er fromm mit seinem Leid,

Hat, da manches Jahr entschwunden,

Heimat, Braut und Ruh gefunden. –

 

Viele Schiffe drunten gehen

An dem schönen Inselland,

Sehen hoch das Kreuz noch stehen,

Warnend von der Felsenwand;

Und des strengen Büßers Kunde

Gehet fromm von Mund zu Munde.

 

 

 

Vom heiligen Eremiten Wilhelm

Von Jerusalem die Warten

Lagen schon in rotem Duft,

Stand der Patriarch im Garten,

Glockenklang ging durch die Luft.

 

Kommt ein Pilger da gezogen,

Tritt zu ihm im Abendrot,

Bleich, von strupp’gem Haar umflogen,

Bettelt um ein Stücklein Brot.

 

»Kommst aus Frankreich, frommer Pilger,

Hör der Heimat Laut so gern!

Kennst du dort den Grafen Wilhelm,

Meinen vor’gen Landesherrn?«

 

»Kenn ihn wohl, er hat geschrieben

Feur’ge Schrift mit blut’ger Hand,

Hat aus Frankreich dich vertrieben,

Und dein Kloster liegt verbrannt.«

 

»Gott im Himmel, sollt dich kennen,

Wie du so den Blick gewandt,

Bist Graf Wilhelm der Ardennen –«

»Also ward ich sonst genannt.«

 

»O mein lieber Herr, am Grabe

Stehen beid als Sünder wir –

Haus und Garten, was ich habe,

Nehmt es hin und rastet hier!«

 

»Bet für mich, ich darf nicht rasten,

Denn ohn Rasten geht die Zeit,

Hart mit Geißeln, Wachen, Fasten

Lieg ich mit der Höll in Streit.

 

Kron und Land ließ ich den Erben,

Muß mit stürmender Gewalt

Mir ein andres Reich erwerben.« –

Und so schritt er fort zum Wald.

 

 

 

Der Kühne

Und wo noch kein Wandrer gegangen,

Hoch über Jäger und Roß

Die Felsen im Abendrot hangen

Als wie ein Wolkenschloß.

 

Dort zwischen den Zinnen und Spitzen

Von wilden Nelken umblüht,

Die schönen Waldfrauen sitzen

Und singen im Wind ihr Lied.

 

Der Jäger schaut nach dem Schlosse:

Die droben das ist mein Lieb! –

Er sprang vom scheuenden Rosse,

Weiß keiner, wo er blieb.

 

 

 

Der Wachtturm

Ich sah im Mondschein liegen

Die Felsen und das Meer,

Ich sah ein Schifflein fliegen

Still durch die Nacht daher.

 

Ein Ritter saß am Steuer,

Ein Fräulein stand am Bord,

Im Winde weht’ ihr Schleier,

Die sprachen kein einzig Wort.

 

Ich sah verfallen grauen

Das hohe Königshaus,

Den König stehn und schauen

Vom Turm ins Meer hinaus.

 

Und als das Schiff verschwunden,

Er warf seine Krone nach,

Und aus dem tiefen Grunde

Das Meer wehklagend brach.

 

Das war der kühne Buhle,

Der ihm sein Kind geraubt,

Der König, der verfluchet

Der eignen Tochter Haupt.

 

Da hat das Meer mit Toben

Verschlungen Ritter und Maid,

Der König starb da droben

In seiner Einsamkeit.

 

Nun jede Nacht vor Sturme

Das Schiff vorüberzieht,

Der König von dem Turme

Nach seinem Kinde sieht.

 

 

 

Nachtwanderer

Er reitet nachts auf einem braunen Roß,

Er reitet vorüber an manchem Schloß:

Schlaf droben, mein Kind, bis der Tag erscheint,

Die finstre Nacht ist des Menschen Feind!

 

Er reitet vorüber an einem Teich,

Da stehet ein schönes Mädchen bleich

Und singt, ihr Hemdlein flattert im Wind:

Vorüber, vorüber, mir graut vor dem Kind!

 

Er reitet vorüber an einem Fluß,

Da ruft ihm der Wassermann seinen Gruß,

Taucht wieder unter dann mit Gesaus,

Und stille wird’s über dem kühlen Haus.

 

Wenn Tag und Nacht in verworrenem Streit,

Schon Hähne krähen in Dörfern weit,

Da schauert sein Roß und wühlet hinab,

Scharret ihm schnaubend sein eigenes Grab.

 

 

 

Der Knabe

Es war ein zartes Vögelein,

Das saß in Lieb gefangen,

Ein Knabe hegt’ und pflegt’ sich’s fein

Wohl hinter goldnen Stangen.

 

Und draußen hört’s auf grünem Plan

Verschiedner Vögel Weisen,

Sah Tag und Nacht den Knaben an,

Mocht nicht mit ihnen reisen.

 

Und als der Frühling weit und breit

Von neuem schien und schwärmte,

Da tat dem Knaben ‘s Vöglein leid,

Daß es kein Strahl erwärmte.

 

Da nahm er aus dem stillen Haus

Das Vöglein fromm und treue,

Und schweift’ mit ihm durchs Feld hinaus

Ins himmelblaue Freie.

 

Er setzt’ es vor sich auf die Hand,

Da wend’t und putzt sich’s feine,

In bunten Farben spielt’ und brannt

Sein Kleid im Sonnenscheine.

 

Doch aus dem Wald ein Singen rief,

Bunt’ Vöglein ziehn und reisen,

Das lockt so hell, das lockt so tief

In wundersüßen Weisen.

 

Das Vöglein frisch die Flügel rührt –

Es ruft: »Kommst du nicht balde?« –

Das hat das Vögelein verführt,

Fort flog’s zum grünen Walde –

 

Nun muß der Knabe einsam gehn,

Klagt über Tal und Hügel:

»Süß’ Lieb, süß’ Lieb, wie bist du schön:

Ach, hättst du keine Flügel!« –

 

 

 

Die Nonne und der Ritter

Da die Welt zur Ruh gegangen,

Wacht mit Sternen mein Verlangen;

In der Kühle muß ich lauschen,

Wie die Wellen unten rauschen.

 

»Fernher mich die Wellen tragen,

Die ans Land so traurig schlagen

Unter deines Fensters Gitter,

Fraue, kennst du noch den Ritter?«

 

Ist’s doch, als ob seltsam’ Stimmen

Durch die lauen Lüfte schwimmen;

Wieder hat’s der Wind genommen –

Ach, mein Herz ist so beklommen!

 

»Drüben liegt dein Schloß verfallen,

Klagend in den öden Hallen

Aus dem Grund der Wald mich grüßte –

‘s war, als ob ich sterben müßte.«

 

Alte Klänge blühend schreiten!

Wie aus lang versunknen Zeiten

Will mich Wehmut noch bescheinen,

Und ich möcht von Herzen weinen.

 

»Überm Walde blitzt’s vom Weiten,

Wo um Christi Grab sie streiten;

Dorthin will mein Schiff ich wenden,

Da wird alles, alles enden!«

 

Geht ein Schiff, ein Mann stand drinne –

Falsche Nacht, verwirrst die Sinne,

Welt, ade! Gott woll bewahren,

Die noch irr im Dunkeln fahren.

 

 

 

Der stille Grund

Der Mondenschein verwirret

Die Täler weit und breit,

Die Bächlein, wie verirret,

Gehn durch die Einsamkeit.

 

Da drüben sah ich stehen

Den Wald auf steiler Höh,

Die finstern Tannen sehen

In einen tiefen See.

 

Ein Kahn wohl sah ich ragen,

Doch niemand, der es lenkt,

Das Ruder war zerschlagen,

Das Schifflein halb versenkt.

 

Eine Nixe auf dem Steine

Flocht dort ihr goldnes Haar,

Sie meint’ sie wär alleine,

Und sang so wunderbar.

 

Sie sang und sang, in den Bäumen

Und Quellen rauscht’ es sacht

Und flüsterte wie in Träumen

Die mondbeglänzte Nacht.

 

Ich aber stand erschrocken,

Denn über Wald und Kluft

Klangen die Morgenglocken

Schon ferne durch die Luft.

 

Und hätt ich nicht vernommen

Den Klang zu guter Stund,

Wär nimmermehr gekommen

Aus diesem stillen Grund.

 

 

 

Der Kämpe

Nach drei Jahren kam gefahren

Einsam auf dem Rhein ein Schiff,

Drin gebunden und voll Wunden

Lag ein Rittersmann und rief:

 

»Still den Garten schön tust warten

Bleibst am Fenster ofte stehn,

Ruhig scheinst du, heimlich weinst du,

Wie die Schiffe unten gehn.

 

Was vertraust du, warum baust du

Auf der Männer wilde Brust,

Die das Blut ziert und der Streit rührt

Und die schöne Todeslust!«

 

Oben spinnend, saß sie sinnend –

Schwanden Schiff und Tageslicht,

Was er sunge, war verklungen,

Sie erkannt den Liebsten nicht.

 

 

 

Waldmädchen

Bin ein Feuer hell, das lodert

Von dem grünen Felsenkranz,

Seewind ist mein Buhl und fodert

Mich zum lust’gen Wirbeltanz,

Kommt und wechselt unbeständig.

Steigend wild,

Neigend mild,

Meine schlanken Lohen wend ich:

Komm nicht nach mir, ich verbrenn dich!

 

Wo die wilden Bäche rauschen

Und die hohen Palmen stehn,

Wenn die Jäger heimlich lauschen,

Viele Rehe einsam gehn.

Bin ein Reh, flieg durch die Trümmer,

Über die Höh,

Wo im Schnee

Still die letzten Gipfel schimmern,

Folg mir nicht, erjagst mich nimmer!

 

Bin ein Vöglein in den Lüften,

Schwing mich übers blaue Meer,

Durch die Wolken von den Klüften

Fliegt kein Pfeil mehr bis hieher,

Und die Aun und Felsenbogen,

Waldeseinsamkeit

Weit, wie weit,

Sind versunken in die Wogen –

Ach, ich habe mich verflogen!

 

 

 

Der Unbekannte

Vom Dorfe schon die Abendglocken klangen,

Die müden Vöglein gingen auch zur Ruh,

Nur auf den Wiesen noch die Heimchen sangen

Und von den Bergen rauscht’ der Wald dazu;

Da kam ein Wandrer durch die Ährenwogen,

Aus fernen Landen schien er hergezogen.

 

Vor seinem Hause, unter blühnden Lauben

Lud ihn ein Mann zum fröhl’chen Rasten ein,

Die junge Frau bracht Wein und Brot und Trauben,

Setzt dann, umspielt vom letzten Abendschein,

Sich neben ihn und blickt halb scheu, halb lose,

Ein lockig Knäblein lächelnd auf dem Schoße.

 

Ihr dünkt, er wär schon einst im Dorf gewesen,

Und doch so fremd und seltsam war die Tracht,

In seinen Mienen feur’ge Schrift zu lesen

Gleich Wetterleuchten fern bei stiller Nacht,

Und traf sein Auge sie, wollt ihr fast grauen,

Denn ‘s war, wie in den Himmelsgrund zu schauen.

 

Und wie sich kühler nun die Schatten breiten:

Vom Berg Vesuv, der über Trümmern raucht,

Vom blauen Meer, wo Schwäne singend gleiten,

Kristallnen Inseln, blühend draus getaucht,

Und Glocken, die im Meeresgrunde schlagen,

Wußt wunderbar der schöne Gast zu sagen.

 

»Hast viel erfahren, willst du ewig wandern?«

Sprach drauf sein Wirt mit herzlichem Vertraun,

»Hier kannst du froh genießen wie die andern,

Am eignen Herd dein kleines Gärtchen baun,

Des Nachbars Töchter haben reiche Truhen,

Ruh endlich aus, brauchst nicht allein zu ruhen.«

 

Da stand der Wandrer auf, es blühten Sterne

Schon aus dem Dunkel überm stillen Land,

»Gesegn euch Gott! mein Heimatland liegt ferne. –«

Und als er von den beiden sich gewandt,

Kam himmlisch Klingen von der Waldeswiese –

So sternklar war noch keine Nacht wie diese.

 

 

 

Der stille Freier

Mond, der Hirt, lenkt seine Herde

Einsam übern Wald herauf,

Unten auf der stillen Erde

Wacht verschwiegne Liebe auf.

 

Fern vom Schlosse Glocken schlagen

Übern Wald her von der Höh

Bringt der Wind den Schall getragen,

Und erschrocken lauscht das Reh.

 

Nächtlich um dieselbe Stunde

Hallet Hufschlag, schnaubt ein Roß,

Macht ein Ritter seine Runde

Schweigend um der Liebsten Schloß.

 

Wenn die Morgensterne blinken,

Totenbleich der Hirte wird,

Und sie müssen all’ versinken:

Reiter, Herde und der Hirt.

 

 

 

Waldgespräch

»Es ist schon spät, es wird schon kalt,

Was reitst du einsam durch den Wald?

Der Wald ist lang, du bist allein,

Du schöne Braut! Ich führ dich heim!«

 

»Groß ist der Männer Trug und List,

Vor Schmerz mein Herz gebrochen ist,

Wohl irrt das Waldhorn her und hin,

O flieh! Du weißt nicht, wer ich bin.«

 

So reich geschmückt ist Roß und Weib,

So wunderschön der junge Leib,

»Jetzt kenn ich dich – Gott steh mir bei!

Du bist die Hexe Lorelei.«

 

»Du kennst mich wohl – von hohem Stein

Schaut still mein Schloß tief in den Rhein.

Es ist schon spät, es wird schon kalt,

Kommst nimmermehr aus diesem Wald!«

 

 

 

Die Saale

Doch manchmal in Sommertagen

Durch die schwüle Einsamkeit

Hört man mittags die Turmuhr schlagen,

Wie aus einer fremden Zeit.

 

Und ein Schiffer zu dieser Stunde

Sah einst eine schöne Frau

Vom Erker schaun zum Grunde –

Er ruderte schneller vor Graun.

 

Sie schüttelt’ die dunklen Locken

Aus ihrem Angesicht:

»Was ruderst du so erschrocken?

Behüt dich Gott, dich mein ich nicht!«

 

Sie zog ein Ringlein vom Finger,

Warf’s tief in die Saale hinein:

»Und der mir es wiederbringet,

Der soll mein Liebster sein!«

 

 

 

Der alte Garten

Kaiserkron und Päonien rot,

Die müssen verzaubert sein,

Denn Vater und Mutter sind lange tot,

Was blühn sie hier so allein?

 

Der Springbrunnen plaudert noch immerfort

Von der alten schönen Zeit,

Eine Frau sitzt eingeschlafen dort,

Ihre Locken bedecken ihr Kleid.

 

Sie hat eine Laute in der Hand,

Als ob sie im Schlafe spricht,

Mir ist, als hätt ich sie sonst gekannt –

Still, geh vorbei und weck sie nicht!

 

Und wenn es dunkelt das Tal entlang,

Streift sie die Saiten sacht,

Da gibt’s einen wunderbaren Klang

Durch den Garten die ganze Nacht.

 

 

 

Verloren

Still bei Nacht fährt manches Schiff,

Meerfei kämmt ihr Haar am Riff,

Hebt von Inseln an zu singen,

Die im Meer dort untergingen.

 

Wann die Morgenwinde wehn,

Ist nicht Riff noch Fei zu sehn,

Und das Schifflein ist versunken,

Und der Schiffer ist ertrunken.

 

 

 

Der Schnee

Wann der kalte Schnee zergangen,

Stehst du draußen in der Tür,

Kommt ein Knabe schön gegangen,

Stellt sich freundlich da zu dir,

Lobet deine frischen Wangen,

Dunkle Locken, Augen licht,

Wann der kalte Schnee zergangen,

Glaub dem falschen Herzen nicht!

 

Wann die lauen Lüfte wehen,

Scheint die Sonne lieblich warm:

Wirst du wohl spazierengehen,

Und er führet dich am Arm,

Tränen dir im Auge stehen,

Denn so schön klingt, was er spricht,

Wann die lauen Lüfte wehen,

Glaub dem falschen Herzen nicht!

 

Wann die Lerchen wieder schwirren,

Trittst du draußen vor das Haus,

Doch er mag nicht mit dir irren,

Zog weit in das Land hinaus;

Die Gedanken sich verwirren,

Wie du siehst den Morgen rot –

Wann die Lerchen wieder schwirren,

Armes Kind, ach wärst du tot!

 

 

 

Die weinende Braut

Du warst so herrlich anzuschauen,

So kühn und wild und doch so lieb,

Dir mußt ich Leib und Seel vertrauen,

Ich mocht nichts mehr, das meine blieb!

Da hast du, Falscher, mich verlassen

Und Blumen, Lust und Frühlingsschein,

Die ganze Welt sah ich erblassen,

Ach Gott, wie bin ich nun allein!

 

Wohl jahrlang sah ich von den Höhen

Und grüßte dich vieltausendmal,

Und unten sah ich viele gehen,

Doch du erschienst nicht in dem Tal.

Und mancher Lenz mit bunten Scherzen

Kam und verflog im lust’gen Lauf,

Doch ach! in dem betrognen Herzen

Geht niemals mehr der Frühling auf.

 

Ein Kränzlein trag ich nun im Haare,

In reichen Kleidern schön geschmückt,

Führt mich ein andrer zum Altare,

Die Eltern sind so hochbeglückt.

Und fröhlich kann ich mich wohl zeigen,

Die Sonne hell wie damals scheint,

Und vor dem Jauchzen und dem Geigen

Hört keiner, wie die Braut still weint.

 

Die Frühlingslieder neu beginnen –

Du kehrst nach manchem Jahr zurück,

Und stehest still, dich zu besinnen,

Wie auf ein längstvergangnes Glück.

Doch wüst verwachsen liegt der Garten,

Das Haus steht lange still und leer,

Kein Lieb will dein am Fenster warten,

Und dich und mich kennt niemand mehr.

 

Doch eine Lerche siehst du steigen

Vom Tal zum blauen Himmelsport,

Ein Bächlein rauschet da so eigen,

Als weinte es in einem fort.

Dort haben sie mich hingetragen,

Bedeckten mir mit Stein den Mund –

Nun kann ich dir nicht einmal sagen,

Wie ich dich liebt aus Herzensgrund.

 

 

 

Das zerbrochene Ringlein

In einem kühlen Grunde

Da geht ein Mühlenrad,

Mein Liebste ist verschwunden,

Die dort gewohnet hat.

 

Sie hat mir Treu versprochen,

Gab mir ein’n Ring dabei,

Sie hat die Treu gebrochen,

Mein Ringlein sprang entzwei.

 

Ich möcht als Spielmann reisen

Weit in die Welt hinaus,

Und singen meine Weisen,

Und gehn von Haus zu Haus.

 

Ich möcht als Reiter fliegen

Wohl in die blut’ge Schlacht,

Um stille Feuer liegen

Im Feld bei dunkler Nacht.

 

Hör ich das Mühlrad gehen:

Ich weiß nicht, was ich will –

Ich möcht am liebsten sterben,

Da wär’s auf einmal still!

 

 

Der Gefangene

In goldner Morgenstunde,

Weil alles freudig stand,

Da ritt im heitern Grunde

Ein Ritter über Land.

 

Rings sangen auf das beste

Die Vöglein mannigfalt,

Es schüttelte die Äste

Vor Lust der grüne Wald.

 

Den Nacken, stolz gebogen,

Klopft er dem Rösselein –

So ist er hingezogen

Tief in den Wald hinein.

 

Sein Roß hat er getrieben,

Ihn trieb der frische Mut:

»Ist alles fern geblieben,

So ist mir wohl und gut!«

 

Mit Freuden mußt er sehen

Im Wald ein’ grüne Au,

Wo Brünnlein kühle gehen,

Von Blumen rot und blau.

 

Vom Roß ist er gesprungen,

Legt’ sich zum kühlen Bach,

Die Wellen lieblich klungen,

Das ganze Herz zog nach.

 

So grüne war der Rasen,

Es rauschte Bach und Baum,

Sein Roß tät stille grasen,

Und alles wie ein Traum.

 

Die Wolken sah er gehen,

Die schifften immerzu,

Er konnt nicht widerstehen –

Die Augen sanken ihm zu.

 

Nun hört’ er Stimmen rinnen,

Als wie der Liebsten Gruß,

Er konnt sich nicht besinnen –

Bis ihn erweckt’ ein Kuß.

 

Wie prächtig glänzt’ die Aue!

Wie Gold der Quell nun floß,

Und einer süßen Fraue

Lag er im weichen Schoß.

 

»Herr Ritter! wollt Ihr wohnen

Bei mir im grünen Haus:

Aus allen Blumenkronen

Wind ich Euch einen Strauß!

 

Der Wald ringsum wird wachen,

Wie wir beisammen sein,

Der Kuckuck schelmisch lachen,

Und alles fröhlich sein.«

 

Es bog ihr Angesichte

Auf ihn, den süßen Leib,

Schaut’ mit den Augen lichte

Das wunderschöne Weib.

 

Sie nahm sein’n Helm herunter,

Löst’ Krause ihm und Bund,

Spielt’ mit den Locken munter,

Küßt’ ihm den roten Mund.

 

Und spielt’ viel süße Spiele

Wohl in geheimer Lust,

Es flog so kühl und schwüle

Ihm um die offne Brust.

 

Um ihn nun tät sie schlagen

Die Arme weich und bloß,

Er konnte nichts mehr sagen,

Sie ließ ihn nicht mehr los.

 

Und diese Au zur Stunde

Ward ein kristallnes Schloß,

Der Bach ein Strom, gewunden

Ringsum, gewaltig floß.

 

Auf diesem Strome gingen

Viel Schiffe wohl vorbei,

Es konnt ihn keines bringen

Aus böser Zauberei.

 

 

 

Der traurige Jäger

Zur ew’gen Ruh sie sangen

Die schöne Müllerin,

Die Sterbeglocken klangen

Noch übern Waldgrund hin.

 

Da steht ein Fels so kühle,

Wo keine Wandrer gehn,

Noch einmal nach der Mühle

Wollt dort der Jäger sehn.

 

Die Wälder rauschten leise,

Sein Jagen war vorbei,

Der blies so irre Weise,

Als müßt das Herz entzwei.

 

Und still dann in der Runde

Ward’s über Tal und Höhn,

Man hat seit dieser Stunde

Ihn nimmermehr gesehn.

 

 

 

Der Bräutigam

Von allen Bergen nieder

So fröhlich Grüßen schallt –

Das ist der Frühling wieder,

Der ruft zum grünen Wald!

 

Ein Liedchen ist erklungen

Herauf zum stillen Schloß –

Dein Liebster hat’s gesungen,

Der hebt dich auf sein Roß.

 

Wir reiten so geschwinde,

Von allen Menschen weit. –

Da rauscht die Luft so linde

In Waldeseinsamkeit.

 

Wohin? im Mondenschimmer

So bleich der Wald schon steht. –

Leis rauscht die Nacht – frag nimmer,

Wo Lieb zu Ende geht!

 

 

 

Die falsche Schwester

Meine Schwester, die spielt’ an der Linde –

Stille Zeit, wie so weit, so weit!

Da spielten so schöne Kinder

Mit ihr in der Einsamkeit.

 

Von ihren Locken verhangen

Schlief sie und lachte im Traum,

Und die schönen Kinder sangen

Die ganze Nacht unterm Baum.

 

Die ganze Nacht hat gelogen,

Sie hat mich so falsch gegrüßt,

Die Engel sind fortgeflogen,

Und Haus und Garten stehn wüst.

 

Es zittert die alte Linde

Und klaget der Wind so schwer,

Das macht, das macht die Sünde –

Ich wollt, ich läg im Meer!

 

Die Sonne ist untergegangen

Und der Mond im tiefen Meer,

Es dunkelt schon über dem Lande,

Gute Nacht! seh dich nimmermehr!

 

 

Der Reitersmann

Hoch über den stillen Höhen

Stand in dem Wald ein Haus,

Dort war’s so einsam zu sehen

Weit übern Wald hinaus.

 

Drin saß ein Mädchen am Rocken

Den ganzen Abend lang,

Der wurden die Augen nicht trocken,

Sie spann und sann und sang:

 

»Mein Liebster, der war ein Reiter,

Dem schwur ich Treu bis in Tod,

Der zog über Land und weiter,

Zu Krieges Lust und Not.

 

Und als ein Jahr war vergangen,

Und wieder blühte das Land,

Da stand ich voller Verlangen

Hoch an des Waldes Rand.

 

Und zwischen den Bergesbogen,

Wohl über den grünen Plan,

Kam mancher Reiter gezogen,

Der meine kam nicht mit an.

 

Und zwischen den Bergesbogen,

Wohl über den grünen Plan,

Ein Jägersmann kam geflogen,

Der sah mich so mutig an.

 

So lieblich die Sonne schiene,

Das Waldhorn scholl weit und breit,

Da führt’ er mich in das Grüne,

Das war eine schöne Zeit! –

 

Der hat so lieblich gelogen

Mich aus der Treue heraus,

Der Falsche hat mich betrogen,

Zog weit in die Welt hinaus.«

 

Sie konnte nicht weitersingen,

Vor bitterem Schmerz und Leid,

Die Augen ihr übergingen

In ihrer Einsamkeit.

 

Die Muhme, die saß beim Feuer

Und wärmte sich am Kamin,

Es flackert’ und sprüht’ das Feuer,

Hell über die Stube es schien.

 

Sie sprach: »Ein Kränzlein in Haaren,

Das stünde dir heut gar schön,

Willst draußen auf dem See nicht fahren?

Hohe Blumen am Ufer dort stehn.«

 

»Ich kann nicht holen die Blumen,

Im Hemdlein weiß am Teich

Ein Mädchen hütet die Blumen,

Die sieht so totenbleich.«

 

»Und hoch auf des Sees Weite,

Wenn alles finster und still,

Da rudern zwei stille Leute, –

Der eine dich haben will.«

 

»Sie schauen wie alte Bekannte,

Still, ewig stille sie sind.

Doch einmal der eine sich wandte,

Da faßt’ mich ein eiskalter Wind. –

 

Mir ist zu wehe zum Weinen –

Die Uhr so gleichförmig pickt,

Das Rädlein, das schnurrt so in einem,

Mir ist, als wär ich verrückt. –

 

Ach Gott! wann wird sich doch röten

Die fröhliche Morgenstund!

Ich möchte hinausgehn und beten,

Und beten aus Herzensgrund!

 

So bleich schon werden die Sterne,

Es rührt sich stärker der Wald,

Schon krähen die Hähne von ferne,

Mich friert, es wird so kalt!

 

Ach, Muhme! was ist Euch geschehen?

Die Nase wird Euch so lang,

Die Augen sich seltsam verdrehen –

Wie wird mir vor Euch so bang!«

 

Und wie sie so grauenvoll klagte,

Klopft’s draußen ans Fensterlein,

Ein Mann aus der Finsternis ragte,

Schaut’ still in die Stube herein.

 

Die Haare wild umgehangen,

Von blutigen Tropfen naß.

Zwei blutige Streifen sich schlangen,

Wie Kränzlein, ums Antlitz blaß.

 

Er grüßt’ sie so fürchterlich heiter,

Seine Braut wohl heißet er sie,

Da kannt sie mit Schaudern den Reiter,

Fällt nieder auf ihre Knie.

 

Er zielt’ mit dem Rohre durchs Gitter

Auf die schneeweiße Brust hin;

»Ach, wie ist das Sterben so bitter,

Erbarm dich, weil ich so jung noch bin!« –

 

Stumm blieb sein steinerner Wille,

Es blitzte so rosenrot,

Da wurd es auf einmal stille

Im Walde und Haus und Hof. –

 

Frühmorgens da lag so schaurig

Verfallen im Walde das Haus,

Ein Waldvöglein sang so traurig,

Flog fort über den See hinaus.

 

 

 

Das kalte Liebchen

Er.

Laß mich ein, mein süßes Schätzchen!

Sie.

Finster ist mein Kämmerlein.

Er.

Ach, ich finde doch ein Plätzchen.

Sie.

Und mein Bett ist eng und klein.

Er.

Fern komm ich vom weichen Pfühle.

Sie.

Ach, mein Lager ist von Stein.

Er.

Draußen ist die Nacht so kühle.

Sie.

Hier wird’s noch viel kühler sein.

Er.

Sieh! die Sterne schon erblassen.

Sie.

Schwerer Schlummer fällt mich an. –

Er.

Nun, so will ich schnell dich fassen!

Sie.

Rühr mich nicht so glühend an.

Er.

Fieberschauer mich durchbeben.

Sie.

Wahnsinn bringt der Toten Kuß. –

Er.

Weh! es bricht mein junges Leben!

Sie.

Mit ins Grab hinunter muß.

 

 

Die verlorene Braut

Vater und Kind gestorben

Ruhten im Grabe tief,

Die Mutter hatt erworben

Seitdem ein ander Lieb.

 

Da droben auf dem Schlosse

Da schallt das Hochzeitsfest,

Da lacht’s und wiehern Rosse,

Durchs Grün ziehn bunte Gäst.

 

Die Braut schaut’ ins Gefilde

Noch einmal vom Altan,

Es sah so ernst und milde

Sie da der Abend an.

 

Rings waren schon verdunkelt

Die Täler und der Rhein,

In ihrem Brautschmuck funkelt

Nur noch der Abendschein.

 

Sie hörte Glocken gehen

Im weiten, tiefen Tal,

Es bracht der Lüfte Wehen

Fern übern Wald den Schall.

 

Sie dacht: »O falscher Abend!

Wen das bedeuten mag?

Wen läuten sie zu Grabe

An meinem Hochzeitstag?«

 

Sie hört’ im Garten rauschen

Die Brunnen immerdar,

Und durch der Wälder Rauschen

Ein Singen wunderbar.

 

Sie sprach: »Wie wirres Klingen

Kommt durch die Einsamkeit,

Das Lied wohl hört ich singen

In alter, schöner Zeit.«

 

Es klang, als wollt sie’s rufen

Und grüßen tausendmal –

So stieg sie von den Stufen,

So kühle rauscht’ das Tal.

 

So zwischen Weingehängen,

Stieg sinnend sie ins Land

Hinunter zu den Klängen,

Bis sie im Walde stand.

 

Dort ging sie, wie in Träumen,

Im weiten, stillen Rund,

Das Lied klang in den Bäumen,

Von Quellen rauscht’ der Grund. –

 

Derweil von Mund zu Munde

Durchs Haus, erst heimlich sacht,

Und lauter geht die Kunde:

Die Braut irrt in der Nacht!

 

Der Bräut’gam tät erbleichen,

Er hört im Tal das Lied,

Ein dunkelrotes Zeichen

Ihm von der Stirne glüht.

 

Und Tanz und Jubel enden,

Er und die Gäst im Saal,

Windlichter in den Händen,

Sich stürzen in das Tal.

 

Da schweifen rote Scheine,

Schall nun und Rosseshuf,

Es hallen die Gesteine

Rings von verworrnem Ruf.

 

Doch einsam irrt die Fraue

Im Walde schön und bleich,

Die Nacht hat tiefes Grauen,

Das ist von Sternen so reich.

 

Und als sie war gelanget

Zum allerstillsten Grund,

Ein Kind am Felsenhange

Dort freundlich lächelnd stund.

 

Das trug in seinen Locken

Einen weißen Rosenkranz,

Sie schaut’ es an erschrocken

Beim irren Mondesglanz.

 

»Solch Augen hat das meine,

Ach meines bist du nicht,

Das ruht ja unterm Steine,

Den niemand mehr zerbricht.

 

Ich weiß nicht, was mir grauset,

Blick nicht so fremd auf mich!

Ich wollt, ich wär zu Hause.« –

»Nach Hause führ ich dich.«

 

Sie gehn nun miteinander,

So trübe weht der Wind,

Die Fraue sprach im Wandern:

»Ich weiß nicht, wo wir sind.

 

Wen tragen sie beim Scheine

Der Fackeln durch die Schluft?

O Gott, der stürzt’ vom Steine

Sich tot in dieser Kluft!«

 

Das Kind sagt: »Den sie tragen,

Dein Bräut’gam heute war,

Er hat meinen Vater erschlagen,

‘s ist diese Stund ein Jahr.

 

Wir alle müssen’s büßen,

Bald wird es besser sein,

Der Vater läßt dich grüßen,

Mein liebes Mütterlein.«

 

Ihr schauert’s durch die Glieder:

»Du bist mein totes Kind!

Wie funkeln die Sterne nieder,

Jetzt weiß ich, wo wir sind.« –

 

Da löst’ sie Kranz und Spangen,

Und über ihr Angesicht

Perlen und Tränen rannen,

Man unterschied sie nicht.

 

Und über die Schultern nieder

Rollten die Locken sacht,

Verdunkelnd Augen und Glieder,

Wie eine prächtige Nacht.

 

Ums Kind den Arm geschlagen,

Sank sie ins Gras hinein –

Dort hatten sie erschlagen

Den Vater im Gestein.

 

Die Hochzeitsgäste riefen

Im Walde auf und ab,

Die Gründe alle schliefen,

Nur Echo Antwort gab.

 

Und als sich leis erhoben

Der erste Morgenduft,

Hörten die Hirten droben

Ein Singen in stiller Luft.

 

 

 

Parole

Sie stand wohl am Fensterbogen

Und flocht sich traurig ihr Haar,

Der Jäger war fortgezogen,

Der Jäger ihr Liebster war.

 

Und als der Frühling gekommen,

Die Welt war von Blüten verschneit,

Da hat sie ein Herz sich genommen

Und ging in die grüne Heid.

 

Sie legt das Ohr an den Rasen,

Hört ferner Hufe Klang –

Das sind die Rehe, die grasen

Am schattigen Bergeshang.

 

Und abends die Wälder rauschen,

Von fern nur fällt noch ein Schuß,

Da steht sie stille, zu lauschen:

»Das war meines Liebsten Gruß!«

 

Da sprangen vom Fels die Quellen,

Da flogen die Vöglein ins Tal.

»Und wo ihr ihn trefft, ihr Gesellen,

Grüßt mir ihn tausendmal!«

 

 

Zauberblick

Die Burg, die liegt verfallen

In schöner Einsamkeit,

Dort saß ich vor den Hallen

Bei stiller Mittagszeit.

 

Es ruhten in der Kühle

Die Rehe auf dem Wall

Und tief in blauer Schwüle

Die sonn’gen Täler all.

 

Tief unten hört ich Glocken

In weiter Ferne gehn,

Ich aber mußt erschrocken

Zum alten Erker sehn.

 

Denn in dem Fensterbogen

Ein’ schöne Fraue stand,

Als hütete sie droben

Die Wälder und das Land.

 

Ihr Haar, wie ‘n goldner Mantel,

War tief herabgerollt;

Auf einmal sie sich wandte,

Als ob sie sprechen wollt.

 

Und als ich schauernd lauschte –

Da war ich aufgewacht,

Und unter mir schon rauschte

So wunderbar die Nacht.

 

Träumt ich im Mondesschimmer?

Ich weiß nicht, was mir graut,

Doch das vergeß ich nimmer,

Wie sie mich angeschaut!

 

 

 

Der verirrte Jäger

»Ich hab gesehn ein Hirschlein schlank

Im Waldesgrunde stehn,

Nun ist mir draußen weh und bang,

Muß ewig nach ihm gehn.

 

Frischauf, ihr Waldgesellen mein!

Ins Horn, ins Horn frischauf!

Das lockt so hell, das lockt so fein,

Aurora tut sich auf!«

 

Das Hirschlein führt den Jägersmann

In grüner Waldesnacht,

Talunter schwindelnd und bergan,

Zu nie gesehner Pracht.

 

»Wie rauscht schon abendlich der Wald,

Die Brust mir schaurig schwellt!

Die Freunde fern, der Wind so kalt,

So tief und weit die Welt!«

 

Es lockt so tief, es lockt so fein

Durchs dunkelgrüne Haus,

Der Jäger irrt und irrt allein,

Findt nimmermehr heraus. –

 

 

Die späte Hochzeit

Der Mond ging unter – jetzt ist’s Zeit. –

Der Bräut’gam steigt vom Roß,

Er hat so lange schon gefreit –

Da tut sich auf das Schloß,

Und in der Halle sitzt die Braut

Auf diamantnem Sitz,

Von ihrem Schmuck tut’s durch den Bau

Ein’n langen roten Blitz. –

Blass’ Knaben warten schweigend auf,

Still’ Gäste stehn herum,

Da richt’t die Braut sich langsam auf,

So hoch und bleich und stumm.

Sie schlägt zurück ihr Goldgewand,

Da schauert ihn vor Lust,

Sie langt mit kalter, weißer Hand

Das Herz ihm aus der Brust.

 

 

 

Die stille Gemeinde

Von Bretagnes Hügeln, die das Meer

Blühend hell umsäumen,

Schaute ein Kirchlein trostreich her

Zwischen uralten Bäumen.

 

Das Kornfeld und die Wälder weit

Rauschten im Sonntagsglanze,

Doch keine Glocken klangen heut

Vom grünen Felsenkranze.

 

Denn auf des Kirchhofs schatt’gem Grund

Die Jakobiner saßen,

Ihre Pferde alle Blumen bunt

Von den Grabeshügeln fraßen.

 

Sie hatten am Kreuz auf stiller Höh

Feldflasch und Säbel hangen,

Derweil sie, statt des Kyrie,

Die Marseillaise sangen.

 

Ihr Hauptmann aber lehnt’ am Baum,

Todmüde von schweren Wunden,

Und schaute wie im Fiebertraum

Nach dem tiefschwülen Grunde.

 

Er sprach verwirrt: »Da drüben stand

Des Vaters Schloß am Weiher,

Ich selbst steckt’s an; das war ein Brand,

Der Freiheit Freudenfeuer!

 

Ich seh ihn noch: wie durch den Sturm

Zwischen den feur’gen Zungen

Mein stolzer Vater da vom Turm

Sein Banner hat geschwungen.

 

Und als es war entlaubt vom Brand,

Die Fahn im Wind zerflogen:

Den Schaft als Kreuz nun in der Hand

Teilt’ er die Flammenwogen.

 

Er sah so wunderbar auf mich,

Ich konnt ihn nicht ermorden –

Da sank die Burg, er wandte sich

Und ist ein Pfaff geworden.

 

Seitdem hör ich in Träumen schwer

Von ferne Glocken gehen

Und seh in rotem Feuermeer

Ein Kreuz allnächtlich stehen.

 

Es sollen keine Glocken gehn,

Die Nächte zu verstören,

Kein Kreuz soll mehr auf Erden stehn,

Um Narren zu betören!

 

Und dieses Kirchlein hier bewacht,

Sie sollen nicht Messe singen,

Wir reißen’s nieder über Nacht,

Licht sei, wohin wir dringen!« –

 

Und als die Nacht schritt leis daher,

Der Hauptmann stand am Strande,

So still im Wald, so still das Meer,

Nur die Wachen riefen im Lande.

 

Im Wind die Glock von selbst anschlug,

Da wollt ein Hauch sich heben,

Wie unsichtbarer Engel Flug,

Die übers Wasser schweben.

 

Nun sieht er auch im Meere fern

Ein Lichtlein hell entglommen;

Er dacht, wie ist der schöne Stern

Dort in die Flut gekommen?

 

Am Ufer aber durch die Nacht

In allen Felsenspalten

Regt sich’s und schlüpft es leis und sacht,

Viel dunkle, schwanke Gestalten.

 

Nur manchmal von den Buchten her

Schallt Ruderschlag von weitem,

Auf Barken lautlos in das Meer

Sie nach dem Stern hin gleiten.

 

Der wächst und breitet sich im Nahn

Und streift mit Glanz die Wellen,

Es ist ein kleiner Fischerkahn,

Den Fackeln mild erhellen.

 

Und einsam auf des Schiffleins Rand

Ein Greis kommt hergezogen

In wunderbarem Meßgewand

Als wie der Hirt der Wogen.

 

Die Barken eine weite Rund

Dort um den Hirten machen,

Der laut nun überm Meeresgrund

Den Segen spricht im Nachen.

 

Da schwieg der Wind und rauscht’ das Meer

So wunderbare Weise,

Und auf den Knien lag ringsher

Die stille Gemeinde im Kreise.

 

Und als er das Kreuz hob in die Luft,

Hoch zwischen die Fackeln trat er –

Den Hauptmann schauert im Herzensgrund,

Es war sein alter Vater.

 

Da taumelt’ er und sank ins Gras

Betend im stillen Grunde,

Und wie Felsenquellen im Frühling brach

Sein Herzblut aus allen Wunden.

 

Und als die Gesellen kommen zum Strand,

Einen toten Mann sie finden –

Voll Graun sie sprengen fort durchs Land,

Als jagt’ sie der Tod in den Winden.

 

Die stürzten sich in den Krieg so weit,

Sie sind verweht und zerstoben,

Das Kirchlein aber steht noch heut

Unter den Linden droben.

 

 

 

Die deutsche Jungfrau

Es stand ein Fräulein auf dem Schloß,

Erschlagen war im Streit ihr Roß,

Schnob wie ein See die finstre Nacht,

Wollt überschrein die wilde Schlacht.

 

Im Tal die Brüder lagen tot,

Es brannt die Burg so blutigrot,

In Lohen stand sie auf der Wand,

Hielt hoch die Fahne in der Hand.

 

Da kam ein röm’scher Rittersmann,

Der ritt keck an die Burg hinan,

Es blitzt’ sein Helm gar mannigfach,

Der schöne Ritter also sprach:

 

»Jungfrau, komm in die Arme mein!

Sollst deines Siegers Herrin sein.

Will baun dir einen Palast schön,

In prächt’gen Kleidern sollst du gehn.

 

Es tun dein Augen mir Gewalt,

Kann nicht mehr fort aus diesem Wald,

Aus wilder Flammen Spiel und Graus

Trag ich mir meine Braut nach Haus!«

 

Der Ritter ließ sein weißes Roß,

Stieg durch den Brand hinauf ins Schloß,

Viel Knecht ihm waren da zur Hand,

Zu holen das Fräulein von der Wand.

 

Das Fräulein stieß die Knecht hinab,

Den Liebsten auch ins heiße Grab,

Sie selber dann in die Flamme sprang,

Über ihnen die Burg zusammensank.

 

 

 

Die wunderliche Prinzessin

Weit in einem Walde droben

Zwischen hoher Felsen Zinnen,

Steht ein altes Schloß erhoben,

Wohnet eine Zaubrin drinnen.

Von dem Schloß, der Zaubrin Schöne

Gehen wunderbare Sagen,

Lockend schweifen fremde Töne

Plötzlich her oft aus dem Walde.

Wem sie recht das Herz getroffen,

Der muß nach dem Walde gehen,

Ewig diesen Klängen folgend,

Und wird nimmermehr gesehen.

Tief in wundersamer Grüne

Steht das Schloß, schon halb verfallen,

Hell die goldnen Zinnen glühen,

Einsam sind die weiten Hallen.

Auf des Hofes stein’gem Rasen

Sitzen von der Tafelrunde

All die Helden dort gelagert,

Überdeckt mit Staub und Wunden.

Heinrich liegt auf seinem Löwen,

Gottfried auch, Siegfried der Scharfe,

König Alfred, eingeschlafen

Über seiner goldnen Harfe.

Don Quijote hoch auf der Mauer

Sinnend tief in nächt’ger Stunde,

Steht gerüstet auf der Lauer

Und bewacht die heil’ge Runde.

Unter fremdes Volk verschlagen,

Arm und ausgehöhnt, verraten,

Hat er treu sich durchgeschlagen,

Eingedenk der Heldentaten

Und der großen, alten Zeiten,

Bis er, ganz von Wahnsinn trunken,

Endlich so nach langem Streiten

Seine Brüder hat gefunden.

 

Einen wunderbaren Hofstaat

Die Prinzessin dorten führet,

Hat ein’n wunderlichen Alten,

Der das ganze Haus regieret.

Einen Mantel trägt der Alte,

Schillernd bunt in allen Farben

Mit unzähligen Zieraten,

Spielzeug hat er in den Falten.

Scheint der Monden helle draußen,

Wolken fliegen überm Grunde:

Fängt er draußen an zu hausen,

Kramt sein Spielzeug aus zur Stunde.

Und das Spielzeug um den Alten

Rührt sich bald beim Mondenscheine,

Zupfet ihn beim langen Barte,

Schlingt um ihn die bunten Kreise,

Auch die Blümlein nach ihm langen,

Möchten doch sich sittsam zeigen,

Ziehn verstohlen ihn beim Mantel,

Lachen dann in sich gar heimlich.

Und ringsum die ganze Runde

Zieht Gesichter ihm und rauschet,

Unterhält aus dunklem Grunde

Sich mit ihm als wie im Traume.

Und er spricht und sinnt und sinnet,

Bunt verwirrend alle Zeiten,

Weinet bitterlich und lachet,

Seine Seele ist so heiter.

 

Bei ihm sitzt dann die Prinzessin,

Spielt mit seinen Seltsamkeiten,

Immer neue Wunder blinkend

Muß er aus dem Mantel breiten.

Und der wunderliche Alte

Hielt sie sich bei seinen Bildern

Neidisch immerfort gefangen,

Weit von aller Welt geschieden.

Aber der Prinzessin wurde

Mitten in dem Spiele bange

Unter diesen Zauberblumen,

Zwischen dieser Quellen Rauschen.

Frisches Morgenrot im Herzen

Und voll freudiger Gedanken,

Sind die Augen wie zwei Kerzen,

Schön, die Welt dran zu entflammen.

Und die wunderschöne Erde,

Wie Aurora sie berühret,

Will mit ird’scher Lust und Schmerzen

Ewig neu sie stets verführen.

Denn aus dem bewegten Leben

Spüret sie ein Hochzeitsgrüßen,

Mitten zwischen ihren Spielen

Muß sie sich bezwungen fühlen.

 

Und es hebt die ewig Schöne,

Da der Morgen herrlich schiene,

In den Augen große Tränen,

Hell die jugendlichen Glieder.

»Wie so anders war es damals,

Da mich, bräutlich Ausgeschmückte.

Aus dem heimatlichen Garten

Hier herab der Vater schickte!

Wie die Erde frisch und jung noch,

Von Gesängen rings erklingend,

Schauernd in Erinnerungen,

Helle in das Herz mir blickte,

Daß ich, schamhaft mich verhüllend,

Meinen Ring, vom Glanz geblendet,

Schleudert in die prächt’ge Fülle,

Als die ew’ge Braut der Erde.

Wo ist nun die Pracht geblieben,

Treuer Ernst im rüst’gen Treiben,

Rechtes Tun und rechtes Lieben

Und die Schönheit und die Freude?

Ach! ringsum die Helden alle,

Die sonst schön und helle schauten,

Um mich in den lichten Tagen

Durch die Welt sich fröhlich hauten,

Strecken steinern nun die Glieder,

Eingehüllt in ihre Fahnen,

Sind seitdem so alt geworden,

Nur ich bin so jung wie damals. –

Von der Welt kann ich nicht lassen,

Liebeln nicht von fern mit Reden,

Muß im Arm lebendig fassen! –

Laß mich lieben, laß mich leben!«

 

Nun verliebt die Augen gehen

Über ihres Gartens Mauer,

War so einsam dort zu sehen

Schimmernd Land und Ström und Auen.

Und wo ihre Augen gingen:

Quellen aus der Grüne sprangen,

Berg und Wald verzaubert standen,

Tausend Vögel schwirrend sangen.

Golden blitzt es überm Grunde,

Seltne Farben irrend schweifen,

Wie zu lang entbehrtem Feste

Will die Erde sich bereiten.

Und nun kamen angezogen

Freier bald von allen Seiten,

Federn bunt im Winde flogen,

Jäger schmuck im Walde reiten.

Hörner munter drein erschallen

Auf und unter durch das Grüne,

Pilger fromm dazwischen wallen,

Die das Heimatsfieber spüren.

Auf vielsonn’gen Wiesen flöten

Schäfer bei schneeflock’gen Schafen,

Ritter in der Abendröte

Knien auf des Berges Hange,

Und die Nächte von Gitarren

Und Gesängen weich erschallen,

Daß der wunderliche Alte

Wie verrückt beginnt zu tanzen.

Die Prinzessin schmückt mit Kränzen

Wieder sich die schönen Haare,

Und die vollen Kränze glänzen

Und sie blickt verlangend nieder.

 

Doch die alten Helden alle,

Draußen vor der Burg gelagert,

Saßen dort im Morgenglanze,

Die das schöne Kind bewachten.

An das Tor die Freier kamen

Nun gesprengt, gehüpft, gelaufen,

Ritter, Jäger, Provenzalen,

Bunte, helle, lichte Haufen.

Und vor allen junge Recken

Stolzen Blicks den Berg berannten,

Die die alten Helden weckten,

Sie vertraulich Brüder nannten.

Doch wie diese uralt blicken,

An die Eisenbrust geschlossen,

Brüderlich die Jungen drücken,

Fallen die erdrückt zu Boden.

Andre lagern sich zum Alten,

Graust ihn’n gleich bei seinen Mienen,

Ordnen sein verworrnes Walten,

Daß es jedem wohlgefiele;

Doch sie fühlen schauernd balde,

Daß sie ihn nicht können zwingen,

Selbst zu Spielzeug sind verwandelt,

Und der Alte spielt mit ihnen.

Und sie müssen töricht tanzen,

Manche mit der Kron geschmücket

Und im purpurnen Talare

Feierlich den Reigen führen.

Andre schweben lispelnd lose,

Andre müssen männlich lärmen,

Rittern reißen aus die Rosse,

Und die schreien gar erbärmlich.

Bis sie endlich alle müde

Wieder kommen zu Verstande,

Mit der ganzen Welt im Frieden,

Legen ab die Maskerade.

»Jäger sind wir nicht, noch Ritter«,

Hört man sie von fern noch summen,

»Spiel nur war das – wir sind Dichter!« –

So vertost der ganze Plunder,

Nüchtern liegt die Welt wie ehe,

Und die Zaubrin bei dem Alten

Spielt’ die vor’gen Spiele wieder

Einsam wohl noch lange Jahre. –

 

 

 

Meeresstille

Ich seh von des Schiffes Rande

Tief in die Flut hinein:

Gebirge und grüne Lande

Und Trümmer im falben Schein

Und zackige Türme im Grunde,

Wie ich’s oft im Traum mir gedacht,

Das dämmert alles da unten

Als wie eine prächtige Nacht.

 

Seekönig auf seiner Warte

Sitzt in der Dämmrung tief,

Als ob er mit langem Barte

Über seiner Harfe schlief’;

Da kommen und gehen die Schiffe

Darüber, er merkt es kaum,

Von seinem Korallenriffe

Grüßt er sie wie im Traum.

 

 

 

Der zaubrische Spielmann

Nächtlich in dem stillen Grunde,

Wenn das Abendrot versank,

Um das Waldschloß in die Runde

Ging ein lieblicher Gesang.

 

Fremde waren diese Weisen

Und der Sänger unbekannt,

Aber, wie in Zauberkreisen,

Hielt er jede Brust gebannt.

 

Hinter blühnden Mandelbäumen

Auf dem Schloß das Fräulein lauscht –

Drunten alle Blumen träumen,

Wollüstig der Garten rauscht.

 

Und die Wellen buhlend klingen,

Ringend in geheimer Lust

Kommt das wunderbare Singen

An die süß verträumte Brust.

 

»Warum weckst du das Verlangen,

Das ich kaum zur Ruh gebracht?

Siehst du hoch die Lilien prangen?

Böser Sänger, gute Nacht!

 

Sieh, die Blumen stehn voll Tränen,

Einsam die Viole wacht,

Als wollt sie sich schmachtend dehnen

In die warme Sommernacht.

 

Wohl von süßem, rotem Munde

Kommt so holden Sanges Macht –

Bleibst du ewig dort im Grunde,

Unerkannt in stiller Nacht?

 

Ach, im Wind verfliegt mein Grüßen!

Einmal, eh der Tag erwacht,

Möcht ich deinen Mund nur küssen,

Sterbend so in süßer Nacht!

 

Nachtigall, verliebte, klage

Nicht so schmeichelnd durch die Nacht! –

Ach! ich weiß nicht, was ich sage,

Krank bin ich und überwacht.«

 

Also sprach sie, und die Lieder

Lockten stärker aus dem Tal,

Rings durchs ganze Tal hallt’s wider

Von der Liebe Lust und Qual.

 

Und sie konnt nicht widerstehen,

Enge ward ihr das Gemach,

Aus dem Schlosse mußt sie gehen

Diesem Zauberstrome nach.

 

Einsam steigt sie von den Stufen

Ach! so schwüle weht der Wind:

Draußen süß die Stimmen rufen

Immerfort das schöne Kind.

 

Alle Blumen trunken lauschen,

Von den Klängen hold durchirrt,

Lieblicher die Brunnen rauschen,

Und sie eilet süß verwirrt. –

 

Wohl am Himmel auf und nieder

Trieb der Hirt die goldne Schar,

Die Verliebte kehrt nicht wieder,

Leer nun Schloß und Garten war.

 

Und der Sänger seit der Stunde

Nicht mehr weitersingen will,

Rings im heimlich kühlen Grunde

War’s vor Liebe selig still.

 

 

 

Das kranke Kind

Die Gegend lag so helle,

Die Sonne schien so warm,

Es sonnt sich auf der Schwelle

Ein Kindlein krank und arm.

 

Geputzt zum Sonntag heute

Ziehn sie das Tal entlang,

Das Kind grüßt alle Leute,

Doch niemand sagt ihm Dank.

 

Viel Kinder jauchzen ferne,

So schön ist’s auf der Welt!

Ging’ auch spazieren gerne,

Doch müde stürzt’s im Feld.

 

»Ach Vater, liebe Mutter,

Helft mir in meiner Not! –«

Du armes Kind! die ruhen

Ja unterm Grase tot.

 

Und so im Gras alleine

Das kranke Kindlein blieb,

Frug keiner, was es weine,

Hat jeder seins nur lieb.

 

Die Abendglocken klangen

Schon durch die stille Welt,

Die Engel Gottes sangen

Und gingen übers Feld.

 

Und als die Nacht gekommen

Und alles das Kind verließ,

Sie haben’s mitgenommen,

Nun spielt’s im Paradies.

 

 

 

Der Schatzgräber

Wenn alle Wälder schliefen,

Er an zu graben hub,

Rastlos in Berges Tiefen

Nach einem Schatz er grub.

 

Die Engel Gottes sangen

Derweil in stiller Nacht,

Wie rote Augen drangen

Metalle aus dem Schacht.

 

»Und wirst doch mein!« und grimmer

Wühlt er und wühlt hinab,

Da stürzen Steine und Trümmer

Über dem Narren herab.

 

Hohnlachen wild erschallte

Aus der verfallnen Kluft,

Der Engelgesang verhallte

Wehmütig in der Luft.

 

 

 

Die Räuberbrüder

»Vorüber ist der blut’ge Strauß,

Hier ist’s so still, nun ruh dich aus.«

 

»Vom Tal herüber kommt die Luft;

Horch, hörst du nichts? Die Mutter ruft.«

 

»Die Mutter ist ja lange tot,

Eine Glocke klingt durchs Morgenrot.«

 

»Lieb Mutter, hab nicht solches Leid,

Mein wildes Leben mich gereut. –«

 

»Was sinkst du auf die Knie ins Gras?

Deine Augen dunkeln, du wirst so blaß.« –

 

Es war von Blut der Grund so rot,

Der Räuber lag im Grase tot.

 

Da küßt der Bruder den bleichen Mund:

»Dich liebt ich recht aus Herzensgrund.«

 

Vom Fels dann schoß er noch einmal

Und warf die Büchse tief ins Tal.

 

Drauf schritt er durch den Wald zur Stadt:

»Ihr Herrn, ich bin des Lebens satt.

 

Hie ist mein Haupt, nun richtet bald,

Zum Bruder legt mich in den Wald.«

 

 

 

Sonst

Es glänzt der Tulpenflor, durchschnitten von Alleen,

Wo zwischen Taxus still die weißen Statuen stehen,

Mit goldnen Kugeln spielt die Wasserkunst im Becken,

Im Laube lauert Sphinx, anmutig zu erschrecken.

 

Die schöne Chloe heut spazieret in dem Garten,

Zur Seit ein Kavalier, ihr höflich aufzuwarten,

Und hinter ihnen leis Cupido kommt gezogen,

Bald duckend sich im Grün, bald zielend mit dem Bogen.

 

Es neigt der Kavalier sich in galantem Kosen,

Mit ihrem Fächer schlägt sie manchmal nach dem Losen,

Es rauscht der taftne Rock, es blitzen seine Schnallen,

Dazwischen hört man oft ein art’ges Lachen schallen.

 

Jetzt aber hebt vom Schloß, da sich’s im West will röten,

Die Spieluhr schmachtend an, ein Menuett zu flöten,

Die Laube ist so still, er wirft sein Tuch zur Erde

Und stürzet auf ein Knie mit zärtlicher Gebärde.

 

»Wie wird mir, ach, ach, ach, es fängt schon an zu dunkeln –«

»So angenehmer nur seh ich zwei Sterne funkeln –«

»Verwegner Kavalier!« – »Ha, Chloe, darf ich hoffen? –«

Da schießt Cupido los und hat sie gut getroffen.

 

 

 

Der Kehraus

Es fiedeln die Geigen,

Da tritt in den Reigen

Ein seltsamer Gast,

Kennt keiner den Dürren,

Galant aus dem Schwirren

Die Braut er sich faßt.

 

Hebt an, sich zu schwenken

In allen Gelenken.

Das Fräulein im Kranz:

»Euch knacken die Beine –«

»Bald rasseln auch deine,

Frisch auf spielt zum Tanz!«

 

Die Spröde hinterm Fächer,

Der Zecher vom Becher,

Der Dichter so lind,

Muß auch mit zum Tanze,

Daß die Lorbeern vom Kranze

Fliegen im Wind.

 

So schnurret der Reigen

Zum Saal raus ins Schweigen

Der prächtigen Nacht,

Die Klänge verwehen,

Die Hähne schon krähen,

Da verstieben sie sacht. –

 

So ging’s schon vorzeiten

Und geht es noch heute,

Und hörest du hell

Aufspielen zum Reigen,

Wer weiß, wem sie geigen –

Hüt dich, Gesell!

 

 

 

Der armen Schönheit Lebenslauf

Die arme Schönheit irrt auf Erden,

So lieblich Wetter draußen ist,

Möcht gern recht viel gesehen werden,

Weil jeder sie so freundlich grüßt.

 

Und wer die arme Schönheit schauet,

Sich wie auf großes Glück besinnt,

Die Seele fühlt sich recht erbauet,

Wie wenn der Frühling neu beginnt.

 

Da sieht sie viele schöne Knaben,

Die reiten unten durch den Wind,

Möcht manchen gern im Arme haben,

Hüt dich, hüt dich, du armes Kind!

 

Da ziehn manch redliche Gesellen,

Die sagen: »Hast nicht Geld, noch Haus,

Wir fürchten deine Augen helle,

Wir haben nichts zum Hochzeitsschmaus.«

 

Von andern tut sie sich wegdrehen,

Weil keiner ihr so wohl gefällt,

Die müssen traurig weitergehen,

Und zögen gern ans End der Welt.

 

Da sagt sie: »Was hilft mir mein Sehen,

Ich wünscht, ich wäre lieber blind,

Da alle furchtsam von mir gehen,

Weil gar so schön mein’ Augen sind.« –

 

Nun sitzt sie hoch auf lichtem Schlosse,

In schöne Kleider putzt sie sich,

Die Fenster glühn, sie winkt vom Schlosse,

Die Sonne sinkt, das blendet dich.

 

Die Augen, die so furchtsam waren,

Die haben jetzt so freien Lauf,

Fort ist das Kränzlein aus den Haaren,

Und hohe Federn stehn darauf.

 

Das Kränzlein ist herausgerissen,

Ganz ohne Scheu sie mich anlacht;

Geh du vorbei: sie wird dich grüßen,

Winkt dir zu einer schönen Nacht. –

 

Da sieht sie die Gesellen wieder,

Die fahren unten auf dem Fluß,

Es singen laut die lust’gen Brüder,

So furchtbar schallt des einen Gruß:

 

»Was bist du für ‘ne schöne Leiche!

So wüste ist mir meine Brust,

Wie bist du nun so arm, du Reiche,

Ich hab an dir nicht weiter Lust!«

 

Der Wilde hat ihr so gefallen,

Laut schrie sie auf bei seinem Gruß,

Vom Schloß möcht sie herunterfallen,

Und unten ruhn im kühlen Fluß. –

 

Sie blieb nicht länger mehr da oben,

Weil alles anders worden war,

Vor Schmerz ist ihr das Herz erhoben,

Da ward’s so kalt, doch himmlisch klar.

 

Da legt sie ab die goldnen Spangen,

Den falschen Putz und Ziererei,

Aus dem verstockten Herzen drangen

Die alten Tränen wieder frei.

 

Kein Stern wollt nicht die Nacht erhellen,

Da mußte die Verliebte gehn,

Wie rauscht der Fluß! die Hunde bellen,

Die Fenster fern erleuchtet stehn.

 

Nun bist du frei von deinen Sünden,

Die Lieb zog triumphierend ein,

Du wirst noch hohe Gnade finden,

Die Seele geht in Hafen ein.

 

Der Liebste war ein Jäger worden,

Der Morgen schien so rosenrot,

Da blies er lustig auf dem Horne,

Blies immerfort in seiner Not.

 

 

 

Die Hochzeitsnacht

Nachts durch die stille Runde

Rauschte des Rheines Lauf,

Ein Schifflein zog im Grunde,

Ein Ritter stand darauf.

 

Die Blicke irre schweifen

Von seines Schiffes Rand,

Ein blutigroter Streifen

Sich um das Haupt ihm wand.

 

Der sprach: »Da oben stehet

Ein Schlößlein überm Rhein,

Die an dem Fenster stehet:

Das ist die Liebste mein.

 

Sie hat mir Treu versprochen,

Bis ich gekommen sei,

Sie hat die Treu gebrochen,

Und alles ist vorbei.«

 

Viel Hochzeitleute drehen

Sich oben laut und bunt,

Sie bleibet einsam stehen,

Und lauschet in den Grund.

 

Und wie sie tanzen munter,

Und Schiff und Schiffer schwand,

Stieg sie vom Schloß herunter,

Bis sie im Garten stand.

 

Die Spielleut musizierten,

Sie sann gar mancherlei,

Die Töne sie so rührten,

Als müßt das Herz entzwei.

 

Da trat ihr Bräut’gam süße

Zu ihr aus stiller Nacht,

So freundlich er sie grüßte,

Daß ihr das Herze lacht.

 

Er sprach: »Was willst du weinen,

Weil alle fröhlich sein?

Die Stern so helle scheinen,

So lustig geht der Rhein.

 

Das Kränzlein in den Haaren

Steht dir so wunderfein,

Wir wollen etwas fahren

Hinunter auf dem Rhein.«

 

Zum Kahn folgt’ sie behende,

Setzt’ sich ganz vorne hin,

Er setzt’ sich an das Ende

Und ließ das Schifflein ziehn.

 

Sie sprach: »Die Tone kommen

Verworren durch den Wind,

Die Fenster sind verglommen,

Wir fahren so geschwind.

 

Was sind das für so lange

Gebirge weit und breit?

Mir wird auf einmal bange

In dieser Einsamkeit!

 

Und fremde Leute stehen

Auf mancher Felsenwand,

Und stehen still und sehen

So schwindlig übern Rand.« –

 

Der Bräut’gam schien so traurig

Und sprach kein einzig Wort,

Schaut in die Wellen schaurig

Und rudert immerfort.

 

Sie sprach: »Schon seh ich Streifen

So rot im Morgen stehn,

Und Stimmen hör ich schweifen,

Vom Ufer Hähne krähn.

 

Du siehst so still und wilde,

So bleich wird dein Gesicht,

Mir graut vor deinem Bilde –

Du bist mein Bräut’gam nicht!« –

 

Da stand er auf – das Sausen

Hielt an in Flut und Wald –

Es rührt mit Lust und Grausen

Das Herz ihr die Gestalt.

 

Und wie mit steinern’n Armen

Hob er sie auf voll Lust,

Drückt ihren schönen, warmen

Leib an die eis’ge Brust. –

 

Licht wurden Wald und Höhen,

Der Morgen schien blutrot,

Das Schifflein sah man gehen,

Die schöne Braut drin tot.

 

 

 

Von Engeln und von Bengeln

Im Frühling auf grünem Hügel

Da saßen viel Engelein,

Die putzten sich ihre Flügel

Und spielten im Sonnenschein.

 

Da kamen Störche gezogen,

Und jeder sich eines nahm,

Und ist damit fortgeflogen,

Bis daß er zu Menschen kam.

 

Und wo er anklopft’ bescheiden

Der kluge Adebar,

Da war das Haus voller Freuden –

So geht es noch alle Jahr.

 

Die Engel weinten und lachten

Und wußten nicht, wie ihn’n geschehn. –

Die einen doch bald sich bedachten,

Und meinten: das wird wohl gehn!

 

Die machten bald wichtige Mienen

Und wurden erstaunlich klug,

Die Flügel gar unnütz ihn’n schienen,

Sie schämten sich deren genug.

 

Und mit dem Flügelkleide

Sie ließen den Flügelschnack,

Das war keine kleine Freude:

Nun stattlich in Hosen und Frack!

 

So wurden sie immer gescheuter

Und applizierten sich recht –

Das wurden ansehnliche Leute,

Befanden sich gar nicht schlecht.

 

Den andern war’s, wenn die Aue

Noch dämmert’ im Frühlingsschein,

Als zöge ein Engel durchs Blaue

Und rief’ die Gesellen sein.

 

Die suchten den alten Hügel,

Der lag so hoch und weit –

Und dehnten sehnsüchtig die Flügel

Mit jeder Frühlingszeit.

 

Die Flügeldecken zersprangen,

Weit, morgenschön strahlt’ die Welt,

Und übers Grün sie sich schwangen

Bis an das Himmelszelt.

 

Das fanden sie droben verschlossen,

Versäumten unten die Zeit –

So irrten die kühnen Genossen,

Verlassen in Lust und Leid. –

 

Und als es nun kam zum Sterben,

Gott Vater zur Erden trat,

Seine Kinder wieder zu werben,

Die der Storch vertragen hat.

 

Die einen konnten nicht fliegen,

So wohlleibig, träg und schwer,

Die mußt Er da lassen liegen,

Das tat ihm leid so sehr.

 

Die andern streckten die Schwingen

In den Morgenglanz hinaus,

Und hörten die Engel singen,

Und flogen jauchzend nach Haus!

 

 

 

Valet

Ade nun, liebe Lieder,

Ade, du schöner Sang!

Nun sing ich wohl nicht wieder

Vielleicht mein Leben lang.

 

Einst blüht’ von Gottes Odem

Die Welt so wunderreich,

Da in den grünen Boden

Senkt ich als Reiser euch.

 

Jetzt eure Wipfel schwanken

So kühle über mir,

Ich stehe in Gedanken

Gleichwie im Walde hier.

 

Da muß ich oft noch lauschen

In meiner Einsamkeit,

Und denk bei eurem Rauschen

Der schönen Jugendzeit.

 

 

8. Aus dem Spanischen

 

Vom Strande

Ich rufe vom Ufer

Verlorenes Glück,

Die Ruder nur schallen

Zum Strande zurück.

 

Vom Strande, lieb Mutter,

Wo der Wellenschlag geht,

Da fahren die Schiffe,

Mein Liebster drauf steht.

Je mehr ich sie rufe,

Je schneller ihr Lauf,

Wenn ein Hauch sie entführet,

Wer hielte sie auf?

Der Hauch meiner Klagen

Die Segel nur schwellt,

Je mehr mein Verlangen

Zurücke sie hält!

Verhielt’ ich die Klagen:

Es löst’ sie der Schmerz,

Und Klagen und Schweigen

Zersprengt mir das Herz.

 

Ich rufe vom Ufer

Verlorenes Glück,

Die Ruder nur schallen

Zum Strande zurück.

 

So flüchtige Schlösser,

Wer könnt ihn’n vertraun

Und Liebe, die bliebe,

Mit Freuden drauf baun?

Wie Vögel im Fluge,

Wo ruhen sie aus?

So eilige Wandrer

Sie finden kein Haus,

Zertrümmern der Wogen

Grünen Kristall,

Und was sie berühren

Verwandelt sich all,

Es wandeln die Wellen

Und wandelt der Wind –

Meine Schmerzen im Herzen

Beständig nur sind.

 

Ich rufe vom Ufer

Verlorenes Glück,

Die Ruder nur schallen

Zum Strande zurück.

 

Die Musikantin

Schwirrend Tamburin, dich schwing ich,

Doch mein Herz ist weit von hier.

 

Tamburin, ach könntst du’s wissen,

Wie mein Herz von Schmerz zerrissen,

Deine Klänge würden müssen

Weinen um mein Leid mit mir.

 

Weil das Herz mir will zerspringen,

Laß ich hell die Schellen klingen,

Die Gedanken zu versingen

Aus des Herzens Grunde mir.

 

Schöne Herren, tief im Herzen

Fühl ich immer neu die Schmerzen,

Wie ein Angstruf ist mein Scherzen,

Denn mein Herz ist weit von hier.

 

 

Turteltaube und Nachtigall

Bächlein, das so kühle rauschet,

Tröstest alle Vögelein,

Nur das Turteltäubchen trauert,

Weil’s verwitwet und allein.

 

Nachtigallenmännchen draußen

Schmettert so verlockend drein:

»Mir vertraue, süße Fraue,

Will dein Lieb, dein Liebster sein!«

 

»Böser, laß die falschen Lieder!

Ruh auf keinem Zweig, der blüht,

Laß auf keiner Au mich nieder,

Die von schönen Blumen glüht.

 

Wo ich finde eine Quelle

Helle in dem grünen Haus,

Mit dem Schnabel erst die Welle

Trüb ich, eh ich trink daraus.

 

Einsam soll man mich begraben,

Laß mich trauernd hier allein,

Will nicht Trost, nicht Lust mehr haben,

Nicht dein Weib, noch Liebchen sein!«

 

Graf Arnold und der Schiffer

Wem begegnet’ je solch Wunder,

Als Graf Arnold ist geschehn,

Da er am Johannesmorgen

Wollt am Meere jagen gehn?

 

Auf dem Meer ein Schifflein fahren

Sah er, als ob’s landen wollt,

Seiden seine Segel waren

Und das Tauwerk war von Gold.

 

Fing der Schiffer da zu singen,

Wunderbar zu singen an,

Daß die Wogen leiser gingen,

Wind hielt seinen Atem an;

 

Daß die Fische lauschend stiegen

Tief aus ihrem kühlen Haus,

Und die Vögel, die da fliegen,

Auf dem Maste ruhten aus:

 

»Durch die Einsamkeit der Wogen,

Schifflein, lenk dich Gottes Hand

An Gibraltars Felsenbogen,

An dem tück’schen Mohrenstrand.

 

Flandern gürten sand’ge Banken,

Bei Leon da steht ein Riff,

Wo schon viele Schiffe sanken,

Hüt dich Gott, mein schönes Schiff!«

 

»Schiffer!« rief der Graf am Strande,

»Schiffer, lehre mich dein Lied!« –

Doch der Schiffer lenkt’ vom Lande:

»Lehr’s nur den, der mit mir zieht.«

 

 

Der Hochzeitstanz

Wie so zierlich in dem Saale

Führt die Braut den Hochzeitsreihn,

Wie so mutig schaut Graf Martin

In die freud’gen Klänge drein!

 

Und sie im Vorüberschweifen

Flüstert: »Graf, was sinnet Ihr?

Sagt mir, schaut Ihr nach dem Tanze,

Oder blicket Ihr nach mir?«

 

»Hab schon manchen Tanz gesehen,

Und das war’s nicht, was ich sann,

Eure Schönheit mich verblendet,

Eure Augen tun mir’s an.«

 

»Wenn so schöne meine Augen,

Führt mich hier vom Tanze heim,

Alt und grau schon ist mein Bräut’gam

Und er holt uns nimmer ein.«

 

 

Blanka

»Blanker seid Ihr, meine Herrin,

Blanker, als der Sonne Strahl!

Einmal sorglos möcht ich schlafen

Ohne Waffen diese Nacht,

Denn wohl sieben lange Jahre

Legt ich nicht die Rüstung ab,

Dunkler schon als ruß’ge Kohlen

Ist mein junger Leib vom Stahl.«

 

»Ruhet diese Nacht nur, Ritter,

Schlaft entwaffnet ohne Arg,

Denn der Graf ist fern im Walde,

Jagend über Berg und Tal.

Wollt, der Sturm zerriss’ die Hunde

Und der Adler ihm den Falk,

Und die Berg, im Grunde wankend,

Stürzten ihn vom Fels herab!«

 

Drauf, heimkehrend aus dem Walde,

Trat ins Zimmer ihr Gemahl:

»Was hier einsam sinnt Ihr, Dame?

Euer Stamm ist voll Verrat.« –

»Herr, ich kämme meine Locken,

Kämme sie mit großem Gram,

Weil Ihr so allein mich lasset,

Draußen schweifend auf der Jagd. –«

»Diese Worte, schöne Blanka,

Haben einen falschen Klang,

Wessen ist das Roß im Hofe,

Dessen Wiehern dort erschallt?« –

»Meines Vaters Rößlein ist es,

Das er Euch geschickt zur Jagd.« –

»Wessen sind die blanken Waffen,

Die ich leuchten sah im Gang?« –

»Herr, ‘s sind meines Bruders Waffen,

Euch hat er sie heut gesandt.« –

»Wessen ist die fremde Lanze,

Die dort herblinkt von der Wand?« –

»Nehmt sie rasch und stoßt mich nieder,

Das verdien ich, guter Graf!«

 

 

Die Jungfrau und der Ritter

Eine Jungfrau wandert’ einsam

In dem wunderschönen Frankreich,

Gen Paris sie wollte ziehen,

Wo die Eltern ihrer harrten;

Von den Ihren abgekommen,

Hatt sie sich verirrt im Walde,

Lehnte sich an eine Eiche,

Andre Wandrer abzuwarten.

 

Kam ein Ritter da geritten,

Gleichfalls gen Paris er trabte.

»Wenn es Euch beliebt, Herr Ritter,

Nehmt mich mit aus diesem Walde. –«

»Herzlich gerne, schöne Herrin!«

Und, ihr höflich aufzuwarten,

Sprang der Ritter von dem Rosse,

Hob hinauf sie, in den Sattel

Drauf sich selber zu ihr schwingend.

 

Aber als sie so im Walde

Einsam ritten, da begann er

Ihr verliebt den Hof zu machen.

»Hüt dich, Ritter, sei nicht schändlich,

Ein Todkranker war mein Vater

Und verpestet meine Mutter,

Siech und elend müßt verschmachten,

Wer mich frevelhaft berührte. –«

Und der Ritter schwieg erblassend.

Aber in Paris am Tore

Still in sich die Jungfrau lachte.

»Warum lacht Ihr, schöne Herrin?« –

Ȇber den feigen Ritter lach ich,

Der sein Mädchen hat im Freien

Und nichts macht als Redensarten!«

 

Voller Scham sprach da der Ritter:

»Kehrt noch einmal um zum Walde,

Habe draußen was vergessen.«

Doch die schlaue Jungfrau sagte:

»Nimmer kehr ich um, und tät ich’s,

Keiner doch wagt’s, mir zu nahen,

Denn ich bin die Tochter Frankreichs,

Und der König ist mein Vater,

Und wer meinen Leib berührte,

Müßt’s mit seinem Kopf bezahlen.«

 

 

Herkules’ Haus

König Rodrich in Toledo,

Seiner Krone Glanz zu mehren,

Ließ ein groß Turnier verkünden.

Hell schon die Trompeten schmettern,

Sechzigtausend Ritter kamen,

Die zu kämpfen dort begehrten.

Doch, bevor der Kampf begonnen,

Zu ihm die Toleder treten

Bittend, daß er Tor und Riegel

Woll mit neuem Schloß versehen

An des Herkules Palaste,

Wie’s bisher der Brauch gewesen.

Aber in dem alten Hause

Dacht er, reichen Schatz zu heben,

Ließ die Riegel all zerbrechen

Und des Tempels Tore sprengen.

 

Als er eintrat, war’s so still drin,

Nur ein Spruch glänzt’ ihm entgegen:

»Weh dir, Rodrich, denn der König,

Der betreten diese Schwelle,

Der gebrochen diese Stille,

Wird Hispanien versengen!«

Seitwärts hinter einem Pfeiler

War ein prächt’ger Schrank zu sehen,

Drinnen lagen fremde Banner

Mit Figuren zum Erschrecken,

Und Araber, hoch zu Rosse,

Funkelnd mit gezückten Schwertern,

Hielten an dem Schrein die Wache,

Lautlos, ohne sich zu regen. –

Rodrich wandt sich vor Entsetzen,

Wollt fortan nichts weiter sehen,

Und ein Blitzstrahl zuckt’ vom Himmel

Und verbrannt den Zaubertempel.

 

Übers Meer wohl sandt er Kriegsvolk,

Sollten Afrika erwerben,

Wetter stiegen, wo sie fuhren,

Mußten all im Meer verderben.

 

 

Donna Urraca

Schon in Trümmern lag Zamora,

Das der stolze Cid umzingelt,

Auf den Turm da trat Urraca,

Rief von den zerschoßnen Zinnen:

»Übermüt’ger Cid da drunten,

Solltest dich der Zeit erinnern,

Da am Altar von Sankt Jago,

Sie geschlagen dich zum Ritter!

An dem Tage gab mein Vater

Waffen dir zum Angebinde,

Meine Mutter gab dein Roß dir.

Wie so fein die Sporen klingen!

Ich hab dir sie umgebunden –

Damals schien’s, wir schieden nimmer,

Anders wollten’s meine Sünden,

Anders wandten’s die Geschicke:

Mit Ximene von Lozano

Tauschtest treulos du die Ringe.

Schlecht gezielet, Don Rodrigo!

Höhres Ziel war dir beschieden,

Kron und Reich, die ich dir brachte,

Gabst du hin für Silberlinge

Und verlorst die Königstochter,

Um die Magd dir zu gewinnen!«

 

»Auf, mein Volk«, rief da der Ritter,

»Auf und wendet euch von hinnen!

Denn ein Pfeil dort durch die Lüfte

Schwirrte von des Turmes Zinnen,

Ohne Eisen war die Spitze,

Hat mir doch das Herz zerrissen,

Und kein Heilkraut gibt’s auf Erden,

Muß fortan nun trostlos irren!«

 

 

Durandartes Abschied

»Durandarte, Durandarte,

Ritterlich in Lust und Streit,

Bitt dich, laß uns einmal plaudern

Wieder von der alten Zeit.

 

Denkst du noch der schönen Tage,

Wo du mir dein Herz geweiht,

Und in Sang und Ritterspielen

Vor der Welt um mich gefreit?

 

Wieviel Mohren warfst du nieder,

Rief ich zum Turniere dich!

Fast kenn ich dich jetzt nicht wieder,

Sag, warum vergaßt du mich?« –

 

»Schmeichelnd klingen solche Worte

Und verlockend ist die Huld,

Aber wenn mein Herz sich wandte,

Euer, Dame, ist die Schuld.

 

Wohl weiß ich’s, für Gaiferos

Waret Ihr in Lieb entbrannt,

Als ich trostlos und geächtet

Irrte fern im fremden Land.

 

Drum, wenn Ihr von Lieb jetzt redet,

Habt Ihr’s weislich nicht bedacht,

Denn um nicht die Schmach zu tragen,

Wend ich mich in Todesnacht.«

 

 

Durandartes Tod

»O Belerma, o Belerma,

Du geboren mir zum Unheil!

Sieben Jahr dient ich dir treulich,

Hab mir doch kein Lieb errungen,

Und jetzt, da du mich erhörtest,

Muß ich in der Schlacht verbluten.

Nicht die Todesstimmen fürcht ich,

Wenn sie auch so früh mich rufen,

Darum nur ist Tod so bitter,

Weil er mir dein Bild verdunkelt.

O mein Vetter Montesinos,

Wenn sich meine Seel entschwungen,

Bringt mein Herze zu Belerma,

Wollt ihr meinetwegen huld’gen,

Bitten, daß sie mein gedenke,

Der so treu um sie gerungen.

Gebt ihr alle meine Länder,

Die ich freudig einst bezwungen;

Da mein Lieb nun untergehet,

Sei all Gut mit ihr versunken! –

Montesinos, Montesinos,

Heiß brennt diese Lanzenwunde,

Müde schon ist meine Rechte,

Aus viel Quellen hier verblut ich,

‘s wird so kühl nun – ach die Augen,

Die uns ausziehn sahn so mutig,

Sehn uns nimmermehr in Frankreich. –

Drückt noch einmal an die Brust mich,

Vetter, denn ich sprech verworren

Und vor meinen Augen dunkelt’s,

Euch befehl ich all mein Sorgen

Und vertraue Eurem Schwure,

Denn der Herr, an den Ihr glaubet,

Höret uns in dieser Stunde.«

 

Tot nun ruhet Durandarte

In dem stillen Felsengrunde,

Weinend löst ihm Montesinos

Helm und seiner Rüstung Gurte,

Löst sein Herze für Belerma

Mit dem Dolche aus der Brust ihm

Und begrub ihn unterm Felsen,

Sprach dabei aus Herzensgrunde:

»O mein Vetter Durandarte,

Tapfrer Degen, Herzensbruder,

Was soll ich fortan auf Erden,

Da die Mohren dich erschlugen!«

 

 

Donna Alda

In Paris saß Donna Alda,

Rolands Braut, im hohen Saal

Und mit ihr dreihundert Damen,

Ihrer Gespielinnen Schar;

Alle waren gleich beschuhet,

Alle trugen gleich Gewand,

Aßen rund um eine Tafel

Von demselben Brot zumal,

Donna Alda ausgenommen,

Weil sie ihre Herrin war.

Hundert spannen goldne Fäden,

Hundert woben Tepp’che zart,

Hundert aber musizierten,

Sie zu trösten mit Gesang.

 

Donna Alda war entschlummert

Bei der Instrumente Klang,

Plötzlich fuhr sie auf, laut schreiend,

Daß man’s hört’ bis in die Stadt.

 

Zu ihr sprachen da die Jungfraun:

»Wer tat Euch was Schlimmes an? –«

»Einen Traum hatt ich, ihr Mädchen,

Der mir großen Schrecken gab:

Einsam im Gebirge stand ich,

Durch die Öde flog ein Falk,

Hinterdrein ein junger Adler,

Drängend ihn in wilder Jagd,

So geängstigt stürzt der Falke

Flüchtend sich in mein Gewand,

Doch der Aar mit seinen Fängen

Hatt ihn zornig schon umkrallt,

Riß den Falken mir in Stücke,

Streut’ die Federn übern Plan.«

 

Drauf zu der erschrocknen Herrin

Eins der Kammerfräulein sprach:

»Diesen Traum will ich Euch deuten:

Euer Bräut’gam ist der Falk,

Der sich übers Meer verflogen,

Eure Schönheit ist der Aar,

Der den wilden Edelfalken

Sich im Flug gefangen hat,

Und das Hochgebirg die Kirche,

Wo man traut Euch am Altar. –«

»Reichlich wohl will ich dir’s lohnen,

Liebes Mädchen, sprichst du wahr.«

 

Kam ein Brief am andern Morgen,

Drin mit Blut geschrieben war,

Daß ihr Roland war gefallen

In der Schlacht von Roncesval.

 

 

Das Waldfräulein

Falke war im Wald verflogen

Und die Hunde irrten weit,

Jagdmüd lehnt’ an eine Eiche

Sich der Ritter im Gestein,

Eine Jungfrau da erschrocken

In des Wipfels Dunkelheit

Sah er stehen, ihre Locken

Rings umgaben Stamm und Zweig.

»Staune nicht und laß dein Grauen,

Bin ein Königstöchterlein,

Sieben Zauberfraun mich haben

Auf der Amme Schoß gefeit,

Daß ich sieben Jahr muß wohnen

Hier in Waldeseinsamkeit.

Sieben Jahr sind heut verflossen

Oder morgen um die Zeit,

Bitte dich um Gottes willen,

Führ mich aus dem Walde heim,

Will als Ehefrau dir dienen,

Oder auch dein Liebchen sein.«

 

»Fräulein, noch bis morgen frühe

Harret in dem Walde mein,

Hab zu Haus ‘ne weise Mutter,

Will erst fragen, was sie meint.« –

Sie vom Baum rief: »Weh dem Ritter,

Der die Jungfrau läßt allein!«

 

Er ritt fort, sie blieb im Walde,

Mutter riet, er sollt sie frein.

 

Als er morgens kehrt’ zurücke,

War’s so stille im Gestein,

Konnt den Baum nicht wiederfinden,

Aber weit, vom Walde weit

Sah er ziehn ein Fähnlein Reiter,

Führten fort das Waldfräulein;

Und er stürzt zu Boden nieder

In der grünen Einsamkeit:

»Schwer Gericht verdient der Ritter,

Der verloren solche Maid!

Ich will selbst den Stab mir brechen,

Ich will selbst mein Richter sein,

Abhaun soll man mir die Rechte

Und mich schleifen durch die Heid!«

 

 

Weh Valencia!

Eingeschlossen war Valencia,

Konnte kaum sich länger wahren,

Weil sich die Almoraviden

Zögernd nicht zum Beistand wandten.

Da dies sah ein alter Maure:

Auf des höchsten Turmes Warte

Stieg er schweigend da, noch einmal

Zu beschauen Stadt und Lande.

Und wie sie herauf so leuchten,

Brach das Herz ihm bei dem Glanze;

Gramvoll mit prophet’schem Munde

Also von dem Turme sprach er:

»O Valencia, o Valencia,

Würd’ge Herrscherin der Lande,

Deine heitre Pracht muß sinken,

So sich Gott nicht dein erbarmet!

Die vier Felsen, drauf du thronest,

Würden, wenn sie könnten, klagen,

Deine festen Mauern seh ich

Von dem wilden Anlauf wanken,

Deine Türme, die so trostreich

Über Land und Völker ragen,

Werden unaufhaltsam stürzen,

Deine Zinnen, gleich Kristallen,

Ihren Wunderglanz verlöschen,

Und dein mächt’ger Guadalaviar

Wird aus seinen Ufern steigen,

Trüben jeden Bach im Lande.

In den trocknen Wasserkünsten

Funkeln nimmermehr die Strahlen,

Rings in deinen schönen Gärten,

Die fortan verwildernd ranken,

Werden Hirsche einsam grasen,

Alles fröhl’che Grün zernagend.

Keinen Duft mehr haucht die Luft her,

Wo vieltausend Blumen standen,

Muß das Glühen all verblühen;

Wo jetzt Schiffe kommen, fahren,

Liegt verödet Strand und Hafen,

Und vom weiten Bergeskranze,

Den du mächtig einst beherrschtest,

Schlagen blutrot auf die Flammen,

Daß das Qualmen dich erblindet

Rings von deiner Länder Brande,

Bis, als eine Todeswunde

Alles Volk dich hat verlassen. –

O Valencia, o Valencia,

Helf dir Gott in jenen Tagen!

Oft schon hab ich es verkündet,

Was ich weinend jetzt beklage.«

 

 

 

Joseph von Eichendorff – Die Freier

Joseph von Eichendorff

 

Die Freier

Lustspiel in drei Aufzügen

 

 

Personen.

Gräfin Adele

 

Flora, ihr Kammermädchen

 

Graf Leonard

 

Hofrat Fleder

 

Flitt, ein Schauspieler

 

Schlender, ein Musikant

 

Victor, Jäger, im Dienste der Gräfin

 

Friedmann, Gärtner, im Dienste der Gräfin

 

Marie, Friedmanns Nichte

 

Knoll, ein Weinschenk

 

Ein Bote

 

 

Erster Aufzug

 

Erste Szene

 

 

 

Studierstube, Akten liegen auf den Stühlen. Hofrat Fleder sitzt auf einem Reitsessel vor dem Pult und schreibt.

 

 

FLEDER. Vorwärts! vorwärts! Morgenstunde ist die stille Saatzeit der Gedanken. Er schreibt. »Das Amt hat dem Mäusefraß mit Energie und gebührendem Ernste entgegenzutreten.« – Ja, es ist des Mannes edelster Beruf, so unmittelbar in das Leben, in die Welt zu greifen. Vaterland – deutsches Vaterland – ein erhabener Gedanke! Er schreibt. »Mäusefallen aber sind nicht etatsmäßig, und können nicht passieren, wonach sich zu achten.« – So, diese wichtige Angelegenheit wäre auch reguliert. Frisch weiter! was kommt nun? Er steht auf, und wühlt in den Akten. Das ist fertig – hier ebenfalls – das auch. Weiß Gott! ich habe alles schon abgemacht! Ach, das ist ärgerlich, die kostbare Morgenzeit! Was fange ich nun an? – Nur nicht lange besonnen, die Zeit entflieht, man muß jede Minute benützen, sich menschlich auszubilden. Harmonie der Kräfte ist das erste Gesetz.

 

Er hat den Schreibesel mitten in die Stube gestellt und macht gymnastische Übungen. Währenddes tritt ein Bote herein und bleibt verwundert stehen.

 

 

BOTE. Ih, Herr Hofrat! was machen Sie denn da?

FLEDER erschrocken. Ich? wahrhaftig – ei, so früh schon vom Büro? –

BOTE. Ich habe in meinen jungen Jahren immer so viel vom Turnieren gelesen –

FLEDER. Turnen, turnen heißt das, guter Mann.

BOTE. Wahrhaftig, wenn Sie nichts dawider hätten, ich möcht das Ding einmal selbst probieren.

FLEDER. Ich bitte Sie, tun Sie Ihrer edlen Aufwallung keinen Zwang an! Versuchen Sie, das Volk ist ja eben um dieser Gesittungsanstalten willen da.

BOTE. Nun, in Gottes Namen. Er springt. Hopp!

FLEDER. Ah – nicht doch diesen barbarischen Laut dazu! Das will mit Würde, mit geziemendem Ernst getrieben sein. Sehn Sie, so – der Schwerpunkt ruht auf den beiden Ballen, der Körper bildet einen stumpfen Winkel – Er springt.

BOTE. Nun treff ich’s auch.

 

Er macht einen Sprung und fällt jenseits nieder.

 

 

FLEDER ihn aufhebend. Sie haben doch keinen Schaden genommen?

BOTE aufstehend. Bloß eine sanfte Empfindung hinten. – Es geschieht mir schon recht, das soll so ein alter Esel den Jungen überlassen. – Aber über dem Turnieren da wäre ich bald returniert, ohne – Er sucht in seinen Taschen. Ich soll – der Präsident – o er ist verloren!

FLEDER. Was, um Gottes willen! verloren? Und das sagen Sie mir erst jetzt? was ist geschehen? wie verließen Sie ihn, wie sah er aus?

BOTE. Blau, mit einem eingekniffenen Eselsohr.

FLEDER. Blau! Liegt er?

BOTE. Nein, Gott sei Dank, er sitzt –

FLEDER. Fest?

BOTE. Ja, im Futter.

FLEDER. Wer?

BOTE. Was? Er zieht einen Brief in blauem Umschlage hervor und übergibt ihn dem Fleder. Da ist er.

FLEDER. Aber ich begreife nicht –

BOTE. Na, na, ich hab nicht länger Zeit. Guten Morgen! Ab.

FLEDER. Hat mich der einfältige Mensch doch erschreckt! er ist immer so dumm zu verstehen. – Das Schreiben ist vom Präsidenten selbst, seine gewöhnliche vergnügte Hand. Er erbricht den Brief. Ach – eine konfidentielle Mitteilung! Laß sehen, was gibt es da? Er liest.

»Bester Hofrat Fleder! Sie kennen meinen alten Lieblingswunsch, daß mein Neffe, der junge Graf Leonard, der soeben von Reisen zurückgekehrt ist, endlich das ewige, zwecklose Umherschweifen lasse, sich vermähle und seine Kenntnisse und Talente der Welt zum besten gebe.«

Gott, ja wohl, des Würdigen beut die ernste Zeit so viel! – »Ich habe daher meinem Neffen zugeredet, um die Hand der unabhängigen, liebenswürdigen und reichen Gräfin Adele zu werben. Sie lebt, wie Sie wissen, jetzt auf ihrem einsamen Waldschloß, weil ihr die Residenz zu langweilig ist. Er hat sich vor der Langweiligkeit der Welt in die Residenz geflüchtet, um unsere Kurzweil gründlich zu studieren. Sie verachtet die Männer, er die Weiber. Sie ist launisch, phantastisch; er verfolgt wütend die Phantasten und ist doch selbst der größte – in summa: die beiden passen zusammen, wie zwei scharfgezahnte Räder, wenn’s auch anfangs tüchtig knarrt. Das wäre nun alles gut. Aber kaum erzähle ich ihm von allen diesen Kuriositäten der Gräfin, so springt er zerstreut vom Stuhle auf – ich füge noch hinzu, daß sie oft reisende Künstler auf ihrem Schlosse sieht – da greift er nach seinem Hut – daß sie sie aber immer am folgenden Morgen wieder fortjagt, weil sie ihr zu ordentlich sind – da ist der Narr schon zur Türe hinaus. – Nun hör ich soeben, daß er gar schon hingereist ist, aber, wie ich von sicherer Hand weiß, wieder ganz auf seine Weise: er will nämlich – denken Sie nur! – unerkannt, als reisender Schauspieler das Schloß der Gräfin besuchen!«

O irregeleiteter Jüngling! o armer, würdiger Oheim! – »Ich fürchte da wieder große Konfusion und wünschte sehr, daß ein Dritter auf dem Schlosse ein wenig zum Rechten sähe, um im Falle sehr wahrscheinlicher dummer Streiche, alles möglichst ins Geleise zu bringen oder doch jedenfalls mich von dem Ausgange schnell in Kenntnis zu setzen; aber das müßte jemand sein, der allen unbekannt ist, denn merken die lustigen Vögel etwas davon, so sitze ich mit meinem Kuppelpelz wie der Schuhu auf der Stange, sie stoßen alle nach mir. – Ich weiß, lieber Fleder, wie Sie immer recht erpicht sind auf Menschheitsveredlung und nach nützlichen Taten dürsten; hier gibt es einmal einen rechten Humpen für solchen Durst. – Die Gräfin Adele kennt Sie nicht persönlich, Leonard ebensowenig, Sie aber haben ihn schon einmal bei mir aus dem Kabinett gesehen und werden ihn leicht wiedererkennen. Daneben blasen Sie auch charmant die Flöte –«

In der Tat, wenn der seelenvolle Blick manches gebildeten weiblichen Wesens bei den schwierigen Passagen nicht log –

»Wie wäre es, wenn Sie selbst sich nach dem Schlosse aufmachten, allenfalls unter erdichtetem Namen, als reisender Musikus, gleichsam so hingeblasen. – Aber was geschehen soll, geschehe schnell, recht schnell! Denn mein Neffe, wie gesagt, ist schon fort, darum wählte ich, der Kürze wegen, die schriftliche Mitteilung in der frühesten Morgenzeit. –

Postskript: Sie haben die junge Gräfin noch niemals gesehen. Um des Himmels willen nehmen Sie sich in acht, daß die Verwirrung nicht noch größer wird!«

In acht? – Diese Nachschrift ist ein Dintenklecks auf die reine Seele des Präsidenten! Hält er mich für einen Jungfernknecht, wie den gemeinen Haufen? – Indem er den Brief schnell einsteckt. Nun, des Mannes Antwort ist die Tat! ich reise als Flötenspieler zur Gräfin, noch in dieser Stunde. Heilige Pflicht, zwei verwilderte Herzen für die allgemeine Sache der Menschheit zu erwärmen durch ernster Rede Kraft – die jüngste Regierungsratsstelle wird nächstens erledigt – die gebührende Achtung vor der Familie meines würdigen Chefs – sie wirft jährlich tausend Taler ab – ja, ein edler Vorwurf, so recht unmittelbar in das Leben hineinzunützen – und freie Wohnung nebstbei – fort, hinaus, zu Pferde! Eilig ab.

 

Zweite Szene

 

 

 

Das Innere einer Dorfschenke. Flitt und Schlender sitzen schlafend auf Stühlen.

 

 

FLITT erwacht und sieht an sich herunter, nach einer Pause. Eine länglichte Ansicht, viel Einsicht, manche Durchsicht. – Ich glaube, ich werde von dem Über-Stühl- und -Bänke-Hängen immer länger und länger, wie ein Perspektiv, wo will das am Ende hinaus? – Laß sehn, ob meine Stimme über Nacht nicht erdurstet ist.

 

Er singt schläfrig.

 

 

Wenn die Nacht vor Alterschwächen

Drückt ihr letztes Auge zu:

Geht der Hirt den Tag anbrechen,

Und bläst tu, tu, tu, tu, tu –

SCHLENDER auffahrend. Was ist’s?

FLITT. Ich weck nur das liebe Vieh auf.

SCHLENDER sich umsehend. Wahrhaftig, schon wieder Tag, und beißt auch gleich so in die Augen! Daß der Sonne auch nicht die Zeit lang wird so vom frühen Morgen bis in den späten Abend in ein solches Wirtshaus hineinzuscheinen.

FLITT. Aurora musis amica. Sie weiß, daß dieses sperlingstichige, gewesene Schindeldach zwei Künstler beherbergt, sie begrüßt das Handwerk. Aber wie geht’s dir, alte Muse?

SCHLENDER. Es geht vielmehr noch gar nicht, es hängt noch alles so miserabel an mir, mir tun alle Haare weh.

FLITT. Geduld, guter Schlender, Geduld. Dein Wandel wird dich, wie eine herzhafte Magd, bald so kahl scheuern, daß ich keinen Groschen für die leere Glatze geben möchte.

SCHLENDER. Groschen? – Sag, lieber Flitt, hast du noch was in der Tasche?

FLITT. Bloß ein großes Loch – da, ich komme mit der ganzen Hand durch, und wenn sie zwanzig Finger hätte. Aber du? untersuch doch einmal –

SCHLENDER nach seiner Rocktasche greifend, erschrocken. Bei Gott, ich habe gar keine Tasche mehr! –

FLITT lachend. Du warst außer dir, Schlender, nun weißt du’s nicht einmal. Ja, eine lustige Nacht! Aber aus dem guten Humor wurde ein böser Rumor, da rissen dir die einen im Getümmel die Rockschöße vom Leibe, und die andern flickten ihn wieder mit blauen Flecken.

SCHLENDER. Mir? aber weshalb denn?

FLITT. Beim Spiele, Freundchen. Der Wein eröffnet das Herz, du warst zu aufrichtig mit deinen falschen Würfeln, und darüber entstand die lebhafteste Teilnahme in der ganzen Gesellschaft.

SCHLENDER sich in seinem halben Frack von allen Seiten besehend. Das ist gottserbärmlich, wie ich ausschau. – Nein, das muß anders werden, bei dem Leben kommt nichts heraus –

FLITT. Als der Ellbogen aus dem Ärmel.

SCHLENDER. Ich hab mir’s ernstlich überlegt –

FLITT. Leg dich noch einmal über, Schlender, und schlaf besser aus, du bekommst schon wieder deinen Katzenjammer.

SCHLENDER. Nein, guter Flitt, diesmal ist’s mein unerschütterlicher Vorsatz, ich mache einen neuen Absatz in meinem Leben!

FLITT. Was! noch einen neuen Absatz an solchen alten, ausgetretenen Schuh?

SCHLENDER. Wir sind auf Umwegen zur Tugend begriffen – ich bin noch jung, talentvoll, schön gebaut – ich will mich ganz umwenden.

FLITT. Lohnt nicht, lohnt nicht, bist schon von beiden Seiten verteufelt abgetragen. – Frisch, laß uns lieber etwas auf deinen neuen Absatz trinken. – Heda, Wirt, dicker Ölgötze, schrote dich heraus, altes Weinfaß!

KNOLL tritt ein. Bon schnur, Bestiös! was macht ihr da schon wieder für Lärm, bei so frühem, nachtschwärmenden Tage?

FLITT. Bon schnur? – Häng dich daran, alter Galimathias! Vorher aber gib uns noch von deinem schlechten französischen Weine auf unser gutes deutsches Wort.

KNOLL. Parasol d’honneur! ein Wort ist ein Wind, und ein Wind ist nichts, und auf nichts geb ich nichts mehr.

FLITT. Oho, mein Wort und dein Wein sind einander gerade wert. Also du willst wirklich nicht länger mehr auf mein ehrlich Gesicht? –

KNOLL. Kupfer, eitel Kupfer!

FLITT. Aber kostbares Kupfer, ich hätte eine Nase von Gold dafür haben können.

KNOLL. Ihr hättet sie doch wieder im Weinkruge sitzenlassen.

FLITT. Hör, Knoll, ich habe einen durstigen Einfall. Hör, einmal, wenn du durch deinen Speck noch Vernunft hören kannst.

KNOLL. Nun, kretipleti, Bestiös?

FLITT. Mein Kamerad da ist ein Virtuos auf der Geige, wie du weißt, und ich bin ein reisender Schauspieler; meiner Treu, wir wollen unsere Talente hier nicht länger verschimmeln lassen!

KNOLL. Hat keine Not wegen des Verschimmelns, sie haben euch erst heute nacht wieder tüchtig gescheuert.

FLITT. Ich bitt dich, schluck jetzt deinen Witz hinunter, und wenn du daran erwürgen solltest! – Also ich sage: ich und mein Kamerad da, wir haben beide einen devoranten guten Geschmack; was gibt’s nun hier in der Runde für Herrschaften, die auf ihre Ausbildung was daraufgehen lassen? Wer wohnt zum Beispiel in dem großen Schlosse, das man dort vom Berge sieht?

KNOLL. Die Gräfin Adele – wollt sagen: Krudele, denn sie stößt alle Liebhaber vor den Kopf, schlägt viel Geld tot, schlägt die Laute, schlägt Triller –

FLITT. Genug des Gemetzels, Barbar! Da wollen wir hin und frisch mit dreinschlagen, ich denk, es soll einen guten Silberklang geben. Schlender! – Der Kerl ist wahrhaftig vor Schwermut wieder eingeschlafen. – Halt, da blitzt’s mir eben durch den ganzen Kopf! – Still, still, stör ihn nicht. – Sag mir einmal, Knoll, wie haben dir heute nacht seine Würfel gefallen?

KNOLL. Sie sind gut gefallen, sie hatten alleweil so viele Augen, daß sie den feinsten Silberstich aus der tiefsten Tasche herauslasen.

FLITT. Möchtest du die Dinger wohl haben, mein Lieber? –

KNOLL. Quinten, pure Quinten! Was ist eigentlich Eure Intentation dabei?

FLITT. Ich bin einmal so ein ehrlicher Bursche, daß ich’s niemals in der Welt zu etwas Rechtschaffenem bringen kann, ich möchte gern uns allen dreien helfen, bevor dich der Teufel ganz in deinem Talg erstickt hat. – Sieh, erstens: mein Kollege da hat beschlossen, sich ganz umzuwenden; wir wollen ihm helfen auf dem Wege der Besserung – erst die Taschen! Er wendet vorsichtig Schlenders Tasche um. Er hat von seinen Nachtsünden Zahnschmerzen in den Haaren, wir wollen ihm die schadhaften Knochen ausziehen. – Er bringt Würfel aus Schlenders Tasche hervor. Da sind sie! – Nunmehr zweitens –

KNOLL. – Eure Intentation! Eure Intentation!

FLITT. Also zweitens: haben wir dir unsre guten feinen Kleider zum Pfande gegeben, da wir mehr Durst als Geld hatten. Wieviel haben wir davon noch zugute, wenn du die doppelten Kreidestriche abrechnest?

KNOLL. Jeder einen halben Ärmel etwa.

FLITT. Eine lumpige Sicherheit! Sei kein Narr, gib mir die Kleider heraus und du sollst die Würfel haben. – Nun? –

KNOLL. Knifftheologie, lauter Knifftheologie! Pfiffe tragen Püffe! – Nein, behaltet ihr eure Knochen da auf neue Kleider, und ich behalte eure neuen Kleider für meine eigene Knochen.

FLITT. Bist du gescheut! Unsere Kleider für dich? – Einen Frack über den Bauch, den andern über den Rücken, in jede Pumphose einen Arm, da bleibt dir nichts für die Beine; willst du herumgehen, wie ein Bergschotte? – Aber mir auch recht, wie du willst – eigentlich – wie ich mir’s recht überlege. – Wie waren doch heut nacht die beiden Hauptwürfe Schlenders? – Laß einmal sehen, Er wirft. Nummer eins!

KNOLL gespannt zusehend, für sich: Sei kein Narr – Knoll, ich bitt dich, sei kein Narr. –

FLITT wirft wieder. Numero zwei: dix-huit.

KNOLL. Nimm’s mit – nimm’s mit. Er geht zögernd in den Hintergrund und schließt einen Schrank auf.

FLITT für sich. Wahrhaftig, der Walfisch beißt an, Gott gesegne seinen breiten Rücken! Jetzt geschwind gewechselt, die falschen Köder in die Tasche und meine aufrichtige ordinäre Würfel auf den Tisch Er steckt die falschen Würfel ein und legt andere hin. So – und dann rasch fort von hier, sonst bekomme ich noch Agio aufgezählt in dem Wechsel-Negoz.

KNOLL. Da ist der Plunder! Er wirft einen Pack auf den Tisch, während er mit der andern Hand hastig die Würfel ergreift und einsteckt. Nun weiß ich was ich habe und nies euch was auf eure Pfiffe, ha ha ha.

FLITT das Pack unter den Arm nehmend. Prosit! Ha ha ha!

SCHLENDER erwachend. Was ist denn das für ein Spektakel, daß man sein eignes Nachdenken nicht hören kann –

FLITT. Munter, Schlender! Frischauf, zur Gräfin Fortuna! – Ha ha ha – Du schaust ja so bedenklich und verschoben wie ein Parapluie im Sturmwind.

SCHLENDER. Parapluie? – regnet’s schon wieder ein?

KNOLL. Muß doch, denn Ihr hängt ja nach allen Seiten über, wie eine nasse Pelzmütze. – Ha ha ha – die Ratten haben Euch über Nacht beknappert, Ihr seid so ohne Umschweife. –

SCHLENDER springt wütend auf. So darf mir niemand kommen, und wenn er noch so dick wäre! Was! hab ich nicht Anno dreizehn den ganzen deutschen Patriotismus mitgemacht und bin als freiwilliger Janitschar vor dem Feinde ausgezogen und habe neben der Leipziger Schlacht die Becken geschlagen und bin –

KNOLL. Kaldauen, Katabomben und Sonaten –

SCHLENDER. O ich fürcht mich nicht, ich fürcht mich gar nicht! ich geb nicht so viel auf so ein Ochsenmaul voll Worte, es hat schon manch dickerer Kerl, als du bist, mich durchgeprügelt –

FLITT ihn nach der Türe drängend. Ich bitt dich, Schlender, sei doch vergnügt, wenn du zur Türe herausgeschmissen wirst. Willst du hier sitzen und alle Striche bezahlen, die wir da an die Wand getrunken haben?

SCHLENDER. Betrunken? Was! – wer ist betrunken?

FLITT schiebt ihn zur Türe hinaus. Ach, frag nicht so viel! Fort!

KNOLL. Bon Pakage! Behüt euch Gott, daß ihr in euren Unternehmungen nicht wieder zurückkommt!

FLITT. Möchte uns unser Weg recht bald wieder weit an dir vorbeiführen!

 

Alle ab.

 

 

 

Dritte Szene

 

 

 

Wald. Man hört in weiter Ferne Waldhörner. Graf Leonard in etwas phantastischer Reisekleidung triff auf.

 

 

LEONARD.

Hallo, poet’sche Wirtschaft da! Von allen Gipfeln

Rings Hörnerklänge, und wie Meereswogen

Hoch über mir frisch Rauschen in den Wipfeln,

Als käm durchs Holz geflogen

Die Zaubergräfin auf phantast’schem Besen

Hier zum Walpurgistanze des Parnasses. –

Wer kein Genie ist, laß es!

Mir aber schwillt mein Busen so verwogen!

Wo kühn hin über das gemeine Wesen

Ein Weib das Seil der Poesie gezogen,

Um drauf mit keckem Schwung und Neigen

Sich vor dem Volk zu zeigen:

Da will mich der Bajazzo in mir zwingen,

Mich mit aufs Seil zu schwingen

In Entrechats und unerhörten Sprüngen.

Hopp! nochmals hopp! das Volk ist außer sich,

Je höher die Gräfin, je höher ich –

»Sie brechen den Hals mein Lieber!«

Hilft nichts! Dreimal noch in der Luft kopfüber

Stürz ich zuletzt mich ins Hurra der Menge,

Verschlüpfend wieder ins gemeine Wesen,

Und keiner im Gedränge

Weiß, daß der Narr Graf Leonard gewesen. –

Das ist das Flügelpferd mit Silberschellen,

Das heitere Gesellen

Emporhebt über Heidekraut und Klüfte,

Daß durch den Strom der Lüfte,

Die um den Reisehut melodisch pfeifen,

Des Ernsts Gewalt und Torenlärm der Schlüfte

Als Frühlingsjauchzen nur die Brust mag streifen;

Und so im Flug belauschen

Des trunknen Liedergottes rüst’ge Söhne,

Wenn alle Höhn und Täler blühn und rauschen,

Im Morgenbad des Lebens ew’ge Schöne,

Die in dem Glanz erschrocken,

Sie glühend anblickt aus den dunklen Locken. –

So rauscht nur, Wälder, frisch! ich wandre,

Die Schöne sei mein Lieb und keine andre!

 

Er will weitergehen, bleibst aber plötzlich, in die Ferne sehend, stehen.

 

 

Was gibt’s denn dort? – Ich glaub, das Flügelpferd

Hat eben zwei Genies da abgesetzt!

Ein Roß, im Winde Mähn und Zügel flatternd,

Fliegt lustig waldwärts übern grünen Grund,

Zwei Herren hinterdrein – nun fällt der eine,

Der andre über ihn – das Pferd ist fort,

Sie stehn und wundern sich –

 

Er ruft.

 

 

Heda! Hup hup!

SCHLENDER von der entgegengesetzten Seite hinter der Szene. Hup hup!

LEONARD sich schnell umwendend. Was Tausend, noch ein dritter! Die ich rief, hören mich nicht, und den ich höre, rief ich nicht. Hoho guter Freund, sind Sie bloß ein Echo?

SCHLENDER hinter der Szene. Laß die Narrenspossen und hilf mir lieber hier aus der Verwickelung! Hagebutten, Pfingstrosen, Stachelbeeren, alles niederträchtige Gewächs stichelt auf meine neue Kleidung.

LEONARD. Wie soll ich Ihnen helfen? ich sehe nichts von Ihnen als Ihre Stimme.

SCHLENDER in eleganten Kleidern, eine Geige unter dem Arme, tritt auf. Was! sind Sie nicht Flitt? –

LEONARD. Oh – ein Troubadour! bei Gott, ein Troubadour.

SCHLENDER seine Geige in die Rocktasche steckend. Erlauben Sie, mein Herr, haben Sie nicht ein gesatteltes Pferd gesehen?

LEONARD. Ja wohl, und zwei abgesattelte Herren hinterdrein. – Aber sagen Sie mir doch nur –

SCHLENDER. Die Landstürzer, die Schnappsackspringer die! – Man hat seine Not mit vielen Domestiken, je mehr Gefolge, je weniger folgt es, je größer die Suite, je mehr Suiten werden gerissen.

LEONARD. Wie, und alle diese Suitiers ritten auf einem Pferde?

SCHLENDER. Oh, das hätte noch zwanzig mehr ertragen! Was denken Sie? Es war recht mein Augapfelschimmel!

LEONARD. Nein, wahrhaftig, es war ein Brauner.

SCHLENDER. Ja, oder mein Augenbrauner. Tausend Dukaten, auf Ehre! dafür hätt ich ihn gegeben. Ich ritt einmal mit einem arabischen Lord, die bekanntlich die besten Pferde sind, um die Wette drauf – das hab ich nun verloren!

LEONARD. Meiner Treu, ich meine, das Pferd hat Sie verloren.

SCHLENDER. Ja, ich muß nun zu Fuß gehn, leider! Aber es tut nichts, besser schlecht gegangen, als gut gehangen, wer reitet, kann fallen, und wer zu Fuß geht, kann auch fallen, das ist mir alles egal.

LEONARD der unterdessen um ihn herumgegangen, und ihn mit Vergnügen betrachtet hat. Bei Gott, wie eine Trödelbude! Der Frack zu lang, die Weste zu kurz – oh, ein köstlicher Fund!

SCHLENDER. Fund? – Wieso, Fund? Für sich. Das ist eine gute Geschichte! ich glaube, der Kerl ist gar einer von den Glücksrittern, die allezeit finden, was andern ehrlichen Leuten verlorengeht.

LEONARD. Wahrhaftig, ich laß Sie nicht wieder los.

SCHLENDER. Mich, mein Herr? Was wollen Sie von mir, mein Herr? Weil ich ein vornehmes Äußeres habe? Ja, gehorsamster Diener!

LEONARD. Ganz ergebenster! – Aber wie kamen Sie denn eigentlich in diesen Wald?

SCHLENDER. Ja, wüßt ich lieber, wie ich wieder herauskäme! – Aber das will ich Ihnen wohl sagen. Sehn Sie – treten Sie mir nur nicht so nahe, ich bin sehr empfindsam an den Hühneraugen – also: wir waren eben auf der Wanderschaft, und mein Kamerad Flitt lehrt mich unterwegs Galliarde springen und Pirouetten, kurz das ganze Solo mit den Füßen. – Aber bleiben Sie dort stehen, so – indem kommt ein fremder Herr zu Pferde des Weges daher. Ich denk an nichts und exerzier mich so für mich fort in den Sprüngen, da kömmt’s mit einemmal dem Pferde auch in die Beine, ich sage Ihnen, wie ein Bock auf der grünen Wiese. Ich, nicht zu faul, streng mich an mit Sätzen, das Pferd aber immer noch höher, mein Kamerad schreit, der Herr schimpft, das war ein Spektakel, vier Pferdebeine, zwei Stiefel, ein Paar Arme, alles wie Windmühlenflügel in der Luft durcheinander. Endlich kommt der Hut auf die Erde geflogen, und gleich darauf der ganze Herr, leider! Er aber geschwind wieder auf und lauft hinter dem Pferde drein, mein Kamerad hinter ihm, ich hinter meinem Kameraden –

LEONARD. Halt, halt wieder! –

SCHLENDER. Was Halt! da war kein Halten mehr! Die beiden hatten gut rennen mit ihren vier Beinen, ich aber hatt nur zwei, da mag der Teufel nachkommen mit meiner Violine. So bin ich in diese Einsamkeit und Konfusion geraten und weiß nun nicht den Weg auf das Schloß der Gräfin Adele.

LEONARD. Wie, Sie wollen auf das Schloß der Gräfin?

SCHLENDER. Ja, das will ich! Haben Sie was an sie zu bestellen? Ich und mein Kamerad, der ein berühmter Schauspieler –

LEONARD. O auserlesene Wirtschaft! O kommen Sie geschwind, ich geh auch zur Gräfin!

SCHLENDER zögernd. Verzeihen Sie, mein Herr, wer sind Sie eigentlich?

LEONARD. Ja so! – eigentlich – Sagten Sie nicht vorhin, daß Ihr Kamerad ein Schauspieler? – Für sich. Zwei Komödianten, das könnte auffallen, ich muß die Farbe wechseln. Laut. Wer sind denn Sie?

SCHLENDER. Ich bin eigentlich ein Sänger, aber ich habe meine Gurgel viel strapaziert und unterwegs die Stimme verloren, da akkompagniere ich jetzt meinen gewesenen Gesang auf der Violine.

LEONARD. Gut, so bin ich eigentlich bloß ein Violinspieler, der aber bloß singen kann, und Sie sollen mich begleiten. Mein Name ist – Florestin.

SCHLENDER. Also ein Sänger? – Nun wahrhaftig, dacht ich doch Wunder! Wieder keck vortretend. Oh, mein Herr Florestin, ich will nichts voraussagen, aber Sie werden mich schon kennenlernen –

LEONARD. Ist gar nicht nötig, ich sah es Ihnen gleich an, Sie haben einen schönen Strich.

SCHLENDER. Ich sag Ihnen, in dem Hotel, wo ich heute über Nacht war, haben sie sich ordentlich um mich gerissen, das war ein Furore und ein Klatschen von allen Fäusten!

LEONARD. Das ist alles noch nichts, das soll noch besser kommen!

SCHLENDER. Nein, ich dank Ihnen sehr. –

LEONARD. Nachher, nachher! Jetzt nur fort zur Gräfin! Bei Gott, Sie sind gerade das rechte Akkompagnement zu meiner Reisenote. Frisch dort hinaus! Sie können sich unterwegs noch in Ihren Solosprüngen üben. Schlender in Pirouetten voraus. So, sassa!

 

Beide ab.

 

 

 

Vierte Szene

 

 

 

Garten der Gräfin Adele. Rechts das Schloß, über dessen Türe ein mit hohen Blumen besetzter Balkon. Auf der andern Seite ein Bassin mit einem Springbrunnen, im Hintergrund ein zierlicher Gartenzaun.

 

 

FLORA in reicher Kleidung, steht, ihre Haarflechten zurechtsteckend, am Springbrunnen und singt.

Offen stehen Fenster, Türen,

Und ich bin im Schloß allein;

Draußen sich die Bäume rühren

Und der Abend rauscht herein.

Überm Fluß, weit durch die Haine

Ziehet draußen muntre Lieb,

Ruft mir zu: Was stehst alleine? –

Ja, wer da zu Hause blieb’! –

 

Sie setzt sich auf den Rand des Bassins und besieht sich im Wasser.

 

 

Ich sehe doch hübsch aus in den prächtigen Kleidern. Wenn ich eine Prinzessin wäre, legte ich mich alle Abend zwischen die Blumen auf dem Balkon und sähe den Wolken zu, wenn die Wasserkünste unten im Garten rauschten, und sooft die Nachtigallen schwiegen, säng ich da oben, und wo der erste Stern herunterfiele, da käm mein Bräutigam her. –

VICTOR von der andern Seite aus dem Gebüsch hervortretend. Da sitzt das Singvögelchen und putzt sich die Federn. –

FLORA ohne ihn zu bemerken, lacht für sich. Ich fürchte mich ordentlich vor mir selbst im Wasser dort. – Wie eine Sirene – das sieht mich so starr an, als wollt mir’s in der Stille etwas erzählen.

VICTOR ist hinter ihr herangeschlichen und hält ihr mit den Händen beide Augen zu, Flora schreit laut auf.

FLORA. Ach, du bist’s ja doch wieder, Victor! Pfui, deine Finger riechen nach Tabakrauch, laß mich los, du bist unausstehlich, du verdirbst mir das schöne Kleid!

VICTOR. Und soll ich denn lassen deine Augen licht, so reich erst dein Schnäblein – aber pick mich nicht!

FLORA. Ach, dummes Zeug, ich kann ja deinen Mund nicht sehn. – Da, nun hast du was Schönes angerichtet, meine schöne goldene Brustnadel ist ins Wasser gefallen!

VICTOR sie loslassend. Was? wo? –

FLORA entspringend. Zisch aus, zisch aus! –

VICTOR sie erstaunt betrachtend. Ei der Tausend! wie siehst du heut aus? laß dich doch besehn, Florchen, laß dich besehn. Der Anzug ist passend für eine Jungfer, in lauter Spitzen gewickelt wie ein Igel. Wen willst du eigentlich stacheln?

FLORA. Jeden Narren, der mir zu nah kommt. Willst du mein Hofnarr sein, Victor?

VICTOR. Unbedenklich! der lebt von der Narrheit seines Hofes, da stünd ich hier in der besten Nahrung. – Wahrhaftig, Flora, wir beide sind doch reizende Personen, wir können eins das andere nicht ansehn, ohne sogleich miteinander zu fechten.

FLORA. Ja, wirklich, von den vielen Gefechten ist dein Witz schon ganz unscheinlich geworden. Ich bitt dich, schone dich, du wirst ihn brauchen in diesen Tagen.

VICTOR. Ja, ohne dich zu schonen. Aber warum gerade in diesen Tagen?

FLORA. Ach du kommst eben aus dem Walde, du weißt wohl noch gar nicht – Noch heute treffen hier zwei fremde Herren ein, um die Gräfin zu freien, Graf Leonard, ein Neffe des Präsidenten, als reisender Schauspieler, und der Hofrat Fleder als Flötenspieler.

VICTOR. Was? – Nein, wenn ihr hier anfangen wollt zu heiraten, so nehm ich meinen Abschied! Aber woher wißt ihr denn alles so genau? Haben sie einen Komödienzettel vorausgeschickt?

FLORA. Der Präsident vertraute es unter dem Siegel der Verschwiegenheit der Gräfin Jolanthe, und die versiegelte es noch einmal und schickte es an unsre Gräfin.

VICTOR. Und was sagt denn die Gräfin zu der versiegelten Geschichte?

FLORA. Erst zerriß sie den Brief und wollte augenblicklich zu Pferde und in die Türkei reiten, wo es weder Grafen noch Präsidenten gäbe. Dann lachte sie aber auf einmal sehr und sagte, wir alle sollten uns stellen, als kennten wir die Fremden nicht, und wüßten nichts von der ganzen Maskerade; ich aber sollte mir ihre besten Kleider anziehen und mich, solange die Gäste hier sind, für die Gräfin ausgeben, sie selbst will unterdes die Jungfer spielen.

VICTOR. O vortrefflich! – Aber ich möcht nicht Jungfer spielen in einem Lustspiele, sie bekommt im letzten Akt eine Haube weg, sie weiß nicht wie.

FLORA. Pfui, so ein Haubenstock! – Das ist’s ja eben, warum wir uns maskieren. Laß nur, ich will als Gräfin so viel dummes Zeug machen, daß sie lieber einer den andern heiraten möchten, als länger hierbleiben.

VICTOR. Höre, Flora, das ist nicht anders, als hättest du mir eine Prise Nieswurz gereicht, so licht und vergnügt wird mir’s auf einmal im Haupte! Nein, da frag ich nichts darnach, da mag draus werden was da will, ich spiel auch mit! Frisch, jeder auf seine eigene Hand, so weit sein Witz reicht, wir wollen sehn, wo das zuletzt zusammenklappt!

FLORA. Auf deinem Rücken, hoffe ich.

FRIEDMANN der unterdes mit einem Blumenkörbchen eingetreten ist, bleibt unentschlossen stehen. Der Victor! – ich möchte ihm lieber ausweichen, er ist ein Phantast und Händelmacher.

VICTOR ihn erblickend, stürzt auf ihn los und umarmt ihn. Gärtner! Maskerade, Konfusion, Komödie! Ihr wißt doch schon? es geht bald los, mir spielt schon die ganze Ouvertüre im Kopfe mit erstaunlichen Fugen und Sätzen!

FRIEDMANN sich entrüstet losmachend. Was ist denn das? lassen Sie mich ungeschoren mit Ihren Fugen! Ich habe keine Zeit, wie gewisse andere Leute, an solche Narrenspossen zu denken!

VICTOR. Aber Mensch! wollt Ihr denn wirklich vor lauter Vernunft zerplatzen? Ficht’s Euch denn nicht auch einmal an, Euch auf den Kopf zu stellen und »Vivat Friedmann!« mit den Beinen in die Luft zu schreiben, oder auf der großen Gartenschere über die Blumenbeete zu reiten, oder –

FRIEDMANN. Ach, Gott behüte, da müßt ich ja toll im Kopfe sein! Er erblickt Flora. Sieh da, Mamsell Florchen – ei, ei, das steht Ihnen allerliebst –

FLORA. Ja? – In dem Blumenkorbe wühlend. Aber was haben Sie da für schöne Blumen, Herr Friedmann, das möchte mich putzen!

FRIEDMANN. Gern, gern, mein Herzchen. – Hi, hi, hi, das flimmert einem recht vor den Augen da im Korbe, man weiß nicht, was Händchen sind, oder Blumen, eins so hübsch, wie das andere.

FLORA. Da, stecken Sie mir sie vor, hier an die Seite, aber nehmen Sie sich in acht, ich habe Nadeln.

FRIEDMANN indem er Blumen ordnet und sie ihr vorsteckt. Ja, ja, je frischer das Röslein, je herzhafter sticht’s. –

FLORA. Sie sprechen ja ordentlich durch die Blume.

FRIEDMANN. Selber Blume, Florchen, selber Blume.

VICTOR. Ihr habt ein recht angenehmes Lächeln unter der Nase, Gärtner, ich hätte nicht geglaubt, daß Ihr noch so lächerlich sein könnt, Ihr alter Tausendsassa.

FRIEDMANN. Ich bitte Sie, Herr Victor, wenn Sie nur nicht immer solche gemeine Redensarten –

FLORA. Was macht denn die liebe Frau?

FRIEDMANN. Danke, danke – so, nun ist’s fest.

VICTOR. Sitzt Ihr noch alle Abend mit Eurer Familie in der Jelängerjelieber-Laube und denkt über das Vergnügen nach, Papa zu sein?

FLORA wieder bei dem Bassin, sich die Blumen anders steckend. Und die lieben Kinderchens bringen Ihnen die Pantoffeln heraus und Ihre lange Pfeife.

FRIEDMANN. Ja, Florchen, so nach erfüllter Berufspflicht, mein Pfeifchen im Munde und ein zufriedenes Herz in der Brust! –

VICTOR. Da seht, das kommt bei Eurem langweiligen Metier heraus! Blumen und Kohl, das wächst so still und wohlgezogen in den Tag hinein –

FLORA. Und Sie murmeln, als ein zufriedener Bach, zwischen lauter Veilchen und Vergißmeinnichts dahin.

FRIEDMANN. In der Tat, die rohen lärmenden Vergnügungen der Jagd sind niemals nach meinem Geschmack gewesen. – Aber ich habe mehr zu tun, als hier zu plaudern. Für sich. Die Narren sollen mich nicht aus meinen moralischen Grundsätzen herausdisputieren! Ab.

 

Man hört Hörnerklänge.

 

 

VICTOR. Horch! da kommt die Gräfin von der Jagd zurück.

FLORA springt zu dem Gartenzaun und sieht hinaus. Sieh nur, wie hoch und herrlich sie zu Pferde sitzt und zwischen den Abendlichtern da die Kastanienallee heraufkommt! – Sie steigt am Gartenpförtchen ab – wahrhaftig, sie kommt grad hier herauf.

VICTOR. Es ist eine rechte Freude, einer solchen Gräfin Diana zu dienen!

GRÄFIN ADELE in einem grünen Jagdkleide, eine Reitgerte in der Hand, tritt auf. Nun, Fastnachtsbräutchen, sieh dich vor – sie kommen! –

FLORA. Wo, wo?

ADELE. Wie ich den hohen Waldweg ritt, erblickte ich zwei Fremde fern im Grunde. Sie sind’s gewiß, ich sprengte schnell voraus.

 

Sie wirft ihr Jagdkleid ab und, nebst Gerte, dem Victor zu, in einfachem Hauskleide erscheinend.

 

 

Da trag das fort, ich hoff auf kurze Frist.

 

Victor ab; zu Flora.

 

 

Ich bitt dich, deine lustigsten Gedanken

Nimm all zusammen nun! Des muntern Grafen

Geheimnisvoll verschlungne Redeblumen

Gesegne mit so vollem Maienschein

Von Freundlichkeit, als, ohne zu erröten,

Ein Mädchen darf. Und wenn er dann, mich meinend,

Dich schlau umstellt; mich will, dich freit – was lachst du?

FLORA.

Und wenn er nun den Komödiantenmantel

Auf einmal aufschlägt und ein schöner Ritter –?

ADELE.

Ja, ja. Ich seh ihn vor mir stehn: mehr Milch

Als Blut, von glattem Haar und blonder Seele,

Ein guter Neffe so und schlechter Vogel,

Der mitten in der Jugend frischer Zugzeit

Vom Onkel sich aus seinem Reisehimmel

Herunterschießen läßt und zahm sich stellen

Auf den gemeinen Freiersfuß. – Doch hör nun,

Wirst du den Hofrat auch erkennen, Flora?

FLORA.

Gewiß, obgleich er mich nicht kennt. Wie oft

Sah ich ihn, wenn sie alle promenierten,

In selbstgefälliger Glückseligkeit,

Wie einen Weißfisch schnalzen auf dem bunten Strom,

Bald ernst, bald stolz, und immer sehr zufrieden

Mit seinem neuen Frack – dort, dort! da sind sie! –

Der dort am Halstuch rückt, das ist der Hofrat!

Jetzt sehn sie uns – ei, wie sie zierlich grüßen!

 

Macht Verbeugungen.

 

 

ADELE. Der Victor weist sie grad hierher zum Garten. Frisch denn, die lustige Rakete steigt!

FLORA.

Nun weiß der Himmel, wem sie im Zerplatzen

Den Bart versengen wird. – Still, still, sie kommen. –

 

Flitt in eleganter, etwas theatralischer Kleidung, und Fleder treten auf.

 

 

FLITT zu Adele, die ihnen bis in den Hintergrund entgegengegangen. Sieh da, süßer, bescheidener Mond! Wir sind Adler, wir fliegen nach der Sonne – wo ist sie?

ADELE auf Flora zeigend. Sie steht eben im ersten April, sie sticht heut ein wenig.

FLITT. Unser Teint kann schon etwas vertragen, mein Kind, um so besser schlagen die Gedanken aus, um so besser schießt der Witz – ja, ich hoffe hier wieder ganz in Blüte zu kommen.

 

Sich Flora nähernd.

 

 

Gnädigste Gräfin, wo eine Muse wohnt, ist der Parnaß, und dem Parnaß fliegt unaufhaltsam der Pegasus zu, und auf dem Pegasus reisen die Künstler – so folgten wir nur dem höhern Zuge, um unsere schuldige Ehrfurcht – Erlauben Sie, daß ich mir die Ehre gebe – Er will Fleder der Flora vorstellen.

FLEDER mit Anstand vortretend. Arthur, ein Flötenspieler, Mit einem verächtlichen Blick auf Flitt. welcher das Vergnügen hatte, erst heute durch einen Zufall die Bekanntschaft dieses Herrn zu machen. –

FLITT. Bitte sehr! das Vergnügen war bei diesem Falle ganz auf meiner Seite. –

ADELE leise zu Flora. Wie kunstreich sie einander vor uns verleugnen!

FLORA ebenso. Ach der Graf ist eben auch gar nicht schön! Laut zu Flitt. Und Sie selbst, mein Herr? –

FLITT. Flitt, ein untertänigster reisender Bühnenkünstler.

FLORA. Flitt? – Also einer, der etwas anderes vorzustellen pflegt, als er ist? Nun, wir treiben diese Kunst hier auch zuweilen. –

FLITT. Oh, Sie versetzen mich in Entzücken! Vortrefflich, so könnten wir hier vielleicht ein Liebhabertheater einrichten?

FLORA. Wahrhaftig, an närrischen Liebhabern wenigstens wird es nicht fehlen. In der Tat ein herrlicher Gedanke! ist’s mir doch, als wären wir alle schon mitten im ersten Akt. O meine Herren, Sie sind eine rechte Bereicherung unserer ländlichen Langeweile. – Kommen Sie, das muß mit mehr Muße verhandelt werden, lassen Sie uns hineingehen, einige Erfrischungen –

FLITT. Erfrischungen? – Erlauben Sie – Er reicht Flora den Arm.

FLORA. Ich denke, die ungewohnte Fußreise hat Sie ein wenig heruntergebracht, Sie bedürfen der Restauration.

FLITT Flora fortführend. Kleinigkeit, Kleinigkeit, meine Gnädigste, wir haben’s wohl schlimmer gehabt. Seit ich das Flügelpferd reite, habe ich, außer dem Flügelschlag, noch manche andere Schläge – des Schicksals erfahren. Ab.

ADELE zu Fleder. Nun, Herr Arthur – ein schöner Name!

Sie werden doch mitspielen in der Komödie?

FLEDER. So weit es sich mit der Würde eines gebildeten Mannes verträgt. Das Komische, liebe Jungfer, war niemals mein Fach. –

ADELE. Ei der Tausend! Sehn Sie wohl! Vortrefflich gleich zum Anfange, ganz vortrefflich!

FLEDER. Wie? was denn? –

ADELE. Ja, ja verstellen Sie sich nur nicht, Sie Loser! – O kommen Sie nur, Sie werden uns schon zu lachen geben.

 

Beide ab.

 

 

MARIE tritt auf. Also das sind die Bräutigams, um die sie so viel Aufhebens und Heimlichkeiten machen? – Hm, wenn ich nicht einmal einen schöneren Bräutigam bekäme, das lohnte auch Jungfer zu sein! Ob sie jetzt im Gartensaale sein mögen? – Hier sieht mich niemand. – Sie steigt vorsichtig auf die Blumentöpfe und sieht in das Fenster des Schlosses.

VICTOR eintretend. Sieh da, Marie, des Gärtners Mühmchen, ich glaube, das Kätzchen ist eben auf der Lauer. Er nähert sich ihr leise und hebt sie dann plötzlich in die Höhe. Wart, ich will dir’s bequemer machen, Kleine.

MARIE sich erzürnt von ihm losmachend. O geben Sie sich keine Mühe, Herr Victor! – Kleine! Zur Klugheit hilft nicht lang sein, sonst wären gewisse Personen verständiger.

VICTOR. Gut, so laß einmal hören, ob du so klug als kurz bist. Weißt du, wie man die Rotkehlchen fängt?

MARIE. Wie die Gimpel, mit roten Beeren.

VICTOR. Ganz recht – und da sind denn die kleinen Dinger vorwitzig –

MARIE. Ja, und die Gimpel sind gar nicht witzig, weder vor-, noch nachher.

VICTOR. Ich bitte dich, Mariechen, da du noch, sozusagen, die Eierschalen auf dem Kopfe trägst, so benütze die Gelegenheit, wenn der Mund des reiferen Alters von guten Lehren überfließt und würdige Männer Erfahrungssätze machen und einen Rat schlagen wollen.

MARIE. Gehn Sie, gehn Sie, Herr Victor, mit Ihren altmodischen Jagdspäßen; die sind mir schon ganz langweilig. Und was ich Ihnen schon längst sagen wollte: ich komme nun auch gerade schon in die Jahre, daß Sie mich Sie nennen könnten.

VICTOR. Gut. Also: sei Sie nicht so vorwitzig, und guck Sie nicht in die Fenster nach fremden jungen Herrn.

MARIE. Wenn Sie mich immer kränken wollen, Herr Victor, so ist es sehr schlecht von Ihnen, das kann ich Ihnen sagen, Herr Victor. Wahrhaftig, und da können Sie lange warten, eh Sie dasjenige von mir erlangen, weshalb Sie mich neulich so baten.

VICTOR. Ich? –

MARIE. O ja, an dem schönen Sonntagsmorgen, wie ich allein am Springbrunnen stand und mir das Gesicht wusch, da sagten Sie: ich sei ein hübsches Mühmchen, Sie wollten mein lieber Vetter sein, und ich sollte Ihnen ein Küßchen darauf geben.

VICTOR. Still, still! da kommt jemand auf den Balkon.

MARIE. Das haben wir von Ihren guten Lehren! nun kann ich noch in schlechten Ruf kommen mit Ihnen.

VICTOR. Hör Sie, Mühmchen, wenn du mir hier noch lange mit dem roten Mündchen so vorparlierst, so entschließ ich mich kurz und gebe Ihnen noch einen Kuß auf Borg zu deinem zukünftigen Küßchen.

MARIE. Wenn Sie hübsch artig sein wollen. –

 

Beide ab.

 

Gräfin Adele und Flora treten oben auf den Balkon heraus. Man hört von Zeit zu Zeit Hörnerklang in

 

der Ferne.

 

 

ADELE.

Nur einen Augenblick muß ich eratmen

Hier in der Kühle! fast gereut mich schon

Der fade Schwank. – Laß sie drin schwatzen,

Wir ruhn indes hier in der lauen Luft. –

Der Harfe gleicht in solcher stillen Zeit

Der Seele Grund, da haucht ein leises Tönen

Durch alle Saiten in der Einsamkeit,

Und niemand weiß, woher, wohin es geht. –

FLORA.

Die Jäger kehren heim schon von den Bergen,

Wie lustig geht der Widerhall durchs Tal!

ADELE.

Aus der Verwirrung dieser Töne taucht

Ein langversunknes Bild mir wieder auf. –

Denkst du des Abends noch in Heidelberg?

So standen auf dem Söller wir der Burg,

Bis alles still, und nur die Wälder rauschten

Noch über uns, und unter uns der Neckar.

Da kam ein Schifflein auf dem Strom gezogen

Mit Waldhornsklang und Fackelschein, derseltsam

Sich spiegelt’ rings am Fels und in der Flut –

FLORA.

Und auf des Schiffes Spitze, über alle

Hochragend, stand ein fröhlicher Gesell.

ADELE.

Und als das Schiff vorüberrauscht’ am Schlosse,

Da wandt er plötzlich sich und grüßt die Burg,

Sein Windlicht schwingend, daß gleich einem Feuer

Die herrliche Gestalt im Dunkel aufstieg. –

So ist das wunderbare Bild uns schnell

Erschienen und verschwunden, wie bei Nacht

Ein schöner, wilder Grund im Wetterleuchten.

FLORA.

Wir stiegen voll Gedanken drauf hinab,

Wo alles wieder dunkel war und still –

Und bei dem ersten Strahl sahn wir schon weit

Vom Reisewagen wieder Strom und Burg

Im Morgenrote hinter uns versinken. –

ADELE nach einer Pause.

Oft ist’s, als hättst du recht; es mag mehr Glück

Und Lust da unten sein, als ich hier oben

Mir träumen ließ, wer sich nur dran gewöhnte –

Was kümmert’s mich, ich bleibe auf der Höh! –

Horch, wer naht dort, so spät? –

FLORA.

Es scheint ein Fremder.

GRAF LEONARD erscheint auf dem Gartenzaun, sich nach allen Seiten umsehend.

Hier also ist das Feenreich? – Nicht übel!

Die Büsche flüstern heimlich miteinander

Und Wasserkünste singen Zauberlieder –

Auf lust’ger Höhe zwischen schlanken Wipfeln,

Das ist ein guter Sitz für einen Sänger!

Doch wo blieb mein Kumpan? He, Schlender, hier!

ADELE zu Flora.

Blick einmal recht ihn an – fällt dir nichts ein? –

FLORA.

Ich wüßte nicht –

ADELE.

Und doch – nein! laß uns gehen,

Verlockend weht die Abendluft herauf

Und dieses Dämmerlicht verwirrt das Auge. –

FLORA.

O bleiben wir – bei Gott, da kommt noch einer!

SCHLENDER gleichfalls auf den Zaun heraufsteigend.

Ich wollt, wir fänden erst die Tür. –

LEONARD.

Geduld,

Sie werden sie uns bald genug wohl zeigen.

 

Er schwingt sich in den Garten, Schlender folgt zögernd.

 

 

ADELE zu Flora.

Wie – sagt er nicht vorhin, er sei ein Sänger?

FLORA.

Ja, so verstand ich. – Nun fürwahr, die haben

Den rechten Schwung, zum mindsten über Zäune,

Die sind vom Metier, das sieht man gleich.

LEONARD.

Horch, flüstert’ dort nicht was? Gewänder schimmern –

Bei Gott, die Damen stehn auf dem Balkon –

Galantes Glück! ‘s ist just die rechte Stunde

Zu Serenaten – Zu Schlender. Frisch! heraus die Geige!

Wir nahn in Tönen. – So, hieher – nur näher.

 

Sie stellen sich in einiger Entfernung, dem Balkon gegenüber.

 

 

LEONARD singt, während Schlender akkompagniert.

O ihr Güt’gen und Charmanten!

Auf der späten Wanderung

Nehmt der lust’gen Musikanten

Ganz ergebne Huldigung!

FLORA.

Das ist unleidlich –

 

Laut vom Balkon herab.

 

 

Unverschämt Gesindel!

Hier ist kein Wirtshaus, um den Durst zu löschen!

LEONARD singt, wie oben.

Jeder schlürft und denkt die Seine,

Und wer nichts Besondres weiß:

Nun – der trinkt ins Allgemeine

Frisch zu aller Schönen Preis –

Da bricht der schlaue Mond hervor – laß sehen,

Was er bescheint.

 

Er tritt näher an den Balkon heran.

 

 

ADELE plötzlich an Floras Brust sinkend.

Das ist Er! – Fort, nur fort! –

 

Die Damen verschwinden oben.

 

 

LEONARD singt.

Ob sie schmähn, ob sie sich zieren:

Musikanten spielen drein,

Brechen so im Musizieren

Kühn in Tür und Herzen ein!

 

Sie gehen singend und spielend in das Schloß.

 

 

 

Zweiter Aufzug

 

Erste Szene

 

 

 

Garten der Gräfin, wie am Ende des ersten Aktes. Leonard ruht, zum Teil von Zweigen verdeckt, schlummernd auf einer Bank, Adele tritt oben auf den Balkon heraus.

 

 

ADELE.

Noch ist es einsam rings auf Tal und Höhn,

Und wie ein scheues Reh schweift nur die Dämmrung

Leis durch die tau’ge Stille –

LEONARD erwachend.

Horch, was klang

So lieblich durch die Luft? – Schlief ich so lange?

 

Adele erblickend.

 

 

Wie! geht Aurora heut zo zeitig auf,

Eh noch die Stern am Firmament erblichen? –

Was hat sie vor in dieser Einsamkeit?

Laß sehn – ich tu, als schlief ich.

ADELE ohne ihn zu bemerken.

Wie so anders

Sahn Berg’ und Garten aus bei dunkler Nacht!

Ich lag im Fenster lange noch und schaute,

Wie da der Mond durch finstre Wipfel ging,

Die flüsternd sich im leisen Winde neigten.

Da war’s als trät ein Fremder aus dem Schloß

Und wandelt’ schweigend durch die stillen Gänge,

Gleichwie in Ringen weit das Haus umkreisend.

Mich schauerte und schnell trat ich zurück. –

Doch durch die offnen Fenster rauscht’s herauf

Die ganze, schwüle Nacht, es blitzt’ von ferne

Und Nachtigallen schlugen – oft dazwischen

War mir’s, als hörte ich fernab im Garten

Den fremden Sänger singen – und so träumt ich

Gar wunderbar, ich weiß nicht mehr wovon,

Doch war es wie ein unermeßlich Glück

Im Herzen mir, daß ich vor Lust erwachte. –

Wohl sind die Träume nur ein Widerhall

Von himmlischer Musik, die wir nicht kennen

Und die wie ferner Morgenglockenklang

Im roten Duft zerrinnt. – – Ja, rausch nur wieder

Du morgenfrischer Grund mit allen Wipfeln –

Ich komme! – Wer ist dort? – er scheint zu schlummern –

Der fremde Sänger ist’s – ich geh hinein.

 

Sie bleibt zögernd stehen.

 

 

Er schläft – nur einmal möcht ich recht ihn ansehn –

Ich kann es nicht, wenn er die Augen aufschlägt –

Als ruhte träumend unter stillen Bäumen

Der frische Morgen noch –

LEONARD.

O süßes Plaudern!

Wie früher Lerchen Lieder über mir,

Weckst du hell Morgenrot mir in der Seele!

ADELE.

Er spricht im Schlafe – von was mag er träumen? –

Nein, nein, ich weil nicht länger hier allein.

 

Sie will gehen.

 

 

LEONARD rasch aufspringend.

Hör, Mädchen, hör doch! bleib, nur auf ein Wort!

ADELE verwirrt.

Ich? – Ich wollt nur – ich sah nur nach dem Gärtner –

Was trieb so früh ins Freie Sie hinaus?

LEONARD.

Ich schlaf am liebsten unterm Himmelsbette,

Leicht mit dem Sternenmantel zugedeckt.

Es ist so schwül im Schloß. – Komm auch herab!

ADELE.

Hinab? – mich hütet eine strenge Herrin,

Wenn ich auch möcht, die Gräfin möchte schelten. –

LEONARD.

Die Gräfin, Jäger, Laufer, alle schlafen.

Das ist die rechte Zeit just, wenn die Rehe

Noch sorglos grasen in dem stillen Grund

Und alle Wälder, wie in Träumen, rauschen.

ADELE ihr Gesicht mit beiden Händen bedeckend.

Oh, daß ein Mann so zu mir reden darf! –

LEONARD.

Kind, nimm doch nur die Hände fort! – Die Augen

Sind’s gerade, die ich meine. Nur ein Weilchen

Will ich dicht vor dir stehen und hineinsehn. –

Wahrhaftig, dort stehn Leitern an der Hecke –

Bleib nur, ich hol mir eine schnell und steige

Zu dir hinauf!

ADELE.

Eh stürzt ich beide uns

Den Felsenhang hinab – zurück, Verwegner!

 

Sie wendet sich rasch, bleibt aber plötzlich in der Türe stehen und kehrt dann zurück.

 

 

Ich möchte nicht, daß wir im Zorne schieden –

Es ist so meine heft’ge Art nur – ach,

Ich weiß nicht, was ich spreche! –

LEONARD.

Wär die Gräfin

So süß wie du! –

ADELE.

Wie? –

LEONARD.

Nichts. – Nenn mich auch: du!

Willst du? –

ADELE über das Geländer gebeugt, leise.

Leb wohl du unbescheidner Mann!

LEONARD ihr in Gedanken nachsehend, nach einer Pause.

Ich werd doch toll nicht sein und mich verlieben? – –

Dort schleicht der Komödiant, was will die Eule

In diesem Frühlingsglanz? Ich prügelt ihn,

Wär’s eben nicht so fröhlich mir im Herzen!

 

Ab.

 

 

FLITT kommt lauernd, mit leisen langen Schritten hervor. Alles wieder still – wie Eidechsen fix entschlüpft in Laub und Ritzen vor dem Sonnenblick.

VICTOR zwischen dem Gebüsch den Kopf vorstreckend. Der schleicht um den Taubenschlag. Mir gerade recht! Ich kann keinen alten Fuchs sehen, ohne daß es mich gleich anficht ihn zu prellen.

FLITT ohne Victorn zu bemerken. Verliebte Kammerjungfern und Musikanten, kuriose Gräfinnen, heimliche Winke; Flüstern und Geheimnisse überall – gib acht, Flitt, gib acht, hier ist was zu machen – wenn ich nur erst wüßte, wo eigentlich Fortunas Haarzopf flattert in dieser Konfusion.

VICTOR. Ich will kein Jäger sein, wenn ich nicht alle diese mausigen Stoßvögel von Freiern an einen Narrenspieß stecke, um sie langsam am Feuer der Liebe zu braten.

FLITT wie oben. Diese falbe, nüchterne Morgenzeit ist mir die liebste für Gedanken, so an den stillen Erkern und Pfeilern hinzustreichen in der mausefarbenen Dämmerung. Er will weitergehen.

VICTOR. Nun frisch ans Werk, sonst geht er mir durch die Lappen! Hervortretend. Herr Flitt! Herr Schauspieldirekteur!

FLITT erschrocken. Was macht Er denn da für einen unverhofften rasenden Lärm! Man könnte den Tod haben vor Schreck so auf nüchternen Magen.

VICTOR. Desto besser, Herr Direkteur, desto besser! Ich bringe eben einen Schnaps, der soll Ihnen wohl bekommen.

FLITT. Schnaps? – Laß Er doch einmal sehen. –

VICTOR sich nach allen Seiten umsehend. Es belauscht uns doch niemand? –

FLITT. Recht so! Er ist ein verständiger Mann, ich möcht nicht, daß uns die Damen dabei erwischten. Mädchen verstehn nichts vom Trinken – so einen Mund voll gemeines Wasser für den Durst, wie das liebe Vieh. –

VICTOR heimlich. Sie haben doch gestern nach Mittag die Gräfin unter dem Balkon gesehen?

FLITT. Schnaps trinken? – Nein, sie zeichnete mit der Reitgerte im Sande –

VICTOR. Aber was zeichnete sie? – Lauter Fl’s, und einen Haufen Gedankenstriche dahinter! – Merken Sie etwas, Herr Flitt?

FLITT. Ich glaube wahrhaftig, das soll da der ganze Schnaps sein! –

VICTOR. Ja, und als Sie hinzutraten, verwischte sie alles schnell wieder mit ihren Füßchen.

FLITT. Ah pah! Ich hätte Ihn auch für gescheiter gehalten. Mich deshalb in meinem Nachdenken aufzuhalten! In der Morgenstunde, mein Freund, da rekapitulier ich mir den ganzen kommenden Tag und übe mir ein wenig die Zukunft ein.

VICTOR. Da hören Sie doch nur weiter! Die Gräfin weiß gar wohl, daß Sie alle Abend einsam dort an der letzten Laube des Gartens spazierengehen.

FLITT. Sie weiß? – Fataler Streich! Die Damen im Schloß können den Tabakrauch nicht vertragen, da pflege ich denn dort abends an der Laube meine Pfeife ins Gesicht zu stecken, um die Mücken zu vertreiben.

VICTOR. Aber die Liebesmücken sind gerade wie versessen auf Tabak. Leise. Die Gräfin – es bleibt unter uns – die Gräfin wird heute abend um zehn Uhr, mit einem Schleier über dem Gesicht und einen Nelkenstrauß an der Brust, allein an der selben letzten Laube lustwandeln. – Nun Sie verstehen mich –

FLITT. So? – Mit einem durchdringenden Blick auf Victor, nach einer kurzen Pause. Hör Er, guter Mensch, Er sieht verteufelt pfiffig aus. –

VICTOR. Bitte recht sehr! bloß als Futteral für die Ehrlichkeit, damit sie sich nicht so schnell abnutzt.

FLITT. So? – Aber wie ist Er denn zu allen diesen Neuigkeiten gekommen? –

VICTOR heimlich. Herr Flitt – aber verraten Sie mich nicht, sprechen Sie kein Wort mit ihr darüber – die Kammerjungfer hat mir alles vertraut.

FLITT. Die? – In der Tat, das läßt sich hören. Sie ist eine Jungfer von Erfahrungen, ein vertrauliches Geschöpf. – Nun, mein Freund, Er sucht in den Taschen. Verschwiegenheit – also um zehn Uhr? – schuldige Dankbarkeit – ich werde unvergessen sein. – Er drückt dem Victor ein Geldstück in die Hand.

VICTOR in die Hand blickend, für sich. Bei Gott, ein alter, abgescheuerter Kupferkreuzer! Laut. Nicht doch! was denken Sie von mir, Herr Flitt? nicht um schnöden Lohn –

FLITT. Mache Er doch keine Umstände.

VICTOR. Aber –

FLITT ihn fortdringend. Nur keinen weitläuftigen Dank! behalt Er doch nur, ich geb es gern, in der Freude des Herzens greift man aufs Geradewohl ins Volle und berechnet nicht erst lange. –

 

Victor ab.

 

 

Besser konnte ich den Knopf von meinem alten Rock nicht losschlagen, er wird denken, daß ich mich in der Wut der Großmut vergriffen habe! – Auf und nieder gehend. Hm – Laube, Schleier, Nelkenstrauß – das gibt einen Vers, aber es reimt sich nicht. – Und doch – sie scheinen mich hier für einen andern zu halten; es ist das Los großer Geister, verkannt zu werden! – Und diese Aufmerksamkeit der Gräfin gegen mich, diese heimlichen kurzen Blicke unter den langen Augenwimpern wie Schlagtriller. – Was ist denn das? bin ich denn so schön? Das hat mir doch noch niemand nachgesagt. – Nun, Amor ist blind, so kann ich selbst wohl auch ein Auge zudrücken über meiner roten Nase, und mit dem andern über meine schmalen Beine hinwegsehen, das ist Geschmackssache. – Ja – ich komme zu der angenehmen Laube! – Er will gehen, bleibt aber plötzlich erstaunt stehen. Was hat das zu bedeuten? Da steigt leibhaftig der Knoll auf wie ein Orkan! – Was ist das für ein fruchtbares Jahr, treibt unversehens solche fette Schwämme hier aus dem Boden! ich kann ihm nicht mehr entwischen, eher weicht man einer Windmühle aus. –

 

Knoll im Sonntagsstaate tritt mit Bücklingen auf.

 

 

FLITT. Aber sag mir, Knoll, welches unverhoffte Wiedersehen – das ist ja ein Vergnügen zum Teufelholen!

KNOLL. Ich bitt um Exkommunikation – ich konnte nicht unterlassen, mich nach Ihrer gnädigen Gesundheit zu erkundigen.

FLITT. Gesundheit? – Hm, man muß eben zufrieden sein, schlaflose Nächte, eine gewisse Unlust zum Arbeiten, brennender Durst – das alte Übel. – Aber nun, allerliebstes kleines Spaßvögelchen, nur heraus, was willst du eigentlich hier? brennen dich die Würfel in der Talggrube deiner Faust? bringst du die Kreidetafel im Schubsack? –

KNOLL. Gott behüt mich! Solche Lumperei! Alles in den besten Händen!

FLITT. In der Tat, du bist ein höfliches, ein honettes Ungeheuer.

KNOLL. Oh, ich möchte mich selbst in die Nase beißen, daß ich so ein Esel war, Sie für meinesgleichen zu halten. – Aber das geringe Gefolge, Ihr ganzer Parapluie –

FLITT. In summa, Knoll, du hast heute schon am frühesten Morgen zu schwer geladen, tue mir daher den Gefallen und schieß dich hier bald wieder ab, alte Fleischbombe.

KNOLL. Geruhen Sie sich doch nicht länger mit Verstellung abzustrapazieren, ich weiß es ja doch. – Mein alter Freund, der Gärtner hier, hat mir alles erzählt.

FLITT. So? – von mir? – der Gärtner? – Höre, guter Knoll, sag mir doch einmal aufrichtig, wie hat dir denn der Gärtner eigentlich die ganze Geschichte erzählt? – Es interessiert mich, wie die Leute hier die Sache nehmen. –

KNOLL. Euer hochgräflichen Gnaden wollen untertänigst verzeihen – ich darf nicht so viel aus der Schule schwatzen – Euer Gnaden wissen’s ja doch am besten.

FLITT. Ja – leider wahrhaftig. – Vornehm. In der Tat, mein guter Knoll – ich sehe wohl – was soll ich’s länger leugnen – meine Stellung hier unter diesen Jungfrauen –

KNOLL. Will’s Gott, bald junge Frauen.

FLITT. Ja – die Gräfin liebt mich. –

KNOLL. Der gute Gärtner sagte –

FLITT rasch. Was sagt er? – Sich verbessernd. wollt sagen: inwieweit hat dir der Gärtner auch über diesen Punkt nähere Mitteilung gemacht?

KNOLL. Der Gärtner sagte schon oft: Es ist hier nicht länger mehr auszuhalten so unter uns Mädchen, es fehlt ein Herr, damit endlich auch auf dem Schlosse einmal eine soliderische Wirtschaft anfängt.

FLITT. Man kann das dem Manne nicht verdenken – ja, es wäre eine schöne Wirtschaft! –

KNOLL. Der alte Gärtner kennt seine Gräfin, sie liebt das Rumorantische – er meint, wenn Ew. hochgräflichen Gnaden da schnell zufahren wollten wie der Ochs ins Heubündel – so eine Überraschung, eine kleine Entführung –

FLITT. Wahrhaftig, der Gärtner ist nicht so dumm wie er aussieht! Auf und nieder gehend, für sich. Laube – hochgräfliche Gnaden – Nelkenstrauß – Laut zu Knoll. Hör, Knoll, wir rechnen auf deine Anhänglichkeit –

KNOLL. Wie Pech, gnädiger Herr. – Ich hoffe, Ew. Gnaden werden auch dann den armen ehrlichen Knoll nicht vergessen, wenn einmal –

FLITT. Man wird deine vergangenen Gefälligkeiten nach deinen zukünftigen Diensten zu belohnen wissen. – Gold wie Treue, Knoll, aber vorher: treu wie Gold! –

KNOLL. Gold, Gold!

FLITT. Gut also – kennst du die letzte Laube dort an der Abendseite dieses Parks?

KNOLL. Ja, wo das kleine Pförtchen aus dem Garten in den Wald führt.

FLITT. Ganz recht. Nachdem er sich nach allen Seiten umgesehen hat, leise. Dort wird die Gräfin heut abend um zehn Uhr heimlich mit mir – Du verstehst mich –

KNOLL. Versteh, verstehe, ein heimliches bete a bete.

FLITT. Der Platz ist einsam, abgelegen – auf was soll ich warten? Durch Verschieben kann leicht alles wieder verschoben werden. – Wenn du um zehn Uhr im Walde deine Pferde und Wagen bereithieltest –

KNOLL. Und die Gräfin daraufgesetzt und zickzack mit ihr fort durch die Nacht und den Wald –

FLITT. Nach deinem Hotel, daß sie nicht weiß, wie und wo sie hingekommen! – Nun willst du?

KNOLL. Parasol d’honneur, ich bin dabei! Solche lustige Einfälle und Fasanerien sind mir gerade recht bei Tag und bei Nacht! ich will am Pförtchen zum Signal wie ein Uhu pfeifen, oder wie eine Rohrdommel – das soll einmal ein Jubiläum geben diese Nacht!

FLITT. Still, ums Himmels willen still! – geheimer Anschlag steht auf hohlem Boden, da darf man nicht so massiv drauf herumtrampeln, sonst gibt es eine Resonanz. – Kurz: die Sache ist abgemacht, und nun gehe, sie dürfen uns hier nicht zusammen sehen.

KNOLL. Ich verstehe – Punkt zehn Uhr im Walde – empfehle mich in Ihre hohe Profession. Ab.

FLITT. Das ist die Beutelschneiderei, denk ich; hat allerdings ein hohes Ziel, daß der längste Kerl mit den Fußspitzen den Boden nicht erreicht. – Aber wozu halten sie mich hier gerade für einen Grafen? und wozu will man mit aller Gewalt gerade diesen Grafen heiraten? – Gleichviel! wer viel grübelt, fällt zuletzt selbst in die Grube. Die Grafenkrone sitzt mir verdammt schief und wacklig, ich muß die Zeit benutzen, ehe der Wind umschlägt und sie mir wieder vom Kopfe reißt. – Was kann mir geschehen? Will mich die Gräfin wirklich, so ist es gut. Will sie mich nicht, so – ist es auch gut; so muß ich das geheime Rendezvous samt der Entführung mit dem Mantel der Verschwiegenheit bedecken, wenn ich Lust habe; und dieser Mantel muß, wenn ich dazu Lust haben soll, so reich mit Gold gestickt und so ungeheuer weit sein, daß ich mich und Knolls dicken Bauch bequem dareinwickeln kann. – Aber nur sachte, Flitt, nur vorsichtig! diese vorwitzige, schnippische Kammerjungfer darf nicht in der Nähe sein. Alle das müßige Gesindel, welches hier, wie die Fledermäuse, durch die Dämmerung schwärmt, muß ich um die zehnte Stunde auf die entgegengesetzte Seite dirigieren. – Laß sehen, da kommt gleich einer. –

LEONARD tritt auf.

FLITT. Guten Morgen, Herr Florestin.

LEONARD. Morgen, morgen!

FLITT. Nein, guter Rat darf nie zu morgen verschoben werden; noch ein paar solche Morgen – wie vorhin da vom Balkon – geben sonst wahrhaftig gar bald eine gute Nacht. –

LEONARD. Also: gute Nacht! – wie Sie wollen. Er will gehen.

FLITT ihn zurückhaltend. Nicht doch, mein Bester! ich meine es wahrlich gut mit Ihnen und mein Rang, meine Verhältnisse berechtigen, ja verpflichten mich einigermaßen – doch, was rede ich da in meinem freundschaftlichen Eifer! – mein Herr, ich rechne auf Ihre Diskretion –

LEONARD für sich. Der Kerl ist wahrhaftig imstande, sich selbst für mich zu halten! – Laut: Genieren Sie sich nicht, wenn Ihnen bei Ihrem Inkognito die Haut zu enge wird, fahren Sie immer ein wenig mit dem Ellbogen heraus.

FLITT erschrocken nach seinem Ärmel sehend, für sich. Ellbogen heraus? – dacht ich doch wirklich schon wieder – Laut. Nun, ich wollte nur sagen, daß ich hier im Schlosse, wie Sie wissen, auf ziemlich gutem und festem Fuße stehe.

LEONARD. Ja, vor der Mahlzeit.

FLITT. Wir haben uns da unverhofft ganz aus unserm ursprünglichen Diskurs herauskomplimentiert. – Was war es doch? – Ja – Sie unterhielten sich, wenn ich nicht irre, vorhin mit der Kammerjungfer. Schätzen Sie dieses Frauenzimmer? –

LEONARD. Nein, denn ich will sie nicht kaufen, wenn sie nicht umsonst mein Schatz werden mag.

FLITT. Freundchen, sein Sie auf Ihrer Hut – Freundchen! Sie ist eine falsche Münze – entre nous – auf jeder Seite das Bild eines andern Potentaten. –

LEONARD. Entre nous? – Allerdings, wenn sie zwischen uns beiden steht – und bei dem einen, deucht mir, kommt schon das Kupfer aus der Nase. –

FLITT. Möchten Sie nicht die Güte haben, mich gelassen anzuhören? und, wenn Sie mir nicht glauben, sich heut abend um zehn Uhr gefälligst dort an die Morgenseite des Parks, unter die hohen Linden zu verfügen? –

LEONARD. Nun geschwind, was soll’s?

FLITT. Was es nicht sollte. – Ich saß zufällig im Gebüsch – sie merkten mich nicht – da verabredete die Kammerjungfer auf heut abend zehn Uhr ein Stelldichein unter jenen Linden mit dem Flötenspieler Arthur.

LEONARD ihn an der Brust fassend. Das lügst du, feiger Schleicher!

FLITT. Ei was der Tausend! Lassen Sie mich los, lassen Sie mich gleich los! – Und just! ich bleibe dabei, ich schrei es durch den ganzen Garten: sie hat ein gutes Herz, ein großes Herz, wie ein Wirtshaus!

LEONARD. Mensch, ich erwürge dich, wenn du nicht gleich auf deinen Knieen bekennst, daß du ein schimmlichter schäbiger Schuft bist.

FLITT. Auf den Knieen? – Nimmermehr! Stehend – will ich – –

LEONARD. Nun möchtest du wohl die Güte haben? –

FLITT noch immer von Leonard festgehalten, kniet nieder. Ich bekenne, daß ich ein Schuft –

LEONARD. Nein, ein schimmlichter –

FLITT. Ein schimmlichter, schäbiger Schuft bin –

LEONARD ihn loslassend. Amen! denn da kommt eben jemand – ich empfehle mich in Ihr gütiges Andenken! Ab.

FLITT aufspringend und hinter Leonard ein Schnippchen schlagend. Und er geht doch heut abend unter die Linden! – Seht doch! – Ja schüttle nur, droßle nur, du tapferer auf der Gurgel spielender Musikant, du! – O ja, Tapferkeit! eine ochsige, eine stoßige Tugend, wenn’s Hirn ins Horn geschossen ist!

ADELE rasch auftretend. Was für ein wüster Lärm! ist alle Zucht denn hier entflohen? Von dem widerwärtigen Schalle werden rings die Echos wach, wie Janhagel, wenn Trunkne durch die Gassen ziehn!

FLITT. Nur zu! nur immer zu, mein muntrer Stier! – laß Sie mich jetzt, Jungfer, und menge Sie sich nicht drein. – O ich will dir einen Popanz vorhalten von roter Liebe und gelber Eifersucht – stoß nur drauf zu, daß dir dein Notenkasten von Schädel wackelt!

ADELE. Aber, bester Herr Flitt, was ist Ihnen denn widerfahren, warum sind Sie auf einmal so wütend geworden? – Und wie Sie aussehn! Der Hut auf der Erde – was gibt es denn? Herr Florestin eilte eben ganz verstört von Ihnen.

FLITT sich sammelnd indem er den Hut aufsetzt. Tat er das? – Ich kann es ihm nicht verdenken, gar nicht, ja das kann eine schlimme Geschichte werden, aber ich frage nichts darnach.

ADELE. So sprechen Sie doch nur.

FLITT. Man spricht nicht gern von so etwas, es ist nicht meine Art, zu prahlen. – Pah, eine Kleinigkeit – Herausforderung –

ADELE. Wie! mit Florestin?

FLITT. Ja, er tut mir leid, aber er wollte es nicht besser haben.

ADELE. Aber was brachte Sie denn so aneinander?

FLITT. Aneinander? – Eine Jungfer darf nicht alles wissen. – Es wird sich abends alles ausweisen, dort unter den hohen Linden – o ich wollte, die zehnte Stunde wäre schon da!

ADELE. Was, ein Duell um zehn Uhr! da ist es ja schon finster.

FLITT. Finster oder nicht, mir alles gleich! Glaubt Sie denn, daß die Tapferkeit sich vor Gespenstern fürchtet? ich brauche nicht mehr Mondschein, als auf meiner Degenspitze Platz hat, um sie meinem Gegner in das Herz zu stoßen. – Es sind noch keine vier Wochen hin, denk ich, da hatte ich auch einen solchen Milchbart vor der Klinge, Locken an den Schläfen wie ein Merino und Ringe in den Ohren. – Auf Ehre, dachte ich, das lohnt nicht, so in Milch und Blut zu stoßen, das hält keinen Stich. – Es war im Walde, er legt sich in die Parade, er fällt aus, sticht rechts und links um sich. Ich lasse das gut sein, vigiliere immerfort auf sein Ohrläppchen, dränge ihn endlich an einen Baum und stoße plötzlich durch seinen Ohrring in den Baum hinein, daß die Degenspitze von der andern Seite des Stammes wieder herauskommt. – So spickte ich ihn an wie einen Schmetterling, und wenn ihn nicht jemand losgemacht hat, so hängt er noch heute.

ADELE für sich. O ich wünschte, er hinge lieber selbst an beiden Ohren! Laut. aber Herr Flitt, das sind gewiß nur kleine Mißverständnisse mit dem Florestin, gibt es denn gar kein anderes Mittel? –

FLITT. Zu spät, gute Jungfer, alles zu spät, auf Ehre, er hat einmal mein Wort! Blut will ich sehn, Blut, sag ich, Blut! – Schade in der Tat um den jungen Menschen, er sähe nicht übel aus, wenn er nicht so einen gewissen sentimentalen, einfältig hängenden Zug am rechten Mundwinkel –

ADELE rasch. Das habe ich nie bemerkt, Herr Flitt, das ist nicht wahr, das – Schlägt, plötzlich abbrechend, die Augen nieder.

FLITT. Nun, es kann auch vielleicht der linke Mundwinkel sein. – Was geht denn aber Sie Herrn Florestins Mund an? Sie wird ja über und über rot. –

ADELE. Ich? – o nein – ich wollte nur – o Gott, ich weiß vor Verwirrung nicht mehr was ich rede! verwünschte Maskerade! Sie eilt fort.

FLITT. Na, die geht auch zu den Linden! Verliebte und Verrückte sind leicht zu betrügen, sie gehen beide geradeaus auf ihre fixierten Ideale los – dem Himmel sei Dank, ich bin niemals sonderlich verliebt gewesen! – Nun muß ich noch den Flötenspieler und den Schlender haranguieren, damit sie mir nicht etwa wie die wilden Gänse in mein Wachtelnetz hineinfliegen und mir die Maschen verwirren. Ab.

VICTOR tritt auf. Aha, da streicht der alte Fuchs hinter seiner spitzigen Nase her ins Garn hinein. – Den Schlender hab ich auch schon um zehn Uhr zur Laube bestellt, und gleich darauf werfe ich die nämliche spanische Fliege dem Schreibesel Fleder hinter die langen Ohren, das zog vortrefflich, lauter philosophische Blasen. Ich sah ihn soeben voller Nachdenken vorüberschreiten. – »Aber der Auftrag, das Vertrauen des Herrn Präsidenten!« sagte er zu sich selbst und blieb mit verschränkten Armen stehn, »wie, und ist es nicht des Mannes höchste, älteste Pflicht, sich Raum zu schaffen in der Welt zu edlem, großem Wirken?« – der kalekutische Hahn im nahen Hühnerhofe gollerte eben dazwischen – da schritt er stolz weiter, stand wieder still und sprach: »Warst du nicht eher Mensch, als Hofrat, Fleder? – Die Liebe kennt Präsidenten nicht, und ist sich selber König!« – – Ja, Ew. Majestät, es werden noch ein paar solche Monarchen im Dunkel eintreffen, und blutige Kronen dürften nicht rar sein. Ab.

 

Zweite Szene

 

 

 

Anderer Teil des gräflichen Gartens. Flitt und Schlender sitzen an einem Tisch, auf welchem Weinflaschen und Gläser stehen.

 

 

FLITT. Nunc est bibendum, nunc pede libero pulsanda tellus! – Aber du verstehst nichts von der klassischen Literatur, als bibendum.

SCHLENDER. Was heißt das andere zu deutsch?

FLITT. Das heißt: wir sind bei Hofe hier, so müssen wir denn auch die Hofetikette beobachten und uns einen Haarbeutel anhängen. Er trinkt.

SCHLENDER trinkend. Die sind hier wohlfeil. – Aber höre, Flitt, wenn du so früh anfängst, siehst du nachher den ganzen Tag aus wie ein feuriges Gewitter.

FLITT. Desto besser! du bist mein Blitzableiter, in den alle Witze einschlagen. – Trinkt. Hol der Teufel das vornehme Leben, die Langeweile trocknet aus und macht durstig; ich glaube, mir wachsen schon schnöde Pilze auf meinem guten Humor.

SCHLENDER. Ja, war das heut früh nicht ein Gekicher und Spektakel unter den Damen, als ich mein Kompliment machte und mir ein paar lumpige Federn im Haar und Rock hingen, weil ich mich gestern abend aus Versehen im Frack zu Bett gelegt hatte!

FLITT. Ja, und ist es nicht gescheuter, wenn dir ein Bauer mit allen fünf Fingern durch den Schopf fährt und dir den Rock am Leibe ausklopft, ohne sich erst lange nach einem Trinkgeld dafür umzusehen?

SCHLENDER. Ach, was Bauer! So ein Mensch ist ein Esel wie ich, da geht alles natürlich zu, aber so eine Dame –

FLITT. Die sich schämt, ein Mensch zu sein. – Er trinkt. Hol’s der Teufel! Nichts als Finten und Schwermut in der Welt!

 

Er singt.

 

 

Einstens, da ich Lust bekam,

Mir zu freien eine Dam –

Wie geht es doch weiter? Stimme mit an, Schlender!

SCHLENDER. Ja, ja, das Lied von des guten Kerls Freierei! So ein Rundgesang muß recht vornehm klingen hier in dem Park.

 

Beide singen.

 

 

Einstens, da ich Lust bekam,

Mir zu freien eine Dam,

Und sie freundlich fragte,

Ob ich ihr auch wohlgefiel;

»Wahrlich nicht besonders viel!«

Sie gar spöttisch sagte.

FRIEDMANN eilig eintretend. Aber um Gottes willen, meine Herren, wo denken Sie hin? So ein Spektakel, hier im Garten, bei hellem lichtem Tage!

FLITT. Ei, ei, ei, Friedmann, das hätt ich nicht geglaubt von Euch. – Bei hellem Tage? – Wann soll man denn singen? – O nein, guter Gärtner, das Nachtschwärmen ist nicht für moralische junge Leute, laßt solche liederliche Gedanken, geht in Euch, alter Mann, geht in Euch!

SCHLENDER. Ja, geht!

FRIEDMANN. Wahrhaftig, ein ehrbarer Lebenswandel würde Sie besser kleiden.

FLITT. Kleiden! Seht Ihr wohl, schon wieder! –

SCHLENDER. Ja in der Tat, schon wieder!

FRIEDMANN rasch und empfindlich zu Schlender. Was denn schon wieder, Herr Musikant?

SCHLENDER zusammenfahrend. Na, was weiß ich denn! – Erschreckt einen doch nicht so, unvernünftiger Mensch!

FLITT. Ruhe, Ruhe da! – Besser kleiden, sagtet Ihr, Friedmann? Schämt Euch, eitler Greis! Ein Philosoph gibt nichts auf Kleider, große Männer haben große Blößen.

FRIEDMANN. Nun, ich will nicht prophezein – aber wenn die Gräfin erfährt – sie könnte sich wohl besinnen –

FLITT. Oho! Er singt.

 

Daß im Wald finster ist,

Das machen die Birken,

Daß mich mein Schatz nicht mag,

Das kann ich nicht merken.

SCHLENDER singt.

Nein, das kann ich nicht merken!

FRIEDMANN. Das wird nun eine gute Geschichte, da kommt sie selbst dazu.

ADELE rasch auftretend. Sie, Herr Flitt! – Ich dürfte wenigstens bei Ihnen mehr gute Lebensart voraussetzen.

FLITT. Gute Lebensart? Wir leben hier ganz gut.

 

Er singt, während Schlender wieder mit einstimmt.

 

 

Ich sprach wieder: »Bin ich nicht

Ein gut’ Kerle, gebt Bericht!«

Drauf fragt sie mich wieder:

Was denn ein gut’ Kerle wär?

Ich sprach: »Setzt Euch unbeschwert

Etwas zu mir nieder.«

ADELE. Ich mich noch zu Euch hinsetzen? Nein, wahrhaftig, ich weiß nun genau, was so ein guter Kerle ist, ich will ein Loblied auf ihn singen.

FLITT. Ja, tunk da erst dein Schnäbelchen mit ein, dann singe.

SCHLENDER. Ja, tunke Sie!

ADELE zu Friedmann. Was fangen wir mit ihnen an?

FRIEDMANN. Ich habe die Herren schon gebeten, sich zu moderieren, aber –

ADELE. Oh, ich möchte lachen, wenn ich vor Ärger könnte! Zu Flitt: Nun, das ist wahrlich der Anfang vom Ende, es soll rasch alles klarwerden! Ab, während Friedmann achselzuckend an ein Beet tritt und sich mit den Blumen beschäftigt.

FLITT und SCHLENDER singen.

»Wollt Ihr nun, so ist es klar,

Und wir werden bald ein Paar«,

Drauf spricht sie gar sachte:

»Ihr mögt mir nach allem Schein

Gar ein guter Kerle sein«;

Schmunzelt drauf und lachte.

FLITT plötzlich aufspringend. Silentium! dort kommt wahrhaftig die Gräfin her! – Geschwind, decke die Batterie, Schlender, unterhalte die Gräfin, bis die Flaschen unter den Tisch gebracht sind!

SCHLENDER. Laß du mich nur machen.

 

Er geht ab, während Flitt den Tisch abräumt, und kehrt dann mit Flora im Gespräch zurück.

 

 

FLORA. In der Tat, ich verstehe nicht recht was Sie meinen –

SCHLENDER. Ha, ich verstehe, ich verstehe! – Dort nahen kalte Menschen – o niemals soll das zudringliche Maul des Tages belauschen, was das plauderhafte, gefühlvolle Ohr der Nacht –

FLORA. Wie? –

FLEDER tritt von der andern Seite auf. Guten Morgen, meine Gnädigste! Geheimnisvoll mit zärtlichem Nachdruck. O könnt ich guten Abend sagen schon!

FLORA. Guten Abend schon? da fingen wir ja den Tag von hinten an.

FLEDER. Gleichviel, schöne Gräfin, gleichviel – es gibt keine Zeit, wo ein glückliches Herz schlägt.

SCHLENDER. Ja, da fängt die unsterbliche Ewigkeit an!

FLORA welche beide verwundert angesehen, den Flitt bemerkend. O bester Herr Flitt, warum stellen Sie sich dort unter den Scheffel der Bescheidenheit? Ich bitte Sie, helfen Sie mir die beiden Herren hier aufhalten, sie nehmen eben einen Anlauf, über diesen Tag hinwegzusetzen.

FLITT. So plumpen sie jenseits in die Nacht. – Ich für meine Person begnüge mich, nur den Saum der Nacht leise umzuschlagen, wie ein Karbonaro seinen Mantel, wenn er auf heimliche Verbindungen ausgeht. –

FLORA. Wie, auch Sie? Aber weshalb sind Sie denn alle gegen diesen Tag so erbost?

SCHLENDER in Ekstase. Tag? – O der Tag, der zerstreuungsvolle Tag – er fährt –

FLITT dicht vor ihn tretend, leise. Du bekommst wieder deinen poetischen Stich, schweig, oder ich trete dir die große Zehe platt.

SCHLENDER wie oben. Laß mich! – Der verschwenderische Tag, er fährt mit seinem balsamischen Staubmantel über die tränenduftende Stirne der Nacht und läßt das Veilchen unzerknickt, weil noch das Lämpchen glüht, und wandle auf Tuberosen und Vergißmeinnichts! –

FLORA. Vortrefflich, wollen Sie sich nicht mit der Violine dazu akkompagnieren? Das ist ja wie aus einem Stammbuch, das der Wind durcheinanderblättert, von jedem Blatt eine Zeile.

FLITT leise zu Flora. Lassen Sie ihn schwatzen – ich puppe mich unterdes in einen Schleier, bis mich der Mondschein ausbrütet, wie einen Nachtfalter.

FLORA. Schleier? – was denn?

FLEDER heimlich zu Flora. Ich lege die Hand aufs Herz und sage nichts, als – Nelke! –

FLORA. Nelke? – Für sich. Träume ich denn, oder sind sie alle hier vor lauter Müßiggang toll geworden?

SCHLENDER leise zu Flora. Ha meine Gedanken – alle stehn in jenem grünen Holz!

FLORA ihm furchtsam ausweichend. So lassen Sie sie nur stehen! Mit einer leichten Verbeugung gegen alle. Der Herr behüte Sie auf Ihren Holzwegen! Ab.

VICTOR zwischen dem Gebüsch hervorsehend. Ho, ho! hier ist, wie mir scheint, die Konfusion soeben im besten Humor. Laß sehen, ob ich sie aneinanderbringen kann. Er tritt vor. Was ist hier geschehen, meine Herren? Soeben eilte die Gräfin fort und prustete und nieste, blickte in die Sonne und nieste noch einmal.

SCHLENDER. Ja, Gott helf ihr! es gibt nächtliche Tageszeiten, wo keine Sonne scheint, und im Finstern geht der tugendhafteste Mensch darauf los, wie blind!

FLITT. Aber, Schlenderchen, Schlenderchen, du bist wahrhaftig zu voll, die Gedanken laufen dir schon über.

SCHLENDER. Was! ich mach mir nicht so viel aus ein paar lumpigen Gedanken! – O meine Wege sind nicht die deinigen!

FLITT. Nein, also geh du nur jetzt deiner Wege.

VICTOR leise zu Schlender. Wollen Sie das leiden? Er zeigt Ihnen –

SCHLENDER. Was zeigt er mir? Das sagen Sie mir einmal!-– Seht doch – ob ich leide oder nicht leide – und das geht Sie gar nichts an!

 

Er schreitet zornig über die Bühne auf und nieder.

 

 

FLITT sich vornehm zu Fleder wendend. Apropos, mein Lieber, werden Sie uns nicht einmal auf Ihrer Flöte etwas zum besten geben? Ich bin ein großer Gönner der Musik.

FLEDER. Ja, ich hoffe nächstens einen Ton anzugeben, der Sie in Erstaunen setzen dürfte. –

VICTOR leise zu Fleder. Besser, stärker angesetzt! blasen Sie die Backen auf wie auf der Drommete! –

FRIEDMANN sich von seiner Arbeit aufrichtend, zu Victor. Was ist denn das, wie sprechen denn die heute alle so verwirrt?

VICTOR auf die Stirn deutend. Hier – wißt Ihr noch nicht? – manchmal Anfälle –

FRIEDMANN. Wie! eines unglücklichen Deliriums? –

SCHLENDER plötzlich vor Flitt stehenbleibend. Und nun fängt es mich erst recht an zu wurmen – und wenn ich einmal in die Courage hineinkomme –

FLITT. Hör Schlender, bei der Gelegenheit muß es endlich heraus. Ja, dieser gemeine Ton – diese gewisse Familiarität zwischen uns, das muß künftig ganz aufhören.

SCHLENDER. Was?

FLITT. Es gibt Lagen in menschlichen Verhältnissen – wo man aus gebührender Rücksicht auf seine Familie –

SCHLENDER. Ih herrje! lauter Bärenführer und Puppenspieler! – O ja, ich gehe, wer in Pech tritt, läßt leicht den Absatz drin stecken. Ich empfehle mich, Herr Don Tragödio dellas Comedias! Ab.

FLITT. Ich habe es lange prophezeit, er wird so lange schnapsen, bis er überschnappt. – Zu Fleder. Wie gesagt, wenn ich Ihnen vielleicht dienen kann – es geschieht nichts weniger als gern – meine Reisen – bedeutende Konnexionen – nun, wir sprechen weiter davon.

FLEDER. O ja, ich bitte, wenn es beliebt, so spät und weit als möglich. Für sich. Ich fürchte mich vor ihm – ganz der gläserne Blick des stillen Wahnsinns –

FLITT. Adieu, Gärtner! Ab.

FRIEDMANN mit einer tiefen Verbeugung. Untertänigsten guten Morgen! – Bei alledem doch ein recht humaner, herablassender Herr –

FLEDER erstaunt. Wie ist Ihnen denn, mein Guter? warum erweisen Sie diesem Manne so unverhoffte Ehrerbietung?

FRIEDMANN. Ich – diesem Herren? Schauspieler, wollt ich sagen. – In der Tat: man kann bei solchen Schauspielern niemals aus dem ersten Auftritt ihren letzten Abtritt voraussehen – heute mitten unter uns, morgen über uns. –

FLEDER. Abtritt? über uns? Zu Victor leise. Was ist denn das? – Sie müssen den Mann ja genau kennen – ich hoffe doch nicht? –

VICTOR ebenso. Wahrhaftig, ich kann nicht leugnen – sein Verstand fuselt bisweilen.

FLEDER zu Friedmann. Nun, nun, beruhigen Sie sich, schon gut, schon gut, es kann hier bald, ja über Nacht, manches anders werden, man wird gern Rücksicht nehmen – ich werde nie aufhören, Mensch zu sein.

FRIEDMANN für sich. O Gott, er hat wahrhaftig soeben seinen Anfall! Laut. Möchten Sie nicht Ihre Flöte ein wenig vornehmen, vielleicht wird Ihnen besser? –

FLEDER. Besser? – Armer Mann!

FRIEDMANN. Ih! – Schade um den feinen Verstand!

 

Beide, sich voreinander scheuend, von verschiedenen Seiten ab.

 

 

VICTOR ihnen mit dem Hute nachschwenkend. Hetzoh, Hallali! das ist ein herrliches Jagdwetter heut! Und ist noch irgend Wahrheit in der Wahrscheinlichkeit, so erleben wir heut abend die kostbarste Prügelei, wenn die drei bei der Laube unversehens zusammenstoßen! Ab.

 

Dritter Aufzug

 

Erste Szene

 

 

 

Zimmer im Hause des Gärtners. Flora, als Offizier verkleidet, sitzt auf einem Stuhl, Marie kniet vor ihr und schnallt ihr die Sporen an.

 

 

FLORA.

Aber, Mühmchen, hast du auch recht vernommen?

MARIE.

Ich saß ja dicht hinter einem Strauch.

Sie wollen alle zur Laube kommen,

Graf Flitt und Schlender und Fleder auch,

Sie bilden wahrhaftig sich ein, die Narren,

Die Gräfin würd ihrer dort abends harren.

Pfui, das war ein Strecken und Blähn und Geschniegel –

Nichts langweil’ger, als ein zärtlicher Mann!

FLORA.

Ei nun, das kommt noch gar sehr drauf an,

Verliebte Augen sind lustige Spiegel,

Man sieht doch noch drin, daß man jung und schön.

MARIE.

Hm – da brauch ich bloß in den Brunnen zu sehn.

FLORA.

Aber hör, mit dem Victor – wie war das doch?

MARIE.

Mit dem? – Nun ich saß in dem Strauche noch,

Da schlich er durch den Garten ganz leise, leise

Und lacht in sich und blickt im Kreise,

Und ein Bündel trug er unter dem Arm,

Hauben und Bänder und Mäntel von Seiden,

Als wollt er seine Braut zur Hochzeit kleiden,

Alles zerknüllt, daß Gott erbarm! –

FLORA rasch aufspringend.

Es ist aber auch hier unausstehlich schwül!

MARIE.

Ei, ‘s ist gleich Nacht ja, es wird schon hübsch kühl.

FLORA an das offene Fenster tretend.

Ich bitt dich, Herzensmühmchen, so mach nur geschwind,

Und putze mich aus aufs allerbeste –

Draußen rührt schon der Abendwind

Vor dem Fenster die dunkeln Äste –

Der Springbrunnen rauscht, und die Sterne scheinen –

Was mag er nur mit dem Brautstaat meinen? –

MARIE mit Floras Anzug beschäftigt.

Der Victor? – Das blitzt wie von Edelsteinen!

Ein Offizier müßt’s sein, wenn ich einmal freite,

All’ andern sehn aus wie gemeine Leute.

FLORA.

Ich weiß doch ein Mühmchen, die auch Jäger gern mag.

MARIE.

Nein, die schmauchen mir gar zuviel Tabak!

FLORA.

So wendst du das Näschen und reichst ihm die Wange.

MARIE.

Wenn’s der Victor just wär – ich besönn mich nicht lange,

Er hat einen recht hübschen Schnitt um den Mund.

Aber sein Schnurrbart spielt alle Farben,

Das zeigt auf Falschheit im Herzensgrund,

Ich möcht ihn nicht zum Liebhaber haben.

FLORA.

Nun weiß ich doch, wo seine Feinde zu sprechen.

Weil er kein Narrengesicht kann sehn

Ohne eine Nase daran zu drehn,

So möchten sie ihn nun alle mit den Nasen erstechen –

Oh, die ärgsten sind die Stillen im Lande,

Die schleppen so schwer an ihrem Verstande,

Daß sie nicht kommen zu Lust und Witz,

Sie möchten gern donnern, aber es fehlt der Blitz –

MARIE in Lachen ausbrechend.

Gefangen! Zisch aus! – Du wirst ja ganz wilde. –

FLORA.

Ach! was nur führst du da wieder im Schilde!

MARIE.

Hm ich denke nur so was mir eben gefällt. –

FLORA.

Du bist recht kindisch. –

 

Sie schnallt den Degen um, und setzt den Hut auf.

 

 

Nun frisch ins Feld,

Ich bin jetzt gerade im rechten Humor!

MARIE.

Aber was hast du denn eigentlich da draußen vor?

FLORA.

Rettung, Entlarvung, List, Händel, Rumor. –

Erst stell ich mich heimlich hinter die Laube,

Bis sich die Bande versammelt zum Raube,

Dann brech ich als weitläuftiger Vetter vom Haus,

Der eben von Reisen kommt, plötzlich heraus,

Staun, frage, drück in die Augen den Hut,

Und wenn alles konfus recht, ruf ich voll Wut

Diener und Fackeln – und spieße verwegen

In der Luft so die Haube mit meinem Degen,

Die über dem Scheitel der Gräfin tut zücken.

Komm auch mit, lieb Mühmchen.

MARIE.

Das möchte sich schicken!

So unter Männern – in dem Gewirr!

FLORA.

Hüt dich! kluge Vögel werden am ersten kirr.

 

Beide ab.

 

 

 

Zweite Szene

 

 

 

Ein vom Schloß entlegener Teil des Gartens mit einer Laube zur Seite.

 

Es ist schon dunkel. Die Gräfin Adele tritt rasch auf, sich nach allen Seiten umsehend.

 

 

ADELE.

Hier auch kein Laut rings – nur die Bäume rauschen;

Das Schloß steht leer; wem ich begegne, weicht

Geheimnisvoll mir aus, und Büsch und Marmorbilder

Sehn in der Einsamkeit mich seltsam an,

Als schauert’ alles heimlich vor den Schatten,

In die vielleicht ein fröhlich atmend Herz

Auf ewig bald versinkt! – Dort an den Linden,

Wo sie sich treffen wollten, ist’s todstill. –

Er täuschte mich wohl nur, um ungestört

Ihn anderswo zu morden. – Oh, schon wächst

Und wächst das Schweigen rings; was soll ich tun,

Was lassen in der Not! – Vieltausendmal

Rief seinen Namen ich im Herzen leise,

Und wag’s nicht, laut zu schreien, wie ich möcht!

O Nacht, verhülle ihn – und meine Schande! –

 

Sie sinkt, das Gesicht verhüllend, auf einen

 

Rasensitz, dann sich wieder aufrichtend.

 

 

Seit wann kenn ich die Angst? – Es ist vorüber! –

Nie sag die Welt: die Tochter hoher Helden

Sei so entartet aller Heldenhoheit,

Daß sie verlernt, sich selbst zu überwinden.

Jetzt gleich, eh blut’ges Unheil sich begibt,

Brech ich die Rätsel dieser Mummerei,

Die dem gemeinen Trieb der Welt mich gleichgestellt. –

Noch einmal, als die freie Herrin, tret ich

Vor Florestin – und seh ihn nie mehr wieder!

 

Ab.

 

 

FLORA als Offizier, tritt vorsichtig auf. Horch – nein, es war der Wind im Laube. – Da schlägt es zehn im Dorfe unten. Sich schüttelnd. Es ist auch so entsetzlich still im ganzen Garten, daß man alle Bäche aus der Ferne rauschen hört. – Da – Fußtritte – es kömmt näher – geschwind in mein Versteck!

 

Sie verbirgt sich hinter der Laube.

 

Victor führt den Schlender an der Hand herein. Letzterer ist als Dame verkleidet, hat einen Schleier auf dem Hut und einen Nelkenstrauß an der Brust.

 

 

FLORA leise. Was ist das? – Victor – mit einer Dame!

SCHLENDER. Also die Gräfin wollte durchaus, daß ich als Frauenzimmer? –

VICTOR. Scht, scht! Das versteht sich – und der Nelkenstrauß ist das Feldzeichen, damit sie Sie gleich erkennt.

SCHLENDER. Aber die Gräfin selbst?

VICTOR. Wie ich Ihnen schon sagte, sie kommt als Mann, ganz wie Herr Arthur gekleidet. Merken Sie wohl? – verdammt schlau!

SCHLENDER. Ja wahrhaftig, verdammt pfiffig!

VICTOR. Aber die Nacht hat lange Ohren – die Gräfin wird daher, um alles Aufsehen zu vermeiden, auch ganz die Stimme des Herrn Arthur nachahmen; lassen Sie sich dadurch nicht irremachen.

SCHLENDER. Ich! da kennen Sie mich schlecht – ich irremachen! da bin ich gerade der rechte Mann darnach.

VICTOR. Das mein ich selbst. Aber Sie müssen auch Ihre Stimme etwas dünner machen.

SCHLENDER. Oh, das versteh ich aus dem Grunde! wenn mir zuweilen auf meiner Geige die Quinte springt, spiel ich sie mit dem Munde durch die ganze Sonate weiter fort.

VICTOR. Vortrefflich! So spielen Sie nur, Gott weiß, wer den Takt dazu schlagen wird. – Und nun geschwind den Schleier herab! Er bedeckt damit Schlenders Gesicht. So – jetzt lasse ich Sie mit Ihrem Glück allein. Für sich. Ich muß nun das andere Wild stellen. Ab.

SCHLENDER. He, Herr Victor, bleiben Sie, bleiben Sie doch noch ein wenig! – da streicht er wie eine Fledermaus durch die Gebüsche. –

FLORA. Wo sie nur so auf einmal hergelaufen ist? Wie ein in Gedanken stehengebliebener Haubenstock! – O ein auserlesener Geschmack, den der Victor hat! – Ob ich ihr lieber gleich die Augen auskratze?

SCHLENDER. Das ist das allerdümmste bei der Liebe, daß sie immer nachtwandeln will, wenn alle andern vernünftigen Kreaturen schlafen. – Ich fürcht mich grade nicht – was regt sich da? – Ich will nur etwas singen, das zerteilt die Gedanken. Er singt.

Der Himmel ist so trübe,

Es scheint nicht Mond noch –

Heda, wer ist da? wer ist da?

FLEDER tritt auf, für sich. Das ist die Gräfin – der Schleier – der Nelkenstrauß – Laut zu Schlender. Wie! – Ich erstaune – hier in Nacht und Tau –

SCHLENDER galant und immer mit verstellter Stimme. O es dürften wohl vielmehr die perlenden Tränen sein, die mein gefühlvolles Herz so im Promenadieren verloren hat.

FLORA für sich. Was! Ihr Herz hat doch nicht Löcher? Nun, ich glaub es wohl, Amors Pfeile mögen es schon übel zugerichtet haben.

FLEDER zu Schlender. Ich würde nie gewagt haben, dieses stille Gedankenheiligtum zu betreten – aber jener kleine Nelkenstrauß – sein Duft zieht Zauberkreise durch den stillen Garten rings, ich taumelte berauscht – nun richten Sie, verdammen Sie, wenn ich zu kühn –

SCHLENDER. Au contraire! Ich bin Ihnen außerordentlich verbunden für Ihre lange Nase – wollt sagen wohlriechende Nase – wollt sagen: daß Sie so weit riechen können –

FLEDER. Oh, wie unwiderstehlich kleidet Sie dieser natürliche Schmuck süßen Gekoses!

SCHLENDER. Ja, ich kann es nicht leugnen, mein Bau ist nicht übel, ich bin von jeher so ein dünner Schlankel gewesen.

FLEDER. Ja, das ist sie, das ist die Sprache der Liebe! –

SCHLENDER. Oh, ich kann’ s manchmal noch feiner, aber es greift die Lunge an.

FLEDER. Die Lunge? – So schweigen wir. Der Liebe Schweigen ist Gesang! – Oh, ich wüßte einen Mann, den ein einziger Druck dieses Händchens –

SCHLENDER. Mann? – Nein, wahrhaftig, wenn ich jemanden drücken sollte, so wäre es nur eine Dame. –

FLEDER. Eine Dame? –

SCHLENDER. Eine gewisse schöne Gräfin –

FLEDER. Die hier nicht weit ist –

SCHLENDER. Ja, und deren kirschrote Hand ich gern an meine Lilienlippen –

FLEDER. Wie! Sie wollen sich selbst die Hand küssen?

SCHLENDER. Mir selbst? – Das ist ja heute lauter Konfusion. Es ist auch so finster hier, daß man sein eigen Wort nicht versteht. – Aber es wundert mich nur, wie Sie so grob reden können.

FLEDER. Ich – grob? –

SCHLENDER. Ja, wirklich ganz wie der Herr Arthur.

FLEDER. Nun, das wäre eben keine große Kunst.

SCHLENDER. Nein, wahrhaftig nicht – so ein verlaufener Stadtpfeifer! – O werfen Sie diese Verstellung ab, wir sind unter uns, sein Sie wieder, wie Sie die Natur geschaffen hat!

FLEDER. In der Tat, ich fühle mich wunderbar überrascht – ich kann nicht in Abrede stellen – es könnte sein, daß hinter dieser bescheidenen Maske des armen Flötenspielers ein Mann –

SCHLENDER. Schon wieder ein Mann? – Aber warum wollen Sie denn gerade ein Mann sein?

FLEDER. Ich? – In der Tat – ich verstehe Sie nicht. – O lassen Sie uns diesen ernsten, heiligen Moment nicht in leichter Tändelei verscherzen!

SCHLENDER in steigender Begeisterung nach und nach in seine natürliche Stimme übergehend und auf Fledern eindringend. Ja, ich will kein Narr sein! – O diese pechschwarze Nacht, sie ist der Lichtpunkt in dem Silberblicke meines Seins – oder Nicht-Seins! – Ha, das ist keine Frage, daß mein Herz von dem nagenden Wurm der heimlichen Liebe zerfressen sei – aber ein tapferes Herz frägt nichts darnach, ob ihm die Seele zum Ellbogen heraushängt, wenn es in jene elysäischen Felder –

FLEDER der währenddes erstaunt vor Schlender zurückgewichen. Au, meine Zehen! – Mein Gott! ich glaube gar – Sie sind –

SCHLENDER zu Fleders Füßen sinkend. Der selige Schlender!

FLEDER. Ha, abscheulich! Jetzt seh ich –

SCHLENDER aufspringend und sich rasch umsehend. Wo? wen?

FLEDER. Verrat, heimtückischer Verrat! –

SCHLENDER. In der Tat, ich sah ihn schon vorher dort hinter der Laube –

FLEDER erschrocken. Wen?

SCHLENDER. Was? – Ich salvier mich!

FLEDER. Wenn ich nur wüßte, was es gibt – mein Gott, mein guter Ruf – ich eile dorthinaus!

SCHLENDER. Und ich dorthin!

 

Sie entlaufen nach verschiedenen Richtungen.

 

 

FLORA die währenddes, mit ihrem Säbel klirrend, rasch hervorgetreten ist.

Heda, halt, halt! – O liederliche Wirtschaft,

Wie Spreu im Wind! Wer kommt denn da schon wieder?

LEONARD bewaffnet, bleibt im Hintergrunde, zurücksehend, stehen.

Die Kammerjungfer war’s, die dort entfloh –

Auch nicht ein Mäuschen fand ich an der Linde.

Hieher sah ich vorhin sie gehn – von hier

Entwich sie jetzt. – Frischauf! an jedem Strauch

Und Zaune will ich rütteln! dann laß sehn,

Wo der Galan die Hasenohren andrückt!

 

Flora erblickend.

 

 

Wer schleicht da? – Steh! ich denk, dich sucht ich eben!

Warst du hier mit der Gräfin Kammerjungfer?

FLORA.

Gewiß. – Es wär unmöglich, uns zu trennen.

LEONARD.

So liebt ihr euch?

FLORA.

Nicht sonderlich. Sie macht

Viel Unruh mir, bei Nacht durch lose Träume,

Und abends wohl durch manchen dummen Streich!

LEONARD.

Ei seht, wie klug und fein das Zünglein schwatzt. –

Wer gab das Recht dir, ohne rechte Liebe

Mit güldner Sporn und glatter Worte Klang

Ein fröhlich stilles Herz schnöd zu betören?

FLORA.

Fürwahr, gäb’s so ein Recht, ich hätt’s zunächst.

Doch könnt das, glaub ich, andern besser glücken. –

LEONARD.

Du schmähst sie noch! – Sieh, ich bin just kein Raufer,

Doch rauft’s mich bei den Haaren recht dazu,

Mit meinem Degen hier zu untersuchen,

Ob du auch Manns genug zu einem Freier.

FLORA.

Ih, Gott behüt mich!

LEONARD.

Ja, wie’ s Gott gefällt.

Ich weiß nicht, wer von uns der größte Narr hier –

Doch sind Verliebte, wie man sagt, Genies,

Die Hohes tun und Tolles, weil sie müssen!

So genial ist eben mir zumute –

Kurz: zieh vom Leder, Fant, wehr dich! Zieh aus! –

FLORA.

Sehr gern. –

 

Für sich.

 

 

Ich kenn hier jeden Schlich. So ‘n Mannsbild

Im tölp’schen Eifer stolpert tausendmal. –

 

Sie entflieht.

 

 

LEONARD.

Heißa, bunt Vögelchen, entfliegst mir nicht!

Ich spür so was vom Habicht heut in mir!

 

Ihr nach.

 

 

 

Dritte Szene

 

 

 

Einsamer Waldplatz. Flitt tritt auf, sieht sich nach allen Seiten um und pfeift dann auf dem Finger. Knoll erscheint im Hintergrunde und beantwortet das Signal auf dieselbe Weise.

 

 

FLITT. Bist du toll! Wozu pfeifst du erst, Hanswurst, wenn du selber schon da bist?

KNOLL. Damegogen und Karbonaden! das ist der Komment so, wo’s was Verschworenes gibt.

FLITT. Ich bitt dich, liebstes Ungeheuer, möchtest du nicht die Güte haben und hier deinen Rachen ein wenig zähmen? Du kommst schon wieder wie ein Haifisch dahergefahren und schnappst nach den Trümmern deiner in Tertia gestrandeten Gelehrsamkeit. – Sprich, alter bemooster Tertianer, sind die Pferde am Walde bereit?

KNOLL. Rosse und Karosse und alle Madrigalien nebst Impertinenzen sind zu der Entführung prädesteniert.

FLITT. Ich glaube gar, du hast deine alte fliegende Kalesche mitgebracht, in der du immer zum Ochsenmarkt fährst, mit deinem Brustbild von gelben Zwecken an der Tür. Die rumpelt ja in der Nacht, daß man uns bis zum andern Morgen hört, und hängt von der einen Seite hintenüber; ich hoffe, sie sollen dich, wenn’s einmal flink über die Steine geht, draus verlieren wie einen Sack voll Kaldaunen.

KNOLL. Labet egal! Es wird mich niemand in die Tasche stecken. – Aber warum treten Ew. Gnaden hier Ihrem eigenen Schatten auf die Fersen im Mondscheine? Warum sind Sie nicht schon im Garten, auf dem Place de Grandefuß? Sie haben doch dort nicht etwa ein Haar drin gefunden?

FLITT. Nein, sondern einen ganzen Schopf von Haaren; ich weiß nicht, welchem Querkopf er angehören mochte. Dort ist es nicht geheuer. Aber es tut nichts. Wir wollen die Gräfin hier erwarten, hier muß sie durchaus vorüberkommen, wenn sie zu dem verabredeten Platze geht. Gib acht! sobald sie kommt, stellst du dich als chinesisches Lusthaus oder umgestülpte Baumwurzel zur Seite – für den Notfall – ich aber bringe die Gräfin über die Rosen und Vergißmeinnicht lieblicher Redensarten zu den Pferden, du begleitest uns immerfort in einiger Entfernung wie eine Batterie von schweren Stücken und triffst mit uns zugleich am Wagen ein. – Gelingt es, Knoll, so will ich dich mit kalekutischen Hähnen und Rinderkeulen vollstopfen und dann in goldene Reifen schlagen –

KNOLL. Schlagen? – Ja, ich hoffe, wir sollen heute hier die schönsten Prügel bekommen. Aber es verschlägt nichts. So ein Spaß ist schon ein Dutzend Beulen und Rippenstöße wert; mir kommen sie nicht so leicht durch den Speck.

FLITT. O du gemeine Seele! – O du sanguinische, materialistische Talggrube, in der der Teufel nichts tut, als Schmalz kochen, den er nächstens als Speckschwarte in seinem Schornstein aufhängen wird, den –

KNOLL. Silentium! da ist sie, da ist sie! Ich nehme meinen Abtritt. Er tritt hinter die Kulissen.

FLITT. Wahrhaftig, da kommt die Gräfin wie die bleiche Furcht dahergeflattert. Sie wird noch den Nelkenstrauß verlieren – wie der grüne Schleier im Winde fliegt! –

SCHLENDER noch in der vorigen Damenkleidung mit herabgelassenem Schleier, atemlos hereinstürzend. Flitt – rette mich! – Verraten – Offiziere und zehn oder hundert Gemeine und blanke Schwerter und Dolche und alles hinter mir drein! –

FLITT. Wo? ich hoffe doch nicht gar. – Nun gilt es rasch sein! Schnelle Pferde sind bereit, ergebene Treue denkt an alles. –

SCHLENDER. Was? –

FLITT. Der starke Gott der Liebe steht voll Schwermut uns zur Seite, und bei dem ersten Morgenstrahl beschirmt ein Strohdach zwei beglückte Herzen!

SCHLENDER. Wie?

FLITT. Um Gottes willen! nur keinen Laut jetzt, sonst sind wir alle verloren –

SCHLENDER. Aber –

FLITT. Nur still, nur fort! – Schlendern mit einem Arm umfassend und fortführend, für sich. Süße Beute! Nun laß die Narren mit ihren Wünschelruten angeln, ich hab den Schatz gehoben. – Schlau muß man sein!

 

Ab mit Schlender.

 

 

KNOLL aus seinem Hinterhalte den andern rasch folgend. Katabomben und Sonaten, ich deck das champs de canaille! –

 

Vierte Szene

 

 

 

Wieder der Teil des Gartens mit der Laube, wie in der zweiten Szene dieses Aufzugs. Flora tritt eilig auf, Don Leonard und Victor von verschiedenen Seiten verfolgt.

 

 

FLORA.

Was tu ich nur? Mondsüchtig sind sie alle.

Verwünschte Hosen und verwunschner Victor!

Wo nur ein Narr fehlt, ist er gleich zur Hand.

VICTOR für sich.

Sie denkt, ich kenn sie nicht. – Die will ich ängst’gen!

 

Laut.

 

 

Hallo, trara! Mein Hirschlein, springst recht artig!

Ist denn kein Zaun mehr, drüber wegzusetzen? –

Ein leichtes Wild und liebt bei Nacht zu wechseln.

FLORA.

Ich wünscht, du wärst ein Hirsch und hättst Geweihe

So hoch, daß du im Wald dran hängenbliebst!

LEONARD.

Nun, Bürschchen, hast du deinen Mut erjagt?

Steh still und zieh! Die Hälfte deines Schnurrbarts

Mäh ich dir sauber ab – mehr will ich nicht. –

FLORA.

Ich bitt Euch, seid gescheut! Mit zweien fechten! –

VICTOR.

Mit ihm allein nähmst du’s wohl auf?

LEONARD zu Victor.

Geh, halt die Scheide fest, hilf ihm herausziehn.

VICTOR faßt das untere Ende von Floras Degen.

So – Nun beleidigt ihn noch etwas wen’ges,

Sonst kriegen wir ihn nicht heraus! –

FLORA zieht den Degen, läßt ihn aber schnell wieder sinken.

Nein, nein,

Mir graut zu sehr! – Hört doch! –

VICTOR.

Nachher!

LEONARD.

Den Bart!

FLORA.

Ich bin kein Mann –

LEONARD.

Ach, das könnt jeder sagen!

 

Sie fechten.

 

Die Gräfin Adele in veränderter, ihren Stand bezeichnender Kleidung, rasch auftretend.

 

 

Von hier kam Waffenklang –

 

Sie erblickt die Fechtenden und stürzt sich zwischen die Degen an Leonards Brust.

 

 

Mein Florestin! –

LEONARD.

Was ist dir, scheues Kind? Welch prächt’ge Kleider! –

Du hast dich so verändert diesen Abend –

Ich kenn dich kaum mehr – nur der schöne Klang

Der Stimme dringt wie ehmals noch zum Herzen

Und weiß von Falschheit nicht. –

ADELE sich von Leonards Brust erhebend, mit Hoheit.

Das falsche Spiel

Komm ich zu enden. –

 

Auf Flora deutend.

 

 

Wer ist dieser Mann?

FLORA vor der Gräfin niederknieend.

Ach! Einer, der gern Federhut, Schwert, Schnurrbart

Und alle Manneswürde jetzt dahingäb

Um einen einz’gen Weiberrock – ein Mutwill,

Der seinen Willen eben hart gebüßt,

Weil er den Mut dazu nicht konnt erschwingen. –

LEONARD sich vor die Stirn schlagend.

O Tor! – ein Weib wollt ich zum Ritter schlagen! –

 

Man sieht in der Ferne den Widerschein von Fackeln.

 

 

ADELE die bisher in Gedanken versunken dastand, plötzlich aufsehend.

Welch wilder Haufe naht dort? – was bedeutet

Der Fackelschein?

LEONARD freudig.

Bei Gott, ich hoffe: Hochzeit! –

FLORA die noch kniete, aufspringend.

Und Hochzeit: Freude, und wer froh, verzeiht gern. –

O sein Sie wieder meine gnäd’ge Gräfin!

LEONARD.

Was ist denn das? – Sind Sie denn nicht? –

ADELE Leonarden mit der Hand abwehrend.

O fort,

Fort, eh die andern kommen!

LEONARD.

Nein – um Gott!

Wer von den beiden ist die Gräfin? –

ADELE.

Ich!

 

Sie verbirgt ihr Gesicht an Floras Brust und bleibt in dieser Stellung. Unterdessen treten Friedmann und Bedienten mit Fackeln auf.

 

 

FLORA zur Gräfin.

Was ist geschehn? – Gehn wir nach Haus – Sie weinen –

FRIEDMANN.

Dem alten treuen Diener sei’s vergönnt –

Ein Wort nur: – Wunderliche Reden kreuzten –

Wie Fledermäuse, durch die Dämmerung,

Ein Flüstern, Schlüpfen, heimlich her und hin –

Auch Pferde wollt man sehn am Saum des Gartens

Und einen fremden, furchtbar dicken Mann. –

Ein treuer Diener vigiliert auf alles;

»Ja«, rief ich, »alter Gärtner, exponier dich!

Was kann es kosten, als dein graues Haupt!« –

Ich rief sogleich die Burschen hier zusammen,

Bei Fackelschein durchstreichen wir den Wald;

Da hören wir’s noch fern im Grunde rumpeln,

Dazwischen Stimmen zankend durch die Nacht,

Dann alles wieder still. – Nur einen einz’gen

Erwischten wir dort auf verdächt’ger Flucht;

Ich fürchte sehr, sein Kopf sitzt ihm was schief –

Er spricht ganz wirr: von Damen, die nicht Damen –

FLEDER sich von den Dienern losmachend, tritt stolz hervor.

Ich sag’s Euch, hütet Euch vor meinem Zorn!

Es träf sich leicht – die Gräfin hält mich hoch –

FRIEDMANN.

Schon wieder! – Ei, besinnen Sie sich doch! –

FLEDER.

Fort, Mummerei! – Ich bin der Hofrat Fleder! –

FRIEDMANN.

Oho! – Sanft, sanft! Gemach! – Nein, packt ihn nicht! –

FLEDER Leonarden bemerkend.

Ein Wörtchen nur mit jenem Herren dort –

Graf Leonard! –

ADELE die sich bei diesen Worten aufgerichtet hat, Leonarden erstaunt ansehend.

Mein Gott! – Sie sind –?

LEONARD sich vor ihr auf ein Knie senkend.

Der Graf. –

FLEDER.

Dem Präsidenten eil ich’s zu berichten,

Wie hier sein Neffe, seines Hauses Stolz,

Bei Nacht sich wegwirft an ein Kammermädchen,

Die freilich lieber Gräfin wär, als Jungfer.

 

Ab.

 

 

LEONARD zu Adele.

Mir träumte einst von einem süßen Kinde –

O sprich noch einmal aus dem schönen Traum

Zu Florestin: – Bedeutet’s Hochzeit? –

ADELE zögernd und leise.

Ja! –

LEONARD rasch aufspringend und ihre Hand fassend.

Musik! Nun Jäger, laßt die Hörner klingen!

Voran die Fackeln! daß die Ström im Grunde

Und alle Fenster in dem stillen Schloß

Aufblitzen in dem lust’gen Widerscheine!

Tag soll es sein – mir ist so licht im Herzen!

 

Er führt die Gräfin schnell fort. Hörnerklang, nach und nach immer ferner und leiser.

 

 

VICTOR.

Da mag der Teufel Junggeselle bleiben!

 

Er hebt Flora hoch auf seinen Arm.

 

 

Wild warst du stets, und Wild gehört für Jäger!

Hier ist der Jäger in das Wild geschossen,

Ich bin just recht im Schuß – Hoch, lust’ge Braut!

 

Er trägt sie fort.

 

 

FRIEDMANN schreit.

Vivat! und Feuerwerk und Hochzeitscarmen!

 

Alle ab.

 

 

Ende

 

 

 

 

Annette von Droste-Hülshoff – Westfälische Schilderungen

Annette von Droste-Hülshoff

Westfälische Schilderungen

I

Wenn wir von Westfalen reden, so begreifen wir darunter einen großen, sehr verschiedenen

Landstrich, verschieden nicht nur den weit auseinanderliegenden Stammwurzeln seiner

Bevölkerung nach, sondern auch in allem, was die Physiognomie des Landes bildet, oder

wesentlich darauf zurückwirkt, in Klima, Naturform, Erwerbsquellen, und, als Folge dessen, in

Kultur, Sitten, Charakter, und selbst Körperbildung seiner Bewohner: daher möchten wohl wenige

Teile unsers Deutschlands einer so vielseitigen Beleuchtung bedürfen.

Zwar gibt es ein Element, das dem Ganzen, mit Ausnahme einiger kleinen Grenzprovinzen, für den

oberflächlichen Beobachter einen Anhauch von Gleichförmigkeit verleiht, ich meine das des

gleichen (katholischen) Religionskultus, und des gleichen früheren Lebens unter den

Krummstäben, was, in seiner festen Form und gänzlicher Beschränkung auf die nächsten Zustände,

immer dem Volkscharakter und selbst der Natur einen Charakter von bald beschaulicher, bald in

sich selbst arbeitender Abgeschlossenheit gibt, den wohl erst eine lange Reihe von Jahren, und

die Folge mehrerer, unter fremden Einflüssen herangebildeter Generationen völlig verwischen

dürften. Das schärfere Auge wird indessen sehr bald von Abstufungen angezogen, die in ihren

Endpunkten sich fast zum Kontraste steigern, und, bei der noch großenteils erhaltenen

Volkstümlichkeit, dem Lande ein Interesse zuwenden, was ein vielleicht besserer, aber

zerflossener Zustand nicht erregen könnte. – Gebirg und Fläche scheinen auch hier, wie

überall, die schärferen Grenzlinien bezeichnen zu wollen; doch haben, was das Volk betrifft,

Umstände die gewöhnliche Folgenreihe gestört, und statt aus dem flachen, heidigen

Münsterlande, durch die hügelige Grafschaft Mark und das Bistum Paderborn, bis in die, dem

Hochgebirge nahestehenden Bergkegel des Sauerlandes (Herzogtum Westfalen) sich der Natur

nachzumetamorphosieren, bildet hier vielmehr der Sauerländer den Übergang vom friedlichen

Heidebewohner zum wilden, fast südlich durchglühten, Insassen des Teutoburger Waldes. – Doch

lassen wir dieses beiläufig beiseite, und fassen die Landschaft ins Auge, unabhängig von ihren

Bewohnern, insofern die Einwirkung derselben (durch Kultur etc.) auf deren äußere Form dieses

erlaubt.

Wir haben bei Wesel die Ufer des Niederrheins verlassen, und nähern uns durch das, auf der

Karte mit Unrecht Westfalen zugezählte, noch echt rheinische Herzogtum Kleve, den Grenzen

jenes Landes. Das allmählige Verlöschen des Grüns und der Betriebsamkeit; das Zunehmen der

glänzenden Sanddünen und einer gewissen lauen, träumerischen Atmosphäre, sowie die aus den

seltenen Hütten immer blonder und weicher hervorschauenden Kindergesichter sagen uns, daß wir

sie überschritten haben, – wir sind in den Grenzstrichen des Bistums Münster. – Eine trostlose

Gegend! unabsehbare Sandflächen, nur am Horizonte hier und dort von kleinen Waldungen und

einzelnen Baumgruppen unterbrochen. – Die von Seewinden geschwängerte Luft scheint nur im

Schlafe aufzuzucken. – Bei jedem Hauche geht ein zartes, dem Rauschen der Fichten ähnliches

Geriesel über die Fläche, und säet den Sandkies in glühenden Streifen bis an die nächste Düne,

wo der Hirt in halb somnambüler Beschaulichkeit seine Socken strickt, und sich so wenig um uns

kümmert, als sein gleichfalls somnambüler Hund und seine Heidschnucken. – Schwärme badender

Krähen liegen quer über den Pfad, und flattern erst auf, wenn wir sie fast greifen könnten, um

einige Schritte seitwärts wieder niederzufallen, und uns im Vorübergehen mit einem

weissagenden Auge, »oculo torvo sinistroque« zu betrachten. – Aus den einzelnen

Wacholderbüschen dringt das klagende, möwenartige Geschrill der jungen Kiebitze, die wie

Tauchervögel im Schilf in ihrem stachligen Asyle umschlüpfen, und bald hier bald drüben ihre

Federbüschel hervorstrecken. – Dann noch etwa jede Meile eine Hütte, vor deren Tür ein paar

Kinder sich im Sande wälzen und Käfer fangen, und allenfalls ein wandernder Naturforscher, der

neben seinem überfüllten Tornister kniet, und lächelnd die zierlich versteinerten Muscheln und

Seeigel betrachtet, die wie Modelle einer frühern Schöpfung hier überall verstreut liegen, –

und wir haben alles genannt, was eine lange Tagereise hindurch eine Gegend belebt, die keine

andere Poesie aufzuweisen hat, als die einer fast jungfräulichen Einsamkeit, und einer

weichen, traumhaften Beleuchtung, in der sich die Flügel der Phantasie unwillkürlich

entfalten. – Allmählich bereiten sich indessen freundlichere Bilder vor, – zerstreute

Grasflächen in den Niederungen, häufigere und frischere Baumgruppen begrüßen uns als Vorposten

nahender Fruchtbarkeit, und bald befinden wir uns in dem Herzen des Münsterlandes, in einer

Gegend, die so anmutig ist, wie der gänzliche Mangel an Gebirgen, Felsen und belebten Strömen

dieses nur immer gestattet, und die wie eine große Oase, in dem sie von allen Seiten, nach

Holland, Oldenburg, Kleve zu, umstäubenden Sandmeer liegt. – In hohem Grade friedlich, hat sie

doch nichts von dem Charakter der Einöde, vielmehr mögen wenige Landschaften so voll Grün,

Nachtigallenschlag und Blumenflor angetroffen werden, und der aus minder feuchten Gegenden

Einwandernde wird fast betäubt vom Geschmetter der zahllosen Singvögel, die ihre Nahrung in

dem weichen Kleiboden finden. – Die wüsten Steppen haben sich in mäßige, mit einer

Heidenblumendecke farbig überhauchte Weidestrecken zusammengezogen, aus denen jeder Schritt

Schwärme blauer, gelber und milchweißer Schmetterlinge aufstäuben läßt. – Fast jeder dieser

Weidegründe enthält einen Wasserspiegel, von Schwertlilien umkränzt, an denen Tausende kleiner

Libellen wie bunte Stäbchen hängen, während die der größeren Art bis auf die Mitte des Weihers

schnurren, wo sie in die Blätter der gelben Nymphäen, wie goldene Schmucknadeln in emaillierte

Schalen niederfallen, und dort auf die Wasserinsekten lauern, von denen sie sich nähren. – Das

Ganze umgrenzen kleine, aber zahlreiche Waldungen. – Alles Laubholz, und namentlich ein

Eichenbestand von tadelloser Schönheit, der die holländische Marine mit Masten versieht – in

jedem Baume ein Nest, auf jedem Aste ein lustiger Vogel, und überall eine Frische des Grüns

und ein Blätterduft, wie dieses anderwärts nur nach einem Frühlingsregen der Fall ist. – Unter

den Zweigen lauschen die Wohnungen hervor, die langgestreckt, mit tief niederragendem Dache,

im Schatten Mittagsruhe zu halten und mit halbgeschlossenem Auge nach den Rindern zu schauen

scheinen, welche hellfarbig und gescheckt wie eine Damwildherde sich gegen das Grün des

Waldbodens oder den blassen Horizont abzeichnen, und in wechselnden Gruppen durcheinander

schieben, da diese Heiden immer Allmenden sind, und jede wenigstens sechzig Stück Hornvieh und

darüber enthält. – Was nicht Wald und Heide ist, ist Kamp, d.h. Privateigentum, zu Acker und

Wiesengrund benützt, und, um die Beschwerde des Hütens zu vermeiden, je nach dem Umfange des

Besitzes oder der Bestimmung, mit einem hohen, von Laubholz überflatterten Erdwalle umhegt. –

Dieses begreift die fruchtbarsten Grundstrecken der Gemeinde, und man trifft gewöhnlich lange

Reihen solcher Kämpe nach- und nebeneinander, durch Stege und Pförtchen verbunden, die man mit

jener angenehmen Neugier betritt, mit der man die Zimmer eines dachlosen Hauses durchwandelt.

Wirklich geben auch vorzüglich die Wiesen einen äußerst heitern Anblick durch die Fülle und

Mannigfaltigkeit der Blumen und Kräuter, in denen die Elite der Viehzucht, schwerer

ostfriesischer Rasse, übersättigt wiederkaut, und den Vorübergehenden so träge und hochmütig

anschnaubt, wie es nur der Wohlhäbigkeit auf vier Beinen erlaubt ist. Gräben und Teiche

durchschneiden auch hier, wie überall, das Terrain, und würden, wie alles stehende Gewässer,

widrig sein, wenn nicht eine weiße, von Vergißmeinnicht umwucherte Blütendecke und der

aromatische Duft des Münzkrautes dem überwiegend entgegenwirkten; auch die Ufer der träg

schleichenden Flüsse sind mit dieser Zierde versehen, und mildern so das Unbehagen, das ein

schläfriger Fluß immer erzeugt. – Kurz diese Gegend bietet eine lebhafte Einsamkeit, ein

fröhliches Alleinsein mit der Natur, wie wir es anderwärts noch nicht angetroffen. – Dörfer

trifft man alle Stunde Weges höchstens eines, und die zerstreuten Pachthöfe liegen so

versteckt hinter Wallhecken und Bäumen, daß nur ein ferner Hahnenschrei, oder ein aus seiner

Laubperücke winkender Heiligenschein sie dir andeutet, und du dich allein glaubst mit Gras und

Vögeln, wie am vierten Tage der Schöpfung, bis ein langsames »Hott« oder »Haar« hinter der

nächsten Hecke dich aus dem Traume weckt, oder ein grell anschlagender Hofhund dich auf den

Dachstreifen aufmerksam macht, der sich gerade neben dir, wie ein liegender Balken durch das

Gestripp des Erdwalls zeichnet. – So war die Physiognomie des Landes bis heute, und so wird es

nach vierzig Jahren nimmer sein. – Bevölkerung und Luxus wachsen sichtlich, mit ihnen

Bedürfnisse und Industrie. Die kleinern malerischen Heiden werden geteilt; die Kultur des

langsam wachsenden Laubwaldes wird vernachlässigt, um sich im Nadelholze einen schnellern

Ertrag zu sichern, und bald werden auch hier Fichtenwälder und endlose Getreidseen den

Charakter der Landschaft teilweise umgestaltet haben, wie auch ihre Bewohner von den uralten

Sitten und Gebräuchen mehr und mehr ablassen; fassen wir deshalb das Vorhandene noch zuletzt

in seiner Eigentümlichkeit auf, ehe die schlüpferige Decke, die allmählich Europa überfließt,

auch diesen stillen Erdwinkel überleimt hat.

Wir haben diesen Raum des Münsterlandes eine Oase genannt, so sind es auch wieder Steppen,

Sand-und Fichtenöden, die uns durch Paderborn, die ehemalige Residenz- und Grenzstadt, in das

Bistum gleichen Namens führen, wo die Ebene allmählich zu Hügeln anschwillt, von denen jedoch

die höchsten – der jenseitigen Grenze zu – die Höhe eines mäßigen Berges nicht übersteigen. –

Hier ist die Physiognomie des Landes bei weitem nicht so anziehend, wie die seiner Bewohner,

sondern ein ziemlich reizloser Übergang von der Fläche zum Gebirge, ohne die Milde der ersten

oder die Großartigkeit des letzteren, – unabsehbare Getreidfelder, sich über Tal und Höhe

ziehend, welche die Fruchtbarkeit des Bodens bezeugen, aber das Auge ermüden, – Quellen und

kleine Flüsse, die recht munter laufen, aber gänzlich ohne Geräusch und die phantastischen

Sprünge der Bergwässer, – steinichter Grund, der, wo man nur den Spaden einstößt, treffliches

Baumaterial liefert, aber nirgends eine Klippenwand vorstreckt, außer der künstlichen des

Steinbruchs, – niedere Berge von gewöhnlicher Form, unter denen nur die bewaldeten auf einige

Anmut Anspruch machen können, bilden zusammen ein wenig hervorstechendes Ganze. – Selbst der

klassische Teutoburger Wald, das einzige zwar nicht durch Höhe, aber durch seine Ausdehnung

und mitunter malerischen Formen imposante Waldgebirge, ist in neueren Zeiten so durchlichtet,

und nach der Schnur beforstet worden, daß wir nur mit Hülfe der roten (eisenhaltigen) Erde,

die fortwährend unter unsern Tritten knistert, sowie der unzähligen fliegenden Leuchtwürmchen,

die hier in Sommernächten an jeden Zweig ihr Laternchen hängen, und einer regen Phantasie von

»Stein, Gras und Grein« träumen können. – Doch fehlt es dem Lande nicht an einzelnen Punkten,

wo das Zusammentreffen vieler kleinen Schönheiten wirklich reizende Partien hervorbringt, an

hübschen grünen Talschluchten, z.B. von Quellen durchrieselt, wo es sich recht anmutig, und

sogar ein wenig schwindelnd, durch die schlanken Stämme bergauf schauen läßt; liegt nun etwa

noch ein Schlößchen droben, und gegenüber ein Steinbruch, der fürs Auge so ziemlich die

Klippen ersetzt, so wird der wandernde Maler gewiß sein Album hervorlangen, und der

benachbarte Flachländer kehrt von seiner Ferienreise mit Stoff zu langen Erzählungen und

Nachentzückungen heim;- ein Dorf am Fuße des Berges kann übrigens das Bild nur verderben, da

das Bistum Paderborn hiervon ausgemacht die elendesten und rauchigsten Exemplare Westfalens

aufzuweisen hat, ein Umstand, zu dem Übervölkerung und Leichtsinn der Einwohner zu gleichen

Teilen beitragen.

Haben wir die paderbornsche Grenze – gleichviel ob zur Rechten oder zur Linken –

überschritten, so beginnt der hochromantische Teil Westfalens, rechts das geistliche

Fürstentum Corvey, links die Grafschaft Mark; ersteres die mit Recht berühmten

Weserlandschaften, das andere die gleich schönen Ruhr-und Lenne-Ufer umschließend. – Diese

beiden Provinzen zeigen, obwohl der Lage nach getrennt, eine große Verwandtschaft der Natur,

nur daß die eine durch segelnde Fahrzeuge, die andere durch das Pochen der Hämmer und Gewerke

belebt wird; beide sind gleich lachend und fruchtbar, mit gleich wellenförmigen, üppig

belaubten Bergrücken geschmückt, in die sich nach und nach kühnere Formen und Klippenwände

drängen, bis die Weserlandschaft wie eine Schönheit, die ihren Scheitelpunkt erreicht hat,

allmählich wieder einsinkt und gleichsam abwelkt, während von der Ruhr aus immer kühnere

Gebirgsformen in das Herz des Sauerlandes dringen, und sich durch die höchste romantische

Wildheit bis zur Öde steigern. Daß die vielbesprochene Porta Westfalica nur einen geringen

Beitrag zu jener Bilderreihe steuert, und nur den letzten zweifelhaften beau jour der bereits

verblichenen Weserschönheit ausmacht, ist schon öfters gesagt worden; desto reizender ist der

Strombord in seinem Knospen, Erblühen und Reifen das Corveyer Ländchen und die anschließenden

Striche entlang bis zur kurhessischen Grenze: so sanfte Berghänge und verschwimmende Gründe,

wo Wasser und Land sich zu haschen und einander mit ihrer Frische anzuhauchen scheinen; so

angenehme Kornfluren im Wechsel mit Wiese und Wald; so kokette Windungen des Stroms, daß wir

in einem Garten zu wandeln glauben. – Immer mannigfaltiger wird die Landschaft, immer reicher

schattiert von Laub- und Nadelholz, scharfen und wellenschlagenden Linien. – Hinter dem alten

Schlosse Wehern und der Türkenruine hebt der Wildberg aus lustigen Hügeln, die ihn wie vom

Spiel ermüdete Kinder umlagern, seinen stachligen Sargrücken, und scheint nur den Kathagenberg

gegenüber, der ihn wie das Knochengebäude eines vorweltlichen Ungeheuers aus roten Augenhöhlen

anstarrt, seiner Beachtung wert zu halten. – Von hier an beginnen die Ufer steil zu werden,

mit jeder Viertelstunde steiler, hohler und felsiger, und bald sehen wir von einer

stundenlangen, mit Mauern und Geländern eingehegten Klippe die Schiffe unter uns gleiten,

klein wie Kinderspielzeug, und hören den Ruf der Schiffer, dünn wie Möwenschrei, während hoch

über uns von der Felsterrasse junge Laubzweige niederwinken, wie die Hände schöner Frauen von

Burgzinnen. – Bei dem neuantiken Schlosse Herstelle hat die Landschaft ihren Höhepunkt

erreicht, und geht, nach einer reichen Aussicht, die Weser entlang, und einem schwindelnden

Niederblicke auf das hessische Grenzstädtchen Karlshafen, der Verflachung und überall dem

Verfall entgegen.

Diesen ähnliche Bilder bietet die Grafschaft Mark, von gleicher teils sanften, teils kräftiger

auftretenden Romantik, und durch die gleichen Mittel. – Doch ist die Landschaft hier belebter,

reicher an Quellengeräusch und Echo, die Flüsse kleiner und rascher, und statt Segel bei uns

vorbeigleiten zu lassen, schreiten wir selbst an schäumenden Wehren und Mühlrädern vorüber,

und hören schon weither das Pochen der Gewerke, denn wir sind in einem Fabriklande. – Auch ist

die Gegend anfangs, von der Nähe des Münsterlandes angehaucht, noch milder, die Täler

träumerischer, und tritt dagegen, wo sie sich dem eigentlichen Sauerlande nähert, schon kühner

auf als die Weser. – Das »Felsenmeer« unweit Menden z.B. – ein Tal, wo Riesen mit wüsten

Felswürfeln gespielt zu haben scheinen – und die Bergschlucht unter der Schloßruine und der

bekannten Tropfsteinhöhle Klusenstein dürfen ungezweifelt einen ehrenvollen Platz im Gebiete

des Wildromantischen ansprechen, sonderlich das letzte, und eben diese starr gegeneinander

rückenden Felswände, an denen sich der kaum fußbreite Ziegenpfad windet – oben das alte

Gemäuer, in der Mitte der schwarze Höllenschlund, unten im Kessel das Getöse und Geschäum der

Mühle, zu der man nur vermittelst Planken und Stege gelangt, und wo es immer dämmert – sollen

dem weiland vielgelesenen Spies den Rahmen zu einem seiner schlimmsten Schauerromane (ich

glaube die Teufelsmühle im Höllental) geliefert haben. – Doch sind dieses Ausnahmen, die

Landschaften durchgängig sanft, und würden, ohne die industrielle Regsamkeit ihrer Bewohner,

entschieden träumerisch sein. – Sobald wir die Fläche überschritten, verliert sich indessen

das Milde mehr und mehr, und bald begegnet es uns nur noch in einzelnen, gleichsam verirrten

Partien, die uns jetzt durch ihre Seltenheit so überraschend anregen, wie früher die kühneren

Formen, von denen wir fortan, durch tagelange Wanderungen, fast übersättigt werden. – Der

Sauerländer rühmt sich eines glorreichen Ursprungs seiner Benennung – »dieses ist mir ein

saures Land geworden«, soll Karl der Große gesagt haben – und wirklich, wenn wir uns durch

die, mit Felsblöcken halb verrammelten Schluchten des Binnenlandes winden, unter Wänden her,

deren Unersteiglichkeit wir mit schwindelndem Auge messen, und aus denen sich kolossale

Balkone strecken, breit und fest genug, eine wilde Berghorde zu tragen, so zweifeln wir nicht

an der Wahrheit dieses Worts, mag es nun gesagt sein oder nicht. – Das Gebirge ist

wasserreich, und in den Talschlünden das Getöse der niederrauschenden und brodelnden Quellen

fast betäubend, wogegen der Vogelgesang in den überhandnehmenden Fichtenwaldungen mehr und

mehr erstirbt, bis wir zuletzt nur Geier und Habichte die Felszacken umkreisen sehen, und ihre

grellen Diebspfeifen sich hoch in der Luft antworten hören. – Überall starren uns die

schwarzen Eingänge der Stollen, Spalten und Stalaktitenhöhlen entgegen, deren Senkungen noch

zum Teil nicht ergründet sind, und an die sich Sagen von Wegelagerern, Berggeistern und

verhungerten Verirrten knüpfen. – Das Ganze steht den wildesten Gegenden des Schwarzwaldes

nicht nach – sonderlich wenn es zu dunkeln beginnt, gehört viel kaltes Blut dazu, um sich

eines mindestens poetischen Schauers zu erwehren, wenn das Volk der Eulen und Schuhue in den

Spalten lebendig wird, und das Echo ihr Gewimmer von Wand zu Wand laufen läßt, und wenn die

hohen Öfen wie glühende Rachen aus den Schluchten gähnen, wirre Funkensäulen über sich

aufblasen, und Baum und Gestein umher mit rotem Brandscheine überzittern. – In diesem Stile

nimmt die Landschaft immer an Wildheit zu, zuletzt Klippen bietend, auf denen man schon

verirrte Ziegen hat tagelang umherschwanken sehen, bis die Zackenform der Berge allmählich

kahlen Kegeln weicht, an denen noch wohl im hohen Mai Schneeflecke lagern, der Baumwuchs fast

gänzlich eingeht, und endlich bei »Winterberge« die Gegend nur noch das Bild trostloser Öde

beut, – kahle Zuckerhutformen, an denen hier und dort ein Fleckchen magerer Hafersaat mehr

gilbt als grünt.

II

Wir haben im vorhergehenden den Charakter der Eingebornen bereits flüchtig angedeutet, und

gesagt, daß dem gewöhnlichen Einflusse der Natur auf ihre Zöglinge entgegen, am,

verhältnismäßig in einem zahmen Lande aufgenährten, Paderbörner der Stempel des Bergbewohners,

sowohl moralisch als körperlich, weit entschiedener hervortritt, als an dem, durch seine

Umgebungen weit mehr dazu berechtigten Sauerländer. – Der Grund liegt nahe; in den

Handelsverhältnissen des letzteren, die seine Heimat den Fremden öffnen, und ihn selbst der

Fremde zutreiben, wo unter kaufmännischer Kultur die Sitten, durch auswärtige Heiraten das

Blut seines Stammes sich täglich mehr verdünnen, und wir müssen uns eher über die Kraft einer

Ader wundern, die, von so vielen Quellen verwässert, doch noch durchgängig einen scharfen,

festen Strich zeichnet, wie der Rhein durch den Bodensee. – Der Sauerländer ist ungemein groß

und wohlgebaut, vielleicht der größte Menschenschlag in Deutschland, aber von wenig

geschmeidigen Formen; kolossale Körperkraft ist bei ihm gewöhnlicher, als Behendigkeit

anzutreffen. Seine Züge, obwohl etwas breit und verflacht, sind sehr angenehm, und bei

vorherrschend lichtbraunem oder blonden Haare haben doch seine langbewimperten blauen Augen

alle den Glanz und den dunkeln Blick der schwarzen. – Seine Physiognomie ist kühn und offen,

sein Anstand ungezwungen, so daß man geneigt ist, ihn für ein argloseres Naturkind zu halten,

als irgendeinen seiner Mitwestfalen; dennoch ist nicht leicht ein Sauerländer ohne einen

starken Zusatz von Schlauheit, Verschlossenheit und praktischer Verstandesschärfe, und selbst

der sonst Beschränkteste unter ihnen wird gegen den gescheutesten Münsterländer fast immer

praktisch im Vorteil stehen. – Er ist sehr entschlossen, stößt sich dann nicht an

Kleinigkeiten, und scheint eher zum Handel und guten Fortkommen geboren, als dadurch und dazu

herangebildet. – Seine Neigungen sind heftig aber wechselnd, und so wenig er sie jemands

Wunsch zuliebe aufgibt, so leicht entschließt er sich, aus eigener Einsicht oder Grille

hierzu. – Er ist ein rastloser und zumeist glücklicher Spekulant, vom reichen Fabrikherrn, der

mit vieren fährt, bis zum abgerissenen Herumstreifer, der »Kirschen für Lumpen« ausbietet; und

hier findet sich der einzige Adel Westfalens, der sich durch Eisenhämmer, Papiermühlen und

Salzwerke dem Kaufmannsstande anschließt. – Obwohl der Konfession nach katholisch, ist das

Fabrikvolk doch an vielen Orten bis zur Gleichgültigkeit lau, und lacht nur zu oft über die

Scharen frommer Wallfahrter, die vor seinen Gnadenbildern bestäubt und keuchend ihre Litaneien

absingen, und an denen ihm der Klang des Geldes, das sie einführen, bei weitem die

verdienstvollste Musik scheint. – Übrigens besitzt der Sauerländer manche anziehende Seite; er

ist mutig, besonnen, von scharfem aber kühlen Verstande, obwohl im allgemeinen berechnend,

doch aus Ehrgefühl bedeutender Aufopferungen fähig; und selbst der Geringste besitzt einen

Anflug ritterlicher Galanterie und einen naiven Humor, der seine Unterhaltung äußerst angenehm

für denjenigen macht, dessen Ohren nicht allzu zart sind. – Daß in einem Lande, wo drei

Viertel der Bevölkerung, Mann, Weib und Kind, ihren Tag unter fremdem Dache (in den

Fabrikstuben) zubringen, oder auf Handelsfüßen das Land durchziehen, die häuslichen

Verhältnisse sehr locker, gewissermaßen unbedeutend sind, begreift sich wohl; so wie aus dem

Gesagten hervorgeht, daß nicht hier der Hort der Träume und Märchen, der charakteristischen

Sitten und Gebräuche zu suchen ist; denn obwohl die Sage manche Kluft und unheimliche Höhle

mit Berggeistern, und den Gespenstern Ermordeter, oder in den Irrgängen Verschmachteter

bevölkert hat, so lacht doch jedes Kind darüber, und nur der minder beherzte oder

phantasiereichere Reisende fährt zusammen, wenn ihm in dem schwarzen Schlunde etwa eine Eule

entgegenwimmert, oder ein kalter Tropfen von den Steinzapfen in seinen Nacken rieselt. – Kurz,

der Sohn der Industrie besitzt vom Bergbewohner nur die eiserne Gesundheit, Körperkraft und

Entschlossenheit, aber ohne den romantischen Anflug und die Phantasie, welche sich an

großartigen Umgebungen zu entwickeln pflegen, – er liebt sein Land, ohne dessen Charakter

herauszufühlen; er liebt seine Berge, weil sie Eisen und freien Atemzug; seine Felsen, weil

sie vortreffliches Material und Fernsichten; seine rauschenden Wasserfälle, weil sie den

Fabrikrädern rascheren Umschwung geben, und das Ganze endlich, weil es eben seine Heimat und

in dessen Luft ihm am wohlsten ist. – Seine Festlichkeiten sind, nach den Umständen des

Gastgebers, den städtischen möglichst nachgebildet; seine Trachten desgleichen. – Alles wie

anderwärts, – staubende Chausseen mit Frachtwagen und Einspännern bedeckt, – Wirtshäuser mit

Kellnern und gedruckten Speisezetteln, – einzelne Dörfer im tiefsten Gebirge sind noch

strohdachig und verfallen genug, die meisten jedoch, nett wie alle Fabrikorte, erhalten allein

durch die schwarze Schieferbekleidung und die mit Steinplatten beschwerten Dächer, die man

hier der Rauhigkeit des Klimas entgegensetzen muß, einen schwachen Anstrich von Ländlichkeit,

und nur die Kohlenbrenner in den Waldungen, die bleichen Hammerschmiede vor ihren

Höllenfeuern, und die an den Stollen, mit Lederschurz und blitzendem Bleierz auf ihrem

Kärrchen aus- und einfahrenden Bergknappen geben der Landschaft hier und dort eine passende

Staffage.

Anders ist’s im Hochstifte Paderborn, wo der Mensch eine Art wilder Poesie in die sonst

ziemlich nüchterne Umgebung bringt, und uns in die Abruzzen versetzen würde, wenn wir

Phantasie genug hätten, jene Gewitterwolke für ein mächtiges Gebirge, jenen Steinbruch für

eine Klippe zu halten. – Nicht groß von Gestalt, hager und sehnig, mit scharfen, schlauen,

tiefgebräunten, und vor der Zeit von Mühsal und Leidenschaft durchfurchten Zügen fehlt dem

Paderbörner nur das brandschwarze Haar zu einem entschieden südlichen Aussehen. – Die Männer

sind oft hübsch und immer malerisch, die Frauen haben das Schicksal der Südländerinnen, eine

frühe, üppige Blüte und ein frühes, zigeunerhaftes Alter. – Nirgends gibt es so rauchige

Dörfer, so dachlückige Hüttchen, als hier, wo ein ungestümes Temperament einen starken Teil

der Bevölkerung übereilten Heiraten zuführt, ohne ein anderes Kapital, als vier Arme und ein

Dutzend zusammengebettelter und zusammengesuchter Balken, aus denen dann eine Art von Koben

zusammengesetzt wird, eben groß genug für die Herdstelle, das Ehebett, und allenfalls einen

Verschlag, der den stolzen Namen Stube führt, in der Tat aber nur ein ungewöhnlich breiter und

hoher Kasten mit einem oder zwei Fensterlöchern ist. – Besitzt das junge Paar Fleiß und

Ausdauer, so mögen nach und nach einige Verschläge angezimmert werden; hat es ungewöhnlichen

Fleiß und Glück zugleich, so dürfte endlich eine bescheidene Menschenwohnung entstehen, häufig

aber lassen Armut und Nachlässigkeit es nicht hierzu kommen, und wir selbst sahen einen

bejahrten Mann, dessen Palast zu kurz war, um ausgestreckt darin zu schlafen, seine Beine ein

gutes Ende weit in die Straße recken. – Selbst der Roheste ist schlau und zu allen Dingen

geschickt, weiß jedoch selten nachhaltigen Vorteil daraus zu ziehen, da er sein Talent gar oft

in kleinen Pfiffigkeiten, deren Ertrag er sofort vergeudet, erschöpft, und sich dem Einflusse

von Winkeladvokaten hingibt, die ihm über jeden Zaunpfahl einen Prozeß einfädeln, der ihn

völlig aussaugt, fast immer zur Auspfändung, und häufig von Hof und Haus bringt. – Große Not

treibt ihn zu großen Anstrengungen, aber nur bis das dringendste Bedürfnis gestillt ist, –

jeder erübrigte Groschen, den der Münsterländer sorglich zurücklegen, der Sauerländer in

irgendein Geschäft stecken würde, wird hier am liebsten von dem Kind der Armut sofort dem

Wirte und Kleinhändler zugetragen, und die Schenken sind meist gefüllt mit Glückseligen, die

sich einen oder ein paar blaue Montage machen, um nachher wieder auf die alte Weise fort zu

hungern und taglöhnern. – So verleben leider viele, obwohl in einem fruchtbaren Lande, und mit

allen Naturgaben ausgerüstet, die sonst in der Welt voran bringen, ihre Jugend in Armut, und

gehen einem elenden Alter am Bettelstabe entgegen. – In ihrer Verwahrlosung dem Aberglauben

zugeneigt, glaubt der Unglückliche sehr fromm zu sein, während er seinem Gewissen die

ungebührlichsten Ausdehnungen zumutet. – Wirklich stehen auch manche Pflichten seinen mit der

Muttermilch eingesogenen Ansichten vom eigenen Rechte zu sehr entgegen, als daß er sie je

begreifen sollte, – jene gegen den Gutsherrn zum Beispiel, dem er nach seinem Naturrecht gern

als einen Erbfeind oder Usurpator des eigentlich ihm zuständigen Bodens betrachtet, dem ein

echtes Landeskind nur aus List, um der guten Sache willen, schmeichle, und übrigens Abbruch

tun müsse, wo es immer könne. – Noch empörender scheinen ihm die Forst- und Jagdgesetze, da ja

»unser Hergott das Holz von selbst wachsen läßt, und das Wild aus einem Lande in das andere

wechselt.« – Mit diesem Spruche im Munde glaubt der Frierende sich völlig berechtigt, jeden

Förster, der ihn in flagranti überrascht, mit Schnupftabak zu blenden, und wie er kann, mit

ihm fertig zu werden. – Die Gutsbesitzer sind deshalb zu einem erschöpfenden Aufwande an

Forstbeamten gezwungen, die den ganzen Tag und manche Nacht durchpatrouillieren, und doch die

massivsten Forstfrevel, z.B. das Niederschlagen ganzer Waldstrecken in einer Nacht, nicht

immer verhindern können. – Hier scheitern alle Anstrengungen der sehr ehrenwerten

Geistlichkeit, und selbst die Versagung der Absolution im Beichtstuhle verliert ihre Kraft,

wie bei dem Korsen, wenn es eine Vendetta gilt. – Noch vor dreißig Jahren war es etwas sehr

Gewöhnliches, beim Mondscheine langen Wagenreihen zu begegnen, neben denen dreißig bis vierzig

Männer hertrabten, das Beil auf der Schulter, den Ausdruck lauernder Entschlossenheit in den

gebräunten Zügen, und der nächste Morgen brachte dann gewiß – je nachdem sie mit den Förstern

zusammengetroffen, oder ihnen glücklich ausgewichen waren – die Geschichte eines blutigen

Kampfs, oder eines grandiosen Waldfrevels. – Die Überwachung der preußischen Regierung hat

allerdings dieser Öffentlichkeit ein Ziel gesetzt, jedoch ohne bedeutende Resultate in der

Sache selbst, da die Frevler jetzt durch List ersetzen, was sie an Macht einbüßen, und es ist

leider eine Tatsache, daß die Holzbedürftigen, sogar Beamte, von Leuten, denen doch, wie sie

ganz wohl wissen, kein rechtlicher Splitter eigen ist, ihren Bedarf so ruhig nehmen, wie

allerorts Strandbewohner ihren Kaffee und Zucker von den Schmugglern zu nehmen pflegen. – Daß

auch dieser letztere Erwerbszweig hier dem Charakter des Besitzlosen zu sehr zusagt, als daß

er ihn vernachlässigen sollte, selbst wenn die mehrstündige Entfernung der Grenze ihn mühsam,

gefahrvoll und wenig einträglich zugleich machen, läßt sich wohl voraussetzen, und fast bis im

Herzen des Landes sehen wir bei abendlichen Spaziergängen kleine Truppen von fünfen oder

sechsen, hastig und ohne Gruß, an uns vorüber der Wesergegend zustapfen, und können sie in der

Morgendämmerung mit kleinen Bündeln, schweißtriefend und nicht selten mit verbundenem Kopfe

oder Arme wieder in ihre Baracken schlüpfen sehen. Zuweilen folgen die Zollbeamten ihnen

stundenweit; die Dörfer des Binnenlandes werden durch nächtliche Schüsse und wüstes Geschrei

aufgeschreckt, – am nächsten Morgen zeigen Gänge durchs Kornfeld, in welcher Richtung die

Schmuggler geflohen; zerstampfte Flächen, wo sie sich mit den Zöllnern gepackt haben, und ein

halbes Dutzend Taglöhner läßt sich bei seinem Dienstherren krank melden. – Ihre Ehen meist aus

Leidenschaft, und mit gänzlicher Rücksichtslosigkeit auf äußere Vorteile, geschlossen, würden

anderwärts für höchst unglücklich gelten, da kaum eine Barackenbewohnerin ihr Leben

beschließt, ohne Bekanntschaft mit dem sogenannten »braunen Heinrich«, dem Stocke nämlich,

gemacht zu haben. Sie aber finden es ländlich, sittlich, und leben der Überzeugung, daß eine

gute Ehe, wie ein gutes Gewebe, zuerst des Einschlags bedarf, um nachher ein tüchtiges

Hausleinen zu liefern. Wollten wir eine Zusammenstellung der untern Volksklassen nach den drei

Hauptrassen Westfalens wagen, so würden wir sagen: Der Sauerländer freit, wie ein Kaufmann,

nämlich nach Geld oder Geschicklichkeit, und führt auch seine Ehe so, – kühl und auf

gemeinschaftlichen Erwerb gerichtet. – Der Münsterländer freit wie ein Herrnhuter, gutem Rufe

und dem Willen seiner Eltern gemäß, und liebt und trägt seine Ehe, wie ein aus Gottes Hand

gefallenes Los, in friedlicher Pflichterfüllung. – Der Paderbörner Wildling aber, hat

Erziehung und Zucht nichts an ihm getan, wirbt wie ein derbes Naturkind mit allem Ungestüm

seines heftigen Blutes. Mit seinen und den Eltern seiner Frau muß es daher auch oft zu

heftigen Auftritten kommen. Er geht unter die Soldaten, oder er läuft Gefahr, zu verkommen,

wenn seine Neigung unerwidert bleibt. Die Ehe wird in diesen dürftigen Hütten den Frauen zum

wahren Fegfeuer, bis sie sich zurechtgefunden; Fluch- und Schimpfreden haben, wie bei den

Matrosen, einen großen Teil ihrer Bedeutung verloren, und lassen eine rohe Art aufopfernder

Liebe wohl neben sich bestehen. Über das Verderbnis der dienenden Klassen wird sehr geklagt;

jedes noch so flüchtige Verhältnis zwischen den zwei Geschlechtern müsse streng überwacht

werden von denen, die ihr Haus rein von Skandal, und ihre weiblichen Dienstboten in

dienstfähigem Zustande zu erhalten wünschen; selbst die Unteraufseher, Leute von gesetzten

Jahren und sonst streng genug, schienen taub und blind, sobald nicht ein Verlöbnis, sondern

nur der Glaube an eine ernstliche Absicht vorhanden sei – »die beiden freien sich« – und damit

seien alle Schranken gefallen, obwohl aus zwanzig solcher Freiereien kaum eine Ehe hervorgehe

und die Folgen davon den Gemeinden zur Last fielen. Auch die Branntweinpest fordert hier nicht

wenige Opfer, und bei diesem heftigen Blut wirkt das Übermaß um so wilder und gefährlicher.

Diese Verwahrlosung ist um so mehr zu beklagen, da es auch dem letzten nicht leicht an

Talenten und geistigen Mitteln gebricht, und seine schlaue Gewandtheit, sein Mut, seine

tiefen, einbohrenden Leidenschaften, und vor allem seine reine Nationalität, verbunden mit dem

markierten Äußern, ihn zu einem allerdings würdigen Gegenstande der Aufmerksamkeit machen. –

Alter Gebräuche bei Festlichkeiten gibt es wenige, und in seltner Anwendung, da der

Paderborner jedem Zwange zu abgeneigt ist, als daß er sich eine Lust durch etwas, das nach

Zeremoniell schmeckt, verderben sollte. – Bei den Hochzeiten z.B. fällt wenig Besonderes vor,

das allwärts bekannte Schlüssel- und Brodüberreichen findet auch hier statt, d.h. wo es, außer

einer alten Truhe, etwas gibt, was des Schlüssels bedürfte, – nachher geht jeder seinem Jubel

bei Tanz und Flasche nach, bis sich alles zum »Papen von Istrup« stellt, einem beliebten

Nationaltanz, einem Durcheinanderwirbeln und Verschlingen, was erst nach dem Lichtanzünden

beginnt, und dem »Reisenden für Völker- und Länderkunde« den Zeitpunkt angibt, wo es für ihn

geratener sein möchte, sich zu entfernen, da fortan die Aufregung der Gäste bis zu einer Höhe

steigt, deren Kulminationspunkt nicht vorauszuberechnen ist. – Ist die Braut eine echte

»Flüggebraut«, eine Braut in Kranz und fliegenden Haaren, so tritt sie gewiß stolz, wie eine

Fürstin, auf, und dieses glorreiche Familienereignis wird noch der Ruhm ihrer Nachkommen, die

sich dessen wohl zu rühmen wissen, wie stattlich sie mit Spiegeln und Flittergold in den

Haaren einhergestrahlt sei. – Lieber als eine Hochzeit ist dem Paderbörner noch die Fastnacht,

an derem ersten Tage (Sonntag, Estomihi) der Bursche dahersteigt, in der Hand, auf goldenem

Apfel, einen befiederten Hahn aus Brodteig, den er seiner Liebsten verehrt, oder auch der

Edelfrau, nämlich, wenn es ihm an Geld für die kommenden nassen Tage fehlt. – Am Montag ist

der Jubel im tollsten Gange, selbst Bettler, die nichts anderes haben, hängen ihr geflicktes

Bettuch über den Kopf, und binden einen durchlöcherten Papierbogen vors Gesicht, und diese

machen, wie sie mit ihren, aus der weißen Umrändung blitzenden Augen und langen Nasenschnäbeln

die Mauern entlang taumeln, einen noch grausigeren Eindruck, wie die eigentlichen Maskenzüge,

die in scheußlichen Verkleidungen mit Geheul und Hurra auf Ackergäulen durch die Felder

galoppieren, alle hundert Schritte einen Sandreuter zurücklassend, der ihnen wüst nachjohlt,

oder als ein hinkendes Ungetüm ins Dorf zurückächzt. Sehr beliebt ist auch das Schützenfest,

zum Teil der Ironie wegen, da an diesem Tage der »Wildschütz« vor dem Auge der sein Gewerb

ignorierenden Herrschaft mit seinem sichern Blicke und seiner festen Hand paradieren darf, und

oft der schlimmste Schelm, dem die Förster schon wochenlang nachstellten, dem gnädigen

Fräulein Strauß und Ehrenschärpe als seiner Königin überreicht, und mit ihr die Zeremonie des

ersten Tanzes durchmacht. – Ihm folgt am nächsten Tage das Frauenschießen, eine galante Sitte,

die man hier am wenigsten suchen sollte, und die sich anmutig genug ausnimmt. Morgens in aller

Frühe ziehen alle Ehefrauen der Gemeinde, unter ihnen manche blutjunge und hübsche, von dem

Edelhofe aus, in ihren goldenen Häubchen und Stirnbinden, bebändert und bestraußt, jede mit

dem Gewehr ihres Mannes über die Schultern. – Voran die Frau des Schützenkönigs mit den

Abzeichen ihrer Würde, den Säbel an der Seite, wie weiland Maria Theresia auf den Kremnitzer

Dukaten; ihr zunächst die Fähnderichin mit der weißen Schützenfahne; – auf dem Hofe wird

haltgemacht, die Königin zieht den Säbel, kommandiert – rechts – links – kurz alle

militärischen Evolutionen; dann wird die Fahne geschwenkt, und das blanke Regiment zieht mit

einem feinen Hurra dem Schießplatze zu, wo jede – manche mit der zierlichsten Koketterie – ihr

Gewehr ein paarmal abfeuert, und unter klingendem Spiele der Schenke zu marschieren, wo es

heute keinen König gibt, sondern nur eine Königin und ihren Hof, die alles anordnen, und von

denen sich die Männer heute alles gefallen lassen. – Einen gleich starken Gegensatz zu den

derben Sitten des Landes gibt der Beginn des Erntefestes. – Dieses wird nur auf Edelhöfen und

großen Pachtungen im altherkömmlichen Stile gefeiert. – Der voranschreitenden Musik folgt der

Erntewagen mit dem letzten Fuder, auf dessen Garben die Großmagd thront, über sich auf einer

Stange den funkelnden Erntekranz, – dann folgen sämtliche Dienstleute, paarweise, mit

gefalteten Händen, die Männer barhaupt, so ziehen sie langsam über das Feld dem Edelhofe zu,

das Tedeum nach der schönen, alten Melodie des katholischen Ritus absingend, ohne Begleitung,

aber bei jedem dritten Verse von den Blasinstrumenten abgelöst, was sich überaus feierlich

macht, und gerade bei diesen Menschen, und unter freiem Himmel etwas wahrhaft Ergreifendes

hat. – Im Hofe angelangt, steigt die Großmagd ab, und trägt ihren Kranz mit einem artigen

Spruche zu jedem Mitgliede der Familie, vom Hausherrn an bis zum kleinsten Jünkerchen auf dem

Schaukelpferde, dann wird er über das Scheuertor an die Stelle des vorigjährigen gehängt, und

die Lustbarkeit beginnt. – Obwohl sich keiner ausgezeichneten Singorgane erfreuend, sind die

Paderbörner doch überaus gesangliebend; überall – in den Spinnstuben – auf dem Felde – hört

man sie quinkelieren und pfeifen, – sie haben ihre eigenen Spinn–, ihre Acker–, Flachsbrech-

und Rauflieder, – das letzte ist ein schlimmes Spottlied, was sie, nach dem Takte des Raufens,

jedem Vorübergehenden aus dem Stegreif zusingen. – Sonderlich junge Herren, die sich, dem

Verhältnisse nach, zu Freiern ihrer Fräulein qualifizieren, können darauf rechnen, nicht

ungeneckt vorbeizukommen, und sich von zwanzig bis dreißig Stimmen nachkrähen zu hören: »He!

he! he! er ist ihr zu dick, er hat kein Geschick«, – oder: »Er ist ihr zu arm, daß Gott

erbarm! Den Quinkel den quank, der Vogel der sang, das Jahr ist lang, oh! oh! oh! laßt ihn

gehn!« – Überhaupt rühmen sie sich gern, wo es ihnen Anlaß zum Streit verspricht, ihrer

Herrschaft, als ob sie aus Gold wäre; stehen auch in ernsteren Fällen, aus demselben Grunde,

bisweilen zu ihr gleich dem Besten, und es ist hier, wie bei der Pariser Polizei, nichts

Ungewöhnliches, die schlimmsten »Wildschützen« nach einigen Jahren als Forstgehilfen

wiederzufinden, denen es alsdann ein Herzensgaudium ist, sich mit ihren alten Kameraden zu

raufen, und den bekannten Listen neue entgegenzusetzen; und noch vor kurzem packten ein

Dutzend solcher Praktiker ihren Herzensfreund, den Dorfschulmeister, der sie früher in der

Taktik des »Holzsuchens« unterrichtet hatte, wie er eben daran war, die dritte oder vierte

Auflage der Rekruten einzuüben, etwa achtzig barfüßige Schlingel nämlich, die, wie junge

Wölfe, zuerst mit dem Blutaussaugen anfangen, mit ihren krummen Messern kunstfertig in dem

jungen Schlag wüteten, während der Pädagog, von einer breiten Buche herab, das Kommando

führte. – Wir haben bereits den Volksaberglauben erwähnt; dieser äußert sich, neben der

Gespensterfurcht und dem Hexenglauben, vorzugsweise in sympathetischen Mitteln und dem

sogenannten Besprechen, einem Akt, der manches zu denken gibt, und dessen wirklich seltsame

Erfolge sich durch bloßes Hinwegleugnen keineswegs beseitigen lassen. Wir selbst müssen

gestehen, Zeugen unerwarteter Resultate gewesen zu sein. – Auf die Felder, die der Besprecher

mit seinem weißen Stäbchen umschritten, und die Scholle eines verpfändeten Ackers darauf

geworfen hat, wagt sich in der Tat kein Sperling, kein Wurm, fällt kein Mehltau, und es ist

überraschend, diese Strecken mit schweren, niederhangenden Ähren zwischen weiten Flächen

leeren Strohes zu sehen. Ferner, ein prächtiger Schimmel, arabischer Rasse, und überaus

feurig, war, zu einem übermäßigen Sprunge gespornt, gestürzt, und hatte sich die Zunge dicht

an der Wurzel durchgebissen. – Da das Schlagen des wütenden Tieres es in den ersten Tagen

unmöglich machte, der Wunde beizukommen, war der Brand hinzugetreten, und ein sehr geschickter

Arzt erklärte das schöne Pferd für rettungslos verloren. – Jetzt ward zur »Waffensalbe«

geschritten, – keinem Arzneimittel, wie man wahrscheinlich glauben wird, sondern einem

geheimnisvollen, mir unbekannt gebliebenen Gebrauch, zu dessen Behuf dem mehrere Stunden

entfernten Besprecher nur ein von dem Blut des Tieres beflecktes Tuch gesandt wurde. – Man

kann sich denken, welches Vertrauen ich in dieses Mittel setzte! – Am nächsten Tage wurde das

Tier jedoch so ruhig, daß ich dieses als ein Zeichen seiner nahenden Auflösung ansah, – am

folgenden richtete es sich auf, zerbiß und verschluckte, obwohl etwas mühsam, einige

Brodscheiben ohne Rinde, – am dritten Morgen sahen wir, zu unserm Erstaunen, daß es sich über

das in der Raufe befindliche Futter hergemacht, und einen Teil desselben bereits verzehrt

hatte, während nur ein behutsames Auswählen der weicheren Halme, und ein leises Zucken um

Lippen und Nüstern die Empfindlichkeit der, wie wir uns durch den Augenschein überzeugen

mußten, völlig geschlossenen Wundstelle andeuteten; und seitdem habe ich den schönen Araber

manches Mal, frisch und feurig, wie zuvor, mit seinem Reiter durchs Feld stolzieren sehen. –

Dergleichen und ähnliches fällt täglich vor, und hiebei ist die Annäherung des Besprechers

oder seines Mittels an den zu besprechenden Gegenstand immer so gering (in manchen Fällen, wie

dem eben genannten, fällt sie gänzlich fort), daß eine Erklärung durch natürlich wirkende

Essenzen hier keine Statt haben kann, so wie die vielbesprochene Macht der Phantasie bei

Tieren, Kräutern und selbst Gestein wegfallen muß, und dem Erklärer wohl nur die Kraft des

menschlichen Glaubens, die magnetische Gewalt eines festen Willens über die Natur als letztes

Auskunftsmittel bleiben dürfte. – Folgenden Vorfall haben wir aus dem Munde eines

glaubwürdigen Augenzeugen: In dem Garten eines Edelhofes hatte die grüne Kohlraupe dermaßen

überhandgenommen, daß der Besitzer, obwohl Protestant, in seinem Überdrusse endlich zum

Besprecher schickte. – Dieser fand sich alsbald ein, umschritt die Gemüsefelder, leise vor

sich hin murmelnd, wobei er mit seinem Stäbchen hier und dort einen Kohlkopf berührte. Nun

stand unmittelbar am Garten ein Stallgebäude, an dessen schadhaftem Dache einige Arbeiter

flickten, die sich den Spaß machten, den Zauberer durch Spottreden, hinabgeworfene

Kalkstückchen etc. zu stören. – Nachdem dieser sie wiederholt gebeten hatte, ihn nicht zu

irren, sagte er endlich: »Wenn ihr nicht Ruhe haltet, so treibe ich euch die Raupen auf das

Dach«, und als die Neckereien dennoch nicht aufhörten, ging er an die nächste Hecke, schnitt

eine Menge fingerlanger Stäbchen, stellte sie horizontal an die Stallmauer und entfernte sich.

– Alsbald verließen sämtliche Raupen ihre Pflanzen, krochen in breiten, grünen Kolonnen über

die Sandwege, an den Stäbchen die Mauer aufwärts, und nach einer halben Stunde hatten die

Arbeiter das Feld geräumt, und standen im Hofe, mit Ungeziefer besäet, und nach dem Dache

deutend, was wie mit einer grünen, wimmelnden Decke überzogen war. – Wir geben das eben

Erzählte übrigens keineswegs als etwas Besonderes, da die oben berührte Erklärung, durch auf

den Geruch wirkende Essenzen, hier am ersten stattfinden dürfte, sondern nur als ein kleines

Genrebild aus dem Tun und Treiben eines phantasiereichen und eben besprochenen Volkes. – Ehe

wir von diesem zu andern übergehen, erlauben wir uns noch zum Schlusse die Mitteilung einer

vor etwa vierzig Jahren vorgefallenen Szene, die allerdings unter der jetzigen Regierung nicht

mehr stattfinden könnte, jedoch den Charakter des Volks zu anschaulich darstellt, als daß wir

sie am ungeeigneten Orte glauben sollten. – Zu jener Zeit stand den Gutsbesitzern die niedere

Gerichtsbarkeit zu, und wurde mitunter streng gehandhabt, wobei sich, wie es zu gehen pflegt,

der Untergebene mit der Härte des Herrn, der Herr mit der Böswilligkeit des Untergebenen

entschuldigte, und in dieser Wechselwirkung das Übel sich fortwährend steigerte. Nun sollte

der Vorsteher (Meier) eines Dorfes, allzu grober Betrügereien und Diebstähle halber, seines

Amts entsetzt werden. – Er hatte sich manchen verpflichtet, manchen bedrückt, und die Gemeinde

war in zwei bittere Parteien gespalten. – Schon seit mehreren Tagen war eine tückische Stille

im Dorfe bemerkt worden, und als am Gerichtstage der Gutsherr, aus Veranlassung des

Unwohlseins, seinen Geschäftsführer bevollmächtigte, in Verein mit dem eigentlichen Justitiar,

die Sache abzumachen, war den beiden Herren diese Abänderung keineswegs angenehm, da ihnen

wohl bewußt war, daß der Bauer seine Herrschaft zwar haßt, jeden Städter aber, und namentlich

»das Schreibervolk« aus tiefster Seele verachtet. Ihre Besorgnis ward nicht gemindert, als

einige Stunden vor der Sitzung ein Schwarm barfüßiger Weiber in den Schloßhof zog, wahre

Poissarden, mit fliegenden Haaren und Kindern auf dem Arm, sich vor dem Hauptgebäude

zusammendrängte, und wie ein Nest junger Teufel zu krähen anfing: »Wir revoltieren! wir

protestieren! wir wollen den Meier behalten! unsere Kerle sind auf dem Felde und mähen, und

haben uns geschickt, wir revoltieren!« – Der Gutsherr trat ans Fenster und rief hinaus:

»Weiber! macht euch fort, der Amtmann (Justitiar) ist noch nicht da«, worauf der Schwarm sich

allmählich, unter Geschrei und Fluchen, verlor. – Als nach einigen Stunden die Sitzung

begonnen hatte, und die bereits abgehaltenen Verhöre verlesen wurden, erhob sich unter den

Fenstern des Gerichtslokals ein dumpfes, vielstimmiges Gemurmel, was immer zunahm, – dann

drängten sich ein paar starkknochige Männer in die Stube, – wieder andere, in kurzem war sie

zum Ersticken überfüllt. – Der Justitiar, an solche Auftritte gewöhnt, befahl ihnen mit

ernster Stimme hinauszugehen; – sie gehorchten wirklich, stellten sich aber, wie er ganz wohl

sah, an der Türe auf; zugleich bemerkte er, daß einige, mit grimmigem Blicke auf die

Gegenpartei, ihre Kittel lüfteten, und kurze, schwere Knittel sichtbar werden ließen, was von

der andern Seite mit einer ähnlichen Pantomime erwidert wurde. – Dennoch las er das Urteil mit

ziemlicher Fassung ab, und schritt dann, seinen Gefährten am Kleide zupfend, hastig der Türe

zu. – Dort aber drängten sich die Außenstehenden hinein, und ließen ihre Knittel spielen, und

– daß wir es kurz machen – die heilige Justiz mußte froh sein, die Nähe eines Fensters zu

einem etwas unregelmäßigen Rückzuge benutzen zu können. – Dem Gutsherrn war indessen durch den

sich allmählich nach außen ziehenden Tumult die Lage der Dinge bereits klar geworden, und er

hatte die Schützengilde aufbieten lassen, lauter Angehörige der Beteiligten, die sich freuten,

bei dieser schönen Gelegenheit auch einmal darauf loswaschen zu können. – Sie waren eben

aufmarschiert, als die Sturmglocke erschallte. – Einige Schützen rannten nun spornstreichs in

den Turm, wo sie ein altes Weib fanden, das aus Leibeskräften den Strang zog, sofort aber

gepackt und auf Umwege ins Hundeloch spediert wurde. Indessen stand der Gutsherr am Fenster,

und überwachte mit seinem Tubus die Wege, welche zu den berüchtigtsten Dörfern führten, und

nicht lange, so sah er es von allen Bergen herunterwimmeln, wie die Beduinenschwärme, er

konnte deutlich die Knitteln in ihren Händen unterscheiden, und an ihren Gebärden sehen, wie

sie sich einander riefen und zuwinkten. Schnell besonnen, warf er einen Blick auf die

Windfahne des Schloßturms, und nachdem er sich überzeugt hatte, daß die Luft den Lärm nicht

bis zu der Stelle führe, wo die Kommenden etwa in einer Viertelstunde angelangt sein konnten,

wurden eilends einige zuverlässige Leute abgefertigt, die in Hemdärmeln, mit Sense und Rechen,

wie Arbeiter, die aufs Feld ziehen, den verschiedenen Trupps entgegenschlendern und ihnen

erzählen mußten, das Geläute im Dorfe habe einem brennenden Schlote gegolten, der aber bereits

gelöscht sei. – Die List gelang, alle trollten sich fluchend heim, während drinnen die

Schützengilde auch ihr Bestes mit Faust und Kolben tat, und so der ganze Skandal mit einigen

ernstlich Verwundeten und einem Dutzend ins Loch Gesteckten endigte, zwei Drittel der Gemeinde

aber eine Woche lang wie mit Pestbeulen behaftet aussahen, und eine besondere Schwerfälligkeit

in ihren Bewegungen zeigten. – Ähnliche Auftritte waren früher so gewöhnlich, wie das tägliche

Brod; noch heute, trotz des langjährigen Zwanges, ist der gemeine Mann innerlich nicht um ein

Haar breit von seinen Gelüsten und Ansichten abgewichen, er kann wohl niedergehalten werden,

die Glut wird aber unter der Asche immer fortglimmen. – Erhöhter Wohlstand würde einiges

mildern, wären nicht Leichtsinn und die Leidenschaft, welche zuerst eine dürftige Bevölkerung

zuwege bringen, deren geringes Eigentum Schenkwirten und Winkeladvokaten zur Beute wird. –

Dennoch kann man sich des Bedauerns mit einem Volke nicht enthalten, das mit Kraft, Scharfsinn

und Ausdauer begabt, und im Besitze eines gesegneten Bodens, in so vielen seiner Glieder den

traurigsten Verhältnissen anheimgefallen ist.

III

Selten mögen wenige Meilen einen so raschen Übergang hervorbringen, als jene, welche die

Grenzstriche Paderborns und seines frommen Nachbarlandes, des Bistums Münster, bilden. – Noch

vor einer Stunde, hinter dem nächsten Hügel, haben kleine, schwarzbraune Schlingel, die, im

halben Naturzustande, ihre paar mageren Ziegen weniger hüteten, als bei ihnen diebswegen Wache

standen, auf deine Frage nach dem Wege, dich zuerst durch verstelltes Mißverstehen und

Witzeleien gehöhnt, und dir dann unfehlbar einen Pfad angegeben, wo du wie eine Unke im

Sumpfe, oder ein Abrahams-Widder in den Dornen gesteckt hast, – d.h. wenn du nicht mit Geld

klimpertest, denn in diesem Falle haben nicht einer, sondern sämtliche Buben ihre Ziegen, um

sie desto sicherer wiederzufinden, ins Kornfeld getrieben, und mindestens ein Dutzend Zäune

zerbrochen und Pfähle ausgerissen, um dir den nächsten Weg zu bahnen, und du hast dich, übel

und böse, zu einer vierfachen Abfindung entschließen müssen, – und jetzt stehst du, wie ein

Amerikaner, der soeben den Wigwams der Irokesen entschlüpft ist, und die ersten

Einfriedigungen einer Herrnhuterkolonie betritt, vor ein paar runden Flachsköpfen, in

mindestens vier Kamisölern, Zipfelmützen, Wollstrümpfen und den landesüblichen Holzschuhen,

die ihre Kuh ängstlich am Stricke halten, und vor Schrecken aufschreien, wenn sie nach einer

Ähre schnappt. – Ihre Züge, deren Milchhaut die Sonne kaum hat etwas anhaben können, tragen so

offen den Ausdruck der gutmütigsten Einfalt, daß du dich zu einer nochmaligen Nachfrage

entschließest. »Herr!« sagt der Knabe, und reicht dir eine Kußhand, »das Ort weiß ich nicht;«

– du wendest dich an seinen Nachbarn, der gar nicht antwortet, sondern dich nur anblinzt, als

dächte er, du wolltest ihn schlagen. – »Herr!« nimmt der erstere wieder das Wort, »der weiß es

auch nicht«; verdrießlich trab du fort, aber die Knaben haben zusammen geflüstert, und der

große Redner kömmt dir nachgeklappert. »Meint der Herr vielleicht –?« (hier nennt er den Namen

des Orts im Volksdialekt) – auf deine Bejahung stampft er herzhaft vor dir her, immer nach

seinen Kameraden umschauend, die ihm mit ihren Augen den Rücken decken, bis zum nächsten

Kreuzweg, dann hastig mit der Hand eine Richtung bezeichnend, springt er fort, so schnell es

sich in Holzschuhen galoppieren läßt, und du steckst deinen Dreier wieder ein, oder wirfst ihn

in den Sand, wo die kleinen Heidläufer, die dich aus der Ferne beobachten, ihn schon nicht

werden umkommen lassen. – In diesem Zuge hast du den Charakter des Landvolks in nuce, –

Gutmütigkeit, Furchtsamkeit, tiefes Rechtsgefühl, und eine stille Ordnung und Wirtlichkeit,

die, trotz seiner geringen Anlage zu Spekulationen und glücklichen Gedanken, ihm doch einen

Wohlstand zuwege gebracht hat, der selbst den seines gewerbtreibenden Nachbars, des

Sauerländers, weit übertrifft. – Der Münsterländer heiratet selten, ohne ein sicheres

Auskommen in der Hand zu haben, und verläßt sich, wenn ihm dieses nicht beschieden ist, lieber

auf die Milde seiner Verwandten, oder seines Brodherrn, der einen alten Diener nicht verstoßen

wird; und wirklich gibt es keine, einigermaßen bemittelte Wirtschaft, ohne ein paar solcher

Segenbringer, die ihre müden Knochen auf dem besten Platze, am Herde, auswärmen. – Die

illegitime Bevölkerung ist gar nicht in Anschlag zu bringen, obwohl jetzt eher, als wie vor

dreißig Jahren, wo wir in einer Pfarre von fünftausend Seelen ein einziges uneheliches Kind

antrafen, einen Burschen von 25 Jahren, den, zur Zeit der Demarkationslinie, ein fremder

Feldwebel einem armen Dienstmädchen als trauriges Andenken hinterlassen hatte. – Bettler gibt

es unter dem Landvolke nicht, weder dem Namen, noch der Tat nach, sondern nur in jeder

Gemeinde einige »arme Männer, arme Frauen«, denen in bemittelten Häusern nach der Reihe die

Kost gereicht wird, wo dann die nachlässigste Mutter ihr Kind strafen würde, wenn es an dem

»armen Manne« vorüberging, ohne ihn zu grüßen. – So ist Raum, Nahrung und Frieden für alle da,

und die Regierung möchte gern zu einer stärkern Bevölkerung anregen, die aber gewiß traurige

Folgen haben würde, bei einem Volke, was wohl ein Eigentum verständig zu bewirtschaften weiß,

dem es aber zum Erwerbe mit leerer Hand gänzlich an Geschick und Energie fehlt, und das

Sprichwort: »Not lehrt beten« (resp. arbeiten), würde sich schwerlich hinlänglich hier

bewähren, wo schon die laue, feuchte Luft den Menschen träumerisch macht, und seine

Schüchternheit zum Teil körperlich ist, so daß man ihn nur anzusehen braucht, um das langsame

Rollen seines Blutes gleichsam mitzufühlen.

Der Münsterländer ist groß, fleischig, selten von starker Muskelkraft; – seine Züge sind

weich, oft äußerst lieblich, und immer durch einen Ausdruck von Güte gewinnend, aber nicht

leicht interessant, da sie immer etwas Weibliches haben, und selbst ein alter Mann oft

frauenhafter aussieht, als eine Paderbörnerin in den mittleren Jahren, – die helle Haarfarbe

ist durchaus vorherrschend; man trifft alte Flachsköpfe, die vor Blondheit nicht haben

ergrauen können. – Dieses und alles Dazugehörige – die Hautfarbe – blendendweiß und rosig, und

den Sonnenstrahlen bis ins überreife Alter widerstehend. Die lichtblauen Augen, ohne kräftigen

Ausdruck – das feine Gesicht mit fast lächerlich kleinem Munde, hierzu ein oft sehr anmutiges

und immer wohlwollendes Lächeln, und schnelles Erröten stellen die Schönheit beider

Geschlechter auf sehr ungleiche Waage, – es gibt nämlich fast keinen Mann, den man als solchen

wirklich schön nennen könnte, während unter zwanzig Mädchen wenigstens fünfzehn als hübsch

auffallen, und zwar in dem etwas faden, aber doch lieblichen Geschmacke der englischen

Kupferstiche. – Die weibliche Landestracht ist mehr wohlhäbig, als wohlstehend, recht viele

Tuchröcke mit dicken Falten, recht schwere Goldhauben und Silberkreuze an schwarzem

Sammetbande, und bei den Ehefrauen Stirnbinden von möglichst breiter Spitze, bezeichnen hier

den Grad des Wohlstandes; da selten jemand in den Laden geht, ohne die nötigen blanken Taler

in der Hand, und noch seltner durch Putzsucht das richtige Verhältnis zwischen der Kleidung

und dem ungeschnittenen Leinen und andern häuslichen Schätzen gestört wird. – Der Hausstand in

den, zumeist vereinzelt liegenden Bauernhöfen ist groß, und in jedem Betracht reichlich, aber

durchaus bäurisch. – Das lange Gebäude von Ziegelsteinen, mit tief niederragendem Dache, und

von der Tenne durchschnitten, an der zu beiden Seiten eine lange Reihe Hornvieh,

ostfriesischer Rasse, mit ihren Ketten klirrt, – die große Küche, hell und sauber, mit

gewaltigem Kamine, unter dem sich das ganze Hauspersonale bergen kann; – das viele, zur Schau

gestellte blanke Geschirr, und die absichtlich an den Wänden der Fremdenstube aufgetürmten

Flachsvorräte erinnern ebenfalls an Holland, dem sich überhaupt diese Provinz, was Wohlstand

und Lebensweise betrifft, bedeutend nähert, obwohl Abgeschlossenheit und gänzlich auf den

innern Verkehr beschränktes Wirken ihre Bevölkerung von all den sittlichen Einflüssen, denen

handelnde Nationen nicht entgehen können, so frei gehalten haben, wie kaum einen andern

Landstrich. Ob starke Reibungen mit der Außenwelt dem Münsterländer den Mut und die

Betriebsamkeit des Batavers, – ein patriarchalisches Leben diesem die Sitteneinfalt und Milde

des Münsterländers geben könnten, müssen wir dahingestellt sein lassen, bezweifeln es aber, –

jetzt mindestens sind sie sich in den Zügen, die man als die nationellsten beider anzuführen

pflegt, fast feindlich entgegengesetzt, und verachten sich auch gegenseitig, wie es Nachbarn

zukömmt. Wir haben schon früher von dem überaus friedlichen Eindrucke eines münsterischen

Gehöftes gesprochen. – In den Sommermonaten, wo das Vieh im Felde ist, vernimmst du keinen

Laut außer dem Bellen des sich an seiner Kette abzappelnden Hofhundes, und wenn du dicht an

der offenen Haustüre herschreitest, das leise Zirpen der in den Mauernesseln aus- und

einschlüpfenden Küchlein, und den gemessenen Pendelschwung der Uhr, mit dessen Gewichten ein

paar junge Kätzchen spielen; – die im Garten jätenden Frauen sitzen so still gekauert, daß du

sie nicht ahndest, wenn ein zufälliger Blick über den Hagen sie dir nicht verrät, und die

schönen, schwermütigen Volksballaden, an denen diese Gegend überreich ist, hörst du etwa nur

auf einer nächtlichen Wanderung durch das Schnurren der Spinnräder, wenn die blöden Mädchen

sich vor jedem Ohre gesichert glauben. – Auch auf dem Felde kannst du im Gefühl der tiefsten

Einsamkeit gelassen fortträumen, bis ein zufälliges Räuspern, oder das Schnauben eines Pferdes

dir verrät, daß der Schatten, in den du soeben trittst, von einem halbbeladenen Erntewagen

geworfen wird, und du mitten durch zwanzig Arbeiter geschritten bist, die sich weiter nicht

wundern, daß der »nachdenkende Herr« ihr Hutabnehmen nicht beobachtet hat, da er, nach ihrer

Meinung, »andächtig ist«, d.h. den Rosenkranz aus dem Gedächtnisse hersagt. – Diese Ruhe und

Einförmigkeit, die aus dem Innern hervorgehen, verbreiten sich auch über alle

Lebensverhältnisse. – Die Toten werden mäßig betrauert, aber nie vergessen, und alten Leuten

treten noch Tränen in die Augen, wenn sie von ihren verstorbenen Eltern reden. – An den

Eheschlüssen hat frühere Neigung nur selten teil, Verwandte und achtbare Freunde empfehlen

ihre Lieblinge einander, und das Fürwort des Geachtetsten gibt in der Regel den Ausschlag, –

so kömmt es, daß manches Ehepaar sich vor der Kopulation kaum einmal gesehen hat, und unter

der französischen Regierung kam nicht selten der lächerliche Fall vor, daß Sponsen, die

meilenweit hergetrabt waren, um für ihre Bräute die nötigen Scheine bei der Behörde zu lösen,

weder Vor- noch Zunamen derjenigen anzugeben wußten, die sie in der nächsten Woche zu heiraten

gedachten, und sich höchlich wunderten, daß die Bezeichnung als Magd oder Nichte irgendeines

angesehenen Gemeindegliedes nicht hinreichend gefunden wurde. – Daß unter diesen Umständen die

möglichst große Anzahl der Anträge noch ehrenvoller und für den Ruf entscheidender ist, als

anderwärts, begreift sich, und wir selbst wohnten der Trauung eines wahren Kleinodes von

Brautpaaren bei, wo der Bräutigam unter achtundzwanzigen, die Braut unter zweiunddreißigen

gewählt hatte. Trotz der vorläufigen Verhandlungen ist jedoch selbst der Glänzendste hier

seines Erfolgs nicht sicher, da die Ehrbarkeit ein bestimmtes Eingehen auf die Anträge des

Brautwerbers verbietet, und jetzt beginnt die Aufgabe des Freiers. – Er tritt an einem

Nachmittage in das Haus der Gesuchten, und zwar jedesmal unter dem Vorwande, seine Pfeife

anzuzünden, – die Hausfrau setzt ihm einen Stuhl, und scharrt schweigend die Glut auf, dann

knüpft sie ein gleichgültiges Gespräch an vom Wetter, den Kornfrüchten etc., und nimmt

unterdessen eine Pfanne vom Gesimse, die sie sorgfältig scheuert und über die Kohlen hängt. –

Jetzt ist der entscheidende Augenblick gekommen. – Sieht der Freier die Vorbereitungen zu

einem Pfannenkuchen, so zieht er seine dicke silberne Uhr hervor, und behauptet, sich nicht

länger aufhalten zu können, werden aber Speckschnitzel und Eier in die Pfanne gelegt, so rückt

er kühnlich mit seinem Antrage heraus, die jungen Leute wechseln »die Treue«, nämlich ein Paar

alter Schaumünzen, und der Handel ist geschlossen.

Einige Tage vor der Hochzeit macht der Gastbitter mit ellenlangem Spruche seine Runde, oft

meilenweit, da hier, wie bei den Schotten, das verwandte Blut bis in das entfernteste Glied,

und bis zum Ärmsten hinab, geachtet wird. – Nächst diesem dürfen vor allem die sogenannten

Nachbarn nicht übergangen werden, drei oder vier Familien nämlich, die vielleicht eine halbe

Meile entfernt wohnen, aber in uralten Gemeinderegistern, aus den Zeiten einer noch viel

sparsameren Bevölkerung, als »Nachbarn« verzeichnet stehen, und gleich Prinzen vom Geblüte vor

den näheren Seitenverbindungen, so auch ihre Rechte und Verpflichtungen vor den, vielleicht

erst seit ein paar hundert Jahren Näherwohnenden wahren. – Am Tage vor der Hochzeit findet der

»Gabenabend« statt, – eine freundliche Sitte, um den jungen Anfängern über die schwerste Zeit

wegzuhelfen. – Abends, wenn es bereits stark dämmert, tritt eine Magd nach der andern ins

Haus, setzt mit den Worten: »Gruß von unserer Frau«, einen mit weißem Tuche verdeckten Korb

auf den Tisch, und entfernt sich sofort; dieser enthält die Gabe: Eier, Butter, Geflügel,

Schinken – je nach den Kräften eines jeden – und die Geschenke fallen oft, wenn das Brautpaar

unbemittelt ist, so reichlich aus, daß dieses um den nächsten Wintervorrat nicht sorgen darf.

– Eine liebenswürdige, das Volk bezeichnende Höflichkeit des Herzens verbietet die

Überbringung der Gabe durch ein Familienmitglied; wer keine Magd hat, schickt ein fremdes

Kind. – Am Hochzeitmorgen, etwa um acht, besteigt die Braut den mit einer weißen,

goldflunkernden Fahne geschmückten Wagen, der ihre Ausstattung enthält; – sie sitzt allein

zwischen ihren Schätzen, im besten Staate aber ohne besonderes Abzeichen, und weint aufs

jämmerlichste; auch die auf dem folgenden Wagen gruppierten Brautjungfern und Nachbarinnen

beobachten eine ernste, verschämte Haltung, während die, auf dicken Ackergäulen nebenher

trollenden Bursche durch Hutschwenken und hier und dort ein schwerfälliges Juchhei ihre

Lustigkeit auszudrücken suchen, und zuweilen eine alte, blindgeladene Flinte knallen lassen. –

Erst vor der Pfarrkirche findet sich der Bräutigam mit seinem Gefolge ein, besteigt aber nach

der Trauung nicht den Wagen der Braut, sondern trabt als einziger Fußgänger nebenher, bis zur

Türe seines Hauses, wo die junge Frau von der Schwiegermutter empfangen, und mit einem »Gott

segne deinen Aus- und Eingang« feierlich über die Schwelle geleitet wird. – Lebt die Mutter

nicht mehr, so vertritt der Pfarrer ihre Stelle, oder, wenn er zufällig gegenwärtig ist, der

Gutsherr, was für eine sehr glückliche Vorbedeutung gehalten wird, die den Neuvermählten und

ihren Nachkommen den ungestörten Genuß des Hofes sichert, nach dem Spruche: »Wen die

Herrschaft einleitet, den leitet sie nicht wieder heraus.« – Während dieser Zeremonie schlüpft

der Bräutigam in seine Kammer, und erscheint alsbald im Kamisol, Zipfelmütze und

Küchenschürze. In diesem Aufzuge muß er an seinem Ehrentage den Gästen aufwarten, nimmt auch

keinen Teil am Hochzeitmahle, sondern steht, mit dem Teller unterm Arme, hinter der Braut, die

ihrerseits keinen Finger rührt, und sich wie eine Prinzessin bedienen läßt. – Nach Tische

beginnen auf der Tenne die althergebrachten Tänze: »Der halbe Mond«, »Der Schustertanz«,

»Hinten im Garten« – manche mit den anmutigsten Verschlingungen. – Das Orchester besteht aus

einer oder zwei Geigen und einer invaliden Baßgeige, die der Schweinehirt, oder Pferdeknecht

aus dem Stegreif streicht. – Ist das Publikum sehr musikliebend, so kommen noch wohl ein Paar

Topfdeckel hinzu, und eine Kornschwinge, die abwechselnd von den Gästen mit einem Spane aus

Leibeskräften wider den Strich gekratzt wird. – Nimmt man hiezu das Gebrüll und Kettengeklirr

des Viehes, das erschrocken an seinen Ständen stampft, so wird man zugeben, daß die

unerschütterliche Gravität der Tänzer mindestens nicht dem Mangel an aufregendem Geräusche

zuzuschreiben ist. – Hier und dort läßt wohl ein Bursche ein Juchhei los, was aber so einsam

klingt, wie ein Eulenschrei in einer Sturmnacht. – Bier wird mäßig getrunken, Branntwein noch

mäßiger, aber siedender Kaffee »zur Abkühlung« in ganzen Strömen, und mindestens sieben blanke

Zinnkessel sind in steter Bewegung. – Zwischen den Tänzen verschwindet die Braut von Zeit zu

Zeit, und kehrt allemal in einem andern Anzuge zurück, so viel ihr derer zu Gebote stehen, vom

Traustaate an, bis zum gewöhnlichen Sonntagsputze, in dem sie sich noch stattlich genug

ausnimmt, in der damastenen Kappe mit breiter Goldtresse, dem schweren Seidenhalstuche, und

einem so imposanten Körperumfange, als ihn mindestens vier Tuchröcke übereinander

hervorbringen können. – Sobald die Hängeuhr in der Küche Mitternacht geschlagen hat, sieht man

die Frauen sich von ihren Bänken erheben und miteinander flüstern; gleichzeitig drängt sich

das junge Volk zusammen, nimmt die Braut in seine Mitte, und beginnt einen äußerst künstlichen

Schneckentanz, dessen Zweck ist, in raschem Durcheinanderwimmeln immer eine vierfache Mauer um

die Braut zu erhalten, denn jetzt gilt’s den Kampf zwischen Ehe und Jungfrauschaft. – Sowie

die Frauen anrücken, wird der Tanz lebhafter, die Verschlingungen bunter, die Frauen suchen

von allen Seiten in den Kreis zu dringen, die Junggesellen durch vorgeschobene Paare sie

wegzudrängen; die Parteien erhitzen sich, immer rascher wirbelt die Musik, immer enger zieht

sich die Spirallinie, Arme und Kniee werden zu Hülfe genommen, die Bursche glühen wie Öfen,

die ehrwürdigen Matronen triefen von Schweiß, und man hat Beispiele, daß die Sonne über dem

unentschiedenen Kampfe aufgegangen ist; endlich hat eine Veteranin, die schon einige und

zwanzig Bräute in den Ehestand gezerrt hat, ihre Beute gepackt; plötzlich verstummt die Musik,

der Kreis stäubt auseinander, und alles strömt den Siegerinnen und der weinenden Braut nach,

die jetzt zum letzten Male umgekleidet und mit Anlegung der fraulichen Stirnbinde symbolisch

von ihrem Mädchentum geschieden wird, – ein Ehrendienst, was den (sogenannten) Nachbarinnen

zusteht, dem sich aber jede anwesende Ehefrau, die Gattin des Gutsherrn nicht ausgenommen,

durch irgendeine kleine Dienstleistung, Darreichung einer Nadel oder eines Bandes, anschließt.

– Dann erscheint die Braut noch einmal in reinlicher Hauskleidung und Hemdärmeln, gleichsam

eine bezwungene und fortan zum Dienen willige Brünhildis, greift aber dennoch nach ihres

Mannes bereitliegendem Hute, und setzt ihn auf; die Frauen tun desgleichen, und zwar jede den

Hut ihres eigenen Mannes, den er ihr selbst ehrerbietig reicht, und eine stattliche

Frauenmenuett beschließt die Feier und gibt zugleich die Vorbedeutung eines ehrenhaften,

fleißigen, friedlichen Ehestandes, in dem die Frau aber nie vergißt, daß sie am Hochzeittage

ihres Mannes Hut getragen. Noch bleibt den Gästen, bevor sie sich zerstreuen, eine seltsame

Aufgabe, – der Bräutigam ist nämlich während der Menuette unsichtbar geworden, – er hat sich

versteckt, offenbar aus Furcht vor der behuteten Braut, und das ganze Haus wird umgekehrt, ihn

zu suchen; man schaut in und unter die Betten, raschelt im Stroh und Heu umher, durchstöbert

sogar den Garten, bis endlich jemand in einem Winkel voll alten Gerümpels den Quast seiner

Zipfelmütze oder ein Endchen der Küchenschürze entdeckt, wo er dann sofort gefaßt, und mit

gleicher Gewalt und viel weniger Anstand als seine schöne Hälfte der Brautkammer zugeschleppt

wird. – Bei Begräbnissen fällt wenig Ungewöhnliches vor, außer daß der Tod eines Hausvaters

seinen Bienen angesagt werden muß, wenn nicht binnen Jahresfrist alle Stöcke abzehren und

versiechen sollen, weshalb, sobald der Verscheidende den letzten Odemzug getan, sofort der

Gefaßteste unter den Anwesenden an den Stand geht, an jeden Korb pocht und vernehmlich

spricht: »Einen Gruß von der Frau, der Herr ist tot«, worauf die Bienen sich christlich in ihr

Leid finden, und ihren Geschäften nach wie vor obliegen. Die Leichenwacht, die in Stille und

Gebet abgehalten wird, ist eine Pflicht jener entfernten Nachbarn, so wie das Leichenmahl ihr

Recht, und sie sorgen mit dafür, daß der Tote ein feines Hemd erhält, recht viele schwarze

Schleifen, und einen recht flimmernden Kranz und Strauß von Spiegeln, Rauschgold und

künstlichen Blumen, da er unfehlbar am jüngsten Tage in demselben Aufzuge erscheinen wird, wo

sie dann Lob und Tadel mit den Hinterlassenen zu teilen haben. – Der Münsterländer ist

überhaupt sehr abergläubisch, sein Aberglaube aber so harmlos, wie er selber. Von

Zauberkünsten weiß er nichts, von Hexen und bösen Geistern wenig, obwohl er sich sehr vor dem

Teufel fürchtet, jedoch meint, daß dieser wenig Veranlassung finde, im Münsterlande umzugehen.

– Die häufigen Gespenster in Moor, Heide und Wald sind arme Seelen aus dem Fegfeuer, deren

täglich in vielen tausend Rosenkränzen gedacht wird, und ohne Zweifel mit Nutzen, da man zu

bemerken glaubt, daß die »Sonntagsspinnerin« ihre blutigen Arme immer seltener aus dem

Gebüsche streckt, der »diebische Torfgräber« nicht halb so kläglich mehr im Moore ächzt und

vollends der »kopflose Geiger« seinen Sitz auf dem Waldstege gänzlich verlassen zu haben

scheint. – Von den ebenfalls häufigen Hausgeistern in Schlössern und großen Bauernhöfen denkt

man etwas unklar, aber auch nicht schlimm, und glaubt, daß mit ihrem völligen Verschwinden die

Familie des Besitzers aussterben oder verarmen werde. – Diese besitzen weder die häuslichen

Geschicklichkeiten, noch die Tücke anderer Kobolde, sondern sind einsamer, träumerischer

Natur, schreiten, wenn es dämmert, wie in tiefen Gedanken, langsam und schweigend, an

irgendeiner verspäteten Milchmagd oder einem Kinde vorüber, und sind ohne Zweifel echte

Münsterländer, da man kein Beispiel hat, daß sie jemanden beschädigt oder absichtlich

erschreckt hätten. Man unterscheidet sie in »Timphüte« und »Langhüte«. Die ersteren kleine,

runzliche Männchen, in altmodischer Tracht, mit eisgrauem Barte und dreieckigen Hütchen; die

andern übernatürlich lang und hager, mit langem Schlapphut, aber beide gleich wohlwollend, nur

daß der Timphut bestimmten Segen bringt, der Langhut dagegen nur Unglück zu verhüten sucht.

Zuweilen halten sie nur in den Umgebungen, den Alleen des Schlosses, dem Wald- und

Wiesengrunde des Hofes, ihre philosophischen Spaziergänge; gewöhnlich haben sie jedoch

außerdem einen Speicher oder eine wüste Bodenkammer inne, wo man sie zuweilen nachts auf und

abgehen, oder einen knarrenden Haspel langsam umdrehen hört. – Bei Feuerbrünsten hat man den

Hausgeist schon ernsthaft aus den Flammen schreiten und einen Feldweg einschlagen sehen, um

nie wiederzukehren, und es waren dann hundert gegen eins zu wetten, daß die Familie bei dem

Neubau in einige Verlegenheit und Schulden geraten werde.

Größere Aufmerksamkeit als dieses verdient das sogenannte »Vorgesicht«, ein bis zum Schauen

oder mindestens deutlichem Hören gesteigertes Ahndungsvermögen, ganz dem Secondsight der

Hochschotten ähnlich, und hier so gewöhnlich, daß, obwohl die Gabe als eine höchst

unglückliche eher geheimgehalten wird, man doch überall auf notorisch damit Behaftete trifft,

und im Grunde fast kein Eingeborner sich gänzlich davon freisprechen dürfte. – Der Vorschauer

(Vorgucker) im höheren Grade ist auch äußerlich kenntlich an seinem hellblonden Haare, dem

geisterhaften Blitze der wasserblauen Augen, und einer blassen oder überzarten Gesichtsfarbe;

übrigens ist er meistens gesund, und im gewöhnlichen Leben häufig beschränkt und ohne eine

Spur von Überspannung. – Seine Gabe überkömmt ihn zu jeder Tageszeit, am häufigsten jedoch in

Mondnächten, wo er plötzlich erwacht, und von fieberischer Unruhe ins Freie oder ans Fenster

getrieben wird; dieser Drang ist so stark, daß ihm kaum jemand widersteht, obwohl jeder weiß,

daß das Übel durch Nachgeben bis zum Unerträglichen, zum völligen Entbehren der Nachtruhe

gesteigert wird, wogegen fortgesetzter Widerstand es allmählich abnehmen, und endlich gänzlich

verschwinden läßt. – Der Vorschauer sieht Leichenzüge – lange Heereskolonnen und Kämpfe, – er

sieht deutlich den Pulverrauch und die Bewegungen der Fechtenden, beschreibt genau ihre

fremden Uniformen und Waffen, hört sogar Worte in fremder Sprache, die er verstümmelt

wiedergibt, und die vielleicht erst lange nach seinem Tode auf demselben Flecke wirklich

gesprochen werden. – Auch unbedeutende Begebenheiten muß der Vorschauer unter gleicher

Beängstigung sehen: z.B. einen Erntewagen, der nach vielleicht zwanzig Jahren auf diesem Hofe

umfallen wird; er beschreibt genau die Gestalt und Kleidung der jetzt noch ungebornen

Dienstboten, die ihn aufzurichten suchen; die Abzeichen des Fohlens oder Kalbes, das

erschreckt zur Seite springt, und in eine, jetzt noch nicht vorhandene Lehmgrube fällt etc. –

Napoleon grollte noch in der Kriegsschule zu Brienne mit seinem beengten Geschicke, als das

Volk schon von »silbernen Reitern« sprach, mit »silbernen Kugeln auf den Köpfen, von denen ein

langer, schwarzer Pferdeschweif« flattere, sowie von wunderlich aufgeputztem Gesindel, was auf

»Pferden wie Katzen« (ein üblicher Ausdruck für kleine, knollige Rosse) über Hecken und Zäune

fliegen, in der Hand eine lange Stange, mit eisernem Stachel daran. – Ein längst verstorbener

Gutsbesitzer hat viele dieser Gesichte verzeichnet, und es ist höchst anziehend, sie mit

manchem späteren entsprechenden Begebnisse zu vergleichen. – Der minder Begabte und nicht bis

zum Schauen Gesteigerte »hört« – er hört den dumpfen Hammerschlag auf dem Sargdeckel und das

Rollen des Leichenwagens, hört den Waffenlärm, das Wirbeln der Trommeln, das Trappeln der

Rosse, und den gleichförmigen Tritt der marschierenden Kolonnen. – Er hört das Geschrei der

Verunglückten, und an Tür oder Fensterladen das Anpochen desjenigen, der ihn oder seinen

Nachfolger zur Hülfe auffordern wird. – Der Nichtbegabte steht neben dem Vorschauer und ahndet

nichts, während die Pferde im Stalle ängstlich schnauben und schlagen, und der Hund,

jämmerlich heulend, mit eingeklemmtem Schweife seinem Herrn zwischen die Beine kriecht. – Die

Gabe soll sich jedoch übertragen, wenn ein Nebenstehender dem Vorgucker über die linke

Schulter sieht, wo er zwar für dieses Mal nichts bemerkt, fortan aber für den andern die

nächtliche Schau halten muß. – Wir sagen dieses fast ungern, da dieser Zusatz einem

unleugbaren und höchst merkwürdigen Phänomen den Stempel des Lächerlichen aufdrückt. – Wir

haben den Münsterländer früher furchtsam genannt, dennoch erträgt er den eben berührten

Verkehr mit der übersinnlichen Welt mit vieler Ruhe, wie überall seine Furchtsamkeit sich

nicht auf passive Zustände erstreckt. – Gänzlich abgeneigt, sich ungesetzlichen Handlungen

anzuschließen, kömmt ihm doch an Mut, ja Hartnäckigkeit, des Duldens für das, was ihm recht

scheint, keiner gleich, und ein geistreicher Mann verglich dieses Volk einmal mit den Hindus,

die, als man ihnen ihre religiösen und bürgerlichen Rechte schmälern wollte, sich zu vielen

Tausenden versammelten, und auf den Grund gehockt, mit verhüllten Häuptern, standhaft den

Hungertod erwarteten. – Dieser Vergleich hat sich mitunter als sehr treffend erwiesen.

Unter der französischen Regierung, wo Eltern und, nachdem diese ausgeplündert waren, auch

Geschwister mit ihren Habseligkeiten für diejenigen einstehen mußten, die sich der

Militärpflicht entzogen hatten, haben sich zuweilen alle Zweige eines Stammes, ohne Rücksicht

auf ihre unmündigen Kinder, zuerst bis zum letzten Heller exequieren, und dann bis aufs Hemde

auspfänden lassen, ohne daß es einem eingefallen wäre, dem Versteckten nur mit einem Worte den

Wunsch zu äußern, daß er aus seinem Bretterverschlage oder Heuschober hervorkriechen möge, und

so verhaßt, ja entsetzlich jedem damals der Kriegsdienst war, dem manche sogar durch

freiwillige Verstümmelung, z.B. Abhacken eines Fingers, zu entgehen suchten, so häufig trat

doch der Fall ein, daß ein Bruder sich für den andern stellte, wenn er dachte, dieser werde

den Strapazen erliegen, er aber möge noch mit dem Leben davonkommen. – Kurz, der Münsterländer

besitzt den Mut der Liebe, und einer, unter dem Schein des Phlegmas versteckten,

schwärmerischen Religiösität, so wie er überhaupt durch Eigenschaften des Herzens ersetzt, was

ihm an Geistesschärfe abgeht, und der Fremde verläßt mit Teilnahme ein Volk, was ihn zwar

vielleicht mitunter langweilte, dessen häusliche Tugenden ihm aber immer Achtung einflößt, und

zuweilen ihn tief gerührt haben. – Müssen wir noch hinzufügen, daß alles bisher Gesagte nur

das Landvolk angeht? – ich glaube »nein«, Städter sind sich ja überall gleich, Kleinstädter

wie Großstädter. – Oder daß alle diese Zustände am Verlöschen sind, und nach vierzig Jahren

vielleicht wenig mehr davon anzutreffen sein möchte? – Auch leider »nein«, es geht ja überall

so!

Annette von Droste-Hülshoff – Ledwina

Annette von Droste-Hülshoff

Ledwina

Der Strom zog still seinen Weg und konnte keine der Blumen und Zweige auf seinem Spiegel

mitnehmen; nur eine Gestalt, wie die einer jungen Silberlinde, schwamm langsam seine Fluten

hinauf. Es war das schöne bleiche Bild Ledwinens, die von einem weiten Spaziergange an seinen

Ufern heimkehrte. Wenn sie zuweilen halb ermüdet, halb sinkend still stand, dann konnte er

keine Strahlen stehlen, auch keine hellen oder milderen Farbenspiele von ihrer jungen Gestalt,

denn sie war so farblos wie eine Schneeblume, und selbst ihre lieben Augen waren wie ein paar

verblichne Vergißmeinnicht, denen nur Treue geblieben, aber kein Glanz.

»Müde, müde«, sagte sie leise und ließ sich langsam nieder in das hohe, frischgrüne Ufergras,

daß es sie nun umstand, wie die grüne Einfassung ein Lilienbeet. Eine angenehme Frische zog

durch alle ihre Glieder, daß sie die Augen vor Lust schloß, als ein krampfhafter Schmerz sie

auftrieb. Im Nu stand sie aufrecht, die eine Hand fest auf die kranke Brust gepreßt, und

schüttelte unwillig ob sich das blonde Haupt, wandte sich rasch wie zum Fortgehn und kehrte

dann fast wie trotzend zurück; sie trat dicht an das Ufer und schaute anfangs hell, dann

träumend in den Strom.

Ein großer, aus dem Flusse ragender Stein sprühte bunte Tropfen um sich, und die Wellchen

strömten und brachen sich so zierlich, daß das Wasser hier wie mit einem Netze überzogen

schien und die Blätter der am Ufer neigenden Zweige im Spiegel wie grüne Schmetterlinge

davonflatterten. Ledwinens Augen aber ruhten aus auf ihrer eignen Gestalt, wie die Locken von

ihrem Haupte fielen und forttrieben, ihr Gewand zerriß und die weißen Finger sich ablösten und

verschwammen, und wie der Krampf wieder sich leise zu lösen begann, da wurde es ihr, als ob

sie wie tot sei und wie die Verwesung lösend durch ihre Glieder fresse und jedes Element das

Seinige mit sich fortreiße.

»Dummes Zeug!« sagte sie, sich schnell besinnend, und bog mit einem scharfen Zug in den milden

Mienen auf die dicht am Flusse hinlaufende Heerstraße, indem sie das Auge durch das weite,

leere Feld nach heitern Gegenständen aussandte. Ein wiederholtes Pfeifen vom Strome her blieb

ihr unbemerkt, und als daher bald darauf ein großer schwarzer Hund mit vorgestrecktem Kopfe

quer über den Anger grade auf sie einrannte, flüchtete sie, von einem Schrecken ergriffen, mit

einem Schrei auf den Strom zu und, da das Tier ihr auf der Ferse folgte, mit ebnen Füßen

hinein. »Pst, Sultan!« rief es neben ihr, und zugleich fühlte sie sich von zwei unzarten

Händen gefaßt und ans Ufer gesetzt. Sie wandte sich noch ganz betäubt und verschreckt um. Vor

ihr stand ein großer vierschrötiger Mann, den sie an einem Hammel, der ihm wie ein Palatin um

den Hals hing, als einen Fleischer erkannte. Beide betrachteten sich eine Weile, indem das

Gesicht des Mannes in die offenbarste, mit Verdruß gemischte Ironie überging.

»Was springt Sie denn so?« stieß er endlich heraus.

»Ach Gott«, sagte Ledwina ganz beschämt, »ich dachte, das Tier wäre toll.«

»Wer? mein Hund?« sagte der Kerl beleidigt, »der ist ja nicht mal bös, der hat niemals keinen

gebissen.«

Ledwina sah auf den Hund, der nun ganz verständig wie ein Sphinx neben seinem Herrn saß und

zuhörte.

»Ist Sie nun recht naß?« fing der Fleischer an.

»Nicht sehr«, erwiderte Ledwina, indes der Mann mit seinem Stabe die Tiefe des Wassers neben

dem großen Steine maß, auf den Ledwina bei ihrer Wasserreise geraten. »Aber ganz miserabel ist

Ihr, das sehe ich wohl«, sagte er dann, »ich will nur sehen, daß ich Sie in das Haus dort

bringe.«

In der Tat hatte Ledwina seines Beistandes sehr nötig, und sie erreichte nur mühsam das etwa

hundert Schritte vom Flusse entlegene Bauernhaus, indes ihr Führer sie beständig von den

Kennzeichen der tollen Hunde unterhielt.

Die alte Bäurin schob schnell ihren Rocken zurück, als Ledwina mit den Worten: »Macht Feuer,

Lisbeth, ich habe mich erkältet und erschreckt« in die Tür trat. Der Fleischer hob sogleich

die Geschichte des Abenteuers an.

»Macht Feuer!« wiederholte Ledwina, »ich habe mir im Sandloche nasse Füße geholt.«

Der Retter wollte die Sache mit der Mamsell gefährlicher machen.

»Es ist unser gnädiges Fräulein«, sagte die Alte beruhigt, legte Holz zum Feuer, stellte einen

Stuhl daneben, rückte ein Kissen darauf zurecht und ging, um in dem Keller ein Glas frischer

Milch zu holen.

Der Fleischer, in seiner besten Rede verlassen, rief ihr verdrießlich nach: »Einen Schnaps,

Wirtin!« – »Wir verschenken keinen Schnaps«, sagte die Frau in der Kellertür; »ein Glas Milch

könnt Ihr für einmal umsonst kriegen.«

»Mamsell«, hub der Fleischer von neuem an, »ich sage aber, sie hätte wohl vertrinken können.«

Ledwina mußte doch lächeln. »Wenn ich mich auf den Mund gelegt hätte«, antwortete sie vor sich

hin und suchte in ihrem Körbchen nach der Börse. »Sie ist auch nicht besonders bei Kräften«,

erwiderte er, und über Ledwinens Gesicht flog ein bittrer Zug, indem sie ihm ein Trinkgeld

reichte.

»Gott bewahre«, erhub er seine Stimme, »einem Menschen das Leben retten, das ist nicht zu

bezahlen«, wobei er beinah tat, als wollte er das Dargebotene etwas weniges abwehren. »Ihr

habt mich ja auch hieher geleitet«, sprach Ledwina fast verdrießlich. »Ja, wenn Sie das

meint«, sagte der Retter und faßte geschwind zu, denn da Ledwina sich nach ihrem Körbchen

neigte, meinte er, sie gedächte das Gebotne wieder einzustecken.

Die Bäurin brachte die Milch. Der Fleischer brummte: »Wenn es noch ein gut Glas Bier wäre.« Er

nahm jedoch vorlieb, sprach gegen die Wirtin noch allerhand von bezahlen und gut bezahlen

können und zog endlich ab.

»So geht es oft den ganzen Tag«, sprach die Bäurin zu Ledwina, der es ganz behaglich am Feuer

wurde, »wenn wir allerhand Leute im Hause leiden wollten, der Zulauf wäre groß genug für das

beste Wirtshaus. Die Leute denken: Geld regiert die Welt. Unser Klemens muß oft des Nachts aus

dem Bette und führen die Reisenden beim Grafenloche vorbei. Das ist ihm auch nicht zu gut,

aber man mag die Leute doch nicht so ins Wasser stürzen lassen.« – »Jawohl«, sagte Ledwina,

schon halb im Schlummer. »Die gnädige Fräulein ist schläfrig«, sprach die Alte lächelnd, »ich

will noch ein Küssen holen.« – »Bewahre«, rief Ledwina schnell, aus ihrem Stuhle auffahrend,

aber schon war die alte Lisbeth wieder da mit zwei Küssen, deren eines sie auf den Sims neben

den Herd legte, das andre auf die Stuhllehne. Ledwine, die sich aus einer Art Krankentrotzes

selten etwas zugute tat, lachte ordentlich vor Vergnügen, da es ihr so bequem wurde. »Erzählt

mir etwas von vorigen Zeiten, da Ihr auf dem Schlosse wohntet«, sagte sie freundlich, und die

Frau hub an zu erzählen von dem seligen Großpapa, und wie der Turm noch gestanden, der vor

vielen Jahren niedergebrannt, und immer tiefer neigte sich Ledwinens Haupt, und nur deutlicher

gestaltete sich, was sie noch jezuweilen von den Worten der Erzählenden vernahm, daß sie den

Großvater sah wie ein kleines, graues Männchen, gar freundlich, tot war er freilich, aber er

schoß doch noch mit seiner Vogelflinte nach den Raben im alten Turme, es knallte gar nicht,

aber sie fielen recht gut – und nur leiser und leiser wurden die Laute der Alten, die von Zeit

zu Zeit ihr Fräulein hinter dem Rocken hervor betrachtete, bis sie endlich auch ganz

einschliefen. Dann stand sie sachte auf, trippelte auf den Zehen zu Ledwina und beugte sich

langsam über sie, ihren Schlummer zu prüfen. Das war rührend zu sehn, wie das ernste, alte

Gesicht der Bäurin, über dem jungen, bleichen der Herrin stand, das eine in stiller

Traumeswehmut, das andre in den Tiefen des unabwendbaren nahen Vergehens für beide, die reife,

lebenssatte Ähre über der zarten, sonnenversengten Blüte. Dann hob sie sich, holte still

Flachs aus einem Wandschranke und begann ihn sehr leise zu bürsten; aber ihre Züge waren

ernster wie vorhin und doch sehr weich.

So dauerte es eine Weile, als die Tür ziemlich unsanft geöffnet ward und mit den Worten:

»Mutter, hier bring’ ich Euch einen neuen Stuhl«, ihr Sohn mit ein’gem polternden Anstande

einen im geheimen für sie verfertigten Spinnstuhl hereinbrachte; »der andre ist Euch ja doch

zu hoch«, fuhr er fort. Die Mutter winkte unwillig mit der Hand, indem sie auf Ledwina

deutete, aber diese war schon erwacht und sah ganz hell und erquickt um sich. »Ja, so wollt’

ich dich –!« fuhr die Alte heraus. »Ich habe sehr sanft geschlafen bei Eurem Feuer«, sagte das

Fräulein sehr freundlich, »es ist aber doch gut, daß ich geweckt bin, sonst hätt’ ich

nachtwandeln müssen; ich meine«, fuhr sie lächelnd fort, da die beiden sie fragend anblickten,

»wenn ich bei Tage ruhe, so habe ich in der Nacht keinen Schlaf; da stehe ich dann wohl

zuweilen auf und gehe in meiner Stube umher; es ist nicht zum besten, aber was soll man mit

der langen Nacht machen? Es wird bald fünf sein, nun wird’s meine Zeit zu gehn«, und wie sie

durch die Tür ging: »Den Stuhl hat wohl Euer Sohn gemacht, der ist doch recht geschickt.« –

»Auch bisweilen recht ungeschickt«, sprach die Alte, der der Ärger noch nicht aus den Gliedern

wollte, aber schon war Ledwine wie eine Gazelle den Fluß hinauf, denn sie dachte nur dann an

ihre arme kranke Brust, wenn heftige Schmerzen sie daran erinnerten, und dann war ihr dieses

traurige Hüten, dieses erbärmliche, sorgfältige Leben, wo der Körper den Geist regiert, bis er

siech und armselig wird wie er selber, so verhaßt, daß sie gern diese ganze in Funken zu

verglimmende Lebenskraft in einem einzigen recht lohhellen Tage hätte ausflammen lassen. Ihr

frommes Gemüt behielt auch hier die Oberhand über den furchtbar durchbrennenden Geist, aber

noch nie hat wohl ein Märtyrer Gott sein Leben reiner und schmerzlicher geopfert wie Ledwina

den schöneren Tod in der eignen Geistesflamme.

*

Im hellen Wohnzimmer mußte es etwas anders sein wie immer, da Ledwina eintrat, denn sie ward

gar nicht gescholten, die gewöhnliche bittre Frucht der ihr so süßen, aber zerrüttenden

Streifereien. Schwester Therese hatte freilich genug nach einer entfallenen Nähnadel zu

fischen, aber auch die Mutter sagte nichts, strickte still fort und winkte stark mit den

Augenlidern; das war immer ein besonderes Zeichen, dann war sie erzürnt oder gerührt oder gar

verlegen, denn diese kluge Frau, der ein allgemein beachtetes und oft verwickeltes Leben eine

völlige Herrschaft über alle unpassende Ausbrüche innerer Bewegungen in Handlungen und Worten

gesichert hatte, wußte selbst nicht, wie dünn der Schleier ihres Antlitzes über die Seele

hing, und es bedurfte für gesunde, ob auch noch ungeübte Augen nur sehr geringer

Bekanntschaft, um sie oft besser zu verstehen, als sie sich selbst in ihrer vielfachen

Zerstreuung durch Haus und Kinder. Ledwina hätte sich gern ganz still der Gesellschaft

eingeflickt, aber ihre Arbeit lag in der Schublade des Tisches, vor dem die Mutter saß. Das

war schlimm; sie setzte sich indes ganz sachte in den Sofa, der an der Schattenseite des

Zimmers stand, und sagte kein Wort. Die kleine Marie lief hinein und mit einem lauten, etwas

albernen Gelächter auf Ledwina los: »Ledwine, weißt du schon die ganz berühmte Neuigkeit?«

Ledwine verfärbte sich wie erschreckt in unnatürlich gespannter Erwartung, und die Mutter

sagte rasch: »Marie, hol mir mein Schnupftuch, ich habe es im Garten bei den Tannen liegen

lassen!« Marie drehte sich auf dem Fuße um, sagte aber noch: »Wenn ich wiederkomme, weißt du

es längst, denn Theresen springt das Herz, wenn sie es nicht sagt.« Sie lachte laut auf und

rannte etwas tölpisch hinaus.

»Ihr müßt euch mit dem Kinde in acht nehmen«, sagte die Mutter ernst, »Kinderohren sind

bekanntlich die schärfsten und wir Erwachsnen oft wahrhaft ruchlos in dieser Hinsicht; bei

Marien ist es zum Glück nur Impertinenz, kein erwachendes vorlautes Gefühl, was im besten

Falle die Seele leerbrennt. – Karl«, sie wandte sich zu Ledwinen, »hat heute Briefe erhalten,

woraus unter andrem erhellt, daß einer seiner Universitätsbekannten ihn vielleicht

durchreisend besuchen wird; du hast ihn wohl nennen hören, Römfeld, der sogenannte schöne

Graf. Karl hat zuweilen allerhand von ihm erzählt, was ganz romantisch lautete, und ihr seid

unvorsichtig genug gewesen, euch mit ihm zu necken; ich lasse so etwas passieren, obgleich es

überall nicht viel heißt. Ich denke, wenn das Böse nur ausbleibt, so muß man sich zuweilen in

das Unnütze in Gottes Namen schicken. Ich muß gestehn, daß ich alsdann so wenig an Marien

gedacht habe wie ihr, aber vorausgesetzt, daß dergleichen dunkle Dinge ihrem noch höchst

kindlichen Gemüte keinen weiteren Eindruck hinterlassen, wie soll man ihr beibringen, daß sie

derlei Gespräche nicht wiederholen dürfe, ohne eben diese gleichen Eindrücke fast gewaltsam zu

befördern, denn ihr wißt, sie wäre kindisch und lebhaft genug, den Grafen mit seiner eignen

Biographie zu regalieren.«

»Man muß ihr sagen«, versetzte Karl, der immer die Stube auf und ab maß, »daß sie überhaupt

nichts weiter bringt; das Klatschen ist an und für sich garstig genug.« – »Weißt du das einem

so lebhaften Kinde ohne Arg beizubringen?« erwiderte die Mutter scharf. »Wir haben doch nicht

geklatscht, wie wir klein waren«, sagte Karl. Die Mutter stockte einen Augenblick und sagte

dann mit schonender Stimme, wie ungern: »Sie ist vielleicht auch lebhafter wie ihr alle.« Karl

ward rot und sagte halb vor sich hin: »Auch ziemlich unartig bisweilen.« – »Etwas unartig sind

alle Kinder in dem Alter«, versetzte die Mutter streng, »und zudem gehorcht sie mir aufs Wort;

ist es mit andren nicht so, so mag die Schuld auf beiden Seiten stehn.«

Beide schwiegen verstimmt, und eine drückende Pause entstand. »Von wem hast du Briefe?« hub

Ledwina leise und ängstlich an. »Es ist nur einer«, sagte Karl, »von Steinheim; er hat eine

gute Anstellung bekommen zu Dresden und wird bei seiner Hinreise hier vorsprechen, da er über

Göttingen reist, um dem Studentenleben noch einmal ein ewiges, lustiges Valet zu bringen, und

Römfeld, der aus Dresden ist, eben von dort abgeht, so reisen sie zusammen. Steinheim scheint

der ungebetene Gast schon auf dem Herzen zu liegen.« Dies letztere sagte er halb zu der Mutter

gewandt, die mit der möglichsten und angenehmsten Gastfreiheit sich jedoch das Recht der

Einladung immer völlig vorbehielt.

»Wir kennen ihn ja schon«, sagte diese und dann schnell, ehe Karl seine Antwort, daß diese

Angst nicht Steinheim selbst, sondern Römfelden meine, anbringen konnte, »Ledwina, wo bist du

diesen Nachmittag gewesen?«

»Am Flusse hinunter«, entgegnete Ledwina.

»Du bist lange geblieben«, versetzte die Mutter.

»Ich habe lange«, erwiderte Ledwina, »bei der alten Lisbeth zugebracht; ich bin sehr gern

dort.«

»Es sind auch gute Leute«, sagte die Mutter; »etwas stolz, aber das schadet nicht in ihrem

Stande, es erhält sie ehrlich in jeder Hinsicht.«

»Es hat mich recht geschmerzt«, sprach Karl, »unser altes Domestikeninventarium fast ganz

zerstört zu finden.«

»Mich auch«, sagte die Mutter lebhaft, »ich wollte sie gern aus dem Grabe heben, und wenn ich

statt dessen ihren Sarg mit Golde füllen müßte. Wir haben sie so oft in freilich harmlosem

Spotte das Fideikommiß genannt, aber wahrlich, solche Leute sind nicht sowohl unserer Treue

von Gott vertraut wie wir der ihrigen, und nächst dem Schutzengel gibt es keine frömmeren

Hüter und nächst der Elternliebe keine reinere Neigung als die stille und innige Glut solcher

alten Getreuen gegen den Stamm, auf den sie einmal geimpft, worin alle andren Wünsche und

Neigungen, selbst die für und zu den eignen Angehörigen haben zerschmelzen müssen.«

Die Frau von Brenkfeld war gegen das Ende ihrer Worte sehr gerührt. Ihre Stimme war fest, aber

das leise Spiel der schönsten Gefühle in ihren ernsten Zügen gab ihnen eine unbeschreibliche

Anmut. Ledwina hatte währenddem ihre Mutter unablässig betrachtet und war bleich geworden, als

Zeichen, daß ein Gedanke sie ergriff.

»Ja«, sagte sie nun sehr langsam, als würden ihre Sinne erst allmählich unter dem Reden

geboren, »das ist wahr, wir sind doch Geschwister, aber ich bin leider gewiß, daß wir uns

nicht mit dem raschen, unerschütterlichen Entschlusse, der keine Wahl kennt, füreinander

aufzuopfern vermöchten, wie das Leben getreuer Diener uns so unzählige Beispiele gibt.«

Karl sah etwas quer nach ihr hinüber, und die liebe Therese reichte ihr versichernd die Hand,

und beider Augen blickten sanft ineinander. Ledwina sagte fest: »Ja, Therese, es ist doch so,

aber wir sind darum nicht schlechter; die Alten sind nur besser.«

»Dafür ist es auch Dienertreue«, hub Karl an, »und eine ganze besondere Sorte, ohngefähr wie

die Liebe gegen das Königshaus, dem sich auch jeder freudig opfert, ob auch die Äste gegen den

schönen, alten Stamme zuweilen recht dürr oder siech abstehen; mir sind indes alte Leute immer

merkwürdig, und ich rede vor allem gern mit ihnen. Es ist mir seltsam, eine ganze in ihren

Handlungen meistens unbedeutende Generation lange nach ihrem schon vergeßnen Tode in ihrer oft

so bedeutenden Persönlichkeit noch in diesen paar grauen verfallenden Denkmalen fortleben zu

sehn, nicht zu gedenken, wenn man so glücklich ist, das lebende Monument irgendeines großen

Geistes vergangener Zeit anzutreffen. Mir sind solche kleine Gemälde aus freier Hand immer

lieber wie die schönste Galerie berühmter Biographien.«

»Mir scheint auch«, sagte Therese, »als ob die Lieblingsfehler der alten Leute fast wie die

der Kinder zwar oft belästigend, aber doch im Grunde milder oder gleichsam oberflächlicher

wären wie die der Jugend. Mangel an Rücksicht auf die Bequemlichkeit anderer ist das erste,

was Alte durch allgemeine Sorgfalt und die bittre Vergleichung eigner Schwäche mit der

Jugendkraft der Umgebung verleitet, annehmen, die Wurzel alles Fatalen, eine kleine Sünde,

aber ein großes Leid für andere.«

»Das letztere ist wahr«, erwiderte Karl, »ohne das erstere zu begründen. Ich hingegen habe oft

manche Jugendfehler im Alter in einer Steigerung und vorzüglich wahrhaft unförmlicher

Versteinerung wiedergefunden, die für mich bei dieser Nähe des Grabes eine der greulichsten

Erscheinungen bleibt.«

Die Frau von Brenkfeld, noch aus der guten Zeit, wo man nicht nur die Eltern, sondern auch das

Alter ehrte, eine Zeit, jetzt von dieser Ansicht fast so spurlos verschwunden wie die

antediluvianische, rückte mit dem Stuhle.

Karl fuhr arglos deklamierend fort: »Bei den Vornehmen Ehrgeiz, dem man so leicht um des

Großen willen das etwa nicht Gute vergibt, als die empörendste, ruchloseste Ehrsucht, bei dem

Mittelstande die halb belachte, halb belobte Sparsamkeit als der greuliche Geiz, über dem man

nicht weiß, ob man mit Demokrit lachen oder mit Heraklit weinen soll, der bei den Geringen oft

angenehme Leichtsinn als die entsetzlichste Gefühllosigkeit und Nichtachtung des sonst

Nächsten und Liebsten, und oft alles zusammen in allen Ständen; und wie sie überhaupt selten

kindlich und gewöhnlich nur kindisch reden, so sind sie auch zuweilen kindisch und gemein vor

lauter Maliziösität.«

Er fing wieder an, heftiger auf und ab zu gehen.

»Alte Leute sind gut«, sagte Marie, die wieder neben der Mutter saß und ganz ordentlich

strickte, und Frau von Brenkfeld mußte mitten aus ihrem gereizten Gefühle beinahe lachen, da

nach der vorzeitigen Berechnungsart der Kinder diese Verteidigung ihr galt. »Ihr könnt euch

freuen«, sagte sie, »nicht vor dreißig Jahren jung gewesen zu sein, da wurden die Leute im

Verhältnis zu ihren Eltern nie groß. Widerspruch von der einen Seite gab es in der Ordnung gar

nicht, und nur selten dargelegte Gründe von der andren.«

»Es ist schlimm genug«, sagte Karl mit weicher Stimme, »daß es nun im Durchschnitt anders ist.

Der Gehorsam gegen die Eltern ist ein Naturgesetz und beinah so kostbar als das Gewissen. Ich

bin überzeugt, daß die Wurzel fast aller jetzt grassierenden moralischen Übel in der

Vernachlässigung desselben steht. Der Mensch ist zu vielem fähig und geneigt, sobald er es

auch noch so anständig mit Füßen tritt. Es ist etwas Seltsames und Rührendes um ein

Naturgesetz.« »Und zudem«, sagte Therese, »gehorchen muß der Mensch noch irgend jemanden außer

Gott, geistlich oder weltlich, das erhält ihn weich und christlich.« – »Ich glaube«, fügte

Ledwina hinzu, »daß, wenn das, was Karl vorhin über die Alten sagte, einigen Grund hat, er

gewiß in dem gänzlichen Mangel an einem Gegenstande des Gehorsams zu suchen ist; den gegen den

Regenten üben sie, aber ohne ihn zu fühlen, da man ihnen gewöhnlich alle Geschäfte abnimmt.« –

»Großenteils wahr«, versetzte Karl, »doch ist hier die Ehrsucht auszunehmen« – und dann

schnell: »Nota bene, der alte Franz ist ja tot; wie ist der zu Tode gekommen?« – »An einem

Brustfieber«, entgegnete Therese, und Ledwina, deren Gesicht wieder ein weißer Flor überzog,

setzte mit leiser Stimme hinzu: »Er hat sich erkältet, da er mir im vorigen Winter eine Bahn

durch den Schnee fegen wollte.«

Sie stand auf und trat an eine im Schatten stehende Kommode, als ob sie etwas suche, denn sie

fühlte, daß die Tropfen, die so leicht in ihre Augen traten, ihnen diesmal zu oschwer würden.

»Da wolltest du hundert Jahr alt werden«, lachte Marie, »denk mal, Karl, Ledwina meinte, sie

wollte hundert Jahr alt werden, wenn sie alle Tage spazierenging; das hat der alte Nobst aus

dem Kinderfreunde auch getan.«

Die Mutter sagte, als habe sie Ledwinens Worte nicht bemerkt: »Er war durch den Schnee nach

Emdorf gewesen.«

»Er ist alt genug geworden«, sagte Karl, »ich glaube, er war schon über achtzig, so alt werd’

ich nicht.«

Ledwina beugte indes tief verletzt über eine geöffnete Lade. Es war, als wolle man ihr das

herzzerreißende, aber teure Geschenk dieses geopferten Lebens entreißen, und sie hielt es fest

an sich gepreßt. In Wahrheit ließ die tödliche Krankheit dieses treuen Mannes, des Gatten der

alten Lisbeth, viele Gründe zu, wie dies bei dem Ableben sehr alter Leute fast immer der Fall,

und deshalb suchte die Frau von Brenkfeld mit jener beliebten, aber falschen Schonung, die das

Herz verletzt, statt es zu heilen, und empört, statt es zu rühren, jenem wahrscheinlichsten

Grunde seine eigentliche Heiligkeit zu stehlen und ihm nur die Glorie des letzten Zeichens der

Anhänglichkeit zu lassen.

Marie war indes zu Ledwinen hingelaufen und quälte sie durch die unter Lachen immer

wiederholte Frage: »Ledwina, du bist wohl recht bange vor dem Tode? Wie alt möchtest du wohl

werden, Ledwina?«

Ledwina, die sich in ihrer Rührung noch beachteter glaubte, wie sie war, wollte gern

antworten, aber sie fürchtete den zitternden Laut ihrer Stimme; sie beugte sich von einer

Seite zur andren, indes das unter ihren Armen durchgeschlüpfte und nun vor ihr an die Lade

gepreßte Kind unter ewiger Wiederholung seiner Fragen und lauten Kichern ihr immer in die

Augen sah. Endlich sagte sie ziemlich gefaßt und in der Anstrengung lauter wie gewöhnlich:

»Ich fürchte mich etwas vor dem Tode, wie ich glaube, daß fast alle Menschen es tun; denn das

Gegenteil ist gegen oder über die Natur. Im ersten Falle möcht’ ich mir es nicht wünschen, und

im zweiten ist es nur in einem sehr langen oder sehr frommen Leben zu erreichen.« Die Kleine

kroch wieder durch und sprang lachend zu ihrem Stuhle.

Auch Ledwina hatte sich unter dem Reden ermutigt und kehrte ziemlich frei zu ihrem Sofa. Karl,

für den, sobald er seine verlangte Auskunft hatte, das übrige Gespräch meistens tot war, indem

er für sich fortspann, stand nun still und sagte: »Der alte Kerl war ordentlich ein Philosoph;

er hätte unsren Gelehrten können zu schaffen machen. Ich habe nun drei Jahre studiert, und

unsere Professoren laufen doch den ganzen Tag wie Diogenes mit der Laterne nach unnützen

Fragen, aber so spitzfindige sind mir noch selten vorgekommen, wie das alte Genie aus den

Ecken zu bringen wußte. Er hatte auch von sich selbst die Klarinette spielen gelernt.« – »Die

hat er geblasen, da er noch jung war«, fiel Marie ein. Karl drehte die Pfeife ungeduldig in

den Händen und fuhr dann schnell fort: »Was aber lächerlich war, so wußte er auch auf alles

Antworten, und die waren ihm immer gut genug, obgleich der Scharfsinn der Antwort nie im

Verhältnis zu dem der Frage stand. Der Hochmut legt doch seine Eier in alle Nester.«

»Der alte Franz war deinem seligen Vater sehr lieb«, sagte Frau von Brenkfeld sanft, aber

ernst. Karl antwortete ganz arglos: »Ja, er ist ja, den Unterricht abgerechnet, fast mit ihm

erzogen, das hat ihm auch den Schwung gegeben.« Dann fuhr er von selbst erwacht und mit einem

seltnen, zarten Ausdrucke in den Mienen fort: »Wenn er so erzählte, wie sie zusammen heimlich

das Rauchen trieben aus gehöhlten Kastanien und sich treulich beistanden in Schuld und Strafe,

dann ist mir immer ganz wunderlich gewesen; wahrhaftig, es ist mir manche liebe Stunde in dem

Manne gestorben.«

»Mir auch«, sagte die Mutter und winkte die Tränen heftig zurück, »die alte Lisbeth ist auch

seitdem ganz kümmerlich geworden.«

»Es ist überhaupt etwas Kurioses und meist Unangenehmes um die Witwen«, versetzte Karl, wieder

abgeleitet, »besonders, solange die Kinder minorenn sind.« – »Was ist das, minorenn?« fiel

Marie ein: »Meistens fehlt ihnen die Kraft, und auf allen Fall nehmen ihnen die Augen der

Welt, denen sie immer ein Splitter sind, die Macht und die Herrlichkeit; man sieht sie die an

Verbrechen grenzendsten Härten gegen Schuldner ausüben, alles per Pflicht. Das geht nun wohl

nicht anders, aber es läßt gewöhnlich einige Verhärtungen. Das Regieren tut überall keinem

Weibe gut.«

»Witwen sind gut«, sagte Marie beleidigt, und Karl, der die Beziehung nicht faßte, fuhr auf:

»Kinder auch, wenn sie das Maul halten«, und fuhr dann mit einem Blick auf seine Mutter im

doppelten Schrecken zusammen. Frau von Brenkfeld kämpfte gewaltsam gegen eine mehr wehmütige

als erzürnte Empfindung, die sie für Unrecht hielt, da Karl im ganzen recht und gewiß arglos

geredet hatte, aber daß sie das Grelle jenes Verhältnisses, dem sie, bei den durch die

Gutmütigkeit ihres verstorbenen Gatten verwirrten Vermögensumständen, unter den härtesten

äußeren und inneren Kämpfen acht Jahre ihres Lebens ihre ganze Gesundheit und oft ihre

heiligste Empfindung hatte opfern müssen, eben von jenem so scharf und wie verurteilend mußte

auffassen hören, für den sie vor allem freudig geopfert hatte, das warf eine Wolke von Trauer

und Verlassenheit in ihre Seele, die sie durch alle Strahlen des Gehorsams und der Liebe ihrer

Kinder nicht zu zerstreuen vermochte. Eben ihr war der Witwenschleier aus einem Trauerflor zu

einem Bleimantel geworden, der fast sogar die Ehre niedergebeugt hätte, da ihr Gatte durch

unverhältnismäßige Schuldbeträge die Leute nach seinem Tode zugrunde richtete, denen er bei

seinem Leben gern helfen wollte. Er hatte den Segen mit sich genommen und ließ der

Vormundschaft und seiner bedrängten Witwe den Fluch. Zudem hing ihr sonst starkes Herz seit

ein’ger Zeit mit großer Schwäche an Marien, dem einzigen ihrer Kinder, dem sie alles in allem

war, indes die Herzen der übrigen sich stark an die fremden Götzen zu hängen begannen. Im

Verhältnis zu ihren Töchtern war dies Gefühl minder stechend gewesen, da eine vielseitige und

gewandte Weltkenntnis von seiten der Mutter und ein unbedingter Gehorsam von seiten der Kinder

ausglichen, was Ledwina an Tiefsinn und Zartheit und Therese an klarer und besonnener

Auffassung voraushaben mochten, aber die Zurückkunft Karls, den ihr die Universität nach

seiner persönlichen Empfänglichkeit völlig ausgebildet, aber außerdem oder vielleicht deshalb

etwas überreif und überfrei wiedergab, war ihr aus einem Jubiläum der Witwenherrschaft zu der

beklemmten Leichenfeier derselben geworden, obschon nur in der innren Überzeugung, da Karl

jetzt aus Pflicht und Vorsatz das zu sein strebte, wozu ihn früher die scheuste Ehrfurcht

gemacht hatte; aber eben dieses immer durchscheinende Streben, dies öftere Mißlingen durch

Mißverstehn, weil die scharfe angstvolle Beachtung des Kindes fehlte, dies seitdem offenbare

Zusammenhalten und Einanderaushelfen der Geschwister sagte ihr deutlich, wie locker die Krone

auf ihrem Haupte stehe, nur gehalten durch ein einsicht-, aber pflichtvolles Ministerium.

Karln hatte sie als eine üppige, aber zarte Treibhauspflanze unter Tränen, Sorgen und Segen in

die freie Luft gesendet, und sie konnte sich nicht bergen, daß, so sie ihn jetzt ohne eins von

allen entließ, er nur den letzteren vermissen würde, und auch dies nur in Überlegung und

Religiosität, nicht in jenem scheuen frommen Gefühle, was sich in der Welt ohne den

mütterlichen Segen wie zwischen reißenden Tieren dünkt. Marien duldete er offenbar nur in

Rücksicht ihrer, und sein gereiztes Gemüt mußte gerade bei einer Veranlassung hervorbrechen,

wo sie ihr fast wie das einzige ihrige Kind erschien, und doch konnte sie eben hier ohne die

äußerste Taktlosigkeit nichts sagen. Karl begriff ihre Gefühle auch jetzt nur so im groben in

der ersten Entstehung und folgte ihnen gar nicht; er ging auf und ab, rauchte und war noch

etwas verdutzt, aber völlig ruhig. Ledwina hätte wohl alles dieses am empfindlichsten

aufgefaßt, aber eine früherhin schmerzlich berührte Saite klang so hell nach, daß sie noch

jeden andern Laut übertönte. Sie konnte überhaupt sehr lange an einem Gedanken zehren und nahm

noch oft das Frühstück ein, wenn die andern schon ein wichtiges Mittagsmahl, einen

unbedeutenden Tee nebst einer Menge amüsanter Konditorwaren verzehrt hatten und sich nun zur

Abendtafel setzten. Nur Therese, die immer wie der Engel mit dem flammenden Schwerte vor und

mit dem Ölzweige über den Ihrigen stand, mußte die ganze Last dieses Augenblicks tragen und

suchte angstvoll nach einer klug beschwichtigenden Rede.

»Warum wählst du immer den verdrießlichen Weg am Flusse, Ledwina?« begann die Frau von

Brenkfeld gesammelt, da die Stille kein Ende nahm.

»Ich habe den Weg einmal sehr lieb«, versetzte Ledwina, »ich glaube, das Wasser tut viel

dazu.«

»Den Fluß hast du ja auch unter deinem Fenster«, sagte die Mutter, »aber es ist so ein

bequemer Gedankenschlender, deshalb geht man auch leicht weiter, wie man sollte.«

»Ich muß gestehn«, sprach Karl, »daß mir die Gegend hier besonders jetzt recht erbärmlich

vorkömmt. Man spaziert wie auf dem Tische, die Gegend vor uns wie hinter uns, oder vielmehr

gar keine. Der Himmel über uns und der Sand unter uns.« »Die Gegend könnte noch viel malerisch

schlechter sein, wie sie ist«, sagte Ledwina, »und mir bliebe sie doch lieb; von den

Erinnerungen, die in jedem Baume wohnen, will ich gar nicht reden, denn so kann nichts mit ihr

verglichen werden, aber so, wie sie da steht und überall, wär’ sie mir höchst ansprechend und

wert.«

»Chacun à son goût«, versetzte Karl, »nach deinen eben gemachten Ausnahmen weiß ich nicht, was

dich reizt: das stachlichte Heidekraut oder die langweiligen Weidenbäume oder die goldnen

Berge, die uns in einer Stunde ein zauberischer Wind schenkt.«

»Die Weiden zum Beispiel«, versetzte Ledwina, und in ihr Gesicht goß sich ein trübes, aber

bewegliches Leben, »haben für mich etwas Rührendes, eine sonderbare Verwechslung in der Natur:

die Zweige farbicht, die Blätter grau, sie kommen mir vor wie schöne, aber schwächliche

Kinder, denen der Schrecken in einer Nacht das Haar gebleicht. Und überhaupt die tiefe Ruhe

auf manchen Flächen dieser Landschaft: keine Arbeit, kein Hirt, nur allerhand größre Vögel und

das einsam weidende Vieh, daß man nicht weiß, ist man in einer Wildnis oder in einem Lande

ohne Trug, wo die Güter keinen Hüter kennen als Gott und das allgemeine Gewissen.«

»Es ist nicht schwer«, versetzte Karl lächelnd, »einer Sache, die so viel liebe Seiten hat,

auch eine schöne abzugewinnen, aber ich versichere dich, man darf keine zwanzig Meilen reisen,

sonst fallen die schönen romantischen Läppchen ab, und was nackt übrig bleibt, ist eine halbe

Wüste.«

»Die Wüste«, versetzte Ledwina, gleichfalls lächelnd und wie träumend, »die Wüste mag

vielleicht große und furchtbare Reize haben.«

»Kind, du rappelst«, sagte Karl und lachte laut auf.

Ledwina fuhr langsam fort: »So plötzlich hineinversetzt, ohne ähnliche und doch völlig

ungleiche Umgebungen zu kennen und hauptsächlich ohne früher von ihnen gelitten zu haben, und

nun weithin nichts als die gelbe glimmernde Sandfläche, keine Begrenzung als den Himmel, der

niedersteigen muß, um die Unendlichkeit zu hemmen, und nun flammend über ihr steht; statt der

Wolken die himmelhohen, wandelnden Glutsäulen, statt der Blumen die farbicht brennenden

Schlangen, statt der grünen Bäume die furchtbaren Naturkräfte der Löwen und Tiger, die durch

die rauschenden Sandwogen schießen wie die Delphine durch die schäumenden Fluten – überhaupt

muß es dem Ozean gleichen.«

Karl war vor Verwundrung stillgestanden, dann sagte er mit einem närrischen Gesichte: »Und

wenn nun die wandelnden Glutsäulen uns Visite machen oder die Blumen der Wüste uns umkränzen

oder die furchtbaren Naturkräfte sich an uns probieren wollen?«

Ledwina fühlte sich widrig erkältet. Sie beugte, ohne zu antworten, nieder, um ein Garnknäul

vom Boden aufzuheben.

»Aber mein Gott«, rief Frau von Brenkfeld, der durch diese rasche Bewegung ihre noch nicht

völlig getrockneten Schuhe sichtbar geworden waren, »du bist ja ganz naß!« – »Ich bin etwas

naß«, versetzte Ledwina, ganz herunter von widrigen Empfindungen. »Und das schon die ganze

Zeit«, versetzte die Mutter verweisend, »leg dich augenblicklich nieder, du weißt es ja in

Gottes Namen auch selbst wohl, wie wenig du vertragen kannst.« – »Ja«, sagte Ledwina kurz und

stand auf, um in ihrer Empfindlichkeit allen weitern Reden zu entgehn. »Daß du dich aber ja

niederlegst, und trinke Tee«, rief ihr die Mutter nach. Sie wendete sich in der Tür um und

sagte mit gewaltsamer Freundlichkeit: »Ja, gewiß.« Therese folgte ihr.

*

»Du hast noch nicht getrunken«, sprach Therese sanft verweisend, da sie nach einer

Viertelstunde mit einem Glase Wasser von neuem in die Kammer trat und die weislich vor dem

Fortgehn eingeschenkte Tasse noch unberührt sah; »wenn nun die Mutter käme«, fuhr sie fort,

»du weißt, wie sie auf ihr Wort hält.«

»Ach Gott, ich habe noch nicht getrunken? Wenn nun die Mutter käm’!« wiederholte Ledwina, aus

tiefem Sinnen auffahrend, und im Nu reichte sie Theresen die geleerte Tasse; »mir ist so

heiß«, sagte sie dann, warf unruhig die weißen Gardinen weit zurück und legte die brennenden

Hände in der Schwester Schoß.

»Du trinkst zu schnell«, sagte diese. – »Ich wollte, ich dürfte das Glas Wasser trinken«,

versetzte Ledwina. »Trink du deinen Tee, der bekömmt dir viel besser«, antwortete Therese

mitleidig, »das kannst du deiner Gesundheit wohl opfern, es ist ja nur ein kleiner Wunsch.« –

»O, er kömmt auch nur oben vom Herzen«, lächelte Ledwina, »und dann setz’ dich doch recht zu

mir und sprich mir etwas vor. Das Bettliegen ist so fatal; es ist noch lange nicht dunkel, und

dann die lange Nacht!«

Therese setzte sich auf den Rand des Bettes und seufzte unwillkürlich recht tief. Ledwina

lächelte von neuem und sehr freundlich, fast freudig. »Der heutige Tag«, sagte Therese dann

tiefsinnig, »ist äußerlich so unbedeutend gewesen und doch innerlich so reich; es ist so viel

durchgedacht und auch wohl ausgesprochen worden, was in Jahren nicht hat zu der Klarheit

kommen können, wie der Brennpunkt einer langen Zeit.« – »Jawohl, allerhand«, versetzte Ledwina

erwartend, der in diesem Augenblicke nur eins still bewegend im Sinn lag. »Ich wollte«, sprach

Therese weiter, »der Kerl säh’ etwas weniger imposant aus, damit er etwas minder geehrt würde.

Alles wendet sich an ihn, und die Mutter wird jedesmal rot, wenn er mit der gefälligen Miene

sagt: ›Tragt das meiner Mutter vor!‹«

Ledwina hatte, wie vorhin gesagt, den Teil des vorigen Gesprächs, auf den sich dieses bezog,

völlig überhört, und auch jetzt hielt ihr Geist eine andere Richtung fest. So faßte sie es gar

nicht in seinem tiefen Schmerze. »Ja«, sagte sie, noch immer still träumend, »es wurde so

vielerlei gesprochen, daß man das erste über dem letzten vergaß. Mich soll wundern, ob

Steinheim sich auch verändert hat.« Therese ward feuerrot. »Ich möchte es gar nicht«, fuhr sie

fort, »mir scheint immer, er könnte dabei nur verlieren.« Therese schenkte etwas mühsam eine

neue Tasse ein. »Mich dünkt, ich sehe ihn«, hub Ledwina wieder an, »wie er gefragt wird und

dann das liebe treue Gesicht so freundlich eine Antwort weiß; es wird einem ganz ruhig, wenn

man eine Zeitlang darauf weilt.« – »Das geht wohl an«, sagte Therese in der Angst. Ledwina sah

hoch auf. »Meinst du nicht?« fragte sie ernst. »O nein«, sagte Therese verwirrter und brach

sehr unpassend ab. Aber Ledwina hatte sich aufgerichtet und ihre Hände krampfhaft gefaßt.

»Bitte, bitte«, sagte sie in strenger Angst, »schweig, aber lüg nicht«, und mit einem leisen

Ton der tiefsten Wehmut lag Therese an ihrer Brust und weinte und zitterte, daß die Gardinen

bebten. Ledwina hielt sie fest an sich, und ihr Gesicht war aufgegangen wie ein Mond, der

leuchtend über die Schwester wachte. Beide ließen sich nach einer langen lebensreichen Pause

und suchten ihre verlorene Fassung, die eine auf der seidenen Bettdecke, die andere an dem

Bande des Teetopfes, was sie losknüpfte, statt es fester zu heften, denn es ist eben den

besten und herrlichsten Menschen eigen, daß sie sich schämen, wenn ein unbewachter Augenblick

verraten hat, wie weich sie sind, indes die Armen im Geiste von jener Art, der nicht der

Himmel verheißen ist, es in Ewigkeit nicht vergessen können, wenn sie einmal einen rührenden

Gedanken gefunden haben, wie das blinde Huhn die Erbse.

»Ich bin mir oft recht lächerlich und eitel vorgekommen«, fing Therese endlich an, »dir auch?«

– Ledwina mußte lachen und sah sie fragend an. Therese fuhr fort: »Allen dunkel und mir allein

hell; es ist betrübt, Ledwina, so etwas ganz allein zu merken, man wird ganz irr. Ich habe

immer innerlich glühn müssen, wenn ich diese oder jene unsrer Bekanntinnen mit geträumten

Eroberungen prunken sah. Es ist so häßlich und so allgemein. Die Bescheidenheit schützt

heutzutage gar nicht mehr, und für mich wär’ es so traurig. Ach, Ledwina, soll ich es mir wohl

nur einbilden? Ich kann ja auf nichts bauen als auf meinen innigsten Glauben.«

»Baue du dein Haus nur«, sagte Ledwina bewegt, »du hast einen guten Grund, einen verborgenen,

aber festen, der nicht unter dir einsinken wird.« – »Er hat mir nie etwas Derartiges gesagt«,

versetzte Therese, indes ihre Augen wie in den Boden brennen wollten. – Ledwina sagte

nachsinnend und lieblich: »Für einen anderen nichts, für ihn alles. Wär’s ein andrer, so

hättest du auch den Glauben nicht. Ach, Therese, du wirst sehr glücklich sein; das sage ich

frei und schäme mich nicht. Wir suchen doch alle einmal, wenn schon meistens inkognito, aber

ich habe aufgehört, denn ich weiß, daß ich nicht finde.« – Therese entgegnete demütig: »Ich

darf auch nicht so viel verlangen wie du.« – »Das heißt nun nichts«, versetzte Ledwina sanft

vorwerfend, »das kannst du selbst nicht glauben; du bist Gott und Menschen angenehmer, das

weiß ich wohl.« Therese erschrak ordentlich und wollte einfallen, aber Ledwina winkte ernst

mit der schmalen weißen Hand und fuhr fort: »Doch mein loses törichtes Gemüt hat so viele

scharfe Spitzen und dunkle Winkel, das müßte eine wunderlich gestaltete Seele sein, die da so

ganz hineinpaßte.« – Therese faßte erschüttert ihre beiden Hände und sagte, indem sie das

Gesicht wie scheu umherwandte, um die Zeichen der höchsten Bewegung zu verbergen: »Ach

Ledwina, ich mag jetzt gar nicht davon reden, wie lieb dich viele Menschen haben, aber auch du

wirst finden, was dir einzig lieb bleibt. Gott wird ein so reines und leises Flehn nicht

überhören.«

Ledwine, der das Gespräch zu angreifend wurde, sagte wie leichtsinnig: »Jawohl, man sagt ja,

es gibt keinen so schlechten Topf, daß sich nicht ein Deckel dazu fände, aber Gott weiß, wo

mein Erwählter lebt; vielleicht ist er in diesem Augenblick auf der Tigerjagd, es ist doch

grade die Zeit, und dann, du meinst, Steinheims Liebe sei unbemerkt geblieben? Glaub das ja

nicht! Hab’ ich dir je früherhin ein Wort gesagt? Und doch ist mir alles seit einem Jahr die

höchste Gewißheit, und ich kann euch gar nicht mehr in Gedanken trennen. Aber wie kannst du

glauben, daß unsre Mutter auf einen bloßen, auch noch so getreuen Schein sich über eine so

zarte Sache äußern sollte, oder Karl, dem die Ehre und der Anstand fast zu viel sind? Ich habe

oft und heimlich lachend den Kampf beider gesehn, wenn sie weder absichtlich störend noch

nachlässig erscheinen wollten. Glaub mir, könnte Steinheim dich vergessen oder übergehn, so

würden beide schweigen und sich fassen, aber ihr Glaube an die Menschen wär’ dahin, so gut wie

der deinige.«

»Aber auch heute, wo die Entscheidung so gar nahe gestellt ist«, versetzte Therese beklemmt,

»nicht das kleinste Zeichen in Miene oder Worten.«

»O Therese«, sagte Ledwina lächelnd, »ich sehe wohl, die Liebe macht die Leute dumm. Ist dir

dies Vermeiden seines Namens, dies behutsame, verräterische Umgehen des ganzen Besuches, der

doch bei weitem das Hauptsächlichste im Briefe war, nichts? Ich sage dir, Therese, ich wußte

von nichts, da ich in die Stube trat, aber ich bin zusammengefahren und habe in der höchsten

Spannung geharrt und geglaubt, jeder Laut werde das Geheimnis gebären, besonders im Gesichte

unsrer Mutter wogte ja die ganze offene See der Empfindungen.«

Therese hatte nach und nach das Haupt erhoben und sah nun peinlich hoffend auf Ledwina, wie

ein Kind auf den Vater, wenn es merkt, daß er ihm etwas schenken will. »Nun, ich will es so

denken, und ich kann auch nicht gut anderst«, sagte sie verschämt, »aber bitte, bitte, nun

nicht mehr davon reden!« Nach ein’gen Augenblicken fuhr sie wieder trübe fort: »Man muß sich

nicht so in eine Hoffnung eingraben, das Glück ist gar zu kugelrund.« Dann schwieg sie und

faßte die Schale und Teetopf, als wolle sie einschenken, sagte dann: »Ich komme gleich wieder«

und ging hinaus, denn sie zitterte so sehr, daß sie den Topf nicht hatte heben können.

Nach einer langen Weile trat sie wieder mit leisen Schritten herein und blickte weit

vorgebeugt mit angestrengter Sehkraft nach der Schwester hinüber, weil sie gedachte, sie

möchte schlummern, und es nicht wagte, ihr zu nahen um der frischen Abendluft willen, die aus

ihren Kleidern duftete, denn sie war im Freien gewesen, tief, tief im Gebüsche und hatte sich

einmal recht satt geweint und gesehnt, und nun war sie wieder still und sorgsam wie vorher,

denn diese süße, überteure Seele lebte ein doppeltes Leben, eins für sich, eins für andre,

wovon das erstere nur zum Kampf für das letztere vortrat, nur daß es statt des Schwertes die

Leidenspalme führte. So stand sie eine Weile, kein Vorhang rauschte, aber ein tiefer, schwerer

Atem zog hinüber und gab ihr mit der Gewißheit des Schlummers zugleich eine wehmütige Sorge.

Sie setzte sich ganz still in ein Fenster. Die Sonne ging unter, und ihre letzten Strahlen

standen auf einem Weidenbaum am jenseitigen Ufer. Der Abendwind regte seine Zweige, und so

traten sie aus dem Glanz und erschienen in ihrer natürlichen Farbe, dann bogen sie sich wieder

in die Goldglut zurück. Für Ledwinens krankes, überreiztes Gemüt hätte dies flimmernde

Naturspiel leicht zu einem finstern Bilde des Gefesseltseins in der sengenden Flamme, der man

immer vergeblich zu entrinnen strebt, da der Fuß in dem qualvollen Boden wurzelt, ausarten

können, aber Therese war es unbeschreiblich wohl geworden in Betrachtung des reinen wallenden

Himmelsgoldes und überhaupt der lieblichen gefärbten Landschaft, ihre Gedanken waren ein

leises und brünstiges Gebet geworden, und ihre Augen waren scharf auf den Abendglanz

gerichtet, als sei hier die Scheidewand zwischen Himmel und Erde dünner; es war ihr auch, als

zögen die Strahlen ihrer Seufzer mit hinauf, und sie legte das glühende Antlitz dicht an die

Scheibe, aber wie die Sonne nun ganz dahin war und auch der Abendhimmel begann, ihre Farbe zu

verleugnen, da sanken auch ihre Flügel, und sie ward wieder trüber und wußte nicht, warum. Das

Vieh zog langsam und brummend in den Hofraum, und zugleich stieg das Abendrot höher, und ein

frischer Wind trieb die rosenfarbne Herde auch nach dem Schlosse hinüber. »Nun wird es gut«,

sagte sie ziemlich laut, das Wetter meinend, und erschrak, daß sie der Schlummernden vergessen

hatte, aber eine unbeschreibliche Zuversicht umfing sie gleich, und diese unwillkürlichen,

ausgesprochnen Worte waren ihr wie durch Gottes Eingebung. Sie war von nun an völlig ruhig und

blieb es bis zu der Stunde, die ihr Schicksal entschied.

So haben auch die klarsten, sichersten Seelen ihre Augenblicke, wo der Glaube an eine

verborgene, geistige Abspiegelung aller Dinge ineinander, an das vielgeleugnete Orakel der

Natur sie mächtig berührt, und wer dem widerspricht, dessen Stunde ist noch nicht gekommen,

aber sie wird nicht ausbleiben, und wäre es die letzte.

Therese stand wie aus einem schönen Traum auf und schlich zum Lager Ledwinens. Unbeweglich, ja

fast starr lag die Schlafende, und ihr Antlitz war bleich wie Marmor, aber in ihrer Brust

arbeitete ein schweres, unruhiges Leben in tiefen Zügen. Therese sah sorgsam auf die Gegend

des Herzens und legte dann sachte die Hand darauf, die sich von den heftigen Schlägen hob.

Hätte sie nicht gewußt, daß plötzliches Erwecken bei der Schwester immer mit einem

erschütternden Schrecken verbunden sei, sie hätte sie nicht dieser angstvollen, betäubenden

Ruhe überlassen, aber nun blickte sie noch einmal sorgenvoll auf die Schlafende, segnete sie

zum ersten Male in ihrem Leben, zog die Vorhänge des Bettes weit los, schloß die der Fenster

und ging dann sachte und wehmütig zurückblickend hinaus mit dem Vorsatz, späterhin noch einmal

nachzusehn.

*

Es war tief in der Nacht, als Ledwina aus ihrem langen Schlummer erwachte. Sie hatte äußerlich

tief geruht, und Therese war unbemerkt vor ein’gen Stunden noch einmal an ihrem Lager gewesen,

wo sie die Schwester, die ihr nun erleichtert schien, beruhigt verlassen hatte. Aber in

Ledwinens Innrem hatte sich eine grauenvolle Traumwelt aufgeschlossen, und es war ihr, als

gehe sie zu Fuße mit einer großen Gesellschaft, worunter alle die Ihrigen und eine Menge

Bekannter waren, um einer theatralischen Vorstellung beizuwohnen. Es war sehr finster, und die

ganze Gesellschaft trug Fackeln, was einen gelben Brandschein auf alles warf, besonders

erschienen die Gesichter übel verändert. Ledwinens Führer, ein alter, aber unbedeutender

Bekannter, war sehr sorgsam und warnte sie vor jedem Stein. »Jetzt sind wir auf dem Kirchhof«,

sagte er, »nehmen Sie sich in acht, es sind ein’ge frische Gräber.« Zugleich flammten alle

Fackeln hoch auf, und Ledwinen wurde ein großer Kirchhof mit einer zahllosen Menge weißer

Leichensteine und schwarzer Grabhügel sichtbar, die nun regelmäßig eins ums andre wechselten,

daß ihr das Ganze wie ein Schachbrett vorkam und sie laut lachte, als ihr plötzlich einfiel,

daß hier ja ihr Liebstes auf der Welt begraben liege. Sie wußte keinen Namen und hatte keine

genauere Form dafür als überhaupt die menschliche, aber es war gewiß ihr Liebstes, und sie riß

sich mit einem furchtbar zerrißnen Angstgewimmer los und begann zwischen den Gräbern zu suchen

und mit einem kleinen Spaden die Erde hier und dort aufzugraben. Nun war sie plötzlich die

Zuschauende und sah ihre eigne Gestalt totenbleich mit wild im Winde flatternden Haaren an den

Gräbern wühlen, mit einem Ausdrucke in den verstörten Zügen, der sie mit Entsetzen füllte. Nun

war sie wieder die Suchende selber. Sie legte sich über die Leichensteine, um die Inschriften

zu lesen, und konnte keine herausbringen, aber das sah sie, keiner war der rechte. Vor den

Erdhügeln fing sie an sich zu hüten, denn der Gedanke des Einsinkens begann sich zu erzeugen;

dennoch ward sie im Zwang des Traumes zu einem wie hingestoßen, und kaum betrat sie ihn, so

stürzte er zusammen. Sie fühlte ordentlich den Schwung im Fallen und hörte die Bretter des

Sarges krachend brechen, in dem sie jetzt neben einem Gerippe lag. Ach, es war ja ihr

Liebstes, das wußte sie sogleich; sie umfaßte es fester, wie wir Gedanken fassen können, dann

richtete sie sich auf und suchte in dem grinsenden Totenkopfe nach Zügen, für die sie selbst

keine Norm hatte. Es war aber nichts, und zudem konnte sie nicht recht sehen, denn es fielen

Schneeflocken, obschon die Luft schwül war. Übrigens war es jetzt am Tage. Sie faßte eine der

noch frischen Totenhände, die vom Gerippe losließ. Das schreckte sie gar nicht. Sie preßte die

Hand glühend an ihre Lippen, legte sie dann an die vorige Stelle und drückte das Gesicht fest

ein in den modrichten Staub. Nach einer Weile sah sie auf; es war wieder Nacht, und ihr

voriger Begleiter stand sehr hoch am Grabe mit einer Laterne und bat sie mitzugehn. Sie

antwortete, sie werde nur hier liegen bleiben, bis sie tot sei; er möge gehn und die Laterne

dalassen, was er auch sogleich tat, und sie sah wieder eine Weile nichts als das Gerippe, dem

sie mit einer herzzerreißenden Zärtlichkeit liebkoste. Plötzlich stand ein Kind neben dem

Grabe mit einem Korb voll Blumen und Früchten, und sie besann sich, daß es eins derer sei, die

im Theater Erfrischungen umherbieten. Sie kaufte ihm seine Blumen ab, um den Toten damit zu

schmücken, wobei sie ganz ordentlich und ruhig die Früchte auslas und zurückgab. Da sie den

Korb umschüttete, wurden der Blumen so viele, daß sie das ganze Grab füllten. Des freute sie

sich sehr, und wie ihr Blut milder floß, formte sich die Idee, als könne sie den verweseten

Leib wieder aus Blumen zusammensetzen, daß er lebe und mit ihr gehe.

Über dem Aussuchen und Ordnen der Blumen erwachte sie, und, wie bei Träumen immer nur der

allerletzte Eindruck in das wache Leben übergeht, ziemlich frei, aber ihr war unerträglich

heiß. Sie richtete sich auf und sah noch etwas verstört im Zimmer umher. Das Mondlicht stand

auf den Vorhängen eines der Fenster, und da der Fluß unter ihm zog, schienen sie zu wallen wie

das Gewässer. Der Schatten fiel auf ihr Bett und teilte der weißen Decke dieselbe Eigenschaft

mit, daß sie sich wie unter Wasser vorkam.

Sie betrachtete dies eine Weile, und es wurde ihr je länger je grauenhafter; die Idee einer

Ondine ward zu der einer im Fluß versunknen Leiche, die das Wasser langsam zerfrißt, während

die trostlosen Eltern vergebens ihre Netze in das unzugängliche Reich des Elementes senden.

Ihr ward so schauerlich, daß sie sich nach ein’gen Skrupeln wegen der Glut in ihrem Körper

entschloß, aufzustehn und die Vorhänge loszuziehn. Die Nacht war überaus schön, der Mond stand

klar im tiefen Blau, die Wolken lagerten dunkel am Horizont in einer schweren getürmten Masse,

und der Donner hallte leise und doch mächtig herüber, wie das Gebrüll des Löwen.

Ledwina blickte lüstern durch die Scheiben, das graue Silberlicht lag wie ein feenhaftes

Geheimnis auf der Landschaft, und dünne, matte Schimmer wogten über die Gräser und Kräuter wie

feine Fäden, als bleichten die Elfen ihre duftigen Schleier. Am Flusse war die Luft ganz

still, denn die Weiden standen wie versteint, und kein Hauch bog die gesträubten Haare, aber

in der Ferne schüttelten sich die Pappeln und hielten dem Mondlicht die weißen Flächen

entgegen, daß sie schimmerten wie die silbernen Alleen in Träumen und Märchen. Ledwina sah und

sah, und ihr Fuß wurzelte immer fester an der lockenden Stelle, und bald stand sie, halb

unwillkürlich, halb mit leisen Vorwürfen, in ein dichtes Tuch gehüllt am offenen Fenster. Sie

schauderte linde zusammen vor der sehr frischen Luft und der geisterhaften Szene. Ihre Blicke

fielen auf das klare Licht über sich und das sanfte Licht unter sich im Strom, dann auf den

finstren lauernden Hintergrund, und das Ganze kam ihr vor wie der stolze und wilde Seegruß

zwei erleuchteter Fürstengondeln, indes das Volk gepreßt und wogend in der Ferne steht und

sein dumpfes Gemurmel über das Wasser hallt.

Da erschien fern am Strome noch ein drittes Licht, aber ein hüpfendes, trübes Flämmchen, wie

ein dunstiges Meteor, und sie wußte nicht, war es wirklich ein Irrlicht oder ward es von

Menschenhänden getragen, mehr zur Gesellschaft als zum Führer in der täuschenden Nachthelle.

Sie richtete die Blicke fest darauf, wie es langsam herantanzte, und sein unausgesetztes

Nähern bürgte für die letztere Meinung. Sie war so verloren in fremde Reiche, daß sie sich den

Wandrer als einen grauen Zaubermeister bildete, der in der Mondnacht die geheimnisvollen

Kräuter in den feuchten Heidgründen sucht. Wirklich gab es viele Beschwörer, sogenannte

Besprecher, in jener Gegend, wie überhaupt in allen flachen Ländern, wo Menschen die schwere

neblichte Luft mit der Schwermut und eine gewisse krankhafte Tiefe, den Geisterglauben,

einatmen; diese Zaubrer, meistens angeseßne, geachtete alte Leute, sind mit seltnen Ausnahmen

so truglos wie ihre Kinder, so wie sie auch das unheimliche Werk fast nie als Erwerb, sondern

meistens als ein zufällig erobertes, aber teures Arkanum in nachbarlichen Liebesdiensten

ausüben. Sie halten sonach auch vor sich selber streng auf alle die kleinen Umstände, die

dergleichen Dingen selbst bei völlig Ungläubigen etwas Schauderhaftes leihn, als das starre

Stillschweigen, das Pflücken der Kräuter oder Zweige im Vollmond oder in einer bestimmten

Nacht des Jahres usw., und so wär’ es nichts so Unmögliches gewesen, auf einer nächtlichen

Wanderung dergleichen unheimlichen Gefährten zu finden, aber das Flämmchen hüpfte näher, und

bald ward es Ledwinen kenntlich als der brennende Docht einer Laterne, die ein Mann trug,

indes eine Gestalt zu Pferde ihm folgte. Sie besann sich, daß es wohl ein nächtlich Reisender

sei, den ein Wegeskundiger an den trügerischen Buchten des Stromes vorüberleite. Das Feenreich

war zerstört, aber ein menschliches Gefühl der tiefsten Wehmut ergriff sie um den Unbekannten,

mit dem sie eine schöne Nacht erlebte, und der doch achtlos an ihr vorüberzog wie an den

Steinen des Weges und wußte nichts von ihr, wenn er einst ihren Tod las in den Blättern der

Zeitungen. Jetzt war er dem Schlosse gegenüber, wo der Fußsteig mit Steinen gepflastert war,

ein langsamer Hufschlag schallte zu ihr hinauf, und sie strengte ihre Sehkraft an, um eine

leichte Form festzuhalten von der flüchtigen Erscheinung.

Plötzlich zog eine Wolke, die die Verschwörung am Horizont als Herold aussandte, über den

Mond; es ward ganz finster, und zugleich schlug ein schwerer, klatschender Fall an ihr Ohr,

ihm folgte ein heftiges Plätschern und der laute Angstruf einer männlichen Stimme. Ledwina

sprang aus einem fürchterlichen Schrecken vom Fenster zurück und wollte nach Hülfe eilen, aber

ihre Knie trugen sie nur bis in die Mitte des Zimmers, wo sie zusammenbrach, doch ohne die

Besinnung zu verlieren. Sie schrie nun im höchsten Entsetzen anhaltend, fast über ihre Stimme,

und nach einer Minute war ihre Mutter, ihre Schwester und fast das ganze weibliche Personale

um sie versammelt. Man hob sie auf, trug sie ins Bett und meinte, sie rede irre, da sie

beständig und angstvoll rief: »Macht das Fenster auf! – im Flusse – er liegt im Flusse«, und

sich loszureißen strebte. Marie, die vor Schrecken hell weinte, war jedoch die erste, die den

Ruf vom Flusse her durch das laute Gewirr unterschied. Man riß das Fenster auf, und bald zogen

die Domestiken des Schlosses, noch ganz betäubt und mit Stangen und Haken an das Ufer. Den

Reisenden hatte sein rasches Pferd aus den Wellen getragen, in die er dem Irrlichte in der

Hand seines Führers gefolgt war, da er sehr dicht hinter ihm trabte. Er stand triefend neben

seinem schnaubenden Tiere und wollte eben in der Angst von neuem in den Strom, das

fortschwimmende Menschenleben zu retten, da ihm das fremde Land sonst keine Hülfe zu bieten

wußte.

Therese stand händeringend am Fenster und horchte auf Laute der Suchenden durch den Sturm, der

nun mit einer fürchterlichen Heftigkeit losgebrochen war, der Donner rollte sonder Aufhören,

das Wasser tanzte in greulicher Lust über der gefallnen Beute und warf sprühnden Schaum in die

Augen derer, die sie ihm zu entreißen suchten. Der Fremde stand am Ufer, bebend vor Frost. Er

wollte nicht ins Schloß, aber mit einem Kahn in die empörten Wogen. »Wollen Sie sich selbst

ums Leben helfen?« sagte der alte Verwalter. »Mich dünkt, an einem ist es genug.« – »O Gott!«

rief der Fremde schmerzlich, »ich habe ihn so beredet; er wollte nicht von seiner alten

Mutter, die sich vor dem Gewitter fürchtet. Um Gottes willen, einen Kahn, einen Kahn!« –

»Einen Kahn können Sie nicht kriegen, wir haben keinen«, sagte der Verwalter. Der Fremde hielt

ihm eine Laterne hoch vors Gesicht, und wie er ihm in dem falschen Schein zu lachen schien,

faßte er ihn wie wütend an die Brust und rief: »Einen Kahn, oder ich werfe dich auch ins

Wasser.« Der Verwalter blickte ihn fest an und sagte: »Wir haben keinen.« Der Fremde sprach

sehr zweifelnd und verwirrt: »Wie seid Ihr denn hergekommen?« – »Über die Brücke dort«,

versetzte der Verwalter. »Eine Brücke«, sagte der Fremde wie gelähmt, ließ ihn los und

gesellte sich in höchster Angst zu den Suchenden. »Hier habe ich etwas«, rief einer und warf

ein weißes Ding ans Ufer, was man als die Mütze des Verlornen erkannte. Man suchte hier

emsiger, aber die Haken fuhren vergebens durch das schäumende Wasser. »Wir finden ihn nicht«,

rief ein andrer, ermattet in der frucht- und fast zwecklosen Arbeit, »das Wetter ist zu toll.«

– »Das Wasser gibt ihn auch nicht her«, rief wieder einer, »es hat in diesem Jahr noch kein

Menschenfleisch gehabt.« – »Nicht?« versetzte ein andrer, und der Fremde sah mit Schrecken,

wie nach dieser Bemerkung aller Eifer sichtbar erlosch. Er bot Geld über Geld, und man fuhr

ihm zu Gefallen fort zu suchen, aber so mutlos, daß man bald nur noch zum Anschein mit den

Stangen und Haken ins Wasser klatschte.

Therese hatte indessen das Fenster nicht verlassen. »Ich höre nichts«, sagte sie jammernd zu

Ledwina gewandt, die sie zum Schrecken halb angekleidet und im Begriff aus dem Bette zu

steigen sah. Sie schloß das Fenster schnell und drängte die zitternde Schwester in das Bett

zurück, worin sich diese jedoch bald ergab mit dem Beding der schnellsten Mitteilung aller

Nachrichten. Therese versprach alles und meinte mit ihrem Gewissen wohl auszukommen. Sie hatte

sich mit großer Kraft gefaßt und redete jetzt viel Tröstliches, geistlich und irdisch, zu

Ledwina, daß diese endlich ganz stille ward und in der höchsten Ermattung wieder einschlief.

Dann ging sie, um ein warmes Zimmer und Bette für den Fremden zu besorgen, der endlich nach

mehrern Stunden durch und durch erfroren und innerlich bebend einzog. Dann legte sie sich

selbst nieder, ob der Morgen ihr vielleicht noch ein’ge Erholung schenken wolle, da der Tag

sie wieder in ihrer ganzen Kraft forderte, nachdem sie eine Zofe neben Ledwinens Gemach

gebettet hatte.

*

Es hatte sieben geschlagen, als Minchen auf den Zehen in die Kammer schlich und das Fräulein

ihr schon völlig gekleidet entgegentrat.

»Was gibt’s, Minchen?« sagte sie bewegt und heftete die letzte Nadel. »Der fremde Herr ist

ganz munter«, antwortete das Mädchen. »Aber der Bote?« fragte Ledwina. »Das weiß Gott«,

versetzte Minchen, und beide schwiegen. »Man brauch sich nicht viel Gutes zu denken«, sagte

Minchen dann und fing bitterlich an zu weinen. Ledwina sah starr vor sich nieder und fragte:

»Weiß man nicht, wer es gewesen ist?« »Freilich wohl«, versetzte das schluchzende Mädchen, »es

ist ja der Klemens von der alten Lisbeth; o mein Gott, was soll sich das arme alte Mensch

haben!« und weinte ganz laut. Ledwina setzte sich auf das Bett und legte das Gesicht in die

weißen Kissen, dann erhob sie sich schneeweiß und sagte: »Ja, Gott muß es wissen«, nahm ihr

Schnupftuch vom Tische und ging langsam hinaus. Im Wohnzimmer war alles um das Frühstück

versammelt, da Ledwina hereintrat. Der fast zu blendend schöne Fremde stand auf und verbeugte

sich. Karl sagte vornehm und höflich: »Das ist meine älteste Schwester«, und zu Ledwinen: »Der

Graf Hollberg.« Man saß wieder um den spendenden Tisch, und das Gespräch ging etwas gedrückt

fort über allerhand Göttinger Vorfälle, als einzig bekanntem Berührungspunkt der beiden.

»Fräulein Marie, nehmen Sie sich in acht«, sagte der Fremde ernst aus dem Gespräche zu Marien

gewandt, die ein geöffnetes Federmesser wiederholt an den Mund hielt, um den Stahl zu prüfen.

Marie ward rot und legte das Messer hin.

»Ganz recht, Marie heißt sie«, sagte die Frau von Brenkfeld höflich lächelnd.

»Ich glaube, ich werde Sie alle zu nennen wissen«, versetzte der Graf lebhaft und sandte die

leuchtenden Augen durch den Kreis, »Steinheim ist ein getreuer Maler; glauben Sie wohl, daß

ich Sie sämtlich sogleich wiedererkannte?«

»Sie haben Steinheim viel gesehn«, sagte Karl.

»O sehr«, versetzte Hollberg rasch, »in dem letzten Jahre täglich oder vielmehr fast den

ganzen Tag. Ich habe sogar ihm zu Gefallen ein mir sonst ganz unnötiges Kollegium mitgehört.«

Karl lachte ganz trocken.

»Solange Sie dort waren«, fuhr der Graf fort, »konnte man freilich nicht so recht an ihn

kommen, denn sein Herz ist wohl für mehrere Abwesende, aber immer nur für einen Gegenwärtigen

offen. Ich hatte keinen Vorwand, ihn zu besuchen, und auf unsern Commercen erschien er gar

nicht. Aber jetzt«, fuhr er mit einem blitzenden raschen Blicke fort, »jetzt glaube ich, weder

mich noch andre zu täuschen, wenn ich sage, wir haben uns beide sehr lieb.« – »Ich habe ihn

gleich so liebgewonnen, seit ich ihn zuerst in der Bibliothek traf. Er saß am Fenster und las

im ›Kaufmann von Venedig‹ von Shakespeare, ein Stück, was mich damals verkehrterweise nicht so

ansprach wie die übrigen Werke dieses Riesen; denn«, fuhr er kindlich lachend fort, »ich muß

leider immer eine kurze Weile die Livree der Zeit tragen, und so glänzte ich damals in der

wildromantischen, donnergrau mir Schlangen und Dämonen gestickt; ich mag mich herrlich

ausgenommen haben!«

Er blickte vergnügt umher und in das verlegne Gesicht der Frau von Brenkfeld, die durchaus

keine Antwort hierauf wußte, er nickte dann freundlich und sagte: »Ja gewiß, meine gnädige

Frau, in N. ist einmal eine Staatslivree gewesen, da legten die Leute den Kopf beiseite, zogen

herdeweis in die Wälder und suchten statt der Pilze Offenbarungen aus der Geisterwelt, da bin

ich mit beigewesen, und deshalb stand mir auch der ›Kaufmann von Venedig‹ nicht an, da gibt’s

nicht den mindesten Schauer. Ich machte mich also an den Lesenden und wollte recht mit meinem

Urteile glänzen, aber ein spanisches Sprichwort sagt: Mancher geht aus zu scheren und kommt

selber kahl wieder; nun sagen Sie mir, meine beste gnädige Frau, wie kann man bei sonst

unbestechlichem Verstande von Zeit zu Zeit so komplett irrsinnig sein?«

Karl suchte sich mit Lachen auszuhelfen und sagte: »Steinheim schreibt recht fleißig von

Ihnen. »Wissen Sie auch, wie ich heiße?« sagte die Frau von Brenkfeld in Verlegenheit, das

Ungehörige ihrer Frage nicht bedenkend. Der Fremde ward rot und sagte: »Sie meinen, gnädige

Frau?« Dann sah er nieder und sagte mit bescheidener Stimme: »Feiern Sie nicht Ihr Namensfest

am 19. November?« – »Ganz recht«, versetzte Frau von Brenkfeld, »ich heiße Elisabeth.« – »Die

drei Fräulein«, fuhr der Graf fort, »werden sich Fräulein Therese und Marie nennen. Der Name

der dritten ist nur schwer zu behalten, und ich fürchte, ihn zu verfehlen; es muß beinah wie

Lidwina oder Ledwina klingen.« – »Völlig wie das letztere«, sagte die Mutter und blickte auf

Ledwina, und der Graf neigte lächelnd und freundlich gegen sie, die es jedoch nicht bemerkte,

da sie eben an die Freude Theresens dachte, der sie so gern diesen milden Öl in die, wie sie

meinte, noch wogende See gegönnt hätte.

»Können Sie mir nicht sagen«, sagte Karl, »wann Steinheim hieher kommen wird?« – »Gewiß so

bald wie möglich«, versetzte der Graf mit einem langen, sprechenden Blicke. Karl zog die

Lippen und sagte: »Ich habe eine kleine Reise vor, so möchten wir uns verfehlen, aber ich

schiebe oder gebe sie auf, nachdem es fällt.« »Eine Reise, wohin?« fragte Ledwina verwundert,

und Karl versetzte kurz und verdrießlich: »Auf den Harz vielleicht«, und dann zum Grafen: »Wir

hofften Sie zugleich hier zu sehn.« Der Graf sagte freundlich, indem er die schwarzen Locken

aus der breiten Stirne schüttelte: »Sehn Sie, wie gut Steinheim es mit mir meint; aber ich muß

selbst wissen, was ich wagen darf. Wenn Sie mir nun den Stuhl vor die Tür gesetzt hätten –«

Die Frau von Brenkfeld wollte höflich einfallen, aber der Graf fuhr fort: »Mir ist eine liebe

Freude verdorben: ich wollte meine Schwester zu ihrem Geburtstage überraschen; daher der

unglückliche Gedanke, die schöne Nacht zu Hülfe zu nehmen.« Dann wurde er plötzlich finster,

stand auf und ging hinaus.

»Wie gefällt dir der?« sagte Frau von Brenkfeld, wie aus tiefer Beklemmung aufschauend, zu

Ledwina. Diese schüttelte seltsam lächelnd das Haupt und sagte: »Ich weiß noch nicht, aber

ganz eigen.« »Er hat etwas Kindisches«, fiel Karl ein, »aber das bringt seine Krankheit mit

sich.« – »Ist er krank?« sprach Ledwina gespannt, »er sieht ja ganz frisch aus, beinah zu

frisch.« – »Ach Gott, was wollte er frisch aussehn«, versetzte Karl, »es hat mich recht

erschreckt, wie ich ihn sah. Bei meinem Aufenthalt zu Göttingen war er immer leichenblaß; er

hat deshalb lange Pallidus geheißen, bis die Sache sich endlich nicht mehr für den Scherz

eignete, aber jetzt –« Karl schwieg ernst und fuhr dann fort: »Ich denke, wie wir einmal einen

guten Commerce in Ulrichs Garten hatten und, da mehrere aus uns Sträuße wilder Blumen im Gehn

pflückten, einer endlich die Frage aufwarf, was eigentlich die sogenannte Totenblume sei, da

viele die dunkelrote Klatschrose, andere den hellroten Widerstorz und noch andre nur gelbe,

hohe Blumen so nennen; wie er da so wehmütig sagte: ›Mir scheint die hellrote diesen Namen vor

allen zu verdienen, das Hellrot ist doch die rechte Totenfarbe. Lieber Gott, wie schön können

die Totenblumen blühen, so kurz vor dem Abfallen!‹ Dann blieb er zurück und war den ganzen

Abend still, denn sein Vater hat mit der schönen, geistreichen Mutter, gegen den Willen aller

Verwandten, die Auszehrung in die Familie geschleppt.«

»Das finde ich wahrhaft schlecht, du wählst harte Ausdrücke, Karl«, sagte Therese, die seit

den letzten Minuten wieder gegenwärtig war, »es ist wahrhaft genug Schlechtes in der Welt, man

brauch mit dem Worte nicht so zu wuchern.« Karl sagte beleidigt und deshalb kalt: »Vielleicht

kann ich es nach seiner Persönlichkeit auch verrückt nennen; ich müßte dann annehmen, daß er

in einer fixen Idee sie für gesund hielt. Mich mindestens würde die heftigste Leidenschaft

nicht verleiten, mein ganzes Geschlecht wissentlich zu vergiften.« Therese, die Hollberg aus

begreiflichen Gründen sehr wohlwollte, sagte diesmal rasch und ganz unüberlegt: »Wenn er aber

nun außerdem gar nicht lieben und deshalb auch nicht heiraten kann?« Karl blieb stehen, sah

sie spöttisch an, klopfte dann mit dem Finger sacht an ihre Stirn und sagte mit Nachdruck: »O,

du blinde Welt, wie stolperst du im Dunkeln!« Therese bog die Stirn unwillig zurück, aber sie

sagte nichts, denn es ärgerte sie unglaublich, grade jetzt etwas Albernes gesagt zu haben,

noch mehr Ledwina, die im Grunde die Schwester nicht allein an Herz und Gemüt reicher, sondern

auch in ihrer klaren Umsicht im ganzen für klüger hielt als den kenntnisreichen, kräftigen,

aber in seinem oft übertriebenen Selbstgefühl beschränkten Bruder. »Dem sei, wie ihm wolle«,

fuhr Karl ernst fort, »genug, die ganze Familie ist vor lauter Geist und Schwächlichkeit

ausgebrannt wie ein Meteor, bis auf ihn und eine Schwester, denen die Totenblumen auch bereits

auf den Wangen stehn. Der arme Junge hat feine Bemerkungen genug machen können. Ihm ist der

Tod schon oft recht hart ans Herz gefallen, und jetzt sitzt er ihm gar mittendrin.«

Es pochte an die Tür, und ein Ackerknecht trat auf den Socken herein. »Ihr Gnaden«, hub er an,

»der fremde Herr frägt nach Leuten im Dorfe, die ihm für Geld und gute Worte den Klemens

suchen sollen. Wenn das so sein soll, dann muß das geschehn, aber finden tun sie ihn nicht,

das Wasser ist zu lang, der mag schon wohl zehn Stunden weit sein.« – »Ich will mit dem

fremden Herrn sprechen«, sagte die Frau von Brenkfeld, »geht nur«, und wie der Knecht hinaus

war, sah sie ihre Kinder schweigend an und sagte dann: »Die entsetzliche Unruhe! Ich glaube,

wir vertragen uns nicht lange.« Dann ging sie hinaus, dem Grafen Vorstellungen zu machen.

Karl sah ihr nach und sagte dann peinlich lachend: »Es freut mich nur, daß dieser Aufenthalt

nicht mir gilt, ich habe das alles gefürchtet. Hollberg ist doch sein ganzes Leben verwöhnt

worden. Es waren wohl unsrer viere, denen er gefiel. Wir hatten uns vorgenommen, einen

ordentlichen flotten Suitier aus ihm zu machen. Er gab sich auch recht gut zu allem, aber

mitten im besten Commerce konnte ihn plötzlich etwas meistens ganz Unbedeutendes so tief und

seltsam ergreifen, daß er uns die ganze Lust verdarb mit seiner wunderlichen Stimmung; das ist

zuweilen interessant, aber immer ungeheuer unbequem, zudem konnte er nie einen rechten Begriff

vom Studentenleben fassen und blieb bei Zusammenkünften fein wie unter Philistern, bei

Ehrenpunkten arglos und zutraulich wie unter Brüdern und hätte können die ärgsten Händel

haben, aber jeder kannte und schonte ihn.« – »So ward er wohl sehr geliebt?« fragte Therese.

»O doch«, versetzte Karl, indem er seinen verlegten Tabaksbeutel in der Stube umsonst suchte,

»zudem ist zugleich arglos und nobel sein wohl der sicherste Weg zu allgemeiner

Berücksichtigung, es gibt so etwas Prinzenhaftes.«

Therese wandte sich zu Ledwine: »Es ist doch etwas Eigenes um das angeborene Vornehme.« – »Es

darf viel wagen«, versetzte Ledwina, »solange es nur an äußeren Formen, die das innre

Ehrgefühl gar nicht nennt, und auch die nur arglos verletzt.« – »Jawohl«, sagte Therese, »dann

ist es mir aber auch lieber als Schönheit; – nicht allein beim Manne«, fuhr sie freundlich

sinnend fort, »auch für mich selber würde es meine Wahl treffen.« – »O, freilich«, versetzte

Ledwina, und Karl, der wieder zu ihnen trat, sagte: »Ich möchte mich indessen nicht so

berücksichtigt sehen; es erinnert doch immer etwas an die Achtung für die Frauen.« Therese sah

unwillig auf; dann begann sie erst leise, dann immer herzlicher zu lachen. »Es ist doch

häßlich«, sagte sie, sich vergebens zu bezwingen suchend, »daß man so albern lachen muß.«

Die Mutter trat mit dem Grafen herein. »Sie sehn das wohl ein«, sagte sie eben. – »Ganz

gewiß«, versetzte derselbe und sah glühend um sich, »die gnädige Frau haben zu befehlen, es

ist mir nur um der Mutter willen.« – »Die Mutter«, sagte Frau von Brenkfeld, »wird den Anblick

der Leiche nach einigen Tagen vielleicht besser ertragen wie jetzt, wenigstens hoffe ich es.«

– »Ich glaube es nicht«, erwiderte der Graf bewegt, »sie kann sich nicht trösten, sie hat ja

nichts gehabt wie den Sohn.« Frau von Brenkfeld sprach ernst: »Sie irren; wir alle dürfen

nicht bestimmen, wieviel ein wahrhaft christliches und starkes Gemüt aus den niedern Ständen,

vor allem eine Frau, zu tragen vermag, so wenig wir die ununterbrochne Kette von Sorgen und

Entsagungen ahnden, aus denen ihr Leben fast immer besteht; glauben Sie mir, was man so sieht,

ist nichts.« Der Graf hob das brennende Antlitz und sagte: »Wie, meine gnädige Frau? Ach,

verzeihn Sie!« Er schwieg ein’ge Sekunden wie betrübt, dann fuhr er fort: »Denken Sie, wie ihn

das Wasser zurichten wird. Die alte Frau geht gewiß immer an den Strom, bis er ihn ausgespien

hat, und dann kennt sie ihn nicht.« Er stand hastig auf, sagte nochmals »Verzeihn Sie« und

ging hinaus.

Die Frau von Brenkfeld sah ihm verwundert nach und sagte dann: »Ist das Krankheit oder

Eigensinn?« – »Beides«, entgegnete Karl phlegmatisch, und so ging das Gespräch fort zwischen

Menschen, die man gut nennen mußte, in scharfen Strichen, oft ungerecht, immer verfehlt, über

ein Gemüt, das man nicht leise genug hätte berühren können und das bei der durchsichtigsten

Klarheit dennoch an ewig mißverstandenen Gefühlen verglühen mußte.

Frau von Brenkfeld sagte eben: »Ich sehe täglich mehr ein, wie dankbar ich Gott dafür sein

muß, daß ich zwischen sieben Schwestern geboren bin, und zwar so recht mitten in, weder die

älteste noch die jüngeste«, als Marie angstvoll hereineilend rief: »O Mutter, der Graf sitzt

auf den Altan und ist schneeweiß.« – »Mein Gott«, sagte Frau von Brenkfeld, »sollte ihm unwohl

werden?« – »Jawohl«, versetzte Marie, »er hat den Kopf auf den steinernen Tisch gelegt und sah

mich gar nicht.«

Man eilte hinaus, der Graf wollte noch mit einigen mühsamen, verwirrten Worten seine offenbare

Schwäche verleugnen, aber die Sinne schienen ihn immer mehr zu verlassen, und bald ließ er

sich geduldig und unter Anstrengung seiner letzten Besinnung, noch etwas Beruhigendes zu

sagen, zu seiner Stube mehr tragen als führen. Nach einer halben Stunde zeigte sich

entschieden ein heftiges Fieber, und der Vormittag verging unter angstvoller Erwartung des

Hausarztes, nach dem man sofort geschickt hatte.

*

»Was sagen Sie zu dem Kranken?« fragte Frau von Brenkfeld den wieder Hereintretenden. Der

Doktor Toppmann langte langsam seinen Hut vom Spiegeltische neben den Blumentöpfen, und putzt

bedächtlich ein wenig Blütenstaub mit dem Ärmel herab. Dazu sagte er: »Nicht viel; ich kenne

seine Konstitution zu wenig, und ich kann nicht mit ihm sprechen, da er ganz irre ist.« –

»Mein Gott, seit wann?« rief Frau von Brenkfeld; »davon weiß ich ja nichts.« – »Es soll auch

früher nicht gewesen sein«, entgegnete der Doktor, »erst seit er jetzt erwacht ist.« – »Das

ist ja höchst traurig«, versetzte Frau von Brenkfeld heftig, »er wird doch, um Gottes willen,

nicht gar sterben können?« Der Doktor Toppmann schnitt seine seltsamsten Gesichter und sagte:

»Wir können alle sterben; übrigens muß man so etwas nicht eher denken, bis das Gegenteil

unmöglich ist.« – »Keineswegs«, fiel Therese ein, »ich bitte sehr, täuschen Sie uns hierin

nicht.« Toppmann kniff das linke Auge zu und fragte: »Warum denn das?« – »Man ist doch

sorgsamer«, versetzte Therese; »man weiß doch auf jeden Fall, was man zu tun hat.« – »Was hat

man denn zu tun?« fragte Toppmann. »Ach Gott«, entgegnete Therese, »wir haben noch tausend

andre Gründe, bleiben Sie doch bei der Sache!« Toppmann schwieg ein Weilchen, dann sagte er

ernst und zu allen Anwesenden gewandt: »Ich weiß, Sie werden nichts versäumen, was in Ihren

Kräften und Wissen steht; deshalb halten Sie die Stube kühl, aber vor allem ohne Zugwind, und

sorgen Sie ja, daß die Arznei ordentlich genommen wird; auch darf der Patient vorerst nicht

allein gelassen werden. Morgen früh komme ich wieder, wenn nichts Besonderes früherhin

vorfällt.« Er machte eine Verbeugung und wollte fortgehn, dann wandte er sich um und sagte:

»Notabene, nähern Sie sich ihm nicht mehr als unumgänglich nötig, die Sache könnte leicht

nervös sein.« Er verbeugte sich nochmals und ging hinaus.

Karl sagte: »Ich glaube, ich kann mich gelegentlich noch jedes Worts erinnern, was ich den

Toppmann mein lebelang habe reden hören, das macht das unvergeßliche Mienenspiel, dem die

Worte wie angegossen sind, oder vielmehr umgekehrt.« – »Er redet wohl auch überall sehr

wenig«, versetzte die Mutter, »heute war er nach seiner Art recht los.« – »Therese hat ihn

auch ehrlich geschraubt«, entgegnete Karl und sah nach Theresen, die eben mit den Zeichen der

äußersten Unruhe das Zimmer verließ. Karl fuhr fort: »Ich habe mir mal eine Sammlung von den

verschiedenen Abarten seines Grundgesichts machen wollen, vorzeiten, eh ich nach Göttingen

ging, und machte deshalb einen Strich auf ein dazu bestimmtes Papier, sooft ich etwas Neues zu

entdecken glaubte, verwirrte mich jedoch dermaßen, daß ich es nur bis auf etwa vierzig bringen

konnte, und ich muß gestehn, daß dies scharfe Merken auf allerhand Verzerrungen in Phantasie

und Wirklichkeit, dem ich mich hiedurch nach und nach mit wahrer Leidenschaft ergab, mir

endlich anfing eine Schwäche und solche dumpfe Zersteutheit zuzuziehn, daß ich dies für eine

der gefährlichsten Beschäftigungen halte. Ich begreife nur nicht, wie die Karikaturmaler vor

dem Tollhause vorbeikommen.«

»Es ist eine alte Erfahrung«, versetzte Frau von Brenkfeld, »daß dergleichen Künstler, die

Satiriker in Literatur und Leben und die berühmtesten Buffonen der Theater mit eingerechnet,

gewöhnlich mindestens sehr hypochondrisch sind.«

Ledwina hatte sich unter diesen Gesprächen leise hinaus und ins Freie geschlichen, um einen

sie überwältigenden so körperlichen als geistigen Druck zu verhehlen, vielleicht zu lindern.

Es zog sie gewaltsam zu dem Ufer des Flusses, als sei noch etwas zu retten, und tausend

wunderbare Möglichkeiten, die nur für sie so heißen konnten, tanzten in greulichen Bildern um

ihr brennendes Haupt. Bald sah sie den Verlornen, wie ein Dornstrauch das blasse Gesicht noch

an einem Teile seines Haares über dem Wasser erhielt, während der andere vom Haupte gerissen

an den schwankenden Zweigen des Strauchs wehte; seine blutenden Glieder wurden in grausamem

Takte von den Wellen an das steinichte Ufer geschleudert. Er lebte noch, aber seine Kräfte

waren hin, und er mußte harren in gräßlicher Todesangst, bis der Wellenstoß das letzte Haar

zerrissen. Bald ein anderes gleich gräßliches und angstvolles Gesicht. Sie schmiegte sich

leise an der Mauer her unter dem Fenster, wo ihre Mutter saß, aber die sah weder auf noch um

sich, sondern redete rasch und angelegentlich mit Karin über allerhand Dinge, die ihr durchaus

gleichgültig waren, um die Verstimmung zu verbergen, die sich ihrer seit der Ankunft des

Grafen unwiderstehlich bemächtigt hatte und durch den Bericht des Arztes auf einen Grad

gestiegen war, den sie selber als Unrecht fühlen mußte. Der arme Klemens war gewiß der Grund

dessen, was in dieser Stimmung von wahrem Kummer lag; außerdem gehörte zu der festen Ordnung

ihres Hauses eine übertriebne Angst und fast kindisches Hüten vor aller Ansteckung, und in der

Frau von Brenkfeld nahm demnach eine leise Abneigung und feststehende Ungerechtigkeit gegen

den Grafen Platz, der ihr zu aller Sorge und Not ihr reines Haus zu verpesten drohte, und auf

den sein freilich schuldloser Anteil am Tode des guten Burschen schon gleich einen leisen

Schatten geworfen hatte, den sie damals nicht in seinem Grunde oder überhaupt nicht genug

fühlte, um ihn zu verwischen. Sie war jedoch auch jetzt billig genug, etwas Ungerechtes in

sich zu beachten, und hätte nach ihrer tiefen, verborgenen Güte jetzt um keinen Preis über ihn

urteilen oder auch nur von ihm reden mögen. Mit Karln stand es ebenso, nur aus andren Gründen,

und es hätte für einen Beobachter höchst unterhaltend sein müssen, ein beiden Teilen so völlig

langweiliges Zweigespräch dennoch mit so großer Lebhaftigkeit und oft so anziehenden

Bemerkungen sich bewegen zu hören.

*

Eine Kutsche rasselte über die Zugbrücke, und sechs langgespannte Goldfüchse trabten auf den

Vorhof.

»Bendraets!« sagte Karl. »Ich desertiere«, versetzte seine Mutter, über und über rot vor

Unmut, und ging, diese jederzeit unwillkommenen Gäste zu empfangen. Die beiden kleinen

geschminkten Fräulein waren schon am Arme des langen Referendarius, wie der junge semper

freundliche Herr von Türk überall in der Gegend genannt wurde, ins Haus gestrichen, um, wie

sie sich ausdrückten, Ledwinchen und Thereschen ein bißchen mobil zu machen, als ihre Mutter,

langsam aus dem Wagen steigend, den Gruß der Frau von Brenkfeld erwiderte.

Die Frauen nahmen den Sofa ein, und das Auge der Hausfrau ruhte immer gemilderter auf den

welken, wehmütigen Zügen der Nachbarin, die auf ihre Nachfrage mit verlegener Leichtigkeit

erzählte, daß ihr Mann und ihre Söhne zu einer kleinen Jagdpartie nebst dem jungen Warneck

ausgezogen, jedoch gegen Mittag in diese Gegend kommen und alsdann vorsprechen würden.

Mitleiden mit der immer Gedrückten ließ die Frau von Brenkfeld sehr gütig antworten, und ein

sanftes, leises Gespräch begann zwischen den beiden Frauen, die sich so gern gegenseitig

getraut hätten und es doch nie konnten, da vielfach drückende Familienverhältnisse eine gute

arglose Seele zwingen, ihr Heil in der Intrige zu suchen. Die Rede fiel auf den Baron Warneck,

den seit einigen Monden von mehrjährigen Reisen zurückgekehrten Besitzer der benachbarten

Güter.

»Es ist ein Mann von vielem Verstande«, sagte die Frau von Brenkfeld. »Gewiß, von ganz

vorzüglichen Gaben«, versetzte die Bendraet, »und sehr brav.« – »Meinst du damit mutig oder

rechtlich?« – »Eigentlich das letztere«, lächelte die Bendraet, »doch glaube ich es in beidem

Sinne.« – »Wir kennen ihn wenig«, versetzte die Brenkfeld, »doch denke ich gern alles Gute von

ihm. Mein Karl ist neulich herübergeritten wegen kleiner Jagdverstöße und rühmt seine

Billigkeit und nachbarlichen Sinn. Die Besitzer von Schnellenfort sind immer sehr interessant

für uns; unsre beiderseitigen Besitzungen und Rechte durchkreuzen sich auf eine unangenehme

Weise. Gott gebe ihm eine gute friedliche Frau«, fügte sie bedeutend hinzu. »Was meinst du«,

sagte die Bendraet fixierend, »man spricht von der Claudine Triest.« – »So?« versetzte Frau

von Brenkfeld lächelnd, »ich denke, man spricht von der Julie Bendraet.« – »Er hat uns doch

keinen Grund gegeben, das zu glauben«, versetzte die Bendraet errötend, »im Gegenteile scheint

er eher ein kleine Vorliebe für Elisen zu verraten, aber auf jeden Fall« – sie stockte und

faßte die Hand der Freundin – »es ist eigentlich lächerlich, in solchen Dingen abzusprechen,

eh man um seine Meinung gefragt wird, aber in jedem Falle würde sich Elise auch schwerlich für

Warneck bestimmen. Der Baron hat sich zu gern und viel herumgetrieben, um je ruhig zu werden.

Er muß eine lebhafte und lebenslustige Frau haben, die die Mühe und die Begeisterung seiner

Liebhabereien mit ihm teilt. Das wär’ nichts für mein Hausmütterchen. Der gebe Gott«, fügte

sie weich hinzu, »ein stilles, häusliches Los, wo sie es nicht empfindet, daß sie weniger

hübsch und lebhaft ist als Julie.« Frau von Brenkfeld drückte sanft die Hand der Redenden, und

diese fuhr lebhafter fort: »Aber daß ich dir mit gleicher Münze bezahle, den guten Türk habe

ich wohl recht glücklich mit der kleinen Tour hieher gemacht. Sein volles Herz ergießt sich

täglich in den schönsten Gedichten zu Ehren Ledwinens.« – »So, dichtet der?« lachte die

Brenkfeld. »O doch«, versetzte die Frau von Bendraet, »sehr artig, und ich glaube wirklich, er

zieht jetzt auf der Freite umher.« – »Aber für Ledwinen paßt er nicht; die ist zu sanft für

ihn. Solange Türk nicht besser zu leben hat, paßt er für keine seinesgleichen.« – »Er hat doch

ein Gut«, sagte Frau von Bendraet. »Ach liebes Kind, nenne es doch lieber einen Bauernhof. Die

kleinen ritterlichen Freiheiten werden es nicht sehr verbessern.« – »Er wird gut angestellt

werden«, sagte die Nachbarin. »Wir wollen es hoffen, aber er hat noch Zeit bis dahin; der

Referendariusposten ist noch nicht bedeutend.« Die Bendraet errötete sehr und sprach: »Er ist

munter und artig, er kann gefallen. Soll denn eine Mutter ihrer Kinder Glück und Fortkommen

verhindern und der Familie ein Haus voll unversorgter Töchter hinterlassen? – zwar«,

unterbrach sie sich, »deine Töchter sind präbendiert, allein den Vorteil hat nicht jede

Familie.« »Auch in dem entgegengesetzten Falle«, versetzte die Brenkfeld, »ist der Entschluß,

eine Tochter zu unterhalten, besser, als die Wahrscheinlichkeit, dereinst auf mehrere

Generationen an den trostlosen Umständen ihrer Nachkommen vergebens zu flicken. Sie ist ja

auch nicht gesund«, sagte die Frau von Brenkfeld mit kämpfendem Tone. »O doch«, versetzte die

Bendraet rasch und ängstlich; »ich denke, sie bessert sich sehr und sieht viel wohler aus.«

Beide schwiegen eine kleine Weile, dann sagte die Frau von Brenkfeld: »Du hast sie ja kürzlich

nicht gesehn.« – »Ich habe es aber gehört«, versetzte die Bendraet, »von dem schwarzen

Musikmeister zu Erlenburg; der sagte neulich, sie sähe schöner und wohler aus wie je.« »So,

der Wildmeister?« sagte die Frau von Brenkfeld und ward noch trüber; dann fuhr sie rasch und

gefaßt fort.

Der lange Referendarius und Julie unterbrachen dieses Gespräch. Der Lange erzählte, Fräulein

Therese sei so eifrig am Kochen und Braten für den Unglücklichen, daß ihr keine Rede

abzugewinnen gewesen sei, und Fräulein Elise habe der Freundin ihre schönen Pflichten

erleichtern wollen und sei deshalb bei ihr zurückgeblieben.

Die Frau von Brenkfeld erzählte jetzt die Geschichte der vorigen Nacht. Die Bendraet wunderte

sich, daß sie ihrer noch nicht erwähnt.

»Ich unterhalte meine Gäste nicht gern mit unangenehmen Dingen«, versetzte die Hausfrau. »Herr

von Türk«, rief Julie von Theresens Stickrahmen, bei dem sie sich gesetzt, »Sie müssen der

Frau von Brenkfeld Fehde ankündigen, sie nennt einen jungen schönen Mann ein unangenehmes

Ding.« Frau von Brenkfeld sah ernst aus, und Türk wußte sich nicht zu nehmen. »Verdirb nur

nichts, liebes Kind«, rief die Mutter. »Gott bewahre«, versetzte Julie, »ich werde mich nicht

daran wagen.«

Nun stand sie auf und begann, den armen Türk mit oft fadem, oft treffendem Witze aufs

unbarmherzigste zu schrauben, wobei sie öfters auf leichtsinnig unehrerbietige Art die beiden

Frauen hineinzog und dadurch den Langen, der es gern mit der ganzen Welt gut stehen hatte,

sehr ängstigte.

Therese stand indes wie auf Kohlen vor der Tür des Kranken, dem sie eben ein Glas Limonade

hineingesandt, und suchte leise mit den besten Worten Elisen fortzubringen, die von einer

Türritze zur andren trat, um eine Ansicht des Fremden zu erlauschen.

»Elise«, sagte Therese, »der Bediente wird heraustreten und dir die Tür vor die Stirn stoßen.«

– »Ich bitte dich«, flüsterte Elise, »suche einen Vorwand, mich hereinzubringen.« – »Mein

Gott, wie kann es dergleichen Vorwand geben«, versetzte Therese und vertröstete sie auf Karln,

der drinnen sei und ihr alles erzählen solle.

Nun wollte Elise aufpassen, wann Karl herauskomme. Therese ward ungeduldig und ließ Karln

durch einen Bedienten herausrufen. Er erschien verstimmt und eilig, grüßte Elisen flüchtig,

gab schnellen, kurzen Bericht und trat in das Krankenzimmer zurück. Elise schien beleidigt

oder verlegen, verließ die Tür mit Theresen, und sie gingen zur Gesellschaft.

Elise setzte sich sogleich an Theresens Stickrahmen und arbeitete eifrig. Türk machte ihr die

schuldigen Komplimente über ihren Fleiß und mußte für jedes eine Spötterei von Julien

einstecken. So verging der Morgen. Man vermißte plötzlich Ledwinen und tröstete sich, da man

wußte, sie sei spazieren. »Unsre Herrn bleiben aus«, sagte die Frau von Bendraet eben, da rief

Marie: »Sieh, Mutter, ein Reuter!« – »Das ist mein Mann«, sagte die Bendraet. »Und noch

einer«, rief Marie, »und noch einer«, sagte sie mit Nachdruck. »Es wird noch einer kommen,

liebes Kind«, sagte die Bendraet und wandte sich entschuldigend zur Hausfrau.

Die Ankommenden stiegen von den Pferden. Herr von Bendraet küßte der Hausdame mit vielen

höflichen Reden die Hand. Baron Warneck brachte noch auf dem Hofe etwas an seinen Stiefeln in

Ordnung, wobei Junker Klemens Bendraet nicht unterließ, ihm die Sporen unter die Sohlen zu

drehen.

»Mach kein dummes Zeug«, sagte sein Bruder, aber Warneck lachte, brachte alles in Ordnung, und

man trat ein. Jagdgeschichten und Politik kamen zur Sprache, und der Mittag war da, ersehnt

und doch unerwartet.

Therese hatte schon die Tür des Speisesaals, in dem die Gesellschaft bereits die englischen

Kupferstiche an den Wänden musterte, geöffnet, als sie umschaute, weil sie Ledwinens Tritte

auf der Treppe vernahm. Sie wollte hastig umkehren, denn glühend und erschöpft ließ sich

soeben die Schwester auf eine der Stufen nieder, aber jene winkte rasch bittend mit der Hand,

und Therese trat in die geöffnete Tür. Nicht lange, so erschien auch Ledwina, und man setzte

sich zu Tisch. Elise wollte sich durchaus neben Ledwinchen setzen, aber Therese zog sie zu

sich hinüber.

»Du sollst mir vorlegen helfen«, sagte sie, und dies war Elisen auch sehr recht.

Tischgespräche begannen und stockten wieder. Herr von Bendraet sprach von einer Reise, die er

vorhabe.

»Wenn ich einmal das große Los gewinne«, rief Julie, »so will ich immer reisen; ich kann mir

kein größeres Glück denken.« – »Ich glaube«, versetzte Elise, »daß das gar zu viele Reisen

Frauenzimmern nicht gut tut und sie unstet und unzufrieden im Hause macht; ich will lieber zu

Hause bleiben und lasse mir andrer Leute Reisen erzählen. Ach, wie schön hat uns Baron Warneck

nicht gestern unterhalten! Sie müssen auch vieles erzählen können, Herr von Brenkfeld.« – »Hat

Ihnen Warneck öfters erzählt?« fragte Karl. »Ich mag nicht daran denken, wie oft wir oder

eigentlich ich den Herrn von Warneck schon belästigt haben. Wirklich, je weniger ich selbst zu

sehn hoffe und wünsche, je weniger kann ich mir den Ersatz einer lebhaften Beschreibung

versagen.« – »Der Warneck ist ein gequälter Mann«, lachte Julie, »ich fürchte immer, er bleibt

noch ganz fort, denn was der für Anfechtungen von der Elise zu erleiden hat!«

Elise sah scharf aus, und Karl sagte: »Wenn Ihnen Warneck viel erzählt hat, so sind meine

kleinen Erfahrungen brodlos; denn er hat dieselben Gegenden beachtet und durchsucht, die nur

an mir vorübergeflogen sind wie in der Laterna magica.«

Er neigte sich zu Warneck, der aus dem Gespräche mit Louis Bendraet auflauschte, da er seinen

Namen nennen hörte. »Ich sage, Sie haben nicht nur viel mehreres, sondern auch alles jene

gesehn, wovon ich erzählen könnte.« – »Auf die Weise«, versetzte Warneck, »würden uns die

vielen Reisebeschreibungen eben von jenen Gegenden gewiß nichts übriggelassen haben. Es sind

die verschiedenartigen Ansichten und Empfindungen, die kleinen Unfälle und Begebenheiten der

Reise, die eine Reiseerzählung aus dem hundertsten Munde so merkwürdig machen wie aus dem

zweiten, und zudem in der Schweiz, wo die ergreifendsten Naturbilder so gemein wie das

tägliche Brod sind; wer kann da glauben, alles gesehn zu haben? Gesetzt, ich habe den

Schaffhauser Wasserfall in der Sonne schimmern gesehn, Sie aber sahn ihn beim Sturm oder im

Nebel, welches verschiedenartige und doch gleich wunderbare Schauspiel! Und von den herrlichen

Schluchten und Höhlen hab’ ich nur wenig gesehn, da ich sehr zum Schwindel geneigt bin.« – »In

den Höhlen bin ich tüchtig umhergestiegen«, sagte Karl. »Es muß ein seltsam angenehmes Gefühl

sein«, fiel Louis Bendraet ein, »so in voller Lebenskraft unter der Erde zu wandeln, wie

begraben, in dem feuchten, modrichten Gesteine. Ich möchte es mitmachen.« – »Du bist mir der

rechte Held«, rief sein Bruder, »willst halsbrechende Klettereien unternehmen und bist so

schwindlicht wie eine Eule; ich müßte dich wie eine Kuh am Stricke führen und nötigenfalls

über die Schulter hängen.« – »Was meinst du, Louis«, lachte Warneck, »das würde doch

unpoetisch aussehn, und zudem bedenk mal die Höhlenfrauen und Bergmännchen und Erdmännchen und

die Gnomen, die den Leuten einen Buckel anzaubern. Ich fürchte, das würde keinen guten Effekt

in deiner Figur machen.«

Man lachte, Türk und Louis mit.

»Einmal«, sagte Karl, »hätte ich doch beinahe geglaubt, ein Höhlengespenst zu sehn. Wir waren

zu sechsen in eine Kluft am *** gestiegen. Die beiden Briehls, die beiden Herdrings, Rolling

und ich. Die übrigen hatten sich müde gelaufen und lagen in einer schäbichten Bergkneipe. Der

Eingang war niedrig und schmal, und sehr hoher Schwarzwald machte ihn noch dunkler. Wir waren

kaum einige Schritte gegangen, als wir in dichter Finsternis standen. Unser Führer wollte also

die mitgebrachten Fackeln anzünden. Das zögerte etwas.« – »Das war Unvorsichtigkeit von dem

guten Mann«, rief Klemens Bendraet dazwischen, »das hätte er vor der Höhle tun sollen.« Seine

Mutter winkte ihm unwillig, und Karl fuhr fort: »Ich habe zu sagen vergessen, daß es etwas

regnete; also, indem der Mann sich mit Feuerschlagen quält, höre ich durch das Rufen meiner

Begleiter, die den Schall versuchten, etwas über den Boden rutschen, und plötzlich schlingt es

sich um die Knie und grunzt und zupft mir an den Kleidern und sucht mich niederzureißen. Ich

gesteh’, daß ich zusammenschauderte. ›Guter Freund‹, rief ich, ›macht, daß Ihr Licht bekommt!

Hier ist etwas, aber ich will es halten.‹ Dabei griff ich nach nieder in einen struppichten

Haarbusch oder Pelz, ich wußte nicht, was. Da fing es an zu grunzen und um sich zu schlagen

und brummte: ›Ich rufe den Apostel Petrus.‹ – ›Wie, bist du da?‹ rief unser Führer; ›sein Sie

nicht furchtsam, meine Herren, das ist nur so ein armes Blut, der tut Ihnen nichts.‹

Indem brannte die Fackel an, und ich erblickte einen zerlumpten, abgezehrten Kerl von etwa

vierzig Jahren, der vor mir auf den Knien lag und mich fest umklammert hatte. Ich hielt sein

Haupt am Haar zurückgebogen, und das ockergelbe, entstellte Gesicht starrte mich grunzend an.

Der Führer sagte: ›Sei doch ruhig, Seppi, das sind ja die lieben Apostel‹; dann zeigte er auf

den jüngsten Herdring mit den langen Locken und sagte: ›Sieh, das ist Marie Magdalene.‹ Der

arme Kerl ließ mich gleich los und kroch bis in einen Winkel der Höhle, wo, wie wir nun sahn,

etwas Stroh lag. Der Führer entschuldigte sich nachher, daß er uns nicht von diesem

Wahnsinnigen gesagt. Er hielt sich für den Engel Gabriel und diese Höhle für das Grab Christi,

das er bewache; er ließ niemand hinein als die Apostel und heiligen Frauen; dafür könnte sich

aber jeder ausgeben. Er war krank gewesen, und unser Wirt hatte ihn noch nicht wieder in der

Höhle geglaubt.«

»Der arme Kerl hatte eine höllisch langweilige Arbeit«, sagte Klemens.

»Dabei«, sagte Karl, »glaubte er als Engel nichts genießen zu dürfen als Kräuter und Früchte –

anfangs roh – und was er im Gebirge fand, nachher hatte man ihn unter dieser Rubrik an alle

Arten von Gemüse und Obst gewöhnt, außer Äpfel, die er für die Früchte vom Baum der Erkenntnis

hielt, und Erbsen; warum diese nicht, kann ich nicht sagen.«

»Wahrscheinlich«, rief Klemens, »um der unschuldigen Erbsenläuse willen, die sich zuweilen

drin finden.«

»Gingen Sie auch noch weiter in die Höhle?« sagte Julie.

»Ja, Fräulein«, versetzte Karl, »wir schämten uns, umzukehrn, was im Grunde wohl jeder von uns

lieber getan hätte, denn wir waren alle erschüttert von dem Anblick des Schrecklichsten, was

die Natur hat. Aber wie denn – ich weiß nicht, soll ich gottlob oder leider sagen –, wie sich

denn solche traurige Eindrücke, die unser eignes Schicksal nicht berühren, so leicht

verwischen, so dachten wir in ein paar Tagen nicht ferner daran, als um den Fritz Herdring

›Marie Magdalene‹ zu nennen, und so blieb von der ganzen greulichen Geschichte nichts übrig

als ein fader Scherz.«

Eine kurze Stille entstand. Dann begann Warneck: »Der Wahnsinn ist eine Sache, worüber

geistliche und weltliche Gesetze verbieten sollten, nicht gar zu scharf zu grübeln und

untersuchen. Ich glaube, daß nichts leichter zur Freigeisterei führt.« – »Ich sollte eher

meinen«, fiel Türk ein, »ins Tollhaus.« Warneck versetzte: »Eins von beiden, und sehr leicht

beides zugleich.«

Wieder eine Stille, dann sagte Warneck: »Ich habe in dieser Art auch manche greuliche

Erfahrung gemacht, aber nichts ist mir lebhafter als das Bild einer alten Frau in Westfalen,

die ich in Begleitung eines schon nicht mehr jüngsten, düstern, grämlichen Mädchens an der Tür

des Gasthofs, in dem ich wohnte, fand. Die verkümmerte Phisiognomie der Alten, irr, aber ohne

eine Spur von Wildheit, machte mein Mitleid rege, und ich hielt mich einen Augenblick bei ihr

auf. Sie benagte langsam eine harte, trockne Brodkruste; dann hielt sie wie erschrocken inne,

steckte die Finger in den Mund und hielt die Trümmer eines ihr eben ausgefallenen Zahns in

ihrer Hand. Nun zog sie ein schmutziges Papier aus der Tasche, wickelte es auf und legte den

Zahn zu ein’gen andren alten Stücken von Zähnen. Das Mädchen sagte auf meine Nachfrage, die

Base hebe alle ihre Zähne auf, wie sie ihr von nach und nach ausfielen, um – hier zog die

Kreatur das Gesicht zum Lachen, mir wurde ganz schlimm dabei – nun also – um, wenn sie

dereinst hinkäme, wo Heulen und Zähneklappern sei, sie doch auch nicht immer zu heulen

brauche, sondern zuweilen zähneklappern könne. Mein Wirt sagte mir späterhin, sie sei immer

eine sehr brave Frau gewesen, aber da ihr Mann, ein kleiner Krämer, einen einigermaßen

verschuldeten Banquerout gemacht und da einige dabei zu Schaden gekommene Familien sie in der

ersten Wut mit Verwünschungen überhäuft, sei sie wahnsinnig geworden und meine nun, für den

Banquerout verdammt zu sein. Nur im Frühling, wenn die Himmelsschlüssel blühn, sei sie

fröhlich und trage Tag und Nacht große Sträuße davon bei sich, weil sie meint, wenn sie in

dieser Zeit stürbe, könne sie damit den Himmel aufschließen. Wenn die Blumen anfangen

abzunehmen, werde sie immer ängstlicher und suche zuletzt mit der größten Anstrengung nach den

letzten Blumen, auch wenn zuletzt die Blütezeit schon vorüber; nachher müsse sie immer lange

liegen, so habe sie sich abgequält.«

Warneck schwieg, und ein allgemeines Gespräch über Wahnsinn, menschliche Geisteskräfte usw.

entstand und verlor sich bald in andre Gegenstände. –

Der Nachmittag verging unter Spaziergängen, Ballschlagen, Schaukeln und überhaupt den

unruhigstem Umhertreiben. Herr von Bendraet spielte Pikett mit Warneck, und Julie hetzte sich

mit Türk, der bald verliebt, bald gänzlich ermattet schien und in den kurzen Zwischenpausen

vergebens mit Ledwinen anzuknüpfen suchte.

Elise saß am Rahmen und zeigte ihr einen neuen Stich, den Ledwine sogleich versuchte.

»Fräulein Ledwine«, sagte Türk, »können doch alles nachmachen.« – »Und Herr von Türk«,

versetzte Julie, »über alles etwas sagen, aber es steht ihm nicht so gut.« Karl und Louis

traten herein und fragten nach Klemens.

»Ich dachte, er sei bei Ihnen«, sagte Elise. »Nicht doch«, entgegnete Karl, »wir sprachen von

den Kunstwerken Italiens. Da sagte er, wenn wir die schönen Künste vorreiten wollten, so gehe

er zum Henker. Nachher kam er noch einmal wieder, brachte ein paar ausgefallne Gänsefedern und

etwas Birkenrinde und bat, unsren schönen Gedanken die Ewigkeit zu schenken. Gleich werde eine

Hirtin vorüberwandeln, noch obendrein mit den Attributen der Künste und Weisheit, wir möchten

nur gut aufpassen, er wolle indessen mit den Schnitterinnen dort auf dem Felde idyllisieren.

Darauf lief er fort.«

»Und ein altes schmutziges Baurenweib schleppte ihren Milcheimer vorüber«, sagte Louis

lachend, »der Henker weiß, wie sie aussah. Sie hatte ihren Rock wohl mit zwanzig Lappen von

verschiednen Farben dekoriert. Unter den Attributen verstand er wahrscheinlich einen alten

verdorrten Gänseflügel, den sie draußen irgendwo aufgelesen hatte.«

»So ist er wohl jetzt auf dem Felde«, sagte Therese.

»Ich habe von der Mauer das ganze Feld übersehn und kann ihn nicht bemerken.«

Das Pikettspiel war geendigt; Bendraet hatte verloren und stand mißmutig auf. Da trat Klemens

herein, die blonden Locken verwirrt um das glühende Gesicht.

»Marie Magdalene«, rief Julie, »wo bist du so lange gewesen?« fragte Elise. »In meinem Rocke«,

antwortete er. »Aber, mein Gott, wie ist dir, hast du Lust zu lachen oder zu weinen?« – »Ich

habe Lust, dir die Haut über die Ohren zu ziehn«, versetzte er noch halb unwirsch und brach

nun je mehr und mehr in ein unaufhaltsames Gelächter aus. Er rettete sich in das Fenster zu

den übrigen jungen Leuten, redete leise und lebhaft zu ihnen. Die lustige Stimmung nahm auch

dort überhand, und man sah, daß er geneckt wurde. Die Schloßuhr schlug fünf. Warneck wollte

Abschied nehmen und nach Schnellenfort kehren, aber Frau von Bendraet bat ihn, zuvor mit ihnen

zu Abend zu essen.

»Wenn Sie nicht zu Nacht bleiben«, versetzte er. »Es ist doch nur ein halbes Stündchen von

Lünden bis Schnellenfort, und der Mond scheint ja hell.« »Sie müssen uns auch noch allerlei

erzählen von Ihren Reisen«, fiel Elise ein. »Ach, das meiste wissen Sie«, versetzte Warneck,

»doch«, setzte er lachend hinzu, »die merkwürdigste mir auf meinen Reisen vorgekommene

Erscheinung habe ich noch nicht erwähnt. Ich habe sie in den südlichsten Gegenden Frankreichs

beobachtet, wo sie sich noch seltsamer ausnahm, wie wenn es sich hier fände.« – »Nun?« sagte

Julie.

Warneck stockte lächelnd ein Weilchen, dann sagte er: »Eine Frau, die ihrem Manne nie

widersprochen hat.« – »Führen Sie die Leute nicht an«, sagte Julie getäuscht lachend, und Türk

rief: »Hören Sie wohl, Warneck? Fräulein Julie hält Ihre Seltenheit für erdichtet.« – »Ich

glaube es auch nicht«, sagte Klemens, »oder hatte ihr der Mann einen Maulkorb angehängt?« –

»Nicht viel besser«, sagte Warneck; »sie war taubstumm und zwar von ihrer Geburt an.« – »Und

doch verheiratet!« sprach Therese. »Das, mein Fräulein«, versetzte Warneck, »ist eigentlich

das Merkwürdige und zugleich Abscheuliche an der Sache. Sie war nicht viel besser als ein

Tier, aber sie hatte ein paar hundert Gulden.« – »Das ist ganz recht«, rief KIemens, »es ist

unmöglich, sich eine bequemere Frau zu denken.« – »Klemens, Klemens,« sagte Frau von Bendraet,

»wie redest du wieder in den Tag hinein!« – »Er hat sich nur verredet, gnädige Frau«,

entgegnete Warneck, »sehn Sie nur, wie rot er wird.« Dabei legte er seine Hand an die Wange

des jungen Bendraet. Klemens schlug ihm halb verlegen, halb scherzend auf die Finger.

»Übrigens«, hub Karl an, »gibt es in hiesiger Gegend in allem Ernste eine Bäurin, die aus

Vorsatz, um mit ihrem Manne in Frieden zu leben, vierzehn Jahre lang keine Silbe geredet hat.«

– »Das ist richtig«, sprach Frau von Brenkfeld, »wir kennen diese Frau sehr wohl. Sie hatte

lange und viel durch den zänkischen Geist ihres Mannes gelitten. Auf einmal hört sie auf zu

reden; man hält sie erst für aufgebracht, dann für wahnsinnig, dann für stumm. So währt es

vierzehn Jahre. Der Mann stirbt. Auf seinem Begräbnistage fängt sie wieder an zu reden und

versichert, es werde sie noch in ihrer Todesstunde trösten, ihren Vorsatz durchgehalten zu

haben. Sie könne nun ohne Unruhe und Reue an ihren seligen Mann denken, denn seit vierzehn

Jahren sei keine Uneinigkeit zwischen ihnen gewesen.« – »Das ist viel«, sagte Warneck. »Lebt

die Frau noch?« fragte Louis. »Jawohl«, entgegnete Frau von Brenkfeld, »nahe bei Emdorf in dem

kleinen roten Häuschen an der Heerstraße.« »Die Frau kenne ich wohl«, sagte Klemens. »Ich

nicht«, versetzte Louis, »aber ich möchte sie wohl kennen.« Klemens beugte zu ihm und sagte

halbleise: »Strapazier dich nicht, mein Söhnchen, es ist eine alte Hexe, und an hübsche

Töchter ist auch gar nicht zu denken.« – »Geh!« sagte Louis. Warneck lachte und drohte ihm mit

dem Finger. »Nun, was ist es denn weiter?« sagte Klemens laut, »ich sagte eben, die Frau hat

keine Kinder, aber so ein Dutzend Schreihälse würden ihr die Worte schon von der Zunge

gebracht haben.« Warneck versetzte neckend: »Es kam mir beinahe vor, als hätte, was du

sagtest, anderst geklungen; aber ich will dich nicht noch röter machen; du blühst doch schon

wie eine Rose.« – »Beinahe, als wenn man ihn zu Claudinens Füßen ertappte«, rief Julie. »Hm«,

brummte Klemens halbleise vor sich hin, »die Blankenau gefällt mir in kurzem vielleicht besser

als die Triest. Man wird des ewigen Silbenstechens doch endlich hundemüde.« – »Vorzüglich«,

versetzte Julie, »wenn ein bißchen Handwerksneid dazukömmt.« – »Ich merke wohl«, rief Klemens,

»du arbeitest darauf, daß ich widernecken soll, aber ich wüßte wahrhaftig nicht, womit, ich

müßte denn deine unglückliche Liebe zu dem Wohlgeflickten ans Licht ziehn.« – »Darüber

brauchst du nichts zu sagen«, entgegnete Julie lachend, »hätte der arme Schelm besser zu

leben, so würde er gewiß die alten Röcke nicht so lange flicken lassen.« – »Es ist Schande

genug, daß die Kunst so nach Brod gehn muß«, rief Louis dazwischen. »Und eigentlich«, sagte

Julie, »ist er Louis’ Ideal und nicht das meinige.« – »Ideal will viel sagen«, antwortete

Louis, »ich kann, gottlob! noch höher hinauf denken, aber daß ich Anteil an dem Wengenberg

nehme, das finde ich sehr natürlich und nur wunderbar, daß ich der einzige in unsrem Hause

bin; die Musik ist doch sonst eine Sprache, die sogar Kinder und Wilde verstehn.« – »Für

welches von beiden hältst du mich denn?« fragte Julie. Louis neigte zu ihr und sagte leise:

»Für ein Kind und wild dazu.«

Julie sprang rasch auf und griff ihn mit großer Schnelligkeit an. Louis wollte sich

verteidigen, aber die Schläge fielen wie Schneeflocken auf Wangen und Schultern und Rücken,

daß Louis, den Kopf zwischen die Schultern gedrückt, bald diesen, bald jenen der Gesellschaft

vergebens vorschob und nur endlich am Sofa neben den Frauen Ruhe fand. Dabei rief sie: »Nach

Erlenburg solltest du ziehn, dahin gehörst du, du Troubadour, du Mondhase!«

Der kleine Krieg war geendigt. Louis schöpfte Atem. Julie sah auf ihre rotgewordenen Händchen

und trat vor den Baron Warneck: »Sein Sie nicht böse, ich habe Sie tüchtig gestoßen. Warum

machen Sie sich zur Mauer? Die muß nieder, wenn der Feind dahinter steckt.«

Warneck sah in das zarte, glühende Antlitz, und eine leise Bewegung zuckte über sein Gesicht.

Er senkte seine scharfen Blicke in ihre Augen und sagte: »Sollte Fräulein Julie sich selbst so

wenig kennen?«

Dann wandte er sich rasch zu den übrigen.

Der Wagen fuhr vor, und die schönen, reichgezäumten Reitpferde scharrten ungeduldig auf dem

Pflaster. Die Reuter ließen sie die schönsten Fensterparaden machen, und der Besuch war zu

Ende.

»Der Klemens kann doch seine eigne Schande nicht verschweigen«, hub Karl an zu seinen

Schwestern, indem sie dem Zuge durch die Scheiben nachblickten. »Wißt ihr, was das Necken mit

seiner Röte bedeutet? Er hat sich auf dem Felde von einem hübschen Bauernmädchen eine tüchtige

Maulschelle geholt, und wie er es recht betrachtet, da wird es ihm so lächerlich, daß er es

nicht verschweigen kann. So macht er’s immer. Er ist eigentlich nicht schlimmer als andre

Leute, aber er sagt immer alles Üble, was er von sich selber weiß, und noch ein’ges und andre

dazu, woran er nicht denkt.«

»Mir ist er sehr fatal«, versetzte Therese.

Die Mutter saß indes an dem andern Fenster und dachte an die arme, gedrückte Nachbarin, Mutter

und Gattin und doch verwaist, und sah sie im Geiste schleichen, alt und verkümmert, in dem

dürren, rasselnden Laube ihrer liebsten, letzten Hoffnungen. Sie dachte an ihre eignen Kinder,

an ihre Zucht, ihren Gehorsam, ihre kindliche Sorgfalt, und ihr Herz ward vor Rührung durch

und durch weich in Wehmut und Reue. Sie nahm ein Gebetbuch aus der Lade des Tisches und ging

hinaus in ihre Kammer.

Karl unterhielt indessen Theresen von dem Zustande des Patienten, der ihm sehr beruhigend

schien. Der Kranke war völlig bei Sinnen und hatte mehrere Stunden sehr ruhig geschlummert.

»Ich bitte dich«, sagte Therese, »nimm dich seiner doch recht an; wir können es nicht.«

Karl entgegnete noch manches, und Therese wurde zerstreut, denn sie hatte Ledwinen soeben über

den Vorhof in den Garten wandeln sehn, und ihr langsamer matter Gang, die feine, sanft

gebeugte Gestalt, der wie dem blühenden Schneeballe das farblose, reich umflochtne Haupt zu

schwer zu werden schien, hatte sich mit wehmütiger Angst auf ihr Herz gelegt. Karl sagte eben:

»Ich will wieder hinauf zu dem Kranken gehn.« – »Das tu«, versetzte sie rasch und schritt dann

gedankenvoll und unruhig hinaus in den weiten, schön angelegten Garten des Schlosses. Sie sah

Ledwinen von fern, wie sie am Rande des Parks unter der alten Linde saß, die Arme übereinander

auf den steinernen Tisch gelegt und das Gesicht fest darauf gedrückt. Da fiel ihr ein, wie sie

den Grafen Hollberg am Morgen in ähnlicher Lage gesehn, bleich in der Ohnmacht, und alles, was

Karl über seine Krankheit gesagt, und sie erschrak vor der Ähnlichkeit, denn wie hätte sie

sich je bei Ledwina das eingestehn sollen, was sie bei dem Grafen sogleich als unleugbar

anerkannte! Es ist ja ein schönes Wahrzeichen liebender Herzen, so, wie ohne Not für das

Geliebte zu sorgen, so auch mit glühender, herzzerreißender Blindheit die Hoffnung zu

umklammern, wenn sie für einen jeden andern längst dahin ist. Eine Stimmung der Angst überfiel

sie, in der sie nicht vor Ledwina treten mochte. Sie wollte sich eben umwenden, als die

Schwester aufsah und nach ihr hinüber. Sie suchte sich nun zu ermannen, nahte sich der Linde

und saß nieder neben ihr.

Ledwina sah auf und sagte ganz matt: »Mein Gott, wenn Lünden so nah wäre wie Erlenburg!« – »Es

ist aber, gottlob!« versetzte Therese, »mehr als noch einmal so weit bis dahin; wir haben doch

jetzt gewiß für ein paar Monate Ruh.« – »Zum Beispiel der Klemens«, sagte Ledwina, »und ich

glaube wahrlich, die Adolfine Dobronn könnte ihn nehmen.« – »O, ungezweifelt«, entgegnete

Therese. Ledwina versetzte: »Und die Linchen Blankenau vielleicht auch – mein Gott, wenn ich

des Menschen Frau werden müßte, ich könnte unmöglich lange leben.« Sie lehnte das Haupt, wie

ermüdet von dem Gedanken, an Theresens Schulter und fuhr fort: »Nein, sterben würde ich wohl

vielleicht nicht, aber verkrüppeln an jeder Kraft des Geistes, alle Gedanken verlieren, die

mir lieb sind, halb wahnsinnig, eigentlich stumpfsinnig würde ich werden.« Sie sann ein

Weilchen, dann sagte sie: »Überhaupt, Therese, ich bin so ungenügsam und habe so wenig Sinn

für fremde Ansichten, das ist einer meiner größten Fehler. Gott weiß, welche Schule mir

vielleicht noch vorbehalten ist. Ich gestehe, daß ich mich sehr vor einer Schwägerin fürchte.

Vielleicht wird sie kein Herz für mich haben.« Dann sagte sie mit einem raschen Blitze in den

matten Augen: »Nein, so ist es nicht, aber ich fürchte, ich habe keins für sie. Es wird wie

eine Mauer zwischen uns stehn, daß sie mir die Mutter und dich ersetzen soll und nicht kann,

denn du bist dann längst fort und glücklich.«

Therese legte sanft ihren Arm um die seltsam Bewegte und ward selbst trüber: »Liebe Ledwina,

verkümmere dir doch dein Leben nicht mit der Zukunft; sie kömmt von selbst, ohne daß wir sie

in Angst und Sorgen herbeischleppen.« – »Eben darum«, antwortete Ledwina lebhaft, »müssen wir

uns im voraus mit dem Gedanken vertraun, damit es nachher nicht zu schwer fällt. Weißt du

wohl, daß es sündlich ist, aus eigener Schuld einem Geschicke unterliegen, das so allgemein

getragen wird? Aber«, fuhr sie dann langsamer fort, »wenn ich mir das so denke, daß eine andre

hier regiert an der Mutter Stelle und in dem Bette schläft, vor dem wir so oft gestanden und

ihr eine gute Nacht gewünscht…« Sie wandte sich unruhig nach allen Seiten umher. »So wird es

aber gar nicht kommen«, sagte Therese, »die Mutter wird wahrscheinlich hier bleiben. Karl ist

ja so vernünftig; seine Wahl wird nicht leicht so schlimm ausfallen, daß die Mutter fortziehn

müßte.« – »Aber wenn die Mutter nun tot ist?« versetzte Ledwina. »Die Mutter«, sagte Therese

wehmütig, »kann, gottlob, wohl länger leben wie wir.« – »Aber die Zeit kommt doch endlich«,

unterbrach sie Ledwina. Dann legte sie sanft ihren Arm um Theresens Nacken und fuhr, nah an

ihrer Schulter gelehnt, leise und beklemmt fort: »Sieh, Therese, auf unsrem Boden stehn so

viele alte Bilder aus der Familie, aber wir wissen doch fast von keinem recht, wen es

vorstellt, und es sind doch alles unsre Voreltern und haben hier gewohnt, Gott weiß, in

welchen Zimmern, und haben Geschwister und Kinder gehabt, die diese Bilder mit Freude und

Verehrung betrachtet und bewahrt und vielleicht späterhin mit der teuersten, rührendsten

Erinnerung, und nun? Wie sehn sie aus! Der alten Frau, du weißt wohl, mit der schwarzen Kappe,

sind jetzt auch die Nase und die Augen ausgestoßen. Das ist gewiß absichtlich geschehn, weil

sie eigentlich so häßlich aussieht.« Sie fuhr tief atmend fort: »Die Vergangenheit, die

liebsten, teuersten Überbleibsel werden endlich mit Füßen getreten. Denk, wenn Mutter ihr Bild

–« Sie fing heftig an zu weinen und klammerte sich fest um ihre Schwester. Therese mußte sich

gewaltsam innehalten; denn alle Fasern ihres Herzens schmerzten, aber sie hielt sich fest und

sagte: »Ledwine, sei ruhig, schade dir nicht selber. Warum suchst du gewaltsam Gegenstände

auf, die dich erschüttern und krank machen müssen? Nun bitte ich dich, wenn du mich lieb hast,

so nimm dich zusammen und sprich und denk etwas andres.« Beide schwiegen. Ledwine stand auf

und wandelte ein paarmal den Garten auf und nieder. Dann setzte sie sich wieder zu Theresen,

die über allerlei Dinge zu reden begann. Sie antwortete so, daß Therese sowohl ihren guten

Willen als seine gänzliche Schwäche sehn mußte. Die Sonne begann sich zu neigen, und ihre

milden Lichter tanzten durch die Zweige der Linde auf den Gewändern der Mädchen und Ledwinens

leise bebendem Antlitz.

»Wie schön der Abend wird!« sagte Therese. »Gestern um diese Stunde lebte der arme Klemens

noch«, seufzte Ledwine. »Suchst du wieder das Trübe?« sagte Therese sanft. »Ist denn«,

versetzte Ledwine beklemmt, »ein Tag Andenken zuviel für seiner Mutter einzigsten Trost? Hör

mich an!«

Nun erzählte sie, wie sie an dem Flusse gewandelt, immer hinauf, kämpfend mit greulichen,

sinnlosen Bildern, wie sie sich fast besiegt und umkehren wollen, nur noch diese eine Bucht

vorüber, – und ein matter, flimmernder Schein sah durch dichte Brombeerranken aus dem Gewässer

zu ihr hinüber. Heimlich schaudernd nannte sie es den Widerschein der Sonne. Da wehten leichte

Wolken herauf, das Sonnengold schwand vom Strome, und heller flammte das heimliche Licht durch

die dunklen Blätter.

»Begreifst du wohl, Therese«, sagte sie, »daß ich an die Sagen dachte von Lichtern, die über

den Versunknen wachen? Indes ergab ich mich nicht und schritt rasch darauf zu; da flammte es

hoch auf und schwand, und wie ich an das Gestrippe trat, da war es die Laterne des armen

Klemens, die, ausgebrannt und in die Ranken verschlungen, auf dem Wasser schwankte. Ich kniete

an das Ufer und löste sie aus den Dornen, aber wie ich sie so kalt und naß und erloschen in

der Hand hielt, da war es mir, als sei sie ein toter, erstarrter Teil des Verlornen. Ich habe

sie am Ufer stehen lassen.« Sie drückte sich leise schaudernd an Theresen. »Aber was ist denn

das?« sagte sie und deutete auf den Boden. »Was meinst du?« versetzte Therese. »Mich dünkt,

ich sehe mehr als die Schatten der Bäume.« – »Auch die unsrigen«, sagte Therese. – »Es wird

nichts sein; hör zu, und wie ich zurückgehe und an das Sandloch komme, da seh ich von weitem

die alte Lisbeth aus ihrem Hause gehn. O Therese, sie ist so klein geworden, ich hätte sie

fast nicht erkannt. Sie ging lange vor mir, ohne mich zu sehn, sondern immer starr in das

Wasser. Du weißt, sie ist immer so ordentlich. O Gott, sie sah so verstört aus. Die Hälfte

ihrer grauen Haare hing unter der Mütze hervor. Ich konnte es nicht mehr aushalten und ging

vorüber. Da schlug es Mittag im Dorfe, und die Betglocke begann zu läuten. Ich sagte im

Vorübergehn: ›Gelobt sei Jesus Christus!‹ Sie sah nicht auf, sondern preßte die Hände zusammen

und sagte: ›In alle Ewigkeit, in alle Ewigkeit, Amen‹ laut und oft nacheinander. Ich hörte es

noch, wie ich schon eine Strecke von ihr war.«

»Gott wird sie trösten«, sagte Therese und sah bewegt vor sich nieder. Da war es ihr selber,

als sehe sie durch den Schlagschatten der Bäume noch eine andre Gestalt lauschen. Sie sah

rasch um sich, aber es war nichts.

»Es wird zu kühl für dich, Ledwine«, sagte sie aufstehend, und die von heimlichen

Fieberschauern Durchbebte folgte ihr willig. Auf dem Hofe begegnete ihnen Karl. Therese ließ

die Schwester vorangehn und teilte ihm ihre Bemerkung mit, und er schritt sogleich in den

Garten, dann eilte sie der trauernd Wandelnden nach.

Annette von Droste-Hülshoff – Die Judenbuche

Annette von Droste-Hülshoff

Die Judenbuche

Ein Sittengemälde aus dem gebirgichten Westfalen

Wo ist die Hand so zart, daß ohne Irren

Sie sondern mag beschränkten Hirnes Wirren,

So fest, daß ohne Zittern sie den Stein

Mag schleudern auf ein arm verkümmert Sein?

Wer wagt es, eitlen Blutes Drang zu messen,

Zu wägen jedes Wort, das unvergessen

In junge Brust die zähen Wurzeln trieb,

Des Vorurteils geheimen Seelendieb?

Du Glücklicher, geboren und gehegt

Im lichten Raum, von frommer Hand gepflegt,

Leg hin die Waagschal’, nimmer dir erlaubt!

Laß ruhn den Stein – er trifft dein eignes Haupt! –

Friedrich Mergel, geboren 1738, war der einzige Sohn eines sogenannten Halbmeiers oder

Grundeigentümers geringerer Klasse im Dorfe B., das, so schlecht gebaut und rauchig es sein

mag, doch das Auge jedes Reisenden fesselt durch die überaus malerische Schönheit seiner Lage

in der grünen Waldschlucht eines bedeutenden und geschichtlich merkwürdigen Gebirges. Das

Ländchen, dem es angehörte, war damals einer jener abgeschlossenen Erdwinkel ohne Fabriken und

Handel, ohne Heerstraßen, wo noch ein fremdes Gesicht Aufsehen erregte, und eine Reise von

dreißig Meilen selbst den Vornehmeren zum Ulysses seiner Gegend machte – kurz, ein Fleck, wie

es deren sonst so viele in Deutschland gab, mit all den Mängeln und Tugenden, all der

Originalität und Beschränktheit, wie sie nur in solchen Zuständen gedeihen. Unter höchst

einfachen und häufig unzulänglichen Gesetzen waren die Begriffe der Einwohner von Recht und

Unrecht einigermaßen in Verwirrung geraten, oder vielmehr, es hatte sich neben dem

gesetzlichen ein zweites Recht gebildet, ein Recht der öffentlichen Meinung, der Gewohnheit

und der durch Vernachlässigung entstandenen Verjährung. Die Gutsbesitzer, denen die niedere

Gerichtsbarkeit zustand, straften und belohnten nach ihrer in den meisten Fällen redlichen

Einsicht; der Untergebene tat, was ihm ausführbar und mit einem etwas weiten Gewissen

verträglich schien, und nur dem Verlierenden fiel es zuweilen ein, in alten staubichten

Urkunden nachzuschlagen. Es ist schwer, jene Zeit unparteiisch ins Auge zu fassen; sie ist

seit ihrem Verschwinden entweder hochmütig getadelt oder albern gelobt worden, da den, der sie

erlebte, zuviel teure Erinnerungen blenden und der Spätergeborene sie nicht begreift. Soviel

darf man indessen behaupten, daß die Form schwächer, der Kern fester, Vergehen häufiger,

Gewissenlosigkeit seltener waren. Denn wer nach seiner Überzeugung handelt, und sei sie noch

so mangelhaft, kann nie ganz zugrunde gehen, wogegen nichts seelentötender wirkt, als gegen

das innere Rechtsgefühl das äußere Recht in Anspruch nehmen.

Ein Menschenschlag, unruhiger und unternehmender als alle seine Nachbarn, ließ in dem kleinen

Staate, von dem wir reden, manches weit greller hervortreten als anderswo unter gleichen

Umständen. Holz-und Jagdfrevel waren an der Tagesordnung, und bei den häufig vorfallenden

Schlägereien hatte sich jeder selbst seines zerschlagenen Kopfes zu trösten. Da jedoch große

und ergiebige Waldungen den Hauptreichtum des Landes ausmachten, ward allerdings scharf über

die Forsten gewacht, aber weniger auf gesetzlichem Wege, als in stets erneuten Versuchen,

Gewalt und List mit gleichen Waffen zu überbieten.

Das Dorf B. galt für die hochmütigste, schlauste und kühnste Gemeinde des ganzen Fürstentums.

Seine Lage inmitten tiefer und stolzer Waldeinsamkeit mochte schon früh den angeborenen

Starrsinn der Gemüter nähren; die Nähe eines Flusses, der in die See mündete und bedeckte

Fahrzeuge trug, groß genug, um Schiffbauholz bequem und sicher außer Land zu führen, trug sehr

dazu bei, die natürliche Kühnheit der Holzfrevler ermutigen, und der Umstand, daß alles umher

von Förstern wimmelte, konnte hier nur aufregend wirken, da bei den häufig vorkommenden

Scharmützeln der Vorteil meist auf seiten der Bauern blieb. Dreißig, vierzig Wagen zogen

zugleich aus in den schönen Mondnächten, mit ungefähr doppelt soviel Mannschaft jedes Alters,

vom halbwüchsigen Knaben bis zum siebzigjährigen Ortsvorsteher, der als erfahrener Leitbock

den Zug mit gleich stolzem Bewußtsein anführte, als er seinen Sitz in der Gerichtsstube

einnahm. Die Zurückgebliebenen horchten sorglos dem allmähligen Verhallen des Knarrens und

Stoßens der Räder in den Hohlwegen und schliefen sacht weiter. Ein gelegentlicher Schuß, ein

schwacher Schrei ließen wohl einmal eine junge Frau oder Braut auffahren; kein anderer achtete

darauf. Beim ersten Morgengrau kehrte der Zug ebenso schweigend heim, die Gesichter glühend

wie Erz, hier und dort einer mit verbundenem Kopf, was weiter nicht in Betracht kam, und nach

ein paar Stunden war die Umgegend voll von dem Mißgeschick eines oder mehrerer Forstbeamten,

die aus dem Walde getragen wurden, zerschlagen, mit Schnupftabak geblendet und für einige Zeit

unfähig, ihrem Berufe nachzukommen.

In diesen Umgebungen ward Friedrich Mergel geboren, in einem Hause, das durch die stolze

Zugabe eines Rauchfangs und minder kleiner Glasscheiben die Ansprüche seines Erbauers, sowie

durch seine gegenwärtige Verkommenheit die kümmerlichen Umstände des jetzigen Besitzers

bezeugte. Das frühere Geländer um Hof und Garten war einem vernachlässigten Zaune gewichen,

das Dach schadhaft, fremdes Vieh weidete auf den Triften, fremdes Korn wuchs auf dem Acker

zunächst am Hofe, und der Garten enthielt, außer ein paar holzichten Rosenstöcken aus besserer

Zeit, mehr Unkraut als Kraut. Freilich hatten Unglücksfälle manches hiervon herbeigeführt;

doch war auch viel Unordnung und böse Wirtschaft im Spiel. Friedrichs Vater, der alte Hermann

Mergel, war in seinem Junggesellenstande ein sogenannter ordentlicher Säufer, d.h. einer, der

nur an Sonn- und Festtagen in der Rinne lag und die Woche hindurch so manierlich war wie ein

anderer. So war denn auch seine Bewerbung um ein recht hübsches und wohlhabendes Mädchen ihm

nicht erschwert. Auf der Hochzeit ging’s lustig zu. Mergel war gar nicht zu arg betrunken, und

die Eltern der Braut gingen abends vergnügt heim; aber am nächsten Sonntage sah man die junge

Frau schreiend und blutrünstig durchs Dorf zu den Ihrigen rennen, alle ihre guten Kleider und

neues Hausgerät im Stich lassend. Das war freilich ein großer Skandal und Ärger für Mergel,

der allerdings Trostes bedurfte. So war denn auch am Nachmittage keine Scheibe an seinem Hause

mehr ganz, und man sah ihn noch bis spät in die Nacht vor der Türschwelle liegen, einen

abgebrochenen Flaschenhals von Zeit zu Zeit zum Munde führend und sich Gesicht und Hände

jämmerlich zerschneidend. Die junge Frau blieb bei ihren Eltern, wo sie bald verkümmerte und

starb. Ob nun den Mergel Reue quälte oder Scham, genug, er schien der Trostmittel immer

bedürftiger und fing bald an, den gänzlich verkommenen Subjekten zugezählt zu werden.

Die Wirtschaft verfiel; fremde Mägde brachten Schimpf und Schaden; so verging Jahr auf Jahr.

Mergel war und blieb ein verlegener und zuletzt ziemlich armseliger Witwer, bis er mit

einemmale wieder als Bräutigam auftrat. War die Sache an und für sich unerwartet, so trug die

Persönlichkeit der Braut noch dazu bei, die Verwunderung zu erhöhen. Margareth Semmler war

eine brave, anständige Person, so in den Vierzigen, in ihrer Jugend eine Dorfschönheit und

noch jetzt als sehr klug und wirtlich geachtet, dabei nicht unvermögend; und so mußte es jedem

unbegreiflich sein, was sie zu diesem Schritte getrieben. Wir glauben den Grund eben in dieser

ihrer selbstbewußten Vollkommenheit zu finden. Am Abend vor der Hochzeit soll sie gesagt

haben: »Eine Frau, die von ihrem Manne übel behandelt wird, ist dumm oder taugt nicht: wenn’s

mir schlecht geht, so sagt, es liege an mir.« Der Erfolg zeigte leider, daß sie ihre Kräfte

überschätzt hatte. Anfangs imponierte sie ihrem Manne; er kam nicht nach Haus oder kroch in

die Scheune, wenn er sich übernommen hatte; aber das Joch war zu drückend, um lange getragen

zu werden, und bald sah man ihn oft genug quer über die Gasse ins Haus taumeln, hörte drinnen

sein wüstes Lärmen und sah Margreth eilends Tür und Fenster schließen. An einem solchen Tage –

keinem Sonntage mehr – sah man sie abends aus dem Hause stürzen, ohne Haube und Halstuch, das

Haar wild um den Kopf hängend, sich im Garten neben ein Krautbeet niederwerfen und die Erde

mit den Händen aufwühlen, dann ängstlich um sich schauen, rasch ein Bündel Kräuter brechen und

damit langsam wieder dem Hause zugehen, aber nicht hinein, sondern in die Scheune. Es hieß, an

diesem Tage habe Mergel zuerst Hand an sie gelegt, obwohl das Bekenntnis nie über ihre Lippen

kam.

Das zweite Jahr dieser unglücklichen Ehe ward mit einem Sohne, man kann nicht sagen erfreut,

denn Margreth soll sehr geweint haben, als man ihr das Kind reichte. Dennoch, obwohl unter

einem Herzen voll Gram getragen, war Friedrich ein gesundes, hübsches Kind, das in der

frischen Luft kräftig gedieh. Der Vater hatte ihn sehr lieb, kam nie nach Hause, ohne ihm ein

Stückchen Wecken oder dergleichen mitzubringen, und man meinte sogar, er sei seit der Geburt

des Knaben ordentlicher geworden; wenigstens ward der Lärmen im Hause geringer.

Friedrich stand in seinem neunten Jahre. Es war um das Fest der heiligen drei Könige, eine

harte, stürmische Winternacht. Hermann war zu einer Hochzeit gegangen und hatte sich schon

beizeiten auf den Weg gemacht, da das Brauthaus Dreiviertelmeilen entfernt lag. Obgleich er

versprochen hatte, abends wiederzukommen, rechnete Frau Mergel doch um so weniger darauf, da

sich nach Sonnenuntergang dichtes Schneegestöber eingestellt hatte. Gegen zehn Uhr schürte sie

die Asche am Herde zusammen und machte sich zum Schlafengehen bereit. Friedrich stand neben

ihr, schon halb entkleidet und horchte auf das Geheul des Windes und das Klappen der

Bodenfenster.

»Mutter, kommt der Vater heute nicht?« fragte er. – »Nein, Kind, morgen.« – »Aber warum nicht,

Mutter? er hat’s doch versprochen.« – »Ach Gott, wenn der alles hielte, was er verspricht!

Mach, mach voran, daß du fertig wirst.«

Sie hatten sich kaum niedergelegt, so erhob sich eine Windsbraut, als ob sie das Haus

mitnehmen wollte. Die Bettstatt bebte und im Schornstein rasselte es wie ein Kobold. – »Mutter

– es pocht draußen!« – »Still, Fritzchen, das ist das lockere Brett im Giebel, das der Wind

jagt.« – »Nein, Mutter, an der Tür!« – »Sie schließt nicht; die Klinke ist zerbrochen. Gott,

schlaf doch! Bring mich nicht um das armselige bißchen Nachtruhe.« – »Aber wenn nun der Vater

kommt?« – Die Mutter drehte sich heftig im Bett um. – »Den hält der Teufel fest genug!« – »Wo

ist der Teufel, Mutter?« – »Wart du Unrast! Er steht vor der Tür und will dich holen, wenn du

nicht ruhig bist!«

Friedrich ward still; er horchte noch ein Weilchen und schlief dann ein. Nach einigen Stunden

erwachte er. Der Wind hatte sich gewendet und zischte jetzt wie eine Schlange durch die

Fensterritze an seinem Ohr. Seine Schulter war erstarrt; er kroch tief unters Deckbett und lag

aus Furcht ganz still. Nach einer Weile bemerkte er, daß die Mutter auch nicht schlief. Er

hörte sie weinen und mitunter: »Gegrüßt seist du, Maria!« und: »Bitte für uns arme Sünder!«

Die Kügelchen des Rosenkranzes glitten an seinem Gesicht hin. – Ein unwillkürlicher Seufzer

entfuhr ihm. – »Friedrich, bist du wach?« – »Ja, Mutter.« – »Kind, bete ein wenig – du kannst

ja schon das halbe Vaterunser – daß Gott uns bewahre vor Wasser- und Feuersnot.«

Friedrich dachte an den Teufel, wie der wohl aussehen möge. Das mannigfache Geräusch und

Getöse im Hause kam ihm wunderlich vor. Er meinte, es müsse etwas Lebendiges drinnen sein und

draußen auch. »Hör, Mutter, gewiß, da sind Leute, die pochen.« – »Ach nein, Kind; aber es ist

kein altes Brett im Hause, das nicht klappert.« – »Hör! hörst du nicht? Es ruft! Hör doch!«

Die Mutter richtete sich auf; das Toben des Sturms ließ einen Augenblick nach. Man hörte

deutlich an den Fensterläden pochen und mehrere Stimmen: »Margreth! Frau Margreth, heda,

aufgemacht!« – Margreth stieß einen heftigen Laut aus: »Da bringen sie mir das Schwein

wieder!«

Der Rosenkranz flog klappernd auf den Brettstuhl, die Kleider wurden herbeigerissen. Sie fuhr

zum Herde und bald darauf hörte Friedrich sie mit trotzigen Schritten über die Tenne gehen.

Margreth kam gar nicht wieder; aber in der Küche war viel Gemurmel und fremde Stimmen. Zweimal

kam ein fremder Mann in die Kammer und schien ängstlich etwas zu suchen. Mit einemmale ward

eine Lampe hereingebracht. Zwei Männer führten die Mutter. Sie war weiß wie Kreide und hatte

die Augen geschlossen. Friedrich meinte, sie sei tot; er erhob ein fürchterliches Geschrei,

worauf ihm jemand eine Ohrfeige gab, was ihn zur Ruhe brachte, und nun begriff er nach und

nach aus den Reden der Umstehenden, daß der Vater vom Ohm Franz Semmler und dem Hülsmeyer tot

im Holze gefunden sei und jetzt in der Küche liege.

Sobald Margreth wieder zur Besinnung kam, suchte sie die fremden Leute loszuwerden. Der Bruder

blieb bei ihr und Friedrich, dem bei strenger Strafe im Bett zu bleiben geboten war, hörte die

ganze Nacht hindurch das Feuer in der Küche knistern und ein Geräusch wie von Hin- und

Herrutschen und Bürsten. Gesprochen ward wenig und leise, aber zuweilen drangen Seufzer

herüber, die dem Knaben, so jung er war, durch Mark und Bein gingen. Einmal verstand er, daß

der Oheim sagte: »Margreth, zieh dir das nicht zu Gemüt; wir wollen jeder drei Messen lesen

lassen, und um Ostern gehen wir zusammen eine Bittfahrt zur Muttergottes von Werl.«

Als nach zwei Tagen die Leiche fortgetragen wurde, saß Margreth am Herde, das Gesicht mit der

Schürze verhüllend. Nach einigen Minuten, als alles still geworden war, sagte sie in sich

hinein: »Zehn Jahre, zehn Kreuze. Wir haben sie doch zusammen getragen, und jetzt bin ich

allein!« dann lauter: »Fritzchen, komm her!« – Friedrich kam scheu heran; die Mutter war ihm

ganz unheimlich geworden mit den schwarzen Bändern und den verstörten Zügen. »Fritzchen,«

sagte sie, »willst du jetzt auch fromm sein, daß ich Freude an dir habe, oder willst du

unartig sein und lügen, oder saufen und stehlen?« – »Mutter, Hülsmeyer stiehlt.« – »Hülsmeyer?

Gott bewahre! Soll ich dir auf den Rücken kommen? wer sagt dir so schlechtes Zeug?« – »Er hat

neulich den Aaron geprügelt und ihm sechs Groschen genommen.« – »Hat er dem Aaron Geld

genommen, so hat ihn der verfluchte Jude gewiß zuvor darum betrogen. Hülsmeyer ist ein

ordentlicher, angesessener Mann, und die Juden sind alle Schelme.« – »Aber, Mutter, Brandis

sagt auch, daß er Holz und Rehe stiehlt.« – »Kind, Brandis ist ein Förster.« – »Mutter, lügen

die Förster?«

Margreth schwieg eine Weile; dann sagte sie: »Höre, Fritz, das Holz läßt unser Herrgott frei

wachsen und das Wild wechselt aus eines Herren Lande in das andere; die können niemand

angehören. Doch das verstehst du noch nicht; jetzt geh in den Schoppen und hole mir Reisig.«

Friedrich hatte seinen Vater auf dem Stroh gesehen, wo er, wie man sagt, blau und fürchterlich

ausgesehen haben soll. Aber davon erzählte er nie und schien ungern daran zu denken. Überhaupt

hatte die Erinnerung an seinen Vater eine mit Grausen gemischte Zärtlichkeit in ihm

zurückgelassen, wie denn nichts so fesselt, wie die Liebe und Sorgfalt eines Wesens, das gegen

alles Übrige verhärtet scheint, und bei Friedrich wuchs dieses Gefühl mit den Jahren, durch

das Gefühl mancher Zurücksetzung von seiten anderer. Es war ihm äußerst empfindlich, wenn,

solange er Kind war, jemand des Verstorbenen nicht allzu löblich gedachte; ein Kummer, den ihm

das Zartgefühl der Nachbarn nicht ersparte. Es ist gewöhnlich in jenen Gegenden, den

Verunglückten die Ruhe im Grabe abzusprechen. Der alte Mergel war das Gespenst des

Brederholzes geworden; einen Betrunkenen führte er als Irrlicht bei einem Haar in den

Zellerkolk (Teich); die Hirtenknaben, wenn sie nachts bei ihren Feuern kauerten und die Eulen

in den Gründen schrieen, hörten zuweilen in abgebrochenen Tönen ganz deutlich dazwischen sein:

»Hör mal an, feins Lieseken,« und ein unprivilegierter Holzhauer, der unter der breiten Eiche

eingeschlafen und dem es darüber Nacht geworden war, hatte beim Erwachen sein geschwollenes

blaues Gesicht durch die Zweige lauschen sehen. Friedrich mußte von andern Knaben vieles

darüber hören; dann heulte er, schlug um sich, stach auch einmal mit seinem Messerchen und

wurde bei dieser Gelegenheit jämmerlich geprügelt. Seitdem trieb er seiner Mutter Kühe allein

an das andere Ende des Tales, wo man ihn oft stundenlang in derselben Stellung im Grase liegen

und den Thymian aus dem Boden rupfen sah.

Er war zwölf Jahre alt, als seine Mutter einen Besuch von ihrem jüngern Bruder erhielt, der in

Brede wohnte und seit der törichten Heirat seiner Schwester ihre Schwelle nicht betreten

hatte. Simon Semmler war ein kleiner, unruhiger, magerer Mann mit vor dem Kopf liegenden

Fischaugen und überhaupt einem Gesicht wie ein Hecht, ein unheimlicher Geselle, bei dem

dicktuende Verschlossenheit oft mit ebenso gesuchter Treuherzigkeit wechselte, der gern einen

aufgeklärten Kopf vorgestellt hätte und statt dessen für einen fatalen, Händel suchenden Kerl

galt, dem jeder um so lieber aus dem Wege ging, je mehr er in das Alter trat, wo ohnehin

beschränkte Menschen leicht an Ansprüchen gewinnen, was sie an Brauchbarkeit verlieren.

Dennoch freute sich die arme Margreth, die sonst keinen der Ihrigen mehr am Leben hatte.

»Simon, bist du da?« sagte sie, und zitterte, daß sie sich am Stuhle halten mußte. »Willst du

sehen, wie es mir geht und meinem schmutzigen Jungen?« – Simon betrachtete sie ernst und

reichte ihr die Hand: »Du bist alt geworden, Margreth!« – Margreth seufzte: »Es ist mir

derweil oft bitterlich gegangen mit allerlei Schicksalen.« – »Ja, Mädchen, zu spät gefreit,

hat immer gereut! Jetzt bist du alt und das Kind ist klein. Jedes Ding hat seine Zeit. Aber

wenn ein altes Haus brennt, dann hilft kein Löschen.« – Über Margreths vergrämtes Gesicht flog

eine Flamme so rot wie Blut.

»Aber ich höre, dein Junge ist schlau und gewichst,« fuhr Simon fort. – »Ei nun so ziemlich,

und dabei fromm.« – »Hum, ‘s hat mal einer eine Kuh gestohlen, der hieß auch Fromm. Aber er

ist still und nachdenklich, nicht wahr? Er läuft nicht mit den andern Buben?« – »Er ist ein

eigenes Kind,« sagte Margreth wie für sich; »es ist nicht gut.« – Simon lachte hell auf: »Dein

Junge ist scheu, weil ihn die andern ein paarmal gut durchgedroschen haben. Das wird ihnen der

Bursche schon wieder bezahlen. Hülsmeyer war neulich bei mir; der sagte, es ist ein Junge wie

‘n Reh.«

Welcher Mutter geht das Herz nicht auf, wenn sie ihr Kind loben hört? Der armen Margreth ward

selten so wohl, jedermann nannte ihren Jungen tückisch und verschlossen. Die Tränen traten ihr

in die Augen. »Ja, gottlob, er hat gerade Glieder.« – »Wie sieht er aus?« fuhr Simon fort. –

»Er hat viel von dir, Simon, viel.«

Simon lachte: »Ei, das muß ein rarer Kerl sein, ich werde alle Tage schöner. An der Schule

soll er sich wohl nicht verbrennen. Du läßt ihn die Kühe hüten? Ebenso gut. Es ist doch nicht

halb wahr, was der Magister sagt. Aber wo hütet er? Im Telgengrund? im Roderholze? im

Teutoburger Wald? auch des Nachts und früh?« – »Die ganzen Nächte durch; aber wie meinst du

das?«

Simon schien dies zu überhören; er reckte den Hals zur Türe hinaus. »Ei, da kommt der Gesell!

Vaterssohn! er schlenkert gerade so mit den Armen wie dein seliger Mann. Und schau mal an!

Wahrhaftig, der Junge hat meine blonden Haare!«

In der Mutter Züge kam ein heimliches, stolzes Lächeln; ihres Friedrichs blonde Locken und

Simons rötliche Bürsten! Ohne zu antworten, brach sie einen Zweig von der nächsten Hecke und

ging ihrem Sohne entgegen, scheinbar, eine träge Kuh anzutreiben, im Grunde aber, ihm einige

rasche, halbdrohende Worte zuzuraunen; denn sie kannte seine störrische Natur, und Simons

Weise war ihr heute einschüchternder vorgekommen als je. Doch ging alles über Erwarten gut;

Friedrich zeigte sich weder verstockt, noch frech, vielmehr etwas blöde und sehr bemüht, dem

Ohm zu gefallen. So kam es denn dahin, daß nach einer halbstündigen Unterredung Simon eine Art

Adoption des Knaben in Vorschlag brachte, vermöge deren er denselben zwar nicht gänzlich

seiner Mutter entziehen, aber doch über den größten Teil seiner Zeit verfügen wollte, wofür

ihm dann am Ende des alten Junggesellen Erbe zufallen solle, das ihm freilich ohnedies nicht

entgehen konnte. Margreth ließ sich geduldig auseinandersetzen, wie groß der Vorteil, wie

gering die Entbehrung ihrerseits bei dem Handel sei. Sie wußte am besten, was eine kränkliche

Witwe an der Hülfe eines zwölfjährigen Knaben entbehrt, den sie bereits gewöhnt hat, die

Stelle einer Tochter zu ersetzen. Doch sie schwieg und gab sich in alles. Nur bat sie den

Bruder, streng, doch nicht hart gegen den Knaben zu sein.

»Er ist gut,« sagte sie, »aber ich bin eine einsame Frau; mein Kind ist nicht, wie einer, über

den Vaterhand regiert hat.« Simon nickte schlau mit dem Kopf: »Laß mich nur gewähren, wir

wollen uns schon vertragen, und weißt du was? Gib mir den Jungen gleich mit, ich habe zwei

Säcke aus der Mühle zu holen; der kleinste ist ihm grad recht, und so lernt er mir zur Hand

gehen. Komm, Fritzchen, zieh deine Holzschuh’ an!« – Und bald sah Margreth den beiden nach,

wie sie fortschritten, Simon voran, mit seinem Gesicht die Luft durchschneidend, während ihm

die Schöße des roten Rocks wie Feuerflammen nachzogen. So hatte er ziemlich das Ansehen eines

feurigen Mannes, der unter dem gestohlenen Sacke büßt; Friedrich ihm nach, fein und schlank

für sein Alter, mit zarten, fast edlen Zügen und langen blonden Locken, die besser gepflegt

waren, als sein übriges Äußere erwarten ließ; übrigens zerlumpt, sonneverbrannt und mit dem

Ausdruck der Vernachlässigung und einer gewissen rohen Melancholie in den Zügen. Dennoch war

eine große Familienähnlichkeit beider nicht zu verkennen, und wie Friedrich so langsam seinem

Führer nachtrat, die Blicke fest auf denselben geheftet, der ihn gerade durch das Seltsame

seiner Erscheinung anzog, erinnerte er unwillkürlich an jemand, der in einem Zauberspiegel das

Bild seiner Zukunft mit verstörter Aufmerksamkeit betrachtet.

Jetzt nahten die beiden sich der Stelle des Teutoburger Waldes, wo das Brederholz den Abhang

des Gebirges niedersteigt und einen sehr dunkeln Grund ausfüllt. Bis jetzt war wenig

gesprochen worden. Simon schien nachdenkend, der Knabe zerstreut, und beide keuchten unter

ihren Säcken. Plötzlich fragte Simon: »Trinkst du gern Branntwein?« – Der Knabe antwortete

nicht. »Ich frage, trinkst du gern Branntwein? Gibt dir die Mutter zuweilen welchen?« – »Die

Mutter hat selbst keinen,« sagte Friedrich. – »So, so, desto besser! – Kennst du das Holz da

vor uns?« – »Das ist das Brederholz.« – »Weißt du auch, was darin vorgefallen ist?« –

Friedrich schwieg. Indessen kamen sie der düstern Schlucht immer näher. »Betet die Mutter noch

so viel?« hob Simon wieder an. – »Ja, jeden Abend zwei Rosenkränze.« – »So? Und du betest

mit?« – Der Knabe lachte halb verlegen mit einem durchtriebenen Seitenblick. – »Die Mutter

betet in der Dämmerung vor dem Essen den einen Rosenkranz, dann bin ich meist noch nicht

wieder da mit den Kühen, und den andern im Bette, dann schlaf’ ich gewöhnlich ein.« – »So, so,

Geselle!«

Diese letzten Worte wurden unter dem Schirme einer weiten Buche gesprochen, die den Eingang

der Schlucht überwölbte. Es war jetzt ganz finster; das erste Mondviertel stand am Himmel,

aber seine schwachen Schimmer dienten nur dazu, den Gegenständen, die sie zuweilen durch eine

Lücke der Zweige berührten, ein fremdartiges Ansehen zu geben. Friedrich hielt sich dicht

hinter seinem Ohm; sein Odem ging schnell, und wer seine Züge hätte unterscheiden können,

würde den Ausdruck einer ungeheuren, doch mehr phantastischen als furchtsamen Spannung darin

wahrgenommen haben. So schritten beide rüstig voran, Simon mit dem festen Schritt des

abgehärteten Wanderers, Friedrich schwankend und wie im Traum. Es kam ihm vor, als ob alles

sich bewegte und die Bäume in den einzelnen Mondstrahlen bald zusammen, bald voneinander

schwankten. Baumwurzeln und schlüpfrige Stellen, wo sich das Wegwasser gesammelt, machten

seinen Schritt unsicher; er war einige Male nahe daran, zu fallen. Jetzt schien sich in

einiger Entfernung das Dunkel zu brechen, und bald traten beide in eine ziemlich große

Lichtung. Der Mond schien klar hinein und zeigte, daß hier noch vor kurzem die Axt

unbarmherzig gewütet hatte. Überall ragten Baumstümpfe hervor, manche mehrere Fuß über der

Erde, wie sie gerade in der Eile am bequemsten zu durchschneiden gewesen waren; die verpönte

Arbeit mußte unversehens unterbrochen worden sein, denn eine Buche lag quer über dem Pfad, in

vollem Laube, ihre Zweige hoch über sich streckend und im Nachtwinde mit den noch frischen

Blättern zitternd. Simon blieb einen Augenblick stehen und betrachtete den gefällten Stamm mit

Aufmerksamkeit. In der Mitte der Lichtung stand eine alte Eiche, mehr breit als hoch; ein

blasser Strahl, der durch die Zweige auf ihren Stamm fiel, zeigte, daß er hohl sei, was ihn

wahrscheinlich vor der allgemeinen Zerstörung geschützt hatte. Hier ergriff Simon plötzlich

des Knaben Arm.

»Friedrich, kennst du den Baum? Das ist die breite Eiche.« – Friedrich fuhr zusammen und

klammerte sich mit kalten Händen an seinen Ohm. – »Sieh,« fuhr Simon fort, »hier haben Ohm

Franz und der Hülsmeyer deinen Vater gefunden, als er in der Betrunkenheit ohne Buße und Ölung

zum Teufel gefahren war.« – »Ohm, Ohm!« keuchte Friedrich. – »Was fällt dir ein? Du wirst dich

doch nicht fürchten? Satan von einem Jungen, du kneipst mir den Arm! Laß los, los!« – Er

suchte den Knaben abzuschütteln. – »Dein Vater war übrigens eine gute Seele; Gott wird’s nicht

so genau mit ihm nehmen. Ich hatt’ ihn so lieb wie meinen eigenen Bruder.« – Friedrich ließ

den Arm seines Ohms los; beide legten schweigend den übrigen Teil des Waldes zurück und das

Dorf Brede lag vor ihnen, mit seinen Lehmhütten und den einzelnen bessern Wohnungen von

Ziegelsteinen, zu denen auch Simons Haus gehörte.

Am nächsten Abend saß Margreth schon seit einer Stunde mit ihrem Rocken vor der Tür und

wartete auf ihren Knaben. Es war die erste Nacht, die sie zugebracht hatte, ohne den Atem

ihres Kindes neben sich zu hören, und Friedrich kam noch immer nicht. Sie war ärgerlich und

ängstlich und wußte, daß sie beides ohne Grund war. Die Uhr im Turm schlug sieben, das Vieh

kehrte heim; er war noch immer nicht da und sie mußte aufstehen, um nach den Kühen zu schauen.

Als sie wieder in die dunkle Küche trat, stand Friedrich am Herde; er hatte sich

vornübergebeugt und wärmte die Hände an den Kohlen. Der Schein spielte auf seinen Zügen und

gab ihnen ein widriges Ansehen von Magerkeit und ängstlichem Zucken. Margreth blieb in der

Tennentür stehen, so seltsam verändert kam ihr das Kind vor.

»Friedrich, wie geht’s dem Ohm?« – Der Knabe murmelte einige unverständliche Worte und drängte

sich dicht an die Feuermauer. – »Friedrich, hast du das Reden verlernt! Junge, tu das Maul

auf! Du weißt ja doch, daß ich auf dem rechten Ohr nicht gut höre.« – Das Kind erhob seine

Stimme und geriet dermaßen ins Stammeln, daß Margreth es um nichts mehr begriff. – »Was sagst

du? Einen Gruß von Meister Semmler? Wieder fort? Wohin? Die Kühe sind schon zu Hause.

Verfluchter Junge, ich kann dich nicht verstehen. Wart, ich muß einmal sehen, ob du keine

Zunge im Munde hast!« – Sie trat heftig einige Schritte vor. Das Kind sah zu ihr auf, mit dem

Jammerblick eines armen, halbwüchsigen Hundes, der Schildwacht stehen lernt, und begann in der

Angst mit den Füßen zu stampfen und den Rücken an der Feuermauer zu reiben.

Margreth stand still; ihre Blicke wurden ängstlich. Der Knabe erschien ihr wie

zusammengeschrumpft, auch seine Kleider waren nicht dieselben, nein, das war ihr Kind nicht!

Und dennoch – »Friedrich, Friedrich!« rief sie.

In der Schlafkammer klappte eine Schranktür und der Gerufene trat hervor, in der einen Hand

eine sogenannte Holzschenvioline, d.h. einen alten Holzschuh, mit drei bis vier zerschabten

Geigensaiten überspannt, in der andern einen Bogen, ganz des Instruments würdig. So ging er

gerade auf sein verkümmertes Spiegelbild zu, seinerseits mit einer Haltung bewußter Würde und

Selbständigkeit, die in diesem Augenblicke den Unterschied zwischen beiden sonst merkwürdig

ähnlichen Knaben stark hervortreten ließ.

»Da, Johannes!« sagte er und reichte ihm mit einer Gönnermiene das Kunstwerk; »da ist die

Violine, die ich dir versprochen habe. Mein Spielen ist vorbei, ich muß jetzt Geld verdienen.«

– Johannes warf noch einmal einen scheuen Blick auf Margreth, streckte dann langsam seine Hand

aus, bis er das Dargebotene fest ergriffen hatte, und brachte es wie verstohlen unter die

Flügel seines armseligen Jäckchens.

Margreth stand ganz still und ließ die Kinder gewähren. Ihre Gedanken hatten eine andere, sehr

ernste Richtung genommen, und sie blickte mit unruhigem Auge von einem auf den andern. Der

fremde Knabe hatte sich wieder über die Kohlen gebeugt mit einem Ausdruck augenblicklichen

Wohlbehagens, der an Albernheit grenzte, während in Friedrichs Zügen der Wechsel eines

offenbar mehr selbstischen als gutmütigen Mitgefühls spielte und sein Auge in fast glasartiger

Klarheit zum erstenmale bestimmt den Ausdruck jenes ungebändigten Ehrgeizes und Hanges zum

Großtun zeigte, der nachher als so starkes Motiv seiner meisten Handlungen hervortrat. Der Ruf

seiner Mutter störte ihn aus Gedanken, die ihm ebenso neu als angenehm waren. Sie saß wieder

am Spinnrade.

»Friedrich,« sagte sie zögernd, »sag einmal –« und schwieg dann. Friedrich sah auf und wandte

sich, da er nichts weiter vernahm, wieder zu seinem Schützling. »Nein, höre –« und dann

leiser: »Was ist das für ein Junge? Wie heißt er?« – Friedrich antwortete ebenso leise: »Das

ist des Ohms Simon Schweinehirt, der eine Botschaft an den Hülsmeyer hat. Der Ohm hat mir ein

Paar Schuhe und eine Weste von Drillich gegeben; die hat mir der Junge unterwegs getragen;

dafür hab’ ich ihm meine Violine versprochen; er ist ja doch ein armes Kind; Johannes heißt

er.« – »Nun –?« sagte Margreth. – »Was willst du, Mutter?« – »Wie heißt er weiter?« – »Ja –

weiter nicht – oder, warte – doch: Niemand, Johannes Niemand heißt er. – Er hat keinen Vater,«

fügte er leiser hinzu.

Margreth stand auf und ging in die Kammer. Nach einer Weile kam sie heraus, mit einem harten,

finstern Ausdruck in den Mienen. – »So, Friedrich«, sagte sie, »laß den Jungen gehen, daß er

seine Bestellung machen kann. – Junge, was liegst du da in der Asche? Hast du zu Hause nichts

zu tun?« – Der Knabe raffte sich mit der Miene eines Verfolgten so eilfertig auf, daß ihm alle

Glieder im Wege standen und die Holschenvioline bei einem Haar ins Feuer gefallen wäre.

»Warte, Johannes,« sagte Friedrich stolz, »ich will dir mein halbes Butterbrod geben, es ist

mir doch zu groß, die Mutter schneidet allemal übers ganze Brod.« – »Laß doch,« sagte

Margreth, »er geht ja nach Hause.« – »Ja, aber er bekommt nichts mehr; Ohm Simon ißt um sieben

Uhr.« Margreth wandte sich zu dem Knaben: »Hebt man dir nichts auf? Sprich, wer sorgt für

dich?« – »Niemand,« stotterte das Kind. – »Niemand?« wiederholte sie; »da nimm, nimm!« fügte

sie heftig hinzu; »du heißt Niemand und Niemand sorgt für dich! Das sei Gott geklagt! Und nun

mach dich fort! Friedrich, geh nicht mit ihm, hörst du, geht nicht zusammen durchs Dorf.« –

»Ich will ja nur Holz holen aus dem Schuppen,« antwortete Friedrich. – Als beide Knaben fort

waren, warf sich Margreth auf einen Stuhl und schlug die Hände mit dem Ausdruck des tiefsten

Jammers zusammen. Ihr Gesicht war bleich wie ein Tuch. »Ein falscher Eid, ein falscher Eid!«

stöhnte sie. »Simon, Simon, wie willst du vor Gott bestehen!«

So saß sie eine Weile, starr mit geklemmten Lippen, wie in völliger Geistesabwesenheit.

Friedrich stand vor ihr und hatte sie schon zweimal angeredet. »Was ist’s? Was willst du?«

rief sie auffahrend. – »Ich bringe Euch Geld,« sagte er, mehr erstaunt als erschreckt. –

»Geld? Wo?« Sie regte sich und die kleine Münze fiel klingend auf den Boden. Friedrich hob sie

auf. »Geld vom Ohm Simon, weil ich ihm habe arbeiten helfen. Ich kann mir nun selber was

verdienen.« – »Geld vom Simon? Wirf’s fort, fort! – Nein, gib’s den Armen. Doch, nein,

behalt’s,« flüsterte sie kaum hörbar; »wir sind selber arm. Wer weiß, ob wir bei dem Betteln

vorbeikommen!« – »Ich soll Montag wieder zum Ohm und ihm bei der Einsaat helfen.« – »Du wieder

zu ihm? Nein, nein, nimmermehr!« – Sie umfaßte ihr Kind mit Heftigkeit. – »Doch,« fügte sie

hinzu, und ein Tränenstrom stürzte ihr plötzlich über die eingefallenen Wangen; »geh, er ist

mein einziger Bruder, und die Verleumdung ist groß! Aber halt Gott vor Augen und vergiß das

tägliche Gebet nicht!«

Margreth legte das Gesicht an die Mauer und weinte laut. Sie hatte manche harte Last getragen,

ihres Mannes üble Behandlung, noch schwerer seinen Tod, und es war eine bittere Stunde, als

die Witwe das letzte Stück Ackerland einem Gläubiger zur Nutznießung überlassen mußte und der

Pflug vor ihrem Hause stillestand. Aber so war ihr nie zumute gewesen; dennoch, nachdem sie

einen Abend durchgeweint, eine Nacht durchwacht hatte, war sie dahin gekommen, zu denken, ihr

Bruder Simon könne so gottlos nicht sein, der Knabe gehöre gewiß nicht ihm, Ähnlichkeiten

wollen nichts beweisen. Hatte sie doch selbst vor vierzig Jahren ein Schwesterchen verloren,

das genau dem fremden Hechelkrämer glich. Was glaubt man nicht gern, wenn man so wenig hat und

durch Unglauben dies wenige verlieren soll!

Von dieser Zeit an war Friedrich selten mehr zu Hause. Simon schien alle wärmern Gefühle,

deren er fähig war, dem Schwestersohn zugewendet zu haben; wenigstens vermißte er ihn sehr und

ließ nicht nach mit Botschaften, wenn ein häusliches Geschäft ihn auf einige Zeit bei der

Mutter hielt. Der Knabe war seitdem wie verwandelt, das träumerische Wesen gänzlich von ihm

gewichen, er trat fest auf, fing an, sein Äußeres zu beachten und bald in den Ruf eines

hübschen, gewandten Burschen zu kommen. Sein Ohm, der nicht wohl ohne Projekte leben konnte,

unternahm mitunter ziemlich bedeutende öffentliche Arbeiten, z.B. beim Wegbau, wobei Friedrich

für einen seiner besten Arbeiter und überall als seine rechte Hand galt; denn obgleich dessen

Körperkräfte noch nicht ihr volles Maß erreicht hatten, kam ihm doch nicht leicht jemand an

Ausdauer gleich. Margreth hatte bisher ihren Sohn nur geliebt, jetzt fing sie an, stolz auf

ihn zu werden und sogar eine Art Hochachtung vor ihm zu fühlen, da sie den jungen Menschen so

ganz ohne ihr Zutun sich entwickeln sah, sogar ohne ihren Rat, den sie, wie die meisten

Menschen, für unschätzbar hielt und deshalb die Fähigkeiten nicht hoch genug anzuschlagen

wußte, die eines so kostbaren Förderungsmittels entbehren konnten.

In seinem achtzehnten Jahre hatte Friedrich sich bereits einen bedeutenden Ruf in der jungen

Dorfwelt gesichert, durch den Ausgang einer Wette, infolge deren er einen erlegten Eber über

zwei Meilen weit auf seinem Rücken trug, ohne abzusetzen. Indessen war der Mitgenuß des Ruhms

auch so ziemlich der einzige Vorteil, den Margreth aus diesen günstigen Umständen zog, da

Friedrich immer mehr auf sein Äußeres verwandte und allmählich anfing, es schwer zu verdauen,

wenn Geldmangel ihn zwang, irgend jemand im Dorf darin nachzustehen. Zudem waren alle seine

Kräfte auf den auswärtigen Erwerb gerichtet; zu Hause schien ihm, ganz im Widerspiel mit

seinem sonstigen Rufe, jede anhaltende Beschäftigung lästig, und er unterzog sich lieber einer

harten, aber kurzen Anstrengung, die ihm bald erlaubte, seinem frühern Hirtenamte wieder

nachzugehen, was bereits begann, seinem Alter unpassend zu werden, und ihm gelegentlichen

Spott zuzog, vor dem er sich aber durch ein paar derbe Zurechtweisungen mit der Faust Ruhe

verschaffte. So gewöhnte man sich daran, ihn bald geputzt und fröhlich als anerkannten

Dorfelegant an der Spitze des jungen Volks zu sehen, bald wieder als zerlumpten Hirtenbuben

einsam und träumerisch hinter den Kühen herschleichend, oder in einer Waldlichtung liegend,

scheinbar gedankenlos und das Moos von den Bäumen rupfend.

Um diese Zeit wurden die schlummernden Gesetze doch einigermaßen aufgerüttelt durch eine Bande

von Holzfrevlern, die unter dem Namen der Blaukittel alle ihre Vorgänger so weit an List und

Frechheit übertraf, daß es dem Langmütigsten zuviel werden mußte. Ganz gegen den gewöhnlichen

Stand der Dinge, wo man die stärksten Böcke der Herde mit dem Finger bezeichnen konnte, war es

hier trotz aller Wachsamkeit bisher nicht möglich gewesen, auch nur ein Individuum namhaft zu

machen. Ihre Benennung erhielten sie von der ganz gleichförmigen Tracht, durch die sie das

Erkennen erschwerten, wenn etwa ein Förster noch einzelne Nachzügler im Dickicht verschwinden

sah. Sie verheerten alles wie die Wanderraupe, ganze Waldstrecken wurden in einer Nacht

gefällt und auf der Stelle fortgeschafft, so daß man am andern Morgen nichts fand, als Späne

und wüste Haufen von Topholz, und der Umstand, daß nie Wagenspuren einem Dorfe zuführten,

sondern immer vom Flusse her und dorthin zurück, bewies, daß man unter dem Schutz und

vielleicht mit dem Beistande der Schiffeigentümer handelte. In der Bande mußten sehr gewandte

Spione sein, denn die Förster konnten wochenlang umsonst wachen; in der ersten Nacht,

gleichviel, ob stürmisch oder mondhell, wo sie vor Übermüdung nachließen, brach die Zerstörung

ein. Seltsam war es, daß das Landvolk umher ebenso unwissend und gespannt schien, als die

Förster selber. Von einigen Dörfern ward mit Bestimmtheit gesagt, daß sie nicht zu den

Blaukitteln gehörten, aber keines konnte als dringend verdächtig bezeichnet werden, seit man

das verdächtigste von allen, das Dorf B., freisprechen mußte. Ein Zufall hatte dies bewirkt,

eine Hochzeit, auf der fast alle Bewohner dieses Dorfes notorisch die Nacht zugebracht hatten,

während zu eben dieser Zeit die Blaukittel eine ihrer stärksten Expeditionen ausführten.

Der Schaden in den Forsten war indes allzu groß, deshalb wurden die Maßregeln dagegen auf eine

bisher unerhörte Weise gesteigert; Tag und Nacht wurde patrolliert, Ackerknechte, Hausbediente

mit Gewehren versehen und den Forstbeamten zugesellt. Dennoch war der Erfolg nur gering und

die Wächter hatten oft kaum das eine Ende des Forstes verlassen, wenn die Blaukittel schon zum

andern einzogen. Das währte länger als ein volles Jahr, Wächter und Blaukittel, Blaukittel und

Wächter, wie Sonne und Mond, immer abwechselnd im Besitz des Terrains und nie

zusammentreffend.

Es war im Juli 1756 früh um drei; der Mond stand klar am Himmel, aber sein Glanz fing an zu

ermatten und im Osten zeigte sich bereits ein schmaler gelber Streif, der den Horizont

besäumte und den Eingang einer engen Talschlucht wie mit einem Goldbande schloß. Friedrich lag

im Grase, nach seiner gewohnten Weise, und schnitzelte an einem Weidenstabe, dessen knotigem

Ende er die Gestalt eines ungeschlachten Tieres zu geben versuchte. Er sah übermüdet aus,

gähnte, ließ mitunter seinen Kopf an einem verwitterten Stammknorren ruhen und Blicke,

dämmeriger als der Horizont, über den mit Gestrüpp und Aufschlag fast verwachsenen Eingang des

Grundes streifen. Ein paarmal belebten sich seine Augen und nahmen den ihnen eigentümlichen

glasartigen Glanz an, aber gleich nachher schloß er sie wieder halb und gähnte und dehnte

sich, wie es nur faulen Hirten erlaubt ist. Sein Hund lag in einiger Entfernung nah bei den

Kühen, die unbekümmert um die Forstgesetze ebenso oft den jungen Baumspitzen als dem Grase

zusprachen und in die frische Morgenluft schnaubten. Aus dem Walde drang von Zeit zu Zeit ein

dumpfer, krachender Schall; der Ton hielt nur einige Sekunden an, begleitet von einem langen

Echo an den Bergwänden und wiederholte sich etwa alle fünf bis acht Minuten. Friedrich achtete

nicht darauf; nur zuweilen, wenn das Getöse ungewöhnlich stark oder anhaltend war, hob er den

Kopf und ließ seine Blicke langsam über die verschiedenen Pfade gleiten, die ihren Ausgang in

dem Talgrunde fanden.

Es fing bereits stark zu dämmern an; die Vögel begannen leise zu zwitschern und der Tau stieg

fühlbar aus dem Grunde. Friedrich war an dem Stamm hinabgeglitten und starrte, die Arme über

den Kopf verschlungen in das leise einschleichende Morgenrot. Plötzlich fuhr er auf: über sein

Gesicht fuhr ein Blitz, er horchte einige Sekunden mit vorgebeugtem Oberleib wie ein Jagdhund,

dem die Luft Witterung zuträgt. Dann schob er schnell zwei Finger in den Mund und pfiff

gellend und anhaltend. – »Fidel, du verfluchtes Tier!« – Ein Steinwurf traf die Seite des

unbesorgten Hundes, der, vom Schlafe aufgeschreckt, zuerst um sich biß und dann heulend auf

drei Beinen dort Trost suchte, von wo das Übel ausgegangen war. In demselben Augenblicke

wurden die Zweige eines nahen Gebüsches fast ohne Geräusch zurückgeschoben und ein Mann trat

heraus, im grünen Jagdrock, den silbernen Wappenschild am Arm, die gespannte Büchse in der

Hand. Er ließ schnell seine Blicke über die Schlucht fahren und sie dann mit besonderer

Schärfe auf dem Knaben verweilen, trat dann vor, winkte nach dem Gebüsch, und allmählich

wurden sieben bis acht Männer sichtbar, alle in ähnlicher Kleidung, Weidmesser im Gürtel und

die gespannten Gewehre in der Hand.

»Friedrich, was war das?« fragte der zuerst Erschienene. – »Ich wollte, daß der Racker auf der

Stelle krepierte. Seinetwegen können die Kühe mir die Ohren vom Kopf fressen.« – »Die Kanaille

hat uns gesehen,« sagte ein anderer. – »Morgen sollst du auf die Reise mit einem Stein am

Halse,« fuhr Friedrich fort und stieß nach dem Hunde. – »Friedrich, stell dich nicht an wie

ein Narr! Du kennst mich und du verstehst mich auch!« – Ein Blick begleitete diese Worte, der

schnell wirkte. – »Herr Brandis, denkt an meine Mutter!« – »Das tu ich. Hast du nichts im

Walde gehört?« – »Im Walde?« – Der Knabe warf einen raschen Blick auf des Försters Gesicht. –

»Eure Holzfäller, sonst nichts.« – »Meine Holzfäller!«

Die ohnehin dunkle Gesichtsfarbe des Försters ging in tiefes Braunrot über. »Wie viele sind

ihrer, und wo treiben sie ihr Wesen?« – »Wohin Ihr sie geschickt habt; ich weiß es nicht.«–

Brandis wandte sich zu seinen Gefährten: »Geht voran; ich komme gleich nach.«

Als einer nach dem andern im Dickicht verschwunden war, trat Brandis dicht vor den Knaben:

»Friedrich,« sagte er mit dem Ton unterdrückter Wut, »meine Geduld ist zu Ende; ich möchte

dich prügeln wie einen Hund, und mehr seid ihr auch nicht wert. Ihr Lumpenpack, dem kein

Ziegel auf dem Dach gehört! Bis zum Betteln habt ihr es, gottlob, bald gebracht, und an meiner

Tür soll deine Mutter, die alte Hexe, keine verschimmelte Brodrinde bekommen. Aber vorher

sollt ihr mir noch beide ins Hundeloch!«

Friedrich griff krampfhaft nach einem Aste. Er war totenbleich und seine Augen schienen wie

Kristallkugeln aus dem Kopfe schießen zu wollen. Doch nur einen Augenblick. Dann kehrte die

größte, an Erschlaffung grenzende Ruhe zurück. – »Herr,« sagte er fest, mit fast sanfter

Stimme; »Ihr habt gesagt, was Ihr nicht verantworten könnt, und ich vielleicht auch. Wir

wollen es gegeneinander aufgehen lassen, und nun will ich Euch sagen, was Ihr verlangt. Wenn

Ihr die Holzfäller nicht selbst bestellt habt, so müssen es die Blaukittel sein; denn aus dem

Dorfe ist kein Wagen gekommen; ich habe den Weg ja vor mir, und vier Wagen sind es. Ich habe

sie nicht gesehen, aber den Hohlweg hinauffahren hören.« – Er stockte einen Augenblick. –

»Könnt Ihr sagen, daß ich je einen Baum in Eurem Revier gefällt habe? Überhaupt, daß ich je

anderwärts gehauen habe, als auf Bestellung? Denkt nach, ob Ihr das sagen könnt?«

Ein verlegenes Murmeln war die ganze Antwort des Försters, der nach Art der meisten rauhen

Menschen leicht bereute. Er wandte sich unwirsch und schritt dem Gebüsche zu. – »Nein, Herr,«

rief Friedrich, »wenn Ihr zu den andern Förstern wollt, die sind dort an der Buche

hinaufgegangen.« – »An der Buche?« sagte Brandis zweifelhaft, »nein, dort hinüber, nach dem

Mastergrunde.« – »Ich sage Euch, an der Buche; des langen Heinrich Flintenriemen blieb noch am

krummen Ast dort hängen; ich hab’s ja gesehen!«

Der Förster schlug den bezeichneten Weg ein. Friedrich hatte die ganze Zeit hindurch seine

Stellung nicht verlassen, halb liegend, den Arm um einen dürren Ast geschlungen, sah er dem

Fortgehenden unverrückt nach, wie er durch den halbverwachsenen Steig glitt, mit den

vorsichtigen weiten Schritten seines Metiers, so geräuschlos wie ein Fuchs die Hühnerstiege

erklimmt. Hier sank ein Zweig hinter ihm, dort einer; die Umrisse seiner Gestalt schwanden

immer mehr. Da blitze es noch einmal durchs Laub. Es war ein Stahlknopf seines Jagdrocks; nun

war er fort. Friedrichs Gesicht hatte während dieses allmähligen Verschwindens den Ausdruck

seiner Kälte verloren und seine Züge schienen zuletzt unruhig bewegt. Gereute es ihn

vielleicht, den Förster nicht um Verschweigung seiner Angaben gebeten zu haben? Er ging einige

Schritte voran, blieb dann stehen. »Es ist zu spät,« sagte er vor sich hin und griff nach

seinem Hute. Ein leises Picken im Gebüsche, nicht zwanzig Schritte von ihm. Es war der

Förster, der den Flintenstein schärfte. Friedrich horchte. – »Nein!« sagte er dann mit

entschlossenem Tone, raffte seine Siebensachen zusammen und trieb das Vieh eilfertig die

Schlucht entlang.

Um Mittag saß Frau Margreth am Herd und kochte Tee. – Friedrich war krank heimgekommen, er

klagte über heftige Kopfschmerzen und hatte auf ihre besorgte Nachfrage erzählt, wie er sich

schwer geärgert über den Förster; kurz den ganzen eben beschriebenen Vorgang, mit Ausnahme

einiger Kleinigkeiten, die er besser fand, für sich zu behalten. Margreth sah schweigend und

trübe in das siedende Wasser. Sie war es wohl gewohnt, ihren Sohn mitunter klagen zu hören,

aber heute kam er ihr so angegriffen vor, wie sonst nie. Sollte wohl eine Krankheit im Anzuge

sein? Sie seufzte tief und ließ einen eben ergriffenen Holzblock fallen.

»Mutter!« rief Friedrich aus der Kammer. – »Was willst du?« – »War das ein Schuß?« – »Ach

nein, ich weiß nicht, was du meinst.« – »Es pocht mir wohl nur so im Kopfe,« versetzte er.

Die Nachbarin trat herein und erzählte mit leisem Flüstern irgendeine unbedeutende

Klatscherei, die Margreth ohne Teilnahme anhörte. Dann ging sie. – »Mutter!« rief Friedrich.

Margreth ging zu ihm hinein. »Was erzählte die Hülsmeyer?« – »Ach gar nichts, Lügen, Wind!« –

Friedrich richtete sich auf. – »Von der Gretchen Siemers; du weißt ja wohl die alte

Geschichte; und ist doch nichts Wahres dran.« – Friedrich legte sich wieder hin. »Ich will

sehen, ob ich schlafen kann,« sagte er.

Margreth saß am Herde; sie spann und dachte wenig Erfreuliches. Im Dorfe schlug es halb zwölf;

die Türe klinkte und der Gerichtsschreiber Kapp trat herein. – »Guten Tag, Frau Mergel,« sagte

er; »könnt Ihr mir einen Trunk Milch geben? Ich komme von M.« – Als Frau Mergel das Verlangte

brachte, fragte er: »Wo ist Friedrich?« Sie war gerade beschäftigt, einen Teller

hervorzulangen und überhörte die Frage. Er trank zögernd und in kurzen Absätzen. »Wißt Ihr

wohl,« sagte er dann, »daß die Blaukittel in dieser Nacht wieder im Masterholze eine ganze

Strecke so kahl gefegt haben, wie meine Hand?« – »Ei, du frommer Gott!« versetzte sie

gleichgültig. »Die Schandbuben,« fuhr der Schreiber fort, »ruinieren alles; wenn sie noch

Rücksicht nähmen auf das junge Holz, aber Eichenstämmchen wie mein Arm dick, wo nicht einmal

eine Ruderstange drin steckt! Es ist, als ob ihnen andrer Leute Schaden ebenso lieb wäre wie

ihr Profit!« – »Es ist schade!« sagte Margreth.

Der Amtsschreiber hatte getrunken und ging noch immer nicht. Er schien etwas auf dem Herzen zu

haben. »Habt Ihr nichts von Brandis gehört?« fragte er plötzlich. – »Nichts; er kommt niemals

hier ins Haus.« – »So wißt Ihr nicht, was ihm begegnet ist?« – »Was denn?« fragte Margreth

gespannt. – »Er ist tot!« – »Tot!« rief sie, »was, tot? Um Gotteswillen! Er ging ja noch heute

morgen ganz gesund hier vorüber mit der Flinte auf dem Rücken!« – »Er ist tot,« wiederholte

der Schreiber, sie scharf fixierend; »von den Blaukitteln erschlagen. Vor einer Viertelstunde

wurde die Leiche ins Dorf gebracht.«

Margreth schlug die Hände zusammen. – »Gott im Himmel, geh nicht mit ihm ins Gericht! Er wußte

nicht, was er tat!« – »Mit ihm!« rief der Amtsschreiber, »mit dem verfluchten Mörder, meint

Ihr?« Aus der Kammer drang ein schweres Stöhnen. Margreth eilte hin und der Schreiber folgte

ihr. Friedrich saß aufrecht im Bette, das Gesicht in die Hände gedrückt und ächzte wie ein

Sterbender. – »Friedrich, wie ist dir?« sagte die Mutter. – »Wie ist dir?« wiederholte der

Amtsschreiber. – »O mein Leib, mein Kopf!« jammerte er. – »Was fehlt ihm?« – »Ach, Gott weiß

es,« versetzte sie; »er ist schon um vier mit den Kühen heimgekommen, weil ihm so übel war. –

Friedrich – Friedrich, antworte doch, soll ich zum Doktor?« – »Nein, nein,« ächzte er, »es ist

nur Kolik, es wird schon besser.«

Er legte sich zurück; sein Gesicht zuckte krampfhaft vor Schmerz; dann kehrte die Farbe

wieder. – »Geht,« sagte er matt; »ich muß schlafen, dann geht’s vorüber.« – »Frau Mergel,«

sagte der Amtsschreiber ernst, »ist es gewiß, daß Friedrich um vier zu Hause kam und nicht

wieder fortging?« – Sie sah ihn starr an. »Fragt jedes Kind auf der Straße. Und fortgehen? – –

wollte Gott, er könnt’ es!« – »Hat er Euch nichts von Brandis erzählt?« – »In Gottes Namen,

ja, daß er ihn im Walde geschimpft und unsere Armut vorgeworfen hat, der Lump! – Doch Gott

verzeih mir, er ist tot! – Geht!« fuhr sie heftig fort; »seid Ihr gekommen, um ehrliche Leute

zu beschimpfen? Geht!« – Sie wandte sich wieder zu ihrem Sohne; der Schreiber ging. –

»Friedrich, wie ist dir?« sagte die Mutter; »hast du wohl gehört? Schrecklich, schrecklich!

Ohne Beichte und Absolution!« – »Mutter, Mutter, um Gottes willen laß mich schlafen; ich kann

nicht mehr!«

In diesem Augenblick trat Johannes Niemand in die Kammer; dünn und lang wie eine Hopfenstange,

aber zerlumpt und scheu wie wir ihn vor fünf Jahren gesehen. Sein Gesicht war noch bleicher

als gewöhnlich. »Friedrich,« stotterte er, »du sollst sogleich zum Ohm kommen; er hat Arbeit

für dich; aber sogleich.« – Friedrich drehte sich gegen die Wand. – »Ich komme nicht,« sagte

er barsch, »ich bin krank.« – »Du mußt aber kommen,« keuchte Johannes; »er hat gesagt, ich

müßte dich mitbringen.« – Friedrich lachte höhnisch auf: »Das will ich doch sehen!« – »Laß ihn

in Ruhe, er kann nicht,« seufzte Margreth, »du siehst ja, wie es steht.« – Sie ging auf einige

Minuten hinaus; als sie zurückkam, war Friedrich bereits angekleidet. – »Was fällt dir ein?«

rief sie, »du kannst, du sollst nicht gehen!« – »Was sein muß, schickt sich wohl,« versetzte

er und war schon zur Türe hinaus mit Johannes. – »Ach Gott,« seufzte die Mutter, »wenn die

Kinder klein sind, treten sie uns in den Schoß, und wenn sie groß sind, ins Herz!«

Die gerichtliche Untersuchung hatte ihren Anfang genommen, die Tat lag klar am Tage; über den

Täter aber waren die Anzeigen so schwach, daß, obschon alle Umstände die Blaukittel dringend

verdächtigten, man doch nicht mehr als Mutmaßungen wagen konnte. Eine Spur schien Licht geben

wollen: doch rechnete man aus Gründen wenig darauf. Die Abwesenheit des Gutsherrn hatte den

Gerichtschreiber genötigt, auf eigene Hand die Sache einzuleiten. Er saß am Tische; die Stube

war gedrängt voll von Bauern, teils neugierigen, teils solchen, von denen man in Ermangelung

eigentlicher Zeugen einigen Aufschluß zu erhalten hoffte. Hirten, die in derselben Nacht

gehütet, Knechte, die den Acker in der Nähe bestellt, alle standen stramm und fest, die Hände

in den Taschen, gleichsam als stillschweigende Erklärung, daß sie nicht einzuschreiten

gesonnen seien. Acht Forstbeamte wurden vernommen. Ihre Aussagen waren völlig gleichlautend:

Brandis habe sie am zehnten abends zur Runde bestellt, da ihm von einem Vorhaben der

Blaukittel müsse Kunde zugekommen sein; doch habe er sich nur unbestimmt darüber geäußert. Um

zwei Uhr in der Nacht seien sie ausgezogen und auf manche Spuren der Zerstörung gestoßen, die

den Oberförster sehr übel gestimmt; sonst sei alles still gewesen. Gegen vier Uhr habe Brandis

gesagt: »Wir sind angeführt, laßt uns heimgehen.« – Als sie nun um den Bremerberg gewendet und

zugleich der Wind umgeschlagen, habe man deutlich im Masterholz fällen gehört und aus der

schnellen Folge der Schläge geschlossen, daß die Blaukittel am Werk seien. Man habe nun eine

Weile beratschlagt, ob es tunlich sei, mit so geringer Macht die kühne Bande anzugreifen, und

sich dann ohne bestimmten Entschluß dem Schalle langsam genähert. Nun folgte der Auftritt mit

Friedrich. Ferner: nachdem Brandis sie ohne Weisung fortgeschickt, seien sie eine Weile

vorangeschritten und dann, als sie bemerkt, daß das Getöse im noch ziemlich weit entfernten

Walde gänzlich aufgehört, stille gestanden, um den Oberförster zu erwarten. Die Zögerung habe

sie verdrossen, und nach etwa zehn Minuten seien sie weitergegangen und so bis an den Ort der

Verwüstung. Alles sei vorüber gewesen, kein Laut mehr im Walde, von zwanzig gefällten Stämmen

noch acht vorhanden, die übrigen bereits fortgeschafft. Es sei ihnen unbegreiflich, wie man

dieses ins Werk gestellt, da keine Wagenspuren zu finden gewesen. Auch habe die Dürre der

Jahreszeit und der mit Fichtennadeln bestreute Boden keine Fußstapfen unterscheiden lassen,

obgleich der Grund ringsumher wie festgestampft war. Da man nun überlegt, daß es zu nichts

nützen könne, den Oberförster zu erwarten, sei man rasch der andern Seite des Waldes

zugeschritten, in der Hoffnung, vielleicht noch einen Blick von den Frevlern zu erhaschen.

Hier habe sich einem von ihnen beim Ausgange des Waldes die Flaschenschnur in Brombeerranken

verstrickt, und als er umgeschaut, habe er etwas im Gestrüpp blitzen sehen; es war die

Gurtschnalle des Oberförsters, den man nun hinter den Ranken liegend fand, grad ausgestreckt,

die rechte Hand um den Flintenlauf geklemmt, die andere geballt und die Stirn von einer Axt

gespalten.

Dies waren die Aussagen der Förster; nun kamen die Bauern an die Reihe, aus denen jedoch

nichts zu bringen war. Manche behaupteten, um vier Uhr noch zu Hause oder anderswo beschäftigt

gewesen zu sein, und keiner wollte etwas bemerkt haben. Was war zu machen? sie waren sämtlich

angesessene, unverdächtige Leute. Man mußte sich mit ihren negativen Zeugnissen begnügen.

Friedrich ward hereingerufen. Er trat ein mit einem Wesen, das sich durchaus nicht von seinem

gewöhnlichen unterschied, weder gespannt noch keck. Das Verhör währte ziemlich lange und die

Fragen waren mitunter ziemlich schlau gestellt; er beantwortete sie jedoch alle offen und

bestimmt und erzählte den Vorgang zwischen ihm und dem Oberförster ziemlich der Wahrheit

gemäß, bis auf das Ende, das er geratener fand, für sich zu behalten. Sein Alibi zur Zeit des

Mordes war leicht erwiesen. Der Förster lag am Ausgange des Masterholzes; über dreiviertel

Stunden Weges von der Schlucht, in der er Friedrich um vier Uhr angeredet und aus der dieser

seine Herde schon zehn Minuten später ins Dorf getrieben. Jedermann hatte dies gesehen; alle

anwesenden Bauern beeiferten sich, es zu bezeugen; mit diesem hatte er geredet, jenem

zugenickt.

Der Gerichtsschreiber saß unmutig und verlegen da. Plötzlich fuhr er mit der Hand hinter sich

und brachte etwas Blinkendes vor Friedrichs Auge. »Wem gehört dies?« – Friedrich sprang drei

Schritt zurück. »Herr Jesus! Ich dachte Ihr wolltet mir den Schädel einschlagen.« Seine Augen

waren rasch über das tödliche Werkzeug gefahren und schienen momentan auf einem ausgebrochenen

Splitter am Stiele zu haften. »Ich weiß es nicht,« sagte er fest. – Es war die Axt, die man in

dem Schädel des Oberförsters eingeklammert gefunden hatte. – »Sieh sie genau an,« fuhr der

Gerichtschreiber fort. Friedrich faßte sie mit der Hand, besah sie oben, unten, wandte sie um.

»Es ist eine Axt wie andere,« sagte er dann und legte sie gleichgültig auf den Tisch. Ein

Blutfleck ward sichtbar; er schien zu schaudern, aber er wiederholte noch einmal sehr

bestimmt: »Ich kenne sie nicht.« Der Gerichtschreiber seufzte vor Unmut. Er selbst wußte um

nichts mehr, und hatte nur einen Versuch zu möglicher Entdeckung durch Überraschung machen

wollen. Es blieb nichts übrig, als das Verhör zu schließen.

Denjenigen, die vielleicht auf den Ausgang dieser Begebenheit gespannt sind, muß ich sagen,

daß diese Geschichte nie aufgeklärt wurde, obwohl noch viel dafür geschah und diesem Verhöre

mehrere folgten. Den Blaukitteln schien durch das Aufsehen, das der Vorgang gemacht und die

darauf folgenden geschärften Maßregeln der Mut genommen; sie waren von nun an wie

verschwunden, und obgleich späterhin noch mancher Holzfrevler erwischt wurde, fand man doch

nie Anlaß, ihn der berüchtigten Bande zuzuschreiben. Die Axt lag zwanzig Jahre nachher als

unnützes Corpus delicti im Gerichtsarchiv, wo sie wohl noch jetzt ruhen mag mit ihren

Rostflecken. Es würde in einer erdichteten Geschichte unrecht sein, die Neugier des Lesers so

zu täuschen. Aber dies alles hat sich wirklich zugetragen; ich kann nichts davon oder dazutun.

Am nächsten Sonntage stand Friedrich sehr früh auf, um zur Beichte zu gehen. Es war Mariä

Himmelfahrt und die Pfarrgeistlichen schon vor Tagesanbruch im Beichtstuhle. Nachdem er sich

im Finstern angekleidet, verließ er so geräuschlos wie möglich den engen Verschlag, der ihm in

Simons Hause eingeräumt war. In der Küche mußte sein Gebetbuch auf dem Sims liegen und er

hoffte, es mit Hülfe des schwachen Mondlichts zu finden; es war nicht da. Er warf die Augen

suchend umher und fuhr zusammen; in der Kammertür stand Simon, fast unbekleidet, seine dürre

Gestalt, sein ungekämmtes, wirres Haar und die vom Mondschein verursachte Blässe des Gesichts

gaben ihm ein schauerlich verändertes Ansehen. »Sollte er nachtwandeln?« dachte Friedrich, und

verhielt sich ganz still. – »Friedrich, wohin?« flüsterte der Alte. – »Ohm, seid Ihr’s? Ich

will beichten gehen.« – »Das dacht’ ich mir; geh in Gottes Namen, aber beichte wie ein guter

Christ.« – »Das will ich,« sagte Friedrich. – »Denk an die zehn Gebote: du sollst kein Zeugnis

ablegen gegen deinen Nächsten.« – »Kein falsches!« – »Nein, gar keines; du bist schlecht

unterrichtet; wer einen andern in der Beichte anklagt, der empfängt das Sakrament unwürdig.«

Beide schwiegen. – »Ohm, wie kommt Ihr darauf?« sagte Friedrich dann; »Eur Gewissen ist nicht

rein; Ihr habt mich belogen.« – »Ich? So?« – »Wo ist Eure Axt?« – »Meine Axt? Auf der Tenne.«

– »Habt Ihr einen neuen Stiel hineingemacht? Wo ist der alte?« – »Den kannst du heute bei Tag

im Holzschuppen finden. Geh,« fuhr er verächtlich fort, »ich dachte du seist ein Mann; aber du

bist ein altes Weib, das gleich meint, das Haus brennt, wenn ihr Feuertopf raucht. Sieh,« fuhr

er fort, »wenn ich mehr von der Geschichte weiß, als der Türpfosten da, so will ich ewig nicht

selig werden. – Längst war ich zu Haus,« fügte er hinzu. – Friedrich stand beklemmt und

zweifelnd. Er hätte viel darum gegeben, seines Ohms Gesicht sehen zu können. Aber während sie

flüsterten, hatte der Himmel sich bewölkt.

»Ich habe schwere Schuld,« seufzte Friedrich, »daß ich ihn den unrechten Weg geschickt –

obgleich – doch, dies hab’ ich nicht gedacht, nein, gewiß nicht. Ohm, ich habe Euch ein

schweres Gewissen zu danken.« – »So geh, beicht!« flüsterte Simon mit bebender Stimme;

»verunehre das Sakrament durch Angeberei und setze armen Leuten einen Spion auf den Hals, der

schon Wege finden wird, ihnen das Stückchen Brod aus den Zähnen zu reißen, wenn er gleich

nicht reden darf – geh!« – Friedrich stand unschlüssig; er hörte ein leises Geräusch; die

Wolken verzogen sich, das Mondlicht fiel wieder auf die Kammertür: sie war geschlossen.

Friedrich ging an diesem Morgen nicht zur Beichte. –

Der Eindruck, den dieser Vorfall auf Friedrich gemacht, erlosch leider nur zu bald. Wer

zweifelt daran, daß Simon alles tat, seinen Adoptivsohn dieselben Wege zu leiten, die er

selber ging? Und in Friedrich lagen Eigenschaften, die dies nur zu sehr erleichterten:

Leichtsinn, Erregbarkeit, und vor allem ein grenzenloser Hochmut, der nicht immer den Schein

verschmähte, und dann alles daran setzte, durch Wahrmachung des Usurpierten möglicher

Beschämung zu entgehen. Seine Natur war nicht unedel, aber er gewöhnte sich, die innere

Schande der äußern vorzuziehen. Man darf nur sagen, er gewöhnte sich zu prunken, während seine

Mutter darbte.

Diese unglückliche Wendung seines Charakters war indessen das Werk mehrerer Jahre, in denen

man bemerkte, daß Margreth immer stiller über ihren Sohn ward und allmählich in einen Zustand

der Verkommenheit versank, den man früher bei ihr für unmöglich gehalten hätte. Sie wurde

scheu, saumselig, sogar unordentlich, und manche meinten, ihr Kopf habe gelitten. Friedrich

ward desto lauter; er versäumte keine Kirchweih oder Hochzeit, und da ein sehr empfindliches

Ehrgefühl ihn die geheime Mißbilligung mancher nicht übersehen ließ, war er gleichsam immer

unter Waffen, der öffentlichen Meinung nicht sowohl Trotz zu bieten, als sie den Weg zu

leiten, der ihm gefiel. Er war äußerlich ordentlich, nüchtern, anscheinend treuherzig, aber

listig, prahlerisch und oft roh, ein Mensch, an dem niemand Freude haben konnte, am wenigsten

seine Mutter, und der dennoch durch seine gefürchtete Kühnheit und noch mehr gefürchtete Tücke

ein gewisses Übergewicht im Dorfe erlangt hatte, das um so mehr anerkannt wurde, je mehr man

sich bewußt war, ihn nicht zu kennen und nicht berechnen zu können, wessen er am Ende fähig

sei. Nur ein Bursch im Dorfe, Wilm Hülsmeyer, wagte im Bewußtsein seiner Kraft und guter

Verhältnisse ihm die Spitze zu bieten; und da er gewandter in Worten war, als Friedrich, und

immer, wenn der Stachel saß, einen Scherz daraus zu machen wußte, so war dies der einzige, mit

dem Friedrich ungern zusammentraf.

–––––––––––

Vier Jahre waren verflossen; es war im Oktober; der milde Herbst von 1760, der alle Scheunen

mit Korn und alle Keller mit Wein füllte, hatte seinen Reichtum auch über diesen Erdwinkel

strömen lassen, und man sah mehr Betrunkene, hörte von mehr Schlägereien und dummen Streichen,

als je. Überall gab’s Lustbarkeiten; der blaue Montag kam in Aufnahme, und wer ein paar Taler

erübrigt hatte, wollte gleich eine Frau dazu, die ihm heute essen und morgen hungern helfen

könne. Da gab es im Dorfe eine tüchtige, solide Hochzeit, und die Gäste durften mehr erwarten,

als eine verstimmte Geige, ein Glas Branntwein und was sie an guter Laune selber mitbrachten.

Seit früh war alles auf den Beinen; vor jeder Tür wurden Kleider gelüftet, und B. glich den

ganzen Tag einer Trödelbude. Da viele Auswärtige erwartet wurden, wollte jeder gern die Ehre

des Dorfes oben halten.

Es war sieben Uhr abends und alles in vollem Gange; Jubel und Gelächter an allen Enden, die

niedern Stuben zum Ersticken angefüllt mit blauen, roten und gelben Gestalten, gleich

Pfandställen, in denen eine zu große Herde eingepfercht ist. Auf der Tenne ward getanzt, das

heißt, wer zwei Fuß Raum erobert hatte, drehte sich darauf immer rundum und suchte durch

Jauchzen zu ersetzen, was an Bewegung fehlte. Das Orchester war glänzend, die erste Geige als

anerkannte Künstlerin prädominierend, die zweite und eine große Baßviole mit drei Saiten von

Dilettanten ad libitum gestrichen; Branntwein und Kaffee im Überfluß, alle Gäste von Schweiß

triefend; kurz, es war ein köstliches Fest. Friedrich stolzierte umher wie ein Hahn, im neuen

himmelblauen Rock, und machte sein Recht als erster Elegant geltend. Als auch die

Gutsherrschaft anlangte, saß er gerade hinter der Baßgeige und strich die tiefste Saite mit

großer Kraft und vielem Anstand.

»Johannes!« rief er gebieterisch, und heran trat sein Schützling von dem Tanzplatze, wo er

auch seine ungelenken Beine zu schlenkern und eins zu jauchzen versucht hatte. Friedrich

reichte ihm den Bogen, gab durch eine stolze Kopfbewegung seinen Willen zu erkennen und trat

zu den Tanzenden. »Nun lustig, Musikanten: den Papen van Istrup!« – Der beliebte Tanz ward

gespielt und Friedrich machte Sätze vor den Augen seiner Herrschaft, daß die Kühe an der Tenne

die Hörner zurückzogen und Kettengeklirr und Gebrumm an ihren Ständern herlief. Fußhoch über

die andern tauchte sein blonder Kopf auf und nieder, wie ein Hecht, der sich im Wasser

überschlägt; an allen Enden schrien Mädchen auf, denen er zum Zeichen der Huldigung mit einer

raschen Kopfbewegung sein langes Flachshaar ins Gesicht schleuderte.

»Jetzt ist es gut!« sagte er endlich und trat schweißtriefend an den Kredenztisch; »die

gnädigen Herrschaften sollen leben und alle die hochadeligen Prinzen und Prinzessinnen, und

wer’s nicht mittrinkt, den will ich an die Ohren schlagen, daß er die Engel singen hört!« –

Ein lautes Vivat beantwortete den galanten Toast. – Friedrich machte seinen Bückling. –

»Nichts für ungut, gnädige Herrschaften; wir sind nur ungelehrte Bauersleute!« In diesem

Augenblick erhob sich ein Getümmel am Ende der Tenne, Geschrei, Schelten, Gelächter, alles

durcheinander. »Butterdieb, Butterdieb!« riefen ein paar Kinder, und heran drängte sich, oder

vielmehr ward geschoben, Johannes Niemand, den Kopf zwischen die Schultern ziehend und mit

aller Macht nach dem Ausgange strebend. – »Was ist’s? Was habt ihr mit unserem Johannes?« rief

Friedrich gebieterisch.

»Das sollt Ihr früh genug gewahr werden,« keuchte ein altes Weib mit der Küchenschürze und

einem Wischhader in der Hand. – Schande! Johannes, der arme Teufel, dem zu Hause das

Schlechteste gut genug sein mußte, hatte versucht, sich ein halbes Pfündchen Butter für die

kommende Dürre zu sichern, und ohne daran zu denken, daß er es, sauber in sein Schnupftuch

gewickelt, in der Tasche geborgen, war er ans Küchenfeuer getreten und nun rann das Fett

schmählich die Rockschöße entlang. Allgemeiner Aufruhr; die Mädchen sprangen zurück, aus

Furcht, sich zu beschmutzen, oder stießen den Delinquenten vorwärts. Andere machten Platz,

sowohl aus Mitleid als Vorsicht. Aber Friedrich trat vor: »Lumpenhund!« rief er; ein paar

derbe Maulschellen trafen den geduldigen Schützling; dann stieß er ihn an die Tür und gab ihm

einen tüchtigen Fußtritt mit auf den Weg.

Er kehrte niedergeschlagen zurück; seine Würde war verletzt, das allgemeine Gelächter schnitt

ihm durch die Seele, ob er sich gleich durch einen tapfern Juchheschrei wieder in den Gang zu

bringen suchte – es wollte nicht mehr recht gehen. Er war im Begriff, sich wieder hinter die

Baßviole zu flüchten; doch zuvor noch ein Knalleffekt: er zog seine silberne Taschenuhr

hervor, zu jener Zeit ein seltener und kostbarer Schmuck. »Es ist bald zehn,« sagte er. »Jetzt

den Brautmenuett! Ich will Musik machen.«

»Eine prächtige Uhr!« sagte der Schweinehirt und schob sein Gesicht in ehrfurchtsvoller

Neugier vor. – »Was hat sie gekostet?« rief Wilm Hülsmeyer, Friedrichs Nebenbuhler. – »Willst

du sie bezahlen?« fragte Friedrich. – »Hast du sie bezahlt?« antwortete Wilm. Friedrich warf

einen stolzen Blick auf ihn und griff in schweigender Majestät zum Fidelbogen. – »Nun, nun,«

sagte Hülsmeyer, »dergleichen hat man schon erlebt. Du weißt wohl, der Franz Ebel hatte auch

eine schöne Uhr, bis der Jude Aaron sie ihm wieder abnahm.« Friedrich antwortete nicht,

sondern winkte stolz der ersten Violine, und sie begannen aus Leibeskräften zu streichen.

Die Gutsherrschaft war indessen in die Kammer getreten, wo der Braut von den Nachbarfrauen das

Zeichen ihres neuen Standes, die weiße Stirnbinde, umgelegt wurde. Das junge Blut weinte sehr,

teils weil es die Sitte so wollte, teils aus wahrer Beklemmung. Sie sollte einem verworrenen

Haushalt vorstehen, unter den Augen eines mürrischen alten Mannes, den sie noch obendrein

lieben sollte. Er stand neben ihr, durchaus nicht wie der Bräutigam des Hohen Liedes, der »in

die Kammer tritt wie die Morgensonne.« – »Du hast nun genug geweint,« sagte er verdrießlich;

»bedenk, du bist es nicht, die mich glücklich macht, ich mache dich glücklich!« – Sie sah

demütig zu ihm auf und schien zu fühlen, daß er recht habe. – Das Geschäft war beendigt; die

junge Frau hatte ihrem Manne zugetrunken, junge Spaßvögel hatten durch den Dreifuß geschaut,

ob die Binde gerade sitze, und man drängte sich wieder der Tenne zu, von wo unauslöschliches

Gelächter und Lärm herüberschallte. Friedrich war nicht mehr dort. Eine große, unerträgliche

Schmach hatte ihn getroffen, da der Jude Aaron, ein Schlächter und gelegentlicher Althändler

aus dem nächsten Städtchen, plötzlich erschienen war, und nach einem kurzen, unbefriedigenden

Zwiegespräch ihn laut vor allen Leuten um den Betrag von zehn Talern für eine schon um Ostern

gelieferte Uhr gemahnt hatte. Friedrich war wie vernichtet fortgegangen und der Jude ihm

gefolgt, immer schreiend: »O weh mir! Warum hab’ ich nicht gehört auf vernünftige Leute! Haben

sie mir nicht hundertmal gesagt, Ihr hättet all Eur Gut am Leibe und kein Brod im Schranke!« –

Die Tenne tobte von Gelächter; manche hatten sich auf den Hof nachgedrängt. – »Packt den

Juden! Wiegt ihn gegen ein Schwein!« riefen einige; andere waren ernst geworden. – »Der

Friedrich sah so blaß aus wie ein Tuch,« sagte eine alte Frau, und die Menge teilte sich, wie

der Wagen des Gutsherrn in den Hof lenkte.

Herr von S. war auf dem Heimwege verstimmt, die jedesmalige Folge, wenn der Wunsch, seine

Popularität aufrecht zu erhalten, ihn bewog, solchen Festen beizuwohnen. Er sah schweigend aus

dem Wagen. »Was sind denn das für ein paar Figuren?« – Er deutete auf zwei dunkle Gestalten,

die vor dem Wagen rannten wie Strauße. Nun schlüpften sie ins Schloß. – »Auch ein paar selige

Schweine aus unserm eigenen Stall!« seufzte Herr von S. Zu Hause angekommen, fand er die

Hausflur vom ganzen Dienstpersonal eingenommen, das zwei Kleinknechte umstand, welche sich

blaß und atemlos auf der Stiege niedergelassen hatten. Sie behaupteten, von des alten Mergels

Geist verfolgt worden zu sein, als sie durchs Brederholz heimkehrten. Zuerst hatte es über

ihnen an der Höhe gerauscht und geknistert; darauf hoch in der Luft ein Geklapper wie von

aneinander geschlagenen Stöcken; plötzlich ein gellender Schrei und ganz deutlich die Worte:

»O weh, meine arme Seele!« hoch von oben herab. Der eine wollte auch glühende Augen durch die

Zweige funkeln gesehen haben, und beide waren gelaufen, was ihre Beine vermochten.

»Dummes Zeug!« sagte der Gutsherr verdrießlich und trat in die Kammer, sich umzukleiden. Am

andern Morgen wollte die Fontäne im Garten nicht springen, und es fand sich, daß jemand eine

Röhre verrückt hatte, augenscheinlich um nach dem Kopfe eines vor vielen Jahren hier

verscharrten Pferdegerippes zu suchen, der für ein bewährtes Mittel wider allen Hexen-und

Geisterspuk gilt. »Hm,« sagte der Gutsherr, »was die Schelme nicht stehlen, das verderben die

Narren.«

Drei Tage später tobte ein furchtbarer Sturm. Es war Mitternacht, aber alles im Schlosse außer

dem Bett. Der Gutsherr stand am Fenster und sah besorgt ins Dunkle, nach seinen Feldern

hinüber. An den Scheiben flogen Blätter und Zweige her; mitunter fuhr ein Ziegel hinab und

schmetterte auf das Pflaster des Hofes. – »Furchtbares Wetter!« sagte Herr von S. Seine Frau

sah ängstlich aus. »Ist das Feuer auch gewiß gut verwahrt?« sagte sie; »Gretchen, sieh noch

einmal nach, gieß es lieber ganz aus! – Kommt, wir wollen das Evangelium Johannis beten.«

Alles kniete nieder und die Hausfrau begann: »Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott

und Gott war das Wort.« Ein furchtbarer Donnerschlag. Alle fuhren zusammen; dann furchtbares

Geschrei und Getümmel die Treppe heran. – »Um Gottes willen! Brennt es?« rief Frau von S. und

sank mit dem Gesichte auf den Stuhl. Die Türe ward aufgerissen und herein stürzte die Frau des

Juden Aaron, bleich wie der Tod, das Haar wild um den Kopf, von Regen triefend. Sie warf sich

vor dem Gutsherrn auf die Knie. »Gerechtigkeit!« rief sie, »Gerechtigkeit! Mein Mann ist

erschlagen!« und sank ohnmächtig zusammen.

Es war nur zu wahr, und die nachfolgende Untersuchung bewies, daß der Jude Aaron durch einen

Schlag an die Schläfe mit einem stumpfen Instrumente, wahrscheinlich einem Stabe, sein Leben

verloren hatte, durch einen einzigen Schlag. An der linken Schläfe war der blaue Fleck, sonst

keine Verletzung zu finden. Die Aussagen der Jüdin und ihres Knechtes Samuel lauteten so:

Aaron war vor drei Tagen am Nachmittage ausgegangen, um Vieh zu kaufen, und hatte dabei

gesagt, er werde wohl über Nacht ausbleiben, da noch einige böse Schuldner in B. und S. zu

mahnen seien. In diesem Falle werde er in B. beim Schlächter Salomon übernachten. Als er am

folgenden Tage nicht heimkehrte, war seine Frau sehr besorgt geworden und hatte sich endlich

heute um drei nachmittags in Begleitung ihres Knechtes und des großen Schlächterhundes auf den

Weg gemacht. Beim Juden Salomon wußte man nichts von Aaron; er war gar nicht da gewesen. Nun

waren sie zu allen Bauern gegangen, von denen sie wußten, daß Aaron einen Handel mit ihnen im

Auge hatte. Nur zwei hatten ihn gesehen, und zwar an demselben Tage, an welchem er

ausgegangen. Es war darüber sehr spät geworden. Die große Angst trieb das Weib nach Haus, wo

sie ihren Mann wiederzufinden eine schwache Hoffnung nährte. So waren sie im Brederholz vom

Gewitter überfallen worden und hatten unter einer großen, am Berghange stehenden Buche Schutz

gesucht; der Hund hatte unterdessen auf eine auffallende Weise umhergestöbert und sich

endlich, trotz allem Locken, im Walde verlaufen. Mit einemmale sieht die Frau beim Leuchten

des Blitzes etwas Weißes neben sich im Moose. Es ist der Stab ihres Mannes, und fast im selben

Augenblicke bricht der Hund durchs Gebüsch und trägt etwas im Maule: es ist der Schuh ihres

Mannes. Nicht lange, so ist in einem mit dürrem Laube gefüllten Graben der Leichnam des Juden

gefunden. – Dies war die Angabe des Knechtes, von der Frau nur im allgemeinen unterstützt;

ihre übergroße Spannung hatte nachgelassen und sie schien jetzt halb verwirrt oder vielmehr

stumpfsinnig. – »Aug’ um Auge, Zahn um Zahn!« dies waren die einzigen Worte, die sie zuweilen

hervorstieß.

In derselben Nacht noch wurden die Schützen aufgeboten, um Friedrich zu verhaften. Der Anklage

bedurfte es nicht, da Herr von S. selbst Zeuge eines Auftritts gewesen war, der den

dringendsten Verdacht auf ihn werfen mußte; zudem die Gespenstergeschichte von jenem Abende,

das Aneinanderschlagen der Stäbe im Brederholz, der Schrei aus der Höhe. Da der Amtsschreiber

gerade abwesend war, so betrieb Herr von S. selbst alles rascher, als sonst geschehen wäre.

Dennoch begann die Dämmerung bereits anzubrechen, bevor die Schützen so geräuschlos wie

möglich das Haus der armen Margreth umstellt hatten. Der Gutsherr selber pochte an; es währte

kaum eine Minute, bis geöffnet ward und Margreth völlig gekleidet in der Türe erschien. Herr

von S. fuhr zurück; er hätte sie fast nicht erkannt, so blaß und steinern sah sie aus.

»Wo ist Friedrich?« fragte er mit unsicherer Stimme. – »Sucht ihn,« antwortete sie und setzte

sich auf einen Stuhl. Der Gutsherr zögerte noch einen Augenblick. »Herein, herein!« sagte er

dann barsch; »worauf warten wir?« Man trat in Friedrichs Kammer. Er war nicht da, aber das

Bett noch warm. Man stieg auf den Söller, in den Keller, stieß ins Stroh, schaute hinter jedes

Faß, sogar in den Backofen; er war nicht da. Einige gingen in den Garten, sahen hinter den

Zaun und in die Apfelbäume hinauf; er war nicht zu finden. – »Entwischt!« sagte der Gutsherr

mit sehr gemischten Gefühlen: der Anblick der alten Frau wirkte gewaltig auf ihn. »Gebt den

Schlüssel zu jenem Koffer.« – Margreth antwortete nicht. – »Gebt den Schlüssel!« wiederholte

der Gutsherr, und merkte jetzt erst, daß der Schlüssel steckte. Der Inhalt des Koffers kam zum

Vorschein: des Entflohenen gute Sonntagskleider und seiner Mutter ärmlicher Staat; dann zwei

Leichenhemden mit schwarzen Bändern, das eine für einen Mann, das andere für eine Frau

gemacht. Herr von S. war tief erschüttert. Ganz zu unterst auf dem Boden des Koffers lag die

silberne Uhr und einige Schriften von sehr leserlicher Hand, eine derselben von einem Manne

unterzeichnet, den man in starkem Verdacht der Verbindung mit den Holzfrevlern hatte. Herr von

S. nahm sie mit zur Durchsicht, und man verließ das Haus, ohne daß Margreth ein anderes

Lebenszeichen von sich gegeben hätte, als daß sie unaufhörlich die Lippen nagte und mit den

Augen zwinkerte.

Im Schlosse angelangt, fand der Gutsherr den Amtsschreiber, der schon am vorigen Abend

heimgekommen war und behauptete, die ganze Geschichte verschlafen zu haben, da der gnädige

Herr nicht nach ihm geschickt. – »Sie kommen immer zu spät,« sagte Herr von S. verdrießlich.

»War denn nicht irgendein altes Weib im Dorfe, das Ihrer Magd die Sache erzählte? Und warum

weckte man Sie dann nicht?« – »Gnädiger Herr,« versetzte Kapp, »allerdings hat meine Anne

Marie den Handel um eine Stunde früher erfahren als ich; aber sie wußte, daß Ihre Gnaden die

Sache selbst leiteten, und dann,« fügte er mit klagender Miene hinzu, »daß ich so todmüde

war.« – »Schöne Polizei!« murmelte der Gutsherr, »jede alte Schachtel im Dorf weiß Bescheid,

wenn es recht geheim zugehen soll.« Dann fuhr er heftig fort: »Das müßte wahrhaftig ein dummer

Teufel von Delinquenten sein, der sich packen ließe!«

Beide schwiegen eine Weile. – »Mein Fuhrmann hatte sich in der Nacht verirrt,« hob der

Amtsschreiber wieder an; ȟber eine Stunde lang hielten wir im Walde; es war ein Mordwetter;

ich dachte, der Wind werde den Wagen umreißen. Endlich, als der Regen nachließ, fahren wir in

Gottes Namen darauf los, immer in das Zellerfeld hinein, ohne eine Hand vor den Augen zu

sehen. Da sagte der Kutscher: wenn wir nur nicht den Steinbrüchen zu nahe kommen! Mir war

selbst bange; ich ließ halten und schlug Feuer, um wenigstens etwas Unterhaltung an meiner

Pfeife zu haben. Mit einemmale hörten wir ganz nah, perpendikulär unter uns die Glocke

schlagen. Ew. Gnaden mögen glauben, daß mir fatal zu Mut wurde. Ich sprang aus dem Wagen, denn

seinen eigenen Beinen kann man trauen, aber denen der Pferde nicht. So stand ich, in Kot und

Regen, ohne mich zu rühren, bis es gottlob sehr bald anfing zu dämmern. Und wo hielten wir?

dicht an der Heerser Tiefe und den Turm von Heerse gerade unter uns. Wären wir noch zwanzig

Schritt weiter gefahren, wir wären alle Kinder des Todes gewesen.« – »Das war in der Tat kein

Spaß,« versetzte der Gutsherr, halb versöhnt.

Er hatte unterdessen die mitgenommenen Papiere durchgesehen. Es waren Mahnbriefe um geliehene

Gelder, die meisten von Wucherern. – »Ich hätte nicht gedacht,« murmelte er, »daß die Mergels

so tief drin steckten.« – »Ja, und daß es so an den Tag kommen muß,« versetzte Kapp; »das wird

kein kleiner Ärger für Frau Margreth sein,« – »Ach Gott, die denkt jetzt daran nicht!« – Mit

diesen Worten stand der Gutsherr auf und verließ das Zimmer, um mit Herrn Kapp die

gerichtliche Leichenschau vorzunehmen. – Die Untersuchung war kurz, gewaltsamer Tod erwiesen,

der vermutliche Täter entflohen, die Anzeigen gegen ihn zwar gravierend, doch ohne

persönliches Geständnis nicht beweisend, seine Flucht allerdings sehr verdächtig. So mußte die

gerichtliche Verhandlung ohne genügenden Erfolg geschlossen werden.

Die Juden der Umgegend hatten großen Anteil gezeigt. Das Haus der Witwe ward nie leer von

Jammernden und Ratenden. Seit Menschengedenken waren nicht so viel Juden beisammen in L.

gesehen worden. Durch den Mord ihres Glaubensgenossen aufs Äußerste erbittert, hatten sie

weder Mühe noch Geld gespart, dem Täter auf die Spur zu kommen. Man weiß sogar, daß einer

derselben, gemeinhin der Wucherjoel genannt, einem seiner Kunden, der ihm mehrere Hunderte

schuldete und den er für einen besonders listigen Kerl hielt, Erlaß der ganzen Summe angeboten

hatte, falls er ihm zur Verhaftung des Mergel verhelfen wolle; denn der Glaube war allgemein

unter den Juden, daß der Täter nur mit guter Beihülfe entwischt und wahrscheinlich noch in der

Umgegend sei. Als dennoch alles nichts half und die gerichtliche Verhandlung für beendet

erklärt worden war, erschien am nächsten Morgen eine Anzahl der angesehensten Israeliten im

Schlosse, um dem gnädigen Herrn einen Handel anzutragen. Der Gegenstand war die Buche, unter

der Aarons Stab gefunden und wo der Mord wahrscheinlich verübt worden war. – »Wollt ihr sie

fällen? So mitten im vollen Laube?« fragte der Gutsherr. – »Nein, Ihro Gnaden, sie muß

stehenbleiben im Winter und Sommer, solange ein Span daran ist.« – »Aber wenn ich nun den Wald

hauen lasse, so schadet es dem jungen Aufschlag.« – »Wollen wir sie doch nicht um gewöhnlichen

Preis.« – Sie boten 200 Taler. Der Handel ward geschlossen und allen Förstern streng

eingeschärft, die Judenbuche auf keine Weise zu schädigen. Darauf sah man an einem Abende wohl

gegen sechzig Juden, ihren Rabbiner an der Spitze, in das Brederholz ziehen, alle schweigend

und mit gesenkten Augen. Sie blieben über eine Stunde im Walde und kehrten dann ebenso ernst

und feierlich zurück, durch das Dorf B. bis in das Zellerfeld, wo sie sich zerstreuten und

jeder seines Weges ging. Am nächsten Morgen stand an der Buche mit dem Beil eingehauen:

Und wo war Friedrich? Ohne Zweifel fort, weit genug, um die kurzen Arme einer so schwachen

Polizei nicht mehr fürchten zu dürfen. Er war bald verschollen, vergessen. Ohm Simon redete

selten von ihm, und dann schlecht; die Judenfrau tröstete sich am Ende und nahm einen andern

Mann. Nur die arme Margreth blieb ungetröstet.

Etwa ein halbes Jahr nachher las der Gutsherr einige eben erhaltene Briefe in Gegenwart des

Amtsschreibers. – »Sonderbar, sonderbar!« sagte er. »Denken Sie sich, Kapp, der Mergel ist

vielleicht unschuldig an dem Morde. Soeben schreibt mir der Präsident des Gerichtes zu P.: ›Le

vrai n’est pas toujours vraisemblable; das erfahre ich oft in meinem Berufe und jetzt

neuerdings. Wissen Sie wohl, daß Ihr lieber Getreuer, Friedrich Mergel, den Juden mag

ebensowenig erschlagen haben, als ich oder Sie? Leider fehlen die Beweise, aber die

Wahrscheinlichkeit ist groß. Ein Mitglied der Schlemmingschen Bande (die wir jetzt, nebenbei

gesagt, größtenteils unter Schloß und Riegel haben), Lumpenmoises genannt, hat im letzten

Verhöre ausgesagt, daß ihn nichts so sehr gereue, als der Mord eines Glaubensgenossen, Aaron,

den er im Walde erschlagen und doch nur sechs Groschen bei ihm gefunden habe. Leider ward das

Verhör durch die Mittagsstunde unterbrochen, und während wir tafelten, hat sich der Hund von

einem Juden an seinem Strumpfband erhängt. Was sagen Sie dazu? Aaron ist zwar ein verbreiteter

Name usw.‹ – Was sagen Sie dazu?« wiederholte der Gutsherr; »und weshalb wäre der Esel von

einem Burschen denn gelaufen?« – Der Amtsschreiber dachte nach. – »Nun, vielleicht der

Holzfrevel wegen, mit denen wir ja gerade in Untersuchung waren. Heißt es nicht: der Böse

läuft vor seinem eigenen Schatten? Mergels Gewissen war schmutzig genug auch ohne diesen

Flecken.«

Dabei beruhigte man sich. Friedrich war hin, verschwunden und – Johannes Niemand, der arme,

unbeachtete Johannes, am gleichen Tage mit ihm.

Eine schöne, lange Zeit war verflossen, achtundzwanzig Jahre, fast die Hälfte eines

Menschenlebens; der Gutsherr war sehr alt und grau geworden, sein gutmütiger Gehülfe Kapp

längst begraben. Menschen, Tiere und Pflanzen waren entstanden, gereift, vergangen, nur Schloß

B. sah immer gleich grau und vornehm auf die Hütten herab, die wie alte hektische Leute immer

fallen zu wollen schienen und immer standen. Es war am Vorabende des Weihnachtfestes, den

24sten Dezember 1788. Tiefer Schnee lag in den Hohlwegen, wohl an zwölf Fuß hoch, und eine

durchdringende Frostluft machte die Fensterscheiben in der geheizten Stube gefrieren.

Mitternacht war nahe, dennoch flimmerten überall matte Lichtchen aus den Schneehügeln, und in

jedem Hause lagen die Einwohner auf den Knien, um den Eintritt des heiligen Christfestes mit

Gebet zu erwarten, wie dies in katholischen Ländern Sitte ist, oder wenigstens damals

allgemein war. Da bewegte sich von der Breder Höhe herab eine Gestalt langsam gegen das Dorf;

der Wanderer schien sehr matt oder krank; er stöhnte schwer und schleppte sich äußerst mühsam

durch den Schnee.

An der Mitte des Hanges stand er still, lehnte sich auf seinen Krückenstab und starrte

unverwandt auf die Lichtpunkte. Es war so still überall, so tot und kalt; man mußte an

Irrlichter auf Kirchhöfen denken. Nun schlug es zwölf im Turm; der letzte Schlag verdröhnte

langsam und im nächsten Hause erhob sich ein leiser Gesang, der, von Hause zu Hause

schwellend, sich über das ganze Dorf zog:

Ein Kindelein so löbelich

Ist uns geboren heute,

Von einer Jungfrau säuberlich,

Des freun sich alle Leute;

Und wär’ das Kindelein nicht geborn,

So wären wir alle zusammen verlorn:

Das Heil ist unser aller.

O du mein liebster Jesu Christ,

Der du als Mensch geboren bist,

Erlös uns von der Hölle!

Der Mann am Hange war in die Knie gesunken und versuchte mit zitternder Stimme einzufallen; es

ward nur ein lautes Schluchzen daraus, und schwere, heiße Tropfen fielen in den Schnee. Die

zweite Strophe begann; er betete leise mit; dann die dritte und vierte. Das Lied war geendigt

und die Lichter in den Häusern begannen sich zu bewegen. Da richtete der Mann sich mühselig

auf und schlich langsam hinab in das Dorf. An mehreren Häusern keuchte er vorüber, dann stand

er vor einem still und pochte leise an.

»Was ist denn das?« sagte drinnen eine Frauenstimme; »die Türe klappert und der Wind geht doch

nicht.« – Er pochte stärker: »Um Gottes willen, laßt einen halberfrorenen Menschen ein, der

aus der türkischen Sklaverei kommt!« – Geflüster in der Küche. »Geht ins Wirtshaus,«

antwortete eine andere Stimme, »das fünfte Haus von hier!« – »Um Gottes Barmherzigkeit willen,

laßt mich ein! Ich habe kein Geld.« – Nach einigem Zögern ward die Tür geöffnet und ein Mann

leuchtete mit der Lampe hinaus. – »Kommt nur herein!« sagte er dann, »Ihr werdet uns den Hals

nicht abschneiden.«

In der Küche befanden sich außer dem Manne eine Frau in den mittlern Jahren, eine alte Mutter

und fünf Kinder. Alle drängten sich um den Eintretenden her und musterten ihn mit scheuer

Neugier. Eine armselige Figur! Mit schiefem Halse, gekrümmtem Rücken, die ganze Gestalt

gebrochen und kraftlos; langes, schneeweißes Haar hing um sein Gesicht, das den verzogenen

Ausdruck langen Leidens trug. Die Frau ging schweigend an den Herd und legte frisches Reisig

zu. – »Ein Bett können wir Euch nicht geben,« sagte sie; »aber ich will hier eine gute Streu

machen; Ihr müßt Euch schon so behelfen.« – »Gott’s Lohn!« versetzte der Fremde; »ich bin’s

wohl schlechter gewohnt.« – Der Heimgekehrte ward als Johannes Niemand erkannt, und er selbst

bestätigte, daß er derselbe sei, der einst mit Friedrich Mergel entflohen.

Das Dorf war am folgenden Tage voll von den Abenteuern des so lange Verschollenen. Jeder

wollte den Mann aus der Türkei sehen, und man wunderte sich beinahe, daß er noch aussehe wie

andere Menschen. Das junge Volk hatte zwar keine Erinnerungen von ihm, aber die Alten fanden

seine Züge noch ganz wohl heraus, so erbärmlich entstellt er auch war. »Johannes, Johannes,

was seid Ihr grau geworden!« sagte eine alte Frau. »Und woher habt Ihr den schiefen Hals?« –

»Vom Holz- und Wassertragen in der Sklaverei,« versetzte er. – »Und was ist aus Mergel

geworden? Ihr seid doch zusammen fortgelaufen?« – »Freilich wohl; aber ich weiß nicht, wo er

ist, wir sind voneinander gekommen. Wenn Ihr an ihn denkt, betet für ihn,« fügte er hinzu, »er

wird es wohl nötig haben.«

Man fragte ihn, warum Friedrich sich denn aus dem Staube gemacht, da er den Juden doch nicht

erschlagen? – »Nicht?« sagte Johannes und horchte gespannt auf, als man ihm erzählte, was der

Gutsherr geflissentlich verbreitet hatte, um den Fleck von Mergels Namen zu löschen. »Also

ganz umsonst,« sagte er nachdenkend, »ganz umsonst so viel ausgestanden!« Er seufzte tief und

fragte nun seinerseits nach manchem. Simon war lange tot, aber zuvor noch ganz verarmt, durch

Prozesse und böse Schuldner, die er nicht gerichtlich belangen durfte, weil es, wie man sagte,

zwischen ihnen keine reine Sache war. Er hatte zuletzt Bettelbrod gegessen und war in einem

fremden Schuppen auf dem Stroh gestorben. Margreth hatte länger gelebt, aber in völliger

Geistesdumpfheit. Die Leute im Dorf waren es bald müde geworden, ihr beizustehen, da sie alles

verkommen ließ, was man ihr gab, wie es denn die Art der Menschen ist, gerade die Hülflosesten

zu verlassen, solche, bei denen der Beistand nicht nachhaltig wirkt und die der Hülfe immer

gleich bedürftig bleiben. Dennoch hatte sie nicht eigentlich Not gelitten; die Gutsherrschaft

sorgte sehr für sie, schickte ihr täglich das Essen und ließ ihr auch ärztliche Behandlung

zukommen, als ihr kümmerlicher Zustand in völlige Abzehrung übergegangen war. In ihrem Hause

wohnte jetzt der Sohn des ehemaligen Schweinehirten, der an jenem unglücklichen Abende

Friedrichs Uhr so sehr bewundert hatte. – »Alles hin, alles tot!« seufzte Johannes.

Am Abend, als es dunkel geworden war und der Mond schien, sah man ihn im Schnee auf dem

Kirchhofe umherhumpeln; er betete bei keinem Grabe, ging auch an keines dicht hinan, aber auf

einige schien er aus der Ferne starre Blicke zu heften. So fand ihn der Förster Brandis, der

Sohn des Erschlagenen, den die Gutsherrschaft abgeschickt hatte, ihn ins Schloß zu holen.

Beim Eintritt in das Wohnzimmer sah er scheu umher, wie vom Licht geblendet, und dann auf den

Baron, der sehr zusammengefallen in seinem Lehnstuhl saß, aber noch immer mit den hellen Augen

und dem roten Käppchen auf dem Kopfe wie vor achtundzwanzig Jahren; neben ihm die gnädige

Frau, auch alt, sehr alt geworden.

»Nun, Johannes,« sagte der Gutsherr, »erzähl mir einmal recht ordentlich von deinen

Abenteuern. Aber,« er musterte ihn durch die Brille, »du bist ja erbärmlich mitgenommen in der

Türkei!« Johannes begann: wie Mergel ihn nachts von der Herde abgerufen und gesagt, er müsse

mit ihm fort. – »Aber warum lief der dumme Junge denn? Du weißt doch, daß er unschuldig war?«

– Johannes sah vor sich nieder: »Ich weiß nicht recht, mich dünkt, es war wegen

Holzgeschichten. Simon hatte so allerlei Geschäfte; mir sagte man nichts davon, aber ich

glaube nicht, daß alles war, wie es sein sollte.« – »Was hat denn Friedrich dir gesagt?« –

»Nichts, als daß wir laufen müßten, sie wären hinter uns her. So liefen wir bis Heerse; da war

es noch dunkel und wir versteckten uns hinter das große Kreuz am Kirchhofe, bis es etwas

heller würde, weil wir uns vor den Steinbrüchen am Zellerfelde fürchteten; und wie wir eine

Weile gesessen hatten, hörten wir mit einem Male über uns schnauben und stampfen und sahen

lange Feuerstrahlen in der Luft gerade über dem Heerser Kirchturm. Wir sprangen auf und

liefen, was wir konnten in Gottes Namen gerade aus, und wie es dämmerte, waren wir wirklich

auf dem rechten Wege nach P.«

Johannes schien noch vor der Erinnerung zu schaudern, und der Gutsherr dachte an seinen

seligen Kapp und dessen Abenteuer am Heerser Hange. – »Sonderbar!« lachte er, »so nah wart ihr

einander! Aber fahr fort.« – Johannes erzählte nun, wie sie glücklich durch P. und über die

Grenze gekommen. Von da an hatten sie sich als wandernde Handwerksbursche durchgebettelt bis

Freiburg im Breisgau. »Ich hatte meinen Brodsack bei mir,« sagte er, »und Friedrich ein

Bündelchen; so glaubte man uns.« – In Freiburg hatten sie sich von den Österreichern anwerben

lassen; ihn hatte man nicht gewollt, aber Friedrich bestand darauf. So kam er unter den Train.

»Den Winter über blieben wir in Freiburg,« fuhr er fort, »und es ging uns ziemlich gut; mir

auch, weil Friedrich mich oft erinnerte und mir half, wenn ich etwas verkehrt machte. Im

Frühling mußten wir marschieren, nach Ungarn, und im Herbst ging der Krieg mit den Türken los.

Ich kann nicht viel davon nachsagen, denn ich wurde gleich in der ersten Affaire gefangen und

bin seitdem sechsundzwanzig Jahre in der türkischen Sklaverei gewesen!« – »Gott im Himmel! Das

ist doch schrecklich!« sagte Frau von S. – »Schlimm genug; die Türken halten uns Christen

nicht besser als Hunde; das schlimmste war, daß meine Kräfte unter der harten Arbeit

vergingen; ich ward auch älter und sollte noch immer tun wie vor Jahren.«

Er schwieg eine Weile. »Ja,« sagte er dann, »es ging über Menschenkräfte und Menschengeduld;

ich hielt es auch nicht aus. – Von da kam ich auf ein holländisches Schiff.« – »Wie kamst du

denn dahin?« fragte der Gutsherr. – »Sie fischten mich auf, aus dem Bosporus,« versetzte

Johannes. Der Baron sah ihn befremdet an und hob den Finger warnend auf; aber Johannes

erzählte weiter. Auf dem Schiffe war es ihm nicht viel besser gegangen. »Der Skorbut riß ein;

wer nicht ganz elend war, mußte über Macht arbeiten, und das Schiffstau regierte ebenso streng

wie die türkische Peitsche. Endlich,« schloß er, »als wir nach Holland kamen, nach Amsterdam,

ließ man mich frei, weil ich unbrauchbar war, und der Kaufmann, dem das Schiff gehörte, hatte

auch Mitleiden mit mir und wollte mich zu seinem Pförtner machen. Aber« – er schüttelte den

Kopf – »ich bettelte mich lieber durch bis hieher.« – »Das war dumm genug,« sagte der

Gutsherr. – Johannes seufzte tief: »O Herr, ich habe mein Leben zwischen Türken und Ketzern

zubringen müssen, soll ich nicht wenigstens auf einem katholischen Kirchhofe liegen?« Der

Gutsherr hatte seine Börse gezogen: »Da, Johannes, nun geh und komm bald wieder. Du mußt mir

das alles noch ausführlicher erzählen; heute ging es etwas konfus durcheinander. Du bist wohl

noch sehr müde?« – »Sehr müde,« versetzte Johannes; »und,« er deutete auf seine Stirn, »meine

Gedanken sind zuweilen so kurios, ich kann nicht recht sagen, wie es so ist.« – »Ich weiß

schon,« sagte der Baron, »von alter Zeit her. Jetzt geh. Hülsmeyers behalten dich wohl noch

die Nacht über, morgen komm wieder.«

Herr von S. hatte das innigste Mitleiden mit dem armen Schelm; bis zum folgenden Tage war

überlegt worden, wo man ihn einmieten könne; essen sollte er täglich im Schlosse, und für

Kleidung fand sich auch wohl Rat. »Herr,« sagte Johannes, »ich kann auch noch wohl etwas tun;

ich kann hölzerne Löffel machen, und Ihr könnt mich auch als Boten schicken.« Herr von S.

schüttelte mitleidig den Kopf: »Das würde doch nicht sonderlich ausfallen.« – »O doch Herr,

wenn ich erst im Gange bin – es geht nicht schnell, aber hin komme ich doch, und es wird mir

auch nicht so sauer, wie man denken sollte.« – »Nun,« sagte der Baron zweifelnd, »willst du’s

versuchen? Hier ist ein Brief nach P. Es hat keine sonderliche Eile.«

Am folgenden Tage bezog Johannes sein Kämmerchen bei einer Witwe im Dorfe. Er schnitzelte

Löffel, aß auf dem Schlosse und machte Botengänge für den gnädigen Herrn. Im ganzen ging’s ihm

leidlich; die Herrschaft war sehr gütig, und Herr von S. unterhielt sich oft lange mit ihm

über die Türkei, den österreichischen Dienst und die See. – »Der Johannes könnte viel

erzählen,« sagte er zu seiner Frau, »wenn er nicht so grundeinfältig wäre.« – »Mehr tiefsinnig

als einfältig,« versetzte sie; »ich fürchte immer, er schnappt noch über.« – »Ei bewahre!«

antwortete der Baron, »er war sein Leben lang ein Simpel; simple Leute werden nie verrückt.«

Nach einiger Zeit blieb Johannes auf einem Botengange über Gebühr lange aus. Die gute Frau von

S. war sehr besorgt um ihn und wollte schon Leute aussenden, als man ihn die Treppe

heraufstelzen hörte. – »Du bist lange ausgeblieben, Johannes,« sagte sie; »ich dachte schon,

du hättest dich im Brederholz verirrt.« – »Ich bin durch den Föhrengrund gegangen.« – »Das ist

ja ein weiter Umweg; warum gingst du nicht durchs Brederholz?« – Er sah trübe zu ihr auf: »Die

Leute sagten mir, der Wald sei gefällt, und jetzt seien so viele Kreuz- und Querwege darin, da

fürchtete ich, nicht wieder hinauszukommen. Ich werde alt und duselig,« fügte er langsam

hinzu. – »Sahst du wohl,« sagte Frau von S. nachher zu ihrem Manne, »wie wunderlich und quer

er aus den Augen sah? Ich sage dir, Ernst, das nimmt noch ein schlimmes Ende.«

Indessen nahte der September heran. Die Felder waren leer, das Laub begann abzufallen und

mancher Hektische fühlte die Schere an seinem Lebensfaden. Auch Johannes schien unter dem

Einflusse des nahen Äquinoktiums zu leiden; die ihn in diesen Tagen sahen, sagen, er habe

auffallend verstört ausgesehen und unaufhörlich leise mit sich selber geredet, was er auch

sonst mitunter tat, aber selten. Endlich kam er eines Abends nicht nach Hause. Man dachte, die

Herrschaft habe ihn verschickt, am zweiten auch nicht, am dritten Tage ward seine Hausfrau

ängstlich. Sie ging ins Schloß und fragte nach. – »Gott bewahre,« sagte der Gutsherr, »ich

weiß nichts von ihm; aber geschwind den Jäger gerufen und Försters Wilhelm! Wenn der armselige

Krüppel,« setzte er bewegt hinzu, »auch nur in einen trockenen Graben gefallen ist, so kann er

nicht wieder heraus. Wer weiß, ob er nicht gar eines von seinen schiefen Beinen gebrochen hat!

– Nehmt die Hunde mit,« rief er den abziehenden Jägern nach, »und sucht vor allem in den

Gräben; seht in die Steinbrüche!« rief er lauter.

Die Jäger kehrten nach einigen Stunden heim; sie hatten keine Spur gefunden. Herr von S. war

in großer Unruhe: »Wenn ich mir denke, daß einer so liegen muß wie ein Stein, und kann sich

nicht helfen! Aber er kann noch leben; drei Tage hält’s ein Mensch wohl ohne Nahrung aus.« –

Er machte sich selbst auf den Weg; in allen Häusern wurde nachgefragt, überall in die Hörner

geblasen, gerufen, die Hunde zum Suchen angehetzt – umsonst! – Ein Kind hatte ihn gesehen, wie

er am Rande des Brederholzes saß und an einem Löffel schnitzelte; »er schnitt ihn aber ganz

entzwei,« sagte das kleine Mädchen. Das war vor zwei Tagen gewesen. Nachmittags fand sich

wieder eine Spur: abermals ein Kind, das ihn an der andern Seite des Waldes bemerkt hatte, wo

er im Gebüsch gesessen, das Gesicht auf den Knien, als ob er schliefe. Das war noch am vorigen

Tage. Es schien, er hatte sich immer um das Brederholz herumgetrieben.

»Wenn nur das verdammte Buschwerk nicht so dicht wäre! da kann keine Seele hindurch,« sagte

der Gutsherr. Man trieb die Hunde in den jungen Schlag; man blies und hallote und kehrte

endlich mißvergnügt heim, als man sich überzeugt, daß die Tiere den ganzen Wald abgesucht

hatten. – »Laßt nicht nach! laßt nicht nach!« bat Frau von S.; »besser ein paar Schritte

umsonst, als daß etwas versäumt wird.« – Der Baron war fast ebenso beängstigt wie sie. Seine

Unruhe trieb ihn sogar nach Johannes’ Wohnung, obwohl er sicher war, ihn dort nicht zu finden.

Er ließ sich die Kammer des Verschollenen aufschließen. Da stand sein Bett noch ungemacht, wie

er es verlassen hatte; dort hing sein guter Rock, den ihm die gnädige Frau aus dem alten

Jagdkleide des Herrn hatte machen lassen; auf dem Tische ein Napf, sechs neue hölzerne Löffel

und eine Schachtel. Der Gutsherr öffnete sie; fünf Groschen lagen darin, sauber in Papier

gewickelt, und vier silberne Westenknöpfe; der Gutsherr betrachtete sie aufmerksam. »Ein

Andenken von Mergel,« murmelte er und trat hinaus, denn ihm ward ganz beengt in dem dumpfen,

engen Kämmerchen. Die Nachsuchungen wurden fortgesetzt, bis man sich überzeugt hatte, Johannes

sei nicht mehr in der Gegend, wenigstens nicht lebendig. So war er denn zum zweitenmal

verschwunden; ob man ihn wiederfinden würde – vielleicht einmal nach Jahren seine Knochen in

einem trockenen Graben? Ihn lebend wieder zu sehen, dazu war wenig Hoffnung, und jedenfalls

nach achtundzwanzig Jahren gewiß nicht.

Vierzehn Tage später kehrte der junge Brandis morgens von einer Besichtigung seines Reviers

durch das Brederholz heim. Es war ein für die Jahreszeit ungewöhnlich heißer Tag; die Luft

zitterte, kein Vogel sang, nur die Raben krächzten langweilig aus den Ästen und hielten ihre

offenen Schnäbel der Luft entgegen. Brandis war sehr ermüdet. Bald nahm er seine von der Sonne

durchglühte Kappe ab, bald setzte er sie wieder auf. Es war alles gleich unerträglich, das

Arbeiten durch den kniehohen Schlag sehr beschwerlich. Ringsumher kein Baum außer der

Judenbuche. Dahin strebte er denn auch aus allen Kräften und ließ sich todmatt auf das

beschattete Moos darunter nieder. Die Kühle zog so angenehm durch seine Glieder, daß er die

Augen schloß. »Schändliche Pilze!« murmelte er halb im Schlaf. Es gibt nämlich in jener Gegend

eine Art sehr saftiger Pilze, die nur ein paar Tage stehen, dann einfallen und einen

unerträglichen Geruch verbreiten. Brandis glaubt solche unangenehmen Nachbarn zu spüren, er

wandte sich ein paarmal hin und her, mochte aber doch nicht aufstehen; sein Hund sprang

unterdessen umher, kratzte am Stamm der Buche und bellte hinauf. – »Was hast du da, Bello?

Eine Katze?« murmelte Brandis. Er öffnete die Wimper halb und die Judenschrift fiel ihm ins

Auge, sehr ausgewachsen, aber doch noch ganz kenntlich. Er schloß die Augen wieder; der Hund

fuhr fort zu bellen und legte endlich seinem Herrn die kalte Schnauze ans Gesicht. – »Laß mich

in Ruh’! Was hast du denn?« Hiebei sah Brandis, wie er so auf dem Rücken lag, in die Höhe,

sprang dann mit einem Satze auf und wie besessen ins Gestrüpp hinein. Totenbleich kam er auf

dem Schlosse an: in der Judenbuche hänge ein Mensch; er habe die Beine gerade über seinem

Gesichte hängen sehen. – »Und du hast ihn nicht abgeschnitten, Esel?« rief der Baron. –

»Herr,« keuchte Brandis, »wenn Ew. Gnaden dagewesen wären, so wüßten Sie wohl, daß der Mensch

nicht mehr lebt. Ich glaubte anfangs, es seien die Pilze.« Dennoch trieb der Gutsherr zur

größten Eile und zog selbst mit hinaus.

Sie waren unter der Buche angelangt. »Ich sehe nichts,« sagte Herr von S. – »Hierher müssen

Sie treten, hierher, an diese Stelle!« – Wirklich, dem war so: der Gutsherr erkannte seine

eigenen abgetragenen Schuhe. – »Gott, es ist Johannes! – Setzt die Leiter an! – So – nun

herunter! – Sacht, sacht! Laßt ihn nicht fallen! – Lieber Himmel, die Würmer sind schon daran!

Macht dennoch die Schlinge auf und die Halsbinde.« – Eine breite Narbe ward sichtbar; der

Gutsherr fuhr zurück. – »Mein Gott!« sagte er; er beugte sich wieder über die Leiche,

betrachtete die Narbe mit großer Aufmerksamkeit und schwieg eine Weile in tiefer

Erschütterung. Dann wandte er sich zu den Förstern: »Es ist nicht recht, daß der Unschuldige

für den Schuldigen leide; sagt es nur allen Leuten: der da« – er deutete auf den Toten – »war

Friedrich Mergel.« – Die Leiche ward auf dem Schindanger verscharrt.

Dies hat sich nach allen Hauptumständen wirklich so begeben im September des Jahrs 1788. – Die

hebräische Schrift an dem Baume heißt:

»Wenn du dich diesem Orte nahest, so wird es dir ergehen, wie du mir getan hast.«

Annette von Droste-Hülshoff – Bei uns zulande auf dem Lande

Annette von Droste-Hülshoff

Bei uns zulande auf dem Lande

Nach der Handschrift eines Edelmannes aus der Lausitz

Einleitung des Herausgebers

Ich bin ein Westfale, und zwar ein Stockwestfale, nämlich ein Münsterländer, – Gott sei Dank!

füge ich hinzu und denke gut genug von jedem Fremden, wer er auch sei, um ihm zuzutrauen, daß

er gleich mir den Boden, wo »seine Lebenden wandeln und seine Toten ruhen«, mit keinem andern

auf Erden vertauschen würde, obwohl seit etwa zwei Jahrzehnten, d.h. seit der Dampf sein

Bestes tut, das Landeskind in einen Weltbürger umzublasen, die Furcht, beschränkt und

eingerostet zu erscheinen, es fast zur Sitte gemacht hat, die Schwächen der Alma mater, welche

man sonst Vaterland nannte und bald nur als den zufälligen Ort der Geburt bezeichnen wird, mit

möglichst schonungsloser Hand aufzudecken und so einen glänzenden Beweis seiner Vielseitigkeit

zu geben. Es ist bekanntlich ja unendlich trostloser, für albern als für schlimm zu gelten.

Möge die zivilisierte Welt also getröstet sein, denn ihre Fortschritte zu der alles

nivellierenden Unbefangenheit der wandernden Schauspieler, Scherenschleifer und vazierenden

Musikanten sind schnell und unwidersprechlich. – Dennoch bleiben Erbübel immer schwer

auszurotten, und ich glaube bemerkt zu haben, daß, sobald man auf die Redeweisen dieser

grandiosen Parteilosen fein kräftig eingeht und etwa hier und dort noch den rechten Drücker

aufsetzt, sie geradeso vergnügt lächeln als ein Bauer, der Zahnweh hat.

Gott besser’s, sage ich und überlasse die beliebige Auslegung jedem. – Was mich anbelangt, so

bin ich, wie gesagt, ein Mensch nullius iudicii, nämlich ein Münsterländer, sonst guter Leute

Kind, habe studiert in Bonn, in Heidelberg, auch auf einer Ferienreise vom Rigi geschaut und

die Welt nicht nur weitläufig, sondern sogar überaus schön gefunden – ein in der Tat wunderbar

köstlicher Moment, und für den armen Studenten, der um jeden zu diesem Zwecke heimgelegten

Taler irgendeine andere Freude hat totschlagen müssen, ein tief, fast heilig bewegender –

dennoch nichts gegen das erste Knistern des Heidekrauts unter den Rädern, nichts gegen das

mutwillige Andringen der ersten Blütenstaubwolke, die die erste Nußhecke uns in den Wagen

wirbelte, nach drei langen auswärts verlebten Jahren. Da habe ich mich mal weit aus dem

Schlage gelehnt und mich gelb einpudern lassen, wie ein Römer aus den Zeiten Augusts, und so

wie berauscht die erstickenden Küsse meiner Heimat eingesogen. Dann kamen meine klaren,

stillen Weiher mit den gelben Wasserlilien, meine Schwärme von Libellen, die wie glänzende

Zäpfchen sich überall anhängen, meine blauen, goldenen, getigerten Schmetterlinge, die wie

flatternde Miniaturen aufstiegen. Wie gern wäre ich ausgestiegen und ein Weilchen

nebenhergetrabt, aber es kam mir vor, als müßte ich mich schämen vor den Leuten im

Schnellwagen und vor allen machte mir ein bleicher, winddürrer Herr not, der ganz aussah wie

ein Genie, was auf Menschenkenntnis reist, denn ich bin ehrlicher Leute Kind und möchte nicht

gern als empfindsame Heidschnucke in einem Journale figurieren. Deshalb will ich denn auch

hier abbrechen und nur noch sagen, daß ich seit zwölf Jahren wieder bei uns zulande bin und

mein friedliches Brot habe, als Rentmeister meines guten gnädigen Herrn, der keine Schwalbe an

seinem Dache belästigen mag, wieviel weniger seine Leute überladet, so daß ich meine Arbeit in

der Tat ganz wohl zwingen kann und um vieles an gutem, ich meine gesundem Aussehen gewonnen

habe, sonderlich in den letzten fünf Jahren, seit ich das obere Turmzimmer bewohne, was das

gesundeste im Hause ist und mir noch allerlei kleine Ergötzlichkeiten, als aus dem Fenster zu

angeln und die Reiher über dem Schloßweiher wegzuschießen, bietet. – Die Zeitungen werden mir

auch gebracht, wenn der Herr sie gelesen, und die Bücher aus der Leihbibliothek; so füllt sich

mein Überschuß an Zeit ganz behaglich aus, und ich bleibe hinlänglich in Rapport mit der

politischen und belletristischen Außenwelt. – Sehr wunderlich war mir zumute, als ich vor etwa

zehn Jahren zum erstenmal mein gutes Ländchen in van der Veldens Roman unverhofft begegnete,

es war mir fast, als sei ich nun ein Lion geworden und könne fortan nicht mehr in meinem

ordinären Rocke ausgehen. In den letzten Jahren habe ich mich indessen dagegen verhärtet, seit

wir Westfalen in der Literatur wie Ameisen umherwimmeln. Ich will nichts gegen diese Schriften

sagen, da ich wohl weiß, wie es mir ergehen würde, wenn ich z.B. einen Russen oder Kalmücken

in die Szene setzen sollte, aber soviel ist gewiß, daß ich in den Figuren, die dort unsere

Straßen durchwandeln, höchstens meine Nebenmenschen erkannt habe. Mir fiel dabei ein, wie ich

in den Gymnasialjahren bei einer stillen honetten Familie wohnte, wo jeden Abend Walter Scotts

Romane, einer nach dem andern, andächtig vorgenommen wurden; mein Wirt war Forstmann, sein

Bruder Militär, und seiner Frauen Bruder, der sich pünktlich um sieben mit der langen Pfeife

und einem starken Salbenduft einstellte, Wundarzt – Gott, wie haben wir uns an dem

Schottländer ergötzt, aber nur ich ganz rein, weil ich von allem, was er verhandelte, eben

kaum oberflächliche Kenntnisse hatte, die andern hingegen fanden alles unübertrefflich, bis

auf die greulichen Schnitzer in jedes eignem Fach, und lagen sich oft in den Haaren, daß sie

im Eifer das Licht ausdampften und mir in Rauch und Angst der Atem ausging, denn mein Held lag

derweil hart verwundet am Boden, und mir war, als müsse er sich verbluten, oder er hing über

einem schaudernden Abgrund, und mir war, als sähe ich ein Steinchen nach dem andern unter

seinen Fußen wegbröckeln; daraus habe ich mir denn den Schluß gezogen, nicht damals, sondern

nachträglich, daß man sowohl aus Billigkeit als um sich nicht unnötig zu verstimmen, zuweilen

eine Krähe für einen Raben muß gelten lassen, und es ist nicht zu genau zu nehmen mit Leuten,

die vielleicht aus Not als gute Familienväter sich mit Gegenständen befaßt haben, zu deren

Durchdringen ihnen nun einmal die Gelegenheit nicht ist gegeben worden. Dennoch war es mir,

sooft ich las, als rufe alles Totgeschlagene um Hülfe und fordere sein Leben von mir. Ich

hatte seitdem keine Ruhe, weniger vor dem, was besteht, als vor dem, was für immer hin ist.

Alte, nebelhafte Erinnerungen aus meinen frühsten Jahren tauchten auf, glitten mir tages über

die Rechnungen und kamen nachts in einer lebendigen Verkörperung wieder; ich war wieder ein

Kind und knieete neugierig und andächtig auf dem grünen Stiftsanger, während die Prozession an

mir vorüberzog, die Kirchenfahnen, die breite Sodalitätsfahne; ich sah genau die seit dreißig

Jahren vergessenen Zieraten des Reliquienkastens, und Fräulein, die ich schon so lange als alt

und verkümmert kannte, daß es mir war, als könnten sie nie jung und selbständig gewesen sein,

traten in ihrer weißen Ordenstracht so stattlich und sittsam hinter dem hochwürdigen Gute her,

wie es christlichen Herrschaften geziemt. Seltsam genug war in diesen Träumen auch alle Scheu

und Beschränktheit eines Kindes wieder über mich gekommen; ich fürchtete mich etwas weniges

vor den Bärten der Kapuziner, nahm nur zögernd und doch begierig das Heiligenbild, was sie mir

mit resolutem Nicken aus ihren Ärmel hervorsuchten, sah verstört hinter mich, wenn meine

Tritte in den Kreuzgängen widerhallten, und horchte mit offenem Munde auf die eintönigen

Responsorien der Domherren, die aus dem geschlossenen Chore mir wie eine Wirkung ohne Ursache

hervorzudröhnen schienen. Wachte ich dann auf, so war mir zumute wie einem Geplünderten,

verarmt und tiefbetrübt, daß alles dieses und auch soviel anderes Landesgetreue, was so reich

und wahrhaftig gelebt, fortan kein anderes Dasein haben sollte als in dem Gedächtnisse weniger

Alternder, die auch nach und nach abfallen wie das Laub vom Baume, bis der kalte Zugwind der

Ereignisse auch kein Blatt mehr zu verwehen findet. Träumen macht närrisch, pflegt man zu

sagen; mich hat es närrisch genug gemacht (soll ich’s gestehen? und warum nicht, irren ist

kein Schade). An einem schönen Tage, wo blöder Sonnenschein mir gute Courage machte, schnitt

ich entschlossen ein Dutzend Federn, nahm mich gewissermaßen selber bei den Ohren und dachte:

Schreib auf, was du weißt, wäre es auch nur für die Kinder des Herrn, Karl und Klärchen –

besser ein halbes Ei als eine leere Schale; angefangen habe ich denn auch, aber wenn ich

sagte, es sei gut geworden, so hätte ich mich selber zum Narren. Solange ich schrieb, kam es

mir schon leidlich vor, und ich hatte mitunter Freude an eignen netten Einfällen und, wie mich

dünkte, ganz poetischen Gedanken, aber wenn ich es mir nun vor anderer Augen oder gar gedruckt

dachte, dann schoß es mit einem Male zum Herzen, als sei ich doch ganz und gar kein Genie und,

obwohl gleichsam mit der Feder hinterm Ohre geboren, doch wohl nur, um Register zu führen und

Rechnungen auszuschreiben. In meinem Leben habe ich mich nicht so geschämt, als wenn ich dann,

wie dies ein paarmal geschah, die Tischglocke überhörte und der Bediente mich überraschte,

der, gottlob, kein Geschriebenes lesen kann. Aller Augen sahen auf mich, ich schluckte meine

Suppe nachträglich hinunter wie ein Reiher, und es war mir, als ob alle mit dem Finger auf

mich wiesen, die doch nichts von meiner Heimlichkeit wußten, sonderlich die beiden Kinder. Bei

Gott! es muß ein angstvolles Metier sein, das Schriftstellern, und ich gönne es keinem Hunde.

– Darum bin ich auch so herzlich froh, daß ich dieses Manuskript gefunden, was alles und weit

mehr enthält, als ich zu sagen gewußt hätte, dabei in einem netten Stile, wie er mir

schwerlich würde gelungen sein. Das Heft lag im Archive unter dem Lagerbuche, und ich habe

dies wohl hundertmal daran hinein- und hinausgeschoben, ohne es je zu beachten, aber an jenem

Tage – morgen werden es drei Wochen her sein – polterte es einem Bündel Papiere nach auf den

Boden, und eine glückliche Neugier trieb mich an hineinzusehen. Der Verfasser ist ein Edelmann

aus der Lausitz, Lehnsvetter einer angesehenen, seit zwanzig Jahren erloschenen Familie, deren

Güter meinem Herrn zugekommen sind – das Hauptgut als Allodium durch Erbschaft, da des Herrn

Mutter eine Tochter jenes Hauses war, die geringern Besitzungen durch Kauf vom Bruder dieses

Lausitzers im Zeitpunkt der Aufhebung des Lehnsrechts durch Napoleon. Wie das Manuskript

hierhergekommen, weiß ich nicht, und der Herr, dem ich’s vorgelegt, wußte ebenfalls nichts

darüber; vielleicht hat es mein Vorgänger im Amte, der aufgeweckten, wißbegierigen Geistes

gewesen sein soll, von einer seiner Inspektionsreisen mitgebracht. Es lagen noch zwei

vergilbte Briefe darin, woraus erhellt, daß jener Edelmann unerwartet abreisen mußte, weil

sein Bruder am Nervenfieber schwer erkrankt war, daß er, in der Heimat angekommen, über der

Pflege desselben gleichfalls erkrankte und starb, während der andere aufkam; so mag er wohl

sein Manuskript in der Angst und Eil’ vergessen haben. Er scheint ein munterer und

wohlmeinender Mann gewesen zu sein, billig genug für einen Ausländer, mit der so seltenen

Gabe, eine fremde Nationalität rein aufzufassen, freilich nur halb fremd, denn das

westfälische Blut dringt noch bis ins hundertste Glied, und ich würde bedauern, daß er so früh

sterben mußte, wenn ich nicht bedächte, daß er jetzt doch schwerlich noch im Leben sein könnte

– sechsundfünfzig Jahre sind eine lange Zeit, wenn man schon vorher in den Dreißigen war. –

Die angesehene und fromme Familie, bei der er den einen Sommer zugebracht, hat auch, man

möchte sagen, unzeitig verlöschen müssen: zuerst der alte Herr, der sich beim Botanisieren

erkältete und, so glatt und wohlerhalten für seine Jahre er aussah, sich doch als sehr schwach

erwies, denn er schwand hin an der leichten Erkältung wie ein Hauch; dann der junge Herr

Baron, den man bis zu seiner Majorennität auf Reisen schickte, und der in Wien ein trauriges,

vorzeitiges Ende fand, im Duell, um einer eingebildeten Beleidigung willen, die das

freundliche Gemüt des jungen Mannes nicht beabsichtigte; Fräulein Sophie starb ihnen bald

nach, sie war nie recht gesund gewesen und diese beiden Stöße zu hart für sie; meines Herrn

Mutter mußte die Geburt ihres Kindes mit dem Leben bezahlen; aber wer sie alle überlebte, war

die Frau Großmutter, die nach dem Verluste der Ihrigen hierher zog und sich mit großer

Elastizität an dem Gedeihen ihres Enkels wieder aufrichtete; ich habe sie noch gekannt als

eine steinalte Frau, aber lebendig, heftig und aller ihrer Geisteskräfte mächtig bis zum

letzten Atemzuge; man hätte fast denken sollen, sie werde nimmer sterben, und doch war es am

Ende ein leichtes Magenübel, was sie hinnahm – ihr Andenken ist in Ehren und Segen und der

gnädige Herr noch immer still und nachdenklich an ihrem Todestage. Als ich ihm das Manuskript

gab, war er sehr bewegt, und ich glaubte nicht, daß er dessen Veröffentlichung zugeben werde;

nachdem es aber vierzehn Tage auf seinem Nachttische gelegen und er in dieser Zeit kein Wort

zu mir darüber geredet hatte, gab er es mir am verwichenen Sonnabend, den 29. Mai, zurück mit

dem Zusatze, von einem Westfalen geschrieben, würde es weniger bedeutend sein, aus dem Munde

eines Fremden sei es ein klares und starkes Zeugnis, was im Familienarchive nicht unterdrückt

werden dürfe. So mag es denn sein! und ich gebe es dem Publikum zum Gefallen oder Mißfallen;

es ist kein Roman, es ist unser Land, unser Glaube, und was diesen trifft an Lob oder Tadel,

was die Lebenden tragen müssen, das möge auch über diese toten Blätter kommen.

Erstes Kapitel

Der Edelmann aus der Lausitz und das Land seiner Vorfahren

Soeben hat die Schloßglocke halb zehn geschlagen – es ist eigentlich noch gar nicht Nacht –

ein schmaler Lichtstreifen steht im Westen, und zuweilen fährt noch ein Vogel im Gebüsche

drüben aus seinem Halbschlafe auf und träumt halbe Kadenzen seines Gesanges nach – dennoch

ist’s hier fast schon Nacht – soeben hat man mir eine schöne neue Talgkerze gebracht – Holz

ans Kamin gelegt, um einen Ochsen zu braten, und nun soll ich ohne Gnade in die Daunen. –

Unmöglich, ich emanzipiere mich, heimlich, aber desto sicherer, und niemand sieht es mir

morgens an, daß ich allnächtlich den stillen Wohltäter des Hauses mache und auf Wasser und

Feuer zwar nicht achte, aber doch achten würde, wenn dergleichen Dinge hierzulande nicht

unschädlich wären, wie ich wohl schließen muß, wenn ich jeden Abend Knecht und Magd mit

flackernden Lampen in Heuböden und Ställen umherwirtschaften sehe. Diese alten Mauern, die

doch wenigstens ihre drei Jahrhunderte auf dem Rücken zu tragen scheinen! seltsames,

schlummerndes Land! so sachte Elemente! so leiser, seufzender Strichwind, so träumende

Gewässer! so kleine friedliche Donnerwetterchen ohne Widerhall! und so stille, blonde

Leutchen, die niemals fluchen, selten singen oder pfeifen, aber denen der Mund immer zu einem

behaglichen Lächeln steht, wenn sie unter der Arbeit nach jeder fünften Minute die Wolken

studieren und aus ihrem kurzen Stummelchen gen Himmel schmöken, mit dem sie sich im besten

Einverständnisse fühlen. Vor einer Viertelstunde hörte ich die Zugbrücke aufknarren, ein

Zeichen, daß alles ab und tot ist und das Haus fortan unter dem Schutze Gottes und des breiten

Schloßteiches steht, der, nebenbei gesagt, an einigen Stellen nur knietiefe Furten hat; das

macht aber nichts, es ist doch blankes Wasser, was darüber steht, und man könnte nicht

durchwaten, ohne bedeutend naß zu werden: Schutz genug gegen Diebe und Gespenster! – Die Nacht

wird sehr sternhell werden, ich sehe zahllose milchichte Punkte allmählich hervordämmern; drei

Hühnerhunde und zwei Dachse lagern auf dem Estrich unter meinem Fenster und schnappen nach den

Mücken, die die dekretierte Nacht noch nicht wollen gelten lassen; aus den Ställen dröhnt

zuweilen das leise Murren einer schlaftrunkenen Kuh oder der Hufschlag eines Pferdes, das mit

Fliegen kämpft; im Zimmer meines guten Vetters von Noahs Arche her brennt das einzige

Nachtlicht; was soll ein ehrlicher Lausitzer machen, der um elf seine letzte Pikettpartie

anzufangen gewöhnt ist? Um mich liegen zwar die Schätze der Bibliothek: Hochbergs »Adliges

Landleben«, Kerßenbrocks »Geschichte der Wiedertäufer«, Werner Rolewinks »De moribus

Westphalorum« und meines Wirtes nicht genug zu preisendes »Liber mirabilis« – aber mir geht es

wie den Israeliten, die sich bei dem blanken Manna nach den Fleischtöpfen Egyptis sehnten; o

Dresdener Staatszeitung, o Frankfurter Postreiter, die ihr mich so manches Mal in den Schlaf

gewiegt habt, wann werden meine Augen euch wiedersehen? Können die Heringe und Schellfische

des Münsterschen Intelligenzblattes meine politischen Stockfische ersetzen? Aber warum

schreibe ich nicht oder vielmehr, warum habe ich nicht geschrieben diese zwei Monate lang? Bin

ich nicht im Lande meiner Vorfahren? Das Land, was mein Ahn Hans Everwin so betrübten Herzens

verließ und in sauberm Mönchslatein besang wie eine Nachtigall in der Perücke? O angulus

ridens! o prata fontesque susurro etc. etc. – Ich weiß es, wie mich einst freuen wird, diese

Blätter zu lesen, wenn dieses fremdartige Intermezzo meines Lebens weit hinter mir liegt,

vielleicht mehr, als ich jetzt noch glaube, denn es ist mir zuweilen, als wolle das

zwanzigfach verdünnte westfälische Blut sich noch geltend in mir machen. Gott bewahre! ich bin

ein echter Lausitzer – vive la Lusace! und nun! das hat Mühe gekostet, bis ich an diesen Kamin

gelangt bin – schlechte, schlechte Wege habe ich durchackert und Gefahren ausgestanden zu

Wasser und Lande. Dreimal habe ich den Wagen zerbrochen und einmal dabei auf dem Kopfe

gestanden, was weder angenehm noch malerisch war. Mit einem Spitzgespann (so nennt man hier

ein Dreigespann) von langhaarigen Bauernpferden habe ich mich durch den Sand gewühlt und mit

einem Male den vordern Renner in einer sogenannten Welle versinken sehen, einer tückischen,

wandernden Rasse von Quellen, die ich sonst nirgends angetroffen und die hier manchen

Fahrwegen Annex ist, sich das ganze Jahr stille hält, um im Frühlinge irgendeine gute

münsterische Seele zu packen, zur Strafe der Sünde, die sie nicht begangen hat. Ich bin aus

dem Wagen gesprungen wie ein Pfeil, denn – bei Gott – mir war so konfus, daß ich an die

Nordsee und Unterspülen dachte; von meinem Pferdchen war nur noch ein Stück Nase und die Ohren

sichtbar, mit denen es erbärmlich zwinkerte; zum Glück waren Bauern in der Nähe, die Heidrasen

stachen und geschickt genug Hand anlegten: »He! Hans! up! up!« Ja – Hans konnte nicht auf und

spartelte sich immer tiefer hinein; endlich ward er doch herausgegabelt und zog

niedergeschlagen und kläglich triefend weiter voran, wie der bei der Serenade übel begossene

Philister. – Ich fand vorläufig den Boden unter meinen Füßen sicherer und stapfte nebenher

durch das feuchte Heidekraut, immer an unsern Ahn denkend und sein horazisches »o angulus

ridens!« und was denn hier wohl lachen möge? der Sand? oder das kotige Pferd? oder mein

Fuhrmann in seinem bespritzten Kittel, der das Ave-Maria pfiff, daß die Heidschnucken davon

melancholisch werden sollten? oder vollends ich, der wie ein Storch von einem Maulwurfshügel

zum andern stelzte? – Doch – ich war es, der am Ende lachend in den Wagen stieg, dreimal

selig, schon vor Jahrhunderten im kleinsten Keime diesem glückseligen Arabien entflohen zu

sein, was sich mir in diesem Augenblicke von dem klassischen durch nichts zu unterscheiden

schien, als nur durch den Mangel an Sträußen und Überfluß an Pfützen. O Gott! dachte ich, wie

mag die Halle deiner Väter beschaffen sein, du guter Everwin! – Eine halbe Tagereise weiter,

und die Gegend klärte sich allmählich auf; die Heiden wurden kleiner, blumicht und beinahe

frisch und fingen an, sich mit ihren auffallend bunten Viehherden und unter Baumgruppen

zerstreuten Wohnungen fast idyllisch auszunehmen; rechts und links Gehölz und, soweit ich es

unterscheiden konnte, frischer, kräftiger Baumschlag, aber überall traten dem Blick mannshohe

Erdwälle entgegen, die, vom Gebüsch überschattet, jeden Fahrweg unerläßlich einengten – wozu?

wahrscheinlich um den Kot desto länger zu konservieren; ich befragte meinen Fuhrmann, einen

gereisten Mann, der sogar einmal Düsseldorf gesehen hatte und mich mindestens immer um mein

drittes Wort verstand: »O Herr«, sagte er, »wenn wir keine Wallhecken hätten, was würden wir

dann für schelmhaftige Wege haben?« Vivat Westphalia, dachte ich! – Wir ackerten voran – aus

allen Häusern belferten uns Kläffer an, die ich allemal, die langhaarigen »Rüden«, die glatten

ohne Ausnahme »Teckel« locken hörte; vor den Eingängen einzelner größerer Höfe zerwüteten sich

greuliche Zerberusse an ihrer Kette und es schien mir unmöglich, unzerrissen hinein- oder

hinauszukommen. – Was man nicht alles bemerkt auf einer Tagfahrt zwischen Wallhecken, den

Himmel über, die Pfütze unter sich! Der Wagen hielt einen Augenblick an, vier kleine Buben,

sämtlich in Troddelmützen und drei Kamisöler übereinander, rot wie Äpfelchen, stolperten eilig

herzu und langten mit der Hand nach dem Schlage; ich suchte nach ein paar Stübern und

Matieren, die man mir auf der letzten Station zugewechselt, und rief, indem ich sie aus dem

Schlage warf: »Habt acht, ihr Buben!« Da aber nahmen sie Reißaus, und wie verscheuchte Hasen

krabbelten sie den Erdwall hinan. Gotts Wunder, was mochte das für ein Krabat oder Slowak

sein, der kein Deutsch konnte und sein Geld in den Dreck warf? Ich sah sie noch lange aus

ihrem Hafen meinem Wagen nachstarren, wie, sans comparaison, einem abziehenden Kamele. Einem

war beim Ansatz zur Flucht sein Holzschuh abhanden gekommen, und ich hörte ihn unter dem Rade

ein unzeitiges Ende nehmen; mein Trost waren die herrenlosen Stüber und Matiere, mit denen

sich das dicke Henrichjännchen oder Jannberndchen (so heißt hier nämlich immer der dritte

Mann) bezahlt machen konnte, wenn dieses nicht außer seinem Gedankenkreise lag. Jetzt weiß

ich, daß die armen Dinger mir nur eine Kußhand geben, und schon damals begriff ich, daß sie

mindestens nicht betteln wollten. Überhaupt sah ich keine Straßenbettler am Wege, und das Land

meiner Vorfahren fing an, mir mindestens ganz nährend und behaglich vorzukommen, obwohl meine

Augen noch immer vergeblich nach dem »Fette der Erde« ausschauten, bei dem die Leute so

vollständige runde Köpfe und stämmige Schultern ansetzen konnten, bis ich durch die Lücken der

Wallhecken über die schweren Schlagbäume weg in das Geheimnis der Kämpe und Wiesengründe

drang, wo ich die eigentliche Elite der Ställe erblickte: schönes schweres Vieh ostfriesischer

Rasse, was übersatt und schnaubend in dem wie von einem Goldregen überzitterten Grasewalde

lag. – Schau mir einer die pfiffigen Münsterländer, die ihr eure dicken Taler auf vier Beinen

hinter Erdhaufen und Dornen versteckt, damit kein reisender Diplomat in der Seele seines

gnädigsten Herrn etwa Appetit dazu bekomme! Ich bin zu sehr Landwirt, als daß dieser Anblick

mich unbewegt gelassen hätte; ich dachte an mein liebes Dobbritz und meine krauslockigen

Lämmerchen und fühlte das Blut meines Ahns den Urenkeln seiner Ställe entgegenrollen –

seltsam! ich kann dies niederschreiben, als dächte ich noch heute so, und doch ist mir so gar

anders zumute. Nun weiter – zum Ziele! wenn die Lehmchausseen meiner so müde sind als ich

ihrer, so werden sie sich freuen, daß wir auseinander kommen, und ich fühle mich noch

innerlich zerschlagen von der Erinnerung und schmachte dem Ziele entgegen.

Doch zuvor noch ein Reiseabenteuer – kein kleines für meinen Fuhrmann – und was mir den ersten

dämmernden Begriff von dem Charakter dieses Volkes gab. Wir hatten einen derben Schock

überstanden – unsere Pferde verschnauften in der Heide und dampften aus Nüstern und Flanken.

Mein Bauer schlug Feuer an einer Art Lunte in messingener Scheide, die er seinen »perfekt

guten Tüntelpott« nannte, – in der Ferne bewegte sich etwas grell Rotes zwischen den Kühen –

es kam näher – es war ein Mensch in Scharlachlivree von grauschwarzer Gesichtsfarbe. Ich sagte

nichts und beobachtete meinen Bauern; der nahm langsam die Pfeife aus dem Munde, zog langsam

einen Rosenkranz aus seiner Tasche, griff nach seinem Hute zweimal, ohne ihn zu lüften, und

sah noch nicht auf, als das Unding ihm fast parallel war – es stand – es redete ihn an in

fremdartigem Dialekt: »Wo führt der Weg nach Lasbeck?« Mein Bauer winkte mit der Hand einen

breidünnen Fahrweg entlang, der Schwarze schüttelte den Kopf und sah auf seine Stiefeln, die

schon Schlimmeres überstanden hatten. – »Kann ich denn nicht dort herunter?« auf einen Fußweg

deutend, der dieselbe Richtung direkter nahm. »Das möchte nicht gut sein«, sagte der Fuhrmann

bedächtig. »Warum nicht?« mein Schwarzer kurz angebundenen, cholerischen Temperaments. Nie

werde ich den Ausdruck von, ich möchte sagen, ruhigem Schauder und tiefem Mitleid vergessen,

mit dem mein Bauer erwiderte: »Da steht ein Kruzifix.« Der Mohr stieß ein paar Sacredieus und

Coquins hervor, und fort trabte er mit seinem Briefbündel unterm Arm. Ist das nun lächerlich

oder rührend? Es kommt darauf an, wie man es auffaßt – ich gestehe, daß ich meinem Weißkittel

gern irgendeine Güte angetan hätte in diesem Augenblick, und seine religiöse Scheu ohne Furcht

und Haß, seine tiefe, überschwengliche Gutmütigkeit, die selbst den Teufel nicht ins Labyrinth

führen mochte, lag so rührend vor mir, daß ich seinem breiten Rücken, wie er so langsam, den

Rosenkranz abzählend, neben den Pferden herschritt, die ersten Liebesblicke in diesem Lande

zugewendet habe. Möge Gott dich behüten, du gutes, patriarchalisches Ländchen, Land meiner

Vorfahren, wie ich dich gern nenne, wenn man mir mein Anteil Lausitzer Blut ungekränkt läßt.

Mit der Ironie ist’s ab und tot; ich fahre durch die lange, weite Eichenhalle, wo die

schlanken Stämme ihre noch schwachbelaubten Wipfel über mich breiten; ich sah zwischen den

Lücken der Bäume einen weiten Wasserspiegel, graue Türme vortreten, – bei Gott! es war mir

doch seltsam zumut, als ich über die Zugbrücke rollte und über dem Tore den steinernen

Kreuzritter mit seinem Hunde sah, dessen der alte Everwin so wohlredend gedenkt: »Eques

vexillum crucis sublevans, cum molosso ad aquam hiante« – alter Hans Heinrich! schwenkst du

deine Fahne auch schützend über deinen verarteten Zweig, dem dein Glaube und Land fremd

geworden sind? Im Schlosse war ich so halbwege erwartet, d.h. so in Bausch und Bogen, wo es

auf eine Handvoll Wochen nicht ankommt; ein schlau aussehender, schwärzlicher Bursche in

himmelblau und gelber Livree, streng nach dem Wappenbuch, öffnete den Schlag und erkannte mich

sofort für den fremden Vetter, als ich vom »Schlosse« redete und nach dem »Baron« fragte. »Der

Herr sind auf dem Vogelfang, aber die gnädige Frau sind zu Hause« – zugleich hörte ich

drinnen: »Ihro Gnaden, he ist do, he ist do, de Herr ut de Lauswick!« und sah beim Eintritt

noch zwei dicke, passablement schiefe, himmelblaue Beine. – Das war also der Eintritt in die

Halle meiner Väter; ja, hört, wie es erging, ihr Wände, meine ich, und du, jammernder Scheit

im Kamin – denn auf die drei Spione und zwei Dachse kann ich nicht rechnen, da das Fenster

geschlossen ist. Die gnädige Frau empfing mich stattlich, aber verlegen, das Bäschen stumm

verlegen, der junge Vetter neugierig verlegen, der eigentliche Herr, der fast mit mir zugleich

eintrat und bei unserer ersten Bewillkommnung einen piependen und flatternden Vogel in der

Hand hielt, war auch verlegen, aber auf eine überaus teilnehmende Weise. Verlegen waren alle,

und so blieb mir nichts übrig, als es am Ende mit zu werden; man sah, wie in allen eine

unterdrückte Herzlichkeit kämpfte mit einem Etwas, das ich nicht ergründen konnte, und mich

verstohlen vom Kopfe bis zu den Füßen musterte. Meine Augen hatten den rechten Weg

eingeschlagen – der galonierte Rock – die Ringe an den Fingern, so tragen sich hierzulande die

Windbeutel, und womit ich, unter uns gesagt, diesen Leuten an der Welt Ende zu imponieren

glaubte und auf der letzten Station wenigstens eine gute Stunde verwendet hatte, das gab mir

hier das Ansehen eines, der nächstens zum Bankerott umkippen will und Kredit auf seine Tressen

sucht; hier ist alles so feststehend, man weiß so genau, was jeder gilt, daß dergleichen

Nachhülfe und Augenverblendung immer nur wie Notschüsse herauskommen, und ich bin jetzt

überzeugt, daß mein guter Vetter, unter seinen Grüßen und Verbeugungen, alle seine Gefälle und

Zehnten überzählte, und wieviel davon wohl zur Aushülfe eines verlorenen Sohnes im 20sten

Gliede möchte ritterlich, christlich und doch ohne Unverstand zu verwenden sein. Jetzt weiß

ich dieses, und es demütigt mich nicht; hätte ich es damals gewußt, so würde es mich

allerdings in einen kläglichen, innern Zustand von Scham und Zorn versetzt haben, – dennoch

ging der erste Tag mühsam hin, obwohl der Vetter mich in alle seine Freuden und Schätze

einweihte: seine nie gesehenen Blumenarten eigener Fabrik, seine Rüstkammer, seine

landwirtschaftlichen Reichtümer, sogar den Augapfel seines Geistes, sein unschätzbares Liber

mirabilis – ich dachte zu meiner Unterhaltung, jetzt weiß ich aber, daß es ein schlauer

Streich vom alten Herrn war, der mir so heimlich auf den Zahn fühlte, wie es mit adligen

Künsten bei mir beschaffen sei – nämlich Latein, Öconomia und Ritterschaftsverhältnissen. Mir

ging’s wie dem Nachtwandler, und ich trat um so blinder, desto sicherer auf. Acht Tage kann

ich auf mein Noviziat rechnen, wo täglich eine neue Schleuse des Wohlwollens sich zögernd

öffnete, das ganz eigentümliche milde Lächeln des Herrn täglich milder, die scharfen Augen

seiner Frau täglich strahlender und offener wurden, und als mich am achten Tage der junge Herr

Everwin auf seine Stube geführt und Fräulein Sophie abends aus freien Stücken ein schönes,

etwas altmodiges Lied zum Klaviere gesungen hatte, da war ich absolviert und fortan ein Kind

und Bruder des Hauses. Ich fühlte dieses, als ich am nächsten Morgen von Abreise sprach, um

meinem Bleiben einen festen Boden zu geben, der auch sogleich unter mir aufstieg. »Mich

dünkt«, sagte der alte Herr (»der Herr« sagt man hier kurzweg, »Baron« ist ausländisch und

windbeutelig) mit einem triumphierenden Lächeln, »mich dünkt, Sie blieben nett hier in Numero

Sicher, bis Sie Ihr Recht in der Tasche haben. Der Hund des alten Hans Heinrich hat uns so

manchen Prozeß weggebellt, der wird Ihnen auch keinen durchs Tor lassen.« – Ich dachte an

meine Gedanken, als ich unter dem Steinbilde einfuhr, und der alte Herr mußte mir etwas

dergleichen ansehen, denn er schüttelte meine Hand und sagte: »Lieber Herr Vetter!« So bin ich

denn nun seit zwei Monaten hier – Boten gehen und kommen, und meine Geschäfte ziehen sich in

die Länge; ich helfe dem Herrn botanisieren, Vögel fangen und sein Liber mirabilis auslegen,

wobei ich schlecht genug bestehe und manche Eselsbrücke schlage, die der Vetter gütig

unbemerkt läßt; besser komme ich fort in den gelegentlichen Gesprächen über ernste Gegenstände

und Klassische Wissenschaften, in denen der alte Herr vortrefflich beschlagen ist und ich eben

auch kein Hund bin – was mich aber zumeist ergötzt, ist die lebendige, frische Teilnahme, die

kräftige Phantasie, mit der alles meinen Erzählungen von Städten, Ländern und vor allem den

Wundern des grünen Gewölbes horcht. Diese stillen Leute sitzen unbewußt auf dem Pegasus, ich

will sagen, sie leben in einer innern Poesie, die ihnen im Traume mehr von dem gibt, was ihre

leiblichen Augen nie sehen werden, als wir andern übersättigten Menschen mit unsern Händen

davon ergreifen können. Ich bin gern hier, es wäre Fadheit, es zu leugnen, und Undank

zugleich; auch langweile ich mich keineswegs, man treibt hier allerlei Gutes, etwas

altfränkisch und beengt, aber gründlich. Auch gibt es hier von den seltsamsten Originalen, und

zwar rein naturwüchsigen, sich völlig unbewußten; wenn ich bedenke, was ich noch alles

nachzuholen und zu erläutern habe, ehe ich wieder bis zu diesem Abende, diesem Kamin und

diesen Mücken gelange, die mich unbarmherzig molestieren, so scheinen mir alle Gänseflügel auf

dem Hofe in Gefahr, – aber jetzt ist’s spät – meine Kerze hat sich mehr schön als dauerhaft

bewiesen; sie ist mehr verlaufen als verbrannt, und auf dem Tische schwimmt’s von Talge, den

ich noch vor Schlafengehen mit eigenen Händen reinigen muß, um nicht morgen von meinem Freunde

Dirk als der schmierige Herr aus der Lauswick bezeichnet zu werden. – Das Licht im Zimmer des

Vetters brennt dämmerig wie ein Traum – die Sterne sind desto klarer, welch schöne Nacht! –

Zweites Kapitel

Der Herr und seine Familie

Honneur aux dames! Ich fange an mit der gnädigen Frau, einem fremden Gewächs auf diesem Boden,

wo sie sich mit ihrer südlichen Färbung, dunkeln Haaren, dunkeln Augen ausnimmt wie eine

Burgundertraube, die in einen Pfirsichkorb geraten ist, – sie stammt aus einer der reichen

rheinländischen Familien, die man hier für ebenbürtig gelten läßt, und der Vetter, der vor

zwanzig Jahren nach Düsseldorf landtagen ging und von einer plötzlichen Lust, die Welt zu

sehen, befallen wurde, lernte sie in Köln vor dem Schreine der Heiligen Drei Könige kennen und

fühlte dort zuerst den vorläufig noch äußerst embryonischen Wunsch, sie zur Königin seines

Hauses zu machen. Das ist sie denn auch im vollen Sinn des Wortes: eine kluge, rasche,

tüchtige Hausregentin, die dem Kühnsten wohl zu imponieren versteht und, was ihr zur Ehre

gereicht, eine so warme, bis zur Begeistrung anerkennende Freundin des Mannes, der eigentlich

keinen Willen hat als den ihrigen, daß alle Frauen, die Hosen tragen, sich wohl daran spiegeln

möchten. Es ist höchst angenehm, dieses Verhältnis zu beobachten; ohne Frage steht diese Frau

geistig höher als ihr Mann, aber selten ist das Gemüt so vom Verstande hochgeachtet worden;

sie verbirgt ihre Obergewalt nicht, wie schlaue Frauen wohl tun, sondern sie ehrt den Herrn

wirklich aus Herzensgrunde, weiß jede klarere Seite seines Verstandes, jede festere seines

Charakters mit dem Scharfsinn der Liebe aufzufassen und hält die Zügel nur, weil der Herr eben

zu gut sei, um mit der schlimmen Welt auszukommen. Nie habe ich bemerkt, daß ein Mangel an

Welterfahrung seinerseits sie verlegen gemacht hätte, dagegen strahlten ihre schwarzen Augen

wie Sterne, wenn er seine guten Kenntnisse entwickelt, Latein spricht wie Deutsch, und sich in

alten Tröstern bewandert zeigt wie ein Cicerone. Die gnädige Frau hat südliches Blut, sie ist

heftig, ich habe sie sogar schon sehr heftig gesehen, wenn sie bösen Willen voraussetzt, aber

sie faßt sich schnell und trägt nie nach. Sehr stattlich und vornehm sieht sie aus, muß sehr

schön gewesen sein und wäre dies vielleicht noch, wenn ihre bewegten Gefühle sie etwas mehr

Embonpoint ansetzen ließen; so sieht sie aus wie ein edles, arabisches Pferd. Ihr neues

Vaterland hat sie liebgewonnen und macht gern dessen Vorzüge geltend, nur mit der Art

Überschätzung, die oft gescheiten Leuten von starker Phantasie eigen ist: so hat sie alle

alten, mitunter verwunderlichen Gewohnheiten und Rechte des Hauses bestehen lassen und wacht

nur über Ordnung und ein billiges Gleichgewicht; ich werde noch auf die respektablen

Müßiggänger kommen, über die man hier bei jedem Schritte fällt, und die ich bei mir zu Hause

würde mit dem Ochsenziemer bedienen lassen; hier möchte ich sie selbst nicht gekränkt sehen.

Bettler in dem Sinne wie anderwärts gibt es hier keine, aber arme Leute, alte oder schwache

Personen, denen wöchentlich und öfter eine Kost so gut wie den Dienstboten gereicht wird; ich

sehe sie täglich zu dreien oder mehren auf der Stufe der steinernen Flurtreppe gelagert,

ärmlich, aber ehrbar, und keinen vorübergehen, ohne sie zu grüßen. Die gnädige Frau tut mehr,

sie geht hinunter und macht die schönste Konversation mit ihnen über Welthändel, Witterung,

die ehrbare Verwandtschaft und wovon man sich sonst nachbarlich unterhält; darum gilt sie denn

auch für eine brave, gemeine Frau, was soviel gilt als populär, und sie ist immer mit gutem

Rat zur Hand, wo sie denn auch, wie billig, der Ausführung nachhilft. Sehr habe ich ihre

Geduld bewundern müssen mit einem Verrückten, dem Sohn des Müllerhauses, dessen Licht ich eben

durch die Mauerluke herüberscheinen sehe. Der arme Mensch ist irre geworden über eine

Heiratsgeschichte, obwohl nicht eben aus Liebe. Er war einziger Sohn, sie einzige Tochter, und

beide Eltern am Leben; so zog die Aussicht sich ins Blaue, da jedes die Seinigen mitbringen

mußte und für vier alte Leute in keinem der Häuser Raum war; dennoch hatten die Eltern sie

unterderhand verlobt mit dem ruhigen Zusatze, daß, wenn zweie von ihnen gestorben seien, was

bei ihrem Alter wohl nicht lange ausbleiben werde, die Heirat vor sich gehen könne. So lebten

alle friedlich und ohne Ungeduld voran, bis der Brautvater, ein Tischler, sehr kränklich,

zugleich etwas schwach im Kopfe, anfing, sich lebhaft nach einem Gehülfen zu sehnen. Sein

Geselle, ein schlauer Sauerländer, machte sich dieses zunutze, so viel vom Verfall der

Kundschaft und dem übermäßigen Wohlbefinden des Müllerpaares zu reden, denen er wenigstens

Methusalems Alter prophezeite, wobei er schlau die Verpflichtung gegen Kind und Gutsherrn auf

das geängstigte Gemüt des alten Mannes wirken ließ, bis er diesen ganz konfus über Recht und

Unrecht gemacht hatte. Die Folge war eine zweite und dieses Mal rechtskräftige Verlobung mit

Stempelpapier und Siegel zwischen dem betrübten, eingeschüchterten Mädchen und dem

Sauerländer. Zwei Tage später, und der alte Mann lag tot am Schlagflusse, und fast mit ihm

zugleich starb der Vater des Bräutigams an einer leichten Erkältung, was wahrlich kein zähes

Leben bewies. In der ersten Trauerzeit hielt jedes sich still zu Hause, dann aber trieb die

Müllerin ihren Sohn an, mit der Braut jetzt das Nähere zu bereden; als er hinkam, stand sie im

Garten, und er sah sie schon von weitem die Schürze vors Gesicht schlagen und ins Haus gehen;

darauf kam die Mutter heraus und erzählte ihm mit vielem Stottern die ganze Bescherung, worauf

er stille wieder nach Hause ging. Seitdem konnte er aber den Schimpf nicht verwinden; zugleich

drängte ihn die Mutter, deren Kräfte schnell abnahmen, zum Heiraten. Zwei neue Pläne, die

übereilt angelegt waren, schlugen fehl. Franz hatte einen tiefen, heimlichen Hochmut auf seine

ehrenwerte Familie, die seit vielen Generationen des Herrn Mühle mit Lob versehen hatte, und

noch mehr, weil er als älterer Spielkamerad und halber Aufseher der Herrschaft aufgewachsen

war und noch jetzt zu den Auserwählten gehörte, die auf Hochzeiten mit den Fräuleins einen

Tanz machten. Die Scham quälte ihn, das Drängen seiner Mutter und die Furcht, eine schlimme

Wahl zu treffen oder gar mit einem neuen Korbe aufzuziehen, ließen ihm Tag und Nacht keine

Ruhe; seine Augen bekamen nach und nach etwas Stieres im Blick, und mit einem Male fing er an,

allerlei wirres Zeug zu reden – jetzt ist er ganz irre, obwohl voll Höflichkeit und, wenn man

ihn auf ganz fremde Gegenstände lenkt, von recht verständigem Urteile; aber dazu kommt es

selten, seine fixen Ideen halten ihn wie mit eisernen Klammern und fahren in jedes beruhigende

Gespräch wie Sporenstiche hinein. Jetzt ist seine größte Not eine Prinzessin von England, die

man ihm zufreien will, was ihn als guten Katholiken ängstigt, er hält sich ihr ganz

ebenbürtig, doch hat er ein halbes Bewußtsein von ihrer hohen Stellung, und daß sie ihn, wenn

er sich sperrt, könnte wohl einstecken oder auf die Tortur bringen lassen, und er bereitet

sich durch Lesen in der Bibel auf sein einstiges Martyrtum vor, dem er doch womöglich noch

entschlüpfen möchte, und täglich mit der gnädigen Frau lange Beratungen darüber hält, die mit

himmlischer Geduld ihm schlaue Ausflüchte erfinden hilft und wirklich, wie ich glaube, allein

bis dahin ihn vor völliger Raserei gerettet hat. Mich durchrieselt jedesmal ein Schauder, wenn

ich dieses Angstbild sehe; hier erregt es nur tiefe, ruhige Teilnahme. – Aber ich bin von

meinem Thema abgekommen, also der junge Herr: Everwin heißt er, in getreuer Reihenfolge wie

die Heinriche von Reuß, steckt noch ein wenig in der Schale. Neunzehn Jahr ist er alt und lang

aufgeschossen wie eine Erle, blond, mit hellblauen Augen, durch die man glaubt, bis ins Gehirn

sehen zu können. Ich höre ihn oft im Nebenzimmer gefährlich stöhnen und räuspern über den

Klassikern und alten Geschichtswerken, an denen er eine Mühe hat, daß ihm mittags zuweilen die

Haare davon zu Berge stehen. Ich profitiere auch zur vollen Genüge von seinem Geigenspiel,

zuweilen, wenn ich gerade gutgelaunt und recht im Dolcefarniente bin, nicht ohne Vergnügen: er

streicht seinen Viotti so sanft und reinlich ab und an manchen Stellen mit so kindlich mildem

Ausdruck, daß ich oft denke: er ist doch der Papa en herbe, der nur noch nicht zum Durchbruch

kommen kann – dieses geringe, leider täglich an Wert verlierende Vergnügen wird mir aber

reichlich versalzen durch die Übungsstunden, wo absichtlich zu Schwieriges vorgenommen wird;

von all dem Wasser, was mir diese Doppelpassagen, bei denen immer ein falscher Ton nebenher

läuft, schon um die Zähne getrieben haben, könnten wenigstens zwei Mühlen gehen; zuweilen gibt

Karo, des Vetter sehr geliebter Spion, noch die dritte Stimme dazu, und dann ist der Moment

da, wo ein spleeniger Engländer sich ohne Gnade erhängen würde. Mein Zimmer ist indessen der

Ehrenplatz im Hause, und Hoffart will Not leiden; zudem kann mir nicht entgehen, daß Everwin,

wo es ohrengefährlich wird, den Bogen so leise ansetzt wie ein menschlicher Wundarzt die

Sonde, und sogar zuweilen mir zuliebe seinem Karo einen Fußtritt gibt, der ihm gewiß selber

wie ein Pfahl durchs Herz geht; er ist überhaupt ein bescheidener, jüngferlicher Nachbar, der

morgens auf den Zehen umherschleicht und sich abends gleichsam ins Bette stiehlt, daß ich kaum

die Decken rispeln höre. Sein Freund und Gefährte in allem ist der Neffe des Rentmeisters,

Wilhelm Friese, ein wunderlich begabter junger Mann, an dem Everwin sich festgesogen hat wie

die Auster an der Koralle; ich sehe sie beide oft morgens um sechs nach dem Dohnenstrich

ziehen in knappen Jagdröckchen und Lederkäppchen, fröhlich und mädchenhaft wie ein paar

Klosternovizen in den Freistunden. – Vor Frauen hat er noch eine wahre Josephsscheu und würde

einen unchristlichen Haß auf die Unglückliche werfen, mit der man ihn neckte; zwei Münstersche

Schilling gebe ich drum, ihn dereinst auf Freiersfüßen zu sehen; ohne Zweifel muß da sein

Wilhelm voran, und der wird sich ebenfalls alle zehn Nägel abkauen vor Angst, obgleich er

gegen ihn gerechnet für einen Schalk gelten kann. Neulich frühe saß ich am Ausgange der neuen

Anlagen, die diesen Landsitz umgeben wie Nester mit jungen Vögeln eine graue Warte. Everwin

kam über Feld, Wilhelm hinterdrein, ich hörte, daß sie sprachen, aber Everwin sah nicht

zurück. »Ich sage es dir nochmals«, rief Wilhelm, »wenn du dir keinen bessern Rock anschaffst,

so bekömmst du dein Lebtag keine Frau!« – »Ach, bah!« brummte Everwin und rannte wie ein

Kurier und war bereits dicht neben mir, ohne mich zu sehen. »Lauf doch nicht so, laß uns das

Ding überlegen, du kömmst doch nicht vorbei, was scheint dir blau mit Tressen, das steht gut

zu blonden Haaren.« – »Wilhelm!« drohte Everwin zurück und trat bis über die Knöchel in eine

Lache. – »Guten Morgen, Vetter!« sagte ich. – »Sieh, sind Sie da? ich habe ins Wasser

getreten!« – »Das sehe ich« – und fort trabten beide wie begossene Hunde, Wilhelm am

betroffensten; er hatte aber auch gottlose Reden geführt! Fräulein Sophie gleicht ihrem Bruder

aufs Haar, ist aber mit ihren achtzehn Jahren bedeutend ausgebildeter und könnte interessant

sein, wenn sie den Entschluß dazu faßte. Ob ich sie hübsch nenne? Sie ist es zwanzigmal im

Tage und ebensooft wieder fast das Gegenteil; ihre schlanke, immer etwas gebückte Gestalt

gleicht einer überschossenen Pflanze, die im Winde schwankt, ihre nicht regelmäßigen, aber

scharf geschnittenen Züge haben allerdings etwas höchst Adliges und können sich, wenn sie

meinen Erzählungen von blauen Wundern lauscht, bis zum Ausdruck einer Seherin steigern, aber

das geht vorüber, und dann bleibt nur etwas Gutmütiges und fast peinlich Sittsames zurück;

einen eignen Reiz und gelegentlichen Nichtreiz gibt ihr die Art ihres Teints, was, für

gewöhnlich bleich bis zur Entfärbung der Lippen, ganz vergessen macht, daß man ein junges

Mädchen vor sich hat – aber bei der kleinsten Erregung, geistiger sowie körperlicher, fliegt

eine leichte Röte über ihr ganzes Gesicht, die unglaublich schnell kömmt, geht und wiederkehrt

wie das Aufzucken eines Nordlichts über den Winterhimmel; dies ist vorzüglich der Fall, wenn

sie singt, was jeden Nachmittag zur Ergötzung des Papas geschieht. Ich bin kein natürlicher

Verehrer der Musik, sondern ein künstlicher – mein Geschmack ist, ich gestehe es, ein im

Opernhause mühsam eingelernter, dennoch meine ich, das Fräulein singt schön – über ihre Stimme

bin ich sicher, daß sie voll, biegsam, aber von geringem Umfange ist, da läßt sich ein Maßstab

anlegen, – aber dieses seltsame Modulieren, diese kleinen, nach der Schule verbotenen

Vorschläge, dieser tieftraurige Ton, der, eher heiser als klar, eher matt als kräftig,

schwerlich Gnade auswärts fände, können vielleicht nur einem geborenen Laien wie mir den

Eindruck von gewaltsam Bewegenden machen; die Stimme ist schwach, aber schwach wie ein fernes

Gewitter, dessen verhaltene Kraft man fühlt – tief, zitternd wie eine sterbende Löwin: es

liegt etwas Außernatürliches in diesem Ton, sonderlich im Verhältnis zu dem zarten Körper. Ich

bin kein Arzt, aber wäre ich der Vetter, ich ließe das Fräulein nicht singen; unter jeder

Pause stößt ein leiser Husten sie an, und ihre Farbe wechselt, bis sie sich in roten, kleinen

Fleckchen festsetzt, die bis in die Halskrause laufen – mir wird todangst dabei, und ich suche

dem Gesange oft vorzubeugen.

Fräulein Anna, in die man mich etwas verliebt glaubt, darf sich wohl sehen lassen; sie ist ein

schönes, braunes Rheinkind mit brennenden Augen, blitzenden Zähnen, Elfenfüßchen, zitternd von

verhaltenem Mutwillen wie eine Granate, über der die Lunte brennt; sie möchte gern immer reden

und schweigt doch zumeist, weil sie den rechten Ton auf der hiesigen Skala nicht finden kann;

wenn wir abends unsere stillen, ehrbaren Gespräche führen, sitzt sie gewöhnlich am Fenster und

seufzt ungeduldig Wolken und Winde an, die nach den Rebhügeln ziehen, wo ihre jungen Gefährten

sich’s wohl und lustig sein lassen, während sie hier bei der Tante die Klosterjungfer spielen

muß. Wozu? Sie begreift es nicht und klagt den Himmel und das Geschick an; ich denke, man hat

einen Dämpfer für diese üppige Wasserorgel nötig gefunden. Den Onkel ehrt sie, weiß ihn aber

nicht zu schätzen, der Tante wendet sie eine zornige Liebe zu, da sie das verwandte Element

fühlt und vor Ungeduld überschäumt, es so beengt zu sehen; dabei hat sie eine Regung von

Empfindsamkeit, liebt den Wald und schält alle Bäume, um ihre Klagen darauf auszuhauchen. Mir

ist eine dergleichen formlose Ergießung neulich zu Händen gekommen, wo in sechszehn Zeilen

dreimal »Sehnsucht«, zweimal »unverstanden« und viermal »der Friede« vorkam. Sophie ist ihr

fast fatal, und Everwin, den sie »unsre Mamsell« oder Langewin (lang, schmal) oder Gradewein

nennt, der ewige unfreiwillige Tröster ihrer Langenweile; sie gibt ihm Salz mit auf die Jagd,

macht, daß seine Leintücher eingeschlagen werden, so daß er nachts wie in einem kurzen Sacke

steckt, oder nimmt seine Dohnen aus und hängt Maulwürfe oder schwarze Hadern hinein, was ihm

allemal wirklich nahgeht und empfindlicher ist als die schlaflose Nacht. Da ihm zur Revanche

Geschick und Kühnheit fehlen, ist’s ein einseitiger Spaß, der in Everwins Herzen allmählich

einen Sauerteig von verkniffener Schadenfreude ansetzt: ich sehe allemal etwas wie einen

falschen Sonnenstrahl über sein Gesicht zucken, wenn sie mit ihrer halbbewußten Koketterie bei

einem Kameraden abfährt oder Karo, nach einem Wasserbade, sich zunächst bei ihr abschüttelt,

und ich habe ihn in Verdacht, ihn vorzugsweise auf ihrer Seite apportieren zu lassen. Dem

Wilhelm scheint sie gewogener, nennt ihn einen gebildeten, jungen Mann, und es kommt mir vor,

als ob sie seinetwegen zuweilen ein Schleifchen mehr ansteckte, was er leider nicht zu

bemerken scheint. Ich glaube überhaupt, daß zwei Drittel ihrer Seufzer dem Verkanntsein

gelten; ist’s z.B. nicht hart, daß sie, die Französisch spricht wie Deutsch und den Gellert

zitieren kann, hier noch Rechnenstunde nehmen muß bei einem invaliden Unteroffizier, der am

Ausgange des Parks wohnt? – Wäre seine fuchsige Perücke nicht und sein schönes Französisch, in

dem er sich nach ihrem »ton pêre« erkundigt, sie führe aus ihrer Sammethaut – nun aber hat sie

an ihm wenigstens einen Souffre-douleur, ein schlechtes Äpfelchen gegen den Durst, und mag ihm

Zeug sagen und tun, daß der Onkel den Kopf schüttelt und doch lachen muß. – Es ist

unerquicklich, hier jemanden zu sehen, der die Landesweise nicht aufzufassen versteht, der

Spott ärgert einen, und doch wird man sich dadurch des Entbehrten bewußt und fühlt die

Einförmigkeit wie einen schläfernden Hauch an sich streifen.

Ich bemerke eben, daß ich den Fehler habe, mich in Stimmungen hinein- und hinauszuschreiben,

so hat mich der Paragraph Anna fast rebellisch gemacht gegen das Haus meines guten Vetters,

den ich mir, als einen Bissen pour la bonne bouche, in diesem Abschnitt zuletzt aufgehoben

habe. – Gott segne ihn alle Stunden seines Lebens; ein Unglück kann ihn nur zur Läuterung

treffen, verdient hat er es nie und nimmer. Ich halte es für unmöglich, diesen Mann nicht

liebzuhaben; seine Schwächen selbst sind liebenswürdig. – Denkt euch einen großen stattlichen

Mann, gegen dessen breite Schultern und Brust fast weibliche Hände und der kleinste Fuß

seltsam abstechen, ferner eine sehr hohe, freie Stirn, überaus lichte Augen, eine starke

Adlernase und darunter Mund und Kinn eines Kindes, die weißeste Haut, die je ein Männergesicht

entstellte, und der ganze Kopf voll Kinderlöckchen, aber grauen, und das Ganze von einem

Strome von Milde und gutem Glauben überwallt, daß es schon einen Viertelschelm reizen müßte,

ihn zu betrügen, und doch einem doppelten es fast unmöglich macht; gar adlig sieht der Herr

dabei aus, gnädig und lehnsherrlich, trotz seines grauen Landrocks, von dem er sich selten

trennt, und hat Mut für drei: ich habe ihn bei einem Spaziergange, wo man auf verbotene Wege

geraten war, fast fünf Minuten lang einen wütenden Stier mit seinem Bambusrohr parieren sehen,

bis alle sich hinter Wall und Graben gesichert hatten, und da sah, wie Wilhelm sagt, der mit

seinem Spazierstöckchen zur Hülfe herbeirannte, was er vermochte, der Herr aus wie ein

Leonidas bei Thermopilae; er ist ein leidenschaftlicher Zeitungsleser und Geschichtsfreund und

liebt das gedruckte Blutvergießen – Eugen und Marlborough sind Namen, die seine Augen wie

Laternen leuchten lassen; dennoch bin ich zweifelhaft, ob im vorkommenden Falle der Herr den

Feind tapferlich erschlagen oder sich lieber selbst gefangengeben würde, um keinen Mord auf

seine Seele zu laden. Von Räubern und Mordbrennern träumt er gern, und wenn die Hofhunde

nachts ungewöhnlich anschlagen und gegen irgendeinen dunkeln Winkel vor- und rückwärts fahren,

hat man ihn wohl schon unbegleitet im Schlafrock mit blankem Degen in das verdächtige Verlies

dringen sehen, mit wahrhaft acharnierter Wut, den Schelm zu packen und einzuspunden, den er

dann freilich am andern Morgen hätte laufen lassen. Den Verstand des Herrn habe ich anfangs zu

gering angeschlagen, er hat sein reichliches Anteil an der stillnährenden Poesie dieses

Landes, der den Mangel an eigentlichem Geiste fast ersetzt, dabei ein klares Judizium und

jenes haarfeine Ahnen des Verdächtigen, was aus eigner Reinheit entspringt: sein erstes Urteil

ist immer überraschend richtig, sein zweites schon bedeutend vom Mantel der christlichen Liebe

verdunkelt, und wer ihn heute als erklärter Filou anschauert, ist morgen vielleicht ein

gewandter Mann, den man etwas weniger schlau wünschen möchte. Der Herr liest viel, täglich

mehre Stunden, und immer Belehrendes, Sprachliches, Geschichtliches, zur Abwechselung

Reisebeschreibungen, wo seine naive Phantasie immer den Autor überflügelt und er heimlich auf

jedem Blatte ein neues Eldorado oder die Entdeckung des Paradiesgartens erwartet – überhaupt

kommt mir diese Familie vor wie die Scholastiker des Mittelalters mit ihrem rastlosen,

gründlichen Fleiße und bodenlosen Dämmerungen. Alles bildet an sich und lernt zu bis in die

grauen Haare hinein, und alles glaubt an Hexen, Gespenster und den Ewigen Juden. – Ich habe

schon gesagt, wie stark die Musik hier getrieben wird; die Anregung geht zumeist von der

gnädigen Frau aus, die gern aus den Leuten alles holen möchte, was irgend darin steckt, das

Talent aber vom Herrn, und es ist nichts lieblicher, als ihn abends in der Dämmerung auf dem

Klaviere phantasieren zu hören: ein wahres adliges Idyll, denn eine gewisse Grandezza fährt

immer in diese unschuldige, reizende Musik hinein und Stöße ritterlicher Courage in

Marschtempo – es wird mir nie zu lang zuzuhören, und allerlei Bilder steigen in mir auf aus

Thomsons »Jahreszeiten«, aus den Kreuzzügen. Sonst hat der Herr noch viele Liebhabereien, alle

von der kindlichsten Originalität, zuerst eine lebende Ornithologie (denn der Herr greift

alles wissenschaftlich an); neben seiner Studierstube ist ein Zimmer mit fußhohem Sand und

grünen Tannenbäumchen, die von Zeit zu Zeit erneuert werden. Die immer offenen Fenster sind

mit Draht verwahrt, und darin piept und schwirrt das ganze Sängervolk des Landes, von jeder

Art ein Exemplar, von der Nachtigall bis zur Meise; es ist dem Herrn eine Sache von

Wichtigkeit, die Reihe vollständig zu erhalten: der Tod eines Hänflings ist ihm wie der

Verlust eines Blattes aus einem naturhistorischen Werke. Er hat ein wahres Spionieren nach

jedem seltenen Durchzügler: früh um fünf sehe ich ihn schon über die Brücken schreiten nach

seinen Weidenklippen und Leimstangen, und wieder in der brennenden Mittagshitze, sieben- bis

achtmal in einem Tage; möchte ich ihm zuweilen die Mühe abnehmen und verspreche, die Klippe

wohlgeschlossen zu lassen oder den Vogel mitsamt der Leimstange in mein Schnupftuch gewickelt

fein sauber herzutragen, so gibt er mir wohl nach, um mir keine Schmach anzutun, aber er trabt

nebenher, und es ist, als ob er meinte, meine profane Gegenwart allein könne schon den

erwischten Vogel echappieren machen. Dann ist der Herr ein gründlicher Botanikus und hat

manche schöne Tulpe und Schwertlilie in seinem Garten; das ist ihm aber nicht genug, seine

reiche, innere Poesie verlangt nach dem Wunderbaren, Unerhörten – er möchte gern eine Art

unschuldigen Hexenmeister spielen und ist auf die seltsamsten Einfälle geraten, die sich

mitunter glücklich genug bewähren und für die Wissenschaft nicht ohne Wert sein möchten: so

trägt er mit einem feinen Sammetbürstchen den Blumenstaub sauber von der blauen Lilie zu der

gelben, von der braunen zur rötlichen, und die hieraus entspringenden Spielarten sind sein

höchster Stolz, die er mit einem wahren Prometheus-Ansehen zeigt; die wilden Blumen, seine

geliebten Landsleute, deren Verkanntsein er bejammert, pflegt er nach allen Verschiedenheiten

in netten Beetchen, wie Reihen kleiner Grenadiere. Manchen Schweißtropfen hat der gute Herr

vergossen, wenn er mit seinem kleinen Spaten halbe Tage lang nach einer seltenen Orchis

suchte, und manches in seiner Domäne ist ihm dabei sichtbar geworden, was er sonst nie weder

gesucht noch gefunden hätte; darum lieben die Bauern auch nichts weniger als des Herrn

botanische Exkursionen, bei denen er immer heimlich auf Unerhörtes hofft, z.B. ein

scharlachrotes Vergißmeinnicht oder blaues Maßliebchen, obwohl er als ein verständiger Mann

dies nicht eigentlich glaubt, aber man kann nicht wissen! Die Natur ist wunderbar! Nichts

zeigt die reiche, kindlich frische Phantasie des Herrn deutlicher als sein schon oft genanntes

Liber mirabilis, eine mühsam zusammengetragene Sammlung alter prophetischer Träume und

Gesichte, von denen dieses Land wie mit einem Flor überzogen ist: fast der zehnte Mann ist

hier ein Prophet – ein Vorkieker (Vorschauer, wie man es nennt); wie ich fürchte, einer oder

der andre dem Herrn zulieb. – Seltsam ist’s, daß diese Menschen alle eine körperliche

Ähnlichkeit haben: ein lichtblaues, geisterhaftes Auge, was fast ängstlich zu ertragen ist;

ich meine, so müsse Swedenborg ausgesehen haben; sonst sind sie einfach, häufig beschränkt,

des Betrugs unfähig, in keiner Weise von andern Bauern unterschieden; ich habe mit manchen von

ihnen geredet, und sie gaben mir verständigen Bescheid über Wirtschaft und Witterung, aber

sobald meine Fragen übers Alltägliche hinausgingen, waren sie ihnen unverständlich, und doch

verraten manche dieser sogenannten Prophezeiungen und Gesichte eine großartige

Einbildungskraft, streifen an die Allegorie und gehen überall weit über das Gewöhnliche, so

daß ich gezwungen bin, eine momentane geistige Steigerung anzunehmen – wie Mesmer sie jetzt in

seiner neuen Theorie aufstellt. Der Vetter nun hat alle diese in der Tat merkwürdigen

Träumereien gesammelt und teils aus scholastischem Triebe, teils um sie für alle Zeiten

verständlich zu erhalten, in sehr fließendes Latein übersetzt und sauber in einer buchförmigen

Kapsel verwahrt, und »Liber mirabilis« steht breit auf dem Rücken mit goldenen Lettern; dies

ist sein Schatz und Orakel, bei dem er anfrägt, wenn es in den Welthändeln konfus aussieht,

und was nicht damit übereinstimmt, wird vorläufig mit Kopfschütteln abgefertigt. Guter Vetter,

du hast mir deinen Schatz anvertraut, obwohl ich weiß, daß du lieber ein Mal auf deinem

Gesicht als einen Flecken auf den Blättern erträgst; da liegt er, rot, golden und stattlich

wie ein englischer Stabsoffizier, und ich sitze hier wie ein schlechter Spion und nehme eine

geheime Karte von deiner Person. Gute Nacht! würde ich sagen, aber du hast immer gute Nächte,

denn du bist gesund und reinen Herzens; ich muß früh auf – wir haben sieben Meisenkästen

abzusuchen. –

Drittes Kapitel

Der Morgen war so schön! Nachtigallen rechts und links antworteten sich so schmetternd aus dem

blühenden Gesträuch und Hagen, daß ich um fünf Uhr im engsten Sinne des Wortes davon geweckt

worden bin und es mir unmöglich war, wieder einzuschlafen; so habe ich denn bis zum Frühstück

mich in den Anlagen umhergetrieben und die erste Blüte an des Herrn neuster Iris mit meinem

profanen Auge eher erblickt als der gute Prometheus selbst. Es war in diesen Tagen viel Rede

und Erwartung wegen dieser Blume aus des Herrn Fabrik, die mir nur etwas tiefer blau scheint

als die gewöhnliche Schwertlilie – ich denke aber, er wird sie »atropurpurea« oder

»mirabilissima« taufen; jedenfalls sah die Blume in ihrem Tauperlenschleier reizend genug aus,

und überall hatten die Anlagen in ihrem jungen, von der Sonne vergoldeten Grün, ihrem Tau und

Blütenstaat eine solche beauté du diable, daß ich glaubte, nie etwas Lieblicheres gesehen zu

haben. Der feuchte Boden ist dem Blumenwuchs und den Singvögeln so zuträglich, daß man in der

schönen Jahreszeit von Düften, Farbe und Gesang berauscht vergißt, daß alles fehlt, was man

sonst von schöner Gegend zu fordern pflegt – Gebirg, Strom, Felsen. Ich muß der Seltsamkeit

wegen anmerken, daß mir ganz poetisch zumute ward und ich mich beinah auf den nassen Rasen

gesetzt hätte, wirklich mich auf eine Bank hingoß und, sehr dazu gestimmt, ein paar Gedichte

von Wilhelm hervorzog, die Fräulein Anna mir gestern abend mit verschmitztem Lächeln und ein

wenig Erröten zugesteckt hatte. Irre ich nicht, so ruhen ihre dunkeln Augen zuweilen mit einer

Teilnahme auf dem jungen Dichter, wie Langeweile und etwas Empfindsamkeit sie leicht auf dem

Lande erzeugen. Der schüchterne Junge scheint indessen nichts hiervon zu ahnen, und ich bin

ungewiß, ob eine etwaige Entdeckung dem Fräulein zum Schaden oder Vorteil gereichen würde, da

seine blauen, jungfräulichen Augen ganz anderes zu suchen scheinen als so rheinisches Blut.

Also ein Dichter ist der Wilhelm! Ich hätte es mir denken können nach seinen verklärten

Blicken, wenn wir am Weiher stehen, und die Schwäne durch den glitzernden Sonnenspiegel

segeln, wo er dann wirklich schön aussieht, die übrige Zeit aber unbehülflich und

verschüchtert, wie es einem jungen Schreiber zukömmt, den die Güte des Herrn höchst

überflüssig seinem Onkel zugesellt hat, nur um das arme Blut in freie Kost und Wohnung zu

bringen. Die Verse sind auf schlechtes Konzeptpapier geschrieben, häufig durchstrichen und

gewiß nicht für das Auge des Fräuleins bestimmt; das eine schien sie mir mit einiger Ziererei

vorenthalten zu wollen – dieses wird zuerst gelesen:

(Hier folgt »Das Mädchen am Bache«.)

Ei, ei, Wilhelmus, was sind das für gefährliche Gedanken, paßt sich dergleichen für einen

armen Studenten, der erst in zehn Jahren vielleicht lieben darf? Nun zum zweiten:

(»Der Knabe im Rohr«.)

Der junge Mensch hat wirklich Talent, und in einer günstigern Umgebung… doch nein – bleib in

deiner Heide, laß deine Phantasie ihre Fasern tief in deine Weiher senken und wie eine

geheimnisvolle Wasserlilie darüber schaukeln, – sei ein Ganzes, ob nur ein Traum, ein

halbverstandenes Märchen – es ist immer mehr wert als die nüchterne Frucht vom Baum der

Erkenntnis. – Beim Heimzuge fand ich seinen Onkel, den Rentmeister Friese, in Hemdärmeln am

Brunnen vor dem Nebengebäude, eifrig bemüht, seine Stubenfenster mit Hülfe eines Strohwisches

und endloser Wassergüsse zu säubern; seine Glatze glänzte wie frischer Speck, und ich hörte

ihn schon auf dreißig Schritt stöhnen wie ein dämpfiges Pferd. Er sah mich nicht, und so

konnte ich den wunderlichen Mann mit Muße in seinem Negligé betrachten, das an allen Stellen,

die der Rock sonst in Verborgenheit bringt, mit den vielfarbigsten Lappen verziert war und ihm

das Ansehen einer Musterkarte gab; es ist mir selten ein harpagonähnlicheres Gesicht

vorgekommen! Spitz wie ein Schermesser, mit Lippen wie Zwirnfäden, die fast immer geschlossen

sind, als fürchteten sie, etwas Brauchbares entwischen zu lassen, und nur, wenn er gereizt

wird, Witzfunken sprühen wie ein Kater, den man gegen den Strich streichelt. Dennoch ist

Friese ein redlicher Mann, dem jeder Groschen aus seines Herrn Tasche wie ein Blutstropfen vom

Herzen fällt, aber ein Spekulant sondergleichen, der mit allem, was als unbrauchbar verdammt

ist: Lumpen, Knochen, verlöschten Kohlen, rostigen Nägeln, den weißen Blättern an verworfenen

Briefen, Handel treibt und sich im Verlauf von dreißig Jahren ein hübsches, rundes Sümmchen

aus dem Kehricht gewühlt haben soll. Seine Kammer ist niemanden zugänglich als seinen

Handelsfreunden und dem Wilhelm; er fegt sie selber, macht sein Bett selber, die reine Wäsche

muß ihm ans Türschloß gehängt werden. – Nitimur in vetitum, ich wagte einen Sturm, nahte mich

höflich und bat um ein paar geschnittene Federn, – er wurde doch blutrot und zog sich wie ein

Krebs der Tür zu, um seine Hinterseite zu verbergen, – ich ihm nach und ließ ihm nur so weit

den Vortritt, daß ihm gelingen konnte, in seinen grauen Flaus zu fahren, dann stand ich vor

ihm, er sah mich an mit einem Blick des Entsetzens, wie weiland der Hohepriester ihn auf den

Tempelschänder, der ins Allerheiligste drang, mag geschleudert haben, deckte hastig eine

baumwollene Schlafmütze über ein Etwas in der babylonischen Verwirrung seines Tisches, suchte

nach einem Federbunde, dann, in verdrießlicher Eile, nach einem Federmesser – es war nicht da

– er mußte sich entschließen, in einen Alkoven zu treten, ich warf schnell meine Augen umher –

das ganze, weite Zimmer war wie mit Maulwurfshügeln bedeckt, durch die ein Labyrinth von

Pfaden führte, – saubere Knöchelchen für die Drechsler, Lumpen für die Papiermühle, altes

Eisen, auf dem Tische leere Nadelbriefe, schon zur Hälfte wieder gefüllt mit Stecknadeln,

denen man es ansah, daß sie gradegebogen und neu angeschliffen wurden; ich hörte ihn einen

Schrank öffnen und hob leise den Zipfel der blauen Mütze, – beschriebene Hefte in den

verschiedensten Formaten, offenbar Memoiren: »Heute hat der lutherische Herr wieder eine ganze

Flasche Franzwein getrunken, das Faß à 48 Taler ist fast leer.« Ich stand steif wie eine

Schildwacht, denn Herr Friese trat herein, und machte mich dann bald davon, so triumphierend

wie ein begossener Hund, – guter Vetter, wird dir deine Freundlichkeit so schändlich

kontrolliert! Ich habe den Friese nie leiden können, obendrein, ist er ein alter Narr, der

sich von der Zofe Katharina, einem schlauen, lustigen Mädchen und der gnädigen Frau Liebling,

aufs albernste hänseln läßt. Diese junge Rheinländerin stiftet überhaupt einen greulichen

Brand im Schlosse: drei westfälische Herzen seufzen ihretwegen wie Öfen; zuerst des Herrn

geliebter Johann (von ihm nur Jan Fiedel genannt), der mit ihm eigens zu seinem Kammerdiener

erzogen worden ist, recht artig die Geige mit dem Herrn Everwin streicht und in seinen

graumelierten, mit Talg glattgestrichenen Haarresten, die in einem ausgemergelten Zöpfchen

enden, einem geschundenen Hasen gleicht, dann ein paderbornischer Schlingel, derselbe, der

mich zuerst am Wagen begrüßte, ein nichtsnutziger Bursch, der sich durch tausend Foppereien an

seinen Gesellen für die Langeweile, die sie ihm machen, schadlos hält. Den Herrn beschwätzt er

zu allem, wie er will, und ist ihm erst vor kurzem etwas fatal geworden, seit er der Köchin,

einer armen, gichtischen Person, drei bunte Seidenfäden als sympathetisches Mittel gab mit dem

Zusatze, es wirke nur, wenn sie täglich einen Korb voll Holz vor des Herrn Zimmer trage (bis

dahin sein Amt). Der Spaß kam aus, und der Herr war sehr ungehalten über diese Grausamkeit

seines Johanns; doch meine ich, daß er ihn seitdem auch sonst mit mißtrauischen Blicken

betrachtet, »denn«, wie der Herr sagt, »dergleichen Dinge sind nicht ganz zu leugnen, man

trifft im Paderbörnischen seltsame Beispiele an […«]

Kurt Tucholsky – Schloß Gripsholm

Kurt Tucholsky: Schloß Gripsholm

Erstes Kapitel

1

Ernst Rowohlt Verlag Berlin W 50 Passauer Straße 8/9

8. Juni

Lieber Herr Tucholsky,

schönen Dank für Ihren Brief vom 2. Juni. Wir haben Ihren Wunsch notiert. Für heute etwas andres.

Wie Sie wissen, habe ich in der letzten Zeit allerhand politische Bücher verlegt, mit denen Sie sich ja hinlänglich beschäftigt haben. Nun möchte ich doch aber wieder einmal die »schöne Literatur« pflegen. Haben Sie gar nichts? Wie wäre es denn mit einer kleinen Liebesgeschichte? Überlegen Sie sich das mal! Das Buch soll nicht teuer werden, und ich drucke Ihnen für den Anfang zehntausend Stück. Die befreundeten Sortimenter sagen mir jedesmal auf meinen Reisen, wie gern die Leute so etwas lesen. Wie ist es damit?

Sie haben bei uns noch 46 RM gut — wohin sollen wir Ihnen die überweisen?

Mit den besten Grüßen Ihr (Riesenschnörkel) Ernst Rowohlt

10. Juni

Lieber Herr Rowohlt,

Dank für Ihren Brief vom 8. 6.

Ja, eine Liebesgeschichte … lieber Meister, wie denken Sie sich das? In der heutigen Zeit Liebe? Lieben Sie? Wer liebt denn heute noch? Dann schon lieber eine kleine Sommergeschichte.

Die Sache jst nicht leicht. Sie wissen, wie sehr es mir widerstrebt, die Öffentlichkeit mit meinem persönlichen Kram zu behelligen — das fällt also fort. Außerdem betrüge ich jede Frau mit meiner Schreibmaschine und erlebe daher nichts Romantisches. Und soll ich mir die Geschichte vielleicht ausdenken? Phantasie haben doch nur die Geschäftsleute, wenn sie nicht zahlen können. Dann fällt ihnen viel ein. Unsereinem…

Schreibe ich den Leuten nicht ihren Wunschtraum (»Die Gräfin raffte ihre Silber-Robe, würdigte den Grafen keines Blickes und fiel die Schloßtreppe hinunter«), dann bleibt nur noch das Propplem über die Ehe als Zimmer- Gymnastik, die »menschliche Einstellung« und all das Zeug, das wir nicht mögen. Woher nehmen und nicht bei Villon stehlen?

Da wir grade von Lyrik sprechen:

Wie kommt es, daß Sie in § 9 unseres Verlagsvertrages 15 % honorarfreie Exemplare berechnen. Soviel Rezensionsexemplare schicken Sie doch niemals in die Welt hinaus! So jagen Sie den sauren Schweiß Ihrer Autoren durch die Gurgel — kein Wunder, daß Sie auf Samt saufen, während unsereiner auf harten Bänken dünnes Bier schluckt. Aber so ist alles.

Daß Sie mir gut sind, wußte ich. Daß Sie mir für 46 RM gut sind, erfreut mein Herz. Bitte wie gewöhnlich an die alte Adresse. Übrigens fahre ich nächste Woche in Urlaub.

Mit vielen schönen Grüßen Ihr Tucholsky

Ernst Rowohlt Verlag Berlin W 50 Passauer Straße 8/9

12. Juni

Lieber Herr Tucholsky,

vielen Dank für Ihren Brief vom 10. d. M.

Die 15 % honorarfreien Exemplare sind — also das können Sie mir wirklich glauben — meine einzige Verdienstmöglichkeit. Lieber Herr Tucholsky, wenn Sie unsere Bilanz sähen, dann wüßten Sie, daß es ein armer Verleger gar nicht leicht hat. Ohne die 15 % könnte ich überhaupt nicht existieren und würde glatt verhungern. Das werden Sie doch nicht wollen.

Die Sommergeschichte sollten Sie sich durch den Kopf gehen lassen.

Die Leute wollen neben der Politik und dem Aktuellen etwas haben, was sie ihrer Freundin schenken können. Sie glauben gar nicht, wie das fehlt. Ich denke an eine kleine Geschichte, nicht zu umfangreich, etwa 15-16 Bogen, zart im Gefühl, kartoniert, leicht ironisch und mit einem bunten Umschlag. Der Inhalt kann so frei sein, wie Sie wollen.

Ich würde Ihnen vielleicht insofern entgegenkommen, daß ich die honorarfreien Exemplare auf 14 % heruntersetze. Wie gefällt Ihnen unser neuer Verlagskatalog? Ich wünsche Ihnen einen vergnügten Urlaub und bin mit vielen Grüßen

Ihr (Riesenschnörkel) Ernst Rowohlt

15. Juni

Lieber Meister Rowohlt,

auf dem neuen Verlagskatalog hat Sie Gulbransson ganz richtig gezeichnet: still sinnend an des Baches Rand sitzen Sie da und angeln die fetten Fische. Der Köder mit 14 % honorarfreier Exemplare ist nicht fett genug — 12 sind auch ganz schön. Denken Sie mal ein bißchen darüber nach und geben Sie Ihrem harten Verlegerherzen einen Stoß. Bei 14 % fällt mir bestimmt nichts ein — ich dichte erst ab 12 %.

Ich schreibe diesen Brief schon mit einem Fuß in der Bahn. In einer Stunde fahre ich ab — nach Schweden. Ich will in diesem Urlaub überhaupt nicht arbeiten, sondern ich möchte in die Bäume gucken und mich mal richtig ausruhn.

Wenn ich zurückkomme, wollen wir den Fall noch einmal bebrüten. Nun aber schwenke ich meinen Hut, grüße Sie recht herzlich und wünsche Ihnen einen guten Sommer! Und vergessen Sie nicht: 12 %!

Mit vielen schönen Grüßen Ihr getreuer Tucholsky

Unterschrieben — zugeklebt — frankiert — es war genau acht Uhr zehn Minuten. Um neun Uhr zwanzig ging der Zug von Berlin nach Kopenhagen. Und nun wollten wir ja wohl die Prinzessin abholen.

2

Sie hatte eine Altstimme und hieß Lydia.

Karlchen und Jakopp aber nannten jede Frau, mit der einer von uns dreien zu tun hatte, »die Prinzessin«, um den betreffenden Prinzgemahl zu ehren — und dies war nun also die Prinzessin; aber keine andre durfte je mehr so genannt werden.

Sie war keine Prinzessin.

Sie war etwas, was alle Schattierungen umfaßt, die nur möglich sind: sie war Sekretärin. Sie war Sekretärin bei einem unförmig dicken Patron; ich hatte ihn einmal gesehn und fand ihn scheußlich, und zwischen ihm und Lydia… nein! Das kommt beinah nur in Romanen vor. Zwischen ihm und Lydia bestand jenes merkwürdige Verhältnis von Zuneigung, nervöser Duldung und Vertrauen auf der einen Seite und Zuneigung, Abneigung und duldender Nervosität auf der andern: sie war seine Sekretärin. Der Mann führte den Titel eines Generalkonsuls und handelte ansonsten mit Seifen. Immer lagen da Pakete im Büro herum, und so hatte der Dicke wenigstens eine Ausrede, wenn seine Hände fettig waren.

Der Generalkonsul hatte ihr in einer Anwandlung fürstlicher Freigebigkeit fünf Wochen Urlaub gewährt; er fuhr nach Abbazia. Gestern abend war er abgefahren — werde ihm der Schlafwagen leicht! Im Büro saßen sein Schwager und für Lydia eine Stellvertreterin. Was gingen mich denn seine Seifen an — Lydia ging mich an.

Da stand sie schon mit den Koffern vor ihrem Haus — »Hallo!«

»Du bischa all do?« sagte die Prinzessin — zur grenzenlosen Verwunderung des Taxichauffeurs, der dieses für Ostchinesisch hielt. Es war aber Missingsch.

Missingsch ist das, was herauskommt, wenn ein Plattdeutscher Hochdeutsch sprechen will. Er krabbelt auf der glatt gebohnerten Treppe der deutschen Grammatik empor und rutscht alle Nase lang wieder in sein geliebtes Platt zurück. Lydia stammte aus Rostock, und sie beherrschte dieses Idiom in der Vollendung. Es ist kein bäurisches Platt — es ist viel feiner. Das Hochdeutsch darin nimmt sich aus wie Hohn und Karikatur; es ist, wie wenn ein Bauer in Frack und Zylinder aufs Feld ginge und so ackerte. Der Zylinder ischa en finen statschen Haut, över wen dor nich mit grot worn is, denn rutscht hei ümmer werrer aff, dat deit he… Und dann ist da im Platt der ganze Humor dieser Norddeutschen; ihr gutmütiger Spott, wenn es einer gar zu toll treibt, ihr fest zupackender Spaß, wenn sie falschen Glanz wittern, und sie wittern ihn, unfehlbar … diese Sprache konnte Lydia bei Gelegenheit sprechen. Hier war eine Gelegenheit.

»Kann mir gahnich gienug wunnern, dasse den Zeit nich verschlafen hass!« sagte sie und ging mit festen, ruhigen Bewegungen daran, mir und dem Chauffeur zu helfen.

Wir packten auf. »Hier, nimm den Dackel!« — Der Dackel war eine fette, bis zur Albernheit lang gezogene Handtasche.

Und so pünktlich war sie! Auf ihren Nasenflügeln lag ein Hauch von Puder.

Wir fuhren.

»Frau Kremser hat gesagt«, begann Lydia, »ich soll mir meinen Pelz mitnehmen und viele warme Mäntel — denn in Schweden gibt es überhaupt keinen Sommer, hat Frau Kremser gesagt. Da war immer Winter. Ische woll nich möchlich!« Frau Kremser war die Haushälterin der Prinzessin, Stubenmädchen, Reinmachefrau und Großsiegelbewahrerin. Gegen mich hatte sie noch immer, nach so langer Zeit, ein leise schnüffelndes Mißtrauen — die Frau hatte einen guten Instinkt. »Sag mal… ist es wirklich so kalt da oben?«

»Es ist doch merkwürdig«, sagte ich. »Wenn die Leute in Deutschland an Schweden denken, dann denken sie: Schwedenpunsch, furchtbar kalt, Ivar Kreuger, Zündhölzer, furchtbar kalt, blonde Frauen und furchtbar kalt. So kalt ist es gar nicht.« — »Also wie kalt ist es denn?« — »Alle Frauen sind pedantisch«, sagte ich. — »Außer dir!« sagte Lydia. — »Ich bin keine Frau.« — »Aber pedantisch!« — »Erlaube mal«, sagte ich, »hier liegt ein logischer Fehler vor. Es ist genauestens zu unterscheiden, ob pro primo…« — »Gib mal’n Kuß auf Lydia!« sagte die Dame. Ich tat es, und der Chauffeur nuckelte leicht mit dem Kopf, denn seine Scheibe vorn spiegelte.

Und dann hielt das Auto da, wo alle bessern Geschichten anfangen: am Bahnhof.

3

Es ergab sich, daß der Gepäckträger Nr. 47 aus Warnemünde stammte, und der Freude und des Geredes war kein Ende, bis ich, diese landsmännische Idylle, der Zeit wegen, unterbrach. »Fährt der Gepäckträger mit? Dann könnt ihr euch ja vielleicht im Zug weiter unterhalten.« — »Olln Döskopp! Heww di man nich so!« sagte die Prinzessin. Und: »Wi hemm noch bannig Tid!« der Gepäckträger. Da schwieg ich überstimmt, und die beiden begannen ein emsiges Palaver darüber, ob Korl Düsig noch am »Strom« wohnte — wissen Sie: Düsig — näää … de Olsch! So, Gott sei Dank, er wohnte noch da! Und hatte wiederum ein Kind hergestellt: der Mann war achtundsiebzig Jahre und wurde von mir, hier an der Gepäckausgabe, außerordentlich beneidet. Es war sein sechzehntes Kind. Aber nun waren es nur noch acht Minuten bis zum Abgang des Zuges, und… »Willst du Zeitungen haben, Lydia?« — Nein, sie wollte keine. Sie hatte sich etwas zum Lesen mitgebracht – wir unterlagen beide nicht dieser merkwürdigen Krankheit, plötzlich auf den Bahnhöfen zwei Pfund bedrucktes Papier zu kaufen, von dem man vorher ziemlich genau weiß: Makulatur. Also kauften wir Zeitungen.

Und dann fuhren wir — allein im Abteil — über Kopenhagen nach Schweden. Vorläufig waren wir noch in der Mark Brandenburg.

»Finnste die Gegend hier, Peter?« sagte die Prinzessin. Wir hatten uns unter anderm auf Peter geeinigt — Gott weiß, warum.

Die Gegend? Es war ein heller, windiger Junitag — recht frisch, und diese Landschaft sah gut aufgeräumt und gereinigt aus — sie wartete auf den Sommer und sagte: Ich bin karg. »Ja…«, sagte ich. »Die Gegend…« — »Du könntest für mein Geld wirklich etwas Gescheiteres von dir geben«, sagte sie. »Zum Beispiel: diese Landschaft ist wie erstarrte Dichtkunst, oder sie erinnert mich an Fiume, nur ist da die Flora katholischer — oder so.« — »Ich bin nicht aus Wien«, sagte ich. »Gott sei Dank«, sagte sie. Und wir fuhren.

Die Prinzessin schlief. Ich denkelte so vor mich hin.

Die Prinzessin behauptete, ich sagte zu jeder von mir geliebten Frau, aber auch zu jeder –: »Wie schön, daß du da bist!« Das war eine pfundsdicke Lüge — manchmal sagte oder dachte ich doch auch: »Wie schön, daß du da bist… und nicht hier!« — aber wenn ich die Lydia so neben mir sitzen sah, da sagte ich es nun wirklich. Warum –?

Natürlich deswegen. In erster Linie…? Ich weiß das nicht. Wir wußten nur dieses; Eines der tiefsten Worte der deutschen Sprache sagt von zwei Leuten, daß sie sich nicht riechen können. Wir konnten es, und das ist, wenn es anhält, schon sehr viel. Sie war mir alles in einem: Geliebte, komische Oper, Mutter und Freund. Was ich ihr war, habe ich nie ergründen können.

Und dann die Altstimme. Ich habe sie einmal nachts geweckt, und, als, sie aufschrak: »Sag etwas!« bat ich. »Du Dummer!« sagte sie. Und schlief lächelnd wieder ein. Aber ich hatte die Stimme gehört, ich hatte ihre tiefe Stimme gehört.

Und das dritte war das Missingsch. Manchen Leuten erscheint die plattdeutsche Sprache grob, und sie mögen sie nicht. Ich habe diese Sprache immer geliebt; mein Vater sprach sie wie hochdeutsch, sie, die »vollkommnere der beiden Schwestern«, wie Klaus Groth sie genannt hat. Es ist die Sprache des Meeres. Das Plattdeutsche kann alles sein: zart und grob, humorvoll und herzlich, klar und nüchtern und vor allem, wenn man will, herrlich besoffen. Die Prinzessin bog sich diese Sprache ins Hochdeutsche um, wie es ihr paßte — denn vom Missingschen gibt es hundert und aber hundert Abarten, von Friesland über Hamburg bis nach Pommern; da hat jeder kleine Ort seine Eigenheiten. Philologisch ist dem sehr schwer beizukommen; aber mit dem Herzen ist ihm beizukommen. Das also sprach die Prinzessin — ah, nicht alle Tage! Das wäre ja unerträglich gewesen. Manchmal, zur Erholung, wenn ihr grade so zu Mut war, sprach sie missingsch; sie sagte darin die Dinge, die ihr besonders am Herzen lagen, und daneben hatte sie im Lauf der Zeit schon viel von Berlin angenommen. Wenn sie ganz schnell »Allmächtiger Braten!« sagte, dann wußte man gut Bescheid. Aber mitunter sprach sie doch ihr Platt oder eben jenes halbe Platt: missingsch.

Das weiß ich noch wie heute… Das war, als wir uns kennenlernten. Ich war damals zum Tee bei ihr und bot den diskret lächerlichen Anblick eines Mannes, der balzt. Dabei sind wir ja rechtschaffen komisch… Ich machte Plüschaugen und sprach über Literatur — sie lächelte. Ich erzählte Scherze und beleuchtete alle Schaufenster meines Herzens. Und dann sprachen wir von der Liebe. Das ist wie bei einer bayrischen Rauferei — die raufen auch erst mit Worten.

Und als ich ihr alles auseinandergesetzt hatte, alles, was ich im Augenblick wußte, und das war nicht wenig, und ich war so stolz, was für gewagte Sachen ich da gesagt hatte, und wie ich das alles so genau und brennendrot dargestellt und vorgeführt hatte, in Worten, so daß nun eigentlich der Augenblick gekommen war, zu sagen: »Ja, also dann …« — da sah mich die Prinzessin lange an. Und sprach: »Einen weltbefohrnen dschungen Mann –!«

Und da war es aus. Und ich fand mich erst viel später bei ihr wieder, immer noch lachend, und mit der erotischen Weihe war es nichts geworden. Aber mit der Liebe war es etwas geworden.

Der Zug hielt.

Die Prinzessin fuhr auf, öffnete die Augen. »Wo sind wir?« — »Es sieht aus wie Stolp oder Stargard — jedenfalls ist es etwas mit St«, sagte ich. — »Wie sieht es noch aus?« fragte sie. – »Es sieht aus«, sagte ich und blickte auf die Backsteinhäuschen und den trübsinnigen Bahnhof, »wie wenn hier die Unteroffiziere geboren werden, die ihre Mannschaften schinden. Möchtest du hier Mittag essen?« Die Prinzessin schloß sofort die Augen. »Lydia«, sagte ich, »wir können auch im Speisewagen essen, der Zug hat einen.« — »Nein«, sagte sie. »Im Speisewagen werden die Kellner immer von der Geschwindigkeit des Zuges angesteckt, und es geht alles so furchtbar eilig — ich habe aber einen langsamen Magen …« — »Gut. Was liest du da übrigens, Alte?« — »Ich schlafe seit zwei Stunden auf einem mondänen Roman. Der einzige Körperteil, mit dem man ihn lesen kann…«, und dann machte sie die Augen wieder zu. Und wieder auf. »Guck eins … die Frau da! Die is aber misogyn!« — »Was ist sie?« — »Misogyn … heißt das nicht mickrig? Nein, das habe ich mit den Pygmäen verwechselt; das sind doch diese Leute, die auf Bäumen wohnen … wie?« Und nach dieser Leistung entschlummerte sie aufs neue, und wir fuhren, lange, lange. Bis Warnemünde.

Da war der »Strom«. So heißt hier die Warne — war es die Warne? Peene, Swine, Dievenow… oder hieß der Fluß anders? Es stand nicht dran. Mit Karlchen und Jakopp hatte ich der Einfachheit halber erfunden, jeder Stadt den ihr zugehörigen Fluß zu geben: Gleiwitz an der Gleiwe, Bitterfeld an der Bitter und so fort.

Hier am Strom lagen lauter kleine Häuser, eins beinah wie das andre, windumweht und so gemütlich. Segelboote steckten ihre Masten in die graue Luft, und beladene Kähne ruhten faul im stillen Wasser. »Guck mal, Warnemünde!«

»Diß kenn ich scha denn nu doch wohl bißchen besser als du. Harre Gott, nein … Da ische den Strom, da bin ich sozusagen an groß gieworn! Da wohnt scha Korl Düsig un min oll Wiesendörpsch, un in das nüdliche lütte Haus, da wohnt Tappsier Kroger, den sind solche netten Menschen, as es auf diese ausgeklürte Welt sons gah nich mehr gibt… Und das is Zenater Eggers sin Hus, Dree Linden. Un sieh mal: das alte Haus da mit den schönen Barockgiebel — da spückt es in!« — »Auf plattdeutsch?« fragte ich. — »Du büschan ganzen mongkanten Mann; meins, den Warnemünder Giespenster spüken auf hochdeutsch rum — nee, allens, was Recht is, Ordnung muß sein, auch inne vierte Dimenzion …! Und …« Rrrums — der Zug rangierte. Wir fielen aneinander. Und dann erzählte sie weiter und erklärte mir jedes Haus am Strom, soweit man sehen konnte.

»Da — da is das Haus, wo die alte Frau Brüshaber in giewohnt hat, die war eins so fühnsch, daß ich’n beßres Zeugnis gehabt hab als ihre Großkinder; die waren ümme so verschlichen… und da hat sie von ’n ollen Wiedow, dem Schulderekter, gesagt: Wann ick den Kierl inn Mars hat, ick scheet em inne Ostsee! Un das Haus hat dem alten Laufmüller giehört. Den kennst du nich auße Weltgeschichte? Der Laufmüller, der lag sich ümme inne Haaren mit die hohe Obrigkeit, was zu diese Zeit den Landrat von der Decken war, Landrat Ludwig von der Decken. Und um ihn zu ägen, kaufte sich der Laufmüller einen alten räudigen Hund, und den nannte er Lurwich, und wenn nu Landrat von der Decken in Sicht kam, denn rief Laufmüller seinen Hund: Lurwich, hinteh mich! Und denn griente Laufmüller so finsch, und den Landrat ärgerte sich … un davon haben wi auch im Schohr 1918 keine Revolutschon giehabt. Ja.« — »Lebt der Herr Müller noch?« fragte ich. — »Ach Gott, neien — he is all lang dod. Er hat sich giewünscht, er wollt an Weg begraben sein, mit dem Kopf grade an Weg.« — »Warum?« — »Dscha … daß er den Mächens so lange als möchlich untere Röck … Der Zoll!« Der Zoll.

Europa zollte. Es betrat ein Mann den Raum, der fragte höflichst, ob wir … und wir sagten: nein, wir hätten nicht. Und dann ging der Mann wieder weg. »Verstehst du das?« fragte Lydia. — »Ich verstehe es nicht«, sagte ich. »Es ist ein Gesellschaftsspiel und eine Religion, die Religion der Vaterländer. Auf dem Auge bin ich blind. Sieh mal — sie können das mit den Vaterländern doch nur machen, wenn sie Feinde haben und Grenzen. Sonst wüßte man nie, wo das eine anfängt und wo das andre aufhört. Na, und das ginge doch nicht, wie …?« Die Prinzessin fand, daß es nicht ginge, und dann wurden wir auf die Fähre geschoben.

Da standen wir in einem kleinen eisernen Tunnel, zwischen den Dampferwänden. Rucks — nun wurde der Wagen angebunden. »Wissen möcht ich …«, sagte die Prinzessin, »warum ein Schiff eigentlich schwimmt. Es wiegt so viel: es müßte doch untergehn. Wie ist das! Du bist doch einen studierten Mann!« – »Es ist … der Luftgehalt in den Schotten … also paß mal auf … das spezifische Gewicht des Wassers … es ist nämlich die Verdrängung …« – »Mein Lieber«, sagte die Prinzessin, »wenn einer übermäßig viel Fachausdrücke gebraucht, dann stimmt da etwas nicht. Also du weißt es auch nicht. Peter, daß du so entsetzlich dumm bist — das ist schade. Aber man kann ja wohl nicht alles beieinander haben.« Wir wandelten an Bord.

Schiffslängs — backbord — steuerbord … ganz leise arbeiteten die Maschinen. Warnemünde blieb zurück, unmerklich lösten wir uns vom Lande. Vorbei an der Mole da lag die Küste.

Da lag Deutschland. Man sah nur einen flachen, bewaldeten Uferstreifen und Häuser, Hotels, die immer kleiner wurden, immer mehr zurückrückten, und den Strand … War dies eine ganz leise, winzige, eine kaum merkbare Schaukelbewegung? Das wollen wir nicht hoffen.

Ich sah die Prinzessin an. Sie spürte sogleich, wohinaus ich wollte. »Wenn du käuzest, min Jung«, sagte sie, »das wäre ein Zückzeh fuh!« — »Was ist das?« — »Das ist Französisch« — sie war ganz aufgebracht -, »nu kann der Dschung nich mal Französisch un hat sich do Jahrener fünf in Paris feine Bildung bielernt … Segg mohl, was hasse da eigentlich inne ganze Zeit giemacht? Kann ich mi schon lebhaft vorstelln! Ümme mit die kleinen Dirns umher, nöch? Du bischa einen Wüstling! Wie sind denn nun die Französinnen? Komm, erzähl es mal auf Lydia — wir gehn hier rauf und runter, immer das Schiff entlang, und wenn dir schlecht wird, dann beugst du dich über die Reeling, das ist in den Büchern immer so. Erzähl.«

Und ich erzählte ihr, daß die Französinnen sehr vernünftige Wesen seien, mit einer leichten Neigung zu Kapricen, die seien aber vorher einkalkuliert, und sie hätten pro Stück meist nur einen Mann, den Mann, ihren Mann, der auch ein Freund sein kann, natürlich — und dazu vielleicht auch anstandshalber einen Geliebten, und wenn sie untreu seien, dann seien sie es mit leichtsinnigem Bedacht. Beinah jede zweite Frau aber hätte einen Beruf. Und sie regierten das Land ohne Stimmrecht — aber eben nicht mit den Beinen, sondern durch ihre Vernunft. Und sie seien liebenswürdige Mathematik und hätten ein vernünftiges Herz, das manchmal mit ihnen durchginge, doch pfiffen sie es immer wieder zurück. Ich verstände sie nicht ganz.

»Es scheinen Frauen zu sein«, sagte Lydia.

Die Fähre schaukelte nicht grade — sie deutete das nur an. Auch ich deutete etwas an, und die Prinzessin befahl mich in den Speiseraum. Da saßen sie und aßen, und mir wurde gar nicht gut, als ich das sah — denn sie essen viel Fettes in Dänemark, und dieses war eine dänische Fähre. Die Herrschaften aßen zur Zeit: Spickaal und Hering, Heringsfilet, eingemachten Hering, dann etwas, was sie »sild« nannten, ferner vom Baum gefallenen Hering und Hering schlechthin. Auf festem Land eins immer besser als das andre. Und dazu tranken sie jenen herrlichen Schnaps, für den die nordischen Völker, wie sie da sind, ins Himmelreich kommen werden. Die Prinzessin geruhte zu speisen. Ich sah ehrfürchtig zu; sie war eßfest. »Du nimmst gar nichts?« fragte sie zwischen zwei Heringen. Ich sah die beiden Heringe an, die beiden Heringe sahen mich an, wir schwiegen alle drei. Erst als die Fähre landete, lebte ich wieder auf. Und die Prinzessin strich mir leise übers Knie und sagte ehrfürchtig: »Du bischa meinen kleinen Klaus Störtebecker!« Und ich schämte mich sehr.

Und dann ruckelten wir durch Laaland, das dalag, flach wie ein Eierkuchen, und wir kramten in unsern Zeitungen, und dann spielten wir das Bücherspiel: jeder las dem andern abwechselnd einen Satz aus seinem Buch vor, und die Sätze fügten sich gar schön ineinander. Die Prinzessin blätterte die Seiten um, ich sah auf ihre Hände … sie hatte so zuverlässige Hände. Einmal stand sie im Gang und sah zum Fenster hinaus, und dann ging sie fort, und ich sah sie nicht mehr. Ich tastete nach ihrem Täschchen, es war noch warm von ihrer Hand. Ich streichelte die Wärme. Und dann setzten sie uns wieder über ein Meerwasser, und dann rollten wir weiter, und dann — endlich! endlich! — waren wir in Kopenhagen.

»Wenn wir nach hinten heraus wohnen«, sagte ich im Hotel, »dann riecht es nach Küche, und außerdem muß noch vom vorigen Mal ein besoffener Spanier da sein, der komponiert sich seins auf dem Piano, und das macht er zehn Stunden lang täglich. Wenn wir aber nach vorn heraus wohnen, dann klingelt da alle Viertelstunde die Rathausuhr und erinnert uns an die Vergänglichkeit der Zeit.«

»Könnten wir nicht in der Mitte … ich meine …« Wir wohnten also nach dem Rathausplatz zu, und die Uhr klingelte, und es war alles sehr schön.

Lydia pickte auf ihrem Teller herum, mir sah sie bewundernd zu. »Du frißt …«, sagte sie freundlich. »Ich habe schon Leute gesehen, die viel gegessen haben — und auch Leute, die schnell gegessen haben … aber so viel und so schnell …« — »Der reine Neid –«, murmelte ich und fiel in die Radieschen ein. Es war kein feines Abendessen, aber es war ein nahrhaftes Abendessen.

Und als sie sich zum Schlafen wendete und grade die Rathausuhr geklingelt hatte, da sprach sie leise, wie zu sich selbst: »Jetzt auf See. Und dann so ein richtig schaukelndes Schiff. Und dann eine Tasse warmes Maschinenöl …« Und da mußte ich aufstehen und viel Selterswasser trinken.

4

Ja, Kopenhagen.

»Soll ich dir das Fischrestaurant zeigen, in dem Ludendorff immer zu Mittag gegessen hat, als er noch eine Denkmalsfigur war?« — »Zeig es mir … nein, gehen wir lieber auf Lange Linie!« — Wir sahen uns alles an: den Tivolipark und das schöne Rathaus und das Thorwaldsen-Museum, in dem alles so aussieht, wie wenn es aus Gips wäre. »Lydia!« rief ich, »Lydia! Beinah hätt ich es vergessen! Wir müssen uns das Polysandrion ansehn!« — »Das … was?« — »Das Polysandrion! Das mußt du sehn. Komm mit.« Es war ein langer Spaziergang, denn dieses kleine Museum lag weit draußen vor der Stadt.

»Was ist das?« fragte die Prinzessin.

»Du wirst ja sehn«, sagte ich. »Da haben sich zwei Balten ein Haus gebaut. Und der eine, Polysander von Kuckers zu Tiesenhausen, ein baltischer Baron, vermeint, malen zu können. Das kann er aber nicht.« — »Und deshalb gehn wir so weit?« — »Nein, deshalb nicht. Er kann also nicht malen, malt aber doch – und zwar malt er immerzu dasselbe, seine Jugendträume: Jünglinge … und vor allem Schmetterlinge.« — »Ja, darf er denn das?« fragte die Prinzessin. »Frag ihn … er wird dasein. Wenn er sich nicht zeigt, dann erklärt uns sein Freund die ganze Historie. Denn erklärt muß sie werden. Es ist wundervoll.« — »Ist es denn wenigstens unanständig?« — »Führte ich dich dann hin, mein schwarzes Glück?«

Da stand die kleine Villa — sie war nicht schön und paßte auch gar nicht in den Norden; man hätte sie viel eher im Süden, in Oberitalien oder dortherum vermutet … Wir traten ein.

Die Prinzessin machte große Kulleraugen, und ich sah das Polysandrion zum zweitenmal.

Hier war ein Traum Wahrheit geworden — Gott behüte uns davor! Der brave Polysander hatte etwa vierzig Quadratkilometer teurer Leinwand voll gemalt, und da standen und ruhten nun die Jünglinge, da schwebten und tanzten sie, und es war immer derselbe, immer derselbe. Blaßrosa, blau und gelb; vorn waren die Jünglinge, und hinten war die Perspektive.

»Die Schmetterlinge!« rief Lydia und faßte meine Hand.

»Ich flehe dich an«, sagte ich, »nicht so laut! Hinter uns kriecht die Aufwärterin herum, und die erzählt nachher alles dem Herrn Maler. Wir wollen ihm doch nicht weh tun.« Wirklich: die Schmetterlinge. Sie gaukelten in der gemalten Luft, sie hatten sich auf die runden Schultern der Jünglinge gesetzt, und während wir bisher geglaubt hatten, Schmetterlinge ruhten am liebsten auf Blüten, so erwies sich das nun als ein Irrtum: diese hier saßen den Jünglingen mit Vorliebe auf dem Popo. Es war sehr lyrisch.

»Nun bitte ich dich …«, sagte die Prinzessin. — »Still!« sagte ich. »Der Freund!« Es erschien der Freund des Malers, ein ältlicher, sympathisch aussehender Mann; er war bravbürgerlich angezogen, doch schien es, als verachtete er die grauen Kleider unsres grauen Jahrhunderts, und der Anzug vergalt ihm das. Er sah aus wie ein Ephebe a. D. Murmelnd stellte er sich vor und begann zu erklären. Vor einem Jüngling, der stramm mit Schwert und Schmetterling dastand und die Rechte wie zum Gruß an sein Haupt gelegt hatte, sprach der Freund in schönstem baltischem Tonfall, singend und mit allen rollenden Rrrs: »Was Sie hier sehn, ist der völlich verjäistichte Militarrismus!« Ich wendete mich ab — vor Erschütterung. Und wir sahen tanzende Knaben, sie trugen Matrosenanzüge mit Klappkragen, und ihnen zu Häupten hing eine kleine Lampe mit Bommelfransen, solch eine, wie sie in den Korridoren hängen –: ein möbliertes Gefilde der Seligen. Hier war ein Paradies aufgeblüht, von dem so viele Seelenfreunde des Malers ein Eckchen in der Seele trugen; ob es nun die ungerechte Verfolgung war oder was immer: wenn sie schwärmten, dann schwärmten sie in sanftem Himmelblau, sozusagen blausa. Und taten sich sehr viel darauf zu gute. Und an einer Wand hing die Photographie des Künstlers aus seiner italienischen Zeit; er war nur mit Sandalen und einem Hoihotoho-Speer bekleidet. Man trug also Bauch in Capri.

»Da bleibt einem ja die Luft weg!« sagte die Prinzessin, als wir draußen waren. »Die sind doch keineswegs alle so…?« — »Nein, die Gattung darf man das nicht entgelten lassen. Das Haus ist ein stehengebliebenes Plüschsofa aus den neunziger Jahren, keineswegs sind sie alle so. Der Mann hätte seine Schokoladenbildchen gradesogut mit kleinen Feen und Gnomen bevölkern können… Aber denk dir nur mal ein ganzes Museum mit solch realisierten Wunschträumen — das müßte schön sein!«

»Und dann ist es so — blutärmlich!« sagte die Prinzessin. »Na, jeder sein eigner Unterleib! Und daraufhin wollen wir wohl einen Schnaps trinken!« Das taten wir.

Stadt und Straßen… der große Tiergarten, der dem König gehört und in dem die wilden zahmen Hirsche herumlaufen und sich, wenn es ihnen grade paßt, am Hals krauen lassen, und so hohe, alte Bäume…

Abfahrt. »Wie wird das eigentlich mit der Sprache?« fragte die Prinzessin, als wir im Zug nach Helsingör saßen.

»Du warst doch schon mal da. Sprichst du denn nun gut schwedisch?« — »Ich mache das so«, sagte ich. »Erst spreche ich deutsch, und wenn sie das nicht verstehn, englisch, und wenn sie das nicht verstehn, platt — und wenn das alles nichts hilft, dann hänge ich an die deutschen Wörter die Endung as an, und dieses Sprechas verstehas sie ganz gut.« Das hatte grade noch gefehlt. Es gefiel ihr ungemein, und sie nahm es gleich in ihren Sprachschatz auf. »Ja — also nun kommt Schweden. Ob wir etwas in Schweden erlebas? Was meinst du?« — »Ja, was sollten wir wohl auf einem Urlaub erleben…? Ich dich, hoffentlich.« — »Weißt du«, sagte die Prinzessin, »ich bin noch gar nicht auf Reisen, ich sitze hier neben dir im Coupé; aber in meinem Kopf dröhnt es noch, und… Allmächtiger Braten!« — »Was ist?« — »Ich habe vergessen, an Tichauer zu telephonieren!« — »Wer ist Tichauer?« — »Tichauer ist der Direktor der NSW — der Norddeutschen Seifenwerke. Und der Alte hat gesagt, ich solle ihm abtelephonieren, weil er doch verreist… und da ist die Konferenz am Dienstag… ach du liebes Gottchen, behüte unser Lottchen vor Hunger, Not und Sturm und vor dem bösen Hosenwurm. Amen.« — »Also was wird nun?« — »Jetzt werden wir telegraphieren, wenn wir in Helsingör auf die Fähre steigen. Du allmächtiger Braten! Daddy, Berlin läuft doch immer mit. Das dauert mindestens vierzehn Tage, bis man es einigermaßen los ist, und wenn man es glücklich vergessen hat, dann muß man wieder zurück. Das ist ein fröhlicher Beruf…« — »Beruf… Ich hielt es mehr für eine Beschäftigung.« — »Du bist ein Schriftsteller — aber recht hast du doch. Lenk mich ab. Steig mal auf die Bank und mach mal einen. Sing was — wozu hab ich dich mitgenommen?« Nur Ruhe und Geduld konnten es machen… »Sieh mal, Hühner auf dem Wasser!« sagte ich. — »Hühner? Was für welche?« — »Gesichtshühner. Der Naturforscher Jakopp unterscheidet zweierlei Sorten von Hühnern: die Gesichtshühner, die man nur sehen, und die Speisehühner, die man auch essen kann. Dies sind Gesichtshühner. Finnste die Natur hier?« — »Etwas dünn, um die Wahrheit zu sagen. Wenn man nicht wüßte, daß es Dänemark ist und wir gleich nach Schweden hinüberfahren –«

Und da hatte sie nun recht. Denn nichts lenkt den Menschen so von seinem gesunden Urteil ab wie geographische Ortsnamen, geladen mit alter Sehnsucht und bepackt mit tausend Gedankenverbindungen, und wenn er dann hinkommt, ist es alles halb so schön. Aber wer traut sich denn, das zu sagen –!

Helsingör. Wir telegraphierten an Tichauer. Wir stiegen auf die kleine Fähre.

Unten im Schiffsrestaurant saßen drei Österreicher; offenbar waren es altadlige Herren, einer hatte eine ganz abregierte Stimme. Er kniff grade die Augen so merkwürdig zu, wie das einer tut, der mit der Zigarre im Mund zahlen muß. Und dann hörte ich ihn murmeln: »Ein g’schäiter Buuursch (mit drei langen u) — aber etwas medioker…« Ich bin gegen den Anschluß.

Oben standen wir dann am Schiffsgeländer, atmeten die reine Luft und blickten auf die beiden Küsten — die dänische, die zurückblieb, und die schwedische, der wir uns näherten. Ich sah die Prinzessin von der Seite an. Manchmal war sie wie eine fremde Frau, und in diese fremde Frau verliebte ich mich immer aufs neue und mußte sie immer aufs neue erobern. Wie weit ist es von einem Mann zu einer Frau! Aber das ist schön, in eine Frau wie in ein Meer zu tauchen. Nicht denken… Viele von ihnen haben Brillen auf, sie haben es im eigentlichen Sinne des Wortes verlernt, Frau zu sein — und haben nur noch den dünnen Charme. Hol ihn der Teufel. Ja, wir wollen wohl ein bißchen viel: kluge Gespräche und Logik und gutes Aussehen und ein bißchen Treue und dann dieser nie zu unterdrückende Wunsch, von der Frau wie ein Beefsteak gefressen zu werden, daß die Kinnbacken krachen… »Hast du schwedischen Geldes?« fragte die Prinzessin träumerisch. Sie führte gern einen gebildeten Genitiv spazieren und war demzufolge sehr stolz darauf, immer »Rats« zu wissen. »Ja, ich habe schwedische Kronen«, sagte ich. »Das ist ein hübsches Geld — und deshalb werden wir es auch nur vorsichtig ausgeben.« — »Geizvettel«, sagte die Prinzessin. Wir besaßen eine gemeinsame Reisekasse, an der hatten wir sechs Monate herumgerechnet. Und nun waren wir in Schweden.

Der Zoll zollte. Die Schweden sprechen anders deutsch als die Dänen: die Dänen hauchen es, es klingt bei ihnen federleicht, und die Konsonanten liegen etwa einen halben Meter vor dem Mund und vergehen in der Luft, wie ein Gezirp. Bei den Schweden wohnt die Sprache weiter hinten, und dann singen sie so schön dabei… Ich protzte furchtbar mit meinen zehn schwedischen Wörtern, aber sie wurden nicht verstanden. Die Leute hielten mich sicherlich für einen ganz besonders vertrackten Ausländer. Kleines Frühstück. »Die Bouillon«, sagte die Prinzessin, »sieht aus wie Wasser in Halbtrauer!« — »So schmeckt sie auch.« Und dann fuhren wir gen Stockholm.

Sie schlief.

Der, der einen Schlafenden beobachtet, fühlt sich ihm überlegen — das ist wohl ein Überbleibsel aus alter Zeit, vielleicht schlummert da noch der Gedanke: er kann mir nichts tun, aber ich ihm. Dieser Frau gab der Schlaf wenigstens kein dümmliches Aussehen; sie atmete fest und ruhig, mit geschlossenem Mund. So wird sie aussehen, wenn sie tot sein wird. Dann liegt der Kopf auf einem Brett — immer, wenn ich an den Tod denke, sehe ich ein ungehobeltes Brett mit kleinen Holzfäserchen; dann liegt sie da und ist wachsgelb und wie uns andern scheint, sehr ehrfurchtgebietend. Einmal, als wir über den Tod sprachen, hatte sie gesagt: »Wir müssen alle sterben — du früher, ich später« — in diesem Kopf war so viel Mann. Der Rest war, Gott sei’s gelobt, eine ganze Frau.

Sie wachte auf. »Wo sind wir?« — »In Rüdesheim an der Rüde.« Und da tat sie etwas, wofür ich sie besonders liebte, sie tat es gern in den merkwürdigsten, in den psychologischen Augenblicken: sie legte die Zunge zwischen die Zähne und zog sie rasch zurück: sie spuckte blind. Und dafür bekam sie einen Kuß — auf dieser Reise schienen wir immer in leeren Abteilen zu sitzen –, und gleich wandte sie einen frisch gelernten dänischen Fluch an: »Der Teufel soll dich hellrosa besticken!« und nun fingen wir an zu singen.

»In Kokenhusen singt eine Nachtigall wohl an der Düna Strand. Und die Nachtigall mit dem süßen Schall legt ein Kringelchen in mei–ne Hand –!«

Und grade, als wir im besten Singen waren, da tauchten die ersten Häuser der großen Stadt auf. Weichen knackten, der Zug schepperte über eine niedrige Brücke, hielt. Komm raus! Die Koffer. Der Träger. Ein Wagen. Hotel. Guten Tag. Stockholm.

5

»Was machen wir nun?« fragte ich, als wir uns gewaschen hatten. Der Himmel lag blau über vier Schornsteinen — das war es, was wir zunächst von Stockholm sehn konnten. »Ich meine so«, sagte die Prinzessin, »wir nehmen uns erst mal einen Dolmetscher – denn du sprichst ja sehr schön schwedisch, sehr schön … aber es muß altschwedisch sein, und die Leute sind hier so ungebildet. Wir nehmen uns einen Dolmetscher, und mit dem fahren wir über Land und suchen uns eine ganz billige Hütte, und da sitzen wir still, und dann will ich nie wieder einen Kilometer reisen.«

Wir spazierten durch Stockholm.

Sie haben ein schönes Rathaus und hübsche neue Häuser, eine Stadt mit Wasser ist immer schön. Auf einem Platz gurrten die Tauben. Der Hafen roch nicht genug nach Teer. Wunderschöne junge Frauen gingen durch die Straßen … von einem gradezu lockenden Blond. Und Schnaps gab es nur zu bestimmten Stunden, wodurch wir unbändig gereizt wurden, welchen zu trinken — er war klar und rein und tat keinem etwas, solange man nüchtern blieb. Und wenn man ihn getrunken hatte, nahm der Kellner das Gläschen rasch wieder fort, wie wenn er etwas Unpassendes begünstigt hätte. In einem Schaufenster der Vasagatan lag eine schwedische Übersetzung des letzten Berliner Schlagers. Eh — und sonst haben Sie nichts von Stockholm gesehn? Was? Der Nationalcharakter … wie? Ach, lieben Freunde! Wie einförmig sind doch unsre Städte geworden! Fahrt nur nach Melbourne — ihr müßt erst lange mit den Kaufleuten konferieren und disputieren; ihr müßt, wenn ihr sie wirklich kennenlernen wollt, ihre Töchter heiraten oder Geschäfte mit ihnen machen oder, noch besser, mit ihnen erben; ihr müßt sie über das aushorchen, was in ihnen ist … sehen könnt ihr das nicht auf den ersten Blick. Was seht ihr? Überall klingeln die Straßenbahnen, heben die Schutzleute ihre weißbehandschuhten Hände, überall prangen die bunten Plakate für Rasierseife und Damenstrümpfe … die Welt hat eine abendländische Uniform mit amerikanischen Aufschlägen angezogen. Man kann sie nicht mehr besichtigen, die Welt — man muß mit ihr leben oder gegen sie.

Der Dolmetscher! Die Prinzessin wußte Rats, und wir gingen zum Bureau einer Touristen-Vereinigung. Ja, einen Dolmetscher hätten sie. Vielleicht. Doch. Ja.

Bedächtig geht das in Schweden zu — sehr bedächtig. In Schweden gibt es zwei Völkerstämme: den gefälligen Schweden, einen freundlichen, stillen Mann — und den ungefälligen. Das ist ein gar stolzer Herr, man kann ihm seinen Eigensinn mit kleinen Hämmern in den Schädel schlagen: er merkt es gar nicht. Wir waren an den gefälligen Typus gekommen. Einen Dolmetscher, den hätten sie also, und sie würden ihn morgen früh ins Hotel schicken. Und dann gingen wir essen.

Die Prinzessin verstand viel vom Essen, und hier in Schweden aßen sie gut, solange es bei den kalten Vorgerichten blieb – dem Smörgåsbrot. Unübertrefflich. Ihre warme Küche war durchschnittlich, und vom Rotwein verstanden sie gar nichts, was mir vielen Kummer machte. Die Prinzessin trank wenig Rotwein. Dagegen liebte sie als einzige Frau, die ich je getroffen habe – Whisky, von dem die Frauen sonst sagen, er schmecke nach Zahnarzt. Er schmeckt aber, wenn er gut ist, nach Rauch.

Am nächsten Morgen kam der Dolmetscher.

Es erschien ein dicker Mann, ein Berg von einem Mann — und der hieß Bengtsson. Er konnte spanisch sprechen und sehr gut englisch und auch deutsch. Das heißt: ich horchte einmal … ich horchte zweimal … dieses Deutsch mußte er wohl in Emerrika gelernt haben, denn es hatte den allerschönsten, den allerfarbigsten, den allerlustigsten amerikanischen Akzent. Er sprach deutsch wie ein Zirkus-Clown. Aber er war das, was die Berliner »richtig« nennen — er verstand sofort, was wir wollten, er versank in Karten, Fahrplänen und Prospekten, und am Nachmittag trollten wir von dannen.

Wir fuhren nach Dalarne. Wir fuhren in die Umgebung Stockholms. Wir warteten auf Zuganschlüsse und rumpelten über staubige Landwege in die abgelegensten Dörfer. Wir sahen verdrossene Fichten und dumme Kiefern und herrliche, alte Laubbäume und einen blauen Sommerhimmel mit vielen weißen Wattewolken, aber was wir suchten, das fanden wir nicht. Was wir denn wollten? Wir wollten ein ganz stilles, ein ganz kleines Häuschen, abgelegen, bequem, friedlich, mit einem kleinen Gärtchen… wir hatten uns da so etwas Schönes ausgedacht. Vielleicht gab es das gar nicht?

Der Dicke war unermüdlich. Während wir herumfuhren und suchten, fragten wir ihn des nähern nach seinem Beruf. Ja, er führte also die Fremden durch Schweden. Ob er denn alles wüßte, was er ihnen so erzählte. Keine Spur — er hatte lange in Amerika gelebt und kannte seine Amerikaner. Zahlen! Er nannte ihnen vor allem einmal Zahlen: Jahreszahlen und Größenangaben und Preise und Zahlen, Zahlen, Zahlen… Falsch konnten sie sein. Mit uns sprach er von Tag zu Tag fließender deutsch, aber es wurde immer amerikanischer. »Fourteen days ago« hieß eben »Virrzehn Tage zerrick«, und so war alles. »Drei Wochen zerrick«, sagte er, als wir grade wieder von einer ergebnislosen Expedition zurückgekommen waren und zu Abend aßen, »drei Wochen zerrick — da war eine amerikanische Familie in Stockholm. Ich habe zu ihnen gesagt, wenn man nur einmal in Emerrika gewesen ist, dann meint man, die ganze andre Welt ist eine Kolonie von Emmerika. Ja. Danach haben mich die Leute sehr gähn gehabt. Prost!« — Prost? Wir waren hier in Schweden, der Mann hatte »Skål!« zu sagen. Und »Skål«, das ist eigentlich »Schale«. Und weil die Prinzessin eine arme Ausländerin war, die uns Schweden nicht so verstand, so sagte ich »Schale auf Ihnen!«, und das verstanden wir alle drei. Der Dicke bestellte sich noch einen kleinen Schnaps. Träumerisch sah er ins Glas. »In Göteborg wohnt ein Mann, der hat einen großen Keller — da hat er es alles drin: Whisky und Branntwein und Cognac und Rotwein und Weißwein und Sekt. Und das trinkt der Mann nicht aus — das bewahrt sich der Mann alles auf! Ich finde das ganz grroßartig –!« Sprach’s und kippte den seinigen.

Aber nun verging ein Tag nach dem andern, und wir hatten viele Gespräche mit angehört, hatten unzählige Male vernommen, wie die Leute sagten, was die Schweden immer sagen, in allen Lagen des menschlichen Lebens: »Jasso …« und auch ihr »Nedo« und was man so spricht, wenn man nichts zu sagen hat. Und der Dicke hatte uns in viele schöne Gegenden geführt, durch wundervolle, satte Wälder. — »Hier sind schöne Läube!« sagte er, und das war die Mehrzahl von »Laub« — und nun fing die Prinzessin an, aufzumucken. »He lacht sik ’n Stremel«, sagte sie. »Meinen lieben guten Daddy! Wi sünd doch keine Rockefellers! Nu ornier doch endlich mal enägisch ne Dispositschon an, daßn weiß, woanz un woso!«

Was nun –? Der Dicke ging nachdenklich, aber mit der Welt soweit ganz zufrieden, vor uns hin; er stapfte mit seinem Stock auf das Pflaster und dachte emsig nach; man konnte an seinem breiten Rücken sehen, wie er dachte. Dann brummte er, denn er hatte etwas gefunden. »Wir fahren nach Mariefred«, sagte er. »Das ist ein kleiner Ort… das ist all right! Morgen fahren wir.« Die Prinzessin sah mich unheilverkündend an. »Wenn wir da nichts finden, Daddy, dann stech ich dir inne Kleinkinnerbiewohranstalt und kutschier bei mein Alten nach Abbazia. Dor kannst du man upp aff!«

Aber am nächsten Tag sahen wir etwas.

Mariefred ist eine klitzekleine Stadt am Mälarsee. Es war eine stille und friedliche Natur, Baum und Wiese, Feld und Wald — niemand aber hätte von diesem Ort Notiz genommen, wenn hier nicht eines der ältesten Schlösser Schwedens wäre: das Schloß Gripsholm.

Es war ein strahlend heller Tag. Das Schloß, aus roten Ziegeln erbaut, stand leuchtend da, seine runden Kuppeln knallten in den blauen Himmel — dieses Bauwerk war dick, seigneural, eine bedächtige Festung. Bengtsson winkte dem Führer ab, Führer war er selber. Und wir gingen in das Schloß.

Viele schöne Gemälde hingen da. Mir sagten sie nichts. Ich kann nicht sehen. Es gibt Augenmenschen, und es gibt Ohrenmenschen, ich kann nur hören. Eine Achtelschwingung im Ton einer Unterhaltung: das weiß ich noch nach vier Jahren. Ein Gemälde? Das ist bunt. Ich weiß nichts vom Stil dieses Schlosses — ich weiß nur: wenn ich mir eins baute, so eins baute ich mir.

Herr Bengtsson erklärte uns das Schloß, wie er es seinen Amerikanern erklärt hätte, der Spiritus sang aus ihm, und nach jeder Jahreszahl sagte er: »Aber so genau weiß ich das nicht«, und dann sahen wir im Baedeker nach, und es war alles, alles falsch — und wir freuten uns mächtig. Ein Kerker war da, in dem Gustav der Verstopfte Adolf den Unrasierten jahrelang eingesperrt hatte, und so dicke Mauern hatte das Schloß, und einen runden Käfig für die Gefangenen gab es und ein schauerliches Burgloch oder eine Art Brunnen … Menschen haben immer Menschen gequält, heute sieht das nur anders aus.

Aber am allerschönsten war das Theater. Sie hatten in der Burg ein kleines Theater — vielleicht damit sie sich während der Belagerungen nicht so langweilen mußten. Ich setzte mich auf eines der Bänkchen im Zuschauerraum und führte mir eine Schäferkomödie auf, in der geliebt und gestochen, geschmachtet und zierlich gesoffen wurde — und nun wurde die Prinzessin sehr energisch. »Jetzt oder nie!« sagte sie. »Herr Bengtsson – also!«

Wie alle gutmütigen Männer hatte der Dicke Angst vor Frauen — er beugte seine Seele, wie der Wanderer den Rücken unter den Regenschauern beugt, und er strengte sich gewaltig an und ging gar sehr ins Zeug. Er telephonierte lange und verschwand.

Nach dem Mittagessen kam er fröhlich an, sein Fett wogte vor Zufriedenheit. »Kommen Sie mit!« sagte er.

Das Schloß hatte einen Anbau — auf eine Frage hätte der Dicke sicherlich gesagt: aus dem einundzwanzigsten Jahrhundert … es war ein neuerer Bau, langgestreckt, glatt in der Fassade, hübsch. Wir gingen hinein. Drinnen empfing uns eine sehr freundliche alte Dame. Es ergab sich, daß hier in diesem Schloßanbau zwei Zimmer und dazu noch ein kleineres zu vermieten waren. Hier im Schloß? Zweifelnd sah ich Herrn Bengtsson an. Hier im Schloß. Und bekochen wollte sie uns auch. Aber würden uns denn nicht die zahllosen Touristen stören, die da kommen und die Gemälde und die Folterkammer sehen mußten? Sie kämen nur sonntags, und sie kämen überhaupt nicht hierher, sondern sie gingen dortherum …

Wir besichtigten die Zimmer. Sie waren groß und schön; alte Einrichtungsstücke des Schlosses standen darin, in einem schweren behaglichen Stil; ich sah keine Einzelheiten mit meinen blinden Augen — aber es sprach zu mir. Und es sagte: Ja.

Aus einem Fenster blickte man auf das Wasser, aus einem andern in einen stillen kleinen Park. Die Prinzessin, die die Vernunft ihres Geschlechts hatte, sah sich inzwischen an, wo man sich waschen konnte und wie es mit den Lokalitäten bestellt wäre … und kam zufrieden zurück. Der Preis war erstaunlich billig. »Wie kommt das?« fragte ich den Dicken; wir sind selbst dem Glück gegenüber so argwöhnisch. Die Dame im Schloß täte es aus Freundlichkeit für ihn, denn sie kannte ihn, auch kamen selten Leute hierher, die lange bleiben wollten. Mariefred war als kleiner Ausflugsort bekannt; man weiß, wie solche Bezeichnungen den Plätzen anhaften. Da mieteten wir.

Und als wir gemietet hatten, sprach ich die goldenen Worte meines Lebens: »Wir hätten sollen …« und bekam von der Prinzessin einen Backenstreich: »Oll Krittelkopp!« Und dann begossen wir die Mietung mit je einem großen Branntwein, wir alle drei. »Kennen Sie die Frau im Schloß gut? Sie ist doch so nett zu uns?« fragte ich Herrn Bengtsson. — »Wissen Sie«, sagte er nachdenklich, »den Affen kennen alle — aber der Affe kennt keinen.« Und das sahen wir denn auch ein. Und dann verabschiedete sich der Dicke. Die Koffer kamen, und wir packten aus, stellten die Möbel so lange um, bis sie alle wieder auf demselben Platz standen wie zu Anfang … die Prinzessin badete Probe, und ich mußte mich darüber freuen, wie sie nackt durchs Zimmer gehen konnte — wirklich wie eine Prinzessin. Nein, gar nicht wie eine Prinzessin: wie eine Frau, die weiß, daß sie einen schönen Körper hat. »Lydia«, sagte ich, »in Paris war einmal eine Holländerin, die hat sich auf ihren Oberschenkel die Stelle tätowieren lassen, auf die sie am liebsten geküßt werden wollte. Darf ich fragen …« Sie antwortete. Und es beginnt nunmehr der Abschnitt

6

Wir lagen auf der Wiese und baumelten mit der Seele.

Der Himmel war weiß gefleckt; wenn man von der Sonne recht schön angebraten war, kam eine Wolke, ein leichter Wind lief daher, und es wurde ein wenig kühl. Ein Hund trottete über das Gras, dahinten. »Was ist das für einer?« fragte ich. — »Das ist ein Bulldackel«, sagte die Prinzessin. Und dann ließen wir wieder den Wind über uns hingehen und sagten gar nichts. Das ist schön, mit jemand schweigen zu können.

»Junge«, sagte sie plötzlich. »Es ist ganz schrecklich aber ich bin noch nicht hier. Gott segne diese Berliner Arbeit. In meinem Kopf macht es noch immer: Burrburr … Der Alte und all das Zeugs …«

»Wie ist der Alte jetzt eigentlich?« fragte ich faul.

»Na … wie immer … Er ist dick, neugierig, feige und schadenfroh. Aber sonst ist er ein ganz netter Mensch. Dick — das wäre ja zu ertragen. Ich habe dicke Männer ganz gern.« Ich machte ein Bewegung. »Brauchst dir gar nichts einzubilden… Dein bißchen Fett!«

»Du glaubst wohl, weil du Lydia heißt, du wärst was Besseres! Ich will dir mal was sagen…« Nachdem sich die Unterhaltung wieder gesetzt hatte: »Also gut, dick. Aber seine Neugier … er hätte am liebsten, ich erzählte ihm jeden Tag einen neuen Klatsch aus der Branche. Er ist ein seelischer Voyeur. Er selbst nimmt an den meisten Dingen gar nicht richtig teil; aber er will ganz genau wissen, was die andern machen und wie sie es machen und mit wem, und wieviel sie wohl verdienen das vor allem! Und wovon sie leben … Wie? Wie er Geld verdient? Das macht er durch seine rücksichtslose Frechheit. Daddy, das lernen wir ja nie! Ich sehe das nun schon vier Jahre mit an, wie der Herr Generalkonsul zum Beispiel nicht zahlt, wenn er zahlen soll. Wir könnten das nicht, deshalb kommen wir ja auch nicht zu Geld. Das muß man mit ansehen! Da kann aber kommen, wer will; diese eiserne Stirn, mit der er unterschriebene Verträge verdreht, ableugnet, sich plötzlich nicht mehr erinnert, wie er sich verleugnen läßt … nein, Daddy, du lernst es nicht. Du willst es doch immer lernen! Du lernst es nicht!«

»Lassen die Leute sich denn das gefallen?«

»Was sollen sie denn machen? Wenn es Ihnen nicht paßt, sagt er, dann klagen Sie doch! Aber ich beziehe dann bei Ihnen nichts mehr! Und das hält er auch eisern durch. Das wissen die Leute ganz genau — sie geben schließlich nach. Neulich haben wir doch das ganze Bureau renovieren lassen — was er da mit den Handwerkern getrieben hat! Ja, aber auf diese Weise kommt man nach Abbazia, und die Handwerker fahren mit der Hand übern Alexanderplatz. So gleicht sich alles im Leben aus.«

»Und wieso ist er schadenfroh?«

»Das muß ein Erbfehler sein — an dieser Schadenfreude haben offenbar Generationen mitgearbeitet. Einer allein schafft das nicht. Ich glaube, wenn ihm sein bester Freund einen Gefallen tun will, dann muß er sich zum Geburtstag vom Chef das Bein brechen. Ich habe so etwas noch nicht gesehn. Der Mann sucht gradezu nach Gelegenheiten, wo er sich über das Malheur eines andern freuen kann … Es ist vielleicht, um sich die eigne Überlegenheit zu beweisen; wenn er frech wird, hält er sich für sehr überlegen. Das muß es wohl sein. Er ist so unsicher …«

»Das sind sie beinah alle. Ist dir noch nicht aufgefallen, wieviel Frechheit durch Unsicherheit zu erklären ist?«

»Ja … Das ist eine vergnügte Stadt! Aber was soll ich machen? Da sagen sie: So eine Frau wie Sie! … Wenn ich das schon höre! … Irgendeinen Stiesel heiraten … Du lachst. Daddy, ich kann mit diesen Brüdern nicht leben. Na ja, das Geld. Aber es ist doch nicht bloß der Schlafwagen und das große Auto; das Schlimmste ist doch, wenn sie dann reden! Und wenn sie erst anfangen, sich gehenzulassen … Komm, es wird kühl.«

Der Uhr nach wurde es nun langsam Abend; hier aber war noch alles hell, es waren die hellen Nächte, und wenn Gripsholm auch nicht gar so nördlich lag, so wurde es dort nur für einige Stunden dunkel, und ganz dunkel wurde es nie. Wir gingen über die Wiesen und blickten auf das Gras.

»Wir wollen zu Abend essas!« sagte die Prinzessin auf schwedisch.

Wir aßen, und ich trank sehr andächtig Wasser dazu. Wenn man in ein fremdes Land kommt, dann muß man erst einmal das fremde Wasser in sich hineingluckern lassen, das gibt einem den wahren Geschmack der Fremde. Da saßen wir und rauchten. So — und jetzt begannen die Ferien, die richtigen Ferien.

Die Vorhänge des Schlafzimmers waren dicht zugezogen und mit Nadeln zugesteckt. Männer können nur im tiefen Dunkel schlafen; die Prinzessin hielt das gradezu für ein männliches Geschlechtsmerkmal. Ich las. »Raschle nicht so bösartig mit der Zeitung!« sagte sie.

In dieser Nacht drehte sich die Prinzessin um und schlief wie ein Stein. Sie atmete kaum; ich hörte sie nicht. Ich las.

Es ist vorgekommen, daß ich nachts, in wilder Traumfurcht, aufgefahren bin und mich an die Prinzessin angeklammert habe … wie lächerlich! »Willst du mich retten?« fragte sie dann lachend. Das ist zwei-, dreimal geschehen — oft wußte ich es gar nicht. »Heute nacht hast du mich wieder gerettet …«, sagte sie dann am nächsten Morgen. Aber nun waren Ferien; heute nacht würde ich sie bestimmt nicht retten. Ich legte meine Hand hinüber, auf die Schlafende. Sie seufzte leise und veränderte ihre Lage. Schön ist Beisammensein. Die Haut friert nicht. Alles ist leise und gut. Das Herz schlägt ruhig. Gute Nacht, Prinzessin.

Zweites Kapitel

1

All to min Besten, sä de Jung — dor slögen se em den Stock upn Buckel entzwei.

Das Kind stand am Fenster und dachte so etwas wie: Wann hört dies auf? Dies hört nie auf? Wann hört dies auf?

Es hatte beide Arme auf das Fensterbrett gestützt, das durfte es nicht — aber es war für einen Augenblick, für einen winzigen, gestohlenen Augenblick, allein. Gleich würden die andern kommen; man spürte das zuerst im Rücken, der nun der Tür zugewendet war, der Rücken kitzelte erwartungsvoll. Wenn die andern kommen, ist es aus. Denn dann kommt sie.

Das kleine Mädchen schüttelte sich: es war wie die schnelle leise Bewegung eines Hundes, der Wasser abschüttelt. Das, was das Kind bedrückte, brauchte es nicht erst zu überdenken: es saß inmitten seiner kleinen Leiden wie auf einem Lotosblatt, zwischen andern Lotosblättern, und alle runden Blätter sahen es an — das Kind in der Mitte. Und es kannte sie alle, seine Leidensblätter.

Die andern Kinder — sein Spitzname »Das Kind« — dieses Kinderheim in Schweden — der tote Will, und nun stieg die Kurve der Furcht siedend-rot nach oben: Frau Adriani, die rothaarige Frau Adriani — und dahinter dann das Traurigste: Mutti in Zürich. Es war zuviel. Das Kind zählte neun Jahre — es war zuviel für neun Jahre. Nun weinte es das bitterste Weinen, das Kinder weinen können: jenes, das innerlich geweint wird und das man nicht hört. Trappeln. Schurren. Türenklappen. Kein Wort: eine stumme Schar näherte sich. Also war sie dabei. Du großer Gott —

Die Tür öffnete sich majestätisch, als habe sie sich allein aufgetan. Im Rahmen stand die Frau Direktor, der »Teufelsbraten«: die Adriani. Ihren Beinamen hatte sie von ihrem Lieblingsschimpfwort.

Sie war nicht sehr groß: eine stämmige, untersetzte Person, mit rötlichem Haar, graugrünlichen Augen und fast unsichtbaren Augenbrauen. Sie sprach schnell und hatte eine Art, die Leute anzusehn, die keinem gut tat …

»Was machst du hier?« Das Kind duckte sich. »Was du hier machst?« Sie ging dabei auf die Kleine zu und gab ihr eine Art Knuff gegen den Kopf — es war nicht einmal eine Ohrfeige; der Schlag ignorierte, daß da ein Kopf war: er verfügte nur über das vorhandene Material. Zufällig war es ein Kopf. »Ich habe … ich … ich bin …« — »Du bist ein Teufelsbraten«, sagte die Adriani. »Drückst dich hier oben herum, während unten geturnt wird! Heute abend kein Essen. In die Schar!« Das Kind schlich unter die andern; sie machten ihm hochmütig und mit artigem Abscheu Platz.

Dies war eine Kinderkolonie, Läggesta, in der viele deutsche Kinder waren und auch einige schwedische und dänische. Frau Adriani nützte ihr Besitztum am Mälarsee auf diese Weise gut aus. Zwei Nichten halfen ihr bei der Arbeit: die eine, wie ein Ableger der Tante, gehaßt und gefürchtet wie sie; die andre sanft, aber unterdrückt und furchtsam; sie versuchte zu mildern, wo sie konnte — es gelang ihr selten. Wenn die Alte ihre Tage hatte, waren die beiden Nichten nicht zu sehen. Sie hatte vierzig Kinder.

Sie hatte keine Kinder. Und die vierzig hatten es nicht gut. Die Frau plagte sich viel um die Kinder; aber sie war hart zu ihnen, sie schlug. Schlug sie gern …? Sie herrschte gern. Jedes Kind, das die Kolonie vor der Zeit verließ, war in ihren Augen ein Verräter; sie hätte nicht sagen können, woran; jedes, das hinzukam, eine willkommene Bereicherung des Materials, auf dem sie regierte. Wenn sich auch viele Kinder beklagten und fortgenommen wurden –: sie hatte viele Waisen darunter, und es kamen immer neue Mädchen.

Kommandieren … Damit hatte sie es nun sonst nicht leicht. Denn wo sich die Schweden beugen, verbeugen sie sich höflich, weil sie es so wollen. Sie gehorchen nur, wenn sie es eingesehen haben, daß es hier und an dieser Stelle nötig, nützlich oder ehrenvoll ist, zu gehorchen … sonst aber hat einer, der in diesem Lande herrschen will, wenig Gelegenheit dazu. Man verstände ihn gar nicht; man lachte ihn aus und ginge seiner Wege.

Frau Adriani wechselte oft ihr Personal und brachte sich die Angestellten häufig aus Deutschland mit, wohin sie manchmal reiste. Im Winter saß sie hier oben fast allein, nur wenige Kinder blieben dann da — wie zum Beispiel die kleine Ada. Ihr Mann … wenn Frau Adriani an ihren Mann dachte, war es, wie wenn sie eine Fliege verjagen mußte. Dieser Mann … sie zuckte nicht einmal mehr die Achseln. Er saß in seinem Zimmer und ordnete Briefmarken. Sie verdiente das Geld. Sie. Und im Winter wartete sie auf den Sommer — denn der Sommer war ihre Zeit. Im Sommer konnte sie durch die langen Korridore des Landhauses donnern und befehlen und verbieten und anordnen, und alles um sie herum fragte sich gegenseitig nach ihrer Stimmung und zitterte vor Furcht, und sie genoß diese Furcht bis in die Haarspitzen. Fremde Willen unter sich fühlen — das war wie … das war das Leben.

»Jetzt bleiben alle hier oben, bis es zum Essen klingelt. Wer spricht, hat Essenentzug. Sonja! Deine Haarschleife!« Ein Mädchen riß sich, puterrot, die Schleife, die sich gelöst hatte, aus den Haaren und band sie von neuem. Es war so still — man hörte vierzig kleine Mädchen atmen. Frau Adriani genoß mit einem kalten Blick ihrer graugrünen Augen die Situation, dann ging sie hinaus. Hinter ihr zischelte es zwiefach: das waren die, die, ganz leise, sprechen wollten, und die andern, die die Flüsternden mit einem »Pst!« daran zu hindern suchten. Das Kind stand für sich allein. Kleine Mädchen können sehr grausam sein. Es war sonst keine bestraft worden, am heutigen Tage — die Majorität hatte also stillschweigend beschlossen, das Kind fallenzulassen. Das Kind hieß »das Kind«, weil es einmal auf die Frage der Adriani: »Was bist du?« geantwortet hatte: »Ich bin ein Kind.« Niemand beachtete es jetzt.

Wann hört dies auf? dachte das Kind. Das hört nie auf. Und dann liefen die Tränen, und nun weinte es, weil es weinte.

2

Die Bäume rauschten vor unsern Fenstern, und sie rauschten mich aus einem Traum, von dem ich schon beim Erwachen nicht mehr sagen konnte, was das gewesen sein mochte. Ich drehte mich in den Kissen; sie waren noch schwer von Traum. Vergessen … Warum war ich aufgewacht?

Es klopfte.

»Die Post! Daddy, die Post! Geh mal an die Tür!«

Die Prinzessin, die eben noch geschlafen hatte, war wach — ohne Übergang.

Ich ging. Zwischen Bett und Tür überlegte ich, wie es doch zwischen Mann und Frau Morgen-Augenblicke gibt, da hat es sich mit der Liebe ausgeliebt. Sehr entscheidende Augenblicke — wenn die gut verlaufen, dann geht alles gut. Von dem quäkrigen »Wieviel Uhr ist es denn …?« bis zum »Hua — na, da steh auf!« … da pickt die kleine Uhr auf dem Nachttisch viel Zeit auf, der Tag ist erwacht, nun schläft die Nacht, es schläft die unterirdische Hemisphäre … bei den meisten Frauen wenigstens, leider … Ich war an der Tür. Eine Hand steckte Briefe durch den Schlitz.

Die Prinzessin hatte sich im Bett halbaufgerichtet und warf vor Aufregung alle Kissen durcheinander. »Meine Briefe! Das sind meine Briefe! Du Schabülkenkopp! Gib sie her! Na, da schall doch gliks …« Sie bekam ihren Brief. Er war von ihrer Stellvertreterin aus dem Geschäft, und es stand darin geschrieben, daß es nichts zu schreiben gäbe. Die Sache mit Tichauer wäre in Ordnung. Beim kleinen Inventarbuch wären sie bei G. Das zu hören beruhigte mich ungemein. Was für Sorgen hatten diese Leute! Was für Sorgen sie hatten? Ihre eignen, merkwürdigerweise.

»Geh mal Wasser braten!« sagte die Prinzessin. »Du mußt dich rasieren. So, wie du da bist, kannst du keinem Menschen einen Kuß geben. Was hast du für einen Brief bekommen?« — Ich grinste und hielt den Brief hinter meinem Rücken verborgen. Die Prinzessin stritt erbittert mit den Kissen. »Wahrscheinlich von irgendeiner Braut … einer dieser alten Exzellenzen, die du so liebst. Zeig her. Zeig her, sag ich!« Ich zeigte ihn nicht. »Ich zeige ihn nicht!« sagte ich. »Ich werde dir den Anfang vorlesen. Ich schwöre, daß es so dasteht, wie ich lese — ich schwöre es. Dann kannst du ihn sehn.« Ein Kissen fiel, erschöpft und zu Tode geschlagen, aus dem Bett. — »Von wem ist er?« – »Er ist von meiner Tante Emmy. Wir sind verzankt. Jetzt will sie etwas von mir. Darum schreibt sie. Sie schreibt:

Mein lieber Junge! Kurz vor meiner Einäscherung ergreife ich die Feder …«

»Das ist nicht wahr!« schrie die Prinzessin. »Das ist … gib her! Es ist ganz grrroßartig, wie Bengtsson sagen würde. Geh dich rasieren und halt die Leute hier nich mit deine eingeäscherten Tantens auf!«

Und dann gingen wir in die Landschaft.

Das Schloß Gripsholm strahlte in den Himmel; es lag beruhigend und dick da und bewachte sich selbst. Der See schaukelte ganz leise und spielte — plitsch, plitsch — am Ufer. Das Schiff nach Stockholm war schon fort; man ahnte nur noch eine Rauchfahne hinter den Bäumen. Wir gingen quer ins Land hinein.

»Die Frau im Schloß«, sagte die Prinzessin, »spricht ein privates Deutsch. Eben hat sie mich gefragt, ob wir es nachts auch warm genug hätten — ich wäre wohl gewiß ein Frierküchlein …« – »Das ist schön«, sagte ich. »Man weiß bei den nordischen Leuten nie, ob sie sich das wörtlich aus ihren Sprachen übersetzen oder ob sie unbewußt Neues schaffen. In Kopenhagen kannte ich mal eine, die sagte — und sie hatte eine Baßstimme vor Wut: Dieses Kopenhagen ist keine Hauptstadt — das ist ein Hauptloch! Ob sie das wohl erfunden hat?« — »Du kennst so viele Leute, Daddy!« sagte die Prinzessin. »Das muß schön sein …« — »Nein, ich kenne lange nicht mehr so viel Leute wie früher. Wozu auch?« — »Ick will di mal wat seggen, min Jung«, sagte die Prinzessin, die es heute mit dem Plattdeutschen hatte. »Wenn du nen Minschen kennenliernst un du weißt nich so recht, wat mit em los ist, dann frag di ierst mal: giwt hei mie Leev oder giwt hei mi Geld? Wenn nix von beid Deil, denn lat em lopen und holl di nich bi em upp! Dessenungeachtet brauchst du aber nicht in diesen Fladen zu treten!« — »Donnerschlag!« — »Du sollst keines Fluches gebrauchen, Peter!« sagte die Prinzessin salbungsvoll. »Das schickt sich nicht. Und nun legen wir uns woll ein büschen auf düsen Rasenplatz!«

Da lagen wir …

Der Wald rauscht. Der Wind zieht oben durch die Wipfel, und ein ganz feiner Geruch steigt vom Boden auf, ein wenig säuerlich und frisch, moosig, und etwas Harz ist dabei.

»Was hätte Arnold jetzt gesagt?« fragte ich vorsichtig. Arnold war ihr erster; wenn die Prinzessin sehr guter Laune war, konnte man sie daran erinnern. Jetzt war sie guter Laune. »Er hätte nichts gesagt«, antwortete sie. »Er hatte auch nichts zu sagen, aber das habe ich erst sehr spät gemerkt.« — »Also nicht klug?« — »In meinem Papierkorb ist mehr Ordnung als in dem seinen Kopf! Er sprach wenig. Im Anfang hielt ich dieses Schweigen für sehr bedeutend; er war eben ein karger Schmuser. Das gibt’s!« Schritte auf dem weichen Moos; ein kleiner Junge kam den Waldweg entlanggestolpert, er murmelte etwas vor sich hin … als er uns sah, schwieg er; er blickte zu den Bäumen auf und begann dann zu laufen.

»Das wäre etwas für einen Staatsanwalt«, sagte ich. »Der würde in seiner Schläue einen ganzen Tatbestand aufbauen. Wahrscheinlich hat dieser Knabe aber nur Zahlen gebetet und sich geschämt, als er uns gesehn hat…« — »Nein, es war so«, sagte die Prinzessin. Sie lag auf dem Rücken und erzählte zu den Wolken: »Ein Jung sall mal nan Kopmann gahn und Seip un Solt halen. Dor sä hei ümme vor sich hen: Seip un Solt … Seip un Solt … Hei sei över nich nah sin Feut, un so füll he övern Bohnenstrang. Dunnersweer! Tran un Teer! sä he — und bleew nu uck bi Tran un Teer un köffte Tran und Teer … Peter! Peter! Wie ist es mit dem Leben! Erzähl schnell, wie es mit dem Leben ist! Nein, jetzt sage nicht wieder deine unanständigen Wörter … die weiß ich allein. Wie ist es? Jetzt gleich will ich es wissen!« — Ich sog den bittern Geschmack aus einem trocknen Zweig mit Fichtennadeln.

»Erst habe ich gemerkt«, sagte ich, »wie es ist. Und dann habe ich verstanden, warum es so ist — und dann habe ich begriffen, warum es nicht anders sein kann. Und doch möchte ich, daß es anders wird. Es ist eine Frage der Kraft. Wenn man sich selber treu bleibt …«

Mit ihrem tiefsten Alt: »Nach den Proben an Treue, die du bei mir abgelegt hast …«

»Ob es wohl möglich ist, mit einer Frau ernsthaft etwas zu bereden. Es ist nicht möglich. Und so was hat nun das Wahlrecht!«

»Das sagt der Chef auch immer. Was der jetzt wohl macht?«

»Er wird sich wahrscheinlich langweilen, aber sehr stolz sein, daß er in Abbazia ist. Dein Generalkonsul …«

»Daddy … dein Literatenstolz ist auch nicht das Richtige. Weißt du — manchmal denke ich so … der Mann ist doch immerhin etwas geworden. Sie haben ihm doch den Generalkonsul und die Seife und den Safe und das alles nicht in die Wiege gelegt — und die Wiege, lieber Daddy … der Mann betont mir viel zu oft, daß er zeit seines Lebens in guten Verhältnissen gelebt hätte — also hat er nicht. Er hat wahrscheinlich allerhand Saures geschluckt, bis sie ihn an das Süße herangelassen haben. Na, nun schmatzt er … Was? Natürlich hat er das vergessen, das mit dem Sauern. Ach, das tun sie ja alle. Erinnerung — Junge, Erinnerung … das ist ein alter Leierkasten. Die Leute haben doch heute ihr Grammophon! Wenn man nur mal rauskriegen könnte, wie so einer langsam was geworden ist — so einer wie der Chef –, wie das so vor sich geht … Verheiratet ist er nicht … und wenn er eine Frau hätte, die könnte es einem ja auch nicht sagen, weil sie nichts gemerkt hat. Sie fände es selbstverständlich, und vom Aufstieg wollen sie ja alle nichts hören, weil sie damit zugeben würden, daß ihre Ahnen noch ohne Visier herumgelaufen sind. Aufstieg … das sagen sie bloß, wenn sie einem keine Gehaltserhöhung geben wollen.«

Also sprach die kluge Prinzessin Lydia und beendete ihre Rede mit einem herrlichen —

Hier hatte die Prinzessin den Schluckauf.

Dann wollte sie vom Boden hochgezogen werden; dann stand sie allein auf, mit einem schönen gymnastischen Schwung — und dann krochen wir langsam zurück durch den Wald. Wir standen uns nach Haus, an jeder Schneise blieben wir stehn und hielten große Reden; jeder tat so, als ob er dem andern zuhörte, und er hörte ja auch zu, und jeder tat so, als bewunderte er den Wald, und er bewunderte ihn ja auch — aber im allertiefsten Grunde, wenn man uns gefragt hätte: wir waren nicht mehr in der großen Stadt und noch nicht in Schweden. Aber wir waren beieinander.

Da lag das erste Haus von Mariefred. Ein Grammophon kratzte sich eins. »Es ist hier zur Erholung, das Grammophon«, sagte die Prinzessin ehrfürchtig. »Hörst du — es ist noch ganz heiser. Aber die Luft hier wird ihm guttun.« — »Hast du Hunger, Lydia?« — »Ich hätte gern … Peter! Daddy! Allmächtiger Braten! Wie heißt der Genetiv von Smörgås … Ich möchte gern etwas Smörgåssens … achgottachgott!« Und dies bewegte uns sehr, bis wir bei Tisch saßen und die Prinzessin alle vier Fälle des schwedischen Vorgerichts herunterdeklinierte.

»Was machen wir nach Tisch?« — »Das ist eine Frage! Nach Tisch gehn wir schlafen. Karlchen sagt auch immer: in den Taghemden ist so viel Müdigkeit … man muß sich völlig ausziehn und schlafen. Dann schläft man. Und das ist eben Erholung.« — »Sage mal … sitzt dein Freund Karlchen noch immer beim Finanzamt im Rheinland?«

Ich sagte, er säße. »Und woanz ist diesen Mann denn nu eigentlich?« — »Lieber Mann«, sagte ich zur Prinzessin, »das ist vielleicht ein Mann! Aber das darf man ihm nicht sagen — sonst wachsen ihm vor Stolz Pfauenfedern aus den Ohren. Das ist ein … Karlchen ist eben Karlchen.« — »Keine Erklärung. So schwabbelt mein Konsul auch immer, wenn er was nicht sagen will. Ich für mein Teil gehe jetzt ins Bett, schlafas.« Ich hörte sie noch nach der Melodie von Tararabumdiä singen:

»Da hat das kleine Pferd sich plötzlich umgekehrt und hat mit seinem Stert die Fliegen ab-ge-wehrt –«

Dann rauschten uns die Bäume in Schlaf.

3

Nachmittags standen wir vor dem Schloß — Touristen kamen und gingen.

Wir wandelten in den »innern Burggarten«; da war ein zierlicher Brunnen in der Mitte, kleine Erker klebten an den Mauern — man hatte an dem Schloß herumrestauriert … schade. Aber vielleicht wäre das Ganze sonst eingefallen; so alt war es schon.

Ein großer Tourenwagen fuhr vor.

Ihm entstieg ein jüngerer Mann, dann folgten zwei Damen, eine ältere und eine jüngere, und dann wurde ein dicker Herr aus dem Fond gekratzt. Sie sprachen deutsch und standen etwas ratlos um den Wagen herum, wie wenn sie vom Mond gefallen wären. Dann sprach der Dicke hastig und laut mit dem Chauffeur. Der verstand ihn zum Glück nicht.

Sie lösten Karten für das Schloß. Der Führer war schon nach Hause gegangen, und man ließ sie allein pilgern. »Lydia …«, sagte ich. Wir gingen nach.

»Was willst du machen?« fragte Lydia, und dabei senkte sie die Stimme, so gut hatte sie mich verstanden. »Ich weiß noch nicht«, sagte ich. »Es wird mir schon etwas einfallen … Komm mit.« Die Touristen standen im großen Reichssaal, sie sahen zur getäfelten Decke auf, und eine der Damen sagte so laut, daß es hallte: »Ganz nett!« — »Offenbar schwedischer Stil!« sagte der Dicke. Sie murmelten. »Wenn sie jetzt noch fragen, ob das alles hier gebaut ist … Rasch!« — »Wohin?« — »Komm dahin, wo der große Brunnen ist. Irgend etwas müssen wir da aufführen …«

Man hörte sie schlurren und husten — dann waren wir außer Hörweite. Wir gingen leise und schnell.

Da war ein großer, runder Raum, mit einer Holzgalerie, und in der Mitte des festgestampften Bodens lag eine kreisrunde Holzscheibe: der Eingang zum Verlies. Und da fanden wir eine Leiter. Lydia half, wir setzten die Leiter an — hurra! Sie stand. Also sehr tief konnte es nicht sein. Ich kletterte hinunter, gefolgt von den spöttischbewundernden Blicken der Prinzessin. »Grüß die Fledermäuse!« — »Hol din Mul!« sagte ich. Ich kletterte — ein ganzes Endchen … ein amerikanischer Filmkomiker mimt den Feuerwehrmann, so sah das aus, und mir war gar nicht komisch zu Mute, wohin ging das hier? Aber für einen Spaß ist uns nichts zu teuer. Dunkelheit und Staub. Nur der runde Schein von oben … »Bitte Streichhölzer! Aus deiner Tasche!« Die Schachtel kam herunter und fiel mir auf die Füße. Ich suchte und stieß mir den Kopf an der Leiter — dann hatte ich sie. Ein Flämmchen … das war also doch ein großer Raum, an der einen Wandseite waren Ringe in die Mauer gelassen; offenbar hatten sie hier ihre Gefangenen nicht in drei Stufen gebessert, sondern gleich in einer einzigen … Und da war auch ein zweites Brunnenloch.

»Lydia?« — »Ja?« — »Zieh die Leiter auf — kannst du das? Ich werde dir helfen. Ich hebe an — horupp! So … hast du?« Die Leiter war oben. »Stell sie weg!« Ich hörte, wie die Prinzessin mit der Leiter wirtschaftete. »Setz die runde Scheibe wieder auf, kannst du? Und versteck dich.« Nun war es ganz dunkel. Schwarz.

Das ist merkwürdig, wenn man so etwas nicht gewohnt ist. Im Augenblick, wo man in völliger Dunkelheit steckt, belebt sich das Dunkel. Nein, man erwartet, daß es sich belebt; man fürchtet das und sehnt sich nach dem Belebenden. Ich räusperte mich leise, zum Zeichen, daß ich auch noch da wäre, jedoch keine feindlichen Absichten hegte … Ich tastete mich umher. Da war ein Nagel an der Wand, von dem wollen wir nicht fortgehn … He? Da waren sie. Man hörte deutlich die Stimmen; die Holzscheibe war nur dünn.

»Hier ist nichts«, sagte eine Stimme. »Wahrscheinlich ein Brunnen — für die Belagerung oder so. Sehr interessant. Na, gehn wir weiter. Hier ist nichts.«

Hier wird gleich was sein. »Huuuuuuu –«, machte ich. Oben wurde es totenstill. Die schleppenden Fußschritte waren verstummt. »Was war das?« sagte jemand. »Hast du das gehört?« — »Ja, mir war auch so — wahrscheinlich nur so ein Klang –«

»Huuuuuuu-aa-huuuuuuu –!« machte ich von neuem.

»Adolf, um Gottes willen — vielleicht ist hier ein Tier eingesperrt, ein Hund — komm weg!« — »Na, erlaube mal, das gibt’s doch nicht! Ist — ehö — ist da jemand?« — Ich blieb so still. »Eine Täuschung«, sagte eine Männerstimme. »Komm — da war ja nichts«, sagte der andre der Männer. Und da dachte ich an die Löwen in den Zoologischen Gärten vor der Fütterung, holte tief Atem und begann zu röhren: »Huuuuuu-brru-aa-huuuuuuuah!« —

Das war zuviel. »Hi!« kreischte oben eine Frau, und dann gab es ein eiliges Gestiefel, einer sagte noch schnell: »Aber das ist doch — das muß doch geklärt werden … werden gleich unten mal fragen … Unerhört — das ist doch …« — »Komm hier weg! Was müssen wir auch in alle Schlösser …« Fort waren sie. Da stand ich in meiner Dunkelheit. Mucksmäuschenstill.

Ganz leise: »Lydia?« … Nichts. Ein wenig Kalk rieselte von der Mauer. Hm … Ein Ton? Hier ist doch alles aus Holz und Stein; das klingt doch nicht. Ich lauschte. Mein Herz klopfte um eine Spur schneller, als ich ihm das erlaubt hatte. Nichts; Man soll keine Leute erschrecken, siehst du, man soll keine Leute erschrecken … »Lydia!« Lauter: »Holla! He! Alte!« Nichts.

Durch mein Gehirn flimmerte: Spaß muß sein. Ist den Burschen ganz recht. Still stehn, sonst machst du dich schmutzig. Hast Angst. Hast keine Angst. Ist ja Unsinn. Lydia kommt gleich. Wenn sie nun in Ohnmacht gefallen ist oder plötzlich stirbt, dann weiß niemand, daß du hier stehst. Roman, Filmidee. Pathé hat mal so was gemacht. Eine Gemeinheit, Leute in Dunkelarrest zu stecken. Ich habe im Kriege mal einen rauskommen sehen, der taumelte, als er das Licht sah. Dann begann er zu weinen. Er hatte nicht ordentlich Krieg geführt, deshalb hatten sie ihn eingesperrt, das soll man nicht. Die Richter ausprobieren lassen, was sie da verhängen. Geht aber nicht, weil sie ja wissen: es ist nur eine Probe. Also Wahnwitz der Todesstrafe, deren Wirkung niemand kennt. Nun ging das Herz ganz ruhig, ich hatte nachzudenken und ließ die Gedanken laufen … Die Holzscheibe ruckte an, wurde fortgezogen. Licht. Lydia. Die Leiter.

Ich stieg hinauf. Die Prinzessin lachte über das ganze Gesicht. »Wie ist denn das alles so plötzlich gekommen? Komm mal her — Na, nun aber gleich nach Haus! Allmächtiger, wie siehst du aus!« Ich war grau vor Dreck, behangen mit Spinnweben, die Hände von schwarzen Streifen geziert und der Rest entsprechend. »Wat hebben se seggt? Was hast du getan? Menschenskind, nu sieh dir man blodsen ierst mal in den Speegel!« Ich sah lieber nicht in den Spiegel. »Wo warst du so lange, Alte? Läßt einen da unten schmachten! Das ist Liebe!« — »Ich …«, sagte die Prinzessin und steckte den Spiegel wieder ein, »ich habe hier ein Töpfchen gesucht, sie haben aber keins. Die alten Burggrafen haben offenbar an chronischer Verstopfung gelitten!« — »Falsch«, lehrte ich, »falsch und ungebildet. Sie setzten sich zu diesem Behufe auf kleine Örtlichkeiten, die es hier natürlich auch gegeben hat, und diese Örtlichkeiten gingen in den Schloßgraben, wenn aber sie belagert wurden, und es kam der böse Feind, dann …« — »Nunmehr ist es wohl an der Zeit, daß wir dich waschen. Du Ferkel!« — Und wir spazierten in unsre Wohnung, vorüber an der maßlos erstaunten Wirtin, die sicherlich dachte, ich wäre in den Branntwein gefallen. Bürstung, Waschung, frischer Kragen, prüfende Blicke der Prinzessin, dreimal zurück, weil immer noch etwas klebengeblieben war. »Wen ärgern wir nun?« — »Schetzt kommst du mich aber raus. Nichs as Dummheiten hat diesen Kierl innen seinen Kopf. Un das will ’n iernsten Mann sein!« — »Will nicht … Muß. Muß.« Wir traten ins Freie.

Weiter hinten stand ein kleiner Pavillon; darin saß die Autogesellschaft und trank Kaffee. Wir schlenderten vorüber und sprachen lustig miteinander. Der jüngere Mann stand auf und kam auf uns zu. »Die Herrschaften sind Deutsche …?« – »Ja«, sagten wir. – »So … vielleicht … wenn Sie an unserm Tisch Platz nehmen wollten …?« Der Dicke erhob sich. »Teichmann«, sagte er. »Direktor Teichmann. Meine Frau. Meine Nichte, Fräulein Papst. Herr Klarierer.« Nun mußte ich auch etwas sagen, denn dies ist die Sitte unsres Landes. »Sengespeck«, sagte ich. »Und meine Frau.« Worauf wir uns setzten und die Prinzessin mir unterm Tisch an die Schienbeine trat. Kaffeegeschlürf. Tellergeklapper. Kuchen.

»Sehr hübsch hier — Sie sind wohl auch zur Besichtigung hier?« — »Ja.« — »Reizend. Sehr interessant.« Pause.

»Sagen Sie … ist das Schloß eigentlich bewohnt?« Die Prinzessin trat heftig. »Nein«, sagte ich. »Ich glaube nicht. Nein. Sicher nicht.« — »So … wir dachten …« — »Warum fragen Sie?« Die Gesellschaft wechselte untereinander bedeutungsvolle Blicke. »Wir dachten nur … wir hatten da oben in dem einen Raum jemand sprechen hören — aber so eigentümlich, mehr wie ein Hund oder ein wildes Tier …« — »Nein«, sagte ich, »nach allem, was ich weiß: Tiere wohnen in dem Schloß gar nicht. Fast gar nicht.« Pause.

»Überhaupt …«, sagte Herr Direktor Teichmann und sah sich um, »hier ist nichts los! Finden Sie nicht auch?« — Wir bestätigten, daß hier nichts los wäre. »Wissen Sie«, sagte der Direktor, »wenn man sich wirklich amüsieren will: da gibt’s ja nur Berlin. Oder Paris. Aber sonst nur Berlin. Is doch ’n andrer Zuch. Was?« — »Hm –«, machten wir. »Ich finde es hier auch gar nicht elegant!« sagte Frau Direktor Teichmann. Und Fräulein Papst: »Ich habe mir das ganz anders vorgestellt.« Und Herr Klarierer: »Wo gehn wir denn heute abend in Stockholm hin?« Frau Direktor Teichmann aber wollte nirgends mehr hingehn; sie hätte sich vorhin so aufgeregt, im Schloß … Inzwischen hatte mir die Prinzessin einen Ring abgedreht, einen Manschettenknopf aufgemacht, alles unter dem Tisch und ich fand, es sei nun genug. Denn wer weiß, was sie sonst noch … Und wir verabschiedeten uns, weil wir im Ort eine Verabredung hätten. »Fahren Sie nachher auch nach Stockholm?« — Nein, wir bedauerten.

Wir bedauerten noch, als wir draußen auf den Wiesen standen und uns freuten: daß wir nicht nach Stockholm fahren mußten, daß wir in Schweden waren, daß wir Urlaub hatten … »Was kommt da?« sagte die Prinzessin, die Augen hatte wie ein Luchs. Durch die Wiesen bewegte sich eine dünne Reihe kleiner Gestalten, auf einem schmalen Wege. »Was ist das –?«

Es kam näher.

Kinder waren es, kleine Mädchen, artig aufgereiht, wie Perlchen an der Schnur, immer zwei zu zwei. Eine herrisch aussehende Person ging an ihrer Spitze, sah sich öfter um — keines sprach. Nun waren sie nahe bei uns, wir traten beiseite und ließen den Zug vorüber. Die Führerperson warf uns einen glitzernden Blick zu. Die Kinder trappelten dahin. Wir sprachen nicht, als sie vorbeizogen. Ganz zum Schluß ging ein Kind allein; es ging, wie wenn es von jemandem gezogen würde, es hatte verweinte Augen, schluckte manchmal im Gehen vor sich hin, aber es weinte nicht. Sein Gesicht war auch nicht verschwollen, wie es verheulte Kinder haben … es sah vielmehr leergeweint aus, und in den bräunlichen Haaren lag ein goldner Schimmer. Es sah uns an, so müde und gleichgültig, wie es einen Baum angesehn hätte. In einem Anfall von Übermut und Kinderliebe steckte ihm die Prinzessin zwei kleine Glockenblumen, die wir gepflückt hatten, in die Hand. Das Kind zuckte zusammen, dann sah es auf, seine Lippen bewegten sich; es wollte vielleicht etwas sagen, danken … da drehte sich vorn die Person um, die Kleine beschleunigte ihre Schritte und hoppelte ängstlich der Schar nach. Staub und das Geräusch der marschierenden Kinderfüße. Dann war das Ganze vorüber.

»Merkwürdiges kleines Mädchen«, sagte die Prinzessin. »Was sind denn das für Kinder? Wir wollen nachher einmal fragen … Peter, mein Sohn, gibt es hier eigentlich Nordlicht? Ich möchte so gern mal ein Nordlicht sehn!«

»Nein«, sagte ich. »Doch, ja. Aber alles, was man sehn will, meine Tochter, findet immer grade in dem Monat statt, wo man nicht da ist … Das ist so im Leben. Aber das bekommst du erst in der nächsten Klasse. Nordlicht — ja …«

»Ich denke es mir wundervoll. Ich habe mal als Kind im Konversationslexikon eins gesehn — das war überhaupt eine Welt für sich, das Lexikon, mit den kleinen Seidenpapierblättchen … Und da waren sie abgebildet, die Nordlichter, ganz bunt und groß, sie sollen ja über den halben Himmel gehn. Ich glaube, ich hätte eine ungeheure Angst, wenn ich das mal sähe. Denk mal, große, bunte Lichter am Himmel! Wenn das nun herunterkommt! Und einem auf den Kopf fällt! Aber sehn möchte ich es schon mal …«

Blaßblau wölbte sich der Himmel über uns; an einer Stelle des Horizonts ging er in tiefes Dunkelblau über, und da, wo die Sonne vorhin untergegangen war, leuchtete es gelbrosig, es schimmerte und blinkte nur noch ein wenig. »Lydia«, sagte ich, »wollen wir uns ein Nordlicht machen?« – »Na …« — »Sieh mal«, sagte ich und deutete mit dem Finger nach oben, »siehst du, siehst du — da — da ist es –!«

Wir sahen beide fest nach oben — wir hielten uns an den Händen, Pulsschlag und Blutstrom gingen von einem zum andern. In diesem Augenblick hatte ich sie so lieb wie noch nie.

Und da sahen wir unser Nordlicht.

»Ja –«, sagte die Prinzessin, leise, damit sie es nicht verscheuchte. »Das ist ja wunderbar. Ganz hellgrün — und da — rosa! Und Kugelstreifen — und das da, ganz spitzhoch… Sieh mal, sieh mal!« Jetzt wagte sie es, schon lauter zu sprechen, denn nun leuchtete uns das Nordlicht wie wirklich. »Das sieht aus wie eine kleine Sonne«, sagte ich. »Und da, wie geronnene Milch, und da, weiße Zirruswölkchen … blau … ganz hellblau!« — »Guck, und am Horizont geht es gewiß noch weiter — da ist alles ganz silbergrau. Daddy, ist das schön!«

Wir standen still und sahen nach oben. Ein Wagen klapperte vorüber und schreckte uns auf. Der Bauer, der auf dem Bock saß und freundlich grüßte, sah nun auch nach oben, was es da wohl gäbe. Wir sahen erst ihn an, dann die Wiesen, die ein wenig kalt und grau dalagen. Wir lächelten, wie beschämt. Dann blickten wir wieder zum Himmel auf. Da war nichts. Er lag glatt, blau und halbhell. Da war nichts.

»Peter …«, sagte die Prinzessin. »Peter …«

4

»Sagen Sie bitte, Frau Andersson«, sagte ich zu der Schloßdame, die uns einen schönen guten Abend bot, und ich sprach ihren Namen »Anderschon« richtig aus, »was mögen das für Kinder sein, denen wir vorhin begegnet sind? Da … da hinten… in den Wiesen?« — »Ja, da sind viele Kinder. Das ist wohl Bauernjungen, die spielen da viele Gängen…« — »Nein, nein. Es waren kleine Mädchen, sie gingen geordnet, wie ein Institut, eine Schule, so etwas …« — »Eine Schule?« Frau Andersson dachte nach.

»Ah — das werden die von der Frau Adriani gewesen sein. Von Läggesta.« Und sie deutete über den See, wo man weit, weit in einer Lichtung recht undeutlich ein großes Gebäude liegen sah. »Das ist ein Pensionat, das ist eine Kinderkolonie. Ja.« Dazu machte sie ein Gesicht, wie ich es noch nie bei ihr gesehen hatte. Ich wurde neugierig. Man soll nie jemand nach dem fragen, was man wissen will, das ist eine alte Weisheit. Dann sagt er’s nicht. »Da sind gewiß viele Kinder… wie?« — »Ja, eine heile Masse«, sagte Frau Andersson; man mußte oft raten, was sie wohl meinte, denn sie übersetzte sich wahrscheinlich alles wörtlich aus dem Schwedischen. »In diesen Pensionat sind viele Kinder, aber nicht viele schwedische Kinder. Es gescheht Gottlob!« — »Warum Gottlob, Frau Andersson?« — »Jaha«, sagte sie und schlug mit der Seele einen Haken, wie ein verfolgter Hase, »da sind nicht viele schwedischen Kinder ne-do!« — »Schade«, sagte ich und kam mir mächtig diplomatisch vor. »Da ist es gewiß hübsch…« Frau Andersson schwieg einen Augenblick. Dann nahm sie beherzt einen kleinen Anlauf. Sie senkte die Stimme.

»Das ist… das ist nicht eine liebe Frau, der da ist. Aber ich will nichts Böses sagen… verstehn Sie. Es ist eine deutsche Dame. Aber sie ist keine gute Dame. Das Volk von Deutschland sind so wohnliche Menschen — nicht wahr… Waren Sie so gut, fassen Sie mir das nicht übel!« — »Sie meinen die Vorsteherin von dem Pensionat?« — »Ja«, sagte Frau Andersson. »Die Versteherin. Die Versteherin, das ist eine schlimme Person. Das ist… jeder fühlt sie hier. Wir haben nicht an ihr Geschmack. Sie ist nicht gut gegen den Kindern.« — »So«, sagte ich und sah auf die Bäume, die leise mit den Blättern zitterten, wie wenn sie fröstelten, »so — keine gute Dame? Na… was macht sie denn? Schreit sie mit ihnen?« — »Ich will Sie etwas sagen«, sagte Frau Andersson, und nun wandte sie sich zur Prinzessin, als ob diese Sache nur unter Frauen abzuhandeln wäre; »sie ist hart zu den Kindern. Die Versteherin… sie slagt die Kinder.« Der Prinzessin gab es einen Ruck. »Sagt denn da niemand was?« — »Jaha…«, sagte Frau Andersson. »So schlagt sie sie nicht. Die Polizei kann darein nichts sprechen. Sie schlagt ihnen nicht, so zu krank zu werden. Aber sie ist unrecht dazu, die Kinder ist sehr bange für ihr.« Sie deutete auf ein schloßartiges Gebäude, das hinter Mariefred auf einem Hügel lag. »Ich möchte lieber da sein als bei der Kinderfrau.« — »Was ist denn das da hinten?« fragte ich. »Das ist eine Irrtumsanstalt«, sagte Frau Andersson. »So — und die Irren haben es besser als diese Kinder da?« — »Ja«, sagte Frau Andersson. »Aber da will ich sehn, ob das Abendmahl fertig ist… einen Augenblick!« Und sie ging, eilfertig, wie wenn sie zuviel gesagt hätte.

Wir sahen uns an. »Komisch, wie?« — »Ja… das gibt’s«, sagte ich. »Wahrscheinlich irgend so ein Deubel von Weib, das da mit der Zuchtrute regiert…« — »Peter — spiel noch ein bißchen Klavier, bis das Essen fertig ist!«

Und wir gingen ins Musikzimmer der Schloßfrau, das hatte sie uns erlaubt, und ich setzte mich an das kleine Klavier und ließ fromme Gesänge ertönen. Ich spielte hauptsächlich auf den schwarzen Tasten; man kann sich besser daran festhalten.

Ich spielte:

Manchmal denke ich an dich, das bekommt mich aber nich… denn am nächsten Tag bin ich so müde —

und:

Wenn die Igel in der Abendstunde still nach ihren Mäusen gehn, hing auch ich an deinem Munde —

und dann sangen wir alte Volkslieder und dann amerikanische Lieder, und dann sangen wir ein Reiterlied, das wir selber gedichtet hatten, und das ganz und gar blödsinnig war, von der ersten bis zur letzten Zeile, und dann war das Abendessen fertig. Wir hatten eine Flasche Whisky aufgetrieben. Das war nicht einfach gewesen, denn wir hatten kein »Motbok«, nicht dieses kleine Buch, das die Schweden zum Bezug von Schnaps berechtigt. Aber die Flasche hatten wir. Und gar so teuer war sie auch nicht gewesen. Braun und Blond — black and white… ihr sollt leben…!

Wir saßen vor dem Haus an einem Holztischchen und sahen zum Schloß hinüber. Ab und zu tranken wir einen Schluck.

Zehn schlug es von dem alten Kirchturm — zehn Uhr. Die Luft stand still; die Bäume rührten kein Blatt — alles ruhte. Helle Nächte. Es war eine starre Ruhe, wie wenn sich etwas staute und die Natur den Atem anhielte. Hell? Es war nicht hell. Es war nur nicht dunkel. Die Äste drohten so schwärzlich, sie warteten. Wie wenn man allem die Haut abgerissen hätte: schamlos, ohne Dunkel, stand es herum, der Schwärze beraubt. Man hätte das schwarze Kleid der Nacht herbeizaubern und alles zudecken mögen, damit nichts mehr sichtbar wäre. Das Schloß hatte sein brennendes Rot eingebüßt und sah fahlbraun aus, dann düster. Der Himmel war grau. Es war Nacht, ohne Nacht zu sein.

»So still, wie es jetzt ist, so sollte es überall und immer sein, Lydia — warum ist es so laut im menschlichen Leben?« — »Meinen lieben Dschung, das findest du heute nicht mehr — ich weiß schon, was du meinst. Nein, das ische woll ein für alle Mal verlöscht…« — »Warum gibt es das nicht«, beharrte ich. »Immer ist etwas. Immer klopfen sie, oder sie machen Musik, immer bellt ein Hund, marschiert dir jemand über deiner Wohnung auf dem Kopf herum, klappen Fenster, schrillt ein Telephon – Gott schenke uns Ohrenlider. Wir sind unzweckmäßig eingerichtet.« — »Schwatz nicht«, sagte die Prinzessin. »Hör lieber auf die Stille!«

Es war so still, daß man die Kohlensäure in den Gläsern singen hörte. Bräunlich standen sie da, ganz leise setzte sich der Alkohol ins Blut. Whisky macht sorgenfrei. Ich kann mir schon denken, daß sich damit einer zu Grunde richtet.

Weit in der Ferne läutete eine Glocke, wie aus dem Schlaf geschreckt, dann war alles wieder still. Weißgrau lag unser Haus; alle Lichter waren dort erloschen. Die Stille wölbte sich über uns wie eine unendliche Kugel.

In diesem Augenblick war jeder ganz allein, sie saß auf ihrem Frauenstern, und ich auf einem Männerplaneten. Nicht feindselig… aber weit, weit voneinander fort.

Mir stiegen aus dem braunen Whisky drei, vier rote Gedanken durchs Blut… unanständige, rohe, gemeine. Das kam, huschte vorbei, dann war es wieder fort. Mit dem Verstand zeichnete ich nach, was das Gefühl vorgemalt hatte. Du altes Schwein, sagte ich zu mir. Da hast du nun diese wundervolle Frau… du bist ein altes Schwein. Kein Haus ohne Keller, sagte das Schwein. Mach dir doch nichts vor! Du sollst das nicht, sagte ich zu dem Schwein. Du hast mir schon so viel Kummer und Elend gemacht, so viel böse Stunden… von der Angst, daß ich mir etwas geholt hätte, ganz zu schweigen. Laß doch diese unterirdischen Abenteuer! So schön ist das gar nicht — das bildest du dir nur ein! Höhö, grunzte das Schwein, das ist also nicht schön. Stell dir mal vor… Still! sagte ich, still! Ich will nicht. Oui, oui, sagte das Schwein und wühlte schadenfroh; stell dir vor, du hättest jetzt… Ich schlug es tot. Für dieses Mal schlug ich es tot — sagen wir: ich schloß den Koben ab. Ich hörte es noch zornig rummeln… dann sangen wieder die Gläser, ganz, ganz leise, wie wenn eine Mücke summte. »Daddy«, sagte die Prinzessin, »kann man hier eigentlich das blaue Kostüm tragen, das ich mitgenommen habe?«

Ich war wieder bei ihr; wir saßen wieder auf demselben Trabanten und rollten gemeinsam durch das Weltall. »Ja…«, sagte ich. »Das kannst du.« – »Paßt es?« – »Natürlich. Es ist doch diskret und leise in der Farbe, das paßt schön.« — »Du sollst nicht soviel rauchen«, sagte ihre tiefe Stimme; »dann wird dir wieder übel, und wer hat’s nachher? Ich. Tu mal die Pfeife weg.«

Ich, Sohn, tat die Pfeife weg, weil die Mutter es so wollte.

Leise legte ich meine Hand auf die ihre.

5

Maurer hatten das große Haus in Läggesta gebaut — wer denn sonst. Handwerker; ruhige bedächtige Männer, die sich erst dreimal umsahen, bevor sie eine Bewegung machten, das ist auf der ganzen Welt so. Als alles fertig war, hatten sie die Wände mit Kalk beworfen, manche Zimmer hatten sie gestrichen, viele tapeziert, ganz unterschiedlich und alles nach Angabe. Dann waren sie gleichmütig weggegangen, das Haus war fertig, nun konnte darin geschehen, was wollte. Das war nicht mehr ihre Sache, sie waren nur Handwerker. Die Gerichtsstube, in der einer gefoltert wird, war, als sie geboren wurde, ein ziegelgemauertes Viereck, glatt und geweißt, oben hatte der Maler fröhlich pfeifend auf seiner Leiter gestanden und hatte den bestellten grauen Streifen rings an die Wände gemalt; es war ein Handwerksstück, das er da vollführte… und nun war es auf einmal eine Gerichtsstube. So unbeteiligt bauen Menschen den Schauplatz zukünftiger Szenen; sie errichten die Kulissen und das Gerüst, sie stellen das ganze Theater auf, und dann kommen andre und spielen dort ihre traurigen Komödien.

Das Kind lag im Bett und dachte.

Denken… Vor langen Zeiten, als es noch einen Vater gehabt hatte, da hatte es mit ihm immer »Denken« gespielt. Und der Vater hatte dabei so gelacht, er konnte so wundervoll lachen… »Was tust du?« hatte das Kind gefragt. »Ich denke«, hatte der Vater gesagt. »Ich will auch denken.« — »Gut… denke auch!« Und er war ernsthaft in der Stube auf und ab gegangen, das Kind immer hinterher, es ahmte genau die Haltung des Vaters nach, würdeschwer hielt es die Hände auf dem Rücken, runzelte die Stirn wie er… »Was denkst du?« hatte der Vater gefragt. »Ich denke: Löwe –«, hatte das Kind geantwortet. Und der Vater hatte gelacht…

Nebenan schnaufte Inga und warf sich hin und her. Das Kind war plötzlich wieder da, wo es wirklich war: in Schweden. In Läggesta. Mutti war in der Schweiz, so weit fort… das Kind fühlte es heiß in sich hochsteigen. Es hatte so viel flehentliche Briefe geschrieben, drei, eigentlich nur drei — dann war der Teufelsbraten dahintergekommen, daß eines der Dienstmädchen die Briefe heimlich zur Post getragen hatte. Das Mädchen wurde entlassen, das Kind an den Haaren gezogen, und die Briefe, die nun nach der Schweiz gingen, waren musterhaft. Ja, vielleicht mußte das alles so sein. Vielleicht hatte die Mutter kein Geld, um das Kind bei sich zu behalten, und hier oben war es eben billiger. So hatte es ihm die Mutter erklärt.

Es war hier so allein. Es war unter den neununddreißig kleinen Mädchen ganz allein — und es hatte Angst. Sein Leben bestand eigentlich nur aus Angst. Angst vor dem Teufelsbraten und Angst vor den ältern Mädchen, die es anschwärzten, wo sie nur konnten, Angst vor dem nächsten Tag und Angst vor dem Vortag, was von dem nun wieder ans Licht kommen könnte, Angst vor allem, vor allem. Das Kind schlief nicht — es bohrte mit seinen Augen Löcher in das Dunkel.

Daß die Mutter es hierhergegeben hatte! Hier waren sie einmal gewesen, vor Jahren, vor drei, vier Jahren — und damals war der Bruder Will gestorben. Er lag da begraben auf dem Kirchhof in Mariefred, und das Kind durfte manchmal das Grab besuchen, wenn der Teufelsbraten das erlaubte oder befahl. Meist befahl er es. Dann stand es an dem kleinen Kindergrab, rechts, die vierzehnte Reihe, das mit dem grauen Steinchen, an dem die Buchstaben noch so neu schimmerten. Aber dort hatte es nie geweint. Es weinte nur manchmal zu Hause um Will — um den dicken, kleinen Will, der jünger gewesen war als das Kind, jünger, toller im Spiel und ein guter Junge. Hier und da bekam er einen Klaps, aber die Mutter tat ihm nicht weh, und er lachte unter seinen Kindertränen und war dann wieder ein guter, kleiner Spieljunge. Wie aus Wolle. Und dann wurde er krank. Eine Grippe, sagten die Leute, und nach vier Tagen war er tot. Das Kind roch noch den Arztgeruch, das war nicht hier gewesen, das war in Taxinge-Näsby, nie würde es den Namen vergessen. Den säuerlichen Arztgeruch, das »Psst!« — alles ging leise, auf Zehenspitzen, und dann war er gestorben. Wie das war, hatte das Kind vergessen. Will war nicht mehr da.

Der Bruder nicht. Mutti nicht. Vater weggegangen, wohin… Niemand war da. Das Kind war allein. Es dachte das Wort nicht — viel schlimmer: es fühlte die Einsamkeit, wie nur Kinder sie fühlen können.

Die kleinen Mädchen raschelten in den Kissen. Eins flüsterte im Schlaf. Das war jetzt der zweite Sommer hier oben. Es würde nie anders werden. Nie. Mutti soll kommen, dachte das Kind. Aber sie müßte es hier fortnehmen, denn gegen Frau Adriani kam auch Mutti nicht auf. Niemand kam gegen sie auf. Schritte? Wenn sie jetzt käme? Einmal war Gertie krank gewesen; da war Frau Adriani fünfmal in der Nacht heraufgekommen — fünfmal hatte sie nach dem kranken Kind gesehen, sie hatte fast eifersüchtig mit der Krankheit gekämpft. Und zum Schluß hatte sie das Fieber besiegt. Wenn sie jetzt käme? Nichts — eins der acht Betten hatte geknarrt. Das war Lisa Wedigen, die schlief immer so unruhig. Wenn doch einer — wenn doch einer — wenn doch einer… Morgen war Baden im See. Da spritzen einen die Mädchen immer so mit Wasser. Wenn doch einer —

Die Hände des Kindes tasteten vorsichtig unter das Kopfkissen, suchten im Laken, verschoben alles. Fort? Nein. Sie waren noch da.

Unter dem Kopfkissen lagen, verwelkt und zerdrückt, zwei kleine Glockenblumen.

Drittes Kapitel

1

Ei ist Ei, sagte jener — und nahm das größte.

Wir beugten uns beide über den Brief und lasen gemeinschaftlich:

Lieber Freund!

Ich habe in diesem Jahr noch acht Tage Urlaub gut und würde die gern mit Dir und Deiner lieben Frau Freundin verleben. Wie ich höre, seid Ihr in Schweden. Lieber Freund, würdest Du wohl Deinen alten Kriegskameraden, der Dir in so manchem Granattrichter den Steigbügel gehalten hat, bei Euch aufnehmen? Lieber Freund, ich zahle auch das Reisegeld für mich allein; es ist mir sehr schmerzlich, für mich allein etwas bezahlen zu müssen; es ist dies sonst nicht meine Art, wie Du weißt. Schreibe mir bitte, wie ich zu Euch fahre, lieber Freund.

Kann ich da wohnen? Wohnt Ihr? Sind da viele Mädchen? Soll ich lieber nicht kommen? Wollen wir uns gleich den ersten Abend besaufen? Liebst Du mich?

Ich sende Dir beigebogen in der Falte das Bild meines Fräulein Tochter. Sie wird so schön wie ich.

Lieber Freund, ich freue mich sehr, Euch zu sehen, und bin Euer gutes

Karlchen

Darunter stand, mit Rotstift, wie ein Aktenvermerk: »Sofort! Noch gestern! Eilt unbeschreiblich!«

»So«, sagte ich. »Da hätten wir ihn. Soll er kommen?«

Braun war die Prinzessin und frisch. »Ja«, sagte sie. »jetzt kann er kommen. Ich bin ausgeruht, und wenn er überhaupt nach acht Tagen wieder wegfährt? Abwechslung ist immer gut.« Demgemäß schrieb ich.

Wir waren in der Mitte der Ferien.

Baden im See; nackt am Ufer liegen, an einer versteckten Stelle, sich voll Sonne saugen, daß man mittags herrlich verdöst und trunken von Licht, Luft und Wasser nach Hause rollt; Stille; Essen; Trinken; Schlaf; Ruhe — Urlaub.

Dann war es soweit. »Wollen wir ihn abholen?« — »Halen wi em aff.«

Es war ein strahlender Tag — ein Wetter, wie die Prinzessin sagte, ein Wetter zum Eierlegen. Wir gingen auf den Bahnhof. So ein winziger Bahnhof war das; eigentlich war es nur ein kleines Haus, das aber furchtbar ernst tat und vor lauter Bahnhof vergessen hatte, daß es Haus war. Da lagen auch zwei Schienenpaare, weil die ja zu einem Bahnhof gehören, und hinten kam der Waggon angeschnauft. Einen Zug gab es hier nicht — nur einen Motorwagen. Er hatte sich einen kleinen Schornstein angesteckt, damit man es ihm auch glaubte. Einfahrt. Gezisch. Karlchen.

Wie immer, wenn wir uns lange nicht gesehen hatten, machte er eine gleichmütig-freundlich-dümmliche Miene, so: »Na … da bist du ja …« Er kam auf uns zu, der Schatten der kommenden Begrüßung lag schon auf seinem Gesicht, in der Hand trug er ein kleines Köfferchen. Der Bursche war gut gewachsen, und sein leicht zerhacktes Gesicht sah »jung und alert« aus, wie er das nannte.

Guten Tag — und dies ist … und das ist … gebt euch mal die Hand … und: Wo hast du denn das große Gepäck? — Als die Präliminarien vorbei waren: »Na, Karlchen, wie war denn die Reise?«

Er war nach Stockholm in einem Flugzeug geflattert, und heute mittag war er angekommen … »War es schön?« — »Na …«, sagte Karlchen und fletschte nach alter Gewohnheit das Gebiß — »da war eine alte Dame, die hatte Luftbeschwerden. Gib mir mal’n Zigarettchen. Danke. Und da haben sie doch diese kleinen Tüten … Zwei Tüten hatte sie schon verbraucht, und dann bekam sie nicht rasch genug die dritte, und der Mann neben ihr muß sich nun einen neuen Sommerüberzieher kaufen oder den alten reinigen lassen. Ich saß leider nicht neben ihr. Die sonstige Aussicht war sehr schön. Und wie gefällt es denn der Gnädigsten hier?«

Wenn Karlchen »Gnädigste« sagte, woran er selber nicht glaubte, dann machte er sich ganz steif und beugte den Oberkörper fein nach vorn; dazu hatte er eine bezaubernde Bewegung, den Unterarm mit einem Ruck zu strecken und ihn dann mit spitzem Ellenbogen wieder einzuziehen, wie wenn er nach seinen Manschetten sehen wollte …

Wie es der Gnädigsten gefiele? »Wenn der hier nicht dabei wäre«, sagte die Gnädigste, »dann würde ich mich sehr gut erholen. Aber Sie kennen ihn ja — er schwabbelt soviel und läßt einen nicht in Ruhe …« — »Ja, das hat er immer getan. Wie schön«, sagte er plötzlich, »daß ich meinen Schirm in der Bahn habe stehnlassen.« Und wir gingen zurück und holten ihn. In Schweden kommt nichts fort. Die beiden waren sich sofort und sogleich einig — merkwürdig, wie bei Menschen oft die ersten Minuten über ihre gesamten spätern Beziehungen entscheiden. Hier war augenblicklich zu spüren, daß sich beide auf Anhieb verstanden:

Das Ganze wurde nicht recht ernst genommen. Und ich schon gar nicht.

Karlchen war noch genauso wie vor einem Jahr, wie vor zwei Jahren, wie vor drei Jahren: so wie er immer gewesen war. Er hob grade den Kopf und schnupperte leicht mißtrauisch in der Luft umher. »Hier ist… irgendwas… Irgendwas ist hier… wie?« Das sagte er so hin, sprach dabei die Konsonanten scharf aus und trübte auch wohl manchmal das a, wie sie es im Hannöverschen zu tun pflegen. Genauso waren wir damals im Krieg am Ufer der Donau entlangspaziert und hatten gefunden, daß da irgend etwas sein müsse… Es war aber nichts.

Ich hoppelte neben den beiden her, die in ein angeregtes Gespräch über Schweden und über die Landschaft, über die Fliegerei und über Stockholm vertieft waren, die Prinzessin hatten wir in die Mitte genommen, manchmal sprachen wir über sie hinweg, und ich badete in einer tiefen Badewanne von Freundschaft.

Sich auf jemand verlassen können! Einmal mit jemand zusammensein, der einen nicht mißtrauisch von der Seite ansieht, wenn irgendein Wort fällt, das vielleicht die als Berufsinteressen verkleidete Eitelkeit verletzen könnte, einer, der nicht jede Minute bereit ist, das Visier herunterzulassen und anzutreten auf Tod und Leben… ach, darauf treten die Leute gar nicht an — sie zanken sich schon um eine Mark fünfzig… um einen alten Hut… um Klatsch… Zwei Männer kenne ich auf der Welt; wenn ich bei denen nachts anklopfte und sagte: Herrschaften, so und so… ich muß nach Amerika — was nun? Sie würden mir helfen. Zwei — einer davon war Karlchen. Freundschaft, das ist wie Heimat. Darüber wurde nie gesprochen, und leichte Anwandlungen von Gefühl wurden, wenn nicht ernste Nachtgespräche stattfanden, in einem kalten Guß bunter Schimpfwörter erstickt. Es war sehr schön.

Wir hatten ihn im Hotel untergebracht, weil es in diesen Tagen bei uns keinen Platz mehr gab. Er sah sein Zimmer an, behauptete, es röche darin wie im Schlafzimmer Ludwigs des Anrüchigen, es wäre überhaupt »etwas dünn«… das sagte er von allem, und ich hatte es schon von ihm angenommen; dann mußte er sich waschen, und dann saßen wir unter den Bäumen und tranken Kaffee.

»Na, Fritzchen…?« sagte er zu mir. Niemand wird je ergründen können, warum er mich Fritzchen nannte. »Kann man denn bei euch baden? Wie ist der See?« — »Es sind gewöhnlich sechzehn Grad Celsius oder zwanzig Remius«, sagte ich. »Das macht die Valuta.« Das sah er ein. »Und was tun wir heute abend?« — »Ja…«, sagte die Prinzessin, »heute wollen wir einen ganz stillen Abend abziehen…« — »Kann man hier Rotwein bekommen?« — Ich berichtete die betrübliche Tatsache mit dem Rotwein und erzählte davon, daß in der »Sprit-Zentrale« ein junger Mann Chablis unter den Rotweinen gesucht habe. Karlchen schloß wehmütig die Augen. »Aber du darfst den Wein bezahlen, Karlchen — das ist der sogenannte Einstand, den die Fremden hier geben.« Das hörte er leider nicht. Ein Mädchen ging vorüber — nicht einmal ein besonders hübsches. »Na …?« sagte Karlchen, »was…?« Und sprach weiter, als ob gar nichts gewesen wäre. Es war auch nichts. Aber er mußte das sagen — sonst wäre er wohl geplatzt. Und nun fingen wir langsam an, uns wie vernünftige Menschen zu gebärden.

Wir waren ein ganzes Stück Zeit miteinander gefahren und sprachen unter uns einen Cable-Code, der vieles abkürzte. Die Prinzessin fand sich überraschend schnell darein — es war ja auch nichts Geheimnisvolles, es war eben nur die Übereinstimmung in den Grundfragen des Daseins. Wir wußten beide, daß es »alles nicht so doll« sei… und wir hatten uns aus Skepsis, Einsicht, Unvermögen und gut angelegter Kraft eine Haltung zusammengekocht, die uns in vielem schweigen ließ, wo andre wild umhersurrten. Die größten Vorzüge dieses Mannes lagen, neben seiner Zuverlässigkeit, im Negativen: was er alles nicht sagte, was er nicht tat, nicht anstellte… Da gab es keine fein gebildeten Verdauungsgespräche, in denen die Herren dem »Geist ihrer Zeit« einen scheußlichen Tribut darbringen, ohne übrigens ihr Leben auch nur um einen Deut zu ändern. Da wurde nicht literarische Bildung verzapft, und es gab keine Wiener Aphorismen über Tod, Liebe, Leben und Musik wie bei den Journalisten aus Österreich und den ihnen Anverwandten… es wird einem himmelangst, wenn man das hört, und beim ersten Male glaubt man das druckfertige Gerede auch, und es ist alles, alles nicht wahr. Was Karlchen anging, so war das ein Stiller. Er rauchte die Welt an, wunderte sich über gar nichts mehr, war ein braver Arbeiter im Aktengarten des Herrn und zog zu Hause zwei Kinder auf, ohne dabei ein Trockenmieter seiner selbst zu werden. Hier und da fiel er in Liebe und Sünde, und wenn man ihn fragte, was er nun wieder angestellt hätte, dann fletschte er die Zähne und sagte: »Sie hat mich über die Schwelle der Jugend geführt!« und dann ging es wieder eine Weile. Jetzt saß er da und rauchte und dachte nach.

»Wir müssen an Jakopp schreiben«, sagte er. Jakopp war der andre — wir waren drei. Mit der Prinzessin vier. »Was wollen wir ihm denn schreiben?« fragte ich. »Hast du ihn gesehn? Du bist doch über Hamburg gefahren?« Ja, Karlchen war über Hamburg gefahren, und er hatte ihn gesehn. Jakopp war der Verschrullteste von uns, am Hamburger Wasserwerk sich betätigend, ein Ordentlicher, der deshalb auch die Georginen über alles liebte – »Georgine, die ordentliche Blume«, sagte er — ein Kerl von bunter Verspieltheit und mit vierhundertundvierundvierzig fixen Ideen im Kopf. Wir paßten gut zueinander.

»Wo ist denn auf einmal die Prinzessin?« fragte Karlchen. Die Prinzessin war ins Städtchen gegangen, »Knöpfchen kaufen«. Wir kauften nie zusammen Knöpfchen, womit jede Art Einkauf gemeint war — wenn wir es aber doch taten, dann zankten wir uns dabei. Nun war sie fort. Wir schwiegen eine Weile.

»Na, und sonst, Karlchen?« — »Sonst hat sich Jakopp Pastillen gekauft, weil er doch so viel raucht. Und wenn er raucht, dann hustet er doch so. Du kennst das ja — es ist ein ziemlich scheußlicher Anblick. Und jetzt hat er sich gegen das Rauchen ein Mittel besorgt: Fumasolan heißen die Dinger. Hm –«. — »Na und? Helfen sie?« — »Nein, natürlich nicht. Aber er sagt: seit er das nimmt, verspürt er eine merkwürdige Steigerung seiner Manneskräfte. Das stört ihn sehr. Ob sie ihm die falschen Pastillen eingepackt haben?« — So ging alles in Jakopps Leben zu, und wir hatten viel Freude daran.

»Gib mal eine Karte. Was wollen wir ihm denn…?« Endlich hatte ich es heraus. Wir wollten ihm eine Telegrammkarte schicken, weil das tägliche Telegramm, das ihn gestört und herrlich aufgebracht hätte, zu teuer gewesen wäre. Wir telegraphierten also fortab auf Karten entsetzlich eilige Sachen — heute diese:

hergeflogenes karlchen soeben fast zur gänze eingetroffen drahtet sofort, ob sofort drahten wollt stop großmutti leider aus Schaukel gefallen großvati

Diese schwere Arbeit hatten wir hinter uns… nun ruhten wir aus und sagten erst mal gar nichts. Da kam die Prinzessin.

Sie hatte vielerlei Knöpfchen eingekauft; es ist rätselhaft, was für eine Fülle von Waren Frauen noch in den kleinsten Ortschaften entdecken. Und Geld hatte sie auch nicht mehr, und ich zog mit gefurchter Stirn die Brieftasche und tat mich sehr dick. Dann legten wir uns ins Gras.

»Geht euch das eigentlich auch so«, sagte Karlchen, der hier schon völlig zu Hause war, »daß ihr euch so schwer erholt? Erholung ist eine Arbeit, finde ich. Man macht und tut, auch wenn man gar nichts tut — und man merkt es erst hinterher, wie …?« — »Hm«, machten wir; wir waren zu faul, zu antworten. Es knisterte. »Steck die Zeitungen weg!« sagte ich. »Habt ihr gelesen…?« sagte er. Und da war es.

Da war die Zeit.

Wir hatten geglaubt, der Zeit entrinnen zu können. Man kann das nicht, sie kommt nach. Ich sah die Prinzessin an und zeigte auf die Zeitung, und sie nickte: Wir hatten heute nacht davon gesprochen, davon und von der Zeit und von dieser Zeit… Man denkt oft, die Liebe sei stärker als die Zeit. Aber immer ist die Zeit stärker als die Liebe. »Gelesen… gelesen…«, sagte ich. »Karlchen, was liest du jetzt eigentlich für eine Zeitung? — Er nannte den Namen. »Man soll nicht nur eine lesen«, lehrte ich weise. »Das ist gar nichts. Man muß mindestens vier Zeitungen lesen und eine große englische oder französische dazu; von draußen sieht das alles ganz anders aus.« — »Ich muß mich immer wundern«, sagte die Prinzessin, »was unsereiner da so vorgesetzt bekommt. Seht mal — Zeitungen für uns gibt es eigentlich gar nicht. Sie tun immer alle so, als ob wir wer weiß wieviel Geld hätten — nein, als ob es gar kein Geld auf der Welt gäbe… dabei wissen sie genau: wir haben nur wenig — aber sie tun so. Was sie uns da alles erzählen… und was sie alles abbilden!« — »Geronnene Wunschträume. Du sollst schlafen, du sollst schlafen, du sollst schlafen, liebes Kind!« — »Nein, das meine ich nicht«, sagte die Prinzessin. »Ich meine, sie sind alle so furchtbar fein. Noch wenn sie den Dalles schildern, ist es ein feiner Dalles. Sie schweben eine Handbreit über dem Boden. Ob mal ein Blatt sagt, wie es nun wirklich ist: daß man am Zwanzigsten zu knapsen anfängt und daß es mitunter recht jämmerlich und klein ist und daß man sich gar nicht so oft ein Auto leisten kann, von Autos kaufen überhaupt nicht zu reden, und mit ihrer lächerlichen Wohnungskultur… haben wir vielleicht anständige Wohnungen?«

»Die Leute fressen einen auf«, sagte ich. »Das Schlimmste ist: sie stellen die Fragen und sie ziehen die Kreise und sie spannen die Schnüre — und du hast zu antworten, du hast nachzuziehen, du hast zu springen… du kannst dir nichts aussuchen. Wir sind nicht hinieden, um auszusuchen, sondern um vorliebzunehmen — ich weiß schon. Aber daß man lauter Kreuzworträtsel aufbekommt: Rom gibt dir eins auf und Rußland eins und Amerika und die Mode und die Gesellschaft und die Literatur — es ist ein bißchen viel für einen einzelnen Herrn. Finde ich.«

»Wenn man sich das recht überlegt«, sagte Karlchen, »sind wir eigentlich seit neunzehnhundertundvierzehn nicht mehr zur Ruhe gekommen. Spießerwunsch? Ich weiß nicht. Man gedeiht besser, wenn man seinen Frieden hat. Und es kommt alles nach — es wirkt so nach… Weißt du noch: der allgemeine Irrsinn in den Augen, als uns das Geld zerrann und man ganz Deutschland für tausend Dollar kaufen konnte? Damals wollten wir alle Cowboys werden. Eine schöne Zeit!«

»Lieber Mann, wir haben das Pech, nicht an das zu glauben, was die Kaffern Proppleme nennen – damit trösten sie sich. Es ist ein Gesellschaftsspiel.«

»Arbeiten. Arbeit hilft«, sagte die Prinzessin.

»Liebe Prinzessin«, sagte Karlchen, »ihr Frauen nehmt das ja ernst, was ihr tut — das ist euer unbestrittener Vorzug vor uns andern. Wenn man das aber nicht kann… Immerhin: eine so schöne junge Frau. ..«

»Sie werden ausgewiesen, wenn Sie so reden«, sagte die Prinzessin. »Vestahn Sei Plattdütsch?« — Karlchen strahlte: er sprach Platt wie ein hannöverscher Bauer, und jetzt schnackten sie eine ganze Weile in fremden Zungen. Was sagte sie da? Ich horchte auf. »Das hast du mir doch noch gar nicht erzählt?«

»Nein…? Habe ich das nicht?« Die Prinzessin tat furchtbar unschuldig. Sie log sonst gut — aber jetzt log sie ganz miserabel. »Also?«

Der Generalkonsul hatte es mit ihr treiben wollen. Wann? Vor zwei Monaten. »Bitte erzähl.«

»Er hat gewollt. Na, ihr wollt doch alle. Verzeihen Sie, Karlchen, außer Ihnen natürlich. Er hat eines Abends… also das war so. Eines Abends hat er mich gefragt, ob ich länger bleiben könnte, er hätte noch ein langes Exposé zu diktieren. Das kommt manchmal vor — ich habe mir nichts dabei gedacht; natürlich bin ich geblieben.« — »Natürlich …«, sagte ich. »Ihr habt ja sonst den Achtstundentag.« — »Quackel nicht, Daddy — wir haben ihn natürlich nicht, ich habe ihn nicht. Das ist eben in meiner Position …« — »Darüber werden wir uns nie einigen, Alte. Ihr habt ihn nicht, weil ihr ihn euch nicht erkämpft. Und ihr kämpft nicht — ach, ich habe jetzt Ferien.« – »Gibt es dafür Ferien?« fragte Karlchen. »Also«, fuhr die Prinzessin fort. »Exposé. Wie das fertig ist, bleibt er mitten im Zimmer stehn — wissen Sie, Karlchen, mein Chef ist nämlich furchtbar dick — bleibt mitten im Zimmer stehn, sieht mich mit so ganz komischen Augen an und sagt: Haben Sie eigentlich einen Freund? Ja, sage ich. Ach, sagt er, sehn Sie mal an — und ich hatte gedacht, Sie hätten gar keinen. Warum nicht? sage ich. Sie sehn nicht so aus, also ich meine… Na, und dann kam er langsam damit heraus. Er wäre doch so allein, das sähe ich doch… zur Zeit hätte er überhaupt keinen Menschen, und er hätte mal eine langjährige Freundin gehabt, die hätte ihn aber betrogen –«. Karlchen schüttelte bekümmert den Kopf, wie so etwas wohl möglich wäre. »Na, und was hast du gesagt?«– »Du alter Affe – ich habe nein gesagt.« — »Ach?« — »Ach! Hätte ich vielleicht ja sagen sollen?« — »Na, wer weiß! Eine gute Position… Hör mal, ich habe da einen Film gesehn.« — »Da bezieht er nämlich seine Bildung her, Karlchen. Würden Sie mit Ihrem Chef was anfangen?« — Karlchen sagte, er würde mit seinem Chef nie etwas anfangen. »Das ist ja alles Unsinn«, sagte die Prinzessin. »Männer verstehen das nicht. Was hat man denn davon? Ich müßte seine Sorgen teilen wie seine Frau, arbeiten wie seine Sekretärin, und wenn die Börse fest ist, dann bleibt er eines Abends bei einer andern mitten im Zimmer stehn und fragt die, ob sie vielleicht einen Freund… Ach, geht mir doch los!« — »Und an mich hast du gar nicht gedacht?« sagte ich. »Nein«, sagte die Prinzessin. »An dich denke ich erst, wenn der Mann in Frage kommt.« Und dann standen wir auf und gingen an das Seeufer.

Das Schloß schlief dick und still; überall roch es nach Wasser und nach Holz, das lange in der Sonne gelegen hatte, nach Fischen und nach Enten. Wir gingen am See entlang.

Und ich genoß diese beiden; dies war ein Freund, nein, es waren zwei Freunde – und ich verriet die Frau nicht an den Mann, wie ich es fast immer getan hatte; denn wenn da ein Mann war, mit dem es etwas zu erzählen gab, dann ließ ich die Frau liegen, als ob ich nicht noch eben mit ihr geschlafen hätte; ich gab sie auf, kümmerte mich nicht mehr um sie und verriet sie voller Feigheit an den ersten besten. Dann ließ sie los. Und dann wunderte ich mich.

Die zwei sprachen sich in ihren Dialekten über ihre Heimat aus. Sie sagten, wo man das r aussprechen müsse und wo nicht; sie ergänzten ihre Schimpfwörterverzeichnisse; sie wußten beide, was das ist, niederdeutsch. Es ist jener Weg, den die deutsche Sprache leider nicht gegangen ist, wieviel kraftvoller ist da alles, wieviel bildhafter, einfacher, klarer — und die schönsten Liebesgedichte, die der Deutsche hat, stehen auf diesen Blättern. Und die Menschen… was es da im alten Niederdeutschland, besonders an der Ostsee, für Häuser gegeben hat, eine Traumwelt von Absonderlichkeit, Güte und Musik, eine Käfersammlung von Leuten, die alle nur einmal vorkommen… Vieles davon ist nun in die Hände dummer Heimatdichter gefallen, die der Teufel holen möge — scheinbar gutmütige Bürger, unter deren rauchgeschwängerten Barten der Grog dampft und die die kraftvolle Männlichkeit ihrer alten Sprache in einen fatalen Brei von Gemütlichkeit umgelogen haben –: Oberförster des Meeres. Manche haben sich den Bart abrasieren lassen und glauben nun, wie alte Holzschnitte auszusehen – aber es hilft ihnen nichts; kein Wald rauscht ihnen, kein Meer rauscht ihnen, ihnen rauscht der Bart. Ihre Gutmütigkeit verschwindet im Augenblick, wo sie etwas verwirrt in die neue Zeit starren und auf den politischen Gegner stoßen; dann krabbelt aus ihnen ans Licht, was in ihnen ist: der Kleinbürger. Unter ihren Netzhemden schlägt ein Herz, im Parademarsch.

Das ist nicht unser Plattdeutsch, das nicht.

Niederdeutschland aber geht nicht ein — es lebt und wird ewig leben, solange dieses Land steht. Dergleichen hat es außerhalb Deutschlands nur noch einmal gegeben, aber da auf dem Rücken einer dienenden, nicht gut behandelten Kaste: in Kurland. Doch der Niederdeutsche ist anders. Seine Worte setzt er bedächtig, und sie sind gut. Und darüber sprachen die beiden. Und ich wußte: das Beste an der Prinzessin stammte aus diesem Boden. Und ich liebte in ihr einen Teil dieses Landes, das einem so sehr schwer macht, es zu lieben. Dessen ratlose Seelen es für eine Auszeichnung halten, gehaßt zu werden. Da war die Zeit, da war sie wieder. Nein, für uns gibt es wohl keine Ferien.

Die beiden aber schnackten unentwegt. Jeder pries sein Plattdeutsch als das allein wahre und schöne, das des ändern wäre ganz falsch. Jetzt waren sie bei den Geschichten angelangt.

Die Prinzessin erzählte die vom Schuster Hagen, dem der Amtsverwalter sein Prost Neujahr zugerufen hatte: »Ick wünsch See uck veel Glück taut niege Johr, Meisting!« — Und der andre hatte dann verehrungsvoll über den ganzen Marktplatz zurückgebrüllt: »Ins Gegenteil! Ins Gegenteil, Herr Amtsverwalter!« Und jene vom Schulzen Hacher, der seinen Ochsen auf die Ausstellung brachte und dazu sprach: »Ick dau dat nicht för Geld. Ick dau dat blodsen för de Blamasch!«

Und dann wieder Karlchen: wie Dörten, Mathilde und Zophie, die neugierigsten Mädchen in ganz Celle, ihn gefragt hatten, wer denn der junge Mann wäre, der jetzt immer morgens durch die Straßen ginge. Er konnte es ihnen nicht sagen. Und dann hatte er sie nachts geweckt, das ging gut, denn sie wohnten parterre — und als sie ganz erschreckt ans Fenster kamen, alle drei: »Ich wollte den Däömen nur sagen: der Herr von heute morgen hat fromme Bücher verkauft.«

Und dann sangen sie schöne Lieder, immer eines nach dem ändern. Die Prinzessin:

»Auf dem Berge Sinai, da sitzt die Mutter Pietschen, und wenn sie nichts zu essen hat, dann …

Karlchen, wie ist das mit einem Lullerchen Schlaf, heute nachmittag?« fragte sie plötzlich. Karlchen sang grade:

»Sie trug ein buntkariertes Kleid, mir tut mein Geld noch heute leid –

Nein«, sagte er. »Heute nachmittag tun wir einen schönen Spaziergang. Das ist gut für den Dicken, und wir schlafen dann nachts besser.« Der Dicke war ich. Wohlwollend musterte mich sein Blick. »Wenn man euch junges Volk so sieht… gut erholt seid ihr –!« Und so fühlten wir uns auch. Ich wackelte schweigend neben den beiden her, denn junges Glück soll man nicht stören.

Begehrte er sie –?

Natürlich begehrte er sie. Aber dies war ungeschriebenes Gesetz zwischen uns: Totem und Tabu… Unter welchem Tier wir geboren waren, wußten wir nicht; aber es mußte wohl das gleiche sein. Und die Frauen des andern: nie. Rational gemacht hatten wir das so: »Deine Bräute… also wenn man die schon sieht — herzlichen Glückwunsch!« Und wieder fühlte ich, zum hundertsten Male in so vielen Jahren, das Unausgesprochene dieser Freundschaft, das Fundament, auf dem sie ruhte. Ich kannte den Urgrund seiner Haltung. Ich wußte, weil ich es mit angesehen hatte: was der Mann alles erlebt hatte (»Über mich ist ein bißchen viel hinweggebraust!« pflegte er zu sagen); ich sah seine unbedingte Selbstbeherrschung; wenn’s schiefging, der konnte die Ohren steifhalten. Oft, wenn ich nicht weiter wußte, dachte ich: Was täte Karlchen jetzt? Und dann ging es wieder eine Weile. Eine richtige Männerfreundschaft… das ist wie ein Eisberg: nur das letzte Viertel sieht aus dem Wasser. Der Rest schwimmt unten; man kann ihn nicht sehn. Klamauk — Klamauk ist nur schön, wenn er auf Ernst beruht.

»Plattdeutsch predigen«, hörte ich Karlchen grade sagen, »nein — nein.« — »Das ist doch Unfug, Herr Karlchen«, sagte die Prinzessin. »Warum denn nich? Den Bauern vestehn es doch viel besser. Natürlich euern Platt… aber unsen Plattdeutsch…« — »Schöne junge Frau«, sagte Karlchen, »das ist es nicht. Die Bauern verstünden es schon — und eben deswegen mögen sie es nicht. In der Kirche wollen sie nicht die Sprache ihres Alltags; vor der haben sie keine Achtung — was kann an dem sein, was sie im Stall sprechen? Sie wollen das andre, das Ungewöhnliche, das Feierliche. Sonst sind sie enttäuscht und nehmen den Pastor nicht für voll. Na, und nun gehn wir ja wohl im Chantant… Fritzchen, weißt du noch?«

Und ob ich es wußte! Das stammte von Herrn Petkoff aus Rumänien, vom rumänischen Kriegsschauplatz, den wir gemeinsam bevölkert hatten. Herr Petkoff pflegte Geschichten zu erzählen, die sich durch besondere Pointenlosigkeit auszeichneten, aber sie endeten alle im Puff. »Sagt er zu mir: Petkoff, du Schwain, komm, gehn wir in Chantant!« Und was da nun war, wollte die Prinzessin gern wissen. Karlchen machte vor: »Petkoff sagte und schlug sich dabei auf die Oberschenkel: Hier ein Mättchän und da ein Mättchän …« — »Aber Karlchen«, sagte die Prinzessin, »da muß ich ja ganz rot werden!« — »Er hatte eine Freundin, der Petkoff. Die hatte vor seiner Zeit dreizehn Geliebte gehabt.« — »Dreizehn Geliebte«, lobte die Prinzessin. »Und wieviel schnelle Männer –?«

So schritten wir selbander dahin.

Da blieb die Prinzessin stehn, um sich zu pudern. »Ich begreife nicht, wie man sich in Gottes freier Natur pudern kann«, sagte ich. »Die Luft hat doch… der Teint ist…« — »Du gewinn den Nobelpreis und halt den Schnabel«, sagte sie. »Hör mal, ich sage dir das wirklich…« — »Daddy, das verstehn die Männer nie — und wir verstehn uns doch wirklich gut. Jeder seins, lieber Daddy. Du schminkst dich nicht, und ich genieße des Puders. So ist das!« Nun setzten wir uns auf eine Bank. Ich brummte: »They are all the same…«, dieser Satz Byrons machte meinen halben englischen Sprachschatz aus. »Sei mal nett zu ihr!« sagte Karlchen, und die Prinzessin war begeistert und nickte ihm fröhlich zu: »Nicht wahr?« — »Wer seine Braut zu seinem Weibe macht«, sagte Karlchen, »der soll auch das Weib zu seiner Braut machen!« — »Nun gebt euch einen Kuß!« sagte ich. Das taten sie. »Sei wirklich nett zu ihr!« sagte Karlchen noch einmal.

Er war ein Vorübergehender. Der Vorübergehende ist stets milde und weise, hat für alles gute und kluge Worte und geht vorüber. Wir, die wir bleiben… Aber gleich war diese kleine Wolke vorbei. Weil Karlchen das gescheite Wort sprach: »Bei uns zu Hause sagen sie immer: Zur Heirat gehört mehr als nur vier nackte Beine ins Bett.«

»Karlchen«, sagte ich unvermittelt, »was wird aus uns mal? Ich meine… so später… im Alter…?«

Er antwortete nicht gleich. Dafür die Prinzessin: »Daddy, weißt du noch, was auf der alten Uhr stand, die wir in Lübeck zusammen gesehen haben und die wir damals nicht kaufen konnten?« — »Ja«, sagte ich. »Es stand drauf: Lasset die Jahre reden.«

Ich sah sie an, und sie gab den Blick zurück: Wir faßten uns mit den Augen bei den Händen. Sie war bei mir. Sie gehörte dazu. Sie sorgte für mich.

Als wir aber nach Hause kamen, lag da für die Prinzessin ein großer Strauß aus Mohrrüben, Petersilie und Sellerie. Der war von Karlchen, denn so liebte er, wenn er liebte.

2

»Das laßt man Frau Direktor sehn!« sagte das Stubenmädchen Emma. »Die ist heute grade in der richtigen Laune!«

Das Gelächter der vier kleinen Mädchen verstummte jäh. Eine bückte sich scheu nach den Büchern, mit denen sie sich eben geworfen hatten. Hanne, die dicke Hanne aus Ostpreußen, setzte zu einer Frage an. »Was ist denn? Ist Frau Direktor…?« — »Na, macht nur!« sagte das Mädchen und lachte schadenfroh. »Ihr werdt ja sehn!« Und ging eilig davon. Die vier standen noch einen Augenblick zusammen, dann verteilten sie sich rasch im Korridor. Hanne war die letzte. Sie hatte grade die Tür des Schlafzimmers aufgemacht, in dem die andern schon standen und ihre Badesachen zusammensuchten, als man die schrille Stimme der Frau Adriani aus dem untern Stockwerk vernahm — wie laut mußte sie sprechen, daß man das so deutlich hören konnte! Die Mädchen standen wie die Wachspuppen.

»So? Ach! Das hast du nicht gewußt! Das hat das gute Lieschen nicht gewußt! Habe ich dir nicht schon tausendmal gesagt, daß man seinen Schrank nicht offenstehn läßt? Was? Wie?« — Man hörte, wie aus einer Watteschachtel, ein ganz leises Weinen. Oben sahen sie sich an und atmeten, sie schauerten vor Angst zusammen. »Du bist eine Schlumpe!« sagte die ferne Stimme. »Eine dreckige Schlumpe! Was? Der Schrank ist allein aufgegangen? Na, da hört doch… Und — was ist denn das hier? Wie? Seit wann bewahrst du dir denn Essen in der Wäsche auf? Wie? Du Teufelsbraten! Ich werde dir –«

Nun wurde das Weinen lauter, so laut, daß man es deutlich hören konnte. Schläge konnten sie nicht hören –: Frau Adriani pflegte nicht zu schlagen, sie knuffte. »Hier — und da — und jetzt… Ich werde euch überhaupt mal alle…« Fortissimo: »Alle runterkommen! In den Eßsaal!«

In die Wachspuppen oben kam Leben; sie warfen ihre Badesachen auf die Betten, sie hatten plötzlich hochrote Köpfe, und einer, der ewig blassen Gerti, standen Tränen in den Augen. Man hörte, rasch hervorgestoßen: »Macht doch! Fix!«, dann gingen sie hinunter, sie liefen fast, schweigend.

Aus allen Türen kamen die Mädchen; sie hatten erschrockene Gesichter, eine fragte leise: »Was ist denn…« und wurde gleich zur Ruhe verwiesen; wenn es gewittert, soll man lieber nicht sprechen. Auf den Treppen trappelte es, Schritte, Poltern, Türenklappen… nun war der Eßsaal voll. Als letzte kam Frau Adriani, eine rote Wolke, mit der weinenden Lisa Wedigen an der Hand.

Das Gesicht der Frau war gerötet, ihr Lebensmotor lief auf Touren; sie lebte doppelt, wenn sie in solcher Erregung war. »Alle da –?« Sie sah über die Mädchen hin, mit jenem Blick, von dem jede glaubte, er hätte sie, grade sie gemeint. Hart: »Lisa Wedigen hat Essen gestohlen!« — »Ich…«, was die Kleine sagen wollte, erstickte in Geschluchz. »Lisa Wedigen stiehlt. Sie hat von unserm Essen gestohlen«, sagte Frau Adriani mit Nachdruck, »gestohlen, und sie hat es in ihrem Schrank versteckt. Der Schrank war natürlich in einer scheußlichen Unordnung, wie immer bei Dieben; die Wäsche vom Essen beschmutzt, die Schranktür war offen. Wer nicht hören will, muß fühlen. Ihr wißt, wie ich es euch gleich am Anfang gesagt habe: wenn hier eine was falsch macht, dann büßen alle. Das ist Gerechtigkeit. Ich werde euch…! Also:

Lisa hat heute abend Essenentzug. Sie darf die nächsten acht Tage nicht mit uns spazierengehen, sondern bleibt zu Hause auf dem Zimmer. Morgen bekommt sie nur das halbe Essen. Das Baden fällt heute aus. Ihr macht alle Schreibübungen. Lisa schreibt besonders vier Kapitel aus der Bibel ab. Ihr seid eine ganz verlotterte Bande! Marsch — auf die Zimmer!«

Schweigend und beklommen tropfte die Schar aus den beiden Türen; manche sahen sich bedeutungsvoll an, die Abgehärteteren schlenkerten mit den Armen und taten unbekümmert-trotzig; zwei weinten. Lisa Wedigen schluchzte, sie sah niemand an und wurde von niemand angesehn. Das Kind blickte auf —

Der große Abreißkalender an der Wand zeigte eine 27, eine schwarze 27. Als sich das Kind mit den andern durch die Tür schob, blätterte der Zugwind im Kalender… so viele Blätter waren das, so viele Blätter. Und wenn dieser Kalender verbraucht war, dann hängte Frau Adriani einen neuen auf. Der Blick des Kindes fiel auf das Bildnis Gustav Adolfs, das im Korridor hing. Der hatte es gut. Er war hier, und er war doch nicht hier. Dem taten sie nichts. Merkwürdig, daß die Menschen den Sachen nichts tun. Das Kind dachte: Noch einmal so, und ich laufe fort, ich laufe aus dem Haus…

In den Stuben herrschte eine stille Geschäftigkeit. Die Badeanzüge und die Handtücher wurden fortgelegt, zitternde Hände rissen Schubladen auf und kramten hastig darin umher, ein Flüsterwort unterbrach diese Geräusche.

Unten im Eßsaal stand die Adriani, allein.

Ihr Atem ging rasch, sie hatte sich, anfangs kalt, in eine Wut hineingesteigert — wie sie meinte: zu pädagogischen Zwecken, und jetzt war sie wütend, weil sie wirklich wütend war. Ihr beißender Ärger besänftigte sich erst, als sie an die Vorstellung dachte, in der sie soeben aufgetreten war. Sie hatte so ein aufmerksames Publikum gehabt… alles kam darauf an, ein Publikum zu haben. Sie sah sich um. Hier war alles, bis zum Bewurf an der Mauer, dem Kitt in den Ritzen der Fensterscheiben, dem Linoleumbelag und den Türangeln — alles war gezählt, kontrolliert, aufgeschrieben und beaufsichtigt. Hier gab es nichts, das nicht ihrer Herrschaft unterstand. Sie fühlte: wenn sie den brennenden Herd scharf anblickte — er würde leiser brennen. Hier war ihr Reich. Deshalb ging auch Frau Adriani mit den Kindern nicht gern aus; sie vergällte ihnen die Spaziergänge, wo sie nur konnte, denn die Natur stand nicht stramm vor ihr. Ihr Wille tobte durch das geräumige Landhaus, das sie längst nicht mehr als gewöhnliches Haus ansah — es war ein souveränes Reich, eine kleine Welt für sich. Ihre Welt. Sie knetete die Kinder. Sie formte täglich an vierzig Kindern, den Dienstboten und ihren Nichten — der Mann zählte nicht; mit so vielen Figuren spielte sie ein lebendiges, ein schmerzvolles, ein lustvolles Spiel. Und setzte immer die andern matt. Und siegte immer. Das Geheimnis ihres Erfolges war keines: sie glaubte an diesen Sieg, konnte arbeiten wie ein Bauernpferd und sparte ihre Gefühle für sich selbst.

Sie kam sich sehr einmalig vor, die Frau Adriani. Und hatte doch viele Geschwister.

3

Es war ein bunter Sommertag — und wir waren sehr froh. Morgens hatten sich die Wolken rasch verzogen; nun legte sich der Wind, und große, weiße Wattebäusche leuchteten hoch, am blauen Himmel, sie ließen die gute Hälfte unbedeckt und dunkelblau — und da stand die Sonne und freute sich.

»Wir gehn heute auch nicht in die Heija«, sagte Karlchen, der merkwürdigerweise nach dem Essen nicht schlafen wollte. »Sondern wir gehen nicht schlafen, und vielmehr gehn wir in die Felder. Hoppla!«

Auf und davon. Bauern kamen vorüber, wir grüßten, und sie sagten etwas, was wir nicht verstanden. »Bielern dich man blodsen nich ins Schwedsche!« sagte die Prinzessin. »Wenn man ierst die Landessprache päffekt kann, denn is das nich mehr so schoin. Denn den Baum des Wissens is nich ümme den des Lebens.« — »Lydia«, sagte ich, »wir wollen doch mal bei dem Kinderheim längs gehn!« Und wir gingen.

Um den See herum, an den Chausseen entlang; einmal kam uns ein Auto entgegengetorkelt, man kann es nicht anders nennen, so sehr fuhr es im Zickzack. Ein junger Herr saß am Steuer, mit jenem dämlich-angespannten Gesicht, wie es Neulinge am Steuerrad haben. Er war ganz Aufmerksamkeit, Krampf und Angst. Sein Lehrer saß neben ihm. Wir sprangen beiseite, denn der junge Herr hätte sicherlich lieber uns drei überfahren als eine Ameise, die er wohl grade sah… Dann gingen wir von der Chaussee ab, in den Wald.

Die Wege in Schweden führen manchmal grade durch kleine Anwesen, die Zauntür ist offen, und man geht über den Hof hinweg. Da standen kleine Häuschen, still und sauber… »Guck — das wird das Kinderheim sein!« sagte Karlchen.

Auf einem kleinen Hügel lag ein langgestrecktes Haus; das war es sicherlich. Wir gingen langsam näher. Es war ganz still. Wir blieben stehn. »Müde?« — Und wir lagerten uns auf dem Moos und ruhten. Lange, lange.

Plötzlich knallte drin im Haus eine Tür — es war wie ein Schuß. Stille. Die Prinzessin hob den Kopf.

»Ob wir wohl die strenge Leiterin zu sehen be…«, ich sprach nicht zu Ende. Eine kleine Tür an der Querseite des Hauses hatte sich geöffnet, und heraus stürzte ein kleines Mädchen. Es lief wie ein blinder Mensch, nein, wie ein Tier: Es hatte nicht nötig, zu sehen, wohin die Füße traten — ein Instinkt trieb es. Es lief erst ein kleines Stück ganz gradeaus, dann blickte es auf, und mit einer blitzschnellen Bewegung schlug es einen Haken und lief uns grade in die Arme. »Na … na«, machte ich. Das Kind sah auf: wie wenn es aus einem langen Schlaf erwachte. Sein Mund öffnete sich, schloß sich wieder, die Lippen zitterten, es sagte nichts. Nun erkannte ich es: Wir hatten es auf unserm Spaziergang mit den andern getroffen. »Na…?« sagte die Prinzessin. »Du hast es aber eilig… wo willst du denn hin? Spielen?«

Da ließ das kleine Mädchen den Kopf sinken und fing an zu weinen… ich hatte so etwas noch niemals gehört. Frauen sind, wenn der Schmerz kommt, weniger lyrisch als wir Männer — sie helfen also besser. Die Prinzessin beugte sich hinunter. »Was… was ist denn –« und wischte der Kleinen die Tränen ab. »Was hast du denn? Wer hat dir denn etwas getan?« Das Kind schluchzte. »Ich… Direktor… Lisa Wedigen hat gestohlen, sie will mich hauen, sie will uns alle hauen, ich bekomme heute nichts zu essen — ich will zu Mutti! Ich will zu Mutti!« — »Wo ist denn deine Mutti?« fragte die Prinzessin. Die Kleine antwortete nicht; sie starrte ängstlich auf das Haus und machte eine Bewegung, als wollte sie fortlaufen. »Nun bleib mal da — wie heißt du denn?« — »Ich heiße Ada«, sagte die Kleine. »Und wie noch?« — »Ada Collin.« — »Und wo ist deine Mutti?« — »Mutti…«, sagte das Kind, und dann etwas, was man nicht verstand. »Wohnt deine Mutti sonst auch hier?« Das Kind schüttelte den Kopf. »Wo denn?« — »In der Schweiz. In Zürich…« — »Na und?« fragte ich. So dumm können nur Männer fragen. Das Kind sah nicht hoch; es hatte die Frage gar nicht begriffen. Wir standen herum, etwas ratlos. »Warum bist du denn weggelaufen — nun erzähl das mal ganz richtig. Erzähl mal alles –«, fing die Prinzessin wieder an.

»Die Frau Adriani haut uns… sie hat uns heute kein Essen gegeben… ich will zu Mutti… ich will zu Mutti…!« Karlchen dachte wie stets scharf und schnell. »Laß uns doch mal aufschreiben, wo die Mutter wohnt«, sagte er. »Sag«, fragte die Prinzessin, »wo wohnt denn deine Mutti?« — Das Kind schluckste. »In Zürich.« — »Na ja, aber wo da …?« — »Hott… Hott… Sie kommt, sie kommt!« schrie das Kind und riß sich los. Wir hielten es fest und sahen auf.

Im Hause hatte sich die Haupttür geöffnet, und aus ihr trat schnell und energisch eine rothaarige Frau. Sie kam rasch auf uns zu. »Was machen Sie da mit dem Kind?« fragte sie, ohne Begrüßung.

Ich nahm den Hut ab. »Guten Tag!« sagte ich höflich. Die Frau sah mich nicht einmal an. »Was haben Sie mit dem Kind! Was tut das Kind bei Ihnen?« — »Es ist hier aus dem Haus gelaufen und hat geweint«, sagte Karlchen.

»Das Kind ist ein Ausreißer und ein Tunichtgut. Es ist heute schon einmal weggelaufen. Geben Sie das Kind her und kümmern Sie sich nicht um Sachen, die Sie nichts angehn!« — »Langsam, langsam«, sagte ich. »Das Kind hat so furchtbar geweint; es behauptet, Sie hätten es geschlagen.« Die Frau sah mir fest ins Gesicht, kampfbereit. »Ich? Ich habe es nicht geschlagen. Hier werden keine Kinder geschlagen. Ich habe die elterliche Gewalt über das Kind, ich habe das schriftlich. Was fällt Ihnen denn ein? Bei mir herrscht Zucht und Ordnung… hetzen Sie mir hier nicht die Kinder auf! — Das ist mein Haus!« schrie sie plötzlich laut und deutete auf das Gebäude. »Das mag sein«, sagte ich. »Aber hier stimmt doch etwas nicht — das Kind kommt in Todesangst da herausgelaufen und…« Die Frau riß das Kind an der Hand und blitzte mich böse an; in ihren grünen Augen stand ein Flämmchen.

»Du kommst jetzt mit«, sagte sie zum Kind. »Sofort! Und Sie gehen! Los!« — »Es wäre hübsch«, sagte Karlchen langsam, »wenn Sie etwas höflicher mit uns sprechen wollten.« — »Mit Ihnen spreche ich überhaupt nicht«, sagte die Frau. Die Prinzessin hatte sich niedergebeugt, sie wischte dem Kind, das bleich geworden war, die Tränen ab. »Was tuscheln Sie da mit dem Kind?« schrie die Frau. »Sie haben gar nichts zu flüstern! Sie sind nicht für das Kind verantwortlich — ich bin es! Ich bin hier die Leiterin — ich bin das! Ich!« In den Augen das Flämmchen… Hitze strahlte von der Person aus.

»Ich glaube, wir lassen die Dame –«, sagte Karlchen. Die Frau riß abermals an dem Kind; sie riß wie an einer Sache, ich fühlte: sie meinte nicht das Mädchen, sie meinte ihre Herrschaft über das Mädchen. Das Kind war grün vor Angst, sie zog es hinter sich her; niemand sprach. Jetzt war sie am Haus. Ich machte eine halbe Bewegung, als wollte ich etwas aufhalten… nun verschwanden die beiden durch die große Tür, die Tür schloß sich, ein Schlüssel knirschte. Aus.

Da standen wir. »Ganz hübsch …«, sagte Karlchen. Die Prinzessin steckte ihr Taschentuch fort. »Ihr seid alle beide kolossale Esel«, sagte sie energisch. »Gut«, sagte ich, »aber warum?« — »Kommt mit.«

Wir gingen ein Stück in den Wald hinein. »Ihr…«, sagte die Prinzessin. »Krieg können wir hier nicht machen, das sehe ich ja ein. Aber wir wollen doch dem Kind helfen, nicht wahr? Na, und wie heißt die Mama?« — »Collin. Frau Collin«, sagte ich sehr stolz. »Gut – und wie willst du helfen?« Ja, das war richtig. Wir wußten ja die Adresse nicht. Zürich … Zürich .. . was hatte das Kind da gesagt?

»Ich habe ihr leise gesagt«, fuhr die Prinzessin fort, »wir kämen nach einer halben Stunde an das Haus — sie soll versuchen, uns auf einem Zettel die Adresse herauszuschmuggeln. Ich kann mi nich denken, daß den klappen wird — das ahme Kind is szu un szu verängstigt. Na… wir könn sche ma sehn… Nein, is das ein Drachen! De is aber wedderböstig! Sie spuckt gliks Füer ut!«

»Eine famose Frau«, sagte Karlchen. »Die möchte man heiraten. Also ich muß ja sagen… ich muß ja schon sagen…« — »Legen wir uns ein bißchen auf die Wiese«, sagte die Prinzessin. Wir legten uns.

»Hast du das gesehn, Karlchen«, sagte ich; »der Alten haben sich richtig die Haare gesträubt! Ich habe so etwas noch nie gesehn…« — »Man kann den Hintern schminken, wie man will«, sagte Karlchen, »es wird kein ordentliches Gesicht daraus; Die Frau…« — »Still!« sagte die Prinzessin. Wir lauschten. Aus dem Haus, das ein Stück zurücklag, drang eine Stimme, eine hohe, keifende Stimme. Man konnte nicht verstehn, was da gesagt wurde — man konnte nur hören, daß jemand erregt schrie. Mir wurde heiß. Vielleicht schlug sie das Kind —

»Äh«, machte Karlchen. Die Wiese verschwand, wie durch einen Nebel noch die Altstimme der Prinzessin: »Wir gehn nachher gleich an das Haus — wir müssen das« … ein riesiges ovales Rund, oben, unter der steinernen Wölbung, ausgespannte rote Tücher; unten die Arena, dann eine hohe Steinmauer, darüber die ersten Reihen der Zuschauer, Ränge über Ränge, Tausende von Köpfen, bis sie sich oben verloren im braunen Licht. Unten, in der Mitte, hing einer an einem Kreuz; ein Panther sprang an ihm hoch und riß ein Stück Fleisch nach dem andern… Der Mann schrie nicht, sein Kopf lag seitlich auf der linken Schulter, er war wohl schon bewußtlos. Staub und das Gedröhn der Masse… Eine kleine vergitterte Tür öffnete sich; ein paar Kerle mit Lederschürzen stießen zitternde Menschen, vier Männer und eine Frau, vor sich her in das große Rund. Drei von ihnen waren mit Fetzen bekleidet; die Frau war halbnackt, und einen hatten sie geschminkt, er trug, was schrecklich anzusehen war, eine Maske und eine Krone aus Goldschaum: ein Schauspieler seines eigenen Todes. Das Gittertürchen schloß sich von innen. Die Kerle blieben dahinter stehen, Zuschauer ihres Berufs. An der Seite hatten noch ein paar Tiere im Sande gelegen, ein Tiger, ein Löwe. Als sie die Menschen sahen, die da hereingetrieben wurden, erhoben sie sich, faul und böse. Eins der vier Opfer trug eine Waffe – ein gekrümmtes Schwert. Der Panther am Kreuz hatte von dem da oben abgelassen; er lag und kaute an einem abgerissenen Arm. Das Blut troff.

Und da hatte der Löwe plötzlich zum Sprung angesetzt; nun war er wütend, denn heimtückisch hatte ihm jemand von geschütztem Platz oberhalb der Mauer ein brennendes Holzscheit auf den Kopf geworfen. Das Tier brüllte. Der Gladiator trat vor, mit einer Bewegung, die heldisch sein sollte und recht jämmerlich ausfiel. Eine Tuba gellte; ihr Klang war rot. Der Löwe sprang. Er sprang grade über den Gladiator hinweg, auf den Geschminkten. Er faßte ihn, die Maske zeigte denselben unveränderten idiotischen Ausdruck — dann schleifte er den Kreischenden die Arena entlang. Den Gladiator hatten zwei Tiger angefallen. Er wehrte sich kräftig, mit dem Mut der Verzweiflung; er schlug um sich, erst nach irgendeinem angelernten Plan, dann sinnlos und ohne Verstand. Eines der Tiere umschlich ihn, es ging auf leisen Pfoten zurück, dann waren beide über ihm. Wie ein Schlag ging es durch den Zirkus. »Rrrrhach –!« machte die Menge — es war ein Stöhnen. Die Menschen waren von ihren Sitzen aufgesprungen, sie starrten verzückt nach unten, um nur ja keine Einzelheit zu verlieren, hierhin sahen sie und dorthin; wohin sie blickten: Blut, Verzweiflung, Ächzen und Gebrüll — Menschen litten da, lebendes Fleisch zuckte, sich im Sande zu Tode zappelnd, sie oben in Sicherheit — es war herrlich! Der ganze Zirkus badete in Grausamkeit und Entzücken. Nur die untersten Reihen saßen still und ein wenig hochmütig da, sie zeigten keinerlei Bewegung. Es waren die Senatoren und ihre Frauen, Vestalinnen, der Hof, höhere Heerführer und reiche Herren… gelassen reichten sie einander Konfekt aus kleinen Dosen, und einer ordnete seine Toga. Schreie feuerten die Tiere an, sie noch wütender zu machen; Schreie gellten auf den feigen Kämpfer hinunter, der sich so gar nicht zu wehren gewußt hatte… Ausdünstung und Geheul, das Tier Masse wälzte sich in einem Orgasmus von Lust. Es gebar Grausamkeit. Was hier vor sich ging, war ein einziger großer schamloser Zeugungsakt der Vernichtung. Es war die Wollust des Negativen — das süße Abgleiten in den Tod, der andern. Dafür Tag um Tag Sandalen geflochten, Pergamente beschrieben, Mörtel geschleppt, den Adligen Besuche gemacht und die langen Morgen im Atrium verwartet; Tücher gewebt und Leinen gewaschen, Terrakotten bepinselt und stinkende Fische verkauft… um endlich, endlich diesen großen Festtag zu genießen: den im Amphitheater. Alles, aber auch alles, was der Tag an Geducktheit, an Unterdrückung, an Wunschträumen und nicht auszuübender Wollust in diese Bürger und Proletarier hineingepreßt hatte: hier konnte es sich austoben. Es war wie Liebeserfüllung, nur noch ungestümer, noch heißer, noch zischender. Wie eine spitze Stichflamme stieg die Lust aus den viertausend Menschen — sie waren ein Leib, der sich ganz verausgabte, sie waren die Raubtiere, die die Menschen da unten zerfleischten, und sie waren die Zerfleischten. Die Grausamkeit schlug ihre Augen auf — sie hat schon so viele Namen gehabt, in jedem Jahrhundert einen andern. Sie atmeten hastig, der wildeste Strom war aus ihnen heraus, nun ergoß sich der Rest in lauten, lärmenden Gesprächen, in Zurufen und in Zeichen, die sie über die Köpfe hinweg einander gaben, die Daumen nach unten gesenkt; tausend Stimmen, sprechende und rufende, ertönten, und nur hier und da stieg aus der Arena ein Schrei auf wie ein Signalpfiff des Schmerzes. Hier floß ab, was an verbrecherischer Lust in den Menschen war — nun würden sie so bald keinen mehr ermorden; die Tiere hatten es für sie getan. Nachher gingen sie in die Tempel, um zu beten. Nein: um zu bitten. Unten betraten die ersten Wärter den Sand und machten sich mit heißen Eisen an die Körper, die da lagen — waren sie auch wirklich tot? Hatten sie die Massen auch nicht um ein Quentchen Schmerz betrogen? In einer Ecke kämpfte einer um seine verzuckenden Minuten, die Tiere verschwanden fauchend und aufgeregt-satt durch die kleinen Gittertüren, der Sand wurde gefegt, und oben, in den höchsten Rängen, verbrodelte die letzte Lust, die das Leben am Leiden gefunden hatte. »Was hast du?« fragte die Prinzessin. »Nichts«, sagte ich.

»Ihr meint, wir gehn nachher noch mal an das Haus?« fragte Karlchen zweifelnd.

»Natürlich gehn wir«, sagte die Prinzessin. »Das Kind muß gieholfen werden — wir müssen helfen.« Und da stieg in mir etwas auf, es war eine so dumpfe Wut, daß ich aufstehen und tief einatmen mußte — verwundert sahen mich die beiden an. Plötzlich spürte ich dieselbe Lust an der Zerstörung, am Leiden der andern; diese Frau leiden machen zu können… O Wonne des guten und gerechten Kreuzzuges, du Laxier der Unmoral! Mit einem kalten Wasserstrahl löschte ich das aus, während ich ausatmete. Ich kannte den Mechanismus dieser Lust: sie war doppelt gefährlich, weil sie ethisch unterbaut war; quälen, um ein gutes Werk zu tun… das ist ein sehr verbreitetes Ideal. »Gehn wir?« Wir gingen.

Als wir das Haus wiedersahen, waren wir wie auf Kommando still. »Einer links, einer hinten herum«, sagte Karlchen. »Es muß aber einer bei der Prinzessin bleiben«, sagte ich. »Das Weib ist imstande und haut.« — »Dann geht ihr da«, sagte er. »Ich will es von links versuchen.« Wir schlichen näher.

Das Haus lag still, ganz still. Ob sie uns durch ein Fenster beobachtete? Wenn sie nun einen Hund hatte? Immerhin: es war ein fremdes Grundstück; wir hatten hier nichts zu suchen. Die Frau war im ius. Welch eine preußische Überlegung! Ein Kind litt. Los.

Still war alles. Weit sah man von hier hinaus, am Haus vorbei, ins Land. Da lag der Mälarsee, da das Schloß Gripsholm, rot, mit den dicken Kuppeln, und der Mischwald. Tannen und Birken.

»Pst!« machte die Prinzessin. Nichts. Karlchen war nicht zu sehen. Fragend sah ich sie an. Wir gingen langsam weiter und traten vorsichtig auf, als gingen wir auf Eis. War das ein Gesicht hinter einem Fenster — eine kreisrunde Scheibe…? Täuschung, es war ein Widerschein. Wir gingen nah am Haus vorbei. Die Prinzessin blickte überall umher. Plötzlich ging sie vorwärts — »Rasch!« sagte sie — sie lief auf einen weißen Fleck zu, der unweit des Hauses im Grase war… da lag ein kleines Stück Papier. Hinten wandelte Karlchen langsam am Zaun vorbei. Die Prinzessin bückte sich, sah das Papier an, hob es auf und schritt rasch weiter.

Wir beeilten uns, bis wir aus der Umgatterung heraus waren. »Na?« sagte Karlchen.

Die Prinzessin blieb stehn und las vom Papier: Collin Zürich Hottingerstrase 104.

Die Rückseite eines Kalenderblatts, und eine kraklige Kinderhandschrift. »Strase« war mit einem s geschrieben. »Dat harrn wi hinner uns!« sagte die Prinzessin. »Auf in den Kampf« — pfiff Karlchen.

Zurück nach Gripsholm.

4

Wir liefen durcheinander wie die Indianer, wenn sie sich auf den Kriegspfad begeben. Alle drei redeten mit einemmal. »Mal langsam –«, sagte das kluge Karlchen. »Telegraphieren… ihr seid ja verdreht. Wir schreiben jetzt erst mal an die Frau einen vernünftigen Brief. Und da muß drinstehn …«

Was sich nun begab… das möchte ich nicht noch einmal durchmachen. Es war eine Schlacht. Es wurde nicht ein Brief geschrieben — es wurden vierzehn Briefe geschrieben, immer einer nach dem ändern, dann drei zu gleicher Zeit, und während ich auf meiner Maschine herumhackte, bis sie heiß wurde, schrieben die beiden andern emsig ihre Bogen voll. Es war wie eins dieser altmodischen Gesellschaftsspiele (»Was tut er? — Was tut sie? — Wo lernten sie sich kennen?«), und jeder wollte zuerst seins vorlesen, und jeder fand seinen Schrieb am allerschönsten und am allerfeinsten und die der ändern von oben bis unten unmöglich. »Unmöglich!« sagte die Prinzessin. »Dat is ja Kinnerkram is dat ja!« — Ich wollte etwas erwidern. »Du bischa so klug«, sagte sie. »Du schast ock mit na Pudel sin Hochtid! Nu do mi dat to Leev…«, und dann fing alles wieder von vorn an.

Schließlich blieben drei Entwürfe übrig — zur engern Wahl. Karlchen hatte einen juristischen Brief geschrieben, ich einen feinen und die Prinzessin einen klugen. Und den nahmen wir.

Darin war knapp und klar erzählt, was wir gesehen hatten, und daß wir uns nicht in die Collinschen Familienangelegenheiten einmischen wollten und daß sie nur ja nicht an die Frau schreiben sollte, das gäbe bestimmt ein Unglück, und sie brauchte sich nicht zu beunruhigen, wir würden inzwischen sehen, was sich machen ließe — aber sie möchte uns erlauben, einmal mit ihr zu telephonieren. »So«, sagte die Prinzessin und klebte zu. »Das hätten wir. Gleich weg mit ihm. Auf die Post –!« Als der Brief in den Kasten plumpste, fiel uns je ein Stein vom Herzen. »So ein Kind…«, sagte ich. »So ein kleiner Gegenstand –!« Und da lachten mich die beiden heftig aus.

»Gib mir mal ’n Zigarettchen!« sagte Karlchen, der gern andrer Leute Zigaretten rauchte und ihre Zahnpasten benutzte. (»Freundschaft muß man ausnutzen«, pflegte er zu sagen.) »Wißt ihr auch«, sagte er in die abendliche Stille, während wir langsam durch die Straßen von Mariefred gingen und uns die Schaufenster ansahen, »daß ich morgen abend fahre?« Bumm — das hatten wir vergessen. Die acht Tage waren um — ja —

»Wollen Sie nich noch ’n büschen bei uns bleiben, Karling?« fragte die Prinzessin. »Gnädigste«, sagte der lange Lümmel und streckte den Arm aus, »leider läuft mein Urlaub ab — ich muß. Ich muß. Herrschaften, das war aber eine anstrengende Konferenz!« Er blieb stehen. »Na, du bist doch Experte in Konferenzen… du Beamter!« — »Ich schimpfe dich auch nicht Literat, du Buffke. Der alte Eugen Ernst sagte immer: Wenn einer nichts zu tun hat, dann holt er die andern, und dann machen sie eine Konferenz. Und zum Schluß, wenn alle geredet haben, dann konstatiert er. Und dann ist es aus. Und jetzt setz dich noch mal an deinen Schreibpflug und schreibe für Jakopp ein Kartentelegramm!« Das tat ich.

»Ich finde«, sagte ich zu Karlchen, »es muß ein Einwort-Telegramm sein. Es wird sonst zu teuer. Da:

Drahtetsofortobhiesigenmälarsee- zwecksbewässerungkäuflicherwerben- wolltwassergarantiertechtallerdingsnur- zuschwimmzweckengeeignetfasthoch- achtungsvollfritzchenundkarlchenwasser- oberkommissäre.«

»Na, da wollen wir ihm den Abschiedstrunk rüsten, was?« sagte Lydia. Wir rüsteten. Wir krochen umher und plagten die gute Schloßdame, auf daß wir etwas zu trinken bekämen; wir kauften ein und fanden es alles nicht schön genug; wir stellten auf und packten aus, und… »Was gibt es zu essen?« erkundigte sich Karlchen. »Was möchten Sie denn?« fragte die Prinzessin. — »Ich möchte am liebsten Murmeltierschwanzsuppe.« — »Wie bitte?« — »Kennt ihr das nicht? Die jungen Leute! Zu meiner Zeit… Also Murmeltierschwanzsuppe wird im hohen Norden von den Eskimos gewonnen. Sie jagen das Murmeltier so lange, bis es vor Schreck den Schwanz verliert, und auf diese Weise –« Worauf wir ihm zwei Kissen an den Kopf warfen, und dann gingen wir hinunter und aßen.

»Ich möchte eigentlich noch über Ulm fahren«, sagte Karlchen. »Da habe ich eine Braut zu stehn — die hätte ich gern überhört.« — »Sie sollten sich was schämen!« sagte die Prinzessin. »Ist sie hübsch?« fragte ich. »Na, wie wird sie schon sein… deine Weiber…« Er grinste, und: Deine vielleicht… konnte er ja jetzt nicht sagen. »Wie willst du über Ulm fahren?« fragte ich. »Da kommst du doch gar nicht hin!« — »Ich fahre auch nicht«, sagte Karlchen. »Ich möchte bloß mal…« — »Er ist ein gesprochener Casanova«, sagte die Prinzessin. »Du, Alte –«, sagte ich, »manchmal läßt er seinen lieben Worten auch Taten folgen, und dann geht es gar heiter zu.« Karlchen lächelte, wie wenn von einem ganz andern wilden Mann gesprochen würde, und wir entkorkten mit einem weithin hörbaren Flupp den Whisky, woraufhin Karlchen zum ?Herrn Fluppke? ernannt wurde, und dann saßen wir und tranken gar nicht viel. Wir redeten uns besoffen. Die vier Windlichter bewegten sich in dem schwachen Luftzug.

»Rauch nur deine Pfeife!« sagte Karlchen. »Rauch nur! Er verträgt doch kein Nikotin, Prinzessin! Ist die Pfeife etwa neu?« — »Das ist es ja eben«, sagte ich. »Ich muß sie anrauchen. Mensch, Pfeifen anrauchen…« — »Kann man das nicht mit Maschinen?« fragte die Prinzessin. »Ich habe mal so was gehört.« — »Man kann es mit Maschinen«, sagte Karlchen. »Ich hatte einen Schulfreund, in der Oberprima, der hatte erfunden, Pfeifen mit der Luftpumpe anzurauchen. Ich weiß nicht mehr, wie er das gemacht hat — aber er machte es. Ich hatte ihm meine neue Pfeife gegeben, eine wundervolle neue Pfeife. Und da muß er wohl zu stark mit der Pumpe gearbeitet haben… und da hat sich die Pfeife selbst ausgeraucht, und es blieb überhaupt nichts weiter von ihr übrig als ein Häufchen Asche. Er hat mir eine neue kaufen müssen. Mir ist diese Pfeifengeschichte immer sehr symbolisch vorgekommen… Ja. Aber wofür symbolisch: das habe ich vergessen.« Wir schwiegen, tief sinnend.

»Ein Esel«, sagte die Prinzessin. Wir wollten protestieren — aber sie meinte einen richtigen, der da hinter den Bäumen hervorkam. Er wollte wohl auch einen Whisky haben. Wir standen gleich auf und streichelten ihn, aber Esel wollen nicht gestreichelt werden; ein weiser Mann hat herausgefunden, es sei das Unglück der Esel, Esel zu heißen — denn nur deshalb würden sie so schlecht behandelt. Diesen behandelten wir gut und nannten ihn Joachim. Und wir spielten ihm Grammophon vor… »Spiel mal büschen was aus Kaahmen –«, sagte die Prinzessin. »Nein! Spiel das mit die kleinen Gnomens…!« Da war ein Musikstück, das hatte so einen kleinen, hüpfenden Marschrhythmus, und die Prinzessin behauptete, dazu müßte eine Pantomime vonstatten gehn, in der kleine Zwerglein mit Laternlein über die Bühne huschten. Ich drehte die Platte mit den Gnomen an, der Apparat lief, der Esel fraß Gras dazu, wir tranken Whisky, und: — »Mir auch noch einen Zahn voll!« sagte Karlchen. Und die Prinzessin aß zum Nachtisch Käse mit Sellerie, das hatte ihr ein großer Gourmet empfohlen. »Wie schmeckt es?« fragte Karlchen. »Es schmeckt –«, die Prinzessin probierte langsam und sorgfältig — »es schmeckt wie schmutzige Wäsche.« Mißbilligend schlug selbst Joachim mit dem Schweife.

Und dann sangen wir ihm alles vor, was wir wußten, und das war eine ganze Menge.

»For that is the Whisky that makes me bright and brisky!«

— »Muh!« machte der Esel und wurde verwarnt, denn er war doch keine Kuh, Karlchen blies stille Weisen auf einem Kamm mit Seidenpapier und begehrte stürmisch, im Chantant zu gehen… die Prinzessin lachte viel und manchmal würdelos laut, und ich war, wie jeder von uns, der einzig Nüchterne in diesem Hallo.

Bevor wir zu Bett gingen: »Lydia — er soll nicht wieder Postkarten schreiben! Immer schreibt er Karten.« — »Was für…?« fragte sie. — »Wenn er abreist, dann kommen am nächsten Tag ganz wahnwitzige Postkarten an, die schreibt er im Zug — das ist so seine Art, Abschied zu nehmen. Er soll das nicht; es regt mich so auf!« — »Herr Karlchen, schwören Sie, daß Sie uns diesmal keine Karten schreiben werden?« — Er gab sein kleines Gießener Ehrenwort. Wir trollten in die Heija.

Und brachten ihn am nächsten Abend an den Bahnhof, zu dem kleinen Schnaufewagen, und die beiden gaben sich einen Abschiedskuß, der mir reichlich lang erschien. Und dann mußte er einsteigen, und wir standen am Wagen und gaben ihm durch das Fenster kluge Ratschläge auf den Weg, und er fletschte uns an, und als der Wagen anfuhr, sprach er freundlich: »Fritzchen, ich habe deine Zahnpaste mitgenommen!«, und ich warf vor Aufregung meinen Hut nach ihm, und der trudelte beinahe unter die Räder, und dann winkte er, und dann verschwand das Bähnlein um die Ecke, und dann sahen wir gar nichts mehr.

Und am nächsten Mittag trafen vier Postkarten ein: von jeder größeren Station eine — bis nach Stockholm. Auf der letzten stand folgendes:

»Liebe Toni!

Laß dich auf keinen Fall auf die Polizei bestellen wegen der falschen Eintragung im Hotel — vom 15.! Bleibe eventuell fest und steif dabei, daß Du meine Tochter wärst!

Lieber Freund, ehe ich heute abend fortfuhr, habe ich Dich noch einmal von der Seite angesehn und muß sagen, daß ich aufrichtig erschrocken war. Ich glaube, Dir fallen die Haare aus. Lieber Freund! Das ist mehr als ein Anzeichen — das ist ein Symptom!

Sucht nicht vergeblich nach dem zweiten Kanarienvogel — ich habe ihn für meine lieben Kinderchen mitgenommen. Wo ist der Esel?

Liebe Marie, sieh doch bitte sofort nach, wo mein Siegelring geblieben ist — er muß unter Deinem Kopfkissen liegen. Ich weiß es bestimmt.

Schade um meinen vertanenen Urlaub!

Ich bin immerdar

Euer liebes Karlchen.«

Viertes Kapitel

1

Wennt unse Paster man nich süht, mit unsen Herrgott will ick woll färdig werden, sä de Bur — dor makt he sin Heu an Sünndag.

»Wie ist denn das alles so plötzlich gekommen?« fragte die Prinzessin, als ich aus der Kerze seitlich umfiel.

Wir turnten. Lydia turnte, ich turnte — und hinten unter den Bäumen kugelte sich Billie umher. Billie war kein Mann, sondern hieß Sibylle und war eine Mädchenfrau. »Junge, ja…«, sagte die Prinzessin und ließ sich hochatmend zu Boden fallen, »wenn wir davon nicht klug und schön werden…« — »Und dünn«, sagte ich und setzte mich neben sie. »Wie findest du sie?« fragte die Prinzessin und deutete mit dem Kopf nach den Bäumen hinüber.

»Gut«, sagte ich. »Das ist mal ein nettes Mädchen: lustig; verspielt; ernst, wenn sie will — komm an mein Herz!« — »Wer?« — »Sie.« — »Daddy, mit dem Herzen… diese Dame hat sich eben ierst von ihren Freund gietrennt, abers ganz akrat un edel und in alle Freundlichkeit.« — »Wer war das doch gleich?« — »Der Maler. Ein anständiger Junge — aber es ging nicht mehr. Frag sie nicht danach, sie mag nicht davon sprechen. Solche Suppen soll man allein auslöffeln.« — »Wie lange kennt ihr euch eigentlich?« — »Na, gut und gern zehn Jahre. Billie… das ist eben mein Karlchen, weißt du? Ich mag sie. Und zwischen uns hat noch nie ein Mann gestanden — das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen. Sieh mal, wie sie läuft! Se löpt, as wenn er de Büx brennt!«

Sibylle kam herüber.

Es war schön, sie laufen zu sehn; sie hatte lange Beine, einen gestrafften Oberkörper, und ihr dunkelblaues Schwimmkostüm leuchtete auf dem rasigen Grün.

»Na, ihr Affen«, sagte Billie und ließ sich neben uns nieder. »Wie war’s?« — »Gedeihlich«, sagte die Prinzessin. »Der Dicke hat geturnt, gleich kommen ihm die Knie zum Halse heraus… er ist sehr brav. Wie lange springst du jetzt Seilchen?« — »Drei Minuten«, sagte ich und war furchtbar stolz. »Wie haben Sie geschlafen, Billie?«

»Ganz gut. Wir dachten doch erst, als uns die Frau das kleine Zimmer ausgeräumt hatte, es wäre zu heiß wegen der Sonne, die da den ganzen Tag drin ist… Aber so heiß ist das hier gar nicht. Nein, ich habe ganz gut geschlafen.« Wir sahen alle aufmerksam vor uns hin und wippten hin und her.

»Hübsch, daß du hergekommen bist«, sagte die Prinzessin und kitzelte Billie mit einem langen Halm am Nacken, ganz leise. »Wir hatten vor, hier wie die Einsiedler zu leben — aber dann war erst sein Freund Karlchen da, und jetzt du — aber es ist doch so schön still und friedlich… nein… wirklich…« – »Sie sind sehr gütig, mein Frollein«, sagte Billie und lachte. Ich liebte sie wegen dieses Lachens; manchmal war es silbern, aber manchmal kam es aus einer Taubenkehle — dann gurrte sie, wenn sie lachte. »Was haben Sie da für einen hübschen Ring, Billie«, sagte ich. »Nichts… das ist ein kleiner Vormittagsring…« — »Zeigen Sie mal… ein Opal? Der bringt… das wissen Sie doch… Opale bringen Unglück!« — »Mir nicht, Herr Peter, mir nicht. Soll ich vielleicht einen Diamanten tragen?« — »Natürlich. Und mit dem müssen Sie dann im Schambah Zepareh Ihren Namen in den Spiegel kratzen. Das tun die großen Kokotten alle.« — »Danke. Übrigens hat mir Walter erzählt: da ist er in Paris in einem cabinet particulier gewesen, und da hat auch eine etwas an den Spiegel gekratzt. Raten Sie, was da gestanden hat!« — »Na?« — »Vive l’anarchie! Ich fand das sehr schön.« Wir freuten uns. »Gymnastizieren wir noch ein bißchen?« fragte ich. »Nein, meine Herrschaften, was ich bün, ick hätt somit gienug«, sagte die Prinzessin und reckte sich. »Mein Pensum ist erledigt. Billie, deine Badehose geht auf!« Sie knöpfte ihr das Trikot zu.

Billies Körper war braun, von Natur oder von der Sonne der See, woher sie grade kam. Sie hatte zu dieser getönten Haut rehbraune Augen und merkwürdigerweise blondes Haar — echtes blondes Haar… es paßte eigentlich gar nicht zu ihr. Billies Mama war eine… eine was? Aus Pernambuco. Nein, so war das nicht. Die Mama war eine Deutsche, sie hatte lange mit ihrem deutschen Mann in Pernambuco gelebt, und da muß einmal irgend etwas gewesen sein… Billie war, vorsichtig geschätzt, ein Halbblut, ein Viertelblut… irgend so etwas war es. Eine fremde Süße ging von ihr aus; wenn sie so dasaß, die Beine angezogen, die Hände unter den Knien, dann war sie wie eine schöne Katze. Man konnte sie immerzu ansehn.

»Was war das gestern abend für ein Schnaps, den wir getrunken haben?« fragte Billie langsam und verwandte kein Auge von dem, was in einer nur ihrer erreichbaren Ferne vor sich ging. Die Frage war ganz in Ordnung — aber sie machte ein falsches Gesicht dazu, in leis verträumter Starre, und dann diese Erkundigung nach dem Schnaps… Wir lachten. Sie wachte auf. »Na…«, machte sie. »Es war der Schnaps Labommelschnaps«, sagte ich sehr ernsthaft. — »Nein, wirklich… was war das?« — »Es war schwedischer Kornbranntwein. Wenn man so wie wir nur ein Glas trinkt, erfrischt er und ist angenehm.« — »Ja, sehr angenehm…« Wir schwiegen wieder und ließen uns von der Sonne bescheinen. Der Wind atmete über uns her, fächelte die Haut und spülte durch die Poren, in denen das Blut sang. Ich war in der Minderheit, aber es war schön. Meist bildeten die beiden eine Einheit — nicht etwa gegen mich… aber ein bißchen ohne mich. Bei aller Zuneigung: wenn ich dann neben ihnen ging, fühlte ich plötzlich jenes ganz alte Kindergefühl, das die kleinen Jungen manchmal haben: Frauen sind fremde, andre Wesen, die du nie verstehen wirst. Was haben sie da alles, wie sind sie unter ihren Röcken… wie ist das mit ihnen! Meine Jugend fiel in eine Zeit, wo die Takelage der Frau eine sehr komplizierte Sache war — zu denken, was sie da alles zu haken und zu knöpfen hatten, wenn sie sich anzogen! Ein Ehebruch muß damals eine verwickelte Sache gewesen sein. Heute knöpfen die Männer weit mehr als die Damen; wenn die klug sind, können sie sich wie einen Reißverschluß aufmachen. Und manchmal, wenn ich Frauen miteinander sprechen höre, dann denke ich: sie wissen das »Das« voneinander; sie sind denselben Manipulationen und Schwankungen in ihrem Dasein unterworfen, sie bekommen Kinder auf dieselbe Weise… Man sagt immer: Frauen hassen einander. Vielleicht, weil sie sich so gut kennen? Sie wissen zu viel, eine von der andern — nämlich das Wesentliche. Und das ist bei vielen gleich. Wir andern haben es da wohl schwieriger.

Da saßen sie in der Sonne und schwatzten, und ich fühlte mich wohl. Es war so etwas wie ein Eunuchenwohlsein dabei; wäre ich stolz gewesen, hätte ich auch sagen können: Pascha — aber das war es gar nicht. Ich fühlte mich nur so geborgen bei ihnen. Nun war Billie vier Tage bei uns, und in diesen vier Tagen hatten wir miteinander keine schiefe Minute gehabt… es war alles so leicht und fröhlich.

»Wie war er?« hörte ich die Prinzessin fragen. »Er war ein Kavalier am Scheitel und an der Sohle«, sagte Sibylle, »dazwischen…« Ich wußte nicht, von wem sie sprachen — ich hatte es überhört. »Ach wat, Jüppel-Jappel!« sagte die Prinzessin. »Wenn einen nichts taugt, denn solln sofordsten von ihm aff gehn. Was diese Frau is, diese Frau ischa soo dumm, daß sie solange — na ja. Seht mal! Pst! Ganz stille sitzen — dann kommt er näher… Und wie er mit dem Schwänzchen wippt!« Ein kleiner Vogel hüpfte heran, legte den Kopf schief und flog dann auf, von etwas erschreckt, das in seinem Gehirn vor sich gegangen war — wir hatten uns nicht geregt. »Was mag das für einer gewesen sein?« fragte Billie. »Das war ein Amselbulle«, sagte die Prinzessin. »Ah — dumm – das war doch keine Amsel…«, sagte Billie. »Ich will euch was sagen«, sprach ich gelehrt, »bei solchen Antworten kommt es gar nicht darauf an, ob’s auch stimmt. Nur stramm antworten! Jakopp hat mal erzählt, wenn sie mit ihrem Korps einen Ausflug gemacht haben, dann war da immer einer, das war der Auskunftshirsch. Der mußte es alles wissen. Und wenn er gefragt wurde: Was ist das für ein Gebäude? — dann sagte er a tempo: Das ist die Niedersächsische Kreis-Sparkasse! Er hatte keinen Schimmer, aber alle Welt war beruhigt: eine Lücke war ausgefüllt. So ist das.« Die Mädchen lächelten höflich, ich war auf einmal allein mit meinem Spaß. Nur ein Sekündlein, dann war es vorbei. Sie standen auf.

»Wir wollen noch laufen«, sagte Billie. »Einmal rund um die Wiese! Eins, zwei, drei — los!« Wir liefen. Billie führte, sie lief regelmäßig, gut geschult, der Körper funktionierte wie eine kleine exakte Maschine… es war eine Freude, mit ihr zu laufen. Hinter mir die Prinzessin japste zuweilen. »Ruhig laufen!« sagte ich vor mich hin, »du mußt durch die Nase atmen — mit dem ganzen Fuß auftreten — nicht zu sehr federn!« und dann liefen wir weiter. Mit einem langen Atemzug blieb Billie stehn; wir waren beinah einmal um die große Wiese herumgekommen. »Uffla!« — Wir waren ganz warm. »Ins Schloß unter die Brause!« Wir nahmen unsere Bademäntel und gingen langsam über die Wiese; ich trug meine Turnschuhe in der Hand, und das Gras kitzelte meine Füße. Das ist schön, mit den Mädchen zusammen zu sein, ohne Spannung. Ohne Spannung?

2

»Was nehmen wir denn dem Kind nun mit?«

»Bonbons«, schlug Billie vor. »Nein«, sagte ich, »das wird ihr die Alte verbieten — oder sie muß sie an die ganze Belegschaft austeilen.« — »Wir gehn Knöpfchen kaufen«, sagte die Prinzessin. »Ich werde schon was finden. Kommt — ach was, Hut! Aber Billie!« Wir gingen.

Frau Collin hatte geschrieben. Sie wäre uns sehr dankbar, und wir möchten zu der Frau Adriani hingehn und mit ihr sprechen, und dann sollten wir sie anrufen. Die Auslagen würde sie gern…

»Nicht huddan! Ladi!« rief die Prinzessin. Billie sah sie entgeistert an, und ich mußte ihr erklären, daß das »rechts« und »links« bedeute — so trieb man in manchen plattdeutschen Ecken die Esel an. Gott weiß, woher diese alten Rufe stammen mochten.

Ja, das Kind, der »kleine Gegenstand…« Ich dachte mit Kraft daran, daß es geplagt und geschlagen würde, denn hier stand nun etwas bevor… Als Junge hatte ich immer an Portal-Angst gelitten, an jener rasenden Furcht, in ein fremdes, in ein ganz fremdes Haus hineinzugehn — geduckt ging ich dann schließlich und fiel natürlich auf die moralische Nase. Tiere wittern Furcht. Menschen wittern Furcht. Seitdem ich aber gelernt habe, daß sie alle sterben müssen, geht es schon besser. Zwanzig Jahre hat das gedauert. Der Plattdeutsche drückt die Sache kürzer und unpathetischer aus: »Wat is he denn? Sin Mors hat man ook bloß twee Hälften!« Ja, das ist wahr.

Und nun sollte ich da als fremder Mann zu einer bösen, fremden Frau gehn — ich spielte einen Augenblick alle Phasen: Hänsel bei der Knusperhexe, dann: ich geniere mich doch aber so… und dann war es vorbei. Es ging viel schneller vor sich, als man es schreiben kann. Vorbei. »Man muß«, hat ein kluger Inder gesagt, »den Tiger vor der Jagd in Gedanken töten — der Rest ist dann nur noch eine Formalität.« Die Frau Adriani…? Ich dachte an meinen Feldwebel, an das geprügelte, weinende Kind… in Ordnung.

»Sei still!« rief die Prinzessin in ein Fenster hinein, an dem ein Papagei in seinem Käfig krächzte. »Sei still! Sonst wirst du ausgestopft!« Das Tier mußte wohl deutsch verstehn — denn nun schwieg es. Billie lachte. »Ihr wolltet doch noch englische Sauce kaufen«, sagte sie in einer jener Ideenverbindungen, derer nur Frauen fähig sind. »Tun wir auch — komm, wir gehen in die Fruktaffär, die haben alles.« Die Schweden schreiben manche Fremdwörter phonetisch, das macht viel Spaß. Wir kauften also englische Sauce, die Prinzessin beroch mißtrauisch die verstöpselte Flasche und machte mit Händen und Füßen dem Verkäufer das Leben schwer; Billie warf ein Glas mit Senfgurken herunter, die solches aber gut überstanden, sie kamen mit dem Schreck davon und schäumten nur noch eine Weile in ihrem Essig… »Sieh mal, so viel Salz!« sagte ich. Die Prinzessin sah das Faß an: »Als Kind habe ich immer gedacht: wenn in ein Salzmagazin ein Tropfen Wasser fällt, dann verzehrt er das ganze Lager.« Darüber mußte ich scharf nachdenken und vergaß beinah, hinter den beiden herzugehn, sie standen schon auf der Straße und knabberten Rosinen. »Und dem Kind nehmen wir eine Puppe mit«, sagte die Prinzessin. »Komm mal rüber! Ach, bleibt da — ich werde schon… nein, Billie kommt mit!« Einen winzigen Augenblick lang tat mir das leid; ich hätte gern mit Billie allein auf der Straße gestanden. Was hätten wir uns dann erzählt? Nichts, natürlich.

»Habt ihr?« – »Wir haben«, rief Billie. »Zeigt mal«, bat ich. »Doch nicht hier auf der Straße!« sagte sie. »Meinst, die Puppe wird sich verkühlen?« sagte die Prinzessin und wickelte an dem Paket herum. Ich guckte hinein. Da lag ein Schwedenmädchen, in der Landestracht von Dalarne, bunt und lustig. Sie wurde wieder zugedeckt. »Einpacken ist seliger denn nehmen«, sagte die Prinzessin und band die Schnur zu. »Ja, dann wollen wir mal… Ob sie schießt, die liebe Dame?« – »Laß mich nur …!«- »Nein, Daddy, ich laß dich gar nicht. Du greifst erst zu, wenn sie frech wird und alles drunter und drüber geht. Sag du die Einleitung, und daß wir den Brief bekommen haben und alles, und dann werde ich mal mit ihr.« – »Und ich?« fragte Billie. »Du legst dich derweil in den Wald, Billie; wir können unmöglich zu der Frau wie ein rächender Heerhaufe geströmt kommen. Dann ist gleich alles verloren. Es ist schon dumm – hier geht’s lang – schon dumm, daß wir zwei sind. Zwei gegen einen – da knurrt der ja schon von vornherein …« – »Na, mehr als die kann man nicht gut knurren. Ist das ein Deubel!« Ich hatte Billies Arm genommen. »Arbeiten Sie hier eigentlich?« fragte Billie. »Ich werde meiner Arbeit was blasen!« sagte ich. »Nein – hier legen wir eine schöpferische Pause ein… Billie, Sie sind ein netter Mann«, sagte ich ganz unvermittelt. »Na, junges Volk«, sagte die Prinzessin und machte ein Gesicht wie eine wohlmeinende Tante, die eine Verlobung in die Wege leitet, »das ist hübsch, wenn ihr euch gern habt!« Ich hörte die Untertöne, in diesem Augenblick fühlte ich, daß es echte Freundinnen waren — hier war keine Spur von Eifersucht; wir hatten uns übers Kreuz wirklich gern, alle drei. Jetzt kam mir der Weg bekannt vor, da war das Gatter, und da lag das Kinderheim.

Billie war langsam weitergegangen, wir kamen an die Tür. Keine Klingel. Hier sollte wohl nicht geklingelt werden. Wir klopften.

Nach langer Zeit näherten sich Schritte, ein Mädchen öffnete. »Kan Ni tala tyska?« fragte ich. »Guten Tag… ja, ja… was wollen Sie denn?« sagte sie lächelnd. Sie freute sich offenbar, mit uns deutsch sprechen zu können. »Wir möchten zu der Frau Adriani«, sagte ich. »Ja… ich weiß nicht, ob sie Zeit hat. Frau Adriani hält grade Appell ab, das heißt also… sie sieht den Kindern die Sachen nach. Ich werde… einen Augenblick mal…«

Wir standen in einer grau gekalkten Halle, die Fenster waren durch Holzleisten in kleine Vierecke abgeteilt; wie Gitter, dachte ich. An der Wand ein paar schwedische Königsbilder. Jemand kam die Treppe herunter. Die Frau. »Guten Tag«, sagten wir. »Guten Tag«, sagte sie, ruhig. »Wir kommen im Auftrag der Frau Collin in Zürich und möchten gern einmal mit Ihnen wegen der Kleinen sprechen.« — »Haben Sie… einen Brief?« fragte sie lauernd. »Jawohl.« — »Bitte.«

Sie ging voran und ließ uns in ein großes Zimmer, eine Art Saal, hier aßen wohl die Mädchen. Lange Tische und viele, viele Stühle. In einer Ecke ein kleinerer Tisch, an den setzten wir uns. Wir nannten unsere Namen. Sie sah uns fragend und kalt an.

»Da hat uns die Frau Collin geschrieben, wir möchten nach ihrem Kind sehn — sie könnte diesen Sommer leider nicht nach Schweden kommen, hätte es aber gern, wenn sich von Zeit zu Zeit jemand um das Kind kümmerte.« — »Um das Kind kümmere ich mich«, sagte Frau Adriani. »Sind Sie mit Frau Collin… bekannt?« — »Nun wäre es vielleicht vorteilhaft, wenn wir die Kleine sprechen könnten; da sind auch Grüße von der Mama zu bestellen und ein Auftrag auszurichten.« — »Was für ein Auftrag?« — »Ich werde ihn der Kleinen selber ausrichten — selbstverständlich in Ihrer Gegenwart. Dürfen wir sie sprechen?« — Frau Adriani stand auf, rief etwas auf schwedisch zur Tür hinaus und kam zurück.

»Ich finde Ihr Verhalten mehr als merkwürdig, das muß ich schon sagen. Neulich konspirieren Sie mit dem Kind, mischen sich in meine Erziehungsmethoden… Was ist das? Wer sind Sie eigentlich?« — »Unsre Namen haben wir Ihnen gesagt. Übrigens…« — »Frau Adriani«, sagte die Prinzessin, »niemand will Sie hier kontrollieren oder sich in Ihre Arbeit einmischen. Sie haben sicherlich viel Mühe mit den Kindern — das ist ja klar. Aber wir möchten doch die Mama in jeder Weise informieren…« — »Das besorge ich schon«, sagte Frau Adriani. — »Gewiß. Wir möchten ihr bestellen, daß wir die Kleine wohl und munter angetroffen haben… und wie es ihr geht, und… da kommt sie ja.«

Das Kind näherte sich schüchtern dem Tisch, an dem wir saßen; es ging unsicher und trippelnd und kam nicht ganz nah heran. Wir sahen es an; das Kind sah uns an …

»Na, Ada«, sagte die Prinzessin, »wie geht es dir denn?« — Die Stimme der Adriani: »Sag mal guten Tag!«, und das Kind zuckte zusammen und stotterte etwas wie guten Tag. »Wie geht’s dir denn?« — Die Frau Adriani ließ kein Auge von dem Kind. Das kleine Mädchen sprach wie hinter einer Mauer. »Danke… gut…«

»Ich soll dir auch einen schönen Gruß von deiner Mama bestellen«, sagte die Prinzessin. »Sie läßt dich grüßen und dann fragt sie hier in diesem Brief« — die Prinzessin kramte in ihrem Täschchen — »ob das Grab von Will auch gut in Ordnung ist. Das war wohl dein kleiner Bruder?« — Das Kind wollte ja sagen — aber es kam nicht dazu. »Das Grab ist in Ordnung«, sagte Frau Adriani, »dafür sorge ich schon. Wir gehn alle paar Wochen auf den Friedhof, das ist Pflicht, natürlich. Und das Grab wird dort gut gepflegt, ich überwache das, ich trage die Verantwortung.« — »So, so…«, sagte die Prinzessin. »Und hier habe ich dir auch etwas mitgebracht, eine Puppe! Da! Spielst du denn auch schön mit den andern Mädchen?« Das Kind sah angstvoll hoch und nahm die Puppe; seine Augen verdunkelten sich; es schluckte, schluckte noch einmal, ließ dann plötzlich den Kopf sinken und fing an zu weinen. Es war so jämmerlich. Das Weinen warf alles um. Frau Adriani sprang auf und nahm das Kind bei der Hand.

»Du kommst jetzt heraus und gehst nach oben… das ist nichts für dich! Den Gruß hast du ja nun gehört, und…« — »Einen Augenblick«, sagte ich. »Ada, wenn du einmal etwas Wichtiges an deine Mutti zu bestellen hast: Wir wohnen im Schloß Gripsholm!« — »Hier wird gar nichts Wichtiges bestellt«, sagte die Frau Adriani recht laut und ging mit der Kleinen schnell zur Tür. »Was hier — da geh doch schon! — was hier zu bestellen ist, das wird durch mich bestellt — und du merk dir das…« Sie sprach draußen weiter, wir hörten sie schelten, konnten aber nichts mehr verstehn. »Soll ich…« — »Keinen Krach«, sagte die Prinzessin. »Das hat nur das Kind auszubaden. Wir werden mit Zürich telephonieren und dann weiter sehn!« Wir standen auf.

Frau Adriani kam zurück, sehr rot im Gesicht.

»Nun will ich Ihnen mal was sagen«, rief sie. »Wenn Sie sich unterstehn, sich hier noch einmal blicken zu lassen, dann werde ich die Polizei benachrichtigen! Sie haben hier gar nichts zu suchen — verstehn Sie mich! Das ist unerhört! Auf der Stelle verlassen Sie mein Haus! Sie betreten mir nicht mehr meine Schwelle! Und probieren Sie es ja nicht noch einmal, hier herumzuspionieren — ich werde… Ich muß mir doch einen Hund anschaffen«, sagte sie wie zu sich selber. »Ich werde der Frau Collin schreiben, wen sie sich da ausgesucht hat — wo ist überhaupt der Brief?«

Ich winkte der Prinzessin mit den Augen ab, niemand antwortete, wir gingen langsam auf die Haustür zu. Ich fühlte, wie die Frau eine Winzigkeit unsicher wurde. »Wo… wo der Brief ist?« — Wir sprachen nicht, wir verabschiedeten uns nicht, das hatte sie ja schon besorgt, wir gingen stumm hinaus. Drohen? Wer droht, ist schwach. Wir hatten noch nicht mit Zürich telephoniert.

Als die Frau sah, daß wir schon an der Haustür standen, verfiel sie in hemmungsloses Gebrüll; man hörte eilige Schritte auf dem Steinfußboden unten im Keller, also liefen dort die Hausmädchen zusammen und horchten. »Ich verbitte… ich verbitte mir ein für allemal Ihre Besuche! Scheren Sie sich raus! Und kommen Sie ja nicht wieder! Wer sind Sie überhaupt… zwei verschiedene Namen! — Heiraten Sie lieber!« schrie sie ganz laut. Und dann waren wir draußen. Die Tür schloß sich mit einem Knall. Bumm. Da standen wir.

»Hm –«, machte ich. »Das war ein großer Sieg.«

»Na, Daddy, da ist nichts zu machen. Das ist ja eine Megäre — was haben wir nun?« — »Jetzt haben wir ein bleiches Nein erhalten, wie wir Schweden sagen. Also werden wir telephonieren.« — »Sowie wir nach Hause kommen. Aber wenn du das der Frau Collin nicht richtig sagst, was hier los ist… wie der kleine Gegenstand ausgesehen hat! So vermiekert — und verprügelt! Sei schümpt un schümpt ümmerlos… De is aber steelhaarig! Gotts Blix, die müßt man ja in Öl kochen –!« Das fand ich zu teuer.

Wir gingen auf das Wäldchen zu, in dem Billie sein mußte. Und schimpften furchtbar auf die Frau Adriani. Und suchten Billie. »Billie! Billie!« Kein nichts und kein gar nichts. »Ob dieses rothaarige Luder glücklich ist?« — »Daddy, du stellst manchmal komische Fragen! Ob sie glücklich ist…! Das Kind ist unglücklich! Donnerhagel was machen wir denn da? Wir müssen dem Kind helfen! Das kann man ja nicht mit ansehn! Und nicht mit anfühlen! Herrgott von Bentheim! Billie!«

Wir stolperten beinah über sie.

Sie lag hinter einer kleinen moosigen Erhöhung, in einer Erdfalte; auf dem Bauch lag sie, die langen Beine nach oben gestreckt, sie las und schlug von Zeit zu Zeit ihre Füße zusammen. »Ja? Na, was habt ihr… was war?« Wir erzählten, beide zu gleicher Zeit, und nun war aus Frau Adriani bereits ein feuerspeiender Berg geworden, eine ganze Hölle von kleinen und großen Teufeln, die Vorsteherin einer Affentanz-Schule und ein Scheusal schlechthin. Nun, die Frau war ja wirklich eine starke Nummer.

Ich sah auf die beiden, während sie sich besprachen. Wie verschieden sie doch waren! Die Prinzessin Feuer und Flamme; das Kinderleid hatte sie aufgebracht, ihr Herz sprühte. Billie bedauerte das Kind, aber es war, wie wenn ein Fremder in der Untergrundbahn »Verzeihung!« sagte… sie bedauerte es artig und wohlerzogen und ganz unbeteiligt. Vielleicht, weil sie das alles nicht so mit erlebt hatte. Die Gleichgültigkeit so vieler Menschen beruht auf ihrem Mangel an Phantasie.

»Wir wollen noch ein wenig spazieras«, sagte die Prinzessin. — »Wohin?« — »Kommt ihr mit…? Ich möchte mir mal das Grab ansehen. So ein Scheusal…« Das Gewitter gegen die Rothaarige vergrollte langsam. Wir gingen und machten einen weiten Umweg um das Kinderheim. »Gleich, wenn wir nach Hause kommen — aber gleich«, sagte die Prinzessin, »melden wir Zürich an. Wir müssen un müssen dem Kind da rauskriegen! Die Frau Adriani entbehrt nicht einer gewissen Charmanz!« Billie pfiff leise vor sich hin. Ich starrte in eine dunkle Baumgruppe und las aus den Blättern ab: Ich hatte Billie haben wollen, ich fühlte, daß ich sie nicht bekommen würde, und jetzt hatte ich einen sittlichen Grund, sie niedriger zu stellen als Lydia. Billie hatte kein Herz. Hast du ihr Herz geliebt, du Lügner? Sie hat so lange Beine… Ja, aber sie hat kein Herz.

Wir gingen langsam durch den Wald, die beiden unterhielten sich — nun ruddelten sie. »Ruddeln«, das ist so ein Wort für: klatschen, über jemand herziehen. Man konnte gar nicht folgen, so schnell ging es. Hopphopphopp… schade, daß man nicht dabeisein kann, wenn die andern über uns sprechen – man bekäme dann einigermaßen die richtige Meinung von sich. Denn niemand glaubt, daß es möglich sei, so unfeierlich, so schnell, so gleichgültig-nichtachtend Etiketten auf Menschenflaschen zu kleben, wie es doch überall geschieht. Auf die andern vielleicht — aber auf uns selber?

Billie: »…hat er ihr versprochen, und wie es soweit war, nichts«. — »Ihre Dummheit«, sagte Lydia. »Bei Empfang: die Ware — das Geld, wie mein Papa immer sagt. Vertrauen! Vertrauen! Es gibt doch nur eine Sicherheit: Fußangeln. Wie?« Merkwürdig, woher sie das hatte. So schlechte Erfahrungen hatte sie doch gar nicht hinter sich …

Billie ging wie eine Tanzende: Es federte alles an ihr. Sie trug eigentümliche Kleiderstoffe — ich wußte nicht, wie das hieß; es war buntes und grob gewebtes Zeug, heute zum Beispiel sah sie aus wie eine Indianerin, die sich aus ihrem Hochzeitszelt einen Rock geschneidert hatte — und so viele Armbänder! Gleich, dachte ich, wird sie die Arme in die Luft werfen, die schöne Wilde, und mit einem Liebesruf in den Wald stürzen, zu den andern… Schade, daß sie kein Herz hat.

»Seht ihr, da hinten liegt der Friedhof! Doch, wir schaffen das noch bis zum Abendbrot — also!« Wir gingen rascher. Ein leichter Wind hatte sich erhoben, dann wurden die Windstöße stärker, ein hauchzarter Regen fiel. Manchmal trug der Wind etwas wie Meeresatem herüber, von der See, von der Ostsee.

Nun waren wir angelangt, da war eine kleine Holztür, und über die niedrige Steinmauer ragten alte Bäume. Es war ein alter Friedhof; man sah das an den verwitterten, ein wenig zerfallenen Gräbern auf der einen Seite. Auf der andern standen die Gräber hübsch ordentlich in Reih und Glied… gut gepflegt. Es war ganz still; wir waren die einzigen, die die Toten heute nachmittag besuchten — die wen besuchten? Man besucht ja nur sich selber, wenn man zu den Toten geht.

»Welche Reihe…? Warte mal, das hat sie hier im Brief aufgeschrieben. Achtzehnte… nein, vierzehnte… eins, zwei… vier, fünf…« Wir suchten. »Hier«, sagte Billie.

Da war das Grab. So ein kleines Grab.

WILHELM COLLIN GEBOREN… GESTORBEN…

und ein paar windverwehte Blumen. Wir standen. Niemand sprach. Ob das nun der Auftritt von vorhin war oder die Tatsache, daß es so ein winzig kleines Grab war, dieser Gegensatz zwischen der Inschrift Wilhelm Collin und dem Hügelchen — das war doch in Wahrheit noch gar kein Wilhelm gewesen, sondern ein wehrloses Bündelchen Fleisch, das man hätte beschützen sollen… Eine Träne fing ich nicht mehr, sie rollte. »Heul nicht«, sagte die Prinzessin, die zwinkerte, »heul nicht! Die Sache ist viel zu ernst zum Weinen!« Ich schämte mich vor Billie, die uns mitleidsvoll ansah. Ihre Augen blickten warm. Sie sagte leise etwas zur Prinzessin, und als nun beide zu mir herübersahen, fühlte ich, daß es etwas Freundliches gewesen sein mußte. Ich vergaß, daß ich Billie begehrt hatte, und flüchtete zu der Prinzessin.

In Gripsholm meldeten wir Zürich an.

3

»Da liegt sozusagen die Sittlichkeit mit der Moral im Streite«, sagte die Prinzessin, und wir lachten noch, als wir uns an den großen Tisch in unserm Zimmer setzten. Die Schloßfrau hatte Billie auseinandergesetzt, es wäre gar nicht wahr, daß »alle Schweden immer nackt badeten«, wie man so oft sagen hörte. Gewiß, manchmal, in den Klippen, wenn sie unter sich wären… aber im übrigen wären es Leute wie alle andern auch, wenig wild nach irgendeiner Richtung, es sei denn, daß sie gern Geld ausgäben, wenn einer zusähe.

Draußen fiel der Regen in perlenden Schnüren.

»Das ist aber ein fröhlicher Regen«, sagte Billie. Das war er auch. Er rauschte kräftig, oben am Himmel zogen schwarz-braune Wolken rasch dahin, vielleicht waren nur wir es, die so fröhlich waren, trotz alledem. Das war schön, hier in der trockenen Stube zu sitzen und zu sprechen. Was hatte Billie für ein Parfüm? »Billie, was haben Sie für ein Parfüm?« Die Prinzessin schnupperte. »Sie hat sich etwas zusammengegossen«, sagte sie. Billie wurde eine Spur rot schien mir das nur so? »Ja, ich habe gepanscht. Ich mache mir da immer so etwas zurecht…«, aber sie sagte die Namen nicht.

»Billie, hilf mir mal — kannst du das? Guck mal!« Die Prinzessin löste seit gestern an einem schweren Silbenrätsel herum. »Ich habe hier: Hochland in Asien… doch, das habe ich. Aber hier: Orientalischer Männername… Wendriner? Nein, das kann ja wohl nicht stimmen — Katzenellenbogen…? Auch nicht… Fritzchen! Sag du!« — »Wie heißt er denn nun eigentlich?« fragte Billie entrüstet. »Mal sagst du Peter zu ihm und mal Daddy und jetzt wieder Fritzchen…!« — »Er heißt Ku-ert…«, sagte die Prinzessin. »Ku-ert… Dascha gah kein Nomen — wenn hei noch Fänenand oder Ullrich heiten deer, as Bürgermeister sinen!« Verachtung auf der ganzen Linie. Aber nun war Billies Bildungsdrang gereizt; die beiden Köpfe beugten sich über das Zeitungsblatt. Ich saß faul daneben und sah zu. Und da, so vor den beiden… Kikeriki — machte es in mir ganz leise, Kikeriki… Sie tuschelten und kuderten vor Lachen. Ich zog an der neuen Pfeife, die nun schon ein wenig angeraucht war, und saß mit einer Miene da, die gutmütige Männerüberlegenheit andeuten sollte. Eben hatte Billie etwas gesagt, was man bei einigermaßen ausschweifender Phantasie auch sehr zweideutig nehmen konnte, die Prinzessin sandte mir blitzschnell einen Blick herüber: Es war wie Einverständnis zwischen Verschworenen. Nachtverschworene… Am Tage wurde fast nie von der Nacht gesprochen — aber die Nacht war im Tag, und der Tag war in der Nacht. »Liebst du mich noch?« steht in den alten Geschichten. Erst dann — erst dann!

Sie warfen das Rätsel hin. »Wir wollen es nach dem Abendbrot noch einmal versuchen«, sagte Billie. »Schlaft ihr hier eigentlich gut ein? Ich muß mich sonst immer in Schlaf lesen — aber hier geht es so schnell…« — »Du mußt es machen wie die Baronin Firks«, sagte die Prinzessin. »Die Baronin Firks war natürlich aus Kurland, und die Kurländer, das sind die Apotheker Europas –: sie haben alle einen leichten Klaps. Und wenn die alte Dame nachts nicht einschlafen konnte, dann setzte sie sich auf ein Schaukelpferd und schaukelte so lange, bis… Ja? Was ist?« Es hatte geklopft. Ein Kopf in der Tür. »Das Telephon? Zürich!« Wir liefen alle drei.

Kleiner Kampf am Apparat. »Laß mich … kannste da nich mal weggehn… Harre Gott… Laß mich doch mal!« Ich.

»Hallo!« Nichts. Wie immer bei Ferngesprächen: erst nichts. Man hörte es in der Membrane leise surren. Diese Geräusche sind je nach den Ländern, in die man telephoniert, verschieden; aus Frankreich zum Beispiel läuft ein silberhelles Gewässer durch die Drähte, und man bekommt solche Sehnsucht nach Paris… Hier surrte es. Sie hatten wohl wegen der politischen Konferenzen neue Kupferdrähte nach der Schweiz… »Mariefred? Bitte melden Sie sich!« — Und dann deutlich, aber leise eine klagende Stimme. Frau Collin.

»Hier ist Frau Collin. Sie haben mir geschrieben? Wie geht es denn Ada?« — »Ich will Sie nicht beunruhigen — aber sie muß da heraus.« — »Ja, warum denn? Um Gottes –« — »Nein, mit der Gesundheit ist das Kind in Ordnung. Aber ich schreibe Ihnen heute abend noch einmal ausführlich — diese Frau Adriani ist eine unmögliche Erzieherin. Das Kind macht einen so verängstigten Eindruck, es…« Und ich packte aus. Ich schmetterte es alles aus mir heraus, die ganze Wut und das ganze Mitleid und die Ranküne wegen der Niederlage heute nachmittag und meinen Abscheu vor solchen Herrschweibern… alles packte ich aus. Und die Prinzessin wackelte wild hetzend mit der Faust. Frau Collin blieb einen Augenblick still. »Hallo?« — »Ja, was machen wir denn da…?« Die Prinzessin stieß mich und zischelte etwas. Ich wehrte mit dem Kopf ab: Laß!

»Ich schlage Ihnen vor, daß Sie uns einen Brief schreiben, mit dem wir das Kind abholen können. Schicken Sie uns bitte einen Scheck über das, was Sie dort mutmaßlich schuldig sind… wenn’s mehr ist, will ich das gern auslegen. Und schreiben Sie es nicht der Frau: sonst wird sie das Kind nicht gleich entlassen, sondern sie wird es noch quälen — schreiben Sie also uns. Ihre Schrift kennt die Frau Adriani ja. Also, einverstanden?«

Pause der Unentschlossenheit. Ich gab eine Berliner Referenz. »Ja, wenn Sie meinen… Ach… aber wo soll ich denn dann mit dem Kind hin?« — »Ich habe in der Schweiz zu tun — ich bringe Ada zu Ihnen, und wir werden schon anderswo etwas für sie finden; aber da muß sie heraus. Wirklich — das geht nicht. Einverstanden?«

Die Stimme klagte, klang aber ein wenig fester. »Es ist so nett, wie Sie mir helfen. Sie kennen mich doch gar nicht!« — »Ich habe das da gesehen, wissen Sie… das geht nicht. Also gemacht?« — »Jawohl. Wir wollen das so machen.« Und noch einiges verbindliche Hin und Her. Knack. Abgehängt. Aus. Die beiden tanzten einen wilden Tanz, einmal ums ganze Zimmer. Ich behielt den Hörer noch einen Augenblick in der Hand. »Gott sei Dank …«, sagte ich. — »Ob sie es nun auch tut?« fragte die Prinzessin, noch ein wenig atemlos. »Was hat sie gesagt?« fragte Billie. Nun war sie schon etwas mehr bei der Sache — gar nicht mehr so höflich-teilnehmend wie heute nachmittag. Feldzugskamerad Billie… Ich berichtete. Und dann tanzten wir alle drei.

»Dascha wunnerbor!« sagte Lydia. »Wann kann ihr Brief hier sein? Heute ist Dienstag. Mittwoch… Donnerstag… In drei Tagen, wie?« Wir schrien alle durcheinander und waren so vergnügt. In mir war so etwas wie: Wohltun schmeckt süß, Rache trägt Zinsen, und liebe deinen Nächsten wie der Hammer den Amboß. »Darf ich die jungen Damen auf die Weide treiben?« Wir gingen zum Essen.

»Billie!« sagte ich, »wenn das der alte Geheimrat Goethe sähe! Wasser in den Wein! Wo haben Sie denn diese abscheuliche Angewohnheit her! sagte er zu Grillparzer, als der das tat. Oder hat er es zu einem andern gesagt? Aber gesagt hat er es.« — »Ich vertrage nichts«, sagte Billie, und ihre Stimme klang, wie wenn ein silberner Ring in einen Becher fällt… »Verträgt Margot vielleicht mehr?« fragte die Prinzessin. »Margot…«, sagte Billie und lachte. »Ich habe sie mal gefragt, was sie wohl täte, wenn sie beschwipst wäre. Sie war es nämlich noch nie. Sie hat gesagt: Wenn ich betrunken bin, das stelle ich mir so vor — ich liege unter dem Tisch, habe den Hut schief auf und sage immerzu Miau!« Das wurde mit einem sanften Rotwein begossen; Billie schluckte tapfer, die Prinzessin sah mich an, schmeckte und sprach: »Ich mache mir ja nichts aus Rotwein. Aber wenn das der selige Herr Bordeaux wüßte…«, und dann sprachen wir wieder von Zürich und von dem kleinen Gegenstand, und Billie wurde munter, wohl weil sie uns Rotwein trinken sah. Die Prinzessin blickte sie wohlgefällig von der Seite an.

Ich gähnte verstohlen. »Na, schickst all een to Bett?« fragte die Prinzessin.

»Ich schreibe noch den Brief an die Frau. Löst ihr nur euer Rätsel!« Sie lösten. Ich schrieb.

Was die Schreibmaschine heute nur hatte! Manchmal hat sie ihre Nücken und Tücken, das Luder; dann verheddern sich die Hebel, nichts klappt, das Farbband bleibt hocken, gleich schlage ich mit der Faust… »Hö-he-he!« rief die Prinzessin herüber. Sie kannte das, und ich schrieb beschämt und ruhiger weiter. So, das war fertig. Vielleicht ist der Brief zu schwer… Haben wir hier keine Briefschaukel? »Ich bringe ihn noch auf die Post!«

Es regnete. Schön ist das, durch so einen frischen Regen zu gehn… Wie heißt der alte Spruch? Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur gute Kleider. Nun, es gibt schon schlechtes Wetter; es gibt mißratenes Wetter, es gibt leeres Wetter, und manchmal ist überhaupt kein Wetter. Der Regen befeuchtete mir die Lippen; ich schmeckte ihn und atmete tief: Es ist doch hier weiter gar nichts. Ferien, Schweden, die Prinzessin und Billie — aber dies ist einer jener Augenblicke, an die du dich später einmal erinnern wirst: Ja, damals, damals warst du glücklich. Und ich war es und dankbar dazu.

Zurück.

»Na, habt ihr gelöst?« — Nein, sie lösten noch und waren grade in eine erbitterte Streiterei geraten. »Vater der Kirchengeschichte…«, sie mußten da irgendeinen Unsinn gemacht haben, denn für dieses eine Wort hatten sie noch acht Silben übrig, darunter: e-di-son, und obgleich der ja nun viel in seinem Leben getan und seine ganze Zeit umgestaltet hat: Kirchengeschichte hatte er doch wohl nicht… »Löst das nachher!« sagte ich. »Wann nachher?« fragte Billie. »Da schlafen wir.« — »Billie schläft überhaupt heute bei mir«, sagte die Prinzessin. »Du kannst nebenan in der Kemenate schlafen!« — »Hurra!« riefen die beiden. »Macht es Ihnen etwas?« fragte mich Billie. »Aber…!« Und sie lief davon und holte ihre Sachen, jene Kleinigkeiten, die jede Frau braucht, um glücklich zu sein. »Du gefällst ihr, mein Sohn«, sagte die Prinzessin. »Ich kenne sie. Ist sie nicht wirklich nett?« Und die Prinzessin begann umzuräumen und Billies Zimmer nachzusehn, und es gab eine furchtbare Aufregung. »Wohin soll ich die Blumen stellen?« — »Stell sie auf den Toilettentisch!«

Es war kein alter Bordeaux — aber es war ein schwerer Bordeaux. Das Zimmer lag im abgeblendeten Schein der Lampen, es war so warm und heimlich, und wir kuschelten uns.

»Schon?« fragte ich. Die Damen wollten schlafen gehn. »Aber wenn ihr im Bett seid«, sagte ich, »dann laßt die Tür noch offen — damit ich höre, was ihr euch da erzählt!« Ich ging und zog mich aus. Dann klopfte ich. »Willst du…!« sagte die Stimme der Prinzessin. »Wird hier ehrsame Damens bei der Toilette stören! Mädchenschänder! Wüstling! Blaubart! Ein albernes Geschlecht –!« Wo aber war mein Eau de Cologne? Mein Eau de Cologne war da drin — so ging das nicht! Man ist doch ein feiner Mann. Ich klopfte wieder. Geraschel. »Ja?« Ich trat ein. Sie lagen im Bett, Billie in meinem: sie hatte einen knallbunten Pyjama an, auf dem hundert Blumen blühten, jetzt sah sie aus, wie die wilde Lieblingsfrau eines Maharadschas… sie lächelte ruhig in ihr Rätselblatt. Sie war beinah schön. »Was willst du?« fragte die Prinzessin. »Mein Eau…« – »Haben wir all ausgebraucht!« sagte sie. »Nu wein man nicht — ich kauf dir morgen neues!« Ich brummte. »Habt ihr denn fertig gelöst?« — »Wenn wir dich brauchen, rufen wir dich… Gute Nacht darfst du auch sagen!« Ich ging an sie heran und sagte artig zu jeder gute Nacht, mit zwei tiefen Verbeugungen. »Billie, was haben Sie für ein schönes Parfüm!« Sie sagte nichts; ich wußte, was es war. Das Parfüm »arbeitete« auf ihrer Haut — es war nicht das Parfüm allein, es war sie. Und sie hatte für sich das richtige ausgewählt. Die Prinzessin bekam einen Kuß, einen ganz leise bedauernden Kuß. Dann ging ich. Die Tür blieb offen.

»Halbedelstein –«, hörte ich Billie sagen. »Halbedelstein… Laß mal: Saphir… nein. Rubin… nein. Opal… auch nicht. Lydia!« — »Topas!« rief ich aus meinem Zimmer. »Ja — Topas! Du bist ein kluges Kind!« sagte die Prinzessin. »Nun — nein, so geht das nicht — laß doch mal –« Jetzt rauften sie, die Betten rauschten, Papier knatterte… »Hiii –!« rief Billie in einem ganz hohen Ton. Etwas zerriß. »Du dumme Person!« sagte die Prinzessin. »Komm — jetzt schreiben wir das noch mal auf dies Papier… da stimmt doch was nicht! Wir haben eben falsch ausgestrichen…« — »Der Doktor Pergament kann Silbenrätsel ohne Bleistift lösen!« rief ich. Sie hörten gar nicht zu. Sie waren wohl sehr eifrig bei der Arbeit. Pause. Die Prinzessin: »Hauch… Hast du so was gesehn? Was ist Hauch?« — »Atem!« sagten Billie und ich gleichzeitig. Es war wie ein Einverständnis. Wieder raschelten sie. »Das ist ja ganz falsch! Der Inbegriff alles sinnlich Wahrnehmbaren — sinnlich Wahrnehmbaren…« Jetzt waren sie offenbar am Ende ihres Lateins, denn nun wurde es ganz still — man hörte gar nichts mehr. »Ich weiß nicht…«, sagte die Prinzessin. »Das ist bestimmt ein Druckfehler!« — »Druckfehler bei Silbenrätseln gibt es nicht!« rief ich. — »Du halt deinen Schnabel, du alte Unke!« — »Laß doch mal…« — »Gib mal her…« — »Weißt du Rats?« Beide: »Wir wissen nichts.« — »Es muß ein Erwachsener kommen«, sagte ich. »Da laßt mich mal ran.« Und ich stand auf und ging hinein. Ich nahm einen Stuhl und setzte mich zur Prinzessin. Einen Augenblick lang hatte der Stuhl in meiner Hand geschwankt; er wollte zu Billie, der Stuhl. »Also — gebt mal her!« Ich las, warf das Papier herunter, hob es wieder auf und probierte mit dem Bleistift auf einem neuen Blatt. Die beiden sahen spöttisch zu. »Na?« — »So schnell geht das nicht!« — »Er weiß ja auch nicht!« sagte Billie. »Wir wollen erst mal alle in den Rotwein steigen!« sagte ich. Das geschah.

»Sehr hübsch«, sagte die Prinzessin. »Rotweinflecke haben Hausfrauen gern, besonders auf Bettwäsche. Du altes Ferkel!« Das galt mir. »Die gehn doch raus«, maulte ich. »Salzflecke werden gereinigt, indem man Rotwein darüber gießt«, lehrte die Prinzessin. Und dann lagen sie wieder beide bäuchlings an ihrem Blatt und lösten. Und es ging nicht vorwärts, Billie hatte die Haare aus der Stirn gestrichen und sah wie ein Baby aus. Wie ein Babybild von Billie. Wie rund ihr Gesicht war, wie rund. »Ge… Geweihe –!« schrie Billie. »Geweihe! Für Jagdtrophäen! Siehst du, das haben wir vorhin nicht gewußt! Aber wohin gehört chrys — chrys…« — »Ich auch!« Nun lag ich halb auf dem Bett, bei der Prinzessin, und starrte angestrengt auf die Bleistiftschreiberei. »Chrysopras!« sagte ich plötzlich. »Chrysopras! Gebt mal her!« Die beiden schwiegen bewundernd, und ich genoß meine lexikalische Bildung. Wir horchten. Ein Windstoß fuhr gegen die Scheiben, draußen trommelte der Nachtregen.

»Kalt ist das…«, sagte ich. »Komm zu mir!« sagte die Prinzessin. »Du erlaubst doch, Billie?« Billie erlaubte. Ganz still lag ich neben der Prinzessin.

»Gestalt aus Shakespeares Sturm…« Allmählich rann die Wärme Lydias zu mir herüber. Mir lief etwas leise den Rücken hinunter. Billie rauchte und sah an die Decke. Ich legte meine Hand hinüber – sie nahm sie und streichelte mich sanft. Ihr Ring blitzte matt. Noch lagen wir beieinander wie junge Tiere — wohlig im Zusammensein und froh, daß wir beisammen waren: ich in der Mitte, wie geborgen. Billie fing an, in der Kehle zu knurren. »Was knurrst du da?« sagte Lydia. »Ich knurre«, sagte Billie, Gestalt aus Shakespeares Sturm… War es das Wort? Das Wort Sturm? Wenn Bienen andre Bienen zornig summen hören, werden sie selber zornig. War es das Wort Sturm? Oben in den Schulterblättern begann es, ich dehnte mich ein ganz klein wenig, und die Prinzessin sah mich an. »Was hast du?« Niemand sagte etwas. Billie knackte mit meinen Nägeln. Wir hatten das Blatt sinken lassen. Es war ganz still.

»Gib mal Billie einen Kuß!« sagte die Prinzessin halblaut. Mein Zwerchfell hob sich — ist das der Sitz der Seele? Ich richtete mich auf und küßte Billie. Erst ließ sie mich nur gewähren, dann war es, wie wenn sie aus mir tränke. Lange, lange… Dann küßte ich die Prinzessin. Das war wie Heimkehr aus fremden Ländern.

Sturm!

Als Zephir begann es – wir waren »außer uns«, denn jeder war beim andern. Es war ein Spiel, kindliche Neugier, die Freude an einer fremden Brust… Ich war doppelt, und ich verglich; drei Augenpaare sahen. Sie entfalteten den Fächer: Frau. Und Billie war eine andre Billie. Ich sah es mit Staunen.

Ihre Züge, diese immer ein wenig fremdartigen Züge, lösten sich; die Augen waren feucht, ihre Gespanntheit wich, und sie dehnte sich… Der Pyjama erblühte bunt. Nichts war verabredet, alles war wie gewohnt — als müßte es so sein. Und da verloren wir uns.

Es war, wie wenn jemand lange mit seinem Bobsleigh am Start gestanden hatte, und nun wurde losgelassen — da sauste der Schlitten zu Tal! Wir gaben uns jenem, der die Menschen niederdrückt und aufhebt, zum tiefsten und höchsten Punkt zugleich… ich wußte nichts mehr. Lust steigerte sich an Lust, dann wurde der Traum klarer, und ich versank in ihnen, sie in mir — wir flüchteten aus der Einsamkeit der Welt zueinander. Ein Gran Böses war dabei, ein Löffelchen Ironie, nichts Schmachtendes, sehr viel Wille, sehr viel Erfahrung und sehr viel Unschuld. Wir flüsterten; wir sprachen erst übereinander, dann über das, was wir taten, dann nichts mehr. Und keinen Augenblick ließ die Kraft nach, die uns zueinander trieb; keinen Augenblick gab es einen Sprung, es hielt an, eine starke Süße erfüllte uns ganz, nun waren wir bewußt geworden, ganz und gar bewußt. Vieles habe ich von dieser Stunde vergessen — aber eins weiß ich noch heute: wir liebten uns am meisten mit den Augen.

»Mach das Licht aus!« sagte Lydia. Das Licht erlosch, erst die große Krone im Zimmer, dann das Lämpchen auf dem Nachttisch.

Wir lagen ganz still. Am Fenster war ein schwacher Schein. Billies Herz klopfte, sie atmete stark, die Prinzessin neben mir rührte sich nicht. Aus den Haaren der Frauen stieg ein Duft auf und mischte sich mit etwas Schwachem, was die Blumen sein mochten oder das Parfüm. Sanft löste sich Billies Hand aus der meinen. »Geh«, sagte die Prinzessin, fast unhörbar.

Da stand ich nebenan im Zimmer Billies und sah vor mich hin. Kikeriki — machte es ganz leise in mir, aber das war gleich vorbei, und ein starkes Gefühl der Zärtlichkeit wehte zu denen da hinüber. Ich legte mich nieder.

Sprachen sie? Ich konnte es nicht hören. Ich stand wieder auf und kroch unter die Dusche. Eine süße Müdigkeit befiel mich — und ein fast zwanghafter Trieb, hinzugehn und ihnen Rosen auf die Decke… wo bekommt man denn jetzt nachts Rosen her… das ist ja — Jemand war an der Tür.

»Du kannst gute Nacht sagen!« sagte die Prinzessin. Ich ging hinein.

Billie sah mich lächelnd an; das Lächeln war sauber. Die Prinzessin lag neben ihr, so still. Zu jeder ging ich, und jede küßte ich leise auf den Mund. »Gute Nacht…« und »Gute Nacht…« Kräftig rauschten draußen die Bäume. Eine Sekunde stand ich noch am Bett.

»Wie ist denn das alles so plötzlich gekommen?« sagte die Prinzessin leise.

Fünftes Kapitel

1

Das war ein Wurf! sagte Hans — da warf er seine Frau zum Dachfenster hinaus.

Einer von den Tagen, wie sie sonst nur im Spätsommer vorkommen: bunt, gesättigt und windstill. Wir lagen am Seeufer.

Ein paar Meter vor uns schaukelte ein Boot, unser Badeboot — das Wasser gluckste leise gegen das Holz, auf und ab, auf und ab… Wenn man die Hand ins Wasser hielt, gab das ein winziges Kältegefühl, dann zog man sie wieder heraus, und dann trockneten die Tropfen in der Luft. Ich rauchte einen Grashalm, die Prinzessin hielt die Augen geschlossen. »Heute ist vorgestern«, sagte sie« Das war so ihre Art der Zeitrechnung; da wir übermorgen fortfahren wollten, so war heute vorgestern.

»Wo mag sie jetzt sein?« fragte ich. Die Prinzessin sah auf die Uhr: »Jetzt ist sie zwischen Malmö und Trälleborg«, sagte sie; »in einer Stunde steigt sie auf die Fähre.« Dann schwiegen wir wieder. Billie — dachte ich — Billie…

Sie war abgefahren: leise, heiter, froh — und es war nichts gewesen, es war nichts gewesen. Ich war glücklich; es hatte keinen Schatten gegeben. Gott sei Dank nein. Ich sah zur Prinzessin hinüber. Sie mußte den Blick gespürt haben; sie öffnete die Augen.

»Wo bleibt die Frau Collin? Watt seggst to det Ei? Hett de Katt leggt!«

Die Frau Collin hatte nicht geschrieben — und wir wollten doch fort. Wir mußten fort; unser Urlaub war abgelaufen. Noch einmal telephonieren? Schließlich und endlich… »Diese dämliche Person«, schimpfte ich vor mich hin. »Man muß doch das Gör da herauskriegen! Himmelhergottdonner…« — »Daddy, du repräsentierst ein Volk!« sagte die Prinzessin würdevoll, als ob uns die schwedischen Bäume hören könnten. »Du sollst des Anstands gedenk sein!« Ich sagte ein zweisilbiges Wort. Woraufhin mich die Prinzessin mit etwas Mälarsee anspritzte. Und da wollte ich sie in den See werfen. Und da lag ich drin.

Ich pustete sie mit Wasser voll wie ein Elefant, sie warf mir Hölzchen an den Kopf… dann legte sich das alles. Ich kroch heran, und wieder saßen wir friedlich zusammen.

»Was machen wir aber wirklich?« fragte ich triefend. »Warten? Wir können nun nicht mehr warten! Du mußt am Dienstag zu Hause sein, und auf mich lauern sie auch. Mal muß der Mensch doch wieder arbeiten! Hier vertue ich meine kostbare Zeit mit dir …« Sie hob drohend den Arm. Ich rückte ein Stückchen weg. »Ich meinte nur. Aber wollen wir telephonieren? Ja?«

»Nun wollen wir erst mal zu Ende baden«, sagte die Prinzessin. »Wenn wir nachher nach Gripsholm kommen, werde ich dir alles sagen. Holla — hopp!«

Und wir schwammen.

»Paß auf –«, pustete ich dazwischen, »sie wird es nicht tun, die Frau Collin. Wahrscheinlich hat sie sich das überlegt — ich hatte so den Eindruck, daß sie den kleinen Gegenstand gar nicht bei sich haben will — vielleicht führt sie ein uhrenhaftes Leben…« Die Prinzessin kniff mich ins Bein. »Oder sie traut uns nicht und denkt, wir werden das Kind entführen. Aber der Frau Adriani hat sie getraut. Na, du wirst es sehen! Diese Weiber! Aber das sage ich dir, Alte: wenn sie heute nicht schreibt! Nie wieder in meinem Leben kümmere ich mich um fremde Kinder. Um fremde nicht! Um deine auch nicht! Um meine auch nicht! Himmelkreuzund …« — »Daddy«, sagte die Prinzessin. »Solang äs ich dir kenn, hältst du ümme weise Redens über das, wasse tun wirst, und mehrstenteils kommt nachher allens ganz anners. Aber dascha so bei die Männers. Bischa mallrig!« — »Ich werde…« — »Ja, du wirst. Wenn sie dir das Futurum wegnehmen, dann bleibt da aber nicht viel.« — »Person!« — »Selber!« Huburr der ganze See fing an zu schaukeln, weil wir eine wilde Seeschlacht veranstalteten. Dann schwammen wir ans Ufer.

Auf dem Wege zum Schloß: »Mein Alter hat gar nicht geschrieben… sie werden ihn doch nicht in Abbazia an ein öffentliches Haus verkauft haben?« — »Na, ob da Bedarf für ist…« — »Daddy, wo ist eigentlich der Dackel?« — »Dein Kofferdackel?« — »Ja.« — »Der steht doch… der steht unter meinem Bett. Nachts bellt er.« Wir gingen ins Haus.

Die Prinzessin pfiff wie ein Lockvogel. Was gab’s?

Der Brief war da — ein dicker Brief. Sie riß ihn auf, und ich nahm ihn ihr fort, dann flatterten die Bogen auf den Boden, wir sammelten sie auf und brachen in ein fröhliches Geschrei aus. Da war alles, alles, was wir brauchten.

»Das ist fein. Na — aber nun! Wie nun?«

»Das beste is«, sagte die Prinzessin, »wir gehn gliks mal eins hin un holen uns dem Kinde her von diese alte Giftnudel. Auf was wolln wi nu noch warten?«

»Jetzt essen wir erst mal Mittag, und dann gleich nach Tisch… Krach ist gut für die Verdauung.«

Wir saßen grade bei den Preiselbeeren, diesem mild brennenden Kompott, da hörten wir draußen vor der Tür ein Getöse, das Ungewöhnliches anzeigte. Wir ließen die Löffel sinken und horchten. Nun –?

Die Schloßfrau kam herein; sie sah aus wie ein Extrablatt.

»Da ist ein Kind draußen«, sagte sie und sah uns ganz leicht mißtrauisch an, »ein kleines Mädchen — sie weiß nicht, was Sie heißen, aber sie sagt, sie will zu den Mann und der Frau, die ihr eine Puppe gegeben hat, und sie weinten die ganze Zeit und sie bin so rot im Gesicht… Kennen Sie das Kind?« Wir standen gleich auf. »O ja — das Kind kennen wir schon.« Hinaus.

Da stand der kleine Gegenstand.

Sie sah recht zerrupft aus, verweint, die Haare hingen ihr ins Gesicht, vielleicht war sie schnell gelaufen. Das Kind war nicht recht bei sich. Als es Lydia sah, lief es rasch auf sie zu und versteckte sein Gesicht an ihrem Kleid. »Was hast du denn? Was ist denn?« Die Prinzessin beugte sich nieder und verwandelte sich aus dem Sportmädchen von heute morgen in eine Mama; nein, sie war beides. Die Schloßfrau stand dabei, ein Schwamm der Neugierde — sie saugte es alles auf. Also?

Das rote Weib hatte das Kind geprügelt und geknufft und so laut geschrien; das Kind war fortgelaufen. Es war wohl nicht mehr auszuhalten gewesen. Und nun zitterte das Kind und zitterte und sah nach der Tür. Kam sie –? Frau Adriani würde sie holen. Frau Adriani würde sie holen. Es war nur bruchstückweise aus ihr herauszubekommen, was es gegeben hatte. Schließlich wußten wir alles.

Wir standen herum. »Ich gebe sie nicht mehr heraus«, sagte ich. »Nein… natürlich nicht«, sagte die Prinzessin. Die Schloßfrau: »Senden Sie nicht das Kind zurück?« Der kleine Gegenstand begann laut zu weinen: »Ich will nicht zurück. Ich will zu meiner Mutti!« — »Noch einen schwarzen Kaffee«, sagte ich zur Prinzessin, »und dann geht’s los.« Wir nahmen das Kind mit hinein und bauten vor ihm Cakes auf. Es nahm keine Cakes. Wir tranken still; wenn es wild zugeht, soll man immer erst einmal bis hundert zählen oder einen Kaffee trinken.

»So, Lydia — jetzt wisch mal dem Kind das Geheul ab und beruhige es ein bißchen, und ich werde mit dem süßen Schatz telephonieren! Würden Sie mich bitte mit dem Kinderheim verbinden?« Die Schloßfrau stellte viele Fragen, ich beantwortete sie sehr kursorisch, sie sagte etwas Schwedisches in das Telephon, und dann saß ich da und wartete.

Jemand meldete sich, auf schwedisch. Ich sprach aufs Geratewohl deutsch. »Kann ich Frau Adriani sprechen?« Lange Pause. Dann eine harte, gelbe Stimme. »Hier Frau Direktor Adriani!« Ich meldete mich. Und da brach es drüben los.

»Das Kind ist wohl bei Ihnen? Ja?« — »Ja.« — »Sie geben es sofort… Sie schicken mir sofort das Kind! Ich werde es abholen lassen — nein: Sie schicken es mir sofort… Sie bringen mir auf der Stelle das Kind zurück! Ich zeige Sie an! Wegen Kindesentführung! Das haben Sie dem Kind in den Kopf gesetzt! Sie! Was? Wenn das Kind nicht in einer halben Stunde… nicht in einer halben Stunde bei mir… Haben Sie mich verstanden?« In mir schnappte das Regulativ ein, das die Feder zurückhält. Ich hatte mich fest an der Leine. »Wir sind in einer halben Stunde bei Ihnen!« Ein Knack — es wurde abgehängt.

»Lydia«, sagte ich. »Was nun? Ich werde mit der Alten schon reden — diesmal ist sie dran. Aber die Sachen von dem Kind… Es hilft nichts: wir müssen das Kind mitnehmen, sonst bekommen wir nicht alles!« — »Hm.« — »Und wenn wir es hier in Gripsholm lassen, dann ist die Alte imstande und nimmt es von hier fort, und das ganze Theater fängt von vorn an. Erklär das mal dem kleinen Gegenstand!« Das dauerte zehn lange Minuten; ich hörte die Kleine nebenan weinen und immer wieder weinen, dann wurde sie ruhiger, und als nun auch die Schloßfrau auf sie einsprach, wurde sie still. »Nehmen Sie mich auch gewiß… nehmen Sie mich auch ganz gewiß wieder mit?« fragte sie immer wieder. Wir redeten ihr gut zu. »Sie weinete, Er tröstete den Trost aus voller Brust -«, sagte die Prinzessin leise. Und dann gingen wir.

Wir sprachen, damit das Kind uns nicht verstände, französisch. »Du springst ihr doch hoffentlich gleich mit dem Brief und mit dem Scheck ins Gesicht?« – »Lydia«, sagte ich. »Lassen wir sie ein kleines Weilchen toben. Ein Hälmchen… Ich möchte noch mal sehn, wie das ist. Nur ein Weilchen!« Die Prinzessin fiel murrend aus dem Französischen in ihr geliebtes Plattdeutsch. »Ick schall mi von Schap Beeten laten, wenn ick ’n Hund in de Tasch hebb?« Und nun wandten wir uns wieder zu der Kleinen, die unruhiger wurde mit jedem Schritt, der uns dem Kinderheim näher brachte. »Darf ich auch wieder heraus? Aber sie läßt mich ja nicht — sie läßt mich ja nicht!« — »Wir müssen doch deine Sachen holen, und du brauchst keine Angst zu haben…« Als wir das Kinderheim sahen, sagten wir gar nichts mehr. Ich legte der Kleinen leise meinen Arm um die Schultern. »Komm — das geht gut aus!« Sie ließ sich ein bißchen ziehen, aber sie ging still mit. Wir brauchten nicht zu klopfen — die Tür war offen.

Frau Adriani stand unten in der Halle, sie war über eine Truhe gebeugt und wandte uns den Rücken zu. Als sie unsre Schritte hörte, drehte sie sich blitzschnell um. »Ah — da sind Sie ja! Na, das ist Ihr Glück! Sind Sie meinem Mädchen nicht begegnet? Nein? Na, es ist schon jemand unterwegs, falls Sie nicht gekommen wären… Wo bist du hingelaufen, du Teufelsbraten!« schrie sie das Kind an: »Wir sprechen uns nachher! Nachher sprechen wir uns! Los jetzt!« Das Kind verkroch sich hinter die Prinzessin. »Einen Augenblick«, sagte ich. »So schnell geht das nicht. Warum ist das Kind von Ihnen fortgelaufen?« — »Das geht Sie gar nichts an!« schrie Frau Adriani. »Gar nichts geht Sie das an! — Komm her, mein Kind!« Sie ging auf das Kind zu, das ängstlich zusammenzuckte. Sie legte der Kleinen die Hand auf den Kopf. »Was sind denn das für Dummheiten! Wozu läufst du denn vor mir fort? Hast du Angst vor mir? Du mußt vor mir keine Angst haben! Ich will doch dein Bestes! Da läufst du nun zu fremden Leuten… stehen dir denn diese fremden Menschen näher als ich? Ich habe dir doch erzählt: die sind nicht mal richtig verheiratet…« Sie sprach so falsch-eindringlich in das Kind hinein, aber ihre Stimme wußte sich gehört; sie sprach gewissermaßen im Profil. »Läufst hier fort…!« Das Kind schauerte zusammen.

»Kann ich Sie wohl mal sprechen?« sagte ich sanft. — »Was… wir haben uns nichts zu sagen!« — »Vielleicht doch.« Wir gingen alle in den Eßsaal. »Also das Kind ist zu Ihnen gelaufen! Das ist ja reizend! Ihr Glück, daß Sie es auf meine Weisung sofort wiedergebracht haben! Sie wird nicht mehr weglaufen — das kann ich Ihnen versprechen. So ein Geschöpf! Na warte…« — »Das Kind muß doch einen Grund gehabt haben, wegzulaufen!« sagte ich. »Nein. Das hat es gar nicht gehabt. Es hat keinen Grund gehabt.« — »Hm. Und was werden Sie nun mit ihm machen?« — »Ich werde es bestrafen«, sagte Frau Adriani satt und hungrig zugleich. Sie reckte sich in ihrem Stuhl. »Erlauben Sie mir bitte eine Frage: Wie werden Sie es bestrafen?« — »Ich brauchte Ihnen darauf keine Antwort zu geben — ich muß das nicht. Aber ich sage es Ihnen, denn es ist im Sinne von Frau Collin, im Sinne von Frau Collin, daß das Kind streng gehalten wird. Sie wird also Zimmerarrest bekommen, die kleinen Hausstrafen, Arbeiten, es darf nicht mit den andern spazierengehn — so wird das hier gemacht.« — »Und wenn wir Sie bitten, dem Kind die Strafe zu erlassen… täten Sie das?« — »Nein. Dazu könnte ich mich nicht entschließen. Da könnten Sie bitten… Das wollten Sie mir sagen?« fügte sie höhnisch muß manchmal streng sein, gewiß, aber die Kinder so zur Verzweiflung treiben…« — »Wer treibt hier die Kinder zur Verzweiflung! Erziehen Sie Ihre Kinder, verstehn Sie! Wenn Sie mit der Dame da welche haben! Dieses hier erziehe ich!« — »Ga hen und fleut die Hühner und verget den Hahn nich!« murmelte die Prinzessin. »Was sagten Sie?« fragte Frau Adriani. — »Nichts.« — »Ich habe meine Grundsätze. Solange ich die Macht über das Kind habe…« Ich sah ihr fest in die Augen… einen Augenblick lang noch ließ ich sie zappeln in ihrer wahnwitzigen und ungeduldigen Wut. Immer liefen ihre flinken Augen von uns zu dem Kind und wieder zurück, sie wartete auf das Kind. Ich überlegte, wieviel Menschen auf der Welt in der Gewalt solcher da sein mochten, und wie das nun wäre, wenn wir ihr das Kind wirklich überlassen müßten, und was die andern Kinder hier auszustehen hätten… »Also — jetzt werde ich das Nötige in die Wege leiten…« Frau Adriani stand auf. Da packte ich zu.

»Das Kind wird nicht bei Ihnen bleiben«, sagte ich.

»Waaas –?« brüllte sie und stemmte die Arme in die Seite. »Wir nehmen das Kind zu seiner Mutter zurück. Hier ist ein Brief von Frau Collin, hier ist ein Scheck… wir werden gleich bezahlen…« Über das Gesicht der Frau lief wie eine Welle über kochende Milch ein Schreck; man sah, wie es in ihr dachte; man hörte sie denken, sie glaubte nicht. »Das ist nicht wahr!« — »Doch, das ist wahr. Nun kommen Sie nur — setzen Sie sich wieder hin… ich werde Ihnen das alles hübsch der Reihe nach übergeben.« — »Du gehst nach oben!« herrschte sie das Kind an. »Das Kind bleibt hier«, sagte ich. »Das ist der Brief. Die Unterschrift ist beglaubigt.« Frau Adriani riß ihn mir aus der Hand.

Dann warf sie ihn der Prinzessin vor die Füße. »Das ist der Dank!« schrie sie. »Das ist der Dank! Dafür habe ich mich um diesen verwahrlosten Balg gekümmert! Dafür habe ich für sie gesorgt! Aber das… das haben Sie der Frau Collin eingeredet! Sie haben sie aufgehetzt! Sie haben mich verleumdet! Das werde ich… Raus! Sie…!« — »Wir nehmen also das Kind gleich mit. Sie werden augenblicklich die Sachen packen lassen und mir die Rechnung übergeben. Dafür bekommen Sie gegen Quittung diesen Scheck. Er ist auf Stockholm ausgestellt.« Geld! Geld war im Spiel! Die Frau blendete über und wechselte sofort die Tonlage. Sie sprach viel ruhiger, kälter — sehr fest.

»Die Rechnung kann ich Ihnen im Augenblick nicht machen. Das Kind hat mir vieles zerbrochen, da sind Schadenersatzansprüche. Selbstverständlich muß bis zum Quartalsende gezahlt werden — das ist so ausgemacht. Selbstverständlich. Und dann muß ich erst zusammenstellen lassen, was hier alles im Haus durch die Schuld dieses Mädchens entzweigegangen ist. Das dauert mindestens eine Woche.« — »Sie schreiben mir jetzt eine Quittung über den Scheck aus; er deckt die Kosten bis zum Vierteljahrsschluß, dann bleiben noch zweiundfünfzig Kronen übrig… über den Rest werden Sie sich mit Frau Collin einigen. Das Kind kommt mit uns mit.« Das Kind hatte aufgehört zu weinen, es sah fortwährend von einem zum andern und ließ die Prinzessin keinen Augenblick los, keinen Augenblick.

Frau Adriani sah auf den Scheck, den ich in der Hand hielt. »Mit Geld allein ist die Sache nicht abgetan!« sagte sie. »Immerhin… Warten Sie.« Sie ging. Die Prinzessin nickte befriedigt. Die Frau kam wieder.

»Sie hat einen Schrank ruiniert… sie hat ein Fenster kaputtgemacht; das Fenster war von innen abgeriegelt, sie muß da etwas hinausgeworfen haben… das macht… ich habe auch noch eine Wäscherechnung…« – »Nun ist es genug«, sagte ich. »Sie bekommen nun gar nichts, und dann nehmen wir das Kind mit, auch ohne seine Sachen oder aber Sie schreiben mir eine Quittung über den Scheck aus, und dann liefern Sie uns alle Sachen aus, die dem Kind gehören« — Frau Adriani machte eine Bewegung –, »alle Sachen, und dann bekommen Sie ihr Geld. Nun?«

Sie ringelte sich; man fühlte, wie es in ihr gärte und wallte… aber da war der Scheck! Da war der Scheck! Psychologie ist manchmal sehr einfach. Nein, so einfach war sie doch nicht. Wieviel Stimmlagen hatte diese Frau! Nun legte sie die letzte Platte auf.

Sie begann zu weinen. Die Prinzessin starrte sie an, als hätte sie ein exotisches Fabeltier vor sich.

Frau Adriani weinte. Es klang, wie wenn jemand auf einer kleinen Kindertrompete blies, es war mehr eine Art Quäken, was da herauskam, ganz leise, bei völlig trockenen Augen — so machen die kleinen Gummischweinchen, wenn sie die Luft von sich geben und verrunzelnd zusammenfallen. Großaufnahme: »Ich bin eine Frau, die sich ihr Leben erarbeitet hat«, sang die Kindertrompete. »Ich habe viele Reisen gemacht und mir Bildung erworben. Ich habe einen kranken Mann; ich habe niemanden, der mir hilft. Ich stehe diesem Hause seit acht Jahren vor — ich bin den Kindern wie eine Mutter, wie eine Mutter … das Kind ist mir ans Herz gewachsen … ich habe für dieses Kind … Scheißbande!« brüllte sie plötzlich.

Es war wie eine Erlösung. Die Vorstellung des Stücks »Das gerührte Mutterherz« war so dumm gewesen, es waren die gangbaren Mittel einer Provinz-Hysterika … daß wir wie von einem Alpdruck befreit waren, als sie mit dem Kraftwort abschloß und in die Realität zurückkehrte, in ihre Wirklichkeit. »So«, sagte ich. »Nun gehn wir und packen ein!« Ihr letzter Widerstand flackerte auf. »Ich packe nicht. Gehn Sie selber nach oben und suchen Sie sich ihre Lumpen zusammen. Liegt wahrscheinlich alles durcheinander. Ich suche nicht.« Sie knallte auf einen Stuhl. Und sprang gleich wieder auf. »Natürlich lasse ich Sie nicht allein hinaufgehn! Senta! Anna!« Es erschienen zwei Mädchen. Sie sagte zu ihnen etwas auf schwedisch, das wir nicht verstanden. Wir gingen hinauf.

Aus allen Türen sahen Mädchenköpfe, verängstigte, neugierige, aufgeregte Gesichter. Keines sprach; ein Mädchen knickste verlegen, dann andre. Wir standen oben im Schlafzimmer Adas; die vier kleinen Mädchen, die darin waren, drückten sich scheu in einer Ecke zusammen. Wir öffneten den Schrank, und die Prinzessin fragte nach einem Koffer. Ja, das Kind hatte einen mitgebracht, aber der stände auf dem Boden. »Wollen Sie ihn bitte …« Ein Mädchen ging. Die Prinzessin räumte den Schrank aus. »Das? Das auch?« Mit einem Schwung öffnete sich die Tür, Frau Adriani preschte ins Zimmer. »Ich will genau sehn, was sie mitnimmt! Am Ende eignen Sie sich noch fremde Sachen an!« Eine schlechte Verliererin war sie — wer bleibt anständig, wenn er seine Partie verloren hat? »Sie können alles genau sehn, und im übrigen — Holla!« Sie war auf das Kind zugegangen, das sich duckte. Ich trat mit einem raschen Satz dazwischen. Wir sahen uns einen Augenblick an, die Frau Adriani und ich; in diesem Blick war so viel körperliche Intimität, daß mir graute. Dieser Kampf war der Gegenpol der Liebe — wie jeder Kampf. Und in diesem Blick der Augen öffnete sich mir eine tiefe Schlucht: diese Frau war niemals befriedigt worden, niemals. Durch mein Gehirn flitzte jenes zynische Rezept:

Rp. Penis normalis dosim Repetatur!

Aber das allein konnte es nicht sein. Hier tobte der Urdrang der Menschheit: der nach Macht, Macht, Macht. Und nichts trifft solch ein Wesen mehr als ein unerwarteter Aufstand. Dann stürzt eine Welt ein. Spartakus … So viele Kinder litten hier. Ich hätte geschlagen. Sie wich zurück.

Das Mädchen kam mit dem Koffer; wir packten, schweigend. Einmal riß die Frau ein Hemdchen an sich und warf es wieder hin. Das Kind hielt die Hand der Prinzessin. Die Mädchen in ihrer Ecke atmeten kaum. Frau Adriani sah zu ihnen hinüber und ruckte mit dem Kopf, da gingen sie schlurfend zur Tür hinaus. Der Koffer wurde geschlossen. Wir trugen ihn hinunter. Ein Mädchen wollte uns helfen — Frau Adriani verbot es mit einer Handbewegung. Der Koffer war nicht schwer. Das Kind ging eilig mit; es weinte nicht mehr. Ich hörte es einmal tief aufatmen.

»Die Quittung?« Frau Adriani ging auf ihren Tisch zu, schrieb etwas auf ein Blatt und reichte es mir, wie mit der Feuerzange. Um ein Haar hätte sie mir leid getan, aber ich wußte, wie gefährlich dieses Mitleid war und wie verschwendet. Es hätte ihr nicht einmal gut getan, denn von diesem Seelenhonorar kauft sie sich neue Kulissen, und alles fängt wieder von vorn an. Ich gab ihr den Scheck. Ich sah auf ihr Gesicht. Der Vorhang war heruntergelassen — jetzt wurde nicht mehr gespielt. Das Stück war aus.

Langsam gingen wir aus dem Hause, in dem das Kind so viel gelitten hatte.

Keiner von uns sah mehr zurück. Die Haustür wurde geschlossen.

2

Der letzte Urlaubstag …

Ich bin schon für die Reise angezogen, zwischen mir und dem Mälarsee ist eine leise Fremdheit, wir sagen wieder Sie zueinander.

Die langen Stunden, in denen nichts geschah; nur der Wind fächelte über meinen Körper — die Sonne beschien mich … Die langen Stunden, in denen der verschleierte Blick ins Wasser sah, die Blätter zischelten, und der See plitschte ans Ufer; leere Stunden, in denen sich Energie, Verstand, Kraft und Gesundheit aus dem Reservoir des Nichts, aus jenem geheimnisvollen Lager ergänzten, das eines Tages leer sein wird. »Ja«, wird dann der Lagermeister sagen, »nun haben wir gar nichts mehr …« Und dann werde ich mich wohl hinlegen müssen.

Da steht Gripsholm. Warum bleiben wir eigentlich nicht immer hier? Man könnte sich zum Beispiel für lange Zeit hier einmieten, einen Vertrag mit der Schloßdame machen, das wäre bestimmt gar nicht so teuer, und dann für immer: blaue Luft, graue Luft, Sonne, Meeresatem, Fische und Grog – ewiger, ewiger Urlaub.

Nein, damit ist es nichts. Wenn man umzieht, ziehen die Sorgen nach. Ist man vier Wochen da, lacht man über alles — auch über die kleinen Unannehmlichkeiten. Sie gehen dich so schön nichts an. Ist man aber für immer da, dann muß man teilnehmen. »Schön habt ihr es hier«, sagte einst Karl der Fünfte zu einem Prior, dessen Kloster er besuchte. »Transeuntibus!« erwiderte der Prior. »Schön? Ja, für die Vorübergehenden.«

Letzter Tag. So erfrischend ist das Bad in allen den Wochen nicht gewesen. So lau hat der Wind nie geweht. So hell hat die Sonne nie geschienen. Nicht wie an diesem letzten Tag. Letzter Tag des Urlaubs — letzter Tag in der Sommerfrische! Letzter Schluck vom roten Wein, letzter Tag der Liebe! Noch einen Tag, noch einen Schluck, noch eine Stunde! Noch eine halbe…! Wenn es am besten schmeckt, soll man aufhören.

»Heute ist heute«, sagte die Prinzessin – denn nun stand alles zur Abfahrt bereit: Koffer, Handtaschen, der Dackel, der kleine Gegenstand und wir. »Du siehst aus!« sagte Lydia, während wir gingen, um uns von der Schloßfrau zu verabschieden, »du hast dir je woll mitn Reibeisen rasiert? Keinen Momang kann man den Jung allein lassen!« Ich rieb verschämt mein Kinn, zog den Spiegel und steckte ihn schnell wieder weg.

Großes Palaver mit der Schloßfrau. »Tack … danke …« und: »Herzlichen Dank! … Tack so mycket …« und »Alles Gute!« — es war ein bewegtes und freundliches Hin und Her. Und dann nahmen wir Ada an die Hand, jeder griff nach einer Tasche, da stand der kleine Motorwagen … Ab.

»Urlaub jok«, sagte ich. Jok ist türkisch und heißt: weg. »Du merkst auch alles«, sagte die Prinzessin und kämmte das Kind. »Lydia, ich hätte nie geglaubt, daß du so eine nette Kindermama abgeben kannst! Sieh mal an — was alles in dir steckt!« — »Ich bin Sie nämlich eine Zwiebel!« sagte die Prinzessin und enthüllte damit, vielleicht ohne es zu wissen, das Wesen aller ihrer Geschlechtsgenossinnen.

Und dann fing das Kind langsam, ganz langsam und stockend, an zu erzählen — wir drängten es nicht, erst wollte es überhaupt nicht sprechen, dann aber sprach es sich frei, man merkte, es wollte erzählen, es wollte alles sagen, und es sagte alles: Den Krach mit Lisa Wedigen und das Blatt vom Kalender; die dauernden Strafen und die Glockenblumen unter dem Kopfkissen und sein Spitzname »Das Kind«; der kleine Will und Mutti und was der Teufelsbraten sich alles ausgedacht hatte, um die Mädchen zu tyrannisieren, und Hanne und Gertie und das Essen im Schrank und alles.

Es ging ein bißchen durcheinander, aber man verstand doch, worauf es ankam. Und ich nannte den kleinen Gegenstand nunmehr Ada Durcheinander, und die Prinzessin bemutterte und bevaterte das Kind zu gleicher Zeit, und ich schlug vor, sie solle dem Kind die Brust geben, und dann brach ein wilder Streit darüber aus, welche: die linke oder die rechte. Und so kamen wir nach Stockholm.

Und fuhren zurück nach Deutschland.

Berlin streckte die Riesenarme und langte über die See… »Wir müssen der Frau Kremser telegraphieren«, sagte die Prinzessin, »sicher ist sicher. Junge, haben wir uns gut erholt! Was möchtest du denn?« Das Kind hatte ein paarmal vor sich hingedruckst, hatte angesetzt und wieder abgesetzt. »Na?« — Nein, aufs Töpfchen mußte sie nicht. Sie wollte etwas fragen. Und tat es.

»Sind Sie Landstreicher?« Wir sahen uns entgeistert an. »Die Frau Adriani hat gesagt …« Es stellte sich heraus, daß die Frau Adriani uns dem Kind als passionierte, ja als professionelle Landstreicher hingestellt hatte — »diese Landstreicher da draußen, die nicht mal verheiratet sind!« –, und das Kind, das jetzt völlig aufgetaut war, wollte nun alles wissen: ob wir Landstreicher wären, und was wir denn da anstrichen … und ob wir schon mal verheiratet gewesen wären und warum nun nicht mehr, und dann mußte es aufs Töpfchen, und dann brachten wir es zu Bett. Ich ertappte mich dabei, ein wenig eifersüchtig auf das Kind gewesen zu sein. Wer war hier Kind? Ich war hier Kind. Nun aber schlief es, und Lydia gehörte mir wieder allein.

»Bist du verheiratet?« fragte die Prinzessin. »Na, das hat noch gefehlt!« — »Alte«, sagte ich. »Nein, wir Landstreicher, wir sind ja nicht verheiratet. Und wenn wir es wären … Fünf Wochen, das ginge gut, wie? Ohne ein Wölkchen. Kein Krach, keine Proppleme, keine Geschichten. Fünf Wochen sind nicht fünf Jahre. Wo sind unsre Kümmernisse?« — »Wir haben sie in der Gepäckaufbewahrungsstelle abgegeben … das kann man machen«, sagte die Prinzessin. »Für fünf Wochen«, sagte ich. »Für fünf Wochen geht manches gut, da geht alles gut.« Ja… vertraut, aber nicht gelangweilt; neu und doch nicht zu neu frisch und doch nicht ungewohnt: Scheinbar unverändert lief das Leben dahin … Die Hitze der ersten Tage war vorbei, und die Lauheit der langen Jahre war noch nicht da. Haben wir Angst vor dem Gefühl? Manchmal, vor seiner Form. Kurzes Glück kann jeder. Und kurzes Glück: es ist wohl kein andres denkbar hienieden.

Wir rollten in Trelleborg ein. Es war spät abends; die weißen Bogenlampen schaukelten im Winde, und wir sahen zu, wie der Wagen auf die Fähre geschoben wurde. Das Kind schlief schon.

Ein großer Passagierdampfer rauschte durch das Wasser in den Hafen. Alle Lichter funkelten: vorn die Schiffslaternen, oben an den Masten kleine Pünktchen, alle Kammern, alle Kajüten waren hellerleuchtet. Er fuhr dahin. Musik wehte herüber.

Whatever you do — my heart will still belong to you —

Eine Welle Sehnsucht schlug in unsre Herzen. Fremdes erleuchtetes Glück — da fuhr es hin. Und wir wußten: säßen wir auf jenem Dampfer und sähen den erleuchteten Zug auf der Fähre, wir dächten wiederum — da fährt es hin, das Glück. Bunt und glitzernd fuhr das große. Schiff an uns vorüber, mit den Lichtpünktchen an seinen Masten. Die schwitzenden Stewards sahen wir nicht, nicht die Reeder in ihren Büros, nicht den zänkischen Kapitän und den magenkranken Zahlmeister … natürlich wußten wir, daß es so etwas gibt — aber wir wollten es jetzt, in diesem einen Augenblick, nicht wissen.

Whatever you do — my heart will still belong to you —

Unsre Herzen fuhren ein Stückchen mit.

Dann stand unser Wagen auf der Fähre. Das Schiff erzitterte leise. Die Lichter an der Küste wurden immer kleiner und kleiner, dann versanken sie in der blauen Nachtluft.

Wir standen an Deck. Die Prinzessin sog den salzigen Atem des Meeres ein. »Daddy — ich bedanke mich auch schön für diesen Sommer!« — »Nein, Alte – ich bedanke mich bei dir!« Sie sah über die dunkle See. »Das Meer…«, sagte sie leise, »das Meer…« Hinter uns lag Schweden, Schweden und ein Sommer.

Später saßen wir im Speisesaal in einer Ecke und aßen und tranken. »Auf den Urlaub, Alte!« — »Auf was noch?«

»Auf Karlchen!« — »Hoch!«

»Auf Billie!« — »Hoch!«

»Auf die Adriani!« — »Nieder!«

»Auf deinen Generalkonsul!« — »Mittelhoch!«

»Das sind alles keine Trinksprüche, Daddy. Weißt du keinen andern? Du weißt einen andern. Na?«

Ich wußte, was sie meinte.

»Martje Flor«, sagte ich. »Martje Flor!«

Das war jene friesische Bauerntochter gewesen, die im Dreißigjährigen Kriege von den Landsknechten an den Tisch gezerrt wurde; sie hatten alles ausgeräubert, den Weinkeller und die Räucherkammer, die Obstbretter und den Wäscheschrank, und der Bauer stand daneben und rang die Hände. Roh hatten sie das Mädchen herbeigeholt — he! da stand sie, trotzig und gar nicht verängstigt. Sie sollte einen Trinkspruch ausbringen! Und warfen dem Bauern eine Flasche an den Kopf und drückten ihr ein volles Glas in die Hand.

Da hob Martje Flor Stimme und Glas, und es wurde ganz still in dem kleinen Zimmer, als sie ihre Worte sagte, und alle Niederdeutschen kennen sie.

»Up dat et uns wohl goh up unsre ohlen Dage –!« sagte sie.

Kurt Tucholsky – Brief an den Staatsanwalt

Kurt Tucholsky: Brief an den Staatsanwalt

Erschienen in „Die Weltbühne, 06.04.1922, Nr. 14, S. 352“

Hierdurch tue ich Dir kund und zu wissen, dass ich am neunundzwanzigsten Februar dieses Jahres gegen den § 184 (Verbreitung unzüchtiger Schriften) ein bißchen habe verstoßen helfen. Ich habe mir nämlich in der Buchhandlung Hujahn in der Rügenwalder Straße 29 ein großes Buch mit durchaus unerlaubten Bildern gekauft. Das Buch ist zweihundertvierundsiebzig Seiten stark, gutes Friedens-Velinpapier, bedruckt mit mattgetönten farbigen Lithographien eines in Bayern wohnhaften Malers. Es ist im Jahre 1919 in München erschienen. Herr Hujahn gab es mir im kleinen Hinterzimmer unter einer sausenden Gasflamme, aus einem Geldschrank; er blinzelte stark dabei, putzte sich schämig die Brillengläser und nahm zweihundert Prozent Teuerungszuschlag.

Es ist ja möglich, lieber Staatsanwalt, dass diese Angaben alle nicht stimmen; aber Du hast doch eine so vorzügliche Polizei — Du wirst es schon herausbekommen. Mach aber keine Haussuchung bei mir: Ich habe das Buch in einer Laube vergraben. Komm, wir wollen spielen: »Feuer, Wasser, Kohle … « Streng Dich an; such, such, such –!

Man müßte dergleichen übrigens wirklich beschlagnahmen. Denk mal, was da alles darin ist … ! Jetzt sitzt Du Armer mit gespitztem Bleistift da, vor Dir liegen die >Mona Lisa< und Deine Karriere, und wenn Du diese Seiten für unzüchtig erklärst, dann wirst Du vielleicht bald Oberstaatsanwalt. Ich will es also ganz vorsichtig anfangen, Onkel.

Es sind Sinnbilder, weißt Du — Allegorien, wenn Du Dich auf Deine Prima besinnst, aber sie sind doch sehr schön. Wenn wir das, was Du dem Onkel Magnus Hirschfeld beschlagnahmst, mit einer Eins bezeichnen und das, was manche Pfaffen bei der Venus von Lonjumeau ausschließlich zu sehen pflegen, mit einer Zwei, dann liegen folgende Bilder vor mir:

Da schippt ein Mann lauter Gold in eine Erdspalte, aber das ist gar keine Erdspalte. Was hältst Du von dem Manne? »Symbolisch«, würde Wilhelm Bendow sagen. Und dann ist ein alter Herr da, der sammelt Zweien: er hat sie alle auf dem Tisch ausgebreitet, fein säuberlich mit Zettelchen etikettiert, und er beguckt sie sich durch eine Lupe, ob er vielleicht eine doppelt hat. Und dann ist ein Bild da, das kannst Du gewiß nicht beschlagnahmen: da steht eine dicke Frau vor dem Elefantenzwinger und sieht sich den Rüssel an und sagt gar nichts. Und ein Bild ist da, das hat keine Unterschrift, aber ich glaube, das weißt sogar Du, was es bedeutet: ein nacktes Mädchen liegt mit gespreizten Beinen auf der Straße, denk mal, mitten auf der Straße! und diese lange Straße geht nun gerade durch das Mädchen hindurch. Und eine Frau ist da, ein Frauenkopf mit süß geschlossenen Augen — sie lauscht wohl auf Musik. Aber an ihrem Ohr macht sich ein kleiner Mann zu schaffen, ich kann Dir gar nicht sagen, wie.

Und es sind auch Vorkommnisse aus dem Familienleben abgebildet: wie ein ganzes Fenster voller Frauen in Aufregung gerät, sie fallen beinah auf die Straße, so weit beugen sie sich hinaus — denn unten steht ein Mann und verrichtet bescheiden ein kleines Werk. Und eine Malerin malt einen männlichen Akt: sie malt ihn ganz richtig, nur wächst ihr die Proportion ins Ungeheure. Und eine fette Frau mit einem Kreuz am Hals gibt aus ihrer ungeheuern Brust einem proletarischen Säugling zu trinken, und das wird von vier Seiten gefilmt, und ich glaube, das heißt: Wohltätigkeit.

Der wilde Affentanz der Geschlechter zieht vorüber, in allen, sagen wir, Lagen des menschlichen Lebens, in allen Situationen mit den wenigen nur denkbaren Abwechslungen, die einem der liebe Gott beschert hat. Du bist auch darin, lieber Staatsanwalt. Du stehst vor einem großen Bild in der Ausstellung und mißt an einem gewaltigen Schinken den Popo, auf dass er ja nicht das Maß Deiner Sittlichkeit überschreite. Und wenn ich mir den ganzen Phall betrachte, die alten Jungfern, die danach gieren, und die alten Kerle, die danach gieren, und die jungen Dinger, die viel, viel mehr von der Sache verstehen, als man ihnen ansieht, und all das lächerliche Gekrampfe, all den Lärm, der um diesen einen Eierkuchen gemacht wird, dann muß ich schon sagen: Es geht nirgends so merkwürdig zu wie auf der Welt.

Jetzt bist Du böse … Jetzt sagst Du gewiß, ich sei einer, der das Schamgefühl gröblich verletzt habe, und obgleich ich doch meine symbolischen Zahlen kaum gebraucht habe, fängst Du am Ende einen Prozeß mit mir an, und ich muß mir von den Professoren bescheinigen lassen, dass ich keinen Menschen habe unterhalten wollen, sondern dass ich ein höherer Künstler bin. Oder ist es vielleicht unterhaltsam, wenn alte, verbrauchte Frauen vor dem Spiegel stehen wie Jericho auf den Trümmern Karthagos und sich die Rudimente ansehen, die noch übrig sind?

Onkelchen, sei wieder gut. Und wenn Du Deine sella curulis verlassen hast und in den staatlich konzessionierten Schoß Deiner Familie zurückgekehrt bist, dann drück den Daumen für mich, dass mir noch einmal in meinem Leben solch ein Chanson glückt, wie es die Zeichnung auf Seite 83 darstellt. Hinter dem Souffleurkasten, vorn an der Rampe, steht, mit dem Rücken zum Publikum, eine junge Dame, die sich das Wenige, womit sie bekleidet ist, auch noch emporgehoben hat. Ihre linke Hand … na, lassen wir das. Es scheint eine Szene aus dem >Götz von Berlichingen< zu sein, die da gespielt wird. Aus ihrem überschnittenen Profil ist zu ersehen, wie entzückend schnuppe ihr die ganze Geschichte ist. Und solch ein Chanson möchte ich einmal schreiben.

Und Dir, Onkelchen, will ich es widmen. »Seinem lieben Staatsanwalt in tiefsinniger Verehrung

hochachtungsvoll Peter Panter.«

P.S. Das Buch gibts wirklich. Der Zeichner ist Ungar und heißt Boris. Du kannst ihm aber nichts mehr tun: er ist, ein ganz junger Mensch, in der Schweiz gestorben.

Peter Panter