Kapitel 11

IV

Sossimow war ein hochgewachsener Mensch, ziemlich fett, mit dickem, bläßlichem, glattrasiertem Gesichte und ganz hellblondem, glattem Haar; er trug eine Brille und an einem seiner dicken, fetten Finger einen großen goldenen Ring. Er mochte etwa siebenundzwanzig Jahre alt sein. Bekleidet war er mit einem weiten, eleganten leichten Paletot und hellen Sommerbeinkleidern; überhaupt waren alle Bestandteile seines Anzuges weit, elegant und höchst adrett, die Wäsche tadellos, die Uhrkette schwer, massiv. Seine Bewegungen waren langsam und scheinbar müde, dabei aber von einer studierten Ungezwungenheit; ein gewisser Hochmut kam, obwohl er sich Mühe gab, ihn zu verbergen, doch fortwährend zum Vorschein. Alle, die ihn kannten, hielten ihn für einen etwas schwerfälligen Menschen, sagten ihm aber nach, daß er seine Sache verstände.

»Ich bin zweimal bei dir gewesen, Bruder«, rief Rasumichin. »Sieh nur, er ist wieder zu sich gekommen!«

»Ich sehe, ich sehe. Nun, wie fühlen wir uns denn jetzt, he?« wandte sich Sossimow an Raskolnikow, indem er ihn prüfend anblickte und sich zu ihm auf das Sofa setzte, ans Fußende, wo er es sich sofort nach Möglichkeit bequem machte.

»Er ist immer so hypochondrisch«, fuhr Rasumichin fort. »Wir haben ihm eben die Wäsche gewechselt; da fing er beinahe an zu weinen.«

»Sehr begreiflich; mit der Wäsche hätte es ja auch noch Zeit gehabt, wenn er selbst es jetzt nicht mochte … Der Puls ist vorzüglich. Der Kopf tut wohl immer noch ein bißchen weh, nicht wahr?«

»Ich bin gesund, vollständig gesund!« entgegnete Raskolnikow in eigensinnigem, gereiztem Tone; er richtete sich plötzlich auf dem Sofa auf und blickte mit funkelnden Augen um sich, legte sich aber sogleich wieder auf das Kissen zurück und drehte sich nach der Wand zu.

Sossimow beobachtete ihn mit unverwandtem Blicke.

»Sehr gut, … alles, wie es sein muß«, sagte er lässig. »Hat er etwas gegessen?«

Rasumichin gab Auskunft und fragte, was ihm gegeben werden dürfte.

»Er kann alles bekommen, … Suppe, Tee, … Pilze und Gurken natürlich nicht, na, und Fleisch braucht er auch noch nicht, und … na ja, es ist ja weiter nichts zu sagen!« Er wechselte einen Blick mit Rasumichin. »Die Medizin weg, alles weg; ich sehe morgen wieder nach … Es wäre vielleicht auch heute … na ja …«

»Morgen abend führe ich ihn spazieren«, erklärte Rasumichin in bestimmtem Tone. »In den Jussupow-Garten, und dann gehen wir in den Kristallpalast.«

»Morgen würde ich noch Ruhe für ihn empfehlen; übrigens … ein bißchen Bewegung … nun, das wollen wir mal morgen sehen.«

»Jammerschade, heute veranstalte ich gerade eine kleine Festlichkeit aus Anlaß meines Umzuges; es ist bloß ein paar Schritte von hier; da müßte er eigentlich auch mit dabei sein. Er könnte ja auf dem Sofa liegen, und wir würden uns dann um ihn herumsetzen. Aber du, du wirst doch kommen?« wandte sich Rasumichin an Sossimow.

»Vergiß es nicht; du hast es mir versprochen.«

»Vielleicht komme ich, aber wohl etwas später. Was gibt es denn bei dir?«

»Es ist alles ganz einfach: Tee, Schnaps, Hering. Pirog gibt es auch. Es kommen nur gute Bekannte.«

»Wer denn?«

»Lauter Leute hier aus der Gegend und fast sämtlich neue Bekannte – ausgenommen etwa den alten Onkel, und ein neuer Bekannter ist der eigentlich auch: er ist erst gestern hier in Petersburg angekommen; er hat hier geschäftliche Angelegenheiten zu erledigen. Wir sehen einander nur so alle Jahre einmal.«

»Was ist er?«

»Er hat sein ganzes Leben lang als Postmeister in einer Kreisstadt vegetiert, … jetzt bezieht er eine kleine Pension, er ist fünfundsechzig Jahre alt. Viel zu sagen ist nicht von ihm; aber ich habe ihn ganz gern. Auch Porfirij Petrowitsch kommt, der Untersuchungskommissar, ein Jurist. Aber du kennst ihn ja …«

»Ist der nicht auch irgendwie mit dir verwandt?«

»Nur ganz weitläufig. Aber warum machst du denn so ein böses Gesicht? Du wirst doch nicht deshalb wegbleiben wollen, weil ihr euch einmal miteinander gezankt habt?«

»Der ist für mich Luft.«

»Sehr vernünftig gedacht. Na, dann sind noch ein paar Studenten da, ein Lehrer, ein Beamter, ein Musiker, ein Offizier, Sametow …«

»Sag mir nur um alles in der Welt, was kannst du oder der hier« (Sossimow wies durch eine Kopfbewegung auf Raskolnikow) »mit einem Menschen wie Sametow für Berührungspunkte haben?«

»Nein, diese wählerischen, mäkligen Menschen! Ihr Prinzipienreiter! … Du läßt dich ganz und gar durch deine Prinzipien wie durch innere Sprungfedern in Bewegung setzen und wagst gar nichts nach eigenem Willen zu tun. Meine Meinung ist: wenn einer ein guter Mensch ist, so genügt das; weiter brauche ich dann gar nichts über ihn zu wissen. Das ist mein Prinzip. Sametow ist ein ganz prächtiger Mensch.«

»Und macht hohle Hände.«

»Na, und wenn schon, was zum Teufel schert mich das? Meinetwegen mag er hohle Hände machen!« rief Rasumichin, der in eine ihm sonst fremde Aufregung hineingeriet. »Habe ich etwa das an ihm gelobt, daß er hohle Hände macht? Ich habe nur gesagt, daß er in seiner Art gut ist. Und wenn man eine so überscharfe Kritik übt, wie viele Menschen können dann überhaupt als gut bezeichnet werden? Ich bin fest überzeugt, daß unter solchen Umständen ein Käufer für meine eigene Person, einschließlich des gesamten Eingeweides, höchstens eine gebackene Zwiebel geben würde, und auch das nur, wenn er dich dabei noch als Zugabe bekommt! …«

»Das ist denn doch zu wenig; ich gebe für dich allein zwei.«

»Und ich für dich nur eine. Du mit deinen Witzen! Sametow ist noch ein junges Bürschchen, und ich treibe noch so mein Späßchen mit ihm; denn man muß ihn freundlich heranziehen und nicht etwa zurückstoßen. Durch Zurückstoßen bessert man einen Menschen nicht, und am allerwenigsten einen jungen Burschen. Bei einem jungen Burschen ist doppelte Vorsicht vonnöten. Ach, ihr Narren mit euren fortschrittlichen Ideen, rein gar nichts versteht ihr! Andre Menschen achtet ihr nicht, euch selbst vergöttert ihr! … Aber wenn du es wissen willst: es verbindet uns sogar ein bestimmtes gemeinsames Interesse.«

»Da bin ich neugierig.«

»Ja, es handelt sich um den Maler, d. h. den Anstreicher … Wir werden ihn schon losbekommen! Übrigens ist jetzt eigentlich für ihn keine Gefahr mehr; die Sache ist jetzt klar, völlig klar. Wir wollen nur noch ein bißchen Dampf dahinter machen.«

»Was ist das für ein Anstreicher?«

»Habe ich dir denn die Geschichte nicht schon erzählt? Ja, ja, jetzt weiß ich, ich habe dir nur den Anfang erzählt … von der Ermordung der alten Pfandleiherin, der Beamtenwitwe, … na, in diese Geschichte ist jetzt ein Anstreicher verwickelt worden …«

»Von dem Morde hatte ich schon früher gehört als du, und die Sache interessiert mich sogar … einigermaßen … aus einem bestimmten Grunde … Ich habe auch in den Zeitungen davon gelesen. Aber nun …«

»Lisaweta ist auch ermordet!« platzte auf einmal Nastasja, zu Raskolnikow gewendet, heraus.

Sie war die ganze Zeit über im Zimmer geblieben und hatte, an die Tür gelehnt, zugehört.

»Lisaweta?« murmelte Raskolnikow kaum hörbar.

»Jawohl, Lisaweta, die Altwarenhändlerin; kennst du sie nicht? Sie kam manchmal zu uns herunter. Sie hat dir auch einmal ein Hemd ausgebessert.«

Raskolnikow drehte sich nach der Wand, wo er auf der schmutzigen gelben Tapete mit weißen Blümchen sich ein plump gezeichnetes weißes Blümchen mit braunen Strichelchen aussuchte und genau betrachtete: wieviel Blättchen daran seien, was für kleine Zacken an den Blättchen und wieviel Strichelchen. Er fühlte, daß ihm die Hände und Füße taub wurden, als ob sie gelähmt wären; aber er machte nicht einmal einen Versuch, sie zu bewegen, und starrte unverwandt auf das Blümchen.

»Nun also, wie ist das mit dem Anstreicher?« unterbrach Sossimow sehr mißvergnügt Nastasjas Geschwätz.

Diese seufzte und schwieg.

»Der ist nun auch als Mörder verdächtigt worden!« fuhr Rasumichin eifrig fort.

»Was sind denn für Beweise da?«

»Absolut gar keine! Allerdings ist er gerade auf Grund eines Beweismoments festgenommen worden; aber es ist eben kein Beweis, und das ist’s, was wir nachweisen müssen. Es ist genau dieselbe Geschichte wie gleich zuerst nach dem Morde, wo sie die beiden Leute, wie heißen sie doch gleich …, Koch und Pestrjakow, als verdächtig festnahmen. Pfui! Wie dumm die Polizei hier immerzu verfährt; selbst wenn man die Sache nur von fern betrachtet, ekelt es einen. Pestrjakow kommt vielleicht heute zu mir … Übrigens, du weißt ja wohl von diesem Ereignisse schon, Rodja; es passierte noch vor deiner Krankheit, gerade am Abend vor dem Tage, wo du auf dem Polizeibureau in Ohnmacht fielst, als dort davon gesprochen wurde …«

Sossimow blickte Raskolnikow neugierig an; dieser rührte sich nicht.

»Weißt du was, Rasumichin? Ich bin ganz erstaunt über dich, was du für ein Hans-Dampf-in-allen-Gassen bist!« bemerkte Sossimow.

»Kann sein; aber losbekommen werden wir ihn doch!« rief Rasumichin und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Weißt du, was mich dabei am meisten ärgert? Nicht, daß diese Herren von der Polizei sich irren; einen Irrtum kann man immer verzeihen; ein Irrtum ist sogar etwas ganz Gutes, weil er zur Wahrheit führt. Nein, das Ärgerliche ist, daß sie sich irren und von ihrem eigenen Irrtum entzückt sind. Ich schätze Porfirij sehr, aber … Was hat sie zum Beispiel gleich anfangs irregemacht? Die Tür war versperrt, und als die beiden mit dem Hausknecht hinaufkamen, war sie offen: folglich haben Koch und Pestrjakow den Mord begangen! Das ist nun ihre Logik!«

»Werde doch nicht so hitzig! Es ist den beiden doch nichts weiter passiert, als daß sie verhaftet wurden, und das war doch ein Ding der Notwendigkeit … Übrigens habe ich diesen Herrn Koch schon einmal getroffen; er pflegte, wie sich herausgestellt hat, der Alten verfallene Pfandstücke abzukaufen. Nicht wahr?«

»Ja, er ist ein Gauner! Kauft auch Wechsel auf. Ein unsauberes Gewerbe. Hol ihn der Kuckuck! Verstehst du aber wohl, worüber ich so wütend bin? Über ihre veraltete, abgeschmackte, verdrehte Methode bin ich wütend … Und gerade in dieser Sache läßt sich ein ganz neuer Weg finden. Einzig und allein aus den psychologischen Anhaltspunkten läßt sich zeigen, wie man auf die richtige Spur kommen muß. ›Wir haben Fakta‹, sagen sie. Aber Fakta allein tun’s nicht; man muß doch auch mit den Fakten umzugehen wissen!«

»Und du verstehst dich darauf?«

»Man kann doch aber nicht schweigen, wo man fühlt und weiß, daß man in der Sache etwas nützen könnte, wenn … Donnerwetter noch mal! … Kennst du die Geschichte in ihren Einzelheiten?«

»Ich warte immer noch darauf, etwas über den Anstreicher zu hören.«

»Ach so! Na, dann hör mal zu. Gerade zwei Tage nach dem Morde, vormittags, als sie sich auf der Polizei noch mit Koch und Pestrjakow abmühten – obwohl diese sich über jeden ihrer Schritte ausgewiesen hatten; ein absolut zwingender Unschuldsbeweis! –, da kommt plötzlich ein ganz unerwartetes Faktum zum Vorschein. Ein gewisser Duschkin, ein früherer Bauer, der jetzt dem betreffenden Hause gerade gegenüber eine Kneipe hat, erscheint auf dem Polizeibureau und bringt ein Etui mit einem goldenen Ohrgehänge und erzählt eine lange Geschichte. ›Vorgestern abend, bald nach acht‹ – Tag und Stunde! merkst du was? – ›kam zu mir ein Malergeselle, der auch schon früher manchmal am Tage bei mir gewesen war, er heißt Mikolai, und brachte mir dieses Kästchen mit goldenen Ohrringen, es sind auch Steinchen daran, und wollte es bei mir für zwei Rubel versetzen; und auf meine Frage, wo er trinken?« Und dabei gab ich einem der Kellnerjungen einen Wink, daß er die Tür zuhalten möchte, und kam hinter dem Schenktische vor. Der aber stürmte aus dem Lokal hinaus auf die Straße und im Galopp davon und in eine Seitenstraße hinein – weg war er. Da war nun mein Verdacht bestätigt; der hat den Mord auf seinem Gewissen, ganz entschieden.‹«

»Na gewiß! …« meinte Sossimow.

»Warte, hör mal erst die Geschichte zu Ende! Natürlich wurde alles aufgeboten, um Mikolai ausfindig zu machen; Duschkin wurde festgenommen und Haussuchung bei ihm gehalten; ebenso verfuhr man mit Dmitrij; auch Mikolais Landsleute, bei denen er die Nacht gewesen war, wurden verhört – und vorgestern gelang es, Mikolai selbst zur Stelle zu schaffen. Er war in der Nähe des …schen Schlagbaums in einer Herberge festgenommen worden. Er war dort hingekommen, hatte sein silbernes Taufkreuz vom Halse genommen und für das Kreuz ein Mäßchen Schnaps verlangt. Das war ihm verabfolgt worden. Ein paar Minuten darauf ging die Wirtin in den Kuhstall und sah durch eine Ritze, daß er in der daneben liegenden Scheune seinen Gurt an einen Balken gebunden und eine Schlinge gemacht hatte und gerade auf einen Klotz stieg und sich die Schlinge um den Hals legen wollte. Die Frau erhob ein gewaltiges Geschrei, und alles lief zusammen: ›Na, du scheinst ja ein netter Kunde zu sein!‹ hieß es. – ›Bringt mich nach dem und dem Polizeirevier‹, sagte er, ›ich will alles bekennen.‹ Nun, man transportierte ihn mit allen ihm zustehenden Ehrenbezeugungen nach dem betreffenden Polizeirevier, d. h. hierher. Da ging’s nun los: ›Wie heißt du? Was bist du? Wie alt bist du?‹ – ›Zweiundzwanzig Jahre‹, usw. usw. Frage: ›Als ihr, du und Mitrej, arbeitetet, habt ihr da nicht jemand in der und der Stunde auf der Treppe gesehen?‹ Antwort: ›Es werden schon Leute vorbeigegangen sein; aber wir haben nicht darauf geachtet.‹ – ›Habt ihr nichts gehört, Lärm oder dergleichen?‹ – ›Wir haben nichts Auffälliges gehört.‹ – ›Hast du schon gleich an jenem Tage erfahren, Mikolai, daß die Witwe Soundso mit ihrer Schwester an diesem Tage zu der und der Stunde ermordet und beraubt worden war?‹ – ›Ich habe gar nichts, rein gar nichts davon gewußt; zum ersten Male habe ich davon zwei Tage darauf von Afanassij Pawlowitsch Duschkin in der Schenke gehört.‹ – ›Und wo hast du das Ohrgehänge herbekommen?‹ – ›Das habe ich auf dem Trottoir gefunden.‹ – ›Warum bist du am andern Tage nicht mit Mitrej zur Arbeit gekommen?‹ – ›Ich hatte mich herumgetrieben und getrunken.‹ – ›Wo ist das gewesen?‹ – ›Da und da.‹ – ›Warum bist du vor Duschkin davongelaufen?‹ – ›Weil ich solche Angst hatte.‹ – ›Wovor hattest du denn Angst?‹ – ›Daß sie mich verurteilen werden.‹ – ›Wie konntest du denn davor Angst haben, wenn du dich ganz unschuldig fühlst?‹ Ob du’s mir nun glaubst oder nicht, Sossimow, diese Frage ist tatsächlich gestellt worden, und zwar buchstäblich mit diesen Worten; ich weiß es bestimmt; es ist mir zuverlässig mitgeteilt worden. Was sagst du dazu? Nun?«

»Na, allerdings … Aber es liegen doch Beweismomente vor.«

»Ich rede jetzt nicht von den Beweisen, sondern von dieser Fragestellung, von der Art, in der sie ihre Aufgabe auffassen! Na, lassen wir’s; weiter! Sie haben ihn also so lange gequetscht und geknetet, bis er endlich gestand: ›Ich habe es nicht auf dem Trottoir gefunden, sondern in der Wohnung, wo ich mit Mitrej arbeitete.‹ – ›Wie ist das zugegangen?‹ – ›Das war so: Mitrej und ich hatten den ganzen Tag bis acht Uhr gearbeitet und wollten eben weggehen, und da nahm Mitrej einen Pinsel und schmierte mir Farbe ins Gesicht, ja, ganz voll Farbe schmierte er mir das Gesicht und lief davon und ich hinter ihm her. Und ich lief ihm nach und schrie, was ich konnte. Und als ich von der Treppe in den Torweg einbog, rannte ich in vollem Lauf gegen den Hausknecht und einige Herren an; aber wieviel Herren da bei ihm waren, erinnere ich mich nicht; und der Hausknecht schimpfte auf mich deswegen, und ein andrer Hausknecht schimpfte auch, und die Frau des Hausknechts kam heraus und schimpfte auch auf uns, und ein Herr kam mit einer Dame in den Torweg und schimpfte auch auf uns, weil Mitrej und ich mitten im Wege lagen: ich hatte Mitrej an den Haaren gefaßt und hingeschmissen und keilte ihn, und Mitrej, der unten lag, hatte mich auch an den Haaren gefaßt und keilte mich auch, und wir taten es nicht im Ernst, sondern in aller Freundschaft, aus Spaß. Und dann machte sich Mitrej los und lief auf die Straße und ich hinter ihm her; aber ich kriegte ihn nicht und ging allein in die Wohnung zurück; denn es mußte doch noch aufgeräumt werden. Ich suchte alles zusammen und wartete auf Mitrej, ob er wohl kommen würde. Und bei der Tür nach dem Flur, an der Wand, in der Ecke, da trat ich auf etwas. Ich sah hin, da lag ein Kästchen, in Papier gewickelt. Ich wickelte das Papier auf, da sah ich an dem Kästchen so ganz kleine Häkchen; ich machte die Häkchen auf, und da waren in dem Kästchen Ohrringe drin …‹«

»Hinter der Tür? Hinter der Tür lag es? Hinter der Tür?« rief plötzlich Raskolnikow, sah Rasumichin mit verstörten, angstvollen Augen an und richtete sich langsam, auf den Arm gestützt, auf dem Sofa auf.

»Ja … Aber was hast du denn? Was ist mit dir? Was erregt dich denn so?«

Rasumichin richtete sich gleichfalls auf.

»Nichts! …« antwortete Raskolnikow mit kaum vernehmbarer Stimme, ließ sich wieder auf das Kissen zurücksinken und drehte sich wieder nach der Wand zu. Alle schwiegen ein Weilchen.

»Er war wohl ein bißchen eingeschlummert und nun noch halb im Schlafe«, sagte Rasumichin endlich mit einem fragenden Blick auf Sossimow.

Dieser machte eine leise, verneinende Bewegung mit dem Kopfe.

»Na, fahr nur fort«, sagte Sossimow. »Was kam dann weiter?«

»Ja, was dann weiter kam! Sowie Nikolai die Ohrringe erblickt hatte, hatte er keine Gedanken mehr für die Wohnung und für Dmitrij, sondern nahm seine Mütze und lief zu Duschkin, erhielt von ihm, wie bereits bekannt war, einen Rubel, log ihm vor, er habe das Kästchen auf dem Trottoir gefunden, und verjubelte das Geld sofort. Aber was den Mord anlangt, so blieb er bei seiner früheren Aussage: ›Ich habe gar nichts davon gewußt, rein gar nichts; erst zwei Tage darauf habe ich davon gehört.‹ – ›Und warum bist du seitdem verschwunden gewesen?‹ – ›Aus Furcht.‹ – ›Und warum wolltest du dich aufhängen?‹ – ›Vor Angst.‹ – ›Wovor denn?‹ – ›Daß man mich verurteilen würde.‹ – Na, da hast du die ganze Geschichte. Was meinst du nun wohl, was sie daraus gefolgert haben?«

»Was ist da zu meinen? Es ist eine Spur, wenn auch nur eine unsichere. Ein Faktum. Du verlangst doch nicht, daß sie deinen Anstreicher in Freiheit setzen sollen?«

»Sie betrachten ihn jetzt geradezu als den Mörder! Sie haben keinerlei Zweifel mehr.«

»Unsinn, du ereiferst dich zu sehr. Nun, aber wie steht’s mit den Ohrringen? Du mußt doch selbst zugeben, daß, wenn Ohrringe aus der Truhe des alten Weibes an dem Tage des Mordes und in der Stunde des Mordes in Nikolais Hände gelangen – du mußt doch selbst zugeben, daß er sie dann irgendwie bekommen haben muß. Das hat doch bei einer solchen Untersuchung immer schon eine gewisse Wichtigkeit.«

»Wie er sie bekommen hat! Wie er sie bekommen hat!« rief Rasumichin. »Kannst denn du als Arzt, der du vor allen Dingen die menschliche Natur studieren sollst und dazu mehr Gelegenheit hast als jeder andre – kannst du denn nicht an all diesen Einzelheiten sehen, wes Geistes Kind dieser Nikolai ist? Siehst du denn nicht auf den ersten Blick, daß alles, was er bei den Verhören ausgesagt hat, die heilige Wahrheit ist? Die Ohrringe hat er genauso bekommen, wie er gesagt hat. Er ist auf das Kästchen getreten und hat es aufgehoben!«

»Die heilige Wahrheit! Und dabei hat er selbst eingestanden, daß er das erstemal gelogen hat!«

»Höre mich an, höre aufmerksam zu: der Hausknecht und Koch und Pestrjakow und der andre Hausknecht und die Frau des ersten Hausknechts und eine Bürgerfrau, die gerade damals bei ihr in der Stube des Hausknechts saß, und der Hofrat Krjukow, der gerade in dem Augenblick aus einer Droschke gestiegen war und mit einer Dame am Arm in den Torweg trat – diese alle, also acht bis zehn Zeugen, sagen einstimmig aus, daß Nikolai den Dmitrij auf die Erde geworfen hatte, auf ihm lag und ihn prügelte und daß Dmitrij ihn seinerseits an den Haaren gepackt hatte und ihn auch prügelte. Sie liegen mitten im Wege und versperren die Passage; sie werden von allen Seiten ausgeschimpft und liegen da ›wie die kleinen Kinder‹ (dies buchstäblich der von den Zeugen gebrauchte Ausdruck), liegen einer auf dem andern, kreischen und lachen, lachen beide um die Wette, schneiden dabei die komischsten Gesichter und laufen – der eine hinter dem andern her, um ihn zu greifen – wie Kinder auf die Straße hinaus. Hörst du wohl? Und nun bitte ich zu beachten: oben liegen die noch warmen Körper, hörst du, noch warm; denn so hat man sie gefunden! Wenn die beiden, oder auch nur Nikolai allein, den Mord begangen und dazu noch die Truhe aufgebrochen und ausgeraubt hatten oder auch nur irgendwie an dem Raube beteiligt gewesen waren, so erlaube, daß ich dir nur eine einzige Frage vorlege: läßt sich eine solche Seelenstimmung, also das Kreischen, das Lachen, die kindliche Prügelei im Torweg, vereinigen mit Beilen, Blut, verbrecherischer Schlauheit, Vorsicht, Raub? Soeben haben sie einen Mord begangen, vor nur etwa fünf bis zehn Minuten – denn so kommt es heraus, da die Körper noch warm waren –, und auf einmal denken sie gar nicht weiter an die Leichen und die offene Wohnung, obwohl sie wissen, daß in dem Augenblicke Leute dorthin unterwegs sind, denken auch nicht weiter an die Beute, sondern wälzen sich wie kleine Kinder auf der Erde, lachen und ziehen die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich! Und dafür sind zehn übereinstimmende Zeugen vorhanden!«

»Gewiß ist das sonderbar! Selbstverständlich kann es so nicht gewesen sein; aber …«

»Nein, Bruder, nicht ›aber‹; sondern wenn der Umstand, daß das Ohrgehänge an demselben Tage und in derselben Stunde sich in Nikolais Händen befand, wirklich einen wichtigen Belastungsgrund gegen ihn bildet (dieser Umstand ist jedoch durch seine Aussagen ohne weiteres aufgeklärt worden, so daß der Belastungsgrund noch strittig ist), so muß man doch auch die entlastenden Momente in Erwägung ziehen, und um so mehr, da diese unbestreitbar sind. Aber was meinst du? Werden nach dem ganzen Charakter unsrer Justiz die Behörden ein solches Moment, das sich einzig und allein auf die psychologische Unmöglichkeit, lediglich auf die Seelenstimmung gründet, als ein unbestreitbares Moment gelten lassen, als ein Moment, das alle belastenden sachlichen Momente, wie sie auch immer beschaffen sein mögen, umstößt? Und sind die Behörden einer solchen Anschauung überhaupt fähig? Nein, sie werden es nicht so auffassen, unter keinen Umständen; sie werden sich darauf versteifen, daß das Kästchen bei diesem Menschen gefunden worden ist und er sich hat aufhängen wollen, ›worauf er nicht hätte verfallen können, wenn er sich nicht schuldig gefühlt hätte!‹ Das ist die Hauptfrage, und das ist der Grund, weswegen ich mich ereifere! Ist es dir nun klar?«

»Ja, das sehe ich, daß du dich ereiferst. Warte mal, ich habe noch vergessen zu fragen: wodurch ist denn bewiesen, daß das Kästchen mit dem Ohrgehänge wirklich aus der Truhe der Alten stammt?«

»Das ist bewiesen«, antwortete Rasumichin stirnrunzelnd und, wie es schien, verdrossen. »Koch hat das Wertstück wiedererkannt und den Verpfänder genannt, und dieser hat einwandfrei nachgewiesen, daß der Gegenstand ihm gehört.«

»Schlimm! Nun noch eins: hat irgend jemand diesen Nikolai während der Zeit gesehen, wo Koch und Pestrjafkow das erstemal hinaufgingen, und läßt sich nicht irgendwie sein Alibi beweisen?«

»Das ist es ja eben, daß ihn niemand gesehen hat«, erwiderte Rasumichin ärgerlich. »Das ist ja das Üble; selbst Koch und Pestrjakow haben, als sie die Treppe hinaufgingen, von den beiden Malern nichts bemerkt; übrigens würde ihr Zeugnis jetzt auch nicht viel zu bedeuten haben. ›Wir haben gesehen‹, sagen sie, ›daß die Wohnung offenstand und also wohl darin gearbeitet wurde; aber wir haben im Vorbeigehen nicht beachtet und können uns nicht erinnern, ob gerade in dem Augenblicke Arbeiter darin waren oder nicht.‹«

»Hm! … Der ganze Entlastungsbeweis besteht also darin, daß sie einander geprügelt und gelacht haben. Das ist ja allerdings ein starker Beweis; aber … Nun erlaube mal: wie erklärst du selbst denn den ganzen Hergang? Wie erklärst du den Fund der Ohrringe, wenn er sie wirklich da gefunden hat, wo er sie gefunden zu haben angibt?«

»Wie ich das erkläre? Ja, was ist denn da erst noch zu erklären? Die Sache ist ja völlig klar! Wenigstens ist der Weg, den man bei dieser Untersuchung einzuschlagen hat, deutlich gewiesen, und gerade das Kästchen hat ihn gezeigt. Das Ohrgehänge hat der wirkliche Mörder verloren. Der Mörder befand sich oben in der Wohnung, als Koch und Pestrjakow klopften, und hatte von innen zugesperrt. Koch beging die Dummheit, nach unten zu gehen; da sprang der Mörder heraus und lief gleichfalls hinunter; denn einen ändern Ausweg hatte er nicht. Auf der Treppe versteckte er sich vor Koch, Pestrjakow und dem Hausknecht in der leeren Wohnung, gerade in dem Augenblick, als Dmitrij und Nikolai aus ihr hinausgelaufen waren; er stand hinter der Tür, als der Hausknecht und die beiden andern daran vorbei nach oben gingen, wartete, bis ihre Schritte nicht mehr zu hören waren, und ging dann ganz ruhig hinunter, genau in dem Augenblick, wo Dmitrij und Nikolai auf die Straße hinausgelaufen, alle auseinandergegangen waren und sich niemand mehr im Torwege befand. Vielleicht hat ihn auch jemand gesehen, ohne ihn zu beachten; wer achtet bei solchem Verkehr auf einen einzelnen Passanten? Das Kästchen aber hat er aus der Tasche verloren, als er hinter der Tür stand, und er hat nicht gemerkt, daß er es verlor, weil er den Kopf voll andrer Gedanken hatte. Das Kästchen aber beweist klar, daß er gerade dort gestanden hat. So hängt die ganze Geschichte zusammen!«

»Schlau zurechtgelegt! Wirklich schlau, Bruder! Eigentlich überschlau!«

»Wieso denn? Wieso denn?«

»Nun, weil alles gar zu gut klappte … und ineinandergriff … ganz wie auf dem Theater.«

»Ach …«, begann Rasumichin unwillig; aber in diesem Augenblicke öffnete sich die Tür, und es trat eine neue, keinem der Anwesenden bekannte Person ein.

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Kapitel 12

V

Es war ein Herr schon in reiferen Jahren, von affektiert würdevoller Haltung, mit einem reservierten, süffisanten Gesichtsausdruck; das erste, was er tat, war, daß er in der Tür stehenblieb, mit einem unverhohlenen Staunen, das etwas Beleidigendes hatte, rings um sich blickte und gleichsam mit seinen Blicken fragte: ›Wo bin ich denn hier hingeraten?‹ Mißtrauisch und mit einem erkünstelten Ausdruck von Schreck, ja, als ob er sich verletzt fühlte, musterte er Raskolnikows enge, niedrige »Schiffskajüte«. Mit gleichem Staunen richtete er dann seine Blicke auf Raskolnikow selbst, der unangekleidet, ungewaschen, mit wirrem Haar auf seinem elenden, schmutzigen Sofa lag und ihn auch seinerseits unverwandt betrachtete. Dann begann er mit der gleichen Bedächtigkeit sich den nachlässig gekleideten, unrasierten und ungekämmten Rasumichin anzusehen, der ihm nun ebenso dreist und fragend ins Gesicht blickte, ohne sich vom Platze zu rühren. Dieses gespannte Schweigen dauerte etwa eine Minute lang, und dann trat, wie zu erwarten gewesen war, eine kleine Veränderung der Szenerie ein. Der soeben eingetretene Herr, der wohl aus einigen unzweideutigen Anzeichen gemerkt hatte, daß mit einer übertrieben würdevollen Haltung hier in dieser »Schiffskajüte« nichts auszurichten war, nahm ein etwas freundlicheres Wesen an und fragte in höflichem, wiewohl bestimmtem Tone, indem er sich an Sossimow wandte und jede Silbe betonte:

»Finde ich hier den Studenten oder früheren Studenten Herrn Rodion Romanytsch Raskolnikow?«

Sossimow regte sich langsam und hätte auch vielleicht geantwortet, wenn nicht Rasumichin, an den die Frage gar nicht gerichtet war, ihm zuvorgekommen wäre.

»Da liegt er ja auf dem Sofa! Na, und was wollen Sie?«

Dieses familiäre »was wollen Sie?« war für den gezierten Herrn geradezu ein Schlag ins Gesicht, und er war schon im Begriff, sich zu Rasumichin umzudrehen, beherrschte sich aber noch rechtzeitig und wandte sich schnell wieder zu Sossimow.

»Das da ist Raskolnikow«, murmelte Sossimow, wies mit einer Kopfbewegung nach dem Kranken hin und gähnte dann, wobei er den Mund sehr weit öffnete und sehr lange in dieser Haltung beließ. Hierauf griff er langsam in seine Westentasche, zog eine große, dicke goldene Uhr mit Schutzdeckel heraus, öffnete sie, sah nach und steckte sie dann mit einer ebenso langsamen, trägen Bewegung wieder ein.

Raskolnikow selbst hatte die ganze Zeit über schweigend auf dem Rücken dagelegen und den Ankömmling starr und anscheinend völlig gedankenlos angesehen. Sein Gesicht, das er jetzt von dem interessanten Blümchen auf der Tapete weggewendet hatte, war außerordentlich blaß und trug den Ausdruck eines schweren Leidens, wie wenn er soeben eine qualvolle Operation durchgemacht hätte oder in diesem Augenblicke von der Folter losgelassen wäre. Aber ganz allmählich erregte der eingetretene Herr immer mehr seine Aufmerksamkeit; dann überkam ihn Staunen, darauf Mißtrauen und sogar eine gewisse Furcht. Als aber Sossimow, auf ihn hinweisend, sagte: »Das da ist Raskolnikow«, richtete er sich auf einmal mit einem Ruck auf, setzte sich auf dem Bette aufrecht und sagte in beinahe herausforderndem Tone, aber stockend und leise:

»Ja, ich bin Raskolnikow! Was wünschen Sie?«

Der Fremde blickte ihn aufmerksam an und erwiderte mit starker Betonung:

»Pjotr Petrowitsch Lushin. Ich darf wohl hoffen, daß mein Name Ihnen nicht mehr ganz unbekannt ist.«

Raskolnikow jedoch, der etwas ganz anderes erwartet hatte, sah ihn stumpfsinnig und gedankenlos an und gab ihm keine Antwort, als ob er Pjotr Petrowitschs Namen vorher schlechterdings noch nie gehört hätte.

»Sollten Sie bisher wirklich noch keinerlei Mitteilung über mich erhalten haben?« fragte Pjotr Petrowitsch, einigermaßen unangenehm berührt.

Raskolnikows Antwort bestand darin, daß er sich langsam auf das Kissen zurücksinken ließ, die Hände unter den Kopf schob und die Zimmerdecke betrachtete. Auf Lushins Gesicht malte sich Befremden. Sossimow und Rasumichin begannen, ihn mit noch größerer Neugier zu betrachten, und er wurde am Ende sichtlich verlegen.

»Ich setzte voraus und rechnete damit«, murmelte er, »daß ein Brief, der schon vor mehr als zehn Tagen, vielleicht schon vor zwei Wochen an Sie abgegangen ist …«

»Hören Sie mal, warum stehen Sie denn da immer an der Tür?« unterbrach ihn Rasumichin. »Wenn Sie etwas mitzuteilen haben, so setzen Sie sich hin; für zwei, für Sie und Nastasja, ist es dort zu eng. Tritt mal ein bißchen an die Seite, Nastasjuschka, und laß ihn vorbei. Kommen Sie her; da ist ein Stuhl für Sie. Drängeln Sie sich hier durch!«

Er rückte seinen Stuhl vom Tische ab, stellte einen kleinen freien Raum zwischen dem Tische und seinen Knien her und wartete in etwas gezwungener Haltung darauf, daß der Besucher sich durch diese schmale Lücke »durchdrängelte«. Der Augenblick war so gewählt, daß eine Ablehnung dieser Aufforderung nicht wohl möglich war, und der Besucher drängte sich eilig und stolpernd durch den engen Zwischenraum. Als er den Stuhl erreicht hatte, setzte er sich und sah Rasumichin mißtrauisch an.

»Sie brauchen übrigens gar nicht verlegen zu sein«, sagte dieser in ungeniertem Tone. »Rodja ist zwar vier Tage lang krank gewesen und hat drei Tage lang phantasiert; aber jetzt ist er wieder zu sich gekommen und hat sogar mit Appetit gegessen. Dort sitzt sein Arzt, der ihn soeben untersucht hat; und ich bin Rodjas Kamerad, auch ein gewesener Student, und jetzt seine Wärterin. Also kümmern Sie sich um uns beide gar nicht, genieren Sie sich nicht, sondern sagen Sie ruhig, was Sie hier wünschen.«

»Ich danke Ihnen. Wird aber auch meine Anwesenheit und das Gespräch mit mir den Kranken nicht aufregen?« fragte Pjotr Petrowitsch den Arzt.

»N–nein«, brummte Sossimow. »Das kann ihn eher noch ein bißchen zerstreuen.« Er gähnte wieder.

»Oh, er ist schon längst wieder bei vollem Bewußtsein, seit heute morgen!« fuhr Rasumichin fort, dessen familiärer Ton so ungekünstelt und treuherzig klang, daß Pjotr Petrowitsch daran glaubte und seine Scheu etwas ablegte; es mochte dabei auch der Umstand mitwirken, daß dieser zerlumpte, dreiste Mensch sich als Student vorgestellt hatte.

»Ihre Frau Mutter …«, begann Lushin.

»Hm!« machte Rasumichin laut.

Lushin blickte ihn fragend an.

»Ich wollte nichts sagen. Es war nur so unwillkürlich. Weiter!«

Lushin zuckte mit den Achseln.

»Ihre Frau Mutter hatte, noch während meiner Anwesenheit bei den Ihrigen, einen Brief an Sie begonnen. Nachdem ich nun hier angelangt war, habe ich absichtlich noch einige Tage vergehen lassen und bin nicht sogleich zu Ihnen gekommen, um völlig sicher zu sein, daß Sie inzwischen von allem benachrichtigt wären; jetzt aber sehe ich zu meinem Erstaunen …«

»Ich weiß, ich weiß«, unterbrach ihn Raskolnikow ungeduldig und ärgerlich. »Also Sie sind das? Der Bräutigam? Nun, ich weiß schon! … Genug davon!«

Pjotr Petrowitsch fühlte sich offenbar beleidigt; aber er schwieg. Er überlegte angestrengt, was das alles eigentlich zu bedeuten habe. Das Schweigen dauerte wohl eine Minute.

Unterdessen begann Raskolnikow, der sich bei seiner Antwort ein wenig nach ihm hingedreht hatte, ihn von neuem aufmerksam und mit einer Art von besonderer Neugier zu betrachten, als wäre er vorhin mit der Musterung noch nicht fertig geworden oder als wäre ihm an Lushin etwas Neues aufgefallen; er richtete sich sogar ausdrücklich zu diesem Zwecke vom Kissen auf. In der Tat fiel einem an Pjotr Petrowitschs gesamter äußerer Erscheinung etwas Besonderes auf, und speziell etwas, was zu der Bezeichnung »Bräutigam« stimmte, die ihm soeben in so ungenierter Weise erteilt worden war. Es war sehr augenfällig, daß Pjotr Petrowitsch diese paar Tage in der Hauptstadt schleunigst dazu benutzt hatte, um sich in Erwartung der Braut neu zu equipieren und zu verschönern, ein sehr harmloses und erlaubtes Bestreben. Sogar, daß er mit vielleicht allzu starker Selbstzufriedenheit sich dieser erfreulichen Vervollkommnung bewußt war, konnte bei einem Bräutigam verzeihlich erscheinen. Sein ganzer Anzug war eben erst vom Schneider gekommen, und alles war vortrefflich, abgesehen eben davon, daß alles gar zu neu war und gar zu sehr eine bestimmte Absicht bekundete. Auch der elegante, nagelneue Zylinderhut zeugte von dieser Absicht: Pjotr Petrowitsch ging mit ihm allzu respektvoll um und hielt ihn allzu vorsichtig in den Händen. Auch die entzückenden fliederfarbenen, echt Jouvinschen Handschuhe bezeugten dasselbe, schon dadurch, daß er sie nicht angezogen hatte, sondern nur zum Staate in der Hand hielt. Pjotr Petrowitschs Anzug wies vorwiegend helle, jugendliche Farben auf. Er trug ein hübsches hellbraunes Sommerjackett, helle, leichte Beinkleider, eine ebensolche Weste, feine, frischgekaufte Wäsche und eine ganz leichte Batistkrawatte mit rosa Streifchen; und was das Beste war: es stand ihm alles ausgezeichnet. Sein sehr frisches und sogar hübsches Gesicht sah auch ohnedies jünger aus, als es bei einem fünfundvierzigjährigen Manne zu erwarten gewesen wäre. Ein dunkler Backenbart faßte es auf beiden Seiten in gefälliger Kotelettform ein und verdichtete sich sehr hübsch um das sauber rasierte, glänzende Kinn. Auch daß die erst ganz schwach angegrauten Haare von der Hand eines Haarkünstlers frisiert und gekräuselt waren, gab ihm in keiner Weise ein lächerliches oder dummes Aussehen, wie das sonst gewöhnlich bei frisiertem Haare der Fall ist, da es dem Gesichte eine verzweifelte Ähnlichkeit mit einem Deutschen, der sich trauen läßt, verleiht. Wenn in dieser recht hübschen und gereiften Physiognomie doch etwas Unangenehmes und Abstoßendes war, so hatte das andere Gründe. Nachdem Raskolnikow Herrn Lushin in einer so wenig höflichen Weise betrachtet hatte, lächelte er höhnisch, legte sich wieder auf das Kissen und blickte, wie vorher, nach der Zimmerdecke.

Aber Herr Lushin hielt seinen Unwillen zurück und war anscheinend gewillt, all diese Sonderbarkeiten vorläufig nicht zu beachten.

»Es tut mir außerordentlich leid, ganz außerordentlich leid, Sie in einem solchen Zustande zu finden«, begann er von neuem, bemüht, das Schweigen zu brechen. »Hätte ich von Ihrer Krankheit Kenntnis gehabt, so wäre ich früher gekommen. Aber, wissen Sie, die Scherereien mit dem Umzug! … Ich habe außerdem gerade als Advokat eine sehr wichtige Sache im Senat zu erledigen. Ich erwähne gar nicht erst die Sorgen, die auch Sie sich leicht denken können. Die Ihrigen, das heißt Ihre Frau Mutter und Ihre Schwester, erwarte ich stündlich.«

Raskolnikow bewegte sich langsam, und es hatte den Anschein, als wollte er etwas sagen; seine Miene spiegelte eine gewisse Erregung wider. Fjodr Petrowitsch hielt inne und wartete; aber da nichts weiter erfolgte, fuhr er fort:

»Jawohl, stündlich. Ich habe ihnen als erste Unterkunft eine Wohnung gesucht …«

»Wo?« fragte Raskolnikow mit schwacher Stimme.

»Hier ganz nahe, im Bakalejewschen Hause …«

»Das ist auf dem Wosnessenskij-Prospekt«, unterbrach ihn Rasumichin. »Da hat der Kaufmann Juschin zwei Stockwerke als Hotel garni eingerichtet, die er vermietet. Ich bin einmal dagewesen.«

»Ja, es ist ein Hotel garni …«

»Es ist eine ganz grauenhafte Wirtschaft da – ein Schmutz, ein Gestank! Und berüchtigt ist der Ort auch: es sind da schon schlimme Geschichten passiert. Ja, und weiß der Teufel, was da alles für Volk wohnt! … Ich selbst bin aus einem skandalösen Anlaß hingekommen. Aber billig ist es da.«

»Ich konnte natürlich nicht so viel Erkundigungen einziehen, da ich selbst eben erst nach Petersburg zugezogen bin«, erwiderte Pjotr Petrowitsch gekränkt. »Es sind übrigens zwei saubere, sehr saubere Stübchen, und da es nur für ganz kurze Zeit ist … Ich habe bereits eine größere, ordentliche Wohnung gefunden, die wir nachher beziehen werden«, sagte er, zu Raskolnikow gewendet. »Sie wird jetzt zurechtgemacht; unterdessen behelfe auch ich mich mit einem möblierten Zimmer, wenige Schritte von hier, bei einer Frau Lippewechsel, in der Wohnung eines jungen Freundes von mir, Andrej Semjonowitsch Lebesjatnikow. Er ist es auch gewesen, der mir das Bakalejewsche Haus empfohlen hat …«

»Lebesjatnikow?« sagte Raskolnikow langsam, wie wenn er in seinem Gedächtnisse nachsuchte.

»Ja, Andrej Semjonowitsch Lebesjatnikow; er ist Beamter in einem Ministerium. Kennen Sie ihn vielleicht?«

»Ja … nein …«, antwortete Raskolnikow.

»Entschuldigen Sie; es schien mir so, nach Ihrer Frage. Ich bin früher sein Vormund gewesen, … ein sehr liebenswürdiger junger Mann … und bildungseifrig … Es macht mir Freude, mit jungen Leuten zu verkehren; man erfährt da immer, was es Neues gibt.«

Pjotr Petrowitsch blickte in der Hoffnung auf Zustimmung alle Anwesenden an.

»Auf welchem Gebiete?« fragte Rasumichin.

»Auf dem allerwichtigsten Gebiete; um mich so auszudrücken: auf dem Gebiete der kapitalsten Lebensinteressen«, erwiderte Pjotr Petrowitsch, der sich über die Frage zu freuen schien. »Sehen Sie, ich habe seit zehn Jahren Petersburg nicht besucht. Alle diese unsere Neuerungen, Reformen, Ideen, all das hat ja auch uns in der Provinz lebhaft interessiert; aber um klarer zu sehen und alles zu sehen, muß man denn doch in Petersburg sein. Nun, und meine Ansicht ist eben, daß man am meisten lernt und erfährt, wenn man mit unserer jungen Generation umgeht. Und ich muß gestehen: ich habe dabei viel Freude gehabt.«

»Worüber denn speziell?«

»Das ist eine sehr umfassende Frage. Ich mag mich irren, aber mir scheint, ich finde da einen klareren Blick, sozusagen mehr Kritik, mehr Tüchtigkeit …«

»Das ist richtig«, bemerkte Sossimow in seiner gedehnten Redeweise.

»Da irrst du, an Tüchtigkeit mangelt es«, fiel Rasumichin ein. »Tüchtigkeit läßt sich nur mühsam erwerben und fällt nicht so ohne weiteres vom Himmel. Aber bei uns ist es schon fast zweihundert Jahre her, daß wir uns von jeder Arbeit entwöhnt haben. Ideen sind ja im Umlauf, das mag sein«, fuhr er, zu Pjotr Petrowitsch gewendet, fort, »auch ein Verlangen nach dem Guten ist vorhanden, wenn auch dieses Verlangen sich etwas kindlich ausnimmt; auch Ehrenhaftigkeit findet sich, obwohl die Zahl der Gauner in einer unheimlichen Weise angeschwollen ist; aber Tüchtigkeit ist trotzdem nicht vorhanden.«

»Da bin ich mit Ihnen doch nicht einverstanden«, erwiderte Pjotr Petrowitsch mit sichtlichem Behagen.

»Gewiß, Übertreibungen und Unregelmäßigkeiten kommen ja vor; aber man muß doch auch nachsichtig sein; die Übertreibungen zeugen von Eifer für die gute Sache und lassen auf die üble äußere Lage schließen, in der sich die gute Sache befindet. Wenn bis jetzt nur wenig geleistet ist, so ist doch zu bedenken, daß die Zeit nur kurz war, von der Beschränktheit der Mittel gar nicht zu reden. Meiner persönlichen Ansicht nach kann man sogar sagen, daß etwas Erkleckliches geleistet ist: neue nützliche Ideen sind verbreitet; eine Anzahl neuer nützlicher Schriften ist an Stelle der früheren phantastischen und romantischen erschienen; die Literatur nimmt einen reiferen Charakter an; viele schädliche Vorurteile sind ausgerottet und dienen zum Gespött … Mit einem Worte, wir haben mit der Vergangenheit endgültig gebrochen, und das ist, meiner Ansicht nach, schon eine bedeutende Tat …«

»Lauter auswendig gelerntes Zeug, wodurch er sich empfehlen möchte!« sagte Raskolnikow ganz unerwartet.

»Wie sagten Sie?« fragte Pjotr Petrowitsch, der nicht genau gehört hatte; aber er erhielt keine Antwort.

»Alles durchaus richtig«, beeilte sich Sossimow einzuschalten.

»Nicht wahr?« meinte Pjotr Petrowitsch und sah Sossimow freundlich an. »Sie müssen doch selbst zugeben«, fuhr er, zu Rasumichin gewendet, fort – aber nunmehr gewissermaßen im Tone des Triumphes und der Überlegenheit, und er hätte beinahe hinzugefügt: »junger Mann« –, »daß ein Fortschreiten stattfindet, wenigstens auf dem Gebiete der Wissenschaft und der nationalökonomischen Theorie …«

»Gemeinplätze!«

»Nein, keine Gemeinplätze! Wenn man mir zum Beispiel bisher sagte: ›Liebe deinen Nächsten!‹ und ich ihn demgemäß liebte, was war dann die Folge?« fuhr Pjotr Petrowitsch mit vielleicht etwas zu weitgehendem Eifer fort. »Die Folge war, daß ich meinen Rock in zwei gleiche Teile zerriß, den einen Teil meinem Nächsten gab und wir so beide halbnackt blieben, nach dem Sprichworte: ›Wer mehreren Hasen zugleich nachjagt, bekommt keinen.‹ Die Wissenschaft aber sagt: ›Liebe vor allen andern dich selbst; denn alles in der Welt beruht auf dem persönlichen Interesse.‹ Wenn man also nur sich selbst liebt, so betreibt man seine Geschäfte mit der gehörigen Sorgfalt, und der Rock bleibt heil. Und die nationalökonomische Theorie fügt hinzu, daß, je mehr wohlgeordnetes Privateigentum, sozusagen ganze Röcke, es im Staate gibt, um so mehr feste Grundlagen für ihn vorhanden sind und um so mehr das Wohl der Gesamtheit gesichert ist. Folglich, wenn ich einzig und allein für mich erwerbe, so erwerbe ich gerade dadurch gewissermaßen auch für alle und bringe es dahin, daß mein Nächster etwas mehr als einen halben Rock erhält, und zwar nicht von der privaten Mildtätigkeit eines einzelnen, sondern infolge der allgemeinen gedeihlichen Entwicklung. Der Gedanke ist so einfach; aber leider hat es allzulange gedauert, bis er sich hat durchsetzen können, da Verstiegenheit und Phantasterei ihm im Wege standen; und doch sollte man meinen, daß nicht viel Scharfsinn erforderlich ist, um einzusehen …«

»Entschuldigen Sie, ich bin auch nicht scharfsinnig«, unterbrach ihn Rasumichin schroff, »und darum wollen wir lieber hiervon aufhören. Ich habe ja auch nur in bestimmter Absicht dieses Gespräch herbeigeführt; im übrigen ist mir diese ganze Art, sich durch leeres Geschwätz selbst ein Amüsement zu machen, und all diese endlosen, nie abreißenden Gemeinplätze und immer dasselbe und immer dasselbe – das ist mir in diesen drei Jahren so zum Ekel geworden, daß ich wahrhaftig schamrot werde, wenn nicht etwa gar ich, sondern auch nur in meiner Gegenwart andre davon reden. Sie haben sich natürlich beeilt, sich durch Schaustellung Ihrer Kenntnisse empfehlend einzuführen; das ist sehr verzeihlich, und ich verüble Ihnen das nicht. Mir persönlich lag jetzt nur daran, zu erfahren, wes Geistes Kind Sie sind; denn sehen Sie, an die gute Sache haben sich in letzter Zeit so viele schlaue Streber von mancherlei Art herangedrängt und haben alles, was sie in die Finger bekamen, in ihrem Interesse so entstellt, daß sie entschieden die ganze Sache versudelt haben. Aber nun genug davon!«

»Verehrter Herr«, begann Lushin und verdrehte überaus würdevoll den Oberkörper, »wollen Sie etwa so unverblümt sagen, daß auch ich …«

»Aber ich bitte Sie! … Wie könnte ich denn! … Nun, genug davon!« damit schnitt Rasumichin die Erörterung kurz ab und wandte sich dann unvermittelt an Sossimow, um das frühere Gespräch fortzusetzen.

Pjotr Petrowitsch war klug genug, der Erklärung Rasumichins sofort Glauben zu schenken. Indes nahm er sich vor, in zwei Minuten wegzugehen.

»Ich hoffe«, sagte er zu Raskolnikow, »daß unsere Bekanntschaft, die wir jetzt eingeleitet haben, sich infolge der Ihnen bekannten Verhältnisse nach Ihrer Genesung noch weiter festigen wird … Vor allen Dingen wünsche ich Ihnen gute Besserung …«

Raskolnikow drehte nicht einmal den Kopf zu ihm hin. Pjotr Petrowitsch machte Anstalten, sich von seinem Stuhle zu erheben.

»Jedenfalls ist der Mord von einem Pfandschuldner begangen!« erklärte Sossimow mit großer Bestimmtheit.

»Unbedingt!« pflichtete ihm Rasumichin bei. »Porfirij spricht seine Gedanken zwar nicht aus, aber er verhört doch die Pfandschuldner.«

»Er verhört die Pfandschuldner?« fragte Raskolnikow laut.

»Ja. Was hast du denn?«

»Nichts.«

»Wie findet er denn die heraus?« fragte Sossimow.

»Einige hat ihm Koch genannt; von ein paar andern Schuldnern standen die Namen auf den Umschlägen der Pfänder notiert; einige meldeten sich auch von selbst, als sie hörten …«

»Na, aber eine geschickte und erfahrene Kanaille muß doch dieser Mörder gewesen sein! So eine Kühnheit! So eine Entschlossenheit!«

»Das ist es ja eben, daß diese Ansicht völlig fehlgeht!« unterbrach ihn Rasumichin. »Das bringt euch alle von der richtigen Fährte ab. Ich aber sage; er war ungeschickt und unerfahren, und dies war sicherlich sein erstes Unternehmen. Bei der Voraussetzung, daß wir es mit Berechnung und einer geschickten Kanaille zu tun haben, ergibt sich eine innere Unwahrscheinlichkeit. Setzen wir aber einen unerfahrenen Mörder voraus, so ergibt sich, daß einzig und allein der Zufall ihm aus der Klemme geholfen hat, und was tut nicht alles der Zufall! Ich bitte dich, die möglichen Hindernisse hat er vielleicht gar nicht vorher überlegt! Und wie hat er die Tat ausgeführt? Er nimmt Dinge weg, die zehn oder zwanzig Rubel wert sind, stopft sich damit die Taschen voll, wühlt in dem Kasten des alten Weibes unter den Lumpen umher, und in der Kommode, im obersten Schubkasten, findet man nachher in einer Schatulle allein an barem Gelde gegen tausendfünfhundert Rubel, abgesehen von den Wertpapieren! Nicht einmal zu rauben hat er verstanden; das einzige, was er verstanden hat, war Morden. Das war sein erstes Unternehmen, sage ich dir, sein erstes Unternehmen; er hat dabei die ruhige Überlegung verloren! Und nicht durch schlaue Berechnung, sondern durch einen reinen Zufall ist er entkommen!«

»Sie sprechen da wohl von der neulichen Ermordung der alten Beamtenwitwe«, mischte sich, zu Sossimow gewendet, Pjotr Petrowitsch in das Gespräch, der schon mit dem Hute und den Handschuhen in der Hand dastand, aber vor dem Weggehen noch ein paar kluge Worte von sich zu geben wünschte.

Es lag ihm offenbar viel daran, einen vorteilhaften Eindruck zu hinterlassen, und die Eitelkeit trug dabei den Sieg über die Klugheit davon.

»Ja. Haben Sie auch davon gehört?«

»Gewiß, bei so naher Nachbarschaft …«

»Kennen Sie die Einzelheiten?«

»Das kann ich nicht behaupten. Aber mich interessiert dabei ein anderer Umstand, ich möchte sagen: eine sozialpolitische Frage. Ich will nicht davon reden, daß in der untersten Volksschicht die Verbrechen im Laufe der letzten fünf Jahre erheblich zugenommen haben; ich will nicht von den Raubüberfällen und Brandstiftungen reden, die jetzt allerwärts und unaufhörlich vorkommen; das Allermerkwürdigste ist vielmehr für mich, daß die Verbrechen auch in den höheren Schichten ebenso zunehmen, ich möchte sagen: in paralleler Kurve. An einer Stelle, hört man, hat ein früherer Student auf offener Landstraße die Post beraubt; an einer andern fabrizieren Leute, die nach ihrer sozialen Stellung zu den besseren Kreisen gehören, falsche Banknoten; dort, in Moskau, wird eine ganze Bande abgefaßt, welche falsche Staatsschuldscheine der letzten Prämienanleihe anfertigte, und einer der Hauptschuldigen war Dozent der Weltgeschichte; dort, im Ausland, wird einer unserer Gesandtschaftssekretäre aus einem rätselhaften pekuniären Anlasse von einem Kollegen ermordet … Und wenn jetzt diese alte Wucherin von einem Angehörigen der höheren Stände getötet wurde – denn einfache Leute versetzen doch keine Goldsachen –, wie läßt sich dann diese Demoralisation des gebildeten Teiles unserer Bevölkerung erklären?«

»Es haben eben viele Veränderungen in den ökonomischen Verhältnissen stattgefunden«, erwiderte Sossimow.

»Wie sich das erklären läßt?« fiel Rasumichin ein. »Das könnte man gerade durch die fest eingewurzelte Untüchtigkeit erklären.«

»Wie meinen Sie das?«

»Was antwortete denn in Moskau Ihr Dozent auf die Frage, warum er Staatsschuldscheine gefälscht habe? ›Alle bereichern sich auf die eine oder andre Art; daher wollte auch ich schnell reich werden.‹ Des Wortlautes entsinne ich mich nicht; aber der Sinn war: reich werden auf andrer Leute Kosten, recht schnell, ohne Arbeit! Wir haben uns gewöhnt, alles zum Leben Nötige einfach vorzufinden, mit fremder Hilfe zu gehen, ohne vorhergehende Mühe zu genießen. Na, und wenn dann ein kritischer Augenblick kommt, dann zeigt sich ein jeder in seinem wahren Charakter …«

»Ja, aber wo bleibt denn da die Moral? Und sozusagen die Prinzipien des Handelns?«

»Worüber erregen Sie sich denn so?« mischte sich, für alle unerwartet, Raskolnikow in das Gespräch. »Das entspricht doch vollständig Ihrer Theorie!«

»Inwiefern soll das meiner Theorie entsprechen?«

»Ziehen Sie aus den Grundsätzen, die Sie vorhin vortrugen, die sich daraus ergebenden Schlüsse, so kommen Sie zu dem Resultate, daß es gestattet ist, andre Menschen zu töten …«

»Aber ich bitte Sie!« rief Lushin.

»Nein, das ist denn doch nicht richtig!« warf auch Sossimow dazwischen.

Raskolnikow lag ganz blaß da; seine Oberlippe zuckte; er atmete mühsam.

»Es hat doch alles seine Grenzen«, fuhr Lushin hochmütig fort. »Eine nationalökonomische Idee ist noch keine Aufforderung zum Morde, und wenn man nur annimmt …«

»Ist es wahr, daß Sie«, unterbrach ihn Raskolnikow wieder mit vor Wut bebender Stimme, der man es anmerkte, wie sehr es ihn freute, den andern kränken zu können, »ist es wahr, daß Sie in eben der Stunde, da Sie von Ihrer Braut das Jawort erhielten, ihr gesagt haben, Sie freuten sich ganz besonders darüber, daß sie bettelarm sei, weil es seine großen Vorzüge habe, eine ganz arme Frau zu nehmen, um dann nachher über sie herrschen zu können … und ihr vorhalten zu können, welche Wohltat sie Ihnen zu verdanken habe?«

»Verehrter Herr«, rief Lushin zornig und gereizt; er hatte einen ganz roten Kopf bekommen und völlig die Fassung verloren. »Verehrter Herr, … wie können Sie den Sinn meiner Worte so entstellen! Nehmen Sie es nicht übel, aber ich muß Ihnen sagen, daß die Gerüchte, die zu Ihnen gedrungen sind, oder richtiger: die Ihnen zugetragen wurden, auch nicht eine Spur der Wahrheit enthalten. Aber ich … ich kann mir denken, wer … mit einem Worte … dieser Pfeil … mit einem Worte, Ihre Frau Mutter … Sie kam mir überhaupt, bei all ihren vortrefflichen Eigenschaften, etwas schwärmerisch und romantisch angehaucht vor … Aber ich habe doch nicht im entferntesten geglaubt, daß sie die Sache in einer so phantastisch entstellten Weise auffassen und darstellen würde … Und schließlich … schließlich …«

»Wissen Sie was?« rief Raskolnikow, richtete sich auf dem Kissen auf und sah ihn mit durchdringendem, funkelndem Blicke an. »Wissen Sie was?«

»Nun, was denn also?«

Lushin hielt inne und wartete mit gekränkter, herausfordernder Miene. Das Schweigen dauerte einige Sekunden.

»Wenn Sie sich noch einmal erdreisten, … auch nur ein Wort … über meine Mutter zu sagen, so werfe ich Sie kopfüber die Treppe hinunter!«

»Was hast du denn?« rief Rasumichin.

»Ah, so steht es also!« Lushin wurde blaß und biß sich auf die Lippe. »Hören Sie, mein Herr«, sagte er betont und langsam; er suchte sich mit aller Gewalt zu beherrschen, konnte aber kaum Luft bekommen. »Ich habe schon vorhin, gleich als ich hereingekommen war, Ihre feindliche Gesinnung gegen mich erkannt; aber ich blieb absichtlich hier, um noch mehr in Erfahrung zu bringen. Vieles könnte ich einem Kranken und Verwandten verzeihen, aber dieses … kann ich Ihnen … niemals …«

»Ich bin nicht krank!« rief Raskolnikow.

»Um so schlimmer …«

»Scheren Sie sich zum Teufel!«

Aber Lushin ging bereits von selbst hinaus, ohne den Satz zu Ende zu sprechen; er mußte sich dabei wieder zwischen dem Tisch und dem Stuhl hindurchdrängen. Rasumichin stand diesmal auf, um ihn durchzulassen. Ohne jemand anzusehen, selbst ohne ein Kopfnicken für Sossimow, der ihm schon längst Zeichen gemacht hatte, daß er den Kranken in Ruhe lassen möchte, ging Lushin hinaus; als er gebückt durch die Tür schritt, hielt er vorsichtig seinen Hut an die Schulter. Man konnte glauben, daß es sogar der Krümmung seines Rückens anzusehen war, welch ein Gefühl furchtbarer Kränkung er mit sich davontrug.

»Aber wie kannst du bloß? Wie kannst du bloß?« sagte Rasumichin ganz verblüfft und schüttelte den Kopf.

»Laßt mich in Ruhe, laßt mich alle in Ruhe!« rief Raskolnikow in voller Wut. »Wollt ihr mich denn nicht endlich in Ruhe lassen, ihr Peiniger! Ich fürchte euch jetzt nicht! Niemand fürchte ich jetzt, niemand! Macht, daß ihr von mir wegkommt! Ich will allein sein, allein, allein, allein!«

»Wir wollen gehen!« sagte Sossimow, indem er Rasumichin winkte.

»Aber ich bitte dich! Wir können ihn doch nicht in diesem Zustande verlassen!«

»Wir wollen gehen!« sagte Sossimow noch einmal nachdrücklich und ging hinaus.

Rasumichin überlegte einen Augenblick und lief ihm dann schnell nach.

»Es hätte noch schlimmer werden können, wenn wir ihm nicht den Willen getan hätten«, sagte Sossimow, der bereits auf der Treppe war. »Man darf ihn nicht reizen …«

»Was ist nur mit ihm?«

»Könnte man ihm nur irgendeinen angenehmen Impuls geben; das wäre sehr wesentlich. Bei Kräften war er ja schon wieder … Weißt du, es steckt ihm etwas im Kopfe, was nicht weichen will und ihn bedrückt … Ich fürchte sehr, so ist es; ganz sicher!«

»Ja, vielleicht ist es dieser Herr Pjotr Petrowitsch! Aus dem Gespräche wurde ja klar, daß er Rodjas Schwester heiraten will und daß Rodja darüber unmittelbar vor seiner Krankheit einen Brief erhalten hat …«

»Ja. Daß dieser Mensch auch gerade jetzt herkommen mußte! Vielleicht hat der die ganze Geschichte verdorben. Hast du aber wohl bemerkt, daß er gegen alles gleichgültig ist und zu allem schweigt, mit Ausnahme einer einzigen Sache, die ihn in Harnisch bringt? Ich meine die Mordtat.«

»Ja, ja«, stimmte ihm Rasumichin bei. »Es ist mir sehr aufgefallen. Dieses Thema interessiert ihn, beängstigt ihn. Das kommt wohl daher, daß man ihn gerade an dem Tage, an dem die Krankheit zum Ausbruch kam, im Bureau des Revierinspektors durch ein Gespräch darüber erschreckt hat; er ist damals in Ohnmacht gefallen.«

»Erzähle mir das heute abend ausführlicher; ich werde dir dann auch etwas sagen. Er interessiert mich außerordentlich! In einer halben Stunde will ich noch einmal herankommen und nach ihm sehen … Fieber wird er übrigens nicht mehr haben.«

»Ich danke dir. Ich will unterdessen bei Paschenjka warten und ihn durch Nastasja beobachten lassen.«

Als die beiden das Zimmer verlassen hatten, blickte Raskolnikow ungeduldig und mißmutig Nastasja an; aber diese zögerte noch fortzugehen.

»Willst du jetzt Tee trinken?« fragte sie.

»Nachher! Ich möchte schlafen! Laß mich allein …«

Er drehte sich krampfhaft nach der Wand hin; Nastasja ging hinaus.

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Kapitel 13

VI

Kaum aber war sie hinausgegangen, als er aufstand, die Tür verriegelte, das Bündel mit den Kleidern, das Rasumichin vorhin gebracht und wieder zugebunden hatte, aufband und anfing sich anzukleiden. Sonderbar: jetzt schien er auf einmal ganz ruhig geworden zu sein; sowohl das halb irrsinnige Phantasieren von vorhin als auch die panische Furcht der ganzen letzten Zeit waren verschwunden. Es war der erste Augenblick einer seltsamen, plötzlich eingetretenen Ruhe. Seine Bewegungen waren bestimmt und sicher und bekundeten eine feste Absicht. ›Heute noch, heute noch! …‹ murmelte er vor sich hin. Er merkte indes, daß er in Wirklichkeit noch recht schwach war und daß nur eine sehr starke geistige Spannung, die sich bis zu einem Ruhezustande, zu einer starren Idee gesteigert hatte, ihm Kraft und Selbstvertrauen verlieh; er hoffte indes, daß er auf der Straße nicht hinfallen werde. Nachdem er sich vollständig neu gekleidet hatte, warf er einen Blick auf das Geld, das auf dem Tische lag, überlegte einen Augenblick und schob es in die Tasche. Es waren fünfundzwanzig Rubel. Er nahm auch das Geld, das Rasumichin bei dem Kleiderkauf von den zehn Rubeln herausbekommen hatte, lauter Fünfkopekenstücke. Dann machte er leise den Riegel auf, trat aus dem Zimmer, stieg die Treppe hinunter und blickte in die Küche hinein, deren Tür weit geöffnet war. Nastasja stand da, mit dem Rücken ihm zugewendet, und blies gebückt die Glut in dem Samowar der Wirtin an. Sie hörte nichts. Und wer konnte auch auf den Gedanken kommen, daß er fortgehen werde? Eine Minute darauf war er auf der Straße.

Es war gegen acht Uhr; die Sonne ging unter. Es herrschte noch dieselbe stickige Schwüle wie vor einigen Tagen; aber gierig sog er diese übelriechende, staubige, verdorbene Großstadtluft ein. Anfangs empfand er ein leichtes Schwindelgefühl; aber eine Art von wilder Energie blitzte plötzlich in seinen entzündeten Augen und auf seinem abgemagerten, blaßgelben Gesichte auf. Wohin er eigentlich ging, wußte er nicht und überlegte er nicht; er wußte nur das eine, daß »diese ganze Sache« heute noch zu Ende kommen müsse, mit einem Male, sofort; daß er, wenn das nicht geschehe, nicht nach Hause zurückkehren werde, weil er »so« nicht länger leben wolle. Aber wie und wodurch er die Sache zu Ende bringen solle, davon hatte er keine Vorstellung und mochte auch gar nicht daran denken. Er verscheuchte diesen Gedanken, der ihm Pein verursachte. Nur das eine fühlte und wußte er, daß alles anders werden müsse, auf die eine oder die andre Weise; ›ganz gleich, wie‹, wiederholte er fortwährend mit einer verzweifelten, starren Zuversichtlichkeit und Entschlossenheit.

Nach alter Gewohnheit lenkte er seine Schritte geradeswegs nach dem Heumarkte, dem üblichen Ziele seiner früheren Spaziergänge. Noch ehe er den Heumarkt erreichte, traf er auf einen jungen schwarzhaarigen Leierkastenmann, der auf der Fahrbahn vor einem kleinen Laden stand und ein sehr sentimentales Lied spielte. Er begleitete damit ein etwa fünfzehnjähriges Mädchen, das vor ihm auf dem Trottoir stand, ganz wie eine Dame der besseren Stände gekleidet, mit Krinoline, Mantille und einem Strohhute, auf dem eine feuerrote Feder prangte; nur war alles alt und abgetragen. Mit einer zitternden Bänkelsängerstimme, die aber doch ganz angenehm und kräftig klang, sang sie in Erwartung eines Zweikopekenstücks aus dem Laden ihr Lied herunter. Raskolnikow blieb neben zwei oder drei andern Zuhörern stehen, hörte ein Weilchen zu, holte ein Fünfkopekenstück heraus und legte es dem Mädchen in die Hand. Das Mädchen unterbrach sofort ihren Gesang bei der gefühlvollsten, höchsten Note, wie abgeschnitten, rief dem Leierkastenmann schroff zu: »Genug!«, und beide wanderten langsam nach dem nächsten Laden.

»Hören Sie solchen Straßengesang gern?« fragte Raskolnikow einen nicht mehr jungen Mann, der neben ihm bei dem Leierkasten stand und wie ein Flaneur aussah. Dieser blickte ihn befremdet und erstaunt an. »Ich höre es gern«, fuhr Raskolnikow fort, aber in einem Tone, als ob er nicht über gewöhnlichen Straßengesang spräche, »ich höre es gern, wenn an einem kalten, dunklen, feuchten Herbstabend zum Leierkasten gesungen wird, und es muß gerade ein feuchter Abend sein, wo alle Leute auf der Straße blaßgrüne, kränkliche Gesichter haben, oder noch besser, wenn bei ruhiger Luft nasser Schnee ganz senkrecht herunterfällt, wissen Sie, und die Gaslaternen so durch die Flocken hindurchblinken.«

»Ich weiß nicht … Entschuldigen Sie …«, murmelte der Herr, betroffen über die Frage und über Raskolnikows sonderbares Aussehen, und ging nach der andern Seite der Straße hinüber.

Raskolnikow ging geradeaus weiter und kam zu der Ecke am Heumarkte, wo jener Kleinbürger und seine Frau ihren Handel hatten, die damals das Gespräch mit Lisaweta führten; aber sie waren jetzt nicht mehr da. Als er die Stelle erkannt hatte, blieb er stehen, blickte um sich und wandte sich an einen jungen Burschen in rotem Hemde, der am Eingange eines Mehlladens gähnte.

»Hier an der Ecke hat doch sonst ein Händler, ein Kleinbürger, mit seiner Frau seinen Stand, nicht wahr?«

»Es gibt viele Händler«, antwortete der Bursche und musterte Raskolnikow von oben herab.

»Wie heißt der hier?«

»Wie er getauft ist, so heißt er auch.«

»Bist du nicht auch aus Saraisk? Aus welchem Gouvernement bist du?«

Der Bursche musterte den Fragenden von neuem.

»Bei uns, Ew. Erlaucht, ist gar kein Gouvernement, nur ein Kreis; und mein Bruder, der ist viel herumgereist und klug geworden; aber ich habe immer zu Hause gesessen, und darum weiß ich auch nichts. Also wollen Ew. Erlaucht gnädigst verzeihen.«

»Ist das da oben eine Speisewirtschaft?«

»Das ist ein Restaurant, und ein Billard ist auch da, und Damen wie die Prinzessinnen, vallera!«

Raskolnikow überquerte den Platz. Dort stand an der Ecke ein dichter Menschenhaufe, lauter einfaches Volk. Er drängte sich mitten hinein und betrachtete die Gesichter. Es regte sich in ihm ein unklarer Wunsch, mit all diesen Leuten Gespräche anzuknüpfen. Aber sie beachteten ihn gar nicht und lärmten und schrien unter sich in dichten Gruppen. Er stand ein Weilchen, überlegte und ging dann nach rechts, das Trottoir entlang, in der Richtung nach dem W…-Prospekte. Als er den Platz verlassen hatte, geriet er in eine Seitengasse.

Er war auch früher schon häufig durch diese nur kurze Gasse gekommen, die ein Knie bildet und vom Heumarkte nach der Sadowaja-Straße führt. In der letzten Zeit hatte es für ihn sogar einen besonderen Reiz gehabt, sich in dieser ganzen Gegend umherzutreiben, wenn ihn das Dasein anekelte: »damit der Ekel noch schlimmer würde«. Jetzt aber war er ohne jede Absicht hierhergekommen. Da war ein großes Haus, ganz voll von allerlei Speisewirtschaften und Kneipen; aus diesen kamen alle Augenblicke Frauenzimmer herausgelaufen, so gekleidet, wie es auf der Straße nur bei Besuchen in der nächsten Nachbarschaft üblich ist: mit bloßem Kopf und ohne Umhang. An einigen Stellen bildeten sie auf dem Trottoir dichte Gruppen, namentlich an den Eingängen zum Souterrain; auf zwei Stufen stieg man dort zu verschiedenen, sehr vergnüglichen Etablissements hinunter. In einem derselben wurde gerade ein Heidenlärm vollführt, der über die ganze Straße herübertönte: es wurde auf einer Gitarre geklimpert, Lieder wurden gesungen, es ging sehr lustig her. Ein großer Haufe von Frauenzimmern drängte sich vor dem Eingange; einige saßen auf den Stufen, andre auf dem Trottoir, wieder andre standen und unterhielten sich. Daneben auf dem Straßendamm taumelte laut schimpfend ein betrunkener Soldat mit einer Zigarette umher; er wollte anscheinend irgendwo hineingehen, hatte aber wohl vergessen, wo. Zwei zerlumpte Kerle schimpften aufeinander ein, und ein sinnlos Betrunkener lag mitten auf der Straße. Raskolnikow blieb bei dem großen Weiberhaufen stehen. Diese Frauenzimmer sprachen mit heiseren Stimmen; sie trugen sämtlich Kattunkleider und ziegenlederne Schuhe und waren barhaupt. Einige waren über vierzig Jahre alt; aber es gab darunter auch solche, die nur siebzehn alt sein mochten. Fast alle hatten blaue Flecke von Schlägen im Gesicht.

Ihn interessierte der Gesang und der ganze Spektakel da unten … Man konnte durch das Lachen und Kreischen hindurch hören, wie jemand nach dem Klange der Gitarre und dem wilden Gesange einer hohen Fistelstimme einen verwegenen Tanz ausführte und im Takt mit den Stiefelabsätzen aufstampfte. Aufmerksam, finster und nachdenklich hörte er zu, indem er am Eingange sich vorbeugte und neugierig vom Trottoir in den Flur hineinschaute.

»Lieber Schutzmann, hau mich nicht,
Schuldlos bin ich armer Wicht«,

ertönte die hohe Stimme des Sängers. Raskolnikow gab sich viel Mühe, den Text des Liedes zu verstehen, als ob das für ihn von der größten Wichtigkeit wäre.

›Ob ich nicht auch hineingehe?‹ überlegte er. ›Wie die da lachen in ihrer Betrunkenheit! Wie wär’s, wenn ich mich auch betränke?«

»Wollen Sie nicht mit hereinkommen, lieber Herr?« sagte eines der Frauenzimmer mit ziemlich wohlklingender und noch nicht besonders heiserer Stimme.

Sie war jung und keineswegs abstoßend – die einzige aus der ganzen Gruppe.

»Sieh mal, was du für ein hübsches Mädel bist!« antwortete er, indem er sich aufrichtete und sie ansah.

Sie lächelte; das Kompliment gefiel ihr sehr.

»Sie sind ja selbst auch ein sehr hübscher Herr!« erwiderte sie.

»Aber was sind Sie mager!« bemerkte eine andre mit einer wahren Baßstimme. »Sie sind wohl eben aus dem Krankenhause entlassen?«

»Ihr seid wohl lauter Generalstöchter, aber alle habt ihr Stupsnasen!« unterbrach das Gespräch ein hinzutretender Bauer mit einem verschmitzten Lächeln auf dem breiten Gesichte; er war angeheitert; sein langer Rock stand weit offen. »Hier geht es lustig zu!«

»Geh doch hinein, da du einmal hergekommen bist!«

»Ich will auch hineingehen! Das ist ein Zauber!«

Er stolperte hinunter.

Raskolnikow ging weiter.

»Hören Sie, mein Herr!« rief ihm das Mädchen nach.

»Was?«

Sie wurde verlegen.

»Es wird mir immer ein Vergnügen sein, lieber Herr, Ihnen Gesellschaft zu leisten; aber jetzt, wo Sie mir gegenüberstehen, bringe ich es nicht übers Herz. – Schenken Sie mir doch sechs Kopeken, hübscher Kavalier, zu einem Schlückchen!«

Raskolnikow zog aus der Tasche, soviel er gerade in die Hand bekam: es waren fünfzehn Kopeken.

»Ach, was für ein guter Herr!«

»Wie heißt du denn?«

»Fragen Sie nur nach Duklida.«

»Nein, das ist doch unerhört!« bemerkte eine aus der Gruppe und schüttelte über Duklidas Benehmen den Kopf. »Ich verstehe gar nicht, wie man nur so betteln kann! Da würde ich mich ja in Grund und Boden schämen…« Neugierig blickte Raskolnikow die Redende an; es war ein pockennarbiges Mädchen, ganz voll blauer Prügelflecke, mit geschwollener Oberlippe. Sie sprach die tadelnden Worte ruhig und ernst.

›Wo habe ich‹, dachte Raskolnikow im Weitergehen, ›wo habe ich doch gelesen, wie ein zum Tode Verurteilter eine Stunde vor seinem Tode spricht oder denkt? Daß, wenn ihm die Möglichkeit gewährt würde, irgendwo hoch oben auf einem Felsen zu leben, auf einer so schmalen Platte, daß gerade nur die beiden Füße Raum zum Stehen fänden, und ringsumher wären Abgründe, Ozean, ewige Finsternis, ewige Einsamkeit und ewiger Sturm, und wenn er so, auf dem schmalen Platze stehend, sein ganzes Leben, tausend Jahre, eine Ewigkeit zubringen könnte: daß es ihm dann besser scheinen würde, so zu leben, als gleich zu sterben! Nur leben, leben, leben! Wie, ist gleichgültig; nur leben! … Und das ist wahr! 0 Gott, wie wahr! Der Mensch ist ein Schuft!… Und ein Schuft ist, wer ihn deswegen Schuft nennt!‹ fügte er einen Augenblick darauf hinzu.

Er gelangte in eine andere Straße. ›Ah! Da ist ja der Kristallpalast! Von dem hat Rasumichin vorhin gesprochen. Aber was wollte ich eigentlich da? Ja, ich wollte lesen! … Sossimow sagte, er habe in den Zeitungen gelesen …‹

»Habt ihr hier Zeitungen?« fragte er beim Eintritt in ein sehr geräumiges und recht sauberes Restaurant, das aus mehreren, jetzt ziemlich leeren Zimmern bestand. Zwei oder drei Gäste tranken Tee, und in einem entfernteren Zimmer saß eine Gruppe von etwa vier Personen, die Champagner tranken. Es schien dem Eintretenden, daß sich Sametow unter ihnen befände; indessen konnte er ihn in dieser Entfernung nicht mit Sicherheit erkennen. ›Meinetwegen!‹ dachte er.

»Wünschen Sie Schnaps?« fragte der Kellner.

»Nein, bring mir Tee. Und bring mir ein paar Zeitungen, alte, so etwa von vor fünf Tagen; du bekommst ein Trinkgeld.«

»Sehr wohl. Hier sind die heutigen. Befehlen Sie auch Schnaps?«

Die alten Zeitungen und der Tee wurden gebracht. Raskolnikow setzte sich hin und fing an zu suchen: ›Isler – Isler – Azteken – Azteken – Isler – Bartola – Massimo – Azteken – Isler … Donnerwetter! Na, endlich die Lokalnachrichten: eine Frau von der Treppe gefallen – ein Kleinbürger infolge von Trunksucht bankerott geworden – Feuer auf den Peski – Feuer in der Peterburgskaja – nochmal Feuer in der Peterburgskaja – nochmal Feuer in der Peterburgskaja – Isler – Isler – Isler – Isler – Massimo … Ah, da ist es …‹

Endlich hatte er gefunden, was er suchte, und fing an zu lesen. Die Zeilen hüpften ihm vor den Augen; trotzdem las er den ganzen Bericht bis zu Ende und suchte dann gierig in den folgenden Nummern nach weiteren ergänzenden Mitteilungen. Die Hände zitterten ihm beim Umwenden der Zeitungsblätter vor krampfhafter Ungeduld. Plötzlich setzte sich jemand neben ihn an seinen Tisch. Er sah auf – es war Sametow, derselbe Sametow von neulich und mit demselben äußeren Habitus, mit den Ringen, der Uhrkette, mit dem Nackenscheitel in dem schwarzen, gekräuselten, pomadisierten Haare, mit der eleganten Weste und dem etwas abgescheuerten Rocke und der nicht ganz reinen Wäsche. Er war sehr guter Laune; wenigstens lächelte er vergnügt und gutmütig. Sein bräunliches Gesicht war von dem getrunkenen Champagner etwas erhitzt.

»Ei, sieh da, Sie sind hier?« sagte er erstaunt und in einem Tone, als wäre er mit Raskolnikow schon wer weiß wie lange bekannt. »Und noch gestern, hat mir Rasumichin erzählt, daß Sie noch immer nicht wieder bei Besinnung wären. Das ist ja wunderbar! Ich bin nämlich bei Ihnen gewesen…«

Raskolnikow hatte es sich gleich gedacht, daß Sametow wohl zu ihm herantreten werde. Er legte die Zeitungen weg und wandte sich zu ihm. Auf seinen Lippen lag ein spöttisches Lächeln, und in diesem Lächeln gab sich ein neues Gefühl ungeduldiger Reizbarkeit zu erkennen.

»Das weiß ich, daß Sie da waren«, antwortete er, »ich habe es gehört. Sie haben meinen Strumpf gesucht… Wissen Sie wohl, Rasumichin ist von Ihnen ganz entzückt; er erzählt. Sie wären mit ihm bei Lawisa Iwanowna gewesen, der Dame, für die Sie sich damals so ins Zeug legten; Sie blinzelten noch dem Leutnant Schießpulver so eifrig zu; aber es dauerte lange, bis er begriff; erinnern Sie sich nicht? Und es war doch nicht schwer zu begreifen – eine so klare Sache,… nicht wahr?«

»Ja, überall muß der seine Hände im Spiel haben.«

»Der Leutnant Schießpulver?«

»Nein, Ihr Freund Rasumichin.«

»Aber was führen Sie für ein schönes Leben, Herr Sametow; zu den vergnüglichsten Lokalen haben Sie Zutritt, ohne eine Kopeke zu zahlen! Und wer hat Sie denn da eben mit Champagner traktiert?«

»Ach, wir haben da… ein Gläschen getrunken… Traktieren kann man das nicht nennen!«

»Eine kleine Vergütung! Sie verstehen eben aus allem Vorteil zu ziehen!« Raskolnikow lachte. »Nun, nichts für ungut, Sie braver junger Mann, nichts für ungut!« fügte er hinzu und klopfte Sametow auf die Schulter. »Ich sage das ja, nicht im Ernst, sondern in aller Freundschaft, aus Spaß‘, wie Ihr Malergeselle sagte, als er Mitjka prügelte, Sie wissen wohl, in der Geschichte mit der alten Frau.«

»Aber woher wissen Sie denn das?«

»Ich weiß vielleicht mehr als Sie.«

»Was Sie komisch sind!… Sie sind gewiß noch recht krank. Sie haben nicht gut daran getan, auszugehen.«

»Also ich komme Ihnen komisch vor?«

»Allerdings. Was haben Sie denn da? Lesen Sie Zeitungen?«

»Ja.«

»Es steht viel von Feuersbrünsten darin.«

»Von Feuersbrünsten lese ich nicht.« Hier blickte er Sametow geheimnisvoll an; das spöttische Lächeln erschien wieder auf seinen Lippen. »Nein, von Feuersbrünsten lese ich nicht«, wiederholte er und blinzelte Sarnetow zu. »Aber gestehen Sie nur, lieber junger Mann, daß Sie schrecklich gern wissen möchten, was ich gelesen habe!«

»Es liegt mir gar nichts daran, das zu wissen. Ich habe nur so ganz ohne Absicht gefragt. Eine solche Frage ist doch wohl erlaubt. Was wollen Sie denn nur immer?…«

»Hören Sie mal, Sie sind doch ein gebildeter Mann und haben viele Bücher gelesen, nicht wahr?«

»Ich bin aus der sechsten Klasse des Gymnasiums abgegangen«, antwortete Sametow nicht ohne Selbstbewußtsein.

»Aus der sechsten Klasse! Ach, du mein Spätzchen! Und was hat er für einen schönen Scheitel und für Ringe und ist ein reicher Mann! Ei, was für ein liebes Jüngelchen!«

Hier brach Raskolnikow in ein nervöses Lachen aus und lachte Sametow gerade ins Gesicht. Dieser fuhr zurück, nicht sosehr gekränkt als vielmehr im höchsten Grade erstaunt.

»Nein, was sind Sie für ein komischer Mensch!« sagte Sametow noch einmal sehr ernst. »Mich dünkt, Sie phantasieren immer noch.«

»Ich phantasiere? Da irrst du dich, mein Spätzchen… Also komisch bin ich? Nun, interessant bin ich Ihnen wohl auch, nicht wahr? Bin ich Ihnen interessant?«

»Freilich, freilich!«

»Soll ich Ihnen also sagen, was ich gesucht habe, was ich gelesen habe? Sehen Sie nur, wieviel Nummern ich mir habe geben lassen! Das ist doch verdächtig, nicht wahr?«

»Nun, dann sagen Sie es.«

»Passen Sie auch auf wie ein Schießhund?«

»Was ist denn da groß aufzupassen?«

»Das will ich Ihnen nachher sagen. Jetzt aber, lieber Freund, erkläre ich Ihnen … nein, besser: ›ich gestehe‹ … Nein, auch das ist nicht der richtige Ausdruck … ›Ich gebe eine Aussage ab, und Sie nehmen sie entgegen‹, so stimmt es. Also ich gebe die Aussage ab, daß ich mich interessiert, gesucht, gelesen habe …« Raskolnikow kniff die Augen zusammen und machte eine Pause. »Ich habe nach den Berichten über die Ermordung der alten Beamtenwitwe gesucht und bin nur zu diesem Zwecke hierhergekommen«, sagte er endlich beinahe flüsternd und brachte dabei sein Gesicht dem Gesichte Sametows ganz nahe.

Sametow blickte ihn gerade und unverwandt an, ohne sich zu rühren und ohne sein Gesicht von dem des andern zu entfernen. Besonders seltsam erschien es ihm nachher, daß ihr Schweigen eine volle Minute gedauert hatte und sie einander eine volle Minute so angesehen hatten.

»Nun, was ist denn dabei, daß Sie das gelesen haben?« rief er endlich verwundert und ungeduldig. »Was kümmert das mich? Was ist denn dabei?«

»Das ist dasselbe alte Weib«, fuhr Raskolnikow, der sich bei Sametows letzten Worten gar nicht gerührt hatte, in demselben Flüstertone fort, »das ist dasselbe alte Weib, von dem neulich im Polizeibureau gesprochen wurde; Sie erinnern sich wohl, daß ich dabei in Ohnmacht fiel. Nun, verstehen Sie jetzt?«

»Aber was meinen Sie denn eigentlich? Was soll ich denn verstehen?« erwiderte Sametow beunruhigt.

Raskolnikows unbewegliches, ernsthaftes Gesicht verwandelte sich in einem Augenblicke, und er brach auf einmal wieder in dasselbe nervöse Lachen aus wie vorhin, wie wenn er völlig unfähig wäre, sich zu beherrschen. Und auf einmal stand ihm in größter Deutlichkeit jener noch nicht so weit zurückliegende Moment vor Augen, wo er mit dem Beile hinter der Tür stand, der Riegel hin und her sprang, die beiden vor der Tür schimpften und an der Klinke rüttelten und ihn selbst die Lust anwandelte, sie anzurufen, sie zu schimpfen, ihnen die Zunge herauszustrecken, sie zu höhnen und zu lachen, zu lachen, zu lachen!

»Entweder sind Sie verrückt oder…«, sagte Sametow und stockte, als hätte ihn ein plötzlich in seinem Kopfe aufblitzender Gedanke überrascht.

»Oder? Was meinen Sie mit Ihrem ›oder‹? Nun, was? Reden Sie!«

»Ach was!« antwortete Sametow ärgerlich. »Es ist ja alles dummes Zeug!«

Beide schwiegen. Nach dem plötzlichen, konvulsivischen Lachanfall war Raskolnikow sofort wieder nachdenklich und traurig geworden. Er setzte einen Ellbogen auf den Tisch und stützte den Kopf mit der Hand. Anscheinend hatte er ganz vergessen, daß Sametow da war. Das Schweigen dauerte ziemlich lange.

»Warum trinken Sie denn Ihren Tee nicht? Er wird ja ganz kalt!« sagte Sametow.

»Was? Tee? … Nun, meinetwegen…«

Raskolnikow nahm einen Schluck aus dem Glase, schob ein Stückchen Brot in den Mund und schien, nachdem er Sametow einen Augenblick betrachtet hatte, sich plötzlich wieder an alles zu erinnern und gleichsam wieder aufzuleben. Gleichzeitig nahm sein Gesicht von neuem den spöttischen Ausdruck an. Er trank nun seinen Tee weiter.

»Diese Schurkereien nehmen heutzutage Überhand«, sagte Sametow. »Da las ich neulich in den ›Moskauer Nachrichten‹, daß in Moskau eine ganze Bande von Fälschern abgefaßt ist. Es war eine ordentliche organisierte Gesellschaft. Sie machten Staatsschuldscheine nach!«

»Oh, das ist schon lange her! Das habe ich schon vor einem Monat gelesen«, erwiderte Raskolnikow ruhig. »Also das sind Ihrer Meinung nach Schurken!« fügte er lächelnd hinzu.

»Sind das etwa keine Schurken?«

»Die? Kinder sind das, Gelbschnäbel, aber keine Schurken! Nicht weniger als fünfzig Menschen tun sich zu einem solchen Zwecke zusammen! Hat denn das einen Sinn? Drei ist dabei das zulässige Maximum, und dabei ist noch erforderlich, daß jeder sich auf den andern sicherer verlassen kann als auf sich selbst. Sonst braucht nur einer in der Betrunkenheit zu schwatzen, und die ganze Sache geht in die Brüche. Gelbschnäbel! Sie engagieren unzuverlässige Leute, um die Papiere in Bankgeschäften umzusetzen: wie konnten sie nur so eine Sache dem ersten besten anvertrauen? Und setzen wir selbst den Fall, es wäre ihnen trotz ihrer ungeschickten Maßregeln geglückt, setzen wir den Fall, jeder hätte sich eine Million eingewechselt, nun, wie dann weiter? Wie hätte sich dann ihr ganzes Leben gestaltet? Jeder einzelne wäre dann von dem andern sein ganzes Leben lang abhängig gewesen! Da wäre es doch besser, sich gleich aufzuhängen! Aber sie haben nicht einmal das Umwechseln verstanden: da versucht einer dieser engagierten Helfershelfer in einem Bankgeschäfte solche Papiere umzuwechseln und hat bereits dafür seine fünftausend Rubel erhalten; aber nun fangen ihm die Hände an zu zittern. Viertausend zählt er nach, aber das fünfte Tausend nimmt er, ohne nachzuzählen, hin, auf Treu und Glauben, um es ja nur ja gleich in die Tasche stecken und sich möglichst schnell davonmachen zu können. Na, dadurch erregte er natürlich Verdacht. Und die ganze Sache ging schief wegen eines einzigen Dummkopfes! Wie ist so etwas überhaupt nur möglich!«

»Daß dem die Hände zitterten?« fragte Sametow. »Na, das ist denn doch sehr wohl möglich. Ich bin völlig überzeugt, daß dergleichen sehr leicht passieren kann. Bei dergleichen Dingen versagen manchmal die Nerven.«

»Bei dergleichen Dingen?«

»Sind Sie denn etwa Ihrer Nerven sicher? Nein, ich für meine Person nicht! Für eine Belohnung von hundert Rubeln sich einer solchen Gefahr auszusetzen! Hinzugehen, um ein solches Wertpapier an den Mann zu bringen, und wohin? In eine Bank, wo sie in solchen Sachen gerieben sind – nein, da hätte ich die Ruhe verloren. Und Sie nicht?«

Raskolnikow verspürte wieder die größte Lust, ihm die Zunge herauszustrecken. Alle Augenblicke lief ihm ein Frösteln über den Rücken.

»Ich hätte es anders angegriffen«, begann er. »Beim Umwechseln wäre ich so verfahren: das erste Tausend hätte ich so etwa viermal von allen Seiten nachgezählt, jeden Schein genau angesehen und dann das zweite Tausend vorgenommen; ich hätte angefangen zu zählen, hätte bis zur Mitte gezählt, eine beliebige Fünfzigrubelnote herausgenommen, gegen das Licht gehalten, umgewendet und wieder gegen das Licht gehalten, ob sie auch nicht falsch sei. ›Ich bin darin ängstlich‹, hätte ich gesagt, ›eine Verwandte von mir ist neulich auf diese Art um fünfundzwanzig Rubel geschädigt worden‹, und hätte eine ganze solche Geschichte erzählt. Und wenn ich das dritte Tausend zu zählen angefangen hätte, dann hätte ich gesagt: ›Ach, entschuldigen Sie, ich glaube, ich habe in dem zweiten Tausend das siebente Hundert nicht richtig gezählt; ich habe nun doch Zweifel‹, und hätte das dritte wieder hingelegt und nochmal nach dem zweiten gegriffen – und so bei allen fünfen. Und wenn ich fertig gewesen wäre, dann hätte ich aus dem fünften und aus dem zweiten Tausend je eine Note herausgenommen, sie wieder gegen das Licht gehalten und, wie wenn ich wieder an der Echtheit zweifelte, gesagt: ›Bitte, tauschen Sie mir diese um‹, und so hätte ich den Bankangestellten in Angstschweiß versetzt, so daß er halb verzweifelt gesucht hätte, mich nur endlich loszuwerden! Zuletzt, wenn ich fertig gewesen wäre, wäre ich gegangen, hätte die Tür aufgemacht – und wäre mit einem ›Ach, entschuldigen Sie!‹ noch einmal umgekehrt, um noch etwas zu fragen, irgendwelche Aufklärung zu erhalten. So hätte ich das gemacht!«

»Donnerwetter, was tragen Sie da für feine Kunstgriffe vor!« sagte Sametow lachend. »Der Haken ist dabei bloß: gesprächsweise läßt sich so etwas wohl darlegen; aber bei der Ausführung würden Sie sicher auch Ihre Fehler machen. Ich sage Ihnen, meiner Ansicht nach kann dabei nicht einmal ein geriebener, verwegener Kerl, geschweige denn ein Mensch wie Sie oder ich, sich auf sich selbst verlassen. Aber wozu fernliegende Beispiele heranziehen; wir haben ja ein ganz naheliegendes: die alte Frau, die hier in unserm Revier ermordet wurde. Es muß doch gewiß ein verwegener Mensch gewesen sein; am hellen Tage hat er die Tat riskiert; nur durch ein reines Wunder ist er davongekommen; aber die Hände haben ihm trotzdem gezittert: den Raub durchzuführen hat er nicht verstanden; da haben seine Nerven gestreikt; das sieht man an dem Hergange …«

Es machte den Eindruck, als ob sich Raskolnikow gekränkt fühlte.

»Sieht man das? Nun, dann fangen Sie ihn doch! Vorwärts! Aber bald!« rief er in höhnisch aufstachelndem Tone Sametow zu.

»Man wird ihn schon kriegen!«

»Wer? Sie von der Polizei? Sie wollen ihn kriegen? Na, dann tummeln Sie sich nur! Bei Ihnen ist ja doch immer die Hauptsache: gibt jemand viel Geld aus oder nicht? Wenn einer vorher kein Geld hatte und nun auf einmal viel auszugeben anfängt – na, dann ist ja kein Zweifel, daß der es ist! Darum kann Sie jedes kleine Kind hinters Licht führen, wenn es will!«

»Das ist ja eben das Eigentümliche, daß sie es alle so machen«, erwiderte Sametow. »Da begeht einer mit aller Schlauheit einen Mord, setzt sein Leben aufs Spiel, und dann geht er sofort in eine Kneipe und ist geliefert. Beim auffälligen Geldausgeben werden sie gefaßt. So schlau wie Sie sind eben nicht alle; Sie würden natürlich nicht in eine Kneipe gehen?«

Raskolnikow zog die Augenbrauen zusammen und blickte Sametow starr an.

»Meine Auseinandersetzung von vorhin hat Ihnen wohl Appetit gemacht, und Sie möchten nun auch gern wissen, wie ich mich in diesem Falle benommen hätte?« fragte er mißvergnügt.

»Das möchte ich allerdings gern wissen«, antwortete jener fest und ernst.

Sein Ton und seine Miene waren auffällig ernst geworden.

»Sehr gern?«

»Ja, sehr gern!«

»Nun schön! Das hätte ich also so gemacht«, begann Raskolnikow; wiederum brachte er auf einmal das Gesicht dem Gesichte Sametows ganz nahe, wiederum starrte er ihn unverwandt an, und wiederum dämpfte er seine Stimme zum Flüstertone herab, so daß jener diesmal ordentlich zusammenfuhr. »Ich hätte es so gemacht: ich hätte das Geld und die Wertsachen genommen, und sowie ich den Tatort verlassen hätte, wäre ich sofort, ohne vorher irgendwo einzukehren, in eine Gegend gegangen, wo ein rings eingeschlossener Platz ist und nur Zäune und fast keine Menschenseele – nach einem Gemüsegarten oder so etwas Ähnlichem. Auf diesem Hofe, oder was es nun ist, hätte ich mir schon vorher einen Stein ausgesucht, so ungefähr im Gewichte von einem halben Zentner, in einer Ecke, an einem Zaune; der Stein hat da vielleicht schon seit der Erbauung des Hauses gelegen. Diesen Stein hätte ich aufgehoben – unter ihm muß eine Vertiefung sein –, und in diese Vertiefung hätte ich alle Wertsachen und das Geld hineingelegt. Dann hätte ich den Stein wieder in seine frühere Lage gewälzt, die Erde mit dem Fuße angedrückt und wäre davongegangen. Und nun hätte ich ein, zwei Jahre lang, drei Jahre lang nichts angerührt – na, nun könnt ihr suchen! Es war da, und nun ist’s verschwunden, wie der Zauberkünstler sagt.«

»Sie sind verrückt«, sagte Sametow, unwillkürlich gleichfalls beinahe flüsternd, und rückte von Raskolnikow weg.

Diesem funkelten die Augen; er war erschreckend bleich geworden; seine Oberlippe zuckte und zitterte. Er beugte sich ganz nahe zu Sametow hin und bewegte die Lippen, ohne ein Wort zu sprechen; das dauerte etwa eine halbe Minute. Er wußte, was er tat, hatte aber die Herrschaft über sich verloren. Wie damals der Riegel an der Tür hin und her sprang, so hüpfte jetzt ein furchtbares Wort auf seinen Lippen; jeden Augenblick konnte es sich losreißen, jeden Augenblick; er brauchte es nur aus dem Mund herauszulassen, es nur auszusprechen!

»Und wenn ich nun wirklich das alte Weib und Lisaweta ermordet hätte?« sagte er plötzlich – und kam wieder zur Besinnung.

Sametow blickte ihn verstört an und wurde kreidebleich. Sein Gesicht verzerrte sich zu einem Lächeln.

»Wie wäre das wohl möglich?« sagte er kaum hörbar.

Raskolnikow blickte ihn grimmig an.

»Gestehen Sie nur: Sie haben es geglaubt? … Ja? Nicht wahr?«

»Durchaus nicht! Ich glaube es jetzt weniger als je!« rief Sametow hastig.

»Nun ist er eingegangen, endlich! Nun haben wir das Spätzchen erwischt! Also haben Sie es früher doch geglaubt, wenn Sie es jetzt ›weniger als je‹ glauben?«

»Aber durchaus nicht!« rief Sametow, augenscheinlich äußerst verlegen. »Also nur darum haben Sie mir mit Ihren Reden einen Schreck eingejagt, um mich zu einem solchen Geständnis zu bringen?«

»Also Sie glauben es nicht? Aber was haben Sie denn damals auf dem Polizeibureau gesprochen, nachdem ich weggegangen war? Und warum hat der Leutnant Schießpulver nach meinem Ohnmachtsanfall mit mir ein Verhör angestellt? He, du!« rief er dem Kellner zu, indem er aufstand und nach seiner Mütze griff, »was bin ich schuldig?«

»Dreißig Kopeken zusammen«, antwortete der herbeilaufende Kellner.

»Da hast du noch zwanzig Kopeken Trinkgeld. Sehen Sie nur, wieviel Geld ich habe«, sagte er zu Sametow und streckte ihm seine zitternde Hand mit den Banknoten hin, »rote und blaue Scheine, fünfundzwanzig Rubel. Wo mag das her sein? Und wie mag ich zu dem neuen Anzuge gekommen sein? Sie wissen ja doch, daß ich nicht eine Kopeke besaß! Sie haben doch gewiß schon meine Wirtin ausgefragt … Na, nun wollen wir es genug sein lassen! Assez causé! Auf Wiedersehen! Auf ein angenehmes Wiedersehen!«

Er ging hinaus, am ganzen Leibe zitternd von einer heftigen nervösen Aufregung, in die sich indes ein Gefühl von fast unerträglich starker Freude mischte; im übrigen war er düster und entsetzlich müde. Sein Gesicht war ganz verzerrt, wie nach einem schweren Anfalle. Seine Ermattung nahm schnell zu. Es stand jetzt mit ihm so, daß seine Kräfte beim ersten Impuls, beim ersten Reiz plötzlich geweckt wurden und sich einstellten und dann ebenso schnell wieder ermatteten, wenn der Reiz aufhörte.

Sametow saß, nachdem er allein zurückgeblieben war, noch lange in Nachdenken versunken auf seinem Platze. Durch Raskolnikow waren alle seine bisherigen Gedanken über einen gewissen Punkt unversehens umgestoßen worden, und er war nun zu einer festen Meinung gelangt.

»Ilja Petrowitsch ist ein Dummkopf!« sagte er mit großer Bestimmtheit.

Kaum hatte Raskolnikow die nach der Straße führende Tür geöffnet, als er auf den Stufen mit dem eintretenden Rasumichin zusammenstieß. Beide, obwohl nur einen Schritt voneinander entfernt, hatten einander nicht gesehen, so daß sie beinahe mit den Köpfen zusammenprallten. Eine Zeitlang maßen sie sich mit den Blicken. Rasumichin war zunächst im höchsten Grade erstaunt; aber plötzlich flammte der Zorn, ein echter, unverstellter Zorn, drohend in seinen Augen auf.

»Also hier bist du!« schrie er aus vollem Halse. »Aus dem Bette ist der Mensch davongelaufen! Und ich habe ihn da sogar unter dem Sofa gesucht! Auf den Dachboden sind wir gegangen. Deinetwegen habe ich Nastasja beinahe durchgeprügelt… Und nun ist er hier! Rodjka! Was bedeutet das? Sage die Wahrheit! Gestehe! Hörst du wohl?«

»Das bedeutet, daß ihr mir alle gründlich zum Ekel geworden seid und daß ich allein sein will«, antwortete Raskolnikow ruhig.

»Allein sein willst du? Du kannst ja noch gar nicht gehen, und dein Gesicht ist weiß wie Leinwand, und du bekommst kaum Luft! Du Dummkopf! Was hast du hier im Kristallpalast zu suchen gehabt? Gestehe sofort!«

»Laß mich in Ruh!« erwiderte Raskolnikow und wollte vorbeigehen.

Aber dieses Benehmen versetzte nun Rasumichin völlig in Wut, und er faßte ihn kräftig an der Schulter.

»›Laß mich in Ruh?‹ Du wagst zu sagen: ›Laß mich in Ruh?‹ Weißt du wohl auch, was ich sofort mit dir tun werde? Ich packe dich mit beiden Armen, schnüre dich zu einem Bündel zusammen, trage dich unterm Arm nach Hause und schließe dich da ein!«

»Höre, Rasumichin«, begann Raskolnikow leise und scheinbar ganz ruhig, »siehst du denn nicht, daß ich deine Wohltaten nicht mag? Wie kann es dir nur Vergnügen machen, jemandem Wohltaten zu erweisen, der sich nicht das geringste daraus macht, sie vielmehr nur als drückende Last empfindet? Wozu hast du mich beim Beginn meiner Krankheit aufgesucht? Vielleicht wäre es mir ganz lieb gewesen, zu sterben! Nun, habe ich es dir heute nicht hinlänglich zu verstehen gegeben, daß du mich peinigst, daß du mir … zum Ekel geworden bist? Wahrhaftig, ein eigentümliches Vergnügen, andre Menschen zu peinigen! Ich versichere dir, daß all das ein ernstliches Hindernis für meine Wiederherstellung ist, weil es mich unaufhörlich aufregt. Sossimow ging doch vorhin eben deshalb fort, um mich nicht aufzuregen! Ich bitte dich inständig: laß auch du mich in Ruhe! Und schließlich, was für ein Recht hast du, mich mit Gewalt zurückzuhalten? Siehst du denn nicht, daß ich jetzt völlig bei klarem Verstande rede? Sag selbst: welche Gründe soll ich schließlich noch vorbringen, um dich dazu zu bewegen, daß du dich mir nicht weiter aufdrängen und mir keine Wohltaten mehr erweisen möchtest? Haltet mich meinetwegen für undankbar, für einen gemeinen Menschen; aber laßt mich alle in Ruhe, ich bitte euch flehentlich, laßt mich in Ruhe, laßt mich in Ruhe!«

Er hatte ruhig begonnen und sich im voraus über all das Gift gefreut, das er von sich zu geben beabsichtigte; aber er schloß in voller Wut und mit keuchendem Atem, wie vorher bei dem Gespräch mit Lushin.

Rasumichin stand ein Weilchen da, dachte nach und ließ dann seine Hand los.

»Scher dich zum Teufel!« sagte er leise und fast melancholisch. »Halt!« brüllte er plötzlich los, als Raskolnikow sich rührte, um fortzugehen, »hör mich mal an! Ich erkläre dir hiermit, daß ihr alle, ohne Ausnahme, weiter nichts als Schwätzer und Prahlhänse seid! Trifft euch einmal ein kleines Leid, so benehmt ihr euch damit wie eine Henne, die ein Ei legt! Auch bei solcher Gelegenheit kopiert ihr fremde Autoren. Keine Spur von eigenem, selbständigem Leben ist bei euch zu finden. Kerle wie aus Gallert und statt des Blutes Käsewasser in den Adern! Keinem von euch glaube ich etwas! Die Hauptsache ist euch in allen Lagen immer, euch nur ja nicht wie ein Mensch zu benehmen. Halt! Halt!« schrie er mit gesteigerter Wut, als er merkte, daß Raskolnikow wieder Miene machte, wegzugehen. »Hör mich zu Ende! Du weißt, ich bekomme heute Besuch zur Einweihung meiner neuen Wohnung; vielleicht sind meine Gäste in diesem Augenblicke auch schon da; ich habe meinen Onkel dort gelassen (ich war vorhin eben noch einmal auf einen Sprung dort), damit er die Gäste empfängt. Wenn du also nicht ein Esel wärest, ein ganz dummer Esel, ein rechter Quadratesel, eine bloße Übersetzung aus einer fremden Sprache,… siehst du, Rodja, ich gebe zu, daß du ein verständiger junger Mann bist, aber ein Esel bist du! – also, wenn du nicht ein Esel wärest, so würdest du lieber heute mich besuchen und den Abend bei mir zubringen, als so zwecklos die Stiefelsohlen ablaufen. Ausgegangen bist du ja nun doch einmal; das ist nicht mehr zu ändern! Ich würde dir einen schön weichen Lehnstuhl hinstellen, meine Wirtsleute haben einen… Ein Täßchen Tee, anregende Gesellschaft… Oder du kannst auch auf der Chaiselongue liegen – du liegst dann doch mitten unter uns… Sossimow ist auch da. Nun, wirst du kommen?«

»Nein.«

»Dein ›Nein‹ besagt gar nichts!« rief Rasumichin ungeduldig. »Woher willst du das wissen, daß du nicht kommen wirst? Du kannst für deine künftigen Handlungen keine Bürgschaft übernehmen! Und du hast auch gar kein Verständnis für die Situation. Ich habe mich schon tausendmal ganz ebenso mit andern Leuten aufs gröbste verzankt und bin dann doch wieder zu ihnen hingegangen,… man schämt sich und kehrt dann wieder zu dem Betreffenden zurück. Also vergiß nicht: im Potschinkowschen Hause, im zweiten Stock…«

»In Ihrer Lust, Wohltaten zu erweisen, Herr Rasumichin, kommen Sie womöglich noch dahin, sich von demjenigen, dem Sie sich aufdrängen, ruhig durchprügeln zu lassen.«

»Durchprügeln? Mich? Für den bloßen Gedanken reiße ich ihm die Nase ab! Das Potschinkowsche Haus, Nr. 47, in der Wohnung des Beamten Babuschkin…«

»Ich komme nicht, Rasumichin!«

Raskolnikow wandte sich um und ging fort.

»Ich wette darauf, daß du kommst!« rief Rasumichin ihm nach. »Sonst bist du … Sonst will ich gar nichts mehr von dir wissen! – He, warte mal! Ist Sametow da drin?«

»Ja.«

»Hast du ihn gesehen?«

»Ja.«

»Hast du auch mit ihm gesprochen?«

»Ja.«

»Worüber denn? Na, hol dich der Kuckuck, dann sag es nicht; ist mir auch gleich. Also: Haus Potschinkow, 47, Wohnung von Babuschkin, vergiß das nicht!«

Raskolnikow ging bis zur Sadowaja-Straße und bog dort um die Ecke. Rasumichin sah ihm in Gedanken versunken nach. Dann machte er mit der Hand eine Gebärde, die etwa besagte: ›Es ist nichts mit ihm anzufangen!‹ und wendete sich dem Eingange zu; aber noch auf den Stufen blieb er stehen.

›Hol’s der Teufel!‹ sagte er in halblautem Selbstgespräche. ›Er redet ganz vernünftig, aber gerade wie wenn … Ich bin aber auch ein Esel! Als ob Verrückte nicht auch vernünftig reden könnten! Und es schien mir, daß Sossimow gerade so etwas fürchtete!‹ Er tippte mit dem Finger an seine Stirn. ›Wie nun aber, wenn er … Man kann ihn eigentlich jetzt gar nicht allein lassen. Er ertränkt sich am Ende gar … O weh, da habe ich eine Dummheit gemacht! Nein, das geht nicht!‹ Er lief zurück, um Raskolnikow einzuholen; aber von dem war nichts mehr zu sehen. Er spuckte aus und kehrte eiligen Schrittes nach dem Kristallpalaste zurück, um möglichst schnell Sametow zu befragen.

Raskolnikow ging geradeswegs nach der …schen Brücke, stellte sich in der Mitte an das Geländer, stützte sich mit beiden Ellbogen darauf und blickte in die Ferne. Nachdem er sich von Rasumichin getrennt hatte, war er so schwach geworden, daß er sich nur mit Mühe so weit geschleppt hatte. Er hatte die größte Lust, sich irgendwo auf der Straße hinzusetzen oder hinzulegen. Über das Wasser gebeugt, blickte er gedankenlos auf den letzten rosigen Widerschein des Abendrots, nach der Häuserreihe, die in der hereinbrechenden Dämmerung schon ganz dunkel aussah, nach einem einzelnen Fensterchen, das in weiter Entfernung in der linken Uferstraße irgendwo in einer Mansarde von dem letzten Sonnenstrahl, der es für einen Augenblick traf, in flammende Glut versetzt wurde, und auf das immer dunkler werdende Wasser des Kanals, und gerade dieses Wasser schien er mit besonderer Aufmerksamkeit zu betrachten. Aber schließlich drehten sich vor seinen Augen rote Kreise, die Häuser fingen an zu wandern, die Vorübergehenden, die Ufer, die Wagen, alles drehte sich und tanzte im Kreise herum. Plötzlich fuhr er zusammen – vor einem neuen Ohnmachtsanfall, den er vielleicht erlitten hätte, bewahrte ihn ein schrecklicher, abstoßender Anblick. Er fühlte, daß sich jemand auf der rechten Seite neben ihn stellte, sah hin und erblickte ein Weib, großgewachsen, mit einem Tuche um den Kopf, mit gelbem, länglichem, ausgemergeltem Gesichte und geröteten, eingesunkenen Augen. Sie blickte geradezu nach ihm hin, sah aber offenbar nichts und unterschied die Menschen nicht. Auf einmal stützte sie sich mit dem rechten Arm auf das Geländer, hob das rechte Bein in die Höhe, schwang es über das Gitter, darauf das linke und stürzte sich in den Kanal. Das schmutzige Wasser teilte sich und verschlang das Opfer für kurze Zeit; aber bald darauf kam die Selbstmörderin wieder an die Oberfläche und trieb langsam stromabwärts; Kopf und Füße hingen im Wasser; der Rücken ragte heraus; der Rock hatte sich zusammengeballt und lag, wie ein Kissen aufgeschwollen, auf dem Wasser.

»Sie hat sich ertränkt! Sie hat sich ertränkt!« riefen ein Dutzend Stimmen; eine Menge Menschen lief zusammen; beide Ufer füllten sich mit Zuschauern; auf der Brücke, um Raskolnikow herum, drängte sich das Volk und drückte und stieß ihn von hinten.

»Herr Gott, das ist ja unsere Afrossinja!« rief nicht weit von ihm eine weinerliche Frauenstimme. »Um Gottes willen, rettet sie! Liebe Männer, zieht sie heraus!«

»Einen Kahn! Schnell einen Kahn!« wurde in der Menge gerufen.

Aber es war kein Kahn mehr nötig; ein Schutzmann war die Treppe zum Kanal hinuntergelaufen, hatte Mantel und Stiefel von sich geworfen und sich ins Wasser gestürzt. Es war keine große Mühe; der Körper der Frau wurde von der Strömung nur zwei Schritte vom Fuße der Treppe entfernt hingetrieben; der Schutzmann ergriff sie mit der rechten Hand am Kleide; mit der linken gelang es ihm, eine Stange zu fassen, die ihm ein Kamerad hinhielt; und nun wurde die Selbstmörderin schnell herausgezogen. Man legte sie auf die Granitplatten der Treppe. Sie kam bald wieder zu sich, richtete sich auf, setzte sich hin und begann zu niesen und zu prusten und mechanisch mit den Händen das nasse Kleid abzuwischen. Sie redete kein Wort.

»Sie hat das Delirium, das Delirium!« heulte dieselbe Frauenstimme, jetzt dicht bei Afrossinja. »Neulich wollte sie sich aufhängen; wir haben sie noch rechtzeitig abgenommen. Ich war jetzt bloß in einen Kaufladen gegangen und hatte mein kleines Mädchen zu Hause gelassen, das sollte auf sie aufpassen – und da mußte auch gleich das Unglück passieren! Sie ist eine Kleinbürgerin, Väterchen«, erklärte sie dem Schutzmann, »sie wohnt bei uns; wir wohnen hier ganz in der Nähe, das zweite Haus von der Ecke dort …«

Das Volk ging auseinander, die Polizisten machten sich noch mit der Geretteten zu schaffen; jemand rief etwas vom Polizeibureau… Raskolnikow betrachtete das alles mit einem seltsamen Gefühle von Gleichgültigkeit und Teilnahmslosigkeit. Es überkam ihn ein Ekel davor. ›Nein, das ist gräßlich …‹, murmelte er vor sich hin. ›Dieses scheußliche Wasser, … das ist nichts …. Es ist hier weiter nichts los‹, fügte er hinzu, ›es hat keinen Zweck, noch zu warten. Was soll dabei das Polizeibureau? Aber warum ist Sametow nicht im Bureau? Es ist noch nicht zehn Uhr, da ist das Bureau doch offen …‹ Er wandte dem Geländer den Rücken zu und blickte um sich.

»Na, dann also vorwärts! Meinetwegen!« sagte er entschlossen, verließ die Brücke und schlug die Richtung nach dem Polizeibureau ein. Sein Herz war leer und öde. Er mochte nicht denken. Sogar die Unruhe war geschwunden; keine Spur mehr von der Energie, mit der er vor kurzem seine Wohnung verlassen hatte, entschlossen, »diese ganze Sache« heute noch zu Ende zu bringen. Eine vollständige Apathie war an die Stelle dieser Empfindungen getreten.

›Nun gut, auch das ist ein Abschluß!‹ dachte er, während er langsam und müde am Ufer des Kanals hinging. ›Jedenfalls bringe ich die Sache nach meinem eigenen Willen zu Ende … Ist es aber auch ein Abschluß? Ach was, ganz gleich! Ich werde gleichsam auf jener schmalen Felsenplatte weiterleben – ha-ha-ha! Aber was ist das für ein Ende! Und ist es wirklich das Ende? Soll ich es ihnen sagen oder nicht? Ach, hol’s der Teufel! Und ich bin auch müde und möchte mich recht bald irgendwo hinlegen oder hinsetzen! Am meisten schäme ich mich, daß das Ganze so dumm aussieht. Aber auch darum schere ich mich nicht weiter. Was einem doch für abgeschmackte Gedanken in den Kopf kommen …‹

Nach dem Polizeibureau mußte er immer geradeaus gehen und dann bei der zweiten Straßenkreuzung links einbiegen; dann waren es nur noch ein paar Schritte. Aber als er bis zur ersten Kreuzung gekommen war, blieb er stehen, überlegte, bog in die Querstraße ein und machte einen Umweg durch zwei Straßen, vielleicht ohne jede Absicht, vielleicht aber auch, um die Sache wenigstens noch eine Minute lang hinzuziehen und Zeit zu gewinnen. Er ging und blickte zur Erde. Plötzlich war es ihm, als ob ihm jemand etwas ins Ohr flüstere. Er hob den Kopf und sah, daß er bei »jenem« Hause, unmittelbar am Tore, stand. Seit »jenem« Abende war er hier nicht wieder gewesen und nicht vorbeigekommen.

Ein unwiderstehliches, unerklärliches Verlangen zog ihn hinein. Er trat in das Haus, durchschritt den ganzen Torweg, ging dann in den ersten Eingang rechts und stieg auf der wohlbekannten Treppe bis zum dritten Stockwerk hinauf. Auf der engen, steilen Treppe war es sehr dunkel. Auf jedem Absatze blieb er stehen und schaute sich neugierig um. Bei dem Absatz des Hochparterre waren die Fensterflügel ganz herausgenommen. ›Das war damals nicht‹, dachte er. Da war auch die Wohnung im ersten Stock, wo Nikolai und Dmitrij gearbeitet hatten. ›Sie ist verschlossen; auch die Tür ist neu gestrichen; also kann ein neuer Mieter einziehen.‹ Da war auch das zweite Stockwerk… und das dritte… ›Hier!‹ Höchst erstaunt blieb er stehen: die Tür zu dieser Wohnung war sperrangelweit offen; es waren Leute darin; Stimmen waren vernehmbar; das hatte er nicht erwartet. Nach kurzem Schwanken stieg er die letzten Stufen hinan und ging in die Wohnung hinein.

Auch diese Wohnung wurde neu hergerichtet; es waren Handwerker darin; das überraschte ihn. Ohne sich über den Grund klarzuwerden, hatte er die Vorstellung gehabt, er werde alles genauso wieder vorfinden, wie er es damals verlassen hatte, vielleicht sogar die Leichname an denselben Stellen auf dem Fußboden. Und was erblickte er nun? Kahle Wände, keine Möbel; seltsam! Er ging an ein Fenster und setzte sich auf das Fensterbrett.

Es waren nur zwei Handwerker da, beides junge Burschen, der eine jedoch erheblich älter als sein noch sehr junger Genosse. Sie beklebten die Wände mit neuen Tapeten, weiß mit lila Blümchen, an Stelle der alten, die so zerrissen und unsauber gewesen waren. Dies erregte bei Raskolnikow ein seltsames Mißvergnügen; er blickte diese neuen Tapeten unzufrieden an, als täte es ihm leid, daß alles so verändert würde.

Die Handwerker hatten sich offenbar bei ihrer Arbeit zu lange aufgehalten und rollten jetzt eilig ihre Tapeten zusammen und machten sich fertig, um nach Hause zu gehen. Raskolnikows Erscheinen hatten sie so gut wie gar nicht beachtet. Sie redeten über etwas untereinander. Raskolnikow verschränkte die Arme über der Brust und hörte zu.

»Nun kam sie am Morgen zu mir«, sagte der ältere zu dem jüngeren, »es war noch ganz früh; sie war im höchsten Staat. ›Na‹, sage ich, ›warum präsentierst du dich denn vor mir so riesig fein?‹ – ›Von jetzt an‹, sagte sie, ›will ich ganz zu Ihrer Verfügung stehen, Tit Wassiljewitsch.‹ Na, das war eine Überraschung! Und geputzt war sie – wie aus dem Modejournal, ganz wie aus dem Modejournal!«

»Was ist das, Onkelchen, ein Modejournal?« fragte der jüngere; er war augenscheinlich ein gelehriger Schüler dieses »Onkelchens«.

»Ein Modejournal, Brüderchen, das sind solche Bilder, bunte Bilder, und die kommen jeden Sonnabend mit der Post aus dem Auslande bei den hiesigen Schneidern an; nämlich das ist dazu, damit man weiß, wie man sich anziehen soll, die Männer und ebenso auch die Frauen. Also eine Zeichnung. Die Männer werden meistens in Pekeschen gemalt; für die Frauenzimmer aber gibt es da solche Souffleurs – da ist alles dran!«

»Nein, was es hier in Petersburg nicht alles gibt!« rief der jüngere ganz begeistert. »Außer Vater und Mutter gibt es hier alles!«

»Ja, abgesehen davon, gibt es hier alles«, erklärte in belehrendem Tone der ältere.

Raskolnikow stand auf und ging in das andre Zimmer, wo früher die Truhe, das Bett und die Kommode gestanden hatten; das Zimmer kam ihm jetzt ohne Möbel außerordentlich klein vor. Die Tapeten waren noch die nämlichen; in der einen Ecke hob sich auf der Tapete scharf begrenzt die Stelle ab, wo der Heiligenschrein mit den Heiligenbildern gestanden hatte. Er sah sich nach allen Seiten um, ging dann zu dem Fenster, wo er gesessen hatte, zurück und setzte sich wieder hin. Der ältere Geselle warf ihm einen schrägen Blick zu.

»Was wünschen Sie?« fragte er ihn.

Statt zu antworten, stand Raskolnikow auf, ging auf den Flur hinaus, griff nach dem Klingelzuge und zog daran. Dieselbe Glocke, derselbe blecherne Ton! Er zog zum zweiten und zum dritten Male, horchte und rief sich das Geschehene ins Gedächtnis zurück. Das damalige qualvollfurchtbare, gräßliche Gefühl kam ihm immer deutlicher und lebhafter wieder in die Erinnerung; er fuhr bei jedem Anschlagen der Glocke zusammen, und es wurde ihm dabei immer wohler und wohler zumute.

»Aber was wollen Sie denn eigentlich? Wer sind Sie denn?« rief der Geselle und trat zu ihm hinaus.

Raskolnikow trat wieder in die Tür.

»Ich möchte die Wohnung mieten«, sagte er, »und sehe sie mir an.«

»In der Nacht mietet man keine Wohnung, und außerdem müssen Sie mit dem Hausknecht herkommen.«

»Der Fußboden ist gescheuert; er soll wohl noch gestrichen werden?« fuhr Raskolnikow fort. »Ist kein Blut mehr zu sehen?«

»Was für Blut?«

»Nun, hier ist doch eine alte Frau mit ihrer Schwester ermordet worden. Da stand eine ganze Lache.«

»Aber wer sind Sie denn eigentlich?« rief der Geselle beunruhigt.

»Ich?«

»Ja.«

»Möchtest du das wissen? Komm mit nach dem Polizeibureau; da werde ich es sagen.«

Die Handwerker sahen ihn verwundert an.

»Wir müssen fortgehen; wir haben uns sowieso schon verspätet. Komm, Aljoschka. Wir müssen zuschließen«, sagte der ältere Geselle.

»Na, dann wollen wir gehen«, antwortete Raskolnikow gleichmütig, ging voran und stieg langsam die Treppe hinunter. »He, Hausknecht!« rief er, als er unter den Torweg gekommen war.

Dicht bei dem Eingange von der Straße nach dem Hause standen mehrere Menschen und blickten nach den Vorübergehenden, nämlich die beiden Hausknechte, eine Frau, ein Kleinbürger im Schlafrocke und noch jemand. Raskolnikow ging gerade auf sie zu.

»Was wünschen Sie?“ fragte der eine Hausknecht.

»Bist du auf dem Polizeibureau gewesen?«

»Ja, ich bin ganz vor kurzem da gewesen. Was wünschen Sie?“

»Sind die Beamten noch da?«

»Jawohl.«

»Ist auch der Gehilfe des Revierinspektors da?«

»Eine Weile war er da. Was wünschen Sie denn?«

Raskolnikow antwortete nicht und blieb in Gedanken versunken neben ihm stehen.

»Er ist gekommen, um sich die Wohnung anzusehen«, sagte hinzutretend der ältere Geselle.

»Welche Wohnung?“

»Die, wo wir arbeiten. ›Ist das Blut weggescheuert?‹ fragte er. ›Hier ist ein Mord geschehen‹, sagte er, ›und ich bin hergekommen, um die Wohnung zu mieten.‹ Und an der Klingel hat er gezogen; es fehlte nicht viel, daß er sie abgerissen hätte. ›Komm mit aufs Polizeibureau‹, sagte er, ›da werde ich alles erzählen.‹ Er ließ uns keine Ruhe.«

Der Hausknecht musterte Raskolnikow mit erstaunter, unwilliger Miene.

»Wer sind Sie denn?« rief er barsch.

»Mein Name ist Rodion Romanytsch Raskolnikow; ich bin ein gewesener Student und wohne im Schillschen Hause, hier in der Querstraße, nicht weit von hier. Wohnung Nr. 14. Erkundige dich bei dem Hausknecht; er kennt mich.«

Raskolnikow sagte all dies in lässigem, müdem Tone; er wendete sich dabei nicht um, sondern blickte starr nach der bereits ganz dunkel gewordenen Straße.

»Warum sind Sie denn in die Wohnung gegangen?«

»Ich wollte sie mir ansehen.«

»Was hatten Sie da anzusehen?«

»Nehmt ihn doch und bringt ihn auf die Polizei!« mischte sich der Kleinbürger ein; dann schwieg er wieder.

Raskolnikow sah ihn schräg über die Schulter an, musterte ihn aufmerksam und sagte dann ebenso leise und lässig wie vorher:

»Gehen wir hin!«

»Ja, man müßte ihn hinbringen!« sagte noch einmal der Kleinbürger, der wieder mutiger geworden war. »Warum hat er sich gerade danach erkundigt? Was hat er nur vor?«

»Vielleicht ist er betrunken, wer weiß«, murmelte der Geselle.

»Aber was wollen Sie denn?« rief wieder der Hausknecht, der nun ernstlich ärgerlich wurde. »Warum haben Sie sich hier eingeschlichen?«

»Es ist dir wohl bange geworden, mit auf das Polizeibureau zu gehen?« fragte Raskolnikow ihn spöttisch.

»Warum soll mir bange werden? Warum haben Sie sich hier eingeschlichen?«

»Es ist ein Spitzbube!« rief die Frau.

»Was sollen wir noch lange mit ihm reden!« rief der andre Hausknecht, ein riesiger Kerl in langem, offenstehendem Schoßrock, mit einer Menge von Schlüsseln am Gürtel. »Scheren Sie sich weg! … Es ist gewiß ein Spitzbube … Scheren Sie sich weg!«

Er faßte Raskolnikow an der Schulter und stieß ihn auf die Straße. Dieser kam ins Stolpern, fiel jedoch nicht hin, sondern richtete sich wieder auf, blickte alle Zuschauer schweigend an und ging weiter.

»Ein wunderlicher Mensch!« meinte der Geselle.

»Ja, es gibt heutzutage wunderliche Menschen«, erwiderte die Frau.

»Aber ihr hättet ihn doch auf die Polizei bringen sollen«, fügte der Kleinbürger hinzu.

»Es kommt nichts dabei heraus, wenn man sich mit so einem einläßt«, erklärte der große Hausknecht. »Ein Spitzbube war es gewiß! Er legte es selbst darauf an, hingebracht zu werden, das war ja klar, und wenn man sich mit ihm einläßt, kommt man nicht wieder los! Wir kennen das!«

›Soll ich nun hingehen oder nicht?‹ überlegte Raskolnikow, während er an einer Kreuzung mitten auf dem Straßendamm stehenblieb und sich rings umsah, wie wenn er von jemand die Entscheidung erwartete. Aber von keiner Seite her erfolgte eine Antwort; alles war stumm und tot wie die Steine, über die er hinschritt; für ihn war alles tot, für ihn allein … Plötzlich nahm er in der Ferne, etwa zweihundert Schritte von ihm, am Ende der Straße in der Dunkelheit einen Menschenauflauf wahr und hörte lautes Reden und Schreien … Mitten in der Menge stand eine Equipage … Ein Licht flimmerte mitten auf der Straße. ›Was ist da vorgefallen?‹ fragte sich Raskolnikow, wandte sich nach rechts und ging auf den Menschenhaufen zu. Es war, als ob er sich an alles anklammerte, und er lächelte kalt, als er sich dessen bewußt wurde; denn er hatte bereits den festen Entschluß gefaßt, auf das Polizeibureau zu gehen, und war sich ganz sicher gewesen, daß nun alles sogleich zu Ende sein werde.

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Kapitel 14

VII

Mitten auf der Straße stand eine elegante, herrschaftliche Kutsche, mit zwei feurigen Grauschimmeln bespannt. Es saß niemand darin; der Kutscher selbst war vom Bock gestiegen und stand daneben; ein paar Männer hielten die Pferde am Zaume… Ringsherum drängten sich eine Menge Menschen, in der vordersten Reihe standen Polizisten. Einer von diesen hielt eine kleine, brennende Laterne in der Hand, mit der er, sich niederbückend, etwas beleuchtete, was auf dem Straßendamme dicht bei den Rädern lag. Alle redeten und schrien, zornig und bedauernd; der Kutscher schien sehr bestürzt zu sein und rief von Zeit zu Zeit aus: »So ein Unglück! O Gott, so ein Unglück!«

Raskolnikow drängte sich, so gut er konnte, durch und erblickte endlich den Anlaß all dieser Aufregung und Neugier. Auf dem Boden lag ein soeben von den Pferden niedergetretener Mann, anscheinend besinnungslos, sehr schlecht, aber doch wie ein »besserer Herr« gekleidet. Er war ganz mit Blut besudelt; Blut rieselte ihm vom Kopfe und vom Gesichte; das Gesicht war ganz zerschlagen, zerschunden und verstümmelt. Offenbar war er von den Hufen sehr schwer verletzt worden.

»Mein Gott!« jammerte der Kutscher. »Wie soll man sich denn noch mehr vorsehen! Ja, wenn ich schnell gefahren wäre oder ihm nicht zugerufen hätte; aber ich fuhr ganz ruhig und gleichmäßig. Alle haben es gesehen und wissen, daß das die Wahrheit ist. Aber so ein Betrunkener hört und sieht eben nichts; das kennt man ja … Ich sah ihn, wie er über die Straße ging und dabei taumelte und beinahe hinfiel – ich rief ihn einmal an, noch einmal, zum dritten Male, und ich hielt die Pferde zurück; aber er lief ihnen direkt zwischen die Beine, da lag er! Ob er es nun mit Absicht tat, oder ob er zu sehr beduselt war – ich weiß nicht. Die Pferde sind jung und schreckhaft; sie zogen an, er schrie auf, da wurden sie noch scheuer, … und da war das Unglück da.«

»Ja, geradeso ist es gewesen«, rief aus der Menge ein Augenzeuge.

»Er hat ihn angerufen, das ist die Wahrheit; dreimal hat er ihn angerufen!« ließ sich eine andre Stimme vernehmen.

»Genau dreimal; das haben alle gehört!« rief ein dritter.

Übrigens war der Kutscher nicht allzu niedergedrückt und erschrocken. Die Equipage gehörte offenbar einem reichen, vornehmen Herrn, den sie irgendwo abholen sollte; die Polizisten waren daher natürlich eifrig bemüht, das Verhalten des Kutschers als ordnungsgemäß anzuerkennen. Der Überfahrene sollte auf das Polizeibureau und ins Krankenhaus gebracht werden. Niemand kannte seinen Namen.

Unterdessen hatte sich Raskolnikow etwas weiter hindurchgedrängt und beugte sich aus größerer Nähe über ihn. Auf einmal erleuchtete die Laterne das Gesicht des Unglücklichen: er erkannte ihn.

»Ich kenne ihn, ich kenne ihn!« rief er und drängte sich ganz nach vorn. »Es ist ein verabschiedeter Beamter, der Titularrat Marmeladow. Er wohnt hier in der Nähe, im Koselschen Hause… Schnell einen Arzt! Ich bezahle es, hier!«

Er zog Geld aus der Tasche und zeigte es einem der Polizisten. Er befand sich in gewaltiger Aufregung.

Den Polizisten war es sehr erwünscht, daß sie den Namen des Verletzten erfahren hatten. Raskolnikow gab auch seinen eigenen Namen und seine Adresse an und befürwortete mit aller Energie, wie wenn es sich um seinen eigenen Vater handelte, den schleunigen Transport des bewußtlosen Marmeladow nach dessen Wohnung.

»Dort, nur drei Häuser weit«, sagte er eifrig, »das Haus gehört einem Herrn Kosel, einem reichen Deutschen… Er war jetzt gewiß gerade in betrunkenem Zustande auf dem Wege nach Hause. Ich kenne ihn… Er ist ein Trinker… Er wohnt da mit seiner Familie, Frau und Kindern; auch eine erwachsene Tochter hat er. Ihn ins Krankenhaus zu schaffen, dauert zu lange; aber hierherum wohnt gewiß ein Arzt. Ich bezahle es, ich bezahle es! Hier findet er doch gleich Hilfe und hat seine richtige Pflege; bis er ins Krankenhaus kommt, ist er schon tot.«

Er hatte dabei auch bereits den Polizisten heimlich etwas in die Hand gedrückt; übrigens war es ja eine ganz klare und gesetzliche Sache, und jedenfalls war Hilfe hier näher zu haben. Es fanden sich hilfsbereite Hände; der Überfahrene wurde aufgehoben und fortgetragen. Das Koselsche Haus war nur etwa dreißig Schritte entfernt. Raskolnikow ging hinten, hielt vorsichtig den Kopf des Verunglückten und gab den Weg an.

»Hierher, hierher! Die Treppe hinauf müssen wir ihn mit dem Kopfe voran tragen; wendet ihn herum… so, so ist’s recht! Ich werde es bezahlen; ich werde mich euch erkenntlich zeigen!« murmelte er.

Katerina Iwanowna wanderte, wie immer, sobald sie nur einen arbeitsfreien Augenblick fand, in ihrem kleinen Zimmerchen auf und ab, vom Fenster nach dem Ofen und zurück; dabei hielt sie die Arme fest über der Brust verschränkt, redete mit sich selbst und hustete. In der letzten Zeit hatte sie angefangen, häufiger und mehr mit ihrer ältesten Tochter, der neunjährigen Polenjka, zu sprechen, die zwar vieles noch nicht verstand, dafür aber sehr wohl begriff, daß es der Mutter ein Bedürfnis war, mit ihr zu reden, und ihr darum immer mit ihren großen, klugen Augen folgte und sich schlau bemühte, zu tun, als ob sie alles verstände. Augenblicklich war Polenjka damit beschäftigt, ihren kleinen Bruder, der den ganzen Tag über nicht recht wohl gewesen war, auszukleiden, um ihn schlafen zu legen. Der Knabe saß schweigend und mit ernster Miene auf einem Stuhle, gerade aufgerichtet und ohne sich zu rühren, die fest zusammengepreßten Beinchen waagerecht ausgestreckt, die Fersen nach vorn, die Fußspitzen auseinander, und wartete darauf, daß ihm für das alte Hemdchen, das in der Nacht gewaschen werden sollte, ein frisches angezogen werde. Er hörte zu, was die Mutter mit der Schwester sprach, machte spielend die Lippen dick, öffnete die Augen weit und saß ruhig da, ganz wie alle artigen kleinen Knaben sich zu benehmen haben, wenn sie zum Zubettgehen ausgezogen werden. Sein noch kleineres Schwesterchen stand in bloßen Lumpen am Bettschirm und wartete, bis es an die Reihe kommen würde. Die Tür nach der Treppe zu war offen, um wenigstens einigermaßen die Wolken von Tabaksrauch abzuleiten, die aus den anderen Zimmern hereindrangen und die arme Schwindsüchtige fortwährend zwangen, lange und qualvoll zu husten. Katerina Iwanowna schien in dieser Woche noch mehr abgemagert zu sein, und die roten Flecke auf ihren Wangen brannten noch greller als früher.

»Du glaubst gar nicht, Polenjka«, sagte sie, im Zimmer auf und ab gehend, »du kannst dir gar keine Vorstellung davon machen, wie vergnügt und großartig wir in dem Hause meines lieben Papas lebten und wie dieser Trunkenbold mich zugrunde gerichtet hat und euch alle zugrunde richten wird! Mein Papa war Verwaltungsbeamter im Range eines Obersten und beinahe schon Gouverneur; es fehlte ihm nur noch eine Beförderung, so daß alle schon immer zu ihm kamen und sagten: ›Wir betrachten Sie schon als unsern Gouverneur, Iwan Michailowitsch!‹ Als ich … kche! als ich … kche-kche-kche! … oh, dieses elende Dasein!« rief sie, nachdem sie den Schleim abgehustet hatte, und faßte nach ihrer Brust. »Als ich … ach, als auf dem letzten Balle … beim Adelsmarschall … mich die Fürstin Bessemelnaja erblickte, die mir später den Segen erteilte, als ich deinen Papa heiratete, Polenjka, da fragte sie sogleich: ›Ist das nicht das liebenswürdige Mädchen, das bei der Entlassungsfeier den Schleiertanz getanzt hat?‹ (Das Loch muß zugenäht werden; nimm mal eine Nadel und stopfe es jetzt gleich, wie ich es dir gezeigt habe; sonst reißt es morgen … kche! morgen … kche-kche-kche! noch weiter auf!« rief sie unter heftigen Hustenanfällen.) »Damals war der Kammerjunker Fürst Schtschegolskoi eben aus Petersburg angekommen; er tanzte mit mir eine Masurka und wollte am andern Tage zu uns kommen und um meine Hand anhalten; aber ich dankte ihm in den verbindlichsten Ausdrücken und sagte, daß mein Herz bereits einem andern gehöre. Dieser andere war dein Vater, Polenjka; mein Papa wurde furchtbar zornig … Ist das Wasser bereit? Nun, dann gib das Hemd her; und wo sind die Strümpfe? … Lida«, wandte sie sich an die jüngste Tochter, »du kannst diese Nacht einmal ohne Hemd schlafen, das geht schon, … und lege deine Strümpfe daneben, … ich will gleich alles zusammen waschen … Warum bloß dieser Lumpenkerl nicht nach Hause kommt, der Trunkenbold! Sein Hemd trägt er schon so lange, daß es aussieht wie ein Topflappen, und zerrissen ist es auch ganz … Ich könnte es jetzt alles zusammen waschen, damit ich mich nicht zwei Nächte hintereinander zu quälen brauche! O Gott! Kche-kche-kche-kche! Schon wieder! Was ist das?« rief sie, als sie die vielen Menschen auf dem Flur sah und die Männer, die sich mit irgendeiner Last ins Zimmer hineindrängten. »Was ist das? Was bringen die da? O Gott!«

»Wo sollen wir ihn hier hinlegen?« fragte einer der Polizisten, nachdem der blutbefleckte, besinnungslose Marmeladow ins Zimmer gebracht war, und sah sich nach allen Seiten um.

»Auf das Sofa! Legt ihn nur aufs Sofa, mit dem Kopfe hierher!« wies Raskolnikow die Träger an.

»Er ist auf der Straße überfahren worden! Er war betrunken!« rief jemand vom Flur her.

Katerina Iwanowna stand ganz bleich da und atmete nur mühsam. Die Kinder waren heftig erschrocken. Die kleine Lida schrie auf, stürzte zu Polenjka hin, schlang die Arme um sie und zitterte am ganzen Leibe. Nachdem unter seiner Leitung Marmeladow auf das Sofa gelegt worden war, trat Raskolnikow schnell auf Katerina Iwanowna zu.

»Ich bitte Sie dringend, beruhigen Sie sich, erschrecken Sie nicht!« sagte er hastig. »Als er die Straße überschritt, hat ihn eine Kutsche überfahren; beunruhigen Sie sich nicht; er wird ja wieder zu sich kommen; ich habe veranlaßt, daß er hierhergebracht wurde, … ich bin schon einmal bei Ihnen gewesen; Sie erinnern sich vielleicht … Er wird ja wieder zu sich kommen; ich werde alles bezahlen!«

»Dahin hat er es nun gebracht!« schrie Katerina Iwanowna und stürzte zu ihrem Manne hin.

Raskolnikow merkte bald, daß diese Frau nicht zu denen gehörte, die gleich in Ohnmacht fallen. Im nächsten Augenblick lag unter dem Kopfe des Unglücklichen ein Kissen, woran noch niemand gedacht hatte. Katerina Iwanowna begann ihm die Kleider auszuziehen, untersuchte ihn, war eifrig um ihn beschäftigt und verlor nicht den Kopf; an sich selbst dachte sie mit keinem Gedanken mehr, biß sich auf die zitternden Lippen und unterdrückte das Wehgeschrei, das sich ihrer Brust entringen wollte.

Raskolnikow hatte unterdessen jemand beauftragt, schnell einen Arzt zu holen. Einige der Anwesenden wußten, daß ein solcher im Nachbarhause wohnte.

»Ich habe nach einem Arzte geschickt«, sagte er wieder zu Katerina Iwanowna. »Beunruhigen Sie sich darüber nicht; ich werde alles bezahlen. Haben Sie kein Wasser hier? … Und geben Sie mir auch eine Serviette, ein Handtuch oder so etwas, recht schnell; es ist noch nicht recht zu sehen, von welcher Art seine Verletzung ist … Es handelt sich nur um eine Verletzung; tot ist er nicht; dessen können Sie ganz sicher sein … Wir wollen mal hören, was der Arzt sagt!«

Katerina Iwanowna lief zum Fenster. Dort stand in einer Ecke auf einem durchgesessenen Stuhl eine große irdene Schüssel mit Wasser, in der sie die Wäsche der Kinder und ihres Mannes in der Nacht hatte waschen wollen. Diese nächtliche Wäsche bewerkstelligte Katerina Iwanowna immer eigenhändig, mindestens zweimal in der Woche, mitunter auch öfter; denn sie waren so weit heruntergekommen, daß sie Wäsche zum Wechseln so gut wie gar nicht mehr hatten, sondern jedes Familienmitglied fast nur ein einziges Exemplar von jeder Art besaß. Unreinlichkeit konnte Katerina Iwanowna aber nicht ertragen; ehe sie Schmutz im Hause geduldet hätte, quälte sie sich lieber bei Nacht, wenn alle schliefen, über ihre Kräfte hinaus ab, damit am Morgen die nasse Wäsche an einer Leine getrocknet war und die Ihrigen etwas Reines zum Anziehen hatten. Sie ergriff die Schüssel, um sie auf Raskolnikows Wunsch ihm hinzubringen, wäre aber beinahe mit ihr hingefallen. Raskolnikow hatte bereits ein Handtuch gefunden, tauchte es nun ins Wasser und wusch dem Verunglückten das von Blut überströmte Gesicht. Katerina Iwanowna stand dabei; das Atmen machte ihr Schmerzen, und sie drückte die Hände gegen ihre Brust. Sie bedurfte selbst der Hilfe. Raskolnikow begann einzusehen, daß er vielleicht nicht gut daran getan hatte, den Verunglückten hierherschaffen zu lassen. Auch der Schutzmann stand ratlos da.

»Polenjka«, rief Katerina Iwanowna. »Lauf zu Sonja, schnell. Wenn du sie nicht zu Hause triffst, so bestelle jedenfalls, daß der Vater überfahren ist und daß sie gleich herkommen soll, … sowie sie nach Hause kommt. Schnell, Polenjka! Hier, binde dir das Tuch um!«

»Lauf, was du kannst!« rief auf einmal der Knabe von seinem Stuhle. Nachdem er das gesagt hatte, versank er wieder in sein früheres Schweigen und nahm wieder seine gerade Haltung auf dem Stuhle ein, die Augen weit geöffnet, die Fersen nach vorn, die Fußspitzen auseinander.

Unterdessen hatte sich das Zimmer so angefüllt, daß kein Apfel zur Erde konnte. Die Polizisten waren weggegangen bis auf einen, der vorläufig noch dageblieben war und sich bemühte, das Publikum, das von der Treppe her eingedrungen war, wieder auf die Treppe hinauszutreiben. Dafür strömten aus den inneren Zimmern fast alle Mieter der Frau Lippewechsel herein; anfangs drängten sie sich nur an der Türe herum, aber dann ergossen sie sich in dichtem Schwarm in das Zimmer. Katerina Iwanowna geriet darüber in Zorn.

»So laßt ihn doch wenigstens ruhig sterben!« schrie sie den Haufen an. »Das ist wohl ein Schauspiel für euch! Die Zigaretten im Munde! Kche-kche-kche! Es fehlt bloß noch, daß ihr mit den Hüten auf dem Kopfe hereinkommt! … Da hat ja auch einer den Hut auf! … Habt doch wenigstens vor einem Sterbenden Achtung!«

Der Husten erstickte sie fast; aber die Scheltrede half. Die Mieter hatten offenbar vor Katerina Iwanowna einigermaßen Furcht; einer nach dem andern, drängten sie sich wieder zur Tür zurück mit jenem eigentümlichen Gefühle innerer Befriedigung, das stets, selbst bei den Nächststehenden, rege wird, sobald einem andern ein plötzliches Unglück zustößt, und von dem trotz des aufrichtigsten Mitleides und Bedauerns doch schlechterdings niemand frei ist.

Durch die Tür hörte man jedoch Stimmen, die vom Krankenhause sprachen und daß es nicht in der Ordnung sei, die Mitbewohner ohne Not zu stören.

»Es ist wohl nicht in der Ordnung, daß jemand stirbt?« rief Katerina Iwanowna und lief schon zur Tür, um sie aufzureißen und ihnen eine zornige Strafrede zu halten; aber in der Tür stieß sie mit Frau Lippewechsel selbst zusammen, die eben erst von dem Unglück gehört hatte und nun angelaufen kam, um nach dem Rechten zu sehen. Sie war eine ganz alberne, verdrehte Deutsche.

»Ach, mein Gott!« rief sie und schlug die Hände über dem Kopfe zusammen. »Ihr Mann betrunken ein Pferd getreten. Ihn ins Krankenhaus! Ich bin die Wirtin!«

»Amalia Ludwigowna! Ich bitte Sie, zu überlegen, was Sie reden«, begann Katerina Iwanowna hochmütig (mit der Wirtin sprach sie immer in hochmütigem Tone, damit diese »sich ihrer Stellung bewußt bliebe«, und selbst jetzt konnte sie sich dieses Vergnügen nicht versagen), »Amalia Ludwigowna …«

»Ich Ihnen habe gesagt einmal für immer, daß Sie niemals wagen, mir zu sagen Amalia Ludwigowna; ich heiße Amalia Iwanowna.«

»Sie heißen nicht Amalia Iwanowna, sondern Amalia Ludwigowna, und da ich nicht zu Ihren gemeinen Schmeichlern gehöre wie Herr Lebesjatnikow, der jetzt hinter der Tür lacht« (wirklich war durch die Tür Gelächter zu hören und der Ausruf: ›Sie sind wieder mal aneinandergeraten!‹), »so werde ich Sie immer Amalia Ludwigowna nennen, obgleich ich absolut nicht begreifen kann, warum Ihnen dieser Name nicht gefällt. Sie sehen selbst, was Semjon Sacharowitsch zugestoßen ist; er liegt im Sterben. Ich bitte Sie, diese Tür sofort zuzuschließen und niemand hier hereinzulassen. Lassen Sie ihn wenigstens ruhig sterben! Sonst können Sie ganz sicher sein, daß schon morgen der Generalgouverneur selbst es zu hören bekommt, wie Sie sich benommen haben. Der Fürst kennt mich noch von der Zeit her, als ich noch unverheiratet war, und erinnert sich auch sehr gut an Semjon Sacharowitsch, dem er oftmals Freundlichkeiten erwiesen hat. Es ist allgemein bekannt, daß Semjon Sacharowitsch viele Freunde und Gönner besaß, von denen er selbst sich aus edlem Stolze im Bewußtsein seiner unglücklichen Schwäche zurückgezogen hatte; aber jetzt« (sie wies auf Raskolnikow) »ist uns ein hochherziger junger Mann behilflich, der über große Mittel und Konnexionen verfügt und den Semjon Sacharowitsch schon als Knaben gekannt hat, und seien Sie versichert, Amalia Ludwigowna …«

Alles dies sprudelte sie mit großer Geschwindigkeit hervor, die sich im Laufe der Rede immer mehr steigerte; aber der Husten setzte auf einmal dem Redestrom ein Ende. In diesem Augenblicke kam der Sterbende zur Besinnung und stöhnte; Katerina Iwanowna lief zu ihm hin. Der Kranke öffnete die Augen und blickte, noch ohne jemand zu erkennen oder etwas zu verstehen, Raskolnikow an, der neben ihm stand und sich über ihn beugte. Er atmete schwer, in tiefen, einzelnen Stößen; an den Rändern der zusammengepreßten Lippen trat Blut hervor; die Stirn war mit Schweiß bedeckt. Da er Raskolnikow nicht erkannte, begann er unruhig mit den Augen zu suchen. Katerina Iwanowna sah ihn mit trauriger, aber strenger Miene an; die Tränen rannen ihr aus den Augen.

»O Gott, die ganze Brust ist ihm eingedrückt! Und das Blut, das Blut!« sagte sie verzweiflungsvoll. »Wir müssen ihm den Oberkörper vollständig entkleiden! Dreh dich ein bißchen um, Semjon Sacharowitsch, wenn du das kannst!« rief sie ihm zu.

Marmeladow erkannte sie.

»Einen Priester!« sagte er mit heiserer Stimme.

Katerina Iwanowna trat ans Fenster, lehnte sich mit der Stirn gegen den Fensterrahmen und rief verzweifelt:

»Oh, dieses elende Leben!«

»Einen Priester!« sagte der Sterbende nach einer kurzen Pause noch einmal.

»Der wird schon geholt!« schrie ihn Katerina Iwanowna an. Verschüchtert durch den strengen Ton schwieg er. Mit zaghaftem, traurigem Blick suchte er sie; sie kehrte wieder zu ihm zurück und trat an das Kopfende. Er beruhigte sich ein wenig, jedoch nicht für lange.

Seine Augen blieben bald auf der kleinen Lida, seinem Lieblinge, haften, die in einer Ecke stand, wie im Fieber zitterte und ihn mit ihren erstaunt starrenden Kinderaugen ansah.

»Ach … ach …«, sagte er und zeigte beunruhigt auf sie hin. Er wollte etwas sagen.

»Was willst du denn nun noch?« rief Katerina Iwanowna.

»Barfuß! Barfuß!« murmelte er und deutete mit halbirrem Blick auf die nackten Füße des kleinen Mädchens.

»Schweig du nur!« rief Katerina Iwanowna in gereiztem Tone. »Du weißt selbst, warum sie barfuß ist.«

»Gott sei Dank, da ist der Arzt!« rief Raskolnikow erfreut.

Der Arzt trat ein, ein schon älterer Mann, sorgfältig gekleidet, ein Deutscher; er sah sich mit mißtrauischer Miene nach allen Seiten um, dann trat er zu dem Kranken, fühlte den Puls, betastete aufmerksam den Kopf, knöpfte mit Katerina Iwanownas Hilfe das ganz von Blut durchtränkte Hemd auf und entblößte die Brust des Kranken. Die ganze Brust war zerdrückt, zusammengequetscht und zerfleischt; auf der rechten Seite waren mehrere Rippen gebrochen. Auf der linken Seite, gerade über dem Herzen, war ein entsetzlich aussehender, großer schwarzgelber Fleck, der von einem furchtbaren Hufschlage herrührte. Der Arzt machte ein sehr ernstes Gesicht. Der Polizist erzählte ihm, daß der Überfahrene von einem Rade erfaßt und bei dessen Umdrehungen etwa dreißig Schritte auf dem Pflaster fortgeschleift worden sei.

»Ein Wunder, daß er überhaupt wieder zu sich gekommen ist«, flüsterte der Arzt leise Raskolnikow zu.

»Wie denken Sie über ihn?«

»Er wird gleich sterben.«

»Ist denn gar keine Hoffnung mehr?«

»Nicht die geringste. Er liegt in den letzten Zügen … Außerdem ist der Kopf gefährlich verwundet … Hm … Vielleicht könnte man noch einen Aderlaß vornehmen, … aber … helfen wird das auch nicht. In fünf bis zehn Minuten stirbt er sicher.«

»Lassen Sie ihn lieber doch noch zur Ader!«

»Meinetwegen … Aber ich sage Ihnen vorher, daß es völlig nutzlos ist.«

Abermals wurden Schritte vernehmbar; die Menge auf dem Flur teilte sich, und auf der Schwelle erschien ein Geistlicher, ein grauhaariger Mann, mit dem Sakrament. Einer von den Polizisten hatte ihn geholt, noch ehe der Verunglückte hinaufgebracht worden war. Der Arzt trat ihm sofort seinen Platz ab und wechselte mit ihm einen vielsagenden Blick. Raskolnikow bat den Arzt, noch ein wenig dazubleiben. Der zuckte die Achseln und blieb.

Alle traten zurück. Die Beichte dauerte nicht lange. Der Sterbende nahm nichts mehr richtig auf; er konnte nur abgebrochene, undeutliche Laute hervorbringen. Katerina Iwanowna faßte Lida bei der Hand, hob den Knaben vom Stuhle, ging in die Ecke beim Ofen und fiel auf die Knie; auch die Kinder ließ sie vor sich niederknien. Das kleine Mädchen zitterte nur; der Knabe aber, auf den nackten Knien liegend, hob langsam und bedächtig die Hand in die Höhe, bekreuzigte sich ganz ordnungsgemäß und verbeugte sich bis zum Boden, wobei er mit der Stirn an die Diele schlug, was ihm anscheinend ein besonderes Vergnügen machte. Katerina Iwanowna biß sich auf die Lippen und hielt die Tränen zurück; sie betete gleichfalls; von Zeit zu Zeit zog sie dem Knaben das Hemd zurecht; dem kleinen Mädchen warf sie über die allzusehr entblößten Schultern ein Halstuch, das sie, ohne sich von den Knien zu erheben und ihr Gebet zu unterbrechen, aus der Kommode genommen hatte. Unterdessen wurde die nach den inneren Zimmern führende Tür wieder von Neugierigen geöffnet. Auch auf dem Flur drängten sich die Zuschauer in immer dichterer Menge, ohne jedoch die Schwelle des Zimmers zu überschreiten; es waren Mieter aus allen Etagen des Hauses. Nur ein einziges Lichtstümpfchen beleuchtete die ganze Szene.

In diesem Augenblicke drängte sich vom Flur her Polenjka, die zur Schwester gelaufen war, um diese zu holen, eilig durch die Menge hindurch. Als sie eintrat, war sie vom schnellen Laufen ganz außer Atem; sie nahm sich das Tuch ab, suchte mit den Augen die Mutter, trat zu ihr und sagte: »Sie kommt; ich habe sie auf der Straße getroffen.« Die Mutter zog sie neben sich auf die Knie nieder. Aus dem Menschenschwarm drängte sich leise und schüchtern ein junges Mädchen hervor, und seltsam wirkte ihr plötzliches Erscheinen in diesem Zimmer mitten unter Armut und Lumpen, Tod und Verzweiflung. Dürftig zwar war auch ihre Kleidung; sie war mit den billigsten Sachen, aber auffällig, nach Art der Straßendirnen aufgeputzt, nach dem Geschmack und den Gebräuchen, die in dieser eigenartigen Lebenssphäre Geltung haben, und mit deutlicher, schmählicher Hervorkehrung des Zweckes. Sonja blieb auf dem Flur dicht an der Schwelle stehen, überschritt aber die Schwelle nicht, sondern blickte ganz ohne Fassung und wie verständnislos ins Zimmer hinein; an ihr Aussehen schien sie gar nicht zu denken: an das aus vierter Hand gekaufte, hier so unpassende bunte Seidenkleid mit der langen, lächerlichen Schleppe, an die gewaltige Krinoline, die die ganze Tür versperrte, an die hellen Stiefelchen und an den Sonnenschirm, den sie in der Nacht nicht brauchte, aber doch bei sich trug, an den lächerlichen runden Strohhut mit der feuerroten Feder. Unter diesem nach Knabenart schief aufgesetzten Hute blickte ein mageres, blasses, erschrockenes Gesichtchen hervor, mit offenem Munde und vor Schreck starren Augen. Sonja war etwa achtzehn Jahre alt, klein und schmächtig, hatte aber ein recht hübsches Gesicht, schönes blondes Haar und prächtige blaue Augen. Sie blickte unverwandt nach dem Sofa und dem Geistlichen hin; auch sie war vom schnellen Gehen außer Atem gekommen. Endlich merkte sie, daß in der Menge über sie geflüstert wurde; auch vernahm sie wohl einzelne Worte. Sie schlug die Augen nieder, tat einen Schritt über die Schwelle und stand nun im Zimmer, aber immer noch dicht an der Tür.

Beichte und Abendmahl waren beendet. Katerina Iwanowna trat wieder an das Lager ihres Mannes. Der Geistliche trat zurück und wandte sich, ehe er wegging, mit einigen Worten der Teilnahme und des Trostes an sie.

»Wo soll ich denn mit diesen hier bleiben?« unterbrach sie ihn, auf die Kinder weisend, in scharfem, gereiztem Tone.

»Gott ist gnädig; hoffen Sie auf die Hilfe des Allerhöchsten …«, begann der Geistliche.

»Ja, ja, gnädig ist er, aber nicht gegen uns!«

»Sie versündigen sich. Sie versündigen sich, meine liebe Dame«, sagte der Geistliche kopfschüttelnd.

»Und daß sie den hier totgefahren haben, ist wohl keine Sünde?« rief Katerina Iwanowna, auf den Sterbenden weisend.

»Vielleicht werden diejenigen, welche die unfreiwillige Ursache geworden sind, sich bereitfinden, Sie zu entschädigen, wenigstens hinsichtlich des Einkommenausfalles.«

»Sie verstehen mich nicht!« rief Katerina Iwanowna gereizt mit einer ungeduldigen Handbewegung. »Wofür sollten sie mich entschädigen? Er ist ja selbst in seiner Trunkenheit zwischen die Pferde gelaufen? Und von Einkommen kann keine Rede sein. Von ihm hatten wir kein Einkommen, sondern nur Mühe und Qual. Er vertrank ja alles, der Trunkenbold! Er bestahl uns und trug das Geld in die Schenke; das Geld, wovon die Kinder und ich leben sollten, hat er in der Schenke vergeudet! Gott sei Dank, daß er stirbt! Wir haben dadurch weniger Ausgaben!«

»Sie sollten ihm in der Stunde des Todes verzeihen; aber das ist Sünde, meine liebe Dame, eine solche Gesinnung ist eine große Sünde!«

Katerina Iwanowna war mit dem Kranken beschäftigt: sie reichte ihm zu trinken, wischte ihm den Schweiß und das Blut vom Kopfe und legte die Kissen zurecht; dabei führte sie dieses Gespräch mit dem Geistlichen, indem sie sich nur ab und zu während ihrer Arbeit zu ihm hinwandte. Jetzt aber fuhr sie auf einmal wie eine Rasende auf ihn los.

»Ach, Väterchen! Das sind ja doch alles nur Redensarten, nichts als Redensarten! Verzeihen! Wenn er heute nicht überfahren wäre, so wäre er wieder betrunken nach Hause gekommen. Er hat nur ein einziges, ganz abgetragnes, zerlumptes Hemd; da hätte er sich nun hingelegt und seinen Rausch ausgeschlafen, und ich hätte bis zum Morgen im Wasser geplanscht und seine und der Kinder Lumpen gewaschen und sie vor dem Fenster getrocknet, und wenn’s hell geworden wäre, hätte ich mich hingesetzt, um alles zu flicken – das wäre meine Nacht gewesen! … Also was ist da erst noch von Verzeihung zu reden! Ich habe ihm sowieso schon durch die Tat verziehen!«

Ein furchtbarer, tief aus der Brust kommender Husten hinderte sie weiterzureden. Sie spie den Auswurf in das Taschentuch und hielt es dem Geistlichen zum Ansehen hin, während sie die andre Hand gegen die schmerzende Brust drückte. Das Tuch war ganz voll Blut …

Der Geistliche senkte den Kopf und sagte nichts mehr.

Marmeladow lag im Todeskampfe; er wandte seine Augen nicht von Katerina Iwanownas Gesicht ab, die sich wieder über ihn beugte. Er wollte ihr immer etwas sagen, setzte dazu an, bewegte mühsam die Zunge und brachte ein paar undeutliche Worte heraus; aber als Katerina Iwanowna merkte, daß er sie um Verzeihung bitten wolle, schrie sie ihn sofort in befehlendem Tone an:

»Sei nur still! Du brauchst gar nichts zu sagen! … Ich weiß schon, was du sagen willst!«

Der Kranke verstummte; aber im selben Augenblicke fiel sein umherirrender Blick auf die Tür, und er bemerkte Sonja.

Bisher hatte er sie nicht gesehen, da sie in der Ecke und im Schatten stand.

»Wer ist das? Wer ist das?« sagte er plötzlich in größter Aufregung mit heiserer, keuchender Stimme, wies erschrocken mit den Augen nach der Tür, wo seine Tochter stand, und machte Anstrengungen, um sich aufzurichten.

»Lieg still, lieg still!« schrie ihm Katerina Iwanowna zu.

Aber es war ihm bereits mit einer über seine Kräfte hinausgehenden Anstrengung gelungen, sich auf den Arm zu stützen. Verstört und regungslos starrte er eine Zeitlang seine Tochter an, wie wenn er sie nicht erkenne. Auch hatte er sie noch nie in solcher Kleidung gesehen. Plötzlich erkannte er sie, wie sie, erniedrigt, gramvoll, herausgeputzt und in Scham vergehend, schüchtern darauf wartete, daß auch sie an die Reihe käme, von ihrem sterbenden Vater Abschied zu nehmen. Der Ausdruck grenzenlosen Leides malte sich auf seinem Gesichte.

»Sonja, meine Tochter, verzeih mir!« rief er und wollte ihr die Hand hinstrecken; aber den Halt verlierend, fiel er um und stürzte vom Sofa herunter, mit dem Gesichte gerade auf die Erde. Die Umstehenden sprangen hinzu, um ihn aufzuheben, und legten ihn wieder zurecht; aber er war schon im Verscheiden. Sonja stieß einen schwachen Schrei aus, lief hinzu und schlang die Arme um ihn; so starb er in ihrer Umarmung.

»Nun hat er sein Ziel erreicht!« rief Katerina Iwanowna, als sie sah, daß ihr Mann tot war. »Aber was soll ich nun tun? Wie soll ich sein Begräbnis bezahlen? Und was soll ich denen hier morgen zu essen geben?«

Raskolnikow trat zu ihr.

»Katerina Iwanowna«, begann er, »in der vorigen Woche hat mir Ihr verstorbener Gatte sein ganzes Leben erzählt und mir über alle seine Verhältnisse Mitteilung gemacht … Seien Sie versichert, daß er von Ihnen mit schwärmerischer Verehrung sprach. Seit jenem Abende, als ich erfuhr, wie herzlich er Ihnen allen zugetan war und wie sehr er besonders Sie, Katerina Iwanowna, schätzte und liebte, trotz seiner unseligen Schwäche, – seit jenem Abende waren wir Freunde … Gestatten Sie mir daher jetzt, … dazu mitzuhelfen, … daß meinem verstorbenen Freunde die letzte Ehre erwiesen werde. Hier sind … ich glaube, zwanzig Rubel – und wenn Ihnen das eine kleine Beihilfe sein kann, so … Ich werde … nun ja, ich werde einmal wieder mit herankommen, … ganz bestimmt komme ich wieder her, … vielleicht komme ich schon morgen … Leben Sie wohl!«

Eilig verließ er das Zimmer und drängte sich schnell durch die Menge hindurch, um zur Treppe zu gelangen; aber in dem Menschenhaufen stieß er plötzlich auf Nikodim Fomitsch, der von dem Unglücksfall gehört hatte und nun persönlich das Erforderliche anordnen wollte. Seit dem Vorfall auf dem Polizeibureau hatten sie sich nicht wieder gesehen; aber Nikodim Fomitsch erkannte ihn augenblicklich.

»Ah, Sie hier?« fragte er ihn.

»Er ist gestorben«, antwortete Raskolnikow. »Ein Arzt ist dagewesen, auch ein Geistlicher; es hat alles seine gute Ordnung gehabt. Regen Sie nur die arme Frau nicht zu sehr auf; sie hat sowieso die Schwindsucht. Sprechen Sie ihr Mut zu, wenn es Ihnen möglich ist … Sie sind ja ein guter Mensch, das weiß ich …«, fügte er lächelnd hinzu und blickte ihm gerade in die Augen.

»Sie haben sich ja so blutig gemacht«, bemerkte Nikodim Fomitsch, als er beim Lichte der Laterne ein paar frische Flecke auf Raskolnikows Weste wahrnahm.

»Ja, ich habe mich blutig gemacht, … ich bin ganz voll Blut!« erwiderte Raskolnikow mit eigentümlicher Miene; darauf lächelte und nickte er ihm zu und stieg die Treppe hinunter.

Er ging sachte und ohne Eile hinab, in fieberhafter Erregung, deren er sich aber nicht bewußt war, ganz erfüllt von dem einen, neuen, unermeßlichen Gefühle des plötzlich über ihn hereinflutenden vollen, mächtigen Lebens. Dieses Gefühl mochte dem Gefühle eines zum Tode Verurteilten ähnlich sein, dem unerwartet seine Begnadigung verkündet wird. Auf der halben Höhe der Treppe holte ihn der Geistliche ein, der wieder nach Hause ging. Schweigend ließ Raskolnikow ihn an sich vorbeigehen und wechselte mit ihm nur eine stumme Verneigung. Aber als er bereits die letzten Stufen hinabstieg, hörte er hinter sich eilige Schritte; es wollte ihn jemand einholen. Es war Polenjka; sie kam ihm nachgelaufen und rief:

»Bitte, hören Sie! Bitte, hören Sie!«

Er drehte sich zu ihr um. Sie kam die letzte Treppe herabgelaufen und blieb dicht vor ihm stehen, eine Stufe höher als er. Es war dunkel, und nur ein schwacher Lichtschimmer drang vom Hofe herein. Raskolnikow konnte das magere, aber liebliche Gesichtchen der Kleinen unterscheiden, die ihm zulächelte und ihn mit kindlicher Fröhlichkeit anblickte. Sie kam mit einem Auftrage, der offenbar ihr selbst große Freude machte.

»Bitte, sagen Sie doch, wie Sie heißen, und auch, wo Sie wohnen!« sagte sie eilig und fast außer Atem.

Er legte ihr beide Hände auf die Schultern und blickte sie mit einer Art von Glücksgefühl an. Es war ihm ein solches Vergnügen, sie anzusehen, obwohl er sich selbst über den Grund nicht klar war.

»Wer hat dich denn geschickt?«

»Meine Schwester Sonja«, antwortete das Mädchen und lächelte noch fröhlicher.

»Das habe ich mir gedacht, daß dich deine Schwester Sonja geschickt hat.«

»Mama hat mich auch geschickt. Als Sonja mich schickte, kam Mama auch heran und sagte: ›Lauf recht schnell, Polenjka.‹«

»Du hast wohl deine Schwester Sonja recht lieb?«

»Ja, die habe ich am liebsten von allen!« antwortete Polenjka mit großer Bestimmtheit, und ihr Lächeln wurde auf einmal ernster.

»Wirst du mich auch lieb haben?«

Er erhielt keine Antwort; aber er sah, wie das Gesichtchen der Kleinen sich ihm näherte und die weichen Lippen sich harmlos spitzten, um ihn zu küssen. Ihre Arme, die so dünn waren wie Streichhölzchen, umschlangen ihn auf einmal ganz eng, ihr Kopf neigte sich gegen seine Schulter, und das Kind begann leise zu weinen und schmiegte sich mit dem Gesichte immer fester an ihn.

»Unser lieber Papa tut mir so leid!« sagte sie nach einer kleinen Weile, indem sie ihr verweintes Gesichtchen in die Höhe hob und sich mit den Händen die Tränen abwischte. »Es hat uns jetzt ein Unglück nach dem andern betroffen«, fügte sie unvermittelt hinzu, mit der eigentümlich ernsten Miene, welche Kinder mit besonderer Bemühung annehmen, wenn sie »wie die Großen« reden wollen.

»Hat denn dein Papa euch auch lieb gehabt?«

»Unsre Lida hat er am meisten von uns allen lieb gehabt«, fuhr sie sehr ernsthaft und ohne zu lächeln fort; sie redete nun schon ganz wie die Großen, »die hatte er am meisten lieb, weil sie noch so klein ist, und dann auch, weil sie so oft krank ist, und er brachte ihr immer etwas zum Naschen mit, und uns hat er lesen gelehrt und mich auch Grammatik und Religion«, fügte sie mit Selbstbewußtsein hinzu. »Mama hat nichts dazu gesagt; aber wir wußten doch, daß sie es gern hatte, und Papa wußte es auch. Mama will mich jetzt im Französischen unterrichten, weil es für mich Zeit ist, daß ich eine gute Bildung erhalte.«

»Könnt ihr denn auch beten?«

»Oh, gewiß können wir das! Schon lange. Ich bete, weil ich schon groß bin, für mich allein; aber Nikolai und Lida beten laut mit Mama zusammen. Erst sagen sie das Gebet an die Muttergottes, und dann noch ein Gebet: ›Lieber Gott, verzeihe unsrer Schwester Sonja und segne sie‹, und dann noch eins: ›Lieber Gott, verzeihe unserm zweiten Papa und segne ihn‹; denn unser erster Papa ist schon tot, und dieser ist unser zweiter; aber wir beten auch für ihn.«

»Polenjka, ich heiße Rodion; betet manchmal auch für mich. Ihr braucht nur hinzuzufügen: ›und deinem Knechte Rodion‹, weiter nichts.«

»Mein ganzes künftiges Leben lang werde ich für Sie beten«, sagte die Kleine eifrig, und nun lächelte sie auf einmal wieder, fiel ihm noch einmal um den Hals und umarmte ihn innig.

Raskolnikow sagte ihr seinen Namen, gab ihr seine Wohnung an und versprach, morgen bestimmt wieder mit heranzukommen. Ganz entzückt über ihn ging das kleine Mädchen wieder nach oben. Es war zwischen zehn und elf Uhr, als er auf die Straße hinaustrat. Fünf Minuten darauf stand er auf der Brücke, genau auf derselben Stelle, wo sich kurz vorher die Frau ins Wasser gestürzt hatte.

›Nun genug!‹ sagte er sich entschlossen und feierlich. ›Weg mit den Wahnbildern, weg mit der leeren Beängstigung, weg mit all diesen Gespenstern! … Es gibt noch für mich ein Leben! Oder habe ich nicht soeben ein Stück Leben durchgekostet? Mein Leben ist noch nicht mit dem der alten Frau zusammen zerstört und vernichtet! Gott schenke ihr das Himmelreich – und nun genug mit dir, Mütterchen; es ist Zeit, daß du zur Ruhe kommst! Jetzt beginnt die Herrschaft der Vernunft und des Lichtes … und des Willens und der Kraft … Und nun wollen wir einmal sehen! Nun wollen wir uns einmal miteinander messen!‹ fügte er stolz hinzu, als ob er sich an eine dunkle Macht wendete und sie zum Kampfe herausforderte. ›Und ich hatte mich schon darein ergeben, auf der schmalen Felsenplatte zu leben!

Schwach bin ich freilich in diesem Augenblicke noch sehr; aber … die Krankheit scheint jetzt vollständig vorbei zu sein. Das habe ich schon vorhin, als ich ausging, gewußt, daß sie vorübergehen würde. Da fällt mir ein: das Potschinkowsche Haus ist ja nur ein paar Schritte von hier entfernt. Jetzt möchte ich unter allen Umständen zu Rasumichin gehen, auch wenn es weiter als ein paar Schritte wäre … Mag er die Wette gewinnen! … Mag er sich auch darüber amüsieren – immerzu, mag er! … Kraft, Kraft ist erforderlich; ohne Kraft richtet man nichts aus; aber Kraft muß man gerade wieder durch Kraft erwerben; das ist´s, was die meisten nicht wissen‹, fügte er stolz und selbstbewußt hinzu und verließ, kaum imstande die Füße zu heben, die Brücke. Sein Stolz und sein Selbstbewußtsein wuchsen reißend schnell; im nächsten Augenblicke war er schon ein ganz andrer Mensch als im vorhergehenden. Was war denn aber so Besonderes geschehen, das ihn so umgewandelt hatte? Das wußte er eigentlich selbst nicht; wie jemand, der nach einem Strohhalm greift, so glaubte auch er auf einmal, daß er noch weiterleben könne, daß ›es noch für ihn ein Leben gebe‹, daß ›sein Leben noch nicht mit dem der alten Frau zusammen zerstört und vernichtet sei‹. Vielleicht war diese Schlußfolgerung übereilt; aber das kam ihm nicht in den Sinn.

›Und ich habe sie gebeten, den Knecht Gottes Rodion im Gebet zu erwähnen‹, schoß es ihm durch den Kopf. ›Na, das ist für alle Fälle!‹ fügte er hinzu und lachte selbst über seinen kindlichen Einfall. Er befand sich in ausgezeichneter Gemütsstimmung.

Rasumichins Wohnung fand er leicht; im Potschinkowschen Hause war der neue Mieter bereits hinlänglich bekannt, und der Hausknecht zeigte ihm sogleich den Weg. Raskolnikow war die Treppe erst zur Hälfte hinaufgestiegen, als er schon den Lärm und das Stimmengewirr einer großen Gesellschaft vernahm. Die nach der Treppe führende Tür stand sperrangelweit auf; man hörte Geschrei und Streiten. Rasumichins Zimmer war ziemlich groß; die Gesellschaft bestand aus etwa fünfzehn Personen. Raskolnikow blieb im Vorzimmer stehen. Hier beschäftigten sich hinter einer spanischen Wand zwei Dienstmädchen der Wirtsleute mit zwei großen Samowars, mit Flaschen, Tellern und Schüsseln, auf denen Pirog und kalter Aufschnitt lagen; all dies war aus der Küche der Wirtsleute hierhergeschafft worden. Raskolnikow ließ Rasumichin herausrufen. Dieser kam hocherfreut angelaufen. Es war auf den ersten Blick zu sehen, daß er ein erhebliches Quantum getrunken hatte, und obwohl Rasumichin sich fast niemals wirklich betrank, war ihm diesmal doch deutlich etwas anzumerken.

»Hör mal«, sagte Raskolnikow eilig, »ich bin bloß hergekommen, um dir zu sagen, daß du die Wette gewonnen hast und daß in der Tat niemand vorher weiß, was alles auf ihn einwirken wird. Hineinkommen kann ich nicht; ich bin so schwach, daß ich jeden Augenblick umfallen könnte. Darum will ich dich nur begrüßen und dir zugleich ›Auf Wiedersehen‹ sagen. Komm morgen zu mir …«

»Weißt du was? Ich bringe dich nach Hause! Wenn du schon selbst sagst, daß du so schwach bist, dann …«

»Und deine Gäste? Was ist denn das für ein Krauskopf, der eben hier hereinguckte?«

»Der? Weiß der Kuckuck, wer das ist! Wohl ein Bekannter meines Onkels; vielleicht ist er aber auch ganz von selbst gekommen … Ich lasse meinen Onkel hier bei ihnen; das ist ein Staatskerl; schade, daß du jetzt nicht mit ihm Bekanntschaft machen kannst. Übrigens, hol sie alle der Teufel! Sie brauchen mich jetzt nicht, und ich muß ein bißchen an die frische Luft. So kommst du mir gerade zupaß, Brüderchen; hätte es noch zwei Minuten länger gedauert, so hätte ich mich, weiß Gott, noch mit ihnen geprügelt. Denn einen Blödsinn schwatzen die Kerle zusammen –! Du hast gar keine Vorstellung davon, was solche Menschen alles zusammenschwadronieren können. Übrigens, warum sollst du keine Vorstellung davon haben? Schwadronieren wir nicht auch das Blaue vom Himmel? Mögen sie jetzt schwadronieren, immerzu; im spätern Leben sind sie dann um so gesetzter. Setz dich einen Augenblick; ich will noch Sossimow herholen.«

Sossimow eilte mit großer Lebhaftigkeit auf Raskolnikow zu; es war ihm eine ganz besondere Spannung anzumerken; aber sein Gesicht hellte sich alsbald auf.

»Legen Sie sich sofort schlafen«, ordnete er an, nachdem er den Patienten nach Möglichkeit untersucht hatte, »und zur Nacht nehmen Sie eine Kleinigkeit ein. Nicht wahr, das tun Sie doch? Ich habe schon vorhin etwas für Sie zurechtgemacht … ein Pülverchen.«

»Meinetwegen zwei«, antwortete Raskolnikow. Er nahm das Pulver sofort ein.

»Es ist sehr gut, daß du ihn selbst nach Hause bringen willst«, sagte Sossimow zu Rasumichin. »Wir wollen mal sehen, wie es morgen sein wird; heute jedenfalls läßt sich die Sache recht gut an: ein merkwürdiger Umschwung seit vorhin. Man lernt doch nie aus.«

»Weißt du, was mir Sossimow eben zugeflüstert hat, als wir weggingen?« platzte Rasumichin heraus, sowie sie auf die Straße traten. »Ich will dir nicht alles so geradeheraus sagen, Bruder; denn die Kerle sind doch gar zu dumm. Sossimow beauftragte mich, unterwegs mit dir zu schwatzen und auch dich zum Schwatzen zu bringen und ihm dann alles zu erzählen; denn er hat so die Idee, … daß du … verrückt wärest oder wenigstens nahe daran. Kannst du dir so etwas vorstellen? Erstens bist du dreimal so klug wie er; zweitens können dir seine albernen Ideen ganz schnuppe sein, wenn du nicht wirklich verdreht bist; und drittens hat dieser Fleischkloß, der doch eigentlich Chirurg ist, sich jetzt auf Geisteskrankheiten kapriziert, und was dich betrifft, so hat ihm dein heutiges Gespräch mit Sametow völlig den Kopf verdreht.«

»Hat dir Sametow alles erzählt?«

»Jawohl, und daran hat er sehr gut getan. Ich habe jetzt die ganze Sache bis auf das kleinste verstanden, und Sametow auch … Na ja, mit einem Worte, Rodja, … die Sache ist die … Ich bin jetzt ein bißchen angesäuselt, … aber das macht nichts, … die Sache ist die, daß dieser Gedanke … du verstehst wohl? Er hatte sich wirklich bei ihnen festgesetzt, … du verstehst wohl? Das heißt, keiner von ihnen wagte es laut auszusprechen, solchen horrenden Blödsinn, und namentlich nachdem dieser Malergeselle festgenommen war, kamen sie ganz davon ab. Aber warum sind sie überhaupt solche Dummköpfe? Ich habe damals Sametow ein bißchen durchgeprügelt (das sage ich aber nur ganz unter uns, Brüderchen; bitte, laß dir ja nicht anmerken, daß du es weißt; ich habe bemerkt, daß er etwas empfindlich ist; neulich einmal, als wir bei jener Lawisa waren); aber heute, heute ist ja nun alles klar geworden. Das ging alles von diesem Ilja Petrowitsch aus! Er stützte damals seine Deduktionen auf deinen Ohnmachtsanfall im Polizeibureau: aber nachher hat er sich selbst dessen geschämt; das weiß ich …«

Raskolnikow hörte begierig zu. Rasumichin schwatzte in seiner Trunkenheit alles aus.

»Ich fiel damals in Ohnmacht, weil die Luft so verbraucht war und es so nach Ölfarbe roch«, sagte Raskolnikow.

»Bringt der Mensch auch noch Erklärungen vor! Es war übrigens auch nicht allein die Ölfarbe: das Fieber bereitete sich bei dir schon einen ganzen Monat lang vor, hat Sossimow erklärt. Aber wie dieses Jüngelchen, der Sametow, jetzt geknickt ist, davon kannst du dir gar keine Vorstellung machen! ›Ich bin nicht so viel wert wie der kleine Finger dieses Menschen‹, sagt er; er meint deinen kleinen Finger. Er hat manchmal ganz vernünftige Anschauungen, Brüderchen. Aber die Lektion, die du ihm heute im Kristallpalast erteilt hast, das war ein Meisterstück! Zuerst hast du ihm einen Schreck eingejagt, daß er fast Krämpfe bekommen hätte. Du hast ihn ja beinahe genötigt, wieder an all diesen gräßlichen Unsinn zu glauben, und dann auf einmal hast du ihm die Zunge herausgestreckt: ›Ätsch! Auf dem Holzweg!‹ Vorzüglich! Er ist jetzt ganz niedergeschmettert, ganz zerknirscht! Meisterhaft hast du das gemacht, weiß Gott; so muß man die Kerle behandeln! Jammerschade, daß ich nicht dabei war! Er wartete jetzt mit lebhaftem Interesse darauf, ob du nicht auch zu mir kommen würdest. Auch Porfirij wünscht sehr, deine Bekanntschaft zu machen …«

»Ah … also auch der meint schon … Aber warum hatten sie mich denn für verrückt gehalten?«

»Für verrückt hatten sie dich eigentlich nicht gehalten. Ich habe wohl schon zu viel ausgeplaudert, Brüderchen. Siehst du wohl, unserm Sossimow fiel das heute auf, daß dich nur dieser eine Gegenstand interessierte; jetzt ist es ihm ja klar, warum er dich interessierte; jetzt, wo er alle Umstände kennt … und weiß, wie dich das damals aufregte und sich mit deiner Krankheit komplizierte … Ich bin ein bißchen betrunken, Brüderchen; aber, weiß der Teufel, er hat da so seine eigene Idee … Ich kann dir nur sagen: er kapriziert sich auf Geisteskrankheiten. Aber was wirst du dir daraus machen …«

Beide schwiegen eine halbe Minute lang.

»Höre mal, Rasumichin«, begann dann Raskolnikow, »ich will dir offen sagen: ich war eben bei einem Sterbenden; es ist da ein Beamter gestorben, … ich habe da mein ganzes Geld weggegeben, … und außerdem hat mich soeben ein Wesen geküßt, das, selbst wenn ich jemand ermordet hätte, mich trotzdem … mit einem Worte, ich habe dort noch ein anderes Wesen gesehen … mit einer feuerroten Feder, … aber ich rede ohne Sinn und Verstand; ich bin sehr schwach; stütze mich ein bißchen, … da ist ja auch gleich die Treppe …«

»Was fehlt dir? Was fehlt dir?« fragte Rasumichin beunruhigt.

»Es ist mir ein bißchen schwindlig; aber das ist das wenigste; vor allem ist mir so traurig zumute, so traurig! Als ob ich ein Weib wäre, … wahrhaftig! Sieh mal, was hat das zu bedeuten? Sieh mal, sieh mal!«

»Was ist denn?«

»Siehst du denn nicht? In meinem Zimmer ist Licht, siehst du es? Durch die Ritze …«

Sie standen schon vor der letzten Treppe, bei der Tür der Wirtin, und es war wirklich von hier unten zu sehen, daß in Raskolnikows Kämmerchen Licht war.

»Sonderbar! Vielleicht ist Nastasja drin!« bemerkte Rasumichin.

»Sie kommt nie um diese Zeit in mein Zimmer; auch schläft sie schon längst. Aber … nun meinetwegen! Lebewohl!«

»Was hast du denn? Ich bringe dich doch ganz in deine Wohnung; wir gehen noch beide zusammen hinein!«

»Das weiß ich, daß wir beide zusammen hineingehen; aber ich möchte dir hier die Hand drücken und hier von dir Abschied nehmen. Nun also, gib mir die Hand, leb wohl!«

»Was hast du nur, Rodja?«

»Nichts! … Komm! … Du sollst Zeuge sein …«

Sie stiegen die Treppe hinauf, und Rasumichin konnte sich des Gedankens nicht erwehren, Sossimow möchte doch vielleicht recht gehabt haben. ›Ach, ich habe ihn wohl nur durch mein Geschwätz wirr gemacht!‹ murmelte er vor sich hin. Als sie an die Tür kamen, hörten sie im Zimmer Stimmen.

»Ja, was ist denn da los?« rief Rasumichin.

Raskolnikow griff vor dem andern nach der Klinke, riß die Tür weit auf und blieb wie angewurzelt auf der Schwelle stehen.

Seine Mutter und seine Schwester saßen auf dem Sofa und warteten schon seit anderthalb Stunden. Erstaunlicherweise hatte er gerade sie am allerwenigsten erwartet und gar nicht an sie gedacht, obgleich er heute durch Herrn Lushin gehört hatte, daß sie abgereist seien, sich auf der Fahrt befänden und jeden Augenblick da sein könnten. Diese ganzen anderthalb Stunden lang hatten sie um die Wette Nastasja ausgefragt, die auch jetzt vor ihnen stand und ihnen schon alles bis aufs kleinste erzählt hatte. Sie waren außer sich gewesen vor Entsetzen, als sie gehört hatten, daß er »heute davongelaufen« sei, und zwar noch krank und, wie sich aus der Erzählung entnehmen ließ, jedenfalls im Fieberwahn. »O Gott, was wird nur mit ihm geschehen sein!« Beide hatten geweint und in dieser anderthalbstündigen Wartezeit schrecklichste Qualen erduldet.

Raskolnikows Erscheinen begrüßten sie mit einem freudigen Schrei des Entzückens. Sie stürzten auf ihn zu. Aber er stand wie erstarrt da; die unerträgliche Vorstellung, die plötzlich vor seiner Seele wieder auftauchte, wirkte auf ihn wie ein Blitzstrahl. Seine Arme hoben sich nicht, um sie an seine Brust zu drücken; sie waren dazu nicht imstande. Die Mutter und die Schwester umschlangen ihn herzlich, küßten ihn, lachten und weinten. Er tat einen Schritt, wankte und stürzte ohnmächtig zu Boden.

Aufregung, Laute des Schreckens, ängstliches Stöhnen! … Rasumichin, der auf der Schwelle stehengeblieben war, flog ins Zimmer, faßte den Kranken in seine starken Arme, und einen Augenblick darauf lag dieser auf dem Sofa.

»Das hat weiter nichts zu bedeuten!« rief er der Mutter und der Schwester zu. »Es ist nur eine Ohnmacht, eine Kleinigkeit! Der Arzt hat noch vor ein paar Minuten gesagt, daß es ihm weit besser geht und er schon wieder vollkommen gesund ist! Wasser, bitte! … Na, sehen Sie wohl, er kommt schon wieder zu sich, er ist wieder bei Bewußtsein!«

Er faßte Dunja so kräftig an der Hand, daß er ihr fast den Arm ausrenkte, und zog sie nieder, damit sie sähe, daß er »schon wieder bei Bewußtsein« sei. Die Mutter und die Schwester blickten mit Rührung und Dankbarkeit auf Rasumichin, wie auf einen himmlischen Retter; sie hatten schon von Nastasja gehört, welch ein unschätzbarer Helfer für ihren Rodja während der ganzen Dauer der Krankheit dieser Rasumichin gewesen sei. »Ein gewandter junger Mann!« sagte von ihm Pulcheria Alexandrowna Raskolnikowa selbst an diesem Abende, als sie mit Dunja allein war.

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Kapitel 15

I

Raskolnikow richtete sich auf und setzte sich auf dem Sofa aufrecht hin.

Er machte mit einer matten Handbewegung Rasumichin ein Zeichen, daß er mit dem Schwalle unzusammenhängender, eifriger Tröstungen, die er an Mutter und Schwester richtete, aufhören möchte, ergriff die Hände der beiden Frauen und blickte fast zwei Minuten lang schweigend bald die Mutter, bald die Schwester an. Die Mutter erschrak vor seinem Blicke. In diesem Blicke lag grenzenlose Liebe, aber zugleich etwas Starres, das an Irrsinn streifte. Pulcheria Alexandrowna brach in Tränen aus.

Awdotja Romanowna war blaß; ihre Hand zitterte in der des Bruders.

»Geht mit ihm nach eurer Wohnung«, sagte er abgebrochen und zeigte auf Rasumichin. »Bis morgen; morgen wird alles … Seid ihr schon lange da?«

»Heute abend sind wir angekommen, Rodja«, antwortete Pulcheria Alexandrowna. »Der Zug hatte viel Verspätung. Aber ich verlasse dich jetzt um keinen Preis, Rodja. Ich bleibe die Nacht hier um dich …«

»Quält mich nicht!« sagte er gereizt und mit einer abwehrenden Handbewegung.

»Ich, ich werde bei ihm bleiben!« rief Rasumichin. »Ich werde ihn keinen Augenblick allein lassen. Meine Gäste bei mir zu Hause kann alle der Kuckuck holen! Sollen sie meinetwegen die Wände hoch gehen! Mein Onkel kann da die Honneurs machen!«

»Wie soll ich Ihnen nur danken …«, fing Pulcheria Alexandrowna an und drückte Rasumichin von neuem die Hand; aber Raskolnikow unterbrach sie.

»Ich kann nicht, ich kann nicht!« sagte er in nervöser Erregung. »Quält mich nicht! Laßt es nun genug sein, geht weg … Ich kann nicht! …«

»Wir wollen gehen, Mama; wenigstens für einen Augenblick wollen wir aus dem Zimmer hinausgehen!« flüsterte die erschrockene Dunja. »Wir schaden ihm; das ist doch klar.«

»Aber soll ich ihn denn wirklich nicht eine Weile mehr ansehen dürfen, nach drei langen Jahren der Trennung!« rief Pulcheria Alexandrowna unter Tränen.

Jedoch Raskolnikow hielt sie wieder zurück: »Wartet! Ihr unterbrecht mich immer, und dann verwirren sich bei mir die Gedanken … Habt ihr Lushin gesehen?«

»Nein, Rodja, aber er weiß schon, daß wir angekommen sind. Wir haben gehört, Rodja, daß Pjotr Petrowitsch so freundlich war, dich heute zu besuchen«, fügte Pulcheria Alexandrowna einigermaßen verlegen hinzu.

»Ja, … er war so freundlich! … Dunja, ich habe heute zu diesem Lushin gesagt, ich würde ihn die Treppe hinunterwerfen, und habe ihn zum Teufel gejagt …«

»Rodja, was redest du! Du willst doch nicht sagen …«, fing Pulcheria Alexandrowna erschrocken an; aber ein Blick auf Dunja ließ sie verstummen.

Dunja sah ihren Bruder aufmerksam an und wartete, was noch weiter kommen werde. Die beiden Frauen waren bereits durch Nastasja von dem Streite benachrichtigt worden, soweit diese etwas davon hatte begreifen können und wiederzugeben vermochte, und hatten in Ungewißheit und Erwartung die größte Pein erduldet.

»Dunja«, sprach Raskolnikow mit Anstrengung weiter, »ich wünsche diese Heirat nicht, und darum mußt du morgen Herrn Lushin gleich beim ersten Worte eine Absage geben, damit wir von ihm nichts mehr sehen und hören.«

»Mein Gott!« rief Pulcheria Alexandrowna.

»Aber Bruder, bedenke doch, was du da sprichst!« begann Dunja aufbrausend; indes sie beherrschte sich sofort wieder. »Du bist vielleicht jetzt nicht imstande, das ordentlich zu überlegen; du bist müde«, sagte sie sanft.

»Du meinst wohl gar, daß ich im Fieber rede? Nein … Du willst Lushin um meinetwillen heiraten. Aber ich nehme dieses Opfer nicht an. Und darum schreibe morgen einen Brief … mit der Absage … Gib ihn mir morgen früh zum Durchlesen, und dann ist die Sache zu Ende.«

»Das kann ich nicht tun!« rief das junge Mädchen gekränkt. »Mit welchem Rechte …«

»Dunjetschka, auch du wirst zu heftig; hör auf; morgen … Siehst du denn nicht …«, rief die erschrockene Mutter und stürzte zu Dunja hin. »Ach, es ist wohl das beste, wir gehen!«

»Er redet im Fieber!« schrie der angetrunkene Rasumichin. »Sonst würde er sich nicht erdreisten, so zu sprechen! Morgen werden all diese dummen Gedanken verflogen sein. Aber daß er ihn heute hinausgejagt hat, ist Tatsache. Das hat sich wirklich so abgespielt. Na, und der wurde schön wütend! … Er hat hier große Reden gehalten, wollte uns mit seinen Kenntnissen imponieren; zuletzt mußte er aber doch mit eingekniffenem Schwanze abziehen.«

»Also das ist wahr?« rief Pulcheria Alexandrowna.

»Bis morgen, Bruder«, sagte Dunja mitleidig. »Wir wollen gehen, Mama! … Auf Wiedersehen, Rodja!«

»Hörst du wohl, Schwester«, rief er ihr nach, indem er seine letzten Kräfte zusammennahm, »ich rede nicht im Fieber; diese Heirat ist eine Gemeinheit. Und mag ich ein Schuft sein; aber du sollst nicht … genug, daß einer … und wenn ich auch ein Schuft bin, aber so eine Schwester werde ich nicht als Schwester anerkennen. Entweder ich oder Lushin! Nun geht …«

»Du bist wohl verrückt geworden, du Tyrann du!« brüllte Rasumichin.

Aber Raskolnikow antwortete nicht mehr und hatte vielleicht auch nicht die Kraft dazu. Er streckte sich auf dem Sofa lang aus und wendete sich völlig erschöpft nach der Wand. Awdotja Romanowna blickte mit lebhaftem Interesse Rasumichin an; ihre schwarzen Augen glänzten; Rasumichin zuckte unter diesem Blicke ordentlich zusammen. Pulcheria Alexandrowna stand wie versteinert da.

»Ich kann unter keinen Umständen weggehen!« flüsterte sie ganz verzweifelt Rasumichin zu. »Ich bleibe hier, es wird sich schon irgendein Plätzchen für mich finden … Begleiten Sie meine Tochter nach Hause.«

»Sie werden damit alles verderben«, erwiderte, gleichfalls flüsternd, Rasumichin in größter Erregung. »Kommen Sie wenigstens hinaus auf die Treppe. Nastasja, leuchte uns! Ich versichere Ihnen«, fuhr er immer noch mit leiser Stimme fort, als sie bereits auf der Treppe waren, »er hätte heute mich und den Arzt beinahe geprügelt! Verstehen Sie wohl? Sogar den Arzt! Und der tat ihm den Willen, um ihn nicht zu reizen, und ging fort; und ich blieb unten, um auf ihn aufzupassen; aber er kleidete sich an und ging mir davon. Er wird uns auch jetzt davongehen, wenn Sie ihn reizen, mitten in der Nacht, und dann tut er sich womöglich etwas an …«

»Um Gottes willen, was sagen Sie da!«

»Ja, und dann kann auch Awdotja Romanowna unmöglich in diesem Hotel garni ohne Sie allein bleiben. Bedenken Sie nur, was das für ein Haus ist, in dem Sie da eingekehrt sind! Dieser Schuft, der Pjotr Petrowitsch, hätte Ihnen doch auch eine bessere Wohnung … Aber, wissen Sie, ich bin ein bißchen betrunken, und darum kam mir ein Schimpfwort in den Mund; lassen Sie es unbeachtet …«

»Ich möchte hier zu der Wirtin gehen«, entgegnete Pulcheria Alexandrowna, die sich von ihrer Absicht noch nicht abbringen ließ, »und sie bitten, mir und meiner Tochter ein Plätzchen für diese Nacht einzuräumen. Aber ihn so verlassen, das kann ich nicht, das kann ich nicht!«

Während dieses Gesprächs standen sie auf dem Treppenflur dicht vor der Tür zur Wohnung der Wirtin. Nastasja stand schon auf einer tieferen Stufe und leuchtete ihnen. Rasumichin befand sich in großer Aufregung. Noch vor einer halben Stunde, als er Raskolnikow nach Hause begleitete, hatte er zwar eine übermäßige Geschwätzigkeit bewiesen, deren er sich übrigens selbst bewußt gewesen war, war aber dabei doch völlig frisch und munter gewesen, trotz der gewaltigen Menge Alkohol, die er an diesem Abend zu sich genommen hatte. Jetzt aber war er in eine Art von Verzückung geraten, und gleichzeitig schien der getrunkene Branntwein ihm plötzlich von neuem und mit verdoppelter Kraft in den Kopf gestiegen zu sein. Er stand mit den beiden Damen da, hatte sie beide an den Händen gefaßt, suchte sie eifrig zu überreden und entwickelte ihnen seine Gründe mit erstaunlicher Offenherzigkeit; wahrscheinlich um sie besser zu überzeugen, preßte er ihnen beiden bei jedem Worte die Hände wie in einem Schraubstocke schmerzhaft zusammen; dabei verschlang er Awdotja Romanowna geradezu mit den Augen, ohne sich im geringsten Zwang aufzuerlegen. Vor Schmerz versuchten sie ab und zu, ihre Hände aus seinen gewaltigen, knochigen Tatzen herauszureißen; aber er merkte gar nicht, wie es damit stand, sondern zog sie nur immer fester zu sich heran. Hätten sie ihn aufgefordert, sich ihnen zu Gefallen kopfüber die Treppe hinabzustürzen, so hätte er es sofort getan, ohne Überlegen und ohne Zaudern. Pulcheria Alexandrowna, die durch die Sorge um ihren Rodja in größter Unruhe war, hatte zwar die Empfindung, daß der junge Mann sich etwas exzentrisch benehme und ihr gar zu schmerzhaft die Hand drücke; aber da er gleichzeitig für sie eine Art von hilfreichem Engel war, so wollte sie all diese kleinen Übertreibungen nicht weiter beachten. Dem jungen Mädchen aber fielen, obgleich sie von derselben Unruhe erfüllt war, die von einem wilden Feuer funkelnden Blicke des Freundes ihres Bruders gar sehr auf, und obgleich sie nicht von schreckhaftem Charakter war, versetzten sie sie in Verlegenheit, ja fast in Furcht, und nur das unbegrenzte Vertrauen, welches Nastasjas Erzählungen ihr zu diesem sonderbaren Menschen eingeflößt hatten, hielt sie davon ab, wegzulaufen und ihre Mutter mit fortzuziehen. Auch sagte sie sich, daß es augenblicklich vielleicht geradezu unmöglich sei, ihm wegzulaufen. Zehn Minuten darauf hatte sie sich aber bereits erheblich beruhigt. Es war eine Eigenheit Rasumichins, in welchem Zustande er sich auch befinden mochte, sein ganzes Wesen in kürzester Zeit rückhaltlos aufzudecken, so daß ein jeder baldigst wußte, mit wem er es zu tun hatte.

»Zu der Wirtin können Sie unmöglich; das ist ein ganz verdrehter Gedanke!« rief er in dem eifrigen Bemühen, Pulcheria Alexandrowna zu überzeugen. »Sie sind zwar seine Mutter; aber trotzdem wird ihn Ihr Hierbleiben rasend machen, und was dann daraus wird, das mag der Teufel wissen! Also hören Sie mal, was ich tun will: jetzt bleibt Nastasja bei ihm sitzen, und ich begleite Sie beide nach Ihrer Wohnung; denn allein können Sie nicht auf die Straße; bei uns in Petersburg ist es in dieser Hinsicht … Na, schweigen wir davon! … Dann laufe ich von Ihnen sofort wieder hierher zurück und bringe Ihnen nach einer Viertelstunde (Ehrenwort!) genauen Bericht: wie es ihm geht, ob er schläft oder nicht usw. Darauf, hören Sie nur zu, darauf laufe ich von Ihnen flink zu mir nach Hause; da habe ich Gäste sitzen, die sind alle betrunken; da bemächtige ich mich Sossimows – das ist der Arzt, der ihn behandelt, der sitzt jetzt auch bei mir; der ist aber nicht betrunken, der betrinkt sich nie! Den schleppe ich zu Rodja, und dann komme ich sofort wieder zu Ihnen; mithin bekommen Sie binnen einer Stunde zwei Berichte über ihn, und zwar den einen vom Arzte, verstehen Sie wohl! vom Arzte selbst; das ist eine ganz andre Sache als bloß von mir! Sollte es schlimm stehen, so schwöre ich Ihnen, ich bringe Sie wieder hierher; wenn es aber gut geht, nun, dann legen Sie sich ruhig schlafen. Ich für meine Person aber werde die ganze Nacht hier zubringen, auf dem Flur; davon wird Rodja nichts hören; und was Sossimow anlangt, so werde ich anordnen, daß er in der Wohnung der Wirtin übernachtet, damit wir ihn zur Hand haben. Na, was ist für ihn jetzt besser: Sie oder der Arzt? Der Arzt ist doch nützlicher, entschieden nützlicher. Na, also gehen Sie nun nach Hause! Bei der Wirtin können Sie nicht bleiben; ich könnte es wohl; aber Sie können es nicht: sie würde Sie gar nicht hereinlassen, weil sie … nun, weil sie eben eine Närrin ist … Nämlich, wenn Sie den Grund wissen wollen: sie hat mich sehr in ihr Herz geschlossen und würde sofort auf Awdotja Romanowna eifersüchtig werden, und auf Sie auch … Auf Awdotja Romanowna aber ganz bestimmt. Sie hat einen unberechenbaren Charakter, aber auch ganz unberechenbar! Ich bin übrigens auch ein Narr … Na. darauf kommt es nicht an. Kommen Sie! Haben Sie zu mir Vertrauen? Na, sagen Sie: ja oder nein?«

»Kommen Sie, Mama«, sagte Awdotja Romanowna, »er wird gewiß tun, was er versprochen hat. Er hat unserm Rodja schon einmal das Leben gerettet, und wenn sich der Arzt wirklich bereit findet, hier zu übernachten, so ist das doch gewiß das allerbeste.«

»Sehen Sie wohl, sehen Sie wohl, … Sie, ja Sie verstehen mich, weil Sie ein Engel sind!« rief Rasumichin in höchstem Entzücken. »Machen wir uns also auf den Weg! Nastasja, geh flink nach oben und bleib da bei ihm sitzen, mit dem Lichte; in einer Viertelstunde bin ich auch wieder da …«

Obwohl Pulcheria Alexandrowna noch nicht vollständig überzeugt war, so widersetzte sie sich doch nicht länger. Rasumichin gab jeder von ihnen einen Arm und zog sie die Treppe hinunter. Indessen hatte die Mutter in bezug auf ihn doch noch eine Sorge: ›Er ist ja ein geschickter und braver Mensch; wird er aber auch imstande sein, sein Versprechen auszuführen? Bei dem Zustande, in dem er sich befindet!‹

»Ich merke, Sie haben Bedenken wegen meines Zustandes!« unterbrach Rasumichin ihre Gedanken, die er erraten hatte, und ging dabei mit seinen gewaltigen Schritten auf dem Trottoir so schnell vorwärts, daß die beiden Damen kaum mitkommen konnten, was er übrigens gar nicht beachtete. »Dummes Zeug! Das heißt, ich meine: betrunken bin ich ja wie ein Affe; aber das ist ganz egal; meine Betrunkenheit rührt nicht vom Schnaps her. Sondern sowie ich Sie erblickte, da stieg mir auf einmal etwas in den Kopf … Aber kümmern Sie sich um mich weiter gar nicht! Achten Sie nicht auf mich: ich schwatze lauter Unsinn zusammen; ich bin Ihrer unwürdig … Ich bin Ihrer im höchsten Grade unwürdig! Sobald ich Sie nach Hause gebracht habe, gieße ich mir gleich hier am Kanal zwei Eimer Wasser über den Kopf; dann bin ich wieder in Ordnung … Wenn Sie nur wüßten, wie sehr ich Sie beide liebe! … Lachen Sie nicht, und seien Sie nicht böse! … Seien Sie auf alle Menschen böse, bloß nicht auf mich! Ich bin Rodjas Freund, folglich bin ich auch Ihr Freund. Ich möchte so gern … Ich habe es schon vorher geahnt, … schon im vorigen Jahre hatte ich einmal so einen Augenblick … Übrigens habe ich gar nichts geahnt; denn Sie sind ja ganz plötzlich wie vom Himmel heruntergefallen. Ich werde vielleicht die ganze Nacht nicht schlafen können … Dieser Sossimow fürchtete heute, Rodja könnte den Verstand verlieren. Darum darf man ihn nicht reizen …«

»Was sagen Sie da!« rief die Mutter.

»Hat der Arzt das wirklich so gesagt?« fragte Awdotja Romanowna erschrocken.

»Gesagt hat er es; aber es ist nicht an dem, ganz und gar nicht. Er hat ihm auch so eine Medizin gegeben, ein Pulver; ich habe es selbst gesehen. Und nun sind Sie auf einmal gekommen … Ach … Sie hätten lieber erst morgen kommen sollen! Nur gut, daß wir weggegangen sind. In einer Stunde wird Ihnen Sossimow selbst über alles Rapport erstatten. Ja, der ist nie betrunken! Und ich werde mich auch nicht mehr betrinken … Und wie ist das gekommen, daß ich mich so beduselt habe? Das ist daher gekommen, weil sie mich in eine Debatte hineingezogen haben, die verdammten Kerle! Und ich hatte mir selbst ein eidliches Versprechen gegeben, nie mehr zu debattieren!

… Aber was schwafelten die Menschen für einen Blödsinn zusammen! Am liebsten hätte ich auf sie losgeprügelt! Ich habe meinen Onkel dagelassen; der kann den Hausherrn spielen … Na, können Sie das glauben: sie verlangen, man solle sich seiner persönlichen Eigenheiten völlig entäußern, und darin finden sie ihr Ideal! Nur ja nicht man selbst sein, nur möglichst wenig individuell sein! Und das halten sie für das höchste Ziel fortschrittlicher Entwicklung. Und wenn ihr unsinniges Geschwätz wenigstens etwas Eigenes hätte; aber…«

»Gestatten Sie …«, unterbrach ihn Pulcheria Alexandrowna schüchtern. Aber dadurch kam er nur noch mehr in Harnisch.

»Ja, was meinen Sie denn?« schrie Rasumichin noch lauter. »Meinen Sie etwa, ich ereifere mich darüber, daß die Kerle Unsinn reden? Dummes Zeug! Ich habe das sogar ganz gern, wenn die Leute Unsinn reden! Das Unsinnreden ist das einzige Privilegium, das der Mensch vor allen übrigen organischen Wesen hat. Wer Unsinn redet, der gelangt zur Wahrheit! Daß ich Unsinn rede, das macht mich erst recht eigentlich zum Menschen. Zu keiner einzigen Wahrheit ist man gelangt, ohne daß man vorher vierzehnmal, vielleicht auch hundertvierzehnmal Unsinn geredet hätte, und das ist etwas sehr Achtbares, wenn es in individueller Weise geschieht; na, aber wir verstehen nicht einmal, mit unserm eigenen Verstande Unsinn zu reden. Rede Unsinn, aber tue es auf deine eigene Art, und ich gebe dir einen Kuß dafür. Auf seine eigne Art Unsinn zu reden, das ist sogar beinah besser, als nach allgemeinem Schema und nach fremdem Muster die Wahrheit zu reden; im ersten Falle ist man ein Mensch, im zweiten nur ein Papagei. Die Wahrheit wird uns nicht davonlaufen; wohl aber kann man durch jenen törichten Verzicht auf Individualität sich selbst das Leben verderben; dafür fehlt es nicht an Beispielen. Na, was sind wir denn jetzt? In bezug auf Wissenschaft, Fortschritt, Denken, Erfindungsgabe, Ideale, Bestrebungen, Liberalismus, Vernunft, Erfahrung und alles, alles, alles, alles, alles sitzen wir alle ohne Ausnahme gleichsam noch in der untersten Vorbereitungsklasse des Gymnasiums! Wir haben Gefallen daran gefunden, uns mit fremder Weisheit zu behelfen; wir haben uns daran gewöhnt! Ist es nicht so? Habe ich nicht recht?« rief Rasumichin, indem er die Hände der beiden Damen kräftig schüttelte und drückte. »Habe ich nicht recht?«

»O mein Gott, ich weiß es nicht«, sagte die arme Pulcheria Alexandrowna.

»Jawohl, jawohl, … obgleich ich nicht in allen Punkten mit Ihnen derselben Ansicht bin«, erwiderte Awdotja Romanowna ganz ernsthaft, stieß aber gleich darauf einen Schrei aus, so heftig hatte er diesmal ihre Hand zusammengepreßt.

»Ja? Sie sagen ja? Nun, dann … dann … dann sind Sie …«, rief er ganz begeistert, »dann sind Sie ein Ideal von Seelengüte, Reinheit, Vernunft und … Vollkommenheit! Geben Sie mir Ihre Hand, ich bitte darum, … und geben auch Sie mir die Ihrige; ich möchte Ihnen die Hände küssen, hier, gleich jetzt, auf den Knien!«

Mitten auf dem Trottoir, das zum Glück gerade menschenleer war, fiel er auf die Knie.

»Aber lassen Sie das doch, ich bitte Sie, was tun Sie denn!« rief Pulcheria Alexandrowna ganz bestürzt.

»Stehen Sie doch auf, stehen Sie doch auf!« sagte Awdotja Romanowna lachend, aber gleichfalls beunruhigt.

»Um keinen Preis, ehe Sie mir nicht Ihre Hände gegeben haben! So, so ist es recht, und nun genug, nun stehe ich auf, und wir wollen weitergehen! Ich bin ein unglücklicher Tölpel, ich bin Ihrer unwürdig, und ich bin betrunken und schäme mich … Sie zu lieben, bin ich nicht würdig; aber vor Ihnen die Knie zu beugen, das ist die Pflicht eines jeden, der nicht geradezu ein Stück Vieh ist! Und darum habe ich vor Ihnen die Knie gebeugt … Da ist auch Ihr Hotel garni, und schon aus diesem Grunde allein war Rodja durchaus im Rechte, als er heute Ihren Pjotr Petrowitsch hinauswarf! Wie konnte der Mensch es wagen, Sie in einem solchen Hause unterzubringen! Das ist ja ein Skandal! Wissen Sie wohl, an was für Personen da Zimmer abgegeben werden? Und Sie sind doch seine Braut! Sie sind doch seine Braut, nicht wahr? Na, dann sage ich Ihnen also, daß Ihr Bräutigam, wenn er so handelt, ein Schuft ist!«

»Erlauben Sie, Herr Rasumichin, Sie vergessen …«, begann Pulcheria Alexandrowna.

»,Ja, ja, Sie haben ganz recht, ich habe mich vergessen, ich schäme mich!« rief Rasumichin, seine Übereilung erkennend. »Aber … aber … Sie können mir nicht böse deswegen sein, weil ich so rede! Denn ich rede so, weil ich es wirklich so meine, und nicht etwa, weil … hm, das wäre ja gemein; mit einem Worte: nicht etwa, weil ich in Sie … hm! … na, lassen wir das; ich darf nicht; ich will nicht sagen, warum; ich wage es nicht! … Aber wir hatten heute, als er zu Rodja kam, alle das Gefühl, daß dieser Mensch nicht in unsern Kreis paßt. Nicht weil er sich das Haar vom Friseur hatte kräuseln lassen, nicht weil er es so eilig hatte, seinen Verstand zur Schau zu stellen, sondern weil er ein Aushorcher und Spekulant ist, ein Gauner; und das liegt auf der Hand. Meinen Sie, daß er klug ist? Nein, ein Dummkopf ist er, ein Dummkopf! Na, ist das etwa ein Mann für Sie? Ach, du mein Gott! Sehen Sie, meine Damen« (er blieb plötzlich auf der Treppe zu dem Hotel garni, die sie schon hinaufgingen, stehen), »wenn die Leute da in meiner Wohnung auch alle betrunken sind, aber ehrenhaft sind sie alle; und wenn wir auch Unsinn reden (denn ich rede auch Unsinn), so werden wir durch unser Unsinnreden schließlich doch zur Wahrheit hindurchdringen, weil wir auf einem anständigen Wege gehen; aber Pjotr Petrowitsch … der geht nicht auf einem anständigen Wege. Und obwohl ich eben gehörig auf sie geschimpft habe, so habe ich doch vor ihnen allen Achtung; und sogar was diesen Sametow betrifft, Achtung habe ich allerdings nicht vor ihm, aber ich habe ihn ganz gern, denn er ist noch wie ein junger Hund! Sogar vor diesem Vieh, dem Sossimow, habe ich Achtung, weil er ein ehrenhafter Mensch ist und seine Sache versteht. Aber genug, nun habe ich mir alles vom Herzen gesprochen, und ich hoffe, Sie haben mir nichts übelgenommen. Haben Sie mir auch nichts übelgenommen? Wirklich nicht? Nun, dann kommen Sie! Ich kenne diesen Korridor; ich bin schon mal hier gewesen; hier in Nummer drei war eine arge Skandalgeschichte … Nun, wo ist Ihr Zimmer? Was haben Sie für eine Nummer? Acht? Na, dann schließen Sie nur für die Nacht zu, und lassen Sie niemand herein. In einer Viertelstunde komme ich wieder und bringe Bericht, und dann wieder nach einer halben Stunde komme ich mit Sossimow, Sie werden sehen! Nun adieu! Ich werde mich beeilen!«

»Mein Gott, Dunjetschka, was wird aus all dem noch werden?« sagte Pulcheria Alexandrowna voll Angst und Unruhe zu ihrer Tochter.

»Beruhigen Sie sich, liebe Mama«, antwortete Dunja, während sie Hut und Mantille ablegte. »Diesen Herrn hat uns Gott selbst gesandt, obwohl er geradeswegs von einer Zecherei kommt. Man kann sich auf ihn verlassen; das ist meine feste Überzeugung. Und was er alles schon für Rodja getan hat …«

»Ach, Dunjetschka, Gott weiß, ob er wieder herkommen wird! Wie habe ich es nur fertigbringen können, Rodja allein zu lassen! … Daß ich ihn so wiederfinden würde, habe ich mir ja nicht träumen lassen! Wie finster er war, gerade als ob er sich über unsre Ankunft gar nicht freute …«

Die Tränen kamen ihr in die Augen.

»Nein, das ist nicht richtig, liebe Mama; Sie haben ihn nur nicht ordentlich sehen können; Sie haben ja immerzu geweint. Die schwere Krankheit hat ihn zu sehr heruntergebracht; das ist der ganze Grund.«

»Ach, diese Krankheit! Was nur daraus noch werden soll! Und wie er mit dir gesprochen hat, Dunja!« sagte die Mutter und blickte dabei ihrer Tochter schüchtern ins Gesicht, um ihre Gedanken dort abzulesen; indes war sie dadurch, daß Dunja soeben ihren Bruder in Schutz genommen hatte, schon halb getröstet; denn danach zu urteilen, mußte sie ihm doch verziehen haben. »Ich bin überzeugt, daß er morgen anders darüber denken wird«, fügte sie hinzu, um die Tochter vollends auszuforschen.

»Ich meinerseits bin überzeugt, daß er morgen ganz ebenso darüber reden wird«, erwiderte Awdotja Romanowna.

Hiermit schloß dieses Gespräch, weil das ein Punkt war, vor dessen näherer Erörterung der Mutter jetzt gar zu bange war. Dunja trat zu ihr hin und küßte sie. Diese schlang, ohne weiter ein Wort zu sagen, ihre Arme innig um die Tochter. Dann setzte sie sich hin, wartete unruhig auf Rasumichins Rückkehr und verfolgte schüchtern mit den Augen die Tochter, die, gleichfalls wartend, die Arme über der Brust verschränkt, tief in Gedanken versunken im Zimmer auf und ab ging. Dieses nachdenkliche Hin- und Hergehen von einer Ecke nach der ändern war schon von jeher Dunjas Gewohnheit gewesen, und die Mutter scheute dann immer, sie in ihren Überlegungen zu stören.

Rasumichin machte ja natürlich eine komische Figur mit seiner so plötzlich in der Trunkenheit entbrannten Leidenschaft für Awdotja Romanowna; aber wer sie ansah, namentlich jetzt, wo sie mit verschränkten Armen traurig und nachdenklich im Zimmer auf und ab ging, der konnte seinen Affekt, auch abgesehen von seinem exaltierten Zustande, recht wohl entschuldbar finden. Awdotja Romanowna war eine außerordentlich schöne Erscheinung, von hohem Wuchs und wundervoller Figur, kräftig und selbstbewußt, was in jeder ihrer Bewegungen zum Ausdruck kam, ohne jedoch der Weichheit und Anmut derselben im geringsten abträglich zu sein. Im Gesicht hatte sie mit ihrem Bruder Ähnlichkeit; aber man konnte sie geradezu eine Schönheit nennen. Ihr Haar war dunkelblond, etwas heller als das des Bruders; die Augen waren fast schwarz, glänzend, stolzblickend, hatten aber dabei doch zeitweilig etwas überaus Freundliches. Sie war blaß, aber diese Blässe hatte nichts Kränkliches; ihr Gesicht strahlte vielmehr von Frische und Gesundheit. Ihr Mund war etwas klein; die frische, rote Unterlippe stand ein ganz klein wenig zu weit vor, ebenso wie das Kinn – die einzige Unregelmäßigkeit in diesem schönen Gesichte, die ihm aber den Ausdruck besonderer Charakterfestigkeit, ja sogar einen Anschein von Hochmut verlieh. Ihre Mienen waren gewöhnlich mehr nachdenklich und ernst als heiter; aber wie schön stand dafür auch diesem Gesichte ein gelegentliches Lächeln, ein frohes, jugendliches, sorgloses Lachen! Kein Wunder, daß der feurige, offenherzige, schlichte, ehrliche, hünenhafte und betrunkene Rasumichin, der noch nie etwas Ähnliches gesehen hatte, gleich beim ersten Blicke den Kopf verlor. Dazu kam noch, daß ihm der Zufall wie mit besondrer Absicht Awdotja Romanowna zuerst in dem schönen Augenblicke zeigte, da sie von der Liebe zum Bruder und von der Freude über das Wiedersehen mit ihm verklärt war. Später sah er dann, wie bei den herrischen, schroffen Forderungen des Bruders ihre Unterlippe vor Unwillen bebte – und er konnte nicht widerstehen.

Er hatte übrigens die Wahrheit gesagt, als er vorher in seiner Betrunkenheit auf der Treppe damit herausgeplatzt war, daß Raskolnikows überspannte Wirtin, Praskowja Pawlowna, nicht nur auf Awdotja Romanowna, sondern womöglich auch auf Pulcheria Alexandrowna eifersüchtig werden würde, in der Besorgnis, eine von ihnen könne ihr den neuen Verehrer abspenstig machen. Obwohl Pulcheria Alexandrowna bereits dreiundvierzig Jahre alt war, hatte ihr Gesicht immer noch Spuren ihrer früheren Schönheit bewahrt, und außerdem schien sie weit jünger, als sie wirklich war, wie das der Regel nach bei Frauen der Fall ist, die sich die Heiterkeit der Seele, die Frische der Empfindung und die ehrliche, reine Wärme des Herzens bis ins Alter hinein bewahren. Wir wollen in Parenthese bemerken, daß die Erhaltung all dieser seelischen Eigenschaften eben das einzige Mittel ist, um sich die Schönheit sogar bis ins Alter hinüberzuretten. Ihr Haar fing bereits an zu ergrauen und dünner zu werden; kleine, strahlenförmige Fältchen hatten sich schon längst um die Augen herum gebildet; die Wangen waren infolge von Sorgen und Kummer eingesunken und zusammengetrocknet; aber trotz alledem war dieses Gesicht schön. Es war ein Ebenbild von Awdotja Romanownas Gesicht, nur zwanzig Jahre älter und ohne das Charakteristische der Unterlippe, die bei der Mutter nicht so hervorstand. Pulcheria Alexandrowna war feinfühlend, aber nicht bis zur Süßlichkeit; sie war schüchtern und nachgiebig, aber nur bis zu einer bestimmten Grenze: sie konnte in vielem nachgeben, sich in vieles fügen, sogar wo es gegen ihre Überzeugung ging; aber dabei blieb doch immer eine Grenzlinie der Ehrenhaftigkeit, der moralischen Grundsätze und der innersten Überzeugungen bestehen, zu deren Überschreitung keinerlei Verhältnisse sie veranlassen konnten.

Genau zwanzig Minuten nach Rasumichins Weggehen hörten die Frauen, daß jemand mit dem Finger zweimal leise, aber hastig an die Tür pochte; er war zurückgekehrt.

»Ich komme nicht herein, ich habe keine Zeit!« sagte er eilig, als ihm geöffnet worden war. »Er schläft wie ein Bär, fest und ruhig; Gott gebe, daß er zehn Stunden so durchschläft. Nastasja ist bei ihm; ich habe ihr befohlen, nicht eher wegzugehen, als bis ich wieder da bin. Jetzt will ich Sossimow hinschleppen; er wird Ihnen Rapport erstatten, und dann legen Sie sich auch schlafen; ich sehe ja, daß Sie vollständig erschöpft sind …«

Damit lief er von ihnen weg den Korridor entlang.

»Was für ein gewandter und gefälliger junger Mann!« rief Pulcheria Alexandrowna hocherfreut.

»Ja, er scheint ein prächtiger Mensch zu sein«, antwortete Awdotja Romanowna mit besonderer Wärme und begann wieder im Zimmer hin und her zu gehen.

Fast eine Stunde später wurden Schritte auf dem Korridor vernehmbar, und es wurde wieder an die Tür geklopft. Die beiden Frauen hatten diesmal die Wartezeit in vollem Vertrauen auf Rasumichins Versprechen ausgehalten; und er brachte auch wirklich Sossimow mit herbeigeschleppt. Sossimow hatte sich ohne weiteres bereit finden lassen, das Zechgelage zu verlassen und bei Raskolnikow einen ärztlichen Besuch zu machen; aber zu den Damen war er nur ungern und mit großem Mißtrauen mitgekommen, da er den Angaben des betrunkenen Rasumichin nicht recht geglaubt hatte. Aber er fühlte sich in seiner Eigenliebe sogleich beruhigt und sogar geschmeichelt, als er sah, daß man auf ihn wirklich wie auf einen Orakelgott gewartet hatte. Er blieb nur zehn Minuten sitzen, und es gelang ihm in dieser Zeit, Pulcheria Alexandrowna vollständig von seiner Ansicht zu überzeugen und zu beruhigen. Er sprach mit großer Teilnahme, aber sehr gemessen und in geflissentlich ernstem Tone, ganz wie es sich für einen siebenundzwanzigjährigen Arzt bei einer wichtigen Konsultation schickt; mit keinem Worte schweifte er von dem Gegenstande ab und ließ nicht den leisesten Wunsch durchblicken, mit den beiden Damen in mehr persönliche und private Beziehungen zu treten. Als er gleich beim Eintritt bemerkt hatte, wie blendend schön Awdotja Romanowna war, gab er sich Mühe, sie während der ganzen Dauer seines Besuchs überhaupt nicht zu beachten, sondern sich ausschließlich an Pulcheria Alexandrowna zu wenden. Dies alles gewährte ihm eine ganz besondere innere Befriedigung. Was den Kranken anlangte, so erklärte er, daß er ihn augenblicklich in sehr befriedigendem Zustande gefunden habe. Nach seinen Beobachtungen habe die Krankheit des Patienten, außer der üblen materiellen Lage desselben in den letzten Monaten, noch einige seelische Ursachen; sie sei sozusagen das Produkt vieler ineinandergreifender seelischer und materieller Einwirkungen, starker Aufregungen, Befürchtungen, Sorgen, gewisser Ideen usw. Da er so beiläufig wahrnahm, daß Awdotja Romanowna hier mit ganz besonderer Aufmerksamkeit zuhörte, verbreitete er sich über dieses Thema etwas ausführlicher. Auf Pulcheria Alexandrownas ängstliche, schüchterne Frage betreffs des früher von ihm geäußerten Verdachtes einer geistigen Störung antwortete er mit ruhigem, offenem Lächeln, man habe da seinen Worten einen übertriebenen Sinn untergelegt; es sei allerdings bei dem Kranken eine Art von fixer Idee wahrnehmbar, eine gewisse Andeutung von Monomanie (er, Sossimow, widme jetzt diesem außerordentlich interessanten Gebiete der Medizin ein besonderes Studium); aber man müsse sich doch den Umstand gegenwärtig halten, daß der Kranke fast bis zum heutigen Tage im Fieber gelegen habe, und … und jedenfalls werde nun die Ankunft seiner Angehörigen eine kräftigende Wirkung auf ihn ausüben, ihn zerstreuen und zu seiner Genesung beitragen, vorausgesetzt, daß (wie er bedeutsam hinzufügte) es gelinge, neue außerordentliche Erschütterungen von ihm fernzuhalten. Dann stand er auf und verabschiedete sich ruhig und treuherzig, von den heißen Danksagungen der beiden Frauen begleitet; Awdotja Romanowna streckte ihm sogar ganz von selbst die Hand hin und drückte die seine herzlich. So ging er fort, sehr zufrieden mit seinem Besuche und noch mehr mit sich selbst.

»Morgen reden wir darüber weiter; jetzt legen Sie sich jedenfalls hin!« fügte Rasumichin, der mit Sossimow zusammen wegging, ermahnend hinzu. »Morgen, so früh wie möglich, bin ich mit einem Rapport bei Ihnen.«

»Aber was ist diese Awdotja Romanowna für ein scharmantes Mädchen!« bemerkte Sossimow, sich die Lippen leckend, als sie beide auf die Straße traten.

»Scharmant? Du hast gesagt: scharmant!« brüllte Rasumichin, stürzte sich plötzlich auf Sossimow und packte ihn an der Gurgel. »Wenn du es noch ein einziges Mal wagst … Verstehst du mich? Verstehst du mich?« schrie er, schüttelte ihn am Kragen und drückte ihn gegen die Mauer. »Hast du gehört?«

»Laß mich los, du besoffener Kerl du!« rief Sossimow, sich wehrend. Dann, als der andre ihn losgelassen hatte, blickte er ihn prüfend an und brach auf einmal in schallendes Gelächter aus. Rasumichin stand mit schlaff herabhängenden Armen vor ihm, in ernstem, finsterem Sinnen.

»Natürlich, bin ich ein Esel«, sagte er finster wie eine Gewitterwolke, »aber du bist auch einer.«

»Aber nein, Bruder, ich ganz und gar nicht. Ich habe keine solchen dummen Gedanken im Kopfe.«

Sie gingen schweigend weiter, und erst als sie sich der Wohnung Raskolnikows näherten, unterbrach Rasumichin, von Sorge gequält, das Stillschweigen.

»Höre mal«, sagte er zu Sossimow, »du bist ja ein prächtiger Mensch; aber du bist, selbst abgesehen von deinen sonstigen häßlichen Eigenschaften, auch noch ein Liedrian, das weiß ich, und sogar einer von den allerschlimmsten. Du bist ein nervöser, schwächlicher Taugenichts, hast allerlei Kapricen, bist fett geworden und kannst dir nichts versagen; und das nenne ich schon unwürdig, denn es führt geradeswegs zur Unwürdigkeit. Du hast dich so verweichlicht, daß ich, offen gestanden, schlechterdings nicht begreife, wie du dabei doch ein guter und sogar aufopferungsfähiger Arzt sein kannst. Schläft in einem weichen Federbett (ein Hohn auf die ärztliche Wissenschaft!) und steht trotzdem in der Nacht auf, wenn er zu einem Kranken gerufen wird! Nach drei Jahren wirst du nicht mehr um eines Kranken willen aufstehen … Na, zum Kuckuck, das gehört ja alles nicht hierher, sondern ich wollte sagen: du schläfst heute in der Wohnung der Wirtin (ich habe meine liebe Not gehabt, sie zu überreden), und ich in der Küche; da habt ihr die beste Gelegenheit, miteinander näher bekannt zu werden! Ich meine nicht das, woran du denkst! Davon kann nicht im entferntesten die Rede sein …«

»Ich denke ja auch gar nicht daran.«

»Du wirst an ihr eine schamhafte, schweigsame, schüchterne Frauensperson von einer geradezu verstockten Keuschheit kennenlernen; und trotzdem, wenn ihr einer etwas vorseufzt, so zerschmilzt sie wie Wachs, ja, sie zerschmilzt ordentlich! Befreie mich von ihr, nimm sie mir ab, ich bitte dich um des Teufels willen! Sie ist ein ganz famoses Frauenzimmer! … Ich werde es dir vergelten, mit meinem letzten Blutstropfen!«

Sossimow lachte noch toller als vorher.

»Du bist ja ganz aufgeregt! Aber was soll ich denn mit ihr?«

»Ich versichere dir, du wirst nicht viel Umstände damit haben; du brauchst nur irgendeinen beliebigen Quatsch zu reden; du brauchst dich nur neben sie hinzusetzen und zu reden. Und außerdem bist du ja Arzt; da kannst du sie ja an einer beliebigen Krankheit behandeln. Ich schwöre dir, du wirst es nicht bereuen. Sie hat ein Klavier in ihrer Wohnung stehen; ich klimpere ja ein bißchen, wie du weißt; und nun habe ich da so ein kleines Lied, das ich spiele, ein echtes russisches Volkslied: ›Ich vergieße heiße Tränen‹ … Sie liebt solche echten Volkslieder – na also, mit dem Liede hat denn auch unser zartes Verhältnis begonnen; aber du bist ja nun gar ein Virtuose auf dem Klavier, ein wahrer Meister, ein zweiter Rubinstein … Ich versichere dir, du wirst es nicht bereuen!«

»Aber hast du ihr denn irgendwelche Versprechungen gemacht, wie? Hast du eine formelle Unterschrift gegeben? Hast du ihr etwa die Ehe versprochen?«

»Nichts, nichts, absolut nichts von der Art! Und sie ist überhaupt nicht so eine; da wollte sich dieser Tschebarow an sie heranmachen …«

»Na, dann laß sie doch laufen!«

»Ich kann sie nicht so einfach laufen lassen!«

»Warum denn nicht?«

»Na, es geht eben nicht; da ist nicht weiter darüber zu reden! Es liegt da eine Art von elementarer Anziehungskraft vor.«

»Warum hast du sie denn betört?«

»Ich habe sie überhaupt nicht betört; ich habe mich sogar eher selbst betören lassen, in meiner Dummheit; ihr aber wird es sicherlich ganz gleich sein, ob ich ihr Verehrer bin oder du, wenn nur jemand neben ihr sitzt und ihr etwas vorseufzt. Du brauchst nur … Ich weiß nicht recht, wie ich dir das klarmachen soll, … du brauchst nur … Na, ich weiß, du warst doch ein guter Mathematiker und beschäftigst dich noch jetzt damit, … na also, fang an, mit ihr die Integralrechnung durchzunehmen; wahrhaftig, ich mache keinen Scherz, ich rede im Ernst, ihr wird das sicherlich ganz gleich sein: sie wird dich ansehen und seufzen, und das wird ihr ein ganzes Jahr hindurch nicht langweilig werden. Ich habe ihr unter anderm sehr lange, mehrere Tage hintereinander, etwas von dem preußischen Herrenhause vorerzählt (denn worüber soll man mit ihr reden?) – sie seufzte nur und schwitzte! Nur von Liebe mußt du nicht sprechen (denn sie ist von einer krampfhaften Zimperlichkeit); aber du mußt so tun, als könntest du es gar nicht übers Herz bringen, fortzugehen – damit ist sie dann ganz zufrieden. Es ist alles bei ihr sehr hübsch eingerichtet; man fühlt sich da ganz wie zu Hause; du kannst da lesen, sitzen, liegen, schreiben … Du kannst sie sogar küssen – wenn du es einigermaßen vorsichtig anfängst …«

»Ja, aber was habe ich von ihr?«

»Ach, wie soll ich dir das nur auseinandersetzen? Sieh mal: ihr beide paßt ganz vortrefflich zueinander! Ich hatte auch schon vorher an dich gedacht … Du wirst dich ja schließlich doch einmal so versorgen! Also kann es dir ja ganz gleich sein, ob früher oder später. Hier findest du so schöne, weiche Federbetten, Bruder – ach! und nicht bloß Federbetten! Hier fühlt sich auch das Herz wohl; hier ist ein wahres Eden, ein ruhiger Ankerplatz, ein stilles Asyl, ein Inbegriff von Pfannkuchen, fetten Fischpasteten, abendlichem Teetrinken, stillen Seufzern und warmen Jacken, behaglichen Plätzen am geheizten Ofen – na, es ist einem, als ob man gestorben wäre und doch gleichzeitig noch lebte, die Vorzüge beider Zustände vereinigt! Na, Bruder, ich habe dir wohl schon zu lange etwas vorgeschwärmt; es ist Zeit zum Schlafengehen! Hör mal: ich pflege in der Nacht manchmal aufzuwachen; na, da will ich dann hingehen und nach ihm sehen. Aber es ist ja weiter nichts mit ihm; dummes Zeug; es ist ja alles gut. Du brauchst dich auch nicht besonders zu inkommodieren; aber wenn du willst, kannst du ja auch gelegentlich einmal nachsehen. Und solltest du etwas bemerken, Fieber zum Beispiel oder Hitze oder so etwas, dann wecke mich gleich. Indes, es ist ja nicht anzunehmen …«

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Kapitel 1

I

An einem der ersten Tage des Juli – es herrschte eine gewaltige Hitze – verließ gegen Abend ein junger Mann seine Wohnung, ein möbliertes Kämmerchen in der S …gasse, und trat auf die Straße hinaus; langsam, wie unentschlossen, schlug er die Richtung nach der K … brücke ein.

Einer Begegnung mit seiner Wirtin auf der Treppe war er glücklich entgangen. Seine Kammer lag unmittelbar unter dem Dache des hohen, vierstöckigen Hauses und hatte in der Größe mehr Ähnlichkeit mit einem Schranke als mit einer Wohnung. Seine Wirtin, die ihm diese Kammer vermietet hatte und ihm auch das Mittagessen lieferte und die Bedienung besorgte, wohnte selbst eine Treppe tiefer, und jedesmal, wenn er das Haus verlassen wollte, mußte er notwendig auf der Treppe an ihrer Küche vorbeigehen, deren Tür fast immer weit offen stand. Und jedesmal, wenn der junge Mann vorbeikam, ergriff ihn ein peinliches Gefühl der Feigheit, dessen er sich stirnrunzelnd schämte. Er steckte bei der Wirtin tief in Schulden und fürchtete sich deshalb davor, mit ihr zusammenzutreffen.

Nicht daß Schüchternheit und Feigheit in seinem Charakter gelegen hätten; ganz im Gegenteil; aber er befand sich seit einiger Zeit in einem aufgeregten und gereizten Gemütszustande, der große Ähnlichkeit mit Hypochondrie hatte. Er hatte sich derartig in sein eigenes Ich vergraben und sich von allen Menschen abgesondert, daß er sich schlechthin vor jeder Begegnung scheute, nicht nur vor einer Begegnung mit seiner Wirtin. Die Armut hatte ihn völlig überwältigt; aber selbst diese bedrängte Lage empfand er in der letzten Zeit nicht mehr als lastenden Druck. Auf Brotarbeit hatte er ganz verzichtet; er hatte keine Lust mehr zu irgendwelcher Tätigkeit. In Wahrheit fürchtete er sich vor keiner Wirtin in der Welt, mochte sie gegen ihn im Schilde führen, was sie wollte. Aber auf der Treppe stehenzubleiben, allerlei Gewäsch über allen möglichen ihm ganz gleichgültigen Alltagskram, all diese Mahnungen ans Bezahlen, die Drohungen und Klagen anzuhören und dabei selbst sich herauszuwinden, sich zu entschuldigen, zu lügen – nein, da war es schon besser, wie eine Katze auf der Treppe vorbeizuschlüpfen und sich, ohne von jemand gesehen zu werden, flink davonzumachen.

Übrigens war er diesmal, als er auf die Straße hinaustrat, selbst erstaunt darüber, daß er sich so vor einer Begegnung mit seiner Gläubigerin fürchtete.

»Eine so große Sache plane ich, und dabei fürchte ich mich vor solchen Kleinigkeiten!« dachte er mit einem eigentümlichen Lächeln. »Hm… ja… alles hat der Mensch in seiner Hand, und doch läßt man sich alles an der Nase vorbeigehen, einzig und allein aus Feigheit… das ist schon so die allgemeine Regel… Merkwürdig: wovor fürchten die Menschen sich am meisten? Am meisten fürchten sie sich vor einem neuen Schritte, vor einem eignen neuen Worte… Übrigens schwatze ich viel zuviel. Darum handle ich auch nicht, weil ich soviel schwatze. Vielleicht aber liegt die Sache auch so: weil ich nicht handle, darum schwatze ich. Da habe ich nun in diesem letzten Monat das Schwatzen gelernt, wenn ich so ganze Tage lang im Winkel lag und an weiß Gott was dachte. Nun also: wozu gehe ich jetzt aus? Bin ich etwa imstande, das auszuführen? Ist es mir etwa Ernst damit? Ganz und gar nicht. Ich amüsiere mich nur mit einem müßigen Spiel der Gedanken; Tändelei! Ja, weiter nichts als Tändelei!«

Auf der Straße war eine furchtbare Hitze; dazu noch die drückende Schwüle und das Gedränge; überall Kalkhaufen, Baugerüste, Ziegelsteine, Staub und jener besondere Sommergestank, den jeder Petersburger, soweit er nicht in der Lage ist, in die Sommerfrische zu gehen, so gut kennt. All dies zerrte plötzlich auf das unangenehmste an den ohnehin schon reizbaren Nerven des jungen Mannes. Der unerträgliche Dunst aus den gerade in diesem Stadtteile besonders zahlreichen Kneipen und die Betrunkenen, auf die man trotz Werktag und Arbeitszeit fortwährend stieß, vollendeten das widerwärtige, traurige Kolorit dieses Bildes. Ein Ausdruck des tiefsten Ekels spielte einen Augenblick auf den feinen Zügen des jungen Mannes. (Um dies beiläufig zu erwähnen: er hatte ein ungewöhnlich hübsches Äußeres, schöne, dunkle Augen, dunkelblondes Haar, war über Mittelgröße, schlank und wohlgebaut.) Aber bald versank er in tiefes Nachdenken oder, richtiger gesagt, in eine Art von Geistesabwesenheit und schritt nun einher, ohne seine Umgebung wahrzunehmen; ja, er wollte sie gar nicht wahrnehmen. Nur ab und zu murmelte er etwas vor sich hin, zufolge jener Neigung, mit sich selbst zu reden, die er sich soeben selbst eingestanden hatte. Gleichzeitig kam ihm auch zum Bewußtsein, daß seine Gedanken sich zeitweilig verwirrten und daß er sehr schwach war: dies war schon der zweite Tag, daß er so gut wie nichts gegessen hatte.

Er war so schlecht gekleidet, daß ein anderer, selbst jemand, der die Armut schon gewohnt war, sich geschämt hätte, bei Tage in solchen Lumpen auf die Straße zu gehen. Übrigens war dieser Stadtteil von der Art, daß es schwer war, durch die Kleidung hier jemand in Verwunderung zu versetzen. Die Nähe des Heumarktes, die übergroße Zahl gewisser Häuser und ganz besonders die Fabrikarbeiter- und Handwerkerbevölkerung, die sich in diesen inneren Straßen und Gassen von Petersburg zusammendrängte, brachten mitunter in das Gesamtbild einen so starken Prozentsatz derartiger Gestalten hinein, daß es sonderbar gewesen wäre, wenn man sich bei der Begegnung mit einer einzelnen solchen Figur hätte wundern wollen. Aber in der Seele des jungen Mannes hatte sich bereits so viel ingrimmige Verachtung angesammelt, daß er trotz all seiner mitunter stark jünglingshaften Empfindlichkeit sich seiner Lumpen auf der Straße nicht mehr schämte. Anders beim Zusammentreffen mit irgendwelchen Bekannten oder mit früheren Kommilitonen, denen er überhaupt nicht gern begegnete … Als indessen ein Betrunkener, der gerade in einem großen Bauernwagen mit einem mächtigen Lastpferde davor auf der Straße irgendwohin transportiert wurde, ihm plötzlich im Vorbeifahren zurief: »He, du! Hast’nen deutschen Deckel auf dem Kopf!«, aus vollem Halse zu brüllen anfing und mit der Hand auf ihn zeigte: da blieb der junge Mann stehen und griff mit einer krampfhaften Bewegung nach seinem Hute. Es war ein hoher, runder Hut, aus dem Hutgeschäft von Zimmermann, aber schon ganz abgenutzt, völlig fuchsig, ganz voller Löcher und Flecke, ohne Krempe und in greulichster Weise eingeknickt. Aber es war nicht Scham, sondern ein ganz anderes Gefühl, das sich seiner bemächtigte, eine Art Schreck.

›Hab ich’s doch gewußt!‹ murmelte er bestürzt. ›Hab ich’s mir doch gedacht! Das ist das Allerwiderwärtigste! Irgendeine Dummheit, irgendeine ganz gewöhnliche Kleinigkeit kann den ganzen Plan verderben! Ja, der Hut ist zu auffällig … Er ist lächerlich, und dadurch wird er auffällig. Zu meinen Lumpen ist eine Mütze absolut notwendig, und wäre es auch irgend so ein alter Topfdeckel, aber nicht dieses Ungetüm. So etwas trägt kein Mensch. Eine Werst weit fällt den Leuten so ein Hut auf, und sie erinnern sich daran … Ja, das ist es: sie erinnern sich seiner nachher, und schon ist der Indizienbeweis da. Bei solchen Geschichten muß man möglichst unauffällig sein, … die Kleinigkeiten, die Kleinigkeiten, die sind die Hauptsache! Gerade diese Kleinigkeiten verderben immer alles …‹

Er hatte nicht weit zu gehen; er wußte sogar, wieviel Schritte es von seiner Haustür waren: genau siebenhundertunddreißig. Er hatte sie einmal gezählt, als er sich sein Vorhaben schon lebhaft ausmalte. Damals freilich glaubte er selbst noch nicht an diese seine Phantasiegemälde und kitzelte nur sich selbst mit ihrer grauenhaften, aber verführerischen Verwegenheit. Jetzt, einen Monat später, hatte er bereits angefangen, die Sache anders zu betrachten, und trotz aller höhnischen Monologe über seine eigene Schwäche und Unschlüssigkeit hatte er sich unwillkürlich daran gewöhnt, das »grauenhafte« Phantasiegemälde bereits als ein beabsichtigtes Unternehmen zu betrachten, wiewohl er an seinen Entschluß noch immer selbst nicht recht glaubte. Sein jetziger Ausgang hatte sogar den Zweck, eine Probe für sein Vorhaben zu unternehmen, und mit jedem Schritte wuchs seine Aufregung mehr und mehr.

Das Herz stand ihm fast still, und ein nervöses Zittern überkam ihn, als er sich einem kolossalen Gebäude näherte, das mit der einen Seite nach dem Kanal, mit der andern nach der …straße zu lag. Dieses Haus hatte lauter kleine Wohnungen, in denen allerlei einfache Leute wohnten: Schneider, Schlosser, Köchinnen, Deutsche verschiedenen Berufes, alleinstehende Mädchen, kleine Beamte usw. Durch die beiden Haustore und auf den beiden Höfen des Hauses war ein fortwährendes Kommen und Gehen. Hier gab es drei oder vier Hausknechte zur Aufsicht. Der junge Mann war sehr damit zufrieden, daß er keinem von ihnen begegnete, und schlüpfte gleich vom Tore aus unbemerkt rechts eine Treppe hinauf. Die Treppe war dunkel und eng, ein »Wirtschaftsaufgang«; aber er hatte dies alles schon studiert und kannte es, und diese ganze Örtlichkeit gefiel ihm: in solcher Dunkelheit war selbst ein neugierig forschender Blick nicht weiter gefährlich. ›Wenn ich mich jetzt schon so fürchte, wie würde es dann erst sein, wenn es wirklich zur sich alle Augenblicke. Der junge Mann mußte sie wohl mit einem eigentümlichen Blick angesehen haben; denn in ihren Augen funkelte auf einmal wieder das frühere Mißtrauen auf.

»Mein Name ist Raskolnikow, Student; ich war schon einmal vor einem Monat bei Ihnen«, beeilte sich der junge Mann mit einer leichten Verbeugung zu sagen; denn es fiel ihm ein, daß er sehr liebenswürdig sein müsse.

»Ich erinnere mich, Väterchen; ich erinnere mich recht gut, daß Sie hier waren«, erwiderte die Alte bedächtig, hielt jedoch dabei weiter ihre fragenden Augen unverwandt auf sein Gesicht geheftet.

»Nun also … ich komme wieder in einer solchen Angelegenheit«, fuhr Raskolnikow fort, etwas befangen und verwundert über das Mißtrauen der Alten.

›Aber vielleicht ist sie immer so, und ich habe es das erstemal nur nicht beachtet?‹, dachte er mit einem unangenehmen Gefühl.

Die Alte schwieg ein Weilchen, wie wenn sie etwas überlegte, dann trat sie zur Seite und sagte, indem sie auf die ins Zimmer führende Tür zeigte und dem Besucher den Vortritt ließ:

»Treten Sie ein, Väterchen.«

Das kleine Zimmer, in welches der junge Mann eintrat, war gelb tapeziert; an den Fenstern hingen Musselingardinen; auf den Fensterbrettern standen Geranientöpfe; in diesem Augenblick war das Zimmer von der untergehenden Sonne hell erleuchtet. ›Die Sonne wird also auch dann so scheinen!‹ dachte Raskolnikow unwillkürlich und ließ einen schnellen Blick über das ganze Zimmer gleiten, um die Lage und Einrichtung möglichst kennenzulernen und sich einzuprägen. Etwas Besonderes war im Zimmer nicht zu sehen. Das Mobiliar, durchweg sehr alt und aus gelbem Holze, bestand aus einem Sofa mit gewaltiger, geschweifter hölzerner Rückenlehne, einem ovalen Tische vor dem Sofa, einem Toilettentisch mit einem Spiegelchen am Fensterpfeiler, einigen Stühlen an den Wänden und zwei oder drei billigen, gelb eingerahmten Bildern, welche deutsche Fräulein mit Vögeln in den Händen darstellten – das war die ganze Einrichtung. In der Ecke brannte vor einem kleinen Heiligenbilde das Lämpchen. Alles war sehr sauber: die Möbel und die Dielen waren blank gerieben; alles glänzte nur so. ›Das ist Lisawetas Werk‹, dachte der junge Mann. In der ganzen Wohnung hätte man kein Stäubchen finden können. ›Bei boshaften alten Witwen ist solche Reinlichkeit häufig‹, fuhr Raskolnikow in seinen Überlegungen fort und schielte forschend nach dem Kattunvorhang vor der Tür nach dem zweiten kleinen Zimmerchen, wo das Bett und die Kommode der Alten standen; in dieses Zimmer hatte er bisher noch nicht hineinschauen können. Die ganze Wohnung bestand nur aus diesen beiden Zimmern.

»Was wünschen Sie?« fragte die Alte in scharfem Tone, nachdem sie ins Zimmer getreten war und, wie vorher, sich gerade vor ihn hingestellt hatte, um ihm genau ins Gesicht blicken zu können.

»Ich bringe ein Stück zum Verpfänden. Da ist es!«

Er zog eine alte flache silberne Uhr aus der Tasche. Auf dem hinteren Deckel war ein Globus dargestellt. Die Kette war aus Stahl.

»Das frühere Pfand ist auch schon verfallen. Vorgestern war der Monat abgelaufen.«

»Ich will Ihnen für noch einen Monat Zinsen zahlen. Haben Sie noch Geduld.«

»Es steht bei mir, Väterchen, ob ich mich noch gedulden oder Ihr Pfand jetzt verkaufen will.«

»Was geben Sie mir auf die Uhr, Aljona Iwanowna?«

»Sie kommen immer nur mit solchen Trödelsachen, Väterchen. Die hat ja so gut wie gar keinen Wert. Auf den Ring habe ich Ihnen das vorige Mal zwei Scheinchen gegeben; aber man kann ihn beim Juwelier für anderthalb Rubel neu kaufen.«

»Geben Sie mir auf die Uhr vier Rubel; ich löse sie wieder aus; es ist ein Erbstück von meinem Vater. Ich bekomme nächstens Geld.«

»Anderthalb Rubel und die Zinsen vorweg, wenn es Ihnen so recht ist.«

»Anderthalb Rubel!« rief der junge Mann.

»Ganz nach Ihrem Belieben!«

Mit diesen Worten hielt ihm die Alte die Uhr wieder hin. Der junge Mann nahm sie und war so ergrimmt, daß er schon im Begriff stand wegzugehen; aber er besann sich noch schnell eines andern, da ihm einfiel, daß er sonst nirgendwohin gehen konnte und daß er auch noch zu einem andern Zweck gekommen war.

»Nun, dann geben Sie her!« sagte er grob.

Die Alte griff in die Tasche nach den Schlüsseln und ging in das andre Zimmer hinter dem Vorhang. Der junge Mann, der allein mitten im Zimmer stehengeblieben war, horchte mit lebhaftem Interesse und kombinierte. Es war zu hören, wie sie die Kommode aufschloß. ›Wahrscheinlich die obere Schublade‹, mutmaßte er. ›Die Schlüssel trägt sie also in der rechten Tasche … alle als ein Bund, an einem eisernen Ringe … Und es ist ein Schlüssel dabei, der ist größer als alle andern, dreimal so groß, mit gezacktem Bart; natürlich nicht von der Kommode … Also ist da noch eine Truhe oder ein Kasten … Das ist interessant. Truhen haben immer derartige Schlüssel … Aber wie gemein ist das alles!‹

Die Alte kam zurück.

»Nun also, Väterchen: wenn wir zehn Kopeken vom Rubel monatlich rechnen, dann bekomme ich für anderthalb Rubel von Ihnen für einen Monat fünfzehn Kopeken im voraus. Und für die beiden früheren Rubel bekomme ich von Ihnen nach derselben Berechnung noch zwanzig Kopeken im voraus. Das macht zusammen fünfunddreißig Kopeken. Sie erhalten also jetzt für Ihre Uhr einen Rubel und fünfzehn Kopeken. Hier, bitte.«

»Wie? Also jetzt nur einen Rubel und fünfzehn Kopeken?«

»Ganz richtig.«

Der junge Mann ließ sich nicht auf einen Streit ein und nahm das Geld. Er sah die Alte an und zauderte mit dem Fortgehen, als wolle er noch etwas sagen oder tun; aber er schien selbst nicht zu wissen, was denn eigentlich.

»Vielleicht bringe ich Ihnen nächstens noch ein Pfandstück, Aljona Iwanowna, … ein schönes … silbernes … Zigarettenetui, … sobald ich es von einem Freunde zurückbekomme …«

Er wurde verlegen und schwieg.

»Nun, darüber können wir ja dann später sprechen, Väterchen.«

»Adieu … Aber sitzen Sie denn immer so allein zu Hause? Ist Ihre Schwester nicht da?« fragte er möglichst harmlos, während er in das Vorzimmer hinaustrat.

»Was wollen Sie denn von ihr, Väterchen?«

»Nun, nichts Besondres. Ich fragte nur so. Aber Sie müssen auch gleich … Adieu, Aljona Iwanowna!«

Raskolnikow ging in hochgradiger Erregung hinaus. Und seine Erregung wuchs noch immer mehr. Als er die Treppe hinunterstieg, blieb er sogar einigemal stehen, wie wenn ihn ein Gedanke plötzlich ganz übermannt hätte. Und endlich – er war schon auf der Straße – rief er aus:

»O Gott, wie scheußlich das alles ist! Werde ich denn … werde ich denn wirklich … nein, das ist ja ein Unsinn, eine Absurdität!« fügte er entschlossen hinzu. »Wie konnte mir so etwas Gräßliches überhaupt nur in den Sinn kommen? Welcher schmutzigen Gedanken ist meine Seele doch fähig! Ja, es ist eine schmutzige, abscheuliche, ekelhafte, Sache. Und ich habe einen ganzen Monat lang …«

Aber keine Worte und keine Ausrufe waren imstande, seiner Erregung Ausdruck zu geben. Das Gefühl eines gewaltigen Ekels, das schon vorhin sein Herz bedrückt und beklemmt hatte, als er noch auf dem Wege zu der Alten gewesen war, nahm jetzt solche Dimensionen an und trat in solcher Schärfe hervor, daß er nicht wußte, was er vor Unruhe tun sollte. Er ging auf dem Trottoir wie ein Betrunkener, bemerkte die Begegnenden gar nicht und stieß mit ihnen zusammen; erst in der nächsten Straße kam er zur Besinnung. Um sich blickend, gewahrte er, daß er vor einer Kneipe stand, zu der man vom Trottoir eine Treppe hinabstieg, ins Souterrain. Aus der Tür kamen gerade in diesem Augenblick zwei Betrunkene heraus und stiegen, indem sie sich wechselseitig stützten, unter Schimpfworten zur Straße hinauf. Ohne sich lange zu besinnen, stieg Raskolnikow hinunter. Er war noch nie in einem solchen Lokale gewesen; aber jetzt war ihm der Kopf ganz schwindlig, dazu quälte ihn ein brennender Durst. Es verlangte ihn, ein Glas kaltes Bier zu trinken, um so mehr, da er seine plötzliche Schwäche auch auf Rechnung seines leeren Magens setzte. Er nahm in einem dunklen, schmutzigen Winkel an einem klebrigen Tischchen Platz, bestellte Bier und trank gierig das erste Glas aus. Sofort wurde ihm leichter ums Herz, und seine Gedanken klärten sich. ›Das ist ja lauter dummes Zeug‹, sagte er wieder hoffnungsvoll zu sich selbst, ›und es war gar kein Grund zur Aufregung. Eine rein physische Störung! Ein einziges Glas Bier, ein Bissen Brot – und im Augenblick hat sich der Verstand erholt, das Denken wird klar, der Wille fest! Pfui über diese ganze Jämmerlichkeit!‹ Aber obwohl er bei den letzten Worten verächtlich ausspie, sah er schon heiter aus, als wäre er plötzlich von einer furchtbaren Last befreit, und betrachtete mit freundlichen Blicken die anderen Gäste. Doch selbst in diesem Augenblick ahnte er ganz von fern, daß diese ganze Empfänglichkeit für bessere Regungen bei ihm gleichfalls etwas Krankhaftes an sich habe.

In der Schenke waren nur noch wenige Leute. Außer jenen beiden Betrunkenen, denen er an der Treppe begegnet war, hatte unmittelbar nach ihnen noch eine ganze Gesellschaft, etwa fünf Männer und eine Dirne, mit einer Ziehharmonika das Lokal verlassen. Nach ihrem Weggehen war es still geworden; auch war nun mehr Raum. Zurückgeblieben waren: ein Mann, der bei seinem Biere saß, betrunken, jedoch nicht übermäßig, dem Aussehen nach ein Kleinbürger; ferner sein Kumpan, ein dicker, sehr großgewachsener Kerl mit grauem Barte; er hatte einen kurzen Kaftan an, war sehr stark betrunken und lag schlafend auf einer Bank; mitunter aber breitete er auf einmal wie in halbwachem Zustande die Arme weit auseinander, schnipste mit den Fingern und schnellte mit dem Oberkörper in die Höhe, ohne jedoch von der Bank aufzustehen; dazu sang er irgendwelchen Unsinn, indem er sein Gedächtnis anstrengte, um sich auf Verse von dieser Art zu besinnen:

»Daß ich – zärtlich zu ihr – war,
Währte – wohl ein ganzes Jahr.«

Oder er wachte auf einmal auf und grölte:

»Auf dem Promenadenplatz
Traf ich meinen einst’gen Schatz.«

Aber niemand nahm an seinem Glücke Anteil; sein schweigsamer Kumpan betrachtete diese Ausbrüche sogar mit Mißtrauen und Feindseligkeit. Es war außerdem noch ein Mann da, anscheinend ein früherer Beamter. Er saß allein für sich bei seiner Flasche Branntwein und seinem Glase; ab und zu nahm er einen Schluck und sah sich um. Er befand sich, wie es schien, gleichfalls in einiger Aufregung.

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Robinson Crusoe – Kapitel 16

Kapitel 16

In Madrid angekommen, wünschten wir einige Zeit dort zu verweilen, um den spanischen Hof und alle Merkwürdigkeiten zu sehen, weil wir sämmtlich fremd in Spanien waren. Da jedoch der Sommer sich schon zum Ende neigte, mußten wir uns beeilen, weiter zu kommen. Wir verließen Madrid um die Mitte des Oktober. An der Grenze von Navarra wurden wir an mehren Orten unterwegs durch die Nachricht erschreckt, es sei so viel Schnee auf der französischen Seite des Gebirgs gefallen, so daß schon mehre andere Reisende sich genöthigt gesehen hätten, nach Pampelona zurückzukehren, nachdem von ihnen mit der äußersten Gefahr der vergebliche Versuch gemacht sei, vorzudringen.

In Pampelona selbst angekommen, fanden wir diese Aussagen bestätigt. Mir, der ich seit langer Zeit an ein heißes Klima gewöhnt gewesen war und in Ländern gelebt hatte, wo ich kaum irgend welche Kleidung an mir leiden konnte, war diese Kälte unerträglich. Auch wurde dieselbe dadurch noch empfindlicher, daß sie uns so plötzlich überfiel; denn kaum zehn Tage vorher waren wir erst aus Altkastilien gekommen, wo es nicht nur warm, sondern sogar sehr heiß gewesen war. Unmittelbar darauf aber empfanden wir jetzt einen so scharfen, schneidend kalten Wind, der von den Pyrenäen her wehte, daß wir ihn kaum aushielten und in Gefahr geriethen, Finger und Zehen zu erfrieren.

Der arme Freitag erschrak förmlich, als er die Berge völlig mit Schnee bedeckt sah und die Kälte fühlte; denn so Etwas hatte er in seinem ganzen Leben noch nicht gesehen oder empfunden. Zum Ueberfluß schneite es, während wir in Pampelona waren, ohne Unterlaß und in größter Heftigkeit und Dauer. Wie die Leute sagten, war der Winter diesmal ungewöhnlich früh eingetreten.

Die Wege, die schon vorher schwer zu passiren gewesen waren, wurden jetzt gänzlich unzugänglich. Der Schnee lag stellenweise undurchdringlich hoch, und da er nicht, wie das in den nördlichen Ländern der Fall ist, hart gefroren war, so gerieth man bei jedem Schritt in Gefahr, lebendig begraben zu werden. Wir mußten daher nicht weniger als zwanzig Tage in Pampelona bleiben. Als ich aber den Winter immer entschiedener herankommen sah und eine Besserung des Wetters immer unwahrscheinlicher wurde (in ganz Europa herrschte der strengste Winter seit Menschengedenken), schlug ich vor, wir wollten nach Fontarabia gehen und uns dort nach Bordeaux einschiffen, von wo aus die Fahrt nur ganz kurz sein würde. Während wir noch diesen Plan überlegten, kamen vier Franzosen an, welche auf der französischen Seite der Pässe ebenso aufgehalten worden waren, wie wir auf der spanischen, dann aber einen Führer gefunden hatten, welcher sie durch das Land bis an die Grenze von Languedoc und von dort aus auf solchen Wegen über das Gebirge geführt hatte, daß sie gar nicht viel vom Schnee zu leiden gehabt hatten. Wo sie je auf irgend eine größere Anhäufung von Schnee gestoßen seien, sagten sie, sei er so hart gefroren gewesen, daß er sie und ihre Pferde getragen habe. Wir schickten nach dem Führer dieser Leute, und er übernahm es, uns denselben Weg ohne Schneegefahr zu leiten, vorausgesetzt, daß wir hinreichend bewaffnet seien, um uns gegen wilde Thiere zu schützen. Denn, bemerkte er, bei diesen starken Schneefällen zeigten sich häufig Wölfe am Fuße des Gebirges, die aus Mangel an Nahrung auf dem schneebedeckten Boden sehr grimmig zu sein pflegten. Wir versicherten, genügend ausgerüstet zu sein, um es mit dieser Art Bestien aufzunehmen, wenn er uns nur gegen eine andere Art zweibeiniger Wölfe versichern wollte, welche, wie wir gehört hätten, sehr gefährlich seien, besonders auf der französischen Seite des Gebirges. Er beruhigte uns, daß wir Nichts der Art auf dem Wege zu befürchten hätten, den er uns führen würde, und darauf hin erklärten wir uns bereit, ihm zu folgen. Auch zwölf andere Herren, mit ihren Bedienten, Franzosen und Spanier, die den Uebergang vergeblich versucht hatten, schlossen sich uns jetzt an.

Am 15. November brachen wir mit unserem Führer von Pampelona auf. Ich war nicht wenig erstaunt, als er, anstatt vorwärts zu gehen, denselben Weg, etwa zwanzig Meilen, rückwärts verfolgte, auf welchem wir von Madrid her gekommen waren. Nachdem wir über zwei Flüsse gesetzt waren und die Ebene erreicht hatten, fanden wir uns wieder in einem warmen Klima, wo das Land blühend und kein Schnee zu sehen war. Plötzlich aber wendete unser Geleitsmann sich links und näherte sich dem Gebirge auf einem andern Wege. Die Berge und Abgründe vor uns sahen schauerlich aus, aber unser Führer machte so viele Umwege und führte uns in solchen mäandrischen Schlangenlinien, daß wir ganz unmerklich die Höhe überschritten, ohne viel vom Schnee belästigt zu sein. Auf einmal zeigte er uns die fruchtbaren Provinzen Languedoc und Gascogne, ganz grün und blühend, aber in weiter Ferne, von der uns noch eine geraume Strecke Weges trennte.

Wir wurden jetzt einigermaßen dadurch in unserem Behagen gestört, daß es eine ganze Nacht und einen Tag so stark schneite, daß wir nicht weiter reisen konnten. Unser Führer beruhigte uns aber mit der Versicherung, es würde bald Alles überstanden sein. So stiegen wir denn, unserem Manne vertrauend, immer in nördlicher Richtung weiter hinab. Eines Abends, etwa zwei Stunden vor Einbruch der Nacht, als unser Führer gerade etwas vorangegangen und augenblicklich nicht in Sicht war, brachen plötzlich aus einem Hohlweg, der in einem dichten Walde endigte, drei ungeheure Wölfe hervor, denen ein Bär folgte. Zwei von den Wölfen stürzten sich auf den Führer, und wäre er nur wenig entfernter von uns gewesen, so würde er unfehlbar zerrissen worden sein, ehe wir ihm hätten zu Hülfe kommen können. Der eine Wolf stürzte sich auf das Pferd, während der andere den Mann mit solcher Heftigkeit anfiel, daß dieser nicht Zeit oder auch nicht Geistesgegenwart genug hatte, seine Pistole hervorzuziehen. Vielmehr schrie er nur aus Leibeskräften nach uns um Hülfe. Ich gebot Freitag, der mir zunächst ritt, nachzusehen, was es gäbe. Sobald jener den Führer erblickte, schrie er ebenso laut als letzterer: »Ach, Herr! Ach, Herr!« Aber ein tapferer Bursch, wie er war, ritt er sofort zu dem armen Menschen hin und schoß dem Wolf, der ihn angefallen hatte, eine Pistole vor den Kopf. Es war ein Glück für den Führer, daß gerade Freitag ihm zu Hülfe kam, der, von seinem Vaterlande her an diese Art Thiere gewöhnt, sich nicht vor ihnen fürchtete. Er machte sich dicht heran und schoß aus der Nähe, während jeder Andere von uns aus einer größeren Entfernung gefeuert und dann vielleicht entweder den Wolf verfehlt, oder den Mann selbst der Gefahr des Erschießens ausgesetzt haben würde.

Das Ereigniß war übrigens schlimm genug, um auch einen Tapferern als mich zu erschrecken. Wir entsetzten uns sämmtlich, als sich auf den Knall von Freitags Pistole von beiden Seiten ein schauerliches Geheul der Wölfe erhob. Das Echo der Berge verdoppelte den Laut so, daß er uns den Eindruck machte, als ob wir von einer großen Menge solcher Bestien umgeben seien. Wahrscheinlich waren ihrer auch in der That nicht so wenige, daß wir nicht alle Ursache gehabt hätten, uns zu fürchten. Indessen hatte, nachdem Freitag den einen Wolf erlegt, der andere das Pferd sogleich losgelassen und die Flucht ergriffen. Da er glücklicherweise den Kopf des Pferdes angefallen, wo ihm das Zaumzeug zwischen die Zähne gerathen war, hatte er noch nicht viel Schaden gethan. Der Mann jedoch war schwer verletzt. Das hungrige Thier hatte ihn zweimal gebissen, zuerst in den Arm und dann etwas oberhalb des Knies, und er war eben im Begriff gewesen vom Pferde zu fallen, als Freitag dazu kam und den Wolf erschoß.

Man kann sich leicht vorstellen, daß wir alle bei dem Schuß von Freitags Pistole unsern Zug beschleunigten und so schnell, als die sehr mangelhafte Beschaffenheit des Weges es gestattete, zur Stelle ritten, um zu sehen, was vorgefallen sei. Sobald wir aus den Bäumen, die uns vorher an der freien Aussicht gehindert hatten, heraustraten, übersahen wir im Augenblick, wie die Sachen standen, und daß Freitag den armen Führer schon befreit hatte. Doch erkannten wir nicht alsbald, was für ein Thier das getödtete war.

Niemals aber ist wohl ein Kampf so kühn und in so überraschender Weise ausgefochten worden, als der, welcher nun zwischen Freitag und dem Bären folgte. Obgleich wir anfangs für Freitag fürchteten und sehr erschrocken waren, so bot dieses Gefecht doch für uns alle das unterhaltendste Schauspiel, welches man sich nur denken kann. Der Bär ist ein schweres, plumpes Geschöpf und kann nicht so springen wie der Wolf, der schlank und leicht gebaut ist. Daher wird des Bären Verhalten hauptsächlich durch zwei Eigenschaften bestimmt. Er fällt Menschen für gewöhnlich nicht an, wenn ihn nicht das Uebermaß des Hungers treibt, wie es damals der Fall war, wo der Boden über und über mit Schnee bedeckt lag. Wenn du einem Bären im Walde begegnest und ihn nicht beachtest, so wird er sich auch nicht um dich bekümmern; du mußt jedoch ihn sehr höflich behandeln und ihm den Vortritt lassen, denn er ist ein sehr vornehmer Herr und wird um keines Fürsten willen auch nur einen Schritt von seinem Wege abweichen. Fürchtet man sich, so thut man am besten, ihn gar nicht anzusehen und ruhig weiter zu gehen. Denn wenn man stehen bleibt und ihn fest ansieht, so nimmt er das übel. Wirft man aber mit irgend Etwas nach ihm und trifft ihn, wäre es auch nur mit einem fingerlangen Stückchen Holz, so fühlt er sich beleidigt und setzt Alles bei Seite, um Rache zu nehmen. In diesem Falle nämlich verlangt er Satisfaktion. Dies ist die eine seiner Eigenschaften; die andere besteht darin, daß er, einmal gereizt, nicht ablassen wird, dich Tag und Nacht zu verfolgen, bis er sich gerächt hat. Er verfolgt seinen Beleidiger unermüdlich Tag und Nacht, bis er ihn endlich eingeholt hat.

Als wir herzukamen, hatte Freitag bereits unsern Führer gerettet und war eben beschäftigt, ihm vom Pferde zu helfen. Der arme verwirrte und äußerst erschrockene Mensch schien mehr entsetzt als schwer verwundet zu sein. Plötzlich sahen wir den Bären aus dem Walde treten, ein ungeheures Thier, bei weitem der größte, den ich je gesehen habe. Wir waren alle nicht wenig überrascht, als aber Freitag ihn erblickt, bemerkten wir sofort den Ausdruck von Freude und Muth auf seinem Gesichte. »Oho!« rief er und zeigte auf das Thier hin. »Ach, Herr! mir geben Erlaubniß, ich ihm die Hand drücken, ich Euch lachen machen will.«

Ich war verwundert, den Burschen so vergnügt zu sehen. »Du Narr«, sagte ich, »er wird dich auffressen.« »Mich auffressen! mich fressen!« wiederholte Freitag; »ich ihn fressen, ich Euch gut lachen machen; Ihr alle hierbleiben, ich Euch Etwas zeigen will.« Damit kauerte er nieder, zog im Nu seine Stiefel aus, legte ein Paar Sandalen (flache Schuhe, wie die Wilden sie tragen) dafür an, die er in der Tasche bei sich hatte, gab meinem andern Diener sein Pferd zu halten und eilte wie der Wind mit seiner Flinte davon.

Der Bär marschirte ruhig vorwärts, ohne sich um irgend Jemanden zu bekümmern. Als Freitag ziemlich nah an ihn herangekommen war, rief er ihn an, als ob das Thier ihn verstehen könnte. »Höre, höre!« rief Freitag, »ich mit dir sprechen will.« Wir folgten von ferne. Seit wir uns auf der gascogner Seite des Gebirges befanden, waren wir in eine weite große Haide eingetreten, wo der Boden ziemlich flach und eben und mit vielen hier und da zerstreut stehenden Bäumen bepflanzt war. Freitag blieb dem Bären dicht auf den Fersen und hielt gleichen Schritt mit ihm. Jetzt hob er einen großen Stein auf, warf nach ihm und traf ihn gerade an den Kopf. Das schadete der Bestie aber nicht mehr, als hätte er gegen die Wand geworfen. Dennoch erfüllte es Freitags Zweck. Der Bursch war so furchtlos, daß er den Wurf nur gethan, um den Bären auf sich zu hetzen und uns dadurch zu vergnügen. Als das Thier den Wurf fühlte und seinen Feind erblickte, machte es Kehrt und wendete sich mit verteufelt langen Sätzen gegen jenen. Ein Pferd hätte sich in einen hübschen Galopp setzen müssen, um ihm nachzukommen. Hierauf lief Freitag fort, in der Richtung, als wolle er bei uns Schutz suchen. Wir alle machten uns bereit, zugleich auf den Bären zu schießen und meinen Diener zu retten. Doch war ich ungehalten auf diesen, daß er den Bären gereizt, während dieser ruhig seinen Weg in einer anderen Richtung verfolgt hatte. Besonders ärgerte ich mich darüber, daß er, nachdem er den Bären auf uns gehetzt, fortgelaufen war. Ich rief ihm zu: »Du Schlingel, willst du uns auf diese Manier lachen machen? Schnell auf dein Pferd, damit wir die Bestie todtschießen können«. Er antwortete: »Nicht schießen, nicht schießen; stille stehen, Ihr lachen sollen«; und dabei lief der behende Bursch zwei Schritte, wenn der Bär einen machte, drehte sich plötzlich nach der Seite um, und eine große Eiche erblickend, wie sie seinem Zweck entsprach, winkte er uns, zu folgen. Nun verdoppelte er seine Eile und kletterte behende auf den Baum, nachdem er seine Flinte fünf bis sechs Schritte von sich entfernt auf den Boden gelegt hatte. Der Bär erreichte den Baum bald. Wir folgten von Weitem. Zunächst blieb das Thier bei der Flinte stehen, roch daran, ließ sie dann liegen und kletterte, trotz seiner gewaltigen Schwere, wie eine Katze den Baum hinan. Ich war entsetzt über die vermeintliche Thorheit meines Freitag und konnte bis jetzt durchaus nichts Lächerliches an der Sache finden.

Sobald wir den Bären in den Baum klettern sahen, ritten wir alle näher heran und sahen Freitag an dem dünnen Ende eines großen Astes hängen und den Bären auf halbem Wege eben dahin gekommen. Jetzt gelangte die Bestie an die Stelle, wo der Ast anfing schwächer zu werden. »Aha!« rief Freitag uns zu, »jetzt sehen, wie den Bären ich tanzen lehre«, dabei wiegte und schaukelte er den Zweig, daß der Bär anfing zu schwanken, innehielt und anfing sich nach dem Rückzug umzusehen. Nun lachten wir wirklich herzlich. Aber Freitag hatte noch lange nicht genug. Als er das Thier innehalten sah, rief er es von Neuem an, als ob es Englisch verstehe: »Wie, du nicht weiter kommst? Bitte weiter kommen!« Er hörte jetzt auf zu schaukeln und den Ast zu schütteln, und der Bär, als habe er wirklich verstanden, was Freitag gesagt hatte, begab sich wieder ein wenig vorwärts. Dann fing jener aufs Neue an zu schütteln, bis der Bär abermals stillestand. Wir meinten, jetzt sei es Zeit, ihm eins auf den Pelz zu brennen, und riefen Freitag zu, er möge sich still halten, damit wir auf den Bären schießen könnten. Er aber rief eifrig: »O bitte, bitte! nicht schießen, ich schon schießen werde, wenn Zeit«.

Kurz gesagt, Freitag tanzte so lange, und der Bär balancirte so komisch, daß wir wirklich herzlich lachen mußten. Immer aber konnten wir noch nicht begreifen, was der Bursch eigentlich vorhabe. Anfangs glaubten wir, er habe es darauf abgesehen, den Bären abzuschütteln, dazu aber war dieser zu schlau, denn er ging nie so weit vor, daß er hätte herunterfallen können, sondern hielt sich beständig ganz fest mit seinen großen Tatzen und Füßen. Wir konnten nicht einsehen, was eigentlich daraus werden und worauf der Spaß hinauslaufen sollte. Bald aber brachte uns Freitag außer Zweifel darüber. Als er sah, daß der Bär sich ganz fest an den Zweig geklammert hielt und sich nicht verlocken ließ, weiter vorwärts zu kommen, rief er: »Gut, gut, wenn du nicht weiter kommen, ich selbst gehen will; wenn du nicht zu mir kommen, ich gehen und zu dir kommen werde«. Damit kletterte er bis an das äußerste, dünnste Ende des Zweiges vor, welches sich unter seiner Last bog, und ließ sich auf diese Weise langsam zur Erde nieder, indem er den Zweig tief genug hinabzog, um auf seine Füße springen zu können. Dann lief er dahin, wo seine Flinte lag, nahm dieselbe auf und blieb stehen.

»Nun, Freitag«, rief ich ihm zu, »was soll’s jetzt werden? Warum schießest du ihn nicht todt?« – »Nicht schießen«, sagte Freitag, »noch nicht. Wenn jetzt schießen, nicht treffen; warten, Euch nochmal lachen machen.« Und wirklich, das that er, wie man sogleich sehen wird. Denn als der Bär seinen Feind sich nicht mehr gegenüber sah, trat auch er seinen Rückzug von dem Zweige an, aber sehr bedächtig, sich bei jedem Schritte umsehend und rückwärts gehend, bis er die Mitte des Baumes erreicht hatte, dann ließ er sich gleichfalls rückwärts an dem Stamm herunter, indem er sich mit den Vorderpfoten festhielt und einen Fuß nach dem andern sehr langsam weiter bewegte. Jetzt nun, als der Bär eben seine erste Hintertatze auf den Boden setzte, trat Freitag dicht an ihn heran, legte die Mündung seines Flintenlaufes in sein Ohr und schoß ihn todt. Dann drehte sich der Schelm um, um zu sehen, ob wir auch lachten, und da er uns ansah, daß wir uns wirklich sehr amüsirten, brach er selbst in ein lautes Gelächter aus. »So wir Bären todt machen in meinem Lande«, sagte Freitag. »So tödtet ihr sie?« erwiederte ich, »wie ist denn das möglich? ihr habt ja gar keine Flinten.« – »Nein«, erwiederte er, »keine Flinten, aber schießen mit viel großen Pfeilen.«

Die Sache hatte uns zwar viel Vergnügen gemacht, aber was das Schlimme dabei war, wir befanden uns jetzt in einer ganz wilden Gegend mit einem verwundeten Führer und wußten nicht, was wir anfangen sollten. In meinen Ohren klang noch immer das Geheul der Wölfe, und wirklich, ausgenommen das Geräusch, welches ich einst an der afrikanischen Küste hörte (wovon seiner Zeit erzählt ist), habe ich nie etwas Anderes gehört, was mich mit gleichem Entsetzen erfüllt hätte.

Dieser Umstand und das Herannahen des Abends trieb uns vorwärts, sonst würden wir gewiß, wie Freitag gern wollte, das Fell des Bären abgezogen haben, denn es war wohl werth, mitgenommen zu werden. Da wir aber noch beinahe drei Meilen zurückzulegen hatten und unser Führer zur Eile ermahnte, so ließen wir das ungeheure Thier liegen und setzten unsere Reise fort.

Der Boden war noch immer mit Schnee bedeckt, wenn auch nicht mehr so tief und so gefährlich wie auf den Bergen. Die Raubthiere waren, wie wir später hörten, von Hunger getrieben in den Wald und die Ebene herabgekommen, um Nahrung zu suchen. In den Dörfern hatten sie großen Schaden angerichtet, das Landvolk überfallen und viele Schafe und Pferde und sogar einige Menschen getödtet. Noch eine gefährliche Stelle blieb uns zu passiren, von der unser Führer uns sagte, daß, wenn überhaupt noch Wölfe in der Umgegend wären, wir sie dort antreffen würden. Dies war eine kleine, von allen Seiten mit Wald umgebene Ebene, an die sich ein langer schmaler Hohlweg anschloß, durch den wir mußten, um den Wald zu verlassen und das Dorf zu erreichen, wo wir übernachten wollten. Es war eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang, als wir in das Gehölz eintraten. Bald darauf erreichten wir die Ebene. Bis jetzt hatten wir weiter nichts gesehen, als daß auf einer kleinen Lichtung, die nicht über zwei Klafter breit war, fünf große Wölfe in vollem Laufe einer hinter dem andern her über den Weg setzten, als ob sie einer Beute nachjagten und dieselbe schon im Auge hätten. Sie nahmen keine Notiz von uns und waren in wenigen Augenblicken aus unserem Gesichtskreis verschwunden. Unser Führer, der, beiläufig gesagt, ein erbärmlicher Feigling war, ermahnte uns, uns bereit zu halten, denn er glaubte, es seien noch mehr Wölfe im Anzuge. Wir hielten unsere Waffen in Bereitschaft und blickten aufmerksam umher, sahen aber keine Wölfe weiter, bis wir aus dem Walde, der fast eine halbe Meile lang war, heraus und in die Ebene gelangt waren. Sobald wir uns im Freien befanden, gab es Allerlei zu sehen. Das Erste, was uns in die Augen fiel, war ein todtes Pferd. Das arme Thier war von den Wölfen zerrissen, und zwölf der Bestien waren noch damit beschäftigt, nicht sowohl davon zu fressen, als vielmehr die Knochen abzunagen, denn das Fleisch hatten sie schon alles verschlungen. Wir hielten es nicht für rathsam, sie bei ihrem Mahle zu stören, und ihrerseits achteten sie auch nicht viel auf uns. Freitag wollte auf sie schießen, aber ich verbot es ihm entschieden, denn ich fürchtete, daß wir bald mehr zu thun bekommen würden, als es bis jetzt den Anschein hatte.

Wir hatten die Ebene noch nicht zur Hälfte hinter uns, als wir auch schon in dem Walde zur Linken ein schreckliches Wolfsgeheul hörten und gleich darauf etwa hundert Stück der Bestien geraden Wegs auf uns zukommen sahen. Sie liefen fast alle in gerader Linie neben einander, so regelmäßig wie ein von geschulten Offizieren kommandiertes Regiment Soldaten. Ich wußte nicht recht, auf welche Weise wir sie empfangen sollten, doch hielt ich es für das Beste, wenn wir gleichfalls eine geschlossene Linie bildeten. In einem Augenblick waren wir denn auch in einer solchen aufgestellt. Damit aber so wenig wie möglich Pausen eintraten, ordnete ich an, daß zuerst nur der je zweite Mann feuern und die Anderen, die nicht geschossen hätten, sich bereit halten sollten, gleich darauf eine zweite Salve folgen zu lassen, wenn der Feind fortfahren würde vorzudringen. Diejenigen, welche zuerst geschossen hätten, sollten sich dann nicht damit aufhalten, ihre Gewehre wieder zu laden, sondern inzwischen ihre Pistolen in Bereitschaft halten; denn wir waren jeder mit einer Büchse und ein Paar Pistolen bewaffnet. Nach diesem Plane waren wir im Stande sechs Salven abzufeuern, jedesmal die Hälfte von uns zugleich. Indessen fürs Erste wurde das gar nicht nöthig; denn nach den ersten Schüssen machte der Feind Halt und schien sowohl vom Knall als vom Feuer erschreckt zu sein. Vier der Wölfe stürzten an den Köpfen getroffen zu Boden und mehre andere waren verwundet und liefen blutend davon, so daß wir die Spuren auf dem Schnee bemerken konnten. Als ich sah, daß sie stutzten, sich aber nicht sogleich zurückzogen, fiel mir ein, daß ich einmal gehört hatte, auch die wildesten Thiere fürchteten sich vor der menschlichen Stimme. Ich forderte daher unsere ganze Gesellschaft auf, aus vollem Halse zu schreien. Die Angabe bestätigte sich, denn auf unser Geschrei wendeten sich die Bestien um und begannen sich zu entfernen. Hierauf ließ ich eine zweite Ladung hinter ihnen hergeben, auf welche sie sich in Galopp setzten und in den Wald rannten. Wir hatten jetzt Zeit unsere Gewehre wieder zu laden, was wir, um uns nicht aufzuhalten, im Weiterreiten thaten. Kaum waren wir aber damit fertig und wieder zu neuer Vertheidigung gerüstet, als wir auch schon einen schrecklichen Lärm in demselben Walde zur Linken vernahmen, nur weiter entfernt in der Richtung, die wir einzuschlagen hatten.

Jetzt brach die Dämmerung herein und das verschlimmerte unsere Lage sehr. Der Lärm wuchs und ließ sich bald als das Heulen und Bellen dieser höllischen Geschöpfe unterscheiden. Auf einmal erblickten wir drei Rudel Wölfe, eins zur Linken, eins hinter uns und ein drittes vor uns, so daß wir ganz umringt zu sein schienen. Da sie uns aber nicht angriffen, setzten wir unsern Weg fort, so schnell uns die Pferde tragen konnten. Der Weg war aber sehr beschwerlich und wir konnten daher nicht starken Trab reiten. Auf diese Art gelangten wir nur langsam an den Eingang desjenigen Gehölzes, das wir am Ende der Ebene zu passiren hatten.

Wie groß war aber unser Entsetzen, als wir beim Näherkommen eine unzählige Menge Wölfe gerade in dem Eingang des Passes stehen sahen. Plötzlich vernahmen wir von einer andern Richtung her den Knall einer Flinte, und als wir dahinaus uns umsahen, sprang ein Pferd mit Sattel und Zaum heraus, mit Windeseile fliehend, und sechzehn bis siebzehn Wölfe hinterher in vollem Laufe. Das Pferd hatte zwar einen Vorsprung vor ihnen, aber da wir vermutheten, es würde nicht lange in diesem Tempo aushalten können, so zweifelten wir nicht, daß sie es zuletzt doch noch einholten, was gewiß auch geschehen ist. Bald darauf bot sich uns ein grauenvoller Anblick. Nach der Richtung hinreitend, wo das Pferd herausgekommen war, fanden wir den Leichnam eines andern Pferdes und zweier Menschen, welche von den gierigen Thieren zerrissen worden waren. Einer der Männer war ohne Zweifel derselbe, den wir die Flinte hatten abschießen hören, denn dicht neben ihm lag ein eben abgefeuertes Gewehr, dem Manne selbst aber war der Kopf und der Oberkörper abgefressen. Wir wußten vor Schrecken nicht, was wir thun sollten. Die Thiere brachten uns aber bald zum Entschluß, indem sie sich, nach Beute hungrig, um uns versammelten. Ich glaube wahrhaftig, es waren ihrer an die dreihundert. Zu unserem Vortheil aber lagen gerade am Eingang in den Wald einige große Baumstämme, die im letzten Sommer gefällt und zum Transport dorthin gelegt schienen. Ich zog meine kleine Truppe innerhalb dieser Holzstöcke zusammen und befahl, nachdem wir uns in einer Reihe hinter einem der größten aufgestellt, daß Alle absitzen, die Stämme als eine Brustwehr benutzen und die Pferde in der Mitte eines Dreiecks einschließen sollten. Diese Vorkehrung bewährte sich sogleich; denn in unerhörter Wuth griffen uns die Bestien alsbald an. Sie kamen brüllend auf uns zu und erkletterten den Holzstoß, der uns zur Brustwehr diente, um sich geraden Weges auf ihre Beute loszustürzen. Ihre Wuth war wahrscheinlich besonders dadurch hervorgerufen, daß sie unsere Pferde hinter uns sahen, auf welche sie es besonders abgesehen hatten. Ich befahl meinen Leuten, wie vorhin zu schießen, einer um den andern, und sie zielten auch so sicher, daß sie gleich beim ersten Schusse eine Anzahl der Wölfe tödteten. Es war jedoch nothwendig, ein ununterbrochenes Feuer zu erhalten; denn wie die Teufel stürmten die Bestien vor, die Hinteren immer den Vorderen nachdrängend.

Als wir die zweite Salve abgeschossen hatten, hielten sie ein wenig inne, und ich hoffte schon, sie würden weichen, aber es war nur eine augenblickliche Pause, denn alsbald drangen andere vorwärts. So schossen wir nun zwei Pistolenschüsse ab und hatten, glaube ich, in diesen vier Salven siebzehn oder achtzehn von ihnen getödtet und noch einmal so viel gelähmt. Dennoch rückten sie von Neuem vor. Da ich fürchtete, wir würden unsere Munition zu schnell verschießen, rief ich meinen zweiten Diener (nicht Freitag, denn der war besser verwendet, er hatte nämlich immer mit größter Gewandtheit seine und meine Büchse wieder geladen, während wir kämpften), gab ihm ein Pulverhorn und gebot ihm, einen langen Strich des Holzstoßes damit zu bestreuen. Das that er denn und hatte nur eben Zeit davon zu eilen, als die Wölfe auch schon heran kamen. Sobald einige von ihnen auf das Pulver traten, feuerte ich eine Pistole auf das Pulver ab und steckte es damit in Brand. Diejenigen von den Thieren, die schon auf dem Holzstoß waren, wurden arg verbrannt, und sechs oder sieben von ihnen stürzten oder sprangen vielmehr von dem Feuer gereizt und geängstigt zwischen uns. Mit diesen wurden wir im Augenblick fertig, die übrigen aber waren so erschreckt von dem Feuerblitz, welchen die Nacht (denn es war inzwischen fast ganz finster geworden) noch schrecklicher erscheinen ließ, daß sie ein wenig zurückwichen. Darauf befahl ich unsre letzten Pistolen auf einmal abzuschießen und dann ein Geschrei zu erheben. Nun machten die Wölfe Kehrt. Wir warfen uns sofort auf etwa zwanzig verwundete, die sich auf dem Boden wälzten, und bearbeiteten sie mit unsern Schwertern. Dies erfüllte vollständig unsern Zweck, denn das Geheul und Gebrüll, welches sie anstimmten, wurde von ihren Gefährten sehr wohl verstanden, so daß sie alle flohen und uns verließen.

Wir hatten Alles in Allem ungefähr sechzig Stück getödtet. Wäre es Tag gewesen, würden wir noch mehr erlegt haben. Da das Schlachtfeld nun wieder gesäubert war, setzten wir unsern Weg alsbald weiter fort, denn es blieb uns noch immer beinah eine Meile zurückzulegen. Wir hörten die Raubthiere in den Wäldern heulen und winseln, während wir vorwärts ritten, und zuweilen glaubten wir auch einige zu sehen, aber der Schnee blendete so, daß wir unserer Sache nicht gewiß waren. So gelangten wir denn in ungefähr einer Stunde nach dem Ort, wo wir übernachten sollten. Wir fanden die Bewohner in großer Aufregung und unter den Waffen. Wie es schien, hatten die Wölfe und einige Bären in der vorigen Nacht den Ort überfallen und großen Schrecken verbreitet, daher sich die Leute genöthigt sahen, Tag und Nacht, besonders aber während der letztern, um Vieh und Menschen zu schützen, Wache zu halten.

Am nächsten Morgen war unser Führer so krank, seine Glieder waren so sehr angeschwollen und die beiden Wunden schmerzten ihn dermaßen, daß er nicht weiter mitreiten konnte. Wir sahen uns daher genöthigt, einen anderen Geleitsmann anzunehmen, der uns nach Toulouse bringen sollte. Dort fanden wir warmes Wetter und ein blühendes fruchtbares Land, frei von Schnee und von Wölfen. Als wir in Toulouse unsere Abenteuer erzählten, sagten die Leute, das sei etwas ganz Gewöhnliches in der großen Haide am Fuße des Gebirges, besonders wenn der Boden mit Schnee bedeckt läge. Sie waren verwundert, daß wir einen Führer gefunden hätten, der uns bei der strengen Jahreszeit diesen Weg geführt, und sagten, es wäre erstaunlich, daß wir nicht alle umgekommen seien. Als wir ihnen erzählten, wie wir uns aufgestellt hatten und die Pferde in die Mitte genommen, tadelten sie das sehr und sagten, es wäre fünfzig gegen eins zu wetten gewesen, daß wir alle auf diese Art zerrissen werden würden. Denn gerade der Anblick der Pferde pflege die Wölfe so wüthend zu machen, und sie hätten es auf diese besonders abgesehen. Zu andern Zeiten fürchteten sie sich vor Flintenschüssen, aber wenn sie durch den furchtbaren Hunger grimmig wären, machte sie die Begierde, an die Pferde zu gelangen, unempfindlich gegen jede Gefahr. Nur durch das unausgesetzte Feuern und durch die Pulvermine seien wir ihrer Herr geworden. Wären wir dagegen ruhig auf unseren Pferden sitzen geblieben und hätten wir im Reiten gekämpft, so würden sie die Pferde nicht so ausschließlich als ihre Beute angesehen haben, als in jenem Falle, wo diese keine Menschen auf dem Rücken zu tragen hatten. Ferner, sagten sie uns noch, wenn wir, zum Aeußersten gedrängt, uns alle zusammengestellt und die Pferde preisgegeben hätten, so würden die Wölfe mit solcher Gier über die Thiere hergefallen sein, daß wir sicher davon gekommen wären, besonders da wir mit Gewehren versehen und so zahlreich gewesen seien. Ich meinerseits hatte mich nie in meinem Leben in solcher Gefahr gefühlt, als da ich die dreihundert Teufel so heulend und mit gähnenden Rachen auf uns losstürzen sah und keinen Schutz- und Zufluchtsort entdecken konnte. Ich hatte mich schon gänzlich verloren gegeben, und ich glaube, es wird mich nicht gelüsten, je wieder diese Berge zu übersteigen. Lieber noch will ich tausend Meilen zu See machen, und sollte ich auch in jeder Woche einen Sturm erleben.

Von meiner Reise durch Frankreich habe ich nichts Ungewöhnliches zu berichten, außer was andere Reisende bereits viel interessanter erzählt haben, als ich es vermöchte. Von Toulouse ging ich nach Paris, von dort, ohne mich lange aufzuhalten, weiter nach Calais. Hierauf landete ich am 14. Januar nach einer außerordentlich kalten und anstrengenden Reise in Dover.

Nachdem ich nun wieder an dem Ausgangspunkt aller meiner Reisen angelangt war, befand ich mich binnen Kurzem auch im Besitz meines ganzen neu erworbenen Reichthums; denn die Wechsel, welche ich mitgebracht hatte, wurden mir bereitwilligst ausbezahlt.

Meine beste Anleitung und mein Geheimerath war die gute alte Wittwe, die aus Dankbarkeit für das Geld, welches ich ihr geschickt hatte, keine Mühe scheute und keine Sorge zu groß fand, um mir zu dienen. Ich vertraute ihr auch so unbedingt, daß ich ganz ruhig über die Sicherheit meines Eigenthums lebte. In der unwandelbaren Redlichkeit dieser guten Frau habe ich stets ein wahres Glück für mich gesehen.

Bald darauf kam mir der Gedanke, meine Güter in der Verwahrung meiner Freundin zu lassen und mich nach Lissabon und von da nach Brasilien einzuschiffen. Diesmal aber stellte sich mir als Hauptbedenken die Religion in den Weg. Schon während ich mich noch in der Fremde aufgehalten und besonders in meiner Einsamkeit waren mir einige Zweifel über den katholischen Glauben aufgestiegen. Ich wußte, daß ich mich nicht nach Brasilien begeben, am wenigsten aber mich dort gänzlich niederlassen könne, wenn ich nicht entschlossen sei, mich ohne Rückhalt in den Schooß der katholischen Kirche zu begeben; es hätte denn sein müssen, daß ich Lust trüge, mich für meine Ueberzeugungen zu opfern, ein religiöser Märtyrer zu werden und durch die Inquisition zu sterben. Daher entschied ich mich denn dafür, in der Heimat zu bleiben und von hier aus, wenn es möglich sei, über meine Pflanzung zu disponiren.

In dieser Absicht schrieb ich an meinen alten Freund in Lissabon, dessen Antwort dahin lautete, daß er mit Leichtigkeit von dort aus die Anordnungen über mein Eigenthum treffen könnte. Wenn ich ihm aber erlauben wolle, dasselbe in meinem Namen jenen beiden in Brasilien als Kaufleute lebenden Nachkommen meiner Bevollmächtigten, welche den Werth meiner Besitzung genau kennten, an Ort und Stelle wohnten und, wie er wisse, sehr reich seien, zum Kaufe anzubieten, so würden diese, wie er glaube, sich gern dazu bereit finden lassen. Er zweifle auch nicht, daß ich mindestens vier- bis fünftausend Piaster bei dem Verkauf gewinnen würde.

Hiermit war ich völlig einverstanden. Ich gab dem Kapitän Auftrag, die Offerte zu machen, und als nach Ablauf von acht Monaten das Schiff zurückgekehrt war, meldete er mir, daß jene Beiden das Anerbieten angenommen und dreiunddreißigtausend Piaster einem ihrer Correspondenten in Lissabon mit dem Auftrag zur Auszahlung überschickt hätten.

Ich unterzeichnete hierauf den mir von Lissabon überschickten Kaufkontrakt in aller Form Rechtens und schickte ihn an meinen alten Freund, der mir dafür zweiunddreißigtausend und achthundert spanische Thaler als Kaufsumme für meine Plantage in Wechseln übermachte. Bei dem Verkauf war ein Rest des Kaufgeldes zurückbehalten, der als Rentenkapital für jene hundert Moidor, die ich für den alten Kapitän, und für die fünfzig Moidor, die ich für dessen Sohn auf Lebenszeit ausgesetzt hatte, dem Vertrag gemäß auch ferner auf meiner Plantage haften sollten.

So habe ich denn Bericht erstattet von dem ersten Theil meines schicksal- und abenteuerreichen Lebens, eines Lebens, das ein gar wunderbares Gewebe der Vorsehung darstellt, und das so reich an Abwechselung war, wie es die Welt wohl nur selten wird aufweisen können. In Thorheit war es begonnen, aber dennoch hatte es bei weitem glücklicher geendet, als irgend ein Theil desselben mir zu hoffen das Recht gegeben hätte.

Man sollte nun wohl glauben, in meiner jetzt so guten Vermögenslage sei ich darüber hinaus gewesen, noch an weitere Wagnisse zu denken; und das würde auch in der That wohl der Fall gewesen sein, wenn nicht gewisse Umstände obgewaltet hätten. Ich war nun einmal an ein unstätes Leben gewöhnt, hatte weder Familie, noch ausgedehnte Verwandtschaft, noch auch, trotz meines Reichthums, sonstigen großen Verkehr. Dazu kam, daß ich, wiewohl ich meine Pflanzung in Brasilien verkauft hatte, doch die Erinnerung an dieses Land nicht aus dem Sinne schlagen konnte und große Lust trug, wieder einmal dahin einen Ausflug zu machen. Besonders lebhaft aber war mein Verlangen, meine Insel einmal wiederzusehen und zu erfahren, ob die armen Spanier sich dort befänden und wie sie von jenen zurückgelassenen Schuften behandelt worden seien. Meine treue Freundin aber, die Wittwe, rieth mir sehr von einer weiteren Reise ab und vermochte auch so viel über mich, daß sie mich fast sieben Jahre lang von meinem Plane, über See zu gehen, abhielt.

Während dieser Zeit nahm ich mich zunächst meiner beiden Neffen an, der Kinder des einen meiner Brüder. Der Aelteste besaß etwas Vermögen, das ich, nachdem ich ihn standesgemäß erzogen, durch ein Vermächtniß auf meinen Todesfall vermehrte. Den Anderen ließ ich zum Seekapitän ausbilden, und als ich ihn nach Ablauf von fünf Jahren zu einem verständigen, tapfern und unternehmungslustigen jungen Mann herangewachsen sah, übergab ich ihm ein gutes Schiff und schickte ihn über See. Gerade dieser junge Bursch aber war es, der mich später, trotzdem ich über das Schwabenalter längst hinaus war, zu neuen Abenteuern verleitete.

Inzwischen aber hatte ich mich in England auch selbst häuslich eingerichtet. Was das Wichtigste ist, ich hatte eine vorteilhafte und mich völlig befriedigende Ehe geschlossen, aus der mir drei Kinder, zwei Söhne und eine Tochter, geboren wurden. Als aber der Tod mir mein Weib geraubt hatte und mein Neffe gerade zu derselben Zeit von einer mit gutem Erfolg bestandenen Reise nach Spanien zurückgekehrt war, gewannen meine Lust in die Fremde und sein Zureden die Ueberhand und veranlaßten mich, in dem Schiff meines Neffen als Privatkaufmann nach Ostindien zu reisen. Es geschah dies in dem Jahre 1694.

Auf dieser Reise besuchte ich denn auch die junge Kolonie auf meiner Insel. Ich fand dort meine Nachfolger, die Spanier, und ließ mir genauen Bericht über ihre und der zurückgebliebenen Verbrecher Lebensweise erstatten. Die armen Spanier waren von diesen anfangs schlecht behandelt worden. Dann hatte eine Aussöhnung stattgefunden, hierauf neue Veruneinigung und abermalige Versöhnung, der dann wieder Zwietracht gefolgt war. Endlich waren die Spanier gezwungen gewesen, Gewalt anzuwenden, hatten auch die Kerle unterworfen, sie aber dann mit Großmuth behandelt. Wollte man diese Geschichte in ihren Einzelnheiten berichten, sie würde so viel Mannichfaltigkeit und wunderbare Ereignisse auszuführen haben als meine eigne. Besonders interessant war der Bericht von den Kämpfen der Kolonisten mit den Karaiben, welche einige Male auf der Insel gelandet waren, und ferner die Mittheilungen über die auf dem Eiland eingeführten Verbesserungen. Fünf von den Kolonisten hatten auch einmal einen Einfall auf das Festland gewagt und elf Männer und fünf Weiber als Gefangene von dort heimgebracht. Durch die letzteren war die Insel bei meiner Ankunft mit etwa zwanzig Kindern bevölkert.

Ich verweilte auf der Insel gegen drei Wochen. Bei meiner Abreise ließ ich zur Unterstützung der Bewohner allerlei nothwendige Dinge zurück, insbesondere Waffen, Pulver, Schrot, Kleider, Werkzeuge und dergleichen mehr, sowie auch zwei Handwerksleute, die ich von England mitgebracht hatte, nämlich einen Zimmermann und einen Schmied.

Außerdem theilte ich die Insel unter die Bewohner ein, behielt für mich zwar das Eigenthumsrecht am Ganzen, überwies aber jedem der Kolonisten gerade die Landstrecken, die ihm am erwünschtesten waren. Nachdem ich dies Alles in Ordnung gebracht und die Bewohner verpflichtet hatte, die Insel nicht zu verlassen, nahm ich von dieser Abschied.

Von hier aus nach Brasilien gelangt, schickte ich eine dort angekaufte Barke mit weiteren Leuten nach meiner Kolonie. Daneben übersendete ich an diese außer anderen Hülfsmitteln auch sieben Frauenzimmer, die mir sowohl für Dienstleistungen, als auch zu Frauen für Diejenigen, die Lust danach trügen, geeignet schienen. Den Engländern hatte ich versprochen, von ihrer Heimat aus einige Frauen und eine ansehnliche Ladung mit brauchbaren Dingen zu schicken, wenn sie sich der Pflanzung gehörig annehmen wollten. Diese Zusage aber hatte ich später nicht halten können, wiewohl sich die Leute sehr ordentlich und fleißig zeigten, nachdem sie erst einmal bemeistert und ihnen ihre besonderen Grundstücke angewiesen waren. Ich übersendete ihnen von Brasilien aus fünf Kühe, darunter drei trächtige, sowie auch einige Schafe und Schweine, die bei meinem nächsten Besuch auf der Insel sich beträchtlich vermehrt hatten.

Hiervon jedoch und auch darüber, wie einmal dreihundert Karaiben einen Ueberfall auf die Insel gemacht und die Pflanzungen verwüstet hatten, wobei die Kolonisten zwei Gefechte mit ihnen hatten bestehen müssen, in deren erstem sie unterlegen waren und einer von ihnen seinen Tod gefunden hatte, worauf sie aber, nachdem ein Sturm die Canoes der Feinde zerstört, den Rest von diesen durch Hunger und Waffen vernichtet hatten; wie dann die Pflanzung aufs Neue in Ordnung gebracht war und in welcher Weise die Kolonisten ferner ihr Leben auf der Insel geführt hatten – über diese Dinge, sage ich, sowie auch von einigen sehr seltsamen Begebenheiten, die ich selbst auf meinen weiteren Fahrten zehn Jahre später erlebt habe, berichte ich vielleicht noch einmal in Zukunft.

ENDE

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Robinson Crusoe – Kapitel 15

Kapitel 15

Unsere Streitkräfte wurden nun für die Unternehmung folgendermaßen in Gruppen geordnet. Zur ersten gehörte der Kapitän, sein Steuermann und sein Passagier; zur zweiten die beiden zuerst gefangen Genommenen, denen ich auf des Kapitäns Empfehlung die Freiheit gegeben und Waffen anvertraut hatte; zur dritten die zwei Andern, welche ich bis daher gefesselt in der Laube gehalten, aber jetzt gleichfalls auf des Kapitäns Veranlassung losgelassen hatte; die vierte Abtheilung bildete nur der einzeln im Boot gefangene Mann; endlich bestand die fünfte aus den zuletzt befreiten Gefangenen. So waren es im Ganzen dreizehn Leute; die fünf in der Höhle und die beiden Geiseln blieben zurück.

Der Kapitän erklärte auf meine Frage seine Bereitwilligkeit, sich mit dieser Mannschaft an Bord des Schiffes zu wagen. Was mich selbst und Freitag anging, so hielt ich es nicht für zweckmäßig, mit auf das Unternehmen auszuziehen. Denn da wir sieben Mann zurückbehielten, hatten wir genug damit zu schaffen, sie getrennt zu halten und mit Lebensmitteln zu versehen. Die fünf in der Höhle sollten nach meiner Absicht streng eingeschlossen gehalten werden. Freitag ging zweimal täglich zu ihnen, um ihnen zu essen zu bringen.

Die übrigen beiden Gefangenen mußten die Vorräthe bis zu einer gewissen Stelle tragen, und Freitag nahm sie dann in Empfang.

Nachdem ich mich zu den beiden Geiseln begeben, theilte ihnen der Kapitän, der mich begleitete, mit, ich sei vom Gouverneur beauftragt, über sie zu wachen. Der Gouverneur habe angeordnet, daß sie keinen Schritt ohne meine Erlaubniß thun dürften; wenn sie dem zuwider handelten, würden sie ins Gefängniß geworfen und in Ketten gelegt werden. So erschien ich, da ich mich nicht als der Gouverneur zu erkennen geben wollte, jetzt als eine dritte Person und sprach bei jeder möglichen Gelegenheit von dem Befehlshaber der Insel, von der Garnison, dem Gefängniß und dergleichen Dingen.

Für den Kapitän boten sich jetzt als nächste und wichtigste Aufgaben die Ausrüstung seiner zwei Boote, die Verstopfung des Lecks in dem einen und die Bemannung beider. Er ernannte seinen Passagier zum Kapitän für das eine Fahrzeug und gab ihm vier Mann bei. Er selbst nebst seinem Steuermann und fünf weiteren Leuten begab sich in das andere. Sie machten ihre Sache so vortrefflich, daß sie schon um Mitternacht an das Schiff herankamen. Als sie sich auf Rufweite demselben genähert, ließ der Kapitän die Leute an Bord durch Robinson anrufen und ihnen verkündigen, sie hätten ihre Kameraden und das Boot wieder, aber es sei viel Zeit darauf gegangen, bis sie dieselben gefunden. Mit solchem und ähnlichem Geschwätz hielt er die Schiffsmannschaft hin, bis unsere Leute unter dem Schiffe beigelegt hatten. Sobald der Kapitän und der Steuermann den Fuß auf das Deck setzten, schlugen sie auch sofort den zweiten Steuermann und den Schiffszimmermann mit ihren Gewehrkolben nieder. Unsere Leute zeigten sich sehr zuverlässig. Sie versicherten sich der ganzen auf dem Haupt- und dem Quarterdeck befindlichen Mannschaft; dann verschlossen sie die Luken, um diejenigen, welche sich im untern Schiffsraum befanden, in demselben zu halten. Jetzt nahete auch das andere Boot, die Bemannung legte am Vordertheil an und nahm das Vorderdeck sowie die in die Küche führende Dachluke in Besitz und machte drei darin befindliche Leute zu Gefangenen.

Hierauf, nachdem das Deck gänzlich gesäubert war, befahl der Kapitän dem Steuermann, mit drei Leuten in die Kajüte einzubrechen. Dort hatte der neu ernannte Rebellenkapitän mit zwei Männern und einem Schiffsjungen Feuerwaffen ergriffen. Kaum hatte der Steuermann mit seinen Gefährten die Thür gespalten, so gab der neue Kapitän mit seinen Gefährten muthig Feuer auf sie, zerschmetterte dem Steuermann mit einer Musketenkugel den Arm und verwundete noch zwei von der Mannschaft, ohne jedoch einen einzigen zu tödten. Unser Steuermann rief zwar um Hülfe, stürzte indessen trotz seiner Verwundung in die Kajüte und schoß den neuen Kapitän mit einer Pistole durch den Kopf, daß die Kugel durch den Mund eindrang und hinter dem Ohr herausschlug. Der Mensch sank lautlos zusammen; darauf ergaben sich die Uebrigen, und das Schiff war somit ohne weiteren Verlust von Menschenleben in unserem Besitze.

Sobald der Sieg gewonnen war, ließ der Kapitän sieben Kanonenschüsse abfeuern, als das Signal, welches nach unserer Verabredung mir den günstigen Erfolg des Unternehmens verkündigen sollte. Man kann sich denken, mit welcher Freude ich die Salve vernahm, nachdem ich bis beinahe zwei Uhr Morgens am Strande wachend gesessen hatte. Erst als ich das Signal gehört, legte ich mich nieder und schlief nach der großen Anstrengung des Tages sogleich fest ein. Plötzlich aber wurde ich durch einen Flintenschuß geweckt und hörte, nachdem ich eilig aufgestanden war, die Stimme eines Mannes rufen: »Herr Gouverneur, Herr Gouverneur!« Ich erkannte sogleich die Stimme des Kapitäns. Als ich den Gipfel des Hügels erstiegen hatte, fand ich ihn dort stehen. Er deutete nach dem Schiff hin und sagte, indem er mich in die Arme schloß: »Mein theurer Freund und Erretter, dort ist Euer Fahrzeug, denn es gehört Euch ebenso wie mir nebst Allem, was es enthält«.

Ich richtete die Augen nach dem Schiff und sah es etwa eine halbe Meile vom Lande vor Anker liegen. Nachdem nämlich unsre Leute sich desselben bemächtigt hatten, waren die Anker alsbald gelichtet worden, und da das Wetter ruhig war, hatten sie das Fahrzeug gerade gegenüber der Mündung des kleinen Baches festgelegt. Da sich gerade die Flut erhoben, hatte der Kapitän in dem Langboot bis nahe an die Stelle gelangen können, wo ich einst mit meinen Flößen gelandet war, und so hatte er unmittelbar vor meiner Thür aussteigen können. Ich war vor Ueberraschung einer Ohnmacht nahe. Denn ich sah jetzt Alles, was zu meiner Rettung nöthig war, sozusagen wie mit Händen zu greifen vor mir und ein großes Schiff in völliger Bereitschaft, mich zu tragen, wohin ich Lust hatte. Eine Weile lang war ich nicht im Stande, ein Wort zu sprechen. Ich hielt mich, um nicht umzufallen, an dem Kapitän fest, der seine Arme um mich geschlungen hatte. Als er meine Verwirrung gewahrte, zog er sogleich eine Flasche aus seiner Tasche und ließ mich einen herzstärkenden Trunk nehmen, den er zu diesem Zwecke mitgenommen. Darauf setzte ich mich auf die Erde und kam allmählich wieder zu mir selbst, vermochte jedoch lange Zeit noch nicht ein Wort zu äußern. Inzwischen war der gute Kapitän in einer gerade so großen Aufregung als ich, wenn auch nicht in Folge der Ueberraschung. Er überhäufte mich mit tausend Ausdrücken der Zärtlichkeit, um mich wieder zum Bewußtsein zu bringen, aber der Freudenstrom flutete so gewaltig in meiner Brust, daß er alle meine Sinne mit sich fortriß. Endlich brach er in Thränen hervor und dann erst gewann ich die Sprache wieder. Jetzt schloß ich meinerseits meinen Erretter in die Arme, und wir jubelten vereint.

»Ich sehe Euch«, so sagte ich zu ihm, »als meinen vom Himmel gesendeten Erretter an, und die ganze Begebenheit erscheint mir als eine Kette von Wundern. Solche Ereignisse legen uns Zeugniß ab dafür, daß die verborgene Hand einer Vorsehung die Welt lenkt, und sie beweisen aufs Sicherste, daß die Augen einer unbegrenzten Macht in den entlegensten Winkel der Welt dringen, und daß diese Macht dem Unglücklichen Hülfe schicken kann, wenn sie nur will.« Ich unterließ auch nicht gegen den Himmel mein Herz in Dankbarkeit zu erheben, und wer hätte hier auch versäumen können, Dem zu danken, der nicht nur in wunderbarer Weise in solcher Wildniß und so trostloser Lage für mich Sorge getragen hatte, sondern aus dessen Hand jetzt auch allein die Erlösung gekommen war!

Als wir eine Weile hindurch uns unterhalten, theilte mir der Kapitän mit, er habe von dem, was das Schiff an Ladung geborgen und was von den Schurken, die es eine Weile in Besitz gehabt hätten, übrig gelassen sei, mir einige kleine Erfrischungen mitgebracht. Dann rief er den Leuten im Boote zu, sie sollten die Sachen für den Gouverneur aus Land bringen. Das war aber eine Ladung so groß, als ob ich nicht die Absicht hätte, mit den Leuten mich einzuschiffen, sondern als wenn ich auf der Insel bleiben und Jene allein ziehen lassen wolle. Da kam zuerst ein Flaschenkorb mit ausgezeichneten Spirituosen zum Vorschein, darunter sechs große Flaschen Madeira, deren jede zwei Quart enthielt; ferner befanden sich darunter zwei Pfund vorzüglichen Tabaks, zwölf Viertel Ochsenpökelfleisch und sechs Viertel Schweinefleisch, ein Sack voll Erbsen und ungefähr hundert Pfund Schiffszwieback. Auch war dabei eine Kiste mit Zucker, eine andere mit Mehl, ein Sack voll Limonen, zwei Flaschen Limonensyrup und eine Menge andere Dinge. Sodann aber, und das war mir tausendmal mehr werth als das Uebrige, hatte der Kapitän mir mitgebracht sechs reine neue Hemden, sechs sehr gute Halstücher, zwei Paar Handschuhe, ein Paar Schuhe, einen Hut, ein Paar Strümpfe und einen sehr guten vollständigen Anzug, der dem Kapitän selbst gehörte und nur wenig abgenutzt war. Kurz, mein Freund kleidete mich vom Kopf bis zu den Füßen. Jedermann kann sich denken, wie angenehm mir ein solches Geschenk in meiner Lage sein mußte, und dennoch vermag sich Niemand vorzustellen, wie unbehaglich, linkisch und verlegen ich mich anfangs fühlte, als ich diese Kleider angelegt hatte.

Nach unserer gegenseitigen Beglückwünschung, und nachdem jene guten Dinge alle in meine kleine Behausung gebracht waren, hielten wir Rath darüber, was mit unsern Gefangenen zu thun sei. Es war nämlich wohl zu erwägen, ob wir sie mit uns nehmen sollten oder nicht. Besonders galt das von zweien darunter, die unverbesserlich und widerspenstig im höchsten Grade waren. Der Kapitän versicherte, er kenne sie als solche Schurken, daß keine Wohlthat sie zur Treue vermögen würde. Wenn wir sie mitnehmen wollten, so könne es nur so geschehen, daß sie, wie es Verbrechern zieme, in Ketten gelegt und der ersten besten englischen Kolonie, wo wir ans Land gingen, überliefert würden. Mit Rücksicht auf die Besorgnisse meines Freundes sagte ich ihm zu, ich wolle es übernehmen, die beiden in Rede stehenden Leute dahin zu bringen, daß sie selbst darum bitten sollten, auf der Insel zurückbleiben zu dürfen. »Das wäre mir sehr erfreulich«, entgegnete der Kapitän. »Gut«, erwiederte ich, »so will ich sie holen lassen und statt Eurer mit ihnen redend

Hierauf schickte ich Freitag und die beiden Geiseln, welche, nachdem ihre Kameraden sich treu bewährt hatten, gleichfalls von den Fesseln befreit waren, nach der Höhle und ließ sie die fünf Gefangenen in ihren Banden nach der Laube bringen. Bald darauf trat ich in meinem neuen Anzug dort ein, und zwar jetzt wieder in der Würde des Gouverneurs. Als wir alle versammelt waren, und der Kapitän sich gleichfalls eingefunden hatte, ließ ich die Gefangenen vorführen und hielt eine Ansprache an sie. Ich bemerkte darin, daß ihre schurkenhafte Handlungsweise mir vollständig bekannt sei. Ich wisse, daß sie mit dem Schiff entflohen und noch auf anderen Raub ausgegangen seien, daß aber die Vorsehung sie in ihrer eignen Schlinge gefangen und sie selbst in die von ihnen für Andere bereitete Grube habe fallen lassen. Auf meine Anordnung, sagte ich, sei das Schiff wieder erobert und liege jetzt auf der Rhede; sie würden demnächst ihren neuen Kapitän an der großen Raa baumeln sehen, auf daß er den gerechten Lohn seiner Schurkerei empfange. Hierauf fragte ich, was sie vorzubringen hätten dagegen, daß ich sie nicht gleichfalls als auf der That ertappte Seeräuber bestrafe, wozu mich meine amtliche Stellung unzweifelhaft berechtige.

Einer von ihnen antwortete im Namen der Uebrigen, sie hätten darauf Nichts weiter zu erwiedern, als daß ihnen bei ihrer Gefangennehmung Schonung ihres Lebens versprochen sei und daß sie mich demüthig um Gnade anflehten.

Darauf ich: »Ich weiß in der That nicht, was für eine Art von Gnade ich Euch erzeigen könnte. Denn was mich selbst angeht, so habe ich beschlossen, die Insel mit allen meinen Leuten zu verlassen und mich mit dem Kapitän nach England einzuschiffen. Der letztere kann Euch nicht mitnehmen, außer als Gefangene in Ketten, damit Euch für Eure Meuterei und die Desertion mit dem Schiffe der Prozeß gemacht wird. Das aber führt, wie Ihr selbst wissen werdet, nothwendig zum Galgen. Deshalb weiß ich nichts Besseres für Euch, als daß Ihr Euch entschließt, hier auf der Insel Euer Glück zu machen. Ist das der Fall, so bin ich nicht abgeneigt, da ich die Macht habe, über die Insel zu verfügen, Euch das Leben zu schenken, wenn Ihr glaubt, dasselbe auf diesem Eilande fristen zu können.«

Die Gefangenen schienen außerordentlich dankbar hierfür zu sein und versicherten mich, sie wollten es weit lieber riskiren, hierzubleiben, als in England gehängt zu werden. Daher ließ ich es hierbei sein Bewenden haben. Der Kapitän jedoch schien Schwierigkeit zu machen, als ob er die Gefangenen nicht hier lassen dürfe. Das ärgerte mich ein wenig, und ich bemerkte ihm, die Leute seien meine Gefangenen und nicht die seinigen. Wenn ich ihnen einmal Begnadigung zugesagt hätte, so sei ich auch gut für mein Wort. Wenn er es nicht zufrieden sei, so würde ich sie in Freiheit setzen, wie ich sie gefunden hätte, dann möge er sie sich wieder einfangen, wenn es ihm gelänge. Sodann ließ ich die dankerfüllten Gefangenen losbinden, befahl ihnen, sich in die Wälder zurückzuziehen und die Stelle wieder aufzusuchen, woher sie vor Kurzem gekommen seien; ich versprach ihnen einige Feuerwaffen und Munition zurückzulassen und ihnen Anweisung zu geben, wie sie ein ganz bequemes Leben führen könnten.

Hierauf bereitete ich mich vor, an Bord zu gehen, die folgende Nacht jedoch wollte ich noch auf der Insel verweilen und forderte daher den Kapitän auf, sich nach dem Schiffe zu begeben, dort Alles in Ordnung zu bringen, am nächsten Morgen das Boot für mich ans Land zu schicken und den erschossenen Kapitän an die Raa aufzuhängen, daß ihn die Leute auf der Insel sehen könnten.

Nachdem der Kapitän sich entfernt hatte, hieß ich die freigegebenen Gefangenen zu mir kommen und begann ein ernstliches Gespräch mit ihnen über ihre Zukunft. »Ihr habt«, sagte ich ihnen, »das Richtige gewählt; hätte Euch der Kapitän mitgenommen, so würdet Ihr sicherlich in England aufgehängt worden sein. Seht dort den Kapitän an der Schiffsraa baumeln. Das gleiche Loos hätte Euch erwartet.«

Sie erklärten Alle, daß sie sehr gern zurückblieben. Hierauf erzählte ich ihnen von meiner Ankunft und meinen Erlebnissen auf der Insel, zeigte ihnen meine Festungswerke, gab ihnen an, wie ich mein Brod bereitet, mein Getreide gesäet, meine Trauben behandelt hatte, kurz, ich wies sie auf Alles hin, was zu ihrer Behaglichkeit dienen konnte. Auch von den sechzehn Spaniern, deren Ankunft zu erwarten sei, sagte ich ihnen, ließ einen Brief an dieselben zurück und nahm den Verbannten das Versprechen ab, mit denselben alle meine Vorräthe zu theilen.

Dann gab ich ihnen meine Feuergewehre, fünf Musketen und drei Vogelflinten. Ferner erhielten sie drei Säbel und anderthalb Faß Pulver, denn so viel besaß ich noch, da ich nach den ersten Jahren nur wenig mehr gebraucht hatte. Auch beschrieb ich ihnen, wie ich die Ziegen behandelt, sie fett gemacht und gemolken und wie ich Butter und Käse bereitet hatte. Ich versprach, den Kapitän zu bereden, daß er ihnen noch weitere zwei Pulverfäßchen zurücklasse, sowie einige Sämereien, die mir sehr schwer abgegangen seien. Auch den Beutel mit Erbsen, den der Kapitän für mich mitgebracht hatte, gab ich ihnen und ermahnte sie, Sorge zu tragen, daß dieselben eingelegt würden und gehörigen Ertrag lieferten.

Nachdem dies Alles besorgt war, begab ich mich am nächsten Tage an Bord. Wir bereiteten uns vor, sofort unter Segel zu gehen, lichteten jedoch noch nicht an demselben Abend die Anker. Am nächsten Morgen früh kamen zwei von den Zurückgelassenen an das Schiff herangeschwommen, erhoben ein großes Klagegeschrei und baten um Gottes willen, an Bord genommen zu werden, wenn der Kapitän sie auch aufhängen lassen würde, denn sonst würden die drei Anderen sie ermorden. Der Kapitän erwiederte, er könne Nichts ohne meine Zustimmung thun. Nachdem ich dann noch einige Schwierigkeiten gemacht und ihnen das feierliche Versprechen der Besserung abgenommen, wurden sie an Bord gelassen und tüchtig durchgepeitscht. Sie zeigten sich später als ordentliche und ruhige Gesellen.

Einige Zeit darauf schickten wir zur Flutzeit das Boot an Land und ließen den Zurückgebliebenen die versprochenen Gegenstände überbringen, zu denen der Kapitän auf meine Veranlassung noch ihre Koffer und Kleidungsstücke gefügt hatte. Sie nahmen Alles dankbar auf. Auch ermuthigte ich sie, indem ich versprach, ihnen, wenn es in meiner Macht stünde, ein Schiff zuzuschicken, das sie mitnähme, und daß ich sie überhaupt nicht vergessen würde.

Beim Abschied von der Insel nahm ich als Erinnerungszeichen mit mir an Bord die große Ziegenfellmütze, die ich mir selbst gemacht hatte, sowie meinen Sonnenschirm und einen meiner Papageis. Auch das früher erwähnte Geld vergaß ich nicht. Es hatte so lange nutzlos dagelegen, daß es ganz schwarz geworden war und erst, nachdem es ein wenig gerieben worden, wieder für Silber gelten konnte. Ferner that ich auch das in dem Wrack des spanischen Schiffs gefundene Geld zu meinen Habseligkeiten.

So verließ ich denn (wie ich aus dem Schiffskalender ersah) am 19. December des Jahres 1684 das Eiland, nachdem ich achtundzwanzig Jahre zwei Monate und neunzehn Tage darauf zugebracht hatte. Meine Befreiung aus dieser zweiten Gefangenschaft fand an demselben Monatstage statt wie meine Flucht in dem Langboot von den Mohren zu Saleh. Nach langer Fahrt und nach fünfunddreißigjähriger Abwesenheit betrat ich am 11. Juni des Jahres 1685 wiederum die englische Erde.

Ich war in meinem Vaterlande aller Welt so fremd geworden, als ob ich nie mit Jemandem dort bekannt gewesen wäre. Meine treue Hauswirthin und Wohlthäterin, der ich mein Geld anvertraut hatte, lebte noch, war aber in großes Mißgeschick gerathen und befand sich, zum zweiten Male Wittwe geworden, in sehr dürftigen Umständen. Ich beruhigte sie in Bezug auf das, was sie mir schuldete, versicherte, daß ich sie darum nicht in Sorgen setzen wolle, erleichterte vielmehr zum Dank für ihre alte Liebe und Treue ihre Lage so gut, als meine geringen Mittel es damals gestatteten. Es war zwar nur wenig, was ich für sie thun konnte, doch sagte ich ihr zu, daß ich ihre frühere Freundlichkeit nicht vergessen werde. Das habe ich denn, wie an seiner Stelle erzählt werden soll, auch gehalten, sobald ich in die Lage kam, sie unterstützen zu können.

Bald darauf begab ich mich in die Grafschaft York. Mein Vater und meine Mutter waren gestorben, und von meiner ganzen Familie lebte Niemand mehr als zwei von meinen Schwestern und zwei Kinder des einen meiner Brüder. Da man mich schon seit langer Zeit für todt gehalten, war ich auch bei der Erbtheilung des väterlichen Nachlasses nicht berücksichtigt worden. So hatte ich denn so viel als Nichts zu meinem Lebensunterhalt, denn das wenige Geld, was ich bei mir führte, konnte nicht hinreichen, mir eine Existenz zu gründen.

Jetzt aber erfuhr ich einen unerwarteten Beweis von Dankbarkeit. Der Schiffskapitän, den ich nebst seinem Schiff und dessen Ladung so glücklich gerettet, hatte dem Schiffseigner einen getreuen Bericht von der Art, wie ich ihn und sein Fahrzeug erhalten hatte, abgestattet. Dieser nebst einigen andern betheiligten Kaufleuten forderten mich hierauf zu einer Zusammenkunft auf, sagten mir in dieser auf höfliche Weise ihren Dank und machten mir ein Geschenk von beinahe zweihundert Pfund Sterling.

Als ich nach reiflicher Ueberlegung einsah, wie wenig auch dieses Geld zur Sicherung meiner Existenz genügen könne, beschloß ich nach Lissabon zu reisen, um zu versuchen, ob ich dort nicht Kunde über den Zustand meiner Plantage in Brasilien erhalten und erfahren könne, was aus meinem Compagnon geworden sei. Bezüglich des letzteren mußte ich annehmen, daß er mich schon Jahre lang für todt gehalten habe. So schiffte ich mich denn nach Lissabon ein und kam im April daselbst an. Freitag begleitete mich getreulich auf allen meinen Fahrten und bewährte sich bei jeder Gelegenheit als ein zuverlässiger Diener. In der portugiesische Hauptstadt machte ich zu meiner großen Freude meinen alten Freund, jenen Schiffskapitän, ausfindig, der mich einst an der afrikanischen Küste in sein Fahrzeug aufgenommen hatte. Er war inzwischen ein Greis geworden, hatte das Seeleben aufgegeben und sein Schiff seinem auch schon bejahrten Sohne übergeben, welcher noch immer nach Brasilien Handel trieb. Der alte Mann erkannte mich anfangs nicht, wie auch ich ihn nur mit Mühe wieder erkannte. Jedoch erinnerte ich mich sehr bald seiner Züge, und auch in dem Gedächtniß des Kapitäns tauchte die Erinnerung an mich, sobald ich meinen Namen genannt, wieder auf.

Nachdem wir uns herzlich begrüßt, war begreiflicher Weise meine erste Frage nach meiner Plantage und nach meinem Compagnon. Der Alte erwiederte, er selbst sei seit fast neun Jahren nicht in Brasilien gewesen; bei seiner letzten Abreise von dort habe aber mein Compagnon noch gelebt; dagegen seien die beiden Leute, die ich ihm beigeordnet, um meine Interessen zu wahren, schon damals todt gewesen. Indeß glaube er, daß ich gute Kunde über das Wachsthum meiner Pflanzung erhalten würde. Denn nachdem man allgemein angenommen, ich sei bei einem Schiffbruch ertrunken, hätten meine beiden Vertrauensmänner die Berechnung über die Einkünfte meiner Pflanzung dem Fiscalprocurator übergeben, der für den Fall, daß ich nicht zurückkehre und es einfordere, mein Eigenthum zu einem Drittel an den König, zu zwei Dritteln an das Kloster des heiligen Augustinus abgeliefert habe; an das letztere, damit es zu Almosen und für die katholische Mission unter den Indianern verwendet werde. Käme ich aber oder ein von mir Bevollmächtigter, um die Hinterlassenschaft zu fordern, so würde dieselbe zurückerstattet werden, ausgenommen die zu mildthätigen Zwecken bereits verwendeten Beträge, welche nicht ersetzt werden könnten. Dabei versicherte er mich, der königliche Beamte, der die Staatseinkünfte zu verwalten habe, wie auch der Vorsteher jenes Klosters hätten stets mit großer Sorgfalt darauf gehalten, daß der Verwalter des Vermögens, das heißt mein Compagnon, alljährlich eine genaue Rechnung über die Einkünfte habe ablegen müssen, von denen sie dann die mir gehörige Hälfte pflichtschuldigst in Abzug gebracht hätten.

Ich fragte hierauf den Kapitän, ob er nicht wisse, daß und wie sich meine Pflanzung vergrößert habe, und ob er glaube, es verlohne sich der Mühe, daß ich sie einmal selbst in Augenschein nehme; ferner auch, ob, wenn ich dort hingekommen wäre, meiner Absicht, die mir gebührende Hälfte in Empfang zu nehmen, sich kein Hinderniß in den Weg stellen werde.

Hierauf erwiederte der Kapitän Folgendes: Er könne zwar nicht genau sagen, bis zu welchem Umfang sich die Pflanzung vergrößert habe, soviel aber wisse er, daß mein Partner von dem bloßen Ertrag der Hälfte sehr reich geworden sei. So viel er sich erinnern könne, meine er gehört zu haben, daß das dem Könige zugefallene Drittel meines Theiles, das, wie es schiene, einem andern Kloster oder einer Stiftung zugewiesen sei, jährlich über zweihundert Moidor betrage. Was die Wiedereinsetzung in den vollen Besitz meines Vermögens angehe, so sei dieselbe gar nicht zu bezweifeln, da mein Compagnon noch am Leben sei und meine Berechtigung bezeugen könne, wie ja auch mein Name in die königlichen Register und in das Staatsgrundbuch eingetragen sei. Auch die Nachkommen meiner zwei Bevollmächtigten seien sehr ehrbare und geachtete Leute und in besten Vermögensumständen. Wie er glaube, würden sie mir nicht nur zur Wiedererlangung meines Eigenthumes behülflich sein, sondern ich würde auch noch eine ansehnliche Geldsumme in ihren Händen finden, die mir gehöre, als Ertrag der Farm, seitdem diese von den Erblassern jener Männer in meinem Auftrag beaufsichtigt worden, bis zu dem Zeitpunkt, in dem jene, wie oben erwähnt, ihr Mandat niedergelegt hätten, was seinem Bedünkens vor etwa zwölf Jahren geschehen sei.

Ueber diesen Bericht war ich ein wenig betroffen und mißzufrieden. Ich fragte den alten Kapitän, wie es denn gekommen sei, daß meine Bevollmächtigten in solcher Weise über mein Vermögen hätten disponiren können, während ich doch, wie er wisse, ein Testament errichtet und darin ihn, den portugiesischen Kapitän, zum Universalerben eingesetzt hätte.

Er erwiederte, das sei zwar richtig; aber mein Tod sei nicht erwiesen gewesen, und er habe nicht eher als Testamentsvollstrecker verfahren können, bis irgend ein sicherer Bericht über mein Ableben vorgelegen haben würde. Ueberdies sei er auch nicht Willens gewesen, sich mit Dingen in so weiter Ferne zu befassen. Daher habe er nur mein Testament einregistriren lassen und seine Forderung angemeldet. Wäre er über meinen Tod oder darüber, daß ich noch lebe, sicher unterrichtet gewesen, so würde er durch einen Bevollmächtigten das Ingenio (so werden in Brasilien die Zuckerplantagen genannt) haben in Besitz nehmen lassen, welchen Auftrag sein jetzt in Brasilien befindlicher Sohn leicht hätte vollziehen können.

»Aber«, fügte der alte Mann hinzu, »ich habe Euch auch noch eine weitere Mittheilung zu machen, die Euch vielleicht weniger willkommen sein wird als die früheren. Da nämlich Euer Compagnon und Eure Bevollmächtigten ebenso wie alle anderen Leute glaubten, Ihr wäret gänzlich verschollen, so boten mir dieselben an, sie wollten mir auf Eure Rechnung die Renten der ersten sechs oder acht Jahre auszahlen, was ich denn auch angenommen habe. In jener Zeit aber waren gerade große Aufwendungen zur Vergrößerung der Plantage, z. B. zum Anbauen eines Ingenio, zum Ankauf von Sklaven und dergleichen mehr, nöthig gewesen, und daher belief sich damals der Ertrag bei weitem nicht so hoch, als es später der Fall war. Uebrigens«, so schloß der Kapitän, »werde ich Euch getreulich über das von mir in Empfang Genommene und über die Art, wie ich es verwendet habe, Rechnung ablegen.«

Nach einigen Tagen brachte mir denn auch mein alter Freund die Berechnung über die Einkünfte meiner Plantage aus den ersten sechs Jahren. Dieselbe war von meinem Compagnon und dem Mitbevollmächtigten unterzeichnet, und der Ertrag war dem Alten jedesmal in Naturalien überliefert worden, z. B. in Tabaksrollen, Zucker (nach Kisten berechnet), Rum, Syrup und was sonst aus einer Zuckerpflanzung gewonnen wird. Ich ersah aus der Rechnung, daß die Einkünfte alljährlich um ein Beträchtliches gestiegen waren. Da aber, wie erwähnt, die Unkosten bedeutend gewesen, so hatte sich die Einnahme anfangs nicht hoch belaufen. Nichtsdestoweniger konnte mir der alte Kapitän mittheilen, daß er mir vierhundertundsiebzig Moidor in Gold schulde, abgesehen von fünfzehn doppelten Rollen Tabak und sechzig Kisten mit Zucker, die in seinem Schiffe verloren gegangen seien, als er, etwa elf Jahre nach meiner Abreise von Brasilien, auf der Heimfahrt nach Lissabon Schiffbruch gelitten habe.

Der gute Alte erging sich hierauf in Klagen über sein Mißgeschick, das ihn genöthigt, mein Geld zum Ersatz seiner Verluste und zum Ankauf der Teilhaberschaft an einem neuen Schiff zu verwenden. »Jedoch«, fügte er hinzu, »sollt Ihr, alter Freund, in Eurer bedrängten Lage nicht darunter leiden, und sobald mein Sohn heimgekehrt ist, werde ich Euch vollständig befriedigen.« Hierbei holte er einen alten Beutel hervor und händigte mir hundertundsechzig portugiesische Moidor in Gold ein. Dann übergab er mir die Dokumente über seinen Antheil an dem Schiff, mit welchem sein Sohn nach Brasilien gegangen war und das ihm zu einem, seinem Sohne zum andern Viertel eigen gehörte. Die Urkunden sollten mir nämlich als Sicherheit für den Rest meiner Forderung dienen.

Die Ehrlichkeit und Freundlichkeit des alten Mannes hatten mir jedoch das Herz so bewegt, daß ich es nicht vermochte, sein Anerbieten anzunehmen. Die Erinnerung an das, was er für mich gethan, wie er mich einst in sein Schiff aufgenommen, wie großmüthig er sich bei jeder Gelegenheit gegen mich gezeigt und wie redlich er auch jetzt wieder mir gegenüber handelte, rührte mich so, daß ich mich kaum des Weinens enthalten konnte. Ich fragte ihn, ob es denn seine Lage erlaube, daß er sich für den Augenblick einer so großen Summe entäußere, und ob es ihn auch nicht in Verlegenheit setze. Er erwiederte, allerdings könne er nicht leugnen, daß es ihm ein wenig schwer falle. Allein es sei ja mein Geld, und ich würde es wohl noch nöthiger haben als er.

Alles, was der alte Mann sagte, hatte einen so herzlichen Ausdruck, daß ich nur mit Mühe dabei meine Thränen bezwang. Ich nahm nur hundert Stück von den Moidoren an, bat um Feder und Tinte, um dem Kapitän eine Quittung auszustellen, gab ihm hierauf den Rest zurück und erklärte, daß ich, wenn ich jemals wieder in Besitz meiner Pflanzung käme, ihm auch die andere Summe wieder zurückerstatten würde. Dies ist denn auch nachmals von mir geschehen. Die Urkunde über seinen Antheil an dem Schiffe seines Sohnes weigerte ich mich entschieden anzunehmen. »Wenn ich einmal des Geldes benöthigt sein werde«, sagte ich, »so weiß ich, daß Ihr ehrlich genug seid, es mir wieder zu bezahlen; bedarf ich es aber nicht und erhalte ich dasjenige wieder, worauf Ihr mir Hoffnung macht, so will ich nie auch nur einen Pfennig davon zurück haben.«

Hierauf fragte der alte Mann, ob er die nöthigen Schritte thun solle, damit ich wiederum in den Besitz meiner Plantage käme. Auf meine Erwiederung, daß ich selbst nach Brasilien zu gehen gedächte, antwortete er: »Das könnt Ihr freilich thun, wenn Ihr Lust dazu habt; aber auch ohne das gibt es Mittel genug, Euer Recht zu sichern und Euch direkt den Besitz Eurer Einkünfte zu verschaffen«. Da nun gerade auf der Rhede von Lissabon Schiffe nach Brasilien segelfertig lagen, ließ er meinen Namen in ein öffentliches Register eintragen und stellte in eidlicher Form ein Zeugniß aus, daß ich noch am Leben und daß ich diejenige Person sei, welche ehedem das Land zu der bewußten Pflanzung angekauft habe.

Diese Urkunde ließ er von einem Notar ordnungsmäßig unterzeichnen, und ich sendete sie hierauf, mit einer Vollmacht und einem von der Hand des Kapitäns abgefaßten Schreiben begleitet, an einen jenem bekannten brasilianischen Kaufmann. Bis eine Antwort über meine Angelegenheit eintreffe, sollte ich, so schlug der Kapitän vor, bei ihm wohnen.

Jene Vollmacht wurde in allergenauester Weise vollzogen. Noch vor Ablauf von sieben Monaten empfing ich ein dickes Packet von den Hinterbliebenen meiner Mandatare, nämlich jener Kaufleute, für deren Rechnung ich hatte nach Afrika gehen sollen. Das Packet enthielt folgende Briefe und Papiere:

Erstens ein Contocorrent über die Einkünfte meiner Pflanzung seit dem Rechnungsabschluß zwischen den Erblassern der Absender und meinem alten portugiesischen Kapitän, welche Abrechnung vor sechs Jahren stattgefunden hatte. Die Berechnung ergab einen Saldo von tausendeinhundertundsiebzig Moidor zu meinen Gunsten.

Zweitens eine Rechnung über weitere vier Jahre, während deren die Correspondenten mein Vermögen verwaltet hatten, bis zu dem Zeitpunkt, in welchem das Gouvernement meine Güter als die einer verschollenen oder, wie der Kunstausdruck lautet, als einer juristisch todten Person eingezogen hatte. Diese Rechnung ergab, da die Pflanzung sich inzwischen vergrößert hatte, für mich den Betrag von dreitausendzweihunderteinundvierzig Moidor.

Drittens eine Rechnung des Priors jenes Augustinerklosters, welcher länger als vierzehn Jahre hindurch einen Theil meiner Einkünfte bezogen hatte. Der Prior zeigte in redlicher Gewissenhaftigkeit an, daß nach Abzug des für das Hospital Verwendeten noch achthundertundzweiundsiebzig Moidor übrig seien, die mir als Eigenthum gehörten. Was dagegen den Antheil des Königs anlange, so würde davon Nichts zurückerstattet werden.

Ferner enthielt das Packet auch ein Schreiben meines Compagnons, welcher mir herzlich Glück dazu wünschte, daß ich noch am Leben sei, und mir Bericht erstattete über die Vergrößerung meiner Pflanzung und deren jährlichen Ertrag. Auch genaue Angaben über die Ackerzahl der Plantage, über die Art ihrer Bebauung und wie viel Sklaven darauf gehalten würden, enthielt der Brief. Mein Partner hatte darin zweiundzwanzig Kreuze gemalt mit der Bemerkung, daß er ebenso viel Ave Maria’s zur heiligen Jungfrau gebetet habe, aus Dankbarkeit dafür, daß ich noch am Leben sei. Auch lud er mich sehr dringend ein, nach Brasilien zu kommen und mein Eigenthum in Besitz zu nehmen. Einstweilen sollte ich ihm Auftrag geben, an wen er, so lange ich nicht selbst käme, meine Güter zu überliefern habe. Das Schreiben schloß mit den herzlichsten Versicherungen seiner Freundschaft und mit Grüßen seiner Familie. Als Geschenke waren demselben beigefügt sieben schöne Pantherfelle, die mein Compagnon, wie es schien, von Afrika erhalten, wohin er noch ein zweites Schiff abgesendet hatte, dem, wie es schien, eine bessere Reise beschieden gewesen war als einst mir. Auch fünf Kisten mit ausgezeichneten Delikatessen hatte mein Associé beigepackt nebst hundert ungeprägten Goldstücken, die beinahe so groß waren als Moidore. Mit demselben Schiff übersendeten die zwei Hinterbliebenen meiner Mandatare eintausendzweihundert Kisten mit Zucker und den Rest meines ganzen Guthabens in Gold.

Jetzt konnte ich wohl mit Recht sagen: Hiobs Ende ist besser gewesen als sein Anfang. Es ist unmöglich die Bewegung zu beschreiben, in die mein Herz gerieth, als ich jene Briefe las, und besonders als ich meinen ganzen Reichthum um mich versammelt hatte. Denn da die Schiffe von Brasilien immer flottenweise kommen, so langten mit den Briefen zugleich auch meine Güter an, und die letzteren lagen bereits sicher im Hafen, als mir erst die Briefe zu Handen kamen. Ich wurde bleich und unwohl vor Gemütsbewegung, und hätte der alte Mann nicht rasch einen Trunk zur Herzstärkung herbeigeholt, ich glaube, die plötzliche Freude würde mich überwältigt und auf der Stelle getödtet haben. Sogar nachher fühlte ich mich noch einige Stunden hindurch förmlich krank, bis ein herbeigeschaffter Arzt, nachdem er die Ursache meines Unwohlseins erfahren hatte, einen Aderlaß verordnete. Nach diesem bekam ich Erleichterung und fühlte mich besser; ich bin aber überzeugt, daß ich, wäre nicht auf solche Weise meinen Lebensgeistern Luft verschafft worden, vor übermäßiger Freude gestorben sein würde.

Ich sah mich nun plötzlich im Besitze von mehr als fünftausend Pfund Sterling in baarem Geld und eines Landgutes, wie ich es wohl nennen kann, in Brasilien. Das letztere ertrug mir auch über tausend Pfund jährlich, so sicher wie nur irgend ein Grundstück in England. Kurz, ich war jetzt in einer so guten Lage, daß ich kaum wußte, wie ich mich darin benehmen und wie ich sie recht genießen sollte. Das Erste, was ich that, war, daß ich meinen Hauptwohlthäter belohnte, den guten alten Kapitän, der zuerst in meinem Unglück Mitleid gezeigt hatte und von Anfang an gütig und bis zum Ende ehrlich und treu gegen mich gewesen war. Ich zeigte ihm Alles, was ich zugesandt erhalten hatte, und sagte ihm, daß ich es, nächst der göttlichen, Alles lenkenden Vorsehung, allein ihm zu danken habe, und daß es jetzt an mir sei, ihn reichlich zu belohnen.

Vor Allem gab ich ihm die hundert Goldstücke wieder, die ich von ihm erhalten hatte. Dann ließ ich einen Notar kommen und durch ihn einen in den bestimmtesten Ausdrücken gehaltenen Verzicht oder Nachlaßvertrag über die vierhundertundsiebzig Goldkronen, welche der Kapitän mir schuldig zu sein behauptete, aufsetzen. Ferner stellte ich eine Vollmacht aus, die jenen berechtigte, die jährlichen Einkünfte meiner Pflanzung für mich in Empfang zu nehmen. Das Dokument wies nämlich meinen Compagnon an, die Zahlungen an den Kapitän zu leisten und dieselben mit den regelmäßigen Postschiffen in meinem Namen an letzteren zu schicken. Die Vollmacht schloß mit einer Clausel, durch welche ich dem Kapitän hundert Goldstücke auf Lebenszeit aus den Erträgen der Waaren aussetzte und seinem Sohne nach ihm fünfzig, gleichfalls auf Lebenszeit. So vergalt ich meinem alten Freunde, was er an mir gethan hatte.

Es blieb mir nun zunächst zu überlegen, welchen Weg ich zur Verwerthung des Besitztums einschlagen sollte, das die Vorsehung so unerwartet mir anvertraut hatte. Wie viel mehr Sorgen überkamen mich jetzt als während meines stillen Lebens auf der Insel! Damals hatte ich Nichts, als was ich bedurfte; jetzt war ich zu großem Reichthum gelangt und mußte für dessen Erhaltung sorgen. Nun bot sich mir keine Höhle mehr, wo ich mein Geld verstecken konnte, kein Platz, wo es ohne Schloß und Riegel liegen durfte, bis es verschimmelte und verrostete, ehe irgend Jemand es angerührt hätte. Im Gegentheil wußte ich durchaus nicht, wo ich mein Geld hinlegen, oder wem ich es anvertrauen sollte. Mein alter Gönner, der ehrliche Kapitän, war die einzige Zuflucht, die mir blieb.

Zwar schien es zweckmäßig, daß ich mich zunächst zur Erledigung meiner brasilianischen Angelegenheiten dorthin begebe, aber vorläufig war gar nicht an eine Reise dahin zu denken, so lange ich nicht meine Geschäfte hier geordnet und meine Schätze sichern Händen übergeben hatte. Anfangs dachte ich an meine alte Freundin, die Wittwe, deren Ehrlichkeit ich kannte und von der ich wußte, daß sie treu gegen mich sein würde. Aber sie war alt und arm und konnte möglicherweise in Schulden gerathen sein. So blieb mir also nichts Anderes übrig, als selbst nach England zurückzukehren und meine Sachen dahin mitzunehmen.

Einige Monate gingen indessen darüber hin, ehe ich diesen Entschluß faßte. Jetzt, wo ich dem alten Kapitän seine früheren Wohlthaten reichlich und zu seiner Befriedigung vergolten hatte, gedachte ich auch der obengenannten armen Frau, deren Mann mein erster Wohlthäter gewesen und mir, so lange es ihm möglich gewesen war, mit Rath und That beigestanden hatte. Ich veranlaßte zunächst einen lissaboner Kaufmann, an seinen Korrespondenten in London zu schreiben, daß er ihr einen Wechsel auszahle, die Frau aufsuche und ihr in meinem Namen hundert Pfund in Gold überbringe, auch freundlich mit ihr rede und sie in ihrer Armuth mit der Versicherung tröste, daß sie, so lange ich lebe, noch fernere Unterstützungen erhalten werde. Zugleich sandte ich jeder meiner beiden in England wohnenden Schwestern hundert Pfund. Zwar lebten diese nicht in Dürftigkeit, aber sie waren doch auch nicht in glänzenden Verhältnissen. Die eine war verheirathet gewesen und jetzt Wittwe, die andere wurde von ihrem Manne nicht so gut behandelt, wie sie es verdiente.

Unter allen meinen Freunden und Verwandten jedoch wußte ich keinen, dem ich mein ganzes Vermögen anzuvertrauen gewagt hätte, so daß ich hätte nach Brasilien reisen und mein Hab und Gut in sicheren Händen zurücklassen können. Dieser Umstand machte mir große Sorgen. Früher war ich schon einmal Willens gewesen, mich ganz in Brasilien niederzulassen, denn ich hatte ja dort gewissermaßen meine Heimat. Aber allerlei religiöse Bedenken, von denen ich gleich mehr sagen werde, hatten mich damals davon zurückgehalten. Jetzt war es nicht die Religion in erster Linie, was mich bewog, nicht dahin zu reisen. So wenig ich mir früher Skrupel darüber gemacht hatte, mich öffentlich zu der Konfession des Landes zu halten, so lange ich dort lebte, ebensowenig würde ich jetzt davor Bedenken getragen haben. Nur daß ich, seitdem ich mehr darüber nachgedacht hatte, zuweilen, wenn es sich darum handelte, dort zu leben und zu sterben, anfing zu bereuen, daß ich mich jemals zur katholischen Kirche gehalten hatte. Ich hielt jetzt diesen Glauben nicht mehr für den besten, in dem man sterben kann.

Aber, wie gesagt, war dies nicht der Hauptgrund, der mich von der Reise nach Brasilien abhielt. Vielmehr lag dieser darin, daß ich wirklich nicht wußte, wem ich meine zurückbleibenden Sachen übergeben sollte. Daher beschloß ich endlich, sie mit nach England zu nehmen. Dort hoffte ich irgend eine zuverlässige Bekanntschaft zu machen, oder einen Verwandten aufzufinden, dem ich trauen könnte. So bereitete ich mich denn darauf vor, mit meinem ganzen Reichthum nach England zu reisen.

Ehe ich aber die Reise in die Heimat antrat, benutzte ich die eben abgehende Schiffspost nach Brasilien zur Beantwortung der treuen und gewissenhaften Berichte, die ich von dort erhalten hatte. An den Prior des Augustinerklosters schrieb ich einen Dankbrief für seine redliche Handlungsweise und für das Anerbieten der achthundertundzweiundsiebzig Goldkronen, indem ich auf dieselben verzichtete. Fünfhundert davon bestimmte ich dem Kloster, die übrigen dreihundertzweiundsiebzig sollten nach seinem Ermessen unter die Armen vertheilt werden. Daneben bat ich den guten Pater um seine Fürbitte für mich.

Alsdann verfaßte ich ein Schreiben an meine beiden Bevollmächtigten, worin ich ihnen meine volle Anerkennung für ihre große Gewissenhaftigkeit und Treue aussprach. Geschenke irgend einer Art konnte ich ihnen nicht anbieten, denn über dergleichen waren sie erhaben. Endlich schrieb ich noch an meinen Compagnon, lobte seinen Fleiß in der Verbesserung der Pflanzung und seine Zuverlässigkeit in Bezug auf den wachsenden Ertrag und gab ihm Anweisungen über die fernere Verwaltung meines Antheils, mit Rücksicht auf die Rechte, die ich meinem alten Freunde, dem Kapitän, zugestanden hatte. Diesem sollte mein Compagnon Alles, was mir zukommen würde, übersenden, bis er mündlich Weiteres von mir hören würde. Ferner theilte ich ihm mit, daß es meine Absicht sei, nicht nur vorübergehend zu ihm zu kommen, sondern mich sogar für den Rest meines Lebens ganz bei ihm niederzulassen. Dem Briefe fügte ich ein schönes Geschenk von italienischem Seidenzeug für seine Frau und seine beiden Töchter (der Sohn des Kapitäns hatte mir gesagt, daß er solche habe) bei, nebst zwei Stücken seinen Tuches, von dem besten, was ich in Lissabon bekommen konnte, sowie fünf Stücke schwarzen Wollenzeuges und brabanter Spitzen von beträchtlichem Werthe.

Nachdem ich diese Angelegenheiten geordnet, meine Ladung verkauft und mein ganzes Besitzthum in gute Wechsel umgetauscht hatte, überlegte ich, welchen Weg ich nach England einschlagen sollte. Ich war zwar hinlänglich an das Reisen zur See gewöhnt, dennoch aber fühlte ich eine große Abneigung dagegen, diesmal den Seeweg einzuschlagen. Einen bestimmten Grund dafür konnte ich freilich nicht angeben, aber meine Abneigung steigerte sich so, daß ich noch mehrmals, sogar als mein Gepäck schon eingeschifft war, meinen Entschluß änderte.

Es ist wahr, ich hatte schon viel Unglück auf der See gehabt, und die Erinnerung daran mochte wohl meinem Widerwillen zu Grunde liegen. Man sollte nie so starke Impulse des eigenen Gefühls in dergleichen wichtigen Lebensaugenblicken geringschätzen. Zwei von den Schiffen, die ich mir zur Reise ausersehen (in einem derselben hatte ich meine Sachen bereits eingeschifft gehabt, und bezüglich des anderen war ich schon mit dem Kapitän über die Reisebedingungen völlig einig gewesen) hatten auch wirklich Unglück auf der Reise; das eine wurde von den Arabern genommen, das andere scheiterte bei Torbay und die gesammte Mannschaft bis auf drei Leute ertrank. So wäre ich denn in jedem dieser Schiffe übel daran gewesen, und es ist schwer zu sagen, in welchem am schlimmsten.

Ein mir seit Langem bekannter Lootse, dem ich in meiner Bedrängniß mich anvertraute, drang ernstlich darauf, daß ich nicht zur See reisen sollte. Entweder, so rieth er mir, solle ich zu Lande bis nach Corogna und von dort über den Meerbusen von Biscaya nach Rochelle gehen, von wo aus die Reise nach Paris leicht und sicher sei, und dann weiter über Calais nach Dover reisen, oder aber sollte ich mich nach Madrid begeben und den ganzen Weg durch Frankreich zu Lande machen. Ich war so gegen jede Wasserreise eingenommen, daß ich mich entschloß, das Letztere zu wählen. Da ich weder Eile hatte, noch die Kosten zu scheuen brauchte, so war dies auch bei weitem der angenehmste Weg. Zur Erhöhung der Annehmlichkeit führte mir mein alter Kapitän einen Engländer zu, den Sohn eines lissaboner Kaufmanns, der sich bereit erklärte, mich zu begleiten. Später fanden sich noch zwei englische Kaufleute und zwei junge Portugiesen (welche letztere übrigens nur bis Paris mitgingen), so daß wir zusammen sechs Herren und fünf Diener waren. Die zwei Kaufleute und die beiden Portugiesen begnügten sich zu je zweien mit einem Diener, um die Kosten zu sparen; was mich selbst betraf, so hatte ich neben Freitag, der zu landesunkundig war, um diese Stelle unterwegs versehen zu können, als Bedienten einen englischen Matrosen angenommen.

So reisten wir denn von Lissabon ab. Unsere Reisegesellschaft war sehr gut beritten und bewaffnet. Wir bildeten eine förmliche kleine Kompagnie, und meine Gefährten thaten mir die Ehre an, mich zum Hauptmann derselben zu ernennen, und zwar erstens, weil ich der Aelteste von uns sei, und zweitens, weil ich zwei Bedienten hätte. In der That war ja auch von mir die Veranlassung zu der ganzen Reise ausgegangen.

Wie ich den Leser nicht mit dem Inhalt meiner Seetagebücher behelligt habe, will ich ihn auch nicht mit der ausführlichen Beschreibung meiner Landreise langweilen. Einige Abenteuer aber, die uns auf der langwierigen und beschwerlichen Reise begegnet sind, mag ich doch nicht ganz übergehen.

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Robinson Crusoe – Kapitel 14

Kapitel 14

Obwohl ich anfangs entschlossen war, vor Einbruch der Nacht Nichts zu unternehmen, änderte ich doch bald meinen Plan. Gegen zwei Uhr nämlich, als die Hitze den höchsten Grad erreicht hatte, bemerkte ich, daß die Seeleute sämmtlich einzeln in den Wald gegangen waren, wahrscheinlich um dort einen Mittagsschlaf zu halten. Die drei unglücklichen Gefangenen aber, zu sorgenvoll, um den Schlummer finden zu können, saßen im Schatten eines großen Baumes etwa eine Viertelmeile von mir entfernt. Dort vermochten sie, wie ich glaubte, von keinem der Uebrigen gesehen zu werden, und darauf hin beschloß ich, mich ihnen zu zeigen und sie über ihr Schicksal zu befragen. Sofort machte ich mich in dem oben beschriebenen Aufzug auf den Weg, Freitag folgte eine Strecke hinter mir, gleichfalls fürchterlich anzuschauen, wenn auch nicht ganz so ungeheuerlich wie ich. Ich näherte mich den Fremden, so weit es ging, ohne bemerkt zu werden, und rief dann, ehe mich einer erblickt hatte, in spanischer Sprache, ihnen laut zu: »Wer seid Ihr, Leute?« Sie stutzten bei dem Laut, aber in weit größere Verwirrung geriethen sie noch, als sie mich in meinem sonderbaren Aufzug erblickten. Sie antworteten nicht und wollten eben sich auf die Flucht begeben, als ich ihnen auf englisch zurief: »Gentlemen, fürchtet Euch nicht vor mir! Vielleicht ist Euch ein Freund näher, als Ihr es gehofft habt«. – »Dann muß er geraden Wegs vom Himmel geschickt sein«, sagte traurig einer der Gefangenen zu mir, »denn in unserer Lage ist Menschenhülfe ein Ding der Unmöglichkeit.« »Alle und jede Hülfe kommt vom Himmel, Herr«, entgegnete ich. »Aber wollt Ihr nicht einem Euch Unbekannten den Weg zeigen, wie Euch aus der großen Noth, in der Ihr Euch zu befinden scheint, zu helfen steht? Ich sah Euch hier landen, und als Ihr, wie es schien, die rohen Menschen um Gnade batet, bemerkte ich, daß einer derselben sein Schwert zog, Euch zu tödten.«

Dem armen Menschen rannen jetzt die Thränen vom Gesicht, und zitternd mit Mienen, als sei er vom Donner gerührt, antwortete er: »Spricht Gott selbst zu mir oder ein Mensch? Habe ich einen Sterblichen vor mir oder einen Engel?« – »Darüber macht Euch keine Gedanken«, entgegnete ich. »Wenn ein Engel Gottes zu Eurer Errettung geschickt wäre, so würde er in besseren Kleidern gekommen sein wie ich und auch andere Waffen tragen, als Ihr an mir seht. Ich bitte Euch, gebt alle Furcht auf. Ich bin ein gewöhnlicher Mensch wie andere, und zwar ein Engländer, und beabsichtige Euch beizustehen. Ihr seht, ich habe zwar nur Einen Diener; wir besitzen aber Waffen und Munition. Sagt uns gerade heraus, ob wir Euch nützen können. Was für ein Schicksal ist es, das Euch betroffen hat?«

»Unser Schicksal zu erzählen, Herr«, erwiederte er, »würde jetzt zu viel Zeit in Anspruch nehmen, während unsre Mörder so nahe sind. Kurz heraus gesagt, Herr, ich war Kapitän jenes Schiffes, und meine Mannschaft hat gegen mich eine Meuterei unternommen. Nur mit Mühe ist sie davon abgebracht worden, mich zu ermorden, und endlich haben sie mich nebst diesen beiden Männern, von denen der eine mein Steuermann, der andere einer meiner Schiffspassagiere war, an diesem öden Eiland ausgesetzt. Wir glaubten hier sterben zu müssen, da wir den Ort für unbewohnt hielten, und auch jetzt wissen wir nicht, wie wir Errettung finden sollen.«

»Wo sind Eure Feinde, diese Bestien, hingekommen?« fragte ich. – »Dort liegen sie, Herr«, erwiederte er, indem er auf ein Baumdickicht zeigte. »Mein Herz zittert vor Furcht, daß sie uns gesehen und Euch sprechen gehört haben. Wenn das der Fall ist, werden sie uns sicherlich Alle ermorden.«

»Haben sie Feuerwaffen?« fragte ich. Er antwortete, sie hätten nur zwei Flinten bei sich, eine dritte sei im Boote zurückgeblieben. »Nun gut«, erwiederte ich, »dann überlaßt mir das Uebrige. Ich sehe, sie liegen Alle im Schlaf, und es ist mir eine Leichtigkeit, sie zu tödten. Oder sollen wir sie lieber zu Gefangenen machen?« Er entgegnete, es seien zwei verzweifelte Schurken unter ihnen, denen Gnade widerfahren zu lassen eine bedenkliche Sache sei. Wenn man jedoch erst diese in der Gewalt habe, so würden die anderen, wie er glaube, freiwillig zu ihrer Pflicht zurückkehren. Auf meine Aufforderung, jene Beiden näher zu bezeichnen, bemerkte der Fremde, daß er dies aus der Entfernung nicht wohl vermöge; übrigens werde er sich meinen Anordnungen in jeder Weise unterwerfen. »Nun denn«, erwiederte ich, »so wollen wir uns aus dem Bereich ihrer Augen und Ohren zurückziehen, damit sie nicht erwachen, und dann können wir das Weitere beschließen.« Hierauf folgten mir die Fremden willig, bis der Wald uns verbarg.

»Hört mich an, Herr«, sagte ich, als wir im Dickicht angekommen waren. »Wenn ich mich um Eure Befreiung in Gefahr begebe, seid Ihr dann auch bereit, Euch zwei Bedingungen gänzlich zu unterwerfen?« Er kam meinen Vorschlägen zuvor durch die Erwiederung, daß sowohl er wie sein Schiff, wenn er es wieder in seine Gewalt bekommen sollte, ganz und gar meinen Befehlen untergeben sein solle. Und wenn er auch sein Schiff nicht wieder gewinnen sollte, werde er doch für mich leben und sterben, in welchen Theil der Welt ich ihn auch schicken möchte. Die beiden Andern sprachen sich in gleicher Weise aus.

»Nun wohl«, antwortete ich. »Meiner Bedingungen sind nur zwei. Die erste: daß Ihr, so lange Ihr auf dieser Insel weilt, Euch keinerlei Autorität anmaßen, auch, wenn ich Euch Waffen einhändige, diese jederzeit zurückliefern und weder zu meinem, noch der Meinigen Schaden anwenden wollt, sowie daß Ihr während dieser ganzen Zeit meinen Befehlen Folge leistet. Zweitens: daß Ihr, wenn Ihr Euer Schiff wieder bekommt, mich und meinen Gefährten in freier Ueberfahrt nach England zu bringen versprecht.«

Der Kapitän gab mir alle möglichen und erdenklichen Versicherungen, daß er diese sehr billigen Bedingungen erfüllen und überdies sein ganzes Leben mir ergeben sein, auch seinen Dank, wo es nur angehe, bethätigen werde. »Nun denn«, erwiederte ich, »hier sind drei Musketen mit Pulver und Blei für Euch; sagt mir jetzt, was für ein Verfahren Ihr für das zweckmäßigste erachtet.« Er bezeigte aufs Neue seine Erkenntlichkeit, entgegnete aber, daß er sich ganz meinen Anordnungen unterwerfen wolle. Ich bemerkte ihm hierauf, daß ich zwar jeden Angriff für eine gewagte Sache hielte, dennoch aber als das unserer Situation Angemessenste ansähe, daß wir mit Einem Male Feuer auf die ganze Bande gäben, während diese im Schlafe liege. »Wenn dann«, setzte ich hinzu, »einige bei dieser ersten Salve nicht todt bleiben und sich ergeben wollen, so können wir ihnen das Leben schenken und so die Wirkung unserer Schüsse ganz in die Hände der Vorsehung legen.«

Der Kapitän entgegnete mit großer Ruhe, wenn er es vermeiden könne, so würde er gern unterlassen, sie zu tödten; aber jene beiden unverbesserlichen Schufte, welche auch allein die Meuterei in seinem Schiffe angestiftet hätten, könnten uns, wenn sie entrinnen sollten, ins Verderben stürzen; sie würden nämlich dann an Bord gehen, die ganze Schiffsmannschaft herbeiholen und uns vernichten. »Dann«, entgegnete ich, »rechtfertigt die Nothwendigkeit meinen Rathschlag, da er den einzigen Weg, uns das Leben zu retten, öffnet.« Weil ich den Kapitän aber immer noch abgeneigt sah, Blut zu vergießen, trug ich ihm auf, sich mit seinen beiden Gefährten aufzumachen und das zu thun, was ihnen selbst das Angemessenste schien.

Mitten in diesem Gespräch waren einige von den Schiffsleuten erwacht, und wir sahen, daß zwei von ihnen augenblicklich auf den Füßen standen. Der Kapitän verneinte meine Frage, ob einer von ihnen zu den Rädelsführern der Empörten gehöre. »Gut«, sagte ich, »so mögen sie entfliehen. Die Vorsehung scheint sie aufgeweckt zu haben, um sie zu retten. Jetzt«, fuhr ich fort, »ist es Eure Schuld, wenn die Uebrigen uns entrinnen.« Hierdurch ermuthigt, nahm er die von mir ihm eingehändigte Muskete zur Hand und eine Pistole in den Gürtel und ging mit seinen beiden Kameraden, von denen jeder gleichfalls von mir mit einer Flinte bewaffnet war, ab.

Die Letzteren machten bei ihrer Entfernung einiges Geräusch. Einer von den wachgewordenen Seemännern wendete sich hierauf um und rief, als er sie herbeikommen sah, den andern herbei. Aber es war bereits zu spät, denn in demselben Augenblick gaben jene beiden Feuer, während der Kapitän klüglich seinen Schuß zurückbehielt. Die Zwei hatten so trefflich auf jene früher erwähnten Schurken gezielt, daß der eine von diesen auf der Stelle todt blieb, der andere aber schwer verwundet wurde. Der Letztere hatte noch so viel Kraft, aufspringen und laut um Hülfe rufen zu können; der Kapitän aber eilte zu ihm und rief: es sei zu spät, Menschenbeistand anzuflehen, er solle lieber Gott anrufen, daß er seiner Schurkenseele gnädig sei. Bei diesen Worten schlug er ihn mit dem Gewehrkolben nieder, daß er kein Glied mehr regte.

Es blieben noch drei der Feinde übrig, von denen aber einer gleichfalls schon leicht verwundet war. Inzwischen war ich herbeigekommen, und als die Gegner die Größe der Gefahr und die Vergeblichkeit des Widerstands einsahen, baten sie um Gnade. Der Kapitän versprach ihnen das Leben zu schenken, wenn sie ihm ihre Reue über die Verrätherei, deren sie sich schuldig gemacht, verbürgen könnten und wenn sie ferner schwören wollten, ihm treuen Beistand zum Wiedergewinnen des Schiffes und zur Rückkehr nach Jamaika zu leisten, woher sie gekommen waren. Sie gaben darauf sämmtlich jede Versicherung aufrichtiger Reue, die man nur verlangen konnte, und der Kapitän äußerte mir deshalb den Wunsch, ihnen das Leben zu schenken. Ich hatte Nichts dagegen einzuwenden, machte aber zur Bedingung, daß die Gefangenen an Hand und Fuß gefesselt bleiben müßten, so lange sie auf der Insel verweilen würden.

Inzwischen hatte ich Freitag mit dem Steuermann des Kapitäns nach dem Boot geschickt, um es in Sicherheit zu bringen und die Segel und Ruder fortzuschaffen. Bald darauf kamen drei von den umherschweifenden Seeleuten, die sich zu ihrem Glück von den Uebrigen getrennt hatten, durch unsere Schüsse herbeigerufen in unsere Nähe. Als sie sahen, daß der Kapitän aus ihrem Gefangenen ihr siegreicher Gebieter geworden, ließen auch sie sich willig binden, und so war denn unser Sieg vollständig.

Jetzt erst bot sich die Gelegenheit für mich und den Kapitän, den Bericht von unserem gegenseitigen Schicksal auszutauschen. Ich begann und erzählte ihm meine ganze Geschichte, die er mit Aufmerksamkeit und Verwunderung anhörte. Vorzüglich interessirte es ihn zu erfahren, in welcher wunderbaren Weise ich mit Lebensmitteln und Munition versehen worden war. Mein wunderreicher Lebensgang rührte ihn tief. Der Gedanke überkam ihn, daß ich auch zu seiner eigenen Errettung erhalten worden sei, die Thränen rannen ihm über das Gesicht, und er vermochte nicht ein Wort mehr zu sprechen. Darauf führte ich ihn und seine beiden Gefährten nach meiner Wohnung, und zwar auf dem Wege, auf welchem ich diese selbst verlassen hatte, nämlich über den Hügel. Dort ließ ich sie Alle mit dem, was ich an Lebensmitteln vorräthig hatte, erfrischen und zeigte ihnen die sämmtlichen Anstalten, die ich während meines langen Aufenthalts zu meiner Bequemlichkeit getroffen hatte.

Dies Alles erfüllte sie mit höchstem Erstaunen. Der Kapitän bewunderte besonders die Befestigung meiner Wohnung, und wie vollkommen ich meinen Zufluchtsort durch das kleine Wäldchen versteckt hatte. Ich hatte es vor nun beinahe zwanzig Jahren angelegt, und es war, da die Bäume hier viel rascher als in England wachsen, schon stattlich groß und so dick geworden, daß man es nur durch den von mir gebahnten gewundenen Pfad passiren konnte.

Ich erzählte ihm, daß ich außer dieser Burg, die meine Residenz darstelle, wie die Fürsten gewöhnlich, auch einen Landsitz habe, den ich ihm gelegentlich zeigen wollte. Für jetzt war aber unsere nächste Aufgabe, das Schiff wieder in unsere Gewalt zu bekommen. Der Kapitän gestand, daß er durchaus nicht wisse, was dazu für Maßregeln zu ergreifen seien. Es befänden sich nämlich noch dreizehn Mann an Bord, die, weil sie sich auf eine Empörung eingelassen, alle ihr Leben dem Gesetz verfallen wüßten und daher in verzweifelter Situation wären. Es sei ihnen bekannt, daß sie bei ihrer Rückkunft nach England sofort auf die Galeeren oder auf die englischen Kolonien gebracht würden, und daher sei ein Angriff auf sie bei unserer geringen Zahl unmöglich.

Die Ansicht des Kapitäns erschien mir bei einigem Nachdenken nur zu wohl begründet. Jedenfalls aber mußte ein rascher Entschluß gefaßt werden, sowohl um die Schiffsleute in eine Schlinge zu locken, als sie von einer Landung abzuhalten, die unsere Vernichtung nach sich gezogen haben würde. Ich bedachte, daß die Schiffsmannschaft sicherlich, um nachzusehen, was aus ihren Kameraden und dem Boot geworden sei, binnen Kurzem in ihrem anderen Boot zur Insel kommen, vielleicht Waffen mitbringen und uns dann überlegen sein würde. Deshalb schlug ich als erste Maßregel vor, das Boot, welches auf dem Sande lag, seeuntüchtig zu machen. Wir begaben uns sofort an Bord desselben und nahmen die Waffen und was sich sonst an Gegenständen darin befand, heraus. Zu den letzteren gehörte eine Flasche Branntwein, eine andere mit Rum, etwas Schiffszwieback, ein Pulverhorn und ein großes, fünf bis sechs Pfund schweres Stück Zucker in Segeltuch eingewickelt. Alles dies war mir sehr willkommen, besonders aber der Branntwein und Zucker, die ich seit vielen Jahren entbehrt hatte.

Als diese Dinge an Land gebracht waren (die Ruder, der Mast, das Segel und das Steuerruder hatten wir bereits vorher weggeschafft), bohrten wir ein großes Loch in den Boden des Fahrzeugs, so daß dieses keinesfalls weggebracht werden konnte, wenn auch die Schiffsleute in noch so großer Anzahl kommen sollten. Auf die Wiedergewinnung des Schiffes rechnete ich jetzt kaum noch. Dagegen hoffte ich, das Boot würde, wenn es jene Leute zurückgelassen hätten, sich leicht wieder so weit herstellen lassen, daß wir darin nach den Lewardsinseln gelangen und unterwegs die Spanier, die ich nicht vergessen hatte, aufnehmen könnten.

Während wir noch über unsern Operationsplan beriethen und mit großer Anstrengung das Boot so weit an den Strand gezogen hatten, daß es die Flut nicht sollte mitführen können, und nachdem das Loch in demselben so groß gemacht war, daß der Leck so leicht nicht gestopft werden konnte, hörten wir plötzlich von dem Schiff einen Schuß und bemerkten, daß das Boot durch allerlei Signale dorthin zurückgerufen werden sollte. Wiederholtes Feuern und Signalisiren blieb jedoch fruchtlos. Jetzt sah ich mit Hülfe meines Fernglases, daß die Mannschaft ein anderes Boot aussetzte und es durch einige Leute nach der Insel hinrudern ließ. Bei seinem Herankommen erkannten wir, daß sich nicht weniger als zehn Mann darin befanden, welche sämmtlich Feuerwaffen bei sich führten.

Da das Schiff fast zwei Meilen vom Lande entfernt lag, hatten wir Zeit genug, unsere Beobachtungen zu machen und sogar die Gesichter der Männer im Boot zu erkennen. Denn da die Wellen sie etwas östlich von der Stelle, wo das früher gelandete Boot lag, abgetrieben hatten, und sie daher eine Strecke der Küste entlang steuerten, um an demselben Punkte wie jenes an Land zu kommen, konnten wir die Mannschaft genau beobachten. Der Kapitän kannte die Charakterbeschaffenheit der sämmtlichen Leute im Boot. Drei von ihnen, sagte er, seien sehr wackere Leute, die nach seiner Ueberzeugung nur durch Gewalt und Furcht von den Uebrigen in die Verschwörung gezogen worden seien. »Der Bootsmann aber«, setzte er hinzu, »welcher das Kommando zu haben scheint, und alle Uebrigen, außer jenen Dreien, gehören zu den Schlimmsten unter dem ganzen Schiffsvolk und werden ohne Zweifel in ihrer Desperation Alles wagen.«

Ich lächelte hierüber und erwiederte, Menschen in unserer Lage sollten über die Furcht hinaus sein. Jede denkbare Situation sei besser als die unsrige, und was auch erfolge, Leben oder Tod, würde sicherlich für uns eine Befreiung mit sich führen. Ich fragte, ob er, nachdem er den Bericht über meine Lebensumstände vernommen, nicht glaube, daß es sich für mich verlohne, an eine Erlösung aus meiner Lage Alles zu setzen. »Wohin ist Euer Glaube gekommen«, fuhr ich fort, »der Euch vor Kurzem noch so erhob, daß ich erhalten sei, um Euch zu erretten? Meines Bedünkens ist es nur ein einziger Umstand in unserer Situation, der mißlich zu sein scheint.«

»Was meint Ihr damit?« fragte er.

»Nichts Anderes, als daß, wie Ihr sagt, einige brave Jungens unter den Leuten sind, die gerettet zu werden verdienen. Wäre die ganze Sippe niederträchtig, so würde ich glauben, Gott habe sie von den Uebrigen nur deshalb abgesondert, um sie in unsere Hände zu liefern. Denn verlaßt Euch darauf, jeder Mensch, der an diesen Strand kommt, steht in unserer Gewalt und soll leben oder sterben, je nachdem er sich gegen uns benimmt.« Diese mit heiterer Miene gesprochenen Worte ermuthigten den Kapitän bedeutend, und so machten wir uns denn getrost an unsere Aufgabe.

Sobald das vom Schiff ausgesandte Boot uns zuerst in Sicht gekommen war, hatten wir Sorge getragen, die Gefangenen zu trennen. Zwei davon, denen der Kapitän weniger als den Uebrigen traute, wurden unter der Führung Freitags und eines der drei von uns befreiten Männer in meine Höhle entsendet, wo sie entfernt genug waren, um nicht gehört oder entdeckt werden zu können. Aus dieser hätten sie sich, auch selbst wenn sie ihrer Fesseln ledig geworden wären, nicht durch das Gehölz finden können. Dort wurden sie mit Lebensmitteln versehen und in Banden zurückgelassen, nachdem ihnen angekündigt war, daß sie, wenn sie sich ganz ruhig verhielten, nach einigen Tagen die Freiheit erhalten sollten, daß sie aber bei dem geringsten Fluchtversuch gnadelos dem Tod verfallen würden. Sie versprachen, ihre Gefangenschaft geduldig zu ertragen und zeigten sich dankbar für die gute Behandlung, die man ihnen dadurch widerfahren lasse, daß man ihnen Lebensmittel und Licht gewährt habe. Freitag hatte ihnen nämlich einige von unsern selbstverfertigten Kerzen zurückgelassen und sie dann glauben gemacht, daß er als Schildwache vor dem Eingang der Grotte zurückbleibe.

Die übrigen Gefangenen wurden noch besser behandelt. Zwei blieben jedoch gebunden, weil auch ihnen der Kapitän nicht völlig traute. Die andern beiden wurden unter meinen Befehl gestellt, nachdem sie feierlich gelobt hatten, mit uns zu leben und zu sterben. Wir waren jetzt mit ihnen und den drei braven Leuten zusammen sieben gut bewaffnete Männer, und ich zweifelte nicht, daß wir mit den zehn Ankömmlingen ganz leicht fertig werden würden, besonders da der Kapitän versichert hatte, es seien mehre ehrenwerthe Leute unter ihnen.

Sobald die Fremden zu der Stelle gekommen waren, wo ihr anderes Boot lag, ließen sie das ihrige an den Strand auflaufen, sprangen ans Land und zogen ihr Fahrzeug hinter sich her. Mir war das ganz erwünscht, denn ich hatte schon gefürchtet, sie würden ihr Boot in einiger Entfernung von der Küste vor Anker legen und Wache darin zurücklassen, so daß wir uns desselben nicht bemächtigen könnten. Kaum gelandet, eilten Jene zu ihrem andern Boot und sahen mit großem Erstaunen, daß es gänzlich ausgeplündert und mit einem großen Leck durchbohrt war.

Nachdem die Neuangekommenen eine Weile über die Ursache dieser Beschädigung nachgesonnen hatten, ließen sie aus Leibeskräften mehre Male ein brüllendes Halloh erschallen, um von ihren Gefährten gehört zu werden. Es blieb jedoch vergeblich. Hierauf bildeten sie einen Kreis und feuerten aus ihrem Kleingewehr eine solche Salve ab, daß die Wälder rings umher ein lautes Echo vernehmen ließen. Auch dies fruchtete Nichts. Die in der Höhle eingeschlossenen Gefangenen hörten das Schießen nicht, und die bei uns Befindlichen vernahmen es zwar recht gut, durften aber keine Antwort geben.

Hierüber waren die Schiffsleute so erstaunt und befremdet, daß sie, wie wir später erfuhren, beschlossen, sofort nach dem Schiffe zurückzukehren und die Nachricht dahin zu bringen, die Mannschaft sei ermordet und das Langboot seeuntüchtig gemacht. Dem gemäß brachten sie das Fahrzeug, in dem sie gekommen waren, alsbald wieder in See und begaben sich an Bord desselben.

Hierüber aber erschrak der Kapitän aufs Aeußerste; er glaubte nämlich, die Schiffsmannschaft würde nach der Rückkehr der Abgesandten ihre Kameraden verloren geben und wieder in See gehen, so daß er das Schiff, das er wieder zu erlangen gehofft, unfehlbar verlieren werde. Bald aber sollte er durch ein anderes Ereigniß noch mehr in Furcht gesetzt werden.

Die Leute waren noch nicht lange mit dem Boot abgestoßen, als wir sie ans Land zurückkehren sahen, offenbar gewillt, etwas Anderes zu unternehmen. Sie hatten, wie es schien, nach gepflogener Berathung beschlossen, daß drei Mann in dem Boot zurückbleiben, die Uebrigen aber auf die Insel zurückkehren und nach ihren Gefährten suchen sollten. Dies gab der Sache für uns eine sehr unangenehme Wendung, und wir wußten im Augenblick nicht, was wir beginnen sollten. Denn wenn wir uns auch jener sieben Mann, die sich am Lande befanden, bemächtigten, so half das nicht viel, wenn wir das Boot entrinnen ließen. Die darin Befindlichen nämlich wären dann gewiß sofort zu dem Schiff zurückgerudert und mit den dort Zurückgebliebenen sicherlich alsbald unter Segel gegangen, wo dann von einem Wiederbekommen des Fahrzeugs für uns keine Rede mehr sein konnte. Indessen hatten wir keine andere Wahl, als den Verlauf der Dinge ruhig abzuwarten.

Sobald die sieben Mann an Land gegangen waren, hatten die drei in dem Boot befindlichen dieses eine geraume Strecke weit vom Ufer abgesteuert und sich dort vor Anker gelegt, um auf die Andern zu warten. Damit aber war es für uns unmöglich geworden, an das Boot zu gelangen. Die ans Ufer Gelangten hielten sich dicht zusammen und bewegten sich nach der Spitze des kleinen Hügels, unter welchem meine Behausung lag. Wir konnten sie deutlich erkennen, während sie dagegen uns nicht zu bemerken vermochten. Es mußte uns erwünscht sein, daß sie entweder näher zu uns herankämen, oder sich weiter von uns entfernten. In jenem Falle hätten wir auf sie feuern, im andern hätten wir uns sicher zurückziehen können. Als sie den Hügel erstiegen hatten, von dem man weit aus über die Thäler und Wälder nach der am tiefsten gelegenen Nordostseite der Insel zu schauen vermochte, schrieen und riefen sie so lange, bis sie ermüdet waren. Dann setzten sie sich, ohne sich weit vom Ufer hinweg zu wagen, oder sich von einander zu entfernen, unter einen Baum, um Rath zu halten. Hätten sie sich dort dem Schlaf überlassen, wie es früher die andere Truppe gethan, so wäre das sehr vortheilhaft für uns gewesen; aber sie waren zu sehr in Furcht, um schlafen zu können, wiewohl sie keine bestimmte Vorstellung von den ihnen drohenden Gefahren hatten.

Jetzt brachte der Kapitän einen sehr zweckmäßigen Vorschlag zur Sprache. »Vielleicht«, meinte er, »werden diese Gesellen zu dem Entschluß kommen, eine neue Salve zu geben, um von ihren Kameraden gehörten werden, und dann wollen wir in dem Augenblick, wo ihre Gewehre abgefeuert sind, über sie herfallen; sicherlich werden sie sich uns in dieser Lage ergeben, und wir bekommen sie auf diese Weise ohne Blutvergießen in unsere Gewalt.« – Ich billigte diesen Plan für den Fall, daß wir den Leuten nahe genug seien, um zu ihnen gelangen zu können, ehe sie ihre Gewehre wieder zu laden vermöchten. Aber eben diese Voraussetzung fand nicht statt, und so lagen wir noch eine geraume Zeit unentschlossen, was wir unternehmen sollten.

Endlich erklärte ich mich dahin, daß sich meines Bedünkens vor Einbruch der Nacht gar Nichts thun ließe. Vielleicht könnten wir dann, wenn unsere Feinde nicht in das Boot zurückkehren sollten, zwischen sie und das Ufer gelangen und dann die im Boot Befindlichen durch List ans Land locken.

Nachdem wir eine geraume Zeit in großer Ungeduld gewartet hatten, waren wir sehr unangenehm überrascht, als wir die sieben Mann nach langer Berathung aufstehen und nach dem Meere hingehen sahen. Es schien, als ob der Ort, an dem sie sich befanden, ihnen so unheimlich vorkäme, daß sie beschlossen hätten, an Bord des Schiffes zurückzukehren, ihre Gefährten verloren zu geben und ihre Reise fortzusetzen.

Als ich sie nach dem Ufer hingehen sah, war ich überzeugt, daß sie alle weitern Nachforschungen aufgegeben hätten. Der Kapitän theilte diese Ansicht und war dadurch nicht wenig erschreckt. Mir aber kam alsbald eine List in den Sinn, die sich bewährte und die Fremden wirklich wieder zur Umkehr vom Strande bewog. Ich ließ nämlich Freitag und den Steuermann des Kapitäns über die kleine Bucht im Westen setzen, von dort nach der Stelle, wo Freitag den Wilden entronnen war, gehen und befahl ihnen, sobald sie auf die daselbst etwa eine halbe Meile von uns befindliche Anhöhe gekommen seien, aus Leibeskräften zu rufen, bis die Seeleute es vernommen hätten. Wenn diese Antwort gegeben, sollten jene beiden das Schreien wiederholen, dann in einem Bogen fortlaufend immer das Halloh der Fremden erwiedern, diese möglichst weit auf solche Weise in das Innere der Insel und in die Wälder locken und dann auf einem Umwege, den ich ihnen angab, zu uns zurückkehren.

Die Fremden waren gerade im Begriff, in das Boot zu steigen, als Freitag und sein Begleiter ihr Halloh anstimmten. Sofort antworteten jene und eilten der Küste entlang westwärts, dem Ort zu, von woher die Stimmen schallten. Auf ihrem Wege sahen sie sich durch die Bucht gehemmt, in der gerade das Flutwasser stand, so daß sie nicht hinüber konnten. Sofort riefen sie, ganz wie ich es voraus gesehen, den im Boot Befindlichen zu, herbeizukommen und sie überzusetzen. Kaum war diese Aufforderung ergangen, so sah ich, wie das Boot, das eine weite Strecke die Bucht hinaufgerudert war, in einer Einbiegung des Ufers landete, worauf von den drei früher darin Befindlichen einer mit den sieben Anderen lief und nur zwei in dem Fahrzeug zurückblieben, nachdem sie dieses an dem Stamm eines kleinen Baumes am Ufer befestigt hatten.

Dies war es aber gerade, was ich gewünscht hatte. Sofort nahm ich die bei mir befindlichen Leute mit, setzte so, daß ich von den Männern bei dem Boot nicht bemerkt werden konnte, über die Bucht und überraschte die Beiden, ehe sie es sich versahen. Der Eine von ihnen lag am Ufer, der Andere befand sich noch im Boot. Jener, im halben Schlaf begriffen, wollte sich erheben, aber der Kapitän, der uns voraus war, eilte auf ihn los und schlug ihn nieder. Dann rief er dem im Boote Befindlichen zu, er solle sich ergeben oder er sei des Todes.

Es bedurfte keiner großen Ueberredung, um diesen vom Widerstand abzuhalten, als er sich uns fünf Männern gegenüber und seinen Gefährten kampfunfähig sah. Ueberdies gehörte er auch, wie es schien, zu den drei Leuten, die nicht so schwer betheiligt an der Meuterei waren als das übrige Schiffsvolk, daher er nicht nur sich völlig ergab, sondern sich uns auch später als aufrichtiger Bundesgenosse bewährte.

Unterdessen hatten Freitag und der Steuermann den Andern gegenüber ihre Sache so gut gemacht, daß diese durch Rufen und Antworten von einem Hügel zum andern und von einem Gehölz ins andere gelockt worden und nicht nur herzlich müde, sondern auch vom Boot weit genug entfernt waren, um es vor der Dunkelheit nicht wieder erreichen zu können. Nicht minder brachten auch unsre Freunde, bei ihrer Rückkehr zu uns, eine tüchtige Müdigkeit mit.

Jetzt blieb uns nichts Anderes zu thun, als die Nacht abzuwarten und dann die Fremden zu überfallen, wo wir sicher sein durften, uns ihrer bemächtigen zu können. Es waren kaum einige Stunden nach Freitags Rückkehr verstrichen, als auch Jene den Rückweg zu ihrem Boote nahmen. Schon geraume Zeit, ehe sie herankamen, hörten wir die Vordersten den Zurückgebliebenen zurufen. Diese antworteten mit Klagerufen über ihre Lahmheit und Müdigkeit und versicherten, daß sie kaum noch vorwärts könnten. Endlich langten sie bei dem Boot an. Aber wie groß war ihr Befremden, als sie dieses durch die Ebbe auf dem Sand fest gemacht sahen, ihre beiden Leute aber nicht mehr darin fanden. Wir hörten sie eine klägliche Unterhaltung führen; sie jammerten darüber, daß sie auf ein verzaubertes Eiland gerathen seien; entweder, sagten sie, müsse es hier Eingeborene geben, durch die ihnen Allen ein grausamer Tod drohe, oder es müßten Teufel und böse Geister hier wohnen, von denen sie entführt und vernichtet werden würden.

Hierauf stimmten sie aufs Neue ihr lautes Halloh an und forderten ihre Gefährten bei Namen auf, herbeizukommen; aber es erfolgte keine Antwort. Einige Zeit darauf sahen wir sie in der Dämmerung mit vor Verzweiflung gerungenen Händen herumirren, dann in das Boot zurückkehren, um auszuruhen, bald darauf wieder am Ufer umherlaufen und dies Thun immer aufs Neue wiederholen.

Meine Leute hatten große Lust, sofort in der Dunkelheit über sie herzufallen, aber ich wollte meiner Sache ganz gewiß sein, um so wenig als möglich Menschenleben opfern zu müssen. Vor Allem aber war ich abgeneigt, das Leben eines meiner eigenen Leute aufs Spiel zu setzen. Ein Verlust in Bezug auf diese lag um so näher, als die Andern gut bewaffnet waren. Daher beschloß ich zu erwarten, ob die Feinde sich nicht etwa trennen würden. Um sie sicherer in meiner Gewalt zu behalten, gedachte ich unsern Hinterhalt mehr in ihre Nähe zu verlegen, und deshalb befahl ich Freitag und dem Kapitän, auf Händen und Füßen, zur Erde geduckt, sich so nahe als möglich zu ihnen zu schleichen, ehe sie sich schußfertig machten.

Meine Gefährten waren noch nicht lange an ihrem Posten angekommen, als sich der Bootsmann, der Haupträdelsführer bei der Meuterei und zugleich derjenige, welcher jetzt am muthlosesten von Allen schien, mit zwei Andern von dem Schiffsvolk dem Kapitän und meinem Freitag näherte. Der erstere, als er vermuthete, daß dieser Hauptschuft ihm in das Garn laufe, konnte sich kaum gedulden, bis er ihm nahe genug war, so daß ihn jener genau erkennen konnte. Denn bis dahin hatte der Kapitän nur nach der Stimme vermuthet, daß es dieser Schurke sei. Als die drei aber ziemlich in ihre Nähe gekommen waren, standen der Kapitän und Freitag auf und gaben Feuer. Der Bootsmann blieb auf der Stelle todt, und einer von den beiden andern Leuten fiel, durch den Leib getroffen, neben ihm nieder, starb aber erst einige Stunden später; der dritte dagegen entfloh.

Sobald die Schüsse geknallt hatten, rückte ich mit meiner ganzen, jetzt aus acht Mann bestehenden Armee vor. Ich selbst als Generalissimus voran, Freitag als mein Generallieutenant, der Kapitän und seine beiden Leute und unsre drei Kriegsgefangenen, die wir mit Waffen versehen hatten, folgten. Da wir uns den Schiffsleuten in der Dunkelheit näherten, vermochten sie unsre Anzahl nicht zu erkennen. Ich ließ den in dem Boot zurückgebliebenen Mann, der jetzt einer von den Unsrigen war, jene bei Namen rufen, um zu versuchen, ob sie mit sich unterhandeln und sich zur Ergebung bereit finden lassen würden. Die Sache lief auch ab, wie ich es wünschte. Begreiflich genug, daß die Leute, mit Rücksicht auf ihre böse Lage, sich gern zur Kapitulation verstanden. Als der von mir Beauftragte, so laut er vermochte, einem seiner Kameraden zugerufen: »Tom Smith, Tom Smith«, antwortete dieser augenblicklich: »Bist du es, Robinson?« – »Ja wohl, Tom Smith! legt um Gottes willen Eure Waffen nieder und ergebt Euch, oder Ihr seid Alle im nächsten Augenblick des Todes.«

»Wem sollen wir uns denn ergeben? Was sind es für Leute?« fragte Smith wiederum.

»Sie sind hier bei mir«, entgegnete Jener. »Es ist unser Kapitän mit fünfzig Mann, die Euch diese zwei Stunden lang herumgehetzt haben. Der Bootsmann ist todt, Will Fry ist verwundet und ich bin gefangen. Wenn Ihr Euch nicht ergebt, seid Ihr sämmtlich verloren.«

»Wenn sie uns Pardon verheißen«, erwiederte Tom Smith, »dann wollen wir uns ergeben.«

»Ich will gehen und fragen.«

Hierauf rief der Kapitän selbst: »Smith, du kennst meine Stimme, wenn Ihr sofort die Waffen ablegt und Euch ergebt, soll Euch Allen das Leben geschenkt sein, ausgenommen Will Atkins«.

Jetzt schrie dieser Will Atkins: »Um Gottes willen, Kapitän, schenkt mir auch Gnade! Was habe denn ich gerade gethan? Die Andern haben ja ebenso schlecht gehandelt als ich!«

Dies war jedoch nicht die Wahrheit. Wie es schien, hatte dieser Mensch bei dem Ausbruch der Meuterei die erste Hand an den Kapitän gelegt und ihn, nachdem er ihm die Hände gebunden, barbarisch behandelt und mit Schimpfworten beleidigt. Der Kapitän antwortete ihm, er solle die Waffen auf Gnade oder Ungnade niederlegen, sein Geschick würde von der Entscheidung des Gouverneurs abhängen. Mit diesem Namen bezeichnete mein Freund nämlich mich.

Um es kurz zu machen: die Männer legten ihre Waffen nieder und baten, daß wir ihnen das Leben schenken möchten. Ich schickte hierauf jenen, der mit ihnen vorher unterhandelt hatte, nebst zwei Anderen zu ihnen und ließ sie binden. Hierauf erst kam meine große Armee von fünfzig Mann, die, jene drei inbegriffen, jetzt wieder auf acht herabgeschmolzen war, zum Vorschein und bemächtigte sich der Fremden und ihres Bootes. Ich selbst hielt mich nebst einem Begleiter aus Politik noch fern.

Unsere nächste Sorge war nun, das Boot auszubessern, um zu versuchen, ob wir des Schiffes habhaft werden könnten. Der Kapitän beschäftigte sich jedoch zunächst damit, mit den Empörern zu unterhandeln. Er warf ihnen die Schändlichkeit ihres Verfahrens gegen ihn und die Nichtswürdigkeit dessen, was sie zuletzt gegen ihn beabsichtigt hätten, vor und zeigte ihnen, wie sie durch diese Handlungen nothwendig am Ende in das Elend und Verderben, vielleicht gar auf die Galeeren hätten gerathen müssen. Sie schienen auch voll Reue zu sein und baten flehentlich um ihr Leben. Hierauf erklärte er, sie seien nicht seine Gefangenen, sondern die des Befehlshabers dieser Insel. Sie hätten zwar gemeint, ihn an ein ödes, menschenleeres Eiland auszusetzen, aber Gottes Gnade habe es so gefügt, daß es bewohnt sei und einen Engländer zum Gouverneur habe. Wenn es diesem beliebe, könne er sie sämmtlich hängen lassen; da er ihnen aber Pardon versprochen, so werde er sie vermutlich nach England schicken und dem Arme der Gerechtigkeit überliefern, mit Ausnahme des Atkins. Dieser solle sich, so laute der Befehl des Gouverneurs, auf seinen Tod vorbereiten, da er am nächsten Morgen baumeln müsse.

Dies Alles war zwar freie Erfindung des Kapitäns, brachte aber doch die erwünschte Wirkung hervor. Atkins fiel auf die Kniee und bat den Kapitän, sich bei dem Gouverneur für sein Leben zu verwenden. Die Andern alle flehten, daß man sie um Gottes willen nicht nach England schicken möge.

Jetzt kam mir der Gedanke, daß der Augenblick unserer Befreiung nahe sei. Es müsse, dachte ich mir, eine Leichtigkeit sein, diese Leute dahin zu bringen, daß sie uns mit Freuden den Besitz des Schiffes verschafften. Nachdem ich mich in die Dunkelheit zurückgezogen hatte, damit sie vorläufig nicht erführen, was für eine Art von Gouverneur hier herrsche, rief ich den Kapitän herbei. Ich verstellte dabei meine Stimme so, daß es klang, als käme sie aus einer großen Ferne. Einer der Leute wurde beordert, meinen Befehl weiter zu tragen und dem Kapitän zu melden, daß ihn der Kommandant zu sich entbiete. Sofort erwiederte der Kapitän: »Sage Sr. Excellenz, ich würde alsbald kommen«. Dies bestärkte die Gefangenen noch mehr in ihrem Wahn, und sie glaubten sämmtlich, der Gouverneur halte mit seinen fünfzig Mann irgendwo an einer entfernten Stelle der Insel.

Nachdem sich der Kapitän zu mir begeben hatte, theilte ich ihm mit, es sei mein Plan, mich jetzt sofort des Schiffes zu bemächtigen. Diese Absicht behagte ihm ungemein, und wir beschlossen, sie gleich am nächsten Morgen in Ausführung zu bringen. Damit das aber um so besser geschehen könne, schlug ich dem Kapitän vor, die Gefangenen zu theilen. Ich beauftragte ihn, Atkins und zwei andere von den Hauptübelthätern gefesselt nach der Höhle zu schicken, wo die Uebrigen lagen. Zu diesem Transport wurden Freitag und die beiden mit dem Kapitän an das Land gekommenen Leute verwendet. Diese brachten die Gefangenen in die Höhle als wie in einen Kerker, und in der That war der Aufenthaltsort, besonders für Menschen in solcher Lage, schlimm genug. Die übrigen Schiffsleute ließ ich nach meiner oftbeschriebenen Laube bringen. Da diese umzäunt und die Gefangenen in Fesseln waren, bot der Ort Sicherheit genug für ihre Verwahrung.

Zu den letzteren schickte ich am folgenden Morgen den Kapitän, damit er mit ihnen unterhandle, das heißt, sie auf die Probe stelle und mir Bericht erstatte, ob auf ihre Mitwirkung zur Wiedererlangung des Schiffes zu rechnen sei. Er hielt ihnen das durch sie gegen ihn begangene Verbrechen nochmals vor und wies sie darauf hin, in welch traurige Lage sie selbst in Folge dessen gekommen seien. Denn wenn der Gouverneur ihnen auch für den jetzigen Augenblick das Leben geschenkt habe, so würden sie doch, falls man sie nach England schickte, sicherlich gehängt werden. Jedoch wolle er sie versichern, daß, wenn sie bei einer so rechtmäßigen Handlung, wie die Wiedereroberung des Schiffes sei, Beistand leisteten, der Gouverneur ihnen vollen Pardon geben werde.

Man kann sich leicht vorstellen, wie begierig diese Bedingung von den Leuten in ihrer Situation angenommen wurde. Sie fielen auf die Kniee und versprachen unter den kräftigsten Betheuerungen dem Kapitän, ihm bis zum letzten Blutstropfen treu zu bleiben und, wenn sie ihm die Rettung ihres Lebens verdankten, mit ihm durch die ganze Welt zu gehen; sie wollten ihm in aller Zukunft wie ihrem leiblichen Vater anhangen.

Der Kapitän erwiederte: »Gut, ich werde gehen, dem Gouverneur Eure Worte melden und versuchen, was ich thun kann, um ihn zur Einwilligung zu bewegen«.

So brachte er mir denn Bericht über die Stimmung der Leute. Er versicherte überzeugt zu sein, daß man ihnen trauen dürfe. Um jedoch meiner Sache gewisser zu sein, befahl ich dem Kapitän, wieder zu den Gefangenen zurückzukehren und ihnen zu sagen, er habe, zum Beweis, daß man nicht ihrer Aller benöthigt sei, den Auftrag, nur fünf Mann von ihnen zu seinem Beistand auszuwählen; die beiden andern nebst den drei in die Burg, nämlich in meine Höhle, Geschickten werde der Gouverneur als Bürgen für die Treue der Uebrigen zurückbehalten. Handelten die fünf Auserlesenen treulos, so würden die Geiseln sämmtlich lebendig in Ketten am Strande aufgehängt werden. Diese bedenkliche Aussicht sollte nämlich den Gefangenen beweisen, daß der Gouverneur nicht spaße. Uebrigens blieb ihnen keine Wahl, und es lag jetzt gerade so sehr im Interesse der Zurückbleibenden als des Kapitäns, die fünf Auserwählten zur Erfüllung ihrer Pflicht anzuhalten.

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Robinson Crusoe – Kapitel 13

Kapitel 13

Freitag hatte so viel besser als ich gezielt, daß er auf seiner Seite zwei von den Wilden getödtet und drei verwundet hatte, während von mir nur einer getödtet und zwei verletzt waren. Man kann sich denken, welch einen furchtbaren Schrecken die Wilden empfanden. Die Nichtgetroffenen sprangen auf, ohne zu wissen, wohin sie entrinnen oder wohin sie blicken sollten, da es ihnen unbekannt war, von woher das Verderben kam.

Freitag hielt die Augen unverwandt auf mich gerichtet, um zu sehen, was ich thun werde. Sofort nach dem ersten Schuß legte ich das Gewehr nieder und ergriff die Jagdflinte. Freitag, der mich den Hahn spannen und anlegen sah, that das Gleiche. »Bist du bereit?« rief ich ihm zu. – »Ja«, antwortete er. – »Dann in Gottes Namen los!«

Hiermit feuerte ich zum zweiten Mal unter die Bestürzten, ebenso Freitag. Da unsere Gewehre diesmal nur mit Schrot geladen waren, stürzten bloß zwei der Wilden, aber viele von ihnen waren verwundet, so daß sie mit gellendem Geheul, blutend und kläglich zugerichtet, wie wahnsinnig umherliefen. Drei davon sanken gleich darauf nieder, ohne jedoch völlig todt zu sein.

»Jetzt, Freitag«, rief ich, das abgefeuerte Gewehr niederlegend und das geladene Gewehr ergreifend, »folge mir!« Er that es mit Entschlossenheit. Ich eilte aus dem Gehölz und zeigte mich, während Freitag mir unmittelbar folgte. Sobald die Wilden mich gewahrten, schrie ich, mit Freitag vereint, aus Leibeskräften. Dann lief ich so schnell, als ich es mit der Waffenlast vermochte, geraden Wegs zu dem armen Schlachtopfer. Die beiden Henker, die sich eben an ihn hatten machen wollen, waren nach unserem ersten Schuß furchtbar erschrocken nach dem Strand gelaufen und in ein Canoe gesprungen. Drei von den Uebrigen hatten denselben Weg eingeschlagen. Ich befahl Freitag nach dieser Richtung zu eilen und Feuer auf sie zu geben. Augenblicklich rannte er bis auf etwa vierzig Ellen Entfernung zu ihnen hin und gab dann Feuer. Ich glaubte, er habe sie sämmtlich getödtet, denn ich sah sie Alle in dem Boot über einen Haufen fallen. Zwei von ihnen sprangen jedoch sofort wieder auf, während zwei andere getödtet waren und der dritte so verwundet, daß er wie todt in dem Boote liegen blieb.

Unterdessen zog ich mein Messer und durchschnitt die Bande an den Händen und Füßen des armen Opfers. Ich half dem unglücklichen Menschen auf und fragte ihn auf portugiesisch, wer er sei. Er antwortete auf lateinisch, er sei Christ, doch war er so schwach, daß er kaum gehen oder sprechen konnte. Ich reichte ihm meine Flasche, die ich aus der Tasche gezogen, und gab ihm durch Zeichen zu verstehen, daß er trinken solle. Nachdem er es gethan, reichte ich ihm ein Stück Brod. Als er auch das verzehrt hatte, fragte ich ihn, was er für ein Landsmann sei. Er erwiederte: »Ein Spanier«, und gab dann, sobald er sich nur ein wenig erholt, durch alle möglichen Zeichen seine Dankbarkeit zu erkennen.

»Sennor«, erwiederte ich, so gut ich mich auf spanisch auszudrücken vermochte, »jetzt ist nicht Zeit zum Reden, sondern zum Fechten. Wenn Ihr noch so viel Kraft habt, ergreift diese Pistole und diesen Säbel.« Dankbar nahm er beides, und als ob die Waffen ihm neue Kraft verliehen hätten, stürzte er wie rasend auf seine Mörder. Im Nu hieb er zwei oder drei in Stücke. Denn die Ueberraschung durch den Knall unserer Gewehre hatte die armen Menschen so bestürzt gemacht, daß sie vor bloßer Furcht oder Verwunderung niederfielen und unfähig waren, einen Fluchtversuch zu machen. Das Gleiche war mit den fünf im Boot Befindlichen der Fall, auf die Freitag geschossen hatte. Nur drei davon waren verwundet hingesunken, die beiden Anderen aber vor Schrecken zu Boden gefallen.

Ich hielt jetzt mein Gewehr, ohne zu schießen, in der Hand, um, da ich dem Spanier meine Pistole und den Säbel gegeben, schußfertig zu bleiben. Freitag, dem ich zugerufen hatte, er solle nach dem Baum eilen, von dem aus er zuerst Feuer gegeben, um die abgeschossenen Gewehre dort zu holen, vollzog diesen Befehl sehr behend. Ich gab ihm hierauf meine Muskete und setzte mich nieder, um die übrigen Gewehre wieder zu laden, indem ich meine zwei Genossen aufforderte, sich davon zu holen, wenn es nöthig sei.

Während ich lud, entspann sich ein fürchterlicher Kampf zwischen dem Spanier und einem der Wilden. Der letztere griff jenen mit einem der hölzernen Schwerter an, mit denen er hatte geschlachtet werden sollen. Der Spanier hielt sich trotz seiner Schwäche so tapfer und brav als denkbar. Nachdem er aber geraume Zeit mit dem Indianer gefochten und ihm zwei große Wunden am Kopf beigebracht hatte, umfaßte ihn der Wilde, der ein großer starker Kerl war, warf ihn nieder und hatte ihm schon meinen Säbel aus der Hand gewunden, als der Spanier, diese Waffe klüglich fahren lassend, die Pistole aus dem Gürtel zog, den Wilden durch den Leib schoß und ihn, noch ehe ich zur Hülfe herbeikommen konnte, auf der Stelle tödtete.

Freitag, jetzt sich selbst überlassen, verfolgte die Flüchtigen, ohne eine andere Waffe als sein Beil zu haben. Mit diesem erschlug er die drei früher Verwundeten, die zu Boden gesunken waren, und Alle, die ihm noch sonst in den Weg kamen. Jetzt holte sich der Spanier bei mir ein Gewehr. Ich gab ihm eine der Vogelflinten, er verfolgte damit zwei Wilde und verwundete sie beide. Da er aber nicht laufen konnte, entkamen sie ihm in den Wald, wohin Freitag ihnen sofort nacheilte. Er tödtete den einen, der andere war aber trotz seiner Wunden flinker als er, stürzte sich ins Meer und schwamm mit Aufwand seiner ganzen Kraft zu den beiden im Canoe Zurückgebliebenen. Diese drei waren die Einzigen, die uns von den einundzwanzig Wilden entrannen. Was sie und die Uebrigen angeht, stellte sich das Ergebniß unseres Kampfes folgendermaßen:


Durch unsere erste Salve fielen

3

Durch die zweite

2

Von Freitag im Canoe getödtet

2

Desgleichen dort verwundet und später getödtet

2

Durch Freitag im Wald erlegt

1

Von dem Spanier getödtet

3

An den Wunden hier und dort verblutet

4

Im Canoe entkommen (darunter Einer verwundet oder todt)

4

In Summa

21

Die Flüchtlinge im Canoe ruderten mit allen Kräften, um aus unserer Schußweite zu kommen. Freitag gab mehre Male Feuer auf sie, schien jedoch keinen getroffen zu haben. Er zeigte große Lust, sie in einem ihrer Kähne zu verfolgen. Da ich sie mit Sorgen entfliehen sah, bei dem Gedanken, daß sie ihren Landsleuten Kunde von dem Geschehenen bringen und vielleicht zu mehren Hunderten wiederkommen und uns dann durch die Uebermacht bewältigen würden, willigte ich auch in sein Verlangen ein. Ich eilte nach einem der zurückgebliebenen Boote, sprang hinein und gebot Freitag mir zu folgen. Aber wie war ich überrascht, als ich in dem Fahrzeug einen unglücklichen Menschen, gleich dem Spanier an Händen und Füßen gebunden, liegen fand, der offenbar wie jener zum Schlachten bestimmt war. Er war halb todt vor Schrecken und begriff Nichts von dem, was vorging. Denn er hatte sich nicht über den Rand des Bootes emporrichten und umschauen können, und die festen Bande, die ihm den Kopf und die Fersen nahe zusammengeschnürt hielten, hatten ihn so gepeinigt, daß kaum noch ein Rest von Leben in ihm zu sein schien.

Ich durchschnitt sofort seine Bande und versuchte ihm aufzuhelfen. Aber er vermochte weder sich aufrecht zu halten, noch zu sprechen, sondern stöhnte nur jammervoll, weil er, wie es schien, glaubte, er werde nur losgebunden, um getödtet zu werden. Als Freitag herbeigekommen war, forderte ich ihn auf, den Unglücklichen anzureden und ihm seine Befreiung anzukündigen, indem ich zugleich meine Flasche an Freitag gab, damit er dem Aermsten einen Schluck Rum reiche. Der Trunk und die Kunde von seiner Errettung belebten den Gefangenen und er setzte sich aufrecht ins Boot. Als aber Freitag ihn sprechen hörte und ihm ins Gesicht sah, da hätte es Jeden zu Thränen rühren müssen, wie er den Gefangenen plötzlich umarmte, küßte, ihn an sich drückte und dabei schrie, lachte, jubelte, hüpfte und sang; wie er dann wieder heftig weinte, die Hände rang, sich Kopf und Gesicht schlug und hierauf wieder singend umhersprang, gleich einem Verrückten.

Es währte eine gute Weile, bis ich ihn dazu brachte, mir Rede zu stehen. Dann aber, als er endlich ein wenig zu sich gekommen war, sagte er mir, dieser Mensch sei Niemand anders als sein eigner Vater.

Es wäre nicht leicht zu beschreiben, wie mich der Anblick der Ausbrüche des Entzückens und der kindlichen Liebe des armen Wilden bei dem Wiedersehen seines Vaters und dessen Errettung vom Tode bewegte. Auch nicht entfernt aber vermöchte ich die närrischen Kundgebungen seiner Liebe zu schildern. Er sprang zahllose Male in das Boot und wieder heraus. Er setzte sich neben seinen Vater, preßte dessen Kopf an seine offene Brust und hielt ihn dicht daran gedrückt, wie eine Mutter ihren Säugling. Dann rieb er ihm die durch die Bande starr gewordenen Glieder und erwärmte sie in seinen Händen. Ich gab ihm aus meiner Flasche etwas Rum und hieß ihn damit die Extremitäten des Alten einzureiben, was diesem offenbar sehr gut that.

Dies Ereigniß hatte natürlich unserer Verfolgung der Wilden in dem anderen Canoe, die uns jetzt fast aus dem Gesichte waren, ein Ende gemacht. Und das war gut. Denn zwei Stunden später, noch ehe die Flüchtlinge den vierten Theil ihres Heimweges zurückgelegt haben konnten, erhob sich ein so starker Wind, und es stürmte ihrer Fahrt entgegen aus Nordwest die ganze Nacht hindurch so heftig, daß ich nothwendig annehmen mußte, das Boot der Flüchtlinge sei untergegangen, und sie selbst seien niemals wieder an ihre heimische Küste gelangt.

Um wieder auf Freitag zurück zu kommen, so war dieser dermaßen beschäftigt mit seinem Vater, daß ich ihn eine Zeitlang nicht abrufen mochte. Als ich ihn dann auf kurze Zeit für abkömmlich erachtete, rief ich ihn zu mir. – Er kam springend und lachend in vollem Entzücken herbei. Auf meine Frage, ob er seinem Vater etwas Brod gegeben, antwortete er kopfschüttelnd: »Nein, schlechter Hund ich, selbst Alles gegessen auf«. Hierauf reichte ich ihm aus meiner eignen Tasche ein Stück Brod, gab ihm auch für sich selbst etwas Rum, doch trank er nicht davon, sondern brachte Alles zu seinem Vater. Auch einige Rosinen reichte ich ihm. – Kaum hatte der Alte diese Dinge erhalten, als ich Freitag wieder aus dem Boot springen und so schnell davon rennen sah, als ob er behext sei. Er war der schnellste Läufer, der mir je vorgekommen ist. Im Nu schwand er mir aus den Augen, und wie laut ich auch rief und ihm nachschrie, es half Nichts. Nach einer Viertelstunde erst kehrte er langsam zurück, denn sein Lauf war gehemmt durch Etwas, was er in den Händen trug. Er war nämlich in unserer Behausung gewesen, um in einem Kruge für seinen Vater frisches Wasser zu holen. Außerdem hatte er einige Gerstenkuchen mitgebracht, die er mir gab, während er das Wasser seinem Vater reichte, nachdem ich jedoch, da ich gleichfalls sehr durstig war, auch davon einen kleinen Schluck genommen hatte. Dieser Trunk belebte den Alten mehr, als es mein Rum vermocht hatte, denn er war fast vor Durst umgekommen.

Nachdem der Greis getrunken und Freitag noch etwas Wasser übrigbehalten hatte, befahl ich ihm, das dem armen Spanier zu bringen, der desselben nicht minder bedürftig war. Auch von dem Brode schickte ich jenem, da ich sah, daß er vor Schwäche in dem Schatten eines Baumes auf einem grünen Platze niedergesunken war. Seine Glieder waren gleichfalls durch die Bande steif und geschwollen. Als Freitag zu ihm gekommen, erhob er sich, trank und aß von dem Brod. Nun ging auch ich zu ihm und reichte ihm eine Handvoll Rosinen. Er sah mir mit dem Ausdruck höchster Dankbarkeit ins Gesicht, war aber, wiewohl er sich in dem Gefecht so tapfer gehalten, jetzt so schwach, daß er nicht auf den Füßen stehen konnte. Er versuchte es wiederholt, aber vergebens, da ihn die angeschwollenen Beine zu sehr schmerzten. Ich ließ daher auch ihm durch Freitag die Glieder mit Rum einreiben.

Während Freitag diesem Befehl Folge leistete, sah ich, wie der gute Bursch alle paar Minuten den Kopf nach seinem Vater umwendete, um zu sehen, ob er noch an derselben Stelle sitze, auf der er ihn verlassen. Als er ihn plötzlich nicht mehr bemerkte, sprang er, ohne ein Wort zu sagen, auf und eilte so rasch, als ob er mit den Füßen den Erdboden nicht berühre, fort. Sobald er jedoch, an dem Ort, wo der Alte gesessen, angekommen, wahrgenommen hatte, daß dieser sich nur, um die geschwollenen Glieder zu ruhen, gelegt hatte, kehrte er sofort zurück.

Ich machte jetzt dem Spanier den Vorschlag, er möge sich von Freitag aufrichten, zu dem Boote bringen und darin nach unserer Wohnung fahren lassen, wo ich weiter für ihn Sorge tragen wollte. Freitag aber, ein starker Bursch wie er war, nahm den Fremden kurzer Hand auf den Rücken, trug ihn ins Canoe, setzte ihn neben seinen Vater, stieß das Boot ab und ruderte es trotz des widrigen Windes schneller an der Küste entlang, als ich gehen konnte. Nachdem er die Beiden in der Bucht sicher geborgen, holte er windschnell das andere Canoe und hatte auch dies fast noch eher, als ich an die Bucht gelangte, in diese hereingerudert. Er setzte mich nun über das Wasser und half dann unseren neuen Gefährten aus dem Boot.

Diese aber zeigten sich unfähig zum Gehen, und Freitag wußte nicht, was er jetzt anfangen sollte. Da verfiel ich auf ein Auskunftsmittel. Ich befahl Freitag, die Beiden an den Strand niederzusetzen, fertigte dann mit ihm eine Art Tragbahre an und so trugen wir die zwei Invaliden fort.

An die äußere Umfriedigung meiner Festung gelangt, stießen wir auf eine neue Schwierigkeit. Es war unmöglich die beiden Männer über jene zu bringen, und doch wollte ich meinen Zaun nicht zerstören. Aber auch hier ersann ich einen Ausweg. Binnen etwa zwei Stunden errichtete ich nämlich mit Freitag zwischen der ersten Umhegung und dem von mir angepflanzten Buschwerk aus alten Segeln und darüber gedeckten Baumzweigen ein hübsches Zelt, und unter diesem bereiteten wir aus dem vorhandenen brauchbaren Material, nämlich aus Reisstroh und mehren wollenen Decken, zwei Betten für unsere Gäste.

Meine Insel war jetzt auf einmal bevölkert, und ich glaubte einen förmlichen Reichthum an Unterthanen zu besitzen. Oft vergnügte mich von da an der Gedanke, daß meine Lage der eines Königs so sehr ähnlich sei. War ja doch das ganze Land mein Eigenthum, und hatte ich doch ein unbestreitbares Herrschaftsrecht an demselben! Meine Mitbewohner hatten sich mir vollkommen unterworfen, ich war ihr absoluter Herr und Gesetzgeber. Sie dankten mir sämmtlich ihr Leben und waren bereit, es, wenn’s Noth thäte, auch für mich dahin zu geben. Merkwürdig schien mir, daß von meinen drei Unterthanen jeder sich zu einer andern Religion bekannte. Freitag war Protestant, sein Vater ein Heide und Cannibale, der Spanier ein Katholik. Uebrigens gewährte ich, beiläufig bemerkt, in meinen Besitzungen Jedermann völlige Gewissensfreiheit.

Sobald meine geretteten Gefangenen unter ihrem Obdach einen Ruheplatz gefunden hatten, sann ich auf eine Mahlzeit für sie. Ich befahl Freitag eine halb ausgewachsene Ziege aus meiner Heerde zu schlachten, theilte das Hinterviertel derselben in kleine Stücke, ließ es durch Freitag kochen und sieden und bereitete aus Fleisch und Bouillon, in die ich auch etwas Gerste und Reis that, ein vortreffliches Essen. Hierauf brachte ich Alles in das neue Zelt, setzte meinen Gästen einen Tisch vor, ließ mich daran mit ihnen nieder, und während ich mit ihnen das Zubereitete verzehrte, suchte ich sie möglichst zu erheitern und aufzumuntern. Freitag diente mir dabei als Dolmetscher, nicht nur seinem Vater, sondern auch dem Spanier gegenüber, denn dieser verstand die Sprache der Wilden vollkommen.

Nach unserem Mittags- oder richtiger Abendessen ließ ich durch Freitag in einem der Boote die in der Eile auf dem Schlachtfeld zurückgelassenen Feuerwaffen holen. Am nächsten Tage befahl ich ihm dann, die Leichen der Wilden, die der Sonne ausgesetzt waren und leicht unserer Gesundheit nachtheilig werden konnten, sowie auch die schrecklichen Reste des barbarischen Mahles zu begraben. Diese nämlich waren in großer Menge vorhanden. Ich selbst aber hätte mich nicht mit ihnen befassen, ja sogar nicht einmal ihren Anblick vertragen können, wenn ich zufällig des Weges gekommen wäre. Freitag vollzog meine Befehle pünktlich und vertilgte die Spuren der Wilden so gründlich, daß ich die Stelle, wo sie gelagert hatten, nur noch an dem dort befindlichen Vorsprung des Waldes zu erkennen vermochte.

In meiner Unterredung mit meinen zwei neuen Unterthanen ließ ich zunächst durch Freitag dessen Vater befragen, was er über die Flucht der Wilden in dem Canoe denke und ob er glaube, daß sie etwa mit einer Uebermacht zurückkehren würden. Der Alte sprach seine Meinung dahin aus, höchst wahrscheinlich seien die Wilden mit ihrem Boot untergegangen, der Sturm habe sie entweder im Wasser umkommen lassen oder an südlichere Küsten getrieben, wo sie dann sicherlich aufgefressen sein würden. Was sie aber thun würden, wenn sie glücklich nach Hause gelangt sein sollten, könne er nicht mit Bestimmtheit sagen, doch glaube er, sie hätten, durch die Art, in der sie angegriffen worden, durch den Lärm und das Feuer einen solchen Schrecken eingejagt bekommen, daß sie ihren Landsleuten eher melden würden, die Uebrigen seien durch Donner und Blitz als durch Menschenhand umgekommen, und daß sie die zwei, die ihnen erschienen seien, wohl für himmlische Geister, aber nicht für bewaffnete Männer halten würden. Er wisse dies daher, daß er sie in ihrer Sprache habe davon reden hören. In der That mußte es ja für die Aermsten unmöglich sein zu begreifen, wie ein sterblicher Mensch Feuer schleudern und Donner erschallen lassen und ohne die Hand zu heben aus der Ferne tödten könne, was ihnen Alles bei uns begegnet war.

Später erwies sich, daß der alte Mann Recht gehabt hatte. Wie ich nachmals von anderer Seite erfuhr, haben die Wilden nie wieder versucht, die Insel zu betreten. Der Bericht jener Entronnenen (die nämlich wirklich glücklich dem Sturm entgangen waren) hatte sie so in Erstaunen und Schrecken gesetzt, daß sie annahmen, wer nur auf jenes bezauberte Eiland einen Fuß setze, werde von den Göttern mit Feuer vernichtet. Da ich dies jedoch früher nicht wußte, lebte ich noch eine geraume Zeit hindurch in Furcht vor den Wilden und beobachtete möglichste Vorsicht, wiewohl ich mich jetzt, wo unserer Vier waren, ohne Weiteres jederzeit auch in freiem Felde an hundert solcher Feinde hätte wagen dürfen.

Sobald sich die Furcht vor der Wiederkehr der fremden Canoes ein wenig verloren hatte, fing ich wieder an, meinen früheren Plan in Betreff der Reise nach dem Festland zu überdenken. Freitags Vater hatte mich gleichfalls versichert, daß ich bei seinen Landsleuten seinetwegen auf eine gute Aufnahme rechnen dürfe. Aber meine Absichten wurden ein wenig gekreuzt durch ein ernstliches Gespräch mit dem Spanier. Denn von ihm erfuhr ich, daß noch sechzehn andere Spanier und Portugiesen sich bei jenen Wilden aufhielten, zu denen sie durch den Sturm verschlagen seien, und zu welchen sie, wenn sie auch mit ihnen in Frieden lebten, doch im Verhältniß voller Abhängigkeit bezüglich ihrer Nothdurft und sogar ihrer ganzen Existenz ständen. Durch vielerlei Fragen erfuhr ich, daß jenes Schiff, welches die Europäer getragen hatte, ein spanisches mit Pelzwaaren und Silber beladenes gewesen war. Es war in Rio de la Plata ausgerüstet und nach der Havanna bestimmt gewesen, wo es europäische Waaren gegen seine Ladung hatte einlösen sollen. Die Mannschaft hatte fünf Portugiesen aus einem gescheiterten Schiff an Bord genommen, fünf ihrer eigenen Leute waren ertrunken, als das Schiff verunglückte, und der Rest hatte sich unter unsäglichen Gefahren halb todt an die Cannibalenküste gerettet und dort jeden Augenblick erwartet, gefressen zu werden. Die wenigen Waffen, welche sie gerettet, waren vollkommen unbrauchbar gewesen, da die Wogen alles Pulver bis auf ein weniges, das sie zu ihren Speisen verwendeten, wie auch die Kugeln weggeschwemmt hatten.

Auf meine Frage, was aus diesen Unglücklichen werden würde, und ob sie denn nicht an die Flucht dächten, erwiederte der Spanier, sie hätten wohl oft darüber Rath gepflogen, aber da sie weder ein Fahrzeug, noch Mittel ein solches zu erbauen, noch auch irgend welchen Proviant besäßen, so hätten ihre Berathungen immer in Thränen und Verzweiflung geendet. Ich fragte ihn, wie seine Gefährten wohl einen Fluchtvorschlag aufnehmen würden. Dabei verhehlte ich aber nicht, daß ich bei einem solchen nicht geringe Furcht davor hege, daß sie sich treulos zeigen würden, wenn ich mich in ihre Hände gegeben hätte. »Denn«, setzte ich hinzu, »Dankbarkeit ist keine in dem Menschen regelmäßig wohnende Tugend, und die Menschen richten ihre Handlungsweise weniger oft nach den Wohlthaten, die sie empfangen, als nach dem Vortheil, den sie erwarten. Wenn ich, nachdem ich das Werkzeug zur Befreiung jener Fremden geworden bin, später von ihnen in Neu-Spanien zum Gefangenen gemacht werden sollte (wo jeder Engländer sicher ist, gewaltsamen Todes zu sterben), so wäre das doch eine böse Sache. Lieber will ich noch mich den Wilden überliefern und von denen fressen lassen, als in die unbarmherzigen Hände der Priester und der Inquisition fallen. Uebrigens«, fügte ich hinzu, »bin ich überzeugt, daß, wenn sie Alle hier wären, wir eine hinlänglich große Barke zu bauen vermöchten, in der wir südwärts nach Brasilien oder nordwärts nach der spanischen Küste gelangen könnten. Wenn sie mich aber dann, sobald ich ihnen Waffen gegeben, zwingen sollten, sie zu ihrem eigenen Volk zu begleiten, so würde das ein schlechter Lohn für meine Güte und eine schlimme Veränderung meiner Lage sein.«

Der Spanier antwortete mir in sehr vertrauenerweckender Weise, die Lage seiner Landsleute sei so elend, und das sei ihnen so sehr bewußt, daß sie, nach seiner Ueberzeugung, vor dem Gedanken zurückschauderu würden, undankbar gegen Jemanden zu handeln, der zu ihrer Befreiung beigetragen hätte. Wenn ich einwillige, wolle er mit Freitags Vater zu ihnen reisen, mit ihnen verhandeln und mir dann Antwort bringen. Er werde sie mit feierlichem Eid bekräftigen lassen, daß sie sich mir als ihrem Führer unbedingt unterwerfen wollten. Sie sollten auf die heiligen Sakramente und die Bibel schwören, um nur in ein solches christliches Land ihre Reise zu richten, das mir genehm wäre, und daß sie sich bis zur Landung daselbst ganz und gar meinen Befehlen unterordnen würden. Hierüber werde er mir einen schriftlichen Vertrag zurückbringen.

Dann versprach der Spanier weiter, er wolle mir selbst eidlich geloben, mich sein ganzes Leben lang nie zu verlassen, so lange ich es nicht selbst gebiete. Er werde bis zu seinem letzten Athemzug an meiner Seite bleiben, wenn sich etwa seine Landsleute den geringsten Treubruch zu Schulden kommen lassen sollten. Diese, versicherte er, seien sämmtlich sehr gebildete redliche Leute und sie befänden sich in unglaublich traurigen Umständen. Ohne Waffen, Kleider und Nahrungsmittel hingen sie gänzlich von der Gnade der Wilden ab. Die Hoffnung auf Rückkehr in die Heimat hätten sie ganz aufgegeben, und sie würden sicherlich, wenn ich ihre Befreiung versuchen wollte, für mich leben und sterben.

Aus diese Versicherung hin beschloß ich denn ihre Befreiung zu wagen und den Spanier nebst dem Alten zur Unterhandlung abzuschicken. Als jedoch schon Alles bereit war, machte der Spanier selbst einen so klugen und von so viel Redlichkeit zeigenden Einwurf, daß ich nur zustimmen konnte und dem zufolge die Befreiung seiner Gefährten mindestens auf ein halbes Jahr hinausschob.

Die Sache verhielt sich so: Der Spanier war jetzt etwa einen Monat bei uns, und ich hatte ihn während dieser Zeit mit ansehen lassen, in welcher Weise ich unter Gottes Beistand für meinen Unterhalt sorgte. Er überschaute meinen Vorrath an Korn und Reis, der zwar für mich übrig ausreichte, aber doch nur bei der größten Sparsamkeit auch für meine jetzt auf vier Personen angewachsene Familie hinlänglich war. Noch weniger konnte er genügen für die Gefährten des Spaniers, wenn sie zu vierzehn, denn so viel lebten ihrer noch, herüber kamen. Am allerwenigsten aber würde der Vorrath ausgereicht haben, das zu erbauende Fahrzeug für die Reise nach einer der christlichen Kolonien von Amerika mit Proviant auszurüsten.

Deshalb rieth mir der Spanier, ihn und die beiden Andern ein so viel größeres Stück Land urbar machen zu lassen, als ich Korn zur Aussaat zu erübrigen vermöchte. Wir könnten dann eine weitere Erntezeit abwarten, um genügenden Getreidevorrath bei der Ankunft seiner Landsleute zu haben. Noth und Mangel würde diese leicht zur Unzufriedenheit reizen und ihnen den Gedanken nahe legen, sie seien nicht sowohl befreit, als nur von einer Bedrängniß in die andere gerathen. »Denkt an die Kinder Israel«, setzte der Spanier hinzu, »die anfangs über ihre Erlösung aus Aegyptenland jubelten, dann aber sogar gegen Gott, ihren Befreier, rebellirten, als ihnen das Brod in der Wüste ausgegangen war.«

Diese Vorsorge war so am Platze und der Rath so gut, daß er mir nothwendig zusagen mußte, und daß ich ihn nur als einen erfreulichen Beweis für die Treue des Spaniers ansehen konnte. So machten wir Vier uns dann alsbald daran, ein weiteres Stück Land, so gut es die hölzernen Werkzeuge gestatten wollten, umzugraben. In Monatsfrist, gerade zur Zeit der Aussaat, hatten wir so viel Bodenfläche vorbereitet, daß ich zweiundzwanzig Maß Gerste und sechzehn Maß Reis, d. h. Alles, was ich nur zu erübrigen vermochte, darauf aussäen konnte. Ja, wir behielten nicht einmal so viel Gerste übrig, als für unseren eignen Gebrauch bis zu der erst nach sechs Monaten zu erwartenden Ernte (hierbei rechne ich die Zeit der Beackerung mit, denn natürlich braucht das Korn in diesem Klima nicht sechs Monate, um heranzureifen) erforderlich war.

Da wir jetzt zahlreich genug waren und uns vor den Wilden, wenn sie nicht in sehr großer Uebermacht zu uns kamen, nicht zu fürchten brauchten, durchstreiften wir ungehindert, so oft es die Gelegenheit bot, die ganze Insel. Nachdem wir nun einmal den Plan zu unsrer Befreiung gefaßt hatten, war es, wenigstens für mich, unmöglich, das Sinnen auf die Mittel zu derselben auch nur kurze Zeit aus den Gedanken zu verlieren. So zeichnete ich mir denn vor Allem einige taugliche Bäume aus und ließ sie durch Freitag und seinen Vater unter der Aufsicht des Spaniers fällen. Ich zeigte ihnen, mit welcher unermüdlichen Anstrengung ich früher einen großen Baum in einzelne Bretter verarbeitet hatte, und ließ sie in gleicher Weise mehr als ein Dutzend Planken aus gutem Eichenholz anfertigen. Dieselben waren beinahe zwei Fuß breit, fünfunddreißig Fuß lang und zwei bis vier Zoll dick. Welche ungeheure Arbeit ihre Anfertigung erforderte, kann man sich denken.

Unterdessen bemühte ich mich auch, meine Ziegenheerde möglichst zu vergrößern. Freitag mußte abwechselnd den einen Tag mit mir, den andern mit dem Spanier ausgehen, bis wir über zwanzig Ziegenlämmer zur Aufzucht gefangen hatten. So oft wir nämlich eine Mutterziege erlegt hatten, brachten wir die Jungen zu der Heerde. Ferner, als die Zeit zur Traubenernte kam, ließ ich eine solche große Menge an den Bäumen aufhängen, daß wir, wenn wir in Alicante gewohnt hätten, wo die Rosinen in der Sonne getrocknet werden, gewiß sechzig bis achtzig Fässer damit hätten füllen können. (Neben dem Brod bildeten nämlich die Rosinen, die sehr nahrhaft sind, unsre Hauptspeise.)

Der Herbst hatte sich jetzt eingestellt, und wenn die diesmalige Ernte auch nicht die reichlichste war, die ich überhaupt auf der Insel erlebt hatte, so entsprach sie doch unserm Zweck. Denn aus den zweiundzwanzig Maß Gerste der Aussaat gewannen wir über zweihundertundzwanzig Maß. In gleichem Verhältniß stand der Reisertrag zur Saat. Dieser Vorrath hätte nun sicherlich bis zur nächsten Ernte ausgereicht, wenn auch alle sechzehn Spanier bei uns gewesen wären. Auch zur Ausrüstung für eine Reise bis zum entlegensten Theil von Amerika genügte er vollkommen. Sobald wir unser Getreide eingebracht hatten, fertigten wir neue große Körbe an, in die wir es dann füllten. Der Spanier stellte sich hierbei besonders gescheidt an. Er sprach seine Verwunderung aus, daß ich solches Flechtwerk nicht auch zur Einfriedigung meiner Wohnung angewendet habe, was ich jedoch für eine unnöthige Arbeit erklärte.

Da wir nun so gut verproviantirt waren für alle zu erwartenden Gäste, gestattete ich dem Spanier, nach dem Festland zu reisen, damit er mit seinen zurückgelassenen Gefährten unterhandle. Ich gab ihm eine schriftliche strenge Anweisung, Niemanden mitzubringen, der nicht in Gegenwart des Spaniers und des Vaters meines Freitag zuvor geschworen habe, in keiner Weise sich gegen den zu vergehen, der die Boten zu ihrer Befreiung ausgesendet habe, daß sie vielmehr mir beistehen und mich gegen jeden Angriff vertheidigen, sowie daß sie sich gänzlich meinen Befehlen unterwerfen wollten. Dies Schriftstück sollte ihnen zur Unterzeichnung vorgelegt werden. In welcher Weise eine solche bewerkstelligt werden könnte, da die Leute ja weder Feder, noch Tinte besaßen, hatten wir freilich außer Betracht gelassen.

Mit den erwähnten Anweisungen begaben sich denn die Spanier und Freitags Vater in einem der Boote, in denen sie zu der kannibalischen Mahlzeit der Wilden herübergebracht waren, auf die Reise. Jedem von ihnen gab ich ein Gewehr und Munition zu etwa acht Schüssen mit, unter der eindringlichen Ermahnung, gut damit hauszuhalten und nur bei entschiedener Nöthigung davon Gebrauch zu machen.

Diese Vorbereitungen zu meiner Befreiung nach mehr als siebenundzwanzig Jahren der Gefangenschaft auf dieser Insel waren mir eine köstliche Beschäftigung. Ich gab den Reisenden einen Vorrath von Brod und Rosinen mit, welcher für sie und die sämmtlichen Spanier auf viele Tage reichte, und wünschte ihnen von Herzen glückliche Reise. Wir kamen über ein Zeichen überein, an welchem ich sie bei ihrer Rückkehr schon in der Ferne erkennen könnte. Ihre Abfahrt geschah bei gutem Winde zur Zeit des Vollmonds, nach meiner Berechnung im Monat Oktober. Uebrigens hatte ich eine genaue Rechnung weder über die Tage, noch sogar über die Jahre geführt; hatte aber die letzteren, wie sich später zeigte, dennoch richtig gezählt.

Zu der Zeit, als ich schon etwa eine Woche lang auf die Rückkehr meiner Abgesandten wartete, trat ein gar merkwürdiges und unverhofftes Ereigniß ein, das mir ein so wichtiges war wie kein anderes, davon die Weltgeschichte berichtet.

Ich schlief eines Morgens fest in meiner Behausung, als Freitag hastig hereinstürzte mit dem lauten Ausruf: »Herr, Herr, sie sind da!« Sofort sprang ich auf und eilte, sobald ich angekleidet war, unbekümmert darum, ob ich mich einer Gefahr aussetze, durch mein jetzt ziemlich dicht gewordenes Gehölz. Wenn ich sage: unbekümmert um die Gefahr, so meine ich damit, daß ich gegen meine Gewohnheit ohne Waffen ausging. Nach der See ausschauend, gewahrte ich in einer Entfernung von etwa einer und einer halben Meile ein mit lateinischem Segel versehenes Langboot, das mit lustigem Winde nach der Insel zusteuerte. Es kam aber, wie ich sogleich bemerkte, nicht von jener Seite, auf der wir die Küste hatten liegen sehen, sondern von dem südlichsten Ende der Insel her.

Mit Rücksicht hierauf rief ich Freitag und befahl ihm, sich dicht neben mir zu halten, weil dies nicht die von uns Erwarteten sein könnten, und wir nicht wüßten, ob sie als Freunde oder Feinde kämen. Dann ging ich, um ein Fernglas zu holen, nahm die Leiter und bestieg den Gipfel des Hügels, wie ich zu thun pflegte, wenn ich ungesehen beobachten wollte. Kaum hatte ich den Hügel betreten, als ich deutlich ein Schiff, etwa zwei Meilen gegen Südost von mir, aber nur anderthalb Meilen von unserer Küste entfernt, vor Anker liegen sah. Ich erkannte das Fahrzeug deutlich als ein englisches, und auch das Langboot schien ein solches zu sein.

Mein Seelenzustand war unbeschreiblich. Wie unaussprechlich ich mich auch darüber freute, ein Schiff zu sehen, das vermuthlich mit Landsleuten von mir, also mit Freunden bemannt war, so überkamen mich doch ich weiß nicht was für Bedenken, die mir geboten, auf der Hut zu sein. Ich fragte mich zunächst, was wohl ein englisches Schiff in dieser Gegend, durch welche kein Weg hin oder zurück von einem englischen Handelsplatz führe, zu suchen haben könne. Stürme, die es hätten verschlagen haben können, hatten in jüngster Zeit nicht stattgefunden; deshalb nahm ich an, daß die Mannschaft, wenn sie wirklich aus Engländern bestände, schwerlich Gutes im Schilde führe, »und«, sagte ich mir, »es ist jedenfalls besser für dich, zu bleiben, wo du bist, als in die Hände von Dieben und Mördern zu fallen«.

Niemand verachte solche geheime Hinweisungen und Winke auf Gefahren, wenn sie ihm auch da zu Theil werden, wo er an ihre Begründung nicht glauben mag. Wer das Leben beobachtet hat, wird das Vorhandensein solcher Fingerzeige nicht leugnen. Unzweifelhaft sind sie Kundgebungen einer unsichtbaren Welt und eines Zusammenhangs der Geisterwelt mit der unsrigen, und warum sollen wir, wenn wir ihre Absicht, uns zu warnen, erkennen, sie nicht für die Bezeigungen freundlicher Genien höherer oder geringerer Art, die zu unserm Besten zu dienen bestimmt sind, halten?

Gerade das hier in Rede stehende Ereigniß bestätigte mir diese Ansicht. Denn wäre ich nicht durch jene geheime Mahnung, mag sie nun gekommen sein, woher sie wolle, vorsichtig gemacht worden, so wäre ich unvermeidlich zu Grunde gegangen und in ein viel größeres Elend gerathen als je zuvor, wie sich gleich zeigen wird.

Ich befand mich noch nicht lange auf meinem Posten, als ich das Boot nach meiner Küste steuern sah, wie wenn es dort einen bequemen Landungsplatz suche. Da es aber nicht nahe genug heran kam, gewahrte die Mannschaft nicht die früher von mir mit meinen Flößen benutzte Bucht, steuerte vielmehr nach einer Bai, die etwa eine halbe Meile von mir entfernt war. Das aber gereichte entschieden zu meinem Glück. Denn in jenem Falle würden die Fremden sozusagen dicht vor meiner Thür gelandet sein, meine Festung bald erstürmt und mich vielleicht aller meiner Habe beraubt haben. Sobald sie gelandet, bestätigte sich meine Vermuthung, daß sie Engländer seien, wenigstens in Bezug auf die meisten. Zwei davon hielt ich für Holländer, jedoch, wie sich nachher ergab, mit Unrecht. Von den elf Leuten, die ich erkannte, waren drei unbewaffnet und, wie es schien, gefesselt. Als die ersten vier oder fünf der Uebrigen ans Ufer gesprungen waren, führten sie jene drei wie Gefangene aus dem Boot. Einer derselben machte die leidenschaftlichen Geberden des Flehens und der Verzweiflung, die beiden Andern erhoben zuweilen die Hände und schienen gleichfalls bekümmert, obwohl nicht in so hohem Grade wie Jener.

Dieser Anblick machte mich bestürzt, und ich wußte nicht, wie ich ihn deuten sollte. Freitag rief mir in seinem gebrochenen Englisch zu: »O Herr, sieh, englische Mann essen Gefangene so gut wie wilde Mann«. – »Warum meinst du, daß sie die Gefangenen fressen wollen?« fragte ich. – »Ja«, erwiederte Freitag, »sie wollen essen sie.« »O nein«, entgegnete ich, »ich fürchte zwar, sie wollen sie ermorden, aber sie werden sie sicherlich nicht fressen.«

Während dessen hatte ich keine Ahnung davon, was wirklich werden sollte, stand vielmehr zitternd vor Schrecken über den Anblick da und erwartete jeden Augenblick, daß die drei Gefangenen getödtet werden würden. Einmal sah ich, wie einer der bewaffneten Schufte ein großes Messer oder Schwert erhob, um damit einen der Unglückseligen zu treffen. Jeden Augenblick meinte ich diesen unter dem Hiebe fallen zu sehen, und das Blut starrte mir dabei in den Adern. Ich wünschte von ganzem Herzen den Spanier und Freitags Vater zu mir, und es verlangte mich sehnlichst, unbemerkt auf Schußweite zu den Fremden zu schleichen und die Gefangenen zu erretten. Ich sah nämlich keine Feuerwaffen in den Händen Jener. Bald aber kam mir ein anderer Gedanke.

Nachdem ich nämlich einige Zeit beobachtet hatte, wie schmachvoll die drei Gefangenen von den übrigen Seeleuten behandelt wurden, sah ich, daß diese sich auf der Insel zerstreuten, als ob sie das Terrain recognosciren wollten. Die drei hätten jetzt freilich auch gehen können, wohin sie wollten, aber sie saßen mit verzweiflungsvollen Blicken nachdenklich auf der Erde. Das erinnerte mich daran, wie ich selbst einst bei meiner Ankunft auf der Insel verzweifelt umher geschaut und mich verloren gegeben hatte; wie ich aus Furcht, von den wilden Thieren gefressen zu werden, die Nacht hindurch auf dem Baume geblieben war, und wie ich damals so ganz und gar keine Ahnung von der Hülfe gehabt hatte, die mir in Folge gnädiger Fügung dadurch beschieden war, daß das Schiff durch Sturm und Wellen dem Lande sich näherte und mir lange Zeit Nahrung und Hülfsmittel gewährte. So saßen auch diese drei trostlosen Menschen dort ohne Ahnung davon, wie sicher und nahe ihnen Rettung und Hülfe sei, während sie sich schon für verloren glaubten und ihre Lage für eine völlig verzweiflungsvolle hielten. So wenig haben wir die Gabe, die Dinge dieser Welt vorherzusehen, und so viel Ursache hätten wir, heiter auf den großen Weltenlenker zu vertrauen, der seine Geschöpfe niemals gänzlich verläßt, sondern ihnen in der elendesten Lage immer doch Etwas gibt, für das sie dankbar sein müssen. Ist doch zuweilen gerade in dem, was wir für die Ursache unseres Verderbens halten, das Mittel zu unserer Errettung gelegen.

Zur Zeit, als die Fremden das Ufer betreten hatten, war gerade die Flut in ihr höchstes Stadium gelangt. Während sie aber mit den Gefangenen unterhandelt und dann sich zerstreut hatten, um die Gegend zu untersuchen, war die Flutzeit verstrichen und ihr Boot lag nun gänzlich auf dem Trockenen. Zwei in diesem zurückgebliebene Männer hatten, wie ich später erfuhr, zu viel Branntwein getrunken und waren eingeschlafen. Einer davon wachte zuerst auf, und da er das Boot auf dem Sand sitzen sah, rief er die Umherstreifenden zu Hülfe. Diese kamen auch sofort herbei, vermochten aber trotz aller Anstrengung das Fahrzeug, da es zu schwer war, und da das Ufer an jener Stelle aus feinem, tiefem, fast schlammartigem Sande bestand, nicht wieder flott zu machen.

Als ächte Seemänner (welche Menschenklasse vielleicht unter allen die sorgloseste ist) gaben sie ihre Bemühungen alsbald auf und trieben sich aufs Neue auf dem Lande umher. Einen von ihnen hörte ich seinem Kameraden in englischer Sprache zurufen: »Laßt’s sein, Jack, die Flut wird’s schon wieder flott machen«. Diese Aeußerung klärte mich über den wichtigen Punkt völlig auf, mit was für Landsleuten wir es zu thun hatten. Inzwischen hielt ich mich fortwährend wohlverborgen und wagte mich aus meiner Festung nicht weiter heraus, als auf den Gipfel des Hügels. Denn ich wußte, daß vor mindestens zehn Stunden das Boot nicht wieder flott gemacht werden konnte. Bis dahin aber mußte es schon völlig dunkel sein, und ich konnte dann gefahrloser die Bewegungen der Fremden beobachten und ihre etwaigen Unterredungen behorchen.

Fürs Erste machte ich mich jetzt kampffertig, jedoch mit mehr Umsicht als sonst, da ich wußte, daß ich es diesmal mit einer ganz andern Art von Gegnern zu thun hatte als früher. Ich befahl auch Freitag, den ich inzwischen zu einem vortrefflichen Schützen herangebildet, sich mit Waffen zu versehen. ergriff selbst zwei Jagdflinten und gab ihm drei Gewehre. Mein Aussehen war in der That geeignet, Furcht zu erregen. Ich sah schrecklich aus in meinem Rock von Ziegenfell und mit der früher beschriebenen Mütze auf dem Kopfe, den bloßen Säbel an der Seite, zwei Pistolen im Gürtel und eine Flinte über jede Schulter.

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