Dreizehntes Capitel.

Dreizehntes Capitel.

Stone’s-Hill.

Seitdem der Gun-Club zu Ungunsten von Texas die Wahl getroffen hatte, ward es in Amerika, wo Jedermann zu lesen versteht, für Jeden eine Obliegenheit, die Geographie von Florida zu studiren. Die Hauptwerke darüber wurden ausverkauft, und es mußten neue Auflagen gemacht werden.

Für Barbicane genügte das Lesen nicht; er mußte mit eigenen Augen sehen, und den Ort für die Columbiade bestimmen. Auch stellte er unverzüglich dem Observatorium zu Cambridge die zur Errichtung eines Teleskops erforderlichen Mittel zur Verfügung, und verhandelte mit dem Hause Breadwill und Comp. zu Albany über die Anfertigung des Projectils in Aluminium. Darauf verließ er Baltimore in Begleitung von J. T. Maston, dem Major Elphiston und dem Director der Hütte Goldspring.

Die vier Reisegenossen gelangten am folgenden Tag nach Neu-Orleans, schifften sich da unverzüglich auf dem Tampico ein, einem Avisofahrzeug der Bundesmarine, welches die Regierung ihnen zur Verfügung stellte; und als der Dampf im Zug war, entschwanden bald die Gestade Louisiana’s ihren Augen.

Die Ueberfahrt dauerte nicht lange; zwei Tage nach der Abfahrt, als sie vierhundertachtzig Meilen zurückgelegt hatten, wurden sie der Küste von Florida ansichtig. Als Barbicane näher kam, gewahrte er vor sich ein niedriges, flaches Land von ziemlich unfruchtbarem Aussehen. Nachdem der Tampico eine Reihe Töpfe mit Austern und Hummern gefüllt, fuhr er in die Bai Espiritu Santo ein.

Diese Bai besteht aus zwei langen Rheden, der von Tampa und der von Hillisboro, in deren enge Mündung der Dampfer alsbald einfuhr. Kurz darauf spiegelte das Fort Brooke seine Streichbatterieen auf den Fluthen ab, und es zeigte sich die Stadt Tampa im Hintergrunde des kleinen natürlichen Hafens, welchen die Mündung des Flusses Hillisboro bildet, nachlässig gelagert.

Hier ging der Tampico am zweiundzwanzigsten October um sieben Uhr Abends vor Anker; die vier Passagiere begaben sich unverzüglich an’s Land.

Als Barbicane den Boden Florida’s betrat, klopfte ihm das Herz mit heftigen Schlägen; es war, als betaste sein Fuß den Boden, wie ein Architekt, der ein Gebäude prüft. J. T. Maston kratzte den Boden mit seinem eisernen Haken.

»Meine Herren«, sagte Barbicane, »wir haben keine Zeit zu verlieren; gleich morgen steigen wir zu Pferd, das Land zu recognosciren.«

Sowie Barbicane an’s Land gestiegen war, strömten die dreitausend Bewohner von Tampa-Town ihm entgegen, eine Ehre, die dem Präsidenten des Gun-Clubs wohl gebührte, welcher ihnen bei der Wahl seine Gunst geschenkt hatte. Sie empfingen ihn mit fürchterlichem Beifallsgeschrei; aber Barbicane entzog sich jeder Huldigungsbezeugung, begab sich in ein Zimmer im Hôtel Franklin und nahm keine Besuche an. Der Stand eines berühmten Mannes war ihm entschieden nicht genehm.

Am folgenden Morgen, dreiundzwanzigsten October, sah man kleine Pferde spanischer Race voll Feuer und Leben unter den Fenstern paradiren; aber es waren nicht vier, sondern fünfzig, und zwar beritten. Barbicane kam herab in Begleitung seiner drei Gefährten, und staunte anfangs über den Reiteraufzug um ihn her. Er bemerkte weiter, daß jeder Reiter seinen Karabiner am Bandelier und Pistolen im Halfter trug. Ein junger Floridaner gab ihn sogleich Auskunft über eine solche Entwickelung von Streitkräften mit den Worten:

»Mein Herr, es giebt da Seminolen.«

– Was? Seminolen?

– Wilde, die auf den Wiesengründen streifen; darum hielten wir für rathsam, Ihnen als Schutzwache zu dienen.

– Pöh! machte Maston, indem er sein Thier bestieg.

– Am Ende, fuhr der Floridaner fort, ist’s so sicherer.

»Meine Herren«, sagte Barbicane, »ich danke für die Aufmerksamkeit; und jetzt vorwärts!«

Die kleine Truppe sprengte sogleich davon und verschwand in einem Staubgewölke. Es war fünf Uhr Morgens; die Sonne glänzte bereits, und der Thermometer zeigte 84°; aber frische Seewinde mäßigten die Hitze.

Barbicane wendete sich von Tampa-Town südlich der Küste entlang, um an das Flüßchen Alisia zu gelangen, das zwölf Meilen unterhalb Tampa-Town in die Bai Hillisboro mündet. Die Truppe ritt längs seinem rechten Ufer östlich aufwärts. Bald verschwanden die Gewässer der Bai hinter einer Biegung des Landes, und nur Flachland lag vor ihren Blicken.

Florida besteht aus zwei Theilen: der nördliche, bevölkerter, minder öde, mit der Hauptstadt Talahassee und Pensacola, einem der bedeutendsten Seearsenale der Vereinigten Staaten; der südliche, eingeengt zwischen den Gewässern des Amerikanischen Meeres und dem Busen von Mexico, ist nur eine schmale Halbinsel längs dem Golfstrom, eine Landspitze inmitten eines kleinen Archipels, beständig von zahlreichen Fahrzeugen des Bahama-Canals umfahren. Es ist bei großen Stürmen der vorgeschobene Schutzposten des Golfs. Die Oberfläche dieses Staats beträgt achtunddreißig Millionen dreiunddreißigtausendzweihundertsiebenundsechzig Morgen (Acres) Landes, auf welchen die für die Unternehmung geeignete Stelle innerhalb des achtundzwanzigsten Breitegrades zu wählen war; daher prüfte auch Barbicane wahrend des Reitens achtsam die Gestaltung des Bodens und seine besondere Vertheilung,

Florida, von Juan Ponce de Leon im Jahre 1518 am Palmsonntag entdeckt, wurde Anfangs nach diesem Tag (Pâques Fleuries) benannt, welche schöne Beziehung gar nicht zu seinen dürren, versengten Küsten paßte. Aber einige Meilen vom Gestade entfernt ändert sich allmälig die Beschaffenheit des Bodens, und das Land zeigt sich seines Namens würdig: der Boden war mit einem Netz von Bächen und Flüßchen, fließenden und stehenden Wassern, kleinen Seen bedeckt; man konnte meinen, man sei in Holland oder Guyana; aber das Land wurde allmälig höher, und zeigte bald seine fruchtbaren Ebenen, wo alle Pflanzenproducte des Nordens und Südens gedeihen, seine unermeßlichen Fluren, wo die tropische Sonne und die im Thonboden enthaltene Feuchtigkeit allen förmlichen Anbau ersparten; endlich seine Wiesengründe voll Ananas, Jams, Tabak, Reis, Baumwolle und Zuckerrohr, welche sich in unabsehlicher Ausdehnung erstreckten und mit ihrem Reichthum in sorgloser Ueppigkeit prangten.

Barbicane schien sehr befriedigt, als er die allmälige Erhebung des Bodens gewahrte, und als Maston ihn darüber befragte, erwiderte er:

»Mein würdiger Freund, mir haben ein bedeutendes Interesse, unsere Columbiade auf dem höher gelegenen Grund zu gießen.

– Um dem Mond näher zu sein? rief der Secretär des Gun-Clubs.

– Nein! erwiderte Barbicane lächelnd. Was machen einige Toisen aus? Vielmehr, weil in dem höheren Grund unsere Arbeiten leichter vorschreiten, wir haben da wenig mit dem Wasser zu kämpfen, was uns weitläufige und kostspielige Röhrenwerke ersparen wird, wenn sich’s handelt, einen neunhundert Fuß tiefen Schacht zu graben.

– Sie haben Recht, sagte darauf der Ingenieur Murchison, man muß soviel wie möglich während des Bohrens das Zuströmen des Wassers vermeiden; aber wenn wir auf Quellen stoßen, das macht nichts aus, wir werden sie mit Maschinen auspumpen, oder wir werden sie ableiten. Es handelt sich hier nicht um einen artesischen Brunnen, wobei der Schraubenbohrer, die Dille, das Senkblei, kurz alle Bohrwerkzeuge im Dunkeln arbeiten. Nein, wir werden in freier Luft, bei hellem Licht arbeiten, der Spaten, die Hacke und Keilhaue in der Hand, und mit Hilfe der Mine werden wir rasch vorwärts kommen.

– Jedoch, erwiderte Barbicane, wenn wir durch einen höher liegenden Boden oder die Beschaffenheit desselben einem Kampf mit den unterirdischen Wassern ausweichen können, so wird die Arbeit dabei rascher fördern und tüchtiger sein; suchen wir also unseren Schacht in einen Grund zu führen, der einige hundert Toisen über dem Niveau des Meeres liegt.

– Sie haben Recht, Herr Barbicane, und irre ich nicht, so werden wir bald eine passende Stelle finden.

– Ah! ich möchte beim ersten Spatenstich dabei sein, sagte der Präsident.

– Und ich beim letzten! rief Maston.

– Wir werden dies Ziel erreichen, meine Herren, erwiderte der Ingenieur, und glauben Sie mir, die Compagnie Goldspring wird Ihnen keine Verzugsstrafen zu zahlen haben.

– Beim heiligen Bart! Da werden Sie wohl daran thun! erwiderte Maston; hundert Dollars täglich, bis der Mond wieder in die nämliche Stellung kommt, d. h. achtzehn Jahre und elf Tage lang; wissen Sie wohl, daß dies sechshundertachtundfünfzigtausend und hundert Dollars betragen würde.

– Nein, mein Herr, wir wissen’s nicht, erwiderte der Ingenieur, und werden’s gar nicht zu lernen brauchen.

Gegen zehn Uhr Vormittags hatte die kleine Schaar bereits ein Dutzend Meilen zurückgelegt; sie kamen ans den fruchtbaren Feldern in die Region der Wälder. Da wuchsen mancherlei Essenzen in tropischer Fülle. Diese fast undurchdringlichen Wälder bestanden aus Granat-, Orangen-, Citronen-, Feigen-, Oliven-, Aprikosen-Bäumen, Pisang und großen Weinreben, deren Früchte und Blüthen mit Farben und Wohlgerüchen um die Wette erquickten. Im duftenden Schatten dieser prachtvollen Bäume flog und sang eine ganze Welt von Vögeln mit glänzenden Farben, unter welchen besonders die Krebsfresser hervorstechen, deren Nest ein Schmuckkästlein sein sollte, um diesen befiederten Kleinodien würdig zu entsprechen.

Maston und der Major konnten sich nicht enthalten, ihre Bewunderung der glänzenden Schönheiten dieser reichen Natur zu äußern.

Aber der Präsident Barbicane eilte, unempfänglich für alle diese Wunder, voran; das Land mißfiel ihm eben durch seine Fruchtbarkeit; ohne gerade ein Wasserentdeckungskünstler zu sein, fühlte er das Wasser unter seinen Füßen, und suchte vergeblich nach Anzeichen einer unbestreitbaren Trockenheit.

Inzwischen kam man vorwärts; man mußte mehrere Flüsse durchwaten, nicht ganz ohne Gefahr, denn sie waren durch fünfzehn bis achtzehn Fuß lange Kaimans gefährlich. Maston drohte ihnen kühn mit seinem eisernen Haken; aber nur die Pelikane, Kriechenten und Phaetons, die wilden Bewohner der Gegend, wurden scheu, während große rothe Flamingos ihn dumm anblickten.

Endlich verschwanden auch diese Bewohner feuchter Landschaft; minder starke Bäume sah man zerstreut in lichterer Waldung; inmitten unendlicher Ebenen zeigten sich vereinzelte Gruppen, wohin sich Heerden aufgescheuchter Damhirsche zogen.

»Endlich! rief Barbicane, in seinen Steigbügeln sich empor richtend, hier kommt die Fichtenregion!

– Und auch die der Wilden«, erwiderte der Major.

In der That zeigten sich am fernen Horizont einige Seminolen; sie geriethen in Bewegung, rannten auf ihren raschen Pferden hin und her, schwangen lange Lanzen oder schossen dumpf mit ihren Gewehren; übrigens beschränkten sie sich auf diese feindseligen Kundgebungen, ohne weiter zu beunruhigen.

Barbicane befand sich mit seinen Gefährten mitten auf einer felsigen Ebene, einem offenen wenige Morgen großen Raum, worauf die Sonne glühende Strahlen warf. Diese hervorragende geräumige Erhöhung des Bodens schien den Mitgliedern des Gun-Clubs alle für die Aufstellung ihrer Columbiade erforderlichen Eigenschaften zu haben.

»Halt! rief Barbicane, indem er stehen blieb. Hat dieser Ort einen Namen im Land?

– Er heißt Stone’s-Hill (Steinhügel)«, erwiderte ein Floridaner.

Barbicane stieg schweigend ab, nahm seine Instrumente, und begann seine Lage mit äußerster Genauigkeit aufzunehmen; die kleine Truppe sammelte sich um ihn und beobachtete ihn im tiefsten Schweigen.

In diesem Momente trat die Sonne in den Meridian. Barbicane schrieb nach einigen Augenblicken rasch das Ergebniß seiner Beobachtung auf. »Dieser Platz liegt dreihundert Toisen über der Meeresfläche unter’m 27° 7′ nördlicher Breite, und 5° 7′ westlicher Länge; es scheint mir, er biete durch seine trockene und felsige Beschaffenheit alle dem Unternehmen günstigen Bedingungen dar; auf dieser Ebene wollen wir also unsere Magazine, unsere Werkstätten, Essen, Arbeiterwohnungen errichten, und von dieser, ja dieser Stelle aus«, wiederholte er, indem er mit dem Fuß den Gipfel von Stone’s-Hill betrat, »soll unser Projectil in die Räume der Sonnenwelt empor fliegen!«

Vierzehntes Capitel.

Vierzehntes Capitel.

Hacke und Kelle.

An demselben Abend kehrte Barbicane mit seinen Gefährten nach Tampa-Town zurück, und der Ingenieur Murchison schiffte sich auf dem Tampico wieder nach New-Orleans an. Er mußte ein Heer von Arbeitern dingen und den größten Theil des Materials dort holen. Die Mitglieder des Gun-Clubs blieben zu Tampa-Town, um mit Hilfe der Leute des Landes die ersten Arbeiten einzurichten.

Acht Tage nach seiner Abfahrt kam der Tampico mit einer kleinen Flotte von Dampfbooten in die Bai Espiritu Santo zurück. Murchison hatte fünfzehnhundert Arbeiter zusammengebracht. Zu der leidigen Zeit der Sclaverei hätte er Zeit und Mühe verloren. Aber seitdem das Land der Freiheit, Amerika, nur freie Bewohner hat, strömen diese von allen Seiten herbei, wo reichlich bezahlte Arbeit sie hinruft. Da es dem Gun-Club nicht an Geld mangelte, so bot er seinen Leuten hohen Lohn nebst beträchtlichen verhältnißmäßigen Vergütungen. Der nach Florida gedungene Arbeiter konnte darauf rechnen, daß nach Vollendung der Arbeit auf der Bank von Baltimore ein Capital für ihn niedergelegt war. Murchison hatte daher nach Belieben die Wahl, und konnte strenge Anforderungen an die Geschicklichkeit und Tüchtigkeit seiner Arbeiter machen. Man darf wohl glauben, daß er in sein Arbeitsheer nur die besten Leute sich wählte, Mechaniker, Heizer, Gießer, Kalkbrenner, Grubenarbeiter, Ziegelstreicher und Handwerker aller Art, schwarze oder weiße, ohne Unterschied der Farbe. Viele von ihnen nahmen ihre Familien mit. Es war eine Art Auswanderung.

Am 31. October um zehn Uhr Vormittags stieg diese Schaar zu Tampa-Town an’s Land; man begreift, welche Bewegung und Thätigkeit in diesem Städtchen entstand, als auf einmal sich ihre Einwohnerzahl verdoppelte. In der That mußte dieser Schritt des Gun-Clubs Tampa-Town zu großem Vortheil gereichen, nicht sowohl durch die Menge der Werkleute, welche sich unverzüglich nach Stone’s-Hill begaben, als durch das Zuströmen von Neugierigen, die nach und nach aus allen Theilen der Welt nach der Halbinsel Florida kamen.

In den ersten Tagen schiffte man das mitgebrachte Geräthe aus, die Maschinen, Lebensmittel, nebst einer großen Anzahl von Wohnungen aus Eisenblech, deren Theile auseinandergelegt und numerirt waren. Zu gleicher Zeit steckte Barbicane zur Verbindung von Stone’s-Hill mit Tampa-Town eine fünfzehn Meilen lange Eisenbahn ab.

Es ist bekannt, wie man in Amerika Eisenbahnen baut; launig in Beziehung auf Umwege, mit kühnen Steigungen, Geländer und künstliche Bauten verschmähend, laufen dieselben bergan und bergab blindlings weiter ohne Rücksicht auf die gerade Linie; sie sind nicht kostspielig, nicht unbequem; nur daß man in voller Freiheit darauf entgleist und Luftsprünge macht. Die Strecke von Tampa-Town nach Stone’s-Hill war eine Bagatelle, die nicht viel Geld noch Zeit kostete.

Uebrigens war Barbicane die Seele dieser auf seinen Ruf zusammengeströmten Leute; er belebte sie, theilte ihnen seinen Hauch, seinen Enthusiasmus, seine Ueberzeugung mit, er war allerwärts zugegen, als sei er mit Allgegenwärtigkeit begabt, stets von Maston, wie von einer summenden Mücke, begleitet. Sein praktischer Geist ersann tausend Erfindungen. Für ihn gab’s kein Hinderniß, keine Schwierigkeit, keine Verlegenheit; er war Bergmann, Maurer, Mechaniker sowie Artillerist, hatte Antworten auf alle Fragen, und Lösungen für alle Probleme. Er correspondirte lebhaft mit dem Gun-Club oder dem Hüttenwerk Goldspring; Tag und Nacht war mit angezündetem Feuer und gespanntem Dampf der Tampico auf der Rhede zu Hillisboro seiner Befehle gewärtig.

Am 1. November verließ Barbicane mit einem Trupp seiner Arbeiter Tampa-Town und vom folgenden Tage an wuchs um Stone’s-Hill herum eine Stadt maschinenfertiger Häuser empor; man umgab sie mit Palissaden, und ihrem regen, emsigen Leben nach hätte man sie für eine der großen Städte der Union gehalten. Das Leben war darin disciplinarisch geordnet, und die Arbeiten begannen in vollkommenster Ordnung.

Durch sorgfältig angestellte Untersuchungen kannte man schon genau die Beschaffenheit des Bodens, und die Grabarbeit konnte bereits am 4. November in Angriff genommen werden. An diesem Tage versammelte Barbicane seine Werkmeister und sprach zu ihnen:

»Es ist Ihnen, meine Freunde, allen bekannt, weshalb ich Sie in dieser öden Gegend Florida’s zusammen berufen habe. Es soll eine Kanone gegossen werden, von neun Fuß innerem Durchmesser, mit sechs Fuß dicken Wänden und einer steinernen Verkleidung von neunzehn und ein halb Fuß; dafür nun ist ein Schacht zu graben von sechzig Fuß Breite und neunhundert Tiefe. Diese bedeutende Arbeit soll in acht Monaten fertig sein. Sie haben also zwei Millionen fünfhundertdreiundvierzigtausendvierhundert Kubikfuß Grund auszugraben binnen zweihundertfünfundfünfzig Tagen, d. h. zehntausend Kubikfuß täglich. Diese Aufgabe, welche für tausend Arbeiter mit freien Armen nicht schwierig ist, wird in einem verhältnißmäßig engen Raum etwas beschwerlicher sein. Dennoch, da es nothwendig ist, wird die Arbeit zu fertigen sein, und ich zähle auf Ihren Muth, wie auf Ihre Tüchtigkeit.«

Um acht Uhr Vormittags geschah der erste Spatenstich in Florida’s Boden, und von diesem Moment an blieb dieses treffliche Werkzeug in der Hand der Grubenleute nicht einen Augenblick müßig. Die Arbeiter lösten sich jeden Viertheil des Tages ab.

So kolossal übrigens die Aufgabe war, überstieg sie doch nicht das Maß menschlicher Kräfte. Wie manche weit schwierigere, wobei die Elemente direct zu bewältigen waren, wurden zu gutem Ende geführt! Und um nur von Arbeiten der nämlichen Art zu reden, brauch‘ ich nur den Brunnenschacht des Pater Joseph anzuführen, welchen der Sultan Saladin bei Kairo aufführen ließ, zu einer Zeit, als die menschliche Kraft noch nicht durch Maschinen hundertfach stärker geworden war, und der vom Niveau des Nils dreihundert Fuß in die Tiefe ging. Sodann den zu Coblenz, welchen Markgraf Johann von Baden sechshundert Fuß tief graben ließ. Nun um was handelte sich’s denn, kurz zu sagen? Diese Tiefe dreimal zu nehmen bei zehnfacher Breite, wodurch das Graben nur leichter wurde. Darum zweifelte auch kein Werkmeister oder Arbeiter am günstigen Erfolg.

Die Beschleunigung der Arbeit wurde noch durch einen wichtigen Beschluß erleichtert, welchen der Ingenieur Murchison mit dem Präsidenten Barbicane faßte. Ein Artikel des Vertrages besagte, daß die Columbiade mit Ringen von Schmiedeisen umgeben werden solle, welche glühend angelegt werden mußten. Es war dies eine übertriebene Vorsicht, denn man konnte diese Ringe wohl entbehren. Man verzichtete daher auf diesen Punkt, und sparte dadurch viele Zeit; man konnte dann beim Graben das neue System anwenden, welches man jetzt beim Schachtbau befolgt, indem man das Mauern gleichzeitig mit dem Graben vornimmt. In Folge dieses einfachen Verfahrens ist es nicht mehr nöthig, den Erdgrund mit Strebepfählen zu stützen, das Mauerwerk hält denselben unerschütterlich fest.

Mit diesem Verfahren konnte man jedoch erst dann beginnen, als die Hacke auf den Felsgrund gekommen war.

Am 4. November gruben fünfzig Arbeiter im Mittelpunkt des umzäunten Raumes, auf der Oberfläche von Stone’s-Hill ein kreisrundes Loch von sechzig Fuß Breite.

Die Hacke stieß Anfangs auf eine sechs Zoll tiefe Schichte schwarzen Erdreichs, das leicht beseitigt war. Hierauf folgten zwei Fuß feinen Sandes, den man sorgfältig aufhob, um ihn bei Fertigung der Gießform zu benützen.

Hernach zeigte sich ein weißer, ziemlich fester Thon, ähnlich dem Mergel in England, der eine vier Fuß dicke Schichte bildete.

Jetzt kam man auf den harten Grund von versteinerten Muscheln, der sehr trocken und fest war und fortwährend die Anwendung von Handwerkszeug nothwendig machte. Man hatte bereits eine Tiefe von sechs und einem halben Fuß erreicht, und die Maurerarbeit konnte begonnen werden.

Auf dem Boden dieser Grube fertigte man von Eichenholz eine radförmige stark ausgebolzte Scheibe von erprobter Festigkeit, mit einer Oeffnung in der Mitte von einem Durchmesser gleich dem äußeren der Columbiade. Auf dieser Radscheibe ruhten die ersten Schichten des Mauerwerks, dessen Steine durch hydraulischen Mörtel auf’s Zäheste verbunden waren. Als das Mauerwerk vom Umkreis bis zur Mitte aufgeführt war, befanden sich die Arbeiter in einem einundzwanzig Fuß breiten Schacht eingeschlossen.

Als man damit fertig war, nahmen die Arbeiter Hacke und Pickel zur Hand, hieben den Felsgrund dicht unter der Scheibe an, welche sie nach Maßgabe der fortschreitenden Arbeit mit äußerst starkem Gebälk zu stützen bedacht waren. Sobald die Grube um zwei Fuß tiefer geworden war, nahm man die Balken, einen nach dem andern, heraus; die Radscheibe senkte sich allmälig sammt dem ringförmigen Mauerwerk, welches die Werkleute oben unaufhörlich weiter aufführten, indem sie dabei »Abzugslöcher« frei ließen, durch welche während der Gußarbeit das sich entwickelnde Gas entweichen konnte.

Diese Art von Arbeit erforderte auf Seiten der Arbeiter eine ausnehmende Geschicklichkeit und unablässige Achtsamkeit; Mancher wurde beim Graben unter der Scheibe von Steinsplittern verwundet, aber ihr Eifer ließ bei Tag und Nacht nicht eine Minute nach; bei Tag, wo die Hitze einige Monat später bis auf neunzig Grad stieg; Nachts beim bleichen Schein elektrischer Lichtströme, unterm Lärmen der klopfenden Steinhauer, der explodirenden Minen, der knarrenden Maschinen, in einem Wirbel von Dünsten, welche in weitem Kreis um Stone’s-Hill herum die Lüfte durchdrangen, so daß weder Büffelheerden noch Seminolen sich in die Nähe wagten.

Indessen schritten die Arbeiten regelmäßig vor; das Material wurde vermittelst Krahnen durch Dampfkraft auf und ab geschafft; unerwartete Hindernisse gab’s wenige, der vorausgesehenen ward man leicht Herr.

Nach Verlauf des ersten Monats hatte der Schacht die für diesen Zeitraum bestimmte Tiefe, nämlich hundertundzwölf Fuß, erreicht; im December das Doppelte, im Januar das Dreifache dieses Maßes. Während des Februar hatten die Arbeiter gegen Wasser zu kämpfen, welches durch den umgebenden Erdgrund eindrang. Man mußte stark wirkende Pumpen und Vorrichtungen mit zusammengepreßter Luft anwenden, um es herauszuschaffen und dann die Mündungen der Quellen zu vermauern. So wurde man der widerwärtigen Einströmungen Meister; nur geschah es, daß in Folge des weicheren Grundes die Radscheibe zum Theil nachgab und ein theilweises Einstürzen eintrat. Man denke auch, welchen furchtbaren Druck das vierhundertundfünfzig Fuß hohe Mauerwerk auf die Scheibe ausüben mußte Dabei kamen einige Arbeiter um’s Leben.

Drei Wochen gingen drauf, um das Mauerwerk zu stützen, die Arbeit unten wieder aufzunehmen, und die Scheibe wieder so fest, wie früher, zu machen. Doch erlangte das eine Zeit lang geschädigte Werk durch die Geschicklichkeit der Ingenieure und die Tüchtigkeit der Maschinen seine Festigkeit wieder, und die Bohrarbeit wurde fortgesetzt.

Von nun an hielt kein neuer Zwischenfall den Fortschritt der Arbeit auf, und am 10. Juni, zwanzig Tage vor Ablauf der von Barbicane gesteckten Frist, hatte der Schacht mit seiner vollständigen Mauereinfassung die Tiefe von neunhundert Fuß erreicht. Unten ruhte das Gemäuer auf einem massiven dreißig Fuß dicken Würfel, und oben reichte es an die Oberfläche des Bodens.

Barbicane und die Mitglieder des Gun-Clubs begrüßten warm den Ingenieur Murchison, daß seine Cyklopenarbeit so außerordentlich rasch fertig geworden.

Im Verlauf dieser acht Monate verließ Barbicane Stone’s-Hill nicht einen Augenblick; während er Schritt für Schritt die Bohrarbeit begleitete, bekümmerte er sich unablässig um das Wohlsein und die Gesundheit seiner Arbeiter, und wußte auch glücklich die Krankheiten fern zu halten, welche bei großer Menschenanhäufung so leicht vorkommen, und in den Gegenden tropischen Klimas so gefährlich werden können.

Es hatten zwar mehrere Arbeiter ihre Unvorsichtigkeit mit dem Leben zu büßen; aber bei so gefährlichen Arbeiten sind beklagenswerthe Unfälle der Art unmöglich zu vermeiden, und sie gehören zu dem Detail, was den Amerikanern wenig Sorge macht. Sie bekümmern sich mehr um die Humanität im Allgemeinen, als gegen das Individuum im Besonderen. Doch Barbicane hatte die entgegengesetzten Grundsätze und brachte sie bei jeder Gelegenheit zur Anwendung. Seiner Sorge und Einsicht, seinem nützlichen Einwirken bei schwierigen Fällen, seinem er staunlichen humanen Scharfblick war es daher auch zu verdanken, daß die Unglücksfälle durchschnittlich diejenige Zahl nicht überschritten, wie sie in denjenigen europäischen Ländern vorkommen, welche man wegen überreicher Vorsichtsmaßregeln als Muster anführt, unter anderen Frankreich, wo man bei den Arbeiten auf zweimalhunderttausend Francs ungefähr einen Unglücksfall rechnet.

Fünfzehntes Capitel.

Fünfzehntes Capitel.

Das Gußfest.

Während acht Monate lang die Grubenarbeit vorgenommen wurde, waren zu gleicher Zeit die Vorarbeiten für den Guß äußerst rasch vorgeschritten; ein Fremder, der nach Stone’s-Hill kam, wäre durch den Anblick, der sich seinen Blicken darbot, sehr überrascht worden.

Sechshundert Yards von dem Schacht entfernt, im Kreise um diesen Mittelpunkt, erhoben sich zwölfhundert Streichöfen, jeder sechs Fuß breit und drei von einander entfernt. Es war eine Linie von zwei Meilen Länge, woran diese zwölfhundert Oefen gereiht waren. Alle nach dem nämlichen Muster mit viereckigen Rauchfängen erbaut, machten einen ganz besonderen Eindruck. J. T. Maston fand diese Anordnung prachtvoll. Sie erinnerte ihn an die Monumente Washington’s. Für ihn gab’s nichts Schöneres auf der Welt; selbst in Griechenland oder sonst irgendwo gab’s nie etwas der Art, meinte er.

Wir erinnern uns, daß das Comité in der dritten Sitzung für die Columbiade Gußeisen, insbesondere graues, zu verwenden beschloß. Dieses Metall ist in der That zäher, dehnbarer, weicher, leichter zu feilen, für alle Verrichtungen des Formens geeigneter, und mit Steinkohlen behandelt, von vorzüglicher Beschaffenheit für die Stücke großer Widerstandskraft, wie Kanonen, Dampfmaschinencylinder, hydraulische Pressen etc.

Aber das Gußeisen ist, wenn es nur einmal geschmolzen wird, selten gleichartig genug, und man reinigt und läutert es durch ein zweites Schmelzen, indem man es seiner letzten erdigen Bestandtheile dadurch entledigt.

Daher wurde auch das Eisenerz, bevor man es nach Tampa-Town schaffte, in den Hochöfen zu Goldspring behandelt, und mit Steinkohlen und Kieselstoff in Berührung einem hohen Hitzgrade ausgesetzt, war es mit Kohlenstoff verbunden zu Gußeisen geworden. Nach dieser ersten Zubereitung wurde das Metall nach Stone’s-Hill geschafft. Aber die Masse von hundertsechsunddreißig Millionen Pfund war für Beförderung durch Eisenbahn zu kostspielig; die Kosten wären durch den Transport auf’s Doppelte gestiegen. Man zog daher vor, zu New-York Schiffe zu miethen, um sie mit dem Gußeisen in Barren zu befrachten. Es waren nicht weniger als achtundsechzig Fahrzeuge von tausend Tonnen erforderlich, eine wahre Flotte, die am dritten Mai aus den Gewässern von New-York auslief, den Ocean längs der amerikanischen Küste durchfuhr, durch den Kanal von Bahama um die Spitze von Florida wieder aufwärts am zehnten desselben Monats in der Bai Espiritu Santo ankam und ohne Schaden und Gefahr im Hafen von Tampa-Town ankerte. Hier wurde die Ladung der Schiffe in die Waggons der Bahn nach Stone’s-Hill gebracht und um die Mitte des Januar befand sich die enorme Masse Metall an ihrem Bestimmungsort.

Es ist leicht begreiflich, daß, um diese sechzigtausend Tonnen Eisen zu gleicher Zeit zu schmelzen, zwölfhundert Oefen nicht zuviel waren. Jeder dieser Schmelzöfen konnte etwa hundertundvierzehntausend Pfund dieses Metalls fassen; sie wurden nach dem Muster derjenigen erbaut, welche man beim Guß der Rodmans-Kanone gebraucht hatte; sie waren trapezförmig und sehr niedrig. Der Heizungs-Apparat und der Rauchfang befanden sich an den beiden Enden des Ofens, so daß dieser seiner ganzen Länge nach gleichmäßig geheizt war. Diese aus feuerfesten Ziegelsteinen erbauten Oefen bestanden lediglich aus einem Rost, um die Steinkohlen darauf zu brennen, und einem Heerd, »Sole«, worauf die Gußbarren gelegt wurden; diese unter einem Winkel von fünfundzwanzig Grad geneigte »Sole« ließ das Metall in die Auffangebecken abfließen; von da leiteten es zwölfhundert Rinnen dem Centralbecken zu.

Sobald die Grab- und Mauerarbeit beendigt war, schritt Barbicane zur Fertigung der inneren Gießform. Es handelte sich darum, im Mittelpunkt des Schachtes seiner Achse entlang einen neunhundert Fuß langen und neun Fuß breiten Cylinder herzustellen, der genau den für die Seele der Columbiade bestimmten Raum enthalten sollte. Der Cylinder wurde aus einer thonartigen Erde und Sand gefertigt, mit einer Beimischung von Heu oder Stroh. Der Zwischenraum, welcher zwischen dem Cylinder und dem aufgemauerten Mantel leer blieb, sollte mit dem geschmolzenen Metall ausgefüllt werden, welches demgemäß die sechs Fuß dicken Wände bilden sollte.

Dieser Cylinder mußte, um das Gleichgewicht zu halten, durch eiserne Beschläge zusammengehalten und in gewissen Entfernungen vermittelst Querstäbe, die in der steinernen Umkleidung eingelassen wurden, befestigt werden; nach dem Guß mußten diese Querstäbe sich in der Masse des Metalls befinden, was keinen Nachtheil brachte.

Diese Arbeit wurde am 8. Juli fertig, und nun wurde der Guß auf den folgenden Tag festgesetzt.

»Der Guß wird ein hübsches Fest werden, sagte Maston zu seinem Freund Barbicane.

– Allerdings! erwiderte dieser, »aber ein öffentliches Fest darf’s nicht sein.

– Wie so! Wollen Sie nicht die Pforten Jedem öffnen?

– Davor werd‘ ich mich hüten, Maston; der Guß der Columbiade ist eine bedenkliche, wo nicht gefährliche Sache, und es wird besser sein, daß man dabei die Thüren schließt. Beim Abschießen des Projectils, wenn man ein Fest will, meinetwegen, aber eher nicht!«

Der Präsident hatte Recht; es konnten sich bei der Vornahme des Gusses unvorhergesehene Gefahren ergeben, bei welchen eine große Menge von Zuschauern hinderlich gewesen wäre. Man mußte Freiheit der Bewegung haben. Es wurde daher in den umschlossenen Raum Niemand zugelassen, außer Abgeordnete des Gun-Clubs, die nach Tampa-Town kamen. Da sah man den muntern Bilsby, Tom Hunter, den Obrist Blomsberry, den Major Elphiston, den General Morgan, und Alle, denen der Guß der Columbiade eine persönliche Angelegenheit wurde. Maston wurde ihr Cicerone; er verschonte sie mit keinem Detail, führte sie überall umher, in die Magazine, Werkstätten, mitten unter die Maschinen, ja sie mußten die zwölfhundert Schmelzöfen der Reihe nach alle besuchen. Bei dem zwölfhundertsten waren sie ein wenig erschöpft.

Der Guß sollte gerade um Mittag vorgenommen werden; Tags zuvor wurden in jeden Ofen hundertundvierzehntausend Pfund Metall in Barren geschafft und diese kreuzweise über einander gelegt, damit die heiße Luft frei zwischen ihnen spielen konnte. Seit dem frühen Morgen spieen die zwölfhundert Essen ihre Feuerströme in die Lüfte, und der Boden war in dumpf zitternder Bewegung. Es schmolz eine so ungeheure Menge Metall, glühte eine so ungeheure Masse Kohlen. Die achtundsechzigtausend Tonnen Kohlen mußten wohl einen dichten Vorhang schwarzen Rauchs vor die Sonnenscheibe ziehen.

In der Umgebung der Oefen, die mit dumpfem Getöse, das dem Rollen des Donners glich, weithin vernehmlich waren, wurde die Hitze bald unerträglich; gewaltige Kühlmaschinen wehten beständig frische Luft zu, und sättigten alle glühenden Essen mit Sauerstoff.

Sollte der Guß gelingen, so mußte er rasch ausgeführt werden. Auf ein Signal mit einem Kanonenschuß mußte jeder Ofen die flüssige Masse frei lassen und sich gänzlich entleeren. Gemäß dieser Anordnungen warteten die Werkmeister und Arbeiter auf den bestimmten Moment mit unruhig gespannter Ungeduld. Es befand sich Niemand mehr im inneren Raum, und jeder Gießmeister auf seinem Posten bei den Abflußlöchern.

Barbicane mit seinen Collegen wohnte auf einer nahen Erhöhung der Ausführung bei. Vor ihnen stand ein Geschützstück bereit, auf einen Wink des Ingenieurs das Zeichen zu geben.

Einige Minuten vor zwölf Uhr begannen die ersten Tröpfchen Metall zu fließen; die Becken füllten sich allmälig, und als der Guß völlig flüssig war, ließ man ihn einige Minuten ruhig stehen, um leichter fremdartige Theile daraus zu entfernen.

Schlag zwölf donnerte der Kanonenschuß und blitzte durch die Lüfte. Die zwölfhundert Abflußlöcher öffneten sich zu gleicher Zeit und zwölfhundert feurige Schlangen rieselten dem Schacht in der Mitte zu mit glühenden Ringen. Da stürzten sie, mit erschrecklichem Getöse, neunhundert Fuß tief hinab. Es war ein erhebender, prachtvoller Anblick. Der Boden erbebte, während diese Fluthen von Guß Rauchsäulen zum Himmel empor wirbelten, zugleich die Feuchtigkeit der Form verflüchtigend, welche als undurchdringlicher Dampf durch die Zuglöcher der Umkleidung hervorqualmte. Diese künstlichen Wolken wälzten ihre dichten Spiralsäulen bis dreitausend Fuß hoch zu dem Zenith empor. Mancher außerhalb des Gesichtskreises streifende Wilde mochte glauben, es bilde sich im Schooße Florida’s ein neuer Krater, und doch war kein Vulkanausbruch, kein Wetterwirbel, kein Gewitter, noch sonst ein Ringen der Elemente, noch ein fürchterliches Naturereignis wie sie sich mitunter begeben! Nein! Lediglich Menschenwerk waren diese gerötheten Dampfwolken, diese eines Vulkans würdigen Riesenflammen, diese erdbebengleichen donnernden Erschütterungen, dieses stumme und gewittergleiche Dröhnen; seine Hand stürzte einen ganzen Niagara strömenden Metalls in einen selbstgegrabenen Abgrund.

Sechzehntes Capitel.

Sechzehntes Capitel.

Die Columbiade.

War der Guß gelungen? Man konnte darüber nur Vermuthungen haben. Doch ließ Alles an den guten Erfolg glauben, weil die Gießform die ganze Masse des in den Oefen geschmolzenen Metalls in sich aufgenommen hatte. Wie dem auch sei, es sollte noch lange dauern, bis man darüber Gewißheit haben konnte.

In der That, als der Major Rodman seine Kanone von hundertsechzigtausend Pfund goß, waren nicht weniger als vierzehn Tage zum Abkühlen erforderlich. Wie lange noch sollte die riesenhafte Columbiade, umgeben von ihren Dampfwirbeln und durch ihre große Hitze geschützt, sich den Blicken ihrer Bewunderer entziehen? Das war schwer zu berechnen.

Die Ungeduld der Mitglieder des Gun-Clubs wurde inzwischen auf eine harte Probe gestellt. Aber es ließ sich nichts dafür thun. Maston hätte sich beinahe aus Hingebung gebraten. Vierzehn Tage nach dem Guß stieg noch ein unendlicher Rauchwirbel zum Himmel empor, und im Umkreis von zweihundert Fuß um Stone’s-Hill verbrannte noch der Boden die Füße.

Tage verflossen, Wochen reihten sich an Wochen. Kein Mittel, den ungeheuren Cylinder abzukühlen. Keine Möglichkeit, nahe zu kommen. Es galt nur abzuwarten, und die Mitglieder des Gun-Clubs mußten sich in Geduld fügen.

»Nun haben wir schon den 10. August,« sagte eines Morgens J. T. Maston. »Keine vier Monate mehr bis zum 1. December. Den inneren Theil der Form herausnehmen, die Seele kalibriren, die Columbiade laden, das Alles muß noch geschehen! Wir werden nicht fertig! Man kann ja noch nicht einmal nahe kommen! Wird die Kanone niemals kalt werden! Da wären wir grausam angeführt!«

Vergeblich suchte man den ungeduldigen Secretär zu beruhigen; Barbicane äußerte nichts, aber sein Schweigen barg eine innere Aufregung. Gänzlich gehemmt sein durch ein Hinderniß, das nur die Zeit besiegen konnte – die Zeit, unter den gegebenen Umständen ein fürchterlicher Feind, – und einem Feind waffenlos Preis gegeben, das war hart für Kriegerseelen!

Inzwischen ließen tägliche Beobachtungen eine Veränderung im Zustand des Bodens wahrnehmen. Um den 15. August war der emporsteigende Dampf bereits bedeutend minder stark und dicht. Einige Tage hernach strömte der Boden nur noch leichte Dünste aus, ein letztes Hauchen des im steinernen Sarg eingeschlossenen Ungeheuers. Nach und nach hörte das Zittern des Bodens auf, und der Kreis des Wärmestoffs ward enger; die ungeduldigsten Zuschauer wagten sich näher; den einen Tag gewannen sie zwei Toisen, den folgenden vier, und am 22. August konnte Barbicane mit seinem Ingenieur und seinen Collegen schon auf dem Streifen-Guß Platz nehmen, welcher den Boden von Stone’s-Hill leicht bedeckte; gewiß ein der Gesundheit zuträglicher Ort, wo man nicht kalte Füße bekam.

»Endlich!« rief der Präsident des Gun-Clubs mit tiefer Befriedigung aus.

Denselben Tag noch begannen wieder die Arbeiten. Sofort schritt man dazu, das Innere der Form herauszunehmen; die Hacke und Spitzhaue, die Werkzeuge zum Bohren waren unausgesetzt thätig; die Thonerde mit dem Sand hatten durch Einwirkung der Wärme eine äußerste Härte erlangt; aber mit Hilfe der Maschinen bewältigte man den Stoff, welcher in der Nähe der Wände noch glühend heiß war; er wurde herausgenommen, und rasch auf Karren mit Dampfkraft fortgeschafft. Dabei war der Eifer bei der Arbeit so groß und förderlich, Barbicane’s Einwirkung so dringend, und seine Beweisgründe in Form von Dollars so wirksam, daß am 3. September jede Spur der Gußform verschwunden war.

Sogleich begann darauf das Ausfeilen; unverzüglich wurden die Maschinen in Bewegung gesetzt, und mächtige Feilen waren eilig beschäftigt, alles Rauhe des Gusses zu beseitigen. Nach einigen Wochen war die innere Fläche der ungeheuren Röhre völlig cylindrisch und die Seele fein polirt.

Endlich, am 22. September, ehe noch ein Jahr seit Barbicane’s Bekanntmachung verflossen, war die enorme Maschine, sorgfältig kalibrirt, und mit Hilfe genauer Instrumente vollständig vertikal gerichtet, zum Gebrauch fertig. Man hatte nur noch den Mond abzuwarten, konnte aber sicher sein, daß er beim Rendez-vous erscheinen werde.

Maston’s Freude ging über alle Schranken, und er hätte beinahe, indem er in die neunhundert Fuß lange Röhre blickte, einen schrecklichen Fall gethan.

Hätte er sich nicht an dem starken Arm Blomsberry’s festgehalten, so hätte der Secretär des Gun-Clubs, wie ein neuer Herostrat, in den Tiefen der Columbiade seinen Tod gefunden.

Die Kanone war also fertig; an ihrer vollkommenen Herstellung war nicht zu zweifeln; daher erschien auch am 6. October der Kapitän Nicholl bei dem Präsidenten Barbicane, und dieser trug in seine Bücher den Einnahmeposten von zweitausend Dollars ein. Man kann wohl glauben, daß der Kapitän im höchsten Grade erzürnt war, so daß er krank ward. Doch waren noch drei Wetten, zu drei, vier und fünftausend Dollars, so daß, wenn er nur zwei derselben gewann, seine Sache nicht schlecht, wo nicht vortrefflich stand. Aber er brachte das Geld gar nicht in Anschlag, und der von seinem Rivalen errungene Erfolg, eine Kanone zu gießen, welcher sechsunddreißig Fuß dicke Platten nicht widerstehen konnten, versetzte ihm einen harten Schlag.

Seit dem 23. September war dem Publicum der Zutritt in den umschlossenen Raum von Stone’s-Hill erlaubt, und man kann sich denken, welch‘ ein Zuströmen von Besuchern stattfand.

In der That, zahllose Neugierige aus allen Theilen der Vereinigten Staaten zogen sich nun nach Florida. Die Stadt Tampa hatte sich im Laufe des den Arbeiten des Gun-Clubs gewidmeten Jahres bedeutend vergrößert, und sie zählte damals hundertundfünfzigtausend Bewohner. Nachdem sie zuerst das Fort Brooke mit einem Netz von Straßen umgeben hatte, dehnte sie sich nun auf der Erdzunge aus, welche die beiden Rheden der Bai Espiritu Santo scheidet, neue Quartiere, neue Plätze, ein ganzer Wald von Häusern war im Klima amerikanischer Sonne an den kürzlich noch öden Uferstellen emporgewachsen. Es hatten sich Compagnien gebildet, um Kirchen, Schulen, Privatwohnungen zu bauen, und im Verlauf eines Jahres war die Stadt zehnmal größer geworden.

Bekanntlich sind die Yankees geborene Kaufleute; überall, wohin sie das Schicksal wirft, vom Pol bis zum Aequator, muß ihr Geschäftsinstinct sich nutzbringend üben. Daher kam’s, daß blos neugierige Leute, die einzig zu dem Zweck nach Florida kamen, um den Arbeiten des Gun-Clubs beizuwohnen, sich, sowie sie in Tampa wohnhaft waren, mit Handelsunternehmungen befaßten. Die Schiffe, welche für den Transport des Materials und der Arbeiter gemiethet waren, hatten eine Thätigkeit ohne Gleichen im Hafen veranlaßt. Bald fanden sich andere Fahrzeuge von jeder Größe und Gestalt, mit Lebensmitteln, Vorräthen und Waaren befrachtet, in der Bai und auf den beiden Rheden ein; es entstanden große Rhederei-Comptoirs und Wechselstuben, und die Schiffahrtszeitung zählte täglich neue Schiffe auf, die im Hafen von Tampa ankamen.

Während die Straßen sich um die Stadt herum vervielfältigten, wurde diese, in Betracht des erstaunlichen Zuwachses der Bevölkerung und ihres Handels, durch eine Eisenbahn mit den Südstaaten der Union in Verbindung gebracht. Bereits war Mobile mit Pensacola, dem großen Seearsenal des Südens, durch einen Bahnweg in Verbindung, führte dann von da aus nach Talahassee. Dieses war durch eine Strecke von einundzwanzig Meilen mit St. Marks am Meeresufer in Verbindung. Diese kurze Bahnstrecke wurde nun nach Tampa-Town verlängert, und führte in dieser Richtung den erstorbenen Theilen Mittelflorida’s erneuertes Leben zu. So konnte Tampa, Dank der durch einen eminenten Kopf hervorgerufenen merkwürdigen Industrie mit Recht sich als große Stadt benehmen. Man hatte ihr den Beinamen »Mondstadt« gegeben.

Nun ist’s Jedem begreiflich, weshalb die Eifersucht zwischen Texas und Florida so arg gewesen, und die Texaner so aufgebracht wurden, als sie durch die Wahl des Gun-Clubs ihre Ansprüche zurückgewiesen sahen. In vorausblickendem Scharfsinn hatten sie eine Idee davon, welche Vortheile Barbicane’s Experiment dem Lande bringen werde. Es entging Texas dadurch ein bedeutender Mittelpunkt des Handels und der Eisenbahnen, mit einem beträchtlichen Zuwachs an Bevölkerung. Alle diese Vortheile wurden jetzt der armseligen Halbinsel Florida zu Theil, welche nun einen Damm zwischen den Fluthen des Golfs und den Wogen des Oceans bilden zu sollen schien. Darum hatte auch Barbicane eine so arge Antipathie gegen Texas, wie sie der General Sta. Anna hegte.

Obwohl ihrem Handelstrieb und ihrem industriellen Eifer hingegeben, ließ doch die neue Bevölkerung von Tampa-Town die interessanten Werke des Gun-Clubs nicht unbeachtet. Im Gegentheil sie wendete den geringsten Details der Unternehmung eine leidenschaftliche Theilnahme zu. Zwischen der Stadt und Stone’s-Hill strömte man beständig hin und her, es war eine Procession, eine Wallfahrt.

Man konnte schon voraussehen, daß am Tage des Experiments die Zuschauer nach Millionen zählen würden, denn sie kamen schon von allen Punkten der Erde her und strömten auf die schmale Landzunge zusammen. Europa wanderte nach Amerika.

Aber bisher, muß man zugeben, war die Neugierde dieser zahllosen Ankömmlinge nur wenig befriedigt worden. Viele rechneten bei dem Guß auf ein Schauspiel und bekamen nur Rauch zu sehen. Das war für die gierigen Blicke zu wenig; aber Barbicane wollte bei dieser Operation durchaus keine Zuschauer. Daher fluchte, murrte, schalt man; man warf dem Präsidenten eine Willkür vor, die wenig »amerikanisch« sei. Beinahe hätte es einen Aufruhr bei den Palissaden von Stone’s-Hill gegeben. Barbicane blieb, wie mir wissen, unerschütterlich in seinem Entschluß.

Als aber die Columbiade völlig fertig war, gestattete er den Zutritt; es wäre auch unhöflich, ja unklug gewesen, die Gefühle des Publicums zu mißachten. Barbicane ließ daher Jedermann zu; doch sein praktischer Sinn gab ihm den Gedanken ein, aus dieser Neugierde Capital zu schlagen.

Die riesenmäßige Columbiade anzuschauen, war wohl etwas Großes; aber in dieselbe hineinzusteigen, schien den Amerikanern ein Glück ohne Gleichen. Daher versagte sich auch kein einziger Besucher dieses Vergnügen, das man ihnen vermittelst einer mechanischen Vorrichtung nebst Dampfkraft verschaffte. Wie wahnsinnig drängte man sich zu, Frauen, Kinder, Greise, in die Geheimnisse des Riesen bis auf den tiefsten Grund des Innern zu dringen. Trotz des hohen Preises von fünf Dollars für die Person strömten zwei Monate lang die Besucher zu, und brachten dem Gun-Club eine Einnahme von fast fünfmalhunderttausend Dollars. Den ersten Besuch in der Columbiade statteten natürlich die Mitglieder des Gun-Clubs ab, ein Fest, das am 25. September stattfand. Der Präsident Barbicane, Maston, der Major Elphiston, Obrist Blomsberry, der Ingenieur Murchison, und andere hervorragende Mitglieder, im Ganzen zehn, fuhren hinab. Es war im Innern der langen Metallröhre noch ziemlich warm, ein wenig zum Ersticken; aber eine Freude dagegen zum Entzücken! Eine Tafel von zehn Gedecken war da unten hergerichtet, mit tagheller Beleuchtung durch elektrisches Licht. Zahlreiche ausgesuchte Gerichte kamen wie vom Himmel herab vor die Gäste und die besten Weine Frankreichs strömten reichlich bei dem Gastmahl in der Tiefe von neunhundert Fuß.

Das Fest war sehr belebt, ja lärmend; man trank auf’s Wohl des Erdballs und seines Trabanten, aufs Wohl des Gun-Clubs, der Union, des Mondes, der Phöbe, Selene etc. etc. Alle diese Toaste gelangten in der akustischen Röhre donnerähnlich oben an, wo die Menge rings mit Jubel in die Rufe der zehn Gäste da unten einstimmte.

Maston war außer sich, schrie und gestikulirte, hätte seinen Platz nicht mit einem Königreich getauscht, »hätte auch die geladene Kanone ihn bis zu dem Planetenraum in die Lüfte geschleudert!«

Zweites Kapitel.

Zweites Kapitel.

Mittheilung des Präsidenten Barbicane.

Am 5. October um acht Uhr Abends drängte sich eine dichte Menge in den Sälen des Gun-Clubs, 21. Union-square. Alle zu Baltimore einheimischen Mitglieder der Gesellschaft hatten sich auf die Einladung ihres Präsidenten dahin begeben. Die correspondirenden langten mit Expreß zu Hunderten in der Stadt an, und so groß auch die Sitzungshalle war, so konnte die Menge der Gelehrten darin nicht mehr Platz finden; sie strömte über in die anstoßenden Säle, die Gänge bis mitten in die äußeren Höfe, wo sie mit dem gewöhnlichen Volk zusammentraf, das sich an den Eingängen drängte: indem jeder in die vordersten Reihen zu gelangen trachtete, alle voll Begierde, die wichtige Mittheilung des Präsidenten Barbicane zu vernehmen, stieß und schob man sich herum, zerdrückte sich mit jener Freiheit des Handelns, welche den in den Ideen des self-government erzogenen Massen eigenthümlich ist.

An jenem Abend hätte ein zu Baltimore anwesender Fremder um keinen Preis in den großen Saal gelangen können; derselbe war ausschließlich den einheimischen Mitgliedern oder den Correspondenten vorbehalten; kein Anderer konnte darin einen Platz bekommen; und die Notablen der Stadt, die Mitglieder des Rathes der »Auserkohrnen« hatten sich unter die Menge ihrer Untergebenen mengen müssen, um flüchtig zu erhaschen, was drinnen vorging.

Die unermeßlich große Halle bot den Blicken einen merkwürdigen Anblick dar. Das umfassende Local war zum Erstaunen für seine Bestimmung geeignet. Hohe Säulen, aus übereinandergesetzten Kanonen gebildet, auf einer dicken Unterlage von Mörsern, trugen die feinen Verzierungen des Gewölbes, gleich Spitzen aus Guß gefertigt. Vollständige Rüstungen von Stutzern, Donnerbüchsen, Büchsen, Karabinern, alle Feuerwaffen alter und neuer Zeit, waren an den Wänden mit malerischen Verschlingungen gruppirt. Das Gas strömte in vollen Flammen aus tausend Revolvern, die in Form von Lüstern zusammengeordnet waren, während Girandolen von Pistolen und Candelaber, aus Bündeln von Flintenläufen gebildet, die glänzende Beleuchtung vollendeten. – Die Kanonenmodelle, die Probemuster von Bronze, die durchlöcherten Zielscheiben, die von Kugeln des Gun-Clubs zerschossenen Platten, die Auswahl von Setzern und Wischern, die Rosenkränze von Bomben, die Halsbänder von Geschossen, die Guirlanden von Granaten, kurz alle Werkzeuge des Artilleristen überraschten das Auge durch ihre Staunen erregende Anordnung, und erweckten den Gedanken, daß sie in Wahrheit mehr zum Schmuck, als zum Morden bestimmt seien.

Am Ehrenplatze sah man unter einer glänzenden Glasglocke ein zerbrochenes, vom Pulver zerdrehtes Stück von einem Kanonenstoß, kostbares Reststück von der Kanone J. T. Maston.

Am Ende des Saales saß auf einem breiten Sonderplatze der Präsident, umgeben von vier Secretären. Sein Sitz, der sich auf einer mit Schnitzwerk gezierten Lafette befand, war im Ganzen gleich einem starken Mörser von zweiunddreißig Zoll geformt, unter einem Winkel von neunzig Grad aufgeprotzt und an Zapfen befestigt, so daß der Präsident sich auf demselben, wie auf einem Schaukelstuhl (rocking-chair) in angenehmster Weise schaukeln konnte. Auf dem Schreibtisch, einer breiten Platte von Eisenblech auf sechs Karonaden, sah man ein Tintenfaß von besonderem Geschmack, das aus einer kostbar gemeißelten Biskayer Büchse gebildet war, und eine Donnerglocke, die bei Gelegenheit wie ein Revolver knallte. Bei heftigem Streit reichte diese neu erfundene Glocke manchmal kaum hin, die Stimmen dieser Legion von erhitzten Artilleristen zu übertönen.

Vor dem Schreibtisch waren kleine Bänke im Zickzack, gleich den Linien einer Verschanzung, aufgestellt und bildeten eine Reihenfolge von Basteien und Courtinen. Auf diesen saßen die Mitglieder des Gun-Clubs, und diesen Abend konnte man sagen, »es fehlte nicht an Mannschaft auf den Wällen«. Man kannte den Präsidenten gut genug um zu wissen, daß er ohne den gewichtigsten Grund seine Collegen nicht in Bewegung gesetzt hätte.

Impey Barbicane war ein Mann von vierzig Jahren, ruhig, kaltblütig, streng, von außerordentlich ernstem und concentrirtem Geist, pünktlich wie ein Chronometer, von erprobtem Temperament, unerschütterlichem Charakter, wenig ritterlich, doch abenteuerlich, aber voll praktischer Ideen, selbst bei den verwegensten Unternehmungen; – er war in hervorragender Weise der Mann Neu-Englands, der nordische Pflanzer, der Abkömmling jener Rundköpfe, die einst den Stuarts so gefährlich wurden, der unversöhnliche Feind der südlichen Gentlemen, jener vormaligen Junker des Mutterlandes. Mit einem Wort, er war ein Yankee reinsten Wassers durch und durch.

Barbicane hatte sich im Holzhandel ein großes Vermögen erworben; während des Krieges zum Artilleriedirector ernannt, zeigte er sich fruchtbar an Erfindungen, kühn in Ideen, trug viel zu den Fortschritten dieser Waffe bei, und gab den experimentalen Forschungen einen unvergleichlichen Schwung.

Ein Mann von mittlerer Statur hatte er – seltene Ausnahme im Gun-Club – ganz wohl erhaltene Glieder. Seine scharf ausgeprägten Gesichtszüge waren wie mit dem Lineal nach dem Winkelmaße geschnitten, und wenn es wahr ist, daß man, um eines Menschen instinctiven Charakter zu erkennen, ihn im Profil ansehen müsse, so konnte man bei ihm darin die deutlichsten Anzeigen von Energie, Kühnheit und Kaltblütigkeit wahrnehmen.

In diesem Augenblick war er in seinem Lehnstuhl unbeweglich, stumm, in Gedanken versenkt, den Blick nach innen gerichtet, mit einem hochgeformten Hut, – schwarzem Seidencylinder – welcher, scheint es, den amerikanischen Schädeln angeschraubt ist.

Das lärmende Geplauder seiner Collegen um ihn her störte ihn nicht; sie fragten sich einander, schweiften auf dem Feld der Vermuthungen, forschten in den Zügen ihres Präsidenten, und trachteten vergeblich, das X seiner undurchdringlichen Physiognomie heraus zu bekommen.

Als die Uhr des großen Saales mit Donnerschlägen die Stunde verkündete, erhob sich Barbicane plötzlich, als wie von einer Sprungfeder emporgeschnellt. Alles lauschte, und der Redner ließ sich mit etwas emphatischem Ton folgendermaßen vernehmen:

»Tapfere Collegen, schon allzu lange hat ein unfruchtbarer Friede die Mitglieder des Gun-Clubs in bedauerliche Unthätigkeit versetzt. Nach vier so ereignißvollen Jahren mußten wir unsere Arbeiten einstellen und auf dem Wege des Fortschritts plötzlich Halt machen. Ich nehme keinen Anstand, es laut auszusprechen, jeder Krieg, der uns wieder die Waffen in die Hand gäbe, würde willkommen sein…«

– Ja, der Krieg! rief stürmisch J. T. Maston.

– Hört! Hört! vernahm man allerwärts.

»Aber der Krieg, sagte Barbicane, »ist unter gegenwärtigen Umständen unmöglich; und was sich auch der ehrenwerthe College, welcher mich unterbrach, für Hoffnungen machen mag, es wird eine Reihe von Jahren verfließen, ehe unsere Kanonen wieder auf einem Schlachtfeld donnern. Das muß man sich nun gefallen lassen, und in einem andern Ideenkreise Nachahmung für unseren Thätigkeitstrieb suchen.«

Da die Versammlung merkte, daß ihr Präsident nun auf den Hauptpunkt kam, verdoppelte sie ihre Aufmerksamkeit.

»Seit einigen Monaten, wackere Collegen, fuhr Barbicane fort, habe ich darüber nachgedacht, ob wir nicht – doch innerhalb unseres Specialfachs – im Stande wären, eine große, des neunzehnten Jahrhunderts würdige Forschung vorzunehmen, und ob nicht die Fortschritte in der Ballistik uns in den Stand setzten, sie glücklich auszuführen. Zu dem Ende habe ich geforscht, gearbeitet, Berechnungen angestellt, und das Ergebniß meiner Studien war die Ueberzeugung, daß wir bei einer Unternehmung, die in jedem anderen Lande unausführbar sein würde, zu einem glücklichen Ziele gelangen müssen. Ueber dieses reiflich durchdachte Project will ich Ihnen nähere Mittheilung machen; es ist Ihrer würdig, würdig der Vergangenheit des Gun-Clubs, und wird unfehlbar großes Aufsehen in der Welt machen!

– Viel Aufsehen? rief ein leidenschaftlicher Artillerist.

»Sehr viel Aufsehen, im echten Sinne des Worts«, erwiderte Barbicane.

– Nicht unterbrechen! rief es von anderen Seiten.

»Ich bitte Sie also, wackere Collegen, fuhr der Präsident fort, mir Ihre volle Aufmerksamkeit zu schenken.«

Unwillkürliche Bewegung ergriff die Versammlung. Barbicane rückte rasch seinen Hut und drückte ihn fest, dann fuhr er mit ruhiger Stimme fort:

»Es ist keiner unter Ihnen, wackere Collegen, der nicht den Mond gesehen, oder mindestens von ihm sprechen gehört hätte. Wundern Sie sich nicht, daß ich Sie hier über das Gestirn der Nacht unterhalte. Vielleicht ist’s uns vorbehalten, für diese unbekannte Welt die Rolle des Columbus zu spielen. Begreifen Sie mich, unterstützen Sie mich mit allen Kräften, so will ich Sie führen, diese Eroberung zu machen, und der Name des Mondes wird sich denen der sechsunddreißig Staaten anreihen, welche den großen Bund dieses Landes bilden.«

– Hurrah dem Mond! rief der Gun-Club wie mit einer Stimme.

»Man hat viel Studien über den Mond gemacht, fuhr Barbicane fort. Seine Masse, Dichtigkeit, sein Gewicht und Umfang, seine Beschaffenheit, Bewegungen, Entfernung, seine Rolle in der Sonnenwelt sind nun genau bekannt; man hat Mondkarten gefertigt, welche an vollkommener Ausführung den Erdkarten wenigstens gleich kommen, wofern sie dieselben nicht übertreffen; die Photographie hat von unserem Trabanten Musterbilder von unvergleichlicher Schönheit geliefert. Kurz, man weiß von dem Mond Alles, was die mathematischen Wissenschaften, Astronomie, Geologie, Optik uns lehren können; aber bis jetzt ist noch nie ein directer Verkehr mit demselben hergestellt worden.«

Bei diesem Satz des Redners gab sich eine heftige Bewegung des Interesses und der Ueberraschung zu erkennen.

»Gestatten Sie mir, fuhr derselbe fort, mit einigen Worten daran zu erinnern, wie einige glühende Geister in phantasievollen Reisebeschreibungen vorgaben, die Geheimnisse unseres Trabanten ergründet zu haben. Im siebenzehnten Jahrhundert rühmte sich ein gewisser David Fabricius, die Bewohner des Mondes mit eigenen Augen gesehen zu haben. Im Jahre 1649 veröffentlichte ein Franzose I. Beaudoin, eine Reise in den Mond, von dem spanischen Abenteurer Dominico Gonzalez unternommen. Zu derselben Zeit ließ Cyrano de Bergerac die berühmte Expedition, welche in Frankreich so viel Erfolg hatte, erscheinen. Später schrieb ein anderer Franzose, Fontenelle mit Namen, über die Mehrheit der Welten ein Hauptwerk; aber die Wissenschaft überbietet in ihrem Fortschritt auch die Meisterwerke! Um’s Jahr 1835 erzählte ein aus dem New-York Americain übersetztes Werkchen, Sir J. Herschel, der zum Zweck der astronomischen Studien an’s Cap der guten Hoffnung gesendet worden war, habe vermittelst eines vervollkommneten Teleskops den Mond bis auf eine Entfernung von achtzig Yards nahe gebracht. Da habe er ganz deutlich Höhlen beobachtet, worin Flußpferde hausten, grüne mit Goldsaum befranzte Berge, Schöpfe mit Hörnern von Elfenbein, weiße Rehe, Bewohner mit pergamentgleichen Flügeln, wie bei den Fledermäusen. Dieses von einem Amerikaner Namens Locke verfaßte Werkchen hatte großen Erfolg. Bald aber erkannte man darin eine Mystification der Wissenschaft, und die Franzosen lachten zuerst darüber.«

– Ueber einen Amerikaner lachen! rief J. T. Maston, da haben wir ja einen Casus belli . . . 

»Beruhigen Sie sich, mein würdiger Freund. Bevor die Franzosen lachten, haben sie sich von unserem Landsmanne vollständig anführen lassen. Ich füge bei, daß ein gewisser Hans Pfaal aus Rotterdam in einem Ballon, der mit Stickstoffgas gefüllt war, welches fünfunddreißigmal leichter als Wasserstoffgas ist, in neunzehn Tagen bis zum Mond gelangte. Diese Reise war, gleich der vorausgehenden, nur eine Phantasie-Unternehmung, aber sie hatte einen populären amerikanischen Schriftsteller, der ein Genie von seltenem Tiefsinn war, Poë, zum Verfasser.«

– Hurrah dem Edgar Poë! rief die Versammlung voll Begeisterung.

»So viel, fuhr Barbicane fort, von den Versuchen, die als lediglich wissenschaftlich durchaus ungenügend sind, um ernstlich Verbindungen mit dem Gestirn der Nacht einzurichten. Doch muß ich hinzufügen, daß einige praktische Geister den Versuch machten, sich wirklich mit ihm in Verbindung zu setzen. Vor einigen Jahren machte ein deutscher Geometer den Vorschlag, eine Commission von Gelehrten in die Steppen Sibiriens zu schicken. Dort solle man auf ungeheuer ausgedehnten Ebenen unermeßliche geometrische Figuren mit Hilfe beleuchteter Metallspiegel entwerfen, unter anderen das Quadrat der Hypothenuse, das die Franzosen gewöhnlich »Eselsbrücke« nennen. »Jedes intelligente Wesen«, sagt der Geometer, »muß die wissenschaftliche Bedeutung dieser Figur begreifen. Wenn es nun Mondbewohner giebt, so werden sie mit einer ähnlichen Figur antworten, und ist einmal die Verbindung eingerichtet, so ist’s keine schwere Sache, ein Alphabet zu schaffen, welches in Stand setzt, sich mit den Bewohnern des Mondes zu unterhalten.« So lautet der Vorschlag des deutschen Geometers, aber er kam nicht zur Ausführung, und bis jetzt ist noch keine directe Verbindung zwischen der Erde und ihrem Trabanten eingerichtet. Aber es ist dem praktischen Genie der Amerikaner vorbehalten, die Verbindung mit der Sternenwelt in’s Leben zu rufen. Das Mittel dafür ist einfach, leicht, sicher, unfehlbar; mein Vorschlag wird’s Ihnen auseinandersetzen.«

Lautes Beifallgeschrei, ein Sturm von Zurufen erfolgte. Es war auch nicht ein Einziger unter den Anwesenden, der nicht von den Worten des Redners bewältigt, hingerissen wurde.

– Hört! Hört! Stille doch! rief man auf allen Seiten.

Als es wieder ruhig geworden, fuhr Barbicane mit ernsterer Stimme fort:

»Sie wissen, welche Fortschritte die Ballistik seit einigen Jahren gemacht hat, und zu welch hohem Grade der Vollkommenheit diese Waffen gelangt wären, wenn der Krieg fortgedauert hätte. Ebenso ist’s Ihnen im Allgemeinen nicht unbekannt, daß die Widerstandskraft der Kanonen und die Treibkraft des Pulvers ohne Grenzen sind. Nun! von diesem Grundgedanken ausgehend, habe ich mir die Frage gestellt, ob es nicht, vermittelst hinreichender Vorrichtung innerhalb bestimmter Widerstandsbedingungen, möglich wäre, ein Geschoß bis zum Mond zu entsenden!«

Bei diesen Worten entfuhr ein staunendes »Oh!« aus beklommener Brust von Tausenden; dann nach einer kleinen Pause, gleich der Stille, welche dem Donner vorausgeht, entlud sich ein gewitterartiger Beifallssturm von Schreien und Rufen, daß der Sitzungssaal davon erbebte. Der Präsident versuchte zu sprechen; vergebens. Erst nach zehn Minuten konnte er zum Wort kommen.

»Lassen Sie mich ausreden, fuhr er kalt fort. Ich habe die Frage unter allen Gesichtspunkten betrachtet, habe sie entschlossen angefaßt, und aus meinen unbestreitbaren Berechnungen ergiebt sich, daß jedes Geschoß, das mit einer anfänglichen Geschwindigkeit von zwölftausend Yards in der Secunde in der Richtung nach dem Mond hin abgeschleudert wird, nothwendig dort anlangen muß. Ich habe daher die Ehre, meine wackeren Collegen, Ihnen dieses kleine Experiment vorzuschlagen!«

Drittes Capitel.

Drittes Capitel.

Welchen Eindruck Barbicane’s Mittheilung machte.

Der Eindruck, welchen diese letzten Worte des ehrenwerthen Präsidenten machten, läßt sich nicht beschreiben. Das war ein Schreien! ein Grunzen! ein Rufen mit Hurrah! Hip! Hip! Hip! und allen den Naturlauten, woran die amerikanische Sprache so reich ist; es war ein Getümmel, ein Lärmen ohne Gleichen! Die Kehlen schrieen, die Hände klatschten, die Füße stampften den Boden. Kein Wunder das: es giebt Kanoniere, die im Lärmen mit ihren Kanonen wetteifern.

Barbicane bewahrte mitten in diesem Enthusiasmus seine Kaltblütigkeit; seine Handbewegungen forderten vergebens zur Stille auf, die donnernden Töne seiner Glocke wurden nicht gehört. Man riß ihn von seinem Präsidentenstuhl und trug ihn im Triumph umher.

Ein Amerikaner läßt sich nicht in Bestürzung versetzen. Für den Begriff »unmöglich« findet sich in seinem Wörterbuch kein Ausdruck. In Amerika ist Alles leicht, einfach, die mechanischen Schwierigkeiten sind wie todtgeboren. Ein wahrer Yankee war nicht im Stande, nur einen Schein von Schwierigkeit zwischen Barbicane’s Vorschlag und seiner Ausführung zu erkennen. Gesagt, gethan.

Der Triumphzug des Präsidenten dauerte den ganzen Abend! es war ein echter Fackelzug. Irländer, Franzosen, Schotten, alle die gemischten Nationalitäten, woraus die Bevölkerung Marylands besteht, schrieen in ihrer Muttersprache, und es mischten sich die Vivat! Hurrah! und Bravo! in einem Schwung, der über alle Beschreibung geht.

Luna, als begriffe sie, daß es sich um sie handle, strahlte in heiterer Pracht, die irdischen Feuer verdunkelnd. Alle Yankees richteten die Blicke nach ihrer glänzenden Scheibe; die Einen grüßten sie mit der Hand, die Anderen mit zärtlichen Worten; diese maßen sie mit den Augen, Andere drohten mit der Faust: ein Optiker hatte bis Mitternacht nur Augengläser zu verkaufen. Frau Luna wurde wie eine Dame der hochvornehmen Welt lorgnettirt, und das mit einer Rücksichtslosigkeit, wie sie amerikanischen Gutsbesitzern eigen ist. Gerade als gehöre die blonde Phöbe bereits ihren kühnen Eroberern an als Gebietstheil der Union. Und doch handelte sich’s erst darum, ein Geschoß zu ihr zu schleudern: eine ziemlich brutale Art Verbindungen anzuknüpfen, selbst gegenüber einem Trabanten; doch ist sie unter den civilisirten Nationen sehr in Gebrauch.

Es war Mitternacht, und der Enthusiasmus war auf seinem Höhepunkt, verbreitete sich gleichmäßig unter allen Klassen der Bevölkerung: die Stadtbehörden, Gelehrten, Großhändler und Kaufleute, Lastträger, verständige Leute und Gelbschnäbel, fühlten sich bis in die zartesten Fasern des Daseins aufgeregt; es handelte sich um eine Nationalunternehmung; so waren denn auch die Ober- und Unterstadt, die Quais an den Ufern des Patapsco, die Fahrzeuge in ihren Bassins dicht voll gedrängt von einer Menge im Rausch der Freude, des Gin und Whisky; jeder plauderte, schwatzte, disputirte, discutirte, billigte, klatschte, von dem Gentleman, der auf dem Kanapee der Schenkstube vor seinem Schoppen Sherry-Cobbler flegelhaft hingestreckt lag, bis zu dem Bootsmann, der in den dunkeln Kneipen von Fells-Point sich mit »Knock me down« betrank.

Gegen zwei Uhr legte sich die Aufregung. Nun gelang es dem Präsidenten heim zu kommen, wie ein geräderter Mann. Es gehörte eine Herkulesnatur dazu, solch einen Enthusiasmus zu bestehen. Die Menge auf den Straßen verlief sich allmälig. Die vier Eisenbahnen, welche in Baltimore zusammentreffen, nach dem Ohio, Susquehanna, Philadelphia und Washington, führten das auswärtige Publicum nach den vier Weltgegenden zurück, und die Stadt kam wieder in einen verhältnißmäßig ruhigeren Zustand.

Uebrigens wäre es ein Irrthum, wenn man glaubte, nur zu Baltimore habe diesen Abend solche Aufregung geherrscht. Die großen Städte der Union, New-York, Boston, Albany, Washington, Richmond, Crescent-City, Charleston, Mobile, von Texas bis Massachussets, von Michigan bis Florida, nahmen alle Theil an der Schwärmerei der Begeisterung. Die dreißigtausend correspondirenden Mitglieder des Gun-Clubs kannten ja den Brief ihres Präsidenten, und warteten mit gleicher Ungeduld auf die merkwürdige Mittheilung des 5. October. Sowie daher die Worte des Redners seinen Lippen entströmten, wurden sie noch denselben Abend von den Telegraphendrähten durch alle Staaten der Union befördert, mit einer Schnelligkeit von zweihundertachtundvierzigtausendvierhundertsiebenundvierzig (engl.) Meilen in der Secunde. Man kann also ganz bestimmt sagen, daß die Vereinigten Staaten Amerikas, welche zehnmal so groß als Frankreich sind, in demselben Augenblick in einem einzigen Hurrah zusammen stimmten, und daß fünfundzwanzig Millionen Herzen, von Stolz geschwellt, denselben Pulsschlag fühlten.

Am folgenden Morgen nahmen fünfzehnhundert Journale, Tags- und Wochenblätter, monatliche und zweimonatliche Zeitschriften, die Frage in Betrachtung; sie prüften dieselbe unter den verschiedenen Gesichtspunkten, dem physischen, meteorologischen, ökonomischen oder moralischen, auf dem Standpunkt des Uebergewichts in Politik oder Civilisation. Man fragte, ob denn der Mond ein fertiger Weltkörper sei, oder noch Umbildungen unterworfen. Glich er der Erde zu der Epoche, da dieselbe noch keine Atmosphäre hatte? Welchen Anblick würde seine unsichtbare Seite unserer Erdkugel darbieten? Obwohl es sich nur erst darum handelte, eine Kugel dahin zu schleudern, so sahen doch Alle, daß eine Reihe von Untersuchungen von diesem Punkte ausgehen würden; Alle gaben sich der Hoffnung hin, Amerika werde in die tiefverhüllten Geheimnisse der mysteriösen Scheibe dringen, und Manche schienen sogar zu befürchten, seine Eroberung werde auffallend das europäische Gleichgewicht stören.

Nachdem das Project besprochen war, setzte kein einziges Blatt seine Ausführbarkeit in Zweifel; die von den gelehrten, wissenschaftlichen oder religiösen Gesellschaften herausgegebenen periodischen Blätter, Brochüren, Bulletins, Magazine strichen seine Vortheile heraus, und die »Gesellschaft für Naturgeschichte« zu Boston, die »Amerikanische Gesellschaft der Wissenschaften und Künste« zu Albany, die »Geographische und Statistische Gesellschaft« zu New-York, die »Amerikanische Philosophische Gesellschaft« zu Philadelphia, das »Smithson’sche Institut« zu Washington, sendeten in tausend Zuschriften dem Gun-Club Glückwünsche, mit unverzüglichen Anerbietungen von Geld und Dienstleistung.

Darum, kann man kecklich versichern, gab’s auch nie einen Vorschlag, dem so viele Anhänger zufielen; von Zweifeln, Bedenken, Besorgnissen war keine Rede. In Europa, zumal in Frankreich, hätte wohl die Idee, ein Geschoß bis zum Mond zu schleudern, Scherzreden, Caricaturen, Spottlieder hervorgerufen: so etwas hätte sich Jemand nicht einfallen lassen dürfen; kein »Lebenssicherer« auf der Welt hätte gegen die allgemeine Entrüstung geschützt. In der neuen Welt giebt’s Dinge, die über’s Lachen hinaus sind.

Impey Barbicane wurde daher von dem Tag an den größten Bürgern der Vereinigten Staaten angereiht, er galt etwa für einen Washington der Wissenschaft. Ein einziger Zug kann unter anderen zeigen, bis zu welchem Grad die Hingebung eines Volkes an einen Mann plötzlich gestiegen war.

Einige Tage nach der famosen Sitzung des Gun-Clubs kündigte der Director einer englischen Theatertruppe zu Baltimore das Shakespeare’sche »Viel Lärmen um Nichts« an. Da das Stadtvolk darin eine verletzende Anspielung auf die Projecte Barbicane’s sah, drang es in den Theatersaal, zertrümmerte die Bänke und nöthigte den unglücklichen Director, seinen Zettel abzuändern. Als gescheiter Mann beugte er sich dem Volkswillen, setzte an die Stelle des leidigen Stücks desselben Dichters »Wie es Euch beliebt,« und bekam einige Wochen beispiellos enorme Einnahmen.

Viertes Capitel.

Viertes Capitel.

Gutachten des Observatoriums zu Cambridge.

Inzwischen verlor Barbicane inmitten der Huldigungen, die ihm zu Theil wurden, keinen Augenblick. Vor allem ließ er die Bureaux des Gun-Clubs zu einer Berathung sich versammeln. Man beschloß, über die astronomische Seite des Unternehmens die Astronomen zu befragen; sodann auf Grund eines Gutachtens derselben sich über die technischen Mittel zu bereden, um nichts zu versäumen was den Erfolg des großen Versuchs sichern könne.

Es wurde daher ein klar und genau abgefaßtes Schreiben mit speciellen Fragen redigirt, und an das Observatorium zu Cambridge in Massachussets gerichtet. Dieser Sitz der ersten Universität in den Vereinigten Staaten ist durch sein astronomisches Bureau sehr berühmt. Da finden sich die verdienstvollsten Gelehrten und das weitreichende Teleskop, mit dessen Hilfe Bond das Nebelgestirn Andromeda durchdrang und Clarke den Trabanten des Sirius entdeckte. Das Vertrauen des Gun-Clubs zu diesem Institut war also in jeder Hinsicht gerechtfertigt.

Zwei Tage nachher traf die so ungeduldig erwartete Antwort beim Präsidenten Barbicane ein. Folgendes ihr Wortlaut:

Der Director des Observatoriums zu Cambridge an den Präsidenten des Gun-Clubs zu Baltimore.

Cambridge, 7. Oktober.

»Bei Empfang Ihres geehrten, unterm 6. d. im Namen der Mitglieder des Gun-Clubs zu Baltimore an das Observatorium zu Cambridge gerichteten Schreibens hat sich unser Bureau unverzüglich versammelt und für angemessen erachtet, folgendermaßen zu antworten:

Die ihm vorgelegten Fragen sind:

»1. Ist’s möglich, ein Wurfgeschoß auf den Mond zu schleudern?

»2. Welches ist genau berechnet die Entfernung der Erde von ihrem Trabanten?

»3. Binnen welcher Zeit hätte das Geschoß bei einer hinreichenden Anfangsgeschwindigkeit diese Distanz zu durchfliegen; folglich in welchem Zeitpunkt wird man es abschleudern müssen, damit es in einem bestimmten Moment auf dem Mond eintreffe?

»4. In welchem Zeitpunkt wird der Mond genau in der Stellung sich befinden, welche am günstigsten ist, daß er von demselben getroffen werde?

»5. Nach welchem Punkt am Himmel wird das Geschütz zu richten sein, womit das Projectil abgeschossen werden soll?

»6. An welcher Stelle wird sich der Mond am Himmel befinden, wann das Geschoß abfliegen wird?

»Die Antwort auf die erste Frage ist:

»Ja, es ist möglich, ein Projectil auf den Mond zu schleudern, wenn es gelingt, demselben eine Anfangsgeschwindigkeit von zwölftausend Yards in der Secunde zu geben. Richtiger Berechnung nach reicht diese Geschwindigkeit hin. Je weiter man sich von der Erde entfernt, nimmt die Schwerkraft ab im umgekehrten Verhältniß des Quadrats der Entfernung, also z.B. für eine dreimal größere Entfernung bedarf’s einer neunmal geringeren Bewegkraft. Folglich wird die Schwere des Geschosses reißend abnehmen und endlich völlig aufhören im Moment, wo die Anziehungskraft der Erde von der des Mondes aufgewogen wird, d. h. bei siebenundvierzig Zweiundfünfzigtheilen der Entfernungslinie. In diesem Moment wird das Projectil keine Schwerkraft mehr haben, und sowie es noch weiter fliegt, wirkt die Anziehungskraft des Mondes auf dasselbe ein, und es fällt auf den Mond. Theoretisch ist hiermit die Möglichkeit des Experiments bewiesen; ob es gelingt, hängt allein von der Kraft der angewendeten Maschine ab.

»Auf die zweite Frage lautet die Antwort:

»Der Mond beschreibt bei seinem Umlauf um die Erde nicht einen Kreis, sondern eine Ellipse, worin unsere Erdkugel einen der Brennpunkte einnimmt; demnach befindet sich der Mond in einer bald näheren, bald weiteren Entfernung von der Erde, astronomisch ausgedrückt, bald in der Erdnähe, bald in der Erdferne. Nun ist der Unterschied zwischen seinem weitesten und nächsten Abstand ziemlich bedeutend, so daß man im besonderen Fall denselben nicht unberücksichtigt lassen darf. Die größte Entfernung des Mondes beträgt nämlich zweihundertsiebenundvierzigtausendfünfhundertzweiundfünfzig Meilen (= neunundneunzigtausendsechshundertvierzig Lieues zu vier Kilometer), die geringste nur zweihundertachtzehntausendsechshundertsiebenundfünfzig (= achtundachtzigtausend und zehn Lieues), so daß der Unterschied achtundzwanzigtausendachthundertundfünfundneunzig (= elftausendsechshundertunddreißig Lieues) beträgt, also mehr als den neunten Theil der Umlaufslinie. Der Abstand der Erdnähe muß nun den Berechnungen zu Grunde gelegt werden.

»Auf die dritte Frage:

»Wenn das Geschoß die Anfangsgeschwindigkeit von zwölftausend Yards in der Secunde, welche man ihm beim Abschießen gäbe, unverändert beibehielte, so bedürfte es nur etwa neun Stunden, um an dem Ort seiner Bestimmung anzulangen; da aber diese Geschwindigkeit in zunehmendem Verhältniß sich beständig vermindert, so wird es aller Berechnung nach dreihunderttausend Secunden brauchen, d. h. dreiundachtzig Stunden und zwanzig Minuten, um an den Punkt zu gelangen, wo die Anziehungskraft der Erde und des Mondes sich aufwiegen, und von diesem Punkt an bedarf es noch fünfzigtausend Secunden, oder dreizehn Stunden, dreiundfünfzig Minuten und zwanzig Secunden, um auf den Mond zu fallen. Man muß es also siebenundneunzig Stunden, dreizehn Minuten und zwanzig Secunden eher abschießen, als der Mond an dem Punkt, wohin man zielt, ankommen wird.

»Auf die vierte Frage:

»Nach dem Gesagten muß man zuerst die Zeit der Erdnähe des Mondes wählen, und zugleich den Moment, wo er sich im Zenith befinden wird, wodurch die Linie, welche das Geschoß zurückzulegen hat, um das Maaß eines Erdradius kürzer wird, nämlich um dreitausendneunhundertundneunzehn Meilen; so daß die zu durchlaufende Linie definitiv zweihundertvierzehntausendneunhundertsechsundsiebenzig Meilen (= sechsundachtzigtausendvierhundertundzehn Lieues) betragen wird. Aber wenn auch der Mond allmonatlich in seine Erdnähe kommt, so steht er in dem Moment nicht immer im Zenith: ein Zusammentreffen, welches nur in langen Zwischenräumen stattfindet. Solch ein Zusammentreffen der Erdnähe mit dem Zenithstand ist also abzuwarten. Glücklicherweise wird am vierten December folgenden Jahres sich bei dem Mond diese doppelte Bedingung ergeben: um Mitternacht wird er in seine Erdnähe treten, d. h. seinen kürzesten Abstand von der Erde, und zu gleicher Zeit wird er im Zenith stehen.

»Auf die fünfte Frage:

»Die vorausgehenden Bemerkungen zu Grunde gelegt, wird das Geschütz auf den Zenith des Ortes gerichtet werden müssen; dergestalt wird der Schuß perpendiculär auf die Fläche des Horizonts gehen, und das Geschoß wird um so schneller der Anziehungskraft der Erde entzogen. Aber damit der Mond in den Zenith eines Ortes zu stehen komme, darf dieser Ort nicht unter höherem Breitegrad liegen, als die Abweichung dieses Gestirns vom Aequator beträgt, mit anderen Worten, er muß zwischen 0° und 28° nördlicher oder südlicher Breite sich befinden. An jedem anderen Ort würde der Schuß nothwendig in schiefer Richtung geschehen, was dem Gelingen des Experiments hinderlich sein würde.

»Auf die sechste Frage:

»Im Augenblick, wo das Projectil in den Weltraum geschleudert wird, muß der Mond, der in seiner Bahn täglich dreizehn Grad, zehn Minuten und fünfunddreißig Secunden läuft, sich viermal so weit vom Zenithpunkt entfernt befinden, nämlich zweiundfünfzig Grad, zweiundvierzig Minuten und zwanzig Secunden, denn so lange wird er noch zu laufen haben. Aber da man auch die Abweichung in Anschlag bringen muß, welche die Bewegung der Erde um ihre Achse bei dem Geschoß hervorbringen wird, und da dasselbe erst nach einer Abweichung von sechzehn Halbdurchmesser der Erde auf dem Mond ankommen wird, welche auf der Mondscheibe gemessen ungefähr elf Grad ausmachen, so muß man diese elf Grad noch zu denen hinzurechnen, welche die erwähnte Zögerung des Mondes ausdrücken, nämlich rund vierundsechzig Grad. So wird also im Moment des Schusses die nach dem Mond gerichtete Sehlinie mit der verticalen des Ortes einen Winkel von vierundsechzig Grad bilden.«

So lauteten die Antworten, welche auf die dem Observatorium zu Cambridge von den Mitgliedern des Gun-Clubs gestellten Fragen ertheilt wurden. Resumiren wir:

»1. Das Geschütz muß in einem Land zwischen 0° und 28° nördlicher oder südlicher Breite aufgestellt werden.

»2. Es muß auf den Zenith des Ortes gerichtet werden.

»3. Dem Geschoß muß eine anfängliche Geschwindigkeit von zwölftausend Yards in der Secunde gegeben werden.

»4. Es muß am ersten December des folgenden Jahres um elf Uhr, weniger dreizehn Minuten und zwanzig Secunden, abgeschossen werden.

»5. Es wird vier Tage hernach, am vierten December, Punkt zwölf Uhr Nachts, in dem Moment, wo der Mond in den Zenith treten wird, dort anlangen.

»Die Mitglieder des Gun-Clubs müssen also unverzüglich die für eine solche Unternehmung erforderlichen Arbeiten vornehmen, um zu dem bestimmten Zeitpunkt zum Operiren bereit zu sein; denn, lassen sie diesen vierten December vorübergehen, so werden sie erst achtzehn Jahre und elf Tage hernach den Mond wieder in demselben Verhältniß der Erdnähe und des Zeniths finden.

»Das Bureau des Observatoriums zu Cambridge stellt sich ihnen für die Fragen theoretischer Astronomie zu Verfügung, und vereinigt seine Glückwünsche mit denen ganz Amerikas.

»Für das Bureau:

J. M. Belfast,
Director des Observatoriums zu
Cambridge.«

Fünftes Capitel.

Fünftes Capitel.

Roman des Mondes.

Ein mit unendlich scharfem Blick begabter Beobachter in dem unbekannten Centrum, um welches die Welt gravitirt, würde zu der Zeit, als das Weltall im Chaos lag, gesehen haben, wie Myriaden Atome den Raum erfüllten. Aber allmälig, im Laufe der Jahrhunderte, ging eine Veränderung vor, indem ein Gesetz der Anziehung auf die bis dahin unsteten Atome wirkte. Diese Atome traten ihrer Verwandtschaft gemäß in chemische Verbindung, wurden zu Elementartheilchen und bildeten jene Nebelmassen, welche durch den Himmel in seinen Tiefen zerstreut sind.

Diese Massen wurden sogleich von einer Bewegung um ihren Mittelpunkt beseelt. Solch ein Centrum unbestimmter Elementarbestandtheilchen begann in allmäliger Verdichtung sich um sich selbst zu drehen; ferner nahm nach unveränderlichen mechanischen Gesetzen, im Verhältniß wie sein Umfang durch Verdichtung abnahm, seine Rundbewegung an Schnelligkeit zu; und indem diese beiden Wirkungen fortdauerten, ergab sich dadurch ein Hauptstern, der das Centrum der Nebelmasse bildete.

Bei aufmerksamer Betrachtung würde der Beobachter damals gewahrt haben, daß die anderen Elementartheilchen der Masse sich ebenso wie der Centralstern verhielten, sich in eigenthümlicher Weise durch eine Rundbewegung von steigender Schnelligkeit verdichteten, und in Gestalt unzähliger Sterne um denselben als ihren Schwerpunkt kreisten. So entstand ein Nebelflecken, deren die Astronomie jetzt gegen fünftausend aufzählt.

Unter diesen fünftausend Nebelflecken befindet sich die von den Menschen sogenannte Milchstraße, welche achtzehn Millionen Sternen zählt, deren jeder das Centrum einer Sonnenwelt geworden ist.

Hätte der Beobachter damals seine besondere Aufmerksamkeit einem von den achtzehn Millionen Sternen, welcher zu den bescheidensten und am mindesten glänzenden gehört, gewidmet, einem Sterne vierten Ranges, der mit Stolz Sonne genannt wird, so würden sich alle Erscheinungen der Weltbildung der Reihe nach vor seinen Augen vollzogen haben.

In der That würde er diese Sonne noch im gasförmigen Zustand und aus beweglichen Elementarbestandtheilchen gebildet gesehen, und gewahrt haben, wie sie sich um ihre Achse drehte, um ihr Concentrationswerk zu vollziehen. Er würde beobachtet haben, wie diese Bewegung, nach den Gesetzen der Mechanik, mit der Abnahme des Umfangs an Schnelligkeit zunahm, und dann ein Zeitpunkt kam, wo die centrifugale Kraft über die centripetale, welche die Elementarbestandtheile dem Centrum zutreibt, das Uebergewicht bekam.

Dann wäre vor den Augen des Beobachters eine andere Erscheinung vorgegangen. Er hätte gewahrt, wie die Elementartheile in der Gegend des Aequators, gleich dem Stein einer Schleuder, deren Schnur plötzlich zerreißt, sich losmachten, und um die Sonne herum mehrere concentrische Ringe gleich denen des Saturn bildeten; wie sodann diese aus dem Urstoff bestehenden Ringe für sich in eine Rundbewegung um die Centralmasse fortgerissen zerbrachen und in Nebelgestirne untergeordneter Art, d. h. in Planeten, auflösten.

Hätte der Beobachter hierauf alle seine Achtsamkeit auf die Planeten gerichtet, so hätte er gewahrt, daß dieselben sich gerade wie die Sonne verhielten und einem oder mehreren kosmischen Ringen den Ursprung gaben, woraus jene Gestirne niederen Ranges entstanden, welche man Trabanten nennt.

So bekommt man denn, aufsteigend vom Atom zum Elementartheilchen, von diesem zum Nebelflecken und weiter zum Nebelgestirn und zum Hauptstern, von diesem zur Sonne, zu dem Planeten und seinen Trabanten – einen Begriff von der ganzen Reihe der Umbildungen, welche die Himmelskörper seit dem Ursprung der Welt erfuhren.

Die Sonne scheint sich in der Unermeßlichkeit der Sternenwelt zu verlieren, und dennoch gehört sie, der gegenwärtigen wissenschaftlichen Theorie nach, zu den Nebelflecken der Milchstraße. So klein sie auch inmitten der ätherischen Räume erscheinen mag, so ist sie doch Centrum einer Welt und von enormer Größe, denn diese beträgt vierzehntausendmal die der Erde. Um sie herum kreisen acht Planeten, welche zur ersten Schöpfungszeit aus ihr selbst hervorgegangen sind. Diese sind, vom nächsten zum entferntesten weiter gehend: Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun. Außerdem kreisen zwischen Mars und Jupiter regelmäßig noch andere weniger beträchtliche Himmelskörper, vielleicht unstete Trümmer eines in mehrere tausend Stücke zerbrochenen Gestirns, von welchen das Teleskop bis jetzt siebenundneunzig entdeckt hat.

Von diesen abhängigen Körpern, welche die Sonne nach dem großen Gravitationsgesetz in ihrer elliptischen Bahn beherrscht, besitzen einige ihre eigenen Trabanten. Uranus hat deren acht, Saturn acht, Jupiter vier, Neptun vielleicht drei, die Erde einen; dieser, der einer der unbedeutendsten der Sonnenwelt ist, heißt Mond: derselbe, den das kühne Genie der Amerikaner zu erobern trachtete.

Das Nachtgestirn hat durch seine verhältnißmäßige Nähe und die rasch erneuerte Anschauung seiner Phasen von allem Anfang an zugleich mit der Sonne die Aufmerksamkeit der Erdbewohner auf sich gezogen; aber die Sonne ermüdet beim Anblick, und der blendende Glanz ihres Lichtes nöthigt ihre Beschauer die Augen abzuwenden.

Die blonde Phöbe dagegen ist menschenfreundlicher, läßt sich gefällig in ihrer bescheidenen Anmuth betrachten; sanft anzuschauen, wenig ehrgeizig, erlaubt sie sich doch zuweilen, ihren Bruder, den strahlenden Apollo, in Schatten zu stellen, ohne je von ihm verdunkelt zu werden. Die Muhammedaner haben in dankbarer Erkenntlichkeit gegen diese treue Freundin der Erde, ihre Monate nach ihrem Umlauf geregelt.

Die Urvölker widmeten dieser keuschen Göttin einen besonderen Gottesdienst. Die Aegyptier nannten sie Isis, die Phönizier Astarte, die Griechen verehrten sie unter dem Namen Phöbe, Tochter der Latona und Jupiter’s, und erklärten ihre Verfinsterungen durch die geheimnißvollen Besuche der Diana beim schönen Endymion. Der mythologischen Legende nach durchstreifte der Nemeische Löwe, bevor er auf der Erde erschien, die Gefilde Luna’s, und der Dichter Agesianax verherrlichte in Versen die süßen Augen, die reizende Nase und den freundlichen Mund, welche die bestrahlten Theile der anbetungswürdigen Selene erkennen lassen.

Aber begriffen auch die Alten den Charakter, das Temperament, kurz, die moralischen Eigenschaften Luna’s vom mythologischen Gesichtspunkt aus, so waren doch selbst die Gelehrtesten derselben in der Selenographie sehr unwissend.

Jedoch entdeckten einige Astronomen der frühesten Zeiten einige besondere Eigenschaften, welche zu heutiger Zeit von der Wissenschaft bestätigt wurden. Behaupteten die Arkadier, schon zu einer Zeit, da der Mond noch nicht existirte, auf der Erde gewohnt zu haben; hielt Simplicius ihn für unbeweglich am kristallenen Himmelsgewölbe befestigt; sah Tatius ihn als ein von der Sonnenscheibe abgetrenntes Fragment an; nahm des Aristoteles Schüler Klearch ihn als einen polirten Spiegel, auf welchem die Gebilde des Oceans sich abstrahlten; sahen Andere in demselben nur eine Anhäufung von Ausdünstungen der Erde, oder eine Kugel, die halb aus Feuer, halb aus Eis bestand und sich um sich selbst bewegte: so gab es doch einige Gelehrte, die trotz des Mangels an optischen Instrumenten durch scharfsinnige Beobachtung die meisten Gesetze erriethen, welchen das Nachtgestirn unterworfen ist.

Thales aus Milet äußerte 460 Jahre vor Christus die Meinung, der Mond sei von der Sonne erleuchtet; Aristarch zu Samos gab die richtige Erklärung seiner Phasen; Kleomenes lehrte, er strahle entliehenes Licht wieder. Der Chaldäer Berosus machte die Entdeckung, daß die Dauer seiner Rundbewegung der seines Umlaufs gleich sei, und erklärte daraus die Thatsache, daß der Mond stets die nämliche Seite zeigt. Hipparch endlich, zwei Jahrhundert vor der christlichen Zeitrechnung, erkannte einige Ungleichheiten in den anscheinenden Bewegungen des Erdtrabanten.

Diese Beobachtungen bestätigten sich in der Folge, und wurden den neuen Astronomen nützlich. Ptolemäus im zweiten Jahrhundert, der Araber Abul-Wefa im zehnten, vervollständigten des Hipparch Bemerkungen über die Ungleichheiten, welche der Mond im Verfolgen der wellenförmigen Linie seiner Bahn unter Einwirkung der Sonne zu erleiden hat. Später haben Kopernicus im fünfzehnten Jahrhundert, und Tycho Brahe im sechzehnten, das Weltsystem und die Rolle, welche der Mond unter den Himmelskörpern spielt, vollständig dargestellt.

Zu dieser Zeit wurden seine Bewegungen fast vollständig bestimmt; aber von seiner physischen Beschaffenheit wußte man wenig. Damals erklärte Galiläi die in gewissen Phasen eintretenden Lichterscheinungen durch die Existenz von Bergen, welchen er eine durchschnittliche Höhe von 4500 Toisen beilegte.

Später setzte Helvetius, ein Astronom aus Danzig, die höchsten Angaben auf 2600 Toisen (15,600 par. Fuß) herab; aber sein Genosse Riccioli kam wieder auf 7000 Toisen. Am Ende des achtzehnten Jahrhunderts beschränkte Herschel, der mit dem stärksten Teleskop bewaffnet war, diese Maße bedeutend, indem er für die höchsten Berge neunzehnhundert Toisen annahm, und als durchschnittliche Höhe nur vierhundert Toisen (2400 par. Fuß). Aber auch Herschel irrte noch, und es bedurfte der Beobachtungen von Schröter, Louville, Halley, Nasmyth, Bianchini, Pastorf, Lohrmann, Gruithuysen, und besonders der ausdauernden Studien von Beer und Mädler, um die Frage entschieden zu lösen. Ihnen verdankt man es, daß man jetzt die Höhe der Mondberge genau kennt. Die Letzteren beiden haben neunzehnhundertundfünf Berghöhen gemessen, von denen sechs zweitausendsechshundert Toisen überragen, zweiundzwanzig über 2400; ihr höchster Gipfel reicht bis an 3801 Toisen über der Mondfläche.

Zu gleicher Zeit wurde die Kenntniß von der Beschaffenheit des Mondes vollständiger; er zeigte sich voll Krater, und seine wesentlich vulkanische Natur ward durch jede Beobachtung bestätigt. Aus dem Mangel an Brechung der Lichtstrahlen bei den von ihm verdeckten Planeten schloß man, daß ihm eine Atmosphäre fast gänzlich fehle. Aus diesem Mangel an Luft war auf Mangel an Wasser zu schließen. Daraus ergab sich klar, daß die Seleniten, um zu leben, besonders organisirt und von den Bewohnern der Erde sehr verschieden sein müßten.

Endlich haben die in Folge der neuen Methoden noch mehr vervollkommneten Instrumente den Mond unablässig untersucht und ließen keinen Punkt seiner Oberfläche undurchforscht, und doch mißt sein Durchmesser zweitausendfünfhundert Meilen, seine Oberfläche beträgt den dreizehnten Theil der Erdoberfläche, sein Umfang den neunundvierzigsten Theil der Erdkugel; aber dem Auge der Astronomen blieb keins seiner Geheimnisse verborgen, und diese geschickten Gelehrten gelangten mit ihren wundervollen Beobachtungen noch weiter.

So bemerkten sie, daß zur Zeit des Vollmondes die Scheibe an manchen Stellen von weißen Linien durchfurcht schien, zur Zeit der Phasen mit schwarzen. Durch genauere Studien gelang es ihnen, über die Natur dieser Linien sich nähere Auskunft zu verschaffen. Es waren lange, enge Furchen, tief zwischen parallelen Rändern, welche meist in die Umkreise von Kratern ausliefen, von achthundert Toisen (4800 Fuß) Breite und zehn bis hundert Meilen Länge. Die Astronomen nannten sie Furchen (Streifen), das war aber auch Alles; denn ob es ausgetrocknete Bette vormaliger Flüsse seien, konnten sie nicht bestimmt entscheiden. Daher hofften auch die Amerikaner, diese geologische Thatsache früher oder später in’s Reine zu bringen. Auch behielten sie sich vor, jene Reihe von parallelen Wällen zu durchforschen, welche der gelehrte Professor Gruithuysen zu München entdeckte, der sie für von seleniten Ingenieuren errichtete Befestigungswerke hielt. Diese beiden noch unklaren Punkte, und unstreitig noch viele andere können wohl nicht eher als nach Herstellung einer directen Verbindung mit dem Monde in’s Reine gebracht werden.

In Betreff der Stärke seines Lichtes war nichts weiter zu lernen; man wußte, daß dasselbe dreihunderttausendmal schwächer als das Sonnenlicht ist, und daß seine Wärme nicht berechenbar auf die Thermometer wirkt. Was die unter dem Namen »aschfarbiges Licht« bekannte Erscheinung betrifft, so ist sie natürlich durch die Wirkung der von der Erde auf den Mond zurückgeworfenen Sonnenstrahlen zu erklären, welche die Mondscheibe zu ergänzen scheinen, wann dieser in Form eines Halbmonds beim ersten und letzten Viertel zu sehen ist.

Diesen Stand der Kenntnisse, welche man über den Trabanten der Erde gewonnen hatte, in allen Gesichtspunkten, dem kosmographischen, geologischen, politischen und moralischen, zu vervollständigen, machte sich der Gun-Club zur Aufgabe.

Sechstes Capitel.

Sechstes Capitel.

Was in den Vereinigten Staaten nun nicht mehr unbekannt sein kann, und was man nicht mehr glauben darf.

Barbicane’s Vorschlag hatte zur unmittelbaren Folge, daß alle astronomischen Thatsachen, welche sich auf das Gestirn der Nacht bezogen, auf die Tagesordnung kamen. Jeder machte sich daran, dieselbe eifrig zu studiren. Es schien als sei der Mond zum ersten Male am Horizont aufgetreten, und es habe ihn bisher noch Niemand am Himmel gesehen. Luna wurde zur Mode: sie wurde Löwin des Tages, ohne deshalb weniger bescheiden aufzutreten, sie nahm ihren gebührenden Rang unter den »Gestirnen« ein, ohne darum mehr Stolz erkennen zu lassen. Die Journale wärmten die alten Anekdoten wieder auf, worin diese »Sonne der Wölfe« gepriesen wurde; sie erinnerten an den Einfluß, welchen die Unwissenheit früherer Zeiten ihr geliehen, und sangen ihre Loblieder in allen Tonarten; fast hätten sie bon mots von ihr zum Besten gegeben; ganz Amerika wurde mondsüchtig.

Die wissenschaftlichen Zeitschriften behandelten ihrerseits die mit der Unternehmung des Gun-Clubs zusammenhängenden Fragen specieller; das Schreiben des Observatoriums zu Cambridge wurde von ihnen veröffentlicht, erläutert und rückhaltlos gebilligt.

Kurz, selbst dem mindest wissenschaftlichen Yankee war es nicht mehr gestattet, in Beziehung auf seinen Trabanten nur eine einzige Thatsache nicht zu kennen, sowenig wie der bornirtesten alten Mistreß, ferner die in Betreff desselben gehegten abergläubischen Irrthümer gelten zu lassen. Die Wissenschaft gelangte unter allen Formen zu ihnen, drang durch die Augen und Ohren in ihren Geist; es war nicht mehr möglich, ferner ein Esel zu sein … in Sachen der Astronomie.

Bisher war es vielen Leuten unbekannt, wie man die Entfernung des Mondes von der Erde zu berechnen im Stande war. Man benützte diesen Umstand sie zu belehren, daß man diese Kenntniß durch Messung der Parallaxe des Mondes gewinne. Waren sie über dieses Wort betroffen, so sagte man ihnen, so heiße man den Winkel, welchen zwei gerade Linien bildeten, die man von den beiden Enden des Erddurchmessers zu dem Monde hinzog. Zweifelten sie an der Zulänglichkeit dieser Methode, so bewies man ihnen unmittelbar, nicht allein, daß dieser mittlere Abstand wohl zweihundertvierunddreißigtausenddreihundertsiebenundvierzig (engl.) Meilen (= vierundneunzigtausenddreihundertunddreißig Lieues) betrug, sondern auch, daß die Astronomen sich nicht um siebenzig Meilen irrten.

Denen, welche mit den Bewegungen des Mondes nicht genau bekannt waren, erklärten die Journale täglich, daß er zwei verschiedene Bewegungen habe, erstens die Umdrehung um seine Achse, und zweitens den Umlauf um die Erde, welche beide Bewegungen in gleicher Zeit vorgingen, nämlich binnen siebenundzwanzig und einem Drittel Tag.

Die Umdrehung um seine Achse bewirkt für die Mondoberfläche Tag und Nacht; nur daß es binnen eines Monats auf dem Mond nur einen Tag giebt, und nur eine Nacht, von denen jedes dreihundertvierundfünfzig und ein Drittel Stunden dauert. Aber zum Glück ist die der Erde zugekehrte Seite von dieser mit einem Licht bestrahlt, welches vierzehnmal stärker als das Mondlicht ist. Die andere, stets unsichtbare Seite hat natürlich dreihundertvierundfünfzig Stunden absolute Nacht, welche nur durch das schwache Licht, das von den Sternen her ihr zufällt, gemildert wird. Diese Erscheinung rührt einzig von der Eigentümlichkeit her, daß die Bewegungen der Umdrehung und des Umlaufs in vollständig gleicher Zeit vor sich gehen; eine Erscheinung, die nach Cassini und Herschel auch bei den Trabanten Jupiter’s, und sehr wahrscheinlich bei allen anderen Trabanten vorkommt.

Manche recht gescheite, aber etwas starre Köpfe begriffen nicht sogleich, daß, wenn der Mond bei seinem Umlauf um die Erde derselben stets das nämliche Antlitz zuwendet, er während derselben Zeit sich dabei um sich selber dreht. Zu diesen sagte man: »Treten Sie in Ihren Speisesaal und gehen Sie um den Tisch herum, so daß Sie den Blick stets dem Centrum zuwenden; wenn Sie mit diesem Rundgang fertig sind, findet sich, daß Sie zugleich sich selbst umgedreht haben, denn Ihr Auge hat nach und nach alle Punkte des Saals angeblickt. Nun! Der Saal ist der Himmel, der Tisch ist die Erde, und der Mond sind Sie!« – Und sie waren höchlich befriedigt durch den Vergleich.

Also, der Mond zeigt der Erde unablässig dieselbe Seite; doch muß man, um exact zu sein, beifügen, daß er, in Folge einer gewissen schwankenden Bewegung von Norden nach Süden, und von Westen nach Osten, welche man »Libration« nennt, etwas mehr als die Hälfte seiner Scheibe, nämlich ungefähr siebenundfünfzig Hunderttheile, sehen läßt.

Als die Unwissenden über die Rundbewegung des Mondes ebenso viel wußten, als der Director des Observatoriums zu Cambridge, beunruhigten sie sich über seine Umlaufbewegung um die Erde, und zwanzig wissenschaftliche Zeitschriften waren rasch bei der Hand, sie zu belehren. Sie lernten dabei, daß das Firmament mit seinen unzähligen Sternen wie ein großes Zifferblatt angesehen werden kann, worauf der Mond herum spaziert und allen Erdbewohnern die richtige Stunde angiebt; daß das Nachtgestirn bei dieser Bewegung seine verschiedenen Phasen zeigt; daß es Vollmond ist, wenn er auf der der Sonne entgegengesetzten Seite (in Opposition) steht, d. h. die drei Gestirne in derselben Linie, in der Mitte die Erde; Neumond dagegen, wenn er seinen Stand zwischen der Erde und der Sonne hat (mit ihr in Conjunction ist); endlich, daß der Mond in seinem ersten oder letzten Viertel sich befindet, wenn er an der Spitze eines rechten Winkels steht, welchen die beiden Linien, nach der Sonne und der Erde hin, bilden.

Einige scharfsinnige Yankees zogen daraus den Schluß, daß die Verfinsterungen nur zur Zeit der Conjunction oder Opposition stattfinden könnten, und sie urtheilten richtig. Im Stand der Conjunction vermag der Mond die Sonne zu verfinstern, während bei der Opposition die Erde ihn verfinstern kann, und daß nur deshalb die Finsternisse nicht zweimal bei jedem Mondumlauf eintreten, weil die Ebene der Mondbewegung gegen die Ekliptik, d. h. die Bahn der Erdbewegung, geneigt ist.

Was die Höhe betrifft, welche das Nachtgestirn über dem Horizont einnehmen kann, so hatte das Schreiben des Observatoriums in der Hinsicht Alles gesagt. Jeder wußte, daß diese Höhe sich nach dem Breitegrad des Beobachters ändert. Aber die einzige Zone, für welche der Mond im Zenith, d. h. gerade über dem Scheitel seiner Bewohner, stehen kann, liegt nur zwischen dem Aequator und dem achtundzwanzigsten Grad südlicher wie nördlicher Breite. Deshalb wurde so dringend empfohlen, das Experiment nur auf einem Punkt innerhalb dieser Zone vorzunehmen, damit man das Geschoß senkrecht abschleudern und um so schneller der Wirkung der Schwere entziehen könne. Das Gelingen des Vorhabens war an diese wesentliche Bedingung geknüpft und die öffentliche Meinung mußte sich daher lebhaft dafür interessiren.

In Betreff der Linie, welche der Mond bei seiner Bahn um die Erde beschreibt, hatte das Observatorium zu Cambridge hinlänglich, auch den Ignoranten aller Länder, gezeigt, daß dieselbe nicht ein Kreis ist, sondern eine Ellipse, worin sich die Erde an einem der Brennpunkte befindet. Diese elliptischen Bahnen finden sich bei allen Planeten, wie bei allen Trabanten, und die rationelle Mechanik beweist mit aller Schärfe, daß es nicht anders möglich ist. Selbstverständlich begriff man, daß die Erdferne des Mondes seinen Stand an demjenigen Punkt seiner Bahn bedeute, welcher am weitesten von der Erde ab liegt, seine Erdnähe den an dem nächsten bei derselben.

Dieses also mußte jeder Amerikaner, er mochte wollen oder nicht, wissen, und anständiger Weise konnte Niemand darin unwissend sein. Aber verbreiteten sich auch dergestalt rasch die richtigen Ansichten, so war es nicht so leicht, eine Menge Irrthümer, manche falsche Besorgnisse, auszurotten.

So behaupteten z. B. manche wackeren Leute, der Mond sei ein vormaliger Komet, der bei seiner verlängerten Bahn um die Sonne in der Nähe der Erde vorbeigekommen und in seinem Anziehungskreis festgehalten worden sei. Diese Salon-Astronomen meinten damit das verbrannte Aussehen des Mondes zu erklären. Man brauchte ihnen aber nur die Bemerkung zu machen, daß die Kometen eine Atmosphäre haben, der Mond keine oder sehr wenig, und sie wußten nichts darauf zu erwidern.

Andere äußerten hinsichtlich des Mondes gewisse Besorgnisse. Sie hatten gehört, seit den zur Zeit der Kalifen gemachten Beobachtungen nehme seine Umlaufbewegung an Schnelligkeit in gewissem Verhältniß zu. Daraus folgerten sie ganz logisch, daß einer beschleunigten Bewegung eine Verminderung des Abstandes beider Gestirne entsprechen müsse, und daß, wenn diese doppelte Wirkung in’s Unendliche fortdauere, am Ende der Mond einmal auf die Erde fallen müsse. Doch sie mußten ihre Besorgnisse um die zukünftigen Generationen aufgeben, als man sie lehrte, daß nach Laplace’s Berechnungen diese Beschleunigung der Bewegung sich in sehr engen Schranken hält, und eine verhältnißmäßige Verminderung unfehlbar darauf folgen werde, demnach eine Störung des Gleichgewichts in der Sonnenwelt in Zukunft nicht stattfinden könne.

Nun blieben noch die abergläubischen Ignoranten, welche sich nicht darauf beschränken, nichts zu wissen, vielmehr wissen, was nicht ist; und hinsichtlich des Mondes wußten sie ein Langes und Breites. Die Einen sahen seine Scheibe wie einen Polirspiegel an, vermittelst dessen man an verschiedenen Punkten der Erde sich sehen und seine Gedanken mittheilen könne. Andere behaupteten, bei tausend Neumonden, die man beobachtete, seien auf neunhundertundfünfzig erhebliche Veränderungen erfolgt, Überschwemmungen, Revolutionen, Erdbeben etc.; sie glaubten daher an einen mysteriösen Einfluß des Nachtgestirns auf die menschlichen Schicksale; sie meinten, jeder Erdbewohner stehe durch ein Band der Sympathie mit einem Mondbewohner in Verbindung; mit dem Doctor Mead behaupteten sie, das Lebenssystem sei ihm völlig unterworfen, Knaben würden nur zur Zeit des Neumonds geboren, Mädchen zur Zeit des letzten Viertels etc., etc. Aber endlich mußten sie diese Irrthümer aufgeben; und wenn der Mond, seitdem er seines Einflusses beraubt ist, in den Augen gewisser Leute, die allen Mächtigen den Hof machen, gesunken ist, wenn Manche ihm den Rücken kehrten, so erklärte sich die immense Majorität zu seinen Gunsten. Die Yankees hatten keinen anderen Ehrgeiz mehr, als den, von diesem neuen Kontinent der Lüfte Besitz zu ergreifen, und das Sternenbanner der Vereinigten Staaten Amerikas auf seinem höchsten Gipfel aufzupflanzen.

Siebentes Capitel.

Siebentes Capitel.

Loblied der Kugel.

Das Observatorium zu Cambridge hatte in seinem merkwürdigen Schreiben vom 7. October die Frage vom astronomischen Gesichtspunkte aus behandelt; nun handelte sich’s um die technische Lösung derselben. In jedem anderen Lande hätte man die praktischen Schwierigkeiten für unüberwindlich gehalten. In Amerika war’s nur ein Spiel.

Ohne Zeit zu verlieren, hatte der Präsident Barbicane im Schooße des Gun-Clubs ein Ausführungscomité ernannt. Dieses sollte in drei Sitzungen die drei großen Fragen, der Kanone, des Projectils und des Pulvers, beleuchten. Es waren vier sehr sachverständige Mitglieder: Barbicane, mit überwiegender Stimme bei Stimmengleichheit, der General Morgan, der Major Elphiston, und der unvermeidliche J. T. Maston als berichterstattender Secretär.

Am 8. October versammelte sich das Comité bei dem Präsidenten Barbicane, 3 Republican-street. Da bei einer so ernsten Berathung der Magen keine Störung machen durfte, so war der Tisch, woran die vier Mitglieder des Gun-Clubs Platz nahmen, mit Sandwichs und ansehnlichen Theekannen besetzt. Sogleich befestigte Maston seine Feder an seinem eisernen Hacken, und die Sitzung begann.

Barbicane ergriff das Wort:

»Liebe Collegen, sprach er, wir haben eins der wichtigsten Probleme der Ballistik zu lösen, der Wissenschaft, welche sich mit der Bewegung der Projectile beschäftigt, d. h. der Körper, welche durch irgend eine Treibkraft in den Raum hinausgeschleudert, dann sich selbst überlassen werden.

– O! die Ballistik! die Ballistik! rief J. T. Maston mit gerührter Stimme.

– Vielleicht, fuhr Barbicane fort, wäre es richtiger gewesen, diese erste Sitzung der Besprechung der Maschine zu widmen…

– Ja wohl! erwiderte der General Morgan.

– Doch schien mir, fuhr Barbicane fort, nach reiflicher Erwägung die Frage des Projectils voraus gehen zu müssen, da von dem letzteren die Dimensionen der ersteren abhängen müssen.

– Ich bitte um’s Wort,« rief J. T. Maston.

Es wurde ihm gerne vergönnt.

»Meine tapferen Freunde, sagte er mit gehobener Stimme, unser Präsident hat Recht, dem Projectil den Vorrang zu geben. Diese Kugel, welche wir auf den Mond schleudern wollen, ist unser Abgesandter, und ich möchte mir erlauben, denselben vom rein moralischen Gesichtspunkt aus in Betrachtung zu nehmen.«

Diese ungewöhnliche Betrachtungsweise eines Projectils reizte ausnehmend die Neugierde der Comitémitglieder; sie schenkten daher den Worten Maston’s die gespannteste Aufmerksamkeit.

»Liebe Collegen, fuhr dieser fort, ich will mich kurz fassen; ich lasse die physische Kugel, welche tödtet, bei Seite, um nur die mathematische, die moralische, zu betrachten. Ich erkenne in der Kugel die glänzendste Kundgebung der Macht des Menschen; bei ihrer Schöpfung hat sich der Mensch am meisten dem Schöpfer genähert.

– Sehr gut! sagte der Major Elphiston.

»Wahrhaftig, rief der Redner, wie Gott die Sterne und die Planeten geschaffen hat, so schuf der Mensch die Kugel, das Nachbild der im Weltenraum schweifenden Gestirne, die in Wahrheit nur Projectile sind! Gott schuf die Schnelligkeit der Elektricität, des Lichtes, der Sterne, der Kometen, Planeten und Trabanten, die Schnelligkeit des Tons, des Windes! Wir aber die Schnelligkeit der Kugel, welche die der Bahnzüge und der flüchtigsten Rennpferde hundertmal übertrifft!«

J. T. Maston war begeistert; er sang dieses Loblied mit lyrischem Schwung.

»Zahlen sprechen mit Beredtsamkeit, fuhr er fort. Nehmen Sie nur den bescheidenen Vierundzwanzigpfünder; fliegt er auch achthunderttausendmal weniger rasch als die Elektricität, sechshundertundvierzigtausendmal minder schnell, als das Licht, sechsundsiebenzigmal minder schnell, als die Erde sich um die Sonne bewegt, so übertrifft er doch, wenn er aus der Kanone herauskommt, bereits die Schnelligkeit des Tones, macht in der Secunde zweihundert Toisen (= 1200 par. Fuß), zweitausend in zehn, vierzehn (engl.) Meilen (sechs Lieues) in der Minute, achthundertundvierzig Meilen in der Stunde (vierhundertsechzig Lieues), zwanzigtausendeinhundert Meilen (achttausendsechshundertvierzig Lieues) im Tag, d. h. die Schnelligkeit der Punkte des Aequators bei seiner Umdrehung um seine Achse, sieben Millionen, dreihundertsechsunddreißigtausendfünfhundert Meilen (drei Millionen, einhundertfünfundfünfzigtausendsiebenhundertsechzig Lieues) im Jahr. Er würde also in elf Tagen zum Monde gelangen, in zwölf Jahren bis zur Sonne. Das könnte diese bescheidene Kugel, unserer Hände Werk! Was wäre es, wenn wir ihm diese Schnelligkeit zwanzigfach gäben! Ach! prachtvolle Kugel! ich denke wohl, man wird dich dort oben als Abgesandten der Erde mit gebührenden Ehren empfangen!«

Die Rede wurde mit Hurrah aufgenommen und Maston von seinen Collegen mit Glückwünschen begrüßt.

»Und nun, sagte Barbicane, nachdem wir der Poesie Raum gegeben, lassen Sie uns die Frage direct anfassen.«

– Wir sind dazu bereit, erwiderten die Mitglieder des Comité, und verschlangen jeder ein halbes Dutzend Sandwichs.

– Sie kennen unsere Aufgabe, fuhr der Präsident fort; es handelt sich darum, einem Projectil die Geschwindigkeit von zwölftausend Yards in der Secunde zu geben. Ich darf wohl glauben, daß wir dieses erreichen können. Zunächst mustern wir die bis jetzt erzielten Geschwindigkeiten; der General Morgan wird im Stande sein, uns darüber zu unterhalten.

– Um so leichter, erwiderte der General, als ich während des Krieges der Commission für die Experimente angehörte. Ich bemerke daher, daß Dahlgreen’s Cent-Kanonen, welche zweitausendfünfhundert Toisen (fünfzehntausend Fuß) weit trugen, ihrem Projectil eine anfängliche Geschwindigkeit von fünfhundert Yards in der Secunde gaben.

– Gut. Und die Columbiade Rodman? fragte der Präsident.

– Die beim Fort Hamilton, nächst New-York, verwendete Columbiade Rodman schleuderte eine Kugel von einer halben Tonne Gewicht sechs Meilen weit mit einer Schnelligkeit von achthundert Yards in der Secunde, ein Resultat, das Armstrong und Palliser in England niemals erreichten.

– Ja! Die Engländer! sagte J. T. Maston mit einer drohenden Bewegung nach Osten.

– Also, fuhr Barbicane fort, diese achthundert Yards wären die größte bis jetzt erzielte Geschwindigkeit.

– Ja, erwiderte Morgan.

– Doch will ich bemerken, fiel J. T. Maston ein, wäre mein Mörser nicht zersprungen…

– Ja, aber er ist doch zersprungen, entgegnete Barbicane mit wohlwollender Handbewegung. Wir haben also diese Geschwindigkeit von achthundert Yards als Ausgangspunkt zu nehmen. Wir müssen sie zwanzigfach erzielen. Da wir nun die Berathung über die Mittel, solch eine Geschwindigkeit zu bekommen, für eine andere Sitzung bestimmt haben, so will ich, werthe Collegen, Ihre Aufmerksamkeit auf die Dimensionen richten, welche wir der Kugel geben müßten. Sie sehen wohl, daß sich’s nicht mehr um Projectile von einer halben Tonne handelt!

– Warum nicht? fragte der Major.

– Weil diese Kugel, fiel Maston lebhaft ein, groß genug sein muß, um die Aufmerksamkeit der Mondbewohner, wenn’s deren giebt, auf sich zu ziehen.

– Ja, erwiderte Barbicane, und noch aus einem anderen wichtigen Grunde.

– Was meinen Sie damit, Barbicane, fragte der Major.

– Ich meine, es genüge nicht, ein Projectil fortzuschleudern, und sich nicht weiter darum zu bekümmern; wir müssen ihm folgen, bis zu dem Moment, wo es am Ziele anlangen wird.

– Hm! äußerten sich der General und der Major etwas überrascht.

– Allerdings, fuhr Barbicane fort, oder unser Experiment wird kein Resultat haben.

– Aber dann, erwiderte der Major, wollen Sie dem Projectil enorme Dimensionen geben?

– Nein. Hören Sie gefälligst. Sie wissen, daß die optischen Instrumente eine große Vollkommenheit erlangt haben; mit einigen Teleskopen hat man bereits sechstausendfache Vergrößerungen erlangt, so daß man damit den Mond bis auf vierzig englische Meilen nahe gebracht hat. In dieser Entfernung nun sind Gegenstände von sechzig Fuß Umfang völlig sichtbar. Hat man die Schärfe der Teleskope noch nicht weiter gebracht, so geschah es, weil dies nur auf Kosten der möglich ist. Da nun der Mond ein schwaches reflectirtes Licht hat, so kann man nicht auf eine weitere Vergrößerung denken.

– Nun! was wollen Sie also machen? fragte der General. Werden Sie Ihrem Projectil einen Durchmesser von sechzig Fuß geben?

– Nein!

– Also wollen Sie dem Mond mehr Leuchtkraft geben?

– Ja wohl.

– Nun, das ist stark! rief J. T. Maston aus.

– Ja, sehr einfach, erwiderte Barbicane. In der That, wenn es mir gelingt, die Dichtheit der Atmosphäre, welche das Mondlicht zu durchdringen hat, zu vermindern, wird dadurch nicht dieses Licht stärker leuchten?

– Unstreitig.

– Nun denn! Zu diesem Zweck wird es genügen, ein Teleskop auf einem hohen Berg aufzustellen.

– Ich ergebe mich, erwiderte der Major. Was haben Sie für eine Art, die Dinge zu vereinfachen! … Und welche Verstärkung hoffen Sie dadurch zu erlangen?

– Achtundvierzigtausendmal, wodurch der Mond auf fünf Meilen nahe gebracht wird; und um sichtbar zu sein, brauchen die Gegenstände nur neun Fuß Durchmesser zu haben.

– Vortrefflich! rief Maston, unser Projectil wird also neun Fuß Durchmesser bekommen?

– Ja wohl.

– Erlauben Sie mir indessen zu bemerken, sprach der Major Elphiston, daß es dann noch ein Gewicht hat . . . 

– O! Major, erwiderte Barbicane, ehe wir sein Gewicht besprechen, lassen Sie mich anführen, daß unsere Väter in der Hinsicht Wunderbares leisteten. Ich bin weit entfernt zu behaupten, die Ballistik habe keine Fortschritte gemacht, aber es ist doch zu merken, daß man bereits im Mittelalter erstaunliche Resultate erzielte, ich darf sagen, erstaunlichere, als unsere sind.

– Zum Beispiel! entgegnete Morgan.

– Beweisen Sie, was Sie sagen, rief lebhaft J. T. Maston.

– Nichts leichter als dies, erwiderte Barbicane, ich kann Beispiele anführen. Bei der Belagerung Constantinopels durch Mahomet II. im Jahre 1543, warf man steinerne Kugeln, die wogen neunzehnhundert Pfund, und waren wohl hübsch groß.

– O! O! sagte der Major, neunzehn Centner ist eine starke Ziffer!

– Zur Zeit der Malteserritter war auf dem Fort St. Elme eine Kanone, die warf Projectile von zweitausendfünfhundert Pfund.

– Nicht möglich!

– Endlich, nach einem französischen Geschichtschreiber unter Louis XI., gab’s einen Mörser, der warf eine Bombe, zwar nur von fünfhundert Pfund; aber diese Bombe flog von der Bastille, wo die Gescheiten von den Narren eingeschlossen wurden, bis nach Charenton, wo die Narren von den Gescheiten eingesperrt werden.

– Sehr gut! sagte J. T. Maston.

– Was haben wir seitdem erlebt, kurz zu sagen? Die Armstrong-Kanonen werfen Fünfhundertpfünder, Rodman’s Columbiade Projectile von einer halben Tonne! Es scheint demnach, die Projectile haben an Tragweite gewonnen, an Gewicht verloren. Wenn wir nun unsere Bemühungen nach dieser Seite hin richten, müssen wir, vermöge des Fortschritts der Wissenschaft, es dahin bringen, das zehnfache Gewicht der Kugeln Mahomet’s II. und der Malteser zu erzielen.

– Offenbar, erwiderte der Major, aber welches Metall denken Sie für das Projectil zu verwenden?

– Gußeisen, ganz einfach, sagte der General Morgan.

– Pfui! Gußeisen! rief Maston verächtlich, das ist doch zu gemein für eine Kugel, die den Mond besuchen soll.

– Lassen wir die Uebertreibungen, mein ehrenwerther Freund, erwiderte Morgan; Gußeisen genügt.

– Nun! fuhr der Major Elphiston fort, dann wird, weil das Gewicht der Kugel im Verhältniß zu ihrem Umfang steht, eine Kugel von Gußeisen mit einem Durchmesser von neun Fuß, immer noch ein furchtbares Gewicht haben!

– Ja, wenn massiv; nicht aber, wenn sie hohl ist, sagte Barbicane.

– Hohl? Also eine Haubitz-Granate?

– In die man Depeschen stecken kann, und Pröbchen von unseren Producten?

– Ja, eine Hohlkugel, erwiderte Barbicane, muß es durchaus sein; eine massive von hundertundacht Zoll würde über zweihunderttausend Pfund wiegen, ein offenbar zu beträchtliches Gewicht; doch da man dem Geschoß eine gewisse Festigkeit bewahren muß, so schlage ich vor, ihm ein Gewicht von fünftausend Pfund zu geben.

– Wie dick sollen denn die Wände sein? fragte der Major.

– Dem regelmäßigen Verhältnis nach, versetzte Morgan, verlangt ein Durchmesser von hundertundacht Zoll mindestens zwei Fuß dicke Wände.

– Das wäre viel zu viel, erwiderte Barbicane; bemerken Sie wohl, es handelt sich hier nicht um eine Kugel, die Platten durchbohren soll; die Wände brauchen nur so stark zu sein, um dem Druck des Pulvergases widerstehen zu können. Also stellt sich die Frage: wie dick muß eine Hohlkugel von Gußeisen sein, die nur zwanzigtausend Pfund wiegen soll? Unser geschickter Berechner, der wackere Maston, wird’s uns unverzüglich sagen können.

– Nichts ist leichter, versetzte der ehrenwerthe Secretär des Comités. Bei diesen Worten schrieb er einige algebraische Formeln nieder; aus seiner Feder kamen π und χ in zweiter Potenz. Es hatte sogar das Ansehen, als ziehe er, ohne nur anzurühren, eine gewisse Kubik-Wurzel aus; darauf sprach er:

»Die Wände brauchen kaum zwei Zoll dick zu sein.

– Sollte das hinreichen? fragte der Major mit zweifelnder Miene.

– Nein, erwiderte der Präsident, sicherlich nicht,

– Nun! was ist dann zu thun? fuhr Elphiston etwas verlegen fort.

– Wir nehmen ein anderes Metall.

– Kupfer? sagte Morgan.

– Nein, das ist auch zu schwer; ich habe Ihnen etwas besseres vorzuschlagen.

– Was denn? sagte der Major.

–- Aluminium, erwiderte Barbicane.

– Aluminium! riefen die drei Collegen des Präsidenten.

– Ganz gewiß! meine Freunde. Sie wissen, daß es einem berühmten französischen Chemiker, Sainte-Claire-Deville, im Jahre 1854 gelungen ist, Aluminium in fester Masse darzustellen. Dieses köstliche Metall ist weiß wie Silber, unveränderlich wie Gold, zäh wie Eisen, schmelzbar wie Kupfer und leicht wie Glas; leicht zu bearbeiten, in der ganzen Natur sehr verbreitet, – denn es bildet die Basis der meisten Gesteine – ist es dreimal leichter wie Eisen, und es scheint ganz dazu geschaffen zu sein, um für unser Projectil den geeigneten Stoff zu liefern!

– Hurrah dem Aluminium! rief der Sekretär des Comités.

– Aber, lieber Präsident, sagte der Major, ist das Aluminium nicht sehr theuer?

– Das war es im Anfang, erwiderte Barbicane, da kostete das Pfund zweihundertundsechzig bis zweihundertundachtzig Dollars; hernach sank es auf siebenundzwanzig Dollars und nun gilt es nur neun Dollars.

– Aber neun Dollars das Pfund, erwiderte der Major, ist noch enorm theuer.

– Allerdings, lieber Major, ist der Preis hoch, aber doch aufzubringen.

– Wie schwer wird dann das Projectil wiegen? fragte Morgan.

– Ich will Ihnen das Ergebniß meiner Berechnungen sagen, erwiderte Barbicane. Eine Kugel von hundertundacht Zoll Durchmesser und zwölf Zoll Dicke würde in Gußeisen siebenundsechzigtausendvierhundertundvierzig Pfund wiegen; aus Aluminium gegossen, würde ihr Gewicht auf neunzehntausendzweihundertundfünfzig Pfund herabsinken.

– Vortrefflich! rief Maston, das paßt ja in unser Programm.

– Vortrefflich! vortrefflich! erwiderte der Major, aber wissen Sie nicht, was bei einem Preis von achtzehn Dollars per Pfund das Projectil kosten wird…

– Hundertdreiundsiebenzigtausendzweihundertfünfzig Dollars, ich weiß es genau; aber haben Sie keine Besorgnisse, meine Freunde, an Geld wird’s für unser Unternehmen nicht fehlen, ich stehe dafür.

– Es wird in unsere Kassen regnen.

– Nun, was halten Sie vom Aluminium? fragte der Präsident.

– Angenommen, riefen sie einstimmig.

– Auf die Form des Projectils kommt wenig an, fuhr Barbicane fort, weil dasselbe, wenn es einmal über der Atmosphäre ist, sich im leeren Raum befindet; ich schlage also eine runde Kugel vor, die nach Belieben sich um sich selbst drehen kann.

So endete die erste Sitzung des Comités; die Frage des Projectils war entschieden, und J. T. Maston war hoch erfreut bei dem Gedanken, eine Kugel von Aluminium abzusenden, »was den Seleniten eine recht hübsche Idee von den Erdbewohnern geben würde!«