Zwanzigstes Capitel.

Zwanzigstes Capitel.

Angriff und Abwehr.

Dieser Zwischenfall schien den Schluß der Berathung zu veranlassen. Ein besseres Schlußwort war nicht zu finden. Doch als die Aufregung sich gelegt hatte, vernahm man mit starker und ernster Stimme folgende Worte:

»Nunmehr, nachdem der Redner der Phantasie reichlich Raum gegeben, wolle er zu seinem Gegenstand zurückkehren, weniger sich mit Theorie befassen, und die praktische Seite des Unternehmens besprechen?«

Alle Blicke wandten sich auf die Person, welche dies sprach. Es war ein magerer, trockener Mann von energischem Aussehen, mit einem amerikanisch zugeschnittenen Bart, der üppig sein Kinn umgab. Bei der in der Versammlung herrschenden Bewegung hatte er allmälig in der vordersten Reihe Platz gewonnen. Hier stand er mit gekreuzten Armen, glänzenden kühnen Augen mit unverwandtem Blick auf den Helden des Meeting. Nachdem er sein Begehren gestellt, schwieg er, und es schienen weder die tausend auf ihn gerichteten Blicke, noch das durch seine Worte hervorgerufene Murren der Mißbilligung Eindruck auf ihn zu machen. Da die Antwort auf sich warten ließ, stellte er seine Frage nochmals mit demselben klaren und bestimmten Ton, dann fügte er bei:

»Wir haben uns hier mit dem Mond zu befassen, nicht mit der Erde.

– Sie haben Recht, mein Herr, erwiderte Michel Ardan, die Unterredung ist abgeschweift, kommen wir auf den Mond zurück.

– Mein Herr, fuhr der Unbekannte fort, Sie behaupten, unser Trabant sei bewohnt. Gut. Aber wenn es Mondbewohner giebt, so leben diese Leute sicherlich ohne zu athmen, denn – ich bemerke es in Ihrem Interesse zum Voraus – es giebt auf der Oberfläche des Monds nicht die geringste Spur von Luft.«

Bei dieser Behauptung strich sich Ardan sein helles Haar zurück; er begriff, daß der Streit mit diesem Manne auf den Kern der Frage einging. Er faßte ihn ebenfalls scharf in’s Auge und sprach:

»So! Es giebt keine Luft auf dem Mond. Und wer behauptet das, wenn’s beliebt?«

– Die Gelehrten.

– Wirklich?

– Wirklich.

– Mein Herr, fuhr Michel fort, allen Scherz bei Seite, ich habe tiefe Achtung vor den Gelehrten, die etwas verstehen, aber eine tiefe Mißachtung gegen die, welche nichts verstehen.

– Kennen Sie solche, die zu Letzteren gehören?

– Sehr genau. In Frankreich giebt’s einen, der behauptet, mathematisch könne der Vogel nicht fliegen, und einen anderen, der die Theorie aufstellt, der Fisch sei nicht geeignet, im Wasser zu leben.

– Um diese handelt sich’s nicht, mein Herr, ich könnte zur Stütze meiner Behauptung Namen anführen, die Sie nicht zurückweisen würden.

– Dann, mein Herr, würden Sie einen armen Ignoranten sehr in Verlegenheit setzen, der übrigens sich zu belehren sehr beflissen ist.

– Warum befassen Sie sich denn mit wissenschaftlichen Fragen, wenn Sie dieselben nicht studirt haben? fragte etwas barsch der Unbekannte.

– Warum? erwiderte Ardan; aus dem Grunde, weil, wer eine Gefahr nicht ahnt, stets tapfer ist! Ich weiß nichts, ’s ist wahr, aber gerade in dieser meiner Schwäche liegt meine Kraft.

– Ihre Schwäche geht bis zum Wahnsinn, schrie der Unbekannte in übelgelauntem Ton.

– Nun, um so besser, entgegnete der Franzose, wenn mich mein Wahnsinn bis zum Mond führt!«

Barbicane und seine Collegen warfen grimmige Blicke auf diesen zudringlichen Menschen, der sich so keck dazwischen geworfen hatte. Niemand kannte ihn, und der Präsident, in Unruhe über die Folgen eines so offen geführten Disputs, blickte mit einer gewissen Besorgniß auf seinen neuen Freund. Die Versammlung war aufmerksam gespannt und ernstlich unruhig, denn dieser Streit führte dazu, ihre Aufmerksamkeit auf die Gefahren, oder sogar wirkliche Unmöglichkeit des Vorhabens zu richten.

– Mein Herr, fuhr der Gegner Michel Ardan’s fort, es giebt unzählige unbestreitbare Gründe, welche beweisen, daß es keine Atmosphäre um den Mond herum giebt. Ich sage sogar a priori, daß, wenn es je eine solche gab, sie ihm durch die Erde entzogen werden müßte. Doch will ich Ihnen lieber unbestreitbare Thatsachen anführen.

– Führen Sie nur solche an, mein Herr, erwiderte Michel Ardan mit vollkommener Höflichkeit, führen Sie an, soviel es Ihnen beliebt.

– Sie wissen, sagte der Unbekannte, daß, wenn Lichtstrahlen ein Medium der Art, wie die Luft ist, durchlaufen, sie von der geraden Linie abgelenkt werden, mit anderen Worten, daß sie eine Brechung erleiden. Nun! Wenn Sterne durch den Mond verdeckt werden, haben ihre Strahlen, die an den Rand der Scheibe streifen, nie die geringste Abweichung, die leiseste Spur von Brechung bemerken lassen. Daraus folgt klar, daß der Mond nicht mit einer Atmosphäre umgeben ist.

Man wendete seine Blicke auf den Franzosen, denn wurde die Wahrheit des Satzes zugegeben, so waren bedeutende Folgerungen daraus zu ziehen.

– In der That, erwiderte Michel Ardan, das ist Ihr bester Beweisgrund, wo nicht der einzige, und ein Gelehrter wäre vielleicht in Verlegenheit, darauf zu antworten; ich sage Ihnen nur, daß derselbe keinen unbedingten Werth hat, weil er voraussetzt, daß der angulare Durchmesser des Mondes vollständig bestimmt sei, was nicht der Fall ist. Aber gehen wir weiter, und sagen Sie mir, lieber Herr, geben Sie zu, daß es Vulkane auf der Oberfläche des Mondes giebt?

– Ausgebrannte, ja; brennende, nein.

– Lassen Sie mich jedoch glauben, und ohne die Grenzen der Logik zu überschreiten, daß diese Vulkane zu einer gewissen Zeit in Thätigkeit gewesen sind.

– Unstreitig, aber da sie den zum Verbrennen nöthigen Sauerstoff selbst gewähren konnten, so liefert die Thatsache ihres Ausbruchs durchaus keinen Beweis dafür, daß eine Atmosphäre auf dem Mond vorhanden.

– Gehen wir also weiter, erwiderte Michel Ardan, lassen wir diese Art Beweisgründe bei Seite, um uns zu directen Beobachtungen zu wenden. Aber ich sage Ihnen zum Voraus, ich werde Namen beibringen.

– Bringen Sie diese nur bei.

– Ich führe an. Im Jahre 1715 haben die Astronomen Louville und Halley bei Beobachtung der Sonnenfinsterniß des 3. Mai gewisse blitzartige Erscheinungen sonderbarer Art wahrgenommen. Dieses rasche, öfters wiederholte Aufblitzen des Lichts schrieben sie Gewittern zu, die im Bereich der Mondatmosphäre entstanden.

– Im Jahre 1715, erwiderte der Unbekannte, haben die Astronomen Louville und Halley Erscheinungen, die lediglich zur Erde gehörten, für solche des Mondes gehalten, Boliden oder andere, welche innerhalb unserer Atmosphäre vorgingen. So haben sich die Gelehrten über jene Thatsache ausgesprochen, und dies gebe ich Ihnen zur Erwiderung.

– Gehen wir weiter, versetzte Ardan, ohne sich durch den Widerspruch irre machen zu lassen. Hat nicht Herschel im Jahre 1787 eine große Anzahl von Lichtpunkten auf der Oberfläche des Mondes beobachtet?

– Allerdings, aber ohne über den Ursprung derselben eine Erklärung zu geben; Herschel selbst hat daraus keinen Schluß auf das nothwendige Vorhandensein einer Mondatmosphäre gezogen.

– Gut geantwortet, sagte Michel Ardan, mit einem Compliment für seinen Gegner; ich sehe, daß Sie sehr stark in der Selenographie sind.

– Sehr stark, mein Herr, und ich füge bei, daß die geschicktesten Beobachter, welche am meisten Studien über den Mond gemacht haben, Beer und Mädler, über den gänzlichen Mangel an Luft auf seiner Oberfläche einig sind.

Die Zuhörer, auf welche die Argumente des merkwürdigen Mannes Eindruck zu machen schienen, geriethen in Bewegung.

»Nur weiter«, erwiderte Michel Ardan mit größter Seelenruhe, »und nehmen wir eine bedeutende Thatsache in Betracht. Laussedat, ein tüchtiger französischer Astronom, hat bei Beobachtung der Sonnenfinsterniß am 18. Juli 1860 constatirt, daß die Spitzen der halbmondförmigen Sonnenscheibe abgerundet und verstümmelt waren. Diese Erscheinung aber konnte nur von einer Brechung der Sonnenstrahlen durch die Atmosphäre des Mondes herrühren; eine andere Erklärung ist nicht gut möglich.«

– Aber steht auch die Thatsache fest? fragte lebhaft der Unbekannte.

– Unumstößlich fest!«

Das Schweigen seines Gegners erregte in der Versammlung abermals eine Bewegung, und zwar zu Gunsten ihres gefeierten Helden. Ardan ergriff wieder das Wort und sagte, ohne sich mit dem errungenen Vortheil zu brüsten, einfach:

»Sie sehen also wohl, mein werther Herr, daß man sich nicht so bestimmt gegen das Vorhandensein einer Atmosphäre auf der Oberfläche des Mondes aussprechen darf; diese Atmosphäre ist vielleicht dünn, etwas fein, aber heutigen Tages hat die Wissenschaft allgemein angenommen, daß sie vorhanden ist.«

– Nicht über die Berge hinaus, wenn Sie belieben, entgegnete der Unbekannte, der an seiner Meinung festhielt.

– Nein, aber in den Thälern, und einige Hundert Fuß hoch.

– Jedenfalls würden Sie wohl thun sich vorzusehen, denn diese Luft wird erschrecklich dünn sein.

– O! mein wackerer Herr, für einen einzigen Menschen wird sie immer hinreichen; übrigens, bin ich nur einmal oben, so werde ich möglichst haushälterisch sein, und nur bei Hauptveranlassungen athmen.«

Entsetzliches Lachen donnerte dem geheimnißvollen Disputanten in die Ohren; mit stolzem Trotz schweiften seine Blicke über die Versammlung hin.

»Da wir nun«, fuhr Michel Ardan mit ungezwungener Miene fort, »über das Vorhandensein einer Atmosphäre einig sind, so müssen wir nothwendig zugeben, daß auch eine gewisse Quantität Wasser vorhanden sei. Ueber diese Folgerung freue ich meinerseits mich sehr. Außerdem, mein liebenswürdiger Gegner, gestatten Sie mir, Ihnen noch eine Bemerkung vorzulegen. Wir kennen nur eine Seite der Mondscheibe, und wenn auf der uns zugekehrten Seite wenig Luft vorhanden ist, so ist’s möglich, daß derselben viel auf der entgegengesetzten sich findet.«

– Und aus welchem Grund?

– Weil der Mond in Folge der Anziehung von Seiten der Erde die Gestalt eines Eies angenommen hat, dessen Spitze uns zugekehrt ist. Daher, nach Hansen’s Berechnung, die Folge, daß sein Schwerpunkt in der andern Hälfte liegt. Daraus schließt man, daß von den ersten Tagen der Schöpfung unseres Trabanten an, alle Massen von Luft und Wasser sich auf die andere Seite ziehen mußten.«

– Pure Phantasieen! rief der Unbekannte.

– Nein, pure Theorieen, die sich auf die Gesetze der Mechanik stützen, und die, meines Erachtens, schwer zu widerlegen sind. Ich berufe mich darüber auf diese Versammlung, und ich lege ihr die Frage zur Entscheidung vor, ob ein solches Leben, wie es auf der Erde vorhanden, auf der Oberfläche des Mondes möglich?«

Dreimalhunderttausend Zuhörer zollten dem Satze Beifall. Der Gegner Michel Ardan’s wollte noch reden, konnte aber nicht zu Gehör kommen. Er ward von Schreien und Drohen wie mit einem Hagel überschüttet.

– Genug, genug, riefen die Einen.

– Jagt den Eindringling fort! wiederholten Andere.

– Hinaus! Hinaus! schrie die aufgeregte Menge.

Er aber, fest an das Gerüst geklammert, wich und wankte nicht, ließ den Sturm austoben, der zu einer fürchterlichen Höhe gestiegen wäre, hätte ihn nicht Michel Ardan durch eine Handbewegung gestillt. Er war zu ritterlich, um seinen Gegner in solcher Noth stecken zu lassen.

»Sie wünschen noch einige Worte hinzuzufügen«, fragte er im freundlichsten Tone.

– Ja! Hundert, tausend, erwiderte der Unbekannte empört. Oder vielmehr nein, ein einziges! Wollten Sie auf Ihrem Vorhaben beharren, so müßten Sie . . . 

– Wie unklug! mir so dafür zu begegnen, daß ich von meinem Freund Barbicane ein cylindrokonisches Geschoß begehrte, um nicht unterwegs mich umdrehen zu müssen, wie die Eichhörnchen!

– Aber, Unglückseliger, der fürchterliche Gegenstoß würde Sie in Stücke zerfetzen!

– Mein lieber Widersacher! Sie legen den Finger auf die wahre und einzige Schwierigkeit; doch hab‘ ich eine zu gute Meinung von dem industriellen Genie der Amerikaner, um zu glauben, sie könnten dieselbe nicht lösen!

– Aber die Hitze, welche beim Durchschneiden der Luftschichten durch die Schnelligkeit des Projectils entwickelt wird.

– O! Seine Wände sind so dick, und ich werde ja rasch über die Atmosphäre hinauskommen!

– Aber Lebensmittel? Wasser?

– Ich habe ausgerechnet, daß ich für die Dauer eines Jahres mitnehmen kann, und meine Fahrt wird vier Tage dauern!

– Aber Luft zum Athmen unterwegs?

– Ich werde solche auf chemischem Wege erzeugen.

– Aber wenn Sie je auf den Mond kommen, werden Sie dort zu Boden fallen.

– Ein Fall auf die Erde würde sechsmal schneller sein, weil auf der Oberfläche des Mondes die Schwerkraft sechsmal geringer ist.

– Doch würde sie noch hinreichend sein, um Sie wie Glas zu zerschmettern.

– Und wer würde mich hindern, meinen Fall vermittelst angemessen angebrachter und rechtzeitig angezündeter Raketen langsamer zu machen?

– Aber endlich, vorausgesetzt, daß alle diese Schwierigkeiten gelöst, alle Hindernisse beseitigt seien, daß Alles noch Ungewisse zu Ihren Gunsten ausfiele; angenommen, daß Sie wohlbehalten auf dem Mond ankämen, wie würden Sie wieder zurückkommen?

– Ich würde gar nicht wieder kommen.«

Bei dieser durch ihre Einfachheit an das Erhabene reichenden Antwort blieb die Versammlung stumm, aber dies Schweigen war beredter, als enthusiastisches Geschrei. Der Unbekannte benützte dasselbe, um zum letzten Male seine Einsprache zu erheben.

– Sie würden unfehlbar sich umbringen, rief er aus, und Ihr unsinniger Tod würde nicht einmal der Wissenschaft nützen!

– Fahren Sie nur fort, edelmüthiger Unbekannter, denn wahrhaftig, Sie prophezeihen recht angenehm!

– Ah! das ist zu viel, rief der Gegner Michel Ardan’s, und ich weiß nicht, weshalb ich eine so wenig ernsthafte Unterredung fortsetzen soll. Führen Sie nur nach Belieben Ihr tolles Vorhaben aus. Ihnen hat man darüber nichts vorzuwerfen.

– O! Geniren Sie sich nicht!

– Nein, ein Anderer wird für Ihr Thun verantwortlich sein!

– Und wer denn, wenn’s beliebt? fragte Michel Ardan in gebieterischem Ton.

– Der Ignorant, welcher diesen so unmöglichen, rein lächerlichen Versuch veranstaltet hat.«

Das war ein directer Angriff. Barbicane hatte seit dem Dazwischentreten des Unbekannten sich mit äußerster Anstrengung zurückgehalten, um, wie manche Kessel, »seinen Rauch zu verzehren«; aber als er sich so beleidigend angegriffen sah, stand er eilig auf und schritt auf seinen Gegner zu, der ihm trotzig in’s Gesicht sah, – als er plötzlich von ihm getrennt ward.

Das Gerüst wurde auf einmal von hundert kräftigen Armen emporgehoben, und der Präsident des Gun-Clubs mußte mit Michel Ardan die Ehre eines Triumphzuges theilen. Es war zwar ein schwerer Schild, aber die Träger lösten sich einander unablässig ab, und jeder stritt sich darum, rang und kämpfte, mit seinen Schultern zu dieser Huldigung beizutragen.

Inzwischen hatte der Unbekannte den Tumult nicht benützt, um seinen Platz zu verlassen. Er hätte es auch in der dicht gedrängten Menge nicht vermocht. Für jeden Fall blieb er in der vordersten Reihe, mit gekreuzten Armen, die Augen fest auf Barbicane gerichtet.

Dieser verlor ihn auch nicht aus dem Gesicht, und die Blicke beider Männer blieben wie gezückte Degen gegen einander gerichtet.

Während dieses Triumphzugs blieb das Geschrei der unermeßlichen Menge fortwährend auf seinem Höhepunkt. Michel Ardan ließ sich’s mit augenscheinlichem Behagen gefallen: sein Antlitz strahlte. Manchmal schien das Gerüst in ein Schwanken zu gerathen gleich dem Stampfen und Schlingen eines Schiffes auf den Wogen. Aber die beiden Helden des Meetings verstanden sich auf die See; sie wankten nicht, und ihr Fahrzeug langte ohne Fährlichkeit im Hafen von Tampa-Town an.

Es gelang Michel Ardan, sich dem äußersten Gedränge seiner kräftigen Bewunderer zu entziehen; er flüchtete in’s Hôtel Franklin, begab sich unverzüglich in sein Zimmer und schlüpfte rasch in sein Bett, während ein Heer von hunderttausend Mann unter seinen Fenstern Wache hielt.

Während dieser Zeit begab sich eine kurze, bedeutsame, entschiedene Scene zwischen der geheimnißvollen Person und dem Präsidenten des Gun-Clubs.

Als Barbicane sich endlich frei fühlte, war er gerade auf seinen Gegner losgegangen.

»Kommen Sie,« sprach er barsch.

Der Letztere folgte ihm auf den Quai, und bald standen sich die Gegner allein gegenüber am Eingang einer Werft.

Hier sahen sich die beiden Feinde, ohne sich zu kennen, einander in’s Angesicht.

»Wer sind Sie?« fragte Barbicane.

– Der Capitän Nicholl.

– Ich vermuthete es. Bis jetzt hat der Zufall noch nicht gewollt, mit Ihnen auf meinem Wege zusammen zu treffen . . . 

– Deshalb bin ich gekommen!

– Sie haben meine Ehre angegriffen!

– Oeffentlich.

– Und Sie werden mir für den Schimpf Genugthuung geben.

– Augenblicklich.

– Nein. Ich wünsche, daß Alles im Stillen unter uns vorgehe. Drei Meilen von Tampa-Town ist das Gehölz Skersnaw. Kennen Sie’s?

– Ja.

– Beliebt’s Ihnen, morgen früh fünf Uhr von einer Seite her dorthin zu kommen?

– Ja, wenn Sie zu derselben Zeit sich von der andern Seite her einfinden.

– Und Sie werden nicht Ihren Rifle vergessen, sagte Barbicane.

– So wenig, wie Sie den Ihrigen«, erwiderte Nicholl.

Nach diesen in aller Kälte gewechselten Worten gingen der Präsident des Gun-Clubs und der Kapitän auseinander. Barbicane begab sich nach Hause, aber anstatt einige Stunden auszuruhen, sann er die Nacht über auf Mittel, den Gegenstoß des Projectils zu vermeiden, und das von Michel Ardan bei der Discussion des Meetings aufgestellte schwierige Problem zu lösen.

Einundzwanzigstes Capitel.

Einundzwanzigstes Capitel.

Wie ein Franzose eine Sache zur Ausgleichung bringt.

Während zwischen dem Präsidenten und dem Kapitän die Abrede über das Duell getroffen wurde, das entsetzliche, unmenschliche Duell, worin jeder Gegner einem Menschen das Leben zu nehmen trachtet, ruhte Michel Ardan aus von den Strapazen seines Triumphs. Ausruhen ist nicht der richtige Ausdruck, denn die amerikanischen Betten können an Härte mit Marmortischen wetteifern.

Ardan schlief daher ziemlich schlecht, indem er sich zwischen den Servietten, die ihm als Leintücher dienten, hin und her warf, und er dachte darauf, in seinem Projectil sich ein bequemeres Lager einzurichten – als ein heftiges Getöse ihn in seinen Träumen störte. Es wurde mit übermäßigen Schlägen an seine Thüre gepocht; es schien, sie rührten von einem eisernen Instrument her. Zwischen diesem etwas allzufrühen Lärmen vernahm man fürchterlich rufende Stimmen:

»Mach‘ auf!« rief’s, »um’s Himmels willen, mach‘ gleich auf!« Ardan hatte keinen Grund, einem so lärmend gestellten Begehren zu willfahren. Doch stand er auf und öffnete seine Thüre, als sie eben der Gewaltübung des beharrlichen Besuchers nachzugeben im Begriff war.

Der Secretär des Gun-Clubs drang in das Gemach. Eine Bombe würde nicht minder ohne Umstände sich Eingang verschafft haben.

»Gestern Abend«, rief J. T. Maston ohne Weiteres, »ist unser Präsident während des Meetings öffentlich beschimpft worden! Er hat seinen Gegner gefordert, der Niemand sonst ist als der Kapitän Nicholl. Diesen Morgen früh schlagen sie sich im Gehölz von Skersnaw! Ich weiß Alles aus Barbicane’s eigenem Munde! Fällt er, so werden dadurch unsere Projecte zunichte! Also muß dies Duell verhindert werden! Niemand in der Welt aber kann auf Barbicane Einfluß genug haben, um ihn davon abzubringen, als Michel Ardan!«

Während Maston so sprach, hatte Michel Ardan, ohne ihn zu unterbrechen, in aller Hast seine weiten Hosen angezogen, und binnen weniger als zwei Minuten befanden sich die beiden Freunde eilenden Schritts in der Vorstadt von Tampa-Town.

Unterwegs setzte Maston seinen Begleiter in Kenntniß von der Sache. Er theilte ihm den wahren Grund der Feindschaft beider mit, wie dieselbe von langer Zeit herrührte, weshalb durch die Bemühungen gemeinschaftlicher Freunde der Präsident und der Kapitän sich bisher noch nicht persönlich begegnet waren; er fügte bei, es handle sich einzig um eine Rivalität der Platte und Kugel, und Nicholl habe bei dem Meeting nur die Gelegenheit gesucht, einen alten Groll zu befriedigen.

Es giebt nichts Schrecklicheres, als diese persönlichen Feindschaften und Zweikämpfe in Amerika. Da suchen sich zwei Gegner und lauern auf einander in Wald und Gehölz, und zielen aus dem Gebüsch, wie auf Rothwild. Dann beneiden sie die Indianer der Prairien um ihre wunderbaren Naturgaben, den raschen Verstand, die angeborene Schlauheit, die instinctmäßige Witterung des Feindes. Ein Irrthum, ein Anstoß, ein Fehltritt können den Tod herbeiführen. Solches Streifen nehmen die Yankees oft in Begleitung ihrer Hunde vor, zugleich als Jäger und Wild, und treiben sich stundenlang einander auf.

»Welche Teufel von Leuten seid Ihr!« rief Michel Ardan, als ihm sein Gefährte mit viel Energie dies ganze Treiben geschildert hatte.

– So sind wir«, erwiderte Maston kleinlaut; aber eilen wir.

Indessen mochten sie noch so sehr in Eile über die thaufeuchte Ebene rennen, über Reisfelder und Bäche setzten, um die Wege abzukürzen; vor halb sechs Uhr konnten sie nicht in’s Gehölz von Skersnaw kommen. Barbicane mußte schon seit einer halben Stunde sich am Platz eingefunden haben.

Sie trafen da einen alten Buschmann, der mit Reiserbinden beschäftigt war.

Maston lief zu ihm, und rief ihm zu:

»Haben Sie einen Mann mit einer Büchse in den Wald gehen sehen – den Präsidenten Barbicane, meinen besten Freund? . . . «

Der würdige Secretär des Gun-Clubs war so naiv, zu glauben, sein Präsident müsse der ganzen Welt bekannt sein. Aber der Buschmann schien ihn nicht zu verstehen.

– Einen Jäger, sagte darauf Ardan.

– Einen Jäger? Ja, erwiderte der Buschmann.

– Ist’s schon lange?

– Etwa eine Stunde.

– Zu spät! schrie Maston.

– Und haben Sie Flintenschüsse gehört? fragte Michel Ardan.

– Nein.

– Nicht einen einzigen?

– Nicht einen. Der Jäger hat, scheint’s, keine gute Jagd.

– Was nun weiter? sagte Maston.

– Wir gehen in’s Gehölz auf die Gefahr, von einer Kugel getroffen zu werden, die nicht für uns bestimmt ist.

– Ach! rief Maston in einem Ton, der nicht mißzuverstehen war, lieber hätt‘ ich zehn Kugeln in meinem Kopf, als eine einzige in Barbicane’s.

– Vorwärts also!« fuhr Ardan mit einem Händedruck fort.

Nach einigen Minuten verschwanden die beiden Freunde im Gehölz. Es war ein Dickicht von Riesencypressen, Sykomoren, Tulpenbäumen, Oelbäumen, Tamarinden, immergrünen Eichen. Die Zweige dieser verschiedenen Bäume waren unentwirrbar mit einander verwachsen, und gestatteten dem Blick keine weite Aussicht. Michel Ardan und Maston gingen also nicht weit von einander schweigend durch hohes Gras, bahnten sich ihren Weg durch Lianen, fragten mit Blicken die Büsche und das dichte Laubwerk. Nirgends ließ sich eine Spur erkennen, die Barbicane’s Schritte hätte bezeichnen können, und sie gingen wie blind auf den mit Mühe gebahnten Pfaden, wo ein Indianer Schritt für Schritt seinem Gegner gefolgt wäre.

Nach einer Stunde vergeblichen Suchens blieben sie stehen. Ihre Unruhe verdoppelte sich.

– Es muß wohl Alles vorbei sein, sagte Maston entmuthigt. Ein Mann, wie Barbicane, hat nicht seinem Gegner einen listigen Streich gespielt! Er ist zu offen, zu muthig, ist gerade vorwärts der Gefahr entgegen gegangen, ohne Zweifel zu weit von dem Buschmann entfernt, als daß dieser den Schuß hören konnte!

– Aber wir! wir! versetzte Michel Ardan, seit wir uns in dem Gehölz befinden, hätten ihn hören müssen! . . . 

– Und wenn wir zu spät kamen! rief Maston im Ton der Verzweiflung.

Michel Ardan hatte kein Wort darauf zu antworten, und sie gingen weiter. Von Zeit zu Zeit erhoben sie lautes Geschrei, und riefen bald Barbicane, bald Nicholl; aber keiner von Beiden gab eine Antwort. Muntere Vögel, von dem Lärm geschreckt, verließen in Schwärmen das Gezweig, und einige aufgescheuchte Damhirsche flüchteten eiligst durch das Gehölz.

Noch eine volle Stunde suchten sie fort. Sie hatten fast den größten Theil des Buschwerks durchforscht, und keine Spur von der Anwesenheit der Kämpfer hatte sich gezeigt. Die Aussage des Buschmanns war doch zu bezweifeln, und Ardan wollte schon das fruchtlose Suchen aufgeben, als Maston plötzlich stehen blieb.

– St! St! Da ist Jemand!

– Jemand? erwiderte Michel Ardan.

– Ja! ein Mann! Es scheint, er rührt sich nicht. Keine Büchse in seiner Hand. Was treibt er doch?

– Aber erkennst Du ihn? fragte Michel Ardan, den bei solchem Anlaß sein kurzes Gesicht im Stiche ließ.

– Ja! ja! er wendet sich um, erwiderte Maston.

– Und es ist? . . . 

– Der Kapitän Nicholl!

– Nicholl! rief Michel Ardan, dem das Herz sich zusammen schnürte.

Nicholl ohne Waffe! Also hatte er von seinem Gegner nichts mehr zu fürchten? Aber sie waren noch keine fünfzig Schritte weiter gegangen, als sie stehen blieben, um den Kapitän aufmerksamer zu betrachten. Sie meinten einen blutbefleckten, in seiner Rache gesättigten Menschen zu treffen. Und sie staunten, wie sie ihn sahen.

Zwischen riesenhaften Tulpenbäumen war ein Maschennetz gespannt, in dessen Mitte ein Vöglein, dessen Flügel sich darein verwickelt hatten, mit kläglichem Geschrei sich abzappelte. Der Vogelsteller, der dieses unzerreißliche Netz gespannt hatte, war kein menschliches Wesen, sondern eine giftige, in der Landschaft einheimische Spinne, von der Größe eines Taubeneies mit enormen Krallen. Als das häßliche Thier eben über seine Beute herfallen wollte, wurde es fortgescheucht und suchte auf den Zweigen des Baumes seine Zuflucht, denn es sah sich selbst von einem fürchterlichen Feind bedroht.

Wirklich legte der Kapitän Nicholl seine Büchse bei Seite, vergaß die Gefahr seiner Lage, und war sorgfältig bemüht, das im Garne der abscheulichen Spinne gefangene Thierlein zu befreien. Als er damit fertig war, ließ er das Vöglein flattern, das mit lustigem Flügelschlag verschwand.

Nicholl sah mit gerührtem Blick ihm durch die Zweige nach, als er die mit bewegter Stimme gesprochenen Worte vernahm:

»Sie sind doch ein wackerer Mensch!«

Er wendete sich um. Michel Ardan stand vor ihm, und wiederholte in allen Tonarten:

»Und ein liebenswürdiger Mensch!«

– Michel Ardan! rief der Kapitän. Was wollen Sie hier, mein Herr?

– Ihnen die Hand drücken, Nicholl, und Sie abhalten, entweder Barbicane oder sich selbst um’s Leben zu bringen.

– Barbicane! rief der Kapitän, den ich seit zwei Stunden vergeblich suche! Wo steckt er? . . . 

– Nicholl, sagte Michel Ardan, das ist nicht fein! Man muß stets seinen Gegner achten; seien Sie ruhig, wenn Barbicane noch bei Leben ist, werden wir ihn finden, und um so leichter, als er, wenn er sich nicht damit vergnügt hat, verfolgten Vöglein beizustehen, uns ebenfalls suchen muß. Aber wann wir ihn gefunden haben, so wird – Michel Ardan sagt Ihnen dies – von einem Duell zwischen Ihnen keine Rede mehr sein.

– Zwischen dem Präsidenten Barbicane und mir, erwiderte Nicholl ernst, besteht eine so feindliche Rivalität, daß nur der Tod . . . 

– Gehen Sie doch! Gehen Sie damit, fuhr Michel Ardan fort, so wackere Leute, wie Sie, können sich wohl einander zuwider sein, aber man achtet sich. Sie werden sich nicht schlagen.

– Ich werde mich schlagen, mein Herr.

– Nimmermehr.

– Kapitän, sagte darauf J. T. Maston mit tief bewegtem Herzen, ich bin des Präsidenten Freund, sein alter ego, ein anderes Exemplar von ihm; wenn Sie durchaus einen um’s Leben bringen wollen, zielen Sie auf mich, es wird ganz dasselbe sein.

– Mein Herr, sagte Nicholl, indem er krampfhaft seine Büchse in die Hand nahm, solche Scherze . . . 

Freund Maston scherzt nicht, erwiderte Michel Ardan, und ich begreife die Idee, für den Mann, den man liebt, sein Leben zu lassen! Aber weder er, noch Barbicane werden durch die Kugel des Kapitäns Nicholl um’s Leben kommen, denn ich habe den beiden Rivalen einen Vorschlag zu machen, der so verführerisch ist, daß sie eifrig bereit sein werden, ihn anzunehmen.

– Und welchen? fragte Nicholl, mit augenscheinlichem Zweifel.

– Geduld, erwiderte Ardan, ich kann ihn nur in Gegenwart Barbicane’s mittheilen.

– So wollen wir ihn suchen, rief der Kapitän. Und sofort machten sich die drei Männer auf den Weg; der Kapitän entlud sein Gewehr, hing’s um seine Schulter und ging schweigend im Trott weiter.

Noch eine halbe Stunde lang suchten sie vergeblich. Maston ward von einer schlimmen Ahnung ergriffen. Er faßte Nicholl strenge in’s Auge und fragte sich, ob etwa, nachdem des Kapitäns Rache befriedigt worden, der unglückliche Barbicane von einer Kugel getroffen bereits leblos in seinem Blute unter einem Gebüsch liege. Michel Ardan schien den gleichen Gedanken zu haben, und beider Blicke maßen bereits fragend den Kapitän Nicholl, als Maston plötzlich stille stand.

Zwanzig Schritte von da gewahrte man unbeweglich am Fuß einer riesenmäßigen Catalva unbeweglich mit dem Rücken wider gelehnt, im Grase halb versteckt eine Mannesgestalt.

»Er ist’s«, sagte Maston.

Barbicane rührte und regte sich nicht. Ardan senkte seine Blicke in die Augen des Kapitäns, aber der wankte nicht. Ardan schritt vor und rief:

»Barbicane! Barbicane!«

Keine Antwort. Ardan stürzte auf seinen Freund, aber im Moment, als er ihn beim Arm fassen wollte, hielt er ein mit einem Schrei der Verwunderung.

Barbicane, mit dem Bleistift in der Hand, machte geometrische Figuren und Formeln in ein Notizbüchlein, indeß sein Gewehr unschädlich auf dem Boden lag.

In seine Arbeit versunken, hatte der Gelehrte ebenfalls Duell und Rache vergessen, nichts gesehen, nichts gehört.

Aber als Michel Ardan seine Hand auf die seinige legte, richtete er sich auf und sah ihn verwundert an.

– Ah! rief er endlich. Du hier! Ich hab’s gefunden, Freund! gefunden!

– Was gefunden?

– Mein Mittel.

– Was für ein Mittel?

– Das Mittel, die Wirkung des Rückstoßes beim Abschießen des Projectils aufzuheben.

– Wirklich? sagte Michel, und blickte schielend nach dem Kapitän.

– Ja! Wasser! bloßes Wasser wird die Federkraft abgeben … Ah! Maston! Sie auch!

– Er selbst, erwiderte Michel Ardan, und erlaube mir, Dir zugleich den würdigen Kapitän Nicholl vorzustellen!

– Nicholl! rief Barbicane, und sprang augenblicklich auf. Verzeihen Sie, Kapitän, ich hatte vergessen … ich bin bereit . . . 

Michel Ardan legte sich in’s Mittel, ehe noch die beiden Feinde Zeit hatten sich anzureden.

»Wahrhaftig!« sprach er, »ein Glück, daß so wackere Männer, wie Sie, sich nicht eher begegneten! Wir hätten sonst einen oder den anderen zu beweinen. Aber, Gott sei Dank, er hat dafür gesorgt, daß nichts mehr zu besorgen ist. Wenn man seinen Haß vergißt, um sich in mechanische Probleme zu versenken, oder den Spinnen einen Streich zu spielen, dann ist dieser Haß für Niemand mehr gefährlich.«

Und Michel Ardan erzählte dem Präsidenten, was mit dem Kapitän vorgegangen war.

»Ich frage nun endlich«, sagte er zum Schluß, »ob zwei so tüchtige Männer, wie Sie, dafür da sind, um sich einander den Kopf zu zerschmettern?«

Diese Sachlage enthielt etwas Lächerliches, etwas so Unerwartetes, daß Barbicane und Nicholl nicht recht wußten, welche Haltung sie einander gegenüber annehmen sollten. Michel Ardan merkte es wohl, und beschloß, die Auflösung mit einem Schlag herbeizuführen.

»Meine wackeren Freunde«, sagte er, und ließ sein bestes Lächeln auf den Lippen spielen, »es hat stets nur ein Mißverstehen zwischen Ihnen stattgefunden, sonst Nichts. Nun denn! Zum Beweis, daß zwischen Ihnen Alles im Reinen ist, und da Sie ja Männer sind, die ihre Haut zu riskiren fähig sind, nehmen Sie frisch den Vorschlag an, den ich eben Ihnen machen will.«

– Reden Sie, sagte Nicholl.

– Freund Barbicane glaubt, sein Projectil werde graden Wegs in den Mond gelangen.

– Ja sicherlich, erwiderte der Präsident.

– Und Freund Nicholl ist überzeugt, daß es wieder auf die Erde fallen werde.

– Ganz gewiß, rief der Kapitän.

– Gut! versetzte Michel Ardan. Ich maße mir nicht an, Sie miteinander in Harmonie zu bringen; aber ich sage Ihnen ganz einfach: – Reisen Sie mit mir, und wir wollen dann sehen, ob wir die Reise durchführen.

– Hm! sagte J. T. Maston bestürzt.

Die beiden Rivalen sahen sich bei dem plötzlichen Vorschlag einander an, warteten mit Spannung einer auf des anderen Wort.

»Nun?« fragte Michel Ardan mit gewinnendem Ton. »Weil ein Rückstoß nicht mehr zu fürchten!«

– Angenommen! rief Barbicane.

Aber, so rasch er das Wort sprach, Nicholl sprach dasselbe zugleich.

»Hurrah! Bravo! Hip! Hip! Hip!« rief Michel Ardan, und reichte den beiden Gegnern die Hand. »Und nun, da die Sache beigelegt ist, gestatten Sie mir, nach französischer Weise, Sie zu bewirthen. Gehen wir zum Frühstück.«

Zweiundzwanzigstes Capitel.

Zweiundzwanzigstes Capitel.

Der neue Bürger der Vereinigten Staaten

An demselben Tag erfuhr ganz Amerika den Handel des Kapitäns Nicholl mit dem Präsidenten Barbicane, sowie seine eigenthümliche Erledigung. Die Rolle, welche der ritterliche Europäer dabei spielte, sein unerwarteter Vorschlag, welcher die Schwierigkeit durchschnitt, die gleichzeitige Annahme der beiden Rivalen, diese Eroberung des Mondcontinents, wobei Frankreich und die Vereinigten Staaten zusammenwirkten. Alles vereinigte sich, um die Popularität Michel Ardan’s zu steigern. Es ist bekannt, bis zu welchem Wahnsinn die Yankees ihre Leidenschaft für ein Individuum steigern. In einem Lande, wo ehrwürdige Magistratspersonen sich an den Wagen einer Tänzerin spannen und sie im Triumph herumfahren, was kann man da von der durch den kühnen Franzosen entfesselten Leidenschaft erwarten! Spannte man nicht seine Pferde aus, so geschah es vermutlich nur deshalb, weil keine da waren, aber alle anderen Huldigungsbezeugungen wurden ihm gespendet. Nicht ein Bürger, der ihm nicht mit Herz und Geist ergeben war!

Von diesem Tage an hatte Michel Ardan keine ruhige Stunde mehr. Abgeordnete aus allen Ecken und Enden der Union belästigten ihn unablässig. Er mußte sie unweigerlich empfangen. Das Händedrücken, das Duzen der Leute ist gar nicht herzuerzählen. Es dauerte nicht lange, so war er erschöpft; seine Stimme, heiser von den unzähligen Ansprachen, konnte nur noch unverständliche Worte stammeln, und er hätte von der Menge der Toaste, die er auszustehen hatte, fast eine Lungenentzündung bekommen. Dieser Erfolg hätte einen Anderen am ersten Tag benebelt, aber er wußte sich in geistreicher, reizender Halbtrunkenheit zu halten.

Unter den Deputationen aller Art, welche ihn bestürmten, befand sich auch die der »Mondsüchtigen«, welche nicht vergaß, was sie gegen den künftigen Eroberer des Mondes zu beobachten hatte. Eines Tags suchten Einige der armen Leute, deren es in Amerika ziemlich viele giebt, ihn auf, und baten, ihn in ihre Heimat begleiten zu dürfen. Einige von ihnen behaupteten, »selenitisch« zu sprechen, und wollten Michel Ardan diese Sprache lehren. Dieser zeigte sich gutmüthig bereit, ihrer naiven Manie zu willfahren, und Aufträge an ihre dortigen Freunde anzunehmen.

»Sonderbarer Wahnsinn!« sagte er zu Barbicane, nachdem er sie verabschiedet hatte, »ein Wahnsinn, der oft gescheite Leute befällt. Einer unserer berühmtesten Gelehrten, Arago, sagte mir, viele sehr gescheite und in ihren Begriffen sehr nüchterne Leute geriethen allemal, wenn der Mond sie befangen mache, in große Aufregung bis zu unglaublichen Sonderbarkeiten. Du glaubst nicht an den Einfluß des Mondes auf die Krankheiten?«

– Wenig, erwiderte der Präsident des Gun-Clubs.

»Ich glaube auch nicht daran, und doch finden sich Thatsachen zum Erstaunen in der Geschichte verzeichnet. So sind im Jahre 1693 zur Zeit einer Epidemie am 21. Januar im Moment einer Mondfinsterniß die Leute in größerer Anzahl gestorben. Der berühmte Bacon fiel während der Mondfinsternisse in Ohnmacht, und kam erst dann, wann sie völlig vorüber waren, wieder zu vollem Lebensbewußtsein. Karl VI. verfiel im Jahre 1399 sechsmal, beim Neumond oder Vollmond, in Irrsinn. Die Epilepsie wird von den Aerzten unter diejenigen Krankheiten gezählt, welche den Mondphasen gemäß auftreten. Die Nervenkrankheiten scheinen oft dem Einfluß des Monds unterworfen zu sein. Mead spricht von einem Kind, welches in Krämpfe verfiel, wenn der Mond in die Stellung der Opposition trat. Gall hatte bemerkt, daß bei schwachen Personen die Nervenaufregung zweimal monatlich, zur Zeit des Neu- und Vollmonds, zunahm. Endlich giebt es auch unzählige Wahrnehmungen dieser Art über Schwindel, bösartiges Fieber, Somnambulismus, welche zu beweisen geeignet sind, daß das Nachtgestirn einen geheimnißvollen Einfluß auf die Krankheiten des Erdenlebens ausübt.«

– Aber wie? warum? fragte Barbicane.

– Warum? erwiderte Ardan. Wahrhaftig, ich gebe Dir die nämliche Antwort, welche neunzehn Jahrhunderte nach Plutarch Arago wiederholt hat: »Vielleicht, weil es nicht wahr ist!«

Bei seinem Triumph konnte Michel Ardan sich keiner der lästigen Zumuthungen entziehen, welche dem Stand eines berühmten Menschen anhängen. Die Unternehmer von Erfolg wollten ihn öffentlich aufstellen. Barnum bot ihm eine Million, um ihn in allen Staaten der Union von Stadt zu Stadt zu führen und wie ein Wunderthier anstaunen zu lassen. Michel Ardan behandelte ihn als Elephantenführer, und wies ihm seinen Weg.

Indessen, weigerte er auch in solcher Weise die öffentliche Neugierde zu befriedigen, so machte wenigstens sein Bild die Runde durch die Welt und erhielt in den Albums einen Ehrenplatz; man gab es in allen Größen heraus, von der natürlichen bis zu der mikroskopischen der Postmarken. Man konnte den Helden in allen denkbaren Stellungen haben, als Kopf- oder Brustbild, en face oder profil, ganze Figur etc. Es wurden über fünfzehnhunderttausend Exemplare abgezogen, und es gab eine hübsche Gelegenheit, sich selbst als Andenken zu verschleißen, wenn er hätte davon profitiren wollen. Er brauchte nur seine Haare um einen Dollar das Stück zu verkaufen, und hatte sich damit ein großes Vermögen gemacht!

Offen gesagt, war diese Popularität doch nach seinem Geschmack. Er stellte sich gerne dem Publicum zu Disposition, und correspondirte mit der ganzen Welt. Man wiederholte seine bons mots, verbreitete sie weiter, ganz besonders die, welche er gar nicht gesprochen hatte. Man legte sie ihm, wie gewöhnlich, in den Mund, denn er war reich in dem Punkt.

Nicht allein die Männer hatte er zu Anhängern, sondern auch die Frauen. Was hätte er für eine Menge »guter Partieen« machen können, wenn er hätte sich fesseln lassen wollen. Zumal die alten Jungfern, welche seit vierzig Jahren schmachteten, träumten Tag und Nacht von seiner Photographie.

Gewiß hätte er Hunderte von Lebensgefährtinnen gefunden, selbst unter der Bedingung, ihn in den Weltenraum zu begleiten. Die Frauen, welche sich nicht vor Allem fürchten, sind unverzagt. Aber es war seine Absicht nicht, auf dem Mondcontinent ein Stammvater zu werden und eine Mischrace von französischem und amerikanischem Geblüt dorthin zu verpflanzen. Daher lehnte er ab.

»Dort oben«, sagte er, »die Rolle Adam’s mit einer Tochter Eva’s zu spielen, danke schön! Da würde ich’s mit Schlangen zu thun bekommen! . . . «

Als er sich endlich den allzu häufigen Triumphesfreuden entziehen konnte, machte er in Begleitung seiner Freunde der Columbiade einen Besuch. Das war auch seine Schuldigkeit. Uebrigens hatte er auch seit seinem Umgang mit Barbicane, Maston und Genossen in der Ballistik große Fortschritte gemacht. Es machte ihm die größte Freude, den wackeren Artilleriebeflissenen oft vorzusagen, sie seien nur liebenswürdige und gelehrte Menschenschlächter. Ueber diesen Punkt war er unerschöpflich in Scherzreden. Bei seinem Besuch gab er der Columbiade seine hohe Bewunderung zu erkennen, und drang dem Riesenmörser, der ihn bald dem Gestirn der Nacht entgegen schleudern sollte, bis auf den Grund der Seele.

»Wenigstens«, sagte er, »wird diese Kanone Niemand ein Leid zufügen, – was bei einer Kanone etwas sehr Erstaunliches ist. Aber von Euren Maschinen, die zerstören, in Brand stecken, zertrümmern, das Leben rauben, – davon redet mir nicht, und vor Allem sagt mir doch nicht, sie haben »eine Seele«; ich würde es nicht glauben!«

Nun muß ich noch einen Vorschlag J. T. Maston’s berichten. Als der Secretär des Gun-Clubs hörte, wie Barbicane und Nicholl den Vorschlag Michel Ardan’s annahmen, entschloß er sich, als Vierter an der Partie Theil zu nehmen. Eines Tags stellte er das Begehren, sich anzuschließen. Barbicane, der ihm ungern etwas abschlug, suchte ihm begreiflich zu machen, das Projectil könne eine so große Anzahl Passagiere nicht mitnehmen. In Verzweiflung wendete sich Maston an Michel Ardan, der ihn aufforderte, auf diesen Wunsch zu verzichten, und machte dabei Gründe ad hominem geltend.

»Siehst Du, mein alter Maston«, sprach er zu ihm, »Du darfst mir nicht übel nehmen, was ich Dir darüber zu sagen habe; aber wahrhaftig, unter uns gesagt. Du bist zu unvollständig, um auf dem Mond aufzutreten!«

– Unvollständig! rief der rüstige Invalide.

– Ja! mein wackerer Freund! Denke Dir, wenn wir dort oben Bewohnern begegnen. Möchtest Du ihnen wohl eine so traurige Vorstellung von dem, was hienieden vorgeht, geben; einen Begriff von dem, was ein Krieg heißt: ihnen anschaulich machen, daß man seine beste Zeit darauf wendet, sich gegenseitig zu zerfleischen, und das auf einer Kugel, worauf hundert Milliarden Bewohner ihre Nahrung finden können, und kaum zwölfhundert Millionen sich befinden? Ah! Da würdest Du, würdiger Freund, Anlaß geben, daß man uns die Aufnahme versagte!

– Aber wenn Ihr in Stücken ankommt, entgegnete J. T. Maston, werdet Ihr eben so unvollständig sein wie ich!

– Allerdings, erwiderte Michel Ardan, aber in Stücken werden wir nicht anlangen!

In der That hatte ein am 18. October vorgenommenes vorbereitendes Experiment die besten Resultate geliefert und zu den besten Hoffnungen berechtigt. In der Absicht, sich über den Rückstoß im Moment des Abfahrens eines Projectils genau zu unterrichten, ließ Barbicane aus dem Arsenale zu Pensacola einen Mörser von zweiunddreißig Zoll kommen. Man stellte ihn am Ufer der Rhede von Hillisboro auf, damit die Bombe in’s Meer falle, und so ihr Fall unschädlich werde. Es handelte sich nur darum, die Erschütterung beim Abschleudern zu probiren, nicht die Wirkung beim Anprallen.

Für dieses merkwürdige Experiment wurde mit größter Sorgfalt ein hohles Projectil hergerichtet. Die inneren Wände wurden mit dichter Flockseide über einem Netz von Springfedern aus dem besten Stahl ausgefüttert, gleich einem sorgfältig auswattirten Nest.

– Wie schade, daß man sich nicht da hineinlegen kann! sagte J. T. Maston, mit Bedauern, daß seine Taille ihm den Versuch nicht gestattete.

In diese reizende Bombe, die mit einem Schraubendeckel verschließbar war, brachte man zuerst eine große Katze, hernach ein Eichhörnchen, das dem beständigen Secretär des Gun-Clubs angehörte und sehr werth war, aber man wollte wissen, wie diesem wenig dem Schwindel unterworfenen Thierchen die Versuchsreise bekommen würde.

Der Mörser wurde mit hundertundsechzig Pfund Pulver geladen, die Bombe hinein gethan. Man gab Feuer.

Mit reißender Schnelligkeit fuhr das Projectil heraus, beschrieb majestätisch seine Parabel bis zu einer Höhe von etwa tausend Fuß, und senkte sich in graciösem Bogen in die Fluthen.

Unverzüglich fuhr ein Boot nach der Stelle, wo sie niedergefahren war; geschickte Taucher stürzten sich auf den Meeresgrund, und befestigten Taue an die Henkel der Bombe, welche dann sofort heraufgezogen wurde. Es waren kaum fünf Minuten verflossen, seit die Thiere eingeschlossen wurden, bis man den Deckel wieder öffnete.

Ardan, Barbicane, Nicholl, Maston befanden sich auf der Barke und sahen mit begreiflicher Spannung dem Resultat entgegen. Kaum war die Bombe geöffnet, so sprang die Katze heraus, zwar ein wenig gequetscht, aber lustig und munter, und ohne daß man ihr die Luftreise ansah. Aber das Eichhörnchen war nicht vorhanden. Man suchte nach; keine Spur. Man mußte sich überzeugen, daß die Katze ihren Reisegefährten aufgezehrt hatte. J. T. Maston war sehr betrübt über dies Märtyrerthum der Wissenschaft.

Wie dem auch sei, in Folge dieses Experiments verschwand alles Bedenken, alle Besorgniß; übrigens war Barbicane darauf bedacht, das Projectil noch vollkommener zu machen, um die Wirkungen des Rückstoßes gänzlich zu beseitigen. Damit war es zum Abschießen fertig.

Zwei Tage hernach erhielt Michel Ardan eine Botschaft des Präsidenten der Union, eine Ehre, die ihm sehr schmeichelte.

Nach dem Beispiel seines ritterlichen Landsmannes Lafayette ertheilte ihm die Regierung das Ehrenbürgerrecht der Vereinigten Staaten Amerika’s.

Dreiundzwanzigstes Capitel.

Dreiundzwanzigstes Capitel.

Der Projectil-Waggon.

Nach Vollendung der berühmten Columbiade wendete sich das öffentliche Interesse sofort dem Projectil zu, diesem neuen Transportmittel, welches die drei kühnen Abenteurer durch den Weltraum befördern sollte. Jeder wußte, daß Michel Ardan in seiner Depesche vom 30. September eine Modification der vom Comité beschlossenen Einrichtung desselben begehrt hatte.

Der Präsident Barbicane war damals mit Recht der Meinung, daß die Form des Projectils wenig auf sich habe, denn nachdem es in wenigen Secunden aus dem Bereich der Atmosphäre gekommen, sollte es in dem absolut leeren Raum weiter fahren. Das Comité hatte daher die runde Form gewählt, damit die Kugel sich um sich selber drehen und nach Belieben sich verhalten könne. Aber von dem Augenblick an, da man ihm die Bestimmung eines Transportmittels gab, war die Sache eine andere. Michel Ardan hatte nicht Lust, sich gleich dem Eichhörnchen zu bewegen; er wollte aufrecht gehen, Kopf oben, Füße nach unten, mit ebensoviel Anstand, wie die Passagiere des Luftballons in dem Schifflein, zwar rascher, aber ohne unaufhörlich Luftsprüngen ausgesetzt zu sein, die ihm wenig zusagten.

Es wurde daher dem Hause Breadwill & Cie. zu Albany ein neuer Plan zugeschickt und die unverzügliche Anfertigung anempfohlen. Das demnach abgeänderte Projectil wurde am 2. November gegossen und sofort durch die Eisenbahn nach Stone’s-Hill befördert.

Am 10. kam es wohlbehalten an seinem Bestimmungsort an. Michel Ardan, Barbicane und Nicholl erwarteten mit der größten Ungeduld diesen »Projectil-Waggon«, in welchem sie zur Entdeckung einer neuen Welt ausfliegen sollten.

Man muß zugeben, es war ein prachtvolles Stück Metall, ein metallurgisches Product, welches dem industriellen Genie der Amerikaner alle Ehre machte. Man hatte zum ersten Male Aluminium in so beträchlicher Masse gewonnen, was mit Recht als ein staunenswerthes Ergebniß angesehen werden konnte. Das kostbare Projectil funkelte in den Sonnenstrahlen. Beim Anblick seiner imponirenden Formen mit der kegelförmigen Spitze hätte man’s leicht für so ein dickes Thürmchen in Gestalt einer Gewürzbüchse gehalten, wie sie die Architekten des Mittelalters an den Ecken ihrer festen Schlösser anbrachten; es fehlte dafür nur an Schießscharten und einer Wetterfahne.

»Es sieht mir so aus«, rief Michel Ardan, »als käme ein mit Hakenbüchse und stählernem Panzer gewappneter Mann daraus hervor. Wir werden uns darin wie Feudalherren befinden, und mit etwas Artillerie könnte man darin allen Seleniten-Heeren Stand halten, sofern es deren auf dem Monde giebt!«

– Also ist das Fahrzeug nach Deinem Geschmack? fragte Barbicane seinen Freund.

– Ja! ja! gewiß, erwiderte Michel Ardan, der es mit einem Künstlerauge ansah. Ich vermisse nur schlankere Formen, eine graciösere Spitze; man hätte ihm einen Büschel, Verzierungen von guillochirtem Metall aufsetzen sollen, mit einer Chimäre, z. B. einem Schlaraffengesicht, einem Salamander, der mit ausgebreiteten Flügeln und offenem Rachen aus dem Feuer heraus käme . . . 

– Wozu das? sagte Barbicane, dessen positiver Geist wenig Sinn für Kunstschönheiten hatte.

– Wozu? Freund Barbicane! Ach! Da Du mir so eine Frage stellst, fürchte ich wohl, daß Du’s niemals begreifst!

– Sag’s nur heraus, wackerer Kamerad.

– Nun denn, meiner Ansicht nach muß man bei dem, was man vornimmt, immer etwas Kunst anbringen, das ist besser. Kennst Du ein indisches Stück, »Das Kinderwägelein« betitelt?

– Nicht dem Namen nach, erwiderte Barbicane.

– Das nimmt mich nicht Wunder, fuhr Michel Ardan fort. So merke Dir, daß in diesem Stück ein Dieb vorkommt, der im Begriff in ein Haus einzubrechen sich die Frage stellt, ob er seinem Loch die Form einer Lyra, einer Blume, eines Vogels oder einer Amphora geben solle? Nun sag‘ mir, Freund Barbicane, wenn Du zu der Zeit zur Jury gehört hättest, würdest Du diesen Dieb verurtheilt haben?

– Ohne Bedenken, erwiderte der Präsident des Gun-Clubs, und zwar unter erschwerenden Umständen.

– Und ich hätte ihn freigesprochen, Freund Barbicane. Deshalb wirst Du mich nie begreifen!

– Ich werde es nicht einmal versuchen, mein tapferer Künstler!

– Aber zum Mindesten, fuhr Michel Ardan fort, weil das Aeußere unseres Waggon-Projectils etwas zu wünschen übrig läßt, wird man mir gestatten, es nach meinem Geschmack zu meubliren, und mit allem Luxus, der den Botschaftern der Erde zusteht!

– In der Hinsicht, mein wackerer Michel, erwiderte Barbicane, wirst Du’s nach Belieben machen, wir werden Dich gewähren lassen.«

Aber, ehe er das Angenehme vornahm, hatte der Präsident des Gun-Clubs an das Nützliche gedacht, und die von ihm erfundenen Mittel, um die Wirkungen des Gegenstoßes abzuschwächen, wurden mit einer vollendeten Einsicht in Anwendung gebracht.

Barbicane hatte sich gesagt, und nicht ohne Grund, daß keine Sprungfeder Kraft genug haben könne, um die Wirkung des Stoßes gänzlich zu beseitigen, und während seines merkwürdigen Spaziergangs im Gehölz von Skersnaw war er am Ende darauf gekommen, diese große Schwierigkeit auf sinnreiche Weise zu lösen. Das Wasser, darauf rechnete er, sollte ihm diesen ausgezeichneten Dienst leisten. Sehen wir, in welcher Weise.

Das Projectil sollte drei Fuß hoch mit Wasser angefüllt werden, worauf eine hölzerne, vollständig wasserdichte Scheibe an den inneren Wänden des Projectils dicht hinglitt. Auf diesem Floß nahmen die Passagiere ihren Platz. Die flüssige Masse war durch horizontale Scheidewände in Schichten zertheilt. Der Stoß beim Abschießen mußte diese nach einander zerbrechen, worauf sodann jede Wasserschichte, von der niedrigsten aufwärts bis zur höchsten durch Abzugsröhren nach dem oberen Theile des Projectils drang, und erfüllte so den Zweck einer Federkraft, während die Scheibe, selbst mit äußerst starken Pfropfen versehen, nur, nachdem allmälig die verschiedenen Scheidewände zertrümmert waren, mit dem Bodenstück zusammenstoßen konnte. Ohne Zweifel würden die Reisenden nach vollständigem Entweichen der flüssigen Masse noch einen heftigen Gegenstoß erleiden, aber der erste Stoß mußte doch durch jenen sehr starken Gegendruck fast gänzlich unwirksam gemacht werden.

Zwar mußten drei Fuß Wasser auf einer Fläche von vierundfünfzig Quadratfuß gegen elftausendfünfhundert Pfund wiegen; aber die Treibkräfte des in der Columbiade angesammelten Gases genügten, nach Barbicane’s Annahme, diesen Zuwachs an Schwere aufzuwiegen; übrigens mußte der Stoß in weniger als einer Secunde all‘ dieses Wasser hinaustreiben, so daß das Projectil gleich sein normales Gewicht wieder bekam.

Dieses also hatte der Präsident des Gun-Clubs ausgedacht, und auf diese Weise glaubte er die wichtige Frage des Gegenstoßes gelöst zu haben. Uebrigens wurde diese Arbeit von den Ingenieuren des Hauses Breadwill mit Einsicht begriffen und zum Erstaunen ausgeführt; war einmal die Wirkung geäußert und das Wasser hinausgetrieben, so konnten die Reisenden sich leicht der zerbrochenen Scheidewände entledigen, und die bewegliche Scheibe, auf welcher sie im Moment der Abfahrt sich befanden, hinwegnehmen.

Oben waren die Wände des Projectils mit einer dichten Lederbekleidung gefüttert, über Spiralfedern vom besten Stahl, die so biegsam wie Uhrfedern waren. Unter diesem Lederfutter waren die Abzugsröhren so verdeckt, daß man ihr Vorhandensein nicht wahrnehmen konnte.

So waren also alle erdenklichen Vorkehrungen getroffen, um die Wirkung des ersten Stoßes zu beseitigen, und um sich erdrücken zu lassen, müßte man, wie Michel Ardan sich ausdrückte, »von schlechter Composition sein«.

Das Projectil hatte einen äußeren Breitedurchmesser von neun Fuß bei zwölf Fuß Höhe. Um das angegebene Gewicht nicht zu überschreiten, hatt man die Wände etwas minder dick gemacht, den Boden dagegen stärker, weil er die ganze Gewalt des durch Verbrennen der Baumwolle entwickelten Gases auszuhalten hatte. So ist’s übrigens auch bei den Bomben und konischen Granaten, deren Bodentheil immer dicker ist.

In diesen metallenen Thurm gelangte man durch eine enge Oeffnung, welche an der Spitze angebracht war, gleich wie bei den Dampfkesseln. Sie wurde hermetisch durch eine Aluminiumplatte verschlossen, welche innen durch starke Stellschrauben befestigt war. Die Reisenden konnten also nach Belieben aus ihrem beweglichen Gefängniß herauskommen, sobald sie auf dem Gestirn der Nacht angelangt waren.

Aber man mußte unterwegs auch sehen. Dies war sehr leicht gemacht. Es befanden sich unter dem Futter vier Lucken mit sehr dicken Linsengläsern, zwei in der Rundwand, eine im Boden und eine in der Spitze. Dadurch waren die Reisenden im Stande, sowohl nach der Erde, als nach dem Monde und dem Sternenhimmel zu schauen und zu beobachten. Nur waren diese Schaulöcher gegen Stöße durch fest angepaßte Deckel geschützt, welche man leicht im Innern nach außen zurückschrauben konnte. Auf diese Art wurden die Beobachtungen möglich, ohne daß die in dem Projectil enthaltene Luft entwich.

Alle diese bewundernswerthen mechanischen Vorrichtungen waren sehr leicht im Gang, und die Ingenieure bewiesen ebenso viel Einsicht bei der inneren Einrichtung als bei der Versorgung des Waggon-Projectils.

Sehr fest gefügte Behälter waren bestimmt, das für die drei Reisenden nöthige Wasser und die Lebensmittel aufzunehmen; dieselben konnten sogar sich Feuer und Licht durch Gas verschaffen, welches in besonderen Behältern unter einem Druck mehrerer Atmosphären aufbewahrt war. Man brauchte nur einen Hahnen zu drehen, und hatte für sechs Tage das zur Erleuchtung und Heizung erforderliche Gas. Man sieht, es fehlte an Nichts, was wesentlich zum Leben, und selbst zur Behaglichkeit diente. Außerdem war, dem Geschmack Michel Ardan’s gemäß, durch Kunstgegenstände das Angenehme mit dem Nützlichen verbunden. Uebrigens würde man irren, wollte man annehmen, es müsse drei Personen in diesem Thurm zu enge werden. Seine Oberfläche betrug ungefähr Vierundfünfzig Quadratfuß zu zehn Fuß Höhe, wobei Raum für einige Bewegung war, Sie hätten im bequemsten Waggon der Vereinigten Staaten nicht so viele Gemächlichkeit gehabt.

So war die Frage der Lebensmittel und Beleuchtung gelöst; es blieb noch die der Luft, Offenbar konnte die in dem Projectil enthaltene Luft nicht vier Tage zum Athmen der Reisenden ausreichen; denn jeder Mensch verbraucht etwa in einer Stunde den gesammten, in hundert Liter Luft enthaltenen Sauerstoff. Barbicane, seine beiden Gefährten, und zwei Hunde, die er mitnehmen wollte, mußten in vierundzwanzig Stunden zweitausendvierhundert Liter Sauerstoff, d. h. ungefähr sieben Pfund verzehren. Es mußte also die Luft im Projectil erneuert werden. Wie das? Durch ein sehr einfaches Verfahren, nach Reiset und Regnault, wie Michel Ardan während der Discussion beim Meeting angegeben hatte.

Bekanntlich besteht die Luft hauptsächlich aus einundzwanzig Theilen Sauerstoff und neunundsiebenzig Theilen Stickstoff. Beim Athmen nun verzehrt der Mensch den Sauerstoff der eingeathmeten Luft, und stößt den Stickstoff wieder aus. Die ausgeathmete Luft hat etwa fünf Procent ihres Sauerstoffes verloren, und enthält dann fast ebensoviel Kohlensäure, welche durch Verbrennen von Elementen des Bluts durch den eingeathmeten Sauerstoff entsteht. Daraus ergiebt sich, daß in einem umschlossenen Raum nach einer gewissen Zeit aller Sauerstoff der Luft durch Kohlensäure ersetzt wird, ein wesentlich schädlicher Stoff.

Die Aufgabe bestand also damals darin: 1) Den verzehrten Sauerstoff zu ersetzen; 2) die ausgeathmete Kohlensäure zu vernichten. Dies war sehr leicht durch chlorsaures Kali und kaustisches Kali.

Chlorsaures Kali ist ein Salz, das in Form von weißen Flitterblättchen vorkommt; wenn man es einer Temperatur von mehr als hundert Grad aussetzt, verwandelt es sich in salzsaures Kali, und der Sauerstoff, welchen es enthält, entbindet sich völlig. Nun geben achtzehn Pfund chlorsaures Kali sieben Pfund Sauerstoff, also soviel, als die Reisenden binnen vierundzwanzig Stunden brauchen. So also läßt sich der Sauerstoff ergänzen.

Kaustisches Kali verschlingt den in der Luft enthaltenen Kohlenstoff sehr gierig, und man braucht es nur zu schütteln, damit es denselben an sich ziehe, und doppeltkohlensaures Kali bilde. So kann man also die Kohlensäure vernichten.

Durch Verbindung dieser beiden Mittel konnte man sicher sein, der verdorbenen Luft alle belebenden Eigenschaften wieder zu geben. Dieses hatten die beiden Chemiker Reiset und Regnault durch glückliche Experimente festgestellt.

Aber, nicht zu verhehlen ist, die Experimente wurden bis jetzt nur mit Thieren – in anima vili – gemacht. Bei aller wissenschaftlichen Genauigkeit, womit dieselben veranstaltet wurden, wußte man durchaus nicht, wie sich Menschen dazu verhielten.

Diese Bemerkung war in der Sitzung, wo diese wichtige Frage behandelt wurde, gemacht worden. Michel Ardan wollte die Möglichkeit, mittelst dieser künstlich erzeugten Luft zu leben, nicht im Zweifel lassen, und erbot sich, vor der Abreise den Versuch zu machen.

Aber J. T. Maston nahm die Ehre, diesen Versuch zu machen, energisch in Anspruch.

»Da ich nicht mitreise«, sagte der brave Artillerist, »so darf ich doch wenigstens das Projectil acht Tage lang bewohnen.«

Es wäre undankbar gewesen, ihm seine Bitte abzuschlagen. Man willfahrte ihm und stellte ihm die hinreichende Quantität von chlorsaurem und kaustischem Kali sammt Lebensmitteln für acht Tage zur Verfügung; darauf, am 12. November um sechs Uhr Morgens frühe, drückte er seinen Freunden die Hand, und schlüpfte, nachdem er ausdrücklich anempfohlen, vor dem 20. um sechs Uhr Abends sein Gefängniß nicht zu öffnen, in das Projectil, und man schloß die Oeffnung hermetisch.

Was ging während dieser acht Tage vor? Man konnte darüber durchaus nichts vernehmen, da die Dicke der Wände hinderte, daß irgend welches Geräusch im Innern außerhalb gehört wurde.

Am 20. November präcis sechs Uhr wurde geöffnet; Maston’s Freunde waren doch etwas unruhig geworden. Aber sie wurden sogleich beruhigt, als sie mit freudiger Stimme ein fürchterliches Hurrah rufen hörten.

Alsbald kam auch der Secretär des Gun-Clubs an der Spitze des Kegels in triumphirender Haltung zum Vorschein.

Er war fetter geworden!

Vierundzwanzigstes Capitel.

Vierundzwanzigstes Capitel.

Das Teleskop des Felsengebirgs

Am 20. October des verflossenen Jahres, nachdem die Subscription beendigt war, hatte der Präsident des Gun-Clubs dem Observatorium zu Cambridge die nöthige Summe angewiesen, um ein ungeheures optisches Instrument zu verfertigen. Dasselbe sollte stark genug sein, um auf der Oberfläche des Mondes einen nur neun Fuß breiten Gegenstand sichtbar zu machen.

Zwischen Fernrohr und Teleskop ist ein bedeutender Unterschied, woran hier zu erinnern nicht überflüssig ist. Das Fernrohr besteht aus einer Röhre, welche an ihrem oberen Ende mit einer convexen Linse versehen ist, Objectiv genannt, am untern mit einer zweiten, genannt Ocularglas, vor welchem das Auge des Beobachters sich befindet. Die von dem erleuchteten Gegenstand herkommenden Strahlen dringen durch die erste Linse, und bilden durch Brechung im Brennpunkte derselben ein umgekehrtes Bild. Dieses betrachtet man mittelst des Oculars, welches dasselbe, gerade wie eine Loupe, vergrößert. Also ist beim Fernrohr die Röhre an beiden Enden geschlossen, durch das Objectiv- und das Ocularglas.

Beim Teleskop dagegen ist die Röhre am obern Ende offen. Die von dem beobachteten Gegenstand ausgehenden Strahlen dringen da frei ein und fallen auf einen concaven Metallspiegel convergent. Von da zurückprallend treffen sie auf einen kleinen Spiegel, welcher sie einem Ocularglas zuwirft, das zur Vergrößerung des hervorgebrachten Bildes geeignet ist.

So spielt bei den Fernröhren Brechung der Strahlen die Hauptrolle, bei den Teleskopen das Zurückprallen derselben. Daher nennt man die letzteren Refracteure, d. h. Strahlenbrecher, die letzteren Reflecteure, Zurückstrahler. Die ganze Schwierigkeit bei der Fertigung dieses optischen Apparats liegt in der Bereitung der Objective, seien sie Linsen oder Metallspiegel.

Zur Zeit nun, als der Gun-Club sein großes Experiment machte, waren diese Instrumente äußerst vollkommen und gaben prachtvolle Resultate. Galilei hatte seine Beobachtungen mit einem armseligen Fernrohr angestellt, welches höchstens siebenmal vergrößerte. Seit dem sechzehnten Jahrhundert wurden die optischen Instrumente beträchtlich weiter und länger, und gestatteten, die Sternenräume so gründlich, wie noch nie bisher, auszumessen. Unter den damals gebrauchten Refracteurs nannte man das Fernrohr des Observatoriums zu Pulkowa in Rußland, dessen Objectiv fünfzehn Zoll breit ist, das des französischen Optikers Lerebours mit einem Objectiv von gleicher Größe wie das vorige, und endlich das Fernrohr des Observatoriums zu Cambridge mit einem Objectiv von neunzehn Zoll.

Unter den Teleskopen waren zwei von merkwürdiger Stärke und riesenhafter Größe bekannt. Das erste, von Herschel construirt, war sechsunddreißig Fuß lang und hatte einen 4 ½ Fuß breiten Spiegel; man konnte damit sechstausendfache Vergrößerungen erhalten. Das zweite befand sich in Irland, zu Birrcastle im Park von Parsonstown und gehörte dem Lord Rosse. Seine Röhre war achtundvierzig Fuß lang, sein Spiegel sechs Fuß breit; es vergrößerte sechstausendundvierhundertfach, und man hatte ein ungeheures Mauerwerk aufführen müssen, um den für die Handhabung des Instruments nöthigen Apparat anzubringen; dasselbe wog achtundzwanzigtausend Pfund.

Aber, wie man sieht, trotz dieser kolossalen Dimensionen betrug die Vergrößerung nicht über sechstausendmal, in runder Zahl; eine solche aber bringt den Mond nur bis auf neununddreißig (engl.) Meilen nahe, und läßt nur Gegenstände von sechzig Fuß Durchmesser wahrnehmen, sofern sie nicht sehr lange sind.

Im vorliegenden Falle aber handelte sich’s um ein Projectil von neun Fuß Durchmesser und fünfzehn Fuß Länge: man mußte daher den Mond bis auf fünf Meilen (zwei Lieues) wenigstens nahe bringen, und dafür achtundvierzigtausendfache Vergrößerung erzielen.

Diese Aufgabe ward dem Observatorium zu Cambridge gestellt. Ungehemmt von finanziellen Schwierigkeiten blieben nur noch die materiellen.

Für’s erste war zwischen Fernrohr und Teleskop zu wählen. Ersteres bietet größere Vortheile: bei gleich großem Objectiv gestatten sie, beträchtlichere Vergrößerungen zu erzielen, weil die Lichtstrahlen, welche durch die Linsen dringen, weniger abgeschwächt werden, als durch die Reflexion vermittelst des Metallspiegels. Aber der Linse kann man nur eine beschränkte Größe geben, weil sie bei zu großer Dicke die Lichtstrahlen nicht mehr hindurchdringen läßt. Zudem ist die Anfertigung dieser ungeheuer großen Linsen äußerst schwierig und erfordert jahrelange Zeit.

Obwohl daher die Bilder der Gegenstände im Fernrohr besser beleuchtet sind, ein unschätzbarer Vorzug bei Beobachtung des Mondes, dessen Licht blos ein reflectirtes ist, so entschied man sich doch für’s Teleskop, welches rascher zu fertigen ist und stärkere Vergrößerungen erzielen läßt. Nur beschloß der Gun-Club, weil die Lichtstrahlen beim Durchdringen unserer Atmosphäre sehr an Stärke verlieren, das Instrument auf einem der höchsten Berge der Union aufzustellen, der dünnern Luftschicht wegen.

Bei den Teleskopen wird, wie wir gesehen haben, die Vergrößerung durch das Ocularglas, d. h. die vor dem Auge des Beobachters befindliche Loupe, bewirkt, und dasjenige Objectiv ist dafür am förderlichsten, welches den größten Durchmesser und die größte Distanz des Brennpunktes hat. Um eine achtundvierzigtausendmalige Vergrößerung zu erzielen, müßte man das Objectiv bedeutend größer machen, wie Herschel und Lord Rosse. Darin lag die Schwierigkeit, denn der Guß solcher Spiegel ist eine sehr mißliche Sache.

Zum Glück hatte vor einigen Jahren ein französischer Gelehrter, Léon Foucault, Mitglied des Instituts, ein Verfahren erfunden, wodurch das Poliren der Objektive sehr leicht und rasch zu Stande gebracht wird, indem man an Stelle der Metallspiegel versilberte anwendet. Man brauchte nur ein Glas von der erforderlichen Größe zu gießen und vermittelst Silbersalz mit Metall zu überziehen. Dieses so trefflich bewährte Verfahren wurde bei Anfertigung des Objectivs befolgt.

Ferner wendete man für die Anordnung die von Herschel für seine Teleskopen ersonnene Methode an. Bei dem großen Apparate des Astronomen von Slough wurde das Bild des Gegenstandes von dem unten im Tubus in geneigter Lage befindlichen Spiegel reflectirt, so daß es am entgegengesetzten Ende, wo das Ocularglas sich befand, sich darstellte. Dergestalt bekam der Beobachter, anstatt am untern Theile der Röhre, am obern seinen Platz, von wo aus er vermittelst seiner Loupe in den enormen Cylinder hinabschaute. Diese Anordnung bot den Vortheil, daß der kleinere Spiegel, welcher die Bestimmung hatte, das Bild dem Ocularglas zuzuwerfen, ganz wegfiel, so daß anstatt einer doppelten Zurückstrahlung nur eine einmalige stattfand, folglich eine mindere Anzahl von Lichtstrahlen verloren ging, demnach das Bild minder schwach war, mithin mehr Klarheit erzielt wurde, ein höchst schätzbarer Vorzug bei der Beobachtung, welche angestellt werden sollte.

Nachdem diese Beschlüsse gefaßt waren, begannen die Arbeiten. Nach den Berechnungen des Bureau des Observatoriums zu Cambridge sollte der Tubus des neuen Reflectors eine Länge von zweihundertundachtzig Fuß und sein Spiegel sechzehn Fuß Durchmesser bekommen. So kolossal auch solch ein Instrument war, so war es doch nicht mit dem Teleskop zu vergleichen, welches der Astronom Hooke vor einigen Jahren in Vorschlag brachte, nämlich von einer Länge von zehntausend Fuß (= 3 Kilometer). Dennoch bot dessen Anfertigung große Schwierigkeiten.

Die Frage, an welcher Stelle dasselbe aufzustellen sei, wurde rasch entschieden. Es war ein hohes Gebirg zu wählen, und solche sind in den Vereinigten Staaten nicht zahlreich.

In der That beschränkt sich das Gebirgssystem dieses großen Landes auf zwei Ketten von mittlerer Höhe, zwischen welchen der majestätische Mississippi strömt, welchen die Amerikaner »König der Flüsse« nennen würden, wenn sie irgend ein Königthum gelten ließen.

In der östlichen Kette der Apalachen ragt der höchste, in New-Hampshire gelegene Gipfel nicht über die bescheidene Höhe von fünftausendsechshundert Fuß hinan.

Im Westen dagegen findet sich das Felsengebirge, ein Theil der ungeheuren Kette, welche von der Magellanischen Enge an längs der Westküste Süd-Amerika’s unter dem Namen Anden oder Cordilleren hinzieht, über den Isthmus von Panama sich fortsetzt und durch Nordamerika bis zum Gestade des Polarmeeres läuft.

Dieses Gebirge ist nicht sehr hoch, und die Alpen, wie der Himalaya würden mit größter Verachtung auf sie herabsehen. In der That ist sein höchster Gipfel nicht über zehntausendsiebenhundert Fuß hoch, während der Montblanc vierzehntausendvierhundertneununddreißig mißt, und der Kintschindjinga [Der höchste Gipfel des Himalaya] sechsundzwanzigtausendsiebenhundertsechsundsiebenzig über den Meeresspiegel sich erhebt.

Aber da der Gun-Club darauf hielt, daß das Teleskop, ebenso wie die Columbiade, innerhalb der Staaten der Union errichtet würde, so mußte man sich mit dem Felsengebirg begnügen, und das erforderliche Material wurde auf den Gipfel Long’s-Peak im Gebiet von Missouri geschafft.

Unbeschreibliche Schwierigkeiten aller Art hatten die amerikanischen Ingenieure zu überwinden; sie verrichteten Wunder an Kühnheit und Geschicklichkeit. Enorme Steinblöcke, schwere Stücke geschmiedeten Metalls, Klammern von beträchtlichem Gewicht, ungeheure Stücke des Cylinders, das Objectiv, welches allein bei dreißigtausend Pfund wog, mußten über die Linie des ewigen Schnees mehr als zehntausend Fuß hoch hinauf geschafft werden, nachdem man sie zuvor über öde Wiesengründe, undurchdringliche Wälder und reißende Gewässer, fern von bevölkerten Plätzen, mitten durch wilde Gegenden zu transportiren hatte, wo jede Existenz fast unmöglich war. Dennoch triumphirte das Genie der Amerikaner über diese tausend Hindernisse. Es verfloß nicht ein volles Jahr seit dem Beginnen der Arbeiten, in den letzten Tagen des September ragte der riesenhafte Refractor mit seinem zweihundertachtzig Fuß langen Tubus in die Lüfte empor. Er war von einem enormen eisernen Gerüste umgeben, und ein sinnreicher Mechanismus setzte in den Stand, ihn leicht nach allen Punkten des Himmels zu bewegen, um den Gestirnen auf ihrer Bahn von der einen Seite des Horizonts bis zur andern zu folgen.

Er hatte über viermalhunderttausend Dollars gekostet. Als er zum erstenmal auf den Mond gerichtet wurde, geriethen die Beobachter vor neugierigem Wissensdrang in unruhige Bewegung. Was sollten sie mit dem achtundvierzigtausendmal vergrößernden Teleskop da für Entdeckungen machen? Mondvölker und Heerden, Städte, Seen, Meere? – Nichts von dem fand sich, nichts, was die Wissenschaft nicht bereits kannte; und auf allen Punkten seiner Scheibe ließ sich die vulcanische Natur des Mondes mit absoluter Genauigkeit feststellen.

Aber das Teleskop des Felsengebirgs leistete, noch ehe es des Gun-Clubs Zwecke förderte, der Astronomie bereits unermeßliche Dienste. Durch seine weit reichende Kraft wurden die Tiefen des Himmels bis zu den äußersten Grenzen durchforscht, bei einer großen Anzahl von Sternen wurde der scheinbare Durchmesser sehr genau bestimmt, und H. Clarke auf dem Bureau zu Cambridge war im Stande, das Nebelgestirn »Krebs« im Stiere in seine Einzeltheile zu zerlegen, was der Reflector Lord Rosse’s niemals hatte fertig bringen können.

Fünfundzwanzigstes Capitel.

Fünfundzwanzigstes Capitel.

Letzte Begebnisse

Es war der 22. November, und in zehn Tagen der äußerste für die Abreise bestimmte Zeitpunkt. Noch eine Operation war vorzunehmen und glücklich auszuführen, die viele Behutsamkeit erforderte, gefährlich, ja so mißlich war, daß der Capitän Nicholl seine dritte Wette auf ihr Mißglücken gestellt hatte. Die Columbiade war mit viermalhunderttausend Pfund Schießbaumwolle zu laden. Nicholl hatte, vielleicht nicht ohne Grund, besorgt, die Behandlung einer so furchtbaren Menge leicht entzündlichen Stoffes werde bedeutende Katastrophen veranlassen, und jedenfalls die Masse unter dem Druck des Projectils sich von selbst entzünden.

Noch größere Gefahr drohte durch die leichtsinnige Sorglosigkeit der Amerikaner, welche während des Bundeskriegs gar keinen Anstand nahmen, mit der Cigarre im Mund ihre Bomben zu laden. Aber Barbicane ließ es sich angelegen sein, es mit Erfolg auszuführen, und nicht im Hafen zu scheitern; er wählte daher seine besten Arbeiter aus, ließ sie unter seinen Augen ihr Werk verrichten, wendete nicht einen Augenblick den Blick von ihnen und wußte durch Klugheit und Vorsicht sich den glücklichen Erfolg zu sichern.

Vor Allem war er so vorsichtig, nicht die ganze Ladung auf einmal nach Stone’s-Hill bringen zu lassen, sondern nur nach und nach in vollkommen verschlossenen Kisten. Die gesammte Baumwollenmasse war in Päcke von fünfhundert Pfund Gewicht vertheilt, das waren achthundert starke Patronen, die von den geschicktesten Werkleuten zu Pensacola sorgfältig gefertigt waren. Jede Kiste enthielt deren zehn, und sie kamen eine nach der andern auf der Eisenbahn von Tampa-Town; auf diese Weise hatte er nie mehr als fünftausend Pfund auf einmal in dem Werkhof. Sowie eine solche ankam, wurde sie von Arbeitern, die barfuß gingen, entladen und jede Patrone an die Mündung der Columbiade gebracht, wo man sie vermittelst Krahnen, die von Menschenhand gedreht wurden, hinabsenkte. Jede Dampfmaschine war entfernt, und auf zwei Meilen ringsum jedes Fünkchen Feuer gelöscht. Es war schon eine starke Aufgabe, die Masse Schießbaumwolle gegen die Sonnenhitze zu schützen. Man arbeitete daher vorzugsweise bei Nacht beim Schein eines künstlich erzeugten Lichtes, welches mit Hilfe eines Ruhmkorff’schen Apparats das Innere der Columbiade bis auf den Grund taghell erleuchtete. Hier wurden die Patronen regelmäßig in Reihen geordnet und mit einem Metalldraht aneinander befestigt, welcher den elektrischen Funken gleichzeitig in’s Centrum einer jeden zu leiten bestimmt war.

In der That, die Anzündung dieser Masse Baumwolle mußte vermittelst der Voltaischen Säule geschehen. Alle diese, mit einem isolirenden Stoff umgebenen Drahtfäden vereinigten sich oben, wo das Projectil aufgesetzt werden sollte, bei einem engen Zündloch; hier liefen sie durch die dicke gußeiserne Wand durch eines der in der Mauerkleidung gelassenen Luftlöcher, bis zum Boden hinauf. Hier auf der Höhe von Stone’s-Hill wurde der Draht, von Trägern unterstützt, zwei Meilen weit fortgeleitet, indem er durch einen Unterbrechungsapparat bis zu einer starken Voltaischen Säule lief.

Man brauchte dann nur mit dem Finger auf den Knopf des Apparats zu drücken, um den Strom augenblicklich wieder herzustellen, und das Feuer theilte sich den viermalhunderttausend Pfund Baumwolle mit. Es versteht sich von selbst, daß die Säule erst im letzten Augenblick in Thätigkeit gesetzt ward.

Am 28. November waren die achthundert Patronen im Innern der Columbiade eingelegt. Dieser Theil der Arbeit war glücklich fertig. Aber welches Lärmen, welche Unruhe, welche Kämpfe hatte Barbicane zu bestehen! Es half nichts, den Eintritt in Stone’s-Hill zu verbieten; tagtäglich stiegen die Neugierigen über die Palissaden, und manche gingen in ihrer Unvorsichtigkeit bis zum Wahnsinn, rauchten mitten unter den Ballen Schießbaumwolle. Barbicane gerieth täglich in Zornentrüstung. Maston unterstützte ihn möglichst, indem er die Eingedrungenen lebhaft verjagte, und die brennenden Cigarrenstumpfen sammelte, welche die Yankees hinwarfen. Ein schweres Stück Arbeit, denn es drängten sich über dreimalhunderttausend Mann um die Palissaden. Michel Ardan hatte sich zwar erboten, die Kisten bis zur Mündung der Columbiade zu escortiren; aber da er ihn selbst mit einer Cigarre im Munde betraf, während er die Unvorsichtigen, welchen er das schlimme Beispiel gab, fortjagte, sah der Präsident des Gun-Clubs wohl, daß er sich auf diesen unermüdlichen Raucher nicht verlassen könne, und sah sich genöthigt, ihn ganz besonders überwachen zu lassen.

Endlich, da Gottes Auge die Artilleristen schützt, wurde das Laden ohne Explosion glücklich fertig gebracht. Die dritte Wette des Capitäns Nicholl war also sehr gewagt. Es war nur noch das Projectil hinein zu bringen, und auf der dichten Lage Schießbaumwolle aufzustellen.

Aber bevor man zu dieser Verrichtung schritt, wurden die Reisebedürfnisse in dem Waggon-Projectil geordnet aufgestellt. Es war deren eine ziemliche Anzahl, und hätte man Michel Ardan gewähren lassen, so hätten sie bald den ganzen für die Reisenden vorbehaltenen Raum eingenommen. Man kann sich kaum vorstellen, was dieser liebenswürdige Franzose Alles in den Mond mitnehmen wollte. Ein wahrer Ballast unnöthiger Dinge. Aber Barbicane legte sich in’s Mittel, und man mußte sich auf das streng Nothwendige beschränken.

Einige Thermometer, Barometer und Brillen wurden in den Koffer zu den Instrumenten gethan.

Die Reisenden waren begierig, unterwegs den Mond zu studiren, und sie nahmen, um sich die Kenntniß dieser neuen Welt zu erleichtern, die ausgezeichnete Mondkarte von Beer und Mädler mit, in vier Blättern, welche für ein wahres Meisterstück ausdauernder Beobachtung gilt. Sie stellt mit gewissenhafter Genauigkeit die uns zugewendete Seite des Mondes im geringsten Detail dar: Berge, Thäler, Circus, Krater, Rundplätze, Bergkegel und Streifen waren in genauen Maßangaben, richtiger Lage und Benennung, von den Bergen Dörfel und Leibnitz, mit seinem hohen Gipfel auf der östlichen Seite der Scheibe bis zum Eismeer in der Umgebung des nördlichen Pols.

Es war also für die Reisenden ein kostbares Document, denn sie konnten darauf das Land studiren, bevor sie noch den Fuß darauf gesetzt.

Sie nahmen ferner drei Büchsen und drei Jagd-Carabiner für explodirende Kugeln mit; dazu Pulver und Blei in reichlichem Vorrath.

»Man weiß nicht, mit wem man dort zu thun haben wird«, sagte Michel Ardan. »Menschen oder Thiere könnten’s übel nehmen, daß wir ihnen einen Besuch machen! Man muß sich also vorsehen.«

Uebrigens wurde auch nützliches Werkzeug, wie Beile, Hacken und Handsägen, mitgenommen, sowie Kleidungsstücke für alle Temperaturen und Zonen.

Michel Ardan hätte gern eine Anzahl Thiere mitgenommen, obwohl nicht von jeder Gattung ein Paar, denn Schlangen, Tiger, Alligatoren und andere Raubthiere wollte er nicht auf dem Monde einführen.

»Nein«, sagte er zu Barbicane, »aber einige Saumthiere, Ochse oder Kuh, Esel oder Pferd würden dort dienlich und uns vielleicht sehr nützlich sein.«

– Ich geb‘ das zu, lieber Ardan, erwiderte der Präsident des Gun-Clubs, aber unser Waggon-Projectil ist nicht eine Arche Noah. Das ist weder seine Bestimmung, noch ist’s dazu eingerichtet. Also bleiben wir innerhalb der Grenzen des Möglichen.

Endlich, nach langem Widerreden, kam man überein, sich mit einer vortrefflichen Jagdhündin, die Nicholl gehörte, und einem munteren, kräftigen Neufoundländer zu begnügen. Einige Kisten nützlicher Arten Saatfrucht wurden zu den unerläßlichen Gegenständen gerechnet. Hätte man Michel Ardan gewähren lassen, so hätte er auch einige Säcke mit Erde mitgenommen, um sie darauf zu säen. Für alle Fälle nahm er ein Dutzend junger Bäumchen mit, welche sorgfältig mit Stroh eingepackt in einen Winkel gestellt wurden.

Nun blieb noch die wichtige Lebensmittelfrage, denn man mußte sich für den Fall vorsehen, daß man in eine durchaus unfruchtbare Gegend des Mondes gerathen würde. Barbicane war so vorsichtig, für ein ganzes Jahr Vorrath mitzunehmen. Doch muß ich bemerken, daß man nicht allzusehr staune, diese Lebensmittel bestanden in Conserven von Fleisch und zusammengepreßtem Gemüse, und zwar solche, die viel Nahrungsstoff enthielten; zwar nicht viel zur Abwechselung, aber bei solch einer Fahrt darf man nicht heikel sein. Auch Branntwein war dabei, etwa zweihundert Liter, und Wasser nur für zwei Monate; denn in Folge der neuesten astronomischen Beobachtungen zweifelte man nicht, daß auf der Oberfläche des Mondes eine gewisse Quantität Wasser vorhanden sei. In Hinsicht der Lebensmittel wäre es unsinnig gewesen, zu glauben, daß Erdbewohner dort keine Nahrung für sich fänden. Michel Ardan hatte in der Hinsicht gar keinen Zweifel mehr; sonst hätte er sich auch nicht zur Reise dahin entschlossen.

»Uebrigens«, sagte er eines Tages zu seinen Freunden, »werden wir von unseren Kameraden auf der Erde nicht ganz im Stich gelassen werden, sie werden uns nicht vergessen.«

– Nein, gewiß nicht, erwiderte J. T. Maston.

– Wie verstehen Sie das? fragte Nicholl.

– Ganz einfach, erwiderte Ardan. Ist nicht die Columbiade hier? Nun! So oft der Mond sich in der günstigen Zenithstellung findet, wenn auch nicht in Erdnähe, also etwa einmal im Jahre, könnte man uns denn nicht eine mit Lebensmitteln befrachtete Kugel zusenden, die wir am bestimmten Tage erwarten würden?

– Hurrah! Hurrah! rief Maston, als ein Mann von Ideen; trefflich gesagt! Gewiß, wackere Freunde, wir werden Euch nicht vergessen!

– Ich verlasse mich darauf! So, sehen Sie, bekommen wir regelmäßig Nachrichten vom Erdball, und was uns betrifft, so würden wir sehr ungeschickt sein, wenn wir nicht Mittel fänden, uns mit unseren guten Freunden auf der Erde in Verbindung zu setzen!«

Diese Worte athmeten eine solche Zuversicht, daß Michel Ardan bei seiner entschiedenen Miene, seiner festen Haltung den ganzen Gun-Club mit sich fortgerissen hätte. Was er sagte, schien so einfach, elementar, leicht, von sicherem Erfolg, und man hätte wahrhaftig in kleinlicher Weise an diesem armseligen Erdball kleben müssen, wäre man nicht bereit gewesen, die drei Reisenden bei ihrer Mondfahrt zu begleiten.

Als die verschiedenen Gegenstände in dem Projectil aufgestellt waren, wurde das zur Hemmung des Rückstoßes bestimmte Wasser in seine Verschläge gebracht und das Leuchtgas in seine Behälter gepumpt. Von kohlensaurem und kaustischem Kali nahm Barbicane, um für eine unvorausgesehene Verspätung zu sorgen, einen hinreichenden Vorrath mit, um zwei Monate lang den Sauerstoff erneuern und die Kohlensäure entfernen zu können. Er hatte einen äußerst sinnreichen Apparat, der automatisch wirkend der Luft ihre belebenden Eigenschaften wiedergab und sie vollständig reinigte. So war denn das Projectil gerüstet, es war nur noch nöthig, dasselbe in die Columbiade hinabzubringen; eine übrigens schwierige und gefährliche Operation.

Das enorme Geschoß wurde auf den Gipfel von Stone’s-Hill gebracht, wo starke Krahnen es faßten und schwebend über den metallenen Schacht hielten.

Es war ein Moment ängstlicher Besorgniß. Wenn unter dem ungeheuren Gewicht die Ketten rissen, so wäre durch das Herabfallen einer solchen Masse die Entzündung der Baumwolle unfehlbar erfolgt.

Zum Glück trat dieser Fall nicht ein, und nach einigen Stunden lagerte das behutsam in die Seele der Kanone hinabgesenkte Projectil auf der baumwollenen Unterlage wie auf Eiderdaunen. Seine Schwere wirkte nur dahin, die Ladung der Columbiade stärker zu verpfropfen.

»Ich hab‘ verloren«, sagte der Kapitän, und stellte dem Präsidenten Barbicane dreitausend Dollars zu.

Barbicane wollte von seinem Reisekameraden das Geld nicht annehmen; aber er mußte Nicholl’s Beharrlichkeit nachgeben, der, bevor er die Erde verließ, alle seine Verbindlichkeiten erfüllen wollte.

»Dann«, sagte Michel Ardan, »habe ich nur noch einen Wunsch für Sie, mein wackerer Kapitän.«

– Und der wäre? fragte Nicholl.

– Daß Sie auch die beiden anderen Wetten verlieren mögen! Dann werden wir sicherlich auf der Reise nicht drauf gehen.«

Elftes Capitel.

Elftes Capitel.

Florida und Texas.

Indessen blieb eine Frage noch zu entscheiden: man mußte einen für das Experiment geeigneten Platz wählen. Der Empfehlung des Observatoriums nach mußte der Schuß senkrecht auf den Horizont, d. h. gegen den Zenith gerichtet werden; aber der Mond steigt nur in den Gegenden zwischen 0° und 28° Breite bis zum Zenith, mit anderen Worten seine Abweichung beträgt nur 28°. Es handelte sich also darum, genau die Stelle zu bestimmen, wo die ungeheure Columbiade gegossen werden sollte.

Als der Gun-Club am 20. October eine General-Versammlung hielt, brachte Barbicane eine prächtige Karte der Vereinigten Staaten von Z. Belltropp dahin mit. Aber ohne ihm Zeit zum Auseinanderlegen derselben zu lassen, hatte J. T. Maston mit gewohntem Ungestüm das Wort begehrt, und sprach also:

»Ehrenwerthe Collegen, die Frage, welche heute behandelt werden soll, hat eine wahrhaft nationale Bedeutung, und sie wird uns Gelegenheit geben, einen großen Act des Patriotismus auszuführen.«

Die Mitglieder des Gun-Clubs sahen sich einander an, da sie nicht begriffen, wo der Redner damit hinaus wollte.

»Keiner von Ihnen«, fuhr er fort, »denkt sich mit dem Ruhm abzufinden, und die Union darf gewiß das Recht in Anspruch nehmen, die furchtbare Kanone des Gun-Clubs in ihrem Schooße zu bergen. Unter den gegenwärtigen Umständen nun . . . 

– Wackerer Maston … sagte der Präsident.

– Gestatten Sie mir, meinen Gedanken zu entwickeln, fuhr der Redner fort. Unter den gegenwärtigen Umständen müssen wir einen Ort wählen, der dem Aequator nahe genug liegt, damit das Experiment unter den erforderlichen Bedingungen gemacht werde . . . 

– Wenn Sie die Güte haben wollen … sagte Barbicane,

– Ich begehre freie Aeußerung der Ideen, versetzte der aufbrausende Maston, und ich behaupte, daß der Landstrich, von welchem unser glorreiches Projectil sich emporschwingen wird, der Union angehören muß.

– Kein Zweifel! erwiderten einige Mitglieder.

– Nun! Weil die Ausdehnung unseres Gebiets nicht so weit reicht, weil uns im Süden der Ocean eine Schranke setzt, über welche wir nicht hinaus können, weil wir den achtundzwanzigsten Grad außerhalb der Vereinigten Staaten in einem Nachbarlande suchen müssen, so giebt das einen berechtigten casus belli, und ich verlange, daß man Mexico den Krieg erkläre.

– Nein! Nein! rief man von allen Seiten.

– Nein! entgegnete Maston. Im Schooße dieser Versammlung muß man doch über dieses Wort staunen!

– Aber hören Sie doch! . . . 

– Niemals! niemals! rief der feurige Redner. Früher oder später muß dieser Krieg geführt werden, und ich verlange, daß man ihn heute noch erkläre.

– Maston, sagte Barbicane, und ließ laut seine Glocke erschallen, ich entziehe Ihnen das Wort!«

Maston wollte erwidern, aber es gelang einigen seiner Collegen, ihn zu beschwichtigen.

»Ich stimme bei«, sagte Barbicane, »daß das Experiment nur auf dem Boden der Union vorgenommen werden darf, aber wenn mein ungeduldiger Freund mich hätte reden lassen, wenn er einen Blick auf eine Karte geworfen hätte, so wüßte er, daß es durchaus unnöthig ist, unsern Nachbarn den Krieg zu erklären, denn einige Grenzlandschaften der Vereinigten Staaten reichen bis über die Linie des achtundzwanzigsten Grades hinaus. Sehen Sie, wir haben den ganzen südlichen Theil von Texas und Florida zur Verfügung.«

Der Zwischenfall hatte keine Folgen; doch ließ sich Maston nur ungern überzeugen. Es wurde also beschlossen, die Columbiade solle auf dem Gebiete von Texas oder Florida gegossen werden. Aber dieser Beschluß sollte eine beispiellose Rivalität zwischen den Städten dieser beiden Staaten hervorrufen.

Der achtundzwanzigste Breitegrad durchschneidet da, wo er an die amerikanische Küste stößt, die Halbinsel Florida, welche er in zwei fast gleiche Theile zerlegt. Dann bildet er vom Mexicanischen Golf die Sehne eines Bogens, welchen die Küsten Alabama’s, Mississippi’s und Louisiana’s beschreiben, schneidet hierauf ein Stück von Texas ab, und zieht weiter durch Mexico über Sonora und Alt-Californien zum Stillen Ocean. Es waren also nur die südlich vom achtundzwanzigsten Grad gelegenen Theile von Texas und Florida in der Lage, den vom Observatorium zu Cambridge anempfohlenen Bedingungen der Breite zu entsprechen.

Florida hat in seinem südlichen Theile keine bedeutenden Städte, ist nur mit Forts zum Schutz gegen die unstäten Indianer gespickt. Eine einzige Stadt, Tampa-Town, konnte ihrer günstigen Lage wegen sich mit Ansprüchen melden.

In Texas dagegen sind zahlreichere und bedeutendere Städte. Corpus-Christi in der Landschaft Nucces, und alle Städte am Rio-Bravo, Laredo, Comalites, San-Ignacio, im Web, Noma, Rio-Grande-City, im Starr, Edinburg, im Hidalgo, Santa-Rita, El Panda, Brownsville, im Cameron, bildeten gegen die Ansprüche Floridas einen imponierenden Bund.

Daher kamen denn auch, als der Beschluß kaum bekannt war, Deputationen aus Texas und Florida eiligst nach Baltimore, und der Präsident Barbicane, sowie die einflußreichen Mitglieder des Gun-Clubs wurden Tag und Nacht mit fürchterlichen Reklamationen bestürmt. Stritten einst sieben Städte Griechenlands um die Ehre, die Geburtsstätte Homer’s zu sein, so drohten jetzt zwei ganze Staaten um einer Kanone willen in Streit zu gerathen.

Man sah damals diese »wilden Brüder« gewaffnet in den Straßen der Stadt umherwandeln. Bei jedem Begegnen war ein Conflict zu befürchten, der schlimme Folgen haben konnte. Zum Glück verstand der Präsident mit Klugheit und Geschicklichkeit die Gefahr zu beschwören. Die Journale der verschiedenen Staaten wetteiferten mit persönlichen Demonstrationen; New-York Herald und die Tribune unterstützten Texas, während die Times und American Review für Florida plaidirten. Die Mitglieder des Gun-Clubs wußten nicht mehr, wem sie Gehör geben sollten.

Texas zog stolz heran mit seinen sechsundzwanzig Provinzen, welche es wie eine Batterie aufstellte; aber Florida erwiderte, daß in einem sechsfach kleineren Lande zwölf Provinzen doch mehr vermöchten, als sechsundzwanzig.

Texas prahlte stark mit seinen dreihundertunddreißigtausend Eingeborenen, aber Florida rühmte sich bescheidener, bei seinen sechsundfünfzigtausend Bewohnern doch besser bevölkert zu sein. Außerdem warf es Texas vor, es habe eine besondere Art von Sumpffieber, welchem Jahr aus Jahr ein, in guter wie schlechter Zeit, einige tausend als Opfer fielen. Und es hatte nicht Unrecht.

Texas entgegnete, hinsichtlich des Fiebers habe Florida ihm nichts vorzuwerfen, und es sei mindestens unklug, andere Länder als ungesund zu bezeichnen, wenn man die Ehre habe, das »schwarze Erbrechen« (Vomito negro) chronisch bei sich zu haben. Und es hatte Recht.

»Uebrigens,« fügte Texas durch den New-York Herald bei, »ist man einem Staate Rücksicht schuldig, wo die beste Baumwolle in Amerika wächst, einem Staat, der das beste Schiffbauholz liefert, so prachtvolle Kohlen enthält, und Eisenerz, das hundert Procent reines Metall ausgiebt.«

Hierauf erwiderte der American Review, der Boden Florida’s sei zwar nicht so ergiebig, liefere aber die besten Erfordernisse für die Formen und den Guß der Columbiade, denn es sei reich an Sand und Thonboden,

»Aber«, entgegneten die Texaner, »ehe man in einem Land etwas gießen will, muß man in dasselbe hineinkommen; aber die Verkehrswege mit Florida sind schwierig, während die Küste von Texas die Bai von Galveston darbietet, welche vierzehn Meilen Umfang hat und alle Flotten der Welt aufnehmen kann.«

– Gut! erwiderten die Florida ergebenen Journale, Ihr möget hübsch prahlen mit der Bai Galveston, die über dem neunundzwanzigsten Breitegrad liegt. Haben wir nicht die Bai Espiritu Santo gerade unter dem achtundzwanzigsten, unmittelbar vor Tampa-Town?

– Hübsche Bai! versetzte Texas, die halb versandet ist!

– Selbst versandet! rief Florida. Sollte man nicht meinen, ich sei im Land von Wilden?

– Wahrhaftig, die Seminolen durchstreifen noch Eure Wiesengründe.

– Ah! und Eure Apachen und Comanchen, sind die civilisirt?

So dauerte der Krieg seit einigen Tagen, als Florida seinen Gegner auf einen andern Boden zu ziehen versuchte, und eines Morgens gab die Times zu verstehen, da die Unternehmung eine »wesentlich amerikanische« sei, so könne sie auch nur auf »wesentlich amerikanischem« Boden vorgenommen werden!

Bei diesen Worten rief Texas empört: »Amerikaner! Sind wir’s nicht ebenso gut? Sind nicht Texas und Florida mit einander im Jahre 1845 der Union einverleibt worden?

– Allerdings, versetzte die Times, aber wir gehören seit 1820 zum Staat.

– Ich glaub’s wohl, entgegnete die Tribune; nachdem Ihr zweihundert Jahre Spanier oder Engländer waret, hat man Euch um fünf Millionen Dollars an die Vereinigten Staaten verkauft.

– Was liegt daran? erwiderten die Floridaner, haben wir uns dessen zu schämen? Hat man nicht 1803 Louisiana für sechzehn Millionen Dollars von Napoleon gekauft?

– Eine Schande! riefen dann die Deputirten von Texas. Ein armseliger Fetzen Landes, wie Florida, wagt sich mit Texas zu vergleichen, das nicht verkauft wurde, sondern sich selbst unabhängig gemacht hat, das am 2. März 1836 die Mexicaner hinausjagte, und nach dem Sieg S. Huston’s über Santa-Anna’s Truppen am San-Jacinto sich zu einer Föderativrepublik erklärt hat! Ein Land endlich, das sich freiwillig den Vereinigten Staaten Amerika’s angeschlossen hat!

– Aus Angst vor den Mexicanern! entgegnete Florida.

Angst! Sowie dies allzu lebhafte Wort gesprochen war, wurde die Lage unerträglich. Man versah sich einer Mordscene auf den Straßen Baltimore’s. Es wurde nöthig die Abgeordneten zu überwachen.

Der Präsident Barbicane wußte nicht, wohin er den Kopf wenden sollte. Es regneten Noten, Urkunden, grobe Drohbriefe in sein Haus. Für wen sollte er sich entscheiden? Vom Gesichtspunkt der Zugehörigkeit, der Zugänglichkeit, der Leichtigkeit des Transports waren die Ansprüche beider Staaten völlig gleich. Politische Anzüglichkeiten hatten nichts mit der Frage zu schaffen.

Dieses Schwanken, diese Verlegenheit dauerte schon geraume Zeit, als Barbicane sich entschloß herauszukommen; er versammelte seine Collegen und legte ihnen einen Bescheid vor, der, wie man sehen wird, recht weise war.

»Bei reiflicher Erwägung dessen, was so eben zwischen Florida und Texas vorfiel, ist es offenbar, daß sich die nämlichen Schwierigkeiten zwischen den Städten des bevorzugten Staates ergeben werden. Die Rivalität wird von der Gattung zur Art, vom Staat zur Stadt fortschreiten. Nun hat Texas elf Städte von den erforderlichen Bedingungen, die sich um die Ehre der Unternehmung streiten werden, und wir werden neue Feinde dadurch bekommen; Florida dagegen hat nur eine. Also entscheiden wir für Florida und Tampa-Town!«

Als dieser Bescheid bekannt wurde, machte er die Abgeordneten von Texas ganz zerschlagen. Sie geriethen in unbeschreiblichen Zorn und bedrohten namentlich mehrere Mitglieder des Gun-Clubs. Den Behörden von Baltimore blieb nur ein Mittel übrig, und sie ergriffen es. Man ließ einen Extrazug heizen, brachte die Texaner mit oder wider Willen darauf und schaffte sie mit einer Schnelligkeit von dreißig Meilen die Stunde fort.

Aber so rasch sie dahin fuhren, hatten sie doch Zeit genug ihren Gegnern ein letztes drohendes Spottwort zuzuwerfen.

Anspielend auf den schmalen Landstrich, wie Florida zwischen beiden Meeren sich hinstreckt, behaupteten sie, es werde den Stoß des Schusses nicht aushalten, und beim ersten Kanonenschuß auseinander springen.

»Nun denn! so mag es springen!« erwiderten die Floridaner mit einem Lakonismus, der des Alterthums würdig war.

Zwölftes Capitel.

Zwölftes Capitel.

Dem ganzen Erdkreis.

Als die astronomischen, mechanischen, topographischen Schwierigkeiten gelöst waren, kam die Geldfrage. Es handelte sich um die Beschaffung einer enormen Summe für die Ausführung des Projects. Kein Privatmann, kein Staat selbst hätte die erforderlichen Millionen zur Verfügung gehabt.

Der Präsident Barbicane entschloß sich daher, obwohl die Unternehmung eine amerikanische war, sie zu einer Sache des allgemeinen Interesses zu machen, und jedes Volk um seine finanzielle Betheiligung anzugehen. Die ganze Erde hatte zugleich das Recht und die Pflicht, in den Angelegenheiten ihres Trabanten mitzuwirken. Die zu dem Ende eröffnete Subscription richtete sich von Baltimore an die gesammte Welt, Urbi et Orbi.

Diese Subscription sollte über alle Erwartung Erfolg haben. Es handelte sich jedoch nicht um eine Anleihe, sondern um ein Geldgeschenk. Die Operation war buchstäblich ohne Interessen und bot keine Aussicht auf einen Vortheil.

Aber die Mittheilung Barbicane’s hatte ihre Wirkung über die Grenzen der Vereinigten Staaten hinaus geäußert, war über den Atlantischen und Stillen Ocean gedrungen, hatte sich zugleich über Asien und Europa, Afrika und Oceanien verbreitet. Die Observatorien der Union setzten sich unmittelbar mit den ausländischen in Verbindung; die einen, zu Paris, Petersburg, Berlin, Altona, Stockholm, Warschau, Hamburg, Ofen, Bologna, Malta, Lissabon, auf dem Cap, zu Benares, Madras, Peking, ließen dem Gun-Club ihre Begrüßung zugehen; die anderen beobachteten eine vorsichtig zuwartende Haltung.

Das Observatorium zu Greenwich, dem die zweiundzwanzig übrigen astronomischen Beobachtungsstätten Großbritanniens beifällig wurden, sprach sich klar aus; es leugnete dreist die Möglichkeit des Erfolges, und stellte sich auf die Seite der Theorieen des Kapitäns Nicholl. Ebenso, während die verschiedenen gelehrten Gesellschaften Abgeordnete nach Tampa-Town zu schicken versprachen, ging das Bureau zu Greenwich in einer Sitzung brutal über Barbicane’s Vorschlag zur Tagesordnung über. Es war das die pure englische Eifersucht, nichts sonst.

Im Ganzen war der Eindruck auf die wissenschaftliche Welt ausgezeichnet, und äußerte seinen Einfluß auf die Massen, welche im Allgemeinen sich lebhaft für die Frage interessirten; ein sehr wichtiger Umstand, weil man an diese sich wendete um ein beträchtliches Capital zu unterzeichnen.

Der Präsident Barbicane hatte am 8. October ein Manifest voll Enthusiasmus erlassen, worin er sich an alle Menschen von gutem Willen auf dem Erdball wendete. Dieses Schriftstück wurde in alle Sprachen übersetzt und hatte guten Erfolg.

In den Hauptstädten der Union wurden Subscriptionen aufgelegt, um sich zu Baltimore bei der Bank, 9 Baltimore-Street, zu centralisiren; hierauf unterzeichnete man in den verschiedenen Staaten der beiden Welttheile:

Zu Wien bei S. M. von Rothschild;

– Petersburg bei Stieglitz & Cie.;

– Paris beim Credit Mobilier;

– Stockholm bei Tottie & Arfuredson;

– London bei N. M. von Rothschild & Söhne;

– Turin bei Ardouin & Cie.;

– Berlin bei Mendelsohn;

– Genf bei Lombard, Odier & Cie.;

– Constantinopel bei der Ottomanischen Bank;

– Brüssel bei S. Lambert;

– Madrid bei Daniel Weisweller;

– Amsterdam beim Credit Neerlandais;

– Rom bei Torlonia & Cie.;

– Lissabon bei Lecesne;

– Kopenhagen bei der Privatbank;

– Buenos-Ayres bei der Bank Maua;

– Rio-de-Janeiro bei demselben Hause;

– Montevideo ebendaselbst;

Zu Valparaiso bei Thomas La Chambre & Cie.;

– Mexico bei Martin Daran & Cie;

– Lima bei Th. Lachambre & Cie.

Drei Tage nach dem Manifest des Präsidenten Barbicane waren in den verschiedenen Städten, der Union vier Millionen Dollars hergeschossen. Mit einer solchen Baarschaft konnte der Gun-Club schon sich in Bewegung setzen.

Doch einige Tage später ward durch Depeschen Amerika kund, daß die auswärtigen Listen sich wetteifernd mit Unterzeichnungen bedeckten. Einige Länder zeichneten sich durch edle Freigebigkeit aus, andere öffneten minder leicht die spendende Hand. Das ist Sache des Temperaments.

Uebrigens sprechen Zahlen beredter, als Worte; es folge daher hier die officielle Aufstellung der Summen, welche nach dem Schluß der Unterzeichnungen dem Gun-Club zu Verfügung waren.

Rußland gab als seinen Antheil den enormen Betrag von dreihundertachtundsechzigtausendsiebenhundertdreiunddreißig Rubeln. Wollte man sich darüber wundern, so müßte man den wissenschaftlichen Sinn der Russen verkennen, und den Fortschritt, welcher die astronomischen Studien bei ihnen begleitet, Dank ihren zahlreichen Observatorien, deren bedeutendstes zwei Millionen Rubel gekostet hat.

Frankreich lachte Anfangs über die Anmaßung der Amerikaner. Der Mond wurde Zielscheibe unzähliger abgenützter Witze und Gegenstand einer Menge von Vaudevilles, worin schlechter Geschmack mit Unwissenheit wetteiferte. Aber wie die Franzosen vormals zahlten, nachdem sie gesungen, so zahlten sie diesmal, nachdem sie gelacht hatten, und unterzeichneten für eine Summe von einer Million zweihundertfünfunddreißigtausendneunhundertunddreißig Francs. Dafür durften sie schon sich ein wenig lustig machen.

Oesterreich zeigte sich inmitten seiner Finanznoth recht edelmüthig. Sein Beitrag belief sich in öffentlicher Steuer auf zweihundertsechzehntausend Gulden, die sehr willkommen waren.

Zweiundfünfzigtausend Reichsthaler war der Beitrag von Schweden und Norwegen, eine im Verhältniß zum Land ansehnliche Ziffer; aber sie wäre gewiß höher ausgefallen, wenn man die Subscription zu Christiania und Stockholm zu gleicher Zeit aufgelegt hätte. Die Norweger schicken nicht gerne ihr Geld nach Schweden, für welchen Zweck es auch sei.

Preußen bezeugte durch eine Sendung von zweihundertundfünfzigtausend Thalern, wie sehr es die Unternehmung billigte. Seine verschiedenen Observatorien betheiligten sich eifrig mit einer bedeutenden Summe, und trugen am meisten dazu bei, den Präsidenten Barbicane zu ermuthigen.

Die Türkei benahm sich edelmüthig dabei; sie war aber auch besonders dabei interessirt; nach dem Mond ist in der That ihr Jahresverlauf geregelt und ihre Fastenzeit Ramadan. Sie konnte nicht weniger geben, als eine Million dreihundertzweiundsiebenzigtausendsechshundertundvierzig Piaster, und sie zahlte dieselben mit einem Eifer, welcher jedoch einen gewissen Druck von Seiten der Pforte erkennen ließ.

Belgien zeichnete sich unter allen Staaten zweiten Ranges aus durch eine Gabe von fünfhundertdreizehntausend Francs, ungefähr zwölf Centimes auf den Kopf seiner Bewohner.

Holland und seine Colonieen betheiligten sich bei der Unternehmung mit hundertundzehntausend Gulden, bat nur um Bewilligung von fünf Procent Sconto, weil man baar zahlte.

Dänemark gab trotz der Beschränkung seines Gebietes doch neuntausend feine Dukaten, ein Beweis, wie gerne die Dänen wissenschaftliche Unternehmungen befördern.

Der Deutsche Bund unterzeichnete vierunddreißigtausendzweihundertfünfundachtzig Gulden; man konnte nicht mehr von ihm begehren; auch hätte er übrigens nicht mehr gegeben.

Italien, obwohl in großer Verlegenheit, fand doch in den Taschen seiner Kinder zweihunderttausend Lire, aber es mußte dieselben tüchtig umkehren.

Hätte es Venedig gehabt, so hätte es mehr gespendet; aber es war noch nicht im Besitz desselben.

Der Kirchenstaat glaubte nicht unter siebentausendundvierzig römische Thaler senden zu dürfen, und Portugal bezeugte seine Hingebung an die Wissenschaft mit dreißigtausend Cruzados.

Mexico spendete den Pfennig der Witwe mit sechsundachtzig Piastern; aber Reiche, die in der Gründung begriffen, sind immer etwas beengt.

Zweihundertsiebenundfünfzig Francs war der bescheidene Beitrag der Schweiz zum Werke Amerika’s. Offen gesagt, die Schweiz erkannte nicht die praktische Seite der Unternehmung; sie konnte sich nicht vorstellen, daß das Hinaufsenden einer Kugel in den Mond geeignet wäre, Geschäftsverbindungen mit dem Gestirn der Nacht zu gründen, und es kam ihr unklug vor, in eine so gewagte Unternehmung Geld zu stecken. Nach Allem hatte die Schweiz vielleicht Recht.

Für Spanien war’s unmöglich, mehr wie hundertundzehn Realen aufzubringen. Sein Vorwand war, daß es seine Eisenbahnen noch fertig zu bauen habe. Der wahre Grund aber liegt darin, daß in diesem Lande die Wissenschaft nicht gerne gesehen wird. Es ist noch ein wenig zurück. Und dann waren manche Spanier, die nicht zu den Ungelehrten gehörten, aber keine genaue Vorstellung von der Masse des Projectils im Verhältniß zu der des Mondes sich machen konnten; sie fürchteten, es möge seine Bahn stören, dieselbe in seiner Trabantenbestimmung aus der Ordnung bringen, so daß er auf die Erde fallen müsse. In diesem Falle sei es besser, sich davon fern zu halten. Und das thaten sie auch, etliche Realen abgerechnet.

Blieb noch England. Wir kennen bereits den verächtlichen Widerwillen, womit es Barbicane’s Vorschlag aufnahm. Die Engländer haben nur eine und dieselbe Seele für die fünfundzwanzig Millionen der Bewohner Großbritanniens. Sie gaben zu verstehen, die Unternehmung des Gun-Clubs streite mit dem »Nichtinterventions-Princip«, und sie unterzeichneten nicht für einen Pfennig.

Auf diese Mittheilung hatte der Gun-Club nur ein Achselzucken, und fuhr fort in seinem großen Werke. Als Südamerika, d. h. Peru, Chili, Brasilien, die La Platastaaten, Columbia, ihnen als Beitrag die Summe von dreihunderttausend Dollars zugestellt hatte, waren sie im Besitz eines ansehnlichen Capitals, dessen Gesammtbetrag

Unterzeichnung der Vereinigten Staaten 4,000,000 Dollars
Ausländische Subscriptionen 1,446,675 Dollars

Summa 5,446,675 Dollars.

Also fünf Millionen vierhundertsechsundvierzigtausendsechshundertundfünfundsiebenzig Dollars, oder neunundzwanzig Millionen fünfhundertundzwanzigtausendneunhundertdreiundachtzig Francs vierzig Centimes ließ das Publicum in die Casse des Gun-Club fließen.

Staune man nicht über die bedeutende Summe. Die Guß-, Bohr- und Maurer-Arbeiten, die Kosten für Reise und Unterhalt der Arbeiter in einem fast unbewohnten Lande, die Einrichtung der Oefen und Gebäude, das Geräthe der Werkstätten, das Pulver und Projectil, die Nebenkosten, mußten dem Ueberschlag nach fast die ganze Summe verschlingen. Im Bundeskrieg sind gewisse Kanonenschüsse auf tausend Dollars zu stehen gekommen; der Schuß des Präsidenten Barbicane, der in den Annalen der Artillerie einzig dasteht, konnte wohl fünftausendmal mehr kosten.

Am 5. October wurde mit der Hütte Goldspring bei New-York, die während des Kriegs für Parrott seine besten Kanonen gegossen hatte, ein Vertrag abgeschlossen.

Es wurde zwischen den Contrahenten ausgemacht, daß die Hütte Goldspring sich verbindlich mache, das zum Guß der Columbiade erforderliche Material nach Tampa-Town, in Südflorida, hinzuschaffen. Diese Operation sollte bis zum kommenden 15. October fertig, und die Kanone in gutem Zustand geliefert sein bei Strafe von hundert Dollars täglich bis zu dem Momente, da der Mond sich unter den nämlichen Bedingungen wieder darstellen werde, d. h. in achtzehn Jahren und elf Tagen.

Das Anwerben der Arbeiter, ihre Bezahlung, die nöthige wirtschaftliche Einrichtung liege der Compagnie Goldspring ob.

Dieser Vertrag, doppelt und redlich ausgefertigt, wurde unterzeichnet von J. Barbicane, Präsidenten des Gun-Clubs, und J. Murchison, Director des Hüttenwerks Goldspring.

Dreizehntes Capitel.

Dreizehntes Capitel.

Stone’s-Hill.

Seitdem der Gun-Club zu Ungunsten von Texas die Wahl getroffen hatte, ward es in Amerika, wo Jedermann zu lesen versteht, für Jeden eine Obliegenheit, die Geographie von Florida zu studiren. Die Hauptwerke darüber wurden ausverkauft, und es mußten neue Auflagen gemacht werden.

Für Barbicane genügte das Lesen nicht; er mußte mit eigenen Augen sehen, und den Ort für die Columbiade bestimmen. Auch stellte er unverzüglich dem Observatorium zu Cambridge die zur Errichtung eines Teleskops erforderlichen Mittel zur Verfügung, und verhandelte mit dem Hause Breadwill und Comp. zu Albany über die Anfertigung des Projectils in Aluminium. Darauf verließ er Baltimore in Begleitung von J. T. Maston, dem Major Elphiston und dem Director der Hütte Goldspring.

Die vier Reisegenossen gelangten am folgenden Tag nach Neu-Orleans, schifften sich da unverzüglich auf dem Tampico ein, einem Avisofahrzeug der Bundesmarine, welches die Regierung ihnen zur Verfügung stellte; und als der Dampf im Zug war, entschwanden bald die Gestade Louisiana’s ihren Augen.

Die Ueberfahrt dauerte nicht lange; zwei Tage nach der Abfahrt, als sie vierhundertachtzig Meilen zurückgelegt hatten, wurden sie der Küste von Florida ansichtig. Als Barbicane näher kam, gewahrte er vor sich ein niedriges, flaches Land von ziemlich unfruchtbarem Aussehen. Nachdem der Tampico eine Reihe Töpfe mit Austern und Hummern gefüllt, fuhr er in die Bai Espiritu Santo ein.

Diese Bai besteht aus zwei langen Rheden, der von Tampa und der von Hillisboro, in deren enge Mündung der Dampfer alsbald einfuhr. Kurz darauf spiegelte das Fort Brooke seine Streichbatterieen auf den Fluthen ab, und es zeigte sich die Stadt Tampa im Hintergrunde des kleinen natürlichen Hafens, welchen die Mündung des Flusses Hillisboro bildet, nachlässig gelagert.

Hier ging der Tampico am zweiundzwanzigsten October um sieben Uhr Abends vor Anker; die vier Passagiere begaben sich unverzüglich an’s Land.

Als Barbicane den Boden Florida’s betrat, klopfte ihm das Herz mit heftigen Schlägen; es war, als betaste sein Fuß den Boden, wie ein Architekt, der ein Gebäude prüft. J. T. Maston kratzte den Boden mit seinem eisernen Haken.

»Meine Herren«, sagte Barbicane, »wir haben keine Zeit zu verlieren; gleich morgen steigen wir zu Pferd, das Land zu recognosciren.«

Sowie Barbicane an’s Land gestiegen war, strömten die dreitausend Bewohner von Tampa-Town ihm entgegen, eine Ehre, die dem Präsidenten des Gun-Clubs wohl gebührte, welcher ihnen bei der Wahl seine Gunst geschenkt hatte. Sie empfingen ihn mit fürchterlichem Beifallsgeschrei; aber Barbicane entzog sich jeder Huldigungsbezeugung, begab sich in ein Zimmer im Hôtel Franklin und nahm keine Besuche an. Der Stand eines berühmten Mannes war ihm entschieden nicht genehm.

Am folgenden Morgen, dreiundzwanzigsten October, sah man kleine Pferde spanischer Race voll Feuer und Leben unter den Fenstern paradiren; aber es waren nicht vier, sondern fünfzig, und zwar beritten. Barbicane kam herab in Begleitung seiner drei Gefährten, und staunte anfangs über den Reiteraufzug um ihn her. Er bemerkte weiter, daß jeder Reiter seinen Karabiner am Bandelier und Pistolen im Halfter trug. Ein junger Floridaner gab ihn sogleich Auskunft über eine solche Entwickelung von Streitkräften mit den Worten:

»Mein Herr, es giebt da Seminolen.«

– Was? Seminolen?

– Wilde, die auf den Wiesengründen streifen; darum hielten wir für rathsam, Ihnen als Schutzwache zu dienen.

– Pöh! machte Maston, indem er sein Thier bestieg.

– Am Ende, fuhr der Floridaner fort, ist’s so sicherer.

»Meine Herren«, sagte Barbicane, »ich danke für die Aufmerksamkeit; und jetzt vorwärts!«

Die kleine Truppe sprengte sogleich davon und verschwand in einem Staubgewölke. Es war fünf Uhr Morgens; die Sonne glänzte bereits, und der Thermometer zeigte 84°; aber frische Seewinde mäßigten die Hitze.

Barbicane wendete sich von Tampa-Town südlich der Küste entlang, um an das Flüßchen Alisia zu gelangen, das zwölf Meilen unterhalb Tampa-Town in die Bai Hillisboro mündet. Die Truppe ritt längs seinem rechten Ufer östlich aufwärts. Bald verschwanden die Gewässer der Bai hinter einer Biegung des Landes, und nur Flachland lag vor ihren Blicken.

Florida besteht aus zwei Theilen: der nördliche, bevölkerter, minder öde, mit der Hauptstadt Talahassee und Pensacola, einem der bedeutendsten Seearsenale der Vereinigten Staaten; der südliche, eingeengt zwischen den Gewässern des Amerikanischen Meeres und dem Busen von Mexico, ist nur eine schmale Halbinsel längs dem Golfstrom, eine Landspitze inmitten eines kleinen Archipels, beständig von zahlreichen Fahrzeugen des Bahama-Canals umfahren. Es ist bei großen Stürmen der vorgeschobene Schutzposten des Golfs. Die Oberfläche dieses Staats beträgt achtunddreißig Millionen dreiunddreißigtausendzweihundertsiebenundsechzig Morgen (Acres) Landes, auf welchen die für die Unternehmung geeignete Stelle innerhalb des achtundzwanzigsten Breitegrades zu wählen war; daher prüfte auch Barbicane wahrend des Reitens achtsam die Gestaltung des Bodens und seine besondere Vertheilung,

Florida, von Juan Ponce de Leon im Jahre 1518 am Palmsonntag entdeckt, wurde Anfangs nach diesem Tag (Pâques Fleuries) benannt, welche schöne Beziehung gar nicht zu seinen dürren, versengten Küsten paßte. Aber einige Meilen vom Gestade entfernt ändert sich allmälig die Beschaffenheit des Bodens, und das Land zeigt sich seines Namens würdig: der Boden war mit einem Netz von Bächen und Flüßchen, fließenden und stehenden Wassern, kleinen Seen bedeckt; man konnte meinen, man sei in Holland oder Guyana; aber das Land wurde allmälig höher, und zeigte bald seine fruchtbaren Ebenen, wo alle Pflanzenproducte des Nordens und Südens gedeihen, seine unermeßlichen Fluren, wo die tropische Sonne und die im Thonboden enthaltene Feuchtigkeit allen förmlichen Anbau ersparten; endlich seine Wiesengründe voll Ananas, Jams, Tabak, Reis, Baumwolle und Zuckerrohr, welche sich in unabsehlicher Ausdehnung erstreckten und mit ihrem Reichthum in sorgloser Ueppigkeit prangten.

Barbicane schien sehr befriedigt, als er die allmälige Erhebung des Bodens gewahrte, und als Maston ihn darüber befragte, erwiderte er:

»Mein würdiger Freund, mir haben ein bedeutendes Interesse, unsere Columbiade auf dem höher gelegenen Grund zu gießen.

– Um dem Mond näher zu sein? rief der Secretär des Gun-Clubs.

– Nein! erwiderte Barbicane lächelnd. Was machen einige Toisen aus? Vielmehr, weil in dem höheren Grund unsere Arbeiten leichter vorschreiten, wir haben da wenig mit dem Wasser zu kämpfen, was uns weitläufige und kostspielige Röhrenwerke ersparen wird, wenn sich’s handelt, einen neunhundert Fuß tiefen Schacht zu graben.

– Sie haben Recht, sagte darauf der Ingenieur Murchison, man muß soviel wie möglich während des Bohrens das Zuströmen des Wassers vermeiden; aber wenn wir auf Quellen stoßen, das macht nichts aus, wir werden sie mit Maschinen auspumpen, oder wir werden sie ableiten. Es handelt sich hier nicht um einen artesischen Brunnen, wobei der Schraubenbohrer, die Dille, das Senkblei, kurz alle Bohrwerkzeuge im Dunkeln arbeiten. Nein, wir werden in freier Luft, bei hellem Licht arbeiten, der Spaten, die Hacke und Keilhaue in der Hand, und mit Hilfe der Mine werden wir rasch vorwärts kommen.

– Jedoch, erwiderte Barbicane, wenn wir durch einen höher liegenden Boden oder die Beschaffenheit desselben einem Kampf mit den unterirdischen Wassern ausweichen können, so wird die Arbeit dabei rascher fördern und tüchtiger sein; suchen wir also unseren Schacht in einen Grund zu führen, der einige hundert Toisen über dem Niveau des Meeres liegt.

– Sie haben Recht, Herr Barbicane, und irre ich nicht, so werden wir bald eine passende Stelle finden.

– Ah! ich möchte beim ersten Spatenstich dabei sein, sagte der Präsident.

– Und ich beim letzten! rief Maston.

– Wir werden dies Ziel erreichen, meine Herren, erwiderte der Ingenieur, und glauben Sie mir, die Compagnie Goldspring wird Ihnen keine Verzugsstrafen zu zahlen haben.

– Beim heiligen Bart! Da werden Sie wohl daran thun! erwiderte Maston; hundert Dollars täglich, bis der Mond wieder in die nämliche Stellung kommt, d. h. achtzehn Jahre und elf Tage lang; wissen Sie wohl, daß dies sechshundertachtundfünfzigtausend und hundert Dollars betragen würde.

– Nein, mein Herr, wir wissen’s nicht, erwiderte der Ingenieur, und werden’s gar nicht zu lernen brauchen.

Gegen zehn Uhr Vormittags hatte die kleine Schaar bereits ein Dutzend Meilen zurückgelegt; sie kamen ans den fruchtbaren Feldern in die Region der Wälder. Da wuchsen mancherlei Essenzen in tropischer Fülle. Diese fast undurchdringlichen Wälder bestanden aus Granat-, Orangen-, Citronen-, Feigen-, Oliven-, Aprikosen-Bäumen, Pisang und großen Weinreben, deren Früchte und Blüthen mit Farben und Wohlgerüchen um die Wette erquickten. Im duftenden Schatten dieser prachtvollen Bäume flog und sang eine ganze Welt von Vögeln mit glänzenden Farben, unter welchen besonders die Krebsfresser hervorstechen, deren Nest ein Schmuckkästlein sein sollte, um diesen befiederten Kleinodien würdig zu entsprechen.

Maston und der Major konnten sich nicht enthalten, ihre Bewunderung der glänzenden Schönheiten dieser reichen Natur zu äußern.

Aber der Präsident Barbicane eilte, unempfänglich für alle diese Wunder, voran; das Land mißfiel ihm eben durch seine Fruchtbarkeit; ohne gerade ein Wasserentdeckungskünstler zu sein, fühlte er das Wasser unter seinen Füßen, und suchte vergeblich nach Anzeichen einer unbestreitbaren Trockenheit.

Inzwischen kam man vorwärts; man mußte mehrere Flüsse durchwaten, nicht ganz ohne Gefahr, denn sie waren durch fünfzehn bis achtzehn Fuß lange Kaimans gefährlich. Maston drohte ihnen kühn mit seinem eisernen Haken; aber nur die Pelikane, Kriechenten und Phaetons, die wilden Bewohner der Gegend, wurden scheu, während große rothe Flamingos ihn dumm anblickten.

Endlich verschwanden auch diese Bewohner feuchter Landschaft; minder starke Bäume sah man zerstreut in lichterer Waldung; inmitten unendlicher Ebenen zeigten sich vereinzelte Gruppen, wohin sich Heerden aufgescheuchter Damhirsche zogen.

»Endlich! rief Barbicane, in seinen Steigbügeln sich empor richtend, hier kommt die Fichtenregion!

– Und auch die der Wilden«, erwiderte der Major.

In der That zeigten sich am fernen Horizont einige Seminolen; sie geriethen in Bewegung, rannten auf ihren raschen Pferden hin und her, schwangen lange Lanzen oder schossen dumpf mit ihren Gewehren; übrigens beschränkten sie sich auf diese feindseligen Kundgebungen, ohne weiter zu beunruhigen.

Barbicane befand sich mit seinen Gefährten mitten auf einer felsigen Ebene, einem offenen wenige Morgen großen Raum, worauf die Sonne glühende Strahlen warf. Diese hervorragende geräumige Erhöhung des Bodens schien den Mitgliedern des Gun-Clubs alle für die Aufstellung ihrer Columbiade erforderlichen Eigenschaften zu haben.

»Halt! rief Barbicane, indem er stehen blieb. Hat dieser Ort einen Namen im Land?

– Er heißt Stone’s-Hill (Steinhügel)«, erwiderte ein Floridaner.

Barbicane stieg schweigend ab, nahm seine Instrumente, und begann seine Lage mit äußerster Genauigkeit aufzunehmen; die kleine Truppe sammelte sich um ihn und beobachtete ihn im tiefsten Schweigen.

In diesem Momente trat die Sonne in den Meridian. Barbicane schrieb nach einigen Augenblicken rasch das Ergebniß seiner Beobachtung auf. »Dieser Platz liegt dreihundert Toisen über der Meeresfläche unter’m 27° 7′ nördlicher Breite, und 5° 7′ westlicher Länge; es scheint mir, er biete durch seine trockene und felsige Beschaffenheit alle dem Unternehmen günstigen Bedingungen dar; auf dieser Ebene wollen wir also unsere Magazine, unsere Werkstätten, Essen, Arbeiterwohnungen errichten, und von dieser, ja dieser Stelle aus«, wiederholte er, indem er mit dem Fuß den Gipfel von Stone’s-Hill betrat, »soll unser Projectil in die Räume der Sonnenwelt empor fliegen!«

Vierzehntes Capitel.

Vierzehntes Capitel.

Hacke und Kelle.

An demselben Abend kehrte Barbicane mit seinen Gefährten nach Tampa-Town zurück, und der Ingenieur Murchison schiffte sich auf dem Tampico wieder nach New-Orleans an. Er mußte ein Heer von Arbeitern dingen und den größten Theil des Materials dort holen. Die Mitglieder des Gun-Clubs blieben zu Tampa-Town, um mit Hilfe der Leute des Landes die ersten Arbeiten einzurichten.

Acht Tage nach seiner Abfahrt kam der Tampico mit einer kleinen Flotte von Dampfbooten in die Bai Espiritu Santo zurück. Murchison hatte fünfzehnhundert Arbeiter zusammengebracht. Zu der leidigen Zeit der Sclaverei hätte er Zeit und Mühe verloren. Aber seitdem das Land der Freiheit, Amerika, nur freie Bewohner hat, strömen diese von allen Seiten herbei, wo reichlich bezahlte Arbeit sie hinruft. Da es dem Gun-Club nicht an Geld mangelte, so bot er seinen Leuten hohen Lohn nebst beträchtlichen verhältnißmäßigen Vergütungen. Der nach Florida gedungene Arbeiter konnte darauf rechnen, daß nach Vollendung der Arbeit auf der Bank von Baltimore ein Capital für ihn niedergelegt war. Murchison hatte daher nach Belieben die Wahl, und konnte strenge Anforderungen an die Geschicklichkeit und Tüchtigkeit seiner Arbeiter machen. Man darf wohl glauben, daß er in sein Arbeitsheer nur die besten Leute sich wählte, Mechaniker, Heizer, Gießer, Kalkbrenner, Grubenarbeiter, Ziegelstreicher und Handwerker aller Art, schwarze oder weiße, ohne Unterschied der Farbe. Viele von ihnen nahmen ihre Familien mit. Es war eine Art Auswanderung.

Am 31. October um zehn Uhr Vormittags stieg diese Schaar zu Tampa-Town an’s Land; man begreift, welche Bewegung und Thätigkeit in diesem Städtchen entstand, als auf einmal sich ihre Einwohnerzahl verdoppelte. In der That mußte dieser Schritt des Gun-Clubs Tampa-Town zu großem Vortheil gereichen, nicht sowohl durch die Menge der Werkleute, welche sich unverzüglich nach Stone’s-Hill begaben, als durch das Zuströmen von Neugierigen, die nach und nach aus allen Theilen der Welt nach der Halbinsel Florida kamen.

In den ersten Tagen schiffte man das mitgebrachte Geräthe aus, die Maschinen, Lebensmittel, nebst einer großen Anzahl von Wohnungen aus Eisenblech, deren Theile auseinandergelegt und numerirt waren. Zu gleicher Zeit steckte Barbicane zur Verbindung von Stone’s-Hill mit Tampa-Town eine fünfzehn Meilen lange Eisenbahn ab.

Es ist bekannt, wie man in Amerika Eisenbahnen baut; launig in Beziehung auf Umwege, mit kühnen Steigungen, Geländer und künstliche Bauten verschmähend, laufen dieselben bergan und bergab blindlings weiter ohne Rücksicht auf die gerade Linie; sie sind nicht kostspielig, nicht unbequem; nur daß man in voller Freiheit darauf entgleist und Luftsprünge macht. Die Strecke von Tampa-Town nach Stone’s-Hill war eine Bagatelle, die nicht viel Geld noch Zeit kostete.

Uebrigens war Barbicane die Seele dieser auf seinen Ruf zusammengeströmten Leute; er belebte sie, theilte ihnen seinen Hauch, seinen Enthusiasmus, seine Ueberzeugung mit, er war allerwärts zugegen, als sei er mit Allgegenwärtigkeit begabt, stets von Maston, wie von einer summenden Mücke, begleitet. Sein praktischer Geist ersann tausend Erfindungen. Für ihn gab’s kein Hinderniß, keine Schwierigkeit, keine Verlegenheit; er war Bergmann, Maurer, Mechaniker sowie Artillerist, hatte Antworten auf alle Fragen, und Lösungen für alle Probleme. Er correspondirte lebhaft mit dem Gun-Club oder dem Hüttenwerk Goldspring; Tag und Nacht war mit angezündetem Feuer und gespanntem Dampf der Tampico auf der Rhede zu Hillisboro seiner Befehle gewärtig.

Am 1. November verließ Barbicane mit einem Trupp seiner Arbeiter Tampa-Town und vom folgenden Tage an wuchs um Stone’s-Hill herum eine Stadt maschinenfertiger Häuser empor; man umgab sie mit Palissaden, und ihrem regen, emsigen Leben nach hätte man sie für eine der großen Städte der Union gehalten. Das Leben war darin disciplinarisch geordnet, und die Arbeiten begannen in vollkommenster Ordnung.

Durch sorgfältig angestellte Untersuchungen kannte man schon genau die Beschaffenheit des Bodens, und die Grabarbeit konnte bereits am 4. November in Angriff genommen werden. An diesem Tage versammelte Barbicane seine Werkmeister und sprach zu ihnen:

»Es ist Ihnen, meine Freunde, allen bekannt, weshalb ich Sie in dieser öden Gegend Florida’s zusammen berufen habe. Es soll eine Kanone gegossen werden, von neun Fuß innerem Durchmesser, mit sechs Fuß dicken Wänden und einer steinernen Verkleidung von neunzehn und ein halb Fuß; dafür nun ist ein Schacht zu graben von sechzig Fuß Breite und neunhundert Tiefe. Diese bedeutende Arbeit soll in acht Monaten fertig sein. Sie haben also zwei Millionen fünfhundertdreiundvierzigtausendvierhundert Kubikfuß Grund auszugraben binnen zweihundertfünfundfünfzig Tagen, d. h. zehntausend Kubikfuß täglich. Diese Aufgabe, welche für tausend Arbeiter mit freien Armen nicht schwierig ist, wird in einem verhältnißmäßig engen Raum etwas beschwerlicher sein. Dennoch, da es nothwendig ist, wird die Arbeit zu fertigen sein, und ich zähle auf Ihren Muth, wie auf Ihre Tüchtigkeit.«

Um acht Uhr Vormittags geschah der erste Spatenstich in Florida’s Boden, und von diesem Moment an blieb dieses treffliche Werkzeug in der Hand der Grubenleute nicht einen Augenblick müßig. Die Arbeiter lösten sich jeden Viertheil des Tages ab.

So kolossal übrigens die Aufgabe war, überstieg sie doch nicht das Maß menschlicher Kräfte. Wie manche weit schwierigere, wobei die Elemente direct zu bewältigen waren, wurden zu gutem Ende geführt! Und um nur von Arbeiten der nämlichen Art zu reden, brauch‘ ich nur den Brunnenschacht des Pater Joseph anzuführen, welchen der Sultan Saladin bei Kairo aufführen ließ, zu einer Zeit, als die menschliche Kraft noch nicht durch Maschinen hundertfach stärker geworden war, und der vom Niveau des Nils dreihundert Fuß in die Tiefe ging. Sodann den zu Coblenz, welchen Markgraf Johann von Baden sechshundert Fuß tief graben ließ. Nun um was handelte sich’s denn, kurz zu sagen? Diese Tiefe dreimal zu nehmen bei zehnfacher Breite, wodurch das Graben nur leichter wurde. Darum zweifelte auch kein Werkmeister oder Arbeiter am günstigen Erfolg.

Die Beschleunigung der Arbeit wurde noch durch einen wichtigen Beschluß erleichtert, welchen der Ingenieur Murchison mit dem Präsidenten Barbicane faßte. Ein Artikel des Vertrages besagte, daß die Columbiade mit Ringen von Schmiedeisen umgeben werden solle, welche glühend angelegt werden mußten. Es war dies eine übertriebene Vorsicht, denn man konnte diese Ringe wohl entbehren. Man verzichtete daher auf diesen Punkt, und sparte dadurch viele Zeit; man konnte dann beim Graben das neue System anwenden, welches man jetzt beim Schachtbau befolgt, indem man das Mauern gleichzeitig mit dem Graben vornimmt. In Folge dieses einfachen Verfahrens ist es nicht mehr nöthig, den Erdgrund mit Strebepfählen zu stützen, das Mauerwerk hält denselben unerschütterlich fest.

Mit diesem Verfahren konnte man jedoch erst dann beginnen, als die Hacke auf den Felsgrund gekommen war.

Am 4. November gruben fünfzig Arbeiter im Mittelpunkt des umzäunten Raumes, auf der Oberfläche von Stone’s-Hill ein kreisrundes Loch von sechzig Fuß Breite.

Die Hacke stieß Anfangs auf eine sechs Zoll tiefe Schichte schwarzen Erdreichs, das leicht beseitigt war. Hierauf folgten zwei Fuß feinen Sandes, den man sorgfältig aufhob, um ihn bei Fertigung der Gießform zu benützen.

Hernach zeigte sich ein weißer, ziemlich fester Thon, ähnlich dem Mergel in England, der eine vier Fuß dicke Schichte bildete.

Jetzt kam man auf den harten Grund von versteinerten Muscheln, der sehr trocken und fest war und fortwährend die Anwendung von Handwerkszeug nothwendig machte. Man hatte bereits eine Tiefe von sechs und einem halben Fuß erreicht, und die Maurerarbeit konnte begonnen werden.

Auf dem Boden dieser Grube fertigte man von Eichenholz eine radförmige stark ausgebolzte Scheibe von erprobter Festigkeit, mit einer Oeffnung in der Mitte von einem Durchmesser gleich dem äußeren der Columbiade. Auf dieser Radscheibe ruhten die ersten Schichten des Mauerwerks, dessen Steine durch hydraulischen Mörtel auf’s Zäheste verbunden waren. Als das Mauerwerk vom Umkreis bis zur Mitte aufgeführt war, befanden sich die Arbeiter in einem einundzwanzig Fuß breiten Schacht eingeschlossen.

Als man damit fertig war, nahmen die Arbeiter Hacke und Pickel zur Hand, hieben den Felsgrund dicht unter der Scheibe an, welche sie nach Maßgabe der fortschreitenden Arbeit mit äußerst starkem Gebälk zu stützen bedacht waren. Sobald die Grube um zwei Fuß tiefer geworden war, nahm man die Balken, einen nach dem andern, heraus; die Radscheibe senkte sich allmälig sammt dem ringförmigen Mauerwerk, welches die Werkleute oben unaufhörlich weiter aufführten, indem sie dabei »Abzugslöcher« frei ließen, durch welche während der Gußarbeit das sich entwickelnde Gas entweichen konnte.

Diese Art von Arbeit erforderte auf Seiten der Arbeiter eine ausnehmende Geschicklichkeit und unablässige Achtsamkeit; Mancher wurde beim Graben unter der Scheibe von Steinsplittern verwundet, aber ihr Eifer ließ bei Tag und Nacht nicht eine Minute nach; bei Tag, wo die Hitze einige Monat später bis auf neunzig Grad stieg; Nachts beim bleichen Schein elektrischer Lichtströme, unterm Lärmen der klopfenden Steinhauer, der explodirenden Minen, der knarrenden Maschinen, in einem Wirbel von Dünsten, welche in weitem Kreis um Stone’s-Hill herum die Lüfte durchdrangen, so daß weder Büffelheerden noch Seminolen sich in die Nähe wagten.

Indessen schritten die Arbeiten regelmäßig vor; das Material wurde vermittelst Krahnen durch Dampfkraft auf und ab geschafft; unerwartete Hindernisse gab’s wenige, der vorausgesehenen ward man leicht Herr.

Nach Verlauf des ersten Monats hatte der Schacht die für diesen Zeitraum bestimmte Tiefe, nämlich hundertundzwölf Fuß, erreicht; im December das Doppelte, im Januar das Dreifache dieses Maßes. Während des Februar hatten die Arbeiter gegen Wasser zu kämpfen, welches durch den umgebenden Erdgrund eindrang. Man mußte stark wirkende Pumpen und Vorrichtungen mit zusammengepreßter Luft anwenden, um es herauszuschaffen und dann die Mündungen der Quellen zu vermauern. So wurde man der widerwärtigen Einströmungen Meister; nur geschah es, daß in Folge des weicheren Grundes die Radscheibe zum Theil nachgab und ein theilweises Einstürzen eintrat. Man denke auch, welchen furchtbaren Druck das vierhundertundfünfzig Fuß hohe Mauerwerk auf die Scheibe ausüben mußte Dabei kamen einige Arbeiter um’s Leben.

Drei Wochen gingen drauf, um das Mauerwerk zu stützen, die Arbeit unten wieder aufzunehmen, und die Scheibe wieder so fest, wie früher, zu machen. Doch erlangte das eine Zeit lang geschädigte Werk durch die Geschicklichkeit der Ingenieure und die Tüchtigkeit der Maschinen seine Festigkeit wieder, und die Bohrarbeit wurde fortgesetzt.

Von nun an hielt kein neuer Zwischenfall den Fortschritt der Arbeit auf, und am 10. Juni, zwanzig Tage vor Ablauf der von Barbicane gesteckten Frist, hatte der Schacht mit seiner vollständigen Mauereinfassung die Tiefe von neunhundert Fuß erreicht. Unten ruhte das Gemäuer auf einem massiven dreißig Fuß dicken Würfel, und oben reichte es an die Oberfläche des Bodens.

Barbicane und die Mitglieder des Gun-Clubs begrüßten warm den Ingenieur Murchison, daß seine Cyklopenarbeit so außerordentlich rasch fertig geworden.

Im Verlauf dieser acht Monate verließ Barbicane Stone’s-Hill nicht einen Augenblick; während er Schritt für Schritt die Bohrarbeit begleitete, bekümmerte er sich unablässig um das Wohlsein und die Gesundheit seiner Arbeiter, und wußte auch glücklich die Krankheiten fern zu halten, welche bei großer Menschenanhäufung so leicht vorkommen, und in den Gegenden tropischen Klimas so gefährlich werden können.

Es hatten zwar mehrere Arbeiter ihre Unvorsichtigkeit mit dem Leben zu büßen; aber bei so gefährlichen Arbeiten sind beklagenswerthe Unfälle der Art unmöglich zu vermeiden, und sie gehören zu dem Detail, was den Amerikanern wenig Sorge macht. Sie bekümmern sich mehr um die Humanität im Allgemeinen, als gegen das Individuum im Besonderen. Doch Barbicane hatte die entgegengesetzten Grundsätze und brachte sie bei jeder Gelegenheit zur Anwendung. Seiner Sorge und Einsicht, seinem nützlichen Einwirken bei schwierigen Fällen, seinem er staunlichen humanen Scharfblick war es daher auch zu verdanken, daß die Unglücksfälle durchschnittlich diejenige Zahl nicht überschritten, wie sie in denjenigen europäischen Ländern vorkommen, welche man wegen überreicher Vorsichtsmaßregeln als Muster anführt, unter anderen Frankreich, wo man bei den Arbeiten auf zweimalhunderttausend Francs ungefähr einen Unglücksfall rechnet.