Achtes Capitel


Achtes Capitel

Achtundsiebenzigtausendhundertundvierzehn Meilen.

Was war vorgegangen? Woher kam diese seltsame Berauschung, welche verderbliche Folgen haben konnte? Eine bloße Unachtsamkeit Michel’s war schuld, und glücklicher Weise konnte Nicholl noch zeitig abhelfen.

Nach einer wirklichen. Ohnmacht von einigen Minuten kam der Kapitän zuerst wieder zur Besinnung, zum Besitz seines Verstandes.

Obwohl er zwei Stunden zuvor gefrühstückt hatte, empfand er einen fürchterlichen Hunger, der ihn peinigte, als habe er seit einigen Tagen nichts gegessen. Sein Magen war, wie das Gehirn und alle Nerven im höchsten Grad überreizt.

Er stand also auf und begehrte von Michel ein nachträgliches Frühstück. Michel, der noch nicht bei Sinnen war, antwortete nicht. Nun wollte Nicholl einige Tassen Thee bereiten, um das Verschlingen von einem Dutzend Sandwichs zu erleichtern. Um sich dafür Feuer zu machen, rieb er hastig ein Zündhölzlein.

Wie erstaunte er, als er den Schwefel außerordentlich glänzend brennen sah, daß seine Augen es fast nicht aushalten konnten. Aus dem Hahnen des Gases, welches er anzündete, strömte eine Flamme, wie ein elektrischer Lichtstrom.

Jetzt ging dem Kapitän ein Licht auf. Dieser starke Lichtglanz, die in ihm vorgegangenen physiologischen Störungen, die Ueberreizung aller seiner geistigen und sittlichen Kraft, Alles ward ihm verständlich.

»Der Sauerstoff«! rief er aus.

Er besichtigte den Luftbereitungs-Apparat, und gewahrte wie dem Hahnen reichlich das farblose, geschmacklose, geruchlose Gas entströmte, welches zwar äußerst belebend ist, aber in unvermischtem Zustand die bedenklichsten Störungen des Organismus herbeiführt. Aus Unachtsamkeit hatte Michel den Hahnen zu weit offen gelassen!

Nicholl hemmte rasch das Ausströmen das Sauerstoffs, womit die Atmosphäre gesättigt war, so daß der Tod der Reisenden nicht durch Ohnmacht, sondern durch Verbrennen erfolgt wäre.

Eine Stunde hernach, als die Luft weniger von Sauerstoff überladen war, konnten die Lungen wieder regelmäßig ihre Function verrichten. Allmälig kamen die drei Freunde aus ihrem Rausch wieder zu sich; aber sie mußten diesen Gasrausch ausschlafen, wie ein Betrunkener seinen Weinrausch.

Als Michel hörte, wie sehr er diesen Zwischenfall verschuldet hatte, ließ er sich dadurch nicht aus der Fassung bringen. Diese unversehene Trunkenheit beseitigte die langweilige Einförmigkeit der Reise. Zwar hatte man sich in diesem Zustand manche Beleidigungen gesagt, aber sie waren rasch wieder vergessen.

»Sodann«, fügte der lustige Franzose bei, »bin ich nicht böse, etwas von diesem Gas, das in den Kopf steigt, genossen zu haben. Wissen Sie, meine Freunde, es ließe sich eine merkwürdige Anstalt gründen, Sauerstoffcabinette, worin Leute von abgeschwächtem Organismus auf einige Stunden könnten zu einem thätigeren Leben gesteigert werden! Denken Sie sich einmal Versammlungen, worin die Luft mit diesem heroischen Fluidum gesättigt wäre, Theater, worin die Administration dasselbe in großer Dosis verwendet, welche Leidenschaft in der Seele der Schauspieler und Zuschauer, welches Feuer, welcher Enthusiasmus würde dadurch erzeugt! Und wenn man, statt einer bloßen Versammlung, ein ganzes Volk damit sättigen könnte, welche Belebung der Thätigkeit in seinen Verrichtungen, welche Lebensergänzung würde erfolgen. Aus einer durch Erschöpfung herabgekommenen Nation könnte man vielleicht eine kräftige und große Nation machen, und ich kenne mehr wie einen Staat unseres alten Europas, welcher im Interesse seiner Gesundheit sich einer Sauerstoffcur unterziehen sollte!«

Michel sprach und steigerte sich dergestalt, daß man meinen konnte, der Hahnen sei immer noch zu weit offen. Aber mit einem einzigen Worte hemmte Barbicane seinen Enthusiasmus.

»Das ist alles gut, Freund Michel«, sprach er zu ihm, »aber willst Du uns nicht sagen, woher das Geflügel kam, das sich in unser Concert mischte?«

– Dies Geflügel?

– Ja.

In der That spazierten ein halb Dutzend Hennen sammt einen prachtvollen Hahn umher, flatterten und gackerten.

»Ach! Die Tölpel!« rief Michel. »Der Sauerstoff hat sie in Aufruhr gebracht!«

– Aber was willst Du denn mit dem Geflügel anfangen? fragte Barbicane.

– Sie auf dem Mond acclimatisiren, wahrhaftig!

– Weshalb hast Du sie denn versteckt?

– Ein Possenstreich, mein würdiger Präsident, ein bloßer Scherz, der kläglich scheiterte! Ich wollte sie auf dem Mondland im Stillen frei lassen, ohne Ihnen ein Wörtchen zu sagen! Nicht wahr, Sie wären erstaunt gewesen, daß solch irdisches Geflügel auf den Gefilden des Mondes nach Körnern scharrt!

– Ach, was bist Du ewig ein Gamin! erwiderte Barbicane, bei Dir bedarf’s keines Sauerstoffs, um den Kopf zu steigern! Du bis stets, was wir in der Gasbenebelung waren: stets ein Narr!

– So! wer sagt denn, daß wir damals nicht gescheit gewesen, entgegnete Michel Ardan.

Nach dieser philosophischen Betrachtung stellten die drei Freunde die Ordnung im Projectil wieder her. Hennen und Hahn wurden wieder eingesperrt. Aber während sie dieses vornahmen, kam Barbicane und seinen Genossen eine neue Erscheinung sehr auffallend zum Bewußtsein.

Seit dem Moment, da sie von der Erde abgefahren waren, hatten sie selbst, die Kugel sammt den darin enthaltenen Gegenständen, beständig und in zunehmendem Verhältniß an Schwere abgenommen. Konnten sie diese Abnahme für das Projectil nicht constatiren, so mußte doch ein Zeitpunkt kommen, wo diese Wirkung in Beziehung auf sie selbst und für die Geräthe oder Instrumente, deren sie sich bedienten, merkbar wurde.

Es versteht sich, daß eine Wage die Abnahme nicht angezeigt haben würde, weil das zum Abwiegen eines Gegenstands bestimmte Gewicht gerade ebensoviel an Schwere verloren haben würde, als der Gegenstand selbst; aber eine Schnellwage mit einer Feder, deren Spannkraft von der Anziehungskraft unabhängig ist, hätte dieses Schwinden genau anzugeben vermocht.

Bekanntlich steht die Anziehungskraft, sonst Schwere genannt, im gleichen Verhältniß der Massen, und im umgekehrten des Quadrats der Entfernungen. Daraus folgt nun: Wäre die Erde allein in dem Raum gewesen, und die anderen Himmelskörper plötzlich zu Nichte geworden, so würde das Projectil nach Newton’s Gesetz um so viel mehr, als es sich von der Erde entfernte, an Gewicht verloren haben, doch ohne dasselbe jemals ganz zu verlieren, denn die Anziehungskraft der Erde würde sich stets, bei jeder Entfernung, fühlbar gemacht haben.

Aber in dem gegebenen Fall mußte ein Zeitpunkt eintreten, wo das Projectil gar nicht mehr den Gesetzen der Schwere unterworfen war, wenn man von den anderen Himmelskörpern absah, deren Einwirkung man als Null ansehen konnte.

In der That zog sich die Bahnlinie des Projectils zwischen der Erde und dem Mond. Je mehr sich dasselbe von der Erde entfernte, nahm die Anziehung der letzteren ab im umgekehrten Verhältniß des Quadrats der Entfernungen, aber auch die Anziehung von Seiten des Mondes nahm in gleichem Verhältniß zu. Es mußte also ein Punkt kommen, wo diese beiden Anziehungen sich gegenseitig aufhoben, die Kugel also gar keine Schwere mehr hatte. Wäre Erde und Mond von gleichem Massengehalt gewesen, so hätte dieser Punkt in gleicher Entfernung von beiden, gerade in der Mitte der Linien gelegen. Zog man aber die Verschiedenheit der Massen in Berechnung, so war es leicht zu berechnen, daß dieser Punkt zwischen siebenundvierzig und zweiundfünfzig Theilen der Reise lag, in Ziffern nämlich, achtundsiebenzigtausendeinhundertundvierzehn französische Meilen von der Erde ab.

Auf diesem Punkt würde ein Körper, der keine treibende Kraft der Schnelligkeit oder Ortsveränderung in sich enthielt, ewig unverändert bleiben, indem er von den beiden Gestirnen gleichmäßig angezogen würde und keine andere Kraft ihn abzog.

Nun aber mußte das Projectil, wenn die treibende Kraft richtig berechnet war, beim Anlangen an diesem Punkt keine Geschwindigkeit mehr haben, indem zugleich bei ihm, wie bei allen in demselben enthaltenen Gegenständen, gar keine Schwere mehr zu erkennen war.

Was würde jetzt erfolgen? Es konnte einer von den drei Fällen eintreten:

Entweder das Projectil hatte noch einige Geschwindigkeit behalten, dann drang es über den Punkt gleicher Anziehung hinaus, und mußte, vermöge der überwiegenden Anziehungskraft des Mondes auf diesen fallen.

Oder, wenn ihm die Kraft mangelte, den Punkt gleicher Anziehung zu erreichen, so mußte es vermöge der überwiegenden Anziehungskraft der Erde auf diese zurückfallen.

Oder endlich, seine Kraft reichte zum Anlangen an dem neutralen Punkt gerade aus, aber nicht weiter vorwärts, dann würde sie ewig an dieser Stelle bleiben, wie das angebliche Grab Mahomed’s, zwischen dem Zenith und Nadir.

In dieser Lage befand man sich, und Barbicane setzte seinen Reisegefährten die Folgen derselben klar auseinander. Das entsprach im höchsten Grad ihrem Interesse. Wie konnten sie nun aber erkennen, daß das Projectil, diesen neutralen Punkt in der Entfernung von achtundsiebenzigtausendeinhundertundvierzehn französischen Meilen erreicht habe?

Eben daran, wenn sowohl sie, als die im Projectil enthaltenen Gegenstände sich gar nicht mehr den Gesetzen der Schwere unterworfen zeigten.

Bisher hatten die Reisenden, obwohl sich ihnen ergab, daß diese Kraft mehr und mehr schwand, doch noch nicht ihre völlige Abwesenheit erkannt. Aber diesen Tag, gegen elf Uhr Morgens, als Nicholl ein Glas aus der Hand fallen ließ, blieb dasselbe, anstatt zu fallen, in der Luft schweben.

»Ei!« rief Michel Ardan, »da seht einmal eine spaßhafte Physik!«

Und sofort hielten sich verschiedene Gegenstände, Waffen, Flaschen, die man sich selbst überließ, wie zauberhaft an ihrer Stelle. Auch Diana, von Michel in die Luft gestellt, führte, jedoch ohne ein Zauberkunststück, das einst von Caston und Robert Houdin veranstaltete schwebende Wunder auf. Der Hund schien übrigens gar nicht zu merken, daß er in der Luft schwebte.

Sie selbst, diese drei wagehalsigen Genossen, waren überrascht und trotz ihres wissenschaftlichen Urtheils bestürzt, als sie, in das Bereich des Wunderbaren versetzt, merkten, daß ihrem Körper die Schwere abging. Wenn sie die Arme ausstreckten, fühlten diese kein Bedürfniß, wieder zu sinken. Ihr Kopf wackelte auf den Schultern. Ihre Füße blieben nicht mehr auf dem Boden des Projectils. Sie waren wie Betrunkene, die nicht mehr fest stehen können. Die Phantasie hat Menschen ohne Schatten, ohne Widerschein geschaffen. Hier aber bildete die Wirklichkeit durch Aufhebung der Anziehungskräfte Menschen, bei denen nichts mehr ein Gewicht, und die selbst keine Schwere mehr hatten!

Plötzlich schwang sich Michel mit einem Sprung empor, und blieb so in der Luft schwebend, wie bei Murillo der Mönch in der Engelsküche.

Seine beiden Freunde gesellten sich ihm auf ein Weilchen zu, so daß sie alle drei in der Mitte des Projectils eine wunderbare Himmelfahrt darstellten.

»Ist das glaublich, ist’s wahrscheinlich? ist’s möglich?« rief Michel aus. »Nein. Und doch ist’s so! Ach! hätte uns Raphael so gesehen, was hätte er für eine ›Himmelfahrt‹ dargestellt!«

– »Das Schweben in der Höhe kann nicht andauern, erwiderte Barbicane. Wenn das Projectil über den neutralen Punkt hinaus kommt, wird die Anziehungskraft des Mondes uns nach diesem hin ziehen.

– Dann werden wir also auf der Decke des Projectils Fuß fassen, erwiderte Michel.

– Nein, sagte Barbicane, weil das Projectil, dessen Schwerpunkt sehr weit unten liegt, sich allmälig umkehren wird.

– Das will heißen, unsere ganze Einrichtung, von oben bis unten, wird sich umkehren!

– Beruhige Dich, Michel, erwiderte Nicholl. Eine Umkehrung ist durchaus nicht zu befürchten. Nicht ein einziger Gegenstand wird von seiner Stelle rücken, weil die Wendung des Projectils ganz unmerklich vorgeht.

– Richtig, fuhr Barbicane fort, und wenn es über den Punkt gleicher Anziehung hinaus ist, wird sein Boden als der verhältnißmäßig schwerere Theil dasselbe senkrecht nach dem Mond hin ziehen. Aber damit dieses vor sich gehe, müssen wir über die neutrale Linie hinaus sein.

– Ueber die neutrale Linie hinaus! schrie Michel. Dann machen wir’s wie die Seeleute, welche die Linie des Aequators passiren. Benutzen wir den Uebergang.«

Eine leichte Seitenbewegung brachte Michel an die ausgefütterte Wand. Hier nahm er eine Flasche und Gläser, stellte sie in die Luft vor seine Kameraden, sie stießen lustig an und begrüßten die Linie mit einem dreifachen Hurrah.

Diese Wirkung der Anziehungskräfte dauerte kaum eine Stunde. Die Reisenden fühlten sich unmerklich wieder nach dem Boden gezogen, und Barbicane glaubte wahrzunehmen, daß die konische Spitze des Projectils ein wenig von der senkrecht dem Mond zugewendeten Richtung abwich. Durch eine entgegengesetzte Bewegung näherte sich das Bodenstück demselben. Die Anziehungskraft des Mondes überwog also die der Erde. Der Fall nach dem Mond zu begann, noch fast unmerklich; er konnte in der ersten Secunde nur 1/3 Millimeter, d.h. fünfhundertundneunzig Tausendtheile einer Linie betragen. Aber allmälig würde die anziehende Kraft zunehmen, der Fall würde auffallender werden, das Projectil, mit dem Boden gegen den Mond gezogen, würde seine Spitze der Erde zukehren, und mit wachsender Schnelligkeit auf die Oberfläche des Mondlandes fallen. Damit wäre der Zweck erreicht. Jetzt konnte nichts mehr das Gelingen hindern, und Nicholl mit Michel Ardan theilten Barbicane’s Freude. Hernach plauderten sie über alle diese Erscheinungen, welche sie eine nach der anderen in Staunen versetzten. Diese Neutralisation der Gesetze der Schwere zumal gab immer neuen Stoff der Unterhaltung. Michel Ardan, stets Enthusiast, wollte daraus Consequenzen ziehen, die pure Phantasie waren.

»Nun, meine würdigen Freunde«, rief er aus, »welcher Fortschritt, wenn man sich dergestalt der Schwere, dieser an die Erde fesselnden Kette, entledigen könnte! Es wäre gleichsam Befreiung eines Gefangenen! Es gäbe keine Ermüdung mehr für die Arme, wie für die Beine. Und wenn es richtig steht, daß, um auf die Erdoberfläche zu fliegen, um sich durch bloßes Muskelspiel in der Luft zu halten, es einer hundertfach stärkeren Kraft, als die unserige ist, bedarf, so würde ein bloßer Willensact, eine Laune uns in den Weltraum versetzen, wenn die Anziehungskraft nicht mehr existirte.«

– Wirklich, sagte Nicholl lächelnd, wenn man die Schwere unterdrücken könnte, wie man den Schmerz durch Chloroform unterdrückt, so würde das gewiß die Gestalt der modernen Gesellschaft ändern!

– Ja! rief Michel, der von seinem Gegenstand ganz erfüllt war, heben wir die Schwerkraft auf, dann giebt’s keine Bürden mehr. Folglich Krahnen, Winden, Spillen, Kurbeln und dergleichen Maschinen hätten kein Recht mehr zu existiren!

– Gut gesagt, entgegnete Barbicane, aber wenn es keine Schwere mehr gäbe, so hielte und säße auch nichts mehr fest, würdiger Michel, so wenig Dein Hut auf dem Kopf, wie Dein Haus auf seiner Stelle, denn nur durch Schwere hängen die Steine zusammen! Keine Schiffe, deren Festigkeit auf den Gewässern nur eine Folge der Schwere ist! Selbst der Ocean nicht, dessen Wogen nicht mehr durch die Anziehungskraft der Erde im Gleichgewicht gehalten würden. Endlich keine Atmosphäre, deren Elementartheilchen ohne Zusammenhalt sich im Weltraum zerstreuen würden!

– Das ist aber bedauerlich, versetzte Michel. Es gleicht doch nichts den positiven Leuten, die uns brutal zur Wirklichkeit zurückführen.

– Aber tröste Dich, Michel, fuhr Barbicane fort, denn wenn es keine Weltkörper giebt, wo die Gesetze der Schwere aufgehoben sind, so wirst Du wenigstens einen besuchen, wo sie weit geringer ist, wie auf der Erde.

– Der Mond?

– Ja, der Mond, auf dessen Oberfläche die Gegenstände sechsmal weniger Gewicht haben, als auf der Oberfläche der Erde, was sehr leicht zu beweisen ist.

– Und wir werden es erfahren? fragte Michel.

– Offenbar, denn zweihundert Kilogramm sind nicht schwerer als dreißig auf dem Mond.

– Und unsere Muskelkraft wird dort nicht geringer sein?

– Keineswegs. Anstatt einen Meter hoch zu springen, würdest Du achtzehn Fuß Dich erheben.

– Aber dann sind wir auf dem Mond Riesen, wie Herkules! rief Michel.

– Um so mehr, erwiderte Nicholl, als, wenn die Körpergröße der Seleniten im Verhältniß zur Masse ihres Planeten steht, sie kaum einen Fuß hoch sind.

– Liliputer! versetzte Michel. Dann werde ich die Rolle Gulliver’s spielen! Wir werden die Fabel von den Riesen zur Wirklichkeit machen! Den Vortheil hat man davon, wenn man seinen Planeten verläßt und in der Sonnenwelt Reisen macht!

– Einen Augenblick, Michel, erwiderte Barbicane. Wenn Du Gulliver spielen willst, so besuche nur die kleinen Planeten, wie Merkur, Venus oder Mars, deren Masse geringer ist als die der Erde. Aber wage Dich nicht auf die großen, Jupiter, Saturn, Uranus, Neptun, denn da würde die Rolle sich umkehren, und Du würdest Liliputer sein.

– Und auf der Sonne?

– Ist die Dichtigkeit der Sonne viermal geringer, wie die des Erdkörpers, so ist dagegen ihr Umfang dreizehnhundertundachtzigtausendmal beträchtlicher, und die Anziehungskraft ist da siebenundzwanzigmal stärker, als auf der Oberfläche des Erdballs. Wäre Alles dort in gleichem Verhältniß, so müßten die Bewohner im Durchschnitt zweihundert Fuß hoch sein.

– Tausend Teufel! rief Michel. Da wäre ich ja nur ein Zwerg, ein Knirps!

– Gulliver im Lande der Riesen, sagte Nicholl.

– Richtig, erwiderte Barbicane.

– Und es würde gar nichts schaden, zu seiner Vertheidigung einige Geschützstücke bei sich zu haben.

– Gut! entgegnete Barbicane, Deine Kugeln würden auf der Sonne ganz wirkungslos sein, und sie würden in der Entfernung einiger Meter zu Boden fallen.

– Das ist stark!

– Das ist aber ganz gewiß, erwiderte Barbicane. Auf diesem enormen Weltkörper ist die Anziehungskraft so beträchtlich, daß ein Gegenstand, welcher auf der Erde siebenzig Kilogramm wiegt, auf der Oberfläche der Sonne ein Gewicht von neunzehnhundertunddreißig haben würde. Dein Hut würde zehn Kilogramm wiegen, Deine Cigarre ein halbes Pfund. Endlich, wenn Du auf der Sonne zu Boden fielest, so würde Dein Gewicht von ungefähr zweitausendfünfhundert Kilo Dir’s unmöglich machen, wieder aufzustehen!

– Teufel! sagte Michel. Da müßte man einen tragbaren Krahnen bei sich haben! Nun denn, meine Freunde, so wollen wir für heute uns auf den Mond beschränken. Da werden wir wenigstens die Großen spielen! Später wollen wir überlegen, ob es nöthig ist, die Sonne zu besuchen, wo man nicht trinken kann, ohne mittelst einer Winde sein Glas zum Munde zu bringen!

Neunzehntes Capitel


Neunzehntes Capitel

Kampf mit dem Unmöglichen.

Geraume Zeit lang blickten Barbicane und seine Gefährten stumm und nachdenklich auf diese Welt, welche sie, wie Moses das Land Kanaan, nur aus der Ferne gesehen hatten, und von welcher sie sich wieder ohne Umkehr entfernten. Das Projectil hatte in Beziehung zum Mond seine Lage geändert und kehrte jetzt sein Bodenstück der Erde zu.

Diese Aenderung konnte Barbicane nur beunruhigen. Wenn die Kugel in elliptischer Bahn um den Trabanten kreisen sollte, warum kehrte sie ihm nicht ihren schwereren Theil zu, wie es bei dem Mond in Beziehung zur Erde der Fall ist. Hierin lag etwas Unerklärliches.

Bei Beobachtung der Bahn des Projectils konnte man wahrnehmen, daß es bei seiner Entfernung vom Mond eine krumme Linie verfolgte, welche der bei seiner Annäherung gleich war. Es beschrieb also eine sehr lange Ellipse, die sich wahrscheinlich bis zu dem Punkt gleicher Anziehung, wo die Einwirkung von Seiten der Erde und seines Trabanten sich das Gleichgewicht hielten, erstrecken würde.

Dieses eben folgerte Barbicane aus den beobachteten Thatsachen, und seine Freunde theilten seine Ansicht.

»Und wenn wir an diesem Punkt angelangt sind, was wird aus uns werden? fragte Michel Ardan.

– Das ist’s eben, was wir nicht wissen! erwiderte Barbicane.

– Aber man kann doch muthmaßlich Fälle annehmen, denk‘ ich.

– Ich nehme deren zwei an, versetzte Barbicane. Entweder die Geschwindigkeit des Projectils wird nicht ausreichen, und dann wird es ewig unbeweglich auf dieser Linie doppelter Anziehung bleiben …

– Da würde ich doch den anderen Fall vorziehen, wie er auch sein mag, entgegnete Michel.

– Oder sie wird ausreichen, fuhr Barbicane fort, und es wird seine elliptische Bahn verfolgen, um ewig um das Nachtgestirn zu kreisen.

– Eine wenig tröstliche Aenderung, sagte Michel. Wir würden dann gehorsame Diener des Mondes, den wir als Diener anzusehen gewohnt sind! Und das wäre die Zukunft, welche uns bevorsteht?«

Weder Barbicane, noch Nicholl wußten eine Antwort.

»Sie schweigen? fuhr Michel ungeduldig fort.

– Es giebt darauf keine Antwort, sagte Nicholl.

– Läßt sich denn nichts versuchen?

– Nein, erwiderte Barbicane. Würdest Du gegen das Unmögliche ankämpfen wollen?

– Warum nicht? Sollten ein Franzose und zwei Amerikaner davor zurückschrecken?

– Aber was willst Du machen?

– Der Bewegung, welche uns fortreißt, Meister werden!

– Meister werden?

– Ja, versetzte Michel lebhaft, entweder sie hemmen oder abändern, zur Erreichung unserer Zwecke verwenden.

– Und wie?

– Das ist Eure Sache. Wenn die Artilleristen ihrer Kugeln nicht Meister sind, so sind sie keine Artilleristen mehr. Wenn die Kugel den Kanonier beherrscht, so muß man diesen statt ihrer in die Kanone laden! Treffliche Gelehrten, wahrhaftig! Da wissen sie nun nicht, was werden soll, nachdem sie mich verleitet …

– Verleitet! schrieen Barbicane und Nicholl. Verleitet! Was meinst Du damit?

– Keine Beschuldigungen! sagte Michel. Ich beklage mich nicht! Die Fahrt gefällt mir! Das Geschoß befriedigt! Aber thuen wir doch alles Menschenmögliche, um, wo nicht auf den Mond, doch wieder auf die Erde zu fallen.

– Nichts anderes begehren wir, wackerer Michel, erwiderte Barbicane, aber an den Mitteln fehlt’s.

– Können wir nicht die Bewegung des Projectils abändern?

– Nein.

– Noch seine Geschwindigkeit vermindern?

– Nein.

– Nicht einmal durch Ballastauswerfen?

– Was willst Du hinaus werfen? versetzte Nicholl. Wir haben nichts von Ballast. Und übrigens dünkt mir, ein leichteres Fahrzeug wird noch schneller fahren.

– Nicht so schnell, sagte Michel.

– Schneller, entgegnete Nicholl.

– Weder mehr, noch minder schnell, erwiderte Barbicane, um seine Freunde in Einklang zu bringen, denn im leeren Raum, worin wir uns bewegen, kommt das specifische Gewicht nicht mehr in Anschlag.

– Dann, rief Michel Ardan mit entschiedenem Ton, bleibt uns nur etwas zu thun übrig.

– Und was? fragte Nicholl.

– Frühstücken!« erwiderte, ohne sich irre machen zu lassen, der verwegene Franzose, der in den schwierigsten Fällen stets diese selbe Lösung bei der Hand hatte.

In der That, hatte diese Verrichtung auch keinen Einfluß auf die Richtung des Projectils, so konnte man sie doch ohne Nachtheil vornehmen, und in Beziehung auf den Magen mit Erfolg. Wahrhaftig, Michel hatte doch gute Ideen.

Man frühstückte also um zwei Uhr morgens; aber auf die Stunde kam’s ja nicht an. Michel tischte auf, wie gewöhnlich, und dazu eine liebliche Flasche aus seinem geheimen Keller. Wenn ihnen dabei nicht Ideen in den Kopf kamen, so mußte man am Chambertin von 1863 verzweifeln.

Nach Beendigung des Mahls singen sie wieder an zu beobachten.

Die aus dem Projectil hinaus geworfenen Gegenstände hielten sich unveränderlich in einer gewissen Entfernung. Es ging daraus klar hervor, daß dasselbe bei seiner Bewegung um den Mond keine Atmosphäre durchschnitt, weil dann das specifische Gewicht dieser Gegenstände ihre Bewegung verhältnißmäßig geändert hätte.

Von der Erde war nichts zu sehen. Es war erst ein Tag verflossen, seit sie Neulicht hatte, und erst nach zwei Tagen konnte ihre Sichel, aus den Sonnenstrahlen heraustretend, den Seleniten als Uhr dienen, weil bei ihrer Achsenbewegung jeder ihrer Punkte nach vierundzwanzig Stunden wieder an demselben Meridian des Mondes erscheint.

Der Mond dagegen bot einen ganz anderen Anblick. Er strahlte in vollem Glanze inmitten unzähliger Sternbilder, deren reines Licht das seinige nicht schwächen konnte. Auf der Scheibe nahmen die Ebenen bereits wieder den düsteren Schein an, wie er von der Erde aus zu sehen ist. Der übrige Theil des Luftkreises schimmerte fortwährend, und mitten in dem allgemeinen Glanz leuchtete Tycho noch wie eine Sonne vor.

Es war Barbicane durchaus nicht möglich, die Schnelligkeit des Projectils zu schätzen; aber er urtheilte nach den Gesetzen der rationellen Mechanik, daß diese Schnelligkeit sich gleichmäßig mindern müsse.

In der That, nahm man an, die Kugel sei im Begriff eine Kreisbahn um den Mond zu beschreiben, so mußte diese nothwendig eine Ellipse sein. Die Wissenschaft enthält den Beweis. Jeder Körper, der in seiner Bewegung um einen andern ihn anziehenden Körper kreist, ist diesem Gesetz unterworfen. Alle Kreisbahnen im Weltraum sind elliptisch, die der Trabanten um die Planeten, der Planeten um die Sonne, die der Sonne um das unbekannte Gestirn, um welches im Mittelpunkt Alles sich dreht. Warum sollte das Projectil des Gun-Clubs von diesem Naturgesetz ausgenommen sein?

In den elliptischen Bahnen nun befindet sich der anziehende Körper stets an einem der Brennpunkte der Ellipse. Der Trabant ist daher dem Gestirn, um welches er kreist, bald näher, bald ferner. Kommt die Erde auf ihrer Bahn der Sonne näher, so steht sie in ihrer Perihelie (Sonnennähe), dagegen in der Aphelie (Sonnenferne), wann sie am weitesten von ihr absteht. Ebenso befindet sich der Mond in seiner Erdnähe und Erdferne. Wenden wir zur Bereicherung der Sprache diese Astronomen-Begriffe auf das Projectil als Trabanten des Mondes an, so befindet es sich in einer Mondnähe (Periselene) und Mondferne (Aposelene).

Im ersten Falle mußte es seine größte Geschwindigkeit erreichen, im zweiten seine geringste. Nun bewegte es sich offenbar dem Punkt seiner Mondferne zu, und Barbicane schloß richtig, seine Geschwindigkeit werde bis zu diesem Punkt abnehmen, um dann allmälig in dem Verhältniß, wie es sich dem Monde näherte, wieder zuzunehmen. Diese Geschwindigkeit werde gänzlich aufhören, wenn dieser Punkt mit dem der gleichen Anziehung zusammen fiele.

Barbicane studirte die Folgen dieser verschiedenen Fälle, um sicher zu sein, wie man sich dabei zu verhalten habe, als ihn plötzlich Michel Ardan mit dem lauten Ausbruch unterbrach:

»Herrgott! Wir sind doch rechte Dummköpfe!

– Ich sage nicht Nein dazu, erwiderte Barbicane, aber weshalb?

– Weil wir ein sehr einfaches Mittel besitzen, die Schnelligkeit zu hemmen, und wenden’s nicht an!

– Und welches?

– Haben wir nicht die Hemmkraft unserer Raketen?

– Wirklich, sagte Nicholl.

– Wir haben allerdings von dieser Kraft noch keinen Gebrauch gemacht, aber wir werden’s noch thun.

– Wann? fragte Michel.

– Wann die rechte Zeit dafür kommt. Bemerken Sie, meine Freunde, daß bei der gegenwärtigen Lage des Projectils, welche im Verhältniß zur Mondscheibe noch schief ist, die Wirkung unserer Raketen auf Aenderung seiner Richtung den Erfolg haben könnte, dasselbe vom Mond zu entfernen, anstatt es ihm zu nähern, was doch wohl unser Zweck ist.

– Hauptsächlich, erwiderte Michel.

– Merken Sie weiter. Durch einen unerklärlichen Einfluß zeigt das Projectil das Bestreben, seinen Boden der Erde zuzukehren. Wahrscheinlich wird es auf dem Punkt gleicher Anziehung seine konische Spitze gerade auf den Mond richten. In diesem Moment läßt sich erwarten, daß seine Geschwindigkeit aufgehoben sein wird. Dies wird der rechte Moment sein, um durch die Wirkung unserer Raketen vielleicht einen directen Fall auf die Mondoberfläche hervorzurufen.

– So recht! sprach Michel.

– Wir haben das nicht gethan, als wir uns zum ersten Mal auf dem Punkt des Stillstandes befanden, und konnten’s auch nicht thun, weil die bewegende Kraft im Projectil noch zu beträchtlich war.

– Richtig geurtheilt, sagte Nicholl.

– Warten wir in Geduld ab, fuhr Barbicane fort. Versichern wir uns für jeden Fall des Vortheils, dann fasse ich, nachdem wir so lange verzweifelten, wieder Hoffnung, daß wir unser Ziel erreichen werden.«

Michel Ardan begrüßte diese Aeußerung mit Hip und Hurrah! und keiner dieser Tollkühnen erinnerte sich, daß sie zu der Resolution gekommen waren: Nein, der Mond ist nicht bewohnt, der Mond ist wahrscheinlich nicht bewohnbar! Und dennoch waren sie im Begriff, Alles zu versuchen, um auf demselben anzukommen!

Es blieb nur noch die Frage zu beantworten: in welchem Moment würde das Projectil genau den Punkt gleicher Anziehung erreichen, wo sodann die Reisenden Alles auf’s Spiel setzen wollten?

Um diesen Moment bis auf einige Secunden genau zu berechnen, brauchte Barbicane nur seine Reisenotizen zu Rathe zu ziehen und herauszuheben, wann er über den verschiedenen Parallelgraden des Mondes sich befand. Es mußte demnach die Zeit, welche erforderlich war, um die Linie zwischen dem Punkt des Stillstandes und dem Südpol zu durchlaufen, derjenigen gleich sein, welche vom Nordpol bis zu dem Stillstandspunkt zu durchlaufen war. Die Zeitpunkte der zurückgelegten Linie waren genau notirt, und dadurch die Berechnung leicht.

Barbicane fand nun, daß das Projectil um ein Uhr frühe in der Nacht vom 7. zum 8. December diesen Punkt erreichen werde. In diesem Moment war es drei Uhr frühe in der Nacht vom 6. zum 7. December. Folglich mußte, wenn keine Störung eintrat, das Projectil binnen zweiundzwanzig Stunden an dem gedachten Punkt anlangen.

Die Raketen hatten ursprünglich die Bestimmung, das Fallen auf den Mond langsamer zu machen, und jetzt waren die Wagehälse im Begriff, sie für den gerade entgegengesetzten Zweck zu verwenden. Wie dem auch sein mochte, sie waren bereit, im Augenblick angezündet zu werden.

»Weil wir jetzt nichts zu thun haben, sagte Nicholl, so mache ich einen Vorschlag.

– Welchen? fragte Barbicane.

– Zu schlafen.

– Das wäre köstlich! rief Michel Ardan.

– Seit vierzig Stunden haben wir die Augen nicht geschlossen, sagte Nicholl. In einigen Stunden werden wir uns völlig erholen.

– Niemals, entgegnete Michel.

– Gut, versetzte Nicholl, thue jeder nach Belieben! Ich für meinen Theil schlafe!«

Und Nicholl streckte sich auf einen Divan und bald schnarchte er gleich einem Achtundvierzig-Pfünder.

»Der Nicholl ist gescheit, sagte Barbicane. Ich mach’s ihm nach.«

Und nach einigen Augenblicken secundirte er mit seiner Baßbegleitung den Bariton des Kapitäns.

»Gewiß, sagte Michel Ardan, als er sich allein sah, diese praktischen Leute haben Ideen, die so übel nicht sind.«

Und seine langen Beine ausgestreckt, seine Arme unterm Kopf, schlief auch Michel ein.

Aber dieser Schlaf konnte weder ruhig noch dauernd sein. Die drei Männer hatten doch allzuviel beunruhigende Gedanken im Kopf, und nach einigen Stunden, gegen sieben Uhr frühe, waren sie alle drei wieder auf den Füßen.

Das Projectil entfernte sich immer mehr von dem Mond und kehrte ihm immer mehr seine Spitze zu. Die Erscheinung war bis jetzt unerklärlich, aber zum Glück den Absichten Barbicane’s förderlich.

Noch siebenzehn Stunden bis zum Moment des Handelns.

Dieser Tag wurde ihnen lang. So kühn die Reisenden auch waren, so lebhaft waren sie doch beunruhigt beim Herannahen des Augenblicks, der die Entscheidung bringen sollte, ob sie nach dem Mond fallen, oder ewig in einer unabänderlichen Bahn festgehalten werden sollten. Sie zählten die Stunden, welche ihnen allzulang wurden, Barbicane und Nicholl unablässig in ihre Berechnungen vertieft, Michel zwischen den engen Wänden hin und her gehend mit sehnsüchtigen Blicken nach dem Mond.

Bisweilen durchkreuzten flüchtige Erinnerungen an die Erde ihren Kopf. Sollten sie ihre Freunde des Gun-Clubs, und vor Allen den theuren J.T. Maston wieder sehen? In dem Augenblick mußte der ehrenwerthe Secretär an seinem Posten im Felsengebirge sein. Wenn er das Projectil vor dem Spiegel seines Riesenteleskopf sah, was dachte er wohl? Nachdem er’s hinter dem Südpol des Mondes verschwinden gesehen, sah er’s am Nordpol wieder zum Vorschein kommen! Es war also Trabant eines Trabanten! Hatte J.T. Maston diese unerwartete Neuigkeit in der Welt verbreitet? Das also war die Lösung des großen Unternehmens? …

Inzwischen verlief der Tag ohne Zwischenfall. Es kam Mitternacht auf der Erde heran. Der 8. December sollte anbrechen. Noch eine Stunde, und der Moment gleicher Anziehung war gekommen. Welche Schnelligkeit hatte damals das Projectil noch? Man konnte es nicht schätzen. Aber die Berechnungen Barbicane’s konnten nicht irrig sein. Um ein Uhr frühe sollte diese Schnelligkeit gleich Null sein.

Eine andere Erscheinung mußte übrigens den Punkt kenntlich machen, wo das Projectil bei der neutralen Linie ankam. Die beiden Anziehungskräfte, von der Erde und dem Mond her, sollten sich aufheben. Die Gegenstände verloren dann ihr Gewicht. Diese auffallende Thatsache, welche bei der ersten Ankunft Barbicane und seine Gefährten so merkwürdig überrascht hatte, mußte bei der Rückkehr unter den gleichen Bedingungen sich wiederholen. In dem Moment eben galt’s zu handeln.

Bereits hatte sich die konische Spitze des Projectils merklich der Mondscheibe zugekehrt. Es nahm eine Lage an, daß man die ganze Kraft des durch Abbrennen der Raketen erzeugten Rückstoßes benützen konnte. Das war also eine günstige Aussicht für die Reisenden. Wenn die Geschwindigkeit des Projectils auf dem neutralen Punkt völlig aufgehoben war, konnte ein entschiedener Stoß nach dem Monde hin, wenn auch nicht bedeutend, doch das Fallen zu Stande bringen.

»Noch fünf Minuten bis ein Uhr, sagte Nicholl.

– Alles ist fertig, erwiderte Michel Ardan, und hielt schon eine angezündete Lunte nach der Gasflamme hin.

– Warte,« sagte Barbicane, sein Chronometer in der Hand.

In diesem Augenblick gewahrte man keine Wirkung der Schwere mehr. Die Reisenden empfanden in sich selbst den völligen Mangel derselben. Sie waren dem neutralen Punkt sehr nahe, wo nicht auf demselben …

»Ein Uhr!« sagte Barbicane.

Michel Ardan hielt die brennende Lunte an eine Vorrichtung, welche die Raketen augenblicklich zu gemeinsamer Wirkung brachte. Man hörte aus Mangel an Luft innen keinen Knall. Aber durch die Luken gewahrte Barbicane ein fortdauerndes Ausströmen eines alsbald erlöschenden Feuers.

Das Projectil hatte eine Erschütterung zu erleiden, die im Innern sehr merklich verspürt wurde.

Die drei Freunde schauten, horchten stumm, kaum athmend. Man hätte bei der absoluten Stille ihr Herz können klopfen hören.

»Fallen wir? fragte endlich Michel Ardan.

– Nein, erwiderte Nicholl, denn der Boden des Projectils kehrt sich nicht dem Mond zu!«

In diesem Augenblick trat Barbicane vom Fenster zurück und wendete sich zu seinen Gefährten, entsetzlich bleich, die Stirne gerunzelt, die Lippen zusammengepreßt.

»Wir fallen! sprach er.

– Ach! rief Michel Ardan, auf den Mond?

– Der Erde zu! erwiderte Barbicane.

– Teufel! schrie Michel Ardan, und fügte philosophisch hinzu: Richtig, als wir uns in die Kugel begaben, konnten wir wohl ahnen, daß es nicht leicht sein werde, wieder heraus zu kommen!«

Wirklich begann der fürchterliche Herabsturz. Die im Projectil noch enthaltene Geschwindigkeit hatte es über den neutralen Punkt hinaus gebracht. Das Abbrennen der Raketen konnte es nicht hemmen. Dieselbe Geschwindigkeit, welche bei der Ankunft das Projectil über die neutrale Linie hinausgetrieben hatte, trieb’s ebenso bei der Rückkehr. Nach den Gesetzen der Physik mußte es auf seiner elliptischen Bahn wieder auf dieselben Punkte kommen, worauf es bereits gewesen war.

Es war ein erschrecklicher Sturz aus einer Höhe von achtundsiebenzigtausend Lieues herab, ohne daß irgend eine Vorrichtung ihn schwächen konnte. Nach den Gesetzen der Ballistik mußte das Projectil mit gleicher Geschwindigkeit auf der Erde anlangen, wie die war, welche es beim Herausfahren aus der Columbiade hatte, also von »sechzehntausend Meter in der letzten Secunde!«

Und um zur Vergleichung eine andere Zahl daneben zu stellen, hat man berechnet, daß ein von der Spitze des Thurmes Notre-Dame, der nur zweihundert Fuß hoch ist, herabfallender Gegenstand mit einer Geschwindigkeit von hundertundzwanzig Lieues in der Stunde auf dem Pflaster anlangt. Im jetzigen Fall mußte das Projectil mit einer Geschwindigkeit von siebenundfünfzigtausendsechshundert Lieues in der Stunde auf die Erde schmettern.

»Wir sind verloren, sagte Nicholl kaltblütig.

– Nun dann, werden wir um’s Leben kommen, erwiderte Barbicane mit einer Art frommer Begeisterung, so wird das Ergebniß unserer Reise sich prachtvoll erweitern! Gott wird uns sein Geheimniß selbst mittheilen! Im jenseitigen Leben wird die Seele zum Wissen nicht mehr der Maschinen und Instrumente bedürfen! Sie wird mit der ewigen Weisheit eins werden!

– Wahrhaftig, versetzte Michel Ardan, die ganze jenseitige Welt kann uns wohl tröstlichen Ersatz geben für das unbedeutende Gestirn, welches Mond heißt!«

Barbicane kreuzte die Arme vor der Brust mit dem Gefühl erhabener Ergebung.

»Wie der Himmel will!« sprach er.

Zwanzigstes Capitel


Zwanzigstes Capitel

Sondiren der Susquehanna.

»Nun, Lieutenant, und dies Sondiren?

– Ich glaube, mein Herr, wir werden bald damit zu Ende sein, erwiderte der Lieutenant Bronsfield. Aber wer hätte auch vermuthen können, daß sich hier so nahe beim Land eine solche Tiefe fände, nur hundert Lieues von der amerikanischen Küste?

– Es ist in der That, Bronsfield, eine starke Vertiefung, sagte der Kapitän Blomsberry, ein Thal auf dem Meeresgrund, von der Humboldtströmung gebildet, welche sich längs der amerikanischen Küste bis zur Magellan’schen Enge hinzieht.

– Solche große Tiefen, fuhr der Lieutenant fort, sind dem Legen telegraphischer Kabel ungünstig. Besser ein gleichmäßig ebener Grund, wie unter dem amerikanischen Kabel zwischen Valentia und Neufundland.

– Ich glaub’s wohl, Bronsfield. Und, erlauben Sie, Lieutenant, wie weit sind wir jetzt damit?

– Mein Herr, erwiderte Bronsfield, wir haben in diesem Augenblick einundzwanzigtausendfünfhundert Fuß Schnur draußen, und die Kugel, welche die Sonde hinabzieht, ist noch nicht auf dem Grund, denn die Sonde würde von selbst wieder herauskommen.

– Der Brook’sche Apparat ist doch recht sinnreich, sagte der Kapitän Blomsberry. Man kann damit äußerst genau sondiren.

– Grund!« schrie in diesem Augenblick einer der Bootsleute, der die Arbeit überwachte.

Der Kapitän und der Lieutenant begaben sich auf’s Vordercastell.

»Welche Tiefe haben wir jetzt? fragte der Kapitän.

– Einundzwanzigtausendsiebenhundertzweiundsechzig Fuß, erwiderte der Lieutenant, und notirte diese Ziffer in sein Büchlein.

– Gut, Bronsfield, sagte der Kapitän, ich will dies Ergebniß eintragen. Jetzt lassen Sie die Sonde herausziehen; das wird einige Stunden dauern. Mittlerweile wird der Ingenieur heizen lassen, und wir wollen abfahren, sobald Sie fertig sind. Es ist jetzt zehn Uhr Abends und mit Ihrer Erlaubniß, Lieutenant, will ich mich schlafen legen.

– Thun Sie’s nur, mein Herr, thun Sie’s!« erwiderte verbindlich der Lieutenant Bronsfield.

Der Kapitän der Susquehanna, ein wackerer Mann, wie je einer, und seinen Officieren freundlich ergeben, begab sich in seine Cabine, nahm ein Gläschen Grog mit schmeichelhafter Begrüßung seines Küchenmeisters, legte sich schlafen, nachdem er seinen Diener über sein Bettmachen belobt, und schlief ruhig ein.

Es war zehn Uhr Abends. Der 11. December endigte mit einer prachtvollen Nacht.

Die Corvette Susquehanna von fünfhundert Pferdekraft, zur Nationalmarine der Vereinigten Staaten gehörig, war im Stillen Ocean mit Sondiren beschäftigt, etwa hundert Meilen vor der amerikanischen Küste, gegenüber der langen Halbinsel, die sich vor Neu-Mexico hinzieht.

Der Wind hatte sich allmälig gelegt, die Luft war unbewegt, schlaff hing vom Mast der Wimpel.

Der Kapitän Jonathan Blomsberry, Vetter des Obristen Blomsberry, den wir als ein so eifriges Mitglied des Gun-Clubs kennen – hätte sich für seine Sondirungen kein besseres Wetter wünschen können. Seine Corvette hatte nichts von dem ungeheuren Sturm zu leiden, welcher das Gewölk vom Felsengebirge wegfegend dem Teleskop seine Beobachtung des Projectils möglich machte. Alles ging nach Wunsch, und er versäumte nicht, mit der inbrünstigen Andacht eines Presbyterianers dem Himmel dafür zu danken.

Die von der Susquehanna vorgenommenen Sondirungen hatten zum Zweck, den geeignetsten Boden für Legung eines unterseeischen Kabels zwischen den Hawaï-Inseln und der amerikanischen Küste zu erforschen.

Das große Project wurde von einer vielvermögenden Gesellschaft in die Hand genommen. Ihr Director, der einsichtige Cyrus Field, beabsichtiget sogar, alle Inseln des Oceans mit einem elektrischen Netz zu verbinden, eine ungeheure, des amerikanischen Geistes würdige Unternehmung.

Die ersten Vorrichtungen dafür waren der Corvette Susquehanna anvertraut. Während der Nacht des 11. zum 12. December befand sie sich genau unterm 27°7′ nördl. Breite und 41°37′ westl. Länge vom Meridian Washingtons ab.

Der Mond, damals in seinem letzten Viertel, stieg am Horizont heraus.

Nachdem der Kapitän Blomsberry sich entfernt hatte, stand der Lieutenant Bronsfield mit einigen Officieren auf dem Verdeck beisammen. Als der Mond aufging, richteten sich ihre Blicke nach dem Gestirn, das eben von den Augen einer ganzen Hemisphäre betrachtet wurde. Die besten Seefernrohre hätten das um seine Halbkugel kreisende Projectil nicht auffinden können, und doch wurden alle nach der leuchtenden Scheibe gerichtet, die zu gleicher Zeit-Millionen Blicke mit Lorgnetten betrachteten.

»Sie sind seit zehn Tagen fort, sagte der Lieutenant Bronsfield. Was ist aus ihnen geworden?

– Sie sind angekommen, mein Lieutenant, rief ein junger See-Cadet, und sie machen’s wie jeder Reisende, der in ein neues Land kommt, sie gehen spazieren!

– Das bin ich überzeugt, weil Sie mir’s sagen, mein junger Freund, erwiderte lächelnd der Lieutenant Bronsfield.

– Indessen, versetzte ein anderer Officier, läßt sich ihre Ankunft nicht in Zweifel ziehen. Das Projectil mußte den Mond im Moment, da er voll war, am 5. zu Mitternacht, erreichen. Nun haben wir 11. December, das macht sechs Tage. In sechsmal vierundzwanzig Stunden hat man, das ist klar, Zeit genug, sich bequem einzurichten. Es dünkt mir, als sähe ich unsere braven Landsleute, in einem Thalgrund am Ufer eines selenitischen Baches gelagert, neben dem in Folge des Herabsturzes halb im Boden steckenden Projectil mitten unter vulkanischen Trümmern, wie der Kapitän Nicholl seine Nivellirarbeiten beginnt, der Präsident Barbicane seine Reisenotizen ordnet, Michel Ardan die Einöden des Mondes mit dem Duft seiner Cigarre parfümirt.

– Ja, so muß es wohl sein, so! rief der junge See-Cadet, von der idealen Schilderung seines Vorgesetzten begeistert.

– Ich will’s wohl glauben, erwiderte der Lieutenant Bronsfield, der sich nicht ereiferte. Leider fehlen uns immer noch directe Nachrichten aus der Mondwelt.

– Verzeihen Sie, mein Lieutenant, sagte der See-Cadet, aber kann der Präsident Barbicane nicht schreiben?«

Lautes Lachen war die Antwort.

»Nicht Briefe, fuhr der junge Mann lebhaft fort. Die Postadministration geht das nichts an.

– Aber doch wohl die Administration des Telegraphenverkehrs? fragte ironisch einer der Officiere.

– Ebensowenig, erwiderte der Cadet, der auf seinem Gedanken beharrte. Aber es ist doch nicht schwer, einen schriftlichen Verkehr mit der Erde einzurichten.

– Und wie?

– Vermittelst des Teleskops zu Long’s Peak. Sie wissen, daß es den Mond bis auf zwei Lieues dem Felsengebirge nahe bringt, und daß man vermittelst desselben auf dessen Oberfläche Gegenstände von neun Fuß Durchmesser sehen kann. Nun! Wenn unsere sinnreichen Freunde ein riesenmäßiges Alphabet verfassen, damit hundert Toisen lange Worte und eine Lieue lange Sätze schreiben, so können sie uns Nachricht von sich zukommen lassen.«

Dem jungen Cadetten, dem es sicherlich nicht an Phantasie fehlte, ward rauschender Beifall zu Theil. Der Lieutenant Bronsfield gab selbst zu, die Idee sei ausführbar. Er fügte ferner bei, man könne auch vermittelst parabolischer Spiegel durch bündelweise gruppirte Lichtstrahlen einen directen Verkehr herstellen; doch müsse er bemerken, könne man auch auf diese Weise Mittheilungen aus der Mondwelt erhalten, so könne man nicht umgekehrt von der Erde aus sie zusenden, weil sie dort nicht mit den dazu erforderlichen Instrumenten versehen wären.

»Das ist klar, erwiderte einer der Officiere; aber was aus den Reisenden geworden ist, was sie ausgerichtet, gesehen haben, das interessirt uns doch höchlich. Uebrigens, wenn, woran ich nicht zweifle, das Unternehmen glückte, wird man’s wiederholen. Die Columbiade ist im Boden Florida’s wohl aufbewahrt. Es handelt sich also nur um das Geschoß und Pulver, und jedesmal, wann der Mond im Zenith steht, kann man ihm eine Ladung Besucher zusenden.

– Offenbar, erwiderte der Lieutenant Bronsfield, wird J.T. Maston nächster Tage seinen Freunden nachreisen.

– Wenn er mich mitnehmen will, rief der Cadet, bin ich gerne dabei.

– O! An Reiselustigen wird’s nicht fehlen, versetzte Bronsfield, und läßt man sie gewähren, so wird die Hälfte der Erdbewohner bald nach dem Mond auswandern!«

Diese Unterhaltung unter den Officieren der Susquehanna dauerte bis ungefähr ein Uhr Morgens. Was für schwindelhafte Systeme, was für Umsturztheorien von diesen Verwegenen aufgestellt wurden, läßt sich nicht sagen. Seit Barbicane’s Unternehmen schien den Amerikanern nichts unmöglich zu sein. Sie machten schon das Project, nicht blos eine Commission von Gelehrten, sondern eine ganze Colonie zu den Selenitengestaden zu entsenden, und ein ganzes Heer mit Infanterie, Artillerie und Cavallerie, um die Mondwelt zu erobern.

Um ein Uhr Morgens war das Herauswinden der Sonde noch nicht fertig; es waren achtzehntausend Fuß draußen, was noch einige Stunden Arbeit erforderte. Gemäß dem Befehl des Commandanten waren die Feuer angezündet, und der Dampfdruck begann. Die Susquehanna war zum Auslaufen bereit.

In diesem Moment – ein Uhr siebenzehn Minuten – war der Lieutenant Bronsfield im Begriff, von seinem Posten abgelöst, sich in seine Cabine zu begeben, als ganz unerwartet ein fernes Pfeifen seine Aufmerksamkeit erregte.

Er glaubte nebst seinen Kameraden Anfangs, das Pfeifen rühre von einem Entweichen des Dampfes her; aber als sie die Köpfe emporrichteten, konnten sie sich überzeugen, daß der Ton aus den entferntesten Luftschichten her kam.

Sie hatten nicht Zeit, sich gegenseitig zu fragen, als das Pfeifen unendlich stark wurde, und plötzlich vor ihren bestürzten Blicken ein enormer Bolid zum Vorschein kam, der bei der reißenden Schnelligkeit seines Falles durch seine Reibung der atmosphärischen Luftschichten in vollen Flammen war.

Diese feurige Masse nahm vor ihren Augen an Größe zu, schlug mit donnergleichem Getöse wider das Bugspriet der Corvette, zerschmetterte es dicht am Vordersteven und versank mit betäubendem Tosen in die Tiefe der Fluthen!

Einige Fuß näher hätte es die Susquehanna mit Mann und Maus zertrümmert.

In diesem Augenblick erschien halb angekleidet der Kapitän Blomsberry auf dem Vordercastell, wohin seine Officiere vorangeeilt waren.

»Mit Erlaubniß, meine Herren, was ist vorgegangen?« fragte er. Und der Cadet, der für alle das Wort ergriff, rief:

»Commandant, ›sie‹ sind zurückgekehrt!«

Einundzwanzigstes Capitel


Einundzwanzigstes Capitel

Ein Mißgeschick Maston’s.

An Bord der Susquehanna herrschte große Aufregung. Officiere und Matrosen vergaßen die fürchterliche Gefahr, worin sie soeben geschwebt hatten, die Möglichkeit zerschmettert und versenkt zu werden. Sie dachten nur an das beklagenswerthe Ende dieser Reise. So kostete also die kühnste Unternehmung alter und neuer Zeit den verwegenen Abenteuerern, welche sie gewagt hatten, das Leben.

»Sie kommen zurück«, hatte der junge Cadet gesagt, und alle hatten ihn verstanden. Niemand war in Zweifel, daß dieser Bolid das Projectil des Gun-Clubs sei. In Betreff des Schicksals der in demselben enthaltenen Reisenden waren die Meinungen getheilt.

»Sie sind todt! sagte der Eine.

– Sie sind noch bei Leben, sagte der Andere. Die tiefe Wassermasse hat den Fall abgeschwächt.

– Aber die Luft ist ihnen ausgegangen, fuhr dieser fort, und sie mußten ersticken!

– Verbrennen! entgegnete Jener. Das Projectil war, als es durch die Luft fuhr, nur eine glühende Masse.

– Gleichviel, ob lebend oder todt, wir müssen sie herauf holen«, äußerten sie einstimmig.

Inzwischen hatte der Kapitän Blomsberry seine Officiere versammelt und hielt, mit ihrer Erlaubniß, eine Berathung. Es handelte sich darum, augenblicklich Maßregeln zu ergreifen. Am Dringendsten war, das Projectil herauszuholen; ein schwieriges, doch nicht unmögliches Werk. Aber es fehlte der Corvette an den nöthigen Maschinen, die kräftig und genau sein mußten. Man beschloß, im nächsten Hafen zu landen und dem Gun-Club das Herabfallen des Projectils zu melden.

Dieser Beschluß wurde einstimmig gefaßt, und man berieth über die Wahl des Hafens. Die nahe Küste bot keinen Landungsplatz unterm 27° der Breite. Weiter hinauf, oberhalb der Halbinsel Monterey, fand sich die bedeutende Stadt, wonach dieselbe benannt; aber da sie in einer öden Gegend lag, war sie ohne telegraphische Verbindung mit dem Inneren, und doch konnte nur durch den elektrischen Draht die wichtige Mittheilung schnell genug befördert werden.

Einige Grade oberhalb fand sich die Bai S. Francisco. Ueber die Hauptstadt des Goldlandes schien der Verkehr mit dem Centrum der Union leicht. Binnen zwei Tagen konnte die Susquehanna mit höchster Dampfkraft im Hafen von S. Francisco anlangen; sie mußte demnach unverzüglich abgehen.

Die Heizung wurde verstärkt. Man konnte unverzüglich segelfertig sein.

Zweitausend Klafter waren von der Sonde noch unter Wasser. Um keine Zeit zu verlieren, entschloß sich der Kapitän Blomsberry, die Schnur abzuschneiden.

»Wir befestigen das Ende an eine Boje, sagte er, die uns dann genau die Stelle, wo das Projectil versank, angeben wird.

Zudem, erwiderte der Lieutenant Bronsfield, ist ja unser Standort genau bestimmt 27°7′ nördlicher Breite und 41°37′ westlicher Länge.

– Gut, Herr Bronsfield, versetzte der Kapitän, und, mit Erlaubniß, lassen Sie die Schnur zerhauen.«

Man brachte eine starke, mit einem Bündel Binsen noch verstärkte Boje auf die Meeresoberfläche, und befestigte das Ende der Schnur daran, so daß sie, nur dem Hin- und Herwogen der hohen See ausgesetzt, nicht merklich den Platz ändern konnte.

In diesem Augenblick meldete der Ingenieur, man könne absegeln. Der Kapitän dankte ihm und gab die Richtung nach Nord-Nord-Ost; die Corvette machte eine Schwenkung und steuerte mit voller Dampfkraft geradezu auf die Bai S. Francisco los. Es war drei Uhr frühe.

Zweihundertundzwanzig Meilen zurückzulegen, war für eine gute Seglerin, wie die Susquehanna, eine Kleinigkeit. In sechsunddreißig Stunden hatte sie diese Strecke hinter sich, und am 14. December um ein Uhr siebenundzwanzig Minuten Nachmittags legten sie in der Bai Francisco an.

Als man dies Fahrzeug der Nationalmarine mit zertrümmertem Bugspriet und gestütztem Fockmast so eilend herankommen sah, erregte es die Neugierde des Publicums im höchsten Grad. Dicht gedrängte Massen sammelten sich alsbald auf den Quais und warteten die Ausschiffung ab.

Nachdem es vor Anker gegangen, stiegen der Kapitän Blomsberry und der Lieutenant Bronsfield in ein achtruderiges Boot, welches sie rasch an’s Land setzte.

Sie sprangen auf den Quai.

»Das Telegraphenamt?« fragten sie, ohne auf tausend an sie gerichtete Fragen Antwort zu geben.

Der Hafenofficier führte sie selbst auf’s Telegraphenbureau inmitten eines ungeheuren Gedränges Neugieriger.

Blomsberry und Bronsfield traten in das Bureau, während die Menge sich an der Thüre drängte.

Nach einigen Minuten ward eine Depesche in vierfacher Ausfertigung abgesendet:

  1. An den Secretär der Marine, Washington.
  2. An den Vicepräsidenten des Gun-Clubs, Baltimore.
  3. An den ehrenwerthen J.T. Maston, Long’s Peak, Felsengebirge.
  4. An den Unterdirector des Observatoriums zu Cambridge, Massachusets.

Folgendes ist der Wortlaut derselben:

»Unter 27°7′ nördlicher Breite und 41°37′ westlicher Länge, ist am 12. December ein Uhr siebenzehn Minuten Vormittags das Projectil der Columbiade in’s Stille Meer gefallen. Schicken Sie Instruction. Blomsberry, Commandant der Susquehanna.«

Fünf Minuten darauf wußte die ganze Stadt S. Francisco die Neuigkeit. Vor sechs Uhr Abends vernahmen die sämmtlichen Staaten der Union die Katastrophe. Nach Mitternacht wußte ganz Europa durch den Kabel das Resultat des großen amerikanischen Unternehmens.

Den Eindruck zu schildern, welchen diese unerwartete Lösung machte, wird man mir erlassen.

Beim Empfang der Depesche telegraphirte der Marinesecretär an die Susquehanna den Befehl, in der Bai von S. Francisco zu warten, ohne die Heizung zu unterlassen. Er sollte Tag und Nacht bereit sein in die See zu stechen.

Das Observatorium zu Cambridge hielt eine außerordentliche Sitzung und besprach mit der Heiterkeit, wodurch diese gelehrte Gesellschaft sich auszeichnet, ruhig den wissenschaftlichen Punkt der Frage.

Im Gun-Club gab’s eine Explosion. Alle Artilleristen kamen zusammen. Eben las der Vicepräsident, der ehrenwerthe Wilcome, die voreilige Depesche, wodurch Maston und Belfast meldeten, das Projectil sei durch den Riesen-Reflector zu Long’s Peak wahrgenommen worden. Diese Mittheilung meldete weiter, das Geschoß, durch die Anziehungskraft des Mondes festgehalten, spiele die Rolle eines Untertrabanten in der Sonnenwelt.

Wir kennen bereits den wahren Sachverhalt. Als jedoch die Depesche Blomsberry’s kam, die so förmlich dem Telegramm J.T. Maston’s widersprach, bildeten sich im Schooße des Gun-Clubs zwei Parteien. Einerseits die Leute, welche an das Herabfallen des Projectils, und folglich die Rückkehr der Reisenden glaubten; andererseits die, welche an den Beobachtungen zu Long’s Peak festhielten, und einen Irrthum des Commandanten der Susquehanna annahmen. Diese letzteren hielten das Projectil nur für einen Boliden, nichts weiter, für einen schweifenden Körper, der bei seinem Herabsturz das Vordertheil der Corvette zertrümmert hatte. Man wußte auf ihre Schlußfolgerung nicht viel zu erwidern, denn der großen Geschwindigkeit wegen konnte man nicht viel beobachten, und der Commandant der Susquehanna sammt seinen Officieren hatten wohl ganz ehrlich sich täuschen können. Ein Grund sprach jedoch für ihre Angabe; wenn das Projectil auf die Erde gefallen war, so hatte sein Zusammenstoß mit derselben nur auf dem 27° nördlicher Breite vorgehen können, und, – wenn man die abgelaufene Zeit und die Achsenbewegung der Erde in Berechnung zog – zwischen dem 41° und 42° westlicher Länge.

Wie dem auch sein mochte, es wurde einstimmig im Gun-Club beschlossen, daß des Commandanten Bruder Blomsberry, Bilsby und der Major Elphiston unverzüglich nach S. Francisco reisen und Maßregeln ergreifen sollten, das Projectil vom Meeresgrund herauf zu holen.

Die Männer voll Hingebung reisten ab, ohne einen Augenblick zu verlieren; die Eisenbahn, welche demnächst durch ganz Centralamerika ziehen wird, führte sie nach St. Louis, wo rasche Postkutschen auf sie warteten.

Fast in demselben Augenblick, als der Marinesecretär, der Vicepräsident des Gun-Clubs und der Unterdirector des Observatoriums die Depesche aus S. Francisco empfingen, hatte der ehrenwerthe J.T. Maston die heftigste Gemüthsbewegung seines ganzen Lebens zu bestehen, eine Bewegung, wie sie ihm nicht einmal das Zerspringen seiner berühmten Kanone verursachte, und die ihn abermals fast das Leben gekostet hätte.

Wir erinnern uns, daß der Secretär des Gun-Clubs einige Augenblicke nach dem Projectil – und fast ebenso schnell wie dieses – auf die Station Long’s Peak auf dem Felsengebirge abgereist war. Der Director des Observatoriums zu Cambridge, der gelehrte J. Belfast, begleitete ihn.

Als die beiden Freunde ankamen, hatten sie sich summarisch eingerichtet, und waren von der Höhe ihres Rieseninstruments noch nicht wieder herabgekommen.

Wir wissen, daß dieses Instrument ein Reflecteur von der Einrichtung war, die man in England » Front view« nennt. Nach der Einrichtung desselben hatte das Bild der erblickten Gegenstände nur eine einmalige Lichtbrechung zu erleiden, wodurch dasselbe klarer wurde.

In Folge dessen hatten Maston und Belfast ihre Beobachtungen am oberen Ende des Instruments, nicht unten, anzustellen. Eine meisterhaft leichte Wendeltreppe führte hinauf, wo die Mündung der metallenen, zweihundertundachtzig Fuß tiefen Röhre sich befand, an dessen unterem Ende der Metallspiegel war.

Auf der schmalen Plateform nun, die sich oben am Teleskop befand, brachten die beiden Gelehrten ihr Dasein hin, den Tag verwünschend, welcher den Mond ihren Blicken entzog, und die Wolken, welche ihn bei Nacht hartnäckig verdeckten.

Wie groß war daher ihre Freude, als sie nach einigen Tagen in der Nacht des 5. December das Fahrzeug gewahrten, welches ihre Freunde in den Weltraum trug! Darauf folgte eine arge Täuschung, als sie auf unvollständige Beobachtungen gestützt, mit ihrem ersten Telegramm die irrige Angabe in die Welt hinaussprengten, das Projectil sei ein Trabant des Mondes, den er auf unabänderlicher Bahn umkreiste.

Seit diesem Augenblick hatten sie das Geschoß nicht wieder vor Augen gehabt, was um so leichter zu begreifen, als es damals hinter der unsichtbaren Seite des Mondes fuhr. Aber als es wieder vor der sichtbaren erscheinen sollte, war die Ungeduld des aufbrausenden J.T. Maston und seines eben so ungeduldigen Genossen erstaunlich. In jeder Minute der Nacht glaubten sie das Projectil wieder zu erblicken, und sahen’s doch nicht! Daraus entstand zwischen ihnen unaufhörlicher Streit, der ärgste Disput. Wenn Belfast behauptete, das Projectil sei nicht zu sehen, versicherte J.T. Maston, »es schwebe ihm klar vor Augen!«

»Das ist unser Geschoß! rief Maston wiederholt.

– Nein! erwiderte Belfast. Es ist eine Lawine, die von einem Mondberg herabrollt!

– Nun, morgen werden wir’s sehen.

– Nein! man wird’s nicht mehr sehen! Es schweift im weiten Weltraum.

– Ja doch!

– Nein!«

Und in solchen Momenten, wo es Ausrufungen hagelte, lag in der bekannten Reizbarkeit des Secretärs des Gun-Clubs eine beständige Gefahr für den ehrenwerthen Belfast.

Diese gemeinsame Existenz wäre bald unmöglich geworden; aber ein unerwartetes Ereigniß durchschnitt die ewigen Dispute.

Während der Nacht des 14. auf den 15. December waren die beiden unversöhnlichen Freunde in die Beobachtung der Mondscheibe vertieft. J.T. Maston beleidigte wie gewöhnlich den gelehrten Belfast, der seinerseits auch heftig ward. Zum tausendsten Male behauptete der Secretär des Gun-Clubs, er habe soeben das Projectil erblickt, mit dem Beifügen sogar, er habe Michel Ardan’s Gesicht durch ein Fenster hindurch gesehen. Seine Beweisführung begleitete er dazu mit einer Reihe von Gesticulationen, welche durch seinen bedrohlichen Haken beunruhigend wurden.

In diesem Augenblick – zehn Uhr Abends – erschien Belfast’s Diener auf der Plateform, und überreichte ihm eine Depesche. Es war das Telegramm des Commandanten der Susquehanna.

Belfast öffnete, las und stieß einen Schrei aus:

»Hm! fragte J.T. Maston.

– Das Projectil!

– Nun?

– Auf die Erde gefallen!«

Ein abermaliger Schrei, ein Heulen war die Antwort. Er blickte hin nach Maston. Der Unglückselige, unvorsichtig über den Rand der metallenen Röhre gebeugt, war in dem unermeßlichen Teleskop verschwunden, zweihundertachtzig Fuß tief hinabgestürzt. Belfast eilte hastig zur Mündung.

J.T. Maston war mit seinem metallenen Haken hängen geblieben und hielt sich an einer Spreize im Inneren des Teleskops. Er schrie entsetzlich.

Belfast rief um Hilfe. Es sprangen Diener herbei, man reichte Taue hinab und hißte den unvorsichtigen Secretär des Gun-Clubs wieder hinaus. Er kam unverletzt oben an.

»Hm! sagte er, beinahe hätte ich den Spiegel zerbrochen!

– Dann hätten Sie ihn bezahlen müssen, war die strenge Antwort.

– Und das verdammte Geschoß ist herabgefallen, fragte J.T. Maston.

– In’s Stille Meer!

– Reisen wir hin.«

Eine Viertelstunde darauf waren die beiden Gelehrten auf dem Wege das Felsengebirge hinab, und nach zwei Tagen, zugleich mit ihren Freunden vom Gun-Club, langten sie zu S. Francisco an, nachdem sie fünf Pferde todt gefahren.

Elphiston, Blomsberry, Bilsby kamen ihnen schon entgegen gestürzt.

»Was fangen wir an? riefen sie.

– Holen wir sie heraus, erwiderte Maston, und so bald wie möglich!«

Zweiundzwanzigstes Capitel

Zweiundzwanzigstes Capitel

Rettung.

Die Stelle, wo das Projectil versunken, war genau bekannt. Es fehlte noch an Instrumenten, um es zu fassen und an die Meeresoberfläche herauszuholen. Die mußte man erst ausdenken, dann verfertigen. Das war für amerikanische Ingenieure nur eine Kleinigkeit. Waren einmal Haken fertig und Dampfkraft zu Hilfe, so konnten sie sicher sein, das Projectil wieder herauf zu heben, trotz seiner Schwere, die übrigens durch die Dichtheit der umgebenden Flüssigkeit gemindert war.

Aber das Herausholen genügte nicht, man mußte rasch verfahren. Dann konnte man hoffen, sie noch bei Leben zu finden.

»Ja! wiederholte Maston unablässig mit einem Vertrauen, das sich Jedem mittheilte; unsere Freunde sind Leute von Geschick; unmöglich sind sie als Dummköpfe gefallen. Sie sind wohl noch am Leben, aber Eile thut noth, um sie noch so zu finden. Um Lebensmittel und Wasser bin ich nicht besorgt! Sie sind für lange Zeit damit versehen! Aber die Luft! Die Luft wird ihnen bald ausgehen. Darum rasch! rasch!«

Und man verfuhr rasch. Die Susquehanna wurde für die neue Bestimmung zurecht gemacht, und ihre Maschinen für den vorliegenden Zweck zur Verwendung gerichtet. Das Projectil wog nur neunzehntausendzweihundertundfünfzig Pfund, ein Gewicht, das geringer war, als das des transatlantischen Kabels, welches unter ähnlichen Verhältnissen herausgeschafft wurde. Die einzige Schwierigkeit bestand darin, daß die glatten Wände desselben es schwierig machten, um es mit Haken zu fassen.

Zu diesem Zweck ließ der Ingenieur Murchison, der eilends nach S. Francisco kam, ungeheure Haken nach einem automatischen System fertigen, welche das Projectil, wenn sie’s einmal mit ihren starken Zangen faßten, nicht mehr los lassen würden. Er ließ auch Korkkleider fertigen, welche den Tauchern gestatten sollten, den Meeresgrund zu durchforschen. Desgleichen ließ er an Bord der Susquehanna einen Apparat mit zusammengepreßter Luft bringen, der sehr sinnreich ausgedacht war. Es waren Behälter mit Luken, welche man vermittelst Wasser in gewissen Gefächern bis in große Tiefen hinabbringen konnte. Solche Apparate befanden sich gerade zu S. Francisco, wo man sie zur Anlegung eines unterseeischen Dammes gebraucht hatte. Und dies war ein Glück, denn sie zu fertigen hätte es an Zeit gemangelt.

Doch war, trotz dieses vortrefflichen Apparats, trotz des Genies der damit beauftragten Gelehrten der Erfolg der Operation keineswegs gesichert. Wie viele unsichere Zufälle gab’s bei dem Bemühen, das Projectil zwanzigtausend Fuß tief aus dem Wasser emporzuheben! Sodann, selbst auch wenn es an die Oberfläche herausgeschafft wurde, wie würden wohl seine Passagiere den fürchterlichen Stoß überstanden haben, der durch die Gewässer von zwanzigtausend Fuß Tiefe vielleicht nicht hinreichend abgeschwächt wurde?

Endlich, es war so rasch wie möglich zu verfahren. J.T. Maston drängte Tag und Nacht. Er hatte Luft, selbst das Taucherkleid anzulegen, und den Luftapparat zu probiren, um die Lage seiner muthigen Freunde zu erforschen.

Doch verliefen, trotz allem Eifer bei Fertigung der Maschinen, trotz den bedeutenden Summen, welche die Regierung dem Gun-Club zur Verfügung stellte, fünf lange Tage, fünf Jahrhunderte! ehe diese Vorrichtungen fertig wurden. Während dieser Zeit war die öffentliche Theilnahme auf’s Höchste gespannt, Telegramme drängten sich beständig in der ganzen Welt. Die Rettung Barbicane’s, Nicholl’s und Michel Ardan’s war eine internationale Angelegenheit. Alle Völker, die sich an den Subscriptionen für das Darlehen des Gun-Clubs betheiligt hatten, nahmen directen Antheil an dem Heil der Reisenden.

Endlich wurden die Ketten, die Luftbehälter, die automatischen Haken an Bord der Susquehanna gebracht. Maston, Murchison und die Abgeordneten des Gun-Clubs befanden sich in ihrer Cabine. Alles war zur Abfahrt fertig.

Am 21. December um acht Uhr Abends, bei stiller See, lebhafter Kälte und Nordostwind stach die Corvette in See. Die ganze Bevölkerung von S. Francisco drängte sich auf den Quais, voll Rührung, doch stumm, die Hurrahs auf die Rückkehr versparend.

Die Dampfkraft wurde auf den höchsten Punkt gespannt, die Schraube brachte das Fahrzeug mit reißender Schnelligkeit aus der Bai hinaus.

Von den Gesprächen an Bord unter Officieren, Matrosen, Passagieren brauch‘ ich nicht zu reden: nur ein Gedanke belebte Alle, alle Herzen schlugen mit gleicher Theilnahme. Während man so zu Hilfe eilte, was trieben Barbicane und Genossen? wie war es ihnen ergangen? Waren sie im Stande, einen kühnen Versuch zu ihrer Befreiung zu machen? Niemand konnte das sagen. In Wahrheit war ihnen jedes Mittel versagt. Zwei Lieues tief im Ocean versenkt trotzte der metallene Kerker allen Bemühungen von Seiten der Gefangenen.

Am 23. December um acht Uhr früh, nach rascher Fahrt, mußte die Susquehanna an der Unglücksstelle ankommen. Man mußte noch bis zwölf Uhr warten, um eine genaue Aufnahme machen zu können. Man hatte die Boje, woran die Schnur der Sonde befestigt war, noch nicht aufgefunden.

Um zwölf Uhr machte der Kapitän Blomsberry mit Hilfe seiner Officiere seine Berechnung in Gegenwart der Abgeordneten des Gun-Clubs. Einen Augenblick war man in ängstlicher Spannung. Nach genauer Bestimmung befand sich die Susquehanna westlich einige Minuten von der Stelle entfernt, wo das Projectil unter den Wogen verschwunden war.

Die Fahrt der Corvette wurde also genau auf diesen Punkt gerichtet.

Siebenundvierzig Minuten nach zwölf gewahrte man die Boje. Sie war unversehrt und mochte wenig ihren Platz geändert haben.

»Endlich! rief J.T. Maston.

– Fangen wir jetzt an? fragte der Kapitän Blomsberry.

– Ohne eine Secunde zu verlieren«, erwiderte Maston.

Es wurden alle Vorkehrungen getroffen, daß die Corvette sich möglichst unbeweglich hielt.

Bevor man das Projectil zu fassen trachtete, wollte der Ingenieur Murchison erst seine Lage auf dem Meeresgrund recognosciren. Die unterseeischen Apparate, welche für diesen Zweck bestimmt waren, wurden mit Luft versehen. Das Verfahren mit diesen Maschinen ist nicht gefahrlos. Denn in einer Tiefe von zwanzigtausend Fuß unter der Oberfläche und bei einem so enormen Druck kann ein Zerreißen, ein Zerspringen eintreten, welches erschreckliche Folgen haben würde.

J.T. Maston, Blomsberry, der Ingenieur Murchison begaben sich, ohne jene Gefahren zu beachten, in die Luftkammern. Der Commandant auf dem Steg leitete die Arbeit, bereit auf das erste Signal die Ketten inne zu halten oder herauf zu ziehen. Die Schraube war außer Wirkung gesetzt, und die volle Kraft der Maschinen auf das Winden verwendet, war im Stande, rasch den Apparat wieder herauf zu ziehen.

Um ein Uhr fünfundzwanzig Minuten Nachmittags begann das Hinabsteigen, und die Luftkammer, durch ihre Wasserbehälter hinabgezogen, verschwand unter der Meeresoberfläche.

Die Officiere und Matrosen an Bord waren nun doppelt in Besorgniß, um die im Projectil und in dem unterseeischen Apparat Eingeschlossenen. Die Letzteren vergaßen sich selbst, und beobachteten, an die Fenster der Luken gebannt, achtsam die Gewässer.

Es ging sehr rasch hinab. Um zwei Uhr siebzehn Minuten befand sich Maston mit seinen Genossen auf dem Meeresgrunde. Aber sie sahen nichts, als die Wüste, die weder von der Fauna noch der Flora des Meeres belebt war. Beim Schein ihrer mit starken Reflectoren versehenen Lampen waren sie im Stande, in ziemlich weitem Umfang die Wasserschichten zu beobachten. Aber das Projectil war nicht zu finden und zu sehen.

Unbeschreiblich war die Ungeduld der kühnen Taucher. Da ihr Apparat in elektrischer Verbindung mit der Corvette stand, so gaben sie ein verabredetes Zeichen, und die Susquehanna fuhr um eine Meile weiter, mit der Luftkammer einige Meter über dem Boden.

So durchforschten sie die ganze Ebene des Meeresgrundes, häufig durch optische Täuschungen irre geführt, die ihnen das Herz brachen. Hier ein Felsen, dort eine Bodenerhöhung kamen ihnen vor wie das mit Sehnsucht gesuchte Projectil. Dann, als sie ihren Irrthum gewahrten, sank ihnen der Muth.

»Aber wo sind sie? wo sind sie?« rief Maston.

Und der arme Mensch rief laut: Nicholl, Barbicane, Michel Ardan, als wenn seine unglücklichen Freunde ihn durch die undurchdringliche Umgebung hätten hören können!

Die Untersuchung dauerte unter diesen Umständen so lange, bis die verdorbene Luft die Taucher nöthigte, wieder empor zu steigen.

Gegen sechs Uhr Abends begann das Hinaufwinden und dauerte bis zu Mitternacht.

»Morgen fahren wir fort, sagte J.T. Maston, als er das Verdeck der Corvette betrat.

– Ja, erwiderte der Kapitän Blomsberry.

– An einer anderen Stelle.

– Ja.«

J.T. Maston zweifelte noch nicht am Erfolg, aber seine Genossen, die nicht mehr von der Belebung der ersten Stunden beseelt waren, begriffen bereits die ganze Schwierigkeit des Unternehmens. Was zu S. Francisco leicht schien, zeigte sich auf der Höhe des Oceans als unausführbar. Die Aussicht auf Gelingen verminderte sich in steigendem Maße, und man konnte nur noch von einem glücklichen Zufall ein Zusammentreffen mit dem Projectil erwarten.

Am folgenden Tag, 24. December, wurde trotz der Beschwerden des vorigen Tages die Operation von Neuem vorgenommen.

Der ganze Tag verstrich mit erfolglosem Suchen. Das Bett des Meeres war leer. Auch der 25. December brachte kein Resultat. Ebensowenig der 26.

Das war zum Verzweifeln, wenn man an die unglücklichen, nun seit sechsundzwanzig Tagen Eingeschlossenen dachte! Vielleicht empfanden sie eben bereits die ersten Zufälle des Erstickens, wenn sie über die Gefahren des Herabsturzes glücklich hinausgekommen waren! Die Luft war ausgegangen, und damit zugleich ohne Zweifel Muth und Hoffnung.

»Die Luft, wohl möglich, erwiderte J.T. Maston stets, aber niemals der Muth.«

Nach zwei weiteren Tagen, am 28., war alle Hoffnung verloren. In dem unermeßlichen Meer war das Projectil ein Atom! Man mußte darauf verzichten, es aufzufinden.

Doch wollte J.T. Maston nichts davon hören. Er wollte nicht die Stelle verlassen, ohne wenigstens das Grab seiner Freunde zu sehen. Aber der Commandant Blomsberry konnte nicht länger dabei beharren, und mußte trotz aller Einreden des würdigen Secretärs den Befehl zur Abfahrt geben.

Am. 29. December, um neun Uhr Vormittags, fuhr die Susquehanna in nordöstlicher Richtung nach der Bai S. Francisco zurück.

Um zehn Uhr, als die Corvette mit wenig Dampf und gleichsam wider Willen von der Unglücksstätte sich entfernte, hörte man den Matrosen, der, um das Meer zu beobachten, auf die Flaggenstangen gestiegen war, plötzlich ausrufen:

»Eine Boje quer vor uns unterm Wind.«

Die Officiere schauten in der angegebenen Richtung. Sie erkannten mit ihren Fernrohren, daß der signalisirte Gegenstand wirklich den Bojen glich, womit man das Fahrwasser der Baien oder Flüsse kenntlich macht. Aber, seltsamer Umstand, auf der fünf bis sechs Fuß hervorragenden Spitze flatterte eine Flagge. Diese Boje glänzte in den Sonnenstrahlen, als sei sie aus Silberplatten gefertigt.

Der Commandant Blomsberry, J.T. Maston, die Abgeordneten des Gun-Clubs stiegen auf den Steg, und untersuchten den auf den Wellen treibenden Gegenstand.

Alle schauten mit fieberhafter Angst, aber schweigend. Keiner wagte den Gedanken auszusprechen, der Allen in den Sinn kam.

Die Corvette näherte sich dem Gegenstand auf zwei Kabel.

Die ganze Mannschaft ergriff ein Schauer.

Es war die amerikanische Flagge!

In diesem Augenblick vernahm man ein wahres Löwengebrüll. Der wackere J.T. Maston war wie ein Klumpen zu Boden gefallen. Gänzlich vergessend, daß er statt eines Armes nur einen eisernen Haken hatte, statt eines Hirnschädels nur eine Plattmütze von Guttapercha sein Haupt deckte – hatte er sich einen entsetzlichen Schlag vor die Stirne gegeben.

Man eilte hin, hob ihn auf, brachte ihn wieder zu Besinnung. Seine ersten Worte waren:

»Aber, dreifaches Rindvieh! vierfache Dummköpfe! fünffache Tölpel sind wir doch!

– Was giebt’s? schrie man auf allen Seiten.

– Was es giebt? …

– So reden Sie doch!

– Dummköpfe, brüllte der fürchterliche Secretär, daß das Projectil nur neunzehntausendzweihundertundfünfzig Pfund wiegt, das giebt’s!

– Nun!

– Und daß es den Raum von sechsundfünfzigtausend Pfund Wasser einnimmt, daß es also nothwendig › obenauf schwimmt‹!«

Und wie betonte der würdige Mann den Ausdruck » obenauf schwimmt«! Und er hatte Recht. Alle, ja! alle diese gelehrten Leute hatten nicht an dieses Grundgesetz gedacht; daß nämlich in Folge seines geringen specifischen Gewichts das Projectil, nachdem es durch seinen Fall in die größte Tiefe des Oceans geschleudert worden, naturgesetzlich wieder auf die Oberfläche kommen mußte! Und nun schwamm es ruhig oben, wohin die Wogen es trieben …

Man hatte die Boote hinabgelassen. J.T. Maston und seine Freunde stürzten hinein. Die Spannung war auf ihrem Höhepunkt. Alle Herzen klopften, während die Boote dem Projectil zu fuhren. Enthielt es Lebende oder Todte? Lebende ja! sofern nicht Barbicane und seine Freunde seit Aufpflanzen der Flagge gestorben waren!

Tiefes Schweigen herrschte auf den Booten. Alle Herzen waren beklommen. Die Augen hatten die Sehkraft verloren. Eine der Fensterluken des Projectils stand offen. Einige in dem Rahmen steckende Scheibenstücke zeigten, daß das Fenster entzwei geschlagen worden war. Diese Luke war gegenwärtig fünf Fuß über dem Wasser.

Ein Boot legte an. J.T. Maston stürzte eilig auf das zerbrochene Fenster …

In dem Augenblick hörte man eine lustige, laute Stimme. Michel Ardan rief triumphirend:

»Auf beiden Seiten weiß, Barbicane!«

Barbicane, Michel Ardan und Nicholl – spielten Domino!

Dreiundzwanzigstes Capitel


Dreiundzwanzigstes Capitel

Schluß.

Erinnern wir uns an die unermeßliche Sympathie, welche den drei Reisenden bei ihrer Abfahrt zu Theil ward. Hatten sie beim Beginnen der Unternehmung solche Aufregung in der alten und neuen Welt verursacht, mit welchem Enthusiasmus mußte man sie bei der Rückkehr empfangen? Sollten nicht die Millionen Zuschauer, welche die Halbinsel Florida überschwemmt hatten, den hochherzigen Abenteurern entgegen eilen? Diese Legionen Fremder, welche aus allen Theilen der Welt an die amerikanischen Gestade geströmt waren, sollten sie das Gebiet der Vereinigten Staaten verlassen, ohne Barbicane, Nicholl und Michel Ardan wieder gesehen zu haben? Nein, und die Leidenschaft des Publicums sollte der Größe der Unternehmung entsprechen. Menschlichen Wesen, welche den Erdball verlassen hatten, und von der außerordentlichen Reise in die Himmelsräume zurückkamen, mußte unfehlbar ein Empfang zu Theil werden, wie dereinst dem Propheten Elias bei seiner Wiederkunft auf die Erde. Zuerst sie zu sehen, dann sie zu hören war der allgemeine Wunsch.

Dieser Wunsch sollte sehr rasch für die gesammten Bewohner der Union verwirklicht werden.

Barbicane, Michel Ardan, Nicholl, die Abgeordneten des Gun-Clubs wurden bei ihrer Rückkehr nach Baltimore mit unbeschreiblichem Jubel empfangen. Der Reisebericht des Präsidenten Barbicane war druckfertig. Der New-York-Herald kaufte dies Manuscript um einen Preis, den man noch nicht kennt, der aber ausnehmend hoch gewesen sein muß. In der That, zur Zeit, als die Reise zum Mond in diesem Blatt veröffentlicht wurde, erschien dasselbe in einer Auflage von fünf Millionen Exemplaren. Drei Tage nach der Rückkehr der Reisenden waren die geringsten Details ihres Ausflugs allgemein bekannt. Es blieb nun noch übrig, daß man die Heroen der übermenschlichen Unternehmung zu sehen bekam.

Die Beobachtungen Barbicane’s und seiner Freunde um den Mond herum hatten in den Stand gesetzt, die verschiedenen über den Erdtrabanten angenommenen Theorien vergleichend zu kritisiren. Diese Gelehrten hatten mit eigner Anschauung und unter ganz besonderen Umständen beobachtet. Man wußte jetzt, welche Systeme über die Bildung, den Ursprung, die Bewohnbarkeit dieses Weltkörpers man verwerfen, welche man gelten lassen sollte. Sie hatten ja in die tiefsten Geheimnisse seiner Vergangenheit, seiner Gegenwart, seiner Zukunft geblickt. Was konnte man gewissenhaften Beobachtern für Einwände machen, welche in einer Nähe von nicht einmal vierzig Kilometer den merkwürdigen Berg Tycho, das seltsamste System der Orographie des Mondes, in Augenschein nahmen? Was konnte man diesen Gelehrten entgegnen, deren Blicke in die Tiefen des Circus Plato gedrungen waren? Konnte man den kühnen Männern widersprechen, welche durch die Wechselfälle ihres Unternehmens bis zu der unsichtbaren Seite des Mondkörpers, welche bisher noch kein menschliches Auge geschaut hatte, geführt wurden? Sie waren jetzt berechtigt, der Selenographie ihre Grenzen zu stecken, welche die Welt des Mondes von Neuem gestaltete, wie Cuvier das Skelet eines Thieres der Urwelt; sie durften behaupten: Dies ist der Mond gewesen, eine bewohnbare Welt, die noch früher als die Erde bewohnt war! Dies ist der Mond, eine unbewohnbare und jetzt unbewohnte Welt!

Zur Feier der Rückkehr des berühmtesten seiner Mitglieder und seiner beiden Genossen dachte der Gun-Club darauf, ihnen ein Banket zu geben, aber es sollte ein würdiger Triumphzug sein, würdig des amerikanischen Volkes, und in solchen Verhältnissen, daß alle Bewohner der Union sich direct dabei betheiligen konnten.

Alle Hauptstationen der Staatseisenbahnen wurden durch Schienen mit einander in Verbindung gesetzt. Sodann wurden auf allen Bahnhöfen, die mit gleichen Fahnen beflaggt, mit den nämlichen Verzierungen decorirt waren, Tafeln mit gleichförmigen Gedecken aufgestellt. Zu bestimmten Stunden, welche der Reihe nach berechnet, mit Hilfe elektrischer auf die Secunde gleich gerichteter Uhren angegeben wurden, lud man das Volk ein, an den Tafeln des Bankets Platz zu nehmen.

Vier Tage lang, vom 5. bis 9. Januar, wurden die Bahnzüge auf den Staatseisenbahnen eingestellt, wie des Sonntags zu geschehen pflegt, und alle Wege blieben frei.

Nur eine einzige Locomotive, größter Geschwindigkeit mit einem Ehrenwaggon, war berechtigt, während dieser vier Tage die Staatsbahnen zu befahren.

Auf der Locomotive, die von einem Heizer und Maschinisten besorgt wurde, hatte der ehrenwerthe Secretär des Gun-Clubs aus besonderer Gunst einen Platz.

Der Waggon war speciell für den Präsidenten Barbicane, den Kapitän Nicholl und Michel Ardan bestimmt.

Auf den Pfiff des Maschinisten, nach den Hurrahs, Hips und allen naturkantigen Bewunderungsausdrücken der amerikanischen Sprache, verließ der Zug den Bahnhof zu Baltimore. Er fuhr achtzig Lieues in der Stunde. Doch was wollte dies bedeuten im Vergleich zu der Geschwindigkeit, womit die drei Heroen aus der Columbiade gefahren waren?

Also fuhren sie von einer Stadt zur anderen, fanden das Volk im Vorbeirasen bei den Tafeln, und wurden von demselben mit gleichem Zuruf begrüßt, mit denselben Bravos bewillkommnet. Dergestalt durcheilten sie den Osten der Union, Pensylvanien, Connecticut, Massachusets, Vermont, Maine und Neu-Braunschweig; den Norden und Westen, New-York, Ohio, Michigan und Wisconsin; dann wieder abwärts den Süden mit Illinois, Missuri, Arkansas, Texas und Luisiana; den Südosten mit Alabama und Florida; dann fuhren sie wieder aufwärts durch Georgien und die beiden Virginia, Indiana; endlich, nach der Station Washington kehrten sie nach Baltimore zurück, und konnten vier Tage lang glauben, sie würden von den Vereinigten Staaten Amerikas bei einem einzigen riesenmäßigen Banket gleichzeitig mit denselben Hurrahs begrüßt.

Die Apotheose war der drei Heroen würdig, welche von der Mythenzeit unter die Halb-Götter versetzt worden wären.

Und jetzt, wird wohl dies Unternehmen ohne Gleichen in den Annalen der Reisen ein praktisches Resultat herbeiführen? Wird man jemals eine directe Verkehrsverbindung mit dem Mond einrichten? Wird man eine Fahrteinrichtung durch den Weltraum gründen, um die Sonnenwelt in Verkehrsverbindung zu bringen? Wird man einst von einem Planeten zum anderen, vom Jupiter zum Mercur, und später von einem Stern zum anderen, vom Polarstern bis zum Sirius reisen? Wird es einst durch eine Fahrgelegenheit möglich sein, die Sonnen zu besuchen, welche am Firmament wimmeln?

Auf diese Fragen kann man noch nicht antworten. Aber wenn man das verwegene Genie der angelsächsischen Race kennt, wird sich Niemand wundern, daß die Amerikaner aus dem Unternehmen des Präsidenten Barbicane Vortheil zu ziehen suchten.

So hörte man denn auch einige Zeit nach der Rückkehr der Reisenden, daß die Ankündigung einer Commandite-Gesellschaft mit einem Capital von hundert Millionen Dollars, in hunderttausend Actien à tausend Dollars, mit dem Namen der Nationalgesellschaft der Verkehrsverbindungen zwischen den Sternen, beim Publicum entschieden günstige Aufnahme fand. Präsident dieser Gesellschaft war Barbicane, Vicepräsident Kapitän Nicholl, Verwaltungssecretär J.T. Maston, Director der Bewegungen Michel Ardan.

Und da es im amerikanischen Charakter liegt, für Alles Vorsorge zu treffen, selbst für den Fall eines Bankerotts, so waren im Voraus zum commissarischen Richter der ehrenwerthe Harry Trollope, und zum Syndicus Francis Dayton ernannt!

Zweites Capitel


Zweites Capitel

Die erste halbe Stunde.

Was war erfolgt? Welche Wirkung hatte diese fürchterliche Erschütterung gehabt? Hatte das Genie der Verfertiger des Projectils ein glückliches Resultat erzielt? Wurde der Stoß vermittelst der Sprungfedern, Zapfen, Wasserkissen, zerbrechlichen Verschläge abgeschwächt? War man der erschrecklichen Kraft jener Anfangsgeschwindigkeit von elftausend Meter, welche in einer Secunde durch ganz Paris oder New-York fahren konnte, Meister geworden? Diese Fragen drängten sich offenbar den tausend Zeugen jener erschütternden Scene auf. Ueber dem Gedanken an die Reisenden vergaß man den Zweck der Reise! Und wenn einer von ihnen, – J.T. Maston z.B. – hätte einen Blick in das Projectil werfen können, was würde er gesehen haben?

Nichts damals, denn es war völlig dunkel drinnen. Aber seine cylinderconischen Wände hatten trefflich Widerstand geleistet. Kein Riß, keine Biegung, keine Entstellung. Das staunenswerthe Projectil hatte unter der ungeheuren Hitze der Pulververbrennung nicht gelitten, war nicht, wie man zu befürchten schien, zu einem Aluminiumregen zerschmolzen.

Im Innern wenig Unordnung, im Ganzen genommen. Einige Gegenstände waren nach der Decke geschleudert worden; aber die bedeutendsten schienen nicht von dem Stoß gelitten zu haben. Die Befestigungsriemen waren unverletzt. Auf der beweglichen Scheibe, die nach Zertrümmerung der Scheidewände und dem Entweichen des Wassers bis zum Boden herabgesunken war, lagen drei Körper regungslos.

Waren Barbicane, Nicholl und Michel Ardan noch bei Leben? War das Projectil etwas mehr, als ein metallener Sarg, der drei Leichen in den Weltraum trug? …

Einige Minuten nach der Abfahrt fing einer der Körper an, sich zu regen; seine Arme bewegten sich, sein Kopf richtete sich auf, und es gelang ihm, auf die Kniee zu kommen. Es war Michel Ardan. Er betastete sich, stieß ein lautes »He!« aus, dann sprach er:

»Michel Ardan unversehrt. Sehen wir die Andern!«

Der muthige Franzose wollte aufstehen; aber er konnte sich nicht auf den Beinen halten. Sein Kopf wankte, das stark eingedrungene Blut machte ihn blind, er war wie trunken.

»Brr!« machte er. »Das hat auf mich gewirkt, wie zwei Flaschen Cortona, nur daß dieser wohl angenehmer zu trinken ist!«

Darauf strich er mehrmals mit der Hand seine Stirn, rieb sich die Schläfen, und rief mit fester Stimme:

»Nicholl! Barbicane!«

Er wartete ängstlich. Keine Antwort. Nicht ein Athemzug, welcher kundgab, daß seinen Kameraden das Herz noch schlug. Er rief abermals. Dieselbe Stille.

»Teufel! Sie verhalten sich, als seien sie von einem fünften Stock herab auf den Kopf gefallen! Bah!« fuhr er mit der unverwüstlichen Zuversicht, die sich durch nichts stören ließ, fort, »wenn ein Franzose sich auf die Kniee zu richten vermochte, so sollten zwei Amerikaner keinen Anstand nehmen, sich wieder auf die Beine zu helfen. Aber vor Allem, klären wir die Sache auf.«

Ardan fühlte, wie ihm das Leben wieder zuströmte. Sein Blut wurde ruhiger und kam wieder in den gewöhnten Umlauf. Wiederholte Anstrengungen brachten ihn in’s Gleichgewicht. Es gelang ihm aufzustehen, er zog ein Streichhölzchen aus der Tasche, rieb den Phosphor, daß er zündete, näherte sich dem Gashahnen und machte Licht. Der Behälter hatte nicht gelitten, kein Gas war entwichen. Das hätte schon der Geruch angezeigt, und dann hätte Michel Ardan es nicht wagen dürfen, in dem mit Gas angefüllten Raum eine Flamme anzuzünden. Denn es wäre dann eine Explosion entstanden, welche vielleicht vollendet hätte, was die Erschütterung begann.

Sobald die Gasflamme leuchtete, bog sich Ardan über die Körper seiner Gefährten, welche wie leblose Massen übereinander lagen, Nicholl oben, Barbicane unten.

Ardan hob den Kapitän auf, stützte ihn wider einen Divan und rieb ihn kräftig. Dieses mit Verstand geübte Kneten brachte Nicholl wieder zum Bewußtsein; er schlug die Augen auf, bekam sogleich seine Kaltblütigkeit wieder und faßte Ardan’s Hand. Dann, umherblickend, fragte er:

»Und Barbicane?«

– Er kommt auch an die Reihe, erwiderte Michel Ardan. Mit Dir fing ich an, weil Du oben lagst. Jetzt machen wir uns an Barbicane.

Hierauf hoben Ardan und Nicholl den Präsidenten des Gun-Clubs auf und legten ihn auf den Divan. Barbicane schien mehr als seine Genossen gelitten zu haben. Er hatte geblutet, aber Nicholl beruhigte sich, als er sich überzeugte, daß dieser Blutverlust nur von einer leichten Verwundung an der Schulter herrührte. Blos eine Schramme, die er sorgfältig zusammendrückte.

Doch dauerte es geraume Zeit, bis Barbicane wieder zu sich kam, worüber seine beiden Freunde, die ihn unablässig rieben, in Schrecken geriethen.

»Er athmet jedoch«, sagte Nicholl, das lauschende Ohr an der Brust des Verwundeten.

– »Ja, versetzte Ardan, er athmet, wie ein Mensch, der diese Thätigkeit täglich zu üben gewohnt war. Reiben, kneten wir, Nicholl, kräftig!«

Und die beiden improvisirten Aerzte machten’s so gut, daß Barbicane wieder zum Gebrauch seiner Sinne kam. Er schlug die Augen auf, richtete sich empor, ergriff die Hand seiner Freunde, und sein erstes Wort war:

»Nicholl, sind wir in Bewegung?«

Nicholl und Barbicane sahen sich einander an. Um’s Projectil hatten sie sich noch nicht bekümmert. Ihre erste Sorge galt den Reisenden, nicht dem Waggon.

»Wirklich sind wir in Bewegung?« wiederholte Michel Ardan.

– Oder befinden wir uns ruhig auf dem Boden Florida’s? fragte Nicholl.

– Oder auf dem Grund des mexikanischen Golf? fügte Michel Ardan bei.

– Das wäre! rief der Präsident Barbicane.

Und diese doppelte Vermuthung, welche seine Gegner aufstellten, wirkte unmittelbar, ihn wieder zu völligem Bewußtsein zu bringen.

Wie dem auch sein mochte, man konnte über die Lage, worin sich das Geschoß befand, sich noch nicht bestimmt aussprechen. Seine scheinbare Unbeweglichkeit, der Mangel an Verbindung mit der Außenwelt, gestatteten nicht, die Frage zu beantworten. Vielleicht war das Projectil auf seiner Fahrt durch den Raum begriffen? Vielleicht war es auch nach kurzem Aufflug wieder auf die Erde gefallen, oder auch in den mexikanischen Golf, was bei der geringen Breite von Florida leicht möglich war.

Der Fall war ernst, das Problem interessant. Es mußte baldmöglichst gelöst werden. Barbicane, dem bei seiner Aufregung die moralische Energie seine physische Schwäche überwinden half, stand auf und horchte. Außen tiefe Stille. Aber das dichte Futter mußte alles Geräusch von Seiten der Erde unvernehmlich machen. Doch ein Umstand fiel Barbicane auf. Die Temperatur innerhalb des Projectils war außerordentlich hoch. Der Präsident zog ein Thermometer aus seiner Scheide und befragte das Instrument; es zeigte fünfundvierzig hunderttheilige Grad.

»Ja!« rief er aus, »ja! wir sind in Bewegung! Diese erstickende Hitze, welche durch die Wände des Projectils eindringt, kommt von seiner Reibung in den Schichten der Atmosphäre. Sie wird bald abnehmen, weil wir schon in den luftleeren Raum übergehen, und nachdem wir fast erstickt wären, werden wir starke Kälte zu empfinden haben.«

– Wie? fragte Michel Ardan, nach Deiner Ansicht, Barbicane, befänden wir uns schon über der Grenze der Erdatmosphäre?

– Ohne Zweifel, Michel. Höre nur. Es ist jetzt zehn Uhr fünfundfünfzig Minuten. Seit etwa acht Minuten sind wir unterwegs. Wäre nun unsere anfängliche Geschwindigkeit nicht durch die Reibung vermindert worden, so wären wir schon binnen sechs Secunden über die sechzehn Lieues hinausgekommen, soweit sich die Atmosphäre um den Erdball herum erstreckt.

– Ganz richtig, erwiderte Nicholl, aber wie hoch schlagen Sie diese Verminderung der Geschwindigkeit durch die Reibung an?

– Zu einem Drittheil, Nicholl, versetzte Barbicane. Das ist beträchtlich, aber meiner Rechnung nach beträgt sie soviel. Hätten wir nun Anfangs eine Geschwindigkeit von zwölftausend Meter gehabt, so wird dieselbe beim Verlassen der Atmosphäre auf siebentausenddreihundertzweiunddreißig Meter herabgemindert sein. Wie dem auch sei, wir haben bereits diesen Raum durchschritten und …

– Und dann hat Freund Nicholl seine beiden Wetten verloren; viertausend Dollars, weil die Columbiade nicht zersprungen ist; fünftausend, weil das Projectil über sechs Meilen emporgekommen ist. Also, Nicholl, leiste Deine Verbindlichkeit.

– Stellen wir zuerst die Thatsache fest, dann soll die Bezahlung nicht fehlen. Leicht möglich, daß Barbicane’s Folgerungen richtig sind, und daß ich meine neuntausend Dollars verloren habe. Aber es kommt mir noch eine andere Vermuthung, ein Fall, wodurch die Wette zu nichte würde.

– Welche? fragte lebhaft Barbicane.

– Es wäre möglich, daß wir, weil aus irgend einem Grunde das Feuer nicht zum Pulver gelangte, gar nicht abgefahren wären.

– Wahrhaftig, Kapitän, rief Michel Ardan, das ist eine Hypothese, die begreiflich ist! Sie ist nicht ernstlich gemeint! Sind wir nicht alle von dem Stoß fast zum Tode erschüttert worden? Hab‘ ich Dich nicht wieder in’s Leben zurückgerufen? Blutet nicht noch die Schulter des Präsidenten vom Gegenstoß?

– Einverstanden, Michel, wiederholte Nicholl, aber nur eine Frage.

– Die wäre?

– Hast Du etwas von dem Knall gehört, der doch gewiß ganz entsetzlich stark war?

– Nein, erwiderte Ardan sehr betroffen, ich habe wirklich nichts davon gehört.

– Und Sie, Barbicane?

– Ich auch nicht.

– Nun denn? sagte Nicholl.

– In der That! murmelte der Präsident, warum haben wir keinen Knall gehört?

Die drei Freunde sahen sich einander etwas verlegen an. Die Erscheinung war ihnen unerklärlich. Doch war das Projectil abgeschossen worden, und folglich mußte ein Knall stattgefunden haben.

»Ueberzeugen wir uns zuerst, wo wir uns befinden«, sagte Barbicane, »und lassen wir die Luckendeckel hinab.«

Diese höchst einfache Verrichtung wurde sogleich bei der Lucke rechts vorgenommen. An den außen angebrachten Platten befanden sich Bolzen, welche durch die Wand dringend, innen vermittelst Mutterschrauben festgehalten wurden. Diese entfernte man mit einem englischen Schlüssel, die Bolzen wurden hinausgestoßen, und die Löcher, wodurch sie gegangen, durch Schließklappen, die mit Kautschuk gefüttert waren, verstopft. Nun senkte sich die Außenplatte an einem Charnier, wie bei einem Luckendeckel eines Kriegsschiffs hinab, und das Linsenglas an der Mündung der Lucke kam zum Vorschein. Eine ganz gleiche Ausgucklucke befand sich auf der entgegengesetzten Seite in der Wand des Projectils, eine andere an der Spitze desselben, und eine vierte in der Mitte seines Bodens. So konnte man also in vier entgegengesetzten Richtungen Beobachtungen anstellen, am Firmament durch die Seitenlucken und direct nach der Erde oder dem Mond hin durch die untere und obere.

Barbicane und seine Genossen waren unverzüglich an die geöffnete Lucke gestürzt. Kein Lichtstrahl zeigte sich, das Projectil war von tiefem Dunkel umfangen. Demunerachtet rief der Präsident Barbicane aus:

»Nein, meine Freunde, wir sind nicht wieder auf die Erde gefallen! Wir sind nicht in den Meeresgrund des mexikanischen Golfs versenkt! Ja! wir fahren aufwärts im Weltraum! Sehen Sie da die in der Nacht schimmernden Sterne und diese undurchdringliche Dunkelheit zwischen uns und der Erde!«

»Hurrah! Hurrah!« riefen zugleich Michel Ardan und Nicholl. In der That bewies diese dichte Finsterniß, daß das Projectil sich von der Erde entfernt hatte. Denn die damalige helle Beleuchtung des Erdbodens durch den Mondschein wäre den Reisenden sichtbar gewesen, wenn sie sich noch im Bereich seiner Oberfläche befunden hätten. Diese Dunkelheit lieferte auch den Beweis, daß das Projectil bereits über die Grenze der atmosphärischen Luftschichte gelangt war, denn das in derselben verbreitete zerstreute Licht hätte auf seine Metallwände eine Rückstrahlung ausgeübt, welche ebenfalls mangelte. Dieses Licht hätte die Linse des Gucklochs bestrahlt, und dieses Glas war unbeleuchtet. Es war also gar kein Zweifel mehr, daß die Reisenden sich von der Erde entfernt hatten.

»Ich habe verloren«, sagte Nicholl.

– Und ich gratulire dazu! erwiderte Ardan.

– Hier meine neuntausend Dollars, sagte der Kapitän, und zog einen Pack Papierdollars aus seiner Tasche.

– Wollen Sie Quittung? fragte Barbicane bei der Empfangnahme.

– Wenn Sie so freundlich sein wollen, erwiderte Nicholl. So ist’s der Regel gemäß.

Und ernst, phlegmatisch, als befände er sich bei seiner Casse, zog der Präsident Barbicane sein Notizbuch, riß ein weißes Blatt heraus, schrieb darauf eine regelrechte Quittung mit Datum und Unterschrift, und überreichte sie dem Kapitän, der sie sorgfältig in seiner Brieftasche aufhob.

Michel Ardan zog seine Mütze ab, und verneigte sich, ohne ein Wort zu seinen Kameraden zu reden. Soviel Förmlichkeit unter solchen Umständen – dafür hatte er keine Worte. Nie war ihm etwas so »Amerikanisches« vorgekommen.

Als Barbicane und Nicholl ihr Geschäft beendigt hatten, begaben sie sich wieder vor das Fenster und betrachteten die Sternbilder. Auf dem dunkeln Hintergrund des Himmels hoben sich die Sterne sehr lebhaft ab. Aber von dieser Seite konnte man den Mond nicht wahrnehmen, weil er in der Richtung von Osten nach Westen allmälig zum Zenith emporstieg. Seine Abwesenheit veranlaßte Ardan zu einer Bemerkung.

»Und der Mond?« sagte er. »Sollte er zufällig unser Rendezvous verfehlen.«

– Beruhige Dich, versetzte Barbicane. Unser künftiger Wohnball ist auf seinem Posten, aber auf dieser Seite können wir ihn nicht sehen. Oeffnen wir das andere Seitenfenster.

Im Augenblick, als Barbicane eben im Begriff war, das Fenster zu verlassen, um die Gucklöcher der entgegengesetzten Seite von ihrem Deckel zu befreien, ward seine Aufmerksamkeit durch die Annäherung eines glänzenden Gegenstandes angezogen. Es war eine enorme Scheibe, deren kolossale Verhältnisse sich nicht schätzen ließen. Seine der Erde zugekehrte Seite war lebhaft beleuchtet. Man hätte es einen kleinen Mond nennen können, der das Licht des großen zurückstrahlte. Es bewegte sich mit erstaunlicher Schnelligkeit voran, und schien um die Erde eine Bahn zu beschreiben, welche die Linie des Projectils durchschnitt. Zu der Bewegung um die Erde kam eine Achsenbewegung um sich selbst. Es verhielt sich also wie alle im Raum sich selbst überlassene Himmelskörper.

»Was ist das?« rief Michel Ardan. »Noch ein Projectil?«

Barbicane erwiderte nichts. Die Erscheinung dieses enormen Körpers überraschte und beunruhigte ihn. Es war ein Zusammenstoß möglich, der schlimme Folgen haben konnte, sei es, daß das Projectil aus seiner Fahrt gedrängt oder zur Erde hinabgestoßen, oder durch überwältigende Anziehungskraft desselben unwiderstehlich mit fortgerissen würde.

Der Präsident Barbicane begriff augenblicklich die Folgen dieser drei Fälle, welche auf die eine oder andere Art das Unternehmen zum Scheitern bringen würden. Seine Gefährten blickten stumm in den Raum hinaus. Der Gegenstand nahm, sowie er näher kam, erstaunlich an Größe zu, und durch eine optische Täuschung schien das Projectil ihm geradezu entgegen zu fahren.

»Herr Gott!« rief Michel Ardan, »es wird gleich ein Zusammenstoß eintreten.«

Instinctmäßig traten die Reisenden zurück. Ihr Schrecken war ungeheuer, dauerte jedoch nicht lange, kaum einige Secunden. Der Asteroide fuhr einige hundert Meter neben dem Projectil vorbei und verschwand, nicht durch seine Schnelligkeit, sondern weil seine dem Mond zugekehrte Seite sich plötzlich in der absoluten Dunkelheit des Raums verlor.

»Glück zur Fahrt!« rief Michel Ardan, indem er wieder frei aufathmete. »Wie? Ist der unendliche Raum nicht groß genug, daß eine armselige kleine Kugel nicht ohne Besorgniß sich darin ergehen könnte! Aber was hat’s mit der anmaßenden Kugel, die uns beinahe gestoßen hätte, für eine Bewandtniß?«

– Ich weiß es, erwiderte Barbicane.

– Potz tausend! Du weißt ja Alles.

– Es ist, sagte Barbicane, ein bloßer Bolide, aber von enormer Größe, den die Anziehungskraft der Erde wie einen Trabanten gefesselt hat.

– Ist’s möglich?! rief Michel Ardan. Also hat die Erde zwei Monde, wie Neptun?

– Ja, Freund, zwei Monde, obschon man im Allgemeinen glaubt, sie habe nur einen. Aber dieser zweite Mond ist so klein, und seine Schnelligkeit so groß, daß die Erdbewohner ihn nicht gewahren können. Ein französischer Astronom, Petit, hat durch Beachtung gewisser Bahnstörungen die Existenz dieses zweiten Trabanten zu bestimmen und seine Elemente zu berechnen gewußt. Nach seinen Beobachtungen würde dieser Bolide seinen Umlauf um die Erde in nur drei Stunden und zwanzig Minuten vollenden, was eine erstaunliche Geschwindigkeit voraussetzt.

– Geben alle Astronomen, fragte Nicholl, die Existenz dieses Trabanten zu?

– Nein, erwiderte Barbicane; aber wenn sie, wie wir, ihm begegnet wären, könnten sie nicht mehr zweifeln. In der That, denk‘ ich, macht dieser Bolide, der uns durch ein Anstoßen sehr in Verlegenheit gebracht hätte, es möglich, genau anzugeben, wo wir uns befinden.

– Wie so? fragte Ardan.

– Weil seine Entfernung bekannt ist, so befanden wir uns im Moment des Begegnens gerade achttausendeinhundertundvierzig Kilometer von der Erdoberfläche entfernt.

– Ueber zweitausend Lieues! rief Michel Ardan. Das überbietet ja die Expreßfahrten dieses armseligen Erdballs!

– Ich glaub’s wohl, erwiderte Nicholl, und sah auf seinen Chronometer, es ist elf Uhr, und wir haben erst seit dreizehn Minuten Amerika verlassen.

– Erst dreizehn Minuten? sagte Barbicane.

– Ja, erwiderte Nicholl, und wenn unsere anfängliche Geschwindigkeit von elf Kilometer fort bestände, so würden wir in der Stunde etwa zehntausend Lieues zurücklegen!

– Das ist Alles wohl recht, meine Freunde, sagte der Präsident, aber immer noch ist die Frage zu lösen: Weshalb haben wir den Knall der Columbiade nicht gehört?

Keine Antwort. Die Unterhaltung stockte, und Barbicane, fortwährend nachdenkend, machte sich daran, den Deckel der anderen Seitenlucke herabzulassen. Seine Bemühung gelang, und durch das frei gemachte Fenster fiel das glänzendste Mondlicht in’s Innere des Projectils. Nicholl löschte als ein sparsamer Mann das Gaslicht, denn es war unnöthig, und war zudem bei Beobachtung der Planetenwelträume hinderlich. Das Mondlicht glänzte in unvergleichlicher Reinheit. Seine Strahlen, nicht mehr durch die Dunstatmosphäre der Erde gedämpft, drangen hell durch das Fenster, und erfüllten das Innere des Projectils reichlich mit silbernem Widerschein. Sein Glanz, obwohl durch den schwarzen Vorhang des Firmaments gehoben, doch in dem leeren Aetherraum nicht fähig sich zu verbreiten, verdunkelte nicht die benachbarten Sterne. So gewährte der Himmel einen ganz ungewöhnlichen Anblick, wie ihn das menschliche Auge nicht ahnen konnte.

Das Interesse der kühnen Reisenden an der Betrachtung des Nachtgestirns, dem höchsten Zweck ihrer Reise, ist begreiflich. Der Trabant der Erde kam auf seiner Bahn dem Zenith immer näher, dem mathematischen Punkt, welchen er etwa sechsundneunzig Stunden später erreichen sollte. Seine Gebirge und Ebenen, das ganze Bild seiner Oberfläche stellte sich ihren Augen nicht klarer dar, als wenn sie’s irgend von einem Punkt der Erde aus betrachtet hätten; aber sein Licht entwickelte sich in dem leeren Raum mit unvergleichlicher Stärke. Die Scheibe glänzte wie ein Spiegel von Platina. Von der Erde, die unter ihren Füßen entschwand, hatten sie schon fast keine Erinnerung mehr.

Der Kapitän Nicholl lenkte zuerst wieder die Aufmerksamkeit auf den verschwundenen Erdball.

»Ja!« erwiderte Michel Ardan, »seien wir nicht undankbar gegen ihn. Weil wir unsere Heimat verlassen, so gebühren ihm unsere letzten Blicke. Ich will die Erde noch einmal sehen, bevor sie gänzlich meinen Blicken entschwindet!«

Um dem Wunsch seines Gefährten zu entsprechen, machte sich Barbicane daran, das Fenster im Boden des Projectils, welches direct die Betrachtung der Erde gestattete, frei zu machen. Es kostete Mühe, die Scheibe, welche durch die Kraft der Wurfbewegung bis auf den Boden gedrängt worden war, herauszunehmen. Die Stücke derselben wurden sorgfältig an der Wand aufgestellt, um nöthigenfalls benutzt werden zu können. Hierauf zeigte sich eine kreisrunde, fünfzig Centimeter breite Oeffnung, welche in dem Boden des Geschosses ausgeschnitten war. Dieselbe war mit einem fünfzehn Centimeter dicken, mit einem kupfernen Beschlag versehenen Glas geschlossen. Darunter war eine Aluminiumplatte angebracht, die vermittelst Bolzen befestigt war. Es wurde die Schraubenmutter losgedreht, die Bolzen frei gemacht, die Platte senkte sich und so war der Verkehr mit der Außenwelt für das Gesicht hergestellt.

Michel Ardan kniete auf das Fenster nieder, es war düster, wie im Schatten.

»Nun!« rief er, »und die Erde?«

– Die Erde? sagte Barbicane, da ist sie.

– Wie? sagte Ardan, dieser schmale Streifen, die silberne Sichel?

– Allerdings, Michel. In vier Tagen, wenn’s Vollmond ist, eben wenn wir dort anlangen, wird die Erde im Neulicht sein. Sie wird uns nur noch in Gestalt einer dünnen Sichel sichtbar sein, die bald verschwinden wird, und dann werden wir sie einige Tage lang in undurchdringliches Dunkel gehüllt finden.

– Dies die Erde! sagte Michel Ardan wiederholt, indem er mit gesperrten Augen den schmalen Schnitt seines Geburtsplaneten ansah.

Die vom Präsidenten Barbicane gegebene Erklärung war richtig. Die Erde trat im Verhältniß zum Projectil in ihre letzte Phase. Sie befand sich in ihrem Achtel, und zeigte auf dem dunkeln Hintergrund des Himmels eine sein gezogene Sichel. Ihr Licht, welches durch die dichte Schichte atmosphärischer Luft einen bläulichen Schein bekam, war minder stark, als das der Mondsichel. Dieser Ausschnitt zeigte bedeutende Dimensionen; man hätte ihn einen enormen, am Himmel gespannten Bogen nennen können. Einige hell erleuchtete Punkte, zumal auf seiner concaven Seite, bezeichneten hohe Gebirge; aber sie verschwanden zuweilen unter dichten Flecken, wie man sie bei der Oberfläche der Mondscheibe nie gewahrt. Es waren Ringe von Gewölk, die sich concentrisch um die Erdkugel herum bilden.

Jedoch war man, in Folge einer Naturerscheinung, gleich der, wie sie beim Mond vorkommt, wenn er in seinen Achteln sich befindet, im Stande die vollständige Umfangslinie der Erdkugel wahrzunehmen. Die ganze Scheibe kam ziemlich deutlich zum Vorschein durch die Wirkung des aschfarbenen Lichts, welches geringer als das bei dem Mond anzuschlagen ist. Der Grund dieser geringeren Stärke ist sehr begreiflich. Der Reflex auf dem Mond kommt von den Sonnenstrahlen, welche die Erde auf ihren Trabanten zurückwirft; hier sind’s umgekehrt die vom Mond auf die Erde zurückgeworfenen Sonnenstrahlen. Nun ist das Erdlicht ungefähr dreizehnmal stärker als das Mondlicht, in Gemäßheit der verschiedenen Größe der beiden Körper. Daraus folgt denn, daß bei der Erscheinung des aschfarbenen Lichtes der dunkle Theil der Erdscheibe minder klar gezeichnet ist, wie bei der Mondscheibe, weil die Stärke der Erscheinung im Verhältniß zur Leuchtkraft der beiden Gestirne steht. Es ist weiter zu bemerken, daß bei der Sichel der Erde die krumme Linie weitläufiger gezogen zu sein schien, als beim Mond; was lediglich Wirkung der Ausstrahlung ist.

Während die Reisenden das dichte Dunkel des Raums zu durchdringen suchten, entfaltete sich vor ihren Blicken ein funkelnder Strauß von Sternschnuppen. Hunderte von Boliden, die bei der Berührung mit der Atmosphäre sich entzündeten, durchzogen das Dunkel mit Lichtstreifen, und funkelten mit feurigem Schimmer in dem aschfarbenen Theile des Mondes. Die Erde befand sich damals in ihrer Sonnennähe, und der December ist der Erscheinung der Sternschnuppen so günstig, daß die Astronomen deren vierundzwanzigtausend während einer Stunde aufzählten. Aber Michel Ardan, der wissenschaftliches Urtheil gering achtete, gab lieber dem Glauben Raum, die Erde feiere mit ihren glänzendsten Kunstfeuern die Abfahrt ihrer drei Kinder.

Kurz, dies war Alles, was sie von dem im Dunkel verschwundenen Erdball sahen, als einem untergeordneten Stern in der Sonnenwelt, der den großen Planeten wie ein bloßer Morgen- oder Abendstern unter- oder aufgeht! ein nicht mehr zu erkennender Punkt im Raum, nur eine schwindende Sichel noch war die Erdkugel, auf welcher sie Alles, was ihnen lieb und theuer war, zurückgelassen hatten!

Lange blickten die drei Freunde sprachlos, aber im Herzen einig, sich einander an, während das Projectil sich in unverändert abnehmender Geschwindigkeit entfernte. Hierauf befiel ihr Gehirn eine unwiderstehliche Schlaftrunkenheit, wohl aus erschöpfender Ermüdung des Körpers und Geistes, denn auf die Ueberreizung der letzten auf der Erde verbrachten Stunden mußte wohl unvermeidlich eine Reaction erfolgen.

»Nun«, sagte Michel, »da man doch schlafen muß, so wollen wir schlafen.«

Und auf ihre Polster gestreckt, sanken die Drei bald in tiefen Schlaf.

Aber sie waren noch nicht eine Viertelstunde eingeschlummert, als Barbicane sich plötzlich aufrichtete und mit erschreckender Stimme seinen Gefährten zu rief:

»Gesunden!«

– Was hast Du gefunden? fragte Michel Ardan, von seinem Lager aufspringend.

– Den Grund, weshalb wir den Knall der Columbiade nicht gehört haben!

– Und der ist? rief Nicholl.

– Weil unser Projectil schneller fuhr, als der Ton!

Achtzehntes Capitel


Achtzehntes Capitel

Bedeutsame Fragen.

Unterdessen war das Projectil an dem Bereiche Tycho’s vorüber gekommen. Barbicane und seine beiden Freunde beobachteten dann noch mit sorgfältigster Achtsamkeit die glänzenden Lichtstreifen, welche der berühmte Berg so merkwürdig nach allen Seiten hin verbreitet.

Was hat es mit dieser strahlenden Lichtkrone für eine Bewandtniß? Welches geologische Phänomen hatte diesem gluthsprühenden Hauptschmuck den Ursprung gegeben? Diese Frage nahm mit Recht Barbicane’s Gedanken in Anspruch.

Unter ihren Augen sahen sie wirklich nach allen Richtungen hin lange Lichtstreifen ziehen mit aufgebogenem Rand und vertiefter Mitte, zwanzig bis fünfzig Kilometer breit. Diese glänzenden Streifen liefen vom Tycho aus an manchen Stellen bis zu dreihundert Lieues weit hinaus und schienen, vornehmlich nach Osten, Nordosten und Norden hin, die Hälfte der südlichen Hemisphäre zu bedecken. Einer dieser Ausläufer reichte bis zum Circus Neander unter dem vierzigsten Meridian. Ein anderer durchfurchte das Nectarmeer und brach sich nach einem Laufe von vierhundert Lieues an der Pyrenäenkette. Andere bedeckten in westlicher Richtung das Wolkenmeer und das Meer des Humors.

Wie entstanden diese funkelnden Strahlen, die auf den Ebenen wie auf den Höhen, so hoch es auch sein mochte, zu sehen waren? Alle gingen von einem gemeinschaftlichen Centrum, dem Krater Tycho’s, aus; sie waren ein Ausfluß desselben. Herschel hielt sie ihres glänzenden Aussehens wegen für ehemalige, im Kalten fest gewordene Lava-Ausströmungen, seine Ansicht fand aber keinen Beifall. Andere Astronomen wollten in diesen unerklärlichen Strahlen eine Art Schuttanhäufung sehen, unregelmäßige Trümmer und Blöcke durcheinander, welche zur Zeit der Bildung des Tycho dahin geworfen wurden.

»Und warum nicht? fragte Nicholl Barbicane, der diese verschiedenen Meinungen vortrug und verwarf.

– Weil die Regelmäßigkeit dieser lichtstrahlenden Linien und die Gewalt, welche nöthig war, um die vulkanischen Stoffe in solche Entfernung zu schleudern, damit nicht zu erklären sind.

– Ja, wahrhaftig! erwiderte Michel Ardan, es scheint mir so schwer nicht, den Ursprung dieser Strahlen zu erklären.

– Wirklich? sagte Barbicane.

– Wirklich, erwiderte Michel. Ich brauche nur zu sagen, es geschah durch ein ungeheures sternförmiges Zerspringen, wie wenn man mit einem Ball oder Stein wider ein Glasscheibe wirft!

– Gut! versetzte Barbicane lächelnd. Und welche Hand wäre kräftig genug, um den Stein zu schleudern, der so weit gesprungen ist.

– Die Hand ist dabei nicht nöthig, entgegnete Michel, der sich nicht von seinem Gedanken abbringen ließ; und was den Stein betrifft, nehmen wir an, es sei ein Komet.

– Ah! Die Kometen! rief Barbicane, die müssen aushelfen. Mein wackerer Michel, Deine Erklärung ist nicht übel, aber Deinen Kometen braucht man nicht. Der Stoß, welcher diesen Bruch veranlaßt hat, kann aus dem Inneren des Gestirns gekommen sein. Eine heftige Zusammenziehung der Mondkruste, unter Einwirken der Erkältung, konnte hinreichend sein, um das riesenhafte Zerspringen hervorzubringen.

– Meinetwegen eine Zusammenziehung, so etwas wie eine Kolik des Mondes, erwiderte Michel Ardan.

– Uebrigens, fügte Barbicane hinzu, ist auch ein englischer Gelehrter dieser Ansicht, Nasmyth, und sie scheint mir auch hinreichend das Ausstrahlen dieses Gebirgs zu erklären.

– Dieser Nasmyth ist kein Narr!« erwiderte Michel.

Lange waren unsere Reisenden, die sich an solchem Schauspiel nicht satt sehen konnten, in Bewunderung dieses Glanzes vertieft. Ihr Projectil, von der Lichtausströmung durchdrungen, in doppelter Bestrahlung, von Seiten der Sonne und des Mondes, mußte wie eine glühende Kugel aussehen. Sie waren auch aus bedeutender Kälte plötzlich in starke Hitze übergegangen. Die Natur wollte sie vorbereiten, Seleniten zu werden.

Seleniten werden! Dieser Gedanke führte nochmals auf die Frage der Bewohnbarkeit des Mondes. Waren die Reisenden nach dem, was sie gesehen hatten, im Stande, sie zu lösen? Konnten sie ein Urtheil für oder wider aussprechen. Michel Ardan forderte seine beiden Freunde auf, ihre Ansicht zu bilden, und fragte entschieden, ob sie glaubten, daß Thier- und Menschenwelt auf dem Mond repräsentirt seien.

»Ich glaube, daß wir im Stande sind, eine Antwort zu geben, sagte Barbicane; aber meiner Ansicht nach darf die Frage nicht in dieser Form auftreten. Ich bitte sie anders zu stellen.

– Du magst sie stellen, erwiderte Michel.

– Nun denn, versetzte Barbicane. Die Aufgabe ist eine doppelte und verlangt eine zweifache Lösung. Ist der Mond bewohnbar? Ist er bewohnt gewesen?

– Gut, erwiderte Nicholl. Fragen wir zuerst, ob der Mond bewohnbar ist.

– Offen gestanden, ich weiß es nicht zu sagen, entgegnete Michel.

– Und ich, versetzte Barbicane, antworte mit Nein. In dem gegenwärtigen Zustand des Mondes – mit der gewiß sehr beschränkten Umgebung von Atmosphäre, den meist ausgetrockneten Meeren und nicht hinreichenden Gewässern, der geringen Vegetation, dem schroffen Wechsel von Kälte und Wärme, den dreihundertvierundfünfzigstündigen Tagen und Nächten – scheint mir der Mond nicht bewohnbar, und auch nicht geeignet zur Entwickelung thierischen Lebens, noch hinreichend für die Bedürfnisse einer Existenz, wie wir sie verstehen.

– Einverstanden, erwiderte Michel. Aber ist der Mond nicht bewohnbar für anders organisirte Wesen?

– Auf diese Frage zu antworten, versetzte Barbicane, ist noch schwieriger.

Doch will ich den Versuch machen, aber ich frage Nicholl, ob er der Meinung ist, daß Bewegung das nothwendige Resultat des Lebens sei, wie es auch organisirt sein möge?.

– Ohne allen Zweifel, erwiderte Nicholl.

– Nun denn, mein würdiger Freund, so antworte ich: Wir haben die Continente des Mondes aus einer Entfernung von höchstens fünfhundert Meter betrachtet und nichts gesehen, was eine Bewegung auf der Oberfläche desselben verrieth. Das Vorhandensein irgend eines Menschengeschlechts würde sich durch dem Entsprechendes, durch errichtete Werke, selbst durch Ruinen zu erkennen gegeben haben. Was haben wir aber gesehen? Ueberall und stets die geologische Arbeit der Natur, niemals Menschenarbeit. Sollten also Repräsentanten des Thierreichs auf dem Mond vorhanden sein, so müßten sie in den unergründlichen Aushöhlungen, wohin der Blick nicht dringen kann, versteckt sein. Dies kann ich aber nicht gelten lassen, denn sie hätten Spuren vorübergehender Anwesenheit auf den Ebenen lassen müssen, welche die Schichte Atmosphäre, so niedrig sie auch sein mag, überziehen muß. Solche Spuren sind aber nirgends sichtbar. So bliebe dann nur übrig anzunehmen, es gebe eine Race lebender Wesen, welchen die Bewegung, worin doch Leben besteht, abgehe!

– Das wären also lebende Wesen, die kein Leben hätten, versetzte Michel.

– Getroffen! erwiderte Barbicane. Für uns aber hat dies keinen Sinn.

– Wir können also unsere Ansicht formuliren, sagte Michel.

– Ja, erwiderte Nicholl.

– Nun denn, fuhr Michel Ardan fort: Die wissenschaftliche Commission, welche im Projectil des Gun-Clubs versammelt ist, in ihrer Beweisführung auf die jüngst beobachteten Thatsachen gestützt, giebt mit Stimmeneinhelligkeit über die gegenwärtige Bewohnbarkeit des Mondes ihr Urtheil dahin ab: Nein, der Mond ist nicht bewohnbar!«

Diese Entscheidung wurde vom Präsidenten Barbicane in sein Notizbuch eingetragen, wo sich das Protokoll der Sitzung vom 6. December befindet.

»Jetzt, sagte Nicholl, machen wir uns an die zweite Frage, welche eine nothwendige Ergänzung der ersten enthält. Ich frage also die verehrliche Commission: Wenn der Mond nicht bewohnbar ist, ist er früher bewohnt gewesen?

– Bürger Barbicane hat das Wort, sagte Michel Ardan.

– Meine Freunde, erwiderte Barbicane, um eine Ansicht über die vormalige Bewohnbarkeit unseres Trabanten zu bilden, habe ich diese Reise nicht abgewartet, und habe nur hinzuzufügen, daß unsere persönlichen Beobachtungen mich in derselben nur bestärken können. Ich glaube, ich behaupte sogar, daß der Mond von einer Menschenrace bewohnt gewesen ist, die gleich der unserigen organisirt war; daß sie Thiere hervorgebracht hat, welche anatomisch gleichförmig unseren Thieren auf der Erde waren; aber ich setze hinzu, daß die Zeit dieser Menschen- oder Thierracen vorüber ist, daß sie für immer erloschen sind.

– So wäre also, fragte Michel, der Mond eine ältere Welt als die Erde?

– Nein, erwiderte Barbicane mit Ueberzeugung, aber eine Welt, die früher gealtert ist, die rascher ihre Gestaltung sowohl gewonnen, als verloren hat. Die organisirenden Kräfte des Stoffs sind verhältnißmäßig weit gewaltsamer im Inneren des Mondes thätig gewesen, als im Inneren des Erdballs. Der gegenwärtige Zustand dieser zerklüfteten, zerrissenen, aufgeschwollenen Scheibe beweist es zum Ueberfluß. Mond und Erde waren ursprünglich nur gasartige Massen. Dieses Gas wurde unter verschiedenen Einwirkungen zu Flüssigkeiten und die feste Masse bildete sich erst später heraus. Aber ganz sicher ist unser Erdball noch in gasartigem oder flüssigem Zustand gewesen, als der Mond durch Erkalten bereits Festigkeit gewonnen hatte und dadurch bewohnbar wurde.

– Das glaub‘ ich, sagte Nicholl.

– Damals, fuhr Barbicane fort, war er von einer Atmosphäre umgeben. Die durch diese dunstreiche Umhüllung festgehaltenen Gewässer konnten nicht verdampfen. Unterm Einwirken von Luft, Licht, Wärme der Sonne und des Inneren waren die für eine Vegetation vorbereiteten Continente von einer solchen bedeckt, und sicherlich offenbarte sich in dieser Epoche das Leben, denn die Natur vergeudet sich nicht unnütz, und eine in so wunderbarem Grad bewohnbare Welt ist nothwendig auch bewohnt gewesen.

– Doch, erwiderte Nicholl, mußten viele den Bewegungen unseres Trabanten eigenthümliche Erscheinungen einer Verbreitung des Thier- und Pflanzenreichs hinderlich sein. Diese dreihundertvierundfünfzigstündigen Tage und Nächte zum Beispiel?

– An den Polen der Erde, sagte Michel, dauern sie sechs Monate!

– Dies Argument hat wenig Gewicht, da unsere Pole nicht bewohnt sind.

– Bemerken wir auch, meine Freunde, fuhr Barbicane fort, daß, wenn bei dem gegenwärtigen Zustand des Mondes die langen Tage und Nächte Verschiedenheiten der Temperatur verursachen, welche der Organismus nicht verträgt, dieses zu jener Epoche nicht der Fall war. Das Fluidum der Atmosphäre umhüllte ihn wie ein Mantel. Die Dünste gestalteten sich zu Wolken, welche als natürlicher Schirm die Hitze der Sonnenstrahlen milderten und das nächtliche Ausstrahlen hemmten. Licht wie Wärme konnten sich in der Luft zerstreuen, woraus ein Gleichgewicht zwischen diesen Einflüssen entstand, welches jetzt, da diese Atmosphäre fast gänzlich verschwunden ist, nicht mehr existirt. Uebrigens will ich Sie gleich in Staunen versetzen …

– Thun Sie’s nur, sagte Michel Ardan.

– Aber ich bin geneigt zu glauben, daß zu der Epoche, als der Mond bewohnt war, Tag und Nacht nicht die Dauer von dreihundertvierundfünfzig Stunden hatte?

– Und weshalb? fragte Nicholl lebhaft.

– Weil sehr wahrscheinlich damals die Achsenbewegung des Mondes und seine Umdrehung um die Erde nicht gleich waren, durch welche Gleichheit jeder Punkt der Scheibe vierzehn Tage lang dem Einwirken der Sonnenstrahlen ausgesetzt ist.

– Einverstanden, erwiderte Nicholl, aber warum sollten diese beiden Bewegungen nicht gleich gewesen sein, da sie’s doch gegenwärtig sind?

– Weil diese Gleichheit nur durch die Anziehung von Seiten der Erde bewirkt worden ist. Wer sagt uns aber, daß diese Anziehungskraft zur Zeit, als die Erde noch in flüssigem Zustand war, hinreichte, um die Bewegungen des Mondes abzuändern?

– In der That, erwiderte Nicholl, und wer sagt uns, daß der Mond immer Trabant der Erde gewesen ist?

– Und wer sagt uns, rief Michel Ardan, daß der Mond nicht weit früher, als die Erde, existirt hat?«

Die Phantasie verlor sich auf dem unbegrenzten Feld der Hypothesen. Barbicane wollte sie zügeln.

»Damit gerathen wir, sagte er, in zu hohe Speculationen, wahrhaft unlösbare Probleme. Darauf wollen wir uns nicht einlassen. Nehmen wir nur an, die ursprüngliche Anziehungskraft sei unzureichend gewesen, und dann konnten, wegen Ungleichheit der beiden Bewegungen, um die Achse und um die Erde, die Tage und Nächte in der Weise, wie auf der Erde sich ablösen. Uebrigens ist es selbst ohne diese Bedingungen dort möglich gewesen zu leben.

– Also, fragte Michel Ardan, wäre das Menschengeschlecht auf dem Mond verschwunden?

– Ja, erwiderte Barbicane, nachdem es ohne Zweifel einige Tausend Jahrhunderte dort bestanden hatte. Indem die Atmosphäre allmälig dünner wurde, wird der Mond unbewohnbar geworden sein, wie es der Erdball einmal durch Erkalten werden wird.

– Durch Erkalten?

– Ohne Zweifel, erwiderte Barbicane. Die Rinde des Mondes ist in dem Verhältniß erkaltet, wie die inneren Feuer erloschen, der glühende Stoff sich zusammenzog. Allmälig traten die Folgen dieser Erscheinung ein: Verschwinden der organisirten Geschöpfe, Verschwinden der Vegetation. Bald wurde die Atmosphäre dünner, wahrscheinlich durch Anziehung von Seiten der Erde entzogen; es verschwand die athmungsfähige Luft, das Wasser durch Verdunsten. Von der Zeit an, wie der Mond unbewohnbar wurde, ist er nicht bewohnt gewesen. Es war eine erstorbene Welt, und so erscheint sie uns jetzt.

– Und Du sagst, solch ein Loos stehe der Erde bevor?

– Sehr wahrscheinlich.

– Aber wann?

– Wenn sie durch Erkaltung ihrer Rinde unbewohnbar sein wird.

– Und hat man die Zeit berechnet, wann unser unglücklicher Erdball erkalten wird?

– Ja wohl.

– Und Du kennst die Berechnung.

– Ganz genau.

– Aber so rede doch, widerlicher Gelehrter, rief Michel Ardan, ich sitze auf Kohlen vor Ungeduld.

– Nun, mein wackerer Michel, erwiderte Barbicane ruhig, da man die Abnahme der Temperatur während eines Jahrhunderts kennt, so hat man daraus abgenommen, daß diese mittlere Temperatur auf Null herabsinken wird nach Verlauf von vierhundert Jahrtausenden!

– Vierhundert Jahrtausende! rief Michel. Ach! Jetzt athme ich wieder frei! Wahrhaftig, wie war ich erschrocken! Meinte gar, wir hätten nur noch fünfzigtausend Jahre zu leben!«

Barbicane und Nicholl konnten sich über die Unruhe ihres Genossen des Lachens nicht enthalten. Darauf stellte Nicholl, um abzuschließen, nochmals die zweite Frage:

»Ist der Mond bewohnt gewesen?«

Dieselbe wurde einstimmig bejaht.

Aber während dieser Unterhaltung, reich an Theorien, die etwas gewagt waren – obwohl sie die über diesen Punkt von der Wissenschaft errungenen allgemeinen Ideen zusammenfaßt – war das Projectil rasch dem Mondäquator näher gekommen, wobei es sich regelmäßig von der Scheibe entfernte. Es war in einer Entfernung von achthundert Kilometer beim Circus Willem vorbei über den vierzigsten Breitegrad hinausgekommen. Darauf, den Pilatus unterm dreißigsten Grad rechts lassend, fuhr es längs der Südseite des Wolkenmeers, dem es im Norden nahe gewesen war. Einige Circus waren im Glanz des Vollmondes unklar zu sehen: Bouillaud, Purbach, fast viereckig mit einem Krater im Mittelpunkt, dann Arzachel, der im Inneren unendlich glänzend leuchtet.

Endlich, bei zunehmender Entfernung des Projectils, verschwanden die Umrisse vor den Blicken der Reisenden, die Berge wurden in der Entfernung unkenntlich, und von dem wundervollen, bizarren, seltsamen Gesammtbild des Erdtrabanten blieb ihnen bald nur die unvertilgbare Erinnerung.

Erstes Capitel


Erstes Capitel

Von zehn Uhr zwanzig bis zehn Uhr vierzig Minuten Abends.

Mit dem Schlag zehn Uhr verabschiedeten sich Michel Ardan, Barbicane und Nicholl von ihren zahlreichen Freunden auf der Erde. Die beiden Hunde, welche das Hundegeschlecht in die Mondlande einführen und verbreiten sollten, befanden sich bereits im Projectil. Die drei Reisenden näherten sich der Mündung des enormen Laufs, und ein schwebender Krahnen brachte sie bis zur conischen Spitze der Kugel.

Hier traten sie durch eine zu diesem Behuf angebrachte Oeffnung in den Alumin-Waggon ein. Als die Taue des Krahnens aus der Röhre herausgezogen waren, wurde augenblicklich das letzte Gerüste von der Mündung der Columbiade entfernt.

Sowie Nicholl sich mit seinen Gefährten im Projectil befand, schloß er sorgfältig die Oeffnung mit einer starken Platte, welche von Innen durch Stellschrauben befestigt wurde. Andere, fest angepaßte Platten bedeckten die Linsengläser der Ausgucklöcher. Die Reisenden befanden sich im tiefsten Dunkel in ihrem metallenen Gefängniß hermetisch eingeschlossen.

»Und nun, meine lieben Kameraden«, sagte Michel Ardan, »thun wir, als wären wir hier zu Hause. Ich führe die Verwaltung des Inneren, ein Fach, worin ich sehr stark bin. Wir müssen’s uns in unserer neuen Wohnung so bequem wie möglich machen. Vor Allem, suchen wir ein wenig Luft zu bekommen! Was Teufel! Für Maulwürfe ist das Gas nicht erfunden worden!«

Bei diesen Worten ergriff der sorglose Geselle ein Zündhölzchen, rieb’s an der Sohle seines Stiefels und zündete damit die Flamme an dem Hahnen des Behälters, welcher das höchst zusammengepreßte Gas enthielt, das zur Erleuchtung und Erwärmung der Kugel auf sechs Tage und sechs Nächte, hundertvierundvierzig Stunden, ausreichen konnte.

Das also erleuchtete Projectil zeigte sich als wie ein comfortabel eingerichtetes Zimmer mit ausgefütterten Wänden, runden Divans daran, und wie in einem Dom gewölbter Decke.

Die darin enthaltenen Gegenstände, Waffen, Instrumente, Geräthe, waren an der Polsterfütterung wohl befestigt, so daß sie den Stoß bei der Abfahrt wohl aushalten konnten. Es waren alle nur ersinnbaren Vorkehrungen getroffen, um ein so tollkühnes Unternehmen glücklich auszuführen.

Michel Ardan untersuchte Alles und erklärte seine volle Zufriedenheit mit der Einrichtung.

»Es ist ein Gefängniß«, sagte er, »aber ein Reisegefängniß mit der Erlaubniß durch’s Fenster zu sehen; ich wäre im Stande, mich auf hundert Jahre einzumiethen! Du lächelst, Barbicane? Hast Du dabei einen Hintergedanken? Meinst Du, dies Gefängniß könne unser Grab sein? Grab, meinetwegen, aber ich möchte es nicht mit dem Mahomed’s tauschen, welches ohne Reisezweck in dem Weltraum fährt.«

Während Michel Ardan also sprach, trafen Barbicane und Nicholl ihre letzten Vorbereitungen.

Nicholl’s Chronometer zeigte zehn Uhr zwanzig Minuten Abends, als die drei Reisenden definitiv in ihr Geschoß eingeschlossen wurden. Der Chronometer war fast auf ein Zehntel einer Secunde nach dem des Ingenieurs Murchison gerichtet. Barbicane befragte ihn.

»Meine Freunde«, sagte er, »es ist zehn Uhr zwanzig Minuten. In siebenundzwanzig Minuten wird Murchison mit dem elektrischen Funken den Draht berühren, welcher mit der Ladung der Columbiade in Verbindung ist. In dem Moment werden wir dann unseren Erdball verlassen. Siebenundzwanzig Minuten also haben wir noch auf der Erde zu bleiben.«

– Sechsundzwanzig Minuten und dreißig Secunden, erwiderte der exacte Nicholl.

– Ei nun! rief Michel Ardan im besten Humor, in sechsundzwanzig Minuten läßt sich noch viel fertig bringen! Man kann da noch die wichtigsten politischen und sittlichen Fragen besprechen, und selbst lösen! Sechsundzwanzig wohl verwendete Minuten sind mehr werth, als sechsundzwanzig unthätig verlebte Jahre. Etliche Secunden eines Pascal oder Newton sind kostbarer, als das ganze Leben einer rohen Masse von Dummköpfen ….

– Und was folgerst Du daraus, ewiger Schwätzer? fragte der Präsident Barbicane.

– Ich folgere, daß wir noch sechsundzwanzig Minuten haben, erwiderte Ardan.

– Nur noch vierundzwanzig, sagte Nicholl.

– Vierundzwanzig, wenn Du’s so genau nimmst, mein wackerer Kapitän, erwiderte Ardan, vierundzwanzig Minuten, binnen welchen man könnte gründlich ….

– Michel, sagte Barbicane, auf unserer Fahrt werden wir reichlich Zeit haben, die schwierigsten Fragen gründlich zu erörtern. Befassen wir uns jetzt mit der Abfahrt.

– Sind wir nicht bereit?

– Allerdings. Doch sind noch einige Vorkehrungen zu treffen, um die Gewalt des ersten Stoßes möglichst abzuschwächen!

– Haben wir nicht die Wasserschichten in den zerbrechlichen Verschlägen unter uns, deren Spannkraft uns hinlänglich schützen wird?

– Das hoffe ich, Michel, erwiderte sanft Barbicane, aber ganz sicher bin ich dessen doch nicht!

– Ah! Possen! rief Michel Ardan. Er hofft! …. Ist der Sache nicht sicher! … Und dies klägliche Geständniß erst in dem Moment, da wir bereits eingepackt sind! Da möcht‘ ich auf und davon!

– Und wfie? erwiderte Barbicane.

– In der That, sagte Michel Ardan, das ist schwer. Wir sind im Zug und vor Ablauf von vierundzwanzig Minuten wird der Conducteur pfeifen …

– Zwanzig Minuten, sagte Nicholl.

Einige Minuten blickten sich die Reisenden einander an. Darauf prüften sie die mitgenommenen Gegenstände.

»Alles ist richtig an seiner Stelle«, sagte Barbicane. »Jetzt handelt sich’s zu bestimmen, wie wir am Besten Platz nehmen, um den Stoß bei der Abfahrt auszuhalten. Es ist dabei nicht einerlei, in welcher Stellung oder Lage man sich befindet, und man muß soviel wie möglich verhüten, daß das Blut zu stark nach dem Kopfe dringt.«

– Richtig, sagte Nicholl.

– Dann, erwiderte Michel Ardan, um die Regel durch das Beispiel zu erklären, legen wir uns, den Kopf unten und die Füße oben, wie die Clowns im Circus!

– Nein, sagte Barbicane, aber auf die Seite müssen wir uns legen. So widerstehen wir am besten dem Stoß. Merken Sie wohl, im Moment der Abfahrt ist’s fast einerlei, ob wir drinnen oder davor sind.

– Wenn nur »fast« einerlei, will ich’s zufrieden sein, erwiderte Michel Ardan.

– Stimmen Sie mir bei, Nicholl? fragte Barbicane.

– Ganz und gar, erwiderte der Kapitän. Noch dreizehn Minuten und eine halbe.

– Der Nicholl ist kein Mensch, rief Michel, sondern ein Secundenchronometer …

Aber seine Gefährten hörten ihn schon nicht mehr an, und machten ihre letzten Vorkehrungen mit einer Kaltblütigkeit ohne Gleichen. Sie machten’s, wie zwei methodische Reisende, die, wenn sie in einen Waggon eingestiegen, sich’s so bequem wie möglich zu machen suchen. Man fragt sich wahrhaftig, aus welchem Stoff die Herzen dieser Amerikaner gemacht sind, denen im Angesicht der erschrecklichsten Gefahr der Puls nicht rascher schlägt!

Man hatte drei dicke und solid gepolsterte Lagerstätten in dem Projectil hergerichtet. Nicholl und Barbicane brachten sie auf die Mitte der Scheibe, welche den beweglichen Fußboden bildete; auf diesen sollten die drei Reisenden einige Augenblicke vor der Abfahrt sich hinstrecken.

Während dessen verhielt sich Ardan, der sich nicht ruhig halten konnte, in seinem engen Gefängniß, wie ein Stück Rothwild im Käfig, plauderte mit seinen Freunden, schwatzte mit seinen Hunden, Diana und Trabant, denen er seit Kurzem diese bezeichnenden Namen gegeben hatte.

»He! Diana! He! Trabant!« rief er sie an. »Ihr werdet den Mondhunden die guten Sitten der Erdhunde zu zeigen haben! Ihr werdet dem Hundegeschlecht Ehre machen! Potz! Blitz! Ihr sollt euch mit Monddoggen paaren, daß ich, kommen wir zurück, eine Mischrasse mitbringe, die Furore machen wird!«

– Wenn’s dort Hunde giebt, sagte Barbicane.

– Es giebt deren dort, versicherte Michel Ardan, wie es dort Pferde, Kühe, Esel, Hühner giebt. Ich wette darauf, daß wir Hühner dort antreffen.

– Hundert Dollars, daß wir keine treffen, sagte Nicholl.

– Angenommen, lieber Kapitän, erwiderte Ardan mit einem Händedruck. Aber Du hast ja schon drei Wetten an unseren Präsidenten verloren, weil die nöthigen Geldmittel aufgebracht wurden, weil der Guß gelungen ist, und weil die Columbiade ohne Unfall geladen wurde, – das macht sechstausend Dollars.

– Ja, erwiderte Nicholl. Zehn Uhr siebenunddreißig Minuten und sechs Secunden.

– Wohl gemerkt, Kapitän. Nun, ehe eine Viertelstunde vorüber ist, wirst Du noch neuntausend Dollars an den Präsidenten zu zahlen haben, viertausend, weil die Columbiade nicht zerspringen wird, und fünftausend, weil die Kugel höher als sechs Meilen in die Lüfte dringen wird.

– Ich habe die Dollars bei mir, erwiderte Nicholl, und klopfte auf seine Tasche, ich wünsche nur, daß es zum Zahlen komme.

– Nicholl, ich sehe, daß Du ein Mann der Ordnung bist, was mir nie gelingen wollte, aber schließlich, Du hast da eine Reihe Wetten gemacht, wobei Du Dich sehr im Nachtheil befindest, erlaube mir diese Bemerkung.

– Und weshalb? fragte Nicholl.

– Weil, wenn Du die erste gewinnst, im Falle nämlich die Columbiade springt, und die Kugel mit, Barbicane nicht mehr in der Lage sein wird, Dich bezahlen zu können.

– Mein Einsatz befindet sich auf der Bank zu Baltimore, erwiderte einfach Barbicane, daß er, wo nicht an Nicholl, seinen Erben ausgezahlt werden kann.

– Was für praktische Leute! rief Michel Ardan. Positive Geister! Ich bewundere Euch um so mehr, als ich Euch nicht begreife.

– Zehn Uhr zweiundvierzig, sagte Nicholl.

– Noch über fünf Minuten! erwiderte Barbicane.

– Ja! Fünf kurze Minuten! entgegnete Michel Ardan. Und wir sind eingeschlossen in einem Geschoß innerhalb einer neunhundert Fuß langen Kanone! Und unter diesem Geschoß befinden sich viermalhunderttausend Pfund Schießbaumwolle, die eine Wirkung von sechzehnhunderttausend Pfund gewöhnlichen Pulvers haben! Und Freund Murchison, den Chronometer in der Hand, das Auge unverwandt auf dem Zeiger, den Finger auf dem elektrischen Apparat, zählt die Secunden, im Begriff uns in die Räume der Planetenwelt zu schleudern! …

– Genug, Michel, genug! sagte Barbicane mit ernstem Ton. Machen wir uns bereit. Nur noch einige Augenblicke haben wir bis zum letzten. Einen Handschlag, meine Freunde!

– Ja! rief Michel Ardan, mit etwas mehr Rührung, als er kund geben wollte. Die drei kühnen Genossen umarmten sich.

»Gott behüte uns!« sagte der fromme Barbicane.

Michel Ardan und Nicholl streckten sich auf die Polster auf der Mitte des Bodens.

»Zehn Uhr siebenundvierzig«, murmelte der Kapitän. Noch zwanzig Secunden! Barbicane löschte rasch die Gasflamme und legte sich neben seine Kameraden.

Nur die Secundenschläge des Chronometers unterbrachen die tiefste Stille.

Mit einem Mal ein entsetzlicher Stoß, und das Projectil, von sechs Milliarden Liter Gas getrieben, flog empor in den Weltraum.

Neuntes Capitel


Neuntes Capitel

Folgen einer Abweichung von der Bahn.

Barbicane hatte nun keine Besorgniß mehr, außer in Beziehung auf das Ende der Reise hinsichtlich eines starken Anprallens.

Die noch wirksame Geschwindigkeit des Projectils trieb es über die neutrale Linie hinaus; folglich würde es nicht mehr auf die Erde zurückfallen, auch nicht unbeweglich an der neutralen Stelle bleiben. Zu verwirklichen blieb nur noch die Voraussetzung, daß es unter Einwirkung der Anziehungskraft des Mondes sein Ziel erreiche.

In Wirklichkeit war es ein Herabfallen aus einer Höhe von achttausendzweihundertsechsundneunzig französischen Meilen auf einen Weltkörper, wo die Schwere allerdings nicht höher als auf den sechsten Theil der Schwere auf der Erde anzuschlagen ist. Dennoch ein fürchterlicher Fall, gegen welchen unverzüglich alle Vorkehrungen getroffen sein wollten.

Diese Vorkehrungen waren zweierlei Art: die einen sollten im Moment, wo das Projectil den Boden des Mondes berühren würde, den Schlag abschwächen; die anderen sollten den Fall verzögern, folglich ihn weniger stark machen.

Um das Anprallen abzuschwächen, war es zu bedauern, daß Barbicane nicht mehr im Stande war, die Mittel anzuwenden, welche bei der Abfahrt so wirksam waren, den Gegenstoß zu vermindern, nämlich das Wasser und die zerbrechlichen Verschläge. Die Scheidewände existirten noch, aber an Wasser mangelte es; denn den noch vorhandenen Vorrath konnte man nicht verwenden, da derselbe zu kostbar war für den Fall, daß man in den ersten Tagen auf dem Boden des Mondes ein flüssiges Element nicht vorhanden träfe.

Uebrigens wäre dieser Vorrath auch sehr unzureichend gewesen. Das bei der Abfahrt des Projectils dazu verwendete, worauf die wasserdichte Scheibe ruhte, war nicht minder wie drei Fuß hoch auf einer Fläche von vierundfünfzig Quadratfuß, enthielt sechs Kubikmeter und wog tausendsiebenhundertundfünfzig Kilogramm. Nun enthielten aber die Behälter nur den fünften Theil davon. Man mußte also auf dieses so wirksame Mittel verzichten.

Zu allem Glück hatte Barbicane sich nicht auf diese Wasservorrichtung beschränkt, sondern die bewegliche Scheibe durch starke Zapfen mit Federn gestützt, welche nach Zertrümmerung der Verschläge den Stoß wider das Bodenstück schwächen sollten. Diese Zapfen waren noch vorhanden; man brauchte sie nur wieder herzurichten und die bewegliche Scheibe wieder an ihre Stelle zu bringen. Alle diese Stücke, die, weil sie kaum merkbares Gewicht hatten, leicht zu handhaben waren, konnten rasch wieder eingerichtet werden.

Dies geschah. Die verschiedenen Stücke waren leicht wieder hergestellt. Man brauchte nur Bolzen und Schrauben. An Werkzeug fehlte es nicht. Bald ruhte die wieder eingesetzte Scheibe auf ihren Stahlfederzapfen, wie ein Tisch auf seinen Füßen. Ein Uebelstand ergab sich aus der Wiederherstellung der Scheibe: sie versperrte das untere Fenster, so daß die Reisenden nicht mehr den Mond durch diese Lucke beobachten konnten, wenn sie senkrecht auf derselben stehen würden. Darauf mußte man nun verzichten. Uebrigens sonnte man durch die Seitenfenster noch die ungeheuren Mondregionen anschauen, wie der Luftschiffer die Erde aus seiner Gondel.

Diese Einrichtung der Scheibe erforderte eine Stunde Zeit. Es war schon zwölf Uhr Mittags vorüber, als die Vorbereitungen fertig waren. Barbicane stellte von Neuem Beobachtungen über die Neigung des Projectils an; aber zu seinem großen Leidwesen hatte es sich nicht hinreichend umgedreht, um zu fallen; es schien eine krumme Linie parallel mit der Mondscheibe zu beschreiben. Das Nachtgestirn strahlte glänzend im Weltraum, während auf der entgegengesetzten Seite das Tagesgestirn es mit seiner Gluth beleuchtete.

Diese Lage konnte nur beunruhigen.

»Werden wir anlangen?« fragte Nicholl.

– Thun wir nur, als müßten wir anlangen, erwiderte Barbicane.

– Ihr seid zu zaghaft, versetzte Michel Ardan. Wir werden anlangen, und rascher, als uns lieb sein wird.

Diese Antwort veranlaßte Barbicane, die Vorbereitungen fortzusetzen, und er machte sich daran, die zur Verzögerung des Falls bestimmten Maschinen bereit zu halten.

Erinnern wir uns des Meetings zu Tampa-Town, da der Kapitän Nicholl als Feind Barbicane’s und als Gegner Michel Ardan’s auftrat. Dem Kapitän Nicholl hatte auf seine Behauptung, das Projectil werde wie Glas zersplittern, Michel geantwortet, er werde dessen Fall durch angemessen verwendete Raketen verzögern.

Wirklich vermochten starke Kunstfeuer, vom Bodenstück auswärts gerichtet, indem sie eine starke Rückstoßbewegung hervorbrachten, die Schnelligkeit der Kugel einigermaßen zu hemmen. Diese Raketen mußten zwar im luftleeren Raum in Brand gesetzt werden, aber es sollte doch nicht an Sauerstoff fehlen, denn sie waren in ihrem Innern damit versehen, gleich den Mondvulkanen, deren Brand unerachtet des Mangels an Atmosphäre um den Mond herum niemals gehindert war.

Die Raketen nun, welche Barbicane angeschafft hatte, waren in kleinen Röhren von Stahl, welche mit einem Schraubengewinde versehen in das Bodenstück eingeschraubt werden konnten. Innen waren diese Röhren dem Boden gleich, außerhalb reichten sie einen halben Fuß weit hervor. Es waren deren zwanzig. Eine in der Scheibe angebrachte Oeffnung machte es möglich, daß man die an jeder befindliche Lunte anzünden konnte. Sie entluden sich dann nach außen. Die Füllung der Röhren war im Voraus vorgenommen. Man brauchte nun nur die in den Boden eingelassenen metallenen Stöpsel wegzunehmen und an ihre Stelle die genau hineingepaßten Röhren zu setzen.

Diese Arbeit war binnen drei Stunden vollendet, und nach allen diesen Vorkehrungen mußte man abwarten.

Inzwischen näherte sich das Projectil sichtbar immer mehr dem Mond, welcher in einem gewissen Verhältniß auf dasselbe einwirkte; aber die ihm noch eigene Schnelligkeit trieb es auch in schiefer Linie weiter. Die durch diese beiden Einwirkungen hervorgebrachte Linie wurde vielleicht zu einer Tangente. Aber gewiß fiel das Projectil nicht senkrecht auf die Mondoberfläche, denn sein Untertheil hätte in Gemäßheit seines Gewichts derselben zugekehrt sein müssen.

Barbicane’s Unruhe wurde größer, als er seine Kugel den Einwirkungen der Gravitation widerstehen sah. Er fand sich gegenüber dem Unbekannten, welches in dem Weltraum zwischen den Sternen herrscht. Er glaubte als Gelehrter nur die drei Fälle möglich, Rückfall auf die Erde, Fall auf den Mond und Unbewegtheit auf der neutralen Linie! Und siehe, da erhob sich unversehens ein vierter Fall sammt allen Schrecken des Unendlichen. Um bei dieser Ansicht seines Geistes mächtig zu bleiben, mußte man ein entschlossener Charakter sein, wie Barbicane, ein Phlegma wie Nicholl, oder ein tollkühner Abenteurer wie Michel Ardan.

Die Unterhaltung fiel auf diesen Gegenstand. Andere Leute hätten die Frage vom praktischen Gesichtspunkt aus betrachtet, und sich gefragt, wohin ihr Waggon-Projectil sie führe. Sie dagegen forschten nach der Ursache, welche diese Wirkung gehabt.

»Also wir sind aus der Bahn gekommen?« sagte Michel. »Aber weshalb?«

– Ich fürchte wohl, erwiderte Nicholl, daß trotz aller Vorsichtsmaßregeln die Columbiade nicht genau gerichtet wurde. Eine noch so kleine Unrichtigkeit mußte schon hinreichen, uns aus der Einwirkung der Anziehung des Mondes heraus zu bringen.

– Also hätte man schlecht visirt? fragte Michel.

– Ich glaub’s nicht, erwiderte Barbicane. Die Kanone war streng senkrecht gerichtet, unstreitig gerade auf den Zenith des Ortes. Wenn nun der Mond in den Zenith kam, mußten wir ihn als Vollmond erreichen. Es giebt noch einen anderen Grund, ich kann aber nicht darauf kommen.

– Kommen wir nicht zu spät? fragte Nicholl.

– Zu spät? versetzte Barbicane.

– Ja, fuhr Nicholl fort. Die Anweisung des Observatoriums zu Cambridge verlangte, daß die Fahrt in siebenundneunzig Stunden, dreizehn Minuten und zwanzig Secunden vor sich gehe. Das will heißen: wenn früher, so werde der Mond noch nicht an dem bestimmten Punkt angekommen sein; wenn später, so werde er nicht mehr an der Stelle sein.

– Einverstanden, erwiderte Barbicane. Aber wir sind dreizehn Minuten und fünfundzwanzig Secunden vor elf Uhr Abends abgefahren, und müssen am fünften zu Mitternacht ankommen, genau zu dem Zeitpunkt, da der Mond voll sein wird. Nun sind wir am 5. December. Es ist halb vier Uhr Nachmittags, und in acht und einer halben Stunde sollten wir am Ziel anlangen. Weshalb kommen wir nun nicht dort an?

– Sollte vielleicht die Schnelligkeit zu groß sein? erwiderte Nicholl, denn wir wissen jetzt, daß die Anfangsgeschwindigkeit größer gewesen ist, als man voraussetzte.

– Nein! Hundertmal nein! entgegnete Barbicane. War die Richtung des Projectils gut, so hätte ein Uebermaß von Geschwindigkeit uns nicht gehindert, den Mond zu erreichen. Nein, es ist eine Abweichung der Bahn. Wir sind von der Bahn abgekommen.

– Wodurch? Durch wen? fragte Nicholl.

– Ich kann’s nicht sagen, erwiderte Barbicane.

– Nun, Barbicane, sprach darauf Michel, soll ich Dir meine Meinung sagen über die Frage, woher diese Abweichung kommt?

– – Nur immer heraus.

Ich würde keinen halben Dollar dafür geben, um es zu erfahren! Wir sind aus der Bahn heraus, das ist Thatsache. Wohin wir fahren, daran liegt mir wenig. Wir werden’s schon sehen. Der Teufel! Da wir nun einmal in den Weltraum hineingezogen sind, so werden wir schließlich irgend einem Centrum der Anziehungskraft zufallen!

Mit dieser Gleichgiltigkeit Michel Ardan’s konnte sich Barbicane nicht zufrieden geben. Nicht daß er wegen der Zukunft Besorgniß hatte! Vielmehr hätte er um jeden Preis gern gewußt, weshalb sein Projectil von der Bahn abgekommen.

Inzwischen änderte die Kugel sammt den hinausgeworfenen Gegenständen fortwährend ihre Lage, und zwar seitwärts vom Mond. Barbicane konnte sogar durch Merkzeichen, welche er an dem Mond, der keine zweitausend Lieues mehr entfernt war, aufgenommen hatte, feststellen, daß seine Geschwindigkeit gleichförmig wurde. Ein neuer Beweis, daß nicht ein Fallen stattfand. Die treibende Kraft hatte noch über die anziehende des Mondes das Uebergewicht, aber das Projectil kam doch unstreitig dem Mond immer näher und man konnte hoffen, daß, je näher man kam, die Schwerkraft überwiegen, und definitiv ein Fallen verursachen werde.

Da die drei Freunde nichts Besseres zu thun hatten, setzten sie ihre Beobachtungen fort. Doch konnten sie über die topographische Beschaffenheit des Trabanten noch nichts feststellen, weil alle Erhabenheiten unter dem Rückwerfen der Sonnenstrahlen flacher wurden.

Sie betrachteten ihn also bis um acht Uhr Abends durch die Seitenlucken. Der Mond hatte damals vor ihren Augen dermaßen an Größe zugenommen, daß er die ganze eine Hälfte des Firmaments verdeckte. Das Projectil wurde auf der einen Seite vom Nachtgestirn mit Licht überschwemmt.

In diesem Moment glaubte Barbicane die Entfernung von ihrem Ziel auf nur noch siebenhundert Lieues schätzen zu können. Die Schnelligkeit des Projectils schien ihm noch zweihundert Meter in der Secunde zu betragen, das macht etwa hundertundsiebenzig franz. Meilen in der Stunde. Das Bodenstück desselben zeigte unterm Einfluß der Centripetalkraft das Bestreben, sich dem Monde zuzukehren; aber die centrifugale behauptete stets das Uebergewicht, und es wurde wahrscheinlich, daß sich die geradlinige Bahn in irgend eine krumme verwandelte, ohne daß man über ihre Beschaffenheit noch etwas Bestimmtes kannte.

Barbicane trachtete fortwährend nach der Lösung seines unlösbaren Problems.

Die Stunden verflossen ohne Ergebniß. Das Projectil kam sichtbar dem Monde näher, aber es wurde auch sichtbar, daß es denselben nicht erreichen würde. Aus dem Zusammenwirken der anziehenden und abstoßenden Kraft, welche die Bewegung desselben bestimmten, mußte sich der kürzeste Abstand ergeben, bis zu welchem es gelangen würde.

»Ich begehre nur etwas«, sagte Michel wiederholt: »nahe genug an den Mond heranzukommen, um in seine Geheimnisse zu dringen!«

– »Verfluchte Ursache, rief Nicholl, die unser Projectil zur Abweichung gebracht hat!

– Verwünscht dann, erwiderte Barbicane, als sei ihm auf einmal ein Gedanke gekommen, verwünscht dann der Bolide, dem wir begegneten!

– Hm! brummte Michel Ardan.

– Was meinen Sie damit? rief Nicholl.

– Ich meine, erwiderte Barbicane so zuversichtlich, als sei er davon überzeugt, ich meine, daß unsere Abweichung einzig und allein der Begegnung mit diesem schweifenden Körper zuzuschreiben ist!

– Aber er hat ja nicht einmal uns gestreift, erwiderte Michel.

– Darauf kommt’s nicht an. Seine Masse war im Verhältniß zu der unseres Projectils enorm, so daß seine Anziehungskraft hinreichend stark war, um auf unsere Richtung einzuwirken.

– So wenig! rief Nicholl.

– Ja! Nicholl, so wenig es auch der Fall gewesen sein mag, erwiderte Barbicane, bei einer Entfernung von vierundachtzigtausend Lieues bedurfte es nicht mehr, um ein Verfehlen des Mondes zu veranlassen!«