Dreiundzwanzigstes Capitel.


Dreiundzwanzigstes Capitel.

Der Hansbach.

Eine Stunde lang überdachte ich in meinem wahnsinnigen Gehirn alle Gründe, welche den phlegmatischen Jäger zum Handeln treiben konnten. Die absurdesten Ideen verwickelten sich in meinem Kopf. Ich glaubte, ich sei im Begriff, ein Narr zu werden!

Doch endlich vernahm man Fußtritte aus der Tiefe des Ganges. Hans kam zurück. Das Licht fing an unstät an den Wänden zu schimmern, dann kam es an der Mündung des Tunnels zum Vorschein. Hans erschien, trat nahe zu meinem Oheim, legte ihm die Hand auf die Schulter und weckte ihn sanft. Er richtete sich auf und rief:

»Was giebt’s?

– Vatten«, erwiderte der Jäger.

Man muß annehmen, daß jeder Mensch, wenn ihn heftige Schmerzen anregen, alle Sprachen versteht. Ich verstand nicht ein einziges Wörtlein dänisch, und doch begriff ich instinctmäßig das Wort unsers Führers.

»Wasser! Wasser! rief ich aus, klaschte mit den Händen, geberdete mich wie wahnsinnig.

– Wasser! wiederholte mein Oheim. ‚Hwar?‘ fragte er den Isländer.

– Nedat«, antwortete Hans.

Wo? Unten! Ich verstand Alles. Ich ergriff des Jägers Hand und drückte sie; er sah mich ruhig an.

Ohne uns mit Vorbereitungen aufzuhalten, waren wir flugs auf dem Weg, in einem Gang von zwei Fuß Fall per Klafter.

Nach einer Stunde hatten wir bei tausend Klaftern zurückgelegt und waren zweitausend Fuß abwärts gekommen.

In diesem Augenblick vernahm ich deutlich einen ungewohnten Ton seitwärts in der Granitwand, eine Art dumpfes Brausen gleich fernem Donner. Während der ersten halben Stunde unsers Wegs, da wir noch nicht auf die angekündigte Quelle stießen, überkam mich wieder die Angst; nun aber belehrte mich mein Oheim über den Ursprung des Geräusches, welches man vernahm.

»Hans hat sich nicht geirrt, sagte er; was Du da hörst, ist das Rauschen eines Baches.

– Ein Bach? rief ich aus.

– Ohne allen Zweifel. Ein unterirdischer Fluß strömt in unserer Nähe!«

Wir beschleunigten unsere Schritte, von Hoffnung gespornt. Ich fühlte keine Müdigkeit mehr. Bereits das Rauschen eines murmelnden Wassers erquickte mich. Es wurde merklich stärker. Nachdem wir den Bach lange Zeit über unserm Kopf gehört, floß er jetzt in der linken Seitenwand, brausend und sprudelnd. Ich hielt öfters meine Hand wider den Felsen, in Hoffnung, Spuren von durchsickernder Feuchtigkeit zu finden. Aber vergebens.

Eine halbe Stunde verfloß noch. Eine halbe Lieue wurde noch zurückgelegt.

Es zeigte sich nun klar, daß der Jäger, als er abwesend war, sein Suchen nicht weiter hatte fortsetzen können. Geleitet von einem den Bergbewohnern eigenthümlichen Instinct, erkannte er im Gefühl diesen Bach durch den Felsen hindurch, gesehen aber hatte er das köstliche Naß sicherlich nicht, seinen Durst nicht damit gestillt.

Bald ergab sich auch, daß wir, wenn wir weiter fort gingen, uns von dem fließenden Wasser, dessen Rauschen schwächer zu werden anfing, wieder entfernen würden.

Wir gingen also wieder zurück. Hans blieb genau an der Stelle stehen wo der Bach am nächsten zu sein schien.

Ich setzte mich neben der Wand nieder, während das Wasser in einer Entfernung von zwei Fuß sehr reißend strömte. Aber eine Granitwand trennte uns noch.

Ohne nachzudenken, ohne mich zu fragen, ob es nicht irgend ein Mittel gebe, dieses Wasser sich zu verschaffen, gab ich mich im ersten Augenblick einer Verzweiflung hin.

Hans sah mich an, und ich glaubte ein Lächeln auf seinen Lippen zu bemerken.

Er stand auf und nahm seine Lampe. Ich folgte ihm nach. Er ging nach der Wand hin; ich sah ihm zu, was er machte. Er hielt sein Ohr ganz nahe an den bloßen Stein, fuhr mit demselben daran vorbei, sorgfältig lauschend. Ich begriff, daß er genau die Stelle suchte, wo man den Bach am lautesten rauschen hörte. Diese Stelle fand er in der linken Wand, drei Fuß über dem Boden.

Ich war in großer Bewegung! Ich wagte nicht zu rathen, was der Jäger thun würde. Aber ich konnte nicht umhin, ihn zu begreifen, zu beglückwünschen, mit Liebesbezeigungen zu überschütten, als ich ihn zur Spitzhaue greifen sah, um sich an den Felsen selbst zu machen.

»Retten Sie! rief ich aus.

– Ja, wiederholte mein Oheim wie wahnsinnig, Hans hat Recht! Der wackere Jäger! Wir wären nicht darauf gekommen!«

Ich glaub’s wohl! So einfach ein solches Mittel auch war, es wäre uns nicht in den Sinn gekommen. Es war doch höchst gefährlich, mit der Hacke in dies Gerüste des Erdballs einzuhauen? Es konnte ein Einsturz erfolgen, der uns zermalmte! Der Bach konnte, nachdem er durchgebrochen, uns verschlingen. Diese Gefahren hatten nichts Grillenhaftes; aber damals konnte die Besorgniß vor Einsturz oder Ueberschwemmung uns nicht abhalten, denn unser Durst war stark.

Hans machte sich an die Arbeit, die weder mein Oheim, noch ich fertig gebracht hätte. Die Ungeduld hätte uns die Hand geführt, so daß der Felsen unter wiederholten Schlägen zertrümmert worden wäre. Der Führer dagegen, ruhig und bedächtig, hieb den Felsen mit öfter wiederholten kleinen Schlägen an, und grub so ein sechs Zoll breites Loch. Es dauerte nicht lange, so war die Haue schon zwei Fuß in die Granitwand gedrungen. Die Arbeit währte über eine Stunde. Ich zappelte vor Ungeduld! Mein Oheim wollte es mit Macht angreifen; ich konnte ihn kaum zurückhalten, und schon griff er zur Haue, als man plötzlich ein Zischen vernahm. Ein Wasserstrahl brach aus der Wand vor, und schlug wider die Wand der entgegengesetzten Seite.

Hans, den der Stoß bald umgeworfen hätte, konnte einen Schmerzensschrei nicht unterdrücken. Ich begriff es, als ich meine Hände in den Strahl tauchte, und schrie ebenfalls laut auf. Das Wasser war siedend heiß.

»Das Wasser ist hundert Grad heiß! rief ich.

– Nun, es wird schon kalt werden«, erwiderte mein Oheim.

Der Gang füllte sich mit Dämpfen, und es entstand ein Bach, der sich in Krümmungen verlief; wir konnten bald unsern Trunk daraus schöpfen.

Ach! welche Lust! welch‘ unvergleichliche Erquickung! Woher kam das Wasser? daran lag wenig. Es war Wasser, das, wenn auch warm, das schon entschwindende Leben doch dem Herzen wieder zuführte. Ich trank ohne einzuhalten, ohne nur zu kosten.

Erst nachdem ich mich eine Minute erquickt, rief ich aus: »Aber das Wasser ist eisenhaltig!

– Das ist für den Magen vortrefflich, versetzte mein Oheim; und es hat viel Mineralgehalt! Es könnte eine Reise nach Spaa oder Teplitz sparen!

– Und wie gut schmeckt’s!

– Ich glaub’s wohl, ein Wasser, das man zwei Meilen unter der Erde schöpft. Es hat einen Tintengeschmack, doch nichts Unangenehmes. Hans hat uns da eine famose Erquickungsquelle verschafft. Darum schlag ich auch vor, dem heilsamen Bach seinen Namen zu geben.

– Gut!« rief ich aus.

Und der Name »Hansbach« wurde gleich angenommen.

Hans ward dadurch nicht stolzer. Nachdem er sich ein wenig erquickt, setzte er sich mit gewohnter Ruhe in einen Winkel.

»Jetzt, sagte ich, sollte man dies Wasser nicht sich verlaufen lassen?

– Zu welchem Zweck? erwiderte mein Oheim, ich vermuthe, die Quelle ist unerschöpflich.

– Gleichviel! Füllen wir unseren Schlauch und die Flaschen, und versuchen dann die Oeffnung zu stopfen.«

Man folgte meinem Rath. Hans versuchte mit Granitsplittern und Werch die gehauene Oeffnung zu stopfen. Das war nicht leicht, weil man sich die Hände verbrannte, ohne den Zweck zu erreichen. Der Druck war zu stark und die Versuche mißglückten.

»Offenbar liegt die Quelle dieses Stromes sehr hoch.

– Ohne Zweifel, versetzte mein Oheim. Wenn dieser Wasserstrahl aus einer Höhe von zweiunddreißigtausend Fuß kommt, so ist’s ein Druck von tausend Atmosphären. Aber es fällt mir etwas ein.

– Was?

– Warum setzen wir uns in den Kopf die Oeffnung zu verstopfen?

– Weil …«

Ich war in Verlegenheit, einen Grund zu finden.

»Wenn unsere Flaschen leer sind, werden wir sie wieder füllen können?

– Nein, offenbar.

– Nun, so lassen wir dies Wasser fließen! Es wird seinen natürlichen Lauf abwärts nehmen, uns den Weg zeigen und zugleich erfrischen!

– Ein guter Gedanke! rief ich aus, und in Begleitung dieses Baches haben wir um so mehr Grund für das Gelingen unsers Vorhabens.

– Ah! Jetzt kommst Du darauf, lieber Junge, sagte der Professor lachend.

– Noch besser, ich bin schon darauf.

– Einen Augenblick! Ruhen wir erst einige Stunden aus.«

Ich hatte wirklich vergessen, daß es Nacht war. Der Chronometer zeigte mir’s. Bald verfielen wir, hinlänglich gestärkt und erquickt, in tiefen Schlummer.

Vierundzwanzigstes Capitel.


Vierundzwanzigstes Capitel.

Weiter hinab.

Am folgenden Morgen hatten wir schon die bestandenen Leiden vergessen. Ich war erstaunt, daß ich keinen Durst mehr hatte, und fragte nach dem Grund. Der zu meinen Füßen rieselnde Bach gab mir murmelnd die Antwort.

Man frühstückte und trank dies köstliche Stahlwasser. Ich fühlte mich wieder ganz gekräftigt und entschlossen zur weiteren Reise. Warum sollte ein Mann von Ueberzeugung, wie mein Oheim, nebst einem sinnreichen Führer, wie Hans, und einem »entschlossenen« Neffen, wie ich, nicht zum Ziel gelangen? So schöne Gedanken schlichen nun in meinen Kopf! Hätte man mir jetzt den Vorschlag gemacht, nach der Höhe des Snäfields zurück zu kehren, ich hätte ihn mit Unwillen zurück gewiesen.

Es handelte sich aber nur um’s Hinabsteigen.

»Vorwärts!« rief ich, und rief durch enthusiastische Betonung die alten Echo der Erde wach.

Freitags um acht Uhr frühe wurde die Reise fortgesetzt. Der Granitgang zog sich in krummen Umwegen mit unerwarteten Winkeln labyrinthähnlich hin; doch im Ganzen in der Hauptrichtung nach Südost. Mein Oheim befragte unaufhörlich auf’s Sorgfältigste den Compaß, um über den zurückgelegten Weg klar zu sein.

Die Galerie lief fast horizontal mit höchstens zwei Zoll Fall per Klafter. Der Bach floß zu unseren Füßen gemächlich murmelnd. – Mein Oheim verwünschte das Horizontale der Richtung. Sein Weg zog sich unendlich in die Länge, und anstatt längs dem Erdradius hinabzugleiten, machte er, wie er sich ausdrückte, den Weg der Hypothenuse. Aber wir hatten keine andere Wahl, und so lange man nur abwärts dem Centrum näher kam, wenn auch langsam, durfte man sich nicht beklagen. Doch nahm von Zeit zu Zeit der Fall zu; unser Bach eilte brausend, und wir gelangten mit ihm mehr in die Tiefe.

Im Ganzen lief diesen und den folgenden Tag der Weg meistentheils horizontal, und verhältnißmäßig wenig vertical.

Am 10. Juli, Freitag Abends, mußten wir unserer Schätzung nach uns dreißig Meilen südöstlich von Reykjawik, und in einer Tiefe von zweieinhalb Meilen befinden.

Damals öffnete sich vor unseren Füßen ein etwas erschrecklicher Schacht. Mein Oheim konnte sich nicht enthalten in die Hände zu klatschen, als er die steilen Wände in Berechnung zog.

»Dieser wird uns weit führen, rief er aus, und leicht, denn die Felsenvorsprünge bilden eine wirkliche Leiter!«

Die Stricke wurden von Hans derart verwendet, daß jeder Unfall dadurch verhütet wurde. Wir begannen hinabzusteigen. Ich getraue mir nicht, es gefährlich zu nennen, denn ich war mit dergleichen Uebungen bereits vertraut.

Dieser Schacht war eine enge, in dem Grundbau angebrachte Spalte von der Art, welche man »faille« nennt. Offenbar war derselbe durch Zusammenziehung des Gerippes der Erde zur Zeit ihrer Erkaltung entstanden. Wenn vormals die von dem Snäfields ausgeworfenen Gegenstände durch denselben ihren Weg fanden, so war mir unerklärlich, warum diese keine Spur davon darin zurück ließen. Wir stiegen eine Art von Wendeltreppe hinab, die man für ein Werk menschlicher Hände hätte halten können.

Von Viertelstunde zu Viertelstunde mußte man anhalten, um gehörig auszuruhen, daß unsere Kniekehlen ihre Elasticität wieder gewannen. Man setzte sich dann auf einen Vorsprung und ließ die Beine hängen, man plauderte beim Essen und trank dazu aus dem Bach.

Es versteht sich, daß der Hansbach zum Wasserfall geworden war und sich dabei sein Umfang vermindert hatte; aber er war noch mehr als hinreichend, um unsern Durst zu stillen; übrigens bekam er an minder rauhen Stellen seinen gewöhnlichen ruhigen Lauf.

Am 6. und 7. Juli folgten wir den Windungen dieses Ganges, und drangen dabei wieder zwei Meilen in der Erdrinde weiter vor, das machte fast fünf Meilen unter dem Meeresspiegel. Aber am 8. gegen Mittag bekam derselbe in südöstlicher Richtung einen weit sanfteren Abfall, von etwa fünfundvierzig Grad.

Der Weg wurde sodann bequem und völlig einförmig. Es hätte auch nicht leicht anders sein können; es war keine Landschaft da, welche hätte Abwechselung gewähren können.

Endlich, Mittwoch 15., befanden wir uns sieben Meilen unter der Erde, und etwa fünfzig Meilen vom Snäfields entfernt. Obwohl wir etwas ermüdet waren, so hielt sich doch unsere Gesundheit in gutem Zustand, und die Reise-Apotheke war noch unberührt.

Mein Oheim verzeichnete von Stunde zu Stunde die Angaben des Compasses, des Chronometers, Manometers und Thermometers, dieselben, welche er in dem wissenschaftlichen Bericht von seiner Reise veröffentlicht hat. Er konnte sich daher von seiner Lage genaue Rechenschaft geben. Als er mir mittheilte, wir befänden uns horizontal fünfzig Meilen entfernt, konnte ich einen lebhaften Ausdruck meines Staunens nicht zurückhalten.

»Was hast Du vor? fragte er.

– Nichts, ich machte nur eine Bemerkung.

– Welche, mein Lieber?

– Sind Ihre Berechnungen richtig, so befinden wir uns nicht mehr unter Island.

– Meinst Du?

– Wir können uns leicht davon überzeugen.«

Ich maß mit dem Zirkel auf der Karte.

»Ich irrte nicht, sagte ich. Wir sind über Cap Portland hinaus, und die fünfzig Meilen in südöstlicher Richtung versetzen uns mitten unter’s Meer.

– Unter’m Meer, versetzte mein Oheim und rieb sich die Hände.

– Also, rief ich aus, haben wir den Ocean über unserem Kopf!

– Bah! Axel, ganz natürlich! Ziehen nicht zu Newcastle die Kohlengruben weit unter dem Meere hin?«

Der Professor fand wohl diese Lage sehr einfach; aber der Gedanke, daß ich unter der Masse des Meeres wandelte, machte mir doch etwas Sorge. Jedoch, ob die Ebenen und Gebirge Islands über unserm Kopf waren, oder die Wogen des Atlantischen Meeres, machte im Ganzen wenig Unterschied, wenn nur der Granitbau fest war. Uebrigens gewöhnte ich mich bald an diesen Gedanken; denn der Gang, welcher bald geradaus, bald in Krümmungen launenhaft hinzog, führte doch immer südöstlich und stets weiter in die Tiefe hinab.

Vier Tage darauf, Samstags, 18. Juli, kamen wir Abends in einer Art von geräumiger Grotte an; mein Oheim stellte Hans seine wöchentlichen drei Reichsthaler zu, und es wurde beschlossen, morgen solle Rasttag sein.

Fünfundzwanzigstes Capitel.


Fünfundzwanzigstes Capitel.

Rasttag.

Ich wachte am Sonntag Morgen mit dem gewohnten Gedanken sofortiger Abreise auf. Und, obwohl im tiefsten Abgrund, war es doch immer angenehm. Uebrigens waren wir bereits förmliche Troglodyten geworden, und ich dachte gar nicht mehr an Sonnen- und Mondenschein und Sternenlicht, an Bäume, Häuser, Städte und alle diese Ueberflüssigkeiten des irdischen Lebens, woraus die Leute unter’m Mond sich Nothwendigkeiten geschaffen haben. In unserer Eigenschaft als Fossilien spotteten wir über diese unnützen Wunderdinge.

Die Grotte bildete einen geräumigen Saal. Auf seinem Granitboden floß gemüthlich der treue Bach. So weit von seiner Quelle entfernt hatte sein Wasser keinen höheren Wärmegrad mehr, wie seine Umgebung, so daß man’s leicht trinken konnte.

Nach dem Frühstück verwendete der Professor einige Stunden darauf, seine täglichen Notizen in Ordnung zu bringen.

»Für’s Erste, sagte er, will ich Berechnungen anstellen, um unsere Lage genau aufzunehmen: ich möchte nach unserer Rückkehr eine Karte von unserer Reise entwerfen, eine Art von senkrechtem Erddurchschnitt, welche das Profil der Expedition geben wird.

– Das wird sehr merkwürdig sein, lieber Oheim; aber werden Ihre Aufzeichnungen dafür hinlänglich genau sein?

– Ja. Ich habe die Neigungen und Winkel sorgfältig gemessen, und ich kann mich darauf verlassen, daß ich nicht irre. Sehen wir nun zuerst, wo wir uns befinden. Nimm den Compaß und merke die Richtung, welche er angiebt.«

Ich betrachtete das Instrument, und antwortete, nachdem ich’s genau geprüft:

»Ost-Quart-Süd-Ost.

– Recht! sagte der Professor, indem er die Angabe aufzeichnete, und einige flüchtige Berechnungen hinwarf. Ich entnahm daraus, daß wir fünfundachtzig Meilen seit unserer Abreise zurückgelegt hatten.

– Also reisen wir unter’m atlantischen Meere?

– Ganz richtig.

– Und in diesem Augenblick bricht vielleicht ein Sturm los, und Schiffe werden über unserm Kopf von Sturm und Wogen gerüttelt?

– Wohl möglich.

– Und die Wallfische werden mit ihrem Schwanz wider die Wände unseres Gefängnisses schlagen?

– Sei ruhig, Axel, es wird ihnen nicht gelingen, es zu erschüttern. Aber kehren wir zu unseren Berechnungen zurück. Wir befinden uns im Südosten, fünfundachtzig Meilen vom Snäfields, und meinen Notizen nach in einer Tiefe von sechzehn Meilen.

– Sechzehn Meilen! rief ich aus.

– Allerdings.

– Aber das ist ja die äußerste Linie, welche die Wissenschaft für die Dicke der Erdrinde angenommen hat.

– Ich stelle das nicht in Abrede.

– Und es sollte, nach dem Gesetz für die steigende Temperatur, hier eine Wärme von fünfzehnhundert Grad sein.

– Es ’sollte‘, lieber Junge.

– Und all dieser Granit könnte sich nicht in festem Zustand halten, und wäre in vollem Schmelzen begriffen.

– Du siehst, daß nichts daran ist, und daß, wie gewöhnlich, die Theorien durch die Thatsachen Lügen gestraft werden.

– Ich muß es zugeben, aber es setzt mich doch in Erstaunen.

– Was giebt der Thermometer an?

– Siebenundzwanzig und sechs Zehntel Grad.

– Es fehlen also noch vierzehnhundertvierundsiebenzig Grad und vier Zehntel an dem, was die Gelehrten behaupten. Folglich beruht das verhältnißmäßige Steigen der Temperatur auf einem Irrthum. Folglich irrte Humphry Davy nicht. Folglich darf ich ihm Gehör leihen. Was hast Du darauf zu antworten?

– Nichts.«

Zwar hätte ich viel darauf zu sagen gehabt. Ich ließ die Theorie Davy’s in keiner Hinsicht gelten, ich hielt stets an der Centralwärme fest, obwohl ich ihre Wirkungen nicht spürte. Eher ließ ich wirklich gelten, daß dies Kamin eines erloschenen Vulkans, mit seinem störrigen Lava-Ueberzug die Wärme nicht durch seine Wände dringen ließ.

Aber anstatt mich mit Aufsuchen neuer Beweise aufzuhalten, beschränkte ich mich darauf, die Lage der Dinge zu nehmen, wie sie war.

»Lieber Oheim, fuhr ich fort, ich halte alle Ihre Berechnungen für genau, aber gestatten Sie mir eine strenge Folgerung daraus zu ziehen.

– Thu’s, Lieber, nach Belieben.

– An dem Punkt, wo wir uns befinden, unter der Breite Islands, beträgt der Erdradius ungefähr fünfzehnhundertdreiundachtzig meilen?

– Fünfzehnhundertdreiundachtzig ein Drittel.

– Nehmen wir nun sechzehnhundert Meilen. Von diesen haben wir zwölf zurückgelegt.

– So ist’s.

– Und zwar um den Preis von fünfundachtzig Meilen Diagonale?

– Richtig.

– Binnen zwanzig Tagen etwa?

– Ja.

– Nun machen sechzehn Meilen den hundertsten Theil des Erdradius aus. Fahren wir so fort, so brauchen wir noch zweitausend Tage, oder nächst fünf und ein halb Jahr, um hinunter zu kommen!«

Der Professor hatte nichts darauf zu erwidern.

»Ohne in Anschlag zu bringen, daß, wenn eine verticale Linie von sechzehn Meilen durch eine horizontale von achtzig gewonnen wird, dies achttausend Meilen in südöstlicher Richtung beträgt, und daß man also viel Zeit braucht, um von einem Punkt des Umfangs zum Centrum zu gelangen!

– Zum Teufel mit Deinen Berechnungen! entgegnete mein Oheim zornig. Zum Teufel mit Deinen Hypothesen! Worauf beruhen sie denn? Wer sagt Dir denn, daß dieser Gang nicht direct bis zu unserm Ziel führt? Zudem hab‘ ich zu meinen Gunsten einen Vorgänger. Was ich unternehme, hat schon ein Anderer ausgeführt, und was ihm glückte, wird auch mir glücken.

– Ich hoff‘ es; aber schließlich darf ich doch …

– Du darfst schweigen, Axel, wenn Du in der Weise aburtheilen willst.«

Ich sah wohl, daß der fürchterliche Professor unter der Haut des Oheims wieder zum Vorschein zu kommen drohte, und ich ließ mir’s gesagt sein.

»Jetzt, fuhr er fort, befrage den Manometer. Was zeigt er an?

– Einen sehr bedeutenden Druck.

– Gut. Du siehst, daß, wenn man allmälig abwärts kommt, man sich nach und nach an die dichtere Atmosphäre gewöhnt, so daß man gar nicht darunter zu leiden hat.

– Gar nicht, abgerechnet etwas Ohrenschmerzen.

– Das will nichts heißen, und Du wirst dies Uebel beseitigen, wenn Du die äußere Luft rasch mit der in Deinen Lungen enthaltenen in Verbindung bringst.

– Ganz recht, versetzte ich, entschlossen, meinem Oheim nicht mehr zu widersprechen. Es ist sogar eine rechte Lust, sich in diese dichtere Atmosphäre zu tauchen. Haben Sie bemerkt, mit welcher Stärke sich darin der Ton fortpflanzt?

– Gewiß. Ein Tauber würde da trefflich zum Gehör gelangen.

– Aber diese Dichtheit wird ohne Zweifel zunehmen?

– Ja, nach einem noch wenig festgestellten Gesetz. Es steht richtig, daß die Schwerkraft im Verhältniß, wie man abwärts kommt, geringer wird. Du weißt, daß ihre Wirksamkeit am meisten auf der Erdoberfläche fühlbar ist, und daß im Centrum der Erde die Gegenstände kein Gewicht mehr haben.

– Ich weiß es; aber sagen Sie mir, wird die Luft nicht endlich an Dichtigkeit dem Wasser gleich kommen?

– Allerdings, bei einem Druck von siebenhundertundzehn Atmosphären.

– Und unterhalb dieser Grenze?

– Wird die Dichtigkeit stets zunehmen.

– Wie können wir aber dann abwärts kommen?

– Nun, da stecken wir uns Steine in die Taschen.

– Wahrhaftig, Oheim, Sie haben auf Alles eine Antwort.«

Ich wagte auf dem Feld der Hypothesen nicht weiter vorzugehen; ich wäre vielleicht noch auf eine Unmöglichkeit gestoßen, wobei der Professor außer sich gekommen wäre.

Es war jedoch klar, daß die Luft unter einem Druck, der auf Tausende von Atmosphären steigen konnte, am Ende in einen festen Zustand übergehen würde, und dann mußte man, vorausgesetzt, daß unsere Körper Widerstand zu leisten fähig wären, Halt machen, trotz alles Disputirens auf der Welt.

Aber ich machte diesen Grund gar nicht geltend. Mein Oheim hätte mir abermals seinen Saknussemm vorgehalten. Dieses Beispiel eines Vorgängers ist aber ohne Gewicht, denn hält man auch die Reise des gelehrten Isländers für echt, so gab es doch darauf einen sehr einfachen Einwand.

Im sechzehnten Jahrhundert waren Barometer und Manometer noch nicht erfunden; wie konnte dann Saknussemm sein Anlangen im Mittelpunkt der Erde feststellen?

Aber ich behielt diesen Beweisgrund für mich, und wartete die Ereignisse ab.

Der übrige Theil des Tages verfloß in Berechnungen und Unterhaltungen. Ich war stets mit dem Professor Lidenbrock gleicher Ansicht, und beneidete Hans um seine vollkommene Leidenschaftslosigkeit, indem er, ohne viel nach Ursache und Wirkung zu fragen, sich blind vom Verhängniß leiten ließ.

Sechsundzwanzigstes Capitel.


Sechsundzwanzigstes Capitel.

Verirrt.

Offen gestanden, die Dinge standen bisher gut, und ich durfte mich nicht beklagen. Wenn die Schwierigkeiten nicht »im Durchschnitt« zunahmen, so konnte es nicht fehlen, daß wir unser Ziel erreichten. Und welcher Ruhm dann! Ich war so weit gekommen, daß ich à la Lidenbrock urtheilte. Ernstlich. Gehörte das mit zu der seltsamen Umgebung, worin ich lebte? Vielleicht.

Während einiger Tage führte uns ein vermehrt abschüssiger Weg, der mitunter selbst erschrecklich senkrecht war, tief in’s Innere des Erdkerns. An manchen Tagen kam man eine und eine halbe bis zwei Meilen dem Centrum näher. Das Hinabsteigen war gefährlich, aber die Geschicklichkeit unseres Hans und seine merkwürdige Kaltblütigkeit kamen uns dabei sehr zu statten. Dieser Isländer von unverwüstlichem Gleichmuth opferte sich ohne Umstände auf, und wir hatten es ihm zu danken, daß wir über manchen schlimmen Fall hinaus kamen, was uns allein nicht möglich gewesen wäre.

Während der beiden Wochen nach unserer letzten Unterhaltung fiel nichts besonders Merkwürdiges vor. Nur ein einziges Ereigniß von ernstester Bedeutung ist mir unvergeßlich, und aus gutem Grund. Nicht den kleinsten Umstand dabei hätte ich aus dem Sinn verlieren können.

Am 7. August waren wir allmälig bis zu einer Tiefe von dreißig Meilen gelangt, das heißt über unserem Kopf waren dreißig Meilen an Felsen, Ocean, Festland und Städten. Wir mußten damals zweihundert Meilen von Island entfernt sein.

Diesen Tag zeigte sich im Tunnel sehr wenig Fall.

Ich ging voran. Mein Oheim trug einen der beiden Rühmkorff’schen Apparate, ich den andern. Ich betrachtete die Granitschichten.

Auf einmal, als ich mich umsah, fand ich mich allein.

»Gut, dachte ich, ich bin zu rasch gegangen, oder Hans und mein Oheim sind stehen geblieben. So muß ich sie aufsuchen. Zum Glück geht der Weg nicht merklich aufwärts.«

Ich ging also meinen Weg zurück, eine Viertelstunde lang. Ich sah um mich. Kein Mensch. Ich rief. Keine Antwort. Meine Stimme verhallte unter einer Menge Echo’s, welche sie plötzlich wach rief.

Jetzt ward ich unruhig; es überlief mich ein Schauder am ganzen Körper.

»Nur ruhig, sagte ich laut. Sicherlich werde ich meine Gefährten wieder finden. Es giebt ja nur einen Weg! Da ich voran war, muß ich wieder rückwärts.«

Eine halbe Stunde lang ging ich in dieser Richtung. Ich horchte, ob man mir nicht zuriefe, und in dieser dichten Atmosphäre konnte ich schon von weitem her es hören. Todesstille herrschte in dem unermeßlichen Gang.

Ich blieb stehen. Ich konnte nicht glauben, daß ich mich ganz allein befand. Verirrt wollte ich wohl sein, nicht verloren. Verirrt, da findet man sich wieder.

Ich sagte mir wiederholt: »Da es nur einen Weg giebt und da sie diesen gehen, so muß ich wieder zu ihnen kommen. Ich brauche nur ferner rückwärts zu gehen, es sei denn, daß sie, als sie mich nicht sahen und nicht daran dachten, daß ich vorausging, auf den Gedanken kamen, zurück zu gehen. Nun, selbst in diesem Fall, wenn ich eile, werd‘ ich sie wieder finden. Das ist klar!«

Ich wiederholte mir diese letzten Worte, wie ein Mensch, der nicht überzeugt ist. Uebrigens brauchte ich lange Zeit, um diese so einfachen Gedanken zu verbinden und in Form eines Urtheils zu bringen.

Nun kam mir ein Zweifel. War ich wirklich voran? Gewiß, Hans folgte mir nach hinter meinem Oheim her. Er war sogar einige Augenblicke stehen geblieben, um sein Gepäck auf seiner Schulter wieder zu befestigen. An alles dies erinnerte ich mich. Ich hätte in dem Augenblick weiter gehen müssen.

»Uebrigens, dacht‘ ich, hab‘ ich ja ein sicheres Mittel, mich nicht zu verirren, meinen treuen Bach, der mich in dem Labyrinth leiten kann. Ich brauche nur an ihm aufwärts zurück zu gehen, so muß ich nothwendig meinen Gefährten auf die Spur kommen.«

Diese Gedanken gaben mir wieder Muth, und ich beschloß, ohne einen Augenblick Zeitverlust mich auf den Weg zu machen.

Wie pries ich da meines Oheims Vorsicht, als er den Jäger hinderte, das für die Quelle in die Wand gehauene Loch wieder zuzumachen. Also sollte die heilsame Quelle, nachdem sie uns unterwegs erquickt, mich durch die Irrgänge der Erdrinde hindurch führen.

Bevor ich mich aufmachte, wollte ich mich etwas abwaschen.

Ich bückte mich, um im Hansbach mein Angesicht zu netzen.

Man denke sich meine Bestürzung! Ich griff nur auf dürren und rauhen Granit! Der Bach floß nicht mehr zu meinen Füßen.

Siebenundzwanzigstes Capitel.


Siebenundzwanzigstes Capitel.

Im dunkeln Labyrinth.

Meine Verzweiflung war unbeschreiblich. Kein Wort der menschlichen Sprache könnte meine Gefühle ausdrücken. Ich war lebendig begraben; unter den Qualen des Hungers und Durstes hinzusterben war mein Loos.

Unwillkürlich berührte ich mit meinen brennenden Händen den Boden. Wie trocken schien dieser Fels!

Aber wie hab‘ ich den Lauf des Baches verfehlt? Denn kurz, er war nicht mehr da! Nun begriff ich den Grund der auffallenden Stille, als ich zum letzten Mal horchte, ob nicht ein Ruf meiner Gefährten zu meinem Ohr dringe. Also hatte ich, als ich den ersten unvorsichtigen Schritt auf diesem Wege ging, die Abwesenheit des Baches nicht bemerkt. Offenbar hatte sich der Weg vor mir gabelförmig getheilt, und ich schlug die eine Richtung ein, während der Hansbach, den Launen einer andern folgend, mit meinen Genossen unbekannten Tiefen zueilte!

Wie konnte ich zurückkommen? Spuren gab’s keine. Auf diesem Granit drückte sich der Fuß nicht ein. Ich zerbrach mir den Kopf, die Lösung des unlöslichen Problems zu finden. Meine Lage war in dem einzigen Wort begriffen: verloren!

Ja! Verloren in einer Tiefe, die unermeßlich schien!

Diese dreißig Meilen dicke Erdrinde lastete mit fürchterlichem Gewicht auf meinen Schultern. Ich fühlte mich zermalmt.

Ich versuchte meine Gedanken auf die Angelegenheiten der Oberwelt zu richten. Kaum war es mir möglich. Hamburg, das Haus der Königsstraße, mein armes Gretchen, diese ganze Welt über mir, ging rasch vor meiner verstörten Erinnerung vorüber. In lebhaftem Träumen überblickte ich die Begebnisse der Reise, die Ueberfahrt, Island, Herrn Fridrickson, den Snäfields! Ich sagte mir, wenn ich in meiner Lage noch einen Schatten von Hoffnung bewahrte, sei es ein Zeichen des Wahnsinns, und da sei Verzweiflung noch besser!

In der That, welche Menschenmacht konnte mich auf die Oberfläche der Erde zurück führen, diese enormen Bögen zerspalten, welche sich über meinem Kopfe wölbten? Wer konnte mich auf den Heimweg leiten und mit meinen Gefährten wieder zusammen bringen?

»O! mein Oheim!« rief ich in Verzweiflung.

Dies Wort war der einzige Vorwurf, der über meine Lippen kam, denn ich begriff, was der unglückliche Mann leiden mußte, indem auch er mich suchte.

Als ich mich so von aller menschlichen Hilfe verlassen sah, unfähig, etwas für meine Rettung vorzunehmen, dachte ich an den Beistand des Himmels.

Die Erinnerungen aus meinen Kinderjahren, an meine Mutter, die ich nur in frühesten Jahren gekannt, lebten mir wieder auf. Ich wendete mich zum Gebet, so wenig Ansprüche ich machen konnte, daß Gott, zu dem ich so spät mich wendete, mein heißes Flehen erhören werde. Diese Hinwendung zur Vorsehung machte mich etwas ruhig, und ich vermochte alle meine Geisteskräfte auf meine Lage zu concentriren.

Ich hatte Lebensmittel auf drei Tage, und eine gefüllte Flasche. Länger konnte ich allein nicht existiren. Aber mußte ich auf- oder abwärts?

Aufwärts ohne Zweifel; immer aufwärts!

So mußte ich an die Stelle gelangen, wo ich von der Quelle abgekommen war, zu der unseligen Spaltung des Weges. Dort, hatte ich einmal den Bach zu meinen Füßen, konnte ich immer weiter nach oben, bis zur Höhe des Snäfields gelangen.

Wie hab‘ ich doch nicht früher daran gedacht! Darin lag doch offenbar eine Aussicht auf Rettung. Am dringendsten war’s also, den Hansbach wieder zu finden.

Ich richtete mich auf und ging, auf meinen Stock gestützt, den Gang hinaus. Der Abhang war ziemlich steil. Ich schritt mit Hoffnung und ohne Verlegenheit, wie ein Mensch, der keine andere Wahl hat.

Eine halbe Stunde lang stieß ich auf kein Hinderniß. Ich versuchte, meinen Weg an der Form des Tunnels, an dem Vorsprung gewisser Felsen, an der Eigenthümlichkeit der Krümmungen wieder zu erkennen. Aber es fiel mir durchaus kein besonderes Zeichen auf, und ich erkannte bald, daß mich diese Galerie nicht zu jener Wegespaltung führen konnte. Sie war ohne Ausgang. Ich stieß wider eine undurchdringliche Wand, und fiel auf den Felsboden.

Welch‘ fürchterlicher Schrecken, welche Verzweiflung mich da ergriff, kann ich nicht ausdrücken. Ich war vernichtet. Meine letzte Hoffnung zerschellte an dieser Granitwand.

Verloren in diesem Labyrinth, dessen Irrgänge sich in allen Richtungen kreuzten, konnte ich ein unmögliches Entrinnen nicht mehr versuchen. Ich mußte den jämmerlichsten Tod erleiden! Und seltsamer Weise kam mir in den Sinn, es werde, wenn mein fossil gewordener Körper einmal aufgefunden würde, eine bedeutende wissenschaftliche Streitfrage darüber entstehen, daß man dreißig Meilen im Schooße der Erde ihn vorgefunden!

Ich wollte laut reden, aber es kamen nur rauhe Töne von meinen trockenen Lippen. Ich keuchte.

Mitten in dieser großen Angst befiel ein neuer Schrecken meinen Geist. Meine Lampe hatte beim Fallen Schaden gelitten und ich war nicht im Stande, sie zu repariren. Ihr Licht wurde bleicher und drohte mir auszugehen!

Ich sah, wie der Lichtstrom in der Serpentine des Apparats schwächer wurde. Auf den dunkeln Wänden entwickelte sich eine Procession beweglicher Schatten. Ich wagte nicht mehr, mein Auge zu schließen, in Besorgniß, das geringste Atom dieser entfliehenden Helle zu verlieren! Jeden Augenblick kam mir’s vor, als wolle es erlöschen, und dunkle Nacht würde mich dann umfangen.

Endlich zitterte ein letzter Schimmer in der Lampe. Ich folgte ihm, fing ihn mit den Blicken auf, sammelte alle Kraft meiner Augen auf ihn, als sei das die letzte Lichtempfindung, welche ihnen vergönnt würde, und ich war versenkt in unermeßliche Finsterniß.

Ein fürchterlicher Schrei entfuhr mir! Oben auf der Erde, inmitten des tiefsten Dunkels der Nächte, verliert das Licht niemals ganz seine Rechte! Es ist zerstreut, es ist fein; aber, so wenig davon noch übrig ist, die Netzhaut des Auges faßt es endlich auf! Hier, nichts! Die absolute Dunkelheit machte aus mir einen Blinden in vollem Sinn des Worts.

Nun verlor ich den Kopf. Ich stand auf und streckte die Hände aus, versuchte mit Schmerzen zu tasten. Ich fing an zu fliehen, stürzte in dem wirren Labyrinth auf’s Gerathewohl stets abwärts, wie ein unterirdischer Höhlenbewohner, rief, schrie, heulte, quetschte mich an den Felsenvorsprüngen, fiel und stand blutend wieder auf, stets gewärtig, auf eine nicht bemerkte Wand zu stoßen und mir den Kopf daran zu zerschellen.

So lief ich unsinnig, ohne zu wissen, wohin. Nach einigen Stunden, ganz erschöpft an Kräften, fiel ich wie eine träge Masse bewußtlos neben der Wand nieder.

Achtundzwanzigstes Capitel.


Achtundzwanzigstes Capitel.

Ein Spiel der Akustik.

Als ich wieder zum Bewußtsein kam, war mein Angesicht naß, von Thränen benetzt. Wie lange dieser Zustand dauerte, kann ich nicht sagen. Ich hatte gar kein Mittel mehr, mir Rechenschaft von der Zeit zu geben. Nie gab’s eine Einsamkeit gleich der meinigen, nie eine so vollständige Verlassenheit!

Nach meinem Fall hatte ich viel Blut verloren. Ach! ich jammerte, daß ich nicht gestorben war, »daß ich noch zu sterben hatte!« Ich wollte nicht mehr denken, wies jeden Gedanken von mir, überwältigt von Jammer wälzte ich mich auf dem Boden.

Bereits fühlte ich mich wieder einer Ohnmacht und damit der völligen Vernichtung nahe, als ein starkes Getöse in mein Ohr drang. Es glich einem anhaltenden Donnern, ich vernahm, wie die Tonwellen sich allmälig in fernen Tiefen verloren.

Woher dies Getöse? Es kam ohne Zweifel von einer Naturerscheinung im Schooße des Erdbaues her! Von einer Gasexplosion, dem Herabsturz einer gewaltigen Steinschichte!

Ich lauschte, um zu vernehmen, ob sich das Getöse wiederhole. So verlief eine Viertelstunde in völliger Stille. Ich hörte nicht einmal mehr mein Herzklopfen.

Plötzlich glaubte ich, als mein Ohr zufällig an die Wand kam, unbestimmte, unvernehmliche Worte in weiter Ferne zu hören. Ich zitterte.

»Eine Sinnentäuschung!« dachte ich.

Doch nein. Als ich achtsamer lauschte, hörte ich wirklich Stimmengemurmel. Aber zu vernehmen, was man sagte, war mir aus Schwäche nicht möglich. Doch waren’s Worte, die man sprach, ganz gewiß.

Eine Weile fürchtete ich, es seien meine eigenen Worte, die mir ein Echo zurückwarf. Hatte ich wohl ohne mein Wissen geschrieen? Ich preßte meine Lippen fest zusammen und lehnte mein Ohr abermals wider die Wand.

»Ja, sicherlich, man spricht! man spricht!«

Als ich längs der Wand einige Fuß weiter ging, hörte ich deutlicher. Es gelang mir unbestimmte, seltsame, unbegreifbare Worte zu vernehmen. Sie drangen zu mir, als seien sie leise gesprochen, sozusagen gemurmelt. Oefters wiederholt mit schmerzlicher Betonung hörte ich das Wort: »förlorad«.

Wer sprach? Offenbar Hans oder mein Oheim. Aber wenn ich sie hörte, konnten auch sie mich hören.

»Hilfe! zu Hilfe!« schrie ich aus Leibeskräften.

Ich horchte, lauschte nach einer Antwort, einem Schreien, einem Seufzer. Kein Laut ließ sich vernehmen einige Minuten lang. Eine Welt von Gedanken erschloß sich in meinem Geist. Ich dachte, meine Stimme sei zu schwach, um bis zu meinen Gefährten zu dringen.

»Denn sie sind’s unfehlbar, wiederholte ich. Wer sonst, dreißig Meilens unter der Erde?«

Ich horchte abermals. Als ich mein Ohr längs der Wand fortbewegte, kam ich auf einen mathematischen Punkt, wo die Stimmen ihren Höhegrad an Stärke zu erreichen schienen. Abermals drang das Wort »förlorad« zu meinen Ohren; dann wieder so ein Donnergeroll, wie das, welches mich aus meiner Erstarrung geweckt hatte.

»Nein, sagte ich, nein. Quer durch die Grundmassen kann man diese Stimmen nicht vernehmen. Die Granitwand würde den stärksten Ton nicht hindurchdringen lassen! Die Töne kommen aus der Galerie selbst! Es muß dabei eine ganz besondere Wirkung der Akustik im Spiel sein!«

Ich horchte abermals, und diesesmal ja! hörte ich meinen Namen deutlich hinaus gerufen!

Mein Oheim rief! Er sprach mit dem Führer, von dem das dänische »förlorad« herrührte.

Jetzt begriff ich Alles. Um mir vernehmlich zu werden, mußte ich hart neben der Wand sprechen, welche meine Stimme, wie der elektrische Draht, fortleitete.

Aber ich hatte keine Zeit zu verlieren. Entfernten sich meine Gefährten noch eine kurze Strecke, so war die Akustik nicht mehr möglich. Ich trat also nahe an die Wand heran, und sprach so deutlich, wie möglich, die Worte:

»Mein Oheim Lidenbrock!«

Ich wartete in höchster Spannung. Der Ton läuft nicht äußerst schnell, und die dichtere Luft erhöht nicht seine Schnelligkeit, sondern nur seine Stärke. Einige Secunden verflossen, bis endlich diese Worte zu meinem Ohr drangen:

»Axel, Axel! Bist Du’s?«

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

»Ja! ja!« erwiderte ich.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

»Mein Kind, wo bist Du?«

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

»Verloren, im tiefsten Dunkel!«

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

»Aber Deine Lampe?«

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

»Verloschen.«

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

»Und der Bach?«

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

»Verschwunden.«

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

»Axel, armer Axel, fasse wieder Muth!«

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

»Warten Sie ein wenig, ich bin erschöpft! Habe nicht mehr die Kraft zu antworten. Aber sprechen Sie zu mir!«

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

»Muth, fuhr mein Oheim fort. Rede nicht, lausche mir. Wir haben Dich auf- und abwärts in der Galerie gesucht; konnten Dich nicht finden. Ich habe sehr um Dich geweint, mein Kind! Endlich, in Voraussetzung, Du seist noch längs dem Hansbach, sind wir wieder abwärts gegangen und haben unsere Flinten abgefeuert. Jetzt können unsere Stimmen zwar akustisch zusammen kommen, aber die Hände noch nicht sich berühren! Doch verzweifle nicht, Axel! Sich hören zu können, ist schon Etwas!«

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Während dessen hatte ich überlegt. Eine gewisse, noch unbestimmte Hoffnung kam mir wieder. Vor Allem war mir ein Punkt von Wichtigkeit. Ich hielt meine Lippen an die Wand und sprach:

»Mein Oheim?«

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

»Mein Kind? hörte ich nach einer kleinen Weile.«

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

»Vor Allem, wie weit sind wir von einander?«

»Das kann man leicht erfahren.«

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

»Haben Sie Ihren Chronometer?«

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

»Ja.«

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

»Nun, nehmen Sie ihn. Sprechen Sie meinen Namen und verzeichnen genau die Secunde. Ich will ihn wiederholen, sobald er zu mir gelangen wird, und Sie verzeichnen ebenso genau den Augenblick, wo meine Antwort eintreffen wird.«

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

»Gut, und die Hälfte der Zeit zwischen meiner Frage und Deiner Antwort wird angeben, wieviel meine Stimme braucht, um bis zu Dir zu gelangen.«

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

»Richtig, Oheim.«

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

»Bist Du bereit?«

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

»Ja.«

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

»Nun, gieb Acht, ich spreche Deinen Namen.«

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Ich hielt mein Ohr an die Wand, und sobald das Wort »Axel« bei mir anlangte, antwortete ich unverzüglich »Axel«, dann wartete ich.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

»Vierzig Secunden«, sagte darauf mein Oheim. Vierzig Secunden verflossen zwischen den beiden Worten; der Ton brauchte also zwanzig Secunden, um zu mir zu gelangen. Nun, da tausendundzwanzig Fuß auf die Secunde kommen, so macht das zwanzigtausendvierhundert Fuß, d.i. eine und fünf achtel Meilen.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

»Anderthalb Meilen!« murmelte ich.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

»Nun, das kann man schon fertig bringen, Axel!«

»Aber, muß ich auf- oder abwärts?«

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

»Abwärts, und zwar deshalb: Wir sind an einen weiten Raum gekommen, wo eine Menge Galerien münden. Ohne Zweifel wird die, welche Du eingeschlagen hast, Dich dahin führen, denn es scheint, alle diese Spalten, diese Risse im Erdkörper, bilden einen Strahl um die ungeheure Höhle, wo wir uns befinden. Mache Dich auf und setze Deinen Weg fort. Gehe, schleppe Dich fort; wenn’s Noth thut, rutsche über steile Abhänge, und Du wirst unsere Arme finden, Dich am Ende des Weges aufzunehmen. Auf, mein Kind, auf den Weg!«

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Diese Worte belebten mich wieder.

»Adieu, Oheim, rief ich; ich gehe. Sobald ich diese Stelle verlassen habe, können wir nicht mehr durch Worte verkehren. Adieu also!«

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

»Auf Wiedersehen, Axel! auf Wiedersehen!«

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Dies waren die letzten Worte, welche ich hörte. Diese merkwürdige Unterredung, welche mitten durch die Masse der Erde in einer Entfernung von mehr als einer Meile geführt wurde, schloß mit diesen Worten voll Hoffnung. Ich dankte Gott im Gebet, denn er hatte mich in dem unermeßlichen Dunkel an den Punkt geleitet, der vielleicht der einzige war, wo die Stimme meiner Gefährten zu mir gelangen konnte.

Diese sehr erstaunliche Wirkung der Akustik ist durch die Gesetze der Physik leicht zu erklären; sie rührte von der Form des Ganges und der Leitungsfähigkeit des Gesteins her. Es giebt manche Beispiele solcher Fortpflanzung der Töne, welche in dem Zwischenraum nicht vernehmbar sind. Ich erinnere mich, daß diese Naturerscheinung an manchen Stellen beobachtet worden ist, unter anderen in der inneren Galerie der Paulskirche zu London, und besonders mitten in den merkwürdigen Höhlen Siciliens, den Latomien bei Syrakus, von welchen die merkwürdigste unter dem Namen »Ohr des Dionysius« bekannt ist.

Diese Erinnerungen kamen mir in den Kopf, und es war mir klar, daß, weil meines Oheims Stimme bis zu mir drang, kein Hinderniß zwischen uns lag. Indem ich dem Weg des Tones mich anschloß, so mußte ich logisch ebenso wohl, wie er, ankommen, wenn mir die Kräfte nicht ausgingen.

Ich richtete mich also auf und schleppte mich fort. Der Abhang war ziemlich jäh; ich ließ mich hinabgleiten.

Bald nahm die Schnelligkeit, womit ich hinabrutschte, in erschreckendem Verhältniß zu, und drohte ein wirkliches Fallen zu werden. Es fehlte mir die Kraft mich zurückzuhalten.

Plötzlich schwand mir der Boden unter den Füßen. Ich fühlte, daß ich über die Unebenheiten einer senkrechten Galerie abprallend hinabrollte. Mein Kopf schlug wider einen spitzen Felsen und ich verlor das Bewußtsein.

Neunundzwanzigstes Capitel.


Neunundzwanzigstes Capitel.

Rettung.

Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich in einem halbdunkeln Raum auf dicken Decken gelagert. Mein Oheim wachte und forschte auf meinem Angesicht nach einem Rest von Leben. Bei meinem ersten Aufathmen ergriff er meine Hand, bei meinem ersten Blick stieß er ein Freudengeschrei aus.

»Er lebt! er lebt! rief er.

– Ja, versetzte ich mit schwacher Stimme.

– Mein Kind, sagte mein Oheim, und drückte mich an seine Brust, Du bist also gerettet!«

Der Ton, womit er diese Worte sprach, rührte mich lebhaft, und mehr noch die Sorge, womit sie begleitet waren. Aber es bedurfte auch solcher Prüfungen, um bei dem Professor solche Ergießungen hervorzurufen.

In dem Augenblick kam Hans dazu. Er sah meine Hand in der meines Oheims; ich darf versichern, daß seine Augen eine lebhafte Befriedigung ausdrückten.

»God dag, sprach er.

– Guten Tag, Hans, guten Tag, murmelte ich. Und jetzt, lieber Oheim, laß mich wissen, wo wir uns eben befinden.

– Morgen, Axel, morgen; heute bist Du noch zu schwach; ich habe Deinen Kopf mit Bäuschchen umgeben, die man nicht aus der Ordnung bringen darf! schlaf‘ nur, lieber Junge, und morgen sollst Du alles hören.

– Aber wenigstens, fuhr ich fort, wie viel Uhr, welcher Tag ist’s?

– Elf Uhr Abends, und heute ist Sonntag, 9. August. Jetzt erlaube ich Dir nicht, vor dem 10. d.M. mich weiter zu fragen.«

Ich war wirklich sehr schwach, und meine Augen schlossen sich unwillkürlich.

Ich mußte mich eine Nacht ausruhen; ich ließ mich also mit dem Gedanken beruhigen, daß meine Trennung vier lange Tage gedauert hatte.

Am folgenden Morgen beim Erwachen blickte ich um mich her. Mein Lager, aus allen Reisedecken bereitet, befand sich in einer reizenden Grotte, die mit prächtigen Tropfsteinen verziert war, der Boden mit feinem Sand bestreut. Es war darin Halbdunkel. Keine Lampe oder Fackel brannte, und doch kam einige unerklärliche Helle von außen, durch eine enge Oeffnung der Grotte eindringend. Ich hörte auch ein unbestimmtes Murmeln gleich leisem Wellenschlag wider ein Ufer, und mitunter ein Windessausen.

Ich fragte mich, ob ich völlig wach sei, ob ich noch träume, ob nicht etwa mein Gehirn von dem Fall Schaden gelitten, so daß dies nur Einbildungen seien. Jedoch, weder meine Augen noch Ohren konnten in der Hinsicht sich täuschen.

»Es ist ein Strahl vom Tageslicht, dacht‘ ich, welches durch diese Felsspalte hinabdringt! Aber der Wellenschlag, und das Wehen des Windes! Irre ich mich, oder sind wir wieder zur Erdoberfläche gekommen? Hat mein Oheim sein Vorhaben aufgegeben, oder ist er damit glücklich zu Ende?«.

Ich stellte mir diese unlösbare Frage, als der Professor dazu kam.

»Guten Morgen, Axel! sagte er freudig. Ich wollte wetten, daß Dir’s gut geht!

– O ja, sagt‘ ich, und richtete mich auf.

– Das konnte nicht fehlen, denn Du hast ruhig geschlafen. Wir haben, Hans und ich, abwechselnd gewacht, und gesehen, daß Deine Genesung merklich fortschritt.

– Ich fühle mich wirklich wieder kräftig, und zum Beweis will ich dem Frühstück, das Sie mir freundlich zukommen lassen, Ehre machen!

– Du sollst zu essen haben, lieber Junge! Du bist frei vom Fieber. Hans hat Deine Wunden mit einer Salbe, die bei den Isländern ein Geheimniß ist, gerieben, und sie sind auffallend rasch vernarbt. Es ist doch ein wackerer Mensch, unser Jäger.«

Während er sprach, bereitete mir mein Oheim einige Nahrung, die ich, trotz seiner Mahnungen, gierig verschlang. Inzwischen überhäufte ich ihn mit Fragen, welche er mir zu beantworten beflissen war.

Nun hörte ich, daß ich durch göttliche Fügung gerade an das Ende einer fast senkrechten Galerie gefallen war. Da ich mitten in einem Strom von Steinen herab kam, von welchen der kleinste mich hätte zerquetschen können, so war daraus abzunehmen, daß ein Theil der Steinmasse mit mir gerutscht war. Auf diese erschreckliche Art gelangte ich bis in die Arme meines Oheims, in welche ich bewußtlos und mit Blut bedeckt fiel.

»Wahrhaftig, sagte er, es ist zum Staunen, daß Du nicht hundertmal um’s Leben gekommen bist. Aber, um’s Himmels willen! jetzt wollen wir uns nimmer trennen, denn wir würden Gefahr laufen, uns nie wieder zu sehen.«

»Wir wollen uns nimmer trennen!« Also war die Reise noch nicht zu Ende? Ich machte große Augen vor Staunen. Mein Oheim fragte sofort:

»Was hast Du denn, Axel?

– Eine Frage an Sie. Sie sagen, ich sei gesund und wohl?

– Ohne Zweifel.

– Alle meine Glieder sind wohl behalten?

– Ganz gewiß.

– Und mein Kopf?

– Dein Kopf steht, einige Quetschungen abgerechnet, in völliger Ordnung zwischen Deinen Schultern.

– Ich bin in Sorge, mein Gehirn habe gelitten.

– Gelitten?

– Ja. Sind wir nicht wieder auf der Erdoberfläche?

– Nein, gewiß nicht!

– Dann muß ich ein Narr sein, denn ich bemerke Tageslicht, ich höre Windeswehen und Wellenschlag!

– Ah! Nichts weiter?

– Können Sie mir das erklären? …

– Ich erkläre Dir nichts, was nicht zu erklären; aber Du wirst sehen und begreifen, daß die Geologie noch nicht ihr letztes Wort gesprochen hat.

– So wollen wir ausgehen, rief ich, und richtete mich rasch auf.

– Nein, Axel, nein! Die freie Luft würde Dir schaden.

– Die freie Luft?

– Ja, der Wind ist ziemlich stark. Du darfst Dich ihm nicht so aussetzen.

– Aber ich versichere, daß ich mich zum Staunen wohl fühle.

– Ein wenig Geduld, lieber Junge. Ein Rückfall würde uns hemmen, und es ist keine Zeit zu verlieren, denn die Ueberfahrt kann lang dauern.

– Die Ueberfahrt?

– Ja, ruhe Dich heute noch aus, und wir können morgen zu Schiffe gehen.

– Zu Schiff?«

Dies Wort brachte mich außer mir.

Wie? Zu Schiffe gehen! Hatten wir denn einen Fluß, See, ein Meer zur Verfügung? Lag ein Fahrzeug in einem Hafen vor Anker?

Meine Neugierde war im höchsten Grad gespannt. Vergeblich suchte mein Oheim mich zurück zu halten. Als er sah, daß meine Ungeduld mir mehr schaden würde, als die Befriedigung meiner Wünsche, gab er nach.

Ich kleidete mich rasch an. Zur Vorsicht hüllte ich mich in eine der Decken und ging aus der Grotte heraus.

Drittes Capitel.


Drittes Capitel.

Das Pergament des Arne Saknussemm.

»Es ist offenbar Runisch, sagte der Professor mit Stirnrunzeln. Aber ich werde das Geheimniß, das dahinter steckt, entdecken, sonst …«

Und er machte eine heftige Bewegung mit der Hand.

»Setz‘ Dich dahin, fuhr er fort, indem er auf den Tisch hinwies, und schreib‘.«

Im Augenblick war ich bereit.

»Jetzt will ich Dir jeden Buchstaben unseres Alphabets dictiren, sowie er mit einem dieser Schriftzüge stimmt. Wir werden sehen, was dabei herauskommen wird. Aber nimm Dich wohl in Acht, daß Du nichts verfehlst!«

Er fing an, zu dictiren, und ich gab mir alle Mühe. Er benannte jeden Buchstaben einen nach dem andern, und so bildeten sich folgende unverständliche Worte:

m.rnlls  esreuel  seecJde
sgtssmf unteief niedrke
kt,samn atrateS Saodrrn
emtnaeI nuaect rrilSa
Atvaar .nxcrc ieaabs
ccdrmi eeutul frantu
dt,iac oseibo KediiI

Als dies fertig war, nahm mein Oheim hastig das Blatt, worauf ich geschrieben hatte.

»Was will das bedeuten?« wiederholte er mechanisch.

Auf Ehre, ich hätte es ihm nicht sagen können. Uebrigens fragte er mich nicht, und sprach weiter mit sich selbst:

»Das heißen wir eine Geheimschrift, sagte er, worin der Sinn hinter absichtlich durcheinander gemischten Buchstaben versteckt ist, welche in gehöriger Folge geordnet, eine verständliche Phrase bilden würden. Darin steckt vielleicht die Erklärung oder Andeutung einer großen Entdeckung!«

Ich meines Theils dachte, es stecke gar nichts dahinter, aber ich hütete mich wohl, meine Meinung auszusprechen.

Der Professor nahm darauf das Buch und das Pergament, und verglich sie beide mit einander.

»Diese beiden Schriften sind nicht von derselben Hand; das Geheimschriftstück ist späteren Ursprungs, als das Buch, wie ich das gleich vorne aus einem unwiderleglichen Beweis ersehe. In der That, der erste Buchstabe ist ein doppeltes M, das in Sturleson’s Buch sich nicht findet, denn es wurde erst im vierzehnten Jahrhundert dem isländischen Alphabet hinzugefügt. Also liegen wenigstens zwei Jahrhunderte zwischen dem Manuscript und dem Document.«

Das schien mir allerdings ziemlich folgerichtig.

»Das bringt mich auf den Gedanken, fuhr mein Oheim fort, diese geheimnißvolle Schrift sei von einem Besitzer des Buches verfaßt worden. Aber wer zum Henker war dieser Besitzer? Sollte er nicht seinen Namen irgendwo unter das Manuscript gesetzt haben?«

Mein Oheim setzte seine Brille höher, nahm eine starke Lupe, und musterte sorgfältig die ersten Seiten des Buches durch. Auf der zweiten Rückseite entdeckte er eine Art Flecken, der wie ein Tintenklex aussah; aber genauer besehen unterschied man einige halb verloschene Schriftzüge. Mein Oheim begriff, daß es auf diesen Punkt ankomme; er machte sich also auf’s Eifrigste darüber her, und erkannte endlich mit Hilfe seiner Lupe die folgenden Runenschriftzeichen, welche er ohne Anstoß lesen konnte:

»Arne Saknussemm! rief er triumphirend aus, aber das ist ein Name, und noch dazu ein isländischer Name, eines Gelehrten des sechzehnten Jahrhunderts, eines berühmten Alchymisten.«

Ich schaute meinen Oheim mit einigem Staunen an.

»Diese Alchymisten, fuhr er fort, Avicenna, Bacon, Lullus, Paracelsus waren die einzigen, die echten Gelehrten ihrer Epoche. Sie haben Entdeckungen gemacht, worüber wir erstaunt sein dürfen. Warum sollte nicht dieser Saknussemm unter dieser Geheimschrift eine auffallende Entdeckung verhüllt haben? So muß es sein. So ist’s wirklich.«

Bei dieser Hypothese erhitzte sich des Professors Phantasie.

»Ganz gewiß, erwiderte ich keck, aber was konnte dieser Gelehrte für ein Interesse dabei haben, eine merkwürdige Entdeckung geheim zu halten?

– Warum? Warum? Ja, weiß ich’s? Hat’s nicht Galiläi ebenso gemacht in Beziehung auf Saturn? Uebrigens, wir werden schon sehen: ich werde das Geheimniß dieses Documents herausbekommen, und ich werde weder essen noch schlafen, bis ich’s heraus habe.

– O! dachte ich.

– Du ebenfalls nicht, Axel, fuhr er fort.

– Teufel! dacht‘ ich, da ist’s gut, daß ich doppelte Mahlzeit gehalten habe.

– Und erstlich, sagte mein Oheim, gilt’s, die Sprache dieser Chiffre aufzufinden. Das kann nicht schwer sein.«

Bei diesen Worten hob ich lebhaft den Kopf. Mein Oheim fuhr fort, mit sich selbst zu reden:

»Es giebt nichts Leichteres. Dieses Document enthält hundertzweiunddreißig Buchstaben, wovon neunundsiebenzig Consonanten gegen dreiundfünfzig Vocale. Ungefähr dieses Verhältniß findet bei den südlichen Sprachen statt, während die Idiome des Nordens unendlich reicher an Consonanten sind. Es handelt sich also um eine Sprache des Südens.«

Diese Folgerungen waren richtig.

»Aber was ist’s für eine Sprache?

– Dieser Saknussemm, fuhr er fort, war ein unterrichteter Mann; wenn er also nicht in seiner Muttersprache schrieb, mußte er der unter den gebildeten Geistern des sechzehnten Jahrhunderts geläufigen Sprache den Vorzug geben, der lateinischen nämlich. Irre ich darin, so kann ich mit dem Spanischen, dem Französischen, Italienischen, Griechischen oder Hebräischen einen Versuch machen. Aber die Gelehrten des sechzehnten Jahrhunderts schrieben im Allgemeinen lateinisch. Ich darf also als selbstverständlich annehmen, es sei Latein.«

Ich sprang von meinem Stuhl auf. Meine Erinnerungen aus der Lateinschule sträubten sich gegen die Behauptung, diese Gruppe seltsamer Worte könne der sanften Sprache Virgil’s angehören.

»Ja! Latein, fuhr mein Oheim fort, aber verworrenes Latein.

– Das mag sein! dachte ich. Wenn Du es entwirrst, lieber Oheim, bist Du ein feiner Kopf.

– Untersuchen wir gehörig, sagte er, und nahm das von mir beschriebene Blatt wieder zur Hand. Hier ist eine Gruppe von hundertzweiunddreißig Buchstaben, die wir in vollständiger Verworrenheit finden. Da sind Worte, worin nur Consonanten vorkommen, wie das erste ‚rnlls‘, andere dagegen, worin die Vocale überwiegen, z.B. das fünfte: ‚uneeief‘, oder das vorletzte: ‚oseibo‘. Nun ist offenbar diese Gruppirung nicht so zusammengesetzt worden; sie wurde mathematisch gegeben durch ein uns unbekanntes Verhältniß, nach welchem die Aneinanderreihung dieser Buchstaben bestimmt wurde. Ich halte für gewiß, daß die ursprüngliche Phrase regelmäßig geschrieben, sodann nach einem Grundgedanken, den man auffinden muß, umgebildet wurde. Wer den Schlüssel dieser ‚Chiffre‘ besäße, würde sie geläufig lesen. Aber was ist das für ein Schlüssel? Axel, hast Du ihn?«

Auf diese Frage wußte ich nicht zu antworten, und aus gutem Grunde. Meine Blicke waren auf ein reizendes Porträt, das an der Wand hing, geheftet, das Porträt Gretchen’s. Die Mündel meines Oheims befand sich damals zu Altona bei einer Verwandten, und ich war über ihre Abwesenheit sehr betrübt, denn, jetzt kann ich’s gestehen, die hübsche Vierländerin und der Neffe des Professors liebten sich mit echt deutscher Herzlichkeit und Ausdauer. Wir hatten uns ohne Wissen unseres Oheims verlobt, der allzuviel Geolog war, um für solche Gefühle einen Begriff zu haben. Gretchen war eine reizende Blondine mit blauen Augen, von etwas gesetztem Charakter und ernstem Sinn; aber sie liebte mich darum nicht minder. Ich meinerseits betete sie an, sofern dieser Begriff im Altdeutschen existirt! Das Bild meiner kleinen Vierländerin versetzte mich also auf einmal aus der wirklichen Welt in die Welt der Träume, der Erinnerungen.

Ich erblickte in diesem Bild die treue Genossin meiner Arbeiten und Freuden. Sie half mir tagtäglich die köstlichen Steine meines Oheims ordnen, dieselben mit Etiketten versehen. Fräulein Gretchen war in der Mineralogie sehr stark! Sie hätte darin mehr als einen Gelehrten zurecht weisen können. Sie befaßte sich gerne damit, schwierige Fragen der Wissenschaft zu ergründen. Welche süße Stunden hatten wir mit gemeinsamen Studien hingebracht! Und wie oft beneidete ich die fühllosen Steine um das Glück, von ihren reizenden Händen betastet zu werden!

Hernach, wann die Erholungszeit kam, wandelten wir mit einander durch die belaubte Alsterallee, und besuchten zusammen die alte betheerte Mühle, die sich am Ende des See’s so gut ausnimmt; unterwegs plauderten wir Hand in Hand. Ich erzählte ihr Dinge, worüber sie herzlich lachte. So kamen wir bis zum Elbufer, und nachdem wir den Schwänen, die zwischen den großen weißen Seerosen schwimmen, gute Nacht gesagt, begaben wir uns mit dem Dampfboot wieder zum Quai.

Als ich in meinem Träumen hier ankam, ward ich von meinem Oheim durch einen Faustschlag auf den Tisch gewaltsam in die Wirklichkeit zurückgerufen.

»Sehen wir, sagte er, die erste Idee, die sich dem Geist darbietet, um die Buchstaben einer Phrase aus ihrer Ordnung zu bringen, besteht, dünkt mir, darin, daß man die Worte, anstatt horizontal, vertical schreibt. Wir müssen anschauen, was dabei herauskommt. Axel, schreib‘ irgend einen Satz auf diesen Zettel, aber anstatt die Buchstaben neben einander zu stellen, setze sie in verticalen Reihen einen nach dem andern, und zwar in Gruppen von fünf bis sechs.«

Ich begriff, wie es gemeint war, und schrieb sogleich von oben nach unten.

»Gut, sagte der Professor, ohne gelesen zu haben. Jetzt schreibe diese Worte in eine horizontale Zeile.

Ich gehorchte und bekam folgende Phrase:

Iermtt chdzeech lilise ichinGn ehchgr! be,ue

Ganz recht, sagte mein Oheim, und riß mir den Zettel aus der Hand, das sieht schon aus wie das alte Document: die Vocale stehen so wie die Consonanten in der nämlichen Unordnung gruppirt; da sind selbst Anfangsbuchstaben sowie Komma in der Mitte der Worte, ganz wie in dem Pergament des Saknussemm!«

Ich konnte nicht umhin, diese Bemerkungen für recht sinnreich zu halten.

»Nun, fuhr mein Oheim fort, um die Phrase, welche Du geschrieben hast, und deren Inhalt ich nicht kenne, zu lesen, brauch‘ ich nur zuerst den ersten Buchstaben jedes Wortes zusammen zu reihen, dann je den zweiten, hernach den dritten u.s.w.«

Und mein Oheim las, zu seinem und meinem größten Erstaunen:

Ich liebe dich herzlich, mein gutes Gretchen!

»Oho!« sagte der Professor.

Ja, unversehens hatte ich als verliebter Tölpel diese verrätherische Zeile geschrieben!

»So! Du liebst Gretchen? fuhr mein Oheim in echtem Vormünderton fort.

– Ja … Nein … stotterte ich.

– Du liebst also Gretchen! wiederholte er maschinenmäßig. Nun, wenden wir mein Verfahren auf das fragliche Document an.«

Mein Oheim war schon wieder in das Nachsinnen, welches ihn ganz in Anspruch nahm, versunken, daß er bereits meine unvorsichtigen Worte vergaß. Ich sage unvorsichtigen, denn der Kopf des Gelehrten konnte die Herzensangelegenheiten nicht begreifen. Aber zum Glück hatte die große Angelegenheit des Documents das Uebergewicht.

Im Begriff, seinen Hauptversuch zu machen, sprühten des Professors Augen Blitze durch seine Brille hindurch. Mit zitternden Fingern nahm er das alte Pergament wieder zur Hand. Er war von ernster Bewegung ergriffen. Endlich hustete er tüchtig, und dictirte mir mit würdigem Ton, indem er der Reihe nach zuerst den ersten Buchstaben, dann den zweiten jedes Wortes zusammen nahm, die folgenden Gruppen:

mmessunkaSenrA.icefdoK.segnittamurtn
ecertserrette,rotaivxadua,ednecsedsadne
lacartniiiluJsiratracSarbmutabiledmek

Als ich sie fertig hatte, war ich, offen gestanden, in Gemüthsbewegung; in diesen Buchstaben hatte ich gar keinen Sinn zu erkennen vermocht; ich war also darauf gespannt, des Professors Lippen würden hochtrabend eine Phrase prachtvollen Lateins hören lassen.

Aber wer hätte das gedacht! ein heftiger Faustschlag erschütterte den Tisch, daß die Tinte emporspritzte, die Feder meinen Händen entfiel.

»Das ist’s nicht! schrie mein Oheim, das hat keinen Sinn!« Darauf stürzte er rasch wie eine Kugel durch das Cabinet, wie eine Lawine die Treppe hinab, auf die Königsstraße und entfloh aus Leibeskräften.

Dreizehntes Capitel.


Dreizehntes Capitel.

Eine Bauernherberge.

Es hätte nun dunkel werden sollen, aber unter dem vierundsechzigsten Breitegrad konnte die nächtliche Helle mich nicht in Verwunderung setzen; in Island geht die Sonne während des Juni und Juli nicht unter.

Doch war die Temperatur niedrig. Es fror mich und ich hatte Hunger. Da war nun das Bauernhaus willkommen, welches uns gastlich aufnahm.

Die Gastlichkeit dieses Bauers wog die eines Königs auf. Als wir ankamen, reichte uns der Besitzer die Hand entgegen und winkte uns ohne Weiteres ihm zu folgen.

Zu folgen, denn ihn zu begleiten war nicht möglich. Ein langer, schmaler, dunkler Gang führte in diese aus nothdürftig behauenen Balken errichtete Wohnung und bildete den Zugang zu den Gemächern; deren waren es vier: die Küche, die Weberwerkstätte, das Schlafzimmer der Familie, »Badstosa« und das Fremdenzimmer, von allen das beste. Da man beim Bauen des Hauses nicht an die Größe meines Oheims gedacht hatte, so stieß er einigemal mit dem Kopf wider die Vorsprünge der Decke.

Man führte uns in unser Gemach, ein großes Zimmer mit einem Boden von gestampfter Erde und einem Fenster, dessen Scheiben aus wenig durchsichtigen Häutchen von Hammelfleisch gemacht waren. Das Bettzeug bestand aus dürrem Stroh, das man in zwei hölzerne, roth angestrichene und mit isländischen Sprüchen verzierte Verschläge geworfen hatte. Solch eines Comforts hatte ich mich nicht versehen; nur durchdrang das Haus ein starker Geruch getrockneter Fische, eingemachten Fleisches und saurer Milch. Meinem Geruchsorgan wollte dies nicht behagen.

Nachdem wir unsere Reiserüstung abgelegt hatten, lud uns der Hauswirth ein, in die Küche zu kommen, die einzige Stelle auch bei größter Kälte, wo Feuerung war.

Mein Oheim folgte ungesäumt der freundlichen Einladung, und ich schloß mich an.

Das Kamin der Küche war nach uraltem Muster eingerichtet; in der Mitte des Raums bildete ein einziger Stein die Feuerstätte; im Dach befand sich ein Loch als Rauchfang. Diese Küche diente auch als Speisesaal.

Bei unserm Eintritt grüßte uns unser Hauswirth, als habe er uns noch nicht gesehen, mit dem Wort »saellvertu«, d.h. seid glücklich, und küßte uns auf die Wange.

Nach ihm sprach seine Frau die nämlichen Worte, verbunden mit derselben Ceremonie; darauf legten sie die rechte Hand auf’s Herz und machten eine tiefe Verbeugung.

Die Frau war Mutter von neunzehn Kindern, die alle, große wie kleine, mitten in dem Dunst des Heerdes, welcher das Gemach füllte, durcheinander wimmelten. Jeden Augenblick sah ich ein anderes blondes, etwas melancholisches Köpfchen aus diesem Nebel hervortauchen. Man hätte sie für eine Gruppe ungewaschener Engel halten können.

Wir begegneten dieser »Nestbrut« recht freundlich, und bald hatten wir drei oder vier der Meerkätzchen auf unsern Schultern, ebensoviel auf dem Schooß, die übrigen zwischen den Beinen. Die sprechen konnten, ließen das »saellvertu« in allen erdenklichen Tonarten vernehmen. Die noch nicht sprechen konnten, schrien um so mehr.

Das Concert wurde durch die Ankündigung der Mahlzeit unterbrochen. In diesem Augenblick trat der Eiderjäger ein, welcher inzwischen für Fütterung der Pferde gesorgt hatte, d.h. er hatte sie sparsamer Weise, auf dem Felde zu weiden, losgezäumt; die armen Thiere mußten sich mit spärlichem Moos der Felsen und einigem wenig nahrhaften Seegras begnügen, um Tags darauf von selbst wieder zur Tagesarbeit zu kommen.

»Saellvertu«, rief Hans.

Darauf folgte ruhig, automatisch, ohne daß ein Kuß lebhafter war als der andere, dieselbe Scene der Begrüßung von Seiten des Wirths, seiner Frau und der neunzehn Kinder.

Als die Ceremonie zu Ende war, setzte man sich zu Tische, vierundzwanzig an Zahl, folglich eins auf das andere, im wörtlichen Sinne. Wer nur zwei auf den Knieen hatte, kam dabei gut weg.

Jedoch als die Suppe kam, ward das Völkchen stille. Unser Wirth reichte uns eine Moossuppe, die nicht übel schmeckte, dann eine stattliche Portion getrockneten Fisch in Butter schwimmend, die seit zwanzig Jahren etwas scharf geworden und also nach isländischen Begriffen vorzüglicher war als frische Butter. Dazu gab es »Skyr«, eine Art geronnener Milch, mit Zwieback und einer Brühe von Wachholderbeeren; endlich ein Trank, Molken mit Wasser gemischt, der »Blanda« genannt wird. Ob diese seltsame Nahrung gut war, oder nicht, kann ich nicht beurtheilen. Es hungerte mich, und zum Dessert verschlang ich einen dicken Haidekornbrei bis auf den letzten Mund voll.

Nach beendigter Mahlzeit verliefen sich die Kinder wieder; die erwachsenen Personen umgaben die Feuerstelle, wo sie Torf, Reiser, Kuhmist und Gräten getrockneter Fische brannten. Darauf, nachdem sie dergestalt sich gewärmt, begaben sich die einzelnen Gruppen wieder in ihre Gemächer. Die Wirthin erbot sich, der Gewohnheit gemäß, uns Strümpfe und Beinkleider auszuziehen; aber nach unserer höflichen Ablehnung bestand sie nicht darauf, und ich kam endlich dazu, mich auf mein Streulager zu kauern.

Am folgenden Morgen um fünf Uhr verabschiedeten wir uns von dem isländischen Bauer; mit Mühe konnte mein Oheim ihn bewegen, eine angemessene Vergütung anzunehmen, und Hans gab das Zeichen zur Abreise.

In einer Entfernung von hundert Schritten bekam die Gegend ein anderes Aussehen; der Boden wurde sumpfig und für die Reise weniger geeignet. Rechts zog sich die Gebirgsreihe unendlich hin, wie ein System natürlicher Festungswerke; oft stieß man auf Bäche, die man nothwendig durchwaten mußte, ohne daß jedoch das Gepäck allzu naß wurde.

Die Oede der Gegend nahm zu; mitunter jedoch schien eine menschliche Gestalt in der Ferne zu fliehen. Da wir auf einem Umwege unversehens einem dieser Gespenster nahe kamen, wandelte mich unwillkürlich ein Ekel an beim Anblick eines geschwollenen Kopfes ohne Haare mit glänzender Haut, und ekelhaften Wunden, die zwischen elenden Lumpen durch zu erkennen waren.

Das unglückselige Geschöpf reichte nicht seine Hand zum Gruß entgegen; vielmehr floh es so rasch, daß ihm Hans nicht sein »saellvertu« zurufen konnte.

»Spetelsk, sagte er.

– Ein Aussätziger!« verdeutschte mein Oheim.

Und dies einzige Wort wirkte so abstoßend. Diese erschreckliche Krankheit ist in Island gewöhnlich; sie ist nicht ansteckend, sondern angeerbt. Darum ist auch solchen Unglücklichen das Heiraten untersagt.

Diese Erscheinungen waren nicht geeignet, die traurige Landschaft heiterer zu machen. Die letzten Kräuter erstarben unter unseren Füßen; kein Baum, außer einigem Gestrüpp von Zwergbirken. Nicht ein Thier, außer etlichen Pferden, die, weil ihr Herr sie nicht füttern konnte, über die düsteren Ebenen schweiften. Bisweilen sah man einen Falken im grauen Gewölk schweifen und pfeilschnell nach dem Süden fliehen. Ich gab mich der Melancholie dieser wilden Natur hin, und meine Erinnerungen zogen mich heim in mein Geburtsland.

Bald mußten wir wieder einige unbedeutende Fjorde durchwaten, und endlich einen Golf; da das Meer dort eben im Stillstand war, konnten wir ohne zu warten hinüber kommen, und gelangten zu dem eine Meile weiter gelegenen Weiler Alstanes.

Nachdem wir einige an Austern und Hechten reiche Flüßchen, Alfa und Heta, durchwatet, mußten wir die Nacht in einem verlassenen Gemäuer hinbringen, das von allen Kobolden der skandinavischen Mythologie besucht zu werden verdiente: der Plagegeist der Kälte war dort sicherlich zu Hause, um uns die ganze Nacht zu quälen.

Den folgenden Tag begegnete uns nichts Besonderes. Stets derselbe Sumpfboden, dieselbe Einförmigkeit, dasselbe traurige Aussehen. Am Abend hatten wir die Hälfte des Weges zurückgelegt, und übernachteten in der Annexia Krösolbt.

Am 19. Juni hatten wir etwa eine Meile weit Lavagrund unter den Füßen; solcher heißt in der Sprache des Landes »Hraun«; die runzelige Lava zeigte an der Oberfläche die Gestalt von Ankertauen, die bald zusammen gerollt, theils auseinander gezogen schienen; ein ungeheurer Strom war den nahen Bergen herabgeströmt, nunmehr erloschenen Vulkanen, deren Trümmerreste von den früheren heftigen Ausbrüchen Zeugniß geben. Doch drang hier und da einiger Qualm heißer Quellen hervor.

Diese Erscheinungen zu beobachten mangelte uns die Zeit. Bald zeigte sich wieder unter den Füßen unserer Thiere der Sumpfboden, der von kleinen Seen unterbrochen war. Die Richtung unseres Weges war damals westlich; wir hatten in der That die große Bai Faxa umgangen, und der doppelte weiße Gipfel des Snäfields ragte in der Entfernung von nicht fünf Meilen empor.

Die Pferde gingen einen guten Schritt, ohne sich durch die Schwierigkeiten des Bodens aufhalten zu lassen. Ich meines Theils fing an sehr müde zu werden; mein Oheim blieb so fest und gerade, wie am ersten Tag; ich konnte nicht umhin, ihn zu bewundern, gleich dem Eiderjäger, der diese Reise wie einen Spaziergang ansah.

Samstags 20. Juni kamen wir Abends um sechs Uhr nach Büdir, einem kleinen Flecken am Meeresufer, und der Führer begehrte seine bedungene Zahlung. Mein Oheim rechnete mit ihm ab. Die Familie unseres Hans, nämlich seine Oheime und Vettern boten uns ihre Gastfreundschaft an; wir wurden wohl empfangen und ich hätte mich, ohne die Güte dieser wackeren Leute zu mißbrauchen, gerne bei ihnen von den Reisebeschwerden erholt. Aber mein Oheim, der selbst keine Erholung bedurfte, verstand’s nicht so, und am folgenden Morgen mußten wir von Neuem aufsitzen.

Der Boden zeigte schon Spuren von der Nähe des Berges, dessen granitene Wurzeln wie die einer alten Eiche aus der Erde zum Vorschein kamen. Wir umgingen den ungeheuren Fuß des Vulkans. Der Professor verlor ihn nicht aus den Augen; er gesticulirte, als wenn er ihn herausfordere, und rief aus: »Da ist der Riese, den ich bezwingen will!« Endlich, nach vier Stunden hielten die Pferde von selbst an dem Thore des Pfarrhauses zu Stapi.

Vierzehntes Capitel.


Vierzehntes Capitel.

Im Pfarrhaus.

Stapi, ein kleiner Flecken von etwa dreißig Hütten, steht auf Lavagrund im Widerschein der von dem Vulkan reflectirten Sonnenstrahlen. Der kleine Fjord, woran derselbe liegt, ist von einer auffallend gebildeten Basaltmauer eingefaßt.

Bekanntlich ist der Basalt ein braunes Gestein vulkanischen Ursprungs, das regelmäßige Formen zeigt, welche durch ihre Eigenthümlichkeit überraschen. Die Natur verfährt hier geometrisch und arbeitet in menschlicher Weise, als hätte sie Winkelmaß, Zirkel und Senkblei in der Hand. Indem sie sonst überall ihre Kunst in großen unordentlichen Massen und seltsamer Verbindung der Linien gezeigt hat, so wollte sie hier ein Muster von Regelmäßigkeit geben und den Architekten der frühesten Jahrhunderte ein streng geregeltes Vorbild schaffen, das weder von der Herrlichkeit Babylons, noch von den Wundern Griechenlands je übertroffen worden ist.

Ich hatte wohl von dem Riesendamm in Island und der Fingalsgrotte auf einer der Hebriden reden hören, aber den Anblick eines basaltischen Unterbau’s hatte ich noch nicht gehabt.

Zu Stapi nun zeigte sich ein solcher in voller Schönheit. Die Uferwand des Fjord, wie das ganze Ufer der Halbinsel besteht aus einer Reihe dreißig Fuß hoher, senkrechter Säulen. Ueber diesen geraden Schäften von reinen Verhältnissen zog sich ein Schwibbogengesims aus horizontalliegenden Säulen, die nach dem Meer hin vorsprangen. In gewissen Zwischenräumen gewahrte das Auge unter diesem natürlichen Schutzdach Oeffnungen von bewundernswerther Zeichnung, durch welche reichlich strömende Wogen schäumend eindrangen. Basaltblöcke, vom wüthenden Strom der Gewässer fortgerissen, lagen zerstreut auf dem Boden, wie Trümmer eines antiken Tempels, ewig junge Ruinen, unverletzt von darüber rollenden Jahrhunderten.

Dies war die letzte Etappe unserer Landreise. Hans hatte uns verständig geleitet, und ich beruhigte mich ein wenig bei dem Gedanken, daß er uns noch ferner begleiten sollte.

Als wir am Thore des Pfarrhauses ankamen, einer niedrigen Hütte, die weder schöner noch bequemer war, als die benachbarten, sah ich da einen Mann beschäftigt ein Pferd zu beschlagen, mit lederner Schürze und einem Hammer in der Hand.

»Saellvertu, sprach der Eiderjäger.

– Guten Tag, erwiderte in gutem Dänisch der Hufschmied.

– Kyrkoherde, sagte Hans zu meinem Oheim.

– Der Pfarrer! übersetzte dieser. Es scheint, Axel, dieser tapfere Mann da ist der Pfarrer.«

Während dessen setzte der Führer den Pfarrer in Kenntniß von der Lage der Dinge; dieser unterbrach seine Arbeit und stieß einen Schrei aus, wie er zwischen Pferden und Roßhändlern üblich sein mag, und sogleich kam eine große Furiengestalt aus der Hütte heraus. Maß sie nicht sechs Fuß, so fehlte doch nicht viel daran.

Ich fürchtete, sie möge den Reisenden den isländischen Gruß darbieten, aber ohne Grund; ja sie zeigte sich wenig freundlich, als sie uns in’s Haus führte.

Das Fremdenzimmer schien mir das schlechteste von allen im Hause zu sein, enge, schmutzig und übelriechend. Man mußte genügsam sein. Dem Pfarrherrn schien durchaus nicht die Gastlichkeit der Urzeit eigen. Bevor der Tag zu Ende, erkannte ich, daß wir es mit einem Grobschmied, einem Fischer, Jäger, Zimmermann, und keineswegs mit einem geistlichen Herrn zu thun hatten. Allerdings war’s ein Werktag; vielleicht stellte sich der Pfarrer am Sonntag ein.

Ich will die armen Priester nicht tadeln, die, Allem zufolge, sehr übel daran sind. Der Gehalt, welchen sie von der dänischen Regierung bekommen, ist äußerst gering, und dazu beziehen sie den vierten Theil des Zehntens ihrer Gemeinde, was keine sechzig Mark beträgt. Daher müssen sie für ihren Lebensunterhalt arbeiten; aber wenn man die Arbeit eines Fischers, Jägers, Schmieds verrichtet, nimmt man die Sitten und die Lebensart dieser ungebildeten Leute an; am Abend merkte ich gar, daß unser Wirth die Tugend der Nüchternheit nicht kannte.

Mein Oheim sah gleich, mit was für Leuten er zu thun hatte; es war ein grober, plumper Bauer statt eines würdigen Gelehrten. Um so rascher beschloß er sein großes Vorhaben in Angriff zu nehmen. Ohne Rücksicht auf die Beschwerden, nahm er sich vor, einige Tage im Gebirge zuzubringen.

Es wurden daher gleich den folgenden Tag nach unserer Ankunft zu Stapi die Vorbereitungen getroffen. Hans miethete drei Isländer, um anstatt der Pferde das Gepäck zu tragen; aber es wurde ausgemacht, daß, sobald wir auf dem Boden des Kraters angekommen, sie wieder zurückkehren sollten.

Bei dieser Gelegenheit gab mein Oheim Hans zu erkennen, daß er die Erforschung des Vulkans bis zum äußersten fortzusetzen beabsichtige. Hans nickte nur mit dem Kopf. Dahin oder sonst wohin, auf der Oberfläche oder in’s Innere hinab, war ihm gleichgiltig. Ich meines Theils hatte bisher, durch die Reisebegegnisse zerstreut, die Zukunft ein wenig vergessen, jetzt aber ergriff mich der Gedanke um so lebhafter. Was war zu thun? Wenn ein Widerstand möglich, so war er zu Hamburg zu versuchen, nicht am Fuße des Snäfields.

Eine Idee quälte mich vor Allem, eine erschreckliche Idee, die auch unempfindliche Nerven erschüttern konnte.

»Wir besteigen, sagte ich bei mir, den Snäfields. Gut. Wir wollen in seinen Krater hinab. Andere haben das auch gethan, und haben dabei ihr Leben nicht eingebüßt. Aber dabei soll’s nicht bleiben. Zeigt sich ein Weg, um in’s Innere der Erde zu dringen, hat der unglückselige Saknussemm Wahrheit gesagt, so werden wir uns in den unterirdischen Gängen des Vulkans verlieren. Nun haben wir noch keine Gewißheit, daß der Snäfields erloschen ist! keinen Beweis, daß nicht ein Ausbruch bevorsteht! Und was soll dann aus uns werden?«.

Es verlohnte der Mühe, darüber nachzudenken. Ich dachte daran, und im Schlaf träumten meine Gedanken davon. Als Schlacke ausgeworfen zu werden, schien mir doch all zu arg.

Endlich entschloß ich mich, bei meinem Oheim die Sache zur Sprache zu bringen, so geschickt wie möglich in Form einer Hypothese.

Ich suchte ihn auf, theilte ihm meine Besorgnisse mit.

»Ich dachte schon selbst daran«, erwiderte er nur.

Was wollte das bedeuten? Sollte er wohl der Stimme der Vernunft Gehör geben?

Nach einer kleinen Pause fuhr er fort:

»Ich dachte daran. Seit unserer Ankunft zu Stapi hab‘ ich mich mit der Frage beschäftigt, denn tollkühn dürfen wir nicht sein.

Sechshundert Jahre sind’s, daß der Snäfields stumm ist, aber die Sprache hat er doch nicht verloren. Den Ausbrüchen aber gehen immer gewisse Erscheinungen voraus, die genau bekannt sind. Ich habe die Landesbewohner befragt, den Boden studirt, und kann Dir sagen, Axel, es steht kein Ausbruch bevor.«

Ueber diese Behauptung war ich bestürzt, hatte nichts darauf zu antworten.

»Zweifelst Du an meiner Versicherung? sagte mein Oheim; nun, so geh‘ mit mir.«

Ich folgte mechanisch. Wir verließen das Pfarrhaus, und der Professor schlug einen Weg ein, der durch eine Oeffnung der Basaltwand vom Meer abwärts führte. Bald befanden wir uns auf offenem Feld, wenn man eine ungeheure Anhäufung vulkanischer Auswürfe so nennen darf.

Ich sah hie und da Rauchwirbel emporsteigen; diese weißen Dünste, »Reykir« im Isländischen genannt, rührten von heißen Quellen her, und zeigten durch ihre Heftigkeit die vulkanische Thätigkeit des Bodens an. Das schien meine Befürchtungen zu rechtfertigen. Wie war ich daher verblüfft, als mein Oheim sagte:

»Du siehst diese Rauchwirbel, Axel; sie beweisen, daß wir nichts vom Vulkan zu besorgen haben!

– Das wäre! rief ich aus.

– Merke Dir wohl, fuhr der Professor fort: Wenn ein Ausbruch bevorsteht, werden diese Ausströmungen erst lebhafter, um sodann während der Dauer desselben völlig zu verschwinden. Wenn also diese Ausströmungen in ihrem gewöhnlichen Zustand bleiben, ihre Energie nicht zunimmt, wenn ferner nicht, anstatt Wind und Regen, schwere und ruhige Luft sich einstellt, so kannst Du bestimmt sagen, daß kein Ausbruch in der Nähe bevorstehe.

– Aber …

– Genug. Wenn die Wissenschaft ihren Ausspruch gethan hat, gilt nur Schweigen.«

Ich ließ die Ohren hängen, als wir in’s Pfarrhaus zurückkehrten; mein Oheim hatte mich mit wissenschaftlichen Gründen zum Schweigen gebracht. Doch blieb mir noch eine Hoffnung, nämlich daß, wenn wir auf dem Grund des Kraters angekommen, dort ein in’s Innere führender Gang nicht vorhanden, es also unmöglich sein würde, tiefer einzudringen, trotz aller Saknussemm auf der Welt.

Die folgende Nacht hatte ich schwer ängstigende Träume mitten in einem Vulkan und den Tiefen der Erde; ich fühlte mich als wie ein ausgeworfenes Felsstück in die Lüfte emporgeschleudert.

Am folgenden Morgen, 23. Juni, erwartete uns Hans mit seinen Kameraden, welche die Lebensmittel, Werkzeuge und Instrumente trugen. Zwei beschlagene Stöcke, zwei Gewehre, zwei Patrontaschen waren für meinen Oheim und mich vorgesehen. Hans hatte vorsichtig zu unserem Gepäck einen vollen Schlauch gefügt, welcher nebst unseren Flaschen uns für acht Tage mit Wasser versorgte.

Es war neun Uhr Morgens. Der Pfarrer und seine Furie warteten vor ihrem Thor; ohne Zweifel, um den Reisenden ein letztes Lebewohl zu sagen. Aber dieses Lebewohl erschien unversehens in Form einer fürchterlichen Rechnung, die sogar die verpestete Luft sich bezahlen ließ. Dies würdige Ehepaar schnürte uns, wie ein Gastwirth in der Schweiz, und brachte seine Gastfreundschaft hoch in Anschlag.

Mein Oheim zahlte, ohne zu handeln. Auf der Reise nach dem Mittelpunkt der Erde waren einige Reichsthaler nicht anzusehen.

Als dies geordnet war, gab Hans das Zeichen zum Aufbruch, und nach einigen Minuten hatten wir Stapi im Rücken.