Dreizehntes Kapitel.

Dreizehntes Kapitel.

Ich suche einen nähern Weg.
Parnell.

Der Weg, welchen Hawk-eye einschlug, führte quer über die sandigen, hier und da von Thälern und Wellungen der Hügel durchschnittenen Ebenen, über welche sie am Morgen desselben Tages unter Magua’s Führung gekommen waren. Die Sonne war jetzt tief gegen die entfernten Berge gefallen, und da ihr Weg durch die endlosen Waldräume ging, so war die Hitze jetzt nicht mehr so drückend. Ihre Reise ging also rascher von Statten, und lange vor Einbruch der Dämmerung hatten sie eine gute, obwohl beschwerliche Strecke ihres Heimweges zurückgelegt. Der Jäger schien, wie der Wilde, dessen Stelle er eingenommen hatte, auf geheime Merkzeichen in der Wildniß mit einer Art von Instinkt zu achten, ließ selten von seiner Eile nach und hielt niemals an, um mit sich zu Rathe zu gehen. Ein schneller Blick im Vorübergehen auf das Moos an den Bäumen, auf die niedergehende Sonne, auf den Lauf der zahlreichen Gewässer, reichte hin, ihm Gewißheit zu geben, daß er auf dem rechten Wege sey, ohne ihm irgend einen Zweifel darüber zu lassen. Mittlerweile begann der Wald seine Farbe zu wechseln, und das lebhafte Grün, das seine Laubgewölbe verschönert hatte, verlor sich in das dunklere Licht, welches den Einbruch der Nacht zu verkündigen pflegt.

Während die Augen der Schwestern zwischen den Bäumen durch in die goldene Strahlenflut blickten, die einen glänzenden Hof um die Sonne bildete und eine längs den Hügeln im Westen aufgethürmte Wolkenmasse bald hier und dort mit Purpurstreifen durchzog, bald mit einem schmalen Saume des glänzendsten Goldgelb begränzte, wandte sich Hawk-eye plötzlich und sprach, indem er auf den prachtvollen Himmel wies:

»Dies ist das Zeichen für den Menschen, die Nahrung und Ruhe zu suchen, deren er bedarf. Besser und weiser wäre es, wenn er auf diese Zeichen der Natur merken und sich von den Vögeln in der Luft und den Thieren auf dem Felde eine Lehre nehmen wollte. Unsere Nachtruhe wird jedoch bald vorüber seyn: mit dem Monde müssen wir wieder aufbrechen und weiterziehen. Ich erinnere mich noch, hier mit den Magua’s gekämpft zu haben, in dem ersten Kriege, in dem ich Menschenblut vergoß. Wir errichteten ein Blockhaus, um dieses Rabengezüchte von unsern Skalpen fern zu halten. Wenn meine Merkzeichen mich nicht täuschen, so finden wir’s ein paar Ruthen weiter zur Linken.«

Ohne eine zustimmende Aeußerung oder auch nur eine Antwort abzuwarten, trat der rüstige Kundschafter unbedenklich in ein dichtes Gehölz von jungen Kastanienbäumen, indem er die Zweige der üppigen, auf dem Boden empor wuchernden Schößlinge bei Seite schob, als erwartete er mit jedem Schritte eines früher bekannten Gegenstandes wieder ansichtig zu werden. Seine Erinnerungen täuschten ihn nicht. Nachdem er sich einige hundert Schritte weit durch das mit Brombeersträuchen verwachsene Unterholz durchgearbeitet hatte, gelangte er auf eine offene Stelle, die ein niedriger, kleiner Rasenhügel umgab, auf welchem das verfallene Blockhaus stand. Dieses rohe, vernachläßigte Gebäude war eines jener verlassenen Werke, zu augenblicklichem Gebrauche aufgebaut, und, wenn die Gefahr verschwunden war, wieder aufgegeben; es lag jetzt in der Einsamkeit des Waldes, verfallen, vernachläßigt und beinahe vergessen, wie die Umstände, die seine Errichtung herbeigeführt hatten. Solche Denkmale früherer Kämpfe findet man noch häufig auf der breiten Gränze der Wildniß, welche einst die feindlichen Provinzen trennte: sie bilden eine Art Ruinen, die mit den Erinnerungen der Kolonialgeschichte im engsten Verbande stehen und dem düstern Charakter der umgebenden Schauplätze vollkommen entsprechen.

Das Rindendach war längst zerfallen und hatte sich mit dem Erdreich vermischt; die mächtigen Fichtenblöcke aber, die eilig über einander geschoben wurden, ruhten noch an ihrer Stelle; doch war eine Ecke des Gebäudes gewichen und drohte den baldigen Einsturz des Ganzen. Während Heyward und seine Begleiter zögerten, das zerfallene Gebäude zu betreten, beschritten Hawk-eye und die Indianer nicht allein ohne Furcht, sondern selbst mit sichtbarem Interesse die niederen Wände. Indeß der Erstere die Ruinen innen und außen mit der Neugierde eines Mannes, dessen Erinnerungen mit jedem Augenblicke wieder lebendiger werden, betrachtete, erzählte Chingachgook seinem Sohne in delawarischer Sprache und mit dem Stolze des Siegers die kurze Geschichte des Scharmützels, das in seiner Jugend auf diesem abgeschiedenen Punkte Statt gesunden hatte. Ein Zug der Schwermuth mischte sich jedoch in seinen Triumph und gab seiner Stimme, wie so oft, etwas eigenthümlich Sanftes und Musikalisches.

Mittlerweile waren die Schwestern munter vom Pferde gestiegen und schickten sich an, in der Abendkühle an einem Orte, dessen Sicherheit, wie sie glaubten, nur durch die Thiere des Waldes gestört werden konnte, auszuruhen.

»Wäre es nicht besser gewesen, mein würdiger Freund,« fragte der wachsamere Duncan, als er sah, daß der Kundschafter seine kurze Untersuchung beendigt hatte, »wenn wir unsern Abstand an einem weniger bekannten und seltener besuchten Orte genommen hätten?«

»Wenige sind am Leben, welche von der Errichtung dieses Blockhauses etwas wissen,« antwortete dieser langsam und nachdenklich, »es geschieht nicht oft, daß Bücher gemacht und Erzählungen geschrieben werden über ein solches Scharmützel, wie hier in einem Krieg zwischen den Mohikanern und den Mohawks Statt gefunden hat. Ich war damals noch ein junger Bursche und zog mit den Delawaren aus, weil ich wußte, daß sie ungerechter Weise verleumdet waren. Vierzig Tage und vierzig Nächte lagen die Schufte, nach unserem Blute dürstend, um dieses Blockgebäude, dessen Plan ich selbst entworfen, und das ich zum Theil selbst mit aufgeführt habe, obgleich ich, wie Ihr wißt, kein Indianer, sondern ein Weißer von unverfälschtem Blute bin. Die Delawaren halfen mir’s aufführen und wir hielten’s zehen gegen zwanzig, bis unsere Zahl beinahe gleich war: dann machten wir einen Ausfall auf die Hunde, und Keiner entkam, das Schicksal der Seinigen zu verkünden. Ja, ja, ich war damals noch jung und der Anblick des Blutes war mir neu, ich konnte den Gedanken nicht ertragen, daß beseelte Geschöpfe, wie ich, auf der nackten Erde von den Thieren zerrissen oder im Regen gebleicht werden sollten. Deshalb begrub ich die Todten mit eigenen Händen unter eben dem Hügel, auf dem Ihr Platz genommen habt, und angenehm sitzt sich’s darauf, obgleich er aus menschlichen Gebeinen besteht.«

Heyward und die beiden Schwestern fuhren augenblicklich von dem Rasengrabmahl auf, und Letztere überlief unwillkürlich ein Grauen, obgleich sie selbst erst so schreckliche Scenen erlebt hatten, als sie sich in so unmittelbarer Berührung mit dem Grabe der gefallenen Mohawks fanden. Das Dämmerlicht, das düstere Dickicht, hinter welchem sich die Fichten in athemlosem Schweigen bis in die Wolken erhoben, und die Todtenstille in dem weiten Walde umher – Alles vereinigte sich, ein solches Gefühl noch zu steigern.

»Sie sind dahin und thun Niemand mehr etwas zu Leide,« fuhr Hawk-eye fort, indem er, melancholisch lächelnd über ihrer sichtbaren Unruhe, die Hand bewegte: »die erheben kein Schlachtgeheul mehr, können keinen Streich mit dem Tomahawk mehr führen! Und von allen denen, die sie bestatten halfen, sind Chingachgook und ich noch allein am Leben! Die Brüder und die Familie Chingachgook’s bildeten unsere ganze Kriegspartei, und Ihr seht hier Alles beisammen, was noch von seinem Geschlechte übrig ist.«

Die Augen der Zuhörer suchten unwillkürlich die Gestalten der Indianer in mitleidiger Theilnahme an ihrem trostlosen Schicksale. In dem Schatten des Blockhauses gewahrte man ihre dunkeln Umrisse: der Sohn lauschte der Erzählung des Vaters mit der gespanntesten Aufmerksamkeit, wie sie ein Bericht zur Folge haben mußte, der so sehr den Ruhm von Männern pries, die er schon lange um ihres Muthes und ihrer wilden Tugenden willen verehrt hatte.

»Ich hatte geglaubt, die Delawaren seyen ein friedfertiges Volk,« sagte Duncan; »hätten nie persönlich Krieg geführt, und die Vertheidigung ihres Landes eben den Mohawks anvertraut, die Ihr erschlagen habt.«

»Das ist zum Theil wahr,« antwortete der Kundschafter, »und doch im Grunde eine heillose Lüge. Ein solcher Vertrag ward in früheren Zeiten durch die teuflischen Kniffe der Holländer geschlossen. Sie wollten dadurch die Eingebornen entwaffnen, die das meiste Recht auf ein Land besaßen, in dem Jene sich niedergelassen hatten. Die Mohikaner, obgleich zu demselben Stamme gehörig, achteten in ihrem Verkehre mit den Engländern nie auf diesen thörichten Vertrag, sondern vertrauten ihrer Tapferkeit, und so thaten auch die Delawaren, als ihnen die Augen über ihre Thorheit geöffnet wurden. Ihr seht den Häuptling der großen Mohikaner-Sagamoren vor Euch! Seine Familie konnte einst den Damhirsch über Länderstrecken jagen, größer als die von Albany Patteroon, ohne über einen Bach oder Hügel zu kommen, der ihr nicht zugehörte. Aber was ist ihrem Abkömmling geblieben? Er findet, so’s Gott gefällt, seine sechs Fuß Erde und ruht hier vielleicht im Frieden, wenn er einen Freund hat, der sich die Mühe nimmt, sein Haupt so tief in die Grube zu legen, daß die Pflugschaar es nicht erreichen kann.«

»Genug!« fiel Heyward ein, welcher besorgte, der Gegenstand möchte auf eine Erörterung führen, welche die zur Rettung seiner schönen Schutzbefohlenen so unumgänglich nothwendige Eintracht stören könnte.

»Wir sind weit gereist, und Wenige unter uns besitzen eine Körperkraft wie die Eurige, die keine Ermüdung, keine Schwäche zu kennen scheint.«

»Meine Sehnen und Knochen helfen mir allerdings überall durch,« sagte der Jäger, indem er seine muskulösen Glieder mit einer Schlichtheit des Ausdrucks überschaute, die verrieth, mit welch aufrichtigem Behagen er diesen Lobspruch aufnahm; »es gibt größere und stärkere Leute in den Niederlassungen, Ihr könnt aber viele Tage in einer Stadt umgehen, bis Ihr einen findet, der im Stande ist, seine fünfzig Meilen zu gehen, ohne zu halten, um Athem zu schöpfen, oder der den Hunden auf der Jagd mehrere Stunden nicht aus der Hörweite kommt. Da aber Fleisch und Blut nicht immer dieselben sind, so ist es nach alle dem, was die Frauenzimmer heute erlebt und durchgemacht haben, nicht mehr als billig, anzunehmen, daß sie zu ruhen wünschen. Uncas, reinige die Quelle, während Dein Vater und ich über ihre zarten Häupter von diesen Kastanienschößlingen ein Obdach und aus Gras und Blättern eine Lagerstätte bereiten.«

Das Gespräch verstummte, während der Jäger und seine Gefährten beschäftigt waren, für die Bequemlichkeit und den Schutz der ihrer Führung Anvertrauten zu sorgen. Eine Quelle, welche vor vielen Jahren die Eingebornen veranlaßt hatte, diesen Platz für ihre zeitigen Verschanzungen zu wählen, war bald von den Blättern gereinigt und goß nun ihren reinen Krystall über den grünenden Hügel herab. Eine Ecke des Gebäudes ward jetzt in so weit mit einem Obdache versehen, daß der in diesem Himmelsstriche stark fallende Nachtthau eine Abhaltung fand, und Schichten von weichen Zweigen und dürrem Laub wurden darunter zum Ruhelager für sie ausgebreitet.

Während die emsigen Waidmänner in dieser Weise beschäftigt waren, genossen Cora und Alice Erfrischungen, die mehr Bedürfniß als Geschmack sie annehmen hieß. Bald darauf zogen sie sich in das Blockhaus zurück, dankten erst dem Himmel für die Gnade, die ihnen bisher zu Theil geworden war, und flehten um Fortdauer der göttlichen Huld auch für die künftige Nacht; dann legten sie ihre zarten Glieder auf das duftende Lager, und trotz aller peinlichen Erinnerungen und Besorgnisse sanken sie bald in jenen Schlummer, den die Natur so gebieterisch forderte und mit Hoffnungen auf den kommenden Morgen versüßte.

Duncan hatte sich angeschickt, die Nacht gerade vor der Ruine zu durchwachen; aber der Kundschafter, welcher seine Absicht bemerkte, deutete auf Chingachgook, während er sich unbekümmert auf das Gras niederstreckte, und sagte:

»Die Augen des weißen Mannes sind zu schwerfällig und zu blind für eine solche Wache! Der Mohikaner wird unsere Schildwache seyn; wir dürfen ruhig schlafen.«

»Ich bin vorige Nacht auf meinem Posten eingeschlummert,« entgegnete Heyward, »und habe weniger Ruhe nöthig, denn Ihr, die Ihr dem Charakter eines Soldaten mehr Ehre gemacht habt! Laßt darum Alle schlafen, ich allein will Wache halten.« »Wenn wir unter den weißen Zelten des sechzigsten Regiments und vor einem Feinde, wie die Franzosen lägen, wünschte ich mir keinen bessern Wächter,« versetzte der Kundschafter, »aber in der Finsterniß und mitten in der Wildniß würdet Ihr nicht viel schärfer beobachten können, als ein Kind, und Eure Wachsamkeit wäre umsonst. Macht es denn wie ich und Uncas und schlafet: schlafet unbesorgt!«

Heyward gewahrte wirklich, daß der jüngere Indianer, während sie noch sprachen, sich an dem kleinen Hügel niedergelegt hatte, wie einer, der die zur Ruhe vergönnte Zeit sich bestmöglich zu Nutze machen will; seinem Beispiel war auch David gefolgt, dessen Stimme buchstäblich »an seinem Schlunde klebte«, während das Fieber seiner Wunde durch die Anstrengungen der Reise nur gesteigert worden war. Nicht gemeint, eine nutzlose Erörterung fortzuspinnen, that der junge Mann, als ob er willfahren wollte, lehnte seinen Rücken, halb zurückliegend, an die Stämme des Blockhauses, war aber fest entschlossen, kein Auge zu schließen, bis er sein ihm anvertrautes kostbares Gut in Munro’s Hände überantwortet hätte. Hawk-eye, in der Meinung, seinen Gefährten überredet zu haben, schlief seinerseits alsbald ein, und eine Stille, so tief als die Einsamkeit, die sie umgab, herrschte durch diese abgeschiedenen Räume.

Eine Zeit lang hielt Duncan wirklich seine Sinne munter und aufmerksam auf jeden Laut, der sich in dem Walde hören ließ. Sein Gesicht ward schärfer, während die Schatten der Nacht über seine Umgebung sich lagerten, und selbst, als die Sterne über seinem Haupte funkelten, konnte er noch die rückgelehnten Gestalten seiner Begleiter, wie sie auf dem Grase hingestreckt lagen, selbst die Gestalt Chingachgook’s, unterscheiden, der aufrecht und bewegungslos da saß, einem der Bäume ähnlich, welche die dunkle Gränzlinie auf jeder Seite von ihnen bildeten. Noch hörte er die leisen Athemzüge der Schwestern, welche wenige Schritte entfernt von ihm lagen, und der Luftzug bewegte kein Blättchen, dessen flüsternden Laut sein Ohr nicht vernommen hätte. Endlich mischten sich die melancholischen Töne eines Waldvogels mit dem klagenden Geschrei der Eule; seine müden Augen suchten noch hin und wieder das funkelnde Licht der Sterne, und dann war ihm, als sähe er sie noch durch seine geschlossenen Augenlieder. In Augenblicken flüchtigen Erwachens hielt er einen Busch für seinen Mitwächter; sein Kopf sank aber bald wieder auf die Schulter und diese suchte ihrerseits auf der Erde eine Stütze; endlich erschlaffte seine ganze Gestalt und der junge Mann verfiel in einen tiefen Schlaf; er träumte, er sey ein Ritter alter Zeit, der seine mitternächtliche Wache vor dem Zelte einer befreiten Prinzessin halte, deren Gunst er durch einen solchen Beweis der Aufopferung und Wachsamkeit zu gewinnen hoffe.

Wie lange der erschöpfte Duncan in diesem Zustande der Bewußtlosigkeit lag, wußte er selbst nicht zu sagen. Seine Schlummergesichte waren aber lange schon vorüber, als ihn ein leichter Schlag auf die Schulter weckte. Aufgeschreckt durch diese Mahnung, sprang er empor mit der verworrenen Erinnerung an die Pflicht, die er sich zu Anfang der Nacht auferlegt hatte.

»Wer da?« fragte er, nach der Stelle greifend, wo sonst sein Degen hing. »Sprich! Freund oder Feind?«

»Freund,« erwiederte die leise Stimme Chingachgook’s, welcher auf den Lichtkörper deutete, der seinen milden Schimmer durch die Oeffnung der Bäume gerade auf ihren Bivouac ergoß, und in seinem gebrochenen Englisch fortfuhr: »Mond kommt und weißen Mannes Fort weit – weit entfernt. Zeit zum Aufbruch, wenn Schlaf beide Augen des Franzmanns schließt!«

»Du hast Recht, rufe Deine Freunde auf und sattelt die Pferde, während ich meine Begleiterinnen für den Marsch vorbereite.«

»Wir wachen, Duncan,« sprach Alice mit ihrer sanften Silberstimme, innerhalb des Gebäudes, »und fühlen uns nach einem so erquickenden Schlafe zu der eiligsten Reise gestärkt. Aber Sie haben die ganze Nacht hindurch für uns gewacht, nach den langen und großen Anstrengungen des gestrigen Tages!«

»Sagen Sie vielmehr, daß ich wachen wollte; aber meine treulosen Augen haben mir einen Spuck gemacht; zum zweiten Mal habe ich mich des anvertrauten Gutes unwürdig gezeigt.«

»Nein, Duncan, läugnen Sie nicht,« unterbrach ihn lächelnd Alice, indem sie in aller Lieblichkeit ihrer frisch erblühten Reize aus dem Schatten des Gebäudes in das Licht des Mondes trat, »ich weiß, sorglos sind Sie, wenn Sie an sich selbst zu denken haben, und nur zu wachsam für das Wohl Anderer. Können wir hier nicht noch ein wenig verweilen, bis Sie die Ruhe gefunden, deren Sie bedürftig sind? Mit Freude, mit der größten Freude werden Cora und ich Wache halten, während Sie und diese wackern Männer einigen Schlafes genießen.«

»Wenn Scham mich von meiner Schläfrigkeit heilen könnte, so sollte sich mein Auge nie mehr schließen,« sprach der unzufriedene Jüngling, Alice in ihr offenes Antlitz blickend, in dessen zarter Besorgniß er jedoch nichts las, was seinen halb erwachten Argwohn hätte bestätigen können. »Aber es ist nur zu wahr, nachdem ich Sie durch meine Unbesonnenheit in diese Gefahr gebracht habe, bleibt mir nicht einmal das Verdienst, Ihre Ruhe so überwacht zu haben, wie es die Pflicht des Soldaten ist.«

»Niemand außer Duncan kann sich selbst einer solchen Schwäche anklagen. Gehen Sie denn zur Ruhe, glauben Sie mir, keine von uns beiden, so schwache Mädchen wir auch sind, wird sich als läßige Wache erweisen.«

Der junge Mann sah sich der Verlegenheit, seine Schuld auf’s Neue zu betheuern, durch einen Ausruf Chingachgook’s und die Stellung gespannter Aufmerksamkeit, die dessen Sohn einnahm, überhoben,

»Die Mohikaner hören einen Feind!« flüsterte Hawk-eye, der indessen mit den Uebrigen wach und munter geworden war. »Der Wind läßt sie Gefahr wittern.«

»Das wolle Gott verhüten!« rief Heyward. »Wir haben genug Blutvergießen gehabt.«

Mit diesen Worten jedoch griff der junge Kriegsmann nach seiner Büchse und trat in den Vordergrund, bereit, seine unverzeihliche Nachläßigkeit abzubüßen, indem er sein Leben für die Vertheidigung seiner Schutzbefohlenen unbekümmert aussetzte.

»Es ist das Knistern eines Waldthiers, das um uns herum Futter sucht,« flüsterte er, sobald die leisen und anscheinend entfernten Laute, welche die Mohikaner aufgeschreckt hatten, sein eigenes Ohr erreichten. »St!« entgegnete der aufmerksame Kundschafter, »’s ist ein Mensch; ich selbst erkenne jetzt seinen Tritt, so unvollkommen auch meine Sinne im Vergleich mit denen eines Indianers sind. Der entwischte Hurone ist wahrscheinlich auf eine Streifpartie Montcalm’s gestoßen und hat jetzt unsere Fährte. Es sollte mir Leid thun, wenn ich an diesem Orte noch mehr Blut vergießen sollte,« fuhr er mit einem unruhigen Blick auf seine düstere Umgebung fort, »aber wenn es seyn muß, muß es seyn! Führe die Pferde in das Blockhaus, Uncas, und Ihr, Freunde, folgt ihnen nach. So alt und dürftig das Gebäude ist, so gewährt es immerhin einigen Schutz, und hat manchesmal schon von Büchsenknall wiedergetönt!«

Er fand keine Widerrede, und die Mohikaner führten die Narragansets in die Ruine, wohin sich auch die übrige Gesellschaft in größter Stille begab.

Das Geräusch nahender Fußtritte ließ sich jetzt zu deutlich vernehmen, als daß man noch über die Art der Unterbrechung hätte ungewiß seyn können. Bald mischten sich Menschenstimmen darein, sie riefen sich einander in einer Mundart zu, die, wie der Jäger Heyward zuflüsterte, die Sprache der Huronen war. Als sie an die Stelle kamen, wo die Pferde das Dickicht in der Umgebung des Blockhauses betreten hatten, verloren sie offenbar die Spur, weil ihnen die bisherigen Kennzeichen mangelten.

Nach den Stimmen zu schließen, waren bald ihrer zwanzig an jenem Orte versammelt, und gaben lärmend ihre verschiedenen Meinungen und Rathschläge.

»Die Schelme kennen unsere Schwäche,« flüsterte Hawk-eye, welcher neben Heyward in tiefem Schatten stand und durch eine kleine Oeffnung zwischen den Stämmen blickte, »sonst würden sie kein so müßiges Squawgeschwätz führen. Da hört ‚mal das Gewürm, jeder von ihnen scheint zwei Zungen und nur ein Bein zu haben.«

So tapfer Duncan im Kampfe war, so vermochte er doch auf diese kaltblütige und charakteristische Bemerkung des Kundschafters nicht zu antworten. Er faßte nur seine Büchse fester und heftete mit steigender Unruhe seinen Blick durch die enge Oeffnung auf die mondbeleuchtete Umgebung. Die tieferen Töne eines Wilden, der mit gebieterischem Nachdruck zu sprechen schien, ließen sich vernehmen, und die Stille, mit welcher sein Befehl, oder vielmehr sein Rath aufgenommen wurde, bewies die Achtung, in der er stehen mußte. Aus dem Rauschen der Blätter und dem Brechen der dürren Zweige ging jetzt hervor, daß sich die Wilden trennten, um die verlorene Spur wieder aufzufinden. Zum Glück für die Verfolgten war das Mondlicht, welches einen milden Schimmer über die kleine Lichtung vor der Ruine verbreitete, nicht stark genug, um die dichten Waldgewölbe zu durchdringen, wo alle Gegenstände noch in trügerischem Schatten lagen. Die Nachforschung blieb erfolglos; denn so kurz und plötzlich war der Uebergang von dem schwachen Pfadstrich der Reisenden in das Dickicht gewesen, daß jede Spur ihrer Fußtritte in der Dunkelheit der Wälder sich verloren hatte.

Nicht lange jedoch währte es, so hörte man die rastlosen Wilden durch das Gestrüpp brechen und sich allmählich dem innern Rande des dichten Kreises von jungen Kastanienbäumen nähern, welche die kleine Fläche umgaben.

»Sie kommen,« murmelte Heyward, indem er seine Büchse zwischen zwei Bäumen durchzustecken suchte; »wir wollen bei ihrer Annäherung Feuer geben.«

»Haltet Alles im Schatten,« sprach der Kundschafter; »das Schnappen des Feuersteins, oder selbst der Geruch eines einzigen Pulverkorns auf der Zündpfanne würde sie uns wie hungrige Wölfe über’n Hals bringen. Sollte es Gott gefallen, daß wir für unsere Skalpe kämpfen müßten, so vertraut auf die Erfahrung von Männern, welche die Wege der Wilden kennen und selten dahinten bleiben, wenn das Kriegsgeschrei ertönt.«

Duncan blickte zurück und sah, wie die zitternden Schwestern sich in einem fernen Winkel des Gebäudes an einander schmiegten, indeß die Mohikaner gleich zwei aufrechten Posten im Schatten standen, bereit loszufeuern, sobald es nöthig seyn würde. Seine Ungeduld bekämpfend, blickte er wieder durch die Oeffnung auf die lichte Fläche und erwartete schweigend den Ausgang. Alsbald öffnete sich das Dickicht und ein hoher bewaffneter Hurone trat einige Schritte auf die offene Fläche vor. Während er das stille Blockhaus betrachtete, fiel das volle Mondlicht auf seine schwärzlichen Züge und verrieth sein Erstaunen und seine Neugierde. Er stieß jenen Ausruf aus, der die erstere Empfindung bei dem Indianer stets zu begleiten pflegt und ein leichter Ruf führte einen Begleiter an seine Seite.

Diese Kinder der Wälder standen einige Augenblicke stille, indem sie auf das verfallene Gebäude deuteten, und in der unverständlichen Sprache ihres Stammes sich mit einander unterhielten. Jetzt näherten sie sich mit langsamen, vorsichtigen Schritten, indem sie jede Minute inne hielten, das Gebäude anzustarren, gleich verscheuchten Damhirschen, deren Neugierde mächtig mit Besorgnissen um die Oberhand streite. Plötzlich stieß einer mit dem Fuße an den Erdhügel und untersuchte ihn. In diesem Augenblick bemerkte Heyward, daß der Kundschafter sein Messer in der Scheide lockerte, und den Hahn seiner Büchse spannte. Diese Bewegungen nachahmend, schickte sich der junge Mann gleichfalls zu einem Kampfe an, der jetzt unvermeidlich schien.

Die Wilden waren so nahe, daß die geringste Bewegung eines der Pferde, oder selbst ein stärkerer Athemzug die Flüchtlinge verrathen hätte. Die Untersuchung des Erdhügels schien jedoch die Aufmerksamkeit der Huronen auf einen andern Gegenstand abgelenkt zu haben. Sie sprachen mit einander; aber der Ton ihrer Stimmen war so tief und feierlich, als hätte sie ein Gefühl der Ehrfurcht und geheimer Scheu ergriffen. Sie zogen sich vorsichtig zurück, indem sie ihre Augen auf die Ruine geheftet hielten, als erwarteten sie Geister der Todten aus den schweigsamen Räumen hervorschweben zu sehen, Endlich erreichten sie den Saum des freien Platzes, traten langsam in das Dickicht zurück und verschwanden.

Hawk-eye ließ den Kolben seiner Büchse auf die Erde sinken und sprach, lang und tief aufathmend, in hörbarem Geflüster:

»Ja, sie scheuen die Todten, und das hat ihnen und vielleicht bessern Menschen als sie, das Leben gerettet.«

Heyward lieh seine Aufmerksamkeit einen Augenblick dem Gefährten, antwortete aber nicht, sondern wandte sich nach denen, die ihn in diesem Moment näher angingen. Er hörte, wie die beiden Huronen das Gebüsch verließen. Der ganze Haufe hatte sich, wie sie jetzt deutlich hörten, um sie versammelt, um mit gespannter Begierde ihren Bericht zu vernehmen. Nach wenigen Minuten ernster und feierlicher Berathung, die sehr verschieden war von dem Lärm, mit dem sie sich zuerst um die Stelle versammelt hatten, wurden die Töne immer schwächer und entfernter, und verloren sich endlich in den Tieferes Waldes. Hawk-eye wartete, bis ein Zeichen des lauschenden Chingachgook ihm die Gewißheit gab, daß jeder Laut der Rückziehenden von der Entfernung verschlungen ward, und gab dann Heyward ein Zeichen, die Pferde vorzuführen und den Schwestern in den Sattel zu helfen. Sobald dies geschehen war, schritten sie aus dem zerfallenen Thorweg und verließen in einer Richtung, derjenigen, in welcher sie gekommen waren, gerade entgegengesetzt, den Ort, indem die Schwestern verstohlene Blicke nach dem stillen Grabmal und dem verfallenen Blockhaus warfen, als sie aus dem sanften Mondlichte traten, um sich in die düstere Tiefe der Wälder zu begraben.

Vierzehntes Kapitel

Vierzehntes Kapitel

Wache: Qui est là?
Johanna d’Arc: Paysans, pauvres gens de France.
König Heinrich VI.

Während der schnellen Entfernung von dem Blockhause und ehe sie sich tief in dem Walde befanden, waren die Reisenden zu sehr mit ihrem Entkommen beschäftigt, als daß sie ein Wort auch nur mit einander geflüstert hätten. Der Kundschafter nahm seinen alten Platz an der Spitze des Zuges wieder ein, obgleich seine Schritte, auch als schon ein großer Raum zwischen ihnen und ihren Feinden lag, bedächtiger waren, als bei ihrem früheren Marsche, da er die Oertlichkeit der ihn umgebenden Wälder nicht kannte. Mehr denn einmal hielt er, um mit seinen Genossen, den Mohikanern, zu Rath zu gehen, indem er aufwärts zum Monde wies und die Rinden der Bäume sorgfältig untersuchte. In diesen kurzen Pausen lauschten Heyward und die Schwestern mit Sinnen, welche die Gefahr doppelt schärfte, ob nicht irgend ein Laut die Nähe ihrer Feinde verkünde. In solchen Augenblicken war ihnen, als ob hier ein weites Land in ewigem Schlaf begraben liege; nicht der geringste Laut ließ sich im Walde hören, außer dem entfernten und kaum hörbaren Murmeln eines Baches. Vögel, Thiere und Menschen schienen, wenn es überhaupt welche in dieser Wildniß gab, alle zu schlummern. Allein die Töne des Baches, obgleich schwach und leise murmelnd, machten mit einem Mal den Bedenklichkeiten ihrer Führer ein Ende und alsbald schlugen sie ihre Richtung dahin ein. Als die Ufer des kleinen Flusses erreicht waren, machte Hawk-eye noch einmal Halt, nahm die Moccassins von den Füßen und lud Heyward und Gamut ein, das Gleiche zu thun. Hierauf trat er in das Wasser und fast eine halbe Stunde gingen sie in dem Bett des Flusses fort, um keine Spur zu hinterlassen. Der Mond war bereits hinter eine Masse ungeheurer schwarzer über dem westlichen Horizonte hängender Wolken gesunken, als sie aus dem niedern und unwegsamen Gewässer traten, um wieder auf die sandige, aber bewaldete, höher gelegene Fläche zu gelangen. Hier schien der Kundschafter wieder zu Hause zu seyn: er verfolgte seinen Weg so sicher und schnell, wie Einer, der seiner Ortskenntniss vollkommen vertrauen kann. Der Pfad wurde bald unebener, die Reisenden sahen sich von beiden Seiten immer enger von Bergen eingeschlossen und bemerkten, daß sie bald durch eine Gebirgsschlucht kommen müßten. Plötzlich hielt Hawk-eye, wartete bis die ganze Reisegesellschaft beisammen war, und sagte dann in leisem, vorsichtigem Tone, den die Ruhe und das Dunkel des Platzes noch feierlicher machten:

»Es ist leicht, in der Wildniß die Pfade zu kennen, und die Licks und die Strombette zu finden,« sagte er; »aber wer kann sagen, ob nicht hinter jenen stillen Bäumen und öden Bergen ein Heer gelagert ist?«

»Sind wir denn so nahe bei William Henry?« fragte Heyward, auf den Kundschafter zutretend.

»Es ist noch ein langer und ermüdender Weg dahin; aber wann und wie wir ihm nahen sollen, ist jetzt die Hauptfrage. Seht,« sprach er, durch die Bäume nach einem Punkte deutend, wo ein kleines Wasserbecken den Glanz der Sterne auf seinem ruhigen Spiegel wiederstrahlte, »hier ist der ›Blutteich‹, und ich bin auf einem Grund und Boden, auf dem ich nicht nur oft gewandelt, sondern mich auch von Aufgang der Sonne bis zum Untergang mit dem Feinde herumgeschlagen habe.«

»Ha! so ist denn jene matte, düstere Wasserfläche das Grab der wackern Männer, die in dem Kampfe gefallen sind. Ich habe sie nennen hören, bin aber nie zuvor an ihr Ufer gekommen.«

»Drei Schlachten schlugen wir mit dem Deutsch-Franzosen an einem Tag,« fuhr Hawk-eye fort, mehr dem Gange seiner Gedanken folgend, als auf Duncans Bemerkung antwortend. Er stieß auf uns, als wir gerade auszogen, seiner Vorhut einen Hinterhalt zu legen, und trieb uns wie gescheuchtes Wild durch das Defilé bis zu den Ufern des Horican. Hier sammelten wir uns wieder hinter unserem Verhau, stellten uns ihm unter Sir William entgegen, der für diese Waffenthat erst zum Sir William wurde, und zahlten ihm tüchtig heim für den Unstern am Morgen. Hunderte von Franzosen sahen an dem Tag die Sonne zum letzten Mal, und selbst ihr Anführer Dieskau fiel in unsere Hände, so zusammengeschossen und verwundet, daß er, zu fernerem Kriegsdienste untüchtig, in sein Vaterland zurückkehren mußte.«

»Das war ein ruhmvoller Tag,« rief Heyward in der Hitze seines jugendlichen Feuers: »der Ruf desselben drang schnell bis zu unserem Heere im Süden.«

»Ja, ’s war aber damit noch nicht zu Ende. Ich ward vom Major Effingham auf Sir Williams ausdrücklichen Befehl abgesandt, die Flanke der Franzosen zu umgehen und die Nachricht von ihrem Unstern über den Bergrücken hin nach dem Fort am Hudson zu überbringen. Gerade dort, wo Ihr die Bäume auf der Anhöhe emporwachsen seht, traf ich auf ein Hülfscorps und führte es nach der Stelle, wo der Feind just sein Mittagsmahl hielt und sich Nichts weniger träumen ließ, als daß sein blutiges Tagewerk nicht zu Ende sey.«

»Und Ihr überfielet sie?«

»Wenn der Tod ein Ueberfall für Leute ist, die blos darauf denken, den Magen zu füttern. Wir ließen ihnen keine Zeit zum Besinnen; denn sie hatten uns in dem Strauße am Morgen auch übel mitgespielt, und nur Wenige unter uns waren, die nicht einen Freund oder Verwandten unter ihren Händen verloren hatten. Als Alles vorbei war, wurden die Todten, und einige sagen, sogar die Sterbenden in den kleinen Teich dort geworfen. Mit diesen meinen Augen sah ich das Wasser so mit Blut gefärbt, wie nie eines aus den Eingeweiden der Erde floß.«

»Ein passendes und, wie ich hoffe, friedliches Grab für einen Soldaten! Ihr habt also auf dieser Gränze viele Treffen mitgemacht?«

»Ich?« sprach der Kundschafter, indem er sich mit einem Ausdrucke militärischen Stolzes zu seiner vollen Höhe erhob; »’s gibt nicht viele Echos unter diesen Hügeln, die nicht den Knall meiner Büchse nachgerufen, und wenig Geviertmeilen zwischen dem Horican und dem Flusse, wo nicht mein ›Wildtödter‹ einem lebendigem Geschöpfe, sei’s nun einem Feind oder einem Thiere, den Garaus machte. Ob das Grab da drunten so ruhig ist, wie Ihr meinet, ist eine andre Frage. Es gibt Leute im Lager, die sagen und meinen, wenn ein Mann ruhig im Grab liegen soll, so dürfe man ihn nicht darein legen, wenn noch Leben in seinem Leibe sey; und so viel ist gewiß, daß die Aerzte nur wenig Zeit hatten, zu bestimmen, wer todt oder lebendig war. St! Seht Ihr Nichts am Ufer des Teichs auf- und niedergehen?«

»Es ist nicht wahrscheinlich, daß sich Jemand so heimathlos, wie wir, in diesem öden Wald befinde.«

»So einer, wie der, fragt vielleicht wenig nach Haus und Obdach, und der Nachtthau thut Dem Nichts, der den Tag in dem Wasser zubringt,« entgegnete der Kundschafter, Heyward mit so krampfhafter Heftigkeit an der Schulter ergreifend, daß dieser mit Schmerzen inne ward, wie sehr abergläubische Furcht in einem sonst so unerschrockenen Manne die Oberhand gewinnen konnte.

»Bei Gott! es ist eine Menschengestalt und kommt auf uns zu! Die Waffen bereit, meine Freunde! Wir wissen nicht, mit wem wir’s zu thun haben.«

»Qui vive?« fragte eine strenge, rasche Stimme, die wie ein Ruf aus einer andern Welt von jener einsamen und unheimlichen Stelle herüberklang.

»Was will er?« flüsterte der Kundschafter; »er spricht weder indianisch noch englisch.«

»Qui vive?« wiederholte dieselbe Stimme, und dem Rufe folgte ein Rasseln der Waffen und eine drohende Stellung des Trägers.

»France,« rief Heyward, aus dem Schatten der Bäume auf das Ufer des Teiches und in die Nähe der Schildwache hervortretend.

»Woher kommt Ihr? wohin wollt Ihr so früh?« fragte der Grenadier in der Sprache und mit dem Accent eines Mannes aus Altfrankreich.

»Ich komme vom Rekognosciren und will mich wieder niederlegen«

»Seyd Ihr ein Offizier des Königs?« –

»Natürlich, Kamerad; hältst du mich für einen Provincialen? Ich bin Hauptmann bei den Jägern.« (Heyward wußte wohl, daß der Andre von einem Linienregimente war.) »Ich habe die Töchter des Kommandanten der Festung bei mir. Sicher hast du davon gehört – ich nahm sie in der Nähe des andern Forts gefangen, und bringe sie zum General.«

»Meiner Treu! meine Damen, das ist mir leid für Sie!« rief der junge Soldat, seine Mütze mit Anstand berührend: »Aber so geht’s im Krieg. Sie werden finden, welch braver Mann unser General ist und wie artig gegen Frauen. »Das ist das Auszeichnende eines ächten Kriegsmannes,« versetzte Cora mit bewundernswürdiger Geistesgegenwart und ebenfalls französisch – »lebe wohl, Freund, ich wünschte dir wohl einen angenehmern Beruf zu erfüllen!« Der Soldat salutirte sie höflich für ihre Artigkeit. Nach einem »Gute Nacht, Freund!« von Heyward zogen die Reisenden bedächtig weiter. Die Schildwache, welche wieder am Ufer des Teichs auf und niederging und sich nicht einfallen ließ, daß ein Feind so frech herbeikommen könnte, trillerte beim Anblick der Frauen, der vielleicht Erinnerungen aus seinem fernen und schönen Frankreich in ihm erweckte, die Strophen eines Liedes, das mit den Worten anfängt:

Vive le vin, vive l’amour, ete.

»Das war gut, daß Ihr den Schelm verstandet!« flüsterte der Kundschafter, als sie sich ein wenig entfernt hatten, und ließ seine Büchse in die Biegung seines Armes sinken; »ich sah gleich, daß es einer von den unruhigen Franzmännern war; und er that wohl daran, daß er so freundlich sprach, sonst hätte er unter die Gebeine seiner Landsleute gebettet werden können.«

Hier wurde er von einem langen und heftigen Stöhnen unterbrochen, das aus dem kleinen Wasserbecken kam, als ob die Geister der Hingeschiedenen um ihr Wassergrab spukten.

»Gewiß hatte Der Fleisch und Bein,« fuhr der Kundschafter fort; »kein Geist hätte sein Gewehr so fest handhaben können.«

»Hatte Fleisch und Bein; ob aber der arme Schelm noch dieser Welt angehört, muß ich wohl bezweifeln,« erwiederte Heyward, als er, um sich blickend, Chingachgook in ihrem kleinen Zuge vermißte. Ein zweites Stöhnen, schwächer als das erste, folgte auf einen lauten, unheimlichen Sturz in das Wasser, und Alles ward wieder still, als ob die Ufern dieses düstern Teiches seit der Schöpfung nie in ihrer Ruhe gestört worden wären. Während sie noch in Ungewißheit waren, sahen sie die Gestalt des Indianers aus dem Dickichte gleiten. Als der Häuptling wieder zu ihnen herankam, befestigte er den noch rauchenden Skalp des unglücklichen jungen Franzosen an seinem Gürtel und steckte auf der andern Seite das Messer und den Tomahawk, mit seinem Blut gefärbt, an ihre Stelle. Chingachgook nahm seinen gewöhnlichen Platz mit der Miene eines Mannes wieder ein, der ein verdienstliches Werk verrichtet zu haben glaubte. Der Kundschafter ließ das eine Ende seiner Büchse auf die Erde sinken, und mit den Händen auf das andere gestützt, stand er eine Weile in tiefem Nachdenken. Dann schüttelte er traurig den Kopf und murmelte vor sich hin: »Von einer Weißhaut wär‘ das ’ne grausame, unmenschliche Handlung gewesen; aber für den Indianer lag sie in der Natur: das läßt sich, glaube ich, nicht wohl läugnen. Lieber wollt‘ ich, ’s wär‘ einem verfluchten Mingo begegnet, als dem lustigen Jungen aus den alten Landen!«

»Genug,« sprach Heyward, besorgt, die arglosen Schwestern möchten diesen Grund des Aufenthalts errathen, während er seinen Abscheu durch ähnliche Betrachtungen, wie der Jäger, niederkämpfte; »es ist einmal geschehen und läßt sich nicht mehr ändern, obgleich es besser unterblieben wäre. Wir sind, wie Ihr sehet, offenbar in die Vorpostenlinie der Feinde gerathen. Welchen Weg gedenkt Ihr nun einzuschlagen?«

»Ja,« versetzte Hawk-eye, sich wieder erhebend, »ja, so ist es, wir dürfen ’s uns nicht verfehlen. Die Franzosen haben das Fort wirklich in allem Ernste eingeschlossen, und eine kitzliche Sache ist es, da durchzukommen.«

»Und nur wenig Zeit bleibt uns dazu!« fügte Heyward bei, indem er seine Augen auf die Dunstmasse heftete, die den niedergehenden Mond verbarg.

»Und nur wenig Zeit dazu!« wiederholte der Kundschafter. »Die Sache läßt sich mit Hülfe der Vorsehung auf zweierlei Weise angreifen, einen dritten Ausweg weiß ich nicht.«

»Nennt sie schnell! Die Zeit drängt.«

»Die Eine wäre, wir ließen die Frauenzimmer absteigen, ihre Thiere auf der Ebene weiden, schickten die Mohikaner voraus, brächen eine Bahn durch die Schildwachen und zögen über deren Leichen in das Fort ein.«

»Das geht nicht – das geht nicht!« unterbrach der edelmüthige Heyward: »ein Soldat könnte sich vielleicht so durchschlagen, aber nicht in solcher Begleitung.«

»Es wäre allerdings ein blutiger Pfad, auf dem die zarten Füße geben müßten,« erwiederte mit ähnlichem Widerstreben der Kundschafter: »aber ich glaubte, ihn als Mann nennen zu sollen. Im andern Falle müßen wir wieder zurück, und fast ans dem Bereiche Ihrer Späheörter. Wir wenden uns nach Westen und gehen auf die Berge, wo ich euch Monate lang so verbergen will, daß alle Teufelshunde in Montcalms Sold die Fährte dazu nicht finden sollen.«

»Thun wir das und zwar augenblicklich!«

Weitere Worte waren nicht von Nöthen: denn Hawk-eye kehrte mit dem einzigen Rufe: »Mir nach!« auf demselben Wege zurück, auf dem sie in diese mißliche und selbst gefährliche Lage gerathen waren. Stillschweigend und vorsichtig gingen sie vorwärts, ohne das geringste Geräusch: denn mit jedem Augenblicke mußten sie befürchten, einer Rundwache oder einem Piquet von Feinden zu begegnen. Während sie still an dem Rande des Teiches vorübergingen, warfen Heyward und der Kundschafter verstohlene Blicke in das unheimliche Dunkel. Vergeblich suchten sie die Gestalt, die so eben noch an seinen stillen Ufern einhergewandelt war, während ein leises und regelmäßiges Anschlagen der kleinen Wellen zeigte, daß die Wasser sich noch nicht wieder beruhigt hatten: ein schreckhaftes Zeugniß für die blutige That, die so kurz zuvor in ihrem Bereiche verübt worden war. Gleich der ganzen flüchtigen und düstern Scene schwand auch das niedrige Wasserbecken schnell in die Finsterniß dahin und vermischte sich mit der Masse schwarzer Gegenstände im Rücken der Reisenden.

Hawk-eye wich bald von der Richtung, der sie bisher auf ihrem Rückwege gefolgt waren, ab, sich aufwärts gegen die Berge wendend, welche die westliche Gränze der engen Ebene bildeten, und führte mit schnellen Schritten seine Begleiter tief in die Schatten, die von den hohen und steilen Gipfeln der Berge fielen. Der Weg wurde jetzt beschwerlich, da der Boden bald in ungeheure Felsmassen emporlief, bald von tiefen Schluchten durchschnitten war, so daß ihr Zug verhältnißmäßig nur langsam sich fortbewegte. Rauhe, schwarze Gipfel umgaben sie von jeder Seite und entschädigten sie zum Theil für die größere Anstrengung durch das Gefühl von Sicherheit, welches sie einflößen. Endlich begannen sie einen steilen, rauhen Abhang hinanzuklimmen, auf einem Pfade, der sich zwischen Felsen und Bäumen hinwand, die einen umgehend, von den andern unterstützt, in einer Weise, die kundgab, daß sie von Männern herrührte, lange erfahren in den Vortheilen der Wildniß. So wie sie sich allmählig über den Thalgrund erhoben, begann die dichte Finsterniß, die gewöhnlich dem nahenden Tage vorangeht, sich zu zerstreuen, und die Gegenstände in der Ebene erschienen in den klaren und deutlichen Farben, die ihnen die Natur verliehen hatte. Als sie aus dem Gehölz verkrüppelter Bäume, die sich um die fahlen Wände des Gebirges zogen, auf einen flachen, moosbewachsenen Felsen, der den Gipfel bildete, hervortraten, begrüßte sie der Morgen, seinen röthlichen Glanz über den grünen Fichten eines Hügels zeigend, der auf der entgegengesetzten Seite des Horicanthales lag. Der Kundschafter ließ jetzt die Schwestern absteigen, nahm den ermüdeten Thieren Zaum und Sattel ab, und ließ sie in voller Freiheit das Gestrüpp und die kärglich vorhandenen Kräuter dieser hohen Region abweiden.

»Geht,« sagte er, »sucht euer Futter, wo die Natur es euch anweist, und nehmt euch in Acht, daß ihr nicht selbst aus diesen Hügeln ein Futter der Wölfe werdet.«

»Bedürfen wir ihrer nicht weiter?« fragte Heyward.

»Seht und urtheilt mit eigenen Augen,« antwortete der Kundschafter, indem er an den östlichen Rand des Berges trat und den Andern winkte, ihm dahin zu folgen; »wenn es so leicht wäre, in das Herz des Menschen zu blicken, als man von diesem Punkte aus erspähen kann, was mitten in Montcalm’s Lager vorgeht, so gäb‘ es wenig Heuchler, und die Arglist der Mingos wäre im Vergleich mit der Ehrlichkeit eines Delawaren verlorenes Spiel.«

Als die Reisenden den Rand des Absturzes erreichten, sahen sie mit einem Blicke, daß der Kundschafter nicht Unrecht gehabt hatte, und bewunderten seine Vorsicht in der Wahl dieses Platzes.

Der Berg, auf dem sie standen, erhob sich vielleicht tausend Fuß über die Niederung, gleich einem ungeheuern Kegel, und trat ein wenig aus der Reihe hervor, die sich meilenweit an den westlichen Ufern des See’s hinzieht, bis er, seinen Schwestergipfel jenseits der Wasser erreichend, in verworrenen, schroffen Felsmassen, schwach mit Immergrün bedeckt, bis gegen Canada ausläuft. Unmittelbar unter ihren Füßen beschrieb das Südufer des Horican einen großen Halbkreis von einem Berge zum andern, und bildete ein weites Gestade, das sich in eine unebene und hochgelegene Fläche erhob. Gegen Norden erstreckte sich der klare und, wie es von dieser schwindligen Höhe erschien, schmale Spiegel des heiligen See’s, in unzählige Buchten ausgezackt, durch fantastische Formen von Vorgebirgen verschönert und mit zahllosen Inseln besäet. In der Entfernung von einigen Stunden verlor sich das Bett des Sees zwischen Bergen oder wurde durch eine Dunstmasse bedeckt, welche von einer leichten Morgenluft langsam über seine Fläche hergetrieben ward. Aber eine enge Oeffnung zwischen den Kämmen des Gebirges deutete den Ausgang an, durch welche er seinen Weg weiter gegen Norden fand, um seinen klaren und weiten Spiegel noch einmal auszubreiten, ehe er dem seinen Champlain seinen Tribut bezahlte. Gegen Süden erstreckte sich das Defilé oder vielmehr die bewaldete Ebene, die so oft schon erwähnt worden ist. Einige Stunden lang, aber noch innerhalb Sehweite, senkten sich die Berge, scheinbar ungerne ihre Herrschaft aufgebend, und liefen in die niedrigen Sandflächen aus, über welche wir unsere Abenteurer auf ihrer zweifachen Reise begleitet haben. An beiden Bergreihen hin, welche die gegenüberliegenden Seiten von See und Thal begränzten, stiegen Dunstwolken in Schneckenwindungen von den unwirthbaren Wäldern, wie Rauch aus verborgen liegenden Hütten empor, oder trieben langsam an den Abhängen hinab, um sich mit dem Nebel der Niederungen zu verbinden. Eine einzelne schneeweiße Wolke schwamm über dem Thal und bezeichnete die Stelle, unter welcher der stille Blutteich lag.

Gerade am Ufer des See’s, etwas mehr gegen den westlichen, als den östlichen Rand hin, lagen die ausgedehnten Erdwälle und die niedrigen Gebäude von William Henry. Zwei der Hauptbastionen schienen aus dem Wasser, das ihren Fuß bespülte, aufzutauchen, während ein tiefer Graben und ausgedehnte Sümpfe die anderen Seiten und Winkel vertheidigten. Das Land war auf eine beträchtliche Strecke rings um die Festungswerke der Bäume beraubt, sonst aber lag der ganze Schauplatz in dem grünen Kleide der Natur: ausgenommen da, wo die klaren Gewässer den Gesichtskreis begränzten, oder steile Felsen ihre schwarzen, kahlen Häupter über die Wellenlinien der Gebirgsketten erhoben. Vor dem Fort waren hin und wieder Schildwachen zu sehen, welche ihre zahlreichen Feinde aufmerksam zu beobachten schienen, und innerhalb der Walle erblickten die Reisenden Soldaten, nach durchwachter Nacht in Schlummer versunken. Gegen Südosten, aber in unmittelbarer Berührung mit dem Fort, stand ein verschanztes Lager auf einer Felsenanhöhe, einem Punkte, den man weit geeigneter für das Fort selber gewählt hätte. Hier zeigte ihnen Hawk-eye jene Hülfstruppen, welche erst kürzlich in ihrer Gesellschaft den Hudson verlassen hatten. Aus den Wäldern, ein wenig weiter gegen Süden, stiegen zahlreiche schwarze und finstere Rauchsäulen auf, die man von den reinern Ausdünstungen der Quellen leicht unterscheiden konnte: nach der Aussage des Kundschafters sichere Zeichen, daß der Feind sich dort in Masse gelagert hatte.

Das Schauspiel, welches sich am Westufer des See’s, dem südlichen ganz nahe, darbot, nahm die Aufmerksamkeit des jungen Soldaten vor Allem in Anspruch. Auf einem Streifen Landes, welcher von seinem Standpunkt aus zu schmal schien für ein so beträchtliches Truppencorps, sich aber wirklich mehrere tausend Fuß von den Ufern des Horican bis an den Fuß des Berges erstreckte, sah man weiße Zelte und Kriegswerkzeuge für ein Lager von zehntausend Mann. Bereits waren vorne Batterien aufgeführt, und während die Zuschauer mit so verschiedenen Empfindungen auf eine Scene herabblickten, die einer Landkarte gleich vor ihren Füßen ausgebreitet lag, erscholl bereits der Donner einer Artilleriesalve aus dem Thale herauf und tönte von Echo zu Echo durch die östlichen Berge hin.

»Da unten fängt’s nachgerade an zu tagen,« sagte der bedächtige und besonnene Kundschafter, »und die Wachenden wollen die Schläfer mit Kanonendonner wecken. Wir sind um ein Paar Stunden zu spät. Montcalm hat bereits die Wälder mit seinen vermaledeiten Irokesen angefüllt.«

»Der Platz ist in der That eingeschlossen,« bemerkte Duncan: »Aber bleibt uns denn gar kein Mittel, hineinzukommen? Besser noch, innerhalb der Werke gefangen genommen zu werden, als den herumschwärmenden Indianern in die Hände zu fallen.«

»Seht!« rief der Kundschafter, die Aufmerksamkeit Cora’s unwillkürlich auf das Quartier ihres eigenen Vaters richtend, »wie dieser Schuß die Steine aus dem Haus des Kommandanten emporschlug! Ja, diese Franzosen werden es, so solid und massiv es ist, in kürzerer Zeit zusammenschießen, als es aufgebaut wurde.«

»Heyward, ich sterbe beim Anblick einer Gefahr, die ich nicht theilen kann!« sprach die unerschrockene, aber besorgte Tochter. »Gehen wir zu Montcalm und bitten ihn, uns einzulassen: er wagt es nicht, dem Kind die Bitte zu versagen.« »Ihr würdet schwerlich noch mit einem Haar auf dem Kopf in das Zelt des Franzmannes kommen!« entgegnete der derbe Jäger. »Wenn ich nur eines der tausend Boote hätte, die leer am Ufer stehen, dann ließ‘ es sich noch machen. Ha! da wird’s bald mit ihrem Feuern ein Ende haben: dort kommt ein Nebel, der den Tag zur Nacht machen muß, in der ein Indianerpfeil gefährlicher als eine Kanone wird. Jetzt, wenn Ihr’s euch getraut und mir folgen wollt, will ich’s versuchen: denn es verlangt mich recht ins Lager hinab, und wär’s auch nur, um die Mingohunde, die ich da drunten in dem Birkendickicht lauern sehe, auseinanderzutreiben.«

»Wir sind bereit,« antwortete Cora muthig: »einem solchen Ziele entgegen trotzen wir jeglicher Gefahr!«

Der Kundschafter wandte sich mit dem Lächeln aufrichtigen und herzlichen Beifalls zu ihr um und antwortete:

»Ich wollt‘, ich hätte tausend Mann mit sehnigen Armen und scharfen Augen, die den Tod so wenig fürchteten, als Ihr! Ich wollte diese schnatternden Franzosen, eh‘ noch ’ne Woche um wäre, in ihr Nest zurückgejagt haben, daß sie heulen sollten, wie Hunde an der Kette, oder wie hungrige Wölfe. Aber voran!« fuhr er gegen die Uebrigen fort, »der Nebel kommt so schnell, daß wir ihn kaum noch auf der Ebene treffen, um unsern Zug zu decken. Aber denkt daran, daß Ihr, falls mir was Menschliches begegnet, den Wind immer auf der linken Wange behaltet–oder folgt den Mohikanern, die fänden ihren Weg so gut bei Nacht als bei Tag.«

Er winkte ihnen jetzt mit der Hand, ihm zu folgen, und eilte mit freiem, aber vorsichtigem Tritte den steilen Abhang hinab. Heyward unterstützte die Schwestern, und in wenig Minuten waren sie am Fuße des Berges, den sie mit so viel Mühe und Anstrengung erklommen hatten.

Der von Hawk-eye eingeschlagene Weg brachte die Reisenden bald auf die Ebene, einem Ausfallthor an dem westlichen Mittelwalle des Forts gegenüber, ungefähr eine halbe (englische) Meile von dem Punkte entfernt, wo er innehielt, um Duncan Zeit zu lassen, mit seinen Begleiterinnen nachzukommen. Von Ungeduld getrieben und durch die Beschaffenheit des Bodens begünstigt, waren sie dem Nebel, der nur langsam über den See herabkam vorausgeeilt, und mußten deshalb warten, bis er das Lager in seinen dichten Mantel eingehüllt hatte. Die Mohikaner benutzten den Aufschub, aus den Wäldern zu schleichen und die Umgebungen auszuspähen. Ihnen folgte in einiger Entfernung der Kundschafter, um früher zu erfahren, was sie gesehen hätten, und selbst über die Oertlichkeit seine Beobachtungen anzustellen. In wenig Minuten kehrte er zurück, roth vor Aerger, und machte seinem Unmuth in folgenden Worten Luft:

»Hier haben die pfiffigen Franzosen ein Piquet uns gerade auf den Weg gestellt,« sprach er; »Rothhäute und Weiße; und wir können im Nebel eben so gut mitten unter sie gerathen, als an ihnen vorbei kommen.«

»Können wir keinen Umweg machen, um der Gefahr zu entgehen?« fragte Heyward, »und später wieder, wenn wir vorbei sind, auf unsern Weg zurückkommen?«

»Wenn einer im Nebel einmal von der geraden Linie abweicht, wie kann er wissen, wann und wie er sie wieder finden soll? Die Nebel des Horican sind nicht wie die Ringe aus des Schmauchers Pfeife, oder der Rauch eines Musketenschusses!«

Er sprach noch, als sich ein furchtbarer Knall vernehmen ließ, eine Kanonenkugel in das Dickicht und den Stamm eines jungen Baumes schlug und von der Erde zurückprallte, da ihre Kraft durch den frühern Widerstand gebrochen war. Die Indianer langten fast zur selben Zeit mit dem schrecklichen Boten an und Uncas begann unter lebhaften Geberden eifrig in der Sprache der Delawaren zu reden.

»So wird es gehen, Junge,« murmelte der Kundschafter, als Jener ausgesprochen hatte; »hitzige Fieber kann man nicht wie Zahnweh behandeln. So kommt denn! der Nebel stellt sich ein.« »Halt!« rief Heyward; »sagt mir vorher, was Ihr glaubt hoffen zu dürfen.«

»Das ist gleich gesagt; es ist nur wenig, aber etwas ist besser als Nichts. Der Schuß, den Ihr sahet,« fuhr der Kundschafter fort, indem er das harmlose Eisen mit dem Fuß anstieß, »hat die Erde auf seinem Wege von dem Fort aufgepflügt und wir können diese Spur verfolgen, wenn alle andere Zeichen uns trügen. Keine Worte mehr! Folgt mir, sonst verläßt uns der Nebel mitten auf dem Wege, und man schießt von beiden Heeren auf uns.«

Heyward erkannte, daß wirklich der entscheidende Augenblick gekommen war, wo gehandelt, nicht gesprochen werden mußte, und trat zwischen die beiden Schwestern, um ihre Schritte zu beschleunigen, indem er die halb sichtbare Gestalt ihres Führers im Auge behielt. Bald zeigte sich, daß Hawk-eye die Stärke des Nebels nicht überschätzt hatte: denn kaum waren sie sechzig Schritte weit, als sie ihre verschiedenen Reisegefährten in dem Dunste nicht mehr zu unterscheiden vermochten.

Sie hatten bereits einen kleinen Umweg zur Linken gemacht und wandten sich wieder zur Rechten, nachdem sie, wie Heyward glaubte, wohl den halben Weg nach den befreundeten Festungswerken zurückgelegt hatten. Plötzlich wurden ihre Ohren etwa zwanzig Schritte von ihnen von dem schrecklichen Rufe begrüßt:

»Qui va là?«

»Vorwärts!« flüsterte der Kundschafter, sich wieder links wendend.

Vorwärts!« wiederholte Heyward, als der Zuruf von einem Dutzend Stimmen in drohendem Tone wiederholt wurde.

»Ich,« rief Duncan französisch, indem er die Schwestern mit sich fortzog.

»Dummkopf! – welcher Ich? –«

»Freund von Frankreich!«

»Du scheinst mir eher ein Feind von Frankreich! Halt! oder bei Gott, ich will Dich mit dem Teufel gut Freund machen! Kameraden, Feuer!«

Der Befehl fand sogleich Gehör und der Nebel wurde von dem Knall von fünfzig Musketen erschüttert. Zum Glück war falsch gezielt, und die Kugeln durchpfiffen die Luft in einer verschiedenen Richtung, aber doch immer so nahe, daß es den ungeübten Ohren Davids und der beiden Mädchen dünkte, sie sausten nur ein Paar Zoll von ihnen vorbei. Der Ruf ward wiederholt und der Befehl nicht allein zum Feuern, sondern selbst zur Verfolgung war nur zu gut vernehmbar. Als Heyward kurz den Sinn des Gehörten erklärt hatte, hielt Hawk-eye an und sprach entschlossen und fest:

»Laßt uns auch Feuer geben, dann glauben sie, es sey ein Ausfall und weichen, oder warten auf Verstärkung.«

Der Plan war gut, blieb aber ohne Erfolg. So bald die Franzosen die Gewehrsalve hörten, war es, als ob die ganze Gegend lebendig würde, und Flinten klirrten die Ebene entlang von den Ufern des See’s bis an den fernsten Saum der Wälder.

»Wir kriegen das ganze Heer auf den Hals und führen einen allgemeinen Sturm herbei,« sprach Duncan; »voran, mein Freund, wenn euch euer und unser Leben lieb ist.«

Der Kundschafter wollte willfahren, aber in der Verwirrung des Augenblicks hatte er seine Stellung verändert und die Richtung verloren. Vergeblich hielt er seine Wangen gegen den Wind, nicht das leiseste Lüftchen wehte mehr. In dieser Noth bemerkte Uncas die Furche der Kanonenkugel, welche hier die Spitzen von drei nahe an einander liegenden Ameisenhaufen weggenommen hatte.

»Laßt mich ‚mal schauen!« sagte Hawk-eye, bückte sich, um die Richtung zu erkennen, und setzte rasch seinen Weg fort.

Geschrei, Flüche, rufende Stimmen, Flintenschüsse folgten sich ununterbrochen und, wie es schien, von allen Seiten. Plötzlich erleuchtete ein starker Feuerstrahl die Scene, der Nebel stieg in dichten Wallungen empor, mehrere Kanonenschüsse flogen über die Ebene und alle Echo der Berge hallten den Donner des Geschützes wieder.

»Das ist von dem Fort!« rief Hawk-eye und blieb plötzlich stehen, »und wir laufen, wie mit Blindheit geschlagen, nach dem Walde, den Maquas in die Messer.«

Sobald sie den Irrthum erkannt, beeilten sie sich, ihn gut zu machen. Duncan überließ gerne Uncas Arme die Sorge, Cora zu führen, und sie nahm diesen willkommenen Beistand bereitwillig an. Offenbar waren nicht Wenige eifrig in ihrer Verfolgung begriffen, und jeder Augenblick drohte Gefangenschaft, wo nicht Verderben.

»Keinen Pardon den Schuften!« rief ein eifriger Verfolger, welcher die Bewegungen der Feinde zu leiten schien.

»Steht fest und bereit, meine Tapfern vom 60sten Regiment!« rief plötzlich eine Stimme über ihnen: »wartet, bis ihr die Feinde seht; feuert tief und fegt das Glacis rein!«

»Vater! Vater! rief eine durchdringende Stimme aus dem Nebel; ich bin’s! Alice! deine Elsie! Halt ein, o rette deine Töchter!«

»Halt!« schrie der frühere Sprecher im furchtbarsten Tone väterlicher Angst, so daß der Ruf bis in die Wälder drang und in feierlichem Echo zurückrollte. »Sie ist’s! Gott hat mir meine Kinder wieder geschenkt! Das Ausfallthor geöffnet! Hinaus, ihr Sechziger! hinaus! Thut keinen Schuß, ihr könntet meine Lämmer tödten! Treibt die französischen Hunde mit dem Bayonette fort!«

Duncan hörte das Rasseln der rostigen Angeln, und rasch zu der Stelle eilend, deren Richtung der Laut bezeichnete, stieß er auf eine lange Reihe dunkelroth uniformirter Krieger, die nach dem Glacis eilten. Er erkannte sie als sein eigenes Bataillon der königlichen Americaner, flog an ihre Spitze und entfernte bald jegliche Spur von Verfolgern aus den Festungswerken.

Einen Augenblick hatten Cora und Alice zitternd und verwirrt da gestanden, als Duncan sie so unerwartet verließ; aber ehe sie Zeit zu sprechen fanden, oder auch nur daran zu denken vermochten, stürzte ein Offizier von fast riesenhafter Gestalt, dessen Locken die Jahre und der Dienst gebleicht und dessen militärischen Stolz die Zeit zwar gemildert, aber nicht vernichtet hatte, mitten aus dem Nebel auf sie zu und drückte sie an seine Brust, während große Thränen über sein bleiches und tiefgefurchtes Antlitz rollten.

»Ich danke dir, Herr!« rief er in seinem eigenthümlichen schottischen Accent. »Laß Gefahr kommen, welche da wolle, dein Knecht ist vorbereitet!«

Fünfzehntes Kapitel.

Fünfzehntes Kapitel.

So tretet ein, zu hören seine Botschaft,
Die alsbald ich errathen wollt‘ und deuten,
Eh‘ noch der Franzmann spräch‘ ein Wort davon.
König Heinrich V.

Die nächsten Tage verflossen unter den Entbehrungen, der Verwirrung und den Gefahren der Belagerung, welche ein Feind, dessen Macht Munro nicht den gehörigen Widerstand leisten konnte, aufs Lebhafteste betrieb. Es war, als ob Webb mit seinem Heer, das unthätig an den Ufern des Hudson lag, die bedrängte Lage seiner Landsleute gänzlich vergessen hätte. Montcalm hatte die Wälder mit seinen Wilden angefüllt, deren Geschrei und Geheul durch das brittische Lager scholl und die Soldaten entmuthigte, welche bereits nur zu geneigt waren, die Gefahr zu vergrößern. Nicht ebenso war es mit den in dem Fort Eingeschlossenen. Durch die Worte und das gute Beispiel ihrer Führer angefeuert, hatten sie Muth gefaßt und ihren alten Ruf mit einem Eifer behauptet, welcher der Strenge ihres Anführers Ehre machte. Der französische General hatte seinerseits, als begnügte er sich mit großer Anstrengung durch die Wildnis; gezogen zu seyn, um vor den Feind zu kommen, bei all‘ seinem Geschick dennoch verabsäumt, die benachbarten Höhen zu besetzen, von denen aus er die Belagerten ungestraft vernichten konnte, ein Vortheil, den die neuere Kriegskunst keinen Augenblick zu benützen unterlassen hätte. Diese Geringschätzung der Anhöhen, oder vielmehr diese Scheu vor der Anstrengung des Erklimmens, kann als die Hauptschwäche der damaligen Kriegführung betrachtet werden. Sie schrieb sich von der einfachen Weise der Indianerkriege her, wo bei der Art der Kämpfe und den dichten Wäldern Festungen selten waren und das Geschütz beinahe alle Bedeutung verlor. Die Nachläßigkeit, welche solchergestalt überhand genommen hatte, reichte bis in die Zeit der Revolutionskämpfe herab und verlor den Amerikanern die wichtige Festung Ticonderoga, ein Verlust, der Bourgoyne’s Heer den Weg in das Herz des Landes öffnete. Erstaunt blicken wir auf diese Unwissenheit oder Bethörung, wie man es nennen darf, zurück: denn man weiß, daß das uebersehen der Vortheile einer solchen Anhöhe – wenn auch die Schwierigkeit, sich auf ihr festzusetzen, wie bei Mont Destance, sehr übertrieben worden ist – einen Ingenieur, der in unserer Zeit die Anlegung der Werke an ihrem Fuße zu leiten, oder einen General, der sie zu vertheidigen gehabt hätte, um ihren Ruf bringen würde.

Der Reisende, der Siechling, oder der Freund von Naturschönheiten, welcher jetzt in seinem Viergespann durch die Schauplätze, die wir zu beschreiben versucht, dahinrollt, um Belehrung, Gesundheit oder Vergnügen zu finden, oder gemächlich seinem Ziele entgegen auf jenen künstlichen Wasserstraßen getragen wird, die unter der Verwaltung eines Staatsmanns entstanden sind, welcher für das Gelingen des gewagten Unternehmens seinen politischen Ruf einsetzte, darf nicht glauben, daß seine Vorfahren mit gleicher Leichtigkeit über diese Berge gegangen sind und die Strömungen überwunden haben. Die gelungene Herbeischaffung einer einzigen schweren Kanone wurde oft einem Siege gleichgeschätzt, wenn anders glücklicher Weise die Schwierigkeiten des Bodens sie nicht zu weit von ihrer nothwendigen Begleiterin, der Munition, entfernten, ohne welche sie nichts als eine schwerfällige, nutzlose eiserne Röhre ist.

Die Nebel, welche aus einer solchen Lage entspringen mußten, machten sich dem entschlossenen Schottländer, der jetzt William Henry vertheidigte, sehr fühlbar. Obgleich sein Gegner die Berge nicht benutzte, hatte er doch seine Batterien mit Einsicht in der Ebene aufgepflanzt und sie wurden mit Geschick und Nachdruck bedient. Diesem Angriff sonnten die Belagerten nur die unvollkommenen und in Eile angeordneten Vertheidigungsmittel einer Festung der Wildniß entgegenstellen.

Es war am fünften Tage der Belagerung und dem vierten seines eigenen Dienstes in dem Fort, daß Major Heyward Nachmittags eine eben angekündigte Parlamentirung benützte, um sich auf die Brustwehr einer Wasserbastion zu begeben, wo er die frische Seeluft athmen und die Fortschritte der Belagerer beobachten konnte. Er war allein, wenn man die einsame Schildwache, die auf dem Erdwall auf- und niederging, nicht rechnen will: denn die Artilleristen hatten sich entfernt, um die zeitige Unterbrechung ihres gefahrvollen Dienstes zu benützen. Der Abend war äußerst still und das Lüftchen, welches von dem klaren See her wehte, sanft und erfrischend. Es schien, als ob auch die Natur den Augenblick, wo der Donner des Geschützes und das Pfeifen der Kugeln verstummte, gewählt hätte, in ihrer mildesten und entzückendsten Gestalt zu erscheinen. Die Sonne goß ihre scheidende Glorie über die Landschaft, ohne jener stolzen Strahlen zu entbehren, die dem Klima und der Jahreszeit eigenthümlich sind. Das frische, liebliche Grün der Berge wurde bald durch das sanftere Licht der Sonne gemildert, bald durch die leichten Wölkchen verdunkelt, welche zwischen ihnen und der Sonne schwammen. Zahlreiche Eilande ruhten im Schooße des Horican, so niedrig und tief, als wären sie in die Wasser gebettet, andere über den Fluthen schwebend, gleich leichten Hüllen grünen Sammtes. Zwischen diesen ruderten die Fischer des Belagerungsheeres friedlich ihre Nachen umher, oder gaben sich auf dem klaren Wasserspiegel ruhig dem Vergnügen des Fischfanges hin.

Die Scene war belebt und doch still; und Alles, was der Natur angehörte, lieblich und einfach groß, während, was von dem Willen und den Bewegungen der Menschen abhing, lebhaft und muthwillig erschien.

Zwei kleine weiße Flaggen wehten, die eine auf einem hervorspringenden Winkel des Forts, die andere auf der vorgeschobenen Batterie der Belagerer, – Sinnbilder der Ruhe, nicht blos für die Feindseligkeiten, sondern selbst für die Erbitterung der Kämpfenden. Hinter ihnen wehten, in schweren, seidenen Falten sich ausbreitend und schließend, die nebenbuhlerischen Standarten Englands und Frankreichs, Hunderte junger Franzosen, munter und sorglos, zogen Netze an den kieselreichen Strand, in der gefährlichen Nähe der düstern, aber schweigsamen Geschütze des Forts, während die östlichen Berge den lärmenden Jubel der Fischenden wiedertönten. Die Einen kamen eilig herbei, um die Belustigungen auf dem Wasser mitzumachen, während Andere mit der unruhigen Neugierde ihrer Nation bereits die benachbarten Hügel erklommen. Von all‘ diesem Treiben, dieser Lust waren diejenigen, welche die Belagerten zu beobachten hatten, und die Belagerten selbst müßige, wenn schon nicht gleichgültige Zuschauer. Hier und da stimmte auch ein Piquer einen Sang an, oder begann einen Tanz, der die düsteren Indianer aus ihren Hinterhalten in dem Walde um sie versammelte. Kurz Alles hatte mehr den Anschein eines Freudentages, denn einer den Gefahren und Anstrengungen eines blutigen, erbitterten Krieges gestohlenen Stunde. Duncan hatte, diese Scene betrachtend, eine Weile in nachdenklicher Stellung dagestanden, als seine Augen durch den Laut nahender Fußtritte sich auf das Glacis vor dem schon erwähnten Ausfallthore richteten. Er trat in den Winkel einer Bastion und sah, wie der Kundschafter unter der Bewachung eines französischen Offiziers auf das Fort herzukam, Hawkeye’s Züge waren eingefallen und bekümmert, seine Miene niedergeschlagen, als fühlte er sich tief entehrt, daß er den Feinden in die Hände gerathen war. Er trug seine Lieblingswaffe nicht und die Hände waren ihm mit Riemen aus Hirschhäuten auf den Rücken gebunden. Das Herannahen von Fahnen, zum Schutze der Parlamentirer bestimmt, war in letzter Zeit so häufig geworden, daß Heyward bei dem ersten nachläßigen Blick auf die Gruppe wieder einen Offizier in gleichem Auftrag zu sehen erwartete. Sobald er aber den hohen Wuchs und die immer noch trotzigen, wenn gleich niedergeschlagenen Züge seines Freundes, des Waidmanns, erkannte, fuhr er erstaunt zurück, und eilte von der Bastion in das Innere der Festung herab.

Töne anderer Stimmen zogen jedoch seine Aufmerksamkeit auf sich und ließen ihn einen Augenblick seinen Vorsatz vergessen. In einem innern Winkel des Erdwalls traf er auf die beiden Schwestern, welche längs der Brustwehr umherwandelten, um, wie er, die frische Abendluft zu genießen. Er hatte sie seit dem peinlichen Augenblick, wo er sie nur verließ, um für ihre Sicherheit zu sorgen, nicht wieder gesehen. Von Sorge gebeugt und durch Anstrengungen erschöpft hatte er sie verlassen und fand sie jetzt frisch und blühend, obgleich sie immer noch einige Schüchternheit und Unruhe verriethen. Unter solchen Umständen dürfen wir uns nicht wundern, wenn der junge Mann eine Zeit lang alles Andere vergaß, um sie anzureden. Die arglose, jugendliche Alice kam ihm jedoch zuvor.

»Ha, des läßigen, pflichtvergessenen Ritters, der seine Damen mitten in den Schranken verläßt!« rief sie, »Tage, Jahrhunderte warteten wir darauf, daß Sie zu unsern Füßen um Gnade und Verzeihung bitten würden für Ihr feiges Entweichen, Ihre Flucht – denn wirklich flohen Sie mit einer Eile, daß sein angeschossenes Wild, wie unser würdiger Freund, der Kundschafter, sich ausdrücken würde, Ihnen hätte gleichkommen können!«

»Alice spricht, wie Sie wissen werden, von unserm Danke und unsern Segnungen,« setzte die ernstere, besonnenere Cora hinzu. »Wirklich haben wir uns ein wenig gewundert, daß Sie sich so streng von einem Orte entfernt hielten, wo die Dankbarkeit der Töchter in der des Vaters Unterstützung gefunden hätte.«

»Ihr Vater selbst konnte Ihnen sagen, daß ich, obgleich von Ihnen entfernt, um Ihre Sicherheit stets bekümmert war,« erwiederte der junge Mann. »Um den Besitz des Dorfs von Hütten dort,« – er wies auf das benachbarte verschanzte Lager, »ist indessen lebhaft gestritten worden. Wer dieses besitzt, ist bald auch im Besitze des Forts und alles dessen, was sich darin befindet. Meine Tage und Nächte sind seit unsrer Trennung dort vergangen, weil ich glaubte, daß meine Pflicht mich dahin riefe. Aber,« fuhr er mit einer Miene des Unmuths fort, den er vergeblich zu verbergen suchte, »aber hätte ich geglaubt, daß Soldatenpflicht so ausgelegt werden könnte, so wäre Scham noch zu der Zahl meiner Gründe gekommen!«

»Heyward! – Duncan!« rief Alice, sich vorwärts beugend, um in sein halb angewandtes Antlitz zu sehen, bis eine Locke ihres goldenen Haars auf ihrer Wange ruhen blieb und die Thräne verbarg, die ihrem Auge entquoll: »könnte ich glauben, daß diese geschwätzige Zunge Ihnen wehe gethan, so wollte ich sie zu ewigem Stillschweigen verdammen. Cora mag sagen, wenn sie will, wie hoch wir Ihre Dienste geschätzt haben, und wie innig, wie inbrünstig unsere Dankbarkeit ist.«

»Und wird Cora die Wahrheit davon bezeugen?« rief Duncan, indeß ein Lächeln innigen Vergnügens die Wolken des Mißmuths von seiner Stirne trieb. »Was sagt unsre ernste Schwester? Wird sie für die Vernachläßigung des Ritters eine Entschuldigung in der Pflicht des Soldaten finden?«

Cora antwortete nicht sogleich, sondern wandte ihr Gesicht auf das Wasser, als ob sie beobachtete, was auf dem Horican vorgehe. Als sie ihr dunkles Auge auf den jungen Mann richtete, lag ein solcher Ausdruck von Bangigkeit darin, daß er jeden andern Gedanken, als den herzlicher Besorgniß, aus seinem Gemüthe verdrängte.

»Sie sind nicht wohl, theuerste Miß Munro?« rief er; »wir konnten scherzen, während Sie leiden!«

»Es ist Nichts,« antwortete sie, indem sie seinen angebotenen Arm mit weiblicher Zurückhaltung ablehnte. »Daß ich das Leben nicht von seiner Sonnenseite betrachten kann, wie diese harmlose, glühende Schwärmerin,« fuhr sie fort, indem sie ihre Hand leicht, aber zärtlich auf den Arm ihrer Schwester legte, »ist die Schuld der Erfahrung und vielleicht ein unglücklicher Zug meines Wesens. Sehen Sie,« fügte sie hinzu, als wollte sie aus Pflichtgefühl sich aller Schwäche entschlagen, »blicken Sie um sich, Major Heyward, und sagen Sie mir, welche Aussicht dies ist für die Tochter eines Soldaten, dessen größtes Glück seine Ehre und sein Kriegsruf ist.«

»Beide sollen und können nicht befleckt werden durch Umstände, denen er nicht gebieten kann,« erwiederte Duncan mit Wärme. »Aber Ihre Worte rufen mich zu meiner eigenen Pflicht zurück, Ich gehe jetzt zu Ihrem ritterlichen Vater, um seinen Entschluß in Dingen von höchster Wichtigkeit, unsere Vertheidigung betreffend, zu vernehmen, Gott segne Sie in jeglichem Geschick, edle Cora, – denn so kann und muß ich Sie nennen.« Sie reichte ihm frei die Hand, obgleich ihre Lippe bebte, und ihre Wangen allmälig eine Todtenblässe überschlich. »In jeglichem Geschick werden Sie, ich bin’s gewiß, eine ehrenreiche Zierde Ihres Geschlechtes seyn. – Alice, adieu!« – sein Ton ging von Bewunderung in Zärtlichkeit über – »Adieu, Alice: wir werden uns bald wiedersehen, als Sieger hoffe ich, und unter Freudenbezeugungen!« Ohne die Antwort einer der Schwestern zu erwarten, eilte der junge Mann die Rasenstufen der Bastion hinab, mit raschen Schritten über den Paradeplatz und stand nach kurzer Weile vor ihrem Vater. Munro ging, als Duncan eintrat, mit unruhiger Miene und Riesenschritten in dem engen Zimmer auf und nieder.

»Sie sind meinen Wünschen zuvorgekommen, Major Heyward,« sagte er, »ich wollte Sie eben um die Ehre Ihres Besuches bitten lassen.«

»Mit Bedauern sah ich den Boten, den ich so warm empfohlen, unter dem Gewahrsam der Franzosen zurückkehren! Ich hoffe, Sie haben keinen Grund, in seine Treue Zweifel zu setzen,«

»Die Treue der ›langen Büchse‹ ist mir Wohl bekannt,« versetzte Munro, »und über allen Zweifel erhaben: aber sein gutes Glück scheint ihn endlich verlassen zu haben, Montcalm hat ihn gefaßt und mit der verdammten Artigkeit seines Volkes ihn mir wieder zugesandt unter der demüthigenden Erklärung: da er wisse, wie große Stücke ich auf den Burschen halte, so wolle er mir ihn nicht vorenthalten, Eine jesuitische Manier, Major Heyward, einem Manne zu sagen, daß er im Unglück ist!«

»Aber der General und seine Hilfe?«

»Sahen Sie nach dem Süden, als Sie hereinkamen, und konnten Sie noch Nichts von ihnen erblicken?« fragte der alte Soldat, bitter lachend: »gehen Sie! gehen Sie, Sie sind ein ungeduldiger Knabe, Sir, und wollen den Herren keine Zeit zum Marschiren lassen!«

»So kommen sie denn! Hat der Kundschafter davon gesagt?«

»Wann? und auf welchem Wege? Das hat der Dummkopf mir nicht gesagt. Es war ein Brief vorhanden, und das ist das einzige Erfreuliche bei der Sache. Was die gewohnten Aufmerksamkeiten Ihres Marquis von Montcalm betrifft – ich stehe dafür, Duncan, Der von Lothian konnte ein Dutzend solcher Marquisate kaufen – wenn die Nachrichten in dem Briefe schlimm lauteten, so würde diesem französischen Herrn die Artigkeit gewiß nicht erlauben, sie uns zu verschweigen.«

»Er behält also den Brief und läßt den Boten frei?«

»Ja, und das Alles aus sogenannter Bonhommie. Ich wollte wetten, wenn man die Wahrheit wüßte, so würde sich finden, laß des Burschen Großvater in der edeln Kunst des Tanzens unterrichtet hat.«

»Aber was sagt denn der Kundschafter? Er hat Augen und Ohren und eine Zunge: wie lautet sein mündlicher Bericht?«

»Oh! Sir, an den natürlichen Organen fehlt’s ihm nicht, und er bedenkt sich auch nicht, zu sagen, was er gehört und gesehen hat. Alles aber lauft darauf hinaus: an den Ufern des Hudson befindet sich ein Fort Sr. Majestät, zu Ehren Sr. königlichen Hoheit des Prinzen von York, Edward genannt, wie Sie wissen, und ist wohl gefüllt mit Bewaffneten, wie es einem solchen Werke ziemt.«

»Bemerkte er keine Bewegung, keine Zeichen, daß man uns zu Hülfe kommen wolle?« –

»’s gab Morgen- und Abendparaden, und wenn einer von den Lümmeln aus den Provinzen – Sie wissen’s ja, Duncan, sind selbst ein halber Schottländer – wenn Einer sein Pulver auf seinen Kochtopf fallen ließ und es traf die Kohlen, so gab’s Feuer!« Plötzlich aber ging er von seiner bittern Ironie in einen ernstern, bedächtlichern Ton über und fuhr fort: »und doch müßte und muß in dem Brief etwas stehen, das zu wissen für uns gut wäre.«

»Unser Entschluß sollte schnell geschehen,« sagte Duncan, welcher gern diese veränderte Stimmung benützte, um die Unterredung auf wichtigere Gegenstände zu lenken: »ich kann Ihnen nicht verhehlen, Sir, daß sich das Lager nicht mehr lange halten läßt, und es thut mir leid, hinzufügen zu müssen, daß es mit dem Fourt selber nicht besser zu stehen scheint: mehr als die Hälfte unsers Geschützes ist zersprungen.« »Und wie sollte es anders seyn? Die Einen wurden aus dem See aufgefischt: andere rosteten seit der Entdeckung des Landes in den Wäldern, und wieder andere sind gar keine Kanonen, nur Spielzeug für Korsaren, Glauben Sie, Sir, man könnte dreitausend Meilen von Großbrittannien, mitten in einer Wildniß, Woolwicher Waare bekommen?«

»Die Mauern stürzen uns über dem Kopfe zusammen, und der Mundvorrath fängt an zu fehlen,« fuhr Heyward fort, ohne diesen neuen Ausbruch seines Unmuths zu beachten; »selbst die Mannschaft zeigt Spuren von Unzufriedenheit und Unruhe.«

»Major Heyward,« sprach Munro, mit der vollen Würde des Alters und eines höheren Ranges zu dem jungen Manne sich wendend, »umsonst hätte ich Sr. Majestät ein halbes Jahrhundert gedient und meine Haare im Feld ergrauen sehen, wenn ich das, was Sie sagen, und die Dringlichkeit der Umstände nicht selbst begreifen würde; und doch sind wir der Ehre der königlichen Waffen und unsrer eigenen Alles zu opfern verpflichtet. So lange noch Hoffnung auf Unterstützung vorhanden ist, werde ich diese Feste vertheidigen, und sollt‘ ich dazu die Kiesel vom Seeufer auflesen. Alles kommt darauf an, den Brief zu Gesicht zu bekommen, damit wir die Absichten des Mannes kennen lernen, den uns der Earl von London als seinen Stellvertreter hinterlassen hat.«

»Und kann ich hiebei von Nutzen seyn?«

»Ja, das können Sie, Sir: der Marquis von Montcalm hat mich neben seinen übrigen Artigkeiten auch zu einer persönlichen Unterredung zwischen den Festungswerken und dem Lager eingeladen, um mir, wie er sagt, weitere Aufschlüsse zu geben. Nun denke ich, würd‘ es nicht sehr weise seyn, wenn ich ein zu großes Verlangen zeigte, ihn zu sprechen, und ich könnte Sie, einen Offizier von Rang, zu meinem Stellvertreter nehmen: denn es würde Schottland keine Ehre bringen, wenn es hieße, eines seiner Kinder habe sich von dem Eingebornen eines andern Landes an Höflichkeit übertreffen lassen.« Ohne sich in eine überflüßige Erörterung oder Vergleichung bei Höflichkeitsverdienste dieser oder jener Nation einzulassen, Verstand sich Duncan mit Freuden dazu, bei der bevorstehenden Unterredung die Stelle des Veteranen zu vertreten. Ehe er sich verabschiedete, folgte eine lange, vertrauliche Mittheilung, in welcher der junge Mann von dem, was ihm oblag, noch genau unterrichtet wurde, wie es eben die Erfahrung und der eigenthümliche Scharfsinn seines Obern eingeben mochte. Da Duncan nur als der Stellvertreter des Befehlshabers auftrat, so fielen natürlich die Förmlichkeiten, welche eine Unterredung der Häupter beider feindlichen Streitkräfte begleitet hätten, weg. Der Waffenstillstand dauerte noch fort, und unter dem Wirbeln der Trommeln trat Duncan, von einer kleinen weißen Fahne begleitet, zehen Minuten nach dem Empfang seiner Verhaltungsbefehle aus dem Ausfallthor. Er wurde von dem Offizier, der die Vorposten befehligte, mit den gewöhnlichen Förmlichkeiten empfangen und sogleich zu dem entfernten Zelte des berühmten Kriegsmanns geführt, der an der Spitze des französischen Heeres stand.

Der feindliche General empfing den jugendlichen Abgesandten, umgeben von seinen hohen Offizieren und einer dunkeln Schaar indianischer Häuptlinge, welche ihn mit den Kriegern ihrer verschiedenen Stämme in das Feld begleitet hatten. Heyward stand einen Augenblick stille, als seine Augen mit einem flüchtigen Blicke über die dunkle Gruppe der letztern schweiften und den boshaften Zügen Magua’s begegneten, welcher ihn mit der diesem Wilden eigenen, ruhigen, aber düstern Aufmerksamkeit betrachtete. Ein Ausruf des Erstaunens wollte den Lippen des jungen Mannes entschlüpfen; schnell erinnerte er sich aber seines Auftrags und seiner Umgebung, und jeden Schein von Aufregung unterdrückend, wandte er sich gegen den feindlichen Anführer, der ihm bereits einen Schritt entgegen getreten war.

Der Marquis von Montcalm stand in der Zeit, von welcher wir schreiben, in der Blüthe seiner Jahre und, könnte man hinzusetzen, im Zenith seines Glückes. Aber selbst in dieser beneidenswerthen Lage war er leutselig und zeichnete sich eben so wohl durch seine Aufmerksamkeit gegen die Gesetze der Höflichkeit, als durch jenen ritterlichen Muth aus, der ihn schon zwei Jahre später auf den Ebenen von Abraham das Leben verlieren ließ. Duncan’s Auge wandte sich von der boshaften Miene Magua’s ab und heftete sich mit Vergnügen auf die lächelnden, feinen Züge und den edeln kriegerischen Anstand des französischen Anführers.

»Mein Herr,« sprach Letzterer, »es macht mir viel Vergnügen, daß – aber wo ist der Dolmetscher?«

»Ich glaube, er wird uns entbehrlich seyn,« erwiederte Heyward bescheiden, »ich spreche ein wenig Französisch.«

»Ah! das ist mir lieb,« sprach Montcalm, indem er Duncan vertraulich unter dem Arme nahm und ihn in die Tiefe des Zeltes führte, wo sie sich eher besprechen konnten, ohne gehört zu werden. »Ich hasse diese Schelme, man weiß nicht recht, wie man mit ihnen daran ist.« –

»Nun, mein Herr,« fuhr er fort, immer noch französisch sprechend, »obgleich ich stolz darauf gewesen wäre, Ihren Chef bei mir zu empfangen, so schätze ich mich dennoch glücklich, daß er es geeignet fand, einen so ausgezeichneten und sicher eben so liebenswürdigen Offizier an mich abzuordnen.«

Duncan verbeugte sich tief, denn er nahm die Schmeichelei gerne hin, obgleich er den heroischen Entschluß gefaßt hatte, sich durch keinen Kunstgriff bethören zu lassen, die Interessen seines Fürsten außer Acht zu setzen. Montcalm fuhr, nachdem er einen Augenblick geschwiegen hatte, als ob er seine Gedanken sammeln wollte, fort:

»Ihr Kommandant ist ein wackerer Mann und wohl versteht er, meine Angriffe abzuschlagen. Aber ist es nicht Zeit, der Menschlichkeit mehr, als dem Muthe Gehör zu geben? Jene ziert den Helden ebenso, wie diese.«

»Wir halten diese Eigenschaften für unzertrennlich,« versetzte Duncan lächelnd, »während wir über in der Energie Eurer Excellenz alle Aufforderung finden, diesen zu beleben, so sehen wir doch noch keine Veranlassung, jene in Anwendung zu bringen.«

Montcalm verbeugte sich seinerseits leicht, aber mit der Miene eines Mannes, der zu erfahren ist, um auf die Sprache der Schmeichelei zu hören. Nach kurzem Nachsinnen fuhr er fort:

»Möglich, daß meine Gläser mich täuschten, und daß Ihre Werke unserm Geschütze besser widerstehen, als ich geglaubt hatte. Sie kennen unsere Stärke?«

»Unsere Berichte lauten verschieden,« antwortete Duncan nachläßig, »aber die höchsten schätzen Ihre Macht auf nicht mehr, als zwanzigtausend Mann.«

Der Franzmann biß sich in die Lippen, und faßte den Andern scharf in’s Auge, als ob er in seinen Gedanken lesen wollte; dann fuhr er mit der ihm eigenthümlichen Gewandtheit fort, als ob er die Richtigkeit einer Angabe, welche die Stärke seines Heeres verdoppelte, anerkenne.

»Es ist ein schlechtes Kompliment für uns Soldaten, mein Herr, daß wir, was wir auch angewandt, unsere Zahl nicht haben verbergen können. Wenn es irgendwo möglich wäre, so glaubte ich, es müßte in diesen Wäldern geschehen können. Wenn Sie es aber auch für zu früh halten, auf die Stimme der Menschlichkeit zu hören,« fuhr er arglistig lächelnd fort, »so darf ich doch glauben, daß die Galanterie bei einem jungen Manne, wie Sie, ihr Recht finden wird. Die Töchter des Kommandanten sind, wie ich höre, in das Fort gekommen, seit es eingeschlossen ist.«

»Es ist wahr, Monsieur: aber weit entfernt, unsern Muth zu schwächen, geben sie uns in ihrer eigenen Seelenstärke ein Beispiel des Muthes! Bedürfte es nur der Entschlossenheit, um einen so vollendeten Kriegsmann, wie Monsieur de Montcalm, zurückzuschlagen, so würde ich der älteren dieser Damen mit Vergnügen die Vertheidigung von William Henry anvertrauen.« »Es ist eine weise Verordnung in unserem salischen Gesetz, ›die Krone von Frankreich soll nie von der Lanze an den Rocken übergehen,‹ versetzte Montcalm trocken und mit einer gewissen Hoheit, ging aber sogleich wieder in einen Ton leichter Höflichkeit über: »da alle edleren Eigenschaften sich vererben lassen, so will ich Ihnen gerne glauben; aber, wie ich schon sagte, auch der Muth hat seine Gränzen und auch die Menschlichkeit spricht ihr Recht an. Ich hoffe, mein Herr, Sie sind bevollmächtigt, über die Bedingungen der Uebergabe des Forts zu unterhandeln?«

»Haben Euer Excellenz unsere Vertheidigung so schwach gefunden, daß Sie diese Maßregel nothwendig glauben?« –-

»Es sollte mir leid thun, wenn sich die Vertheidigung so lange hinauszöge, daß meine rothen Freunde dort noch mehr gereizt würden,« fuhr Montcalm fort, indem er seine Augen auf die Gruppe aufmerksamer und finsterer Indianer richtete, ohne auf die Frage des Andern zu achten: »ich finde es schon jetzt schwierig, sie in den Gränzen unsrer Kriegsgebräuche zu halten.«

Heyward schwieg: denn eine peinliche Erinnerung an die Gefahren, denen er eben erst entronnen war, und an die Leiden, welche jene wehrlosen Geschöpfe mit ihm getheilt hatten, drang sich seinem Geiste auf.

»Diese Herren da,« fuhr Montcalm fort, indem er seinen vermeintlichen Vortheil verfolgte, »sind äußerst furchtbar, wenn sie sich in ihrer Hoffnung getäuscht sehen, und ich brauche Ihnen nicht zu sagen, wie schwer es mir fällt, ihren Unmuth in Schranken zu halten. Nun, mein Herr, wollen wir von den Bedingungen sprechen?«

»Ich fürchte, Euer Excellenz sind über die Stärke von William Henry und die Hülfsquellen der Besatzung getäuscht worden!«

»Ich belagere nicht Quebec, sondern eine Erdschanze, die von zweitausend dreihundert wackern Soldaten vertheidigt wird,« war seine kurze, aber lakonische Antwort. »Unsere Wälle sind Erdschanzen, es ist wahr, und ruhen auf keinem Diamantfelsen, aber sie stehen an einem Ufer, das Dieskau und seinem Heer verderblich geworden ist. Nur wenige Stunden ist eine beträchtliche Macht von uns entfernt, die wir als einen Theil unsrer Vertheidigungsmittel betrachten.«

»Ja, sechs bis achttausend Mann,« erwiederte Montcalm, wie es schien, mit großer Gleichgültigkeit, »und ihr Chef hält sich hinter seinen Schanzen für sicherer, als in offnem Felde.«

Jetzt war es an Heyward, sich vor Aerger in die Lippe zu beißen, da der Andere so kaltblütig von Truppen sprach, deren Stärke, wie der junge Mann wohl wußte, so sehr übertrieben worden war. Beide schwiegen eine kleine Weile; endlich nahm Montcalm wieder das Wort und gab zu verstehen, daß er bei dem Besuche des Offiziers keinen andern Zweck voraussetze, als Bedingungen zur Uebergabe vorzuschlagen. Auf der andern Seite suchte Heyward dem französischen General Aeußerungen zu entlocken, aus denen sich auf die in dem aufgefangenen Briefe enthaltenen Entdeckungen hätte schließen lassen. Keiner von Beiden erreichte jedoch seinen Zweck; und nach einer längern und fruchtlosen Besprechung entfernte sich Duncan mit einer vortheilhaften Meinung von der Artigkeit und den Talenten des feindlichen Anführers, aber ohne Aufschlüsse über den eigentlichen Zweck seiner Sendung erhalten zu haben. Montcalm begleitete ihn bis an die Thüre seines Zeltes und wiederholte seine Einladung an den Kommandanten des Forts, mit ihm auf einem offenen Platze zwischen beiden Heeren zu einer unmittelbaren Besprechung zusammen zu treffen.

Sie trennten sich und Duncan kehrte unter gleicher Begleitung, wie zuvor, an die Vorposten der Franzosen zurück, von wo er sich sogleich in das Fort und in das Quartier seines Befehlshabers begab.

Achtes Kapitel.

Achtes Kapitel.

– – Sie säumen noch,
Die Rächer ihres Heimatlandes.
Gray.

Der Warnungsruf des Kundschafters war nicht überflüssig. Während der so eben geschilderte mörderische Kampf Statt fand, wurde das Brausen des Wasserfalls durch keinen menschlichen Laut unterbrochen. Es war, als ob die Theilnahme am Verlaufe desselben die Eingebornen am Gegenufer in athemloser Erwartung erhalten hätte, während die schnellen Bewegungen und die plötzlichen Wechsel in den Stellungen der Kämpfenden wirklich nicht erlaubten, Feuer zu geben, da es dem Freunde wie dem Feinde gefährlich werden konnte. So bald aber der Kampf entschieden war, erhob sich ein so wildes, stürmisches Geheul, wie es nur immer Wuth und Rachsucht hervorbringen kann. Es folgten unaufhörliche Blitze aus den Büchsen, die ihre bleiernen Todesboten in vollen Ladungen über die Felsen entsandten, als ob die Angreifenden an der leblosen Scene des verderblichen Kampfes ihre unmächtige Wuth auslassen wollten.

Stete, besonnene Erwiederung gab die Büchse Chingachgook’s, der während des ganzen Straußes seinen Posten mit unerschütterlicher Entschlossenheit behauptete. Als Uncas‘ Siegsgeschrei in seine Ohren drang, antwortete der erfreute Vater mit einem einzigen Ruf, worauf seine geschäftige Büchse allein bewies, daß er seinen Posten noch mit unermüdetem Eifer vertheidigte. Auf diese Weise flogen viele Minuten mit der Schnelligkeit eines Gedankens vorüber, während die Büchsen der Angreifenden bald in ganzen Salven, bald in vereinzelten Schüssen sich hören ließen. Obgleich der Fels, die Bäume und die Gesträuche, rings um die Belagerten, an hundert Stellen zerschossen und zerrissen wurden, so war doch ihr Versteck so fest und die Verteidiger gebrauchten so große Vorsicht, daß David bis jetzt in der kleinen Truppe der einzige Verwundete war.

»Laßt sie ihr Pulver verschießen,« sprach der besonnene Kundschafter, während Kugel an Kugel an der Stelle, wo er in Sicherheit lag, vorüberpfiff; »da wird’s viel Blei aufzulesen geben, wenn’s vorüber ist, und ich denke, die Kobolte kriegen das Spiel noch eher satt, als die alten Steine da um Pardon bitten werden! Aber Uncas, Junge, du verschwendest ja nur Pulver, wenn du so stark lädst: eine Büchse, die stößt, schießt nie ’ne sichre Kugel. Ich sagte dir, du solltest den vertrakten Springer unter dem weißen Strich an seinem Schlachtschmucke nehmen; wenn deine Kugel nur um ein Haar breit höher gegangen wäre, aber so ging sie ja zwei Zoll weiter hinauf. Der Sitz des Lebens liegt tief bei einem Mingo, und Menschlichkeit gebeut, der Schlangenbrut ein baldiges Ende zu machen.«

Ein ruhiges Lächeln erheiterte die stolzen Züge des jungen Mohikaners und verrieth, daß er sowohl die englische Sprache, als auch die Meinung des Andern wohl verstehe, aber er ertrug die Zurechtweisung, ohne darauf zu erwiedern oder sich zu vertheidigen.

»Ich kann nicht zugeben, daß Ihr Uncas Mangel an Scharfblick und Geschick Schuld geben wollt,« sprach Duncan; »er hat mir auf die kaltblütigste und bereitwilligste Weise von der Welt das Leben gerettet und sich Einen zum Freund gemacht, den man nie daran zu erinnern haben wird, was er ihm schuldig ist!«

Uncas erhob sich etwas, um Heyward’s dargebotene Hand zu drücken. Während diesen Freundschaftsbeweisen wechselten die beiden jungen Männer Blicke der Verständigung, welche Duncan die Stellung und die Verhältnisse seines wilden Genossen vergessen ließen. Hawk-eye, welcher diesen Ausbruch jugendlicher Gefühle kalt, aber nicht unfreundlich mit angesehen hatte, erwiederte unterdessen: »Das Leben ist ein Ding, für das sich Freunde in der Wildniß oft verpflichtet sind. Ich darf wohl sagen, daß ich Uncas schon mehrere Male diesen Dienst geleistet habe, und erinnere mich recht wohl, daß auch er zu fünf verschiedenen Malen zwischen mir und dem Tod gestanden hat. Drei Mal im Kampfe mit den Mingos, einmal, da wir über den Horican gingen und –«

»Diese Kugel war besser gezielt, als gewöhnlich!« rief Duncan, indem er unwillkürlich vor einem Schuße zurückfuhr, der an dem Felsen neben ihm mit Heftigkeit abgeprallt war.

Hawk-eye griff nach dem formlosen Metall und schüttelte bei der Untersuchung den Kopf. »Fallendes Blei,« sprach er, »drückt sich nie platt. Wenn’s aus den Wolken käme, ließ‘ ich mir’s gefallen!«

Aber Uncas‘ Büchse richtete sich bedächtlich gen Himmel und wies den Augen seiner Nachbarn einen Punkt, der das Geheimniß sogleich enthüllte. Eine mächtige Eiche stand auf dem rechten Ufer des Flusses, ihnen beinahe gegenüber, und neigte sich, den freien Luftraum suchend, so weit herüber, daß ihre obern Aeste jenen Arm des Stromes überhingen, der an ihrem eigenen Ufer floß. Unter dem obersten Laubwerk, das die knorrigen, verwitterten Aeste nur spärlich bedeckte, hatte sich ein Wilder eingenistet, den der Stamm des Baumes theilweise verbarg, theilweise aber sichtbar machte, als er auf sie herabblickte, um zu sehen, welche Wirkung sein verrätherischer Schuß hervorgebracht habe.

»Diese Satane werden am Ende noch den Himmel ersteigen, um uns zu Grunde zu richten,« sprach Hawk-eye; »halt‘ ihn im Schach, Junge, bis ich den Wildtödter zum Schusse bringen kann, und wir ihm sein Blei von beiden Seiten des Baumes wieder heimgeben.«

Uncas wartete, bis der Kundschafter das Signal gab. Die Büchsen blitzten, Blätter und Rinde der Eiche flogen in die Luft und wurden vom Winde zerstreut: der Indianer aber erwiederte ihren Angriff mit einem höhnischen Gelächter und antwortete ihnen mit einer zweiten Kugel, welche Hawk-eye die Mütze vom Kopfe schlug. Noch einmal erscholl das wilde Geheul aus den Wäldern, und ein Hagel von Kugeln pfiff über die Köpfe der Belagerten hin, als wollten sie diese an dem Orte zusammenhalten, wo sie ein leichtes Opfer des unternehmenden Kriegers werden mußten, der seinen Standpunkt auf dem Baume genommen hatte.

»Da muß geholfen werden!« sagte der Kundschafter, mit unruhigem Auge um sich blickend. »Uncas, ruf deinen Vater; wir brauchen alle unsre Waffen, um die zähe Raupenbrut von ihrem Aste herab zu schütteln.«

Das Signal ward sogleich gegeben, und ehe Hawk-eye seine Büchse zum zweiten Mal geladen hatte, war Chingachgook bei ihnen. Als der Sohn dem erfahrnen Krieger die Stellung des gefährlichen Feindes gezeigt hatte, entfuhr der gewöhnliche Ausruf: »Hugh« seinen Lippen; weiter ließ er kein Zeichen der Verwunderung oder der Besorgniß vernehmen. Hawk-eye und die Mohikaner beriethen sich einige Augenblicke ernstlich in delawarischer Sprache, dann nahmen sie ruhig ihre Posten ein, um den eilig verabredeten Plan in Ausführung zu bringen.

Der Krieger auf der Eiche hatte von dem Augenblick seiner Entdeckung an, ein ununterbrochenes, aber unwirksames Feuer unterhalten. Die Wachsamkeit seiner Feinde erlaubte ihm jedoch nicht, genau zu zielen, da ihre Büchsen sogleich Alles, was von ihm sichtbar ward, sich zum Ziele nahmen; immer jedoch fuhren seine Kugeln mitten unter die lauernden Vertheidiger. Heyward’s Kleider, die ihn vor den Andern sichtbar machten, wurden wiederholt getroffen und einmal floß sogar Blut aus einer leichten Wunde am Arme.

Endlich versuchte der Hurone, durch die lange ungeduldige Wachsamkeit seiner Feinde verwegen gemacht, besser und genauer zu zielen. Das scharfe Auge der Mohikaner entdeckte durch das dünne Laubwerk wenige Zoll von dem Stamme des Baumes die dunklen Umrisse seiner Beine, welche er unvorsichtiger Weise bloßgestellt hatte. Ihre Büchsen feuerten gemeinschaftlich: da sank er auf sein verwundetes Bein zusammen, so daß ein Theil seines Leibes zum Vorschein kam. Mit Blitzesschnelle benutzte Hawk-eye diesen Vortheil und feuerte sein Gewehr nach dem Gipfel der Eiche ab. Die Blätter bewegten sich ungewöhnlich, die gefährliche Büchse fiel von der Höhe herab und nach wenigen Minuten vergeblicher Anstrengung zeigte sich die Gestalt des Wilden in der Luft schwebend, während er noch einen knorrigen nackten Ast des Baumes verzweiflungsvoll umklammert hielt. »Gebt ihm – um Gottes Willen! gebt ihm noch eine Kugel!« rief Duncan, seine Augen abwendend vor Grauen über das Schauspiel, ein Mitgeschöpf in solch entsetzlicher Todesangst zu sehen.

»Kein Korn!« rief der harte Hawk-eye: »sein Tod ist gewiß, und wir müssen das Pulver sparen: Kämpfe mit Indianern dauern oft ganze Tage: ’s gilt ihren, oder unsern Skalpen! und Gott, der uns erschaffen, hat in unsere Natur den Wunsch gelegt, die Haut auf dem Kopfe zu behalten!« Gegen diese strenge und unbeugsame Moral, die noch durch eine so handgreifliche Politik unterstützt wurde, ließ sich nichts einwenden. Von diesem Augenblicke an verstummte das Geheul in den Wäldern wieder, das Feuer hörte auf, und Aller Augen, der Freunde sowohl als der Feinde waren auf die hoffnungslose Lage des Unglücklichen gerichtet, der zwischen Himmel und Erde schwebte. Sein Körper wurde vom Winde hin und her getrieben, und obwohl dem Schlachtopfer kein Aechzen oder Stöhnen entfuhr, so gab es doch Augenblicke, wo er grimmige Blicke auf seine Feinde herniederschoß, und die Angst kalter Verzweiflung malte sich trotz der Entfernung sehr deutlich auf seinen schwärzlichen Zügen. Drei Mal hob der Kundschafter mitleidig seine Büchse und drei Mal gewann es die Klugheit über sein Gefühl: schweigend senkte er sie wieder. Endlich ließ der Hurone eine Hand los und erschlafft sank sie an seine Seite herab. Eine verzweiflungsvolle fruchtlose Anstrengung, den Ast wieder zu fassen, erfolgte, und man sah, wie er einen flüchtigen Augenblick in der leeren Luft umhergriff. Blitzschnell fuhr ein Schuß aus Hawk-eye’s Büchse, die Glieder des Schlachtopfers zitterten und zogen sich krampfhaft zusammen, das Haupt sank herab auf die Brust, und wie ein Bleiklumpen stürzte die Leiche in die schäumenden Wasser, das Element schloß sich über ihm mit rastlosem Ungestüm, und jede Spur des unglücklichen Huronen war auf immer verschwunden.

Kein Siegesruf folgte dem wichtigen Vortheil; selbst die Mohikaner starrten einander mit schweigendem Entsetzen an. Ein einziger Schrei erscholl aus dem Wald und Alles war wieder still. Hawk-eye, der allein noch die Besinnung behalten zu haben schien, schüttelte den Kopf über seine augenblickliche Schwäche und machte sich laute Vorwürfe darüber.

»’s war die letzte Ladung in meinem Horn und die letzte Kugel in meiner Tasche; das hieß wie ein Knabe gehandelt! Was lag daran, ob er todt oder lebendig auf den Felsen fiel? Mit dem Fühlen wär’s bald vorbei gewesen. Uncas, Junge, geh‘ hinab in das Canoe, und bring‘ das große Horn: es ist alles Pulver, das wir noch haben und wir brauchen’s bis auf das letzte Korn, oder ich kenne die Mingos nicht.«

Der junge Mohikaner willfahrte und verließ den Kundschafter den unnützen Inhalt seiner Tasche durchsuchend und sein leeres Horn mit erneuter Unzufriedenheit schüttelnd. Von dieser unerfreulichen Untersuchung schreckte ihn jedoch bald ein lauter, durchdringender Schrei aus Uncas Mund auf, der selbst Duncans ungeübtem Ohr wie die Botschaft eines neuen, unerwarteten Unfalls klang. Da jeder Gedanke seiner Seele nur auf den kostbaren, ihm anvertrauten, in der Höhle verborgenen Schatz gerichtet war, so fuhr der junge Mann auf, unbekümmert um die Gefahr, der er sich aussetzte. Wie von gleichem Drange getrieben, ahmten auch seine Begleiter diese Bewegung nach und stürzten zu der freundlichen Kluft mit einem Ungestüm, welches das zerstreute Feuer ihrer Feinde vollkommen unschädlich machte. Der ungewohnte Schrei zog auch die Schwestern mit dem verwundeten David aus ihrem Zufluchtsorte herbei, und ein einziger Blick machte sie mit dem Unstern bekannt, der selbst die kalte Ruhe ihres jungen indianischen Beschützers aus dem Gleichgewichte brachte.

In geringer Entfernung von dem Felsen sah man ihre kleine Barke durch den Strudel in der schnellen Strömung des Flusses auf eine Weise dahintreiben, welche schließen ließ, daß ihr Lauf durch eine verborgene Kraft gelenkt wurde. Sobald dieser unwillkommene Anblick sich dem Auge des Kundschafters darbot, griff er instinktmäßig nach seiner Büchse, aber der Lauf entsprach den sprühenden Funken des Steines nicht.

»Es ist zu spät, ’s ist zu spät!« rief Hawk-eye, indem er mit bitterem Unmuth die Waffe sinken ließ: »der Schurke hat die Strömung gewonnen, und hätten wir auch Pulver, so könnt‘ es kaum die Kugel schneller jagen, als er jetzt forttreibt!«

Der wagehalsige Hurone hob jetzt den Kopf über die Wandung des Canue’s empor, winkte, wahrend er pfeilschnell in der Strömung dahinglitt, mit der Hand und stieß einen Schrei aus, der das wohlbekannte Zeichen eines glücklichen Erfolges war. Sein Ruf wurde durch gellendes Geheul und höhnendes Gelächter aus den Wäldern beantwortet, das so boshaft klang, als ob fünfzig böse Geister ihre Lästerungen über den Fall einer Christenseele ausstießen.

»Ihr habt gut lachen, ihr Höllenkinder!« sprach der Kundschafter, indem er sich auf den Vorsprung eines Felsens setzte, und die Büchse nachläßig zu seinen Fußen fallen ließ; »die drei schärfsten und besten Flinten in diesen Wäldern sind jetzt nicht mehr werth, als drei Wollkrautstängel, oder ein vorjähriges Rehgeweih!«

»Was ist zu thun?« fragte Duncan, bei welchem der Eindruck getäuschter Hoffnung dem männlichen Verlangen nach Anstrengung gewichen war; »was wird aus uns werden?« Hawk-eye fuhr statt der Antwort auf eine so bezeichnende Weise mit dem Finger um seinen Schädel, daß seine Herzensmeinung von Niemand bezweifelt werden konnte.

»Gewiß, gewiß steht es mit uns noch nicht so verzweifelt,« rief der junge Mann; »die Huronen sind nicht hier; wir können die Höhlen vertheidigen, uns ihrer Landung widersetzen.«

»Mit was?« fragte kaltblütig der Kundschafter. »Mit Uncas‘ Pfeilen? oder mit Weiberthränen? Nein, nein: Ihr seyd jung und reich und habt Freunde: in solchem Alter ist es freilich hart zu sterben! Aber,« hier warf er einen Blick auf die Mohikaner, »laßt uns bedenken, daß wir Männer reiner Abkunft sind, und diese Eingebornen der Wälder lehren, daß weißes Blut so frei als rothes fließen kann, wenn die bestimmte Stunde gekommen ist.«

Duncan wandte sich schnell nach der Richtung, die ihm des Andern Augen gaben, und las eine Bestätigung seiner schlimmsten Besorgnisse in dem Benehmen der Indianer.

Chingachgook setzte sich mit würdevoller Haltung auf ein anderes Felsstück, hatte bereits sein Messer und seinen Tomahawk bei Seite gelegt und war im Begriff die Adlersfeder vom Haupte zu nehmen, und seinen Harschopf für den letzten, empörenden Dienst in Ordnung zu bringen. Seine Miene war ruhig, obgleich nachdenklich, während das Feuer seiner dunkeln, glühenden Augen allmählig in einen Ausdruck überging, der für das Schicksal, das er im nächsten Augenblick erwartete, mehr geeignet war.

»Unsere Lage kann noch nicht so hoffnungslos seyn!« sprach Duncan: »selbst in diesem Augenblick ist uns vielleicht Hülfe nah. Ich sehe keine Feinde: sie sind offenbar des Kampfes müde, in dem sie so viel wagen und so wenig Aussicht zum Gewinne haben.

»Es steht eine Minute, vielleicht eine Stunde an, so stehlen sich die listigen Schlangen heran, und es ist ganz in ihrer Art, daß sie in diesem Augenblicke schon innerhalb Hörweite sind,« sprach Hawk-eye, »aber kommen werden sie und in einer Weise, die uns nichts mehr hoffen läßt! – Chingachgook« – hier sprach er Delawarisch – »mein Bruder, wir haben unsern letzten Kampf zusammen gekämpft, und die Maquas werden triumphiren über den Tod des weisen Mannes der Mohikaner und des Blaßgesichtes, dessen Auge Nacht zu Tag und Wolken zu Frühlingsnebeln machen kann!«

»Laß die Mingoweiber über ihre Erschlagenen weinen!« entgegnete der Indianer mit charakteristischem Stolz und unerschütterlicher Festigkeit; »die große Schlange der Mohikaner hat sich in ihre Wigwams aufgerollt und ihren Triumph mit den Wehklagen der Kinder vergiftet, deren Väter nicht mehr zurückgekehrt sind! Elf Krieger liegen von den Gräbern ihres Stammes entfernt, seit der Schnee geschmolzen ist, und Niemand kann sagen, wo sie zu finden sind, wenn Chingachgook’s Zunge verstummt! Laß sie ihr schärfstes Messer ziehen, und ihren flinksten Tomahawk schwingen: denn ihr bitterster Feind ist unter ihren Händen. Uncas, letzter Zweig eines edeln Stammes, rufe den Memmen, daß sie sich beeilen, sonst erweichen ihre Herzen und sie werden zu Weibern!«

»Sie suchen unter den Fischen nach ihren Todten!« antwortete die leise, sanfte Stimme des jugendlichen Häuptlings; »die Huronen schwimmen mit den schleimigen Aalen. Sie fallen von den Eichen, wie die Frucht, reif zum Essen! und die Delawaren lachen!«

»Ja, ja,« murmelte der Kundschafter, welcher diesen eigenthümlichen Herzensergießungen mit größter Aufmerksamkeit zugehört hatte: »sie haben ihr indianisches Herz erwärmt und werden bald die Maquas auffordern, ein baldiges Ende mit ihnen zu machen. Was mich betrifft, der ich das reine Blut der Weißen in mir trage, ich muß sterben, wie es meiner Farbe ziemt, mit keinem Scheltwort im Munde und keiner Bitterkeit im Herzen!«

»Warum aber sterben?« fragte Cora: von der Stelle vortretend, wo sie bis auf diesen Augenblick natürlicher Schreck unter dem Schutze des Felsen gehalten hatte. »Flieht in die Wälder und ruft Gott um Beistand an! Geht, wackere Männer, wir verdanken euch bereits zu viel, und wollen euch nicht länger an unser unglückliches Schicksal fesseln.«

»Da kennt Ihr die List der Irokesen wenig, Lady! wenn Ihr glaubt, daß sie uns den Weg in die Wälder offen gelassen haben,« versetzte Hawk-eye, fügte jedoch gleich darauf in seiner schlichten Weise hinzu: »die Strömung würd‘ uns freilich bald aus dem Bereiche ihrer Büchsen oder Stimmen bringen.«

»So versucht es mit dem Fluß! Warum noch säumen und die Zahl der Opfer unsrer erbarmungslosen Feinde vermehren?«

»Warum?« wiederholte der Kundschafter, stolz um sich blickend, »weil es einem Manne besser ziemt, im Frieden mit sich selbst zu sterben, als von bösem Gewissen gepeinigt zu leben! Welche Antwort wollten wir Munro geben, wenn er uns fragte, wo und wie wir seine Kinder verlassen hätten?«

»Geht und saget ihm, daß Ihr sie mit den Auftrage verlassen hättet, ihnen eilig zu Hülfe zu kommen,« versetzte Cora mit edlem Eifer, dem Kundschafter näher tretend; »daß die Huronen sie in die nördlichen Wildnisse schleppten und sie durch Wachsamkeit und Eile noch gerettet werden könnten; und wenn nach alledem es dem Himmel gefallen sollte, daß sein Beistand zu spät käme, so hinterbringt ihm,« fuhr sie mit allmälig sinkender, ihr zuletzt beinahe versagender Stimme fort, »die Liebe, die Segnungen, die letzten Gebete seiner Töchter, und sagt, er solle nicht trauern über ihr frühes Ende, sondern mit demüthigem Vertrauen nach dem Ziel der Christen, wo er seine Kinder wieder begegnen werde, emporblicken!«

Die harten, verwitterten Züge des Kundschafters begannen zu arbeiten, und als sie geendet hatte, stützte er sein Kinn auf seine Hände, in tiefes Nachdenken über den Vorschlag versunken.

»Es liegt Vernunft in ihren Worten!« brach endlich eine Stimme aus den zusammengedrückten, bebenden Lippen hervor: »ja, und sie athmen den Geist des Christenthums; was gut und recht für eine Rothhaut ist, kann Sünde für einen Mann seyn, der keinen unächten Tropfen Blutes hat, um damit seine Unwissenheit zu entschuldigen, Chingachgook! Uncas! Hört Ihr die Worte des schwarzäugigen Weibes?«

Er sprach jetzt in delawarischer Sprache mit seinen Genossen, und seine Rede, obgleich ruhig und bedächtlich, schien dennoch sehr entschieden. Der ältere Mohikaner hörte ihm mit feierlichem Ernste zu und schien seine Worte abzuwägen, wie wenn er die Wichtigkeit ihres Inhalts fühlte. Nach augenblicklicher Zögerung gab er durch einen Wink mit der Hand seine Zustimmung und sprach mit dem seinem Volke eigenthümlichen Nachdruck das englische »Gut!« Dann steckte der Krieger sein Messer und seinen Tomahawk wieder in den Gürtel, und schritt schweigsam auf die Ecke des Felsens zu, die von dem Gegenufer aus am wenigsten gesehen werden konnte. Hier hielt er einen Augenblick, wies bedeutungsvoll auf die Wälder unten, und sprach einige Worte in seiner Sprache, als wollte er den von ihm beabsichtigten Weg andeuten, warf sich dann in das Wasser und seine Bewegungen waren dem Auge der Zuschauer entschwunden.

Der Kundschafter schied erst, nachdem er einige Worte mit der hochsinnigen Cora gesprochen hatte, deren Athem leichter wurde, als sie sah, daß ihre Vorstellungen Eingang fanden.

»Weisheit,« sprach er, »wird oft auch der Jugend, wie dem Alter gegeben, und was Ihr gesprochen habt, ist weise, um nicht mehr zu sagen. Wenn man euch, das heißt Diejenigen, welche für eine Weile verschont werden, in die Wälder führt, so knickt die Zweige an den Büschen, wo Ihr geht, und macht die Merkzeichen eures Zuges so stark, als Ihr könnet. Wenn dann sterbliche Augen sie entdecken können, so verlaßt euch darauf, daß Ihr einen Freund habt, der euch eher bis ans Ende der Erde folgt, als daß er euch verließe.«

Er schüttelte Cora liebevoll die Hand, hob seine Büchse auf, betrachtete sie einen Augenblick mit schmerzlicher Zuneigung, schob sie dann sorgfältig bei Seite, und begab sich nach der Stelle hinab, wo Chingachgook so eben verschwunden war. Einen Augenblick hing er am Felsen, und fügte bitter hinzu, indem er vorsichtig um sich blickte: »hätte das Pulver ausgehalten, so wäre diese Schande nicht über uns gekommen.« Dann ließ er seine Hand los, das Wasser schloß sich über ihm und er war gleichfalls verschwunden.

Aller Augen waren jetzt auf Uncas gerichtet, der sich in unbeweglicher Ruhe an den rauhen Felsen gelehnt hatte, Cora zauderte einige Augenblicke; wies dann auf den Fluß und sprach:

»Deine Freunde sind nicht mehr sichtbar geworden und jetzt wahrscheinlich in Sicherheit. Ist es nicht Zeit, daß du ihnen folgst?«

»Uncas bleibt,« antwortete der Häuptling ruhig in englischer Sprache.

»Um die Schrecken unsrer Gefangennehmung zu vermehren und unsre Rettung weniger möglich zu machen! Geh‘ edler, junger Mann,« fuhr Cora fort, ihre Augen unter dem Blicke des Mohikaners senkend, und vielleicht im Bewußtseyn ihres Einflusses auf ihn, »geh‘ zu meinem Vater, wie ich dir gesagt habe, und sey der vertrauteste meiner Boten. Sag‘ ihm, er solle dir die Geldmittel anvertrauen, um die Freiheit seiner Töchter zu erkaufen. Geh‘! Es ist mein Wunsch, meine Bitte, daß du gehst!«

Der gefaßte, ruhige Blick des jungen Häuptlings ging in den Ausdruck düsterer Traurigkeit über, aber er zögerte nicht länger. Mit geräuschlosem Tritt überschritt er den Felsen und stürzte in den unruhigen Strom. Kaum wagten die Zurückgelassenen Athem zu holen, bis sie, weit im Strome hinab, sein Haupt einen Augenblick auftauchen sahen, um Luft zu schöpfen – dann verschwand er wieder und ward nicht mehr gesehen.

Diese schnellen und anscheinend glücklichen Versuche hatten nur wenige Minuten der setzt so kostbaren Zeit weggenommen. Nach dem letzten Blicke auf Uncas wandte sich Cora mit bebender Lippe zu Heyward: »Ich habe Ihre Fertigkeit im Schwimmen rühmen hören, Duncan,« sprach sie; »folgen Sie dem Vorgang dieser einfachen, getreuen Wesen!«

»Ist das die Treue, welche Cora Munro von ihrem Beschützer fordert?« fragte der junge Mann mit traurigem, aber bitterem Lächeln.

»Es ist jetzt keine Zeit für eitle Spitzfindigkeiten und falsche Meinungen,« antwortete ste, »sondern ein Augenblick, wo jede Pflicht gleich erwogen werden sollte. Für uns können Sie jetzt von keinem weitern Nutzen sein, während Ihr kostbares Leben noch für andere und nähere Freunde gerettet werden kann.«

Er antwortete nicht, aber seine Augen fielen ernst auf die schöne Gestalt Alicens, welche mit kindlicher Hingebung an seinem Arm hieng.

»Bedenken Sie,« fuhr Cora fort, nach einer Pause, während welcher sie mit einem Schmerze zu kämpfen schien, noch bitterer als derjenige, der in ihrer Furcht seinen Grund hatte, »daß das Schlimmste, was wir erleiden können, der Tod ist, ein Zoll, denn wir alle entrichten müssen, wenn Gott ihn von uns fordert.«

»Es gibt Uebel, welche schlimmer sind als der Tod,« entgegnete Duncan, empfindlich über ihre Zumuthung, »die aber die Gegenwart Eines, der für Sie zu sterben bereit ist, abwenden kann.«

Cora drang nicht weiter in ihn, sie verhüllte ihr Gesicht mit ihrem Shawl, und zog die fast besinnungslose Alice hinter sich her in den tiefsten Winkel der inneren Höhle.

Neuntes Kapitel.

Neuntes Kapitel.

– – – – Sei heiter, Holde,
Zerstreu‘ mit Lächeln du des Kummers Wolk,
Die über deiner offnen Stirne hängt.
Der Tod der Agrippina.

Die plötzliche, fast zauberhafte Umwandlung der wilden Scenen des Kampfes in die Stille, welche rings um ihn herrschte, wirkte auf die erhitzte Einbildungskraft Heywards, wie ein fieberhafter Traum. Obwohl alle Bilder und Vorfälle, von denen er Zeuge gewesen war, sich seinem Gedächtnisse tief eingeprägt hatten, fiel es ihm doch schwer, sich von ihrer Wirklichkeit zu überzeugen. Ungewiß über das Schicksal derer, die sich der reißenden Strömung anvertraut hatten, lauschte er Anfangs auf jedes Zeichen, jeden Laut, der den guten oder schlechten Erfolg ihres gewagten Unternehmens verkünden würde. Aber er lauschte vergeblich: mit Uncas war jede Spur von den Abenteurern verschwunden, und er blieb in gänzlicher Ungewißheit über ihr Schicksal.

In diesem Augenblicke peinlichen Zweifels zögerte Duncan nicht lange, um sich zu blicken, ohne innerhalb des schützenden Felsen zu bleiben, was kaum noch für seine Sicherheit so nothwendig geschienen hatte. Jede Anstrengung jedoch, irgend eine Spur der Annäherung ihrer verborgenen Feinde zu entdecken, blieb eben so fruchtlos als die Nachforschung nach seinen früheren Begleitern. Die bewaldeten Ufer des Flusses schienen wieder von Allem verlassen, was thierisches Leben athmete. Der Aufruhr, welcher eben noch durch die Laubgewölbe des Waldes widerhallte, war vorüber und das Rauschen der Wasser, durch den Luftzug verstärkt oder gemindert, ertönte in unvermischter natürlicher Lieblichkeit, Ein Fischgeier, welcher auf dem obersten Zweige einer abgestorbenen Fichte ein entfernter Zuschauer des Kampfes gewesen war, schoß jetzt von seinem hohen, rauhen Sitze herab und schwebte in weiten Kreisen über seiner Beute, wahrend eine Elster, deren kreischende Stimme durch das noch heischere Geschrei der Wilden übertönt worden war, wieder ihre unharmonische Kehle zu öffnen wagte, als wäre sie von neuem im ungestörten Besitze ihres öden Waldgebiets. Duncan schöpfte aus dieser natürlichen Begleitung der Einsamkeit wieder einige Hoffnung und begann alle seine Geisteskraft zu neuen Anstrengungen aufzubieten, mit neuerwachendem Vertrauen auf Erfolg.

»Die Huronen lassen sich nicht sehen,« sprach er zu David, der sich von den Wirkungen des betäubenden Schusses noch nicht ganz erholt hatte, »wir wollen uns in der Höhle verbergen und das Uebrige der Vorsehung überlassen.«

»Ich erinnere mich,« versetzte der verwirrte Singmeister, »daß ich mit zwei holdseligen Mädchen mich vereinigte, um unsere Stimmen zu Dank und Preis zu erheben; seitdem bin ich von einem schweren Gericht für meine Sünden heimgesucht worden. Es war mir, als läge ich im Schlaf, und Mißtöne zerrissen mein Ohr, als ob die letzte Zeit erfüllt wäre und die Natur ihrer Harmonie vergessen hätte.«

»Armer Mensch! deine eigene Zeit war beinahe selbst abgelaufen! aber steh‘ auf und komm‘ mit mir; ich will dich an einen Ort führen, wo du keine andre Töne als die deines Psalmgesangs hören sollst.«

»Es liegt eine Harmonie in dem Falle des Katarakts, und das Rauschen des Wassers ist oft den Sinnen angenehm!« sprach David, indem er sich noch verwirrt die Hand an die Stirne drückte. »Ist nicht noch immer die Luft mit Geheul und Geschrei erfüllt, als ob die abgeschiedenen Geister der Verdammten –«

»Nicht mehr, nicht mehr,« unterbrach ihn der ungeduldige Heyward, »es hat aufgehört, und sie, die es erhoben, sind, so Gott will, nicht mehr da! Alles ist still und im Frieden bis auf den Fluß; herein denn, wo Ihr jene Laute, die euch so vergnügen, hören lassen könnet.«

David lächelte traurig, obgleich nicht ohne einen flüchtigen Schimmer von Freude über die Anspielung auf seinen Lieblingsberuf. Er zögerte nicht länger, sich an einen Ort zu begeben, welcher ihm so ungestörten Genuß für seine müden Sinne versprach, und auf den Arm seines Begleiters gelehnt, trat er in den engen Eingang der Höhle. Duncan ergriff einen Haufen Sassafras und schob ihn vor den Eingang, so daß keine Spur einer Oeffnung mehr zu sehen war. Innerhalb hängte er vor dieser gebrechlichen Scheidewand die Decken auf, welche die Waldbewohner zurück gelassen hatten, wodurch er das hintere Ende der Höhle verdunkelte, während das vordere von der engen Schlucht, durch welche ein Theil des Flusses rauschte und sich einige Ruthen weiter unten mit seinem Schwesterarm wieder vereinigte, spärliches Licht empfing.

»Ich liebe den Grundsatz der Eingebornen nicht, nach welchem sie unter anscheinend verzweifelten Umständen sich ohne Widerstand ihrem Schicksale fügen«, sprach er, mit diesen Vorkehrungen beschäftigt, »unser Grundsatz, daß die Hoffnung nur mit dem Leben ende, ist weit tröstlicher und des Charakters eines Soldaten würdiger. Sie, Cora, bedürfen der Ermuthigung nicht; Ihre Seelenstärke und ungetrübte Einsicht sagt Ihnen Alles, was sich für Ihr Geschlecht geziemt. Aber können wir nicht die Thränen der Weinenden trocknen, die zitternd an Ihrem Busen liegt?«

»Ich bin ruhiger, Duncan,« sagte Alice, aus den Armen ihrer Schwester sich erhebend, und trotz ihrer Thränen einen Anschein von Fassung erzwingend, »jetzt bin ich viel ruhiger. In diesem Versteck sind wir sicher, geborgen, vor Mißhandlungen geschützt. Wir wollen Alles von den edelmüthigen Männern erwarten, die schon so viel für uns gewagt haben.«

»Jetzt spricht unsere sanfte Alice, wie eine Tochter Munro’s!« sagte Heyward und ging, ihr die Hand drückend, ans den Eingang der Höhle zu. »Zwei solche Muster von Muth vor sich, müßte ein Mann sich schämen, wenn er sich anders denn als Held betrüge!« Er setzte sich dann in die Mitte der Höhle, indem er die einzige ihm noch gebliebene Pistole krampfhaft umklammerte, während seine gerunzelte, drohende Stirn einen verzweifelten Entschluß verrieth »Wenn die Huronen kommen, so sollen sie unsre Position nicht so leicht nehmen, als sie wähnen,« murmelte er leise und schien, mit dem Kopfe an den Felsen gelehnt, in Geduld zu erwarten, was da kommen würde, während sein Auge unverrückt auf den offenen Eingang ihres Asyls gerichtet war.

Dem letzten Laute seiner Stimme folgte eine tiefe, lange, beinahe athemlose Stille. Die frische Morgenluft war in ihren Versteck gedrungen und ihr stärkender Einfluß ward allmählich von seinen Bewohnern empfunden. Da eine Minute nach der andern verging und sie in ungestörter Sicherheit ließ, begann das wohlthuende Gefühl der Hoffnung nach und nach wieder in ihrem Gemüthe Raum zu gewinnen, obgleich Jedes sich scheute, Erwartungen auszusprechen, welche der nächste Augenblick grausam zerstören konnte.

David allein machte eine Ausnahme bei diesem Wechsel von Stimmungen. Ein schwacher Lichtstrahl fiel durch die Oeffnung auf sein bleiches Gesicht und die Seiten des kleinen Buchs, dessen Blätter er überschlug, als ob er einen für ihre Lage passenden Gesang finden wollte. Wahrscheinlich hatte ihn diese ganze Zeit eine verworrene Erinnerung an den ihm von Duncan zugesagten Trost geleitet. Endlich schien es, als ob sein geduldiges Forschen belohnt werden sollte: denn ohne Erklärung oder Einleitung sprach er laut die Worte: »Insel Wight,« zog dann einen langen, sanften Ton ans seiner Pfeife und durchging einige Läufe der Weise, die er eben genannt hatte, mit den süßeren Tönen seiner eigenen klangreichen Stimme. »Ist keine Gefahr hierbei?« fragte Cora, ihr schwarzes Auge auf Major Heyward heftend.

»Armer Schelm! Seine Stimme ist zu schwach, um unter dem Rauschen der Wasserfälle gehört zu werden,« war die Antwort. »Außerdem schützt ihn auch die Höhle. Lassen Sie ihm sein Lieblingsgeschäft, da er’s ohne Gefahr thun kann.«

»Insel Wight!« wiederholte David, indem er mit jener Würde um sich blickte, womit er die flüsternden Echo’s in seiner Schule zum Schweigen zu bringen gewohnt war; »’s ist eine schöne Melodie und ein feierlicher Text. Singen wir’s mit gebührender Andacht!«

Nachdem er eine Weile geschwiegen, um die Wirksamkeit seiner Vorschrift zu erhöhen, ließ sich die Stimme des Sängers erst in leisen, murmelnden Tönen vernehmen, dem Ohre allmählich kund werdend, bis sie endlich das enge Gewölbe mit Klängen füllte, die durch das von seiner Angegriffenheit rührende Zittern noch dreimal gellender wurden. Die Melodie, welche keine Schwäche zerstören konnte, übte allmählig ihren Einfluß auf die Zuhörer aus. Sie ließ selbst die erbärmliche Travestie der Gesänge Davids, den der Sänger aus einem Bande ähnlicher Ergießungen ausgewählt hatte, ja den ganzen Inhalt über der Harmonie der Töne vergessen. Alice trocknete unwillkührlich ihre Thränen und heftete ihre schmelzenden Augen auf Gamuts blasse Züge mit einem Ausdrucke reinen Entzückens, den sie nicht zu verbergen suchte. Cora lächelte den frommen Anstrengungen des Namensbruders des jüdischen Fürsten Beifall zu, und Heyward wandte bald den festen, ernsten Blick von dem Eingang der Höhle ab und richtete ihn mit milderem Ausdruck auf Davids Gesicht und die irrenden Strahlen, die für Augenblicke aus Alicens feuchten Augen leuchteten. Der lebhafte Antheil der Zuhörer erhob das Gemüth des Sängers noch mehr, seine Stimme gewann wieder ihren vollen Umfang und Reichthum, ohne die rührende Sanftheit zu verlieren, die ihr einen geheimen Zauber verlieh. Seine wiederkehrende Kraft auf’s Höchste steigernd, füllte er jetzt die Bogen der Höhle mit langen und vollen Tönen, als sich draußen plötzlich ein Geheul erhob, das die frommen Accorde verstummen ließ und seine Stimme erstickte, als wäre ihm buchstäblich sein Herz in die Kehle gesprungen.

»Wir sind verloren!« rief Alice, indem sie sich Cora in die Arme warf.

»Noch nicht, noch nicht,« entgegnete der aufgeregte, aber unerschrockene Heyward: »das Geschrei kam von der Mitte der Insel und wurde durch den Anblick ihrer todten Gefährten hervorgerufen. Wir sind noch nicht entdeckt, es bleibt immer noch Hoffnung.«

So schwach und beinahe hoffnungslos die Aussicht auf Rettung war, so blieben Duncan’s Worte doch nicht vergeblich: sie weckten die Geisteskraft der Schwestern wieder in so weit, daß sie den Ausgang stillschweigend erwarteten. Das Geheul ertönte zum zweiten Mal, Stimmen erschollen von der obern Spitze der Insel bis zu ihrem niederen Ende und ließen sich bald auch auf dem nackten Felsen über den Höhlen vernehmen, wo nach einem wilden Triumphgeschrei fortwährend ein so entsetzliches Geheul die Luft erfüllte, wie es nur der Mensch, und er nur im Zustand der wildesten Barbarei ausstoßen kann.

Die Töne erschollen bald in allen Richtungen um sie; Einige riefen ihren Gefährten vom Rande des Wassers herauf, und Andere antworteten von der Höhe herab. Schreie ließen sich in der gefährlichen Nähe der Felsenspalte zwischen den beiden Höhlen vernehmen, in welche sich ein kreischendes Geheul aus dem Abgrunde der tiefen Felsenklüfte mischte.

Kurz, so reißend schnell hatten sich die wilden Töne über den ganzen kahlen Felsen verbreitet, daß die geängsteten Zuhörer sich leicht einbilden konnten, sie ertönten auch unter ihnen, während sie in Wahrheit über und auf allen Seiten von ihnen waren.

Mitten in diesem Tumult ertönte ein Triumphgeheul nur wenige Schritte von dem verborgenen Eingang in die Höhle. Heyward gab alle Hoffnung auf, indem er glaubte, dies sey das Signal, daß sie entdeckt worden seyen. Diese Besorgniß verschwand jedoch wieder, als sich die Schreienden um die Stelle sammelten, wo der Weiße so widerstrebend seine Büchse zurückgelassen hatte. Unter dem Kauderwelsch der indianischen Dialekte, das man jetzt deutlich vernahm, ließen sich nicht blos einzelne Wörter, sondern selbst ganze Sätze in dem Patois Canada’s unterscheiden. Viele Stimmen tönten mit einem Mal: »la longue Carabine!« und die Echo der Wälder gegenüber gaben einen Namen wieder, der, wie Heyward sich wohl erinnerte, von seinen Feinden einem berühmten Jäger und Kundschafter des englischen Lagers gegeben wurde, welcher, wie er jetzt zum ersten Mal erfuhr, sein letzter Begleiter gewesen war. »La longue Carabine! la longue Carabine!« ging es von Mund zu Mund, bis die ganze Bande sich, wie es schien, um die Siegestrophäe versammelt hatte, welche den Tod ihres furchtbaren Eigenthümers zu verkünden schien. Nach einer stürmischen Berathung, welche nur zuweilen durch Ausbrüche ihrer wilden Freude unterbrochen ward, trennten sie sich wieder und erfüllten die Luft mit dem Namen eines Feindes, dessen Leiche sie, wie Heyward aus ihren Ausdrücken schloß, in einer Spalte des Felsens zu finden hofften.

»Jetzt,« flüsterte er den zitternden Schwestern zu, »jetzt ist der Augenblick der Entscheidung! wenn unser Versteck dies Mal ihrer Nachforschung entgeht, so sind wir geborgen! Auf jeden Fall können wir gewiß seyn, daß unsre Freunde entkommen sind und daß wir in wenigen Stunden ans Hülfe von Webb hoffen dürfen.«

Einige Minuten des bängsten Stillschweigens folgten, während welcher, wie Heyward wohl wußte, die Wilden ihre Nachforschungen mit mehr Eifer und Umsicht als bisher fortsetzten. Mehr denn ein Mal konnte er ihre Fußtritte unterscheiden, wie sie an dem Sassafras hingingen, so daß die Blätter rauschten und die dürren Aeste brachen. Endlich wich der Haufen ein wenig, die Ecke des Vorhangs sank und ein schwacher Lichtstrahl drang in das Innere der Höhle, Cora drückte Alice in der Angst des Todes an das Herz und Heyward sprang auf. Ein Schrei ward in diesem Augenblick gehört, als ob er aus der Mitte des Felsens käme, und ließ vermuthen, daß sie endlich in die benachbarte Höhle eingedrungen waren. In einer Minute hatte sich, wie die Zahl und das laute Geschrei der Stimmen verrieth, der ganze Haufe in und um diesen verborgenen Ort zusammengedrängt.

Da die innern Eingänge der beiden Höhlen so dicht neben einander waren, schritt Duncan, der ein weiteres Verborgenbleiben nicht länger für möglich hielt, vor David und die Schwestern hin, um sich zwischen diese und den ersten Anlauf der schrecklichen Rotte zu stellen. Durch seine Lage zur Verzweiflung gebracht, trat er ganz nahe an die schwache Barriere, welche ihn nur einige Fuße

von seinen fühllosen Verfolgern trennte, hielt sein Auge an die zufällige Oeffnung, und schaute mit einer Art verzweifelter Gleichgültigkeit hinaus, um ihre Bewegungen zu beobachten.

Im Bereich seines Armes war die braune Schulter eines riesenhaften Indianers, dessen tiefe und gebieterische Stimme Befehle zu ertheilen schien, denen die Andern gehorchten. Vor ihm konnte Duncan in das Gewölbe gegenüber blicken, das mit Wilden angefüllt war, welche das ärmliche Geräthe des Kundschafters durcheinander warfen und durchstöberten. Davids Wunde hatte die Blätter des Sassafras mit einer Farbe gefärbt, die, wie die Wilden wohl wußten, noch nicht an der Zeit war. Ueber dieses Zeichen ihres Erfolgs stimmten sie ein Geheul an, wie eine Koppel Hunde, welche die Fährte wieder gefunden haben. Nach diesem Siegesgeschrei rissen sie das duftende Bett in der Höhle auf und trugen die Zweige in die Felsenspalte, indem sie sie umherstreuten, als ob sie vermutheten, daß sie die Leiche des Mannes verbargen, den sie so lange gehaßt und gefürchtet hatten. Ein wild und grimmig aussehender Krieger näherte sich jetzt dem Häuptling mit einer Ladung Gestrüpp, und gab, mit Frohlocken auf dunkelrothe Flecken, womit sie besprengt waren, deutend, seine Freude durch indianische Ausrufungen zu erkennen, deren Inhalt Heyward blos aus der häufigen Wiederholung des Namens la longue Carabine zu muthmaßen vermochte. Als seine Freudenrufe aufgehört hatten, warf er das Gestrüpp auf den kleinen Haufen, welchen Duncan vor dem Eingang in die zweite Höhle gebildet hatte, und verschloß so wieder die Aussicht. Sein Beispiel ward von Andern nachgeahmt, welche, die Zweige aus der Höhle des Kundschafters heraus schaffend, sie auf den einen Haufen warfen und so unwissend zur Sicherheit derer, die sie suchten, selbst beitrugen. Gerade das Unansehnliche der Vorkehrung war ihr Hauptverdienst: denn Niemand dachte daran, einen Haufen Gestrüpp wegzuräumen, von dem Jeder glaubte, daß er im Augenblick der Eile und der Verwirrung zufälliger Weise unter den Händen der eigenen Partei entstanden sey.

Da die Decken unter dem äußern Drucke wichen und die Zweige sich, durch ihre eigene Last eine dichte Masse bildend, in die Felsspalte eindrückten, so athmete Duncan wieder freier auf. Mit leichtem Tritt und noch leichterem Herzen kehrte er in die Mitte der Höhle nach der Stelle zurück, wo er durch die Oeffnung eine Aussicht nach dem Flusse hatte. Während er diese Bewegung machte, brachen die Indianer, als hätten sie ihren Entschluß geändert, aus der kleinen Felsenschlucht auf und entfernten sich wieder die Insel hinauf nach dem Punkte, von dem sie ursprünglich herabgekommen waren. Hier verrieth ein zweites Klagegeheul, daß sie sich wieder um die Leichen ihrer gefallenen Kameraden versammelt hatten.

Nun erst wagte Duncan wieder die Augen nach seinen Begleitern zu wenden: denn während der größten Gefahr fürchtete er, der Ausdruck von Besorgniß in seiner Miene möchte die Unruhe derer vermehren, die ohnedies schon so sehr niedergeschlagen waren. »Sie sind fort, Cora!« flüsterte er: »Alice, sie sind dahin zurückgekehrt, woher sie gekommen sind, und wir sind gerettet! Dem Himmel allein sey Dank, der uns aus den Klauen dieser erbarmungslosen Feinde errettet hat!«

»Dem Himmel will auch ich danken!« rief die jüngere Schwester, aus den umschlingenden Armen Cora’s sich losreißend und mit begeistertem Dankgefühl auf den nackten Felsen sich niederwerfend: »dem Himmel, welcher einem ergrauten Vater bittere Thränen erspart und denen, die ich so sehr liebe, das Leben gerettet hat –«

Heyward und die ruhigere Cora waren von diesem Akt unwillkührlicher Rührung mächtig ergriffen, und Jener glaubte, die Frömmigkeit noch nie in einer so lieblichen Gestalt, wie in der jugendlichen Alice erblickt zu haben. Ihre Augen strahlten von der Glut dankbarer Gefühle, eine schöne Röthe kehrte auf ihre Wangen zurück und ihre ganze Seele schien sich durch ihre beredten Züge in Worte des Dankes ergießen zu wollen. Während sich aber ihre Lippen bewegten, schienen ihr die Worte durch einen neuen und plötzlichen Eindruck im Munde zu ersterben. Die Blüte ihrer Wangen wich der Blässe des Todes; ihre sanften, schmelzenden Augen erstarrten und schienen sich vor Entsetzen krampfhaft zusammenzuziehen, während ihre Hände, zum Dankgebet gen Himmel erhoben, niedersanken und ihre Finger in convulsivischer Bewegung vorwärts wiesen. Alsbald folgten Heyward’s Augen der angedeuteten Richtung und über dem obern Rande des Felsens, der die Schwelle des offenen Ausgangs bildete, erblickte er die boshaften, wilden und grimmigen Züge von le Renard Subtil!

In diesem Augenblick der Ueberraschung verließ Heyward seine Selbstbeherrschung nicht. In dem leeren, ausdrucklosen Gesichte des Indianers las er, daß sein Auge, an das Tageslicht gewöhnt, noch nicht im Stande war, das Dämmerlicht in der Tiefe der Höhle zu durchdringen. Schon wollte er mit seinen Begleiterinnen hinter eine Krümmung an der natürlichen Wand zurücktreten, die sie vielleicht verborgen hätte, als ein plötzlicher Schimmer der Freude, der über das Gesicht des Wilden fuhr, ihm sagte, es sey zu spät und sie seyen verrathen.

Dem empörenden Blick des Frohlockens und des barbarischen Triumphes, der diese schreckhafte Wahrheit bestätigte, konnte Heyward unmöglich widerstehen. Alles vergessend und nur dem Triebe seines heißen Blutes folgend, hob Duncan seine Pistole und gab Feuer. Vom Knall dieser Waffe erdröhnte die Höhle, wie beim Ausbruch eines Vulkans, und als der Rauch von dem Luftzuge der Felsenschlucht vertrieben war, fand er die Stelle leer, die eben noch die Züge seines verrätherischen Führers eingenommen hatten. An den Ausgang stürzend sah Heyward nur noch den Schein seiner dunkeln Gestalt, wie er sich um den niedern Rand eines Felsens schlich, der ihn bald seinen Augen entrückte.

Unter den Wilden herrschte eine Todtenstille auf die Explosion, die sich aus den Eingeweiden des Felsens hatte vernehmen lassen. Als aber Renard seine Stimme zu einem langen und ihnen verständlichen Geschrei erhob, ward es von allen Indianern, die es hören konnten, mit einem gleichzeitigen Geheul beantwortet. Die schreienden Rotten stürzten sich wieder über die Insel herab, und ehe Duncan Zeit hatte, sich von seiner Bestürzung zu erholen, war die schwache Barriere in alle Winde zerstreut. Von beiden Enden drangen die Feinde in die Höhle. Sie wurden aus ihrem Zufluchtsorte an das Tageslicht geschleppt und standen jetzt von der ganzen Bande triumphirender Huronen umgeben.

Einleitung.

Einleitung.

Der Verfasser glaubt, in dem Texte der folgenden Erzählung und den begleitenden Anmerkungen den Schauplatz derselben genugsam beleuchtet, ebenso dem Leser die zum Verständnis der meisten einzelnen Anspielungen erforderliche Belehrung in hinlänglichem Maaße gegeben zu haben. Immer aber herrscht noch so viel Dunkelheit in den indianischen Ueberlieferungen und so viele Verwirrung in den indianischen Namen, daß einige Erläuterungen willkommen seyn dürften.

Bei wenig Menschen findet man eine größere Verschiedenheit, wir möchten sagen, größere Widersprüche der Gemüthsart, als bei dem eingebornen Krieger von Nordamerika. Im Kriege ist er unternehmend, prahlerisch, verschmitzt, grausam, rachsüchtig, voll Selbstverläugnung und Aufopferung; im Frieden gerecht, edelmüthig, gastfreundlich, bescheiden, abergläubisch und insgemein keusch. Diese Eigenschaften zeichnen zwar nicht Alle in gleichem Grade aus, bilden aber so hervorstechende Züge bei diesen merkwürdigen Völkern, daß man sie charakteristisch nennen darf.

Man ist allgemein der Ansicht, daß die Ureinwohner des amerikanischen Festlandes asiatischer Abkunft seyen. Viele Thatsachen, sowohl im physischen als im sittlichen Gebiete, bestärken diese Meinung, und nur wenige fallen scheinbar in die entgegengesetzte Wagschale.

Die Farbe des Indianers ist, wie der Verfasser glaubt, ihm eigenthümlich; und wenn seine Backenknochen sehr auffallend das Gepräge tartarischen Ursprungs tragen, so ist dieß bei den Augen nicht der gleiche Fall. Das Klima dürfte auf erstere großen Einfluß gehabt haben; aber es ist schwer abzusehen, wie es bei den letzteren einen so wesentlichen Unterschied bewirkt haben soll. Die Bildersprache des Indianers ist in Dichtung und Rede morgenländisch: beschränkt, und vielleicht zu ihrem Vortheil beschränkt durch den engeren Kreis seiner praktischen Kenntnisse. Er nimmt seine Bilder von den Wolken, den Jahreszeiten, den Vögeln, den Vierfüßlern und der Pflanzenwelt. Hierin thut er vielleicht nicht mehr, als ein anderes thatkräftiges und phantasiereiches Volk auch thun würde, wenn es in dem Walten seiner Einbildungskraft durch den Kreis der Erfahrung in Schranken gehalten wird; aber der nordamerikanische Indianer kleidet seine Gedanken in ein Gewand, das zum Beispiel von dem des Afrikaners zu sehr abweicht und in sich selbst zu viel Morgenländisches hat, als daß es nicht auffallen müßte. Seine Sprache hat ferner ganz den Reichthum und die gedankenreiche Fülle der chinesischen; er gibt einen Satz mit einem Wort und bestimmt den Sinn eines ganzen Satzes durch eine Silbe: ja er drückt verschiedene Bedeutungen durch die einfachsten Biegungen der Stimme aus.

Sprachforscher, welche viele Zeit auf ihr Studium verwandt haben, behaupten, daß die vielen zahlreichen Stämme welche früher das Gebiet der Vereinigten Staaten bewohnten, eigentlich nur zwei oder drei Sprachen geredet hätten. Die jetzigen Schwierigkeiten des Verständnisses der Völker unter einander sind nach ihnen in Sprachverderbniß und Mundarten zu suchen. Der Verfasser erinnert sich, der Zusammenkunft zweier Häuptlinge der großen Prairien westlich vom Mississipi angewohnt zu haben, bei welcher ein Dolmetscher, der Beider Sprachen redete, zugegen war. Die Krieger schienen im besten Vernehmen unter sich und sprachen viel mit einander, und doch verstand nach der Versicherung des Dolmetschers Keiner ein Wort von dem, was der Andere sagte. Sie waren von feindlichen Stämmen, und nur der Einfluß der amerikanischen Regierung hatte sie einander genähert. Merkwürdig ist jedoch, daß eine gemeinsame Politik Beide auf denselben Gegenstand führte. Sie forderten sich gegenseitig zum Beistande auf, falls die Wechsel des Kriegs die eine oder die andere Partei in die Hände ihrer Feinde brächte. – Welche Bewandtniß es nun auch mit dem Ursprung und dem Genius der indianischen Sprachen haben mag, eine Verschiedenheit in einzelnen Wörtern derselben liegt jetzt außer allem Zweifel, welche fast alle Nachtheile von fremden Sprachen mit sich führt: daher die Schwierigkeit, ihre Geschichte zu studiren, und die Unzuverläßigkeit ihrer Ueberlieferungen.

Gleich Völkern, die höhere Ansprüche machen dürfen, erzählt auch der amerikanische Indianer die Geschichte seines Stammes oder Geschlechts ganz anders, als andere Völker. Er überschätzt gerne seine eigenen Vorzüge und schlägt diejenigen seines Nebenbuhlers oder Feindes geringer an; ein Zug, der vielleicht die mosaische Schöpfungsgeschichte bekräftigen dürfte.

Die Weißen haben durch ihre Verstümmelung der Namen viel dazu beigetragen, die Überlieferungen der Ureinwohner noch mehr zu verdunkeln. So wechselte bei ihnen der Name auf dem Titel dieses Buches bald in Mohicanni, bald in Mohikans oder Mohegans; die letzte Form ist bei den Weißen die gewöhnlichste. Wenn man sich erinnern will, daß die Stämme des Landes, welches der Schauplatz der folgenden Erzählung ist, im Munde der Holländer (die sich zuerst in New-York ansiedelten), der Engländer und der Franzosen stets wieder anders klangen, und wie sogar die Indianer nicht allein ihren Feinden, sondern auch sich selbst häufig verschiedene Namen gaben, so ist die Verwirrung leicht erklärt. In den folgenden Blättern werden die Namen Lenni, Lenape, Lenope, Delawaren, Wapanachki und Mohikaner von einem und demselben Volke oder von Stämmen desselben Volkes gebraucht. Die Mengwe, die Maqua’s, die Mingo’s und die Irokesen, obgleich nicht durchaus identisch, werden von den Sprechern häufig identificirt, da sie politisch mit einander verbunden und Feinde der vorgenannten Völkerschaften waren. Mingo war ein Hauptschimpfwort, ungleich heftiger als Mengwe und Maqua. Oneida ist der Name eines besonderen und mächtigen Stammes aus diesem Bunde.

Die Mohikaner waren Herren des Landes, welches in diesem Theile des Kontinents von den Europäern zuerst in Besitz genommen wurde. Sie wurden daher auch zuerst vertrieben, und das anscheinend unvermeidliche Loos aller dieser Völker, welche den Fortschritten oder vielmehr den Übergriffen der Gesittung bis zum Verschwinden weichen mußten, wie das Grün ihrer Heimathwälder dem schneidenden Froste – haben wir als bereits erfüllt betrachtet. Es bleibt historische Wahrheit genug in dem Gemälde, um diese Freiheit zu rechtfertigen. Am Schlusse dieser Einleitung wird es an der Stelle seyn, über einen wichtigen Charakter dieser Geschichte, der auch in zwei andern Erzählungen desselben Verfassers eine bedeutende Rolle spielt, noch einige Worte zu sagen. Einen Kundschafter in den Kriegen, welche England und Frankreich um den Besitz des amerikanischen Festlandes führten: einen Jäger in jenen Zeiten der emsigsten Thätigkeit, die dem Frieden vom Jahr 1783 unmittelbar folgten: endlich einen einsamen Streifer in den Prairien, nachdem die Politik der Freistaaten jene endlosen Oeden dem Unternehmungsgeiste ihrer halbcivilisirten Abenteurer geöffnet hatte, die zwischen Gesittung und Barbarei die Mitte hielten – ein solches Individuum zu schildern, heißt mit Hülfe der Dichtung einen Zeugen für die Wahrheit jener wunderbaren Umwandlungen aufstellen, welche die Fortschritte der amerikanischen Nation bis zu einer vorher nie gekannten Höhe bezeichnen – Fortschritte, für welche Hunderte von Lebenden dasselbe Zeugniß ablegen könnten. In diesem Punkte hat unsere Dichtung nicht das Verdienst einer Erfindung.

Ueber den fraglichen Charakter hat der Verfasser weiter Nichts zu sagen, als daß er einen Mann von natürlicher Gutmüthigkeit zeichnen soll, welcher den Versuchungen des civilisirten Lebens entrückt, dennoch die Vorurtheile und Lehren desselben nicht ganz vergessen hat: einen Mann, der an die Sitten und Gewohnheiten des Naturzustandes gewiesen, durch dieses Band mehr gewinnt als verliert, und die Schwächen wie die Vorzüge seiner Lage sowohl als seiner Geburt zu Tage legt. Der Verfasser wäre vielleicht der Wirklichkeit näher geblieben, wenn er ihn sittlich weniger hochgestellt hätte; aber das Gemälde hätte an Interesse verloren, und die Aufgabe des Romanschreibers ist, dem Ideale der Poesie möglichst nahe zu kommen. Nach diesem Bekenntniß braucht er kaum noch hinzuzusetzen, daß bei der Auffassung und Ausstattung dieser selbstgeschaffenen Persönlichkeit kein individueller Charakter zu Grunde lag. Der Verfasser glaubte der Wahrheit genug geopfert zu haben, indem er die Sprache und die dramatische Haltung beibehielt, derer die Rolle bedurfte.

Was die Oertlichkeit anbelangt, so hat der Schauplatz der folgenden Erzählung, seitdem die angedeuteten historischen Ereignisse stattgefunden haben, sich so wenig verändert, als nur irgend ein Distrikt von gleichem Umfang in dem ganzen Gebiete der Vereinigten Staaten. Moderne, gut eingerichtete Bade-Anstalten finden sich jetzt an der Quelle, wo Hawk-eye Halt machte und trank; Straßen durchschneiden die Wälder, wo er und seine Freunde sogar pfadlos wandern mußten, Glenn’s hat ein kleines Dorf, und während William Henry und selbst eine Festung spätern Ursprungs nur noch an Ruinen erkennbar sind, steht eine andere Ortschaft an den Ufern des Horican. Außer diesen Veränderungen hat der Unternehmungsgeist und die Schöpfungskraft des Volkes, welche anderwärts Wunder gethan, wenig vollbracht. Die ganze Wildniß, in welcher sich die letzten Ereignisse unserer Geschichte zutragen, ist beinahe immer noch Wildniß, obgleich die Rothhäute ganz aus ihr gewichen sind. Von allen hier genannten Stämmen sind dort nur noch wenige halbcivilisirte Oneida’s auf dem ihnen in New-York vorbehaltenen Landstriche zu treffen. Die Uebrigen haben entweder die Gebiete ihrer Väter verlassen, oder sind ganz von der Erde verschwunden.

Sechstes Capitel.


Sechstes Capitel.

Das Centrum der Erde.

Bei diesen Worten lief mir ein Schauder über den ganzen Körper. Doch nahm ich mich zusammen. Ich entschloß mich sogar, mich wacker zu halten. Wissenschaftliche Gründe allein konnten den Professor Lidenbrock abhalten. Nun gab’s deren, und zwar gewichtige, gegen eine solche Reise.

Nach dem Mittelpunkt der Erde zu reisen! welche Thorheit! Ich sparte meine Einwendungen für den günstigen Moment auf und machte mich an’s Essen.

Wie fluchte mein Oheim, als er den Tisch nicht gedeckt sah. Alles klärte sich auf. Die gute Martha bekam wieder ihre Freiheit, eilte auf den Markt und rührte sich dergestalt, daß nach einer Stunde mein Hunger gestillt war und das Bewußtsein der Lage mir wieder kam.

Während der Mahlzeit war mein Oheim fast lustig; er ließ Scherze hören, die bei einem Gelehrten nie sehr gefährlich sind. Nach dem Dessert winkte er mir, ihm in sein Cabinet zu folgen.

Ich gehorchte. Er setzte sich an’s eine Ende des Tisches, ich an’s andere.

»Axel, sagte er mit ziemlich sanfter Stimme, Du bist ein sehr gescheiter Junge; Du hast mir da einen wackeren Dienst geleistet, als ich des Ringens müde schon den Gedanken aufgeben wollte. Wohin wäre ich gerathen? Niemand kann das wissen! Ich werde Dir’s niemals vergessen, und Du wirst an dem Ruhm, den wir erlangen werden, Deinen Antheil haben.

– Nun, dacht ich, ist er guter Laune; da ist’s Zeit über den Ruhm zu disputiren.

– Vor Allem, fuhr mein Oheim fort, empfehle ich Dir völliges Geheimniß, verstehst Du mich? Es fehlt in der Gelehrtenwelt nicht an Neidischen, und es würden Viele die Reise unternehmen wollen, die bis zu unserer Rückkehr nichts merken sollen.

– Meinen Sie, sagte ich, die Zahl solcher Verwegenen sei so groß?

– Ganz gewiß! Wer würde sich besinnen, solch einen Ruhm zu gewinnen? Wäre dies Document bekannt, so würde ein ganzes Heer von Geologen hineilen, Arne Saknussemm’s Spur zu verfolgen.

– Davon bin ich aber gar nicht überzeugt, lieber Oheim, denn die Aechtheit des Documents ist durch nichts erwiesen.

– Wie? und das Buch, worin wir’s gefunden haben!

– Gut! Ich gebe zu, daß Saknussemm diese Zeilen geschrieben hat, aber folgt daraus, daß er wirklich die Reise vorgenommen hat, und kann nicht das alte Pergament eine Fopperei enthalten?«

Es war mir fast leid, dies letztere etwas kecke Wort herausgesagt zu haben. Der Professor runzelte die Stirn, und ich fürchtete Schlimmes für die Fortsetzung dieser Unterhaltung. Zum Glück hatte es nichts zu bedeuten. Mein strenger Genosse erwiderte mit leichtem Lächeln:

»Das werden wir sehen.

– Ah! sagte ich etwas verdutzt; aber erlauben Sie mir vorzubringen, was sich alles über das Document sagen läßt.

– Rede, lieber Junge, genire Dich nicht. Ich lasse Dir alle Freiheit Deine Meinung zu sagen. Du bist nun nicht mehr mein Neffe, sondern mein College. Also vorwärts.

– Nun, so will ich Sie erst fragen, was sind diese Yokul, Sneffels und Scartaris, wovon ich nie ein Wort habe reden hören?

– Das ist ganz leicht. Ich habe just vor Kurzem von meinem Freunde August Petermann in Gotha eine Karte bekommen, die mir gerade zu rechter Zeit kam. Nimm den dreißigsten Atlas im zweiten Fach der großen Bibliothek, Reihe Z, Brett 4.«

Ich stand auf und fand in Gemäßheit dieser genauen Angaben rasch den begehrten Atlas. Mein Oheim schlug ihn auf und sagte:

»Hier ist eine der besten Karten von Island, die Handerson’sche; ich glaube, die wird uns alle Schwierigkeiten lösen.«.

Ich beugte mich über die Karte.

»Sieh diese aus Vulkanen bestehende Insel, sagte der Professor, und merke, daß sie alle mit dem Namen Yokul bezeichnet sind. Dies Wort bedeutet im Isländischen ‚Gletscher‘, und unter dem hohen Breitegrad Islands geschehen die meisten vulkanischen Ausbrüche durch die Eisdecke.

– Gut, erwiderte ich, aber was ist dann Sneffels?« Ich hoffte, er wisse diese Frage nicht zu beantworten. Wie irrte ich mich! Mein Oheim fuhr fort:

»Folge mir auf die westliche Küste Islands. Siehst Du seine Hauptstadt Reykjawik? Ja. Gut. Fahre über die unzähligen Fjorde dieser zerrissenen Seeküsten, und halte etwas unter dem fünfundsechzigsten Breitegrad an. Was siehst Du da?

– Eine Art Halbinsel, gleich einem abgenagten Knochen.

– Die Vergleichung ist richtig, lieber Junge; jetzt, siehst Du nichts auf dieser Halbinsel?

– Ja, einen Berg, der aus dem Meer emporgewachsen scheint.

– Gut! Dieser Snäfields Jöcul ist der Sneffels.

– Der Snäfields Jöcul?

– Der ist’s, ein fünftausend Fuß hoher Berg, einer der merkwürdigsten auf der Insel, und gewiß der berühmteste der ganzen Welt, wenn sein Krater den Eingang zum Centrum der Erde bildet.

– Aber das ist unmöglich! rief ich mit Achselzucken, und gegen eine solche Annahme mich sträubend.

– Unmöglich! erwiderte der Professor Lidenbrock mit strengem Ton. Und warum?

– Weil dieser Krater offenbar mit Lava verstopft ist, die Felsen glühend, und dann …

– Und wenn’s ein ausgebrannter Krater ist?

– Ausgebrannt?

– Ja. Die Zahl der noch thätigen Vulkane auf der Erdoberfläche beträgt gegenwärtig nur etwa dreihundert; aber es giebt eine noch weit größere Anzahl erloschener Vulkane. Unter die letzteren gehört der Snäfields, der seit den historischen Zeiten nur einen Ausbruch gehabt hat, im Jahre 1219; seitdem ist er allmälig stille geworden, und er gehört nicht mehr zu den thätigen Vulkanen.«

Auf diese bestimmten Angaben hatte ich durchaus nichts zu erwidern; ich warf mich also auf die übrigen Schwierigkeiten, die das Document enthielt.

»Was bedeutet das Wort Scartaris, fragte ich, und was haben die Kalenden des Juli dabei zu schaffen?«

Mein Oheim besann sich einige Augenblicke. Einen Augenblick hatte ich Hoffnung, aber auch nur einen Augenblick, denn bald antwortete er mir folgendermaßen:

»Was Du Dunkelheit nennst, ist für mich Licht. Dies beweist die sinnreiche Sorge, womit Saknussemm seine Entdeckung genau bezeichnen wollte. Der Snäfields hat mehrere Krater, und es war daher erforderlich, denjenigen, welcher zum Mittelpunkt der Erde führt, anzugeben. Wie hat’s nun der gelehrte Isländer gemacht? Er hat bemerkt, daß beim Herannahen des ersten Juli, also gegen Ende des Juni, eine der Bergspitzen, der Scartaris, ihren Schatten bis zu der Mündung des fraglichen Kraters werfe, und hat diese Thatsache in dem Document niedergelegt. Dies war die genaueste Angabe, so daß man, wenn man einmal auf dem Gipfel des Snäfields sich befindet, unmöglich mehr in Zweifel sein kann, welcher Weg einzuschlagen.«

Allerdings wußte mein Oheim eine Antwort auf Alles. Ich sah wohl, daß ihm bei den Worten des alten Pergaments nicht beizukommen war. Ich setzte ihm daher von dieser Seite aus nicht mehr zu, und da ich vor Allem ihn überzeugen mußte, so ging ich zu den wissenschaftlichen Einwendungen über, welche meines Erachtens ganz anders bedeutsam waren.

»Nun, sagt‘ ich, die Phrase Saknussemm’s, ich muß es zugeben, ist klar und läßt über ihren Sinn keinen Zweifel mehr. Ich gebe sogar zu, daß das Document den Anschein völliger Aechtheit hat. Dieser Gelehrte ist in das Innere des Snäfields hinabgestiegen; hat gesehen, wie der Schatten des Scartaris den Rand des Kraters vor dem ersten Juli bestrich; er hat sogar aus den sagenhaften Erzählungen seiner Zeit entnommen, daß dieser Krater zum Centrum der Erde führe; aber daß er selbst dahin gedrungen, daß er von einer Reise dahin wieder zurückgekehrt sei, glaub‘ ich durchaus nicht!

– Und aus welchem Grund? sagte mein Oheim mit ausnehmend spöttischem Ton.

– Weil alle Theorien der Wissenschaft beweisen, daß eine solche Unternehmung unausführbar ist!

– Alle Theorien sprechen das aus? erwiderte der Professor mit gutmüthiger Miene. Ja, die schlechten Theorien! Die armseligen Theorien werden uns geniren!«

Ich sah, daß er sich über mich lustig machte, aber ich fuhr demungeachtet fort:

»Ja! es ist eine ausgemachte Sache, daß die Wärme unter der Erdoberfläche mit siebenzig Fuß Tiefe um einen Grad zunimmt; nehmen wir nun dies steigende Verhältniß als sich gleichbleibend an, so muß, da der Erdradius fünfzehnhundert Meilen beträgt, im Centrum eine Temperatur stattfinden von mehr als zweimalhunderttausend Grad! Die Stoffe im Inneren der Erde befinden sich daher im Zustand des glühenden Gas, denn die Metalle, Gold, Platina, die härtesten Steine widerstehen nicht einer solchen Hitze. Ich darf also fragen, ob es möglich sei, in eine solche Umgebung zu gelangen.

– Also, Axel, die Hitze macht Dir Bedenken?

– Allerdings. Kämen wir bis zu einer Tiefe von nur zehn Meilen, so wären wir an der Grenze der Erdrinde, denn da ist die Temperatur bereits über dreizehnhundert Grad.

– Und Du hast Angst zu zerschmelzen?

– Ich überlasse Ihnen die Entscheidung der Frage, erwiderte ich mit Humor.

– So will ich Dir meine Meinung bestimmt sagen, entgegnete der Professor Lidenbrock, indem er einen hohen Ton annahm: Weder Du, noch irgend ein Mensch weiß einigermaßen zuverlässig, was im Inneren des Erdballs vorgeht, da man kaum erst den zwölftausendsten Theil ihres Radius kennt; daher ist die Wissenschaft außerordentlich vervollkommnungsfähig, und jede Theorie wird von einer neuen umgestürzt. Hat man ja bis auf Fourier geglaubt, die Temperatur der Planetenräume sei stets abnehmend, und jetzt weiß man, daß die höchste Kälte der Aetherregionen nicht über vierzig bis fünfzig Grad unter Null steigt. Warum könnte es mit der Wärme im Inneren nicht ebenso der Fall sein? Weshalb sollte sie nicht in einer gewissen Tiefe eine nicht mehr zu übersteigende Höhe erreichen, anstatt bis zu einer Höhe zu steigen, wo die störrigsten Metalle schmelzen?«

Da mein Oheim die Frage auf das Gebiet der Hypothesen verpflanzte, so hatte ich nichts darauf zu erwidern.

»Nun denn, ich will Dir nur sagen, daß echte Gelehrte, wie Poisson unter Anderen, bewiesen haben, daß, wenn im Inneren des Erdballs eine Hitze von zweimalhunderttausend Grad existirte, das aus den zerschmolzenen Stoffen erzeugte glühende Gas eine solche Spannkraft erlangen würde, daß die Erdrinde nicht mehr Widerstand zu leisten vermöchte und zerspringen müsse, wie die Wände eines Dampfkessels durch die Ausdehnung des Dampfes.

– Das ist Poisson’s Ansicht, lieber Oheim, nichts weiter.

– Einverstanden, aber es ist auch die Ansicht anderer ausgezeichneter Geologen, daß das Innere des Erdballs weder aus Gas, noch Wasser, noch schwereren Steinen besteht, als die wir kennen, denn in diesem Falle würde die Erde ein zweifach geringeres oder verdoppeltes Gewicht haben.

– O! Mit Ziffern beweist man Alles, was man will!

– Und ist’s mit Thatsachen, lieber Junge, ebenso? Ist’s nicht ausgemacht, daß die Zahl der Vulkane seit den ersten Tagen der Welt beständig abgenommen hat? und wenn es eine Centralwärme giebt, kann man nicht daraus schließen, daß sie immer schwächer wird?

– Lieber Oheim, wenn Du Dich auf’s Feld der Voraussetzungen begiebst, habe ich nicht mehr zu reden.

– Und ich habe zu sagen, daß die Ansichten der berufensten Männer mit der meinigen übereinstimmen. Erinnerst Du Dich, wie mir im Jahre 1825 der berühmte englische Chemiker Humphry Davy einen Besuch machte?

– Durchaus nicht, denn ich kam erst neunzehn Jahre später auf die Welt.

– Nun, Humphry Davy besuchte mich auf einer Durchreise durch Hamburg. Wir besprachen uns lange, unter Anderem über die Hypothese der Flüssigkeit des inneren Kerns der Erde. Wir waren einstimmig darin, daß die Flüssigkeit nicht möglich sei, aus einem Grunde, worauf die Wissenschaft nie eine Antwort gefunden hat.

– Und welcher ist das? fragte ich etwas betroffen.

– Weil diese flüssige Masse gleich dem Ocean der Anziehung von Seiten des Mondes ausgesetzt wäre, und folglich zweimal täglich im Inneren Ebbe und Fluth entstehen würden, welche durch Emporheben des Erdbodens zu periodischen Erdbeben Anlaß gäben.

– Aber es ist doch unverkennbar, daß die Erdoberfläche der Verbrennung ausgesetzt gewesen ist, und man darf annehmen, daß die äußere Kruste sich erst abkühlte, während die Hitze sich zum Centrum zurückzog.

– Irrthum, erwiderte mein Oheim; die Erde ist erst durch Verbrennung ihrer Oberfläche in Hitze gerathen, nicht anders. Ihre Oberfläche bestand aus einer großen Quantität von Metallen, wie Potassium und Sodium, welche die Eigenschaft haben, bei der bloßen Berührung mit Luft und Wasser in Brand zu gerathen. Diese Metalle geriethen in Brand, als die atmosphärischen Dünste als Regen auf den Boden herabkamen; und allmälig, als die Gewässer durch die Ritzen der Erdrinde drangen, veranlaßten sie abermals Brand mit Explosionen und Ausbrüchen. Daher die zahlreichen Vulkane in der ersten Zeit der Welt.

– Das ist doch eine sinnreiche Hypothese! rief ich etwas wider Willen.

– Und Humphry Davy machte mir’s durch ein sehr einfaches Experiment erkennbar. Er verfertigte eine metallene Kugel hauptsächlich aus den Metallen, wovon ich eben sprach, als ein vollständiges Ebenbild unseres Erdballs. Als man dieselbe mit einem feinen Thau auf ihrer Oberfläche benetzte, schwoll sie auf, oxydirte und bildete ein kleines Gebirge; an dessen Spitze öffnete sich ein Krater, und es fand ein Ausbruch statt, und theilte der Kugel eine solche Hitze mit, daß man sie nicht mehr in der Hand halten konnte.«

Wahrlich, die Beweisgründe des Professors fingen an auf mich Eindruck zu machen; er machte sie zudem mit seiner gewöhnlichen Leidenschaft und seinem Enthusiasmus geltend.

»Du siehst, Axel, fügte er bei, der Zustand des inneren Kerns hat verschiedene Hypothesen unter den Geologen veranlaßt; nichts ist weniger bewiesen, als die Thatsache einer inneren Hitze; meiner Ansicht nach ist sie nicht vorhanden, könnte nicht vorhanden sein; doch, wir werden’s sehen, und werden, wie Arne Saknussemm, dann wissen, woran man sich hinsichtlich dieser Frage zu halten habe.

– Nun ja! erwiderte ich, indem ich diesen Enthusiasmus zu theilen anfing, ja, wir werden’s sehen, wenn man jedoch dort sehen kann?

– Und warum nicht? Können wir nicht auf elektrische Erscheinungen rechnen, die uns Licht gewähren, und selbst auf die Atmosphäre, welche bei Annäherung an das Centrum durch ihren Druck leuchtend werden kann?

– Ja, sagte ich, ja! Das ist möglich, nach Allem.

– Das ist gewiß, erwiderte mein Oheim triumphirend; aber nur stille, verstehst Du? Kein Wort von alle diesem; kein Mensch soll die Idee bekommen, vor uns das Centrum der Erde zu entdecken.«

Siebentes Capitel.


Siebentes Capitel.

Reise-Vorbereitungen.

So schloß diese merkwürdige Unterredung. Ich war fieberhaft angeregt. Ich verließ ganz verblüfft das Cabinet meines Oheims, und die Luft Hamburgs reichte nicht aus, um mich darin zu erholen. Ich eilte daher an das Elbufer nach der Dampffähre hin, welche zur Verbindung der Stadt mit der Harburger Eisenbahn dient.

War ich von dem, was man mich eben gelehrt hatte, überzeugt? War ich nicht vielmehr dem Professor Lidenbrock erlegen? Sollte ich im Ernst nehmen, daß er entschlossen sei, zum Centrum des Erdkörpers zu dringen? Hörte ich soeben die tollen Speculationen eines Narren, oder die wissenschaftliche Darlegung eines großen Genie? Bei Allem, wo hörte die Wahrheit auf, begann der Irrthum?

Ich schwankte zwischen tausend sich widersprechenden Hypothesen, ohne mich an einer festhalten zu können.

Doch erinnerte ich mich, daß ich überzeugt worden war, obwohl mein Enthusiasmus anfing mäßiger zu werden; aber ich hätte unverzüglich abreisen wollen, ohne mir Zeit zum Ueberlegen zu lassen. Ja, es hätte mir nicht an Muth gefehlt, augenblicklich meinen Ranzen zu schnallen.

Doch muß ich gestehen, eine Stunde hernach war diese Ueberreizung schon gesunken, die Spannung meiner Nerven ließ nach, und ich kam wieder aus den Abgründen der Erde zur Oberfläche empor.

»Das ist ja lächerlich! sagte ich mir; es hat keinen rechten Verstand! Solch einen Vorschlag kann man einem verständigen Jungen nicht im Ernst machen. Das Alles ist eitel Nichts. Ich habe übel geschlafen, einen schlimmen Traum gehabt.«

Inzwischen war ich längs dem Ufer der Elbe um die Stadt herum gekommen und auf die Straße nach Altona. Es hatte mich eine richtige Ahnung diesen Weg geführt, denn ich bemerkte bald mein liebes Gretchen, das raschen Schrittes tapfer nach Hamburg heim ging.

»Gretchen!« rief ich ihr von Weitem zu.

Das Mädchen stand stille, etwas betroffen schien es, auf offener Straße so angerufen zu werden. Mit zehn Schritten war ich bei ihr.

»Axel! sagte sie überrascht. Du bist mir entgegen gegangen, das ist ja recht hübsch.«

Als nun aber Gretchen mich ansah, entging ihr mein unruhiges verstörtes Aussehen nicht.

»Was ist Dir? sagte sie mir die Hand reichend.

– Was mir ist, Gretchen!« rief ich.

Und in zwei Secunden, in drei Sätzen hatte ich meine hübsche Vierländerin über die Lage der Dinge in Kenntniß gesetzt. Einige Augenblicke schwieg sie. Ob ihr Herz gleich dem meinigen klopfte, weiß ich nicht, aber ihre Hand in der meinigen zitterte nicht. Hundert Schritte gingen wir stumm neben einander her.

»Axel! sagte sie endlich.

– Liebes Gretchen!

– Das wird eine schöne Reise sein.«

Ich sprang auf bei diesen Worten.

»Ja, Axel, eine Reise, des Neffen eines Gelehrten würdig. Ein Mann muß sich durch ein großes Unternehmen auszeichnen!

– Wie? Gretchen, Du räthst mir nicht von solch einem Unternehmen ab?

– Nein, lieber Axel, und ich würde Euch gerne begleiten, wenn nicht ein armes Mädchen ein Hinderniß für Euch wäre.

– Ist das wirklich Dein Ernst?

– Wirklich.«

Ach! Wie sind doch Frauen, junge Mädchen, weibliche Herzen stets unbegreiflich! Seid Ihr nicht die schüchternsten Wesen, so seid Ihr die tapfersten! Vernunft hat bei Euch keine Geltung. Wie? dieses Kind ermunterte mich, die Reise mitzumachen! Sie hatte keine Furcht vor einer abenteuerlichen Fahrt! Sie drängte mich dazu, den sie doch liebte.

Ich war verlegen und, offen zu sagen, schämte mich.

»Gretchen, fuhr ich fort, wir wollen sehen, ob Du morgen noch ebenso sprichst.

– Morgen, lieber Axel, werd‘ ich reden, wie heute.«

Wir gingen Hand in Hand, aber in tiefem Schweigen unseres Weges weiter. Die Gemüthsbewegungen des Tages hatten mich kleinlaut gemacht.

»Immerhin, dachte ich, ist der erste Juli noch weit entfernt, und bis dahin kann noch Manches vorgehen, was meinen Oheim von der tollen Lust, eine Reise unter die Erde zu machen, heilen mag.«

Es war schon Nacht geworden, als wir bei dem Hause der Königsstraße anlangten. Ich hatte vermuthet, wir träfen die Wohnung ruhig, meinen Oheim, wie gewöhnlich, schon zu Bette, und Martha mit Abstäuben des Speisezimmers beschäftigt.

Aber ich hatte die Ungeduld des Professors nicht in Anschlag gebracht. Ich fand ihn unter einer Truppe Lastträger, welche allerhand Waaren in die Allee brachten, mit lautem Geschrei hin und her rennend; die alte Dienerin wußte nicht, wo ihr der Kopf stand.

»Aber, so komm doch, Axel; eile doch, Unglückseliger! rief mein Oheim schon von Weitem, wie er mich erblickte. Und Dein Koffer ist noch nicht gepackt, und meine Papiere noch nicht geordnet, und der Schlüssel meines Reisesacks nicht zu finden, und meine Kamaschen bleiben aus!«

Ich war wie vom Donner gerührt, die Stimme versagte mir. Kaum vermochten meine Lippen die Worte hervorzubringen:

»Also reisen wir ab?

– Ja, Unglückseliger, und Du gehst spazieren, anstatt bei der Hand zu sein!

– Wir reisen ab? fragte ich nochmals mit schwacher Stimme.

– Ja, übermorgen in aller Frühe.«

Ich konnte nichts weiter anhören und flüchtete in mein Zimmerchen.

Es war nicht mehr daran zu zweifeln. Mein Oheim hatte den Nachmittag dazu verwendet, einen Theil der Reisebedürfnisse anzuschaffen; die Allee lag voll Strickleitern, Fackeln, Reiseflaschen, eisernen Haken, Spitzhauen, beschlagenen Stöcken, Spaten – wofür man zehn Mann wenigstens zum Herbeischleppen brauchte.

Ich brachte eine entsetzliche Nacht hin. Am folgenden Morgen hörte ich schon frühe mich anrufen. Ich war entschlossen, meine Thüre nicht zu öffnen.

Aber wie hätte ich einer so süßen Stimme widerstehen können, die mir zurief: »Lieber Axel!«

Ich ging aus meiner Kammer, und dachte, mein verstörtes blasses Aussehen, meine rothen Augen würden auf Gretchen wirken, daß sie ihre Gedanken änderte.

»Nun! mein lieber Axel, sagte sie zu mir, ich sehe, Du befindest Dich besser, und die Nacht hat Dich beruhigt.

– Beruhigt!« rief ich.

Ich eilte vor meinen Spiegel. Ei nun! Ich sah nicht so übel aus, als ich gedacht hatte. Kaum glaublich.

»Axel, sprach Gretchen zu mir, ich habe lange mit meinem Vormund geplaudert. Es ist ein kühner Gelehrter, ein muthiger Mann, und Du wirst Dich erinnern, daß sein Blut in Deinen Adern fließt. Er hat mir von seinen Plänen erzählt, von seinen Hoffnungen, weshalb und wie er seinen Zweck zu erreichen hofft. Ich zweifle nicht, daß er ihn erreichen wird. Ach! lieber Axel, wie schön ist’s, sich so seiner Wissenschaft zu widmen! Welcher Ruhm wird Herrn Lidenbrock zu Theil werden, und auf seinen Genossen zurückstrahlen! Bei der Rückkehr wirst Du ein Mann sein, seines Gleichen, frei zu reden, zu handeln, frei endlich zu …«

Erröthend stockte das Mädchen. Seine Worte machten mir wieder Muth. Dennoch wollte ich noch nicht an unsere Abreise glauben. Ich zog Gretchen mit mir zu dem Zimmer des Professors.

»Lieber Oheim, sagte ich, es ist also ausgemacht, daß wir abreisen?

– Wie? Du zweifelst daran?

– Nein, sagte ich, um ihm nicht zu widersprechen. Nur möcht‘ ich Sie fragen, ob es so Eile damit hat.

– Ja wohl! die Zeit drängt! die Zeit, die unwiederbringlich schnell entflieht!

– Wir haben ja doch erst den 26. Mai, und bis zu Ende Juni …

– Hm! meinst Du denn, Unwissender, daß man so leicht nach Island komme? Wärest Du nicht wie ein Narr von mir gelaufen, so hätte ich Dich mit auf das Kopenhagener Bureau, zu Lissender & Cie., genommen. Da hättest Du erfahren, daß von Kopenhagen nach Reykjawik nur einmal monatlich, am 22., ein Boot abgeht.

– Nun?

– Nun? wenn wir bis zum 22. Juni warteten, würden wir zu spät kommen, um zu sehen, wie ‚des Scartaris Schatten den Krater des Sneffels liebkoset‘. Wir müssen daher so schnell wie möglich nach Kopenhagen kommen, um daselbst für die Ueberfahrt ein Beförderungsmittel zu finden. Geh‘ und pack‘ Deinen Koffer!«

Darauf war kein Wort zu erwidern. Ich begab mich wieder in mein Zimmer. Gretchen folgte mir nach und bemühte sich selbst, meine Reisebedürfnisse in einen kleinen Ranzen zu packen. Es ging ihr das nicht näher zu Herzen, als wenn sich’s um einen Ausflug nach Lübeck oder Helgoland handelte. Ihre kleinen Hände bewegten sich ohne Uebereilung hin und her. Sie plauderte ruhig und führte mir die verständigsten Gründe zu Gunsten unserer Unternehmung an. Sie wirkten zauberhaft auf mich, und ich konnte ihr nicht zürnen. Manchmal, wenn ich aufbrausen wollte, achtete sie nicht darauf, und setzte mit methodischer Ruhe ihre Arbeit fort.

Endlich war der letzte Riemen des Ranzen geschnallt, und ich kam herab in’s Erdgeschoß.

Diesen Tag über kamen die Ablieferungen von physikalischen Instrumenten, Waffen, elektrischen Apparaten noch häufiger. Die gute Martha verlor den Kopf.

»Ist der Herr ein Narr geworden?« sagte sie zu mir.

Ich machte ein Zeichen der Bejahung.

»Und er nimmt Sie mit?«

Gleiches Ja.

»Wohin soll’s gehen?« fragte sie.

Ich deutete mit dem Finger nach dem Inneren der Erde.

»In den Keller? schrie die alte Dienerin.

– Nein, sagte ich endlich, noch tiefer hinab!«

Der Abend kam. Ich wußte gar nicht mehr, wie die Zeit verflossen war.

»Morgen früh, sagte mein Oheim, präcis sechs Uhr reisen wir ab.«

Um zehn Uhr sank ich wie eine träge Masse auf mein Bett. Während der Nacht kam mir wieder die Angst.

Ich träumte in einem fort von Abgründen! Ich verfiel dem Wahnsinn. Ich fühlte mich von des Professors starker Hand ergriffen, fortgezogen, in einen Schlund gestürzt. Ich fiel in unergründliche Schluchten hinab mit der wachsenden Schnelligkeit fallender Körper. Mein Leben war nur noch ein endloses Fallen.

Um fünf Uhr wachte ich auf, zerschlagen durch Erschöpfung und Aufregung. Ich begab mich in’s Speisezimmer hinab. Mein Oheim saß bei Tische und schlang sein Frühstück hinunter. Ich blickte ihn mit einer Art Grauen an. Aber Gretchen war zugegen. Ich sprach nichts, konnte nicht essen.

Um halb sechs Uhr hörte man das Rasseln eines Wagens in der Straße. Es kam ein großer Wagen, uns auf die Altonaer Eisenbahn zu bringen. Er war bald mit den Collis meines Oheims bepackt.

»Und Dein Koffer? sagte er zu mir.

– Er ist fertig, erwiderte ich, und es ward mir schwach.

– So bring‘ ihn rasch herab, oder Du bist Schuld, daß wir den Zug verfehlen!«

Gegen mein Geschick anzukämpfen, schien mir damals unmöglich. Ich begab mich wieder in meine Kammer, ließ meinen Ranzen die Treppe hinab rutschen und folgte hinterdrein.

In diesem Augenblick gab mein Oheim die »Zügel« seines Hauses in Gretchen’s Hände. Meine hübsche Vierländerin bewahrte ihre gewohnte Ruhe. Sie umarmte ihren Vormund, konnte aber, als sie meine Wange mit ihren süßen Lippen berührte, eine Thräne nicht zurückhalten.

»Gretchen! rief ich aus.

– Geh‘, lieber Axel, geh‘, sagte sie zu mir, Du verlässest Deine Braut, aber bei der Rückkehr findest Du Deine Frau.«

Ich schloß Gretchen in meine Arme, dann setzte ich mich in den Wagen. Martha und das junge Mädchen sagten uns von der Schwelle des Hauses aus Lebewohl. Darauf rannten die Pferde, durch das Pfeifen ihres Kutschers angeregt, im Galop über die Altonaer Straße.

Achtes Capitel.


Achtes Capitel.

Reise nach Island.

Von Altona aus, welches zum Weichbild Hamburgs gehört, führt eine Eisenbahn nach Kiel, wo wir an’s Ufer des Belt gelangten. In zwanzig Minuten kamen wir auf Holsteinisches Gebiet.

Um halb sieben hielt der Wagen vorm Bahnhof; die zahlreichen Collis meines Oheims, seine umfangreichen Reiseartikel wurden abgeladen, transportirt, gewogen, etikettirt, in den Gepäckwagen gebracht; und um sieben Uhr saßen wir in derselben Waggonabtheilung einander gegenüber. Der Dampf zischte, die Locomotive setzte sich in Bewegung. Wir befanden uns unterwegs.

Ich hatte mich noch nicht drein gefunden. Doch wirkten die frische Morgenluft, die bei der Schnelligkeit der Fahrt rasch erneuerten Eindrücke darauf hin, mich durch Zerstreuung aus meiner großen Befangenheit zu reißen.

Die Gedanken des Professors eilten offenbar dem Zug voraus, der für seine Ungeduld zu langsam fuhr. Wir befanden uns allein in dem Waggon, sprachen aber kein Wort mit einander. Mein Oheim durchmusterte seine Taschen und seinen Reisesack mit sorgfältiger Achtsamkeit. Ich sah wohl, daß es ihm für die Ausführung seiner Pläne an nichts mangelte.

Unter Anderem hatte er ein sorgfältig zusammengelegtes Blatt Papier mit dem Wappen der dänischen Kanzlei und der Unterschrift des dänischen Consuls zu Hamburg, der ein Freund des Professors war. Mit Hilfe desselben konnten wir leicht in Kopenhagen Empfehlungen an den Gouverneur von Island bekommen.

Ich bemerkte auch das merkwürdige Document in der geheimsten Tasche des Portefeuille auf’s Sorgfältigste aufgehoben. Ich verfluchte es aus Herzens Grund, und sah mir das Land an. Es war eine ungeheure Reihe wenig merkwürdiger Ebenen, die einförmig, schlammig und ziemlich fruchtbar waren: eine Landschaft, die zur Anlage von Eisenbahnen sehr geeignet war und gerade Linien zuließ, welche den Eisenbahngesellschaften so erwünscht sind. Aber diese Einförmigkeit konnte mir nicht einmal langweilig werden, denn bereits drei Stunden nach unserer Abfahrt hielt der Zug in Kiel zwei Schritte vom Meere.

Da unser Gepäck nach Kopenhagen eingeschrieben war, brauchten wir uns nicht darum zu bekümmern. Doch wurde es von dem Professor während des Transports zum Dampfboot mit sorglichem Auge überwacht. Hier wurde es im unteren Schiffsraum geborgen.

Mein Oheim hatte bei seiner übermäßigen Eile die Stunden des Anschlusses von Dampfboot und Eisenbahn so wohl berechnet, daß wir einen vollen Tag zu verlieren hatten. Das Dampfboot Ellenora ging nicht vor Abend ab.

Daraus entsprang ein neunstündiger Fieberzustand, während dessen der zornmüthige Reisende die Verwaltung der Boote und der Eisenbahnen zum Teufel wünschte, sammt den Regierungen, welche dergleichen Mißbräuche gestatteten. Ich mußte darin einstimmen, als er den Kapitän der Ellenora darüber zur Rede stellte. Er wollte ihn nöthigen, unverzüglich heizen zu lassen. Der aber hieß ihn seines Weges gehen.

In Kiel muß wohl, wie anderwärts, ein Tag hinzubringen sein. Wir gingen an den grünen Ufern der Bai, in deren Hintergrund das Städtchen sich erhebt, spazieren, durchliefen die belaubten Gebüsche, welche ihm das Aussehen eines Nestes unterm Gezweig geben, die Villen zu bewundern, welche sämmtlich mit Badehäuschen versehen sind; so kam unter Herumlaufen und Fluchen zehn Uhr Abends heran.

Die Rauchwolken der Ellenora wirbelten in die Lüfte; das Verdeck zitterte unter den Stößen des Dampfkessels; wir befanden uns an Bord im Besitz von zwei Lagerstätten übereinander in der einzigen Kammer des Bootes.

Um zehn Uhr fünfzehn Minuten wurden die Anker gelichtet, und der Dampfer fuhr rasch über die dunkeln Fluthen des Großen Belt.

Es war dunkle Nacht, ein hübscher Seewind, und das Meer stark wogend; einige Feuer an der Küste schimmerten durch die Finsterniß; später, ich weiß nicht wo, glänzte ein Leuchtthurm hell über den Fluthen.

Um sieben Uhr früh landeten wir zu Korsör, einem Städtchen an der Westküste Seelands. Hier stiegen wir unverzüglich in den Waggon einer neuen Eisenbahn und fuhren durch eine Landschaft, die nicht minder flach war, als die Ebenen Holsteins.

Nach drei Stunden langten wir in der Hauptstadt Dänemarks an. Mein Oheim hatte die ganze Nacht kein Auge geschlossen. Ich glaube, in seiner Ungeduld trappelte er im Waggon und stampfte mit den Füßen.

Endlich gewahrte er eine Mündung in’s Meer.

»Der Sund!« rief er.

Zu unserer Linken befand sich ein ungeheurer Bau, der einem Spital glich.

»Das ist ein Irrenhaus, sagte einer unserer Reisegefährten.

– Gut, dachte ich, da sollten wir bis an’s Ende unserer Tage bleiben! Und so groß dies Spital ist, so wäre es doch zu klein für alle Narrheit des Professors Lidenbrock!«

Endlich, um zehn Uhr, stiegen wir zu Kopenhagen aus; das Gepäck wurde auf einen Wagen geladen und mit uns zum Hotel Phönix in Bred-Gade gefahren. Das dauerte eine halbe Stunde, denn der Bahnhof liegt außerhalb der Stadt. Darauf nahm mein Oheim, nachdem er ein wenig seine Toilette geordnet, mich mit sich. Der Portier des Hotels sprach deutsch und englisch; aber der Professor, der vieler Sprachen kundig war, fragte ihn auf gut dänisch, und in gutem Dänisch gab ihm der Mann an, wo das Museum der Nordischen Alterthümer lag.

In dieser merkwürdigen Anstalt sind eine Menge wunderbarer Dinge aufgestapelt, woraus man die Geschichte des Landes mit seinen alten Steinwaffen, seinen Humpen und Schmucksachen wieder aufbauen könnte. Der Director desselben, der gelehrte Professor Thomson, war ein Freund des Hamburgischen Consuls.

Mein Oheim hatte einen Brief an denselben, der ihn warm empfahl. Im Allgemeinen empfängt ein Gelehrter den anderen ziemlich schlecht. Aber hier war’s ganz anders. Herr Thomson als dienstfertiger Mann ließ dem Professor Lidenbrock, und selbst seinem Neffen einen herzlichen Empfang zu Theil werden. Daß mein Oheim dem trefflichen Director gegenüber sein Geheimniß bewahrte, brauch‘ ich kaum zu sagen. Unsere Absicht war ganz einfach, als Liebhaber ohne Interesse Island zu besuchen.

Herr Thomson stellte sich uns ganz zu Verfügung, und wir liefen über die Quais, um ein abfahrendes Schiff aufzusuchen.

Ich hoffte, es werde ganz an Beförderungsmitteln fehlen; aber ich täuschte mich. Eine kleine dänische Corvette, die Valkyrie, sollte am 2. Juni nach Reykjawik unter Segel gehen. Der Kapitän, Herr Bjarne, befand sich an Bord. Sein demnächstiger Passagier drückte ihm in seiner Freude tüchtig die Hände. Der wackere Mann war über diese Herzlichkeit etwas betroffen. Er fand es ganz einfach, daß er, wie es ihm oblag, nach Island fahre. Meinen Oheim kam das als etwas Erhabenes vor. Der würdige Kapitän benutzte diesen Enthusiasmus, um uns für die Ueberfahrt doppelt bezahlen zu lassen. Aber wir machten uns daraus nicht viel.

Herr Bjarne strich eine ansehnliche Summe Speciesthaler ein und sagte: Erscheinen Sie Dienstag um sieben Uhr frühe an Bord.

Wir dankten Herrn Thomson für seine Bemühung und begaben uns in’s Hotel Phönix zurück.

»Das geht ja schön! recht schön! sprach mein Oheim. Welch glücklicher Zufall, daß wir dies Schiff zum Abfahren bereit fanden! jetzt wollen wir frühstücken und dann die Stadt besehen.«

Wir begaben uns zum Kongens-Nye-Torw, einem unregelmäßigen Platz, wo sich ein Posten befand mit zwei aufgeprotzten unschuldigen Kanonen, die keinem Menschen Angst machen. Dicht daneben, Nr. 5, befand sich eine französische »Restauration«, die von einem Koch Namens Vincent gehalten wurde; wir frühstückten daselbst hinlänglich für den mäßigen Preis von vier Mark die Person.

Hernach freute ich mich wie ein Kind, die Stadt zu besehen; mein Oheim ließ sich führen; übrigens sah er nichts, weder den unbedeutenden Königspalast, noch die hübsche Brücke aus dem siebzehnten Jahrhundert, die vor dem Museum über den Canal führt, noch das ungeheure Grabmal Thorwaldsen’s, das an den Wänden mit abscheulichen Gemälden geziert ist und die Werke dieses Bildhauers enthält, noch in einem ziemlich schönen Park das allerliebste Schloß Rosenberg, noch den bewundernswerthen Renaissance-Bau der Börse, noch deren Thurm, der aus den verschlungenen Schwänzen von vier broncenen Drachen gebildet ist, noch die großen Mühlen der Festungswerke, deren ungeheure Flügel gleich den Segeln eines Schiffes im Seewind schwellen.

Was könnten wir da, meine hübsche Vierländerin mit mir, für köstliche Spaziergänge machen längs des Hafens, wo die Zweidecker und Fregatten unter ihrer rothen Bedachung ruhten, an dem grünen Gestade der Meerenge, durch das schattige Buschwerk, in dessen Schoße die Citadelle sich birgt, deren Kanonen zwischen Hollunder und Weidengezweig ihre schwarze Mündung hervorstrecken!

Aber ach! mein armes Gretchen war fern, und konnte ich hoffen, sie jemals wieder zu sehen?

Mein Oheim jedoch hatte kein Auge für diese reizenden Gegenden; um so mehr aber gefiel ihm ein Glockenthurm der Insel Amak, welche den südwestlichen Theil Kopenhagens bildet.

Wir richteten unsere Schritte dorthin, bestiegen ein kleines Dampffahrzeug, welches zum Verkehr auf den Canälen diente, und in einigen Augenblicken legte es am Quai Dock-Yard an.

Nachdem wir durch einige enge Straßen gekommen, wo Galeerensträflinge in halb gelben, halb grauen Hosen unter dem Stock der Profoßen arbeiteten, kamen wir vor Frelsers-Kirk. Diese Kirche bietet nichts Merkwürdiges. Dagegen wurde die Aufmerksamkeit des Professors durch ihren ziemlich hohen Thurm angezogen, um dessen Spitze sich von der Plateform an außen im Freien eine Treppe spiralförmig windet.

»Steigen wir hinauf, sagte mein Oheim.

– Aber der Schwindel? entgegnete ich.

– Um so mehr, man muß sich gewöhnen.

– Doch …

– Komm‘, sag‘ ich Dir, wir haben keine Zeit zu verlieren.«

Ich mußte mich fügen. Ein Aufseher, der gegenüber wohnte, stellte uns einen Schlüssel zu, und wir begannen hinaufzusteigen.

Mein Oheim ging mit munterem Schritt voran. Ich folgte nicht ohne Angst nach, denn es ward mir sehr leicht schwindelig. Es ging mir die Haltung des Adlers und die Unempfindlichkeit seiner Nerven ab.

So lange wir uns in der inneren Schnecke befanden, ging Alles gut; aber nach etwa hundertundfünfzig Stufen wehte mir die Luft in’s Gesicht; wir waren bis zur Plateform gekommen, von wo aus die Treppe in freier Luft begann, mit einem schwachen Geländer und Stufen, die stets enger wurden und bis zum Unendlichen zu führen schienen.

»Es ist mir nicht möglich! Niemals! – schrie ich.

– Solltest Du wohl so feige sein? Steig‘!« erwiderte unbarmherzig der Professor.

Ich mußte durchaus ihm folgen, und klammerte mich an.

In der freien Luft schwand mir die Besinnung; ich fühlte bei den heftigen Windstößen den Thurm schwanken, meine Beine versagten mir den Dienst; ich ruschte bald auf den Knieen, dann auf dem Leib; ich schloß die Augen; es wurde mir übel.

Endlich, indem mein Oheim mich am Kragen faßte, kam ich bei der Kugel an.

»Jetzt schau‘, sagte er, und schaue recht! Du mußt lernen, in einen Abgrund blicken!«

Ich öffnete die Augen. Ich sah die Häuser platt und zusammengedrückt, wie mitten im Nebel des Rauchs. Ueber meinem Kopf zog flockiges Gewölk, und durch optische Täuschung schien es mir unbeweglich, während der Thurm, die Kugel, wir zugleich mit in phantastischer Eile fortgezogen wurden. In der Ferne sah man auf der einen Seite grüne Felder, auf der andern das im Sonnenschein schimmernde Meer. Bei der Spitze von Helsingör breitete sich der Sund aus, mit etlichen weißen Segeln, und östlich zeigten sich im Nebel wogend die halb vermischten Gestade Schwedens. Dies alles zusammen wirbelte vor meinen Blicken.

Demungeachtet mußte ich aufstehen, mich gerade halten, schauen. Meine erste Schwindellection dauerte eine Stunde. Als ich endlich wieder hinabsteigen und den festen Boden des Pflasters betreten durfte, war ich an allen Gliedern steif.

»Morgen wiederholen wir die Lection«, sagte mein Professor.

Und wirklich, fünf Tage wurde diese Schwindelübung fortgesetzt, und ich machte, mit und wider Willen, merkliche Fortschritte in der Kunst, von einem hohen Standpunkt aus zu betrachten.

Neuntes Capitel.


Neuntes Capitel.

Ankunft auf Island.

Der Tag der Abreise kam heran. Tags zuvor überbrachte uns der gefällige Herr Thomson dringende Empfehlungsbriefe an den Statthalter Islands, Grafen Trampe, den Coadjutor des Bischofs, Herrn Picturson, und den Bürgermeister von Reykjawik, Herrn Finsen. Mein Oheim dankte ihm mit wärmstem Händedruck.

Am 2., sechs Uhr frühe, befand sich unser kostbares Gepäck an Bord der Valkyrie. Der Kapitän führte uns in ziemlich enge Cabinen.

»Haben wir günstigen Wind? fragte mein Oheim.

– Vortrefflichen, erwiderte der Kapitän Bjarne; Südost. Wir werden mit vollen Segeln aus dem Sund in die weite See stechen.«

Nach einer kleinen Weile stach die Goelette, mit Fockmast, Mars- und Bramstange, in See und fuhr mit vollen Segeln in die Meerenge ein. Eine Stunde hernach schien die Hauptstadt Dänemarks fern in den Fluthen zu versinken, und die Valkyrie fuhr längs der Küste von Helsingör. Ich befand mich in reizbarer Stimmung, glaubte Hamlet’s Schatten auf der Terrasse des alten Schlosses zu sehen, das übrigens weit jünger ist, als der heroische Prinz von Dänemark. Es dient gegenwärtig als kostbare Hütte des Pförtners am Sund, wo jährlich fünfzehntausend Schiffe aller Nationen vorüber fahren.

Das Schloß Kronborg verschwand bald im Nebel, ebenso der Thurm von Helsingborg auf dem schwedischen Gestade, und die Goelette neigte sich ein wenig unterm Wehen der Seewinde des Kattegat.

Die Valkyrie segelte trefflich, aber auf ein Segelschiff kann man sich nie sehr verlassen. Es war für Reykjawik mit Kohlen, Haushaltungsgegenständen, Töpferwaaren, wollenen Kleidungsstücken und einer Ladung Getreide befrachtet. Fünf Mann, lauter Dänen, genügten als Bemannung.

»Wie lange wird die Ueberfahrt dauern? fragte mein Oheim den Kapitän.

– Zehn Tage etwa, erwiderte letzterer, wenn wir nicht bei den Faröern allzuviel widrigen Wind aus Nordwest gegen uns haben.

– Aber Sie werden dadurch doch nicht einer bedeutenden Verspätung ausgesetzt sein?

– Nein, Herr Lidenbrock; seien Sie ruhig, wir werden ankommen.«

Gegen Abend fuhr die Goelette um das Cap Skagen an der Nordspitze Dänemarks, dann während der Nacht durch den Skager-Rak, streifte beim Cap Lindenäs an der Südspitze Norwegens vorüber und stach in das Nordmeer.

Zwei Tage nachher bekamen wir die schottische Küste bei Peterhead in Sicht, und die Valkyrie fuhr zwischen den Orcaden und den Shetlandinseln auf die Faröer zu.

Bald glitt unsere Goelette über die Wogen des Atlantischen Meeres; sie mußte gegen den Nordwind laviren und kam mit Mühe bei diesen Inseln an. Am 8. erkannte der Kapitän Myggenäs, die östlichste der Gruppe, und von nun an fuhren wir gerade auf Cap Portland an der Südküste Islands.

Es kam nichts Merkwürdiges bei der Fahrt vor. Ich bestand leicht die Seekrankheit; mein Oheim war zu seinem großen Leidwesen beständig unwohl, und schämte sich dessen.

Er konnte also den Kapitän Bjarne nicht über den Snäfields, über die Verkehrsmittel und den Transport befragen. Er mußte dies also auf seine Ankunft verschieben, und brachte seine ganze Zeit in seiner Cabine liegend zu, deren Scheidewände vom Wogenschlag krachten. Er verdiente auch wirklich ein wenig sein Schicksal.

Am 11. bekamen wir Cap Portland in Sicht. Das damals helle Wetter ließ Myrdals Yokul, der es beherrscht, erkennen. Das Cap besteht aus einer starken, vereinzelt am Ufer sich erhebenden Anhöhe mit steilen Abhängen.

Die Valkyrie hielt sich in mäßiger Entfernung von den Küsten, indem sie längs derselben westwärts mitten durch Heerden von Hai- und Wallfischen fuhr. Bald zeigte sich ein ungeheurer durchbrochener Felsen, durch welchen das schäumende Meer mit wüthendem Brausen eindrang. Die Westmaninselchen schienen wie hingesäete Felsen über dem Meeresspiegel emporzuragen. Von hier fuhr die Goelette weiter vom Land ab, um das Cap Reykjanäs, welches die Westspitze von Island bildet, in gehöriger Entfernung zu umsegeln.

Mein Oheim war durch das starke Wogen des Meeres gehindert das Verdeck zu betreten, um die ausgezackten Küsten zu bewundern.

Achtundvierzig Stunden darauf, nach einem Sturm, der mit zusammengeschlagenen Segeln zu fliehen zwang, gewahrte man östlich die Boje der Spitze Skagen, deren gefährliche Felsen sich weit hin unter dem Wasserspiegel ziehen. Es kam ein isländischer Lootse an Bord und nach drei Stunden ankerte die Valkyrie in der Bai Faxa vor Reykjawik.

Nun kam endlich der Professor aus seiner Cabine heraus, etwas blaß und zerschlagen, aber stets enthusiastisch, und Befriedigung sprach aus seinen Augen.

Die Bevölkerung der Stadt, die sich für das ankommende Schiff ungemein interessirte, strömte am Quai zusammen.

Mein Oheim eilte, sein Gefängniß, um nicht zu sagen, sein Krankenhaus, zu verlassen. Bevor er aber vom Verdeck stieg, zog er mich in den Vordergrund und zeigte mir mit dem Finger auf der Nordseite der Bai einen hohen Berg mit zwei Spitzen, einen doppelten mit ewigem Schnee bedeckten Kegel.

»Der Snäfields! rief er aus, der Snäfields!«

Darauf, nachdem er mir mit einem Wink unbedingtes Schweigen anempfohlen, stieg er in das Landungsboot; ich ihm nach, und bald betraten wir den Boden Islands.

Sofort zeigte sich ein stattlicher Mann in Generalsuniform. Es war jedoch nur ein Magistrat, der Statthalter der Insel, Baron Trampe, in eigener Person. Der Professor überreichte ihm seine Briefe aus Kopenhagen, und es entspann sich in dänischer Sprache eine kurze Unterhaltung, woran ich, aus gutem Grunde, mich durchaus nicht betheiligte. Das Resultat war, daß der Baron Trampe sich dem Professor Lidenbrock völlig zur Verfügung stellte.

Ein herzlicher Empfang wurde meinem Oheim von dem Bürgermeister Finsen zu Theil, der gleich dem Statthalter in militärischer Uniform ebenso friedlichen Charakters war.

Der Coadjutor Pictursson befand sich eben auf einer bischöflichen Rundreise im nördlichen Bezirk; wir mußten vorerst darauf verzichten, ihm vorgestellt zu werden. Aber der Professor der Naturwissenschaften an der Schule zu Reykjawik, Herr Fridrickson, ein sehr gefälliger Mann, gewährte uns einen sehr schätzbaren Beistand. Dieser bescheidene Gelehrte sprach nur Isländisch und Latein; er bot mir in letzterer Sprache seine Dienste an, und wir konnten uns in derselben leicht verständigen. Er war auch in der That der einzige Mann, mit dem ich mich während meines Aufenthalts auf Island unterhalten konnte.

Von den drei Zimmern, welche seine Wohnung enthielt, stellte uns der treffliche Mann zwei zur Verfügung, und wir richteten uns flugs bei ihm ein, über die Menge unseres Gepäcks waren die Bewohner von Reykjawik etwas erstaunt.

»Nun, Axel, sagte mein Oheim, es geht gut; die Hauptschwierigkeit ist schon beseitigt.

– Wie, die Hauptschwierigkeit? rief ich aus.

– Allerdings, wir brauchen nur hinabzusteigen.

– Wenn Sie’s so verstehen, haben Sie Recht; aber am Ende, denk‘ ich, müssen wir auch wieder herauskommen?

– O! Das macht mir keine Sorgen! Wohlan! Es ist keine Zeit zu verlieren. Ich gehe nun auf die Bibliothek, da findet sich vielleicht ein Manuscript von Saknussemm, das ich sehr gerne zu Rathe ziehen würde.

– Dann besehe ich mir unterdessen die Stadt. Wollen Sie das nicht auch thun?

– Das interessirt mich sehr wenig. Die Merkwürdigkeiten dieses Landes sind nicht über, sondern unter der Erde.«

Ich ging aus, streifte umher.

In den zwei Straßen Reykjawiks irre gehen, wäre nicht leicht gewesen. Ich brauchte daher nicht nach dem Weg zu fragen, was in der Geberdensprache zu Mißverständnissen führt.

Die Stadt zieht sich auf ziemlich niederem und sumpfigem Boden zwischen zwei Anhöhen hin. Auf der einen Seite ist sie von einer ungeheuren Lavaschicht bedeckt, die in allmäligen Stufen nach dem Meer zu abfällt; auf der anderen erstreckt sich die ungeheure, nördlich von dem großen Gletscher des Snäfields begrenzte Bai Faxa, worin eben die Valkyrie das einzige vor Anker liegende Schiff war. Gewöhnlich liegen hier die englischen und französischen Fischerboote in Menge; diese waren aber damals auf der Nordküste der Insel beschäftigt.

Die längere der beiden Straßen von Reykjawik läuft mit dem Ufer parallel; in derselben wohnen die Kauf- und Geschäftsleute in hölzernen Hütten, die aus rothen, horizontal gelegten Balken aufgebaut sind; die andere läuft westlicher zwischen den Häusern des Bischofs und der anderen, nicht dem Handel angehörigen Personen einem kleinen See zu.

Diese trübseligen, düsteren Straßen hatte ich rasch durchschritten. Ich sah darin mitunter ein Stückchen farblosen Rasen gleich einem alten abgetragenen Teppich; oder auch ein Fleckchen, das wie ein Nutzgarten aussah, mit etwas Gemüse, Erdäpfeln, Kohl und Lattich, welches wohl für eine Liliputertafel ausgereicht haben würde; einige kränkelnde Levkojen suchten auch am Sonnenstrahl Erquickung.

Ungefähr in der Mitte der nicht geschäftlichen Straße fand ich, umgeben von einer Erdmauer, den öffentlichen Friedhof, worin es an Raum nicht gebrach. Hierauf, nach einigen Schritten, gelangte ich zur Wohnung des Statthalters, einem Gemäuer gleich dem Stadthause zu Hamburg, einem Palast neben den Hütten der isländischen Bewohner. Zwischen dem kleinen See und der Stadt erhob sich die Kirche, die im protestantischen Styl aus verkalktem, von den Vulkanen ausgeworfenem Gestein erbaut war; durch die argen Westwinde wäre ihr Dach aus rothem Ziegelstein augenscheinlich in alle Lüfte zerstreut worden.

Auf einer nahen Anhöhe erblickte ich die Nationalschule, wo man, wie ich hernach von unserem Hauswirth hörte, die hebräische, englische, französische und dänische Sprache lehrte, von welchen vier Sprachen ich, zu meiner Schande, nicht ein Wörtchen verstand. Ich wäre unter den vierzig Schülern dieses kleinen Gymnasiums der unterste gewesen, und nicht würdig, mit ihnen in den Schränken mit zwei Abtheilungen zu schlafen, worin die schwächeren in der ersten Nacht ersticken konnten.

In drei Stunden hatte ich nicht allein die Stadt, sondern auch ihre Umgebung gemustert. Im Allgemeinen ein höchst trauriger Anblick. Keine Bäume, so zu sagen keine Vegetation. Ueberall lebende Spitzen vulkanischen Gesteins. Die Hütten der Isländer sind aus Erde und Torf verfertigt, ihre Wände nach innen geneigt. Sie sehen wie Dächer aus, die unmittelbar auf dem Boden ruhen. Nur sind diese Dächer Wiesen, die einigermaßen ergiebig sind. In Folge der Wärme ihrer Bewohner sproßt das Gras darauf ziemlich gut, und man mäht es zur Zeit der Heuernte sorgfältig ab, sonst würden die Hausthiere auf den grünen Dächern weiden.

Während meines Spaziergangs begegneten mir wenig Leute. Auf dem Heimweg durch die gewerbliche Straße fand ich die meisten Einwohner beschäftigt, Kabljau zu trocknen, zu salzen und einzuladen; denn es ist dies der Hauptausfuhrartikel. Die Menschen scheinen kräftig, aber schwerfällig, Musterstücke von blonden Deutschen mit gedankenvollem Auge, die sich etwas außerhalb der menschlichen Gesellschaft fühlen, arme, in dieses Eisland verwiesene Verbannte, welche die Natur dazu verurtheilte, auf dieser Grenze des Polarkreises zu leben! Ich bemühte mich vergebens, ein Lächeln auf ihrem Antlitz zu gewahren; manchmal lachten sie wohl aus unwillkürlicher Muskelbewegung, niemals aber kam’s zur Freundlichkeit des Lächelns.

Ihre Tracht bestand in einem groben Rock von schwarzer Wolle, die in den scandinavischen Ländern unter dem Namen »Vadmel« bekannt ist, einem breitgerandeten Hut, Hosen mit rother Borde, und einem Stück Leder, das zu einer Art Fußbekleidung zusammengelegt ist.

Die Frauen, von traurigem Aussehen, zeigten ziemlich angenehme aber ausdruckslose Züge; ihr Anzug bestand aus Leibchen und Rock aus dunklem »Vadmel«; die Mädchen trugen ihr Haar in Zöpfen geflochten unter einem braunen gestrickten Häubchen; die Verheirateten hatten als Kopfbedeckung ein buntes Tuch, worüber eine Verzierung von weißer Leinwand.

Als ich nach einem hübschen Spaziergang in die Behausung des Herrn Fridrickson zurückkam, fand ich meinen Oheim bereits in Gesellschaft seines Hauswirths.