Kapitel 2

 

2

 

Mr. Gordon Selsbury war von Natur aus weder anomal noch exzentrisch. Aber er hielt sich doch für etwas höherstehend als andere Menschen, für einen Feingeist und für einen jener besonders begnadeten Sterblichen, die die Dinge von einer höheren Warte aus betrachten.

 

Er lebte in der City Londons, und sein Beruf stand in schreiendem Gegensatz zu seiner geistigen Einstellung, denn er war Generalvertreter einer der größten Versicherungsgesellschaften und lebte als solcher in äußerst guten pekuniären Verhältnissen.

 

Manchmal saß er vor seinem mit echt silbernen Gittern und Beschlägen geschmückten Kamin und dachte in philosophischer Ruhe über die Laune des Schicksals nach, das ihn zu einer so nüchternen geschäftlichen Tätigkeit verurteilte. Denn während andere Menschen nur stumpf vegetierten und triebhaft ihren Leidenschaften und Begierden frönten, lebte er in höheren geistigen Sphären.

 

Wenn er seinen Gedanken nachhängen konnte, fühlte er sich erhaben über die Welt und ihren verabscheuungswürdigen Kampf ums Dasein. Er war ein Mann, der durch seine geistige Begabung wie ein Fels über nebligen Niederungen in einsamer Höhe ragte, wo sich nur schneebedeckte Gipfel zum blauen Himmel emporreckten. Und doch – das schien ihm am erstaunlichsten – konnte er heruntersteigen in die Arena des Lebens, mit diesen Materialisten ringen, sie besiegen und ihren zusammengeballten Fäusten unheimliche Summen dieses schmutzigen Geldes entreißen …

 

»Nein, Trenter, ich werde morgen nachmittag nicht zu Hause sein. Sagen Sie bitte Mr. Robert, daß er mich in meinem Büro sprechen kann. Danke schön.«

 

Der Butler verneigte sich respektvoll und ging zum Telefon zurück.

 

»Mr. Selsbury wird morgen nicht zu Hause sein, Sir.«

 

Bobby Selsbury war sehr ärgerlich.

 

»Sagen Sie ihm bitte, daß er mir fest versprochen hat, mit mir und meinem Freund eine Partie Bridge zu spielen. Rufen Sie ihn doch einmal ans Telefon.«

 

Gordon erhob sich etwas gelangweilt von seinem weichgepolsterten Stuhl, ließ sich aber vor seinem Angestellten nicht das geringste merken.

 

»Ja, ja, ich weiß«, sagte er müde, »aber mir fiel ein, daß ich mich schon anderweitig verabredet hatte. Du mußt eben sehen, daß du dir die Zeit sonst irgendwie vertreibst, mein Junge. – Was erzählst du mir da? Ach, das ist doch Unsinn! … Also, ich kann dir wirklich nicht helfen, du mußt dich schon nach anderer Gesellschaft umsehen – ich habe morgen nachmittag unheimlich viel im Geschäft zu tun … ich spreche am Telefon nicht gern über geschäftliche Angelegenheiten. Auf Wiedersehen! – Trenter!«

 

Der Butler wartete in devoter Haltung und schien gespannt auf die Anordnungen seines Herrn zu sein.

 

»Jawohl, Sir?«

 

Mr. Selsbury wandte langsam den Kopf, bis seine dunklen Augen auf dem Gesicht des Dieners ruhten.

 

»Heute morgen sah ich zufälligerweise, daß Sie das Zimmermädchen küßten. Sie sind doch ein verheirateter Mann und haben dadurch eine gewisse Verantwortung, über die Sie sich unter keinen Umständen hinwegsetzen dürfen. Eleanor ist womöglich leicht beeinflußbar, Mädchen in dem Alter sind schnell verliebt. Es ist absolut verwerflich, das Leben eines jungen Mädchens dadurch zu ruinieren, daß Sie eine Leidenschaft in ihr erwecken, die Sie weder erwidern können noch dürfen. Auch ich habe darunter zu leiden – heute morgen war mein Rasierwasser nicht rechtzeitig auf meinem Zimmer. Das darf nicht wieder vorkommen!«

 

»Nein, Sir«, sagte Trenter.

 

Derartige Neuigkeiten kommen gewöhnlich auf schnellstem Wege in das Dienstbotenzimmer. Selsburys Worte schienen beinahe seelische Fernwirkung zu haben.

 

Eleanor war ein hübsches, großes Mädchen mit blassem Gesicht, blitzenden Augen und schwarzen Augenbrauen. Sie stand eben vor dem Spiegel und benützte den Lippenstift. Plötzlich hielt sie in dieser Beschäftigung inne. Sie war sehr entrüstet.

 

»Weil er ein so eiskalter und hundeschnäuziger Antonius von Padua ist, glaubt er, daß wir keine menschlichen Gefühle haben. Der arme, kaltblütige Fisch! Ich werde es ihm bei Gelegenheit schon sagen, daß ich es nicht dulden kann, wenn er so über mich spricht und dadurch meinen guten Ruf verdirbt. Dieser Schnüffler, dieser Leisetreter, dieser Spion!«

 

»Wer ist denn der Antonius von Padua?« fragte Trenter.

 

»Das ist der Heilige, der von Frauen versucht wurde und die Prüfung siegreich bestand«, erwiderte Eleanor. Sie schien aber nicht abgeneigt zu sein, ihrerseits die Versucherin zu spielen.

 

»Wer hat Mr. Selsbury versucht?« fragte er aufgebracht.

 

»Niemand, wenn Sie etwa mich meinen sollten. Ich möchte nur einmal sehen, wenn er seinen Arm um mich legen wollte – daran würde er denken!«

 

»Soweit wird er sich niemals vergessen«, sagte Trenter.

 

Sie warf den Kopf in den Nacken.

 

»Ach, ich weiß nicht!« Eleanor sah die starke Köchin an. »Fragen Sie nur einmal hier.«

 

»Großer Gott, Köchin, er hat Sie doch nicht etwa –?« fragte Trenter entsetzt.

 

Zum Glück war Mrs. Magglesark langsam von Begriff.

 

»Ja, ich habe ihn auch gesehen«, sagte sie. Aber Eleanor unterbrach sie sofort wieder, weil sie diese Geschichte selbst erzählen wollte. »Ich und die Köchin saßen letzten Sonntag oben auf einem Autobus –«

 

»In Knightsbridge.« Die Köchin wollte auch etwas berichten.

 

»Wir sprachen gerade zusammen und lachten, als die Köchin sagte: ›Sieh mal, Nelly, da ist der gnädige Herr.‹«

 

»Nein, ich sagte: Sieh mal, der Kerl hat ganz die Visage von unserem Herrn«, verbesserte Mr. Magglesark.

 

»Und richtig, er war es«, fuhr Eleanor fort. »Denken Sie sich, er hatte ein Mädel, schlank, groß und ganz in Schwarz gekleidet, neben sich – und er streichelte ihre Hand!«

 

»Aber doch nicht auf der Straße?« fragte Trenter ungläubig.

 

»Nein, er saß mit ihr in einem Auto. Von dem Autobus aus konnten wir gerade in den Wagen hineinsehen.«

 

»War sie hübsch?« fragte Trenter.

 

Eleanor kräuselte die Lippen.

 

»Nun ja, ich könnte mir denken, daß es Leute gäbe, die sie hübsch fänden. Was meinst du, war sie hübsch?« wandte sie sich an die Köchin.

 

Mrs. Magglesark, die schon ziemlich bejahrt und infolgedessen etwas milde in ihrem Urteil geworden war, sagte, sie sei hübsch gewesen.

 

»Er hat ihre Hand gehalten und gestreichelt?« fragte Trenter nachdenklich. »Es war doch nicht etwa Mrs. van Oynne?«

 

»Wer ist denn das?«

 

»Oh, sie war schon zweimal zum Tee hier, sie ist eine Amerikanerin, ist immer sehr vornehm gekleidet und heißt Heloise mit Vornamen. Sie sieht sehr schön aus. Gewöhnlich geht sie in Schwarz und trägt einen Hut mit einem Paradiesvogel.«

 

»Ja, sie trug Paradiesvogelfedern auf dem Hut«, bestätigten die Köchin und Eleanor.

 

»Dann war sie es bestimmt. Aber da ist nichts dabei – das ist eine gebildete Dame, die viele Bücher liest. Als sie das letztemal hier war, unterhielten sie sich von der Seele des eigenen Ichs. Ich habe nicht viel von der Unterhaltung gehört, es war auch so hohes Zeug, daß ich es nicht verstanden habe.«

 

Auf Eleanor machte diese Mitteilung großen Eindruck.

 

»Das ist doch merkwürdig, Sie sind doch sonst so klug«, meinte sie.

 

*

 

Gordon Selsbury konnte über alles sprechen. In seinen Unterhaltungen und philosophischen Betrachtungen mit Heloise van Oynne zergliederte er alles auf dem Seziertisch seines Verstandes, von gemeinen Bohnensträuchern bis zur höchsten Metaphysik. Allerdings führte er gewöhnlich das Gespräch, aber sie hing wie verzückt an seinem Munde, und er glaubte, daß sie seinen schwierigen Gedankengängen folgte.

 

Gordon saß am Nachmittag mit ihr in einem Teesalon des Hotels Coburg. Es waren außer ihnen nicht viele Gäste da.

 

»Ich möchte Ihnen, schon seit ich Sie kennenlernte, etwas sagen, meine liebe Heloise.« Gordons wohltönende Stimme klang dunkel und geheimnisvoll. »Es ist kaum einen Monat her, es scheint mir fast unglaublich! Wir sind einander schon früher begegnet, in längst versunkenen Zeiten, vor Tausenden von Jahren, in dem Tempel der Atlantis, wo weißgekleidete, ernste Priester mit langen Bärten Zauberformeln beteten. Sie waren damals eine große Dame, aber ich war nur ein niedriger Gladiator. Daß die Kampfspiele des späteren Roms und selbst die Zirkusspiele unter den Kaisern viel älter sind und in ein graues Altertum hinaufreichen, dessen bin ich ganz sicher. Könnten denn nicht die Überreste der sterbenden Atlantis den Beginn der etruskischen Kultur bedeuten …?«

 

Sie schaute ihn wie verzaubert an.

 

»Wie glänzend, daß Sie die Etrusker mit der mythischen Kultur von Atlantis in Verbindung bringen!« Aber ihre entzückten Blicke verrieten wenig von dem, was sie dachte.

 

»Das Schönste an unserer seelischen Freundschaft ist doch, daß sie nichts mit dieser brutalen, materiellen Welt zu tun hat«, sagte er.

 

»Wie meinen Sie das?«

 

Sie hatte sich vorgebeugt und erinnerte ihn durch die Bewegung einen Augenblick an Trenter – er war unangenehm berührt.

 

»Ich meine«, – er wischte mit seiner Hand einen Kuchenkrümel von seinem Knie –, »wir haben unsere Freundschaft niemals durch eine gewöhnliche Liebelei erniedrigt.«

 

»Oh!« Heloise van Oynne lehnte sich in ihren Stuhl zurück. »Da haben Sie recht.« Es lag etwas unendlich Süßes und Wohltuendes in ihrer Stimme. Sie sprach so befriedigt, daß sie selbst jemand getäuscht hätte, der auf ihre seelische Wellenlänge eingestellt war.

 

»Die vollkommene innere Übereinstimmung, das Verständnis von Seele zu Seele überragt alle sinnlichen Eindrücke, auf so hoher Stufe sie auch stehen mögen.«

 

Sie sah ihn mit einem zärtlich lächelnden Blick an. Das tat sie immer, wenn sie nicht recht verstand, was Gordon zu ihr sagte, besonders wenn er in diesen hohen Regionen schwebte.

 

»Die Seele ist sicher das Vornehmste und Schönste, was es überhaupt gibt«, sagte sie in tiefen Gedanken. »Die meisten Menschen sind zu gefühllos, sie verstehen das nicht. Das ist nicht gut für uns, denn wer könnte unser Verhältnis zueinander verstehen, Gordon? Für gewöhnlich kann man sein Herz und sein Innerstes nicht offenbaren. Instinktiv schreckt man zurück, wenn man mit Leuten in Berührung kommt, die zu materiell sind.«

 

Sie seufzte tief auf, als ob sie schon viel Böses im Leben erfahren hätte und als ob ihre zarte Seele von dieser rauhen Außenwelt gekränkt und verletzt worden sei. Plötzlich schien sie an gewissen Anzeichen zu ahnen, daß er sein Innerstes erschloß und daß seine wunderbare Seele nun überströmen wollte. Sie hatte eine gewisse Angst davor; denn bei früheren Gelegenheiten war es dann schwer gewesen, ihn, der in den unermeßlichen Regionen höherer Welten weilte, mit zarten Händen wieder zur Wirklichkeit zurückzuführen.

 

»Gordon, Sie haben mir schon viel von Ihrer Kusine in Australien erzählt«, sagte sie deshalb schnell, um dem Gespräch eine mehr irdische Wendung zu geben. »Sie muß sicher sehr interessant sein. Sprechen Sie doch noch ein wenig von ihr – ich höre es so gern, wenn Sie mir von Ihren Verwandten erzählen. Ich bin Ihnen so zugetan, Gordon, daß alles, was irgendwie mit Ihnen in Zusammenhang steht, mich anzieht und fesselt.« Sie legte ihre behandschuhte Hand auf sein Knie.

 

Keine andere Frau hätte es wagen dürfen, das zu tun – er hätte sofort die Polizei gerufen. Aber Heloise … Er legte seine Hand freundlich auf die ihre.

 

»Ich weiß nichts Genaues über sie. Es ist mir nur bekannt, daß sie eine schreckliche Liebesaffäre mit einem gewissen Dempsi gehabt hat. Ich habe Ihnen das doch schon alles gesagt. Aber jetzt geht es ihr gut, wie ich annehme. Ich habe mich immer ein bißchen um sie gekümmert, habe ihr ab und zu Bücher geschickt und einige Briefe geschrieben, in denen ich ihr gute Ratschläge gab. Ich denke mir immer, daß der Rat eines Mannes von einem jungen Mädchen viel leichter befolgt wird als der einer Frau. Wann haben wir doch neulich über sie gesprochen? Ach ja, ich erinnere mich, als wir unsere tiefgründige Unterhaltung über die Seele des eigenen Ichs führten.«

 

»Hat sie eigentlich hellen oder dunklen Teint?« Mit dieser Frage verbarrikadierte Heloise schnell und schlau wieder den Weg in die Metaphysik.

 

»Das kann ich Ihnen leider nicht sagen. Kurz bevor meine Tante starb, bekam ich noch einen Brief von ihr. Darin sagte sie mir, daß Diana Dempsi vergessen habe, aber doch gern ein Foto von ihm gehabt hätte – der Mann ist nämlich auch gestorben. Ist Ihnen jemals zum Bewußtsein gekommen, Heloise, wie sonderbar die Beziehungen zwischen Tod und Leben sind?«

 

»Dieses arme Mädchen in Australien! Ich würde doch soviel darum geben, wenn ich sie einmal sehen könnte, Gordon.«

 

Er schüttelte den Kopf und lächelte liebenswürdig.

 

»Ich glaube kaum, daß Sie ihr jemals begegnen werden.«

 

Kapitel 20

 

20

 

An der Bettstelle war ein merkwürdiges Tau befestigt, das von unkundigen Händen zusammengedreht war. Es bestand aus drei Streifen Bettuchleinen, die wie ein Frauenzopf zusammengeflochten waren. Das Ende hing aus dem offenen Fenster.

 

Diana schaute hinunter. Das Tau hing nur zwei Meter zum Fenster hinaus. Er hätte also mindestens noch sechs bis sieben Meter springen müssen, bis er den gepflasterten Hof erreicht hätte.

 

»Das ist merkwürdig«, sagte Superbus, der sich aber auch jetzt noch nicht ganz geschlagen geben wollte. »Als ich hereinschaute –«

 

»Ach, reden Sie doch keinen Unsinn! Wir wollen uns lieber an Tatsachen halten.« Diana zog die Augenbrauen hoch. »Was nützt denn ein Tau, wenn es nicht weiter reicht! Und warum hat er denn das Bett nicht an das Fenster gezogen?«

 

Sie rückte selbst daran, es ließ sich leicht bewegen.

 

»Wenn das Gewicht eines Mannes an dem Tau gehangen hätte, wäre die Bettstelle sicher von selbst zum Fenster hingezogen worden.«

 

Nachdenklich sah sie sich im ganzen Zimmer um. In einer Ecke stand ein großer Kleiderschrank mit einem Spiegel. Sie hob die Pistole und riß die Schranktür auf.

 

»Kommen Sie bitte heraus«, sagte sie eisig.

 

Gordon trat würdevoll heraus.

 

Mr. Superbus beobachtete diesen Vorgang aus einiger Entfernung und schüttelte mißbilligend den Kopf.

 

»Onkel Artur, Onkel Artur!« rief er vorwurfsvoll. »Ich dachte nicht, daß Sie einem alten Freund einen solchen Trick spielen würden!«

 

»Wollen Sie mir freundlichst erklären, warum Sie mein Bettleinen so zerschnitten haben?« fragte Diana.

 

Die gelassene Selbstverständlichkeit, mit der sie das Eigentumsrecht an allen Dingen im Haus für sich in Anspruch nahm, brachte Gordon in höchste Wut.

 

»Das ist mein Bettleinen!« schrie er.

 

Sie hob abwehrend die Hand.

 

»Darauf wollen wir nicht näher eingehen, Onkel Artur«, sagte sie mit kalter Höflichkeit. »Bitte, ziehen Sie das Bettuch herein und schließen Sie das Fenster. Es wird bald hell werden, und ich habe nicht den Wunsch, dem Milchmann Stoff zum Klatschen zu geben. Ich muß die Interessen meines Vetters wahren.«

 

»Lassen Sie doch Bobby kommen«, sagte Gordon plötzlich ruhig. »Er wird keinen Augenblick an meiner Identität zweifeln.«

 

»Wenn Sie mit Bobby Mr. Robert Selsbury meinen, so habe ich seine Wohnung angerufen. Er ist nicht in der Stadt – wahrscheinlich haben ihn die Agenten auch fortgelockt.«

 

Es war ihm also die letzte Möglichkeit genommen, sich aus dieser entsetzlichen Lage zu befreien.

 

»Nun gut, ich verspreche Ihnen, daß ich Ihnen keinen weiteren Grund zur Beunruhigung geben werde.«

 

Er zog das geflochtene Tau herein, schloß das Fenster und ließ die Jalousien herunter.

 

»Wenn Sie nichts dagegen haben, möchte ich jetzt schlafen – ich habe die ganze Nacht gewacht.«

 

»Sie können schlafen, aber Mr. Superbus wird bei Ihnen wachen. Ich werde Sie beide in diesem Zimmer einschließen –«

 

»Persönlich ziehe ich es allerdings vor, draußen zu sitzen«, sagte Mr. Superbus schnell. »Ich möchte gern rauchen.«

 

»Sie bleiben hier!« erwiderte Diana entschieden.

 

»Wenn der Kerl hierbleibt, werfe ich ihn aus dem Fenster!« rief Gordon wild.

 

Mr. Superbus hatte sich schon aus dem Zimmer hinausgeschlängelt.

 

»Madam, der wird jetzt ganz ruhig sein – trauen Sie nur dem alten Onkel Artur!«

 

Diana wußte, daß es nutzlos war, auf ihrem Willen zu bestehen. Sie schloß also ihren Gefangenen wieder ein und ging hinunter in das Studierzimmer. Auch sie war davon überzeugt, daß er jetzt keinen weiteren Versuch machen würde, zu entwischen.

 

Sie mußte mit Bobby in Verbindung bleiben, selbst auf die Gefahr hin, daß er ihr böse war, wenn sie ihn zu so früher Stunde aus dem Bett holte. Sie nahm den Hörer ab und rief seine Wohnung an. Mit unglaublicher Schnelligkeit erhielt sie Antwort. Die Stimme war ihr allerdings unbekannt – vermutlich sprach Bobbys Diener mit ihr.

 

»Hier ist Miss Ford – kann ich Mr. Selsbury sprechen?«

 

»Er ist die ganze Nacht nicht nach Hause gekommen, meine Dame. Ich bin aufgeblieben, um auf ihn zu warten. Er wollte bei Tagesanbruch wieder in London sein.«

 

»Wo ist er denn?«

 

»Er ist nach Ostende gereist, mein Fräulein. Er hat von Dover aus telefoniert.«

 

Das war eine ganz unerwartete und beunruhigende Nachricht.

 

»Ist er allein verreist?«

 

»Nach meinem besten Wissen und Gewissen«, sagte Bobbys Diener taktvoll, diplomatisch und juristisch einwandfrei.

 

Diana hing den Hörer wieder an.

 

War es denn den Verbrechern auch gelungen, Bobby fortzulocken?

 

Kapitel 21

 

21

 

Bobby Selsbury war zum Victoria-Bahnhof gegangen, um seinen Bruder noch in elfter Stunde aus einer gefährlichen Lage zu befreien. Er hatte schon erfolglos den einen Zug, der nach dem Festland fuhr, von Anfang bis zu Ende durchsucht, und war nun dabei, den anderen zu inspizieren, als plötzlich die Pfeife des Fahrdienstleiters ertönte und er vor die Alternative gestellt wurde, den Zug sofort zu verlassen oder mit nach Dover zu fahren. Er entschied sich für das letztere und setzte seine Nachforschungen in den einzelnen Abteilen weiter fort. Er störte zwei jung verheiratete Paare auf der Hochzeitsreise, aber seinen Bruder fand er nicht.

 

Bei seiner Ankunft in Dover entdeckte er, daß um drei Viertel elf noch ein Vorzug vom Victoria-Bahnhof abgegangen war. Die Passagiere waren bereits auf dem Dampfer. Es war ja möglich, daß Gordon diesen Zug benutzt hatte, und Bobby entschloß sich, rasch zu handeln.

 

Er telefonierte schnell nach London und hatte glücklicherweise sofort Anschluß. Es waren sehr viele Leute an Bord, und er sah sofort, daß es unmöglich war, in kurzer Zeit festzustellen, ob Gordon hier war. Er blieb also auf der »Prinzessin Juliana«, als sie in See stach, und kam um vier Uhr nachmittags in Ostende an. Gordon und Mrs. van Oynne hatte er nicht gefunden.

 

In Ostende waren nur noch einige Hotels geöffnet. Bobby besuchte sie alle und ließ sich die Gästebücher vorlegen. Aber er stellte mit einer gewissen Erleichterung fest, daß Gordon nicht in Ostende war. Es war ja möglich, daß er in letzter Minute noch seinen Plan geändert hatte und nach Paris gefahren war, obwohl ihm das nicht ähnlich sah. Bobby glaubte seinem Bruder, obwohl sein Vertrauen auf eine sehr harte Probe gestellt wurde.

 

Er kehrte mit dem Nachtdampfer nach Dover zurück und erreichte den Hafen beim Morgengrauen. Um zehn Uhr kam er unrasiert, müde und gereizt wieder in der Hauptstadt an. Er fuhr sofort nach Scotland Yard. Er hatte sich überlegt, daß er das eigentlich gleich hätte tun sollen. Er hatte Glück, denn er fand Polizeiinspektor Carslake in seinem Büro, mit dem er während des Krieges in Frankreich zwölf Monate lang in einem Nachrichtenbüro zusammengearbeitet hatte.

 

Bobby brachte sein Anliegen so kurz wie möglich vor, und der Inspektor hörte ihm mit außerordentlichem Interesse zu.

 

»Es ist merkwürdig, daß Sie gerade zu mir kommen. Ich führe nämlich die Untersuchung über alle Vergehen des Doppelgängers. Ich muß ohne weiteres zugeben, daß die Sache ganz nach ihm aussieht.«

 

»Gordon ist nicht leicht zu imitieren«, entgegnete Bobby, »obgleich ich ihm das sagte, um ihn zu warnen.«

 

»Für den Doppelgänger gibt es in dieser Beziehung keine Schwierigkeiten«, meinte Carslake. »Groß, klein, dünn oder dick, das ist diesem Spezialisten ganz gleich. Er hat bis jetzt noch keinen Nachfolger in diesem Fach gefunden. Haben Sie die Frau gesehen, diese Mrs. van Oynne?«

 

Bobby schüttelte den Kopf.

 

»Wissen Sie vielleicht ihre Wohnung?«

 

»Ich habe nicht die mindeste Ahnung.«

 

»Vor Montag wird er wohl nichts unternehmen«, sagte Carslake nachdenklich. »Der Doppelgänger arbeitet nur, wenn die Banken geöffnet sind. Aber wenn er tätig ist, dann regt er sich auch ordentlich. Vor der Schlauheit dieses Menschen nehme ich den Hut ab, er kann etwas.«

 

»Wer ist er denn eigentlich?«

 

»Er heißt Throgood und war früher Schauspieler. Ich glaube, er wurde den besten Künstlern in Amerika an die Seite gestellt. Er war ein Charakterdarsteller. Er selbst ist wahrscheinlich Engländer, seine Partnerin stammt aus Amerika oder Kanada und war früher eine Statistin am Theater. Vielleicht ist es noch dieselbe – sehr schlank, nicht allzu groß – goldblondes Haar und blaue Augen. Sieht Mrs. van Oynne so aus?«

 

»Soviel ich weiß, nicht.« Bobby begann wieder zu hoffen. »Vielleicht irre ich mich auch. Sind Sie Ihrer Sache ganz sicher?«

 

Carslake nickte.

 

Er werde am Montag nach dem Rechten sehen.

 

Bobby fuhr nach Hause. Er fühlte sich jetzt wohler als in den letzten vierundzwanzig Stunden.

 

Sein Diener hatte neue Nachricht für ihn.

 

»Miss Ford hat heute morgen schon angeläutet, Sir.«

 

»Was hat sie denn gesagt?« fragte Bobby. Er hielt den Rasierpinsel in der Hand.

 

»Sie fragte nur, ob Sie zu Hause seien.«

 

»Um wieviel Uhr hat sie denn angerufen?«

 

»Etwa um fünf.«

 

»Um fünf Uhr! Sie alter Ölgötze, warum haben Sie mir denn das nicht sofort gesagt?« Eingeseift wie er war, eilte er zum Telefon und ließ sich mit Diana verbinden.

 

»Bist du am Apparat, Bobby? Kannst du heute zu mir kommen?«

 

»Ich werde sofort erscheinen!«

 

»Das ist nicht nötig. Wenn du gelegentlich vorbeikommst, ist es gut. Aber sei nicht erstaunt, wenn du hier einen Herrn findest, von dem ich dir schon viel erzählt habe.«

 

»Doch nicht etwa Dempsi?« fragte er verwundert.

 

»Ja. Er ist für ein oder zwei Tage hier – ich werde dir alles erklären, wenn du kommst.«

 

Bobby pfiff leise vor sich hin.

 

Er nahm das Mittagessen in seinem Klub und machte am frühen Nachmittag seinen Besuch in Cheynel Gardens. Die Tür wurde ihm von einem merkwürdigen Hausmeister geöffnet.

 

Bobby schaute den Mann überrascht an. Dieser Diener mit den Ziehharmonikahosen und dem schlechtsitzenden Anzug hätte aus einer Burleske entsprungen sein können.

 

»Sie sind wohl der neue Butler?«

 

Der andere legte die Hand aufs Herz und verneigte sich. »Jawohl, Sir, mein Name ist Smith«, sagte er düster.

 

Er schielte und legte das Gesicht in Falten.

 

»Ich werde Sie aber trotzdem Superbus nennen – Sie können auch ruhig wieder natürlich dreinschauen.«

 

Mr. Superbus gehorchte enttäuscht.

 

»Woran haben Sie mich denn wiedererkannt? Hat Ihnen Miss Ford etwas erzählt?«

 

Bobby lächelte ironisch.

 

»Na, das war doch wirklich nicht schwer, Sie zu erkennen!«

 

»Das ist merkwürdig. Meine Frau sagt immer, daß sie mich auf der Straße nicht wiedererkennen würde, wenn ich mein Gesicht derartig verstelle.«

 

»Nun sagen Sie mir, Superbus, was ist denn hier los?«

 

Julius war unschuldig wie ein neugeborenes Kind. Mit einem Blumenkranz auf dem Kopf hätte er nicht dümmer aussehen können. Aber Bobby ließ sich nicht täuschen.

 

»Was sollte denn hier los sein?«

 

»Warum sind Sie denn in dem Haus und haben sich so merkwürdig ausstaffiert. Miss Ford weiß doch, wer Sie sind?«

 

Mr. Superbus schloß schnell die Tür und legte seinen Zeigefinger an den Mund.

 

»Pst!« sagte er geheimnisvoll.

 

Bobby wartete.

 

Julius ging auf Zehenspitzen in das Studierzimmer und winkte Bobby zu sich.

 

»Sie hat mich gerufen«, sagte er ernst. »Sie hat mich gebeten, bei ihr zu bleiben. Konnte ich ihr das abschlagen? Wenn die Sache gefährlich wird, dann bin ich dabei – ja, das ist meine Art!«

 

Bobby glaubte Dianas Gründe zu verstehen. Sie wollte wahrscheinlich einen Mann im Hause haben. Er entnahm daraus, daß nicht nur er Respekt vor dem Doppelgänger hatte.

 

»Oh, ich begreife. Eine vernünftige junge Dame!«

 

»Ja, mein Herr, sie ist sehr verständig. Ich wüßte nicht, was sie Besseres hätte tun können. In mir hat sie den rechten Mann gefunden!«

 

»Miss Ford war allein und hat Sie gebeten, hierherzukommen? Das freut mich.«

 

»Nun, sie war gerade nicht allein«, erklärte Mr. Superbus, dem es schwerfiel, seine Ehre als alleiniger Beschützer aufzugeben, »Onkel Artur ist natürlich auch noch da.«

 

Bobby traute seinen Ohren nicht.

 

»Onkel Artur? Wer ist denn Onkel Artur?«

 

Julius hatte schon die Absicht gehabt, bei der ersten Gelegenheit diese Frage auch an Bobby zu stellen.

 

»Ich kenne seinen Familiennamen nicht, er ist aber ein sehr übelgelaunter Herr mit allerhand verrückten Einfällen und …« er zeigte mit dem Finger auf die Stirn, aber Bobby verstand den Sinn dieser Geste nicht.

 

Von Dempsi hatte Bobby ja schon am Telefon erfahren.

 

»Und dann ist auch noch Tante Lizzie da«, fuhr Julius fort.

 

Bobby schwankte beinahe und stützte sich auf den Kamin. Er wußte nicht, ob er wache oder träume. Es kam ihm plötzlich alles unwirklich vor. Sicherlich würde Mr. Superbus gleich zwei Hasen und eine Schüssel mit Goldfischen aus seinem Zylinder hervorzaubern, und Diana würde mit einem gezierten Lächeln auf den Lippen als Balletteuse ins Zimmer schweben. Und dann würde er aus seinem Traum aufwachen.

 

»Geben Sie mir doch etwas zu trinken«, sagte er schwach. »Meine Hand zittert ein wenig.«

 

Der große Detektiv goß ihm stolz ein Glas ein.

 

»Sagten Sie nicht eben etwas von Tante Lizzie?« fragte Bobby, der inzwischen alle seine Verwandten im Geist hatte Revue passieren lassen, aber weder einen Onkel Artur noch eine Tante Lizzie unter ihnen entdeckt hatte.

 

»Jawohl, Sir, sie kam gestern nachmittag mit Onkel Artur. Sie ist eine sehr hübsche Dame. Aber die beiden vertragen sich nicht recht miteinander. Das ist ja weiter auch nicht verwunderlich. Es ist doch merkwürdig, daß sie einen so häßlichen Namen hat. – Lizzie klingt doch so gewöhnlich! Es gibt doch so schöne Namen wie Maud und Agnes. Wenn sie allerdings allein sind, dann nennt er sie Heloise.«

 

Das Zimmer schien sich plötzlich um Bobby zu drehen.

 

»Heloise! Heloise!« murmelte er. »Hat sie – hat sie dunkle rabenschwarze Haare?«

 

»Jawohl, mein Herr.«

 

»Und Augen, die bis auf den Grund Ihrer Seele blicken?«

 

Superbus mußte sich das erst überlegen.

 

»In meine Seele blickt sie nicht, aber es ist schon irgend etwas Besonderes an ihren Augen«, gestand er.

 

»Hat sie die süßeste Stimme der Welt?«

 

Mr. Superbus stutzte wieder. Stimmen waren für ihn eben Stimmen.

 

»Ich habe sie noch nicht singen oder viel sprechen hören. Sie flucht ein wenig auf Onkel Artur, und das ist eigentlich nicht recht das Betragen einer vornehmen Dame.«

 

Bobby unterbrach ihn. »Wo ist Onkel Artur?«

 

»Der putzt Silber.«

 

Bobby fuhr zurück.

 

»Was, der putzt Silber?« fragte er ganz verwirrt. »Wache oder träume ich? Wo sind denn die anderen Dienstboten?«

 

»Miss Ford hat sie vorläufig auf Urlaub geschickt. Ich bin hier beruflich tätig. Ich habe die Aufgabe, aufzupassen, daß Onkel Artur das Haus nicht verläßt.«

 

Bobby begann endlich Licht zu sehen. Wenn Heloise hier und Gordon nicht in Ostende war –! Und wenn Gordon hier war, dann war seine Sehnsucht nach Freiheit nicht nur verzeihlich, sondern auch vollkommen verständlich.

 

»Onkel Artur will wohl immer fortgehen?«

 

Julius wunderte sich, daß er überhaupt diese Frage stellte. Bobby mußte doch über seine Familienmitglieder Bescheid wissen. Aber auf der anderen Seite war es ja begreiflich, daß er diese dunklen Punkte gern verleugnen wollte.

 

»Er ist ein bißchen verdreht – Sie wissen doch, was ich meine? Er hat Wahnvorstellungen, Hallelujahzinationen, um einen hohen medizinischen Ausdruck zu gebrauchen. Er sieht Dinge und denkt, daß er jemand anders ist. Hunderte von solchen Fällen sind mir schon vorgekommen.«

 

»Aber wer hat ihm denn den Auftrag gegeben, das Silber zu putzen?«

 

»Miss Ford sagte, dann hätte er wenigstens eine Beschäftigung und käme nicht auf dumme Gedanken.«

 

In der Diele hörte man schwere Schritte.

 

»Das ist er. Sie brauchen sich aber nicht vor Onkel Artur zu fürchten, Sir. Er ist harmlos wie ein Kind.«

 

Im nächsten Augenblick trat Gordon ein, blieb aber sofort erschrocken stehen, als er Bobby sah. Er war in Hemdsärmeln, trug einen Staubwedel in der Hand und hatte eine große, weiße Schürze vorgebunden.

 

Bobby starrte ihn hilflos an.

 

»Um Gottes willen – das ist Onkel Artur?«

 

»Sie kennen ihn doch wieder, mein Herr?«

 

»Ja, ja, ich kenne ihn.«

 

Superbus ging auf Gordon zu.

 

»Brauchen Sie irgend etwas, Onkel Artur?« fragte er freundlich und klopfte ihm auf den Arm.

 

Mr. Selsbury war schon so gebrochen, daß er sich diese Vertraulichkeit ruhig gefallen ließ.

 

»Ja – nein«, sagte er heiser.

 

Julius schüttelte den Kopf.

 

»Er ist wirklich etwas schwachsinnig – er ist nicht recht klar im Kopf. Ich wundere mich nur, wie er zu einer Frau gekommen ist.«

 

Gordon besann sich auf sich selbst.

 

»Wo ist Tante Lizzie?« fragte er.

 

»In ihrem Zimmer, Onkel Artur. Sie liest Bücher.«

 

»Nennen Sie mich nicht Onkel – auf keinen Fall bin ich Ihr Onkel.«

 

»Nein, Sir«, gab Julius zu. »Ich habe überhaupt keinen Onkel, soviel ich weiß.« Plötzlich runzelte er die Stirn und sah Gordon so an, daß sogar Bobby eingeschüchtert wurde. »Mir kommt eben ein Gedanke«, sagte er langsam. »Ich möchte es fast Erleuchtung nennen. Ist denn das in Wirklichkeit Ihr Onkel Artur?«

 

Bobby horchte auf.

 

»Kennen Sie Onkel Artur ganz genau?« Mr. Superbus war von seiner neuen Idee ganz besessen. »Wenn nun der Doppelgänger hierhergekommen wäre und sich als Onkel Artur ausgegeben hätte!«

 

Bobby schaute seinen Bruder an. Gordon gab ihm ein Zeichen und schüttelte den Kopf. Er wollte also aus irgendeinem, Bobby nicht verständlichen Grund seine Rolle als Onkel weiterspielen.

 

»Aber ja«, sagte Bobby atemlos, »das ist Onkel Artur!« Julius ließ sich aber nicht so leicht überzeugen.

 

»Sind Sie Ihrer Sache auch ganz sicher?« fragte er noch immer zweifelnd.

 

»O ja, das ist Onkel Artur, daran ist kein Zweifel. Ich habe ihn sofort wiedererkannt.«

 

Kein Mann opfert leicht seine genialen Gedanken – und auch Julius war doch nur ein Mensch.

 

»Nun«, sagte er etwas verletzt. »Der Doppelgänger ist sehr schlau, der könnte Onkel Artur leicht nachahmen!«

 

»Das ist doch Unsinn«, erwiderte Bobby böse. »Onkel Artur könnte er nicht nachmachen.«

 

»Da kennen Sie den Mann schlecht!« murmelte Superbus beleidigt.

 

Bobby dachte schnell nach. Er mußte mit Gordon allein sein.

 

»Ich möchte meinen Onkel einmal unter vier Augen sprechen. Es handelt sich um eine Familienangelegenheit. Es wäre ganz gut, wenn Sie uns einmal einen Augenblick allein ließen.«

 

Julius wußte nicht, was er tun sollte.

 

»Lassen Sie ihn aber bloß nicht entwischen«, warnte er. »Er ist so schlau und hinterlistig wie ein Affe. Sie sollten nur einmal hören, welchen Trick er uns in der vorigen Nacht gespielt hat!«

 

»Nein, ich lasse ihn nicht entwischen.« Bobby war auch bereit, das Versprechen zu geben, seinen Bruder zum Schafott zu führen.

 

Mr. Superbus zögerte aber immer noch. Diana war ausgegangen und hatte ihm Instruktionen erteilt, die er bis auf den Buchstaben genau auszuführen hatte. Und Julius war in solchen Dingen ein Kleinigkeitskrämer.

 

»Lassen Sie ihn auch ja nicht telefonieren!«

 

Bobby versprach auch das, und Julius ging langsam hinaus.

 

»Wenn er Ihnen Schwierigkeiten macht, bin ich in der Nähe«, sagte er in der Tür noch. »Also, Onkel Artur, machen Sie keine dummen Streiche!«

 

Bobby ging leise zur Tür und lauschte. Er wartete erst einige Sekunden, dann riß er sie plötzlich auf. Julius bückte sich nach seinen Schuhriemen. Ein mit wenig Phantasie begabter Mann hätte sicher vermutet, daß er gehorcht hatte.

 

»Haben Sie mich nötig?« fragte er, ohne im mindesten verblüfft zu sein.

 

»Nein«, sagte Bobby so eindringlich und nachdrücklich, daß Mr. Superbus ihn nicht mißverstehen konnte. Die Tür wurde wieder geschlossen.

 

»Aber Gordon, was in aller Welt –?«

 

Gordon hob verzweifelt die Arme.

 

»Bobby, ich bin in einer unglaublichen Lage«, stöhnte er ganz verzweifelt.

 

»Was ist denn geschehen? Was soll das alles bedeuten?« fragte Bobby verwirrt. »Warum hast du dich denn nicht früher mit mir in Verbindung gesetzt?«

 

Gordon machte eine abwehrende Handbewegung.

 

»Ich habe ja dauernd versucht, dich anzutelefonieren, aber ich konnte dich nicht bekommen. Und später hat mich dieser verfluchte Teufel bewacht, so daß ich den Apparat nicht mehr anrühren konnte. Bobby, ist es eigentlich ein Verbrechen, wenn man einen Amateurdetektiv totschlägt? Ich habe es vergessen –«

 

»Aber was ist denn eigentlich passiert?«

 

Gordon ging erst einige Minuten im Raum auf und ab, um sich zu sammeln. Er war so aufgeregt, daß er seine Stimme nicht beherrschte. Die Erleichterung, die ihm Bobbys Erscheinen brachte, hatte diese unvermeidliche Reaktion hervorgerufen. Aber allmählich wurde er ruhiger.

 

»Als ich damals zum Bahnhof ging, um – nun du weißt schon – sie zu treffen –«

 

»Heloise?«

 

Gordon seufzte schmerzlich auf. Er wollte überhaupt nichts mehr von Heloise hören. Schon die Erwähnung ihres Namens verursachte ihm Pein.

 

»Ich fand sie in einer schrecklichen Verfassung. Sie war außer sich vor Furcht und Entsetzen. Du kannst dir vielleicht meine Gefühle vorstellen, als sie mir mitteilte, daß ihr Mann draußen vor den Schaltern warte, um mich umzubringen. Sie wollte mich bestimmen, nach Ostende zu fahren und dort auf sie zu warten. Aber ich fuhr nicht ab, sondern ging zu dem Hotel zurück, um meinen Anzug wieder zu wechseln. Der Hausdiener, der meinen Koffer in dem Gepäckraum des Bahnhofs abgegeben hatte, war aber inzwischen abgelöst worden. Dann bin ich nach Hause gefahren – sie muß mir gefolgt sein.«

 

»Heloise?«

 

»Sprich, bitte, ihren Namen nicht mehr aus!«

 

»Dann ist sie also hier im Hause?« fragte Bobby entsetzt. »Ist sie etwa Tante Lizzie?«

 

»Ja, sie ist Tante Lizzie! O Bobby, konnte überhaupt etwas Schrecklicheres passieren? Was soll ich nun machen? Ich kann nicht einmal das Haus verlassen!«

 

»Aber warum denn nicht?«

 

Gordon war zu nervös, er vertrug dieses Kreuzverhör nicht mehr. Er hatte gehofft, daß Bobby, der doch großzügig war, die Situation sofort erfassen würde, ohne viel Fragen zu stellen.

 

»Das kann ich wirklich nicht verstehen. Du brauchst doch Diana nur zu erklären –«

 

Gordon lachte bitter auf.

 

»Ich habe dir ja noch nicht das Schlimmste erzählt. Diana fand mich hier und beschuldigte mich, daß ich der Doppelgänger sei. Ich war wie vom Donner gerührt. Die Idee war so grotesk, daß ich überhaupt nicht mehr antworten konnte. Denke dir, es käme plötzlich jemand auf der Straße auf dich zu und machte dir den Vorwurf, daß du ein Mörder seist. Was würdest du dann sagen? Ich habe nicht die Gabe, mich mit einem Witz über solche Dinge hinwegzusetzen. Ich wäre vielleicht noch aus dieser unglücklichen Lage herausgekommen, wenn nicht dieses verteufelte Frauenzimmer erschienen wäre und sich mir an den Hals geworfen hätte. In einer Beziehung war es ja gerechtfertigt, denn Diana bedrohte sie mit der Pistole. Das kann keine Frau ertragen. Was sollte ich nun machen – ich war in einem furchtbaren Dilemma! Ich stand vor der Alternative, entweder zuzugeben, ich sei der Doppelgänger, oder die Wahrheit zu gestehen. Und das wäre gleichbedeutend mit einem Geständnis gewesen, daß ich mich in eine gewöhnliche Affäre mit Heloise eingelassen habe.«

 

Dieser Grund schien Bobby sehr zu überzeugen.

 

»Wer hat sie denn Tante Lizzie genannt?«

 

»Diana! Dieses Mädchen bringt mich noch vollständig um den Verstand! Warum kam sie denn überhaupt aus Australien, um mir das Leben zu vergiften? Sie ist schrecklich, sie poussiert hier unter meinen Augen mit Dempsi herum! Und das ist erst ein Bursche! Außerdem behauptet sie, daß sie Witwe sei! Ich weiß nicht, wessen Witwe, aber manchmal kommt mir der Gedanke, daß sie tatsächlich meine Witwe ist. Und dann sagt sie Dinge über mich, die allein schon genügten, mich vor Ärger ins Grab zu bringen!«

 

Bobby war ernst und nachdenklich. Eine so unglaubliche Situation war ihm in seinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen.

 

»Es ist verflucht unangenehm, mein Freund.«

 

Gordon hatte etwas ganz anderes von seinem Bruder erwartet als ein »verflucht unangenehm«. Er war sehr enttäuscht.

 

»Du mußt mir helfen, daß ich hier herauskomme«, sagte er ungeduldig. »Und vor allen Dingen müssen wir Dempsi hinauswerfen. Der Kerl wollte heute nachmittag Diana heiraten! Er sagte, daß er eine Kirche wisse, in der besonders am Sonntagnachmittag Trauungen abgehalten werden. Der Geistliche war schon zweimal da! Dempsi, dieser Zigeuner, hat einen besonderen Erlaubnisschein in der Tasche. Ich werde noch zu einer Wahnsinnstat hingerissen! Wenn das so weitergeht, schieße ich die beiden über den Haufen!«

 

Bobby sah ihn neugierig an. Gordons Hauptärger schien sich gegen Dempsi zu richten, der das Verbrechen begangen hatte, Diana heiraten zu wollen, was Bobby als ein ganz begreiflicher Ehrgeiz erschien.

 

»Ich würde sie nicht erschießen!« sagte Bobby langsam. »Du würdest dich für dein ganzes Leben damit ruinieren! Nebenbei bemerkt, geht dich das doch gar nichts an. Sie sind doch von früher her alte Freunde, obendrein waren sie ein Liebespaar –«

 

»Willst du mich auch noch verrückt machen?« brüllte Gordon. »Ein Liebespaar! Das sind sie niemals gewesen! Am allerwenigsten hätte ich von Diana erwartet, daß sie sich so beträgt, daß sie ihn obendrein noch ermutigt! Ich kann es gar nicht anders nennen – Diana, die ich für eine Seele von Zurückhaltung hielt.«

 

Bobby interessierte sich nicht sehr für Dianas Seele.

 

»Das muß ja ein Schrecken für dich gewesen sein. Was sagt denn nun eigentlich Tante Lizzie zu der ganzen Sache?«

 

Gordon war so erbittert, daß er nicht mehr ruhig und höflich sprechen konnte.

 

»Kommt es überhaupt darauf an, was die sagt? Bobby, weißt du, was Diana zu tun versuchte? Sie wollte uns dasselbe kleine Schlafzimmer geben, irgendeine Dienstbotenkammer unter dem Dach! Sie behauptet, Heloise sei meine Komplicin … das ist gar nicht zum Lachen!«

 

Bobby krümmte sich in seinem Stuhl.

 

»Diana behandelt mich wie einen Hund!«

 

Bobby betrachtete seinen Bruder kritisch.

 

»Na, du siehst auch ein bißchen wie ein Hund aus – in diesem Aufzug! Wo hast du denn den Anzug her? Deswegen hättest du allein fünf Jahre Zuchthaus verdient!«

 

»Bobby, du mußt mir jetzt helfen. Ich muß hier aus dem Hause fort. Ich kann dann ins Hotel gehen und meinen Koffer wieder holen, oder ich kann auch nach Schottland reisen, dann bin ich gerettet. Aber ich habe kein Geld. Sie hat mir mit erhobener Pistole all meine Sachen abgenommen, die ich in den Taschen hatte. Sie ist die energischste Frau, die ich jemals getroffen habe. Sie behauptete, ich wolle den Geldschrank berauben, und durchsuchte mich nach Nachschlüsseln!«

 

Bobby nahm seine Brieftasche heraus. Die Reise nach Ostende hatte fast sein ganzes bares Geld verzehrt – und heute war Sonntag.

 

»Ich fürchte, daß ich nicht genügend Geld bei mir habe. Ich könnte zwar einen Scheck für zehn Pfund in meinem Klub unterbringen –«

 

»Eine solche Summe hilft mir nicht«, unterbrach ihn Gordon. »Aber du kannst mir einen ganz einfachen Dienst erweisen, der mich aus dieser fürchterlichen Zwangslage befreit. Wenn Diana kommt –«

 

Bobby dachte auch, es ließe sich dann alles leicht aufklären.

 

»Gewiß, wenn sie kommt, werde ich ihr natürlich sagen, daß du der richtige Gordon Selsbury bist.«

 

Gordon sprang erregt auf.

 

»Willst du mich denn vollständig ruinieren?« rief er wild. »Du willst ihr obendrein noch sagen, daß ich der richtige Gordon Selsbury bin? Das habe ich ihr doch selbst schon oft genug gesagt. Aber schließlich habe ich es aufgegeben, als ich an Heloise dachte. Wie soll ich ihr denn das erklären?«

 

Das war der Kernpunkt der ganzen Frage und die große Schwierigkeit. Auch Bobby wußte hier keinen Rat. Alles, was ihm einfiel, war so wenig brauchbar, daß er es sofort ohne nähere Prüfung wieder verwarf.

 

»Ich hatte nicht mehr an Tante Lizzie gedacht«, sagte er.

 

»Siehst du nicht, daß es unmöglich geht? Aber ich kann einen viel besseren Vorschlag machen als du. Ich kann entkommen, wenn dieser alte herumschnüffelnde Esel nicht auf dem Posten ist, und das ist ja oft genug der Fall. Diana muß morgen sehr früh zu ihrer Bank gehen. Das ist die günstigste Gelegenheit für mich, aber ich muß etwas Geld haben. Ich brauche es, bevor die Banken aufgemacht werden, also kannst du mir wahrscheinlich nicht dabei helfen. Aber du kannst folgendes für mich tun: Überrede Diana, dir den Schlüssel zu dem Geldschrank zu übergeben. Sie hat außer der Buchstabeneinstellung auch das andere Schloß gesichert. Nimm den Schlüssel und gib ihn mir bei der ersten besten Gelegenheit.«

 

Bobby sah ihn auf einmal scharf an – Bobby pfiff.

 

»Den Schlüssel zum Geldschrank? Donnerwetter!« Seine Augen traten hervor, und er biß sich auf die Lippen.

 

»Was hast du denn?« fragte Gordon und wurde plötzlich ganz mutlos.

 

»Sie Halunke!«

 

Gordon wich zurück, als ob er einen Schlag bekommen hätte.

 

»Was meinst du?« fragte er atemlos. Aber die Bedeutung von Bobbys Worten und Blicken war nicht mißzuverstehen.

 

Bobbys Haltung änderte sich jetzt vollkommen. Die Freundlichkeit verschwand aus seiner Stimme und das Mitgefühl aus seinen Zügen. Seine Augen sprühten nur noch Verachtung und Vernichtung.

 

»Sie sind der Doppelgänger!« rief er. »Daß ich mich so täuschen lassen konnte! Sie sind geschickt, mein Lieber, verteufelt geschickt! Carslake erzählte mir von Ihrer Schlauheit, und ich Narr glaubte, er übertriebe! Sie sind der Doppelgänger! Mein Bruder trug einen Backenbart! Wo haben Sie denn den gelassen? Ihr Aussehen erschien mir gleich etwas sonderbar, als ich Sie sah. Und wenn ich es jetzt bedenke – diese verrückte Geschichte von Tante Lizzie würden Sie auch erzählt haben, wenn Sie entdeckt worden wären! Bravo, kleine Diana!«

 

Gordon wurde purpurrot und gestikulierte wild.

 

»Ich schwöre dir –«

 

Bobby schüttelte den Kopf.

 

»Ist gar nicht notwendig, mein Freund. Ich durchschaue den ganzen Plan. Natürlich! Sie und ihre Komplicin holten meinen unglücklichen Bruder aus, der nach Paris oder sonstwohin gefahren ist, wo man ihn nicht erreichen kann. Sie brachten heraus, daß ich von der Ostender Reise wußte, und änderten Ihre Pläne. Gordon ging nach Paris – wie ich fürchte –«

 

»Allein?«

 

Gordon übte sich in Selbstbeherrschung. Allein? Das war eine schwierige Frage für Bobby.

 

»Daran dachte ich nicht. Aber es ist kein Grund, warum Ihre originelle Geschichte nicht wahr sein sollte. Der Ehemann erscheint, die Dame bittet ihr Opfer zu fahren, sie will nachkommen. So ist es!«

 

»Ich sage dir –«

 

»Nein, nein, mein Lieber, das nützt alles nichts. Meine Kusine, Miss Ford, die Sie so geschickt gefangen hat, muß einen ganz speziellen Grund haben, Sie nicht der Polizei zu übergeben. Wäre ich an ihrer Stelle gewesen, so hätte ich das zweifellos sofort getan. Aber sie hat sicher die richtige Maßnahme ergriffen, und ich will sie nicht in ihren Plänen stören. Den Schlüssel zum Geldschrank, teurer Freund? Beinahe wäre ich doch in Ihre Falle gegangen, auf mein Wort. Gehen Sie jetzt wieder an Ihre Pflicht, und danken Sie den Göttern, daß Sie noch nicht im Gefängnis sitzen!«

 

Gordon machte sich an die Arbeit. Aber erst wischte er sich mit dem nicht ganz sauberen Staubtuch den Schweiß von der Stirn. Das Resultat war erschreckend.

 

»Bobby!« stöhnte er.

 

Sein Bruder wandte sich um.

 

»Soll ich Ihnen vielleicht einen kleinen Antrieb geben?«

 

Gordon wünschte das offenbar nicht, denn er begann gleichgültig die Lehne eines Stuhles abzustauben.

 

Bobby öffnete die Tür und fand Mr. Superbus auf der obersten Treppenstufe sitzen. Er manikürte sich mit einem Taschenmesser.

 

»Hat er Ihnen Schwierigkeiten gemacht?« fragte er eifrig und schien sichtlich enttäuscht, als Bobby den Kopf schüttelte.

 

»Nicht die geringsten.« Er ging in das Zimmer zurück.

 

»Gehe jetzt fort, Onkel Artur!«

 

»Versuchte er zu entwischen?« fragte der interessierte Wächter.

 

Bobby lachte wieder, und Gordon hätte gern gewußt, wo Diana ihre kleine Pistole verwahrte.

 

»Ob er zu entwischen versuchte? Ich darf wohl sagen, daß er das tat! Sehen Sie nach ihm, Mr. Superbus. Ihren fähigen Händen ist ein besonders schlauer und geschickter Mann anvertraut.«

 

Mr. Superbus schüttelte besorgt den Kopf und bemerkte vorwurfsvoll:

 

»Sie sind ein nichtsnutziger alter Onkel Artur, jawohl, ich bin sehr verwundert über Sie.«

 

Gordon sammelte seine Staubtücher und Wedel und schwankte aus dem Zimmer. Er hatte keine Hoffnung mehr.

 

»Ja, ich bin ein nichtsnutziger, alter Onkel«, stöhnte er. »Ein nichtsnutziger, alter Onkel!«

 

Kapitel 22

 

22

 

»Bobby!«

 

Diana kam mit ausgestreckten Händen auf ihn zu. Hinter ihr sah er einen Fremden in der Diele.

 

»Hallo, meine Liebe! Ich komme hoffentlich gelegen?«

 

Mr. Dempsi wurde jetzt sichtbar. Sein schwarzer Sombrero gab ihm ein düsteres Aussehen. Seine Stimme klang leidenschaftlich, und seine Haltung war drohend.

 

»Meine Liebe?« fragte er. »Wer nennt dich hier ›Meine Liebe‹? Was bedeutet dir dieser Mann, Diana?«

 

»Mein lieber Dempsi«, sagte sie müde, »dieser Herr –« Aber er warf wütend seinen Hut auf den Boden und schleuderte seinen Mantel in weitem Bogen von sich fort. Bobby erwartete, einen Gürtel mit Messern und Pistolen zu sehen – aber es kam nur eine getüpfelte Weste zum Vorschein.

 

»Das werde ich nicht dulden«, rief er stürmisch. »Hören Sie, mein Herr? Sie nannten diese Dame ›Meine Liebe‹? Erklären Sie mir das!«

 

Diana ersparte Bobby die Mühe.

 

»Dies ist Mr. Selsbury, mein Vetter.« Sie sprach mit einer gefährlichen Ruhe. Anscheinend kannte Mr. Dempsi dieses Anzeichen.

 

»Ach, dein Vetter! Ich sehe es an der Ähnlichkeit! Dieselben schönen Augen, derselbe feste, aber freundliche Mund, die schlanke Gestalt, die reizenden Hände –«

 

Bobby war ärgerlich.

 

»Ich danke Ihnen sehr. Wenn Sie mit der Beschreibung meiner Gestalt und ihrer besonderen Vorzüge fertig sind, haben Sie vielleicht die Güte, mir zu sagen, wer Sie sind?« Dieser Mann war ihm nicht sympathisch, und er teilte sofort Gordons Abneigung gegen ihn.

 

»Das ist Mr. Dempsi«, sagte Diana. »Ich habe schon von ihm erzählt.«

 

Sie sah ihn so bittend an, daß Bobby nicht widerstehen konnte. Er gab sich also den Anschein, als ob er äußerst glücklich wäre, Mr. Dempsi kennenzulernen. Aber trotz größter Anstrengung mißglückte dieser Versuch doch vollständig.

 

»Würdest du nicht deinen Anzug wechseln, Wopsy – ich meine, oben auf deinem Zimmer?« fragte sie.

 

Dempsi küßte ihr die Hand.

 

»Mein angebeteter Liebling – ich gehe! Dein leisester Wunsch ist mir oberstes Gesetz! Mein Herr – Vetter Bobby – entschuldigen Sie mich.«

 

Bobby zwang sich zu einem freundlichen Lächeln. Dempsi dachte, es wäre ihm schlecht.

 

Er stieg singend die Treppe hinauf. Er sang »Donna e mobile« glücklich und falsch, als ob seine Kehle gegen seine Freude an dem Wankelmut der Frauen rebellierte.

 

»Das klingt ja so, als ob man einer Katze auf den Schwanz tritt«, sagte Bobby ganz entsetzt. »Und das ist deine erste Liebe?«

 

Sie nickte.

 

»Herrgott, was kann der Kerl nur alles zusammenfaseln! Ich werde verrückt werden!«

 

»Er ist auf jeden Mann eifersüchtig, der mich anschaut! Er hat sich vollkommen verändert. Sechs Jahre sind aber auch eine lange Zeit. Ich dachte, er könne sich höchstens bessern, denn er war sehr jung. Aber er ist bedeutend schlimmer geworden. Er scheint in schlechte Gesellschaft geraten zu sein, er hat schreckliche Manieren angenommen. Im Ritz-Carlton-Hotel wollte er den Kellner umbringen, weil er ein hübscher Mensch war und Sinn für Humor hatte. Er lächelte, als ich einen kleinen Scherz machte. Aber Bobby – der Doppelgänger!« Sie sah, daß Bobby schon im Bilde war, und seufzte erleichtert auf. Bobby war ihr schon immer als ein starker und tapferer Mann erschienen.

 

»Ja, der ist auch hier«, sagte er.

 

»Hast du ihn gesehen? Gott sei Dank! Er sieht Gordon wirklich zum Verwechseln ähnlich. Wie er das fertiggebracht hat, ist mir ein Rätsel. Ich habe schon versucht, sein Geheimnis zu entdecken. Aber immerhin ist er sehr nützlich im Hause, schon das verrät ihn. Gordon lebte in den Wolken, für ihn gab es keine Wäscherechnungen und keine elektrischen Staubsauger. Aber dieser Doppelgänger kam mir gerade gelegen, daß ich ihn für Onkel Artur ausgeben konnte. Natürlich habe ich keinen solchen Onkel. Noch viel besser war es, daß er gleich eine Tante mitbrachte –«

 

»Das ist doch ein verwegener Schuft!« rief Bobby erbost. »Ich hätte mich doch beinahe von ihm täuschen lassen. Ich unterhielt mich zehn Minuten lang mit ihm über seine Sorgen. Er hat Gordon fabelhaft genau studiert, sowohl was sein äußeres Auftreten als auch seine innere Einstellung betrifft. Er macht gar keine Fehler. Er nannte mich gleich Bobby, sobald er mich sah.«

 

»Und mich Diana. Aber mich konnte er nicht einen Augenblick täuschen«, sagte sie und warf sich in den großen Lehnsessel Gordons. »Diesen Morgen habe ich ihn dabei erwischt, wie er sich in Gordons Ankleidezimmer schleichen wollte. Man muß ihn Tag und Nacht bewachen, und natürlich hat er immer einen triftigen Entschuldigungsgrund für alles, was er anstellt. Heute morgen sagte er, er müsse sich umziehen!«

 

Bobby dachte, daß der Wunsch, einen derartig auffallenden Anzug zu wechseln, sogar in diesem Falle verständlich wäre. Aber welche Kühnheit dieser Mann besaß! »Ein solcher Schuft! Ich wünschte, ich wäre nicht nach Ostende gereist!«

 

Jetzt fiel ihr erst ein, daß sie noch gar nicht gefragt hatte, warum er fortgefahren war. Aber das konnte sie später auch noch erfahren.

 

»Ich mußte alles sofort arrangieren«, sagte sie, als sie sich wieder an die aufregenden Szenen erinnerte, die sich am Sonnabend abgespielt hatten. »Glücklicherweise war mir die Telefonnummer von Mr. Superbus bekannt. Dann mußte ich eine Geschichte erfinden, nicht nur eine, ich mußte dauernd lügen. Am besten war es ja, daß ich sagte, Onkel Artur sei nicht ganz richtig im Kopf. Zum Glück mag er Dempsi gut leiden.«

 

»Wer?« fragte Bobby verwundert. »Doch nicht etwa Onkel Artur? Er sagte mir, daß er ihn von Grund seiner Seele aus haßte, aber das tat er natürlich in seiner Rolle als Gordon.«

 

»Nein, ich meine Superbus. Er hat gleich zu ihm gehalten – es war ganz merkwürdig, wie sich die beiden verstanden. Dempsi ist der Ansicht, daß sowohl Mr. Superbus als auch er Abkömmlinge von Julius Cäsar sind. Er ist den ganzen Morgen in der Bibliothek gewesen und hat nach ›Cäsars Leben‹ gesucht.«

 

»Wie hat sich denn eigentlich der Doppelgänger dazu gestellt, daß du ihn so behandelst? Was sagte er dazu, als du entdecktest, daß er ein Schwindler ist?«

 

»Das war das Überraschendste von allem. Er wurde so zahm wie ein Lamm. Ich habe noch niemals gesehen, daß sich ein Mann so schnell den Umständen anpaßte.«

 

»Und die Tante?«

 

Diana zuckte die Schultern.

 

»Die war allerdings ziemlich schwierig. Das ist ja auch erklärlich, da sie eine Frau ist. Jetzt ist sie aber ruhig geworden. Ich habe sie Tante Lizzie genannt, um einen Skandal zu vermeiden. Aber denke dir – die beiden sind nicht einmal verheiratet!«

 

Bobby bemühte sich krampfhaft, überrascht auszusehen.

 

»Sie sind nicht verheiratet?«

 

Diana schüttelte mißbilligend den Kopf.

 

»Ist das nicht schrecklich? Weder verheiratet noch verlobt! Nebenbei scheint sie ihn ziemlich unter dem Pantoffel zu haben. Sie tut das in der Art einer Frau, die nichts zu verlieren hat. Aber eins habe ich mir fest vorgenommen, ich habe es mir gestern abend überlegt, bevor ich zu Bett ging. Er muß sie heiraten, bevor er dieses Haus verläßt! Er hat sie doch hoffnungslos kompromittiert. Dieses Abenteuer soll wenigstens ein gutes Resultat haben!«

 

Bobby war nicht gerade sehr begeistert davon.

 

»Ich würde mich an deiner Stelle in solche Dinge nicht einmischen«, meinte er. Aber seine Worte machten keinen Eindruck auf sie.

 

Gordon Selsbury trat in diesem Augenblick unbemerkt ins Zimmer. Er hatte einen Staubbesen und eine Schaufel in der Hand und stand eine Weile unentschlossen da.

 

»Hast du eigentlich Nachricht von Gordon?«

 

Ihr Gesicht hellte sich plötzlich auf.

 

»Ich habe die liebenswürdigsten Telegramme von ihm bekommen. Er ist wirklich sehr aufmerksam. Fast von jeder Station aus hat er telegrafiert.«

 

Bobby hustete.

 

»Ich dachte mir, daß er es tun würde.«

 

Sie griff nach ihrer Handtasche und zog ein zusammengefaltetes Papier aus der Tasche.

 

»Hier ist das letzte, aus Crewe. Es kam erst heute morgen um zehn Uhr: ›Habe eine glänzende Reise. Hoffe, daß alles gutgeht. Gordon.‹«

 

Bobby richtete sich auf.

 

»Das ist doch wirklich zu schlimm! Ich meine, daß es so spät gebracht wurde – ich würde mich bei der Post beschweren.«

 

Gordon kam jetzt näher, und Diana sah ihn. Aber sie nahm ebensowenig Notiz von ihm wie von den Möbeln.

 

»Wenn er nur noch eine Woche länger ausbleiben würde«, seufzte sie.

 

Das war die günstige Gelegenheit, auf die Bobby gewartet hatte.

 

»Weißt du, Gordon ist kein schlechter Kerl. Zuerst hat man den Eindruck, daß er ein schrecklicher Strauchdieb ist. Seine Manieren sind ja geradezu auch nicht die besten, das gebe ich gern zu. Er ist etwas selbstgefällig, aber die Intellektuellen haben alle diesen Zug, obgleich ich niemals verstanden habe, warum.«

 

Sie schüttelte den Kopf. Anscheinend hatte sie selbst schon genügend Entschuldigungsgründe für Gordon gefunden, so daß es anscheinend unnötig war, ihn noch besonders in Schutz zu nehmen.

 

»Selbstgefällig? Viele Menschen sind das doch – glaubst du nicht? Ich würde ihn nicht selbstgefällig nennen, ich würde eher sagen, er ist zu sehr von sich überzeugt – das ist alles.«

 

Gordons Hände zitterten.

 

»Du hast wahrscheinlich recht«, sagte Bobby nachdenklich. »Gordon wurde als Kind sehr verwöhnt und hat immer seinen Willen bekommen. Infolgedessen ist er ein wenig hochnäsig geworden.«

 

»Und auch ein bißchen pharisäisch, nicht wahr? Ich möchte damit nichts Unfreundliches gegen ihn sagen, wirklich nicht. Aber wir können uns doch einmal ruhig über ihn aussprechen.«

 

Gordon erhob sich halb von seinen Knien. Seine Lippen zuckten, sein Gesicht war bleich.

 

»Ich bin ganz deiner Ansicht. Gordon hat seine Schwächen.« »Das sind die Fehler des Alters. Er gehört zu den Männern, die schon fünfundvierzig sind, wenn sie auf die Welt kommen. Aber Gott sei Dank machte er keine dummen Streiche!« fügte sie befriedigt hinzu.

 

»Sei nicht zu vertrauensselig«, warnte Bobby sie väterlich.

 

»Dieser Verräter!« sagte Gordon wild, aber doch so leise, daß es die anderen nicht verstanden.

 

»Auch die besten Männer machen Fehler«, fuhr Bobby fort. »Seine Unerfahrenheit ist ein großer Nachteil für ihn. Ich kann mir ganz gut vorstellen, daß eine Frau ihn um den Finger wickeln kann, wenn sie ihn richtig zu behandeln versteht.«

 

Diana hatte ihre eigene Anschauung darüber.

 

»Wenn ich mit ihm verheiratet wäre, würde ich ihm unter allen Umständen trauen«, sagte sie ernst. »Er ist wirklich ein durch und durch ehrenhafter Charakter. Was man auch immer von ihm sagen mag, man muß jedenfalls zugeben, daß er niemals Seitensprünge macht. Er würde nie gemein oder unehrenhaft handeln. Er würde sich auch nie in geheime Liebesabenteuer einlassen.«

 

Bobby fühlte sich unbehaglich. Er war von Natur aus offen und ehrlich und hatte gewisse Grundsätze, die er unter keinen Umständen verleugnen wollte, selbst wenn es sich darum handelte, Gordon in Schutz zu nehmen.

 

»N – ein, vielleicht würde er das nicht tun.«

 

Diana lächelte verächtlich.

 

»Vielleicht nicht! Du weißt ganz genau, Bobby, daß er es nicht tut! Gordon haßt alles Gemeine und Obskure. Kannst du dir etwa vorstellen, daß er ein heimliches Verhältnis mit einer Frau wie Tante Lizzie unterhalten würde? Das ist doch ganz absurd! Oder glaubst du, daß er mir fremde Frauen ins Haus bringen und nachher abstreiten würde, daß er sie überhaupt kennt, wenn er entdeckt wird? Das ist ganz ausgeschlossen!«

 

»Ich glaube nicht, daß es richtig ist, irgendeinem Mann absolut zu vertrauen«, sagte Bobby bestimmt. »Kein Mann ist ein solches Vertrauen wert.«

 

Sie lachte.

 

»Du bist ein zynischer Junggeselle!«

 

Gordon konnte nicht länger an sich halten.

 

»Das habe ich auch immer gesagt«, rief er entrüstet. »Ich kann mir keinen unmoralischeren Standpunkt denken –«

 

Unter Dianas vernichtendem Blick verstummte er sofort wieder.

 

»Sie wagen es, uns zu unterbrechen?« fragte sie.

 

»Ich – ich –«

 

Bobby schnitt ihm das Wort ab.

 

»Lieber Freund, lassen Sie sich gut von mir raten und versuchen Sie nicht, eine andere Rolle zu spielen als Ihnen zukommt.«

 

Gordon war wütend. Er warf Besen und Schaufel beiseite und sprang auf.

 

»Es ist mir alles gleich – ich werde jetzt die Wahrheit sagen«, rief er verbissen. »Trotz allem, was sich schon ereignet hat, ich bin Gordon Selsbury!«

 

Er schaute sich um: Superbus stand in der Tür und hatte ein gelbes Telegrammformular in der Hand. Es hatte keinen Zweck. Gordon kniete wieder nieder und griff nach dem Besen, er war vollkommen geschlagen.

 

»Ein Telegramm für Sie, Madam.«

 

Sie nahm es ihm aus der Hand und öffnete es.

 

»Siehst du, Bobby, er denkt an mich! ›Aberdeen. Hatte eine sehr gute Reise. Freue mich schon auf meine Rückkehr. Gordon.‹«

 

Bobby wand sich.

 

»Ein schrecklicher Kerl!«

 

Sie sah ihn stirnrunzelnd an.

 

»Eine schreckliche Reise – meinte ich natürlich«, verbesserte sich Bobby.

 

Sie nickte langsam und nachdenklich.

 

»Ich beginne eigentlich, Gordon jetzt ganz anders zu betrachten.«

 

Der Mann mit Besen und Schaufel hielt plötzlich in der Arbeit inne und hörte gespannt zu. Einen Augenblick lang erinnerte sich Diana an seine Gegenwart.

 

»Nun, worauf warten Sie denn?« fragte sie kühl.

 

»Auf nichts – auf nichts«, erwiderte Gordon verzweifelt und bückte sich wieder.

 

»Wo ist denn Ihre Komplicin?« fragte Diana.

 

Gordon wandte sich um.

 

»Sie liest ein Buch: ›Wie kann man glücklich und doch verheiratet sein?‹« sagte er zynisch. An diesem Mann war wirklich Hopfen und Malz verloren.

 

»Was willst du denn aber mit diesem verrückten Dempsi anfangen?« fragte Bobby. Er beugte sich vor und sprach leise.

 

»Ich weiß es auch noch nicht. Diesmal kann ich nicht wieder darauf rechnen, daß er in den Busch läuft. Nun –?«

 

Mr. Superbus war wieder in der Tür erschienen. Sie konnte es nicht leiden, daß er immer die Hand aufs Herz legte, bevor er sich verneigte.

 

»Der Geistliche ist wieder gekommen«, flüsterte er heiser, »es ist der Vikar von Banhurst.«

 

Mr. Superbus hatte eine große Ehrfurcht vor Vertretern der Kirche, und der Vikar von Banhurst war für ihn eine Respektsperson hohen Ranges. Aber Diana sah in ihm nur den Mann, der sie verheiraten und ihrer Freiheit berauben wollte. Sie war sehr bestürzt über sein Erscheinen.

 

»Sagen Sie ihm, daß ich krank bin, sagen Sie ihm – ich bin – ich bin sehr, sehr krank! Bitten Sie ihn, morgen wiederzukommen. Aber teilen Sie nur nicht Mr. Dempsi mit, daß er hier war!«

 

»Er sagte, für den Fall, daß Sie ihn anläuten wollten –«

 

Superbus versuchte, ihr eine Visitenkarte zu überreichen, aber sie machte eine abwehrende Handbewegung.

 

»Ich brauche seine Adresse nicht –«

 

Mr. Superbus machte eine feierliche Verbeugung und verließ das Zimmer.

 

»Bobby, was soll ich nur tun? Das war nun schon der dritte Besuch!«

 

»Wer ist es denn?«

 

»Der Geistliche! Natürlich hat Dempsi das veranlaßt! Er glaubt, daß wir in einigen Stunden verheiratet sein werden. Das sieht ihm so ganz ähnlich! Es ist ja so absurd, so vollkommen verrückt! Aber er war kaum zwei Minuten im Haus, als er mir schon sagte, daß er zum Pfarrer schicken wolle, um uns zu vereinen …«

 

Bobby suchte nach einer Lösung. »Hast du keinen Plan?«

 

Ob sie einen Plan hatte? Dachte sie nicht jede Sekunde daran, wie sie sich von diesem Alpdruck befreien könnte?

 

»Ich habe hundert Pläne, aber sie sind alle töricht und unausführbar. Ich wollte schon fortlaufen – das erschien mir bisher als die einzig vernünftige Idee.«

 

»Wohin willst du denn gehen?« fragte er.

 

»Nach Schottland – zu Gordon.«

 

Bobby sprang auf.

 

»Das darfst du nicht tun! Wozu du dich auch immer entschließen magst, das ist unmöglich! Erstens weiß niemand von uns, wo er ist, und zweitens … nein, das würde ich nicht tun!«

 

Sie zog die Augenbrauen hoch.

 

»Aber warum denn nicht? Ich könnte Gordon alles sagen, und ich bin fest überzeugt, daß er sehr lieb zu mir sein würde. Ich fühle, daß ich in dieser Krisis einen großen Halt an ihm hätte.«

 

»Aber wenn Dempsi dir nun folgt? Soweit ich die Sache übersehen kann, wird er das sicher tun! Wenn er herausbringt, daß du ihn getäuscht hast, wenn er dich bei Gordon findet?«

 

Sie lächelte, und ihre Augen strahlten.

 

»Das ist ein guter Gedanke. Gordon hat doch seine Jagdgewehre bei sich – pst, hier kommt er!«

 

Bobby hatte schon versprochen, die Nacht im Hause zu bleiben, denn Superbus war müde. Auch er war nur ein Mensch, wie er erklärte, und hatte nur ein Paar Augen, die jetzt dringend der Ruhe bedürften.

 

Bald darauf versammelten sich alle zum Abendessen. Heloise hatte es gekocht, und Dianas Respekt vor ihr wuchs. Dempsi war in der ausgelassensten Stimmung und wollte Wein, roten, köstlichen Wein, auf die Gesundheit seiner Braut trinken. Er verlangte, daß der Wein rot und rosig in geschliffenen Gläsern funkeln und den lachenden Sonnenschein der Weinberge widerspiegeln sollte. Seine Farbe sollte dem warmen, pulsenden Blut der Jugend entsprechen, das vor Lust und Liebe wallte.

 

Dies sagte er in so vielen wortreichen Phrasen, daß Bobby schließlich kurz und beleidigend wurde und ihm statt dessen Whisky-Soda anbot. Mr. Dempsis Gesichtsfarbe wurde dunkel. Diana vermittelte schnell und wollte ihn zum Schweigen bringen, aber ebensogut hätte sie versuchen können, das rollende Rad der Zeit aufzuhalten. Dempsi hatte sich aber von seinem Ärger sehr bald wieder erholt und sprach nun in den höchsten Tönen von seinem Glück. Er küßte Dianas Hand und erzählte ihr zum drittenmal die Geschichte seines Lebens.

 

»Der Teufel soll Sie holen!« brummte Bobby.

 

Mr. Dempsi brach in Tränen aus.

 

»Diana, der Kerl fällt mir wirklich derartig auf die Nerven, daß ich es nicht mehr aushalten kann!« sagte Bobby, als der begeisterte Liebhaber verschwunden war.

 

Diana lehnte sich erschöpft in ihren Stuhl zurück und fächelte sich mit ihrem Taschentuch.

 

»Es ist entsetzlich!« stöhnte sie. »Aber wir müssen eine Lösung finden!«

 

Mr. Dempsi hatte dank seiner temperamentvollen Veranlagung sein Gleichgewicht schon wiedergefunden, als er durch die Diele schritt. Julius Superbus machte sich gerade an dem Ofen im Studierzimmer zu schaffen, als er eintrat. Er ging auf ihn zu und legte seine Hand auf seine Schulter.

 

»Ah, mein Freund«, murmelte er.

 

Julius, dem nicht gleich eine passende Antwort einfiel, wollte sichergehen.

 

»Guten Abend«, sagte er nur und klopfte ihm auf den Kopf.

 

»Sie sind der einzige Freund, den ich in diesem Hause habe, die einzige verstehende Seele, der einzige ehrliche Charakter! Ich werde immer an Sie denken!«

 

Mr. Dempsi sprach dauernd so, als ob er erst kürzlich von einem Ferienaufenthalt im Himmel zurückgekommen wäre.

 

»Das würde ich an Ihrer Stelle nicht sagen«, entgegnete Julius großzügig. »Es gibt auch noch andere große Menschen hier.«

 

»Ich sage es aber, ich Giuseppe Dempsi! Wer will mir dieses Recht verwehren?« fragte er wild.

 

Julius machte schleunigst einen Rückzug.

 

»Ich nicht, mein Herr, ganz gewiß nicht!« erwiderte er schnell. »Das ist das letzte, was ich tun würde.«

 

Giuseppe wurde wieder sehr liebenswürdig.

 

»Gleich, als ich Sie sah, sagte ich: ›Das ist ein Mann mit einer glänzenden Phantasie, ein tapferer, begabter Mann mit großem Verstand! Superbus hat ein Herz, er hat Mitgefühl, er ist ein Mann von Welt, ein kühner Verteidiger des Rechts, ein Vertreter des Gesetzes!‹«

 

Mr. Superbus wurde es ganz unheimlich zumute. Er fürchtete wie alle Amateurdetektive, daß seine Stellung falsch aufgefaßt werden könne. Er räusperte sich.

 

»Ich bin nicht direkt ein Vertreter des Gesetzes, mein Herr. In gewisser Weise stimmt das wohl, aber in anderer Beziehung bin ich es auch wieder nicht, obwohl ich diese Bezeichnung mit allem Recht führen durfte, als ich ein Gerichtsvollzieher in der Provinz war.«

 

Dempsi lächelte.

 

»Aber jetzt sind Sie ein großer Detektiv, ein Schüler des unsterblichen Sherlock Holmes – was für ein Mann, welch ein Genie! Ja, das sind Sie, Sie haben es mir ja selbst gesagt!«

 

Julius beeilte sich, einen falschen Eindruck, den er hervorgerufen hatte, richtigzustellen.

 

»Ich bin ein Privatdetektiv, mein Herr, Privat! Ich habe es Ihnen doch erklärt, ich kam hierher, um –«

 

Aber Dempsi erlaubte keinem anderen zu reden.

 

»Um einen gemeinen Schuft zu bewachen«, fuhr er begeistert fort. »Daß solch ein Mensch überhaupt frei umherlaufen darf! Der Doppelgänger! Schon sein Name ist schlimm. Sie sind erstaunt, daß auch ich von diesem Menschen gehört habe, der die heiligsten Gesetze verletzt? Sie, der kluge Detektiv, sind verwirrt und bestürzt, daß ich etwas von diesem teuflischen Briganten weiß? Superbus, ich bitte Sie um einen Gefallen. Wenn Sie ihn entdeckt haben, dann lassen Sie mich rufen!«

 

Es lag ein eigenartiger Glanz in seinen Augen. Seine halbgeschlossenen Hände schienen von dem Blut seines Opfers zu triefen. Mr. Superbus war ganz in seinem Bann.

 

»Senden Sie nach mir, lassen Sie mich rufen – seit Jahren habe ich keinen Menschen getötet, aber davon will ich jetzt nicht sprechen. Seine Frau und seine Familie tun mir ja leid, denn ich habe ein weiches Herz.« Bewundernd sah er auf Julius. »Sie sind also ein Detektiv! Sie gehören zu dieser großen, schweigenden Armee von Wächtern, die immer ihre Pflicht erfüllen, die zwischen diesen friedlichen Bürgern wie etwa Giuseppe Dempsi und den Geiern und Vampiren stehen, die bereit sind, die menschliche Gesellschaft auszusaugen!«

 

Dempsi streckte seine Hand aus. Mr. Superbus senkte seine Blicke plötzlich und schüttelte Dempsis Rechte. Er fühlte, daß zum erstenmal der Wert seiner Persönlichkeit richtig erkannt wurde. Dempsi war ein Mann von Welt, dessen Lobeserhebungen wirklich etwas bedeuteten. Julius merkte sich seine Worte ganz genau, um sie bei Gelegenheit wiederholen zu können.

 

»Ja, es ist eine große Aufgabe«, versicherte er. »Die meisten Menschen würden das nicht verstehen.«

 

»Sicher nicht«, rief Dempsi zornig.

 

Mr. Superbus sollte in dieser Nacht auf einem Feldbett schlafen, das im Studierzimmer aufgestellt wurde. Es war Dianas Idee. Und er betrachtete sie mit berechtigtem Mißtrauen.

 

»Ein gutes Gewissen ist etwas Schönes!« meinte Dempsi!

 

»Eine gute Verdauung ist aber auch etwas wert«, erwiderte Mr. Superbus. »Ich bin sehr vorsichtig beim Essen.«

 

»Sagen Sie mir«, fragte Dempsi vertraulich, »haben Sie ihr schon lange gedient – meiner Königin?«

 

Mr. Superbus dachte schnell nach.

 

»Ich dachte, Sie hätten einen König in Italien?«

 

Dempsi lachte laut auf.

 

»O nein, Sie haben mich mißverstanden – ich meinte die Königin meines Herzens, die ich verehre – meine Diana! Ich bin eifersüchtig darauf, daß Sie das Vorrecht haben, ihr zu dienen!«

 

»Ach so, Sie meinen Miss Ford! Ach nein, die habe ich erst kürzlich kennengelernt.«

 

»Ich werde mich jetzt zur Ruhe legen. Diese Nacht wird meine Tür nicht verschlossen sein. Wenn der Doppelgänger kommt, lassen Sie es mich doch wissen?«

 

Es war nicht nötig, Julius dazu aufzufordern. Solange er noch bei Bewußtsein war und schreien konnte, würde das ganze Haus erfahren, daß der Verbrecher eingedrungen war.

 

»Ja, gewiß, aber ich werde schon allein mit ihm fertig.«

 

Dempsi sah seinen Freund nachdenklich an.

 

»Ich möchte doch den Augenblick wissen, in dem der Feuerkampf beginnt. Beim ersten Schuß werde ich an Ihrer Seite sein!«

 

Julius erblaßte. In Augenblicken großer Erregung wurden alle Römer weiß. Cesare Borgia hatte auch diese Eigenschaft besessen, ebenso Nero, der Rom in Asche gelegt hatte.

 

»Meinen Sie, daß es zu einer Schießerei kommt?« fragte Superbus schwach.

 

Dempsi nickte.

 

»Ein solcher Verbrecher trägt natürlich Waffen bei sich. Aber erinnern Sie sich stets daran, und lassen Sie sich von diesem Gedanken trösten: Wenn Sie fallen, werde ich bereit sein, Ihren Platz einzunehmen.«

 

Julius beugte sich vor.

 

»Wenn ich – wenn ich falle?« sagte er unsicher. »Aber ich werde doch nicht fallen, wenn ich immer auf dem Teppich gehe. Das Parkett ist allerdings sehr glatt.«

 

»Sie werden dann aufschauen und mich sehen« – Dempsi machte es augenscheinlich große Freude, die Szene noch weiter auszumalen. »Ich bin vielleicht das Letzte, was Sie in diesem Erdenleben sehen. Ich werde über Ihnen stehen, während Sie auf die Erde niedergestreckt sind, getroffen von einem Dutzend von Geschossen. Dann werde ich für Sie eintreten und mich Ihrem Mörder entgegenwerfen!«

 

Julius schloß die Augen, und seine Lippen bewegten sich.

 

Aber er war nicht in ein Gebet versunken.

 

Kapitel 12

 

12

 

Es dauerte eine halbe Stunde, bis Diana zurückkam. Sie sah immer noch angegriffen aus.

 

»Hallo, Bobby! Was ist denn mit dir los?«

 

»Diana« – er sprach sehr langsam – »du hast irgendeinen Kummer –«

 

»Irgendein Kummer ist gut!« Sie warf ihren Hut rücksichtslos auf den Tisch. »Ich weiß nicht, wo ich vor Sorgen hin soll, mein Lieber!«

 

»Gordon sagte mir, daß er fünfzigtausend Dollar hier im Geldschrank habe, um einen Amerikaner auszuzahlen, der am Sonntag hierherkommen wird. Er hat mir das Schlüsselwort gesagt.«

 

Sie stellte sich vor ihn und legte die Hände auf den Rücken.

 

»Nun – und?«

 

»Das Geld ist verschwunden!«

 

Eine kleine Pause.

 

»Weißt du denn, warum es verschwunden ist?«

 

»Nein – ich bin zu Tode erschrocken – Gordon hat es doch nicht mitgenommen?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Nein, ich habe es geholt, Bobby. Dempsi lebt. Ich habe heute morgen einen Brief von ihm bekommen – dreizehn Seiten lang und in einer Sprache – es ist einfach schrecklich! Ich bin ganz außer mir.«

 

»Ich dachte, er wäre damals in den Busch gelaufen und gestorben.«

 

Sie lächelte schmerzlich und ließ sich in den Stuhl fallen, in dem Gordon die Nacht zugebracht hatte.

 

»Er wurde im Busch gefunden. Er hatte Fieber, als die Eingeborenen ihn entdeckten. Sie nahmen ihn mit in ihr Dorf.«

 

Bobby dachte lange nach.

 

»Weiß er denn, daß du nicht verheiratet bist?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Wie?«

 

»Nein«, sagte Diana ruhig. »Wir haben vorhin miteinander telefoniert. Seine erste Frage an mich lautete: ›Bist du noch frei? Wir werden morgen vor den Altar treten. Wenn du aber verheiratet bist, wirst du noch heute abend Witwe sein.‹ Ich erkannte Dempsi gleich wieder an diesen Worten.«

 

»Was hast du ihm denn geantwortet?« fragte er verwundert.

 

»Ich habe ihm selbstverständlich gesagt, daß ich verheiratet sei«, erwiderte sie mit einer Selbstverständlichkeit, die ihn fassungslos machte. »Ich konnte ihm doch nicht gut erklären, warum ich hier bin, wenn ich nicht verheiratet bin. Dann wurde er aber so heftig, daß ich ihm erzählte, ich sei Witwe. Bobby, weißt du, Lügen ist doch furchtbar leicht!«

 

Bobby war noch sprachlos.

 

»Dann setzte er mir aufs neue zu, und ich teilte ihm mit, daß ich hier bei meinem Onkel Artur wohne. Ich hatte früher einmal einen solchen Onkel Artur, das heißt, er war natürlich nur so eine Art Adoptivonkel – er starb an Delirium tremens. Es scheint, daß alle unsere Familienmitglieder nicht ganz normal sind. Ich konnte ihm doch unmöglich sagen, daß ich allein in dem großen Hause wohne. Bedenke doch, Gordon ist fort – aber es ist eigentlich gut, daß er nicht im Lande ist.«

 

Bobby ging in größter Aufregung im Zimmer auf und ab.

 

»Ja, aber was hast du denn eigentlich mit dem Geld gemacht?«

 

»Das war ich Dempsi doch schuldig. Bevor er in den Busch rannte, hatten wir einen furchtbaren Auftritt. Er wollte mich veranlassen, mit ihm durchzubrennen, und als ich ihm diesen Wunsch nicht erfüllte, Wollte er Selbstmord begehen. Er war damals vollständig verrückt. Er schrie mich an, dann weinte er wieder, küßte meine Füße und lief davon, um im Busch zu sterben. Aber nicht einmal das hat er richtig ausgeführt.«

 

»Und das Geld?«

 

»Er hat mir damals sein Vermögen vor die Füße oder vielmehr der Katze an den Kopf geworfen – ich weiß, es nicht mehr genau. Jedenfalls war ich nachher im Besitz des Geldes. Er hatte keine arideren Verwandten, und es blieb mir nichts anderes übrig, als es auf die Bank zu tragen.« Sie biß sich auf die Lippen. »Ich hatte eigentlich vor, ihm ein schönes Grabmal zu errichten.«

 

Bobby seufzte erleichtert auf.

 

»Da du ihm anscheinend das Geld geschickt hast, ist wenigstens diese Sorge erledigt. Du kannst es ja ersetzen. Die Banken schließen heute erst um eins.«

 

»Wie soll ich denn das machen?« fragte sie bitter. »Ich habe kein Geld auf der Bank, mit Ausnahme von ein paar Pfund, mit denen ich mir ein Konto eröffnete, als ich nach London kam. Ich nahm die fünfzigtausend Dollar und zahlte achttausend Pfund auf mein Konto ein. Hier ist der Rest!« Sie zog ein Paket Banknoten aus der Tasche und reichte sie ihm.

 

Bobby sah sie entsetzt an.

 

»Aber wenn nun dieser Tilmet, der Amerikaner, kommt, dann mußt du ihn doch auszahlen!«

 

»Ich dachte, du könntest mir vielleicht aushelfen«, sagte sie bittend.

 

Er schaute auf seine Uhr.

 

»Da muß ich mich aber anstrengen. Man kann achttausend Pfund in bar nicht in zwei Stunden beschaffen. Gordons Geld liegt auf deiner Bank?«

 

Sie nickte.

 

»Ich will Dempsi durch einen besonderen Boten einen Scheck schicken. Er wohnt in einem kleinen Hotel in der Edgware Road.«

 

»Hat er denn das Geld von dir verlangt?«

 

»Nein, nicht direkt. Er machte eine Bemerkung, woraus ich das schloß. Mein Gewissen hat sich geregt.« Sie nahm ihr Taschentuch und fächelte sich damit.

 

Bobby schloß die Banknoten in den Geldschrank.

 

»Ich will sehen, was ich tun kann. Darf ich mal telefonieren?«

 

Sie nickte.

 

»Du kannst alles tun, was du willst – nur bitte mich nicht, Dempsi zu heiraten«, sagte sie müde.

 

Zuerst rief er bei seiner Bank an, aber sein Gespräch war nicht sehr ermutigend. Bobby hatte in den letzten Tagen große Rechnungen bezahlt und sein Guthaben etwas überzogen. Als er dem Direktor den Vorschlag machte, noch mehr Kredit in Anspruch zu nehmen, war dieser nicht sehr erbaut davon. Nach Bobbys drittem erfolglosem Versuch kam Eleanor mit einem Telegramm herein. Diana öffnete es schnell. »Wir sind gerettet!« rief sie.

 

»Was ist denn?« Bobby nahm ihr das Formular aus der Hand.

 

Es kam aus Paris und war von dem Sekretär des Amerikaners unterzeichnet.

 

»Mr. Tilmet schwer an Grippe erkrankt, kann nicht vor vierzehn Tagen nach London kommen.«

 

»Gott sei Dank!« Bobby wischte sich den Schweiß von der Stirn.

 

»Ich will das Geld lieber mitnehmen, Diana. Ich habe so eine Ahnung, daß es hier nicht gut aufgehoben ist.« Sie antwortete ihm nicht, sondern öffnete eine Schublade des Schreibtisches und zog ihren Browning heraus.

 

»Einbrecher sind meine Spezialität«, sagte sie nur.

 

»Aber leg doch diese Mordwaffe beiseite, ich hätte niemals gedacht, daß du so blutdürstig bist!«

 

»Ja, das bin ich! Augenblicklich könnte ich tatsächlich jemand umbringen!« Sie dachte an Dempsi. »Nun, was gibt es, Eleanor?«

 

»Wollen Sie jetzt Mr. Superbus sprechen?«

 

»Ich wußte ja gar nicht, daß er hier war. Lassen Sie ihn bitte näher treten.«

 

Mr. Superbus stolzierte wie ein alter Senator ins Zimmer und wurde Bobby vorgestellt. Offenbar wollte er mit Diana allein sprechen, aber sie erklärte ihm, in welchen verwandtschaftlichen Beziehungen sie zu Bobby stehe.

 

»Es tut mir sehr leid, daß ich Mr. Selsbury nicht mehr getroffen habe. Ich habe gestern abend ganz bestimmte Nachrichten von meinem Geheimagenten über gewisse Leute erhalten.«

 

»Meinen Sie etwa den Doppelgänger?«

 

Diana lachte plötzlich, sie hatte ja im Augenblick keine Sorgen mehr.

 

»Das ist nicht zum Lachen, Miss.« Mr. Superbus schüttelte den Kopf und setzte sich dann würdevoll. »Nein, wirklich nicht, es ist sehr ernst, Madam – Miss! Wenn er jetzt hier zur Tür hereinkäme, würden Sie sicher denken, es sei Ihr Vater!«

 

Diana hob abwehrend die Hand.

 

»Kann ich Ihnen wenigstens nebenbei erklären, daß Mr. Selsbury nicht mein Vater ist?«

 

Julius gab ihr gnädig die Erlaubnis dazu.

 

»Dieser Doppelgänger ist wirklich wunderbar! Ich gab noch heute morgen meiner Frau Verhaltungsmaßregeln. Wenn sie einen Kerl sieht, der mir aufs Haar gleicht und in das Haus eindringen will, während ich fort bin, muß sie ihn zuerst das Hemd ausziehen lassen – ich habe nämlich ein Muttermal auf meiner Schulter.«

 

Diana wandte sich an Bobby.

 

»Warum sollte er denn ausgerechnet hierherkommen?« fragte Bobby, obgleich er sehr wohl wußte, daß der Inhalt des Geldschrankes einen Besuch rechtfertigen würde.

 

»Das sagen die Leute immer vorher. Aber der Doppelgänger weiß stets, warum er kommt. Meine Frau meinte auch, warum er denn gerade zu uns kommen solle – sagen Sie einmal, was ist denn in dem Geldschrank? Doch nicht etwa wertvolle Dinge?«

 

»Da ist nicht viel drin«, erklärte Diana hastig. »Erzählen Sie uns doch noch etwas mehr von diesem Menschen.«

 

Mr. Superbus lächelte selbstgefällig.

 

»Ich bin die größte lebende Autorität über ihn«, erwiderte er bescheiden. »Er ist ein sehr gerissener Junge und arbeitet immer mit einem Mädchen zusammen. Ich weiß es nicht genau, aber nehmen Sie einmal an, daß sie seine Frau ist. Sie hat die Aufgabe, vorher den Mann auszuholen, den der Doppelgänger berauben will. Verstehen Sie mich?«

 

»Ja, sie ist so eine Art Lockvogel, die das Opfer auskundschaftet.«

 

»Nur auskundschaften?! Das versteht sie bestimmt aus dem Effeff. Aber es wäre viel leichter, Ihnen das alles zu erklären, wenn Sie eine verheiratete Frau wären.«

 

»Bilden Sie sich einmal ein, ich wäre das. Sie muß ihn natürlich sehr genau kennenlernen?«

 

»Ja, sie muß mit ihm eine Freundschaft – eine Art Verhältnis anfangen.«

 

»Ist das immer der Fall?« unterbrach ihn Bobby. »Den alten Smith haben sie doch auf diese Art und Weise nicht hereingelegt? Der ist doch schon fünfundsechzig!«

 

Mr. Superbus amüsierte sich.

 

»Aber natürlich! Die Leute von fünfundsechzig an sind ja oft die allertollsten! Mit denen können die Weiber machen, was sie wollen. Sie macht sich am liebsten an Denker heran. Sie kann sich sehr gut benehmen und hat eine gebildete Sprache – Sie wissen ja, wie guterzogene Damen reden.«

 

»Gibt sie sich als verheiratet aus?« fragte Diana.

 

»Ja, es ist immer ein Gatte im Hintergrund. Manchmal lebt er außer Landes, manchmal ist er in einer Irrenanstalt, auf jeden Fall ist er zunächst einmal nicht da.«

 

Bobby schwankte und hielt sich an der Tischkante fest. Glücklicherweise bemerkte es Diana in ihrer Aufregung nicht.

 

»Und wie geht die Sache weiter?« Diana war nervös geworden.

 

»Nun, sie sorgt dafür, daß er wegkommt. Sie lockt ihn irgendwohin, man kann es gar nicht anders nennen. Und während die beiden nun fort sind, erscheint der Doppelgänger als der Abgereiste, er hat genau seine Stimme, alle Einzelheiten sind bis ins letzte kopiert. Das Mädchen hat ja wochen- oder monatelang Zeit dazu, alles zu studieren und es dem Doppelgänger mitzuteilen. Verstehen Sie mich? Das habe ich alles selbst herausgebracht.«

 

»Ja, und was macht denn das Mädchen?« fragte Diana.

 

»Die zieht sich natürlich zurück. Sie schützt vor, daß ihr Mann unerwartet aus dem Ausland zurückgekommen ist, oder so etwas Ähnliches, aber sie richtet es schon so ein, daß das Opfer nicht nach Hause zurückkehren kann. Gewöhnlich hat er seinen Bekannten gesagt, daß er etwa vierzehn Tage fortbleiben wird, und dann kann er natürlich nicht ohne weiteres zurückkehren.«

 

»Das ist aber alles furchtbar gerissen eingefädelt«, sagte Diana entsetzt.

 

»Das habe ich auch immer behauptet«, erwiderte Mr. Superbus ernst. »Wenn sich ein Mann erst so weit mit einer Dame eingelassen hat –«

 

»Aber jedenfalls brauchen wir uns in dieser Beziehung keinerlei Sorgen über Mr. Selsbury zu machen.« Diana lächelte beruhigt.

 

Aber Mr. Superbus schien nicht ganz ihrer Meinung zu sein, denn er war sehr beunruhigt. Er sah sich geheimnisvoll um.

 

»Ist Mr. Selsbury schon abgereist?«

 

Diana nickte.

 

»Wann will er denn zurückkommen?«

 

»Etwa in einer Woche.«

 

Superbus fuhr sich mit der Hand über die Stirn.

 

»Ja, das ist nun eine sehr delikate Angelegenheit – ich bin ja ein verheirateter Mann, Madam – Miss. Ist er auf eine Geschäftsreise gegangen oder –«

 

»Oder?«

 

»Ich meine – hat man ihn nicht vielleicht von hier weggelockt ihn wegbugsiert?«

 

Diana lachte.

 

»Nein, da können Sie ohne Sorge sein. Mr. Selsbury läßt sich nicht wegbugsieren.« Plötzlich kam ihr ein Gedanke. »Wie sieht denn die Frau aus, die mit dem Doppelgänger zusammenarbeitet? Ist sie sehr schön?«

 

»Ach ja, sie wird im allgemeinen so beschrieben.«

 

»Gehst du fort, Bobby?«

 

Bobby folgte dem Detektiv aus dem Zimmer.

 

»Ja, ich habe jetzt eine wichtige Unterredung«, sagte er ein wenig zusammenhanglos. Es war immer noch Zeit, Gordon zurückzuhalten, und er hatte sich zu dieser äußersten Maßnahme entschlossen.

 

Nachdem Bobby gegangen war, klingelte Diana. Als Eleanor eintrat, saß sie am Schreibtisch und löschte gerade ein Kuvert ab.

 

»Ziehen Sie sich an, Eleanor, und geben Sie diesen Brief im Marble-Arch-Hotel ab. Nehmen Sie ein Auto.«

 

»Jawohl, Madam«, sagte Eleanor erstaunt.

 

»Fragen Sie, ob Sie Mr. Dempsi sprechen können.«

 

Diana machte den Versuch, vollständig gleichgültig zu erscheinen, es gelang ihr aber vollkommen vorbei.

 

»Wenn er den Brief küßt oder irgend etwas Derartiges tut brauchen Sie nicht erstaunt zu sein – der Herr ist sehr impulsiv es ist auch möglich, daß er Sie selbst küßt!«

 

»Wirklich?«

 

»Aber er denkt sich nichts dabei.« Diana war sehr diplomatisch und baute vor. »Er hat die Angewohnheit, alle Leute zu küssen, wenn er sie sieht. Ich wäre nicht einmal erstaunt, wenn er mich selbst küssen würde, wenn er hierherkommt. Wir sind alte Freunde – und in Australien macht man das so.«

 

»Ach, das ist aber interessant«, erwiderte Eleanor. Ihr Interesse an Australien war erwacht.

 

»Ich fürchte, daß Mr. Selsbury das nicht verstehen würde«, fuhr Diana gleichgültig fort. »Manche Männer haben einen furchtbar engen Horizont. Wenn Sie ihm das erzählten –«

 

»Ich würde mir nicht im Traume einfallen lassen, zu Mr. Selsbury darüber zu sprechen«, entgegnete Eleanor etwas beleidigt.

 

Sie kam noch einmal herein, bevor sie fortging.

 

»Entschuldigen Sie, Miss Ford, aber wenn es passieren sollte, daß mich dieser fremde Herr küßt, dürfte ich Sie dann bitten, Mr. Trenter gegenüber nichts davon zu erwähnen?«

 

»Darauf können Sie sich verlassen – wir Frauen müssen doch zusammenhalten.«

 

Sie schaute Eleanor nach, bis sie außer Sicht gekommen war, dann warf sie sich in ihren Stuhl zurück. Die Zeitungen lagen noch alle ungelesen auf dem Schreibtisch, und sie nahm eine auf, um sich zu zerstreuen. Aber es gelang ihr nicht. Plötzlich hörte sie ein Klopfen und wandte sich um. Es schien aber nicht von der Tür, sondern vom Fenster herzukommen. Man könnte einen kleinen, viereckigen Teil des unteren Fensters öffnen. Sie schaute näher hin und sah den Schatten eines Kopfes dort.

 

»Wer ist dort?« fragte sie.

 

Dann hörte sie eine Stimme, die sie bis ins Innerste traf.

 

»Erkennst du meine Stimme nicht, Geliebte?«

 

»Giuseppe Dempsi!« sagte sie atemlos. »Du darfst nicht hereinkommen! Onkel Artur ist nicht zu Hause, und ich kann dich nicht empfangen!«

 

Mit äußerster Willensanstrengung öffnete sie das Fenster und schaute in ein bärtiges Gesicht und in glänzende Augen. Mr. Dempsi trug einen breitkrempigen Hut, den er ins Gesicht geschoben hatte, und um seine Schultern hing ein langes, schwarzes Cape – er hätte direkt von einer Opernbühne entlaufen sein können.

 

»Ich – ich kann dich jetzt nicht sehen – wirklich, ich kann nicht! Kannst du nicht nächsten Mittwoch wiederkommen?«

 

Das war also Dempsi! Sie sah dunkel einige Ähnlichkeit mit dem bartlosen jungen Mann, den sie gekannt hatte. Diese wildblitzenden Augen, diese heftigen Bewegungen – das war er!

 

»Diana«, rief er leidenschaftlich, »ich bin aus dem Grabe zurückgekommen, um meine alten Rechte an dich geltend zu machen!«

 

»Ja, ja, ich weiß, aber nicht jetzt«, sagte sie ganz verzweifelt. »Geh bis drei Uhr zu deinem Grab zurück, dann werde ich dich sprechen können.«

 

Der Schatten verschwand. Wie mochte er nur dort hingekommen sein? Sie sah, wie er mit einer Behendigkeit über die Mauer kletterte, die sie bei anderer Gelegenheit sicherlich bewundert hätte. Langsam ging sie auf ihr Zimmer hinauf, schloß sich ein und setzte sich müde auf ihr Bett.

 

Früher einmal hatte ihre Tante einen Revolver geladen, um diesen Dempsi zu erschießen. Die Tränen kamen ihr in die Augen.

 

»Liebe Tante«, schluchzte sie, »du hast doch eine große Menschenkenntnis gehabt!«

 

Kapitel 13

 

13

 

Gordon zögerte noch vor dem großen Spiegel des Zimmers, das er im Hotel gemietet hatte. Er hatte das Rasiermesser in der Hand, der kleine Backenbart war eingeseift. Es gibt keinen feierlicheren Akt, als wenn Männer sich den Bart abnehmen. Es liegt so etwas Unwiderrufliches, so etwas von Selbstaufopferung darin, daß man sich wundern muß, warum so wenige große Dichter dieses Thema behandelt haben.

 

Er biß die Zähne zusammen und ging mit fester Hand zum Angriff über. Die breite Klinge blitzte im Sonnenlicht … es war geschehen.

 

Er reinigte sein Gesicht vom Seifenschaum und betrachtete dann das Resultat im Spiegel. Sein Aussehen hatte sich tatsächlich vollkommen verändert. Er betrachtete sich erstaunt – er sah zehn Jahre jünger aus.

 

»Wie ein Junge!« rief Gordon aus. Seine Gefühle hielten zwischen Freude und Verzweiflung die Mitte.

 

Bis jetzt hatte er sich seinen Anzug noch nicht besehen. Er hatte beinahe schon wieder vergessen, wie dieses moderne graue Karo mit den roten Tupfen aussah …

 

»Mein Gott!« sagte er plötzlich.

 

Er war kein Stutzer. Einmal hatte ihm Diana einen solchen Ausruf entlockt. Aber Dianas modernstes Kleid war zahm im Vergleich zu diesem Kunstwerk des Schneiders, das auf dem Bett lag.

 

Das konnte er doch unmöglich anziehen! Aber der schwarze Cut, den er jetzt trug, und der glänzende Zylinder waren für eine kurze Seereise ebenfalls unmöglich.

 

Die Zeit verging im Fluge, er mußte sich entschließen. Also zog er zunächst einmal die Beinkleider an. Er betrachtete sich im Spiegel, sie sahen eigentlich gar nicht so schlecht aus … er machte sich fertig.

 

Nun stand er in seiner vollen Größe vor dem Spiegel, staunte und bewunderte sich. Eins war sicher: Auch sein bester Freund hätte ihn so nicht wiedererkannt. Außerdem konnte er ja seinen Mantel anziehen, der verdeckte fast alles. Dieser neue Gordon Selsbury faszinierte ihn geradezu.

 

»Wie geht es Ihnen?« fragte er sein Spiegelbild freundlich. Die Gestalt in dem Spiegel machte eine höfliche Verbeugung.

 

Plötzlich erschrak Gordon – er hatte zuviel Zeit mit dem Umziehen versäumt. Er packte schnell und klingelte dann dreimal nach dem Hausdiener. Das Zimmermädchen erschien. Glücklicherweise war es ein Durchgangshotel, Gäste kamen über Nacht und verließen das Haus am Morgen wieder. Niemand erkannte jemand, es sei denn, daß Rechtsanwälte durch ihre Leute schnelle und dringende Nachfragen stellen oder das Gästebuch einsehen ließen.

 

Zehn Prozent der Hotelangestellten waren dauernd als Zeugen vor Gericht beschäftigt.

 

»Rufen Sie mir den Hausdiener!« sagte Gordon. Als dieser erschien, gab er ihm Instruktionen wegen des Handkoffers, in den er seinen Anzug verpackt hatte, und wegen der Hutschachtel. Erst jetzt fiel es ihm ein, daß man nicht im Zylinder nach Schottland reist, und er war sehr froh, daß Diana ihn nicht gesehen hatte, als er sein Haus verließ.

 

Der Würfel war nun gefallen. Er nahm den anderen Koffer, zahlte seine Hotelrechnung und trat auf die Straße. Die Uhren schlugen gerade Viertel vor elf, als er auf den Victoria-Bahnhof kam. Der Zug fuhr um elf. Er brauchte sich nicht um Plätze zu bemühen, er hatte die Platzkarten in der Tasche. Glücklicherweise war das Wetter ziemlich schlecht – Sonnenschein und Regen wechselten miteinander ab, und es wehte ein ziemlich heftiger Wind. Er konnte also getrost den Kragen seines Mantels hochschlagen. Auf dem Anschlagbrett las er: Wind Nordnordwest, See mäßig bewegt bis stürmisch, Sicht gut.

 

Er war auf jeden Fall froh, daß die Sicht gut war.

 

Dann schaute er sich nach Heloise um. Sie wollten sich erst kurz vor Abgang des Zuges treffen.

 

Zehn Minuten vor elf wurde er unruhig. Aber plötzlich sah er sie auf sich zueilen. Sie drehte sich ein paarmal ängstlich um, und es lag ein Ausdruck in ihrem Gesicht, vor dem er erschrak.

 

»Folgen Sie mir in den Wartesaal!« Sie war an ihm vorbeigehuscht und hatte ihm nur diese Worte zugeflüstert. Wie im Traum nahm Gordon seinen Koffer auf und ging ihr nach. Der große Raum war fast leer.

 

»Gordon, es ist etwas Schreckliches passiert!« Ihre Aufregung und Unruhe übertrugen sich auf ihn. »Mein Mann ist unerwartet vom Kongo zurückgekehrt. Er verfolgt mich … er ist rasend, er ist wild! Ach, Gordon, was habe ich getan!«

 

Er wurde nicht ohnmächtig, er ertrug diese Situation, ohne das Bewußtsein zu verlieren.

 

»Er sagt, ich hätte meine Neigung und Liebe einem anderen geschenkt, und er würde nicht eher ruhen, bis er diesen anderen tot zu meinen Füßen niedergestreckt hätte. Er hat gedroht, furchtbare Dinge zu tun – er ist ein Bewunderer Peters des Großen.«

 

»So, ist er das?« Gordons Frage war kaum am Platz, aber es fiel ihm im Augenblick nichts Besseres ein. Auch war er kein bißchen an Mr. van Oynnes historischen Neigungen interessiert.

 

»Gordon, Sie müssen nach Ostende fahren und dort auf mich warten«, sagte sie schnell. »Ich komme so bald wie möglich nach … o mein Lieber, Sie wissen nicht, wie ich leide!«

 

Gordon war so sehr mit sich selbst beschäftigt, daß es ihm gleichgültig war, was andere Menschen fühlten.

 

»Haben Sie ihm denn nicht erzählt, daß unsere … unsere Freundschaft nur … geistiger Art ist?«

 

Sie lächelte schwach und traurig.

 

»Mein lieber Gordon … wer würde denn das glauben? Aber beeilen Sie sich jetzt – ich muß gehen.«

 

Ihre Hand lag einen kurzen Augenblick lang zitternd auf seinem Arm, dann war sie verschwunden.

 

Er nahm seinen Koffer, der ihm merkwürdig schwer vorkam, und folgte ihr in den Bahnhof. Aber sie war nirgends mehr zu sehen.

 

Ein Gepäckträger bot ihm seine Dienste an.

 

»Zug nach dem Festland, Sir? Haben Sie einen reservierten Platz?«

 

Gordon schaute auf die Uhr. Es war fünf Minuten vor elf.

 

»Der Zug nach Ostende geht um elf Uhr fünf, mein Herr.«

 

»Ich dachte um elf«, sagte Gordon verwirrt.

 

»Sie haben noch sehr viel Zeit, Sir.«

 

Gordon stand wie erstarrt da. Seine Gedanken arbeiteten plötzlich nicht mehr. Er war im Augenblick unfähig, sich zu einem Entschluß aufzuraffen oder sich zu rühren.

 

»Besorgen Sie mir ein Auto.«

 

»Jawohl, mein Herr.«

 

Der Gepäckträger nahm ihm den Koffer aus der Hand, Gordon leistete keinen Widerstand. Er folgte dem Mann ins Freie, absolut hilflos.

 

»Wohin wünschen Sie zu fahren?«

 

Der Träger stand da, hatte den Wagenschlag in der Hand und lächelte freundlich. Er hatte nämlich noch nicht sein Geld bekommen.

 

»Nach Schottland«, sagte Gordon heiser.

 

»Schottland – Sie meinen wohl Scotland Yard?«

 

Plötzlich arbeiteten die Räder in Mr. Selsburys Gehirn wieder.

 

»Nein, nicht doch, ich will ins Grovely-Hotel.« Das Trinkgeld, das er dem Träger in die ausgestreckte Hand drückte, war sehr hoch.

 

Der Wagen setzte sich in Bewegung, und der Bahnhof war bald außer Sicht.

 

Zur selben Zeit suchte Bobby Selsbury fieberhaft den ganzen Zug ab und eilte von Abteil zu Abteil, um seinen Bruder zu finden.

 

Gordon war nun ruhiger geworden, obwohl er noch keineswegs aus der Gefahrenzone war. Er überlegte. Einen eifersüchtigen, rachegierigen Ehemann, der Waffen trug und wahrscheinlich Mordabsichten hatte, konnte er nicht ganz aus seinen Gedanken verdrängen. Gordon war neugierig, ob er in seiner Bibliothek eine ungekürzte Ausgabe der Geschichte Peters des Großen finden werde.

 

Der Hotelportier war geschäftsmäßig erfreut, als er wieder zurückkehrte.

 

»Lassen Sie den Wagen warten«, sagte Gordon. Er war nicht ganz sicher, ob er ohne fremde Hilfe fähig war, sich ein anderes Auto zu besorgen.

 

Er erhielt seinen Schlüssel wieder, ging in sein Zimmer und klingelte nach dem Hausdiener. An seiner Stelle kam der Portier.

 

»Ach, Sie wollten den Hausdiener sprechen? Der ist nicht mehr im Dienst, er geht am Sonnabend schon um elf.«

 

»Wann wird er denn wieder dasein?«

 

»Erst am Montag, mein Herr. Wir haben jede zweite Woche einen ganzen Tag frei. Kann ich irgend etwas für Sie tun?«

 

Gordon schüttelte den Kopf. Er wollte nur den anderen Koffer und sein verlorenes, achtbares Aussehen wieder haben. Er legte seinen Überzieher ab und schaute in den Spiegel.

 

»Das bin ich nicht mehr«, sagte er gebrochen.

 

Sein Aussehen hatte sich vollkommen verändert, seitdem er sich zum letztenmal im Spiegel betrachtet hatte. Die Type, die er da vor sich sah, kam ihm bekannt vor – er hatte sie irgendwo in einem Film gesehen, wo jedermann hinter jedem herlief.

 

Es gab nun zwei Möglichkeiten für ihn. Er konnte hierbleiben und sich so lange als Gefangener in diesem Raum aufhalten, bis der Diener zurückkam, oder er konnte unbeobachtet nach Hause gehen und sich umziehen. Er hatte sehr viele schwarze Cuts, ganze Batterien von Zylindern und Wälder von gestreiften Beinkleidern. Dieser Gedanke hatte etwas Anziehendes. Diana würde um ein Uhr zu Mittag essen. Das Eßzimmer lag seinem Studierzimmer gegenüber auf der anderen Seite der Diele. Es wäre eine einfache Sache, nach oben zu gehen, sich umzukleiden und sich dann einer erstaunten Diana vorzustellen. Wie verwundert würde sie sein, und wie interessant und unterhaltsam wäre das für ihn selbst!

 

»Du hast wohl nicht erwartet, mich schon wieder hier zu sehen? Nun, ich erhielt im letzten Augenblick vor Abgang des Zuges ein dringendes Telegramm. Beinahe wäre der Zug auf und davon gewesen. Mein Backenbart? Ach, den habe ich abrasiert, um dir eine kleine Überraschung zu bereiten. Du findest auch, daß ich so besser aussehe?«

 

Er begeisterte sich für diesen Plan.

 

Er freute sich auch, daß er heute abend wieder in seinem eigenen Bett schlafen konnte. Und er würde wieder bei Diana sein. Bis jetzt hatte er viel zuwenig auf ihre Gesellschaft geachtet. Ihre Bedeutung für ihn wuchs, das gestand er sich selbst ein. Wenn Heloise nach Ostende fahren würde, dann wäre das allerdings sehr peinlich. Der Gedanke, daß sie seinetwegen umsonst reiste, war ihm unsympathisch, aber sie würde ja erst in ein oder zwei Tagen fahren, und er konnte inzwischen Mittel und Wege finden, sich mit ihr in Verbindung zu setzen.

 

Er schauderte, denn im Hintergrund tauchte wieder der rachsüchtige Ehemann auf, dieser große, brutale Mensch, der verrückt war, verrückt, wahnsinnig!

 

Gordon mußte noch zwei Stunden warten, bevor er seinen Plan ausführen konnte.

 

Er zog dann seinen Mantel an und fuhr mit dem Fahrstuhl hinunter. Sein Wagen wartete noch, der Taxameter war allerdings inzwischen zu einer ziemlichen Höhe emporgeklettert. Er hatte überhaupt nicht mehr an das Auto gedacht. An seiner Straßenecke zahlte er den Chauffeur und ging schnell auf sein Haus zu. Er hatte den Mantelkragen hochgeschlagen. Glücklicherweise war die Straße vollkommen leer. Er rannte beinahe bis in die kleine Seitenstraße und schloß mit zitternder Hand das rückwärtige Tor auf. Wenn die Riegel nun vorgeschoben waren! Aber die Tür bewegte sich nach innen, und er sah darauf die wohlbekannten Fenster seines Studierzimmers. Er schlich sich auf Zehen zu dem kleinen hinteren Eingang und lauschte. Er konnte kein Geräusch hören. Mit größter Vorsicht schloß er auf und öffnete die Tür zuerst einen Spalt, dann ein wenig weiter, schlüpfte hinter den Vorhang, der die Tür verbarg und zog sie hinter sich zu.

 

Das Zimmer war leer, die beiden Türen zur Diele waren angelehnt. Er konnte das feierliche Ticken der Großvateruhr im Treppenhaus hören.

 

Er hatte sich überlegt, daß er sich zuerst mit Bobby in Verbindung setzen mußte. Er lauschte in die Diele hinaus und hörte ein schwaches Geklirr von Tellern. Diana war also, wie er erwartet hatte, beim Mittagessen. Er schloß leise die Stofftür, dann die Holztür, schob einen Riegel vor und ging auf Zehenspitzen durch das Zimmer. Jetzt war er Diana dankbar, daß sie das Telefon in sein Studierzimmer hatte legen lassen.

 

Bobbys Büro meldete sich. Ein Angestellter, der sich verspätet hatte, bediente das Telefon noch.

 

»Nein, Sir, Mr. Selsbury ist heute nicht im Geschäft.«

 

Gordon hängte den Hörer wieder ein, ohne seinen Namen zu nennen. Dann rief er Bobbys Wohnung an, hatte aber keinen besseren Erfolg. Er verschwendete wertvolle Zeit – Bobby konnte ja noch warten. Mit einem glücklichen Lächeln richtete er sich auf. Er war wieder zu Hause! Diana würde natürlich sehr erstaunt sein, wenn sie ihn sähe!

 

Er ging quer durch den Raum zur Diele. Seine Hand lag schon auf der Türklinke, als er sich noch einmal umschaute und plötzlich bemerkte, daß sich der Vorhang bauschte, der die Geheimtür verbarg. Er dachte daran, daß er die Tür offengelassen hatte und wollte gerade zurückkehren, um sie zu schließen, als eine Hand den Rand des Vorhangs faßte. Gordon blieb wie angewurzelt stehen. Wieder bewegte sich der Vorhang, und nun wurde eine Frau sichtbar. Es war Heloise!

 

Gordon traute seinen Augen nicht. Sicher war das eine Halluzination seiner überhitzten Phantasie und ein Symptom dafür, daß seine Nerven nicht mehr in Ordnung waren.

 

»Sie sind es doch nicht wirklich?« fragte er ganz verwirrt.

 

»Gordon!« Er sah ihre ausgestreckten Hände und den unendlich traurigen Blick ihrer Augen.

 

»Wie sind Sie denn hierhergekommen?« fragte er verzweifelt.

 

»Auf demselben Weg, den auch Sie genommen haben. Ich folgte Ihnen, Gordon. Er ist so fürchterlich, Sie müssen mich beschützen!«

 

Er starrte sie entsetzt an.

 

»Ach, Sie meinen – Peter?« Er nickte.

 

»Peter? Nein, ich meine Claude, meinen Mann… Er weiß alles!«

 

Heloise kam jetzt auf ihn zu und legte ihre beiden Hände auf seinen Arm.

 

»Ich kann doch hier in Ihrem Haus bleiben – Sie werden mich doch nicht auf die Straße werfen? Er war hinter mir her, aber ich bin seinen Verfolgungen glücklich entgangen!«

 

»Was, Sie wollen hier bleiben?« Gordon erkannte kaum seine eigene Stimme wieder. »Sind Sie verrückt – sind Sie wahnsinnig?«

 

Sie schaute ihn argwöhnisch an.

 

»Sind Sie etwa verheiratet?«

 

»Nein!« Aber plötzlich kam ihm eine Erleuchtung. »Ja!«

 

»Ja – nein«, sagte sie ungeduldig. »Was sind Sie denn – geschieden?«

 

»Nein. Sie müssen doch einsehen, daß das nicht geht, Heloise!«

 

»Sie sind mit Diana verheiratet!« rief sie anklagend.

 

Gordon nickte ganz verwirrt.

 

»Sie müssen wirklich gehen, sonst bin ich ruiniert!«

 

Sie trat einen Schritt zurück und stemmte die Arme in die Hüften.

 

»Und was erbe ich bei diesem Ruin?« fragte sie.

 

»Sie müssen zu Ihrem Mann zurückgehen!« Seine Gedanken begannen sich wieder zu sammeln. »Sie müssen ihm sagen, daß Sie einen Irrtum begangen haben!«

 

»Das vermutet er schon so«, klagte sie. Langsam legte sie ihren Mantel ab. Gordon eilte zu ihr hin und wollte sie daran hindern.

 

»Ziehen Sie ihn schnell wieder an!« sagte er, aber sie machte sich von ihm frei.

 

»Ich gehe nicht – unter keinen Umständen gehe ich fort! Gordon, Sie können mich doch nicht auf die Straße werfen, nach allem, was wir einander waren!«

 

Er schob sie nach der Hoftür zu. Er war außer sich vor Furcht und hoffte kaum noch auf eine glückliche Lösung.

 

»Schnell durch diese Tür«, zischte er ihr zu. »Ich treffe Sie in einer halben Stunde in irgendeinem Restaurant. Heloise, verstehen Sie denn nicht, mein guter Ruf hängt davon ab –«

 

Aber nun ließ sie die Maske vollkommen fallen.

 

»In einem Restaurant – wollen Sie mich wirklich den Löwen zum Fraß vorwerfen?«

 

Er sah sie erbittert an. War es möglich, daß eine Frau in einem so ernsten Augenblick noch dumme Witze machen konnte?

 

»Ihr guter Ruf kümmert mich gar nicht«, sagte sie kühl. »Deswegen würde ich nicht den kleinsten Schritt tun. Ich werde dieses Haus nicht – allein verlassen!«

 

Gordon bedeckte seinen Mund mit der Hand, obwohl er ja gar nicht sprechen, sondern nur ihr die Rede abschneiden wollte. Aber er stand zu weit von ihr entfernt, um ihr den Mund zuhalten zu können. Seine unfreiwillige Geste hatte aber wenigstens den Erfolg, daß sie schwieg. Plötzlich klopfte es an der Tür.

 

»Wer ist in dem Zimmer?« fragte Diana.

 

Gordon zeigte auf die Seitentür und suchte Heloise durch Gebärden verständlich zu machen, daß sie gehen solle, aber sie reagierte nicht darauf.

 

»Wer ist hier?« fragte Diana lauter.

 

»Schnell durch die Seitentür«, flüsterte Gordon.

 

Heloise schüttelte den Kopf, zögerte und trat dann leise hinter den Vorhang. Das war ihr einziges Zugeständnis.

 

»Wer hat die Tür abgeschlossen?«

 

Dianas Stimme war jetzt dringend und erregt. Gordon zog seinen Rock zurecht, fuhr mit der Hand über das Haar, schloß die Tür auf und öffnete sie weit.

 

»Es ist alles in Ordnung, meine liebe Diana!« Er grinste geistlos und fade. »Haha – Gordon ist wieder da! Gord, wie du ihn immer nennst. Ich komme gerade nach Hause. Hier bin ich … hier bin ich wieder wie ein falscher Pfennig!«

 

Diana war ganz starr vor Schrecken, als sie hereintrat.

 

Sein Mut sank, aber er hielt sich durch die Überzeugung aufrecht, daß sie schließlich überhaupt kein Recht hatte, sich in diesem Hause aufzuhalten. Er war doch der Hausherr, er war die höchste Autorität in seinen eigenen vier Wänden, obwohl er sich eben wie ein Dieb ins Zimmer geschlichen hatte.

 

Sie betrachtete ihn schnell von Kopf bis zu Fuß und bemerkte eine fabelhafte Ähnlichkeit mit Gordon. Aber dann sah sie ihn genauer an: Er war etwas korpulenter als ihr Vetter (der graue Sportanzug mit den roten Tupfen brachte diesen Eindruck hervor), er war auch kleiner. Außerdem hatte er einen ganz gewöhnlichen Geschmack. Anscheinend wollte er sich durch diesen Aufzug als Sportsmann legitimieren. Gordon war ein Ruderer und ging auf die Jagd, aber er hätte sich niemals in einer solchen Aufmachung blicken lassen. Sie überlegte sich das schnell, ihre Gedanken rasten. Er dachte überhaupt nicht mehr. In Dianas Augen sah er jenes Leuchten, das er nicht liebte, und als sie auf ihn zuging, wich er vor ihr zurück.

 

»Aber das ist doch nur der alte Gordon, haha!« scherzte er schwach.

 

»So, Sie sind nur der alte Gordon!« Sie nickte verstehend. »Setzen Sie sich einmal dorthin, alter Gordon!«

 

»Nun hör doch einmal zu, liebes Kind! Ich will dir alles erklären. Ich habe meinen Zug versäumt …«

 

Sie öffnete langsam eine Schublade des Schreibtisches, ließ ihn dabei aber nicht aus den Augen. Plötzlich hielt sie eine Browningpistole in der Hand.

 

Er hörte, wie sie lud und entsicherte.

 

»Aber was tust du denn da, Diana!« rief er.

 

Sie sah ihn durchbohrend und vernichtend an.

 

»Wollen Sie bitte so liebenswürdig sein, mich nicht mehr Diana zu nennen«, erwiderte sie eisig. »Sie sind also doch gekommen, sehen Sie einmal an. Und selbst ich, die gewöhnlich auf alles gefaßt ist, habe Sie nicht erwartet! Aber Sie sind zu einer glücklichen Stunde gekommen, mein Freund!«

 

»Aber begreife doch, mein liebes Mädel!«

 

»Unterlassen Sie gefälligst die Vertraulichkeiten!« Energisch wies sie wieder auf einen Stuhl, und er setzte sich gehorsam. »Und bilden Sie sich ja nicht ein, daß ich mich von Ihnen täuschen lasse – ich kenne Sie!«

 

»Du kennst mich?« fragte er heiser. Er wußte bald nicht mehr, ob er sich selbst noch kannte.

 

»Ich kenne Sie«, wiederholte sie langsam. »Sie sind der Doppelgänger!«

 

Er sprang auf, aber sie erhob sofort die Pistole. Er gestikulierte wild mit den Händen und wollte sprechen.

 

»Sie sind der Doppelgänger!« Ihre Augen blitzten unheimlich. »Ich weiß alles von Ihnen – Sie erscheinen in der Gestalt Ihrer Opfer – Sie und die Frau, mit der Sie zusammenarbeiten, locken unschuldige Männer von ihren Häusern weg, damit Sie sie ausplündern können.« Sie schaute sich um. »Wo ist denn die Frau? Ist sie nicht auf der Szene? Oder ist ihre Aufgabe zu Ende, wenn sie die Leute weggelockt hat?«

 

»Diana, ich schwöre dir, du irrst dich, ich bin dein Vetter Gordon!«

 

»Mein lieber Doppelgänger, Sie sind diesmal nicht so sorgfältig zu Werk gegangen wie früher. Lassen Sie sich aber die Tatsache, daß ich Sie eben so freundlich angeredet habe, nicht zu Kopf steigen! Sie haben Ihr augenblickliches Opfer nicht genau genug studiert. Mein Vetter Selsbury trägt einen Backenbart – wußten Sie das nicht?«

 

»Ich – ich hatte einen Unfall! In Wirklichkeit nahm ich ihn ab, um dir zu gefallen – dir zuliebe!«

 

Ihr verächtliches Lächeln erschütterte ihn vollständig.

 

»Mein Vetter Gordon gehört nicht zu den Männern, die Unfälle mit ihren Backenbärten haben«, sagte sie nachdrücklich. »Nun erzählen Sie mir einmal, wo Ihre Freundin steckt.«

 

Er versuchte von dem Vorhang fortzuschauen und starrte feierlich geradeaus, aber dann wanderten seine Augen doch unfreiwillig zu dem Ausgang nach dem Hof. Diana folgte seinen Blicken und sah plötzlich, daß sich der Vorhang leise bewegte.

 

»Kommen Sie, bitte, hervor!«

 

Es kam keine Antwort.

 

»Kommen Sie hervor – oder ich schieße sofort!«

 

Sie sah, wie sich der Vorhang bewegte. Heloise stürzte kreidebleich ins Zimmer und warf sich dem vollständig geschlagenen Gordon an die Brust.

 

»Schütze mich doch, sie darf nicht schießen! Sie darf nicht schießen!« schrie sie lös.

 

Diana nickte befriedigt.

 

»Das ist also Ihr Mann?« konstatierte sie.

 

Sie ging zur Tür und schloß sie ab.

 

»Nun hören Sie einmal zu, Herr und Frau Doppelgänger, oder welchen Namen Sie sonst führen mögen. Sie sind hierhergekommen, um einen ganz gemeinen Betrug auszuführen. Wenn ich wollte, könnte ich sofort zur Polizei schicken, um Sie dem Arm der Gerechtigkeit auszuliefern. Ich bin aber noch nicht ganz sicher, ob ich das tun werde. Im Augenblick ist Ihre Gegenwart jedenfalls wie von der Vorsehung herbeigeführt. Gordon Selsbury!« sagte sie dann verächtlich. »Glauben Sie vielleicht, daß Gordon Selsbury heimlich eine Frau in dieses Haus bringen würde? Bilden Sie sich ein, er würde wie ein drittklassiger Komödiant in einem derartigen Aufzug erscheinen? Erwähnen Sie nie wieder Mr. Selsburys Namen in meiner Gegenwart!«

 

Gordon öffnete und schloß seinen Mund, aber er brachte keinen Ton hervor.

 

»Sie werden jetzt in diesem Zimmer bleiben, bis ich Ihnen erlaube, etwas anderes zu tun! Sie haben doch einen Schlüssel zu dieser Tür gehabt, geben Sie ihn sofort her!«

 

Gordon gehorchte lammfromm und beobachtete, wie sie die Tür nach dem Hofe zweimal verschloß. Dann machte er einen letzten, verzweifelten Versuch, sich aus dieser Situation zu retten.

 

»Diana, ich kann dir doch alles erklären«, sagte er verzweifelt. »Ich bin – es ist wirklich so – ich will dir die Wahrheit erzählen. Ich war im Begriff abzureisen, und – ich bin tatsächlich Gordon, obwohl der Schein gegen mich ist. Ich gebe ja gern zu, daß ich einen ganz abscheulichen Anzug trage und daß ich auch in anderer Weise mein Aussehen verändert habe, aber das kann ich dir alles genau erklären –«

 

Es klopfte an die Tür.

 

»Warten Sie!« sagte Diana und ging zur Tür. »Wer ist dort?«

 

»Eleanor. Es ist ein Telegramm gekommen!«

 

»Schieben Sie es unter der Tür durch!«

 

Ein gelbes Formular wurde sichtbar, sie riß es auf und las.

 

»Nun, fahren Sie doch fort!« wandte sie sich an Gordon. »Sie sagen, Sie seien Gordon Selsbury? Erzählen Sie mir nur noch ein wenig mehr. Aber hören Sie vorher einmal zu, was ich Ihnen vorlese: ›Habe gerade Custon verlassen. Sei vorsichtig. Gordon.‹ Wir wollen uns nun gegenseitig nichts mehr vormachen. Beichten Sie mir alles, kleiner Bursche! Schütten Sie mir Ihr Herz aus! Wer sind Sie: Gordon Selsbury oder der Doppelgänger?«

 

»Irgend jemand«, sagte er, verzweifelt wie ein Verdammter.

 

»Gordon Selsbury oder der Doppelgänger?« fragte sie unbarmherzig.

 

Er streckte seine Hände aus und ließ sie resigniert wieder fallen.

 

»Der Doppelgänger!« stöhnte er kaum vernehmlich.

 

Von den beiden Rollen erschien ihm diese als die glaubwürdigere.

 

Kapitel 14

 

14

 

Gordon hatte niemals einen Menschen gesehen, der so verwirrt und verängstigt war wie Heloise. Das war der einzige klare Eindruck, den er von diesem unangenehmen Auftritt hatte. Sie, die selbstbewußte Dame, die Frau mit der feinen Seele, die sich hoch über alle gewöhnlichen Grade der Menschheit erhob, schien unter Dianas beherrschenden Blicken vollständig zusammengebrochen zu sein. Gordon seufzte, band seine Flanellschürze ein wenig fester und hätte gern gewußt, wo Trenter das Putzpulver aufbewahrte. Es war wenigstens gut, daß der Hausmeister nicht anwesend war und nicht Zeuge der Erniedrigung seines Herrn werden konnte. Denn Diana hatte ihn in den schlechtbeleuchteten Anrichteraum gesteckt und ihm den Auftrag gegeben, das Silber zu putzen und außerdem sofort zu erscheinen, wenn er gerufen werde.

 

Gordon seufzte verzweifelt und nahm sich ein silbernes Sahnekännchen vor, aber mit dem Herzen war er nicht bei seiner Aufgabe. Seine feingepflegten Hände waren nicht für häusliche Dienstbotenarbeiten geschaffen, aber es kam ihm ebensowenig der Gedanke, sich die Kehle mit einem Obstmesser zu durchschneiden, wovon gerade ein halbes Dutzend vor ihm auf dem Tisch lag, als der befehlenden Geste Dianas nicht zu gehorchen, die ihn hier Silber putzen ließ.

 

Er träumte nicht, er schlief nicht, davon hatte er sich schon des öfteren überzeugt. Er war wirklich wach, er stand hier in Hemdsärmeln und trug eine Flanellschürze über dem graukarierten Anzug mit den roten Tupfen. Und er war zweifellos dabei, einen silbernen Sahnetopf zu putzen. Diese Tatsache stand jedenfalls fest, und sie konnte ja nun die Basis für weitere Spekulationen abgeben. Vor allem wunderte er sich darüber, warum Diana ihn überhaupt im Hause behielt, wenn sie glaubte, er sei der Doppelgänger. Warum schickte sie denn nicht sofort zur Polizei und ließ ihn zur nächsten Wache bringen? Er mußte ihr ja noch im Herzen dankbar sein, daß sie diese Maßregel nicht ergriffen hatte! Außerdem war er neugierig, wo seine übrigen Dienstboten geblieben waren. Eleanor hatte er nicht gesehen, auch die Köchin war verschwunden. Er war ja bis zu einem gewissen Grade sehr zufrieden damit – aber wo mochten sie nur geblieben sein? Er sollte es bald erfahren.

 

Diana erschien in der Tür, und er starrte sie mit offenem Mund an. Sie trug einen breiten, braunen Ledergürtel, an dem ein Pistolenfutteral hing. Aus diesem schaute der Griff einer Pistole hervor. »Können Sie Kartoffeln schälen?« fragte sie.

 

Gordon erkannte beschämt, daß er von Kartoffeln weiter nichts wußte, als daß sie eine Art Gemüse seien.

 

»Haben Sie denn noch nie Kartoffeln geschält?«

 

»Ich kann mich nicht darauf besinnen. Als ich noch zur Schule ging –«

 

»Ich interessiere mich nicht im geringsten dafür, was in der Besserungsanstalt von Borstel passierte, in der jugendliche Taugenichtse erzogen werden. Stellen Sie sofort das Milchkännchen hin, und kommen Sie mit in die Küche!«

 

Er folgte ihr gehorsam.

 

»Ich habe meinen Dienstboten über das Wochenende frei gegeben. Ich möchte nicht, daß der Name meines Vetters in irgendeinen Skandal gezogen wird. Natürlich ist es ganz unmöglich, daß ich Sie Tag und Nacht dauernd bewachen kann. Ich habe deshalb einen befreundeten Herrn gebeten, hierherzukommen und mir bei dieser schweren Aufgabe zu helfen.«

 

Ein Hoffnungsschimmer leuchtete in Gordons Augen auf.

 

»Es ist ein Detektiv – ein gewisser Mr. Superbus. Ich glaube, Sie kennen ihn dem Namen nach schon, er ist Ihnen schon seit langem auf den Fersen.«

 

»Dieser – dieser …« stotterte Gordon entrüstet.

 

»Ja, dieser!«

 

Es klingelte in der Küche, und Diana sah nach der Nummerntafel. Die kleine Klappe, die die Haustür anzeigte, war gefallen.

 

»Hier sind die Kartoffeln!«

 

Gordon salutierte. Er hatte früher in der Armee gedient, und ihr befehlshaberischer Ton rief die Erinnerung daran wach.

 

Als Diana die Küche verlassen hatte, sah er sich schnell um. Er war gut genug mit seinem eigenen Hause vertraut, um zu wissen, daß man durch die Küchentür ins Freie kommen konnte. Aber sie war fest verschlossen, und der Schlüssel war abgezogen. Die Fenster waren mit eisernen Gittern gegen Einbrecher geschützt. Gordon kehrte seufzend zu seinen Kartoffeln zurück.

 

Wieder klingelte es. Diana hörte es, als sie ihren Ledergürtel mit der Pistole abschnallte und die Waffe in eine Kommode in der Diele einschloß. Sie zögerte einen Augenblick und ließ ihre Hand auf der Türklinke liegen, aber dann zwang sie ein donnerndes Gepolter zum Handeln. Entschlossen öffnete sie die Tür. Der gefürchtete Augenblick war gekommen. Noch bevor sie den bärtigen Mann sah, wußte sie, wer es war.

 

»Drei Uhr!« rief er frohlockend und streckte die Hände aus. »Drei Uhr, das ist die wunderbare Stunde unserer Wiedervereinigung, meine Braut, meine Taube, mein Leben!«

 

»Komm herein!« sagte Diana nüchtern.

 

Er wollte sie sofort in seine Arme schließen, aber sie hielt ihn immer in einer gewissen Entfernung von sich.

 

»Die Dienstboten!« sagte sie leise und entwand sich geschickt seinen Armen. »Hier hinein!« Sie öffnete die Tür zum Studierzimmer. »Giuseppe, du mußt dich aber benehmen, das ist das mindeste, was ich von dir verlangen kann. Mein Onkel –«

 

»Dein Onkel!« Er schaute sie begeistert an. »Ist er hier?«

 

Sie nickte.

 

»In diesem Hause?«

 

Sie hätte sich eigentlich durch seinen Eifer warnen lassen sollen, aber die Zwangslage, in der sie sich augenblicklich befand, hatte sie etwas aus dem Gleichgewicht gebracht.

 

»Aber natürlich ist er hier!« Seine Stimme klang triumphierend, und er sah sie mit leuchtenden Blicken ekstatisch an. Dann schloß er die Augen und lächelte verzückt.

 

»Der Traum meines Lebens wird nun erfüllt werden. Kann ich einmal telefonieren?«

 

Er hatte den Hörer schon in der Hand, bevor sie antworten konnte. Er rief sein Hotel an.

 

»Senden Sie sofort mein Gepäck hierher nach Cheynel Gardens. Jawohl, zwei Koffer – verstehen Sie denn kein Englisch? Wohin? Ich sage Ihnen doch, nach Cheynel Gardens Nr. 61. Das Haus ist gar nicht zu verfehlen! Vergessen Sie nicht meine Pyjamas! Sie liegen unter meinem Kopfkissen!«

 

»Aber Giuseppe«, rief Diana bestürzt, »was machst du da, warte doch! Du kannst unmöglich hier wohnen!«

 

»Doch, meine schlanke Lilie, hier, zusammen mit dir unter einem Dache! Oh, das ist die höchste Wonne, das ist die wunderbarste Erfüllung meiner unendlichen Sehnsucht! O Diana, Sternenfee meiner himmlischen Träume! Wenn dein guter Onkel nicht hier wäre, hätte ich unmöglich bleiben können. Hast du auch eine Tante? Ach, die arme Mrs. Tetherby!«

 

»Giuseppe! Du kannst nicht hier wohnen, mein Onkel duldet keine fremden Leute im Haus!« Er klopfte ihr auf die Schulter.

 

»Oh, ich werde ihn schon herumkriegen. Ich werde so liebenswürdig zu ihm sein, ich werde einfach seinen Widerspruch nicht gelten lassen! Erzähle mir doch von seinen Liebhabereien, damit ich mit ihm darüber sprechen kann. Es gibt nichts unter der Sonne, worüber ich nicht reden könnte!«

 

Das glaubte sie ihm aufs Wort.

 

»Und deine liebe Tante – sie ist auch meine Tante! Bringe sie sofort her, damit ich ihr die Hand drücken und ihre Wangen küssen kann. Dianas Tante! Welch eine göttliche Verwandtschaft!«

 

Trotz ihrer Bestürzung entdeckte Diana doch, daß die impulsive Seite in Dempsis Charakter sich unerträglich entwickelt hatte. Er konnte nicht einen Augenblick den Mund halten. Jetzt stand er vor dem Kamin und betrachtete die gekreuzten Ruder.

 

»Ah, du hast rudern gelernt, meine kleine Diana? Das ist ja wundervoll! Wir werden miteinander in dem Nachen des Lebens auf dem Strom der Zeit fahren, wir werden das Wasser des Lethe trinken und die Vergangenheit vergessen –«

 

Mit zwei Schritten war er an ihrer Seite und nahm ihre Hände in die seinen.

 

»O Diana, fühlst du nicht, daß ich von dieser Stunde geträumt habe während der langen Nächte in dem Busch, in der unendlichen Öde der nördlichen Landstrecken, die ich durchzog, um Gold und Vergessenheit zu suchen? Und habe doch keins von beiden gefunden. In der Einsamkeit der Eingeborenenhütten, wenn ich in der Dunkelheit hingerissen dem Gezwitscher der kleinen Vögel und dem Seufzen des Windes lauschte, sah ich immer dein Gesicht, deine herrlichen, unvergeßlichen Züge, den Glorienschein deines goldenen Haares.«

 

Plötzlich unterbrach er seine ekstatischen Phantasien.

 

»Dein Onkel! Stelle mich ihm doch vor! Bringe ihn her!«

 

*

 

Gordon hatte gerade seine dritte Kartoffel geschält, als Diana wieder in der Küche erschien. Die Kartoffeln waren noch groß, als er sie zu bearbeiten begann, aber sie schrumpften unter seinen Händen allmählich merklich zusammen. Für ihn war es ein großes Geheimnis, wo die Schale anfing und wo sie endete. Er hatte deshalb recht tief geschnitten, um ganz sicherzugehen.

 

Bei dem Anblick ihres tragischen Gesichtsausdruckes ließ er seine Kartoffel fallen.

 

»Was gibt es denn?«

 

»Was es gibt? Alles geht drunter und drüber!« rief sie bitter.

 

»Ich gebe Ihnen jetzt eine Chance. Ihr Name gefällt mir nicht, ich gebe Ihnen deshalb einen anderen – Sie heißen jetzt Artur!«

 

»Wie?« fragte er ganz verdutzt.

 

»Sie sind von jetzt ab Artur, mein Onkel Artur!«

 

Er legte das Messer nieder, wischte sich die Hände an der Schürze ab und ging langsam auf sie zu.

 

»Aber ich bin doch nicht Ihr Onkel Artur –« begann er.

 

»Nehmen Sie das jetzt ab!« Sie zeigte auf die Schürze. »Ziehen Sie sofort Ihren Rock an und kommen Sie mit nach oben. Und denken Sie immer daran, daß Sie von jetzt ab mein Onkel Artur sind! Wo steckt denn eigentlich Ihre saubere Begleiterin?«

 

»Wie zum Henker soll ich das wissen?« fragte Gordon aufsässig.

 

»Warten Sie!«

 

Diana eilte die Treppe hinauf in das Reservezimmer, wo sie den Mann und die Frau unterbringen wollte, die sie bestellt hatte. Sie fand Heloise dort mit tränenfeuchten Augen auf der Ecke des Bettes sitzen. Als die Tür aufgeschlossen wurde, sprang sie auf.

 

»Hören Sie mich doch an, Mrs. Selsbury«, begann sie in ihrer hohen, weinerlichen Stimme. »Ich kenne ja das Gesetz dieses Landes nicht, aber Sie haben kein Recht, mich einzuschließen –«

 

»Wünschen Sie, daß ich zur Polizei schicke?« fragte Diana.

 

»Sie irren sich wirklich, Mrs. Selsbury«, sagte Heloise mit tiefem Ernst. »Sie haben den größten Fehler Ihres Lebens gemacht. Dieser arme Fisch ist doch Ihr Mann!«

 

»Ich habe keinen Mann, keinen Fisch, kein Huhn und keinen Hering! Ich hatte niemals einen Mann.« Aber sie besann sich eines Besseren. »Ich bin nämlich Witwe.«

 

Heloise wußte nicht, was sie davon denken sollte.

 

»Vergessen Sie jetzt alles, was heute passiert ist«, sagte Diana plötzlich etwas zusammenhanglos. »Ich habe unerwartet Besuch bekommen, der hier in meinem Hause wohnen wird – ein alter Freund, ich war früher mit ihm verlobt, bis er im Busch starb.«

 

»Ist er hier?« fragte Heloise bestürzt.

 

»Ja«, nickte Diana. »Und er bleibt auch hier. Ich kann ihm natürlich nicht erlauben, hier zu wohnen, wenn ich nicht meine Tante oder eine Gesellschafterin habe. Sie sind also jetzt –« sie sprach jedes Wort mit großem Nachdruck aus – »Tante Lizzie.«

 

Heloise wußte auch nicht mehr, ob sie wachte oder träumte.

 

»Sie sind Tante Lizzie, und der verdammte Einbrecher, den Sie da geheiratet haben, was ich wenigstens hoffe, ist Onkel Artur. Gehen Sie jetzt in die Küche hinunter und sagen Sie ihm Bescheid.«

 

»Damit ich mich nicht irre – ich bin Tante Lizzie – Sie wollen, daß ich Ihre gute Tante Lizzie bin … und der arme Kerl in der Küche ist …?«

 

»Onkel Artur.«

 

»Ich habe die Sache noch nicht recht verstanden. Hier wird ein Film gedreht … Sie drehen selbst etwas.« Im Augenblick hatte sie vergessen, daß sie eine elegante Dame der Gesellschaft war. »Also ich bin Tante Lizzie …«

 

Sie sank vollständig zusammen unter der Last, die man ihr auferlegt hatte.

 

»Sie sind verrückt! Ich bin amerikanische Bürgerin, oder wenigstens beinahe. Ich lebe in Toronto, aber ich wohne so nahe, daß man einen Stein über die Grenze werfen könnte – und jetzt bin ich Tante Lizzie!«

 

Kapitel 15

 

15

 

Gordon spielte zerstreut mit Kartoffelschalen, als Heloise hereinkam.

 

»Sie sind jetzt Onkel Artur!« sagte sie in geziertem Ton.

 

»Wo waren Sie, Heloise?«

 

Der Anblick seiner Gefährtin im Unglück brachte ihn wieder zur Besinnung. Heloise war ein Stück Wirklichkeit, etwas, an das man sich anklammern konnte. Er vergaß seinen Widerwillen gegen sie vollständig über der Freude, jemand zu treffen, der ihn in der Überzeugung bestärkte, daß er tatsächlich Gordon Selsbury war.

 

»Sagen Sie, Gordon, diese Liese – ist das Diana?«

 

Er nickte.

 

»Ist sie Ihre Frau? Das haben Sie mir immer verschwiegen.«

 

»Sie ist nicht meine Frau … sie hat kein Recht hier … wenn ich Ihnen Veranlassung gab, zu denken, ich sei verheiratet, so tat ich es nur, weil ich Sie aus dem Hause bringen wollte. Sehen Sie nun, was Sie angerichtet haben? Sie haben mich ruiniert! Wenn Sie bloß draußen geblieben wären! Wenn ich Sie nie gesehen hätte!«

 

»Sie hat mir eben erklärt, daß sie Ihre Witwe sei!« Heloise war ganz ruhig und kleinlaut, und es kam ihm so vor, als ob sie den Verstand verloren hätte.

 

»Wenn Sie wünschen, ist sie auch meine Witwe!« sagte er begütigend. »Nehmen Sie doch Platz, ich will Ihnen ein Glas Wasser geben!«

 

»Diana!« rief Heloise erstaunt. »Das ist also Ihr kleines, australisches Mädchen … Gordon, sagen Sie einmal aufrichtig, ist sie nicht ein Polizeispitzel?«

 

»Was soll sie sein?«

 

»Ich meine so ein Frauenzimmer aus Scotland Yard – sie tritt genauso auf. Aber nun kommen Sie mit.«

 

»Wohin?«

 

»Sie will uns dabeihaben«, sagte Heloise gleichgültig. »Es hat doch keinen Zweck, hier noch Spektakel zu machen, Gordon, wir müssen uns dem Zwang der Verhältnisse unterordnen.«

 

Das war ein Lieblingsspruch von Heloise. Er hatte ihn schon öfters aus ihrem Munde gehört.

 

Fünf Minuten später schüttelte ein schlanker Mann mit braunem Gesicht Gordons Hände, und wenn er sie nicht mehr schüttelte, dann drückte er sie.

 

»Das ist ihr Onkel! Noch so jung! Und doch ist er älter als er scheint! Und das ist Tante Lizzie!«

 

Er stürzte auf sie zu und küßte die geduldige Heloise auf beide Wangen.

 

Gordon stand vollständig verwirrt dabei. Wer war denn dieser verfluchte Bursche? Diana hatte es ganz versäumt, ihn vorzustellen. Nach einer Weile holte sie es aber nach.

 

»Mein lieber Onkel Artur, dies ist Mr. Giuseppe Dempsi. Du erinnerst dich – ich habe doch des öfteren über ihn gesprochen?«

 

Ihr vernichtender Blick war unnötig. Gordon erinnerte sich tatsächlich daran.

 

»Ich dachte, er sei tot.« Ihn überkam plötzlich ein sonderbares Gefühl, so daß er im tiefsten Baß sprach. Er war selbst darüber verwundert.

 

»Aber ich lebe! Freuen Sie sich, Onkel Artur! Ihr kleiner Wopsy lebt! Ich bin von den Schatten zurückgekehrt. Der süße Zauber einer Sirene brachte mich wieder zur Welt zurück, selbst aus dem Reich der Schatten …!«

 

Er zeigte mit einer theatralischen Gebärde auf Diana.

 

»Meine Braut!« sagte er mit zitternder Stimme.

 

Gordon sah von einem zum anderen. Dempsi – Braut – Braut – Dempsi!

 

»Das ist doch wirklich lächerlich!« rief er, zuckte aber gleich unter einem zerschmetternden Blick Dianas zusammen.

 

Aber Mr. Dempsi war zu glücklich, um sich irgendwie in seiner guten Laune stören zu lassen.

 

»Mein Onkel muß jetzt gehen – er muß die Hühner füttern«, sagte Diana hastig.

 

Sie war sehr enttäuscht, als sie erkannte, wie wenig sie sich auf ihre Stützen und Helfer verlassen konnte. Sie ging gleich nach ihnen in die Küche.

 

»Sie sind beide unbrauchbar, Sie haben mich schön blamiert«, rief sie ganz verzweifelt. »Sie mögen ja ganz tüchtige Verbrecher sein, weil Sie zu nichts anderem taugen. Sie standen wie Wachspuppen aus der Schreckenskammer da und haben weder etwas gesagt noch etwas getan!«

 

»Was sollten wir denn tun?« fragte Gordon. »Wenn ich getan hätte, wonach mir der Sinn stand, hätte ich diesen zappeligen kleinen Wopsy auf die Straße geworfen! Aber Sie sind ja jetzt Herr im Hause, Sie wollen ja nicht einmal die einfachste Erklärung entgegennehmen!«

 

»Aber zu Ihrer einfachsten Erklärung paßt es schlecht, daß Sie Tante Lizzie mitgebracht haben!« unterbrach sie ihn schroff. »Sie hätten mich vielleicht täuschen können, wenn Sie hier nicht mit Ihrer Komplicin, Ihrer Frau, aufgetaucht wären. Seien Sie doch vernünftig, Mann! Ich weiß doch genau, daß Sie der Doppelgänger sind! Ich werde Sie hier irgendwie verwenden, wenn es geht – wenn es nicht geht, schicke ich sofort zur Polizei! Mr. Superbus muß in jedem Augenblick kommen – der wird Sie bewachen! Also versuchen Sie, sich so aufzuführen, wie es einem Onkel zukommt.«

 

Gordon wand sich in seelischem Schmerz.

 

»Wie kann ich mich denn wie ein Onkel benehmen, wenn Sie mir einen verteufelten Detektiv vor die Nase setzen, um mich zu bewachen?« fragte er wütend. »Es ist doch kein Verbrechen, ein Onkel zu sein, meine Liebe! Sie können doch nicht einfach sagen: ›Bewachen Sie den Mann, er ist mein Onkel Artur!‹ Von Ihrem Standpunkt aus mag ja ein Onkel an sich eine verdächtige Tatsache sein, aber in diesem Lande ist man nicht der Ansicht! Wie wollen Sie denn das dem Mann erklären?«

 

Sie sah ihn verächtlich an.

 

»Ich kann ihm ja sagen, daß Sie nicht ganz richtig im Kopf sind«, erwiderte sie kühl. »Und das werde ich tun!«

 

Gordon lehnte sich an den Tisch, um einen Halt zu haben.

 

»Ich bin aber nicht schwachsinnig!« protestierte er heftig.

 

Sie warteten, bis Dianas Schritte verhallt waren.

 

»Das kommt von einem Ausflug nach Ostende«, sagte Mr. Selsbury. Seine Stimme überschlug sich beinahe.

 

»Wenn Sie bloß nach Ostende gereist wären! Dann hätte alles nicht passieren können!« fuhr ihn Heloise wild an. »Es ist Ihnen doch klar, daß mein Mann mir folgte und daß er in diesem Augenblick wahrscheinlich auf den Treppenstufen sitzt und nur darauf wartet, Ihren armen Geist von seiner irdischen Hülle zu befreien?«

 

Gordon strich müde und verzweifelt mit der Hand über die Stirn.

 

Kapitel 1

 

1

 

»Sie ist eine Waise«, sagte Mr. Collings gerührt. Für Waisen hatte er eine besondere Vorliebe. Sonst war er als Rechtsanwalt im Verkehr mit seinen Klienten ein strenger, etwas zurückhaltender Mann, der gern zum Abschluß von Vergleichen riet. Es kamen Klienten in sein Büro, die ganz sicher waren, daß ihre Feinde sich selbst in ihre Hände gegeben hatten. Sie sprachen von Schadenersatzforderungen, die sich auf fünfstellige Zahlen beliefen und den vollkommenen Ruin von Leuten oder Firmen bedeuteten, die sie beleidigt hatten. Aber als sie wieder fortgingen, waren alle ihre Berechnungen über den Haufen geworfen und ihre Zukunftspläne vernichtet. Mr. Collings glaubte nun einmal nicht, daß Prozesse vorteilhaft seien. Seiner Meinung nach war es viel besser, alle Streitfragen gütlich beizulegen.

 

Wenn ein Ermordeter aus seinem Grabe auferstehen, in Mr. Collings Büro kommen und sagen könnte: »Ich habe eine ganz einwandfreie Klage gegen Binks. Er hat mich erschossen. Sie sind doch davon überzeugt, daß ich einen Schadenersatzanspruch an ihn stellen kann?«, dann würde Mr. Collings geantwortet haben; »Das ist noch gar nicht sicher. Ich zweifle daran. Man könnte auch sehr viel zugunsten von Mr. Binks anführen. Haben Sie sich nicht auf seine Kosten bereichert? Sind Sie nicht selbst in einer unangenehmen Lage? Sie tragen doch zunächst einmal ein Geschoß im Leibe herum, das zweifellos das Eigentum von Mr. Binks ist. Man kann nie genau wissen, welchen Standpunkt das Gericht einnimmt. Ich gebe Ihnen den guten Rat, mich zu Vergleichsverhandlungen zu ermächtigen.«

 

Aber wenn es sich um Waisen handelte, war Mr. Collings weich wie Butter. Seine Eltern hatten ihn einfach und streng erzogen, und er hatte sonntags fromme Bücher lesen müssen, in denen von Waisen, von gutherzigen Drehorgelspielern und von kleinen Mädchen erzählt wurde, die viel aus guten Büchern lernten, später als Missionsfrauen nach Afrika gingen und dort starben, tief betrauert und beweint von den bekehrten Eingeborenen. Die schlechten Menschen in diesen Geschichten waren meistens junge Burschen, die heimlich die Rosinen aus dem Kuchen nahmen, nur weißes Brot aßen und die Krusten wegwarfen. Sie mißhandelten die Hunde und traten sie mit Füßen, fingen die Fliegen, warfen sie in die Netze der Spinnen und beobachteten mit grausamer Freude und Mordlust, wie diese über ihre armen Opfer herfielen und ihnen das Blut aussaugten.

 

»Sie ist eine Waise«, sagte Mr. Collings noch einmal und seufzte vernehmlich.

 

»Sie ist schon seit zehn Jahren eine Waise«, entgegnete Mr. William Cathcart zynisch.

 

Mr. Collings war untersetzt, hatte einen kahlen Kopf und hielt gern nachmittags ein kleines Schläfchen. Mr. Cathcart war im Gegensatz zu ihm mager, hatte ein schmales Gesicht und volles Haar. Auch schlief er niemals tagsüber, wie man wußte. Er haßte Waisenkinder. Stets gab es ihretwegen unangenehme Auseinandersetzungen über die Elternschaft, über testamentarische Bestimmungen, und immer hatte man Schreibereien mit dem Vormundschaftsgericht. Am liebsten hätte er sich hinter Stacheldraht gegen Waisen verschanzt.

 

»Sie ist die sonderbarste Waise, die mir jemals begegnet ist«, fuhr Mr. William Cathcart erbarmungslos fort. »Dem Gesetz nach ist sie noch ein Kind, aber sie hat ein Bankguthaben von hunderttausend Pfund. Ich vergieße ihretwegen keine Träne – das dürfen Sie mir glauben!«

 

Mr. Collings wischte sich die Augen.

 

»Aber sie ist doch eine Waise!« Er versuchte vergeblich, das steinharte Herz von Mr. Cathcart zu erweichen.

 

»Mrs. Tetherby hat ihr das Geld geschenkt, während sie noch lebte – daran ist doch nichts Besonderes. Wenn ich einem Waisenkind« – er schluckte und wollte seine Rührung verbergen – »einen Schilling, ein Pfund, ja selbst tausend Pfund schenkte, so wäre das doch kein Bruch des Gesetzes oder eine Ungehörigkeit, selbst wenn ich es Tag für Tag täte?«

 

Mr. Cathcart dachte nach.

 

»Unter gewissen Umständen könnte es doch ein Unrecht sein«, meinte er dann.

 

Mr. Collings verwahrte sich dagegen, aber er wollte nicht verletzend werden.

 

»Mrs. Tetherby war träge. Starke Frauen sind oft so.«

 

»Sie war direkt faul«, erwiderte Cathcart.

 

»Es gibt nur wenig Tanten, die Zuneigung zu ihren Nichten fühlen. Aber Mrs. Tetherby liebte Diana. Aus ihrem Testament geht das deutlich hervor. Sie hinterließ ihr alles –«

 

»Es war ja gar nichts zu hinterlassen«, unterbrach ihn Mr. William Cathcart befriedigt.

 

Wie dieser Mann Waisenkinder haßte!

 

»Es war nichts mehr da, weil sie ja schon zu Lebzeiten Diana die Kontrolle über ihr Vermögen überließ.«

 

»Das tat sie doch nur, weil sie sich nicht damit belasten wollte«, sagte Mr. Collings leise. »Sie hat dieses Waisenkind doch so geliebt!«

 

»Wenn man jemals einer Frau auf der Welt nicht hätte gestatten dürfen, ein Mädchen von Diana Fords Charakter zu erziehen, so war es Mrs. Tetherby. Als Kind von sechzehn Jahren hatte Diana schon eine leidenschaftliche Liebesaffäre mit einem Studenten –«

 

»Es war ein Student der Theologie«, verteidigte sie Mr. Collings. »Vergessen Sie das nicht! Das läßt doch die Sache in einem ganz anderen Licht erscheinen. Ich kann mir wohl denken, daß ein junges Mädchen sein Herz einem zukünftigen Geistlichen schenkt. Ein Student der Medizin wäre mir dagegen ganz unmöglich erschienen.«

 

»In meinen Augen ist es um so schlimmer, wenn er ein Student der Theologie war.«

 

»Aber schließlich hat uns Mrs. Tetherby wegen dieser Angelegenheit um Rat gefragt«, sagte Mr. Collings etwas vorwurfsvoll. »Ob sie nun zu lässig oder zu energisch war, auf jeden Fall ist sie zu uns gekommen.«

 

»Sie wollte von uns erfahren, ob sie vor Gericht schuldig gesprochen würde, wenn sie diesem verfluchten Mr. Dempsi auflauerte und ihn über den Haufen schösse. Sie erzählte uns doch, daß sie schon die Hunde auf ihn gehetzt hatte, ohne ihn abschrecken zu können.«

 

»Dempsi ist tot«, erwiderte Mr. Collings heiser. »Ich habe schon vor acht Monaten mit Diana über ihn gesprochen, als ihre verehrte Tante starb. Ich fragte sie, ob diese Wunde vernarbt sei. Sie antwortete, daß sie kaum noch daran denke. Nur manchmal mache sie sich abends noch den Spaß, sein Gesicht aus dem Gedächtnis zu zeichnen.«

 

»Ein herzloses, teuflisches Mädchen!«

 

»Sie ist ein Kind – und in der Jugend geht dergleichen schnell vorüber. Man vergißt sogar Leibschmerzen sehr rasch«, sagte Mr. Collings.

 

»Haben Sie auch mit ihr über Leibschmerzen gesprochen?« fragte der andere höhnisch.

 

Mr. Collings zog die Augenbrauen hoch. Ein Mann von seiner Gutherzigkeit war solchen Gemeinheiten gegenüber einfach machtlos.

 

»Eine Waise« – begann er eben wieder, als ein Schreiber ins Büro trat.

 

»Miss Diana Ford«, meldete er an.

 

Die beiden Chefs der Rechtsanwaltsfirma Collings und Cathcart wechselten Blicke.

 

»Lassen Sie die junge Dame näher treten.« Die Tür schloß sich hinter dem Schreiber. »Seien Sie liebenswürdig zu ihr, William«, bat Collings.

 

Mr. Cathcart rückte unruhig auf seinem Stuhl hin und her.

 

»Wird sie denn liebenswürdig zu mir sein?« fragte er bitter. »Garantieren Sie mir und sind Sie bereit, Geld darauf zu wetten, daß sie höflich ist?«

 

In der Tür erschien ein hübsches Mädchen. Sie sah blühend wie der Frühling aus. Die Farbe ihrer Wangen erinnerte an Pfirsiche, und sie brachte den Duft blumiger Wiesen mit in dieses dumpfe Büro. Ihre Sprache hörte sich an wie das Geplätscher eines kristallklaren Baches, der zwischen Lärchen und Erlen dahineilt. Das war Miss Diana Ford.

 

Während des Krieges hatte Mr. Cathcart eine Stellung in einem Armeeversorgungsdepot eingenommen (Heimatdienst) und hatte infolgedessen eine gewisse Art zu denken beibehalten. Er nahm den Tatbestand wie folgt auf:

 

Mädchen. Schlank. Mittelgröße.

Augen. Graublau, groß. Unschuldiger Blick.

Mund. Rot, geschwungen, ziemlich groß.

Nase. Gerade, gutgeformt.

Haare. Goldblond, Bubikopf.

 

Nach dieser Beschreibung war Diana ebensowenig wiederzuerkennen wie ein gewöhnlicher Mensch nach den Eintragungen in seinem Reisepaß. Sie war frisch und natürlich.

 

Impulsiv ging sie auf Mr. Collings zu und küßte ihn. Mr. William Cathcart schloß die Augen, um nicht das wohlgefällige Lächeln zu sehen, mit dem sein Partner diese Bevorzugung quittierte.

 

»Guten Morgen, lieber Onkel! Guten Morgen, Onkel Cathcart!«

 

»Morgen«, erwiderte Mr. Cathcart. Er war so feindlich wie nur möglich gesinnt.

 

»Morgen«, ahmte sie ihn nach. »Und ich bin doch in so guter Stimmung gekommen und habe Sie doch so gern. Ich habe Sie sogar Onkel genannt«, rief sie vorwurfsvoll.

 

»Habe ich gehört«, brummte der neuernannte Verwandte. »Es wäre weit besser, Miss Ford, wenn wir uns in mehr geschäftlichen Formen bewegten –«

 

»Bewegen Sie sich meinetwegen auf Autobussen und Elektrischen, wenn Ihnen das Spaß macht«, sagte sie seufzend, nahm ihren Hut ab und legte ihn auf das nächste Aktenstück. »Ach, Onkel Collings, ich bin krank!«

 

Mr. Cathcart sah bestürzt auf.

 

»Ich bin ganz krank von Australien. Mir macht das Leben hier keine Freude mehr. Ich bin krank von der ganzen Stadt, von den Leuten, von der Umgebung, von allem! Ich fahre heim.«

 

»Heim?« rief Mr. Collings atemlos. »Aber meine gute, liebe Diana, Sie wollen doch nicht etwa nach England gehen?«

 

»Natürlich will ich nach England! Ich werde dort meinen Vetter Gordon Selsbury besuchen.«

 

Mr. Collings fuhr sich mit der Hand über die Stirn.

 

»Es ist natürlich ein älterer Herr?«

 

»Ich weiß es nicht.« Sie zuckte gleichgültig die Schultern.

 

»Aber er ist doch verheiratet?«

 

»Vermutlich. Er ist hübsch, und alle hübschen Leute sind verheiratet – die Anwesenden sind selbstverständlich ausgeschlossen.«

 

Mr. Collings war Junggeselle und konnte deshalb herzlich über den Spaß lachen. Mr. Cathcart aber als ein verheirateter Mann machte ein saures Gesicht.

 

»Sie haben sich wohl telegrafisch und brieflich angemeldet. Mr. Selsbury hat nichts gegen Ihren Besuch einzuwenden?«

 

»Nicht im geringsten – er wird entzückt sein, mich zu sehen.«

 

»Zwanzig Jahre alt«, sagte Mr. Cathcart kopfschüttelnd. »Vor dem Gesetz noch ein Kind. Ich glaube wirklich, wir müßten erst mehr über Mr. Selsbury und seine Verhältnisse erfahren, bevor wir gestatten könnten – wie, Collings?«

 

Mr. Collings schaute das junge Mädchen fast bittend an. Sie hatte niemals verwaister ausgesehen als in diesem Augenblick.

 

»Es wäre doch vielleicht besser –?« fragte er behutsam.

 

Diana lächelte, ihre Augen strahlten, und ihre kleinen weißen Zähne blitzten.

 

»Ich habe schon meine Kabine belegt, sie ist sehr hübsch. Es ist ein besonderer Baderaum und auch ein Wohnzimmer dabei. Die Wände sind ganz mit Brokatseide ausgeschlagen. Und es steht eine hübsche, niedliche Bettstelle aus Messing in der Mitte, so daß ich nach beiden Seiten herausfallen kann.«

 

Mr. Cathcart fühlte, daß jetzt der Augenblick gekommen sei, seine Autorität geltend zu machen.

 

»Ich kann Ihrem Plan nicht zustimmen«, sagte er ruhig.

 

»Warum denn nicht?« Sie sah ihn von oben her an und warf den Kopf in den Nacken.

 

»Ja, warum denn nicht?« fragte auch Mr. Collings.

 

»Weil Sie noch nicht volljährig sind, meine liebe, junge Dame, weil Sie nach den Gesetzen dieses Landes noch ein Kind sind, und weil Mr. Collings und ich die Vormundschaft über Sie führen. Ich bin alt genug, Ihr Vater sein zu können –«

 

»Oder auch mein Großvater! Aber kommt es denn darauf an? Neulich traf ich in dem Zug von Bendigo hierher einen Herrn von sechzig Jahren, der mich in den Arm zwicken und dauernd meine Hand in die seine nehmen wollte. Das Alter macht gar nichts aus, wenn nur das Herz jung ist.«

 

»Das stimmt«, bestätigte Mr. Collings, dessen Herz noch sehr jung war.

 

»Der langen Rede kurzer Sinn ist, daß Sie nicht abfahren dürfen«, sagte Mr. Cathcart entschieden. »Ich möchte nicht erst eine gerichtliche Entscheidung hierüber herbeiführen –«

 

»Einen Augenblick, Sie schlechter Freund der armen jungen Leute!« Diana nahm kurz entschlossen mehrere große Gesetzbücher und einen ganzen Stoß von Gerichtsakten vom Stuhl, legte ihn auf die Erde und setzte sich. »Meine Kenntnis des Gesetzes ist ja nur oberflächlich«, sagte sie ernst. »Ich habe mein Leben auf den Grassteppen von Kara-Kara zugebracht. Aber obwohl ich nur ein unwissendes Waisenkind bin …«

 

Mr. Collings seufzte.

 

»… so ist mir doch bekannt, daß ein Anwalt erst einen Klienten haben muß, bevor er eine Gerichtsentscheidung beantragt. Denn kein Jurist, es sei denn einer, der vor Verliebtheit verrückt ist, stellt Anträge bei Gericht, ohne einen Klienten zu vertreten.«

 

Mr. William Cathcart zuckte die Schultern.

 

»Sie müssen sich Ihr Bett allein machen.«

 

»Der Gerichtshof kann mir mein Bett auch nicht machen!« antwortete sie.

 

Mr. Cathcart sah, wie sie auf ihn zukam und schnell seinen Federhalter nahm.

 

»Onkel Cathcart, ich hoffte so sehr, daß wir als gute Freunde scheiden würden! Jeden Abend, wenn ich vor meinem Bett zum Abendgebet niederknie, sage ich: ›Lieber Gott, bitte, gib doch Onkel Cathcart ein bißchen mehr Humor und mache ihn ein wenig liebenswürdiger.‹ Ich habe immer geglaubt, daß dieses Wunder eines Tages geschehen würde.«

 

Onkel Cathcart rückte auf seinem Stuhl unruhig hin und her.

 

»Gehen Sie Ihren eigenen Weg«, sagte er laut. »Ich kann keinen alten vernünftigen Kopf auf junge Schultern setzen. Wir werden ja noch länger leben, und dann werden wir ja sehen.«

 

»Man probiert den Pudding am besten, indem man ihn aufißt. Das haben Sie eben vergessen, Onkel Cathcart.«

 

*

 

Mr. Collings speiste mit Diana in einem Restaurant zu Mittag.

 

»Was ist eigentlich dieser Mr. Selsbury für ein Mann?«

 

»Ach, er ist wundervoll«, sagte sie träumerisch. »Er hat damals in dem Universitätsachter bei dem Rennen mitgerudert und gewonnen. Ich bin ganz verschossen in ihn!«

 

Mr. Collings sah sie entsetzt an.

 

»Ist er auch verschossen in Sie?« fragte er atemlos.

 

Diana lächelte. Sie hatte gerade ein kleines Spiegelchen aus der Handtasche gezogen und puderte sich ein wenig.

 

»Er wird sich schon in mich verlieben«, sagte sie sanft.

 

Kapitel 10

 

10

 

Überraschenderweise kam Diana an diesem Tag zu ihm und bat um etwas Geld.

 

»Ich habe mein Geld auf die Londoner Filiale der Bank von Australien überweisen lassen, aber es muß irgendeine Stockung dabei eingetreten sein. Ich war heute dort, die Überweisung ist noch nicht eingetroffen. Ich habe infolgedessen kein Geld, Gordon.«

 

Sie zeigte ihm dramatisch ihre leere Brieftasche. Gordon gab ihr einen Scheck, und sein Selbstbewußtsein stieg, als er ihn ausstellte. Er wurde etwas freundlicher und väterlicher zu ihr.

 

»Hättest du mich nun aus dem Hause gewiesen, dann hätte ich verhungern müssen«, sagte sie, als sie den Scheck entgegennahm. »Gordon, du verbirgst hinter einer rauhen, abstoßenden Außenseite ein goldenes Herz.«

 

»Ich wünschte nur manchmal, du wärst ein wenig ernster«, erwiderte er gutgelaunt.

 

»Und ich wünschte nur, du wärest es nicht!«

 

Am Nachmittag wurde er auf das lebhafteste an Dianas eigenwilliges Handeln und an die Energie, mit der sie sich durchzusetzen verstand, erinnert, denn die Telefonarbeiter kamen und verlegten den Apparat aus dem Korridor in das Studierzimmer. Gordon brummte zuerst, aber Diana wir nicht auf den Mund gefallen, und er war nicht geneigt, sich im Augenblick in einen Disput mit ihr einzulassen.

 

Bobby kam zum Abendessen, und als er später mit Diana allein war, stellte er eine Frage an sie, die er sich selbst schon öfters vorgelegt hatte.

 

»Warum führst du eigentlich ein solches Leben hier? Du hast doch so viel Geld und könntest dich doch glänzend amüsieren, anstatt diesem steifen Gordon nachzulaufen?«

 

»Will Gordon mich hier haben? Hat er mich überhaupt haben wollen? Nein. Als ich hierherkam, ließ ich mein Gepäck in der Diele. Ich wollte mir damals nur einen Rat von ihm holen, in welches Hotel ich am besten ziehen könnte. Ich hatte nicht die leiseste Absicht, hier zu bleiben, bis ich ihn sah, ihn sprechen hörte und den Schrecken wahrnahm, als er vermutete, ich könne hier bleiben wollen. Als er dann so väterlich zu mir sprach und mich wie ein kleines Kind behandelte, blieb ich natürlich. An dem Tage, an dem Gordon mich halten mochte, gehe ich fort!«

 

Die Atmosphäre in dem Hause war geladen. Bobby fühlte es. Diana war nicht nur über das langsame Arbeiten der Bank ärgerlich. Sogar in dem Dienstbotenzimmer hinten war etwas nicht in Ordnung, Eleanor hatte eine bestimmte Ahnung.

 

»Ich bin sicher, daß etwas passiert.«

 

»Machen Sie sich doch nicht lächerlich«, sagte Trenter rauh.

 

»Ich wünschte, Sie gingen nicht fort«, rief sie plötzlich schluchzend. »Ich fürchte mich auf einmal so sehr. Dieser gräßliche Kerl, der immer zum Fensterputzen kommt, wird noch irgend etwas anstellen. Das habe ich gleich gesagt, als ich ihn sah. Das ist ein Schuft, ein Schurke! Habe ich es nicht gesagt?« Mit diesen Worten wandte sie sich an die Köchin.

 

»Ja, Eleanor hat gesagt, daß der Kerl verdächtig ist«, stimmte ihr die Köchin bei.

 

Gordon ging um zehn Uhr zu Bett. Aber um ein Uhr stand er schon wieder auf und ging in seinem Zimmer auf und ab. Um drei Uhr war er in seinem Studierzimmer und steckte die Kaffeemaschine an. Während der Kaffee kochte, öffnete er den Geldschrank, nahm die fünfzigtausend Dollar heraus, zählte sie genau und legte sie dann wieder zurück. Der Geldschrank sah eigentlich ein wenig schwach aus. Wenn erst diese verrückte Reise hinter ihm lag, wollte er das abändern. Er überlegte, daß es nicht schwer war, in das Haus einzubrechen. Die großen bunten Glasfenster waren nicht geschützt. Ein unternehmender, kühner Mann konnte sie mit einem Taschenmesser öffnen.

 

In einer Ecke des Zimmers befand sich eine kleine Tür, die hinter einem Vorhang verborgen war. Sie führte direkt auf den Hof, wurde aber niemals benutzt. Weshalb sie überhaupt angebracht war und welchen Zwecken sie diente, wußten nur der Erbauer und der frühere Eigentümer dieses Hauses, der dreimal geschieden worden war. Jetzt war er im Himmel, wenn seine in schönen Worten abgefaßte Grabschrift nicht log.

 

Gordon ging wieder in sein Zimmer hinauf, um den Schlüssel zu holen, dann öffnete er die Tür und trat in den »Garten« hinaus. Draußen war es dunkel und ruhig. Der feuchte Wind erfrischte ihn. Auf der anderen Seite des Hofes war eine kleine Tür, die in eine Seitenstraße führte. Die Mauer, die den Hof nach dort abschloß, war hoch, bot aber einem gewandten Einbrecher kein allzu großes Hindernis. Er fror, ging wieder in sein Studierzimmer und zu dem heißen Kaffee zurück und setzte sich an das Kaminfeuer, das er angesteckt hatte.

 

Er hätte gern tausend, ja zehntausend gegeben, wenn er dieses verrückte Abenteuer hätte aufgeben können. Es wäre doch viel besser, wenn er hierbliebe bei … nun ja, bei Diana.

 

Er mußte sich ja nun auf sie verlassen, wenn Mr. Tilmet am Sonntag kam. Sie mußte mit ihm verhandeln, es war wahrscheinlich niemand anders diesem schlauen und listigen Amerikaner gewachsen.

 

»Ich will es gern tun«, hatte sie ohne Zögern erwidert, als er sie darum bat. »Ist die Quittung ausgeschrieben und auch der endgültige Vertrag? Er hat aber durchaus keinen Wert, wenn der Text nicht von einem amerikanischen Notar aufgesetzt ist. Tante hat damals eine Petroleumquelle in Texas gekauft und müßte einen amerikanischen Rechtsanwalt aufsuchen, bevor der Vertrag geschlossen werden konnte.«

 

»Und sie ist dann doch beschwindelt worden«, sagte Gordon.

 

»O nein, sie hat siebzigtausend Dollar bei der Sache verdient. Sie hatte eine unwiderstehliche Neigung, sich an Geschäften zu beteiligen. Sind denn die Banknoten im Geldschrank?«

 

»Zusammen mit dem aufgesetzten Vertrag und der Quittung. Du bist wirklich eine tüchtige Geschäftsfrau, Diana!«

 

»Am besten ist es, du übergibst mir das Geld.«

 

Er öffnete den Geldschrank, und sie zählte die Scheine. Dann schloß sie die Banknoten wieder ein.

 

»Es ist gut«, sagte sie. »Ich werde großes Reinemachen halten, wenn du fort bist. Ich habe mir einen Mann bestellt, der die Fenster im Studierzimmer putzen soll. Sie sehen schauderhaft aus. Außerdem brauche ich jemand hier, weil du mit Trenter zu gleicher Zeit fortgehst. Ich werde ein Ehepaar hier ins Haus nehmen. Oben im Dachgeschoß ist ein Raum, wo sie schlafen können. Du bist doch damit einverstanden?«

 

Diana war sehr geschäftstüchtig, energisch und begabt, das gestand sich Gordon auch ein.

 

Als Eleanor früh am Morgen in das Zimmer kam, um aufzuräumen, saß er noch im Schlafrock vor dem Kamin. Das Feuer war ausgegangen, und als sie versuchte, es wieder anzuschüren, wachte er auf.

 

»Ach, mein Herr, Sie haben mich aber erschreckt!« Er erhob sich steif und blinzelte sie an.

 

»Das tut mir leid, Eleanor. Schicken Sie mir Trenter!«

 

Das war wirklich ein guter Anfang für seinen Reisetag: Ihm taten alle Glieder weh, bis er sich durch ein heißes Bad erfrischte.

 

»Eleanor sagt, daß sie dich heute morgen schlafend vor dem Kamin angetroffen hat. Wann bist du denn heruntergekommen?« fragte Diana beim Frühstück.

 

»Ich glaube, es war drei Uhr morgens. Es fiel mir ein, daß ich noch etwas zu arbeiten hatte.« Sie war besorgt.

 

»Warum benützt du denn nicht den Nachtzug? Du könntest doch schlafen«, riet sie ihm.

 

Er zwang sich zu einem Lächeln.

 

»Ich werde schon gut schlafen«, sagte er und gab sich Mühe, recht vergnügt auszusehen.

 

Die Unterhaltung wandte sich anderen Dingen zu. Bald darauf erschien Bobby, um seine letzten Instruktionen entgegenzunehmen. Gordon war sehr nervös darüber, daß sein Bruder so pflichteifrig war, und sein Gutenmorgengruß klang nicht gerade höflich.

 

»Wenn du fort bist, werde ich Trenter bitten, mir deine Anzüge zu übergeben, die gereinigt und aufgebügelt werden müssen«, sagte Diana.

 

»Trenter reist vor mir ab – er fährt mit dem Zug nach Bristol, seine Tante ist schwer krank.«

 

»Was ist denn eigentlich mit dir los?« fragte Bobby plötzlich.

 

Gordon fuhr herum und wollte recht unangenehm werden, aber Bobbys Worte waren nicht an ihn gerichtet.

 

Diana war blaß geworden und sah ganz verstört aus. Gordon sprang auf und eilte zu ihr.

 

»Was hast du denn?« fragte er erschrocken.

 

»Es ist nichts – vielleicht ist es der Abschied, ich bin immer so niedergeschlagen, wenn meine Vettern fortfahren!«

 

»Hast du schlechte Nachrichten bekommen?«

 

Ihre Briefe lagen auf dem Tisch.

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Ach nein, nur die Fleischerrechnung stimmt nicht ganz. Sieh mich doch nicht so an, Bobby, das schickt sich nicht!« Aber ihre Hand lag auf dem Brief, den sie eben gelesen hatte.

 

Mr. Dempsi war nicht tot, er war sehr lebendig und augenblicklich in London. Die ersten Zeilen seines Briefes waren bezeichnend für ihn.

 

»Meine Braut, ich bin gekommen, um in Deine Arme zu eilen!« In diesem Stil hatte er immer geschrieben.