Kapitel 17

 

17

 

Ohne Widerstand zu leisten, folgte sie. Sands hatte eine so eigentümliche Art, mit ihr zu sprechen, wie sie es noch nie in ihrem Leben gehört hatte. Er war nicht mehr höflich und zuvorkommend, sondern brutal –

 

»Wenn Sie hungrig sind, finden Sie etwas Keks in dem Schrank dort drüben. Sie können ihr auch ein paar geben, wenn sie sich erholt hat.«

 

Bei diesen Worten wies er mit dem Kopf nach der Tür zum Nebenzimmer.

 

»Mr. Sands, was hat das alles zu bedeuten? Wenn es ein Scherz sein soll, dann ist er zum mindesten sehr schlecht.«

 

»Nein, ich leiste mir keine Scherze. Sie scheinen die Situation immer noch nicht zu verstehen. Was ich tue und sage, ist mein voller Ernst, und es handelt sich hier um wichtige Dinge. Ich werde Sie jetzt kurze Zeit allein lassen. Sie können sich aber die Mühe sparen, einen Ausweg von hier zu suchen. Damit würden Sie nur Ihre Zeit vertrödeln. Es gibt nur einen Weg zu diesem Haus, und zwar den, auf dem wir eben gekommen sind. Die Fenster sind sämtlich mit starken Eisengittern versehen, die Mauern, der Boden und die Decke mit schallsicheren Platten verkleidet, und hier unten« – er zeigte auf den Boden – »ist tiefes Wasser.«

 

Nachdem er das gesagt hatte, schloß er die Tür auf und ging hinaus. Sie hörte, wie sich der Schlüssel im Schloß drehte, und glaubte, daß er das Auto in die Garage bringen wollte. Damit hatte sie auch recht, denn kurz darauf hörte sie das Geräusch eines Motors, das immer leiser wurde und sich entfernte. Obwohl er sie gewarnt hatte, suchte sie alle Wände nach einem Geheimausgang ab. Die Tür war sehr stark und aus dickem Eichenholz. Faith mühte sich einige Zeit vergeblich, sie mit einem schweren Stuhl aufzustoßen, dann gab sie es auf. Ein leises Stöhnen erschreckte sie, und plötzlich dachte sie wieder an die bleiche Fremde in dem schwarzen Kleid. Als sie ins Nebenzimmer trat, lag sie mit weitgeöffneten Augen auf dem Bett und hatte die zerschundenen Hände gefaltet.

 

»Kann ich etwas für Sie tun?« fragte Faith.

 

Margaret Maliko schüttelte den Kopf.

 

»Nein, Sie können nichts für mich oder für sich tun. Wer sind Sie? Ich vermute, Miss Leman?«

 

»Ja, so heiße ich«, erwiderte Faith freundlich. »Geht es Ihnen sehr schlecht? Sind Sie krank?«

 

Die Frau lächelte schwach.

 

»Wissen Sie, wo ich jetzt sein möchte?«

 

Faith schüttelte den Kopf.

 

»In einer Zelle im Gefängnis von Aylesbury, um meine siebzehn Jahre abzusitzen.«

 

»Ich verstehe Sie nicht –«

 

»Es rächt sich jede Schuld«, entgegnete die Frau mit leiser Stimme. »Ich habe früher nicht daran geglaubt, aber ich weiß jetzt, daß es wahr ist. Drei Jahre habe ich im Gefängnis gesessen, und ich müßte auch noch dort sein, aber ich bin geflohen.«

 

Faith setzte sich auf den Rand des Bettes. Sie glaubte, daß die Frau im Delirium spräche. Margaret mußte ihre Gedanken erraten haben.

 

»Nein, ich bin nicht irre. Ich bin Margaret Maliko oder Margaret Sands.«

 

»Aber Sie sind doch Mrs. Leman?«

 

Margaret richtete sich ein wenig auf.

 

»Ich habe John Sands geheiratet, in der Hoffnung, daß es mir dann besser ginge«, entgegnete sie mit einem schwachen Lächeln. »Es war mein zweiter Mann; der erste war ein furchtbar brutaler Mensch. Ich glaubte, daß es keinen schlechteren geben könnte. Er hat mich furchtbar behandelt und mich schließlich zum Wahnsinn getrieben – in dem Zustand habe ich ihn dann vergiftet.«

 

Faith sah sie entsetzt an.

 

»Und doch war Paul Maliko ein Engel im Vergleich zu John Sands!«

 

Die Frau schien Faith vergessen zu haben; ihre Worte klangen, als ob sie mit sich selbst spräche.

 

»Ja, ich habe ihn vergiftet. Mein Vater war Chemiker, und ich studierte Pharmakologie. Eines Tages, als mich Paul wieder einmal bis zum Wahnsinn gequält hatte, gab ich ihm eine Apfelsine, die ich vorher – aber darauf kommt es nicht an. Nun ist es jedenfalls meine Strafe, daß ich einen Mann heiraten mußte, der andere Leute vergiftet – einen Mörder!«

 

Sie vergrub das Gesicht in den Händen. Nach einer Weile schaute sie müde wieder auf.

 

»Man sollte es nicht für möglich halten, daß ein Mann eine Frau auspeitschen könnte!« sagte sie und stöhnte vor Schmerzen. »Sie glauben es kaum, daß er jede Folter, die er nur ausdenken kann, an mir verübt – es handelt sich nicht um seelische Qualen, nein, um ganz brutale, gemeine Foltern. Sie können es nicht glauben, und es ist auch unerhört! Ich wollte von ihm fort, aber ich konnte ja nicht, da das Zuchthaus auf mich wartete. Schließlich faßte ich einen verzweifelten Entschluß und erzählte dem alten Mr. Harry Leman die volle Wahrheit. Er wollte mir auch helfen. In weiteren zwei oder drei Tagen wäre ich auf dem Weg nach Australien gewesen, und John Sands wäre statt meiner ins Gefängnis gekommen. Aber er hat alles herausgebracht. Er wußte, daß ich im Hause Mr. Lemans war. Ein Reporter hat es ihm gesagt. Ich mußte ihn an dem Abend in der Charles Street treffen, bevor ich zu meiner Wohnung in Hove zurückkehrte. Ach, und in der Nacht hat er mich entsetzlich gequält.«

 

Sie schauderte und bedeckte wieder die Augen mit den Händen, als ob sie die Erinnerung nicht ertragen könne.

 

»Ich dachte, daß ich sterben müßte. Dann schloß er mich in einen Schrank ein, nachdem er mir vorher Hände und Füße gebunden und mich geknebelt hatte. Ich hatte furchtbare Schmerzen und glaubte nicht, daß ich es länger aushalten würde. Und doch lebe ich noch!«

 

Sie rieb leise die Hände, dann riß sie sich zusammen und fand ihre Fassung wieder.

 

»Ich weiß nicht, was er mit Ihnen vorhat, aber er kommt zurück. Ich weiß es bestimmt, ich kann es körperlich fühlen, wenn er herkommt. Es ist, als ob eine kalte Hand an mein Herz griffe. Versprechen Sie mir eins, Miss Leman: Wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist, trinken und essen Sie nichts in diesem Haus. Schwören Sie es mir!«

 

Faith versprach es.

 

Margaret dämpfte nun ihre Stimme und sprach eindringlicher.

 

»Es wäre möglich, daß wir fliehen können. Vielleicht auch nicht. Ich weiß, was mir bevorsteht. Ich komme sofort ins Gefängnis, und doch wäre das eine Erlösung. Ach, wie gern würde ich jetzt in Aylesbury sein!«

 

Gleich darauf hörten sie, daß die Tür des großen Raumes aufgeschlossen wurde.

 

John Sands kam herein.

 

»Hallo«, sagte er in seiner alten, freundlichen Weise, »Sie scheinen sich ja schon recht gut miteinander angefreundet zu haben. Du weißt doch, daß es Miss Leman ist?« wandte er sich an seine Frau.

 

Dann lachte er, bückte sich, hob sie von dem Bett auf und trug sie wieder in den großen, mit orientalischer Pracht ausgestatteten Raum.

 

»Ich will, daß du hier sitzt und alles hörst, was ich sage. Mit der Zeit erfährst du mehr und mehr und kannst ruhig alles wissen – Sie haben ja wohl erfahren, daß das nicht Mrs. Leman ist«, sagte er zu Faith, »sondern meine Frau. Sie ist allerdings nicht gerade sehr repräsentabel, sondern im Gegenteil eine der verkommensten und gemeinsten Frauen, die jemals ein Mann geheiratet hat. Aber was kann man schließlich von einer Frau erwarten, die nur um Haaresbreite dem Galgen entging?«

 

Er warf einen befriedigten Blick auf Margaret.

 

»Wenn du dir deine Niederträchtigkeit abgewöhnst und mich nicht verrätst, wird es dir schon besser gehen. Dann brauche ich dich nicht immer zu fesseln und werde dir auch sonst keine Unannehmlichkeiten bereiten.«

 

Faith sah, daß sich die Blicke der beiden auf die gegenüberliegende Wand richteten, wo eine kurze Peitsche hing.

 

»Ich glaube, Sie sind entsetzt über all das, was Sie hier erfahren, Miss Leman. Das kann ich mir lebhaft vorstellen. Sie sind unter der Obhut Ihrer liebenden Mutter in guten Verhältnissen aufgewachsen, und was sonst noch alles in schönen Geschichten steht, aber Sie brauchen sich nicht aufzuregen.«

 

Er lehnte sich auf dem Diwan zurück, auf dem er Platz genommen hatte, zog ein großes, prächtiges Kissen zu sich heran, stopfte es in den Rücken und zündete sich dann eine Zigarette an.

 

»Sie brauchen sich durchaus nicht aufzuregen«, wiederholte er. »Vor allem muß ich Ihnen wohl die eine fundamentale Wahrheit nicht einhämmern, daß ein Mann unter allen Umständen leben will. Das menschliche Leben dauert ja nur eine kurze Spanne Zeit, und je mehr Glück und Befriedigung man sich in dieser kurzen Frist verschaffen kann, desto erfolgreicher ist man gewesen. Schon von meiner frühen Jugend an war mein Bestreben immer darauf gerichtet, mir möglichst wenig Unannehmlichkeiten und Sorgen zu machen. Ganz systematisch habe ich mir Mitleid und andere Untugenden abgewöhnt. Alle Sorgen um andere Leute belästigen einen im Grunde nur.«

 

Anscheinend war dies sein Lieblingsthema, und so schrecklich seine Worte auch klangen, er meinte sie vollkommen ernst. Es war fast, als ob er auf dem Katheder stünde und einen Vortrag über die Zweckmäßigkeit des menschlichen Lebens hielte!

 

»Egoismus ist kein Fehler, sondern eine Tugend. Erst darin zeigt sich eigentlich die reine Lebenskunst. Jeder Mensch ist Krankheiten unterworfen und hat Hindernisse zu überwinden – warum soll er sich dann auch noch mit den Sorgen anderer Leute abquälen? Das Elend seiner Freunde zu mildern, erscheint mir als eine große Dummheit, die den einfachsten Lebensgrundsätzen widerspricht.«

 

Er sagte das mit großem Bedauern, als ob ihm die Schwächen der Menschheit leid täten.

 

»In den wenigen Minuten, die Sie sich mit meiner Frau unterhalten haben«, er zeigte auf Margaret, die wieder bleich und ruhig in ihrem Stuhl saß, »müssen Sie den Eindruck erhalten haben, daß ich grausam bin, nur weil mir Grausamkeit Vergnügen bereitet. Aber nichts liegt mir ferner. Ich kann mich sogar rühmen, niemals einen Menschen oder ein Tier verletzt zu haben, es sei denn, daß ich es tun mußte, um mir einen Vorteil zu verschaffen. Man geht doch auch nicht einfach zu einem Pferd und schlägt es zwecklos mit der Peitsche; das tut höchstens ein brutaler Mensch, der Freude daran hat, Tiere zu quälen. Aber wenn man keine Zeit hat und den Zug noch erreichen muß, gibt man dem Pferd vor dem Wagen die Peitsche, damit es schneller geht. Ist das etwa Grausamkeit? Nein, durchaus nicht – das ist eiserne Notwendigkeit.«

 

»Ich finde Ihre Philosophie abscheulich«, sagte Faith ruhig.

 

»Aber Sie vergessen vollkommen, daß sie für mich notwendig ist. Ich habe meiner Frau Schmerzen verursacht, aber nur dadurch habe ich mich vor Schaden bewahren können.«

 

Er lächelte Margaret an, die seinem Blick gelassen begegnete.

 

»Ich mußte sie zum Beispiel bestrafen, weil sie mir über ein gewisses Dokument keine Auskunft geben wollte, das sie am Berkeley Square in den Briefkasten warf. Ich mußte sie mir fast vierundzwanzig Stunden lang scharf vornehmen, bis ich endlich die Wahrheit herausbekam. Aber dann zeigte sich, daß diese Mitteilung für mich von äußerster Wichtigkeit war.«

 

Er machte eine Pause, als ob er eine Antwort von Faith erwartete, aber sie schwieg.

 

»Nehmen wir zum Beispiel Ihren eigenen Fall, Miss Leman. Durch die Dummheit und den Verrat meiner Frau sind Sie die Erbin Mr. Harry Lemans geworden. Es stimmt, daß er Ihnen sein ganzes Vermögen vermacht hat, und zwar wurde das Testament auf Anraten meiner Frau aufgesetzt.«

 

»So war es nicht. Der alte Mann hatte selbst die Absicht, es zu tun«, sagte Margaret leise.

 

»Wenn du nicht gewesen wärst und ihm die verrückten Ideen in den Kopf gesetzt hättest, wäre das alles nicht geschehen«, entgegnete er. »Aber darauf kommt es jetzt nicht an. Das Testament wurde jedenfalls gemacht. Und welche Bedeutung hat es für mich?«

 

Er hob die Hand und zählte die einzelnen Tatsachen an den Fingern ab.

 

»Erstens wurden meine sorgfältigen Vorbereitungen und die Arbeit vieler Jahre in wenigen Minuten wertlos. Zweitens habe ich mein für mich sehr kostbares Leben dadurch aufs Spiel gesetzt, daß ich Harry Leman umbringen mußte. Ich verlor dadurch die Belohnung, für die ich soviel gewagt hatte, ferner die bedeutenden Summen, die ich bereits auf die Durchführung dieses Plans verwandt hatte. Und schließlich würde das meinen vollkommenen Ruin verursacht haben, denn wenn ich zum einundzwanzigsten Juni nicht meine große Zahlung leisten kann, bin ich bankrott.«

 

»Wozu erzählen Sie mir das alles? Was erwarten Sie von mir?« fragte Faith. »Wollen Sie ein Lösegeld für mich haben? Oder glauben Sie; daß Sie mich zur Aufgabe meiner Erbschaft zwingen können?«

 

Sands schüttelte den Kopf.

 

»Es hätte keinen Zweck, denn eine Schenkung unter Zwang hat keinen gesetzlichen Wert. Nein, es handelt sich hier um andere Dinge: Im Fall Ihres Todes fällt die Erbschaft an meine Frau. Niemand nimmt an, daß ich sie unter Lemans Namen geheiratet habe. Außer Ihnen, ihr und mir weiß ja keiner um diese Tatsache. Und was sie anbetrifft, brauche ich mir weiter keine Sorgen zu machen.«

 

Es lag etwas Unheimliches in seinen Worten, und sie zitterte.

 

»Wenn ich Sie – erledigt habe«, fuhr er in aller Seelenruhe fort, »wird meine Frau alle die Schritte tun, die ich ihr vorschreibe, um die Erbschaft des alten Leman anzutreten, und ich zweifle nicht daran, daß es gelingen wird, uns den größeren Teil seines Vermögens anzueignen. Voraussetzung dazu ist natürlich immer, daß Sie sterben.«

 

»Daß ich sterbe«, wiederholte Faith.

 

»Ja, Sie haben mich vollkommen richtig verstanden.«

 

Er erhob sich, ging zu dem kleinen Schrank, der an der Wand hing, und öffnete ihn. Faith sah zwei Reihen glänzender Flaschen, und ihr Herz hörte fast auf zu schlagen.

 

»Als Giftmörder«, sagte John Sands und wandte sich nach ihr um, »bin ich der reinste Laie, aber ich habe mich mit Begeisterung diesem Fach zugewandt. Früher wäre es mir niemals eingefallen, das Leben eines Menschen auf diese Weise zu beenden, aber ich hatte ja das große Glück, Margaret kennenzulernen. Nachher erfuhr ich, daß sie nicht nur im Zuchthaus gesessen hatte, sondern auch, daß sie wegen Giftmordes verurteilt worden war. Sie hat gute medizinische Kenntnisse, die ich mir zunutze machte. In früherer Zeit habe ich mich viel und häufig mit Margaret unterhalten und dadurch manches gelernt. Ihr kam natürlich die Tatsache nicht zum Bewußtsein, daß ich all diese Kenntnisse nur für die Zukunft sammelte. Wenn ich irren sollte, Margaret, dann stelle bitte meine Angaben sofort richtig«, sagte er höflich.

 

Er nahm die Giftflaschen der Reihe nach aus dem Schrank und behandelte sie sehr vorsichtig. Die eine oder andere streichelte er sogar; und es schien ihn Überwindung zu kosten, daß er sie zögernd wieder in den Schrank stellte.

 

Nachdem er noch einen bewundernden Blick auf den Inhalt geworfen hatte, schloß er den Schrank wieder zu.

 

»Ich zeige Ihnen das nur, weil ich nicht die Absicht habe –«

 

Er hielt plötzlich inne, denn aus der Ecke des Zimmers kam das Geräusch einer elektrischen Klingel. Mit einigen großen Schritten eilte er zur Tür und ging hinaus.

 

Kapitel 18

 

18

 

»Was hat das zu bedeuten?« fragte Faith.

 

»Er spannt immer einen dünnen Draht über den Weg, der zum Haus führt«, erwiderte Margaret leise. »Jemand kommt auf das Bootshaus zu. Aber machen Sie sich nur keine Hoffnung, das ist früher auch schon geschehen. Manche Leute gehen zufällig den Weg am Ufer entlang.«

 

Auf dem Treppenabsatz schob Sands ein Brett zurück, das ein kleines Beobachtungsfenster verdeckte, und suchte das ganze Ufer der Bucht mit einem Fernglas ab, das er von einem Nagel an der Wand nahm. Gleich darauf entdeckte er zwei Personen und erkannte sie auch. Leise schloß er die Öffnung, nahm ein geladenes Gewehr von der Wand und ging ins Freie. Es würde mindestens noch fünf Minuten dauern, bevor sie näher kamen, und er hatte Zeit genug, sich im Gebüsch zu verstecken. Schon vor langer Zeit hatte er vorausgesehen, daß ein derartiger Fall eintreten könnte, und darum alle Schutzmaßregeln bis ins einzelne ausgedacht. So lag er denn, ohne einen Muskel zu regen, unter dem Strauch und zielte genau, während Jimmy Cassidy und Blessington sich darüber unterhielten, ob Miss Leman wohl in dem Haus wäre.

 

John Sands atmete erleichtert auf, als er hörte, daß Jimmy zur Stadt zurückkehren wollte, und wartete noch fünf Minuten, bis ihre Schritte verhallt waren. Dann ging er ins Haus zurück, stellte das Gewehr an seinen Platz und trat wieder in das Zimmer, wo Faith und Margaret noch am Tisch saßen.

 

Der Zwischenfall hatte ihn sehr mitgenommen, und er war aufgeregt. Faith sah es ihm an, als er sich niederließ. Sein Gesicht erschien ihr plötzlich älter, und seine Stimme klang etwas schrill.

 

Es dauerte einige Zeit, bis er sich wieder gefaßt hatte. Er machte sich an dem Büfett zu schaffen, steckte einen Spiritusbrenner an und kochte Kaffee. Als er damit fertig war, stellte er eine Tasse vor Faith und eine vor seine Frau. Zum größten Erstaunen Miss Lemans trank Margaret und nickte ihr beruhigend zu. Allem Anschein nach konnte sie davon trinken.

 

Sands sprach nun über andere Dinge. Allmählich wurde er unruhig und ging im Zimmer auf und ab. Von Zeit zu Zeit sah er auf die Uhr.

 

»Es ist nötig, daß ich mich heute abend wieder in meiner Wohnung sehen lasse, Miss Leman.«

 

Sein Ton war höflich und respektvoll. Sie hatte kaum noch auf ihn geachtet, und bevor sie es ahnte, hatte er sie mit seinen Armen fest gepackt. Obwohl sie sich wehrte, hielt er sie fest.

 

»Wenn Sie schreien, bekommen Sie die Peitsche zu fühlen. Ich tue Ihnen jetzt nichts. Halten Sie die Arme auf den Rücken so ist es richtig.«

 

Mit einer Hand packte er sie an den Handgelenken, mit der anderen fesselte er sie nach allen Regeln der Kunst, dann ließ er sie vorsichtig auf den Boden nieder.

 

Währenddessen beobachtete ihn Margaret schweigend. Sie hatte gewußt, was kommen würde. Sands hatte vorher zwei seidene Stricke aus einem Fach des Schranks genommen. Aber es hatte ja keinen Zweck, das Mädchen zu warnen.

 

»Ihre Fußgelenke binde ich nicht zusammen, das ist nicht nötig.«

 

Sie sah zur Decke hinauf, und zu ihrem größten Schrecken bemerkte sie, daß an einem der Balken oben ein kleiner Flaschenzug befestigt war. Er stieg auf eine Trittleiter und zog einen festen, dünnen Strick hindurch. Faith beobachtete alle diese Vorbereitungen zu ihrer Hinrichtung mit wahnsinnigem Entsetzen. Während er oben auf der Leiter stand, sah er sie freundlich an.

 

»Das sieht grausam aus, aber denken Sie nur ja nicht, daß ich Sie aufhängen oder sonst etwas Gewöhnliches tun werde. Haben Sie schon jemals von Smith und Wright gehört? – Ich sehe, daß Sie nichts davon wissen. Sie sollten die Jahrbücher über Kriminalität lesen, dann wüßten Sie Bescheid. Die sind fast ebenso interessant wie das Studium der Astrologie. Übrigens steht Orion in einer Stunde im Zenit – das hat eine gute Vorbedeutung für mich.«

 

Er legte ein Kissen unter ihren Kopf, ging zu dem Giftschrank und nahm einen flachen Kasten heraus, den er auf den Tisch stellte. Während er ihn öffnete, summte er eine Melodie; dann nahm er eine kleine Spritze heraus und betrachtete sie sorgfältig.

 

»Die ist ja rostig«, sagte er. »Ich möchte nur wissen, wie das möglich ist.«

 

Er nahm ein Stück Watte und rieb die Nadel damit ab; es gab einen braunen Flecken. Nachdenklich sah er zur Decke empor und überlegte, wann er das Instrument zum letztenmal gebraucht hatte.

 

»Das kommt sicherlich daher, daß es hier über dem Wasser etwas feucht ist. Anders könnte ich es mir nicht erklären.«

 

Der Rost an der Nadel war ihm offenbar sehr unangenehm. Er rieb sie sorgfältig ab und desinfizierte sie dann. Langsam und sachgemäß füllte er die Spritze aus einer der Flaschen, die er vom Schrank mitgebracht und auf den Tisch gestellt hatte.

 

»Reines Morphium«, erklärte er. »Das tut Ihnen nicht weh.«

 

Faith schrie laut auf, als er auf sie zukam. Er wurde einen Augenblick ärgerlich und machte eine Bewegung, als ob er ihr ins Gesicht schlagen wollte. Darauf schwieg sie. Als sie den Nadelstich in ihrem Arm fühlte, stöhnte sie leise, lag aber ruhig. Die Berührung seiner Hände war ihr furchtbar. Langsam zog er die Nadel aus ihrem Arm und richtete sich auf, während er sie genau betrachtete. Er schien zufrieden zu sein. Dann wandte er sich an seine Frau.

 

»Margaret, du bist Zeuge, daß ich sehr menschlich und vorsichtig mit ihr umgegangen bin. Unnötig tue ich niemand etwas zuleide. Sie reagiert großartig auf die Dosis, die ich ihr gegeben habe. Ich kann jetzt die Fesseln an ihren Händen wieder lösen.«

 

»Was hast du denn vor?« fragte sie.

 

»Hier unter dem Teppich ist eine Falltür«, entgegnete John Sands, setzte sich auf die Ecke des Diwans und nahm eine Zigarette aus seinem Etui. »Sie ist verschlossen, du brauchst dir also keine Hoffnung zu machen, daß du durch die Öffnung entfliehen kannst. Und selbst wenn sie nicht verschlossen wäre, könntest du aus dem Bootshaus nicht herauskommen. Ich habe eben von Smith und Wright gesprochen, das waren zwei Künstler, die 1812 in England lebten. Sie haben die Opfer, die sie töten wollten, zuerst durch eine kräftige Dosis Opium betäubt und dann an den Füßen aufgehängt, so daß sie mit dem Kopf ins Wasser hingen. Die Methode hat ihre Vorzüge. Der klügste Arzt konnte kein Zeichen von Gewalt nachweisen. Morgen früh wird die Leiche des armen Mädchens im Regent Kanal aufgefischt werden.«

 

»Du bist ja wahnsinnig!« schrie Margaret. »Nur ein Irrer kann derartig teuflisch handeln.«

 

John Sands lachte, als er den Teppich zurückschlug, so daß die viereckige Falltür im Boden genau zu sehen war.

 

»Ich kann vollkommen klar denken.«

 

Einen Augenblick sah er Margaret zweifelnd an, dann ging er zu ihr, schloß sie wieder an den Stuhl und legte auch den Lederriemen um ihren Hals.

 

»Das muß ich tun, damit ich vor dir sicher bin.«

 

Er ging wieder zu Faith zurück, die nur noch halb bei Besinnung war, schloß die Falltür auf und klappte den Deckel zurück. Dann schaute er auf die Uhr.

 

»Das Morphium hat noch nicht genügend gewirkt, ich werde noch drei Minuten warten«, sagte er und trat zu einem kleinen Tisch, auf dem eine Schale mit Obst stand. Er nahm eine Apfelsine und schälte sie langsam ab.

 

Margaret kannte ihren Mann, aber sie hätte sich doch über diese Kaltblütigkeit gewundert, wenn sie im Augenblick nicht über andere Dinge nachgedacht hätte.

 

Er legte die Schalen sorgfältig auf einen Teller, aß die Frucht, zog dann das Taschentuch und wischte sich die Finger ab.

 

»So, jetzt ist es soweit«, erklärte er und bückte sich. Er wickelte einen Stoffstreifen um die Fußgelenke des Mädchens, das inzwischen vollkommen bewußtlos geworden war.

 

»So, jetzt ist es soweit«, ertönte plötzlich eine Stimme hinter ihm, und er fuhr blitzschnell herum. Aber Blessington hatte den Revolver auf ihn gerichtet, nachdem er die Tür geräuschlos geöffnet hatte. Sieben verschiedene Nachschlüssel hatte er versucht, bevor ihm das gelungen war. Jimmy stand in der offenen Tür. Einen Augenblick war er vor Schrecken starr, aber dann stürzte er zu Faith, löste den seidenen Strick von ihren Fußgelenken und rieb ihre kalten, gefühllosen Hände.

 

»Das Spiel ist aus!« sagte der Polizeiinspektor.

 

»Das sehe ich auch«, entgegnete Sands und starrte den Beamten an. »Ja – es ist aus…«

 

»Und Sie sind Margaret Maliko?« fragte der Inspektor.

 

Und sie nickte.

 

»Ich muß Sie auch verhaften.«

 

Zum größten Erstaunen ihres Mannes und des Beamten zog sie die Hände aus den Stahlfesseln heraus, bückte sich und schloß die Fesseln an den Füßen auf.

 

»Was – du – konntest dich frei machen!« rief Sands bestürzt.

 

Sie nickte.

 

»Ja, ich konnte mich immer frei machen«, erwiderte sie langsam. »Ich konnte auch an den Giftschrank heran, und ich habe außerdem vergessen, die Spritze zu reinigen, nachdem ich die Apfelsine damit bearbeitet hatte, John Sands!«

 

Sie hatte die letzten Worte so leise gesprochen, daß Blessington und Jimmy sie nicht verstehen konnten. Der Inspektor, der den Gefangenen scharf beobachtete, sah, daß sich dieser plötzlich aufrichtete und auf Margaret stürzen wollte. Im nächsten Augenblick warf er sich dazwischen und packte Sands.

 

»Was fällt Ihnen ein!« rief er streng. »Nehmen Sie die Hände hoch, Sands!«

 

Eine furchtbare Veränderung ging mit John vor. Er wurde aschgrau im Gesicht und öffnete langsam den Mund, als ob er schreien wollte. Seine Augen wurden immer größer; die Zunge versagte den Dienst, er konnte der Aufforderung des Beamten nicht mehr nachkommen. Als Blessington ihm die Hand auf die Schulter legte, sank er zusammen; im letzten Augenblick fing ihn der Inspektor auf und legte ihn auf den Boden. Aber lange, bevor der Arzt kam, war John Sands schon tot.

 

*

 

Ein Herr und eine Dame saßen an Deck eines großen Passagierdampfers, der mit Kurs nach den Vereinigten Staaten fuhr.

 

Unter der großen, warmen Decke, die sie vor dem kalten Wetter schützte, drückten sie sich die Hände, wie es Liebende tun.

 

»Ich möchte nur das eine betonen«, sagte Jimmy schon zum hundertstenmal. »Ich nehme keinen Dollar von deinem Geld an, und wenn du mir sagst, daß ich meine Stellung aufgeben soll, so werde ich dir das nie verzeihen.«

 

»Aber Jimmy, du bist doch selbst reich und wohlhabend«, suchte sie ihn zu trösten. »Mr. Holland Brown hat mir gesagt, daß du eine Artikelserie geschrieben hast, die eine Million Dollar wert ist.«

 

»Ja, die Millionengeschichte habe ich geschrieben, und ich werde noch genügend ähnliche Artikel schreiben, um auf diese Weise meinen Lebensunterhalt verdienen zu können.«

 

»Ich wünschte, ich hätte die Erbschaft nicht gemacht«, erwiderte sie und verzog den Mund. »Du benimmst dich ganz abscheulich zu mir, als ob ich dir gar nichts wert wäre. Hast du mich denn nicht lieb?«

 

»Doch. Danach darfst du nicht fragen. Du bist mir viel mehr wert als eine Million Millionen.«

 

Sie schmiegte sich glücklich an ihn.

 

»Jimmy, dann ist ja alles in Ordnung, dann bist du ja ein doppelter Millionär. Ich will dich bei deinen Arbeiten nicht stören. Und wenn mich jemand fragt, warum du unentwegt arbeitest, werde ich ihm sagen, daß du ein wenig verschroben bist.«

 

Kapitel 2

 

2

 

Während er die Treppe hinunterging, kam ihm zum Bewußtsein, daß er sich dieses Abenteuer eigentlich ganz anders vorgestellt hatte.

 

Er hatte nicht ganz die Rolle gespielt, die er hatte spielen wollen: freundlich, mild, überlegen und vor allem Herr der Situation. Bis zu einem gewissen Grad war ihm das allerdings gelungen, aber die Begegnung hatte sich doch reichlich prosaisch abgewickelt und hatte nichts von dem geheimnisvollen, märchenhaften Charakter, von dem er geträumt hatte. Für Margaret mußte er natürlich ein großes Rätsel sein.

 

John übergab dem Mann von der Garage das Auto. Wieder im Zimmer, zog er einen Vorhang vor, der den großen Raum teilte. Am hinteren Ende war ein Tisch gedeckt; er brauchte nur noch die elektrische Kaffeemaschine einzuschalten.

 

Nach kurzer Zeit kam Margaret die Treppe herunter. Er hatte erwartet, daß ihr der Schlafanzug und der Bademantel zu groß wären und sie nicht kleiden würden, aber sie sah sogar elegant darin aus. Den großen Schalkragen des Bademantels hatte sie mit einer Sicherheitsnadel im Nacken zusammengesteckt, so daß er ihren schönen Kopf umrahmte. Und irgendwo hatte sie ein seidenes Tuch gefunden, das sie als Gürtel benutzte. Das weite Kleidungsstück wirkte daher gar nicht unförmig, sondern hob im Gegenteil ihre schöne Gestalt noch besonders hervor.

 

Sie setzte sich vor den elektrischen Heizofen und hielt die Hände dagegen.

 

»Die sehen nicht gerade sehr schön aus«, sagte sie und lachte ihn freundlich an. »Aber Sie werden wohl begreifen, daß ich bei dem Leben nicht meine Hände pflegen konnte. Kann ich Ihnen helfen, Kaffee zu kochen? Das habe ich schon seit Jahren nicht mehr getan.«

 

»Nein, danke, das verstehe ich auch ganz gut«, erwiderte John und lächelte ihr zu. »Wärmen Sie sich nur. Übrigens ist der Raum oben, der dem Badezimmer gegenüberliegt, für Sie bestimmt. Ich habe absichtlich die Tür aufgelassen, und ich freue mich, daß Sie es sich bequem gemacht haben.« Er warf einen Blick auf das bunte Seidentuch, das sie so malerisch umgeschlungen hatte.

 

Plötzlich hob sie den Kopf und lauschte. Der Sturm hatte bedeutend an Heftigkeit zugenommen und trieb die Regenschauer gegen die Fensterscheiben. Sie zitterte ein wenig und zog ihren Stuhl näher an den Heizofen.

 

»Ein entsetzliches Wetter! Es wäre furchtbar gewesen, wenn ich die Nacht auf dem Hügel im Freien hätte zubringen müssen.«

 

Sie summte ein kleines Lied und beobachtete ihn dabei.

 

Er war so merkwürdig weiblich in all seinen Bewegungen und lächelte gern wie eine Frau, der es gutgeht und die sich glücklich fühlt. Seine Hände waren schmal und zart; sie konnte es deutlich sehen, als er an der Kaffeemaschine hantierte. Traurig betrachtete sie ihre eigenen und verzog das Gesicht.

 

»Ich liebe Komfort und eine schöne Umgebung«, sagte er. »Und ich habe auch große Vorliebe für altes, feines Porzellan, für kunstvoll geschmiedetes Silber, für gute Musik und zarte Lyrik. Spielen Sie eigentlich Klavier?«

 

»Ja, ein wenig.«

 

»Dann müssen Sie mir nach dem Essen etwas von Grieg vorspielen.«

 

Wieder lachte sie.

 

Es erschien ihr merkwürdig, daß sie sich so schnell in dieser Umgebung zu Hause fühlte. Der Mann kam ihr auch nicht mehr so unheimlich vor; außerdem konnte sie es sich ja auch nicht gestatten, andere Menschen argwöhnisch zu betrachten. Sie mußte mit allem zufrieden sein, was man ihr gab.

 

»Gute Musik verlangt aber auch einen guten Vortrag. Und ich bin schon lange aus der Übung.«

 

Während sie sich behaglich wärmte, warf sie doch ab und zu von der Seite einen Blick auf ihn und beobachtete ihn neugierig. Keine seiner Bewegungen entging ihr. Sie sah, daß er etwas aus der Tasche nahm – eine kleine Glasröhre, deren Korken er herauszog. Eine kleine, weiße Tablette fiel in eine der Tassen. Sie war noch nervös von den Erlebnissen des Tages, erschrak nun und sprang auf. Es kamen ihr plötzlich furchtbare Erinnerungen.

 

»Was haben Sie da eben gemacht?« fragte sie mit ängstlicher Stimme.

 

Er sah sie erstaunt an.

 

»Was soll ich denn gemacht haben?«

 

»Was haben Sie hier hineingetan?«

 

Sie nahm die Tasse und ließ die Tablette in ihre Hand gleiten.

 

»Was ist das?«

 

»Aber beruhigen Sie sich doch. Das ist eine Saccharintablette – ich nehme keinen Zucker.«

 

»War das denn Ihre Tasse?« fragte sie und errötete. »Ach, es tut mir unendlich leid. Ich bin noch so aufgeregt. Sie können das wohl verstehen.«

 

»Schon gut«, sagte er beruhigend und klopfte ihr freundlich auf die Hand. »Um Gottes willen, ich wollte Ihnen doch nichts tun! Denken Sie mal, wenn ich das beabsichtigte, hätte ich doch vorher schon viel bessere Gelegenheit dazu gehabt.«

 

»Es tut mir leid«, wiederholte sie noch einmal leise. »Es war sehr undankbar von mir. Sie müssen sich ein recht schlechtes Urteil über mich bilden.«

 

»Aber nein, durchaus nicht. Ich kenne ja die besondere Lage, in der Sie sich befinden.«

 

Trotz all ihrer Entschuldigungen beobachtete sie aber die Tasse genau, bis er sie mit Kaffee und Milch füllte, und sorgsam warf sie einen Blick in ihre eigene, ehe sie sich eingießen ließ. Das Essen schmeckte ihr sonst vorzüglich. Schließlich öffnete er auch noch eine Flasche Wein, achtete aber sorgsam darauf, daß er nicht mehr einschenkte, als sie wünschte. Zum Abschluß des Essens bot er ihr noch verschiedene Liköre an, schob ihr nachher ihren Sessel wieder nahe an den Heizofen und nahm ihr gegenüber Platz.

 

»Margaret Smith – oder soll ich Sie lieber Margaret nennen? –, ich möchte ganz offen mit Ihnen reden, denn ich bin sicher, daß Sie mir deshalb nicht böse sind. Selbstverständlich ist alles, was ich Ihnen erzähle, vertraulich. Ich weiß auch, daß Sie niemals darüber sprechen werden. Zwei Ereignisse aus Ihrer Vergangenheit sind mir bekannt, sonst nichts. Und ich möchte auch nicht mehr wissen. Erstens habe ich erfahren, daß Sie bis heute morgen im Frauengefängnis von Aylesbury waren, wo Sie eine lebenslängliche Zuchthausstrafe absitzen sollten. In England bedeutet eine solche Verurteilung eine Strafe von zwanzig Jahren, sie kann aber durch gutes Verhalten um einige Jahre gekürzt werden. Welches Verbrechen Sie begangen haben, daß man Sie so schwer bestrafte, habe ich nicht erfahren und mich auch nicht darum gekümmert. Von Ihrer Strafe haben Sie bis jetzt drei Jahre abgesessen, Sie hätten also noch weitere siebzehn Jahre im Zuchthaus bleiben müssen.«

 

»Nein, zwölf«, verbesserte sie. »Es wären noch zwölf gewesen, wenn ich nicht aus der Anstalt entkommen wäre. Sollten sie mich jetzt allerdings wieder fassen, so muß ich siebzehn Jahre absitzen, dann wird mir nichts geschenkt werden.«

 

»Nun ja, es bleibt bei den beiden Tatsachen: Sie sind aus der Anstalt geflohen und müßten noch siebzehn Jahre absitzen, wenn Sie wieder gefangen würden. Wenn ich also nicht mit meinem Wagen in die Gegend gekommen wäre und Sie am Fuß von Whitecross Hill getroffen und nach London mitgenommen hätte, dann hätte man Sie wahrscheinlich wieder gefaßt, und Sie säßen in diesem Augenblick wieder in einer Zelle in Aylesbury und warteten auf eine weitere Verurteilung.«

 

Sie nickte.

 

»Ich hörte von Ihrer Flucht, als ich in Aylesbury zu Mittag aß. Ich hatte eine kleine Reparatur an meinem Wagen, und der Monteur erzählte mir, daß heute morgen eine Strafgefangene ausgebrochen sei. Ich erfuhr auch, daß Sie zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt worden waren. Wie Sie heißen, welche Tat Sie begangen hatten, wußte der Mann nicht. Wie sollte er das auch erfahren haben? Die Leitung der Anstalt hatte wahrscheinlich keine anderen Nachrichten in die Öffentlichkeit kommen lassen.«

 

»Ich bin für ein Verbrechen verurteilt worden, an dem ich unschuldig bin«, erwiderte sie leise.

 

»Es tut mir leid, daß Sie das sagen. Ich hoffte sogar im stillen, daß Sie schuldig wären.«

 

Sie sah ihn überrascht an, und zu seinem Erstaunen huschte ein leichtes Lächeln um ihre Mundwinkel.

 

»Und sicher sind Sie auch schuldig«, fuhr John Sands fort. »Alle Leute, die verurteilt werden, sind schuldig. Der Unschuldige kommt eigentlich nur in Kriminalromanen vor. Ich will ganz offen Ihnen gegenüber sein: Ich brauche die Hilfe eines Menschen mit verbrecherischer Veranlagung. Solche Leute sind klug und wissen sich in allen Lagen zu helfen. Verstehen Sie mich recht, ich will nicht, daß Sie noch ein weiteres Verbrechen begehen. Nur sollen Sie den englischen Behörden gegenüber einen anderen Namen gebrauchen als den Ihrigen und weiter unter diesem Namen leben. Ich kann mir zum Beispiel nicht vorstellen, daß Sie unter Ihrem eigenen Namen heiraten würden.«

 

»Heiraten?« sagte sie und schaute ihn groß an.

 

»Ja, heiraten«, wiederholte er. »Ich gebe zu, daß die Aussicht nicht gerade sehr anziehend sein mag, aber für Sie bedeutet es ein ruhiges, sorgenfreies Leben, sogar einen gewissen Luxus, interessante Reisen und vieles andere.«

 

»Wollen Sie mich etwa heiraten?« fragte sie direkt.

 

John sah ihr voll ins Gesicht und zuckte nicht mit der Wimper.

 

»Es ist mein Wunsch, daß Sie Harry Leman heiraten.«

 

»Harry Leman?« entgegnete sie fragend. »Harry Leman? Meinen Sie den bekannten amerikanischen Petroleumkönig?«

 

Er nickte.

 

»Ja. Harry Leman ist vielfacher amerikanischer Millionär und hat sein Vermögen in Petroleumaktien angelegt. Das wäre das erste, was ich Ihnen mitzuteilen hätte. Zweitens müssen Sie wissen, daß Harry Leman ein Freund von mir ist – tatsächlich bin ich der einzige Freund, den er in Europa oder in den Vereinigten Staaten hat. Ich mache nun den Vorschlag, daß Sie Harry Leman nächsten Montag in einer Woche auf dem Standesamt in Griddelsea heiraten. Die besondere Genehmigung dazu werde ich beschaffen – vielleicht wird es auch schon Donnerstag sein, aber ich glaube, Montag paßt doch besser.«

 

Sie legte den Kopf zurück und lachte auf.

 

»Das ist aber merkwürdig, daß Sie alle die Vorkehrungen schon getroffen haben, ohne vorher im mindesten meine Einwilligung einzuholen.«

 

»Das stimmt, aber Sie müssen doch selbst zugeben, daß ich keine Gelegenheit hatte, Sie vor heute abend kennenzulernen.«

 

»Haben Sie denn bei diesem Plan schon immer an mich gedacht?«

 

»Wenn ich offen sein soll, habe ich das nicht getan. Nein, bis heute morgen lebte die Frau, die mein Freund Harry heiraten soll, nur in meiner Phantasie. Aber nun haben wir uns doch getroffen, und das schreibe ich wieder einmal dem Einfluß meines guten Sterns zu, unter dem ich geboren bin und unter dem ich lebe. Sicherlich kennen Sie Bellatrix, das ist der Stern Gamma im Bild des Orion … Nein? Dann haben Sie sich bisher noch nicht mit Astronomie und Astrologie beschäftigt. Ich gebe zu, daß ich früher bei meinen Plänen nicht an Sie gedacht habe. Aber heute ist ein Wunder geschehen, auf geradezu märchenhafte Weise sind Sie in mein Leben getreten.«

 

»Aber nehmen wir einmal an, daß ich mit all Ihren Vorbereitungen nicht einverstanden bin. Wenn ich nun nicht mitmache?«

 

»Dann müßte ich Sie allerdings bitten, wieder Ihre nassen, schwarzen Kleider anzuziehen. Ich würde Sie ins Auto setzen und Sie wieder an die Stelle zurückbringen, wo ich Sie heute abend gefunden habe. Das klingt sehr unfreundlich, und ich gebe Ihnen die Versicherung, daß ich es gar nicht so böse mit Ihnen meine. Im Gegenteil, ich bin stets für ein friedliches und beschauliches Leben und nicht für große Aufregungen. Ich erkläre Ihnen feierlich, daß ich dieses ganze Abenteuer nicht unternommen hätte, wenn ich nicht so große Sorge um meinen Freund Harry Leman hätte. Er ist ein etwas sonderbarer, älterer Herr.« Sands schüttelte bedächtig den Kopf. »Und ich muß sagen, daß ich ihn wirklich gern habe.«

 

»Nun, wir brauchen ja nicht darüber zu sprechen, was passieren würde«, erwiderte sie ruhig, »denn ich bin nicht so töricht, Ihr Anerbieten ohne weiteres zurückzuweisen. Aber ich muß Ihnen doch sagen, daß ich nicht so scharf darauf aus bin, noch einmal zu heiraten.«

 

»Dann waren Sie also schon einmal verheiratet?« fragte John Sands, der plötzlich aus seiner beschaulichen, ruhigen Stimmung in die rauhe Wirklichkeit geschleudert wurde. »Sind Sie wieder frei, so daß Sie heiraten können?«

 

Sie nickte.

 

»Es wäre allerdings verteufelt unangenehm gewesen, wenn Sie schon einen Mann gehabt hätten – wirklich höchst unangenehm!«

 

»Was erwarten Sie denn von mir? Was soll ich tun?« fragte sie sachlich.

 

»Jetzt sollen Sie sich ins Bett legen und ordentlich ausschlafen. Morgen in aller Frühe kommt eine Frau hierher und bringt das Haus in Ordnung. Ich werde ihr erklären, daß Sie meine Schwester seien, die plötzlich unerwartet zu Besuch kam. Und da Sie Ihren Koffer verloren haben, schicke ich sie in die Stadt, damit sie alles kauft, was Sie brauchen. Seien Sie aber vorsichtig. Sie braucht ja nicht nach oben in Ihr Zimmer zu kommen und Sie sehen, sonst könnte die Sache vielleicht etwas unangenehm werden«, meinte er lächelnd und betrachtete sie wieder. »Sie können ja wohl die Kleider, die Sie vorher trugen, in Ihrem Zimmer trocknen – hoffentlich sind keine Stempel vom Gefängnis darin.«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Nein, es sind gar nicht meine Kleider. Sie gehören der Gefängnisärztin. Ich habe sie mir heute früh angeeignet und den Sträflingsanzug dortgelassen. Ich habe es nämlich so einrichten können, daß ich durch ihr Haus floh.«

 

»Das ist allerdings sehr gut, ganz vorzüglich.«

 

Sie erhob sich.

 

»Ich fühle aber deutlich, daß Sie mir noch nicht alles gesagt haben. Sie halten mit etwas zurück.«

 

»Es gibt verschiedenes, was ich Ihnen bis jetzt noch nicht gesagt habe. Aber das hat noch Zeit und kann bis später warten. In Ihrer jetzigen Verfassung sind Sie nicht fähig, alles zu verstehen. Sie müssen erst ruhiger werden. Wenn erst einige Tage vergangen sind, haben Sie den nötigen Überblick und die nötige Sicherheit, dann können wir über das Weitere reden.«

 

Sie ging die Treppe hinauf, aber als sie etwa auf der Hälfte war, rief er ihr nach: »Ich schlafe heute nacht nicht hier im Haus, aber morgen früh komme ich zeitig wieder her. Unten in der Diele ist ein Telefon; wenn Sie etwas brauchen sollten oder mich anrufen wollen, können Sie mich unter Paddington 1764 erreichen. Hoffentlich fällt es Ihnen nicht ein, während meiner Abwesenheit das Weite zu suchen. Geben Sie mir Ihr Wort darauf.«

 

Sie lachte.

 

»Keine Angst. Ich verlasse dieses Haus nicht, wenn ich nicht jemand bei mir habe, der mich in Schutz nehmen kann.«

 

»Sie sind klug und vorsichtig. Und soweit ich sehe, sind Sie auch unter einem guten Stern geboren. Ich rate Ihnen nur, achten Sie sehr darauf.«

 

»Auf die Sterne?« rief sie vom obersten Treppenabsatz herunter, und ihre Stimme klang etwas verächtlich.

 

»Sie mögen jetzt im Augenblick darüber lachen«, entgegnete er überzeugt. »Aber für mich haben sich Astronomie und Astrologie sehr wohl bezahlt gemacht.«

 

Sie ging ins Schlafzimmer hinauf und setzte sich oben auf die Bettkante. Ihre Gedanken wirbelten durcheinander, während sie hörte, daß er unten umherging. Einmal sang er sogar leise eine einschmeichelnde Melodie. Seine Stimme hatte einen sonderbaren Klang, der ihr zu Herzen ging. Nach einer Weile knipste er das Licht aus, dann schloß er die Haustür von außen. Sie lehnte sich lächelnd in die Kissen zurück. Seit langer Zeit fühlte sie einmal wieder zartes Leinen und weiche Daunenkissen. Sie wußte gar nicht, wie müde sie war. Das kam ihr erst zum Bewußtsein, als sie wieder aufwachte. Sie glaubte, sie hätte nur die Augen geschlossen und wieder aufgemacht, aber merkwürdigerweise war es heller, lichter Morgen.

 

Kapitel 3

 

3

 

Inzwischen wanderte Sands durch den rieselnden Regen nach dem Berkeley Square. Von diesem vornehmen Platz, an dem nur reiche Leute wohnen, biegt die Davis Street ab, eine Durchgangsstraße, in der viele kleinere, aber vornehme Geschäfte liegen.

 

Über einem dieser Läden wohnte Harry Leman. Seine Nichte führte ihm die Wirtschaft, denn obwohl er mehr als acht Millionen Dollar besaß, lebte er einfach, ja beinahe asketisch. Es grenzte fast an Geiz, daß er schon fünf Jahre in einer möblierten Wohnung zugebracht hatte.

 

Als John Sands eintrat, lag Leman auf einem Sofa, das nahe am Fenster stand. John Sands war ein so vertrauter Freund, daß er Haus- und Wohnungsschlüssel besaß und zu jeder Zeit freien Zutritt hatte. Das Zimmer war nur durch eine Leselampe mit einem schönen, grünen Seidenschirm erleuchtet. Sie stand auf einem kleinen Tisch in der Nähe des Sofas. Im Kamin brannte ein behagliches Feuer. Leman wandte sich um – er hatte eben aus dem Fenster gesehen – und erhob sich langsam. Er war groß, aber etwas zu hager. Sein schwarzer Anzug war ihm mit der Zeit etwas zu weit geworden, und auch der glatte weiße Kragen ließ darauf schließen, daß der Mann in den letzten Jahren abgenommen haben mußte. Das schmale Gesicht hatte eine bräunliche Färbung. Als einziges Schmuckstück trug er eine große, elegante Goldkette, die von einer Westentasche zur anderen reichte.

 

Seine Wäsche war sehr einfach, aber tadellos sauber, und seine Schuhe sahen gut gepflegt aus. Harry Leman putzte sie jeden Morgen selbst. An Größe war er John Sands bei weitem überlegen; selbst jetzt in der gebückten Haltung überragte er ihn. Er nickte nach dem kleinen Büfett an der Wand hinüber. Dort standen auf einem Tablett zwei gefüllte Kristallgläser mit goldbraunem, altem Kognak. Sands reichte seinem Gastgeber ein Glas, das andere trank er selbst mit einem Zug aus. Diese kleine seltsame Zeremonie wiederholte sich jedesmal, wenn sich die beiden trafen.

 

»Sie sind heute zehn Minuten zu spät gekommen«, sagte Leman und wischte sich mit dem Taschentuch über den Mund. »Holen Sie die Karten.«

 

»Ja. Und ich werde auch Licht machen«, erwiderte Sands und drehte am Schalter.

 

Er ging zu einem kleinen Schrank, nahm zwei Pack Karten und einen Anschreibeblock heraus und legte beides auf den Tisch.

 

»Warum schauen Sie denn aus dem Fenster? Was interessiert Sie so sehr?« fragte John neugierig, denn die Nacht war dunkel, und man konnte draußen kaum etwas erkennen.

 

»Ich beobachte den Zeitungsreporter, der drüben sein Zimmer hat. Ich kann ihn von hier aus sehen. Er ist wieder eifrig an der Arbeit.«

 

»Was ist denn das für ein Berichterstatter?« fragte John überrascht.

 

Leman räusperte sich.

 

»Er hat seine Wohnung gerade mir gegenüber und ist einer der Leute von Holland Brown, dem Besitzer der ›New York Mail‹.«

 

»Woher kennen Sie ihn denn?« fragte John gespannt.

 

»Er kam heute in meine Wohnung und wollte mich interviewen«, entgegnete der Millionär gleichgültig. »Neugierig sind die Leute ja immer. Er wollte wissen, wann ich nach New York zurückreise, und vor allem, ob es stimmt, daß ich verheiratet sei.«

 

Leman lachte laut.

 

»Ich glaube, das interessiert die Amerikaner gewaltig«, sagte John, während er die Karten mischte.

 

»Ja, die wissen auch nicht, was sie machen sollen«, brummte Leman. »Ich habe allerdings immer im Mittelpunkt des Interesses gestanden. Sehen Sie, Sands, Holland Brown kann es sich unter diesen Umständen leisten, einen Mann nach England zu schicken, der weiter nichts zu tun hat, als mich zu beobachten und über mich zu berichten. Lesen Sie eigentlich amerikanische Blätter? Die sind höchst interessant! Alle Leute schreiben von mir. Die Leser fressen jeden Artikel, den sie über mich finden.«

 

»Hat denn der junge Mann drüben nichts anderes zu tun, als nur über Sie zu berichten?« fragte John Sands.

 

Der Alte grinste.

 

»Ich weiß ebensoviel von ihm wie er von mir. Mit dem nächsten Dampfer fährt er nach New York zurück. Er hat einen ganzen Koffer voll neuer Geschichten über den sonderbaren alten Kauz Harry Leman. Einige habe ich ihm selbst erzählt, einige hat ihm Faith berichtet. Wenigstens nehme ich das an.«

 

»Wie kommt denn Faith dazu?« fragte Sands und zog die Augenbrauen hoch. »Sie gestatten doch Ihrer Nichte nicht etwa, daß sie mit einem solchen Mann verkehrt?«

 

»Aber warum denn nicht? Sie steht doch gesellschaftlich nicht höher als er. Ich möchte sogar sagen, der Zeitungsmann ist wertvoller als sie. Er verdient sich wenigstens fünfzig Dollar die Woche durch seine Schreiberei, und sie hat gar nichts – und sie wird auch nichts bekommen.«

 

»Ziehen Sie eine Karte, damit wir wissen, wer Vorhand hat.«

 

Sie spielten Piquet. Harry Leman spielte es schon seit langer Zeit, und dies war eigentlich seine einzige Erholung und Leidenschaft. Ebenso war dieses Spiel auch das Bindeglied zwischen diesen so ungleichen Charakteren, ja, darauf gründete sich überhaupt die merkwürdige Freundschaft zwischen ihnen. John Sands war geradezu ein Meister in diesem Spiel, aber Harry Leman stand ihm kaum nach.

 

»Um was spielen wir heute?« fragte er.

 

»Um hunderttausend Dollar den Punkt«, erklärte Leman prompt.

 

»Das heißt also: einen Cent den Punkt, und einen Dollar für den Rubber, wie gewöhnlich«, erwiderte John ernst und verteilte die Karten. »Wo ist eigentlich Faith?« fragte er dann.

 

»Auf ihrem Zimmer. Sie sucht ihre Stimmung zu verbessern.«

 

»Sie hat aber auch kein leichtes Leben, Sie machen es ihr zur Hölle.«

 

Der Millionär grinste.

 

»Ja, sie hofft immer noch, John Sands! Sie hofft, daß ich eines guten Tages sterben und ihr eine Million vermachen werde. Die bilden sich nämlich ein, ich wäre herzkrank und würde bald das Zeitliche segnen. Aber ich denke gar nicht daran!«

 

Es klopfte an der Tür.

 

»Komm herein!« rief Leman, und das junge Mädchen trat ins Zimmer.

 

John erhob sich und reichte ihr die Hand.

 

»Hallo, Miss Leman, ich habe Sie ja eine ganze Woche lang nicht gesehen.«

 

Er bewunderte Faith Leman. Sie hatte große, graue Augen und eine zarte, schöne Gesichtsfarbe. Er bewunderte auch ihre graziöse Haltung und ihre anmutigen Bewegungen.

 

Jeder andere hätte sich über das Verhalten des alten Millionärs seiner schönen und liebenswürdigen Nichte gegenüber gewundert. Aber John Sands hatte nur zu oft diese unangenehmen Szenen erlebt. Der alte Harry Leman runzelte die Stirn, und als er mit ihr sprach, klang seine Stimme rauh und abweisend. »Nun, was willst du?«

 

Sie war an seine schlechten Stimmungen gewöhnt und kümmerte sich nicht weiter darum.

 

»Ich wollte nur fragen, ob ich etwas tun kann für dich.«

 

»Nein, ich brauche nichts«, erwiderte der Alte barsch. »Wenn du etwas tun willst, dann geh zu Bett. Ich brauche keine Wärmflasche für die Nacht, und ich kann auch einschlafen, ohne daß du mir das Kissen in den Rücken stopfst oder dich an mein Bett setzt und meine Hand hältst. Ich kenne schon alle die Tricks einer schönen Erbin, die ihren alten, sterbenden Onkel umgarnen will!«

 

Sie sah ihn ruhig an, nickte John Sands noch einmal zu und verließ dann das Zimmer.

 

»Ich verstehe nur eins nicht. Wenn Sie Faith hassen, warum behalten Sie sie dann bei sich?«

 

»Kümmern Sie sich um Ihre eigenen Sachen«, brummte Leman.

 

»Wenn ich mich über etwas noch mehr wundere als über die grobe Art und Weise, wie Sie sie behandeln, dann ist es höchstens die Tatsache, daß sie alles mit Gleichmut erträgt und nichts darüber sagt.«

 

»Das muß sie wohl, meinen Sie nicht auch? Ich unterstütze doch ihre Mutter! Wenn ich nicht wäre, würde die doch im Armenhaus sitzen!«

 

»Aber Sie müssen doch Ihr Vermögen irgend jemand hinterlassen.«

 

»Auf keinen Fall meiner Nichte oder ihrer faulen Mutter. Haben Sie mich verstanden? Das habe ich ihr auch schon erklärt. Es wäre überhaupt besser, daß ich mich verheiratete. Ich habe neulich schon gesagt, daß ich es auch bestimmt tun werde.«

 

»Na, das wäre nicht das erstemal, daß Sie darüber sprechen.«

 

»Haben Sie eine Zeitung mitgebracht?« fragte der Alte, nachdem sie schweigend ein paar Runden gespielt hatten.

 

»Ja, ich habe eine Abendzeitung.«

 

»Lassen Sie mich einmal sehen.«

 

John ging zur Garderobe, holte die Zeitung aus der Manteltasche und brachte sie Harry Leman. Der Alte blätterte die Seiten eifrig um.

 

»Gut! Sehr gut! Mexikanische Silberminen sind um zwei Punkte in die Höhe gegangen. Ich habe am Montag hunderttausend Kleinaktien davon gekauft.«

 

John lachte.

 

»Zum Teufel, warum lachen Sie über das, was ich sage?«

 

»Es ist doch wirklich lächerlich. Nun sitzen Sie hier, zergrübeln sich den Kopf, wie Sie Ihr Vermögen vergrößern können, und besitzen so viel Geld, daß Sie nicht wissen, wohin damit – aber trotzdem haben Sie nichts davon. Sie verstehen überhaupt nicht, Geld richtig auszugeben. Wenn Sie wenigstens noch Vergnügen daran hätten, Ihre Einnahmen zu erhöhen!«

 

»Woher wissen Sie denn, daß ich kein Vergnügen daran habe? Verstehen Sie denn nicht, daß das allergrößte Vergnügen darin liegt, andere Leute davon abzuhalten, das Geld zu verdienen, das man sich selbst in die Tasche steckt? Nicht das Bewußtsein, daß ich ein so großes Vermögen habe, befriedigt mich, sondern die Tatsache, daß andere Leute mein Geld nicht haben. Sehen Sie, das ist ein Trick, den nicht alle Leute verstehen. Die größte Genugtuung beim Kampf liegt in der Niederlage des Gegners.«

 

»Wer ist eigentlich Ihr Gegner?« fragte John.

 

»Irgendeiner«, erwiderte Leman unbestimmt. »Irgendeiner, der an der Börse gegen mich spekuliert.«

 

Sie spielten drei weitere Spiele. Nun waren es im ganzen sechs, und das war das wohlabgewogene Maß der Erholung, das sich der alte Leman gönnte. Heute freute er sich besonders, denn er hatte gewonnen. Er ging wieder zum Büfett und goß ein Glas Likör ein.

 

Sands lachte gutmütig.

 

»Ich wundere mich manchmal selbst, daß ich immer noch zu Ihnen komme. Aber Sie scheinen mich doch ganz gern zu haben.«

 

»Ja, da haben Sie nicht unrecht.«

 

Sands sah ihn offen an.

 

»Habe ich jemals versucht, Geld von Ihnen zu erhalten, Harry?«

 

»Nein. Aber damit ist immer noch nicht gesagt, daß Sie nicht einmal den Versuch machen werden. Sie sind so ein ganz heimlicher Kerl, der seine Gelegenheit abwartet. Ich bewundere immer Ihre Geduld, und ich bin sehr neugierig, einmal zu erfahren, worauf Sie hinauswollen und warum Sie eigentlich mit mir verkehren.«

 

Die beiden lachten herzlich zusammen.

 

»Aber warum heiraten Sie denn nicht?« fragte John Sands dann plötzlich.

 

Der Millionär sah ihn argwöhnisch von der Seite an.

 

»Sie haben doch nicht etwa eine Schwester, die Sie unter die Haube bringen wollen? Habe ich Sie nun doch erwischt?«

 

»Nein, ich habe keine Schwester, die ich verheiraten möchte«, entgegnete Sands gleichgültig. »Aber Sie versauern hier mit der Zeit tatsächlich und ärgern sich über die ganze Welt. Schließlich könnte das durch eine Heirat gebessert werden. Sie haben außerdem so oft davon gesprochen, daß Sie heiraten wollen, um Ihre Verwandten zu ärgern, daß ich mich immer wundere, warum Sie Ihr Vorhaben nicht endlich einmal ausführen.«

 

»Ich habe doch keine Verwandten. Habe ich Ihnen das noch nicht oft genug erklärt?« entgegnete Leman scharf. »Da ist doch nur dieses junge Mädchen und ihre Mutter. Die alte Frau ist ein unnützes Wesen, das einmal meinen Bruder Tom geheiratet hat, und wenn der das Geld nicht mit vollen Händen zum Fenster hinausgeworfen hätte, brauchte ich die Frau heute nicht zu unterhalten. Aber der war natürlich großspurig und sagte dem Kellner immer, er brauchte ihm nichts herauszugeben. Aber was sollte ich denn mit einer Frau anfangen?«

 

»Und was sollte eine Frau mit Ihnen anfangen? Das ist die andere Frage. Aber nehmen wir einmal an, Sie fänden die richtige Frau, die Sie heiraten und die Ihnen keine Unannehmlichkeiten bereiten und getrennt von Ihnen irgendwo auf dem Kontinent leben würde?«

 

»Das ist der dümmste Vorschlag, den Sie mir jemals gemacht haben. Gehen Sie jetzt, ich möchte mich zur Ruhe legen!«

 

John Sands ging zum Hotel, in dem er telefonisch ein Zimmer bestellt hatte, saß noch lange in einem Lehnsessel vor dem Fenster und überlegte hin und her. Schließlich hatte er einen Plan ausgedacht. Den Millionär hatte er auf einem Dampfer kennengelernt, und zwar auf der Fahrt von den Vereinigten Staaten nach England. Die beiden hatten eine merkwürdige Freundschaft miteinander geschlossen, die hauptsächlich darauf beruhte, daß John Sands ein sehr ruhiges und ausgeglichenes Temperament besaß und vorzüglich Piquet spielte. In seiner Jugend hatte er ein nicht allzu großes Vermögen geerbt und dann sein Geld in einer Fabrik in Connecticut angelegt, die genügend Verdienst abwarf, um ihm ein bequemes, sorgenloses Leben in London zu ermöglichen. Er hatte natürlich Harry Leman dem Namen nach gekannt, denn der Millionär war einer der großen, ungekrönten Könige, und die Presse verherrlichte ihn seit zwanzig Jahren. Die Zeitungsleute kannten seine Schwäche, daß er gern über sich reden hörte. Auf der anderen Seite war er unglaublich geizig. Aber es machte ihm Spaß, Geschichten und Witze darüber zu lesen.

 

John Sands ärgerte sich, daß ein so reicher Mann seine Tage nutzlos verbrachte und eigentlich nichts vom Leben hatte. Harry Leman gab kaum mehr als einen Dollar pro Tag für seinen Unterhalt aus. Er rauchte billige Zigarren und renommierte damit, daß er sich in den letzten fünfzehn Jahren keinen neuen Anzug hatte machen lassen. Während der Überfahrt von den Vereinigten Staaten nach England hätte er sich natürlich die teuerste Kabine leisten können, aber er fuhr in einer Innenkabine, die er außerdem noch mit einem anderen teilte.

 

John Sands hatte im Gegensatz zu ihm eine der besten Kabinen an Bord des Luxusdampfers belegt, und er ließ sich mindestens zwölf verschiedene Anzüge im Jahr machen. Als er Lemans Eigenheiten kennenlernte, ärgerte er sich zuerst darüber, dann lachte er, und schließlich wurde er nachdenklich.

 

John verbrauchte alles Geld, das er verdiente, bis zum letzten Dollar, und immer hatte er etwas davon gehabt. Jedenfalls machte er sich das Leben so bequem und angenehm wie möglich. In letzter Zeit war der Ertrag seiner Fabrik geringer geworden; infolgedessen hatte er seinen Chauffeur entlassen und auch die beiden Rennpferde verkaufen müssen, die er in New Market trainieren ließ. Damit waren auch seine Aussichten und Hoffnungen auf einen großen Rennsieg und dementsprechende Gewinne gesunken.

 

Und nun saß er vor dem Kaminfeuer in seinem kleinen Hotelzimmer am Tavistock Square, baute Luftschlösser und träumte von besseren Zeiten.

 

*

 

Währenddessen suchten viele Polizisten im Regen das Gehölz südlich von Whitecross Hill ab. Ab und zu blieben sie stehen und fluchten nicht wenig auf Margaret.

 

»Ich gehe die höchste Wette ein, daß sie irgendeinen Bekannten hatte, der sie hier abholte«, sagte ein dicker Sergeant und entkorkte seine Whiskyflasche. Er hatte sich unter denselben großen Baum gestellt, unter dem Margaret von John Sands gefunden wurde. »Hübsch war das Frauenzimmer – nach allem, was man gehört hat. Aber daß man ausgerechnet bei einem solchen Schweinewetter nach ihr suchen soll, ist doch wirklich gemein! Na, wir wollen uns einmal stärken.«

 

Der Beamte neben ihm nahm die Flasche und tat auch einen Zug.

 

»Wenn ihr irgendein Mann zur Flucht verholfen hat, dann hoffe ich nur, daß sie ihn genauso behandelt wie ihren früheren!«

 

Kapitel 4

 

4

 

Margaret Maliko stützte sich auf den Ellbogen und sah blinzelnd in den hellen Sonnenschein, der zum Fenster hereinströmte. Zuerst schaute sie bestürzt um sich, aber dann erinnerte sie sich an die Ereignisse des vergangenen Abends.

 

Sie sprang aus dem Bett, ging im Zimmer umher und bewunderte die prächtige Einrichtung. Mr. Sands hatte wirklich eine ausgesprochene Vorliebe für Luxus und Wohlleben.

 

Bürsten und Kämme waren aus echtem Schildpatt und Silber; die venezianischen Glasvasen und die prachtvollen Radierungen zeugten von geschmackvoller Auswahl. In der Fensternische stand ein zierlicher Empireschreibtisch. Schließlich trat sie in die Mitte des Zimmers und freute sich an dem harmonischen und luxuriösen Gesamteindruck. In einem solchen Hause ließ es sich leben!

 

Vorsichtig öffnete sie dann die Tür und hörte, daß unten jemand den Staubsauger in Tätigkeit setzte. Auf Zehenspitzen schlich sie zum Treppengeländer und spähte nach unten, wo sie eine ältere Frau bei der Arbeit sah.

 

»Ist Mr. Sands schon zurückgekommen?« fragte sie.

 

Die Frau schaute nach oben.

 

»Ja, er war vor ungefähr einer halben Stunde hier«, rief sie hinauf. »Haben Sie mir alles aufgeschrieben, was ich besorgen soll? Mr. Sands hat auch die Zeitungen für Sie hiergelassen. Er sagte, Sie würden sie gern lesen.«

 

Margaret zögerte.

 

»Bringen Sie die Zeitungen herauf und legen Sie sie auf mein Bett. Ich bade inzwischen. Können Sie mir auch den Kaffee bringen?«

 

»Ich habe das Frühstück schon fertig. Ihr Bruder sagte, ich sollte Sie nicht wecken, bis Sie mich selbst riefen.«

 

Als Margaret in ihr Zimmer zurückkam, fand sie einen Stoß Tageszeitungen. John Sands hatte darin mit Blaustift Annoncen angestrichen, in denen Damengarderobe angeboten wurde.

 

Sie war erstaunt, daß er sich soviel Mühe mit ihr machte.

 

Dann nahm sie Papier und Bleistift und setzte eine Liste all der Dinge auf, die sie brauchte. Aber plötzlich kam ihr der beunruhigende Gedanke, daß sie kein Geld hatte. Wieder ging sie nach draußen und bemerkte, daß sich die Frau bereits zum Ausgehen angekleidet hatte.

 

»Hat Mr. Sands denn nicht noch etwas für mich zurückgelassen? Vielleicht einen Brief?«

 

»Ach ja, den habe ich ganz vergessen.«

 

Die Frau kam mit einem Briefumschlag die Treppe herauf und reichte ihn Margaret durch die Türspalte. Sie öffnete ihn und fand darin zehn Banknoten zu je zehn Pfund. Das war reichlich, soviel brauchte sie gar nicht.

 

»Hier ist die Liste. Nehmen Sie bitte einen Wagen.«

 

Margaret war sehr vorsichtig und zeigte sich nicht in ihrem Kostüm, denn die Aufwartefrau würde natürlich alle Schlafröcke und Pyjamas ihres Herrn kennen, und schließlich durfte die Gutgläubigkeit der alten Frau nicht zu sehr auf die Probe gestellt werden.

 

Sie kehrte zu ihrem Bett zurück und las sorgfältig alle Zeitungen durch. Jede hatte eine kurze Notiz über ihre Flucht aus dem Gefängnis gebracht. Margaret las auch eine Personalbeschreibung von sich selbst. Sie mußte lächeln, denn nach diesen dürftigen amtlichen Angaben würde es so leicht keinem Menschen gelingen, sie wiederzuerkennen, wenn er sie nicht vorher gesehen hatte. Die meisten Artikel glichen einander; das kam wahrscheinlich daher, daß die Polizei allen Blättern dieselbe Auskunft gegeben hatte. Aber als sie eine Bemerkung sah, wurde sie doch plötzlich ernst:

 

»Man muß annehmen«, lautete der kurze Absatz, »daß es der Strafgefangenen mit Hilfe eines Freundes gelang, nach London zu entkommen. Unsere Nachforschungen haben ergeben, daß ein großer, eleganter Wagen auf der North Road beobachtet wurde, und zwar dicht in der Nähe der Stelle, an der sich die Gefangene verborgen hielt. Es sind bereits Nachforschungen im Gange, den Eigentümer dieses Wagens festzustellen.«

 

Das war allerdings gefährlich. Wenn die Nummer des Autos bekannt wurde – und vielleicht hatte irgend jemand sie gesehen –, dann war sie verraten. Man würde den Eigentümer feststellen können, und wenn bekannt war, daß John Sands den Wagen gesteuert hatte, würde auch sie entdeckt werden.

 

Aber nach dem ersten Schrecken erholte sie sich wieder und dachte ruhiger. Wenn die Nummer des Wagens tatsächlich bekannt wäre, würde die Polizei längst hergekommen sein und das Haus durchsucht haben. Sie wartete ungeduldig auf die Rückkehr der Aufwartefrau, die ihr die neuen Kleider bringen sollte. Unruhig ging sie im Zimmer auf und ab und sah nervös durch das Fenster auf die Straße.

 

Nur langsam vergingen die Minuten. Aber endlich kam die Frau zurück. Sie war zu Fuß gegangen; sicherlich wollte sie das Geld für den Wagen für sich behalten.

 

Als Margaret dann aber die Kleider in Augenschein nehmen konnte, vergaß sie ihren Ärger. Ein Kostüm von graugrünem Ton kleidete sie vorzüglich, auch wenn es nicht nach ihren Maßen angefertigt war. Dann probierte sie einen einfachen Hut auf, der in der Farbe dazu paßte, und zog noch einen Regenmantel an. Als sie sich in dem großen Spiegel betrachtete, fühlte sie sich sicher. Ihr Aussehen hatte sich so verändert, daß niemand in ihr die entsprungene Gefangene erkennen würde. Sie suchte auf dem Frisiertisch von John Sands und fand auch Puder und sonstige Toilettengegenstände, die sie brauchte. Erst dann erinnerte sie sich daran, daß die Aufwartefrau ihr das auch alles mitgebracht hatte. Aber sie mußte doch lächeln, daß sie John Sands richtig beurteilt hatte. Als sie die schön geschwungenen Augenbrauen nachgezogen hatte, war sie fest davon überzeugt, daß sie das Gefängnistor passieren könnte, ohne von den Wärtern erkannt zu werden. Und als John Sands eintraf und sie ihm entgegentrat, hatte sie ihre ruhige Haltung und ihr Selbstbewußtsein vollkommen wiedererlangt.

 

»Sie sehen glänzend aus«, sagte er, und seine Augen leuchteten bewundernd auf. »Gestern machten Sie schon einen sehr guten Eindruck, aber das war nichts im Vergleich zu Ihrem heutigen Aussehen. Was haben Sie denn in der Hand?« fragte er.

 

Sie reichte ihm die Zeitungsmeldung, die sie ausgeschnitten hatte. Er las sie sorgfältig durch und schüttelte dann den Kopf.

 

»Als ich gestern abend mit Ihnen hierher zurückkehrte, bin ich noch einmal nach draußen gegangen und habe mir die Nummer des Wagens genau angesehen. Das Schild war derartig mit Schmutz bedeckt, daß man es unmöglich lesen konnte. Übrigens war es nahezu dunkel, als ich Sie unter dem Baum fand.«

 

»Dann ist das also nicht gefährlich?« erwiderte sie und atmete auf.

 

»Ich bin meiner Sache ganz sicher. Und jetzt werde ich Sie auch gleich zum Essen mitnehmen und mich mit Ihnen in der Öffentlichkeit zeigen, und zwar in einem der elegantesten Restaurants der Stadt.«

 

Draußen wartete das Auto; sie stieg ein, und er fuhr sie zum Piccadilly Circus. Er hatte das Verdeck zurückgeklappt, denn es regnete nicht mehr. Als sie langsam durch die Wimpole Street fuhren, nahm er einmal den Hut ab. Sie sah schnell zur Seite und bemerkte, wen er so liebenswürdig grüßte. Es war eine hübsche junge Dame in Begleitung eines jüngeren Herrn, die auf dem Gehsteig entlanggingen.

 

»Sehen Sie sich die Dame genauer an, drehen Sie sich aber nicht nach ihr um. Das ist Ihre zukünftige Nichte.«

 

Er mußte über seinen eigenen Witz lachen.

 

*

 

Faith Leman sah dem Wagen interessiert nach.

 

»Mir kommt dieser Herr sehr bekannt vor«, sagte ihr Begleiter.

 

»Er ist ein Freund meines Onkels, ein gewisser Mr. John Sands.«

 

»Ja, jetzt erinnere ich mich«, entgegnete er. »John Sands, ein Mann aus New York, der sich in London aufhält und ein richtiger Engländer geworden ist.«

 

»Das könnte man ebensogut von meinem Onkel sagen.«

 

Er schüttelte den Kopf.

 

»Nein, Onkel Harry ist durchaus nicht Engländer, abgesehen von seinen schlechten Manieren.«

 

Sie drohte mit dem Finger.

 

»Ich habe meinem Onkel gesagt, daß Sie heute abfahren würden. Kehren Sie wirklich morgen nach Amerika zurück?«

 

Er nickte.

 

»Ich wünschte, ich könnte mit Ihnen fahren«, meinte sie nachdenklich. »Ich habe so große Sehnsucht, meine Mutter einmal wiederzusehen.«

 

»Warum bitten Sie Mr. Leman nicht, Sie einmal nach New York zu schicken? Ich kenne mehrere Damen, die in nächster Zeit nach drüben fahren. Denen würde es eine große Freude machen, wenn sie sich Ihrer auf der Reise annehmen könnten.«

 

»Es hat keinen Zweck, meinen Onkel um etwas zu bitten«, sagte sie traurig. »Allein die Tatsache, daß ich etwas gern haben möchte, genügt für ihn, es mir abzuschlagen.«

 

»Warum gehen Sie nicht von ihm fort?« drängte sie der junge Mann. »Ich weiß wohl, daß mich die Sache nichts angeht. Andererseits ist mir allerdings auch bekannt, daß Sie die große Erbschaft von acht Millionen Dollar ausschlagen, wenn Sie das tun.«

 

»Darüber brauche ich mir keine grauen Haare wachsen zu lassen. Mit der Millionenerbschaft habe ich nie gerechnet«, unterbrach sie ihn. »Für mich ist das Geld niemals bestimmt gewesen. Aber es geht leider aus anderen Gründen nicht. Mein Onkel ist immer sehr gut zu meiner Mutter gewesen, und –«

 

»Ich verstehe vollkommen«, erwiderte er ruhig. »Sie müssen bei ihm bleiben. Vermutlich fesselt Sie der alte Mann dadurch an sich, daß er Ihre Mutter unterstützt.«

 

Sie antwortete nicht, aber was er sagte, entsprach den Tatsachen. Sie konnte es nicht in Abrede stellen.

 

»Aber wie steht es denn bei Ihnen?« lenkte sie ab. »Sind Sie mit Ihrem Besuch in London zufrieden? Haben Sie genügend Material gesammelt, das Sie für Zeitungsartikel verwerten können?«

 

»Ich habe viel erreicht. Sie wissen doch, daß kurze Geschichten und Witze über Harry Leman in Amerika glänzend weggehen. Natürlich hat unser Vertreter hier in London sich auch darum bemüht und viele Geschichten nach New York geschickt, die von Harry Leman handeln, aber in letzter Zeit ging ihm anscheinend der Stoff aus. Deshalb beauftragte mich Holland Brown, die Sache ein wenig in Schwung zu bringen. Zuletzt waren die Sachen, die unser Mann von hier einsandte, zu trocken. Wir brauchen aber etwas Romantik, damit die Leute das Interesse nicht verlieren. Ich habe auch ein paar zugkräftige Geschichten, die sicher gern gelesen werden. Zum Beispiel den Witz, wie er in der Oxford Street beinahe ein Paar neue Schuhe gekauft hätte, ihm nachher aber der Preis für die beiden zu hoch war und er zunächst nur einen kaufen wollte!«

 

Sie sah ihn vorwurfsvoll an.

 

»Aber Miss Faith, was haben Sie denn dagegen? Wenn Ihr Onkel so etwas liest, freut er sich halbtot. Ich habe Ihnen übrigens noch nicht die Geschichte erzählt, die uns mit ihm passiert ist. Als wir eines Samstags einmal in unserem Feuilleton schrieben, daß John Rockbetter der geizigste Millionär wäre, erhielten wir von Harry Leman mit der nächsten Post einen Brief, in dem er furchtbar schimpfte. Die Nachricht von seiner Heirat stammt übrigens nicht von mir. Sie sind doch sicher, daß nichts Wahres an dem Gerücht ist?«

 

Sie zögerte.

 

»Ja, ich bin meiner Sache ganz sicher«, erwiderte sie dann. »Mein Onkel sagt zwar immer, daß er sich verheiraten will, aber ich glaube, das tut er nur, um mich zu ärgern und mir alle Hoffnungen zu nehmen, daß ich einmal sein Vermögen erben könnte. Und dabei will ich sein Geld doch gar nicht!« fügte sie bitter hinzu. »Ich habe nur den einen Wunsch, nicht mehr mit ihm im selben Haus zusammenleben zu müssen. Sie können sich nicht vorstellen, wie schwer mir das fällt, Mr. Cassidy.«

 

»Das kann ich mir schon denken – und ich fahre nicht gern mit dieser unangenehmen Erinnerung nach Amerika zurück.«

 

Er wollte noch mehr sagen, aber er unterließ es. Es war nicht das erstemal, daß er sich mit ihr aussprechen wollte, und nur die eine Tatsache, daß sie später wahrscheinlich doch einmal das ungeheure Vermögen ihres Onkels erben würde, hinderte ihn daran, ihr zu erklären, was er für sie fühlte. Schon oft hatten sich die Worte auf seine Lippen gedrängt, aber jedesmal hatte er sich im letzten Augenblick zusammengenommen. Er hatte sie kennengelernt, als er den Millionär zum erstenmal besuchte. Mr. Harry Leman war nicht zu Hause gewesen, und in der Zwischenzeit hatte sie ihn unterhalten. Später hatten sie sich noch häufig getroffen. Sie wußte allerdings nicht, daß er es jedesmal so geschickt einrichtete, daß er ihr auf der Straße begegnete, aber sie empfand diese neue Freundschaft wie den Sonnenschein nach langen Regentagen. Und jetzt, da sie wußte, daß er England bald wieder verlassen würde, fühlte sie sich bekümmert und bedrückt.

 

»Ich beneide Sie direkt, daß Sie wieder nach unserem lieben, alten New York zurückkehren können. Wissen Sie, was ich am liebsten möchte?«

 

»Ich weiß es«, erwiderte er eifrig.

 

»Nun, was denn?« fragte sie überrascht.

 

»Ich möchte es Ihnen nicht sagen, aber das schließt nicht aus, daß ich es nicht gern aus Ihrem Mund hören möchte.«

 

»Ich möchte zu gerne in New York einen Ausflug im Auto nach Coney Island machen, einmal wieder mitten in einer großen Menschenmenge sein, all die einzelnen Buden und Sehenswürdigkeiten betrachten und eine ganze Menge heißer Würstchen essen –«

 

»Dann wären Sie am nächsten Morgen sicher todkrank«, entgegnete er nüchtern und praktisch. »Nein, da könnte ich Ihnen doch etwas Schöneres vorschlagen, wenn Sie wieder einmal nach New York fahren.«

 

Sie kamen jetzt am Berkeley Square an. Zuletzt waren sie langsamer und langsamer gegangen. Er mußte ihr noch etwas anvertrauen, aber sosehr er sich auch in Gedanken abmühte, er konnte nicht die richtige Einleitung finden.

 

»Miss Leman«, begann er schließlich, »ich möchte Ihnen etwas sagen, das ich schon seit einiger Zeit auf dem Herzen habe.«

 

Er machte eine Pause.

 

»Ja, und was ist das?« fragte sie ermutigend.

 

»Sie wissen, ich bin nur ein Zeitungsberichterstatter…« Wieder blieb er stecken.

 

»Ja, das weiß ich. Sie sind doch bei der ›New York Mail‹?«

 

Er nickte.

 

»Das wollte ich Ihnen eigentlich nicht erzählen. Ich fahre morgen ab, und es mag vielleicht ein Jahr oder länger dauern, bis ich Sie wiedersehen kann, wenn Sie nicht inzwischen nach New York zurückkehren sollten.«

 

»Aber Sie werden mir doch sicherlich schreiben?« fragte sie und sah ihn voll an. »Sie haben doch versprochen, das zu tun.«

 

Er schluckte.

 

»Ja, ich werde Ihnen schreiben, wenn Sie es gestatten. Und Sie sollen auch wissen, daß ich Ihr bester Freund bin.«

 

»Das sind Sie«, entgegnete sie lächelnd. »Ich habe keinen anderen Freund, und ich werde immer sehr gern an Sie denken, Mr. Cassidy.«

 

»Das freut mich«, entgegnete Jimmy, »aber ich möchte Ihnen nur dies eine sagen: vielleicht sind Sie eines Tages doch eine Millionärin, und dann werde ich Sie nicht mehr behelligen. Wenn Sie aber das Vermögen nicht erben, wenn dieser alte Geizhals – ach, entschuldigen Sie –, wenn Ihr Onkel sein Vermögen irgendwelchen anderen Leuten vermacht – also, wenn das der Fall sein sollte –«

 

Was er auch noch sagen wollte, er äußerte es jedenfalls nicht, denn in dem Augenblick wurde er plötzlich angerufen, wandte sich um und sah Harry Leman.

 

»Hallo, hallo, was machen Sie denn?« rief der Millionär freundlich. »Ich dachte, Sie wären schon abgefahren?«

 

»Mein Dampfer fährt erst morgen, Mr. Leman.«

 

»Sehen Sie, das ist ja glänzend. Kommen Sie mal her, Jimmy, ich habe eine Geschichte für Sie, mit der Sie mindestens eine ganze Seite in Ihrer Zeitung füllen können. Schreiben Sie für Ihr Leserpublikum, daß ich mich zwar verheiraten wollte, daß aber nichts aus der Sache wurde, weil ich mich mit meiner Braut zankte. Keiner von uns wollte nämlich die Kosten für die Trauung bezahlen. Haben Sie die Sache auch richtig verstanden? Und dann habe ich noch eine andere feine Sache. Schreiben Sie, daß ich, bevor es zur Kirche ging, mir vom Juwelier den Trauring für fünfzig Cent geliehen habe. Ist die Geschichte nicht Gold wert?«

 

Faith wandte sich mit einem leisen Seufzer von den beiden ab, nachdem sie Jimmy zum Abschied noch einmal zugenickt hatte.

 

»Ich erzähle Ihnen nächstens die Geschichte zu Ende, Miss Leman«, sagte er.

 

»Was ist das für eine Geschichte?« fragte der Onkel, als sie fortging. »Handelt sie auch von mir? Aber ich kann Ihnen eine noch viel bessere erzählen. Neulich hat mich doch jemand gefragt, ob ich ihm nicht eine Briefmarke leihen könnte –«

 

Aber Jimmy Cassidy hörte nicht hin, obwohl die Geschichte sehr gut erfunden war. Er sah noch immer dem jungen Mädchen nach.

 

Kapitel 5

 

5

 

Achtzehn Monate später saß Jimmy Cassidy wieder in London, und zwar im Hotel Magnificent am Russell Square. Er arbeitete an einer Sache, die ihn mehr interessierte als alle exzentrischen Millionärslaunen.

 

 

Der Bösewicht in all den Kriminalgeschichten ist natürlich ein Wahnsinniger, weil er vollkommen von der Norm der gewöhnlichen Menschen abweicht. Ein Mann, der nur Böses tut um des Bösen willen, muß ja verrückt sein. Und früher oder später kommt er in eine Irrenanstalt, wohin er auch gehört. Aber das sind nur die großen Ausnahmen. Die meisten Verbrecher kommen nur deshalb mit den Gesetzen in Konflikt, weil sie durch die Umstände dazu getrieben werden. Sie wollen einen gewissen Zweck erreichen, und da ihnen das auf legalem Weg nicht möglich ist, geraten sie von selbst auf den Weg des Verbrechens. Von all diesen Leuten sind die Mörder am wenigsten verbrecherisch veranlagt. Siebzig Prozent all der Leute, die wegen Mordes hingerichtet werden, haben früher niemals ein anderes Verbrechen begangen und sind achtbare Staatsbürger gewesen. Menschen, die kaltblütig morden wie die Borgias in früheren Zeiten, gibt es nur selten –

 

 

Soweit war Jimmy Cassidy gekommen, als sich die Tür seines Zimmers öffnete und Holland Brown mit einer großen, dicken Zigarre im Mund ins Zimmer trat.

 

Der Zeitungskönig war untersetzt und etwas korpulent, hatte einen kahlen Kopf und machte auch sonst einen wenig sentimentalen Eindruck. Er ließ sich in einem Armsessel an Jimmys Tisch nieder. Der junge Mann steckte die Hände in die Taschen und richtete sich in seinem Stuhl auf, denn er wußte, was kommen würde.

 

»Jimmy«, begann Mr. Brown, »vor achtzehn Monaten kamen Sie in diese Stadt, um Harry Leman zu interviewen und über ihn zu schreiben. Nachher sind Sie nach New York zurückgefahren und haben alle möglichen Geschichten über ihn mitgebracht, aber darüber, wie es mit seiner Verheiratung steht, haben Sie nichts geschrieben. Achtzehn Monate lang haben Sie nun die Möglichkeit gehabt, eine Geschichte zu schreiben, die alles andere, was in den amerikanischen Zeitungen erschienen ist, in den Schatten gestellt hätte. Und statt dessen schreiben Sie nur, daß Harry Leman mit einem gepumpten Trauring zum Standesamt kam und sich weigerte, seine Braut zu heiraten, weil sie nicht die Hälfte der Trauungskosten zahlen wollte. Ich muß sagen, die Geschichte war ganz nett, obwohl sie erfunden war.«

 

»Natürlich ist die Geschichte erfunden«, entgegnete Jimmy vergnügt. »Ich habe Ihnen doch selbst erzählt, wie ich dazu kam.«

 

Holland Brown ließ die große Zigarre von einem Mundwinkel in den anderen wandern und nickte bedächtig.

 

»Ich bin ja ganz vernünftig, und ich gebe gern zu, daß das, was Sie sagen, stimmt. Trotzdem hat Ihnen der Berichterstatter der ›New York Post‹ vollkommen den Rang abgelaufen, denn er hat die Neuigkeit von der Hochzeit Lemans gebracht.«

 

»Der Mann schließt das aus irgendwelchen Nebenumständen«, verteidigte sich Jimmy. »Aber er irrt sich. Vor allem stellt es doch Harry Leman selbst in Abrede. Ich habe ihn verschiedentlich deswegen auf Herz und Nieren geprüft, aber er streitet es glatt ab.«

 

»Haben Sie ihn denn jetzt wiedergesehen?«

 

»Ja, heute.«

 

»Und er hat es wieder abgestritten?«

 

Jimmy zögerte.

 

»Heute nicht. Meiner Meinung nach redet er nur von Hochzeit und Trauung, um Miss Leman zu ärgern.«

 

»Ist das seine Nichte?«

 

Jimmy nickte.

 

»Ich gebe ja gern zu, daß der alte Leman seit einem Jahr in der Öffentlichkeit immer behauptet, er sei verheiratet, aber er hat sich niemals mit seiner Frau gezeigt, und wir haben keinen Beweis, daß überhaupt eine Trauung stattgefunden hat.«

 

»Aber der Berichterstatter der ›New York Post‹ hat doch ziemlich handfeste Beweise beigebracht«, beklagte sich Holland Brown. »Er hat steif und fest behauptet, daß die Trauung eine Woche nach Ihrer Abfahrt von England stattfand. Und wenn Sie mir nicht den Gegenbeweis liefern und den Berichterstatter der ›New York Post‹ als Lügner entlarven können, muß ich glauben, was er schreibt. Ich habe Sie hergeschickt, damit Sie Ihren Fehler wieder gutmachen, aber Sie haben mich einfach sitzenlassen. Deshalb bin ich jetzt von Paris gekommen, um mit Ihnen zu sprechen – und um Sie an die Luft zu setzen.«

 

»Dann habe ich also meine Stelle verloren?«

 

»Selbstverständlich. Ich möchte ja nichts gegen Sie sagen, Jimmy, denn Sie sind wirklich ein guter Kerl, aber das erstemal haben Sie schon nichts von der Verheiratung Lemans gewußt, und jetzt haben Sie zum zweitenmal die Sache nicht herausgebracht. Zweimal dürfen Sie solche Böcke nicht schießen. Gehen Sie zu meinem Londoner Vertreter, der soll Ihnen die Rückfahrt nach New York und Ihr Gehalt bis zum Ende des Monats auszahlen. Ich muß mich nach einem wendigeren jungen Mann umsehen, der über Harry Leman berichtet, und ich kann Ihnen nur sagen, in meiner Kartothek steht ›kürzlich verstorben‹ bei Ihrem Namen.«

 

»Ich danke Ihnen«, sagte Cassidy. »Wenn ich nun aber tatsächlich die Sache aufklären kann, nachdem Sie mich an die Luft gesetzt haben, nehmen Sie mich dann wieder in Gnaden auf?«

 

Holland Brown zuckte die breiten Schultern.

 

»Ich weiß nicht, ob es überhaupt einen Zweck hat, eine Nachricht von meinem Konkurrenzblatt zu bestätigen. Nein, das paßt mir nicht. Wenn Sie mir aber eine ganz funkelnagelneue Geschichte bringen können, etwas ganz Hervorragendes, dann werde ich sie kaufen.«

 

Jimmy erhob sich und zog seinen Rock an.

 

»Schön, Mr. Brown, aber das eine kann ich Ihnen nur sagen, Harry Leman ist tatsächlich ein so gutes Thema, daß man eine Millionengeschichte über ihn schreiben kann. Ich habe Ihnen meine Vermutungen und Theorien über ihn ja mehr als einmal erzählt. Ein Reporter muß immer alles mögliche wittern und argwöhnen, bis er eines guten Tages durch die Tatsachen gerechtfertigt wird. Ich will auch nicht eine Million Dollar für meine Geschichte haben, wenn ich soweit bin, nicht einmal einen einzigen Dollar. Wenn ich aber die Wahrheit über die Heirat Harry Lemans herausgebracht habe und eine Geschichte darüber schreibe, komme ich zu Ihnen.«

 

»Jimmy, ich bin nicht gerne so hart zu Ihnen. Sie sind immer ein tüchtiger Mitarbeiter meiner Zeitung gewesen, aber es verdirbt die Moral aller anderen Angestellten, wenn der Star-Reporter nicht auf der Höhe ist. Ich muß Sie einfach an die Luft setzen. Und es ist ja schließlich nicht so schlimm für Sie. Es gibt eine Menge Zeitungen, die Sie gern engagieren werden.«

 

»Meinen Sie, das wüßte ich nicht?«

 

»Und dann noch eins, Jimmy. Ich muß wirklich sagen, daß Sie in letzter Zeit sehr nachgelassen haben.« Brown schüttelte den Kopf. »Ich habe gehört, daß Sie sich nicht mehr genug um Ihre Arbeit kümmern, weil Sie ein Mädel im Kopf haben. Der laufen Sie nach, und aus diesem Grund taugen wahrscheinlich auch Ihre Artikel nicht mehr soviel wie früher.«

 

»Nennen Sie mir den Schuft, der solche gemeinen Lügen verbreitet«, erwiderte Jimmy und grinste übers ganze Gesicht. »Ich sage Ihnen, der bekommt ein paar Faustschläge von mir zwischen die Zähne, daß er in Zukunft sein ungewaschenes Maul hält.«

 

»Regen Sie sich bloß nicht auf. Wir wollen uns doch hier nicht ärgern, Jimmy. Ich habe wirklich sehr große Achtung vor Ihnen – und, verdammt noch mal, ich zahle Ihnen zwei Monate Gehalt!«

 

Jimmy lachte.

 

»Wissen Sie was? Sie werden mir drei Monate Gehalt zahlen, das steht nämlich in meinem Vertrag. Und wenn ich die Millionengeschichte tatsächlich geschrieben habe, Mr. Brown, dann komme ich zu Ihnen. Sie ist wahrscheinlich so gut, daß Sie mich als Teilhaber aufnehmen, denn vermutlich werden Sie nicht genug Geld haben, mich anderweitig zu bezahlen.«

 

Jimmy hatte von Anfang an erwartet, daß ihn Holland Brown auf die Straße setzen würde, als er hörte, daß der Zeitungskönig von Paris nach London kam, um mit ihm zu sprechen. Tatsächlich war es ihm in Journalistenkreisen übel vermerkt worden, daß er die Verheiratung Harry Lemans nicht gemeldet hatte, die man in New York allgemein als Tatsache betrachtete. Aber er hatte sich der allgemeinen Ansicht nicht anschließen können; er mißtraute der Geschichte nach wie vor. Jetzt sah er allerdings ein, daß es ein taktischer Fehler gewesen war, allein gegen den Strom zu schwimmen. Aber er hatte sich immerhin auf sein Urteil verlassen. Er kannte ja Harry Leman besser als irgendein anderer Reporter, und er wußte, wie sehr der Millionär darauf bedacht war, seine Nichte zu ärgern.

 

Nachdem Holland Brown gegangen war, suchte Jimmy sein Manuskript für das große Werk zusammen, das er über Verbrechen und Verbrecher schrieb. Die Welt sollte staunen, wenn es erschien. Er schloß die Blätter in eine Schublade, nachdem er sie geordnet hatte.

 

Dann sah er auf seine Uhr. Für Faith war es noch zu früh; er hatte mit ihr verabredet, daß er sie am Abend im Park treffen wollte.

 

Achtzehn Monate waren vergangen, und er hatte seine Geschichte, die damals durch Harry Leman unterbrochen wurde, noch nicht zu Ende erzählt. Aber das Ende war jetzt bedeutend schwieriger zu erzählen, nachdem er seine Stellung verloren hatte. Trotzdem machte ihm das im Augenblick keine zu großen Kopfschmerzen, denn plötzlich kam ihm ein Gedanke.

 

»John Sands!« rief er. »Den muß ich jetzt sprechen.«

 

Er nahm ein Telefonbuch und suchte Sands‘ Adresse. Zehn Minuten später klingelte er schon an seiner Haustür. Der selbstzufriedene, ruhige junge Mann war allein und legte an einem Tisch in der Nähe des Fensters Patience, als Jimmy ankam.

 

»Kommen Sie herein«, rief er vergnügt. »Ich bin Ihnen zwar noch nicht vorgestellt, aber ich kenne Sie. Ihr Name ist doch Cassidy?«

 

»Ja, so heiße ich, und ich möchte Sie bitten, mir ein paar Minuten Gehör zu schenken. Ich weiß wohl, daß Ihre Zeit sehr wertvoll ist.«

 

Mr. Sands sah auf die Karten, die vor ihm auf dem Tisch lagen, und lachte.

 

»Sie brauchen deshalb nicht ironisch zu werden«, erwiderte er lächelnd. »Was kann ich für Sie tun?«

 

»Ich will Ihnen alles offen sagen«, erklärte Jimmy. »Ich bin ein Berichterstatter der ›New York Mail‹.«

 

Sands nickte. »Mr. Leman hat mir davon erzählt.«

 

»Nun gut, dann muß Mr. Leman erfahren, daß ich wegen seiner Heiratsgeschichte entlassen worden bin.«

 

»Was hat denn seine Heiratsgeschichte damit zu tun?«

 

»Mein Konkurrent von der ›New York Post‹ hat die Geschichte zuerst veröffentlicht, und ich bin daher jetzt meine Stellung los. Ich frage Sie nun, Mr. Sands: Ist es wahr, daß Harry Leman verheiratet ist?«

 

»Unter diesen Umständen«, entgegnete Mr. Sands, »will ich nicht abstreiten, daß er nicht verheiratet ist.«

 

»Heißt das nun, daß er verheiratet ist oder etwas anderes?« entgegnete Jimmy ungeduldig.

 

»Ich kann Ihnen auch nicht mehr erzählen als das, was Mr. Leman seinen besten Freunden sagt.«

 

Jimmy erhob sich.

 

»Ich sehe, daß ich mich in Ihnen getäuscht habe. Ich dachte, Sie würden mir eine wirklich brauchbare Auskunft geben. Der Berichterstatter der ›New York Post‹ hat in seinem Blatt geschrieben, daß sich Harry Leman eine Woche nach meiner Abreise von London vor achtzehn Monaten tatsächlich trauen ließ.«

 

»Das ist immerhin möglich«, meinte Mr. Sands und zuckte die Schultern. »Ich bin ein Freund Mr. Lemans und kann wohl sagen, sogar ein sehr guter Freund, aber er bespricht seine Privatangelegenheiten weder mit mir noch mit einem anderen. Ich kann Ihnen daher auch nichts anderes mitteilen, als was der amerikanische Millionär den Presseleuten erzählt hat.«

 

»Und das ist so gut wie gar nichts«, erwiderte Jimmy verzweifelt.

 

»Ja, praktisch läuft es darauf hinaus«, gab Sands gelassen zu.

 

Jimmy hatte ja auch nur wenig Hoffnung darauf gesetzt, daß John Sands die Geheimnisse seines Freundes preisgeben würde. Er hatte eigentlich an Sands noch weitere Fragen stellen wollen, aber er hatte eine Verabredung, die er unter keinen Umständen versäumen durfte, selbst wenn er noch soviel Informationen für seine Zeitung erhalten konnte.

 

*

 

Faith Leman wartete am Eingang eines Londoner Parks auf ihn, und sie gingen zusammen die gutgepflegten Wege entlang. Eine Zeitlang vergaßen sie ihre Sorgen und Schwierigkeiten.

 

Während der vergangenen achtzehn Monate hatten die beiden einen regen Briefwechsel miteinander unterhalten. Nach seiner langen Abwesenheit von London hatten sie sich nun wieder getroffen, und sie fanden, daß sie sich nicht, höchstens zum Besseren, verändert hatten. Faiths reizendes Aussehen fesselte Jimmy mehr denn je, als er sie wiedersah, und er grollte dem Schicksal, daß es ihm neue Hindernisse für die Erreichung seiner Ziele in den Weg legte. Diese achtzehn Monate hatte er von nichts anderem geträumt als von Faith und einem gemeinsamen Lebensglück mit ihr. Und sie sah, daß er gereifter und zielsicherer geworden war, und freute sich, daß sie jemand hatte, dem sie all ihren Kummer anvertrauen konnte. Den großen Entschluß, den Jimmy gefaßt hatte, mußte er ihr noch mitteilen, aber glücklicherweise gab es noch andere Mittel und Wege, als sich durch Worte zu verständigen.

 

Sie gingen zusammen tief in den Park hinein, bevor er an seinen eigenen Kummer dachte.

 

»Ach, ich muß Ihnen noch etwas erzählen, Miss Leman. Ich habe meine Stellung verloren.«

 

»Wieso?« fragte sie überrascht. »Ihre Zeitung hielt doch so große Stücke auf Sie?«

 

»Das ändert an den Tatsachen nichts. Der alte Holland Brown fuhr eigens von Paris hierher, um mich auf die Straße zu setzen. Ich hatte schon eine Ahnung, daß er zu diesem Zweck nach London käme, aber ich hoffte doch, daß er mir noch einen oder zwei Monate Zeit geben würde, bis ich die ganze Geschichte beisammen hätte.«

 

»Sind Sie immer noch davon überzeugt, daß mein Onkel verheiratet ist?«

 

»Ich weiß kaum, was ich dazu sagen soll.«

 

»Ach, ich wünschte nur, es stimmte und er hätte wirklich eine Frau«, sagte sie heftig. »Sie wissen ja nicht, wie entsetzlich es ist! Wenn ich nur irgendeinen Vorwand finden könnte, um von ihm fortzugehen – keinen Tag länger würde ich warten. Er ist ganz unausstehlich zu mir – viel schlimmer als jemals. Er verhöhnt mich dauernd und macht mir Vorwürfe, daß ich es nur auf sein Geld abgesehen hätte und auf seinen Tod warte. Es ist kaum wiederzugeben, was er mir alles sagt. Ich wünschte tatsächlich, er wäre tot, so grausam und abstoßend das auch klingen mag. Ich kann mir nicht helfen, aber mir wäre es nur recht, wenn er sein gräßliches Geld mit sich ins Grab nehmen würde.«

 

Jimmy legte die Hand auf ihre Schulter.

 

»Aber liebe Faith«, sagte er und wunderte sich selbst über seine Kühnheit, »so dürfen Sie nicht sprechen. Sie sind überreizt. Warum gehen Sie nicht nach den Vereinigten Staaten zurück? Schließlich ist es doch nicht ausgeschlossen, daß er Ihre Mutter zur Erbin eingesetzt hat.«

 

Kapitel 1

 

1

 

John Sands hatte unbegrenztes Vertrauen zu den Sternen, und als gewissenhafter, methodischer Mann wählte er schon frühzeitig Bellatrix zu seinem Schutzstern, den die Gelehrten auch als »Gamma Orionis« bezeichnen.

 

Aber weder das Sternbild des Orion noch Bellatrix waren am Himmel zu sehen, als John in seinem eleganten Wagen die scharfe, gefährliche Kurve bei Whitecross Hill nahm. Seit drei Tagen regnete es, graue Wolken hingen über ihm, und die Straße war glatt und glitschig. Selbst der beste Gleitschutz hätte ihm nicht geholfen, wenn er auch um nur einige Zentimeter vom Fahrdamm abgewichen wäre.

 

Aber John Sands vertraute nicht nur seinem Stern, sondern auch seinem eigenen Können – und er war ein äußerst geschickter Fahrer. Mit der einen Hand hielt er das Steuer, mit der anderen die Handbremse. Er war gewarnt worden; man hatte ihm gesagt, daß dieser kurze Weg den Hügel hinunter bei Regen für einen Wagen unpassierbar wäre. Aber lächelnd hatte er den guten Rat der anderen zurückgewiesen, denn sein Glaube an Bellatrix war unerschütterlich.

 

Er baute gern Luftschlösser und liebte es, von zukünftigen Erfolgen zu träumen. Sogar während dieser gefahrvollen Fahrt hing er seinen sonderbaren Gedanken nach.

 

Vielleicht würde er sie tatsächlich treffen? Es war allerdings eine phantastische Idee, aber in seinen Träumen ereigneten sich manchmal die unglaublichsten Dinge. Und hatte er nicht, nur um der Frau zu begegnen, diesen kurzen, aber äußerst gefährlichen Weg gewählt? Vielleicht würde sich seine Hoffnung erfüllen, und er würde sie sehen. Dann wollte er auf sie zugehen, sie bei der Hand nehmen und sagen: Ich kenne Sie. Sie müssen mit mir kommen, ich will Sie nach London zurückbringen.

 

Er wußte nicht, wie sie aussah, und doch träumte er von ihr. Wahrscheinlich würde sie blaß und furchtsam sein und zurückschrecken, wenn er auf sie zukam. Mit weitgeöffneten Augen würde sie ihn anstarren, und Furcht und Hoffnung würden in ihren Gesichtszügen um die Oberhand kämpfen. Aber wer sagte ihm denn, daß seine Träume sich verwirklichen würden? Vielleicht war sie auch klein und korpulent und unglaublich häßlich und gemein. Aber solche Personen hatten natürlich mit Johns Träumen nichts zu tun. Sie hatten kein Recht, seine Phantasie zu beschäftigen. Die Frauen seiner Träume waren alle schön und zeichneten sich durch Haltung und Charakter aus.

 

Am Fuß des Hügels wurde er etwas unsanft aus seinen Träumen gerissen, denn das Benzin war ausgegangen, und der Wagen stand still. John stieg aus. Bis jetzt hatte er mollig gesessen, aber nun schlugen ihm die Regentropfen ins Gesicht. Er suchte nach einer Kanne Benzin, um den Tank aufzufüllen, setzte sich dann wieder ans Steuer und fuhr nach der Great North Road.

 

Trotz dieser unangenehmen Unterbrechung sang er vergnügt, während er die nächste Anhöhe nahm. Und wieder träumte er von vielen herrlichen Dingen in der Zukunft. Er war davon überzeugt, daß er die Frau finden würde. Vielleicht lag sie erschöpft am Wege. Dann würde er aus dem Wagen springen, sie in die Arme nehmen und in Sicherheit bringen, in eine warme Wohnung, wo sie nicht zu frieren brauchte und nicht den Unbilden des Wetters ausgesetzt war. Allmählich würde sie wieder zu sich kommen, verwirrt um sich sehen und…

 

Plötzlich hielt er seinen Wagen an. Sein Herz schlug auf einmal schneller.

 

Unter einem Baum stand sie, dicht an den Stamm gelehnt, um Schutz vor dem strömenden Regen zu suchen. Vielleicht hätten andere Leute sie nicht gesehen, aber Johns Augen waren scharf, und er entdeckte sie trotz ihres dunklen Kleides, das sich kaum von der Umgebung abhob.

 

Noch bevor er sie ansprach, sagte ihm sein Gefühl, daß sie es sein müsse. Es lag eine gewisse Schönheit über ihrem bleichen Gesicht, so daß seine Träume tatsächlich in Erfüllung gingen. Sie trug weder Schirm noch Mantel, und ihr schwarzes Kleid war vollkommen durchnäßt. Der Filzhut hatte die Form verloren, und ihre schwarzen Glacéhandschuhe zeigten helle Flecken, als ob sie mit dem Lehmboden in Berührung gekommen wären.

 

Sie richtete sich auf und warf den Kopf zurück. Offenbar nahm sie alle ihre Energie zusammen. Ihr Blick war haßerfüllt, ihre Lippen zitterten, aber sie brachte zunächst kein Wort heraus.

 

John Sands hatte den Hut abgenommen. Er war in einer so glücklichen Stimmung über diese unverhoffte Begegnung, daß er all die schönen Worte vergaß, die er sich vorher überlegt hatte.

 

»Ich glaube, ich kenne Sie. Ich habe dort unten von Ihnen gehört«, begann er und wies mit dem Kopf nach dem Hügel.

 

Sie sah hilflos und verzweifelt aus und schien krampfhaft zu überlegen, ob es nicht einen Ausweg für sie gäbe.

 

»Rühren Sie mich nicht an«, sagte sie atemlos und streckte die Hände aus. »Nein, ich will nicht…! Ich gehe unter keinen Umständen zurück – lieber will ich sterben!«

 

Er legte die Hand auf ihren Arm und klopfte ihr freundlich auf die Schultern.

 

»Die Leute unten im Gasthaus haben über Sie gesprochen, und ich habe ihre Unterhaltung gehört«, suchte er sie zu beruhigen. »Ich weiß nichts weiter von Ihnen – und ich will auch nichts weiter wissen«, fügte er schnell und unnatürlich laut hinzu. »Sie brauchen mir nichts zu sagen, ich will Sie durchaus nicht mit Fragen quälen.«

 

Bestürzt sah sie ihn an.

 

»Was wollen Sie denn?«

 

»Steigen Sie in den Wagen ein. In fünf Minuten sind wir auf der North Road, und dann bringe ich Sie nach London. Ich habe ein gemütliches Haus in der Charles Street.«

 

Sie zögerte. »Ja, wissen Sie denn…?«

 

»Natürlich, ich weiß«, erwiderte er bestimmt. »Wenigstens weiß ich alles, was ich wissen will, und mehr brauche ich nicht zu erfahren. Merken Sie sich das bitte – ich – will – weiter – nichts – wissen!«

 

Als sie an ihm vorbeiging, sah er, daß ihre leichten Schuhe schmutzig waren von dem weichen Lehm und daß ihr Kleid tropfte.

 

»Nehmen Sie auf dem hinteren Sitz Platz«, befahl er. »Ich freue mich, daß Sie schön sind«, fügte er dann hinzu.

 

Unwillkürlich mußte sie lachen. Sie machte auch ein freundlicheres Gesicht und gefiel John Sands nun schon bedeutend besser.

 

Er hielt nur noch so lange, bis er eine weitere Kanne Benzin in den Tank gefüllt hatte, dann ließ er den Wagen an.

 

Ohne weiteren Zwischenfall erreichte er die North Road, und nun brauchte er nicht länger ungewissen Träumen nachzuhängen, denn sie waren inzwischen Wirklichkeit geworden. Er fuhr langsamer, als er an einem Geschäft für Damenkleider vorüberkam, und sah sich unentschlossen nach seiner Begleiterin um. Dann murmelte er eine Entschuldigung und setzte die Fahrt fort.

 

Bei ihrer Ankunft in London war die Dunkelheit bereits hereingebrochen, und er brachte den Wagen vor der Tür seines kleinen Hauses in der Charles Street zum Stehen.

 

»Steigen Sie noch nicht aus«, sagte John Sands.

 

Er öffnete die Tür und ging um das Auto herum, dann machte er den Schlag für sie auf und half ihr beim Aussteigen. Vielleicht war diese Vorsichtsmaßnahme überflüssig, aber John Sands überließ gar nichts dem Zufall. Man konnte nie wissen…

 

Gleich darauf stand sie in der hell erleuchteten Diele. Er schloß die Tür und machte dann eine andere vor ihr auf. Dann trat sie in einen großen Raum, von dem aus eine schöngeschnitzte Treppe zum oberen Stockwerk führte. Schon in dem Dämmerlicht konnte sie sehen, daß der Raum mit einem gewissen Luxus ausgestattet war. Aber nachdem Sands die schweren Samtvorhänge heruntergelassen und das elektrische Licht eingeschaltet hatte, staunte sie doch über das geschmackvoll eingerichtete, gemütlich wirkende Wohnzimmer.

 

Er betrachtete sie kritisch und konnte nicht umhin, ihre schönen Züge und ihre fast königliche Haltung zu bewundern.

 

»Ich glaube kaum, daß es in London viele Damen gibt, die unter solchen Umständen so gut wie Sie aussehen und ihre Fassung bewahren können«, meinte er. »Was machen wir nun aber mit Ihren Kleidern? Auf der Herfahrt hatte ich schon die Absicht, vor einem Geschäft in einer der Vorstädte zu halten, aber ich bin dann doch weitergefahren. Es hat schließlich keinen Zweck, sich unnötig einer Gefahr auszusetzen. Aber wir werden die Schwierigkeit schon überwinden und die Kleiderfrage lösen.«

 

Er gab ihr ein Zeichen, ihm zu folgen, und sie stiegen beide die mit weichen Teppichen belegte Treppe hinauf. Die Frau mußte stundenlang dem Regen ausgesetzt gewesen sein, denn das Wasser tropfte von ihren Kleidern.

 

»Ich werde Ihnen einen Schlafanzug und einen Bademantel von mir geben. Damit müssen Sie sich vorläufig schon begnügen. Morgen besorge ich dann alles, was Sie brauchen.«

 

Ein neugieriger Blick traf ihn.

 

»Warum tun Sie das alles?« fragte sie. Es waren die ersten Worte, die sie seit langer Zeit äußerte.

 

Plötzlich überkam ihn Furcht. Vielleicht hatte er sich doch geirrt, und sie war gar nicht die Frau, die er suchte? Er hatte doch nur angenommen, daß sie es sein mußte, ein Irrtum war nicht ausgeschlossen.

 

»Zeigen Sie mir bitte Ihre Hand.«

 

Langsam streifte sie die schmutzigen Handschuhe ab, und er betrachtete ihre Hände genau. Sie waren rauh und rot wie die einer Arbeiterin. Dann wanderte sein Blick von ihren harten, schwieligen Fingern zu ihrem schönen, feingeschnittenen Gesicht.

 

»Eben habe ich beinahe einen Schrecken bekommen«, sagte er, »aber es ist alles in Ordnung. Was fragten Sie doch?«

 

»Ich wollte wissen, was all diese Güte und Freundlichkeit zu bedeuten hat.«

 

Er zuckte die Schultern.

 

»Mein liebes Kind, ich habe Ihnen einen sehr großen Dienst erwiesen, ich habe Ihnen gleichsam ein großes Geschenk gemacht, und Sie kennen ja das Sprichwort: ›Einem geschenkten Gaul sieht man nicht ins Maul!‹ Ich weiß nicht viel von Ihnen, aber ich vermute, daß Sie vom Schicksal hart mitgenommen und in diesem Augenblick wahrscheinlich gern bereit sind, alles Mögliche zu tun, um ein ruhiges, sorgenfreies Leben zu führen. Verstehen Sie mich aber bitte nicht falsch. Ich verlange nichts von Ihnen, was Ihre Selbstachtung als Frau beleidigen könnte.« Die letzten Worte hatte er hastig hinzugefügt.

 

Sie lachte sonderbar.

 

»Es gibt wenig, was ich nicht tun würde, um wieder ruhig und friedlich leben zu können«, erwiderte sie leise. »Wo kann ich Sie treffen, wenn ich mich umgezogen habe?«

 

»Ich bin unten im Wohnzimmer. Ich wohne allein hier im Haus. Inzwischen werde ich mit der Garage telefonieren, daß mein Wagen abgeholt wird. Nachher können wir miteinander reden.«

 

»Kennen Sie meinen Namen?«

 

»Nein, den weiß ich nicht. Und ich will ihn auch nicht wissen. Sagen Sie mir nur den Vornamen.«

 

»Margaret.«

 

»Für mich sind Sie also Margaret Smith«, sagte er bestimmt. »Und Margaret Smith ist doch ein Name, den man leicht behalten kann.«

 

Kapitel 10

 

10

 

Er ließ Sands viel Zeit, denn er brauchte selbst Ruhe, um seinen Plan auszudenken. So kam er zur Charles Street, aber nicht auf dem direkten, geraden Weg, sondern in einem großen Kreis. Er ging in die kleine Hinterstraße, die an der Rückseite der großen Häuser entlangführte. Manche hatten einen direkten Zugang von dort aus, zum Beispiel das Haus von John Sands.

 

Es dauerte einige Zeit, bis Jimmy seinen Plan zur Ausführung bringen konnte, weil plötzlich ein verspätetes Auto in die kleine Nebenstraße einbog, und es verging noch eine halbe Stunde, bis der Chauffeur alles in Ordnung gebracht hatte und die Garage wieder abschloß.

 

Die Mauer, die das Grundstück auf der Hinterseite umgab, war über zweieinhalb Meter hoch und oben mit Glasscherben besetzt. Aber etwas weiter die Straße hinunter schloß sich daran eine andere Mauer an, deren Oberfläche glatt war. Jimmy sprang, so hoch er konnte, und es gelang ihm, die Oberkante mit den Händen zu erreichen. Dann zog er sich hinauf und saß bald rittlings oben. Auf der anderen Seite stand ein niedriger Schuppen für Fahrräder, der allerdings zum Nachbarhaus gehörte. Jimmy ging auf der Trennungsmauer zwischen beiden Häusern entlang und sprang dann herunter. Als er ein paar Schritte gegangen war, befand er sich auf einem mit großen Steinen ausgelegten Hof, von dem aus eine kleine Seitentür ins Innere des Hauses von John Sands führte. Daneben lag ein großes, mit schweren Eisengittern versehenes Fenster. Zu seinen Füßen sah er ein Gitter, das allem Anschein nach die Entlüftungsanlage des Kellers verschloß, Er versuchte vorsichtig, die Tür zu öffnen, und zu seinem größten Erstaunen gab sie dem Druck seiner Hand sofort nach. Entweder hatte Mr. Sands selbst vergessen, sie zu schließen, oder irgendein Dienstbote war nachlässig gewesen. Jimmy befand sich nun in einem Gang. Auf der einen Seite lag die Küche, auf der anderen das Wohnzimmer. Er blieb stehen, zog seine Schuhe aus und überlegte sich, welche Erklärung er geben sollte, wenn Mr. Sands ihn als Einbrecher in seinem Haus vorfand.

 

Er selbst wußte nicht, was er hier zu finden hoffte, aber er war fest davon überzeugt, daß er Anhaltspunkte entdecken würde, durch die er schließlich Faith Leman aus dem Gefängnis befreien konnte. Jimmy hatte bei der Zeitung stets die Berichte über die Kriminalfälle und Kriminalprozesse geschrieben, und es war ihm verschiedene Male gelungen, die Lösung für die verwickeltsten Fälle zu finden. Er kannte die Verbrecher, die in der City von New York tätig waren, und die kühne, unerschrockene Art, mit der er selbst an Verbrecherjagden teilnahm, hatte ihn bis zu einem gewissen Grade berühmt gemacht. Es war nicht das erstemal, daß er ohne weiteres in fremde Häuser eindrang. Einmal war er dabei einem berüchtigten New Yorker Revolverhelden in die Hände gefallen.

 

Im Haus herrschte vollkommene Ruhe. Wenn Sands zurückgekehrt war, mußte er gleich schlafen gegangen sein. Jimmy entdeckte nicht den geringsten Lichtschimmer.

 

Langsam tastete er sich an der Wand entlang, bis er an eine Ecke kam. Ein unheimliches Gefühl erfaßte ihn plötzlich, so daß er zitterte. Grausen packte ihn, als er einen Augenblick später wieder den langgezogenen Schreckenslaut hörte. Wie angewurzelt blieb er stehen. In der nächsten Sekunde hörte er Schritte und versuchte, sich zu verstecken. Es gelang ihm auch, den Seitengang zu erreichen, aber im gleichen Augenblick rannte er gegen ein Tablett, das merkwürdigerweise an die Wand gelehnt stand. Mit furchtbarem Poltern fiel es auf den mit Fliesen ausgelegten Boden, aber nichts rührte sich im Haus. Er drückte sich hart gegen die Wand. Die Schuhe hatte er unter dem Arm, und alle seine Muskeln waren gespannt. Er war bereit, im nächsten Augenblick Hals über Kopf zu fliehen, aber die Schritte, die er eben noch gehört hatte, waren verstummt. Er wartete ein paar Sekunden und wollte eben wieder vorsichtig um die Ecke spähen, als sich eine große schwere Hand auf seine Schulter legte und ihn zurückzog.

 

Plötzlich flog etwas an seinem Gesicht vorbei. Er fühlte es an dem Luftzug. Dann legte sich eine Hand auf seinen Mund, und jemand zischte ihm ins Ohr:

 

»Kommen Sie. Machen Sie keinen Lärm.«

 

Trotz seines Schreckens hatte er das Gefühl, gehorchen zu müssen.

 

Der Fremde führte ihn den Korridor entlang auf den hinteren Hof und schloß die Tür.

 

»Schnell über die Mauer!« flüsterte er.

 

Jimmy folgte der Aufforderung. Kaum stand er schweratmend auf der Straße, als der andere auch schon neben ihm auftauchte.

 

»Ziehen Sie Ihre Schuhe nicht an! Machen Sie, daß Sie ins Freie kommen.«

 

Jimmy lief, so schnell er konnte, zum südlichen Ende der Charles Street. Dort blieb er stehen und zog eilig die Schuhe an.

 

»Ich weiß ja gar nicht, wer Sie sind«, sagte er dann.

 

Der andere lachte, und Jimmy Cassidy sah ihm ins Gesicht.

 

»Donnerwetter, Blessington!«

 

Der Detektiv nickte.

 

»Jimmy, seien Sie froh, daß Sie mit dem Leben davongekommen sind«, erwiderte der Inspektor ernst.

 

»Wie kamen Sie denn ins Haus?«

 

»Ich war in der Speisekammer und beobachtete Sie. Aber in dem Haus konnten Sie nichts finden, ich habe die Zeit gründlich ausgenützt, während Sie mit Mr. Sands spazierengingen. Ich kam gerade an, als Sie durch die Diele zur Haustür gingen.«

 

»Haben Sie diesen schrecklichen Laut gehört? Es muß irgendein Schmerzensschrei gewesen sein.« Jimmy zitterte, als er daran dachte.

 

»Ich hörte ihn. Es war furchtbar.«

 

»Was war denn das eigentlich?«

 

»Das wollte ich ja auch entdecken, während Sie fort waren. Ich hörte es, als ich über die Mauer stieg, und erschrak auch zu Tode. Es klang wie der Schrei einer Katze.«

 

»Die Erklärung gab mir auch Sands. Aber sagen Sie, was tun Sie eigentlich hier? Haben Sie John Sands im Verdacht?«

 

»Ich traue niemand, dafür bin ich schließlich Polizeibeamter. Und ich habe Sie im Verdacht, Jimmy, daß Sie eine große Dummheit begehen. Heute abend sind Sie ja noch einmal mit heiler Haut davongekommen. Haben Sie denn nicht bemerkt, daß in Ihrer Nähe ein weißer Schrank stand, von dem Sie sich scharf abhoben?«

 

Jimmy hatte das wohl bemerkt, der Tatsache aber weiter keine Bedeutung beigelegt.

 

»Man konnte Sie gegen den hellen Hintergrund deutlich sehen. Ich fürchtete, daß unser Freund Sie treffen würde.«

 

»Er hat doch nicht geschossen.«

 

»Nein, er hat keine Pistole gebraucht. Es klang, als ob es ein Pfeil gewesen wäre. Haben Sie nicht gesehen, daß an allen Wänden seines Arbeitszimmers solche Waffen hängen? Ach nein, in seinem Arbeitszimmer sind Sie ja noch nicht gewesen, das können Sie nicht gesehen haben. Wenn Sie aber einmal hinkommen, betrachten Sie sich einmal die Waffensammlung, die er dort untergebracht hat. Darunter befinden sich viele gute Bogen und Pfeile, und Sands versteht es allem Anschein nach, sie zu gebrauchen. Ich möchte fast annehmen, daß er einige Zeit in Ostasien oder im Malaiischen Archipel gelebt hat. Die Holzmasken über seinem Schreibtisch stammen bestimmt von den Papuas.«

 

»Aber konnten Sie denn wenigstens herausfinden, was dieser entsetzliche Schrei zu bedeuten hatte? Es war eigentlich mehr ein Stöhnen, als ob jemand furchtbare Qualen und folternde Schmerzen zu ertragen hätte.«

 

»Nein, das konnte ich nicht herausbringen. Darin habe ich Pech gehabt. Ich hoffte immer, es noch einmal zu hören. Das erstemal hörte ich den Schrei, als ich über die Mauer kletterte, um ins Haus einzudringen, und als ich ihn zum zweitenmal hörte, war es zu spät. Sie hatten ja diesen entsetzlichen Spektakel unten im Gang gemacht. Es war höchste Zeit, daß wir beide das Haus verließen.«

 

»Der Schrei schien aus dem Keller zu kommen«, meinte Jimmy.

 

»Das habe ich zuerst auch geglaubt, aber ich habe den Keller durchsucht und nichts Verdächtiges gefunden. Schließlich nahm ich an, daß es tatsächlich eine Katze gewesen sein müßte.«

 

»Aber es war keine Katze, darauf kann ich einen Eid leisten«, erwiderte Jimmy erregt. »Was suchten Sie eigentlich in dem Haus, Blessington?«

 

»Ich wollte etwas mehr über Mr. Sands erfahren, und ich hielt seine Abwesenheit für eine glänzende Gelegenheit dazu. Dieser Fall ist so kompliziert, daß ich mir irgendwelche anderen Anhaltspunkte verschaffen muß. Übrigens werden Sie sich freuen, wenn ich Ihnen sage, daß wir Miss Leman aus der Haft entlassen haben.«

 

»Sie haben Sie freigelassen?« rief Jim froh und drückte ihm die Hand. »Wo ist sie denn jetzt?«

 

»Sie ist in ihr Hotel zurückgekehrt und liegt jetzt hoffentlich im Bett. Machen Sie keine Dummheiten, Jimmy. Die Lage ist immerhin noch kritisch genug für sie. Ich müßte sie morgen wieder verhaften, wenn weitere Verdachtsmomente gegen sie auftauchten. Jimmy, Sie sind doch noch ein großes Kind!«

 

Jimmy achtete nicht auf diese Bemerkung, er war ganz aufgeregt vor Freude.

 

»Ich bin ganz außer mir. Wenn Sie erst jemand auf freien Fuß lassen, sind Sie auch davon überzeugt, daß er unschuldig ist.«

 

»Ganz unrecht haben Sie nicht. Wir konnten ihre Angaben, daß sie die kleine Flasche mit der Blausäure tatsächlich durch die Post erhalten hat, nachprüfen. Glücklicherweise hat Miss Leman der Aufwartefrau die Flasche gezeigt und sie um Rat gebeten, wie man das Reinigungsmittel benützen könnte. Die beiden überlegten sich dann, daß sie es vorläufig beiseite stellen wollten, bis sie sich genau davon überzeugt hätten, was es wäre. Das war Punkt eins. Punkt zwei: Die verschleierte Dame in Schwarz, die Sie aus Lemans Haus kommen sahen, ist auch von einem unserer Beamten beobachtet worden. Er hat sie ganz deutlich gesehen; ihr Gesicht konnte er allerdings auch nicht erkennen. Sie blieb an der Ecke von Berkeley Square stehen, um einen Brief in einem länglichen Kuvert in den Kasten zu werfen. Der Beamte hat auch bemerkt, daß sie diesen länglichen Brief in der Hand trug, als sie die Wohnung verließ. Nun ist natürlich nichts Auffälliges daran, daß eine Frau aus einem Haus in der Davis Street herauskommt, um einen Brief in einen Postkasten am Berkeley Square einzuwerfen. Unser Mann dachte deshalb auch nicht mehr daran, bis der Mord bekannt wurde. Und drittens habe ich mir überlegt, daß jemand das andere Glas Kognak ausgetrunken haben mußte, das für Mr. Sands eingeschenkt worden war. Der oder die Täterin muß das Glas wieder gefüllt haben, Sie können sich doch noch darauf besinnen, daß die Kognakflasche auf dem Büfett stand?«

 

Jimmy nickte.

 

»Weiterhin konnte ich – zum Glück für Miss Leman – feststellen, daß sie die beiden Likörgläser in Gegenwart der Aufwartefrau eingoß und die Flasche wieder ins Büfett stellte. Unter diesen Umständen war es natürlich vollkommen ausgeschlossen, die junge Dame noch weiter in Haft zu behalten. Da noch kein direkter Haftbefehl gegen sie ergangen war, habe ich es auf meine eigene Kappe genommen, sie freizulassen. Das war um so leichter, als noch keine Anklage gegen sie erhoben war.«

 

»Gott sei Dank!« erwiderte Jimmy erleichtert. »Nun kann ich wenigstens ruhig schlafen. Es wäre leider grausam, sie noch zu stören, und doch möchte ich sie gerade jetzt wiedersehen.«

 

»Hören Sie doch auf mit solchen Dummheiten«, entgegnete Blessington. »Verliebte Leute scheinen tatsächlich alle einen Klaps zu haben. Nehmen Sie sich zusammen, Sie sind doch sonst so ein tüchtiger Kerl! Im andern Fall würde ich ja schließlich nicht Ihre Bekanntschaft pflegen. Sie sind darauf aus, eine große interessante Geschichte für Ihre amerikanischen Blätter zu schreiben, und ich bin darauf aus, große Verbrechen aufzudecken. Sie wissen bedeutend mehr über Verbrechen und Verbrecher als Ihre Kollegen, und ich wäre sehr froh, wenn Sie mir bei der Aufklärung dieses Falles helfen würden.«

 

»Selbstverständlich, soviel ich nur kann. Aber es erscheint mir noch fraglich, ob auch Sie mir helfen wollen«, sagte Jimmy etwas grimmig. »Sie haben ganz recht, ich bin darauf aus, eine Millionengeschichte zu schreiben –«

 

»Den Stoff dazu sollen Sie schon bekommen. Und ich sage Ihnen, Jimmy, es wird eine Sensation geben. Vor allem müssen Sie mir aber dabei helfen, diese Dame in Schwarz wiederzufinden. Und dann müssen wir den Brief erhalten, den sie in den Briefkasten am Berkeley Square geworfen hat.«

 

Kapitel 11

 

11

 

John Sands hatte einen Abscheu vor Unannehmlichkeiten und Störungen. Aus dem Grunde konnte er auch alle möglichen anderen Leute nicht leiden, die von der gewöhnlichen Norm abwichen. Aber es kam ihm nicht darauf an, ob seine Mitmenschen ehrliche Bürger waren oder Verbrecher. Für ihre moralischen Eigenschaften interessierte er sich nicht im mindesten. Hauptsache war, daß sie ihn nicht in seinem Wohlleben störten. Er beschwerte sich auch nicht darüber, daß Einbrecher in die Häuser eindrangen, sondern nur darüber, daß derartige Leute seinen Frieden und seine Ruhe stören konnten. Solange die Verbrecher bei anderen Leuten ihre Künste versuchten, hatte er nichts dagegen. Der Fleischer, der ihn belieferte, oder der Chauffeur eines Taxis mochten seinetwegen die größten Verbrecher sein, wenn sie nur ihn nicht belästigten. Ein Verbrecher war in seinen Augen nicht schlimmer als ein Wäscher, der seine Hemden durchgerieben hatte oder die Kragen mit dem Plätteisen verbrannte.

 

Am nächsten Morgen ging er um elf Uhr zur Polizeiwache und beklagte sich.

 

»Ich möchte die Polizei nicht unnötig stören«, sagte er, »aber ich muß doch einen Einbruch zur Anzeige bringen, der in meinem Haus verübt wurde. Soviel ich weiß, ist das nötig, um das Eigentum wiederzuerlangen, das mir von den Einbrechern gestohlen wurde. Ich muß allerdings zugeben, daß ich bis jetzt nichts vermißt habe.«

 

»Ganz recht«, bemerkte Blessington, der zufällig zugegen war und Sands‘ Worte durch die offene Tür gehört hatte. »Wann ist denn der Einbruch passiert?« fragte er, als er in den Wachraum trat.

 

»Heute morgen in aller Frühe«, entgegnete John Sands und nickte dem Detektiv zu. »Guten Morgen, Mr. Blessington. Man möchte fast sagen, daß das Sprichwort recht hat: ›Wenn man einmal der Polizei in die Hände fällt, kommt man nicht mehr von ihr los.‹«

 

»Nanu, so schlimm ist es doch nicht! Sie haben doch erst das zweitemal mit uns zu tun.«

 

Blessington war ein großer, hagerer Mann mit einem bronzebraunen Gesicht, der nur sehr selten lächelte. Aber jetzt zwinkerte er John Sands vertraulich zu.

 

»Es war etwa zwei Uhr in der Nacht«, fuhr Sands fort. »Ich kam gerade von einem Spaziergang mit Mr. Cassidy zurück und ging in mein Arbeitszimmer, einen kleinen Raum, in dem ich gewöhnlich meine schriftlichen Arbeiten erledige. Er liegt direkt neben meinem Schlafzimmer. Plötzlich hörte ich unten im Haus ein Geräusch.«

 

Blessington nickte.

 

»Wo liegt denn Ihr Haus?« fragte er unschuldig.

 

»Charles Street Nummer 79. Ein kleines, bescheidenes Gebäude. Ich dachte, Sie würden es kennen.«

 

»Charles Street Nummer 79«, wiederholte der Inspektor und machte sich eine genaue Notiz. »Es tut mir leid, daß Ihnen das passiert ist. Erzählen Sie nur ruhig weiter, Mr. Sands.«

 

»Ich habe keinen Revolver im Haus, so nahm ich einen Bogen und ein paar Pfeile von der Wand. Ich habe nämlich eine Sammlung, die ich von einem Aufenthalt in Borneo mitbrachte, und ich kann ziemlich gut mit diesem Bogen schießen. In dem dunklen Gang sah ich einen der Einbrecher und schoß auf ihn, aber allem Anschein nach habe ich ihn verfehlt. Es müssen zwei Leute gewesen sein; sie flohen in den kleinen Hof, der auf der Rückseite des Hauses liegt, kletterten über die Mauer und entkamen.«

 

»Sind Sie denn den beiden gefolgt?«

 

»Nein.« Mr. Sands lächelte. »Dazu war ich nicht in der Stimmung.«

 

»Aber nun eine wichtige Frage: Vermissen Sie etwas?«

 

»Nein. Ich habe die beiden wohl gestört, bevor sie ihr Vorhaben ausführen konnten.«

 

»Gut. Dann werde ich mir einmal Ihr Haus ansehen, Mr. Sands«, erklärte Blessington sofort.

 

»Aber ich gebe Ihnen doch die Versicherung, daß ich nichts vermisse«, widersprach Sands schnell.

 

»Das ist ganz gleich. Wenn hier auf der Polizei ein Einbruch gemeldet wird, dann gehört es zu unserer Pflicht, das Haus genau zu inspizieren. Fingerabdrücke oder sonstige Spuren an den Fensterscheiben könnten einen Anhaltspunkt dafür geben, wer die Täter waren.«

 

»Nun gut. Es ist mir allerdings sehr unangenehm, wenn die Polizei in mein Haus kommt.« Als Sands dies sagte, lachte er leise. »Aber wenn Sie wollen, können Sie ruhig mitkommen.«

 

Für Blessington war dies eine außerordentlich günstige Gelegenheit. Er hätte niemals gedacht, daß Sands über diesen mitternächtlichen Besuch eine Anzeige bei der Polizei erstatten würde. Nun begleitete er Sands nach dessen Wohnung und unterhielt sich unterwegs mit ihm über die kommende Kricketsaison. Außerdem besprach er die Möglichkeiten und Aussichten, die das Rennpferd des Königs beim nächsten Derby haben würde. Diese beiden Themen interessieren alle guten Engländer aufs höchste, und Mr. Sands schien mit der Gesellschaft des Detektivs sehr zufrieden.

 

Die Durchsuchung des Hauses war bald erledigt.

 

Blessington ging durch das Speisezimmer und die große Diele; er stieg die Treppe hinauf, inspizierte Schlaf-, Bade- und Arbeitszimmer und sah sich schließlich noch den Keller an.

 

In einem großen Gang blieb er stehen.

 

»Was stand denn früher hier?« fragte er und deutete auf die verstaubte Wand.

 

Er wußte aber sehr wohl, was in der vorigen Nacht noch dort gestanden hatte.

 

»Ein Schrank, der hier immer im Weg war.«

 

»Was hatte er denn für eine Farbe?«

 

»Er war weiß gestrichen.«

 

»Haben den etwa die Einbrecher gestohlen?«

 

Mr. Sands glaubte, der Inspektor wolle einen Witz machen.

 

»Nein, das nicht. Ich habe ihn heute morgen fortschaffen lassen. Ich telefonierte einem Spediteur und ließ ihn zu meinem Landhaus bringen.«

 

»Zeigen Sie mir doch einmal Ihre Waffensammlung und auch den Bogen und den Pfeil, den Sie in der vergangenen Nacht benützten.«

 

Sands sah ihn erstaunt an.

 

»Aber was wollen Sie denn damit? Das würde doch nicht den Einbrecher, sondern höchstens mich selbst belasten!«

 

»Trotzdem möchte ich mir die Waffen einmal ansehen. Ich wollte vorhin schon fragen, als wir oben waren.«

 

»Ich hatte allerdings auch die Absicht, sie Ihnen zu zeigen, aber Sie gingen so schnell weiter. Nun, ich werde sie holen.«

 

Die Wände des unteren Ganges waren mit gelber Farbe gestrichen. Durch ein Fenster schien die Sonne herein und erleuchtete die eine Wand hell. Und gerade in der Mitte dieses Sonnenflecks war schwach ein Fingerabdruck zu erkennen. Leute, die nicht gewohnt waren, auf solche Dinge zu achten, hätten ihn sicherlich übersehen.

 

»Das ist Blut«, sagte Blessington zu sich selbst und wartete, bis er Sands die Treppe hinaufgehen hörte. Schnell nahm er dann seine kleine Miniaturkamera aus der Westentasche und stellte genau auf den Fingerabdruck ein. Er machte im ganzen drei Aufnahmen, und als Mr. Sands mit Bogen und einem Pfeil in der Hand zurückkam, war der Fotoapparat längst wieder verschwunden.

 

»Sehr hübsche Waffen«, meinte Blessington. »Der Bogen ist ja reich geschnitzt und verziert. Ich bin noch nicht ganz davon überzeugt, daß wir recht haben, wenn wir Feuerwaffen gebrauchen. Unter manchen Umständen ist so eine lautlose Schußwaffe bei weitem vorzuziehen. Glauben Sie, daß Sie den Mann getroffen haben?«

 

»Hoffentlich habe ich ihn verfehlt. Zuerst war ich allerdings furchtbar ärgerlich, aber es würde mir doch leid tun, wenn ich einen anderen Menschen mit diesen bösen Waffen verletzen sollte. Sehen Sie sich einmal die Pfeilspitzen an, die haben ganz gemeine Widerhaken.«

 

Der Inspektor nahm einen der Pfeile in die Hand, betrachtete die gezackte Spitze und gab ihn Sands zurück.

 

»Haben Sie übrigens etwas von Mrs. Leman gehört?« fragte er auf dem Rückweg zum Wohnzimmer. »Die Verhandlung der Totenschau ist für übermorgen angesetzt.«

 

»Merkwürdigerweise habe ich heute morgen einen Brief von ihr erhalten, und ich muß sagen, ich mache mir jetzt ziemliche Sorgen.«

 

Er öffnete ein kleines Geheimfach im Paneel und nahm einen Brief heraus, der in Paris zur Post gegeben war. Der Stempel war allerdings nicht leserlich.

 

»Es liegt Ihnen natürlich etwas daran, den Inhalt des Schreibens zu erfahren«, sagte Sands und reichte Blessington den Bogen.

 

Oben stand: »Café de Lyon«; das Datum war zwei Tage alt.

 

 

Lieber Mr. Sands! Ich bin des Aufenthalts in Paris so müde, daß ich mich entschlossen habe, von hier fortzugehen. Diese Zeilen schreibe ich in einem Restaurant, eine halbe Stunde vor Abfahrt des Zuges. Ich fahre von hier aus nach Marseille; was ich dann unternehme, weiß ich noch nicht. Vielleicht gehe ich nach Narbonne, nach Barcelona; vielleicht ziehe ich aber auch San Remo und später Rom vor. Es hat keinen Zweck, meinem Mann einen Brief zu schreiben, denn er antwortet doch nicht. Würden Sie daher so liebenswürdig sein, ihm von mir auszurichten, welche Reisepläne ich habe. Ich danke Ihnen vielmals für die tausend Pfund, die Sie mir geschickt haben und die ich ordnungsgemäß erhielt. Vielleicht wird es Ihnen schwerfallen, meine Interessen zu vertreten. Ich schicke Ihnen deshalb eine Generalvollmacht, die nach meiner Trauung ausgefertigt wurde. Daraus ersehen Sie, daß Sie alle Schritte in meinem Interesse unternehmen können, die Sie für notwendig halten.

 

Mit verbindlichen Grüßen

Margaret Leman

 

 

»Sehen Sie, hier ist die Vollmacht«, sagte Sands.

 

»Das Schriftstück ist in englischer Sprache aufgesetzt.«

 

»Ja, es wurde noch für Mrs. Leman ausgefertigt, bevor sie das Land verließ. Sie wünschte das ausdrücklich. Es ist das erstemal, daß ich diese Vollmacht ausgeliefert erhalte. Es paßt mir aber wenig, daß sie mir das Schriftstück zugesandt hat, denn es ist eine Menge unangenehmer Arbeit damit verbunden.«

 

Blessington hielt das Dokument gegen das Licht. Die Wassermarke war zwei Jahre alt, und die Vollmacht war von Harry Leman selbst unterzeichnet und bestätigt.

 

»Sie wurde unmittelbar nach der Trauung aufgesetzt«, bemerkte Sands. »Mrs. Leman hatte bis jetzt noch keine Gelegenheit, sie praktisch zu verwenden, und ich wünschte nur, sie hätte sie auch in Frankreich gelassen.«

 

Blessington reichte wortlos das Schriftstück zurück.

 

»Kann ich Sie in zwei Stunden noch einmal besuchen?«

 

»Es würde mir ein großes Vergnügen bereiten.«

 

»Haben Sie sich an der Hand verletzt?« fragte der Inspektor und zeigte auf den Verband.

 

»Ja. Ich habe gestern schon mit Cassidy darüber gesprochen. Er fragte mich auch, und ich sagte ihm, daß ich von einem Hund gebissen worden bin.«

 

Eine Stunde später kehrte Blessington schon zurück.

 

»Ich möchte einmal Ihre Küche sehen«, sagte er.

 

Mr. Sands führte ihn hin.

 

Blessington hatte gar nicht die Absicht, den Raum zu betreten, aber auf dem Weg kam er durch den gelbgestrichenen Gang mit dem blutigen Fingerabdruck. Er sah wohl die Wand, aber der Abdruck war inzwischen verschwunden. In der Zwischenzeit hatte Sands die Stelle mit Farbe überstrichen.

 

»Ich weiß nicht, ob Sie es bemerkt haben«, sagte der Hauseigentümer, als sich der Detektiv die Küche angesehen hatte. »Nachdem Sie heute morgen fortgingen, habe ich hier eine Entdeckung gemacht, der ich entnehme; daß ich doch einen der beiden Einbrecher verwundet habe.«

 

Er zeigte auf die Wand.

 

»Ich habe dort einen Blutfleck gefunden und deshalb die Stelle neu gestrichen. Erst später kam mir der Gedanke, daß Sie vielleicht ein Interesse daran hätten. Es schien mir fast so, als ob es ein Fingerabdruck wäre.«

 

»Wenn es nicht ein Fingerabdruck war, ist es unwichtig.«

 

»Das kann ich nicht mit Bestimmtheit behaupten«, erwiderte Sands. »Ich verstehe sehr wenig von solchen Dingen. Zuerst hielt ich es nur für einen Flecken.«

 

Blessington kehrte zur Haustür zurück. Draußen wartete in einiger Entfernung ein Taxi. Jimmy war im Wagen geblieben. Als Blessington zu ihm zurückkehrte, runzelte er die Stirn.

 

»Fahren Sie nach Scotland Yard«, sagte er zum Chauffeur, sprang in den Wagen und schlug die Tür laut hinter sich zu.

 

»Jimmy«, sagte er und seufzte, »dieser Kerl ist furchtbar schwierig zu behandeln. Ich weiß nicht, was ich von ihm denken soll. Manchmal macht er sich direkt verdächtig, und dann klärt sich hinterher wieder alles zur Zufriedenheit auf. Sobald ich glaube, ich habe ihn gefaßt, hat er auch schon ein unanfechtbares Alibi bereit.«

 

»Nun, und was ist mit dem weißgestrichenen Schrank?« fragte Jimmy, nachdem er erfahren hatte, was sich bei dem ersten Besuch zugetragen hatte.

 

»Den hat er heute morgen mit einem Lastauto aufs Land schaffen lassen. Übrigens hat er mir das selbst gesagt, und außerdem hat der Detektiv, der das Haus bewacht, es bestätigt. Unglücklicherweise hat er den Namen des Spediteurs nicht festgestellt, aber wir haben immer noch die Möglichkeit, das später nachzuholen.«

 

»Warum legen Sie so großen Wert auf den weißgestrichenen Schrank?«

 

»Ach, das ist weiter nicht wichtig«, erwiderte Blessington.

 

Als sie nach Scotland Yard kamen, entließen sie den Chauffeur und gingen sofort zur fotografischen Abteilung.

 

»Sind die Abzüge fertig?« fragte Blessington den diensttuenden Beamten.

 

»Jawohl, sie sind sehr klar und deutlich ausgefallen.« Bei diesen Worten überreichte er dem Inspektor drei Abzüge, die dieser näher ans Licht hielt.

 

»Ja, sie sind einigermaßen gut ausgefallen. Jimmy, sehen Sie einmal her. Hier sind die Fingerabdrücke. Man kann jede Linie genau sehen. Wenn jetzt meine Vermutung richtig ist, können wir feststellen, ob Mrs. Leman gestern abend spät im Haus von John Sands war. Er versuchte mir ja vorzuschwindeln, daß sie im Süden Frankreichs umherreist.«

 

»Das wäre großartig«, entgegnete Jimmy. »Geben Sie mir doch bitte auch einen Abzug – danke schön.«

 

Er nahm ihn und steckte ihn in seine Brieftasche.

 

»Das ist alles Material für die Millionengeschichte«, sagte er dann. »Enden damit vorläufig unsere Feststellungen?«

 

»Ja, wir können den Abdruck nicht eher gebrauchen, als bis wir Mrs. Leman gefunden haben, und ich weiß auch noch nicht genau, wozu das führen soll. Es ist ja schließlich kein Verbrechen, wenn man sich in London aufhält, während andere Leute behaupten, man wäre in Paris oder in Südfrankreich.«

 

»Zeigen Sie noch einmal her«, bat Jimmy und nahm einen der beiden Abzüge. Er betrachtete ihn nachdenklich und sah dann Blessington an. Es war ihm eine gute Idee gekommen.

 

»Wer mag denn eigentlich diese Mrs. Leman sein? Es wäre doch möglich, daß sie zur Unterwelt gehört und eine Verbrecherin ist. Wir haben doch hier eine große Kartothek von all den Leuten, die einmal verurteilt worden sind oder einmal in Händen der Polizei waren.«

 

Blessington kniff die Augen zusammen. »Das ist ein glänzender Gedanke, Jimmy. Wir wollen sofort einmal nachsehen!«

 

Sie gingen beide zur Registratur und händigten dem Beamten einen Abzug aus. Dieser betrachtete den Fingerabdruck genau, machte ein paar Notizen auf eine Karte, nachdem er durch ein Vergrößerungsglas die einzelnen Merkmale genau herausgesucht hatte, und reichte die Karte dann dem Sergeanten. Nach kaum zehn Minuten kam der Beamte mit einem großen Karton zurück, auf dem eine Anzahl von Fingerabdrücken und Fotografien zu sehen waren. Diese verglich der Beamte mit dem Foto.

 

»Sehen Sie, wir haben sie schon gefunden. Das ist der Zeigefinger. Die Abdrücke sind vollkommen gleich.«

 

»Wer ist es denn?« fragte Blessington begierig.

 

»Margaret Maliko«, sagte der Beamte, »eine Gefangene, die zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt wurde, aber im Oktober vorletzten Jahres aus dem Gefängnis von Aylesbury entwich.«

 

Kapitel 12

 

12

 

»Dann ist die Sache ja soweit klar. Margaret Maliko ist niemand anders als Margaret Leman«, erklärte Jimmy.

 

Später saßen die beiden in der Halle des Hotels Magificent.

 

»Diese Margaret Leman ist über acht Millionen Dollar wert, daran läßt sich nichts ändern, ganz gleich, ob sie nun Margaret Leman oder Margaret Maliko heißt. Der alte Mann hat kein Testament hinterlassen. Vielleicht hat er keinen bestimmten Rechtsanwalt und nahm deshalb immer einen anderen, wenn er gerade juristischen Beistand brauchte. Sie war übrigens auch die Frau, die von sieben bis acht Uhr bei ihm war. Und sie hat den Brief in den Postkasten gesteckt. Er ist weiterverfolgt worden, aber nur bis zu einem gewissen Punkt«, fügte er vorsichtig hinzu.

 

»Warten Sie einen Augenblick«, sagte Jimmy erregt. »Dieser Brief, der am Berkeley Square aufgegeben wurde, war unfrankiert und an Mrs. Leman selbst adressiert.«

 

»Da haben Sie vollkommen recht, Jimmy. Ich habe nämlich auf Ihre Vermutung hin, daß keine Marke auf dem Brief war, gehandelt. Dadurch gelang es mir, den Brief weiterzuverfolgen. Es ist nur wenigen Leuten bekannt, daß Briefe, die unfrankiert in den Kasten kommen, einer besonderen Prüfung unterzogen werden. Es wird darüber eine Liste auf dem Hauptpostamt geführt. Ich habe bei der Gelegenheit übrigens feststellen können, daß der Brief die Adresse ›Mrs. Leman, Kennigton House, Hove‹ trug.

 

Nun ist Kennigton House kein großes Gebäude, wie Sie vielleicht nach dem großartigen Namen annehmen könnten, sondern eine kleine Vorstadtvilla in der Nähe von Brighton. Ich habe einen Beamten hingeschickt, um Nachforschungen anzustellen, aber unglücklicherweise ist es ihm nicht gelungen, den Brief in seinen Besitz zu bringen. Es scheint, daß das Postamt in Hove den Auftrag hat, alle Briefe, die dort für Mrs. Leman ankommen, umzuleiten. Und welche Adresse hat sie Ihrer Meinung nach wohl dort angegeben?«

 

»Mr. John Sands‘?« vermutete Jimmy.

 

»Nein, jetzt haben Sie das erstemal unrecht«, erwiderte Blessington. »Nein, Jimmy, die Sache ist nicht so plump arrangiert. Marseille, hauptpostlagernd. Was sagen Sie dazu? Wie kamen Sie übrigens auf die Annahme, daß der Brief nicht frankiert war?«

 

»Ich hatte eine Ahnung, daß er ein wichtiges Dokument enthielt, das die Dame nicht bei sich tragen durfte. Sie steckte es in den Briefumschlag. Sie erinnern sich doch noch, daß wir eine große Menge solcher Kuverts auf dem Tisch sahen, als wir Mr. Leman tot auffanden. Sicher hatte der alte Geizhals keine Briefmarken in der Wohnung, aber sie war ängstlich besorgt, das Schriftstück in Sicherheit zu bringen. Deshalb adressierte sie es an sich selbst und warf es in den ersten Briefkasten, den sie sah. Es ist aber eine sehr einfache Sache, den Brief zu bekommen. Sie brauchen doch nur Ihren Agenten in Marseille zu beauftragen, ihn von der Post abzuholen.«

 

»Das erscheint Ihnen so einfach, Jimmy. Der Brief wurde aber gestern abend aufgegeben und ging heute morgen mit der Post ab. Auf jeden Fall wollen wir einmal den Versuch machen. Vielleicht gelingt es uns. Ich habe an meinen guten Freund Pollot in Marseille telegrafiert, und wenn irgend jemand den Brief aus der Post herausholen kann, dann ist er es. – Ihre Freundin kommt aber spät.«

 

Der Detektiv sah auf die Uhr.

 

»Was wollen Sie übrigens mit Faith Leman machen?«

 

»Sie muß mit dem nächsten Schiff nach Amerika zurückfahren«, erklärte Jimmy. »Sobald Mrs. Leman an die Öffentlichkeit tritt und ihre Erbschaft einkassiert, werde ich Faith einen Heiratsantrag machen.«

 

»Aber warum denn nicht schon früher?« fragte Blessington.

 

»Weil immer noch etwas dazwischenkommen kann und Faith vielleicht doch noch die Erbin wird.«

 

»Aber zum Kuckuck, was macht denn das aus? Sie sind doch nicht so voreingenommen, daß sie sich durch die finanzielle Lage des jungen Mädchens daran hindern lassen, mit ihr glücklich zu werden?«

 

»Aber – aber – wenn sie reich ist – und ich arm bin –«

 

»Ach, das ist pure Eitelkeit, weiter nichts. Ich weiß nicht, warum die jungen Leute von heute so blöd sind! Wenn Sie reich wären und Miss Faith Leman arm, und wenn Sie als Märchenprinz daherkämen, um sie als Aschenbrödel aus dem Staub zu sich zu heben, dann würde Ihnen das so passen. Ich, habe noch niemals verstanden, warum das Vermögen bei der Ehe immer nur auf einer Seite vorhanden sein soll. So arm ich bin, hoffe ich doch immer, daß ich noch einmal die Aufmerksamkeit eines wunderschönen jungen Mädchens mit dunklen, märchenhaften, melancholischen Augen auf mich ziehen werde, die mindestens ein Vermögen von drei Millionen besitzt.«

 

»Nein, Sie verstehen nicht, wie ich es meine«, entgegnete Jimmy nachdenklich.

 

»Ich verstehe Sie nur zu gut. Glauben Sie, daß Sie niemand versteht, weil Sie auch an der Kinderkrankheit leiden, die alle einmal durchgemacht haben? Gehen Sie doch frischweg zu ihr hin und sagen Sie ihr, Sie lieben sie, und Sie können nicht anders, und Sie müssen sie heiraten.«

 

»Um Himmels willen, seien Sie jetzt ruhig«, sagte Jimmy aufgeregt. »Da kommt sie.«

 

Faith Leman ging durch die Hotelhalle, und Jimmy war wieder ganz bezaubert von ihr. Die Unannehmlichkeiten und Aufregungen der letzten vierundzwanzig Stunden hatten sie aber doch mitgenommen. Sie sah müde aus, und dunkle Schatten lägen unter ihren Augen. Selbst der alte, zugeknöpfte, zynische Blessington mußte zugeben, daß sie eine schöne Erscheinung war.

 

Plötzlich blieb sie regungslos stehen, als sie den Polizeibeamten sah, und errötete.

 

»Ich möchte Ihnen einen sehr guten Freund vorstellen, Faith. Mr. Blessington hat Sie zwar zuerst verhaftet, aber dann hat er den größten Teil der Nacht damit zugebracht, entlastendes Material für Sie herbeizuschaffen.«

 

»Dafür bin ich Ihnen sehr dankbar, Mr. Blessington«, erwiderte sie und reichte ihm die Hand. »Aber es war ein entsetzliches Erlebnis für mich, und die Erinnerung daran …«

 

»Ich weiß es«, erwiderte der Polizeiinspektor. »Sie müssen einen bösen Schock erhalten haben, aber glauben Sie ja nicht, daß es mir Freude macht, hübsche junge Damen festzunehmen und in den Kerker zu werfen. Nein, ganz im Gegenteil.«

 

Sie gingen zusammen in den Speisesaal des Hotels und nahmen an einem reservierten Tisch Platz.

 

»Ich möchte Sie noch etwas fragen«, sagte der Inspektor.

 

Sie sah ihn argwöhnisch an.

 

»Ich hoffe, Sie sind nicht in amtlicher Eigenschaft hierhergekommen, um mich einem intensiven Verhör zu unterziehen?«

 

»Daran läßt sich leider nichts ändern. Sowohl Jimmy wie ich haben nun einmal einen Beruf, der uns zwingt, an alle möglichen Leute alle möglichen Fragen zu richten. Das ist der einzige Weg, Dinge ausfindig zu machen. Aber beruhigen Sie sich nur, ich werde nicht viele Fragen an Sie stellen. Nur drei brauchen Sie mir zu beantworten. Erstens: Hat Ihr Onkel Briefmarken im Hause gehabt?«

 

»Nein, das war auch so eine Eigenheit von ihm. Das Geld für Briefmarken tat ihm immer zu leid. Auf keinen Fall wollte er sich Marken auf Vorrat hinlegen. Wenn er einen Brief absenden wollte, mußte einer aus dem Haushalt zur Post gehen und bekam dann so viel Kleingeld mit, wie das Porto ausmachte.«

 

»Das stimmt ja mit seinem sonstigen Charakter vorzüglich überein. Nun kommt die zweite Frage: Sie haben doch Schreibmaterial für Ihren Onkel auf den Tisch gelegt. Haben Sie auch Briefumschläge dazugetan? Ich sah sie nämlich in seinem Zimmer.«

 

»Ja«, sagte sie und nickte.

 

»Haben Sie auch Tinte und Feder bereitgestellt?«

 

»Nein«, erwiderte sie, nachdem sie kurze Zeit nachgedacht hatte. »Nur einen Bleistift. Onkel hat selten mit Tinte geschrieben.«

 

»Gut. Und doch stand eine kleine Flasche Tinte bei dem Papier, als ich ins Zimmer ging. Und jetzt ergibt sich für uns eine weitere Frage. In dem Zimmer wurde ein Zettel gefunden, auf dem Ihr Onkel mit Bleistift etwas notiert hatte. Darauf stand auch der Name der ›Suevic‹, das ist ein Dampfer der White-Star-Linie. Weiterhin war der Hafen von Plymouth erwähnt, wo die Dampfer dieser Gesellschaft anlegen. Die ›Suevic‹ ist auf der australischen Route eingesetzt. Kennen Sie vielleicht jemand, der etwas mit Australien zu tun hat oder der Ihren Onkel gebeten hat, ihm hundert oder dreihundert Pfund zu leihen, um damit nach Australien reisen zu können? Dann stand auch noch eine Nummer auf dem Papier: 1 – 17941 –«

 

»Jetzt habe ich es!« rief Jimmy, der bis jetzt geschwiegen hatte, aufgeregt. »Sehen Sie den Zusammenhang noch nicht?«

 

Er erhob sich halb von seinem Stuhl. »Erinnern Sie sich nicht an das Aktenstück von Margaret Maliko? Sie haben doch ihre Karte im Archiv gesehen – das ist ihre Nummer im Strafgefängnis! Dahinter stand noch das Wort ›Gift‹ –«

 

Er sah Blessington erwartungsvoll an.

 

»Was hat das Wort ›Gift‹ zu bedeuten?« fragte er dann.

 

»Das ist die kurze Bezeichnung des Verbrechens, das Margaret Maliko begangen hat. Sie wurde zu zwanzig Jahren Zuchthaus verurteilt, weil sie ihren Mann mit Gift ums Leben gebracht hat.«

 

Jimmy holte tief Atem und sank in seinen Stuhl zurück.

 

»Dann war es also Margaret Maliko, die meinen Onkel besuchte?« fragte Faith entsetzt und starrte den Polizeiinspektor mit weitgeöffneten Augen an. »Und sie hat sich schon einmal einen Giftmord zuschulden kommen lassen! Dann muß sie doch die Täterin sein –«

 

Im Augenblick sprach alles dafür – aber die Annahme Miss Lemans stimmte nicht mit dem überein, was der Inspektor vermutete. Auch Jimmy war anderer Meinung.

 

»Blessington, ich kann es nicht recht glauben, daß diese Frau das Verbrechen begangen haben soll. Es ist wohl ein merkwürdiges Zusammentreffen, daß sie eine der letzten Personen war, die ihn lebend sahen, aber nach allem, was wir wissen, ist sie doch in bestem Einvernehmen von dem alten Mann geschieden. Verstehen Sie denn noch nicht? Leman wollte sie fortschicken. Er half ihr, nach Australien zu gehen. Sie muß ihm etwas Wichtiges mitgeteilt haben, und dafür verlangte sie eine große Geldsumme. Wenn ich die Zahlen auf dem Papier richtig beurteile, hat sie mit ihm um die Höhe des Betrages gehandelt. Leman hat ihr hundert Pfund geboten und die Summe allmählich auf dreihundert Pfund erhöht. Und auch die Adresse war darauf vermerkt: ›Hauptpostlagernd, Melbourne.‹ Sie muß ihm Einzelheiten aus ihrem Leben erzählt haben – er hat ihre Nummer als Strafgefangene notiert. Die Zahl 20 bedeutet die zwanzigjährige Zuchthausstrafe – jetzt löst sich alles mit einmal spielend auf. Warum sollte sie ihn denn umbringen, wenn er ihr helfen wollte?«

 

Blessington biß sich auf die Lippen.

 

»In allem, was Sie gesagt haben, liegt ein gut Teil Wahrheit, aber das ist noch nicht die ganze Geschichte. Es bleiben noch mehrere Lücken, die gefüllt werden müssen. Sie wäre nicht zu Leman gegangen, um ihr Geheimnis zu verkaufen, wenn sie nicht allen Grund gehabt hätte, sofort das Land zu verlassen. Vermutlich wollte sie das Geld dringend haben, und es ist sehr unwahrscheinlich, daß sie es sofort bekommen hat, denn Leman hatte niemals größere Summen im Haus. Habe ich recht, Miss Leman?«

 

Das junge Mädchen nickte.

 

»Onkel hat es immer vermieden, auch nur kleinere Beträge in der Wohnung aufzubewahren. Wenn er Geld brauchte, ging er zur Depositenkasse in der Oxford Street.«

 

»Die Unterredung zwischen den beiden fand zu einer so späten Stunde statt, daß die Banken schon geschlossen waren«, fuhr Blessington fort. »Sie konnte das Geld frühestens am nächsten Tag ausgezahlt erhalten. Warum sollte sie ihn also vergiften? Das wäre doch gar nicht in ihrem Interesse gewesen. Und warum sollte sie mit dem Vorsatz in seine Wohnung gekommen sein, ihn zu ermorden? Nein, die Erklärung des Mordes stimmt nicht.«

 

»Ach, das ganze Verbrechen ist entsetzlich und grauenhaft. Ich mag nichts mehr davon hören«, meinte Faith und schauderte zusammen.

 

»Aber es ist doch furchtbar interessant«, sagten Jimmy und Blessington zu gleicher Zeit.