Kapitel 5

 

5

 

Cornelius Helder war ein widerspruchsvoller Charakter, und Gold liebte solche Leute nicht. »Ein Mann muß einen festen Standpunkt haben«, sagte er, »sonst kann man ihn nicht für voll nehmen.«

 

Nach Golds Meinung war es unvereinbar, daß Helder auf der einen Seite gern Witze machte, gut lebte und eine ausgesprochene Vorliebe für Luxus hatte, andererseits aber den revolutionären Helden spielte und zum Widerstand gegen die Kapitalisten aufrief.

 

»Vielleicht ist es auch nur Effekthascherei, Exzellenz«, sagte Gold. »Irgendeine Pose – die meisten Menschen geben sich anders, als sie sind.«

 

Gold unterhielt sich mit dem amerikanischen Konsul in dessen Arbeitszimmer.

 

»Ich möchte eigentlich Mr. Helder solche Dummheiten nicht Zutrauen. Er ist doch wirklich nicht mehr der jüngste.«

 

Gold lächelte. Er hatte eine kleine achtseitige Zeitschrift in der Hand. Sie war zweispaltig gedruckt, und die eine Hälfte zeigte ausländische Worte. Die Zeitschrift trug den Titel: »Die Tarnung.« Als Herausgeber zeichnete Mr. Helder.

 

»Ich muß Ihnen gestehen«, sagte der Konsul, »daß mir diese Art von Landsleuten hier allmählich lästig wird. Ich hätte nie gedacht, daß ein Mann wie Helder, der doch immerhin der höheren Gesellschaftsschicht angehört, solche umstürzlerischen Ansichten hegt.«

 

»In dieser Nummer sind ja keine besonderen Angriffe enthalten«, entgegnete Gold. »Ich habe die Zeitschrift bisher aufmerksam verfolgt, auch in den anderen Nummern konnte ich nichts dergleichen entdecken.«

 

Gold überflog flüchtig den Leitartikel.

 

»Es ist doch reiner Unsinn«, sagte der Konsul ärgerlich: Diese Zeitschrift soll heimlich unter den Kommunisten verteilt werden. Ebensogut könnte Helder doch sein Geld dafür ausgeben, zweisprachige Ausgaben von Gedichten zu vertreiben!«

 

Gold wartete auf eine Erklärung, warum ihn der Konsul so dringend zu sich gerufen hatte. Man sprach noch eine Zeitlang über allgemeine Dinge. Als Gold merkte, daß er keine näheren Aufschlüsse erhielt, entschloß er sich zu einer direkten Frage.

 

»Was gefällt Ihnen denn an dieser Nummer der ›Warnung‹ nicht, Exzellenz?«

 

Der Konsul rieb sich die Hände und lehnte sich in seinen Sessel zurück.

 

»Sie kennen Helder doch sehr gut«, sagte er. »Vor einigen Tagen erklärte er mir im Terriers-Klub, daß Sie der einzige Amerikaner in London seien, vor dem er Hochachtung und sogar einen gewissen Respekt habe.«

 

Gold lächelte.

 

»Ich traue ihm nicht, und wenn er mich lobt, traue ich ihm am allerwenigsten.«

 

»Mag sein«, entgegnete der Konsul, »aber zuerst einmal müssen Sie beweisen, daß Ihre Ansicht über ihn richtig ist. Fordern Sie ihn vor allen Dingen auf, daß er mit der Herausgabe dieser blödsinnigen Zeitschrift aufhört. Die englische Regierung sieht so etwas durchaus nicht gern! Ich möchte nur wissen, warum er soviel Zeit und Geld in diese Angelegenheit steckt. Man könnte geradezu meinen, daß er einen Staatsstreich vorbereitet! Und dann dieser Unsinn, das ganze Personal seines Schmierblättchens, aus Ausländern zusammenzusetzen. Das Auswärtige Amt in London ist sehr ungehalten über die Geschichte, und ich glaube, daß es nicht mehr lange dauert, bis man dagegen einschreitet. Dann wandert Heider ins Gefängnis, und das wäre doch außerordentlich fatal.«

 

»Ich werde mein möglichstes tun«, sagte Gold.

 

Er nahm ein Taxi und ließ sich zum Terriers-Klub fahren. Helder war noch nicht dort, aber in einer Nische sah er Comstock Bell vor seinem Mittagessen sitzen. Gold ging zu ihm und ließ sich ihm gegenüber gemütlich nieder.

 

Bell sah schlecht aus; seine rechte Hand war bandagiert.

 

»Hallo, was ist Ihnen denn passiert?«

 

»Nicht so schlimm. Ich habe mir die Hand in einer Tür geklemmt – wahrscheinlich ist ein Finger angeknackst.«

 

»Das tut mir aber leid.«

 

»Wirklich nicht der Rede wert. Unangenehm ist nur, daß ich jetzt mit der linken Hand essen und – vor allem – mir eine Sekretärin engagieren muß, die mir meine Briefe schreibt. Wie geht es denn Ihnen? Sie tun geradeso, als ob Sie es gewohnt seien, für fremde Leute als Zielscheibe zu dienen.«

 

Gold lächelte grimmig.

 

»Ganz so ist es nun auch wieder nicht. Hören Sie zu, Comstock – ich möchte Ihnen gegenüber mit offenen Karten spielen. Der Mann, der mir neulich abends im Park begegnete, wollte mich allen Ernstes umlegen.«

 

»Tatsächlich?« meinte Bell ironisch. »Ich dachte, er wollte Ihnen eine Einladung in den Buckingham Palast überbringen.«

 

»Spaß beiseite«, entgegnete Gold ernst. »Die Sache geht Sie übrigens genauso an wie mich. Ich bekam also einen Brief von einem meiner Vertrauensleute, daß er sich mit mir im Park treffen wolle. Ein Platz zwischen der dritten und vierten Laterne war vereinbart worden. Leider wurde mein Mann selbst beobachtet. Zwei Leute, die sich als Kriminalbeamte auswiesen, nahmen ihn wegen versuchten Raubüberfalls fest; mein Vertrauensmann, der natürlich nicht das geringste auf dem Kerbholz hatte, wollte sich gegen das Gesetz nicht auflehnen und folgte den beiden. Sie brachten ihn zu einem Wagen und fuhren mit ihm in einen Außenbezirk. Dort ließen sie ihn wieder laufen.«

 

Er mußte lachen.

 

»Die Leute haben die Sache gut gemacht. An Stelle meines Agenten erwartete mich jemand, der den Auftrag hatte, mit mir abzurechnen. – Ah …, bitte entschuldigen Sie mich einen Augenblick.«

 

Gold hatte eben Helder den Speisesaal betreten sehen. Er nickte Comstock zu, ging quer durch den Raum und verschwand im Rauchsalon, den Helder aufgesucht hatte. Er saß dort und blätterte in einer illustrierten Zeitung. Als Gold zu ihm trat, schaute er auf.

 

»Ich hätte gern einmal mit Ihnen gesprochen, Sie aufrührerischer Geist.«

 

Helder lachte.

 

»Soll ich des Landes verwiesen werden?«, fragte er und machte auf dem Sofa Platz, damit Gold sich neben ihn setzen konnte. »Oder will man mich wegen Hochverrats anklagen?«

 

»Soweit ist es noch nicht. Es besteht nur die Gefahr, daß Sie hier unangenehm auffallen. Ich habe neulich mit unserem Konsul gesprochen, und da er weiß, daß ich Sie gut kenne, bat er mich, Ihnen etwas zu erklären: Er kann Sie nämlich nicht mehr in die Botschaft einladen, wenn Sie derartige Veröffentlichungen nicht einstellen.«

 

Helder wurde dunkelrot. »Es wäre mir lieber, wenn sich der Botschafter mit einem solchen Ansinnen direkt an mich wenden würde«, sagte er ärgerlich.

 

Gold beobachtete ihn interessiert. Es war das erstemal, daß sich Helder von einer unangenehmen Seite zeigte. Sein Mund war verkniffen, und seine Augen funkelten böse.

 

Es hatte Helder einige Mühe gekostet, seine gegenwärtige Stellung in der Gesellschaft zu erobern. Sein Vater hinterließ ihm nur ein kleines Vermögen, das gerade zu einem bescheidenen Leben ausreichte. Ein Geschäft, das er in Paris eröffnet hatte, mußte er später wieder aufgeben. Jetzt lebte er schon seit Jahren in London, und man erzählte sich, daß er allein mit Eisenbahnaktien ein Vermögen verdient hätte.

 

Und nun, da er endlich am Ziel war, drohte man, ihn gesellschaftlich zu schneiden. Er schaute deshalb Gold wütend an?

 

»Ich möchte, daß man meine Rechte als amerikanischer Staatsbürger respektiert. Ich kann mir mein Leben nach meinen eigenen Wünschen einrichten, solange ich nicht mit dem Gesetz in Konflikt komme. Und in der ›Warnung‹ ist nichts erschienen, was über das gesetzmäßig Erlaubte hinausginge.«

 

»Es liegt aber gar kein Grund vor, eine solche unnütze Zeitschrift überhaupt herauszugeben«, erklärte Gold.

 

»Jetzt werden Sie beleidigend.« Helder erhob sich. »Ich glaube, wir können die Unterhaltung abbrechen.«

 

Gold nickte.

 

»Es kommt ja doch nichts dabei heraus. Ach, da fällt mir gerade ein, daß ich meinem Neffen ein Geburtstagsgeschenk schicken muß.« Er schaute auf die Uhr und kramte in seiner Brieftasche herum, fand aber anscheinend nicht das Gewünschte. »Haben Sie etwas amerikanisches Geld bei sich, Mr. Helder? Ich brauche zwanzig Dollar.«

 

Comstock Bell war ins Zimmer getreten und hatte die letzten Worte Golds gehört.

 

Helder schüttelte den Kopf.

 

Bell mischte sich in die Unterhaltung.

 

»Ich habe genügend Dollar bei mir«, sagte er, zog seine Brieftasche heraus und entnahm ihr zwanzig Dollar, die er Gold überreichte. Helder beobachtete ihn dabei scharf.

 

Er sah, wie Gold die Banknoten, scheinbar nur oberflächlich betrachtete.

 

»Du lieber Himmel«, sagte Gold plötzlich. Sein Gesicht war blaß geworden.

 

Kapitel 6

 

6

 

Gold starrte Bell einen Augenblick lang fassungslos an.

 

»Was ist denn los?« fragte Bell verwundert.

 

»Nichts«, entgegnete Gold kurz, drehte sich um und verließ den Raum, ohne sich zu verabschieden.

 

Comstock Bell sah ihm kopfschüttelnd nach.

 

»Wissen Sie, was er hat?« fragte er Helder, dem gegenüber er sich stets einer sehr kühlen Höflichkeit befleißigte.

 

»Keine Ahnung, Mr. Bell. Gold scheint heute ein wenig nervös zu sein – mit mir hat er sich vorher auch fast gestritten.« »Warum sagten Sie denn, daß Sie keine amerikanischen Banknoten hätten? Sie haben doch einige in der Tasche.«

 

Vor dem Mittagessen hatten die beiden eine kleine Meinungsverschiedenheit wegen Washingtons Bild auf den Fünfdollarscheinen gehabt. Sie verglichen verschiedene Banknoten miteinander, und Helder war mit einigen Scheinen Comstocks zum Fenster gegangen, um sie genauer zu betrachten.

 

»Hatte ich ganz vergessen«, brummte Helder. »Abgesehen davon war ich sowieso nicht in der Stimmung, Gold eine Gefälligkeit zu erweisen.«

 

Bell zuckte die Achseln und wollte sich verabschieden, als Helder ihn zurückhielt.

 

»Sagen Sie, Mr. Bell, kennen Sie einen gewissen Willetts?«

 

»Nein«, entgegnete Bell. »Wie kommen Sie darauf?«

 

Helder rieb sich das Kinn.

 

»Ach, ich habe keinen besonderen Grund«, sagte er dann. »Aber wenn Sie einmal etwas Zeit übrig haben, würde ich mich gern mit Ihnen unterhalten.«

 

»Über diesen Mann?« fragte Bell scharf.

 

»Ja, auch über ihn – und über andere Dinge.«

 

Comstock Bell zögerte.

 

»Schön, ich werde an einem der nächsten Tage in Ihr Büro kommen.«

 

Mit einem Kopfnicken verabschiedete sich Bell und verließ den Klub. Er überquerte die Pall Mall und schlenderte dann ziellos durch den Park.

 

Es war ein herrlicher Frühlingstag, ganz dazu gemacht, alle Sorgen zu vergessen, doch Bell nahm keine Notiz von seiner Umwelt; er hatte einen Plan gefaßt, einen schrecklichen Plan, wie er sich selbst immer wieder sagte – trotzdem wollte er ihn unter allen Umständen ausführen, wer auch immer der Leidtragende sein würde. Einmal mußte er zur Ruhe kommen und endlich diesem schrecklichen Zustand ein Ende machen.

 

Es war ein Plan, der in allen Einzelheiten genau durchdacht war. Tag für Tag und Nacht für Nacht hatte er ihn immer wieder durchkalkuliert und jeden Zug festgelegt.

 

»Wer auch immer der Leidtragende sein wird …«, murmelte er vor sich hin und seufzte.

 

Als er zum Victoria Memorial kam, überquerte er die Straße und nahm seinen Weg entlang Constitutional Hill. In seinem Plan fehlte noch ein einziges Glied – er brauchte noch einen Helfer. Zuerst hatte er an Gold gedacht, diesen Gedanken aber sehr bald wieder aufgegeben. Gefühlsmäßig wußte er, daß sich Gold für keine noch so hohe Summe für so etwas hergeben würde.

 

Er ließ gerade im Geist alle seine Freunde und Bekannten Revue passieren, als neben ihm ein Taxi hielt. Gold sprang aus dem Wagen, bezahlte den Chauffeur und kam dann auf ihn zu.

 

»Ich bin Ihnen vom Klub aus gefolgt, Mr. Bell. Könnte ich einen Augenblick mit Ihnen sprechen?«

 

»Alle Leute scheinen das Bedürfnis zu haben, sich mit mir zu unterhalten«, entgegnete Bell freundlich. »Ich habe mich übrigens in Gedanken gerade sehr intensiv mit Ihnen beschäftigt.«

 

Sie verließen die Hauptstraße und bogen in eine Nebenstraße ein, die zu einer kleinen Parkanlage führte.

 

»Ich möchte ganz offen mit Ihnen reden«, sagte Gold nach einigen Minuten nachdenklichen Schweigens. »Sie haben sich wahrscheinlich gewundert, warum ich Sie vorher im Klub einfach stehenließ und fortging?«

 

»Ein wenig seltsam fand ich das schon«, gab Bell zu.

 

»Meine Eile war durchaus gerechtfertigt. Ich habe jemand aufgesucht, um ihm einen Verdacht mitzuteilen – dieser Verdacht hat sich bestätigt.«

 

»Ich verstehe Sie gar nicht, was soll denn das alles bedeuten?« entgegnete Bell ein wenig ärgerlich.

 

»Zwei der Fünfdollarnoten, die Sie mir gaben, waren gefälscht.«

 

»Gefälscht?«

 

»Ja, es besteht gar kein Zweifel«, erklärte Gold. »Tausende von gefälschten Scheinen sind schon seit einiger Zeit im Umlauf. Von wem haben Sie die Banknoten bekommen?«

 

»Ein Mann, den ich im Savoy-Hotel traf, brauchte englisches Geld – ich habe ihm einige Scheine gewechselt.«

 

Gold sah ihn scharf an.

 

»Stimmt das wirklich?«

 

»Was wollen Sie damit sagen?« fragte Bell. Er wurde immer ärgerlicher. »Glauben Sie vielleicht, ich würde Ihnen etwas vorlügen?«

 

»Und wie hieß der Mann?«

 

In diesem Augenblick erinnerte sich Bell daran, wie die Scheine in seinen Besitz gekommen waren – er hatte sie ja von Helder erhalten! Der hatte ihm unter einem fadenscheinigen Vorwand die falschen Noten untergeschoben. Schon wollte er es Gold sagen, als ihm plötzlich ein Gedanke kam – hier war sine günstige Gelegenheit, die er für die Ausführung seines Planes benutzen konnte.

 

»Der Mann hieß Willetts«, sagte Bell langsam.

 

»Willetts? Sie haben mir doch neulich erzählt, daß Sie ihn überhaupt nicht kennen?«

 

»So? Nun, wahrscheinlich habe ich den Herrn, von dem Sie sprachen, nicht mit dem Mann in Verbindung gebracht, den ich im ›Savoy‹ traf«, erklärte Bell.

 

Gold schüttelte den Kopf.

 

»Na schön«, meinte er. »Ich werde diesen Willetts ausfindig machen. Eine Ahnung sagt mir, daß mir große Unannehmlichkeiten erspart bleiben, wenn ich dieses Rätsel gelöst habe.«

 

»Und mich werden Sie dadurch von noch größeren Schwierigkeiten befreien«, murmelte Comstock Bell.

 

Gold verabschiedete sich von Bell, der seinen Spaziergang fortsetzte, stieg in ein Taxi und war gleich darauf mitten in der City.

 

In der Thread Needle Street stieg er aus und kam schließlich durch viele enge Gäßchen zur Little Painter Street. An einem alten Haus entdeckte er das Schild, das er suchte: »Harald S. Willetts, Börsenmakler.«

 

Er stieg bis zum dritten Stock empor und klingelte an einer Tür, die auf einem Messingschildchen die gleiche Aufschrift trug.

 

Niemand antwortete. Auch auf sein energisches Klopfen hin blieb alles stumm.

 

Er ging die Treppe wieder hinunter und fragte den Hausmeister. »Wissen Sie, wann Mr. Willetts anzutreffen ist?

 

»Bin ich ein Hellseher?« entgegnete der Hausmeister mürrisch. Erfahrung hatte ihn gelehrt, nicht allzu mitteilsam zu sein.

 

Gold steckte eine Hand in die Tasche, zog eine Pfundnote heraus und wedelte damit dem Hausmeister vor der Nase herum.

 

»Haben Sie wirklich keine Ahnung?«

 

Das war das richtige Mittel; in weniger als zehn Minuten hatte Gold alles in Erfahrung gebracht, was der Hausmeister selbst wußte – leider war das nicht viel.

 

»Ich habe den Herrn nur immer bei Dunkelheit kommen und gehen sehen. Er arbeitet nie hier und läßt wohl nur seine Post hierher schicken.«

 

»Wie lange hat er das Büro schon gemietet?«

 

»Ungefähr seit zwei Jahren. Soviel ich weiß, hält er sich meistens außerhalb Londons auf, manchmal fährt er wohl sogar nach Amerika.«

 

»Ist er Amerikaner?« fragte Gold hastig.

 

»Das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich weiß nur, daß er die Miete regelmäßig bezahlt und daß er sein Büro nur selten betritt. Wenn Sie es sehen möchten, zeige ich es Ihnen gern.«

 

Sie stiegen die Treppe hinauf, und der Hausmeister öffnete die Tür. Gold trat in einen kleinen Raum, in dem ein Rollschreibtisch, ein Sessel und ein Schreibtischstuhl standen. Außerdem gab es noch ein Regal mit Büchern über Finanzwesen und Börsenjahrbüchern. Das war die ganze Einrichtung.

 

»Ein merkwürdiger Schreibtisch«, sagte Gold sehr liebenswürdig. »Ich würde mir dieses Modell gerne einmal ansehen.«

 

Der Hausmeister, der ein sehr geschäftstüchtiger Mann war, konnte an dem Schreibtisch durchaus nichts Besonderes entdecken. Er verstand aber auch so gut genug, was der Besucher wollte. Schließlich war eine Pfundnote keine Kleinigkeit und erforderte eine gewisse Gegenleistung. Also murmelte er vor sich hin, daß er schnell etwas im Treppenhaus nachschauen müsse, und ließ Gold allein.

 

Innerhalb einer Minute hatte Gold an einem großen Schlüsselbund, den er aus der Tasche zog, den richtigen Schlüssel ausgewählt und den Schreibtisch geöffnet.

 

Er war leer, vollständig leer. In keiner Schublade konnte er auch nur ein einziges Stück Papier entdecken. Welchem Beruf Willetts auch nachgehen mochte – und Gold hatte hierüber seine ganz besonderen Ansichten –, jedenfalls übte er ihn nicht in diesem Büro aus.

 

»Wie oft kommt Mr. Willetts eigentlich hierher?« fragte er den Hausmeister, als er mit ihm zusammen die Treppe wieder hinunterging.

 

»Wenigstens einmal im Monat – aber ich weiß nie vorher an welchem Tag.«

 

»Können Sie ihn mir ungefähr beschreiben?«

 

»Er hat eine dunkle Gesichtsfarbe und dunkles Haar, meistens hält er sich etwas gebückt …«

 

»Ist er groß und schlank?«

 

»Nein. Ich würde ihn als mittelgroß bezeichnen. Diesen Eindruck hatte ich wenigstens, als ich ihm auf der Treppe begegnete.«

 

»Wie ist seine Stimme?«

 

»Gut, daß Sie danach fragen – er spricht mit einem ausländischen Akzent, ungefähr so wie ein Franzose.«

 

»Schön, sagen Sie Mr. Willetts bitte, wenn er wieder herkommt, daß ich ihn gern gesprochen hätte.«

 

»Und wie ist Ihr Name?«

 

»Comstock Bell«, entgegnete Gold seelenruhig.

 

Der Hausmeister sah ihn erstaunt an.

 

»Sie sind doch nicht Mr. Comstock Bell!«

 

Gold lächelte.

 

»Na ja, ich wollte sagen, daß mich Mr. Bell hierhergeschickt hat«, erklärte er freundlich. »Aber woher wollen Sie eigentlich wissen, daß ich nicht Mr. Bell bin?«

 

»Weil Mr. Bell erst vor zwei Tagen hier war, um mit Mr. Willetts zu sprechen«, erwiderte der Hausmeister.

 

Kapitel 7

 

7

 

Comstock Bell bewohnte ein Haus am Cadogan Square. Die Einrichtung seiner Wohnung zeugte von feinem künstlerischem Geschmack. Eine Reihe von Gemälden moderner Meister bewies sein eigenes Interesse, das er allem entgegenbrachte, was mit Kunst zusammenhing.

 

Um sechs Uhr abends kam Bell nach Hause und ging sofort in sein großes Arbeitszimmer, das auf der Rückseite des Gebäudes lag. Auf dem Rauchtischchen lagen ein Dutzend Briefe für ihn, die er gleich durchsah; meistens handelte es sich um Einladungen zu gesellschaftlichen Veranstaltungen.

 

Nachdenklich setzte er sich dann an den Schreibtisch und strich mit der Hand über die Tasten einer Reiseschreibmaschine, die vor ihm stand. Schließlich drückte er auf einen Klingelknopf und wartete, bis der Diener hereinkam.

 

»Ich habe doch gestern einen Gummistempel in Auftrag gegeben. Ist er schon gekommen?« fragte Bell.

 

»Jawohl, Sir. Vor einer Stunde wurde er abgeliefert«, entgegnete der Diener, lief hinaus und. kam gleich darauf mit einem Päckchen wieder zurück.

 

»Öffnen Sie es.«

 

In dem Päckchen lagen ein kleiner Gummistempel und ein Stempelkissen. Bell nahm den Stempel heraus und besah ihn eingehend von allen Seiten. Es war ein Faksimile seiner eigenen Unterschrift, und er hatte es bei seiner Bank durchgesetzt, daß ein Scheck ausgezahlt wurde, wenn er so gestempelt war. Es hatte lange Zeit gedauert, bevor sich die Bank damit einverstanden erklärte, und der Bankdirektor hatte ihm auseinandergesetzt, daß das ein großes Risiko sei.

 

Bell legte den Gummistempel in eine kleine Kassette, schloß ab und steckte den Schlüssel in seine Westentasche.

 

»Parker«, wandte er sich dann wieder an den Diener, »ich werde England in einigen Wochen verlassen, und ich möchte, daß Sie auf das Haus achtgeben. Selbstverständlich habe ich dafür gesorgt, daß Ihr Gehalt regelmäßig ausgezahlt wird. Einige andere Instruktionen erhalten Sie dann noch.«

 

»Werden Sie lange fortbleiben, Sir?«

 

Bell zögerte mit der Antwort.

 

»Es ist möglich, daß ich – einige Jahre im Ausland bin.«

 

»So lange, Sir?«

 

Wenn Bell erklärt hätte, daß er für den Rest seines Lebens fortbleiben wollte, hätte Parker auch nicht mehr gesagt.

 

Bell trat ans Fenster und schaute geistesabwesend hinaus. Der Diener machte eine Bewegung, als ob er gehen wollte. »Warten Sie noch einen Augenblick, Parker«, sagte Bell ohne sich umzudrehen. Er stand unentschlossen da, als ob er nicht wüßte, was er tun sollte. Irgendein Entschluß schien ihm schwerzufallen. »Ich werde mich verheiraten.«

 

Jetzt hatte er es gesagt und schien sich erleichtert zu fühlen. Vielleicht würde er jetzt den Mut finden, es auch allen seinen Bekannten mitzuteilen.

 

»Ich bin im Begriff, mich zu verheiraten«, wiederholte er halblaut.

 

»Darf ich mir erlauben, Ihnen mit allem Respekt zu gratulieren«, entgegnete Parker ein wenig kleinlaut.

 

»Wegen Ihrer Stellung brauchen Sie sich keine Gedanken zu machen. Für Sie wird sich nicht viel ändern, da ich mit meiner Frau im Ausland leben werde.«

 

Es trat eine Pause ein.

 

»Darf ich mir die Frage gestatten, ob ich die Dame kenne?«

 

»Das ist anzunehmen«, antwortete Bell und biß sich nervös auf die Lippen. »Wahrscheinlich kennen Sie sie.«

 

Wieder trat eine Pause ein, bis er plötzlich sagte: »In etwa einer Stunde erwarte ich Mrs. Granger Collak. Führen Sie die Dame herein.«

 

Parker machte eine Verbeugung und ging hinaus.

 

Bell setzte sich in einen Sessel.

 

Er dachte an Mrs. Granger Collak und an das, was über sie geredet wurde. Ihr Ruf war wirklich nicht der allerbeste. Diese ungewöhnlich schöne Frau führte einen Lebenswandel, den auch großzügige Leute als ziemlich unmoralisch bezeichneten.

 

Er schaute sich in dem Zimmer um und mußte trotz seiner Sorgen, die ihn bedrückten, lächeln. Sollte er sie heiraten, dann würde sie das Haus vollständig auf den Kopf stellen. Mit seinem großen Vermögen würde sie höchstwahrscheinlich auch bald fertig sein – oder zumindest in aller Harmlosigkeit versuchen, ihn finanziell zu ruinieren. Die Leute würden hinter seinem Rücken lachen und ihn bemitleiden – aber was brauchte das ihn schließlich zu kümmern. Wenn nur seine Mutter nichts davon hörte; doch die wohnte in den Vereinigten Staaten und lebte so zurückgezogen, daß der Londoner Klatsch kaum zu ihr dringen konnte. Sicher, ein wenig bestürzt wäre sie bestimmt über die leichtlebige Schwiegertochter; schließlich gab es aber noch schlimmere Dinge auf der Welt.

 

In gewisser Weise war Mrs. Granger Collak eine sehr kluge Frau, vor allem hatte sie es auch verstanden, bei allen ihren Eskapaden stets einen gewissen Stil beizubehalten. Er wußte zum Beispiel, daß sie schweigen konnte wie das Grab, wenn es not tat. Das hatten selbst die schlauesten Rechtsanwälte erst kürzlich während ihres skandalösen Ehescheidungsprozesses erfahren.

 

Jetzt wollte sie reisen und brauchte Geld. Das konnte er ihr geben. Er wollte dafür nur von ihr verlangen, daß sie sich so anständig wie möglich betrug.

 

Um sieben Uhr geleitete Parker die Dame in das Arbeitszimmer.

 

Sie trug ein Schneiderkostüm, das in seiner Einfachheit ihre extravagante Erscheinung unterstrich.

 

»Bitte nehmen Sie hier Platz.«

 

Er schob einen großen, bequemen Klubsessel an die Seite seines Schreibtisches, so daß sie ihm schräg gegenübersaß.

 

»Nun, Mrs. Collak, was kann ich für Sie tun?«

 

»Sie meinen, wieviel Geld nötig ist, um meine Sorgen zu verjagen?« fragte sie lächelnd. »Ich denke, dreitausend Pfund würden genügen. Natürlich könnte ich auch mit weniger verreisen«, fügte sie hinzu, »und am liebsten würde ich Sie überhaupt nicht darum bitten.«

 

Er öffnete eine Schublade seines Schreibtisches und holte ein Scheckbuch heraus. Mit der nicht verbundenen Hand riß er einen Scheck heraus.

 

»Füllen Sie ihn bitte aus«, sagte er und reichte ihn ihr. »Und machen Sie ihn zahlbar für den Überbringer.«

 

Erst jetzt sah sie, daß seine rechte Hand verbunden war.

 

»Haben Sie sich verletzt?« fragte sie erschrocken.

 

»Nicht so schlimm.« Bell gab ihr seinen Füllfederhalter, holte dann aus einer anderen Schublade die Kassette und öffnete sie. Sorgfältig drückte er den Stempel auf das Farbkissen, nahm den Scheck und stempelte seine Unterschrift darunter.

 

»Man wird Ihnen diesen Scheck einlösen«, sagte er. »Und nun möchte ich noch kurz mit Ihnen sprechen.«

 

Sie faltete den Scheck zusammen, steckte ihn in ihre Handtasche und lehnte sich in ihren Sessel zurück.

 

»Bitte, glauben Sie nicht, daß ich Ihnen Ermahnungen mit auf den Weg geben will, die dreitausend Pfund wert sind«, begann er lächelnd. »Ich möchte über eine Angelegenheit mit Ihnen sprechen, die mich angeht.« Er rutschte nervös auf seinem Stuhl hin und her. »Ich will mich nämlich verheiraten.«

 

»Das freut mich aber«, sagte sie erstaunt. »Wer ist denn die Glückliche?!«

 

»Ich weiß es noch nicht.«

 

Sie beugte sich etwas vor und runzelte die Stirn.

 

»Das wissen Sie nicht? Mein lieber Comstock, was soll denn der Unsinn?«

 

Er schüttelte den Kopf.

 

»Es ist kein Unsinn«, erwiderte er. »Ich habe mich noch nicht entschieden, ich wollte Sie fragen…«

 

Er machte eine Pause. Irgend etwas hinderte ihn daran fortzufahren.

 

»Nun?«

 

»Ach, ich kann es Ihnen nicht sagen.«

 

Sie schaute ihn aufmerksam an, dann lachte sie.

 

»Wirklich, Comstock, Sie sind zu komisch – sagen Sie mir doch, wer es ist, und ich werde Sie sehr gern beraten.«

 

»Ich muß mir alles noch einmal gründlich überlegen«, gestand er verlegen und erhob sich.

 

Sie zuckte die Schultern, stand ebenfalls auf und gab ihm die Hand.

 

»Es tut mir wirklich leid, daß Sie sich mir nicht anvertrauen wollen. Ich gehe jetzt wohl am besten. Haben Sie vielen Dank, Comstock.«

 

Er machte eine abwehrende Handbewegung.

 

»Sprechen wir vorerst nicht mehr darüber«, meinte er. »Ich werde Sie in den nächsten Tagen noch einmal aufsuchen. Sie werden die Stadt doch nicht sofort verlassen?«

 

»Nein, ich bleibe bis Ende der Woche in London.«

 

Er begleitete sie bis zur Haustür und öffnete diese.

 

»Leben Sie wohl – und meinen herzlichsten Dank«, sagte sie noch einmal.

 

»Auf Wiedersehen also!« verabschiedete sich Comstock Bell. »Vielleicht komme ich schon morgen zu Ihnen, wenn ich mehr Mut habe.«

 

Sie dachte über seine Worte nach, als sie zu ihrer Wohnung in der Nähe von Knightsbridge zurückfuhr, und konnte sich sein sonderbares Benehmen nicht erklären.

 

Als Bell allein war, setzte er sich in einen Sessel und schaute gedankenverloren vor sich hin.

 

Er ließ sich ein einfaches Abendessen in die Bibliothek bringen, und nachdem er gegessen hatte, verschloß er die Tür. Parker, der vorbeiging, hörte das Klappern der Schreibmaschine.

 

Um neun Uhr öffnete Bell die Tür wieder und ging nach oben in sein Zimmer. Dort klingelte er nach Parker.

 

»Wer ist noch im Haus?« fragte er.

 

»Thomas sitzt in der Küche, Sir.«

 

»Sagen Sie ihm, daß er warten soll, bis ich nach ihm klingle. Ich möchte, daß Sie zur Charing Cross Station fahren und fragen, um wieviel Uhr die Nachtpost vom Kontinent ankommt.«

 

»Soll ich nicht telefonieren, Sir?«

 

»Nein, gehen Sie bitte selbst«, entgegnete Bell ungeduldig. »Ich möchte, daß Sie sich persönlich ganz genau erkundigen. Sollte ich nicht mehr zu Hause sein, wenn Sie zurückkommen, rufen Sie mich bitte im Klub an.«

 

Er wartete, bis Parker das Haus verlassen hatte, dann begann er sich hastig umzuziehen. Aus einem gut verschlossenen Schrank holte er einen abgetragenen Anzug heraus und zog ihn an. Ein weicher Filzhut und ein Regenmantel vervollständigten seine Kleidung. Aus einer Schublade seines Schreibtisches nahm er ein dickes Paket Banknoten und ließ es in seine Tasche gleiten. Prüfend sah er sich im Zimmer um – der Anzug, den er ausgezogen hatte, fiel ihm ein. Er hängte ihn über einen Bügel in seinem Kleiderschrank und verschloß die Tür. – Gleich darauf eilte er die Treppe hinunter, öffnete vorsichtig die Haustür und trat auf die Straße.

 

Sein ganzes Handeln war zielbewußt und energisch. Ohne nach rechts und links zu sehen, machte er sich in schnellem Tempo auf den Weg. Er vermied belebte Straßen, machte verschiedene Umwege und gelangte schließlich zur Kings Road in Chelsea. Gleich darauf bog er in eine Gasse ein, die zum Themseufer führte.

 

Es hatte zu regnen begonnen; der Fluß lag schwarz vor ihm, Nebelschwaden trieben über die Wasseroberfläche. Das grüne und das rote Licht eines Schleppdampfers schimmerten schwach durch den milchigen Dunst. Bell ging am Ufer entlang, bis er zu einer kleinen Treppe kam, die direkt zum Fluß hinunterführte.

 

Ein kleines Ruderboot hatte dort angelegt. Zwei Leute in glänzendem Ölzeug saßen auf den Ruderbänken.

 

»Lauder!« rief Bell.

 

»Jawohl, Sir«, antwortete eine Stimme, und das Boot wurde durch einen Ruderschlag bis unmittelbar an den Fuß der Treppe gebracht.

 

»Geben Sie mir Ihre Hand, Sir.«

 

Bell packte die Hand, die sich nach ihm ausstreckte, und sprang gewandt in das Boot. Die beiden Männer ruderten mit weitausholenden, kräftigen Schlägen auf die Mitte des Flusses zu.

 

»Wir sind da! Hier liegt die ›Seabreaker‹.«

 

Der eine der Männer zeigte auf einen Schlepper, der direkt vor ihnen lag. Es war ein großes, starkgebautes Schiff, das durchaus auch auf offener See fahren konnte.

 

Das Boot legte an der Steuerbordseite an und machte an einem Tau fest. Bell kletterte eine Strickleiter hinauf und schwang sich, oben angelangt, über die Reeling.

 

»Sie müssen unbedingt ein ordentliches Fallreep beschaffen, Captain«, sagte er.

 

Ein kräftiger, untersetzter Mann mit dichtem, graumeliertem Vollbart legte die Hand zum Gruß an den Südwester.

 

»Ich habe es schon in Auftrag gegeben, Sir.«

 

»Es wäre mir lieb, wenn Sie dafür sorgten, daß es schon morgen angebracht wird«, erklärte Bell. »Ich werde jetzt das Schiff inspizieren.«

 

Der Dampfer war ganz neu und für einen Schlepper wirklich ein Muster an Sauberkeit und Ordnung. Eine ganze Anzahl von Lampen beleuchteten das Oberdeck. Achtern, wo sich sonst bei einem solchen Schiff die Vorrichtungen zur Befestigung der Schleppseile befinden, war das große, breite Deck mit Glaswänden abgeschlossen und zu einem geschmackvoll eingerichteten Raum umgewandelt. Auch hinter dem Kartenzimmer lag noch eine andere große Kabine. Comstock stieg die Leiter zu der kleinen Kommandobrücke hinauf und begab sich in diesen Raum.

 

Die geräumige Kabine war in zwei Einzelräume unterteilt und mit schönen Möbeln ausgestattet worden. Ein Bett stand unter dem einen Fenster und ein wertvoller Schreibtisch unter dem andern. Auf dem Fußboden lag ein hübscher Teppich. Außer durch die Seitenfenster erhielt die Kabine auch noch von oben Licht, sie war mit Milchglas abgedeckt. Eine Tür führte in ein kleines, ebenfalls luxuriös ausgestattetes Badezimmer.

 

Auch dieses inspizierte Bell kurz und ging dann in den nebenan liegenden Raum. Dort stand an einer Wand ein großer Bücherschrank; ein breites Sofa und ein Teppich vervollständigten die Ausstattung.

 

»Kommen Sie herein, Captain Lauder«, sagte Bell durch die geöffnete Tür zu dem Mann, der draußen wartete.

 

Lauder trat näher.

 

»Bitte nehmen Sie Platz. Sie kennen also genau Ihre Instruktionen?«

 

»Jawohl, Sir.«

 

»Sind Sie mit dem Schiff zufrieden?«

 

»Vollkommen. Ich bin letzte Woche damit bei starkem Südwest in die Nordsee gefahren, und das schlechte Wetter hat ihm nicht im geringsten geschadet.«

 

»Wie steht es mit der Besatzung?«

 

»Sie ist unbedingt zuverlässig, Sir. Ich habe meine beiden Söhne mit an Bord genommen. Sie haben vor einiger Zeit ihr Steuermannsexamen gemacht. Unten im Maschinenraum arbeitet mein Bruder Georg mit seinem Sohn und einem andern mit ihm befreundeten jungen Mann.«

 

»Dann haben wir ja fast die ganze Familie beisammen.« Bell lächelte. »Aber letzten Endes hängt doch alles von Ihnen ab, Lauder.«

 

»Mir können Sie völlig vertrauen«, entgegnete der Kapitän ruhig. »Ich werde niemals vergessen, was ich Ihnen verdanke.« »Ich selbst bin Ihnen zu Dank verpflichtet, aber darüber wollen wir nicht mehr reden. Wenn Sie Ihr Fallreep angebracht haben, fahren Sie nach Gravesend hinunter und warten dort weitere Befehle ab. Sie können ruhig an Land gehen, bis ein Telegramm von mir eintrifft. Dann tun Sie alles, was in dem versiegelten Brief steht, den ich Ihnen gegeben habe. Und bedenken Sie immer, daß ich nichts von Ihnen verlange, was gegen die Gesetze verstößt. Weder Sie noch die Mannschaft brauchen sich die geringste Sorge zu machen.«

 

»Davon bin ich überzeugt.«

 

»Legen Sie dieses Geld in Ihren Safe.« Bell holte ein kleines Paket Banknoten aus der Tasche. »Es reicht einige Zeit für alle Ausgaben und Löhne.«

 

Ohne ein weiteres Wort zog er dann seinen Mantel wieder an, stieg in das Boot hinunter und ließ sich an Land rudern.

 

Kapitel 8

 

8

 

Helder klingelte, und die junge Dame, die gerade einen Artikel ins Englische übersetzte, unterbrach ein wenig ungehalten ihre Arbeit und ging in sein Büro. Er hatte sie heute schon zweimal gerufen und war jedesmal sehr liebenswürdig zu ihr gewesen.

 

Als sie eintrat, blätterte er in einem Katalog über Druckereimaschinen.

 

»Ach, Miss Maple«, sagte er freundlich. »Ich habe nach Ihnen geklingelt, um Ihnen zu sagen, daß ich mit Ihrer Arbeit wirklich sehr zufrieden bin.«

 

Es waren erst drei Tage vergangen, seit sie ihre neue Stellung angetreten hatte, und sie ärgerte sich fast über dieses Lob.

 

»Nehmen Sie doch bitte Platz.« Er legte den Katalog beiseite. »Ich habe einiges mit Ihnen zu besprechen.«

 

»Danke, ich bleibe lieber stehen«, entgegnete sie.

 

»Wie Sie wünschen. Es stört Sie doch hoffentlich nicht, daß ich sitzen bleibe? Also – erstens möchte ich Ihnen sagen, daß ich Ihnen statt der vereinbarten drei Pfund vier Pfund wöchentlich zahlen werde.«

 

»Ich denke, Sie zahlen mir genug für meine Arbeit. Es ist doch wirklich nicht viel zu tun.«

 

»Mit der Zeit wird es mehr Arbeit geben. Wir befinden uns augenblicklich in der stillen Saison. Nebenbei – sind Sie nicht die Nichte einer sehr bekannten Persönlichkeit?«

 

Sie wurde rot.

 

»Ich meine das nicht ironisch«, fügte er hastig hinzu. »Thomas Maple hat tatsächlich einen außerordentlichen Ruf. Soviel ich weiß, hat er die neuen österreichischen Banknoten graviert?«

 

»Ich kümmere mich wenig um die Geschäfte meines Onkels«, erwiderte sie. »Es ist mir nur bekannt, daß er früher Platten für Banknoten graviert hat.«

 

»Früher?«

 

»Er lebt jetzt ganz zurückgezogen. Aber wenn es Ihnen nichts ausmacht, Mr. Helder, möchte ich lieber nicht über meinen Onkel sprechen.«

 

Er lächelte wohlwollend.

 

»Meine liebe Miss Maple, ich wollte mich nicht in Ihre Privatangelegenheiten einmischen, aber interessante Leute beschäftigen mich nun einmal.«

 

Er schaute sie an. Sie war wirklich außerordentlich hübsch, und er betrachtete es als einen persönlichen Erfolg, daß er sie für sein Büro hatte gewinnen können.

 

»Ich werde Sie Verity nennen«, sagte er plötzlich.

 

Sie wurde rot und sah zur Seite.

 

Er ging auf sie zu und legte ihr seine Hände auf die Schultern, während sie ihn starr vor Schrecken anblickte.

 

»Verity, wir müssen gute Freunde werden. Aber – zuvor möchte ich, daß Sie mich besser kennenlernen.«

 

Bevor sie eine abwehrende Bewegung machen konnte, legte er den Arm um sie. Sie stieß einen Schrei aus.

 

»Seien Sie doch ruhig«, flüsterte er aufgeregt. »Sie machen ja die Leute im ganzen Haus aufmerksam!« Er war wütend über sich selbst. Wie hatte er nur so die Beherrschung verlieren können.

 

Ohne ein weiteres Wort rannte sie zur Tür, doch bevor sie diese öffnen konnte, hatte er sie eingeholt und gepackt.

 

»Lassen Sie sich ja nicht einfallen, irgend jemandem etwas zu erzählen – auch Ihrem Onkel nicht! Verstehen Sie mich?« Er schüttelte sie wild hin und her. »Und morgen früh kommen Sie wie gewöhnlich wieder hierher. Wenn Sie es nicht tun, werde ich Sie finden – und dann gnade Ihnen Gott! Ich brauche nur gewisse Dinge, die ich weiß, den Leuten zu erzählen …«

 

»Lassen Sie mich gehen«, bat sie leise.

 

Er riß sie wieder an sich; es war ihm anzusehen, daß er nicht mehr richtig wußte, was er tat.

 

Sie schrie; so laut sie konnte – in diesem Augenblick öffnete sich mit einem Ruck die Tür, und Comstock Bell kam herein.

 

Helder ließ Verity sofort los. Er war jetzt so blaß wie sie und zitterte an allen Gliedern. Der Blick, mit dem Bell die Szene überflog, sagte ihm, daß er durchschaut war.

 

»Das Mädchen hat sich mir in die Arme geworfen«, begann er keuchend. »Wirklich …«

 

Bell sah von ihm zu Verity hinüber, die totenbleich und mit geschlossenen Augen an der Wand lehnte.

 

»Helder, Sie sind ein dreckiger Lügner. Glauben Sie vielleicht, Sie könnten mich hinters Licht führen? Sie haben sich wie ein Schuft benommen, und das sind Sie ja schließlich auch. Jeder weiß das.«

 

Verity öffnete die Augen und sah ihn an; einen Augenblick lang begegneten sich ihre Blicke, dann schwankte sie und machte einige taumelnde Schritte auf ihn zu. Bell fing sie auf trug sie in das Nebenzimmer und setzte sie in einen Sessel. Sie fühlte sich bald wieder wohler und dankte ihm für seine Hilfe. Er sah sie nachdenklich und interessiert an.

 

»Erholen Sie sich hier ein wenig«, sagte er dann freundlich. Ich werde Helder solange beschäftigen. Wenn Sie sich wieder besser fühlen, verlassen Sie schnell das Haus, nehmen ein Taxi und fahren heim.«

 

Sie nickte, und er ging in Helders Büro hinüber, wo Helder ärgerlich und wütend an seinem Schreibtisch saß. Comstock Bell schloß die Tür hinter sich und schaute ihn verächtlich an.

 

»Sie sind doch wirklich ein elender Schuft«, sagte er. »Eigentlich sollte ich Sie am Kragen packen und Zum Fenster hinauswerfen.«

 

Helder erwiderte nichts. Er schaute Bell nur von unten herauf mit einem haßerfüllten Blick an.

 

Comstock Bell zog sich einen Stuhl in die Nähe des Schreibtisches und setzte sich.

 

»Da ich nun einmal hier bin, möchte ich doch noch die Sache besprechen, wegen der ich herkam.«

 

Helder nahm sich zusammen. Obwohl er wußte, daß Bell der letzte war, der solche Geschichten weitererzählte, kam ihm doch zum Bewußtsein, daß ihn dieser Mann jetzt völlig in der Hand hatte. Es würde einen Skandal ohnegleichen geben.

 

»Über das, was ich gerade gesehen habe, will ich mit Ihnen nicht mehr reden«, begann Bell. »Wenigstens vorerst nicht… Jetzt erzählen Sie mir vor allem, was Sie über Willetts wissen …«

 

»Interessiert Sie das wirklich so sehr?« entgegnete Helder mißmutig.

 

»Ich möchte alles wissen, was mit Willetts zusammenhängt«, entgegnete Comstock Bell ruhig.

 

Helder stand auf und ging in seinem Büro auf und ab. Er mußte versuchen, unter allen Umständen Herr der Situation zu bleiben. Plötzlich drehte er sich um.

 

»Willetts war der Mann, der unter Umständen, die Ihnen bekannt sind, eine Fünfzigpfundnote fälschte. Das ist allerdings schon lange Zeit her, aber die Polizei hat jetzt einen Haftbefehl gegen ihn erlassen.«

 

»Das ist mir bekannt.«

 

Bell verriet keinerlei Erregung.

 

»Außerdem habe ich Grund zu der Annahme, daß Sie von den Fälschungen wußten oder sogar daran beteiligt waren.«

 

»So, nehmen Sie das an?« fragte Bell.

 

»Sie haben Willetts finanziert – und jetzt beabsichtigen Sie aus irgendeinem Grund, ihn anzuzeigen.«

 

»Wer erzählte Ihnen denn das?«

 

»Ich habe es zufällig herausgebracht und erhielt vorige Nacht den Beweis dafür.«

 

»Was ist das für ein Beweis?«

 

»Sie waren doch gestern im Terriers-Klub, nicht wahr?«

 

»Stimmt, ich hielt mich einige Zeit dort auf.«

 

»Sie schrieben einen Brief, trotz Ihrer angeblich verletzten Hand.«

 

Er zog ein Fach seines Schreibtisches auf und holte ein Löschblatt heraus.

 

»Damit haben Sie den Brief abgelöscht«, sagte er triumphierend. »Soll ich Ihnen sagen, was darin steht?«

 

»Machen Sie sich keine Mühe«, erwiderte Bell kühl.

 

»Sie schrieben folgendes an Morrison von Scotland Yard: Der Mann, den Sie in Verbindung mit der Fälschung einer Fünfzigpfundnote bringen können, ist Harold Willetts. Er arbeitet augenblicklich als Börsenmakler in der Little Painter Street. In acht Tagen wird er vermutlich in die Stadt zurückkommen, und Sie werden in seinem Büro und bei ihm selbst genug Belastungsmaterial finden, um ihn des Verbrechens überführen zu können.«

 

Helder faltete das Löschblatt zusammen, das er gegen das Licht gehalten hatte, und legte es in die Schublade zurück.

 

»Haben Sie das geschrieben?«

 

»Vielleicht.«

 

»Es war wirklich ein Glückszufall, daß ich in den Besitz dieses ›Duplikats‹ kam. Und Sie«, fuhr er fort, »wagen es, mir Vorschriften darüber zu machen, was ich tun und lassen soll. Ein Mensch, der einen anderen verrät, um sich selbst zu retten! Mr. Bell« – er lehnte sich über den Schreibtisch, und seine Stimme zitterte vor Wut – »ich könnte Sie ruinieren, wenn ich wollte!«

 

Comstock Bell schwieg einen Augenblick.

 

»Das wiederholen Sie besser nicht noch einmal«, sagte er dann langsam und betonte jedes Wort.

 

Helder ließ sich in seinen Stuhl zurückfallen und starrte ihn an. Bell nahm seinen Hut und ging zur Tür.

 

»Das Fälschen von Geldscheinen scheint in unseren Kreisen allgemein beliebt zu sein«, sagte er und sah Helder verächtlich an. »Die einen machen sich ein Vergnügen daraus – andere betreiben es kaltblütig aus Profitgier.«

 

Er wählte alle seine Worte mit großer Überlegung.

 

»Ich habe erfahren, daß Sie eine kleine Druckerei in Shropshire besitzen. Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, so schließen Sie dieses Geschäft und bringen Ihre Zeichner und Graveure in eine weniger gefährliche Umgebung.«

 

Kapitel 3

 

3

 

Wentworth betrat an diesem Abend um elf Uhr die Victoria-Station und löste eine Fahrkarte nach Peckham Rye.

 

Er steckte sich eine Zigarre an, ging langsam den Bahnsteig entlang und stieg in den wartenden Zug ein. Im Abteil schloß er die Tür, schaute durchs offene Fenster und beobachtete aufmerksam alle Leute, die vorbeikamen.

 

Die Theater- und Kinovorstellungen waren um diese Zeit noch nicht zu Ende, und der Zug fuhr deshalb nur mäßig besetzt aus dem Bahnhof. Gold holte einen Brief hervor, den er erhalten hatte, bevor er an diesem Abend seine Wohnung verließ. Er las ihn mehrere Male sorgfältig durch, bis er den Inhalt auswendig kannte. Dann zerriß er ihn in kleine Fetzen, die er in Abständen zum Fenster hinauswarf.

 

Das Attentat, das heute abend auf ihn verübt worden war, beunruhigte ihn wenig. Aber er wunderte sich darüber, daß der Mann, den er im Park hatte treffen wollen, nicht gekommen war.

 

In Peckham Rye verließ er den Zug und ging zu Fuß zur Christal Palace Road. Vor einer größeren Villa blieb er stehen. Das Haus lag im Dunkeln, aber er wußte, daß man ihn erwartete. Er ging zur Tür, drückte auf die Klingel, und gleich darauf wurde ihm geöffnet.

 

»Sind Sie Mr. Gold?« fragte eine weibliche Stimme.

 

»Diese Frage wurde mir heute abend schon einmal gestellt«, sagte er und lachte.

 

Die junge Dame schloß die Tür hinter ihm und half ihm beim Ausziehen seines Mantels.

 

»Sie kommen spät«, sagte sie, und er hörte die Besorgnis aus ihrer Stimme.

 

»Nun ja, ich wurde aufgehalten«, entgegnete er. »Wo ist Ihr Onkel?«

 

Sie antwortete nur mit einem Seufzer, und er schüttelte den Kopf. Maple war zwar ohne Zweifel ein genialer Mann, aber auch bei ihm bestätigte sich wieder einmal die alte Wahrheit, daß Genialität nicht weit von Verrücktheit entfernt ist.

 

Sie führte ihn durch einen dunklen Gang zu einer kleinen Küche, die an der Rückseite des Hauses lag.

 

Ein großer, nachlässig gekleideter Mann saß vor einem Tisch. Er hatte die Hände in die Hosentaschen vergraben und starrte mit glanzlosen Augen vor sich hin. Die Tischplatte war mit Reagenzgläsern, Mikroskopen und wissenschaftlichen Apparaten bedeckt.

 

Als die Tür geöffnet wurde, fuhr der Mann zusammen und hob abwehrend die Hand. Dann, nachdem er einen Blick auf seinen Besucher geworfen hatte, stand er auf.

 

»Treten Sie doch bitte näher«, sagte er höflich. »Hol einen Stuhl, Verity.«

 

Das Mädchen gehorchte.

 

Gold folgte ihr mit den Augen – sie war wirklich, sehr hübsch. Ihr Haar glänzte wie Gold, und die feinen, geschwungenen Augenbrauen gaben ihrem Gesicht einen ganz besonderen Reiz. Etwas Schwermütiges, eine leichte Melancholie beschattete ihre großen graublauen Augen. Gold wandte sich ab, als er bemerkte, daß sie unter seinen prüfenden Bücken errötete.

 

Maple sah ihn unsicher lächelnd an. Er las eine Frage in seinem hageren, verwüsteten Gesicht, das die Spuren vieler Ausschweifungen trug. Dieses Mädchen, das erst seit kurzem bei Maple wohnte, war die Tochter seines älteren Bruders, die einzige Verwandte, die er auf der Welt besaß. Sie hatte einen guten Einfluß auf ihn, ja, er hatte geradezu eine merkwürdige Zuneigung zu ihr gefaßt. Es war erschütternd, die unausgesprochene Bitte in seinen Augen zu lesen. Gold nickte ihm kaum merklich beruhigend zu.

 

»Maple, ich glaube, daß Sie Ihre Nichte in der bewußten Angelegenheit ins Vertrauen gezogen haben«, begann Gold das Gespräch und rückte einen Stuhl näher an den Tisch.

 

»Ja, ich habe kein Geheimnis vor ihr.«

 

Auf dem Tisch lag eine Brieftasche aus Leder, Maple nahm sie mit seinen zitternden Händen, öffnete sie und holte einen Pack länglicher Banknoten heraus. Es waren amerikanische Fünfdollarscheine, im ganzen zwanzig Stück. Sie alle zeigten grüne, rote und gelbe Flecken, als ob jemand mit ihnen experimentiert hätte.

 

»Ihrer Meinung nach sind das also alles Fälschungen?« fragte Gold.

 

Maple nickte.

 

»Ich habe jede genau untersucht. Sie kennen doch das Geheimzeichen des Schatzamtes der vereinigten Staaten – das Zeichen, das eine Fälschung fast unmöglich macht –, es fehlt bei allen.«

 

Maple sprach jetzt offensichtlich über sein Lieblingsthema. Müdigkeit und Stumpfheit waren vollständig von ihm abgefallen, seine Stimme klang klar und deutlich.

 

»Und wie steht es mit der Druckfarbe?«

 

»Die ist tadellos«, entgegnete Maple bewundernd. »Ich möchte fast annehmen, daß die Farbe verwandt wurde, die in den staatlichen Druckereien gebraucht wird.«

 

»Die Wasserzeichen?«

 

»Ohne jeden Fehler! Vor allem muß ich Ihnen aber etwas berichten, das Sie sicher in Erstaunen setzen wird.«

 

Er zeigte, mit einer gewichtigen Geste auf die Banknoten, die vor ihm lagen.

 

»Der Mann, der diese Scheine gefälscht hat, bediente sich nicht – wie üblich – der Fotografie als Hilfsmittel. Alle diese Scheine wurden mit richtigen Druckplatten hergestellt! Ich weiß es, weil – doch das tut nichts zur Sache. Auf jeden Fall weiß ich es ganz genau. Die Banknoten wurden sogar auf einer Presse gedruckt, die ganz speziell für diese Zwecke hergestellt wird; sogar das Papier, auf das sie gedruckt wurden, ist von derselben Sorte, wie es das Schatzamt verwendet.«

 

Er nahm die Banknoten und steckte sie in die Brieftasche.

 

»Banknotenfälschungen sind schon immer mein Spezialstudium gewesen«, meinte er nach einer Pause mit einem schiefen Lächeln. »Ich habe sowohl in der französischen als auch in der deutschen Staatsdruckerei gearbeitet – und in Frankreich sollte ich eigentlich heute noch eine gute Stellung einnehmen, wenn nicht …« Mit einer abrupten Handbewegung hielt er inne. »Kurz und gut, Mr. Gold, ich kann Ihnen versichern, daß jeder ungestraft diese Noten in Umlauf bringen kann – und nicht nur die kleinen Scheine, sondern auch die Hundertdollarnoten, die ich untersucht habe.«

 

»Es gibt also wirklich keine Möglichkeit, sie zu erkennen?« fragte Gold. Maple schüttelte den Kopf.

 

»Nur das Schatzamt der Vereinigten Staaten könnte sie an Hand des fehlenden Geheimzeichens als Fälschungen identifizieren.«

 

Gold schob seinen Stuhl zurück, stützte das Kinn in die Hand und dachte angestrengt nach. Das junge Mädchen, das sich in der Nähe des Herdes auf einen Hocker gesetzt hatte, schaute von ihm zu ihrem Onkel hinüber. Plötzlich blickte Gold wieder auf.

 

»Es ist nur ein Glück, daß die Banknotenfälscher ihrer Sache nicht so sicher sind wie Sie. Ich hatte mich mit einem von ihnen heute abend im Green Park verabredet, aber er muß Verdacht geschöpft haben. Statt seiner erwartete mich …«

 

»Wer?« fragte Maple, als Gold verstummte.

 

»Spielt keine Rolle«, knurrte Gold und versank wieder in Nachdenken. Er war ernstlich beunruhigt. Bis jetzt hatte er gehofft, daß Maple, ein Spezialist für Banknotenfälschungen, irgendein einfaches Mittel finden würde, durch das man die Überschwemmung mit falschem amerikanischem Papiergeld verhindern könnte. Er war auf Maple angewiesen, und diese Feststellung war ihm nicht angenehm.

 

Tausende von falschen Banknoten waren bereits in Umlauf gesetzt worden, vielleicht sogar Hunderttausende – alles Scheine von geringem Wert, bei denen sich niemand die Mühe machte, sie genau zu prüfen.

 

»Ja, dann kann ich im Augenblick wohl nichts weiter tun«, sagte Gold und stand auf. Er reichte Maple die Hand zum Abschied und nickte dem Mädchen freundlich zu.

 

Als er gerade die Küche verlassen wollte, hielt ihn Maple zurück.

 

»Ich wollte Sie noch etwas fragen, Mr. Gold. Kennen Sie einen Mr. Cornelius Helder?«

 

»Ja«, sagte Gold, dessen Interesse erwachte.

 

»Ich dachte es mir doch. Er ist ein Landsmann von Ihnen, und ich muß ihn schon irgendwann getroffen haben!«

 

»Helder ist ein ziemlich häufiger Name.«

 

»Er hat meine Nichte gebeten, bei ihm als Sekretärin zu arbeiten.«

 

Gold runzelte unwillkürlich die Stirn, was Maple nicht entging. »Ist mit Helder etwas nicht in Ordnung?« fragte er ängstlich. »Er hat ihr ein gutes Gehalt angeboten.«

 

»Woher wußte er denn, daß Ihre Nichte ohne Stellung ist?«

 

Maple schob seinem Besucher nochmals einen Stuhl hin.

 

»Nehmen Sie doch noch einen Augenblick Platz, ich möchte Ihnen gern mehr darüber erzählen. Die Sache ist etwas merkwürdig. Meine Nichte war nämlich Sekretärin beim alten Lord Dellborough, der neulich starb. Sie hatte eigentlich nicht die Absicht, sich nach einer neuen Stellung umzusehen, da ihr Lebensunterhalt bei mir gesichert ist. Nun kam letzte Woche ein Brief von einer Agentur, in dem ihr dieses Angebot gemacht wurde, obgleich sie sich gar nicht beworben hatte.«

 

»Das ist allerdings ein seltsames Zusammentreffen«, sagte Gold trocken. Er glaubte unter keinen Umständen an einen Zufall und konnte sich ziemlich genau vorstellen, wie die Sache zustande gekommen war.

 

Er schaute Verity wieder an. Höchstwahrscheinlich wußten gewisse Kreise, wer die frühere Sekretärin von Lord Dellborough war, und man konnte ohne weiteres einer Agentur den Auftrag geben, ihr eine Stellung anzubieten. Es kam noch dazu, daß sie außergewöhnlich hübsch war, und Helder interessierte sich stets für gutaussehende junge Damen.

 

»Ich möchte Ihnen raten, die Stelle anzunehmen«, sagte er plötzlich, nahm sein Notizbuch aus der Tasche und schrieb etwas auf einen Zettel.

 

»Hier haben Sie meine Telefonnummer. Sie werden immer jemand erreichen, wenn Sie anrufen. Ich möchte Ihnen aber noch den Rat geben, Helder nicht zu sagen; daß Sie mich kennen – auch wäre es gut, wenn Sie mir mitteilten, ob Sie die Stelle angenommen haben.«

 

Mit diesen geheimnisvollen Worten verabschiedete er sich.

 

Kapitel 21

 

21

 

Auf einer verlassenen Strecke der Cambridge Road mußte Helder die Geschwindigkeit seines Wagens abbremsen. Vor sich auf der Straße sah er ein Auto, das offensichtlich Panne gehabt hatte. Mit dem Vorderteil stand es quer zur Fahrbahn, so daß Helder gezwungen war, einen Bogen um das Hindernis zu machen und ganz langsam zu fahren. Seine Scheinwerfer leuchteten dabei in das Innere des Wagens – einer Frau direkt ins Gesicht; die allein auf dem Rücksitz saß; offensichtlich war der Chauffeur fortgegangen, um Hilfe zu holen.

 

Die Frau war Mrs. Bell.

 

Helder bremste scharf, sprang aus dem Wagen und riß die Tür des andern Autos auf. Soviel Glück hatte er nicht erwartet.

 

»Sie werden mich begleiten müssen, Mrs. Bell«, sagte er hastig.

 

Sie gab ihm keine Antwort, sondern schaute schnell die Straße entlang, ob niemand in der Nähe sei, den sie um Hilfe bitten konnte. Weit und breit war kein Mensch zu entdecken. Ihr war klar, daß sie sich in großer Gefahr befand.

 

Helder hielt bereits die Tür seines Wagens auf und befahl ihr mit einer drohenden Geste, einzusteigen.

 

»Ich fahre auf keinen Fall mit Ihnen«, erklärte sie entschlossen.

 

»Steigen Sie sofort ein!« schrie Helder wütend.

 

Sie schrak zurück, aber er packte sie roh am Arm und zerrte sie in den Wagen.

 

»Nehmen Sie Mrs. Bell in die Mitte«, befahl er seinen Begleitern, »und wenn sie schreit, dann bringen Sie sie zum Schweigen!«

 

Der Wagen fuhr an den ihm entgegenkommenden Fahrzeugen in einem Höllentempo vorbei. Spät am Abend erreichten sie London. Helder vermied die verkehrsreichen Gegenden und suchte seinen Weg hauptsächlich durch die stillen Vororte. Er fuhr immer weiter nach Osten, bis die Stadt wieder hinter ihnen lag und sie durch das Flachland von Essex kamen.

 

Helder hatte sich schon seit langer Zeit auf eine Flucht vorbereitet. Er kaufte und mietete an allen möglichen Orten kleine Landhäuser, denn er kannte den Wert eines sicheren Schlupfwinkels.

 

Zehn Meilen von Barking entfernt zieht sich ein öder, flacher Landstrich bis an die Flußufer hin. Einige düster aussehende Fabriken, ein Flugplatz und große Kohlenlager befanden sich an der Flußseite.

 

Helder lenkte seinen Wagen dorthin. Er schien den Weg genau zu kennen.

 

»Hier steigen wir aus«, sagte er plötzlich.

 

Es war kein Haus in der Nähe zu entdecken. Sie schienen die einzigen lebenden Wesen in dieser feuchten, unwirtlichen Gegend zu sein. Verity konnte nur noch die aufgeschichteten Kohlenhaufen sehen. Einen Augenblick fürchtete sie für ihr Leben.

 

Helder packte sie am Arm und zog sie hinter sich her.

 

»Es geschieht Ihnen nichts, wenn Sie vernünftig sind«, flüsterte er.

 

Sie ließen das Kohlenlager links liegen und gingen ungefähr eine Viertelstunde lang über unebenes Gelände; Verity stolperte mehrmals.

 

In der Dunkelheit erkannte sie schließlich die Umrisse eines niedrigen Gebäudes, das dicht am Wasser stand.

 

Einen Augenblick machte sich Helder an dem Vorhängeschloß zu schaffen, dann öffnete er die Tür des Schuppens und schob sie vor sich her in das Innere. Ein schwacher Geruch von Öl und Petroleum schlug ihr entgegen.

 

Helder knipste eine Taschenlampe an, und sie sah nun, daß sie sich in einem geräumigen Bootshaus befand. In der Mitte stand ein großes Motorboot auf einer Gleitbahn, die direkt ins Wasser führte. Die Ausfahrt war durch ein Tor versperrt.

 

Helder sah sie triumphierend an.

 

»Das ist mein Rettungsboot«, sagte er. Er schien auf einmal wieder guter Stimmung zu sein. »Es wartet darauf, mich vor dem allgemeinen Schiffbruch zu retten. Ich glaube, es ist jetzt höchste Zeit, daß wir dieses Land verlassen.«

 

Seine beiden Begleiter betrachteten das große, starke Fahrzeug mit lebhaftem Interesse.

 

Besonders Tiger Brown zeigte sich beeindruckt von der klugen Voraussicht seines Chefs.

 

»Es ist ein gutes Boot. Ich habe es mit ausreichenden Vorräten auch für eine längere Fahrt versorgt«, bemerkte Helder. Er öffnete das Tor, das zum Fluß führte, und sie konnten die dunkle Wasserfläche sehen.

 

»Einsteigen«, sagte er dann und zeigte auf eine Leiter, an einer Wand des Bootshauses hing.

 

Brown holte sie, lehnte sie gegen das Heck des Motorboots und stieg hinauf. Helder wandte sich an Verity und zeigte nach oben.

 

»Ich denke nicht daran, mit Ihnen zu gehen!« rief sie ängstlich. »Machen Sie, was Sie wollen – ich bleibe hier.«

 

»Sie werden es sich noch überlegen, Mrs. Bell. Glauben Sie, daß ich Lust habe, Ihrem Mann im Chelmsford-Gefängnis zu begegnen?«

 

Sie wurde blaß und taumelte einige Schritte zurück.

 

Helder lachte triumphierend.

 

»Das haben Sie nicht gedacht, daß ich Ihr Geheimnis kenne, wie? Und verlassen Sie sich darauf, ich werde nicht davor zurückschrecken, den Gebrauch davon zu machen, den ich für richtig halte. Was meinen Sie, wie sich das ›Post Journal‹ über einen kleinen Artikel von mir freuen würde! Also – ersparen Sie sich und Ihrem Mann diese Blamage und fügen Sie sich meinen Anordnungen.«

 

»Mein Mann ist unschuldig«, sagte sie leise. »Er ist für jemand anders ins Gefängnis gegangen.«

 

Helder verbeugte sich spöttisch.

 

»Natürlich, wie Sie wollen! Das behaupten die meisten Leute, die hinter Gittern sitzen. Und jetzt – einsteigen! Aber ein wenig schnell, wenn ich bitten darf.«

 

Sie wußte, daß weiterer Widerstand zwecklos war. Wenn sie ihm nicht gehorchte, würde er das Geheimnis, das sie mit so viel Opfern und Mühe gehütet hatte, der Öffentlichkeit preisgeben.

 

Verzweifelt sah sie sich nach den Begleitern Helders um, aber sie wußte, auch von dort war keine Hilfe zu erwarten. Die beiden hatten jetzt nur einen Wunsch – zu entkommen.

 

Mühsam faßte sie sich und kletterte die Leiter hinauf. Helder folgte dicht hinter ihr.

 

Oben löste Helder sofort die Sperren, die das Boot an seinem Platz festhielten. Rasch glitt es auf den leicht geneigten Holzschienen, auf denen es ruhte, ins Wasser. Gleich darauf begann der Motor dumpf zu rattern, und mit spritzender Bugwelle fuhren sie stromabwärts, der offenen See zu.

 

Clinker war nach vorne gegangen, und Tiger Brown stand am Steuer. Helder blieb mit Verity allein in der kleinen hinteren Kabine. Er knipste das Licht an und ging auf Verity zu, die entsetzt vor ihm zurückwich.

 

»Wie wäre es, wenn wir ein wenig miteinander plauderten?« fragte er höhnisch. »Schließlich könnten Sie mir erzählen, ob Sie in Ihrer jungen Ehe glücklich sind oder nicht.«

 

Sie hatte die Lippen fest aufeinandergepreßt und sah ihn verächtlich an. Ihr Blick brachte ihn in Wut. Wie damals in seinem Büro war er nahe daran, jede Selbstkontrolle zu verlieren.

 

Mit einer raschen Bewegung knipste er das Licht aus und versuchte sie zu fassen. Doch sie stand bereits am anderen Ende der Kabine.

 

»Wenn Sie mir zu nahe kommen, springe ich über Bord.«

 

»Keine Angst«, entgegnete er zynisch. »Sie sind mir viel zu wertvoll, als daß ich nicht ganz besonders um Ihr Wohlergehen besorgt wäre. Comstock Bell wird ganz bestimmt dumm genug sein, eine anständige Summe als Lösegeld für Sie zu bezahlen.«

 

Während der letzten Worte hatte er sich ihr im Dunkeln leise genähert. Bevor sie ausweichen konnte, war er mit einem Satz bei ihr und packte sie an den Schultern. Sie schrie laut um Hilfe.

 

»Halten Sie den Mund!« zischte er sie wütend an.

 

»Lassen Sie mich in Ruhe«, schrie sie, so laut sie konnte. Sie hoffte, daß wenigstens Tiger Brown oder Clinker hereinschauen würden.

 

Es wurde ihm jetzt selbst unbehaglich, und er ließ sie wieder los.

 

»Machen Sie sofort das Licht an« – sie nützte ihren Erfolg aus.

 

Tatsächlich ging er zum Schalter, und im nächsten Augenblick war die Kabine wieder hell erleuchtet. Außer sich vor Aufregung wandte sie ihm den Rücken zu und schaute durch das kleine Fenster auf den Strom hinaus – plötzlich fuhr sie zusammen.

 

»Gott sei Dank«, flüsterte sie, »die ›Seabreaker‹.«

 

Er war neben sie getreten und sah zu seinem Schrecken einen kleinen Dampfer, der mit höchster Fahrt direkt auf sie zu hielt. Einen Augenblick lang war er fassungslos, und diesen Moment benützte sie. Bevor er sie festhalten konnte, war sie durch die Kabinentür gerannt und an die Reling gestürzt. Er konnte sie zwar noch einholen, doch mit der Kraft der Verzweiflung riß sie sich los und sprang ins Wasser.

 

Fluchend stand er an der Reling, doch dann sah er die Lichter des Dampfers immer näher kommen – es blieb ihm nichts übrig, als so schnell wie möglich das Weite zu suchen.

 

Tiger Brown, der das Steuer für einen Augenblick Clinker übergeben hatte, kam gerade auf ihn zu.

 

»Was ist denn los, zum Teufel?« fragte er.

 

Helder stieß ihn zur Seite.

 

»Schnell, wir müssen das Letzte aus der Maschine herausholen. Wenn wir die belgische Küste vor Tagesanbruch erreichen, haben wir es geschafft!«

 

Nach fünf Minuten drehte er sich wieder um und atmete erleichtert auf. Der Zwischenraum zwischen ihrem Boot und dem verfolgenden Schiff wuchs von Sekunde zu Sekunde, denn die ›Seabreaker‹ hatte beigedreht. Helder zweifelte nicht daran, daß man Boote aussetzte, um nach Verity Bell zu suchen.

 

Kapitel 22

 

22

 

In der Kabine der ›Seabreaker‹ lag Verity Bell. Sie fühlte sich noch sehr schwach, lächelte aber zufrieden, als sie die Augen aufschlug. Comstock saß neben ihr. Der Dampfer hatte die Fahrtrichtung geändert und fuhr jetzt den Strom hinauf. Gold, der neben dem Kapitän auf der Brücke stand, sprach kein Wort. Er hatte alle Küstenstationen benachrichtigt und war gespannt, ob es noch gelingen würde, das Motorboot aufzuhalten. Auch die französischen und belgischen Küstenstationen waren bereits alarmiert.

 

Draußen heulte ein starker Nordwestwind.

 

Verity hatte Comstock schon seit einiger Zeit aus halbgeschlossenen Augen betrachtet, noch bevor er merkte, daß sie wieder zum Bewußtsein gekommen war. Sie sah die harten Linien, die der Gefängnisaufenthalt in sein Gesicht gezeichnet hatte, las aber auch Befriedigung und Erleichterung in seinem Blick.

 

Was sollte nun werden? Sie war bereit, auch der schlimmsten Möglichkeit entschlossen entgegenzutreten. Was mochte ihr die Zukunft bringen? Irgendeine Lösung mußte man finden – so oder so.

 

Mit einem Lächeln öffnete sie die Augen.

 

»Nun?« fragte sie freundlich.

 

»Du warst wohl sehr überrascht, mich hier wiederzusehen?« begann er. Eine merkwürdige Scheu hielt ihn davon ab, sie bei ihrem Namen zu nennen.

 

»Nein«, erwiderte sie ruhig.

 

Ein langes Schweigen trat ein.

 

»Mein Onkel …«, fuhr sie schließlich fort, »ist er – tot?«

 

Comstock Bell nickte traurig.

 

»Ich habe es befürchtet«, sagte sie leise. »Er war so gut zu mir.« Ihre Augen standen voll Tränen. »Jetzt bin ich –« sie brach ab und weinte fassungslos.

 

»Du wolltest sagen, daß du jetzt ganz allein bist.« Comstock Bell nahm ihre schlaff herabhängende Hand in die seine. »Und doch hast du kein Recht dazu – wir sind verheiratet.«

 

Sie sah ihn bedrückt an.

 

»Es wäre mir lieber gewesen, du hättest es jetzt nicht erwähnt«, erwiderte sie traurig. Ihr Blick ging an ihm vorbei. »Was ist das schon für eine Ehe, die wir führen!«

 

Er nickte. Es war totenstill im Raum, nur das gleichmäßige Stampfen der Maschinen ließ ab und zu die Fensterscheiben erzittern.

 

»Du hast recht«, entgegnete er schließlich. »Aber glaubst du denn, eine Scheidung wäre der einzige Weg für uns? Sicher, du wärst damit einverstanden, weil du denkst, ich wollte dich wieder loswerden … Denkst du das denn wirklich?«

 

Sie wurde rot.

 

»Nein, eigentlich nicht«, entgegnete sie leise. »Und doch, ich kann nicht einfach deine Frau bleiben, nur weil ich einmal Gelegenheit hatte, dir zu helfen. Reden wir doch ganz offen darüber – schließlich ist es uns beiden klar, daß wir einander nicht aus Liebe geheiratet haben. Du hast mich schon öfter gefragt, warum ich überhaupt mit dieser Ehe einverstanden war. Nun, als ich erfuhr, daß du für Willetts ins Gefängnis gehen wolltest, um euer beider Schuld zu sühnen, dachte ich mir, daß auch ich meinen Teil dazu beitragen könnte. Anstelle meines Onkels wollte auch ich etwas gutmachen … Und jetzt, jetzt muß ich daran denken, daß einmal eine Zeit kommen könnte, in der ich mich richtig in jemand verliebe …«

 

Sie senkte den Blick, doch er nahm ihren Kopf zwischen die Hände und sah sie voll an.

 

»So darfst du nicht reden! Vielleicht haben wir uns nicht geliebt, als wir uns heirateten – inzwischen ist aber viel Zeit vergangen, und ich wußte schon im Gefängnis, daß ich nicht mehr ohne dich leben kann. Du sagst, es könnte sein, daß du dich einmal verliebst – willst du dich nicht in mich verlieben?« Sie erwiderte nichts, mußte aber doch ein wenig lächeln.

 

»Du hast ein großes Risiko für mich auf dich genommen«, fuhr er mutiger geworden fort. »Willst du noch ein wenig mehr riskieren – daß du dich in mich verliebst, wenn du dich einmal verliebst?«

 

Sie sah ihn lange an, dann drückte sie fest seine Hand.

 

»Ja, ich will es tun.«

 

*

 

In der Nordsee kämpfte sich ein Motorboot durch einen Sturm voran, der dauernd heftiger wurde.

 

Die drei Männer an Bord taumelten hin und her. Helder und Tiger Brown hielten beide krampfhaft das Steuerruder umklammert.

 

»Schauen Sie sich die Wellen an! Das Wetter wird immer schlimmer!« brüllte Brown. Der Sturm riß ihm die Worte vom Mund.

 

Helder schüttelte grimmig den Kopf.

 

»Wir sind alle drei keine Seeleute – wenn es so weitergeht, bleibt uns nichts übrig, als umzudrehen.«

 

Das Motorboot zitterte in allen Fugen, als eine mächtige Welle den Bug in einen gischtenden Schaumberg verwandelte.

 

Verzweifelt schaute Helder zurück. Am Horizont sah er gerade noch den gelben Lichtstreifen des Leuchtschiffes, das sie an der Themsemündung passiert hatten.

 

Eine neue Welle traf das Boot von der Seite, so daß es sich schwer überlegte. Es hatte keinen Sinn, sie konnten die Fahrt über den Kanal jetzt nicht wagen.

 

»Wir müssen umkehren«, sagte Helder achselzuckend. »Am besten, wir versuchen irgendeine einsame Stelle an der Küste anzulaufen. Die Themse wieder hinaufzufahren, wäre viel zu gefährlich. – und in vier Stunden wird es hell.«

 

Tiger Brown und Clinker nickten schweigend. Es blieb ihnen keine andere Wahl.

 

Das Glück war ihnen wenigstens so weit günstig, daß es ihnen gelang, eine verhältnismäßig versteckte Bucht zu finden, in der sie eine Landung wagen konnten. Um fünf Uhr morgens knirschte der Kiel des Bootes im Sand.

 

»Was soll aus dem Kahn werden?« fragte Tiger Brown.

 

Helder zögerte; er trennte sich nicht gern von dem Boot, das für ihn fast die letzte Hoffnung darstellte, England unbemerkt zu verlassen. Aber dann machte er sich klar, daß es im Laufe des Tages doch von der Küstenwache entdeckt werden würde. Er mußte das Boot opfern.

 

Sie drehten es mühsam mit dem Bug zur See, laschten das Steuer fest und stellten den Motor auf volle Fahrt. Nach wenigen Minuten war es ihren Blicken hinter einem Regenvorhang entschwunden. Stumm sahen sie ihm nach.

 

Helder und seine Begleiter waren bis auf die Haut durchnäßt. Niedergeschlagen machten sie sich auf den Weg landeinwärts. Kein Mensch begegnete ihnen, und nach einer halben Stunde erreichten sie das Dorf Little Clacton.

 

Hier trennten sie sich. Jeder von ihnen hatte in der Brieftasche eine Geldsumme, die ein kleines Vermögen darstellte.

 

»Wohin gehen Sie?« fragte Brown.

 

»Nach London«, entgegnete Helder. »Vielleicht gelingt es mir, mich doch noch zum Kontinent durchzuschlagen.«

 

»Gut. Wir werden uns zunächst einen Schlupfwinkel suchen. Auf Wiedersehen in Amerika – oder im Kittchen.«

 

Helder kehrte ihnen den Rücken und machte sich auf den Weg zur Bahnstation. Wieder blieb ihm sein altes Glück treu – als er dort ankam, verließ eben ein Güterzug den Bahnhof in Richtung Colchester. Er lief nebenher und schwang sich mit letzter Kraft auf einen der Güterwagen.

 

Seine Zähne klapperten vor Kälte, doch er achtete nicht darauf. Würde ihm die Flucht gelingen?

 

Wenn der Zug unterwegs nicht anhielt, mußte er in einer Stunde in Colchester sein. Und es war ziemlich unwahrscheinlich, daß er auf kleineren Stationen haltmachte.

 

Er hatte mit seiner Vermutung recht; nach nicht allzulanger Zeit stand der Zug vor einem Haltesignal außerhalb von Colchester. Vorsichtig sprang er aus dem Wagen, ging querfeldein und erreichte ohne Zwischenfall die Stadt.

 

Einige Leute, die auf dem Weg zu ihren Arbeitsstätten waren, begegneten ihm. Der Morgenwind blies heftig, und Helder war bis auf die Knochen durchfroren. Die Leute würden aussagen, daß sie ihn hier gesehen hatten.

 

Etwas später traf er einen Mann, der rasch ausschritt und dabei ein Liedchen pfiff. Helder hielt ihn an.

 

»Entschuldigen Sie …«, begann er.

 

Der Mann wartete und betrachtete Helder argwöhnisch.

 

»Wollen Sie sich etwas verdienen?« fragte Helder.

 

»Sicher«, sagte der Mann. Aber es klang nicht gerade begeistert.

 

»Ich hatte eine Havarie an meinem Motorboot«, erzählte Helder. »Mußte landen und fünf Meilen querfeldein gehen. Was ich brauche, ist eine Unterkunft und trockene Kleider.«

 

»Es gibt genug Hotels in der Stadt«, antwortete der Mann brummig.

 

Helder zerstreute seine Bedenken.

 

»Ich möchte aber in kein Hotel gehen. Man soll nicht wissen, daß ich hier bin. Ich habe meine Gründe dafür. Irgendwelche trockene Kleider genügen mir.«

 

Er zog seine Brieftasche heraus und zeigte dem Mann zwei Fünfpfundnoten.

 

»Kommen Sie mit in meine Wohnung«, sagte dieser, plötzlich höflicher geworden.

 

Er führte Helder ein Stück zurück in eine kleine Nebenstraße zu einem einzeln stehenden Haus. Sie traten ein, und Helder wurde in ein Wohnzimmer geführt.

 

»Ich sage rasch meiner Frau Bescheid. Sie wird bestimmt einen passenden Anzug für Sie finden.«

 

Der Raum war nicht geheizt, aber Helder fühlte sich hier behaglich im Gegensatz zu seinem Aufenthalt im Eisenbahnwaggon und auf freiem Feld. Der Mann kam nach einiger Zeit mit einem Bündel Kleider unter dem Arm zurück, die er auf dem kleinen Sofa ausbreitete.

 

»Bitte suchen Sie sich aus, was Sie brauchen. Meine Frau macht gerade eine Tasse Tee für Sie.«

 

Er ging wieder hinaus, und Helder zog rasch einen noch recht gut erhaltenen Anzug an, den ihm der Mann gebracht hatte.

 

Helder sah in seiner neuen Kleidung vollkommen verändert aus. Der Anzug paßte besser, als er gedacht hatte. Er band sich noch einen wollenen Schal um den Hals, und man konnte ihn nicht mehr von einem gewöhnlichen Arbeiter unterscheiden. Seine Brieftasche und die anderen kleinen Gegenstände, die in seinem eigenen Anzug steckten, nahm er heraus und suchte noch einmal alle Taschen durch, um nicht später der Polizei einen Hinweis zu geben. Inzwischen brachte die Frau den Tee und machte Feuer an.

 

»Ich möchte nicht, daß über die Sache gesprochen wird«, sagte Helder zu dem Mann. »Man glaubt allgemein, ich sei in London, und es wäre mir unangenehm, wenn bekannt würde, daß ich mich hier in der Gegend herumtreibe.«

 

Der Mann nickte und zwinkerte verschmitzt mit den Augen.

 

»Sie können sich auf mich verlassen«, erwiederte er. »Was soll mit Ihren Kleidern geschehen?«

 

»Die können Sie behalten.«

 

Helder trank Tee und aß zwei dicke Scheiben Toast.

 

Es war inzwischen hell geworden, und er ging rasch zum Bahnhof und löste eine Arbeiterfahrkarte nach Romford. Dort stieg er in einen Vorortzug Richtung London.

 

Um acht Uhr kam er auf dem Liverpool-Street-Bahnhof an. Die Straßen waren von Arbeitern bevölkert, die zu den Fabriken strömten.

 

Es war ihm klar, daß er die City möglichst vermeiden mußte; er ging also in östlicher Richtung weiter und kaufte in einem Laden für Gebrauchtwaren einen dicken Mantel und einen Hut, wie er sie früher nie getragen hatte. Auf Umwegen erreichte er New Cross, die Station, auf der die Personenzüge in Richtung Dover halten.

 

Wieder hatte er Glück. Es war alles einfacher, als er gedacht hatte. Er war auf einmal todmüde von den Anstrengungen der vergangenen Nacht.

 

Bis Ashford schlief er ein wenig und stieg dann aus dem Zug, der hier einige Minuten Aufenthalt hatte. Er aß am Eisenbahnbüfett eine Kleinigkeit und kaufte sich rasch eine Zeitung.

 

Es war die neueste Morgenausgabe, die mit großen Schlagzeilen von dem Ende der Fälscherbande berichtete.

 

Helder biß die Zähne zusammen, als er seinen Namen las. Und dann erschrak er – das Motorboot war von einem Küstenwachschiff aufgefischt worden, und die Polizei kombinierte richtig, daß die drei Verbrecher wieder aufs Festland zurückgekehrt waren.

 

Alle Zugs wurden überwacht, sämtliche Kanalhäfen kontrolliert – jetzt war seine Lage katastrophal.

 

Während er versuchte, zu einem Entschluß zu kommen, hielt ein Zug nach London vor seiner Nase. Er faßte es als einen Fingerzeig des Schicksals auf und stieg ein, obwohl er wußte, daß der Zug erst am Waterloo-Bahnhof halten würde.

 

Seine ganze Hoffnung bestand darin, daß die Polizei ihre Aufmerksamkeit wahrscheinlich eher auf die Züge konzentrierte, die nach den Küstenstationen fuhren.

 

Das Glück blieb ihm treu. Der Bahnhof wurde zwar von einem halben Dutzend Kriminalbeamten bewacht, aber keiner entdeckte ihn.

 

Mit der Untergrundbahn fuhr er quer durch London und erreichte High Gate. Hier kaufte er verschiedenes ein, vor allem einen Koffer und einen zweiten Anzug. Mit diesen Sachen fuhr er wieder nach Südlondon zurück und stieg dort in einen Vorortzug Richtung Sydenham. In einem leeren Eisenbahnabteil wechselte er seine Kleider und veränderte mit einer dicken Hornbrille sein Aussehen so sehr, daß man ihn kaum wiedererkennen konnte.

 

Wentworth Gold und ganz Scotland Yard waren ihm auf den Fersen. Er wußte, daß seine Chancen hundert zu eins standen.

 

Am Nachmittag um fünf Uhr wurden Tiger Brown und Clinker in Brentford verhaftet. Bei ihrem Verhör kam wenig heraus, was die Polizei nicht schon wußte. Natürlich hatten sie keine Ahnung, wohin Helder flüchten wollte.

 

»Ich möchte wetten, daß er in London war«, erklärte Gold. »Wir müssen jetzt nur aufpassen, daß er sich nicht wieder bis zur Küste durchschlägt.«

 

Helder ging sehr geschickt vor. Er benützte nie einen Schnellzug, sondern entfernte sich durch kleine Fahrten mit Vorortzügen immer weiter von der Hauptstadt. Mit einem Bummelzug erreichte er Reading, führ dann nach Fishguard und kam gerade Zur rechten Zeit in diesem Hafenort an, um noch den Dampfer nach Irland zu erreichen.

 

Wieder erkannte ihn niemand, als er an Bord ging. Zwei Kriminalbeamte, die die einsteigenden Passagiere beobachteten, wendeten gerade im richtigen Moment ihren Verdacht einem völlig unbescholtenen Reisenden zu.

 

Dann aber ließ Helder das Schicksal, das ihm bisher immer noch weitergeholfen hatte, endgültig im Stich. Die Art und Weise, wie er verhaftet wurde, waren ein Witz, den jeder spaßig fand – außer Helder selbst.

 

Gold wurde in den frühen Morgenstunden durch ein Telegramm geweckt, das ihm von Scotland Yard gesandt worden war. Es lautete kurz: »Helder in Queenstown verhaftet.«

 

Gold nahm den nächsten Zug und traf am Vormittag in der Hafenstadt ein. Auf der Polizeiwache wurde er bereits erwartet, und man führte ihn sofort in eine Zelle, in der Helder mit resigniertem Gesichtsausdruck auf einer Pritsche hockte.

 

»Na, Gold, jetzt haben Sie mich also doch erwischt!«

 

Gold nickte.

 

»Ich habe es Ihnen vorausgesagt.«

 

Helder lachte bitter.

 

»Hat man Ihnen schon erzählt, wie man mich verhaftete?«

 

»Nein«, entgegnete Gold erstaunt. Er wunderte sich, daß der Gefangene ausgerechnet darauf zu sprechen kam. Helder lehnte sich zurück, steckte die Hände in die Taschen und sah an Gold vorbei auf die Gitterstäbe des Fensters.

 

»In einem Reisebüro kaufte ich mir eine Schiffskarte nach Amerika«, sagte er. »Unter den Banknoten, mit denen ich bezahlte, war auch eine Fünfpfundnote. Mein Geld war echt, und ich dachte schon, ich hätte es geschafft, als man mir die Schiffskarte aushändigte – doch an der Tür verhaftete mich ein Kriminalbeamter.«

 

»Nun ja, man hat Sie sicher erkannt«, meinte Gold.

 

»Nein, das war es nicht«, entgegnete Helder mit erstickter Stimme. »Aber die Fünfpfundnote, mit der ich bezahlte, war gefälscht.«

 

»Aber Sie haben doch niemals Fünfpfundnoten gefälscht!«

 

»Nein, das ist es ja gerade. Gefälscht hat sie irgendein anderer – ein Stümper! Und ich habe sie zufällig in die Hand bekommen!«

 

Kapitel 23

 

23

 

Mrs. Verity Bell saß auf der breiten, sonnenüberfluteten Terrasse des Hotels ›Cecil‹ beim Frühstück. Vor ihr lag Gibraltar, ein großer grauer Felsblock, links zog sich die sanft gewellte Hügelkette des spanischen Festlandes hin, und hinter ihr schlossen die weißen Häuser von Tanger das Panorama ab.

 

Verity war glücklich. In den letzten drei Monaten hatte sie ein Leben geführt, wie sie es früher nur aus Romanen gekannt hatte. Sie war in der Schweiz gewesen, in Italien, Spanien und Ägypten – und was in der Zukunft vor ihr lag, würde genauso sorgenlos und schön sein.

 

Schritte näherten sich, und als sie sich umwandte, stand Comstock vor ihr.

 

»Hallo, schon so früh auf?«

 

Sie lächelte ihn an, und er setzte sich ihr gegenüber an den Tisch.

 

»Das Frühstück kommt gleich«, sagte er. »Hast du Hunger? Diese Hitze schon am frühen Morgen verschlägt mir jedesmal den Appetit.«

 

Sie blickte ihn besorgt an.

 

»Du bist doch nicht etwa krank?« fragte sie ängstlich.

 

»Aber keine Spur!«

 

»Der Portier hat mir erzählt«, erklärte sie hastig, »daß in Tanger eine Typhusepidemie ausgebrochen ist. Glaubst du nicht, daß es besser wäre, wenn wir gleich abreisten?«

 

Er schüttelte lachend den Kopf.

 

»Mach dir doch keine Sorgen um mich! Paß nur auf dich selber auf – hm, allerdings – ich möchte nicht, daß du dich ansteckst. Das wäre entsetzlich!«

 

Plötzlich war er ernst geworden und schaute sie unruhig an.

 

Sie mußte laut lachen, und er stimmte ein, als er das Humorvolle der Situation erkannte.

 

Ein Kellner brachte auf einem Tablett die Post, und Comstock schaute sie flüchtig durch. Einen Brief, auf dem er die Handschrift Wentworth Golds erkannte, öffnete er und überflog ihn schnell.

 

»Gib es etwas Neues?« fragte sie.

 

»Ja – Helder ist tot«, entgegnete er. »Merkwürdig – Gold, der doch wirklich nicht romantisch veranlagt ist, glaubt, daß er an gebrochenem Herzen gestorben ist.« Er schob seinen Stuhl zurück und schaute nachdenklich aufs Meer hinaus.

 

»Er war ein Verbrecher«, sagte er. »Aber wer kann sich die Versuchungen vorstellen, denen ihn sein unbändiger Ehrgeiz aussetzte? Sicher hatte er gute Anlagen, die wie bei so vielen anderen durch schlechte äußere Einflüsse immer mehr verschüttet wurden.«

 

Er öffnete einen anderen Brief, ließ ihn aber gleich wieder sinken, »jeder stellt sich unter seinem Glück etwas anderes vor«, meinte er nachdenklich.

 

Sie schaute schnell auf.

 

»Bist du denn glücklich?« fragte sie schüchtern.

 

»ja, Verity – das bin ich«, entgegnete er mit einem leichten Zögern in der Stimme. »Nur manchmal mache ich mir Sorgen um die Zukunft. Ich habe Gewissensbisse. Ich fühle, daß zwischen uns noch nicht alles so ist, wie es sein sollte.«

 

»Du weißt, daß auch ich manchmal fürchte, zwischen dir und deinem Lebensglück zu stehen«, erwiderte sie ernst.

 

»Du bist mein Lebensglück«, sagte er leise. »Was immer auch die Zukunft bringen mag, das ist eine Tatsache. Es ist so leicht, dich lieb zu haben, Verity.«

 

Seine Worte klangen so einfach und selbstverständlich, daß sie errötend die Tasse hob, um ihre Verwirrung zu verbergen.

 

»Vielleicht denke ich schon lange das gleiche und wollte es dir nur nicht sagen.«

 

»Das wäre schön, sehr schön, Verity. Vielleicht bist du dir aber doch noch nicht ganz im klaren, so klar wie ich mir heute bin. Wir haben ja soviel Zeit – und du kannst noch lange warten, bevor du dich entscheidest. Ich werde trotzdem immer bei dir bleiben …«

 

Die Tasse, die Verity in der Hand hielt, hatte schon die ganze Zeit bedenklich gezittert. Jetzt fiel sie auf den Marmorfußboden und zerbrach in hundert Stücke. Verity lachte, lief um den Tisch herum und lehnte sich an ihren Mann.

 

»Aber ich will doch gar nicht mehr warten«, sagte sie glücklich.«

 

 

Ende

 

Kapitel 4

 

4

 

Für Verity Maple bedeutete die Christal Palace Road das traurige Erwachen aus einem schönen Traum. Es war ihr seither immer gut gegangen, obwohl ihre Mutter schon früh gestorben war; ihr Vater, George Maple, hatte zwölfhundert Pfund im Jahr verdient – leider aber stets fünfzehnhundert ausgegeben. Der Augenblick kam, an dem seine finanziellen Verhältnisse hoffnungslos zerrüttet waren; schließlich gab es nur noch zwei Wege für ihn: Bankrotterklärung oder Selbstmord. Ein Autobus, dem er nicht rechtzeitig auswich, enthob ihn der Entscheidung. Als Verity aus einem belgischen Pensionat heimgekehrt war, fand sie ihr Vaterhaus bereits im Besitz einer Anzahl von Gläubigern, die rücksichtslos versteigern ließen, was nicht niet– und nagelfest: war. Verity saß auf der Straße. Sie wußte nicht was tun, doch da tauchte Tom Maple auf.

 

Sie hatte früher schon von Onkel Tom gehört und hatte auch Briefe von ihm aus den verschiedensten Städten erhalten, dabei war ihr seine merkwürdige Angewohnheit aufgefallen, gleichzeitig mit dem Aufenthalt auch den Namen zu wechseln.

 

Er war wirklich ein sonderbarer Mensch, aber ihr gegenüber zeigte er sich von seiner liebenswürdigsten Seite. Verity hatte alle Ursache, ihm dankbar zu sein.

 

Sie zogen zusammen in das Haus in der Christal Palace Road. Bald genug hatte sie entdeckt, daß er ein Trinker war. Auch daran gewöhnte sie sich und lebte bald glücklicher mit ihm, als sie jemals zu hoffen gewagt hatte.

 

In finanziellen Dingen war Tom Maple sehr großzügig; er stellte ihr genügend Geld zur Verfügung, und sie war eigentlich durchaus nicht gezwungen, eine Stellung anzunehmen. Es trieb sie mehr der Wunsch nach Unabhängigkeit zu einem Beruf.

 

Für die Tätigkeit ihres seltsamen Onkels interessierte sich Verity sehr. Stundenlang konnte sie neben ihm sitzen und beobachten, wie er mit sicherer Hand feine, schöngeschwungene Linien in Stahlplatten grub. Tom Maple wurde von einer Gravieranstalt, die Banknoten herstellte, sehr gut bezahlt. Seine Auftraggeber kannten ihn und wußten seine Arbeit zu schätzen. Sie schienen ihn so notwendig zu brauchen, daß sie selbst seine üblen Gewohnheiten übersahen.

 

An dem Abend nach Golds Besuch hielt sich Verity noch im Wohnzimmer auf. Sie saß am offenen Kamin und las in einem Buch, als sie plötzlich den leichten Schritt ihres Onkels draussen auf dem Gang hörte. Er ging an der Tür vorbei, blieb dann zögernd stehen und kam zurück. Die Tür wurde geöffnet, und er kam herein. Sie sah ihn an.

 

»Kann ich etwas für Dich tun, Onkel?«

 

Sein Gesicht war noch bleicher als sonst. Die Wangen schienen ihr noch eingefallener, die Augen von noch dunkleren Rändern umschattet. Er schaute sie eine Weile wortlos an, dann nahm er einen Stuhl und setzte sich ihr gegenüber.

 

»Verity«, sagte er schließlich ernst, »ich habe über dich nachgedacht und mir überlegt, ob es nicht besser wäre, wenn ich dir etwas über mich erzählte.«

 

Er seufzte schwer und sah ihr dann fest in die Augen.

 

»Mein Leben war sehr merkwürdig«, begann er langsam. »Du weißt nicht so richtig Bescheid über meine Vergangenheit, wie?«

 

Sie sah ihn lächelnd an und schüttelte den Kopf.

 

»Ich weiß nur, daß du mir ein guter Onkel bist.«

 

Er machte eine abwehrende Handbewegung.

 

»Du darfst nicht so gut von mir denken. Ich bin nicht ganz der, für den du mich hältst.« – Er sah sie ernst, fast traurig an. – »Wenn mir etwas zustoßen sollte«, fuhr er dann fort, »so möchte ich, daß du einen bestimmten Herrn in London aufsuchst.« Mit diesen Worten zog er seine Brieftasche hervor.

 

»Ich will dir etwas geben. Ich habe dich neulich um deine Unterschrift gebeten, weil ich dir ein Konto in der Londoner Nordwestbank eröffnet habe. Es ist kein großes Vermögen«, sagte er schnell, als er ihre Freude bemerkte, »aber es wird dich vor Not schützen, wenn mir etwas passieren sollte.«

 

»Was sollte dir denn passieren?« fragte sie ihn ängstlich und bestürzt.

 

Er zuckte nur die Schultern.

 

»Das kann man nie wissen«, meinte er melancholisch.

 

Er nahm ein Scheckbuch aus der Brieftasche, auf dem der Name der Bank stand.

 

»Hebe es gut auf«, sagte er, als er es ihr überreichte. »Übrigens mußt du doch langsam auch ans Heiraten denken.«

 

Sie schüttelte nur lachend den Kopf.

 

»Die meisten Mädchen schütteln den Kopf, wenn sie ein solches Ansinnen hören«, meinte er, plötzlich wieder vergnügt, »und dann heiraten sie doch alle!«

 

Er nickte ihr zu und wollte eben aus dem Zimmer gehen, als sie sich an seine Worte von vorhin erinnerte.

 

»Onkel, du hast mir noch nicht den Namen des Mannes gesagt, an den ich mich wenden soll.«

 

Er gab nur zögernd die Antwort.

 

»Ich meine Comstock Bell – später werde ich dir einmal mehr von ihm erzählen.«

 

Im nächsten Augenblick war er gegangen. Sie folgte ihm nachdenklich mit den Blicken.

 

Was mochte er mit den Andeutungen über sein früheres Leben gemeint haben? Sie war nun alt genug, um zu wissen, daß seine häufigen Namensänderungen eine ernstere Bedeutung gehabt haben könnten. Fast wünschte sie jetzt, daß sie ihm zugeredet hätte, offen zu sprechen.

 

Sie schaute auf die Uhr. Um sechs sollte sie sich bei Mr. Cornelius Helder vorstellen. Es kam ihr ein wenig seltsam vor, daß er sie in seine Privatwohnung in der Curzon Street gebeten hatte.

 

Helder bewohnte mehrere Räume in dem Haus Nr. 406.

 

Das Gebäude gehörte einem Hausmeister, der sich zur Ruhe gesetzt hatte und hier nun eine gutgehende Pension unterhielt. Die Mieter bekamen im allgemeinen zwar nur das Frühstück, konnten auf Wunsch aber auch größere Mahlzeiten bestellen.

 

Verity Maple wurde sofort ins Wohnzimmer geführt. Als sie eintrat, saß Helder vor einem großen Schreibtisch, der mit Druckproben und Zeitungen bedeckt war.

 

Er erhob sich und gab ihr die Hand.

 

»Nehmen Sie bitte Platz, Miss Maple. Es tut mir leid, daß ich Sie hierherbitten mußte, aber ich konnte Sie aus Zeitmangel nicht in meinem Büro empfangen.«

 

Er sprach kurz und geschäftsmäßig, so daß der unangenehme Eindruck, den sie von ihm hatte, rasch wieder verflog.

 

»Ich habe eine interessante Arbeit für Sie. Können Sie französisch?«

 

»Ja«, sagte sie und nickte.

 

»Ich bin nämlich Mitherausgeber einer kleinen Zeitschrift, für die Sie sich in Zukunft interessieren müssen.«

 

Die Gehaltsfrage wurde besprochen, und Verity wunderte sich, mit welcher Bereitwilligkeit Mr. Helder auf ihre Wünsche einging. Sobald die rein geschäftliche Seite der Unterhaltung beendet war, erhob sie sich.

 

»Bis morgen früh also«, sagte er und begleitete sie zur Tür.

 

Verity Maple war sich nach dieser ersten Unterredung mit ihrem neuen Chef nicht ganz klar darüber, ob sie richtig gehandelt hatte, diese Stellung anzunehmen. Als sie sich schon ein Stück von Mr. Helders Haus entfernt hatte, hörte sie, wie jemand ihren Namen rief. Sie drehte sich um. Es war Mr. Helder, der ihr nachgelaufen kam.

 

»Ich muß zur Oxford Street«, sagte er atemlos. »Da haben wir doch denselben Weg, nicht wahr?«

 

Sie hätte ihm gern gesagt, daß dies nicht der Fall sei, aber er beachtete sie gar nicht weiter, sondern erzählte munter von den Annehmlichkeiten eines neuen Motorbootes, das er sich kaufen wollte, und nannte als Kaufpreis eine Summe, vor der ihr schwindelte. Dann sprach er über sonstige Geldgeschäfte, ohne jedoch auf Einzelheiten einzugehen.

 

In der Oxford Street trennten sie sich, und sie seufzte erleichtert auf, als er sich von ihr verabschiedet hatte.

 

Auf Helder hatte das hübsche Mädchen großen Eindruck gemacht. Er hatte zwar schon viel von ihr gehört, aber nicht gedacht, daß sie so gut aussah.

 

Er schaute ihr nach, bis sie in der Menschenmenge verschwunden war, dann winkte er einem Taxi und fuhr zum Klub.

 

Als Verity zur Victoria Station kam, war ihr Zug schon abgefahren, und sie mußte sich nun die Zeit vertreiben, bis der nächste kam.

 

An einem Bücherstand betrachtete sie aufmerksam die Auslagen und las die Titel der neuen Bücher. Dabei stieß sie mit einem Herrn zusammen, und ihre Handtasche fiel auf den Boden. Er bückte sich schnell, hob die Tasche auf und überreichte sie ihr mit einer Entschuldigung.

 

Sie sah sich einem hochgewachsenen jungen Mann gegenüber, der sie einen Augenblick bewundernd anschaute. Dann grüßte er höflich und ging.

 

Es war die erste Begegnung Veritys mit Comstock Bell.

 

Sie betrat einen Erfrischungsraum, um eine Tasse Tee zu trinken. Als sie wieder aufstand, entdeckte sie, daß sie auch den nächsten Zug versäumt hatte. Eigentlich war sie ja gar nicht in Eile, und so schlenderte sie gemütlich zum Marble Arch und besuchte noch eine Kinovorstellung.

 

Als sie in Peckham ankam, war es schon neun Uhr. Der Himmel war wolkenbedeckt, und es regnete in Strömen. Sie bog in die Christal Palace Road ein und bemerkte einen Mann, der an einem Laternenpfahl auf der anderen Seite der Straße lehnte. Sein Gesicht konnte sie nicht sehen, denn er wandte ihr den Rücken zu.

 

Vor ihrer Haustür kramte sie die Schlüssel heraus und wollte gerade aufschließen, als sie hinter der Tür Stimmen hörte. Es war sehr ungewöhnlich, daß ihr Onkel Besuch hatte, und erstaunt trat sie einen Schritt zurück. Die Stimmen näherten sieb, und gleich darauf öffnete sich die Tür. Einem Impuls gehorchend, trat sie in das Dunkel des Gebüsches zurück, das vor dem Eingang angepflanzt war.

 

Ihr Onkel kam heraus, in seiner Begleitung waren zwei Herren. Der eine war robust und untersetzt, der andere groß und schlank.

 

»Hoffentlich haben Sie uns jetzt verstanden!« sagte der Kleinere drohend; er sprach mit stark amerikanischem Akzent.

 

Maple antwortete leise etwas, das Verity nicht verstehen konnte.

 

»Damit wäre also alles klar«, schnitt ihm der andere das Wort ab. »Wir wollen nur von Ihnen haben, daß Sie kein Spielverderber sind. Es liegt jetzt an Ihnen, Ihre verschiedenen Fehler wieder gutzumachen. Er weiß das ganz genau …«, dabei deutete er auf die Straße.

 

»Warum kommt er denn nicht selbst?« brummte Maple vorwurfsvoll.

 

Die beiden lachten höhnisch.

 

»Weil er sich bei dieser Angelegenheit nicht sehen lassen will. Außerdem wohnen Sie doch nicht allein hier im Hause, nicht wahr? Kurz und gut, Sie werden sich auf jeden Fall verantworten müssen, wenn Sie noch einmal etwas gegen uns unternehmen.« Seine Stimme klang so kalt und scharf, daß Verity ein Schauer über den Rücken lief. »Diesmal wollen wir ein ganz großes Ding drehen – und wer sich uns dabei in den Weg stellt, wird erledigt. Verstanden?«

 

Tom Maple nickte, und es trat eine kleine Pause ein.

 

»Wo ist er eigentlich?«

 

»Er wartet an der nächsten Straßenecke. Wollen Sie mit uns kommen und ihn begrüßen?«

 

Maple schüttelte den Kopf.

 

»Nein, ich weiß schon, daß er dort ist – das bezweifle ich nicht«, sagte er bitter.

 

Ohne ein weiteres Wort drehten sie ihm den Rücken zu und verschwanden durch das Gartentor. Tom Maple wandte sich seufzend um und ging ins Haus zurück.

 

Verity war überrascht und bestürzt. Was hatte das alles zu bedeuten? Welchen Einfluß hatten diese Leute auf ihren Onkel? Wer war dieser geheimnisvolle Mann, der das Haus nicht betreten wollte? Einen Augenblick zögerte sie, dann lief sie schnell zur Gartentür und folgte den beiden Männern, die noch keinen großen Vorsprung hatten.

 

Als sie das Ende der Straße erreichten, kam der Mann, der unter der Laterne gewartet hatte, von der anderen Straßenseite zu ihnen herüber. Die drei blieben stehen. Klopfenden Herzens ging Verity weiter; das Gespräch der drei verstummte, und als sie die Männer passierte, drehte sich einer von ihnen nach ihr um. Zu ihrem Schrecken sah sie, es war – Mr. Helder. Hastig eilte sie weiter und hoffte, daß er sie nicht erkannt habe.

 

Als sie in die nächste Seitenstraße einbog, warf sie einen Blick zurück. Helder folgte ihr! Schnell bog sie um die Ecke und schlüpfte in den nächsten Hauseingang. Eine Zeitlang stand sie dort atemlos und horchte angespannt. Zu ihrer größten Beruhigung näherten sich aber keine Schritte, und als sie nach einigen Minuten vorsichtig auf die Straße spähte, war kein Mensch zu sehen. So schnell sie konnte, lief sie nach Hause.

 

Als sie in die Küche trat, saß ihr Onkel wie gewöhnlich am Tisch, sie bemerkte aber sofort, daß ihn irgend etwas beunruhigte. Er begrüßte sie so geistesabwesend, daß sie immer besorgter wurde; trotzdem schien es ihr ratsam, vorerst nichts von dem zu sagen, was sie gesehen und gehört hatte. Sie bereitete das Abendessen, und erst als sie den Tisch deckte, sah er auf.

 

»Verity, ich werde es doch tun, was auch immer geschehen mag!«

 

Sie wartete, daß er ihr jetzt alles erzählen würde, doch er sagte noch einige wenige Sätze halb zu sich selbst: »Sie glauben, daß sie mich in ihrer Gewalt haben. Aber ich werde es ihnen schon zeigen – sie sollen noch ihr blaues Wunder erleben!«

 

Als sie sich nach dem Essen erhob und abräumen wollte, drehte er sich nach ihr um.

 

»Vergiß den Mann nicht, von dem wir gesprochen haben«, sagte er mit eigenartiger Betonung.

 

»Mr. Comstock Bell?«

 

»Ja, Comstock Bell.«

 

Kapitel 16

 

16

 

Der Kassierer von Cooks Reisebüro an der Place de l’Opera in Paris hatte wie immer einen arbeitsreichen Tag. Gerade wurden ihm von einem Kunden fünf französische Banknoten zu je tausend Franc und acht amerikanische Hundertdollarscheine mit dem Ersuchen eingehändigt, sie in englisches Geld umzuwechseln.

 

Er zählte die Scheine sorgfältig, berechnete den derzeitigen Kurs und entnahm einem Geldschrank, der in seiner Reichweite stand, die erforderliche Menge englischer Banknoten. Zwei Pfund und einige Schillinge legte er auf Wunsch des Reisenden in Kleingeld dazu.

 

Bevor er die ganze Summe aushändigte, zählte er die französischen und amerikanischen Scheine, wie er es gewohnt war noch einmal nach. Dabei fiel ihm auf, daß die Worte ›Banque Nationale‹ nicht die tiefviolette Färbung hatten, die er sonst zu sehen gewohnt war. Diese Eigentümlichkeit entdeckte er nur auf einer der Noten. Er hielt den heller gefärbten Schein neben die anderen und sein Verdacht verstärkte sich.

 

Jetzt prüfte er auch die amerikanischen Banknoten genauer. Sie unterschieden sich zwar in keiner Weise voneinander, aber um ganz sicher zu gehen, verglich er sie mit einem Hundertdollarschein, den er aus dem Geldschrank nahm. Wieder schien ihm etwas nicht ganz zu stimmen. Zeichnung und Druck waren zwar gleich, aber ein sicheres Gefühl sagte ihm, daß trotzdem irgend etwas nicht in Ordnung war.

 

Kurz entschlossen drückte er auf einen unter der Tischplatte seines Schalters verborgenen Klingelknopf, und der mittelgroße Herr, der ungeduldig auf sein Geld wartete, sah plötzlich neben sich zwei Bankdetektive auftauchen.

 

»Würden Sie so liebenswürdig sein, Monsieur, uns in das Büro des Direktors zu folgen?«

 

Diesen Wunsch hatte der Herr aber durchaus nicht. Laut und erregt sprach er auf die beiden ein und protestierte energisch gegen die Belästigung, wie er es nannte. Seiner Aussprache war unverkennbar der Amerikaner anzumerken. Schließlich drehte er sich um und wollte den Raum verlassen, und das war in dieser Situation das Dümmste, was er nur tun konnte. Welcher vernünftige Mann würde einen so hohen Betrag, auch wenn er sich noch so ärgerte, ohne weiteres im Stich lassen?

 

Die beiden Beamten, die bis jetzt höflich neben ihm gestanden hatten, packten plötzlich fest zu. Einen Augenblick lang gab es eine etwas turbulente Szene, doch dann wurde der Mann ohne weiteres in einen Nebenraum geschoben, dessen Tür sich schnell hinter ihm schloß. Eine Viertelstunde später verließ er das Gebäude durch einen Hinterausgang, eskortiert von den beiden Beamten, die ihn in die Mitte nahmen.

 

Gold, der gerade dabei war, sich vom Polizeipräsidium einen Haussuchungsbefehl für die Heldersche Wohnung zu verschaffen, verließ auf ein Telegramm hin London mit dem nächsten Zug und fuhr nach Paris.

 

Ein hoher Beamter der französischen Kriminalpolizei holte ihn an der Gare du Nord ab und begleitete ihn zur Präfektur. Auf dem Weg dorthin erklärte ihm der französische Kollege, was sich ereignet hatte.

 

»Ob die amerikanischen Dollarnoten gefälscht sind, konnten wir noch nicht genau feststellen – die französischen Scheine sind auf jeden Fall sehr gute Fälschungen. Der Mann, den wir verhaftet haben, ist Amerikaner. Er kam am letzten Samstag in Le-Havre an und hatte eine ganze Menge Empfehlungsbriefe an die verschiedenen amerikanischen Konsulate in Europa dabei. Wenn er sich durch sein ungeschicktes Benehmen nicht verdächtig gemacht hätte, wäre er bestimmt nicht festgenommen worden. Wahrscheinlich hätten wir ihn eben für das unschuldige Opfer irgendeines Gauners gehalten.«

 

»Wie heißt er denn?«

 

»Er nennt sich Schriener und gibt an, daß er in New York ein Versandhaus für Porzellanwaren hat und sich auf einer Erholungsreise in Europa befindet. Die New Yorker Polizei war auch schon hinter ihm her, wie wir bereits erfahren haben. Sein Gepäck wurde natürlich sorgfältig durchsucht.«

 

»Und haben Sie dabei etwas Besonderes gefunden?«

 

»Nichts, das ihn belasten könnte«, sagte der französische Beamte zögernd. »Wir haben Sie hergebeten, damit Sie sich einmal mit ihm unterhalten. Im übrigen hat er sich bereits mit dem amerikanischen Konsulat in Paris in Verbindung gesetzt.«

 

Gold nickte. Die meisten Amerikaner wandten sich sofort an ihre diplomatischen Vertretungen, wenn sie in Schwierigkeiten gerieten.

 

Gold unterhielt sich mit dem Mann in einem kleinen Büro auf der Präfektur, wo man ihn vorläufig untergebracht hatte. Er war mittelgroß, grauhaarig und gut angezogen. Man konnte ihn auf ungefähr fünfzig Jahre schätzen.

 

»Guten Tag«, sagte Gold und reichte ihm die Hand.

 

Er bemerkte dabei sofort, daß die Hand des anderen ziemlich rauh war. Der Mann sah im übrigen auch nicht so aus, als ob er sein Leben als reicher Müßiggänger verbracht hätte. Auf Golds Fragen gab er nur zögernde Antworten, und Gold brach das Verhör bald ab, um im Büro des Polizeipräfekten die amerikanischen Banknoten zu untersuchen. Das kleine Päckchen Hundertdollarscheine wurde ihm überreicht. Er besah sie sorgfältig von allen Seiten, dann gab er sie wieder zurück.

 

»Es besteht gar kein Zweifel«, sagte er, »daß sie alle gefälscht sind – und zwar meisterhaft gefälscht. Darf ich mir einmal alles ansehen, was der Mann bei sich trug?«

 

»Die Schriftstücke, die wir bei ihm fanden, liegen hier«, antwortete der französische Beamte und breitete eine Anzahl von Briefen und Papieren vor Gold aus.

 

Meistens waren es Kreditbriefe auf kleinere Beträge und Empfehlungsschreiben an verschiedene Konsulate, die von einflußreichen Persönlichkeiten in New York ausgestellt worden waren. Gold interessierte sich nicht sehr dafür, weil er wußte, wie leicht so etwas zu bekommen war.

 

Er entdeckte unter den Briefen auch ein Notizbuch mit Eintragungen, die sich in der Hauptsache auf Hotels und Pensionen bezogen. Noch wichtiger erschien ihm eine Liste von Firmen, von denen ihm bekannt war, daß sie große Geldgeschäfte machten.

 

Am aufschlußreichsten für Gold war jedoch ein Kuvert, das die Adresse des festgenommenen Mannes trug; er wohnte im Palace-Hotel. Die Adresse war deutlich mit der Hand auf einen länglichen Briefumschlag geschrieben, der eine englische Briefmarke trug und in London aufgegeben worden war.

 

Gold wandte sich an seinen französischen Kollegen.

 

»Haben Sie das Hotel unter Bewachung gestellt?« fragte er.

 

Der Beamte nickte.

 

»Ich glaube zwar nicht, daß viel dabei herauskommt«, meinte Gold. »Die Leute arbeiten eigentlich immer nach derselben Methode. Die gefälschten Noten werden in kleinen Mengen an die Agenten geschickt, die sie innerhalb einer bestimmten Zeit unterbringen müssen. Dann schickt der Agent einen Teil seines Erlöses an die Zentrale der Organisation zurück, die sich meist nicht an dem Ort befindet, von dem die gefälschten Banknoten abgesandt wurden. Nach einiger Zeit erhält er dann wieder ein kleines Paket.«

 

»Glauben Sie, daß wir eine neue Sendung an diese Adresse erwarten dürfen?« fragte der französische Beamte.

 

»Nein, das glaube ich unter keinen Umständen. Jeder Agent dieser Fälscherbande wird bestimmt von einem andern Agenten überwacht, den er gar nicht kennt. Dieser zweite Mann gibt natürlich die Nachricht von einer Verhaftung sofort an die Zentrale weiter. Sie brauchen also nicht zu hoffen, daß noch Sendungen folgen.«

 

Gold nahm die gefälschten Scheine wieder in die Hand und betrachtete sie noch einmal ganz genau.

 

»Ein hervorragender Druck«, sagte er. Plötzlich wurde seine Aufmerksamkeit erregt, und er starrte auf die eine Ecke des Scheins.

 

»Entschuldigen Sie einen Augenblick!« rief er und trat schnell ans Fenster.

 

Paris lag unter einem grauen Himmel, und das Licht war schlecht. Trotzdem sah Gold jetzt, daß von der einen Schmalseite der Banknoten zur anderen eine merkwürdige Linie lief, die nur auf den ersten Blick zu der verschlungenen Gravierung gehörte.

 

»Kann ich eine helle Lampe und ein Vergrößerungsglas haben?« fragte Gold.

 

Der französische Beamte knipste eine an einem Schwenkarm befestigte Schreibtischlampe an und drehte sie so, daß ihr Lichtkegel direkt auf die Tischplatte fiel. Aus einer Schublade holte er ein starkes Vergrößerungsglas und reichte es Gold.

 

Der Amerikaner strich die Note sorgfältig glatt und untersuchte sie genau.

 

Plötzlich pfiff er leise vor sich hin, das Blut schoß ihm ins Gesicht, und seine Augen glänzten.

 

»Hier – sehen Sie mal her«, sagte er triumphierend.

 

Der Franzose nahm ihm das Glas aus der Hand und fixierte die Stelle, die ihm Gold mit dem Fingernagel bezeichnete – in eine Linie, die sich neben vielen anderen quer über die ganze Banknote zog, war mit unglaublicher Geschicklichkeit eine Schriftzeile eingraviert worden. Er las:

 

»Verity Maple, 942 Christal Palace Road, London. Banknote Nr. 687642 – 687653. Milch anwenden.«

 

Sie sahen einander verblüfft an.

 

»Was soll das heißen?« fragte der Franzose aufgeregt.

 

Gold war ans Fenster getreten und schaute hinaus. Langsam wiederholte er für sich die Worte, die auf der Banknote standen.

 

»Ich glaube, ich verstehe den Sinn«, sagte er nach einiger Zeit. »Wenigstens hoffe ich es.«

 

»Aber wer hat denn dies geschrieben, um Himmels willen?«

 

»Dafür kommt nur ein Mann in Frage – Tom Maple!« antwortete Gold. »Ich glaube, wir werden uns in der nächsten Zelt noch über verschiedenes sehr wundern!«