Kapitel 13

 

13

 

»Du bist wirklich ein ganz unnützer Junge«, sagte Lady Moron noch einmal, wischte das Messer mit ihrem Taschentuch ab und beschäftigte sich wieder damit, den Bleistift anzuspitzen. »Geh in dein Zimmer und spiel mit deinen elektrischen Batterien.«

 

Der junge Mann keuchte vor Furcht, drehte sich plötzlich um und rannte aus dem Zimmer. Sein Gesicht war mit Blut besudelt.

 

Ein tödliches Schweigen folgte, dann schaute die Gräfin auf.

 

»Sie denken vermutlich, daß ich eben etwas Entsetzliches getan habe, aber Selwyn macht manchmal furchtbare Schwierigkeiten und ist so eigensinnig und trotzig, daß ich ihm gegenüber meinen Willen durchsetzen muß – es ist nur zu seinem eigenen Besten. Er ist nicht mehr verletzt, als wenn er sich mit seinem Rasiermesser gründlich geschnitten hätte.«

 

Die Kaltblütigkeit, mit der sie dies alles sagte, versetzte Lois in atemlosen Schrecken. Sie konnte kaum glauben, daß dies alles nicht nur ein fürchterlicher Traum war. »Es war sehr – ungewöhnlich«, erwiderte sie nach einer Pause. Das Sprechen fiel ihr schwer.

 

Wieder trafen sie die dunklen Augen der Gräfin.

 

»Ungewöhnlich? Ja. Dr. Tappatt wünscht, daß ich ihm gegenüber so ungewöhnlich auftrete und noch härter mit ihm verfahre. – Haben Sie Ihre Freundin gesprochen?«

 

»Ja«, sagte Lois, die froh war, daß nicht mehr von der Sache gesprochen wurde.

 

»Wird sie kommen? Wie nett von ihr. Wie ich Ihnen schon heute morgen sagte, Miss Reddle, fürchte ich mich. Ich vermute, daß Sie den Grund nicht ahnen, selbst nachdem Sie Zeugin dieses belustigenden, kindischen Benehmens des jungen Grafen waren.«

 

Lois hatte wirklich keine Ahnung, was es sein mochte, und schwieg vorsichtig. Die Gräfin erwähnte die Szene auch nicht weiter, und als Lord Moron später zum Mittagessen mit einem großen Verband um sein Gesicht erschien, nahm seine Mutter keine Notiz von ihm und sagte nur am Schluß der Mahlzeit: »Komm doch bitte nicht in solchem Aufzug zum Essen, Selwyn, man könnte sich sonst einbilden, du hättest ein Erdbeben mitgemacht.«

 

»Jawohl Mutter«, antwortete er bescheiden.

 

Der Umzug war vorgenommen, und Lois bewohnte nun ein prachtvolles Zimmer, das ein Staatsraum eines königlichen Palastes hätte sein können. Auch das zweite Bett war aufgestellt. Als die Stunde von Lizzys Ankunft herankam, fühlte sich Lois sehr erleichtert, und die bösen Gedanken, die sie bedrückt hatten, verschwanden. Die Gräfin speiste wieder außerhalb, hatte aber strikte Anweisung gegeben, daß ihr Sohn beim Abendessen zugegen sein solle. Bevor sie fortfuhr, ließ sie Lois zu sich rufen.

 

»Wenn Sie Selwyn unterhalten können, so tun Sie es bitte. Er ist ein ganz guter Gesellschafter, wenn man versteht, sich seiner kindlichen Auffassung anzupassen. Möglicherweise wird es Ihrer Freundin leichter fallen als Ihnen.«

 

Lois erschrak beinahe über diese Worte.

 

Lizzy kam pünktlich um sechs und brachte eine vollgepackte schwarze Handtasche mit, die auch ihr ›Hof- und Krönungskleid‹ enthielt, wie sie es nannte. Aber Lois jagte ihr keinen geringen Schrecken ein. »Weißt du auch, daß du heute abend mit Lord Moron speisen wirst?« fragte sie.

 

Lizzy sank vollständig aufgelöst in einen Stuhl.

 

»Das kann ich nicht – das will ich nicht!« rief sie energisch. »Ich wußte schon, daß irgend etwas im Hintergrund lauerte!«

 

Lois beschwichtigte ihre Aufregung und Furcht, und obwohl sie nicht dem Beispiel der Dienstboten folgen und schlecht von dem Grafen sprechen wollte, beruhigte sie ihre Freundin doch so weit, daß sie weder in Ohnmacht fiel noch davonlief, als ihr der junge Graf vorgestellt wurde.

 

Er stand im Wohnzimmer mit dem Rücken gegen den Kamin und hatte eine Zigarette im Mund, als die beiden Mädchen in das Zimmer traten. Lois zog ihre Freundin mit sich. Selwyn gab ihr leicht die Hand.

 

»Es freut mich außerordentlich, Sie kennenzulernen. Sehr schönes Wetter heute«, sagte er. Dann wandte er sich liebenswürdig an Lois: »Ist die Gräfin fort? Dieser schreckliche Vagabund Praye hat sie vorhin angerufen.«

 

Lois erinnerte sich an die Szene, die sie gegen ihren Willen miterlebt hatte. Sie dachte auch an das Verhalten Mr. Chesney Prayes der Gräfin gegenüber, das ihr bis dahin noch unerklärlich erschienen war, das sie jetzt aber verstand. Er war der Gräfin also viel mehr als nur ein Ratgeber in finanziellen Dingen. Offensichtlich hatte er sie auch in Herzensangelegenheiten unterwiesen, obwohl Lois sich nur schwer vorstellen konnte, daß diese herrschsüchtige Frau auch zärtlich sein konnte.

 

»Ein fürchterlicher Kerl«, sagte der junge Graf energisch. Lois erkannte, daß sein Widerstand noch lange nicht gebrochen war. »Dieser ekelhafte, betrunkene Doktor ist entsetzlich, aber Chesney Praye ist noch viel schlimmer. Ich nenne ihn nur einen Raubvogel ist das nicht ein ganz guter Witz? Denken Sie, Chesney ist ein Raubvogel!«

 

Er lachte leise und kam offensichtlich unter dem Einfluß seines eigenen Humors in Stimmung.

 

Zum zweitenmal wurde dieser merkwürdige Doktor erwähnt. Lois war gespannt, ob sie ihn auch kennenlernen würde.

 

»Ich bin froh, daß sie mit ihrem Raubvogel fort ist. Wir wollen jetzt ins Speisezimmer gehen und essen.«

 

Lizzy machte ein erstauntes Gesicht, als sie diese wenig vornehme und auch ihr vertraute Sprache hörte. In diesem Augenblick begann sie, sich für den höheren Adel zu interessieren, und dieser Umstand sollte ihr Leben noch schicksalhaft beeinflussen.

 

Die Stimmung bei Tisch wurde sehr fröhlich, und Lois erinnerte sich nicht, jemals in so lustiger Gesellschaft gewesen zu sein. Auch für den jungen Grafen war es sicher ein sehr vergnügter Abend, denn er brachte seinen Witz von dem Raubvogel mindestens ein halb dutzendmal an und freute sich jedesmal mehr darüber.

 

»Zuerst habe ich den Witz gar nicht verstanden«, sagte Lizzy, die Tränen lachte.

 

»Die Sache ist doch sehr einfach«, erklärte er eifrig. »Er heißt doch Praye, und prey bedeutet doch Raub. Deswegen nenne ich ihn Raubvogel; das ist doch ein guter Witz – finden Sie nicht? Wir wollen Dame spielen – ich bin ein Meister darin.«

 

Lois ließ sich diese gute Gelegenheit nicht entgehen, ihn besser kennenzulernen, und war klug genug, sich allerhand Informationen von ihm geben zu lassen. Sie erfuhr, daß er zwei Jahre lang die berühmte Public School von Harrow besucht hatte – dann hatte ihn seine Mutter herausgenommen. Er hatte den Aufenthalt in der Schule nicht ertragen können, es war ihm dort zu roh. Und seit der Zeit war er tatsächlich nicht von seiner Mutter fortgekommen. Er war auch Mitglied irgendeines Klubs, aber er wußte nicht, welcher Klub das war, auch war er niemals dort gewesen.

 

»Sind Sie verheiratet?« fragte Lois kühn.

 

Die Frage verursachte ihm unheimliches Vergnügen.

 

»Ich verheiratet? Großer Gott, nein! Wer würde denn so einen alten, verrückten Kerl wie mich heiraten wollen? Nein, meine Liebe – allerdings gab es mal eine junge Dame, die mich heiraten wollte, aber meine Mutter gab unter keinen Umständen ihre Zustimmung.«

 

Er hatte niemals irgendeine verantwortliche Stellung eingenommen. Seine Mutter verwaltete seine großen Güter mit Hilfe hoher Beamter und Rechtsanwälte. Von Zeit zu Zeit wurden ihm Dokumente vorgelegt, die er unterschreiben mußte. Dann war er auch einmal im Oberhaus gewesen, um den ihm angestammten und ererbten Sitz einzunehmen.

 

»Aber nie wieder gehe ich dahin – es ist zu verrückt!« sagte er. »Man muß einen roten Samtmantel anlegen und so eine Art Krone aufsetzen!«

 

Später entdeckte Lois zu ihrem großen Erstaunen, daß er eine Liebhaberei hatte, und plötzlich wurden ihr auch die Sticheleien seiner Mutter über seine elektrischen Batterien verständlich. Er hatte eine Leidenschaft für elektrische Maschinen und Apparate. In seinem Arbeitszimmer standen Modelle von Dynamos, elektrischen Eisenbahnen, Batterien und so weiter.

 

»Ich habe eine sehr nette Arbeit für die Gräfin in der Bibliothek geleistet – fragen Sie sie nur, sie wird es Ihnen zeigen.« Er machte ein ernstes Gesicht. »Aber besser, Sie fragen nicht«, sagte er dann schnell.

 

Die Beschäftigung mit elektrischen Dingen war jedoch nicht nur ein Vergnügen und eine Spielerei für ihn. Stolz erzählte er, daß er die Klingelleitung im ganzen Haus selbst angelegt habe. Lois konnte sich später überzeugen, daß seine Angaben stimmten. Lizzy, die zuerst vor seinem hohen Adelstitel in Ehrfurcht erstarb, war bald mit ihm vertraut.

 

»Ich habe mich noch nie so gut amüsiert, wie heute abend«, sagte der junge Graf. Vorher hatte er schon verschiedene Male nervös nach der Uhr gesehen. »Jetzt werde ich aber losziehen, bevor die Gräfin nach Hause kommt.«

 

Er verschwand schnell, und die beiden Mädchen gingen in die Halle. Braime stand vor der Haustür und schaute durch die Glasscheiben auf die Straße.

 

»Gute Nacht, gnädiges Fräulein«, sagte er respektvoll. Dann schaute er wieder aufmerksam nach draußen.

 

»Ich mag den Mann nicht«, sagte Lizzy, als sie in ihrem Zimmer waren.

 

»Braime? Ich konnte ihn zuerst auch nicht leiden, aber ich verdanke ihm so viel. Wenn er mir letzte Nacht nicht geholfen hätte –«

 

»Wie ist er aber dorthin gekommen – das ist die Frage«, meinte Lizzy. »Er muß schon im Zimmer gewesen sein, als der Balkon einstürzte, denn ich fühlte sofort, daß mich jemand beiseite zog.«

 

»Was hältst du eigentlich von Lord Moron?« fragte Lois, die das Gespräch gern auf einen angenehmeren Gegenstand bringen wollte.

 

»Oh, er ist sehr nett«, sagte Lizzy verträumt. »Als du mir zuerst von ihm erzähltest, dachte ich, er sei ein wenig dumm. Aber der junge Mann hat doch Verstand!«

 

Plötzlich klopfte es an die Tür.

 

Lois lag schon im Bett, und Lizzy, die zu sehr mit ihren Gedanken beschäftigt war, um sich schnell auszuziehen, war gerade so tief im Negligé, daß sie sich nicht zeigen konnte.

 

»Wer ist da?« fragte Lois.

 

»Ich bin es, meine Damen. Kann ich hereinkommen?«

 

Sie erkannten die Stimme des jungen Lord Moron.

 

Kapitel 14

 

14

 

»Das ist leider unmöglich – wünschen Sie irgend etwas?«

 

»Ja, ich habe etwas vergessen«, sagte er aufgeregt.

 

»Kann ich es Ihnen nicht herausreichen?« fragte Lois, die an die Tür gegangen war.

 

»Nein, ich fürchte, das geht nicht. Es ist – ja, es ist –« Seine Stimme erstarb in einem undeutlichen Murmeln. Dann sprach er wieder: »Also, es tut mir leid, ich vermute nicht – ich wollte nur sagen, lassen Sie sich nicht durch irgend etwas erschrecken. Ich – ich meine, sagen Sie der Gräfin nichts, wenn Ihnen etwas verwunderlich erscheinen sollte –«

 

Lois schüttelte verständnislos den Kopf.

 

»Ich verstehe nicht, was Sie meinen. Wenn ich Ihnen irgend etwas herausreichen kann, tue ich es gern.«

 

Aber es kam keine Antwort mehr, er war anscheinend schon gegangen. Lizzy, die immer praktisch und robust war, meinte, er hätte seine falschen Zähne vergessen. »Und er ist so schüchtern und wohlerzogen, daß er das einer Dame nicht zu sagen wagt.«

 

Aber Lois war mit dieser Erklärung nicht einverstanden.

 

Lizzy ließ sich durch die Pracht und den Prunk nicht im mindesten beeinflussen und schlief sofort ein. Aber Lois blieb vollkommen wach. Sie hörte die Uhren im Haus jede Viertelstunde schlagen. Sie änderte ihre Lage und drehte sich auf die andere Seite, sie zählte von eins bis tausend und versuchte alle bekannten Mittel, um einzuschlafen, aber um halb zwei war sie noch immer munter. Ein Auto hielt draußen vor dem Tor – sicher kam Lady Moron jetzt nach Hause.

 

Lois lag in einem Himmelbett, und vielleicht war es dieser ungewöhnliche Umstand, der sie nicht einschlafen ließ. Sie starrte auf den kaum sichtbaren seidenen Thronhimmel über ihr und überlegte sich, daß sie vielleicht besser schlafen würde, wenn sie sich auf das große Sofa legte, das quer vor dem Bett stand. Das tiefe Atmen Lizzys störte sie auch. Sie richtete sich eben auf, um ihr Kissen zu nehmen, als sie plötzlich jemand sprechen hörte.

 

»Hat sie die Fotografie erkannt?«

 

Es war die Stimme Chesney Prayes, und sie kam aus der Seidendraperie des Baldachins! Es klang, als ob sich jemand oben versteckt hätte und von dort aus spräche. Die Worte waren sehr deutlich und klar.

 

»Nein«, hörte sie plötzlich die tiefe Stimme der Gräfin. »Ich legte sie in die Schublade, bevor sie kam.«

 

Es entstand eine Pause.

 

»Das war eigentlich etwas riskant.«

 

Lady Moron lachte laut.

 

»Ich habe heute abend sicher mehr riskiert, Chesney.«

 

»Aber, liebe Leonora, du kannst mir vertrauen.« Die Antwort klang gedrückt.

 

»Ja, das muß ich wohl«, kam die vorsichtige Stimme der Gräfin von oben her. »Und ich denke, du wirst verständig genug sein, keinen Unsinn zu machen. Selwyn quält mich.«

 

»Ach was, Selwyn!« sagte er verächtlich.

 

»Selwyn weiß mehr, als ich für möglich hielt. Woher mag er wohl erfahren haben, daß wir heiraten wollen? In seiner Wut sagte er es heute. Und woher weiß er, daß ich dir Geld geliehen habe?«

 

»Komm in den Speisesaal.«

 

Eine Türklinke wurde niedergedrückt, und Lois hörte Braimes Stimme in weiter Entfernung.

 

»Es ist serviert, Mylady.«

 

Dann war alles still.

 

»Was war das? Hat jemand gesprochen?« Lizzy war aufgewacht. »Hast du etwas gesagt, Lois? Ich hörte etwas vom Geldleihen.«

 

Lois war aufgestanden und hatte die kleine Taschenlampe angedreht, die neben ihrem Bett stand. Erschrocken schaute sie nach dem Thronhimmel, der wie alle solche Draperien einen schweren, vornehmen Eindruck machte. Lois kam plötzlich der Gedanke, daß die Tür aufgestanden habe. Aber es gab nur eine einzige, die auf den Korridor führte, und die war bestimmt zugeschlossen.

 

Lizzy warf schnell ihren Morgenrock über.

 

»Sag doch, Lois, was war das?«

 

»Ich weiß nicht, ich hörte jemand sprechen. Es muß hier im Raum gewesen sein.«

 

»Ich hörte, daß die Stimme von deinem Bett herkam«, sagte Lizzy. »Großer Gott, das ist ein merkwürdiges Haus. Ich liebe so was nicht, Lois. Da ist mir der alte Mackenzie mit seiner Fiedel noch lieber!«

 

Lois Reddle hob die Lampe und stieg in ihr Bett. Als sie die Falten der Draperie genauer untersuchte, stieß sie plötzlich einen Ruf des Erstaunens aus. Oben in einer Ecke sah sie ein schwarzes Stück Ebenholz, das die Form einer Glocke hatte und von zwei Drähten gehalten wurde. Zuerst glaubte sie, es sei der Schalltrichter eines Telefons, aber dahinter war ein flacher, runder Kasten mit Drähten in dem Thronhimmel befestigt.

 

»Von dort kamen die Worte – es ist ein Lautsprecher!«

 

Als sie weitersuchte, fand sie auch den Draht, der sorgfältig in den Falten verborgen und an einem der Bettpfosten heruntergeleitet war. Dann entdeckte sie an der Wand hinter dem Bett einen Schalter. Das Geheimnis war also aufgeklärt, jetzt verstand sie die Aufregung Lord Morons und sah, daß seine elektrotechnischen Kenntnisse ernst zu nehmen waren. Auf diese Weise belauschte er wahrscheinlich seine Mutter. Irgendwo im Haus, wahrscheinlich irrt Salon, hatte er versteckt ein Mikrophon angebracht, und nun war ihm zu spät eingefallen, daß der Apparat nicht abgestellt war. Lady Moron war verwundert, woher ihr Sohn ihre Geheimnisse wissen konnte. Lois hätte sie jetzt aufklären können.

 

»Was für ein schlauer Kerl!«, sagte Lizzy bewundernd. »Das hat er nun alles selbst angelegt! Ich sagte dir ja schon, der junge Mann hat Verstand. Was hast du denn gehört, Lois?«

 

Aber Lois war nicht dazu aufgelegt, ihrer Freundin ihre Erlebnisse mitzuteilen. Sie stellte den Apparat ab, ließ Lizzy wieder zu Bett gehen und folgte dann ihrem Beispiel.

 

Wessen Fotografie mochte man in ihr Zimmer gelegt haben? Was hatte Lady Moron riskiert? Sie erinnerte sich an das Bild des hübschen jungen Offiziers, der für die Gräfin ein junger Mann war, den sie früher einmal gekannt hatte.

 

Ihre Neugierde war erwacht, und sie wollte mehr hören. Sie stand auf und schaltete den Apparat wieder ein. Es war ihr bewußt, daß sie etwas Ungehöriges tat, aber es war so viel geschehen, das lebenswichtiges Interesse für sie hatte, daß sie sich über diese Anstandsregeln hinwegsetzte. Sie hörte im Augenblick nichts mehr, aber es war ja möglich, daß sie nach dem Essen noch einmal in den Raum zurückkehrten. Vielleicht würde das langweilige Warten ihr den Schlaf bringen, der sie bis jetzt geflohen hatte.

 

Es schlug drei Uhr, halb vier und schließlich halb fünf. Die erste leichte Dämmerung zeigte sich schon durch die Fenster, und Lois war beinahe eingeschlafen, als sie plötzlich einen schwachen Laut vernahm und sofort aus ihrem Kissen wieder in die Höhe fuhr.

 

Klick! Klick!

 

Es war ein Geräusch, als ob jemand das Licht im Salon andrehte. Sie wartete gespannt, ob sie wieder etwas hören würde. Zuerst kam ein unbestimmtes Flüstern, und dann tönten die klaren Worte an ihr Ohr: »Lois Reddle schwebt in großer Gefahr!«

 

Sie kannte die Stimme und konnte sich auch den Sprecher gut vorstellen. Es war Michael Dorn!

 

Kapitel 15

 

15

 

Sie hatte ihren Schreck bald überwunden und sprang aus dem Bett. Besser der Gefahr offen ins Auge sehen, als in Ungewißheit schweben. Alle Furcht war von ihr gewichen – sie wollte Dorn gegenübertreten und von ihm die Wahrheit erfahren. Schnell hatte sie sich angezogen, lief zur Tür, drehte den Schlüssel geräuschlos um und eilte die dunkle Treppe hinab.

 

Als sie auf dem Treppenabsatz stand, lag ihr die Tür des Salons gegenüber. Sie zögerte nicht und öffnete. Das Zimmer lag im Dunkeln. Sie faßte nach dem Schalter und drehte das Licht an. Aber der Raum war leer, nichts rührte sich, nur das musikalische Ticken der französischen Uhr auf dem Kamin unterbrach die Stille. Von Michael Dorn oder seinem unbekannten Begleiter konnte sie keine Spur entdecken. Sie starrte erschrocken um sich, dann hörte sie plötzlich ein Geräusch hinter sich und fuhr herum.

 

»Was gibt es hier?«

 

Es war die Stimme der Gräfin, die in demselben Stockwerk wie Lois schlief.

 

»Drehen Sie doch das Licht an der Treppe an«, sagte sie ruhig.

 

Lois tat es und erblickte die Gräfin oben an der Treppe, die in einen weiten Hermelinmantel eingehüllt war. Sie schien nicht im mindesten erstaunt zu sein.

 

»Ich glaubte, unten Stimmen zu hören und ging herunter.«

 

»Aber es ist niemand hier – Sie müssen sich geirrt haben. Ich fürchte, Sie sind nervös geworden. Ich wachte auf, als Sie Ihre Tür aufmachten. Was für ein Geräusch haben Sie denn gehört? Fenster und Fensterläden sind doch fest verschlossen, und alle Tische und Stühle stehen genauso da wie vorher.«

 

»Ich hörte jemand sprechen«, sagte Lois.

 

»Es ist besser, daß Sie jetzt zu Bett gehen, mein Kind.«

 

Sie klopfte Lois mit ihrer großen Hand beruhigend auf die Schulter, und das Mädchen folgte ihr, ging die Treppe wieder hinauf und verschwand in ihrem Zimmer.

 

+++

 

Als sie am nächsten Morgen zum Frühstück herunterging, fühlte sie sich sehr elend. Lizzy war durch ihre Freundin gewarnt und erwähnte bei Tisch nichts von ihrem nächtlichen Erlebnis. Lois geleitete sie zur Haustür und kam in den Speisesaal zurück. Ein Diener räumte eben unter Braimes Aufsicht den Tisch ab.

 

»Die Gräfin sagte mir, daß Sie in der Nacht jemand sprechen hörten«, erklärte der Butler, als der Diener das Zimmer verlassen hatte.

 

»Ja – es ist aber auch möglich, daß ich geträumt habe oder mir nur einbildete, die Stimme der Gräfin im Salon gehört zu haben.«

 

»Lady Moron war vorige Nacht nicht im Salon«, antwortete er zu ihrer größten Überraschung.

 

Sie starrte ihn groß an.

 

»Die Gräfin ging zur Bibliothek, also können Sie es von Ihrem Zimmer aus nicht gehört haben.«

 

Die Bibliothek! Also war das Mikrophon dort angebracht. Während sie auf dem Treppenabsatz mit Lady Moron sprach, war Michael Dorn mit seinem Gehilfen in der Bibliothek gewesen, die im Erdgeschoß auf der Rückseite des Hauses lag. Sie war jetzt dankbar, daß sie ihn nicht getroffen hatte, während diese wachsame Frau im Hause umherging.

 

»Ich glaubte, Sie zu hören, als Sie Ihre Türe öffneten«, fuhr Braime fort. »Ich wollte gerade nach unten kommen, als ich bemerkte, daß die Gräfin aufstand. Übrigens wird sie nicht vor ein Uhr herunterkommen. Sie hat zwei Freunde zum Mittagessen eingeladen. Lady Moron wünscht, daß Sie die Briefe riefe allein beantworten, die nicht den Vermerk ›Persönlich‹ tragen.«

 

Lois war mitten in dieser Beschäftigung, als der junge Lord Moron in den Salon kam. Er war sehr nervös und aufgeregt.

 

»Guten Morgen, Miss Reddle«, sagte er und sah sie scharf an. »Nun, fühlen Sie sich wohl?«

 

»Nicht besonders«, lächelte Lois.

 

»Das ist ein merkwürdiges Haus«, murmelte er dann. »Man hört alle möglichen Geräusche – in all diesen alten Häusern spukt es ein bißchen. Sind Sie nicht gestört worden – hat niemand laut auf der Straße gesprochen?«

 

»Nein, ich bin nicht gestört worden«, sagte sie, und er atmete erleichtert auf.

 

»Da bin ich sehr froh – Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich in Ihr Zimmer gehe und alles mitnehme, was ich noch brauche? Aber bitte erwähnen Sie es der Gräfin gegenüber nicht, sonst denkt sie wieder, ich sei ein vergeßlicher Mensch, und macht mir eine große Szene deswegen!«

 

Lois versprach es, und er eilte aus dem Raum. Als sie nach oben ging, um sich für das Mittagessen umzuziehen, schaute sie zu dem Thronhimmel hinauf und sah, daß der Lautsprecher und die Drähte entfernt waren; sie hatte es auch nicht anders erwartet. Sie hätte sich sogar darüber amüsiert, wenn ihr nicht klar gewesen wäre, daß eine schreckliche Gefahr über ihr schwebte. Sie war sich bewußt, daß die Drohung irgendwie mit der Gräfin und ihrem Freund zusammenhing.

 

»Lois Reddle schwebt in großer Gefahr!« Sie zitterte, als sie sich an diese Worte erinnerte. Zweimal war sie in der letzten Woche mit knapper Not dem Tod entgangen. Die Unglücksfälle hatten sich nicht zufällig ereignet, das stand jetzt fest. Aber wer konnte ihr nur nach dem Leben trachten? Und was hatte die Fotografie des jungen Offiziers mit ihr zu tun?

 

In einem Punkt war sie schon zu einem Entschluß gekommen und hatte das auch Lizzy am Morgen mitgeteilt, während sie sich ankleideten. Sie wollte dieses Haus verlassen und lieber eine Weile ohne Stellung sein.

 

Lady Moron erschien kurz vor dem Mittagessen im Salon, sah die Briefe durch und gab ihre Unterschrift, wo es notwendig war.

 

Dann teilte ihr Lois ihre Absicht mit. Zu ihrer Überraschung war die große Frau nicht im mindesten erstaunt oder empört darüber.

 

»Als ich Sie heute morgen sah, fürchtete ich schon, daß das kommen würde. Und ich kann es Ihnen auch nicht übelnehmen, Miss Reddle. Sie haben hier Schreckliches erlebt, obgleich ich annehme, daß die Störung, die Sie letzte Nacht hatten, nur in Ihrer Einbildung bestand.«

 

Lois sagte nichts.

 

»Wann wollen Sie gehen? Ich nehme an, so bald wie möglich? Nun gut, ich nehme es Ihnen nicht übel. Ich fühle, daß ich zum Teil dafür verantwortlich bin. Ich werde Ihnen ein Monatsgehalt auszahlen, und Sie können mich morgen verlassen.«

 

+++

 

Die beiden Gäste waren Chesney Praye und ein anderer Mann, den Lois noch nicht gesehen, von dem sie aber durch den jungen Grafen schon viel gehört hatte. Nach diesem Zusammentreffen fühlte sie den dringenden Wunsch, ihn nicht mehr treffen zu müssen. Er war ein Mann von fünfzig Jahren, hatte einen kahlen Kopf, ein rotes, aufgedunsenes Gesicht, eine blaurote, unförmige Nase und einen immer offenen Mund. Wenn sie ihm auf der Straße und nicht in dieser vornehmen Umgebung begegnet wäre, hätte sie ihn für einen typischen Trinker gehalten. Diese Bezeichnung war auch in jeder Weise gerechtfertigt. Sein Anzug war alt und an den Nähten aufgeschlissen, und die Fingernägel hatte er nur oberflächlich gereinigt.

 

»Ich möchte Ihnen Dr. Tappatt vorstellen!«

 

Das war also der berühmte Doktor! Er machte aber wenig Eindruck auf sie.

 

»Ich freue mich sehr, Sie kennenzulernen, mein liebes Fräulein, ich freue mich wirklich sehr«, sagte er mit erheuchelter Herzlichkeit. Ein schwacher Duft von Whisky und Knoblauch strömte von ihm aus, wenn er sprach. »Sie sind doch die junge Dame, von der Mylady gesprochen hat? Sie hören Stimmen – das ist ein schlechtes Zeichen.« Er lachte. »Wirklich ein sehr schlechtes Zeichen, mein liebes Fräulein. Da haben wir’s ja schon, nicht wahr, Chesney?«

 

Lois sah, wie der Butler das Glas dieses merkwürdigen Menschen mit Wein füllte, und als sie wieder hinsah, war es leer. Offenbar war Braime, wenn er nicht bereits diese Eigenheiten des Gastes kannte, sorgsam darauf eingedrillt, denn er versorgte ihn, ohne zu fragen.

 

Der junge Lord Moron erschien auch bei Tisch, aber er war in gedrückter Stimmung und schwieg. Sein Gesicht hatte er so wenig wie möglich verbunden.

 

»Wie, Sie hatten einen Unfall? Waren Sie bei einer Eisenbahnkatastrophe dabei?« fragte der Doktor. »Eure Lordschaft sollten sich etwas mehr in acht nehmen!«

 

»Ich war bei keinem Eisenbahnunglück!« sagte Selwyn trotzig. Offenbar kannte er den Doktor gut. Lois hatte das Gefühl, daß er sich vor ihm fürchte. Sie sah ihn ein paarmal verstohlen zu dem unsauberen Mann hinüberblicken.

 

»Da ist ja noch jemand, der Stimmen hört, nicht wahr? Sind Eure Lordschaft nicht von einem Hund verfolgt worden, einem kleinen, netten, schwarzen Hund, der mit dem Schwanz wedelte?«

 

»Nein«, sagte Lord Moron entschieden. Er wurde erst rot, dann weiß. »So etwas habe ich niemals gesagt. Ich bin vollkommen sicher – ich weiß genau, was ich tue. Lassen Sie mich jetzt in Ruhe, Dr. Tappatt!«

 

Für Lois Reddle war es eine in jeder Beziehung sehr unangenehme Mahlzeit. Der düstere Widerwille des jungen Moron, die ruhige Gleichgültigkeit seiner Mutter, die rohen Späße Chesney Prayes und die Gegenwart des Arztes, der, wenn er nicht trank, sich mit seinen wunderbaren Kuren rühmte, die er in Indien ausgeführt hatte – dies alles erweckte in ihr den Eindruck des Gespenstischen und Unwirklichen. Dr. Tappatt sprach sie nur noch einmal an.

 

»Ich habe gehört, Sie hätten versucht, sich vom Balkon herunterzustürzen. Mein liebes Fräulein, das ist schlimm – das –.« Unsicher wandte er ihr sein tierisches Gesicht zu und sah sie mit blutunterlaufenen Augen böse an.

 

»Reden Sie keinen Unsinn«, sagte Lady Moron. »Der Balkon stürzte unter Miss Reddle ein – es hat doch niemand gesagt, daß sie selbst den Versuch machte, sich auf die Straße zu stürzen.«

 

»Das war doch auch nur ein Witz«, lachte der Doktor. Er ließ sich durch die Gräfin nicht im mindesten einschüchtern und schob dem aufmerksamen Braime wieder sein Glas hin. »Das ist ein guter Wein, Mylady, ein feiner, voller, kräftiger Wein mit einem großen Bouquet. Vermutlich Romani-Conti?«

 

»Clos de Vougeot«, verbesserte ihn Lady Moron.

 

»Der Unterschied zwischen den Weinen von Vougeot und Vosne ist nur gering«, sagte der Weinkenner. »Für gewöhnlich ziehe ich Conti vor, aber Mylady haben mich bekehrt.«

 

Das Essen dauerte ziemlich lange, und Lois wünschte sehnlichst, daß es vorüber wäre. Endlich erhob sich die Gräfin und trat zu ihrem Sohn.

 

»Wenn du heute abend zum Essen kommst, dann sei so gut und nimm den letzten Rest dieses lächerlichen Pflasters vom Gesicht. Ich möchte, daß du wie ein Gentleman aussiehst und nicht wie ein Preisboxer.« Sie überlegte sich jedes Wort. »Sonst bin ich vielleicht gezwungen, Dr. Tappatt um Rat zu fragen.«

 

Lord Moron zuckte bei den letzten Worten zusammen und murmelte eine Entgegnung, die Lois aber nicht verstehen konnte. Sie war froh, als die Gräfin sie aufforderte, in der Bibliothek zu arbeiten. Sie hatte vorher nur einen kurzen Blick in diesen Raum werfen können und war begierig, das Zimmer näher kennenzulernen, in dem die Gräfin so viele Stunden mit ihren Legespielen zubrachte. Aber vor allem wollte sie das versteckte Mikrophon entdecken, das Lord Moron dort angebracht hatte.

 

Es war ein schöner Raum, nicht allzu hoch, aber langgestreckt. Er reichte von der Wand des Empfangszimmers vorn im Haus bis zu einem kleinen Abstellraum, der den häßlichen Hof auf der Rückseite des Gebäudes verdeckte. Alle Wände waren mit Bücherschränken verstellt, außerdem befand sich noch ungefähr ein Dutzend Aktenschränkchen hier, in denen die Gräfin alle Andenken aufhob, die sie im Laufe ihres langen Lebens gesammelt hatte: Theaterprogramme, Zeitungsausschnitte und Briefe. Die meisten Menschen hätten keinen Wert darauf gelegt, solche Papiere aufzuheben, aber Lady Moron war eine methodische Frau und scheute davor zurück, irgend etwas zu vernichten. Das erzählte sie auch Lois, als sie ihr den Raum zeigte.

 

Als Lois wieder allein war, untersuchte sie die ganze Bibliothek sorgfältig, ohne jedoch das verborgene Mikrophon oder die Drahtleitung zu entdecken. Sie fand, daß eine Abteilung eines Bücherschranks durch eine mit feinem Drahtgewebe überzogene Sicherheitstür verschlossen war. Sie konnte aber deutlich die Titel der Bücher sehen und war überrascht über diese Vorsichtsmaßregeln, die die Lektüre dieser Bücher verhindern sollten. Die Bücher waren von der unschuldigsten Art, und sie nahm an, daß es vielleicht früher anders gewesen war.

 

Als sie ihre Arbeit beendet hatte, ging sie an den Schränken entlang, betrachtete die Bücher, nahm eins nach dem anderen heraus und durchblätterte es, um sich zu unterrichten.

 

Plötzlich kam Braime herein, und sie sah sofort, daß irgend etwas Besonderes vorgefallen war. Sein Gesicht zuckte. Offenbar war er furchtbar erregt, aber es gelang ihm, sich zu fassen.

 

»Würden Sie bitte in den Speisesaal gehen, Fräulein? Dort ist ein Herr, der Sie sprechen möchte.«

 

»Ein Herr? Wer ist es denn?«

 

»Ich kenne seinen Namen nicht. Aber wenn er noch nicht dort sein sollte, so warten Sie bitte auf ihn.«

 

»Aber wer ist es denn, Braime? Hat er Ihnen seinen Namen nicht genannt?«

 

»Nein, gnädiges Fräulein.« Seine Hände zitterten, und in seinen Augen lag ein ganz fremder Ausdruck.

 

»Im Speisesaal?« fragte sie noch einmal, als sie hinausging.

 

»Jawohl, Fräulein.«

 

Sie schaute sich noch einmal um und war erstaunt, daß er ihr nicht folgte. Der Speisesaal war leer, sie fand dort nur ihre Zofe. Das Mädchen staubte ab und wunderte sich, daß Lois hereinkam.

 

»Braime sagte, daß mich ein Herr sprechen wolle.«

 

Das Mädchen schüttelte den Kopf.

 

»Ich weiß nichts von einem Herrn, Fräulein. Aber ich weiß etwas anderes«, sagte sie böse. »Braime ist kein anständiger Mensch. Ich habe ihn gerade dabei ertappt, wie er aus dem Schlafzimmer der Gräfin kam, und ich will es ihr nachher sagen. Er ist ein hinterlistiger Schnüffler –«

 

»Bitte, sehen Sie nach, wer mich sprechen möchte. Vielleicht wartet der Herr in der Halle.«

 

Die Zofe ging hinaus und kam bald wieder zurück.

 

»Es ist niemand da, Fräulein. Der Diener sagte, daß kein Besuch gekommen ist, seit Dr. Tappatt fortging. Mr. Praye ist mit der Gräfin im Salon.«

 

Was sollte das bedeuten? Lois runzelte die Stirn. Braime hatte sie nur aus dem Raum entfernen wollen! Sie eilte zur Bibliothek zurück und öffnete die geschlossene Tür.

 

»Braime –«, begann sie und hielt plötzlich entsetzt ein.

 

Der Butler lag still und bewegungslos in der Mitte des Fußbodens auf dem Rücken. Sein kreidebleiches Gesicht war verzerrt und seine Lippen verkrampft.

 

Kapitel 16

 

16

 

Zuerst wollte sie fortrennen, aber dann siegte das Mitleid in ihr. Sie kniete an Braimes Seite nieder und löste seinen Kragen. War er tot? Sie bemerkte kein Lebenszeichen an ihm, er atmete nicht. Seine Hände waren erhoben, als ob er einen unsichtbaren Feind fassen wollte, aber sie waren steif und bewegungslos.

 

Lois lief zur Tür hinaus und rief das Mädchen.

 

»Telefonieren Sie sofort nach einem Arzt! Braime ist schwer krank«, sagte sie atemlos und eilte die Treppe hinauf.

 

Lady Moron war mitten in der Unterhaltung mit ihrem Besuch begriffen, aber als sie das Mädchen sah, kam sie eilig durch das Zimmer.

 

»Was ist geschehen?« fragte sie mit leiser Stimme.

 

»Braime«, sagte Lois atemlos. »Ich fürchte, er ist tot.«

 

Die Gräfin folgte ihr schnell die Treppe hinunter. Einen Augenblick stand sie in der Tür und sah den Butler ausgestreckt daliegen.

 

»Das ist kein Anblick für Sie«, sagte sie dann liebenswürdig, schob das Mädchen auf den Gang zurück und schloß die Tür.

 

Gleich darauf kam sie wieder heraus.

 

»Ich glaube auch, daß er tot ist. Erzählen Sie mir doch, was sich zutrug. Aber besser läuten Sie erst Dr. Tappatt im Limbo-Klub an.«

 

Lois sagte, daß sie schon Auftrag gegeben habe; einen Arzt zu rufen. Die Zofe hatte das Virgina-Krankenhaus angeläutet, das nur hundert Meter vom Chester Square entfernt lag, und als sie sich noch im Gang unterhielten, fuhr schon ein Krankenauto vor. Der Diener eilte hinaus und öffnete. Ein junger Arzt untersuchte kurz die ausgestreckte Gestalt und war anscheinend sehr verwundert.

 

»Hat dieser Mann schon öfter Anfälle gehabt?« fragte er.

 

»Ich habe nichts davon bemerkt. Solange er in meinen Diensten stand, war er vollständig gesund.«

 

Lois war wieder in die Bibliothek mitgekommen und schaute ängstlich auf die reglose Gestalt.

 

»Ich kann keine Wunde an ihm entdecken«, sagte der Arzt. »Ich werde die Krankenwärter rufen, daß sie ihn ins Krankenhaus bringen.«

 

Er ging zur Eingangshalle zurück und gab den Leuten ein Zeichen. Eine Tragbahre wurde aus dem Krankenwagen gehoben und in die Bibliothek gebracht. Als sie Braime gerade aufheben wollten, hörte man plötzlich eilige Schritte in der Eingangshalle. Ein Mann bahnte sich rasch einen Weg in die Bibliothek. Er war erhitzt und ohne Hut, stand schwer atmend im Türeingang und schaute von einem zum anderen, bis sein Blick auf Lois fiel.

 

»Gott sei Dank«, sagte er leise.

 

Dann war er mit zwei großen Schritten an der Seite Braimes, der noch immer steif auf dem Boden lag.

 

»Sind Sie Arzt?« begann Lady Moron.

 

»Mein Name ist Michael Dorn – vielleicht haben Mylady meinen Namen noch nicht gehört«, sagte er schroff. Seine scharfen Augen suchten den Raum ab. Er ergriff eine chinesische Porzellanvase, in der Rosen standen, riß den Blumenstrauß heraus, warf ihn auf den Boden und schüttete das Wasser in das Gesicht des Butlers. Dann kniete er an seiner Seite nieder, zog die steifen Arme des Mannes hoch und drückte sie wieder gegen den Körper. Lois beobachtete ihn bestürzt. Er wandte die Wiederbelebungsmethoden an, mit denen man Ertrunkene ins Leben zurückzurufen sucht.

 

»Sind Sie Arzt?« fragte der junge Mediziner ein wenig gereizt.

 

»Nein«, sagte Michael, ohne sich stören zu lassen.

 

»Darf ich Sie dann fragen, warum Sie so mit diesem Mann umgehen?«

 

»Ich rette ihm das Leben«, erwiderte er kurz.

 

Lady Moron drehte sich in diesem Augenblick um. Sie hatte die Stimme ihres Sohnes in der Eingangshalle gehört und eilte aus dem Raum, um ihn draußen aufzuhalten.

 

»Was willst du, Selwyn?« fragte sie kalt.

 

»Es ist etwas in der Bibliothek geschehen; sie sagten, der alte Braime hätte einen Anfall bekommen oder so etwas – ich dachte, ich könnte helfen.«

 

»Geh bitte in dein Arbeitszimmer zurück, ich wünsche nicht, daß du dich über solche Sachen aufregst.«

 

»Verdammt noch einmal«, begann der Graf. Aber ein Blick seiner Mutter brachte ihn zum Schweigen, und er entfernte sich wieder.

 

Die Gräfin wartete, bis er außer Sicht war, und ging dann zu der kleinen Gruppe zurück, die Michael Dorn und seine anscheinend nutzlosen Bemühungen beobachtete. Nach einigen Minuten sagte der Arzt: »Dieser Mann muß ins Krankenhaus gebracht werden – Mr. Dorn.«

 

Lady Morons Besuch war nun auch herbeigekommen. Chesney Praye hatte gesehen, daß der Detektiv im Haus war, aber in Gegenwart der Gräfin hatte er Mut.

 

»Sie werden den Mann wahrscheinlich töten, Dorn. Lassen Sie ihn doch ins Krankenhaus bringen, wo man sich seiner richtig annehmen kann.«

 

Michael antwortete nicht. Der Schweiß lief ihm von der Stirn. Er hielt einen Augenblick inne, zog eilig sein Jackett aus und nahm die Arbeit wieder auf.

 

»Ich will nur hoffen, daß Sie ein besserer Arzt als Detektiv sind«, sagte Chesney ärgerlich.

 

»Im Augenblick bin ich ein ebenso guter Arzt wie Sie ein Gauner«, sagte Dorn, ohne sich nach ihm umzudrehen. »Und auf jeden Fall bin ich ein besserer Detektiv, als Sie ein Verbrecher sind. Er kommt wieder zu sich.«

 

Zu Lois‘ größtem Erstaunen bewegten sich Braimes Augenlider. Sie sah, wie sich seine Brust hob und senkte, ohne daß Dorn half.

 

»Ich hoffe, daß er sich wieder erholt«, sagte Dorn, stand auf und wischte sich die Stirn.

 

»Sind Sie Detektiv?« fragte der junge Arzt.

 

»So etwas Ähnliches«, sagte Michael lächelnd. »Es ist gut, wenn Sie ihn jetzt so schnell wie möglich ins Krankenhaus bringen. Verzeihen Sie mir, daß ich Ihnen vorgegriffen habe, aber ich habe früher schon einmal einen solchen Fall erlebt.«

 

»Was ist es denn?« fragte der erstaunte Arzt, als der Butler auf die Bahre gehoben und aus der Bibliothek getragen wurde. »Ich dachte, er hätte einen Schlag bekommen.«

 

»Ja, es war ein Schlag, aber ein sehr böser«, entgegnete Michael grimmig.

 

Er folgte den Krankenträgern nicht, sondern zog sein Jackett an, ging in dem Raum umher und schaute sich überall um. Er betrachtete die Decke, den Fußboden und ließ seine Blicke über den Bibliothekstisch schweifen.

 

»Er fiel etwa zwei Meter vom Tisch entfernt hin«, sagte er. Dabei zeigte er auf einen Wasserflecken im Teppich. »Soll ich Ihnen einmal sagen, wo seine Füße lagen? Man hatte ihn nämlich schon von dort weggeholt, als ich kam.«

 

»Lady Moron wird es vorziehen, die Sache mit der Polizei zu besprechen, wenn die Beamten kommen«, sagte Chesney Praye gehässig. »Sie haben kein Recht, sich hier aufzuhalten – das wissen Sie doch, Dorn?«

 

»Will mir nicht jemand sagen, wo seine Füße lagen?«

 

Lois zeigte es ihm.

 

»Er lag quer im Raum.«

 

»Ja, das stimmt.« Dorn strich sich verwundert über das Kinn. »Sie waren doch nicht hier, als es passierte, Miss Reddle?«

 

»Ich verbiete Ihnen, irgendwelche Fragen zu beantworten«, sagte die Gräfin zu ihrer Sekretärin. »Ich stimme Mr. Praye vollständig bei, daß diese Angelegenheit Außenstehende nichts angeht. Meinen Sie, daß man einen Angriff auf den Mann machte?«

 

»Ich habe nichts Derartiges gesagt«, entgegnete Dorn, und seine Blicke suchten wieder Lois‘ Augen. »Sie haben ja eine Menge Unglücksfälle hier erlebt, Miss Reddle?« fragte er höflich. »Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, würde ich in die Charlotte Street zurückgehen, dort wohnen Sie sicherer. Als ich sah, wie der Krankenwagen vor der Tür hielt, hätte ich beinahe einen Herzschlag bekommen, denn ich dachte, Sie wären das Opfer.«

 

Die Gräfin ging zur Tür und öffnete sie etwas weiter.

 

»Wollen Sie jetzt bitte gehen, Mr. Dorn – Ihre Gegenwart ist nicht erwünscht, und Ihre Andeutung, daß eine Person in meinem Haus sich in der geringsten Gefahr befindet, beleidigt mich –« Sie schaute Mr. Praye an. »Und auch meinen Freund.«

 

»Dann wäre es besser, wenn Mylady sich einen anderen Freund aussuchten«, sagte Dorn in guter Laune. »Und damit Sie nicht denken, daß ich den feinfühligen Mr. Chesney Praye durch meine Vermutungen verletze, will ich Ihr Gemüt erleichtern. Es gibt nämlich zwei Dinge, die Chesney übelnimmt – erstens möchte er nicht gern Geld verlieren, und zweitens möchte er nicht daran gehindert werden, sich Geld anzueignen, das ihm nicht gehört. Kann ich Sie einmal allein sprechen, Miss Reddle?«

 

»Ich verbiete –«, begann die Gräfin.

 

»Kann ich Sie sprechen?«

 

Lois zögerte, nickte dann und ging vor ihm aus dem Raum. In der Halle sagte er ihr seine Ansicht.

 

»Ich erwartete nicht, daß die Unglücksfälle so dicht aufeinanderfolgen würden, seitdem Sie in dieses Haus gekommen sind«, sagte er. »Ich habe nur meine Einwilligung gegeben, daß Sie hierherkamen, weil ich dachte, daß –«

 

»Sie haben Ihre Einwilligung gegeben?« Sie machte große Augen und wurde plötzlich rot vor Ärger. »Bilden Sie sich etwa ein, Mr. Dorn, daß ich Ihre Zustimmung brauche?«

 

»Es tut mir leid«, sagte er bescheiden. »Ich habe mich falsch ausgedrückt. Aber meine Nerven sind etwas in Unordnung geraten. Aber nachdem Sie diese vergiftete Schokolade zugesandt erhielten, mußte ich Ihnen sagen –«

 

»Sie wurde blaß.

 

»Vergiftet?« flüsterte sie.

 

Er nickte.

 

»Ja – sie war mit Blausäure vergiftet. Ich bin nur deshalb nachts in ihr Zimmer gekommen, um sie wegzunehmen. Als ich vor ein paar Minuten hier ankam, war ich starr vor Schrecken, denn ich erwartete, Sie tot aufzufinden.«

 

»Warum interessieren Sie sich für mich?« fragte sie.

 

Er wich ihrer frage aus.

 

»Wollen Sie nicht dieses Haus sofort verlassen und in die Charlotte Street zurückkehren?«

 

»Ich kann nicht vor morgen weggehen – ich habe Lady Moron versprochen, daß ich bei ihr bleiben werde, und ich bin sicher, Mr. Dorn, daß Sie sich irren. Wer hätte mir denn vergiftete Schokolade schicken sollen?«

 

»Wer hätte versuchen sollen, Sie mit einem Auto zu überfahren?« fragte er dagegen. »Sehen Sie dies –« Er nahm einen kleinen Stoffstreifen aus seiner Westentasche. »Erkennen Sie das wieder?«

 

Sie war sehr erstaunt.

 

»Das wurde aus meinem Kleid gerissen, als das Auto –«

 

»Ja, ich fand es noch an dem Wagen hängen. Die Leute, die ihn einstellten, waren in solcher Eile, daß sie nicht einmal den Versuch machten, ihren Wagen zu betrachten oder ihn zu reinigen.«

 

»Aber wer – wer ist denn mein Feind?« fragte sie leise.

 

»Eines Tages werde ich Ihnen seinen Namen nennen – ich fürchte, ich habe Ihnen schon zuviel erzählt und habe mich selbst schon etwas verdächtig gemacht. Ich kann nur hoffen, daß Sie sich in acht nehmen, wenn Sie wissen, daß ich auf dem Posten bin. Am besten verlassen Sie dieses Haus sofort, spätestens heute abend.«

 

»Nein, das ist unmöglich.«

 

Er nickte.

 

»Nun gut.« Er schaute sich um und betrachtete Lady Moron, die in der Tür der Bibliothek stand und sich lebhaft mit Chesney Praye unterhielt. Plötzlich sah er, wie der Mann mit dem roten Gesicht ihn anschaute. »Ich wünsche Sie zu sprechen, Praye.«

 

Dorn ging aus dem Haus und wartete auf dem Gehsteig auf ihn.

 

»Sehen Sie einmal –«, begann der andere mit lauter Stimme.

 

»Wollen Sie wohl leiser sprechen – ich bin nicht taub. Es ist jetzt überhaupt nicht an Ihnen, zu reden. Haben Sie mich verstanden? Heute morgen war ich im Indian Office und habe den Staatssekretär gesprochen. Es wird keine Schwierigkeiten machen, wegen der Delhi-Affäre einen Haftbefehl gegen Sie auszufertigen, wenn ich den Antrag stelle. Also merken sie sich erstens diese Tatsache. Zweitens: Wenn Lois Reddle nur das geringste Leid geschieht und ich entdecke, daß Sie Ihre Hand im Spiel gehabt haben, dann verfolge ich Sie, und sollte es durch neun Höllen sein – und ich kriege Sie! Überlegen Sie sich das!«

 

Er nickte kurz, drehte sich um und ging fort. Chesney Praye blieb sprachlos vor Wut und Furcht stehen.

 

Kapitel 1

 

1

 

Lois Margeritta Reddle saß auf der Kante ihres Bettes und hielt in der einen Hand eine große Tasse, in der anderen einen Brief. Die dicke Brotschnitte war zu dünn gestrichen, der Tee zu schwach aufgegossen und zu stark gezuckert, aber die Lektüre nahm Lois so in Anspruch, daß ihr diese kleinen Nachlässigkeiten ihrer Freundin Lizzy Smith nicht zum Bewußtsein kamen.

 

Eine goldene Krone schmückte den Briefbogen, und das starke, griffige Papier strömte einen leichten Duft aus.

 

 

307 Chester Square, London S.W. Die Gräfin von Moron hat mit Vergnügen die Nachricht erhalten, daß Miss Reddle ihre Stellung als Privatsekretärin am Montag, dem 17., antritt. Miss Reddle kann versichert sein, daß sie einen angenehmen Posten und viel freie Zeit zur Verfügung haben wird.

 

 

Die Tür wurde aufgestoßen, und Lizzys strahlend rotes Gesicht erschien im Rahmen.

 

»Das Bad ist fertig«, sagte sie kurz. »Aber nimm vorsichtshalber deine eigene Seife mit – durch die dünne Scheibe, die noch da ist, kannst du durchgucken. Hier hast du ein frisches Handtuch, und hier ist ein halbnasses. Was steht in dem Brief?«

 

»Er ist von meiner Gräfin – ich fange am Montag bei ihr an.«

 

Lizzy zog ein schiefes Gesicht.

 

»Du schläfst natürlich auch dort? Das heißt also, daß ich mir wieder jemand suchen muß, der hier bei mir wohnt. Die letzte, mit der ich vor dir zusammenhauste, schnarchte. Aber das gute Zeugnis kann ich dir wenigstens ausstellen, Lois, du hast nicht geschnarcht.«

 

Lois‘ Augen blitzten schalkhaft auf, und um ihren ausdrucksvollen Mund spielte ein Lächeln.

 

»Du kannst dich jedenfalls nicht beklagen, daß ich dich nicht ordentlich versorgt hätte«, sagte Lizzy selbstzufrieden. »Du siehst doch ein, wie gut ich unseren Haushalt geführt habe, besser als alle anderen, mit denen du früher einmal zusammenwohntest. Ich habe dir alle Haushaltssorgen abgenommen, alles besorgt, eingekauft, gekocht und geputzt – das gibst du doch zu?«

 

Lois legte ihren Arm um die Freundin und küßte ihr einfaches, gutmütiges Gesicht.

 

Ja – wir haben uns gut vertragen, und es tut mir sehr leid, daß ich fortgehen muß. Aber ich habe immer versucht vorwärtszukommen. Von der Schulbank in Leeds kam ich an das kleine Kassenpult bei Rooper und von dort zu einer Drogerie, dann zu der großen Rechtsanwaltsfirma –«

 

»Groß?« unterbrach Lizzy sie ärgerlich. »Du willst den alten Shaddles doch nicht etwa groß nennen? Das Biest hat mir zu Weihnachten nicht einmal das Gehalt um zehn Shilling erhöht, und ich habe doch jetzt fünf Jahre lang die Schreibmaschine bei ihm geklopft! – Aber, mein Liebling, du wirst nun eine gute Partie machen, du wirst jemand aus der Gesellschaft heiraten. Die Gräfin ist sicher ein weiblicher Drache, aber sie ist reich, und du triffst vornehme Leute bei ihr. – Jetzt mußt du aber gehen und dein Bad nehmen; ich mache inzwischen die Setzeier. Werden wir Regen bekommen?«

 

Lois rieb ihre weißen, wohlgerundeten Arme und fuhr leise mit der Hand über eine kleine, schwach rot schimmernde, sternförmige Narbe kurz über ihrem Ellenbogen. Lizzy glaubte fest daran, daß es Regen gebe, wenn Lois‘ Narbe sich dunkler färbte.

 

»Das Ding mußt du dir elektrisch wegmachen lassen«, sagte das frische, derbe Mädchen, aber Lois schüttelte leicht den Kopf. »Du kannst auch lange Ärmel tragen, sie sind in dieser Saison modern.«

 

Lois hörte während des Bades ihre Freundin in der kleinen Küche herumwirtschaften. Während die Setzeier in der Pfanne brutzelten, pfiff Lizzy die Melodie des letzten Tanzschlagers.

 

Die beiden hatten zusammen das Obergeschoß eines Hauses in der Charlotte Street gemietet, seitdem Lois nach London gekommen war. Sie war eine Waise, ihr Vater starb, als sie noch klein war, und sie konnte sich auch nur dunkel auf die freundliche, mütterliche Frau besinnen, die sie während ihrer ersten Schulzeit betreut hatte. Später wurde sie von einer weitläufig verwandten Tante erzogen, die sich aber nur um ihre vielen eingebildeten Leiden kümmerte. Sie starb bald, trotz ihrer vielen Medizinflaschen oder vielleicht gerade deshalb, und Lois kam dann zu fremden Leuten.

 

»Der Gräfin wird deine vornehme Ausdrucksweise gefallen«, sagte Lizzy, als das hübsche Mädchen in die Küche kam.

 

»Ich wußte nicht, daß ich vornehm spreche«, erwiderte Lois in guter Laune.

 

Lizzy schwenkte mit einer geschickten Bewegung die Eier aus der Bratpfanne auf den Teller.

 

»Sicher hat auch ihn das sofort für dich eingenommen«, meinte sie bedeutungsvoll.

 

Lois errötete.

 

»Wenn du doch nicht immer von diesem schrecklichen Menschen sprechen wolltest, als ob er ein junger Gott wäre!« erwiderte sie kurz.

 

Lizzy Smith ließ sich aber nicht im mindesten aus der Fassung bringen. Sie wischte sich die Stirn mit dem Handrücken ab, stellte die Bratpfanne an ihren Platz zurück und setzte sich energisch an den Tisch.

 

»Hör mal, das ist kein gewöhnlicher Mensch! Er gehört nicht zu diesen Gecken, die einen auf der Straße ansprechen«, sagte Lizzy, in Erinnerung versunken. »Ich bitte dich, der ist doch Klasse. Als er mir dankte, hat er mich wie eine Lady behandelt, und während der ganzen Unterhaltung ist kein Wort gefallen, das nicht auf der ersten Seite einer frommen Sonntagszeitung hätte stehen können. Als ich aber kam und dich nicht mitbrachte, war er furchtbar enttäuscht, und es war wirklich kein Kompliment für mich, daß er ganz verlegen dreinschaute und sagte: ›Ach, ist sie nicht mitgekommen?‹«

 

»Die Setzeier sind angebrannt«, sagte Lois.

 

»Er ist wirklich ein feiner Kerl«, fuhr Lizzy fort, »ein Gentleman! Er fährt seinen eigenen Wagen. Er spaziert in der Bedford Row auf und ab, nur um dich einmal kurz von weitem sehen zu können. Solche Anhänglichkeit würde selbst das härteste Herz aus Stein erweichen.«

 

»Meins ist aber aus Bronze«, erwiderte Lois vergnügt. »Du machst dich lächerlich, Elizabeth!«

 

»Du bist die erste, die mich seit meiner Taufe Elizabeth genannt hat. Aber das ändert an der Sache gar nichts, soweit ich daran beteiligt bin. Mr. Dorn –« »Der Tee schmeckt nach ausgelaugtem Holz«, unterbrach sie Lois, und diesmal fühlte Lizzy sich getroffen.

 

Es entstand eine Pause.

 

»Hast du den alten Mackenzie in der vergangenen Nacht gehört?« begann Lizzy dann wieder. »Nein? Er hat dieses süße Stück aus Hoffheims Erzählungen – Hoffmanns Erzählungen wollte ich sagen – gespielt. Komisch, daß ein Schotte Violine spielt. Ich dachte, sie wären alle Dudelsackpfeifer.«

 

»Er spielt wundervoll. Manchmal höre ich seine Musik in meinen Träumen.«

 

Lizzy murrte.

 

»Mitten in der Nacht macht man keine Musik«, sagte sie böse. »Wenn er auch unser Hausherr ist, so haben wir doch das Recht auf Schlaf. Er ist eben verrückt, das ist es.«

 

»Mir gefällt er aber gerade mit seinen Eigenheiten gut, er ist ein netter alter Mann.«

 

Lizzy rümpfte die Nase.

 

»Alles zu seiner Zeit«, sagte sie, stand auf und holte eine dritte Tasse aus dem Küchenschrank. Sie stellte sie geräuschvoll auf den Tisch und goß Tee und reichlich Milch ein.

 

»Heute bist du an der Reihe, ihm den Tee hinunterzutragen. Vielleicht kannst du eine Bemerkung fallen lassen, daß ich am liebsten ›Mondnacht in Italien‹ höre.«

 

Die Mädchen hatten es sich zur Gewohnheit gemacht, dem alten Mann, der die Etage unter ihnen bewohnte, jeden Morgen eine Tasse Tee zu bringen. Ganz abgesehen von seiner Eigenschaft als Hauswirt, stand der alte Herr mit beiden Mädchen auf gutem Fuß. Die Miete, die sie zahlten, war im Verhältnis zu der zentralen Lage des Hauses und der Beliebtheit dieser Gegend sehr niedrig.

 

Lois trug die Tasse die Treppe hinunter und klopfte an eine der beiden Türen auf dem unteren Treppenabsatz. Schlürfende Schritte näherten sich auf dem harten Fußboden, die Tür öffnete sich, und Mr. Mackenzie verneigte sich mit einem dankbaren Blick über seine Hornbrille hinweg. Er betrachtete wohlgefällig die hübsche Erscheinung des Mädchens.

 

»Tausend Dank, Miss Reddle«, sagte er eifrig, als er ihr die Tasse abnahm. »Wollen Sie nicht ein bißchen hereinkommen? Ich habe meine alte Violine zurückbekommen. Habe ich Sie die letzte Nacht gestört?«

 

»Nein. Leider habe ich Sie nicht gehört«, sagte Lois, als er die Tasse auf die sauber gescheuerte Platte des einfachen Tisches stellte.

 

Das Zimmer war peinlich sauber und nur mit dem Allernotwendigsten möbliert. Aber es paßte so recht zu diesem kleinen alten Herrn mit den bauschigen Hosen, den feuerroten Pantoffeln und der schwarzen Samtjacke. Runzeln und Falten durchzogen sein glattrasiertes Gesicht, aber die hellen blauen Augen, die unter buschigen Brauen saßen, waren voller Leben und Güte.

 

Er nahm die Violine, die auf der Kommode lag, behutsam, fast zärtlich in die Hand.

 

»Musik ist ein hoher Beruf«, sagte er, »wenn man ihr genügend Zeit widmen kann. Aber die Bühne ist etwas Fürchterliches! Gehen Sie niemals zum Theater, mein liebes Fräulein, bleiben Sie hübsch auf der anderen Seite der Rampenlichter. Diese Komödianten sind sonderbare, unaufrichtige Leute.« Er nickte nachdenklich. »Früher saß ich ruhig und geborgen im tiefen Orchester und beobachtete nur, wie ihre kleinen, süßen Füße über die Bühne trippelten … Sie war ein schönes Mädchen, nicht viel älter als Sie, aber sehr hochmütig, wie die Schauspielerinnen eben sind. Wie ich den Mut fand, sie anzusprechen und zu fragen, ob sie mich heiraten wolle, verstehe ich heute selbst nicht mehr.« Er seufzte schwer. »Ach ja, und doch war es für mich Narren ein Paradies, und das Leben mit ihr war schöner als die Einsamkeit, wenn ich auch betrogen und ausgenützt wurde. Zwei Jahre lang –« Er schüttelte den Kopf. »Sie war ein süßes Geschöpf, aber sie war verbrecherisch veranlagt. Manche jungen Mädchen sind leider so. Sie haben kein Gewissen und fühlen keine Reue, und wenn man kein Gewissen und keine Reue kennt, dann gibt es nichts, was man nicht tun könnte – bis zum Mord.«

 

Lois hatte ihn schon öfters über diese sonderbare Frau klagen hören, ohne daß sie aus seinen Äußerungen ein klares Bild gewinnen konnte. Aber heute hatte er zum erstenmal ihre verbrecherische Veranlagung erwähnt.

 

»Frauen sind merkwürdige Geschöpfe, Mr. Mackenzie«, sagte sie scherzend.

 

Er nickte.

 

»Ja, das sind sie«, erwiderte er schlicht. »Aber im allgemeinen sind sie den meisten Männern überlegen. Ich danke Ihnen auch schön für den Tee, Miss Reddle.«

 

Sie stieg die Treppe wieder hinauf. Lizzy zog gerade ihren Mantel an.

 

»Na, hat er dich wieder vor der Bühne gewarnt?« fragte sie, als sie zu dem kleinen Spiegel trat und sich puderte. »Ich möchte wetten, daß er wieder davon anfing. Gestern habe ich zu ihm gesagt, daß ich auch ein schönes Chormädchen werden wollte. Da hätte er beinahe einen Anfall bekommen!«

 

»Du mußt den netten alten Herrn nicht so aufziehen!«

 

»Er müßte doch etwas mehr Verstand haben«, sagte Lizzy verächtlich. »Ich – ein hübsches Chormädchen! Wo hat denn der seine Augen gelassen?«

 

Kapitel 10

 

10

 

Die Gräfin von Moron hatte, wie Lois entdeckte, eine sonderbare Lieblingsbeschäftigung. Sie liebte Zusammensetzspiele, die besonders für sie hergestellt wurden – Bilder in Grau und Blau mit merkwürdigen Schattierungen, die einen gewöhnlichen Spieler zur Verzweiflung gebracht hätten. Sie konnte Stunden vor dem großen Tisch in der Bibliothek damit zubringen. Das erzählte sie beim Essen, und Lois bemerkte zum erstenmal eine menschliche Seite an ihrer Herrin. Die Unterhaltung wurde hauptsächlich von den beiden Frauen bestritten. Lord Moron war zwar auch zugegen, aber er schien kaum dazuzugehören. Wenn er gelegentlich sprach, ignorierte ihn seine Mutter, oder sie antwortete ihm nur kurz. Anscheinend war er an diese Behandlung gewöhnt und lehnte sich nicht dagegen auf. Der einzige Bedienstete, der während des Essens erschien, war Braime, gegen den Lois sofort einen Widerwillen faßte. Er war ein schweigsamer Mann mit wenig einnehmendem Gesicht, und obwohl er sehr höflich war, flößte ihr irgend etwas an seiner großen, mächtigen Gestalt Unbehagen ein.

 

»Sie haben den Butler nicht gern, Miss Reddle?« fragte die Gräfin, als der Mann einen Augenblick das Zimmer verlassen hatte.

 

Lois war erstaunt über das feine Gefühl der Gräfin.

 

»Ich weiß noch nicht«, antwortete sie lachend, »ob er mir gefällt.«

 

»Man kann sehr zufrieden mit ihm sein«, erwiderte die Gräfin in ihrer majestätischen Art. »Ich liebe große Diener, und daß sein Gesicht nicht gerade anziehend ist, scheint mir ein Vorteil zu sein. Keiner meiner Gäste wird ihn mir zu nehmen versuchen. Man findet es in unseren Kreisen häufig, daß einem die besten Diener von anderen Leuten wegengagiert werden.«

 

Und dann erzählte sie von ihrer Vorliebe für Zusammensetzspiele.

 

»Braime ist sehr hilfreich und ganz geschickt in diesen Dingen – ich habe ihn schon oft zu Hilfe rufen müssen.«

 

»Ist er schon lange bei Ihnen?«

 

»Ungefähr sechs Monate. Er wurde mir von jemand empfohlen, der sich um die Besserung von Verbrechern bemüht«, war die verwunderliche Antwort.

 

Lois sprang beinahe vom Stuhl auf.

 

»Wollen Sie damit sagen, daß er früher im Gefängnis war?« fragte sie bestürzt.

 

Lady Moron nickte.

 

»Ja, ich glaube, er wurde wegen irgendeiner dummen Sache verurteilt – soweit ich mich entsinne, hatte er Silber gestohlen. Ich habe ihm eine neue Existenzmöglichkeit gegeben – und der Mann ist dankbar.«

 

Als der Butler zurückkam, betrachtete Lois ihn sorgfältiger und kritischer. Trotz seiner mächtigen Gestalt bewegte er sich mit leisen, fast katzenhaften Schritten, und seine plumpen Hände handhabten das zerbrechliche Chinaporzellan mit erstaunlicher Geschicklichkeit.

 

Lois war angenehm überrascht, daß ihr ein eigenes Mädchen zugeteilt war – ein frisches, gesundes Landkind, das aus dem Dorf der Gräfin in Berkshire stammte. Die Earls von Moron waren wohlhabende Landbesitzer, und Moron House nahe Newbury war einer der hervorragendsten Herrensitze der Grafschaft.

 

Das Mädchen besaß die ganze Beredsamkeit ihres Schlages, und Lois war noch nicht lange in ihrem Zimmer, als sie schon erfuhr, daß ihr Mißtrauen gegen den Butler von allen Dienstboten geteilt wurde.

 

»Er steckt überall seine Nase hinein und spioniert herum«, sagte das Mädchen. »Wie eine große Katze schleicht er daher. Sie können ihn nicht hören, bis er hinter Ihnen steht. Wir anderen sind ihm nicht gut genug – immer hält er sich im Vorzimmer zum Speisesaal auf, und wenn ein neues Mädchen seine Stelle angetreten hat, bewacht er es, als ob es eine Maus wäre. Ich weiß nicht, warum die Gräfin so einem häßlichen, übelgelaunten Mann die Verwaltung ihres Haushalts anvertraut.«

 

»Ist er übelgelaunt?« fragte Lois.

 

»Nun ja«, gab das Mädchen zögernd zu, »ich kann es nicht genau sagen. Aber es sieht immer so aus«, sagte sie dann eifrig. »Und man kann einen Menschen immer nach seinem Blick beurteilen. Die Gräfin hat sich aber viel Mühe mit Ihnen gegeben.«

 

»Mit mir?« fragte Lois erstaunt.

 

»Sie hat diese Stühle für Sie hereinstellen lassen und hat selbst Ihr Bett ausgewählt und – hallo, was ist das? Gehört das Ihnen?«

 

Sie hatte eine leere Schublade einer Kommode aufgezogen und hielt jetzt eine große Fotografie in der Hand. Lois nahm sie – es war das Bild eines jungen Mannes, der am Anfang der Zwanzig stehen mochte. Er sah gut aus, und irgend etwas in dem Gesicht kam ihr sonderbar bekannt vor.

 

»Ich weiß nicht, wie das hierherkommt. Ich habe gestern selbst die Schubladen ausgeräumt. Die Gräfin muß es hierhergelegt haben.«

 

Obwohl es nur ein Brustbild war, sah Lois, daß der junge Mann die Uniform eines Hochlandregiments trug, und versuchte die Nummer zu erkennen; als Kind hatte sie sich sehr für militärische Abzeichen interessiert.

 

»Er sieht fesch aus, nicht wahr, Fräulein?«

 

»Sehr vorteilhaft«, sagte Lois. »Ich bin neugierig, wer das ist.«

 

»Es gibt eine Menge Fotografien im Haus, und niemand weiß, wen sie darstellen. Die Gräfin sammelt sie«, sagte das Mädchen.

 

»Ich will sie Lady Moron bringen«, meinte Lois und ging mit dem Bild hinunter. Sie fand die Gräfin vor einem halbvollendeten Legespiel, den Kopf in die Hände gestützt.

 

»Wo war das? In Ihrem Zimmer?«

 

Lady Moron nahm die Fotografie aus ihrer Hand, betrachtete sie gleichgültig und ließ sie in die Tischschublade gleiten.

 

»Es ist ein junger Mann, den ich vor vielen Jahren kannte«, sagte sie und nahm sich nicht die Mühe, Aufklärung darüber zu verlangen, wie die Fotografie in die Kommode gekommen war.

 

Lois ging in ihr Zimmer zurück. Es war ein sonniger Nachmittag, und die Luft war sehr warm. Die großen Fenster waren geöffnet, eines führte zu einem der vielen Steinbalkone, die die Front des Hauses schmückten. Unterhalb der Fensteröffnung war jedoch ein leichtes Holzgitter, das den Zugang zu dem einladenden Platz versperrte.

 

»Es ist uns nicht erlaubt, tagsüber auf die Balkone zu gehen«, sagte das Mädchen. »Die Gräfin ist besonders streng in diesem Punkt.«

 

»Betrifft das auch mich?«

 

»O ja, Fräulein. Die Gräfin selbst geht auch nur abends hinaus. Niemand darf sie tagsüber betreten.«

 

Lois war neugierig, welchen Grund die Gräfin haben mochte, diesen angenehmen Erholungsplatz während des Tages zu verbieten.

 

Die Nachmittagspost brachte eine Anzahl Briefe, die nach der Gewohnheit Lady Morons am selben Tag beantwortet wurden. Lois war bis eine Stunde vor dem Abendessen beschäftigt. Dann machte ihr die Gräfin einen Vorschlag, für den sie sehr dankbar war.

 

»Wenn Sie eine Freundin haben, die Sie gern zum Tee einladen, können Sie das jeden Nachmittag tun, den ich fort bin. Morgen haben Sie einen freien Abend. Ich werde auswärts speisen.«

 

An diesem Abend schrieb Lois noch einen langen Brief an Lizzy Smith und brachte ihn selbst zur Post, bevor sie sich in ihr herrliches Bett legte. Die Antwort kam prompt. Das war charakteristisch für die energische Lizzy, die alles gleich erledigte. Als Lois am nächsten Morgen allein frühstückte, meldete ihr ein Bedienter, daß sie am Telefon verlangt werde. Lizzy rief an.

 

»Bist du es, Liebling? Ich werde natürlich heute abend zu dir kommen. Schickst du den Wagen, oder nehme ich die alte Nr. 14? Zieh dich nicht extra für mich um, ich bin ein einfaches Mädchen.«

 

»Sei nicht albern, Lizzy. Ich bin allein und erwarte dich.«

 

»Was ist es denn für eine Krippe?« fragte Lizzy.

 

»Es ist wirklich sehr schön«, sagte Lois, jedoch ohne Begeisterung. »Ich habe nur nicht genügend zu tun.«

 

»›Nur‹ darfst du nicht sagen, sondern ›und‹«, gab Lizzy zurück. – »Was hast du, Lois? Finde eine Stelle für mich ohne Arbeit – hier ist der alte Rattlebones!« Das letzte sagte sie ganz leise, und Lois wußte, daß Lizzy vom Büro aus telefonierte und der erste Clerk angekommen war. Dann hörte sie, wie drüben eingehängt wurde.

 

+++

 

Lady Moron und ihr Sohn speisten am Abend auswärts und gingen dann ins Theater. Lois war allein, als Lizzy kam.

 

»Es ist sehr geräumig hier«, sagte sie langsam, als sie sich in dem herrlichen Speisezimmer umsah. »Ist der lange, große Kerl dort der Butler? Ich kann nicht sagen, daß mir sein Gesicht gefällt, aber er kann nichts dafür. Wieviele Gänge gibt es denn?« fragte sie nach dem dritten. »Mein Arzt sagte mir, ich würde nicht mehr als sechs vertragen.«

 

Nach dem Essen gingen die Mädchen in Lois‘ Zimmer, und Lizzy setzte sich staunend nieder, um alles zu bewundern.

 

»Ich dachte immer, solche Stellungen gäbe es nur in schönen Romanen. Ich meine solche Bücher, wie man sie als Preise in der Sonntagsschule erhält.«

 

»Es ist zu schön, um wahr zu sein!« lachte Lois.

 

»Hast du ihn nicht gesehen?«

 

»Meinst du Mr. Dorn? Doch, den habe ich heute morgen wieder gesehen. Er ging vor dem Haus auf und ab. Er ist ein Detektiv, Lizzy.«

 

Lizzy schaute erstaunt auf.

 

»Ein richtiger Detektiv?« fragte sie ehrfurchtsvoll. »Ich dachte, er wäre einer von der anderen Sorte – einer, den die Detektive fangen. Was sagte er denn?«

 

»Ich sprach ihn nicht, ich sah ihn nur durch das Fenster, Lizzy, ich bin so verwirrt und bedrückt von allem – und er ist ein so sonderbarer Mann! Was hätte er mir alles sagen können, als ich mit seinem Wagen zusammenstieß!«

 

»Ich weiß nicht, worüber du dich aufregst«, sagte die philosophische Lizzy. »Auch solche Menschen sind verliebt. Es gibt sehr achtbare Leute unter ihnen.« Sie schaute plötzlich auf.

 

»Was hast du?« fragte Lois.

 

»Ich dachte, ich hätte draußen Schritte gehört.«

 

Lois ging zur Tür und stieß sie auf, aber der Gang war leer.

 

»Glaubtest du, es wäre jemand da?«

 

Lizzy schüttelte den Kopf.

 

»Ich weiß nicht«, sagte sie unsicher, »aber ich habe scharfe Ohren, und sicher habe ich eben auf dem Teppich Schritte gehört.«

 

Lois schloß die Tür wieder und setzte sich auf das Bett.

 

»Lizzy, ich will dir etwas sagen.«

 

Das Interesse von Miss Elizabeth Smith erwachte.

 

»Ach«, sagte sie und holte tief Atem. »Ich wußte, daß du es mir früher oder später gestehen würdest. Ich dachte es mir ja. Er ist einer der nettesten Menschen, denen ich je begegnet –«

 

»Wovon in aller Welt sprichst du denn?« fragte Lois erschrocken. »Denkst du schon wieder an diesen unglückseligen Mr. Dorn?«

 

»An wen sollte ich sonst denken?« fragte Lizzy entrüstet.

 

Lois brach trotz der ernsten Lage, in der sie sich befand, in ein fröhliches Lachen aus.

 

»Liebe Lizzy, es wird mir schwer, es dir jetzt zu sagen«, begann Lois nach einer Weile. »Du kleine Heiratsvermittlerin! Mr. Dorn ist wahrscheinlich verheiratet und hat eine große Familie. Wir wollen nicht mehr über ihn sprechen.« Plötzlich kam ihr ein anderer Gedanke. »Willst du nicht einmal diese große Stadt bei Nacht sehen, mit all ihren Lichtern? Ich will sie dir zeigen.« Sie ging zu den Schiebefenstern und öffnete sie. »Bei Tag ist es verboten, auf den Balkon zu gehen, aber jetzt ist es wundervoll!«

 

Sie trat auf den Balkon hinaus und ging zu dem Geländer, legte ihre Hand darauf und schaute auf die Straße hinunter, die wie ein langes Band vorbeilief. Dann fühlte sie plötzlich, wie sich der Balkon langsam unter ihr senkte.

 

Entsetzt wandte sie sich um und sprang zum Fenster zurück; aber in diesem Augenblick ertönte ein lauter Krach, und der Steinboden unter ihr fiel in die Tiefe.

 

Kapitel 11

 

11

 

Beim Fallen griff Lois wild nach einem Halt, und ihre Finger faßten einen vorspringenden Stein in der Mauer; der Ruck riß ihr beinahe die Arme aus den Schultergelenken, aber für einen Augenblick hatte sie Halt.

 

Sie hörte den Schreckensschrei Lizzys.

 

»Wo bist du? Ach, um Gottes willen, halte dich fest, Lois! Ich hole Hilfe!«

 

Lois blickte nach oben und sah, wie Lizzy ins Zimmer stürzte. Furchtbare Sekunden vergingen. Sie fühlte einen Schmerz in den Schultern, und in ihrem Kopf begann sich alles zu drehen.

 

Sie konnte sich nicht länger halten. Kam denn niemand, um sie zu retten? Ihre Sinne wollten schwinden, ihre Finger krampften sich um den Stein, aber er bröckelte ab. Sie verlor den Halt und stürzte ab, aber gerade in dem Augenblick, als ihre Finger losließen, packte sie eine große, feste Faust am Handgelenk – sie fühlte, wie sie hinaufgezogen wurde, eine andere Hand ergriff sie und zog sie ganz ins Zimmer. Sie sah in das abstoßende Gesicht des Butlers.

 

Er legte sie auf das Bett, ging dann zu dem Fenster, kniete nieder und schaute hinaus. Das abstürzende Mauerwerk hatte eine kleine Menschenmenge angelockt, wie sie sich bei jeder Gelegenheit tags und nachts in London sammelt. Braime sah einen Polizisten kommen, erhob sich, staubte seine Knie sorgfältig ab und schloß das Fenster. Er sagte kein Wort zu dem Mädchen und verließ schweigend das Zimmer.

 

Lois war dem Zusammenbruch nahe, ihr Gesicht war totenbleich. Aber ihre Angst war nichts gegen das Entsetzen Lizzys, die wie gelähmt von all diesen Ereignissen war, bis das Stöhnen ihrer Freundin sie wieder zu sich brachte.

 

Lois kam aus halber Bewußtlosigkeit wieder zu sich. Sie hatte das Gefühl, als ob sie ertränkt worden sei, dann sah sie wie durch einen Nebel die blasse Lizzy mit einem Glas Wasser in der Hand vor sich stehen.

 

»Du hast Glück gehabt, beinahe –«, stieß sie hervor.

 

Diese Worte erinnerten Lois an etwas – sie hatte sie schon früher gehört. Dann besann sie sich plötzlich auf das Auto, das sie beinahe überfahren hätte, und an die Worte Mike Dorns. Sie richtete sich auf und fand, daß ihre Vorstellung vom Ertrinken nicht ganz illusorisch war, denn Lizzy war sehr verschwenderisch im Verbrauch von Wasser gewesen.

 

Sie stand kaum auf ihren Füßen, als es an der Tür klopfte und der Butler mit einem Polizisten hereinkam.

 

»Der Beamte möchte den Balkon sehen«, sagte Braime und öffnete das Fenster zur Besichtigung.

 

Mit Hilfe seiner Lampe nahm der Polizist eine kurze Untersuchung vor und kam ins Zimmer zurück. Er sah Lois sonderbar an.

 

»Sie sind einer großen Gefahr entronnen, Fräulein«, sagte er. »In der Platte, auf die Sie traten, war ein alter Riß. Ich möchte auch die anderen Balkone sehen«, wandte er sich an den Butler und verschwand mit ihm.

 

Das war das zweite merkwürdige Ereignis in wenigen Tagen ein Schauder packte Lois. Unter welchen bösen Einflüssen stand sie? Zum erstenmal wünschte sie, daß sie wieder zu ihrem behaglichen kleinen Heim in der Charlotte Street zurückkehren könne, und verabschiedete sich mit aufrichtigem Bedauern von Lizzy. Bald darauf kam die Gräfin nach Hause und ging sofort in Lois‘ Zimmer, als sie von dem Unfall hörte. Das Mädchen war gerade dabei, sich auszukleiden.

 

»Ich wußte, daß der Balkon schadhaft war, und sagte dem Butler, daß stets das Schutzgitter festgemacht bleiben solle. Wo ist denn das Gitter?«

 

»Es war diesen Nachmittag noch da. Als ich zum Essen hinunterging, sah ich es nicht mehr«, antwortete Lois. »Ich dachte, es wäre fortgenommen worden, damit die Fenster geschlossen werden können.«

 

Die Gräfin sah nachdenklich aus.

 

»Da steckt mehr dahinter, als ich im Moment zu denken wage. Ich hoffe, Sie können schlafen, Miss Reddle. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie leid mir das tut. Wie wurden Sie denn gerettet?«

 

Lois erzählte es ihr, und Lady Moron nickte.

 

»Braime? Was hatte er denn um diese Zeit im dritten Stock zu tun?«

 

Sie blickte das Mädchen forschend an und ging dann in ihre eigenen Räume, ohne noch ein Wort zu sagen.

 

Erst um zwei Uhr morgens konnte Lois einschlafen; ihre Nervenkraft war zu Ende, und sie schreckte bei dem geringsten Geräusch auf. Etwas hielt sie wach – sie versuchte sich an etwas zu erinnern. Ein Gedanke arbeitete unaufhörlich in ihrem Unterbewußtsein, wollte an die Oberfläche dringen und ließ sie immer wacher werden. Schon zweimal hatte sie sich Wasser vom Waschtisch geholt, als sie jetzt zu ihrem Bett zurückkam, wußte sie es plötzlich.

 

»Sie müssen Ihre Tür geschlossen halten – selbst in dem Palais der Gräfin von Moron!«

 

Michael Dorns Warnung! Sie ging zu der Tür und suchte nach dem Schlüssel, aber sie fand keinen. Ebensowenig war ein Riegel vorhanden. Schnell drehte sie das Licht an, nahm einen der kleinen Stühle, trug ihn an die Tür und stellte ihn mit der Lehne gegen den Griff. Dann legte sie sich wieder nieder und schlief in wenigen Sekunden ein.

 

Als sie am nächsten Morgen erwachte, schien die Sonne in ihr Zimmer. Sie hörte ein leises Klopfen an der Tür, sprang aus dem Bett und zog den Stuhl fort.

 

»Guten Morgen, Fräulein«, sagte das Mädchen liebenswürdig. Sie hätte gar zu gern den Vorfall der letzten Nacht mit ihr besprochen, aber Lois war nicht dazu aufgelegt.

 

»Die Gräfin ist sehr aufgeregt und hat die ganze Nacht nicht geschlafen. Sie fragte mich, ob ich Sie wegen des Balkons nicht gewarnt hätte. Ich sagte natürlich, daß ich das getan hätte, aber nur für tagsüber – ich wußte nicht, daß er schadhaft war. Ich bin erst vierzehn Tage hier. Die Gräfin war so lange auf dem Land.«

 

Sie zog die Vorhänge zurück. Lois ging zum Fenster und schaute hinunter. Die ausgezackte Ecke des zerbrochenen Balkons erinnerte sie wieder daran, wie nahe sie dem Tode gewesen war. Sie schauderte zusammen, als sie sich auf die entsetzlichen Augenblicke besann, in denen sie in der Luft gehangen hatte.

 

»Es war der Fehler des Butlers«, sagte das Mädchen. »Ich wäre nicht überrascht, wenn er entlassen wird.«

 

»Wenn er nicht gewesen wäre, Fräulein, wären Sie überhaupt nicht in Gefahr gekommen! Die Gräfin sagte mir, daß ich Sie heute in das Zimmer des jungen Herrn auf dem unteren Flur umquartieren soll.«

 

»Aber Lord Moron muß doch nicht meinetwegen ausziehen?« fragte Lois erschrocken.

 

Anscheinend brachten die Bediensteten dem jungen Herrn dieselbe Geringschätzung entgegen, mit der ihn seine Mutter behandelte.

 

»Ach, der!« sagte das Mädchen mit einem Achselzucken. »Es ist ganz gleich, wo der schläft, der müßte auch mit der Dachstube zufrieden sein. Er will doch nur Schauspieler werden und mit den verrückten elektrischen Apparaten spielen! Ich bin gespannt, ob die Gräfin ihm erlaubt, so kindisch weiterzuleben.«

 

So war der sonderbare Wunsch des jungen Grafen allgemein bekannt. Abgesehen von der Bestürzung, daß er ihretwegen aus seinem Zimmer ausziehen mußte, war Lois nicht traurig über ihre Umquartierung. Ihre Freude war nach dem Gespräch mit der Gräfin noch größer.

 

Lady Moron hatte eine Vorliebe für leuchtende Farben. An diesem Morgen trug sie ein hellrotes Kleid. Lois dachte, daß es sie alt mache. Sie erwähnte den Zwischenfall nicht, und während der ersten Stunde nach dem Frühstück waren sie mit Briefeschreiben beschäftigt. Lady Moron hatte viel eigene Korrespondenz, außerdem kamen stets noch die üblichen Bettelbriefe hinzu, die auch erledigt werden mußten. Als Lois ihre Arbeit beendet hatte und der Gräfin den letzten Brief zur Unterschrift brachte, sah sie auf.

 

»Spüren Sie irgendwelche bösen Folgen nach diesem schrecklichen Unglücksfall?«

 

»Nein«, lächelte Lois.

 

»Ich habe dem Mädchen gesagt, daß Sie von jetzt ab das Zimmer meines Sohnes bekommen. Selwyn benützt es fast nie, er hält sich lieber in einem kleinen Studierzimmer oben auf und schläft auch fast immer dort. Sind Sie sehr erschrocken?«

 

Lois schüttelte den Kopf.

 

»Oder nervös?«

 

Das Mädchen zögerte.

 

»Letzte Nacht war ich etwas nervös.«

 

»Ich dachte es mir, und ich überlegte, wie ich Sie am besten überreden könnte, doch zu bleiben, Sie gefallen mir, und ich brauche eine Frau im Haus, mit der ich mich einmal vertrauensvoll aussprechen kann.« Sie bewegte sich in ihrem Drehstuhl und sah in Lois‘ Gesicht. »Ich bin nicht gern allein. Ich fürchte mich, allein zu sein.«

 

»Sie fürchten sich, Lady Moron?«

 

Die Gräfin nickte. Aber ihre Stimme verriet nichts von Furcht.

 

»Ich kann Ihnen nicht erklären, warum ich Angst habe, aber ich habe sie – vor gewissen Leuten. Wenn Sie bei mir bleiben wollen, will ich Ihr Gehalt erhöhen, und ich bin auch einverstanden, wenn Ihre Freundin hier im Haus schläft.«

 

»Meine Freundin?« fragte Lois überrascht. »Meinen Sie Miss Smith?«

 

Wieder nickte die Gräfin und wandte ihre dunklen Augen nicht von dem Gesicht des Mädchens.

 

Lois zögerte. »Das würde doch sehr – lästig für Sie sein –«

 

Die Gräfin machte eine rasche Handbewegung.

 

»Ich habe die Sache von allen Seiten überlegt, und wenn es Ihnen und Ihrer Freundin recht ist, werde ich noch ein Bett in Ihr Zimmer stellen lassen. Vielleicht möchten Sie Miss Smith besuchen und ihre Meinung darüber hören? Der Wagen wird in einer Viertelstunde für Sie bereitstehen.«

 

+++

 

Lizzy Smith sah über die Spitze des Drahtgitters vor dem Fenster die vornehme Limousine ankommen und vor der Tür halten. Entgegen allen Regeln der Geschäftsordnung rannte sie aus dem Büro und traf auf halber Treppe mit ihrer Freundin zusammen.

 

In wenigen Minuten erzählte ihr Lois von dem Vorschlag der Gräfin.

 

»Lieber Gott!« sagte Lizzy verblüfft. »Das ist doch nicht dein Ernst?«

 

Sie ergriff Lois am Arm und zog sie die Treppe herauf. »Komm schnell ans Telefon und sag Ihrer Königlichen Hoheit, daß ich um sechs erscheinen werde!«

 

Kapitel 12

 

12

 

Lois betrat das Büro nicht, sondern verließ ihre Freundin an der Schwelle und fuhr zu einer wichtigen Unterredung, die sie sich vorgenommen hatte. Sie ließ das Auto in der Parliament Street warten und ging zu Fuß zum Justizministerium. Sie füllte ein vorgedrucktes Formular aus und wurde in das Wartezimmer geführt.

 

Sie hatte wenig Hoffnung, daß der mächtige Unterstaatssekretär ihre Bitte um eine Unterredung erfüllen würde, obwohl sie ihrer Anmeldung ein dringendes Schreiben beigelegt hatte: Die Unmöglichkeit wurde ihr immer klarer, und sie schaute verzweifelt schon zum zehntenmal nach der Uhr, als plötzlich ein Diener in der Tür erschien.

 

»Miss Reddle? Bitte folgen Sie mir.«

 

Ihr Herz schlug schneller, als sie an der hohen, imposanten Tür klopfte. Dann trat sie ein und nannte ihren Namen. Ein älterer Herr, der am anderen Ende des Zimmers mit dem Rücken nach dem Kamin saß, erhob sich halb von seinem Stuhl. Vor ihm stand ein großer, prachtvoller Schreibtisch.

 

»Nehmen Sie bitte Platz«, sagte er geschäftsmäßig. »Ich habe Ihren Brief gelesen, und es tut mir leid, daß ich Sie warten lassen mußte, aber ich hatte eben eine wichtige Konferenz.« Dann fuhr er ohne weitere Einleitung fort: »Sie haben mir da geschrieben, daß Mrs. Pinder Ihre Mutter ist?«

 

»Ja, dessen bin ich ganz sicher.«

 

Er öffnete das große Aktenstück, das vor ihm lag.

 

»Ich kenne den Fall persönlich«, sagte der Unterstaatssekretär. »Ich war damals als junger Richter tätig, hatte allerdings selbst nicht direkt mit dem Prozeß zu tun. Ich weiß nicht, was ich für Sie tun kann. Die Strafzeit ist beinahe abgelaufen, und wenn ich an Ihrer Stelle wäre, würde ich warten, bis sie herauskommt, und keine anderen Schritte mehr unternehmen. Auch andere Leute sind an dem Fall stark interessiert, wie Sie vielleicht wissen – ich habe ihnen denselben Rat gegeben.«

 

»Aber meine Mutter war unschuldig«, sagte Lois.

 

Er antwortete nur mit einem fast unmerklichen Achselzucken.

 

»Schuld und Schuldlosigkeit haben das miteinander gemein, daß es nach zwanzig Jahren sehr schwer sein dürfte, das eine oder das andere zu beweisen. Ich habe damals den Fall mit großem Interesse verfolgt. Meiner Meinung nach gab es zwei wesentliche Punkte bei diesem Fall. Der eine bewies eigentlich ihre Schuld über jeden Zweifel hinaus und der andere ihre Unschuld. Aber sie wurden beide bei der Verhandlung nicht erwähnt.«

 

»Was war das denn?« fragte Lois schnell.

 

»Erstens war es der Schlüssel zu dem Kasten, in dem die Juwelen und das Zyankali entdeckt wurden. Hätte man diesen Schlüssel im Besitz Ihrer Mutter gefunden, so wäre der Fall restlos aufgeklärt gewesen. Das war auch die Meinung des Richters, der damals den Fall bearbeitete. Der andere Punkt betrifft den Brief, den die ermordete Frau oder die Frau, die man tot auffand, unweigerlich geschrieben hätte, wenn es sich um einen Selbstmord gehandelt hätte. Sie wissen wahrscheinlich auch, daß man einen Federhalter, Tinte und einen Block Schreibpapier, aber keinen Brief auf dem Tisch fand. Der Papierblock war ganz neu, die tote Frau hatte ihn an demselben Morgen gekauft, und es wurde festgestellt, daß ein Blatt abgerissen war. Der Verteidiger nahm den Standpunkt ein, daß die Frau sich auf ihren Selbstmord vorbereitete und einen Brief schrieb, wie die Leute es in solchen Fällen zu tun pflegen. Aber man hat dieses Schreiben nicht gefunden, obwohl man das ganze Haus sorgfältig durchsuchte.«

 

Dann begann er sie plötzlich über ihr Leben und ihre Persönlichkeit auszufragen. Als sie ihm mitteilte, warum sie glaubte, die Tochter der Mrs. Pinder zu sein, gab er ihr recht.

 

»Sicherlich stimmt Ihre Annahme«, sagte er.

 

»Sogar Mr. Dorn glaubt, daß ich recht habe.«

 

»Dorn?« fragte er schnell. »Sie meinen doch nicht etwa den früheren indischen Polizeioffizier? Kennen Sie ihn?«

 

»Nicht gerade gut«, gab sie zur Antwort.

 

Konnte er auch zu den anderen Leuten gehören, die an dem Fall interessiert waren? Aber sie sah sofort die Unmöglichkeit ihrer Vermutung ein. Er schaute sie scharf an.

 

»Unter welchen Umständen haben Sie Dorn kennengelernt?« fragte er. Lois erzählte ihm ihre Erlebnisse ganz offen.

 

»Hm – das sieht Dorn ganz ähnlich. Ich meine, er würde nicht hinter einer jungen Dame her sein, wenn nicht noch irgend etwas anderes dabei im Spiel wäre. Er ist ein Mann von größter Ehrenhaftigkeit und Unbescholtenheit«, sagte er sehr bestimmt, und aus irgendeinem Grund war es ihr sehr angenehm, dieses anerkennende Urteil über den Mann zu hören, über den sie sich schon oft geärgert hatte.

 

Als sich der Unterstaatssekretär erhob und damit das Ende der Unterredung andeutete, drückte er ihr die Hand und sagte noch: »Wenn Ihre Mutter aus dem Gefängnis kommt, wird sie Ihnen sicher noch viel mehr mitteilen können als irgend jemand von uns. Zum Beispiel ist noch eine Frage offen, wer Ihr Vater war, der ein oder zwei Wochen vor dem Verbrechen verschwand und nie wieder gesehen wurde. Was ist ihm zugestoßen? Ich entsinne mich sogar, daß die Staatsanwaltschaft damals überlegte, ob man nicht Ihre Mutter für sein Verschwinden verantwortlich machen solle.«

 

»Wie schrecklich!« rief Lois empört.

 

»Ja – es muß schrecklich gewesen sein.«

 

Aus dem Ton seiner Worte schien Lois herauszuhören, daß er die ganze Angelegenheit nicht nur vom offiziellen Standpunkt aus beurteilte.

 

»Bei Verbrechen, mein liebes Fräulein, muß die Staatsanwaltschaft die schrecklichsten Dinge annehmen, und leider hat sie gewöhnlich damit recht.«

 

Lois war durch diese Unterhaltung nicht viel weiter gekommen, aber sie hatte wenigstens die Genugtuung, einen Anfang gemacht zu haben. Merkwürdigerweise hatte sie sich noch nie eingehend mit der Frage nach ihrem Vater oder mit seinem Verschwinden beschäftigt. Das schien ihr so unwesentlich im Vergleich zu den furchtbaren Qualen ihrer Mutter.

 

Der Brief und der Schlüssel! Das waren die beiden neuen Punkte, von denen sie vorher nichts gewußt hatte. Sie kehrte mit einer gewissen Befriedigung zum Chester Square zurück und kam gerade zurecht, um einen der seltsamsten Vorfälle mitzuerleben, der sich jemals abgespielt hat.

 

Als sie die Tür zum Wohnzimmer öffnete, hörte sie die schrille, kreischende und ärgerliche Stimme des jungen Grafen und wollte sich zurückziehen. Aber die Gräfin, die sie in der Tür gesehen hatte, rief sie in den Raum.

 

Selwyn war außer sich vor Wut, sein Gesicht war kreidebleich.

 

»Das tue ich nicht – das tue ich unter gar keinen Umständen!« brüllte er. »Ich rufe die junge Dame als Zeugin an. Sagen Sie bitte, Fräulein, ist es recht, daß ein Mann in meiner Stellung tun muß, was irgendein verrückter, betrunkener Doktor ihm vorschreibt? Glaube nicht, daß ich mich vor diesem gräßlichen Kerl fürchte – bestimmt nicht! Auch ich kenne das Gesetz, bei Gott!«

 

»Braime hat nur seine Instruktionen ausgeführt«, sagte die Gräfin mit ihrer dröhnenden Stimme.

 

Sie stand an ihrem Schreibtisch, spitzte langsam einen Bleistift mit einem kleinen Federmesser und sah von ihrer Beschäftigung nicht auf.

 

»Es macht mir nichts aus, mein Zimmer einer jungen Dame abzutreten – jeder Gentleman würde das tun. Nebenbei ist auch mein Studierzimmer sehr nett und wohnlich. Aber wenn ich allein ausgehen will, dann will ich allein ausgehen, aber ich will nicht, daß irgendein schrecklicher Verbrecher von einem Butler mich begleitet, selbst wenn alle gräßlichen Ärzte der Welt es vorschreiben. Ich habe schon genug ausgehalten, Mutter!«

 

Er drohte der Frau mit vor Aufregung zitterndem Finger. Aber sie blieb anscheinend ganz ruhig und spitzte ihren Bleistift weiter.

 

»Ich habe genug ausgehalten – du magst meinethalben diesen niederträchtigen Chesney Praye heiraten, diesen fürchterlichen, teuflischen Lumpen! Da staunst du – ich weiß das alles, und ich weiß noch viel mehr Dinge, von denen du im Traum nicht ahnst, daß ich sie erfahren habe! Du kannst mein Geld ausgeben, wie es dir gerade paßt, du kannst ihm auch Geld leihen –«

 

Lois sah, wie Lady Morons Hand sich erhob und liebkosend über das Gesicht ihres Sohnes strich.

 

»Du bist ein unnützer Junge«, sagte sie lächelnd.

 

Plötzlich schrie er vor Schmerz auf, taumelte zurück und hielt die Hand auf seine heftig blutende Wange.

 

Lois wollte ihren Augen nicht trauen, aber sie sah nur allzu deutlich einen langen, geraden Schnitt in seinem Gesicht. Das kleine Messer, mit dem die Gräfin ihren Bleistift gespitzt hatte, war rot von Blut.

 

Kapitel 9

 

9

 

›John B. Wanager, ein Sprecher des Finanzministeriums, teilt mit, daß falsche Banknoten im Wert von zwanzig Millionen Dollar im Umlauf sind. Diese Nachricht hat größte Bestürzung in Bankkreisen hervorgerufen. Wallstreet zeigte sich sehr beunruhigt. Die Geldscheine sind so vorzüglich gefälscht und gedruckt, daß man nur mit Spezialgeräten in der Lage ist, die Fälschung zu entdecken. Sie müssen irgendwo in riesigen Mengen gedruckt werden, und verschiedenerlei Umstände deuten darauf hin, daß dies in Europa geschieht. Auf irgendeine Weise werden die Scheine unter Umgehung der Zollkontrolle ins Land gebracht und mit Hilfe eines glänzend organisierten Verteilersystems auf den Markt geworfen.‹

 

Wentworth Gold las diesen Absatz in einer New Yorker Zeitung, aber er regte sich nicht so sehr darüber auf, wie er es noch am Tage vorher getan hätte. Ursache seiner Zuversicht war ein Telegramm, das er in aller Frühe von Maple bekommen hatte. Er war im Begriff gewesen, der Aufforderung nachzukommen, die in dem Telegramm enthalten war, als ihm vom amerikanischen Konsulat ein Brief mit dem Zeitungsausschnitt zugeschickt wurde. Die Sache war nun also allgemein bekannt. Lieber wäre es ihm gewesen, wenn er die Angelegenheit hätte aufklären können, ohne daß viel davon in die breite Öffentlichkeit gedrungen wäre.

 

Er fuhr zu dem Haus in Peckham und war überrascht, als ihm die Tür von Verity Maple geöffnet wurde. Sie sah kränklich aus, doch bevor er sie danach fragen konnte, stürzte Maple auf ihn zu.

 

»Kommen Sie herein, Mr. Gold. Ich hab’s herausgebracht!«

 

Erregt packte ihn Maple am Arm und zog ihn in die Küche. Wie gewöhnlich war der Küchentisch bedeckt mit allen möglichen Apparaturen. Maple griff zielsicher in das Durcheinander und nahm ein kleines Schälchen in die Hand, das mit einer farblosen Flüssigkeit gefüllt war. Vorsichtig stellte er es neben ein Häufchen neuer Banknoten.

 

»Geben Sie genau Obacht!« flüsterte er heiser.

 

Er tauchte den Finger in die Flüssigkeit und befeuchtete eine Banknote nach der andern jeweils an der linken Ecke. Die erste Note zeigte außer einem kleinen nassen Fleck kein Ergebnis; bei der zweiten war es nicht anders.

 

»Echte Scheine – echte Scheine«, stieß Maple hervor. Ein triumphierendes Lächeln lag über seinem Gesicht.

 

Bei dem dritten Geldschein, den Maple mit der Flüssigkeit in Berührung brachte, zeigte sich eine Reaktion, mit der Maple gerechnet haben mußte: Die Stelle, auf die er seinen Finger gedrückt hatte, verfärbte sich lila.

 

»Das ist die Einwirkung der Flüssigkeit auf das Wasserzeichen«, sagte Maple und probierte es noch mit einem andern Schein. Wieder zeigte sich die gleiche Verfärbung.

 

Als er alle Banknoten untersucht hatte, breitete er sie auf dem Tisch aus. Ein Teil hatte sich verfärbt, ein Teil nicht.

 

»Verstehen Sie?« sagte er dann stolz. »Das ist meine Entdeckung, Mr. Gold – die Flüssigkeit hier hat die Eigenschaft, das Wasserzeichen der gefälschten Banknoten zu verfärben.« Er kicherte leise. »In jeder Bank, in jedem Geschäft Amerikas wird eine Zeitlang so ein Schälchen stehen müssen, mit dessen Hilfe man jede Fälschung sofort kenntlich machen kann.«

 

Gold erkannte sofort die Bedeutung von Maples Entdeckung. Die Methode war ein wenig umständlich, aber sie war wirksam. Mit ihrer Hilfe konnte man in Kürze jede falsche Banknote identifizieren.

 

»Geben Sie mir das Rezept Ihrer Wundertinktur, es muß sofort an die zuständigen Stellen weitergeleitet werden«, sagte Gold eifrig.

 

»Nicht so hastig, lassen Sie mir Zeit bis heute abend. Dies hier ist das erste Ergebnis meiner Versuche, ich muß die Rezeptur jetzt noch genau ausarbeiten.«

 

Gold sah auf seine Uhr; er hätte gern gewartet, bis es soweit war. Jetzt sah er das Ende der Falschmünzerbande vor sich, die ihm so viel Sorge gemacht hatte, und ärgerte sich über jeden Zeitverlust.

 

»Ich fahre gleich aufs Konsulat. Wann soll ich zurückkommen?«

 

»Gegen neun Uhr«, sagte Maple.

 

Verity war bei dieser Unterredung nicht anwesend. Er sah sie im Vorübergehen in dem kleinen Wohnzimmer. Sie saß am Fenster und blickte nachdenklich auf die Straße hinaus.

 

»Ich möchte mich noch ein wenig mit Ihrer Nichte unterhalten«, sagte er zu Maple und ging in das Wohnzimmer.

 

Sie sah auf, als er eintrat.

 

»Wie ich höre, haben Sie Ihre Stelle bei Helder wieder aufgegeben?«

 

Sie nickte. »Ja, ich bin weggegangen.«

 

Er wartete, ob sie ihm mehr erzählen würde.

 

»War er mit Ihnen nicht zufrieden?«

 

Sie wurde rot.

 

»Bitte sprechen wir nicht mehr darüber«, bat sie.

 

»Hm!« meinte Gold. »Es tut mir leid, daß ich Ihnen geraten habe, zu ihm zu gehen.«

 

Er verließ das Haus und ging zur Peckham Rye Station.

 

Seine Laune hatte sich sichtlich gebessert, und er schritt aus wie jemand, der keine Sorgen kennt. Er merkte nicht, daß ihm zwei Männer gefolgt waren, die ihn beobachteten, bis er den Bahnhof betrat und auf dem Bahnsteig verschwand.

 

Der eine hatte dunkle, kurzgeschnittene Haare und eine Narbe am Kinn. Der andere hätte seinem Aussehen nach ohne weiteres für einen Engländer gelten können, doch als er einen Passanten nach der nächsten Telefonzelle, fragte, sprach er mit stark ausländischem Akzent.

 

Die beiden Männer gingen die High Street hinunter, fanden eine Telefonzelle, und während der eine telefonierte, betrachtete der andere aufmerksam die Auslage eines Geschäfts.

 

Um sechs Uhr abends erhielt Verity Maple ein Telegramm mit der Aufforderung, nach London zu kommen. Sie ging weg und ließ ihren 0»kel allein bei seiner Arbeit zurück. Einige Stunden später benutzte sie auf dem Rückweg denselben Zug wie Wentworth Gold.

 

Er traf sie auf dem Bahnsteig der Victoria Station.

 

»Schön, daß ich Sie getroffen habe«, sagte er. »Ich verspreche Ihnen auch, nicht mehr über Ihren Chef zu reden. Ich weiß einiges über ihn und kann mir vorstellen, daß er Sie belästigt hat.«

 

»Es scheint mein Schicksal zu sein, daß ich von allen möglichen Leuten belästigt werde«, entgegnete sie mit einem schwachen Lächeln.

 

»Warum, was ist denn passiert?« fragte er, als sie zusammen in einem Abteil saßen.

 

Sie nahm das Telegramm aus ihrer Handtasche und gab es ihm. »Ich muß Sie sofort sprechen«, stand dort. Den unterzeichneten Namen kannte Gold nicht.

 

»Wer hat es geschickt?«

 

»Einer der Nachlaßverwalter Lord Dellboroughs. Ich dachte natürlich, daß man von mir als seiner früheren Sekretärin eine Auskunft haben wollte – aber ich fuhr ganz vergeblich hin.«

 

»Warum denn?«

 

Sie faltete das Telegramm wieder zusammen und steckte es in ihre Tasche zurück.

 

»Man hatte gar nicht nach mir verlangt. Das Telegramm war nur ein Vorwand.«

 

»Ein Vorwand?« fragte Gold verwundert. Da stimmte doch etwas nicht … Aus irgendeinem Grund hatte sie jemand von zu Hause fortgelockt.

 

Sobald der Zug in den Bahnhof eingefahren war, sprang er heraus und lief mit Verity zum nächsten Taxistand.

 

»Cristal Palace Road – und fahren Sie so schnell wie möglich.«

 

Verity sah ihn verwundert an.

 

»Warum haben Sie es denn so eilig?«

 

»Oh, nichts …«

 

Der Wagen bremste vor dem Haus, und Gold stieg aus. Er nahm sich kaum die Zeit, Verity herauszuhelfen. Dem Chauffeur warf er ein Geldstück zu und lief sofort zur Haustür.

 

»Warten Sie hier«, rief er Verity über die Schulter zu. »Geben Sie mir den Schlüssel.«

 

Sie gab ihm den Schlüssel und blieb stehen. Er öffnete und machte einen Schritt in den dunklen Hausgang – sie sah gerade noch, daß er eine Pistole aus der Hüfttasche zog, dann war er verschwunden.

 

Vorsichtig tastete sich Gold den finsteren Gang entlang, bis er an die Küchentür stieß. Er drückte auf die Klinke und versuchte vorsichtig, die Tür zu öffnen – irgend etwas setzte ihm Widerstand entgegen. Mit aller Kraft stemmte er sich gegen die Tür, bis sie langsam nachgab.

 

Er fand den Lichtschalter und übersah gleich darauf die Situation. Maple lag betrunken auf dem Boden, eine leere Whiskyflasche erklärte seinen Zustand hinreichend.

 

Gold lief zum Tisch.

 

Das Schälchen war verschwunden, ebenso die Banknoten, mit denen Maple experimentiert hatte.

 

Gold fluchte zusammenhanglos – genau das war es, was er befürchtet hatte.

 

Er versuchte Maple aufzuheben, aber das war zwecklos. Der Mann hing so schlaff in seinen Armen wie ein Mehlsack. Ärgerlich ging er zu dem Mädchen zurück, das ihn ängstlich ansah.

 

»Ihrem Onkel geht es nicht gut«, erklärte er. »Haben Sie Freunde, zu denen ich Sie bringen kann?«

 

Es war nicht notwendig, ihr zu erklären, was mit ihrem Onkel los war. Sie hatte ähnliche Situationen schon oft genug erlebt.

 

»Ich – ich habe ein paar Bekannte in der Stadt …«, flüsterte sie.

 

Er nickte, schloß die Tür und begleitete sie zum Bahnhof. Erst als er sie sicher in einem Abteil untergebracht hatte, kehrte er zu dem Haus zurück.

 

Als sein Taxi in die Christal Palace Road einbog, fuhr ein anderes Auto in entgegengesetzter Richtung schnell an ihm vorbei.

 

Er erreichte das Haus, schloß wieder auf und ging hinein. Im Gang stieß er mit dem Fuß an einen Gegenstand und hob ihn auf. Es war ein feiner Stahlstichel, wie ihn Graveure verwenden.

 

Er steckte ihn in die Tasche und ging in die Küche.

 

Aber der Raum war leer – Tom Maple war verschwunden.

 

Kapitel 10

 

10

 

Es war neun Uhr abends, die Dämmerung legte sich langsam über das Häusergewirr Londons, als ein schlanker Mann eilig durch die Little Painter Street schritt. An einem alten Haus machte er halt, öffnete die Tür, trat in das Treppenhaus und blieb eine Weile lauschend stehen. Kein Laut war zu hören. Der Mann wußte, daß der Hausmeister um diese Zeit nicht da war.

 

Er zögerte noch ein wenig, dann lief er schnell die Treppe hinauf, bis er zu der Tür kam, die die Aufschrift »Willetts« trug. Er öffnete sie und trat ein.

 

Hastig schloß er den Schreibtisch auf, nahm ein Blatt Papier aus einer Schublade und begann zu schreiben, nachdem er zuvor das Licht angeknipst hatte.

 

Er schrieb fast eine Stunde lang und hielt nur einmal inne, um sich eine Zigarette anzustecken. Sorgfältig war er darauf bedacht, die Asche in dem Papierkorb abzuklopfen; als er die Zigarette zu Ende geraucht hatte, warf er den Stummel durch das offene Fenster in den Hof.

 

Er beschrieb verschiedene Blätter. Als er fertig war, las er sie noch einmal genau durch und verbesserte an einigen Stellen etwas. Dann zog er seine Brieftasche heraus, entnahm ihr drei amerikanische Banknoten im Werte von je tausend Dollar, schob sie in einen länglichen Umschlag und schrieb eine Adresse darauf.

 

Er steckte das Kuvert in die Brusttasche seines Jacketts, drehte das Licht aus und saß lange mit gesenktem Kopf vor seinem Schreibtisch. Erst als er hörte, wie eine Uhr in der Stadt elf schlug, erhob er sich mit einem leisen Seufzer, trat ans Fenster, schaute hinaus und schloß es dann vorsichtig.

 

Nach einem letzten Blick durch den dunklen Raum ging er Zur Tür, öffnete sie und lauschte. Das Haus war totenstill.

 

Schnell huschte er die Treppe hinunter, öffnete lautlos die Haustür und trat auf die Straße. Erst am nächsten Briefkasten hielt er an, um seinen Brief einzuwerfen. Er war an Comstock Bell, Terriers-Klub adressiert. Über seine Züge glitt der Schimmer eines Lächelns, als er ihn einwarf.

 

Am nächsten Tag kam Comstock Bell zum Lunch in den Terriers-Klub. Der Portier übergab ihm einen Brief, dessen Adresse in einer sehr merkwürdigen Handschrift geschrieben war. Ein Sachverständiger hätte sofort erkannt, daß hier jemand seine Schrift verstellt hatte.

 

Helder, der Bell am Eingang getroffen hatte, beobachtete scharf, wie der junge Mann das Kuvert von allen Seiten betrachtete, in der Hand wog und die Briefmarke untersuchte. Schließlich riß er es auf und zog fünf engbeschriebene Blätter heraus – und drei Banknoten.

 

»Ein unbekannter Wohltäter?« fragte Helder verbindlich.

 

Bell warf einen schnellen Blick auf den Brief, runzelte die Stirn und legte das Geld wieder in den Umschlag zurück.

 

»Nein«, entgegnete er kurz.

 

Nach dem Lunch ging Bell in das Schreibzimmer. Helder folgte ihm scheinbar gleichgültig, setzte sich an einen der Schreibtische und begann in seinem Notizbuch zu blättern. Niemand außer ihnen war im Raum.

 

Helder war von Natur aus neugierig; außerdem gehörte es zu seinen Plänen, so viel wie möglich über Comstock Bell in Erfahrung zu bringen. Als Bell schließlich das Zimmer verließ, ging Helder wie zufällig an dem Tisch vorbei, an dem Bell gesessen hatte. Man konnte nie wissen – vielleicht fand er etwas, das für ihn von Interesse war.

 

Seine Hoffnungen hatten nicht getrogen – auf der Schreibtischunterlage lag der Brief, den Bell vorher erhalten hatte.

 

Helder ging schnell zum Fenster, von dem aus man auf die Straße sehen konnte. Wenn Bell den Brief tatsächlich vergessen hatte und fortgegangen war, mußte er in einigen Sekunden unten vorbeigehen. Er wartete ungeduldig, dann grinste er zufrieden – Comstock Bell überquerte unten die Straße.

 

Jetzt zögerte Helder nicht länger – er trat an den Tisch, nahm den Umschlag und zog einige engbeschriebene Seiten heraus. Dann stellte er sich wieder ans Fenster, um zu sehen, ob Bell eventuell zurückkehren würde.

 

Immer wieder auf die Straße spähend, überflog er die Zeilen. Es war dieselbe unregelmäßige Handschrift, die er auf dem Kuvert gesehen hatte. Ein sonderbarer Brief – er drückte Reue und Bedauern aus. Man konnte daraus entnehmen, daß der Schreiber Bell etwas schuldete und ihm das geliehene Geld zurückgeben wollte. Helder suchte nach der Unterschrift – es verhielt sich so, wie er angenommen hatte –, der Brief stammte von Willetts. Das ganze Schreiben machte einen zusammenhanglosen Eindruck, Immer wieder wurde Bell gebeten, Willens nicht zu verraten. Einige nichtssagende Bemerkungen über das Schicksal und die Vorsehung veranlaßten Helder, verächtlich die Brauen hochzuziehen.

 

Rasch faltete er dann den Brief zusammen und schob ihn mit den Banknoten wieder in den Umschlag zurück. Er legte ihn genau auf die Stelle der Schreibtischunterlage, wo er ihn weggenommen hatte. Als er noch einmal einen Blick durch das Fenster warf, sah er, daß Bell eben mit schnellen Schritten zurückkam – anscheinend hatte er den Brief jetzt doch vermißt. Helder verließ eilig, den Raum und war schnell genug in der Empfangshalle, um Bell an sich vorbeigehen zu sehen.

 

Helder wartete.

 

Bell kam zurück, in seiner Hand hielt er den Brief. Er sah weder nach rechts noch nach links und war gleich darauf im Straßengewühl verschwunden.

 

Die Entdeckung, die Helder gemacht hatte, verstärkte seinen Verdacht noch. Willetts, der Banknotenfälscher, nach dem die Polizei suchte, war also tatsächlich in London!

 

Nachdenklich machte sich Helder auf den Heimweg. In seiner Wohnung setzte er sich an den Schreibtisch und holte aus einer gutverschlossenen Schublade ein kleines Notizbuch heraus. Zwei Stunden lang war er eifrig damit beschäftigt, eine Nachricht in eine Geheimschrift zu verschlüsseln; am Nachmittag sandte er sie dann mit Eilboten an drei verschiedene Adressen.

 

Als Helder dies erledigt hatte, setzte er sich in einen Sessel und döste ein wenig, bis es fünf Uhr schlug. Er klingelte und bestellte Tee; in wenigen Minuten würde er Besuch bekommen.

 

Der Besucher, der gleich darauf hereingeführt wurde, war ein kräftiger, etwas unbeholfener Mann, der sich in der vornehmen Umgebung anscheinend nicht sehr wohl fühlte.

 

»Setzen Sie sich, Tiger«, sagte Helder freundlich und wies mit der Hand auf einen Stuhl.

 

Der Fremde setzte sich behutsam auf die äußerste Stuhlkante und legte seinen Hut neben sich auf den Boden.

 

»Mr. Helder – wir müssen einen neuen Weg suchen.«

 

Helder nickte.

 

»Ich weiß, unsere Leute beklagen sich darüber, daß es sehr schwierig wird, amerikanische Banknoten abzusetzen. Wir müssen etwas unternehmen.«

 

Tiger Brown nickte heftig.

 

»So ist es«, sagte er mit einem Seufzer der Erleichterung. »Ich befürchtete schon, Sie hätten eine andere Meinung. In den Vereinigten Staaten war die Sache so fein in Schuß – aber jetzt sind unsere Leute ängstlich geworden. Es geht das Gerücht, daß die Polente eine neue Prüfungsmethode gefunden hat. Unser Agent in Philadelphia, dem wir für gewöhnlich fünfhundert Scheine im Monat sandten, nimmt nur noch hundert. Ich glaube, wir sollten das amerikanische Geschäft langsam auslaufen lassen und uns mehr auf das französische konzentrieren.«

 

Helder ging im Zimmer auf und ab. Er war zur Tür gegangen und hatte sie verschlossen, nachdem Brown gekommen war. Geistesabwesend probierte er jetzt die Klinke noch einmal.

 

Tiger Brown beobachtete ihn aus zusammengekniffenen Augen.

 

»Sie sind selbst schon ein wenig unruhig, nicht wahr?« fragte er lauernd.

 

»Nein, nein«, entgegnete Helder rasch. »Ich bin nicht nervös, nur vorsichtig – das ist alles. Wie funktioniert es eigentlich mit den französischen Noten, die wir wegschickten?«

 

»Ich weiß nicht, ich habe nicht viel Vertrauen dazu. Es fehlt ihnen einfach die Qualität der amerikanischen Scheine. – Wie steht es denn mit diesem Maple?« fragte er dann.

 

Helder verzog ärgerlich den Mund.

 

»Ich glaube nicht, daß wir den kriegen – er arbeitet für Gold.«

 

»Hm, da haben Sie also kein Glück gehabt? Kann man da nicht ein wenig nachhelfen?«

 

Helder schüttelte den Kopf.

 

»In diesem Land ist das nicht so einfach«, entgegnete er grimmig. »Immerhin sollte man sich doch überlegen …«

 

Wieder ging er unruhig im Zimmer auf und ab.

 

»Maple«, murmelte er vor sich hin, »ich bin gespannt, ob –« unvermittelt brach er wieder ab.

 

»Überlegen Sie sich doch mal«, drängte Brown. »Es muß doch ein Mittel geben, ihn unter Druck zu setzen. Hat er nicht eine Tochter?«

 

»Eine Nichte«, verbesserte Helder. »Aber die lassen wir lieber aus dem Spiel.«

 

»Ganz egal, ob Tochter oder Nichte«, erwiderte Tiger ungeduldig. »Wir müssen etwas unternehmen, ganz gleich was!«

 

Helder entgegnete nichts.

 

»Was ist mit Gold?« fragte Tiger.

 

»Er ist eine große Gefahr«, antwortete Helder ernst, »weil ich nicht genau weiß, wie weit seine Macht reicht und was er vorhat. Schließlich ist er der Mann, der durch das Konsulat Washington über die Vorgänge in London informiert.«

 

Nachdenklich sah er Brown an.

 

»Tatsächlich, wir müßten Maple auf unsere Seite bringen«, sagte er dann. »Er ist der beste Fachmann in ganz Europa! Man könnte es jedenfalls noch einmal versuchen. Als ich das letztemal mit ihm sprach, schien er sich allerdings nicht bluffen lassen zu wollen.«

 

»Na, vielleicht ist es jetzt möglich«, meinte Brown lächelnd. »Ich erinnere mich an Leute – es war, als ich für Harragon arbeitete –, die sich weder beim ersten noch beim zweiten Versuch kaufen ließen. Aber wenn man sie richtig angefaßt hatte, fraßen sie einem beim drittenmal aus der Hand.«

 

Sie machten einen Treffpunkt für eine neue Besprechung miteinander aus und verließen dann Curzon Street. Zuerst ging Brown, fünf Minuten später folgte ihm Helder.

 

Am Picadilly Circus trafen sie sich wieder. Helder wollte zum Ostend, und Brown begleitete ihn. In der Station der Untergrundbahn lösten sie Fahrkarten und stiegen dann in den Lift, der zu den Bahnsteigen führte. Es befanden sich ungefähr ein Dutzend Menschen in dem Aufzug. Der Fahrstuhlführer schloß die Tür, als plötzlich eine Dame aufschrie.

 

»Ich bin bestohlen worden!« rief sie hysterisch und zeigte auf ihre offene Handtasche.

 

Zwei kräftige, gutgekleidete Männer standen neben dem Aufzugführer. Einer von ihnen trat zu der Dame und sprach mit ihr, dann wandte er sich an die anderen Fahrgäste.

 

»Diese Dame ist bestohlen worden«, sagte er im Amtston. »Ich bin Sergeant Halstead von Scotland Yard. Der Dame fehlen ihr Geldbeutel und ihr Scheckbuch – ich muß die Anwesenden bitten, sich entweder gleich hier durchsuchen zu lassen oder aber mich zur nächsten Polizeiwache zu begleiten.«

 

Helder war zuerst nur ärgerlich, aber bald mischte sich in seinen Ärger Bestürzung. Die anderen unterzogen sich willig einer raschen Durchsuchung, bis nur noch Helder und Brown übrig waren. »Ich weigere mich ganz entschieden, Sie in meinen Taschen herumkramen zu lassen«, erklärte Helder energisch.

 

Der Beamte wandte sich achselzuckend an Tiger.

 

»Rühren Sie mich nicht an!« rief Brown.

 

»Schön, dann bleibt mir nichts anderes übrig, als Sie festzunehmen.«

 

Fünf Minuten später befanden sich die beiden in Begleitung der Kriminalbeamten in einem Taxi, das sie zur nächsten Polizeiwache brachte. Unterwegs fluchte und schimpfte Helder fürchterlich.

 

Die Durchsuchung der anderen Leute in dem Aufzug war nur oberflächlich gewesen, aber diese beiden Männer wurden gründlich vorgenommen. Man prüfte ihre Brieftaschen, und Helder bemerkte mit Schrecken, daß die Fünfzigdollarnoten eingehend betrachtet wurden.

 

»Es tut mir leid, meine Herren«, sagte der Beamte, als er seine Arbeit getan hatte und ihnen ihre Sachen zurückgab.

 

Helder äußerte sich sehr unfreundlich über die Fähigkeiten der Londoner Polizei.

 

»Sie werden noch von mir hören«, sagte er.

 

»Es ist Ihre eigene Schuld«, erwiderte der Beamte unbeirrt. »Jemand wurde bestohlen, und Sie weigerten sich, eine Durchsuchung vornehmen zu lassen. Was hätten wir denn sonst tun sollen?«

 

Helder gab keine Antwort. Er ging mit Brown schnell aus dem Büro und eilte die Treppen hinunter. Plötzlich hielt er aber an, denn unten promenierte, eine Zigarre im Mund, Wenthwort Gold auf und ab.

 

Er grüßte seinen grimmig dreinschauenden Landsmann mit einem unschuldigen Lächeln.

 

»Hallo, Helder«, sagte er gemütlich, »ich bin anscheinend zu spät gekommen. Man telefonierte mir, daß Sie verhaftet seien, und ich kam hierher, um die Sache richtigzustellen.«

 

»So!« knurrte Helder. »Ich habe die Angelegenheit schon ohne Ihre Hilfe richtiggestellt. Es wird Sie vielleicht interessieren, daß man bei mir nichts fand.«

 

Gold zog die Augenbrauen in die Höhe.

 

»Was sollte man denn finden?« fragte er kühl.

 

Helder sagte nichts. Er drehte sich um und ging rasch mit seinem Begleiter fort.

 

Jetzt erst durchschaute er den ganzen Plan: ein vorgetäuschter Diebstahl und ein Kriminalbeamter, der wie zufällig anwesend war, um ihn zu durchsuchen.

 

Es wurde ihm ein wenig ungemütlich bei dem Gedanken, daß noch gestern einige Banknoten in seinem Besitz gefunden worden wären …

 

Er hatte einen Bekannten auf der Redaktion des ›Post Journal‹, den er bitten wollte, die Geschichte von der Verhaftung und der ungerechtfertigten Durchsuchung zu veröffentlichen.

 

Golds Laune war am nächsten Morgen ausgesprochen schlecht, als er den Artikel über die »Belästigung von Amerikanern« und über »ungewöhnliche polizeiliche Maßnahmen« las.

 

Scotland Yard würde das nicht angenehm sein. Die Leute dort waren überempfindlich gegen alles, was ein schlechtes Licht auf ihre Diskretion und Unparteilichkeit warf. Sie hatten erst nach einigem Widerstand eingewilligt, ihm bei seiner Aktion zu helfen, und würden gewiß Schwierigkeiten machen, wenn er das nächstemal ihre Hilfe brauchte.

 

Aber dann zuckte er gleichgültig die Schultern. Er hatte ein gefährliches Spiel gewagt und verloren – doch hoffentlich nicht endgültig.