Kapitel 6

 

6

 

Schon nach den ersten vierundzwanzig Stunden ihrer Bekanntschaft hatte Dick Mayford feststellen müssen, daß Anna Jeans ganz anders war als die jungen Damen, die er bisher getroffen hatte. Sie gab ihm selten recht und hatte überhaupt einen äußerst eigenwilligen Charakter. Das brachte ihn etwas aus der Fassung, denn bisher war er immer von einem Kranz bewundernder Weiblichkeit umgeben gewesen.

 

Eines Tages hatte er sich mit Anna verabredet, zu den Mailley-Ruinen zu reiten, und kam eine Viertelstunde zu spät zu dem ausgemachten Treffpunkt. Dort erfuhr er, daß sie pünktlich allein fortgeritten war. Als er sie nach einem scharfen Galopp eingeholt hatte, sah er sie vorwurfsvoll an und sagte, daß sie ruhig ein bißchen hätte auf ihn warten können.

 

Aber sie schaute ihn nur belustigt mit ihren grauen Augen an und bereute offensichtlich nichts.

 

»Daran werden Sie sich gewöhnen müssen«, meinte sie. »Ich habe mir schon in frühester Jugend geschworen, nie auf einen Mann zu warten. Wenn es Ihnen nicht gegen den Strich geht, sich für Ihr Zuspätkommen zu entschuldigen, können wir ja auch weiterreiten.«

 

Und Dick fügte sich tatsächlich und bat sie um Verzeihung, die ihm auch gewährt wurde.

 

»Ich habe die ganze Nacht fest durchgeschlafen«, erklärte sie, als er ihr von dem Brand im Schloß erzählte.

 

»Lorney hätte Sie aufwecken sollen –«, fügte er hinzu.

 

»Ach, warum denn das? Wozu soll ich mir ansehen, wie ein Haus abbrennt? Mrs. Harris hat mir so schon eine haarsträubende Schilderung davon gegeben. – Es muß entsetzlich gewesen sein für Ihre Schwester.«

 

Ihm kam es vor, als ob sie das etwas nüchtern und spöttisch gesagt hätte, und er warf ihr einen mißtrauischen Blick zu.

 

»Es war für uns alle unangenehm«, entgegnete er steif. »Glücklicherweise habe ich einen leichten Schlaf und hörte Mr. Lorney, wie er mit den Fäusten gegen die Tür schlug.« Nach einer Weile fragte er etwas zusammenhanglos: »Wie lange bleiben Sie eigentlich noch hier?«

 

»Ein paar Wochen.«

 

»Warum sind Sie überhaupt hergekommen?«

 

Sie sah ihn von der Seite an.

 

»Weil ich hoffte, Sie hier zu treffen«, sagte sie dann. »Ich habe Sie schon bewundert, als ich noch ein Kind war. – Es muß eigentlich herrlich sein, wenn man so heimlich verehrt wird. Ja, so bin ich nun einmal, wenn ich einen Mann sehe und ihn gern habe, dann kann mich nichts mehr von ihm abbringen.«

 

Dick räusperte sich unbehaglich, obwohl gar kein Grund zur Verlegenheit da war. Sie schien seine schwache Seite berührt zu haben. »Bitte, sagen Sie mir doch ehrlich, warum Sie hierhergekommen sind.«

 

»Erstens, weil ich Mr. Lorney gern habe; zweitens, weil mein Leben mehr oder weniger durch einen alten Rechtsanwalt bestimmt wird, der in London wohnt. Wenn er sagt: ›Gehen Sie in ein Internat!‹ dann muß ich in ein Internat gehen. Und wenn er mir rät, meine Ferien in einem Gasthaus in einer gottverlassenen Gegend zu verbringen, dann muß ich das auch tun.«

 

»Ist er Ihr Familienanwalt?«

 

Sie wandte sich im Sattel halb zu ihm.

 

»Habe ich Ihnen meine Lebensgeschichte noch nicht erzählt? Das ist aber wirklich nicht nett von mir …«

 

Und sie berichtete ausführlich, während sie weiterritten. Dick hatte kaum Gelegenheit, selbst; etwas zu sagen, bis sie zum Gasthaus zurückkamen.

 

»Ich kann diesen Romeo nicht ausstehen«, erklärte sie plötzlich ohne jeden Zusammenhang.

 

»Welchen Romeo?«

 

»Ich mag ihn einfach nicht«, fuhr sie fort, ohne auf seine Frage einzugehen, »selbst wenn er noch so schicke Pyjamas hat und mir die schönsten Rosen aus Mr. Lorneys Garten zuwirft. Das gibt noch was, wenn er erfährt, daß sie abgerissen worden sind. – Die ganze Sache war beinah romantisch: Ich schaute heute morgen so gegen sieben Uhr zum Fenster hinaus. Allerdings hatte ich ein süßes hellblaues Nachthemd an, und so kann man natürlich dem jungen Mann keinen großen Vorwurf machen. Jung ist andererseits auch wieder übertrieben: Am Hinterkopf hat er schon eine ganz schön dünne Stelle. Männer sollten doch lieber einen Hut aufsetzen, wenn man auf sie herunterschauen kann.«

 

»Ach, meinen Sie Keller?« fragte Dick überrascht.

 

»Ja, so heißt er wohl.«

 

»Warum mögen Sie ihn denn nicht?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Ach, ich weiß nicht. Wahrscheinlich ist es ein Instinkt, der mich vor ihm warnt. Ich möchte nicht wissen, was er von mir dachte, als ich die Rose auffing und sie ihm wieder zuwarf. – Gefällt er Ihnen denn?«

 

Dick sagte nichts, aber plötzlich wurde er sich vollkommen bewußt, daß er diesen Keller ohne weiteres hätte umbringen können.

 

»Eigentlich sieht er gar nicht so schlecht aus, nicht wahr? – Haben Sie übrigens den ›Alten‹ zu Gesicht bekommen? Mrs. Harris sagt, er wäre in der vergangenen Nacht draußen auf dem freien Platz vor dem Schloß gesehen worden. Wollen wir nicht einmal die Höhlen durchsuchen, ob wir ihm begegnen? Es heißt, er wäre total verrückt und hätte seinen Wärter mit dem Hammer erschlagen. Aber mir kann ja nichts passieren, wenn Sie dabei sind!«

 

»Nehmen Sie überhaupt irgend etwas ernst?« fragte er gereizt. Sie schaute ihn bewundernd an.

 

»Sie nehme ich ernst. Viel ernster als sonst jemanden, der mir bisher den Hof gemacht hat.«

 

»Aber ich denke ja gar nicht daran, Ihnen den Hof zu machen«, protestierte er entrüstet.

 

»Nein, dazu hatten Sie ja niemals Gelegenheit. Man kann eine junge Dame schließlich nicht auf dem Tennisplatz umarmen, und auch ein Ritt in die schöne Gegend ist zu dem Zweck nicht gerade praktisch. Nein, hätte heute morgen der Mond statt der Sonne geschienen, so hätte ich wahrscheinlich eine tadellose Julia abgegeben – das heißt, wenn mein Partner nicht gerade Mr. Keller gewesen wäre.«

 

Kurz vor dem Gasthaus wurde sie wieder ernst und erzählte Dick, wie nett Mr. Lorney zu ihr war. Sie konnte sich erinnern, daß er jedesmal an ihren Geburtstag gedacht hatte, als sie noch ein kleines Kind war, und ihr auch später immer wieder Geschenke geschickt hatte, oft ohne äußeren Anlaß.

 

Auch im vorigen Jahr hatte sie ihre Ferien bei ihm verbracht. Sie merkte, daß er auch abweisend und rauh sein konnte, aber ihr gegenüber war er immer von der gleichen Freundlichkeit. Es war eine seiner hervorstechendsten Eigenschaften, daß er alten Freunden unbedingt treu war.

 

»Meiner Meinung nach kann er Mr. Keller nicht leiden«, sagte sie abschließend.

 

Dick wunderte sich darüber, denn er konnte nicht wissen, daß die beiden sich schon von früher kannten.

 

»Wenn Mr. Lorney Mr. Keller zufällig irgendwo sieht, wendet er kein Auge von ihm. Wenn er erst herausbekommt, daß er seine Rosen abgerissen hat, gibt es Krach.«

 

Keller stand in der Diele, als die beiden zurückkamen. Wie gewöhnlich war er äußerst elegant angezogen. Dick suchte auf seinem Hinterkopf nach Anzeichen einer beginnenden Glatze, konnte aber nichts dergleichen feststellen.

 

»Hallo, sind Sie ausgeritten?« fragte Keller unnötigerweise, nickte Dick zu und wandte sich dann mit einem gequälten Lächeln an Anna.

 

»Ich habe Sie heute morgen schon gesehen.«

 

Anna übersah seine ihr entgegengestreckte Hand.

 

»Essen Sie im großen Speisezimmer zu Mittag?« fragte sie.

 

»Ja«, entgegnete Keller schnell.

 

»Na, dann sehen Sie mich heute noch dreimal«, tröstete sie ihn und ging die Treppe hinauf, um sich umzuziehen.

 

Keller sah ihr nach, bis sie oben angekommen war.

 

»Wer ist das eigentlich?« erkundigte er sich dann bei Dick.

 

Aber es hörte ihm niemand zu, denn Dick war nach draußen gegangen. Mr. Keller nahm solche Abfuhren nicht übel. Er lächelte gutmütig, ging in die Gaststube, wo das Fremdenbuch lag, und blätterte darin herum, als der Wirt hereintrat.

 

»Ah, guten Morgen, Mr. Lorney. – Wer ist denn die hübsche junge Dame, die hier im Haus wohnt?«

 

Mr. Lorney fuhr sich mit der Hand durchs Haar und sah den jungen Mann fest an.

 

»Mr. Keller, ich habe gehört, daß Ihnen Ihr Zimmer nicht gefällt. Ich stelle Ihnen jetzt Nummer drei zur Verfügung. Die Mädchen haben Ihnen leider ein wenig komfortables Zimmer gegeben.«

 

»Wer ist denn nun die junge Dame?« wiederholte Keller. »Hat sie Verwandte hier? – Das ist sie doch wohl: Miss Anna Jeans aus Lausanne.«

 

»Ja, Miss Jeans wohnt hier.«

 

»Wer ist sie denn?«

 

»Ein Gast.«

 

»Sind ihre Angehörigen auch hier?«

 

Mr. Lorney hatte es satt. »Soviel ich weiß, hat die junge Dame keine Angehörigen, wenn Sie ihre Eltern meinen sollten. Ich kannte ihren Vater, und ich kenne ihren Rechtsanwalt. Sie kommt hierher, um ihre Ferien hier zu verbringen. – Wollen Sie sonst noch was wissen?« fragte er in geradezu beleidigendem Ton.

 

Mr. Keller lachte unbekümmert.

 

»Dann können Sie mich ihr eigentlich mal vorstellen.«

 

»Anscheinend haben Sie sich bereits selbst mit ihr bekannt gemacht. Ich fand eine meiner Rosen unten auf dem Gartenweg. Im allgemeinen ist es nicht nötig, Verbotstafeln anzubringen, daß keine Blumen gepflückt werden dürfen, denn ich habe nur Leute im Haus, die wissen, was sich gehört.«

 

Keller überhörte diese Grobheit.

 

»Wie lange haben Sie das Gasthaus eigentlich schon?«

 

»Zwei Jahre und neun Monate. Ich kann Ihnen das genaue Datum sagen, wenn es Sie interessiert. Viertausendsechshundert Pfund habe ich dafür gezahlt und außerdem fünftausend für Renovierung und Einrichtung ausgegeben. Sind Sie nun zufrieden?«

 

Keller lachte laut.

 

»Mit diesem Benehmen werden Sie keine Gäste anlocken. Ich glaube, ich muß Ihnen mal beibringen, etwas höflicher zu sein.«

 

Lorney sah ihn ruhig an, ohne mit der Wimper zu zucken.

 

»Man hat mir gesagt, daß Sie ein reicher junger Mann aus Australien sind. Derartige Leute verliere ich nicht gern als Gäste, aber ich fürchte, bei Ihnen muß ich eine Ausnahme machen.«

 

Er klingelte, und der Kellner Charles kam herein.

 

»Zeigen Sie Mr. Keller das neue Zimmer. Wenn er etwas haben will, dann besorgen Sie es. Geben Sie ihm auch andere Möbel, wenn er es verlangt. – Wir müssen alles tun, um ihn zufriedenzustellen«, fügte er ironisch hinzu.

 

Mr. Lorney konnte sehr unangenehm werden. Auch Lord Arranways erfuhr das. Aber als er hörte, wie sehr sich Lorney bei den Rettungsarbeiten eingesetzt hatte, und daß er unter anderem den kleinen Koffer mit den für ihn wichtigen Privataufzeichnungen über die indische Regierung gerettet hatte, beschloß er doch, vorerst im Gasthaus zu bleiben. Außerdem hatte er andere Sorgen. Und das Haus war auch ausgesprochen bequem und weiträumig, so daß man sich darin wohlfühlen konnte. Die altertümlichen Räume waren mit schwerer Eichentäfelung ausgekleidet, und Mr. Lorneys Vorgänger hatte einen großen umlaufenden Balkon um den ganzen ersten Stock ziehen lassen. Eine breite hölzerne Treppe führte vom Garten hinauf. Mr. Keller untersuchte das alles, ging den Balkon entlang und stellte fest, welche Zimmer von dort aus zugänglich waren. Als methodischer Mann überließ er nichts dem Zufall, und er war noch nicht einen Tag im Gasthaus, als er auch schon alle Zimmer kannte, die Türen zum Balkon hatten.

 

Die Räume von Lord und Lady Arranways lagen mehr in der Mitte, während Dick Mayford am äußersten Ende wohnte. Das war natürlich schlecht, denn er hatte nur einen leichten Schlaf und würde bei dem leisesten Geräusch wach werden. Sehr gefährlich, dachte Keller.

 

Er sprach auch mit dem hübschen Zimmermädchen – zu netten kleinen Mädchen fühlte er sich immer hingezogen. – Nur die Geschichten von dem ›Alten‹, die unweigerlich bei jedem Gespräch mit Leuten dieser Gegend auftauchten, langweilten ihn. Trotzdem ging er am Nachmittag die Landstraße entlang, bis er die Nervenheilanstalt oben auf dem Hügel liegen sah. Der Anblick beunruhigte ihn ziemlich, denn plötzlich fiel ihm wieder die junge Frau in St. Louis ein … Er verzog das Gesicht. Das war ausgesprochen peinlich gewesen, aber seiner Meinung nach hatte man ihm zu Unrecht die Schuld an der Entwicklung der Dinge gegeben. Sie war von Anfang an etwas aufgeregt und ständig nervös und gereizt gewesen. Hätte ihre zarte Schönheit nicht so starken Eindruck auf ihn gemacht, so wäre es wahrscheinlich nie zu einer Annäherung zwischen ihnen gekommen. Sie weinte bei jeder Gelegenheit, und er konnte noch jetzt ihre zitternden Lippen und roten Augenlider sehen. Rasch wandte er sich um, als ob er dadurch die Erinnerungen verscheuchen könnte.

 

Er hatte nicht geglaubt, daß es so weit kommen würde, bis sie ihm eines Abends beim Essen eine heftige Szene machte, furchtbar schrie und mit dem Messer nach ihm stach. Die ganze Sache war sehr peinlich für Mr. Keller gewesen, denn Nachforschungen, die ihr Vater anstellte, weil ihm das seltsame Benehmen seiner Tochter nicht ganz unbegründet erschien, hatten ergeben, daß sie nicht die einzige Frau war, die Ansprüche an Keller stellte. Deshalb hatte Keller es für besser gehalten, St. Louis zu verlassen.

 

Trotz dieses unangenehmen Ausgangs des Abenteuers war die Sache doch recht lukrativ gewesen, wenn er es sich so überlegte, denn er hatte sich den größten Teil ihrer Mitgift gesichert und war damit entkommen.

 

Keith Keller ging langsam zum Gasthaus zurück. Auf halbem Wege sah er die junge Dame auf sich zukommen, auf die er schon so lange neugierig war. Er ging schneller.

 

Anna machte nicht den Versuch, ihm auszuweichen. Sie grüßte mit einem Kopfnicken und wäre an ihm vorbeigegangen, wenn er sie nicht angesprochen hätte.

 

»Ich habe schon den ganzen Nachmittag darauf gewartet, Sie zu sehen. – Wohin wollen Sie gehen?«

 

Sie sah ihn mit ihren grauen Augen kühl an.

 

»Das kommt ganz darauf an«, sagte sie. »Ursprünglich hatte ich vor, einen Spaziergang in den Thicket-Wald zu machen, aber wenn ich Sie nicht davon abbringen kann, mich zu begleiten, möchte ich doch lieber wieder ins Gasthaus zurück.«

 

»Das klingt ja nicht sehr ermutigend«, sagte er lächelnd.

 

Sie nickte.

 

»Ich hoffte, Sie würden verstehen, was ich damit sagen will.« Damit ging sie weiter.

 

Keith Keller war unangenehm berührt, aber sein Interesse an dem Mädchen stieg. Frauen behandelten ihn für gewöhnlich nicht derartig gleichgültig. Er sah ihr eine Weile nach, dann kehrte er zum Gasthaus zurück. Dabei fiel ihm Lady Arranways wieder ein.

 

Den ganzen Tag hatte er Mary nicht gesehen, und Lord Arranways schien für nichts Sinn zu haben als für seine blöden Pläne bezüglich der indischen Verwaltung.

 

Am Abend ging Keller etwas gelangweilt in den Speisesaal hinunter. Zum erstenmal, seit er die Arranways kannte, waren seine Beziehungen zu ihnen getrübt. Ohne dazu aufgefordert zu sein, setzte er sich zu Dick Mayford an den Tisch und begann ein Gespräch mit ihm.

 

»Da stehen ja ein paar Koffer in der Diele – wer ist denn angekommen?«

 

»Fragen Sie doch Mr. Lorney«, erwiderte Dick unliebenswürdig. Er hatte gehofft, mit Anna essen zu können, aber als er um halb acht herunterkam, erfuhr er, daß sie schon auf ihr Zimmer gegangen war.

 

»Nach der ganzen Aufmachung scheint es ein Amerikaner zusein.«

 

Keith Keller ließ sich nicht so leicht abwimmeln.

 

Dick winkte dem Kellner.

 

»Bringen Sie mir den Kaffee in den kleinen Salon.«

 

Es war nichts zu machen! Mr. Keller war an diesem Abend dazu verurteilt, sich sterblich zu langweilen. Etwas später schlenderte er im Haus und im Garten umher, in der Hoffnung, wenigstens das hübsche Zimmermädchen zu finden. Aber umsonst.

 

Um halb elf legte er sich ins Bett, las noch eine halbe Stunde, machte dann das Licht aus und trat hinaus auf den Balkon.

 

Er konnte niemanden sehen. Vorsichtig schlich er zu Marys Fenster. Die obere Hälfte war geöffnet, aber sonst fand er alle Türen verschlossen und alle Vorhänge zugezogen. Er lauschte, konnte aber nichts hören. Leise klopfte er an ihr Fenster, aber es kam keine Antwort. Dann vernahm er ein Geräusch in Dicks Zimmer und ging hastig zu seiner Tür zurück.

 

Vielleicht würde sie doch noch zu ihm kommen. Wieder las er eine Viertelstunde, drehte das Licht aus, ging noch einmal zur Tür, öffnete sie leise und ließ sie angelehnt.

 

Er fiel in einen unruhigen Schlaf, und als er aufwachte, fühlte er einen kalten Zug von der Tür her. Mit einem Fluch stand er auf und schloß sie ab. Dann legte er sich wieder hin und schlief sofort ein.

 

Eine Viertelstunde später, als die Kirchenuhr drei schlug, schlich eine dunkle Gestalt langsam die Treppe zum Balkon hinauf, ging vorsichtig bis zu Kellers Tür, blieb davor stehen und versuchte sie zu öffnen. Als es ihm nicht gelang, schlich er die Treppe wieder hinunter.

 

Dick hörte das Geräusch und kam auf den Balkon hinaus. Er sah, daß sich am Fuß der Treppe etwas bewegte.

 

»Wer ist da?« rief er scharf.

 

Der Fremde drehte sich um.

 

Dick sah einen Augenblick eine etwas gebeugte Gestalt mit einem unordentlichen weißen Bart und wirrem Haar. Er lief die Treppe hinunter, aber als er unten ankam, war der ›Alte‹ verschwunden.

 

Kapitel 7

 

7

 

Anna Jeans saß auf dem Geländer, von dem aus man den Tennisplatz übersehen konnte, und unterhielt sich mit Lorney. Sie sprachen von den Arranways.

 

»Ich glaube, zwischen den beiden stimmt auch nicht alles«, meinte sie, »Lady Arranways tut immer, als ob sie etwas Besseres wäre als wir.«

 

Lorney lachte.

 

»Ach, sie ist ganz in Ordnung. Vielleicht ein bißchen leichtsinnig, aber sonst ist nichts gegen sie einzuwenden.«

 

Sie sah ihn überrascht an.

 

»Leichtsinnig? Den Eindruck hatte ich nun nicht von ihr.«

 

»Leichtsinnig ist vielleicht nicht das richtige Wort dafür. Sie ist nicht ganz so vorsichtig, wie ich an ihrer Stelle wäre.«

 

Anna sah ihn neugierig an.

 

»Sie benimmt sich aber doch einwandfrei?«

 

Mr. Lorney zögerte.

 

»Ach, Mr. Lorney, meinetwegen können Sie ruhig darüber sprechen. Ich weiß Bescheid. Schließlich habe ich schon mehrere solcher sogenannten glücklichen Ehen gesehen. – Hat sie ein Verhältnis mit Mr. Keller?«

 

»Nein«, leugnete er wider besseres Wissen.

 

Anna hielt es für richtiger, das Gespräch an dieser Stelle auf weniger heißen Boden zu verlegen.

 

Lorney lehnte sich, gegen die große Sonnenuhr und beobachtete Anna, während sie ihm von einem jungen Mann erzählte, den sie in der Schweiz kennengelernt hatte. Sie hatte sich sehr zu ihrem Vorteil verändert. Zwar war ihm eine gewisse Nüchternheit in ihrem Urteil neu, und er fragte sich, woher sie die haben mochte, aber er wußte aus eigener Erfahrung, daß man damit besser fuhr. Auch schien sie ihm jetzt völlig erwachsen zu sein. Plötzlich merkte er, daß er etwas sagen mußte, um zu zeigen, daß er ihr zugehört hatte.

 

»Diesen Mr. Keller mögen Sie doch nicht leiden?« fragte er auf gut Glück. Es schien zu passen.

 

Sie zuckte mit den Schultern.

 

»Ach, ich weiß auch nicht recht. Gut aussehen tut er ja. Natürlich macht er einen etwas undurchsichtigen Eindruck, aber solche Leute sind ja interessanter als Männer, bei denen man sofort weiß, wie sie auf dies oder jenes reagieren werden. Eine meiner Freundinnen in Toronto, eine Journalistin, hat mir mal gesagt, die einzigen Nachrichten, die sie und die Zeitung interessierten, wären schlechte, und es gäbe nur eine Art von interessanten Personen, und das wären schlechte Charaktere. Wenn ein guter Bürger stirbt, kann man knapp drei Zeilen daraus schinden, aber spannend wird es doch erst, wenn zum Beispiel ein Toter gefunden wird, dem man seine dunkle Vergangenheit auf zehn Schritt ansieht. – Finden Sie nicht auch?«

 

»Aber was hat das mit Mr. Keller zu tun?« war alles, was der plötzlich etwas verwirrte Mr. Lorney herausbrachte.

 

»Ich wollte Ihnen nur erklären, daß ich einen Mann nicht deshalb ablehne, weil er – gefährlich ist.«

 

Er sah sie zweifelnd an. »Also, mir gefällt die Visage von diesem Keller nicht. Ich fürchte ja, daß ich da mit meiner Meinung ziemlich allein stehe, aber es wäre mir ein gräßlicher Gedanke, wenn Sie sich etwa in ihm täuschten. Es tut mir leid, daß Sie solche Leute überhaupt in meinem Haus kennengelernt haben.«

 

»Hat Mr. Keller wirklich ein Verhältnis mit Lady Arranways?« kam sie auf dies interessante Thema zurück.

 

Aber Mr. Lorney schwieg eisern. Anna wunderte sich im Grunde, warum er sich soviel Mühe gab, diese Frau in Schutz zu nehmen. Also wechselte sie nochmals das Thema und erkundigte sich nach dem ›Alten‹, der heute nacht in der Nähe des Hauses gesehen worden war.

 

»Ich habe keine Ahnung, wer das gewesen ist, denn ich glaube einfach nicht, daß der ›Alte‹ noch am Leben ist. Natürlich versuchen die Reporter immer noch, die Geschichte wieder aufzuwärmen.«

 

Mr. Lorneys Auto hielt vor dem Eingang, und ein großer, etwas korpulenter Herr stieg aus. Lorney sah ihm nach, bis er im Haus verschwunden war.

 

»Wer ist das?« fragte Anna.

 

»Ich kann es nicht genau sagen – er sieht einem Herrn verdammt ähnlich, der schon vor einem Jahr hier wohnte. – Entschuldigen Sie mich bitte einen Augenblick.«

 

Er ging über den Rasen und durch die Haustür in die Diele.

 

Der Fremde sah Lorney erfreut an und gab ihm die Hand.

 

»Captain Rennett?«

 

Lorney hatte ihn sofort wiedererkannt. Es war auch schwer, den großen Amerikaner zu vergessen, wenn man ihn einmal gesehen hatte.

 

»Ja. Ich wollte Sie wieder einmal besuchen. Zweimal bin ich nun schon durch ganz Europa gereist, aber ich habe nirgends eine so gemütliche Unterkunft gefunden wie Ihr Haus.« Während er sprach; steckte er sich eine Zigarre an.

 

Lorney hatte sich oft überlegt, was aus dem Amerikaner geworden sein mochte. Damals war er sehr rasch abgereist. Er hatte beim Kellner seine Rechnung bezahlt und war verschwunden.

 

Captain Rennett schien diese Gedanken zu erraten, denn er lachte.

 

»Erinnern Sie sich daran, wie ich seinerzeit Hals über Kopf abreiste? Eigentlich hatte ich vorgehabt, den ›Alten‹ zu erwischen, aber es waren ja schon genug Leute von Scotland Yard hier. Die hätten schön geschaut, wenn ich mich eingemischt hätte.«

 

»Oh, das glaube ich nicht. Man hatte eher den Eindruck, als wären die ganz froh, daß sie nicht allein an dem Fall herumkauen mußten. Immerhin kommt nicht alle Tage ein berühmter amerikanischer Kriminalbeamter nach England, um der hiesigen Polizei unter die Arme zu greifen. Sie hätten diesmal sogar noch eher kommen sollen, denn inzwischen hatten wir einen großen Brand hier.«

 

Rennett nickte.

 

»Ja, oben im Schloß, nicht wahr? Zu schade, daß das schöne alte Haus ganz abgebrannt ist! Uns Amerikanern tut so etwas immer besonders leid.«

 

»Der Lord wohnt jetzt mit seiner Frau, dessen Bruder und einem Gast hier in meinem Haus.«

 

»Wer ist denn sein Gast?«

 

»Ich glaube nicht, daß Sie den Herrn kennen. Er ist viel mit ihnen zusammen.«

 

»Aha! Er war auch schon mit ihnen auf Reisen, nicht wahr?« Der Ton dieser Frage war so scharf, als ob er jemanden verhören wollte.

 

»Ja – ich glaube«, antwortete Mr. Lorney zurückhaltend.

 

»Er heißt Keller?«

 

Als Rennett die abweisende Haltung des Gastwirts spürte, fing er an zu lachen.

 

»Ach, es ist schon ein Kreuz mit mir. Ich kann mir den Kriminalbeamten nicht abgewöhnen. Selbst wenn ich jemand nach dem Weg zum Bahnhof frage, hat der Ärmste den Eindruck, daß ich ihn einsperre, wenn er nicht sofort Auskunft gibt.« Er nahm die Zigarre aus dem Mund und betrachtete sie nachdenklich.

 

»Dabei fällt mir ein: Haben Sie jemals vorher gehört, daß ein Dieb unter größten Schwierigkeiten in ein Haus eingebrochen ist, um Sachen, die er vor etwa einem Jahr gestohlen hat, wieder zurückzubringen?«

 

»Nein, nie gehört!« entgegnete Lorney.

 

»Also, diesem Mann würde ich gern einmal begegnen. Alles, was mit ihm zusammenhängt, hat so einen besonderen Anstrich, finden Sie nicht?«

 

John Lorney lachte.

 

»Ach, da sind Sie nicht der einzige! Die Polizei und die Reporter haben sich schon die Hacken nach ihm schiefgerannt, und ich muß sagen, von weitem sähe ich ihn selbst mal ganz gerne.«

 

Rennett ging auf sein Zimmer, und der Wirt trat wieder vors Haus, aber er konnte Anna nirgends entdecken. Als er gleich darauf Keller mit einem Golfschläger in der Hand heranschlendern sah, kam ihm sofort der Verdacht, der junge Mann sei auf der Suche nach ihr, und er fing eine Unterhaltung mit ihm an.

 

»Seien Sie ein bißchen vorsichtig, wenn Sie zuschlagen«, warnte er ihn, denn an dem Schläger hing ein Stück Rasen.

 

»Ach hören Sie doch mit Ihren Predigten auf!« rief Keller gereizt. »Es ist sowieso schon entsetzlich langweilig hier. Golf, Tennis, Spazierengehen – das lockt doch keinen Hund hinterm Ofen vor! Was soll man bloß anfangen? – Wo ist denn die junge Dame, mit der Sie vorhin gesprochen haben?«

 

»Sie wird bessere Gesellschaft gefunden haben«, meinte Mr. Lorney gleichmütig.

 

»Mr. Lorney, ich habe Ihnen noch gar nicht dafür gedankt, daß Sie mir bei dem Brand das Leben gerettet haben. Man hat mir gesagt, daß Sie es waren, der mich aus dem Haus trug.«

 

»Tut mir leid, das war nicht ich, sondern der Lord«, antwortete Lorney kurz.

 

»War denn Lord Arranways in meinem Zimmer?« Keller konnte vor Entsetzen kaum Luft holen.

 

»Nein, ich brachte Sie aus dem Zimmer auf den Gang, und der Lord und Mr. Mayford trugen Sie hinunter.«

 

»Wer – wer hat denn Lady Arranways gefunden? – Sie?«

 

Der Wirt nickte.

 

Keller blieb stehen und sah ihn scharf an.

 

»Wo war das?«

 

»In dem Gang vor Ihrem Zimmer.«

 

»Was – vor meinem Zimmer? Wie ist sie denn dahin gekommen?«

 

Dick Mayford unterbrach das Gespräch der beiden Männer durch sein Erscheinen. Man merkte ihm deutlich seine schlechte Laune an, als er Keller erblickte.

 

Den störte das nicht im geringsten.

 

»Guten Morgen, Dick. Wie geht es Mary?«

 

»Lady Arranways fühlt sich nicht wohl, soviel ich weiß.«

 

»Lady Arranways? Warum denn so steif? – Übrigens, wüßten Sie, daß Mr. Lorney mir das Leben gerettet hat? Und nach einer alten chinesischen Sitte muß man denjenigen, dem man das Leben rettet, auch den Rest des Lebens ernähren. Geben Sie mir also etwas zu trinken, Mr. Lorney.«

 

Lorney sah auf die Uhr.

 

»Leider ist jetzt noch Sperrstunde – aber wenn Sie unbedingt etwas haben wollen, kann ich Ihnen ja was aufs Zimmer schicken lassen.«

 

Keller, der schon auf der Treppe war, drehte sich noch einmal um.

 

»Solche verrückten Bestimmungen kann es auch bloß in England geben«, brummte er. »Schicken Sie mir einen Whisky-Soda und eine Zigarre herauf.«

 

»Was halten Sie von Keller?« erkundigte sich Dick, als der Australier außer Hörweite war.

 

»Man kann schlecht etwas gegen ihn sagen – außerdem kenne ich ihn nicht gut genug. Soviel ich gehört habe, soll er aus Australien kommen.«

 

»Das behauptet er wenigstens.«

 

»Man wird ihn in Australien vermissen«, meinte Lorney ironisch.

 

Dick Mayford ging zur Tür, schaute hinaus, schloß sie dann wieder und kam an die Theke zurück.

 

»Ich würde gerne einmal offen mit Ihnen sprechen, Mr. Lorney«, sagte er. »Sie sind doch während des Brandes in Kellers Zimmer gegangen. – Haben Sie außer ihm noch jemanden gesehen?«

 

Er mußte sich überwinden, diese gefährliche Frage zu stellen, von deren Beantwortung soviel abhing.

 

John Lorney sah auf, und ihre Blicke begegneten sich.

 

»Nein.«

 

»Sind Sie Ihrer Sache sicher?«

 

»Vollkommen.«

 

Lorney setzte ein paar Teller aufeinander. Dann kam er um die Theke herum.

 

»Wo haben Sie denn Lady Arranways gefunden?« fuhr Dick fort.

 

Der Wirt schaute Dick lange an, bevor er antwortete.

 

»Sie lag im Gang gegen die Wand gelehnt.«

 

»Sie haben doch dem Lord erzählt, daß sie unter einem Fenster lag?«

 

»Ja, sie lehnte an der Wand unter einem Fenster.«

 

Dick seufzte.

 

»Sie sind wirklich ein guter Kerl. Wahrscheinlich wird Lord Arranways auch noch einige Fragen an Sie richten, und ich wäre sehr erleichtert, wenn Sie ihm nichts sagten, was ihn aufregen könnte.«

 

Dick ging nach draußen, um Eddie zu suchen, der den ganzen Tag bei dem niedergebrannten Schloß verbracht hatte. Der Lord überwachte die Unterbringung der geretteten Möbel und Kunstschätze, Allem Anschein nach war er so damit beschäftigt, daß er keine Zeit für anderes hatte. Dick kannte ihn besser und wußte, daß er sich trotz seiner rastlosen Geschäftigkeit innerlich vor Haß und Zweifeln verzehrte.

 

Der Lord sprach gerade mit einem Feuerwehrmann, als Dick ankam.

 

Eddie besaß eine wertvolle Sammlung asiatischer Dolche und Schwerter, die er während seines Aufenthaltes in Indien zusammengetragen hatte. Darunter befanden sich Stücke von unschätzbarem Wert. Als Dick zu ihm trat, hatte er zufällig den Dolch von Aba Khan in der Hand. Diese Waffe hatte einmal den ganzen Pandschab beunruhigt. Es war eine lange, dünne Klinge, biegsam und scharf wie ein Rasiermesser. Aba Khan hatte damit die Frau erdolcht, die sich seinem Willen nicht gebeugt und ihn betrogen hatte. Jahrelange grausame Fehden in Radschputana waren die Folge gewesen, denn ihre Verwandten hatten sie blutig gerächt.

 

Gerade erzählte der Lord in seiner umständlichen Weise dem Feuerwehrmann diese Geschichte.

 

»… der Maharadscha war mit einer sehr schönen Frau verheiratet, die aber unglücklicherweise einen anderen Mann liebte. Mit diesem Dolch erstach Aba Khan ihren Liebhaber vor ihren Augen, ehe er ihn ihr selbst in die Brust stieß.«

 

»Komm zu Tisch!« unterbrach ihn Dick.

 

Der Lord steckte die Klinge in die Scheide und gab sie dem Feuerwehrmann.

 

»Bringen Sie diese Waffe und den Rest der Sammlung zum Gasthaus. Es sind im ganzen sechzehn Stück.«

 

Dick nahm ihn beim Arm, und sie machten sich langsam auf den Weg zum Gasthaus. Inzwischen hatte es sich bewölkt, und ein heftiger Sturm kam auf. Die ersten Regentropfen fielen, als der Lord und Dick gerade die Diele des Gasthauses erreicht hatten.

 

»Hast du Mary gesehen?« fragte Dick.

 

»Nein, sie ist in ihrem Zimmer. Zum Frühstück ist sie auch nicht heruntergekommen.«

 

»Sie ist doch aber wach? Warum warst du nicht bei ihr?«

 

Der Lord antwortete nicht, und Dick merkte an seinem Gesicht, daß es nicht gut wäre, weiterzufragen. Trotzdem machte er noch einen Vorstoß.

 

»Habt ihr euch gezankt?«

 

»Ich sage dir doch, daß ich sie nicht gesehen habe!« erklärte Eddie ungeduldig. »Es ist wirklich am besten so.«

 

Dick folgte ihm in sein Zimmer und schloß die Tür hinter sich.

 

»Warum ist es so am besten? Was ist denn bloß los?«

 

Arranways ging zum Fenster, vergrub die Hände in den Taschen und beobachtete das ausbrechende Gewitter.

 

»Ich weiß nicht, was ich von all dem halten soll … Du weißt, ich hab‘ das alles schon einmal durchgemacht – die Anzeichen sind mir ja nun wirklich vertraut, und es kommt mir alles so verdächtig vor!«

 

Dick machte einen letzten Versuch.

 

»Glaubst du, daß Mary in – seinem Zimmer war? Wir wollen uns doch nichts vormachen. Sag mir, bitte, was du denkst.«

 

Der Lord zögerte.

 

»Ich weiß es eben nicht. Ihr Nachthemd roch nach Rauch, und es war Asche daran. Ich wüßte nicht, wie sie an so etwas gekommen sein könnte, und vor allem: Wieso hat Lorney sie im Gang gefunden? Sie muß nah am Feuer gewesen sein. Ich bin schließlich nicht so dumm, daß ich das nicht begriffe.«

 

Immerhin konnte der Lord aber doch nicht mit Sicherheit behaupten, daß seine Frau bei Keller im Zimmer gewesen war. Er selbst nahm zwar das Schlimmste an, konnte es aber Dick gegenüber nicht zugeben.

 

»Bitte erkläre mir«, sagte er, »warum war Mary im Korridor und ausgerechnet vor Kellers Tür?«

 

»Wahrscheinlich hat sie den Kopf verloren«, meinte Dick.

 

Der Lord zog nur die Augenbrauen hoch und wanderte ruhelos im Zimmer auf und ab.

 

»Es kommt doch wirklich manchmal vor, daß man den Kopf verliert«, ereiferte sich Dick völlig nutzlos. »Mir ist selbst einmal passiert, daß ich bei Feuersgefahr aus dem Fenster und das Obstspalier hinuntergeklettert bin, obwohl ich noch ganz gut hätte die Treppe hinuntergehen können. – Klagst du Mary etwa des Ehebruchs –«

 

»Ich klage niemanden an. Ich sage nur, daß mich die Sache wahnsinnig beunruhigt.«

 

Dick erkannte, daß sein Schwager seiner Sache nicht hundertprozentig sicher war, und er war froh darüber, denn sonst hätte es unweigerlich eine Katastrophe gegeben.

 

»Lorney sagt aber doch –«

 

»Ich glaube eben nicht, was Mr. Lorney sagt! Hätte Mary unter dem Fenster gelegen, wie er es behauptet, so hätte ich sie doch gleich das erstemal sehen müssen, als ich nach oben kam.«

 

»Ich dachte immer, du hättest diesen Keller gern?«

 

Der Lord warf ihm einen vielsagenden Blick zu.

 

»Ich hatte ihn auch gern. Er ist sehr aufmerksam gewesen und hat sich immer für meine Pläne interessiert. Aber man kann nicht erwarten – und das hätte ich eben merken müssen –, daß ein Mann, der sich für die Frau eines anderen interessiert, seine Absichten und seinen wahren Charakter zeigt. Keller hat mir die ganze Zeit Sand in die Augen gestreut.«

 

Arranways hatte sich sehr aufgeregt, und Dick unterbrach ihn.

 

»Wir wollen im Augenblick nicht weiter darüber sprechen«, meinte er. »Laß es bei dem Verdacht bleiben – bis wirklich etwas bewiesen ist. Entschließ dich doch, Mr. Lorney zu glauben.«

 

»Glaubst du ihm denn?«

 

»Aber natürlich – unbedingt!« Es kostete Dick große Mühe, dies in glaubwürdigem Ton herauszubringen.

 

Kapitel 8

 

8

 

Es gab noch mehrere Auseinandersetzungen an diesem Tag.

 

Der Kellner Charles kam in größter Aufregung zum Wirt, den er in dem kleinen Salon hinter der Bar traf. Er war ein Mann zwischen Fünfzig und Sechzig mit breiten Schultern und einem kleinen, häßlichen Gesicht, das noch abstoßender wirkte, wenn er wütend war.

 

Lorney hörte den etwas zusammenhanglosen Bericht ruhig an.

 

»Was haben Sie denn sonst noch getan?« fragte er.

 

»Nichts!« rief der Kellner heftig. »Das Glas fiel mir vom Tablett, und der Whisky-Soda spritzte auf seine Hose. Ich gebe zu, ich hätte vorsichtiger sein sollen, aber noch bevor ich wußte, was eigentlich passiert war, hatte er schon seine Faust unter meinem Kinn. Ich wäre beinah zu Boden gegangen.«

 

»Ich werde mit ihm reden.«

 

»Mit ihm reden!« wiederholte der Kellner zitternd vor Wut. »Wenn ich nicht an meine Frau zu denken hätte … Es wäre nicht mehr viel von dem Kerl übriggeblieben!«

 

Der Wirt sah ihn scharf an.

 

»Sie müssen auch noch an andere Dinge denken. Ich gebe Ihnen hier die Möglichkeit, wieder in geordnete Verhältnisse zurückzufinden, Green. Fünfmal haben Sie schon gesessen, und kein anderer würde Ihnen unter diesen Umständen Arbeit geben. Bei mir haben Sie ein Unterkommen und werden gut für Ihre Arbeit bezahlt. Es kommt nicht in Frage, daß ein Gast einen Angestellten schlägt, und ich werde mit Mr. Keller sprechen – das habe ich Ihnen ja schon gesagt. Sollte es noch einmal vorkommen, dann habe ich nichts dagegen, wenn Sie sich wehren. Aber ich glaube nicht, daß es noch einmal soweit kommt.«

 

Lorney sprach Keller später an, als er in die Gaststube kann.

 

»Schlagen Sie immer so schnell zu, wenn Ihnen was nicht paßt?« begann er ärgerlich.

 

»Wie bitte?« Keller schaute ihn verständnislos an. »Ach so – Sie sprechen von dem Kellner mit den Plattfüßen. Ein besonderer Trottel! Meine neue Hose hat er mir verdorben.«

 

»Na, so schlimm war es wohl nicht«, erwiderte Lorney unfreundlich. »Ich warne Sie vor dem Mann. Der war früher Berufsboxer. An Ihrer Stelle würde ich mich nicht mehr mit ihm anlegen.«

 

*

 

Lorney sah nicht, wie Mrs. Harris zurückkam, die in seinem Wagen ohne sein Wissen fortgefahren war. Sie hielt an der Hintertür, ging schnell durch die Küche in die Gaststube und ließ sich dort auf einen Stuhl fallen, denn sie hatte sich sehr beeilt und war etwas außer Atem.

 

Mary Arranways hatte sie vom Balkon aus kommen sehen und trat nun in das Zimmer.

 

»Haben Sie das Geld?« fragte sie leise.

 

Mrs. Harris strahlte, zog die lange Hutnadel heraus und holte unter ihrem Hut ein dickes Bündel Banknoten hervor. Mary griff hastig danach und steckte die Scheine in ihre Handtasche.

 

»Sie haben doch hoffentlich niemandem gesagt, wo Sie waren?«

 

»Wem hätte ich es sagen sollen? Nein, von mir erfährt niemand etwas. Aber soviel Geld habe ich noch nie auf einem Haufen gesehen. Haben Sie nicht Angst, das alles hier zu haben? Bei den vielen Einbrüchen?«

 

Mary hatte einen sorgenvollen Vormittag hinter sich. Wenn die Frau nun Lord Arranways erzählte, daß sie für seine Frau vierhundert Pfund auf der Bank abgeholt hatte? Mary hatte nicht den geringsten Anlaß, Geld abzuheben. Und eine Ausrede wollte ihr auch nicht einfallen …

 

»Waren Sie dabei, als es im Schloß brannte?« fragte sie die Frau.

 

Mrs. Harris lächelte und nahm langsam ein paar Staubtücher aus einem Schubfach.

 

»Ja, ich war im Park und habe auch ein paar Bilder herausgetragen.«

 

Lady Arranways sah sie nachdenklich an.

 

»Ich kann mich nicht auf alles besinnen; ich kam erst wieder zu mir, als ich hier im Bett lag, und hatte keine Ahnung, was eigentlich passiert war.«

 

Mrs. Harris war froh, daß sie auch einmal gefragt wurde. »Ach, Mr. Lorney hat Sie gerettet! Er hat Sie herausgetragen, und Sie hatten nur ein Nachthemd an! Da hatte er Glück – ich meine, daß er Sie retten konnte.«

 

»Haben Sie gehört, wo er mich gefunden hat?«

 

Mrs. Harris räusperte sich. »Er hat Sie aufgehoben.«

 

»Ja, das schon«, erwiderte Mary ungeduldig, »aber wo?«

 

Die Frau machte eine Pause, dann räusperte sie sich wieder.

 

»Nun, es heißt, oben im Gang.«

 

Lady Arranways hörte deutlich die Zweifel heraus, die sich hinter dieser Antwort verbargen.

 

»Natürlich reden die Leute viel dummes Zeug, aber daran kann man sowieso nichts ändern«, fuhr Mrs. Harris fort.

 

»Worüber reden denn die Leute?« fragte Mary kühl.

 

Aber sie hatte gefährlichen Boden betreten, und die Frau wich ihr aus.

 

»Dagegen kann man nichts machen«, sagte sie nur.

 

Mary zuckte die Schultern und redete sich ein, daß man sich unmöglich um das Gerede der Leute kümmern könnte.

 

Den ganzen gestrigen Tag hatte sie im Bett gelegen und sich mit Vorwürfen überhäuft. Wie leichtsinnig und unvorsichtig war sie gewesen … Wie hatte sie nur länger in Keiths Zimmer bleiben können? Es war wirklich unvorstellbar. Das erste, was ihr einfiel, war, daß ein Mann sie hinausgetragen hatte. Dann erinnerte sie sich an Eddies Stimme. Aber sonst war alles in einen dichten Nebel gehüllt.

 

Was wußte Eddie wohl? Das machte ihr die größten Sorgen. Im Grunde liebte sie ihn wirklich und hielt trotz all seinen Eigenheiten viel von ihm. Und Keith … Plötzlich hatte sie das Gefühl, als würde sie beobachtet. Eddie stand oben an der Treppe und sah sie an. Es war das erstemal, daß sie sich nach dem Brand trafen.

 

Sie nahm sich zusammen. »Hallo, Eddie!«

 

Er kam langsam die Treppe herunter und nickte ihr zu.

 

»Nun, hast du dich wieder ganz erholt?« fragte er. Seine Stimme klang belegt, und seine Hände zitterten, als er eine Zeitung vom Tisch nahm.

 

»Es war eine furchtbare Aufregung«, erwiderte sie. »Sind wichtige Sachen verbrannt?«

 

Er sah sie über die Zeitung hinweg an.

 

»Die nackten Außenwände stehen noch – außerdem Kellers Zimmer, wo das Feuer ausbrach. Merkwürdig, nicht? Sogar der Fußboden ist noch drin.«

 

Mrs. Harris putzte hinter der Theke die Gläser, was sie nicht daran hinderte, der Unterhaltung aufmerksam zu folgen. Sie witterte kommendes Unheil.

 

»Eddie, es tut mir sehr leid«, sagte Mary. Das war eine völlig überflüssige Bemerkung, aber Mary wollte Zeit gewinnen und ihn vor allem von weiteren Fragen abhalten.

 

»Die Miniaturen und die Waffensammlung sind gerettet worden«, erklärte Arranways, der sich inzwischen etwas gefaßt hatte. »Und die meisten Dorfbewohner haben geholfen, Gemälde und Möbel aus dem Haus zu schaffen.«

 

Mrs. Harris beugte sich eifrig vor.

 

»Ich habe auch zwei Bilder hinausgetragen, aber bis jetzt hat mir noch niemand dafür gedankt.«

 

Der Lord kümmerte sich nicht um sie.

 

»Wir bleiben wohl am besten noch ein paar Tage hier, bis unsere Stadtwohnung fertig eingerichtet ist, so daß wir dorthin ziehen können.«

 

»Ich fühle mich aber ganz wohl hier«, protestierte Lady Arranways, »und wir müssen ja doch alles länger vorbereiten, wenn wir für immer in der Stadt wohnen wollen.«

 

Bis jetzt hatte sie ihm noch keine Gelegenheit gegeben, auf den wesentlichen Punkt zu kommen, aber er wollte unter allen Umständen darüber sprechen.

 

»Keller habe ich heute morgen noch gar nicht gesehen. Ich nehme an, daß er nach London geht?«

 

Lady Arranways hatte sich inzwischen in einen Sessel gesetzt. Auf ihren Knien lag eine Zeitung.

 

»Ich weiß es wirklich nicht, aber er kann ja machen, was er will.«

 

Einen Augenblick sah er sie prüfend an.

 

»Ja, er amüsiert sich, so gut er kann«, erwiderte er.

 

Sie lächelte gezwungen.

 

»Warum sagst du ihm nicht, daß er uns allein lassen soll, wenn er dich so langweilt?«

 

»Wir sind hier in einem Hotel, und er kann natürlich bleiben, solange er will. Aber wenn er das tun sollte, fahren wir natürlich besser nach London.«

 

Sie legte die Zeitung beiseite. Jetzt mußte sie etwas sagen. Schweigen war hier gleichbedeutend mit dem Eingeständnis ihrer Schuld.

 

»Warum denn?« fragte sie.

 

Ihr Mann runzelte die Stirn, denn er hatte erwartet, daß sie seinen Vorschlag ohne Widerspruch annehmen würde. In dem ruhigen und düsteren Haus in der Berkeley Avenue hätte er dann versucht, das Problem irgendwie zu lösen.

 

»Hast du etwas dagegen?« fragte er.

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

In diesem Augenblick kam Lorney herein.

 

Lord Arranways sprach ihn an.

 

»Ich muß dringend in die Stadt, mein Zimmer wird frei, Mr. Lorney.«

 

Der Wirt sah fragend zu Mary hinüber.

 

»Meines nicht«, sagte sie lächelnd. »Ich bleibe mindestens noch ein paar Tage hier. – Ich habe Ihnen übrigens noch gar nicht gedankt für alles, was Sie bei dem Brand für mich getan haben.«

 

Und dann ging sie zum Angriff über, um die günstige Gelegenheit nicht zu versäumen.

 

»Wo haben Sie mich eigentlich gefunden, Mr. Lorney?« fragte sie und sah dabei ihren Mann an.

 

Der Lord warf einen Blick auf den Wirt.

 

»Im Korridor, in der Nähe eines Fensters.«

 

Sie unterdrückte einen Seufzer der Erleichterung, denn Eddie schien keine Einwände machen zu wollen.

 

»Ich kann mich nur daran erinnern, daß ich aufwachte und leichten Brandgeruch wahrnahm«, entgegnete sie, ohne jemanden anzublicken. »Ich lief aus meinem Zimmer, um die anderen zu wecken, und dabei muß ich ohnmächtig geworden sein … Das war allerdings äußerst überflüssig: Normalerweise kommt das auch nicht so leicht vor. Jedenfalls danke ich Ihnen sehr, Mr. Lorney.«

 

Sie nahm eine Zigarette aus ihrem Etui.

 

»Kannst du mir bitte Feuer geben, Eddie?«

 

»Hast du denn dein Feuerzeug verloren?«

 

Eddie Arranways hielt Geschenke, die er selbst gemacht hatte, für besonders wertvoll, und er hatte ihr erst vor kurzem das kostbare Feuerzeug mitgebracht.

 

»Wodurch ist eigentlich das Feuer entstanden? Weiß man das schon?« erkundigte sie sich, ohne auf seine Frage einzugehen.

 

»Jemand hat eine brennende Zigarette fallen lassen. Wenigstens ist das die Ansicht der Polizei«, gab Eddie kühl zur Antwort. »Ich dachte, Keller raucht keine Zigaretten.«

 

Sie lächelte rätselhaft.

 

»Nun, vielleicht tut er es manchmal doch. Oder vielleicht war es auch eine Zigarre, die noch brannte und die er in den Papierkorb warf.«

 

Arranways sagte nichts darauf, aber er beobachtete sie, als sie in den Garten hinausging. Der Regen hatte jetzt aufgehört. Mary verschwand bald auf dem Gartenweg, der zu einem Wäldchen hinüberführte.

 

Eine Zigarre im Papierkorb! Woher wußte Mary, daß das Feuer in dem Papierkorb von Kellers Zimmer entstanden war? Er hatte ihr doch nichts darüber gesagt! Die Sache kam ihm jetzt noch verdächtiger vor. In der Londoner Wohnung war auch schon einmal ein Feuer entstanden, weil Mary eine brennende Zigarette achtlos neben eine Gardine geworfen hatte.

 

»Ich wollte Ihnen noch etwas erzählen, Mr. Lorney«, unterbrach der Lord seine Gedanken über Marys Verhalten. »Der ›Alte‹ wurde vorige Nacht in der Nähe des Schlosses gesehen.«

 

»Wir hätten ihn verfolgen sollen«, meinte Lorney. »Wahrscheinlich ist er jetzt wieder entkommen.«

 

»Aber wissen Sie, was das Merkwürdigste ist? In der Nacht vor dem Brand wurde im Schloß wieder eingebrochen, und zwar hat der ›Alte‹ – denn der muß es ja gewesen sein – einen goldenen Becher zurückgebracht, den er mir zusammen mit anderem goldenem und silbernem Tafelgeschirr vor einiger Zeit gestohlen hat.«

 

Lorney sah Lord Arranways groß an.

 

»Aber das ist doch nicht möglich! Sind Sie sicher?«

 

»Der goldene Becher stand auf dem Tisch in der Eingangshalle, als ich herunterkam. Übrigens hat der ›Alte‹ in der letzten Zeit Sachen im Wert von etwa viertausend Pfund wieder zurückgebracht.«

 

»Und da fragen sich die Leute«, entgegnete der Wirt kopfschüttelnd, »ob der ›Alte‹ verrückt ist! Also, ich für meinen Teil kann das Märchen von dem ›Alten‹ nicht glauben. Meiner Meinung nach ist er in der Nacht umgekommen, in der er aus der Irrenanstalt ausgebrochen ist. Irgend jemand spielt hier den ›Alten‹ und versteckt sich hinter seiner Maske.«

 

»Haben Sie ihn etwa noch nie gesehen?« fragte der Lord. »Hier ist doch jeder überzeugt, ihn schon einmal gesehen zu haben.«

 

Der Wirt schüttelte den Kopf.

 

»Dann haben Sie ihn in der Nacht, als das Feuer ausbrach, auch nicht gesehen?« beharrte der Lord.

 

»Ich bin kurz nach Mitternacht von Guildford abgefahren und habe niemanden auf der Straße getroffen. Merkwürdigerweise mußte ich an den ›Alten‹ denken, als ich an der Irrenanstalt vorbeikam. Dort ist jetzt ein Pförtner angestellt, der öfter bei mir ein Glas Bier trinkt. Ich unterhielt mich eine Weile mit ihm – natürlich über den ›Alten‹ –, aber selbst habe ich ihn nicht gesehen.«

 

Lorney drehte sich plötzlich um und fuhr Mrs. Harris an, die mit größter Anteilnahme zuhörte.

 

»Nun stehen Sie nicht immer herum und interessieren Sie sich nicht für Dinge, die Sie nichts angehen. Machen Sie lieber, daß Sie mit Ihrer Arbeit weiterkommen!«

 

Lord Arranways stand noch unschlüssig am Fuß der Treppe. Die ganze Zeit schon lag ihm eine Frage auf der Zunge, aber die Anwesenheit von Mrs. Harris machte es ihm unmöglich, sie zu äußern. Schließlich wurde jedoch der Wunsch, endlich alle seine Zweifel beseitigt zu sehen, übermächtig in ihm, und er wandte sich an Mr. Lorney.

 

»Sagen Sie mir, Mr. Lorney, ist Ihr Bericht von den Ereignissen bei dem Brand – ich meine, wo und wie Sie meine Frau gefunden haben – auch wirklich wahr?«

 

Mrs. Harris kam ein paar Schritte näher.

 

Lorney sah den Lord fest an.

 

»Vollkommen.«

 

»Vollkommen«; wiederholte Mrs. Harris leise.

 

Der Wirt wandte sich wütend nach ihr um.

 

»Sind Sie immer noch hier? Wollen Sie, daß ich Sie ‚rauswerfe?«

 

»Ach, das ist mir jetzt auch egal«, rief sie ärgerlich. »Alle Leute, die geholfen haben, Sachen aus dem Schloß zu retten, haben Geld dafür bekommen, nur ich nicht.«

 

»Sie haben auch nichts hinausgetragen! Machen Sie mir doch nichts vor.«

 

Das war zuviel für Mrs. Harris. Mit der flachen Hand schlug sie auf den Tisch, daß es knallte.

 

»Das wird ja immer schöner! Es waren zwei nackte junge Männer –«

 

»Was …?«

 

»– in dicken Goldrahmen. Ich habe sie kaum heben können.«

 

»Ach so – Bilder!« sagte der Wirt. »Das glaube ich nicht, denn es hat Sie niemand gesehen –«

 

Er brach plötzlich ab, denn Captain Rennett kam aus dem Billardzimmer und ging durch die Diele ins Freie.

 

»Der Herr hat mich gesehen!« erklärte Mrs. Harris triumphierend. »Er stand keine zehn Schritt von mir entfernt, als ich die Bilder an einen Baum lehnte.«

 

»Was – Captain Rennett?«

 

»Ich weiß nicht, wie er heißt, aber jedenfalls hat er mich gesehen.«

 

»Er war doch an dem Abend noch gar nicht hier«, erwiderte der Wirt ungerührt. »Durch Lügen verschaffen Sie sich auch kein Geld.«

 

»Er war hier. Ich habe ihn mit eigenen Augen gesehen«, rief sie wütend. »Der andere Herr kann beweisen, daß er hier war.«

 

»Welcher Herr?«

 

»Der junge Herr, der doch der Bruder von Lady Arranways ist.«

 

»Mr. Mayford?«

 

In diesem Augenblick trat Dick in die Diele, und John ging auf ihn zu.

 

»Haben Sie Mr. Rennett bei dem Brand in der Nähe des Schlosses gesehen, Mr. Mayford?«

 

»Wer ist denn Mr. Rennett?« fragte Dick und fügte gleich hinzu: »Sie meinen doch nicht den großen, etwas korpulenten Herrn? – Ja, der war tatsächlich dort.«

 

»Aber der ist doch erst heute morgen angekommen«, murmelte Lorney verwirrt.

 

»Der ist schon eine Weile hier«, sagte Dick bestimmt. »Er war auch in Rom, als wir dort waren, ebenso in Berlin und vorher auch in Wien. Der Mann hat uns den ganzen letzten Monat verfolgt. Ich möchte nur gern wissen, warum.«

 

»Ich verstehe Captain Rennett auch nicht ganz«, sagte Lorney schließlich. »Es ist jetzt etwas über ein Jahr her, daß er hier war. Damals hatte ich das Gefühl, als beobachtete er mich. Ich begegnete ihm an den sonderbarsten Stellen. Selbst wenn ich Einkäufe in Guildford machte, tauchte er plötzlich dort auf. Und meine Gäste interessierten ihn auch so merkwürdig, obwohl ich damals viel weniger hatte als jetzt.«

 

Eine längere Pause trat ein.

 

»Trotzdem habe ich ihn ganz gern«, fuhr der Wirt dann fort. »Er hat so was Vernünftiges, Weitgereistes, und das trifft man hier nicht oft.«

 

»Haben Sie Lady Arranways gesehen?« fragte Dick plötzlich.

 

»Soviel ich weiß, ist sie draußen. Sie wollte wohl ein bißchen spazierengehen.«

 

»Ist Miss Jeans bei ihr?«

 

Dick wollte dies so gleichgültig wie möglich fragen, aber es klang dringlicher, als ihm lieb war.

 

»Nein, sie ist in ihrem Zimmer. Soll ich sie holen lassen?«

 

»Nein, danke. Sie sagte nur, sie wollte heute nachmittag in den Wald gehen, und ich weiß nicht, ob es sicher genug ist, wenn sie allein geht.«

 

John Lorney lächelte.

 

»Sie denken wohl an den ›Alten‹?«

 

Dick sah so besorgt aus, daß Lorney es sich nicht verkneifen konnte, ihn zu fragen: »Sie scheinen ja schon gut mit ihr befreundet zu sein?«

 

Dick ärgerte sich über den ironischen Ton dieser Frage.

 

»Sie wissen ganz gut, daß das nicht der Fall ist«, sagte er gereizt.

 

»Nun, nun. Nehmen Sie es nicht so tragisch, Mr. Mayford. – Was mir viel mehr Sorgen macht, ist nicht der ›Alte‹, sondern ein junger Mann«, beschwichtigte der Wirt seinen Gast. »Schließlich habe ich die Verantwortung für Miss Jeans.«

 

Dick sah ihn neugierig an.

 

»Sie sind ein seltsamer Mann, Mr. Lorney. Ich freue mich, daß Sie so besorgt um sie sind. Ich würde auch alles für sie tun.«

 

Dick ging zu seinem Schwager hinauf und fand ihn bei der Erledigung seiner Korrespondenz. Eddie sah alt und vergrämt aus, und seine Stimme klang scharf und gereizt.

 

»Mary? Ich weiß nicht, wo sie ist. Ich habe heute nur kurz mit ihr gesprochen. Gestern war sie sowieso die ganze Zeit im Bett.«

 

»Ich dachte, ihr würdet in die Stadt fahren?«

 

»Ja, ich tue es nachher. Mary will noch hierbleiben.«

 

Er lehnte sich in seinem Sessel zurück und sah Dick stirnrunzelnd an.

 

»Erinnerst du dich noch an das Armband, das Mary damals in Berlin verloren hat?«

 

Dick nickte. »Es ist gefunden worden, nicht wahr?«

 

»Ja – und nun haben wir auch feststellen können, wer es an den Juwelier verkauft hat. – Mr. Keller.«

 

Dick sah ihn entgeistert an.

 

»Aber das ist doch nicht möglich! Mary kann es ihm doch nicht gegeben haben!«

 

»Sie hat es ihm auch nicht gegeben – er hat es sich genommen.«

 

Dick verstand nicht gleich die volle Bedeutung dieser Worte.

 

»Aber es verschwand doch in der Nacht aus ihrem Schlafzimmer. Und die Tür war verschlossen –«

 

Er schwieg plötzlich.

 

»Nun«, fuhr der Lord fort, »sieh dir bitte mal das hier an.«

 

Er zog eine Schublade auf und nahm ein Feuerzeug heraus.

 

Dick erkannte es sofort.

 

»Das habe ich Mary geschenkt«, sagte der Lord, »und sie hat es immer bei sich gehabt. Die Polizei glaubt, daß das Feuer dadurch entstanden ist. Es muß von der Tischkante in den Papierkorb gefallen sein und sich beim Fall geöffnet und entzündet haben. Das Feuerzeug wurde in Kellers Zimmer gefunden.«

 

Dick schwieg.

 

»Na, wenigstens behauptest du nicht auch, Keller habe es von Mary geliehen«, fuhr der Lord sarkastisch fort. »Ich habe nämlich mit Marys Mädchen gesprochen, und die sagte ausdrücklich, Mary habe das Feuerzeug in der Tasche ihres Morgenrockes gehabt. Zwar wissen wir nicht, wo der Morgenrock geblieben ist, aber das Feuerzeug wurde in Kellers Zimmer gefunden.«

 

Dick versuchte verzweifelt, gegen seine eigene Überzeugung anzukämpfen.

 

»Aber du kannst doch nicht völlig sicher sein, Eddie! Es kann doch auf irgendeine andere Art in sein Zimmer gekommen sein. Vielleicht hat sie es ihm tatsächlich geliehen. Das Mädchen kann sich auch geirrt haben. – Warum fragst du nicht Mary selbst? Das ist doch der einfachste Weg, die Angelegenheit aufzuklären.«

 

Eddie lächelte verächtlich.

 

»Was meinst du, wie viele Lügen ich schon von ihr zu hören bekommen habe? Auf eine mehr kommt es ihr jetzt auch nicht an.«

 

»Eddie, jetzt werde bitte mal vernünftig! Du bist in einer Stimmung, daß du sogar die Wahrheit für Lüge halten würdest.«

 

Der Lord antwortete nichts darauf. Er brauchte im Augenblick eine Bestätigung seines Verdachtes, und obgleich er verstand, daß er sie nicht von dem Bruder seiner Frau erwarten durfte, hätte er doch gewünscht, daß Dick sich unparteiischer verhielte.

 

»Aber das mit dem Armband müßte man Mary doch eigentlich sagen«, meinte Dick. »Vielleicht hat sie es gar nicht auf ihr Zimmer genommen. Es kann ihr doch schon vorher gestohlen worden sein.«

 

»Dann erzähl du es ihr bitte. Ich bin momentan nicht imstande, mit ihr über diese Angelegenheit zu sprechen.«

 

Als Dick auf den Gang hinaustrat, fiel sein Blick gerade noch auf den Mann, von dem sie soeben gesprochen hatten. Keller zog sich sofort wieder in sein Zimmer zurück und schloß die Tür hinter sich, denn in diesem Augenblick hatte er keine Lust, Marys Mann oder ihrem Bruder zu begegnen. Zu dumm, sich ausgerechnet jetzt mit ihr verabredet zu haben!

 

Er trat auf den Balkon hinaus und sah dort Anna Jeans, die in einem Liegestuhl lag und las. Als sie ihn erblickte, klappte sie das Buch zu und erhob sich.

 

»Warum haben Sie es denn so eilig?« fragte Keller, nahm das Buch auf und las den Titel.

 

Sie antwortete nicht, sondern ging in ihr Zimmer und schloß die Balkontür hinter sich.

 

Aber ihre Art, ihn abzuweisen, reizte ihn nur noch mehr, sich mit ihr zu beschäftigen. Er hatte das Gefühl, daß sie sich aus irgendeinem Grund vor ihm fürchtete, und das schmeichelte ihm. Nichts war ihm verhaßter, als wenn eine schöne Frau ihm gegenüber gleichgültig blieb.

 

Er schlenderte die Treppe hinunter und zu dem Gartenhaus, das am Ende des Grundstücks stand.

 

Dort wartete Mary auf ihn. Ohne ein Wort zu verlieren, reichte sie ihm das Bündel Banknoten, das sie heute morgen von Mrs. Harris hatte holen lassen. Sie saß in einem Korbsessel und sah ihn scharf an.

 

»Weißt du, daß ich dich gestern den ganzen Tag nicht zu sehen bekommen habe?« sagte er und verstaute das Bündel in seiner Brieftasche. »Also, das war wirklich eine tolle Sache, findest du nicht auch? Beinah‘ wären wir erwischt worden.«

 

»Ich möcht‘ nur wissen, warum ich mich auf so was eingelassen habe«, sagte sie achselzuckend.

 

Er lächelte. »Nun, wahrscheinlich aus Liebe.«

 

Sie lachte bitter.

 

»Wenn das deine Erklärung dafür ist …« Ihr Gesicht wurde immer abweisender. »Es gibt Männer, die ich immer verabscheut und gehaßt habe. Elegant und höflich, aber charakterlich unmöglich!«

 

»Gilt das mir, Liebling?«

 

Sie nickte nur.

 

Er holte noch einmal seine Brieftasche heraus und warf einen Blick auf das Geld. Dann steckte er sie wieder ein. Diese Geste schien sie zu belustigen.

 

»In Ägypten habe ich dir doch tatsächlich das Märchen geglaubt, das du von der großen Farm in Australien erzählt hast.«

 

Er sah sie unsicher an.

 

»Was willst du damit sagen? Das stimmt doch –«

 

»Ich will damit sagen, daß du gar keine Farm hast«, entgegnete sie ruhig. »Als ich in London war, habe ich auf einer Party einen der höchsten Beamten von Australien getroffen und mir den Spaß gemacht, ihn nach dir und deiner Farm zu fragen. Nicht weil ich dir nicht traute, sondern aus Neugierde. Es gibt allerdings einen Mr. Keller, der eine große Farm hat, aber der ist siebzig Jahre alt.«

 

»Mein Vater –«, begann er leichthin, aber sie unterbrach ihn.

 

»Der einzige Sohn von Mr. Keller ist der Herr, mit dem ich über dich sprach«, sagte sie spöttisch. »Pech, was?«

 

Einen Augenblick verlor er die Fassung.

 

»Es gibt aber doch mehrere Familien Keller in Australien!« rief er verzweifelt.

 

»Ach, laß doch endlich mal das Lügen!« schrie sie ihn fast an. »Es ist doch völlig egal, ob du arm oder reich bist.«

 

»Wenn ich nur herausbekommen könnte, was eigentlich in der Brandnacht passiert ist«, versuchte er das Thema zu wechseln. »Ich war halb bewußtlos von dem Qualm. Das kommt schließlich bei diesem verdammten Rauchen heraus, meine Liebe.«

 

Mary verzog das Gesicht, als ob sie auf etwas Bitteres gebissen hätte.

 

»Ich kann mich ja auch an nichts mehr erinnern«, murmelte sie nach einer Weile. »Wenn ich nur sicher sein könnte, daß Eddie …« Sie schwieg.

 

»Glaubst du, daß er was weiß?« fragte Keller.

 

Sie schüttelte den Kopf. »Ich kann es eben nicht genau sagen … Bist du ihm schon begegnet?«

 

Er dachte einen Augenblick nach.

 

»Nein«, sagte er dann, und sie merkte ihm seine Unsicherheit an.

 

»Hast du etwa Angst vor Eddie?« fragte sie spöttisch. »Du weißt ja, daß er in Indien aus Eifersucht beinahe einen Mann erschossen hat.«

 

»Mich wollten schon viele Leute umbringen«, erwiderte er obenhin. »Deswegen laß‘ ich es mir doch gut gehen. Einmal ist mir ein Mann um die halbe Welt nachgereist, aber schließlich hat er es aufgegeben, weil es ihm zu langweilig wurde.«

 

»Ein Ehemann?«

 

Er schüttelte den Kopf.

 

»Nein, das war mein Schwiegervater – ein sehr unangenehmer Patron. An sich war die Sache völlig okay. Ich war mit seiner Tochter, einer reichlich exaltierten jungen Dame, verheiratet. Sah ganz toll aus, hatte aber ’nen Spleen, und zwar gehörig.«

 

Mary sah ihn nachdenklich an.

 

»Das scheint ja eine unerfreuliche Geschichte gewesen zu sein. Wie ging sie denn aus?«

 

Er zog die Schultern hoch.

 

»Wie soll sie schon ausgegangen sein? Meine damalige Frau machte einen niedlichen kleinen Mordversuch – mit einem Küchenmesser. Wirklich eine unerfreuliche Geschichte, wie du schon gesagt hast.«

 

Sie nahm eine Zigarette aus ihrem Etui und zündete sie an.

 

Trotzdem entging ihr nicht, daß er heimlich zum Gasthaus hinübersah. Für einen Mann von seiner Erfahrung war er wirklich reichlich nervös.

 

»Mußt du gehen?« fragte sie höflich.

 

»Ja – ich hab‘ eigentlich eine Verabredung mit einem Bekannten.«

 

»Himmel, hör doch mit dem Lügen auf! Außer Eddie und Dick kennst du hier doch niemanden. Und mit denen stehst du sowieso nicht gut genug, als daß du dich mit ihnen verabreden könntest.«

 

Keller war aus dem Gartenhaus getreten und überblickte den Rasen, der sich bis zum Gartenhaus erstreckte. Auf dem Balkon sah er Anna entlanggehen. Sie beugte sich über das Geländer, als suche sie jemanden. Es war nicht anzunehmen, daß sie ihn meinte – sicher hielt sie nach Dick Mayford Ausschau.

 

»Du kannst gehen.«

 

Marys Worte klangen eher wie ein Befehl. Keith zuckte zusammen. In dieser Beziehung war er äußerst empfindlich. Die Verachtung, die er in ihrer Stimme hörte, war das Schlimmste, was ihm passieren konnte. Er wollte nämlich, daß selbst die Leute, die er schlecht behandelte, gut über ihn dachten.

 

»Du langweilst mich; du kannst wirklich gehen«, wiederholte sie. »Du hattest doch eine ›Verabredung‹! – Wann fährst du eigentlich nach London?«

 

Er gab eine ausweichende Antwort. Seine Augen suchten den Balkon ab. Würde Anna die äußere Treppe herunterkommen oder durch die Diele hinausgehen?

 

»Du bist heute schlechter Stimmung, Liebling«, sagte er etwas zerstreut.

 

Da riß ihr die Geduld. Sie stand auf und stellte sich neben ihn. Schweigend standen sie eine Weile vor dem Gartenhaus, als plötzlich Anna Jeans hinter den Weißdornhecken, die den Garten einfaßten, vorbeiging.

 

»Ach so!« sagte Mary wütend. »Ich dachte wirklich nicht, daß du soviel Abwechslung brauchst.« Der Unterton in ihrer Stimme hätte ihn warnen sollen. »Ich würde an deiner Stelle vorsichtiger sein. Dick hat etwas für sie übrig, und du hättest wirklich nichts zu lachen, wenn zwei Mitglieder derselben Familie mit dir abrechnen würden.«

 

Er zwang sich zu einem Lachen.

 

»Ach, du meinst Anna Jeans? Sei doch nicht verrückt. Sie ist ein Kind, ein nettes kleines Mädchen, aber doch nicht – mit dir zu vergleichen.«

 

»– nicht dein Typ. Das wolltest du doch sagen, nicht wahr? Ich erinnere mich, daß du mir das schon mal gesagt hast.«

 

Mary war gefährlich liebenswürdig, und hätte er sie jetzt angesehen, so wäre er überrascht gewesen, wie sie sich verändert hatte.

 

»Ich gehe jetzt ins Haus zurück«, sagte Keller. »Es ist nicht gut, wenn wir zusammen gesehen werden. Übrigens noch vielen Dank für das Geld.«

 

»Wieviel hast du eigentlich mittlerweile von mir bekommen?« fragte sie spitz.

 

»Sei doch nicht so gemein.«

 

»Ich glaube, fünfzehnhundert Pfund ist nicht zu hoch gegriffen. Jetzt habe ich noch tausend auf der Bank. Das ist alles, was ich besitze.«

 

Er starrte sie an. Sein Entsetzen war so groß, daß sie lachen mußte.

 

»Nicht wahr, jemand – sicher die Dame im ›Excelsior‹ – hat dir erzählt, daß ich reich wäre; aber das stimmt nicht! Eddie hat ein großes Vermögen, aber ich habe nur ein kleines Erbteil.«

 

*

 

Er erkannte auf den ersten Blick, daß sie die Wahrheit sagte, und das war ein schwerer Schlag für ihn.

 

»Was ich von jetzt an auch tue«, sagte Mary, »das tue ich mit offenen Augen.«

 

Er schluckte.

 

»Geld bedeutet keinen Unterschied für mich –«

 

Sie lachte.

 

»Damit kannst du mich heute nicht mehr fangen. Bitte, geh jetzt. Ich will mit Eddie sprechen.«

 

Nun ging er so schnell, daß es fast beleidigend wirken konnte, wenn sie nicht schon längst über so etwas hinweggesehen hätte. Langsam begab sie sieh ins Haus. Das Gespräch mit ihrem Mann, das sie so fürchtete und das sie so lange vermieden hatte, war nun nicht mehr zu umgehen.

 

Der Lord saß auf einem Stuhl vor dem Bett. Auf der Decke waren mehrere merkwürdig aussehende Dolche und Messer ausgebreitet. Mr. Lorney hatte die Sammlung kurz vorher heraufgebracht.

 

Lord Arranways sah über die Schulter zur Tür, als sie eintrat.

 

»Nun, geht es dir besser?« fragte er höflich.

 

Sie zog sich einen Stuhl heran und nahm Platz.

 

»Ja, danke. – Was hast du eigentlich, Eddie?« fuhr sie nach einer Weile fort.

 

»Nichts.«

 

Er war so mit seinen Messern und Dolchen beschäftigt, daß sie sich nicht getraute, ihn zu stören. Aber schließlich wagte sie noch einen Vorstoß.

 

»Eddie, ich glaube, du weißt nicht viel über Frauen.«

 

»Jedenfalls mehr, als ich wissen möchte«, erwiderte er, ohne sich umzudrehen.

 

»Ich dachte an deine erste Frau. Vielleicht war es doch nur ein Flirt. Sie hat dich wahrscheinlich trotzdem sehr geliebt genau wie ich.«

 

Er wandte sich nach ihr um.

 

»Genau wie du?« wiederholte er. »Das höre ich natürlich gerne – aber hältst du es denn für möglich, mit einem anderen Mann zu flirten und mich trotzdem zu lieben?«

 

Sie nickte.

 

»Wie weit kann denn ein solcher Flirt deiner Meinung nach gehen?«

 

Als sie nicht antwortete, sprach er weiter.

 

»Bleibt es auch dann noch ein Flirt, wenn die Dame ihr Feuerzeug in dem Zimmer des anderen Mannes zurückläßt, oder wenn sie ihm Gelegenheit gibt, sich ihr Armband anzueignen, das auf ihrem Toilettentisch liegt?«

 

Sie starrte ihn mit großen Augen an, unfähig, einen Ton herauszubringen.

 

»Der Mann, der dein Armband an den Juwelier verkauft hat, war Mr. Keller«, fuhr er unbarmherzig fort. »Die Polizei hat die ganze Sache aufgedeckt.«

 

»Ausgeschlossen!« rief Mary entsetzt.

 

Arranways lächelte resigniert.

 

»Ja, es wäre ausgeschlossen, wenn du allein in deinem abgeschlossenen Zimmer gewesen wärst und wenn es keinen anderen Zugang gegeben hätte. Aber es war möglich – unter anderen Umständen.«

 

Sie nahm sich zusammen und versuchte, der Situation Herr zu werden.

 

»Aber das ist doch absurd, Eddie! Du bist doch nicht etwa auf Keller eifersüchtig. Wenn ich deine Anschuldigungen ernst nähme, dann würde ich nicht eine Minute länger bei dir bleiben.«

 

Auch diesmal erhielt der Lord nicht die so sehnlich erhoffte und doch so gefürchtete Bestätigung seines Verdachts. Mary zeigte keine Erregung. Ihre Stimme klang klar, und sie versuchte sogar zu lächeln.

 

»Jedenfalls wäre es besser, wenn Keller nach London ginge. Wir können natürlich nicht mehr mit ihm verkehren«, meinte Eddie.

 

»Das wäre ja schließlich kein großer Verlust«, sagte seine Frau beinahe erleichtert. »Er fällt mir sowieso auf die Nerven, oder besser – du fällst mir auf die Nerven mit deinen ewigen Verdächtigungen. – Warum sprichst du eigentlich nicht mit ihm selbst darüber?«

 

»Es gibt verschiedene Gründe, die mich zwingen, davon abzusehen«, sagte er in seiner trockenen Art.

 

Mary öffnete die Glastür und trat auf den Balkon hinaus. Weit hinter dem Gartenhaus sah sie gerade noch, wie Keller im Wald verschwand. Er ging sehr schnell, so als ob er es eilig hätte, jemanden einzuholen.

 

Lady Arranways holte tief Atem.

 

»Ich bin in meinem Zimmer, wenn du mich sprechen willst!« rief sie durch die Tür ihrem Mann zu.

 

Er erwiderte etwas, aber sie konnte ihn nicht verstehen.

 

Kapitel 9

 

9

 

Menschen, die man eigentlich gern hat, können einem doch manchmal auf die Nerven gehen, wenn sie in ihrer Hilfsbereitschaft zu aufdringlich sind.

 

Anna mochte John Lorney wirklich gern, aber noch lieber wäre er ihr gewesen, wenn er seine Pflicht, als ihr Beschützer aufzutreten, nicht gar so ernst genommen hätte. Sie lebte schließlich ihr eigenes Leben, hatte viel Bekannte und war schon weit herumgekommen. Aber ihm war natürlich die Welt, in der sie lebte, ziemlich fremd, und während der Zeit, die sie bei ihm verbrachte, lernte er auch nicht viel von ihrem eigentlichen Leben kennen. Allein die vielen Briefe und Karten, die sie täglich erhielt, erregten sein lebhaftes Interesse. Er fragte sich oft, wer ›Alice‹ und ›Boy‹ sein mochten und ob ›Ray‹ ein Herr oder eine Dame war.

 

Es gefiel ihr, daß Mr. Lorney sich um sie kümmerte, aber deswegen brauchte er sie nicht ständig wie ein kleines Kind zu behandeln.

 

»Miss Anna, Sie gehen doch nicht weit fort?«

 

Lorney sah von seinem Fremdenbuch auf, in das er gerade eine Eintragung machte, als sie durch die Diele ging.

 

»Bloß durch den Wald zum Steinbruch.«

 

Er warf einen Blick zur Treppe, als erwarte er dort jemanden zu sehen.

 

»Mr. Mayford fragte nach Ihnen. An Ihrer Stelle würde ich mich ihm anschließen, wenn Sie im Wald spazierengehen wollen.«

 

Sie sah ihn mißtrauisch an. Es war nicht das erstemal, daß er ihr Dick als Begleitung empfahl. Sie fand den jungen Mann ja ganz nett, aber sie konnte es auch einmal eine Stunde ohne ihn aushalten.

 

»Ich möchte lieber allein sein«, erwiderte sie heftiger, als nötig gewesen wäre.

 

»Nun gut.«

 

Es tat ihr schon leid, daß sie so scharf geantwortet hatte, aber sie haßte es, irgend jemandem Rechenschaft über ihre Pläne geben zu müssen. John Lorney war ja nicht ihr Vormund.

 

Schnell ging sie durch den Garten; erst als sie im Wald war, verlangsamte sie ihr Tempo. Hier herrschte friedliche Stille. Dieser Teil des Gehölzes gehörte schon zum Schloß Arranways, aber die jeweiligen Besitzer des Gasthauses hatten das Recht, Bänke aufzustellen, und jeder durfte hier spazierengehen.

 

Anna brauchte Ruhe, um nachzudenken. Es war vor allem Dicks Verhalten, das sie sich nicht erklären konnte. Sie fand, er kümmerte sich in letzter Zeit auffallend wenig um sie. Sie hatte gehofft, er würde sie hier irgendwo erwarten, denn er wußte genau, daß und um welche Zeit sie fortgehen wollte, und das genügte ihrer Meinung nach für einen jungen Mann, der sich für sie interessierte.

 

Der Weg zog sich in langen Windungen hin, und als sie um eine Biegung kam, sah sie plötzlich Mr. Keller. Er ging ihr schnell entgegen. Sie sagte sich, daß es sinnlos war, an ihm vorbeizugehen, und blieb deshalb wartend stehen.

 

»Hallo!« rief er ihr in bester Laune zu, »ich bin schon durch den ganzen Wald gelaufen, um Sie zu suchen. Gut, daß Sie endlich kommen.«

 

»Haben Sie nicht Mr. Mayford gesehen?« fragte sie kühl. Sie fand, ein kleiner Dämpfer konnte ihm nichts schaden.

 

»Nein«, entgegnete er lächelnd, »aber ich glaube, er ist bei Eddie – ich meine, bei Lord Arranways. – Wohin wollen Sie jetzt gehen?«

 

»Zurück ins Gasthaus.«

 

Aber dann hatte sie das Gefühl, es sei besser, wenn sie nicht zu abweisend wäre, und setzte hinzu: »Im Wald ist es heute so langweilig, finden Sie nicht auch?«

 

»Nun, ich bin doch aber nicht langweilig – oder? Und gefährlich bin ich auch nicht. – Warum fürchten Sie sich eigentlich so vor mir?«

 

»Aber das ist doch lächerlich! Warum sollte ich mich denn vor Ihnen fürchten?«

 

Statt einer Antwort nahm er ihren Arm, obwohl nicht einzusehen war, warum sie nicht auf diesem glatten Waldweg hätte allein gehen können. Er tat es mit so absolut weltmännischer Gewandtheit, daß sie eigentlich anstandshalber nicht protestieren konnte. Auch ließ er sie sofort los, als sie nach ein paar Schritten versuchte, sich freizumachen. Er begann von Australien zu sprechen und schilderte das Leben im Busch in den lebhaftesten Farben.

 

Mr. Keller konnte wirklich ein glänzender Gesellschafter sein, wenn er es darauf anlegte. Ein Gespräch mit ihm war immer interessant.

 

Auf einer Waldwiese setzten sie sich schließlich auf eine Bank und beobachteten Eichhörnchen. Aber Mr. Keller beobachtete mehr Anna als die Eichhörnchen. Er überlegte, ob sie sich im Falle eines Annäherungsversuchs von seiner Seite wehren könnte oder wollte. Seine strategischen Fähigkeiten auf diesem Gebiet waren unübertroffen, aber in diesem Augenblick erkannte er, daß er durch rücksichtsvolles Vorgehen nichts erreichen würde. Er hatte wohl gemerkt, daß er eben einen günstigen Eindruck auf sie machte und nicht warten durfte, bis diese Stimmung verflogen war oder bis Dick Mayford ihn wieder in den Schatten stellte.

 

»Wissen Sie eigentlich, wie schön Sie sind?« fragte er unvermittelt.

 

In diesem Augenblick hätte sie aufstehen und gehen müssen. Aber Kellers offenkundiges Interesse, das, wie sie sicher war, schon Damen der großen Welt gegolten hatte, schmeichelte ihr, und außerdem war sie felsenfest davon überzeugt, jeder Situation gewachsen zu sein, was immer eine gefährliche Illusion ist …

 

*

 

Mary Arranways sah, wie Anna verstört den Weg entlanglief, und war nicht erstaunt, denn sie hatte teilweise beobachtet, was geschehen war. Zufällig war sie am anderen Ende der Waldwiese spazierengegangen, und Keller hätte sie sehen können, wenn er überhaupt für irgend etwas anderes Interesse gehabt hätte außer für seinen neuesten Plan.

 

Anna lief, bis sie in die Nähe des Gartenhauses kam. Dort blieb sie stehen und brachte ihre Frisur in Ordnung. Sie zitterte und versuchte vergeblich, sich zu fassen.

 

John Lorney, der vor dem Gasthaus stand, beobachtete sie, und als sie eine Weile später die Treppe zum Balkon hinaufgehen wollte, sprach er sie an. Er konnte an ihrem Blick erkennen, was passiert sein mußte.

 

»Sind Sie gelaufen?« fragte er harmlos.

 

»Ja«, keuchte sie, noch immer außer Atem.

 

»Hat Sie jemand erschreckt?«

 

Sie schüttelte den Kopf und blickte sich um.

 

»Sie haben Ihren Hut verloren, nicht wahr?«

 

»Oh – ich habe ihn abgenommen. Wahrscheinlich habe ich ihm auf einer Bank liegengelassen.«

 

Sie ging schnell an ihm vorbei die Treppe hinauf und verschwand in ihrem Zimmer.

 

Mr. Lorney schaute ihr nachdenklich und besorgt nach. Dann kehrte er ins Haus zurück und klingelte Charles.

 

»Gehen Sie in das Zimmer von Mr. Keller und sehen Sie nach, ob er da ist.«

 

»Er ist nicht im Haus. Ich war gerade oben«, brummte der Kellner. »Vor einer Stunde ist er in den Wald gegangen.«

 

Lorney warf seine Zigarre in den Aschenbecher und nahm eine neue. Gleich darauf sah er, wie Keller durch den Garten schlenderte, und trat vor die Tür.

 

Keller trug einen Strohhut in der Hand.

 

»Gehört der einem Ihrer Gäste?« fragte er ruhig.

 

»Wo haben Sie ihn gefunden?«

 

Lorney nahm den Hut, ohne den Blick von Keller zu wenden.

 

»Er lag auf dem Boden im Wald. Vielleicht gehört er – wie heißt doch gleich das junge Mädchen – Miss Jeans?«

 

»Haben Sie sie denn gesehen?«

 

»Ja, ich habe jemanden gesehen – vielleicht war sie es.«

 

Er lächelte breit.

 

»Haben Sie sich schon einmal ihre Augenbrauen genauer angesehen?«

 

»Ich verstehe nicht – ihre Augenbrauen?«

 

Keller äußerte sich aber nicht weiter, sondern lachte nur noch einmal laut und ging hinauf zu seinem Zimmer. Als er oben auf dem Balkon angekommen war, lehnte er sich über das Geländer.

 

»Ich werde Ihnen heute abend einen Scheck geben, den Sie bitte für mich einlösen wollen. – Und was ich noch sagen wollte: Schauen Sie sich einmal spaßeshalber die Augenbrauen der jungen Dame an, wenn Sie ihr das¦ nächste Mal begegnen.«

 

»Was hat denn der mit seinen Augenbrauen die ganze Zeit«, sagte Charles kopfschüttelnd.

 

»Kümmern Sie sich um Ihre Angelegenheiten«, erwiderte Lorney kurz angebunden, sah auf den Hut, den er noch in der Hand hielt, zögerte einen Augenblick, ging dann aber hinauf und klopfte an Annas Tür.

 

»Wer ist da?«

 

»Lorney. Ich bringe Ihren Hut.«

 

Ein kurzes Schweigen, dann wurde die Tür aufgeschlossen, und Anna streckte einen Arm heraus.

 

»Bitte geben Sie ihn mir.«

 

Er tat es, und schon im nächsten Augenblick war die Tür, wieder zu und abgeschlossen. Nachdenklich ging Lorney die Treppe hinunter. Er hatte wohl gemerkt, daß ihre Stimme zitterte. Sie mußte geweint haben.

 

Augenbrauen? Was mochte Keller damit meinen? Seine Worte hatten richtig höhnisch geklungen.

 

Lorney spielte mit dem Barscheck, den er noch in der Hand hielt. Plötzlich sah er auf. Ihm war ein Gedanke gekommen. »Ich habe verstanden, Mr. Keller«, sagte er laut vor sich hin.

 

Charles zupfte ihn am Ärmel.

 

»Mr. Collett ist am Telefon. Er fragt, ob er für heute nacht ein Zimmer haben kann.«

 

»Collett?« wiederholte Lorney langsam. »Ja, natürlich kann er ein Zimmer haben.«

 

Lorney war gespannt, warum der sympathische Beamte von Scotland Yard gerade jetzt nach Sketchley kam.

 

Kapitel 3

 

3

 

Keith Keller hatte keine weiteren Pläne, wie er Lord Arranways erklärte. Bis zur Ankunft seiner Braut, die jetzt bald nach England kommen sollte, da die Hochzeit hier stattfinden würde – »Sie sind natürlich unsere Gäste bei der Trauung und dem anschließenden Essen«, versäumte er nicht einzuflechten –, würde er London besichtigen und inzwischen in einem Hotel wohnen. Aber davon wollte der Lord nichts hören.

 

»Mein lieber Junge, das wäre doch wirklich nicht sehr gastfreundlich, wenn ich Sie nicht auf ein paar Wochen nach ›Arranways Hall‹ einladen würde«, meinte er großartig. »Dann werde ich Ihnen einmal den Plan für die Eisenbahn zeigen, den ich seinerzeit dem Vizekönig von Indien vorgelegt habe. Wenn er durchgeführt worden wäre …«

 

Mr. Keller hörte andächtig zu.

 

Bald nach ihrer Ankunft in ›Arranways Hall‹ ging Dick zum Gasthaus hinunter, um seine alte Bekanntschaft mit dem Wirt zu erneuern. Er war erstaunt, wie sehr sich das Gebäude zu seinem Vorteil verändert hatte.

 

»Das sieht ja mehr wie ein Kurhotel aus«, zog er den Wirt auf.

 

John Lorney lächelte zufrieden.

 

»Wir haben auch wirklich gute Gäste hier, obwohl der ›Alte‹ wieder in der Gegend ist.«

 

»Hat man ihn denn noch nicht gefangen?«

 

»Ach, keine Spur, und ich glaube, das bringt auch niemand fertig.«

 

Er sah sich in der Gaststube um und sprach dann leise weiter.

 

»Meiner Meinung nach gibt es überhaupt keinen ›Alten‹. Dieser Einbrecher bringt die gestohlenen Sachen aus einem Grund zurück, den wir nicht verstehen. Er muß ein Mann sein, der hier in der Gegend wohnt oder gewohnt hat und alle Wege genau kennt. Dreimal hat er schon versucht, hier im Gasthaus einzubrechen, wenigstens ist er dreimal draußen auf dem Rasen gesehen worden. Und sicher hat er nicht die Absicht gehabt, ein Zimmer zu mieten.«

 

»Wann hat man ihn denn zuletzt gesehen?«

 

»Seit Ihrer Abreise ist er nicht mehr bemerkt worden.«

 

Dick starrte ihn an.

 

»Hat er denn den Pursons nicht die gestohlenen Sachen zurückgebracht?«

 

Lorney bejahte.

 

»Das war in der Nacht vor Ihrer Abfahrt.«

 

»Aber meine Schwester hat doch einen Brief bekommen, und zwar in Ägypten, in dem die Pursons ihr schrieben, daß der ›Alte‹ die Silbersachen wieder zurückgebracht hat?«

 

»Nun, Briefe nach Ägypten sind ziemlich lange unterwegs. Nach Ihrer Abreise hat er sich jedenfalls nicht mehr blicken lassen.« Der Wirt nahm ein Tuch und fuhr damit über den schon spiegelblanken Schanktisch.

 

»Es ist ein junger Mann mit Ihnen zurückgekommen, den ich früher nicht hier gesehen habe«, meinte er.

 

»Ach, Sie meinen Mr. Keller?«

 

»Er sieht gut aus. Ich sah ihn, wie er mit Mylady heute morgen nach Hadley fuhr.«

 

»Ja, das ist Mr. Keller«, stimmte Dick zu.

 

»Diese Geschichten von dem ›Alten‹ fallen einem wirklich auf die Nerven. Man kann hier Personal kaum länger als eine Woche halten«, beklagte sich Lorney. »Die Leute fürchten sich ja zu Tode.«

 

In dem Augenblick kam eine kräftige Frau durch die Gaststube. Sie hatte Eimer und Besen in der Hand und nickte Dick freundlich zu.

 

»Na, das ist doch aber eine Kraft, die Sie noch nicht verloren haben?« erkundigte sich Dick.

 

»Ja, die bleibt mir.« Der Wirt lachte.

 

»Was ist sie denn eigentlich?«

 

»Putzfrau, aber sie muß auch sonst noch allerhand tun. Ich ärgere mich oft über sie, und manchmal kündige ich ihr zweimal in der Woche. Aber sie nimmt das nicht tragisch und bleibt. Ein paarmal saß ich schon ohne Personal da und hätte zumachen können, wenn nicht Mrs. Harris gewesen wäre.«

 

Lorney hörte ein Geräusch, kam hinter dem Schanktisch hervor, ging rasch durch den Raum und trat hinaus in die Diele. Durch die Tür konnte Dick sehen, daß ein junges Mädchen angekommen war. Lorney trug ihren Koffer und sprach dauernd auf sie ein. Sie gingen die Treppe hinauf und verschwanden im Gang.

 

Dick trank sein Glas aus und wartete, bis Lorney wieder erschien.

 

»Wer ist denn diese nette junge Dame?« erkundigte er sich neugierig.

 

»Besuch.«

 

»Scheint sehr gut mit Ihnen bekannt zu sein.«

 

»Ihr Vater war ein Freund von mir«, erklärte Lorney. »Voriges Jahr war sie eine Woche lang hier. Miss Jeans besucht ein Pensionat in der Schweiz.«

 

Er sah zur Treppe, als ob er erwartete, sie wiederzusehen.

 

»Ihr Vater hat mir vor Jahren sehr geholfen, und es macht mir Spaß, daß ich mich um sie kümmern kann. Sie hat keine Eltern mehr.«

 

Dick sah ihn überrascht an. Diese Seite hatte er in dem Charakter des sonst verschlossenen Mannes noch nicht kennengelernt.

 

»Mr. Lorney!«

 

Die beiden sahen auf. Anna Jeans lehnte sich über das Geländer.

 

»Kann ich herunterkommen?«

 

»Aber selbstverständlich!«

 

Der Wirt ging ihr entgegen.

 

»Darf ich vorstellen – Mr. Richard Mayford.«

 

Sie sah ihn überrascht an. Dann lächelte sie.

 

»Aus Ottawa«, sagte sie.

 

Dick zog verwundert die Augenbrauen hoch.

 

»Woher wissen Sie denn das?«

 

»Ich bin dort zur Schule gegangen, und alle Leute kannten die Mayfords. Sie sind doch der Schwager von Lord Arranways?«

 

Fünf Minuten später gingen die zwei auf dem Rasen draußen auf und ab und tauschten Erinnerungen an Ottawa aus, obwohl keiner von beiden noch viel darüber wußte.

 

Mr. Lorney beobachtete sie von der Gaststube aus lächelnd, was bei ihm eine Seltenheit war.

 

Mary kannte Miss Jeans nicht und interessierte sich auch kaum für das junge Mädchen, als Dick ihr von seiner Begegnung erzählte.

 

»So, ist sie wirklich so charmant? Na ja, kanadische Mädchen sind meistens nett. – Was macht sie denn hier?«

 

Dick erzählte seiner Schwester, was er von Anna wußte, und zwar in einem so begeisterten Ton, daß Mary ihn von der Seite ansah.

 

»Aber Dick, du schwärmst ja! Das ist man bei dir wirklich nicht gewohnt. – Solltest du dich in sie verliebt haben?« meinte sie leichthin.

 

Sie war an dem Tag in bester Laune, denn die französische Polizei hatte ihr verlorenes Brillantarmband bei einem Juwelier in Nizza gefunden. Sie erzählte beim Abendessen davon.

 

»Es wird dreihundert Pfund kosten, es wieder einzulösen«, äußerte der Lord. Er sah Keith an und fuhr dann fort: »Ich möchte Ihnen einen Rat geben, junger Mann«, sagte er wohlwollend.

 

Kellers Gesicht glich einer Maske.

 

»Sicher ist es ein guter Rat, wenn Sie ihn mir geben.«

 

»Lassen Sie das Wetten bei den Rennen. Ihr Vater mag so reich sein, wie er will, die Buchmacher werden Ihnen den letzten Groschen aus der Tasche ziehen. Lassen Sie sich nicht durch das Glück von Mr. Lorney verleiten. Der hat zwar eine Menge gewonnen, aber, wer weiß, mit wie vielen Buchmachern er unter einer Decke steckt.«

 

»Was hältst du denn plötzlich für Moralpredigten?« fragte Mary.

 

»Ich traf Mr. Dane von der Berliner Gesandtschaft. Der sagte mir, daß er Mr. Keller dort auf einem Rennen getroffen hätte. – Wie ein betrunkener Matrose soll er gewettet haben. Verzeihen Sie den starken Ausdruck, aber ich zitiere nur, was Mr. Dane sagte.«

 

Keith Keller lächelte.

 

»Na ja, ich werde mit den Jahren schon vernünftiger werden. Zur Zeit hat mein Vater noch Geld genug.«

 

Dick sah den schnellen Blick, den Mary dem jungen Mann zuwarf, und fühlte eine gewisse Nervosität in sich aufsteigen.

 

Kapitel 4

 

4

 

Anna Jeans konnte glänzend Tennis und Golf spielen und war außerdem eine elegante Reiterin. Dick verbrachte die nächsten Tage fast ausschließlich in ihrer Gesellschaft: Morgens begleitete er sie auf Spazierritten in die schöne Umgebung von ›Arranways Hall‹, und nachmittags trafen sich die beiden im kleinen Salon des Gasthauses, wo ein Flügel stand, auf dem Anna nun ihrerseits die Begleitung zu. Dicks Liedern übernahm.

 

Keith Keller und Mary gingen zum Gasthaus, tranken dort Tee und lernten dabei die junge Dame kennen. Mary fand sie wirklich entzückend, aber Keith ließ sich zu keinem Lob hinreißen; er erklärte, solche Art Mädchen wären nicht sein Typ.

 

»Welchen Typ liebst du denn eigentlich?« fragte Mary, als sie durch den Wald zurückgingen.

 

Er griff nach ihrer Hand, aber sie wollte davon nichts wissen. »Eddie ist in der Nähe«, sagte sie schnell.

 

Sie hatte recht, denn nach einer Weile trafen sie ihn. Mary machte ein äußerst gelangweiltes Gesicht, und Keith fing sofort ein Gespräch mit dem Lord an. Er hatte vor einigen Tagen die ganze Bibliothek seines Gastgebers durchwühlt und alles gelesen, was dort der Lord je geschrieben hatte. Da er sich eben an einem Werk über die Reform der indischen Verwaltung versuchte und fast den ganzen Tag nicht zu sehen war, konnte man einigermaßen mit ihm auskommen, und wenn man ihn mal traf, hatte man immer einen Gesprächsstoff, besonders, wenn man so geschickt war wie Keith Keller.

 

*

 

Der ›Alte‹ stand im Schatten des Waldes und wartete, bis die letzten Lichter in Schloß ›Arranways‹ erloschen. Er beobachtete Dick, der um elf aus dem Gasthaus zurückkehrte, und sah, wie nach einer Weile auch in dessen Zimmer das Licht ausging. Dann schlich er sich näher an das Schloß heran, wobei er jeden Strauch und jeden Schatten zur Deckung benützte. Nach einiger Zeit war er auf der Rückseite des Gebäudes angelangt.

 

Die Wolken, die den Mond verdeckten, waren vorübergezogen, und es war fast taghell, als er den Rasen vor dem Haus überqueren mußte.

 

Mit äußerster Geschicklichkeit kletterte er an den dicken Efeustämmen hinauf, während er mit den Zähnen eine Tasche festhielt. Gleich darauf stand er oben auf dem kleinen Balkon, wenige Schritte von einer hohen Glastür entfernt, in deren Fenster vier farbige Wappen eingelegt waren. Er holte einen kleinen Meißel aus der Tasche, mit dem er geräuschlos arbeitete. Schon einmal war er auf diese Weise ins Schloß eingedrungen, denn dies war die einzige Tür, die nicht durch eine elektrische Alarmanlage gesichert war.

 

Plötzlich hielt er inne, drückte auf die Türklinke und öffnete die Tür. Im nächsten Augenblick stand er im Innern. Er hielt an, schloß die Glastür vorsichtig und lauschte. Als er ein Geräusch hörte, trat er in eine Nische, die durch einen Vorhang verdeckt war.

 

Eine Tür im Korridor ging auf, und ein Herr im Pyjama blickte suchend den dunklen Gang entlang. Keith Keller entdeckte den ›Alten‹ nicht. Dann trat er wieder in sein Zimmer zurück und schloß die Tür geräuschlos hinter sich. Der ›Alte‹ wartete einen Augenblick.

 

Da – beinahe hätte er durch die Zähne gepfiffen –, gerade als er sein Versteck verlassen wollte, hörte er leichte Schritte auf dem Gang. Eine Frau. Jetzt ging sie an einem Fenster vorüber, und im Mondlicht erkannte er Lady Arranways. Über ihrem Nachthemd trug sie einen seidenen Morgenrock, und in der Hand hatte sie eine brennende Zigarette.

 

Einen Augenblick blieb sie stehen und sah den Weg zurück, den sie gekommen war. Dann ging sie zu Kellers Tür und klopfte leise. Sofort wurde geöffnet. Der ›Alte‹ hörte, daß sich der Schlüssel im Schloß drehte.

 

Dann kam er hinter dem Vorhang hervor und ging den Korridor in dem totenstillen Haus entlang.

 

Kapitel 5

 

5

 

Tom Arkright, ein Arbeiter von der ›Waggin Farm‹, sagte später, er hätte den ersten Alarm geschlagen, aber Mr. Lorneys Wagen hielt bereits zehn Minuten vor Ankunft des Dorfpolizeibeamten vor dem Tor des brennenden Schlosses. Selbst in der mondhellen Nacht konnte man die züngelnden Flammen auf weite Entfernung sehen. Rauch drang aus den Fenstern des ersten Stocks, als Mr. Lorney den kurzen Weg zur Auffahrt zurücklegte. Er sprang aus dem Wagen und hämmerte gegen die Haustür.

 

Dick Mayford hatte einen leichten Schlaf. Er hörte das Hämmern, und es schien ihm auch, als ob er Brandgeruch spürte. Er stand auf und eilte aus seinem Zimmer.

 

»Ich glaube, ich weiß, in welchem Zimmer es brennt«, rief ihm Lorney zu, der gerade die Treppe in großen Sätzen hinaufrannte. »Es ist das sechste Fenster von der Ecke.«

 

Als sie um die Ecke bogen, stand Lord Arranways schon auf dem Gang.

 

»Hier schläft doch Keller!« sagte Arranways. »Dick, wecke Mary und bring sie nach unten. Sie soll sich nicht aufregen, es ist nicht gefährlich.«

 

Lorney wickelte sich sein Taschentuch um die Hand und versuchte die Tür zu Kellers Zimmer aufzumachen, aber er mußte sich mit aller Gewalt dagegenstemmen, bis das Holz splitterte und die Füllung brach. Dichter Rauch wirbelte Lorney entgegen. Er tastete durch das Loch und drehte den Schlüssel um.

 

»Warten Sie hier vorn und schließen Sie die Tür, wenn ich hineingegangen bin.«

 

Drinnen wurde er sofort von gelblichgrauen Wolken eingehüllt. Links von ihm flackerten Flammen auf, und er sah einen Mann auf dem Boden liegen. Rasch bückte er sich und richtete ihn auf.

 

Keller war nicht ganz bewußtlos. Er flüsterte Lorney ein paar bittende Worte zu, als dieser ihn zur Tür zog, und wies auf etwas Weißes, das in der Nähe des Bettes auf dem Boden lag.

 

Der Wirt war Kavalier. Er hatte keine Illusionen und nur wenige Ideale. Als er wieder auf den Gang hinaustrat, hatte sich nur der harte Ausdruck auf seinem Gesicht vertieft.

 

»Bringen Sie ihn schnell nach unten«, sagte er heiser zu den Leuten, die herumstanden.

 

Keller war auf dem Boden halb zusammengesunken, während sich der Lord über ihn beugte.

 

»Ist nichts in Ihrem Zimmer, das gerettet werden muß, Keller?« fragte Arranways besorgt.

 

»Nein, nichts … Bringen Sie mich … bitte fort«, murmelte Keller schwach.

 

In diesem Augenblick kam Dick heran. Er hatte Mary nicht in ihrem Zimmer gefunden. Vermutlich hatte sie den Alarm gehört und war hinaus in den Park gegangen. Er hatte einen warmen Mantel aus ihrem Zimmer mitgenommen.

 

»Geh nach unten!« sagte Lord Arranways kurz. »Kommen Sie, Lorney, hier oben ist niemand mehr. – Sehen Sie zu, daß alle Leute das Haus verlassen!« rief er dem Diener nach.

 

Der Lord selbst ging die Treppe hinunter – ohne eine Ahnung davon zu haben, daß Lorney ihm nicht folgte. Der Gastwirt stand an der Tür zu Kellers Zimmer und wartete, bis die anderen aus dem Gang verschwunden waren. Dann öffnete er die Tür und wagte sich noch einmal ins Zimmer.

 

Kam er noch zur rechten Zeit? Mit angespannten Sinnen lauschte er auf das leisteste Geräusch vom Gang. Aber es war ja gleich, ob der Ruf von Lady Arranways ruiniert war, vor allem mußte sie gerettet werden.

 

Er bückte sich, hob die leichte Gestalt vom Boden auf und trug sie auf den Gang hinaus. Mary war bewußtlos, und als er an einem Fenster vorbeikam, sah er, daß sie totenblaß war. Auf der ersten Stufe der Treppe hielt er an, als Lord Arranways in Sicht kam.

 

»Wo bleiben Sie denn, Lorney?« rief er ungeduldig. »Kommen Sie doch endlich herunter! Es ist ja niemand mehr dort oben –«

 

Da erblickte er seine Frau.

 

»Mary …! – Wo haben Sie sie gefunden?« fragte er leise.

 

»Am Ende des Ganges, unter dem Fenster«, entgegnete Lorney mit fester Stimme.

 

Nach kurzem Schweigen wandte sich der Lord ab und ging langsam die Treppe hinunter.

 

»Ich habe sie nicht dort gesehen«, sagte er gequält.

 

»Aber ich«, erklärte Lorney entschieden. »Auf jeden Fall sah ich etwas Weißes. Sie muß in der ersten Aufregung aus ihrem Zimmer gestürzt und nach der falschen Richtung gelaufen sein.«

 

Dick war die Treppe heraufgekommen und nahm nun Lorney die bewußtlose Frau aus den Armen.

 

Sie liefen die Stufen hinunter und durch die Eingangshalle ins Freie. Arranways nahm den Mantel auf, den Dick unten auf das Geländer der Terrasse gelegt hatte, und hüllte seine Frau darin ein.

 

Alle Bewohner von Sketchley waren mittlerweile vor dem Schloß zusammengekommen.

 

Diener und Landarbeiter liefen mit geretteten Gemälden, Teppichen, dem vielen alten Silber und anderen wertvollen Dingen aus dem Haus.

 

»Ich habe meinen Wagen hier und werde Mylady zu mir ins Gasthaus bringen«, sagte Lorney zu Lord Arranways. »Augenblicklich habe ich keine anderen Gäste als die junge Dame aus Kanada.«

 

Arranways nickte. Er setzte sich in den Fond und überließ es Dick, seine Schwester im Auto unterzubringen.

 

Als der Wagen durch das große Parktor auf die Straße hinausfuhr, glaubte der Lord einen hochgewachsenen, etwas korpulenten Herrn mit einer Brille am Straßenrand zu sehen. Das Gesicht kam ihm bekannt vor – es war derselbe Mann, den Mary in Wien und in Berlin bemerkt hatte.

 

»Wo ist eigentlich Keller?« erkundigte sich der Lord. Seine Stimme hatte einen harten Klang, und er hob den Blick nicht, als er sprach.

 

»Einer der Diener hat mir vorhin erzählt, daß man ihn ins Gasthaus gebracht hätte«, erwiderte Lorney.

 

Als sie ausstiegen und die Diele des Gasthauses betraten, kam Mary zu sich. Dick übergab sie einem Hausmädchen, während Lorney nach Mrs. Harris rief.

 

»Die habe ich beim Schloß gesehen«, warf Dick ein.

 

»Ich hätte mir auch denken können, daß sie nichts Besseres zu tun hat, als sich dort herumzutreiben! Die neugierige alte Hexe würde mitten in der Nacht aufstehen und zusehen, wenn ein Hund den Mond anbellt.«

 

Lorney erzählte Dick dann, daß er am Abend in Guilford gewesen war. Auf dem Rückweg fuhr er an ›Arranways Hall‹ vorbei und entdeckte Rauch und Flammen im Fenster von Kellers Zimmer. Der Brand mußte schon vor einiger Zeit ausgebrochen sein, denn als er ins Zimmer kam, hatte er schon weit um sich gegriffen.

 

Lorney ging mit Dick zu Fuß zum Schloß zurück. Zehn Minuten später trat Lord Arranways zu ihnen. Schweigend beobachtete er, wie das stattliche alte Haus niederbrannte, in dem zahn Generationen der Arranways gelebt hatten. Die Feuerwehr war machtlos. Motorspritzen kamen aus Guildford, aber als sie auf der Bildfläche erschienen, fanden sie nicht genug Wasser vor und konnten nur zusehen, wie die erbarmungslosen Flammen allmählich das ganze Haus einäscherten.

 

Der Morgen graute, als der Lord, Dick Mayford und John Lorney zum Gasthaus zurückgingen. Während der drei Stunden, die sie beim Brand zugesehen hatten, hatte der Lord kaum ein Wort gesprochen. Dick vermutete, daß der Verlust des Schlosses ihn so schweigsam machte, aber als er versuchte, seinen Schwager zu trösten, lachte Arranways bitter auf.

 

»Es gibt Dinge, die man nicht wieder aufbauen kann.«

 

Dick erschrak, denn diese Worte bestätigten seine schlimmsten Befürchtungen.

 

Kapitel 20

 

20

 

Mary schaute ihn erschrocken an.

 

»Verzeihen Sie bitte, es tut mir leid, daß ich Ihnen einen Schrecken eingejagt habe. Ich bin nur so glücklich, daß mir endlich ein guter Gedanke gekommen ist. Den ganzen Tag habe ich schon darauf gewartet.«

 

Er zeigte auf einen alten Weidenbaum, dessen graugrüner Stamm sich von den dunklen Tannen abhob.

 

»Was würde ich wohl finden, wenn ich jetzt in dem hohlen Stamm nachsuchte?«

 

Sie verstand sein seltsames Benehmen nicht.

 

»Was erwarten Sie denn zu finden?«

 

»Ein paar alte Knöpfe.«

 

Sie glaubte, er wäre von der durchwachten Nacht vielleicht ein bißchen durcheinander, aber ehe sie noch erkannte, daß er genau wußte, was er sagte, sprach er weiter.

 

»Lady Arranways, ich habe eine Bitte. Lassen Sie sich in der nächsten Zeit von mir beraten. Ich hoffe, daß ich Ihnen helfen kann. Tun Sie nichts ohne mein Wissen, und wenn Blagdon Sie vernehmen sollte, erzählen Sie mir genau, was er wissen wollte und was er sagte. Sollte der Mörder inzwischen gefaßt werden, so glauben Sie mir, daß ich nichts damit zu tun habe. Das Wichtigste ist jetzt, daß wir Ihren Mann finden. Sie haben wirklich keine Ahnung, wo er sein könnte? Und Sie können mir auch nicht erklären, warum er fortgegangen ist?«

 

»Ich habe eine Art Erklärung. Er hat zu Dick gesagt, wenn sich sein Verdacht als wahr erweisen sollte, würde er irgendwohin fahren und sich von allem zurückziehen. Er könnte es nicht ertragen … Ich liebe Eddie trotz allem sehr«, fuhr sie nach einer Weile mit leiser Stimme fort. Sie stand auf, und auch Collett erhob sich.

 

»Aber das kann nicht die richtige Erklärung dafür sein, Mr. Collett, denn er war nicht lange genug im Gasthaus, um etwas Nachteiliges über mich zu erfahren. Oder glauben Sie doch?«

 

Collett wich dieser Frage aus. Er wußte ja, was Charles dem Lord berichtet hatte.

 

»Konnten Sie in sein Zimmer?«

 

»Nein«, sagte sie sofort. »Ich habe es versucht, aber beide Türen waren abgeschlossen.«

 

Er sah wieder zu der hohlen Weide hinüber, dann fragte er Mary, ob sie möglicherweise einen kleinen Spiegel bei sich hätte.

 

Sie nahm einen aus ihrer Handtasche, und er ging damit zu dem Baum. Dort leuchtete er mit Hilfe seiner Taschenlampe und des Spiegels ins Innere der Weide. Anscheinend hatte er aber keinen Erfolg, denn er gab ihr den Spiegel zurück.

 

»Es ist nichts dort – wenigstens nichts, was mich interessiert.«

 

»Haben Sie die Knöpfe nicht gefunden?« fragte sie lächelnd.

 

»Nein, nicht einmal die«, entgegnete er traurig. »Die Stelle war auch zu offensichtlich.«

 

Sie lachte.

 

»Wenn Sie ebenso klug wie geheimnisvoll sind, Mr. Collett, dann müssen Sie der tüchtigste Beamte von ganz Scotland Yard sein.«

 

»Das bin ich auch«, erklärte er bescheiden.

 

»Der Mensch macht mich noch verrückt«, stöhnte Lorney Collett gegenüber. »Blagdon hat mich doch tatsächlich gefragt, wieviel Alkohol ich hier hätte, wieviel gestern morgen und wieviel gestern abend verbraucht wurde und wer besonders viel getrunken hätte.«

 

Collett stellte mit Vergnügen fest, daß Blagdon auf dem besten Weg war, sich überall restlos unbeliebt zu machen.

 

»Ja, mein lieber Mr. Lorney«, sagte er salbungsvoll. »Sie verstehen eben nichts von den wissenschaftlichen Methoden der Kriminalpolizei. Inspektor Blagdon stellt seine Fragen sicher nicht ohne Grund. Und vor allem muß doch etwas geschehen, vergessen Sie das nicht.«

 

Rennett hatte die Erlaubnis erhalten, nach London zu fahren. Es war erstaunlich, daß Blagdon das gestattete. Collett erkundigte sich sogleich bei ihm nach dem Grund dieses seltsamen Widerspruchs zwischen seinen Worten und seinem Verhalten.

 

Blagdon war sehr höflich, erklärte aber, daß das seine Sache wäre und daß er keine Einmischung Dritter dulde. Er ließ sogar durchblicken, daß es ihm nicht unlieb wäre, wenn Collett auch nach London zurückkehrte.

 

Aber Collett nahm das nicht so tragisch und ging weiter seinen privaten Erkundigungen nach.

 

*

 

Im Gasthaus war ein weiterer Amateurdetektiv an der Arbeit, von dem weder Collett noch Blagdon etwas ahnten: der Kellner Charles, dessen asoziales Wesen Collett richtig erkannt hatte. Charles Green wollte sich nicht bessern, sondern so angenehm wie möglich leben.

 

Er hatte zehn Pfund in der Tasche und außerdem dreißig Pfund in seinem Zimmer versteckt, die er so nach und nach betrunkenen Gästen abgenommen hatte, die er zu Bett bringen mußte.

 

Durch die Untersuchung Mr. Blagdons war er ein wichtiger Zeuge geworden, aber das Gespräch mit Collett hatte ihm gezeigt, in welcher Gefahr er schwebte. Nachdem er sich alles überlegt hatte, erinnerte er sich an das Beispiel, das ihm Keller gegeben hatte. Charles hatte erfahren, daß dieser Mann die Kleinigkeit von dreitausend Pfund als Schweigegeld verlangt hatte, und dachte nun darüber nach, wie er ein Opfer finden könnte.

 

An Lady Arranways konnte er sich nicht wenden. Sie war gewarnt, und er würde keine Aussichten bei ihr haben. Dann verfiel er auf Anna Jeans, aber als er ihr einmal das Essen aufs Zimmer brachte und eine Andeutung darüber machte, schickte sie ihn einfach hinaus und erzählte Lorney von Charles‘ Absichten.

 

Lorney rief Charles zu sich.

 

»Wenn Sie meine Gäste in Schwierigkeiten bringen, können Sie gehen, das möchte ich nur gesagt haben«, fuhr er ihn an. »Überhaupt ist es besser, wenn Sie morgen mein Haus verlassen. Aber vorher sehe ich mir noch einmal Ihr Gepäck an. Es ist schon öfter hier gestohlen worden, ich wollte Sie anfangs nur schonen.«

 

Charles, der überzeugt war, daß ihm nichts passieren konnte, brummte: »Nun blasen Sie sich nicht so auf! Mir können Sie ja gar –«

 

Weiter kam er nicht, denn Lorneys Faust traf ihn unter das Kinn, und er stürzte zu Boden. Der Wirt öffnete die Tür und stieß Charles hinaus.

 

*

 

Nach einer Weile klopfte es, und Charles kam wieder herein. Er hatte eine Beule am Kinn und war ziemlich kleinlaut.

 

»Es tut mir furchtbar leid, daß ich Sie geärgert habe, Mr. Lorney, aber dieser Mord hat mich ganz durcheinander gebracht. Sie waren immer so gut zu mir und haben mir die Möglichkeit gegeben, ein neues Leben anzufangen –«

 

»Reden Sie nicht so viel, sondern arbeiten Sie weiter! Sie bleiben hier, nicht wahr?«

 

Lorney war im Grunde seines Herzens sentimental. Er glaubte immer noch, daß er mit Geduld aus diesem skrupellosen Verbrecher doch noch einen anständigen Menschen machen konnte.

 

»Ja«, entgegnete Charles schnell. »Ich fühle mich hier sehr wohl. Das ist doch etwas ganz anderes als mein früheres Leben. Damals habe ich mich nie so zufrieden gefühlt.«

 

Charles hatte jetzt einen Plan. Bisher hatte er sich nur wenig Geld zusammenstehlen können, und wenn es zum Schlimmsten kam und er gefaßt wurde, wurde er zu derselben Strafe verurteilt, ob er nun viel oder wenig gestohlen hatte.

 

Nach dem Essen rief Lorney Charles zu sich und sagte ihm, er solle in seinem Privatzimmer aufräumen. Auf diese Gelegenheit hatte Charles gehofft.

 

Die oberste Schublade im Schreibtisch war verschlossen. Er wußte, daß sie innen mit Stahl ausgeschlagen war und ein Patentschloß hatte. Es mußten also wertvolle Dinge darin sein.

 

Den Safe hatte er schon oft mit sehnsüchtigen Blicken betrachtet. Damen, die zum Wochenende herkamen, gaben Lorney ihren wertvollen Schmuck in Verwahrung. Auch Geld lag darin und eine interessant aussehende schwarze Kassette.

 

Da er sah, daß er so nicht weiterkam, räumte er rasch fertig auf und ging dann zu Blagdon.

 

»Aber wenn Sie wissen, wo Lord Arranways ist«, wandte der Inspektor ein, »warum sagen Sie mir dann seine Adresse nicht? Ich könnt mich doch mit ihm in Verbindung setzen!«

 

Charles schüttelte den Kopf.

 

»Das kann ich nicht. Sie können ihn sowieso nicht erreichen.«

 

»Aber er muß doch von dem Mord gelesen haben. In allen Zeitungen steht etwas darüber.«

 

»Da, wo er sich aufhält, kriegt er keine Zeitungen zu Gesicht.«

 

Blagdon sah ihn scharf an.

 

»Sie wissen doch, daß ich Sie zwingen kann, Aussagen zu machen, nicht wahr?«

 

»Davor habe ich keine Angst«, meinte Charles. Dann machte er dem Inspektor einen Vorschlag. Blagdon hörte interessiert zu und versprach, ihm in einer Stunde mitzuteilen, ob sich da etwas machen ließe.

 

Kapitel 21

 

21

 

Kurz vor dem Abendessen ließ Blagdon Lady Arranways in sein Büro kommen. Ein Stenograf war anwesend, um alles mitzuschreiben, und Mary machte sich auf eine unangenehme halbe Stunde gefaßt.

 

Es wurde auch wirklich unangenehm. Blagdon stellte ihr völlig ungerechtfertigte Fragen über Dinge, die sie allein angingen.

 

Als er ihr zu dumm wurde, stand sie plötzlich auf.

 

»Ich bleibe nicht länger hier«, sagte sie erregt. »Sie haben nicht das Recht, mich derart zu verdächtigen.«

 

»Schließen Sie die Tür!« rief Blagdon dem Stenografen zu.

 

Mary aber lief zum Fenster und rief um Hilfe.

 

Dick war draußen im Garten und hörte sie, aber Collett war noch schneller zur Stelle.

 

»Was ist denn hier los?« fragte er durchs Fenster.

 

»Der Inspektor hat mich beleidigt – er hat die Tür abschließen lassen!« rief Mary etwas zusammenhanglos.

 

»Bringen Sie Ihre Schwester fort«, sagte Collett zu Dick. »Und Sie können auch gehen«, wandte er sich an den Polizeistenografen.

 

»Holen Sie sofort Sergeant Raynor und Sergeant Clarke!« rief Blagdon wütend.

 

»Das wird Ihnen noch leid tun«, sagte Collett scharf. Als der Beamte gegangen war, fuhr er fort: »Wie können Sie nur solche Dummheiten machen, Blagdon! Sie bringen sich um Kopf und Kragen, wenn Sie so weitermachen.«

 

»Diese Frau ist die Mörderin!« Blagdons Stimme überschlug sich beinahe. »Deshalb ist doch auch Arranways verschwunden. Er wußte, daß seine Frau schuldig war, und floh, um sie zu schützen und den Verdacht auf sich zu lenken. Sie hat Keller erstochen. Sie ist in das Zimmer ihres Mannes gegangen und hat die Mordwaffe herausgeholt. Ich habe Miss Jeans gefragt. Sie hat mir gesagt, daß sie Lady Arranways an dem Abend noch gesprochen hat und daß sie hinterher in das Zimmer ihres Mannes gehen wollte, um etwas zu holen. Natürlich den Dolch, mit dem Keller ermordet wurde!«

 

Collett sah ihn ruhig an.

 

»Lady Arranways war nicht in dem Zimmer ihres Mannes.«

 

Zwei Sergeanten erschienen draußen vor dem Fenster. Blagdon schickte sie wütend wieder fort.

 

»Sie haben die Sache von Anfang an falsch angepackt«, fuhr Collett unbarmherzig fort. »Es wäre besser, Sie gingen nach Guildford zurück.«

 

»Wissen Sie denn, wer der Mörder ist?«

 

»Ja.«

 

Blagdon hatte die Hände in den Taschen vergraben und ging im Zimmer auf und ab. Er war noch wütend, aber vor allem entsetzlich unsicher. Dieser Collett konnte einem wirklich die Hölle heiß machen!

 

»Lassen Sie vor allem Lady Arranways in Ruhe«, riet ihm Collett. »Was für ein Leichtsinn, so mit einer Frau umzugehen, die bestimmt ein halbes Dutzend Freunde im Parlament hat. Wenn sie etwas gegen Sie unternimmt, sind Sie erledigt!«

 

Mary Arranways verbrachte auf Colletts Rat hin die meiste Zeit in Gesellschaft ihres Bruders, und da Dick und Anna mittlerweile unzertrennlich geworden waren, saß man gewöhnlich zu dritt im Zimmer von Lady Arranways. Dort wurde auch das Abendessen serviert. Merkwürdigerweise war Charles seit neuestem von einer geradezu erstaunlichen Höflichkeit und Aufmerksamkeit.

 

Als er den zweiten Gang hereinbrachte, fiel Mary etwas ein.

 

»Ach, sagen Sie doch Mr. Lorney, daß ich morgen früh abfahre, und bitten Sie ihn, mir dann meinen Schmuck auszuhändigen.«

 

»Jawohl, Mylady«, sagte Charles beflissen.

 

»Sie haben die Juwelen aus dem Brand retten können?« fragte Anna teilnehmend.

 

»Sie lagen im Safe in der Bibliothek und haben nicht im geringsten unter der Hitze des Feuers gelitten«, entgegnete Mary gleichgültig. »Eddie wollte sie eigentlich zur Bank schicken, aber er muß es vergessen haben.«

 

Charles hatte die Tür nur angelehnt und lauschte draußen. Sein Plan nahm immer festere Formen an. Blagdon hatte ihn kurz vorher zu sich gerufen und ihm mitgeteilt, daß er den Vorschlag annähme. Nun mußte Charles seine Zeit genau einteilen. Um 9.25 Uhr mußte es klappen. Es waren an diesem Tag mehr Gäste als gewöhnlich zum Abendessen gekommen, und er hatte viel zu tun. Endlich klopfte er an Lorneys Zimmertür. »Kann ich Sie einen Augenblick sprechen?«

 

Lorney saß an seinem Schreibtisch und wandte Charles den Rücken zu. Der Kellner schloß die Tür und sah auf die Uhr, die auf dem Kamin tickte. Es war zwanzig Minuten nach neun.

 

Fünf Minuten später verließ er das Büro wieder und machte die Tür sorgfältig hinter sich zu. Unter dem Arm trug er eine kleine schwarzlackierte Kassette. Collett wunderte sich, als er das sah, aber im nächsten Augenblick war Charles verschwunden.

 

Es herrschte eine gespannte Atmosphäre im Haus. Collett konnte sich nicht denken, weshalb es jetzt schon so weit war. Er hatte vermutet, daß es erst am nächsten Morgen Schwierigkeiten geben würde, nämlich dann, wenn Blagdon wieder nach Guilford zurück mußte und das sicher nicht ohne den Schuldigen tun würde. Mit ein bis zwei Verhaftungen mußte man wahrscheinlich rechnen.

 

Nach einer Weile kam Blagdon zu ihm.

 

»Jetzt können Sie es ja ruhig wissen«, sagte er. »Ich werde Lord Arranways noch heute hier haben. Ich hoffe, Sie sind überrascht.«

 

»Wo ist er denn?«

 

Das wußte Blagdon nicht. Er zuckte die Schultern.

 

»Das kann ich leider noch nicht sagen. In London sicher, wenn auch nicht direkt in der City, aber er wird um elf Uhr fünfzehn hier sein.«

 

Er schaute auf die Uhr.

 

»Zwanzig vor zehn.«

 

»Ich dachte, er wäre gar nicht mehr in England?«

 

»Ach, was für ein Blödsinn!« fuhr Blagdon ihn an. »Alle Häfen werden überwacht, und alle Tankstellen und Autoverleihfirmen sind verständigt. Es ist ausgeschlossen, daß er hinauskommt. Und außerdem –«

 

Collett sah plötzlich, wie sich der Gesichtsausdruck des Inspektors veränderte. Blagdon starrte fassungslos auf die Tür, und er hatte auch allen Grund, sich zu wundern.

 

Lord Arranways stand im Türrahmen und zog sich langsam die Handschuhe aus.

 

Kapitel 22

 

22

 

Blagdon hatte sich gefaßt und ging ihm entgegen.

 

»Darf ich mich vorstellen? Inspektor Blagdon. Ich leite die Untersuchung im Mordfall Keith Keller.«

 

Lord Arranways sah ihn kühl an.

 

»Ich bin gekommen, um Näheres über den Fall zu erfahren.« Er nickte Collett freundlich zu. »Wenn ich mich nicht irre, sind Sie Mr. Collett? Ich habe gehört, daß Sie den Fall bearbeiten.«

 

»Nein«, fuhr Blagdon dazwischen, »da sind Sie falsch informiert. Ich führe die Untersuchung allein durch. Lord Arranways, bitte sagen Sie mir, warum Sie gestern das Haus verließen und wo Sie waren.«

 

»Ein bißchen umständlich, Ihnen zu erklären, warum ich das Haus verließ, aber wo ich war, sollen Sie wissen: Ich bin heute morgen nach Paris geflogen und eben wieder zurückgekommen.«

 

Blagdon war völlig durcheinander.

 

»Aber Sie haben doch mit Charles telefoniert!«

 

Der Lord runzelte die Stirn.

 

»Was Sie nicht sagen! Davon weiß ich ja gar nichts, und ich war auch nicht in London.«

 

»Das ist aber nicht möglich! Aus diesem Grund fährt doch eben Charles mit einem Polizeiwagen nach London!«

 

»Also da hört sich doch alles auf!« brach Collett los. »Sie haben doch den Mann nicht etwa nach London geschickt? – Wo ist Lorney?«

 

Er rief den Wirt, erhielt aber keine Antwort. Daraufhin ging er hinter die Theke und klopfte an der Tür des Privatzimmers.

 

»Sind Sie da, Mr. Lorney?«

 

Er lauschte und hörte plötzlich ein leises Stöhnen. Als er die Tür aufmachte, sah er anfangs in der Dunkelheit nichts, aber gleich darauf erkannte er die Umrisse einer Gestalt am Schreibtisch. Er knipste das Licht an.

 

Lorney lag vornübergebeugt mit dem Oberkörper auf der Schreibtischplatte. Collett rief Blagdon zu Hilfe, und die beiden Männer trugen den Bewußtlosen in die Diele. Dort lagerten sie ihn auf den Fußboden und legten ein Kissen unter seinen Kopf. Lorney hatte eine große Wunde am Hinterkopf, und Collett ließ sofort einen Arzt holen.

 

Dr. Southey war noch mit dem Verbinden beschäftigt – er hatte festgestellt, daß es keine gefährliche Wunde war –, als Lorney wieder zu Bewußtsein kam. Die erste, die er sah, war Lady Arranways. »Ihr Schmuck ist gestohlen, Mylady«, brachte er mühsam hervor.

 

»Ach, machen Sie sich darum jetzt keine Sorgen. Wer hat Sie denn überfallen? – Charles?«

 

Lorney antwortete nicht. Sein Kopf schmerzte furchtbar. Dr. Southey wollte ihn sofort ins Bett stecken, aber davon wollte Lorney nichts hören.

 

Blagdon starrte ihn düster an und wandte sich dann verzweifelt an Collett.

 

»Dieser Green hat mich belogen! Das hätte ich nie von ihm gedacht. – Aber schließlich kann jeder mal was falsch machen.«

 

»Wo ist er denn hin?« fragte Collett sachlich.

 

Blagdon überlegte, was Collett schon äußerst verdächtig vorkam.

 

»Wenn ich ehrlich sein soll, weiß ich es auch nicht. Er wollte zu einer Adresse in der New Kent Road. Ich habe dem Chauffeur gesagt, er solle tun, was Green verlange.«

 

Collett grinste.

 

»Das heißt also, daß Charles fahren kann, wohin er will. Er hat einen guten Wagen, und der Chauffeur ist angewiesen, seinen Anordnungen Folge zu leisten. Das sind ja Zustände wie bei den Hottentotten.«

 

Lorney saß am Fenster, während der Arzt ihn fertig verband. Plötzlich fühlte er, wie sich eine Hand auf seinen Arm legte. Als er den Kopf wandte, sah er, saß es Anna war.

 

»Es tut mir so leid«, flüsterte sie.

 

Er nahm ihre Hand und streichelte sie.

 

»Warum sind Sie so traurig?«

 

Sie sah ihn erstaunt an.

 

»Ich – ich werde es Ihnen sagen, wenn wir allein sind.«

 

Tränen traten ihr in die Augen, auf ihrem Gesicht lag ein Ausdruck, den er früher noch nie bei ihr gesehen hatte.

 

*

 

Inzwischen hatte Blagdon alle Polizeistationen in der Umgegend telefonisch verständigt, daß ein Polizeiwagen mit einem Beamten und einem Mann in Zivil unterwegs sei – wahrscheinlich Richtung London oder nach Süden zur Küste –, der sofort angehalten werden sollte. Aber von keiner Station erhielt er eine positive Antwort.

 

Blagdon stand mit Collett zusammen in der Diele und versuchte vergeblich, seine Verzweiflung zu verbergen.

 

»Alles ist meine Schuld. Ich habe Scotland Yard gebeten, die Seehäfen zu überwachen, die Flugplätze habe ich natürlich vergessen. Aber man kann auch nicht an alles denken. In so einem komplizierten Fall wie diesem sollte man wirklich –«

 

»Nein, Sie können wirklich nicht an alles denken«, sagte Collett ironisch, aber Blagdon merkte es nicht. Er ging wieder in sein Büro.

 

Collett wartete in der Diele auf Lord Arranways, aber der schien fürs erste nicht zu kommen.

 

Der Lord saß oben im Zimmer seiner Frau. Mary hatte ihn darum gebeten, denn sie wollte etwas mit ihm besprechen.

 

»Warum bist du zurückgekommen?« fragte sie ihn, als sie allein waren.

 

»Ich habe in der Zeitung von dem Mord gelesen, und da war es doch selbstverständlich, daß ich kam.«

 

»Aber warum?«

 

Er schaute sie nachdenklich an. Irgendwie sah er älter und gereifter aus, und seine Stimme klang nicht mehr so kalt und sarkastisch.

 

»Ich will es dir sagen. Ich dachte, du hättest Keller ermordet. Ich halte es auch jetzt noch nicht für ausgeschlossen.«

 

Sie starrte ihn an, aber noch bevor sie etwas erwidern konnte, sprach er weiter.

 

»Wenn das stimmte, mußte ich natürlich zurückkommen, denn ich betrachte mich jetzt selbst als schuldig. Hast du ihn ermordet?«

 

Als sie den Kopf schüttelte, holte er erleichtert Luft.

 

»Gott sei Dank! Seitdem ich den Bericht in der Zeitung gelesen habe, machte ich mir die größten Sorgen.«

 

»Eddie, Keller war wirklich mein Freund – ich glaube, du hast es geahnt. Manchmal denke ich, ich hätte ihn tatsächlich umbringen sollen.«

 

Der Lord schwieg.

 

»Ich war unverzeihlich leichtsinnig«, fuhr Mary fort, »aber das ist noch keine Entschuldigung. Ich haßte ihn schließlich. Er versuchte mich zu erpressen, aber das ist nicht der wahre Grund. Nun ist er tot, und ich bin fast froh darüber.«

 

Sie sah ihn fragend an.

 

»Es tut mir furchtbar leid, Eddie. Ich möchte nicht, daß du mir verzeihst, wenn du es nicht mit ganzem Herzen tun kannst. Vielleicht ist es überhaupt unmöglich.«

 

Es fiel ihm schwer, zu antworten und den richtigen Ton zu treffen.

 

»Ich habe mich durchgekämpft und bin darüber hinweg. Ich meine – über die Sache zwischen dir und Keller. Ich habe furchtbare Stunden hinter mir, aber mir ist klargeworden, daß ich ebenso die Verantwortung daran trage wie du.« Er machte eine Pause. »Wenn dies alles vorüber ist – willst du es dann noch einmal mit mir versuchen? Wollen wir von vorn anfangen – und die ganze Sache vergessen?«

 

Sie glaubte ihren Ohren nicht zu trauen.

 

Er nahm ihre Hände in die seinen.

 

»Es tut mir so leid, daß alles so gekommen ist«, sagte er. »Willst du es noch einmal versuchen?«

 

Sie schüttelte mutlos den Kopf. »Ich wage es kaum.«

 

Er lächelte.

 

»Du denkst an meinen Stolz, an meine Eitelkeit, an meine Unversöhnlichkeit, nicht wahr? Ich glaube kaum, daß ich mich sofort von all meinen Fehlern frei machen kann – aber möchtest du mir nicht ein wenig dabei helfen? Nach allem bist du mir auch etwas schuldig. Laß uns noch einmal anfangen, ja?«

 

Sie nickte, und er küßte sie.

 

»Nun will ich hinuntergehen und Blagdons Fragen beantworten«, sagte er dann.

 

Als er nach unten kam, herrschte dort große Aufregung. Dick Mayford war soeben mit seinem Wagen angekommen. Im Fond lag der Fahrer des Polizeiautos – bewußtlos.

 

»Heben Sie ihn heraus. Ich glaube, sein Bein ist gebrochen. Es ist ein Unglück passiert: Er lag allein auf der Landstraße.«

 

Drei Polizeibeamte trugen ihn ins Haus.

 

»Wo ist denn Charles Green – der Kellner?«

 

»Das weiß ich nicht«, erwiderte Dick. »Der Mann hier konnte es nicht sagen. Er kam nur kurz zu sich und sagte, daß die Bremsen seines Wagens versagt hätten und daß er hinausgeschleudert worden wäre.«

 

»Aber wo ist denn das Auto!« rief Blagdon aufgeregt.

 

»Das muß irgendwo abgestürzt sein. Ich hatte keine Zeit, mich danach umzuschauen. Auf der Straße war es jedenfalls nirgends zu sehen.«

 

»Um Himmels willen!« Blagdon griff sich an den Kopf. »Holen Sie doch Mr. Collett«, beauftragte er dann einen Wachtmeister.

 

Das war das Eingeständnis seiner Niederlage.

 

Gleich darauf erschien Collett und orientierte sich durch ein paar Fragen über die Lage der Dinge.

 

»Ist die Stelle weit entfernt?«

 

»Nein, ungefähr eine Meile. Es war im Wald von Sketchley, und zwar in der Nähe des Steinbruchs.«

 

»Ach – dann weiß ich, was mit Charles und dem Wagen passiert ist.«

 

Sechs Polizeibeamte sprangen in Dicks Auto und fuhren in die Nacht hinaus. Collett und Blagdon kamen im Wagen des Lords hinterher.

 

An der bezeichneten Stelle – am Rand einer abschüssigen Straße oberhalb des Steinbruchs – sahen sie eine große Lücke im Zaun. Der Polizeiwagen hatte ihn durchschlagen, verschiedene Bäume gestreift und war dann über den Rand des Steinbruchs in die Tiefe gestürzt.

 

»Wie kommen wir nach unten?« fragte Collett zweifelnd.

 

Hier konnte nur Blagdon weiterhelfen. Er führte sie einen schmalen Pfad hinunter zum Teich, der unterhalb des Steinbruchs lag. Der hintere Teil des Polizeiautos ragte noch aus dem Wasser.

 

»Hier muß irgendwo ein kleiner Kahn sein!« rief Blagdon.

 

Nach einer Weile hatte er ihn gefunden. Mit Stöcken brachten sie den Kahn bis zum Auto. Die Hinterräder waren noch halb zu sehen, aber von Charles konnte man keine Spur entdecken.

 

»Dort liegt etwas am Ufer!« sagte Collett. Es war der schwarze Kasten, den er unter dem Arm des Kellners gesehen hatte, als dieser das Zimmer des Wirts verließ.

 

»Hier können wir doch nichts mehr tun«, meinte er dann. »Wenn Green nicht entkommen ist, muß er unter dem Wagen liegen. Morgen muß der Teich sorgfältig abgesucht werden.«

 

Sie kletterten wieder hinauf zur Straße und fuhren zum Gasthaus zurück.

 

Dort wurde mit Hilfe eines zweiten Schlüssels, den Lorney besaß, der Kasten geöffnet. Unter einem Stapel Banknoten lag ein längliches weißes Kuvert.

 

»Was wollen Sie damit machen? Soll es verbrannt werden?« fragte Collett.

 

Lorney sah Anna an, und sie schüttelte den Kopf.

 

»Nicht, wenn es meine Geburtsurkunde ist«, sagte sie lächelnd. »Ich möchte doch noch einen anderen Beweis meiner Identität haben als den, daß sich unsere Augenbrauen genau gleichen.«

 

Collett sah die beiden an.

 

»Es muß schön sein, eine Tochter zu haben, nicht wahr, Mr. Lorney, und vor allem, es auch öffentlich zeigen zu dürfen?«

 

»Ja«, sagte Lorney. »Haben Sie eigentlich Charles gefunden?« fragte er plötzlich.

 

»Nein, er ist sicher tot.«

 

»Nun, was meinen Sie, ist es gut, daß Anna es erfahren hat, daß ich ihr Vater bin?«

 

»Ich glaube schon.« Collett hatte einen Entschluß gefaßt. »Wenn Sie mir den Rest der Angelegenheit anvertrauen, dann wird sicher alles noch gut.«