Drittes Kapitel.

Drittes Kapitel.

Ich kam jetzt zu dem festen Entschluß, mir ein Reitpferd anzuschaffen. Nie hatte ich, außer im Zirkus, eine so tolle, freie, prächtige Reitkunst gesehen, wie sie diese malerisch gekleideten Mexikaner, Kalifornier und mexikanisierten Amerikaner in Carson Tag für Tag zum besten gaben. Wie die ritten! Nur ein klein wenig nach vorn gebeugt, fegten sie durch die Straßen wie der Wind; die breite Krempe ihres Schlapphutes stand kerzengerade in die Höhe, und sie schwangen die lange Riata über dem Kopfe. Eine Minute darauf waren sie nur noch ein Staubwölkchen, weit draußen in der Wüste. Beim Traben waren sie stolz und anmutig auf dem Pferde, als wären sie mit demselben verwachsen und hopsten nicht auf und nieder nach der albernen Manier der Reitschulen. Ich hatte bald ein Pferd von einer Kuh unterscheiden gelernt und brannte vor Begier, noch mehr zu können; ich war entschlossen, mir ein Pferd zu kaufen. Während dieser Gedanke mir im Kopf herumschwirrte, kam der Auktionator auf einem schwarzen Tiere über die Plaza gejagt, es war höckerig und eckig wie ein Kamel und auch ebenso häßlich; allein es wurde versteigert: »zum drittenmal zweiundzwanzig – Pferd, Sattel und Zügel für zweiundzwanzig Dollars, meine Herren!« und da konnte ich kaum widerstehen.

Ein unbekannter Mann (wie sich später zeigte, war es der Bruder des Auktionators) bemerkte meine sehnsüchtigen Blicke und meinte, das sei doch für den Preis ein ganz respektables Pferd; der Sattel, fügte er bei, sei allein das Geld wert. Es war ein spanischer Sattel mit gewichtigen ›Tapidaros‹ und mit dem plumpen Überzug von Sohlenleder unaussprechlichen Namens. Ich sagte, ich hätte halb und halb Lust zu bieten. Darauf sah mich der Mensch mit seinen stechenden Augen an, als wollte er prüfen, wes Geistes Kind ich sei; doch ließ ich jeden Verdacht fallen, als er sprach, denn sein Wesen war voll argloser Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit.

»Ich kenne dieses Pferd, – kenne es genau,« sagte er, »Sie sind ein Fremder dem Anschein nach, und so können Sie vielleicht meinen, es sei ein amerikanisches Pferd, aber ich versichere Sie, das ist nicht der Fall. Es ist durchaus nichts dergleichen; es ist – entschuldigen Sie, wenn ich leise spreche, es sind noch mehr Leute um den Weg – es ist ohne den allermindesten Zweifel ein echter mexikanischer Stöpsel!« Ich wußte allerdings nicht, was ein echter mexikanischer Stöpsel war, allein es lag etwas so Besonderes in der Art, wie der Mann das sagte, daß ich mir im stillen gelobte, ich müsse einen echten mexikanischen Stöpsel haben, und sollte es mein Leben gelten. »Hat es sonst noch Vorzüge?« forschte ich mit unsicherer Stimme, indem ich meine Ungeduld nach Kräften zu bemeistern suchte.

Er faßte mit einem Finger in die Tasche meines Wollhemdes, zog mich beiseite und flüsterte mir mit Nachdruck ins Ohr: »Er ist im Bocken jedem über in ganz Amerika!«

»Zum dritten, zum dritten, zum drittenmal – vierundzwanzig ein halb Dollars meine Her–«

»Siebenundzwanzig!« schrie ich wie toll.

»Gehört Ihnen!« erklärte der Auktionator, und damit übergab er mir den echten mexikanischen Stöpsel.

Ich vermochte kaum meinen Jubel zurückzuhalten, bezahlte das Geld und stellte das Tier in den benachbarten Mietstall ein, damit es etwas zu fressen bekomme und sich ausruhe. Am Nachmittag nahm ich das Geschöpf mit auf die Plaza, wo ein paar Leute es an Kopf und Schwanz festhielten, während ich aufstieg. Sobald sie losließen, stellte der Gaul seine vier Füße dicht zusammen, senkte den Rücken und wölbte ihn dann wieder plötzlich, so daß er mich drei oder vier Fuß hoch in die Luft hinauf schnellte! Ich kam ganz senkrecht wieder herunter, mitten in den Sattel, flog aber augenblicklich wieder in die Höhe und wäre fast auf den hohen Sattelknopf gekommen, schoß dann ein drittesmal empor und kam jetzt auf den Hals des Gaules zu sitzen – alles im Verlauf von drei oder vier Sekunden. Nun bäumte er sich und stand fast kerzengerade auf den Hinterbeinen, während ich mich verzweifelt an seinen mageren Hals anklammerte und so in den Sattel zurückrutschte. Kaum stand er wieder auf allen Vieren, so hob er sofort die Hinterbeine und stellte sich auf die Vorderbeine, während er mit jenen ausschlug, als wollte er dem Himmel eins versetzen. Sodann begann er abermals Flugübungen mit mir anzustellen. Als ich das drittemal emporschnellte, hörte ich, wie ein Fremder sagte: »O, aber der kann einmal bocken!«

Ich schwebte noch in der Luft, als jemand dem Gaul einen schallenden Hieb mit einem Lederriemen gab, und als ich wieder herunterkam, war der echte mexikanische Stöpsel nicht mehr da. Ein junger Kalifornier jagte ihm nach, fing ihn ein und fragte, ob er einen Ritt mit ihm machen dürfe. Ich gestattete ihm diesen Hochgenuß. Er bestieg den Echten und flog ebenfalls einmal in die Höhe, rannte ihm aber, wie er herunterkam, die Sporen in die Rippen, worauf der Gaul davonging wie ein Telegramm. Er schwebte über drei Zäune wie ein Vogel und verschwand auf der Straße nach dem Washoe-Thal.

Ich ließ mich mit einem Seufzer auf einen Stein nieder und suchte unwillkürlich mit der einen Hand die Stirn, mit der andern den Magen. Ich glaube, ich hatte noch nie die Unzulänglichkeit der menschlichen Maschinerie so gründlich erkannt, – denn ich hätte mindestens eine oder zwei Hände mehr haben sollen, um sie noch an andere Stellen halten zu können. Keine Feder kann beschreiben, wie ich zusammengeschüttelt war. Keine Einbildungskraft reicht hin, um sich vorzustellen, wie ich gänzlich aus dem Leim gegangen, innerlich und äußerlich zerrissen, zerfahren und durch und durch gerüttelt war. Es hatte sich indes eine teilnehmende Schar um mich gesammelt, und ein Mann von ältlichem Aussehen spendete mir den Trost:

»Fremder, Sie sind hereingefallen. Jedermann in diesem Neste kennt dieses Pferd. Jedes Kind, jeder Indianer hätte Ihnen sagen können, daß es bocken würde; es ist im Bocken der schlimmste Teufel in ganz Amerika. Hören Sie, was ich sage. Ich bin Curry, der alte Curry, der alte Abe Curry. Der Gaul ist ein echter mexikanischer Stöpsel durch und durch und dazu noch ein ungewöhnlich niederträchtiger. Ei, Sie Tausendsapperlot, wenn Sie es gescheit angegriffen hätten, so hätten Sie vielleicht ein amerikanisches Pferd für weit weniger kriegen können, als Sie für die elende, alte, fremde Krake bezahlt haben.«

Ich sagte keine Silbe, aber ich nahm mir im stillen vor, falls der Bruder des Auktionators während meines Aufenthalts im Lande zu Grabe getragen werden sollte, alle andern Vergnügungen zu verschieben, um dieses Begräbnis nicht zu versäumen.

Nach einem Galopp von sechzehn Meilen kamen der kalifornische Jüngling und der echte mexikanische Stöpsel wieder in die Stadt gejagt. Die Schaumflocken flogen um sie herum, wie um das Flugwasser, das vor einem Wirbelsturm dahertreibt. Mit einem letzten Satz, den sie über einen Schubkarren und einen Chinesen weg machten, warfen sie vor dem Ranch Anker.

Dieses Keuchen und Schnauben! Wie die roten Nüstern des Pferdes arbeiteten und seine wilden Augen blitzten! Aber war der störrische Gaul etwa geduckt? Nein, wahrhaftig nicht. Seine Herrlichkeit der ‚Sprecher des Hauses‘ glaubte das und wollte auf ihm nach dem Kapitol (Regierungsgebäude) reiten. Allein sogleich machte das Geschöpf einen Satz über einen Haufen Telegraphenstangen weg, halb so hoch wie eine Kirche, und den Weg nach dem Kapitol – eine und dreiviertel Meilen – flog es anstatt zu laufen, d.h. es sauste schnurgerade über alles hinweg, indem es Zäune und Gräben den Krümmungen der Straße vorzog. Als der Sprecher nach dem Kapitol gelangte, war er weit mehr in der Luft gewesen, als auf dem Pferderücken und meinte, ihm sei zu Mute, als habe er die Tour auf einem Kometen gemacht.

Abends kam der Sprecher zu Fuß nach Hause und ließ den ›Echten‹ hinter einem Steinwagen angebunden stehen. Tags darauf überließ ich das Tier dem Sekretär des Hauses zu einem Ritt nach der sechs Meilen entfernten Silbergrube von Dana; auch er kam (um sich Bewegung zu machen) zu Fuß zurück und ließ das Pferd angebunden stehen. Ich mochte den Gaul leihen, wem ich wollte, alle kamen zu Fuß zurück, alle meinten, es fehle ihnen sonst an der nötigen Bewegung. Trotzdem borgte ich ihn fortwährend jedem, der ihn haben wollte; ich dachte, wenn der Gaul sich dabei einen Schaden thäte, könnte ich ihn dem Betreffenden aufhalsen, oder er bräche das Genick, dann müsse mir der Reiter den Wert ersetzen. Es passierte ihm jedoch nicht das Geringste. Er lieferte Stückchen, die noch nie ein Pferd geleistet hat, ohne Hals und Bein zu brechen; aber er kam immer mit heiler Haut davon. Tag für Tag unternahm er Sachen, die man sonst für unmöglich hielt, setzte aber alles durch. Manchmal verrechnete er sich allerdings ein klein wenig und brachte den Reiter in Schaden; aber ihm selbst wurde nie ein Haar gekrümmt. Natürlich hätte ich längst den Versuch gemacht, ihn zu verkaufen, doch fand dieses naive Unternehmen sehr wenig Anklang. Vier Tage lang raste der Auktionator auf ihm in den Straßen auf und ab, wobei er die Leute auseinanderjagte, den Verkehr störte und Kinder zu Boden ritt, ohne irgend ein Gebot zu erhalten – wenigstens kein anderes als die achtzehn Dollars, die ein von ihm gedungener, notorisch vermögensloser Bummler bot. Die Leute lachten nur in aller Freundlichkeit, bezwangen aber ihre Kauflust, falls eine solche überhaupt bei ihnen vorlag. Darauf behändigte mir der Auktionator seine Rechnung und zog den Gaul vom Markte zurück. Nun suchten wir denselben aus freier Hand loszuschlagen, indem wir ihn mit Verlust gegen ausrangierte Grabsteine, altes Eisen, Mäßigkeitstraktätchen – kurz gegen irgend welche Ware in Tausch anboten. Allein die Eigentümer so schöner Sachen waren auf ihrer Hut und aus dem Geschäft wurde nichts. Nie mehr machte ich den Versuch, den Gaul zu reiten. Für einen Menschen, wie ich, der nur über Brüche, innere Schäden u. dgl. zu klagen hatte, reichte das Gehen zur Bewegung vollständig hin. Endlich versuchte ich ihn zu verschenken, aber auch das verfing nicht. Die Leute meinten, an der Meeresküste seien die Erdbeben billig genug zu haben – sie wollten sich nicht selber eins anschaffen. Zuletzt verfiel ich darauf, ihn dem Gouverneur zum Gebrauch für die Brigade anzubieten. Im ersten Augenblick leuchtete sein Gesicht vor Begier auf, nahm aber bald wieder einen gleichgültigeren Ausdruck an, – er meinte, die Sache wäre denn doch gar zu durchsichtig.

Gerade um diese Zeit brachte der Inhaber des Mietstalles mir seine Rechnung für sechswöchige Pflege des Gauls – Stallraum fünfzehn Dollars, Heu zweihundertfünfzig! Der echte mexikanische Stöpsel hatte eine Tonne Heu gefressen, und der Mann behauptete, wenn er ihm den Willen gelassen hätte, würde er wohl hundert Tonnen aufgefressen haben.

Ich will hier in allem Ernste bemerken, daß der gewöhnliche Preis des Heus während dieses und eines Teils des folgenden Jahres wirklich zweihundertfünfzig Dollars die Tonne betrug. Im vergangenen Jahre hatte die Tonne bisweilen fünfhundert Dollars in Gold gekostet, und im Winter vorher war der Artikel so knapp, daß kleine Vorräte gelegentlich achthundert Dollars die Tonne eingebracht hatten! Die Folgen lassen sich leicht erraten: Die Leute trieben ihr Vieh hinaus und überließen es dem Hungertode; noch ehe der Frühling ins Land kam, waren die Thäler von Carson und Gagle mit den Leichnamen der Tiere förmlich übersäet. Jeder alte Ansiedler wird dies bestätigen. Ich ermöglichte es, die Mietstallrechnung zu zahlen, und noch am selben Tage schenkte ich den ›echten mexikanischen Stöpsel‹ einem vorüberziehenden Auswanderer aus Arkansas.

Sechstes Kapitel.

Sechstes Kapitel.

Von Virginia nach San Francisco.

Nun war ich lange genug Berichterstatter bei dem ›Enterprise‹ gewesen und sehnte mich nach Abwechslung. Es befriedigte mich nicht mehr, jährlich einmal nach Carson City zu gehen, um über die Gerichtsverhandlungen zu schreiben und alle drei Monate einmal wegen der Wettrennen und Kürbisausstellungen. Man hatte nämlich im Washoe-Eounty angefangen, Kartoffeln und Kürbisse zu bauen; natürlich gehörte dazu vor allem eine landwirtschaftliche Ausstellung, deren Kosten 10,000 Dollars betrugen, während für 40 Dollars Kürbisse zu sehen waren.

Ich wollte irgendwo anders hin, womöglich nach San Francisco. Was ich eigentlich wollte, wußte ich selber nicht; ich hatte das ›Frühlingsfieber‹ und brauchte wahrscheinlich eine Luftveränderung. Wenn die Bergwerksanteile, welche ich befaß, hunderttausend Dollars wert waren, was nach meiner Ansicht bald der Fall sein mußte, gedachte ich sie zu verkaufen und heimzukehren. Zwar war das eine weit geringere Summe, als ich erwartet hatte, aber füglich konnte ich mich doch anständigerweise damit begnügen, ohne zu fürchten, in Not zu geraten.

Die erste Veränderung verschaffte mir mein Vorgesetzter, Herr Goodman, welcher auf eine Woche verreiste und mich als Hauptredakteur zurückließ. Das war mein Verderben. Den ersten Tag schrieb ich meinen Leitartikel am Morgen. Am zweiten Tag fehlte mir ein Thema und ich verschob die Arbeit bis zum Nachmittag, den dritten Tag nahm ich sie erst am Abend vor und schrieb einen prächtigen Artikel aus der ›Amerikanischen Encyklopädie‹ ab, die eine getreue Freundin der Redakteure im ganzen Lande ist. Am vierten Tage trödelte ich bis Mitternacht und nahm wieder meine Zuflucht zur Encyklopädie. Am fünften Tage zermarterte ich mir das Hirn und ließ die Presse warten, bis ich einen erbitterten Ausfall gegen sechs verschiedene Privatpersonen zu Papier gebracht hatte. Den sechsten Tag arbeitete ich im Schweiße meines Angesichts bis tief in die Nacht hinein und doch kam nichts zu stande; die Zeitung mußte ohne Leitartikel erscheinen. Am siebenten Tage gab ich es von vornherein auf. Am achten kam Herr Goodman wieder und fand sich in sechs Duelle verwickelt. Meine erbitterten Anzüglichkeiten hatten Früchte getragen.

Nur wer selbst einmal Redakteur gewesen ist, weiß, was das heißt. Es ist leicht, aus andern Zeitungen Ausschnitte zu machen oder allerlei Lokalzeug zusammenzuschreiben, wenn man die Thatsachen vor sich hat, aber es ist unendlich schwer, Leitartikel zu verfassen. Die Themas sind schuld daran – das heißt, der häufige Mangel derselben. Tag für Tag plagt und quält man sich, zerbricht sich den Kopf und leidet namenlos – die ganze Welt ist öde und leer und doch müssen die Spalten des Blattes gefüllt werden. Weiß der Redakteur nur, worüber er schreiben soll, so ist seine Arbeit gethan, den Artikel abzufassen ist ein Kinderspiel; aber man stelle sich nur einmal vor, was es heißt, zweiundfünfzig Wochen lang jeden Tag sein Gehirn auszupumpen – der bloße Gedanke daran ist niederschmetternd. Was der Redakteur eines Tageblatts in Amerika im Laufe eines Jahres zusammenschreibt, würde sieben bis acht dicke Bände füllen, in zwanzig Jahren wäre das eine ganze Bibliothek. Was will dagegen die Fruchtbarkeit von Schriftstellern wie Scott, Dickens, Bulwer und Dumas sagen? Ja, wenn sie so massenhaft produziert hätten wie ein Zeitungsredakteur, dann könnte man sie wohl mit Recht anstaunen.

Wie diese Menschen es aushalten, ihre entsetzliche Arbeit und den ungeheuern Verbrauch von Gehirnsubstanz jahraus jahrein fortzusetzen, ist unbegreiflich, denn ihre Beschäftigung besteht nicht etwa in einem mechanischen Zusammentragen von Thatsachen, sie erfordert schöpferische Kraft. Wenn ein Pfarrer allwöchentlich zwei Predigten zu schreiben hat, findet er das auf die Dauer so angreifend, daß er im Sommer zwei Monate Ferien haben muß. Das ist auch ganz in der Ordnung. Aber ein Redakteur schreibt über zehn bis zwanzig Texte jede Woche, zehn bis zwanzig ausführliche Artikel, und fährt das ganze Jahr hindurch ohne Unterbrechung damit fort – eine unerhörte Leistung! Seit ich meine Woche als Redakteur überlebt habe, nehme ich keine Zeitung in die Hand, ohne die langen Spalten des Leitartikels mit Vergnügen zu betrachten und mich im stillen zu wundern, wie zum Henker man es nur fertig bringt.

Herrn Goodmans Rückkehr befreite mich von aller Beschäftigung, denn Berichterstatter wollte ich nicht wieder werden. Wie hatte ich auch als Gemeiner in der Armee dienen können, nachdem ich einmal Feldherr gewesen war? So beschloß ich denn, die Stadt zu verlassen und in die weite Welt zu gehen. Gerade als dies bei mir feststand, erzählte mir mein Kollege Dan eines Tages beiläufig, er sei von zwei Herren aufgefordert worden, mit nach New-York zu gehen, um ihnen beim Verkauf einer reichen Silbergrube zu helfen, die sie in einem neuen Bergwerksdistrikt unserer Gegend entdeckt hatten. Er sollte die Reisekosten vergütet erhalten und ein Dritteil des bei dem Verkauf zu erzielenden Gewinns. Dies Anerbieten, welches mir im höchsten Grade erwünscht gewesen wäre, hatte Dan ausgeschlagen und als ich schalt, daß er mir nicht früher etwas von der Sache gesagt habe, war er höchlich verwundert, daß ich aus Virginia fort wolle; er habe den Herren geraten, sich an Marshall, den Berichterstatter der andern Zeitung zu wenden.

Ich erkundigte mich nun des Näheren bei Dan, ob es sich auch nicht etwa um einen Schwindel handle und ob die Grube wirklich und wahrhaftig vorhanden sei, worauf er erwiderte, die Herren hätten ihm neun Tonnen des Gesteins gezeigt, das sie mit nach New-York nehmen wollten. Er könne getrost versichern, daß er in ganz Nevada noch keine so erzhaltigen Proben gesehen habe; auch für das nötige Bauholz und den Platz zur Errichtung des Pochhammers in der Nähe der Grube sei bereits Sorge getragen. Als ich das hörte, hätte ich Dan am liebsten umgebracht, doch stand ich trotz meines Ärgers davon ab, denn vielleicht war noch nicht alle Hoffnung verloren. Dan behauptete das wenigstens; er sagte, die Herren seien jetzt wieder nach ihrer Grube gereist und würden frühestens in zehn Tagen zurückkehren. Er habe versprochen, ihnen nach ihrer Zurückkunft Marshall oder sonst jemand als Bewerber vorzustellen. Er wolle niemand weiter etwas von der Sache sagen, bis sie wieder kämen und dann meine Person in Vorschlag bringen.

Das war eine herrliche Aussicht. Ich legte mich an jenem Abend in fieberhafter Aufregung zu Bette. Bisher war es noch niemand eingefallen, nach dem Osten zu reisen, um eine Silbergrube in Nevada zu verkaufen. Eine Mine, wie sie Dan beschrieb, mußte in New-York im Handumdrehen Abnehmer finden und eine fürstliche Summe einbringen. Schlafen konnte ich nicht, meine Einbildungskraft schwelgte in den glänzendsten Luftschlössern.

Dan hatte versprochen, genau acht zu geben, wann die Herren wiederkämen, und so fuhr ich denn am nächsten Tage frohen Mutes mit der Postkutsche nach Kalifornien ab. Es fehlte auch nicht an den Abschiedsfeierlichkeiten für mich, wie sie dort bei der Abreise eines alten Bürgers üblich sind. Wenn man im Westen nur ein halbes Dutzend Freunde hat, so machen sie Lärm genug für hundert, damit es nur nicht so aussieht, als würde man ganz vernachlässigt und müßte ohne Sang und Klang von dannen ziehen.

Nicht ohne Bedauern schied ich von der Stadt, in welcher ich mich meines Lebens gefreut hatte, wie nie zuvor. Mir ahnte wohl, daß ich der winzigen Flagge für immer Lebewohl sagte, die nicht größer als das Taschentuch einer Dame von dem höchsten Gipfel des Mount Davidson herunterwehte, zweitausend Fuß über den Dächern von Virginia. In Wirklichkeit war die Fahne dreißig Fuß lang und zehn Fuß breit.

Wir rollten durch Thal und Ebene dahin, klommen in den Sierras bis zu den Wolken empor und schauten herab auf Kalifornien im Sommerkleide. Will man die kalifornische Landschaft im höchsten Reize sehen, so muß man sie aus der Ferne betrachten. Zwar läßt sich die Erhabenheit und Majestät der Berge von jedem Standpunkt aus bewundern, erst die Ferne aber verleiht ihnen reichere Farben und läßt ihre rauhen, zerrissenen Formen weniger schroff erscheinen. Auch der kalifornische Wald macht sich am besten in der Entfernung; da er meist Baumarten von ein und derselben Familie enthält: Weißtannen und Rottannen, Sprossenfichten und Föhren, so bieten sie von nahe gesehen ein ermüdendes Einerlei; alle strecken ihre starren Arme nach unten und zur Seite, als wollten sie den Menschen immer und immer wieder warnend zurufen: »Bst! hier wird nicht gesprochen – sonst stört ihr jemand.« Auch daß es ewig nach Pech und Terpentin riecht, macht einen trostlosen Eindruck und man wird ganz schwermütig von dem fortwährenden Seufzen und Klagen in den Wipfeln. Schreitet man geräuschlos über den Teppich von zerstampfter gelber Rinde und toten Nadeln, so kommt man sich vor wie ein irrender Geist mit lautlosem Fußtritt. Die ewigen Nadelbüschel wird der Wanderer endlich überdrüssig und sehnt sich nach richtigen, wohlgeformten Blättern; er möchte sich auf Moos oder Gras lagern und findet keines, denn überall wo der Boden nicht von Nadeln bedeckt ist, giebt es nur nackten Lehm und Schmutz, was weder für träumerisches Sinnen noch reinliche Kleidung günstig ist. Zwar besitzt Kalifornien auch Grasebenen, doch nehmen sie sich ebenfalls besser in der Entfernung aus, denn die Grashalme sind zwar hoch, stehen aber steif und selbstbewußt da, ungesellig weit von einander, mit Flecken dürren Sandes dazwischen.

Es gehört zu dem Wunderlichsten, was ich kenne, wenn Reisende aus den Staaten Neuenglands über die Lieblichkeit des ›immerblühenden Kaliforniens‹ schwärmen. Sie würden ihre Begeisterung vielleicht mäßigen, wüßten sie, mit wie anbetender Bewunderung alte Kalifornier die Landschaften des Ostens anstaunen. Das glänzende Grün in seiner verschwenderischen Fülle und saftigen Frische, der üppige Reichtum des Laubes mit den mannigfaltigen Blätterformen und Arten erscheint ihnen wie ein Blick ins Paradies im Vergleich zu den staubbedeckten, mißfarbenen Sommergewächsen Kaliforniens. Über dies ernste, düstere Land in Entzücken zu geraten, wenn man die Wiesenflächen Neuenglands, seine Eichen-, Ahorn- und Ulmenbäume im Sommerschmuck gesehen hat, oder die vielfarbige Pracht des Herbstes, in der seine Wälder strahlen – wäre einfach lächerlich, wenn es nicht etwas so Rührendes hätte.

Kein Land mit unveränderlichem Klima kann sehr schön sein. Nicht einmal die Tropen sind es, man mag von ihrem Zauber schwärmen so viel man will. Sie berücken uns wohl zuerst, aber der Reiz schwindet allmählich bei dem ewigen Einerlei. Die Natur bedarf des Wechsels, um alle ihre Wunder zu entfalten. In einem Lande, das vier wohl abgegrenzte Jahreszeiten hat, kann es weder Eintönigkeit geben noch Mangel an Schönheit. Jede Jahreszeit birgt dort eine Welt von Freude und Interesse, die sich vor uns enthüllt, sich stufenweise und harmonisch zu immer reicherer Schönheit entwickelt und, wenn man anfängt, sie satt zu bekommen, rechtzeitig verschwindet, um etwas völlig anderem Platz zu machen, das den Naturfreund durch neue Pracht und Herrlichkeit zu bezaubern weiß.

*

San Francisco ist eine Stadt, in der es sich prächtig lebt; es nimmt sich in gehöriger Entfernung auch stattlich und hübsch aus, von nahe gesehen merkt man aber, daß die Bauart meist altmodisch ist. Viele Straßen bestehen aus verfallenen, rauchgeschwärzten, hölzernen Häusern, und die öden Sandhügel in der nächsten Umgebung fallen gar zu sehr ins Auge. Selbst das heitere Klima macht sich bisweilen angenehmer, wenn man davon liest, als wenn man es persönlich kennen lernt; ein klarer, wolkenloser Himmel verliert mit der Zeit seinen Reiz, doch wenn der ersehnte Regen endlich eintritt, so bleibt er um so länger. Ein Erdbeben ist zwar lustig, doch thut man auch besser daran, es von ferne zu betrachten. Hierüber sind jedoch die Ansichten verschieden.

Das Klima von San Francisco ist, wie gesagt, mild und gleichmäßig; während des ganzen Jahres steht das Thermometer ungefähr auf siebzig Grad F., es wechselt kaum jemals. Sommer und Winter schläft man unter einer leichten Decke und braucht nie ein Moskitonetz. Man trägt keinen Sommeranzug, sondern schwarze Tuchkleider, wenn man sie hat, im August wie im Januar; zieht keinen Überrock an und bedarf keines Fächers. In den Sommermonaten ist es zwar oft windig, aber wer das nicht liebt, kann nach Oakland hinübergehen, nur ein paar Meilen weit, wo gar kein Wind weht. In neunzehn Jahren hat es in San Francisco nur zweimal geschneit und selbst dann blieb der Schnee nur lange genug auf dem Boden liegen, daß die Kinder sich verwundert fragen konnten, was das wohl für federiges Zeug sein möchte.

Acht Monate hinter einander ist der Himmel hell und wolkenlos, da fallt kein Tropfen Regen. Wer aber keinen Regenschirm hat, wenn die andern vier Monate kommen, muß sich einen stehlen, denn ohne den geht es nicht. Man braucht ihn nicht etwa nur einen Tag, sondern hundertundzwanzig Tage nach einander ohne Ausnahme. Will man einen Besuch machen, in die Kirche oder ins Theater gehen, so sieht man nicht nach den Wolken, ob Regen droht oder nicht, man fragt nur den Kalender. Ist es Winter, so regnet es, ist es Sommer, so regnet es nicht, dagegen läßt sich nichts machen. Blitzableiter sind nicht vonnöten, denn es giebt keine Gewitter. Hat man sechs bis acht Wochen lang gehört, wie der Regen gleichförmig und trübselig herniederströmt, dann wünscht man von ganzem Herzen, der Donner möchte einmal durch die schläfrigen Himmelsräume rollen und krachen und brüllen, damit alles lebendig würde, der Blitz möchte das düstere Firmament zerreißen und es nur auf einen einzigen Augenblick mit blendendem Glanz erhellen. Was würde man nicht darum geben, den lieben alten Donner zu hören und zu sehen, wie jemand vom Blitz erschlagen wird! – Und hat man im Sommer vier Monate hindurch den grellen, mitleidslosen Sonnenschein erduldet, so möchte man auf den Knieen um Regen, Hagel, Schnee, Donner und Blitz flehen – um irgend eine Abwechslung in dem trostlosen Einerlei; – sogar mit einem Erdbeben wäre man zufrieden, wenn man nichts Besseres haben kann, und das ist noch am ersten zu bekommen.

San Francisco ist auf Sandhügeln erbaut, aber es sind fruchtbare Sandhügel, die einen reichen Pflanzenwuchs erzeugen. Die seltenen Blumen, welche die Leute im Osten sorgfältig in Treibhäusern und Töpfen ziehen, gedeihen dort das ganze Jahr hindurch unter freiem Himmel in üppiger Fülle: Kallas, Geranien, Passionsblumen, Moosrosen – ich weiß nicht den zehnten Teil von allen Namen. Wenn m New-York alles von Schnee und Eis starrt, bedeckt sich der Boden in Kalifornien mit Blumen und Blüten; der Mensch braucht nur alles wachsen zu lassen wie es will, ohne sich hineinzumischen.

Ich habe an einer anderen Stelle von dem ewigen Winter in Mono gesprochen und jetzt eben von dem endlosen Frühling in San Francisco. Reist man nun etwa hundert Meilen in direkter Linie weiter, so kommt man in den fortwährenden Sommer von Sacramento. In San Francisco hat man weder Sommerkleider noch Moskitos, aber in Sacramento ist beides zu finden. Nicht immer und ohne Aufhören, aber im Laufe von zwölf Jahren etwa 143 Monate lang. Der Leser kann sich leicht vorstellen, daß dort immer Blumen blühen, daß die Menschen morgens, mittags und nachts schwitzen, fluchen und ihre beste Lebenskraft damit verbrauchen, sich Luft zuzufächeln. Es ist dort heiß, aber wenn man nach Fort Duma hinunterkommt, dürfte man es noch heißer finden. Dort steht das Thermometer fast unabänderlich auf 120 Grad (Fahrenheit) im Schatten, ausgenommen, wenn es noch höher steigt. Dieser heißeste Ort der Erde ist ein Militärposten der Vereinigten Staaten und seine Bewohner gewöhnen sich so an die schreckliche Hitze, daß sie es ohne dieselbe nicht aushalten können. Die Sage erzählt, daß dort einst ein gottloser Soldat starb und natürlich sofort in den heißesten Winkel der Hölle hinunterfuhr. Und siehe da, am nächsten Tage telegraphierte er zurück, man möge ihm seine Decken schicken! – Die Wahrheit dieser Überlieferung ist nicht zu bezweifeln; ich habe selbst die Schenke gesehen, in welche der Soldat einzukehren pflegte.

In dem beständigen Sommerwetter von Sacramento kann der Reisende um acht oder neun Uhr morgens Rosen pflücken, Erdbeeren und Gefrorenes essen, sich in weiße Leinwand kleiden, nach Luft schnappen und schwitzen. Setzt er sich dann auf die Eisenbahn, so kann er um 12 Uhr den Pelz anziehen, die Schlittschuhe anschnallen und über den gefrorenen Donner-See dahinschweben, 7000 Fuß über dem Thal, zwischen fünfzehn Fuß hohen Schneewehen und in unmittelbarer Nähe der gewaltigen Berggipfel, die ihre eisigen Klippen 10 000 Fuß über der Meeresfläche erheben. In der ganzen westlichen Hemisphäre findet sich nirgends ein so plötzlicher Übergang. Die Eisenbahn fährt in kühnen Windungen durch die schneebedeckte Gegend 6000 Fuß über dem Meere bis zum Stillen Ozean. Wie ein Vogel aus der Luft schaut man herab auf den ewigen Sommer des Sacramento-Thales, das mit seinen fruchtbaren Feldern, seinen blühenden Bäumen und seinen Silberströmen in den weichen Duft der Atmosphäre eingehüllt ruht. Auf dies köstliche, traumhafte Bild aus dem Feenland blickt der Reisende durch ein furchtbares Thor von Eis und Schnee, durch wilde Klüfte und Abgründe – ein wirkungsvoller Gegensatz, der den Eindruck mächtig erhöht.

Siebentes Kapitel

Siebentes Kapitel

Goldgräber.

Das eben geschilderte Thal des Sacramento war der Schauplatz der ersten und ergiebigsten Goldgräbereien. Noch jetzt sieht man viele Stellen in der Ebene und am Bergabhang, wo die Habgier jener Zeit das Erdreich aufgewühlt und ausgehöhlt hat, um nach Beute zu suchen; solche Verunstaltungen der Gegend findet man in Kalifornien weit und breit. Man kommt auch durch Strecken, wo sich jetzt nur Wiesen und Wälder ausdehnen, wo man kein Haus, kein lebendes Wesen erblickt, nicht einmal die Balken oder Steine eines verfallenen Gebäudes und kein Laut die Sabbatstille umher unterbricht. Da ist es schwer, sich vorzustellen, daß dort vor Jahren ein rasch emporgeblühtes Städtchen gestanden hat, mit zwei- bis dreitausend Einwohnern, die ihre Zeitung, ihre Feuerwehr, eine Musikkapelle, ein Freiwilligenkorps, Gasthäuser, eine Bank und Spielhöllen besaßen, wo Männer aus allen Nationen der Erde mit struppigen Bärten rauchten und fluchten, und wo der Goldstaub, der sich an den Spieltischen anhäufte, mehr wert war, als die Einkünfte eines deutschen Fürstentums.

Das Leben wogte geschäftig hin und her in den Straßen, man verkaufte Bauplätze zu vierhundert Dollars den Fuß, es wurde dort gearbeitet, gelacht, getanzt, Musik gemacht, gezecht, gerauft und Dolch und Revolver gehandhabt. Alles war vorhanden, was zum Blühen und Gedeihen einer neuerstandenen Stadt nötig und förderlich ist, was das Leben schmückt und erfreut – und jetzt sieht man dort nichts als eine verlassene, wüste Einöde, die Menschen sind fort, von den Häusern ist keine Spur geblieben, sogar der Name des Orts vergessen. Nirgends in der Welt sind in unserm Jahrhundert Städte so völlig vom Erdboden verschwunden, wie in den alten Goldgräbergegenden von Kalifornien.

In jenen Tagen aber herrschte ein rastloses Drängen und Treiben, Hasten und Arbeiten unter der eigenartigen, zusammengewürfelten Bevölkerung des damaligen Kalifornien, wie sie sich schwerlich jemals wieder irgendwo beisammen finden wird. Sie bestand aus zweihunderttausend jungen Männern, nicht gezierten, verwöhnten, behandschuhten Schwächlingen, sondern kräftigen, muskelstarken, tapfern und unerschrockenen Leuten, voll Mut und Thatkraft, die mit allen Eigenschaften, welche wahrer Männlichkeit zu Schmuck und Zier gereichen, im vollsten Maße ausgestattet waren, die Auserlesensten unter den Herren der Schöpfung. Man sah dort weder Frauen noch Kinder, noch gebückte, hinfällige Greise, nur junge Riesengestalten mit aufrechtem Gang, hellem Blick, starker Hand und geschmeidigen Gliedern. Ein schönes, ein herrliches Volk, die tapfersten Scharen, welche jemals in die menschenleeren Einöden eines noch unbekannten Landes einzogen. Und wo sind sie nun? – Zerstreut nach allen Enden der Welt, vorzeitig gealtert und verkommen, bei einem Straßenaufruhr ermordet, an gebrochenem Herzen und getäuschten Hoffnungen gestorben – alle dahin, als Opfer auf dem Altar des goldenen Kalbes verblutet. Es ist ein jammervoller Gedanke.

Nur starke, beherzte Männer waren ausgezogen, die Faulen, Schwerfälligen und Trägen hatten sie daheim gelassen; die kann man als Pioniere nicht gebrauchen, dazu gehören Leute von anderm Schrot und Korn. Aber wild ging es damals unter ihnen her. Sie schwelgten in Gold und Branntwein, in Raufereien und beim Fandango und waren unaussprechlich glücklich. Ein wackerer Goldgräber holte sich täglich seine hundert bis tausend Dollars aus dem Boden. Wenn dann die Spielhöllen und andern Vergnügungslokale dafür sorgten, daß er bis zum nächsten Morgen keinen Cent mehr in der Tasche hatte, konnte er noch von Glück sagen. Die Leute kochten sich selbst ihr Gericht Speck mit Bohnen, nähten sich die abgerissenen Knöpfe an und wuschen ihre blauwollenen Hemden. Wer öffentlich mit weißer Wäsche und einem hohen Hut erschien, ward in eine Schlägerei verwickelt, ehe er sich’s versah. In dieser wilden, freien, zügellosen Gesellschaft waren alle Aristokraten verhaßt, auch ließ sich weder ein ganz jugendliches, noch ein weibliches Element dort jemals blicken. Man sagt, die Goldgräber hätten sich oft scharenweise versammelt, wenn es galt, das für sie seltsamste und herrlichste Schauspiel, den Anblick eines Weibes, zu genießen.

In einem ihrer Lager verbreitete sich einmal am Morgen die Nachricht, daß ein Weib angekommen sei. Man hatte aus einem Wagen auf dem Lagerplatz ein Kattunkleid heraushängen sehen – es mochten wohl Auswanderer von der großen Ebene jenseits der Berge hergekommen sein. Alles drängte sich nach dem Wagen, und als man ein wirkliches Kleid im Winde flattern sah, entstand ein großes Geschrei, bis der Auswanderer erschien. Dann hieß es wie aus einem Munde:

»Bringt sie heraus!«

Er erwiderte: »Es ist meine Frau, ihr Herren, sie ist krank, die Indianer haben uns alles geraubt, Geld und Mundvorrat – wir bedürfen der Ruhe.«

»Bringt sie heraus, wir müssen sie sehen!«

»Aber ihr Herren, das arme Ding kann nicht –«

»Bringt sie heraus!«

Als er ihnen endlich den Willen that, schwenkten sie die Hüte in der Luft und brachten ein dreimaliges donnerndes Hoch aus, dann umringten sie alle, betrachteten sie, berührten ihre Kleider und horchten auf den Ton ihrer Stimme. Die Frau schien für sie mehr eine Erinnerung aus früherer Zeit, als etwas Wirkliches, Lebendiges zu bedeuten. Zuletzt brachten sie die Summe von 2500 Dollars in Gold zusammen, händigten sie dem Manne ein, schwenkten abermals die Hüte, riefen wieder dreimal Hoch und gingen befriedigt ihrer Wege.

*

Ich speiste einmal bei einem Herrn, der mir ein Abenteuer erzählte, welches seiner Tochter begegnet war, als die Familie zuerst in San Francisco landete. Die junge Dame selbst erinnerte sich nicht mehr daran, da sie zwei Jahre zählte, als sich diese wahre Geschichte zutrug. Sie waren gerade vom Schiff gekommen und gingen die Straße hinunter, voran die Dienerin mit der Kleinen auf dem Arm. Da trat ihnen ein riesiger Goldgräber entgegen mit großem Bart und breitem Gürtel, der über und über von Waffen starrte. Augenscheinlich kam der Mann soeben von einem längeren Aufenthalt im Gebirge zurück. Er hielt die Dienerin an und betrachtete sie mit Staunen und Wohlgefallen. Nach einer Weile sagte er in ehrerbietigem Ton: »Wahrhaftig, ich glaube, das ist ein Kind!« Dann zog er ein Ledersäckchen aus der Tasche und fuhr zur Wärterin gewandt fort:

»Dieser Sack enthält Goldstaub im Wert von hundertfünfzig Dollars. Lassen Sie mich das Kind einmal küssen und Sie sollen ihn haben.«

Wie sich doch die Zeiten ändern. Hätte ich damals, als ich mit bei Tische saß und die Anekdote anhörte, die doppelte Summe für die Erlaubnis geboten, dies selbe Kind küssen zu dürfen, man würde es mir abgeschlagen haben. Der Preis hatte sich in den siebzehn Jahren, welche seitdem verflossen waren, sehr beträchtlich gesteigert.

*

Hier will ich noch erwähnen, daß ich einmal bei meinem Aufenthalt in Star City im Humboldt-Gebirge mit einer Schar von Bergleuten im Gänsemarsch aufmarschiert bin, um durch den Spalt einer Hütte zu sehen, worin ein ganz neues, wunderbares Schauspiel unser wartete, nämlich der Anblick einer wirklichen, lebendigen Frau. Als endlich nach einer halben Stunde geduldigen Harrens die Reihe an mich kam, durch die Spalte zu gucken, stand sie richtig da, die eine Hand in die Seite gestemmt und beschäftigt, mit der andern Pfannkuchen zu stürzen. Sie sah aus, als sei sie hundertfünfundsechzig Jahre alt und hatte keinen Zahn mehr im Munde.

Achtes Kapitel.

Achtes Kapitel.

Erdbeben.

Einige Monate führte ich nun ein wahres Schmetterlingsdasein, wie ich es früher nie gekannt. Ich lebte in süßem Nichtsthun, war niemand verantwortlich und der Geldpunkt machte mir keine Sorgen. Nach den Alkaliwüsten und der öden Salbeigegend von Washoe erschien mir San Francisco wie ein Paradies und ich verliebte mich sterblich in diese Stadt herzlichster Geselligkeit.

Ich wohnte im besten Hotel, trug meine neuen Kleider auf allen Hauptplätzen und Straßen zur Schau, ging jeden Abend in die Oper und lernte von den Klängen der Musik hingerissen zu scheinen, die mein ungeschultes Ohr häufiger verletzten als bezauberten. Wenn ich nicht die gemeine Ehrlichkeit besaß, dies einzugestehen, so bin ich vermutlich in diesem Punkte nicht schlimmer als die meisten meiner Landsleute. Ich besuchte Privatgesellschaften im prächtigsten Ballanzug, that zimperlich, entfaltete meine ganze natürliche Anmut wie ein geborener Stutzer und tanzte Polka und Schottisch mit einem Schritt, der mir eigentümlich ist – mir und dem Känguruh. – Kurz, ich lebte als Schmetterling, wonach ich mich längst gesehnt hatte, und trat wie ein Mann auf, der (voraussichtlich) seine hunderttausend Dollars besaß und wahrscheinlich zu unbeschränktem Überfluß gelangen würde, sobald der Verkauf jener Silbermine im Osten zum Abschluß kam. Inzwischen streute ich mein Geld reichlich umher, beobachtete das Steigen und Fallen der Aktien mit lebhaftem Interesse und behielt nebenbei im Auge, was sich in Nevada zutrug.

Dort ereignete sich etwas sehr Wichtiges. Die besitzende Klasse stimmte gegen die Staatsverfassung, aber die Leute, welche nichts zu verlieren hatten, waren in der Majorität und setzten die Annahme der Verfassung durch. Das war ohne Frage ein Unglück, obgleich es anfangs nicht so aussah. Ich schwankte hin und her, berechnete die möglichen Veränderungen des Geldmarktes und entschied mich endlich dafür, nicht zu verkaufen.

Die Aktien stiegen höher und höher und es begann ein tolles Spekulationsfieber. Bankiers, Kaufleute, Advokaten, Ärzte, Handwerker, Tagelöhner, selbst Waschfrauen und Dienstmädchen legten ihre Ersparnisse in Silberkuxen an. Die Spielwut hatte sich der ganzen Bevölkerung bemächtigt. Jede Sonne, die am Morgen aufging, schien beim Untergang auf Bettler, welche reich geworden und auf Reiche, die an den Bettelstab gebracht waren. Die Gould- und Curry-Kuxe stiegen bis auf 6300 Dollars der Fuß; dann nahm die ganze Herrlichkeit plötzlich ein jähes Ende und alle Welt war zu Grunde gerichtet. Ein schrecklicher Schiffbruch! Das Faß hatte den Boden verloren, es blieb kaum ein Tropfen daran hängen. Ich war unter den ersten, die gründlich an den Bettelsack kamen. Meine sämtlichen Aktien konnte ich einfach wegwerfen, sie galten nicht einmal so viel wie das Papier, auf dem sie gedruckt waren. Ich hatte als glücklicher Narr mit dem Geld um mich geworfen und geglaubt, das Mißgeschick könne mich nicht erreichen; jetzt besaß ich keine fünfzig Dollars mehr im Vermögen, nachdem meine Schulden zusammengerechnet und bezahlt waren.

Ich verließ das Hotel, bezog ein sehr bescheidenes Kosthaus, nahm eine Stelle als Zeitungsschreiber an und machte mich an die Arbeit. Noch war mir nicht jede Hoffnung geschwunden, denn ich baute zuversichtlich auf den Verkauf der Silbermine im Osten. Mein Freund Dan ließ jedoch nichts von sich hören; entweder gingen meine Briefe alle verloren, oder sie blieben ohne Antwort.

Eines Tages fühlte ich mich wenig aufgelegt, meine Beschäftigung vorzunehmen und ging nicht ins Bureau. Als ich mich tags darauf wie immer gegen Mittag dort einstellte, fand ich auf meinem Pult ein Briefchen, das schon vierundzwanzig Stunden da gelegen hatte. Es war ›Marshall‹ unterzeichnet und enthielt die Bitte, ihn und seine Gefährten am Abend im Hotel zu besuchen. Sie seien auf der Durchreise nach dem Osten begriffen und wollten am nächsten Morgen absegeln. Es handle sich um eine große Bergwerksspekulation.

So außer mir bin ich in meinem ganzen Leben nicht gewesen. Ich schalt mich einen Thoren, daß ich von Virginia fortgegangen war und einem andern die Sache überlassen hatte, statt sie selbst in die Hand zu nehmen. Ich war wütend, daß ich gerade den einzigen Tag im Jahre aus dem Bureau wegbleiben mußte, an dem ich hätte dort sein sollen. Unter allerlei Selbstvorwürfen trabte ich eine Meile weit bis zum Hafen und kam richtig gerade an als es zu spät war. Das Schiff war bereits abgefahren und unter Segel.

Zunächst tröstete ich mich mit dem Gedanken, daß vielleicht bei der Spekulation nichts herauskommen würde, jedenfalls ein armseliger Trost; dann nahm ich mein Sklavenjoch wieder auf, entschlossen, mich mit meinen 33 Dollars die Woche zu begnügen und mir die Sache aus dem Sinn zu schlagen.

*

Einen Monat später genoß ich mein erstes Erdbeben, welches noch lange nachher das ›große Erdbeben‹ genannt wurde. Es war an einem hellen Oktobersonntag, als ich kurz nach zwölf Uhr die dritte Straße herunterkam. Um diese Stunde war in dem dicht bebauten und bevölkerten Stadtteil weit und breit nichts in Bewegung als ein Mann im Einspänner hinter mir und ein Omnibus, der langsam eine Nebenstraße herauffuhr. Sonst war alles wie gefegt und es herrschte Sabbatstille. Als ich an einem Bretterhaus um die Ecke bog, hörte ich ein großes Krachen und Poltern, es mußte wohl drinnen eine Prügelei vor sich gehen, da gab es gewiß etwas zu berichten. Bevor ich aber noch die Thür gefunden hatte, kam ein wahrhaft entsetzlicher Stoß; der Boden unter mir schien in wellenförmiger Bewegung, dann folgte ein heftiges Heben und Senken und ein dumpfes, knirschendes Geräusch, als würden Backsteinhäuser an einander gerieben. Ich fiel gegen das Bretterhaus und verletzte mich am Ellenbogen. Jetzt wußte ich, was das bedeutete und zog aus reinem Reportertrieb meine Uhr heraus, um mir Zeit und Stunde zu merken. In diesem Augenblick erfolgte ein dritter, weit stärkerer Stoß und während ich noch auf dem Pflaster umhertaumelte, bemüht, mich auf den Füßen zu halten, hatte ich einen Anblick sondergleichen: Die ganze Vorderseite eines vierstöckigen Backsteinhauses ging auf wie eine Thür und stürzte mit lautem Geprassel quer über die Straße, daß der Staub aufwirbelte wie eine mächtige Rauchsäule.

Indessen kam der Einspänner herbei – der Mann flog hinunter und schneller als ich es zu berichten vermag, war das Fuhrwerk in kleinen Stücken längs der dreihundert Meter langen Straße umhergestreut. Der Omnibus hielt an, die Pferde drängten rückwärts und bäumten sich, die Fahrgäste strömten zu beiden Seiten heraus und ein dicker Herr, der mit halbem Leibe durch ein Glasfenster gezwängt und darin festgekeilt war, kreischte wie wahnsinnig, als stecke er am Spieß. Aus jeder Hausthür, soweit das Auge reichte, ergoß sich ein Strom menschlicher Wesen, in einem Moment war die ganze Straße, die ich überblicken konnte, von einer dichtgedrängten Menschenmasse bedeckt. Statt der feierlichen Stille herrschte urplötzlich das wildeste Wogen und Treiben.

Das Erdbeben brachte die wunderlichsten Erscheinungen zu Tage. Herren und Damen, die krank waren, oder gerade ihr Mittagsschläfchen hielten, oder nach durchschwelgter Nacht der Ruhe pflegten, kamen in den seltsamsten Aufzügen auf die Straße gestürzt, viele nur sehr mangelhaft bekleidet oder auch gar nicht. Angesehene Bürger, die für äußerst streng in betreff der Sonntagsheiligung galten, liefen in Hemdärmeln aus den Schenkstuben heraus, das Billard-Queue noch in der Hand. Aus den Barbierstuben flohen zu Dutzenden Leute mit umgebundenen Servietten, bis unter die Augen eingeseift, auf einer Seite noch die Bartstoppeln, während die andere bereits glatt rasiert war. In einem Hotel kam ein bekannter Redakteur, nur mit dem Hemd auf dem Leibe, die Treppe heruntergelaufen. »Was soll ich thun?« jammerte er, »wohin soll ich gehen?«

»Am besten in einen Kleiderladen,« sagte das Zimmermädchen, dem er begegnete, in heiterer Unbefangenheit.

Pferde brachen aus den Ställen und ein Hund sprang in seiner Angst die Bodenleiter zum Dach hinauf, getraute sich aber dann nicht, wieder denselben Weg zurückzukommen. In der Stadt fiel der Bewurf von so vielen Zimmerdecken herab, daß man große Felder damit hätte bestreuen können. Tagelang standen die Leute noch in Gruppen vor den Häusern, welche in breiten Zickzackrissen von oben bis unten zerborsten waren. Ein hundert Fuß langer Spalt that sich in einer Straße sechs Zoll breit auf und schloß sich dann wieder mit solcher Gewalt, daß die Erde sich an der Stelle wie ein Grabhügel aufwölbte. An einem Gebäude waren drei Schornsteine in der Mitte durchgebrochen und so herumgedreht, daß der Rauch keinen Abzug fand. Eine Dame fühlte plötzlich, daß der Salon, in dem sie saß, zu schwanken begann, gleich darauf sah sie, wie die Wand sich oben an der Decke zweimal aufthat und wieder schloß, wobei ein Backstein herunterfiel, wie ein Zahn aus einem offenen Munde. Eine andere Dame, welche die Treppe hinunter eilte, bemerkte zu ihrem Erstaunen, daß sich ein bronzener Herkules auf seinem Fußgestell zu ihr hinneigte, als wollte er sie mit der Keule erschlagen. Statue und Frau erreichten den Fuß der Treppe zu gleicher Zeit, letztere bewußtlos vor Entsetzen.

In einer der Kirchen warf der erste Stoß drei mächtige Orgelpfeifen herunter. Der Geistliche stand gerade mit emporgehobenen Händen da, um den Gottesdienst zu schließen. »Den Segen wollen wir heute fortlassen,« sagte er kurz – und an der Stelle, wo er gestanden hatte, war nur noch ein leerer Raum.

»Bleibt auf euren Sitzen,« ruft ein Prediger in Oakland nach dem ersten Stoß, »wenn ihr sterben sollt, so findet ihr nirgends einen besseren Platz dazu als hier.« Nach dem dritten Stoß fügte er jedoch hinzu: »Aber draußen ist es auch nicht schlecht,« und verschwand durch eine Hinterthür.

Die Frauen und Mädchen der Stadt erlitten schwere Verluste an Fläschchen mit Essenzen, Wohlgerüchen und allerlei Nippessachen, die das Erdbeben auf Kaminsimsen und Toilettentischen zertrümmerte. Aufgehängte Bilder wurden herabgeworfen, oder – was noch häufiger geschah – vom Erdbeben aus mutwilliger Laune so herumgewirbelt, daß die Gesichter der Wand zugekehrt waren. Von dem Schaukeln und Schwanken der Straßen und Fußböden bekamen viele Tausende die Seekrankheit und fühlten sich noch stundenlang nachher schwach und elend; einige litten sogar tagelang an dem Übel und ganz verschont blieb kaum einer.

Bald nach diesem Ereignis traf mich ein recht grausamer Schlag. In einer Nummer des ›Enterprise‹, die ich zufällig zur Hand nahm, fiel mein Blick auf folgende Mitteilung:

Nevada-Bergwerke in New-York.

Ende Juli brachten die Herren G. M. Marshall, Sheba Hurst und Amos Rose Erzproben aus Gruben im Pine-Wood-Distrikt und am Reese-River nach New-York.

Die eine, im Humboldt-County gelegene Grube haben die Eigentümer für den Preis von drei Millionen Dollars verkauft. Zum Betrieb ist bereits ein Kapital von einer Million Dollars eingezahlt worden, und die Maschinen für das große Quarz-Pochwerk, welches sogleich eingerichtet werden soll, sind schon angeschafft. Sämtliche Aktien der Gesellschaft sind vollbezahlt und steuerfrei.

Sheba Hurst, der Entdecker dieser Gruben, hat sich, bevor er seinen Fund veröffentlichte, den Besitz der besten Erzgänge gesichert, sowie den erforderlichen Grund und Boden und das nötige Bauholz. Seine Erzproben ergaben bei der Untersuchung einen außerordentlich reichen Gehalt an Silber und Gold; jedoch ist das Silber vorherrschend. Wir haben die Proben gesehen und uns überzeugt, daß es sich hier um keinen Schwindel handelt und die Gruben jenes Bezirks wirklich sehr wertvoll sind; deshalb vernehmen wir mit Befriedigung, daß sich das New-Yorker Kapital bereitwillig an dem Unternehmen beteiligt.

So hatte denn die mir angeborene Einfalt wieder den Sieg davon getragen und ich, hatte eine Million verloren.

Verweilen wir nicht länger bei dieser kläglichen Geschichte. Hätte ich sie erfunden, so wäre es mir ein Leichtes, sie humoristisch auszuschmücken, da sie aber nur allzu wahr ist, vermag ich sie selbst heutigen Tages noch nicht mit leichtem Herzen zu erzählen, trotzdem sie jetzt so weit hinter mir liegt. Ich will nur noch erwähnen, daß ich allen Mut verlor, mich in thörichtem Murren und Seufzen und fruchtlosem Gram verzehrte, darüber meine Pflichten versäumte und als Berichterstatter einer ›flotten‹ Zeitung kaum mehr zu brauchen war. Zuletzt nahm mich der Eigentümer des Blattes beiseite und erwies mir eine Wohlthat, deren ich mich noch jetzt voll Ehrerbietung erinnere. Er gab mir Gelegenheit auf die Stelle zu verzichten und rettete mich dadurch vor der Schande, meine Entlassung zu erhalten.

Neuntes Kapitel.

Neuntes Kapitel.

Am Bettelstabe.

Eine Zeitlang schrieb ich allerlei Litterarisches für die ›Goldene Ära‹ und andere Blätter. C. H. Webb hatte den ›Kalifornier‹ gegründet, ein ganz vortreffliches Wochenblatt, dessen hoher litterarischer Wert jedoch keine Bürgschaft für den Erfolg war. Das Journal siechte dahin und Webb verkaufte es an drei Drucker. Damals wurde Bret Harte für ein Gehalt von 20 Dollars die Woche Redakteur und ich verpflichtete mich für 12 Dollars allwöchentlich einen Artikel beizusteuern. Da der Absatz aber viel zu wünschen übrig ließ, verkauften die Drucker das Journal an den reichen Kapitän Opden, einen sehr angenehmen Herrn, der sich diesen teuern Luxus gestattete, ohne viel nach den Kosten zu fragen. Er bekam indessen das neue Spielzeug bald satt und gab es den Druckern zurück. Nicht lange darauf starb das Blatt eines sanften Todes und ich war wieder ohne Arbeit.

In den nächsten zwei Monaten hatte ich keine andere Beschäftigung als meinen Bekannten aus dem Wege zu gehen. Ich verdiente keinen Cent, schaffte mir nicht die geringste Kleinigkeit an und bezahlte auch Kost und Wohnung nicht. Dagegen erwarb ich mir eine große Geschicklichkeit, mich überall fortzudrücken. Von einem Hintergäßchen drückte ich mich ins andere; sah ich von fern ein Gesicht, das mir bekannt vorkam, so drückte ich mich; auch zu meinen Mahlzeiten schlich ich gedrückt, aß sie demütig und mit stummer Bitte um Verzeihung für jeden Bissen, den ich meiner großmütigen Wirtin stahl; drückte mich bis Mitternacht herum, jeden Ort vermeidend, wo Helligkeit und Heiterkeit zu finden war und schlich dann zu Bette. Ich kam mir niedriger, erbärmlicher und verächtlicher vor wie ein Wurm. Meine ganze Barschaft bestand in einem silbernen Zehn-Centstück; das hielt ich fest und wollte es um keinen Preis ausgeben, aus Furcht, der Gedanke, daß ich völlig mittellos sei, möchte mich überwältigen. Außer den Kleidern, die ich am Leibe trug, hatte ich alles versetz und so hing ich denn mit verzweifelter Hartnäckigkeit an meinem letzten Geldstück, das schon ganz abgegriffen war, so oft hatte ich es durch die Finger gleiten lassen.

Das Elend liebt Gesellschaft. Dann und wann stieß ich nachts an irgend einem abgelegenen, schwach erleuchteten Ort mit einem andern Kinde des Unglücks zusammen. Der Mensch sah so schmierig und verkommen, so heimatlos, freundlos und verlassen aus, daß ich mich zu ihm hingezogen fühlte, wie zu einem Bruder. Auch er muß wohl eine ähnliche Empfindung gehabt haben, denn die Anziehung war gegenseitig; wenigstens trafen wir uns allmählich häufiger, wenn auch allem Anschein nach noch immer zufällig. Wir sprachen zwar nicht zusammen, ließen auch nicht merken, daß wir einander wiedererkannten, aber sobald wir uns sahen, schwand die dumpfe Beklommenheit aus unserem Gemüt. Wir taumelten dann beide in gemessener Entfernung befriedigt weiter, freuten uns unserer stummen Genossenschaft und blickten aus dem nächtlichen Schatten verstohlen in Fenster hinein, nach den freundlichen Lichtern und den Familiengruppen am traulichen Kamin.

Endlich redeten wir einander an und waren seitdem unzertrennlich. Litten wir doch beide fast dieselben Schmerzen. Auch er war Berichterstatter gewesen und hatte seine Stelle eingebüßt; dann war er immer mehr heruntergekommen und unaufhaltsam tiefer und tiefer gesunken – von der Wohnung auf dem Russenhügel zu dem Kosthaus in der Kearney-Straße, von dort zu Dupont und dann in eine Matrosenkneipe. Zuletzt hatte er sich in Warenkisten und leeren Tonnen auf der Werft sein Quartier gesucht. Durch das Zunähen geplatzter Getreidesäcke, die eingeschifft werden sollten, fristete er sich eine Zeitlang notdürftig das Leben; als dieser Verdienst aufhörte, suchte er sich eine Nahrung bald hier bald da, wie es der Zufall gerade fügte. Bei Tage ließ er sich nirgends mehr blicken, denn ein Reporter kennt arm und reich, hoch und niedrig und kann es bei hellem Tage nicht gut vermeiden, bekannten Gesichtern zu begegnen.

Dieser Bettler – ich will ihn Blücher nennen – war ein prächtiger Mensch, voll Hoffnung, Thatkraft und echter Philosophie. Er war gut belesen und sein gebildet, besaß hellen Verstand und trefflichen Witz. Sein freundliches Wesen und sein großmütiges Herz gaben ihm in meinen Augen ein wahrhaft königliches Ansehen, sein Sitz aus dem Eckstein erschien mir wie ein Thronsessel und sein schäbiger Hut wie eine Krone. Ein Abenteuer, das er mir erzählte, hat durch seine Absonderlichkeit mein Mitgefühl aufs höchste erregt und sich unauslöschlich in mein Gedächtnis eingegraben.

Seit zwei Monaten besaß er keinen Heller und war in den dunkeln Straßen beim Schein der matt brennenden freundlichen Lichter umhergeschlichen, bis ihm die Sache zur zweiten Natur wurde. Endlich aber trieb ihn der Hunger an das Tageslicht. Achtundvierzig Stunden hatte er keinen Bissen genossen und konnte das müßige Warten in seinem Versteck nicht langer ertragen. Er schlich durch eine Hintergasse, starrte voll gierigen Verlangens nach den Fenstern der Bäckerläden und hätte sein Leben für ein Stück Brot verkaufen mögen. Der Anblick der Eßwaren verdoppelte seinen Hunger, aber doch war es ihm eine Wohlthat, sie wenigstens zu sehen und sich vorzustellen, wie ihm zu Mute sein würde, wenn er etwas zu essen hätte. Da sah er auf einmal mitten in der Straße einen glänzenden Punkt; er blickte wieder hin – durfte er seinen Augen trauen? Er wandte sich ab und sah dann noch einmal nach der Stelle, um ganz sicher zu sein. Nein, es war keine Sinnestäuschung, die der Hunger erzeugte, sondern Wirklichkeit – da lag ein silbernes Zehn-Centstück. Er schoß darauf zu, hob es auf, starrte es an, nahm es zwischen die Zähne – kein Zweifel, es war echt. Sein Herz jubelte laut, er vermochte kaum ein Jauchzen und Hallelujah zu ersticken. Dann sah er sich um – niemand beobachtete ihn; er warf die Münze wieder hin, wo sie gelegen, trat ein paar Schritte zurück, näherte sich abermals und that, als wisse er nicht, daß sie da sei, damit er noch einmal das Entzücken genießen könne, sie zu finden. Nun betrachtete er sie von verschiedenen Punkten aus, schlenderte mit den Händen in den Taschen umher, schaute nach den Ladenschildern, warf dann wieder einen raschen Blick auf das Geldstück und fühlte sich von Wonneschauern durchrieselt. Endlich hob er es auf und ging, es in der Tasche streichelnd, von dannen. Er wählte die menschenleersten Straßen, stand von Zeit zu Zeit in einem Thorweg oder an der Ecke still und zog seinen Schatz heraus, um ihn zu betrachten. In seinem Quartier, einem leeren Geschirrfaß. angelangt, überlegte er bis in die Nacht hinein, was er dafür kaufen solle. Ein schwerer Entschuß. Ihm lag daran, so viel wie möglich zu bekommen. In der Bergmannsschenke, das wußte er, gab man einen Teller voll Bohnen und ein Stück Brot für zehn Cents oder einen Fischkloß mit Zubehör, aber ohne Brot. In Peters Speisehaus konnte er ein Kalbskotelett nebst einigen Rettichen und Brot für zehn Cents haben, oder eine große Tasse Kaffee mit einer Brotschnitte, die aber schändlicherweise oft nur sehr dünn ausfiel.

Um sieben Uhr empfand er einen wahren Wolfshunger, doch hatte er noch keine Entscheidung getroffen. Er machte sich auf den Weg, ging noch immer rechnend die Straße hinauf und kaute an einem Holzstückchen, wie es Leute, die nahe am Verhungern sind, zu thun pflegen. Vor Martins erleuchtetem Restaurant, dem vornehmsten der ganzen Stadt, blieb er stehen; in besseren Tagen hatte er da oft gespeist und Martin kannte ihn gut. Er trat abseits, um aus dem Bereich der Lichter zu kommen, blickte andächtig nach den Wachteln und Beefsteaks im Schaufenster und dachte, vielleicht wären die Zeiten der Märchen noch nicht vorüber, und ein verkleideter Prinz könnte daherkommen und ihn auffordern, einzutreten und zu nehmen, was er wolle. Je mehr er sich in den Gedanken vertiefte, um so hungriger kaute er an dem Holzstückchen.

Da fühlte er plötzlich, daß jemand neben ihm stand und seinen Arm berührte. Er sah auf und erblickte ein Gespenst – das wahre Bild des Hungers. Es war ein baumlanger, hagerer Mensch, in Lumpen gehüllt, Haar und Bart ungeschoren, mit ausgemergeltem Gesicht, eingesunkenen Wangen und Augen, die ihn jammervoll anblickten.

»Kommen Sie mit mir,« sagte er und bing sich an Blüchers Arm. Als sie eine Stelle erreicht hatten, wo das Licht nur schwach schien und wenige Leute vorüber gingen, blieb er stehen und hob die Hände stehend empor.

»Freund – Fremder, sehen Sie mich an,« stammelte er. »Sie freuen sich ihres Lebens in Ruhe und Behagen, wie ich einst in meiner guten Zeit. Sie haben dort drinnen herrlich zu Abend gespeist, ein Liedchen gesummt und bei sich gedacht, es ist doch schön auf der Welt. Sie haben nie Not gelitten, Sie wissen nicht was Kummer und Elend ist, Sie kennen den Hunger nicht! – Sehen Sie mich an, Fremder, haben Sie Erbarmen mit einem freundlosen, heimatlosen Menschen. So wahr Gott lebt – seit achtundvierzig Stunden habe ich keinen Bissen gegessen; schauen Sie mir ins Auge, ich lüge nicht. Geben Sie mir nur eine Kleinigkeit, mich vom Hungertode zu retten; was Sie wollen – 25 Cents genügen mir. Thun Sie es, Fremder, ich bitte, ich beschwöre Sie. Ihnen ist es ein Leichtes und mein Leben hangt daran. Ich will vor Ihnen im Staube liegen und den Boden küssen, den Ihr Fuß betritt. Nur 25 Cents! Ich gehe zu Grunde, ich sterbe, ich verhungere. Um des Himmels willen, verlassen Sie mich nicht!«

Blücher war außer sich, bis ins Innerste gerührt und ergriffen. Er überlegte hin und her, dann rief er von einem plötzlichen Gedanken beseelt:

»Ja, so wird es gehen!« Den Arm des Elenden ergreifend, führte er ihn nach Martins Restaurant, ließ ihn dort an einem Marmortisch Platz nehmen, legte den Speisezettel vor ihn hin und sagte:

»Bestellen Sie jetzt was Sie wollen, Freund. Es geht auf meine Rechnung, Herr Martin.«

»Schon gut, Herr Blücher,« versetzte der Speisewirt.

Gegen den Schenktisch gelehnt, sah Blücher zu, wie der Mensch ein Stück Buchweizenkuchen zu 75 Cents nach dem andern heißhungrig verschlang, verschiedene Tassen Kaffee hinunterstürzte und Beefsteaks die Portion zu zwei Dollars verzehrte. Als der Fremde Speisen im Wert von etwa sechs und einem halben Dollar vertilgt hatte und sein Hunger gestillt war, begab sich Blücher nach Peters Speisehaus, kaufte für sein Zehn-Centstück ein Kalbskotelett und ein Stück Brot, machte sich darüber her und schmauste wie ein König.

Zweites Kapitel.

Zweites Kapitel.

Buck Fanshaws Begräbnis.

Irgend jemand hat einmal gesagt, daß sich der Geist, welcher in einer Bürgerschaft herrscht, am besten darnach beurteilen läßt, wen von ihren Gliedern die Gemeinde mit der größten Feierlichkeit zu Grabe trägt.

Zur flotten Zeit in Virginia erwiesen die beiden Hauptklassen der Bevölkerung ihren großen Toten ungefähr die gleiche Ehre. Wer sich durch seine Wohlthaten für das Gemeinwesen den berühmtesten Namen gemacht hatte, erhielt ein ebenso prächtiges Begräbnis, wie der berühmteste Raufbold. Als Buck Fanshaw das Zeitliche segnete, machte man viel Aufhebens von ihm. Er galt für einen würdigen Vertreter der Bürgerschaft, stand einer großartigen Schankwirtschaft vor und hatte auch ›seinen Mann getötet‹, allerdings nicht im eigenen Streit, sondern um einen Fremden gegen die Angriffe der feindlichen Übermacht zu schützen. Er hatte ein flottes Weibsbild besessen, von dem er sich auch ohne die Umstände einer Ehescheidung hätte trennen können. Bei der Feuerwehr bekleidete er ein hohes Amt und war ein Held ohne Gleichen in der Politik. Als er starb, ging eine laute Klage durch die ganze Stadt, aber ganz besonders wurde sein Tod in den untersten Schichten der Gesellschaft beweint. Die Totenschau ergab, daß Buck Fanshaw im Fieberwahn einer zehrenden Krankheit Arsenik genommen, sich dann in die Brust geschossen und die Kehle abgeschnitten hatte, worauf er vier Stock hoch aus dem Fenster gesprungen war und den Hals gebrochen hatte. Die Jury (d. h. die Behörde, welche die Totenschau vornimmt) ließ sich durch ihren Kummer die Klarheit des Urteils nicht trüben. Sie hat nach längerer Verhandlung den Ausspruch, daß Fanshaws Tod durch eine ›Heimsuchung Gottes‹ verursacht worden sei.

Für die Leichenfeier wurden die großartigsten Vorbereitungen getroffen. Alle Fuhrwerke im Ort waren bestellt, sämtliche Schankwirtschaften kleideten sich in Trauerflor, die Fahnen der Stadt und der Feuerwehr hingen auf Halbmast und die ganze Löschmannschaft zog in Uniform mit schwarzverhüllten Pumpen auf.

Beiläufig muß ich noch bemerken, daß im Silberland jedes Volk der Erde durch irgend einen Abenteurer vertreten ist und jeder dieser Abenteurer das seinem Geburtsort eigentümliche Kauderwelsch mitgebracht hat. Es giebt daher keine reichere, kräftigere und abwechslungsvollere Ausdrucksweise in der ganzen Welt als die in Nevada herrschende Sprache. Selbst Prediger mußten sich entschließen, in diesem Kauderwelsch zur Gemeinde zu sprechen, wollten sie sich verständlich machen. Gewisse Redensarten waren fortwährend in aller Munde und flossen jedem ganz unbewußt über die Lippen, ohne daß sie irgendwelchen Sinn hatten oder den geringsten Bezug auf das Thema, das gerade besprochen wurde.

Nachdem die Totenschau über Buck Fanshaw gehalten worden war, kam die trauernde Bürgerschaft zur Beratung zusammen; denn an der Küste des stillen Ozeans finden bei jeder Gelegenheit Versammlungen statt, um die Volksstimmung öffentlich zum Ausdruck zu bringen. Man faßte mancherlei Beschlüsse wegen der Bestattung und verschiedene Komitees wurden eingesetzt, unter anderem auch eines, das den Auftrag erhielt, die Leichenpredigt zu bestellen.

Dies zu besorgen hatte ›Scotty‹ Briggs übernommen, welcher denn auch rechtzeitig dem Geistlichen seinen Besuch machte. Letzterer, ein zarter, friedliebender junger Mann aus dem Osten, war eben erst auf einem theologischen Seminar flügge geworden und mit den Sitten und Gebräuchen der Bergwerksbevölkerung völlig unbekannt. Wenn er in spätern Jahren seine Unterredung mit Scotty, dem Komiteemitglied, schilderte, verlohnte es sich wohl der Mühe zuzuhören.

Scotty Briggs war ein kühner Raufbold, dessen Amtstracht bei feierlicher Gelegenheit – wenn er z. B. wie jetzt im Namen des Komitees auftrat – aus einem Feuerwehr- Helm und einem scharlachroten Flanellhemde bestand; der Revolver hing ihm vom breiten Ledergürtel herab, den Rock trug er über dem Arm und seine Beinkleider steckten in hohen Stulpenstiefeln. Kein Wunder, daß er von dem blassen jungen Theologen gewaltig abstach. Scotty besaß übrigens, nebenbei gesagt, ein warmes Herz und große Anhänglichkeit an seine Freunde; auch fing er keine Händel an, wenn es sich irgendwie vermeiden ließ. Meist stellte es sich bei Scottys Raufereien heraus, daß er ursprünglich gar nichts mit der Angelegenheit zu thun gehabt und sich nur aus angeborener Gutmütigkeit hineingemischt hatte, um dem Schwächeren beizustehen. Schon seit Jahren waren Buck Fanshaw und Scotty Busenfreunde und hatten einander getreulich geholfen in manchem Kampf und Abenteuer. Man erzählt zum Beispiel, daß sie eines Tages mehrere fremde Burschen im Handgemenge sahen, rasch die Röcke abwarfen und für den gerade unterliegenden Teil eintraten. Als sie sich nach schwer errungenem Sieg umsahen, was aus ihren Schützlingen geworden sei, waren diese längst über alle Berge und hatten die Röcke ihrer Beschützer zu eigenem Gebrauch mitgenommen.

Doch kehren wir zu Scottys Besuch bei dem Prediger zurück. Er hatte eine Trauerbotschaft auszurichten und tiefer Gram sprach aus seinen Zügen. Ohne weiteres nahm er dem Geistlichen gegenüber Platz, stellte seinen Feuerwehrhelm dem Pfarrer dicht vor die Nase, gerade auf eine halbfertig geschriebene Predigt, wischte sich mit einem rotseidenen Sacktuch die Stirn ab und stieß einen schweren Seufzer aus, als passendste Einleitung für sein trübseliges Geschäft. Vor Rührung war ihm zuerst die Kehle wie zugeschnürt und seine Augen wurden feucht; doch bezwang er sich mannhaft und sagte mit wahrer Grabesstimme:

»Sind Sie der Herr, der bei dem frommen Grubenbau hier nebenan zum Schichtmeister bestellt ist?«

»Ob ich der – entschuldigen Sie – ich habe nicht recht verstanden – wie meinen Sie?«

Scotty ließ ein schmerzliches Schluchzen vernehmen und einen noch tieferen Seufzer.

»Sehen Sie,« sagte er, »wir sitzen in der Klemme und die Jungens glaubten, Sie könnten uns vielleicht heraushelfen, wenn wir Sie ins Schlepptau nehmen. Das heißt, im Fall ich hier an der rechten Schmiede bin und den Obermeister des Hallelujah-Fahrschachts hier nebenan vor mir habe.«

»Ich bin der Hirte, dem die Sorge für die Schafe obliegt, deren Hürde hier in der Nachbarschaft steht.«

»Wer, sagen Sie?«

»Der geistliche Berater einer kleinen Schar von Gläubigen, deren Heiligtum dicht an mein Wohnhaus stößt.«

Scotty kratzte sich hinter den Ohren, überlegte einen Augenblick und sagte dann:

»Da sind Sie mir über. Die Karte kann ich nicht bekennen, Meister. Man muß den Eimer weitergeben.«

»Wie meinen Sie? – Verzeihung, aber ich weiß nicht recht –«

»Mir scheint, wir sind beide noch nicht im richtigen Fahrwasser. Sie haben keine Witterung mit mir und ich habe keine Witterung mit Ihnen. – Die Sache ist nämlich so: Einer von uns Jungens kann nicht mehr im Geschirr gehen und wir möchten für ihn einen ordentlichen Kehraus haben; daher bin ich hier, um jemand aufzutreiben, der uns ein wenig Klingklang dazu macht, damit der Tag noch ein gutes Ende nimmt.«

»Bester Freund, mir wird bei Ihren Worten immer verwirrter zu Sinn. Was Sie sagen, ist mir völlig unklar. Könnten Sie sich nicht etwas einfacher ausdrücken? Anfänglich glaubte ich schon zu verstehen, was Sie wünschen, aber jetzt tappe ich wieder im Dunkeln. Würde es nicht die Angelegenheit wesentlich beschleunigen, wenn Sie sich auf kategorische Angaben der Thatsachen beschränkten, ohne das Verständnis durch Anhäufung von Bildern und Allegorien zu erschweren?«

Eine abermalige Pause und Überlegung. Dann bemerkte Scotty:

»Ich kann wieder nicht bekennen – ich passe.«

»Wie?«

»Sie haben mich übertrumpft, Meister.«

»Ich weiß nicht, was Sie meinen.«

»Was sie zuletzt ausgespielt haben, kann ich nicht stechen, kann auch nicht mit der Farbe bedienen.«

Der Pfarrer lehnte sich verblüfft in seinen Stuhl zurück. Scotty stützte den Kopf auf und versank in tiefes Nachdenken. Bald blickte er jedoch wieder in die Höhe und fügte mit trübseliger Miene, aber doch voll Zuversicht:

»Jetzt hab‘ ich’s, so daß Sie’s schlucken können. Wir brauchen einen Predigtmacher – einen Pfarrer.«

»Warum haben Sie das denn nicht gleich gesagt? Ich bin der Geistliche – der Pfarrer.«

»Bravo, das ist einmal ein Wort! Sie sehen, ich war zuerst gegen die Mauer gerannt und bin nun mit einem Satz hinüber. Schlagen Sie ein!«

Er streckte seine nervige Faust aus, umschloß des Predigers kleine Hand und schüttelte sie in brüderlichem Mitgefühl und herzlichem Vertrauen. »Jetzt ist die Sache in Ordnung, Meister,« fuhr er fort; »fangen wir nun von Frischem an, und wenn ich dabei etwas greine, so achten Sie nicht weiter darauf, denn, wir sind eben in einer argen Klemme, weil einer von den Jungens plötzlich Schicht gemacht hat.«

»Schicht gemacht?«

»Ja, er hat den Eimer umgeworfen, wissen Sie.«

»Ach, Sie meinen, er ist in jenes geheimnisvolle Land gefahren, von dessen Gestaden kein Wanderer jemals wiederkehrt?«

»Nein, er kehrt nicht wieder. Die Rechnung stimmt. Er ist ja tot, Meister.«

»Ja, ja, ich verstehe schon.«

»Wirklich? Na, ich dachte doch, daß ich Sie irgendwie anhaken konnte. Es ist ganz richtig, er ist wieder tot –«

»Wieder? Ist er denn schon früher einmal gestorben?«

»Früher einmal? Bewahre! Glauben Sie denn, ein Mensch hat neun Leben wie eine Katze? Aber, was gilt die Wette – jetzt ist er ganz und gar tot, der arme Junge; hätte ich nur den Tag nie erlebt. Einen bessern Freund wie Buck Fanshaw giebt es nicht auf der Welt. Ich kannte ihn durch und durch – und wenn ich einen kenne und liebe, mit dem bin ich wie zusammengewachsen, das können Sie mir glauben. Solche Kernmenschen findet man nicht wieder, da kann man lange suchen. Keinen Freund hat Buck Fanshaw je im Stich gelassen. Aber nun ist das alles aus – und vorbei. Er hat ihn doch untergekriegt.«

»Wer denn?«

»Nun, der Tod. – Ja, ja, es hilft nichts, wir müssen ihn aufgeben. Eine arge Welt ist’s doch, in der wir leben, nicht wahr? Aber Meister, das sag‘ ich Ihnen, so einen Ringkämpfer wie den giebts nicht zum zweitenmal. Es war eine Lust ihm zuzusehen – bloß seine Fäuste brauchte er und freien Spielraum, dann gings drauf und dran. Es war ein ganzer Teufelskerl. Ich sage Ihnen, er hielt sich dran, er blieb nichts schuldig.«

»Wie meinen Sie?«

»Nun, er zahlte heim beim Faustkampf, verstehen Sie – wo’s gerade hinging: auf Schädel, Schultern, Brust! Heiliges Donnerwetter! – entschuldigen Sie dieses Wort, aber ich kann nicht alles so sanft und mild herausbringen. Und nun müssen wir ihn aufgeben, es hilft nichts, die Rechnung stimmt. Wenn Sie uns nun beistehen möchten bei der Verpflanzung –«

»Ich soll die Leichenpredigt halten und der Begräbnisfeier beiwohnen?«

»Begräbnisfeier – ja, ja. Das ist’s, wo wir hinauswollen. Er war sein Lebtag nicht knickerig und bei seiner Bestattung soll nichts abgeknapst werden. Echt silberne Beschläge am Sarg und sechs Trauerfahnen über der Bahre; auf dem Bock ein Neger in seiner Wäsche und den Seidenhut auf dem Kopf – es mag so hoch kommen, wie es will. Für Sie, Meister, werden wir auch Sorge tragen, seien Sie nur ganz ruhig. Sie bekommen einen Wagen, und wenn Sie sonst noch ‚was brauchen, nur heraus damit, es soll schon angeschafft werden. Im Trauerhause wird so ein Dingrich aufgerichtet, dahinter können Sie sich stellen. Seien Sie nur nicht bange, sondern blasen Sie in Ihr Horn und bringen Sie unsern Kameraden so glatt durch wie nur möglich. Wer ihn gekannt hat, wird Ihnen sagen, daß er der bravste Kerl in der ganzen Gegend war. Sie können das gar nicht stark genug betonen. Wenn Unrecht geschah, war er außer stande es mit anzusehen. Daß es hier in der Stadt so ruhig und friedlich zugeht, ist hauptsächlich sein Verdienst. Ich war selbst einmal dabei, wie er in einer einzigen Viertelstunde vier Schwindler durchgebläut hat. Wenn es galt Ordnung zu stiften, sah er sich nicht lange um, wer wohl Hand anlegen könnte, sondern griff selbst zu. Mit den Katholiken wollte er nichts zu thun haben; sein Wahlspruch war: »Irländer sind ausgeschlossen,« aber doch stand er für ihre Rechte ein, als einmal ein paar wüste Kerle sich Bauplätze auf dem katholischen Begräbnisort abstecken wollten. Die mußten gut Reißaus nehmen – ich hab’s mit angesehen.«

»Die Gesinnung war jedenfalls lobenswert, ob die That selbst, lasse ich dahingestellt. Hatte denn der Verstorbene religiöse Überzeugungen? Das heißt – fühlte er seine Abhängigkeit von einer höheren Macht und unterwarf er sich ihren Fügungen?«

Abermaliges Nachdenken.

»Jetzt bin ich wieder wie vor den Kopf geschlagen, Meister. Könnten Sie das nicht noch einmal sagen – so recht langsam?«

»Ich meine nur – um mich ganz klar auszudrücken – hat er je in Verbindung mit irgend einer Gemeinschaft gestanden, die sich dem weltlichen Getriebe fernhielt, sich in Selbstverleugnung übte und im Gehorsam gegen das Sittengesetz?«

»Das war ein Fehlschuß; thun Sie noch einmal Pulver auf die Pfanne.«

»Was sagen Sie?«

»Jedesmal, wenn Sie so loslegen, bleibe ich im Hintertreffen. Sie bekommen die beste Hand und ich habe kein Glück. Mischen wir lieber noch einmal von neuem.«

»Was? Soll ich von vorn anfangen?«

»Ja, das wäre mir gerade recht.«

»Nun denn – war er ein guter Mann und –«

»Halt – das leuchtet mir ein. Warten Sie erst einmal, ehe wir weiter gehen. Ein guter Mann – das will ich meinen; der beste Mann von der Welt, Sie hätten ihn auch lieb haben müssen. Noch beim letzten Wahlgang hat er die Unruhen beschwichtigt, bevor sie recht zum Ausbruch kamen; außer ihm hätte das keiner gekonnt. Vierzehn Männer mußte man in den ersten fünf Minuten vom Platze tragen, so hat er’s ihnen eingetränkt. Er stimmte immer für den Frieden, jeder Aufruhr war ihm ein Greuel und sein Tod ist ein großer Verlust für die Stadt. Es würde die Jungens freuen, wenn Sie ihm die Gerechtigkeit erwiesen, das anzubringen. Schneller laufen konnte er, höher springen, derber treffen und flotter trinken, als irgend jemand auf hundert Meilen in der Runde. Das vergessen Sie nicht, Meister, die Jungens werden es Ihnen hoch anschlagen. Dann können Sie auch noch sagen, daß er seine Mutter nie geschüttelt hat.«

»Warum sollte er denn das thun? das wäre ja entsetzlich.«

»Das meine ich auch, aber es giebt doch Leute, die es thun.«

»Aber doch niemand, der Ehre im Leibe hat!«

»Doch – welche, die sonst gar nicht so übel sind.«

»Nach meiner Meinung sollte ein Mann, der die Hand gegen seine Mutter zu erheben wagt –«

»Wo denken Sie hin, Meister – da haben Sie ‚mal gründlich fehlgeschossen. Was ich sagen will ist, daß er seine Mutter nicht abgeschüttelt hat, sie verstoßen, wissen Sie. Er hat ihr ein Haus zum wohnen gegeben und Ackerland und Geld die Fülle, hat für sie gesorgt und immer nach ihr gesehen. Und als sie die Blattern kriegte, hat er nachts bei ihr gesessen und sie gepflegt – ich will verdammt sein, wenn’s nicht wahr ist. Bitte um Verzeihung – das fuhr mir nur so heraus. Ich wollte Sie nicht kränken, Meister. Sie haben mich anständig behandelt; ich glaube, Sie sind weiß und rein und meinen es ehrlich. Ich habe Gefallen an Ihnen gefunden und jeden, der Sie nicht liebt, will ich durchbläuen, daß er das Aufstehen vergißt. Da, schlagen Sie ein!«

Er schüttelte dem Pfarrer abermals herzlich die Hand und fort war er.

*

Das Leichenbegängnis fiel ganz so aus, wie die Jungens es sich wünschten. Eine solche Trauerfeier hatte Virginia noch nie erlebt. Alle Geschäfte waren geschlossen, die Blasinstrumente ließen Totenlieder erklingen, die Bahre war schwarz verhängt, die Fahnen auf Halbmast. Bei dem Trauergefolge sah man lange Züge von Militärpersonen, Feuerwehrleuten, Mitglieder geheimer Gesellschaften in Uniform, umflorte Feuerspritzen, Wagen mit Vertretern von Behörden, Bürger in allerlei Fuhrwerken und zu Fuß. Das großartige Gepränge zog Scharen von Zuschauern herbei, von denen die Straßen, Fenster und Dächer wimmelten. Noch lange Jahre nachher kannte man keinen andern Maßstab für die Pracht und Größe einer öffentlichen Schaustellung in Virginia, als den Vergleich mit Buck Fanshaws Begräbnis.

Scotty Briggs ging als einer der Hauptleidtragenden hinter dem Sarge. Als die Leichenrede zu Ende war und das letzte Gebet für die Seele des Toten verhallt, sagte er mit leiser Stimme und tiefem Gefühl: »Amen. Irländer sind ausgeschlossen.« Dies war des Verstorbenen Lieblingsredensart gewesen und wahrscheinlich wiederholte sie Scotty in diesem Augenblick nur zum ehrenden Gedächtnis für seinen abgeschiedenen Freund.

In späteren Jahren zeichnete sich Scotty Briggs dadurch aus, daß er der einzige unter den Raufbolden Virginias war, der sich für religiöse Belehrung zugänglich erwies. Der Mann, welcher sich aus eigenem Antrieb und angeborenem Edelmut stets der Sache der Schwächeren gegen ihre Feinde angenommen hatte, war gar kein ungeeignetes Glied für die Christengemeinde. Er fand als solches Gelegenheit, die Großmut und Unerschrockenheit seines Charakters auf einem weiteren, fruchtbringenden Felde zu bethätigen. Die Kinder, welche er in der Sonntagsschule unterrichtete, machten raschere Fortschritte als alle übrigen, was gar nicht zu verwundern war, denn er redete mit den kleinen Sprößlingen der Bergleute in einer Sprache, die sie verstanden.

Noch einen Monat vor seinem Tode hatte ich das Glück, zu hören, wie er seiner Klasse die schöne Geschichte von Joseph und seinen Brüdern aus dem Kopf erzählte, ohne dabei ins Buch zu sehen. Ich überlasse es dem Leser, sich einen Begriff von dem Eindruck zu machen, den sie aus dem Munde des eifrigen Lehrers auf die kleinen Schüler hervorbrachte. Sie lauschten seinen Worten in atemloser Spannung und weder er noch sie schienen sich im geringsten bewußt, daß der biblischen Erzählung Gewalt angethan, ihre Heiligkeit entweiht, oder überhaupt ein Verstoß gegen die althergebrachte Sitte begangen werde.

Drittes Kapitel.

Drittes Kapitel.

Die angesehensten Bürger-Schwurgerichte.

In den ersten sechsundzwanzig Gräbern des Kirchhofs von Virginia sind die Leichen von Ermordeten bestattet. Das sagte und glaubte man wenigstens allgemein. Das gewaltthätige Element herrscht in jedem neuen Bergwerksdistrikt vor; erst wenn einer ›seinen Mann‹ getötet hatte, wie die Redensart lautet, konnte er sich Achtung verschaffen. Mord und Totschlag waren daher an der Tagesordnung. Bei einem fremden Ankömmling fragte man nicht danach, ob er geschickt, ehrlich und arbeitsam sei, sondern, ob er schon ›seinen Mann getötet‹ habe. War dies nicht der Fall, so sank er zu der ihm gebührenden niedrigen Stellung herab, aus der er sich mit unbefleckten Händen nur mühsam emporarbeiten konnte. Ein Totschläger dagegen wurde, je nach der Zahl seiner Opfer, mit mehr oder weniger Herzlichkeit bewillkommnet und jeder beeilte sich, seine Bekanntschaft zu machen. Kein Wunder daher, daß so viele strebten, diesen Ruhm zu erwerben. Ich habe selbst zwei junge Leute gekannt, die nur zu diesem Zweck, ohne irgend welche Herausforderung, den Versuch machten, ›ihren Mann zu töten‹ und selbst dabei ums Leben kamen. Eine Zeitlang standen in Nevada der Anwalt, der Bankier, der Herausgeber der Zeitung, der stärkste Raufbold, der glücklichste Spieler und der Schenkwirt in gleichem Ansehen und nahmen die höchste gesellschaftliche Stellung ein. Wer ein einflußreiches Glied der Gemeinde werden wollte, für den gab es kein wohlfeileres und sichereres Mittel, als mit einer diamantenen Busennadel im Vorhemd hinter dem Schenktisch zu stehen und Whiskey zu verkaufen. Der Schenkwirt besaß eine große Macht über die Gemüter; von ihm hing zumeist der Ausfall der Wahlen ab, und ohne seine Unterstützung und Leitung kam kein wichtiges Unternehmen zustande. Wenn der vornehmste Schenkwirt sich herabließ, ein obrigkeitliches Amt anzunehmen oder in den Gemeinderat zu treten, so galt das als eine große Gunst. Daher war denn auch meist der Ehrgeiz der Jugend nicht darauf gerichtet einen hohen Posten bei der Verwaltung, in der Flotte oder im Heer zu bekleiden, sondern Besitzer einer Schenkwirtschaft zu werden.

Zur höchsten Berühmtheit gelangte also, wer Schenkwirt war und ›seinen Mann getötet‹ hatte. Der Mörder entging meist der ihm gebührenden Strafe, wozu hauptsächlich die Bestimmung beitrug, daß ein Geschworener über den zu verhandelnden Fall in gänzlicher Unwissenheit sein muß, zuvor weder etwas davon gehört, noch gelesen, auch nicht öffentlich seine Meinung geäußert haben darf. In unserm Jahrhundert der Zeitungen und Telegraphen schloß man hierdurch von vornherein jeden gebildeten, rechtschaffenen und verständigen Mann von der Geschworenenbank aus und machte die Schwurgerichte oft zu einem traurigen Possenspiel.

Mir ist ein derartiges Beispiel erinnerlich: Herr B., ein wackerer Bürger, war von einem bekannten Raufbold in übermütiger Laune kalten Blutes umgebracht worden. Natürlich waren alle Tagesblätter voll davon, wer lesen konnte, las die Berichte, wer nicht taub, stumm oder blödsinnig war, sprach darüber. Als es zur Wahl der Geschworenen kam, verwarf man alle tüchtigen, klugen und redlichen Männer; ein sehr angesehener Bankier, ein allgemein beliebter Prediger, ein Kaufmann von anerkannt rechtschaffenem Charakter, der hochachtbare Besitzer einer Quarzgrube, ein Bergwerksdirektor, der den besten Ruf genoß – sie alle wurden von der Liste gestrichen. Jeder einzelne von ihnen versicherte zwar, daß die umlaufenden Gerüchte und Zeitungsartikel sein Urteil nicht dergestalt beeinflußt hätten, daß er außer stande sei, sich auf Grund der Thatsachen und beschworenen Zeugenaussagen eine eigene Überzeugung zu bilden, aber das blieb unberücksichtigt. Die Männer waren sämtlich untauglich, da nur völlige Unwissenheit den Geschworenen befähigte, einen gerechten Wahrspruch zu fällen.

Nachdem alle zuerst einberufenen verworfen waren, wählte man zwölf Ersatzmänner, welche beschworen, daß sie von dem Mord, den sich die Indianer der Steppe erzählten und die Steine auf der Gasse zuraunten, weder etwas gehört, noch gelesen, auch nicht darüber gesprochen und ihre Ansicht geäußert hätten. Diese Jury bestand aus zwei Raufbolden, zwei gemeinen Bierbrüdern, drei Schenkwirten, zwei Rancheros, die nicht lesen konnten, und drei Eseln in Menschengestalt, denen die einfachsten Begriffe abgingen. Natürlich verneinten sie die Schuldfrage, das ließ sich nicht anders erwarten.

Wenn man Nevada in seiner ›flotten Zeit‹ schildern und dabei Mord und Totschlag unerwähnt lassen wollte, so könnte man ebenso gut bei einem Bericht über das Mormonentum die Vielweiberei mit Stillschweigen übergehen. Gewaltthätigkeiten waren etwas Alltägliches; der Raufbold stolzierte mit prahlerischer Großthuerei durch die Straßen und wenn er einem seiner bescheidenen Bewunderer vertraulich zunickte, so beglückte diesen der Gruß des berühmten Mannes für den Rest des Tages. In seinem langschößigen Überrock, der bis auf die glänzenden Stulpenstiefel herabhing, den Schlapphut auf dem linken Ohr, kam er den Bürgersteg dahergegangen und die kleinen Straßenlümmel machten Seiner Majestät ehrerbietigst Platz. Trat er in eine Trinkstube, so ließ der Kellner die Beamten und Kaufleute warten, um sich ihm dienstfertig zu erweisen. Wer bei dem Gedränge am Schenktisch Ellenbogenstöße von ihm erhielt, sah sich wohl zornig um, bat aber um Entschuldigung, sobald er ihn erkannt hatte. Zum Dank dafür ward ihm dann ein Blick zu teil, bei dem ihm das Blut in den Adern erstarrte. Der Schenkwirt aber eilte strahlenden Angesichts herbei, um den hohen Gast zu befriedigen, auf dessen Kundschaft er stolz war.

Die Namen dieser langschößigen Revolverhelden waren die berühmtesten im ganzen Territorium; Redner, Präsidenten, Kapitalisten und Gesetzgeber genossen, im Vergleich mit ihnen, nur ein mäßiges Ansehen. Leute, wie Sam Brown, Jack Williams, Billy Mulligan, Pächter Bease, den pockennarbigen Jack, den sechsfingerigen Peter u.a.m., kannte man weit und breit; ich könnte eine lange Liste aufzählen. Es waren furchtbare, übermütige Gesellen, die tollkühn jeder Gefahr trotzten.

Um ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, muß ich noch erwähnen, daß sie sich meist unter einander rauften und totschlugen, die friedlichen Bürger aber nur selten belästigten. Einem Menschen das Leben zu nehmen, der nicht zum ›Schützenwild‹ gehörte, wie sie es nannten, und dessen Tod keine neue Perle in ihrem Ruhmeskranz bedeutet hätte, galt für unter ihrer Würde. Sie brachten sich gegenseitig bei dem geringfügigsten Anlaß um und jeder von ihnen hoffte und wartete auch seinerseits auf ein gewaltsames Ende, da es fast für eine Schande galt, anders als ›in den Stiefeln‹ zu sterben. Daß ein Raufbold es als zu leichte Beute verschmähte, einer Privatperson den Garaus zu machen, davon habe ich selbst ein Beispiel erlebt. Ich saß einmal spät beim Abendessen in einem Speisehaus mit zwei Berichterstattern und einem kleinen Buchdrucker, den ich Brown nennen will – der Name thut nichts zur Sache. Bald darauf trat ein langschößiger Fremder ein und nahm Platz, ohne Browns Hut zu bemerken, der auf dem Stuhle lag. Als der Kleine sofort aufsprang und zu schimpfen begann, lächelte der Fremde nur spöttisch, glättete den Hut wieder und erging sich in wortreichen Entschuldigungen, indem er Brown mit beißendem Hohn beschwor, ihm nicht das Lebenslicht auszublasen. Dieser entledigte sich auf der Stelle seines Rockes und forderte den Gegner zum Kampf heraus, er drohte ihm, überhäufte ihn mit Schmähungen, äußerte Zweifel an seinem Mut, ja, endlich flehte er ihn sogar an, sich mit ihm zu schlagen. Noch immer spöttisch lächelnd, bat uns der Fremde zuerst, in scheinbarer Angst, um unsern Schutz; dann sagte er, plötzlich ernst werdend:

»Nun, wenn Sie denn durchaus darauf bestehen, so wollen wir meinetwegen kämpfen. Aber, ich bitte Sie, meine Herren, stürzen Sie sich nicht blindlings in die Gefahr, um hernach zu klagen, daß ich Sie nicht gewarnt hätte. Ich kann es mit Ihnen allen zusammen aufnehmen, wenn ich erst einmal loslege. Das will ich Ihnen beweisen, und beharrt mein Freund hier dann noch auf seinem Willen, so soll er ihn haben.«

Der Tisch, an welchem wir saßen, war fünf Fuß lang und ungewöhnlich plump und schwer. Der Fremde sagte, wir möchten das Geschirr einen Augenblick festhalten – in einer der Schüsseln lag ein großer Braten. Dann setzte er sich an ein Ende des Tisches, hob es in die Höhe, stellte zwei von den Beinen auf seine Knie, nahm die Tischplatte zwischen die Zähne, und brachte so, ohne die Hände zu gebrauchen, den Tisch mit sämtlichem Gerät darauf in eine wagerechte Linie. Nach dieser Kraftprobe teilte er uns ferner mit, er könne ein Faß voll Nägel mit den Zähnen aufheben, auch biß er aus einem gewöhnlichen Trinkglas ein halbkreisförmiges Stück heraus. Dann zeigte er uns noch auf seiner nackten Brust ein ganzes Netzwerk vernarbter Stich- und Schußwunden und eine gleiche Menge auf seinen Armen und im Gesicht, wobei er uns versicherte, er habe so viele Kugeln im Leibe, daß man eine ganze Kanone daraus gießen könne. Schließlich nannte er uns seinen Namen, bei dessen gefürchtetem Klang uns angst und bange wurde; ich getraue mich nicht, ihn zu veröffentlichen, denn der Mann könnte kommen und mich in Stücke hauen. Als er zuletzt Brown fragte, ob ihn noch immer nach seinem Blute gelüste, überlegte dieser sich die Sache einen Augenblick und dann bat er ihn – mit uns zu Nacht zu speisen.

Viertes Kapitel.

Viertes Kapitel.

Der große Zeitungsroman.

Als es in unserer ›flotten Zeit‹ am herrlichsten zuging, stand auch das Laster im vollsten Flor. Die Branntweinschenken waren überfüllt, desgleichen die Polizeiämter, die Spielhöllen, die Freudenhäuser und die Gefängnisse – ein sicheres Zeichen höchsten Gedeihens in einer Bergwerksgegend – vielleicht auch an andern Orten – denn es beweist, daß der Handel nicht stockt und nirgends Mangel an Geld ist. Nun fehlte zum Höhepunkt unseres Glanzes nur noch ein Ereignis, das gewöhnlich zuletzt kommt, dann aber auch die Herrschaft der flotten Zeit außer aller Frage stellt, nämlich das Erscheinen eines Unterhaltungsblattes. Die neu gegründete ›Wochenschrift des Westens‹ beschäftigte sämtliche litterarisch begabte Persönlichkeiten Virginias als Mitarbeiter und Herr F., ein echter Held der Feder, war der Herausgeber.

Wir erwarteten große Dinge von unserer Wochenschrift, aber natürlich mußten wir, um sie in Fluß zu bringen, vor allem einen Originalroman haben, zu dessen Abfassung denn auch sofort die besten Kräfte der Gesellschaft aufgeboten wurden. Frau F., eine begabte Schriftstellerin aus der ›Schule der Überschwenglichen‹, die sich für Tugend und erhabene Gefühle begeistern, schrieb das erste Kapitel. Sie ließ darin eine reizende blonde Unschuld auftreten, die das Menschenmögliche an Vollkommenheit leistete und nur für Blumen und Verse schwärmte. Auch ein junger, französischer Herzog ward den Lesern vorgestellt, ein Muster der feinsten Bildung, der dem blonden Fräulein sein Herz geschenkt hatte. In der folgenden Woche führte Herr F. einen redegewandten Rechtsgelehrten ein, welcher trachtete, des Herzogs Güter und Geschäfte in Verwirrung zu bringen, ferner eine geistvolle junge Dame aus der höchsten Gesellschaft, die den Herzog zu fesseln suchte und der blonden Unschuld die Eßlust benahm.

Der Verfasser des dritten Kapitels war Herr D., der düsterblickende, blutdürstige Redakteur für Tagesneuigkeiten; er brachte einen geheimnisvollen Rosenkreuzer zum Vorschein, der die Geldmacherei betrieb, um Mitternacht in einer Höhle Beratungen mit dem Teufel pflog und den Helden und Heldinnen das Horoskop stellte. Dabei sagte er Verwickelungen und Unglücksfälle in Menge für die Zukunft voraus, was die Gemüter in eine schauerliche Spannung versetzte. Auch einen maskierten, melodramatischen Bösewicht ließ er auftreten, der um blutigen Sold, in seinen Mantel gehüllt, dem Herzog bei nächtlichem Dunkel mit einem vergifteten Dolch auflauern sollte; ferner einen Irländer, der als Kutscher im Dienst bei der vornehmen Dame stand, nur im Dialekt sprach und als Überbringer von Liebesbriefchen an den Herzog verwendet wurde.

Nun traf um diese Zeit ein Fremder in Virginia ein, welcher litterarische Neigungen und ausschweifende Sitten hatte; er sah etwas schäbig aus, schien aber sehr still und anspruchslos. Sein Wesen war so sanft und freundlich und sein Benehmen – mochte er betrunken sein oder nüchtern – so angenehm und rücksichtsvoll, daß, wer mit ihm in Berührung kam, ihm wohlgesinnt sein mußte. Da er um litterarische Arbeit bat und hinlängliche Beweise beibrachte, daß er eine leichte und wohlgeübte Feder führte, beauftragte ihn Herr F., uns bei der Abfassung des Romans zu helfen. Er sollte das nächste Kapitel schreiben und dann kam meines an die Reihe.

Kaum war dies beschlossen, so hatte der Unglücksmensch nichts Eiligeres zu thun, als sich zu betrinken, in sein Quartier zu gehen und sich an die Arbeit zu machen, während in seinem Hirn noch der wüsteste Wirrwarr herrschte. Die Folgen kann man sich denken. Er überflog die Kapitel seiner Vorgänger, fand genug handelnde Personen darin, die ihm gefielen, und beschloß, keine neuen mehr auftreten zu lassen. Mit der heitern Zuversicht, welche der Branntwein seinen Jüngern verleiht, begann er dann in glücklichem Selbstvertrauen sein Werk. Er verheiratete den Kutscher mit der Dame aus der höchsten Gesellschaft, um Skandal zu erregen; dem Herzog gab er die Stiefmutter der blonden Unschuld zur Gattin, das sollte Aufsehen machen; dem Bösewicht verweigerte er den bedungenen Lohn; zwischen dem Teufel und dem Rosenkreuzer schuf er ein Mißverständnis und spielte des Herzogs Güter dem schlauen Advokaten in die Hände. Letzterer mußte sich dann aus Gewissensbissen dem Trunke ergeben, in Delirium Tremens verfallen und sich das Leben nehmen; hierauf brach der Kutscher den Hals, seine Witwe versank in Armut, Kummer und Not und bekam die Schwindsucht; die Blondine ertränkte sich und ließ mit ihren Kleidern am Ufer einen Zettel zurück, worin sie dem Herzog verzieh und die Hoffnung aussprach, er werde glücklich sein. Der Herzog erkennt nun an dem herkömmlichen Muttermal in Form einer Erdbeere, daß er seine tot geglaubte Mutter geehelicht und seine längst verlorene Schwester in den Tod getrieben hat. Herzog und Herzogin nehmen sich darauf selbst das Leben, um der poetischen Gerechtigkeit genug zu thun; die Erde öffnet sich und verschlingt den Rosenkreuzer unter Donner, Blitz und Schwefelgeruch. Schließlich endigt der Verfasser mit dem Versprechen, daß er im nächsten Kapitel ein allgemeine Leichenschau halten, die noch überlebenden Charaktere einer Musterung unterziehen und dem geneigten Leser mitteilen werde, was aus dem Teufel geworden sei.

Das alles las sich merkwürdig glatt und war mit solcher Ernsthaftigkeit geschrieben, daß es einem fast den Atem benahm. Die Mitarbeiter an dem Roman gerieten jedoch darüber in die höchste Wut und es entstand ein unbeschreiblicher Aufruhr. Als der Strom von Schmähungen über den sanften Fremdling hereinbrach, welcher noch halb im Rausch war, blickte er seine Widersacher der Reihe nach schüchtern und verwirrt an, ohne begreifen zu können, was er eigentlich verbrochen habe. Endlich trat nach dem Sturm eine Windstille ein und er konnte zu Worte kommen. In leise stehendem Ton sagte er, was er geschrieben, sei ihm nicht mehr recht erinnerlich, doch habe er sich gewiß alle Mühe gegeben, um den Roman nicht nur spannend und unterhaltend, sondern auch glaubwürdig, belehrend und – man ließ ihn nicht ausreden; von allen Seiten ward er belagert und angefallen, mit Vorwürfen überhäuft und wegen seiner Behauptungen ins Lächerliche gezogen und zu Nichte gemacht. Bei jedem Versuch, seine Widersacher zu besänftigen, goß der Fremde nur Öl ins Feuer; erst als er vorschlug, das Kapitel noch einmal zu schreiben, stellte man die Feindseligkeilen ein, die Entrüstung legte sich, es wurde Friede geschlossen und der Besiegte trat den Rückzug nach seiner eigenen Festung an.

Allein, ehe er dorthin gelangte, unterlag er der Versuchung aufs neue, er betrank sich abermals und seine Phantasie verlor Zaum und Zügel. Nun warf er seine Helden und Heldinnen noch wilder durcheinander als das erstemal, aber auch dieses Machwerk trug wieder den Stempel der ehrlichsten Gesinnung und größten Zuverlässigkeit. Alle handelnden Personen gerieten in die ungewöhnlichste Lage und mußten ganz erstaunliche Dinge sagen und thun. Was der Verfasser alles vorbrachte, läßt sich nicht beschreiben, die Abgeschmacktheit war bis auf die Spitze getrieben und der Blödsinn in ein System gebracht. Auch erklärende Randbemerkungen waren beigefügt, die dem Text an Seltsamkeit nichts nachgaben.

Als Beispiel des Ganzen will ich nur eine Episode mitteilen, die mir erinnerlich ist: Der Anwalt hatte seinen Charakter verändert, er war ein hochherziger, prächtiger Mensch geworden, der Ruhm und Geld besaß und dreiunddreißig Jahre zählte. Die blonde Unschuld entdeckte mit Hilfe des Rosenkreuzers, daß der Herzog sie nur um ihres Reichtums willen zu besitzen trachte, eigentlich aber der Dame aus der höchsten Gesellschaft zugethan sei. Bis ins Innerste verwundet, riß sie die Liebe zu ihm aus ihrem Herzen und goß die ganze Fülle derselben über den Anwalt aus, bei welchem sie ebenso feurige Erwiderung fand. Allein die Eltern erhoben Einspruch; sie wollten einen Herzog zum Schwiegersohn und waren nicht davon abzubringen, wiewohl sie zugaben, daß ihnen nächst dem Herzog der Anwalt am liebsten sei. Da nun aber die Blondine zu kränkeln begann, erschraken die Eltern und beschworen sie, doch den Herzog zu heiraten; alles Zureden war aber umsonst, sie fuhr fort dahinzuwelken. Unter den Umständen hielten die Eltern es für das Beste ihr zu sagen, daß, wenn sie nach Jahresfrist noch dabei beharre, den Herzog zu verschmähen, so solle sie mit ihrer Einwilligung des Anwalts Gattin werden. Bei dieser Aussicht färbten sich des Mädchens Wangen wieder und mit der Hoffnung kehrte auch die Gesundheit zurück. Das hatte man erwartet und schritt nun rasch zur Ausführung eines bereits gefaßten Planes. Der Hausarzt mußte der Blondine zur völligen Wiedergenesung eine weite Reise zu Wasser und Land verschreiben, an welcher der Herzog teil nehmen sollte. Die Eltern rechneten darauf, daß des Herzogs stete Gegenwart und des Anwalts Abwesenheit alles zum guten Ende führen werde; denn den Anwalt hatten sie nicht eingeladen.

Sie schifften sich auf einem Dampfer nach Amerika ein; als aber am dritten Tage die Seekrankheit nachließ und sie zum erstenmal bei der Mittagstafel erschienen, da fanden sie zu ihrem Schrecken den Anwalt gemütlich bei Tische sitzen. Das war eine große Verlegenheit, allein der Herzog und seine Reisegesellschaft setzten sich darüber hinweg so gut sie konnten und die Fahrt ging weiter. Etwa zweihundert Meilen von der amerikanischen Küste geriet das Schiff jedoch in Brand; Takelwerk und Masten wurden von den Flammen verzehrt und von der Mannschaft und den Passagieren blieben nur dreißig am Leben, darunter unsere Freunde. Sie trieben einen halben Tag und die ganze Nacht umher, bis am Morgen zwei Walfischfahrer erschienen und Boote aussetzten. Das Wetter war stürmisch und die Einschiffung verursachte große Verwirrung und Aufregung. Der Anwalt that seine Pflicht mit Mannesmut, er half der fast ohnmächtigen Blondine, ihren Eltern und andern seiner Leidensgefährten in das Boot (Der Herzog stieg allein hinunter). In diesem Augenblick fiel am andern Ende des Wracks ein Kind ins Wasser, der Anwalt vernahm das Wehgeschrei der Mutter, eilte zu Hilfe und zog im Verein mit andern Rettern das Kind aus den Fluten. Dann lief er zurück, aber es war zu spät – das Boot mit der Blondine war schon abgestoßen. Der Anwalt mußte das zweite Boot besteigen und wurde von dem andern Schiff aufgenommen. Die Wut des Sturmes wuchs, er trieb die Schiffe ins Weite und bald verloren sie einander aus dem Gesicht. Als sich drei Tage später der Wind legte, befand sich das Schiff mit der Blondine siebenhundert Meilen nördlich von Boston und das andere Schiff etwa siebenhundert Meilen südlich von diesem Hafen. Der Kapitän der Blondine ging im Norden des Atlantischen Ozeans auf den Walfischfang und der Kapitän des Anwalts hatte Befehl, im Norden des Stillen Ozeans zu kreuzen.

Fast ein Jahr war vergangen; das eine Schiff befand sich an der Grönländischen Küste, das andere in der Behringsstraße. Der Blondine hatte man eingeredet, daß der Anwalt über Bord gespült worden sei, als er gerade ins Boot steigen wollte. Allmählich begann sie den Bitten des Herzogs und ihrer Eltern Gehör zu geben und sich mit dem Gedanken an die verhaßte Heirat vertraut zu machen. Doch beharrte sie fest darauf, daß die einmal bestimmte Frist eingehalten werde. Der Zeitpunkt rückte immer näher und schon begann man an Bord Vorbereitungen zu der Hochzeit zu treffen, die mitten unter Eisbergen und Walrossen gefeiert werden sollte. Nur noch fünf Tage, dann war alles vorüber. Die Blondine bedachte das mit Seufzen und Weinen. O, wenn der Geliebte ihres Herzens noch lebte, warum eilte er nicht zu ihrer Rettung herbei? –

Ach, er vermochte es nicht, denn er war in diesem Augenblick in der Behringsstraße. Fünftausend Meilen betrug ihre Entfernung von einander quer durch das nördliche Eismeer gemessen und zwanzigtausend Meilen um das Kap Hörn herum. Da des Anwalts sämtliche Habe in dem andern Boot geblieben war, hatte er Schiffsdienste thun müssen, um seinen Unterhalt zu verdienen, und war gerade beschäftigt, einen Walfisch anzuspießen. Er schleuderte die Harpune mit aller Kraft, verfehlte jedoch sein Ziel, glitt aus und fiel dem Walfisch in den offenen Schlund. Fünf Tage blieb er besinnungslos in des Walfischs Bauch; als er wieder zu sich kam, sah er das Tageslicht durch ein Loch hereinströmen, welches sich im Rücken des Fisches befand. Die Mannschaft vom Schiff der Blondine hatte den Walfisch erlegt; der Anwalt kletterte heraus und überraschte die Matrosen, als sie gerade den Speck des getöteten Tieres am Schiffsrand hinaufwanden. Er fragte nach dem Namen des Schiffes, eilte an Bord, traf die Hochzeitsgesellschaft am Traualtar und rief mit Donnerstimme: »Halt, nicht weiter – hier bin ich! Komm in meine Arme, Geliebte!« –

In den Anmerkungen, welche dieser erstaunlichen litterarischen Leistung beigefügt waren, suchte der Verfasser zu beweisen, daß der Vorgang keineswegs außerhalb des Bereichs der Möglichkeit liege. Zum Beweis, daß ein Walfisch imstande sei, in fünf Tagen von der Behringsstraße nach der Küste von Grönland zu schwimmen, führte er einen ähnlichen Vorgang aus einem Buch von Charles Reade an, und dafür, daß ein Mensch im Bauche eines Walfischs leben könne, lieferte ihm das Abenteuer des Propheten Jona ein allbekanntes Beispiel. Habe ein Prophet es drei Tage darin ausgehalten, so würde ein Anwalt es sicherlich fünf Tage ertragen, ohne Schaden zu nehmen.

Der Sturm, der sich nun im Redaktionszimmer erhob, tobte wilder als zuvor; man warf dem Fremden sein Manuskript an den Kopf und jagte ihn mit Schimpf und Schande davon. Inzwischen waren die Angelegenheiten durch seine Schuld so sehr verzögert worden, daß keine Zeit mehr blieb, ein neues Kapitel zu schreiben und so kam das Blatt diese Woche ohne Roman heraus. Der Umstand erschütterte das Vertrauen des Publikums in die ›Wochenschrift des Westens‹ vermutlich so sehr, daß sie ihr gequältes Dasein nur noch mühsam weiter fristete und bevor die nächste Nummer die Presse verließ, eines stillen und friedlichen Todes starb.

Mit Hilfe eines ansprechenden Titels hoffte man noch mit dem Blatt einen Wiederbelebungsversuch anstellen zu können. Herr F. schlug vor, es den ›Phönix‹ zu nennen, um anzudeuten, daß es aus der Asche in ungeahntem Glänze erstehen werde; statt dessen wählte man jedoch auf Anraten eines schlauen Kopfes den Namen ›Lazarus‹. Da nun aber die Leser in der biblischen Geschichte wenig bewandert waren und den vom Tode erweckten Lazarus mit dem elenden, tranken Bettler verwechselten, der vor des Reichen Thüre lag, wurde der Name zum Gespött in der ganzen Stadt und das brach dem Unternehmen vollends den Hals.

Fünftes Kapitel.

Fünftes Kapitel.

Belehrendes.

Ich erlaube mir, den geneigten Leser im voraus zu benachrichtigen, daß ich in diesem Kapitel einige statistische Bemerkungen zu machen gedenke, damit er es überschlagen kann, wenn er will.

Im Jahre 1863, zur Zeit unseres höchsten Glanzes, glich Virginia einem wahren Bienenstock, so schwärmte es darin von Menschen und Wagen, doch ließ sich das von ferne schwer erkennen, da die Stadt im Sommer meist in eine dichte Wolke Alkalistaub eingehüllt war. Fuhr man zehn Meilen weit in diesem Staub dahin, so wurden Pferde und Menschen mit einer eintönig blaßgelben Kruste überzogen und im Wagen lag der Staub mindestens drei Zoll hoch, da ihn die Räder aufwühlten und hineinwarfen. Dabei ist dieser Alkalistaub so fein, daß er sogar in das luftdicht verschlossene Glasgehäuse eindringt, in welchem der Wardein seine äußerst empfindlichen Probierwagen aufbewahrt, deren Genauigkeit dadurch beeinträchtigt wird.

Es war damals die Zeit der gewagtesten Spekulationen, doch wurden auch solide Geschäfte in Menge abgeschlossen und es herrschte der großartigste Handelsverkehr. Von Kalifornien aus schaffte man alle Frachtgüter in ungeheuren Wagen über das Gebirge, denen oft eine so lange Reihe von Maultieren zum Vorspann diente, daß es ganz den Anschein hatte, als reiche der große Wagenzug, wie eine endlose Prozession, von Virginia nach Kalifornien hinüber. An dem aufgewirbelten Staub, der sich gleich einer ungeheuren Schlange durch die Wüstengegend wälzte, ließ sich die Richtung der Handelsstraße in dem Territorium leicht erkennen.

Die Lasten wurden die ganze Strecke von hundertfünfzig Meilen auf Transportwagen für den Preis von 100 bis 200 Dollars das Tonnengewicht (2000 Pfd.) nach dem Ort ihrer Bestimmung befördert. Eine einzige Firma in Virginia erhielt monatlich 100 Tonnen Fracht und bezahlte dafür 10,000 Dollars. Im Winter stiegen die Preise noch bedeutend. Alles Edelmetall wurde in Barren mit der Post nach San Francisco geschafft. Ein solcher Barren war meist doppelt so groß als eine Mulde, wie sie beim Bleiguß benützt wird, und zwischen 1500 und 3000 Dollars wert, je nach der Menge Goldes, die sich im Silber vorfand. Bei größeren Sendungen belief sich der Frachtsatz auf Fünfviertel Dollars für hundert Dollars des wirklichen Metallwerts, bei kleineren auf zwei Dollars. Die Fracht für einen Barren betrug daher im Durchschnitt etwas über 25 Dollars. Es gingen täglich drei Posten hin und her und ich habe oft gesehen, daß die nach Kalifornien bestimmten Postwagen eine Drittel Tonne in Silberbarren mitnahmen; manchmal teilten die drei Wagen sogar eine Last von zwei Tonnen unter sich, doch waren das nur Ausnahmefälle. Zwei Tonnen Rohsilber machten etwa 40 Barren aus, deren Fracht über 1000 Dollars kostete. Außerdem wurde mit jeder Postkutsche noch viel gewöhnliche Fracht befördert und zwischen fünfzehn bis zwanzig Passagiere, welche ein Personengeld von 25 und 30 Dollars bezahlten.

Die Firma Wells, Fargo und Co., in deren Händen der Postverkehr mit Virginia City lag, hatte demnach einen sehr bedeutenden und einträglichen Geschäftsbetrieb. In anderthalb Jahren wurden, wie mir der langjährige Agent der Firma, Valentin, mitteilte, Silberbarren im Wert von 5,330,000 Dollars befördert.

Von Virginia und Goldhill aus erstreckt sich in einer Länge von mehreren Meilen die große Comstock-Mine, eine Metallader von fünfzig bis achtzig Fuß Dicke, welche in Felswände eingeschlossen ist. Die Ader ist so breit wie manche Straße von New-York. Will man sich einen Begriff davon machen, was das heißt, so braucht man nur zu bedenken, daß in Pennsylvanien ein acht Fuß breites Kohlenlager schon für bedeutend gilt.

Außer dem Virginia über der Erde, einer geschäftigen Stadt mit vielen Straßen und Häusern, gab es demnach noch eine andere, unterirdische Stadt, in der eine zahlreiche Bevölkerung aus und ein ging. Hunderte von Menschen sah man sich dort durch die verworrenen Labyrinthe der Tunnels und Stollen drängen und beim Schein der unruhig flackernden Grubenlichter hierhin und dorthin huschen. Über ihren Häuptern erhoben sich die ungeheuren Balkengerüste, welche die Mauern des ausgehöhlten Comstocks auseinander hielten; die einzelnen Stützen hatten Manneslänge und die Grubenzimmerung ging zu so beträchtlicher Höhe hinauf, daß von unten kein menschliches Auge so weit zu dringen vermochte und sich ihr Ende im Dunkel verlor; sie war zwei Meilen lang, sechzig Fuß breit und höher als der höchste Kirchturm in Amerika. Man kann sich kaum eine Vorstellung davon machen, was es gekostet haben muß, diesen Wald von Bauholz in den Tannenforsten jenseits des Washoe-Sees zu fällen, um ihn für unsinnige Frachtsätze bis nach dem Mount Davidson zu schaffen, auf dessen Höhe sich Virginia City erhebt, das Holz dann zuzuhauen, in den Grubenschacht hinabzulassen und dort zurecht zu zimmern. Wenn zwanzig reiche Kapitalisten ihr Gesamtvermögen zusammenthäten, so würde das kaum ausreichen, um die Zimmerung zu bezahlen, welche zu einer einzigen dieser großen Silberminen gehört. Ein spanisches Sprichwort sagt, man brauche eine Goldgrube zum Betrieb einer Silbergrube und das ist nur zu wahr. Wer nichts besitzt als ein Silberbergwerk, weder Mittel hat es auszubeuten noch Gelegenheit zum Verkauf, der ist der ärmste Bettler von der Welt.

Ich habe von dem unterirdischen Virginia als von einer Stadt gesprochen. Um eine Vorstellung davon zu geben, führe ich nur an, daß die Gould- und Curry-Grube, welche nur eine von vielen anderen ist, Stollen und Tunnels in der Länge von fünf Meilen hatte und 500 Arbeiter beschäftigte. Alles in allem aber betrug die Länge der Straßen jener unterirdischen Stadt einige dreißig Meilen und ihre Bevölkerung 5 – 6000 Arbeiter. Manche derselben sind in einer Tiefe von 12 – 1600 Fuß unter den Häusern von Virginia und Goldhill im Innern der Erde beschäftigt und man bedient sich des elektrischen Stroms, um die Signalglocken anzuschlagen, durch welche der Grubendirektor ihnen Anweisung bei der Arbeit erteilt. Stürzt einmal ein Bergmann in einen 1000 Fuß tiefen Schacht hinab, wie das dort zuweilen vorkommt, so begnügt man sich bei solchem Fall gewöhnlich damit, die Leichenschau zu halten.

Zwanzigstes Kapitel.

Zwanzigstes Kapitel.

Kapitän Nye litt wirklich schwer an Rheumatismus. Der alte Herr, der sonst die Güte und Liebenswürdigkeit selbst war, konnte in den Anfällen seiner Krankheit recht unangenehm werden. Er geberdete sich zuweilen ganz rasend. Ich hatte aber selbst einmal gesehen, wie er einen Kranken mit der größten Geduld und Hingebung pflegte und da nun die Reihe an ihn gekommen war, sich pflegen zu lassen, so sollte es mich auch nicht verdrießen. Mochte er weiter toben, wie er wollte, mich störte das nicht im mindesten in meiner Seelenruhe, denn, ob nun meine Hände müßig oder beschäftigt waren, mein Geist war Tag und Nacht unablässig an der Arbeit. Ich änderte und besserte an den Plänen zu meinem Hause und überlegte mir, ob ich das Billardzimmer nicht lieber ins Dachgeschoß, anstatt neben den Speisesaal verlegen solle. Ferner versuchte ich betreffs der Polstermöbel im Salon zu einer Entscheidung zwischen Grün und Blau zu gelangen; ich gab an sich der letzteren Farbe den Vorzug, fürchtete jedoch, Staub und Sonnenlicht würden ihr zu viel Schaden thun. Sodann war ich zwar entschlossen, den Kutscher in eine bescheidene Livree zu stecken, dagegen noch unschlüssig betreffs des Bedienten. Haben mußte ich einen solchen ganz entschieden; es wäre mir aber lieber gewesen, wenn er ohne Livree hätte anständig erscheinen und seine Obliegenheiten versehen können, weil mir vor so viel Prunk einigermaßen bange war. Und doch fühlte ich, da mein Großvater auch Dienerschaft – aber ohne Livree – gehabt hatte, eine gewisse Neigung, ihn oder doch wenigstens seinen Geist auszustechen. Endlich brachte ich auch die Europareise in ein gehöriges System; die Reisestrecken und die für eine jede derselben bestimmte Zeit – alles wurde erwogen und geordnet; nur eins, nämlich, ob die Reise von Kairo nach Jerusalem per Kamel durch die Wüste, oder lieber zu Wasser nach Beirut gehen sollte, um von dort mit einer Karawane fortgesetzt zu werden, blieb unentschieden. Inzwischen schrieb ich alle Tage an die Freunde in der Heimat, setzte sie von meinen Plänen und Absichten in Kenntnis und wies sie an, sich nach einer hübschen Wohnung für meine Mutter umzusehen und sich über den Mietspreis zu einigen, bis ich käme. Ferner beauftragte ich sie, meinen Anteil an dem Landbesitz unserer Familie in Tennessee zu verkaufen und den Ertrag dem Witwen- und Waisenfond des Typographenvereins zu überweisen, dem ich seit lange als eifriges Mitglied angehörte.

Nachdem ich den Kapitän neun Tage lang gepflegt hatte, befand er sich etwas besser, war aber noch sehr schwach. Während des Nachmittags hoben wir ihn auf einen Stuhl und gaben ihm ein alkoholisches Dampfbad, dann machten wir uns daran, ihn wieder zu Bett zu bringen. Dabei mußte äußerst behutsam zu Werke gegangen werden, denn das leiseste Anstreifen verursachte Schmerzen. Gardiner hielt ihn an den Schultern und ich an den Beinen, als ich in einem unglücklichen Augenblicke stolperte, so daß der Kranke schwer auf das Bett fiel und Höllenschmerzen empfand. Er fluchte, wie ich nie in meinem Leben etwas gehört habe, und versuchte in seinem Zorn einen Revolver vom Tische zu reißen, den ich schnell wegnahm. Nun schrie er, ich solle das Haus verlassen und schwur hoch und teuer, wenn er wieder auf den Beinen sei, wolle er mich umbringen, sobald er meiner habhaft würde. Das war nur eine vorübergehende Wut, die nichts zu bedeuten hatte. Ich wußte, daß er es in einer Stunde vergessen, vielleicht sogar bedauern würde, aber im Augenblick ärgerte es mich doch ein wenig, und ich beschloß daher nach Esmeralda zurückzugehen. Da er auf dem Kriegspfade ist, dachte ich, wird er wohl imstande sein, sich selbst zu helfen. So aß ich zu Abend und trat dann, sobald der Mond aufging, meine neun Meilen lange Fußwanderung an.

Als ich auf der Höhe ankam, welche die Stadt überragt, fehlten noch fünfzehn Minuten zu zwölf Uhr. Ich warf einen Blick auf den Hügel jenseits der Schlucht und sah im hellen Mondenschein, wie anscheinend die halbe Bevölkerung des Städtchens sich um den Eingang zur Grube des Meilen Westend drängte. Jubelnd hüpfte mein Herz, und ich sagte zu mir selbst: ›Heute abend haben sie eine neue Schicht eröffnet und ganz gewiß eine reichere als je.‹ Ich ging zuerst darauf zu, kehrte mich aber wieder ab, indem ich mir sagte, die Grube würde ja nicht davonlaufen und ich sei für heute nacht genug auf den Bergen herum geklettert. Ich ging weiter durch die Stadt, und als ich an einer deutschen Bäckerei vorüberkam, stürzte eine Frau heraus und bat mich, doch mit ihr hereinzukommen und ihr beizustehen, ihr Mann habe einen Anfall von Wahnsinn. Ich ging hinein und fand, daß sie recht hatte; der eine Anfall, den er hatte, konnte für hundert gelten. Zwei Deutsche waren drinnen und versuchten ihn zu halten, richteten aber nicht viel aus. Ich lief die Straße ein Stück hinauf und klopfte einen schlafenden Doktor heraus, der halb angekleidet mitging. Alle vier rangen wir dann mit dem Verrückten, gaben ihm Arznei, begossen ihn mit kaltem Wasser und ließen ihm zur Ader, was mehr als eine Stunde dauerte. Die arme deutsche Frau besorgte das Weinen dazu. Als der Kranke endlich ruhig war, zogen der Doktor und ich uns zurück und überließen ihn seinen Freunden.

Es war kurz nach ein Uhr. Als ich müde, über gut gelaunt durch die Thüre unserer Hütte trat, erblickte ich beim trüben Licht einer Talgkerze Higbie, der am Tische saß und wie blödsinnig auf den Zettel von meiner Hand stierte, den er in seinen Fingern hielt. Er sah bleich, alt und abgemagert aus. Als ich stehen blieb und ihn fragend ansah, richtete er nur einen stumpfsinnigen Blick auf mich. Ich sagte:

»Higbie, was – was ist denn?«

»Wir sind ruiniert – wir haben die Arbeit nicht gethan – der blinde Gang ist anderweitig belegt!«

Ich hatte genug gehört. Kummervoll und gebrochenen Herzens sank ich auf einen Stuhl. Noch eine Minute zuvor war ich reich gewesen und von Eitelkeit geschwellt, jetzt war ich ein demütiger Bettler. Noch eine Stunde saßen wir da, beschäftigt mit Gedanken, mit eitlen und nutzlosen Vorwürfen gegen uns selbst, mit der unaufhörlichen Frage, warum habe ich nur dies und warum habe ich nur jenes nicht gethan? Aber keiner von uns sprach ein Wort. Endlich begannen die gegenseitigen Mitteilungen, und das Geheimnis klärte sich auf. Higbie hatte sich auf mich, ich mich auf ihn, und wir beide hatten uns auf den Faktor verlassen. Welche Thorheit! Zum erstenmal hatte der gesetzte und stramme Higbie eine wichtige Angelegenheit dem Zufall überlassen und der auf ihn fallenden Verantwortlichkeit nicht voll entsprochen. Ach, er hatte meinen Zettel eben erst zu Gesicht bekommen und war wenige Augenblicke vor mir zum erstenmal, seit wir uns getrennt, wieder in die Hütte getreten. Auch er hatte an jenem verhängnisvollen Nachmittag einen Zettel für mich zurückgelassen. Er war vor das Haus geritten, hatte durch das Fenster geschaut, und da er in Eile war und mich nicht sah, den Zettel durch eine zerbrochene Scheibe in die Hütte geworfen. Hier war derselbe die neun Tage ungestört liegen geblieben, er lautete:

»Versäumen Sie nicht, die Arbeit vor Ablauf der zehn Tage zu thun. W. ist durchgekommen und hat mir einen Wink gegeben. Am Mono-See soll ich ihn treffen, und von dort werden wir heute abend weiter gehen. Diesmal, sagte er, werden wir sie sicher finden.«

W. bedeutet natürlich Whiteman. Diese dreimal verfluchte Zementader!

So ging es zu. Ein alter Geizhals wie Higbie konnte dem Zauber der Aufregung über den geheimnisvollen Zementunsinn gerade so wenig widerstehen, als er sich des Essens hätte enthalten können, wäre er am Verhungern gewesen.

Monatelang hatte Higbie von dem wunderbaren Zement geträumt und so war er jetzt gegen seine bessere Einsicht fortgegangen und hatte es darauf ankommen lassen, daß ich für die Sicherheit des Besitzes einer Grube sorge, die eine Million unentdeckter Zementadern aufwog. Man hatte die beiden diesmal nicht verfolgt. Neun Tage lang konnten sie ungestört in den Bergschluchten suchen, ohne daß sie die Ader gefunden hätten. Da überfiel ihn auf einmal eine entsetzliche Angst, es möchte irgend etwas dazwischen gekommen sein, wodurch die zur Sicherheit unseres Besitzrechts an dem blinden Gange erforderliche Arbeit verhindert würde, und sofort machte er sich eiligst auf den Heimweg. Er hätte Esmeralda zu rechter Zeit erreicht, wäre ihm nicht unterwegs sein Pferd zusammengebrochen, so daß er einen großen Teil der Strecke zu Fuß zurücklegen mußte. So geschah es, daß wir zu gleicher Zeit von verschiedenen Enden her in die Stadt kamen. Er war indes energischer als ich, denn er ging schnurstracks nach dem ›Weiten Westen‹, anstatt gleich mir vom Wege abzuschweifen, und trotzdem traf er fünf oder zehn Minuten zu spät dort ein. Die ›Bekanntmachung‹ war bereits angeschlagen, die ›Wiederbelegung unanfechtbar vollzogen‹ und die Menge zerstreute sich rasch. Noch bevor er den Platz verließ, erhielt er einige weitere Mitteilungen. Der Faktor war seit der Nacht, wo wir die Grube belegt hatten, nirgends in der Stadt zu sehen gewesen; wie es hieß, war er in einer Sache, bei der sich’s um Leben und Tod handelte, telegraphisch nach Kalifornien berufen worden. Jedenfalls hatte er keine Arbeit gethan, und die wachsamen Augen der Gemeinde hatten hievon Notiz genommen. Um Mitternacht jenes schmerzenreichen Tages wurde daher unsere Erzader ›belegbar‹ und bereits um elf Uhr stand der Berg schwarz von Leuten, die bereit waren, die Wiederbelegung vorzunehmen. Das war die Menschenmenge, die ich gesehen, als ich mir – Dummkopf, der ich war! – eingebildet hatte, man habe einen neuen reichen Gang aufgeschlossen. Als Mitternacht verkündet wurde, schlugen vierzehn Mann, gehörig bewaffnet und bereit, ihr Verfahren zu verteidigen, ihre Bekanntmachung an und verkündeten ihr Besitzrecht an dem blinden Gange unter dem neuen Grubennamen Johnson. Aber der Faktor, unser Geschäftsteilhaber, erschien nun auf einmal mit gespanntem Revolver und erklärte, wenn sein Name nicht mit in die Liste aufgenommen werde, würde er die Gesellschaft Johnson ›ein wenig lichten.‹ Er war ein mannhafter, kräftiger, entschlossener Bursche, von dem man wußte, daß er hielt, was er sagte, und so kam es zu einem Vergleich. Sie schrieben ihm hundert Fuß gut, während sie sich selbst die üblichen zweihundert vorbehielten.

Zufolge der aufregenden Nachricht von einem neuen Erzfunde wandten Higbie und ich am nächsten Morgen der Stadt den Rücken, froh, den Schauplatz unserer Leiden verlassen zu können. Nach einem oder zwei Monaten voll harter Arbeit und Enttäuschung kamen wir noch einmal nach Esmeralda zurück. Da hörten wir, daß die Gesellschaft vom ›Weiten Westen‹ und die Johnsonsche sich zusammengethan hatten, so daß das auf diese Art vereinigte Vermögen fünftausend Fuß oder Kuxe betrug, und daß der Faktor aus Furcht vor einem möglichen langwierigen Rechtsstreit und im Hinblick auf die Schwierigkeiten eines so gewaltigen Besitzes seine hundert Fuß für neunzigtausend Dollars in Gold verkauft und sich in den Osten heimbegeben hatte, um des Geldes froh zu werden. Wenn die Aktien jetzt, da die Gesellschaft fünftausend Anteile zählte, solchen Wert hatten, so schwindelte es mir bei dem Gedanken, was sie wert gewesen sein würden, als es nur unsere ursprünglichen sechshundert waren. M war derselbe Unterschied wie zwischen einem Haus, das sechshundert, und einem solchen, das fünftausend Menschen gehört. Wir würden Millionäre gewesen sein, hätten wir einen einzigen kurzen Tag mit Hacke und Spaten auf unserem Eigentum gearbeitet und uns so den Besitztitel gesichert! –

*

Vor einem Jahre erhielt ich von meinem geschätzten und in jeder Weise schätzenswerten einstigen Mitmillionär Higbie aus einem obskuren kleinen Bergmannslager in Kalifornien die Nachricht, er sei nach neun oder zehn Jahren voll Schicksalsschlägen und mühseligen Ringens endlich so weit, um über fünfundzwanzighundert Dollars verfügen zu können und gedenke, nun einen bescheidenen Obsthandel anzufangen. Wie würde ihn ein solcher Gedanke beleidigt haben zur Zeit, da wir in unserer Hütte Pläne zu Europareisen und zu Häusern von braunem Sandstein auf dem Russenhügel schmiedeten!