Dreizehntes Kapitel.

Dreizehntes Kapitel.

Runzeln sollten nur die zurückgebliebenen Spuren des Lachens sein.

Querkopf Wilsons Kalender.

In einem der Tempel von Benares sahen wir einen frommen Mann, der auf seltsame Weise »schaffte, daß er selig würde«. Er hatte einen ungeheuern Klumpen Lehm neben sich liegen und knetete daraus winzige Götter, kaum größer als eine Erbse; in jeden steckte er ein Reiskorn, vermutlich an Stelle des Lingams. Die Arbeit ging ihm bei der großen Uebung, die er hatte, sehr schnell von der Hand; täglich verfertigte er zweitausend solche Götter und warf sie dann in den heiligen Gangesstrom. Für dies fromme Werk wurde ihm hohe Anerkennung von allen Gläubigen zu teil – und viele Kupfermünzen. So hatte er ein sicheres Einkommen auf Erden und erwarb sich zugleich einen Ehrenplatz im Jenseits.

Von der Flußseite gesehen, gewährt Benares einen herrlichen Anblick. Drei Meilen weit sind die hohen Felsenufer von oben bis hinunter zum Wasserspiegel mit lauter prachtvollen und malerischen Bauwerken besetzt; der Fels selbst ist ganz verschwunden, Tempel, Hallen, Paläste wechseln miteinander in bunter Reihe und viele breite Treppen aus Marmorquadern führen zum Fluß hinab. Ueberall ist Leben und Bewegung; in alle Farben des Regenbogens gekleidet, strömt die Menge die Stufen herauf und hinunter, oder drängt sich auf den langgestreckten Terrassen am Uferrand, wie ein großer wandelnder Blumengarten.

Alle jene Prachtbauten sind Werke der Frömmigkeit. Die Paläste gehören eingeborenen Fürsten, deren Heimat meist fern von Benares ist. Doch kommen sie von Zeit zu Zeit zur heiligen Stadt, um sich Seele und Leib durch den Anblick ihres angebeteten Ganges und ein Bad in seinen Fluten zu erquicken. Auch die schönen Treppen sind fromme Stiftungen, so gut wie die zahllosen, reich geschmückten kleinen Tempel, durch deren Errichtung sich die wohlhabenden Hindus irdisches Ansehen und die Hoffnung auf künftige Belohnung erwerben. Ein reicher Christ, der bedeutende Summen für religiöse Zwecke verwendet, ist eine Seltenheit; aber unter den Hindus lebt niemand, der seiner Religion nicht die größten Geldopfer brächte. Auch bei uns gibt der Arme etwas für die Kirche aus, behält jedoch noch das Nötigste zu seinem Lebensunterhalt zurück. Der arme Inder bringt sich dagegen täglich für seine Religion an den Bettelstab. Trotz seiner vielen frommen Spenden bleibt dem reichen Hindu noch immer genug an weltlichen Gütern übrig und er erntet obendrein hohen Ruhm; aber der arme Hindu ist wirklich zu bemitleiden: er gibt alles hin, was er hat, und es trägt ihm doch keine Ehre ein.

Wir machten zwei- bis dreimal die gebräuchliche Fahrt flußaufwärts und abwärts, wobei wir auf dem Deck der großen Arche, die mit Rudern fortbewegt wird, unter einem Zeltdach auf Stühlen saßen. Ich hätte noch vielmals so hin- und herfahren können und zwar mit stets gesteigertem Interesse und Genuß, denn je öfter man die Paläste und Tempel sieht, um so mehr bewundert man sie, was ja bei dergleichen Prachtgebäuden der Fall ist. Auch den Badenden hätte ich gern noch länger zugeschaut; es war ein Vergnügen zu sehen, wie geschickt sie aus ihren Kleidern hinaus und wieder hereinschlüpften ohne zuviel von ihrer bronzefarbenen Haut zu zeigen; ihr frommes Gebärdenspiel und die andächtige Art, wie sie die Gebetskügelchen durch die Finger gleiten ließen, wäre mir nicht zum Ueberdruß geworden.

Nur eins konnte ich kaum noch mit ansehen, nämlich wie sie sich den Mund mit dem scheußlichen Wasser ausspülten und es tranken. An einer Stelle, wo wir eine Weile anlegten, ergoß sich ein stinkender Strom aus einem Abzugskanal und machte das Wasser rings umher trübe und schmutzig; auch ein angeschwemmter Leichnam kreiste darin und tauchte auf und nieder. Zehn Schritte unterhalb aber, standen Männer, Frauen und hübsche junge Mädchen bis an die Brust im Wasser, schöpften es in der hohlen Hand und tranken. Ja, der Glaube kann Wunder wirken, davon erhielt ich hier den Beweis. Die Leute tranken das greuliche Zeug nicht etwa um ihren Durst zu löschen, sondern um Seele und Leib inwendig zu läutern. Nach ihrer Lehre macht das Gangeswasser augenblicklich alles was es berührt vollkommen rein. Deshalb nahmen sie weder an dem Schmutz des Abzugskanals noch an der Leiche den geringsten Anstoß; das heilige Wasser hatte sie ja berührt, sie waren so rein wie frisch gefallener Schnee und konnten niemand besudeln. Jener Anblick wird mir ewig unvergeßlich sein – aber sehr gegen meinen Willen.

Noch ein Wort über das schmutzige Gangeswasser, das doch alles zu reinigen vermag: Als wir mehrere Wochen später nach Agra kamen, hatte sich dort gerade ein Wunder zugetragen – den Gelehrten war eine große wissenschaftliche Entdeckung geglückt. Durch dieselbe wurde festgestellt, daß das von uns vielgeschmähte Gangeswasser wirklich das mächtigste Reinigungsmittel der Welt ist. Eine bedeutende Errungenschaft der modernen Naturkunde! Man hatte sich schon längst darüber verwundert, daß die Cholera zwar in Benares häufig wütet, sich jedoch nie über den Stadtbezirk hinaus verbreitet. Mr. Henkin, ein von der Regierung zu Agra angestellter Naturforscher, beschloß das Wasser zu untersuchen. Er ging nach Benares und schöpfte Wasser am Ausfluß der Abzugskanäle in der Nähe der Badetreppen. Die Probe ergab, daß ein Kubikzentimeter dieses Wassers Millionen von Cholerabazillen enthielt; nach Ablauf von sechs Stunden waren sie alle tot. Nun zog Henkin einen schwimmenden Leichnam ans Land; in dem Wasser, das von diesem abtropfte, wimmelte es von Cholerakeimen, aber nach sechs Stunden lebte kein einziger mehr. Auch sämtliche Bazillen, die Henkin in großer Menge in das Gangeswasser brachte, starben unfehlbar innerhalb sechs Stunden. Er wiederholte denselben Versuch mehrmals mit reinem Wasser, das gänzlich bakterienfrei war. Sobald er Cholerakeime hineinbrachte, vermehrten sie sich massenhaft, und nach sechs Stunden lebten viele Millionen darin.

Jahrhunderte lang sind die Hindus fest überzeugt gewesen, daß das Gangeswasser nicht nur vollkommen rein ist und durch nichts beschmutzt werden kann, sondern auch unfehlbar alles läutert, was damit in Berührung kommt. Weil sie das auch heutigen Tages noch glauben, trinken sie es und baden darin, ohne sich um schwimmende Leichen oder den scheinbaren Schmutz zu kümmern. Durch die Wissenschaft belehrt, werden wir die Hindus jetzt wohl kaum noch deswegen verspotten dürfen, wie wir es seit vielen Generationen getan haben. Wie mögen sie wohl vor grauen Jahren hinter das Geheimnis des Wassers gekommen sein? Hatten sie vielleicht schon damals Bakteriologen? – Wir wissen es nicht. Nur soviel wissen wir, daß sie bereits eine Zivilisation besaßen, als wir noch tief in der Barbarei steckten.

Doch jetzt möchte ich von etwas anderem reden, nämlich von dem Verbrennungsplatz der Leichen. Fakirs pflegt man nicht zu verbrennen; sie bekommen, dank ihrer Heiligkeit, auch ohnedies im Jenseits einen guten Platz, wenn man sie den Wellen des geweihten Stromes übergibt. Wir sahen, wie man einen solchen frommen Bettler bis in die Mitte des Ganges ruderte und dort über Bord warf. Er war zwischen zwei großen Steinplatten festgeklemmt.

Eine halbe Stunde lag unser Boot am Verbrennungsghat und wir sahen neun Leichen von den Flammen verzehren. Dann hatte ich ganz genug. Das Trauergefolge begleitet die Bahre durch die Stadt und bis hinab zum Ghat; dort überlassen die Träger den Toten mehreren Eingeborenen aus einer niederen Kaste, ›Doms‹ genannt, und die Trauernden begeben sich auf den Heimweg. Ich hörte kein Schluchzen, sah keine Tränen, der Abschied ging ruhig vor sich. Alle Ausbrüche von Kummer und Schmerz werden offenbar in häuslicher Zurückgezogenheit abgemacht. Die toten Frauen bringt man in einer roten, die Männer in einer weißen Umhüllung. Man legt sie am Uferrand ins Wasser, während der Holzstoß bereitet wird.

Der erste Tote, welchen die ›Doms‹ auswickelten um ihn zu waschen, war ein wohlgenährter, stark gebauter, schöner alter Herr gewesen, dem man keine Krankheit ansah. Aus trockenem Holz wurde ein Haufen lose zusammengeschichtet, der Leichnam darauf gelegt und mit brennbaren Stoffen bedeckt. Dann begann ein nackter heiliger Mann, der etwas abseits auf einer Erhöhung saß, mit großem Nachdruck zu reden und zu schreien. Der Lärm dauerte eine ganze Weile und stellte vermutlich die Leichenpredigt vor. Einer der Leidtragenden war zurückgeblieben, als sich die andern entfernten, nämlich der Sohn des Verstorbenen, ein hübscher, brauner etwa zwölfjähriger Knabe mit ernster, gefaßter Miene. Er war in ein weißes, wallendes Gewand gekleidet und hatte die Pflicht, seinen Vater zu verbrennen. Man gab ihm eine Fackel in die Hand, und während er siebenmal langsam um den Holzstoß schritt, predigte der nackte Schwarze auf der Anhöhe noch lauter und ungestümer als zuvor. Als der Knabe den siebenten Rundgang beendet hatte, berührte er mit der Fackel zuerst seines Vaters Haupt und dann die Füße. Helle Flammen sprangen scharf knisternd empor, und der Knabe zog sich zurück. Der Hindu wünscht sich keine Tochter, weil ihre Hochzeit unerschwingliche Kosten verursacht, er wünscht sich einen Sohn, um einst im Tode auf ehrenvolle Art aus der Welt scheiden zu können. Und eine größere Ehre gibt es nicht für den Vater, als wenn ihm sein Sohn den Scheiterhaufen anzündet. Wer keinen Sohn hat, ist übel daran und sehr beklagenswert. Im Hinblick auf die Unsicherheit des menschlichen Lebens heiratet der Hindu schon als Knabe, um einen Sohn zu bekommen, der ihm nach dem Tode den letzten Dienst erweisen soll. Wird ihm kein Sohn geboren, so nimmt er einen Knaben an Kindesstatt an. Das genügt für alle Zwecke.

Unterdessen nahm die Verbrennung jenes Leichnams und einiger andern ihren Fortgang. Es war ein grausiges Geschäft. Die Heizer blieben dabei nicht müßig; sie liefen flink umher, schürten das Feuer mit langen Stäben und warfen von Zeit zu Zeit mehr Holz hinein; auch hoben sie oft Schädel und Knochen in die Höhe, um sie zu zerschlagen und wieder in die Flammen zu stoßen, damit sie rascher von der Glut verzehrt würden. Ein widerwärtiger Anblick! Für die Hinterbliebenen hätte er unerträglich sein müssen. Mein Verlangen, die Leichenverbrennung zu sehen, war ohnenhin nicht groß gewesen und wurde bald gänzlich gestillt. Aus Gesundheitsrücksichten wäre es zwar ratsam, die Feuerbestattung allgemein einzuführen, aber diese Form derselben wirkt höchst abstoßend und ist durchaus nicht empfehlenswert.

Natürlich gilt das Feuer für heilig und muß bezahlt werden. Gewöhnliches Feuer ist verboten, weil es kein Geld einbrächte. Man sagte mir, daß eine einzige Person – vermutlich ein Priester – das Monopol besitzt, alles heilige Feuer zu liefern, für das er einen beliebigen Preis fordern kann. Mancher Leidtragende hat für eine Feuerbestattung schon tausend Rupien entrichtet. Von Indien aus ins Paradies zu kommen ist wirklich ein sehr kostspieliges Ding; man muß jede einzelne Kleinigkeit, die dazu gehört, teuer bezahlen, um die Priester zu mästen.

In der Nähe des Verbrennungsplatzes stehen ein paar altersgraue Steine aus der Zeit, als die Sutti noch gestattet war. Ein Mann und eine Frau, die Hand in Hand miteinander gehen, sind roh in den Stein geschnitten, der die Stelle bezeichnet, wo die Witwe ehemals den Feuertod erlitten hat. Mr. Parker sagt auch, daß sich die Witwen noch heutigen Tages verbrennen lassen würden, wenn die englische Regierung es nicht strengstens untersagte. Jede Familie, die auf einen der kleinen Denksteine zeigen und sagen kann: »Hier hat sich unsre Ahnfrau verbrannt!« wird von allen beneidet.

Ein seltsames Volk, diese Hindus! Alles Leben ist ihnen heilig, nur das des Menschen nicht. Selbst das Ungeziefer verschonen sie, und der fromme Dschain setzt sich auf keinen Stuhl, ohne ihn vorher abzuwischen, um ja auch nicht das winzigste Insekt zu töten. Es betrübt ihn, daß er Wasser trinken muß, weil der Inhalt seines Magens vielleicht den Mikroben nicht zuträglich sein könnte. Und doch ist Indien die Heimat der Thugs und der Sutti. Es wird unsereinem schwer, das zusammen zu reimen.

Wir gingen auch zu dem Tempel der Thug-Göttin Bhowanee oder Kali oder Durga – sie trägt alle diese Namen und noch viele andere. Sie ist die einzige Gottheit, der etwas Lebendiges geopfert wird; man schlachtet ihr Ziegenböcke. Affen wären billiger und sind überreichlich vorhanden. Da sie heilige Tiere sind, benehmen sie sich sehr unbescheiden und klettern überall herum, wo sie wollen. Der Tempel und die Vorhalle sind mit wunderschönen steinernen Ornamenten geschmückt, desto häßlicher ist das Götzenbild. Es ist wirklich kein Vergnügen Bhowanee anzusehen; sie hat ein Gesicht von Silber mit einer heraushängenden, hochrot angemalten, geschwollenen Zunge und trägt ein Halsband von Totenschädeln.

Ueberhaupt sind die zahllosen Götzenbilder in Benares alle roh, häßlich und mißgestaltet. Die ganze Stadt ist voll davon; sie ängstigen einen nachts im Traum, und nirgends hat man Ruhe vor ihnen. Kann man ihren Anblick in den Tempeln nicht länger ertragen und geht zum Strom hinaus, so findet man dort riesengroße, mit bunten Farben bemalte Götzen nebeneinander am Ufer hingestreckt, und wo irgend noch Raum ist, steht ein Lingam. Schwerlich hat Wischnu vorausgesehen, was aus seiner Stadt werden würde, sonst hätte er sie Götzenheim oder Lingamburg genannt.

Nie höchsten Türme von Benares sind die beiden schlanken, weißen Minarets auf der Moschee des Aurengzib, die einem überall zuerst ins Auge fallen. Die Aussicht von oben ist wundervoll, doch wurde sie mir ganz durch einen großen, grauen Affen verdorben, der auf dem Dach der Moschee die wildesten Sprünge machte. Es ist kaum zu glauben, wie unvernünftig ein solches Tier ist! Der Affe schwang sich über dem gähnenden Abgrund durch den leeren Raum bis zu irgendeinem steinernen Vorsprung, der viel zu weit entfernt für ihn war, so daß er ihn nur mit knapper Not erreichte und sich mit den Zähnen festhalten mußte. Mich machte das so nervös, daß ich immer nur nach dem Affen hinsah und die Aussicht ganz darüber vergaß. So oft er einen seiner tollkühnen Sätze ins Blaue hineintat, verging mir der Atem; wenn er nach einem Anhalt griff, klammerte ich mich selbst aus Mitgefühl krampfhaft fest und schnappte nach Luft, während er sich ganz gleichgültig und unbekümmert stellte. Wohl ein Dutzendmal kam er nur gerade noch mit dem Leben davon und beunruhigte mich dermaßen, daß ich ihn am liebsten auf der Stelle totgeschossen hatte; doch ging mich die Sache im Grunde ja gar nichts an.

Die Aussicht möchte ich allen Fremden aufs dringendste empfehlen, was man davon genießt ist prachtvoll. Ganz Benares, der Fluß und die Gegend ringsum liegen ausgebreitet vor unsern Blicken da. Wenn nur der Affe nicht wäre! – Mein Rat ist also: nehmt eine Flinte mit und seht euch die Aussicht an!

Der nächste Anblick, der sich uns bot, war weniger aufregend: Ein Eingeborener malte ein Bild auf Wasser – eine mir ganz neue Kunstleistung. Der Mann streute verschiedenfarbigen feinen Staub auf die Oberfläche eines Wasserbeckens und daraus entwickelte sich allmählich ein hübsches, zartes Gemälde, das durch einen Hauch wieder zerstört werden konnte. Es kam mir vor wie ein Gleichnis und Sinnbild, welches die Unbeständigkeit alles Irdischen predigt. Nach meinem vielen Umherstöbern unter den verfallenen Tempeln, die auf Ruinen standen, welche wiederum auf den Trümmern und Ruinen früherer Zeitalter erbaut gewesen waren, lag mir der Gedanke nahe, daß alle die gewaltigen Steinbauten in ihrer Art ganz ebenso vergänglich sind, wie Bilder, die man auf Wasser malt.

In Benares ist es auch gewesen, wo der kühne Generalgouverneur von Ostindien, Warren Hastings, im Jahre 1781 mit knapper Not einer großen Gefahr entging. Mit einer Handvoll eingeborener Soldaten und drei jungen englischen Offizieren hatte er den Rajah Cheit Singh in seiner eigenen Festung gefangen genommen, weil dieser sich weigerte, eine Geldstrafe von 500 000 Pfund Sterling zu bezahlen, die Hastings im Namen der Ostindischen Kompagnie über ihn verhängt hatte. So fest war damals seine Herrschaft in Indien begründet und so zuversichtlich rechneten die Engländer auf die oft erprobte Unterwürfigkeit des indischen Volkes, daß sie bei dem Zug in das entlegene Fürstentum, wo sie von aller Hilfe abgeschnitten waren, nur leere Kanonen mitnahmen und ihren Pulvervorrat zurückließen. Durch einen Zufall ward dies jedoch verraten, und nun brach ein Aufstand los, bei dem die drei Engländer samt den hilflosen Sepoys erschlagen wurden. Hastings selbst entkam im Dunkel der Nacht glücklich aus Benares. Vor Ablauf eines Monats kehrte er jedoch mit genügenden Streitkräften zurück, stellte Ruhe und Ordnung wieder her, entthronte den Rajah und gab dem Fürstentum einen andern Herrscher.

In eine so kritische Lage hat sich Hastings nie wieder gebracht. Er war ein hochbegabter Mann, und wenn auch an seinem Namen mancher Flecken haftet, den nichts zu tilgen vermag, so läßt sich doch nicht bestreiten, daß er das indische Reich für England gerettet hat. Einen bessern Dienst hätte er aber zugleich auch der indischen Nation nicht leisten können, welche seit Jahrtausenden unter dem Druck einer erbarmungslosen Tyrannei geschmachtet hatte.

Vierzehntes Kapitel.

Vierzehntes Kapitel.

Es zeugt von Mangel an Ehrfurcht, wenn man den Gott anderer Menschen mißachtet.

Querkopf Wilsons Kalender.

In Benares besuchte ich auch einen lebendigen Gott; es war der zweite, den ich zu sehen bekam. Von allen großen und kleinen Weltwundern, die mir je vorgekommen sind – und ich habe, so viel ich weiß, fast alle besichtigt – hat mir, glaube ich, nichts einen so überwältigenden Eindruck gemacht wie diese beiden Götter. Eine Erklärung hierfür zu finden fällt mir nicht schwer: Wenn wir etwas ein Wunder nennen, so tun wir das in der Regel nicht, weil es uns außergewöhnlich erscheint, sondern weil andere Leute etwas Besonderes darin sehen. Fast alle Wunder bekommen wir erst aus zweiter Hand. Ist ein Ding berühmt, so brennen wir vor Verlangen danach und wenn wir es sehen, erfüllt es stets unsere Erwartung. Der Anblick eines Gegenstandes, welcher in den Herzen einer großen Menschenzahl Begeisterung und Ehrfurcht entzündet oder ihre Liebe und Bewunderung weckt, gewährt uns einen Genuß, den wir mehr als alles andere schätzen. Wir fühlen uns hoch beglückt und dauernd bereichert, wir möchten die Erinnerung daran um keinen Preis hergeben.

Wie manche Sehenswürdigkeit der Welt haben wir von tausend Schriftstellern unser Lebenlang mit Entzücken preisen hören! Wir pilgern um den Erdball, sind von ihrem Anblick berauscht und halten die Gefühle, welche uns überwältigen, für unsere eigenen, während wir nur von der Blume eines Weines trunken sind, der andern Leuten gehört. Aber alle Erdenherrlichkeit, die wir staunend erblicken, ist doch nichts im Vergleich zu einer Person, die lebt, atmet, redet, und von vielen Millionen Menschen in frommem, aufrichtigem, unerschütterlichem Glauben für einen Gott gehalten und in Demut angebetet wird.

Als ich den Gott sah, war er sechzig Jahre alt. Er heißt Sri 108 Swami Bhaskarananda Saraswati; doch ist das nur eine Form seines Namens, eine Abkürzung, wie man sie etwa im Gespräch mit ihm wählen würde. Wollte man ihm einen Brief schreiben, so würde es sich schon aus Höflichkeit empfehlen, eine längere Anrede zu gebrauchen; nicht etwa den ganzen Namen, aber wenigstens so viel davon:

Sri 108 Matparamahansaparivraiakacharyaswamibhaskaranandasaraswati.

Hochwohlgeboren auf der Adresse hinzuzufügen ist unnötig. Das Wort Sri, mit dem der ganze Schwall beginnt, ist an sich schon ein Ehrentitel. ›108‹ gibt, glaube ich, die Zahl seiner übrigen Namen an. Da auch Wischnu 108 Namen hat, die er nur bei besonderen Gelegenheiten braucht, wird es wohl eine beliebte Sitte im Orden der Götter sein, sich solchen Extravorrat anzulegen. Aber auch ohne die 108 andern ist der abgekürzte Name schon ein recht hübsches Besitztum; er besteht aus 58 Buchstaben, wenn ich mich nicht verzählt habe. Dagegen können selbst die längsten deutschen Wörter nicht aufkommen und sind ein für allemal vom Wettbewerb ausgeschlossen.

Sri 108 S. B. Saraswati hat erreicht, was die Hindus den ›Zustand der Vollendung‹ nennen. Andere Hindus gelangen dazu nur durch zahllose Seelenwanderungen, bei welchen sie wieder und immer wieder in den verschiedensten Gestalten auf Erden geboren werden. Das ist eine langwierige Arbeit, die oft Jahrhunderte oder Jahrtausende in Anspruch nimmt, und bei der man allerlei Gefahr läuft. Man kann zum Beispiel, wie bereits erwähnt, das Unglück haben, einmal auf dem falschen Ufer des Ganges zu sterben und als Esel wieder zur Welt zu kommen, so daß man einen ganz neuen Anlauf nehmen und viele Entwicklungsstufen nochmals durchmachen muß. Von alledem ist Sri 108 S. B. S., als er zur Vollendung hindurchdrang, auf immer erlöst worden. Er nimmt nicht länger teil an dem Wesen dieser Welt; alles Irdische ist von ihm ausgeschieden, er ist vollkommen heilig und rein. Ja, er gehört überhaupt nicht mehr der Erde an, sondern steht ihr fremd gegenüber, ihre Schmerzen, Kümmernisse und Sorgen erreichen ihn nicht. Seine Heiligkeit kann durch nichts mehr entweiht, seine Reinheit durch nichts befleckt werden. Wenn er stirbt geht er zum Nirwana ein, wird in das Wesen der höchsten Gottheit mit aufgenommen und hat Frieden in Ewigkeit.

Die heiligen Schriften der Inder lehren, wie man zu diesem Zustand emporklimmen kann, aber es kommt höchstens einmal in tausend Jahren vor, daß ein Prüfungskandidat ihn wirklich erreicht. Sri 108 hat sämtliche vorgeschriebene Stufen von Anfang bis zu Ende durchgemacht, und ihm bleibt nun nichts mehr zu tun übrig, als zu warten, bis er aus dieser Welt abberufen wird, von welcher sein Los getrennt ist und die ihm nichts mehr zu bieten hat. In der ersten Stufe war er ein Schüler und erwarb Kenntnis der heiligen Bücher. In der zweiten wurde er Bürger, Hausvorstand, Gatte und Vater. Dann nahm er, wie geboten ist, auf immer Abschied von seiner Familie und wanderte fort. Er zog in eine ferne Wüste und brachte die vorschriftsmäßige Zeit als Einsiedler zu. Darauf wurde er zunächst Bettler, »wie es die Schrift befiehlt«; er durchwanderte Indien und nährte sich von den Gaben der Mildtätigkeit. Vor einem Vierteljahrhundert erreichte er die höchste Reinheit, welche keines Gewandes bedarf, denn Nacktheit ist ihr Symbol. Er legte daher das Lendentuch ab, dessen er sich zuvor bedient hatte. Jetzt könnte er sich nach Belieben wieder damit gürten, denn ihn kann nichts mehr beflecken – für gewöhnlich verschmäht er es jedoch.

Ich glaube, das sind noch nicht alle Stufen, aber die andern fallen mir gerade nicht ein; jedenfalls hat er sie durchgemacht. Während seiner langen Prüfungszeit hörte er nicht auf, sich in frommer Weisheit zu vervollkommnen und Erklärungen der heiligen Bücher zu schreiben. Auch in religiöse Betrachtungen über Brahma hat er sich versenkt und das tut er noch.

In ganz Indien wird sein Bildnis aus weißem Marmor verkauft; er bewohnt ein gutes Haus in Benares, das von einem schönen, großen Garten umgeben und eingerichtet ist, wie es seinem hohen Range zukommt. Auf der Straße kann er sich natürlich nicht blicken lassen. Für Götter wäre es in allen Ländern mit Unbequemlichkeiten verbunden, wenn sie frei umhergingen. Wollte jemand, den wir als Gott anerkennen und verehren, durch unsere Stadt spazieren und man erführe an welchem Tage, so würden alle Geschäfte stillstehen und der Verkehr ins Stocken geraten.

Das Wohnhaus des Gottes ist zwar behaglich, aber doch in Anbetracht der Umstände sehr bescheiden. Er brauchte nur den Wunsch zu äußern, so würden ihm seine Anhänger mit Freuden einen Palast bauen. Manchmal empfängt er die Gläubigen einen Augenblick, spricht ihnen Trost zu und gibt ihnen seinen Segen; darauf küssen sie ihm die Füße und gehen beglückt von dannen. Da er ein Gott ist, legt er auf Rang und Stand keinen Wert, vor ihm sind alle Menschen gleich. Er empfängt wen er will oder verweigert seinen Anblick. Manchmal läßt er einen Fürsten vor und schickt den Bettler fort; ein andermal empfängt er den Bettler, und der Fürst muß seiner Wege gehen. Doch nimmt er überhaupt nur wenige Besucher irgendwelcher Klasse an, da er die Zeit für seine Betrachtungen zu Rate halten muß. Mr. Parker, den Missionar, würde er, glaube ich, jederzeit empfangen, weil er ihm leid tut. Er selbst tut aber Mr. Parker ebenso leid, und dies Mitgefühl ist gewiß ein Segen für alle beide.

Bei unserer Ankunft mußten wir noch eine Weile im Garten herumstehen; die Aussichten waren nicht sehr günstig, denn Sri 108 S. B. S. hatte an diesem Tage alle Maharajas fortgeschickt und nur den gemeinen Pöbel empfangen; da wir nun weder das eine noch das andere waren, ließ sich nicht voraussagen, was wir zu erwarten hatten. Bald erschien jedoch ein Diener und sagte, es wäre schon recht, der Gott würde kommen.

Ja, er kam wirklich und ich habe ihn gesehen, diesen Gegenstand der Anbetung für Millionen. Mich durchbebte ein nie gekanntes Gefühl – ich wollte, es strömte mir noch durch die Adern. Und doch war er für mich kein Gott, sondern nur ein Schaustück. Der heilige Schauer, der mich durchzitterte, war nicht mein eigener; ich empfing ihn aus zweiter Hand von den unsichtbaren Millionen seiner Anbeter. Durch die Berührung mit ihrem Gott war ich in elektrische Verbindung mit ihrer Riesenbatterie geraten und bekam die ganze Ladung auf einmal zu fühlen.

Sri 108 S. B. S. war groß und hager. Sein scharfgeschnittenes Gesicht hatte einen ungewöhnlich durchgeistigten Ausdruck und er sah mich mit dem tiefen Blick seiner Augen gütig an. Er schien viel älter als seine Jahre, aber das mochte wohl von seinen Studien und Betrachtungen, dem Fasten und Beten und dem harten Leben herrühren, das er als Einsiedler und Bettler geführt hatte. Empfängt er Eingeborene hohen oder niederen Ranges, so geht er ganz nackt; aber jetzt trug er ein weißes Tuch um die Lenden, ein Zugeständnis, das er vermutlich den Vorurteilen der Fremden machte.

Sobald sich meine Verzückung etwas gelegt hatte, kamen wir gut miteinander aus, und er erwies sich mir als ein sehr angenehmer und freundlicher Gott. Er hatte viel vom Religionskongreß und der Weltausstellung in Chicago gehört und sprach mit großem Interesse darüber. Wenn die Leute in Indien auch von Amerika sonst nichts wissen, dies Ereignis ist ihnen bekannt, und sie werden Chicago sobald nicht vergessen.

Zu meiner Freude schlug der Gott mir vor, ob wir nicht unsere Autographen austauschen wollten. Zufolge dieser zarten Aufmerksamkeit glaubte ich an ihn, wenn ich auch vorher meine Zweifel gehabt hatte. Er schrieb mir eine Widmung in sein Buch, das ich stets mit ehrfurchtsvoller Scheu betrachtete, obgleich die Wörter von rechts nach links gehen und ich es daher nicht lesen kann. Diese Art Bücher zu drucken, halte ich für ganz verkehrt. Das Werk enthält die von ihm verfaßten, umfangreichen Erklärungen zu den heiligen Schriften der Hindus; könnte ich sie entziffern, so würde ich selbst versuchen nach der Vollendung zu streben. Ich überreichte ihm ein Exemplar von Huckleberry Finn, weil ich glaubte, es würde ihm zur Abwechslung von seinen Betrachtungen über Brahma eine kleine Erholung sein. Er sah recht müde aus, und wenn ihm mein Buch auch vielleicht nichts nützt, so wird es ihm doch gewiß nichts schaden.

Sri 108 S. B. S. hat einen Schüler, der unter ihm seine Studien betreibt – Mina Bahadur Rana – doch bekamen wir ihn nicht zu sehen. Er trägt Kleider und ist noch sehr unvollkommen. Eine kleine Abhandlung, die er über seinen Meister geschrieben hat, habe ich mir angeschafft. Es ist auch ein Holzschnitt darin, welcher Lehrer und Schüler zusammen auf einer Matte im Garten sitzend darstellt. Das Bild ist sehr gut getroffen und die Stellung genau dieselbe, welche Brahma mit Vorliebe einnimmt; man braucht dazu lange Arme und geschmeidige Beine; nur Götter können diese so übereinander schlagen – Götter und der Kautschukmann. In der gleichen Stellung ist auch im Garten ein Marmorbild von Sri 108 S. B. S. in Lebensgröße zu sehen.

Eine sonderbare Welt, in der wir leben – und am allermerkwürdigsten geht es in Indien zu. Jener Schüler, Mina Bahadur Rana, ist ganz und gar kein gewöhnlicher Mensch, er besitzt eine außerordentliche Begabung und hohe Bildung; eine glänzende weltliche Laufbahn lag vor ihm. Noch vor zwanzig Jahren stand er im Dienst der Regierung von Nepal und nahm am Hofe des Vizekönigs von Indien eine hervorragende Stellung ein. Er war tüchtig in seinem Beruf, ein tiefer Denker, wohlhabend und kenntnisreich. Da ergriff ihn plötzlich das Verlangen, sich einem religiösen Leben zu weihen, er legte sein Amt nieder, wandte der Eitelkeit und allem Behagen dieser Welt den Rücken, zog sich in die Einsamkeit zurück und lebte in einer armen Hütte. Dort studierte er die heiligen Schriften und vertiefte sich in Betrachtungen über Tugend und Frömmigkeit, die er zu erringen strebte. Diese Art Religion gleicht der unsrigen. Christus hat den Reichen geboten ihre Güter den Armen zu geben und ihm nachzufolgen, nicht in weltlichem Wohlleben, sondern in Dürftigkeit. Unsere amerikanischen und englischen Millionäre tun das täglich und bezeugen so vor aller Welt den ungeheueren Einfluß der Religion; aber von manchen Leuten werden sie wegen dieser Entsagung und Pflichttreue verhöhnt und auch über Mina Bahadur Rana wird man spotten und sagen, er sei verrückt geworden. Gleich vielen Christen von edlem Charakter und hohen Geistesgaben hat auch er sich das Studium seiner heiligen Schriften und die Abfassung von Büchern zu ihrer Erklärung und Auslegung als Lebensaufgabe gewählt; er hat sich diesem Beruf mit aller Liebe hingegeben und ist fest überzeugt, daß es keine törichte, nutzlose Zeitverschwendung, sondern die würdigste und ehrenvollste Beschäftigung ist, der er sich widmen kann. Dennoch gibt es viele Leute, welche jene Christen verehren und preisen, den Inder aber einen Narren schelten. Das tue ich nicht. Er besitzt meine vollste Hochachtung und die biete ich ihm nicht als etwas Gemeines und Alltägliches dar, sondern als eine große Seltenheit und Kostbarkeit. Die gewöhnliche Hochachtung und Ehrfurcht, wie sie gang und gäbe ist, kostet nichts. Ehrfurcht vor dem, was uns selbst heilig ist: vor Eltern, Religion, Gesetz, Vaterland, Achtung vor unsern eigensten Ueberzeugungen, sind uns so natürliche Gefühle, daß wir ohne sie ebensowenig leben könnten, wie ohne zu atmen. Das Atemholen rechnet man sich aber nicht als persönliches Verdienst an. Schwer und verdienstvoll ist dagegen eine andere Art der Ehrfurcht, nämlich die Hochachtung, die wir aus freien Stücken den politischen und religiösen Anschauungen eines Menschen zollen, obgleich sie nicht die unsrigen sind. Wir können seine Götter nicht anbeten und seine Politik nicht teilen – das erwartet auch niemand von uns; aber seinen Glauben an sie könnten wir doch achten, wenn es uns auch sauer wird; ja, wir könnten ihn selber achten, wollten wir uns rechte Mühe geben. Freilich, schwer ist es, ganz entsetzlich schwer, fast ein Ding der Unmöglichkeit, und deshalb versuchen wir es lieber gar nicht. Glaubt ein Mensch nicht wie wir glauben, so nennen wir ihn einen Toren, und dabei bleibt es. Das heißt in unsern Tagen, weil wir ihn jetzt nicht mehr verbrennen können.

Als wir von dem Gott in Benares Abschied nahmen und uns entfernten, trafen wir am Gartentor mit einer Gruppe von Eingeborenen zusammen, welche ehrerbietig warteten – ein Rajah, der aus einem entlegenen Teil Indiens kam und einige weniger vornehme Leute. Der Gott winkte sie zu sich heran, und im Hinausgehen sahen wir noch, wie der Rajah vor ihm kniete und demutsvoll seine heiligen Füße küßte.

Eine bequeme Eisenbahnfahrt von siebzehn und einer halben Stunde brachte uns nach Kalkutta, der Hauptstadt Indiens, die zugleich auch die Hauptstadt von Bengalen ist. Die Bevölkerung besteht wie in Bombay aus fast einer Million Eingeborenen und einer kleinen Zahl Weißer. Kalkutta ist eine riesengroße und schöne Stadt, man nennt es die Stadt der Paläste. Es ist reich an geschichtlichen Erinnerungen und reich an britischen Errungenschaften auf militärischem, politischem und kaufmännischem Gebiet. Man bekommt dort die Früchte des Wirkens der beiden großen Helden Clive und Hastings zu genießen, aber das 250 Fuß hohe Monument, welches man meilenweit in der Runde sieht, trägt den Namen Ochterlony. Mag man in Kalkutta sein wo man will, überall muß man an Ochterlony denken und sich den Kopf darüber zerbrechen, was das Denkmal wohl zu bedeuten hat. Gut, daß Clive nicht von den Toten zurückkommen kann, er würde sonst glauben, es sollte seinen Sieg bei Plassey verewigen und müßte zu seiner Kränkung erfahren, daß er sich geirrt hat. »Mit dreitausend Mann,« würde er sagen, ..habe ich sechzigtausend bezwungen und das Reich gegründet, aber man hat mir kein Denkmal gesetzt. In der Schlacht bei Ochterlony hat der General vielleicht mit einem Dutzend Soldaten eine Billion Feinde geschlagen und die Welt errettet.«

Aber das ist nicht richtig. Ochterlony war ein Mann, keine Schlacht. Er hat dem Lande auch gute und ehrenhafte Dienste geleistet, wie hundert andere tapfere, rechtschaffene und hochbegabte Engländer. Indien ist ein fruchtbarer Boden, um Männer zu erzeugen, die groß sind im Kriege wie im Frieden und bescheiden bei all ihrer Größe. Daß man ihnen Denkmäler setzt, erwarten sie nicht; auch Ochterlony hat das schwerlich getan – wenigstens sicherlich nicht, ehe Clive und Hastings versorgt waren.

Wollte man in Indien jedem zum Lohn für ausgezeichnete Taten, treue Pflichterfüllung und fleckenlosen Lebenswandel ein Denkmal setzen, es würde der Gegend ein einförmiges Ansehen geben. Die Handvoll Engländer regieren die Myriaden Inder anscheinend mit Leichtigkeit und ohne daß irgend welche Reibung entsteht. Sie können das, weil sie richtigen Takt, Tüchtigkeit und treffliche Verwaltungskunst besitzen, welche von gerechten, freisinnigen Gesetzen unterstützt wird, und weil sie den Eingeborenen stets Wort halten, wenn sie ihnen ein Versprechen gegeben haben.

England liegt weit von Indien; man erfährt dort wenig von den großen Diensten, welche die indischen Beamten dem Lande leisten; denn der Ruhm wird durch Zeitungskorrespondenten verbreitet, und diese schickt England nicht nach Indien, sondern nach dem europäischen Festland, um über die Taten aller kleiner Fürsten und Herzöge Bericht zu erstatten, damit man weiß, wo sie auf Besuch sind und wen sie heiraten. Ein britischer Beamter kann oft dreißig oder vierzig Jahre in Indien gelebt haben und wegen seiner hohen Verdienste von einer Ehrenstufe zur andern gestiegen sein, bis er Vizekönig wird und ein großes Reich mit vielen Millionen Untertanen regiert. In jedem andern Lande wäre er ein berühmter Mann, aber, wenn er wieder nach England kommt, ist er im Grunde so gut wie unbekannt und zieht sich in ein bescheidenes Eckchen zurück. Erst nach seinem Tode liest man mit Staunen den Bericht über seine glänzende Laufbahn in irgend einer Londoner Zeitung.

In Kalkutta gab es viel zu sehen, aber wir hatten nur wenig Zeit dazu. Die von Clive erbaute Festung, der große botanische Garten, die Spazierfahrt der vornehmen Welt auf dem Maidan und eine glänzende Revue der Garnison nebst den Manövern der eingeborenen Soldaten, bei denen alle Waffengattungen große militärische Tüchtigkeit bewiesen und deren Schluß die Erstürmung eines indischen Forts bildete – das waren die Hauptsehenswürdigkeiten, die wir in Augenschein nahmen. Dann machten wir noch eine Lustfahrt auf dem Hugli und teilten unsere übrige Zeit zwischen geselligem Verkehr und dem indischen Museum. Letzteres ist eine wahre Schatzkammer für indische Altertümer, zu deren Besichtigung man mindestens einen Monat haben sollte; ja, ich könnte diese schönen und wunderbaren Dinge ein halbes Jahr lang ansehen, ohne daß sie ihren Reiz für mich verlieren würden.

Es war Winter in Kalkutta, ›kaltes Wetter‹, wie uns jedermann versicherte. Aber, wer an 138° Schatten gewöhnt ist, hat kein Urteil über dergleichen. Jedenfalls war dies kalte Wetter zu warm für die Fremden, und wir brachen deshalb nach Dardschiling am Himalaja auf. Es ist eine Reise von vierundzwanzig Stunden.

Fünfzehntes Kapitel.

Fünfzehntes Kapitel.

Es gibt 869 verschiedene Arten der Lüge; aber nur eine von allen ist ausdrücklich verboten: »Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.«

Querkopf Wilsons Kalender

Aus dem Tagebuch. 14. Februar. Wir reisten nachmittags um 4.30 ab und fuhren bis zur Dämmerung durch tropische Vegetation; dann bestiegen wir ein Boot, das uns ans andere Ufer des Ganges brachte.

15. Februar. – Mit der Sonne aufgestanden. Ein strahlender, frostkalter Morgen. Doppelte Flanellunterkleider machen sich notwendig. Die Gegend ist vollständig eben und dehnt sich in verschwommenen Farben weiter und immer weiter, bis ins Unendliche aus. – Wie üppig, wie hoch und mächtig ist doch der Bambus mit seinem duftig zarten Laub! Wohin das Auge blickt, sieht man die baumartigen Gräser gleich riesigen Pflanzengeysern emporschießen, bis ihr grüner Sprühregen sich in der Ferne in Dunstwolken zu verwandeln scheint. Auch an Bananenfeldern kamen wir vorbei, wo der Sonnenschein die glasierte Oberfläche der großen niederhängenden Blätter streifte. Häufig sahen wir Palmenhaine und vereinzelte Exemplare dieser malerischen Familie, die eine wirkungsvolle Abwechslung in das Landschaftsbild brachten. An den hohen schlanken Stämmen hingen die Blätter zerrissen und zerfetzt umher, als wollte die Natur einen Regenschirm darstellen, der unversehens in einen Wirbelsturm geraten ist und es sich nicht merken lassen will. Und überall sahen wir im gedämpften Morgenlichte Dörfer auftauchen, zahllose Dörfer, die kein Ende nehmen wollten. Mit Stroh gedeckt, aus reinen, neuen Rohrmatten aufgebaut, lagen sie dichtgedrängt zwischen Palmengruppen und Bambusgräsern. In Abständen von kaum dreihundert Metern kamen immer neue dutzendweise zum Vorschein. Es war eine mächtige, viele hundert Meilen lange und breite Stadt, die aus lauter Dörfern bestand. Eine so ungeheure Stadt habe ich noch nie gesehen, es gibt keine zweite auf der ganzen Erde, und eine Einwohnerzahl hat sie, wie ein europäisches Königreich. Wir sahen diese Menschen auf beiden Seiten der Eisenbahn und vor uns, soweit das Auge reichte – eine endlose Menge nackter Gestalten. Meile auf Meile flogen wir dahin, aber immer waren sie da, auf beiden Seiten und vor uns, die braunen nackten Männer und Knaben, die auf den Feldern ackerten und pflügten. Wir gewahrten kein einziges Weib, kein Mädchen bei der Feldarbeit, während der ganzen Zweistündigen Fahrt.

Wenn wir den armen Heiden die neueste Zivilisation bringen, sollten wir zugleich die Gelegenheit benützen, auch unsere Kultur durch einige ihrer barbarischen Sitten zu bereichern. Das Recht hierzu kann uns niemand bestreiten. Heben wir jene Völker auf eine höhere Stufe, so sind wir auch befugt, uns selbst mit ihrer Hilfe um neun oder zehn Grade aufwärts zu bringen. Vor Jahren verlebte ich einige Wochen in dem bayrischen Bade Tölz. Die Gegend ist katholisch, und nicht einmal in Benares ist die Bevölkerung so durch und durch religiös und so eifrig in ihrer Frömmigkeit, das erkennt man auf den ersten Blick. Damals schrieb ich in mein Tagebuch: »Gestern machten wir eine wunderschöne Spazierfahrt über Land; doch wurde mein Vergnügen durch den Anblick ehrwürdiger Großmütter mit grauen Haaren, die im Felde arbeiteten, sehr beeinträchtigt. Siebzig- und achtzigjährige Frauen mähten Korn, banden Garben oder luden das Heu auf den Wagen.«

An andern Orten in Bayern sah ich, wie Weiber schwere mit Bierfässern beladene Karren zogen. In Oesterreich fand ich oft eine Frau neben einer Kuh an den Pflug gespannt, den ein Mann führte. Ich sah ein altes gebücktes Weib, zusammen mit einem Hunde angeschirrt, einen beladenen Schlitten über gepflasterte und ungepflasterte Straßen ziehen, während der Fuhrmann, ein kräftiger Mensch von kaum dreißig Jahren, nebenher ging und seine Pfeife rauchte. Auch die Wäscherinnen in Frankreich kann ich nicht vergessen, die bei strömendem Regen und so naßkaltem Wetter, daß man keinen Hund hinausjagen würde, in ihrer gewöhnlichen Kleidung vor meinen Hotelfenstern in der Rhone wuschen, bis die Dunkelheit ihrer Arbeit ein Ende machte. Dann kam ein starker Bursche – vielleicht der Enkel der alten Großmutter – im sichern Schutz seines Regenschirms, trocken und wohlbehalten auf einem Eselwagen gefahren und befahl den Weibern in herrischem Ton, die sechs schweren Körbe mit nasser Wäsche aufzuladen, die ein Mann kaum von der Stelle gebracht hätte. Die bis auf die Haut durchnäßten Frauen gehorchten ohne Murren, und während der Franzose vom Wagen stieg und ins Wirtshaus ging, wo ich ihn später bei einer Flasche Wein sitzen sah, trabten sie geduldig heimwärts hinter dem Karren drein.

Doch ich kehre nach Indien zurück. Im Lauf des Nachmittags näherten wir uns dem Gebirge. Wir verließen den Hauptbahnzug und stiegen in eine Zweigbahn, die aus kleinen mit Leinwand gedeckten Wagen bestand, von denen jeder etwa für zwölf Personen Platz hatte. Wurden die Vorhänge aufgezogen, so saß man ganz im Freien, fühlte sich äußerst behaglich, konnte die frische Luft einatmen und sich nach allen Seiten umsehen. Es war eine Vergnügungsfahrt, nicht nur dem Namen nach, sondern in Wirklichkeit.

Nach einer Weile hielten wir an einem kleinen hölzernen Bahngebäude mitten im dichten Walde unter großen Bäumen, Gebüsch und Schlingpflanzen in der Nähe eines düstern Dschungels. Hier haust der bengalische Königstiger in großer Menge und benimmt sich sehr frech und rücksichtslos. Von der einsamen kleinen Station wurde einmal folgende Depesche an den Bahnhofsinspektor in Kalkutta abgesandt: »Ein Tiger frißt eben den Bahnwärter auf der vorderen Veranda. Telegraphieren Sie mir Verhaltungsmaßregeln.«

Ich ging dort zum erstenmal auf die Tigerjagd und tötete vierzehn Stück. Bald fuhren wir weiter, und der Zug klomm den Berg hinauf. An einer Stelle kamen sieben wilde Elefanten über die Schienen, aber zwei von ihnen liefen davon, ehe ich sie erreichen konnte. Die Fahrt im Gebirge beträgt vierzig Meilen und dauert acht Stunden. Sie sollte eine ganze Woche in Anspruch nehmen, weil sie so interessant, aufregend, wild und entzückend ist. Die tropische Vegetation war vollständig vertreten. Ich glaube der Dschungel enthielt Exemplare jeder seltenen oder merkwürdigen Baum- und Buschart, von der wir jemals gehört haben. Aus dieser Schatzkammer der Pflanzenwelt muß der ganze Erdball mit allen Gewächsen versehen worden sein, die für uns am köstlichsten und wertvollsten sind. Es ist reizend, wie sich der Weg fortwährend dreht und windet. Er führt bald unter hohen Felsenklippen hin und her, die in Laubwerk und Schlingpflanzen förmlich begraben sind, bald am Abhang unergründlich tiefer Schluchten entlang. Dabei begegnet man fort und fort endlosen Reihen malerisch aussehender Eingeborener, welche Lasten den Berg hinauftragen oder von ihrer Arbeit in den Teegärten droben zurückkehren. Einmal trafen wir auch auf einen Hochzeitszug im bunten Flitterstaat. Die hübsche, kindliche Braut guckte zwischen den Vorhängen ihres Palankins heraus und zeigte ihr Gesicht mit solchem Vergnügen, wie es nur junge und glückliche Menschen empfinden, wenn sie etwas Verbotenes tun.

Wir kamen allmählich bis zu den Wolken hinauf und schauten von unserer luftigen Höhe hernieder auf ein wunderbares Bild: Von Wolkenschatten gefleckt, mit glänzenden Strömen durchzogen, lag die indische Ebene vollkommen flach, aber weich und anmutig in der glühenden Hitze da. Gerade unter uns, tiefer und immer tiefer, bis zum Tal hinab, schob sich ein Gewirr kahler Bergspitzen durch einander, über welche sich Straßen und Pfade, gleich mattgelben, schmalen Bändern, in zahllosen deutlich erkennbaren Krümmungen und Windungen schlängelten.

Als wir die Höhe von 6 000 Fuß erreichten, umgab uns eine dichte Wolkenschicht, welche die übrige Welt vor unsern Blicken derart verhüllte, daß sie überhaupt nicht wieder zum Vorschein kam. Wir klommen nun noch 1 000 Fuß höher, dann senkte sich der Weg und wir erreichten Dardschiling, das 6 000 Fuß über der Ebene liegt.

Auf unserer Fahrt hatten wir in vielen Gebirgsdörfern eine ganz neue Gattung Eingeborener zu sehen bekommen, die größtenteils dem kriegerischen Stamme der Ghurkas angehörten. Sie sind nicht groß, aber stark gebaut und voll Tatkraft, auch liefern sie die besten Soldaten unter den eingeborenen britischen Truppen. Ihre Frauen kamen uns scharenweise entgegen; sie kletterten den steilen Weg vom Tal bis zu ihrer Wohnstätte in den Bergen vierzig Meilen weit empor und hatten dabei noch schwere Körbe auf dem Rücken, zu deren besserem Halt sie ein Gurtband um die Stirn trugen. Wieviele hundert Pfund die Last wog, will ich gar nicht erst sagen; es würde mir doch niemand glauben. Es waren noch junge Frauen, die unter ihrer zentnerschweren Bürde so leicht einherschritten, als ob sie zum Tanze gingen. Man sagte mir, eine Frau könne ein Klavier auf dem Rücken den Berg hinan tragen, und das hätten schon viele getan. Wären es alte Frauen gewesen, so würde ich die Ghurkas für ebenso unzivilisiert halten wie die Europäer.

Am Bahnhof von Dardschiling warten auf den Reisenden statt der Droschken eine Menge offener Särge, in die man steigt, um sich von Männern auf der Schulter die steilen Wege zur Stadt hinan tragen zu lassen.

Oben fanden wir ein ziemlich behagliches Hotel, dessen Besitzer die Bequemlichkeit und Sorglosigkeit selber war. Er überläßt die Wirtschaft dem Heer seiner indischen Diener und kümmert sich um nichts. Das heißt, nein – die Rechnung sieht er doch durch, und der Fremde wird wohl daran tun, seinem Beispiel zu folgen. Ein Bewohner des Hotels sagte mir, daß der Gipfel des Kinchinjunga oft von Wolken verhüllt wird, so daß die Fremden schon manchmal drei Wochen lang gewartet haben und zuletzt doch fortgehen mußten, ohne ihn zu Gesicht zu bekommen. Trotzdem waren sie nicht enttäuscht, denn als man ihnen die Hotelrechnung einhändigte, fanden sie diese so hoch, daß sie überzeugt waren, es könne überhaupt nichts Höheres auf dem Himalaja zu sehen geben. Doch das halte ich für erlogen.

Nach meiner Vorlesung ging ich noch abends in das Klubhaus, wo es mir sehr gut gefiel. Wegen seiner hohen Lage bietet es umfassende Aussicht; man kann dreißig Meilen weit bis zur Grenze sehen, wo drei oder vier Länder zusammenstoßen, Nepal glaube ich und Tibet, die beiden andern weiß ich nicht mehr.

Am nächsten Morgen, es war Sonntag, kamen Bekannte in aller Frühe mit Pferden, und unsere Gesellschaft unternahm einen Ritt nach dem Aussichtspunkt, von wo sich Kinchinjunga und Mount Everest am vorteilhaftesten darstellen. Ich zog jedoch vor, zu Hause zu bleiben, denn ich fand es kalt, und die Pferde waren mir so wie so fremd. Mit ein paar wollenen Decken und meiner Pfeife saß ich zwei Stunden lang am Fenster und sah wie die Sonne die Morgennebel vertrieb, wie sie die Schneespitzen eine nach der andern blaßrot und goldig malte und zuletzt den ganzen mächtigen Gebirgsstock in ein Meer der herrlichsten Farben tauchte.

Der Kinchinjunga kam zwar nur dann und wann zum Vorschein, doch hob er sich jedesmal mit großer Klarheit gegen den Himmel ab. Er ragte 28 000 Fuß über der Meeresfläche in das blaue Gewölbe hinauf, meilenweit über mir, so hoch wie ich mein Lebtag kein Land gesehen hatte. Mount Everest ist noch 1 000 Fuß höher, doch gehörte er nicht zu dem Haufen von Bergspitzen, die sich da vor mir auftürmten. Daß ich ihn nicht zu sehen bekam, machte mir keinen Kummer; ein Berg von so übermäßiger Höhe würde mir unangenehm gewesen sein.

Von den Hinterfenstern des Hauses ging ich dann nach der Vorderseite, wo ich den Rest des Morgens damit verbrachte, die dunkelfarbigen Genossen der verschiedenen Stämme vorbeifluten zu sehen, die aus ihren fernen Heimstätten im Himalaja kamen.

Jedes Alter und Geschlecht war vertreten und die Rassen waren mir ganz neu, obwohl die Tibetaner durch ihre Tracht an Chinesen erinnerten. Daß die Gebetsmühle häufig in Anwendung kam, brachte mir die Leute näher – ich fühlte mich ihnen verwandt. Auch wir lassen uns oft beim Gebet durch unsern Pfarrer vertreten; zwar wirbeln wir ihn nicht um einen Stock herum, doch ist das kein wesentlicher Unterschied. –

Stundenlang sah ich den Strom an mir vorübereilen; schade, daß das seltsame, fesselnde Bild dort so gut wie verloren war. Hätte sich der bunte Schwarm durch die Städte Europas oder Amerikas ergossen, welches Labsal wäre es für die Menschen gewesen, denen das ewige Einerlei der Zirkusvorstellungen nicht mehr genügt. Was führte aber die Eingeborenen in solcher Unmenge herbei? – Sie hatten sich aufgemacht, um den Bazar zu besuchen, wo sie Waren zum Verkauf ausbieten wollten. Später nahmen wir diesen fremdartigen Kongreß wilder Völkerschaften gleichfalls in Augenschein. Wir drängten uns hier und da durch die Menge und kamen zu dem Schluß, daß es schon allein um dieses Schauspiels willen der Mühe wert sein würde, von Kalkutta herzureisen, selbst wenn es keinen Kinchinjunga und Mount Everest auf der Welt gäbe.

Erstes Kapitel.

Erstes Kapitel.

Vergib und vergiß! Das ist nicht schwer, wenn man’s nur recht versteht: Wir sollen unbequeme Pflichten vergessen und uns vergeben, daß wir sie vergessen haben. Bei strenger Übung und festem Willen gewöhnt man sich leicht daran.

Querkopf Wilsons Kalender.

Montag, 23. Dezember 1895. Von Sydney nach Ceylon in dem P. und O. Dampfer ›Oceana‹ abgesegelt. Die Mannschaft besteht aus Laskaren, den ersten, die ich je gesehen habe. Sie tragen weißbaumwollene Unterröcke und Beinkleider, einen roten Schal als Gürtel; auf dem Kopf einen Strohhut ohne Krempe; gehen barfuß; Gesichtsfarbe dunkelbraun, Haar kurz, glatt und schwarz; schöner Schnurrbart, glänzend, seidenweich und tiefschwarz. Sanfte, gute Gesichter; willige, gehorsame Leute, auch arbeitstüchtig. Doch sagt man, daß sie in der Stunde der Gefahr vor Angst völlig den Kopf verlieren. Sie kommen von Bombay und der benachbarten Küste. Die ›Oceana‹ ist ein großes, prächtig ausgestattetes Schiff, das alle Bequemlichkeit bietet; es hat geräumige Promenadendecks, große Zimmer und eine gut ausgewählte Offiziersbibliothek, was nicht häufig vorkommt … Zu den Mahlzeiten wird man durch Hornsignale gerufen, wie auf Kriegsschiffen; man ist froh das schreckliche Gong einmal los zu sein … Wir haben drei große Katzen an Bord, sehr leutselige Bummler, die sich auf dem ganzen Schiff herumtreiben; die weiße Katze folgt dem Proviantmeister überallhin wie ein Hund; auch ein Korb mit jungen Kätzchen ist da. Wenn das Schiff in den Hafen kommt, sei es in England, Indien oder Australien, so begibt sich der eine Kater ans Land, um zu sehen, wie es seinen verschiedenen Familien ergeht, und man bekommt ihn erst wieder zu Gesicht, wenn das Schiff im Begriff ist, die Anker zu lichten. Woher er das Datum der Abfahrt weiß, kann niemand sagen; vermutlich kommt er täglich nach dem Hafendamm und sieht sich um; wenn viel Gepäck an Bord geschafft wird und die Passagiere sich einfinden, merkt er daran, daß es auch für ihn Zeit ist, wieder das Schiff zu besteigen. Wenigstens glauben das die Matrosen …

Tischgespräche: Ein Passagier äußerte: »Meinen Sie, echter Mokka werde in der ganzen Welt verkauft? Denkt gar nicht daran! Sehr wenige Fremde, außer dem Kaiser von Rußland, bekommen in ihrem ganzen Leben auch nur eine Bohne davon zu sehen.« Ein anderer Mann sagte: »Australischer Wein hat in Australien keinen Absatz. Man schickt ihn nach Frankreich, von wo er als französische Sorte zurückkommt, dann kaufen ihn die Leute.« – Ich habe oft behaupten hören, daß der französische Rotwein, welchen New York trinkt, meist in Kalifornien gekeltert wird. Auch erinnerte ich mich, was mir Professor S. einmal über Veuve Cliquot erzählt hat. Er war bei einem großen Weinhändler zu Besuch, dessen Wohnort nicht weit von jenem berühmten Weinberg lag, und sein Wirt fragte ihn, ob in Amerika viel Veuve Cliquot getrunken würde.

»O ja,« erwiderte S., »außerordentlich viel.«

»Kann man die Marke leicht bekommen?«

»Ohne alle Schwierigkeit; sämtliche Hotels erster und zweiter Klasse führen sie.«

»Was bezahlt man dafür?«

»Je nach dem Hotel fünfzehn bis zwanzig Franken die Flasche.«

»Was für ein glückliches Land! Hier an Ort und Stelle kostet sie mindestens hundert Franken.«

»Nein!«

»Doch!«

»Sie glauben also, daß wir drüben bei uns nicht echten Veuve Cliquot trinken?«

»Keine Rede. Seit Columbus‘ Zeiten ist noch nicht eine einzige Flasche vom echten Gewächs nach Amerika gekommen. Der Weinberg, welcher es liefert, ist so klein, daß er nicht allzuviele Flaschen ergibt, und der Ertrag wird alljährlich einer einzigen Person zugeschickt – dem Kaiser von Rußland. Er kauft die ganze Ernte zum voraus, mag sie klein oder groß sein.«

*

4. Januar 1896. Weihnachten in Melbourne, Neujahr in Adelaide. Wiedersehen mit den meisten Bekannten in beiden Städten … Jetzt liegen wir hier in Westaustralien vor Albany im König Georgs Sund. Es ist ein ganz vom Land eingeschlossener Hafen oder vielmehr eine Reede – anscheinend sehr geräumig, aber kein tiefes Wasser. Ringsum kahle Felsen und zerklüftete Hügelketten. Die Schiffe kommen jetzt in Menge an, alles strömt nach der Goldgegend. Die Zeitungen wissen wunderbare Dinge zu berichten, wie sie immer im Umlauf sind, wenn neue Goldfelder entdeckt werden. Zum Beispiel: Ein junger Mann hatte eine Parzelle in Besitz genommen, von der er die Hälfte für fünf Pfund verkaufen wollte; aber, es fand sich kein Liebhaber. Vierzehn Tage lang harrte er aus, trotz Hunger und Not, dann stieß er auf eine Goldader und verkaufte die Grube für 10 000 Pfund …

Gegen Sonnenuntergang erhob sich eine frische Brise, und wir lichteten den Anker. Aus der kleinen tiefen Wasserlache, auf der wir schwammen, führte ein schmaler, dicht mit Bojen besetzter Kanal ins Meer hinaus. Ich blieb auf Deck, um zu sehen, wie unser großes Schiff bei dem starken Wind die Durchfahrt bewerkstelligen werde. Auf der Kommandobrücke stand der Kapitän, ein wahrer Riese, neben ihm ein kleiner Lotse in prächtiger Uniform mit Goldschnüren; auf dem Vorderdeck ein weißer Maat, ein paar Quartiermeister und eine bunte Menge Laskaren, zur Arbeit gerüstet. Unser Heck war gerade auf den Eingang des Kanals gerichtet, das Schiff mußte also in der Wasserlache eine vollständige Schwenkung machen, und das war bei solchem Wind keine Kleinigkeit. Aber es gelang ganz prächtig mit Hilfe eines Klüvers. Wir wühlten zwar viel Schlamm auf, kamen aber nicht auf den Grund und drehten uns in der eigenen Wasserspur um – anscheinend ein Ding der Unmöglichkeit. Als wir die Drehung glücklich gemacht hatten und der Schiffsschnabel nach dem Kanal zu stand, lag die erste Boje kaum noch hundert Meter vor uns. Es war mir eine Lust gewesen, das Manöver mit anzusehen; die übrigen Passagiere verzehrten inzwischen ihr Mittagbrot, meines kam der P. und O. Gesellschaft zugute … Es zeigen sich noch mehr Katzen. Smythe sagt, das englische Gesetz befiehlt, auf der Fahrt Katzen mitzunehmen; er wußte von einem Fall, wo das Schiff nicht unter Segel gehen durfte, bis man sich ein paar verschafft hatte. Die Rechnung kam auch gleich mit: »Preis für zwei Katzen – zwanzig Schillinge« … Wir haben einen Geier an Bord mit kahlem rotem Kopf von seltsamer Form; am Körper hat er hier und da rote Stellen ohne Federn, seine großen, schwarzen Augen sind von fleischigen, brennendroten Rändern umgeben. Er sieht wie ein vollkommener Wüstling aus, wie ein gewissenloser, eigensüchtiger Räuber und Mörder. Und doch bringt der Vogel nichts Lebendiges um. Weshalb mag ihm die Natur nur eine so grimmige Außenseite gegeben haben, die gar nicht zu seinem unschuldigen Geschäft paßt! Er nährt sich nämlich nur von Aas, das ihm um so besser zusagt, je älter es ist. Trüge er ein schäbiges, schwarzes Federkleid, so wäre alles in Ordnung; er gliche dann einem Leichenbestatter und sein Aeußeres würde mit seiner Beschäftigung im Einklang stehen. Der Geier stammt aus der öffentlichen Menagerie von Adelaide, einer großen und sehr interessanten Sammlung.

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5. Januar. Um neun Uhr morgens kamen wir am Kap Leeuwin (Löwin) vorüber und mußten nun, nach der ganz westlichen Fahrt längs dem Südrande von Australien, unsere Richtung ändern. Wir fahren in einer schrägen, nordwestlichen Linie nach Ceylon hinauf. Je höher wir kommen, um so heißer wird es, aber kühl ist es auch hier nicht gerade.

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13. Januar. Eine unerträgliche Hitze. Der Aequator kommt immer näher; die Entfernung beträgt nur noch acht Grad. Da ist Ceylon! O, wie wunderschön! Welche tropische Pracht, welcher Reichtum üppigen Laubwerks! Die Hauptstadt Colombo ist ganz orientalisch und unaussprechlich reizend …

In unserm vornehmen Schiff kleiden sich die Passagiere zu Mittag um. Die schönen, buntfarbigen Toiletten der Namen passen ganz zu der hochfeinen Ausstattung aller Räume und dem strahlenden Glanz der elektrischen Beleuchtung. Auf dem stürmischen Atlantischen Ozean sieht man die Passagiere nie im Gesellschaftsanzug. Höchstens einen Mann, der sich aber nur einmal während der langen Reise blicken läßt – am Abend ehe das Schiff in den Hafen kommt, wenn das Konzert stattfindet mit Dilettanten-Geheul und Deklamationen. Er übernimmt meist die Tenorpartie … Sonderbarerweise ist an Bord viel Cricket gespielt worden; das Promenadendeck wurde mit Netzen überspannt, so daß der Ball nicht ins Wasser fallen konnte. Das Spiel nahm einen guten Fortgang und gewahrte die nötige An- und Aufregung … Jetzt sagen wir der ›Oceana‹ Lebewohl.

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14. Januar. Hotel Bristol. Der Diener Namens Brampy ist ein flinker, sanfter, lachender, brauner Singhalese mit schönem, glänzend schwarzem Haar. Er trägt es wie ein Mädchen zurückgekämmt, in einen Knoten geschlungen und mit dem Schildpattkamm aufgesteckt. Brampy ist schlank und hübsch von Gestalt. Unter der Jacke hat er ein weißes, baumwollenes Gewand an, das ihm ohne Gürtel vom Hals bis zu den Füßen herabfällt. Weder er noch sein Anzug hat irgend etwas Männliches; es ist eine ordentliche Verlegenheit sich vor ihm auszukleiden.

Wir fuhren nach dem Markt und benutzten zum erstenmal den japanischen Jinrickscha, einen leichten Karren, den ein Eingeborener zieht. Anfänglich geht die Fahrt gut von statten, aber für den Mann ist es eine sauere Arbeit, er ist nicht stark genug. Nach der ersten halben Stunde hört das Vergnügen auf, der Mann tut einem leid; man hat Mitleid mit ihm, wie mit einem müden Pferde und kann an nichts anderes mehr denken. Solche Rickschas sind in Menge vorhanden, und die Taxe ist unglaublich billig.

Vor Jahren war ich in Kairo; da ist man im Orient – aber doch nicht ganz, weil man eine unbestimmte Empfindung hat, daß noch etwas mangelt. In Ceylon ist das anders, dort fehlt nichts mehr. Der Orient und die Tropenwelt finden sich da in größter Vollkommenheit vereinigt und unser natürliches Gefühl sagt uns, daß diese zwei zusammen gehören. Nein, man vermißte gar nichts. Alle Kostüme waren echt, desgleichen die schwarzen und braunen Menschen in ihrer unbewußten Nacktheit. Die Gaukler waren da, mit dem unvermeidlichen Korb, den Schlangen, der Manguste und allen Vorkehrungen, um aus dem Samenkorn einen Baum mit Laubwerk und reifen Früchten emporwachsen zu lassen. Ueberall sah man Blumen und Pflanzen, die man zwar aus Abbildungen kannte, aber in Wirklichkeit nie erblickt hatte, weil diese seltenen, wunderbaren und köstlichen Gewächse nur in der heißen Zone, am Aequator, gedeihen. Auch wußte man, daß in der nächsten Umgegend die tödlichen Giftschlangen und grimmigen Raubtiere hausen, samt den Affen und wilden Elefanten. In der Luft lag eine Schwüle, wie sie nur in den Tropen vorkommt, eine erstickende Hitze, von unbekannten Blumendüften geschwängert; dann verbreitete sich plötzlich eine purpurne Finsternis, aus welcher grelle Blitze zuckten; der Donner krachte, der Regen goß in Strömen – gleich darauf lachte wieder alles im Sonnenschein. Und weit ab, im undurchdringlichen Dschungel und dem fernen Gebirge lagen die verfallenen Städte und alten Tempelruinen als geheimnisvolle Ueberbleibsel von der Herrlichkeit vergessener Tage und einer verschwundenen Menschenrasse. Auch dies Bewußtsein war unentbehrlich, wenn es einem wirklich orientalisch zu Mute werden sollte, denn dabei darf vor allem der Eindruck des Düstern, Rätselhaften und Altertümlichen nicht fehlen.

Die Fahrt durch die Stadt und am Seestrande entlang war wie ein Traumbild von tropischem Glanz, Blütenpracht und orientalischem Farbenreichtum. Die zu Fuß einherwandelnden Gruppen von Männern, Frauen, Knaben, Mädchen und kleinen Kindern glühten wie Feuerflammen in ihrer strahlenden Gewandung. Alle Farben des Regenbogens und leuchtender Blitze mischten sich hier aufs wunderbarste und verschmolzen zur wohltuendsten Harmonie. Nirgends fühlte sich das Auge verletzt durch zu grelle Töne, keine Farbe stach unangenehm von der andern ab; auch wenn verschiedene Gruppen in Berührung kamen, wurde die wunderbare Farbenwirkung nicht im mindesten gestört. Die Kleider waren aus dünnem, zartem, sich weich anschmiegendem Seidenstoff, meist in ganz bestimmten, satten Farben: ein prächtiges Grün, ein prächtiges Blau, ein prächtiges Gelb, ein prächtiges Lila, ein prächtiges Rubinrot von leuchtendem Glanz – so zogen sie in zahllosem Gewimmel, in Massen, scharenweise vorüber, glühend, blitzend, strahlend – dazwischen alle Augenblicke ein so blendendes Feuerrot, daß einem das Herz im Leibe lachte und man den Atem anhielt vor Staunen. Und wie anmutig waren diese Trachten! Oft bestand der ganze Anzug einer Frau nur in der Schärpe, die sie um den Kopf und Leib gewunden hatte, oder der Mann hatte einen Turban auf und ein paar Lappen nachlässig um die Hüften geschwungen. Bei beiden kam die dunkle glänzende Haut dazwischen ungehindert zum Vorschein, und immer erfreute der Anblick der Gestalten Auge und Herz.

Noch heutigen Tages sehe ich dies köstliche Panorama in seiner überschwenglichen Farbenfülle und dem Schmelz der bunten Schattierungen vor mir; die geschmeidigen, halb unbekleideten Gestalten, die schönen braunen Gesichter, die anmutigen Stellungen und freien, zwanglosen Bewegungen, bei denen von Förmlichkeit und Steifheit keine Rede war.

Aber ach, da kam ein schriller Mißklang in diesen paradiesischen Zaubertraum: Aus der Tür einer Missionsschule schritten paarweise sechzehn kleine, fromme, gesetzte, schwarze Christenmädchen in europäischem Anzug. Ganz so ausstaffiert hätte man sie an einem Sommersonntag in jedem englischen oder amerikanischen Dorfe sehen können. Wie namenlos häßlich waren diese Kleider! Abscheulich, barbarisch, geschmacklos, unanmutig, alle Gefühle verletzend! Ich blickte auf die Kleider meiner Damen: sie glichen in vergrößertem Maßstab genau den greulichen Verunstaltungen, mit denen man jene armen, kleinen, mißhandelten Geschöpfe quälte – ich schämte mich, mit Frau und Tochter auf der Straße zu gehen. Nun sah ich meine eigene Kleidung an und schämte mich vor mir selber.

Aber was hilft es – wir müssen uns darein ergeben unsere Kleider zu tragen wie sie sind und können ihre Daseinsberechtigung nicht leugnen. Freilich dienen sie dazu, gerade das auszuposaunen, was wir verbergen möchten – unsere Unaufrichtigkeit und versteckte Eitelkeit. Wir heucheln für Anmut, Wohlgestalt und Farbenglanz eine Geringschätzung, die wir nicht haben, und ziehen die häßlichen Kleider an, um diese Lüge glaubhaft zu machen und weiter zu verbreiten. Noch täuschen wir damit unsere Nächsten nicht, und wenn wir nach Ceylon kommen, werden wir alsbald inne, daß wir uns nicht einmal selbst zu täuschen vermögen. Ja, gestehen wir es nur: wir lieben leuchtende Farben und anmutige Trachten, und wenn wir sie zu Hause bei einem Festzug sehen können, achten wir weder Regen noch Sturm und beneiden die geschmückten Teilnehmer. Wir gehen ins Theater, staunen die Kostüme an und sind betrübt, daß wir uns nicht auch so kleiden können. Beehrt uns der König mit einer Einladung zum Hofball, so betrachten wir die prächtigen Uniformen und strahlenden Ordenszeichen mit wahrem Hochgenuß. Wird uns gestattet, einer kaiserlichen Cour beizuwohnen, so schließen wir uns vorher zu Hause ein, stolzieren stundenlang in unserm schönen Gala-Anzug einher, bewundern uns im Spiegel und fühlen uns unaussprechlich glücklich. Auch jeder Beamte im Stabe jedes Gouverneurs im demokratischen Amerika macht es ebenso mit seiner neuen Staatsuniform, und wenn man nicht aufpaßt, um ihn rechtzeitig zu hindern, läßt er sich gewiß auch darin photographieren. So oft ich die Diener des Lord-Mayors sehe, fühle ich mich unzufrieden mit meinem Lose. Kurz und gut: unsere Kleider sind seit hundert Jahren nichts als Lug und Trug gewesen. Sie sind ebenso unwahr wie unschön und vollkommen geeignet unser inneres Scheinwesen und moralisches Verderben ins rechte Licht zu stellen.

Der kleine braune Junge, den ich zuletzt unter den sich drängenden Scharen von Colombo bemerkte, hatte nichts an, außer einem um die Hüften geschlungenen Bindfaden, aber in meiner Erinnerung bildet der ehrliche Mangel seiner Bekleidung einen wohltuenden Gegensatz zu der widerwärtig scheinheiligen Vermummung, in welche man die farbigen Dämchen aus der Sonntagsschule gesteckt hatte.

Fünftes Kapitel.

Fünftes Kapitel.

Der Lärm tut nichts zur Sache: Oft gackert eine Henne, die nur ein Ei gelegt hat so laut, als hätte sie einen Planeten gelegt.

Querkopf Wilsons Kalender.

Mittwoch 11. September. Wir fahren jetzt stetig nach Süden und immer weiter hinunter auf dem runden Bauch der Erdkugel. Gestern abend sahen wir den Großen Bären und den Nordstern am Horizont untergehen und aus unserer Welt verschwinden. Das heißt, irgend jemand hat es gesehen und mir davon erzählt. Aber das macht keinen Unterschied, mir ist es so wie so einerlei, da ich die beiden herzlich satt habe. Sie sind ja in ihrer Art gar nicht übel, aber man will sie doch auch einmal los werden. Ich hatte jetzt nur noch Interesse für das ›Kreuz des Südens‹, von dem ich mein Lebenlang gehört hatte, ohne es zu sehen; natürlich brannte ich vor Verlangen danach. Kein anderes Sternbild verursacht so viel Gerede. Im allgemeinen habe ich, wie gesagt, gegen den Großen Bären nichts einzuwenden – wie sollte ich auch? Er ist ja ein Bürger unseres Himmelsgewölbes und gehört zum Besitzstand der Vereinigten Staaten. Aber doch war ich froh, daß er aus dem Wege ging, um diesem Fremdling Platz zu machen. Nach meinem Dafürhalten brauchte ein Sternbild, von dem man so viel Wesens macht wie von dem Kreuz des Südens, den ganzen Himmel für sich allein.

Aber das war ein Irrtum. Heute abend haben wir das Kreuz gesehen; es ist weder groß noch ungewöhnlich hell. Freilich stand es tief am Horizont; es wird vielleicht noch schöner, wenn es hoch am Himmel steht. Sein Name ist sehr sinnreich gewählt, denn es sieht gerade so aus, wie ein Kreuz aussehen würde, das man ebensogut für etwas ganz Anderes halten könnte. Aber diese Bemerkung ist viel zu allgemein und unbestimmt, ich will mich deutlicher ausdrücken: ein Kreuz mag es wohl sein, doch ist es entweder aus den Fugen gegangen oder verzeichnet, denn es hat zwar einen langen und einen kurzen Balken, aber letzterer ist ganz schief geraten.

Vier große Sterne und ein kleiner bilden das Kreuz. Der kleine Stern liegt außer dem Strich und verdirbt die Form vollends; er sollte an der Stelle stehen, wo die Balken zusammengefügt sind. Wenn man nicht eine gedachte Linie zwischen den Sternen zieht, würde man gar nicht auf die Idee kommen, daß sie ein Kreuz vorstellen – oder überhaupt irgend etwas.

Um den kleinen Stern darf man sich nicht kümmern; er muß ganz beiseite bleiben, weil er alles verwirrt. Läßt man ihn weg, so kann man aus den vier Sternen wohl eine Art schiefes Kreuz machen, aber ebenso gut einen schiefen Drachen oder einen schiefen Sarg.

Mit den Namen, die man den Sternbildern gegeben hat, ist es von jeher eine heikle Sache gewesen; sie wollen sich diesen Namen durchaus nicht anpassen und bestehen meist hartnäckig darauf, den Dingen, nach denen sie benannt sind, in keiner Weise zu gleichen. Zur Beruhigung der Gemüter sieht man sich zuletzt häufig genötigt, den phantastischen Namen in einen solchen umzuwandeln, der dem gemeinen Menschenverstand besser einleuchtet. Wenn es auf mich ankäme, würde ich das ›Kreuz des Südens‹ nicht den ›Sarg des Südens‹, sondern den ›Drachen des Südens‹ nennen. Kreuze und Särge haben dort oben in dem großen leeren Raum nichts zu schaffen, aber für einen Drachen ist es gerade der rechte Platz. In einiger Zeit – ob über kurz oder lang weiß ich nicht – wird der ganze Erdball im Besitz der englisch redenden Rasse sein und natürlich auch das Himmelsgewölbe. Dann müssen alle Sternbilder neugeordnet, blank geputzt und umgetauft werden; die meisten wird man vermutlich ›Victoria‹ nennen, schon jetzt tragen viele Städte und Geräte den Namen ihrer britischen Majestät. Aber ein Sternbild wird auch als ›Drache des Südens‹ droben wandeln oder überhaupt von der Bildfläche verschwinden.

In den letzten paar Tagen sind wir durch eine förmliche Milchstraße von Inseln gefahren. Auf der Karte liegen sie so dicht beisammen, daß man denken sollte, es wäre dazwischen kaum Platz für ein Kanoe – und doch bekommen wir selten eine Insel zu Gesicht. Neulich sahen wir einmal zwei in weiter Ferne gespenstisch und schattenhaft auftauchen, Alofi und Futuna oder Horne. Auf der größeren herrschen zwei eingeborene Könige, die einander grimmig befehden. Sie sowohl wie ihre Untertanen gehören zur katholischen Kirche; französische Missionare haben sie bekehrt.

Von den unzähligen Inseln in diesen Meeren bezog man früher die ›Rekruten‹ für die Plantagenarbeit in Queensland, und ich glaube, man holt sie noch jetzt dort her. Fahrzeuge, die in ihrer Ausrüstung den alten Sklavenschiffen glichen, schafften die Eingeborenen nach jener großen Provinz Australiens, wo sie als Arbeiter Verwendung fanden. Anfangs raubte man die Leute ohne alle Umstände, wie die Missionare bezeugen; von anderer Seite wird das zwar geleugnet, aber es läßt sich nicht widerlegen. Später verbot das Gesetz, die Eingeborenen gegen ihren Willen anzuwerben, und die Regierungsbeamten hatten Befehl, auf allen Werbeschiffen für Aufrechterhaltung des Gesetzes zu sorgen, was sie nach Aussage der Werber wirklich taten, aber auch oft unterließen, wie die Missionare behaupten. Ein Arbeiter konnte auf drei Jahre regelrecht angeworben werden und dann freiwillig noch ebenso lange im Dienst bleiben, wenn es ihm gefiel. War seine Zeit um, so durfte er auf seine Insel zurückkehren und erhielt auch die Mittel dazu. Die Regierung ließ sich dies Geld von dem Arbeitgeber auszahlen, ehe der ›Rekrut‹ ihm überlassen wurde.

*

Kapitän Wawn, der viele Jahre ein Werbeschiff befehligte, hat ein Buch über seine Erlebnisse geschrieben, aus dem hervorgeht, daß das Werbegeschäft im allgemeinen bei den Insulanern sehr beliebt war. Doch scheint es dabei weder langweilig noch einförmig gewesen zu sein, denn es bot allerlei kleine Abwechslungen, von denen der Kapitän berichtet, zum Beispiel die folgende: »Am Nachmittag, nachdem wir die Leprainsel erreicht hatten, lag der Schoner, bei fast vollständiger Windstille, im Schutz des gebirgigen Teils der Insel, etwa dreiviertel Meilen vom Ufer. Wir hatten die Boote ausgesetzt, konnten sie jedoch in Sicht behalten. Das Werbeboot war in eine kleine Bucht der felsigen Küste eingelaufen, wo auf steilem Uferrand eine einsame Hütte lag, hinter der sich dichter Wald erhob. Das zweite Boot, in dem sich der Regierungsbeamte und der Maat befanden, lag etwa 400 Meter westwärts.

»Plötzlich hörten wir Schüsse und das laute Geheul der Eingeborenen am Ufer und sahen das Werbeboot mit anscheinend verminderter Bemannung das Weite suchen. Das andere Boot fuhr ihm rasch entgegen, nahm es ins Schlepptau und brachte es zum Schoner zurück. Von der Mannschaft war kein einziger ohne leichte oder schwere Verwundung davongekommen. Die Insulaner hatten unsere Leute unter dem Schein der Freundschaft in die Bucht gelockt; sie umschwärmten den Stern des Bootes, und einige der farbigen Burschen stiegen sogar an Bord. Urplötzlich schwangen sie aber ihre Keulen und Tomahawks und gingen zum Angriff über. Der Werber schützte sich mit den Fäusten gegen die ersten grimmigen Schläge, bis er Zeit fand, sich des Revolvers zu bedienen. Einer der Matrosen, Tom Sayers, erhielt einen Hieb mit der Streitaxt, der ihm die Kopfhaut durchschnitt, aber zum Glück den Schädel nicht spaltete; einem andern, Babby Towns, wurden beide Daumen zerschmettert, als er die Schläge abwehren wollte; den linken Daumen, der nur noch an Haut und Knochen hing, mußte der Wundarzt ganz von der Hand ablösen. Lihu, ein Knabe aus Lifu, der Diener des Werbers, hatte verschiedene leichte Hieb- und Stichwunden. Dem unglücklichen Jack, einem ›Rekruten‹ von der Insel Tanna, der als Bootsmann angeworben war, wurde der Vorderarm von einem Pfeil durchschossen, der noch auf beiden Seiten herausstak, als das Boot zurückkam. Der Werber selbst wäre frei ausgegangen, hätte nicht, gerade im Augenblick der Abfahrt, ein Pfeil ihm die Hand an den Griff des Steuerruders festgenagelt. Der Kampf war zwar kurz, doch heftig gewesen; auf feindlicher Seite waren zwei Mann erschossen worden.«

Kapitän Wawns Buch enthält eine große Menge von Beispielen solcher gefährlichen Zusammenstöße zwischen den Eingeborenen und den englischen und französischen Werbeschiffen; denn auch die Franzosen betreiben das Geschäft für die Plantagen von Neu-Caledonien. Die Werber scheinen daher doch nicht allzu beliebt bei den Insulanern zu sein, wie ließen sich sonst diese wilden Angriffe und blutigen Kämpfe erklären? Der Kapitän schiebt freilich die ganze Schuld auf die unverständigen Philanthropen. Wenn diese sich nur nicht einmischen wollten, meint er, würden die eingeborenen Väter und Mütter nicht mehr weinen und klagen, daß man ihre Kinder in die Verbannung schleppt, wo sie nicht selten ein frühes Grab finden, sondern ohne Frage ganz damit einverstanden sein und keinen Versuch machen, die freundlichen Werber totzuschlagen.

Sechstes Kapitel.

Sechstes Kapitel.

Die Geschichte ist eine Prophetin. Sie lehrt, daß wenn ein starkes, aufgeklärtes Volk einem schwachen, unwissenden Volke etwas nehmen will, was es besitzt, letzteres sich friedlich darein ergeben muß.

Querkopf Wilsons Kalender.

Eins ist sonnenklar: Kapitän Wawn kann die Missionare nicht ausstehen, weil sie ihm das Geschäft verderben. Seine Werbefahrten, die er wie eine Lustpartie betreiben möchte, nennen sie schlechtweg ›Sklavenfang‹ und machen sie ihm zur Last. Die Missionare haben nämlich ihre ganz eigene, nicht sehr schmeichelhafte Ansicht über den Handel mit Eingeborenen und die Art, wie die Werber die Gesetze zu umgehen wissen. Kapitän Wawns Buch ist erst kürzlich erschienen, aber mir liegt noch eine Broschüre neueren Datums über dasselbe Thema vor, welche soeben aus der Presse kommt und den Missionar W. Gray zum Verfasser hat. Ich habe es sehr interessant gefunden, das Buch und die Broschüre zusammen zu lesen.

Es war mir auch alles leicht verständlich, nur ein Umstand nicht, auf den ich sogleich zurückkommen will. Warum der Besitzer der Zuckerpflanzung in Queensland den Kanaka haben will, liegt auf der Hand: einen so billigen Arbeiter bekommt er schwerlich wieder. Was der Pflanzer bezahlt ist folgendes: 20 £ an den Weiber, der den Kanaka gedungen – oder ›gefangen‹ hat, wie die Missionare sagen; 3 £ Einfuhrgebühren an die Regierung in Queensland und 5 £ für Rückbeförderung des Kanaka, falls er nach Ablauf seiner drei vertragsmäßigen Jahre noch am Leben ist; an den Kanaka selbst für Lohn und Kleidung während der drei Jahre 25 £ Summa summarum 53 £ und mit Verköstigung 60 £. –

Daß dem Werber sein Geschäft gefällt, begreift man ebenfalls. Der ›Rekrut‹ kostet ihn nichts als ein paar billige Geschenke – die nicht er erhält, sondern seine Verwandten – und bringt ihm bei der Ablieferung in Queensland 20 £ ein. Pflanzer und Werber ziehen also Gewinn aus dem Handel; aber weshalb der ›Rekrut‹ darauf eingeht, kann ich durchaus nicht verstehen. Er ist jung und kräftig; daheim auf seiner Insel führt er ein wonniges Leben, das einem langen, köstlichen Feiertag gleicht. Will er arbeiten, so braucht er nur jede Woche ein paar Säcke Kopra zu sammeln, die er für vier bis fünf Schillinge den Sack verkaufen kann. In Queensland muß er dagegen aufstehen, ehe der Morgen graut und täglich acht bis zwölf Stunden bei einem viel heißeren Klima als er gewohnt ist und für einen Wochenlohn, der nicht einmal vier Schillinge beträgt, in den Zuckerrohrfeldern arbeiten. Was ihn dazu bewegen kann, bleibt mir ein ungelöstes Rätsel. Der Pflanzer erklärt es sich auf seine Weise wie ich aus der Broschüre des Missionars ersehe:

»Wenn der Kanaka seine Heimat verläßt, ist er nur ein gewöhnlicher Wilder. Er schämt sich nicht, daß er nackt geht und jeden Schmuckes entbehrt. Wenn er zurückkehrt ist er gut gekleidet, trägt eine Waterbury-Uhr mit Sekundenzeiger, Kragen, Manschetten, Stiefel und Schmuck. Er bringt auch ein paar Koffer mit, welche Kleidungsstücke, Musikinstrumente, Wohlgerüche und andere Luxusartikel enthalten, an deren Gebrauch er sich gewöhnt hat.« –

Sollte das die Lösung sein? – Einen Augenblick scheint uns wirklich ein Licht darüber aufzugehen, was den Kanaka in Verbannung treibt: Er möchte sich zivilisieren. Erst war er nackt und schämte sich nicht, jetzt tragt er Kleider und hat gelernt sich zu schämen; er war unwissend, jetzt besitzt er eine Waterbury-Uhr; es fehlte ihm an seiner Sitte, jetzt trägt er Schmuck und duftet nach Wohlgerüchen; er genoß daheim kein besonderes Ansehen, jetzt ist er in fernen Ländern gewesen und hat ein erhöhtes Selbstgefühl.

Das läßt sich hören und klingt gar nicht unwahrscheinlich. Aber der Missionar will von dieser Erklärung nichts wissen; er zerpflückt sie schonungslos, bis nichts mehr davon übrig bleibt, indem er fortfährt:

»Mag auch die vorhergehende Beschreibung im allgemeinen richtig sein, so ist das Nachspiel gewöhnlich folgendes: Die Manschetten und Kragen werden von den jungen Burschen entweder gar nicht benutzt oder zum Staat unterhalb des Knies am Bein getragen. Die Uhr wandert zerbrochen und schmutzig für eine Kleinigkeit zum Trödler, oder das Werk wird herausgenommen, die Räder auf eine Schnur gezogen und um den Hals gehängt. Die Messer, Beile, Taschentücher und der Kleiderstoff werden unter die Freunde verteilt; mehr als ein Stück für jeden gibt es nicht. Oft geht der Kofferschlüssel auf dem Heimweg verloren, die Koffer selbst werden für drittehalb Schillinge verkauft, man kann sie in den Uferdörfern der Insel Tanna verfault umherliegen sehen, (ich sage das aus eigener Wahrnehmung). Ein heimgekehrter Kanaka geriet einmal gegen mich in heftigen Zorn, weil ich ihm nicht seine Beinkleider abkaufen wollte, die gerade für mich paßten, wie er behauptete. Später verkaufte er sie an einen meiner Lehrer aus Aniwa für ein Paket Tabak im Wert von dreiviertel Schilling, wahrend er in Queensland gewiß acht bis zehn Schillinge für das Kleidungsstück bezahlt hatte. Einen Rock oder ein Hemd zu haben ist nützlich bei kalter Witterung. Auch die weißen Taschentücher, den › senet‹ (Wohlgeruch), den Regenschirm und vielleicht den Hut behält der Insulaner; die Stiefel nur, wenn sie zufällig dem Koprahändler nicht passen. › Senet‹ im Haar, das Gesicht mit Farbe bemalt, ein schmutziges weißes Taschentuch um den Hals, ein Stück Schildkrötenschale im Ohr, am Gürtel ein Messer mit der Scheide und einen Regenschirm in der Hand, so sieht man den heimgekehrten Kanaka am Tage nach seiner Landung umherstolzieren.«

Bis auf den Hut, den Regenschirm und das Taschentuch ist er splinternackend. In einem einzigen Tage schmilzt die sauer erworbene Zivilisation so weit zusammen. Auch diese letzten vergänglichen Dinge bleiben nicht lange in seinem Besitz. Nur ein Stück seiner Zivilisation wird er sicherlich nicht wieder los – nach des Missionars Bericht hat er nämlich fluchen gelernt. Das ist auch eine Kunst – und die Kunst ist lang, wie der Dichter sagt.

Die Gesetze eines Landes werfen stets ein Licht auf seine Vergangenheit. In Queensland lassen sie tief blicken. Sie zeigen uns, daß die Mißbräuche, über welche die Missionare klagen, von alters her bestanden und auch unter dem Schutzgesetz fortbestehen, da die Werber – nach Behauptung der Missionare – das Gesetz zu umgehen wissen, und der Regierungsbeamte ihnen dabei behilflich ist. Es kommt häufig vor, daß ein törichter junger ›Rekrut‹ wieder zu Verstande kommt, nachdem er seine Freiheit auf drei Jahre verkauft hat und für sein Leben gern die Verpflichtung wieder loswerden und daheim bei seinen Angehörigen bleiben möchte; dann schüchtert man ihn jedoch durch Drohungen ein, hält ihn mit Gewalt auf dem Werbeschiff zurück und zwingt ihn, seinen Kontrakt zu erfüllen. Solche Gewaltmaßregeln verbietet das Gesetz aufs strengste; der Paragraph 31 befiehlt dem Werber, den Kanaka in diesem Fall nicht nur freizulassen, sondern ihn wieder ans Ufer zu befördern und zwar im Boot, weil die Meere von Haifischen wimmeln.

Das Gesetz und die Missonare haben Mitgefühl für den Kanaka, dem sein Vertrag wieder leid wird, und das ist sehr natürlich, weil er noch jung und unerfahren ist und sich leicht überreden läßt, zu tun was ihn reut; der Werber aber kennt kein Erbarmen. »Ein Kapitän, der den Handel viele Jahre hindurch betrieben hat,« erzählt Gray, »hat mir mitgeteilt, wie man mit dem kontraktbrüchigen Kanaka verfährt:

»Wenn ein Bursche über Bord springt,« sagte er, »setzen wir ein Boot aus, das ihm vorausrudert und sich zwischen ihn und das Ufer legt. Schwimmt er an dem Boote vorbei, so fährt es immer wieder voraus, bis der Schwimmer erschöpft ist, freiwillig hineinsteigt und sich ruhig wieder an Bord zurückbringen läßt. Der Kunstgriff schlägt selten fehl.«

Wäre der Schwimmer ein Sohn jenes Kapitäns und seine Verfolger Eingeborene, so würde er wohl anders darüber denken. Allein die Fähigkeit, sich in die Lage anderer Leute zu versetzen, ist nicht jedem gegeben.

Auch der freie Geist des Kapitäns Wawn empört sich gegen das Schutzgesetz; es bereitet ihm viel Aergernis und vergiftet sein Leben, gerade so, wie es die Missionare tun. Wie sehr er sich nach der guten alten Zeit sehnt, die auf immer dahin ist, kann man in seinem Buche lesen; man meint ordentlich ihn zwischen den Zeilen weinen und fluchen zu hören, wenn er schreibt: »Lange Zeit durften wir alle Ausreißer, die den Vertrag an Bord unterzeichnet hatten, einfangen und festnehmen. Aber die ›eisernen Verordnungen‹ des Gesetzes von 1884 machten dem ein Ende. Sie gestatten dem Kanaka den dreijährigen Vertrag zu unterzeichnen, in dem Schiff spazieren zu fahren, sich füttern zu lassen und sich gütlich zu tun und dann auf und davon zu gehen, sobald es ihm beliebt. Nur darf er seine Vergnügungsfahrt nicht bis nach Queensland ausdehnen.«

Missionar Gray dagegen, nennt jene ›eiserne Verordnung‹ ein Possenspiel. »Unter dem Schutz des Gesetzes,« sagt er, »wird gegen die Eingeborenen weit mehr Grausamkeit und Ungerechtigkeit verübt, als durch gesetzwidrige Taten. Die bestehenden Verordnungen sind ungerecht und in hohem Grade mangelhaft und werden es ewig bleiben.« Er belegt diese Behauptung auch durch Gründe, die ich jedoch des Raumes wegen hier nicht anführen kann.

Wenn indessen der Kanaka von seinem dreijährigen Studium der Zivilisation in Queensland keinen andern Vorteil davonträgt als ein Halsband, einen Regenschirm und eine höchst unvollkommene Ausbildung des Fluchens, dann muß wohl der ganze Profit des Handels dem weißen Manne zugute kommen. Es laßt sich schon hieraus mit einiger Bestimmtheit die Schlußfolgerung ziehen, daß der Handel von Rechts wegen abgeschafft werden sollte.

Man hat übrigens allen Grund anzunehmen, daß dies bald von selbst geschehen wird. Innerhalb der nächsten zwanzig oder dreißig Jahre müssen die Bezugsquellen des Handels versiegen, weil dann die Inseln gänzlich entvölkert sein werden. Für weiße Leute ist Queensland sehr gesund, die Ziffer der Sterbefälle beträgt nur 12 auf das Tausend; bei den Kanaken ist sie aber weit höher, im Jahre 1893 belief sie sich nach statistischen Angaben auf 52 und 1894 (im Mackay-Bezirk) auf 68. In den ersten sechs Monaten ist das Klima für den Kanaka ganz besonders gefährlich, von 1000 der neuen Ankömmlinge sterben oft 180, während die Sterbeziffer auf seiner heimischen Insel sich in Friedenszeiten auf 12 und in Kriegszeiten auf 15 vom Tausend beläuft. Der Aufenthalt in Queensland, der ihm Gelegenheit gibt, Zivilisation, einen Regenschirm und ungenügende Uebung im Fluchen zu erwerben, ist also zwölfmal so tödlich für ihn als ein Krieg.

Demnach verlangt die christliche Nächstenliebe, ja schon die bloße Menschlichkeit, daß man die Leute sämtlich nach ihrer Heimat zurückschickt. Wenn, statt der Werber, Krieg, Pestilenz und Hungersnot bei ihnen einkehrten, würden sie nicht aussterben.

Zum Besten der Inseln des Stillen Ozeans und ihrer Bevölkerung hat schon vor Zeiten – das heißt vor fünfundfünfzig Jahren – ein redegewaltiger Prophet den Mund aufgetan. Er sprach sogar etwas allzufrüh. Das Prophetentum ist zwar kein schlechtes Geschäft, aber es bringt mancherlei Gefahr. Der Prophet, den ich meine, war Seine Ehrwürden, der Doktor beider Rechte M. Russel aus Edinburgh.

»Soll sich die Flut der Zivilisation nur bis zum Fuß des Felsengebirges wälzen?« fragt er. »Soll das Licht der Wissenschaft in den Wellen des Stillen Ozeans untergehen? Nein, der große Schöpfungstag, der vor vier Jahrtausenden begann, nähert sich endlich seinem Ende, die Sonne der Menschheit hat den ihr bestimmten Lauf vollbracht. Aber lange bevor ihre letzten Strahlen im Westen verlöschen, ist ihr Licht schon von neuem über den Inseln der östlichen Meere aufgegangen… Wir sehen, wie sich das Geschlecht Japhets aufmacht, um die Inseln zu bevölkern Und den Grund zu einem neuen Europa und einem zweiten England in den Regionen des Südens zu legen. Aber vernehmt das Wort der Weissagung: ›Er soll in den Zelten Sems wohnen und Canaan wird sein Diener sein‹ .Sein Diener – nicht sein Sklave. Der anglosächsischen Rasse ist das Szepter des Erdballs verliehen, aber weder die Peitsche des Sklavenvogts noch die Marterwerkzeuge des Henkers. Der Osten soll sich nicht mit denselben Greueln beflecken wie der Westen; der furchtbare Krebsschaden einer geknechteten Rasse soll nicht an dem Mark der Söhne Japhets im Lande der Sonne zehren. Wenn der Brite die Völker, unter denen er wohnt, nicht zu vernichten, sondern immer mehr zu humanisieren trachtet, je weiter er vorwärts dringt, wenn er mit ihnen in Eintracht steht, statt sie zu Sklaven zu machen, dann u. s. w. u. s. w.«

Und er schließt seine Vision mit einem Aufruf aus Thomson:

»Komm, holder Fortschritt, wandle deine Bahn!
Mach dir die Welt als Herrscher Untertan!« –

Jawohl, der holde Fortschritt ist gekommen, wie wir gesehen haben. Er hat die Zivilisation, die Waterbury-Uhr, den Regenschirm und die Kunst des Fluchens mitgebracht, auch einen Mechanismus, um die Völker zu humanisieren und nicht auszurotten, samt der Sterbeziffer von 180 auf das Tausend; kurz, er hat alles aufs beste in Gang gebracht.

Aber, der Prophet, der zuletzt das Wort ergreift, ist immer im Vorteil gegenüber dem Pionier, der das Amt zuerst übernimmt. Hören wir, was der Missionar Gray sagt:

»Es liegt mir schwer auf dem Herzen, daß eine christliche Nation wie wir, diese Rassen vertilgt, um sich selbst zu bereichern.« Und er schließt seine Broschüre mit einer harten Anklage, deren ungeschminkte, offenherzige Sprache ebenso beredt ist, wie der blumige Wortschwall seines Vorgängers im Prophetenamt.

»Was ich gegen den Kanaka-Handel mit Queensland einzuwenden habe,« sagte er, »ist folgendes:

»1. Er wirkt im allgemeinen demoralisierend auf die Kanaken, stürzt sie in Armut, beraubt sie ihres Bürgerrechts und entvölkert die Inseln, welche sie bewohnen.

»2. Der Handel schadet dem Ansehen des weißen Arbeiters im landwirtschaftlichen Betrieb von Queensland und verkürzt jedenfalls seinen Lohn.

»3. Das ganze System bringt in gesundheitlicher Beziehung große Gefahren mit sich, sowohl für das Festland von Australien als auch für die Inseln.

»4. In sozialer und politischer Hinsicht macht die Fortdauer des Kanaka=Handels jede feste Vereinigung der Kolonien in Australien unmöglich.

»5. Die gesetzlichen Vorschriften, welche für diesen Handel in Queensland bestehen, sind ungeeignet zur Verhinderung von Mißbräuchen; auch werden sie stets mangelhaft bleiben, das liegt schon in der Natur der Sache.

»6. Das ganze System steht in völligem Widerspruch zu dem Geist und den Lehren des Evangeliums Jesu Christi, welches uns befiehlt, dem Schwachen Hilfe zu leisten, während der Kanaka geschunden und mit Füßen getreten wird.

»7. Der Handel gründet seine Berechtigung auf die Annahme, daß Leben und Freiheit für einen Farbigen weniger Wert haben als für einen Weißen. Er hat sich aus der Sklavenjagd entwickelt und wird sich niemals weit von seinem Ursprung entfernen.«

Siebentes Kapitel.

Siebentes Kapitel.

Ehrlich währt am längsten, sagt das Sprichwort; aber mit dem Schein der Ehrlichkeit kommt man oft sechsmal so weit.

Querkopf Wilsons Kalender.

Aus dem Tagebuch.

Seit einigen Tagen durchschiffen wir eine unsichtbare Wildnis von Inseln und bekommen manchmal die eine oder andere in schattenhaftem Umriß zu Gesicht. Auf der Karte erscheint das Insel-Gewirr undurchdringlich und ihre Zahl ohne Ende. Jetzt sind wir mitten in der Gruppe der Fidschis, die aus 224 Inseln und Inselchen bestehen. Das Gewirr erstreckt sich westwärts vor uns bis nach Australien, geht im Bogen hinauf nach Neuguinea und immer weiter bis Japan; hinter uns dehnt es sich nach Osten durch sechzig Längengrade über den ganzen Stillen Ozean aus; nach Süden zu liegt Neuseeland. Unter diesen Myriaden soll auch irgendwo Samoa sein; auf der Karte kann ich es nicht finden. Wer aber dorthin gehen möchte, braucht nur der Anweisung zu folgen, die Robert Louis Stevenson dem Dr. Conan Doyle und Mr. I. M. Barrie gegeben hat:

»Fahrt nach Amerika,« sagt er, »und quer durch den Kontinent bis San Francisco, dann noch zweimal links um die Ecke, und ihr seid am Ziel.« – Eine nette Beschreibung!

Mittwoch, 11. September. Wenn man sich einer der Fidschi-Inseln nähert, sieht man zuerst rings herum einen breiten Gürtel von blendend weißem Korallensand, dahinter hohe schlanke Palmen, unter denen die Hütten der Eingeborenen zwischen dem Buschwerk zum Vorschein kommen; weiter zurück eine Strecke ebenes Land von tropischem Pflanzenwuchs bedeckt und ganz im Hintergrund die malerischen Formen der wilden Gebirgszüge. Liegt nun noch im Vordergrund ein altes Wrack hoch oben auf der Uferklippe – wie wir es sahen – so läßt das ganze Bild vom künstlerischen Standpunkt aus nichts zu wünschen übrig.

Am Nachmittag erblickten wir Suva, die Hauptstadt der Gruppe, und fuhren in den kleinen geschlossenen Hafen ein, der mit seinen glänzend blauen und grünen Gewässern im Schutz der umgebenden Hügel still und friedlich daliegt. Ruderboote schwammen vom Ufer herbei, sie waren mit Eingeborenen bemannt, den ersten, welche wir zu sehen bekamen. Daß sie bei der Hitze keine überflüssige Kleidung trugen, konnte man ihnen nicht verargen. Es waren große, muskelstarke Männer mit dunkler Haut, ebenmäßigem Gliederbau und klugen, charaktervollen Gesichtern. Ich glaube kaum, daß man irgendwo unter den farbigen Rassen schöneren Gestalten begegnen wird.

Wir gingen alle ans Ufer, um die Insel in Augenschein zu nehmen und eine Mahlzeit am Lande zu halten, was der größte Hochgenuß für einen Seereisenden ist. Dort sahen wir noch mehr Eingeborene: runzlige alte Weiber mit flachen Brüsten, junge dralle Dirnen, deren freundlich lachender Ausdruck und anmutige Bewegungen den wohlgefälligsten Anblick boten; hübsche junge Frauen von edlem Wuchs, die den Kopf hoch trugen und in ihrer unbewußten Würde stattlich einhergeschritten kamen; majestätische junge Männer, wahre Athletengestalten, in lose, weiße Gewandung gekleidet, welche die bronzefarbene Brust und die Beine nackt ließ. Auf dem Kopf hatten sie eine förmliche Bürste von dichtem Haar, das vom Schädel abstand und brennend ziegelrot gefärbt war. Vor kaum sechzig Jahren steckten sie noch in tiefer, geistiger Finsternis; jetzt ist das Fahrrad auch bis zu ihnen gedrungen.

Wir schlenderten in den Straßen der kleinen Stadt der Weißen umher und über die Berge auf Pfaden und Wegen, die zu europäischen Wohnhäusern, Gärten und Pflanzungen führten. Die großen Blüten der Hibiskussträucher mit ihrem feurigen Rot blendeten uns förmlich die Augen. Bei einem alten englischen Kolonisten blieben wir endlich stehen, um ein paar Fragen an ihn zu richten und uns teilnehmend über die furchtbare Hitze zu äußern. Darüber verwunderte er sich jedoch höchlich.

»Das nennen Sie heiß?« fragte er. »Da sollten Sie einmal im Sommer hier sein.«

»Ist denn nicht Sommer? Es sieht doch täuschend so aus. In keinem Lande der Erde würde man es für etwas Anderes halten. Was fehlt denn daran?«

»Ein halbes Jahr. Wir sind jetzt mitten im Winter.«

Ich litt schon seit mehreren Monaten an Husten und Schnupfen, und ein so plötzlicher Wechsel der Jahreszeiten mußte mir schädlich sein. Natürlich erkältete ich mich gleich von neuem.

Vor vierzehn Tagen haben wir Amerika im Sommer verlassen, jetzt ist es Winter und in einer Woche, bei unserer Ankunft in Australien werden wir mitten im Frühling sein. Diese plötzlichen Sprünge von einer Jahreszeit in die andere sind höchst verwunderlich.

Nach Tische traf ich im Billardzimmer einen Bewohner der Insel, dem ich schon früher in einem anderen Weltteil begegnet war, auch machte ich ein paar neue Bekanntschaften und wir fuhren zusammen aus, um den Gouverneur auf seinem Landsitz zu besuchen, der hoch und luftig gelegen, ein viel behaglicheres Klima hat, als die niederen Regionen, wo der Winter ein strenges Regiment führt und einem fast das Haar versengt, wenn man den Hut abnimmt, um zu grüßen. Von dem Hause seiner Excellenz hat man einen herrlichen Blick über das Meer, die Inseln und die zackigen Bergspitzen, während ringsum alles wie traumversunken in jener heiteren, ungestörten Ruhe zu schlummern scheint, welche dem Leben auf den Inseln des Stillen Ozeans seinen Hauptreiz verleiht.

Einer meiner neuen Bekannten war mir durch seine ungewöhnliche Größe aufgefallen; ich sah noch bewundernd zu ihm empor, als er neben dem Gouverneur auf der Veranda stand. Da trat der Diener, ein Fidschi-Insulaner heraus, um uns zum Tee zu rufen – und jener große Mann wurde zum Zwerge. Oder, wenn auch das nicht, so schien doch der Abstand gewaltig. Der farbige Riese war gewiß ein abgesetzter Inselkönig. Ich glaube, bei unserem Gespräch dort auf der Veranda wurde auch erwähnt, daß die eingeborenen Könige und Häuptlinge, sowohl auf den Fidschi- wie auf den Sandwichinseln viel mächtiger von Gestalt sind als der gemeine Mann. Die weißen, faltigen Gewänder, in die der Diener gekleidet war, schienen wie für ihn geschaffen; ein europäischer Anzug hätte ihm seine Würde und Eigentümlichkeit genommen. Das weiß ich ganz gewiß, denn es ist bei jedem Menschen der Fall, der unsere moderne Kleidung trägt. Man sagt, daß sich die Anhänglichkeit und Verehrung, welche die Eingeborenen der Person ihres Häuptlings zollten, noch unverändert erhalten hat. Das Oberhaupt eines Stammes der Fidschianer in der Hauptstadt ist ein gebildeter junger Herr, der ganz wie ein vornehmer Europäer gekleidet geht; aber seine Tracht vermag ihm nicht die Ehrfurcht des Volks zu rauben. Der Stolz auf des Häuptlings hohen Rang und alte Abkunft besteht fort, trotz seiner verlorenen Herrschermacht und der Hexenkunst seines Schneiders. Er braucht sich weder durch Arbeit zu entwürdigen, noch sein Herz mit niederen Erdensorgen zu belasten; der Stamm schützt ihn vor jedem Mangel und gibt ihm die Mittel, ein Herrenleben zu führen, um sein Ansehen zu bewahren. Ich sah ihn unten in der Stadt einen Augenblick im Vorbeigehen. Vielleicht ist er ein Abkömmling des letzten Königs – dessen Name so schwer zu behalten ist und dem man mitten in der Stadt ein großes, steinernes Denkmal gesetzt hat. Ja so – Thakombau heißt er, eben fällt es mir wieder ein. Der Name kommt einem so leicht aus dem Kopf, es ist gut, daß er auf dem Granitblock steht.

Im Jahre 1874 trat dieser König die Fidschi-Inseln an England ab. Man sagt, der englische Bevollmächtigte habe den armen Thakombau trösten wollen, indem er versicherte, die Uebergabe seiner Herrschaft an England sei nur eine Art Wohnungswechsel, wie ihn der Einsiedlerkrebs vornimmt, worauf Thakombau die rührende Antwort gab: »Nur mit dem Unterschied, daß der Einsiedlerkrebs in eine unbewohnte Muschel kriecht, aber mein Gehäuse ist nicht leer.«

Dem Könige scheint damals übrigens, wie ich gelesen habe, nur die Wahl zwischen zwei Uebeln freigestanden zu sein. Er schuldete den Vereinigten Staaten eine große Summe, die er ohne Aufschub bezahlen mußte, sonst drohte man sein Land mit Krieg zu überziehen. Um die Fidschianer vor diesem Schicksal zu bewahren, trat er das Land an Großbritannien ab, und eine Klausel des englischen Vertrags verbürgte die schließliche Tilgung seiner Schuld an Amerika.

Vor Zeiten war das Volk sehr kriegerisch gesinnt und seinem Götzendienst mit großem Eifer ergeben. Die Häuptlinge waren stolze Gebieter und lebten in mancher Hinsicht auf sehr großem Fuße; alle hatten mehrere Weiber, die vornehmsten oft fünfzig Stück. Starb ein Häuptling und sollte begraben werden, so erdrosselte man vier oder fünf seiner Weiber und legte sie zu ihm ins Grab.

Im Jahre 1804 gelang es siebenundzwanzig britischen Sträflingen, von Australien nach den Fidschi-Inseln zu entkommen; sie brachten auch Flinten und Schießbedarf mit. Man stelle sich nun vor, welche Macht diese Waffen ihnen verliehen! Hatten sie verstanden die Gelegenheit zu benutzen, wären sie tatkräftige nüchterne Menschen gewesen, so war ihre Herrschaft gesichert – sie konnten siebenundzwanzig Könige werden, von denen jeder acht oder neun Inseln unter seinem Szepter hatte. Allein sie verscherzten ihr Glück und vergeudeten ihr Leben in üppiger Schwelgerei. Die meisten starben eines gewaltsamen ehrlosen Todes. Nur einer, ein Irländer Namens Connor, scheint eine Ausnahme gemacht zu haben. Er hatte den Ehrgeiz, fünfzig Kinder groß zu ziehen, brachte es aber nur auf achtundvierzig und konnte sich über diesen Mißerfolg sein Lebenlang nicht zugute geben. Das war eine Habgier seltsamer Art; mancher Vater wäre sich schon mit 40 Kindern reich genug vorgekommen.

Ja, die Fidschianer sind eine schöne Rasse; auch fehlt es ihnen nicht an Klugheit und Wißbegierde. Ihre wilden Vorfahren hatten eine Art Unsterblichkeitslehre – das heißt, in beschränktem Sinne. Sie glaubten nämlich, daß ihre toten Freunde nur in ein glückliches Jenseits hinübergingen, wenn man imstande war, ihre Körperteile zu sammeln. Das machten sie zur Bedingung. Um dem Missionar zu beweisen, daß seine Lehre viel zu allgemein und unbegrenzt sei, lenkten sie seine Aufmerksamkeit auf gewisse, nicht zu bestreitende Tatsachen: Viele ihrer Freunde, sagten sie, seien zum Beispiel von Haifischen gefressen worden; die Haifische wären dann ihrerseits von andern Leuten getötet und verzehrt worden; später wurden diese zu Kriegsgefangenen gemacht und die Feinde verspeisten sie.

Dadurch seien die ursprünglichen Personen zu Fleisch und Blut der Haifische und diese zu Bestandteilen der Kannibalen geworden. Wie sollte man nun die Glieder jener Personen wieder ausfindig machen und zusammensetzen können? Diese Schwierigkeit verursachte den Fidschianern tausend Zweifel, und sie waren nicht davon abzubringen, daß die Missionare die Sache gar nicht mit dem gehörigen Ernst und der ihr gebührenden Aufmerksamkeit erwogen hätten.

Die Missionare brachten diesen schwer zu befriedigenden Wilden viele schätzenswerte Dinge bei und lernten auch ihre Vorstellungen kennen, von denen eine besonders zart und poetisch war. Die armen, einfachen Naturkinder glaubten nämlich, daß die Blumen, nachdem sie verwelkt sind, vom Winde emporgetragen werden und droben, auf den himmlischen Gefilden, ewiglich in unvergänglicher Schönheit blühen!

Achtes Kapitel.

Achtes Kapitel.

Er war so bescheiden wie eine Zeitung, wenn sie von ihren eigenen Vorzügen spricht.

Querkopf Wilsons Kalender.

Ja, das Inselgewirr im Stillen Ozean, wie wir es auf der Karte sehen, ist eine Täuschung. Weite Meereswüsten liegen zwischen den einzelnen Gruppen; auch ist noch vieles über die Inseln, deren Bewohner und Sprachen, bisher unerforscht geblieben. Zum Beweis hierfür erwähne ich nur die Tatsache, daß vor zwanzig Jahren zwei fremde, einsame Wesen auf die Fidschis gebracht wurden, die aus einem unbekannten Lande kamen und eine unbekannte Sprache redeten. Viele hundert Meilen entfernt von jeder bisher entdeckten Insel, hatte ein vorüberfahrendes Schiff sie in einem kleinen Kanoe auf dem Meer treiben sehen und an Bord genommen. Als man sie fand waren sie nichts als Haut und Knochen; niemand konnte verstehen, was die Leute sagten, und sie haben das Land ihrer Herkunft nie genannt, wenigstens keinen Namen, der auf irgend einer Karte steht. Jetzt sind sie dick und wohlgenährt und freuen sich ihres Lebens. Im Logbuch des Schiffes ist die Länge und Breite eingetragen, unter der sie gefunden wurden; Aufschluß über ihre verlorene Heimat wird man vielleicht nie erhalten.

Klingt das nicht höchst seltsam und romantisch? – Ueberhaupt ist ja diese Inselwelt der richtige Schauplatz für alle phantastischen, geheimnisvollen Traumgebilde – und noch manches andere: Wer in der großen Welt Schiffbruch gelitten hat beim Kampf ums Dasein, der findet hier in der erhabenen Einsamkeit, in der Schönheit und tiefen Ruhe der Natur, was er für sein wundes Herz bedarf; Menschen, welche die Welt eines Verbrechens wegen ausstößt, Leute, die ein träges, sorgloses Leben führen möchten, und andere, die gern frei umherschweifen, weil sie Abenteuer und Abwechslung lieben, sie alle finden hier was sie brauchen. Auch können Glücksritter, die auf bequeme Weise Geld zu erwerben und Handel zu treiben wünschen, daneben noch manches Eheband knüpfen, das nicht allzu fest hält, auch nicht erst vor Gericht mit vielen Kosten gelöst werden muß. Jeder, der sich in seinem Spaß und Zeitvertreib nicht beschränken lassen will, gelangt hier mühelos zu vollem Lebensgenuß.

Neu gestärkt und erfrischt segelten wir weiter.

Die gebildetste Persönlichkeit bei uns an Bord war ein junger Engländer aus Neuseeland. Von Beruf Naturforscher, besaß er tiefe, gründliche Kenntnisse in seinem Fach und betrieb es mit wahrer Leidenschaft. Er hatte auch eine ziemliche Rednergabe, und wenn er vom Tierreich sprach, hörte man ihm mit Vergnügen zu. Was er sagte war sehr belehrend, nur manchmal schwer aufzufassen, weil er allerlei technische Ausdrücke brauchte, die über unser Verständnis gingen. Wenigstens lagen sie ganz außerhalb meines Horizonts, aber, da er uns gern erklärte, was wir nicht begriffen hatten, machte ich mir eine Pflicht daraus, diese Gelegenheit zur Bereicherung meines Wissens nicht unbenützt vorbeigehen zu lassen. Ich war zwar in Naturgeschichte für einen Laien ziemlich bewandert, aber erst durch seinen Unterricht erhielt was ich wußte, eine klare, wissenschaftliche Form und bekam wirklichen Wert.

Hauptsächlich interessierte er sich für die Fauna Ozeaniens, über die er ebenso genaue wie erschöpfende Studien gemacht hatte. Von den dort eingeführten Kaninchen und ihrer wunderbaren Fruchtbarkeit war mir schon viel zu Ohren gekommen; im Gespräch mit ihm erfuhr ich jedoch, daß die Kaninchenplage über alle meine Begriffe ging und im Handel und Verkehr die lästigste Störung verursacht. Er erzählte mir, das erste Kaninchenpaar, welches man nach Ozeanien brachte, habe sich so wunderbar vermehrt, daß die Tiere schon nach einem halben Jahr das ganze Land bedeckten, und man die dichte Masse mit Laufgräben durchziehen mußte, um von Stadt zu Stadt zu kommen.

Der gelehrte Herr sagte mir auch allerlei von Würmern, vom Känguruh und andern Colcoptera, und versicherte, er kenne die Geschichte und Lebensweise aller dieser Pachydermata. Das Känguruh habe Taschen, in die es seine Jungen hineinstecke, wenn es keine Aepfel fände. Der Emu wäre so groß wie ein Strauß und sähe diesem ähnlich, er fräße alles durcheinander, selbst Ziegelsteine. Zwischen einem Dingo und einem Dodo sei nur der Unterschied, daß sie beide nicht bellten, sonst glichen sie einander aufs Haar. Aber ein Dingo wäre gar kein Dingo, sondern einfach ein wilder Hund.

Unter den einheimischen Vögeln, sagte er, sei der schönste der Paradiesvogel, dann käme der Leierschwanz. Aber, der ›Sonnenvogel‹ sei gar kein Vogel, sondern ein Mensch. ›Sonnenvogel‹ ist nur die australische Bezeichnung für einen Herumtreiber, Trinker und Schmarotzer, der zur Zeit der Schafschur unter dem Vorwand Arbeit zu suchen, das Land durchstreift. Er weiß es dabei so einzurichten, daß er immer erst nach Sonnenuntergang bei einer Schafweide anlangt, wenn das Tagewerk zu Ende ist. Was er sucht, ist nur Whisky, Abendbrot, Nachtlager und Frühstück; das läßt er sich geben und dann verschwindet er wieder. Der Naturforscher sprach auch vom Glockenvogel, der den ganzen Tag mit kurzen Unterbrechungen aus der Tiefe des Waldes sein weiches, wundervolles Geläute ertönen läßt. Der ›Sonnenvogel‹ liebt ihn sehr und betrachtet ihn als seinen besten Freund; denn, da er weiß, daß es überall, wo der Glockenvogel sich aufhält, nur Wasser zu trinken gibt, geht er stets nach einer andern Richtung. Der sonderbarste Vogel von allen, sagte der Gelehrte, sei der ›lachende Hans‹ und der größte, die jetzt ausgestorbene Moa. Dieser Riesenvogel war dreizehn Fuß hoch; er konnte über einen gewöhnlichen Menschen hinwegschreiten und ihm dabei den Hut samt dem Kopf abreißen. Flügel hatte er nicht, war aber ein Schnelläufer; die Eingeborenen benützten ihn als Reitpferd, er konnte hintereinander vierhundert Meilen ohne Ermüdung zurücklegen, vierzig Meilen die Stunde. Als die Eisenbahn nach Neuseeland kam, lebte er noch und war als Postbote angestellt. Gleich anfangs führte die Bahnverwaltung einen Fahrplan ein, wie er noch heutigen Tages besteht, nämlich wöchentlich zwei Schnellzüge, mit zwanzig Meilen die Stunde. Um den Postbetrieb zu bekommen, mußte die Eisenbahngesellschaft erst die Moas vertilgen.

Die seltsamen Abweichungen von den bestehenden Gesetzen, welche sich die Natur in Australien erlaubt, ließen sich, meinte der Gelehrte, am besten beim Schnabeltier beobachten, das eine wunderliche Verbindung von Vogel, Fisch, Amphibium, Grabetier, Reptil, Christ und Vierfüßler sei. An Vielseitigkeit des Charakters und der Beschaffenheit stehe das Schnabeltier, auch Ornithorhynchus genannt, weit über allen anderen Geschöpfen der Welt.

»Man kann es zu jeder Tierart zählen und wird nicht irre gehen,« sagte er. »Es ist ein Fisch und verbringt sein halbes Leben im Wasser, die übrige Zeit aber als Landtier auf dem Ufer, und da es nicht weiß, wo es ihm besser gefällt, ist es ein Amphibium. Es hält Winterschlaf sobald in der Welt nicht viel los ist und es Langeweile hat, vergräbt sich auf dem Grunde einer Pfütze im Schlamm und haust dort zur Abwechslung ein paar Wochen. Zu den Enten gehört es auch, denn es hat einen Entenschnabel und Schwimmhäute an den Füßen, Fisch und Vierfüßler zugleich, rudert es mit den Schwimmfüßen im Wasser oder stampft damit auf dem Lande umher; auch für einen Seehund kann es gelten, weil es einen Pelz hat wie er. Das Schnabeltier ist Fleischfresser, Pflanzenfresser, Insektenfresser und Würmerfresser, denn es nährt sich von Fischen, Gras, Schmetterlingen und allerlei Gewürm, das es im Schlamm findet. Offenbar ist es ein Vogel, da es Eier legt und sie ausbrütet, aber auch ein Säugetier, denn es säugt seine Jungen. Daß es eine Art Christ ist, wird niemand bestreiten, da es Sonntagsruhe hält, wenn es sich beobachtet weiß, diese Pflicht jedoch unterläßt, wenn keiner es sehen kann. Es hat Geschmack für alles, nur keinen geläuterten und nimmt alle Sitten und Gewohnheiten an, die es gibt, mit Ausnahme der guten.

»Charles Darwin hat die Theorie über die Entstehung der Arten aufgestellt, nach welcher der Kampf ums Dasein mit dem ›Ueberleben des Passendsten‹ endet. Das Schnabeltier aber hat das unbestrittene Verdienst, dies Experiment selbst ausgeführt und damit zuerst den Beweis geliefert zu haben, daß sich Darwins Theorie auch in der Praxis bewährt. Beiden gebührt daher der gleiche Ruhm.

»Als die Sündflut kam, flüchtete es sich nicht in die Arche Noah, dort würde man seinen Namen vergebens suchen. Nein – es besaß Selbstlosigkeit genug, um draußen zu bleiben und an der praktischen Entwicklung der Theorie zu arbeiten, auch war ja kein Geschöpf der Welt für dies Werk so gut ausgerüstet wie das Schnabeltier. Die Arche schwamm dreizehn Monate auf den Wassern, welche die Erde überfluteten, so daß nirgends Land zu erblicken war. Es gab weder Speise noch Trank mehr für ein Säugetier; kein Pflanzenwuchs, kein Nahrungsmittel war übrig geblieben, und das Salzwasser der Meere hatte sich mit den reinen Fluten des Himmels gemischt, so daß kein gewöhnliches lebendes Wesen es hätte trinken können. Aber dieser Zustand der Dinge war dem Ornithorhynchus gerade recht. Das Wasser seiner Flußheimat hatte immer den Salzgeschmack der Meeresfluten gehabt, und die Wogen, welche über die Berggipfel dahinrollten, führten zahllose Stämme von Waldbäumen mit sich. Auf diesen schiffte der Ornithorhynchus friedlich weiter und schwamm von einer Zone zur andern, von einer Halbkugel zur andern, in aller Behaglichkeit und Gemütsruhe. Voll Interesse für den stets wechselnden Schauplatz seiner Fahrt und dankbar für die ihm verliehenen Vorrechte, verfolgte er in stets wachsender Begeisterung die Entwicklung der großen wissenschaftlichen Theorie, für deren Wahrheit er – wenn ich mich so ausdrücken darf – bereit war, sein Leben, sein Glück und seine Ehre einzusetzen.

»So lebte das Schnabeltier in ruhigem Wohlbehagen, wie jemand der sein genügendes Auskommen hat. Von allem, was es zu einem glücklichen Dasein bedurfte, mangelte ihm nichts. Wollte es einen Spaziergang machen, so kroch es auf dem Baumstamm entlang; bei Tage träumte es unter dem Blätterdach und schlief nachts in dessen Schutz. So oft das Tier wollte, konnte es ein Schwimmbad nehmen; hatte es Verlangen nach Pflanzenkost, so fraß es Baumblätter, unter der Rinde grub es nach Würmern und Larven oder fing es sich einen Fisch; wollte es Eier haben, so brauchte es sie nur zu legen. Wenn alles Gewürm in einem Baume verzehrt war, so schwamm es nach einem andern hin, und Fische gab es stets in solchem Ueberfluß, daß es nur die Qual der Wahl hatte. Bekam es aber Durst, so schlürfte es mit Wonne die salzige Mischung, an der ein Krokodil umgekommen wäre.

»Als das Schnabeltier endlich nach seiner dreizehnmonatlichen Forschungsreise in allen Zonen auf einem Berggipfel gelandet war, stieg es ans Ufer und dachte stolzen Mutes: ›Mögen die, welche nach mir kommen, Theorien erfinden, und sich in ihrer Phantasie mit dem ›Ueberleben des Passendsten‹ beschäftigen; aber ich habe die Möglichkeit zuerst durch die Tat bewiesen‹

»Dies wunderbare Geschöpf,« fuhr der Gelehrte fort, »stammt gleich dem Känguruh und vielen andern merkwürdigen Tierarten Australiens aus einer Erdperiode, in der vom Menschen noch keine Spur vorhanden war. Damals führte ein viele hundert Meilen breiter und Tausende von Meilen langer Riesendamm von Australien nach Afrika hinüber; die Tierwelt beider Erdteile war die nämliche und gehörte jener geologischen Epoche der Urzeit an, welche die Wissenschaft unter dem Namen ›alte rote totliegende Post-Pleosaurius-Formation‹ kennt. Später versank der Riesendamm im Meere und gewaltige Erderschütterungen hoben das afrikanische Festland um tausend Fuß höher als vormals, während Australien seinen alten Standpunkt behauptete. In dem neuen afrikanischen Klima entwickelte sich notwendigerweise auch die Tierwelt ganz anders und begann die Formen abzustreifen, wodurch neue Familien und Arten entstanden. Die Tiere in Australien dagegen blieben wie sie waren, bis auf den heutigen Tag. Auch der afrikanische Ornithorhynchus hat sich im Lauf einiger Millionen Jahre immer weiter entwickelt und eine Eigenheit nach der andern abgelegt, bis das ganze Geschöpf in seine Teile zerfiel und sich zersplitterte. Wenn man jetzt in Afrika einen Vogel oder Vierfüßler sieht, eine Otter oder einen Seehund, so kann man darauf wetten, daß es irgend ein Ueberbleibsel des wunderbaren Urgeschöpfs ist, von welchem ich rede – das der Inbegriff aller Arten war und doch keiner einzelnen angehörte – dem überreich begabten E Pluribus Unum der Tierwelt.

»Dies ist die Lebensgeschichte des ältesten und ehrwürdigsten Geschöpfs, das heutzutage auf Erden lebt, des Ornithorhynchus Platypus Extraordinariensis, das Gott noch lange erhalten möge!«

Zu so hohem Schwung erhob sich der Naturforscher bisweilen in seiner Schilderung, wenn er von dem Gegenstand mächtig ergriffen war, und zwar nicht nur in Prosa, nein, auch in gebundener Rede. Er hatte viele Verse gemacht und lieh den Passagieren sein Manuskript; ja, er erlaubte ihnen sogar eine Abschrift davon zu machen. Ein Gedicht, welches mir am erhabensten von allen erschien, und in dem auch die wenigsten technischen Ausdrücke vorkommen, will ich hierhersetzen: Aufforderung.

Aus deinem Schlammbett komm.
Du liebes Schnabeltier,
Und willig gib und fromm.
Jetzt Red‘ und Antwort mir.

Noch ist mir unbekannt
Dein Stamm und deine Art,
Weshalb dein Körperbau
So ganz und gar apart.

Du trägst den Biberschwanz,
Die Schwimmhaut statt der Klaun,
In deiner Schnauze ist
Manch scharfer Zahn zu schaun.

Auch dir, mein Känguruh,
Mit kurzem Vorderfuß
Und spitzem Rattenkopf
Entbiet‘ ich meinen Gruß!

Wer lehrt‘ dich kühnen Sprung?
Wer gab den Beutel dir?
Geschöpf aus frührer Zeit,
Warum weilst du noch hier?

Versteint im Erdenschoß,
All‘ deine Freunde ruhn.
Was willst in fremder Welt
Du hier allein noch tun?

  1. Forbes, Zwei Jahre auf den Fidschi-Inseln.

Neuntes Kapitel.

Neuntes Kapitel.

Bemitleidet die Lebenden, beneidet die Toten.

Querkopf Wilsons Kalender.

15. September abends. – Jetzt sind wir dicht an Australien. Sydney ist nur noch fünfzig Meilen entfernt.

Das hatte ich eben geschrieben, als die Passagiere auf Deck gerufen wurden, wo es etwas Schönes zu sehen gab. Es war sehr dunkel; das Auge konnte kaum fünfzig Meter in der Runde über die Meeresfläche schweifen, weiterhin verdüsterte sich alles und entschwand dem Blick. Wer aber eine Weile geduldig in die Finsternis hineinschaute, wurde reich belohnt. Nicht lange da erschien eine Viertelmeile entfernt ein blendend heller Schein oder Strahl auf dem Wasser, so plötzlich und mit so wundervollem Glanz, daß man unwillkürlich den Atem anhielt. Die Lichtmasse dehnte sich rasch im Zickzack bis zur ungeheuern Länge der fabelhaften Seeschlange aus; man glaubte jeder Bewegung ihres Körpers folgen zu können. Sowohl das Kielwasser hinter dem Schweif, als auch die Wellen, die vor dem Kopf dahinschossen, waren wie in Feuersglut getaucht. Und mit welcher blitzartigen Geschwindigkeit das Ungetüm daherkam! Ehe man sich’s versah, war der fünfzig Fuß lange, feurige Drache vorbeigestürmt und im Nu verschwunden. Aber auf demselben Fleck, von wo er gekommen war, leuchtete es wieder auf; es folgte ein zweiter Strahl, ein dritter, ein vierter, die sich mit rasender Eile in Seeschlangen verwandelten. Einmal sahen wir sechzehn zu gleicher Zeit aufblitzen und auf uns zuschießen. Die sich in zahllosen Windungen schlängelnden Feuerströme boten einen Anblick von zauberhafter Schönheit, ein Schauspiel so voller Glut und Glanz, wie es die meisten jener Zuschauer wohl erst nach ihrem Tode wieder zu sehen bekommen werden.

Und was war es? – Nichts anderes als zahlreiche Scharen von Delphinen, die sich im phosphoreszierenden Meere tummelten. Sie vereinigten sich gleich darauf zu einem prächtigen, wilden, verworrenen Knäuel unter dem Bug des Schiffes, wo sie wohl eine Stunde lang ihr munteres Spiel trieben. Bald schnellten sie in die Höhe, hüpften und vergnügten sich auf allerlei Weise, bald schossen sie Purzelbäume vor dem Schiffsschnabel und darüber hinweg ohne sich je zu stoßen oder den Vordersteven zu berühren, obgleich sie sich ihm stets auf Zollweite näherten. Es waren Delphine von gewöhnlicher Größe, 8–10 Fuß lang, aber bei jeder Bewegung ihres Körpers schlängelten sich feurige Schneckenwindungen weithin nach rückwärts über das Wasser. Dies glänzende Gewirre bot einen geradezu entzückenden Anblick, auch rührten wir uns nicht von der Stelle, bis das Schauspiel zu Ende war; dergleichen bekommt man im Leben schwerlich ein zweitesmal zu sehen. Die Delphine sind zwar stets voller Lust und Beweglichkeit und haben nichts als Possen im Kopf wie die Spielkätzchen, aber so ausgelassen wie an jenem Abend hatte ich sie noch nie gesehen, sie waren förmlich wie betrunken.

Als wir uns Sydney bis auf dreißig Meilen genähert hatten, kam das große elektrische Licht zum Vorschein, das auf einem der hohen Wälle angebracht ist. Aus dem winzigen Lichtfunken wurde allmählich eine Riesensonne, die das dunkle Firmament wie mit einem fernhin leuchtenden Schwert zerteilte.

Der Hafen von Sydney ist durch eine steile Felswand abgeschlossen, an welcher der neue Ankömmling auch nicht die kleinste Oeffnung bemerken kann. Der richtige Eingang liegt in der Mitte, ist aber so leicht zu übersehen, daß selbst Kapitän Cook vorübersegelte, ohne ihn zu finden; dicht daneben ist ein falscher, der jenem gleicht und ehemals bei Nacht dem Schiffer oft gefährlich geworden ist, als die Einfahrt noch keine Beleuchtung hatte. Auch eins der schrecklichsten Trauerspiele auf dem wilden, ruchlosen Meer, der denkwürdige Schiffbruch des ›Duncan Dunbar‹ entsprang aus dieser Ursache. Es war ein prächtiges und sehr beliebtes Segelschiff, welches von einem Kapitän befehligt wurde, der bei den Passagieren in hoher Gunst stand und sich des besten Rufes erfreute. In Sydney erwartete man die Rückkunft des Schiffes von England und zählte die Stunden bis zu seinem Eintreffen, denn es hatte eine große Menge Mütter und Töchter an Bord, die wegen der Erziehung der letzteren lange von den Ihrigen getrennt gewesen waren, und nun Freude und Leben in die verwaisten Heimstätten Sydneys zurückbringen sollten. In Australien und Indien, wo die Beziehungen zu dem Mutterlande so zahlreich sind, weiß man mehr als sonstwo was es heißt, wenn der Mensch Schiffe mit dem Liebsten, das er auf Erden hat, befrachtet und sie von den tückischen Winden – nicht vom Dampf – befördern lassen muß. Nur dort erfahren die Menschen, wie angstvoll das Warten ist und wie groß das Entzücken, wenn das Fahrzeug mit ihren Kleinodien in den sicheren Hafen einläuft und Furcht und Qual vorüber ist.

An Bord des ›Duncan Dunbar‹ waren die Heimkehrenden eifrig mit Vorbereitungen beschäftigt, als es zu dämmern begann, denn sie sollten ja, noch ehe der Tag zu Ende ging, mit ihren Lieben vereint sein. Frauen und Mädchen legten die Kleider ab, die sie unterwegs getragen hatten, und schmückten sich aufs beste – die armen Bräute des Todes! Aber, sei es nun, daß der Wind sich gelegt hatte oder die Entfernung falsch berechnet war – noch kam die Landzunge nicht in Sicht, als schon das Dunkel hereinbrach. Unter gewöhnlichen Verhältnissen würde der Kapitän wohl auf offener See geblieben sein, um erst den Morgen zu erwarten; aber da er die vielen flehenden Blicke sah und auf allen Gesichtern sich die bitterste Enttäuschung malte, mag ihn sein Mitgefühl bewogen haben, die schwierige Einfahrt trotz der Finsternis zu wagen. Schon siebzehnmahl war er in den Hafen von Sydney eingelaufen und glaubte seiner Sache ganz sicher zu sein. So steuerte er denn in gerader Linie auf die falsche Oeffnung los, die er für die richtige hielt. Als er seinen Irrtum erkannte, war es bereits zu spät. Das Schiff war rettungslos verloren, die hochgehende See riß es mit sich fort und schleuderte es auf die spitzen Klippen am Fuß der Felswand, daß es mit Krachen zerbarst und zersplitterte. Von der ganzen holden Schar liebreizender Frauen und Mädchen blieb auch nicht eine am Leben.

Jeder Fremde, welcher an der Unglücksstätte vorbeifährt, bekommt diese traurige Geschichte zu hören. Sie wird niemals veralten, wie vielen künftigen Geschlechtern man sie auch noch erzählen mag. Der namenlose Jammer, welchen sie in sich schließt, muß jedes Herz erschüttern.

Zweihundert Personen befanden sich an Bord, aber nur ein Matrose entging dem Tode. Eine ungeheure Woge warf ihn an die Felswand, wo er in halber Höhe auf einem schmalen Klippenvorsprung die Nacht über liegen blieb. Unter andern Umständen wäre er dort elend verschmachtet, da seine Auffindung undenkbar schien. Allein, als sich am andern Morgen die entsetzliche Nachricht verbreitete, daß der ›Duncan Dunbar‹ angesichts der Heimat gescheitert sei, strömten die Bewohner der Stadt scharenweise hinaus und spähten von der Felswand ins Meer. Da sah einer, der sich weit vorbeugte, den Mann, welcher durch ein Wunder dem Tode entronnen war. Man brachte Stricke herbei und das schier unmögliche Rettungswerk gelang. Der Matrose war ein Mensch mit praktischen Anlagen; er mietete einen Saal in Sydney und stellte sich dort für ein kleines Eintrittsgeld so lange dem Publikum aus, bis seine Einnahme den Ertrag der Goldfelder in jenem Jahre überstiegen hatte.

Wir fuhren ein, gingen vor Anker und schifften am andern Morgen unter manchem Ach und Oh der Bewunderung durch die Buchten und Krümmungen des schönen, geräumigen Hafens, der ein Wunder der Welt und das Herzblatt von Sydney ist. Daß die Bewohner stolz auf ihren Hafen sind und kaum Worte finden können, um ihrer Begeisterung Luft zu machen, ist sehr begreiflich. Ein heimgekehrter Bürger wollte wissen, was ich dazu sagte, und ich sprach ihm meine Gefühle nach besten Kräften aus, in der Hoffnung es würde ihm genügen. Herrlich, rief ich, wunderschön! Dann aber gab ich unwillkürlich Gott die Ehre. Der Bürger schien jedoch nicht zufrieden.

»Natürlich ist der Hafen schön,« sagte er, »allein damit ist noch nicht alles gesagt; Sydney gehört auch dazu, um die Schönheit vollkommen zu machen, beide zusammen vollenden erst das Ganze. Den Hafen hat Gott geschaffen, dagegen läßt sich nichts einwenden, aber Sydney ist ein Werk des Teufels.«

Ich hatte diesem, seinem Freunde, nicht zu nahe treten wollen und stammelte eine Entschuldigung. Daß Sydney dazu gehörte war ganz richtig; der Hafen an sich wäre nur halb so schön ohne die Stadt. Er hat etwa die Form eines Eichenblatts – in der Mitte eine breite Fläche des herrlichsten blauen Wassers und rechts und links schmale, tiefeinschneidende Buchten zwischen hohen, bewaldeten Landzungen, welche nach beiden Seiten abfallen wie Grabhügel. Auf dem Rücken ihrer Berge stehen hier und da prächtige Villen, halb im Laubwerk versteckt, die man mit Entzücken betrachtet, während das Schiff sich der Stadt nähert. Sydney erhebt sich auf einer Hügelgruppe und deren Ausläufern in wellenförmigen Linien, welche überall durch Türme, Kirchen und Prachtgebäude unterbrochen werden, die aus der Häusermasse hervorragen. Dadurch erhält erst der Gesamteindruck seinen großen malerischen Reiz.

Die schmalen Buchten, die sich, wie gesagt, sehr tief ins Land hineinerstrecken, winden sich hierhin und dorthin, bis in die verborgensten Winkel und wimmeln fortwährend von Vergnügungsbooten mit Gesellschaften, die auf Entdeckungsreisen aus sind, oder irgendwo Picknicks halten wollen. Zuverlässige Leute sagen, daß, wer diese Buchten alle durchschiffen will, eine Wasserfahrt von mindestens siebenhundert Meilen machen muß. Aber, es gibt hier zu Lande auch viele Lügner, die, wenn sie einmal im Zuge sind zu übertreiben, sich nicht scheuen, die Behauptung aufzustellen, daß die Meilenzahl doppelt so groß ist.

Einunddreißigstes Kapitel.

Einunddreißigstes Kapitel.

Laßt uns Adam, unserm Wohltäter, dankbar sein, daß er den ›Segen‹ des Müßiggangs von uns genommen und den ›Fluch‹ der Arbeit über uns gebracht hat.

Querkopf Wilsons Kalender.

Am 20. November erreichten wir Auckland und hielten uns einige Tage in dieser schönen, sehr hoch gelegenen Stadt auf; man hat dort einen Ausblick über das Meer, an dem man sich gar nicht satt sehen kann. Wir machten wundervolle Spazierfahrten mit Bekannten in der Umgegend. Von dem grasbewachsenen Kratergipfel des Mount Eden schweift das Auge über eine weite und wechselvolle Landschaft: dicht belaubte Wälder, grüne Hügel, blumige Wiesen und dahinter lange ebene Strecken, auf denen sich hier und da hohe, ausgebrannte Krater erheben. Weiterhin glänzen und funkeln blaue Buchten, und in traumhafter Ferne schimmern die Berge gespenstisch durch ihre Nebelschleier.

Gewöhnlich fährt man von Auckland aus nach Rotorua zu den berühmten heißen Seen und Springquellen, welche als große Merkwürdigkeit Neuseelands gelten; aber ich war nicht wohl genug, um den Ausflug zu unternehmen. Die Regierung hat dort ein Sanatorium errichtet, wo für den Touristen sowohl wie den Kranken aufs angenehmste gesorgt wird. Der daselbst angestellte Arzt drückt sich stets sehr mäßig aus, wenn er von dem Heilerfolg der Bäder bei Rheumatismus, Gicht, Lähmung und ähnlichen Uebeln spricht; dagegen preist er die Wirkung des Wassers als unvergleichlich in Fällen von Trunksucht. Der Trinker wird unfehlbar geheilt, selbst wenn die Krankheit bei ihm noch so chronisch geworden ist, ja, er verliert sogar die Begierde nach berauschenden Getränken für alle Zeiten. Sobald es nur erst allgemein bekannt sein wird, daß für die Opfer des Alkoholismus hier sichere Rettung zu finden ist, werden die Leute scharenweise aus Europa und Amerika herbeiströmen.

Diese ganze, wegen ihrer Thermalquellen berühmte Gegend Neuseelands umfaßt eine Landstrecke von über 600 000 Morgen oder etwa 1000 Quadratmeilen. Rotorua ist am besuchtesten; es bildet den Mittelpunkt des schönen, gebirgigen Seedistrikts und dient den Reisenden zum Standquartier bei ihren Ausflügen. Die Zahl der Kranken ist groß und wächst beständig. Rotorua ist das Karlsbad Australiens.

In Auckland wird auch der Kauri-Kopal verschifft, hauptsächlich nach Amerika. Man bringt durchschnittlich 8000 Tonnen des Jahrs zur Stadt. Unassortiert hat er einen Wert von 309 Dollars die Tonne; die feinsten Sorten erzielen aber oft einen Preis von 1000 Dollars. Das Harz kommt in Stücken vor, ist hart und glatt und gleicht dem Bernstein; auch ist es, wie dieser, hellgelb bis dunkelbraun. Unter den hellfarbigen Stücken hätte man einige für ziemlich gute Nachahmungen roher südafrikanischer Diamanten halten können, sie waren so wundervoll glänzend, glatt und durchsichtig. Der Kauri-Kopal dient zur Bereitung von Lack und Firnis, er stammt von der Kaurifichte und wird meist aus dem Boden gegraben, wo das Harz seit Jahrhunderten liegt, da viele von den Bäumen, aus denen es geflossen ist, der heutigen Vegetation nicht mehr angehören. Dr. Campbell in Auckland erzählte mir, er habe schon vor fünfzig Jahren eine Ladung nach England geschickt, aber ohne Erfolg. Niemand wußte etwas damit anzufangen und man verkaufte es für fünf Pfund Sterling die Tonne zum Feueranzünden.

*

26. November. 3 Uhr nachmittags abgesegelt. Der Hafen ist schön und ungeheuer groß; noch stundenweit hat man Land ringsumher. Der Tangariwa ragt empor – das ist der Berg, der, wie in Auckland allgemein behauptet wird, überall gleich aussieht, man mag ihn betrachten von welcher Seite man will. Ganz richtig – von welcher Seite man will – mit dreizehn Ausnahmen….

Herrliches Sommerwetter. In der Ferne tummelt sich eine große Schar Walfische. Der Staubregen, den sie emporspritzen, sieht zart und luftig aus in dem rosigen Schein der untergehenden Sonne oder wenn er sich abhebt gegen den dunkeln Hintergrund einer Insel, die im tiefblauen Schatten von Sturmwolken ruht… Zur Linken erhebt sich ein großer Felsblock mitten im Meer. Vor einiger Zeit stieß ein Schiff, das im Nebel zwanzig Meilen aus seinem Kurs gekommen war, bei voller Fahrt dagegen; 140 Menschen ertranken in den Wellen. Der Kapitän nahm sich auf der Stelle selbst das Leben, ohne sich erst zu besinnen. Mochte er schuld an dem Unfall sein oder nicht, er wußte, daß die Gesellschaft, der das Schiff gehörte, ihn jedenfalls sofort entlassen würde, um mit ihrer Sorge für die Sicherheit der Passagiere Reklame zu machen. Dadurch wurde es ihm aber fast unmöglich gemacht, seinen ferneren Lebensunterhalt zu verdienen.

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27. November. Heute kamen wir bis Gisborne und ankerten in einer großen Bucht, eine Meile weit vom Ufer. Die See ging hoch und wir blieben an Bord. Ein kleiner Schleppdampfer, der vom Lande auf uns zufuhr, war ein Gegenstand atemlosen Interesses. Er klomm bis zum Gipfel einer Welle, schwankte dort einen Augenblick als ein grauer Schatten wie betrunken hin und her, in dem vom Sturm zerstäubten Wasser, tauchte plötzlich in die Tiefe und blieb so lange unsichtbar bis man ihn für verloren hielt; dann schoß er auf einmal wieder in ganz schräger Richtung empor, während das Wasser in Strömen vom Vorderdeck herabstürzte. So trieb es der Dampfer die ganze Zeit über, bis er unser Schiff erreicht hatte. In seinem Bauche befanden sich fünfundzwanzig Passagiere, die zu uns an Bord wollten – Männer und Frauen, meistens Mitglieder einer reisenden Schauspielertruppe. Die Mannschaft war auf Deck in Südwestern, wasserdichten Anzügen von gelbem Segeltuch und hohen Stiefeln. Das Deck stand so schräg wie eine Leiter und schwankte auf und ab; große Wellen sprangen fortwährend an Bord und rollten darüber hin. Wir befestigten ein langes Seil an der Raanocke, hingen einen höchst kunstlosen Korbstuhl daran und ließen ihn im weiten Himmelsraum wie einen Pendel auf gut Glück hin und her schaukeln. Im geeigneten Moment wurde er von geschickten Händen hinabgelassen und drüben fingen zwei Männer am Vorderdeck die gut gezielte Leine auf. Ein junger Bursche von unserer Mannschaft saß im Korbstuhl, um den weiblichen Passagieren herüber zu helfen. Sofort erschienen einige Damen aus der Kajüte, setzten sich ihm auf den Schoß, und wir zogen sie über uns in den Himmel hinauf. Einige Augenblicke warteten wir noch, bis das Schlingern des Schiffes sie herüberbrachte, dann ließen wir das Seil herab und erfaßten den Korb, als er eben das Deck erreichte. So brachten wir alle fünfundzwanzig an Bord und schafften fünfundzwanzig unserer eigenen Passagiere in den Schleppdampfer – darunter mehrere alte Damen und eine Blinde – noch dazu ohne den geringsten Unfall. Es war ein schönes Stück Arbeit.

Wir sind mit unserm Schiff sehr zufrieden, es ist hübsch und geräumig, auch alles darin bequem und gut in Ordnung. In einem Hotel kommt es wohl vor, daß man auf eine Ratte tritt, aber an Bord haben wir lange nichts von Ratten gespürt, außer vielleicht auf der ›Flora‹; aber da waren wir mit wichtigeren Dingen beschäftigt. Es ist mir aufgefallen, daß man nur noch auf Schiffen und in Hotels Ratten findet, wo die abscheulichen chinesischen Gongs gebraucht werden. Der Grund kann nur sein, daß die Ratten nicht nach der Uhr zu sehen verstehen, um zu erfahren, in welcher Tageszeit sie leben, und einen Ort fliehen, an dem sie nie wissen, wann das Essen fertig ist.

2. Dezember. Montag. Von Napier nach Hastings benutzten wir den Schnellzug, der in Neuseeland zweimal die Woche fährt. In Waitukurau war zwanzig Minuten Aufenthalt und wir nahmen einen Imbiß. Ich saß oben am Tisch, so daß ich die rechte Wand sehen konnte, während meine Frau, meine Tochter und Mr. Carlyle Smythe, mein Geschäftsführer, der Wand den Rücken zukehrten. Auf dieser Wand hingen einige Bilder ziemlich weit von mir, so daß ich sie nicht deutlich erkennen konnte, aber nach der ganzen Gruppierung der Gestalten nahm ich an, daß eins derselben die Ermordung von Napoleons des Dritten Sohn durch die Zulus in Südafrika darstellte. Ich unterbrach das Gespräch, welches sich eben um Poesie, Kohlköpfe und bildende Kunst drehte und wandte mich an meine Frau mit der Frage:

»Weißt du noch, wie die Nachricht in Paris ankam –«

»Daß der Prinz ermordet wäre?«

(Ich hatte genau diese Worte im Sinn gehabt.) »Welcher Prinz denn?«

»Napoleon – Lulu.«

»Wie kommst du eben jetzt darauf?«

»Ich weiß nicht.«

Höchst sonderbar! – Wir hatten uns auf keine Weise miteinander verständigt. Die Bilder waren nicht erwähnt worden und meine Frau konnte sie nicht sehen. Vor sieben Monaten waren wir nach einem mehrjährigen Aufenthalt von Paris abgefahren, um diese Reise zu unternehmen und meine Frau hätte an irgend eine Nachricht denken müssen, die in jüngst vergangener Zeit nach Paris gekommen war. Statt dessen dachte sie an ein Erlebnis bei unserm kurzen Besuch in Paris vor sechzehn Jahren.

Es war ein deutliches Beispiel von Gedankentelegraphie, von geistiger Wechselwirkung. Ich hatte die Idee aus meinem Hirn an sie telegraphiert. – Woher ich das so bestimmt weiß? – Nun einfach deshalb, weil es ein Irrtum war. Es ergab sich nämlich, daß jenes Bild weder die Ermordung Lulus darstellte, noch überhaupt etwas, das sich irgendwie auf Lulu bezog. Ich mußte ihr den Irrtum telegraphiert haben, denn außer in meinem Kopfe war er nirgends vorhanden.