III.

III.

In dem eine neue Persönlichkeit nicht besonders vorgestellt zu werden braucht, da sie das selbst besorgt.

»Bürger der Vereinigten Staaten, ich heiße Robur [Fußnote] und bin dieses Namens würdig. Trotz meiner vierzig Jahre sehe ich aus wie dreißig, habe eine eiserne Constitution, eine unerschütterliche Gesundheit, hervorragende Muskelkraft und einen Magen, der selbst in der Welt der Strauße als vorzüglich gelten würde.«

Die Versammlung lauschte. Jedes Geräusch hatte vorläufig aufgehört, als man diese unerwartete Vorrede »pro facie sua« vernahm. War es ein Narr oder ein Spötter, diese Persönlichkeit? Wie dem auch sein mochte, er machte Eindruck und wußte sich diesen zu erzwingen. Jetzt ging kein Lufthauch durch diese Menge, in der doch kurz vorher ein Orkan wüthete. Die Windstille nach der hohen See.

Ueberdies schien Robur wirklich der Mann zu sein, für den er sich ausgab. Von mittlerer Größe mit geometrischer Gestalt, ein regelmäßiges Trapez bildend, deren größte Parallelseite von der Schulterbreite ausgefüllt wurde; auf dieser Linie saß wieder auf einem kräftigen Halse ein gewaltiger sphäroidaler Kopf. Welchem Dickkopfe mochte derselbe zu vergleichen sein? Dem eines Stieres, aber eines Stieres mit hochintelligentem Gesicht. Darin funkelten ein paar Augen, welche der geringste Widerspruch sicherlich in volle Gluth versetzte, und über letzteren waren die Augenbrauenmuskeln – ein Zeichen entwickelter Energie – fortwährend zusammengezogen. Die Haare des Mannes waren kurz, etwas kraus und von metallischem Glanze, als trüge er ein Toupet von eisernem Stroh; seine breite Brust hob und senkte sich mit Bewegungen gleich einem Schmiedeblasebalg. Arme und Hände, Beine und Füße erwiesen sich des Rumpfes völlig würdig.

Schnurr- und Backenbart sah man bei ihm nicht, nur einen starken Seemanns-Kinnbart nach amerikanischer Mode, der die Anhaftepunkte der Kinnlade frei ließ, deren Kaumuskeln eine furchtbare Kraft entwickeln mußten. Man hat berechnet – was berechnet man denn nicht? – daß der Druck der Kinnlade des Krokodils unter gewöhnlichen Umständen dem von vierhundert Atmosphären gleich kommt, während der eines Jagdhundes von mittlerer Größe hundert erreichen soll. Daraus hat man auch folgende merkwürdige Formel abgeleitet: wenn ein Kilogramm Hund acht Kilogramm Muskelkraft entwickelt, so entwickelt ein Kilogramm Krokodil deren zwölf. Nun, ein Kilogramm des genannten Robur hätte deren gewiß zehn entwickelt. Er hielt also zwischen Hund und Krokodil in dieser Beziehung die Mitte.

Aus welchem Lande dieses merkwürdige Menschenkind stammte, hätte man nur schwer errathen können. Jedenfalls drückte sich der Mann ganz geläufig englisch aus und ohne jenen schleppenden Tonfall, der den Yankee von Neu-England auszeichnet.

Er fuhr folgendermaßen fort:

»Nun lassen Sie mich auch von meinen anderen Eigenschaften sprechen, ehrenwerthe Bürger. Sie sehen vor sich einen Ingenieur, dessen geistige Natur seiner körperlichen nicht nachsteht. Ich fürchte mich vor Nichts und vor Niemand; besitze eine Willenskraft, die noch nie vor einem Anderen gewichen ist. Hab‘ ich mir einmal ein Ziel gesetzt, so würde ganz Amerika, ja die ganze Welt sich vergeblich verbünden, mich von Erreichung desselben abzuhalten. Hab‘ ich einen Gedanken, so erwarte ich, daß Andere ihn theilen, und vertrage keinen Widerspruch. Ich betone diese Einzelnheiten, ehrenwerthe Bürger, weil Sie mich gründlich kennen lernen müssen. Sie finden vielleicht, daß ich zu viel von mir selbst spreche? Thut nichts! Jetzt aber überlegen Sie sich Alles, ehe Sie mich unterbrechen, denn ich bin hierhergekommen, Ihnen Dinge zu sagen, welche Ihnen vielleicht nicht recht gefallen dürften.«

Ein Grollen wie das der Brandung lief längs der ersten Bänke des Saales hin, ein Zeichen, daß das Meer bald wieder hoch aufwogen werde.

»Reden Sie, ehrenwerther Fremdling,« begnügte sich Onkel Prudent, der Mühe hatte, seine Ruhe zu bewahren, auf diese Ansprache zu antworten.

Und Robur sprach wie vorher, ohne sich irgendwie um Beifall oder Mißfallen seiner Zuhörer zu kümmern.

»Ja wohl, ich weiß Alles! Nach einem Jahrhundert andauernder Experimente, die zu Nichts geführt, nach Versuchen, die ergebnißlos verliefen, giebt es noch immer verkehrt beanlagte Geister, welche hartnäckig an die Lenkbarkeit von Ballons glauben. Sie erdenken irgend einen Motor, einen elektrischen oder einen anderen, der an ihre anspruchsvollen, dünnen Hüllen angebracht wurde, welche letztere den atmosphärischen Strömungen so breite Angriffsflächen darbieten. Sie bildeten sich ein, Beherrscher eines Aerostaten werden zu können, wie man etwa ein Schiff auf der Oberfläche des Meeres beherrscht. Weil einige Erfinder bei ganz oder doch fast ganz stiller Witterung den Erfolg gehabt haben, entweder schief durch den Wind oder einer ganz leichten Brise entgegen zu fahren, deshalb sollte die Lenkbarkeit von Apparaten, welche leichter sind, als die Luft, zu praktischen Erfolgen führen? O gehen Sie! Sie sind hier an hundert Männer, die an die Verwirklichung ihrer Träume glauben und viele Tausende von Dollars nicht in’s Wasser, aber in die Luft werfen. Ich sage Ihnen, das heißt gegen eine Unmöglichkeit kämpfen!«

Wunderbar, die Mitglieder des Weldon-Instituts sagten gegenüber dieser Behauptung jetzt kein Wort, als wären sie eben so taub wie langmüthig geworden, oder hielten sie nur an sich, um zu sehen, wie weit dieser kühne Widersacher zu gehen wagen würde?

Robur fuhr fort:

»Nehmen wir einen Ballon. Um ein Kilogramm an Gewicht zu verlieren, muß derselbe ein Cubikmeter Gas aufnehmen. Ein Ballon, der den Anspruch macht, mit Hilfe seines Mechanismus dem Winde zu widerstehen, wenn der Druck einer steifen Brise auf das Großsegel eines Schiffes der Kraft von 400 Pferden gleichkommt, wenn man bei dem Unglücksfalle mit der Taybrücke gesehen hat, daß ein Orkan einen Druck von 444 Kilogramm auf den Quadratmeter auszuüben im Stande ist! Ein Ballon, wo die Natur doch niemals ein fliegendes Geschöpf nach diesem System geschaffen hat, ob dasselbe nun mit Flügeln, wie die Vögel, oder mit Membranen, wie gewisse Fische und Säugethiere, ausgerüstet wurden …

– Säugethiere? rief eines der Mitglieder des Clubs.

– Gewiß, die Fledermaus, welche ja auch fliegt, wenn ich nicht irre. Sollte der Herr, welcher mich unterbrach, wirklich nicht wissen, daß die Fledermaus ein Säugethier ist, oder hat er jemals eine Omelette aus Fledermauseiern bereiten sehen?«

Darauf hielt der Heimgeschickte seine Unterbrechungen ferner für sich, Robur dagegen fuhr mit demselben Eifer fort:

»Wäre damit aber gesagt, daß der Mensch darauf verzichten müsse, das Luftmeer zu beherrschen und durch Nutzbarmachung dieses wunderbaren Beförderungsmittels die Zustände der alternden Welt umzuwandeln? Gewiß nicht! So wie er der Herr der Meere geworden durch das Schiff mit Ruder, Segel, Rad oder Schraube, so wird er auch zum Herrn der Luft werden durch Apparate, welche schwerer sind als diese, denn unbedingt müssen jene schwerer sein, um mächtiger sein zu können.«

Jetzt war in der Versammlung aber kein Halten mehr. Welche Breitseite von Zurufen donnerte aus jedem Munde, die alle auf Robur zielten, wie eben so viele Gewehrläufe oder Kanonenrohre! Sollten sie nicht antworten auf solch‘ offenbare, in’s Lager der Ballonisten geschleuderte Kriegserklärung? Wurde hiermit nicht der Kampf zwischen dem »leichter« und »schwerer als die Luft« ausgesprochener Maßen wieder aufgenommen?

Robur verzog keine Miene. Die Arme über der Brust gekreuzt wartete er es regungslos ab, bis wieder Ruhe eingetreten war.

Onkel Prudent befahl durch eine Handbewegung, das Feuer einzustellen.

»Ja, fuhr Robur fort, die Zukunft gehört den Flugmaschinen. Die Luft bietet den hinreichenden, soliden Stützpunkt. Man verleihe einer Säule dieses Mediums eine aufsteigende Bewegung von 45 Meter in der Secunde, und ein Mensch würde sich schon oberhalb derselben erhalten, wenn die Sohlen seiner Schuhe nur ein Achtel Quadratmeter Oberfläche böten. Würde die Geschwindigkeit der Luftsäule auf 90 Meter gesteigert, so könnte er mit bloßen Füßen darauf gehen. Treibt man nun durch die Flügel einer archimedischen Schraube eine Luftmasse mit derselben Schnelligkeit fort, so erzielt man dasselbe Resultat.«

Was Robur hier sagte, hatten vor ihm alle Anhänger der sogenannten Aviation ausgesprochen, deren Arbeiten langsam, aber sicher zur Lösung des vorliegenden Problems zu führen versprechen.

Die Ehre, diese einfachen Gedanken verbreitet zu haben, kommt Ponton d’Annécourt, La Landelle, Nadar, Luzi, Louvrie, Liais, Bélégnic, Moreau, den beiden Richard, Babinet, Jobert, Du Temple, Salives, Penaud, De Villeneuve, Gauchol und Tatin, Michel Loup, Edison, Planavergue und noch einer Menge anderer Männer zu. Mehrmals aufgegeben und wieder aufgenommen, mußte denselben doch eines Tages der Sieg zu Theil werden. Und hatten von dieser Seite die Feinde der Aviation, welche behaupteten, daß der Vogel nur durch Erwärmung der Luft, mit der er sich aufbläht, fliege, auf Antwort warten müssen? Hatten die Erstgenannten nicht vielmehr nachgewiesen, daß ein 5 Kilogramm wiegender Adler sich hätte mit 50 Cubikmeter jenes erwärmten Fluidums anfüllen müssen, um sich dadurch allein frei schwebend zu erhalten?

Ganz dasselbe wies auch hier Robur mit unerbittlicher Logik nach, aber inmitten eines Heidenlärmes, der sich von allen Seiten erhob. Zum Schluß warf er den Ballonisten noch folgende Worte in’s Gesicht:

»Mit Ihren Aerostaten können Sie nichts ausrichten, werden Sie zu nichts kommen und niemals etwas wagen dürfen. Der kühnste Ihrer Aeronauten, John Wise, mußte, obwohl er schon eine Luftreise von 1200 Meilen über das Festland Amerikas zurückgelegt hatte, doch auf die Absicht, über den atlantischen Ocean zu fahren, verzichten. Und seit jener Zeit sind Sie um keinen Schritt, um keinen einzigen auf diesem Wege vorwärts gekommen.

– Mein Herr, begann da der Vorsitzende, der sich vergeblich bemühte, ruhig zu bleiben, Sie vergessen offenbar, was unser unsterblicher Franklin ausgesprochen hat, als die erste Mongolfière aufstieg, also zur Zeit der Geburt des Ballons. »Jetzt ist das nur ein Kind, aber es wird wachsen!« lautete seine Prophezeiung, und es ist gewachsen!

– Nein, Herr Präsident, nein, es ist nicht gewachsen … es ist nur größer und dicker geworden, und das ist nicht das Nämliche«. [Fußnote]

Das war ein directer Angriff gegen die Pläne des Weldon-Instituts, welches die Herstellung eines Monstre-Ballons beschlossen, unterstützt und betrieben hatte. Sofort kreuzten sich denn auch ziemlich bedrohliche Ausrufe in dem geräumigen Saale, wie:

»Nieder mit dem Eindringling!

– Werft ihn von der Tribüne herunter!

– Um ihm zu beweisen, daß er schwerer ist als die Luft!«

Und Aehnliches mehr.

Man begnügte sich indessen noch mit Worten, ohne zu Thätlichkeiten überzugehen. Robur konnte also noch einmal seine Stimme erheben und laut hinausrufen:

»Fortschritte, Bürger Ballonisten, sind nicht mit dem Aerostaten, sondern nur mit fliegenden Maschinen zu erwarten. Der Vogel fliegt auch, und der ist kein Ballon, sondern ein Mechanismus! …

– Ja er fliegt wohl, schrie der vor Zorn keuchende Bat T. Fyn, aber er fliegt gegen alle Regeln der Mechanik.

– Ach so!« erwiderte Robur, die Achseln zuckend.

Dann fuhr er fort:

»Seit man den Flug der größeren und kleineren fliegenden Thiere genau beobachtet hat, ist folgender sehr einfache Gedanke in den Vordergrund getreten: Es gilt auch hier die Natur nachzuahmen, denn diese täuscht sich niemals. Zwischen dem Albatros, der kaum zehn Flügelschläge in der Minute macht, und dem Pelikan, der siebenzig macht …

– Einundsiebenzig! rief eine schnarrende Stimme.

– Und der Biene, bei der man hundertzweiundneunzig in der Secunde zählte …

– Hundertdreiundneunzig! rief ein Anderer aus Scherz.

– Und der Stubenfliege, welche dreihundertunddreißig fertig bringt …

– Dreihundertdreißigundeinhalb!

– Und dem Mosquito, der Millionen macht …

– Nein … Milliarden!«

Robur ließ sich durch alle diese Einreden nicht außer Fassung bringen.

»Zwischen diesen verschiedenen Zahlen … nahm er wieder das Wort.

– Ist ein großer Unterschied! ließ sich eine Stimme hören.

… Wird man die richtige wählen müssen, um eine praktische Lösung der Aufgabe zu finden. Schon an dem Tage, wo De Lucy nachweisen konnte, daß der Hirschkäfer, jenes Insect, welches nur zwei Gramm wiegt, ein Gewicht von vierhundert Gramm, d. h. zweihundert Mal so viel wie sein eigenes Gewicht, aufzuheben vermochte, war eigentlich das Problem der Aviation gelöst. Außerdem wurde nachgewiesen, daß die Flächenausdehnung der Flügel in gleichem Verhältniß abnimmt, wie die Größe und das Gewicht des Thieres zunehmen. Seitdem hat man schon mehr als sechzig verschiedene Apparate erdacht oder auch ausgeführt …

– Die noch niemals haben fliegen können! rief der Schriftführer Phil Evans.

– Welche geflogen sind oder noch fliegen werden, antwortete Robur, ohne sich irre machen zu lassen. Ob man sie nun Streophoren, Helicopteren, Orthoptheren nennt, oder ihrem Namen nach dem lateinischen »navis« die Silbe »nef« anhängt, meinetwegen auch nach dem Worte »avis« die Silbe »efs« – jedenfalls kommt man zu dem Apparate, dessen endliche Herstellung den Menschen zum Herren des Luftmeeres machen muß.

– Aha, die Schraube! warf Phil Evans ein. Der Vogel hat aber keine Schraube … so weit man das weiß!

– Zugegeben, erwiderte Robur, wie Penaud gezeigt hat, arbeitet eigentlich der Vogel selbst als solche und ist seinem Fluge nach Helicoptere, darum ist auch die Schraube der Motor der Zukunft …

… »Vor solchem Uebel, Heilige Helice, [Fußnote] behüte uns!« …

trällerte einer der Zuhörer, der zufällig dieses Motiv aus Hérold’s Zampa im Kopfe behalten hatte.

Alle wiederholten den Refrain im Chor und mit Intonationen, bei denen sich der Componist sicher im Grabe herumdrehte.

Dann, als die letzten Töne in einem entsetzlichen Durcheinander verhallten, glaubte Onkel Prudent unter Benützung eines augenblicklichen Stillschweigens sagen zu müssen:

»Bürger Fremdling, bis hierher haben wir Sie reden lassen, ohne Sie zu unterbrechen …«

Es scheint demnach, als ob der Vorsitzende des Weldon-Instituts die früheren Einwürfe, die Zwischenrufe, das tolle Durcheinander nicht für Unterbrechungen, sondern nur für einfachen Meinungsaustausch hielt.

»Jedenfalls, fuhr er fort, muß ich Sie daran erinnern, daß die Theorie der Aviation schon im Voraus durch die meisten amerikanischen und fremden Ingenieure verurtheilt und völlig verworfen worden ist. Ein System, auf dessen Debetseite der Tod Sarasin Volant’s in Constantinopel, der des Mönches Voador in Lissabon, der Letuo’s im Jahre 1852 und der Groof’s 1864 steht, ohne die Opfer zu zählen, die ich augenblicklich vergessen habe, und wäre es nur der mythologische Icarus …

– Dieses System, nahm Robur den Satz auf, ist nicht verdammenswerther, als das, dessen Opferliste die Namen eines Pilâtre de Rozier in Calais, der Madame Blanchard in Paris, eines Donaldson und Grimwood, welche in den Michigan-See fielen, eines Swel, Crocé-Spinelli, Eloy und so vieler Anderer enthält, welche gewiß nicht so leicht der Vergessenheit anheimfallen.«

Das hieß »mit einem Hieb parirt«, wie man in der Fechtkunst sagen würde.

»Mit Ihren Ballons, fuhr Robur fort, werden Sie übrigens, dieselben mögen noch so vervollkommnet sein, niemals eine praktisch werthvolle Schnelligkeit erzielen, zehn Jahre brauchen, um eine Reise um die Erde zu vollenden – was eine Maschine in etwa acht Tagen abmachen dürfte.«

Neue wüthende Proteste und Verneinungen, welche drei ganze Minuten anhielten, bevor dann Phil Evans das Wort ergreifen konnte.

»Mein Herr Aviator, Sie, der Sie uns so viel von der Herrlichkeit der Aviation vorreden, sind Sie denn jemals in dieser Weise geflogen?

– Ja, gewiß!

– Und Sie hätten also den Kampf mit der Luft siegreich bestanden?

– Vielleicht, mein Herr.

– Hurrah, Robur, der Sieger! rief eine Stimme spottend.

– Nun ja, Robur, der Sieger – ich nehme diesen Namen an und werde ihn führen, denn ich habe das Recht dazu.

– Wir erlauben uns indeß daran zu zweifeln! rief Jem Cip.

– Meine Herren, erklärte Robur, dessen Augenbrauen sich runzelten, wenn ich eine ernsthafte Sache ernsthaft behandle, duld‘ ich es nicht, daß mir Jemand eine Unzuverlässigkeit meiner Worte vorwirft, und ich würde gern den Namen des Herrn kennen lernen, der mich in dieser Weise unterbrach.

– Ich heiße Jem Cip … und bin Vegetarianer.

– Bürger Jem Cip, antwortete Robur, ich weiß, daß die Pflanzenesser gewöhnlich längere Eingeweide haben, als andere Menschen – mindestens um einen Fuß länger. Das ist schon viel … Nun verleiten Sie mich nicht, die Ihrigen noch mehr zu verlängern, indem ich bei den Ohren anfange …

– Durch die Thür!

– Hinaus auf die Straße!

– Man viertheile ihn!

– Lynchen, lyncht den Kerl!

– Verdrehen wir ihn zu einer Schraube! …«

Die Wuth der Ballonisten hatte ihren Gipfel erreicht. Schon sprangen sie von den Stühlen auf und umdrängten die Tribüne. Robur verschwand unter einer Unmasse von Armen, welche sich, wie von einem Sturme getrieben, auf- und abbewegten. Vergebens ließ die Dampftrompete ihren heulenden Ton durch die Versammlung brausen. An jenem Abende konnte Philadelphia wohl glauben, eine Feuersbrunst verzehre eines seiner Quartiere, und das ganze Wasser des Schuylkill-Stromes werde zum Löschen desselben nicht hinreichen.

Plötzlich entstand in der lärmenden Masse eine Bewegung nach rückwärts. Robur hatte eben die Hände wieder aus den Taschen gezogen und streckte sie gegen die vorderste Reihe der wüthenden Gegner aus.

Seine beiden Hände zeigten jetzt zwei sogenannte amerikanische Fäuste, welche gleichzeitig Revolver bilden und die schon ein Druck des Daumens ihre überall verständliche Sprache reden lassen – zwei kleine Taschen-Mitrailleusen.

Dann rief er, das Zurückgehen der Angreifer und die vorübergehende Stille, welche dabei eintrat, schnell benützend:

»Entschieden war es nicht Amerigo Vespucci, der die Neue Welt entdeckt hat, sondern Sebastian Cabot. Sie sind keine Amerikaner, Bürger Ballonisten! Sie sind nur Cabo…«

In diesem Augenblicke krachten auch schon vier oder fünf Schüsse in die Luft, welche Niemand verwundeten. Inmitten des Pulverdampfes verschwand der Ingenieur, und als jener sich zerstreute, entdeckte man von ihm keine Spur mehr. Robur der Sieger war davongeflogen, als ob irgend ein Aviations-Apparat ihn in die Lüfte entführt hätte.

XIII.

XIII.

In dem Onkel Prudent und Phil Evans einen ganzen Ocean durchfahren, ohne die Seekrankheit zu bekommen.

Ja, das Atlantische Meer! Die Befürchtungen der beiden Collegen hatten sich bewahrheitet. Es schien übrigens nicht, als ob Robur hier über dem unendlichen Ocean irgend welche Unruhe empfände. Das kümmerte ihn so wenig wie seine Leute, welche an derartigen Fahrten gewöhnt sein mochten. Dieselben waren schon wieder in ihre Wohnung zurückgekehrt. Kein Alpdrücken sollte ihren Schlummer stören.

Wohin steuerte nun der »Albatros«? Sollte er wirklich noch mehr als eine Reise um die Erde ausführen? Auf jeden Fall mußte diese Fahrt doch irgendwo ein Ende nehmen. Daß Robur sein ganzes Leben in den Lüften, an Bord des Aeronefs zubringen sollte, ohne jemals zur Erde hinunter zu gehen, war doch nicht wohl annehmbar, denn wie hätte er seine Vorräthe an Munition und Lebensmitteln erneuern sollen, ohne das für die Functionirung der Maschine nothwendige Material zu erwähnen? Unbedingt mußte er also einen Zufluchtsort, eine Art Nothhafen haben, und wahrscheinlich auf einen unbekannten und schwer erreichbaren Punkt der Erde, wo der »Albatros« sich mit allen Bedürfnissen frisch versehen konnte. Mit den Bewohnern der Erde mochte er jeden Verkehr abgebrochen haben, mit der Erde als solcher aber gewiß nicht.

Doch wenn das der Fall war, wo lag dieser Punkt? Wie mochte der Ingenieur dazu gelangt sein, ihn zu erwählen? Erwartete ihn eine kleine Colonie etwa als ihren Herrn? Konnte er von da neue Mannschaften erhalten? Und zunächst, wie war er überhaupt dazu gekommen, seine, aus den verschiedensten Ländern stammenden Leute an sein Schicksal zu binden? Ueber welche Mittel verfügte er ferner, um einen so kostspieligen Apparat erbauen zu können, dessen ganze Construction so geheim gehalten worden war? Seine Unterhaltung freilich schien nicht besonders viel zu beanspruchen. An Bord führte man fast ein gemeinsames Leben, wie in einer Familie oder wie glückliche Leute, die kein Geheimniß vor einander haben. Doch, wer war eigentlich jener Robur? Woher kam er? Welcher Art war seine Vergangenheit? Das waren ebenso viele unlösbare Räthsel, und der, auf den sie Bezug hatten, würde gewiß der Letzte sein, eine Erklärung darüber abzugeben.

Es ist gewiß nicht zu verwundern, wenn diese Situation voller unenthüllbarer Probleme die beiden Collegen mehr und mehr erregte. Sich so in’s Unbekannte hinaus entführt und den endlichen Ausgang eines solchen Abenteuers nicht im geringsten vorauszusehen, selbst daran zu zweifeln, daß dasselbe überhaupt jemals ein Ende nehme, zum ewigen Umherfliegen verurtheilt zu sein – mußte das den Vorsitzenden und den Schriftführer des Weldon-Instituts nicht auf’s Aeußerste treiben?

Inzwischen schwebte der »Albatros« am Abend des elften Juli über den Atlantischen Ocean hin. Als am nächsten Morgen die Sonne aufging, erhob sie sich über die kreisförmige Linie, in der Himmel und Wasser zusammen zu treffen scheinen. Trotz des weit ausgedehnten Gesichtsfeldes war doch nirgends ein Land in Sicht und Afrika schon vollständig hinter dem nördlichen Horizont verschwunden.

Als Frycollin sich einmal aus seiner Cabine wagte und das weite Meer unter sich sah, wurde er sofort von der grimmigsten Angst gepackt. Unter sich ist eigentlich nicht der richtige Ausdruck, es wäre besser zu sagen, »um sich«, denn für einen auf sehr hohem Punkte befindlichen Beobachter erscheint es, als ob der Abgrund ihn von allen Seiten umgäbe, und der Horizont weicht dabei gleichsam zurück, ohne daß man je seine Grenzen erreichen könnte.

Physikalisch erklärte sich Frycollin diese Erscheinung sicherlich nicht, aber er fühlte sie moralisch. Das genügte aber schon, um in ihm die »Angst vor der Leere« zu erzeugen, deren sich manche, sonst ganz muthige Naturen nicht entziehen können.

Jedenfalls erging sich der Neger aus Klugheit nicht in den gewohnten Klagen. Mit geschlossenen Augen tastete er sich nach seiner Cabine zurück, entschlossen, diese auf lange Zeit nicht wieder zu verlassen.

Von den 374,057,912 Quadratkilometern, [Fußnote] welche die Oberfläche der Meere einnehmen, fällt über ein Viertel auf den Atlantischen Ocean. Es schien aber gar nicht, als ob der Ingenieur jetzt besondere Eile habe, wenigstens hatte er nicht Befehl gegeben, den Aeronef mit voller Geschwindigkeit arbeiten zu lassen. Uebrigens hätte dieser auch die Fahrtschnelligkeit wie über Europa hin nicht erreichen können. In den Gegenden, in denen der Südwestwind vorherrscht, lief er diesem fast entgegen, und obwohl derselbe nur schwach zu nennen war, so bot der Apparat ihm doch eine große Angriffsfläche.

Die neuesten und auf eine große Anzahl von Beobachtungen gestützten meteorologischen Arbeiten haben eine gewisse Convergenz der Passate, entweder nach der Sahara oder nach dem Golf von Mexiko, erkennen lassen. Außerhalb der Region der Calmen kommen sie entweder von Westen und strömen nach Afrika zu, oder sie kommen von Osten her und ziehen nach der Neuen Welt zu – wenigstens während der wärmeren Jahreszeit.

Der »Albatros« versuchte also gar nicht, gegen den ihm widrigen Wind mit der ganzen Kraft seiner Treibschrauben anzukämpfen. Er begnügte sich mit einer gemäßigten Gangart, welche übrigens die der transatlantischen Dampfer immer noch überholte.

Am 13. Juli überschritt der Aeronef den Aequator, was der ganzen Mannschaft besonders angemeldet wurde.

Onkel Prudent und Phil Evans erfuhren also dabei auch, daß sie nun die nördliche Halbkugel verlassen hatten und nach der südlichen gekommen waren. Diese Passirung der Linie wurde jedoch nicht durch die tollen Ceremonien gefeiert, welche auf vielen Kriegs- und Handelsschiffen gebräuchlich sind.

Nur François Tapage ließ es sich nicht nehmen, Frycollin eine große Pinte Wasser über den Kopf zu gießen, da dieser Taufe aber einige Gläser Gin nachfolgten, erklärte der Neger sich bereit, die Linie so oft passiren zu wollen, wie man wünschte, vorausgesetzt, daß das nicht auf dem Rücken eines mechanischen Vogels zu geschehen brauche, der ihm nun einmal kein Vertrauen einflößte.

Am Morgen des 15. schwebte der »Albatros« über den Inseln Ascension und St. Helena, aber näher der letzteren hin, deren höhere Theile sich einige Stunden lang am Horizonte zeigten.

Hätte zur Zeit, als Napoleon sich in der Gewalt der Engländer befand, ein Apparat, ähnlich dem des Ingenieurs Robur, existirt, gewiß würde Hudson Lowe trotz seiner oft geradezu beleidigenden Vorsichtsmaßregeln seinen berühmten Gefangenen auf dem Wege durch die Lüfte haben entweichen sehen.

Während der beiden Abende des 16. und 17. Juli zeigten sich mit Abnahme des Tageslichtes höchst eigenthümliche Dämmerungserscheinungen. Unter höherer Breite hätte man bei ihrem Anblick an ein Nordlicht denken können. Die Sonne warf nämlich bei ihrem Niedergang über den Himmel vielfarbige Strahlen, von denen einige in leuchtendem Grün erschienen.

War das eine Wolke kosmischen Staubes, welche an der Erde vorüber zog und jetzt den letzten Schimmer des Tages wiederstrahlte? Einige Beobachter haben solche Dämmerungserscheinungen in dieser Weise allerdings erklärt; sie wären aber gewiß zu anderer Anschauung gekommen, wenn sie sich an Bord des Aeronefs befunden hätten.

Eine aufmerksame Prüfung ergab nämlich, daß in der Luft feine Pyroxen-Krystalle schwebten, glasartige Kügelchen, nämlich zarte Theilchen magnetischen Eisens, ganz entsprechend den Stoffen, welche feuerspeiende Berge auswerfen. Es schwand damit also jeder Zweifel, daß diese Wolke von einer vulcanischen Eruption herrührte, deren krystallinische Auswurfsstoffe die beobachtete Erscheinung erzeugten – eine Wolke, welche die Luftströmungen auch noch über dem Atlantischen Ocean schwebend erhielten.

Während dieses Theiles der Reise wurden übrigens auch noch andere Erscheinungen wahrgenommen. Wiederholt verliehen gewisse Wolken dem Himmel eine weißgraue Färbung von eigenthümlichem Aussehen; gelangte man dann durch einen solchen Dunstvorhang, so erschien dessen Oberfläche ganz übersäet von glänzend weißen Körperchen, zwischen denen einzelne größere besonders hervorleuchteten, was sich unter dieser Breite durch nichts Anderes, als durch eine Hagelbildung erklären ließ.

In der Nacht vom 17. zum 18. bildete sich ein grünlichgelber Mondregenbogen infolge der Stellung des Aeronefs zwischen dem Vollmonde und einem Netz von fernem Regen, der schon in Dunst überging, ehe er das Meer erreichte. Vielleicht ließ sich aus diesen verschiedenen Erscheinungen schon auf einen bevorstehenden Witterungsumschlag schließen. Jedenfalls hatte der Wind, der seit der Abfahrt von der afrikanischen Küste stets aus Südwesten wehte, sich in der Nähe des Aequators ganz gelegt. Hier in der Tropenzone herrschte dazu eine fast unerträgliche Hitze. Robur suchte daher Kühlung in höheren Luftschichten, und doch mußte man sich auch noch hier vor den directen Sonnenstrahlen schützen, welche Niemand hätte aushalten können.

Dieser Wechsel in den Luftströmungen ließ schon ahnen, daß jenseits des Aequatorialgebiets auch andere klimatische Verhältnisse herrschen würden; es darf hierbei auch nicht vergessen werden, daß der Monat Juli der südlichen Halbkugel der Januar der nördlichen ist, also dem tiefsten Winter entspricht. Wenn der »Albatros« noch weiter nach Süden vordrang, mußte er die Folgen davon bald spüren.

Das Meer aber »empfand das«, wie die Seeleute sagen. Am 18. Juli zeigte sich jenseits des Wendekreises des Steinbocks ein anderes Phänomen, welches gewiß jeden Schiffer erschreckt hätte.

Mit einer auf mindestens sechzig Meilen in der Stunde zu schätzenden Geschwindigkeit zog über das Meer weg eine merkwürdige Reihe von leuchtenden Wellen, die einander in der Entfernung von etwa achtzig Fuß folgten und lang schimmernde Streifen zurückließen. Mit einbrechender Nacht strahlte der Widerschein davon sogar bis zum »Albatros« hinauf, so daß dieser jetzt wirklich hätte für einen glühenden kleinen Himmelskörper angesehen werden können. Noch nie war es Robur vorgekommen, über ein Meer in Flammen hinwegzusteuern – über Flammen ohne Hitze, denen zu entfliehen er nicht nöthig hatte.

Die Elektricität mußte offenbar die Ursache dieser Erscheinung sein, denn etwa einer Fischlaichbank oder einem von jenen kleinen Geschöpfen gebildeten Zuge, welche zuweilen die Fläche des Meeres bedecken, konnte man dieselbe nicht zuschreiben.

Das ließ vermuthen, daß die elektrische Spannung der Luft jetzt eine sehr hohe sein müsse.

Am folgenden Tage, am 19. Juli wäre ein Schiff auf diesem Meere wohl dem Untergang geweiht gewesen. Der »Albatros« dagegen spielte mit Wind und Wellen, wie der gewaltige Vogel, dessen Namen er trug. Wenn es ihm nicht beliebte, wie ein Sturmvogel über der Meeresfläche hinzugleiten, so konnte er wie der Adler in höheren Schichten Ruhe und Sonnenschein aufsuchen.

Man hatte jetzt den 47. Grad südlicher Breite überschritten. Der Tag dauerte nur noch sieben bis acht Stunden, und er mußte mit der Annäherung an die antarktischen Gegenden noch immer kürzer werden.

Gegen ein Uhr Nachmittags hatte sich der »Albatros«, um eine günstige Luftströmung aufzufinden, sehr tief gesenkt. Er schwebte höchstens noch hundert Fuß über der Oberfläche des Meeres.

Das Wetter war still. An einzelnen Stellen des Himmels zogen dicke, dunkle Wolken mit ausgezackten Rändern auf, welche oben eine genau horizontale Linie bildeten. Aus diesen Wolken quollen langgezogene Protuberanzen hervor, deren Ende das Wasser anzuziehen schien, das darunter in Form eines flüssigen Straußes aufbrodelte.

Plötzlich stieg das Wasser in Form einer ungeheuren Sanduhr hoch empor.

In einem Augenblick wurde der »Albatros« in den Wirbel einer riesigen Trombe hineingezogen, der bald zwanzig andere von Tintenschwärze das Geleite gaben. Zum Glück vollzog sich die Drehung dieser Trombe entgegen der der Auftriebsschrauben, sonst hätten diese ihre Wirkung ganz eingebüßt und der Aeronef wäre in’s Meer gefallen; jetzt wurde er nur mit erschreckender Schnelligkeit um sich selbst gedreht.

Immerhin war die Gefahr groß und schien unmöglich abwendbar, da der Aeronef sich nicht aus der Trombe los machen konnte, deren Anziehung ihn trotz der Treibschrauben zurückhielt. Durch die Centrifugalkraft wurde die Mannschaft nach beiden Enden des Verdecks geschleudert, und mußte sich hier an den Schraubenmasten anhalten, um nicht über Bord zu fallen.

»Ruhig Blut!« rief Robur.

Und das brauchten sie wirklich, und Geduld obendrein.

Onkel Prudent und Phil Evans, die aus ihrer Cabine heraustraten, wurden nach dem Hintertheil getrieben und hatten die größte Mühe, sich noch fest zu klammern.

Und während sich der »Albatros« in dieser Weise um sich selbst drehte, folgte er auch der Lageveränderung der Tromben, die mit einer Schnelligkeit, auf welche die Schrauben desselben hätten eifersüchtig werden können, sich weiterhin wanden. Sobald er der einen entgangen, wurde er von einer anderen gepackt und war stets in Gefahr, in Stücke zerrissen zu werden.

»Einen Kanonenschuß!« rief der Ingenieur.

Der Obersteuermann Tom Turner verstand völlig diesen an ihn gerichteten Befehl; er lehnte eben an dem kleinen Bordgeschütz mittschiffs, wo die Centrifugalkraft minder wirksam war. Schneller, als wir es beschreiben können, hatte er die Schwanzschraube des Rohrs geöffnet und führte in diese eine scharfe Patrone ein, von denen ein kleiner Vorrath in einem an der Lafette befestigten Kasten vorhanden war. Der Schuß krachte und sofort sanken einige Tromben zusammen.

Die Lufterschütterung hatte hingereicht, das Meteor zu zerreißen und die ungeheure Dunstmasse löste sich in einen Sturzregen auf, der den Himmel mit dicken Wasserstreifen überzog, die Meer und Himmel verbanden.

Endlich befreit, beeilte sich der »Albatros«, um einige hundert Meter aufzusteigen.

»Nichts zerbrochen an Bord?« fragte der Ingenieur.

– Nein, antwortete Tom Turner; aber das war denn doch ein etwas gar zu tolles Kreiseln, das wir uns nicht zum zweiten Male wünschen möchten.«

In der That, in der Zeit von zehn Minuten war der »Albatros« in größter Gefahr gewesen, und ohne seine solide Bauart dürfte er dem Wirbeln der Tromben schwerlich widerstanden haben.

Wie lang wurden die Stunden bei dieser Fahrt über den Ocean, wenn nichts die Eintönigkeit derselben unterbrach. Die Tage nahmen immer mehr ab und die Kälte wurde allmählich fühlbar. Onkel Prudent und Phil Evans sahen Robur nur wenig. In seine Cabine eingeschlossen, beschäftigte er sich damit, den Curs zu bestimmen, auf seinen Karten die zurückgelegten Strecken einzutragen und sich, wenn es irgend anging, Gewißheit zu verschaffen, wo sie sich eben befanden, ferner die Barometer, Thermometer und Chronometer zu beobachten und endlich alle Zwischenfälle der Reise in das Schiffsbuch einzutragen.

Sorgsam verhüllt, bemühten sich die beiden Collegen unablässig, im Süden Land zu entdecken.

Frycollin seinerseits versuchte, gemäß einem besonderen Auftrage des Onkel Prudent, den Koch bezüglich des Ingenieurs auszuforschen. Wie hätte aber Jemand aus dem, was der Gascogner François Tapage zur Antwort gab, klug werden können? Nach ihm war Robur bald ein ehemaliger Minister der Republik Argentina, ein Chef der Admiralität, ein abgetretener Präsident der Vereinigten Staaten, ein auf Wartegeld gesetzter spanischer General, oder auch ein Vicekönig von Indien, der in den Lüften eine noch höhere Stellung gesucht hatte. Bald besaß er, Dank der mit Hilfe seiner Maschine ausgeführten Razzias, Millionen und war er allgemein in die Acht erklärt; bald hatte er sich wieder durch die Herstellung dieses Apparats ruinirt und gezwungen gesehen, öffentlich aufzusteigen, um sein Geld wieder zu gewinnen. Auf die Frage nach einem Ruheplatz desselben war keine Auskunft zu erhalten, außer der, daß er nach dem Mond zu gehen beabsichtige, um dort zu bleiben, wenn er eine ihm passende Oertlichkeit anträfe.

»He, Fry … mein Kamerad! … Nicht wahr, es würde Dir Vergnügen machen, zu sehen, wie es da oben zugeht?

– Ich gehe nicht mit! Ich weigere mich! … erwiderte der Schwachkopf, der alle diese Faseleien für Ernst nahm.

– Und weshalb, Fry, weshalb? Wir verheiraten Dich dort mit einer hübschen, jungen Mondbewohnerin … Du wirst da der Stammvater der Neger!«

Als Frycollin das, was er gehört, seinem Herrn hinterbrachte, erkannte dieser wohl, daß über Robur keine Auskunft zu erlangen sei. Er dachte also nur noch daran, sich zu rächen.

»Phil, begann er eines Tages zu seinem Collegen, es liegt nun auf der Hand, daß eine Flucht für uns unmöglich ist.

– Unmöglich, Onkel Prudent! – Zugegeben, ein Mann ist aber stets sein eigener Herr, und wenn es sein muß, indem er sein Leben opfert …

– Wenn ein solches Opfer nothwendig ist, dann wird es so schnell als möglich gebracht! antwortete Phil Evans, dessen sonst so kühles Temperament nun doch die Grenze des Erträglichen erreicht hatte. Ja, es ist Zeit, ein Ende zu machen! … Wohin geht der »Albatros«? … Jetzt fliegt er schräg über den Atlantischen Ocean, und wenn er diese Richtung beibehält, muß er nach den Küsten von Patagonien, dann nach denen des Feuerlandes kommen … Aber nachher? … Wird er auch noch über den Stillen Ocean hinausschweben? Oder steuert er dann nach dem Südpolarlande? … Diesem Robur ist Alles zuzutrauen! … Dann wären wir verloren! … Wir befinden uns also in der Zwangslage berechtigter Nothwehr, und wenn wir einmal zu Grunde gehen müssen …

– So geschehe es nicht, fiel Onkel Prudent ein, ohne daß wir uns gerächt, ohne daß wir diesen Apparat mit Allen, die er trägt, zerstört haben!«

Bis zu solchen Anschauungen hatte der ohnmächtige Zorn, die in ihnen aufgehäufte Wuth die beiden Collegen schon gebracht! Ja, weil es nicht anders ging, wollten sie sich opfern, um den Erfinder sammt seinem Geheimniß zu vernichten. Nur wenige Monate hätte dann dieser wunderbare Aeronef erlebt, dessen unbestreitbare Ueberlegenheit bezüglich der Fortbewegung durch die Luft sie anzuerkennen sich gezwungen sahen.

Diese Vorstellung hatte in ihren Köpfen so fest Wurzel geschlagen, daß sie an gar nichts Anderes mehr dachten. Doch wie sollten sie zu Werke gehen? O, sie wollten sich nur einer der an Bord vorhandenen Explosionsmaschinen bemächtigen, um damit den ganzen Apparat in tausend Stücke zu zersprengen; freilich mußten sie dazu erst Gelegenheit finden, in die Munitionskammer einzudringen.

Glücklicher Weise ahnte Frycollin nichts von ihren Absichten. Bei dem Gedanken, daß der »Albatros« in die Luft gesprengt werden sollte, würde er sich nicht entblödet haben, seinen eigenen Herrn zu verrathen.

Am 23. Juli war es, wo in Südwesten wieder Land sichtbar wurde, und zwar nahe dem Cap der Jungfrauen am Eingange der Magellan-Straße. Jenseits des 54. Breitengrades währte die Nacht in dieser Jahreszeit fast neunzehn Stunden und die Mitteltemperatur der Luft blieb fortwährend unter 0 Grad zurück.

Statt jetzt noch weiter nach Süden vorzudringen, folgte der »Albatros« zunächst den Windungen jener Meerenge, als ob er dem Stillen Ocean zutriebe. Nachdem er über die Bai von Lomas hinweggekommen, den Gregory-Berg im Norden und die Brecknocks-Berge im Westen hinter sich gelassen, kam er in Sicht von Punta Arena, einem kleinen chilenischen Dörfchen, gerade als daselbst das volle Kirchengeläute erklang, und einige Stunden später in die Nähe der alten Niederlassung im sogenannten Hungerhafen.

Wenn die Patagonier, deren Feuer man da und dort aufleuchten sah, wirklich eine das mittlere Menschenmaß übertreffende Körpergröße haben, so konnten doch die Passagiere des Aeronefs darüber nicht urtheilen, da sie ihnen, von dieser Höhe gesehen, als Zwerge erschienen.

Doch welch‘ Schauspiel bot sich hier während der kurzen Stunden des südlichen Tages! Steile, zerklüftete Berge, mit ewigem Schnee bedeckte Spitzen, deren Seiten mit dichten Wäldern bedeckt waren; Binnenseen, Buchten zwischen den Vorgebirgen und Inseln dieses Archipels; daneben Clarence-, Dawson- und Desolationsland, Canäle und Furthen, unzählige Caps und Halbinseln – all‘ dieses undurchdringliche Gewirr, und jetzt durch das Eis zu einer festen Masse verschmolzen, vom Cap Forward, am Ende des amerikanischen Festlandes, bis zum Cap Horn am letzten Ausläufer der Neuen Welt!

Nachdem er jedoch den Hungerhafen erreicht, nahm der »Albatros« wieder eine völlig südliche Richtung an. Zwischen dem Tarnberge der Halbinsel Brunswick und dem Grawes-Berge hindurchsteuernd, wandte er sich in gerader Linie nach dem Sarmiento-Berge, einem gewaltigen, dick übereisten Spitzberge, welcher die Meerenge der Magellan-Straße in einer Höhe von zweitausend Metern beherrscht.

Hier zeigte sich den Blicken der Reisenden das Land der Pescheräs oder Fuegier, jener Ureinwohner, welche noch im Feuerland siedeln.

Wie herrlich und fruchtbar hätten sich diese Gebiete – vorzüglich deren mittlerer Theil – im Sommer gezeigt, wo die Tage fünfzehn bis sechzehn Stunden lang dauern! Ueberall bieten sie nämlich Thäler und Weideplätze, welche Abertausende von Thieren ernähren könnten, nebst jungfräulichen Wäldern mit riesenhaften Bäumen, mit Weiden, Buchen, Eschen, Cypressen und blühenden Farrenkräutern; dann wieder Ebenen, welche große Heerden von Guanaquen, Vigogneschafen und Straußen bewohnen. Als der »Albatros« seine elektrischen Lichter erglühen ließ, flatterten auch Papageientaucher, Enten und Gänse – hundertmal mehr, als François Tapage’s Speisekammer fassen konnte, an Bord.

Der Koch, welcher dieses Federwild so vortrefflich zuzurichten verstand, daß es seinen thranigen Geschmack ganz verlor, erhielt dadurch plötzlich weit mehr Arbeit, als gewöhnlich; mehr Arbeit machte das aber auch Frycollin, der es nicht abschlagen konnte, von diesem interessanten Geflügel ein Dutzend nach dem anderen wenigstens zu rupfen.

Am nämlichen Tage zeigte sich, als die Sonne eben versinken wollte, auch noch ein ziemlich großer, von prächtigen Waldungen eingerahmter See. Jetzt lagerte über dem See eine feste Eisdecke und einige Eingeborene glitten auf ihren langen Schneeschuhen pfeilschnell über dessen Oberfläche hin.

Beim Erblicken der Flugmaschine entflohen diese Fuegier nämlich nach allen Seiten, und wenn sie nicht fliehen konnten, so versteckten sie sich doch und gruben sich wie Thiere in die Erde ein.

Der »Albatros« steuerte noch immer nach Süden über dem Beagle-Canal hinaus und weiter fort, als die Insel Navarin, deren griechischer Name unter den gewöhnlichen Bezeichnungen dieser entlegenen Landstrecken etwas auffällig erscheint, weiter, als die Insel Wollaston, die sich schon in den Wogen des Stillen Oceans badet. Endlich, nachdem er von Dahomeys Küste aus über siebentausendfünfhundert Kilometer zurückgelegt, schwebte er über die letzten Inseln des Magellan-Archipels hinweg und endlich ganz im Süden über das schreckliche Cap Horn, an das eine unaufhörliche wilde Brandung donnert.

XIV.

XIV.

In dem der »Albatros« etwas ausführt, was man vielleicht niemals dürfte ausführen können.

Der nächstfolgende Tag war der 24. Juli. Der 24. Juli der südlichen Halbkugel entspricht bekanntlich aber dem 24. Januar der nördlichen Hemisphäre; außerdem war jetzt auch schon der 56. Breitegrad überschritten, der im Norden Europas Schottland in der Höhe von Edinburgh und Südschweden in der von Helsingborg durchschneidet.

Der Thermometer hielt sich auch fortwährend unter 0 Grad, so daß es sich nöthig machte, die Ruffs durch künstliche Wärme etwas wohnlicher zu machen.

Es versteht sich von selbst, daß der Tag, wenn er seit dem 21. Juni des südlichen Winters auch schon zunahm, doch immer noch merklich kürzer wurde, da der »Albatros« einen Curs nach den Polarregionen einhielt.

Die Folge davon war eine sehr geringe Helligkeit über jenem Theile des Stillen Oceans, der an das antarktische Eismeer grenzt. Man hatte also nur wenig Aussicht und während der Nacht recht empfindliche Kälte. Um ihr zu widerstehen, mußte man sich nach Art der Eskimos und Fuegier kleiden; doch da es an Bord an warmen Ueberkleidern nicht fehlte, konnten die beiden, wohl eingepackten Collegen doch auf dem Verdeck ausharren, wobei sie freilich immer nur an ihr Vorhaben dachten und eine dazu günstige Gelegenheit zu erspähen suchten. Uebrigens sahen sie Robur setzt sehr wenig, und seit jenem Wortwechsel mit beiderseitigen Drohungen, der über Timbuctu stattfand, sprachen der Ingenieur und sie nicht mit einander.

Frycollin kam jetzt kaum noch aus der Küche François Tapage’s heraus, der ihm hier wohlwollende Gastfreundschaft gewährte – unter der Bedingung, daß er sich als Hilfskoch nützlich machte. Da das nicht ohne Vortheil für ihn abging, hatte der Neger sich mit Erlaubniß seines Herrn gern dazu verpflichtet. So eingeschlossen, sah er ja auch nicht, was draußen vorging, und konnte sich gegen jede Gefahr geschützt glauben. Glich er nicht völlig dem thörichten Strauße, nicht allein physisch durch seinen vortrefflichen Magen, sondern auch geistig durch seine kindische Beschränktheit?

Doch nach welchem Punkte der Erde sollte der »Albatros« sich nun wenden? Konnte man wohl annehmen, daß er sich im tiefen Winter über diese südlichen Meere oder über das Festland des Pols hinauswage? Selbst wenn die Chemikalien in den Batterien nicht durch die furchtbare Kälte erstarrten, drohte in dieser eisigen Atmosphäre doch Allen der Tod – der schreckliche Tod des Erfrierens. Daß Robur es unternommen hätte, in der warmen Jahreszeit über den Pol zu fahren, möchte wohl angehen; inmitten der ewigen Nacht des antarktischen Winters erschien dies dagegen wie der Streich eines Tollhäuslers.

Diesen Gedankengang hatten der Vorsitzende und der Schriftführer des Weldon-Instituts, als sie sich jetzt nach dem äußersten Ende der Neuen Welt entführt sahen, nach Gegenden, welche zwar zu Amerika, aber freilich nicht zu den Vereinigten Staaten gehören.

Ja, was hatte dieser unergründliche Robur noch Alles vor? War jetzt nicht der Zeitpunkt gekommen, die Reise durch Zerstörung des fliegenden Apparats zu beendigen?

Fiel hierüber die Antwort auch noch unbestimmt aus, so stand dagegen fest, daß der Ingenieur im Laufe des 24. Juli wiederholt mit seinem Obersteuermann verhandelte. Mehrere Male beobachteten auch Tom Turner und er selbst den Barometer, diesmal aber nicht zur Abschätzung der Höhe, sondern um verschiedene Anzeichen eines drohenden Wetterumschlags zu erkennen.

Onkel Prudent glaubte auch zu bemerken, daß Robur in Erfahrung zu bringen suchte, wie viel er noch an Vorräthen aller Art, ebenso derjenigen zur Unterhaltung der Treib- und Auftriebsmaschinen des Aeronefs, wie derjenigen für die menschlichen Maschinen besaß, da es darauf ankam, auch diese und ihre Arbeitskraft in bestem Zustand zu erhalten.

Alles das schien auf eine geplante Umkehr hinzudeuten.

»Umkehr? … sagte Phil Evans, aber wohin?

– Dahin, wo sich Robur frisch verproviantiren kann, antwortete Onkel Prudent.

– Das müßte irgend eine im Stillen Ocean verlorene Insel sein, mit einer, ihres Chefs ganz würdigen Colonie von Verbrechern.

– Das ist auch meine Ansicht, Phil Evans. Ich glaube wirklich, er wird nach Westen zu wenden lassen, und bei der Schnelligkeit, über die er verfügt, dürfte er sein Ziel bald genug erreicht haben.

– Wir würden jedoch unseren Plan nicht mehr zur Ausführung bringen können … wenn er daselbst ankommt …

– Er wird nicht ankommen, Phil Evans!«

Wie sich zeigte, hatten die beiden Collegen die Absichten des Ingenieurs wenigstens zum Theil errathen. Im Laufe des Tages noch schwand jeder Zweifel, daß der »Albatros«, nachdem er die Grenzen des südlichen Eismeeres gestreift, entschieden wieder rückwärts steuerte.

Wenn die Eisschollen auf dem Wasser bis zum Cap Horn hintrieben, mußten sich die südlicheren Theile des Stillen Weltmeeres ganz mit Eisfeldern und Eisbergen bedecken, und das Packeis bildete dann einen undurchdringlichen Wall für die festesten Schiffe, wie für die tollkühnsten Reisenden.

Gewiß hätte der »Albatros«, wenn er seinen Flügelschlag beschleunigte, diese über den Ocean aufgethürmten Eisberge ebenso überfliegen können, wie die auf dem Festlande des Polarkreises aufragenden Gebirge – wenn es überhaupt ein Festland ist, was das Südende der Erdachse überdeckt. Doch entschieden würde er nicht gewagt haben, inmitten der finsteren Polarnacht auch einer Polarluft Trotz zu bieten, welche sich zuweilen bis 60 Grad unter Null abkühlen kann.

Nachdem er also etwa hundert Kilometer nach Süden vorgedrungen, wandte sich der »Albatros« nach Westen, so, als ob er die Richtung nach einer unbekannten Insel des Archipels des Stillen Oceans einschlüge.

Unter ihm breitete sich die flüssige Ebene aus, welche zwischen die Ländermasse Amerikas und Asiens geworfen ist. Jetzt hatten die Fluthen derselben jene eigenthümliche Färbung angenommen, die zum Theil dem Ocean den Namen des »Milchmeeres« erworben haben. In dem Halbdunkel, welches die matten Sonnenstrahlen niemals wirklich durchdrangen, erschien die ganze Oberfläche des Stillen Weltmeeres wirklich milchig weiß. Man hätte ein ungeheures Schneefeld zu erblicken geglaubt, dessen Bodensenkungen und Erhebungen aus dieser Höhe nicht zu erkennen wären. Wäre auch dieser ganze Meerestheil durch die Kälte zu einem einzigen Eisfeld erstarrt gewesen, der Anblick desselben hätte kaum ein anderer sein können.

Jetzt weiß man, daß es Myriaden leuchtender Theilchen, phosphorescirende Körperchen sind, welche diese Erscheinung erzeugen. Merkwürdig blieb nur der Umstand, diesen opalisirenden Massen außerhalb des indischen Oceans zu begegnen.

Nachdem der Barometer sich in den ersten Stunden des Tages ziemlich hoch gehalten hatte, fiel er plötzlich sehr rasch, ein Anzeichen, das für jedes Schiff von ernster Bedeutung gewesen wäre, während der Aeronef es außer Acht lassen konnte. Jedenfalls ließ dasselbe aber erkennen, daß in letzter Zeit ein furchtbarer Sturm die Gewässer des Pacifischen Oceans aufgewirbelt haben mochte.

Es war gegen zwei Uhr Mittags, als Tom Turner auf den Ingenieur zutrat.

»Master Robur, begann er, sehen Sie da den schwarzen Punkt am Horizont? … Dort, gerade im Norden vor uns … ein Felsen kann das nicht sein?

– Nein, Tom, nach dieser Seite zu liegt kein Land.

– Dann muß es ein Schiff sein, oder doch irgend ein Fahrzeug.«

Onkel Prudent und Phil Evans blickten nach dem von Tom Turner bezeichneten Punkt hinaus.

Robur ließ sich sein Seefernrohr reichen und betrachtete scharf den fraglichen Gegenstand.

»Es ist ein Boot, sagte er, und ich möchte behaupten, daß sich Menschen in demselben befinden.

– Schiffbrüchige? rief Tom.

– Ja, Schiffbrüchige, welche gezwungen gewesen sein werden, ihr Schiff zu verlassen, erklärte Robur; Unglückliche, welche nicht wissen, wo sie Land finden sollen und die vielleicht vor Hunger und Durst umkommen. Wohlan, es soll Niemand sagen können, der »Albatros« hätte nicht den Versuch gemacht, ihnen Hilfe zu bringen!«

Der Maschinist und der Gehilfe erhielten dem entsprechend Befehl und der Aeronef begann langsam hinabzusinken. In hundert Meter Höhe hielt er damit ein und seine Propeller trieben ihn rasch nach Norden.

Es war in der That ein Boot, an dessen Mast ein Segel schlaff herabhing und das wegen Mangels an Wind nicht vorwärts kommen konnte. Die an Bord befindlichen Leute hatten offenbar nicht mehr Kraft genug, ein Ruder zu handhaben.

Auf dem Boden desselben lagen fünf Menschen, die eingeschlafen oder vor Entkräftung regungslos geworden waren, wenn nicht gar der Tod sie schon ereilt hatte.

Ueber ihnen angekommen, ging der »Albatros« langsam nach unten. Am Heck des Bootes konnte man noch den Namen des Schiffes lesen, zu dem es gehört hatte; es war die »Jeannette« von Nantes gewesen, ein französisches Schiff, das seine Besatzung hatte aufgeben müssen.

»Aoh!« rief Tom Turner.

Die Leute mußten ihn wohl hören, denn sie befanden sich kaum achtzig Fuß unter ihm.

Keine Antwort.

»Schießt ein Gewehr ab!« sagte Robur.

Der Befehl wurde ausgeführt und der Knall des Schusses verbreitete sich weithin über die Oberfläche des Wassers.

Da sah man einen der Schiffbrüchigen sich mühsam aufrichten, seine Augen lagen tief in ihren Höhlen, so daß das Gesicht mehr dem eines Skelets ähnelte.

Als er den »Albatros« bemerkte, malte sich in seinen Zügen erst der helle Schrecken.

»Fürchtet nichts! rief Robur ihm französisch zu. Wir kommen Euch zu retten. Wer seid Ihr?«

– Matrosen von der »Jeannette«, einer Dreimastbark, deren zweiter Officier ich war, antwortete der Mann. Vor nun vierzehn Tagen … mußten wir dieselbe verlassen … weil sie schon im Sinken war … Wir haben weder Wasser, noch Lebensmittel mehr! …«

Die vier übrigen Schiffbrüchigen hatten sich nach und nach etwas erhoben. Elend, kraftlos und entsetzlich abgemagert, streckten sie die Hände nach dem Aeronef empor.

»Achtung!« rief Robur.

Vom Verdeck aus sank ein Tau hernieder und ein Eimer mit Süßwasser wurde zu dem Boote hinabgesendet.

Die Unglücklichen stürzten darüber her und tranken mit einer Hast, welche fast widerlich mit anzusehen war.

»Brot! … Brot!« … riefen sie.

Sofort stieg auch ein Korb mit einigen Lebensmitteln, mit Conserven, einem Fläschchen Brandy und mehreren Pinten Kaffee zu ihnen herunter. Der zweite Officier hatte alle Mühe, die Leute bei der Stillung ihres Hungers nur einigermaßen im Zaum zu halten.

»Wo sind wir denn? fragte er dann.

– Fünfzig Meilen von der Küste von Chili und dem Chonas-Archipel, antwortete Robur.

– Ich danke, doch wir haben keinen Wind, und …

– Wir werden Sie in’s Schlepptau nehmen.

– Wer sind Sie?

– Leute, die sich glücklich schätzen, daß sie im Stande waren, Euch Hilfe zu bringen,« erwiderte einfach Robur.

Der Mann begriff, daß er hier ein Incognito zu respectiren habe. Doch war es wirklich möglich, daß diese Maschine Kraft genug besaß, sie zu schleppen?

Ja; durch Vermittlung eines hundert Fuß langen Kabels wurde das Boot von dem mächtigen Apparat nach Osten hingezogen.

Um zehn Uhr Abends war Land in Sicht, oder man sah wenigstens die Leuchtfeuer, welche dessen Lage bezeichneten. Sie war wirklich zur rechten Zeit gekommen, diese Hilfe vom Himmel für die Schiffbrüchigen der »Jeannette«, und sie hatten gewiß einiges Recht, ihre Rettung für ein Wunder zu halten.

Als sie dann bis zum Eingang der Wasserstraße zwischen den Chonas-Inseln gebracht worden waren, rief ihnen Robur zu, das Tau schießen zu lassen, was sie denn auch, ihre Retter segnend, thaten, und der »Albatros« steuerte wieder auf die offene See hinaus.

Entschieden besaß er doch gute Eigenschaften, dieser Aeronef, der auf diese Weise im weiten Weltmeer verirrten Seeleuten Beistand leisten konnte. Welcher noch so vervollkommnete Ballon wäre im Stande gewesen, es ihm nachzuthun? Unter sich mußten auch Onkel Prudent und Phil Evans das anerkennen, obwohl sie mehr in der Laune waren, die Wahrheit des ganzen Zwischenfalls zu leugnen.

Das Meer blieb immer aufgeregt und es traten weitere beunruhigende Vorzeichen auf. Der Barometer sank noch um einige Millimeter, dann und wann brausten sehr heftige Böen daher, welche in den helikopterischen Maschinen des »Albatros« ein lautes Pfeifen verursachten und diesen merkbar aufhielten. Unter solchen Umständen hätte ein Segelschiff schon die Marssegel zweimal und das Focksegel einmal reefen müssen. Alles deutete darauf, daß der Wind nach Nordwesten umschlagen werde. Das Rohr des Sturmglases fing an, sich beunruhigend zu trüben. Um ein Uhr Morgens erlangte der Wind eine ungewöhnliche Heftigkeit. Obgleich der Aeronef denselben ganz von vorne hatte, so konnten seine Propeller ihn doch noch forttreiben, so daß er etwa vier bis fünf Meilen in der Stunde zurücklegte. Mehr konnte man jedoch nicht von ihm verlangen.

Ganz entschieden war jetzt ein Cyclon im Anzuge, was unter diesen Breiten sehr selten vorkommt. Ob man diesen nun Hurracan im Atlantischen, Taifun im Chinesischen Meere, Samum in der Sahara und Tornado an der Westküste nennt, immer ist es ein Wirbelsturm, der große Gefahren mit sich bringt. Ja, Gefahren für jedes Fahrzeug, das von seiner drehenden Bewegung gepackt wird, die nach dem Centrum hin zunimmt und nur eine Stelle ruhig läßt, den innersten Mittelpunkt dieses Maelstromes der Lüfte.

Robur wußte das. Er wußte auch, daß es rathsam war, einem Cyclon zu entfliehen, indem er aus dem Bereiche seiner Anziehung nach höheren Luftschichten aufstieg. Bisher hatte er das immer vermocht. Aber es war keine Stunde, vielleicht keine Minute mehr zu verlieren.

In der That wuchs die Gewalt des Sturmes zusehends. Die an ihren Kämmen zerrissenen Wellen trugen einen weißlichen Staub über die Meeresfläche hin. Es war auch zu erkennen, daß der Cyclon beim Fortschreiten mit rasender Schnelligkeit sich den Polargebieten nähern mußte.

»Hinauf! befahl Robur.

– Hinauf!« wiederholte Tom Turner.

Dem Aeronef wurde die äußerste Auftriebskraft ertheilt und er erhob sich in schiefer Richtung, als steige er eine schiefe Ebene empor, die sich nach Südwesten hin senkte.

Da fiel der Barometer noch weiter – die Quecksilbersäule sank schnell um acht, dann um zwölf Millimeter. Plötzlich hörte die aufsteigende Bewegung des »Albatros« vollständig auf.

Was veranlaßte diesen Halt? Offenbar war es der Druck der Luft infolge einer sehr starken Strömung, die von oben nach unten zu stattfand und den Widerstand seines Angriffspunktes herabsetzte.

Wenn ein Dampfer einem Strome entgegenfährt, erzeugt seine Schraube eine um so weniger wirksame Arbeit, je schneller das strömende Wasser zwischen ihren Flügeln hindurchfließt. Dann bleibt er zurück und das kann so weit gehen, daß er mit der Strömung zurückgeht. In dieser Lage befand sich jetzt der »Albatros«.

Robur gab seine Sache aber damit noch nicht auf. Seine mit erstaunlichster Uebereinstimmung arbeitenden Schrauben wurden in die schnellstmögliche Umdrehung versetzt; doch unwiderstehlich von dem Cyclon angezogen, konnte der Apparat ihm nicht entgehen. Während kurzer Stillen stieg er wieder etwas in die Höhe. Dann zog ihn der schwerere Luftdruck auf’s Neue hernieder und er sank, wie ein Schiff im Untergehen. Und konnte man das nicht ein Untergehen im Luftmeere nennen, inmitten einer Nacht, welche die Blendlichter des »Albatros« nur in geringem Umfange unterbrachen?

Wenn die Kraft des Cyclons immer zunahm, wurde der »Albatros« gewiß bald zum unlenkbaren Strohhalm, der von den Wirbeln hinweggetragen wurde, welche Bäume entwurzeln, Dächer abdecken und oft ganze Mauern umwerfen.

Robur und Tom konnten sich nur noch durch Zeichen verständlich machen. An die Reeling geklammert, fragten sich Onkel Prudent und Phil Evans, ob das schauerliche Meteor nicht für sie eintreten und den Aeronef mit seinem Erfinder, und mit dem Erfinder das ganze Geheimniß der Erfindung vernichten würde.

Da es nun dem »Albatros« nicht gelang, sich in lothrechter Richtung diesem Cyclon zu entziehen, blieb ihm nur noch der eine Ausweg, den verhältnißmäßig stilleren Mittelpunkt desselben aufzusuchen, wo er mehr Herr seiner Manöver war. Gewiß; doch um zu jenem vorzudringen, mußte er die Kreisströme überwinden, die ihn an ihren Peripherien mit fortzerrten. Besaß er wirklich genug mechanische Kräfte, sich diesen zu entreißen?

Plötzlich barsten jetzt die Wolken über ihm; die Dünste verdichteten sich zu einem furchtbaren Platzregen.

Es war um zwei Uhr Morgens. Der um zwölf Millimeter auf- und abschwankende Barometer war bis auf 709 gefallen, wobei allerdings die Höhe, welche der Aeronef über dem Meere einnahm, in Rechnung zu ziehen ist.

Seltsamer Weise hatte sich dieser Cyclon außerhalb der Zonen, die er sonst durchzieht, gebildet, d. h. zwischen dem 30. Grade nördlicher und dem 27. Grade südlicher Breite. Vielleicht erklärt sich hierdurch, warum dieser Wirbelsturm sehr bald in einen gewöhnlichen, ziemlich geradlinig verlaufenden überging. Doch welcher Orkan wüthete dafür! Der Windstoß von Connecticut am 22. März 1882 hätte ihm etwa verglichen werden können, dessen Geschwindigkeit hundertsechzehn Meter in der Secunde, d. h. über hundert Meilen in der Stunde, erreichte.

Es blieb jetzt also nichts übrig, als nach rückwärts zu entfliehen, wie ein Schiff vor dem Sturm, oder sich vielmehr von dieser Strömung mit forttragen zu lassen, die der »Albatros« nicht überwinden und aus der er sich nicht befreien konnte. Doch wenn er dieser ihm aufgezwungenen Straße folgte, floh er nach dem Süden hin und wurde nach den Polargebieten verschlagen, welche Robur hatte vermeiden wollen. Doch da er nicht mehr Herr seiner Bewegungen war, mußte er ja hingehen, wohin der Orkan ihn trug.

Tom Turner hielt noch immer getreulich am Steuerruder aus. Es bedurfte aller seiner Gewandtheit, um nicht immer von einem Bord zum anderen geschleudert zu werden.

Mit den ersten Stunden des Tages – wenn man den schwachen Schein, der den Horizont färbte, so nennen konnte – hatte der »Albatros« vom Cap Horn her fünfzehn Breitengrade hinter sich gelassen, d. h. über vierhundert Meilen, und er überschritt nun den Polarkreis.

Hier dauert die Nacht im Monat Juli noch neunzehn Stunden lang, die kalte Sonnenscheibe erscheint nur schwach leuchtend am Horizont, um fast sogleich wieder zu verschwinden. Am Pole selbst verlängert sich diese Nacht bis auf hundertneunundsiebzig volle Tage. Alles deutete darauf hin, daß sich der »Albatros« wie in einen Abgrund in dieselbe stürzen müsse.

An diesem Tage hätte eine Beobachtung, wenn eine solche möglich gewesen wäre, die südliche Breite von 66 Grad 40 Minuten ergeben. Der Aeronaut befand sich also nun vierzehnhundert Meilen vom antarktischen Pol.

Unwiderstehlich nach diesem sonst unerreichbaren Punkt der Erdkugel hingezogen, »verzehrte« seine Geschwindigkeit so zu sagen seine ganze Schwere, obwohl diese infolge der Abplattung der Erde am Pol hier eine noch größere war. Seine Auftriebsschrauben konnten sich das ja wohl gefallen lassen. Bald wurde die Gewalt des Sturmes eine so ungeheure, daß Robur die Umdrehungszahl der Propeller auf ein Minimum zu reduciren beschloß, um diese vor ernsten Beschädigungen zu schützen und doch ein wenig bei der geringsten möglichen eigenen Geschwindigkeit durch das Steuerruder wirken zu können.

Inmitten dieser Gefahren ertheilte der Ingenieur seine Befehle mit größter Kaltblütigkeit, und die Mannschaft gehorchte ihm, als ob die Seele des Chefs auch in ihr lebte.

Onkel Prudent und Phil Evans hatten das Verdeck, wo sie übrigens ohne alle Schwierigkeit verweilen konnten, nicht einen Augenblick verlassen. Die Luft bot ja keinen oder nur sehr schwachen Widerstand. Der Aeronef befand sich eben in derselben Lage, wie jeder Aerostat, der sich mit dem Fluidum, in dem er ganz eintaucht, fortbewegt.

Das südliche Polargebiet umfaßt der gewöhnlichen Angabe nach eine Fläche von viereinhalb Millionen (englische) Quadratmeilen, doch weiß man nicht, ob dasselbe ein Festland, einen Archipel oder nur ein Meer enthält, dessen Eis selbst während der langen Sommerszeit nicht zum Schmelzen kommt. Bekannt ist dagegen, daß der Südpol noch kälter ist, als der Nordpol, eine Erscheinung, welche von der Stellung der Erde in ihrer Bahn während des Winters der antarktischen Region abgeleitet wird.

Während des Tages trat kein Anzeichen ein, daß der Sturm abnehmen werde. Der »Albatros« gelangte unter den 75. Grad westlicher Länge nach dem Polargebiete. Wer hätte wissen können, unter welchem Meridian er wieder aus demselben heraustreten sollte?

Je mehr er nach Süden hinabkam, desto mehr verminderte sich die Tageslänge. Binnen Kurzem mußte er sich in der fortwährenden Nacht befinden, welche nur vom Mondschein oder von dem schwachen Leuchten der Südlichter erhellt wird. Jetzt war aber Neumond, und die Gefährten Robur’s liefen Gefahr, gar nichts von jenen Gegenden zu sehen, deren Geheimniß der Mensch noch nicht zu entschleiern vermocht hat.

Höchst wahrscheinlich kam der »Albatros« nahe dem Polarkreise über einzelne schon bekannte Punkte hinweg, so im Westen über das Graham-Land, welches Biscoë 1832 entdeckt hat, und über das Louis Philipp-Land, das Dumont d’Urville als äußersten Ausläufer des unbekannten Festlandes 1838 entdeckte.

An Bord litt man zwar nicht besonders von der Kälte, welche nicht so arg war, als man eigentlich fürchten mußte. Der Orkan schien eine Art Golfstrom der Luft zu bilden, der eine gewisse Menge Wärme mit sich führte.

Wie bedauerlich war es, daß diese ganze Gegend in Finsterniß lag! Hierzu kommt noch, daß selbst bei vollem Mondschein jede Beobachtung sehr beschränkt war, denn zu dieser Jahreszeit bedeckt eine ungeheure Schneelage und ein dicker Eispanzer die ganze Oberfläche des Polargebietes. Man gewahrt dann nicht einmal jenen »Blink« der Eismassen, den weißlichen Schein, der sich an dem dunklen Horizonte nicht widerspiegeln kann. Wie hätte Jemand unter diesen Umständen die Gestalt von Ländern, die Ausdehnung der Meere oder die Vertheilung von Inseln zu erkennen vermocht? Wie hätte man sich über das hydrographische Netz des Landes unterrichten, oder selbst dessen orographische Anordnung aufnehmen können, da jetzt alle Hügel, alle Berge mit den Eisbergen und dem Packeise zu einer einzigen Masse verschmolzen?

Kurz vor Mitternacht erhellte ein Südpolarlicht einmal die tiefe Finsterniß. Mit seinen silbernen Ausläufern, seinen weit hinausreichenden Strahlen, bildete das Meteor die Gestalt eines ungeheuren Fächers, der etwa die Hälfte des Himmels einnahm. Die letzten elektrischen Effluvien desselben verloren sich am südlichen Kreuz, dessen vier Sterne im Zenith brannten. Diese Erscheinung war von wirklich unvergleichlicher Großartigkeit und ihre Helligkeit reichte hin, einen Ueberblick über diese in grenzenloses Weiß verhüllte Gegend zu gewähren.

Es versteht sich von selbst, daß der Compaß in diesen, dem magnetischen Südpol so nahe gelegenen Gebieten gänzlich gestört erschien und über die eingehaltene Richtung keinerlei Aufklärung geben konnte. Die Inclination der Nadel wurde aber gelegentlich eine so bedeutende, daß Robur annehmen mußte, über diesen magnetischen Pol, der ziemlich genau im achtundsiebenzigsten Meridian zu suchen ist, hinweggekommen zu sein.

Und später, gegen ein Uhr des Morgens, rief er nach Beobachtung des Winkels, den die Nadel mit der Verticalen machte, laut:

»Jetzt ist der Südpol unter unseren Füßen!«

Wohl sah man eine ganz weiße Fläche, aber nichts verrieth, was sie unter ihrem Eispanzer bergen mochte.

Das Südpolarlicht erlosch bald nachher, und jener ideale Punkt, in dem sich alle Meridiane kreuzen, ist noch immer erst zu entdecken.

Hatten Onkel Prudent und Phil Evans die Absicht, den Aeronef und Alle, die er trug, in der geheimnißvollsten Einöde zu begraben, so war jetzt die beste Gelegenheit dazu. Wenn sie es doch nicht thaten, so lag es daran, daß ihnen die dazu nothwendige Sprengmaschine mangelte.

Indessen raste der Orkan mit einer solchen Wuth weiter, daß der »Albatros«, wenn er auf seinem Wege einen Berg getroffen hätte, daran unbedingt ebenso zerschellt wäre, wie ein Schiff, das auf eine felsige Küste geworfen wird.

Augenblicklich vermochte er sich nämlich ebenso wenig horizontal fortzubewegen, wie er Herr über sein Auf- und Absteigen war.

Einzelne Gipfel aber erheben sich bekanntlich auch in den antarktischen Gebieten. Jeden Augenblick war ein Zusammenstoß möglich, der die Vernichtung des ganzen Apparates hätte herbeiführen müssen.

Eine solche Katastrophe schien um so mehr zu fürchten, als der Wind, der nach dem Meridian 0 mehr zurückging, weiter nach Osten umschlug. Schon zeigten sich auch, etwa hundert Kilometer vom »Albatros« entfernt, zwei leuchtende Punkte.

Es waren das die beiden Vulcane, welche zu dem gewaltigen Gebiete der Roß-, Erebus- und Terrorberge gehören.

Sollte der »Albatros« in den Flammen gleich einem riesigen Schmetterling verbrennen?

Es war eine Stunde voll entsetzlicher Angst; der eine der Vulcane, der Erebus, schien ordentlich auf den Aeronef, der sich aus der Umarmung des Orkans nicht befreien konnte, loszustürzen … Sein Flammenbüschel wuchs zusehends, ein Feuernetz versperrte den Weg, das die Luft weithin erleuchtete. Die an Bord jetzt deutlich sichtbaren Gestalten nahmen ein halb teuflisches Aussehen an. Alle erwarteten regungslos, ohne einen Schrei, ohne mit den Muskeln zu zucken, die entsetzliche Minute, in der dieser Hochofen sie mit seinen Flammen umhüllen würde.

Der Orkan aber, der den »Albatros« mit sich fortriß, rettete ihn auch vor dieser schrecklichen Katastrophe. Die von dem Sturm niedergedrückten Flammen des Erebus gaben ihm den gefährlichen Weg frei, und inmitten eines Hagels von Lavastücken, welche durch die centrifugale Bewegung der Auftriebsschrauben glücklicher Weise weggeschleudert wurden, kam er glücklich über diesen in voller Eruption begriffenen Krater hinweg.

Eine Stunde später verdeckte schon der Horizont die beiden colossalen Flammen, welche das Ende der Welt während der langen Polarnacht erleuchten.

Um zwei Uhr Morgens kam man an der Insel Ballery und zwar am Rande der Küste der Entdeckung vorüber, ohne diese jedoch erkennen zu können, da auch sie mit den Polarländern durch festes Eis verkettet war.

Mit dem Austritt aus dem Polarkreise, den der »Albatros« unter dem fünfundsiebenzigsten Meridian durchschnitten, trug ihn der Orkan über die Packeismassen und die Eisberge hinweg, an welchen er sich hundertmal zu zertrümmern drohte. Er war eben nicht mehr in der Hand seines Steuermannes, sondern nur in der Hand Gottes, und Gott ist ja der beste Pilot.

Der Aeronef folgte nun wieder dem Meridian von Paris, der mit dem, unter welchem er die antarktische Welt betreten, einen Winkel von 105 Grad bildet.

Endlich, jenseits des 60. Breitengrades, schien die Kraft des Orkans zu erlahmen. Seine Schnelligkeit nahm merklich ab. Der »Albatros« wurde wieder mehr seiner selbst Herr. Ferner kam er jetzt, was eine große Erleichterung gewährte, wieder in die erleuchteten Theile der Erdkugel, und um acht Uhr Morgens brach der Tag an.

Nachdem Robur und die Seinen dem Wirbelsturm des Cap Horn glücklich entgangen waren, hatten sie nun auch diesen Orkan überstanden. Sie waren über das ganze Südpolargebiet weg, nachdem sie binnen neunzehn Stunden gegen siebentausend Kilometer zurückgelegt, wieder nach dem Stillen Ocean getrieben worden, und da sie zu einer Meile nur eine Minute gebraucht hatten, war ihre Schnelligkeit doppelt so groß gewesen, als sie der »Albatros« unter gewöhnlichen Umständen hätte entwickeln können.

Infolge der Störung des Magnetismus seiner Compaßnadel im Polargebiete, wußte Robur nun aber nicht mehr, wo er sich befand. Er mußte also warten, bis die Sonne unter hinreichend günstigen Verhältnissen schien, um eine directe Beobachtung zu gestatten. Unglücklicher Weise bedeckten dichte Wolken an diesem Tage den Himmel und die Sonne wurde überhaupt nicht sichtbar.

Das war für Alle desto betrübender, weil die beiden Treibschrauben während des Sturmes einige Beschädigungen erlitten hatten.

Sehr verstimmt durch diesen Unfall, konnte Robur während des ganzen Tages nur mit stark verminderter Geschwindigkeit weiterfahren. Als er über den Antipoden von Paris schwebte, legte er nur sechs Meilen in der Stunde zurück, denn er mußte sich wohl hüten, die Beschädigungen zu verschlimmern. Versagten seine beiden Treibschrauben etwa ganz vollständig den Dienst, so wurde die Lage des Aeronefs über dem ungeheuren Stillen Ocean eine sehr mißliche. Der Ingenieur fragte sich auch schon, ob er die nöthigen Ausbesserungen nicht sollte an Ort und Stelle vornehmen lassen, um die Fortsetzung der Reise zu sichern.

Am Morgen des 27. Juli wurde da ein Land im Norden gemeldet.

Man erkannte bald, daß das eine Insel war; doch welche von den Tausenden, die im Pacifischen Ocean verstreut liegen? Nichtsdestoweniger beschloß Robur hier Halt zu machen, doch ohne auf die Erde selbst zu gehen. Seiner Ansicht nach mußte ein Tag hinreichen, die Havarien auszubessern, und er meinte dann denselben Abend wieder weiter fahren zu können.

Der Wind hatte sich – ein günstiger Umstand zur Ausführung jenes Vorhabens – fast vollständig gelegt. Da er nun anhalten sollte, konnte der »Albatros« wenigstens nicht nach unbekannten Gegenden verschlagen werden.

Man ließ also ein mit einem Anker versehenes hundertfünfzig Fuß langes Kabel von dem Luftschiff herunter. Als der Aeronef an den Rand der Insel kam, faßte der Anker an den ersten Klippen desselben und legte sich schnell zwischen zwei Felsen fest. Das Kabel spannte sich unter der Wirkung der Auftriebsschrauben straff an und der »Albatros« blieb unbeweglich, wie ein Schiff, das am Strande festgelegt wurde.

Es war das erste Mal, daß er seit der Abfahrt aus Philadelphia überhaupt mit der Erde in Berührung kam.

XV.

XV.

Worin Dinge vorgehen, deren Schilderung sich gewiß der Mühe lohnt.

Als der »Albatros« noch in genügend hoher Luftschicht schwebte, konnte man erkennen, daß diese Insel von mittlerer Größe war. Doch welcher Breitengrad durchschnitt wohl dieselbe? Bis zu welcher Mittagslinie war man gelangt? War jene eine Insel des Stillen Oceans, Austral-Asiens (Neu-Hollands) oder des Indischen Meeres? Das blieb so lange unbestimmt, bis Robur sein Besteck gemacht hatte. Obgleich dieser nun nicht im Stande gewesen war, Compaßangaben zu Rathe zu ziehen, hatte er doch Ursache, zu glauben, daß er sich über dem Stillen Ocean befinde. Sobald nur die Sonne erschien, mußten die Umstände zu einer genauen Beobachtung höchst günstige sein.

Von dieser Höhe – von etwa fünfhundert Fuß – aus zeigte sich die, gegen fünfzehn (englische) Meilen im Durchmesser haltende Insel in der Form eines dreispitzigen Seesterns.

Vor deren Südspitze tauchte noch ein Eiland auf, an das sich ein Felsengewirr anschloß. Am Strande verrieth sich kein von Ebbe und Fluth zurückgebliebenes Merkmal, was die Ansicht Robur’s bezüglich seiner augenblicklichen Lage zu bestärken schien, da die Gezeiten im Stillen Ocean fast gleich Null sind.

An der Nordweste erhob sich ein nahezu kegelförmiger Berg, dessen Höhe auf zwölfhundert Fuß zu schätzen war.

Von einem Eingeborenen sah man nichts; vielleicht wohnten solche jedoch am entgegengesetzten Ufer. Jedenfalls hätte der Aeronef, wenn sie diesen überhaupt bemerkten, sie erschreckt und veranlaßt, sich zu verbergen oder zu entfliehen.

Der »Albatros« hatte die Südostspitze der Insel berührt. Unfern derselben schlängelte sich in beschränkter Bucht ein Flüßchen durch die Felsen. Weiterhin zeigten sich gewundene Thäler mit verschiedenen Baumarten und zahlreichem wilden Geflügel, vorzüglich Rebhühner und Trappen. Wenn die Insel nicht bewohnt war, so erschien sie danach also mindestens bewohnbar. Unzweifelhaft hätte Robur hier an’s Land gehen können, und wenn er es doch nicht that, so kam das nur daher, daß der sehr unebene Boden ihm keinen geeigneten Platz zur Auflagerung des Aeronefs zu bieten schien.

Vor dem Wiederaufsteigen ließ der Ingenieur die nothwendigsten Ausbesserungen vornehmen, welche er im Laufe des Tages beendet zu sehen hoffte. Die in vollkommen gutem Zustande befindlichen Schwebeschrauben hatten selbst gegenüber der größten Heftigkeit des Orkans vortrefflich functionirt, da letzterer, wie es sich zeigte, die Arbeit derselben sogar erleichterte. Augenblicklich war nur die Hälfte des Auftriebsmechanismus in Thätigkeit, doch hinreichend viel, um das lothrecht am Ufer befestigte Tau gespannt zu erhalten.

Dagegen hatten die beiden eigentlichen Propeller gelitten, und zwar mehr, als Robur selbst voraussetzte. Mindestens mußten deren Schaufeln wieder aufgerichtet und das Zahngetriebe, durch welches sie die Drehbewegung erhielten, ausgebessert werden.

Die Mannschaft beschäftigte sich unter der Leitung Robur’s und Tom Turner’s mit der vorderen Schraube. Es erschien das vortheilhafter für den Fall, daß der »Albatros« aus irgend welchem Grunde genöthigt sein könnte, vor völliger Vollendung der Arbeit wieder weiter zu treiben und man schon mit diesem Propeller allein nöthigenfalls eine genügende Fahrgeschwindigkeit erreichen konnte.

Inzwischen hatten sich Onkel Prudent und sein College, die vorher auf der Plattform umherspaziert waren, auf dem Hinterdeck niedergelassen.

Frycollin zeigte sich jetzt merkwürdig beruhigt. Welcher Unterschied, nur noch hundertfünfzig Fuß über dem Erdboden zu schweben!

Die Arbeiten wurden nur unterbrochen, als die Erhebung der Sonne über dem Horizonte zunächst einen Stundenwinkel zu messen und dann zur Zeit ihrer Culmination die Mittagslinie des Orts zu bestimmen gestattete.

Als Resultat der mit größter Sorgfalt ausgeführten Beobachtung ergab sich da eine

Länge von 176° 17′ westlich von Greenwich,
Breite von 43° 37′ südlich vom Aequator.

Dieser Punkt auf der Karte entsprach der Insel Chatam und dem Eilande Viff, welche Gruppe gewöhnlich mit dem Namen der Brougthon-Inseln bezeichnet wird. Dieselbe findet sich etwa fünfzehn Grade östlich von Tawai-Pomanu, der südlich gelegenen Inselhälfte Neuseelands im Süden des Stillen Oceans.

»Das stimmt nahezu mit meiner Voraussetzung überein, sagte Robur zu Tom Turner.

– Und wir befinden uns demnach …?

– Sechsundvierzig Grade südlich der Insel X, das heißt gegen zweitausendachthundert Seemeilen von dieser entfernt.

– Ein Grund mehr, unsere Propeller wieder in Ordnung zu bringen, antwortete der Obersteuermann. Bei der Fahrt dahin könnten wir leicht widrige Winde antreffen, und mit Rücksicht auf unsere jetzt nur geringen Proviantvorräthe ist es von Wichtigkeit, die Insel X so schnell als möglich wieder anzulaufen.

– Gewiß, Tom, und ich hoffe auch, schon in der Nacht wieder aufzubrechen, schlimmsten Falls mit einer einzigen Triebschraube, während die zweite dann unterwegs wieder in Ordnung gebracht würde.

– Master Robur, fragte da Tom Turner, aber die beiden Herren und deren Diener …?

– Nun, Tom Turner, erwiderte der Ingenieur, hätten sie darüber sich zu beklagen, Colonisten der Insel X zu werden?«

Was war denn eigentlich diese Insel X? – Eine in dem grenzenlosen Stillen Ocean verlorene Insel zwischen dem Aequator und dem Wendekreis des Krebses; eine Insel, welche das algebraische Zeichen, das Robur zu ihrem Namen erwählt hatte, vollkommen rechtfertigte. Sie entstieg dem weiten Meere der Marquisen außerhalb aller Wege des interoceanischen Verkehrs. Da hatte Robur seine kleine Colonie begründet, da rastete der »Albatros«, wenn er von seinem Fluge ermüdet war, und da versah er sich auch mit allem Nothwendigen für seine fast unaufhörlichen Reisen. Auf dieser Insel X hatte Robur, der über reichliche Hilfsmittel verfügte, eine Werft errichten und seinen Aeronef erbauen können. Hier konnte er denselben ausbessern, selbst ganz neu wiederherstellen. Seine Magazine strotzten von Materialien, Nahrungsmitteln und Vorräthen aller Art, welche hier mit Unterstützung der gegen fünfzig Köpfe zählenden Einwohnerschaft aufgehäuft wurden.

Als Robur vor wenig Tagen das Cap Horn umschiffte, war es seine Absicht gewesen, sich schräg über den Stillen Ocean nach der Insel X zu begeben. Da hatte aber die Cyklone den »Albatros« in ihren Wirbel gerissen und nachher der wilde Orkan ihn nach südlicheren Zonen verschlagen. Kurz, er war dadurch wieder mehr in seine ursprüngliche Fahrtrichtung gedrängt worden, und abgesehen von den Beschädigungen seiner Triebschrauben, wäre dieser Verzögerung keine besondere Bedeutung beizumessen gewesen.

Jetzt wollte man sich also nach der Insel X zurückbegeben, doch war, wie der Obersteuermann Tom Turner vorhergesagt hatte, der Weg dahin ein recht weiter, und höchst wahrscheinlich hatte man dabei auch noch gegen widrige Winde anzukämpfen. Jedenfalls bedurfte es des Aufwandes aller mechanischen Kraft des »Albatros«, um jenes Ziel zur bestimmten Zeit zu erreichen. Bei einigermaßen guter Witterung und bei der gewöhnlichen Fahrtgeschwindigkeit hätte das sonst nur drei bis vier Tage beansprucht.

Deshalb hatte sich Robur auch zum Anlegen an der Insel Chatam entschlossen, wo er wenigstens die vordere Triebschraube unter günstigeren Verhältnissen wieder ausbessern konnte. Er fürchtete dann nicht mehr, selbst im Fall sich eine ganz entgegengesetzte Brise erhob, nach Süden hin verschlagen zu werden, wenn er nach Norden zu fahren wollte. Mit Einbruch der Nacht war diese Reparatur vollendet. Er traf also Anstalt, seinen Anker zu lichten. Sollte dieser zwischen den Uferfelsen gar zu fest eingegriffen haben, so war er entschlossen, einfach das Ankertau zu kappen und den Flug gegen den Aequator zu beginnen.

Es liegt auf der Hand, daß das die einfachste Methode war und entschieden auch die beste, um schnell fortzukommen, und sie wurde denn auch sogleich verfolgt.

Im Bewußtsein, daß jetzt keine Zeit mehr zu verlieren sei, ging die Mannschaft des »Albatros« entschlossen an diese Arbeit.

Und während die Anderen am Vordertheil des Aeronef beschäftigt waren, führten Onkel Prudent und Phil Evans eine Unterhaltung, deren Folgen von ganz außerordentlicher Bedeutung sein sollten.

»Phil Evans, sagte Onkel Prudent, sind Sie gleich mir entschlossen, das Leben zum Opfer zu bringen?

– Ja, gleich Ihnen!

– Und noch einmal, es liegt auf der Hand, daß wir von diesem Robur nichts zu hoffen haben.

– Nichts!

– Nun wohl, Phil Evans, mein Entschluß ist gefaßt. Da der »Albatros« noch heute spät Abends abfahren soll, wird die Nacht nicht vergehen, ohne daß unser Werk vollbracht wäre. Wir werden dem Vogel des Ingenieur Robur die Flügel zerbrechen. Diese Nacht wird er mitten in der Luft zersprengt!

– Haben Sie auch alles dazu Nöthige in Bereitschaft?

– Gewiß. Letztvergangene Nacht, als sich Robur und seine Leute nur um die Rettung des Aeronefs bemühten, gelang es mir, in die Munitionskammer zu schleichen und eine Dynamitpatrone mitzunehmen.

– So lassen Sie uns unverzüglich an’s Werk gehen, Onkel Prudent …

– Nein, erst heute am Spätabend. Wenn es dunkel geworden ist, ziehen wir uns nach unserer Wohnung zurück und Sie übernehmen die Wache, daß mich bei den Vorbereitungen Niemand überrascht.«

Gegen sechs Uhr speisten die beiden Genossen in hergebrachter Weise. Zwei Stunden später hatten sie sich nach ihrer Cabine zurückgezogen, als wollten sie sich für die letzte schlaflose Nacht schadlos halten.

Weder Robur, noch irgend einer seiner Leute konnte im entferntesten ahnen, welche Katastrophe den »Albatros« bedrohte.

Onkel Prudent aber dachte nach folgender Art zur Ausführung zu schreiten:

Wie schon erwähnt, war es ihm gelungen in die Munitionskammer einzudringen, welche in einer der unteren Rumpfabtheilungen des Aeronefs angelegt war. Dort hatte er sich einer gewissen Menge Pulvers und einer Patrone bemächtigt, die ganz mit denen übereinstimmte, deren sich der Ingenieur früher in Dahomey bediente. Nach seiner Cabine zurückgekehrt, hatte er die Patrone sorgfältig versteckt, mit der der »Albatros«, wenn er in der Nacht seinen Flug durch die Lüfte wieder begonnen, gesprengt werden sollte.

Eben jetzt besichtigte Phil Evans den von seinem Genossen geraubten Explosionskörper.

Dieser bestand aus einer längeren Hülse, deren metallene Wand etwa ein Kilogramm des explosiven Stoffes enthielt, also voraussichtlich eine hinreichende Menge, um den Aeronef auseinander zu reißen und sein vielfältiges Steigschrauben-Getriebe zu zerstören. Vernichtete ihn die Explosion aber nicht mit einem Schlage, so mußte der Sturz in die Tiefe das Zerstörungswerk vollenden. Die Form und Größe der Patrone begünstigten es übrigens außerordentlich, diese in einer Ecke der Cabine so anzubringen, daß sie die Plattform unbedingt durchschlug und ihre Wirkung auch das Rippenwerk des Rumpfes erreichte. Die Explosion konnte nun aber nur durch das Zündhütchen, mit dem die Patrone ausgerüstet war, bewerkstelligt werden, das war der heiklichste Theil des ganzen Vorhabens, denn dieses Zündhütchen sollte nur nach vorausberechneter Zeit in Brand gesetzt werden.

Onkel Prudent hatte sich den Verlauf folgendermaßen gedacht: Gleich nach Vollendung der Reparaturarbeiten in der Vordertriebschraube sollte der Aeronef den Weg nach Norden wieder aufnehmen: wenn Obiges aber geschehen war, lag die Wahrscheinlichkeit nahe, daß Robur mit seinen Leuten nach dem Hinterdeck kommen würde, um auch die hintere Triebschraube wieder in guten Stand zu setzen. Die Anwesenheit der gesammten Mannschaft an der Nähe der Cabine aber konnte Onkel Prudent leicht bei seiner Thätigkeit stören. Deshalb hatte er sich zur Verwendung einer Lunte entschlossen, um mittelst derselben die Explosion zu einer bestimmten Zeit eintreten zu lassen.

Er sprach sich darüber gegen Phil Evans mit folgenden Worten aus:

»Als ich mir die Patrone holte, habe ich gleichzeitig auch etwas Pulver mitgenommen. Mit diesem Pulver denke ich eine Lunte herzustellen, deren Länge mit ihrer gewünschten Brenndauer in Uebereinstimmung zu bringen sein wird und deren Ende ich in dem Zündhütchen zu befestigen gedenke. Meine Absicht geht nun dahin, dieselbe um Mitternacht anzuzünden und die Explosion zwischen drei und vier Uhr früh erfolgen zu lassen.

– Gut ausgedacht!« antwortete Phil Evans.

Die beiden Collegen waren, wie man hieraus ersieht, schon dahin gelangt, mit größter Kaltblütigkeit das schreckliche Vernichtungswerk zu besprechen, durch das auch sie mit untergehen sollten. Sie trugen eben eine solche Summe von Haß gegen Robur und seine Leute in sich, daß ihnen selbst die Aufopferung des eigenen Lebens nicht zu groß erschien, nur um den »Albatros« und Alle, die er mit durch die Lüfte führte, mit einem Schlage zu vernichten. Zugegeben, daß diese That ein sinnloses, ein verruchtes Unterfangen war; nach vollen fünf Wochen eines nie zum Ausbruch gekommenen Zornes, einer nie besänftigten stillen Wuth ließen sie sich durch eine solche Kleinigkeit nicht mehr abhalten.

»Und Frycollin? warf Phil Evans noch ein; steht uns das Recht zu, ohne ihn zu fragen, auch über sein Leben zu verfügen?

– Wir opfern ja auch das unsrige,« entgegnete Onkel Prudent.

Es dürfte zweifelhaft sein, daß Frycollin das als stichhaltigen Grund angesehen hätte.

Onkel Prudent ging also sofort an’s Werk, während Phil Evans vor dem Ruff Wache hielt.

Die Mannschaft war noch immer am Vordertheil beschäftigt und eine Ueberraschung vorläufig also kaum zu fürchten.

Onkel Prudent begann damit, eine geringe Menge Pulver zu Mehl zu verreiben. Nachdem er dasselbe leicht angefeuchtet, füllte er es, um eine Lunte zu erhalten, in einen engen, aus Leinwand herstellten Schlauch. Durch eine vorläufige Probe überzeugte er sich, daß diese binnen zehn Minuten fünf Centimeter weit verglimmte, bei der Länge von einem Meter also drei und einhalb Stunden ausreichen mußte. Er löschte die Lunte nun wieder aus, umwand sie fest mit Bindfaden und führte das Ende derselben in das Zündhütchen ein.

Alles das war, ohne den geringen Argwohn Anderer zu erwecken, um zehn Uhr Abends vollendet.

Da trat Phil Evans wieder zu seinem Collegen in die Cabine.

Während derselben Zeit war die Ausbesserung der vorderen Triebschraube eifrig gefördert worden; man hatte diese aber ganz hereinnehmen müssen, um die jetzt falsch gebogenen Flügel abheben zu können.

Weder Batterien, noch Accumulatoren, überhaupt nichts, was zur Erzeugung der mechanischen Kraft des »Albatros« gehörte, hatte durch die Wuth der Cyklone Schaden gelitten, und jedenfalls war noch für vier bis fünf Tage hinreichender Kraftvorrath vorhanden.

Es war schon Nacht geworden, als Robur und seine Leute ihre Arbeit unterbrachen, ohne die vordere Triebschraube bisher wieder an richtiger Stelle eingesetzt zu haben, da es noch einer etwa dreistündigen Reparatur bedurfte, ehe dieselbe wieder functioniren konnte. Nach kurzer Rücksprache mit Tom Turner entschied sich der Ingenieur dafür, seinen von der gehabten Anstrengung erschöpften Leuten einige Erholung zu gönnen und auf den folgenden Morgen zu verschieben, was noch zu thun übrig blieb. Uebrigens brauchte man zu dieser, die peinlichste Sorgfalt erfordernden Arbeit die volle Tageshelle, während die Positionslaternen dazu nur ungenügendes Licht hätten liefern können.

Hiervon wußten nun Onkel Prudent und Phil Evans freilich nichts. Nach den ihnen zu Ohren gekommenen Aeußerungen Robur’s mußten sie voraussetzen, daß die vordere Triebschraube vor Einbruch der Nacht schon wieder völlig in Stand gesetzt sei und der »Albatros« seine Fahrt nach Norden unverzüglich angetreten habe. Sie hielten diesen also für losgelöst von der Insel, an der sein Anker ihn doch noch festhielt. Dieser Umstand aber sollte der ganzen Angelegenheit eine von ihnen gar nicht geahnte Wendung geben.

Es war eine dunkle, mondeslose Nacht, deren Finsterniß schwere Wolken nur noch tiefer machten. Von Südwesten her wehte dann und wann ein leichter Lufthauch; dieser bewegte aber den »Albatros« nicht von der Stelle, sondern letzterer hielt sich an seinem Anker still, dessen senkrecht gespanntes Tau ihn an die Erde fesselte.

In ihre Cabine eingeschlossen, wechselten Onkel Prudent und sein College nur wenige Worte; sie lauschten auf das Schwirren der Auftriebsschrauben, das jedes andere Geräusch an Bord übertönte, und erwarteten nun den Augenblick zum Handeln.

Kurz vor Mitternacht begann Onkel Prudent:

»Es ist nun Zeit!«

Unter den Lagerstätten der Cabine befand sich ein schubladenartiger Koffer, in den Onkel Prudent die mit der Lunte versehene Dynamitpatrone gelegt hatte, damit die Lunte verglimmen konnte, ohne sich durch auffälligen Geruch oder etwaiges Knistern zu verrathen. Onkel Prudent zündete das freie Ende derselben an und schob den Koffer wieder unter das Bett zurück.

»Nun nach dem Hinterdeck, sagte er, dort wollen wir warten.«

Beide traten heraus und verwunderten sich nicht wenig, den Steuermann nicht an seinem gewohnten Platze zu sehen.

Da bog sich Phil Evans über das Deck hinaus.

»Der »Albatros« schwebt noch am nämlichen Orte, sagte er leise. Die Arbeiten sind offenbar noch unvollendet. Er hat nicht abfahren können.«

Ueber Onkel Prudent’s Gesicht lief ein Zug der Enttäuschung.

»So müssen wir die Lunte löschen, sagte er.

– Nein … aber uns retten! erwiderte Phil Evans.

– Uns retten?

– Ja, mittelst des Ankertaues, da es jetzt finster ist. Hundertfünfzig Fuß hinabzuklettern hat ja nichts zu bedeuten.

– Nichts, bestätigte Onkel Prudent, und wir wären reine Thoren, eine so unerwartet günstige Gelegenheit unbenützt zu lassen.«

Vorher kehrten sie jedoch noch einmal nach der Cabine zurück und versahen sich mit Allem, was sie in Voraussicht eines kürzeren oder längeren Verweilens auf der Insel Chatam glaubten bedürfen zu können. Nachdem sie die Thür wieder geschlossen, schlichen sie möglichst geräuschlos nach dem Vorderdeck.

Sie wollten auch Frycollin wecken und diesen zur gleichzeitigen Flucht mit ihnen veranlassen.

Rings herrschte tiefes Dunkel. Die Wolkenströmung von Südwesten wurde etwas schneller. Der Aeronef schlingerte ein wenig vor seinem Anker, indem er, so weit es das gespannte Kabel zuließ, leicht in verticaler Richtung schwankte. Der Abstieg drohte also etwas mehr Schwierigkeiten zu bieten. Das war aber nicht dazu angethan, zwei Männer abzuschrecken, die eben noch entschlossen gewesen waren, ihr Leben geradezu wegzuwerfen.

Beide schlichen also über das Deck hin und standen zuweilen, geschützt durch die Bauten darauf, still, um zu lauschen, ob irgend ein Geräusch vernehmbar werde. Nein … Alles still. Kein Schein zitterte durch die Lichtpforten. Der Aeronef lag nicht allein schweigend da, er war vielmehr in Schlaf versunken.

Onkel Prudent und sein Begleiter näherten sich schon der Cabine Frycollin’s, als Phil Evans plötzlich stehen blieb.

»Der Wachtposten!« sagte er.

Wirklich lag ein Mann in der Nähe eines der Ruffs. Offenbar konnte derselbe, wie man zu sagen pflegt, kaum eingenickt sein. Wenn dieser Lärm schlug, mußte die Flucht unmöglich werden.

Nahe hierbei lagen einige Stricke, Leinwandstücke und Werg, was Alles bei Ausbesserung der Schraube gebraucht worden war.

Eine Minute später war der Mann geknebelt, über und über eingewickelt und an einen Pfosten des Vordercastells gebunden, so daß er weder einen Laut von sich geben, noch eine Bewegung machen konnte.

Alles das vollzog sich fast ohne jedes Geräusch.

Onkel Prudent und Phil Evans horchten gespannt … Selbst im Inneren der Ruffs ließ sich kein Laut hören. Was an Bord war, lag in festem Schlafe.

Die beiden Flüchtlinge – denn diesen Namen darf man ihnen wohl geben – kamen nach der von Frycollin eingenommenen Cabine. François Tapage ließ ein höchst beruhigendes Schnarchen vernehmen.

Zur größten Ueberraschung brauchte Onkel Prudent die Thür Frycollin’s nicht einmal aufzuklinken, denn diese stand offen. Er trat einen Schritt in die Cabine ein, zog sich aber gleich wieder zurück.

»Da ist Niemand d’rin, flüsterte er.

– Niemand … Wo könnte er sein?« murmelte Phil Evans.

Beide begaben sich nun weiter nach vorn, in der Meinung, Frycollin möchte in irgend einem Winkel eingeschlafen sein.

Auch hier fand sich Niemand.

»Sollte der Spitzbube uns schon vorausgegangen sein? … fragte Onkel Prudent.

– Mag das der Fall sein oder nicht, antwortete Phil Evans, wir können unbedingt nicht länger warten. Vorwärts!«

Ohne Zögern packten die Flüchtlinge einer nach dem anderen das Tau mit den Händen und hielten sich auch mit den Füßen daran fest, dann glitten sie daran herab und kamen heil und gesund zur Erde nieder.

Welches Entzücken für sie, den Erdboden zu betreten, der ihnen so lange gefehlt hatte, auf fester Grundlage dahin zu gehen und nicht mehr ein Spielball der Luft zu sein!

Sie suchten eben, längs des kleinen Wasserlaufs hinwandernd, nach dem Inneren der Insel zu gelangen, als sich plötzlich vor ihnen ein Schatten erhob.

Das war Frycollin.

Ja, der Neger hatte denselben Gedanken gehabt, der seinem Herrn gekommen war, und sogar die Kühnheit, denselben ohne jede Meldung vorher zur Ausführung zu bringen.

Jetzt war freilich keine Zeit zu Auseinandersetzungen, und Onkel Prudent drängte es weit mehr, einen Zufluchtsort in entfernteren Theilen der Insel zu finden, als Phil Evans stehen blieb.

»Hören Sie mich an, Onkel Prudent, begann er. Wir sind jetzt außer dem Machtbereich jenes Robur. Er und seine Begleiter sind einem schrecklichen Tode geweiht, und ich gebe zu, daß er ihn verdient hat. Wenn er aber nun bei seiner Ehre schwören wollte, von jedem Versuche, uns wieder mit sich zu schleppen, abzugehen …

– Die Ehre eines solchen Mannes …«

Onkel Prudent konnte den Satz nicht vollenden. An Bord des »Albatros« entstand eine auffällige Bewegung.

Allem Anscheine nach war Alarm geschlagen und die Flucht entdeckt worden.

»Hierher, hierher,« rief eine Stimme.

Diese kam von dem Wachthabenden, der seine Umhüllung doch hatte abstreifen können. Fast gleichzeitig warfen die Bordlichter ihre elektrischen Strahlen über einen weiten Umkreis.

»Da sind sie! Da unten!« rief Tom Turner.

Die Flüchtlinge waren erkannt worden.

Gleichzeitig wurde auf einen laut ertheilten Befehl Robur’s hin die Bewegung der Auftriebsschrauben verlangsamt und durch Einziehung des Ankertaues begann der »Albatros« sich der Erde zu nähern.

In diesem Augenblick ließ sich deutlich die Stimme Phil Evans‘ vernehmen:

»Ingenieur Robur! rief er, verpflichten Sie sich auf Ehre, uns hier auf dieser Insel frei zu lassen?

– Niemals!« entgegnen Robur bestimmt.

Diese Antwort begleitete überdies der Knall eines Gewehres, dessen Geschoß die Schulter Phil Evans‘ streifte.

»Ah, diese Schurken!« rief Onkel Prudent.

Sein Messer in der Hand, stürzte er damit schon nach dem Felsen, zwischen denen der Anker eingegriffen hatte. Der Aeronef befand sich nur noch fünfzig Fuß über der Erde.

Binnen wenigen Secunden war das Tau durchschnitten, und die inzwischen merklich aufgefrischte Brise, die den »Albatros« in schiefer Richtung traf, führte diesen nach Nordosten über das Meer hinaus.

I

Worin die gelehrte Welt sich ebenso wenig Rath weiß, wie die ungelehrte.

Paff! … Paff!

Zwei Pistolenschüsse knallten zu gleicher Zeit. Eine Kuh, welche eben in der Entfernung von fünfzig Schritten vorüber trabte, bekam eine Kugel in’s Rückgrat … und sie ging die Sache doch gar nichts an.

Von den beiden Gegnern war keiner getroffen worden.

Wer waren jene beide Herren? Niemand weiß es, und gerade hier wäre ja Gelegenheit gewesen, ihre Namen der Nachwelt zu überliefern. Es läßt sich über sie nichts weiter sagen, als daß der ältere ein Engländer, der jüngere Duellant ein Amerikaner war. Desto leichter läßt sich die Oertlichkeit bestimmen, an der jener unschuldige Wiederkäuer eben sein letztes Grasbündelchen abgeweidet hatte; diese ist nämlich am rechten Ufer des Niagara und unweit der Hängebrücke zu suchen, welche drei Meilen unterhalb der berühmten Fälle das canadische Ufer mit dem amerikanischen verbindet.

Der Engländer schritt jetzt auf den Amerikaner zu.

»Ich bleibe nichtsdestoweniger dabei, daß es die Melodie ›Rule Britannia‹ war, sagte er.

– Nein, der ›Yankee Doodle‹!« versetzte der Andere.

Der Streit schien auf’s Neue entbrennen zu sollen, als sich einer der Zeugen – ohne Zweifel im Interesse des weidenden Viehs – mit den Worten einmischte:

»Nehmen wir an, es wäre der ›Rule Doodle‹ und der ›Yankee Britannia‹ gewesen und begeben wir uns nun zum Frühstück.«

Dieses Compromiß zwischen den beiden Nationalgesängen Amerikas und Großbritanniens wurde zur allgemeinen Befriedigung angenommen. Längs des linken Niagara-Ufers zurückwandelnd, beeilten sich Amerikaner und Engländer, an der einladenden Tafel des Hôtels auf Goat Island – einem neutralen Gebiete zwischen den beiden Fällen – Platz zu nehmen. Während ihrer Beschäftigung mit gekochten Eiern und dem landesüblichen Schinken mit kaltem Roastbeef, einem Zwischengericht von im Munde fast brennenden Pickles und mit Hochfluthen von Thee, welche die weltbekannten Wasserfälle eifersüchtig machen könnten, wollen wir sie nicht weiter stören, zumal kaum anzunehmen ist, daß von ihnen im Laufe dieser Erzählung noch ferner die Rede sein wird.

Wer hatte nun Recht – der Engländer oder der Amerikaner? Es wäre schwer gewesen, diese Frage zu entscheiden. Jedenfalls liefert jenes Duell den Beweis für die leidenschaftliche Erregung der Geister nicht allein in der Neuen, sondern auch in der Alten Welt, und zwar über ein Ereigniß oder eine unerklärliche Erscheinung, welche seit etwa einem Monate alle Köpfe verwirrte.

»… Os sublime dedit coelumque tueri« hat Ovid einst zu Ehren der Menschheit gesungen. In der That hatte man seit dem Erscheinen des ersten Menschen auf der Erdkugel noch niemals den Himmel so vielfach betrachtet.

Gerade in der vorhergegangenen Nacht hatte nämlich eine Trompete aus der Luft ihre metallenen Töne herabgeschmettert über denjenigen Theil von Canada, der sich zwischen dem Ontario- und dem Erie-See ausdehnt. Die Einen hatten daraus den »Yankee Doodle«, die Anderen das »Rule Britannia« zu hören vermeint, daraus entstand auch obiger angelsächsische Zweikampf, der mit dem Frühstück auf Goat Island endigte. Vielleicht war es weder der eine, noch der andere Nationalgesang gewesen; nur darüber herrschte bei Niemand ein Zweifel, daß die betreffenden Töne die Eigenthümlichkeit gehabt hatten, als schienen sie vom Himmel zur Erde hernieder zu steigen.

Sollte man etwa gar an eine Himmelsposaune denken, die ein Engel oder ein Erzengel geblasen hätte? … Waren es nicht vielmehr lustige Luftschiffer gewesen, die sich des sonoren Instrumentes bedienten, von dem die Reclame so ausgebreiteten Gebrauch macht? Nein, von einem Ballon, von Luftschiffern konnte nicht die Rede sein. In hohen Himmelsregionen vollzog sich ein außergewöhnliches Ereigniß, dessen Natur und Ursprung kein Mensch zu enträthseln vermochte. Heute zeigte sich dasselbe über Amerika, vierundzwanzig Stunden später über Europa, acht Tage später in Asien über dem Himmlischen Reiche. Wenn die Trompete, welche das Vorüberziehen jener Erscheinung ankündigte, nicht die des Jüngsten Gerichtes war, welche, ja, welche war es dann?

In allen Landen der Erde, in Königreichen wie in Republiken, entstand deshalb eine gewisse Unruhe, welche gestillt werden mußte. Vernimmt Einer in seinem Hause eigenthümliche und unerklärliche Geräusche, würde er nicht schnellstens die Ursache derselben zu ermitteln suchen, und wenn das vergeblich wäre, würde er nicht sein Haus verlassen, um ein anderes zu bewohnen? Ganz sicherlich! Hier war das Haus freilich die Erdkugel, und es gab doch kein Mittel, diese zu verlassen und etwa mit dem Monde, Mars, Venus, Jupiter oder einem anderen Planeten des Sonnensystems zu vertauschen.

Es galt demnach unbedingt, aufzuklären, was im unendlichen leeren Raume, doch innerhalb der Erdatmosphäre, vorging. Ohne Luft ist ja ein Geräusch unmöglich, und da man hier ein solches vernahm – immer jene fast sagenhafte Trompete – mußte die Erscheinung auch in der Lufthülle stattfinden, deren Dichtigkeit sich nach oben zu immer mehr vermindert und die sich über unserem Sphäroid nur wenige Meilen hoch verbreitet.

Natürlich bemächtigten sich die Tagesblätter der vorliegenden Frage, behandelten sie unter allen Gesichtspunkten, beleuchteten oder verdunkelten dieselbe, berichteten falsche oder wahre Thatsachen, erregten oder beruhigten ihre Leser im Interesse der Höhe ihrer Auflage – und wiegelten endlich die schon halb verwirrten Massen nicht wenig auf. Welch‘ Wunder! Die Politik hatte den Laufpaß erhalten und die Geschäfte gingen deshalb doch nicht schlecht. Aber um was handelte es sich überhaupt?

Man befragte alle großen Observatorien der ganzen Welt. Wenn diese keine Antwort gaben, wozu nützten dann solche Observatorien eigentlich? Wenn die Astronomen, welche selbst in der Entfernung von hunderttausend Millionen Meilen noch einen Lichtpunkt zu zwei und drei Sternen aufzulösen vermögen, nicht im Stande waren, den Ursprung einer kosmischen Erscheinung zu ergründen, die nur wenige Kilometer über ihnen auftrat, wozu hatte man Astronomen?

Man konnte auch in der That kaum schätzungsweise angeben, wie viel Teleskope, Brillen, Fernrohre, Lorgnetten, Binocles und Monocles während der schönen Sommernacht nach dem Himmel gerichtet waren, noch wie viele Augen sich vor die Oculare und Instrumente von jeder Art und Vergrößerung hefteten. Vielleicht mehrere Hunderttausend, und das ist nur gering angeschlagen. Zehnmal mehr, als man am Firmament mit unbewaffnetem Auge sichtbare Sterne zählt. Nein, noch keiner, auf allen Punkten der Erdkugel gleichzeitig beobachteten Sonnenfinsterniß hatte man solche Ehre angethan!

Die Observatorien antworteten, aber unzulänglich. Jedes gab seine Meinung ab, die stets von der aller anderen abwich, so daß sich daraus während der letzten Wochen des April und der ersten des Mai ein wirklicher Bürgerkrieg unter der Gelehrtenwelt entwickelte.

Das Observatorium von Paris erwies sich sehr zurückhaltend. Keine seiner Abtheilungen sprach sich entschieden aus. In der Abtheilung für mathematische Astronomie hatte man es für unter seiner Würde gehalten, Beobachtungen anzustellen; in der für die Meridianmessung hatte man nichts entdeckt; in der für physikalische Beobachtungen hatte man nichts wahrgenommen; in der für Geodäsie nichts bemerkt; in der für Meteorologie war Niemand etwas aufgefallen; in der für die Berechnungen hatte man nichts gesehen. Das war wenigstens ein offenes Geständniß. Dieselbe Offenherzigkeit bekundete das Observatorium von Montsoucis, wie die magnetische Station im Park Saint-Maur. Dieselbe Achtung vor der Wahrheit bewies das Längenbureau. Nun ja, Frankreich heißt ja das Land, wo man »frank«, d. h. offen spricht.

Die Provinz war etwas entschiedener in ihrer Aeußerung. Etwa in der Nacht zwischen dem 6. und 7. Mai hatte sich ein Lichtschein elektrischen Ursprunges gezeigt, der 20 Secunden nicht überdauerte. Am Pic-Du-Midi war derselbe zwischen 9 und 10 Uhr Abends beobachtet worden; im meteorologischen Observatorium des Puy-de-Dôme hatte man ihn zwischen 1 und 2 Uhr Morgens bemerkt; auf dem Mont Ventoux in der Provence zwischen 2 und 3 Uhr; in Nizza zwischen 3 und 4 Uhr; auf den Semnoz-Alpen endlich zwischen Annecy, le Bourget und dem Genfer See im Augenblicke, als der Tagesschimmer sich eben bis zum Zenith erhob.

Offenbar konnte man diese Beobachtungen unmöglich in Bausch und Bogen verwerfen. Es unterlag keinem Zweifel, daß der Lichtschein an verschiedenen Punkten, und zwar im Verlauf einiger Stunden, wahrgenommen worden war. Derselbe ging also entweder von mehreren Herden aus, die sich durch die Erdatmosphäre hinbewegten, oder, wenn er nur einem einzigen solchen angehörte, so mußte dieser sich mit einer Schnelligkeit fortbewegen, welche nahezu 200 Kilometer in der Stunde erreichte.

Hatte man denn aber im Laufe des Tages niemals etwas Besonderes in der Luft bemerkt?

Nein, niemals.

Erklang nicht wenigstens jene Trompete einmal durch die Luftschichten?

Nein, zwischen Aufgang und Untergang der Sonne hatte man nicht den leisesten Ton gehört.

Im vereinigten Königreich Großbritannien wußte man nicht mehr aus, noch ein. Die Observatorien gelangten zu keinerlei Uebereinstimmung. Greenwich konnte sich nicht mit Oxford verständigen, obwohl Beide die Behauptung aufstellten, »an der ganzen Sache sei nichts«.

»Eine Gesichtstäuschung! meinte das Eine.

– Eine Gehörstäuschung!« erwiderte das Andere.

Darüber lagen sie im Streit; auf eine Täuschung lief es jedoch allemal hinaus. Die Verhandlungen zwischen den Sternwarten zu Berlin und der zu Wien drohten zu internationalen Verwicklungen zu führen. Rußland bewies ihnen in der Person des Vorstehers seiner Sternwarte zu Pulkowa, daß sie Beide Recht hätten, das hänge nur von den Gesichtspunkten ab, auf die sie sich bezüglich Bestimmung der Natur jener Erscheinung stellten, die in der Theorie unmöglich schien und in der Praxis möglich war.

In der Schweiz, auf der Sternwarte zu Säntis, im Canton Appenzell, auf dem Rigi, im Gäbris, in den Beobachtungsstationen des St. Gotthard, St. Bernhard, des Julier, des Simplon, in denen von Zürich und des Sonnblick in den Hohen Tauern, befleißigte man sich einer ganz besonderen Zurückhaltung gegenüber einer Thatsache, die bisher Niemand zu bekräftigen vermocht hatte – was gewiß recht vernünftig zu nennen ist.

In Italien dagegen, auf den meteorologischen Stationen des Vesuvs und des Aetna, welch‘ letztere sich in der alten Casa Inghlese befindet, wie auf dem Monte Cavo, zögerten die Beobachter nicht im geringsten, die Wirklichkeit jener Erscheinung anzuerkennen, und das auf Grund des Umstandes, daß sie dieselbe einmal am Tage in Form eines kleinen Dampfwölkchens und einmal in der Nacht in Gestalt einer Sternschnuppe hatten wahrnehmen können. Ueber die eigentliche Natur derselben wußten sie freilich ebenfalls nichts.

In der That begann dieses Geheimnis allmählich die Vertreter der Wissenschaft zu ermüden, erregte dagegen und erschreckte desto mehr die Einfältigen und Unwissenden, welche, Dank einem hochweisen Naturgesetze, von jeher in dieser Welt die ungeheure Mehrzahl gebildet haben, noch bilden und in aller Zukunft bilden werden. Die Astronomen und Meteorologen hatten also schon darauf verzichtet, sich mit der Sache zu beschäftigen, als in der Nacht vom 26. zum 27. auf der Sternwarte zu Cantokeino in Finnland, in Norwegen, in der Nacht vom 28. zum 29. auf der des Isfjord und auf Spitzbergen, die Norweger auf einer und die Schweden auf der anderen Seite in der Anschauung übereingestimmt hatten, daß inmitten einer Art Nordlichtscheines etwas wie ein gewaltiger Vogel oder ein Luftungeheuer sichtbar gewesen sei. War es auch nicht gelungen, dessen Structur genauer zu bestimmen, so unterlag es doch keinem Zweifel, daß derselbe kleine Körper ausgeworfen habe, welche gleich Bomben mit einem Knalle zersprangen.

In Europa neigte man wohl dazu, die Beobachtungen der Stationen von Finnmarken und Spitzbergen nicht anzuzweifeln. Ganz besonders merkwürdig erschien freilich, daß die Schweden und die Norweger doch einmal über einen Punkt einig zu sein schienen.

Man lachte und spottete über die angebliche Entdeckung auf allen Sternwarten Südamerikas, in Brasilien und Peru, ebenso wie in La Plata, auf denen von Australien, in Sidney, Adelaide, wie in Melbourne, und das australische Lachen ist bekanntlich sehr ansteckend.

Nur ein einziger Vorsteher einer meteorologischen Station verhielt sich zustimmend bei dieser Frage, trotz der Spötteleien, welche seine Erklärung derselben hervorrufen mochte. Das war ein Chinese, der Director der Sternwarte zu Zi-Ka-Wey, die sich inmitten einer ausgedehnten Ebene, mindestens zehn Lieues vom Meere, erhebt und welche bei ungemeiner Klarheit der Luft ein grenzenlos weiter Horizont umschließt.

»Es könnte ja sein, sagte er, daß der Gegenstand, um den es sich handelt, ein besonders construirter Apparat, eine fliegende Maschine wäre.«

Welcher Scherz!

Waren die vielfachen Widersprüche nun schon in der Alten Welt sehr lebhaft, so begreift man leicht, wie sie sich in jenem Theile der Neuen Welt gestalten mußten, von dem die Vereinigten Staaten das weitaus größte Gebiet einnehmen.

Ein Yankee liebt bekanntlich keine Umwege – er wählt gewöhnlich den, der am schnellsten zum Ziele führt. So zögerten auch die amerikanischen Bundesstaaten nicht im mindesten, ihre Ansichten gegenseitig auszusprechen. Wenn sie sich dabei nicht gleich die Objective ihrer Fernrohre an den Kopf warfen, so kam das nur daher, daß sie dieselben jetzt, wo sie gerade am meisten gebraucht wurden, erst hätten wieder ersetzen müssen.

In dieser so viel Staub aufwirbelnden Frage standen die Sternwarten von Washington im District Columbia und die von Cambridge im Staate Duna denen des Darmouth-Collegs in Connecticut und von Ann-Arbor in Michigan feindlich gegenüber. Ihr Streit betraf übrigens nicht die Natur des beobachteten Körpers, sondern die genaue Zeit der Beobachtung, denn Alle behaupteten, ihn in derselben Nacht, zu derselben Stunde, zur gleichen Minute und Secunde wahrgenommen zu haben, obwohl die Flugbahn des geheimnißvollen Wanderers der Lüfte nur in mäßiger Höhe über dem Horizont liegen sollte. Von Connecticut bis Michigan, von Duna nach Columbia ist aber die Entfernung eine so große, daß eine doppelte Beobachtung zu ein und demselben Zeitpunkt als unmöglich angesehen werden konnte.

Dudley in Albany, Staat New-York, und West-Point, die Militärakademie, gaben allen ihren Collegen Unrecht in einer Zuschrift, welche die gerade Aufsteigung und die Declination des bewußten Körpers bestimmte.

Später stellte sich jedoch heraus, daß diese Beobachter einem Irrthume unterlegen waren und daß der betreffende Körper nur eine Feuerkugel gewesen war, welche durch die mittleren Luftschichten hinblitzte. Um diese Feuerkugel handelte es sich aber offenbar nicht. Wie könnte auch eine solche Feuerkugel eine Trompete geblasen haben?

Was nun die erwähnte Trompete anging, versuchte man vergeblich deren schmetternden Ton als eine einfache Gehörstäuschung hinzustellen. Jedenfalls hatten sich bei dieser Gelegenheit die Ohren der Leute ebenso wenig getäuscht, wie deren Augen. Unzählige Beobachter hatten vielmehr entschieden etwas gesehen und gleichzeitig gehört. In der sehr dunklen Nacht – vom 12. zum 13. Mai – war es den Beobachtern des Yale-Collegs an der Hochschule von Sheffield sogar gelungen, einige Tacte eines musikalischen Satzes in A-dur und im Viervierteltacte in Noten zu fixiren, welche vollkommen mit einem Theile der Melodie des bekannten »Chant du départ« – eines Soldatenliedes beim Auszug zum Kampfe – übereinstimmten.

»Sehr schön! riefen dazu die Witzbolde, da hätten wir ja ein französisches Orchester, das seine Weisen mitten in der Luft ertönen läßt!«

Scherzen heißt aber nicht antworten. Diese Bemerkung machte auch das von der Atlantic Iron Works Company gegründete Observatorium zu Boston, dessen Anschauungen in Fragen der Astronomie und Meteorologie für die gelehrte Welt allmählich schon die Bedeutung von Gesetzen gewannen.

Ferner gab auch noch das, Dank der Freigebigkeit des Mr. Kilgoor im Jahre 1870 auf dem Berge Lookout entstandene Observatorium von Cincinnati eine Erklärung ab, jenes Institut, das sich durch seine mikrometrischen Messungen der Doppelsterne so vortheilhaft bekannt gemacht hat. Sein Director sprach sich in vollem guten Glauben dahin aus, daß den weitverbreiteten Gerüchten unzweifelhaft etwas zu Grunde liege, daß sich zu nahe aneinanderliegenden Zeiten an sehr verschiedenen Stellen in der Atmosphäre ein in Bewegung befindlicher Körper zeige, daß über dessen Natur, Größenverhältnisse, Geschwindigkeit und Flugbahn aber kein Urtheil möglich sei.

Da erhielt ein Journal von allergrößter Verbreitung, der New-York Herald, von einem Abonnenten folgende anonyme Mittheilung: »Noch dürfte der Wettkampf unvergessen sein, der vor einigen Jahren herrschte zwischen den beiden Erben der Begum von Ragginahra, dem französischen Arzt Sarrasin in seiner Stadt Franceville und dem deutschen Ingenieur Herrn Schulze in seiner Stadt Stahlstadt, welche Beide im südlichen Theile von Oregon, Vereinigte Staaten, angelegt waren.

»Man kann auch nicht vergessen haben, daß Herr Schulze in der Absicht, Franceville zu zerstören, ein ungeheures Geschoß, schon mehr eine Maschine, auf letztere Stadt schleuderte, welche dieselbe mit einem Schlage vernichten sollte.

»Noch weniger kann der Vergessenheit verfallen sein, daß dieses Geschoß, dessen Anfangsgeschwindigkeit beim Verlassen der Mündung der Monstrekanone falsch berechnet war, mit einer sechzehnmal größeren Geschwindigkeit, als gewöhnliche Geschosse – nämlich fünfzig Lieues in der Stunde – hinweg getragen wurde, daß es auf die Erde nicht niedergefallen ist und nach seinem Uebergang in den Zustand etwa einer Feuerkugel noch jetzt um unseren Planeten kreist und in alle Ewigkeit kreisen muß.

»Warum sollte dieses Riesengeschoß, dessen Vorhandensein nicht anzuzweifeln ist, nicht der in Frage stehende Körper sein?«

Das war ja recht scharfsinnig von dem Abonnenten des New-York Herald … aber die Trompete …? In dem Projectil des Herrn Schulze hatte sich bestimmt keine Trompete befunden.

Alle bisherigen Erklärungen erklärten also nichts, alle Beobachter beobachteten einfach falsch.

Es blieb sonach nur noch die von dem Director von Zi-Ka-Wey aufgestellte Hypothese. Aber, mein Gott, der Mann war ja Chinese!

Man darf nicht etwa glauben, daß sich der Bevölkerung der Alten und der Neuen Welt endlich ein gewisser Ueberdruß bemächtigt hätte. Im Gegentheil, die Erörterungen dauerten in gleicher Lebhaftigkeit fort, ohne daß irgendwo eine Uebereinstimmung erzielt wurde. Gleichwohl trat einmal eine Art Pause ein. Es vergingen nämlich einige Tage, ohne daß etwas von dem fraglichen Gegenstande, von der Feuerkugel oder was es sonst war, gemeldet wurde und ohne daß sich der bekannte Trompetenton aus der Luft hören ließ. War jener Körper also irgendwo auf die Erde niedergefallen, vielleicht an einem Punkte, der sein Wiederauffinden besonders erschwerte – etwa gar in’s Meer? Lag er jetzt in der unendlichen Tiefe des Atlantischen, des Pacifischen oder des Indischen Oceans? Wer hätte das sagen können?

Da vollzog sich aber zwischen dem 2. und dem 9. Juni eine neue Reihe von Thatsachen, deren Erklärung durch die Annahme eines rein kosmischen Phänomens schlechterdings unmöglich war.

Im Laufe jener acht Tage fand man nämlich auf den entlegensten Punkten eine Fahne gerade an den schwerst zugänglichen Stellen von Kirchen u. s. w. befestigt; so wurden die Hamburger überrascht durch eine solche an der Spitze des Thurmes von St. Michael, die Türken auf dem höchsten Minaret der heiligen Sophien-Moschee, die Einwohner von Rouen an der metallenen Turmspitze ihrer Kathedrale, die Straßburger am obersten Punkte des Münsters, die Amerikaner auf dem Kopfe ihrer Bildsäule der Freiheit am Eingange des Hafens und am Gipfel des Washington-Denkmals in Boston, die Chinesen an der Spitze des Tempels der fünfhundert Geister in Canton, die Hindus am sechzehnten Stockwerk der Pyramide des Tempels zu Tanjur, die Römer am Kreuze des St. Peters-Domes, die Engländer am Kreuz der St. Pauls-Kirche in London, die Egypter an der obersten Spitze der Pyramide von Gizeh, die Wiener an dem Reichsadler auf der Spitze des St. Stephansthurmes, die Pariser am Blitzableiter des dreihundert Meter hohen eisernen Thurmes der Ausstellung von 1889 und noch andere mehr.

Diese Fahne aber zeigte ein schwarzes Flaggentuch, das in der Mitte eine goldene Sonne und ringsum verstreut einzelne Sterne enthielt.

X.

X.

Worin man sehen wird, wie und warum der Diener Frycollin in’s Schlepptau genommen wurde.

Der Ingenieur hatte nicht die Absicht, seinen Apparat über die wundervollen Gefilde von Hindostan hinwegzuführen. Jedenfalls wollte er nur den Himalaya übersteigen, um zu beweisen, über welch‘ außerordentliche Fortbewegungsmaschine er verfügte, und um davon selbst Diejenigen zu überzeugen, welche nicht überzeugt sein wollten. Bedeutete das wohl so viel wie die Behauptung, daß der »Albatros« vollkommen sei, obgleich die Vollkommenheit nicht von dieser Welt ist? Das wird sich später zeigen.

Wenn Onkel Prudent und sein College auch nicht umhin konnten, innerlich anzuerkennen, daß die Kraft dieser Flugmaschine eine ganz außerordentliche war, so ließen sie sich davon wenigstens nichts merken. Sie suchten nur die Gelegenheit, zu entfliehen; ja, sie bewunderten nicht einmal das prachtvolle Schauspiel, welches sich ihren Augen bot, als der »Albatros« den reizenden Landschaften des Pendjab folgte.

Wohl giebt es am Himalaya einen Strich sumpfigen Landes, von dem gesundheitsschädliche Dünste aufsteigen, jenes Terrain, in dem Fieberkrankheiten epidemisch herrschen. Doch das ging den »Albatros« ja nichts an und konnte das Wohlbefinden seiner Insassen nicht gefährden, er erhob sich ohne große Eile nach dem Winkel zu, den Hindostan in seinem Vereinigungspunkt mit Turkestan und China bildet. Am 29. Juni öffnete sich vor ihm schon in den ersten Morgenstunden das herrliche Thal von Kaschmir.

Ja, sie ist ohne Gleichen, diese Hohlkehle, welche der Himalaya zwischen sich frei läßt! Gefurcht von Hunderten von Einzelvorsprüngen, welche die ungeheure Kette bis zum Becken des Hydaspis entsendet, wird dieselbe bewässert von den launischen Windungen des Flusses, der die Heersäulen Porus‘ und Alexanders, d. h. Indien und Griechenland, in Central-Asien zum Kampfe zusammenstoßen sah. Er füllt noch immer sein Bett, dieser Hydaspis, während die von dem Macedonier zur Erinnerung an seinen Sieg gegründeten beiden Städte so vollständig verschwunden sind, daß man nicht einmal im Stande ist, die Stelle derselben wieder zu finden.

Während dieses Vormittags schwebte der »Albatros« über Srinagar – mehr bekannt unter dem Namen Kaschmir – hin.

Onkel Prudent und sein Gefährte sahen eine sehr schöne, an beiden Flußufern sich hinziehende Stadt mit ihren Brücken gleich ausgespannten Fäden, den Sennhütten mit ihren geschnitzten Balkons, ihren von hohen Pappeln beschatteten Gebäuden mit berasten Dächern, welche fast das Aussehen großer Maulwurfshaufen haben, ihren vielfachen Canälen mit Barken gleich Nußschalen und Bootsleuten gleich Ameisen darauf, mit ihren Palästen, Tempeln, Kiosks, Moscheen und den Bungalows am Eingange der Vorstädte – das Ganze auch noch verdoppelt durch die Widerspiegelung des Wassers; endlich die alte Citadelle Hari-Parvata, die auf einem Hügel angelegt ist, wie das stärkste Fort von Paris auf dem Mont-Valérien.

»Das wäre Venedig, wenn wir uns in Europa befänden,« sagte Phil Evans.

– Und wenn wir in Europa wären, würden wir den Rückweg nach Amerika schon zu finden wissen,« antwortete Onkel Prudent.

Der »Albatros« verweilte nicht über dem See, den der Fluß durchfließt, sondern setzte seinen Flug durch das Thal des Hydaspis fort.

Nur eine halbe Stunde blieb er, bis auf zehn Meter über dem Flusse hinabsteigend, einmal an ein und derselben Stelle. Während dessen versorgten sich Tom Turner und seine Leute mittelst eines Kautschukschlauches mit neuem Wasservorrathe, der durch eine Pumpe aufgesaugt wurde, welche die Ströme der Accumulatoren in Bewegung setzten.

Onkel Prudent und Phil Evans hatten sich dabei bedeutungsvoll angesehen, da ein und derselbe Gedanke in ihnen aufstieg. Sie befanden sich nur wenige Meter über der Oberfläche des Hydaspis und nahe dem Ufer desselben. Beide waren geübte Schwimmer. Ein Sprung konnte ihnen jetzt die Freiheit wiedergeben, und wenn sie dann ein Stück unter dem Wasser fortschwammen, wie hätte Robur sie wieder ergreifen lassen können? Um den Treibschrauben ihre Beweglichkeit zu sichern, mußte er sie ja mit seinem Apparate mindestens zwei Meter über dem Seebecken halten.

In einem Augenblicke hatten sie alle günstigen und ungünstigen Umstände eines solchen Versuchs gegen einander abgewogen und schon waren sie im Begriff, sich von dem Verdeck des Luftschiffes hinabzustürzen, als sich mehrere Hände fest auf ihre Schultern legten.

Sie wurden beobachtet und erkannten die Unmöglichkeit, zu entfliehen.

Immerhin ergaben sie sich nicht ohne einigen Widerstand und bemühten sich, die, welche sie hielten, zurückzustoßen – aber es waren handfeste Burschen, diese Leute des »Albatros«!

»Meine Herren, begnügte sich der Ingenieur zu sagen, wenn man das Vergnügen hat, in Gesellschaft mit Robur dem Sieger zu reisen, wie Sie ihn selbst so passend bezeichnet haben, und an Bord seines wunderbaren »Albatros«, so verläßt man diesen nicht so … französisch. Ja, ich sage Ihnen, Sie verlassen denselben überhaupt nicht wieder!«

Phil Evans zerrte seinen Gefährten, der sich schon zu einem Gewaltacte hinreißen lassen wollte, noch zurück. Beide begaben sich nach ihrem Ruff, noch immer entschlossen, zu fliehen und wenn es ihnen, gleichviel wo, auch das Leben kosten sollte.

Der »Albatros« hatte wieder seinen Curs nach Westen eingeschlagen. Während dieses Tages überschritt er bei mittlerer Geschwindigkeit das Gebiet von Kabulistan, die Grenze des Königreichs Herat.

In diesen noch immer so bestrittenen Ländern und auf diesem Wege, der den Russen nach den englischen Besitzungen in Indien offen steht, erschienen große Haufen von Menschen, Colonnen, Gepäckwagen, mit einem Worte Alles, was das Personal und Material einer auf dem Marsche befindlichen Armee bildet. Man hörte wohl auch Kanonendonner und das Knattern von Gewehren; der Ingenieur mischte sich aber niemals in die Angelegenheiten Anderer, so lange diese für ihn nicht eine Frage des Ehrgeizes oder der Humanität bildeten. War Herat, wie man sagt, wirklich der Schlüssel Central-Asiens, so kümmerte es ihn doch gar nicht, ob dieser Schlüssel in eine englische oder eine moskowitische Tasche kam. Irdische Interessen berührten den furchtlosen Mann nicht, der das Luftmeer zu seinem ausschließlichen Gebiete erkoren hatte.

Uebrigens schwand das Land sehr bald unter einem wahrhaften Orkan von Sand, wie er in diesen Gegenden so häufig vorkommt. Dieser Sturmwind, der hier »Tebbad« genannt wird, trägt manche Fieberkeime mit dem unwägbar feinen Sand oft sehr weit mit fort, und manche Caravane ist schon in seinen wüthenden Wirbeln zu Grunde gegangen.

Um diesem harten Staube zu entgehen, der die Feinheit seiner Zahngetriebe hätte gefährden können, erhob sich der »Albatros« um zweitausend Meter nach einer reineren Zone.

Damit schwand auch die Grenze Persiens aus den Augen und blieben dessen weite Ebenen fast ganz unsichtbar. Die Gangart war dabei eine sehr gemäßigte, obwohl eine Felsenklippe nirgends zu fürchten war. Wenn eine Landkarte dieser Gegend auch einige Berge zeigte, so steigen diese doch nur zu mittlerer Höhe an. Bei der Annäherung an die Hauptstadt freilich galt es, den Demawend zu vermeiden, der fast sechstausendsechshundert Meter emporragt, und auch die Elbruskette, an deren Fuß Teheran erbaut ist.

Mit dem ersten Tagesgrauen des 2. Juli tauchte jener Demawend aus dem Sand-Samum auf.

Der »Albatros« steuerte so, um über die Stadt hinwegzugehen, welche der Wind durch eine Wolke feinen Staubes verhüllte.

Gegen zehn Uhr Morgens konnte man indeß die breiten Gräben erkennen, welche die Umwallung einschließen, und in der Mitte den Palast des Schah, dessen Mauern mit Fayenceplatten bedeckt sind und dessen Wasserbecken aus ungeheuren Türkisen von leuchtendem Blau geschnitten scheinen.

Das schöne Bild verrann leider nur zu bald. Von hier aus schlug der »Albatros« nun eine andere Richtung ein und steuerte ziemlich genau nach Norden. Einige Stunden später befanden sie sich über einer kleinen Stadt im nördlichen Winkel der persischen Grenze und am Strande einer ausgedehnten Wasserfläche, deren Ende weder nach Norden, noch nach Osten zu erkennbar war.

Diese Stadt war der Hafen Aschuarda, die südlichste Station Rußlands; die Wasserfläche aber fast ein Meer, nämlich der Kaspi-See.

Hier wirbelte kein Staub mehr umher. Man sah bequem einen Haufen nach europäischer Art gebauter Häuser, welche, mit einem sie überragenden Glockenthurm, längs eines Vorgebirges lagen.

Der »Albatros« senkte sich über dieses Meer, dessen Gewässer dreihundert Fuß unter dem Niveau des Mittelmeeres liegen. Gegen Abend glitt er längs der früher turkestanischen, jetzt aber russischen Küste hin, die nach dem Golf des Beckens zu aufsteigt, und am nächsten Tage, dem 3. Juli, schwebte er etwa hundert Meter über dem Kaspi-See.

Weder an der asiatischen, noch an der europäischen Seite war hier Land in Sicht; nur auf dem Meer bemerkte man einzelne, von schwacher Brise geschwellte Segel, an deren Form man erkannte, daß es Fahrzeuge von Eingeborenen, Kesebegs mit zwei Masten, Kajiks, das sind Piratenschiffe mit nur einem Maste, und Teimils, einfache, zur Küstenfahrt oder zum Fischfang benützte Boote waren. Dann und wann wirbelten wohl auch die Ausläufer von Rauchsäulen bis zum »Albatros« empor, welche aus den Schornsteinen der Dampfer von Aschuarda quollen, die Rußland zu Polizeizwecken auf den turkomanischen Gewässern unterhält.

An diesem Morgen plauderte der Obersteuermann Tom Turner mit dem Koch François Tapage und gab auf eine Frage des Letzteren Antwort:

»Ja, wir werden gegen achtundvierzig Stunden über dem Kaspi-See verweilen.

– Schön, erwiderte der Koch, da haben wir doch einmal Gelegenheit, zu fischen?

– Ganz gewiß.«

Da über vierzig Stunden darauf verwendet werden sollten, die sechshundertfünfundzwanzig Meilen, welche jenes Binnenmeer bei zweihundert (englischen) Meilen Breite mißt, mußte die Geschwindigkeit des »Albatros« natürlich stark gemäßigt und letzterer während eines vorzunehmenden Fischfanges ganz still gehalten werden.

Jene Antwort Tom Turner’s wurde auch von Phil Evans gehört, der sich grade auf dem Vordertheil befand.

Eben begann Frycollin wieder mit seinen unaufhörlichen Klagen und bat ihn, bei seinem Herrn ein gutes Wort einzulegen, daß er ihn »auf der Erde absetzen« lasse.

Ohne auf dieses sinnlose Verlangen zu antworten, begab sich Phil Evans nach dem Hintertheil, um den Onkel Prudent zu treffen. Diesem theilte er unter größter Vorsicht, von Niemand gehört zu werden, die wenigen zwischen Tom Turner und dem Koche gewechselten Worte mit.

»Phil Evans, meinte Onkel Prudent, ich denke, wir machen uns doch keine Illusionen über die letzten Absichten dieses Elenden?

– Gewiß nicht, antwortete Phil Evans. Er wird uns die Freiheit nur wiedergeben, wenn ihm das paßt – und wenn er sie uns überhaupt wieder giebt.

– In diesem Falle müssen wir Alles wagen, um den »Albatros« zu verlassen.

– Ein wundervoller Apparat, das muß man wohl zugestehen!

– Das ist wohl möglich, rief Onkel Prudent, aber es ist der Apparat eines Schurken, der uns gegen alles Recht und Gesetz hier zurückhält. Uebrigens bildet dieser Apparat für uns und die Unsrigen eine unausgesetzte Gefahr. Gelingt es uns also nicht, denselben zu vernichten …

– Beginnen wir damit, uns zu retten! … antwortete Phil Evans, wir werden ja später sehen.

– Zugegeben, antwortete Onkel Prudent, und benützen wir jede sich bietende Gelegenheit. Allem Anscheine nach fährt der »Albatros« über den Kaspi-See, um sich dann im Norden oder im Süden von Rußland nach Europa zu begeben. Nun, wohin wir auch den Fuß setzen mögen, bis zum Atlantischen Ocean hin wäre unsere Rettung gesichert. Wir müssen uns also jede Stunde bereit halten.

– Aber, fragte Phil Evans, wie sollten wir fliehen können?

– Hören Sie mich an, antwortete Onkel Prudent. Es kommt zuweilen vor, daß der »Albatros« während der Nacht nur wenige hundert Fuß über dem Erdboden hinschwebt. An Bord befinden sich verschiedene Kabel von dieser Länge, und mit einiger Kühnheit könnte man sich wohl hinabgleiten lassen …

– Ja, stimmte Phil Evans bei, im gegebenen Falle würde ich nicht zaudern …

– Ich auch nicht, versicherte Onkel Prudent. Ich füge noch hinzu, daß während der Nacht außer dem Steuermann auf dem Hintertheile Niemand wach ist. Eines jener Kabel liegt nun gewöhnlich auf dem Verdeck, und ohne gesehen und gehört zu werden, dürfte es möglich sein, dasselbe aufzurollen …

– Gut, gut, unterbrach ihn Phil Evans; ich sehe mit Vergnügen, Onkel Prudent, daß Sie jetzt weit ruhiger sind; das ist besser, wenn man handeln will. Augenblicklich freilich befinden wir uns auf dem Kaspi-See; verschiedene Fahrzeuge sind in Sicht. Der »Albatros« wird noch tiefer hinabgehen und während des Fischzuges anhalten … Könnten wir daraus keinen Vortheil ziehen? …

– Ah, man überwacht uns, selbst wenn wir nicht glauben, überwacht zu sein, antwortete Onkel Prudent. Sie haben’s ja gesehen, als wir versuchten, uns in den Hydaspis zu stürzen.

– Und wer sagt, daß wir nicht auch in der Nacht beobachtet sind? erwiderte Phil Evans.

– Einerlei, wir müssen ein Ende machen, rief Onkel Prudent, ein Ende machen mit diesem »Albatros« und seinem Besitzer!«

Man sieht, daß die beiden Collegen – und vorzüglich Onkel Prudent – unter der Aufregung des Zornes leicht dazu verführt werden konnten, die waghalsigsten und für ihre eigene Sicherheit vielleicht gefährlichsten Handlungen zu begehen.

Das Gefühl ihrer Ohnmacht, der verächtliche Spott, mit dem Robur sie behandelte, die derben Antworten, welche er ihnen ertheilte, Alles trug dazu bei, die Spannung ihrer Lage zu erhöhen, deren Druck jeden Tag deutlicher hervortrat.

An jenem Tage hätte übrigens ein neuer Auftritt bald einen höchst bedauerlichen Wortwechsel zwischen Robur und den beiden Collegen herbeigeführt, und Frycollin ahnte wohl kaum, daß er dazu die Veranlassung geben sollte.

Als er sich einmal über diesem Meere ohne Grenzen sah, bemächtigte sich des Hasenfußes wieder ein furchtbarer Schrecken. Wie ein Kind – und wie ein Neger, der er ja war – fing er an zu jammern zu klagen und zu protestiren und machte die tollsten Verrenkungen und Grimassen.

»Ich will fort! … Ich will weg von hier! rief er. Ich bin kein Vogel! … Ich bin nicht geschaffen zum Fliegen! … Ich will, daß ich auf der Erde abgesetzt werde, und das sogleich!«

Selbstverständlich bemühte sich Onkel Prudent keineswegs, ihn zu beruhigen, im Gegentheil. Das Heulen des Schwarzen erregte denn auch die Ungeduld Robur’s.

Da Tom Turner und die Anderen sich eben zum Fischfang anschickten, befahl der Ingenieur, um sich Frycollins zu entledigen, diesen in sein Ruff einzusperren. Der Neger setzte das vorige Unwesen fort, donnerte an die Wand und heulte aus Leibeskräften.

Es war jetzt Mittag. Der »Albatros« schwebte eben nur fünf oder sechs Meter über der Oberfläche des Meeres. Einige bei seiner Annäherung erschreckte Boote waren eiligst davongefahren. Dieser Theil des Kaspi-Sees mußte also bald ganz verlassen sein.

Man begreift leicht, daß die beiden Collegen unter diesen Verhältnissen, wo sie gelegentlich nur hätten mit dem Kopfe zu nicken brauchen, der Gegenstand erhöhter Aufmerksamkeit sein mußten und wirklich waren.

Doch selbst angenommen, daß sie sich über Bord gestürzt hätten, so wäre es doch leicht gewesen, sie mit Hilfe des Kautschukbootes des »Albatros« wieder einzufangen. Während dieses Fischzuges war also nichts zu thun, und Phil Evans betheiligte sich lieber selbst thätig dabei, während Onkel Prudent im Zustand fortwährend kochender Wuth sich in seine Cabine zurückzog.

Bekanntlich bildet der Kaspi-See eine beträchtliche Bodendepression wahrscheinlich vulcanischen Ursprunges. In dieses Becken ergießen sich die Gewässer sehr großer Ströme, wie der Wolga, des Ural, des Kur, der Kuma, Jemba u.A. Ohne die starke Verdunstung, welche dem Wasserbecken den Wasserüberfluß wieder entführt, hätte dieses siebzehntausend Quadratmeilen große Loch von fünf- bis sechshundert Fuß mittlerer Tiefe schon längst die niedrigen und sumpfigen Küsten im Norden und Osten überfluthet. Obgleich diese Schale weder mit dem Schwarzen, noch mit dem Aral-Meer in Verbindung steht, deren Niveau weit höher liegt, so ernährt es doch eine große Menge Fische – wohl zu bemerken aber nur solche, welche die stark hervortretende Bitterkeit seines Wassers, eine Folge der Naphthaquellen am Südende desselben, vertragen.

Bei dem Gedanken an die Abwechslung, welche dieser Fischzug ihrem gewohnten Speisezettel zu verleihen versprach, gab die Mannschaft des »Albatros« die Befriedigung, welche er derselben gewährte, deutlich genug zu erkennen.

»Achtung!« rief Tom Turner, der eben einen Fisch von ziemlich bedeutender Größe und ähnlich einem Haifisch harpunirt hatte.

Es war das ein prächtiger, gegen sieben Fuß langer Stör, von der Art, welche die Russen Belonga nennen, dessen mit Salz, Essig und Weißwein zugerichtete Eier den Caviar darstellen. Vielleicht sind die in den Flüssen gefangenen Störe noch schmackhafter als die aus dem Meere. Doch wurden letztere an Bord des »Albatros« mit großem Jubel begrüßt.

Noch weit ergiebiger gestaltete sich dieser Fischzug aber durch Anwendung von Schleppnetzen, in welchen es bald von Karpfen, Brachsen und Seehechten, vorzüglich von jenen mittelgroßen Sterlets wimmelte, welche reiche Feinschmecker lebend von Astrachan nach Moskau und Petersburg bringen lassen. Diese hier wanderten – ohne alle Transportkosten – unmittelbar aus ihrem natürlichen Element in die Siedekessel der Mannschaftsküche.

Die Leute Robur’s zogen mit großem Vergnügen die Leine ein, nachdem der »Albatros« sie mehrere Stunden lang langsam dahingeführt hatte. Der Gascogner Tapage (der Name bedeutet deutsch: Lärmen, Getöse) machte durch sein Jubelgeschrei seinem Namen alle Ehre. Eine Stunde genügte, alle Behälter des »Albatros« mit jenem Nahrungsmaterial zu füllen, und dieser fuhr darauf nach Norden zu weiter.

Während dieses Aufenthaltes hatte Frycollin nicht aufgehört, zu schreien, an die Wand seiner Cabine zu hämmern, mit einem Worte, einen unausstehlichen Lärm zu machen.

»Wird dieser verdammte Nigger denn nicht Ruhe halten lernen! sagte Robur, dem die Geduld nun wirklich zu Ende ging.

– Mir scheint, Herr Robur, daß er völlig Recht hat, sich zu beklagen, bemerkte Phil Evans.

– Ja, ganz wie ich das Recht habe, meinen Ohren diese Qual zu ersparen, erwiderte Robur.

– Ingenieur Robur! … ließ sich da der eben auf dem Verdeck erscheinende Onkel Prudent vernehmen.

– Herr Präsident des Weldon-Instituts?« …

Beide waren auf einander zugetreten und sahen sich eine Zeit lang in die Augen.

Dann zuckte Robur ein wenig die Achseln.

»An das Ende des Taues!« sagte er.

Tom Turner hatte ihn verstanden; Frycollin wurde aus seiner Cabine geholt.

Aber wie jämmerlich schrie er auf, als der Obersteuermann und einer von dessen Kameraden ihn ergriffen und in einer Art Korb festbanden, an dem sie sorgsam das Ende eines Taues festknüpften.

Es war das eines jener Taue, welche Onkel Prudent zu dem uns bekannten Zwecke benützen wollte.

Der Neger hatte zuerst geglaubt, er solle gehenkt werden … Nein, er sollte nur aufgehängt werden.

Das Tau wurde nämlich außen in der Länge von etwa hundert Fuß abgerollt und Frycollin schwebte damit frei in der Luft.

Jetzt stand es in seinem Belieben, zu schreien, so viel er wollte; der Schrecken schnürte ihm jedoch den Kehlkopf zu – er blieb stumm.

Onkel Prudent und Phil Evans hatten sich dem barbarischen Verfahren widersetzen wollen – sie wurden einfach zurückgestoßen.

»Das ist abscheulich! … Das ist Barbarei! rief Onkel Prudent, der darüber ganz außer sich war.

– Freilich! antwortete Robur.

– Das ist ein Mißbrauch der Gewalt, gegen den ich noch anders als durch Worte allein Einspruch erheben werde!

– Immer zu!

– Ich werde mich rächen, Ingenieur Robur!

– Rächen Sie sich getrost, Präsident des Weldon-Instituts.

– An Ihnen und Ihren Leuten!«

Die Mannschaft des »Albatros« hatte sich in nicht besonders wohlwollender Haltung genähert. Robur gab den Leuten ein Zeichen, sich zu entfernen.

»Ja, an Ihnen und Ihren Leuten … wiederholte Onkel Prudent, den sein College vergebens zu beruhigen suchte.

– Ganz wie es Ihnen beliebt, erwiderte der Ingenieur.

– Und ohne Rücksicht auf die Mittel!

– Genug, sagte jetzt Robur in drohendem Tone, genug! Es giebt noch mehr Taue an Bord! Schweigen Sie … oder … der Herr ganz wie der Diener.«

Onkel Prudent schwieg, aber nicht aus Furcht, sondern weil ihn eine wahre Erstickung beklemmte, so daß Phil Evans ihn in seine Cabine führen mußte.

Seit einer Stunde hatte sich das Wetter sehr merkbar verändert und es traten einzelne Zeichen hervor, welche keine Mißdeutung zuließen – ein Unwetter war im Anzug. Die elektrische Sättigung der Atmosphäre hatte einen so hohen Grad erreicht, daß Robur gegen zweieinhalb Uhr Zeuge einer bisher von ihm nie beobachteten Erscheinung wurde.

Im Norden, von wo das Unwetter herkam, stiegen dicht geballte, fast leuchtende Dünste auf – was jedenfalls von der verschiedenen und wechselnden elektrischen Spannung der Wolkenschichten herrührte.

Der Reflex von diesen Ansammlungen ließ Myriaden von Lichtern auf der Oberfläche des Meeres hintanzen, deren Intensität um so lebhafter wurde, je mehr der Himmel sich verfinsterte.

Der »Albatros« und jenes Meteor mußten bald zusammentreffen, da sie sich auf einander zu bewegten.

Und Frycollin? – Nun Frycollin folgte noch immer im Schlepptau – ja, das ist das richtige Wort, denn jenes Tau bildete einen weit offenen Winkel gegen den mit der Geschwindigkeit von hundert Kilometern hinfliegenden Apparat, wodurch der Korb nicht unerheblich zurückblieb.

Das Entsetzen des armen Teufels wird man sich unschwer ausmalen können, als die Blitze jetzt um ihn her aufzuckten und der Donner mit gewaltiger Macht durch die Himmelsräume rollte. Das ganze Personal bemühte sich angesichts dieses Unwetters so zu manövriren, daß sie entweder höher als dasselbe hinaufkamen oder in den unteren Luftschichten bald jenes im Rücken ließen.

Der »Albatros« befand sich eben ungefähr in mittlerer Höhe – etwa tausend Meter – als ein Donnerschlag von ungeheurer Heftigkeit über ihn hereinbrach, dem ein furchtbarer Windstoß folgte. Binnen wenigen Sekunden stürzten sich die feurigen Wolken auf den Aeronef.

Da raffte sich Phil Evans zusammen, um zu Gunsten Frycollins ein gutes Wort einzulegen und zu erklären, daß dieser wieder an Bord herangezogen würde.

Robur hatte eine solche Vermittlung aber gar nicht erst abgewartet und schon den nöthigen Befehl ertheilt. Jetzt waren die Leute bereits mit dem Einziehen des Taues beschäftigt, als sich eine plötzliche Verlangsamung der Rotation der Auftriebschrauben bemerkbar machte.

Robur sprang nach dem mittleren Ruff.

»Kraft! … Volle Kraft! rief er dem Maschinisten zu. Wir müssen schnell höher, als das Unwetter steht, emporsteigen.

– Es ist unmöglich, Herr Ingenieur.

– Warum?

– Die Ströme sind gestört … Es treten Unterbrechungen ein.«

In der That senkte sich der »Albatros« schon recht merkbar.

Ganz wie das bei Gewittern mit den Strömen in den Telegraphendrähten vorkommt, so versagten jetzt auch die Accumulatoren des Apparats den regelmäßigen Dienst; was aber nur eine Unbequemlichkeit ist, wenn es sich um Absendung von Depeschen handelt, wurde hier zur furchtbarsten Gefahr, das mußte damit enden, daß der Aeronef, ohne daß man seiner ferner Herr war, in’s Meer hinabstürzte.

»Lass‘ ihn sich senken, rief Robur, damit wir aus der elektrischen Zone herauskommen. Vorwärts, Jungen, bewahrt Euer kaltes Blut!«

Der Ingenieur hatte seine Commandobrücke bestiegen. Die Mannschaft war an ihrer Stelle und hielt sich bereit, jeder Anordnung ihres Herrn eiligst nachzukommen.

Obwohl der »Albatros« sich nur einige hundert Fuß gesenkt hatte, schwebte er doch immer noch in der dichten Wolkenschicht inmitten von Blitzen, die sich wie Raketen eines Feuerwerks kreuzten. Man mußte jeden Augenblick fürchten, daß ihn ein Blitzstrahl treffe. Die Bewegung der Schrauben verlangsamte sich noch mehr, und was bisher ein etwas Schnelleres Herabsinken war, drohte jetzt ein gefährlicher Sturz zu werden.

Zuletzt lag es auf der Hand, daß er in weniger als einer Minute auf der Meeresfläche angelangt sein mußte, und einmal in’s Wasser getaucht, hätte keine Macht ihn daraus zu befreien vermocht.

Plötzlich lagerte sich die elektrische Wolke dicht über ihnen. Der »Albatros« war jetzt nicht mehr als sechzig Fuß vom Kamm der Wellen entfernt. Binnen zwei bis drei Secunden drohten diese das Verdeck zu überfluthen.

Da benützte Robur noch den letzten Moment, stürzte nach dem mittleren Ruff hin und packte hier die Hebel für die Vorwärtsbewegung, wodurch die von den Batterien kommenden Ströme geschlossen wurden, auf welche die elektrische Spannung der umgebenden Atmosphäre keinen Einfluß äußerte … in einem Augenblick hatte er den Schrauben ihre normale Schnelligkeit wieder gegeben, den Sturz aufgehalten, und der »Albatros« hielt sich in geringer Höhe, entfloh jetzt aber mit rasender Eile dem Unwetter, das er bald hinter sich zurückließ.

Es bedarf wohl nicht besonderer Bemerkung, daß Frycollin, wenn auch nur für wenige Secunden, ein unfreiwilliges Bad genommen hatte. Als er an Bord zurückkam, war er durchnäßt, als hätte er die Tiefe des Meeres gemessen. Man wird es kaum glauben, aber er schrie nicht mehr.

Am nächsten Tage, am 4. Juli, hatte der »Albatros« die Nordgrenze des Kaspi-Sees überschritten.

XI.

XI.

In dem die Wuth des Onkel Prudent mit dem Quadrat der Geschwindigkeit zunimmt.

Wenn Onkel Prudent und Phil Evans je auf die Hoffnung, entfliehen zu können, verzichten mußten, so war das während der nun folgenden fünfzig Stunden der Fall. Befürchtete Robur, daß die Ueberwachung seiner Gefangenen bei der Fahrt über Europa weniger leicht sein möchte? Vielleicht. Er wußte ja übrigens, daß sie zu Allem entschlossen waren, um zu entweichen.

Doch, wie dem auch sein mochte, jeder Versuch wäre jetzt einem Selbstmorde gleichgekommen. Wenn Einer von einem Expreßzuge, der mit der Geschwindigkeit von hundert Kilometern in der Stunde dahinfliegt, herabspringt, so setzt er vielleicht sein Leben in Gefahr; wer das aber von einem zweihundert Kilometer in der Stunde dahinrasenden Blitzzuge versuchte, der kann nur den Tod wollen.

Eben diese Geschwindigkeit, die größte, die er anzunehmen im Stande war, war jetzt dem »Albatros« ertheilt worden. Er überholte noch den Flug der Schwalbe, die hundertachtzig Kilometer in der Stunde zurücklegen kann.

Hier mag auch bemerkt sein, daß bisher nordöstliche Winde in einer der Fortbewegung des »Albatros« sehr günstigen Ausdauer anhielten, da dieser in derselben Richtung, d. h. im Allgemeinen nach Westen zu flog. Dieser Wind begann aber allmählich abzuflauen, so daß es nachgerade unmöglich wurde, sich auf dem Verdeck zu halten, ohne die Athmung durch die Schnelligkeit der Bewegung fast aufgehoben zu sehen. Die beiden Collegen wären auch beinahe über Bord geschleudert worden, wenn sie nicht der Luftdruck an ihrem Ruff so zu sagen festgenagelt hätte.

Zum Glück bemerkte sie der Steuermann durch die Lichtpforten seiner Hütte, und eine elektrische Klingel setzte die auf dem Verdeck eingeschlossenen Mannschaften von ihrer Nothlage in Kenntniß.

Ueber das Verdeck hinkriechend, glitten vier Mann davon nach dem Hintertheil zu.

Diejenigen, welche sich in einem Sturm auf einem vor dem Winde liegenden Schiffe befunden haben, werden verstehen, welchen Druck der Wind dabei auszuüben vermag. Hier war es jedoch der »Albatros« selbst, der diesen durch seine maßlose Geschwindigkeit hervorrief.

Man mußte wirklich seinen Gang verlangsamen, was Onkel Prudent und Phil Evans gestattete, ihre Cabine wieder zu erreichen.

Im Inneren seiner Ruffs führte der »Albatros«, ganz wie der Ingenieur das versichert hatte, eine vollkommen athembare Atmosphäre mit sich.

Welche erstaunliche Festigkeit besaß aber dieser Apparat, um einer so schnellen Fortbewegung den nöthigen Widerstand leisten zu können. Die Triebschrauben am Bug und am Heck sah man gar nicht mehr sich drehen; sie pfiffen nur mit scharfem, durchdringendem Ton durch die Luft.

Die letzte, vom Bord aus gesehene Stadt war Astrachan gewesen, das ziemlich am nördlichsten Ende des Kaspi-Sees lag.

Der Stern der Wüste – jedenfalls hat ein russischer Dichter es so genannt – ist jetzt von der ersten Größe zur fünften oder sechsten zurückgegangen. Dieser sehr einfache Hauptort des Gouvernements hatte einen Augenblick seine alten, mit unnützen Zinnen gekrönten Mauern gezeigt, ebenso wie seine alten Thürme in der Mitte der Stadt, seine an Kirchen in modernem Stil angrenzenden Moscheen, seine Kathedrale mit fünf vergoldeten und mit blauen Sternen übersäeten Kuppeln, die einem ausgeschnittenen Stück Firmament glichen – das Ganze fast im Niveau der hier zwei Kilometer breiten Wolgamündung.

Von diesem Punkt aus war der Flug des »Albatros« schon mehr eine Art Ritt durch die Höhen des Himmels, als würde er von fabelhaften Hippogryphen fortgetragen, welche eine Meile mit jedem Flügelschlage zurücklegen.

Es war gegen zehn Uhr Morgens am 4. Juli, als der Aeronef, etwa dem Thale der Wolga folgend, nach Nordwesten weiter steuerte. An beiden Stromesufern hin dehnten sich die Steppen des Don und des Ural. Wäre es möglich gewesen, einen Blick auf diese ungeheuren Gebiete zu werfen, so hätte man die Städte und Dörfer darin kaum zählen können. Am Abend endlich zog der Aeronef über Moskau weg, ohne die auf dem Kreml flatternde Flagge zu salutiren. Binnen zehn Stunden hatte er die zweitausend Kilometer, welche Astrachan von der Hauptstadt aller Russen trennen, zurückgelegt.

Von Moskau nach Petersburg ist die Eisenbahnlinie nicht länger als zwölfhundert Kilometer, konnte also mehr Zeit als einen halben Tag nicht beanspruchen. So erreichte denn auch der »Albatros« mit der Pünktlichkeit eines Expreßzuges Petersburg und die Ufer der Newa gegen zwei Uhr Morgens. Die Helligkeit der Nacht, in der in so hoher Breite die Sonne nicht tief unter den Horizont nieder taucht, gestattete einen Augenblick, das Gesammtbild dieser großen Stadt zu überschauen.

Nachher folgte der finnische Meerbusen, das Inselgewirr von Abo, die Ostsee, Schweden in der Breite von Stockholm, Norwegen in der von Christiania – zweitausend Kilometer in nur zehn Stunden! Wahrlich, man hätte glauben können, daß keine menschliche Macht fernerhin im Stande wäre, die Geschwindigkeit des »Albatros« zu hemmen, als ob die Resultante seiner Treibkraft und der Anziehung der Erde ihn in unveränderlichem Kreislaufe um die Erde gefesselt hielte.

Danach unterbrach er seinen Lauf, und zwar genau über dem berühmten Wasserfall des Rjukanfos in Norwegen. Der Gusta, dessen Gipfel diesen herrlichen Theil von Telemarken beherrscht, erschien gleich einem riesenhaften Grenzwall, den er nach Westen nicht überschreiten durfte.

Von hier aus näherte sich der »Albatros« auch, ohne Verminderung seiner Geschwindigkeit, wieder mehr dem Erdboden.

Und was begann wohl Frycollin während dieser Fahrt ohne Gleichen?

Frycollin blieb stumm in seiner Cabine und schlief, mit Ausnahme der Zeit, wo gegessen wurde, so gut er konnte.

François Tapage leistete ihm dann Gesellschaft und ergötzte sich weidlich an seiner ewigen Angst.

»He, he, mein Junge, sagte er, Du heulst ja gar nicht mehr? Brauchst Dich gar nicht zu geniren! … Mit zwei Stunden aufgehängt sein ist Alles quitt gemacht! … He, bei der Schnelligkeit, mit der wir jetzt fahren, müßte das ein vortreffliches Luftbad gegen den Rheumatismus abgeben!

– Mir kommt es vor, als ob Alles in kurze und kleine Stücke ginge, antwortete Frycollin.

– Das ist wohl möglich, mein wackerer Frycollin; aber wir fliegen so schnell dahin, daß wir gar nicht mehr fallen könnten. Das ist doch auch eine Beruhigung.

– Glauben Sie?

– Bei meiner Gascogner-Ehre!«

Um die Wahrheit zu sagen und nicht zu übertreiben, wie François Tapage, so lag die Sache so, daß die Arbeit der Auftriebsschrauben infolge jener ungeheuren Geschwindigkeit jetzt ein wenig vermindert war, der Aeronef glitt auf den Luftschichten etwa hin, wie eine Congrève’sche Rakete.

»Und das wird noch lange so fortdauern? sagte Frycollin.

– Lange? … O nein! antwortete der Koch, nur das ganze Leben lang.

– Ach! seufzte der Neger, wieder mit seinen Klagen beginnend.

– Nimm Dich in Acht, Frycollin, nimm Dich in Acht! rief da François Tapage, denn, wie man bei mir zu Hause sagt, der Herr könnte Dich auf die Schaukel hinaussetzen.«

Und mit den Bissen, die er gleich doppelt in den Mund steckte, würgte Frycollin auch seine Seufzer hinunter.

Während dessen entwarfen Onkel Prudent und Phil Evans, welche nicht dazu angethan waren, sich unnütz zu beklagen, einen wohl durchdachten Plan. An Ausführung eines Fluchtversuches war ja unmöglich zu denken. Doch wenn sie den Fuß auch nicht auf die Erde setzen konnten, war es nicht denkbar, den Erdenbewohnern mitzutheilen, was nach ihrem Verschwinden aus dem Vorsitzenden und dem Schriftführer des Weldon-Instituts geworden war, wer sie geraubt hatte, auf welcher fliegenden Maschine sie sich befanden, um vielleicht – aber, lieber Gott, auf welche Weise? – einen kühnen Versuch ihrer Freunde, sie den Händen Robur’s zu entreißen, herbeiführen zu können?

Doch wie sollten sie von sich Nachricht geben? Hätte es dazu hingereicht, die Methode der Seeleute nachzuahmen, welche ein Schriftstück mit Bezeichnung der Stelle des Schiffbruchs in eine Flasche stecken und diese in’s Meer werfen?

Hier vertrat die Stelle des Meeres aber die Atmosphäre. Die Flasche konnte darauf natürlich nicht schwimmen. Fiel dieselbe nicht gerade auf einen zufällig Vorübergehenden, dem sie recht gut den Schädel zerschmettern konnte, so lag die Vermuthung nahe, daß sie niemals aufgefunden wurde.

Die beiden Collegen hatten leider kein anderes Mittel zur Verfügung und sie standen schon im Begriff, eine Flasche des Luftfahrzeuges zu opfern, als dem Onkel Prudent noch ein anderer Gedanke kam. Er schnupfte, wie wir wissen, und diese kleine Untugend darf man einem Amerikaner, der weit schlimmere Unsitten hätte an sich haben können, wohl nachsehen. Als Schnupfer besaß er natürlich auch eine Dose, die jetzt schon längst leer war. Diese Dose war aus Aluminium gearbeitet. Warf er dieselbe hinaus, so durfte man hoffen, daß jeder ehrbare Bürger, der sie fand, sie auch aufheben werde. Hob er sie auf, so lieferte er sie auch bei der Polizei ab, und hier würde man Kenntniß nehmen von dem Document, welches dazu dienen sollte, die Lage der beiden Opfer Robur des Siegers kund zu geben.

Das wurde denn auch ausgeführt. Das kurze einzuschließende Schriftstück sagte Alles und trug daneben die Adresse des Weldon-Instituts mit der Bitte, dasselbe dahin zu befördern.

Nachdem Onkel Prudent das Papier eingelegt, umwickelte er die Dose sorgsam mit einem dicken wollenen Band, um zu verhüten, daß dieselbe sich während des Falles schon öffne und durch das Aufschlagen nicht in Stücke gehe. Jetzt galt es nur noch eine günstige Gelegenheit abzuwarten.

Das Schwerste bei der ganzen Sache war es aber während dieser merkwürdigen Fahrt über Europa, das Ruff zu verlassen, über das Verdeck zu kriechen, auf die Gefahr hin, fortgerissen zu werden, und das ganz heimlich durchzuführen. Andererseits kam es darauf an, daß die Dose nicht in ein Meer, einen Golf, See oder einen anderen Wasserlauf fiel, denn damit – wäre sie ja verloren gewesen.

Jedenfalls schien es aber nicht unmöglich, daß die beiden Collegen sich durch dieses Mittel mit der bewohnten Welt in’s Einvernehmen setzen konnten.

Eben jetzt wurde es jedoch Tag und es schien rathsamer, die Nacht abzuwarten und entweder eine Verminderung der Geschwindigkeit oder einen Halt zu benützen, um das Ruff zu verlassen. Vielleicht konnten sie dann die Reeling erreichen und die kostbare Dose genau über einer Stadt herunterfallen lassen.

Doch selbst bei dem Zusammentreffen aller günstigen Umstände hätte das Vorhaben nicht gleich zur Ausführung gebracht werden können – wenigstens nicht am heutigen Tage.

Nachdem der Aeronef nämlich Norwegen in der Höhe des Gusta verlassen, hatte er sich nach dem Süden zu gewendet und folgte jetzt genau dem französischen Meridian Null, der bekanntlich über Paris verläuft. Er schwebte also über die Nordsee hinweg, nicht ohne an Bord der Tausende von Küstenfahrern, welche zwischen dem Festlande und England verkehren, das größte Aufsehen zu erregen. Fiel die Dose hier nicht gerade auf das Deck eines solchen Schiffes, so hatte sie die gegründete Aussicht, auf Nimmerwiedersehen in der Tiefe zu versinken.

Onkel Prudent und Phil Evans sahen sich also genöthigt, einen günstigeren Augenblick abzuwarten. Da sollte sich ihnen, wie wir sehen werden, bald eine besonders geeignete Gelegenheit darbieten.

Gegen zehn Uhr Abends erreichte der »Albatros« die Küste Frankreichs, nahezu in der Höhe von Dunkerque. Die Nacht war ziemlich dunkel. Einen Augenblick konnte man den Leuchtthurm von Gris-Nez seine elektrischen Lichtstrahlen mit denen von Dover kreuzen sehen, die also den Canal in seiner ganzen Breite erhellten. Dann steuerte der »Albatros« über Frankreich hin und hielt sich dabei in einer mittleren Höhe von etwa tausend Metern.

Seine Geschwindigkeit hatte sich freilich nicht geändert. Wie eine Bombe flog er über Städte, Schlösser und Dörfer hinweg, die so zahlreich in den fruchtbaren Provinzen des nördlichen Frankreichs zerstreut liegen. Es waren das unter dem Meridiane von Paris nach Dunkerque, Doullons, Amiens, Creil, St. Denis … Immer hielt jener dabei eine gerade Linie ein. So gelangte er gegen Mitternacht über die »Stadt des Lichts«, welche diesen Namen wenigstens verdient, wenn ihre Einwohner schlafen oder doch schlafen sollten.

Welch‘ sonderbare Laune veranlaßte nun den Ingenieur gerade über der Stadt Paris einmal anzuhalten? Niemand weiß es. Jedenfalls aber senkte sich hier der »Albatros« so weit, daß er nur wenige hundert Fuß über derselben schwebte. Robur trat aus seiner Cabine hervor und auch die ganze Mannschaft erschien, um lustwandelnd einmal frische Luft zu schöpfen, auf dem Verdeck.

Onkel Prudent und Phil Evans achteten wohl darauf, die sich jetzt bietende ausgezeichnete Gelegenheit nicht vorüber gehen zu lassen. Beide suchten sich, sobald sie aus ihrem Ruff getreten waren, von den Anderen entfernt zu halten, um den rechten Augenblick zur Ausführung ihres Vorhabens auswählen zu können. Auf keinen Fall sollten die Anderen etwas davon merken.

Einem gigantischen Käfer ähnlich zog der »Albatros« so langsam über die Stadt hin. Er überschritt die Linie der Boulevards, welche durch Edison’sche Lampen in hellem Tageslichte lagen. Das Geräusch der Wagen, welche noch durch die Straßen jagten, und das Rollen der Züge auf den vielen, in Paris zusammentreffenden Bahnlinien drang bis zu ihm hinauf.

Dann glitt er in der Höhe der höchsten Bauwerke hin, als hätte er die Kugel vom Pantheon oder das Kreuz vom Invalidendom abstreifen wollen. Er steuerte zwischen den beiden Minarets des Trocadero hindurch nach dem eisernen Thurm des Marsfeldes, dessen ungeheurer Reflector die ganze Hauptstadt mit elektrischem Lichte überströmte.

Diese Luftpromenade, dieses Flaniren in der Nacht, währte etwa eine Stunde. Es glich einer Station in den Lüften vor Fortsetzung der endlosen Reise.

Der Ingenieur Robur wollte dabei den Parisern offenbar den Anblick eines Meteors bereiten, das ihre Astronomen noch niemals gesehen oder nur geahnt hatten. Die Signallichter des »Albatros« wurden in Function gesetzt. Zwei glänzende Strahlenbündel ergossen sich über die Plätze, die Häuservierecke, Gärten und die sechzigtausend Häuser der Stadt, indem sie ungeheure Lichtmassen von einem Horizont zum anderen schweifen ließen.

Gewiß – diesmal war der »Albatros« gesehen worden, und nicht allein gesehen, sondern auch gehört worden, denn Tom Turner hatte die Trompete hervorgeholt und eine schmetternde Fanfare über die Stadt hin ertönen lassen. In diesem Augenblick beugte sich Onkel Prudent ein wenig über die Reeling, öffnete die Hand und ließ die Dose fallen.

Fast gleichzeitig erhob sich der »Albatros« wieder sehr schnell.

Da schallte durch die Höhe des Pariser Himmels ein vieltausendfältiges Hurrah aus der Menge, das sich über die Boulevards fortpflanzte – ein Hurrah der Verwunderung über das unvorhergesehene, phantastische Meteor.

Plötzlich erloschen die Lichtquellen des Aeronefs und rund um ihn wurde es wieder dunkel und still; darauf nahm er seine Fahrt mit der Geschwindigkeit von zweihundert Kilometern in der Stunde wieder auf.

Das war Alles gewesen, was seine Insassen von der Hauptstadt Frankreichs hatten sehen sollen.

Um vier Uhr Morgens hatte der »Albatros« das ganze Land schon überflogen. Um keine Zeit mit der Ueberschreitung der Pyrenäen oder der Alpen zu verlieren, glitt er jetzt an der Oberfläche der Provence bis zur Spitze des Cap d’Antibes hin.

Um neun Uhr blieben die auf der Terrasse des St. Peters-Domes versammelten Römer verblüfft stehen, als sie ihn über die Ewige Stadt hinwegschweben sahen. Zwei Stunden später schwankte er hoch über dem Golf von Neapel, einen Augenblick in der Rauchsäule des Vesuvs. Nachdem er dann das Mittelmeer in schräger Richtung überschritten, wurde er in der ersten Nachmittagsstunde von den Wachtposten in La Golette an der tunesischen Küste beobachtet.

Von Amerika über Asien! Von Asien über Europa! Mehr als dreißigtausend Kilometer hatte der wunderbare Apparat in weniger als dreiundzwanzig Tagen zurückgelegt.

Und jetzt zog er majestätisch über die bekannten und unbekannten Landmassen Afrikas dahin!

*

Vielleicht wünscht der Leser zu erfahren, was nach dem Herabfallen aus der berühmten Schnupftabaksdose geworden war?

Die Dose war in der Rivoli-Straße vor dem Hause Nummer 210 zu einer Zeit niedergefallen, wo diese Straße gerade ziemlich leer war. Am folgenden Morgen wurde sie von einer ehrlichen Straßenkehrerin aufgefunden, welche sich beeilte, dieselbe auf der Polizei-Präfectur abzuliefern.

Hier hielt man sie zuerst für einen explodirenden Körper und wickelte sie mit derselben allergrößten Vorsicht auf, wie sie zuletzt geöffnet wurde.

Da trat wirklich eine Art Explosion ein … Ein furchtbares Niesen, dessen sich der Sicherheitschef nicht zu erwehren vermochte.

Dann zog man das Schriftstück aus der Dose und las zum allgemeinen Erstaunen wie folgt:

»Onkel Prudent und Phil Evans, Vorsitzender und Schriftführer des Weldon-Instituts zu Philadelphia, entführt durch den Aeronef des Ingenieur Robur.

Freunden und Bekannten davon Nachricht zu geben.

Onkel Prudent und Phil Evans.«

Hiermit war die unerklärliche Erscheinung den Bewohnern beider Welten endlich erklärt, und die vielen Gelehrten an den Observatorien, welche es auf der Erde giebt, gewannen die längst verlorene Ruhe endlich wieder.

XII.

XII.

In dem der Ingenieur Robur handelt, als ob er sich um einen der Monthyon-Preise bewerben wollte.

Bei dieser Erdumkreisung des »Albatros« drängen sich wohl von selbst ganz verschiedene Fragen auf; zum Beispiel:

Wer ist überhaupt dieser Robur, von dem bisher nichts als der Name bekannt ist? Verbringt er sein Leben ganz in der Luft? Ruht sein Aeronef niemals aus? Hat er nicht vielleicht eine Zuflucht an unzugänglichem Orte, an dem er selbst wenn er der Ruhe nicht bedürfte, sich wenigstens mit neuen Vorräthen versorgt? Es wäre doch merkwürdig, wenn das nicht so sein sollte. Auch die mächtigsten Segler der Lüfte haben ja irgendwo einen Horst oder ein Nest.

Und weiter: Was gedenkt der Ingenieur mit den beiden, ihn doch nur belästigenden Gefangenen zu beginnen? Beabsichtigt er sie in seiner Gewalt zu behalten und für ewig zu verdammen, mit ihm umherzufliegen? Oder wird er ihnen, nachdem er sie über Afrika, Südamerika, Austral-Asien, den Indischen, den Atlantischen und den Stillen Ocean hinweggeführt, um sie wider Willen zu seinen Anschauungen zu überzeugen, die Freiheit wieder schenken, etwa mit den Worten:

»Jetzt, meine Herren, hoffe ich, werden Sie sich bezüglich des Grundsatzes: »Schwerer, als die Luft«, nicht mehr so ungläubig zeigen!–?«

Auf diese Fragen läßt sich vorläufig noch keine Antwort geben; dies ist ein Geheimniß der Zukunft; vielleicht wird dasselbe eines Tages entschleiert werden.

Auf keinen Fall schickte der Vogel Robur sich aber an, jenes angedeutete Nest an der Nordküste Afrikas aufzusuchen. Im Laufe des Tages strich er noch, je nach Laune, bald dahinrasend, bald langsamer schwebend, vom Cap Bon bis zum Cap Carthago über die Regentschaft Tunis hin. Darauf wandte er sich mehr dem Landesinneren zu und schlug den Weg durch das wundervolle Thal der Medjerda ein, indem er dem gelblichen, unter Cactus und Rosenbüschen verborgenen Wasserlauf derselben folgte. Zu vielen Hunderten flogen Vögel auf, die in langen Reihen auf den Telegraphendrähten saßen, als wollten sie die Depeschen beim Durchgang abfangen und auf ihren Flügeln weiter tragen.

Mit Einbruch der Nacht schwebte der »Albatros« über den Grenzen von Krumirien, und wenn noch ein Krumir wach war, so unterließ er es gewiß nicht, das Gesicht auf die Erde niederzuwerfen und Allah bei der Erscheinung dieses riesenhaften Adlers um Schutz und Hilfe anzuflehen.

Am folgenden Morgen waren Bona und die schönen Hügel seiner Umgebung in Sicht, später Philippeville, jetzt ein kleines Algier, mit seinen bogenförmigen Quais, seinen herrlichen Weingärten, deren grünende Reben der ganzen Landschaft ihren Charakter verleihen, einer Landschaft, welche aus Bordelais und den gesegneten Gebieten von Burgund herausgeschnitten zu sein scheint.

Diese Spazierfahrt von fünfhundert Kilometern über Groß- und Klein-Kabylien hinweg endigte gegen Mittag in der Höhe der Kasbah von Algier. Welch‘ schönes Bild bot sich da den Passagieren des Aeronefs! Die offene Rhede zwischen Cap Matifu und der Pescade-Spitze, das mit Palästen, Maravuts und Landhäusern besäete Uferland; die launenhaft gewundenen Thäler mit ihrem Mantel von Weinstocken; das tiefblaue Mittelmeer, das die hier kleinen Booten gleichenden transatlantischen Dampfer durchfurchen. So ging es weiter bis zu dem malerischen Oran, dessen in den Gartenanlagen der Citadelle versammelte Bewohner den »Albatros« mit den ersten aufleuchtenden Sternen verschmelzen sahen.

Wenn Onkel Prudent und Phil Evans sich fragten, welcher Laune der Ingenieur Robur nachgebe, als er ihr fliegendes Gefängniß über Algerien – die Fortsetzung Frankreichs an der Südküste des Mittelmeeres – hinführte, so mußten sie die Ueberzeugung gewinnen, daß diese Laune zwei Stunden nach Sonnenuntergang befriedigt sei. Eine Wendung des Steuerruders lenkte den »Albatros« nach Südosten ab, und dieser sah am folgenden Tage, nachdem er die bergige Gegend des Tell überstiegen, die Sonne über dem Wüstensande der Sahara aufgehen.

Am 8. Juli wurde nun folgende Reiseroute zurückgelegt: Zuerst erblickte man den kleinen Flecken Géryville, der, wie Laghuat, an der Grenze der Wüste gegründet wurde, um die endliche Eroberung von Kabylien zu erleichtern; nachher passirte man den Kamm von Stillen, und zwar bei dem herrschenden heftigen Gegenwinde nicht ohne Schwierigkeit. Weiter ging es über die Wüste hin, bald langsam oberhalb der grünenden Oasen oder Ksars, bald mit wilder Schnelligkeit, welche den Flug der Lämmergeier überholte. Manchmal mußte sogar auf diese gewaltigen Raubvögel Feuer gegeben werden, die sich, zu zwölf und fünfzehn vereinigt, selbst nicht scheuten, zum größten Schrecken Frycollins sich auf den Aeronef zu stürzen.

Wenn diese Lämmergeier nur durch furchtbares Geschrei, durch Schnabelhiebe und Krallenschläge zu antworten vermochten, so verschonten die nicht minder wilden Eingeborenen ihn nicht mit Flintenschüssen, vorzüglich als er über die Berge von Sel gekommen war, deren grüne und violette Grundmasse da und dort durch den weißen Mantel blickte. Jetzt schwebte das Luftschiff schon über der großen Sahara, wo an verschiedenen Stellen noch Reste der Lagerstätten Abd-el-Kader’s zu bemerken waren. Hier – und vorzüglich unter den Verbündeten Beni-Myal – bietet das Land für den europäischen Reisenden noch immer ernste Gefahren.

Jetzt mußte der »Albatros« wieder in höhere Zonen flüchten, um einem daherrasenden Samum zu entgehen, der eine gewaltige Welle röthlichen Sandes auf der Erde vor sich hintrieb, wie die steigende Fluth die Brandungswelle im Ocean. Weiterhin entluden die öden Hochplateaus der Chebka ihre schwärzlichen Lavamassen bis herunter zu dem frischen, grünen Thale des Ain-Massin. Schwerlich vermöchte sich Jemand größere Mannigfaltigkeit der Landschaften vorzustellen, welche der Blick hier in weitem Umfange umfaßte. Auf baum- und buschbedeckte Hügel folgten da lange graue Bodenwellen, gleich den Falten eines arabischen Burnus. In der Ferne erschienen »Oueds« mit brausenden Bergströmen, Wälder von Palmen, kleine Ansammlungen von Hütten, welche entweder einen Hügel krönten oder eine Moschee umrahmten, unter anderen Metliti, wo ein religiöser Häuptling, der große Marabut Sidi Scheik, seinen Sitz hat.

Während der Nacht wurden mehrere hundert Kilometer über ein ziemlich ebenes, nur von Dünen unterbrochenes Gebiet zurückgelegt. Hätte der »Albatros« hier Halt machen wollen, so würde er in der Niederung der unter einem ungeheuren Palmenwald versteckten Oase Uargla die Erde erreicht haben. Sehr deutlich zeigte sich die Stadt mit ihren drei bestimmt unterschiedenen Quartieren, mit dem alten Palast des Sultans, einer Art befestigter Kasbah, ihren Häusern aus Backsteinen, welche erst die glühende Sonne hart brennt, und mit ihren im Thale erbohrten artesischen Brunnen, an denen der Aeronef seinen Wasservorrath hätte erneuern können. Dank seiner außerordentlichen Schnelligkeit aber füllte das im Thale von Kaschmir aus dem Hydaspis geschöpfte Wasser noch immer die Vorrathstonnen, selbst in den Wüsten von Afrika, an.

Der »Albatros« wurde von den Arabern, den Mozabiten und den Negern, welche sich in die Oasen von Uargla theilen, unzweifelhaft bemerkt, denn es begrüßten ihn von hier aus Hunderte von Gewehrschüssen, ohne daß die Kugeln ihn hätten erreichen können.

Dann kam die Nacht, die grabesstille Wüstennacht, deren Geheimnisse Felicien David so hochpoetisch geschildert hat.

Während der folgenden Stunden kehrte man wieder nach Südwesten zurück und kreuzte die Straßen von El Golea, deren eine im Jahre 1859 durch den unerschrockenen Duveyrier entdeckt worden war.

Rings herrschte tiefe Finsterniß. Nichts war zu sehen von der nach den Plänen Duponchel’s zu erbauenden Sahara-Bahn, dem langen Eisenbande, das Algier mit Timbuctu über Leghuat und Gardaia verknüpfen und später bis zum Golf von Guinea fortgesetzt werden soll.

Der »Albatros« gelangte nun in die äquatorialen Gebiete jenseits des Wendekreises des Krebses. Tausend Kilometer von der Nordgrenze der Sahara überschritt er die Straße, wo der Major Loiny 1846 den Tod fand; er kreuzte den Weg der Caravane von Marokko nach dem Sudan, und über dem Theile der Wüste, in dem die Tuarys hausen, hörte er, was man den »Gesang des Sandes« zu nennen pflegt, ein sanftes, klagendes Murmeln, das dem Erdboden zu entsteigen scheint.

Nur ein einziger Zwischenfall ereignete sich hier; eine Wolke von Heuschrecken zog in großer Höhe daher und aus derselben fiel nun eine so große Menge an Bord, daß das Luftschiff davon unterzugehen drohte. Die Mannschaft beeilte sich jedoch, die unerwünschte Last wieder abzuwerfen, bis auf mehrere hundert Stück, welche François Tapage für sich in Anspruch nahm. Er richtete dieselben auf so ausgezeichnet schmackhafte Weise zu, daß Frycollin darüber sogar einmal seine eigene Angst vergaß.

»Das schmeckt so gut, wie die besten Krabben!« sagte er.

Man befand sich jetzt tausendachthundert Kilometer von der Oase Uargla entfernt, fast auf der Nordgrenze des ungeheuren Königreichs Sudan.

Gegen zwei Uhr Nachmittags wurde auch am Knie eines großen Stromes eine Stadt sichtbar. Dieser Strom war der Niger – die Stadt war Timbuctu.

Wenn dieses afrikanische Mekka bisher nur von kühnen Reisenden der Alten Welt, von einem Batouta, Khazan, Imbert, Mungo-Park, Adams, Loiny, Laillé, Barth, Lenz und Anderen besucht worden war, so konnten von heute ab, und zwar Dank den Zufälligkeiten eines Abenteuers ohne Gleichen, auch zwei Amerikaner »de visu«, »de auditu« und obendrein »de olfactu« davon bei ihrer Heimkehr nach Amerika reden – wenn sie überhaupt einmal dahin zurückgelangten.

»De visu«, weil sie alle Ecken des fünf bis sechs Kilometer großen Dreiecks, das die Stadt bildet, übersehen konnten; – »de auditu«, weil an diesem Tage großer Markt abgehalten wurde, bei dem es ohne einen Heidenlärmen nicht abgeht; – »de olfactu«, weil der Geruchsnerv sehr unangenehm erregt werden mußte durch die Dünste des Yubu-Kamo-Platzes, auf dem sich dicht neben dem alten Palaste der Könige die Fleischverkaufshalle erhebt.

Jedenfalls glaubte der Ingenieur den Vorsitzenden und den Schriftführer des Weldon-Instituts darauf aufmerksam machen zu sollen, daß es die höchste Zeit sei, sich die Königin des Sudans zu betrachten, die sich jetzt in den Händen der Touaregs von Laganet befindet.

»Timbuctu, meine Herren!« sagte er zu ihnen in demselben Tone, in dem er zwölf Tage früher zu ihnen »Indien, meine Herren!« gesagt hatte.

Dann fuhr er fort:

»Timbuctu, unter 18 Grad nördlicher Breite und 5 Grad 56 Minuten westlicher Länge von Paris, zweihundertfünfundvierzig Meter über dem mittleren Niveau des Meeres gelegen. Eine bedeutende Stadt von zwölf- bis dreizehntausend Einwohnern, die sich ehedem durch Kunst und Wissenschaft auszeichnete. – Vielleicht hätten Sie den Wunsch, hier einige Tage Halt zu machen?«

Ein solches Angebot des Ingenieurs konnte nur ironisch gemeint sein.

»Indeß, fuhr er fort, es möchte für Fremde einigermaßen gefährlich werden, inmitten von Negern, Berbern, Fullahs und Arabern, welche hier wohnen, vorzüglich wenn wir bedenken, daß die Ankunft des Aeronefs ihr Mißfallen erregt haben dürfte.

– Mein Herr, erwiderte Phil Evans in derselben Tonart, für das Vergnügen, Sie verlassen zu können, würden wir gern die Gefahr auf uns nehmen, von den Eingeborenen hier übel empfangen zu werden. Ein Kerker ist so gut wie der andere, aber Timbuctu immer noch besser, als der »Albatros«.

– Das sind Geschmackssachen, versetzte der Ingenieur. Auf keinen Fall möchte ich das Abenteuer wagen, denn ich bin verantwortlich für die Sicherheit der Gäste, welche mir die Ehre anthun, mit mir zu reisen …

– Sie begnügen sich also nicht mehr, Ingenieur Robur, platzte jetzt Onkel Prudent, dem die Galle überlief, heraus, mit der Rolle unseres Kerkermeisters – nein, Sie müssen uns auch noch beleidigen?

– O, das war höchstens eine erlaubte Ironie!

– Giebt es denn keine Waffen an Bord?

– Gewiß, ein ganzes Arsenal.

– Zwei Revolver würden genügen, wenn ich den einen nehme und Sie, mein Herr, den anderen.

– Ein Duell, rief Robur, ein Duell, das Einem von uns das Leben kosten könnte!

– Nein, ihm gewiß kosten würde!

– Nein, nein, mein Herr Präsident des Weldon-Instituts, ich ziehe es vor, Sie am Leben zu erhalten.

– Um sicherer zu sein, daß Sie selbst leben bleiben. Das ist sehr klug.

– Klug oder nicht, mir paßt es eben. Es steht Ihnen völlig frei, darüber anders zu denken und Klage zu erheben, wenn Sie es können.

– Das ist schon geschehen, Ingenieur Robur!

– Wirklich?

– War es denn bei unserer Fahrt über die bewohnten Gegenden Europas so schwierig, ein Schriftstück hinunterfallen zu lassen …

– Das hätten Sie gethan? unterbrach ihn Robur, in dem der Zorn hell aufloderte.

– Und wenn wir es gethan hätten?

– Wenn Sie es gethan hätten, verdienten Sie …

– Was denn, mein Herr Ingenieur?

– Daß man Sie Ihrem Schreiben über Bord nachfliegen ließe!

– So werfen Sie uns über Bord … Wir haben es gethan!« rief Onkel Prudent.

Robur trat auf die beiden Collegen zu. Auf ein Zeichen von ihm waren Tom Turner und einige seiner Kameraden herzugelaufen. Ja, der Ingenieur hatte verzweifelte Lust, seine Drohung zur Ausführung zu bringen, und ohne Zweifel zog er sich nur aus Besorgniß, ihr nicht widerstehen zu können, plötzlich in seine Cabine zurück.

»Sehr schön! sagte Phil Evans.

– Und was er zu thun nicht wagte, erklärte Onkel Prudent, das werde ich wagen, ich, ja, ich werde es thun!«

In diesem Augenblick liefen die Bewohner von Timbuctu auf den Plätzen und Straßen der Stadt zusammen und sammelten sich auf den Terrassen der amphitheatralisch erbauten Häuser.

In den reichen Vierteln von Sankore und Sarahama, wie in den elenden kugelförmigen Hütten des Quartiers Raguidi donnerten die Priester von den Spitzen der Minarets die schlimmsten Flüche und Verwünschungen gegen das Ungeheuer in der Luft. Das war indeß unschädlicher, als Flintenkugeln.

Und auch bis zum Hafen von Kabara an der scharfen Biegung des Niger war Alles, was sich auf Schiffen und Booten befand, in lebhafterer Bewegung. Wenn der »Albatros« hier zur Erde niedergegangen wäre, die Leute hätten ihn in Stücke gerissen.

Während einiger Stunden folgten ihm schreiend und an Schnelligkeit wetteifernd lärmende Schaaren von Störchen, Haselhühnern und Ibissen; sein rascher Flug hatte dieselben aber bald hinter sich zurückgelassen.

Gegen Abend ertönte ein dumpfes Grollen und Murren von zahlreichen Elephanten und Büffelheerden, welche in diesen, durch ganz besondere Fruchtbarkeit ausgezeichneten Gebieten umherirrten.

Während vierundzwanzig Stunden entrollte sich die ganze zwischen dem Meridian 0 und dem 2. Grade der Länge zwischen dem Knie des Stromes gelegene Gegend unter dem »Albatros« gleich einem Wandelpanorama.

Ja, wenn ein Geograph einen solchen Apparat zur Verfügung gehabt hätte, wie leicht wäre es ihm dann nicht gewesen, eine topographische Aufnahme des Landes auszuführen, die höchsten Punkte zu messen, den Lauf der Ströme und ihrer Nebenflüsse zu bestimmen und die Lage der Städte und Dörfer festzusetzen. Dann gäbe es in den Karten von Inner-Afrika nicht mehr so viel leere Stellen, so viel nur mit blassen Farben markirte Länder – und keine punktirte Linien und unsichere Abgrenzungen mehr, welche die Kartographen zur Verzweiflung bringen.

Am Morgen des 11. überschritt der »Albatros« die Berge des nördlichen Guinea zwischen dem Sudan und dem Golf, der dessen Namen trägt. Am Horizont erhoben sich schon in undeutlicher Linie die Kong-Berge des Königreichs Dahomey.

Seit der Abfahrt von Timbuctu hatten Onkel Prudent und Phil Evans beobachten können, daß sie stets die Richtung von Norden nach Süden eingehalten hatten. Sie schlossen daraus, daß sie, wenn hierin keine Aenderung eintrat, sechs Grade weiter die Aequinoctiallinie erreichen mußten. Sollte der »Albatros« sich wirklich vom Festland ganz wegwenden und hinaus, nicht auf das Behring-Meer, den Caspis-See, die Nordsee und das Mittelmeer, sondern auf den Atlantischen Ocean wagen wollen?

Diese Aussicht war für die beiden Collegen, welche damit jede Gelegenheit, zu entfliehen, verloren, freilich keine besonders angenehme.

Der »Albatros« bewegte sich jetzt jedoch nur langsam vorwärts, als zögere er noch, das afrikanische Gebiet zu verlassen. Der Ingenieur dachte indeß keineswegs an eine Umkehr, nur fesselte das Land, über welches sie kamen, seine Aufmerksamkeit im höchsten Grade.

Es ist allgemein und war ihm nicht minder bekannt, daß das Königreich Dahomey an der Westküste Afrikas eines der mächtigsten ist. Stark genug, um sich mit dem benachbarten Reiche der Aschantis im Kampfe messen zu können, sind seine Grenzen doch sehr beschränkt, denn es mißt nur fünfundzwanzig (englische) Meilen von Nord nach Süd und gegen sechzig Meilen von Ost nach West; seine Einwohnerzahl beläuft sich jedoch auf 7-800.000 Seelen, seitdem es die bisher unabhängigen Gebiete von Ardrah und Wydoch annectirt hat.

Wenn dieses Königreich Dahomey also auch nicht groß ist, so hat es doch recht oft von sich reden gemacht. Es wurde zeitig berühmt durch die entsetzlichen Grausamkeiten, welche daselbst beim Jahreswechsel begangen werden, durch die Menschenopfer, die furchtbaren Hekatomben, welche gewöhnlich dem verstorbenen und dem seine Stelle ersetzenden Könige dargebracht werden. Ja, es gehört so zu sagen zum guten Ton, daß der König von Dahomey, wenn er den Besuch einer hohen Person oder etwa eines Gesandten erhält, diesem zu Ehren einem Dutzend Gefangenen die Köpfe abschlagen läßt – abschlagen durch seinen Minister der Justiz, den »Minghan«, der sich seiner Aufgabe als Henker vortrefflich entledigt.

Zur Zeit, als der »Albatros« die Grenze von Dahomey überschritt, war eben der König Lahadu verstorben und die ganze Bevölkerung schritt zur Feier der Thronbesteigung seines Nachfolgers. Daher herrschte im ganzen Lande eine große Aufregung und Bewegung, welche Robur nicht hatte entgehen können.

Lange Züge von Landbewohnern Dahomeys drängten sich nach Abomey, der Hauptstadt des Reiches, hin. Ueberall zeigte das Land wohlunterhaltene Straßen, welche durch weite, mit sehr hohem Grase bewachsene Ebenen verlaufen. Ungeheure Maniocfelder, Wälder voll herrlicher Palmen, Cocosnußbäume, Mimosen, Orangen- und Mangobäume, deren Düfte bis zum »Albatros« hinaufstiegen, während Tausende von Papageien und Cardinälen aus dem dunklen Grün aufflatterten.

Ueber die Reeling gebeugt und in Gedanken versunken, wechselte der Ingenieur nur wenige Worte mit Tom Turner.

Es schien übrigens nicht, als ob der »Albatros« von vornherein die Aufmerksamkeit der sich fortbewegenden Menschenmasse erweckte, welche auch selbst unter den dichten Baumkronen meist nicht sichtbar war. Hauptsächlich kam das jedoch wohl daher, daß er sich in großer Höhe und zwischen leichten Wolken hielt.

Gegen elf Uhr Vormittags erschien die Stadt mit ihrem Mauergürtel, den noch ein zwölf Meilen im Umfang messender Graben vertheidigt, mit ihren breiten, regelmäßigen, sehr eben verlaufenden Straßen und dem großen Platz, den der Palast des Königs einnimmt. Alle die vielen Baulichkeiten überragt noch eine Terrasse, nicht weit vom gewöhnlichen Opferplatz. Während der größten Feste werden dem Volke von der Höhe derselben aus die in Weidenkörben angebundenen Gefangenen zugeworfen, und man kann sich schwer eine Vorstellung von der Wuth machen, mit welcher diese Unglücklichen in Stücke gerissen werden.

In einem Theile der Höfe, welche den Palast des Herrschers umschließen, sind viertausend Krieger einquartirt, eine der Abtheilungen der königlichen Armee, und natürlich nicht die schlechteste.

Wenn es auch zweifelhaft ist, daß es jemals Amazonen auf dem Strome dieses Namens gegeben habe, so liegt das in Dahomey anders. Die Einen tragen hier ein blaues Hemd, roth und blaue Schärpe, weiße, blaugestreifte Beinkleider, weiße kurze Beinkleider darüber und die Patronentasche im Gürtel; die Anderen, die Elephanten-Jägerinnen, sind bewaffnet mit einer plumpen Flinte, einem Dolch mit kurzer Klinge, und auf dem Kopfe tragen sie zwei mit einem Eisenringe befestigte Antilopenhörner; die Artilleristen haben einen halb rothen und halb blauen Ueberwurf und als Waffe die Donnerbüchse mit alten gußeisernen Rohren, noch Andere endlich, ein Bataillon junger Mädchen, trägt eine Art blauer Mäntel mit kurzem weißen Beinkleid; das sind wirkliche Vestalinnen, keusch wie Diana und wie diese mit Pfeilen und Bogen ausgerüstet.

Rechnet man zu diesen Amazonen noch fünf- bis sechstausend Mann in Baumwollhemden und mit einem Gürtel um die Taille, so hat man die ganze Armee von Dahomey Revue passiren lassen.

Abomey selbst war an diesem Tage völlig menschenleer, der König, das ganze Personal, die männliche wie die weibliche Armee, sowie die Einwohner, Alle hatten die Hauptstadt verlassen, um einige Meilen entfernt auf einem großen, von prächtigem Baumschlag eingerahmten Platze zusammenzuströmen.

Es war das die Ebene, auf der die Huldigung des neuen Königs stattfinden sollte, und hier harrten Tausende, bei Gelegenheit der letzten Razzias eingebrachte Gefangene zur Ehre desselben ihres letzten Augenblicks.

Gegen zwei Uhr Nachmittags begann der jetzt über derselben Ebene schwebende »Albatros« aus einer leichten Dunstschicht, die ihn bisher den Augen der Bevölkerung von Dahomey verhüllt hatte, etwas mehr niederzusinken.

Hier befanden sich jetzt wohl gegen sechzigtausend Menschen, die aus allen Gegenden des Reiches, aus Midah, Karapay, Ardrah, Tombory und aus allen Städten und Dörfern gekommen waren.

Der neue König – ein kräftiger Kerl, Namens Bu-Stadi und fünfundzwanzig Jahre alt – thronte auf einer kleinen Anhöhe, welche eine Gruppe von Bäumen mit langen Aesten beschattete. Vor ihm drängte sich der neue Hofstaat, seine männliche Armee, seine Amazonen und das ganze Volk hin und her.

Am Fuße dieses Erdhügels spielten etwa fünfzig Musiker auf ihren barbarischen Instrumenten, bliesen auf Elephantenzähnen, die einen rauhen Ton gaben, wirbelten auf großen, mit einer Hirschkuhhaut bespannten Trommeln, oder hatten Flaschenkürbisse, Guitarren, Glocken, die mit einem Eisenstabe angeschlagen wurden, und Flöten aus Bambusrohr, deren scharfer Klang das ganze Orchester übertönte. Jeden Augenblick krachten die Flinten, Donnerbüchsen und zuweilen die alten Kanonen, deren Lafetten dabei zurücksprangen, daß die Artilleristen in Lebensgefahr kamen; dazu herrschte ein solcher Heidenlärm und so wüstes Geschrei, daß man kaum einen Donnerschlag hätte hören können.

In einer Ecke der freien Ebene standen, von Soldaten überwacht, die Gefangenen, welche dem verstorbenen Könige das Geleit in die andere Welt geben sollten, denn durch sein Ableben darf ein solcher noch keine Einbuße an seiner hohen Würde erleiden. Bei der Leichenfeier Ghozo’s, des Vaters Bahadu’s, hatte dessen Sohn ihm dreitausend Diener mitgegeben. Bu-Stadi konnte seinem Vorgänger hierin doch nicht nachstehen. Der Todte brauchte ja eine Menge Sendboten, nicht allein, um die Geister seiner Ahnen herbeizurufen, sondern auch, um alle Bewohner des Himmels zu versammeln, welche das Gefolge des verewigten Königs bilden sollten.

Eine Stunde verging mit Gesprächen, Vorträgen und Ansprachen, unterbrochen von Tänzen, welche nicht allein die eigentlichen Bajaderen aufführten, sondern auch die Amazonen, die dabei viel kriegerische Grazie entwickelten.

Inzwischen kam die Zeit zur Hinrichtung heran. Robur, der die blutigen Gewohnheiten von Dahomey schon kannte, verlor die gefangenen Männer, Frauen und Kinder, welche abgeschlachtet werden sollten, niemals aus dem Auge.

Der Minghan verweilte am Fuße des Erdhügels. Er schwang das Richtschwert mit gebogener Klinge, auf der auch noch ein metallener Vogel saß, dessen Gewicht ihm noch mehr Schwung verlieh. Dieses Mal war er nicht allein; er wäre mit der Arbeit auch nicht fertig geworden. In seiner Umgebung befanden sich noch hundert Scharfrichter, die alle eingeübt waren, einen Kopf mit einem einzigen Hieb vom Rumpfe zu lösen.

Inzwischen näherte sich der »Albatros« allmählich in schräger Richtung und ließ seine Auftriebs- und Treibschrauben mit verminderter Geschwindigkeit spielen. Bald trat er aus der Wolkenschicht hervor, die ihn bis wenigstens hundert Meter von der Erde verhüllt hatte, und wurde jetzt zum ersten Male sichtbar.

Ganz entgegen den gewöhnlichen Erfahrungen sahen die wilden Eingeborenen in ihm nur ein himmlisches Wesen, das ganz allein zu dem Zwecke herabgestiegen sei, dem Könige Bahadu zu huldigen.

Das gab einen Enthusiasmus ohne Gleichen, unendliche Zurufe, lautes Jubeln und allgemeine Gebete, gerichtet an diesen übernatürlichen Hippogryph, der ohne Zweifel jetzt kam, um den Körper des verstorbenen Königs in die Höhe des Dahomey’schen Himmels zu tragen.

Eben da fiel der erste Kopf unter dem Schwerte des Minghan; dann wurden hundert andere Gefangene ihren schrecklichen Henkern zugeführt.

Plötzlich krachte vom »Albatros« ein Schuß. Der Justizminister stürzte getroffen zur Erde.

»Gut gezielt, Tom! sagte Robur.

– Bah! … Es war ein Schuß mitten in den Haufen!« antwortete bescheiden der Obersteuermann.

Seine ebenfalls bewaffneten Kameraden standen bereit, auf das erste Zeichen des Ingenieurs Feuer zu geben.

Die Volksmenge hatte durch diesen Vorfall aber ihre Anschauungen schnell gewechselt; dieses geflügelte Ungeheuer war kein guter, sondern ein dem guten Volk von Dahomey feindlicher Geist. Nachdem der Minghan gefallen, erhob sich ein wildes Geheul. Gleichzeitig knatterten viele Gewehre, die nach dem »Albatros« gerichtet waren.

Diese Drohungen hinderten letzteren jedoch nicht, bis auf etwa hundertfünfzig Fuß über der Erde niederzusinken. Trotz ihrer dem Ingenieur Robur gewiß ungünstigen Stimmung konnten sich Onkel Prudent und Phil Evans doch nicht versagen, an diesem menschenfreundlichen Werke theilzunehmen.

»Ja, laßt uns die Gefangenen befreien! riefen sie.

– Das ist meine Absicht!« antwortete der Ingenieur.

Schon begannen die Repetirgewehre des »Albatros« in den Händen der beiden Collegen, wie in denen der Mannschaft, ein Schnellfeuer, von dem doch keine Kugel inmitten der großen Menschenmasse verloren ging. Und selbst das kleine Geschütz an Bord, das so tief als möglich herabgerichtet wurde, sandte einige Kartätschenladungen hinunter, welche wahre Wunder wirkten.

Sofort sprengten die Gefangenen, ohne etwas von der ihnen aus der Höhe gekommenen Hilfe zu begreifen, ihre Fesseln, während die Soldaten auf den Aeronef Feuer gaben. Die vordere Schraube wurde von einer Kugel durchlöchert, während einige andere an den Rumpf des Fahrzeuges schlugen. Frycollin, der sich im Hintergrunde seiner Cabine verkrochen hatte, wäre fast noch durch die Wand des Ruffs getroffen worden.

»Aha, sie haben Appetit auf etwas mehr!« rief Tom Turner.

Er begab sich nach der Munitionskammer und kehrte von dort mit einem Dutzend Dynamitpatronen zurück, die er an die Kameraden vertheilte. Auf ein Zeichen Robur’s wurden dieselben über den Hügel hinabgeworfen und durch das Aufschlagen auf den Erdboden zersprangen sie wie kleine Bomben.

Das gab aber eine wilde Flucht! Der König, der Hof, die Armee und das ganze Volk stürzte, von gewiß nicht ungerechtfertigter Furcht ergriffen, auf und davon! Alle suchten unter den Bäumen Schutz, während die Gefangenen entflohen und Niemand daran dachte, sie zu verfolgen.

So wurden die Festlichkeiten zu Ehren des neuen Königs von Dahomey unterbrochen. Auch Onkel Prudent und Phil Evans mußten zugestehen, über wie große Machtmittel dieser Apparat verfügte, und welchen hohen Nutzen er der Menschheit hätte gewähren können.

Der »Albatros« erhob sich darauf zu mittlerer Höhe; er glitt über Mydah hinweg und hatte bald diese ungastliche Küste, welche die Westwinde mit unnahbarer Brandung peitschten, aus dem Gesichte verloren.

Er schwebte nun über dem Atlantischen Weltmeere.