Zwölftes Capitel.


Zwölftes Capitel.

Vor der Mündung der Kanone.

Die eingetretene Ruhe dauerte nicht lange an. Die Dacoits hatten sich zum Abendessen versammelt und dabei hörte man sie unter der Wirkung des starken Araks, dem sie unmäßig zusprachen, laut durcheinander schreien und rufen.

Nach und nach legte sich der Höllenlärm. Der Schlaf übermannte die rohen Gesellen, welche schon der starke Tagesmarsch ermüdet hatte.

Sir Edward Munro fragte sich, ob man ihn bis zur Stunde seines Todes unbewacht lassen und ob Nana Sahib nicht einen Getreuen zu seiner Beaufsichtigung heraussenden werde, obwohl er, mit dreifachen Stricken fest umwunden, gänzlich außer Stande war, sich nur im geringsten zu rühren.

Da trat gegen acht Uhr ein Hindu aus der Kaserne und schritt über den Platz hin.

Ihm war der Auftrag ertheilt worden, die Nacht über in Oberst Munro’s Nähe zu bleiben.

Zuerst ging er schräg über den freien Platz auf die Kanone zu, um sich von der Anwesenheit des Gefangenen zu überzeugen, und prüfte die Stricke, welche fest angezogen waren, mit kräftiger Hand. Ohne sich an den Oberst selbst zu wenden, begann er ein kurzes Selbstgespräch.

»Zehn Pfund gutes Pulver! murmelte er. Es ist lange her, daß die alte Kanone von Ripore den Mund aufgethan hat, aber morgen, wird sie ihre Stimme hören lassen! …«

Diese Bemerkung lockte auf den stolzen Zügen Oberst Munro’s nur ein verächtliches Lächeln hervor. Der Tod, auch in seiner entsetzlichsten Gestalt, konnte ihn nicht erschrecken.

Nachdem der Hindu die Mündung der Kanone besichtigt, trat er ein wenig zurück, strich mit der Hand über das dicke Bodenstück derselben und sein Finger lag einen Augenblick auf dem Zündloche, das mit Pulver völlig ausgefüllt war.

Der Hindu lehnte sich gegen den Knopf der Schwanzschraube. Er schien den Gefangenen ganz vergessen zu haben, der geduldig dastand wie ein Verurtheilter am Fuße des Galgens, unter dem die Fallthüre sich öffnen soll.

Ob aus Gleichgültigkeit oder in Folge des genossenen Araks mag dahingestellt bleiben, begann der Hindu eine alte Volksweise aus Goundwana leise zu trällern. Er machte dabei Pausen und fing von Neuem an, wie Einer, der in halbtrunkenem Zustande seine Gedanken nicht zu sammeln vermag.

Eine Viertelstunde später erhob er sich wieder und strich mit der Hand über das Rohr der Kanone hin. Hierauf ging er um dieselbe herum, machte vor dem Oberst Munro Halt und murmelte, diesen ansehend, einige unverständliche Worte. Wie instinktmäßig befühlte er noch einmal die Stricke, als wollte er sie noch fester anziehen; dann warf er den Kopf zurück, als wolle er sagen, daß hier Alles in Ordnung sei, und lehnte sich, zehn Schritte zur Linken des Geschützes, nachlässig an die Brustwehr.

Zehn Minuten lang verharrte der Hindu in derselben Stellung, wobei er manchmal den Platz überblickte und manchmal sich hinausbog und in den Abgrund starrte, der vor der Festung gähnte.

Offenbar bemühte sich derselbe nach Kräften, nicht in Schlaf zu sinken. Endlich erlag er aber doch der Erschöpfung, glitt auf die Erde nieder und streckte sich neben der Brustwehr aus, wo er im tieferen Schatten gar nicht zu sehen war.

Uebrigens lagerte rings schon tiefes Dunkel. Am Himmel standen unbeweglich dicke Wolken. Die Luft war so ruhig, als ob deren Moleküle miteinander verlöthet wären. Vom Thale drang kein Geräusch bis in diese Höhe. Ringsum herrschte vollkommene Stille.

Wenn das eine Nacht voll Todesangst für den Oberst Munro sein sollte, so muß man ihm zur Ehre sagen, daß er kaum einen Augenblick an die letzte Secunde seines Lebens dachte, wo die gewaltsam zerrissenen Gewebe des Leibes und seine verstümmelten Glieder weithin zerstreut werden sollten. Es handelte sich ja nur um einen Blitzschlag, und diese Aussicht war nicht dazu angethan, eine Natur wie die seinige, welche vor nichts zurückbebte, allzusehr zu erregen. Nur wenige Stunden hatte er noch zu leben – der Rest eines Erdendaseins, das sich einst für ihn so glücklich gestaltet hatte. Sein ganzes Leben spiegelte sich in scharfen Bildern noch einmal in ihm wieder, die ganze Vergangenheit trat lebhaft vor seine Augen.

Das Bild der Lady Munro stand wieder vor ihm. Er sah, er hörte sie, die Unglückliche, die er nicht mit den Augen, aber mit dem Herzen beweinte, wie in den ersten Tagen. Er fand noch einmal das junge Mädchen in jener schrecklichen Stadt Khanpur, in der Wohnung, wo er sie zuerst gesehen, bewundert, geliebt hatte. Die wenigen glückseligen Jahre, denen die entsetzlichste aller Katastrophen ein jähes Ende machte, lebten in seinem Geiste wieder auf. Schon war die halbe Nacht verstrichen, ohne daß Sir Edward Munro es gewahr wurde. Er hatte ganz im Andenken an sein Weib da unten gelebt, ohne daß ihn etwas davon abzuwenden vermochte. In drei Stunden drängten sich drei Jahre der glücklichen Vereinigung mit ihr zusammen. Ja, die Phantasie hatte ihn unwiderstehlich von diesem Plateau von Ripore hinweggetragen, ihn von der Mündung der Kanone befreit, welche sozusagen der erste Sonnenstrahl abfeuern sollte!

Da erschien ihm aber der entsetzliche Ausgang der Belagerung von Khanpur, die Einsperrung der Lady Munro und ihrer Mutter in dem Bibi-Ghar, die Niedermetzelung ihrer unglücklichen Gefährten und endlich der Brunnenschacht, das Grab jener zweihundert Opfer, an dem er, vier Monate vorher, zum letzten Male geweint hatte.

Und hier, wenige Schritte von ihm, hauste der scheußliche Nana Sahib, der Mörder Lady Munro’s und so vieler anderer bejammernswerther Opfer! In seine Hand mußte er fallen, der danach gelechzt hatte, Gerechtigkeit zu üben an dem Scheusal, das dem Gesetze unerreichbar geblieben war.

In einer Aufwallung blinden Zornes machte Oberst Munro eine Anstrengung, seine Fesseln zu brechen. Vergebens – die Stricke widerstanden und schnitten ihm nur in’s Fleisch ein. Er stieß einen kurzen Schrei aus, aber nicht vor Schmerz, sondern vor Wuth.

Auf diesen Schrei erhob der im Schatten der Brustwehr liegende Hindu den Kopf und sammelte wieder seine Gedanken. Er erinnerte sich wohl, daß er den Gefangenen bewachen sollte.

So erhob er sich, schritt vorsichtig auf Oberst Munro zu, legte diesem, wie um sich zu vergewissern, daß er noch da sei, die Hand auf die Schulter und sagte mit noch schlaftrunkener Stimme:

»Morgen, mit Sonnenaufgang … Bum!«

Dann kehrte er nach der Brustwehr zurück, um einen bequemen Platz zu suchen, legte sich wieder auf die Erde nieder und sank bald in tiefen Schlummer.

Nach jener vergeblichen Anstrengung wurde der Oberst auffallend ruhig. Seine Gedanken nahmen wieder eine andere Richtung an und er vergaß ganz das Loos, das seiner harrte. In Folge einer ganz natürlichen Ideenverbindung erinnerte er sich jetzt seiner Freunde, seiner Gefährten. Er fragte sich, ob sie vielleicht einer anderen Dacoits-Bande, wie solche zahlreich die Vindhyas durchstreifen, in die Hände gefallen seien, ob sie wohl dasselbe Geschick wie ihn ereilen sollte – und dieser Gedanke schnürte ihm das Herz zusammen.

Und doch sagte er sich gleichzeitig, daß dies nicht der Fall sein könne. Hätte der Nabab ihren Untergang beschlossen gehabt, so würde er Alle gleichmäßig verurtheilt und hingerichtet haben. Es hätte ja ganz seinem Charakter entsprochen, ihm die Todesangst durch die seiner Freunde zu vermehren. Nein, nein! Nur ihm – das bemühte er sich zu glauben, ihm allein galt der Haß und die Rache Nana Sahib’s.

Was mochten aber Banks, Kapitän Hod, Maucler und die Uebrigen, wenn sie sich auf freiem Fuße befanden, wohl beginnen? Sollten sie die Straße nach Jubbulpore eingeschlagen haben, auf welcher sie der Stahlriese, den die Dacoits nicht zu zertrümmern vermochten, schnell weiter befördern konnte? Dort mußten sie Hilfe finden. Doch, was hätte das nützen sollen? Wie hätten sie wissen können, wo Oberst Munro sich jetzt befand? Niemand dachte gewiß an die Veste von Ripore, den Schlupfwinkel Nana Sahib’s. Ja, wie konnte ihnen überhaupt dessen Name in den Sinn kommen? War Nana Sahib denn nicht todt für sie? War er nicht bei dem Gefechte neben dem Pal von Tandit gefallen? Nein, sie waren außer Stande, für den Gefangenen etwas zu thun.

Von Seiten Goûmi’s war ebenso wenig etwas zu erwarten, Kâlagani mußte ja Alles daran liegen, sich dieses treuen Dieners zu entledigen, und wenn Goûmi nicht wieder erschienen war, so hatte er sicher schon vor seinem Herren den Tod erlitten.

Es erschien ebenso unnütz, an irgend ein anderes Mittel zur Rettung zu denken. Oberst Munro gab sich nicht gern Illusionen hin. Er sah die Sachen an, wie sie lagen, und wandte seine Gedanken wieder jenen glücklichen Tagen zu, die sein ganzes Herz erfüllten.

Er hätte nicht sagen können, wie viele Stunden lang er so träumte. Noch war es dunkle Nacht. Auf den Gipfeln der Berge im Osten erschien noch kein Schimmer, der den kommenden Tag verkündet hätte.

Es mochte indeß gegen vier Uhr Morgens sein, als dem Oberst Munro eine eigenthümliche Erscheinung auffiel. Bis jetzt, während dieser Rückkehr in sein früheres Leben, hatte er mehr in sich als um sich geblickt. Die Außenwelt, wovon bei der Finsterniß so wie so nur wenig zu erkennen war, hatte ihn nicht ablenken können; jetzt richteten sich plötzlich seine Augen nach einem bestimmten Punkte und alle in seiner Erinnerung aufgetauchten Bilder verblaßten vor einer eben so unerwarteten als unerklärlichen Erscheinung.

Oberst Munro bemerkte, daß er sich auf dem Plateau von Ripore nicht allein befand. Am Ende des Fußsteges, nahe dem Thore, blinkte ein noch ziemlich unbestimmtes Licht. Es schwankte hin und her, flackerte einmal auf, drohte dann zu verlöschen und blitzte wieder heller; als ob es von schwacher, unsicherer Hand gehalten würde.

In der gegenwärtigen Lage des Gefangenen konnte das Geringste von größter Bedeutung sein. Er folgte dem Lichtschein also mit den Augen, bemerkte, daß ein rußiger Dampf von demselben emporstieg und daß er sich weiter bewegte. Er schloß daraus mit Recht, daß jenes Licht sich nicht in einer feststehenden Laterne befinden könne.

»Einer meiner Freunde, sagte sich Oberst Munro … Vielleicht Goûmi! … doch nein … Er würde kein Licht bei sich führen, das ihn verrathen müßte …. Aber was ist das?«

Die Flamme kam langsam näher. Sie bewegte sich zuerst längs der Mauer der alten Kaserne hin und Sir Edward Munro fürchtete schon, es werde dadurch einer der im Innern schlafenden Hindus geweckt werden.

Das geschah jedoch nicht. Die Flamme kam unbemerkt vorüber. Dann und wann, wenn die Hand, die sie trug, sich fieberhaft bewegte, belebte sie sich und leuchtete in vollem Glanze.

Bald erreichte dieselbe die Mauer der Brustwehr und folgte dieser nach, wie die irrende Flamme des St. Elmsfeuers in einer Gewitternacht.

Da erst wurde es Oberst Munro möglich, eine Art Gespenst von ganz unbestimmter Form wahrzunehmen, einen »Schatten«, den jene Flamme geisterhaft beleuchtete. Das in dieser Weise dahinwandelnde Wesen war mit einem langen, weiten Stück Stoff bedeckt, das den Kopf und die Arme gänzlich verhüllte.

Der Gefangene regte sich nicht. Er hielt den Athem an. Er fürchtete, die Erscheinung zu erschrecken und die Flamme, deren Schein jene in der Dunkelheit leitete, verlöschen zu sehen. Er war ebenso unbeweglich wie das schwere metallene Geschütz, das ihn in seinen gewaltigen Rachen zu halten schien.

Das Gespenst glitt inzwischen längs der Brustwehr fort. Konnte es dabei nicht an den Körper des eingeschlafenen Hindu stoßen? Nein, der Hindu lag zur Linken der Kanone, die Erscheinung nahte sich dagegen von der rechten Seite, blieb zuweilen stehen und ging dann mit kleinen Schritten weiter. Endlich kam die Erscheinung so nahe, daß Oberst Munro sie deutlicher erkennen konnte.

Es war ein Wesen von mittlerer Größe, deren ganzen Körper ein einziges Stück Stoff vollständig verhüllte. Nur eine Hand sah aus demselben hervor, welche einen brennenden harzigen Zweig hielt.

»Ein Irrsinniger, der das Lager der Dacoits wahrscheinlich öfter zu besuchen pflegt, sagte sich Oberst Munro, und auf den Niemand besonders Achtung giebt! O, warum hat er statt des Feuers nicht einen Dolch in der Hand! …. Vielleicht könnte ich? ….«

Ein Irrsinniger war es zwar nicht, Oberst Munro hatte aber doch beinahe das Richtige getroffen.

Es war die Wahnsinnige aus dem Nerbudda-Thale, das Geschöpf ohne Bewußtsein, welches seit vier Monaten durch die Vindhyas irrte und von den abergläubischen Gounds stets erfurchtsvoll betrachtet und gastfreundlich aufgenommen wurde. Weder Nana Sahib, noch einer seiner Leute wußte, welchen Antheil die »wandelnde Flamme« an dem Ueberfall beim Pal von Tandit gehabt hatte. Sie begegneten ihr so häufig in den Berg-Districten von Bundelkund, daß ihre Anwesenheit Niemand auffiel. Schon wiederholt hatte sie bei ihrer unausgesetzten Wanderung die Schritte nach der Veste von Ripore gelenkt, und Keiner daran gedacht, sie von hier zu vertreiben. Der Zufall leitete sie stets bei den nächtlichen Wanderungen und der Zufall führte sie auch in dieser Nacht hierher.

Oberst Munro wußte von der Irrsinnigen bisher nichts. Von der »wandelnden Flamme« hatte er niemals reden gehört, und doch machte das unbekannte Wesen, als es näher und näher kam, ihn vielleicht berühren, vielleicht ansprechen konnte, sein Herz heftiger schlagen.

Allmälich näherte sich die Wahnsinnige der Kanone. Ihr Harzzweig verbreitete nur einen schwachen Schimmer und sie schien den Gefangenen gar nicht zu sehen, obwohl sie jetzt gerade vor ihm stand und ihre Augen hinter der Hülle, welche Oeffnungen hatte wie die Kutte eines bußfertigen Sünders, fast sichtbar waren.

Sir Edward Munro sprach kein Wort. Weder durch eine Bewegung des Kopfes, noch durch einen Laut versuchte er die Aufmerksamkeit der fremdartigen Erscheinung auf sich zu lenken.

Sie kehrte auch bald zurück und umschritt die gewaltige Kanone, auf deren Oberfläche ihr Harzbrand kleine Lichterchen hintanzen ließ.

Begriff die Wahnsinnige wohl, wozu diese einem Ungeheuer ähnliche Kanone dienen sollte, warum jener Mann an deren Mündung gefesselt war, welche mit dem ersten Sonnenstrahl Blitz und Donner speien sollte?

Gewiß nicht. Die »wandelnde Flamme« war auch jetzt wie gewöhnlich ohne Bewußtsein. Sie irrte diese Nacht, wie schon früher öfter, auf der Höhe von Ripore umher, die sie dann verlassen würde; sie schlich dann den gewundenen Pfad hinab, betrat wieder das Thal und begab sich dahin, wohin die augenblickliche, unüberlegte Laune sie eben führte.

Oberst Munro, der den Kopf frei bewegen konnte, folgte allen ihren Bewegungen. Er sah sie hinter dem Geschütz vorbeigehen. Von da wandte sie sich nach der steinernen Brustwehr, um ihr voraussichtlich bis zu der Stelle zu folgen, wo diese sich an das Eingangsthor anschloß.

So geschah es auch anfänglich; plötzlich aber hielt sie vor dem schlafenden Hindu inne und kehrte wieder um. Welches unsichtbare Band hinderte sie, weiter zu gehen? Wie dem auch sei, jedenfalls führte sie ein unerklärlicher Trieb zu dem Oberst Munro zurück, vor dem sie regungslos stehen blieb.

Diesmal schlug Sir Edward Munro’s Herz so heftig, daß er unwillkürlich den Versuch machte, eine Hand zu bewegen, um sie darauf zu pressen.

Die wandelnde Flamme trat ganz nahe an ihn heran. Sie hatte den brennenden Zweig bis in Gesichtshöhe des Gefangenen erhoben, wie um ihn besser sehen zu können. Durch die Oeffnungen der Kutte leuchteten ihre Augen in unheimlicher Gluth.

Oberst Munro fühlte sich davon wunderbar ergriffen und verzehrte die Erscheinung fast mit dem Blicke.

Da schob die linke Hand der Wahnsinnigen langsam die Falten ihrer Hülle auseinander, bald zeigte sich ihr Gesicht, und gerade da bewegte sie mit der rechten Hand den Zweig heftiger, der in Folge dessen einen helleren Schein verbreitete.

Ein Schrei – ein halb unterdrückter Schrei – entrang sich der Brust des Gefangenen.

»Laurence! Laurence!«

Jetzt fürchtete er selbst, den Verstand verloren zu haben! …. Einen Augenblick schloß er die Augen.

Es war Lady Munro, ja, Lady Munro selbst, die hier vor ihm stand.

»Laurence…. Du …. Du!« wiederholte er.

Lady Munro antwortete nichts. Sie erkannte ihn offenbar nicht wieder. Sie schien ihn gar nicht zu verstehen.

»Laurence, o Gott, wahnsinnig! Wahnsinnig, aber doch noch am Leben!«

Eine noch so vollkommene Ähnlichkeit konnte Sir Edward Munro unmöglich täuschen. Das Bild seines jungen Weibes war zu tief in sein Gedächtniß eingegraben. Nein, auch nach einer neunjährigen Trennung, die er für eine Trennung auf Ewigkeit halten mußte, fühlte er es, das war Lady Munro, wenn auch etwas verändert, doch immer noch schön; das war Lady Munro, durch ein Wunder den Henkern Nana Sahib’s entgangen, die hier vor ihm stand.

Die Unglückliche fiel, nachdem sie Alles versucht, ihre Mutter, die vor ihren Augen ermordet wurde, zu vertheidigen, von einer Kugel getroffen zur Erde. Schwer, doch nicht tödtlich verletzt, wurde sie, in bewußtlosem Zustande, aber als eine der Letzten in den Brunnenschacht zu Khanpur auf die armen Opfer geworfen, die jenen schon fast ausfüllten. Mit Einbruch der Nacht drängte sie vielleicht der Erhaltungstrieb, den Rand des Brunnens zu erklimmen – aber nur ein Instinkt, denn den Verstand hatte sie in Folge des Anblicks der gräßlichen, durchlebten Scenen schon verloren.

Nach Allem, was sie seit Beginn jener Belagerung, in dem Gefängnisse des Bibi-Ghar, auf dem Platze, wo das Gemetzel stattfand erlebt, wo sie es sehen mußte, wie ihre Mutter schonunglos erwürgt wurde, ausgestanden – war sie wahnsinnig geworden, aber sie lebte noch, und ebenso fand Oberst Munro sie jetzt wieder. Als Irrsinnige war sie dem Brunnenschacht entstiegen, in der Umgebung umhergestreift und hatte die Stadt verlassen, als Nana Sahib und die Seinigen nach der blutigen Execution daraus entflohen. So stürmte sie ziellos in der Finsterniß quer durch das Land hin. Die Stadt umgehend und die bevölkerten Landstriche meidend, dann und wann von einem Raiot mitleidig aufgenommen und als ein des Verstandes beraubtes Wesen fast verehrt, war die Wahnsinnige bis nach den Sautpourra-Bergen, bis nach den Vindhyas gewandert. So irrte sie noch heute, seit neun Jahren todt für Alle, aber in der Erinnerung von der Feuersbrunst bei der Belagerung getrieben, rastlos umher.

Ja, sie war es wirklich!

Oberst Munro rief ihren Namen noch einmal …. sie antwortete nicht. O, was hätte er nicht darum gegeben, sie jetzt in seine Arme pressen, sie aufheben, davon tragen, mit ihr ein neues Leben anfangen, ihr durch seine liebende Sorgfalt den Verstand wieder geben zu können! …. Und er stand hier an diese Masse todten Metalls gebunden; an den Armen lief ihm das Blut von den Einschnitten der Stricke herab, und keine Macht der Erde konnte ihn aus dieser furchtbaren Lage retten!

Welche unnennbaren Qualen zermarterten ihn jetzt, die selbst der grausame Nana Sahib kaum hatte ersinnen können! O, und wie würde das Scheusal gejubelt haben, wenn der Nabab wußte, daß auch Lady Munro in seiner Gewalt war! Was hätte er wohl nicht erdacht, um die Folter des Gefangenen zu erschweren!

»Laurence! Laurence!« rief Oberst Munro noch einmal.

Er wagte sogar ziemlich laut zu rufen, auf die Gefahr hin, den wenige Schritte von ihnen schlafenden Hindu zu erwecken, die in der Kaserne liegenden Dacoits, vielleicht gar Nana Sahib selbst herbeizulocken.

Ohne die Worte zu verstehen, starrte ihn Lady Munro jedoch wie vorher mit unstetem, stechendem Blicke an. Sie sah die gräßlichen Leiden nicht, die der Unglückselige erduldete, der sie in dem Augenblicke wiederfand, wo die nächste Stunde ihm den Tod bringen sollte. Sie wiegte nur mit dem Kopfe hin und her, als wolle sie keine Antwort geben.

So verflossen einige Minuten; dann ließ sie die Hand sinken, die Hülle schloß sich wieder vor dem Gesicht, und sie trat einen Schritt zurück.

Oberst Munro glaubte schon, daß sie wieder davon gehen wollte.

»Laurence!« rief er noch einmal, als sollte es der letzte Abschiedsgruß sein.

Doch nein, Lady Munro dachte noch gar nicht daran, das Plateau von Ripore zu verlassen, und so entsetzlich schon des Gefangenen Lage war – es sollte noch schlimmer kommen.

Lady Munro blieb stehen. Offenbar erregte diese Kanone ihre Aufmerksamkeit. Vielleicht erweckte dieselbe in ihr eine unerklärliche Erinnerung an die Belagerung von Khanpur. Sie kam also langsamen Schrittes zurück. Ihre Hand, welche den brennenden Zweig hielt, strich auf dem metallenen Rohre hin, und es genügte ja ein Funke, der auf das Zündloch fiel, den Schuß abzufeuern.

Sollte Oberst Munro gar von ihrer Hand sterben?

Er konnte, er mochte den Gedanken nicht ertragen. Nein, nun wollte er vor den Augen Nana Sahib’s und seiner Helfershelfer in den Tod gehen.

Munro wollte rufen, wollte selbst seine Henker wecken! …

Da fühlte er von dem Innern des Geschützes her eine Hand die seinen drücken, die ja auf dem Rücken festgebunden waren. Das war offenbar eine Freundeshand, die seine Fesseln zu lösen versuchte. Bald verrieth ihm die Kälte einer Stahlklinge, welche vorsichtig zwischen den Stricken und seinen Händen eindrang, daß in der Seele dieses ungeheueren Geschützes sich – Gott weiß, durch welches Wunder! – ein Befreier befinden mußte.

Er konnte sich nicht täuschen! Die Stricke, die ihn hielten, wurden zerschnitten! ….

In einer Secunde war das geschehen! Er konnte einen Schritt vorwärts thun…. Er war frei! So sehr er sich zu beherrschen wußte, er mußte jetzt sehr an sich halten, denn ein Ausruf hätte ihn wieder in’s Verderben gestürzt.

Aus dem Geschütze ragte eine Hand hervor…. Munro ergriff diese, zog, was er konnte, und ein Mann, der mühsam aus der Rohrmündung herauskroch, fiel zu seinen Füßen nieder.

Es war Goûmi.

Der treue Diener hatte, nachdem es ihm gelungen, zu entfliehen, die Straße nach Jubbulpore eingeschlagen, auf der auch Nassim mit seinen Leuten dahinzog. Da, wo der Weg nach Ripore abzweigt, mußte er sich noch einmal verbergen. Er hörte von einer daselbst lagernden Gruppe Hindus von Oberst Munro sprechen, den die Dacoits unter Kâlagani’s Führung nach der genannten Veste schleppen würden, wo Nana Sahib ihn mit der großen Kanone erschießen lassen wolle. Ohne Zögern war Goûmi auf einem schmalen, sich vielfach windenden Fußpfade davongeschlichen und hatte den Platz an dem Fort erreicht, als sich Niemand daselbst befand. Da kam ihm der heroische Gedanke, in das ungeheuere Geschütz zu kriechen, seinen Herrn, wenn es anging, auf diese Weise zu befreien oder mit ihm zusammen denselben Tod zu erleiden.

»Es wird bald Tag werden, sagte Goûmi mit verhaltener Stimme. Wir müssen fliehen!

– Und Lady Munro?«

Der Oberst zeigte auf die Wahnsinnige, welche wie versteinert dastand. Ihre Hand ruhte auf dem Bodenstück der Kanone.

»Wir tragen sie fort…. Herr ….« antwortete Goûmi, ohne eine weitere Erklärung zu verlangen.

Es war zu spät.

In dem Augenblick, als der Oberst und Goûmi sich ihr näherten, um sie mitzunehmen, klammerte sie sich mit der Hand, so gut es ging, an das Geschütz, der brennende Zweig fiel dabei auf dieses nieder und eine furchtbare Detonation, welche das Echo der Vindhyas noch verdoppelte, erfüllte mit Donnerrollen das ganze Thal der Nerbudda.

Erstes Capitel.


Erstes Capitel.

Unser Sanatorium.

»Die Unmeßbaren der Schöpfung!« – Sollte dieser stolze Name, den der Mineralog Hauy zur Kennzeichnung der amerikanischen Anden gebrauchte, nicht mit noch mehr Berechtigung Anwendung finden können auf die ausgedehnte Himalayakette, welche der Mensch heute noch nicht mit mathematischer Sicherheit zu messen im Stande ist?

Dieser Gedanke erfüllte mich beim Anblick jener großartigen Hochgebirgsnatur, in der Oberst Munro, Kapitän Hod, Banks und ich mehrere Wochen zubringen sollten.

»Diese Bergriesen sind nicht allein unmeßbar, erklärte uns der Ingenieur, sondern ihre Gipfel dürfen auch als unersteigbar gelten, da der menschliche Organismus in solchen Höhen nicht mehr zu functioniren vermag, wo die Dichtigkeit der Luft zu gering ist, um dem Athembedürfnisse zu entsprechen!«

Ein zweitausend fünfhundert Kilometer langer Wall von Urgebirgsformationen, wie Granit, Gneiß und Glimmerschiefer, der vom zweiundsiebenzigsten bis zum fünfundneunzigsten Meridian reicht und zwei Präsidentschaften, Agra und Calcutta, nebst zwei Königreichen, Bouthan und Nepal, theilweise bedeckt; – eine Kette, an der sich bei ihrer, den Gipfel des Montblanc um ein Drittel übersteigenden Höhe drei verschiedene Zonen erkennen lassen, die erste von 5000 Fuß und einem gemäßigteren Klima als dem der vorgelagerten Ebenen, welche im Winter eine Roggen-, im Sommer eine Maisernte liefert; die zweite von 5- bis 9000 Fuß, wo der Schnee schon schmilzt, wenn der Frühling einzieht; die dritte von 9- bis 25.000 Fuß Höhe und mit dickem Eise bedeckt, das selbst in der heißen Jahreszeit der Sonnenstrahlen spottet; – in dieser großartigen Anschwellung der Erdkugel elf Pässe, von denen einige das Gebirge in einer Höhe von 20.000 Fuß durchbrechen und durch die man, wegen der immerfort drohenden Lawinen, der Zerstörung durch Bergströme und wegen des Vordringens gewaltiger Gletschermassen nur unter großen Beschwerden nach Tibet gelangen kann; über diesem Kamme, einmal oben abgerundet zu mächtigen Kuppeln, ein andermal glatt wie der Tafelberg am Cap der Guten Hoffnung, sieben bis acht theilweise vulkanische Einzelberge, welche die Quellen der Cogra, Djumma und des Ganges beherrschen, wie der Doukia und der Kintchindjinga, die über 7000 Meter emporsteigen, der Dhiodounga mit 8000 Meter, der Dhawalagiri mit 8500, der Tchamoulari mit 8700 Meter Höhe; der Mount Everest, der seinen Gipfel sogar bis 9000 Meter emporsendet, und von welchem aus das Auge des Beobachters ein Ländergebiet so groß wie ganz Frankreich müßte überblicken können; eine Aufhäufung von Bergmassen, welche die Alpen, wenn man sie auf die Alpen, die Pyrenäen, wenn man sie auf die Anden thürmte, in der Höhenscala der Erdkugel nicht übertreffen würden – das ist die kolossale Bodenerhebung, deren äußerste Gipfel auch der Fuß des verwegensten Bergsteigers niemals betreten wird, und die man die Himalayakette nennt!

Die ersten Stufen dieser gigantischen Propyläen sind in großen Strecken dicht bewaldet. Hier findet man verschiedene Vertreter aus der reichen Familie der Palmen, die in höheren Zonen endlosen Wäldern von Eichen, Cypressen und Pinien oder üppigen Bambusdickichten und hohen Gräsern Platz machen.

Banks, der uns hierüber belehrte, erwähnte auch, daß die Grenze des ewigen Schnees am indischen Abhange des Gebirges bis auf viertausend Meter herabreiche, sich am tibetanischen aber bis sechstausend Meter über dem Meere zurückziehe. Es kommt das daher, daß die vom Südwinde herzugeführten Dunstmassen von dem ungeheueren Walle aufgehalten werden. Deshalb sind auf der anderen Seite von Gerstenfeldern und herrlichen Wiesen umgebene Dörfer noch in 15.000 Fuß Höhe anzutreffen. Wenn man den Eingebornen glauben darf, reicht dort schon eine einzige Nacht hin, die Weideplätze mit einem grünen Teppiche zu überziehen.

In der mittleren Zone repräsentiren Pfauen, Rebhühner, Fasanen, Trappen und Wachteln die befiederte Welt. Ziegen giebt es in Ueberfluß, von Schafen wimmelt es überall. In der oberen Zone findet man nur noch den Eber, die Gemse nebst der wilden Katze, und einsam zieht der Adler seine weiten Kreise hoch über der dürftigen Pflanzenwelt, der schwach besetzten Musterkarte einer arktischen Flora.

Bis dahin zog Kapitän Hod seine Sehnsucht freilich gar nicht. Weshalb hätte dieser Nimrod den Himalaya aufsuchen sollen, wenn er auch hier nur das gewöhnliche Tafelwild hätte jagen können? Zum Glück sollte es aber an großen Raubthieren, die seiner Enfieldbüchse und seiner Explosionsgeschosse würdig waren, gewiß nicht fehlen.

Am Fuße der ersten Abhänge der Bergkette hin erstreckt sich nämlich eine tiefere Zone, von den Hindus der Gürtel von Tarryani genannt. Es ist das eine lange, geneigte, sechs bis acht Kilometer breite, feuchtwarme Ebene mit düsterer Vegetation und dichten Wäldern, in welchen reißende Thiere mit Vorliebe hausen. Ueber diesem Paradiese eines Jägers, der die nervenerschütternde Aufregung des Kampfes liebt, befand sich nur fünfzehnhundert Meter höher der von uns gewählte Halteplatz. Es war also leicht genug, nach diesem Jagdreviere, das unter Niemandes Aufsicht stand, hinunter zu gehen.

Aller Aussicht nach durfte man annehmen, daß Kapitän Hod lieber die unteren Stufen des Himalaya als dessen obere Zonen aufsuchen werde. Hier harrten übrigens nach Aussage aller Reisenden, darunter auch des humorvollen Victor Jacquemont, noch viele geographische Räthsel ihrer endlichen Lösung.

»Man kennt also diese riesenhafte Bergkette noch immer nur unvollkommen? fragte ich Banks.

– Sehr unvollkommen, antwortete der Ingenieur. Der Himalaya gleicht einem kleinen Planeten, der sich unserer Erdkugel zwar angeschlossen hat, aber seine Geheimnisse bewahrt.

– Doch ist er bereist, erwiderte ich, und durchforscht, soweit das möglich war!

– Gewiß! An Himalaya-Reisenden hat es nie gefehlt, bestätigte Banks. Die Brüder Gérard, Webb, die Officiere Kirpatrik und Fraser, Hogdson, Herbert, Lloyd, Hooker, Cunningham, Strabing, Skinner, Johnson, Moorcroft, Thomson, Griffith, Bigne, Hügel, die Missionäre Huc und Gabet, neuerdings die Gebrüder Schlagintweit, Oberst Wangh und die Lieutenants Reuillier und Montgommery haben durch ausgezeichnete Arbeiten die orographische Anordnung dieses Rückens der Erde in weitem Umfange kennen gelehrt. Trotz alledem bleibt noch gar Vieles zu wünschen übrig. Die genaue Höhe der hervorragendsten Bergspitzen hat unzählige Berichtigungen erfahren. So galt z. B. früher der Dhawalagiri für den König der ganzen Kette; nach späteren Messungen mußte er diesen Ehrenplatz dem Kintchindjinga abtreten, der seinerseits wieder durch den Mount Everest entthront werden zu sollen scheint. Bisher übertrifft der letztere alle seine Rivalen. Indessen würde nach Aussage der Chinesen der Kouin-Lun – der freilich mit den präcisen Instrumenten der europäischen Geometer noch nicht gemessen wurde – den Mount Everest noch um eine Kleinigkeit überragen, und der höchste Punkt unserer Erde wäre demnach überhaupt nicht im Himalaya zu suchen. Jene Messungen können übrigens erst dann als mathematisch sicher gelten, wenn ihnen Barometerbeobachtungen zugrunde liegen und dabei alle, für solche directe Messungen unerläßliche Vorsichtsmaßregeln beachtet wurden. Wie kann man aber dazu gelangen, ein Barometer nach jenen fast unersteigbaren Gipfeln zu schaffen? Das ist bisher eben noch nicht geschehen.

– Es wird aber dazu kommen, ließ Kapitän Hod sich vernehmen, ebenso wie man noch Reisen bis zum Nord- und zum Südpol ausführen wird.

– Ganz ohne Zweifel!

– Wie eine Reise bis in die unergründeten Tiefen des Oceans!

– Gewiß, gewiß!

– Eine solche nach dem Mittelpunkte der Erde!

– Bravo, Hod!

– Wie überhaupt Alles noch einmal gelingen wird, fügte ich hinzu.

– Selbst die Fahrt nach einem beliebigen Planeten unseres Sonnensystems! fuhr Hod fort, der in solchen Phantasien nicht so leicht ein Ende fand.

– Nein, Kapitän, erwiderte ich. Der Mensch als einfacher Bewohner der Erde wird niemals im Stande sein, deren Grenzen zu überschreiten. Doch wenn er auch an ihrer Rinde festgenietet ist, so vermag er doch alle Geheimnisse derselben zu ergründen.

– Er kann das nicht nur, es ist sogar seine Pflicht! fiel Banks ein. Alles was innerhalb der Grenzen der Möglichkeit liegt, wird und muß erreicht werden. Nachher, wenn der Mensch auf der von ihm bewohnten Kugel nichts mehr zu lernen hat, dann…

– Dann verschwindet er sammt dem Sphäroid, das für ihn keine Geheimnisse mehr hat, vollendete Hod den Satz.

– Mit nichten! entgegnete Banks, … dann herrscht er über dasselbe und nutzt es ganz zu seinem Vortheile aus. Da wir uns aber gerade im Himalayagebiete befinden, will ich Ihnen, lieber Hod, Gelegenheit zu einer merkwürdigen Entdeckung bieten, die Sie vielleicht interessirt.

– Was meinen Sie, Banks?

– In seinem Reiseberichte erwähnt der Missionär Huc eines sonderbaren Baumes, der in Tibet ganz allgemein »der Baum der zehntausend Bilder« genannt wird. Der Hindu-Legende nach soll nämlich Tong Kabac, der Reformator der buddhistischen Religion, schon einige Tausend Jahre früher in einen Baum verwandelt worden sein, ehe Philemon, Baucis und Daphne, jene merkwürdigen Pflanzenwesen der mythologischen Flora, dasselbe Schicksal ereilte. Der Haarschmuck Tong Kabac’s soll damals zur Laubkrone jenes heiligen Baumes geworden sein und auf seinen Blättern sollen sich, der Missionar behauptet das gesehen – mit eigenen Augen gesehen – zu haben, von den Blattnerven gebildete tibetanische Schriftzüge vorfinden.

– Ein Baum also, dem gleich gedruckte Blätter entsprießen! rief ich.

– Ja, und von denen man Sprüche der reinsten, höchsten Moral ablesen kann, fügte der Ingenieur hinzu.

– Das lohnt der Mühe einer Untersuchung, sagte ich lachend.

– Suchen Sie darüber Gewißheit zu erlangen, meine Freunde, meinte Banks. Wenn solche Bäume im südlichen Theile Tibets vorkommen, so müssen sie auch in der oberen Zone, auf dem Abhange des Himalaya zu finden sein. Also haben Sie bei unseren Ausflügen ein Auge darauf, diesen … ja, wie soll ich sagen… diesen »Sittenlehrer« zu entdecken.

– Nein, daran denke ich nicht! erwiderte Hod. Ich bin hier, um zu jagen, und habe keinen Nutzen vom Bergklettern.

– Aber, Freund Hod, entgegnete Banks, ein so kühner Bergsteiger wie Sie wird doch wenigstens einmal den Gebirgskamm erklimmen?

– Niemals! erklärte der Kapitän bestimmt. – Und warum?

– Ich habe auf alle Bergfahrten verzichtet!

– Und seit wann?

– Seit dem Tage, antwortete Kapitän Hod, da ich, immer in Lebensgefahr schwebend, unter größter Anstrengung den Gipfel des Vrigel im Königreiche Buthan erklomm. Man hatte mir versichert, daß noch keines Menschen Fuß diese Spitze betreten habe. Das stachelte meine Eigenliebe an! Unter tausend Gefahren gelange ich nach dem First, was finde ich aber da in einem Felsblock eingemeißelt? … »Durand, Zahnarzt, Rue Caumartin 14, Paris!« – Seitdem klettere ich nicht mehr!«

Armer Kapitän, ich muß indeß gestehen, daß Hod die Erzählung dieser fatalen Enttäuschung mit so lustiger Geberde zum Besten gab, daß wir nicht umhin konnten, aus vollem Herzen zu lachen.

Ich erwähnte wiederholt der »Sanatorien« der Halbinsel. Diese in den Bergen gelegenen Gesundheitsstationen werden während des Sommers, wo die brennende Hundstagssonne der Ebenen Indien zu verzehren droht, von Rentiers, Beamten und Kaufleuten vielfach aufgesucht.

In erster Linie ist hier Simla zu nennen, das unter dem einunddreißigsten Breitengrade westlich vom fünfundsechzigsten Meridian liegt. Es ist das wirklich ein Stückchen Schweiz mit Wasserfällen und Gebirgsbächen und den im Schatten von Cedern und Pinien verstreuten Sennhütten, 2000 Meter über dem Meere. Nach Simla nenne ich Dordjiling mit seinen weißen Häusern, überragt vom Kintchindjinga, etwa fünfhundert Kilometer von Calcutta und in einer Höhe von 2300 Metern, nahe dem sechsundachtzigsten Längen- und dem siebenundzwanzigsten Breitengrade – ein herrliches Plätzchen im schönsten Lande der Welt. An verschiedenen Punkten der Himalayakette finden sich noch andere Sanatorien.

Jetzt tritt nun zu diesen frischen, gesunden Stationen, welche das brennende Klima Indiens unentbehrlich macht, noch unser Steam-House hinzu. Doch das gehört uns ganz allein. Es bietet allen Comfort der luxuriösesten Wohnungen der Halbinsel; hier finden wir in einer glücklichen Zone neben allen Erfordernissen des modernen Lebens eine Ruhe, die man in Simla oder Dordjiling, wo sich Anglo-Indier in großer Zahl aufhalten, vergeblich suchen würde.

Unsere Niederlassung ist mit gutem Vorbedacht ausgewählt. Die nach dem unteren Theile des Gebirges führende Straße theilt sich hier in zwei Aeste, um einige in Osten und Westen verstreute Dörfer zu verbinden. Das nächste derselben liegt gegen fünf Meilen vom Steam-House entfernt. Bevölkert, ist dasselbe von biederen Bergbewohnern, welche Ziegen und Schafe züchten und ergiebige Korn- und Gerstenfelder besitzen.

Bei unserem zahlreichen Personal bedurfte es unter Banks‘ Leitung nur weniger Stunden, um ein Lager zu organisiren, in dem wir sechs bis sieben Wochen verweilen wollten.

Einer der Vorberge jener vielgliedrigen Nebenketten, welche den ungeheueren Kamm des Himalaya stützen, bot uns ein leicht wellenförmiges, etwa eine Meile langes und eine halbe Meile breites Plateau dazu dar. Der grüne Teppich, der dasselbe bedeckt, gleicht einem weichen Sammetgewebe aus kurzem, dichtem, sozusagen plüschartigem Grase mit duftenden Veilchen durchstickt. Baumähnliche Rhododendrons in der Größe kleiner Eichen, natürliche Blumenkörbe voller Camelien erhöhen den Liebreiz des anmuthigen Bildes. Hier bedarf die Natur nicht der fleißigen Arbeiter von Ispahan oder Smyrna, um diesen Teppich aus feiner vegetabilischer Wolle herzustellen. Einige tausend Samenkörner, die der Südwind diesem fruchtbaren Boden zuführt, ein wenig Wasser und ein wenig Sonne reichen hin, jenes weiche und unverwüstliche Gewebe zu bilden.

Auf dem Plateau erhebt sich ein Dutzend prächtiger Bäume. Es sieht aus, als hätten diese sich als Irreguläre von dem endlosen Walde abgesondert, der die Seiten des Vorberges bedeckt und auf den Nachbargebirgen noch sechshundert Meter emporsteigt. Cedern, Eichen, langblättrige Pandanen, Buchen, Ahorn- und Johannisbrotbäume grünen hier mitten unter Bananen, Bambus, Magnolien und japanischen Feigenbäumen. Einzelne dieser Riesen streben mit ihren äußersten Zweigen über hundert Fuß von der Erde empor. Sie scheinen wirklich dazu geschaffen, eine Waldwohnung zu beschatten. Das Steam-House diente gewissermaßen zur Vervollständigung der Landschaft. Die runden Dächer seiner zwei Pagoden vermählen sich glücklich mit all‘ diesem grünen Gezweig, den starren oder biegsamen Aesten und den Blättern, welche einmal klein und zart sind wie Schmetterlingsflügel und dann wieder breit und lang wie polynesische Pagaien. Unsere fahrbaren Häuser verschwanden fast ganz unter einem Dickicht von Laubwerk und Blumen. Nichts giebt Kunde von ihrer besonderen Eigenschaft; sie erscheinen vielmehr wie eine festbegründete Wohnstätte, die ihre Stelle nicht mehr wechseln soll.

Hinter uns rauscht zur rechten Seite des Bildes über den Abhang des Vorberges ein Wildbach, dessen gewundenes Silberband wir über tausend Fuß hinauf verfolgen können, und stürzt sich in ein natürliches Becken, das eine Gruppe schöner Bäume beschattet.

Aus dem Becken fließt dann quer durch das Wiesenland ein Bach ab, der in einem rauschenden Wasserfalle endigt und als solcher in eine, mit dem Auge nicht zu ermessende Tiefe hinabstürzt.

So liegt das Steam-House ebenso bequem für das häusliche Leben, wie es eine wahrhaft entzückende Augenweide bietet.

Geht man nach dem vorderen Rande des Plateaus, so gewahrt man, daß jenes viele andere, minder bedeutende Bergrücken überragt, welche in gigantischen Stufen bis zur Ebene hinabreichen. Der Hintergrund ist gerade entfernt genug, um ihn mit dem Blicke umfassen zu können.

Rechts steht unser erster Wagen so in schiefer Richtung, daß man den südlichen Horizont ebenso von dem Balkon der Veranda, wie von den Seitenfenster des Salons, von denen des Speisezimmers und von den Cabinen der linken Seite übersehen kann. Große Cedern ragen darüber empor und heben sich deutlich von dem entfernten Hintergrunde der großen Bergkette ab, welche unter ewigem Schnee begraben liegt. Zur linken Hand lehnt sich der zweite Wagen an die Wand eines gewaltigen, von der Sonne vergoldeten Granitfelsens. Sowohl durch seine bizarre Form wie durch seinen warmen Farbenton erinnert dieser Felsen lebhaft an jene riesigen »Plum-Puddings«, welche Russel Kilough in seiner Reise durch das südliche Indien erwähnt. Von dieser, Mac Neil und dem übrigen Personal überlassenen Wohnung sieht man nur eine Seite. Sie steht etwa zwanzig Schritte von der Hauptwohnung entfernt, wie das Nebengebäude einer bedeutenden Pagode. Am Ende eines der Dächer, welche dieselbe überwölben, erhebt sich ein feiner Streifen bläulichen Rauches aus dem Küchenlaboratorium des Monsieur Parazard. Weiter nach links hin bedeckt eine, von dem Walde kaum getrennte Baumgruppe den westlichen Rand und bildet gleichsam die Seitencoulissen der Landschaft. Im Rücken und zwischen den beiden Wohnungen erhebt sich ein riesenhafter Mastodon. Es ist unser Stahlriese, der unter die Laubwölbung großer Pandanen gestellt ist. Mit seinem erhobenen Rüssel scheint er die oberen Zweige derselben »abzunagen«. Aber er steht jetzt still. Er ruht aus, obwohl er der Ruhe nicht bedarf. Jetzt dient er als furchtloser Wächter des Steam-Houses, wie ein ungeheures antediluvianisches Geschöpf, und vertheidigt an der Straße, welche er selbst emporklomm, den Zugang zu unserem beweglichen Weiler.

So kolossal unser Elephant auch erscheint – wenigstens so lange man nicht an die himmelhohe Bergkette denkt, welche sich 6000 Meter über das Plateau erhebt – so gleicht er doch fast gar nicht mehr jenem künstlichen Riesen, mit dem Banks‘ geschickte Hand die indische Fauna beschenkte.

»Eine Mücke auf der Façade einer Kathedrale!« sagte Kapitän Hod mit einem gewissen Aerger.

Der Vergleich war nur zu passend. Dahinter ragte nämlich ein Granitblock empor, aus dem man bequem tausend Elephanten von der Größe des unserigen hätte meißeln können, und dieser Block bildete nur einen Absatz, eine der hundert Stufen jener Treppe, die nach dem Kamm des Gebirges hinaufführt und die der Dhawalagiri mit seinem spitzen Gipfel bekrönt.

Manchmal senkt sich der Himmel über diesem Bilde nach dem Beobachter herab. Nicht allein die höchsten Bergspitzen, sondern auch der mittlere Kamm verschwindet zeitweilig. Es rührt das von dichten Dunstmassen her, welche sich in der Mittleren Zone des Himalaya verbreiten und den ganzen unteren Theil desselben verhüllen. Die Landschaft schrumpft gewissermaßen zusammen, und dann erst scheinen, wie durch optische Täuschung, die Wohnstätten, Bäume, die benachbarten Berge und auch der Stahlriese selbst ihre natürliche Größe wieder zu gewinnen.

Es kommt zuweilen auch vor, daß niedriger stehende Wolken von gewissen feuchten Winden gejagt, noch unterhalb unseres Plateaus hinziehen. Dann erblickt das Auge nichts als ein schäumendes Meer, auf dessen bewegter Fläche die Sonne wunderbare Farbenspiele hervorzaubert. Nach oben und nach unten verschwindet der Horizont, und es scheint, als wären wir in irgend eine, außerhalb der Grenze des Erdballes liegende Luftregion versetzt.

Da schlägt der Wind um; eine durch die Lücken der Bergkette dringende nördliche Brise fegt die Nebel weg, das Dunstmeer condensirt sich fast augenblicklich, die Ebene weicht bis zum südlichen Horizont zurück, das prächtige Profil des Himalaya zeichnet sich wieder an dem gereinigten Grunde des Himmels ab, der Rahmen des Bildes nimmt seine normale Größe an, und der entzückte Blick, den kein Hinderniß einengt, umfaßt alle Einzelheiten eines Panoramas von sechzig Meilen Durchmesser.

Zweites Capitel.


Zweites Capitel.

Mathias Van Guitt.

Am nächsten Morgen, dem 26. Juni, weckte mich das Geräusch wohlbekannter Stimmen. Ich sprang auf. Kapitän Hod und sein Diener Fox waren im Speisezimmer in lebhafter Unterhaltung begriffen. Ich gesellte mich zu ihnen.

Gleichzeitig hatte Banks sein Zimmerchen verlassen und der Kapitän redete ihn mit volltönender Stimme an.

»Nun, Freund Banks, da wären wir ja endlich in dem ersehnten Hafen! Hier wird nun Rast gemacht! Es handelt sich nicht mehr um einen Aufenthalt von mehreren Stunden, sondern von einigen Monaten.

– Gewiß, lieber Hod, antwortete der Ingenieur, und nun können Sie auch nach Belieben jagen. Die Pfeife des Stahlriesen wird Sie nicht mehr nach dem Lagerplatz zurückrufen.

– Hörst Du, Fox?

– Gewiß, Herr Kapitän, bestätigte der Diener.

– Nun sei mir der Himmel günstig, rief Hod, das Sanatorium des Steam-Houses verlasse ich aber nicht eher, als bis der Fünfzigste von meiner Büchse gefallen ist! Der Fünfzigste, Fox! Es scheint mir nur, als werde es mit dem Fünfzigsten so seine Schwierigkeiten haben!

– Wir werden sie zu besiegen wissen, bemerkte Fox.

– Weshalb glauben Sie das, Kapitän Hod, fragte ich.

– O, Maucler, das ist so eine Ahnung …. Eine Jägerahnung, weiter nichts!

– So werden Sie also, sagte Banks, schon von heute an von hier ausziehen und den Feldzug eröffnen?

– Von heute an, erwiderte Hod. Wir werden damit beginnen, das Terrain zu recognosciren und die untere Zone bis zu den Wäldern von Tarryani absuchen – vorausgesetzt, daß die Tiger ihre alte Heimat nicht aufgegeben haben…..

– Wie können Sie das glauben?…..

– Ah, mein bekanntes Pech!

– Bekanntes Pech!…. Am Himalaya!…. versetzte der Ingenieur, wäre das möglich!

– Nun, wir werden ja sehen! Sie begleiten uns doch, Maucler? fragte Kapitän Hod, sich an mich wendend.

– Ei, gewiß!

– Und Sie, Banks?

– Ich ebenfalls, antwortete der Ingenieur, und ich hoffe sogar, daß auch Munro sich so wie ich, d. h. mehr als Dilettant, Ihnen anschließen wird.

– Oho, entgegnete Kapitän Hod, als Dilettant! Nun, meinetwegen, aber als wohlbewaffneter Dilettant. Hier ist nicht die Rede davon, mit dem Stocke in der Hand spazieren zu gehen. Das wäre eine Beleidigung für die Raubthiere von Tarryani!

– Einverstanden! antwortete der Ingenieur.

– Also Fox, fuhr der Kapitän sich an seinen Diener wendend, fort, diesmal keine Mißgriffe! Wir sind im Lande der Tiger! Vier Enfieldbüchsen für den Oberst, für Banks, Maucler und mich, und zwei Gewehre mit explodirenden Geschossen für Dich und Goûmi.

– Seien Sie ohne Sorgen, Herr Kapitän, versicherte Fox. Das Wild soll sich nicht zu beklagen haben!«

Dieser Tag sollte also der Erforschung jenes Waldes von Tarryani gewidmet werden, der, noch unterhalb unseres Sanatoriums, den Fuß des Himalaya bedeckt. Nach eingenommenem Frühstück, gegen elf Uhr, stiegen wir, Sir Edward Munro, Banks, Hod, Fox, Goûmi und ich, die schräg nach der Ebene hinabfallende Straße hinunter, ließen aber die beiden Hunde zurück, die uns heute nichts nützen konnten.

Der Sergeant Mac Neil, Storr, Kalouth und der Koch blieben gleichfalls im Steam-House, um unsere Einrichtung zu vollenden. Nach zweimonatlicher Frist mußte auch der Stahlriese innerlich und äußerlich untersucht, gereinigt und in Stand gesetzt werden. Das erforderte eine lange, sorgsame und ausdauernde Arbeit, bei der seine gewöhnlichen Cornacs, der Heizer und der Maschinist, nicht viel feiern konnten.

Um elf Uhr hatten wir das Sanatorium verlassen, und wenige Minuten später, bei der ersten Wendung des Weges, verschwand das Steam-House unseren Blicken hinter einem dichten Baumvorhang,

Es regnete nicht mehr.

Unter dem Antrieb eines frischen Nordostwindes jagten die in den oberen Schichten der Atmosphäre treibenden, zerrissenen Wolken mit großer Schnelligkeit dahin. Der Himalaya war grau – die Temperatur für Fußgänger wie geschaffen; freilich fehlten jetzt auch jene reizenden Spiele des wechselnden Lichtes und Schattens, welche große Wälder sonst zu bieten pflegen.

Zweitausend Meter auf directem Wege hinabzusteigen, das wäre eine Sache von fünfundzwanzig bis dreißig Minuten gewesen, wenn die vielen Windungen, welche die Steilheit der Abhänge nöthig machte, nicht den Weg bedeutend verlängert hätten. So brauchten wir nicht weniger als anderthalb Stunden, um die obere Grenze der Wälder von Tarryani, fünf- bis sechstausend Fuß über der Ebene zu erreichen. Doch legten wir den Weg in fröhlichster Laune zurück.

»Achtung, rief der Kapitän Hod. Jetzt betreten wir das Gebiet der Tiger, Löwen, Panther, Guepards und anderer wohlthätiger Bewohner der Himalaya-Region. Es ist zwar ganz schön, die wilden Thiere zu besiegen, aber noch besser, nicht von ihnen besiegt zu werden! Halten wir uns demnach hübsch beieinander und lassen wir der klugen Vorsicht ihr Recht!«

Eine derartige Empfehlung aus dem Munde eines so unerschrockenen Jägers verdiente gewiß alle Beachtung. Jeder von uns schrieb sich dieselbe hinter das Ohr. Die Büchsen und Flinten wurden geladen, die Schlösser nachgesehen, die Hähne in Sicherheit gesetzt. Wir waren auf Alles vorbereitet.

Ich bemerke hierzu noch, daß man sich nicht nur vor reißenden Thieren, sondern auch vor Schlangen hüten mußte, von denen in den Wäldern Indiens die gefährlichsten Arten vorkommen. Die »Belongas«, die grünen, die Peitschenschlangen nebst manchen anderen sind außerordentlich giftig. Die Zahl der Opfer, welche jährlich dem Bisse jener Reptilien unterliegen, übersteigt fünf- bis sechsmal die der Hausthiere und Menschen, welche durch die Zähne der Raubthiere umkommen.

Im Gebiete von Tarryani erforderte es also die einfache Klugheit, das Auge überall zu haben, aufzumerken, wohin man den Fuß setzte, worauf man die Hand stützte, auf das leiseste Geräusch zu achten, das aus dem Grase kam oder sich durch das Gebüsch verbreitete.

Um halb ein Uhr gelangten wir unter das Laubdach mehrerer, am Waldessaume dicht zusammenstehender Bäume. Ihr hohes Geäst verstrickte sich über einigen breiteren Wegen, welche der Stahlriese bequem hätte passiren können. Durch diesen Theil des Waldes beförderten die Bergbewohner schon seit langer Zeit das geschlagene Holz; auch jetzt zeigte der weiche Thonboden ziemlich frische Wagenspuren. Diese Hauptstraßen verliefen in der Richtung der Bergkette, reichten der Länge nach durch ganz Tarryani und verknüpften die Lichtungen, welche die Axt der Holzschläger hier und da geschaffen hatte; auf beiden Seiten mündeten ferner schmale Fußsteige aus, die sich in dem undurchdringlichen Dickicht verloren.

Wir folgten also diesen Alleestraßen, mehr als Feldmesser denn als Jäger, da es uns zunächst darum zu thun war, deren Lage und Verlauf kennen zu lernen. Kein Geheul unterbrach das Schweigen des tiefen Waldes. Breite, offenbar noch ganz frische Fährten bewiesen jedoch, daß die Raubthiere Tarryani keineswegs verlassen hatten.

Plötzlich, eben als wir um eine Ecke der Allee bogen, welche vor einem scharf vorspringenden Berge etwas nach rechts ausbog, hemmte unsere Schritte ein Ausruf des Kapitän Hod, der immer vorausging.

Zwanzig Schritt vor uns erhob sich, an der Ecke einer von mächtigen Pandanen begrenzten Waldblöße, ein, wenigstens seines Aussehens wegen merkwürdiges Bauwerk. Ein Haus war es nicht, dazu fehlten ihm Rauchfang und Fenster; eine Jägerhütte auch nicht, denn dazu fehlten ihm die Schießscharten. Man hatte das Ganze wohl für ein, in der Tiefe des Waldes verlorenes Hindu-Grab ansehen können.

Stelle man sich einen verlängerten Würfel vor, errichtet aus nebeneinander gestellten, in den Boden fest gerammten Stämmen, deren obere Enden durch biegsame Zweige fest verbunden waren. Das Dach bildeten andere, wagrecht liegende und am Kopfe der ersteren haltbar eingezapfte Stämme. Offenbar hatte der Erbauer dieses kleinen Bollwerkes demselben nach allen fünf Seiten die größtmögliche Festigkeit zu verleihen gesucht. Es maß etwa sechs Fuß in der Höhe, zwölf in der Länge und fünf in der Breite. Von einem Zugange war nichts zu erblicken, wenn diesen nicht an der Vorderseite eine starke, oben abgerundete Bohle verdeckte, welche das ganze Bauwerk ein wenig überragte.

Ueber dem Dache erhoben sich mehrere biegsame, eigenartig angeordnete und untereinander verknüpfte Zweige. Am Ende eines horizontalen Hebels, der diese Armatur trug, hing ein Laufknoten, oder eigentlich eine aus starken Lianenflechten gebildete Schnalle herab.

»Ah, was ist das? rief ich verwundert.

– Das ist, erwiderte Banks nach kurzer Betrachtung, weiter nichts als eine – Mäusefalle! Welche Mäuse zu fangen sie bestimmt ist, das werden sich die Herren selbst sagen.

– Also eine Tigerfalle? platzte Hod heraus.

– Ja wohl, bestätigte Banks, eine Tigerfalle, deren von der Bohle, welche der Lianenknoten gewöhnlich oben hält, jetzt verschlossene Thür zugefallen ist, weil das Stellbrett im Innern gewiß durch ein Thier berührt wurde.

– Es ist das erste Mal, sagte Hod, daß ich in den Wäldern Indiens eine derartige Falle sehe. Eine Mäusefalle, wahrhaftig! Das erscheint aber eines Jägers unwürdig!

– Und eines Tigers ebenfalls! fügte Fox hinzu.

– Gewiß! meinte Banks, wenn es sich aber darum handelt, wilde Bestien auszurotten, und nicht darum, sie zum Vergnügen zu jagen, so bleibt das beste Mittel immer dasjenige, durch welches die meisten unschädlich gemacht werden. Diese Falle hier scheint mir recht sinnreich erdacht, um wilde Thiere anzulocken und gefangen zu halten, so mißtrauisch und stark sie auch sein mögen.

– Da das Gleichgewicht des Fallbrettes, welches die Thüre hielt, gestört worden ist, bemerkte Oberst Munro, so glaube ich, daß sich wahrscheinlich irgend ein Raubthier gefangen hat.

– Das werden wir bald erfahren! rief Kapitän Hod, und wenn die Maus nicht schon todt ist…«

Der Kapitän begleitete seine Worte mit einer entsprechenden Geste und knackte mit dem Hahne der Büchse. Die Uebrigen folgten seinem Beispiel, indem sie sich zum Schießen fertig machten.

Wir konnten gar nicht darüber in Zweifel sein, daß dieses hölzerne Blockhaus eine Falle darstelle, wie man sie in den Wäldern der Malayenländer häufiger antrifft.

Das Werk eines Hindus schien sie nicht zu sein, wohl aber ließ ihre höchst empfindliche und doch überaus solide Construction die Zweckmäßigkeit der ganzen Anlage auf den ersten Blick erkennen.

Nach kurzer Ueberlegung näherten sich Kapitän Hod, Fox und Goûni der Falle, um sie zuerst von allen Seiten zu besichtigen. Nirgends gewährte jedoch etwa eine Lücke zwischen den lothrechten Stämmen einen Einblick in das Innere derselben.

Sie lauschten gespannt. Nicht das leiseste Geräusch verrieth die Anwesenheit eines lebenden Wesens in dem Holzwürfel, der stumm wie ein Grab vor uns lag.

Kapitän Hod und die Anderen kamen wieder nach der Vorderseite zurück. Sie überzeugten sich davon, daß die bewegliche Bohle in den verticalen Fugen herabgeglitten sein mußte. Wenn man diese emporhob, wurde offenbar der Zugang zur Falle frei gelegt.

»Es ist nicht das mindeste zu hören! sagte Kapitän Hod, der das Ohr an die Thür gelegt hatte, nicht einmal ein Athemzug! Die Mäusefalle ist leer.

– Jedenfalls keine Unvorsichtigkeit!« ermahnte Oberst Munro.

Er nahm auf dem Stamme eines Baumes zur Linken der Lichtung Platz, und ich setzte mich neben ihn.

»Nun vorwärts, Goûmi!« trieb Kapitän Hod.

Der gewandte, wie ein Affe bewegliche uud wie ein Leopard geschmeidige Goûmi – ein wahrer Hindu-Clown – verstand, was der Kapitän meinte. Seine Geschicklichkeit bestimmte ihn naturgemäß zu dem verlangten Dienste. Er schwang sich mit einem Satze auf das Dach der Falle und ergriff einen der Zweige, welche die obere Armatur bildeten. Dann glitt er auf dem Hebel nach dem Lianenringe vor, den er durch sein Körpergewicht bis zu dem Kopftheile der den Eingang verschließenden Bohle herabzog.

Dieser Ring wurde darauf in einem dazu ausgesparten flachen Einschnitte der Bohle befestigt. Nun bedurfte es nur noch der nöthigen Belastung am anderen Hebelende, um die Maschinerie in Bewegung zu setzen.

Das erforderte jedoch die vereinten Kräfte unserer kleinen Gesellschaft. Oberst Munro, Banks, Fox und ich, wir begaben uns deshalb nach der Rückseite der Falle, um diese Bewegung auszuführend

Goûmi verblieb in der Armatur, um den Hebel frei zu machen, wenn irgend ein Hinderniß dessen Function beeinträchtigen sollte.

»Wenn Sie mich noch brauchen, rief Kapitän Hod uns zu, so komme ich; geht es aber ohne mich, so bleibe ich lieber vor der Falle. Wenn ja ein Tiger herauskäme, soll ihn wenigstens eine Kugel begrüßen.

– Und den würden Sie sich als zweiundvierzigsten anrechnen? fragte ich den Kapitän.

– Warum nicht? antwortete Hod, wenn er durch meine Büchse fällt, findet er den Tod ja in der Freiheit!

– Verkaufen wir das Fell des Bären, fiel der Ingenieur da ein, nicht eher, als bis er erlegt ist.

– Vorzüglich, da dieser Bär ein Tiger sein dürfte! fügte Oberst Munro hinzu.

– Nun faßt kräftig an, Alle zusammen!« rief Banks.

Die Bohle war sehr schwer und glitt nur schwierig in ihren Falzen, doch gelang es uns, sie zu bewegen. Bald schwebte sie etwa einen Fuß hoch über dem Boden.

Halbgebückt und die Büchse in Anschlag, bemühte sich Kapitän Hod, zu sehen, ob sich eine kräftige Tatze oder ein drohender Rachen an der Oeffnung der Falle zeigte, doch vergebens.

»Noch einen Ruck! rief Banks.

Mit Hilfe Goûmi’s, der am hinteren Hebelende anfaßte, gelang es, die Bohle nach und nach höher zu ziehen. Bald wurde die Oeffnung weit genug, um auch einem größeren Raubthiere den Durchgang zu gestatten.

Aber kein Thier ließ sich sehen.

Noch erschien es möglich, daß der Gefangene sich bei dem, rings um die Falle entstandenen Geräusche vielleicht in die dunkelste Ecke derselben verkrochen hatte. Vielleicht lauerte das Thier nur auf den günstigen Augenblick, mit einem Satze heraus zu springen. Jeden, der ihm im Wege war, zu überrennen und in der Tiefe des Waldes zu verschwinden.

Es waren das Augenblicke der höchsten Spannung.

Da sah ich den Kapitän einige Schritte vortreten, den Finger an der Krappe der Büchse, wobei er sich bemühte, den ganzen Innenraum der Falle zu überblicken.

Die Bohle war schon ganz emporgezogen und das Licht drang in breitem Strahle durch die Oeffnung ein.

Jetzt vernahm man durch die Wände hindurch ein leises Geräusch, dann einen dumpfen Laut, wie ein furchtbares Gähnen, das mir sehr verdächtig erschien.

Ohne Zweifel war ein Thier hier, welches vorher schlief und das wir plötzlich geweckt hatten.

Kapitän Hod trat noch näher heran und richtete das Gewehr nach einer unbestimmten Gestalt, die sich im Halbschatten regte.

Plötzlich ward es in der Falle lebendig. Ein Schreckensruf erschallte und ihm folgten die in gutem Englisch gesprochenen Worte:

»Nicht schießen, um des Himmels willen! Nicht schießen!«

Gleich darauf trat ein Mann aus der Falle.

Unser Erstaunen war so groß, daß wir dir Armatur losließen, wodurch die Bohle zurückfiel und den Eingang auf’s Neue verschloß.

Indessen ging die so unerwartet erschienene Persönlichkeit auf Kapitän Hod zu, dessen Büchse noch immer nach der Brust des Fremdlings zielte, und sagte in ziemlich bestimmtem, von einer emphatischen Handbewegüng begleitetem Tone:

»Wollen Sie gefälligst Ihr Gewehr aufrichten, mein Herr! Sie haben es hier nicht mit einem tarryanischen Tiger zu thun!«

– Mit wem haben wir denn die Ehre…? fragte da Banks, auf den Mann zutretend.

– Mit dem Naturforscher Mathias Van Guitt, Hauptlieferanten von Pachydermen, Tardigraden, Proboscidien, Raub- und anderen Säugethieren für die Handlungen der Herren Charles Rice in London und Hagenbeck in Hamburg.«

Darauf wies er mit der Hand auf unseren Kreis. »Und die Herren? . . .

– Oberst Munro nebst dessen Reisegefährte«, antwortete Banks, uns summarisch vorstellend.

– Auf einer Vergnügungsfahrt durch die Forsten des Himalaya! ergänzte der Händler gleich, selbst. Ein herrlicher Ausflug, wahrhaftig! Ich, mache Ihnen mein Compliment, meine Herren!«

Welch‘ ein Original hatten wir da vor uns? Hätte, man nicht glauben können, sein Gehirn habe durch die Einsperrung in der Falle etwas gelitten? War es ein Narr oder war der Mann bei Verstande? Welcher Kategorie von Zweihändern gehörte das Individuum an?

– Wir sollten das nicht nur erfahren, sondern diese Persönlichkeit, die sich für einen Naturforscher ausgab und in der That war, in der Folge auch noch weiter kennen lernen.

Herr Mathias Van Guitt, der Menagerien-Lieferant, trug eine Brille und mochte fünfzig Jahre zählen. Ein glattes Gesicht, blinzelnde Augen, eine gewaltige Nase, die ewige Bewegung des ganzen Körpers, seine jedem Satze, den er sprach, angepaßten, mehr als ausdrucksvollen Gesten drückten ihm unverkennbar den Stempel des bekannten alten Komödianten aus der Provinz auf. Wer ist nicht einmal solchen ergrauten Theaterhelden begegnet, deren ganzes, von dem Horizonte einer Rampe und eines Prospectes begrenztes Leben sich zwischen der »Hof-« und der »Gartenseite« eines wandernden Thespiskarrens abspielte? Unermüdliche Sprecher, gefährliche Gesticulatoren und höchst eingenommen für das werthe Ich, pflegen sie den nach rückwärts geworfenen Kopf möglichst hoch zu tragen, nur erscheint dieser im Alter oft so leer, daß man zur Ueberzeugung kommt, er werde auch im kräftigen Lebensalter nicht besonders gefüllt gewesen sein. In Mathias Van Guitt stak so ein Stückchen eines verwitterten Bretterhelden.

Ich habe einige Male die lustige Anekdote von einem armen Teufel von Sänger gehört, der jedes Wort seiner Rolle mit der entsprechenden grobsinnlichen Geste begleiten zu müssen glaubte.

So z. B. in der Oper »Masaniello« (d. i. die Stumme von Portici), bewegte er bei der in vollem Brustton herausposaunten Stelle:

Wenn aus einem Fischer von Neapel…

den gegen die Zuschauer ausgestreckten Arm so, als ob er an einem Angelhaken einen zappelnden Hecht hängen hätte. Dann weiter bei den Worten:

Der Himmel einen Fürsten machen wollte…

erhob er die Hand nach dem Zenith, um auf den Himmel hinzuweisen, während die andere, zur Verbildlichung der Königskrone einen Kreis um das edle Haupt beschrieb –

Würde er, ein Rebell gegen des Schicksals Rathschluß ,..

dabei schien er mit Gewalt einem auf ihn wirkenden Drucke Widerstand zu leisten –

Seine Barke weiter treibend rufen …

hierzu endlich bewegte er beide Arme lebhaft von rechts nach links und umgekehrt, als handhabte er einen Bootsriemen, um seine Geschicklichkeit in der Führung eines Fahrzeuges zu beweisen.

Ganz ähnliche Gewohnheiten, wie jener Sänger, hatte nun auch der Händler Mathias Van Guitt. Er schmückte seine Rede gern mit den gewähltesten Phrasen und konnte für den Zuhörer, der sich nicht außer dem Bereiche seiner Handbewegungen zu halten wußte, leicht gefährlich werden.

Wie wir später aus seinem eigenen Munde hörten, war Mathias Van Guitt ursprünglich Professor der Naturwissenschaften am Museum von Rotterdam, dem sein Lehrstuhl nicht zugesagt hatte. Offenbar regte das Auftreten des würdigen Mannes schon jener Zeit die Lachmuskeln besonders an, und wenn jemals Schaaren von Zuhörern zu seinem Katheder strömten, so wollten diese offenbar weniger lernen, als sich nur belustigen. Unter so bewandten Umständen hatte er sich, überdrüssig, theoretische Zoologie erfolglos vorzutragen, nach Indien begeben, um sich der praktischen Zoologie zu widmen. Diese Thätigkeit behagte ihm weit mehr und er schwang sich dabei zum wohlbestallten Lieferanten der großen Hamburger und Londoner Handelsfirmen empor, von denen die öffentlichen und privaten Menagerien der Alten und Neuen Welt ihren Bedarf zu decken pflegen.

Mathias Van Guitt befand sich augenblicklich in Tarryani, um eine umfassende Bestellung auf Raubthiere für Europa auszuführen. Sein Lagerplatz befand sich kaum zwei Meilen von der Stelle, wo wir ihn aus der Falle befreit hatten.

Wie war der Händler aber da hineingerathen? Diese Frage richtete Banks an ihn, und er gab darauf folgende, mit abwechslungsreichen Gesten illustrirte Antwort:

»Ja, das war gestern, die Sonne hatte schon den Halbkreis ihres täglichen Umlaufes vollendet. Da fiel es mir ein, eine der von mir eigenhändig errichteten Tigerfallen zu besichtigen. Ich verließ also meinen Kraal, den die Herren hoffentlich bald mit ihrem Besuche beehren werden, und gelangte nach dieser Waldblöße. Ich war allein; meine Leute hatten dringende Arbeiten vor und ich wollte sie nicht davon abhalten. Das war eine Unklugheit. Als ich zur Falle kam, überzeugte ich mich sogleich, daß die, die Thür bildende bewegliche Bohle noch aufgezogen war, und zog daraus die logische Schlußfolgerung, daß sich bis jetzt kein Raubthier gefangen haben könne. Indessen wollte ich mich überzeugen, ob der Köder sich noch vorfinde und ob der Hebel richtig und leicht functionire. Ich glitt also mit geschickter kriechender Bewegung durch den engen Eingang.«

Mathias Van Guitt’s Hand erläuterte dabei durch eine elegante Wellenbewegung etwa das Schleichen einer Schlange durch das hohe Gras.

»Im Innern der Falle angelangt, fuhr der Händler fort, prüfte ich das Ziegenviertel, dessen Ausdünstung die Bewohner dieses Theiles des Waldes anlocken sollte. Der Köder erwies sich unberührt. Eben wollte ich umkehren, als ein Stoß meines Armes das Spiel des Hebels auslöste: die Klappe fiel nieder, und ich saß, ohne jede Möglichkeit, daraus entkommen zu zu können, in meiner eigenen Falle gefangen.«

Mathias Van Guitt schwieg einen Augenblick, um den ganzen Ernst seiner fatalen Lage zu kennzeichnen.

»Immerhin, meine Herren, nahm er seine Rede wieder auf, muß ich gestehen, daß ich die Sache anfänglich von ihrer komischen Seite auffaßte. Ich war eingesperrt, richtig! Hier gab es keinen Stockmeister, um die Thüre des Kerkers zu öffnen, auch wahr! Aber ich sagte mir, daß meine Leute, wenn ich ihnen allzu lange ausbliebe, Nachforschungen anstellen würden, die ja nicht ohne Erfolg bleiben konnten. Das Ganze erschien mir nur als eine Frage der Zeit.

»Was soll man in einer Herberge wohl anderes thun als schlafen? sagt ein französischer Erzähler. Ich schlief also ein, und so verflossen zwei Stunden ohne Veränderung meiner Situation. Der Abend sank hernieder, der Hunger meldete sich. Das Beste, was ich thun zu können glaubte, war, ihn durch Schlaf hinweg zu täuschen. Ich handelte als Philosoph und verfiel in tiefen Schlaf. Die Nacht war still; im Walde regte sich nichts. Mein Schlummer blieb ungestört, und vielleicht schliefe ich noch, wenn mich nicht ein ungewohntes Geräusch geweckt hätte. Die Klappe der Falle stieg langsam empor, das Licht des Tages brach sich Bahn in meinem dunklen Schlupfwinkel, und ich brauchte nur herauszutreten … Den Schreck können Sie sich vorstellen, als ich da das Mordinstrument auf meine Brust gerichtet sah. Noch einen Augenblick und ich war von einer Kugel durchbohrt! Die Stunde meiner Befreiung wäre die letzte meines Lebens gewesen! … Der Herr Kapitän beliebte aber in mir noch rechtzeitig ein Wesen seiner eigenen Gattung zu erkennen, und so habe ich Ihnen, meine Herren, nur noch den verbindlichsten Dank für meine Erlösung auszusprechen!«

So lautete die Erzählung des Händlers. Ich gestehe, daß wir uns nur mit Mühe bemeistern konnten, das Lachen zu unterdrücken, welches seine Worte und Gesten unwillkürlich erregten.

»Ihr Lagerplatz, fragte Banks, ist also in diesem Theile Tarryanis aufgeschlagen?

– Ja, mein Herr, bestätigte Mathias Van Guitt. Wie ich schon die Ehre hatte, Ihnen mitzutheilen, liegt mein Kraal kaum zwei Meilen von hier entfernt, und wenn Sie diesen mit Ihrer Gegenwart beehren wollen, wird es für mich ein Vergnügen sein, Sie daselbst zu empfangen.

– Gewiß, Herr Van Guitt, versicherte Oberst Munro, wir werden nicht verfehlen, unseren Besuch abzustatten.

– Wir sind Jäger, fügte Kapitän Hod hinzu, und die Einrichtung eines Kraals hat für uns ein natürliches Interesse.

– Jäger! rief Mathias Van Guitt, Jäger!« Sein Gesicht nahm unverkennbar einen Ausdruck an, der uns sagte, daß er die Söhne Nimrod’s nicht allzu hoch schätzte.

»Sie jagen Raubthiere … natürlich, um sie zu tödten? fuhr er, gegen den Kapitän gewendet, fort.

– Einzig und allein, um sie zu tödten, erklärte Hod.

– Und ich einzig und allein, um sie zu fangen! versetzte der Händler, der sich bei diesen Worten stolz in die Brust warf.

– Nun, Herr Van Guitt, erwiderte Kapitän Hod, da werden wir uns ja keine Concurrenz machen!«

Der Händler schüttelte den Kopf. Jedenfalls veranlaßte ihn unsere Eigenschaft als Jäger nicht, direct auf seine Einladung zurückzukommen.

»Wenn die Herren mir folgen wollten!« sagte er nur mit graziöser Verneigung.

In diesem Augenblicke ließen sich im Walde verschiedene Stimmen vernehmen und ein halbes Dutzend Hindus kamen um eine Ecke der Straße, welche von der Lichtung ausging.

»Ah, da sind meine Leute!« sagte Mathias Van Guitt.

Dann trat er näher an uns heran, legte den Finger auf den Mund und flüsterte uns halblaut zu:

»Bitte, kein Wort von meinem Abenteuer! Die Leute aus dem Kraal brauchen nicht zu wissen, daß ich mich wie ein Raubthier in eigener Falle fangen ließ. Das könnte das Ansehen vermindern, welches ich mir in deren Augen immer bewahren muß!«

Ein zusagendes Zeichen unsererseits beruhigte den Händler.

»Herr, begann da einer der Hindus, dessen ruhiges und doch intelligentes Gesicht meine Aufmerksamkeit erregte, Herr, schon über eine Stunde lang suchen wir Sie, ohne …

– Ich war bei diesen Herren, welche mich nach dem Kraal begleiten wollen, fiel ihm Mathias Van Guitt in’s Wort; bevor wir aber aufbrechen, bringt mir die Falle wieder in Ordnung!«

Die Hindus gehorchten willig dem Befehle des Händlers.

Inzwischen lud uns Mathias Van Guitt ein, das Innere der Falle in Augenschein zu nehmen. Kapitän Hod schlüpfte nach ihm hinein und ich folgte Beiden nach.

Der Raum war etwas beschränkt für die Entwickelung der Gesten unseres Wirthes, der damit so freigebig war, als ob er sich in einem Salon befände.

»Ich zolle Ihnen alle Achtung, sagte Kapitän Hod, nachdem er sich den Apparat angesehen, das ist wirklich recht sinnreich!

– Das dürfen Sie glauben, Herr Kapitän, antwortete Mathias Van Guitt. Diese Art von Fallen ist den früheren, mit Pfählen aus hartem Holze versehenen Gruben und den bogenförmig herabgezogenen elastischen Zweigen mit Laufknoten beiweitem vorzuziehen. Im ersteren Falle spießt das Thier sich auf, im zweiten Falle erwürgt es sich. Wenn es nur darauf ankommt, die reißenden Thiere auszurotten, so ist das ja ziemlich gleichgiltig. Ich aber, wie ich hier mit Ihnen rede, ich brauche jene lebendig und unverletzt, ohne jegliche Werthverminderung!

– Alles in Allem, bemerkte Kapitän Hod dagegen, verfahren wir Beide nicht auf gleiche Weise.

– Aber ich wahrscheinlich besser als Sie! versetzte der Händler. Wenn man die Raubthiere fragen könnte…

– Ja, ich befrage sie aber nicht!« erwiderte der Kapitän.

Kapitän Hod und Mathias Van Guitt hatten entschieden einige Mühe, sich zu verständigen.

»Aber, fragte ich den Händler, wenn sich nun ein Thier in solch‘ einer Falle fing, wie bringen Sie es in Gewahrsam?

– Dazu wird ein fahrbarer Käfig vor die Oeffnung gebracht, erklärte Mathias Van Guitt, in den sich die Gefangenen selbst hineinstürzen, und ich brauche sie dann nur, ruhig und sicher von meinen zahmen Büffeln gezogen, nach dem Kraal zu schaffen!«

Kaum hatte er diese Worte vollendet, als wir von außen her ein lautes Geschrei vernahmen.

Was mochte da geschehen sein?

Eben hatte ein Hindu eine Peitschenschlange von der gefährlichsten Art mit einem dünnen Stocke in zwei Theile getrennt, als sich das giftige Reptil gerade auf den Oberst Munro zuschlängelte.

Es war derselbe Hindu, der mir schon vorher auffiel. Sein rasches, entschlossenes Handeln hatte Sir Edward Munro von einem unerwarteten schnellen Tode gerettet, wie wir selbst zu sehen Gelegenheit hatten.

Der zu unseren Ohren dringende Schrei rührte nämlich von einem Diener aus dem Kraal her, der sich im letzten Todeskampfe auf dem Boden wälzte.

Durch ein bedauernswertes Mißgeschick war der glatt abgehauene Kopf der Schlange dem Armen an die Brust geflogen, die Zähne bohrten sich hier noch ein, und der Unglückliche hauchte, das entsetzliche Gift in den Adern, in kaum einer Minute sein Leben aus, ohne daß wir im Stande gewesen wären, ihn zu retten.

Zuerst erstarrt vor Schreck über dieses gräßliche Schauspiel, eilten wir dann sofort auf den Oberst Munro zu.

»Du bist doch nicht verletzt? fragte Banks, der seine Hand besorgt ergriff.

– Nein, Banks, beruhige Dich!« antwortete Sir Edward Munro.

Dann erhob er sich und ging auf den Hindu, seinen Lebensretter zu.

»Ich danke Dir, mein Freund!« sagte er.

Der Hindu gab durch eine Bewegung zu verstehen, daß er für seine That keinen besonderen Dank verdient habe.

»Wie ist Dein Name? fragte ihn Oberst Munro.

– Kâlagani!« antwortete der Hindu.

Elftes Capitel.


Elftes Capitel.

Auge in Auge.

Die Thugs, blutigen Andenkens, von denen Hindostan befreit zu sein scheint, haben doch ihrer ganz würdige Nachfolger hinterlassen. Es sind das die Dacoits, eine Art verwandelte Thugs. Das gewöhnliche Verfahren dieser Uebelthäter hat gewechselt, der Zweck der Mordthaten ist ein anderer geworden, aber das endliche Resultat ist dasselbe geblieben: die überlegte Tödtung, der Mord.

Jetzt handelt es sich nicht mehr darum, der wilden Kâli, der Todesgöttin, ein Opfer zu bringen. Wenn diese neueren Fanatiker nicht mehr stranguliren, so vergiften sie, um zu rauben. Den Würgern sind weitaus praktischere, aber gleichmäßig zu fürchtende Verbrecher gefolgt.

Die Dacoits, welche in gewissen Gebieten der Halbinsel besondere Banden bilden, nehmen Alles auf, was die anglo-indische Justiz an Mördern durch die Maschen ihres Netzes schlüpfen läßt. Sie streifen Tag und Nacht auf den Landstraßen umher, vorzüglich in den wilden Gegenden, und bekanntlich bietet gerade Bundelkund die geeignetsten, schwer zugänglichen Plätze. Zuweilen vereinen sich diese Banden zu starken Haufen, um ein vereinzelt liegendes Dorf zu überfallen. Da bleibt dessen Bewohnern nichts übrig als die schleunigste Flucht; wer von ihnen in die Hände der Dacoits fällt, dem stehen die entsetzlichsten, ausgesuchtesten Qualen bevor. Hier erwachten die Sagen von den Mordbrennern des äußersten Westens wieder zum Leben. Wenn man Louis Rousselet glauben darf, so »überbot die List dieser Scheusale, das erbarmungslose Verfahren derselben, Alles, was die phantasiereichsten Erzähler jemals erdacht haben«.

In die Gewalt einer solchen, von Kâlagani angeleiteten Bande Dacoits war der unglückliche Oberst Munro gefallen. Ehe er zu Besinnung kommen konnte, was mit ihm vorging, sah er sich gewaltsam von seinen Gefährten getrennt und auf der Straße nach Jubbulpore fortgeschleppt.

Kâlagani hatte seit dem Tage, wo er zu den Insassen des Steam-Houses in Beziehung trat, nur Verrath gebrütet. Nana Sahib war es, der ihn abgeschickt, der gerade ihn erwählt hatte, seinen Racheplan vorzubereiten.

Man erinnert sich, daß der Nabab am verwichenen 24. Mai in Bhopal, während der letzten Moharum-Feste, zu denen er sich mit Verachtung jeder Gefahr begeben hatte, von der Abreise Sir Edward Munro’s nach den nördlichen Provinzen Indiens Nachricht erhielt. Auf seinen Befehl verließ damals Kâlagani, einer der seiner Sache und Person am meisten ergebenen Hindus, die Stadt Bhopal. Dessen Auftrag lautete dahin, der Spur des Obersten nachzugehen, ihn aufzuspüren, niemals aus den Augen zu lassen, wenn es nöthig werden sollte, selbst das Leben zu wagen und sich in die nähere Umgebung des gehaßten Feindes Nana Sahib’s einzuschleichen.

Kâlagani war in derselben Stunde aufgebrochen, um nach Norden zu gehen. Schon in Khanpur gelang es ihm, den Zug des Steam-Houses einzuholen. Seit dieser Zeit hatte er, ohne sich je sehen zu lassen, auf eine günstige Gelegenheit gewartet, die sich jedoch nicht einstellte. Deshalb entschloß er sich, als Oberst Munro nebst seinen Begleitern im Sanatorium des Himalaya rastete, einstweilen bei Mathias Van Guitt Dienste zu nehmen.

Kâlagani sagte sich, daß zwischen dem Kraal und dem Sanatorium bald ein täglicher Verkehr entstehen müßte. Das geschah denn auch, und es glückte ihm nebenbei, vom ersten Tage ab nicht nur die besondere Aufmerksamkeit Oberst Munro’s zu erregen, sondern sich auch einen gewissen Anspruch auf dessen Erkenntlichkeit zu erwerben.

Damit war für ihm der schwierigste Punkt überwunden. Das Uebrige ist bekannt. Der Hindu kam sehr häufig nach dem Steam-House, er wurde von den weiteren Plänen der Bewohner desselben unterrichtet und erfuhr, welchen Weg Banks später einzuschlagen gedachte. Nun beherrschte ihn blos noch der eine Gedanke, womöglich als Führer der Expedition angenommen zu werden, wenn diese wieder nach dem Süden hinabzog.

Kâlagani versäumte nichts, um dieses Ziel zu erreichen. Er schrak selbst nicht davor zurück, nicht allein das Leben der Anderen, sondern auch das eigene auf’s Spiel zu setzen. Wie das zuging, ist schon aus dem Vorhergehenden bekannt.

So kam ihm der Gedanke, daß jeder Verdacht schwinden müsse, wenn er die Expedition vom Anfang der Rückreise an, aber immer im Dienste Mathias Van Guitt’s, begleitete, und daß ihm Oberst Munro vielleicht das selbst anbieten würde, wonach er vor Allem verlangte.

Um das aber zu erreichen, mußte der Händler erst seiner Zugthiere, der Büffelgespanne, beraubt und dadurch genöthigt werden, die Hilfe des Stahlriesen in Anspruch zu nehmen. So machte er sich den – allerdings unerwarteten – Ueberfall der Raubthiere zunutze. Auf die Gefahr hin, ein entsetzliches Unglück anzurichten, schob er unbemerkt die Holzriegel zurück, welche das Thor des Kraals verschlossen. Die Tiger und Panther stürzten in die Umzäunung. Die Büffel wurden zerfleischt oder vertrieben, einige Hindus kamen bei der Affaire um’s Leben, aber – Kâlagani’s Absicht war erreicht: Mathias Van Guitt sah sich gezwungen, Oberst Munro’s Unterstützung zu erbitten, um mit seiner fahrenden Menagerie nach Bombay zu gelangen.

Es wäre in der That schwierig gewesen, in der fast wüsten Gegend des Himalaya neue Gespanne zu beschaffen, der Sicherheit halber unternahm es Kâlagani aber selbst, sich scheinbar um die Besorgung neuer Zugthiere zu bemühen. Natürlich waren seine Bemühungen fruchtlos, und so mußte Mathias Van Guitt mit seinem Personal und der Menagerie im Schlepptau des Stahlriesen bis zur Station Etawah ziehen.

Von da aus sollte der Weitertransport der ganzen Waare des Händlers auf der Eisenbahn erfolgen. Die jetzt überflüssig gewordenen Chikaris wurden entlassen und Kâlagani sollte ebenfalls verabschiedet werden. Da gab er sich den Anschein, als sei er sehr in Verlegenheit, was er nun beginnen sollte. Banks ließ sich dadurch tauschen. Er sagte sich, daß der intelligente diensteifrige Hindu ihnen mit seiner genauen Kenntniß gerade dieses Theiles von Indien werde von großem Nutzen sein können, bot ihm daher an, bis Bombay den Dienst als Führer zu versehen, und von demselben Tage ab lag das Schicksal der Expedition in Kâlagani’s Hand.

Noch ließ nichts in dem Hindu, der sich stets zu jedem Opfer bereit zeigte, einen niedrigen Verrath vermuthen.

Nur einmal war Kâlagani daran, sich eine Blöße zu geben, damals nämlich, als Banks gegen ihn von Nana Sahib’s Tode sprach. Er machte unwillkürlich eine Geste und schüttelte den Kopf wie Einer, der an das Gehörte nicht glauben kann. Dasselbe hätte aber jeder Hindu gethan, dem der sagenhafte Nabab als eines jener übernatürlichen Wesen gilt, die der Tod nicht erreichen kann.

Ob Kâlagani diese Nachricht bei der – übrigens nicht zufälligen – Begegnung mit einem alten Kameraden unter der Karawane von Banjaris bestätigt wurde, weiß man zwar nicht, gewiß erhielt er aber verläßliche Auskunft.

Jedenfalls gab der Verrather seine abscheulichen Absichten niemals auf, als wolle er die Projecte des Nabab nun selbst zur Ausführung bringen.

So setzte das Steam-House seinen Weg quer durch die Schluchten der Vindhyas fort und gelangte unter vielfachen, dem Leser bekannten Zwischenfällen nach dem Ufer des Puturia-Sees, auf dem es vorläufig Zuflucht suchen mußte

Als Kâlagani hier unter dem Vorwande, nach Jubbulpore zu gehen, den schwimmenden Train verlassen wollte, ließ er sich zum ersten Male durchschauen. So sehr er sich sonst zu bemeistern wußte, hatte doch eine einfache physiologische Erscheinung, die der Aufmerksamkeit des Oberst nicht entgehen konnte, gegen ihn Verdacht erweckt, und wir wissen jetzt, daß dieser nur zu sehr begründet war.

Man ließ ihn aufbrechen, gab ihm aber Goûmi zur Begleitung. Beide sprangen in’s Wasser und erreichten nach einer Stunde das südöstliche Ufer des Puturia.

Darauf gingen sie neben einander durch die dunkle Nacht dahin, der Eine den Anderen scharf beobachtend, während der Zweite das nicht vermuthete. Bisher war der Vortheil auf Seiten Goûmi’s, dieses zweiten Mac Neil des Oberst Munro.

Drei volle Stunden marschirten die beiden Hindus auf der Landstraße hin, welche die südlichen Abhänge der Vindhyas durchschneidet und bei der Station Jubbulpore mündet. Auf dem Lande war der Nebel beiweitem dünner als auf dem Wasser. Goûmi behielt seinen Begleiter scharf im Auge. Im Gürtel trug er ein tüchtiges Messer. Bei der ersten verdächtigen Bewegung war er entschlossen, sich auf Kâlagani zu stürzen und diesen mindestens unschädlich zu machen.

Leider behielt der treue Hindu nicht Zeit genug, seinen Vorsatz auszuführen.

Die mondlose Nacht war tiefdunkel. Auf die Entfernung von zwanzig Schritten hätte man einen dahingehenden Menschen nicht erkennen können.

Da erscholl plötzlich an einer Windung der Straße eine Stimme, welche Kâlagani anrief.

»Hier, Nassim!« antwortete der Hindu.

Gleichzeitig ertönte zur Linken der Straße ein scharfer, sonderbarer Schrei.

Das war der »Kisri« (das Kriegsgeschrei) der wilden Stämme von Goudwana, den Goûmi nur zu gut kannte.

Die Ueberraschung hatte Goûmi’s Arm gelähmt. Was hätte er auch, wenn er Kâlagani erdolchte, gegen einen ganzen Haufen Hindus ausrichten können, den jener Kriegsruf herbeilocken mußte? Eine düstere Ahnung mahnte ihn zu fliehen, um wenigstens die drohende Gefahr zu melden.

Goûmi zauderte keinen Augenblick. Als Kâlagani mit jenem Nassim zusammentraf, der ihn angerufen hatte, sprang er zur Seite und verschwand in den Dschungeln neben der Straße.

Und als Kâlagani mit seinen Kameraden zurückkam, in der Absicht, sich des Begleiters, den Oberst Munro ihm aufgedrungen, zu entledigen, da war Goûmi nicht mehr zur Stelle.

Nassim, der Anführer einer der Sache Nana Sahib’s ergebenen Bande Dacoits, schickte sofort seine Leute aus, um den Entschwundenen zu suchen. Er wollte um jeden Preis den muthigen Diener wieder erlangen, der ihm entflohen war.

Alle Nachforschungen aber erwiesen sich fruchtlos. Ob Goûmi nur durch die Finsterniß geschützt wurde, oder in irgend welchem Schlupfwinkel Schutz gefunden hatte, jedenfalls mußten die Straßenräuber darauf verzichten, ihn wiederzufinden.

Was hatten die Dacoits von Goûmi übrigens zu befürchten, der in dieser wilden Gegend auf sich angewiesen und jetzt drei volle Stunden vom Puturia entfernt war, den er doch vor ihnen auf keinen Fall erreichen konnte?

Kâlagani traf danach seine Maßnahmen. Er verhandelte einen Augenblick mit dem Führer der Dacoits, der seine Befehle zu erwarten schien. Dann machten Alle Kehrt und wandten sich schnellen Schrittes dem Puturia zu.

Wenn diese Horde jetzt die Schlupfwinkel in den Vindhyas, wo sie seit einiger Zeit hauste, verlassen hatte, so lag der Grund darin, daß ihnen Kâlagani die demnächstige Ankunft des Oberst Munro in der Umgebung des Puturia-Sees gemeldet hatte. Durch wen aber? Eben durch jenen Hindu, der kein Anderer als Nassim war und seinerzeit der Karawane der Banjaris folgte. Und wem hatte er das gemeldet? Dem, dessen Hand im Verborgenen alle diese Vorgänge leitete.

Was schon geschehen und was noch geschah, war in der That das Resultat eines wohldurchdachten Planes, dem Oberst Munro und seine Begleiter zum Opfer fallen mußten. In Folge dessen konnten die Dacoits auch, als der Train an das Südufer des Sees stieß, denselben unter Anführung Nassim’s und Kâligani’s überfallen.

Der ganze Anschlag galt indeß nur dem Oberst Munro allein. Seine Begleiter waren ja in diesem trostlosen Landstriche nach Zerstörung ihres letzten Wagens nicht weiter zu fürchten. Jener wurde also fortgeschleppt und befand sich um sieben Uhr Morgens schon sechs Meilen vom Puturia-See.

Man durfte wohl kaum annehmen, daß Oberst Munro von Kâlagani nach der Station Jubbulpore gebracht werden würde. Jener sagte sich auch selbst, daß er aus dem Gebiete der Vindhyas schwerlich herauskommen und, einmal in der Macht seiner Todfeinde, diesen kaum jemals wieder entrinnen werde.

Sein kaltes Blut hatte der nie verzagende Mann aber nicht verloren. Er schritt, bereit auf Alles, was nur geschehen konnte, inmitten der wilden Hindus dahin und stellte sich, als ob er Kâlagani überhaupt nicht sehe. Der Verräther marschirte an der Spitze der Truppe, deren Anführer er in der That zu sein schien. An Flucht war nicht zu denken. Gefesselt wurde Oberst Munro zwar nicht, er sah aber auch weder vorn, noch hinten, ebensowenig an den Seiten eine Lücke in der Escorte, durch die er hätte entschlüpfen können. Uebrigens mußte er ja auch im ersten Augenblicke wieder eingefangen werden. Er vergegenwärtigte ich nun seine Lage mit allen möglichen Folgen derselben. Daß Nana Sahib bei dem ganzen Vorgänge eine Hand im Spiele habe, konnte gerade er nicht glauben, da für ihn der Nabab als todt galt. Irgend ein Waffengefährte des alten Rebellenführers aber, z. B. Balao Rao, konnte ja wohl vom Hasse getrieben werden, den Racheplan auszuführen, dem sein Bruder das ganze Leben geweiht hatte. Sir Edward Munro fühlte, daß es sich hierbei um etwas dergleichen handle.

Dabei dachte er auch an den armen Goûmi, den er nicht als Gefangenen der Dacoits sah. Vielleicht war es ihm ja gelungen, zu entfliehen, wahrscheinlich aber hatte er den Tod gefunden. Doch selbst wenn er heil und gesund geblieben, war auf Hilfe von seiner Seite schwerlich zu rechnen.

Wenn Goûmi nämlich, um Unterstützung zu holen, bis zur Station Jubbulpore gelaufen war, so kam er damit zu spät.

Hatte er dagegen Banks und die Anderen am Südende des Sees wieder zu finden gesucht, so konnten doch auch diese wegen Mangels an Munition nichts ausrichten. Sie beeilten sich vielleicht selbst, schnell nach Jubbulpore zu kommen … bevor sie das aber erreichten, war der Gefangene längst nach irgend einem unzugänglichen Schlupfwinkel in den Vindhyas gebracht worden.

Nach dieser Seite hin mußte er also jede Hoffnung aufgeben.

Oberst Munro betrachtete die Sachlage mit ruhigem Blicke. Er verzweifelte nicht, er war nicht der Mann dazu, sich gänzlich niederbeugen zu lassen, aber er liebte es, die Sachen nüchtern zu betrachten, statt sich einer unbegründeten Illusion hinzugeben, was seiner nicht würdig schien.

Die Horde Hindus marschirte mit größter Geschwindigkeit. Nassim und Kâlagani strebten offenbar danach, vor Sonnenuntergang an einer vorherbestimmten Stelle anzulangen, wo sich das Los des Oberst entscheiden sollte. Wenn der Verräther Eile hatte, so wünschte auch Sir Edward Munro ein Ende zu sehen, ganz gleichgiltig, welches das Schicksal ihm bestimmt hätte.

Nur einmal gegen Mittag ließ Kalagani eine halbe Stunde Halt machen. Die Dacoits führten Lebensmittel mit sich und begannen am Ufer eines kleinen Baches zu essen.

Auch dem Oberst wurde etwas Brot und ein wenig getrocknetes Fleisch vorgelegt, was dieser nicht abwies. Er hatte seit dem vorigen Tage nichts genossen und wollte seinen Feinden nicht die Freude gönnen, ihn vielleicht in der letzten Stunde körperlich schwach zu sehen.

Bis hierher waren schon sechzehn Meilen unter forcirtem Marsche zurückgelegt worden. Auf Kalagani’s Befehl setzte sich Alles wieder in Bewegung und zog gegen Jubbulpore weiter.

Erst gegen fünf Uhr Nachmittags verließen die Dacoits die Landstraße und bogen von derselben nach links ab. Wenn Oberst Munro auf jenem Hauptwege noch einen Schimmer von Hoffnung hegen konnte, so sah er nun wohl ein, daß sein Geschick nur in den Händen Gottes lag.

Eine Viertelstunde später durchschritten Kalagani und seine Begleiter einen Engpaß, der, nach dem wildesten Theile von Bundelkund zu, den Ausgang des Nerbudda-Thales bildete.

Diese Stelle lag etwa hundertfünfzig Kilometer von dem Pal von Tandit, im Osten jener Sautpourra-Berge, die man als die westliche Fortsetzung der Vindhyas ansehen kann.

Da erhob sich auf einem der letzten Bergausläufer die alte Veste Ripore, seit langer Zeit schon aufgegeben, weil sie, wenn die westlichen Engpässe von einem Feinde gesperrt wurden, auf keine Weise mehr mit Proviant und Schießbedarf versorgt werden konnte.

Das Fort thronte auf einem der letzten Vorsprünge der Bergkette, einer Art natürlichem Sägewerk (ein zickzackförmig verlaufender Wall), von etwa fünfhundert Fuß Höhe, und hing über eine größere Erweiterung des Passes, in der Mitte der benachbarten Bergzüge heraus. Man konnte nach demselben nur auf einem schmalen, in vielen Krümmungen am Felsen emporsteigenden Wege gelangen, der kaum für Fußgänger zugänglich war.

Auf der Kuppe des Berges lagen noch einige halb abgetragene Courtinen und einige Bastionen in Trümmern. Mitten auf einem freien Platz, den ein Steingeländer gegen den Abgrund zu umschloß, erhob sich noch ein verfallenes Gebäude, früher die Kaserne der kleinen Garnison von Ripore, das man jetzt kaum noch als Stall verwandt hätte.

Von allen Geschützen, welche sonst mit ihren drohenden Mündungen durch die Schießscharten der Außenmauer lugten, war nur noch ein einziges, jetzt nach innen gerichtet, übrig, eine Kanone, die zu schwer war, um ohne große Mühe weggeschafft zu werden, und in zu schlechtem Zustande, um ihr einen besonderen Werth beizumessen. So stand sie verlassen noch auf der riesigen Lafette und der Rost nagte langsam an dem eisernen Rohre.

Sie bildete übrigens ihrer Größe und Dicke nach ein würdiges Seitenstück der berühmten Bronzekanone von Bhilsa, jenes ungeheueren Geschützes von sechs Metern Rohrlänge und einem Kaliber von vierundvierzig Centimetern, das zur Zeit Jehanghir’s gegossen worden war. Auch hätte man sie mit der nicht minder bekannten Kanone von Bidjapour vergleichen können, deren Donner, nach Aussage der Eingebornen, alle Bauwerke der Stadt in ihren Grundvesten erschütterte.

Diesen Anblick also bot die Veste von Ripore, wohin der Gefangene durch Kâlagani’s Spießgesellen geführt wurde. Es war um sechs Uhr Abends, als er daselbst, nach einem Marsche von fünfundzwanzig Meilen, anlangte.

Oberst Munro sollte nicht lange darüber im Zweifel bleiben, welchem seiner Feinde er hier entgegentreten sollte.

Das verfallene Gebäude auf dem Platze diente noch einer Abtheilung Hindus als Wohnstätte. Als die neu angekommenen Dacoits längs der äußeren Mauer sich kreisförmig aufgestellt, traten jene aus dem Hause hervor.

Oberst Munro stand in der Mitte und wartete ruhig mit gekreuzten Armen.

Kâlagani trat aus der Menge hervor und ging den Anderen einige Schritte entgegen.

Ein einfach gekleideter Hindu erschien an der Spitze der Abtheilung.

Kâlagani blieb vor diesem stehen und verneigte sich. Der Hindu reichte ihm die Hand, welche er voll Ehrfurcht küßte. Ein Zeichen mit dem Kopfe bedeutete ihm, daß man mit seinen Diensten zufrieden war.

Dann schritt der Hindu auf den Gefangenen zu, langsam zwar, aber mit flammenden Augen und allen Zeichen einer kaum verhaltenen Wuth. Man hätte geglaubt, ein Raubthier schleiche sich nach seiner Beute.

Oberst Munro ließ jenen nahe kommen, ohne einen Schritt zurückzuweichen, und fixirte denselben ebenso scharf, wie dieser den Gefangenen.

Jetzt war der Hindu nur noch fünf Schritte von ihm entfernt.

»Es ist blos Balao Rao, der Bruder des Nabab! sagte der Oberst mit verächtlichem Tone.

– Sieh mich besser an! entgegnete der Hindu.

– Nana Sahib! rief Oberst Munro, unwillkürlich zurückschreckend. Nana Sahib am Leben! …«

Ja wohl, der Nabab selbst, der alte Rebellenführer im Aufstande der Sipahis, der unversöhnliche Feind Munro’s.

Bei dem Gefechte in der Nahe des Pals von Tandit war nur sein Bruder Balao Rao gefallen.

Die außergewöhnliche Aehnlichkeit der zwei Männer, die beide ein pockennarbiges Gesicht und denselben Finger der nämlichen Hand amputirt hatten, täuschte damals die Soldaten von Luknow und Khanpur. Sie erkannten den Nabab in der Leiche seines Bruders, eine Verwechslung, die wohl Jedem passirt wäre. Als den Behörden damals also der Tod des Nabab gemeldet wurde, lebte Nana Sahib noch, nur Balao Rao war nicht mehr.

Diesen Umstand wußte sich Nana Sahib zunutze zu machen; er gewährte ihm ja eine fast absolute Sicherheit. Seinem Bruder wurde von der englischen Polizei gar nicht mit größerem Eifer nachgespürt. Die Gräuelthaten von Khanpur legte man diesem ja nicht zur Last, und er besaß auf die Hindus Central-Indiens auch nicht den verderblichen Einfluß, wie der Nabab.

Als Nana Sahib aber sich so hitzig verfolgt sah, beschloß, er so lange die Rolle eines Todten zu spielen, bis sich die passende Gelegenheit böte, wieder handelnd aufzutreten; er verzichtete also vorläufig auf alle revolutionären Pläne und brütete allein darüber, wie er selbst sich rächen könne. Noch niemals lagen die Verhältnisse dafür günstiger. Oberst Munro, den seine Sendboten fortwährend überwachten, hatte sich von Calcutta auf eine Reise begeben, die ihn nach Bombay führen sollte. War es da nicht möglich, ihn in das Gebiet der Vindhyas durch die Provinzen von Bundelkund zu locken? Nana Sahib setzte das voraus und schickte daher den getreuen Kâlagani zur Ausführung dieses Planes ab.

Der Nabab verließ bald den Pal von Tandit, der ihm nicht mehr sicher genug schien, und drang weiter in das Nerbudda-Thal bis zu den letzten Schluchten der Vindhyas ein. Da lag die Festung Ripore, die ihm auf den ersten Blick als geeigneter Zufluchtsort erschien, in dem die Behörden Den, welchen sie für todt hielten, schwerlich auftreiben würden.

Nana Sahib zog sich also mit einigen, seiner Person ergebenen Hindus hierher zurück, erhielt bald Verstärkung durch eine Gesellschaft Dacoits, Gesellen, welche würdig waren, unter einem solchen Führer zu dienen, und wartete nun den Lauf der Dinge ab.

Auf was wartete er seit vier Monaten? Einzig darauf, daß Kâlagani seinen Auftrag durchführen und ihm die baldige Ankunft des Oberst Munro in den Vindhyas anmelden sollte, wo jener unter seine Gewalt kam.

Nur einer Befürchtung konnte Nana Sahib sich nicht ganz entschlagen. Wenn die über die ganze Halbinsel verbreitete Kunde von seinem Tode auch zu Kâlagani’s Ohren drang und dieser der Nachricht Glauben schenkte, konnte es ihn ja leicht veranlassen, auf sein Verrätherwerk gegenüber Oberst Munro zu verzichten.

Aus diesem Grunde sendete er noch einen anderen Hindu auf der Hauptstraße nach Bundelkund hin, eben jenen Nassim, der dem Steam-House auf dem Wege durch Scindia unter der Banjari-Karawane begegnete, sich in Verbindung mit Kâlagani zu setzen wußte und diesen über den wahren Sachverhalt aufklärte.

Nassim kehrte unmittelbar darauf nach der Veste Ripore zurück und theilte Nana Sahib Alles mit, was sich seit Kâlagani’s Abreise aus Bhopal zugetragen hatte. Oberst Munro und seine Begleiter fuhren unter Kâlagani’s Führung in kleineren Tagereisen durch die Vindhyas, und am Puturia-See sollte man sie erwarten.

Alles war dem Nabab nach Wunsch gegangen. Der Tag der Rache kam heran.

Heut‘ Abend stand nun Oberst Munro allein, ohne Waffen, vor ihm.

Nach den ersten rasch gewechselten Worten sahen sich die beiden Männer scharf in’s Gesicht, ohne nur eine Silbe zu sprechen.

Da, als dem Oberst plötzlich das Bild der Lady Munro recht lebhaft vor Augen trat, stürmte ihm das Blut heftig aus dem Herzen zum Kopfe – er wollte sich auf dem Mörder der Opfer von Khanpur stürzen …

Nana Sahib trat nur einige Schritte zurück.

Drei Hindus fielen über den Oberst her und bändigten ihn, wenn auch mit großer Mühe.

Inzwischen hatte Sir Edward Munro die Herrschaft wieder über sich selbst gewonnen. Der Nabab erkannte das offenbar, denn er winkte den Hindus, von ihm abzulassen.

Die beiden Feinde standen sich nun Auge in Auge gegenüber.

»Deine Landsleute, Munro, begann Nana Sahib, haben die hundertzwanzig Gefangenen von Peschawar vor die Mündungen ihrer Kanonen gebunden und seit jenem Tage sind über zwölfhundert Sipahis desselben entsetzlichen Todes gestorben! Deine Landsleute metzelten ohne Schonung die Flüchtlinge von Lahore nieder, erdrosselten nach der Einnahme von Delhi drei Fürsten und neunundzwanzig andere Mitglieder der königlichen Familie; sie haben in Laknau sechstausend der Unsrigen und dreitausend nach dem Feldzuge im Pendschab gemordet! Alles in Allem sind durch die Kanone, die Flinte, den Galgen und das Schwert hundertzwanzigtausend Officiere und Soldaten der Natifs-Armee und zweihunderttausend Eingeborne von Euch wegen jener Erhebung für unsere nationale Unabhängigkeit grausam hingeopfert worden!

– Zum Tode mit ihm! Zum Tode!« riefen die Dacoits und die Hindus, welche Nana Sahib umringten.

Der Nabab gebot ihnen Stillschweigen und wartete, daß Oberst Munro ihm antworten sollte.

Der Oberst erwiderte nichts.

»Du selbst, Munro, fuhr der Nabab fort, hast mit eigener Hand die Rani von Jansi, meine treue Gefährtin, getödtet … und sie ist noch nicht gerächt!«

Oberst Munro schwieg auch hierauf still.

»Endlich ist vor vier Monaten, sagte Nana Sahib, mein Bruder Balao Rao unter den mir bestimmten Kugeln gefallen … und mein Bruder ist noch nicht gerächt!

– Zum Tode! Zum Tode mit ihm!«

Die Rufe erklangen lauter als vorher und die ganze Horde schien nicht übel Lust zu haben, über den Gefangenen herzufallen.

»Ruhe! rief Nana Sahib, erwartet die Stunde des Gerichts!«

Alle schwiegen.

»Es war, nahm der Nabab wieder das Wort, einer Deiner Vorfahren, Munro, jener Hektor Munro, der zuerst jene gräßliche Strafe ersann und vollstrecken ließ, von der Deine Landsleute im Kriege von 1857 einen so schamlos schrecklichen Gebrauch gemacht haben. Er ließ schon früher viele Hindus, unsere Väter, unsere Brüder, lebend vor die Mündungen der Kanonen binden…«

Wieder brach ein Sturm des Unwillens in der blutgierigen Menge los, den Nana Sahib kaum zu besänftigen vermochte.

»Auge um Auge! Zahn um Zahn! sagte er. Du wirst denselben Tod erleiden, Munro, wie so viele der Unsrigen!«

Darauf drehte er sich um.

»Sieh hier diese Kanone!«

Der Nabab wies dabei nach dem gewaltigen, fünf Meter langen Geschütz, das mitten auf dem Platze stand.

»Man wird Dich, fuhr er fort, vor die Mündung dieser Kanone binden! Sie ist geladen, und morgen mit Sonnenaufgang wird ihr Donner, wenn er in den tiefsten Gründen der Vindhyas widerhallt, Allen verkünden, daß Nana Sahib’s Rachedurst endlich gelöscht ist!«

Oberst Munro sah den Nabab fest, aber mit einer Ruhe an, welche auch die Ankündigung seines nahen Todes nicht zu erschüttern vermochte.

»Gut, erwiderte er, Du thust nur, was ich gethan hätte, wenn Du in meine Hände gefallen wärst!«

Darauf stellte sich Oberst Munro freiwillig vor die Mündung des Geschützes wo er mit auf dem Rücken gebundenen Händen mittels starker Stricke angebunden wurde.

Noch lange Zeit nachher schmähten und schimpften ihn die erbärmlichen Dacoits und Hindus – als ob Sioux-Indianer in Nordamerika einen zum Tode Verurtheilten noch am Richtpfahl zu peinigen suchten.

Mit einbrechender Nacht verschwanden Nana Sahib, Kâlagani und Nassim in der alten Kaserne. Ermüdet verließ auch die übrige Bande allmälich den Platz und folgte ihren Führern nach.

Den Tod und den allmächtigen Gott vor Augen, blieb Sir Edward Munro allein zurück.