2 Das Gesetz Des Lebens

Das Gesetz des Lebens

Der alte Koskoosh lauschte begierig. Obwohl er längst das Augenlicht verloren hatte, waren seine Ohren doch noch scharf, und das schwächste Geräusch drang zu der Intelligenz, die noch hinter seiner welken Stirn glimmte, aber nicht mehr auf die Dinge dieser Welt blickte. Aha! Das war Sit-cum-to-ha, die mit schriller Stimme die Hunde ausschalt, während sie sie puffte und schlug, damit sie sich einspannen ließen. Sit-cum-to-ha war die Tochter seiner Tochter, aber sie war zu sehr in Anspruch genommen, um einen Gedanken an ihren altersschwachen Großvater zu verschwenden, der allein, einsam und hilflos, dort im Schnee saß. Das Lager mußte abgebrochen werden. Der weite Weg wartete, und der kurze Tag zögerte nicht. Das Leben rief sie, das Leben und die Pflichten des Lebens, nicht der Tod. Und er war dem Tode jetzt sehr nahe.

Der Gedanke flößte dem alten Manne einen Augenblick Schrecken ein, und er streckte die gichtige Hand aus, die zitternd über dem kleinen Haufen trockenen Holzes neben ihm hin und her fuhr. Als er sich vergewissert hatte, daß er wirklich da war, kehrte seine Hand in den Schutz seines räudigen Pelzes zurück, und er lauschte wieder. Das widrige Knarren halbgefrorener Felle sagte ihm, daß die Elchhäute, vom Zelt des Häuptlings heruntergeholt, in tragbare Form geknetet und gepreßt wurden. Der Häuptling war sein Sohn, stark und kraftvoll, der beste Mann des Stammes und ein mächtiger Jäger. Während die Weiber sich mit dem Lagergepäck abplagten, erscholl seine Stimme, die sie ihrer Langsamkeit wegen ausschalt. Der alte Koskoosh spitzte die Ohren. Es war das letztemal, daß er die Stimme hören sollte. Jetzt fiel Geehows Zelt! Und nun Tuskens! Sieben, acht, neun; jetzt konnte nur noch das des Schamanen stehen. So! Jetzt arbeiteten sie daran. Er konnte den Schamanen brummen hören, während er es auf dem Schlitten aufstapelte. Ein Kind wimmerte, und eine Frau beruhigte es mit sanften, klagenden Kehllauten. Die kleine Kootee, dachte der alte Mann, ein unruhiges Kind und nicht sehr kräftig. Es starb vielleicht bald, und dann brannten sie ein Loch in die gefrorene Tundra und häuften Steine darüber, um den Vielfraß abzuhalten. Nun ja, was machte das? Wenige Jahre bestenfalls, und ebensooft ein leerer Magen wie ein voller. Und zuletzt wartete der Tod, der immer Hungrige, der Hungrigste von allen.

Was war das? Oh, die Männer schirrten die Schlitten an und zogen die Leinen fest. Er lauschte, er, der nie mehr lauschen sollte. Die Peitschenhiebe sausten und schnitten in die Hunde. Horch, wie sie heulten! Wie sie die Arbeit und die Reise haßten! Jetzt zogen sie an! Schlitten auf Schlitten schwankte langsam in das Schweigen hinaus. Sie waren fort. Waren aus seinem Leben geglitten, und er sah allein der letzten bitteren Stunde ins Angesicht. Nein. Der Schnee knirschte unter einem Mokassin. Ein Mann stand neben ihm, und eine Hand legte sich weich auf sein Haupt. Sein Sohn war gut, daß er dies tat. Er erinnerte sich anderer alter Männer, deren Söhne nicht geblieben waren, als der Stamm fortzog. Aber sein Sohn war geblieben. Seine Gedanken verloren sich in der Vergangenheit, bis die Stimme des jungen Mannes ihn zurückrief.

»Geht es dir gut?« fragte er.

Und der alte Mann antwortete: »Es geht mir gut.«

»Es liegt Holz neben dir«, fuhr der Jüngere fort, »und das Feuer brennt hell. Der Morgen ist trübe, und die Kälte hat nachgelassen. Es wird gleich schneien. Gerade jetzt fängt es an.«

»Ja, es schneit schon.«

»Der Stamm hat Eile. Die Lasten sind schwer und ihre Leiber flach aus Mangel an Nahrung. Der Weg ist weit, und sie reisen schnell. Ich gehe jetzt. Ist es gut?«

»Ja, es ist gut. Ich bin wie das letzte Blatt des Jahres, das noch lose am Stamme hängt. Der erste Windhauch, und ich falle. Meine Stimme ist wie die eines alten Weibes geworden. Meinen Augen zeigen den Füßen nicht mehr den Weg, und meine Füße sind schwer, und ich bin müde. Es ist gut.«

Er neigte ergeben das Haupt, bis der letzte Laut des knirschenden Schnees erstorben war und er wußte, daß er seinen Sohn nicht mehr zurückrufen konnte. Dann tastete seine Hand schnell nach dem Holze. Das war das einzige, das noch zwischen ihm und der Ewigkeit stand, die über ihn hereinbrach. Zu guter Letzt war sein Leben nach einer Handvoll Scheite zu messen. Eines nach dem andern würde schwinden, um das Feuer zu nähren, und Schritt für Schritt würde sich der Tod an ihn heranschleichen. Wenn das letzte Scheit seine Wärme abgegeben hatte, würde die Kälte ihre Kräfte sammeln. Zuerst würden die Füße nachgeben, dann die Hände, und langsam würde die Starre der Glieder den Leib ergreifen. Sein Haupt würde auf die Knie fallen, und er würde Ruhe haben. Das war ganz leicht. Alle Menschen mußten sterben.

Er beklagte sich nicht. Das war das Gesetz des Lebens, und es war recht so. Dicht an der Erde war er geboren, dicht an der Erde hatte er gelebt, und ihr Gesetz war ihm daher nicht neu. Es war das Gesetz allen Fleisches. Die Natur war nicht gütig gegen das Fleisch. Es galt ihr nichts das greifbare Ding, das man Individuum nannte, ihre Sorge galt nur der Art, der Rasse.

Dies war die tiefste Abstraktion, der der barbarische Geist des alten Koskoosh fähig war, aber sie hatte er auch mit festem Griff gepackt.

In allem Lebendigen sah er Beispiele dafür. Das Steigen des Pflanzensaftes, das aufbrechende Grün der Weidenknospe, der Fall des gelben Laubes – schon darin lag alles. Aber eine Aufgabe stellte die Natur dem Individuum. Löste es sie nicht, so starb es. Löste es sie – gleichviel –, es starb dennoch. Der Natur war es gleichgültig: Es waren unzählige, die gehorchten, und nur der Gehorsam, nicht der Gehorchende, lebte und lebte ewig.

Koskoosh‘ Stamm war sehr alt. Die Alten Männer, die er als Knabe gekannt, hatten alte Männer vor ihnen gekannt. So war es also wahr, daß der Stamm lebte, daß er für den Gehorsam all seiner Glieder, deren Gräber unbekannt waren, bis in die vergessene Vorzeit einstand. Sie zählten nicht, sie waren Episoden. Sie waren entschwunden wie die Wolken an einem Sommerhimmel. Auch er war eine Episode und würde verschwinden. Die Natur kümmerte sich nicht darum. Sie stellte dem Leben nur eine Aufgabe, gab nur ein Gesetz. Sich fortzupflanzen war die Aufgabe des Lebens, sein Gesetz der Tod. Eine Jungfrau war schön anzusehen, stark und mit vollen Brüsten, den Frühling in ihrem Gange und Licht in ihren Augen. Aber ihre Aufgabe lag noch vor ihr. Das Licht in ihren Augen wurde noch heller, ihr Schritt schneller, sie war den jungen Männern gegenüber bald keck, bald furchtsam und teilte ihnen ihre eigene Unruhe mit. Und immer schöner und schöner wurde sie, bis irgendein Jäger sie in sein Zelt nahm, wo sie ihm sein Essen bereitete, für ihn arbeitete und die Mutter seiner Kinder wurde. Und wenn ihre Nachkommenschaft kam, verfiel ihre Schönheit. Ihre Glieder wurden langsam und träge, ihre Augen stumpf und trübe, und nur die kleinen Kinder freuten sich noch an der runzligen Wange der alten Squaw am Lagerfeuer. Ihre Aufgabe war gelöst. Nur eine kurze Weile, und bei der ersten Hungersnot, beim ersten langen Marsch wurde sie zurückgelassen, wie es ihm geschehen war, mit einem Häufchen Reisig im Schnee. So war das Gesetz.

Er legte behutsam ein Scheit in das Feuer und gab sich wieder seinen Betrachtungen hin.

Überall und mit allen Wesen war es dasselbe. Die Moskitos verschwanden beim ersten Frost. Das kleine Eichhörnchen verkroch sich, um zu sterben. Wenn das Kaninchen alterte, wurde es langsam und dick und konnte seinen Feinden nicht mehr entkommen. Selbst der große Hirsch wurde schwerfällig und blind und zänkisch und konnte zuletzt von einer Handvoll kläffender junger Hunde gefällt werden.

Er dachte daran, wie er seinen eigenen Vater eines Winters am Oberlaufe des Klondike verlassen hatte, den Winter, bevor der Missionar mit seinen Büchern voll von Geschwätz und seiner Kiste voll von Medizin gekommen war. Oft hatte Koskoosh in der Erinnerung an die Kiste mit der Zunge geschnalzt, aber jetzt wollte ihm das Wasser im Munde nicht mehr zusammenlaufen. Der »Schmerzstiller« war besonders gut gewesen. Aber der Missionar war schließlich doch eine Plage, denn er brachte kein Fleisch ins Lager, aß aber für drei, und die Jäger murrten. Aber an der Wasserscheide von Mayo bekam er Lungenentzündung, und nachher stießen die Hunde die Steine weg und balgten sich um seine Knochen.

Koskoosh legte noch ein Scheit aufs Feuer und ließ seine Gedanken weiter zurück in die Vergangenheit schweifen. Da war die Zeit der großen Hungersnot, als die Männer sich mit leerem Magen ums Feuer kauerten und düstere Sagen von den alten Zeiten erzählten, als der Yukon drei Winter lang breit und offen dahinströmte, dafür aber in drei Sommern zu Eis erstarrte. Er hatte seine Mutter bei der Hungersnot verloren. Im Sommer hatte die Laichzeit der Lachse einen Fehlschlag ergeben, und der Stamm hatte sich mit der Hoffnung auf den Winter und das Erscheinen der Rene getröstet. Und dann kam der Winter, aber kein Ren. Nie war so etwas geschehen, selbst die ältesten Männer hatten es nicht erlebt. Aber das Ren kam nicht, und es war das siebente Jahr, und die Kaninchen hatten sich nicht vermehrt, und die Hunde bestanden nur noch aus Haut und Knochen. Und in der langen Finsternis weinten und starben Kinder und Frauen und alte Männer, und nicht einer von zehn im Stamme lebte noch, um die Sonne willkommen zu heißen, als sie im Frühling wiederkehrte. Das war eine Hungersnot!

Aber er hatte auch Zeiten der Fülle erlebt, da das Fleisch verfaulte und die Hunde vor Übersättigung faul und untauglich waren – Zeiten, da sie das Wild laufen ließen, ohne es zu erlegen, da die Frauen fruchtbar und die Zelte überfüllt waren von krabbelnden Knaben und Mädchen.

Da geschah es, daß die Männer übermütig wurden, alte Streitigkeiten wiederaufnahmen, über die Wasserscheide nach Süden gingen, um die Pellys zu töten, und nach Westen, um an den ausgebrannten Feuern der Tananas zu sitzen.

Er erinnerte sich, als Knabe in einer guten Zeit gesehen zu haben, wie ein Elch von Wölfen getötet wurde. Zing-ha lag neben ihm im Schnee und sah zu – Zing-ha, der später der listigste Jäger wurde und der schließlich durch eine Wake in den Yukon fiel. Sie fanden ihn einen Monat später. Er war halb herausgekrochen und zu Eis gefroren.

Aber der Elch. Er war an dem Tage mit Zing-ha fortgegangen, um Jäger zu spielen. Am Bache hatten sie die frische Fährte eines Elchs und gleichzeitig eine Menge Wolfsfährten gefunden.

»Ein alter Bursche«, sagte Zing-ha, der die Zeichen schneller lesen konnte, »ein alter Bursche, der dem Rudel nicht mehr folgen kann. Die Wölfe haben ihn von seinen Brüdern getrennt, und jetzt lassen sie nicht mehr von ihm ab.«

Und so war es. Das war nun einmal ihre Art. Tag und Nacht, ohne Rast und Ruhe, knurrten sie dicht hinter ihm, schnappten nach seiner Schnauze, wollten ihn verfolgen bis zum Ende. Wie in Zing-ha und ihm der Blutdurst erwachte! Das Ende mußte sehenswert sein!

Schnellfüßig folgten sie der Fährte, und selbst er, Koskoosh, dessen Auge nicht so scharf und der ein ungeübter Spürer war, hätte ihr blind folgen können, so breit war sie. Sie waren dicht hinter der Beute her und konnten mit jedem Schritt die furchtbare, soeben geschriebene Tragödie lesen.

Jetzt kamen sie an eine Stelle, wo der Elch haltgemacht hatte. Auf die dreifache Länge eines erwachsenen Mannes war der Schnee nach allen Richtungen zerstampft und fortgeschleudert. In der Mitte waren die tiefen Eindrücke von den breiten Hufen des Wildes und ringsherum die leichteren Fußspuren der Wölfe. Einige hatten sich, während ihre Brüder die Beute umsprangen, seitwärts niedergelegt und ausgeruht. Die Eindrücke ihrer ausgestreckten Körper waren so deutlich im Schnee, als wären sie soeben erst entstanden. Ein Wolf war bei dem wilden Ansprung von dem wütenden Opfer abgefangen und zu Tode gestampft worden. Eine wenige reingenagte Knochen zeugten davon.

Wieder hielten sie ihre Schneeschuhe an. Hier hatte das große Tier verzweifelt gekämpft. Zweimal war es, wie der Schnee zeigte, zu Boden gerissen worden, und zweimal hatte es seine Angreifer abgeschüttelt und war wieder auf die Beine gekommen. Seine Aufgabe hatte es längst gelöst, aber dennoch war ihm das Leben noch lieb gewesen. Zing-ha sagte, es wäre etwas Seltenes, daß ein Elch, der einmal niedergerissen war, wieder freikäme, aber hier war es unleugbar geschehen. Der Schamane würde Zeichen und Wunder darin gesehen haben, wenn sie es ihm erzählt hätten.

Und nun hatten sie die Stelle erreicht, wo der Elch versucht hatte, den Hang hinaufzusteigen und den Wald zu gewinnen. Aber seine Feinde hatten ihn von hinten angegriffen, so daß er sich gebäumt, sich überschlagen und zwei von ihnen zermalmt und tief in den Schnee gepreßt hatte. Es war klar, daß das Ende bevorstand, denn die Wölfe hatten ihre gefallenen Brüder nicht angerührt.

Sie eilten weiter, an zwei Stellen vorbei, wo das Tier wieder haltgemacht hatte, wenn auch nur ganz kurze Zeit. Jetzt war die Fährte rot, und die weiten Schritte des großen Tieres waren kürzer und wankend geworden. Und dann hörten sie das erste Geräusch des Kampfes – nicht den vollen Jagdchor, sondern das kurze, knurrende Kläffen, das von Nahkampf und von im Fleisch vergrabenen Zähnen erzählte.

Auf dem Bauche kroch Zing-ha gegen den Wind durch den Schnee, und zusammen mit ihm kroch er, Koskoosh, der im nächsten Jahre Häuptling des Stammes werden sollte. Sie schoben sich zusammen unter die Zweige einer jungen Fichte und spähten vorwärts. Es war das Ende, das sie sahen.

Dies Bild stand, wie alle Jugendeindrücke, noch klar vor ihm, und seine stumpfen Augen sahen das Ende ebenso lebendig, wie es sich in jener fernen Zeit abgespielt hatte. Koskoosh wunderte sich darüber, denn in den folgenden Tagen, als er der Führer von Männern und das Haupt der Berater gewesen, hatte er große Taten ausgeführt und seinen Namen zum Fluch im Munde der Pellys gemacht, gar nicht zu reden von den fremden weißen Männern, die er, Messer gegen Messer, in offenem Kampfe getötet hatte. Lange grübelte er über die Tage seiner Jugend, bis das Feuer zusammensank und der Frost zu schneiden begann.

Diesmal legte er zwei Scheite auf und maß sein Leben an dem Holz, was noch übrig war. Hätte Sit-cum-to-ha an ihren Großvater gedacht und einen größeren Armvoll gesammelt, hätten seine Stunden länger gedauert. Das wäre leicht gewesen. Aber sie war stets ein gleichgültiges Kind gewesen und hatte nichts für die Alten übrig gehabt seit der Stunde, da der Biber, der Sohn von Zing-has Sohn, sein Auge auf sie geworfen hatte.

Nun, was tat es? Hatte er nicht in seiner eigenen unbedachtsamen Jugend ebenso gehandelt?

Eine Weile lauschte er auf die Stille. Vielleicht wurde das Herz seines Sohnes weich, und er kehrte mit den Hunden zurück, um seinen alten Vater mit dem Stamme weiterzubringen bis zu einer Stelle, wo die Rene zahlreich waren und ihnen die Bäuche schwer von Fett hingen. Er strengte sein Ohr an, sein ruheloses Gehirn wurde einen Augenblick still. Nichts regte sich, nichts. Er allein atmete mitten in der großen Stille. Es war sehr einsam.

Horch, was war das?

Ein kalter Schauer rann über seinen Körper.

Das wohlbekannte, langgezogene Geheul durchbrach die Stille, ganz nahe. Und dann sahen seine trüben Augen das Bild des Elches – des alten Elchbullen –, der mit zerrissenen Flanken und blutigen Seiten, wirrer Mähne und das große verzweigte Geweih auf den Boden gesenkt, bis zum letzten kämpfte. Er sah die blitzschnellen grauen Gestalten, die schimmernden Augen, die lechzenden Zungen, die triefenden Fangzähne. Und er sah, wie der unerbittliche Kreis sich schloß, bis er zu einem dunklen Punkte mitten in dem zerstampften Schnee wurde.

Eine kalte Schnauze stieß gegen seine Wange, und bei dieser Berührung sprang seine Seele wieder in die Gegenwart. Seine Hand fuhr ins Feuer und zog ein brennendes Scheit heraus. Einen Augenblick, von seiner ererbten Furcht vor dem Menschen überwältigt, zog das Tier sich zurück und schickte seinen Brüdern einen langgezogenen Ruf, und die antworteten gierig, bis sich ein Kreis zusammengekrochener, geifernder grauer Tiere um ihn schloß. Der alte Mann spürte, wie dieser Kreis enger wurde. Er schwang wild seinen Brand, und das Schnaufen wurde zum Knurren, aber die keuchenden Bestien wollten nicht weichen. Jetzt schlängelte sich eine, den Hinterleib nachziehend, vorwärts, jetzt eine zweite, jetzt eine dritte, aber keine einzige wich zurück.

Warum sich ans Leben klammern? fragte er sich und ließ das flammende Scheit in den Schnee fallen. Es zischte und erlosch. Der Kreis knurrte unruhig, blieb aber liegen.

Wieder sah er den letzten Kampf des alten Elchbullen, und Koskoosh ließ das Haupt müde auf die Knie sinken. Was tat es schließlich? War es nicht das Gesetz des Lebens?


3 Nam Bok Der Luegner

Nam-Bok, der Lügner

»Eine Bidarka, nicht wahr? Schau, eine Bidarka, und ein Mann, der sie ungeschickt mit einem Paddel rudert!«

Die alte Bask-Wah-Wan erhob sich, vor Kraftlosigkeit und Eifer zitternd, auf die Knie und starrte übers Meer hinaus. »Nam-Bok war immer ungeschickt mit dem Ruder«, murmelte sie, sich erinnernd, beschattete die Augen gegen die Sonne und spähte über das silberfunkelnde Wasser. »Nam-Bok war immer ungeschickt. Ich weiß noch…«

Aber Frauen und Kinder lachten laut, und in ihrem Lachen lag ein sanfter Spott. Bask-Wah-Wans Stimme wurde leiser, bis ihre Lippen sich nur noch lautlos bewegten.

Koogah hob das ergraute Haupt von seiner Beinschnitzerei und folgte ihrem Blick. Eine Bidarka näherte sich dem Strande, wurde nur hin und wieder von heftigen Böen abgetrieben. Ihr Besitzer ruderte mit mehr Kraft als Geschicklichkeit und kam in mühseligstem Zickzack näher. Koogah ließ sein Haupt wieder auf die Arbeit sinken und kratzte in den Elfenbeinhauer zwischen seinen Knien die Rückenflosse eines Fisches, desgleichen nie im Meere geschwommen war.

»Es ist zweifellos der Mann aus dem Nachbardorfe«, sagte er abschließend. »Er kommt, um mich über das Schnitzen in Bein zu Rate zu ziehen. Und der Mann ist ein ungeschickter Bursche. Er wird es nie lernen.«

»Es ist Nam-Bok«, wiederholte die alte Bask-Wah-Wan. »Sollte ich meinen eigenen Sohn nicht kennen?« fragte sie schrill. »Ich sage und ich sage es wieder: Es ist Nam-Bok.«

»Und das hast du viele Sommer gesagt«, spottete eine der Frauen sanft. »Immer, wenn das Eis auf dem Meere schmolz, saßest du hier und hieltest den lieben langen Tag Wache, und bei jedem Kanu sagtest du: ›Das ist Nam-Bok.‹ Nam-Bok ist tot, Bask-Wah-Wan, und die Toten kehren nicht wieder. Es ist unmöglich, daß die Toten wiederkehren.«

»Nam-Bok!« rief die alte Frau so laut und deutlich, daß das ganze Dorf sie verblüfft anblickte.

Sie kam mit Anstrengung auf die Beine und wankte über den Sand hinab. Sie stolperte über ein Kind, das in der Sonne lag, und die Mutter beschwichtigte sein Weinen und rief der alten Frau harte Worte nach, ohne daß diese sich jedoch darum kümmerte. Die Kinder liefen ihr zum Strande voraus, und während der Mann in der Bidarka immer näher kam und das Boot in seiner Ungeschicklichkeit fast zum Kentern gebracht hätte, kamen die Frauen ihr nach. Koogah ließ seinen Walroßzahn fallen und folgte, schwer auf seinen Stock gestützt, und die andern Männer schlenderten zu zweien oder dreien hinter ihm her.

Die Bidarka wandte dem Lande die Breitseite zu, und der Wellenschlag drohte sie zu füllen, aber ein nackter Knabe lief ins Wasser und zog den Bug hoch auf den Strand. Der Mann erhob sich und warf einen fragenden Blick über die Reihe der Dorfbewohner. Eine bunte Wolljacke hing, schmutzig und abgenutzt, über seiner breiten Schulter, und er hatte ein rotes Taschentuch nach Matrosenart um den Hals gebunden. Eine Fischermütze auf seinem kurzgeschorenen Kopfe, Wollhosen und schwere Schuhe vervollständigten seine Kleidung.

Aber nichtsdestoweniger war er eine merkwürdige Erscheinung für diese einfachen Fischer im großen Yukon-Delta, die ihr ganzes Leben lang übers Beringmeer gestarrt und in der ganzen Zeit nur zwei weiße Männer gesehen hatten – den Volkszählungsbeamten und einen Jesuitenpater, der sich verirrt hatte. Sie waren arm, ihr Erdboden enthielt kein Gold, ihre Jagd brachte kein wertvolles Pelzwerk, so daß die Weißen sie stets hatten links liegenlassen. Dazu hatte der Yukon in den Jahrtausenden das Meer in der Nähe mit Alaskakies gefüllt und seicht gemacht, so daß die Schiffe auf Grund stießen, ehe sie das Land in Sicht bekamen. Daher wurde die feuchte Küste mit ihren weiten Lagunen und den großen Barrieren schlammiger Inseln von den Schiffen der Weißen gemieden, und die Fischer wußten nicht einmal, daß solche Wesen existierten. Koogah, der Beinschnitzer, zog sich in plötzlicher Eile zurück, stolperte über seinen Stock und fiel hin. »Nam-Bok!« rief er, während er erschrocken wieder auf die Füße zu kommen suchte. »Nam-Bok, der aufs Meer hinausgeweht wurde, ist zurückgekehrt!«

Männer und Frauen schauderten zurück, und die Kinder liefen ihnen zwischen den Beinen fort. Nur Opee-Kwan war kühn, wie es sich für den Dorfhäuptling ziemte. Er trat vor und starrte den Ankömmling lange und ernst an.

»Es ist Nam-Bok«, sagte er schließlich, und bei dem überzeugten Klang seiner Stimme heulten die Weiber furchtsam und zogen sich weiter zurück.

Die Lippen des Fremden bewegten sich unentschlossen, und sein brauner Hals wand sich und kämpfte mit unausgesprochenen Worten.

»La, la, es ist Nam-Bok«, sang Bask-Wah-Wan, während sie ihm ins Gesicht blickte. »Ich habe immer gesagt, daß Nam-Bok zurückkehren würde.«

»Ja, es ist Nam-Bok, der zurückgekehrt ist.« Diesmal war es Nam-Bok selbst, der sprach, indem er ein Bein über den Rand der Bidarka streckte und mit dem einen Fuß im Boote, mit dem andern an Land stehenblieb. Wieder wand sich sein Hals und kämpfte, während er nach vergessenen Worten suchte. Und als die Worte kamen, war ihr Klang seltsam, und ein Sprudeln der Lippen begleitete die Kehllaute. »Seid gegrüßt, o Brüder«, sagte er, »Brüder aus alter Zeit, ehe der Festlandwind mich entführte.«

Er trat mit beiden Füßen auf den Strand, aber Opee-Kwan winkte ihn zurück.

»Du bist tot, Nam-Bok«, sagte er.

Nam-Bok lachte. »Ich bin dick.«

»Tote sind nicht dick«, räumte Opee-Kwan ein. »Es geht dir gut, aber es ist seltsam. Niemand kann sich mit dem Festlandwind paaren und nach Jahren zurückkehren.«

»Ich bin zurückgekehrt«, antwortete Nam-Bok einfach.

»Vielleicht bist du aber doch ein Schatten, ein Schatten, der kommt und geht, ein Schatten des Nam-Bok, der lebte. Schatten können wiederkehren.«

»Ich bin hungrig. Schatten essen nicht.«

Aber Opee-Kwan war unschlüssig und strich sich in trauriger Verwirrung mit der Hand über die Stirn. Nam-Bok war gleichfalls verwirrt. Er blickte auf und die Reihe entlang, fand aber kein Willkommen in den Augen der Fischer. Männer und Frauen flüsterten zusammen. Die Kinder zogen sich ängstlich zwischen die Erwachsenen zurück, und den Hunden sträubten sich die Haare, sie krochen zu ihm und beschnupperten ihn mißtrauisch.

»Ich gebar dich, Nam-Bok, und ich säugte dich, als du klein warst«, wimmerte Bask-Wah-Wan und kam näher, »und magst du nun ein Schatten sein oder nicht, so will ich dir doch zu essen geben.«

Nam-Bok machte eine Bewegung, als wollte er auf sie zutreten, aber ein furchtsames und drohendes Murren hielt ihn zurück. Er sagte etwas in einer fremden Sprache, das wie »den Teufel auch« klang, und fügte hinzu: »Kein Schatten bin ich, sondern ein Mensch.«

»Wer kann diese geheimnisvollen Dinge begreifen?« fragte Opee-Kwan halb bei sich, halb zu seinem Stamme gewandt. »Wir sind, und einen Atemzug später sind wir nicht mehr. Wenn ein Mensch zum Schatten werden kann, kann dann ein Schatten nicht auch zum Menschen werden? Nam-Bok war, aber er ist nicht. Das wissen wir, aber wir wissen nicht, ob dies Nam-Bok ist oder Nam-Boks Schatten.«

Nam-Bok räusperte sich und antwortete: »In alten, längst vergangenen Tagen zog deines Vaters Vater, Opee-Kwan, fort und kam erst nach Jahren wieder. Und ihm wurde nicht der Platz am Feuer verweigert. Man sagt…« Er machte eine bedeutungsvolle Pause, und sie lauschten. »Man sagt«, wiederholte er und betonte absichtlich das Folgende, »daß Sipsip, seine Klooch, ihm nach seiner Heimkehr zwei Söhne gebar.«

»Aber er hatte nichts mit dem Festlandwinde zu schaffen«, antwortete Opee-Kwan. »Er zog ins Herz des Landes, und es ist nur natürlich, daß der Mensch immer tiefer ins Land hineingehen kann.«

»Und ebenso auf dem Meere. Aber das hat nichts damit zu tun. Man sagt, daß deines Vater seltsame Geschichten von dem erzählte, was er gesehen hatte.«

»Ja, seltsame Geschichten erzählte er.«

»Ich habe auch seltsame Geschichten zu erzählen«, erklärte Nam-Bok einschmeichelnd. Und als sie wankten: »Und Geschenke habe ich auch.«

Aus der Bidarka nahm er einen Schal, wunderbar von Stoff und Farbe, und warf ihn seiner Mutter um die Schulter. Die Frauen stöhnten im Chor vor Bewunderung, und die alte Bask-Wah-Wan rollte den bunten Stoff zwischen den Fingern, streichelte ihn und sang leise in kindischer Freude.

»Er hat Geschichten zu erzählen«, murmelte Koogah.

»Und Geschenke«, half eine Frau ihm.

Und Opee-Kwan wußte, daß sein Volk eifrig war, und vor allem spürte er selbst eine kribbelnde Neugier nach diesen noch nicht erzählten Geschichten. »Der Fischfang ist gut gewesen«, sagte er einsichtsvoll. »Und wir haben Tran die Menge. Also komm, Nam-Bok, laß uns schmausen.«

Zwei Männer hoben die Bidarka auf ihre Schultern und trugen sie zum Feuer. Nam-Bok ging neben Opee-Kwan, und die Dorfbewohner folgten ihnen mit Ausnahme einiger Weiber, die einen Augenblick zögerten, um den Schal mit zärtlichen Fingern zu betasten.

Während des Schmauses wurde nicht viel gesprochen, obwohl viele neugierige Blicke auf Bask-Wah-Wans Sohn fielen. Das störte ihn zwar nicht aus Bescheidenheit, sondern weil der Gestank des Robbentrans ihm den Appetit geraubt hatte und er aufrichtig wünschte, seine Gefühle in dieser Beziehung zu verbergen.

»Iß, du bist hungrig«, gebot Opee-Kwan ihm, und Nam-Bok schloß beide Augen und griff mit der Hand in den großen Topf mit verfaultem Fisch.

»La, la, zier dich nicht. Es gab viele Robben heuer, und starke Männer sind immer hungrig.« Und Bask-Wah-Wan tunkte ein besonders widerliches Stück Lachs in den Tran und reichte den triefenden Bissen zärtlich ihrem Sohne.

Als warnende Anzeichen ihm bedeuteten, daß sein Magen nicht mehr so widerstandsfähig wie in alten Tagen war, stopfte er verzweifelt seine Pfeife und begann zu paffen. Die Leute fraßen lärmend weiter und sahen zu. Nur wenige von ihnen konnten sich näherer Bekanntschaft mit dem kostbaren Kraut Tabak rühmen, obwohl sie hin und wieder geringe Mengen, freilich von abscheulicher Qualität, von Eskimos aus dem Norden kaufen konnten. Koogah, der neben ihm saß, ließ verstehen, daß er nichts dagegen habe, auch einen Zug zu tun, und zwischen zwei Bissen sog er mit Lippen, die dick mit Tran beschmiert waren, an der Bernsteinspitze drauflos. Und hierauf hielt Nam-Bok sich mit zitternder Hand den Magen und lehnte es ab, die Pfeife zurückzunehmen, als sie ihm wieder angeboten wurde. Koogah könnte sie gern behalten, sagte er, denn er habe von Anfang an die Absicht gehabt, ihn damit zu beehren. Und die Leute leckten sich die Finger und freuten sich über seine Freigebigkeit.

Opee-Kwan erhob sich. »Und jetzt, o Nam-Bok, ist der Schmaus zu Ende, und wir wollen die Geschichten von den seltsamen Dingen hören, die du gesehen hast.«

Die Fischer klatschten Beifall, nahmen ihre Arbeit zur Hand und machten sich bereit, zu lauschen. Die Männer befestigten Speerspitzen an die Schäfte und schnitzten in Elfenbein, während die Frauen den Speck von den Robbenfellen schrapten und sie aufweichten oder mit Sehnenfaden Kamicker nähten. Nam-Bok ließ seine Blicke über die Szene schweifen, aber sie hatte nicht den Reiz, den seine Erinnerung ihn hatte erwarten lassen. In den Jahren seiner Wanderung hatte er stets diese Szene vor Augen gehabt, und jetzt, da sie gekommen, war er enttäuscht. Es schien ihm ein nacktes mageres Leben, nicht zu vergleichen mit dem, an das er sich gewöhnt hatte. Aber dennoch wollte er ihnen die Augen ein wenig öffnen, und bei dem Gedanken funkelten die seinen.

»Brüder«, begann er mit der behaglichen Selbstzufriedenheit eines Mannes, der im Begriffe ist, seine eigenen großen Taten zu erzählen. »Letzten Sommer waren es schon viele Sommer her, seit ich fortzog, gerade in solchem Wetter, wie dies zu werden scheint. Ihr erinnert euch alle des Tages: die Möwen flogen niedrig, der Wind wehte stark vom Lande her, und ich konnte meine Bidarka nicht gegen ihn halten. Ich band den Überzug der Bidarka dicht um mich zusammen, so daß kein Wasser eindringen konnte, und kämpfte die ganze Nacht mit dem Sturm. Und am Morgen war kein Land zu sehen – nur das Meer –, und der Festlandwind hielt mich fest in seinen Armen und trug mich fort. Drei solcher Nächte erhellten sich zum Tagesgrauen, und kein Land zeigte sich mir, und der Festlandwind wollte mich nicht loslassen. Und als der vierte Tag kam, war ich wie von Sinnen. Von Hunger geschwächt, konnte ich das Ruder nicht ins Wasser stecken, und der Kopf wirbelte mir von dem Durst, der über mir war. Aber das Meer war nicht mehr zornig, und der milde Südwind blies, und als ich mich umsah, hatte ich einen Anblick, der mich glauben ließ, daß ich den Verstand verloren hätte.«

Nam-Bok schwieg, um ein Stückchen Lachs zu entfernen, das sich zwischen seinen Zähnen festgesetzt hatte. Männer und Frauen warteten mit müßigen Händen und vorgebeugten Köpfen.

»Ich erblickte ein Kanu, ein großes Kanu. Wenn alle Kanus, die ihr je gesehen habt, zu einem einzigen vereinigt würden, so wäre es nicht so groß.«

Ausrufe von Zweifel wurden laut, und Koogah, der Uralte, schüttelte den Kopf.

»Wenn jede Bidarka ein Sandkorn wäre«, fuhr Nam-Bok trotzig fort, »und wenn es ebenso viele Bidarkas gäbe wie Sandkörner hier am Strande, so würden sie dennoch kein so großes Kanu ausmachen wie das, welches ich am Morgen des vierten Tages sah. Es war ein sehr großes Kanu und wurde Schoner genannt. Ich sah, wie dieses Wunderding, dieser große Schoner, hinter mir herkam, und auf ihm sah ich Männer…«

»Halt, o Nam-Bok!« unterbrach Opee-Kwan ihn. »Was für eine Art von Männern war das? – Große Männer?«

»Nein, gewöhnliche Männer wie du und ich.«

»Kam das große Kanu schnell?«

»Ja.«

»Seine Seiten waren hoch und die Männer klein.«

Opee-Kwan bekräftigte diese Voraussetzungen in überzeugtem Ton. »Und ruderten diese Männer mit langen Paddeln?«

Nam-Bok lächelte. »Es waren gar keine Paddel da«, sagte er.

Die Münder blieben offen, und ein langes Schweigen trat ein. Opee-Kwan lieh sich die Pfeife von Koogah und machte ein paar nachdenkliche Züge. Eine der jüngeren Frauen kicherte erregt und zog sich dafür zornige Blicke zu.

»Es waren keine Paddel da?« fragte Opee-Kwan sanft, indem er die Pfeife zurückgab.

»Der Südwind stand hinter ihnen«, erklärte ihm Nam-Bok.

»Aber der Wind treibt nur langsam.«

»Der Schoner hatte Flügel – so.« Er entwarf eine Zeichnung von Masten und Segeln im Sande, und die Männer scharten sich darum und studierten sie. »Der Wind frischte auf«, und zur Veranschaulichung ergriff er die Ecken vom Schal seiner Mutter und spannte ihn auf, bis er wie ein Segel schwoll. Bask-Wah-Wan schalt und wehrte sich, wurde jedoch ein ganzes Stück den Strand hinuntergeweht und landete hilflos auf einem Stapel Treibholz. Die Männer grunzten klug und verständnisvoll, Koogah aber warf plötzlich sein graues Haupt hintenüber.

»Ho! Ho!« lachte er. »Ein verrücktes Ding, dies große Kanu! Ein ganz verrücktes Ding! Ein Spielzeug für den Wind! Wohin der Wind geht, geht es auch. Kein Mann, der darin reist, kann im voraus den Strand nennen, wo er landen wird, denn er geht immer mit dem Wind, und der Wind geht irgendwie, aber keiner weiß wohin.«

»So ist es«, fügte Opee-Kwan ernst hinzu. »Mit dem Winde gehen ist leicht, aber gegen den Wind muß man schwer kämpfen, und diese Männer mit dem großen Kanu hatten ja keine Paddel und konnten daher nicht kämpfen.«

»Sie brauchten nicht zu kämpfen!« rief Nam-Bok ärgerlich. »Der Schoner ging auch gegen den Wind.«

»Und was, sagtest du, ließ den Sch-Sch-Schoner gehen?« fragte Koogah und trippelte vorsichtig über das fremde Wort.

»Der Wind«, lautete die ungeduldige Antwort.

»Der Wind ließ also den Sch-Sch-Schoner gegen den Wind gehen?« Der alte Koogah grinste ganz offensichtlich Opee-Kwan an, und während das Lachen ringsum wuchs, fuhr er fort: »Der Wind weht gleichzeitig sowohl von vorn wie von hinten. Das ist ganz einfach. Das verstehen wir, Nam-Bok. Das verstehen wir ganz deutlich.«

»Du bist ein Narr!«

»Wahrheit fällt von deinen Lippen«, antwortete Koogah demütig. »Ich habe zu lange gebraucht, um zu verstehen, und es war ja ganz einfach.«

Aber Nam-Boks Antlitz war düster, und er sprach einige schnelle Worte, die die andern nie zuvor gehört hatten. Beinschnitzerei und Fellschrapen begannen wieder, aber er schloß die Lippen dicht über der Zunge, der man nicht glauben konnte.

»Dieser Sch-Sch-Schoner«, fragte Koogah unerschütterlich, »er war wohl aus einem sehr großen Baum gemacht?«

»Er war aus vielen Bäumen gemacht«, knurrte Nam-Bok kurz. »Er war sehr groß.«

Er versank wieder in finsteres Schweigen, und Opee-Kwan stieß Koogah an, der mit schlaffem Erstaunen den Kopf schüttelte und murmelte: »Das ist sehr seltsam.«

Nam-Bok biß an. »Das ist noch gar nichts«, sagte er überlegen. »Da solltest du erst den Dampfer sehen. Was das Sandkorn gegen die Bidarka und die Bidarka gegen den Schoner, das ist der Schoner gegen den Dampfer. Dazu ist der Dampfer aus Eisen gemacht. Ganz und gar aus Eisen.«

»Nein, nein, Nam-Bok!« rief der Häuptling. »Wie kann das sein? Eisen geht doch immer unter. Ich habe einmal ein eisernes Messer von dem Häuptling des nächsten Dorfes erstanden, und gestern glitt mir das Messer aus der Hand und fiel tief, tief ins Meer. Alle Dinge haben ihr Gesetz. Nie geschieht etwas gegen das Gesetz. Das wissen wir. Und außerdem wissen wir, daß alle Dinge derselben Art dasselbe Gesetz haben und daß alles Eisen dies Gesetz hat. So nimm denn deine Worte zurück, Nam-Bok, damit wir dich in Ehren halten können.«

»Es ist so«, behauptete Nam-Bok. »Der Dampfer ist ganz aus Eisen und sinkt doch nicht.«

»Nein, nein, das kann nicht sein.«

»Ich hab‘ es mit meinen eigenen Augen gesehen.«

»Das ist gegen die Natur der Dinge.«

»Aber sage mir, Nam-Bok«, unterbrach Koogah aus Furcht, daß die Geschichte nicht weitergehen würde, »sage mir, wie diese Männer ihren Weg übers Meer finden, wenn es keine Küste gibt, nach der sie steuern können.«

»Die Sonne zeigt ihnen den Weg.«

»Aber wie?«

»Zur Mittagszeit nimmt der Häuptling des Schoners ein Ding, durch das seine Augen nach der Sonne sehen, und dann läßt er die Sonne vom Himmel bis zum Rand der Erde hinabsteigen.«

»Aber das ist doch böse Medizin!« rief Opee-Kwan entsetzt über den Frevel. Die Männer hoben voll Schreck die Hände, und die Frauen stöhnten. »Das ist böse Medizin. Es ist nicht recht, die große Sonne auf falschen Weg zu leiten, die Sonne, die die Nacht verjagt und uns Robben, Lachs und Wärme schenkt.«

»Und wenn es nun böse Medizin wäre?« fragte Nam-Bok hart. »Ich habe selbst durch das Ding nach der Sonne gesehen und die Sonne vom Himmel heruntersteigen lassen.«

Die Nächststehenden zogen sich eiligst von ihm zurück, und eine Frau verdeckte das Gesicht ihres Säuglings, damit seine Augen nicht darauffielen.

»Aber am Morgen des vierten Tages, o Nam-Bok«, meinte Koogah, »am Morgen des vierten Tages, als der Sch-Sch-Schoner hinter dir herkam?«

»Ich hatte nur noch wenig Kräfte und konnte nicht fliehen. So wurde ich an Bord geholt, und man flößte mir Wasser in den Mund und gab mir gutes Essen. Zweimal, meine Brüder, habt ihr einen weißen Mann gesehen. Diese Männer waren alle weiß, und es waren ihrer ebensoviele, wie ich Finger und Zehen habe. Und als ich sah, daß sie voller Freundlichkeit waren, faßte ich Mut und beschloß, auf alles zu achten, was ich sah. Und sie lehrten mich die Arbeit, die sie selbst taten, und gaben mir gutes Essen und eine Stelle, wo ich schlafen konnte. Und Tag auf Tag fuhren wir übers Meer, und jeden Tag zog der Häuptling die Sonne vom Himmel herunter und ließ sich von ihr erzählen, wo wir waren. Und wenn die Wellen freundlich waren, jagten wir die Pelzrobbe, und ich wunderte mich sehr, denn sie warfen immer Fleisch und Speck fort und behielten nur das Fell.«

Opee-Kwans Mund zitterte heftig, und er wollte gegen eine solche Verschwendung protestieren, als Koogah ihm mit einem Fußtritt bedeutete, daß er schweigen solle.

»Nach langer Zeit, als die Sonne fort war und die Schärfe des Frostes durch die Luft schnitt, wandte der Häuptling die Nase des Schoners nach Süden. Nach Süden und Osten reisten wir Tag auf Tag und bekamen nie Land in Sicht, bis wir in die Nähe des Dorfes kamen, aus dem die Männer stammten.«

»Wie konnten sie wissen, daß sie in der Nähe waren?« fragte Opee-Kwan, der nicht länger an sich halten konnte. »Es war ja kein Land in Sicht gekommen.«

Nam-Bok blickte ihn zornig an. »Sagte ich nicht, daß der Häuptling die Sonne vom Himmel herunterholte?«

Koogah legte sich dazwischen, und Nam-Bok fuhr fort: »Wie gesagt, als wir in der Nähe des Dorfes waren, kam ein starker Sturm, und nachts wußten wir nicht, wo wir waren.«

»Du sagtest doch eben, daß der Häuptling wußte…«

»Schweig, Opee-Kwan! Du bist ein Narr und kannst nicht verstehen. Wie gesagt, wir waren hilflos in der Nacht, als ich durch den Lärm des Sturmes das Geräusch der Brandung hörte. Und gleich darauf stießen wir mit einem mächtigen Krach auf, und ich fiel ins Wasser und schwamm. Es war eine felsige Küste, wo es auf viele Meilen nur ein einziges Fleckchen flachen Sand gab, und es war mir bestimmt, daß ich den Sand erreichte und mich mit den Händen aus der Brandung zog. Die andern Männer müssen auf die Klippen gespült sein, denn keiner von ihnen kam an Land, außer dem Häuptling, und ihn konnte ich nur an dem Ring an seinem Finger erkennen. Als der Tag kam, war nichts mehr vom Schoner übrig, und ich wandte mein Gesicht dem Lande zu und wanderte hinein, um Nahrung zu finden und Menschen zu treffen. Und als ich an ein Haus kam, wurde ich empfangen und bekam zu essen, denn ich hatte ihre Sprache gelernt, und weiße Männer sind immer freundlich. Und es war ein Haus, größer als alle Häuser, die wir und unsere Väter vor uns gebaut haben.«

»Es war ein mächtiges Haus«, sagte Koogah und verbarg seinen Unglauben hinter Verwunderung.

»Und es gehören viele Bäume dazu, um ein solches Haus zu bauen«, fügte Opee-Kwan hinzu, indem er es dem andern nachmachte.

»Das ist gar nichts.« Nam-Bok zuckte geringschätzig die Achseln. »Was unsere Häuser gegen das Haus, das war das Haus gegen die Häuser, die ich später sehen sollte.«

»Und es sind keine großen Männer?«

»Nein, gewöhnliche Männer wie du und ich«, antwortete Nam-Bok. »Ich hatte mir einen Stock geschnitten, um bequemer zu gehen, und da ich daran dachte, euch, meinen Brüdern, zu melden, was ich zu sehen bekam, so schnitt ich für jeden Menschen, der in dem Hause wohnte, eine Kerbe in den Stock. Und dort blieb ich viele Tage und arbeitete, und zum Lohn gaben sie mir Geld – etwas, das ihr nicht kennt, das aber sehr gut ist. Und eines Tages verließ ich den Ort und ging weiter ins Land hinein. Und während ich ging, traf ich viele Menschen, und ich schnitt kleinere Kerben in meinen Stock, damit für sie alle Platz wäre. Und da stieß ich auf ein seltsames Ding. Auf dem Boden vor mir lag eine Eisenstange, so dick wie ein Arm, und einen weiten Schritt davon lag eine andere Eisenstange…«

»Da warst du ein reicher Mann«, versicherte Opee-Kwan, »denn Eisen ist mehr wert als alles andere auf der Welt. Es muß für viele Messer gereicht haben.«

»Ja, aber es gehörte nicht mir.«

»Du hattest es gefunden, und was man findet, darf man behalten.«

»Nein, die weißen Männer hatten es dort hingelegt. Und außerdem waren diese Stangen so lang, daß kein Mensch sie forttragen konnte – so lang, daß sie kein Ende hatten, so weit man sehen konnte.«

»Nam-Bok, das ist sehr viel Eisen«, warnte Opee-Kwan.

»Ja, es war schwer zu glauben, selbst als ich es mit eigenen Augen sah; aber ich konnte meine eigenen Augen nicht widerlegen. Und als ich es betrachtete, hörte ich…«

Er wandte sich plötzlich zu dem Häuptling. »Opee-Kwan, du hast den Seelöwen im Zorn brüllen hören. Denke dir nur, so viele Seelöwen, wie Wellen im Meere sind, und denke dir, daß alle diese Seelöwen zu einem einzigen Seelöwen geworden sind, und wie dieser eine Seelöwe brüllen würde, so brüllte das Ding, das ich hörte.«

Die Fischer stießen laute Rufe des Erstaunens aus, und Opee-Kwans Mund öffnete sich und blieb offenstehen.

»Und in der Ferne sah ich ein Ungeheuer wie tausend Wale. Es war einäugig und spie Rauch aus, und es schnaufte entsetzlich laut. Ich fürchtete mich und lief auf zitternden Beinen den Weg zwischen den Stangen entlang. Aber es kam mit der Schnelligkeit des Windes, dieses Ungeheuer, und ich lief fort von den Eisenstangen, als es mir seinen heißen Atem ins Gesicht blies…«

Opee-Kwan gewann die Herrschaft über seinen Mund wieder. »Und – und was dann, o Nam-Bok?«

»Dann lief es weiter die Stangen entlang und tat mir nichts, und als ich wieder auf den Beinen stehen konnte, war es nicht mehr zu sehen. Und das war etwas ganz Gewöhnliches in diesem Land. Selbst Frauen und Kinder fürchten sich nicht davor. Die Männer lassen sie für sich arbeiten, diese Ungeheuer.«

»Wie wir unsere Hunde arbeiten lassen?« fragte Koogah mit skeptischem Augenzwinkern.

»Ja, wie wir unsere Hunde arbeiten lassen.«

»Und wie vermehren sie sich, diese – diese Dinge?« fragte Opee-Kwan.

»Sie vermehren sich gar nicht. Die Menschen machen sie sinnreich aus Eisen, füttern sie mit Steinen und geben ihnen Wasser zu trinken. Die Steine werden zu Feuer, und das Wasser wird zu Dampf, und der Wasserdampf ist der Atem in ihren Nüstern, und…«

»So so, o Nam-Bok«, unterbrach Opee-Kwan ihn. »Erzähl uns von andern Wundern. Dies ermüdet uns, da wir es nicht verstehen können.«

»Versteht ihr es nicht?« fragte Nam-Bok verzweifelt.

»Nein, wir verstehen es nicht«, antworteten die Männer und Frauen klagend. »Wir können es nicht verstehen.«

Nam-Bok dachte an eine komplizierte Mähmaschine und an die Maschinen, in denen man Bilder lebender Menschen sehen konnte, und an die Maschinen, aus denen Menschenstimmen kamen, und er wußte, daß sein Volk sie nie verstehen würde.

»Darf ich sagen, daß ich auf diesem eisernen Ungeheuer durch das Land ritt?« fragte er bitter.

Opee-Kwan hob die Hände mit nach außen gekehrten Flächen in offenbarem Unglauben. »Weiter. Sag, was du willst. Wir lauschen.«

»Ja, dann ritt ich auf diesem Ungeheuer und gab Geld dafür…«

»Du sagtest doch, es würde mit Steinen gefüttert.«

»Und ich sagte auch, du Narr, daß Geld etwas sei, wovon ihr nichts verständet. Wie gesagt, ich ritt auf dem Ungeheuer durch das Land und durch viele Dörfer, bis ich in ein großes Dorf an einem salzigen Meeresarm kam. Und die Häuser hoben ihre Dächer ganz bis zwischen die Sterne des Himmels, und die Wolken trieben an ihnen vorbei, und überall war viel Rauch. Und der Lärm in dem Dorfe war wie das Brüllen des Meeres im Sturm, und die Menschen waren so zahlreich, daß ich meinen Stock wegwarf und nicht mehr an die Kerben dachte.«

»Hättest du die Kerben ganz klein gemacht«, sagte Koogah vorwurfsvoll, »so hättest du uns Nachricht bringen können.«

Nam-Bok schnellte zornig zu ihm herum. »Wenn ich die Kerben ganz klein gemacht hätte! Hör zu, Koogah, du Knochenkratzer! Wenn ich die Kerben auch ganz klein gemacht hätte, so würde doch weder der Stock noch zwanzig Stöcke – ja, nicht einmal alles Treibholz am ganzen Strande zwischen diesem Dorf und dem nächsten für sie Platz gehabt haben. Und wenn ihr alle, Frauen und Kinder inbegriffen, zwanzigmal so viele wäret und jeder zwanzig Hände und einen Stock und ein Messer in jeder Hand hättet, so könntet ihr doch nicht Kerben schneiden für alle Menschen, die ich sah, so viele waren es und so schnell kamen und gingen sie.«

»So viele Menschen kann es in der ganzen Welt nicht geben«, wandte Opee-Kwan, halb betäubt, ein, denn sein Sinn konnte eine solche Zahl nicht fassen.

»Was weißt du von der ganzen Welt und davon, wie groß sie ist?« fragte Nam-Bok.

»Aber es können doch nicht so viele Menschen an einem Ort sein.«

»Wer bist du, daß du sagen kannst, was sein und was nicht sein kann?«

»Es kann sich doch jeder selbst sagen, daß nicht so viele Menschen an einem Ort sein können. Ihre Kanus würden ja das ganze Meer füllen, so daß kein Platz mehr wäre. Und sie könnten jeden Tag das Meer von Fischen leeren und würden doch nicht Nahrung genug haben.«

»So sollte es scheinen«, lautete Nam-Boks endgültige Antwort. »Aber dennoch war es so. Ich sah es mit eigenen Augen, und ich warf meinen Stock weg.«

Er gähnte tief und erhob sich.

»Ich bin weit gerudert. Der Tag ist lang gewesen, und ich bin müde. Jetzt will ich schlafen, und morgen werden wir mehr von den Dingen reden, die ich gesehen habe.«

Bask-Wah-Wan humpelte ängstlich vor, zwar stolz, aber dennoch ängstlich besorgt um ihren wunderbaren Sohn, und führte ihn in ihr Iglu, wo sie ihn in die fettigen, übelduftenden Felle stopfte. Die Männer aber blieben am Feuer sitzen und hielten Rat mit vielem Flüstern und leiser Rede und Widerrede.

Eine Stunde verging und noch eine, und Nam-Bok schlief, während die Beratung ihren Fortgang nahm. Die Abendsonne sank im Nordwesten, und um elf Uhr stand sie fast genau im Norden.

Da verließen der Häuptling und der Beinschnitzer den Rat, gingen zu Nam-Bok und weckten ihn. Er blinzelte sie an und drehte sich auf die andere Seite, um weiterzuschlafen. Aber Opee-Kwan ergriff ihn am Arm und schüttelte ihn freundlich, aber bestimmt, bis er zu sich kam.

»Komm, Nam-Bok, steh auf!« befahl er. »Es ist Zeit.«

»Wieder ein Schmaus?« rief Nam-Bok. »Nein, ich bin nicht hungrig. Eßt ihr nur weiter und laßt mich schlafen.«

»Es ist Zeit, daß du gehst!« donnerte Koogah.

Aber Opee-Kwan sprach sanfter. »Du warst mein Bidarka-Kamerad, als wir Knaben waren«, sagte er. »Gemeinsam lernten wir die Robbe jagen und den Lachs fangen. Und du zogst mich ins Leben zurück, Nam-Bok, als das Meer sich über mir schloß und ich hinabgezogen wurde zu den schwarzen Felsen. Gemeinsam hungerten wir und fanden uns in die Qual des Frostes, und gemeinsam krochen wir unter ein Fell und lagen dicht aneinander. Und wegen all diesem und wegen der Freundschaft, die ich für dich hegte, tut es mir so sehr leid, daß du als ein so schrecklicher Lügner zurückgekommen bist. Wir können die Dinge, die du gesagt hast, nicht verstehen, und uns schwindeln die Köpfe davon. Und deshalb schicken wir dich fort, damit unsere Köpfe klar und stark bleiben und nicht von den unbegreiflichen Dingen verwirrt werden.«

»Diese Dinge, von denen du sprichst, sind Schatten«, ergriff Koogah das Wort. »Du hast sie aus der Schattenwelt gebracht, und zur Schattenwelt mußt du sie zurückbringen. Deine Bidarka ist bereit, und der Stamm wartet. Sie können nicht schlafen, ehe du fortgezogen bist.«

Nam-Bok war verblüfft, lauschte aber der Stimme des Häuptlings.

»Wenn du Nam-Bok bist«, sagte Opee-Kwan, »so bist du ein schrecklicher und höchst wunderbarer Lügner; bist du aber Nam-Boks Schatten, so sprichst du von Schatten, und es ist nicht gut, daß lebende Menschen etwas davon wissen. Das große Dorf, von dem du sprichst, muß ein Dorf der Schatten sein. Darin schweben die Seelen der Toten, denn der Toten sind viele und der Lebenden wenige. Die Toten kehren nicht wieder. Nie ist ein Toter wiedergekehrt – außer dir mit deinen wunderbaren Geschichten. Es ist nicht schicklich, daß die Toten wiederkehren, und würden wir es erlauben, so könnte großes Unglück über uns kommen.«

Nam-Bok kannte sein Volk gut und wußte, daß die Stimme des Rates unumstößlich war. Daher ließ er sich an den Strand führen, wo man ihn in seine Bidarka setzte und ihm ein Paddelruder in die Hand gab.

Eine einsame Wildgans schrie draußen auf dem Meere, und die Brandung schlug lässig und hohl gegen den Sand. Eine trübe Dämmerung brütete über Land und Meer, und gegen Norden glühte schwach und unfreundlich, in blutrote Nebel gehüllt, die Sonne. Die Möwen flogen niedrig. Der Festlandwind wehte scharf und kalt, und die schwarzen Wolkenmassen im Hintergrunde versprachen schlechtes Wetter.

»Vom Meere kamst du«, sang Opee-Kwan orakelhaft, »und zum Meere gehst du. So ist alles ausgeglichen und dem Gesetz Genüge getan.«

Bask-Wah-Wan humpelte an den Schaumrand und rief: »Ich segne dich, Nam-Bok, weil du an mich dachtest.«

Aber Koogah schob Nam-Bok vom Strande ab, riß ihr den Schal von der Schulter und warf ihn in die Bidarka.

»Es ist kalt in den langen Nächten«, jammerte sie, »und der Frost beißt in alte Knochen.«

»Das Ding ist ein Schatten«, antwortete der Beinschnitzer, »und Schatten können dich nicht erwärmen.«

Nam-Bok erhob sich, damit man seine Stimme an Land hören konnte.

»Oh, Bask-Wah-Wan, Mutter, die mich gebar!« rief er. »Lausche den Worten deines Sohnes Nam-Bok. Seine Bidarka hat Platz für zwei, und er will dich gern mitnehmen. Denn er reist dorthin, wo es voll ist von Fischen und Tran. Dorthin kommt der Frost nicht, dort ist das Leben bequem, und Eisendinge tun die Arbeit der Menschen. Willst du mitkommen, o Bask-Wah-Wan?«

Sie zögerte einen Augenblick, während die Bidarka schnell abtrieb, und erhob dann ihre Stimme in zitterndem Diskant: »Ich bin alt, Nam-Bok, und muß bald zu den Schatten gehen. Aber ich möchte nicht gehen, ehe meine Zeit gekommen ist. Ich bin alt, Nam-Bok, und ich fürchte mich.«

Ein Lichtstrahl schoß über das schwach beleuchtete Meer und warf auf das Boot und den Mann einen rotgoldenen Glanz.

Es ward still unter den Fischern, und man hörte nichts mehr als das Stöhnen des Festlandwindes und die Schreie der niedrig fliegenden Möwen.


4 Der Herr Des Geheimnisses

Der Herr des Geheimnisses

Es herrschte Jammer im Dorfe. Die Frauen riefen mit schrillen, hohen Stimmen durcheinander. Die Männer sahen finster und unschlüssig drein, und selbst die Hunde streiften unsicher umher, erschrocken über die Unruhe im Lager und bereit, sich beim ersten Ausbruch von Unruhen in die Wälder zurückzuziehen. Die Luft war schwül von Mißtrauen. Kein Mensch war seines Nachbarn sicher, und jeder war sich bewußt, daß seine Kameraden ihm gegenüber ebenso unsicher waren. Selbst die Kinder befanden sich in gedrückter und feierlicher Stimmung, und der kleine Di Ya, die Ursache von allem, hatte erst von seiner Mutter Hooniah, dann von seinem Vater Bawn eine tüchtige Tracht Prügel bekommen und wimmerte nun und betrachtete die Welt vorwurfsvoll im Schutze der großen umgestürzten Kanus am Strande.

Und um es gar noch schlimmer zu machen, war Scundoo, der Schamane, in Ungnade gefallen, und man konnte nun seinen Zauber nicht in Anspruch nehmen, um den Missetäter zu finden. Hatte doch Scundoo vor einem Monat guten Südwind versprochen, daß der Stamm nach dem Potlatch in Tonkin reisen konnte, wo Taku Jim auszugeben gedachte, was er sich seit zwanzig Jahren erspart hatte. Und als der Tag kam, wehte ein scharfer Nordwind, und von den drei ersten Kanus, die sich hinauswagten, wurde eins von der schweren See vollgeschlagen und die beiden andern auf den Klippen zerschmettert, wobei ein Kind ertrank. Er hätte versehentlich den falschen Sack geöffnet, erklärte er. Aber die Leute wollten ihm kein Gehör schenken; die Opfer von Fleisch, Fisch und Fellen fanden nicht mehr den Weg zu seiner Tür, und nun saß er drinnen und schmollte und tat bittere Buße beim Fasten, wie sie glaubten; in Wirklichkeit aß er gründlich von seinen reichen Vorräten und grübelte über den Wankelmut der Menge.

Hooniahs Decken waren verschwunden. Es waren gute Decken, wunderbar dick und warm, und Hooniahs Stolz auf sie wurde noch dadurch erhöht, daß sie so billig zu ihnen gekommen war. Ty-Kwan aus dem Nachbardorfe war ein Narr, daß er sie so preiswert abgelassen hatte. Aber sie wußte allerdings nicht, daß sie aus dem Besitz des ermordeten Engländers stammten, wegen dessen Verschwinden der Kutter der Vereinigten Staaten lange Zeit die Küste entlang geschnüffelt hatte, während Jollen die geheimen Einläufe durchschnauften und durchfauchten. Und da sie nicht wußte, daß Ty-Kwan Eile gehabt hatte, die Decken loszuwerden, damit sein eigenes Volk der Regierung keine Rechenschaft abzulegen brauchte, war Hooniahs Stolz unerschüttert. Und weil die andern Frauen sie beneideten, war ihr Stolz ohne Ende und schrankenlos, so daß er sich über die Grenzen des Dorfes hinaus über die ganze Küste Alaskas von Dutch Harbour bis St. Mary verbreitete. Ihr Totem war mit Recht berühmt, und ihr Name lebte auf den Lippen von Männern, wo immer Männer zusammenkamen, um zu fischen oder zu schmausen, eben wegen der Decken und deren wunderbarer Dicke und Wärme. Nun aber waren sie verschwunden – man stand vor einem Mysterium.

»Ich hatte sie gerade an die Hüttenwand in die Sonne zum Trocknen gehängt«, erklärte Hooniah zum tausendsten Male ihren Thlinket-Schwestern. »Ich hatte sie gerade aufgehängt und mich umgedreht; denn Di Ya, der Teigdieb und Mehlfresser, der er ist, stand kopfüber in dem großen eisernen Topf, so daß seine Beine wie die Zweige eines Baumes im Winde schwankten. Und ich hatte ihn eben herausgezogen und zweimal mit dem Kopf gegen die Tür gestoßen, um ihm Vernunft beizubringen – und denkt euch: da waren die Decken weg!«

»Weg waren die Decken!« wiederholten die Frauen in ehrfurchtsvollem Flüstern.

»Ein schwerer Verlust«, sagte eine, und eine zweite: »Nie hat es solche Decken gegeben.« Und eine dritte: »Dein Verlust tut uns leid, Hooniah.« Dennoch war jede der Frauen im Herzen froh, daß die abscheulichen Decken, die so viel Zwietracht veranlaßt hatten, weg waren.

»Ich hatte sie gerade in die Sonne gehängt«, begann Hooniah zum tausendundersten Male.

»Jaja«, sagt Bawn müde. »Aber es war keiner von den Spitzbuben aus andern Dörfern hier. Und daher ist es klar, daß es irgend jemand von unserm eigenen Stamme gewesen sein muß, der sich an den Decken vergriffen hat.«

»Wie ist das möglich, o Bawn?« ertönte es in ärgerlichem Chor von den Frauen. »Wer sollte das sein?«

»Dann ist es Hexerei gewesen«, fuhr Bawn stumpfsinnig fort, ließ jedoch einen schlauen Blick über ihre Gesichter schweifen.

»Hexerei!« Und bei dem furchtbaren Worte dämpften sie ihre Stimmen und blickten sich ängstlich an.

»Ja«, bestätigte Hooniah, und einen Augenblick flammte die versteckte Bosheit in ihr jubelnd auf.

»Und sie haben nach Klok-No-Ton geschickt und starke Ruder mitgegeben. Er kommt sicher mit der Nachmittagsflut.«

Die kleinen Gruppen brachen auf, und Furcht legte sich auf das Dorf. Von allem Unglück war Hexerei das entsetzlichste. Mit den ungreifbaren und unsichtbaren Mächten konnten nur die Schamanen es aufnehmen, und weder Mann noch Weib oder Kind konnte bis zum Augenblick der Probe wissen, ob ihre Seelen vom Teufel besessen waren oder nicht. Und von allen Schamanen war Klok-No-Ton, der im Nachbardorfe wohnte, der furchtbarste. Keiner fand mehr böse Geister als er, keiner suchte seine Opfer mit schrecklicheren Foltern heim. Einmal hatte er sogar einen Teufel gefunden, der im Leibe eines drei Monate alten Kindes wohnte – einen äußerst widerspenstigen Teufel, der sich erst austreiben ließ, nachdem das Kind eine ganze Woche auf Dornen gelegen hatte. Die Leiche war dann ins Meer geworfen worden, aber die Wellen schleuderten sie immer wieder an den Strand wie einen Fluch über das Dorf, und sie verschwand erst wirklich, als zwei kräftige Männer bei Ebbe an Pfähle gebunden und ertränkt waren.

Und nach diesem Klok-No-Ton hatte Hooniah jetzt geschickt. Besser wäre es gewesen, wenn Scundoo, ihr eigener Schamane, sich nicht mit Schande bedeckt hätte. Denn er war immer milder aufgetreten und hatte einmal zwei Teufel aus einem Manne gejagt, der später sieben gesunde Kinder zeugte. Aber Klok-No-Ton! Es schauderte sie vor trüben Ahnungen bei dem Gedanken an ihn, und jeder einzige fühlte sich als das Ziel anklagender Augen und sah anklagend die andern an – jeder einzige, mit Ausnahme von Sime, und Sime war ein Lästerer, dessen schlimmes Ende mit Sicherheit vorausbestimmt war, die durch seine Erfolge nicht erschüttert werden konnte. »Ho! Ho!« lachte er. »Teufel und Klok-No-Ton! Es gibt keinen größeren Teufel als ihn selber im ganzen Thlinket-Lande.«

»Du Narr! Jetzt kommt er gerade mit seinen Hexereien und Zauberkünsten; halte deine Zunge im Zaum, daß dir nichts Böses widerfährt und deine Tage nicht kurz werden im Lande!«

So sprach La-lah, auch der Sünder genannt, und Sime lachte höhnisch.

»Ich bin Sime, der keine Angst kennt und sich nicht fürchtet vor der Dunkelheit. Ich bin ein starker Mann, wie mein Vater vor mir, und mein Kopf ist klar. Weder du noch ich, keiner von uns beiden hat die unsichtbaren bösen Mächte mit Augen gesehen.«

»Aber Scundoo hat es«, antwortete La-lah. »Und Klok-No-Ton auch. Das wissen wir.«

»Woher weißt du das, du Sohn eines Toren?« donnerte Sime, und sein heißes Blut färbte seinen dicken Stierhals.

»Aus ihrem eigenen Munde, daß du es weißt.«

Sime schnaubte. »Ein Schamane ist auch nur ein Mensch. Können seine Worte nicht falsch sein wie deine und meine? Pah! Pah! Nicht so viel gebe ich für alle deine Schamanen und alle Teufel deiner Schamanen!«

Und nach rechts und links mit den Fingern schnippend, verließ Sime den Kreis der Zuschauer, die ihm ängstlich und beflissen Platz machten.

»Ein guter Fischer und ein starker Jäger, aber ein böser Mensch«, sagte einer.

»Aber er gedeiht doch«, grübelte ein anderer.

»Darum sei auch du böse und gedeihe«, gab Sime über die Schulter zurück. »Und wenn ihr alle böse wäret, so brauchtet ihr keinen Schamanen. Pah! Ihr seid Kinder, die sich vor der Dunkelheit fürchten!«

Und als Klok-No-Ton mit der Nachmittagsflut kam, klang Simes trotziges Lachen noch ebenso dreist, ja, er konnte sich nicht einmal einen Witz verbeißen, als der Schamane beim Landen auf dem Sande ausglitt. Klok-No-Ton blickte ihn mürrisch an und schritt grußlos mitten durch sie hindurch nach Scundoos Haus.

Über die Begegnung mit Scundoo erfuhr keiner vom Stamme etwas, denn sie standen ehrerbietig in einiger Entfernung zusammen und flüsterten miteinander, während die Herren des Geheimnisses sich trafen.

»Sei gegrüßt, o Scundoo!« brummte Klok-No-Ton, augenscheinlich im Zweifel, wie der andere ihn empfangen würde.

Er war ein wahrer Riese und ragte weit über den kleinen Scundoo empor, dessen dünne Stimme wie das schwache ferne Zirpen einer Grille tönte.

»Sei gegrüßt, Klok-No-Ton«, antwortete er. »Dein Kommen macht den Tag schön.«

»Aber es scheint…«, Klok-No-Ton zögerte.

»Jaja«, fiel der kleine Schamane ungeduldig ein, »daß böse Tage über mich gekommen sind, sonst brauchte ich dir nicht zu danken, daß du meine Arbeit tust.«

»Es tut mir leid, Freund Scundoo…«

»Nein, ich freue mich, Klok-No-Ton.«

»Aber ich will dir die Hälfte von dem geben, was man mir gibt.«

»Nein, nein, mein guter Klok-No-Ton«, murmelte Scundoo mit einer abwehrenden Handbewegung. »Ich bin dein Sklave, und meine Tage sind von dem Wunsch erfüllt, dir Freundschaft zu erweisen.«

»Wie auch ich…«

»Wie auch du mir jetzt Freundschaft erweisest.«

»Ist dem so, so sage mir, ob es eine schlimme Geschichte mit den Decken dieser Frau Hooniah ist?«

Der große Schamane fühlte sich vorsichtig vor, und Scundoo lächelte ein blasses fahles Lächeln, denn er war gewohnt, in den Herzen der Menschen zu lesen, und alle Menschen erschienen ihm sehr klein.

»Du hast immer starke Medizin gebraucht«, sagte er. »Zweifellos wirst du bald den Täter entdecken.«

»Ja, bald, sobald meine Augen ihn gesehen haben.« Wieder zögerte Klok-No-Ton. »Sind Spitzbuben von anderswo hier gewesen?« fragte er.

Scundoo schüttelte den Kopf. »Sieh! Ist das nicht ein prachtvoller Kamik?«

Er hielt den Schuh aus Robbenfell und Walroßhaut hoch, und sein Gast untersuchte ihn mit heimlichem Interesse.

»Ich bekam ihn billig.«

Klok-No-Ton nickte aufmerksam.

»Ich kaufte ihn von dem Manne La-lah. Er ist ein merkwürdiger Mann, und ich habe oft gedacht…«

»So?« sagte Klok-No-Ton ungeduldig auf gut Glück.

»Ich habe oft gedacht«, schloß Scundoo, indem er die Stimme senkte und eine Pause machte. »Es ist schönes Wetter heute, und deine Medizin ist stark, Klok-No-Ton.«

Klok-No-Tons Gesicht klärte sich auf. »Du bist ein großer Mann, Scundoo, ein Schamane unter den Schamanen. Jetzt gehe ich. Ich werde stets an dich denken. Und der Mann La-lah ist, wie du sagst, ein merkwürdiger Mann.«

Scundoo lächelte, noch fahler und blasser, schloß die Tür hinter seinem sich entfernenden Gaste und verriegelte sie sorgsam.

Sime setzte sein Kanu instand, als Klok-No-Ton an den Strand kam, und er unterbrach seine Arbeit gerade lange genug, um herausfordernd seine Büchse zu laden und neben sich zu legen.

Der Schamane bemerkte es und rief: »Laß alle Leute sich hier an dieser Stelle versammeln! So befiehlt Klok-No-Ton, der Teufelsucher und Teufelaustreiber!«

Er hatte sie eigentlich bei Hooniahs Hause versammeln wollen, es war aber notwendig, daß alle dabei waren, und er zweifelte an Simes Gehorsam und wollte sich ungern mit ihm einlassen. Sime war seiner Meinung nach ein Mann, den man am besten in Frieden ließ und mit dem in Streit zu geraten für einen Schamanen überhaupt nicht geraten war.

»Laßt das Weib Hooniah vortreten«, befahl Klok-No-Ton und blickte wütend im Kreise herum, so daß denen, die er ansah, ein kalter Schauder den Rücken hinabrann.

Hooniah watschelte vor mit gesenktem Haupt und abgewandtem Blick.

»Wo sind deine Decken?«

»Ich hatte sie eben in die Sonne gehängt, und dann waren sie weg!« jammerte sie.

»So?«

»Es war Di Yas Schuld.«

»So?«

»Er hat eine tüchtige Tracht Hiebe bekommen und soll noch mehr haben, weil er Unglück über uns arme Leute gebracht hat.«

»Die Decken!« brüllte Klok-No-Ton heiser, der voraussah, daß sie von dem Preis, den sie bezahlen sollte, abhandeln wollte. »Die Decken, Weib! Daß du reich bist, wissen wir.«

»Ich hatte sie eben in die Sonne gelegt«, greinte sie, »und wir sind arme Leute und haben nichts.«

Sein ganzer Körper wurde plötzlich starr, sein Gesicht verzog sich zu einer häßlichen Grimasse, und Hooniah schauderte zurück. Aber da sprang er plötzlich mit verdrehten Augen und herabhängendem Unterkiefer auf sie los, daß sie stolperte und vor ihm niederfiel, wo sie, sich krümmend, liegenblieb. Er machte wilde Armbewegungen und peitschte die Luft, während sein Körper sich wie in Qualen wand und drehte. Er sah aus, als habe er einen epileptischen Anfall erlitten. Weißer Schaum stand ihm auf den Lippen, und sein Körper erschauerte und zitterte in Krämpfen.

Die Frauen brachen in einen jammernden Gesang aus und wiegten sich in völliger Selbstaufgabe vor und zurück, und die Männer erlagen einer nach dem andern der Erregung, bis nur Sime noch übrig war. Er saß rittlings auf seinem Kanu und sah mit spöttischer Miene zu; aber dennoch lasteten die Vorfahren, deren Abkomme er war, schwer auf ihm, und er schwor seine stärksten Eide, um sich zu ermutigen. Klok-No-Ton war schrecklich anzusehen. Er hatte seine Decke abgeworfen und sich die Kleider vom Leibe gerissen, so daß er, bis auf einen Gürtel von Adlerklauen um die Lenden, ganz nackt war. Unter Schreien und Heulen sprang er mit flatterndem langem, schwarzem Haar wie ein nächtlicher Schatten im Kreise umher. Sein Wahn drückte sich in einem gewissen unkultivierten Rhythmus aus, der schließlich alle beherrschte, so daß ihre Leiber im Takt mit dem seinen schwangen und ihre Schreie mit den seinen zusammenklangen. Da blieb er plötzlich starr aufrecht sitzen und streckte einen langen krallenartigen Finger aus. Ein leises Stöhnen, wie vom Tode, erklang, und das Volk kroch mit zitternden Knien zusammen, während der entsetzliche Finger über sie hinglitt. Denn der Tod wanderte mit ihm, und das Leben blieb bei denen, die ihn vorübergehen sahen, und die, an denen er vorbeigegangen war, folgten ihm mit eifrigem Interesse. Zuletzt ertönte ein furchtbarer Schrei, und der unheilvolle Zeigefinger blieb auf La-lah haften. Der zitterte wie Espenlaub und sah sich im Geiste bereits tot, seinen Besitz in alle Winde zerstreut und seine Witwe mit seinem Bruder verheiratet. Er versuchte zu sprechen, zu leugnen, aber die Zunge klebte ihm am Gaumen, und die Kehle war ihm wie vor unerträglichem Durst verdorrt. Klok-No-Ton schien jetzt, da sein Werk vollbracht, halb ohnmächtig zu sein, aber er wartete mit geschlossenen Augen und lauschte, ob das große Blutgeschrei sich erhob – das große Blutgeschrei, das seine Ohren so gut kannten aus tausend Beschwörungen, wenn der Stamm sich wie Wölfe über das zitternde Opfer gestürzt hatte. Aber hier herrschte nur Schweigen, dann ertönte ein leises Kichern und wuchs, bis sich eine mächtige Woge von Lachen bis zum Himmel erhob. »Was heißt das?« rief er.

»Na, na!« lachte das Volk. »Deine Medizin taugt nichts, o Klok-No-Ton!«

»Alle wissen«, stammelte La-lah, »daß ich acht lange Monate weit fort mit den Siwash-Robbenfängern jagte und erst heute morgen heimgekommen bin und gehört habe, daß Hooniahs Decken verschwunden waren, ehe ich kam!«

»Das ist wahr!« schrien sie einstimmig. »Hooniahs Decken waren verschwunden, ehe er kam!«

»Und du bekommst keine Bezahlung für deine Medizin, die nichts taugt«, erklärte Hooniah, die wieder auf die Beine gekommen war und unter dem Gefühl litt, sich lächerlich gemacht zu haben.

Aber Klok-No-Ton sah nur Scundoos Gesicht mit dem blassen, fahlen Lächeln vor sich und hörte nur das schwache ferne Grillenzirpen: »Ich kaufte ihn von dem Manne La-lah, und ich habe oft gedacht« und »Es ist schönes Wetter heute, und deine Medizin ist stark.«

Er schoß an Hooniah vorbei, und der Kreis machte ihm instinktiv Platz. Sime rief ihm von seinem Kanu aus eine Anzüglichkeit zu, die Frauen kicherten ihm ins Gesicht, höhnische Rufe ertönten hinter ihm her, aber ohne sich darum zu kümmern, eilte er nach Scundoos Haus. Er donnerte an die Tür, schlug mit geballten Fäusten auf sie los und heulte Verwünschungen. Aber es kam keine Antwort, nur in den Pausen erklang Scundoos Stimme in unheimlichen Zaubergesängen. Klok-No-Ton raste wie ein Verrückter, als er aber die Tür mit einem großen Stein einzuschlagen versuchte, ertönte Knurren von Männern und Frauen. Und er, Klok-No-Ton, wußte, daß er hier, seiner Stärke und Autorität beraubt, einem fremden Volke gegenüberstand. Er sah, wie ein Mann sich nach einem Stein bückte, sah, wie ein zweiter dasselbe tat, und er wurde von Furcht gepackt.

»Tu Scundoo nichts, er ist ein Meister!« rief eine Frau.

»Es ist am besten, wenn du in dein eigenes Dorf zurückkehrst!« rief ein Mann drohend.

Klok-No-Ton machte kehrt und schritt durch sie hindurch zum Strande hinunter, grimmige Wut im Herzen und in seinem Kopfe begründete Besorgnis um seinen wehrlosen Ruf. Aber kein Stein wurde ihm nachgeworfen. Die Kinder umschwärmten ihn mit Spottworten, und die Luft erscholl von Hohngelächter, aber das war auch alles. Immerhin atmete er erst auf, als sein Kanu auf offener See war. Da erhob er sich und schleuderte einen zwecklosen Bannstrahl auf das ganze Dorf und seine Bewohner und vergaß nicht, Scundoo, der ihn angeführt hatte, besonders zu erwähnen.

An Land rief man nach Scundoo, und die Bevölkerung scharte sich um seine Tür und bat und flehte in babylonischer Verwirrung, bis er mit erhobener Hand heraustrat.

»Da ihr meine Kinder seid, bin ich bereit, euch zu verzeihen«, sagte er. »Aber nur dieses eine Mal. Es ist das letztemal, daß ich euch eure Torheit ungestraft hingehen lasse. Was ihr wünscht, soll erfüllt werden und ich weiß schon, was es ist. Heute nacht, wenn der Mond hinter die Welt gegangen ist, um die mächtigen Toten anzuschauen, soll das Volk sich in der Dunkelheit um Hooniahs Haus versammeln. Dann soll der Missetäter vortreten und seinen verdienten Lohn empfangen. Ich habe gesprochen.«

»Und er soll den Tod erleiden«, brüllte Bawn, »denn er hat uns Kummer und Schande gebracht!«

»So sei es denn«, erwiderte Scundoo und schloß seine Tür.

»Jetzt wird alles an den Tag kommen, und Zufriedenheit wird unter uns herrschen«, erklärte La-lah orakelhaft.

»Durch Scundoo, des kleinen Mannes Hilfe«, höhnte Sime.

»Durch Scundoo, des kleinen Mannes Medizin«, berichtigte La-lah.

»Kinder der Torheit, dieses Thlinket-Volk!«

Sime schlug sich klatschend auf den Schenkel. »Es ist ganz unverständlich, daß erwachsene Frauen und starke Männer in den Dreck hinunter wollen, um Märchen zu träumen.«

»Ich bin ein weitgereister Mann«, antwortete La-lah. »Ich habe die tiefen Meere befahren und Zeichen und Wunder gesehen, und ich weiß, daß es so ist. Ich bin La-lah…«

»Der Betrüger…«

»So nennt man mich, aber mein rechter Name wäre ›der Weltbereiste‹.«

»Ich bin kein so großer Reisender«, begann Sime.

»Dann solltest du den Mund halten«, unterbrach ihn Bawn, und sie schieden in Unfrieden.

Als der letzte Silberstrahl des Mondes auf der andern Seite der Welt verschwunden war, trat Scundoo unter das Volk, das sich um Hooniahs Haus gesammelt hatte. Er ging mit schnellen, leichten Schritten, und wer ihn so im Scheine von Hooniahs Tranlampe sah, bemerkte, daß er mit leeren Händen ohne Rasseln, Masken oder die sonstige Ausstattung eines Schamanen kam, außer einem großen, schläfrigen Raben, den er unter dem einen Arme trug.

»Ist Holz für ein Feuer gesammelt, damit alle sehen können, wie das Werk vor sich geht?« fragte er.

»Ja«, antwortete Bawn. »Hier ist reichlich Holz.«

»So hört alle wohl zu, denn meiner Worte sind nur wenige. Ich habe Jelchs, den Raben, mitgebracht, der Geheimnisse errät und Verborgenes sieht. Ihn, den Schwarzen, will ich unter Hooniahs großen schwarzen Topf in den schwärzesten Winkel des Hauses setzen. Die Tranlampe soll ausgelöscht werden, daß alles dunkel ist. Das ist ganz einfach. Einer nach dem andern sollt ihr dann ins Haus gehen, so lange, wie man braucht, um Luft zu schöpfen, die Hand an den Topf legen und sie dann wieder zurückziehen. Zweifellos wird Jelchs schreien, wenn die Hand des Missetäters ihm nahe kommt. Wenn aber ein anderer es besser weiß, so laßt ihn seine Weisheit zeigen. Seid ihr bereit?«

»Wir sind bereit«, ertönte die vielstimmige Antwort.

»Dann will ich der Reihe nach den Namen jedes Mannes und jeder Frau aufrufen, bis ihr alle genannt seid.«

Nun wurde als erster La-lah gerufen, und er ging gleich hinein. Alle spitzten die Ohren, und in der Stille konnten sie seine Fußtritte auf dem Boden knirschen hören. Aber das war auch alles. Jelchs schrie nicht und gab kein Zeichen. Der nächste war Bawn, denn es war ja denkbar, daß ein Mann seine eigenen Decken stahl, um Schande über seine Nachbarn zu bringen. Dann folgten Hooniah und andere Frauen und Kinder, aber ohne Ergebnis.

»Sime!« rief Scundoo.

»Sime!« wiederholte er.

Aber Sime rührte sich nicht.

»Fürchtest du dich vor der Dunkelheit?« fragte La-lah, dessen eigene Unschuld bewiesen war, schroff.

Sime kicherte. »Ich lache darüber, denn es ist eine große Torheit. Dennoch will ich hineingehen, nicht, weil ich an Wunder glaube, sondern zum Zeichen, daß ich nicht bange bin.«

Und er ging dreist hinein und kam, immer noch spottend, wieder heraus.

»Eines Tages wirst du ganz plötzlich sterben«, flüsterte La-lah in gerechtem Zorn.

»Ich zweifle nicht daran«, antwortete der Spötter rasch. »Wenige Männer unseres Volkes sterben in ihren Betten. Das machen die Schamanen und das tiefe Meer.«

Als sicher die Hälfte der Leute die Probe bestanden hatte, wurde die Spannung in ihrer Heftigkeit qualvoll, eben weil sie zurückgedrängt werden mußte. Als zwei Drittel sie überstanden hatten, brach eine junge Frau, die bald zum ersten Mal gebären sollte, zusammen, und ihr Entsetzen machte sich in nervösem Schreien und Lachen Luft.

Endlich kam die Reihe an den letzten von allen, und noch war nichts geschehen. Und Di Ya war der letzte von allen. Sicher, er mußte es sein. Hooniah sandte ein Klagegeschrei zu den Sternen, während die übrigen sich von dem elenden Jungen zurückzogen. Er war halbtot vor Angst, und die Beine gaben unter ihm nach, so daß er auf der Schwelle wankte und fast gefallen wäre. Scundoo stieß ihn hinein und schloß die Tür hinter ihm. Es verging eine lange Zeit, in der man nur das Weinen des Knaben hören konnte. Dann ganz langsam seine knirschenden Schritte in dem entferntesten Winkel, eine Pause und dann wieder ein Knirschen: Er kam zurück. Die Tür öffnete sich, und er trat heraus. Nichts war geschehen, und er war der letzte.

»Zündet das Feuer an«, befahl Scundoo.

Die hellen Flammen schossen empor und zeigten Gesichter, die noch die Spuren der schwindenden Furcht trugen, aber auch von Zweifel verdüstert waren.

»Es ist sicher fehlgeschlagen«, flüstert Hooniah heiser.

»Ja«, antwortete Bawn selbstzufrieden. »Scundoo wird alt, und wir brauchen einen neuen Schamanen.«

»Wo ist nun Jelchs Weisheit?« lachte Sime La-lah ins Ohr. La-lah strich sich verblüfft über die Stirn und antwortete nicht.

Sime blies sich übermütig auf und brüstete sich vor dem kleinen Schamanen. »Ho! Ho! Wie ich sagte: Es ist nichts dabei herausgekommen!«

»So scheint es, so scheint es«, antwortete Scundoo demütig. »Und das muß denen, die in den Mysterien nicht erfahren sind, sonderbar vorkommen.«

»Wie dir selbst zum Beispiel?« fragte Sime frech.

»Ja, vielleicht gerade wie mir.« Scundoo sprach ganz sanft, aber seine Lider sanken leise immer tiefer, bis seine Augen fast verborgen waren. »Und deshalb denke ich jetzt an eine neue Probe. Laßt jeden Mann, jede Frau und jedes Kind die Hände über den Kopf empor strecken.«

So unerwartet kam das Gebot, und so gebieterisch wurde es ausgesprochen, daß alle ohne Zögern gehorchten. Alle Hände wurden hochgestreckt.

»Blicke nun jeder auf die Hände der andern und seht alle«, gebot Scundoo, »auf daß…«

Aber seine Stimme wurde übertönt von dem zornigen Gelächter. Alle Augen ruhten auf Sime. Jede Hand außer der seinen war schwarz von Ruß, die seine war die einzige, die sich nicht an Hooniahs Topf beschmutzt hatte.

Ein Stein sauste durch die Luft und traf ihn an der Backe.

»Es ist Lüge!« rief er. »Lüge! Ich weiß nichts von Hooniahs Decken!«

Ein zweiter Stein verwundete ihn an der Stirn, ein dritter flog an seinem Kopfe vorbei, das große Blutgeschrei ertönte, und überall suchten die Leute auf dem Boden nach Wurfgeschossen. Er wankte und sank halb zusammen.

»Es war nur ein Scherz! Nur ein Scherz!« schrie er. »Ich tat es nur zum Spaß!«

»Wo hast du sie versteckt?« Scundoos gellende scharfe Stimme durchschnitt den Lärm wie ein Messer.

»In dem großen Fellpacken, der unter dem Dachbalken in meinem Hause hängt«, lautete die Antwort. »Aber es war nur Scherz, sage ich, nur…«

Scundoo nickte, und es wurde dunkel von fliegenden Steinen. Simes Frau weinte schweigend, den Kopf auf den Knien, aber sein kleiner Knabe warf wie die andern unter Schreien und Lachen Steine. Hooniah kam mit den kostbaren Decken angewatschelt. Scundoo hielt sie an.

»Wir sind arme Leute und besitzen nur wenig«, jammerte sie. »Sei daher nicht zu hart gegen uns, o Scundoo.«

Das Volk trat von dem schwankenden Steinhaufen zurück, den es errichtet hatte, und sah zu.

»Nein, das ist nie meine Art gewesen, gute Hooniah«, antwortete Scundoo und streckte die Hand nach den Decken aus. »Zum Beweise, daß ich nicht hart bin, will ich mich mit einigen von diesen begnügen. – Bin ich nicht weise, meine Kinder?« fragte er.

»Wahrlich, du bist weise, o Scundoo!« riefen sie einstimmig.

Und er ging ins Dunkel, die Decken um sich geschlagen und den schläfrig nickenden Jelchs unter dem Arm.


5 Die Maenner Des Sonnenlandes

Die Männer des Sonnenlandes

Mandell ist ein unbekanntes Dorf am Gestade des Polarmeeres. Es ist nicht groß, und seine Bewohner sind friedlich, noch friedlicher als die umwohnenden Stämme. Es wohnen in Mandell wenige Männer und viele Frauen. Dies ist der Grund für die Ausübung einer gesunden und notwendigen Vielweiberei. Die Frauen setzen mit Eifer Kinder in die Welt, und die Geburt eines Knaben wird mit allgemeinem Jubel begrüßt. Und dann lebt Aab-Waak dort, dessen Kopf stets auf der einen Schulter ruht, als wäre sein Hals einmal müde geworden und hätte sich dann für immer geweigert, seine gewohnte Pflicht zu tun.

Die Ursache zu alledem – Friedlichkeit, Vielweiberei und Aab-Waaks müdem Hals – liegt Jahre zurück, in der Zeit, da der Schoner »Search« in der Mandelbucht vor Anker ging und Tyee, der Häuptling, einen Plan schmiedete, wie der Stamm plötzlich zu Reichtum gelangen solle. Noch heute erinnert sich das Volk in Mandell dessen, was geschah, und erzählt es mit gedämpfter Stimme, dieses Volk, das mit den westlich davon lebenden »Hungrigen« verwandt ist. Die Kinder rücken enger zusammen, wenn die Geschichte erzählt wird, und wundern sich, klug wie sie sind, über die Dummheit derer, die ihre Eltern hätten sein können, wenn sie nicht die Männer des Sonnenlandes herausgefordert und ein bitteres Ende gefunden hätten.

Es begann damit, daß sechs Mann von der »Search« mit schwerer Ausrüstung an Land kamen und sich in Negaahs Iglu einquartierten, als gedächten sie, sich hier häuslich niederzulassen. Sie bezahlten zwar recht gut für die Unterkunft mit Mehl und Zucker, aber Negaah grämte sich sehr, weil Mesahchie, seine Tochter, ihr Schicksal gewählt hatte und Nahrung und Decke mit Bill, dem Anführer der weißen Männer, teilte.

»Sie ist ihren Preis wert«, klagte Negaah der Versammlung um das Beratungsfeuer, als die sechs weißen Männer eingeschlafen waren. »Sie ist ihren Preis wert, denn wir haben mehr Männer als Frauen, und die Männer bieten hoch. Der Jäger Ounenk bot mir einen neuen Kajak und eine Büchse, die er bei den Hungrigen erstanden hatte. Das wurde mir geboten, und seht, nun ist sie fort, und ich habe nichts bekommen.«

»Ich bot auch auf Mesahchie«, brummte eine Stimme in nicht allzu mißmutigem Tone, und Peelos breites, freundliches Gesicht zeigte sich einen Augenblick im Lichtschein.

»Du auch«, bestätigte Negaah. »Und andere ebenfalls. Warum ist eine solche Unruhe über den Männern des Sonnenlandes?« fragte er recht verdrießlich. »Warum bleiben sie denn nicht zu Hause? Das Schneevolk wandert ja auch nicht ins Sonnenland.«

»Frag sie lieber, warum sie hergekommen sind«, erklang eine Stimme aus der Dunkelheit, und Aab-Waak drängte sich in die erste Reihe vor.

»Ja! Warum sind sie gekommen?« riefen viele Stimmen, und Aab-Waak gebot mit einer Handbewegung Schweigen.

»Männer graben nicht ohne Grund in der Erde«, begann er. »Ich weiß das noch von den Walleuten, die auch aus dem Sonnenland stammten und ihr Schiff im Eise verloren. Ihr erinnert euch alle der Walleute, die in ihren halb zerstörten Booten zu uns kamen und, als der Frost kam und der Schnee das Land bedeckte, mit Hunden und Schlitten südwärts zogen. Und ihr erinnert euch, wie sie auf den Frost warteten und wie einer von ihnen in der Erde zu graben begann. Dann gruben zwei und drei und schließlich alle, unter großer Spannung und Unruhe. Was sie aus der Erde gruben, wissen wir nicht, denn sie jagten uns fort, so daß wir es nicht sehen konnten. Später aber, als sie weg waren, sahen wir nach und fanden nichts. Aber es ist viel Erde da, und sie durchwühlten nicht alles.«

»Ja, Aab-Waak, ja!« rief das Volk bewundernd.

»Und daher denke ich«, schloß er, »daß einer der Männer des Sonnenlandes es dem andern erzählt und daß diese Männer des Sonnenlandes es so erfahren haben und nun hergekommen sind, um in der Erde zu graben.«

»Aber wie kann es sein, daß Bill unsere Sprache spricht?« fragte ein eingeschrumpfter alter kleiner Jäger. »Bill, den unsere Augen nie zuvor gesehen haben?«

»Bill ist zu andern Zeiten im Schneeland gewesen«, antwortete Aab-Waak, »sonst könnte er nicht die Sprache des Bärenvolkes reden, die die gleiche wie die der Hungrigen, also der der Mandeller sehr ähnlich ist. Denn es sind viele Männer aus dem Sonnenlande unter dem Bärenvolke, aber nur wenige unter den Hungrigen und kein einziger unter den Mandellern gewesen, ausgenommen die Walleute und die, die jetzt in Negaahs Iglu schlafen.«

»Ihr Zucker ist sehr gut«, bemerkte Negaah, »und ihr Mehl auch.«

»Sie haben große Reichtümer«, fügte Ounenk hinzu. »Gestern war ich auf ihrem Schiff und sah ungeheuer sinnreiche Geräte aus Eisen und Messer und Büchsen und Mehl und Zucker und seltsame Nahrungsmittel ohne Ende.«

»So ist es, Brüder!« Tyee erhob sich und jubelte innerlich über das ehrerbietige Schweigen, mit dem das Volk ihn ehrte. »Sie sind sehr reich, diese Männer des Sonnenlandes. Zudem sind sie Toren. Denn seht! Sie kommen hierher zu uns, kühn und blind und ohne an ihren großen Reichtum zu denken. Eben jetzt schnarchen sie, und wir sind zahlreich und unerschrocken.«

»Vielleicht sind sie auch unerschrocken und große Kämpfer«, wandte der eingeschrumpfte kleine alte Jäger ein.

Aber Tyee warf ihm einen Blick zu. »Nein, das scheint mir nicht so. Sie leben im Süden, unter der Bahn der Sonne, und sind weichlich wie ihre Hunde. Erinnert ihr euch der Hunde der Walleute? Unsere Hunde fraßen sie am zweiten Tage, weil sie weichlich waren und nicht zu kämpfen verstanden. Die Sonne ist warm und das Leben bequem in den Sonnenländern, und die Männer sind wie Weiber und die Weiber wie Kinder.«

Köpfe nickten Beifall, und die Frauen streckten den Hals aus, um zu lauschen.

»Es heißt, sie seien gut gegen ihre Frauen, die nicht viel Arbeit verrichten«, kicherte Likita, ein breithüftiges, gesundes junges Weib, die Tochter Tyees.

»Du möchtest wohl Mesahchies Spuren folgen, wie?« rief er zornig. Dann wandte er sich schnell zu den Männern des Stammes: »Seht ihr, Brüder, so sind die Männer des Sonnenlandes. Sie blicken auf unsere Frauen und nehmen sie eine nach der andern. Wie Mesahchie ihnen gefolgt ist und Negaah um seinen Preis gebracht hat, so will Likita ihnen folgen, und so wollen sie es alle, und wir sind die Betrogenen. Ich habe mit einem Jäger des Bärenvolkes gesprochen, und ich weiß es. Hier sind einige der Hungrigen unter uns; laßt sie sprechen und sagen, ob meine Worte wahr sind.«

Die sechs Jäger vom Stamme der Hungrigen bezeugten die Wahrheit seiner Worte, und jeder von ihnen erzählte dem neben ihm Sitzenden von den Männern des Sonnenlandes und ihren Sitten. Murren ertönte von den jüngeren Männern, die sich Frauen suchen sollten, und von den älteren, die Töchter zu guten Preisen abzugeben hatten, und ein leises Summen von Wut wurde lauter und deutlicher.

»Sie sind sehr reich und haben sinnreiche Geräte aus Eisen, Messer und zahllose Büchsen«, hetzte Tyee, und sein Traum von plötzlichem Reichwerden begann feste Gestalt anzunehmen.

»Ich werde mir Bills Büchse nehmen«, erklärte Aab-Waak plötzlich.

»Nein, die soll mein sein!« rief Negaah. »Denn der Preis für Mesahchie muß einberechnet werden.«

»Friede! O Brüder!« Tyee beschwichtigte die Versammlung mit einer Handbewegung. »Laßt Frauen und Kinder in ihre Iglus gehen. Dies ist Männerrede; laßt sie nur für Männerohren sein.«

»Es sind Büchsen genug für uns alle«, sagte er, als die Frauen sich widerwillig zurückgezogen hatten. »Ich zweifle nicht, daß es zwei Büchsen für jeden Mann sein werden, gar nicht zu reden vom Mehl, Zucker und von den andern Dingen. Und leicht wird alles auszuführen sein. Die sechs Männer des Sonnenlandes in Negaahs Iglu töten wir heute nacht, wenn sie schlafen. Morgen gehen wir friedlich zum Schiffe, um Handel zu treiben, und wenn die Gelegenheit günstig ist, töten wir dort alle ihre Brüder. Und morgen abend halten wir Schmaus, sind lustig und teilen uns ihre Reichtümer. Und der Geringste soll mehr haben, als selbst der Reichste zuvor besaß. Ist es weise, was ich gesprochen habe, Brüder?«

Ein leises, beifälliges Gemurmel antwortete ihm, und die Vorbereitungen für den Überfall begannen. Die sechs Hungrigen waren mit Büchsen bewaffnet und reichlich mit Munition versehen, wie es sich für Angehörige eines wohlhabenderen Stammes geziemte. Von den Mandell-Leuten besaßen jedoch nur wenige eine Büchse, und die waren fast alle entzwei. Außerdem herrschte allgemeiner Mangel an Pulver und Patronen. Diese Armut an Kampfwaffen wurde indessen reichlich aufgewogen durch eine Unzahl von Pfeilen und Wurfspeeren mit Knochenspitzen zum Fernkampf und stählernen Messern russischen und amerikanischen Fabrikats für den Nahkampf.

»Macht keinen Lärm«, lauteten die letzten Anweisungen Tyees, »aber es müssen auf jeder Seite des Iglus viele stehen, und zwar so nahe, daß die Männer des Sonnenlandes nicht durchbrechen können. Und dann wirst du, Negaah, mit sechs von den jungen Männern hinter dir, zu ihnen hineinkriechen. Nehmt keine Büchsen mit, denn die gehen meistens los, wenn man es gerade am wenigsten erwartet, sondern legt die Stärke eurer Arme in eure Messer.«

»Und denkt daran, daß Mesahchie nichts geschieht, denn sie ist ihren Preis wert«, flüsterte Negaah heiser.

Flach auf dem Boden liegend, konzentrierte sich das kleine Heer um den Iglu, und hinter den Kriegern kauerten, begeistert und erwartungsvoll, viele Frauen und Kinder, die dem Morde beiwohnen wollten. Die kurze Augustnacht war fast vorbei, und in der grauen Dämmerung konnte man undeutlich die kriechenden Gestalten Negaahs und der jungen Männer unterscheiden. Auf Händen und Knien krochen sie immer weiter, bis sie in dem langen Gange verschwanden, der in die Hütte führte. Tyee stand auf und rieb sich die Hände. Alles ging gut. In dem großen Kreise hob sich erwartungsvoll Kopf auf Kopf. Jeder malte sich die Szene seiner Phantasie entsprechend aus – die schlafenden Männer, die Messerstiche und den plötzlichen Tod in der Finsternis.

Der laute Ruf eines der Männer des Sonnenlandes durchbrach die Stille, und ein Schuß knallte. Und dann erhob sich ein furchtbares Getöse im Iglu. Ohne Überlegung stürzte der ganze Kreis vor und drängte sich um den Eingang. Drinnen begann ein halbes Dutzend Repetiergewehre zu knattern, und die auf einen engen Raum zusammengedrängten Mandeller waren machtlos. Die vordersten kämpften wild, um aus dem Bereich der feuerspeienden Büchsen vor ihnen zu kommen, und von hinten drängte man ebenso wild zum Angriff vorwärts. Die Kugeln der schweren Kaliber gingen durch ein halbes Dutzend Menschen auf einmal, und der Gang, der vollgestopft von kämpfenden, hilflosen Männern war, wurde zu einer Schlachtbank. Die ziellos in die Menge abgefeuerten Büchsen fegten sie hinweg wie ein Maschinengewehr, und gegen diesen ständigen Strom des Todes konnte niemand vorrücken.

»Nie hat es dergleichen gegeben!« stöhnte einer der Hungrigen. »Ich guckte nur hinein, und da lagen die Toten aufgestapelt wie die Robben nach dem Schlagen auf dem Eise!«

»Sagte ich nicht, daß es kampfgeübte Männer seien?« schwatzte der eingeschrumpfte Jäger.

»Das war zu erwarten«, antwortete Aab-Waak keck. »Wir kämpften in einer Falle, die wir uns selbst gestellt hatten.«

»O ihr Toren!« schalt Tyee. »Ihr Söhne von Toren! So war es nicht gemeint. Nur Negaah und die sechs jungen Leute sollten hineingehen. Meine Weisheit ist größer als die der Männer des Sonnenlandes, aber ihr macht sie zuschanden und raubt mir ihre Früchte.«

Keiner antwortete, aber alle Augen hefteten sich auf den Iglu, der sich undeutlich und riesig von dem klaren Nordosthimmel abhob. Durch ein Loch im Dache stieg der Pulverrauch in langsamen Spiralen in die unbewegliche Luft empor, und hin und wieder kam ein Verwundeter beschwerlich in das graue Licht herausgekrochen.

»Jeder soll seinen Nebenmann nach Negaah und den sechs jungen Leuten fragen«, befahl Tyee.

Nach einer Weile kam die Antwort: »Negaah und die sechs jungen Leute sind tot.«

»Und viele andere sind auch tot«, jammerte eine Frau im Hintergrunde.

»Um so größerer Reichtum bleibt für die Überlebenden«, tröstete Tyee grimmig. Dann wandte er sich an Aab-Waak und sagte: »Geh und hol viele mit Tran gefüllte Robbenfelle. Die Jäger sollen sie über die hölzerne Außenseite des Iglus und des Ganges ausgießen. Und dann zündet sie an, ehe die Männer des Sonnenlandes Löcher für ihre Büchsen in den Iglu schlagen können.«

Er hatte noch nicht ausgesprochen, als sich schon ein Loch im Lehm zwischen den Balken zeigte und eine Büchsenmündung herausgestreckt wurde. Einer der Hungrigen griff sich mit der Hand an die Seite und schnellte in die Luft. Noch ein Schuß durchbohrte seine Lunge und brachte ihn zu Fall. Tyee und die andern sprangen beiseite, um aus der Schußlinie zu kommen, und Aab-Waak schalt auf die Männer mit den Tranfellen. Unter Vermeidung der Schießscharten, die sich jetzt auf allen Seiten des Iglus bildeten, entleerten sie die Felle auf das trockene Treibholz, das der Mandellfluß aus den holzreichen Ländern im Süden herabgeführt hatte. Ounenk lief mit einem brennenden Scheit vor, und die Flammen schlugen hoch. Es vergingen viele Minuten, ohne daß etwas geschah, und sie hielten ihre Waffen bereit, während das Feuer um sich griff. Tyee rieb sich vergnügt die Hände, während der trockene Bau brannte und knisterte.

»Jetzt haben wir sie in der Falle, Brüder!«

»Und niemand kann mir Bills Büchse streitig machen«, erklärte Aab-Waak.

»Außer Bill selbst«, quiekte der alte Jäger. »Seht, da kommt er!«

In eine angesengte und geschwärzte Decke gehüllt, sprang der große weiße Mann zu dem flammenden Eingang heraus, und dicht hinter ihm kamen Mesahchie und die fünf anderen Männer des Sonnenlandes. Die Leute vom Stamme der Hungrigen versuchten, den Angriff mit einer schlecht gezielten Salve abzuwehren, während die Mandell-Leute einen Schauer von Speeren und Pfeilen schleuderten. Aber die Männer des Sonnenlandes warfen im Laufen ihre brennenden Decken ab, und man sah, daß jeder von ihnen auf der Schulter ein Päckchen Munition trug. Das war das einzige, was sie von ihren Besitztümern gerettet hatten. In schnellem, wohlüberlegtem Laufe durchbrachen sie den Kreis und stürzten gerade auf die große Klippe los, die sich eine halbe Meile hinter dem Dorfe schwarz in den klaren Tag erhob.

Aber Tyee ließ sich auf das Knie nieder und zielte mit seiner Büchse auf den letzten der Männer des Sonnenlandes.

Ein lauter Schrei ertönte, als er abdrückte. Der Mann fiel vornüber, kam wieder halb auf die Beine, fiel aber wieder. Ohne sich um den Pfeilregen zu kümmern, kehrte ein anderer Mann des Sonnenlandes um, beugte sich über ihn und hob ihn auf die Schulter. Aber die mit Speeren bewaffneten Mandeller näherten sich ihm, und ein kräftig geschleuderter Spieß durchbohrte den Verwundeten. Er schrie laut und erschlaffte schnell, während sein Kamerad ihn zu Boden sinken ließ. Unterdessen hatten Bill und die drei andern haltgemacht und schickten nun den vorrückenden Speerschleuderern einen Schauer von Blei entgegen. Der fünfte Mann des Sonnenlandes beugte sich über seinen getroffenen Kameraden, fühlte sein Herz, schnitt dann kaltblütig das Päckchen ab und erhob sich mit der Munition und den beiden Büchsen in der Hand.

»Nun, ist er nicht ein Narr?« rief Tyee und machte im Vorwärtsstürmen einen Luftsprung, um nicht auf den krampfhaft zitternden Körper eines Mannes vom Stamme der Hungrigen zu treten.

Seine eigene Büchse war in Unordnung geraten, so daß er sie nicht gebrauchen konnte, und er rief, daß irgend jemand mit dem Speer nach dem Manne des Sonnenlandes werfen solle, der kehrtgemacht hatte, um Deckung hinter dem schützenden Feuer zu suchen. Der alte kleine Jäger wiegte seinen Speer auf dem Wurfholz, schwang im Laufen den Arm zurück und schleuderte die Waffe.

»Beim Körper des Wolfs, sage ich, das war ein guter Wurf!« lobte Tyee, als der Fliehende vornüberstürzte, so daß der Speer, aufrecht zwischen seinen Schultern haftend, langsam hin und her schwankte. Der eingeschrumpfte kleine Mann hustete und setzte sich nieder. Ein roter Streifen zeigte sich auf seinen Lippen, dann wälzte sich ein dicker Strom hervor. Er hustete wieder, und ein seltsam pfeifender Ton begleitete seine Atemzüge.

»Sie fürchten sich auch nicht, sie sind große Kämpfer«, pfiff er und tastete unsicher mit den Händen in die Luft. »Und seht! Jetzt kommt Bill!« Tyee sah auf. Viele Mandeller und einer der Hungrigen hatten sich über den Gefallenen, der sich auf die Knie erhoben hatte, gestürzt und ihn mit ihren Speeren durchbohrt, so daß er wieder zurücksank. In einer Sekunde sah Tyee vier von ihnen unter den Kugeln der Männer des Sonnenlandes fallen. Der fünfte, der noch unverwundet war, ergriff die beiden Büchsen; als er sich aber erhob, um zu fliehen, wurde er durch den Schlag einer Kugel, die ihn am Arme traf, beinahe herumgewirbelt, von einem zweiten zum Stehen gebracht und von einem dritten zu Boden geworfen. Im nächsten Augenblick war Bill da, um die Päckchen abzuschneiden und die Büchsen zu holen.

Dies sah Tyee, und er sah seine eigenen Leute fallen, als sie in zerstreuter Ordnung vorrückten, und plötzlich spürte er Zweifel und beschloß liegenzubleiben, wo er war, um mehr zu sehen. Aus irgendeinem unbegreiflichen Grunde lief Mesahchie zu Bill zurück, aber ehe sie ihn erreicht hatte, sah Tyee, wie Peelo vorsprang und sie mit seinen Armen umschlang. Er versuchte, sie über seine Schulter zu werfen, aber sie klammerte sich an ihn und zerriß und zerkratzte ihm das Gesicht. Dann stellte sie ihm ein Bein, und beide fielen schwer zu Boden. Als sie wieder auf die Füße kamen, hatte Peelo den Griff gewechselt, so daß sein Arm unter ihrem Kinn lag und sein Handgelenk auf ihre Kehle drückte und sie würgte. Er begrub das Gesicht an ihrer Brust, fing die Schläge ihrer beiden Hände mit seinem dicken, verfilzten Haar auf und begann sie langsam vom Kampfplatz wegzuschleppen. Aber in diesem Augenblick prallten sie gegen Bill, der mit den Waffen seiner gefallenen Kameraden zurückkam. Als Mesahchie ihn sah, wirbelte sie ihr Opfer herum und hielt es fest. Bill schwang die Büchse in der Rechten und schlug zu, fast ohne stehenzubleiben. Tyee sah Peelo wie vom Blitz getroffen zu Boden sinken und den Mann des Sonnenlandes mit Negaahs Tochter fliehen.

Eine Gruppe Mandeller machte unter Führung eines vom Stamme der Hungrigen einen nutzlosen Sturmangriff, der unter dem prasselnden Feuer zusammenbrach.

Tyee schnappte nach Luft und murmelte: »Wie Reif in der Morgensonne.«

»Ich sagte es ja, sie sind große Kämpfer«, flüsterte der alte Jäger matt, vom Blutverlust sehr geschwächt. »Ich weiß es. Ich habe es gehört. Sie sind Seeräuber und Robbenjäger, sie schießen schnell und sicher, denn das ist ihr Leben und ihre Arbeit.«

»Wie Reif in der Morgensonne«, wiederholte Tyee, indem er sich zusammenkauerte und hinter dem sterbenden Manne Deckung suchte, um nur hin und wieder hervorzulugen.

Man konnte es nicht länger einen Kampf nennen, denn kein Mandeller wagte sich vor, und andererseits waren sie den Männern des Sonnenlandes zu nahe gekommen, um wieder zurück zu können. Drei versuchten es, indem sie verstreut wie Kaninchen liefen, aber der eine fiel mit gebrochenem Bein, der zweite erhielt eine Kugel durch den Leib, und der dritte, der sich drehte und schlängelte, fiel am Rande des Dorfes. Der Stamm kauerte sich daher in Löchern zusammen und wühlte sich auf freiem Felde in den Staub ein, während die Kugeln der Männer des Sonnenlandes über die Ebene dahinfuhren.

»Beweg dich nicht«, bat Tyee, als Aab-Waak am Boden zu ihm hinkroch. »Beweg dich nicht, guter Aab-Waak, oder du bringst den Tod über uns.«

»Der Tod hat viele von uns geholt«, lachte Aab-Waak, »daher wird es, wie du sagst, großen Reichtum zwischen uns zu teilen geben. Mein Vater liegt hinter dem großen Felsen dort und atmet kurz und schnell, und neben ihm liegt mein Bruder, als hätte man einen Knoten in ihn geschlagen. Aber ihr Teil soll mein Teil werden, und das ist gut.«

»Wie du sagst, guter Aab-Waak, und wie ich gesagt habe; aber ehe wir teilen können, müssen wir etwas zu teilen haben, und die Männer des Sonnenlandes sind noch nicht tot.«

Eine Kugel prallte von einem Felsblock vor ihnen ab und flog mit gellendem Pfeifen in ihrem zweiten Fluge tief über ihren Häuptern dahin. Tyee duckte sich und schauderte, aber Aab-Waak grinste und versuchte ihr vergebens mit den Augen zu folgen. »So schnell fliegen sie, daß man sie nicht einmal sehen kann«, bemerkte er.

»Aber viele von uns sind tot«, fuhr Tyee fort.

»Und viele sind noch übrig«, lautete die Antwort.

»Und sie pressen sich dicht an die Erde, denn sie haben gelernt, wie man kämpfen muß. Dazu sind sie zornig geworden. Und wenn wir die Männer des Sonnenlandes auf dem Schiffe getötet haben, so sind nur noch vier hier auf dem Lande übrig. Es dauert vielleicht lange, bis wir sie getötet haben, aber schließlich wird es doch geschehen.«

»Wie können wir zum Schiff gelangen, wenn wir nicht hier und nicht dort gehen können?« fragte Tyee.

»Es ist eine schlechte Stelle, wo Bill und seine Brüder liegen«, erklärte Aab-Waak. »Wir können von allen Seiten über sie herfallen, und das ist nicht gut. Daher suchen sie die Klippen in den Rücken zu bekommen, um dort zu warten, bis ihre Brüder vom Schiff ihnen zu Hilfe kommen.«

»Nie sollen sie vom Schiff kommen, ihre Brüder! Ich habe es gesagt.«

Tyee schöpfte wieder Mut, und als die Männer des Sonnenlandes die Prophezeiung erfüllten und sich nach der Klippe zurückzogen, war ihm so leicht ums Herz wie nur je.

»Es sind nur noch drei von uns übrig!« klagte einer vom Stamme der Hungrigen, als man sich zur Beratung versammelte.

»Dafür soll statt zwei Büchsen jeder vier haben«, lautete Tyees Erwiderung.

»Wir haben gut gekämpft.«

»Ja, und sollte es sein, daß nur zwei von euch übrigbleiben, so würdet ihr sechs Büchsen jeder bekommen. Darum kämpft gut.«

»Und wenn keiner von ihnen übrigbleibt?« flüsterte Aab-Waak schlau.

»Dann bekommen wir die Büchsen, du und ich«, antwortete Tyee ebenfalls flüsternd.

Um aber die Männer vom Hungrigen Volke günstig zu stimmen, machte er einen von ihnen zum Führer des Zuges gegen das Schiff. Diese Abteilung umfaßte volle zwei Drittel des Stammes und ging in einer Entfernung von einem Dutzend Meilen, mit Fellen und andern Handelswaren beladen, an die Küste. Die Zurückgebliebenen bildeten einen weiten Halbkreis um die Brustwehr, die Bill und seine Männer des Sonnenlandes aufzuwerfen begonnen hatten. Tyee war sich schnell über den Nutzen einer Sache klar, und er ließ sofort seine Leute kleine Schützengräben auswerfen.

»Die Zeit wird vergehen, ehe sie es gewahr werden«, sagte er zu Aab-Waak, »und wenn sie beschäftigt sind, werden sie nicht so sehr an die Gefallenen oder an ihre eigenen Beschwerden denken. Und im Dunkel der Nacht können wir uns weiter vorschieben, so daß die Männer des Sonnenlandes, wenn sie im Morgenrot Ausschau nach uns halten, uns ganz nahe finden werden.«

In der Mittagshitze machten die Männer eine Arbeitspause und nahmen eine Mahlzeit von Stockfisch und Robbentran ein, die ihnen von den Frauen gebracht wurde. Einige riefen nach den Nahrungsmitteln, die die Männer des Sonnenlandes in Negaahs Iglu hatten, aber Tyee weigerte sich, sie auszuteilen, ehe die, welche das Schiff angreifen sollten, zurückgekehrt waren. Es wurde hin und her über den Ausfall geredet, aber auf einmal ertönte ein dumpfes Dröhnen vom Meere her über das Land. Wer gute Augen hatte, sah eine dichte Rauchwolke, die sich schnell auflöste und die ihrer Behauptung nach gerade über dem Schiff der Männer des Sonnenlandes schwebte. Tyee meinte, es müsse ein Kanonenschuß sein. Aab-Waak wußte es nicht, dachte aber, daß es irgendein Signal sein müsse. Auf jeden Fall, sagte er, sei es Zeit, daß etwas geschehe.

Fünf bis sechs Stunden später erblickte man einen Mann, der allein über die breite Ebene vom Meere heraufkam, und Frauen und Kinder strömten ihm in einer großen Schar entgegen. Es war Ounenk, nackt, atemlos und verwundet. Das Blut rann ihm noch aus einer Schramme an der Stirn über das Gesicht herab. Sein linker Arm hing furchtbar verstümmelt und hilflos an seiner Seite. Aber am merkwürdigsten von allem war ein wildes Licht in seinen Augen, das die Frauen nicht verstanden.

»Wo ist Peshack?« fragte eine alte Squaw.

»Und Olitlie?« – »Und Polak?« – »Und Mah-Kuk?« stimmten andre ein.

Aber er sagte nichts, sondern drängte sich nur durch die lärmende Menge und wankte auf Tyee zu. Die alte Squaw erhob das Trauergeheul, und die Frauen stimmten eine nach der andern mit ein, während sie sich hinten anschlossen. Die Männer krochen aus ihren Schützengräben und liefen zurück, um sich um Tyee zu scharen, und man bemerkte, wie die Männer des Sonnenlandes auf ihre Barrikade kletterten, um sehen zu können.

Ounenk machte halt, wischte sich das Blut aus den Augen und blickte sich um. Er versuchte zu sprechen, aber seine trockenen Lippen klebten aufeinander. Likita brachte ihm Wasser, und er grunzte und trank wieder.

»War es ein Kampf?« fragte Tyee schließlich. »Ein guter Kampf?«

»Ho! ho! ho!« So plötzlich und wild lachte Ounenk, daß alle schwiegen. »Nie hat es einen solchen Kampf gegeben! Das sage ich, Ounenk, der ich so manchen Kampf mit Tieren und Menschen ausgefochten habe. Und ehe ich es vergesse, laßt mich große und weise Worte sprechen. Die Männer des Sonnenlandes kämpfen gut und lehren uns Mandeller kämpfen. Und wenn wir lange genug kämpfen, werden wir große Kämpfer wie die Männer des Sonnenlandes, oder – wir sind tot. Ho! ho! ho! Das war ein Kampf!«

»Wo sind deine Brüder?« Tyee schüttelte ihn, daß der Verwundete vor Schmerz schrie.

Ounenk wurde ruhiger. »Meine Brüder? Sie sind nicht mehr.«

»Und Pome-Lee?« rief einer der Hungrigen. »Pome-Lee, der Sohn meiner Mutter?«

»Pome-Lee ist nicht mehr«, sagte Ounenk eintönig.

»Und die Männer des Sonnenlandes?« fragte Aab-Waak.

»Die Männer des Sonnenlandes sind nicht mehr.«

»Aber das Schiff der Männer des Sonnenlandes und ihr Reichtum, ihre Büchsen und anderen Dinge?« fragte Tyee.

»Weder das Schiff der Männer des Sonnenlandes noch ihr Reichtum oder ihre anderen Dinge, nichts ist mehr. Nichts. Ich bin allein.«

»Und du bist ein Narr.«

»Das kann sein«, antwortete Ounenk unbewegt. »Ich habe gesehen, was mich wohl zu einem Narren machen konnte.«

Tyee schwieg, und alle warteten, bis es Ounenk gefiele, seine Geschichte zu erzählen.

»Wir nahmen keine Büchsen mit, o Tyee«, begann er endlich, »keine Büchsen, meine Brüder – nur Messer und Jagdbogen und Speere. Und zu je zweien und dreien kamen wir in unsern Kajaks zum Schiffe. Sie freuten sich, als sie uns sahen, die Männer des Sonnenlandes, wir breiteten unsere Felle aus, sie holten ihre Handelswaren, und alles ging gut. Und Pome-Lee wartete – wartete, bis die Sonne hoch am Himmel stand und sie sich zum Essen gesetzt hatten. Da stieß er den Schrei aus, und wir fielen über sie her. Nie hat es einen solchen Kampf gegeben und nie solche Kämpfer. Die Hälfte erschlugen wir im ersten Augenblick, aber die Hälfte, die übrigblieb, wurde zu Teufeln, und sie vervielfältigten sich und kämpften überall wie die Teufel. Sie stellten sich mit dem Rücken gegen den Mastbaum, und wir umgaben sie mit einem Kreis unserer Toten, ehe sie selbst starben. Und einige nahmen zwei Büchsen und schossen, indem sie beide Augen offenhielten, und sie schossen sehr schnell und sicher. Und einer nahm eine große Büchse, aus der er eine Menge kleiner Kugeln auf einmal schoß. Seht her!« Ounenk zeigte auf sein Ohr, das sauber von einem Rehposten durchbohrt war.

»Aber ich, Ounenk, durchstieß ihn von hinten mit meinem Speere. Und so töteten wir sie alle irgendwie – alle außer dem Häuptling. Und ihn umringten wir, viele von uns, und er war allein, aber da stieß er einen lauten Schrei aus, brach durch und lief in das Innere des Schiffes, während fünf oder sechs von uns sich an ihn hängten. Und da, als der Reichtum des Schiffes unser und nur der Häuptling, den wir auch bald töten mußten, noch unten war, ja, da ertönte ein Krachen wie von allen Büchsen der Welt – ein mächtiges Krachen! Und wie ein Vogel flog ich in die Luft, und das lebende Mandellervolk und die toten Männer des Sonnenlandes, die kleinen Kajaks, das große Schiff, die Büchsen, der Reichtum – alles flog in die Luft. Darum sage ich, Ounenk, der diese Geschichte erzählt, daß ich der einzige bin, der übrigblieb.«

Tiefes Schweigen senkte sich auf die Versammlung. Tyee blickte Aab-Waak mit entsetzten Augen an, sagte aber nichts. Selbst die Frauen waren zu erstaunt, um über die Toten zu jammern.

Ounenk sah sich stolz um. »Ich bin der einzige, der übrigblieb«, wiederholte er.

Aber in diesem Augenblick knallte eine Büchse von Bills Barrikade, und es klatschte scharf gegen Ounenks Brust. Er schwankte hintenüber und richtete sich mit einem Ausdruck von Verblüffung wieder auf. Er schnappte nach Luft, und seine Lippen verzogen sich zu einem grimmigen Lächeln. Seine Schultern fielen zusammen, und seine Knie knickten ein. Er schüttelte sich wie ein Mann, der im Begriff ist, einzuschlafen, und raffte sich wieder auf. Aber das Zusammenfallen und Einknicken begann wieder, und er sank langsam, ganz langsam zu Boden.

Es war eine ganze Meile bis zum Graben der Männer des Sonnenlandes, aber der Tod hatte den Abstand überbrückt. Ein mächtiges Wutgeschrei erhob sich, in dem viel Rachgier und gedankenlose tierische Wildheit lag. Tyee und Aab-Waak versuchten, das Mandellvolk zurückzuhalten, wurden aber beiseite gestoßen und konnten nichts als sich umdrehen und dem wahnsinnigen Ansturm zusehen. Aber es fiel kein Schuß von den Männern des Sonnenlandes, und ehe die Hälfte der Strecke zurückgelegt war, wurden viele durch die geheimnisvolle Stille erschreckt, machten halt und warteten. Die wilderen Geister stürmten weiter, sie hatten wieder die Hälfte des übriggebliebenen Abstandes zurückgelegt, und immer noch gab der Graben kein Lebenszeichen von sich. In einer Entfernung von zweihundert Ellen verlangsamten sie den Lauf und sammelten sich; bei hundert Ellen blieben sie, an zwanzig Mann, mißtrauisch stehen und berieten sich. Da wurde die Barrikade von einer Rauchwolke gekrönt, und sie zerstreuten sich wie eine Handvoll kleiner Steine, die aufs Geratewohl hingeworfen werden. Vier fielen und noch vier, und sie fielen weiter schnell, immer einer oder zwei zugleich, bis nur einer übrig war, und der jagte in voller Flucht zurück, während der Tod ihm um die Ohren pfiff. Es war Nok, ein junger Jäger, langbeinig und hochgewachsen, und er lief, wie er nie zuvor gelaufen war. Er fuhr über die nackte Ebene wie ein Vogel, schwang sich auf und segelte und sprang von einer Seite auf die andere. Die Büchsen im Graben donnerten in einer mächtigen Salve, sie knallten durcheinander, aber immer noch schwang Nok sich auf, tauchte nieder und schwang sich immer wieder unbeschädigt auf. Das Schießen ließ nach, als hätten die Männer des Sonnenlandes es aufgegeben, ihn zu treffen, und Nok zickzackte immer weniger in seinem Fluge, bis er bei jedem Sprunge geradeaus flog. Und wie er schnell und geradeaus so sprang, kläffte eine einzelne Büchse aus dem Graben, und Nok ballte sich mitten in der Luft zusammen und kam als ein Klumpen auf die Erde, flog durch den Aufprall wieder hoch und landete als ein zerschmettertes Häufchen.

»Wer ist so schnell wie das schnellbeschwingte Blei?« grübelte Aab-Waak.

Tyee brummte und wandte sich ab. Der Fall war erledigt, und es gab Wichtigeres zu denken. Ein Mann vom Stamme der Hungrigen und vierzig von seinen eigenen Kriegern, darunter einige Verwundete, waren noch übrig, und man hatte noch mit vier Männern des Sonnenlandes zu rechnen.

»Wir halten sie in ihrem Loch an der Klippe fest«, sagte er, »und wenn der Hunger sie gepackt hat, so töten wir sie, als ob es Kinder wären.«

»Aber warum kämpfen?« fragte Oloof, einer der jüngeren Männer. »Der Reichtum der Männer des Sonnenlandes ist nicht mehr; es ist nur übrig, was sich in Negaahs Iglu befindet, ein elender Rest…« Er brach hastig ab, denn eine Kugel pfiff scharf an seinem Ohr vorbei.

Tyee lachte höhnisch. »Nimm das als Antwort. Was könnten wir sonst tun mit diesen wahnsinnigen Menschen des Sonnenlandes, die nicht sterben wollen?«

»Welche Torheit!« protestierte Oloof, während er im stillen die Ohren spitzte, ob nicht eine neue Kugel käme. »Es ist nicht recht, daß sie so kämpfen, diese Männer des Sonnenlandes. Warum wollen sie nicht einen leichten Tod sterben? Sie sind Toren, daß sie nicht wissen, daß sie doch des Todes sind, und uns so viel Mühe machen.«

»Zuerst kämpften wir, um großen Reichtum zu gewinnen, jetzt tun wir es, um unser Leben zu retten«, faßte Aab-Waak in Kürze die Lage zusammen.

Nachts ertönte Lärm in den Gräben, und Schüsse wurden gewechselt. Und am Morgen fand man Negaahs Iglu von den Besitztümern der Männer des Sonnenlandes geräumt. Sie hatten sie selbst geholt, wie ihre Fährten zeigten, als die Sonne aufging. Oloof kroch auf den Rand der Klippe, um große Steine in den Graben hinabzuschleudern, aber die Klippe hing über, und so schleuderte er statt dessen Scheltworte und Beleidigungen hinunter und versprach ihnen bittere Foltern, wenn das Ende gekommen sei. Bill schickte ihm Hohnworte in der Sprache des Bärenvolkes zurück, und Tyee, der den Kopf aus dem Graben hervorsteckte, um zuzusehen, erhielt einen tiefen Streifschuß an der Schulter.

Und in den traurigen Tagen, die jetzt folgten, und den wilden Nächten, in denen sie die Gräben näher an den Feind heranführten, wurde viel davon gesprochen, ob es nicht klug sei, die Männer des Sonnenlandes entwischen zu lassen. Aber davor fürchteten sie sich, und die Frauen erhoben stets ein Geschrei bei dem Gedanken. Sie hatten viel von den Männern des Sonnenlandes gesehen und hatten keine Lust, noch mehr zu sehen. Die ganze Zeit hindurch war die Luft von dem Pfeifen und Klatschen der Kugeln erfüllt, und die ganze Zeit hindurch wuchs die Verlustliste. Im goldenen Morgengrauen ertönte der schwache, ferne Knall einer Büchse, und eine Frau streckte getroffen am fernen Rande des Dorfes die Hände hoch. In der Mittagshitze hörten die Männer in den Gräben das gellende Pfeifen und wußten, daß ihr Tod geflogen kam, und im grauen Abendschein spritzte der Staub in kleinen Wölkchen bei dem schwachen Feuer auf. Und durch die Nächte klang das langgezogene, jammernde »Wa-hoo-ha-a, wa-hoo-ha-a!« der trauernden Frauen.

Wie Tyee vorausgesagt hatte, kam es schließlich so weit, daß der Hunger die Männer des Sonnenlandes packte. Und während eines zeitigen Herbststurmes kroch einer von ihnen in der Dunkelheit in die Gräben und stahl eine Menge Stockfische. Aber er konnte nicht wieder zurückkommen, und die Sonne fand ihn, wie er sich vergebens im Dorfe zu verstecken suchte. So kämpfte er denn den großen Kampf ganz allein in einem engen Kreis des Mandellvolkes, erschoß vier mit seinem Revolver, und ehe sie ihn ergreifen und foltern konnten, kehrte er die Waffe gegen sich selber und starb.

Das warf Schwermut über das Volk. Oloof stellte die Frage: »Wenn nur ein Mann sich so kühn verteidigt, ehe er stirbt, was werden dann die drei tun, die noch übrig sind?«

Dann stellte Mesahchie sich auf die Barrikade und rief die Namen dreier Hunde, die in die Nähe gekommen waren. Das war Fleisch und Leben – und das schob den Tag der Abrechnung hinaus und goß Verzweiflung in die Herzen des Mandellvolkes. Und die Flüche eines ganzen Geschlechtes wurden über Mesahchies Haupt ausgeschüttet.

Die Tage schleppten sich hin. Die Sonne eilte gen Süden, die Nächte wurden immer länger, und es kam ein Hauch von Frost in die Luft. Und immer noch hielten die Männer des Sonnenlandes ihren Graben. Unter diesem endlosen Druck sank der Mut, und Tyee grübelte tief und ernsthaft. Dann erließ er die Botschaft, daß alle Felle und Häute im ganzen Stamme gesammelt werden sollten. Die ließ er zu großen Rollen wickeln und legte hinter jede Rolle einen Mann.

Als der Befehl gegeben wurde, war der kurze Tag beinahe verstrichen, und es war eine langwierige Arbeit, die großen Ballen Fuß für Fuß vorwärts zu rollen. Die Kugeln der Männer des Sonnenlandes klatschten und schlugen in sie, ohne sie zu durchdringen, und die Männer heulten vor Begeisterung. Aber die Dunkelheit brach herein, und Tyee, der jetzt seines Erfolges sicher war, ließ die Ballen in die Gräben zurückholen.

Am nächsten Morgen begann das Vorrücken im Ernst, während im Graben der Männer des Sonnenlandes ein unheimliches Schweigen herrschte. Anfangs rückten die Ballen sich langsam mit weiten Zwischenräumen näher, während der Kreis sich verengerte. In einer Entfernung von hundert Ellen waren sie einander ganz nahe gekommen, so daß Tyees Befehl, anzuhalten, flüsternd von einem Flügel zum andern lief. Der Graben gab kein Lebenszeichen von sich. Sie warteten lange und gespannt, aber nichts regte sich. Das Vorrücken begann wieder, und das Manöver wiederholte sich in einem Abstand von fünfzig Ellen. Immer noch kein Zeichen, kein Laut. Tyee schüttelte den Kopf, und selbst Aab-Waak hegte Zweifel. Aber wieder wurde Befehl zum Vorrücken gegeben, und sie rückten vor, bis Ballen neben Ballen lag und eine feste Schanze aus Fellen und Häuten sich von der Klippe rings um den Graben wieder bis zur Klippe erstreckte. Tyee blickte sich um und sah, wie Frauen und Kinder sich wie dunkle Schatten in den verlassenen Gräben scharten. Er sah vorwärts nach dem schweigenden Graben. Die Männer bewegten sich nervös, und er ließ einen um den andern Ballen vorrücken. Diese neue Linie bewegte sich vorwärts, bis wieder wie zuvor Ballen an Ballen stieß. Dann schob Aab-Waak aus eigenem Antriebe einen Ballen allein vor. Als er gegen die Barrikade stieß, wartete er lange. Dann warf er Steine in den Graben hinüber, bekam aber keine Antwort, und schließlich erhob er sich mit großer Vorsicht und guckte hinunter. Ein Teppich von leeren Patronenhülsen, einige reingenagte Hundeknochen und eine sumpfige Stelle, wo das Wasser aus einer Felsspalte herabträufelte, begegneten seinem Blick. Das war alles. Die Männer des Sonnenlandes waren weg.

Ein Murmeln von Hexerei und unbestimmte Klagen ertönten, und düstere Blicke wurden gewechselt, die Tyee unheimliche Dinge prophezeiten, die noch geschehen konnten, und er atmete erleichtert auf, als Aab-Waak den Spuren am Fuße der Klippe folgte.

»Die Höhle!« rief Tyee. »Sie sahen meine Weisheit mit den Fellballen voraus und flohen in die Höhle!« Die Klippe war von einem Labyrinth unterirdischer Gänge durchbohrt, die in der Mitte, wo der Graben gegen die Felswand stieß, zusammenliefen. Dorthin folgten die Männer des Stammes Aab-Waak unter vielen Ausrufen, und als sie die Stelle erreichten, konnten sie deutlich sehen, daß die Männer des Sonnenlandes in die einige zwanzig Fuß hohe Mündung geklettert waren.

»Jetzt ist es geschehen«, sagte Tyee und rieb sich die Hände. »Jetzt gebiete ich, daß alle sich freuen sollen, denn jetzt sind sie in der Falle, diese Männer des Sonnenlandes – in der Falle. Die jungen Leute sollen hinaufklettern und den Eingang der Höhle mit Steinen füllen, so daß Bill und seine Brüder und Mesahchie vom Hunger gequält werden, bis sie zu Schatten werden und unter Fluchen in Stille und Finsternis sterben.«

Rufe, die Jubel und Erleichterung ausdrückten, begrüßten diese Worte, und Howgah, der letzte vom Stamme der Hungrigen, kletterte den steinigen Hang hinauf und kauerte sich am Rande der Öffnung zusammen. Aber im selben Augenblick ertönte ein scharfer Knall, dann noch einer, während er sich verzweifelt an den glatten Felsrand klammerte. Mit widerstrebender Schwäche ließ er los und stürzte zu Tyees Füßen nieder, zitterte einen Augenblick wie ein riesiger Gallertklumpen und lag dann still da.

»Wie konnte ich wissen, daß sie so große Kämpfer seien und sich nicht fürchteten?« fragte Tyee unter dem Drange, sich zu verteidigen, bei der Erinnerung an die düsteren Blicke und die unbestimmten Klagen.

»Wir waren viele und glücklich«, erklärte einer der Männer geradezu. Ein anderer ließ die lüsternen Finger mit seinem Speere spielen.

Aber Oloof gebot ihnen Schweigen. »Hört, meine Brüder! Es gibt einen andern Weg! Als Knabe fand ich ihn zufällig eines Tages, als ich oben auf dem Hange spielte. Er ist von den Felsen verborgen, und niemand kommt dorthin. Daher ist er ein Geheimnis, und kein Mensch kennt ihn. Er ist sehr schmal, man kriecht ein weites Stück auf dem Bauche, und dann ist man in der Höhle. Heute nacht wollen wir geräuschlos hineinkriechen und die Männer des Sonnenlandes von hinten überraschen. Und morgen wird Friede sein, und nie wieder werden wir in den kommenden Jahren mit Männern des Sonnenlandes kämpfen.«

»Nie mehr!« tönte es im Chor von den müden Männern. »Nie mehr!« Und Tyee stimmte mit ein. Am Abend sammelte sich die Schar von Frauen und Kindern um den bekannten Eingang der Höhle, die Erinnerung an ihre Toten im Herzen und Steine, Speere und Messer in den Händen. Die mehr als zwanzig Fuß zur Erde konnte keiner der Männer des Sonnenlandes hoffen, lebend hinunterzugelangen. Im Dorfe blieben nur die Verwundeten zurück, während alle gesunden und beweglichen Männer – es waren noch dreißig – Oloof nach dem heimlichen Zugang folgten. Es waren hundert Fuß unwegsame Felsen und unsicher aufgehäufte Steine zwischen ihnen und der Erde, und aus Furcht, die Steine durch Hand oder Fuß in Unordnung zu bringen, kroch immer nur ein Mann auf einmal in den Gang. Oloof, der zuerst kam, rief leise den nächsten, daß er kommen solle, und verschwand drinnen. Ein Mann folgte, noch einer, ein dritter und so fort, bis nur Tyee übrig war. Er hörte das Rufen des letzten Mannes, wurde aber von einem plötzlichen Zweifel gepackt und blieb zurück, um nachzudenken. Eine halbe Stunde später schwang er sich zur Öffnung empor und guckte hinein. Er konnte fühlen, wie eng der Gang war, und die Dunkelheit vor ihm wirkte gleichsam massiv. Die Furcht vor dem Raum zwischen den Erdwänden ließ ihn erstarren, und er konnte sich nicht hineinwagen. Alle Toten, von Negaah, dem ersten der Mandeller, bis zu Wawgah, dem letzten der Hungrigen, setzten sich zu ihm. Aber er zog das Unheimliche ihrer Gesellschaft dem Entsetzen vor, das er in dem dichten Dunkel lauern spürte. Er hatte lange dort gesessen, als etwas Weiches und Kaltes leise gegen seine Wange flatterte, und er wußte, daß es der erste Winterschnee war, der fiel. Dann kam die schwache Morgendämmerung und hierauf der klare Tag, und dann hörte er einen leisen Kehllaut, ein Schluchzen, das näher kam und deutlicher wurde. Er ließ sich über den Rand gleiten, setzte die Füße auf den ersten Felsvorsprung und wartete.

Das Schluchzen kam langsam näher, aber endlich, nach manchem Stocken war es da, und er war sicher, daß es von keinem Manne des Sonnenlandes ausgehen konnte. Daher streckte er die Hand dem Laut entgegen, aber wo ein Kopf hätte sein sollen, fühlte er die Schulter eines Mannes, der sich auf die Ellenbogen stützte. Den Kopf fand er hinterher, nicht aufrecht, sondern herabhängend, so daß der Scheitel auf dem Boden des Ganges ruhte.

»Bist du es, Tyee?« fragte der Kopf. »Denn ich bin es, Aab-Waak, hilflos und geknickt wie ein schlecht geworfener Speer. Mein Kopf liegt im Schmutze, und ich kann nicht ohne Hilfe hinunterklettern.«

Tyee kroch hinein und lehnte ihn mit dem Rücken gegen die Wand, aber der Kopf hing auf die Brust herab und schluchzte und jammerte.

»Ai-oo-o, ai-oo-o!« kam es. »Oloof hatte vergessen, daß Mesahchie auch das Geheimnis kannte, und sie hat es den Männern des Sonnenlandes verraten, sonst hätten sie nicht am andern Ende des Ganges gewartet. Und darum bin ich ein geknickter Mann und hilflos – ai-oo-o, ai-oo-o!«

»Und starben sie, die verfluchten Männer des Sonnenlandes, am andern Ende des Ganges?« fragte Tyee.

»Wie konnte ich wissen, daß sie warteten?« gurgelte Aab-Waak. »Denn meine Brüder waren vorausgegangen, viele von ihnen, und es war nichts von einem Kampf zu hören. Wie konnte ich wissen, warum es keinen Kampflärm gab? Und ehe ich es wußte, legten sich zwei Hände um meinen Hals, so daß ich nicht rufen und meine Brüder warnen konnte, die hinter mir kamen. Und dann legten sich noch zwei Hände um meinen Kopf und zwei um meine Füße. Auf diese Weise hielten die Männer des Sonnenlandes mich. Und während die Hände meinen Kopf festhielten, drehten die Hände um meine Füße meinen Körper herum, und der Hals wurde mir umgedreht, wie wir einer Wildente den Hals umdrehen. Aber es war nicht bestimmt, daß ich sterben sollte«, fuhr er mit einem schwachem Funken von Stolz fort. »Ich bin der einzige, der übrigblieb. Oloof und die andern liegen in einer Reihe auf dem Rücken, und ihre Gesichter sind hierhin und dorthin gedreht, und manche Gesichter sind dort, wo ihre Nacken sein sollten. Es ist kein schöner Anblick; denn als das Leben in mich zurückkehrte, sah ich sie alle beim Schein einer Fackel, die die Männer des Sonnenlandes zurückgelassen hatten, und ich war in eine Reihe mit den andern gelegt worden.«

»So? So?« grübelte Tyee, zu verblüfft, um mehr sagen zu können.

Es gab einen Ruck in ihm, und ihn schauderte, denn Bills Stimme ertönte aus dem Gange.

»Es ist gut«, sagte sie, »ich suche den Mann, der mit gebrochenem Hals fortkriecht, und siehe, ich finde Tyee. Wirf deine Büchse von dir, Tyee, daß ich sie auf die Steine fallen hören kann.«

Tyee gehorchte ohne Einwand, und Bill kroch ins Licht heraus. Tyee betrachtete ihn neugierig. Er war mager, mitgenommen und schmutzig, und seine Augen leuchteten wie glühende Kohlen in ihren tiefen Höhlen.

»Ich bin hungrig, Tyee«, sagte er. »Sehr hungrig sogar!«

»Und ich bin Schmutz zu deinen Füßen«, antwortete Tyee. »Dein Wort ist mir Gebot. Außerdem werde ich meinem Volke befehlen, dir keinen Widerstand zu leisten. Ich rate ihnen…«

Aber Bill hatte sich umgedreht und rief in den Gang hinein: »He! Charley! Jim! Kommt her und bringt das Mädchen mit!«

»Jetzt bekommen wir etwas zu essen«, sagte er, als seine Kameraden und Mesahchie sich ihm angeschlossen hatten. Tyee rieb sich entschuldigend die Hände. »Wir haben nur wenig, aber was wir haben, ist dein.«

»Und dann wollen wir südwärts über den Schnee wandern«, fuhr Bill fort.

»Möget ihr ohne Beschwer wandern, und möge der Weg euch leicht werden.« – »Es ist ein weiter Weg. Wir brauchen Hunde und Nahrung – viel!«

»Du kannst unter unsern Hunden wählen und so viel Nahrung nehmen, wie sie ziehen können.«

Bill ließ sich über den Felsrand gleiten und schickte sich an hinunterzusteigen. »Aber wir kommen wieder, Tyee. Wir kommen wieder, und unsere Tage werden lang sein hier im Lande.«

Und so reisten sie in den ungebahnten Süden, Bill, seine Brüder und Mesahchie. Und als das nächste Jahr kam, lag »Search II« in der Mandellbucht vor Anker. Die wenigen vom Mandellvolke, die noch lebten, weil ihre Wunden sie gehindert hatten, in die Höhlen zu kriechen, begannen auf Befehl der Männer des Sonnenlandes zu arbeiten und in der Erde zu graben. Sie jagen und fischen nicht mehr, sondern erhalten Tagelohn, für den sie sich Mehl, Zucker, Baumwollstoff und solche Waren kaufen, wie »Search II« sie alljährlich von den Männern des Sonnenlandes bringt.

Und diese Mine wird in aller Heimlichkeit ausgebeutet, wie so viele Nordlandminen ausgebeutet worden sind, und kein weißer Mann außerhalb der Aktiengesellschaft, die aus Bill, Jim und Charley besteht, weiß, wo an der Küste des Polarmeeres Mandell liegt. Aab-Waak trägt immer noch seinen Kopf schief auf der Schulter hängend, er ist zum Orakel geworden und predigt den jüngeren Generationen Frieden, wofür er eine Pension von der Aktiengesellschaft erhält. Tyee ist Vorarbeiter in der Mine und hat sich eine neue Theorie über die Männer des Sonnenlandes gebildet.

»Wer unter dem Pfade der Sonne lebt, ist nicht weichlich«, sagt er, während er seine Pfeife raucht und beobachtet, wie die Tagschicht nach Hause geht und die Nachtschicht sich zur Arbeit begibt. »Denn die Sonne dringt in ihr Blut ein und brennt sie mit einem starken Feuer, so daß sie von Lüsten und Leidenschaften erfüllt werden. Sie brennen immer, so daß sie es selbst nicht wissen, wenn sie besiegt sind. Dazu ist eine Unrast in ihnen, ein Teufel, der sie über die ganze Erde treibt, um unaufhörlich zu arbeiten, zu schleppen und zu kämpfen. Ich weiß es. Ich bin Tyee.«


6 Li Wan Die Schoene

Li Wan, die Schöne

»Die Sonne sinkt, Canim, und die Hitze des Tages ist vorbei!« So rief Li Wan ihrem Manne zu, dessen Kopf in dem Eichhörnchenfellgewand verborgen war, aber sie rief es so leise, als wankte sie zwischen der Pflicht, ihn zu wecken, und der Furcht vor ihm, wenn er erwachte. Denn sie fürchtete ihren großen Gatten, der keinem der Männer glich, die sie je gekannt hatte.

Das Elchfleisch prasselte unruhig über dem Feuer, und sie stellte die Bratpfanne neben die rote Glut. Dabei warf sie einen vorsichtigen Blick auf die beiden Hudsonbuchthunde, von deren scharlachroten Zungen gierig der Geifer troff und die jeder ihrer Bewegungen folgten. Es waren mächtige zottige Gesellen, die auf der vom Winde geschützten Seite des Feuers in dem dünnen Rauch zusammengekauert waren, um den schwärmenden Myriaden von Moskitos zu entgehen. Als Li Wan den Hang hinabblickte, dorthin, wo der Klondike seine angeschwollenen Fluten zwischen den steilen Ufern dahinwälzte, schlängelte sich einer der Hunde wie ein Wurm vorwärts und warf mit einem gewandten, katzenartigen Pfotenschlag ein Stück des heißen Fleisches auf den Boden. Aber Li Wan ergriff ihn auf frischer Tat und gab ihm mit einem Holzscheit einen Schlag über die Schnauze, daß er schnappend und knurrend zurücksprang.

»Nein, Olo«, lachte sie und hob das Fleisch auf, ohne ihn aus den Augen zu lassen. »Du bist immer hungrig, und dann bringt deine Nase dich in endlose Unannehmlichkeiten.«

Aber Olos Kamerad gesellte sich zu ihm, und gemeinsam boten sie der Frau Trotz. Die Haare sträubten sich ihnen auf Rücken und Schultern, sie verzerrten und fletschten die dünnen Lippen und entblößten die grausam drohenden Fleischfresser-Fangzähne. Selbst ihre Nasen zuckten und wanden sich wie die wilden Bestien, und sie knurrten wie Wölfe mit all dem Haß und der ganzen Bosheit ihrer Rasse, bereit, sich auf die Frau zu stürzen und sie zu Boden zu reißen.

»Und du auch, Bash? Du bist so wild wie dein Herr und beugst dich nie der Hand, die dich füttert! Dies ist nicht deine Sache, darum nimm dies! Und das!«

Dies rufend, schlug sie mit dem Scheit nach ihnen, aber sie wichen den Schlägen aus, ohne sich zurückzuziehen. Sie trennten sich und näherten sich je von einer Seite, kriechend und knurrend. Li Wan rang mit dem Wolfshund um die Herrschaft seit der Zeit, da sie zwischen den Fellballen der Teepee herumgezottelt war, und sie wußte, daß eine Krisis bevorstand. Bash hatte haltgemacht, seine Muskeln strafften sich zum Sprunge; Olo kroch noch in Reichweite ihres Schlages.

Sie ergriff zwei qualmende Scheite an den verkohlten Enden und trat den Bestien entgegen. Die eine hielt sich zurück, aber Bash sprang zu, und ihre brennende Waffe traf ihn in der Luft. Ein scharfes Schmerzgeheul ertönte, und der Geruch von verbranntem Haar und Fleisch machte sich bemerkbar, während das Tier in den Schmutz rollte und die Frau ihm die schwelende Asche in den Rachen stieß. Wild schnappend warf er sich beiseite und suchte in fast wahnsinniger Furcht das Weite. Olo hatte schon seinen Rückzug begonnen, als Li Wan ihn an ihre Übermacht gemahnte, indem sie ihm ein schweres Holzscheit in die Rippen jagte. Unter einem Regen von Brennholz zog sich das Paar zurück und begann sich am Rande des Lagerplatzes, abwechselnd wimmernd und knurrend, die Wunden zu lecken.

Li Wan blies die Asche vom Fleisch und setzte sich wieder. Ihr Herz hatte nicht schneller geschlagen, sie war die Zwischenfälle gewohnt, sie gehörten mit zu ihrem täglichen Leben. Canim hatte sich bei dem Lärm nicht gerührt, sondern nur kräftig geschnarcht.

»Komm, Canim!« rief sie. »Die Hitze des Tages ist entschwunden, und der Weg wartet auf uns.«

Das Eichhörnchenfell geriet in Bewegung und wurde durch einen braunen Arm beiseite geworfen. Das Augenlid des Mannes zuckte und senkte sich wieder. – Seine Last ist schwer, dachte sie, und er ist noch müde von der Morgenarbeit.

Ein Moskito stach sie in den Nacken, und sie betupfte sich die ungeschützte Stelle mit feuchtem Lehm aus einem Klumpen, den sie immer zur Hand hatte. Den ganzen Morgen hatten sich Mann und Frau, während sie sich, in eine Wolke dieser Pest eingehüllt, zur Wasserscheide hinaufgeschleppt hatten, mit dieser klebrigen Masse beschmiert, die in der Sonne trocknete und ihre Gesichter mit Lehmmasken bedeckte. Diese Masken sprangen an verschiedenen Stellen durch die Bewegung der Gesichtsmuskeln und mußten beständig erneuert werden, so daß der Niederschlag unregelmäßig stark und von seltsamem Aussehen war.

Li Wan schüttelte Canim sanft, aber anhaltend, bis er völlig erwachte und sich aufsetzte. Sein erster Blick galt der Sonne, und nachdem er die Himmelsuhr befragt hatte, beugte er sich über das Feuer und machte sich gierig über das Fleisch her.

Er war ein großer Indianer, volle sechs Fuß hoch, mit breiter Brust und schweren Muskeln, und seine Augen blickten kühner und zeugten von einer Geisteskraft, wie sie bei seiner Rasse selten ist. Linien, von Energie geprägt, hatten tiefe Furchen in sein Antlitz gegraben und ließen einen Mann erkennen, der gewohnt war, seinen Willen unerschütterlich durchzusetzen und Versuchen, ihn zu durchkreuzen, mit tückischer Grausamkeit zu begegnen.

»Morgen, Li Wan, werden wir ein Festessen haben.« Er saugte einen Markknochen aus und warf ihn den Hunden zu. »In Speck gebratene Pfannkuchen und, was noch besser schmeckt, Zucker…«

»Pfannkuchen?« fragte sie, das Wort neugierig genießend.

»Ja«, antwortete Canim überlegen, »und ich werde dir neue Kochkünste beibringen. Die Dinge, von denen ich spreche, kennst du nicht und vieles andere auch nicht. Du hast deine Tage in einem kleinen entlegenen Winkel verlebt und weißt nichts. Ich aber«, er richtete sich auf und blickte sie stolz an, »ich bin ein großer Wanderer und war überall, selbst unter den Weißen, und ich kenne ihre Gebräuche und die vieler anderer Völker. Ich bin kein Baum, der immer auf demselben Platze steht und nicht weiß, was hinter dem nächsten Hügel liegt; ich bin Canim, das Kanu, geschaffen, hierhin und dorthin zu wandern und die Welt der Länge und Breite nach zu durchreisen und zu durchforschen.«

Sie neigte demütig ihr Haupt. »Es ist wahr. Ich habe alle meine Tage Fisch, Fleisch und Beeren gegessen und in einem kleinen Winkel gelebt. Ich ließ mir nicht träumen, daß die Welt so groß war, bis du mich meinem Volke entführtest und ich auf endlosen Wegen für dich kochte und Lasten trug.« Sie sah plötzlich zu ihm auf. »Sag mir, Canim, hat dieser Weg nie ein Ende?«

»Nein«, antwortete er. »Mein Weg gleicht der Welt, er endet nie. Mein Weg ist die Welt, ich befahre ihn, seit meine Füße mich tragen konnten, und ich werde ihn wandern, bis ich sterbe. Mein Vater und meine Mutter sind vielleicht tot – es ist lange her, seit ich sie sah –, aber ich mache mir nichts daraus. Mein Stamm ist wie der deine. Er bleibt auf demselben Fleck, weit von hier, aber ich mache mir nichts aus meinem Stamm, denn ich bin Canim, das Kanu!«

»Und muß ich, Li Wan, so müde ich bin, immer deinen Weg wandern, bis ich sterbe?«

»Du, Li Wan, bist mein Weib, und das Weib wandert den Weg des Gatten, wohin er auch führt. So ist das Gesetz. Und wäre es nicht so, so würde es doch Canims Gesetz sein, der sich selbst und den Seinen die Gesetze gibt.«

Wieder neigte sie ihr Haupt, denn sie kannte kein anderes Gesetz, als daß der Mann der Herr des Weibes sei.

»Beeile dich nicht«, warnte er sie, als sie die spärlichen Ausrüstungsgegenstände in ein Bündel zusammenzuschnüren begann. »Die Sonne brennt noch heiß, der Weg führt bergab und ist gut.«

Sie ließ gehorsam von ihrer Arbeit und setzte sich wieder.

Canim betrachtete sie mit forschenden Blicken. »Du kauerst nicht nieder wie andere Frauen?« bemerkte er.

»Nein«, sagte sie. »Es ermüdet mich, und ich kann in der Stellung nicht ausruhen.«

»Und warum zeigen deine Füße nicht geradeaus?«

»Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß sie anders als die Füße unserer Frauen sind.«

Ein zufriedenes Leuchten blitzte in seinen Augen auf, sonst aber gab er kein Zeichen.

»Gleich dem anderer Frauen ist dein Haar schwarz; aber weißt du, daß es weich und fein ist, weicher und feiner als das anderer Frauen?«

»Ich habe es bemerkt«, erwiderte sie kurz, denn sie war verwirrt von einer solchen kalten Erwähnung ihrer weiblichen Mängel.

»Es ist jetzt ein Jahr her, seit ich dich deinem Volke entführte«, fuhr er fort, »und du bist noch beinahe ebenso scheu und furchtsam vor mir wie damals, als meine Augen zum ersten Male auf dir ruhten. Woher kommt das?«

Li Wan schüttelte den Kopf. »Ich fürchte mich vor dir, Canim, du bist so stark und fremd. Und dann: Bevor du deine Blicke auf mich warfst, fürchtete ich mich vor allen jungen Leuten. Ich weiß nicht – ich kann nicht sagen… Aber mir scheint, ich weiß nicht wieso, als wäre ich nicht für sie geschaffen, als wäre ich…«

»Nun?« ermutigte er sie, ungeduldig über ihr Stocken.

»Als wären sie nicht von meiner Art.«

»Nicht von deiner Art?« fragte er langsam.

»Ich weiß nicht, ich…« Sie schüttelte verwirrt den Kopf. »Ich kann nicht in Worte kleiden, was ich empfand. Es war ein Gefühl von Fremdheit in mir. Ich war anders als andere Mädchen, die die jungen Männer im geheimen aufsuchten. Ich konnte mir nichts aus den jungen Männern auf diese Weise machen. Es schien mir, als wäre es ein großes Unrecht, eine schlechte Handlung.«

»Was ist deine früheste Erinnerung?« fragte Canim plötzlich ohne Übergang.

»Pow-Wah-Kaan, meine Mutter.«

»Und nichts vor Pow-Wah-Kaan?«

»Nichts.«

Aber Canim hielt ihren Blick mit dem seinen fest, suchte im Innersten ihrer Seele und sah sie schwanken.

»Denk nach, denk scharf nach, Li Wan!« drohte er. Sie stammelte, und ihre Augen flehten um Mitleid, aber sein Wille beherrschte sie und entrang die Worte ihrem widerstrebenden Munde.

»Aber es waren nur Träume, Canim, böse Träume meiner Kindheit, Schatten unwirklicher Dinge, Gesichte, ähnlich wie Hunde sie wimmernd sehen, wenn sie in der Sommerhitze schlafen.«

»Erzähle von diesen Dingen!« befahl er.

»Es sind vergessene Gedanken«, wandte sie ein. »Als Kind träumte ich wach, die offenen Augen dem Tage zugewandt, und wenn ich von den seltsamen Dingen sprach, die ich sah, lachte man mich aus, und die andern Kinder fürchteten sich und zogen sich vor mir zurück. Und wenn ich von dem, was ich sah, zu Pow-Wah-Kaan sprach, so schalt sie mich aus und sagte, es sei häßlich; sie schlug mich auch deswegen. Es war eine Krankheit, glaube ich, wie die Fallsucht, die alte Männer befällt, und allmählich ging es mir besser, und ich träumte nicht mehr. Und jetzt – kann ich mich nicht mehr darauf besinnen.« Sie hob verwirrt die Hand an die Stirn. »Hier irgendwo stecken sie, aber ich kann sie nicht finden, nur…«

»Nur«, wiederholte Canim und hielt sie fest.

»Nur eines. Aber du wirst über meine Torheit lachen, es ist so unwahrscheinlich.«

»Nein, Li Wan. Träume sind Träume. Sie mögen Erinnerungen an andere Leben sein, die wir lebten. Ich war einst ein Elch. Ich glaube ganz fest, daß ich einst ein Elch war, wenn ich daran denke, was ich in Träumen gesehen und gehört habe.«

Sosehr er sich auch bemühte, sie zu verbergen, offenbarte sich doch eine immer wachsende Ängstlichkeit, aber Li Wan, die nach Worten suchte, in die sie ihre Gedanken kleiden konnte, bemerkte sie nicht.

»Ich sehe einen Platz mit festgestampftem Schnee zwischen den Bäumen«, begann sie, »und im Schnee die Fährte eines Mannes, der sich schwer auf Händen und Füßen weiterschleppt. Und ich sehe auch den Mann im Schnee, und wenn ich ihn sehe, scheint es mir, als sei ich ihm ganz nahe. Er sieht nicht so aus wie andere Männer, denn er hat Haar im Gesicht, viel Haar, und das Haar auf seinem Gesicht und seinem Kopfe ist gelb wie das Sommerkleid eines Wiesels. Seine Augen sind geschlossen, aber sie öffnen sich und suchen umher. Sie sind blau wie der Himmel und schauen in die meinen und suchen nicht mehr. Und seine Hand bewegt sich langsam wie in großer Schwäche, und ich fühle…«

»Nun«, flüsterte Canim heiser. »Du fühlst…«

»Nein, nein!« schrie sie hastig. »Ich fühle nichts. Sagte ich ›fühle‹? Ich meinte es nicht. Es kann nicht sein, daß ich es fühlte. Ich sehe und sehe nur, und alles, was ich sehe, ist – ein Mann im Schnee, mit Augen wie der Himmel und Haaren wie das Wiesel. Ich sah es oft und immer dasselbe – einen Mann im Schnee…«

»Und siehst du dich selber?« fragte er, indem er sich vorbeugte und sie fest anblickte. »Siehst du je dich selber und den Mann im Schnee?«

»Warum sollte ich mich sehen? Bin ich nicht wirklich?«

Seine Muskeln erschlafften, und er ließ sich zurücksinken, mit großer Befriedigung in den Augen, die er von ihr wandte, damit sie sie nicht sähe.

»Ich will dir etwas sagen, Li Wan!« sprach er mit Entschiedenheit. »In einem früheren Leben, als du dies sahst, warst du ein Vögelchen, und die Erinnerung hieran lebt noch in dir. Das ist nicht seltsam. Ich war einst ein Elch, und meines Vaters Vater wurde ein Bär nach seinem Tode, so sagte der Schamane, und der Schamane lügt nicht. So gleiten wir von Leben zu Leben auf den Pfaden der Götter, und nur die Götter wissen und verstehen. Träume und Schatten von Träumen sind Erinnerungen, nichts weiter, und der Hund, der in der Sonnenhitze im Schlafe wimmert, erinnert sich zweifellos längst geschehener Dinge. Bash hier war einst ein Krieger. Ich glaube fest, daß er ein Krieger war.«

Canim warf dem Tiere einen Knochen zu und erhob sich. »Komm, laß uns aufbrechen. Es ist noch heiß, aber es wird nicht kühler werden.«

»Und diese Weißen, wie sind sie?« fragte Li Wan plötzlich.

»Sie sind wie du und ich«, erwiderte er, »nur ist ihre Haut heller. Ehe der Tag stirbt, wirst du bei ihnen sein.«

Canim band seinen Schlafsack an seinen anderthalb Zentner schweren Packen, bestrich das Gesicht mit nassem Lehm und setzte sich, um sich auszuruhen, bis Li Wan die Hunde beladen hatte. Olo kroch beim Anblick des Knüttels in ihrer Hand zusammen und machte keine Schwierigkeiten, als ihm das vierzig Pfund schwere Bündel auf den Rücken geschnallt wurde. Bash jedoch war gekränkt und schlechter Laune und wimmerte und knurrte, als die Last ihm aufgeladen wurde. Er krümmte den Rücken, fletschte die Zähne, als Li Wan die Riemen anzog, während die ganze Heimtücke seiner Natur aus seinen Blicken blitzte, die er ihr von der Seite zuwarf. Und Canim lachte. »Hab‘ ich nicht gesagt, daß du einst ein großer Krieger warst?«

»Diese Felle werden einen guten Preis bringen«, bemerkte er, indem er sich den Kopfriemen zurechtrückte und seinen Packen vom Boden aufhob. »Einen großen Preis. Die weißen Männer zahlen gut für solche Ware, denn sie haben keine Zeit zu jagen und sind zu empfindlich gegen die Kälte. Bald werden wir Festschmaus halten, Li Wan, wie noch nie in allen deinen früheren Leben.«

Sie murmelte ihre Anerkennung für die Leutseligkeit ihres Herrn, schlüpfte ins Geschirr und beugte sich unter der Last vorwärts.

»Das nächste Mal möchte ich als weißer Mann zur Welt kommen«, fügte er hinzu und schwang sich den Weg hinab, der in die Schlucht zu seinen Füßen mündete.

Die Hunde folgten ihm rasch auf den Fersen, und Li Wan schloß den Zug. Aber ihre Gedanken waren weit fort, jenseits der Gletscher im Osten, an dem kleinen Fleckchen Erde, wo sie ihre Kindheit verlebt hatte. Als Kind schon, dessen erinnerte sie sich wohl, hatte man sie stets als etwas Merkwürdiges angesehen, wie eine, die von einem Leid heimgesucht war. Tatsächlich hatte sie wachend geträumt und war gescholten und geschlagen worden wegen der seltsamen Gesichte, die sie hatte, bis sie ihnen mit der Zeit entwachsen war. Aber nicht ganz. Wenn sie sie auch nicht mehr im Wachen beunruhigten, so kamen sie doch, so erwachsen sie auch war, im Schlafe zu ihr, und manche Nacht wurde sie von diesem von flatternden Gestalten erfüllten, unbestimmten sinnlosen Alp bedrückt. Das Gespräch mit Canim hatte sie angeregt, und den ganzen Weg, den unebenen Hang der Wasserscheide hinab, lauschte sie den neckischen Phantasien ihrer Träume.

»Wir wollen verschnaufen«, sagte Canim, als sie die Hälfte des Weges zurückgelegt und das Bett des Hauptflusses erreicht hatten.

Er stützte seinen Packen auf einen Felsvorsprung, streifte den Kopfriemen ab und ließ sich nieder. Li Wan folgte seinem Beispiel, und die Hunde streckten sich keuchend aus. Zu ihren Füßen rauschte die eisige Flut der Berge, aber sie war schmutzig und mißfarben, als ob jemand die Erde aufgewühlt und das Wasser dadurch verunreinigt hätte.

»Woher kommt das?« fragte Li Wan.

»Weil die Weißen in der Erde arbeiten. Hörst du?«

Er hob die Hand und sie hörten den Klang von Hacke und Spaten und den Ton menschlicher Stimmen. »Sie sind verrückt nach Gold und arbeiten unablässig, um es zu finden. Gold? Das ist etwas Gelbes, wird in der Erde gefunden und gilt als sehr wertvoll. Es dient auch als Wertmesser.«

Aber Li Wans umherschweifende Blicke hatten ihre Aufmerksamkeit von ihm abgelenkt. Einige Schritte weiter abwärts, halb verborgen hinter einer Gruppe junger Tannen, erhoben sich die Querbalken und das vorspringende Dach einer Hütte. Ein Schauer durchrieselte sie, und all ihre Traumgesichte erhoben sich und regten sich unruhig.

»Canim«, flüsterte sie in Angst und Qual, »Canim, was ist das?«

»Das Zelt des weißen Mannes, in dem er ißt und schläft.«

Sie betrachtete es schweigend, übersah seine Vorzüge mit einem Blick und zitterte wieder bei den unerklärlichen Gefühlen, die es in ihr wachrief.

»Es muß sehr warm bei Frostwetter sein«, sagte sie laut, obgleich ihr war, als ob ihre Lippen fremdartige Laute bilden müßten.

Sie fühlte den Drang, sie zu sprechen, tat es aber nicht, und im nächsten Augenblick sagte Canim: »Es wird Hütte genannt.«

Ihr Herz sprang heftig. Das waren die Laute! Eben das! In plötzlichem Erschrecken sah sie sich um. Wie konnte sie dieses seltsame Wort kennen, ehe sie es noch gehört hatte? Wie konnte das sein? Und dann wußte sie plötzlich, zwischen Furcht und Entsetzen schwankend, daß zum ersten Male in ihrem Leben Sinn und Bedeutung in dem gelegen hatte, was ihre Träume ihr zugeflüstert hatten.

»Hütte«, wiederholte sie bei sich. »Hütte – Hütte.« Ein Gewirr undeutlicher Traumbilder wirbelte um sie auf, bis ihr der Kopf schwirrte und das Herz zu springen drohte. Schatten, Ungewisse Gestalten und unverständliche Gedankenverbindungen flatterten und wirbelten durcheinander, und vergebens suchte sie sie in ihr Bewußtsein zu zwingen und festzuhalten. Denn sie fühlte, daß hier, in diesem Chaos von Erinnerungen, der Schlüssel des Geheimnisses lag; wenn sie ihn nur fassen und halten konnte, so mußte alles klar und verständlich werden.

O Canim! O Pow-Wah-Kaan! O Schatten und Phantome, was bedeutete das alles?

Sprachlos und zitternd wandte sie sich zu Canim. Sie war krank und halb ohnmächtig und konnte nur den berauschenden Tönen lauschen, die in wundersamem Rhythmus aus der Hütte drangen. In ihrer Ekstase schien es ihr, als ob alles sich endlich klären müßte. – Jetzt! Jetzt! dachte sie. Plötzlich wurden ihre Augen feuchte, und Tränen rannen über ihre Wangen herab. Das Geheimnis erschloß sich, aber ihre Schwäche übermannte sie. Wenn sie sich nur noch lange genug aufrecht halten konnte! Wenn nur… Aber die Landschaft senkte und hob sich, und die Hügel schwankten am Himmel auf und nieder, als sie aufsprang und rief: »Väterchen! Väterchen!« Dann schwankte die Sonne, Finsternis schlug sie, und sie fiel kraftlos zwischen den Felsblöcken vornüber.

Canim überzeugte sich, daß ihr Hals nicht durch das schwere Bündel gebrochen war, brummte zufrieden und bespritzte sie mit Wasser aus dem Flusse. Langsam kam sie unter erstickendem Schluchzen zu sich und setzte sich auf.

»Es ist nicht gut, wenn die Sonne einem so heiß auf den Kopf scheint«, meinte er.

Und sie antwortete: »Nein, es ist nicht gut, und die harte Last drückte mich schwer.«

»Wir werden unser Lager aufschlagen, so daß du lange schlafen kannst und wieder zu Kräften kommst«, sagte er freundlich. »Und wenn wir jetzt gehen, werden wir um so eher zur Ruhe kommen.«

Li Wan sagte nichts, gehorsam erhob sie sich, wenn auch schwankend, und jagte die Hunde auf. Mechanisch folgte sie seinen Schritten, und als sie an der Hütte vorbeikam, wagte sie kaum zu atmen. Aber kein Ton drang heraus, obgleich die Tür offenstand und Rauch dem Schornstein aus dünnem Eisenblech entstieg.

An der Wendung des Flusses stießen sie auf einen Mann. Seine Haut war weiß, und er hatte blaue Augen, und für einen Augenblick war es Li Wan, als sähe sie den andern Mann im Schnee. Aber sie sah ihn nur verschwommen, denn sie war schwach und müde von allem, was geschehen war. Dennoch blickte sie ihn neugierig an und blieb neben Canim stehen, um ihn arbeiten zu sehen. Mit einer regelmäßig wiederkehrenden wippenden Bewegung wusch er Sand in einer großen Pfanne, und wie sie sahen, gab er ihr einen gewandten Schwung, daß sich das gelbe Gold in einem breiten Streifen quer über den Boden der Pfanne legte.

»Dieser Fluß ist sehr reich«, erzählte ihr Canim im Weitergehen. »Eines schönen Tages werde ich schon einen ebensolchen Fluß finden, und dann werde ich ein mächtiger Mann.«

Hütten und Menschen wurden zahlreicher, bis sie an eine Stelle kamen, wo der Hauptarm des Flusses vor ihnen lag. Es war ein Schauplatz großer Verwüstung. Überall war die Erde umgepflügt und zerrissen, wie nach einer Titanenschlacht. Wo sich nicht aufgeworfene Kieshügel erhoben, gähnten tiefe Löcher; Risse und Spalten, wo die dicke Erdschicht bis zur Felsunterlage abgeschält war. Der Fluß strömte nicht in seinem Bette, das Wasser war abgedämmt und abgeleitet, sickerte in Senkgruben und tiefgelegene Stellen und wurde, durch riesige Wasserräder gehoben, tausend- und abertausendmal ausgenützt. Die Hügel waren ihrer Bäume beraubt, und ihre bloßgelegten Flanken waren von großen Holzgleitbahnen und Versuchsbohrungen angebohrt und durchlöchert. Und über allem breitete sich wie ein ungeheures Ameisenheer eine Schar von Männern aus – von Männern, die zu den selbstgegrabenen Löchern hinein- und herauskrabbelten und schwitzend an den großen Sandhaufen arbeiteten, die sie in beständiger Bewegung hielten. Männer, so weit das Auge reichte, bis zu den Hängen der Hügel, Männer, die das Antlitz der Natur zerfurchten und zerrissen. Li Wan war entsetzt über diese ungeheure Umwälzung. »Wahrhaftig, diese Männer sind verrückt«, sagte sie zu Canim.

»Was für ein Wunder! Das Gold, nach dem sie graben, ist etwas Großes«, erwiderte er. »Es ist das Größte in der Welt.«

Stundenlang wanderten sie durch dieses Chaos der Habgier, Canim eifrig und aufmerksam, Li Wan schwach und teilnahmslos. Sie wußte, daß sie am Rande der Enthüllung gewesen war, und fühlte, daß sie sich immer noch am Rande der Enthüllung befand, aber die Nervenerregung, die sie durchgemacht, hatte sie ermüdet, und sie wartete passiv auf das Ereignis, das eintreten mußte, ohne daß sie wußte, was es war. Überallher erfaßten ihre Sinne zahllose Eindrücke, und jeder einzelne wurde ihr zu einem wirren Anreiz ihrer erschöpften Einbildungskraft. Irgendwo aus ihrem Innern kam die Antwort auf die sie umgebenden Dinge, vergessene und ungeahnte Zusammenhänge wurden erneuert, und sie wurde dessen in einer schlaffen, gleichgültigen Weise gewahr, ihre Seele war verwirrt, aber sie war den geistigen Anforderungen nicht gewachsen, um die Dinge deuten und verstehen zu können. So trottete sie müde weiter hinter ihrem Herrn her und begnügte sich mit dem Bewußtsein, daß das, was sie erwartete, irgendwo und irgendwie einmal geschehen müsse.

Nachdem der Strom die wahnsinnige Sklaverei der Menschen erduldet hatte, kehrte er schließlich zu seiner alten Art zurück, jedoch völlig beschmutzt und getrübt von seiner Fron, und schlängelte sich träge zwischen den Niederungen und Wäldern dahin, zu denen sich das Tal in der Nähe der Mündung weitete. Hier führte der Boden kein Gold mehr, und die Männer hatten nicht Lust, sich weiterlocken zu lassen. Und hier war es, wo Li Wan, als sie stehenblieb, um Olo mit ihrem Stock anzutreiben, den weichen Silberklang eines Frauenlachens hörte.

Vor einer Hütte saß eine Frau mit schöner Haut und rosig wie ein Kind und lachte mit Grübchen in den Wangen über die Worte einer anderen Frau in der Tür. Aber die sitzende Frau schüttelte die schwere Masse ihres schwarzen, nassen Haares, das unter der warmen Liebkosung der Sonne seine Feuchtigkeit verströmte.

Einen Augenblick blieb Li Wan wie angewurzelt stehen. Da sah sie ein blendendes Aufblitzen und fühlte ein Schnappen, als ob etwas nachgab. Darauf verschwanden die Frau vor der Hütte und die Hütte selbst, die hohen Fichten und der gezackte Horizont, und Li Wan sah eine andere Frau im Scheine einer andern Sonne, die die schwere Masse ihres schwarzen Haares bürstete, und beim Bürsten sang. Und Li Wan hörte die Worte des Liedes und verstand sie und war wieder Kind. Sie hatte eine Erscheinung, in der all die verwirrenden Träume verschmolzen und eins wurden, und Gestalten und Schatten nahmen ihren gewohnten Platz ein, und alles wurde klar und deutlich und wirklich. Viele Bilder rollten vorbei, fremde Szenen und Bäume und Blumen und Menschen, und sie sah sie und kannte sie alle.

»Als du ein Vögelchen warst«, sagte Canim, und seine Augen bohrten sich in die ihren.

»Als ich ein Vögelchen war«, flüsterte sie so schwach und leise, daß er es kaum hörte. Und sie wußte, daß sie log, als sie den Kopf gegen den Riemen stemmte und weiterschritt. Und so seltsam war alles, daß die Wirklichkeit jetzt unwirklich wurde. Die meilenweite Wanderung und das Aufschlagen des Lagers am Flußufer erschienen ihr wie ein Erlebnis in einem Nachtspuk. Sie kochte das Fleisch, fütterte die Hunde und lud die Packen ab wie im Traum und kam erst wieder zu sich, als Canim von seinen nächsten Reisen zu sprechen begann.

»Der Klondike mündet in den Yukon«, sagte er. »Das ist ein mächtiger Strom, größer als der Mackenzie, den du kennst. Dann gehen wir beide, du und ich, nach Fort Yukon hinab. Mit den Hunden im Winter sind es zwanzig Tagemärsche. Dann folgen wir dem Yukon nach Westen – hundert bis zweihundert Tage. Ich habe nie genau gehört, wieviel es sind, aber es ist sehr weit. Und dann endlich kommen wir ans Meer. Du kennst das Meer nicht, so lasse mich denn davon erzählen: Wie ein See zu einer Insel, so verhält sich das Meer zum Festland. Alle Ströme fließen ihm zu, und es ist ohne Ende. Ich habe es in der Hudsonbucht gesehen, und ich werde es noch bei Alaska sehen. Und dann können wir in einem großen Kanu aufs Meer fahren, du und ich, Li Wan, oder wir können dem Lande viele Hundert Tage südlich folgen. Und weiter weiß ich nichts mehr, außer, daß ich Canim, das Kanu, bin, der weit über die Erde wandert und schweift.«

Sie saß lauschend da, und Furcht schlich sich ihr ins Herz, als sie an die grenzenlose Wildnis dachte, in die sie sich stürzen sollte. »Es ist ein schwerer Weg«, war alles, was sie sagte, während sie den Kopf ergeben auf die Knie sinken ließ.

Und dann hatte sie einen prachtvollen Einfall, einen so wunderbaren, daß sie ganz Feuer und Flamme wurde. Sie schritt zum Flusse hinab und wusch sich den getrockneten Lehm vom Gesicht. Und als das Wasser wieder still geworden war, blickte sie lange auf das Spiegelbild ihrer Züge. Jedoch Sonne und Wetter hatten ihre Arbeit getan, und die Rauheit und der Bronzeton ihrer Haut zeigte nicht die Weichheit und die Grübchen eines Kindes. Aber der Einfall war doch prachtvoll, und als sie wieder neben ihren Gatten unter das Schlaffell kroch, war sie immer noch gleich freudig erregt. Wach lag sie da, starrte in den blauen Himmel hinauf und wartete darauf, daß Canim fest eingeschlafen wäre. Als dies geschehen war, kroch sie langsam und vorsichtig fort, stopfte das Schlaffell fest um ihn und stand auf. Als sie den zweiten Schritt tat, knurrte Bash wild. Sie sprach ihm flüsternd zu und blickte auf den Mann. Canim schnarchte tief. Da wandte sie sich um und eilte mit schnellen, geräuschlosen Schritten den Weg, den sie gekommen, zurück.

 

Frau Evelyn van Wyck wollte sich gerade zu Bett begeben. Müde der Pflichten, die das Gesellschaftsleben, ihr Reichtum und ihr Witwentum ihr auferlegten, war sie nach dem Norden gereist und war darauf verfallen, sich in einer gemütlichen Hütte am Rande des Minenlagers häuslich niederzulassen. Mit Hilfe ihrer Freundin und Genossin Myrtle Giddings spielte sie ein erdnahes Leben und pflegte das Primitive mit einer Hingebung, die sie mit ihrer ganzen Verfeinerung würzte.

Sie war bestrebt, sich von den Generationen der überfeinsten Kultur loszureißen, und suchte die enge Verbindung mit der Erde, die ihre Vorfahren längst aufgegeben hatten. Auch geistig glaubte sie aufrichtig, sich der Art des Steinzeitmenschen zu nähern, und gerade jetzt, als sie ihr Haar für die Nacht aufsteckte, frönte sie ihrer Phantasie, indem sie sich eine paläologische Liebeswerbung vorstellte. Die Einzelheiten dieser Phantasie bestanden hauptsächlich aus Höhlenwohnungen und gespaltenen Markknochen, wilden Raubtieren, zottigen Mammuts und Kämpfen mit roh zugehauenen Feuersteinmessern. Aber die Erregung war bezaubernd. Und als Evelyn van Wyck gerade durch die finsteren Laubengänge des Waldes vor den allzu glühenden Angriffen ihres niedrigstirnigen, fellbekleideten Verehrers floh, öffnete sich die Tür der Hütte, ohne daß jemand die Höflichkeit besessen hätte anzuklopfen, und herein trat ein fellbekleidetes wildes Weib.

»Herrgott!«

Mit einem Sprunge, der einer Höhlenbewohnerin Ehre gemacht haben würde, landete Fräulein Giddings hinter dem Tisch. Aber Frau van Wyck wich nicht. Sie bemerkte, daß der Eindringling sich in großer Aufregung befand, und warf einen raschen Blick nach rückwärts, um sich zu vergewissern, daß der Weg zu ihrem Bette frei war, unter dessen Kissen der große Coltrevolver lag.

»Sei gegrüßt, o Frau mit dem wunderbaren Haar«, sagte Li Wan.

Aber sie sagte es in ihrer eigenen Sprache, die nur an einem ganz kleinen Fleckchen der Erde gesprochen wurde, und die beiden Frauen verstanden sie nicht.

»Soll ich Hilfe holen?« fragte Fräulein Giddings zitternd.

»Das arme Geschöpf ist harmlos, glaube ich«, antwortete Frau van Wyck. »Und sieh nur ihre Fellkleider, wie zerlumpt und zerschlissen sie sind. Sie sind sicher einzig in ihrer Art. Ich kaufe sie mir für meine Sammlung. Hol bitte meinen Beutel mit Goldstaub, Myrtle, und die Waagschale.«

Li Wan sah, wie die Lippen die Worte formten, aber die Worte waren unverständlich, und in diesem Augenblick banger Erwartung erkannte sie erst, daß es kein Verständigungsmittel für sie gab. Verzweifelt über ihre Stummheit, brach sie mit weit ausgebreiteten Armen aus: »O meine Schwester!« Die Tränen rannen ihr über die Wangen herab, als sie sich ihnen sehnsüchtig zuwandte, und ihre brechende Stimme verriet den Kummer, dem sie keine Worte zu leihen vermochte. Aber Fräulein Giddings zitterte, und selbst Frau van Wyck war verwirrt.

»Ich möchte leben, wie ihr lebt. Eure Wege sind meine Wege, und unsere Wege sollen eins sein. Mein Gatte ist Canim, das Kanu, und er ist groß und seltsam, und ich fürchte mich. Sein Weg ist die ganze Welt und endet nie, und ich bin müde. Meine Mutter war wie du, und ihr Haar war wie deines und ihre Augen wie deine. Und damals war das Leben freundlich für mich, und die Sonne war warm.«

Demütig kniete sie und beugte das Haupt zu Frau van Wycks Füßen. Aber Frau van Wyck zog, erschrocken über diese Leidenschaftlichkeit, ihre Füße an sich.

Li Wan erhob sich, nach Worten ringend. Ihre stummen Lippen vermochten nicht, das überwältigende verwandtschaftliche Gefühl auszusprechen.

»Handeln? Du handeln?« fragte Frau van Wyck, indem sie nach Art überlegener Menschen gebrochen zu sprechen begann.

Sie berührte Li Wans zerlumpte Felle, um ihren Wunsch anzudeuten, und schüttete für mehrere Hundert Dollar Goldstaub in die Waagschale. Sie rührte in dem Staub und ließ ihn verführerisch durch ihre Finger gleiten.

Aber Li Wan sah nur diese milchweißen, so wohlgeformten Finger, die sich zart zu den rosigen, juwelengleichen Nägeln rundeten. Sie legte ihre eigene Hand daneben, diese verarbeitete, schwielige Hand, und weinte.

Frau van Wyck mißverstand sie. »Gold«, ermunterte sie, »gutes Gold! Du handeln? Du tauschen?« Und sie legte wieder ihre Hand auf Li Wans Fellkleid. »Wieviel? Du verkaufen? Wieviel?« fuhr sie fort und ließ die Hand gegen den Strich der Felle gleiten, um sich zu vergewissern, daß die Säume mit Sehnenfaden genäht waren.

Aber Li Wan war ebenso taub wie stumm, und die Worte der Frau bedeuteten ihr nichts. Verzweiflung über ihren Mißerfolg ergriff sie. Wie sollte sie diesen Frauen verständlich machen, daß sie eine der Ihren war? Sie wußte, daß sie vom selben Stamme, daß sie Blutschwestern waren. Ihre Augen irrten durch das Innere der Hütte und blieben an den weichen Vorhängen, die rings an den Wänden hingen, an den weiblichen Kleidungsstücken, dem ovalen Spiegel und den eleganten Toilettegegenständen haften. Und diese Dinge beunruhigten sie, denn sie hatte ähnliche früher gesehen. Und als sie so darauf blickte, formten ihre Lippen unwillkürlich Laute, die auszusprechen sich ihre Kehle noch zitternd widersetzte. Dann überkam sie ein Gedanke, und sie versuchte sich zu fassen. Sie mußte ruhig sein. Sie mußte sich beherrschen, denn diesmal durfte sie sich keinem Mißverständnis aussetzen, sonst… Und sie rang mit einer Flut unterdrückter Tränen und beruhigte sich.

Sie legte die Hand auf den Tisch, »Tisch«, sagte sie klar und deutlich. »Tisch«, wiederholte sie.

Sie blickte Frau van Wyck an, die zustimmend nickte.

Li Wan frohlockte, beherrschte sich aber mit Anspannung aller Willenskraft und blieb ruhig. »Ofen«, fuhr sie fort. »Ofen.«

Und jedesmal, wenn Frau van Wyck nickte, stieg Li Wans Aufregung. Stammelnd und zögernd, dann wieder in fieberhafter Hast, je nachdem die vergessenen Ausdrücke schnell oder langsam wieder auftauchten, ging sie durch die Hütte und nannte ein Ding nach dem andern beim Namen. Und als sie endlich stehenblieb, tat sie es triumphierend, in aufrechter Haltung und mit zurückgezogenem Kopf, erwartungsvoll, fragend.

»Katze«, sagte Frau van Wyck lachend und buchstabierte nach Kinderart: »Ich – sehe – wie – die – Katze – eine – Maus – hascht.«

Li Wan nickte ernsthaft. Endlich begannen sie zu begreifen, diese Frauen. Ihr Blut färbte den Bronzeton ihrer Haut noch dunkler bei diesem Gedanken, und sie lächelte und nickte noch heftiger.

Frau van Wyck, wandte sich an ihre Freundin. »Ich vermute, sie hat irgendwo ein bißchen Missionserziehung genossen und will sich nun zeigen.«

»Natürlich«, kicherte Fräulein Giddings. »Die kleine Närrin. Ihre Eitelkeit bringt uns noch um unsern ganzen Schlaf.«

»Macht nichts, ich will nun mal die Jacke haben. Wenn sie auch alt ist, so ist es doch ausgezeichnete Arbeit – ein Prachtstück.« Sie wandte sich an ihre Besucherin: »Tauschen? Du? Tauschen? Wieviel? He! Wieviel, du?«

»Vielleicht will sie lieber ein Kleid oder etwas Derartiges haben«, meinte Fräulein Giddings.

Frau van Wyck ging zu Li Wan und machte ihr ein Zeichen, daß sie ihr ihren Morgenrock für die Jacke geben wolle. Um den Abschluß des Handels zu beschleunigen, ergriff sie Li Wans Hand, legte sie zwischen die Spitzen auf ihrem wogenden Busen und rieb die Finger hin und her, damit Li Wan die Feinheit des Stoffes fühlte. Der edelsteinbesetzte Schmetterling jedoch, der das Gewand an dieser Stelle zusammenhielt, war nicht sicher befestigt, und so glitt der Stoff beiseite und entblößte eine feste weiße Brust, die noch nie die Berührung von Kinderlippen gespürt hatte.

Frau van Wyck ordnete ruhig ihr Kleid, aber Li Wan stieß einen lauten Schrei aus und riß und zerrte an ihrem Fellhemd, bis ihre eigene Brust, fest und weiß wie die Evelyn van Wycks, sich enthüllte. Mit unartikuliertem Stammeln und lebhaften Zeichen versuchte sie, ihre Stammesverwandtschaft zu beweisen.

»Ein Mischling«, erklärte Frau van Wyck. »Ich dachte es mir gleich, als ich ihr Haar sah.«

Fräulein Giddings machte eine Bewegung des Abscheus. »Stolz auf die weiße Haut ihres Vaters. Das ist ekelhaft. Gib ihr etwas Evelyn, und laß sie gehen.«

Aber die andere seufzte. »Die Ärmste! Wenn ich nur etwas für sie tun könnte!«

Ein schwerer Fußtritt knirschte draußen im Sand. Dann öffnete sich die Tür der Hütte, und Canim trat ein.

Fräulein Giddings sah sich einem plötzlichen Tode ausgesetzt und schrie, aber Frau van Wyck trat ihm ruhig entgegen.

»Was willst du?« fragte sie.

»Guten Abend«, sagte Canim liebenswürdig und geradezu; dann zeigte er auf Li Wan: »Meine Frau.« Er streckte die Hand nach ihr. aus, aber sie wies ihn zurück.

»Sprich, Canim! Sag ihnen, daß ich…«

»Daß du die Tochter Pow-Wah-Kaans bist? Nein, was geht sie das an? Was sollten sie sich daraus machen? Ich erzähle ihnen lieber, daß du ein schlechtes Weib bist, das sich aus dem Bett des Gatten fortschleicht, wenn der Schlaf schwer auf seinen Augen liegt.«

Wieder streckte er die Hand nach ihr aus, aber sie floh zu Frau van Wyck, warf sich ihr zu Füßen und machte verzweifelte Anstrengungen, ihre Knie zu umklammern.

Die Dame wich zurück und erlaubte Canim mit einem Blick, sich ihrer zu bemächtigen. Er ergriff Li Wan unter den Armen und hob sie auf. Sie kämpfte in wahnsinniger Verzweiflung mit ihm, bis seine Brust vor Anstrengung wogte.

»Laß mich los, Canim«, schluchzte sie.

Aber er drehte ihr Handgelenk, bis sie den Kampf aufgab.

»Die Erinnerungen an die Zeit, da du ein kleines Vögelchen warst, sind allzu stark und verwirren dich«, sagte er.

»Ich weiß es! Ich weiß es!« brach sie aus. »Ich sehe den Mann auf Händen und Knien durch den Schnee kriechen. Und ich bin ein kleines Kind und sitze auf seinem Rücken. Und das war, ehe ich Pow-Wah-Kaan und die Zeit kannte, da ich in einem kleinen Winkel der Erde lebte.«

»Das weißt du«, antwortete er und drängte sie zur Tür, »aber du wirst mit mir den Yukon hinabwandern und wirst vergessen.«

»Nie werde ich es vergessen!« Wie rasend klammerte sie sich an den Türpfosten.

»Dann werde ich dich lehren, zu vergessen, ich, Canim, das Kanu!«

Und mit diesen Worten riß er ihre Finger los und schritt mit ihr den Weg hinab.


1 In Den Waeldern Des Nordens

In den Wäldern des Nordens

Nach einer beschwerlichen Reise bis hinter das letzte verkrüppelte Buschwerk und wuchernde Unterholz, hinter tiefen Einöden, wo der karge Norden der Erde alles zu verweigern scheint, stößt man auf weite Waldgebiete und Striche lächelnden Landes. Aber das hat die Welt erst jetzt erfahren. Einige Forschungsreisende haben es gewußt, aber keiner von ihnen kehrte bisher zurück, um es der Welt zu verraten.

Einöden – ja, es sind Einöden, dieses traurige Land des Nordens, diese Wüsten des Polarkreises, sie, die frostige, rauhe Heimat des Moschusochsen, die unfruchtbare, karge Stätte des mageren Steppenwolfes. So fand Avery van Brunt sie, baumlos und freudlos, kaum mit Moos und Flechten bewachsen und so gar nicht einladend. So fand er sie wenigstens, bis er zu den weißen Stellen auf der Landkarte vordrang und auf ungeahnte reiche Fichtenwälder und auf nirgends verzeichnete Eskimostämme stieß. Er hatte die Absicht – und den Ehrgeiz – gehabt, diese weißen Stellen auf der Karte auszufüllen, indem er in buntem Wechsel Gebirgsketten, Seen und Flußbetten, sich schlängelnde Ströme einzeichnete, und mit wachsendem Entzücken malte er sich die Möglichkeit eines Gürtels von Nutzholz und heimischen Dörfern aus.

Avery van Brunt, oder mit seinem vollen Titel: A. van Brunt, Professor am Geologischen Vermessungsinstitut, war Nächstkommandierender der Expedition und Führer der Unterexpedition, die er selbst auf einem Abstecher 500 Meilen weit durch die Täler des Thelon hinaufgeleitet hatte und jetzt in eines der nicht verzeichneten Dörfer führte. Hinter ihm mühten sich unverdrossen auf seiner Fährte acht Männer: zwei französisch-kanadische Reisende, die übrigen stämmige Crees von der Manitoba-Straße. Er allein war Vollblut-Angelsachse, und das Blut rollte, durch die Tradition seiner Rasse geheiligt, stolz durch seine Adern. Mit ihm schritten Clive und Hastings, Drake und Raleigh, Hengist und Horsa. Als erster aller Männer seiner Rasse sollte er dies weltabgeschiedene Dorf des Nordlandes betreten. Bei diesem Gedanken überkam ihn ein Triumphgefühl, eine frohe Erregung, und seine Kameraden bemerkten, wie seine Müdigkeit wich und wie er unversehens seinen Schritt beschleunigte.

Das Dorf leerte sich, und eine buntscheckige Menge zog ihm dichtgeschart entgegen. Voran die Männer, Bogen und Speere drohend in den Fäusten, als Nachtrab schüchtern Frauen und Kinder. Van Brunt hob den rechten Arm und gab das übliche Friedenszeichen, ein Zeichen, das alle Völker verstehen, und die Dorfbewohner antworteten mit dem Zeichen des Friedens. Aber da lief zu seinem Kummer ein fellbekleideter Mann vor und streckte die Hand mit einem vertraulichen »Hallo« aus. Es war ein bärtiger Mann, Wangen und Stirn bronzefarbig verbrannt, und in ihm erkannte van Brunt einen seiner eignen Rasse.

»Wer sind Sie?« fragte er, die ausgestreckte Hand ergreifend. »Andrée?«

»Wer ist Andrée?« fragte der Mann seinerseits.

Van Brunt sah ihn schärfer an. »Bei Gott, Sie müssen eine gute Weile hier gelebt haben.«

»Fünf Jahre«, antwortete jener, und ein düsterer Schimmer von Stolz leuchtete in seinen Augen. »Aber kommen Sie, lassen Sie uns plaudern. – Lassen Sie sie hier lagern«, beantwortete er den fragenden Blick, den van Brunt auf seine Leute warf. »Der alte Tant latch wird für Sie sorgen. Kommen Sie.«

Mit langen Schritten ging er. Van Brunt folgte ihm auf dem Fuße durch das ganze Dorf. Unregelmäßig, wo sich gerade eine günstige Stelle bot, waren die Zelte aus Elchfellen aufgeschlagen. Van Brunt ließ seinen erfahrenen Blick darüber hingleiten und berechnete.

»Zweihundert außer den Kindern«, schätzte er.

Der Mann nickte. »So ungefähr. Aber hier wohne ich, etwas außerhalb, wissen Sie – mehr für mich. Nehmen Sie Platz. Ich esse mit Ihnen, wenn Ihre Leute abkochen. Ich habe ganz vergessen, wie Tee schmeckt. – Fünf Jahre, und weder geschmeckt noch gerochen. – Etwas Tabak? – Ah, danke, und eine Pfeife? Gut. Und nun noch ein Zündholz, und dann wollen wir sehen, ob das alte Kraut noch seine Zaubermacht besitzt.«

Mit der peinlichen Vorsicht eines Waldbewohners strich er das Zündholz an, freute sich an der jungen Flamme, als hätte es noch nie etwas Ähnliches in der Welt gegeben, und zog den ersten Mundvoll Rauch ein. Er hielt ihn eine Weile nachdenklich zurück und blies ihn dann mit spitzen Lippen langsam und zärtlich aus. Als er sich zurücklehnte, war sein Ausdruck milder, und ein weicher Schimmer trat in seine Augen. Er seufzte tief und glücklich mit unermeßlicher Zufriedenheit und sagte plötzlich: »Weiß Gott! Das schmeckt!«

Van Brunt nickte verständnisvoll. »Fünf Jahre, sagen Sie?«

»Fünf Jahre.« Der Mann seufzte wieder. »Und ich nehme an, Sie möchten darüber hören, sind natürlich neugierig; es ist ja auch eine seltsame Situation, das stimmt. Aber es ist nicht viel zu erzählen. Ich kam von Edmonton auf der Jagd nach Moschusochsen, hatte Pech wie Pike und die andern und verlor meine Leute und meine Ausrüstung. Hunger, Entbehrung, die alte Geschichte, wissen Sie, der einzige Überlebende und so weiter, bis ich auf Händen und Füßen hier bei Tant latch angekrochen kam.«

»Fünf Jahre«, murmelte van Brunt nachdenklich und suchte in seiner Erinnerung.

»Im Februar waren es fünf Jahre. Anfang Mai kam ich über den Great Slave…«

»Und Sie sind – Fairfax?« unterbrach van Brunt ihn.

Der Mann nickte.

»Warten Sie… John, nicht wahr, John Fairfax.«

»Woher wissen Sie?« fragte Fairfax träge und mit seinen Gedanken beschäftigt, während er Rauchspiralen in die stille Luft steigen ließ.

»Die Zeitungen waren voll davon, als Prevanche…«

»Prevanche!« Fairfax setzte sich, plötzlich munter geworden, auf. »Er verschwand in den Smoke Mountains.«

»Ja, aber er arbeitete sich durch und kam dann heraus.«

Fairfax lehnte sich zurück und wandte sich von neuem seinen Rauchspiralen zu. »Das freut mich«, meinte er nachdenklich. »Prevanche war ein Prachtkerl, wenn er auch seine eigenen Ideen über das Zaumzeug von Zugtieren hatte, das Biest. Und er kam wirklich durch? Wahrhaftig, das freut mich.«

Fünf Jahre – das fuhr van Brunt immer wieder durch den Sinn, und irgendwie schien Emily Southwaithes Antlitz vor ihm aufzutauchen und lebendig zu werden. Fünf Jahre. – Ein Keil von Wildgänsen schwebte niedrig über ihnen, und beim Anblick des Lagers schwenkten sie schnell nach Norden ab in die glimmende Sonne.

Es war eine Stunde nach Mitternacht. Die Wolken im Norden färbten sich plötzlich blutig, dunkelrote Strahlen schossen südwärts, und die düsteren Wälder brannten in einem blassen Feuer. Die Luft hing in atemloser Stille, keine Nadel zitterte, und die letzten Töne vom Lager kamen klar und deutlich herüber wie Trompetenschall. Crees und Reisende spürten einen Hauch davon, murmelten leise und träumerisch, und der Koch dämpfte unbewußt das Rasseln der Töpfe und Pfannen. Irgendwo weinte ein Kind, und aus der Tiefe des Waldes erhob sich wie das Klingen einer silbernen Saite das Klagelied einer Frauenstimme: »O-o-o-o-o-o-a-haa-ha-a-ha-aa-a-a, O-o-o-o-o-o-a-ha-a-ha-a.«

Van Brunt erschauerte, und er rieb sich kräftig seine Handrücken.

»Und sie gaben mich auf, dachten, ich sei tot?« fragte sein Genosse langsam.

»Ja, Sie kamen nie zurück, und da haben Ihre Freunde…«

»Mich prompt vergessen.« Fairfax lachte hart und verächtlich.

»Warum kamen Sie nicht wieder?«

»Teils aus Widerwillen, denke ich, und teils aus Ursachen, über die ich keine Macht hatte. Sehen Sie, Tant latch hatte sich den Fuß gebrochen, als ich seine Bekanntschaft machte – und es war ein häßlicher Bruch –, und ich renkte ihn ein und bekam ihn wieder zurecht. Ich blieb einige Zeit und kam wieder zu Kräften. Ich war der erste Weiße, den er gesehen hatte, und natürlich erschien ich ihm sehr weise, und tatsächlich zeigte ich seinem Volke unendlich viele Dinge. Unter anderm paukte ich ihnen Strategie ein, so daß sie die vier andern zum Stamme gehörenden Dörfer, die Sie noch nicht gesehen haben, besiegten und Herren des Landes wurden. Und natürlich hielten sie viel von mir, so viel, daß sie nichts davon hören wollten, als ich daran dachte, wieder aufzubrechen. Sie waren wirklich sehr gastfrei, stellten ein paar Wächter an und bewachten mich Tag und Nacht. Und dann gebrauchte Tant latch gewissermaßen Lockmittel – er überredete mich sozusagen, und da es so oder so doch keinen großen Unterschied machte, so fand ich mich damit ab und blieb.«

»Ich kannte Ihren Bruder in Freiburg. Ich bin van Brunt.«

Fairfax streckte impulsiv die Hand aus und schüttelte die des andern. »Wie, Sie sind der Freund Billys? Armer Billy. Er sprach oft von Ihnen. – Und ausgerechnet hier müssen wir uns treffen«, fügte er hinzu, ließ seinen Blick über die urweltliche Landschaft schweifen und lauschte einen Augenblick auf die Trauerklage der Frau. »Ihr Mann ist von einem Bären zerrissen worden, und sie kommt schwer darüber hinweg.«

»Scheußliches Leben!« Van Brunt schnitt eine Grimasse des Ekels. »Ich denke, nach fünf Jahren muß Zivilisation süß schmecken? Was meinen Sie?«

Das Gesicht von Fairfax nahm einen schlaffen Ausdruck an. »Ach, ich weiß nicht. Schließlich sind es ehrliche Menschen, und sie leben ihrer Einsicht gemäß. Und dazu sind sie bewundernswert einfach. Nichts Kompliziertes, nicht tausend feine Verästelungen jeder Gefühlsregung. Sie lieben, fürchten, hassen, und ärgern und freuen sich in gewöhnlichen, offenen, unfehlbaren Ausdrücken. Es mag ein scheußliches Leben sein, aber es lebt sich wenigstens leicht. Keine Liebelei, keine Zeitvergeudung. Wenn eine Frau Sie liebt, wird sie nicht zögern, es Ihnen zu sagen. Haßt sie Sie, so wird sie es auch sagen, und wenn Sie dann Lust dazu haben, können Sie sie schlagen. Die Hauptsache ist, daß sie genau weiß, was Sie meinen und umgekehrt. Keine Irrtümer, keine Mißverständnisse. Das hat seinen Reiz nach dem krampfhaften Fieber der Zivilisation. Verstehen Sie das? – Nein, es ist ein ganz gutes Leben«, fuhr er nach einer Pause fort, »gut genug, wenigstens für mich, und ich gedenke es fortzusetzen.«

Van Brunt senkte nachdenklich den Kopf, und ein unmerkliches Lächeln spielte auf seinen Lippen. Keine Liebelei, keine Tändelei, kein Mißverständnis. – Nun, Fairfax nimmt es auch nicht leicht, dachte er, eben weil Emily Southwaithe versehentlich in die Klauen eines Bären geriet. Und er war auch kein schlechter Bär, dieser Carlton Southwaithe.

»Aber Sie werden doch mit mir kommen«, meinte van Brunt vorsichtig.

»Nein.«

»Doch.«

»Das Leben ist zu leicht hier, wie gesagt.« Fairfax sprach mit Entschiedenheit. »Sommer und Winter wechseln wie das Flammen der Sonne durch die Latten eines Zaunes, die Jahreszeiten sind ein nebelhaftes Etwas zwischen Licht und Schatten, die Zeit flieht, und das Leben zerrinnt und dann… Eine Klage im Walde und die Finsternis. Hören Sie!« Er streckte die Hand in die Höhe, und durch die Stille und Einsamkeit ertönte die silberne Saite von der Trauer des Weibes. Fairfax stimmte leise mit ein.

»O-o-o-o-o-a-haa-ha-a-aa-a-a, O-o-o-o-o-a-ha-a-ha-a«, sang er. »Hören Sie nicht? Sehen Sie nicht? Die Klage eines Weibes? Das Totenlied? Meine Haare weißlockig und ehrwürdig? Die rauhe Pracht meiner Pelze, in die ich gehüllt bin? Der Jagdspeer an meiner Seite? Wer kann da sagen, es sei nicht gut so?«

Van Brunt blickte ihn kühl an: »Fairfax, Sie sind ein Narr. Fünf solche Jahre genügen, um einen Mann zu knicken, und Sie befinden sich in einer ungesunden, krankhaften Verfassung. Übrigens: Carlton Southwaithe ist tot.«

Van Brunt stopfte seine Pfeife, steckte sie an und beobachtete den andern vorsichtig und mit fast berufsmäßigem Interesse. Einen Augenblick blitzten Fairfax‘ Augen auf, seine Fäuste ballten sich, und er erhob sich halb. Dann erschlafften seine Muskeln, er schien zu grübeln. Michael, der Koch, meldete, daß das Essen fertig sei, aber van Brunt winkte ihm, daß er noch warten wolle. Das Schweigen war drückend, und er hatte den Einfall, die Gerüche des Waldes zu analysieren, diese Düfte modernder und verwesender Vegetation, dann die harzigen der Tannenzapfen und Nadeln, den aromatischen Rauch von vielen Lagerfeuern. Zweimal blickte Fairfax auf, ohne etwas zu sagen, und dann kam es: »Und – Emily…?«

»Seit drei Jahren Witwe, und noch immer Witwe.«

Wieder Schweigen, ein langes Schweigen, das Fairfax endlich mit naivem Lächeln brach. »Sie haben wohl recht, van Brunt. Ich komme mit.«

»Ich wußte es.« Van Brunt legte Fairfax die Hand auf die Schulter. »Man kann natürlich nicht wissen, aber ich glaube – eine Frau in ihrer Lage – sie hatte Anträge…«

»Wann brechen Sie auf?« unterbrach Fairfax ihn.

»Wenn die Leute etwas geschlafen haben. Dabei fällt mir ein, daß Michael böse wird; kommen Sie, wir wollen essen.«

Nach dem Abendbrot, nachdem die Crees und die Reisenden sich in ihre Decken gehüllt hatten und schnarchten, saßen die beiden Männer noch an dem erlöschenden Feuer. Sie hatten viel zu reden – von Kriegen und Politik, Forschungsreisen, Männertaten und Ereignissen, Freunden, Heiraten und Todesfällen – von fünfjährigem Geschehen, auf das Fairfax brannte.

»So wurde die spanische Flotte bei Santiago erledigt«, sagte van Brunt gerade, als eine junge Frau mit leichtem Schritt zu ihnen trat und neben Fairfax stehenblieb. Sie blickte ihm rasch ins Gesicht und warf einen verwirrten Blick auf van Brunt.

»Die Tochter des Häuptlings Tant latch, eine Art Prinzessin«, erklärte Fairfax mit ehrlichem Erröten. »Um es gleich zu gestehen, eines von den Lockmitteln, die mich hierbleiben ließen. Thom, das ist mein Freund, van Brunt.«

Van Brunt streckte die Hand aus, aber die Frau verharrte in ihrer starren Ruhe, die über ihrer ganzen Erscheinung lag. Weder wurde eine Linie in ihrem Antlitz sanfter, noch entspannten sich ihre Züge. Ihr Blick begegnete dem seinen durchdringend, fragend, suchend.

»Köstlich, sie versteht es!« lachte Fairfax. »Ihre erste Vorstellung, wissen Sie. Aber wie sagten Sie, die spanische Flotte wurde bei Santiago vernichtet?«

Thom kauerte neben ihrem Gatten nieder, reglos wie eine Bronzestatue, nur ihre Blicke wanderten unaufhörlich spähend von Angesicht zu Angesicht. Und während Avery van Brunt immer weiter sprach, spürte er unter dem stummen Blick eine gewisse Nervosität. Mitten in malerischen Schlachtenschilderungen fühlte er plötzlich das schwarze Auge auf sich brennen, und dann stotterte und stammelte er, bis er seine Haltung wiedergewann und wieder in Gang kam.

Die Hände um die Knie geschlungen, mit erloschener Pfeife und in tiefem Sinnen trieb Fairfax ihn an, wenn er zögerte, und malte sich die Welt wieder, die er vergessen zu haben glaubte.

Eine oder zwei Stunden vergingen, dann erhob Fairfax sich zaudernd. »Und Cronje wurde in die Enge getrieben, wie? Na ja! Warten Sie einen Augenblick, ich gehe nur schnell zu Tant latch hinüber. Er wird Sie erwarten, und ich werde es so einrichten, daß Sie ihn nach dem Frühstück begrüßen können. Das ist Ihnen doch recht, nicht wahr?«

Er verschwand zwischen den Kiefern, und van Brunt fand sich, wie er in das warme Auge Thoms starrte. Fünf Jahre, überlegte er, und sie kann jetzt nicht älter als zwanzig sein. Ihre Nase war nicht flach und gleichsam breitgedrückt wie die der Eskimofrauen, sondern adlerhaft mit zarten Flügeln und so fein gebildet wie die einer Dame weißer Rasse. – Also irgendwie Indianerblut, verlaß dich drauf, Avery van Brunt. Und sei nicht nervös, Avery van Brunt, sie wird dich nicht auffressen; sie ist nur eine Frau, und noch dazu keine häßliche. Eher orientalisch als arktisch. Große und weit offene Augen mit einer ganz schwachen Andeutung von Mongolentum. Thom, du bist eine Anomalie. Du gehörst nicht zu den Eskimos, selbst wenn dein Vater einer ist. Wo kam deine Mutter her? Oder deine Großmutter? Und Thom, liebes Kind, du bist eine Schönheit, eine eisige, frostige kleine Schönheit mit Alaska-Lava im Blut, und bitte, schau mich nicht so an. – Er lachte und stand auf. Ihr unausgesetztes Starren verwirrte ihn. Ein Hund schnupperte an den Nahrungsmittelsäcken. Er wollte ihn vertreiben und den Proviant in Sicherheit bringen, bis Fairfax wiederkam. Aber Thom hinderte ihn mit einer Handbewegung daran und stand, ihn musternd, auf.

»Du?« sagte sie in einem arktischen Dialekt, der fast ohne Abweichungen von Grönland bis Point Barrow gesprochen wird. »Du?«

Und der Ausdruck, der schnell auf ihr Gesicht trat, verriet alles, was sie mit diesem »Du« meinte: die Frage, warum er hier sei, was er wolle, was er mit ihrem Manne zu schaffen habe – alles.

»Brüder«, antwortete er im selben Dialekt, indem er mit der Hand nach Süden wies. »Brüder sind wir, dein Mann und ich.«

Sie schüttelte den Kopf. »Es ist nicht gut, daß du hier bist.«

»Nach einem Schlaf gehe ich.«

»Und mein Mann?« fragte sie mit zitterndem Eifer.

Van Brunt zuckte die Achseln. Ihn überkam ein gewisses heimliches Schamgefühl, eine Art unpersönlicher Scham, und ein Zorn auf Fairfax. Und als er die junge Wilde ansah, spürte er das heiße Blut, das ihm ins Gesicht stieg. Sie war eben Weib. Das sagte alles – Weib. Wieder einmal die alte niederträchtige Geschichte, immer wieder, so alt wie Eva und so jung wie der letzte Liebeskuß.

»Mein Mann! Mein Mann! Mein Mann!« wiederholte sie heftig, indem sie ihm mit leidenschaftlich gerötetem Gesicht und der unbarmherzigen Milde des ewigen Weibes in die Augen blickte.

»Thom«, sagte er ernst auf englisch, »du bist in den Wäldern des Nordlandes geboren, du hast Fisch und Fleisch gegessen, mit Kälte und Hunger gekämpft und alle deine Tage einfach gelebt. Und es gibt viele Dinge, die wahrlich nicht einfach sind, die du nicht kennst und nicht verstehen kannst. Du weißt nicht, was es heißt, sich nach fernen Fleischtöpfen zu sehnen, du kannst nicht verstehen, was es heißt, Verlangen nach dem Antlitz einer schönen Frau zu tragen. Und die Frau ist schön, Thom, die Frau ist sehr schön. Du warst diesem Manne eine Frau, und du warst ihm alles, was du konntest, aber dein ›Alles‹ ist sehr wenig und sehr einfach. Zu wenig und zu einfach, und er ist ein Mann von einer fremden Rasse. Ihn hast du nie gekannt und wirst ihn nie kennen. Es ist so bestimmt. Du hieltest ihn in deinen Armen, aber du hieltest nie sein Herz, das Herz dieses Mannes, dem die Jahreszeiten wechselnde Farben sind und dessen Träume barbarisch enden. Traum und Traumdunst, das ist er dir gewesen. Du griffst nach einer Gestalt und faßtest einen Schatten, schenktest dich einem Manne und warst die Bettgenossin eines Gespenstes. So ging es in alten Zeiten den Töchtern der Menschen, wenn die Götter sie schön fanden. Und doch, Thom, Thom, ich möchte nicht John Fairfax sein in den schlaflosen Nächten der kommenden Jahre, in den Nächten, da seine Augen nicht den Sonnenglanz von dem Haare der Frau an seiner Seite, sondern die dunklen Flechten einer Gefährtin sehen werden, die er in den Wäldern des Nordens verlassen hat.«

Obwohl sie ihn nicht verstand, hatte sie mit gespannter Aufmerksamkeit gelauscht, als hinge ihr Leben von seinen Worten ab. Aber sie erfaßte den Namen ihres Gatten und rief auf eskimoisch: »Jaja, Fairfax! Mein Mann!«

»Armes Närrchen, wie könnte er dein Mann sein?«

Aber sie verstand seine englische Sprache nicht und glaubte, daß er sich über sie lustig mache. Der triebhafte, unvernünftige Zorn des Weibchens flammte auf ihrem Gesicht, und es schien dem Manne fast, als kröche sie wie ein Panther zum Sprunge zusammen. Er fluchte leise bei sich und sah, wie die Flamme von ihrem Antlitz wich und die weiche strahlende Glut des flehenden Weibes sich entzündete – des flehenden Weibes, das auf Stärke verzichtet und sich wohlweislich mit seiner Schwäche waffnet.

»Er ist mein Mann«, sagte sie sanft. »Ich habe nie einen andern gekannt. Es kann nicht sein, daß ich je einen andern kennen werde. Es kann auch nicht sein, daß er von mir geht.«

»Wer hat gesagt, daß er von dir gehen soll?« fragte er scharf, halb im Zorn, halb in Ohnmacht.

»Du mußt sagen, daß er nicht von mir gehen soll«, antwortete sie sanft und mit Tränen in der Stimme.

Van Brunt stieß zornig mit dem Fuß ins Feuer und setzte sich nieder.

»Du mußt es ihm sagen. Er ist mein Mann. Vor allen Frauen ist er mein Mann. Du bist groß, du bist stark, und sieh, ich bin schwach. Sieh, ich liege zu deinen Füßen. Du hast es in der Hand, mit mir zu tun, was du willst. Es ist deine Sache.«

»Steh auf!« Er riß sie heftig hoch und stand selbst auf. »Du bist ein Weib, und deshalb darfst du nicht zu Füßen eines Mannes liegen.«

»Er ist mein Mann.«

»Dann verzeihe Christus allen Männern!« rief van Brunt leidenschaftlich.

»Er ist mein Mann!« wiederholte sie eintönig und flehend.

»Er ist mein Bruder«, antwortete er.

»Mein Vater ist der Häuptling Tant latch. Er herrscht über fünf Dörfer. Ich will dafür sorgen, daß die fünf Dörfer durchsucht werden nach einem Mädchen, das dir gefällt, so daß du in Wohlbehagen hier bei deinem Bruder leben kannst.«

»Nach einem Schlaf gehe ich fort.«

»Dort kommt mein Mann, sieh!«

Aus dem Dunkel der Fichten erklang Fairfax‘ Stimme in munterm Trällern.

Wie der Tag durch ein Nebelmeer verdrängt wird, so vertrieb sein Gesang das Licht von ihrem Antlitz.

»Es ist die Sprache seines eigenen Volkes«, sagte sie, »die Sprache seines eigenen Volkes.«

Sie wandte sich mit den leichten Bewegungen eines geschmeidigen jungen Tieres und verschwand im Walde.

»Alles in Ordnung!« rief Fairfax im Näherkommen. »Seine Majestät werden Sie nach dem Frühstück empfangen.«

»Haben Sie es ihm gesagt?« fragte van Brunt.

»Nein. Ich will es ihm auch nicht sagen, ehe wir marschfertig sind.«

Van Brunt warf verstimmt einen Blick auf die schlafenden Gestalten seiner Leute.

»Ich werde froh sein, wenn wir hundert Meilen von hier weg sind«, sagte er.

Thom hob den Fellvorhang von der Hütte ihres Vaters. Zwei Männer saßen drinnen bei ihm, und alle drei blickten sie mit lebhaftem Interesse an. Aber ihr Gesicht verriet nichts, als sie eintrat und sich schweigend niederließ. Tant latch trommelte mit den Knöcheln auf einem Speerschaft, den er über seine Knie gelegt hatte, und starrte träge einem Sonnenstrahl nach, der durch ein Schnürloch fiel und eine schimmernde Spur in die trübe Luft der Hütte zeichnete. An seiner rechten Schulter kauerte Chugungatte, der Schamane. Beides waren alte Männer, und die Müdigkeit vieler Jahre nistete in ihren Augen. Ihnen gegenüber aber saß Keen, ein junger und im Stamme sehr beliebter Mann. Er hatte rasche und lebhafte Bewegungen, und seine schwarzen Augen blitzten unaufhörlich forschend und herausfordernd von einem Antlitz zum andern.

Es war still in der Hütte. Hin und wieder drang der Lärm vom Lager herein, und in der Ferne klang schwach wie die Schatten von Stimmen das Zanken von Knaben in dünnen, schrillen Tönen. Ein Hund steckte plötzlich den Kopf zum Eingang herein und blinzelte die Versammelten eine Weile wolfsartig an, während der Geifer von seinen elfenbeinweißen Fangzähnen tropfte. Nach einer Weile knurrte er aufreizend, senkte dann aber, durch die Unbeweglichkeit der menschlichen Gestalten erschreckt, wieder den Kopf und kroch rückwärts hinaus. Tant latch blickte seine Tochter gleichgültig an.

»Und dein Mann, wie steht es mit ihm und dir?«

»Er singt fremdartige Lieder«, antwortete Thom, »und es ist ein neuer Ausdruck in seinem Gesicht.«

»So? Hat er gesprochen?«

»Nein, aber es ist ein neuer Ausdruck in seinem Gesicht, ein neues Licht in seinen Augen, und er sitzt mit dem Fremden am Feuer, und sie reden und reden, reden ohne Ende.«

Chugungatte flüsterte seinem Herrn etwas ins Ohr, und Keen bog sich in den Hüften vor.

»Irgend etwas ruft ihn aus der Ferne«, fuhr sie fort, »und er scheint zu lauschen und mit einem Lied in der Sprache seines eigenen Volkes zu antworten.«

Wieder flüsterte Chugungatte, Keen bog sich vor, und Thom schwieg, bis ihr Vater ihr zunickte, daß sie fortfahren solle.

»Du weißt, Tant latch, daß Wildgans und Schwan und die kleine Krickente hier im Tieflande geboren werden. Und du weißt, daß sie vor dem Froste in unbekannte Länder fliehen, und ebenso weißt du, daß sie stets zurückkehren, wenn die Sonne über dem Lande steht und die Wasserläufe frei sind. Stets kehren sie dorthin zurück, wo sie geboren sind, damit dort neues Leben entstehen kann. Das Land ruft sie, und sie kommen. Und jetzt ruft ein anderes Land, und es ruft meinen Mann – das Land, in dem er geboren ist –, und er gedenkt, dem Rufe zu folgen. Dennoch ist er mein Mann. Vor allen Frauen ist er mein Mann.«

»Ist das gut, Tant latch? Ist das gut?« fragte Chugungatte mit einer leisen Drohung in der Stimme.

»Ja, es ist gut!« rief Keen dreist. »Das Land ruft seine Kinder, alle Länder rufen ihre Kinder wieder. Wie Wildgans und Schwan und die kleine Krickente gerufen werden, so auch dieser Fremdling, der bei uns verweilt hat und nun gehen muß. Auch das Geschlecht ruft. Die Gans paart sich mit der Gans, und der Schwan paart sich nicht mit der kleinen Krickente. Es tut nicht gut, wenn der Schwan sich mit der kleinen Krickente paart. Und es tut auch nicht gut, wenn Fremdlinge sich ihre Weiber in unsern Dörfern suchen. Daher sage ich, daß der Mann zu seinem eigenen Geschlecht in sein eigenes Land gehen soll.«

»Er ist mein Mann«, antwortete Thom, »und er ist ein großer Mann.«

»Ja, er ist ein großer Mann.« Chugungatte hob den Kopf mit einem leisen Erwachen jugendlicher Kraft. »Er ist ein großer Mann, und er hat deinem Arm Stärke geschenkt, o Tant latch, hat dir Macht gegeben und deinen Namen gefürchtet im Lande gemacht, gefürchtet und geehrt. Er ist sehr weise und seine Weisheit bringt viel Nutzen. Ihm haben wir vieles zu verdanken – die Anwendung von Kriegslisten und die Geheimnisse einer Verteidigung des Dorfes und bei Überfällen im Walde, die Abhaltung von Beratungen, Besiegung des Feindes durch Worte und feierliche Versprechungen, Einkreisung des Wildes, das Stellen von Fallen, die Aufbewahrung von Nahrungsmitteln und die Heilung von Krankheit und Wunden auf der Jagd und im Kampfe. Du, Tant latch, würdest heute ein lahmer alter Mann sein, wäre der Fremdling nicht zu uns gekommen und hätte dich gepflegt. Und stets, wenn wir im Zweifel über eine schwierige Frage waren, sind wir zu ihm gegangen, daß er uns durch seine Weisheit Rat schaffte, und stets hat er uns Rat geschafft. Und es werden immer wieder Fragen kommen, da wir sein Wissen brauchen werden. Wir können ihn deshalb nicht gehen lassen. Es ist nicht gut, ihn gehen zu lassen.«

Tant latch trommelte weiter auf dem Speerschaft und gab kein Zeichen, daß er zugehört hatte. Thom forschte vergebens in seinem Gesicht, Chugungatte schien einzuschrumpfen und zusammenzusinken, als ob die Last der Jahre wieder auf ihn fiele.

»Niemand tötet meine Beute.« Keen schlug sich kräftig vor die Brust. »Ich töte meine Beute selbst. Ich freue mich des Lebens, wenn ich meine Beute töte. Wenn ich mich über den Schnee an den großen Elch anpirsche, so bin ich glücklich. Und wenn ich mit voller Kraft den Bogen spanne und ihm den Pfeil schnell und scharf ins Herz jage, so bin ich glücklich. Und das Fleisch von der Beute, die ein anderer Mann gefällt hat, schmeckt mir nicht so gut wie das von meiner eigenen Beute. Ich freue mich des Lebens, freue mich meiner eigenen List und Kraft, freue mich, daß ich etwas ausrichte, etwas für mich selber. Wozu sollte man sonst wohl leben? Wozu sollte ich leben, wenn ich mich nicht freute über mich selbst und über das, was ich vollbringe? Und weil ich mich freue und glücklich darüber bin, daß ich jage und fische, darum werde ich listig und stark. Der Mann, der in seiner Hütte am Feuer sitzt, wird nicht listig und stark. Er wird nicht froh, wenn er von meiner Beute ißt, und das Leben ist keine Freude für ihn. Er lebt nicht. Und deshalb sage ich: Es ist gut, daß der Fremdling geht. Seine Weisheit macht uns nicht weise. Wenn er listig ist, so brauchen wir es nicht zu sein. Haben wir List nötig, so gehen wir zu ihm und holen sie uns. Wir essen das Fleisch von seiner Beute, und es schmeckt nicht. Wir haben den Nutzen von seiner Stärke, und wir werden nicht glücklich dadurch. Wir leben nicht, wenn er für uns lebt. Wir werden dick und weibisch, wir fürchten uns vor der Arbeit, und wir vergessen, was wir für uns selbst tun müssen. Laß den Mann gehen, o Tant latch, auf daß wir Männer sein können! Ich bin Keen, ein Mann, und ich töte selbst meine Beute!«

Tant latch sandte ihm einen Blick, in dem die Leere der Ewigkeit zu liegen schien. Keen wartete gespannt auf die Entscheidung; aber die Lippen blieben unbeweglich, und der alte Häuptling wandte sich zu seiner Tochter.

»Was gegeben ist, kann nicht zurückgenommen werden«, brach sie los. »Ich war noch ein Kind, als der Fremdling, der mein Mann ist, zu uns kam. Und ich kannte nicht Männer und Männerart, und mein Herz lebte im Spiel der Mädchen, als du, Tant latch, du und kein anderer, mich zu dir riefst und mich in die Arme des Fremdlings legtest. Du und kein anderer, Tant latch! Und wie du mich dem Manne gabst, so gabst du auch den Mann mir. Er ist mein Mann. In meinen Armen hat er geschlafen, und aus meinen Armen kann er nicht gerissen werden.«

»Es wäre gut, o Tant latch«, fügte Keen schnell mit einem bedeutungsvollen Blick auf Thom hinzu, »es wäre gut, daran zu denken: Was gegeben ist, kann nicht zurückgenommen werden.«

Chugungatte richtete sich auf. »Deine Jugend, Keen, gibt deinem Mund diese Worte ein. Aber wir, o Tant latch, wir sind alte Männer, und wir verstehen. Auch wir haben in die Augen von Frauen geblickt und gefühlt, wie unser Blut heiß wurde von seltsamen Wünschen. Aber die Jahre haben uns abgekühlt, und wir haben die Weisheit der Ratsversammlung, die Schlauheit des kühlen Kopfes und der ruhigen Hand gelernt, und wir wissen, daß das heiße Herz allzu heiß ist und zur Unbesonnenheit neigt. Wir wissen, daß Keen Gnade vor deinen Augen fand. Wir wissen, daß Thom ihm in alten Tagen versprochen wurde, als sie noch ein Kind war. Und wir wissen, daß die neuen Tage kamen und mit ihnen der Fremdling und daß um unseres Wissens und unseres Verlangens nach Glück willen Keen Thom verlor und das Versprechen gebrochen ward.«

Der alte Schamane schwieg und sah dem jungen Mann gerade in die Augen.

»Und man mag auch wissen, daß ich, Chugungatte, den Rat gab, das Versprechen zu brechen.«

»Auch nahm ich kein anderes Weib in mein Bett«, fiel Keen ein. »Ich habe selbst mein Feuer entzündet und mein Essen gekocht und in meiner Einsamkeit mit den Zähnen geknirscht.«

Chugungatte winkte mit der Hand, zum Zeichen, daß er noch nicht fertig sei. »Ich bin ein alter Mann, und ich spreche, weil ich verstehe. Es ist gut, stark zu sein und nach Macht zu streben. Es ist besser, auf Macht zu verzichten, auf daß Gutes daraus entstehe. In alten Tagen saß ich neben deiner Schulter, Tant latch, und meine Stimme wurde überall gehört im Rate, und mein Rat wurde in wichtigen Dingen befolgt. Und ich war stark und hatte Macht. Nächst Tant latch war ich der Größte. Da kam der Fremdling, und ich sah, daß er listig und weise und groß war. Und weil er weiser und größer war als ich, wurde es klar, daß größerer Vorteil von ihm kommen würde als von mir. Und ich hatte dein Ohr, Tant latch, und du lauschtest meinen Worten, und der Fremdling erhielt Macht und Stellung und deine Tochter Thom. Und der Stamm gedieh unter den neuen Gesetzen in den neuen Tagen, und so wird er weiter gedeihen, solange wir den Fremdling in unserer Mitte haben. Wir sind alte Männer, wir beiden, o Tant latch, du und ich, und dies ist eine Sache des Kopfes und nicht des Herzens. Hör meine Worte! Laß den Mann hierbleiben.«

Ein langes Schweigen herrschte. Der alte Häuptling grübelte mit der gewichtigen Sicherheit eines Gottes, und Chugungatte schien sich in die Nebel eines hohen Alters zu hüllen. Keen sah verlangend auf das Weib, aber sie achtete nicht darauf, sondern hielt ihre Augen starr auf das Gesicht ihres Vaters geheftet. Der Wolfshund schob wieder den Vorhang beiseite, faßte in der Stille Mut und kroch auf dem Bauche näher. Er schnupperte neugierig an Thoms gleichgültiger Hand, spitzte Chugungatte gegenüber herausfordernd die Ohren und kroch vor Tant latch zusammen. Der Speer fiel rasselnd zu Boden, der Hund sprang mit einem erschrockenen Heulen beiseite, schnappte in die Luft und erreichte mit einem neuen Sprung den Eingang.

Tant latch sah von einem Gesicht auf das andre und betrachtete jedes lange und sorgfältig. Dann hob er den Kopf mit rauher Königswürde und sprach sein Urteil in kaltem, ruhigem Tone: »Der Mann bleibt. Laßt die Jäger zusammenrufen. Schickt einen Läufer in das nächste Dorf mit dem Befehl, die Krieger zu schicken. Ich will den neuen Fremdling nicht sehen. Sprich du mit ihm, Chugungatte. Sag ihm, daß er gleich gehen soll, wenn er in Frieden gehen will. Kommt es aber zum Kampfe, so tötet, tötet, tötet bis zum letzten Mann, aber gebt mein Wort kund, daß nichts Böses unserm Manne widerfahren darf – dem Manne, den meine Tochter geheiratet hat. – Es ist gut.«

Chugungatte erhob sich und stolperte hinaus; Thom folgte ihm. Als Keen sich aber im Eingang bückte, hielt Tant latchs Stimme ihn zurück: »Keen, es ist gut, auf mein Wort zu hören. Der Mann bleibt. Sorge dafür, daß ihm nichts Böses widerfährt.«

Infolge des strategischen Unterrichts von Fairfax kam der Stamm nicht wild und lärmend angestürzt. Vielmehr herrschte große Zurückhaltung und Selbstbeherrschung, die Krieger begnügten sich damit, schweigend, von Deckung zu Deckung kriechend, vorzurücken. Unten am Flusse und teilweise durch eine kleine Lichtung geschützt, lagen zusammengekauert die Crees und die Reisenden. Ihre Augen konnten nichts sehen und ihre Ohren nur undeutlich hören, aber sie fühlten das Leben, daß durch den Wald pulste, die undeutlichen, unbestimmbaren Bewegungen eines vorrückenden Heeres.

»Verflixt!« brummte Fairfax. »Sie hatten noch nie Pulver gerochen, aber ich hab‘ es sie gelehrt.«

Avery van Brunt lachte, klopfte seine Pfeife aus und steckte sie samt dem Tabaksbeutel sorgfältig ein. Dann lockerte er das Jagdmesser in der Scheide an seiner Hüfte.

»Wartet nur«, sagte er, »wir wollen euch die Suppe schon versalzen.«

»Wenn sie an meine Lehre denken, greifen sie uns in einzelnen Abteilungen an.«

»Mögen sie. Unsere Magazingewehre sind bereit. Sie wollen es – gut! So möge das erste Blut fließen! Eine Extraration Tabak, Lom!«

Lom, einer der Crees, hatte eine ungedeckte Schulter entdeckt und ihren Besitzer mit einer brennenden Kugel über seine Entdeckung belehrt.

»Wenn wir sie nur zum Losbrechen reizen könnten«, murmelte Fairfax. »Wenn wir sie nur zum Losbrechen reizen könnten.«

Van Brunt sah hinter einem entfernten Baum einen Kopf hervorlugen und brachte den Mann durch einen schnellen Schuß zu Fall. Er zappelte im Todeskampf auf dem Boden. Michael erledigte einen dritten, und Fairfax beteiligte sich mit den übrigen ebenfalls am Spiel und feuerte, sobald jemand sich eine Blöße gab oder ein Busch sich bewegte. Beim Lauf über eine kleine Niederung, wo es keine Deckung gab, blieben fünf Eingeborene auf ihren Gesichtern liegen, und links, wo die Deckung nur spärlich war, wurde ein Dutzend getroffen. Aber trotzdem behielten sie ihre trotzige Hartnäckigkeit und näherten sich vorsichtig und ruhig, ohne Hast, aber auch ohne Zögern.

Zehn Minuten später, als sie ganz nahe waren, hörten alle Bewegungen auf, der Vormarsch wurde plötzlich eingestellt, und die Stille, die jetzt folgte, war unheilverkündend und drohend. Es waren nur die grünen und goldenen Farben des Waldes und der Büsche zu sehen, die in dem ersten schwachen Hauch des Morgenwindes erschauerten. Die blasse, weiße Morgensonne sprenkelte den Boden mit langen Schatten und Lichtstreifen. Ein Verwundeter hob den Kopf und kroch beschwerlich über die Niederung. Michael folgte ihm mit der Büchse, schoß aber nicht. Ein Pfeifen durchfuhr die unsichtbare Linie von links nach rechts, und ein Schauer von Pfeilen schwirrte durch die Luft.

»Fertig!« kommandierte van Brunt mit einem metallischen Klang in seiner Stimme. »Jetzt!«

Gleichzeitig brachen sie aus der Deckung hervor. Der Wald wurde plötzlich lebendig. Ein mächtiges Geheul ertönte, und die Gewehre kläfften in scharfem Trotz. Die Männer des Stammes begegneten dem Tod mitten im Sprunge, und während sie fielen, fluteten ihre Brüder in einer brüllenden, unwiderstehlichen Woge über sie hinweg. Allen voran, mit flatterndem Haar und die Arme schwingend, über gefallene Bäume springend, kam Thom. Fairfax zielte auf sie und hätte fast abgedrückt, als er sie noch rechtzeitig erkannte.

»Die Frau! Schießt nicht!« rief er. »Seht, sie ist unbewaffnet!«

Die Crees hörten nicht, ebensowenig Michael und sein Kamerad, der andere Reisende, auch nicht van Brunt, der unaufhörlich schoß. Aber Thom lief unverletzt weiter, auf den Fersen eines fellbekleideten Jägers, der von seitwärts vor sie gestürzt war. Fairfax leerte sein Magazin auf die Männer rechts und links von ihr und drehte seinen Gewehrlauf, um den großen Jäger zu treffen. Aber der Mann schien ihn zu erkennen, schwenkte plötzlich ab und rannte Michael einen Speer in den Leib. Im nächsten Augenblick hatte Thom ihren Arm um den Hals ihres Gatten geschlungen und, sich herumwirbelnd, mit Stimme und Bewegung den Schwarm der Angreifer gespalten. Ein Schock Männer stürzte an beiden Seiten vorüber, und Fairfax stand einen Augenblick da und betrachtete sie und ihre bronzefarbene Schönheit. Ergriffen und frohlockend starrte er in unerhörte Tiefen, hatte Gesichte von den seltsamsten Dingen, träumte unsterbliche Träume. Vage Erinnerungen an die Lehrsätze alter Philosophie und neuer Ethik gingen ihm durch den Sinn und wunderbare, greifbare, aber schmerzhaft unzusammenhängende Bilder – Jagdszenen, finstere Waldstrecken, schweigende Schneefelder, Ballsäle mit strahlenden Lichtern, große Galerien und Vorlesungssäle, das undeutliche Blinken schimmernder Reagenzgläser, Regale mit langen Bücherreihen, Maschinengeratter und Straßenlärm, Fragmente eines vergessenen Liedes, Gesichter geliebter Frauen und alter Kameraden, ein einsamer Bach zwischen ragenden Bergspitzen, fette Täler, Duft von Heu. – Ein Jäger stürzte, von einer Kugel zwischen den Augen getroffen, plötzlich leblos vornüber, schoß durch die Wucht seines Falles noch ein Stück über den Boden. Fairfax kam wieder zu sich. Seine Kameraden waren, soweit sie noch lebten, weit zurück zwischen die Bäume getrieben. Er konnte das leidenschaftliche Heia! Heia! der Jäger hören, während sie drauflosgingen und mit ihren Waffen aus Knochen und Elfenbein hieben und stachen. Die Schreie der Gefallenen trafen ihn wie Schläge. Er wußte, daß der Kampf zu Ende und die Schlacht verloren war, aber alle Überlieferungen und die Treue seiner Rasse zwangen ihn, sich ins Getümmel zu stürzen, um wenigstens mit seinen Brüdern zu sterben.

»Mein Mann! Mein Mann!« schrie Thom. »Du bist gerettet!«

Er versuchte, vorwärts zu kommen, aber das Gewicht ihres Körpers hemmte seinen Schritt.

»Es ist unnütz! Sie sind tot, und das Leben ist sehr schön!« Sie hielt seinen Hals fest umschlungen, umwand ihn mit ihren Beinen, so daß er strauchelte, kämpfen mußte, um wieder auf die Füße zu kommen, wieder strauchelte und hintenüberfiel. Im Fallen hatte Thom das Sausen eines gefiederten Pfeiles gehört, der vorbeiflog: sie deckte seinen Leib mit dem ihren wie mit einem Schilde, während sie ihn immer noch fest mit den Armen umschlungen hielt und Gesicht und Lippen gegen seinen Hals preßte.

Da erhob Keen sich aus einem wirren Laubdickicht einige Fuß entfernt. Er blickte sich vorsichtig um. Der Kampf hatte sich verzogen, und der Schrei des letzten Mannes erstarb. Niemand war zu sehen. Er legte einen Pfeil auf die Bogensehne und warf einen Blick auf den Mann und die Frau. Zwischen ihrer Brust und ihrem Arm zeigte sich das weiße Fleisch der Flanke des Mannes. Keen spannte den Bogen und zog den Pfeil bis zur Spitze zurück. Zweimal tat er es, ruhig und um seines Schusses sicher zu sein. Dann ließ er das mit knöchernen Widerhaken versehene Geschoß gerade in das weiße Fleisch fliegen, das nie weißer leuchtete als in der dunkelarmigen, dunkelbrüstigen Umarmung.


Kapitel 6

Kapitel 6

 

Der Weg stieg schroff auf durch tiefen, lockeren Schnee, in dem bisher weder Schlittenspuren noch Mokassinfährten zu sehen waren. Kid, der den Zug führte, zertrat die zarten glitzernden Kristalle unter seinen breiten, kurzen Schneeschuhen. Es gehörten gute Muskeln und Lungen dazu, um den Schnee festzutreten, aber Kid stürzte sich mit aller Kraft in diese Arbeit. Auf dem Wege, den er auf diese Weise schuf, folgten ihm die sechs Hunde in einer langen Reihe. Ihr Atem, der wie Dampfstrahlen aus den Nüstern quoll, zeigte, wie schwer sie arbeiteten und wie eisig die Luft war. Zwischen dem Deichselhund und dem Schlitten schuftete Kurz, der seine Kräfte teils zum Steuern, teils zum Ziehen verwandte, denn ziehen mußte er so gut wie einer seiner Hunde. Jede halbe Stunde lösten Kid und er sich ab, denn das Feststampfen des Schnees war doch noch schwerer als die Arbeit an der Lenkstange.

 

Alle – Männer und Hunde – waren gut ausgeruht und glänzend in Form. Das Ganze war ja auch nichts als ein schweres Stück Alltagsarbeit, die eben gemacht werden mußte – diese Fahrt über eine Wasserscheide mitten im Winter. Auf dieser schweren Strecke waren zehn Meilen eine sehr anständige Leistung. Sie blieben dabei in Übung, waren aber doch abends, wenn sie in ihre Schlafpelze krochen, sehr müde. Es war schon sechs Tage her, daß sie das lustige Lager von Mucluc am Ufer des Yukon verlassen hatten. Sie hatten nur zwei Tage gebraucht, um mit ihren hochbepackten Schlitten den bereits festgetretenen Weg von fünfzig Meilen den Moosebach hinauf zurückzulegen. Dann hatte der Kampf mit dem vier Fuß dicken, jungfräulichen Schnee begonnen, der in Wirklichkeit gar kein Schnee war, sondern aus Eiskristallen bestand. Dieser Schnee war so locker, daß er, wenn man ihn mit den Füßen berührte, wie Kristallzucker hochspritzte. In drei Tagen hatten sie mit unendlicher Mühe die dreißig Meilen den Minnowfluß hinauf geschafft und eine Reihe von niedrigen Wasserscheiden, all die verschiedenen kleinen Flüsse, die südwärts in den Siwash fließen, überschritten. Jetzt hatten sie die großen Wasserscheiden hinter den „Bald Buttes“ vor sich, von wo aus der Weg den Porcupinebach hinab nach dem mittleren Lauf des Milchflusses führte. Wenn man dem Milchfluß weiter aufwärts folgte, sollte man, einem allgemein verbreiteten Gerücht zufolge, Kupferablagerungen finden. Und diesem Ziele strebten sie zu – einem Hügel aus reinem Kupfer, der eine halbe Meile rechts ab lag, und dann von der Stelle aus, wo der Milchfluß in einer tiefen Schlucht entsprang, durch einen ausgedehnten, starkbewaldeten Talgrund, den ersten Bach hinauf. Sie würden den Hügel schon erkennen, wenn sie ihn nur fanden. Der einäugige McCarthy hatte ihn bis in die kleinsten Einzelheiten beschrieben. Es war unmöglich, sich zu irren, vorausgesetzt, daß McCarthy nicht gelogen hatte.

 

Kid ging an der Spitze. Die vereinzelten kleinen Fichten begannen noch seltener und kleiner zu werden, als er einen abgestorbenen und eingetrockneten Baum sah, der mitten auf dem Wege stand. Sie brauchten sich kein Wort zuzurufen. Der Blick, den Kid Kurz zuwarf, wurde mit einem laut gebrüllten »Brrr…« beantwortet. Die Hunde blieben im Geschirr stehen, bis sie sahen, daß Kurz sie losband und Kid den abgestorbenen Baumstamm mit der Axt umzuschlagen begann. Dann warfen sich die Tiere in den tiefen Schnee, rollten sich wie Kugeln zusammen und legten den buschigen Schwanz über die wulstigen Füße und die reifbedeckte Schnauze.

 

Die Männer arbeiteten mit der Schnelligkeit, die nur lange Übung verleiht. In Goldpfanne, Kaffeetopf und Kochtöpfen schmolzen die Schneehaufen schnell zu Wasser. Kid holte eine Portion Bohnen vom Schlitten, die im voraus mit einer verschwenderischen Menge in Würfel geschnittenen, teils geräucherten, teils grüngesalzenen Specks zusammengekocht waren. Sie wurden in gefrorenem Zustand transportiert, so daß sie leicht zu verstauen und sofort gebrauchsfertig waren. Er schlug große Brocken mit der Axt ab, als ob es Brennholz wäre, und tat sie zum Auftauen in den Kochtopf.

 

Kuchen aus gefrorenem Sauerteig wurden in derselben Weise aufgetaut.

 

Zwanzig Minuten, nachdem sie haltgemacht hatten, war die Mahlzeit fertig.

 

»Ungefähr vierzig Grad Fahrenheit unter Null«, murmelte Kurz zwischen zwei mächtigen Happen Bohnen. »Ich hoffe, daß es nicht kälter wird… und auch nicht wärmer. Es ist gerade richtig so für eine Schlittenfahrt.«

 

Kid antwortete nicht.

 

Während er, den Mund voller Bohnen, dasaß und mit aller Kraft kaute, hatte er zufällig einen Blick auf den Leithund geworfen, der etwa sechs Fuß von ihm entfernt lag.

 

Dieser graue reifbedeckte Wolf starrte ihn mit der unbeschreiblichen Trauer und dem Ernst an, die man so oft in den Augen der Nordlandhunde glimmen und glühen sieht.

 

Kid kannte diesen Ausdruck so gut wie nur einer, aber immer wieder mußte er über die unfaßbaren Rätsel in diesen Augen staunen. Als wollte er ihren merkwürdig suggestiven Einfluß abschütteln, setzte er seinen Teller und seine Kaffeetasse hin und machte sich daran, den Sack mit den getrockneten Fischen zu öffnen.

 

»Aber Kid«, protestierte Kurz, »was tust du denn?«

 

»Ich will einmal gegen alle Gesetze, Erfahrungen und Gewohnheiten des Schlittenlebens verstoßen«, antwortete Kid. »Ich will die Hunde mitten am Tage füttern… nur dieses eine Mal. Sie haben furchtbar geschuftet, und es ist noch die letzte Strecke bis zum Kamm der Wasserscheide zu bewältigen. Außerdem hat der gute Bright mir mit seinen Augen etwas erzählt – Dinge, die Worte nie ausdrücken können.«

 

Kurz lachte ironisch. »Na, dann verwöhne sie nur ruhig. Es wird wohl nicht lange dauern, und du manikürst ihnen die Nägel. Ich möchte dir Coldcreme und elektrische Massage empfehlen, hat sich glänzend bewährt für Schlittenhunde. Ein türkisches Bad ab und zu ist auch ganz gesund für sie.«

 

»Ich hab‘ es noch nie getan«, verteidigte sich Kid. »Und ich werde es auch nie wieder tun. Aber dieses eine Mal muß ich. Es ist so etwas wie eine Eingebung.«

 

»Ach so… na, wenn es eine Vorahnung ist, dann kannst du es ruhig tun.« Sein Ton zeigte, wie schnell er besänftigt war. »Man muß Rücksicht auf Vorahnungen seines Kameraden nehmen.«

 

»Es ist keine Vorahnung mit im Spiel, Kurz. Der gute Bright hat meine Phantasie nur ein bißchen angeregt. Er erzählte mir mit seinen Augen in einer einzigen Minute mehr, als ich in tausend Jahren in allen Büchern lesen könnte. Seine Blicke waren voll vom Geheimnis allen Lebens! Es war, als ob sie sich in Schmerzen krümmten und wanden. Das schlimmste ist, daß ich sie beinahe ergründet hätte und es dann doch nicht tat. Ich bin also nicht weiser geworden, als ich es war, aber es fehlt nicht viel. Ich kann es dir nicht erzählen, aber die Augen des Hundes strömten buchstäblich von Andeutungen über, was das Leben eigentlich ist… Entwicklung und Sternenstaub… und sie erzählten vom Saft des Weltalls und allem andern… kurz, von allem Möglichen und Unmöglichen.«

 

»Und wenn man das alles in die Alltagssprache übersetzt, bedeutet es, daß du abergläubisch bist«, behauptete Kurz.

 

Kid warf jedem Hund einen getrockneten Lachs vor, dann schüttelte er den Kopf.

 

»Aber ich sage, Kid«, erklärte Kurz, »es ist todsicher eine Vorahnung. Irgend etwas wird uns zustoßen, ehe der Tag zu Ende ist. Du wirst schon sehen. Es steckt etwas hinter dieser Geschichte mit den getrockneten Lachsen.«

 

»Das mußt du mir erst beweisen«, sagte Kid.

 

»Brauche ich nicht. Der heutige Tag wird schon selbst die Sache in die Hand nehmen und es dir beweisen. Aber hör mal, was ich dir sagen will: Ich habe jetzt das Gefühl, daß etwas hinter deiner Ahnung steckt. Ich setze elf Unzen gegen drei Zahnstocher, daß ich recht habe. Und wenn ich so ein Gefühl habe, schäme ich mich auch nicht, es einzugestehen.«

 

»Du kannst die Zahnstocher setzen, dann setze ich die elf Unzen«, gab Kid zurück.

 

»Keine Rede davon. Das wäre der reine Raub. Ich gewinne. Ich weiß schon, wenn ich eine Ahnung kriege, wird, ehe der Tag zu Ende ist, etwas geschehen. Dann werden wir wissen, was hinter den Lachsen steckte.«

 

»Verdammter Quatsch!« sagte Kid, um die Diskussion abzuschließen.

 

»Verdammt wird es schon werden«, antwortete Kurz. »Und ich halte drei weitere Zahnstocher gegen dich, daß es ganz niederträchtig verdammt sein wird.«

 

»Gemacht«, sagte Kid.

 

»Ich gewinne«, jauchzte Kurz, »aber es müssen Zahnstocher aus Kükenfedern sein.«

 

Eine Stunde später hatten sie die Wasserscheide überschritten, tauchten hinter den „Bald Buttes“ in einen scharfwinkligen Cañon und schlugen dann den Weg über den schroffen, kahlen Hang ein, der zum Porcupine hinabführte. Kurz, der an der Spitze war, blieb plötzlich stehen, und Kid ließ die Hunde sich hinlegen. Unterhalb der Stelle, wo sie sich befanden, sahen sie eine Reihe menschlicher Wesen den Hang heraufziehen, eine Reihe, die, wenn auch mit großen Zwischenräumen, fast eine Viertelmeile lang war.

 

»Die bewegen sich ja wie ein Leichenbegängnis«, bemerkte Kurz.

 

»Sie haben keine Hunde«, sagte Kid.

 

»Nein, die Schlitten werden von Männern gezogen.«

 

»Hast du gesehen, wie der Mann umfiel? Da ist etwas los, Kurz, es müssen mindestens zweihundert sein.«

 

»Schau mal, wie sie taumeln, wie besoffen… da ist schon wieder einer gefallen.«

 

»Es ist ein ganzer Stamm. Kinder sind ja auch dabei.«

 

»Kid, ich gewinne«, verkündete Kurz. »Ahnung ist Ahnung, und es ist nichts dagegen zu machen. Da kommen sie! Schau sie dir an! Sie kommen an wie eine Kompanie Leichen.«

 

Die Indianer, die jetzt die beiden Männer gesichtet hatten, brachen in ein Jubelgeschrei aus und beschleunigten ihren Gang.

 

»Sie sind ziemlich wacklig auf den Beinen«, meinte Kurz. »Sie fallen haufen- und rudelweise um.«

 

»Sieh dir mal das Gesicht des Vordersten an«, sagte Kid. »Es ist Hunger… das ist es, was mit ihnen los ist. Sie haben ihre Hunde aufgegessen.«

 

»Was wollen wir tun? Weglaufen?«

 

»Und Schlitten und Hunde zurücklassen?« fragte Kid vorwurfsvoll.

 

»Sie werden uns auffressen, wenn wir es nicht tun. Sie sehen hungrig genug aus. Hallo, alter Freund. Was ist mit dir los? Schau den Hund nicht so an! Den kriegst du doch nicht in deinen Kochtopf, verstehst du?«

 

Die ersten waren schon angelangt und scharten sich jetzt um die beiden, während sie klagten und wimmerten, aber in einer Sprache, die weder Kid noch Kurz verstand.

 

Kid fand diesen Auftritt ebenso lächerlich wie schreckenerregend.

 

Es war kein Zweifel, daß sie Hunger litten. Ihre Gesichter mit den eingefallenen Wangen und der Haut, die sich straff über die Knochen spannte, schienen Totenköpfen anzugehören. Immer mehr kamen heran und umdrängten Kid und Kurz, bis sie von der wahnsinnigen Schar völlig umzingelt waren.

 

»Geht weg da – weg, zum Teufel!« schrie Kurz jetzt wieder auf englisch, nachdem er vergebliche Versuche mit seinen indianischen Brocken gemacht hatte.

 

Männer, Frauen und Kinder wankten und taumelten auf ihren zitternden Beinen, und sie wurden immer aufdringlicher. Ihre Augen füllten sich mit Tränen der Schwäche und brannten von dem Feuer der Gier. Stöhnend wankte eine Frau an Kurz vorbei und fiel mit ausgebreiteten Armen über den Schlitten. Ein alter Mann folgte ihrem Beispiel und begann mit zitternden Händen, stöhnend und ächzend die Riemen zu lösen, um an die Proviantsäcke heranzukommen. Ein junger Mann, mit einem gezückten Messer in der Hand, versuchte sich heranzudrängen, wurde aber von Kid zurückgeworfen. Jetzt aber drang die ganze Bande auf sie ein, und der Kampf begann.

 

Anfangs stießen, schoben und schleuderten Kid und Kurz die Angreifer nur zurück. Dann aber waren sie genötigt, Peitschenstiele und die bloßen Fäuste gegen die ausgehungerte Schar zu gebrauchen. Und den Hintergrund dazu bildete der Kreis wimmernder und jammernder Frauen und Kinder. Hier und da gelang es den Angreifern, die Gepäckriemen zu durchschneiden. Männer krochen auf dem Bauch heran, ohne sich um den Regen von Schlägen und Hieben zu kümmern, die auf ihre Rücken herniederprasselten, verblendet von der Hoffnung, die Lebensmittel zu erreichen. Kid und Kurz mußten sie buchstäblich am Kragen packen und gewaltsam zurückschleudern. Und so groß war die Schwäche dieser Armen, daß sie beim leichtesten Stoß umfielen. Sie machten auch keinen Versuch, den beiden Männern, die ihre Schlitten verteidigten, etwas Böses anzutun.

 

Ausschließlich die Schwäche der Indianer war schuld daran, daß Kurz und Kid nicht überrannt wurden. Im Laufe von fünf Minuten war die Mauer aufrecht stehender, kämpfender Indianer in einen Haufen Gefallener verwandelt, die wimmernd und ächzend im Schnee lagen, während sie schrien und greinten und mit tränenden Augen den Proviant anstarrten, der für sie das Leben bedeutete und den sie so leidenschaftlich begehrten, daß der Geifer vor ihrem Munde stand. Und hinter diesem Haufen erhob sich das klagende Geschrei der Frauen und Kinder.

 

»Haltet doch den Mund! Hört doch auf!« brüllte Kurz, der sich vergebens die Finger in die Ohren steckte, während er vor Anstrengung laut stöhnte. »Ah, das wolltest du… so, das wolltest du…!« rief er, sprang vorwärts und schlug einem Mann, der auf dem Bauch durch den Schnee gekrochen war und den Versuch machte, dem Leithund die Kehle durchzuschneiden, mit einem Fußtritt das Messer aus der Hand.

 

»Furchtbar«, murmelte Kid.

 

»Mir ist auch ganz heiß geworden«, antwortete Kurz, als er zurückkam, nachdem er Bright das Leben gerettet hatte. »Was wollen wir nun mit diesem ganzen Lazarett hier anstellen?«

 

Kid schüttelte den Kopf, aber im selben Augenblick wurde das Problem gelöst. Ein Indianer kam herangekrochen. Sein eines Auge war auf Kid und nicht auf den Schlitten gerichtet, und Kid konnte in ihm lesen, wie der gesunde Verstand um die Herrschaft kämpfte. Kurz erinnerte sich, daß er dem Mann einen Faustschlag auf das andere Auge gegeben hatte, das auch schon geschwollen und vorläufig geschlossen war. Der Indianer erhob sich auf den Ellbogen und sprach.

 

»Mich Carluk! Mich gut Siwash. Mich kennen weißen Mann serr gutt. Mich serr hungrig. Alle Leute hier serr hungrig. Aber Leute nich kennen weißen Mann. Mich kennen. Mich essen Proviant. Alle Leute essen Proviant. Wir kaufen Proviant. Wir villes Gold. Sommer kein Lachs Milchfluß. Winter kein Elch kommen. Kein Proviant. Mich sprechen alle Leute. Mich sagen ville weiße Leute aus Yukon kommen. Weißen Mann villen Proviant. Weißen Mann lieben Gold. Lieben serr. Wir bringen ihm Gold, gehen Yukon, weißen Mann geben Proviant. Serr villes Gold. Mich wissen, weißen Mann lieben Gold.«

 

Mit seinen abgezehrten Fingern tastete er an einer Tasche, die er am Gürtel trug, herum.

 

»Ihr machen zuviel Lärm«, unterbrach Kurz ihn ärgerlich. »Du sagen Squaws, sie sagen Papusse, sie halten jetzt Mund.«

 

Carluk drehte sich um und sprach auf die klagenden Weiber ein. Andere Männer, die auf seine Worte gelauscht hatten, erhoben ihre Stimmen gebieterisch, und allmählich verstummten die Frauen und brachten auch die Kinder zum Schweigen. Carluk löste die Schnur seines Tabaksbeutels und hielt die Finger mehrmals in die Höhe.

 

»So ville sein Volk tot«, sagte er.

 

Und Kid, der nachgezählt hatte, stellte fest, daß fünfundsiebzig Mitglieder des Stammes verhungert waren.

 

»Mich kaufen Proviant«, sagte Carluk, als er endlich den Beutel geöffnet hatte, und zog einen großen Klumpen schweren Metalls hervor. Andere folgten seinem Beispiel, und auf allen Seiten tauchten ähnliche Klumpen auf. Kurz starrte sie an.

 

»Herrgott!« rief er. »Kupfer! Rohes rotes Kupfer! Und sie glauben, es sei Gold.«

 

»Ihn Gold sein«, versicherte Carluk vertrauensvoll. Mit seiner schnellen Auffassungsgabe hatte er sofort den Sinn des Ausrufes verstanden.

 

»Und die armen Teufel haben ihr ganzes Vertrauen darauf gesetzt«, murmelte Kid. »Schau es dir an. Der Klumpen da wiegt mindestens vierzig Pfund. Sie haben viele hundert Pfund davon, und sie haben es hierher geschleppt, obgleich sie kaum Kraft genug hatten, sich selbst zu schleppen. Sieh mal, Kurz, wir müssen ihnen etwas zu essen geben.«

 

»So so, das klingt ja verflucht einfach! Aber wie steht es mit deinen geliebten Zahlen? Wir haben zusammen Proviant für einen Monat, also dreißig mal sechs Mahlzeiten, im ganzen hundertachtzig Mahlzeiten. Hier sind zweihundert Indianer, die alle einen erstklassigen ausgewachsenen Appetit haben. Wir können ihnen also nicht einmal eine einzige Mahlzeit geben.«

 

»Dann haben wir das Hundefutter!« antwortete Kid. »Einige hundert Pfund getrockneter Lachs werden schon ein bißchen helfen. Wir müssen es jedenfalls tun. Sie haben ihre ganze Hoffnung auf den weißen Mann gesetzt, weißt du.«

 

»Selbstverständlich können wir sie nicht im Stich lassen«, stimmte Kurz ihm bei, »und daher haben wir jetzt zwei verdammt eklige Dinge zu tun, eines genauso eklig wie das andere. Einer von uns muß ein Wettrennen nach Mucluc machen und dort versuchen, eine Hilfsexpedition auf die Beine zu bringen. Der andere muß hierbleiben, das Lazarett in Betrieb bringen und sich höchstwahrscheinlich auch noch fressen lassen. Aber vergiß allergütigst nicht, daß wir sechs Tage gebraucht haben, um hierherzugelangen, und wenn man auch ohne großes Gepäck reist und dazu noch besonderes Glück hat, so kann man doch den Rückweg bestenfalls in drei Tagen machen.«

 

Einen Augenblick ließ Kid sich die vielen Meilen, die sie zurückgelegt hatten, durch den Kopf gehen, indem er sie an seinen Kräften maß, um auszurechnen, wie lange er wohl dazu brauchen würde. Dann sagte er: »Ich kann morgen abend dort sein.«

 

»Schön!« bestätigte Kurz zufrieden. »Dann werde ich hierbleiben und mich auffressen lassen.«

 

»Aber ich muß einen Fisch für jeden Hund mitnehmen«, erklärte Kid. »Und eine Mahlzeit für mich selbst.«

 

»Die wirst du auch dringend brauchen, wenn du morgen abend in Mucluc sein willst.«

 

Durch Vermittlung Carluks legte Kid jetzt das Programm fest.

 

»Machen Feuer, lange Feuer, viele Feuer…«, schloß er seine Ansprache. »Sehr viele weiße Mann leben Mucluc. Weiße Mann sehr gut. Weiße Mann sehr viel Futter. Fünf Tage mich zurückkommen, viel Proviant. Dieser Mann Kurz sehr gut Freund von mir. Er bleiben hier. Ein großer Häuptling, verstanden?«

 

Carluk nickte und übersetzte.

 

»Aller Proviant hierbleiben. Kurz euch Proviant geben. Er Häuptling, verstanden?«

 

Wieder übersetzte Carluk. Durch Nicken und rauhe Gaumenlaute gaben die andern Indianer ihre Zustimmung zu erkennen.

 

Kid blieb noch und half, bis alle Vorbereitungen in Schwung gekommen waren. Diejenigen, welche noch imstande waren, sich zu bewegen, krochen oder wankten herum, um Brennholz zu sammeln. Lange Feuer wurden nach Indianerart gemacht, daß alle an ihnen Platz fanden. Kurz hatte sich ein Dutzend Leute zu Hilfe genommen, die alle mit einem kurzen Knüppel bewaffnet waren, womit sie allzu hungrige Finger am Stehlen hinderten. Er stürzte sich mit Feuereifer auf seine Tätigkeit als Koch. Die Frauen übernahmen es, in allen verfügbaren Töpfen Schnee zu tauen. Zunächst wurde ein kleines Stück Räucherspeck unter sämtliche Indianer verteilt, und dann bekamen sie je einen Teelöffel Zucker, um den allerschlimmsten Hunger zu stillen. Bald kochten viele Töpfe mit Bohnen über einem kreisförmigen Feuer, in dessen Mitte Kurz sich befand. Mit entrüsteten Blicken achtete er darauf, daß keiner mogelte – wie er sagte -, während er die dünnsten Eierkuchen buk, die er je in seinem Leben zubereitet hatte. »Mich jetzt großer Kochmeister«, sagte er zum Abschied zu Kid. »Und du machst, daß du die Beine rührst. Lauf den ganzen Weg hin und komm im Galopp zurück. Ich rechne, daß du heute und morgen brauchst, um hinzukommen, und mindestens drei Tage für den Rückweg. Morgen werden sie den letzten Fisch verschlingen, und dann gibt’s keinen Krümel, bevor du in drei Tagen zurück bist. Du mußt die Beine rühren, Kid, sie ganz verdammt schnell rühren.«

 

Der Schlitten war leicht, da er ja nur mit den sechs Lachsen, einigen Pfunden gefrorener Bohnen und Speck und einem Schlafsack beladen war. Aber dennoch konnte Kid keine große Schnelligkeit erzielen. Statt auf dem Schlitten zu liegen und die Hunde anzutreiben, mußte er neben der Lenkstange durch den Schnee trotten. Außerdem hatten sie alle schon eine ganze Tagesarbeit hinter sich, und sowohl er wie die Hunde waren müde. Die lange arktische Dämmerung war bereits angebrochen, als er die Wasserscheide überschritt und die „Bald Buttes“ hinter sich ließ.

 

Den Hang hinab ging es schneller, und er konnte öfter, jedenfalls für kurze Zeit, auf den Schlitten springen und die Hunde zu einer Schnelligkeit von sechs Meilen antreiben. Aber die Dunkelheit brach herein, und er verirrte sich in dem weiten Tal eines unbekannten Baches. Hier lief der Strom in mächtigen hufeisenförmigen Kurven über den Felsgrund, und um keine Zeit zu verlieren, durchquerte Kid das Gelände, statt sich an den Bach zu halten. Als es ganz dunkel wurde, mußte er an den Bach zurückkehren, um die Fährte zu suchen. Nachdem er eine ganze Stunde mit vergeblichem Suchen verloren hatte, hielt er es für klüger, jetzt nicht weiterzusuchen, und machte Feuer, gab jedem Hund einen halben Fisch und verzehrte selbst die Hälfte seiner Ration. Als er in seinen Schlafsack gekrochen war, gelang es ihm, vor dem Einschlafen das Problem zu lösen. Die letzte Niederung, die er durchquert hatte, lag dort, wo der Bach sich in mehrere Arme teilte. Er hatte sich folglich um eine Meile von der Fährte entfernt. Er befand sich jetzt am Hauptstrom unterhalb der Stelle, wo seine und Kurz‘ Fährte das Tal durchquerte, um sich über ein kleines Bächlein und die niedrige Wasserscheide auf der andern Seite zu schlängeln.

 

Beim ersten leisen Morgendämmern machte er sich, ohne gefrühstückt zu haben, wieder auf den Weg und watete den Bach eine Meile aufwärts, um die verlassene Fährte wiederzufinden. Ohne daß er oder die Hunde etwas zu essen bekamen, fuhr er dann wieder los. Es wurde kein Halt unterwegs gemacht – acht Stunden lang überquerten er und seine Tiere die ganze Reihe von kleinen Bächen und niedrigen Wasserscheiden und setzten unverdrossen den Weg am Minnowbach entlang fort. Es war gegen vier Uhr nachmittags geworden, und fast undurchdringliche Finsternis umgab ihn schon, als er den hartgetretenen Weg zum Moosebach erreichte. Fünfzig Meilen mußte er diesem noch folgen, ehe die Tagesarbeit beendet war. Er hielt die Tiere an, machte Feuer, gab den Hunden den Rest der Fische, taute seine letzten Bohnen auf und verzehrte sie. Dann sprang er auf den Schlitten, schrie sein »Hü«, und die Hunde warfen sich energisch in die Sielen.

 

»Hü… schnell, schnell, meine Hunde!« rief er. »Hü… hott… schnell, dann bekommt ihr zu fressen! In Mucluc ist Futter genug für euch! Los, ihr Wölfe! Los… hü…!«

 

Im Wirtshaus „Annie Mine“ zeigte die Uhr schon dreiviertel eins. Im Schankraum waren noch viele Gäste. In dem großen Saal glühten die dickbäuchigen Öfen, und da die Ventilation viel zu wünschen übrigließ, herrschte eine ungesunde Hitze. Das harte Klappern des Spielgeldes und das Lärmen der Spieler am Würfeltisch schufen einen eintönigen Hintergrund zu dem ebenso eintönigen Gemurmel der vielen Männer, die rings in dem großen Raum saßen oder standen und sich in größeren oder kleineren Gruppen unterhielten. Die Männer an den Goldwaagen hatten vollauf zu tun, denn Goldstaub war das übliche Zahlungsmittel, und jedes Getränk an der Bar mußte den Männern an den Waagen in Staub bezahlt werden.

 

Die Wände des Schankraums bestanden aus Balken, die noch die Rinde trugen, und die Zwischenräume waren mit arktischem Moos ausgefüllt, das deutlich zu sehen war. Zu der offenen Tür des Tanzsaals klangen die heiteren Töne eines Klaviers und einer Geige heraus. Das chinesische Lottospiel war gerade zu Ende, und der glückliche Gewinner, dem der Gewinn schon an der Waage ausgezahlt war, wollte ihn mit einigen Zechgenossen vertrinken. An den Pharao- und Roulettischen war jeder Platz besetzt, und hier herrschte eifriges Schweigen. Ebenso war es an den Tischen, wo die Kartenspieler saßen, um die sich eine Schar von Kiebitzen gesammelt hatte. An einem Tisch wurde mit großem Ernst und viel Feierlichkeit Sechsundsechzig gespielt. Nur von dem Tisch, wo gewürfelt wurde, hörte man Lärm und Rufen, wenn der Spieler die Würfel mit flottem Schwung auf das grüne Tuch warf, wo sie ihrem sehnsüchtig begehrten, aber immer unerreichten Ziel entgegenstrebten. Dabei rief er unaufhörlich mit lauter Stimme: »Oh, Freundchen… gib doch vier… gib mir einen ordentlichen Treffer! Donnerwetter: Sechs, bring mir noch ’nen richtigen Treffer, mein kleines Freundchen!«

 

Cultus George, ein großer, kräftiger Indianer aus Circle City, hielt sich abseits und lehnte sich mürrisch an die Balkenwand. Er war ein zivilisierter Indianer, falls man einen Indianer zivilisiert nennen kann, weil er wie die weißen Männer lebte. Er fühlte sich sichtlich beleidigt, obgleich dies Beleidigtsein sich über lange Zeit erstreckte. Jahrelang hatte er ja dieselbe Arbeit geleistet wie die Weißen und hatte sie auch an der Seite der Weißen getan, oft genug besser als die Weißen. Er trug auch die gleichen Hosen wie sie, die gleichen schweren Wollhemden. Er besaß eine Uhr wie sie, trug das Haar gescheitelt wie sie und aß dasselbe wie sie – Räucherspeck, Bohnen und Mehl -, und doch war ihm der Zutritt zu ihren Hauptvergnügungen, ihrer begehrtesten Belohnung nach der Arbeit, verboten: er durfte keinen Whisky trinken. Cultus George verdiente viel Geld. Er hatte Goldfelder gefunden und Goldfelder gekauft und verkauft. Im Augenblick war er Fuhrherr und besorgte mit seinen Hundegespannen weite Frachttransporte. Er erhielt zwei Shilling das Pfund für eine Winterfahrt von den „Sechzig Meilen“ bis Mucluc, für den Transport von Räucherspeck sogar drei Shilling, wie es Sitte war. Seine Tasche strotzte von Goldstaub – und doch hätte kein Mann an der Bar ihm etwas zu trinken gegeben. Der Whisky, dieses herrlichste Geschenk der Zivilisation, das die schnellste und gründlichste Befriedigung schuf, existierte für ihn nicht. Nur auf geheimnisvollen, verborgenen und sehr kostspieligen Wegen konnte er sich hin und wieder ein Glas verschaffen. Und er empfand diesen Unterschied immer noch ebenso tief wie am ersten Tage. Heut abend war er ganz besonders durstig, und deshalb haßte er die weißen Männer, mit denen er sonst so emsig wetteiferte, noch bitterer als sonst. Der weiße Mann erlaubte ihm allergnädigst, sein Geld am Spieltisch zu verlieren, aber weder für Geld noch für Freundschaft konnte er einen Trunk an ihrer Bar erlangen. Deshalb war er sehr schüchtern und dachte sehr logisch, und seine Logik war besonders bissig.

 

Der Tanz in dem anliegenden Raum schloß mit einem wilden Finale, das jedoch die drei Säufer, die unter dem Klavier lagen und schnarchten, nicht störte.

 

»Alle an die Bar!« rief der Vortänzer, als die Musik eine Pause machte. Und dann marschierten sämtliche Paare durch die Türöffnung in den Schankraum – die Männer in Mokassins und Pelzen, die Damen in weichen, zarten Kleidern, in seidenen Strümpfen und Tanzschuhen. Eben in diesem Augenblick wurde die doppelte Haustür aufgerissen, und Alaska-Kid wankte erschöpft herein.

 

»Was ist denn los, Kid?« fragte Matson, der Inhaber der „Annie Mine“.

 

Nur mit Mühe gelang es Kid, seinen Mund von den Eisklumpen zu befreien, die in seinem Barte hingen. »Ich habe meine Hunde draußen… sie sind zum Sterben erschöpft«, sagte er heiser. »Einer von euch muß hinausgehen und sich ihrer annehmen… dann erzähle ich euch, was los ist.«

 

In abgebrochenen Sätzen berichtete er, was geschehen war.

 

Selbst der Würfelspieler hatte sein Geld auf dem Tisch liegengelassen und war – obgleich er noch immer nicht seinen großen Treffer gemacht hatte – zu Kid getreten.

 

Er war der erste, der jetzt sprach: »Da müssen wir was tun! Das ist klar… aber was? Du hast Zeit gehabt, dir die Sache zu überlegen. Was meinst du?«

 

»Ja«, sagte Kid. »Jetzt sollt ihr hören, was ich mir ausgedacht habe. Wir müssen so bald wie möglich einige leichte Schlitten abgehen lassen, sagen wir hundert Pfund Proviant auf jedem. Die Ausrüstung des Führers und das Hundefutter erhöhen das Gewicht um weitere fünfzig Pfund. Aber sie werden eine gehörige Schnelligkeit erzielen können. Sagen wir, daß wir fünf solcher Schlitten abschicken, aber sofort, die schnellsten Gespanne, die besten Hundefahrer und Fährtensucher. Auf der weichen Bahn können die Schlitten spielend vorwärts kommen. Sie müssen aber gleich abfahren. Bestenfalls vergehen doch drei Tage, bis die Schlitten hingelangen, und so lange haben die Indianer nichts zu essen. Und sobald die leichteren Schlitten abgeschickt sind, werden wir mit schwerbeladenen nachkommen. Ihr könnt es ja selbst ausrechnen. Zwei Pfund für den Tag ist das allerwenigste, womit wir die Indianer halbwegs anständig auf den Beinen halten können. Das macht vierhundert Pfund täglich, und da sie Kinder und alte Leute mitführen, brauchen wir mindestens fünf Tage, um sie nach Mucluc zu bringen. Was wollt ihr also machen?«

 

»Eine Sammlung veranstalten, um den Proviant zu kaufen«, sagte der Würfelspieler.

 

»Den Proviant nehme ich auf mich«, sagte Kid ungeduldig.

 

»Gibt’s hier nicht!« unterbrach ihn der andere. »Du hast hier nichts auszugeben. Wir machen alle mit. Einer von uns holt eine Waschschüssel. Die ganze Geschichte wird nur ein paar Minuten dauern. Und hier ist der Anfang.«

 

Er zog einen schweren Goldbeutel aus der Tasche, öffnete ihn und ließ einen Strom von grobem Goldstaub und Klumpen in die Waschschüssel rinnen, die inzwischen herbeigeschafft worden war. Ein Mann neben ihm riß seine Hand mit einem kräftigen Ruck beiseite und fluchte mächtig, während er die Öffnung des Sackes nach oben drehte, um den Goldstrom zurückzuhalten. Sechs oder sieben Unzen waren jedoch loser Schätzung nach in die Schüssel gefallein.

 

»Sei nicht solch ein Protz!« schrie der zweite. »Du bist nicht der einzige, der hier Gold hat. Ich bin auch noch da.«

 

»Nanu«, knurrte der Würfelspieler. »Du glaubst wohl, daß es ein Wettrennen ist, so verdammt eifrig bist du.«

 

Die Männer drängten und stießen sich, um ihren Anteil geben zu können, und als sie alle ihr Vergnügen gehabt hatten, hob Kid die gefüllte Schüssel hoch und lachte zufrieden.

 

»Das genügt, um den ganzen Stamm für den ganzen Winter durchzufüttern«, sagte er. »Und wie steht es jetzt mit den Hunden? Zunächst fünf leichte Gespanne, die den Teufel im Leibe haben.«

 

Ein ganzes Dutzend Gespanne wurde zur Verfügung gestellt, und das gesamte Lager, das sich zu einem Komitee aufgeworfen hatte, debattierte und diskutierte, nahm an und verwarf.

 

Sobald ein Gespann gewählt war, eilte der Besitzer, von fünf bis sechs Gehilfen begleitet, hinaus, um sofort anzuschirren und sich bereit zu machen.

 

Ein Gespann wurde zurückgewiesen, weil es erst am selben Nachmittag müde heimgekommen war. Ein Hundebesitzer stellte sein Gespann zur Verfügung, zeigte aber einen verbundenen Fuß, der es ihm unmöglich machte, es selbst zu lenken. Dieses Gespann übernahm Kid, ohne sich um die Einwände der andern zu kümmern, die behaupteten, daß er zu erschöpft sei.

 

Der lange Bill Haskell erklärte, daß der Dicke Olsen nicht in Frage käme, obgleich sein Gespann glänzend wäre, denn er hätte das Gewicht eines ausgewachsenen Elefanten. Der Dicke Olsen empfand seine zweihundertvierzig Pfund als eine tiefe Beleidigung. Tränen des Zorns füllten seine Augen, und seinen unendlichen Wortschwall konnte man erst beschwichtigen, als man versprach, ihm einen Platz in der schweren Division zu geben. Der Würfelspieler ergriff eifrig die Gelegenheit, um das Gespann des Dicken Olsen zu übernehmen.

 

Endlich waren fünf Gespanne gewählt und wurden angeschirrt, während man die Schlitten belud. Das Komitee hatte indessen nur vier Hundefahrer als tüchtig genug für die fliegende Division angesehen.

 

»Da haben wir ja Cultus George«, rief einer. »Er ist der richtige Meilenfresser, außerdem ganz ausgeruht und glänzend in Form.«

 

Aller Augen richteten sich auf den Indianer, dessen Gesicht aber unbeweglich blieb. Er sprach auch kein Wort.

 

»Willst du ein Gespann übernehmen?« fragte Kid.

 

Der große Indianer gab noch immer keine Antwort. Wie ein elektrischer Schlag durchfuhr alle das Gefühl, daß jetzt irgend etwas Unerwartetes geschehen würde. Alle verließen schnell ihre Plätze und bildeten einen Kreis um Kid und Cultus George, die Angesicht zu Angesicht dastanden. Kid fühlte, daß er einstimmig zum Vertreter seiner Kameraden gewählt worden und ihrer Zustimmung sicher war, was jetzt auch geschehen würde. Er war zudem tief empört. Er begriff überhaupt nicht, daß ein anständiger Mensch, der noch dazu den Eifer der Freiwilligen gesehen hatte, sich in einem solchen Falle zurückhalten konnte. Im übrigen hatte Kid auch, während sich das Folgende abspielte, gar keine Ahnung von dem tatsächlichen Standpunkt Cultus Georges. Es fiel ihm nicht ein, daß der Indianer andere Gründe als rein geschäftliche und selbstische für seine Zurückhaltung haben könnte.

 

»Selbstverständlich werden Sie ein Gespann übernehmen«, sagte Kid.

 

»Für wieviel?« fragte Cultus George.

 

Unwillkürlich entrang sich allen Kehlen ein drohendes Knurren. Alle Lippen schürzten sich verächtlich. »Wartet einen Augenblick, Kameraden«, rief Kid. »Vielleicht hat er uns nicht richtig verstanden. Laßt mich ihm die Sache erklären. Hör mal, George, siehst du nicht, daß hier niemand etwas bekommt? Sie tragen alle ihr Scherflein bei, um zweihundert Indianer vorm Hungertod zu retten.«

 

»Wieviel?« wiederholte Cultus George.

 

»Wartet, Kameraden, hör, George. Wir wollen nicht, daß du einen Fehler machst. Die Leute, die jetzt verhungern, gehören deinem eigenen Volke an. Es ist freilich ein anderer Stamm, aber es sind doch Indianer. Nun hast du gesehen, was die weißen Männer hier alle ohne Ausnahme tun: sie geben ihren Goldstaub, sie geben ihre Hunde, ihre Schlitten, streiten sich sogar, wer die Fahrt mitmachen soll. Nur der beste Fahrer kann die Führung übernehmen. Sieh dir mal den Dicken Olsen da an! Er war bereit, sich zu schlagen, nur weil sie ihn nicht gehen lassen wollten. Du müßtest mächtig stolz sein, daß die Männer dich für den besten Hundetreiber halten. Es geht hier nicht um wieviel, sondern um wie schnell.« – »Wieviel?« wiederholte Cultus George.

 

»Schlagt ihn tot!« – »Haut ihm den Schädel ein!« – »Teert und federt ihn!« lauteten einige von den Rufen, die man aus dem jetzt entstehenden wilden Getümmel zu hören bekam. Der Geist der Menschenliebe und der guten Kameradschaft war mit einem Schlage einer brutalen Roheit gewichen.

 

Im Zentrum des Sturms stand Cultus George vollständig unberührt und ruhig, während Kid die Zudringlichsten zurückschob und rief:

 

»Seid doch ruhig! Wer von uns soll die Sache hier machen?« Der Lärm verstummte. »Bringt mir ein Seil«, fügte er dann ruhig hinzu.

 

Cultus George zuckte die Achseln. Sein Gesicht verzerrte sich zu einem ungläubigen und mürrischen Grinsen. Er kannte die weißen Männer. Er hatte zu oft schwere Fahrten mit ihnen gemacht und Mehl und Speck und Bohnen mit ihnen gegessen, um sie nicht gründlich zu kennen. Er wußte, daß es eine Rasse war, die dem Gesetz gehorchte. Er wußte das voll und ganz. Sie bestraften stets den Mann, der sich gegen das Gesetz verging. Er aber hatte kein einziges Gesetz übertreten. Er kannte die Gesetze der Weißen. Er hatte selbst nach diesen Gesetzen gelebt. Er hatte weder gemordet noch gestohlen noch falsches Zeugnis abgelegt. Es gab keine Bestimmung in den Gesetzen des weißen Mannes, die ihm verbot, Bezahlung zu nehmen oder den Preis so hoch zu schrauben, wie es ihm beliebte. Sie verlangten alle ihren Preis und schraubten ihn so hoch, wie sie Lust hatten. Er tat auch jetzt nichts anderes als nur das, was sie ihn selbst gelehrt hatten. Außerdem – wenn er nicht gut genug war, um mit ihnen zu trinken, so war er auch nicht gut genug, um den Philanthropen mit ihnen zu spielen oder sich sonst irgendwie an ihren verrückten Unternehmungen zu beteiligen.

 

Als das Seil herbeigeschafft war, legten der lange Bill Haskell, der Dicke Olsen und der Würfelspieler sehr ungeschickt, aber mit dem Eifer der Entrüstung eine Schlinge um den Hals des Indianers und warfen das Ende des Seils über einen Dachbalken.

 

Cultus George leistete keinen Widerstand. Er wußte, was es war nur Bluff. Die Weißen waren überhaupt tüchtig im Bluffen. War nicht Poker ihr Lieblingsspiel? Betrieben sie nicht all ihre Geschäfte, kauften und verkauften und machten Preistreibereien mit Bluff und Schwindel? Ein halbes Dutzend Männer ergriff das Seil und hielt sich bereit, den Indianer in die Höhe zu ziehen. »Wartet noch!« befahl Kid. »Bindet ihm die Hände. Wir wollen nicht, daß er da oben herumklettert.«

 

Noch mehr Theater, dachte Cultus George und ließ sich die Hände ohne Widerstand auf den Rücken binden.

 

»Jetzt geb‘ ich dir die letzte Chance, George«, sagte Kid. »Willst du eines von den Gespannen übernehmen?«

 

»Wieviel?« fragte Cultus George.

 

Kid gab den Kameraden das Zeichen – befremdet von seinem eigenen Tun und gleichzeitig empört über die unglaubliche Selbstsucht des Indianers. Und Cultus George war nicht weniger erstaunt, als er fühlte, wie die Schlinge sich mit einem Ruck um seinen Hals zusammenzog und er selber plötzlich vom Boden gehoben wurde. Im selben Augenblick brach sein Eigensinn zusammen. Auf seinem Gesicht malten sich in schneller Folge Überraschung, Angst und Schmerz.

 

Kid wartete unruhig, was geschehen würde. Da er selbst noch nie aufgehängt worden war, fühlte er sich auf diesem Gebiete als Neuling. Der Körper des Indianers zuckte krampfhaft, die gefesselten Hände bemühten sich, die Bande zu sprengen, und aus der Kehle kam ein unheimliches Röcheln. Kid hob die Hand.

 

Die Männer waren ärgerlich, daß die Strafe nur so kurz dauerte, ließen aber den Indianer wieder herunter. Seine Augen quollen aus ihren Höhlen, er konnte kaum auf den Beinen stehen, schwankte hin und her, während er mit den gefesselten Händen in die Luft griff.

 

Kid erriet, was er wollte. Rücksichtsvoll steckte er die Finger zwischen das Seil und den Hals und lockerte die Schlinge mit einem harten Ruck. Jetzt erst konnte Cultus George, tief aufatmend, seine Lungen mit Luft füllen.

 

»Du übernimmst also ein Gespann?« fragte Kid.

 

Cultus George antwortete nicht gleich. Im Augenblick dachte er nur daran, Luft zu schöpfen.

 

»O ja, du hast ganz recht«, erklärte Kid, um die Pause auszufüllen. Ihm war selbst die Rolle, die er hier spielen mußte, zuwider. »Wir Weißen sind richtige Bestien. Wir würden unsere Seele für Gold verkaufen und so weiter, aber es kann geschehen, daß wir das mal vergessen, uns davon losreißen und etwas tun, ohne nur einen Augenblick daran zu denken, wieviel wir damit verdienen können. Und wenn wir das tun, Cultus George, dann mußt du aufpassen. Was wir jetzt wollen, ist: Willst du ein Gespann übernehmen?«

 

Cultus George überlegte hin und her. Er war kein Feigling. Vielleicht würden sie ihren Bluff nicht weitertreiben, und dann war er ein Esel, wenn er jetzt nachgab. Und während er überlegte, litt Kid alle Höllenqualen der Angst, daß dieser starrköpfige Indianer darauf bestehen würde, gehängt zu werden.

 

»Wieviel?« wiederholte Cultus George.

 

Kid wollte schon ein Zeichen geben, ihn wieder hochzuziehen.

 

»Mich lieber gehen!« sagte Cultus George sehr schnell, bevor das Seil wieder angezogen wurde.

 

 

 

»Und als die Hilfsexpedition ankam«, erzählte Kurz in der „Annie Mine“, »war dieses Indianerbiest von Cultus George der erste; er hatte sogar Kid um drei Stunden geschlagen, und ihr dürft nicht vergessen, daß Kid immerhin der zweite war. Na, es war aber auch Zeit, als ich Cultus George seine Hunde oben vom Kamm der Wasserscheide antreiben hörte, denn diese verfluchten Siwashs hatten schon meine Mokassins, meine Handschuhe, die Lederriemen und meine Messerscheide aufgefressen, und einige von ihnen begannen hungrige Blicke auf meine Person zu werfen – ich war ja besser gefüttert als sie, versteht ihr.

 

Und Kid? Er war mehr als halb tot. Er fummelte ein bißchen herum und half, das Essen für die zweihundert hungrigen Siwashs zu bereiten, aber dann schlief er ein, als er gerade auf dem Hintern saß und sich einbildete, daß er einen Eimer mit Schnee füllte, um ihn aufzutauen. Ich schleppte ihn dann auf mein Bett, und der Teufel soll mich holen, wenn ich ihn nicht hineinlegen mußte, so hin war er.

 

Ja, selbstverständlich habe ich meine Zahnstocher gewonnen. Die Hunde hatten wahrhaftig die sechs Lachse nötig, die Kid ihnen mitten am Tage gab.«

 

Kapitel 3

Kapitel 3

 

Zwei Monate nachdem Alaska-Kid und Kurz auf die Elchjagd gegangen waren, um sich Proviant zu verschaffen, saßen sie wieder in der Kneipe „Zum Elch“ in Dawson.

 

Die Jagd war glücklich beendet, das Fleisch hergeschafft und für zwei und einen halben Dollar das Pfund verkauft worden.

 

Gemeinsam verfügten sie jetzt über dreitausend Dollar in Goldstaub und über ein gutes Hundegespann. Sie hatten entschieden Glück gehabt. Obgleich der Zustrom von Goldsuchern das Wild hundert Meilen oder mehr in die Berge hineingetrieben hatte, war es ihnen doch schon, als sie die halbe Entfernung zurückgelegt hatten, gelungen, in einer engen Schlucht vier Elche zu erlegen.

 

Das Geheimnis, wie diese Tiere sich gerade dorthin verirrt hatten, war jedenfalls nicht größer als das Glück, das die beiden Jäger verfolgte. Denn noch ehe der erfolgreiche Tag zu Ende gegangen war, stießen sie auf ein Lager mit einigen ausgehungerten Indianerfamilien, die ihnen berichteten, daß sie seit drei Tagen kein Wild gesehen hätten. Kid und Kurz gaben ihnen Fleisch im Tausch gegen einige halbverhungerte Hunde. Nachdem sie die Tiere dann eine Woche lang tüchtig aufgefüttert hatten, spannten sie sie vor den Schlitten und fuhren das Fleisch auf den sehr aufnahmefähigen Dawsoner Markt.

 

Jetzt handelte es sich für die beiden Männer darum, ihren Goldstaub in Lebensmittel zu verwandeln.

 

Der augenblickliche Preis für Mehl und Bohnen betrug anderthalb Dollar das Pfund, aber die Schwierigkeit bestand darin, daß niemand verkaufen wollte. Dawson lag eben in den ersten Wehen einer Hungersnot.

 

Hunderte von Männern, die Geld, aber keine Lebensmittel besaßen, hatten das Land verlassen müssen. Viele von ihnen waren, solange das Wasser noch offen war, den Fluß hinabgezogen, und noch mehr waren die sechshundert Meilen über das Eis nach Dyea gewandert, obgleich sie kaum Lebensmittel genug für die Wanderung bei sich hatten.

 

Kid und Kurz trafen sich in der warmen Kneipe. Kid bemerkte gleich, daß sein Kamerad blendender Laune war.

 

»Das Leben ist wahrhaftig kein Festessen, wenn man nicht wenigstens Whisky und etwas Süßes dazu hat«, lautete Kurz‘ Gruß, während er ganze Eisklumpen aus seinem Schnurrbart zog, der langsam aufzutauen begann. Man hörte die Eisklumpen auf den Boden prasseln, wenn er sie wegschleuderte.

 

»Ich habe eben in diesem heiligen Augenblick achtzehn Pfund Zucker gekauft! Der Esel verlangte nur drei Dollar das Pfund. Und wie ist es dir ergangen?«

 

»Ich war auch nicht faul«, antwortete Kid stolz. »Ich habe fünfzig Pfund Mehl bekommen. Und am Adamsbach wohnt ein Mann, der hat mir versprochen, mir morgen noch fünfzig Pfund zu geben.«

 

»Großartig! Wir werden schon durchhalten, bis die Flüsse wieder eisfrei werden. Sag mal, Kid, die Hunde, die wir da gekriegt haben, sind nicht ohne, weißt du! Ein Hundehändler hat mir schon zweihundert Dollar das Stück geboten – er wollte fünf haben. Aber ich habe flott abgelehnt. Sie haben sich ja auch fein herausgemacht, als wir sie mit dem Elchfleisch fütterten. Es ist freilich schon eine tolle Sache, Hunde mit Lebensmitteln zu füttern, die zweieinhalb Dollar das Pfund kosten. Komm, nimm noch ein Glas! Wir müssen wirklich unsere achtzehn Pfund Zucker feiern und einen heben!«

 

Als er einige Minuten später Goldstaub für die Getränke abwog, fiel ihm etwas ein.

 

»Donnerwetter, da hatte ich fast vergessen, daß ich noch einen Mann im „Tivoli“ treffen soll. Er hat etwas verdorbenen Speck, den er uns für anderthalb Dollar das Pfund ablassen will. Den können wir den Hunden zu fressen geben und damit einen ganzen Dollar pro Tag und Stück sparen.«

 

»Auf Wiedersehen also«, sagte Kid. »Ich geh‘ nach Haus und leg‘ mich schlafen.«

 

Kaum hatte Kurz das Zimmer verlassen, als ein pelzbekleideter Mann durch die doppelte Tür und den Windschutz hereinschlüpfte. Sein Gesicht erhellte sich sichtlich, als er Kid sah. Der erkannte sofort Breck, den Mann, dessen Boot er und Kurz durch den »Büchsen-Cañon« und das »Weiße Roß« gefahren hatten.

 

»Ich hab‘ gehört, daß Sie in der Stadt sind«, sagte Breck hastig, während sie sich die Hände schüttelten. »Ich suche Sie schon eine halbe Stunde. Kommen Sie mit hinaus. Ich möchte gern mit Ihnen sprechen.«

 

Kid warf dem summenden, rotglühenden Ofen einen sehnsüchtigen Blick zu.

 

»Geht’s nicht hier?«

 

»Unmöglich. Ist viel zu wichtig. Kommen Sie mit hinaus.«

 

Draußen zog Kid sich einen Handschuh aus, zündete ein Streichholz an und sah nach dem Thermometer, das neben der Tür hing. Die Hand schmerzte in der schneidenden Kälte, und er zog den Handschuh schnell wieder an. Über ihren Häuptern stand der flammende Bogen des Nordlichts. Ganz Dawson hallte wider von dem melancholischen Geheul der vielen Tausende von Wolfshunden.

 

»Wie stand es?« fragte Breck.

 

»Unter sechzig.« Kid spie versuchsweise aus, und der Speichel knisterte in der eisigen Luft. »Und ich glaube, es wird noch mehr fallen, es fällt ja unaufhörlich. Vor einer Stunde stand es erst auf zweiundfünfzig. Jetzt dürfen Sie mir aber nichts von einem neuen Goldfund erzählen.«

 

»Aber das ist es ja eben«, flüsterte Breck vorsichtig. Er warf ängstliche Blicke nach allen Seiten, aus Furcht, daß jemand in der Nähe war und lauschte. »Sie kennen doch den Squawbach, nicht wahr? Er mündet drüben in den Yukon, dreißig Meilen weiter aufwärts.«

 

»Da ist nichts zu machen«, sagte Kid. »Den hat man schon vor vielen Jahren untersucht.«

 

»Das hat man auch mit all den andern reichen Bächen gemacht. Hören Sie jetzt mal her! Es ist eine Menge Gold da. Und es sind nur zweiundzwanzig Fuß bis zum Felsgrund. Es wird kein Claim geben, das nicht mindestens eine halbe Million wert ist. Es ist noch ein großes Geheimnis. Zwei oder drei von meinen intimsten Freunden haben mich eingeweiht. Ich sagte gleich zu meiner Frau, daß ich Sie aufsuchen wollte, bevor ich losging. Also, bis auf dahin! – Mein Gepäck liegt am Ufer versteckt. Die es mir erzählt haben, nahmen mir das Versprechen ab, erst gegen Abend loszugehen, wenn ganz Dawson schläft. Sie wissen ja selbst, was es heißt, wenn man Sie mit der ganzen Goldgräberausrüstung unterwegs sieht. Holen Sie jetzt Ihren Kameraden und kommen Sie mir nach! Sie werden sicher das vierte oder fünfte Claim neben dem des Finders kriegen können. Vergessen Sie nicht: am Squawbach! Es ist das dritte, wenn Sie am Schwedenbach vorbei sind.«

 

 

 

Als Kid die kleine Hütte auf der Anhöhe hinter Dawson betrat, hörte er das vertraute Schnarchen seines Kameraden.

 

»Ach, geh zu Bett«, murmelte Kurz, als Kid ihn an der Schulter rüttelte.

 

»Ich habe keine Nachtwache heute«, knurrte er weiter, als die Hand ihn immer kräftiger schüttelte. »Vertrau deine Sorgen dem Barmixer an.«

 

»Zieh dich schnell an«, sagte Kid, »wir müssen ein paar Claims abstecken.«

 

Kurz setzte sich im Bett auf und wollte einige energische Ausdrücke vom Stapel lassen, als ihm Kid die Hand vor den Mund hielt.

 

»Pst!« warnte Kid. »Es ist eine ganz große Sache. Weck nicht die Nachbarschaft. Dawson schläft noch.«

 

»Nanu, das wirst du mir erst beweisen müssen. Selbstverständlich erzählt keiner einem was von einem großen Goldfund! Oh, sie machen immer alle ein furchtbares Geheimnis daraus, aber eben deshalb ist es verblüffend, daß sie alle hinlaufen.«

 

»Es handelt sich um den Squawbach«, flüsterte Kid. »Es ist alles in Ordnung: Breck hat mir den Tip gegeben. Der Bach ist ganz seicht. Von den Graswurzeln abwärts ist alles Gold. Komm jetzt. Wir machen uns ein paar ganz leichte Pakete und türmen dann sofort.«

 

Kurz schloß wieder die Augen und legte sich ruhig ins Bett zurück. Im nächsten Augenblick hatte Kid ihm die Decken weggerissen.

 

»Wenn du das Gold nicht haben willst, dann will ich es«, erklärte Kid entrüstet.

 

Kurz stand auf und begann sich anzuziehen.

 

»Wollen wir die Hunde mitnehmen?« fragte er.

 

»Nein, am Bach gibt es sicher keinen festgetretenen Weg, und wir kommen deshalb schneller ohne sie hin.«

 

»Dann will ich ihnen was zu fressen geben, damit sie nicht hungern, während wir weg sind. Vergiß nicht, etwas Birkenrinde und ein Licht mitzunehmen.«

 

Kurz öffnete die Tür, spürte die beißende Kälte und zog sich schnell wieder zurück, um die Ohrenklappen festzubinden und die Fäustlinge anzuziehen.

 

Fünf Minuten später kam er wieder. Er rieb sich mit großer Energie die Nase.

 

»Du, Kid, ich bin sehr gegen dieses Wettrennen. Es ist kälter heute als die Türangeln der Hölle vor tausend Jahren, ehe das erste Feuer angezündet wurde. Außerdem ist heute Freitag, der Dreizehnte, und wir werden nur Pech haben, so sicher, wie Funken nach oben fliegen.«

 

Mit kleinen Goldgräberbündeln auf dem Rücken schlossen sie die Tür hinter sich und rutschten den Hügel hinab. Die strahlende Pracht des Nordlichts war schon erloschen – nur die Sterne zitterten in der eisigen Kälte am Himmel, und ihr unsicherer Schein stellte den Füßen der Wanderer Fallen.

 

Bei einer Wegbiegung strauchelte Kurz in dem tiefen Schnee, und das gab ihm Anlaß, seine Stimme zu erheben und den Tag samt Woche, Monat und Jahr in gutgewählten Worten zu segnen.

 

»Kannst du denn nicht den Mund halten?« zischelte Kid. »Laß doch den Kalender in Ruhe. Du weckst ja ganz Dawson, so daß sie alle hinter uns herkommen.«

 

»So, das meinst du? Siehst du das Licht in der Hütte dort? Und in der andern da drüben? Und hörst du die Tür dort knallen? Oh, ganz Dawson schläft, da ist gar kein Zweifel möglich! Die Lichter da? Alles natürlich nur Leute, die ihre toten Tanten begraben! Nichts liegt ihnen ferner, als auf die Goldsuche zu gehen. Ich wette mein Leben, daß sie gar nicht daran denken.«

 

Als sie den Fuß des Hügels erreichten und mitten in Dawson waren, blitzte Licht in allen Hütten auf, Türen wurden zugeworfen, und hinter sich hörten sie das schlurfende Geräusch vieler Mokassins auf dem hartgetretenen Schnee.

 

Kurz gab gleich seine Meinung zum besten.

 

»Aber der Teufel mag wissen, wo plötzlich all die trauernden Verwandten herkommen!«

 

Sie gingen an einem Mann vorbei, der am Wege stand und mit leiser Stimme vorsichtig rief: »Charley, Charley, mach ein bißchen dalli.«

 

»Siehst du das Bündel auf seinem Rücken, Kid? Der Friedhof muß verflucht weit weg liegen, daß die Trauernden ihre Bettdecke mitschleppen müssen.«

 

Als sie die Hauptstraße erreichten, waren mindestens hundert Mann in einer langen Reihe hinter ihnen her, und als sie in dem trügerischen Sternenlicht den Weg zum Fluß hinab suchten, hörten sie, daß noch mehr Leute sich hinten anschlossen. Kurz glitt aus und rutschte den dreißig Fuß hohen Abhang durch den tiefen Schnee hinunter.

 

Kid folgte ihm freiwillig und warf ihn um, als er gerade wieder aufstand.

 

»Ich habe den Weg zuerst gefunden«, fauchte Kurz und zog die Handschuhe aus, um den Schnee aus den Stulpen zu schütteln.

 

Im nächsten Augenblick mußten sie wie die Wilden durch den Schnee kriechen, um nicht mit den vielen, die ihnen folgten, zusammenzustoßen.

 

Als der Fluß seinerzeit zugefroren war, hatte sich hier Packeis angesammelt, und überall lagen in wilder Verwirrung Eisschollen, die der frische Schnee verbarg.

 

Als beide mehrmals gestürzt waren und sich tüchtig geschlagen hatten, zog Kid sein Licht hervor und zündete es an. Die Leute hinter ihnen gaben ihren Beifall durch laute Zurufe kund. In der windstillen Luft brannte die Kerze ganz klar, und es war jetzt tatsächlich leichter, den Weg zu finden.

 

»Es ist wahrhaftig das reine Wettrennen«, stellte Kurz fest. »Oder meinst du vielleicht, daß es lauter Schlafwandler sind?«

 

»Wir befinden uns jedenfalls an der Spitze der ganzen Kolonne«, antwortete Kid.

 

»Da bin ich nun nicht ganz so sicher. Vielleicht ist es nur eine Feuerfliege da vorn. Vielleicht sind es lauter Feuerfliegen, die da – und die dort. Guck sie dir nur an! Glaub mir, es ist eine ganze Reihe da vorn.«

 

Der Weg nach der andern Seite des Yukon führte eine ganze Meile weit über das Packeis, und überall auf dieser ganzen weiten gewundenen Strecke flammten Kerzen auf. Und hinter ihnen flammten noch mehr Lichter den Fluß entlang bis zu den Uferhängen.

 

»Weißt du, Kid, das ist schon kein Wettrennen mehr, das ist ja wie der Auszug aus Ägypten. Es müssen mindestens tausend vor uns und tausend hinter uns sein. Jetzt solltest du auch mal den guten Rat deines alten Onkels hören! Meine Medizin ist gut. Wenn ich eine Vorahnung bekomme, dann stimmt sie immer. Und meine Vorahnung sagt mir, daß wir bei diesem Wettrennen Pech haben werden. Laß uns ruhig umkehren und weiterpennen.«

 

»Spar dir lieber deine Puste, wenn du durchhalten willst«, knurrte Kid mürrisch.

 

»Uha, uha! Meine Beine sind freilich etwas kurz geraten, aber ich schleiche so besonnen mit schlappen Knien, ohne meine Muskeln zu überanstrengen, und ich bin todsicher, daß ich noch jeden Schnelläufer hier überholen kann.«

 

Und Kid wußte, daß Kurz recht hatte, denn er hatte schon längst die einzig dastehenden Fähigkeiten seines Kameraden im Marschieren kennengelernt.

 

»Ich habe mich ja auch nur zurückgehalten, um dir eine Chance zu geben«, neckte ihn Kid.

 

»Und ich laufe hier und trete dir auf die Hacken. Wenn du es nicht besser kannst, muß du mich lieber vorangehen und das Tempo angeben lassen.«

 

Kid erhöhte die Schnelligkeit und hatte bald den nächsten Haufen der Wettläufer eingeholt.

 

»Mach jetzt ein bißchen schnell, Kid«, drängte sein Kamerad. »Laß die Toten liegen. Es ist ja kein Leichenbegängnis. Hau die Füße tüchtig in den Schnee, als wären es Pflastersteine.«

 

Kid zählte acht Männer und zwei Frauen in dieser Gruppe, aber noch ehe sie das Packeis hinter sich hatten, überholten sie schon die zweite Gruppe, die aus zwanzig Männern bestand. Wenige Fuß von dem Westufer schwenkte der Weg nach Süden ab, und das Packeis wurde durch ein glattes Eisfeld ersetzt, das jedoch von frischem, mehrere Fuß hohem Schnee bedeckt war. Durch diesen Schnee lief die Schlittenbahn, ein schmales Band, knapp zwei Fuß breit, wo der Schnee von den vielen Füßen festgestampft war. Zu beiden Seiten dieses Pfades sank man bis zu den Knien oder noch tiefer ein.

 

Die Wettläufer, die von ihnen überholt wurden, waren nicht sehr geneigt, ihnen Platz zu machen, und Kid und Kurz mußten deshalb stets in den tiefen Schnee hinauswaten und konnten nur unter ungeheuren Anstrengungen vorbeigelangen.

 

Kurz war ebenso unüberwindlich wie pessimistisch. Wenn die Goldsucher schimpften, weil sie überholt wurden, antwortete er ihnen in derselben Tonart.

 

»Warum habt ihr es denn so eilig?« fragte einer.

 

»Warum ihr?« gab er zurück. »Gestern nachmittag ist eine ganze Bande von Goldsuchern vom Indianerfluß gekommen und hat euch den Rahm abgeschöpft. Es gibt keine Claims mehr.«

 

»Wenn das wahr ist, dann möchte ich wissen, warum ihr es so eilig habt?«

 

»Wer, wir? Ich suche gar kein Gold. Ich stehe im Dienst der Regierung. Ich bin in amtlichem Auftrag hier. Ich soll am Squawfluß eine Volkszählung abhalten.«

 

Und als ein anderer ihn mit den Worten begrüßte: »Wo willst du denn hin, Kleiner? Glaubst du wirklich, daß noch Platz für dich im Wagen ist?«, antwortete er: »Für mich? Ich bin doch der Entdecker der Goldminen am Squawbach. Ich habe eben in Dawson meine Mutung eintragen lassen, damit mir kein Chechaquo die Claims wegnimmt.«

 

Die durchschnittliche Schnelligkeit, die die Wettläufer auf dem glatten Boden erreichten, betrug drei und eine halbe Meile stündlich. Kurz und Kid machten vier und eine halbe, aber sie liefen auch hin und wieder eine kurze Strecke und kamen dann noch schneller vorwärts.

 

»Ich werde dir schon die Beine ablaufen!« rief Kid herausfordernd.

 

»Hoho, ich laufe auf den Stummeln weiter und trete dir die Hacken von den Mokassins. Übrigens ist es gar nicht nötig! Ich habe die Sache im Kopf nachgerechnet. Die Claims am Bach messen je fünfhundert Fuß – es kommen also, sagen wir, zehn Stück auf die Meile. Und es sind noch tausend Wettläufer vor uns, und der ganze Bach ist keine hundert Meilen lang. Irgend jemand muß also verlieren, und ich habe eine Ahnung, als ob wir das wären.«

 

Bevor Kid antwortete, machte er eine große Kraftanstrengung und ließ Kurz ein halbes Dutzend Fuß zurück.

 

»Wenn du dir deine Puste ein bißchen sparen würdest, könnten wir schon ein paar von den Tausend einholen!« schimpfte er.

 

»Wer? Ich? Wenn du ein bißchen aus dem Wege gehst, werde ich dir zeigen, was Schnelligkeit heißt.«

 

Kid lachte und legte sich wieder ins Geschirr. Die ganze Geschichte hatte natürlich ein anderes Aussehen bekommen. Durch den Kopf schoß ihm ein Ausdruck des sonderbaren deutschen Philosophen: »Die Umwertung der Werte…« Eigentlich machte es ihm viel weniger Spaß, ein Vermögen zu gewinnen, als Kurz zu besiegen. Und alles in allem, überlegte er, kam es ja gar nicht auf den Gewinn an, sondern auf das Spiel selbst. Wille und Muskeln, Seele und Säfte mußten in diesem Wettstreit mit Kurz bis zum äußersten angespannt werden, obgleich Kurz ein Mann war, der nie ein Buch geöffnet hatte und eine große Oper nicht von einer Tanzmelodie, ein Epos nicht von einer Frostbeule unterscheiden konnte.

 

»Kurz, ich werde dir schon geben, was du brauchst! Ich habe seit dem Tage, an dem ich in Dyea ankam, jede einzelne Zelle in meinem Körper neu aufgebaut. Meine Muskeln sind jetzt so zäh wie Peitschenschnüre und so bitter und böse wie der Biß einer Klapperschlange. Vor einigen Monaten hätte ich mich selbst angejauchzt, wenn ich etwas hätte schreiben können, aber damals konnte ich es einfach nicht. Ich mußte es erst erlebt haben, und jetzt, da ich es erlebe, habe ich gar keine Lust, es niederzuschreiben. Ich bin wirklich in jeder Beziehung hart und erprobt. Kein dreckiger Wicht von Gebirgler kann mir etwas bieten, ohne es hundertfach bezahlen zu müssen. Jetzt kannst du ja in Führung gehen, und wenn du genug hast, übernehme ich sie und werde dir eine halbe Stunde lang mehr als genug zu schaffen machen.«

 

»Donnerwetter!« grinste Kurz lustig. »Und dabei ist er noch nicht einmal trocken hinter den Ohren. Geh mir jetzt aus dem Wege und laß Papa seinem kleinen Jungen zeigen, wie man’s macht.«

 

Dann lösten sie sich jede halbe Stunde in der Führung ab.

 

Sie sprachen nicht mehr viel. Die Anstrengung hielt sie warm, obgleich der Atem auf ihren Gesichtern von den Lippen bis zum Kinn zu Eis wurde. So stark war die Kälte, daß sie unaufhörlich ihre Nasen und Wangen mit den Handschuhen reiben mußten. Sobald sie nur für kurze Zeit damit aufhörten, wurde das Fleisch sofort unempfindlich und mußte in der allerenergischsten Weise gerieben werden, damit sie wieder das brennende Prickeln empfanden, das die Rückkehr des normalen Blutumlaufes kennzeichnete.

 

Oft glaubten sie bereits die Spitze der Prozession erreicht zu haben, aber immer wieder überholten sie neue Goldsucher, die vor ihnen aufgebrochen waren.

 

Hin und wieder versuchten Gruppen von Männern, sich hinter ihnen zu halten. Sie verloren aber immer wieder den Mut, wenn sie eine oder zwei Meilen gefolgt waren, und verschwanden in der Dunkelheit hinter den beiden.

 

»Wir sind ja den ganzen Winter unterwegs gewesen«, erklärte Kürz, »und da bilden all diese Esel, die von dem ewigen Herumlungern in ihren Hütten ganz schlapp geworden sind, sich ein, es mit uns aufnehmen zu können. Na, wenn sie von dem richtigen guten alten Sauerteig wären, würde die Sache schon anders aussehen. Denn wenn einer vom alten Sauerteig etwas kann und versteht, dann ist es das Laufen.«

 

Einmal strich Kid ein Zündholz an und sah nach, wie spät es war. Aber er wiederholte den Versuch nicht, denn der Frost biß seine Hände so niederträchtig, daß es eine halbe Stunde dauerte, bis sie wieder brauchbar waren.

 

»Es ist jetzt vier Uhr«, sagte er, als er sich den Handschuh wieder anzog, »und wir haben schon an dreihundert überholt.«

 

»Dreihundertachtunddreißig«, verbesserte Kurz. »Ich habe sie genau gezählt. Geh aus dem Weg, Fremder. Laß Leute an die Spitze, die laufen können.«

 

Diese Aufforderung richtete er an einen Mann, der nur noch dahintaumelte und ihnen deshalb den Weg versperrte. Dieser und noch einer waren die einzigen völlig ausgepumpten Männer, die sie trafen. Jetzt waren sie fast an der Spitze des Zuges. Sie hörten übrigens erst später von all den Greueln, die sich in dieser Nacht abgespielt hatten. Erschöpfte Männer hatten sich am Rande des Weges zur Ruhe gesetzt, um nie wieder aufzustehen. Sieben starben vor Kälte, während unzählige von den Überlebenden dieses Wettrennens sich nachher in den Hospitälern von Dawson Zehen, Füße und Finger abschneiden lassen mußten. Zufällig war die Nacht, in der das Wettrennen stattfand, die kälteste des ganzen Jahres. Vor Tagesanbruch zeigten die Alkoholthermometer in Dawson eine Temperatur von siebzig Grad Fahrenheit unter Null. Und die Männer, die an dem Rennen teilnahmen, waren mit wenigen Ausnahmen Leute, die erst kürzlich ins Land gekommen waren und deshalb gar nicht wußten, wie man sich in solcher Kälte verhalten sollte.

 

Den nächsten, der das Rennen aufgegeben hatte, fanden sie einige Minuten später, als ein Streifen des Nordlichts vom Horizont bis zum Zenit wie der Lichtstrahl eines Scheinwerfers aufblitzte. Der Mann saß auf einem Eisblock am Wege.

 

»Nur immer los, Schwester Mary«, begrüßte Kurz ihn heiter. »Lauf weiter. Wenn du da sitzen bleibst, bist du bald steif wie ein Kirchturm.«

 

Der Mann gab keine Antwort, und sie blieben stehen, um ihn zu untersuchen.

 

»Steif wie ein Schürhaken«, lautete Kurz‘ Urteil. »Wenn du ihn umstülpst, bricht er mittendurch.«

 

»Sieh mal nach, ob er noch atmet«, sagte Kid, während er mit entblößten Händen durch den Pelz und die wollene Jacke das Herz suchte.

 

Kurz schob seine rechte Ohrklappe hoch und legte das Ohr an die vereisten Lippen.

 

»Keine Spur«, berichtete er.

 

»Das Herz schlägt auch nicht mehr«, sagte Kid.

 

Er zog sich wieder die Handschuhe an und schlug die Hand einige Minuten mit der anderen energisch, ehe er sie wieder der Kälte aussetzte, um ein Streichholz anzuzünden. Es war ein alter Mann, und es bestand kein Zweifel, daß er schon tot war. In der Minute, in der ihn das Licht des Zündholzes beleuchtete, sahen sie einen langen grauen, bis zur Nase von Eis überkrusteten Bart. Die Wangen waren weiß wie der Schnee, und die Augen, deren Wimpern voller Eisklumpen hingen, waren zugefroren. Dann erlosch das Streichholz.

 

»Komm«, sagte Kurz und rieb sich das Ohr. »Wir können dem alten Esel ja doch nicht mehr helfen. Und ich bin überzeugt, daß mein Ohr erfroren ist. Jetzt wird sich die verfluchte Haut abschälen, und es wird eine ganze Woche weh tun.«

 

Als einige Minuten später wieder ein Lichtstreifen sein zitterndes Feuer über den Himmel warf, erblickten sie zwei Gestalten vielleicht eine Viertelmeile vor sich auf dem Eis.

 

Sonst war auf eine Meile im Umkreis nichts zu sehen, das sich regte.

 

»Das sind die Anführer der ganzen Kolonne«, sagte Kid, als es wieder dunkel wurde. »Los, daß wir sie kriegen!«

 

Als sie noch eine halbe Stunde gegangen waren, ohne sie einzuholen, begann Kurz zu laufen.

 

»Wenn wir sie auch erreichen, werden wir sie doch nie überholen«, erklärte er. »Donnerwetter, was für ein Tempo! Ich halte Dollars gegen Pfeffernüsse, daß das keine Chechaquos sind. Die sind vom richtigen alten Sauerteig, darauf kannst du dich in die Nase beißen.«

 

Als sie endlich die beiden erreichten, hatte Kid die Führung, und er freute sich aufrichtig, als er etwas langsamer gehen konnte, um Schritt mit ihnen zu halten. Er hatte gleich den Eindruck, daß die Person, die ihm am nächsten schritt, eine Frau war. Wie er zu dieser Überzeugung kam, konnte er freilich nicht sagen. Eingehüllt in Kopftuch und Pelzwerk, sah die Gestalt aus wie jede andere, aber es war etwas an ihr, das ihm bekannt vorkam, und er konnte dieses Gefühl nicht abschütteln. Er wartete den nächsten Lichtstreifen des Nordlichts ab, und bei diesem Schein sah er, wie klein die Füße waren. Aber er sah noch mehr – nämlich den Gang. Und er war sich gleich darüber klar, daß es der unverkennbare Gang war, von dem er einst festgestellt hatte, daß er ihn nie vergessen würde.

 

»Die marschiert aber gut«, vertraute Kurz ihm mit heiserem Flüstern an. »Ich wette, sie ist eine Indianerin.«

 

»Wie geht es Ihnen, Fräulein Gastell?« begrüßte Kid sie.

 

»Danke, und Ihnen?« antwortete sie und wandte schnell den Kopf, um ihn zu sehen. »Es ist leider noch zu dunkel, um richtig sehen zu können. Wer sind Sie?«

 

»Alaska-Kid.«

 

Sie lachte in die kalte Luft hinaus, und ihm schien, daß er noch nie in seinem Leben ein so herrliches Lachen gehört hätte.

 

»Und sind Sie schon verheiratet und haben all die Kinder bekommen, von denen Sie mir so Interessantes erzählten?« Bevor er antworten konnte, fuhr sie fort: »Wie viele Chechaquos sind noch hinter Ihnen her?«

 

»Einige Tausend, glaube ich. Wir haben über dreihundert überholt. Und sie verlieren keine Zeit unterwegs.«

 

»Es ist die alte Geschichte«, sagte sie bitter. »Die Neuankömmlinge belegen die reichen Claims an den Bächen, und die Alten, die gedarbt und gelitten und das ganze Land zu dem gemacht haben, was es ist, bekommen nichts. Die Alten sind es, die diese Goldlager am Squawbach gefunden haben; es ist mir unbegreiflich, wie es durchgesickert ist, und sie hatten den alten Leuten am Löwensee Bescheid gegeben. Aber der liegt zehn Meilen hinter Dawson, und wenn sie kommen, werden sie entdecken, daß der Bach bis zu den Wolken voller Pfähle ist – und alles von diesen Chechaquos. Es ist nicht recht, und es ist nicht schön, daß das Glück so verrückt handelt.«

 

»Es ist sehr traurig«, sagte Kid, »aber ich will mich hängen lassen, wenn ich ausrechnen kann, was dagegen zu machen ist. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.«

 

»Ich möchte gern etwas dagegen machen«, rief sie mit flammenden Augen. »Ich sähe am liebsten, wenn sie alle unterwegs erfrören oder ihnen sonst etwas Schreckliches geschähe, jedenfalls bis die Leute vom Löwensee da sind.«

 

»Sie meinen es offenbar sehr gut mit uns«, lachte Kid.

 

»So ist es nicht gemeint«, sagte sie schnell. »Aber von den Leuten vom Löwensee kenne ich jeden einzelnen, und ich weiß, daß es Männer sind. Sie haben in den guten alten Tagen in diesem Lande gehungert und haben wie die Titanen geschuftet, um etwas daraus zu machen. Ich habe selbst damals die schweren Tage mit ihnen am Koyokuk erlebt, als ich noch ein kleines Mädchen war. Und habe mit ihnen die Hungersnot am Birkenbach durchgemacht und die andere Hungersnot bei den „Vierzig Meilen“. Sie sind Helden, die eine Belohnung verdienen, und doch kommen Tausende von Grünschnäbeln hierher, die gar nicht das Recht auf die Felder haben, und sind den Alten um viele Meilen voraus. Und jetzt müssen Sie mir meine lange Tirade verzeihen. Ich will lieber meine Lunge schonen, denn ich weiß ja nicht, ob nicht Sie oder die andern versuchen wollen, Papa und mich zu überholen.«

 

Für eine Stunde wurden keine Worte mehr zwischen Joy und Kid gewechselt, aber er bemerkte, daß sie und ihr Vater eine Zeitlang leise miteinander sprachen.

 

»Ich weiß jetzt, wer das ist«, erzählte Kurz Kid. »Es ist der alte Louis Gastell, einer von den Besten unter den „Alten“. Das Mädel muß sein Fohlen sein. Es ist so lange her, daß er ins Land kam, daß keiner sich mehr erinnert, und er brachte das Töchterchen als Wickelkind mit. Er und Beetles sind Kompagnons gewesen; sie hatten den ersten lausig kleinen Dampfer, der bis zum Koyokuk fuhr.«

 

»Wir wollen doch lieber nicht versuchen, sie zu überholen«, sagte Kid. »Wir sind ja doch an der Spitze der ganzen Prozession; es sind nur noch vier vor uns.«

 

Kurz erklärte sich einverstanden, und es folgte wieder eine Stunde tiefen Schweigens, während sie unermüdlich weiterliefen.

 

Gegen sieben wurde die Dunkelheit von einem letzten Aufflackern des Nordlichts erhellt, und sie sahen im Westen eine breite Öffnung in den schneebedeckten Bergen.

 

»Der Squawbach!« rief Joy aus.

 

»Wir sind auch tüchtig gelaufen«, antwortete Kurz begeistert. »Meiner Berechnung nach hätten wir erst in einer halben Stunde dasein sollen. Ich muß meine Beine gründlich gebraucht haben.«

 

An dieser Stelle bog der Weg von Dyea, der an vielen Stellen vom Packeis versperrt wurde, scharf über den Yukon nach dem östlichen Ufer ab. Und hier mußten sie den festgetretenen, allgemein benutzten Weg verlassen, über das Packeis klettern und einer schmalen Fährte folgen, die nur wenig gebraucht war und nach dem Westufer hinüberführte.

 

Louis Gastell, der an der Spitze ging, strauchelte im Dunkel auf dem glatten Eis. Er setzte sich und hielt seinen Fuß mit beiden Händen. Dann gelang es ihm, wieder auf die Beine zu kommen, aber er blieb zurück, und man sah deutlich, daß er hinkte. Nach einigen Minuten blieb er stehen.

 

»Es hat keinen Zweck«, sagte er zu seiner Tochter. »Ich habe mir den Fuß verstaucht. Du mußt vorausgehen und für mich und dich je ein Claim abstecken.«

 

»Können wir nichts dabei machen?« fragte Kid.

 

Louis Gasteil schüttelte den Kopf.

 

»Sie kann ebensogut zwei Claims abstecken wie einen. Ich werde langsam ans Ufer kriechen, mir dort ein Feuer machen und einen Verband um den Fuß legen. Es wird schon wieder in Ordnung kommen. Nur los, Joy, nimm für uns die Claims oberhalb des Finderclaims. Es wird reicher nach oben.«

 

»Hier ist etwas Birkenrinde«, sagte Kid und teilte seinen Vorrat. »Wir werden uns Ihrer Tochter annehmen.«

 

Louis Gastell lachte barsch.

 

»Schönen Dank«, sagte er. »Aber sie kann selbst für sich sorgen. Folgen Sie ihr nur und achten Sie darauf, was sie tut…«

 

»Haben Sie etwas dagegen, daß ich die Führung übernehme?« fragte sie und begab sich an die Spitze. »Ich kenne dieses Land besser als Sie.«

 

»Übernehmen Sie nur die Führung«, antwortete Kid galant. »Ich bin auch ganz mit Ihnen einig. Es ist eine Schande, daß wir Chechaquos den Alten vom Löwensee zuvorkommen sollen.«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Wir können unsere Fährte nicht verlöschen. Sie werden uns nachlaufen wie die Schafe.«

 

Eine Viertelstunde später bog sie in einem scharfen Winkel nach Westen ab. Kid bemerkte, daß sie jetzt über Schnee liefen, den bisher keiner betreten hatte; aber weder er noch Kurz bemerkten, daß die undeutliche Fährte, der sie bisher gefolgt waren, weiter nach Süden führte. Wenn sie gesehen hätten, was Louis Gastell tat, nachdem sie ihn verlassen hatten, würde sich die Geschichte Klondikes anders gestaltet haben. Denn dann hätten sie festgestellt, daß dieser erfahrene Mann der alten Tage nicht länger sitzen blieb, sondern ihnen, wie ein Spürhund mit der Nase auf der Fährte, nachging. Dann hätten sie auch gesehen, wie er den Weg, der sie nach Westen geführt hatte, deutlicher und breiter stampfte. Und endlich hätten sie auch bemerkt, daß er die alte undeutliche Fährte, die nach Süden ging, verwischte.

 

Eine Fährte führte den Bach hinauf, aber sie war so undeutlich, daß sie sie in der Dunkelheit immer wieder aus ihrer Sicht verloren. Nach einer Viertelstunde überließ Joy den Männern abwechselnd die Führung und das Bahnen des Weges durch den Schnee. Da sie aber nur langsam vorwärts kommen konnten, gelang es der ganzen Prozession von Läufern, sie einzuholen, und als es gegen neun Uhr hell wurde, sahen sie, so weit ihr Auge reichte, eine ununterbrochene Reihe von Männern. Joys dunkle Augen leuchteten bei diesem Anblick.

 

»Wie lange ist es her, seit wir den Bach hinaufzugehen begannen?« fragte sie.

 

»Zwei Stunden«, antwortete Kid.

 

»Und zwei Stunden zurück machen vier Stunden«, lachte sie. »Die Alten vom Löwensee sind gerettet.«

 

Ein leiser Verdacht schoß Kid durch den Kopf. Er blieb stehen und blickte sie an.

 

»Ich verstehe nicht«, sagte er.

 

»Natürlich nicht. Aber ich will es Ihnen erklären. Hier ist der Norwegenbach. Der Squawbach ist der nächste südlich von ihm.«

 

Kid war einen Augenblick sprachlos.

 

»Das haben Sie absichtlich getan?« fragte Kurz.

 

»Ich tat es, um den Alten eine Chance zu geben.« Sie lachte spöttisch.

 

Die beiden Männer grinsten sich zu und stimmten ihr schließlich bei.

 

»Ich würde Sie über mein Knie legen und Ihnen anständige Dresche geben, wenn die Frauen hierzulande nicht so selten wären«, versicherte Kurz.

 

»Ihr Vater hat sich also nicht den Fuß verstaucht, sondern nur gewartet, bis wir weg waren, um allein weiterzugehen?« fragte Kid. Sie nickte.

 

»Und Sie waren sein Lockvogel?«

 

Wieder nickte sie. Und diesmal klang Kids Lachen frei und echt. Es war das unwillkürliche Lachen eines Mannes, der seine Niederlage freimütig einräumt.

 

»Warum sind Sie uns nicht böse?« fragte sie reumütig. »Oder warum verdreschen Sie mich nicht?«

 

»Weißt du, Kid, wir können ja ebensogut umkehren«, schlug Kurz vor. »Ich fange an, kalte Füße zu bekommen.«

 

Kid schüttelte den Kopf.

 

»Das würde eine Verspätung von vier Stunden bedeuten. Wir sind jetzt, glaube ich, den Bach acht Meilen hinaufgegangen, und soviel ich sehen kann, macht der Norwegenbach einen weiten Bogen nach Süden. Wir wollen ihm ein Stück folgen, dann irgendwo hinuntergehen und den Squawbach oberhalb des Finderclaims erreichen.« Er sah Joy an. »Wollen Sie mit uns kommen? Ich sagte Ihrem Vater ja, daß wir uns um Sie kümmern würden.«

 

»Ich…«, sie zögerte. »Ich glaube, ich werde es tun, wenn Sie nichts dagegen haben.« Sie sah ihn fest und gerade an, und ihr Gesicht war weder herausfordernd noch spöttisch. »Sie sind schuld daran, Herr Kid, daß ich wirklich bereue, was ich getan habe. Aber einer mußte die Alten retten.«

 

»Ich habe den Eindruck, daß ein Wettrennen nach dem Golde seinen Hauptwert als sportliche Leistung hat.«

 

»Und ich habe den Eindruck, daß Sie beide sich glänzend damit abfinden«, fuhr sie fort. Dann fügte sie, mit einer Andeutung von einem Seufzer, hinzu: »Wie schade, daß Sie nicht zu den Alten gehören.«

 

Sie blieben noch zwei Stunden auf dem gefrorenen Flußbett des Norwegenbaches. Dann bogen sie auf einen schmalen, unebenen Nebenfluß ein, der nach Süden führte. Gegen Mittag überschritten sie die Wasserscheide. Wenn sie zurückblickten, sahen sie die lange Reihe der Wettläufer sich allmählich auflösen.

 

Hier und da zeigten Rauchsäulen, daß man im Begriff war, ein Lager aufzuschlagen.

 

Sie selbst hatten noch Schweres durchzumachen. Sie wateten bis zum Leib durch den Schnee und mußten immer wieder nach wenigen Metern haltmachen, um sich auszuruhen. Kurz war der erste, der eine Rast vorschlug.

 

»Wir sind jetzt über zwölf Stunden unterwegs«, sagte er. »Weißt du, Kid, ich gestehe ohne weiteres, daß ich müde bin. Und das bist du auch, mein Freund. Ich bin so frei zu behaupten, daß ich so zähe an der Fährte hänge wie ein hungriger Indianer, wenn ein großes Stück Bärenfleisch winkt. Aber das arme Mädchen hier kann sich nicht länger auf den Beinen halten, wenn es nichts in den Magen kriegt. Hier ist eben die richtige Stelle, um ein Feuer zu machen. Was meint ihr dazu?«

 

Sie schlugen das einfache Lager so schnell, geschickt und methodisch auf, das Joy, die sie mit eifersüchtigen Augen betrachtete, sich gestehen mußte, daß selbst die Alten es nicht besser hätten machen können.

 

Fichtenzweige, die sie auf dem Schnee ausbreiteten und auf die sie eine Decke legten, bildeten eine vorzügliche Unterlage, auf der sie sich ausruhen und ihre Tätigkeit als Köche ausüben konnten. Aber sie hielten sich vorsichtig vom Feuer fern, bis sie sich Nase und Kinn kräftig gerieben hatten.

 

Kid spie in die Luft, und das Knistern kam so prompt und kräftig, daß er den Kopf schüttelte.

 

»Ich gebe es auf«, sagte er. »Ich habe noch nie eine solche Kälte erlebt.«

 

»Einen Winter hatten wir am Koyokuk sechsundachtzig Grad Fahrenheit«, antwortete Joy. »Und jetzt sind es mindestens siebzig oder fünfundsiebzig, und ich weiß, daß ich mir leider die Backen erfroren habe. Sie brennen wie Feuer.«

 

Auf dem steilen Abhang der Wasserscheide lag kein Eis. Sie nahmen deshalb Schnee, der so fein, hart und kristallinisch wie Puderzucker war, und legten einige Handvoll davon in die Goldpfanne, bis sie Wasser genug hatten, um Kaffee zu kochen. Kid briet Speck und taute die Kekse auf. Kurz nahm sich der Heizung an und sorgte für das Feuer und Joy für das bescheidene Geschirr, das aus zwei Tellern, zwei Tassen, zwei Löffeln, einer Büchse mit gemischtem Pfeffer und Salz und einer andern mit Zucker bestand. Als sie dann aßen, benutzten Joy und Kid denselben Löffel. Sie aßen von demselben Teller und tranken aus derselben Tasse.

 

Es war schon fast zwei Uhr nachmittags, als sie den Rücken der Wasserscheide hinter sich hatten und einen Nebenfluß des Squawbaches hinabzugehen begannen. Früher im Winter hatte ein Elchjäger eine Fährte durch den Cañon hinterlassen – das heißt, er war beim Hin- und Zurückgehen immer wieder in seine eigenen Fußspuren getreten. Die Folge war, daß man mitten im Schnee eine Reihe von unregelmäßigen Klumpen sah, die durch später gefallenen Schnee halbwegs verdeckt waren. Wenn der Fuß nicht genau den festen Klumpen traf, sank er tief in den weichen losen Schnee, und man konnte das nur schwerlich vermeiden, um so mehr, als der Elchjäger ein ziemlich langbeiniger Herr gewesen zu sein schien. Joy, die jetzt sehr eifrig war, daß die beiden Männer ein paar Claims erhalten sollten, fürchtete, daß sie mit Rücksicht auf sie langsamer gehen würden. Sie verlangte deshalb, die Führung zu behalten. Die Schnelligkeit und die ganze Art, wie sie die schwierige Wanderung durchführte, fand Kurz‘ vorbehaltlosen Beifall.

 

»Guck sie dir mal an«, rief er. »Piekfein ist sie! Das richtige rote Bärenfleisch! Sieh dir mal an, wie die Mokassins sausen. Da gibt’s nichts mit hohen Absätzen, sie gebraucht die Beinchen, wie sie der liebe Herrgott geschaffen hat. Sie ist das richtige Frauchen für einen Bärenfänger.«

 

Sie warf ihm über die Schulter ein anerkennendes Lächeln zu, das auch Kid umfaßte. Und Kid fühlte zwar die offene Kameradschaft dieses Lächelns, hatte aber dabei doch die bittere Empfindung, daß es nicht nur eine Schicksalsgenossin, sondern auch ein Weib war, das ihm einen Teil dieses Lächelns schenkte.

 

Als sie das Ufer des Squawbaches erreichten und zurückblickten, sahen sie, wie der Zug der Wettläufer sich in unordentliche Reihen aufgelöst hatte, die im Begriff waren, sich über die Wasserscheide zu arbeiten.

 

Dann glitten sie den Hang hinab in das Flußbett. Der Bach, der bis zum Grunde gefroren war, hatte eine Breite von zwanzig bis dreißig Fuß und lief zwischen sechs bis acht Fuß hohen Wällen aus angeschwemmtem Lehm. Kein Fußtritt hatte je den Schnee, der auf dem Eis lag, beschmutzt, und sie wußten deshalb, daß sie jetzt oberhalb des Finderclaims und der letzten Pfähle der Leute vom Löwensee waren.

 

Die Quellen, die den meisten Flüssen Klondikes eigentümlich sind, gefrieren nicht einmal bei der niedrigsten Temperatur. Das Wasser kommt aus den Uferabhängen und bleibt in Pfützen stehen, die durch das Oberflächeneis und durch Schneefälle gegen die schlimmste Kälte geschützt werden. Es kommt deshalb vor, daß ein Mann, der durch tiefen Schnee watet, plötzlich durch eine Eisdecke von einem halben Zoll bricht und bis zu den Knien im Wasser steht. Und wenn er sich dann nicht gleich trockene Strümpfe anziehen kann, muß er binnen fünf Minuten seine Unbesonnenheit mit dem Verlust der Füße büßen.

 

Obgleich es erst gegen drei Uhr nachmittags war, hatte die graue Dämmerung der Arktis schon eingesetzt. Sie sahen sich nach dem Pfahl um, der ihnen das letzte abgezeichnete Claim kenntlich machen sollte. Joy, eifrig und impulsiv, wie sie war, entdeckte ihn zuerst. Sie eilte zu Kid und rief: »Hier ist jemand gewesen! Sehen Sie nur den Schnee! Schauen Sie schnell nach dem Zeichen… hier ist es. Sehen Sie die Fichte dort!«

 

Auf einmal versank sie bis zum Gürtel im Schnee. »O Gott, jetzt sitze ich drin«, sagte sie traurig. Dann nahm sie sich zusammen und rief schnell: »Kommen Sie mir nicht nahe, ich werde hier durchwaten.« Schritt für Schritt kämpfte sie sich vorwärts, bis sie wieder festen Boden unter den Füßen hatte, aber es war schwer gewesen, denn immer wieder brach sie durch die dünne Eisdecke, die unter dem trockenen Schnee lag.

 

Kid wartete es aber nicht ab. Er sprang ans Ufer und holte welke, eingetrocknete Zweige und Reisig, die bei den Frühlingsüberschwemmungen im Busch aufgesammelt worden und hierhergetrieben waren, wo sie jetzt nur auf das Streichholz warteten. Als sie zu ihm kam, stoben schon die ersten Funken und Flammen aus dem brennenden Reisighaufen.

 

»Setzen Sie sich«, befahl er.

 

Sie setzte sich gehorsam in den Schnee. Er nahm seinen Rucksack ab und breitete eine Decke vor ihren Füßen aus.

 

Von oben hörten sie die Stimmen der Wettläufer, die ihnen gefolgt waren.

 

»Lassen Sie Kurz abstecken«, schlug sie vor.

 

»Geh, Kurz«, sagte Kid, als er ihre Mokassins, die schon ganz steif waren, in Angriff nahm. »Steck tausend Fuß ab und setz zwei Pfähle hinein. Die Eckpfähle können wir ja später stecken.«

 

Kid schnitt die Schnürsenkel und das Leder der Mokassins durch. Sie waren schon so steif geworden, daß sie krachend barsten, als er sie zerhackte und zerschnitt. Die Siwashsocken und die dicken wollenen Strümpfe waren feste Hülsen aus Eis. Es war, als ob ihre Füße und Fesseln in Behältern aus Wellblech steckten.

 

»Wie steht es mit Ihren Füßen?« fragte er.

 

»Ziemlich unempfindlich. Ich kann die Zehen weder fühlen noch bewegen. Aber es wird schon wieder werden. Das Feuer brennt ja herrlich. Passen Sie auf, daß Ihre eigenen Hände nicht dabei erfrieren. Sie müssen schon unempfindlich geworden sein, danach zu urteilen, wie Sie jetzt herumfummeln.«

 

Er zog sich die Handschuhe wieder an, und fast eine Minute lang schlug er aus aller Kraft die Hände gegen seine Seiten. Als er das Blut prickeln spürte, zog er die Handschuhe wieder aus und zerrte und riß, schnitt und sägte mit dem Messer an den gefrorenen Bekleidungsgegenständen Joys herum. Endlich kam die weiße Haut des einen Fußes zum Vorschein, dann die des andern, um der eisigen Kälte von siebzig Grad Fahrenheit unter Null ausgesetzt zu werden.

 

Dann wurden beide Füße mit Schnee gerieben, und zwar mit rücksichtsloser Kraft, bis Joy sich schließlich krümmte und wand und ihre Zehen bewegte, während sie glücklich klagte, daß es wieder weh tat. Halb zog er sie, halb schob sie selbst sich näher an das Feuer heran. Dann legte er ihre Füße auf eine Decke, ganz nahe an die heilbringenden Flammen. »Sie müssen noch eine Weile gut achtgeben«, sagte er.

 

Jetzt konnte sie auch ohne Gefahr ihre Fäustlinge ausziehen und sich selbst die Füße reiben, und das tat sie mit der Klugheit der Erfahrung, indem sie Sorge trug, daß die Hitze des Feuers nur langsam wirken konnte. Während sie das tat, nahm Kid seine eigenen Hände in Arbeit. Der Schnee schmolz weder, noch wurde er weich. Die feinen Kristalle waren wie ebenso viele Sandkörner.

 

Nur langsam begann das Stechen und Klopfen des Blutumlaufs in das erfrorene Fleisch zurückzukehren. Dann schürte Kid das Feuer, nahm Joy das leichte Bündel vom Rücken und holte eine ganz neue Garnitur Fußbekleidung heraus.

 

Kurz kehrte jetzt das Flußbett entlang zurück und kletterte den Uferhang herauf.

 

»Ich glaube sicher, daß ich gut tausend Fuß abgesteckt habe«, berichtete er. »Nummer siebenundzwanzig und achtundzwanzig, obgleich ich bei Nummer siebenundzwanzig nur den oberen Pfahl eingesteckt hatte, als ich schon den ersten von der ganzen Bande hinter uns traf. Er sagte mir direkt, daß ich Nummer achtundzwanzig nicht abstecken dürfe. Und ich erzählte ihm…«

 

»Ach ja, was sagten Sie ihm?« rief Joy eifrig.

 

»Ich erzählte ihm direkt, daß ich, wenn er nicht schleunigst fünfhundert Meter weiter hinaufginge, seine erfrorene Nase so lange bearbeiten würde, bis sie zu Vanilleeis mit Schokoladensoße geworden wäre. Da riß er aus, und ich habe zwei Claims von genau je fünfhundert Fuß abgezeichnet. Er steckte das nächste Claim ab, und ich denke, daß die übrige Rasselbande den ganzen Bach bis zu den Quellen und weiter auf der andern Seite abgesteckt hat. Unsere Claims sind jedenfalls gesichert. Es ist jetzt so dunkel, daß man nichts sehen kann, aber wir können die Eckpflöcke morgen stecken.«

 

Als sie am nächsten Morgen aufwachten, stellten sie fest, daß das Wetter während der Nacht völlig umgeschlagen war. Es war jetzt so milde, daß Kurz und Kid, während sie noch in ihren gemeinsamen Decken lagen, die Temperatur auf nur zwanzig Grad unter Null einschätzten. Die schlimmste Kälte schien überstanden. Auf ihren Decken lagen die glitzernden Eiskristalle sechs Zoll hoch.

 

»Guten Morgen! Wie geht es mit Ihren Füßen?« begrüßte Kid Joy Gastell über das Feuer hinweg, als sie den Schnee abschüttelte und sich in ihrem Schlafsack aufrichtete.

 

Kurz machte ein neues Feuer an und holte Eis vom Bach. Kid bereitete das Frühstück. Als sie die Mahlzeit beendet hatten, war es hell geworden.

 

»Jetzt kannst du gehen und die Eckpflöcke stecken«, sagte Kurz. »Dort, wo ich vorhin Eis zum Kaffee holte, hab‘ ich Kies gesehen, und jetzt werde ich mal – nur so zum Spaß – etwas Wasser machen und eine Pfanne von dem Kies auswaschen.«

 

Kid entfernte sich mit der Axt in der Hand, um die Pfähle zu stecken. Er begann seinen Rundgang von dem Pfahl von Nummer siebenundzwanzig unterhalb des Flusses und ging dann im rechten Winkel durch das kleine Tal bis zu dessen Rand. Er tat es methodisch, fast automatisch, denn sein Gehirn beschäftigte sich mit Erinnerungen an den vorhergehenden Abend. Er hatte irgendwie das Gefühl, die Herrschaft über die feinen Linien und festen Muskeln dieser Füße und Fesseln errungen zu haben, die er mit Schnee gerieben hatte, und ihm schien, daß diese Herrschaft sich auf die ganze Frau erstreckte. Unklar und doch heftig quälte ihn das Gefühl, daß ihm dies alles gehörte. Es kam ihm vor, als brauchte er nur zu Joy Gastell zu gehen, ihre Hände zu nehmen und ihr zu sagen: »Komm.«

 

Als er in diesem Zustand herumging, machte er eine Entdeckung, die ihn die Herrschaft über die weißen Füße einer Frau gründlich vergessen ließ. Am Rande des Tales steckte er keinen Eckpfahl ab. Er kam überhaupt gar nicht bis zum Rand des Tales, sondern sah sich statt dessen einem andern Bach gegenüber. Er merkte sich dort eine Wiese, die schon abgesteckt war, und eine große, leicht zu erkennende Fichte. Dann ging er zu der Stelle am Bach zurück, wo die Pfähle standen. Er folgte dem Bachbett, umging die Ebene in einem hufeisenförmigen Bogen und stellte dabei fest, daß es sich nur um einen einzigen Bach, nicht um zwei Wasserläufe handelte. Dann watete er zweimal von einem Ende des Tales bis zum andern durch den tiefen Schnee – das erste Mal ging er von dem unteren Pfahl im Claim siebenundzwanzig aus, das zweite Mal vom oberen Pfahl in Nummer achtundzwanzig und entdeckte dabei, daß der obere Pfahl dieses Claims unterhalb des unteren im ersten Claim stand. In der grauen Dämmerung des gestrigen Abends, als es schon fast dunkel gewesen war, hatte Kurz beide Claims innerhalb des Hufeisens abgezeichnet.

 

Kid trottete zu dem kleinen Lager zurück. Kurz hatte soeben das Waschen des Kieses in seiner Pfanne beendet und konnte sich nicht länger halten, als er ihn sah:

 

»Jetzt haben wir’s geschafft!« brüllte er und hielt die Pfanne hoch. »Schau nur her! Eine saubere Portion Gold! Zweihundert Dollar auf den Tisch des Hauses, wenn ich mich nicht irre. Gold hat der Bach also genug schon im Waschkies. Ich habe viele Goldminen in meinem Leben gesehen, aber solche Butter, wie die hier, hatte ich noch nie in der Pfanne.«

 

Kid warf einen gleichgültigen Blick auf das rohe Gold, goß sich dann eine Tasse Kaffee ein und setzte sich. Joy merkte, daß irgend etwas nicht stimmte, und sah ihn mit fragenden und besorgten Augen an.

 

Kurz war dagegen tief entrüstet, daß sein Kamerad so gleichgültig schien.

 

»Warum guckst du nicht her und kommst ganz aus dem Häuschen vor Freude?« fragte er empört. »Wir haben hier ein hübsches kleines Vermögen, wenn du nicht deine edle Nase über Pfannen mit zweihundert Dollar rümpfst.«

 

Kid nahm einen Schluck Kaffee, bevor er antwortete. »Sag mal, Kurz, warum haben unsere beiden Felder solche Ähnlichkeit mit dem Panamakanal?«

 

»Was meinst du damit?«

 

»Nun, die östliche Einfahrt zum Kanal liegt westlich von der westlichen – das ist alles.«

 

»Red schon weiter«, sagte Kurz. »Ich verstehe den Witz nicht.«

 

»Um es kurz zu sagen, du hast unsere beiden Felder in einem großen hufeisenförmigen Bogen abgezeichnet…«

 

Kurz setzte die Pfanne mit dem Gold in den Schnee und stand auf. »Weiter…«, wiederholte er.

 

»Der obere Pfahl von achtundzwanzig steht zehn Fuß unterhalb dem von siebenundzwanzig.«

 

»Du meinst, daß wir nichts gekriegt haben, Kid?«

 

»Schlimmer noch: wir haben zehn Fuß weniger als gar nichts bekommen.«

 

Kurz lief wie der Blitz zum Ufer hinab. Fünf Minuten später war er schon wieder da. Auf Joys fragenden Blick hin nickte er. Ohne ein Wort zu sagen, ging er zu einem Baumstamm und setzte sich. Dann starrte er in den Schnee vor sich hin.

 

»Wir können ebensogut das Lager abbrechen und nach Dawson zurückwandern«, sagte Kid und begann die Decken zusammenzulegen.

 

»Es tut mir leid, Kid«, sagte Joy. »Ich bin ja an allem schuld.«

 

»Es ist alles gut«, sagte er. »So etwas kann alle Tage passieren, wissen Sie.«

 

»Es ist meine Schuld, nur meine Schuld«, wiederholte sie hartnäckig. »Aber Papa hat für mich ein Claim beim Finderclaim abgesteckt, wie Sie ja wissen. Ich überlasse Ihnen meinen.«

 

Er schüttelte den Kopf.

 

»Kurz?« bat sie.

 

Kurz schüttelte den Kopf und begann zu lachen. Es war ein ungeheures Gelächter. Das Kichern und Prusten wurde allmählich zu einem Gebrüll, das aus übervollem Herzen kam. »Ich bin nicht etwa hysterisch geworden«, sagte er. »Zuweilen finde ich die ganze Welt so verdammt komisch, und jetzt eben geht es mir so.«

 

Sein Blick fiel zufällig auf die Pfanne mit dem Gold. Er ging hinüber und gab ihr feierlich einen Fußtritt, daß das ganze Gold in den Schnee flog.

 

»Es gehört ja nicht uns«, sagte er. »Es gehört dem Idioten, den ich heut nacht fünfhundert Fuß weiter hinaufjagte. Mich ärgert dabei nur, daß es genau vierhundertneunzig Fuß zuviel waren – zu seinen Gunsten! Komm jetzt, Kid! Wir gehen nach Dawson zurück. Und wenn du Lust hast, mich totzuschlagen, kannst du es tun – ich werde keine Hand rühren.«

 

Kapitel 5

Kapitel 5

 

Kid hatte noch nicht die lächerliche Grundstücksgesellschaft Tra Li gegründet und weder das historische Geschäft in Eiern gemacht, das den Swiftewater-Bill beinahe an den Bettelstab brachte, noch das Hundewettrennen den Yukon hinab um einen Preis von einer runden Million gewonnen, als er und Kurz sich eines Tages am oberen Klondike voneinander verabschiedeten. Kurz sollte den Klondike hinabfahren, um in Dawson einige Mutungen auf Goldclaims anzumelden, die sie abgesteckt hatten. Kid fuhr mit seinem Hundegespann südwärts. Er wollte den Überraschungssee und die mystischen „Zwei Hütten“ finden. Er hatte die Absicht, an den Quellen des Indianerflusses vorbei, durch eine bisher unbekannte Gegend und über die Berge nach dem Stewart zu gehen. Das Gerücht erzählte, daß irgendwo dort herum in einem Rahmen von zackigen Bergen und Gletschern der Überraschungssee läge, dessen Grund, wie berichtet wurde, ganz mit Gold gepflastert war. Vor langer Zeit sollten Jäger – Männer, deren Namen in den Wäldern längst in Vergessenheit geraten waren – in die eisigen Gewässer des Sees hineingesprungen und mit Goldklumpen in den Händen wiederaufgetaucht sein. Zu verschiedenen Zeiten hatten kleine Scharen von den alten Pionieren den Versuch gemacht, die unwirtliche, undurchdringliche Gegend zu durchqueren und den goldenen Grund des Sees zu untersuchen. Allen war das Wasser jedoch gefährlich kalt erschienen. Einzelne hatten zwar den kühnen Versuch gemacht zu tauchen, sie waren aber im Wasser vom Tod ereilt und leblos an Land gezogen worden. Andere waren der Erschöpfung erlegen. Und einer, der ebenfalls getaucht war, kam überhaupt nie wieder zum Vorschein. Die Überlebenden hatten sich alle entschlossen, wieder zurückzukehren, um den See trockenzulegen, aber keinem von ihnen war es gelungen. Stets waren ihnen tödliche Unfälle zugestoßen. Ein Mann war in ein Luftloch unterhalb Forty Miles gefallen. Ein zweiter wurde von seinen Hunden getötet und gefressen. Ein dritter von einem stürzenden Baum erschlagen. Solche Gerüchte umwoben den Überraschungssee mit einem sagenhaften Schein von Zauber und Spuk. Keiner wußte jetzt genau, wo er überhaupt lag. Und das Gold blieb in seiner Tiefe liegen, da keiner sich getraute, ihn trockenzulegen.

 

Die Lage der ebenfalls von Legenden umworbenen „Zwei Hütten“ ließ sich leichter feststellen. Wenn man vom Stewart fünf Tage lang den MacQuestion hinaufreiste, kam man zu zwei alten Hütten. So alt waren sie, daß sie schon vor der Ankunft der ersten bekannten Goldjäger im Yukon-Land erbaut sein mußten. Umherstreifende Elchjäger, die auch Kid getroffen und gesprochen hatte, behaupteten, daß sie die beiden Hütten schon vor vielen Jahren gefunden, aber vergebens die Minen gesucht hätten, die diese Abenteurer einer vergangenen Zeit doch bearbeitet haben mußten.

 

»Mir wäre es am liebsten, wenn du mit mir gehen würdest«, klagte Kurz, als sie Abschied nahmen. »Weil sich dir der Indianerfluß aufs Gehirn geschlagen hat, brauchst du dich doch nicht gleich solchen Gefahren auszusetzen. Es steht nun mal fest, daß es eine verfluchte Gegend ist, wo du hinwillst. Es ist kein Zweifel, daß es da vom Morgen bis zum Abend spukt, jedenfalls nach allem, was wir beide gehört haben.«

 

»Schon gut, Kurz. Ich will nun mal die Fahrt machen, und in sechs Wochen bin ich wieder in Dawson. Die Fährte am Yukon ist getreten, und die ersten hundert Meilen etwa den Stewart hinauf wohl auch. Alte Leute vom Henderson haben mir erzählt, daß einige Trupps mit Ausrüstungen letzten Herbst hinaufgereist sind, nachdem der Fluß zugefroren war. Wenn ich ihre Spur treffe, werde ich ihnen mit einer Schnelligkeit von dreißig bis vierzig Meilen täglich folgen können. Ich denke, daß ich in einem Monat zurück sein kann, wenn ich erst mal so weit bin.«

 

»Ja, wenn du erst so weit bist, aber die Frage, ob du so weit kommst, ist es ja eben, die mir so viel Sorge macht. Nun, es hilft ja nichts! Also auf Wiedersehen, Kid! Halt deine Augen gut offen und nimm dich in acht vor diesem Spuk. Und schäme dich nicht umzukehren, auch wenn du nichts mitbringst.«

 

Eine Woche darauf befand sich Kid zwischen den unregelmäßigen Gebirgsketten südlich des Indianerflusses. Auf der Wasserscheide des Klondike ließ er den Schlitten zurück und belud die Wolfshunde mit dem Proviant. Jedes der sechs großen Tiere trug fünfzig Pfund, und er selbst hatte ein ähnliches Bündel auf dem Rücken. Dann nahm er seinen Weg durch den weichen Schnee, den er mit seinen Schneeschuhen festtrat, und in einer langen Reihe folgten ihm die Hunde mit ihren schweren Lasten.

 

Er liebte dieses einsame Leben, liebte den kalten arktischen Winter, die schweigsame Wildnis, die unendlichen Schneefelder, die keines Menschen Fuß je betreten hatte. Um ihn erhoben sich die eisbekleideten Bergesgipfel, die keine Namen trugen und auf keiner Karte verzeichnet waren. Nirgends sah er den Lagerrauch eines Jägers in der stillen Luft der Täler in den klaren Himmel steigen. Nur er allein bewegte sich durch die unendliche Stille, die über der weiten, sonst von keinem Menschenfuß betretenen Einöde brütete. Aber diese Einsamkeit bedrückte ihn nicht. Er liebte alles hier. Liebte die Arbeit des Tages, das Kläffen der Wolfshunde, das Lagern im langen Zwielicht, die zitternden Sterne am Himmel und die flammende Pracht des Nordlichts.

 

Besonders liebte er sein Lager, wenn der Tag zu Ende ging. Es bot ihm dann ein Bild, das er sich stets zu malen sehnte und von dem er wußte, daß er es nie in seinem Leben vergessen würde: die festgetretene Stelle im Schnee, wo das Feuer brannte, sein Schlafplatz, der aus einigen über frisch abgeschlagene Fichtenzweige ausgebreiteten Hasenfellen bestand, der von einer Persenning gebildete Windschutz, die in der Weise ausgespannt war, daß sie die Hitze des Feuers auffing und zurückwarf, die von Ruß geschwärzte Kaffeekanne und der an einer langen Stange befestigte Kochtopf, die Mokassins, die auf kleinen Stöcken aufgehängt wurden, um am Feuer zu trocknen, die Schneeschuhe, die aufrecht in den Schnee gesteckt waren. Und um das Feuer herum lagen die Wolfshunde, die sich so nahe wie möglich an die Wärme drängten, sehnsüchtig und eifrig, die zottigen Pelze vom Reif bedeckt, die buschigen Ruten um die Füße gelegt, um sie gegen die Kälte zu schützen. Und rings um das Ganze, nur um ein kleines Stück vom Lichtschein zurückgedrängt, die Mauer der Dunkelheit, die ihn umgab.

 

In solchen Augenblicken erschienen ihm San Franzisko, die Woge und O’Hara unendlich fern, in eine unbeschreiblich ferne Vergangenheit gebannt – nur Schatten von Träumen, die nie Wirklichkeit wurden. Es wurde ihm schwer zu glauben, daß er je ein anderes Leben als dieses wilde, freie geführt hatte, und noch schwerer fiel es ihm, sich mit der Tatsache auszusöhnen, daß er einst seine Zeit und Kraft in dem Bohèmeleben einer großen Stadt verschwendet hatte. Jetzt, da er allein war und niemanden hatte, mit dem er sprechen konnte, dachte er über vieles nach, dachte tief und einfach. Er erschrak bei dem Gedanken an die Kräftevergeudung, die seine Jahre in der Stadt gekennzeichnet hatte, die billige Oberflächlichkeit aller philosophischen Schulen und Bücher, die zynische Gescheitheit der Ateliers und Redaktionen, die Heuchelei der Kaufleute in den Klubs. Sie alle wußten nicht, was Nahrung, Schlaf und Gesundheit in Wirklichkeit bedeuteten. Sie hatten keine Ahnung, was Hunger war, kannten nicht den gesunden Schmerz körperlicher Müdigkeit, nicht das Rauschen des starken, wilden Blutes, das wie Wein den Körper durchglüht, wenn die schwere Arbeit des Tages vollbracht ist.

 

Und als er noch in der Stadt lebte, lag dieses schöne weiße Land des herben Nordens immer schon da, ohne daß er etwas davon ahnte. Was ihm aber am rätselhaftesten erschien, war doch, daß er, der in so ungewöhnlichem Maße für dieses Leben befähigt war, damals nicht den leisesten Ruf gehört hatte, nicht von selbst fortgezogen war, um dieses Land aufzusuchen. Doch auch dieses Rätsel sollte er lösen, wenn die Zeit kam.

 

»Schau her, Gelbgesicht, jetzt hab‘ ich es!«

 

Der Hund, den er angerufen hatte, hob zuerst die eine, dann die andere Vorderpfote mit einer raschen und doch beherrschten Bewegung, rollte dann wieder seine buschige Rute über die Beine zusammen und grinste ihn über das Feuer an.

 

»Herbert Spencer war fast vierzig Jahre alt, bevor er erkannte, was seine größte Fähigkeit und seine tiefste Sehnsucht war. Ich bin nicht so langsam gewesen. Ich brauchte nicht zu warten, bis ich dreißig wurde, um soweit zu kommen. Denn hier liegt das Gebiet, wo ich mein Höchstes leisten kann und wo meine tiefste Sehnsucht gestillt wird. Und fast wünsche ich, liebes Gelbgesicht, daß ich als ein Wolfsjunges geboren und all meine Tage ein Bruder von dir und den Deinen gewesen wäre.«

 

Tag für Tag wanderte er durch ein Chaos von Cañons und Wasserscheiden, die kein klares topographisches Bild boten. Es sah aus, als hätte ein weltenschaffender Spaßmacher sie hier in übermütiger Laune hingeschleudert. Vergebens suchte er einen Bach oder Nebenfluß, der südwärts nach dem MacQuestion oder dem Stewart führte. Dann kam ein Gebirgssturm, der den Schnee durch diese wirre Anhäufung von hohen und niedrigen Wasserscheiden stieben ließ. Oberhalb der Baumgrenze kämpfte er zwei Tage, ohne Feuer und ohne sehen zu können, in vergeblichem Suchen nach tieferen Regionen. Am zweiten Tage gelangte er an den Rand eines mächtigen schroffen Abhangs.

 

Das Schneegestöber war indessen so dicht, daß er nicht sehen konnte, wie tief der Hang abfiel, und deshalb wagte er nicht hinabzuklettern. Er wickelte sich in seine Pelzdecke und sammelte die Hunde mitten in einer großen Schneewehe dicht um sich, gönnte sich aber keinen Schlaf.

 

Gegen Morgen flaute der Sturm ab, und er kroch aus den Decken, um sich zu orientieren. Eine Viertelmeile weiter abwärts lag unzweifelhaft ein eis- und schneebedeckter See, der von zackigen Bergen umgeben war. Ohne es zu wissen, hatte er den Überraschungssee gefunden.

 

»Der Name ist wirklich sehr zutreffend«, sagte er, als er eine Stunde später am Rande des Sees stand. Eine Gruppe alter Fichten bildete den einzigen Pflanzenwuchs. Auf dem Wege dorthin stolperte er über drei Gräber. Sie waren vom Schnee bedeckt, aber durch Pfähle kenntlich, die jemand mit der Hand zugehauen und mit unleserlichen Inschriften versehen hatte. Am Rande des kleinen Haines lag eine winzige verfallene Hütte. Er öffnete die Tür und trat ein. In einer Ecke lag etwas, das einst eine Schlafstelle aus Fichtenzweigen gewesen, ein Skelett… es war noch in Pelzwerk eingehüllt, von dem nur halbvermoderte Reste übrig waren. – Das ist offenbar der letzte Besucher des Überraschungssees gewesen, dachte Kid, als er einen Goldklumpen vom Boden aufhob, der doppelt so groß wie seine geballte Faust war. Neben dem Goldklumpen stand eine Blechbüchse, die mit rohen Goldklumpen von Walnußgröße gefüllt war – es war leicht zu sehen, daß sie noch nicht ausgewaschen waren.

 

Jetzt erschien ihm alles wahr, was er gehört hatte, und er hegte keinen Zweifel, daß das Gold aus der Tiefe des Sees stammte. Da die Eisdecke so dick war, daß das Wasser nicht ohne besondere Vorkehrungen zu erreichen war, konnte er nichts weiter tun. Gegen Mittag warf er deshalb vom Rande des Abhangs einen letzten Blick auf den geheimnisvollen See, den er gefunden hatte.

 

»Alles sehr schön, mein lieber See«, sagte er. »Du hast ganz recht, wenn du dich hier verbirgst. Aber ich werde wiederkommen und dich trockenlegen – wenn die Gespenster mich nicht erwischen! Ich weiß freilich nicht, wie ich mich hierhergefunden habe, aber meine Fährte wird mir schon zeigen, wie ich dich wiederfinden soll.«

 

Als er vier Tage später ein kleines Tal erreicht hatte, machte er neben dem eisbedeckten Fluß und im Schutz einiger wohlmeinender Fichten Feuer. Irgendwo in der weißen Einöde, die er hinter sich gelassen, lag also der Überraschungssee – irgendwo, aber wo, das wußte er nicht mehr. Mehr als hundert Stunden hatte er sich herumgetrieben und sich durch dichtes Schneegestöber hindurchgekämpft, und nun konnte er seine Fährte nicht wiederfinden. Er hatte deshalb keine Ahnung, in welcher Richtung der See hinter ihm lag. Er konnte auch nicht mit Sicherheit sagen, ob Tage oder Wochen vergangen waren. Er hatte mit den Hunden zusammen geschlafen, sich über eine schon vergessene Zahl von kleineren Wasserscheiden gekämpft, war durch unheimliche, gewundene Cañons gezogen, die blind endeten, und hatte zweimal vergebens versucht, ein Feuer zu machen und gefrorenes Elchfleisch aufzutauen. Und jetzt war er also hier, hatte gut gegessen und sich ein angenehmes Lager bereitet. Der Sturm war vorbei. Es war klar und kalt geworden. Die Landschaft hatte wieder ihr normales Gepräge angenommen. Der Bach, an dem er lagerte, sah natürlich aus und lief auch, wie er sollte, nach Süden. Der Überraschungssee war ihm aber ebenso verlorengegangen wie allen andern, die er in vergangenen Tagen gesucht hatte. Als er den Bach einen halben Tag weiter hinabgezogen war, gelangte er in das Tal eines größeren Flusses, der seiner Ansicht nach der MacQuestion sein mußte. Hier erlegte er einen Elch, und jetzt mußten die Wolfshunde wieder Packen mit Lebensmitteln im Gewicht von je fünfzig Pfund tragen. Als er den MacQuestion hinabzog, fand er eine Schlittenfährte. Das letzte Schneegestöber hatte sie verdeckt, aber darunter war sie von denen, die hier gegangen waren, festgetreten. Er zog daraus den Schluß, daß zwei Lager hier am Fluß zu finden sein mußten und daß diese Schlittenspur den Verbindungsweg zwischen ihnen darstellte. Es war klar, daß jemand die „Zwei Hütten“ gefunden hatte, und zwar waren es Leute vom unteren Lager. Er ging deshalb weiter in der Richtung des Flusses. Als er in dieser Nacht lagerte, waren es vierzig Grad Fahrenheit unter Null. Bevor er einschlief, überlegte er sich, was es wohl für Männer sein könnten, die die „Zwei Hütten“ wiederentdeckt hatten, und ob er sie am nächsten Tage ausfindig machen würde. Beim ersten Tagesgrauen war er deshalb wieder auf den Beinen, und ohne Schwierigkeit folgte er der halb verwischten Fährte. Mit den großen Schneeschuhen trat er den losen Schnee fest, so daß die Hunde nicht nötig hatten, hindurchzuwaten.

 

Und dann stürzte sich – an einer Biegung des Flusses – das Unerwartete auf ihn. Ihm schien, als ob er es gleichzeitig hörte und empfand. Der Knall des Stutzens kam von rechts, und die Kugel, die die Schulter seines Drillichüberzuges und seine wollene Jacke durchschlug, versetzte ihm einen so kräftigen Stoß, daß er sich um seine Achse drehte. Er schwankte, da seine Schneeschuhe sich ineinander verwirrt hatten, fand aber das Gleichgewicht wieder. Da hörte er einen zweiten Knall. Diesmal ging die Kugel indessen vorbei. Er wartete keinen weiteren Schuß ab, sondern lief, so schnell er konnte, durch den Schnee den schirmenden Bäumen zu, die hundert Fuß entfernt am Hange standen. Immer und immer wieder knallte die Büchse, und mit Unbehagen stellte er fest, daß ihm etwas Warmes und Feuchtes über den Rücken lief.

 

Er kletterte den Hang hinauf – die Hunde aufgeregt hinter ihm her – und schlüpfte zwischen Bäume und Büsche. Dann band er die Schneeschuhe los, warf sich der Länge nach hin und spähte vorsichtig hinaus. Es war nichts zu sehen. Wer es auch gewesen sein mochte, der ihn angeschossen hatte, jedenfalls lag der Betreffende in Deckung hinter den Bäumen am anderen Ufer.

 

»Wenn nicht bald irgend etwas geschieht, muß ich mich fortschleichen oder ein Feuer machen, sonst erfrieren mir die Füße«, murmelte er vor sich hin, als eine halbe Stunde vergangen war. »Gelbgesicht, was würdest du tun, wenn du hier in der Kälte lägest und merktest, daß der Blutumlauf immer schwächer würde, während ein Mann versuchte, dich niederzuknallen?«

 

Er kroch einige Meter zurück, trat den Schnee fest und führte einen Indianertanz auf, bis er merkte, daß das Blut in seine Füße zurückkehrte, und auf diese Weise hielt er es noch eine halbe Stunde aus. Da hörte er unten vom Fluß das unverkennbare Schellengeläut eines Hundegespannes. Als er hinaus spähte, sah er einen Schlitten um die Flußbiegung schwenken. Nur ein Mann stand darin, der die Steuerstange führte und gleichzeitig die Hunde antrieb. Das plötzliche Erscheinen eines Menschen machte einen tiefen Eindruck auf Kid, der so lange niemanden gesehen hatte. Sein nächster Gedanke galt aber dem vermutlichen Mörder, der sich irgendwo auf dem andern Ufer versteckt hielt.

 

Ohne sich selbst auszusetzen, stieß er einen warnenden Pfiff aus. Der Mann hörte nichts und kam mit rasender Schnelligkeit näher. Wieder pfiff Kid, und diesmal lauter. Der Mann rief seinen Hunden etwas zu und machte halt. Er drehte sich nach der Richtung, wo Kid stand, aber im selben Augenblick knallte ein Schuß. Fast in derselben Sekunde schoß Kid in den Wald hinein, woher der Knall kam. Der Mann am Fluß war indessen schon vom ersten Schuß getroffen worden. Der Schlag der Kugel hatte ihn ins Wanken gebracht. Er taumelte mühselig zum Schlitten. Obgleich nahe am Zusammenbrechen, gelang es ihm, ein Gewehr aus dem Schlitten zu nehmen, wo es unter der Last verborgen lag. Als er sich aber bemühte, es an die Schulter zu bringen, vermochte er sich nicht mehr lange aufrecht zu halten und setzte sich langsam auf den Schlitten. Er konnte nicht mehr genau zielen, und der Schuß ging deshalb in die Luft. Plötzlich fiel er rücklings über das Gepäck am Schlitten nieder, so daß Kid nur die Beine und den Unterkörper sah. Von unten her hörte Kid jetzt das Geläut von mehreren Hundeschellen. Der Mann rührte sich indessen nicht. Drei Schlitten schwenkten um die Biegung des Flusses, von einem halben Dutzend Männern gefolgt. Kid rief ihnen eine Warnung zu, aber sie hatten schon gemerkt, was mit dem ersten Schlitten geschehen war, und eilten deshalb zu ihm hin. Es fiel kein Schuß mehr vom andern Ufer, und Kid befahl deshalb seinen Hunden, ihm zu folgen, und trat aus dem Versteck hervor.

 

Er hörte laute Rufe von den Männern, und zwei von ihnen rissen sich die Fäustlinge von den Händen und warfen ihre Gewehre an die Schulter.

 

»Komm nur her, du blutbefleckter Mörder!« rief einer von ihnen, ein Mann mit einem schwarzen Bart. »Schmeiß deinen Schießprügel in den Schnee.«

 

Kid zögerte einen Augenblick, dann warf er sein Gewehr fort und ging zu ihnen hin.

 

»Untersuch ihn mal, Louis und nimm ihm die Waffen weg!« befahl der Schwarzbärtige.

 

Louis, nach Kids Auffassung ein französisch-kanadischer Schlittenfahrer, gehorchte.

 

Seine Untersuchung brachte lediglich Kids Jagdmesser zum Vorschein, das der Schwarzbärtige zu sich steckte.

 

»Na, was hast du zu deiner Verteidigung zu sagen, Fremder, bevor ich dich totschieße?« fragte er.

 

»Daß du dich irrst, wenn du glaubst, daß ich den Mann getötet habe«, antwortete Kid.

 

Einer der Schlittenfahrer stieß plötzlich einen lauten Ruf aus. Er war die Fährte entlanggegangen und hatte Kids Fußspuren gefunden, wo dieser die Fährte verlassen hatte, um auf dem Hang Deckung zu suchen.

 

»Warum hast du Joe Kinade getötet?« fragte der Schwarzbärtige.

 

»Ich sage dir ja, daß ich es nicht getan habe«, begann Kid.

 

»Was soll dieses Gerede? Wir haben dich auf frischer Tat ertappt. Da drüben ist die Stelle, wo du die Fährte verließest, als du ihn kommen hörtest. Du lagst oben im Busch und hast ihn ermordet, dein Schuß fiel aus ganz kurzer Entfernung. Du konntest überhaupt nicht vorbeischießen, hol mal den Schießprügel her, den er fortgeworfen hat.«

 

»Laßt mich doch erzählen, wie es zuging«, wandte Kid ein.

 

»Halt das Maul!« schnauzte ihn der Mann an. »Ich denke, dein Gewehr wird die Geschichte schon verraten.«

 

Sie untersuchten Kids Gewehr, nahmen die Patronen heraus und zählten sie. Dann untersuchten sie die Mündung und den Verschluß.

 

»Nur ein Schuß«, entschied der Schwarzbärtige.

 

Pierre roch an dem Verschluß, während seine Nasenflügel wie bei einem Hirsch zitterten und sich blähten.

 

»Erst ganz vor kurzem geschossen«, erklärte er.

 

»Die Kugel ging am Rücken hinein«, sagte Kid. »Er wandte mir das Gesicht zu, als er erschossen wurde. Ihr seht also, daß der Schuß vom andern Ufer gekommen ist.«

 

Der Schwarzbart überdachte einen Augenblick diesen Einwand. Dann schüttelte er den Kopf.

 

»Unsinn, damit kommst du nicht durch. Dreh ihn mal mit dem Gesicht gegen das andere Ufer. Siehst du, so hat er gestanden, als du ihn erschossen hast. Einige von euch könnten ja die Fährte untersuchen, ob ihr einige Spuren nach dem andern Ufer finden könnt.«

 

Sie berichteten gleich darauf, daß der Schnee auf dieser Seite noch völlig unbetreten war. Nicht einmal ein Polarhase hatte sie durchquert. Der Schwarzbärtige beugte sich über den Toten, und als er sich wieder aufrichtete, hielt er einen kleinen rauhen wollenen Lappen in der Hand. Er untersuchte ihn und fand darin versteckt die Kugel, die durch den Körper gegangen war. Ihre Spitze war flachgedrückt und hatte die Größe eines Halbdollarstückes. Das stumpfe Ende, das in einer stählernen Hülse steckte, war unbeschädigt. Er verglich sie mit einer Patrone aus Kids Gürtel.

 

»Der Beweis hier genügt, um selbst einen Blinden zu überzeugen, Fremder. Die Kugel hat eine weiche Spitze und eine stählerne Hülse – und deine Kugeln sind von derselben Art. Die Kugel hier ist dreißig, dreißig – deine auch. Die hier stammt von der J.-u.-T.-Waffenfabrik – genau wie deine. Aber jetzt kommst du mit, dann werden wir den Hang hinaufklettern und an Ort und Stelle sehen, wie es vor sich ging.«

 

»Ich wurde ja selbst aus dem Hinterhalt getroffen«, sagte Kid. »Hier können Sie das Loch in meiner Parka sehen.«

 

Während der Schwarzbärtige es untersuchte, öffnete einer der Schlittenfahrer das Gewehr des Toten. Allen war klar, daß er nur den Schuß abgegeben hatte. Die leere Patronenhülse steckte noch in der Kammer.

 

»Ein Jammer, daß der arme Joe dir nicht den Garaus gemacht hat«, erklärte der Schwarzbärtige bitter. »Aber es war immerhin ein ganz feiner Schuß, wenn man das Loch in Betracht zieht, das er selbst bekommen hatte. Also komm mit, du…«

 

»Untersucht doch erst das andere Ufer«, schlug Kid vor.

 

»Jetzt hältst du deine Schnauze und kommst mit. Dann mögen die Tatsachen selbst reden.«

 

Sie verließen die Fährte an der Stelle, wo Kid sie verlassen hatte, und folgten seinen Spuren den Hang hinauf und unter die Bäume.

 

»Hier er tanzen, um Füße warm halten«, zeigte Louis. »Hier er auf Bauche kriechen. Hier Ellbogen stützen beim Schießen.«

 

»Und, bei Gott im Himmel, da liegt sogar die leere Hülse, die er gebraucht hat«, stellte der Schwarzbärtige fest. »Jungens, hier ist nur eins zu tun.«

 

»Erst müßt ihr mich doch fragen, warum ich geschossen habe«, unterbrach ihn Kid.

 

»Und ich haue dir eins in die Visage, daß dir die Zähne zum Hintern hinausfliegen, wenn du die Fresse nicht hältst. Du hast nur die Fragen zu beantworten, die wir stellen. Also, Jungens, wir sind anständige Leute und gehorchen dem Gesetz, und wir werden diese Sache korrekt behandeln. Wie weit, denkst du, sind wir heute gefahren, Pierre?«

 

»Zwanzig Meilen, denke ich.«

 

»Gut, dann errichten wir hier ein Depot von den Ausrüstungen, die wir mitgebracht haben, und schaffen den Kerl da und den armen Joe nach den „Zwei Hütten“ zurück. Ich glaube, wir haben genug gesehen, um zu beweisen, daß er aufgehängt zu werden verdient.«

 

Drei Stunden nach Eintritt der Dunkelheit erreichten der Tote, Kid und seine Wächter die „Zwei Hütten“. Bei dem unsicheren Schein der Sterne konnte Kid ein Dutzend neugebauter Hütten erkennen, die sich um eine größere, ältere Hütte auf einer Ebene am Flußufer scharten. Er wurde in die alte Hütte geworfen und sah, daß sie von einem riesigen jungen Mann, dessen Frau und einem blinden Greis bewohnt war. Die Frau, die der Mann Luzy nannte, war selbst groß und stark; war von dem üblichen Typ, den man in den Grenzbezirken trifft. Der Alte war – wie Kid später erfuhr – in seinen jungen Jahren Trapper am Stewart gewesen und erst im vergangenen Winter völlig erblindet. Er erfuhr ferner, daß das Lager bei den „Zwei Hütten“ von einem halben Dutzend Männern errichtet worden war, die letzten Herbst in ebenso vielen, mit Proviant belasteten Wrickbooten angekommen waren. Sie hatten den blinden Trapper hier vorgefunden und ihre Hütten um die seine herumgebaut. Später Eingetroffene, die mit Hundegespannen über das Eis gezogen waren, hatten die Bevölkerung verdreifacht. Es gab große Vorräte von Fleisch im Lager, und sie hatten Kies gefunden, den sie jetzt auswuschen, wenn er auch freilich nicht viel Gold enthielt.

 

Im Laufe von fünf Minuten hatten sich sämtliche Männer der „Zwei Hütten“ im Raum versammelt. Kid, der an Händen und Füßen mit Riemen aus Elchhaut gebunden war, lag in einer Ecke, wo ihn keiner beachtete, und sah zu. Er zählte im ganzen achtunddreißig Mann, eine wilde, ungehobelte Bande, Leute von der Grenze der Staaten oder Schlittenfahrer aus dem oberen Kanada. Die Leute, die ihn gefangengenommen hatten, gaben immer wieder die Geschichte zum besten, und jeder von ihnen bildete dabei den Mittelpunkt einer aufgeregten, empörten Gruppe.

 

Man hörte murmeln, daß man ihn einfach lynchen sollte… warum, zum Teufel, warten? Und einmal wurde ein großer aufgeregter Irländer nur mit Gewalt daran gehindert, sich auf den wehrlosen Gefangenen zu stürzen, um ihn zu prügeln.

 

Während Kid die Leute zählte, bemerkte er plötzlich ein ihm bekanntes Gesicht. Es war Breck, der Mann, dessen Boot Kid durch die Wasserfälle geführt hatte. Er wunderte sich, daß Breck nicht zu ihm kam und ihn ansprach, ließ sich selbst aber nichts anmerken, daß er ihn erkannt hatte. Als Breck sich dann später umdrehte und ihm heimlich ein Zeichen gab, verstand Kid sein Benehmen.

 

Der Schwarzbärtige, den die anderen Eli Harding nannten, beendete den Streit, ob man Kid sofort lynchen sollte oder nicht.

 

»Hört jetzt auf mit dem Unsinn!« brüllte Harding. »Macht keinen Quatsch! Der Mann gehört mir. Ich habe ihn gefangen und hierhergebracht. Glaubt ihr denn, daß ich ihn den langen Weg nur geschleppt habe, um ihn lynchen zu lassen? Keine Rede davon. Das hätten wir ja auch dort machen können. Ich habe ihn mitgebracht, damit wir ein unparteiisches Urteil fällen, und – bei Gott im Himmel – er soll es auch haben. Er ist gut gebunden, so daß er sich nicht dünnemachen kann. Schmeißt ihn bis morgen früh auf ein Bett, dann werden wir Gericht über ihn halten, wie es sich gehört.«

 

Kid wachte auf, wie er mit gegen die Wand gekehrtem Gesicht auf seinem Bett lag. Ein eisiger Zugwind bohrte sich scharf wie ein Messer von vorn in seine Schulter. Als er hier angebunden wurde, hatte er den Zug nicht gespürt. Da die Luft aber jetzt von draußen mit einem Druck von dreißig Grad Fahrenheit unter Null in die heiße Atmosphäre der Hütte wehte, wurde ihm klar, daß irgend jemand von außen das Moos zwischen den Brettern der Wand ausgezupft hatte. Er schob sich so nahe, wie seine Fesseln es ihm erlaubten, heran und reckte dann den Hals so weit, daß seine Lippen genau die Stelle erreichten, wo der Riß sein mußte. »Wer ist da?« flüsterte er.

 

»Breck«, lautete die Antwort. »Passen Sie auf, daß man Sie nicht hört. Ich werde Ihnen ein Messer hineinstecken.«

 

»Hilft mir nichts«, sagte Kid. »Ich könnte es doch nicht gebrauchen. Die Hände sind mir auf dem Rücken gefesselt und dazu noch an das Bettgestell festgebunden. Außerdem könnten Sie das Messer gar nicht durch das Loch schieben. Aber es muß etwas geschehen. Die Kerle hier haben zweifellos die Absicht, mich aufzuhängen, und ich habe den Mann, wie Sie sich denken können, gar nicht getötet.«

 

»Das brauchen Sie mir nicht zu sagen, Kid. Und wenn Sie es getan hätten, würden Sie Ihre Gründe gehabt haben. Aber darum handelt es sich ja gar nicht. Sie sind eine verfluchte Rasselbande, die Bengels hier! Sie haben sie ja selbst gesehen. Sie sind ganz von der übrigen Welt abgeschnitten und schustern sich ihre eigenen Gesetze zurecht – nach Art von Goldgräbern, verstehen Sie. Sie haben neulich zwei Männer erwischt, Proviantdiebe. Den einen jagten sie zum Lager hinaus, ohne ihm eine Unze Lebensmittel oder nur ein einziges Streichholz mitzugeben. Er kam ungefähr vierzig Meilen weit, dann lebte er noch ein paar Tage, ehe er erfror. Vor zwei Wochen haben sie den zweiten Mann hinausgeworfen. Sie ließen ihm die Wahl: keine Lebensmittel oder zehn Peitschenhiebe für jede Tagesration. Er hielt vierzig Hiebe aus, ehe er ohnmächtig wurde. Und jetzt haben diese Leute Sie gefangen, und alle ohne Ausnahme sind überzeugt, daß Sie Kinade ermordet haben.«

 

»Der Mann, der Kinade tötete, hat auch auf mich geschossen. Seine Kugel machte mir eine Fleischwunde an der einen Schulter.

 

Sorgen Sie nur dafür, daß das Gericht verschoben wird, bis einer dort oben gewesen ist und das Ufer, wo der Mörder sich versteckt hatte, untersucht hat.«

 

»Hilft nichts. Sie stützen sich auf die Aussage Hardings und der fünf Franzosen, die mit ihm waren. Außerdem haben sie noch keinen aufgehängt, und den Spaß möchten sie doch auch erleben. Sie sehen also, daß die Geschichte verdammt dreckig steht. Sie haben keine ordentlichen Goldfunde gemacht und haben es schon satt, nach dem Überraschungssee zu suchen. Die erste Hälfte des Winters gingen sie noch auf die Goldsuche; aber jetzt haben sie schon Schluß damit gemacht. Der Skorbut meldet sich auch schon bei ihnen. Sie brauchen also irgendeine Sensation, um sich aufzupulvern.«

 

»Und da soll ich ihnen das Vergnügen machen«, fügte Kid hinzu. »Sagen Sie mal, Breck, wie sind Sie denn überhaupt darauf gekommen, mit so einer gottverlassenen Bande Gold zu suchen?«

 

»Als ich meine Claims am Squawbach richtig in Schuß gebracht und einige Leute dort zum Arbeiten eingestellt hatte, kam ich, auf der Suche nach den „Zwei Hütten“, den Stewart hinauf. Die Leute waren mir indessen zuvorgekommen, und deshalb ging ich den Fluß weiter hinauf. Gestern kam ich zurück, weil ich keinen Proviant mehr hatte.«

 

»Haben Sie etwas gefunden?«

 

»Nicht viel. Aber ich denke, daß ich die Geschichte mit einer hydraulischen Einrichtung machen kann, die ich aufbauen werde, wenn das Land erst zugänglich gemacht ist. Oder ich werde einen. Goldkratzer aufstellen.«

 

»Hören Sie«, unterbrach ihn Kid. »Warten Sie noch einen Augenblick. Ich muß nur etwas überlegen.«

 

Er lauschte sorgfältig auf das Schnarchen der schlafenden Männer, während er den Gedanken erwog, der ihm durch den Kopf geschossen war.

 

»Sagen Sie mal, Breck, haben die Leute hier schon meine Bündel mit Lebensmitteln geöffnet, die die Hunde trugen?«

 

»Nur ein paar davon. Ich war die ganze Zeit dabei. Sie haben sie in Hardings Depot gelegt.«

 

»Haben Sie etwas gefunden?«

 

»Ja, Fleisch!«

 

»Gut. Sie müssen sehen, daß Sie den braunen Leinensack finden, der mit Elchfell geflickt ist. Da werden Sie einige Pfunde Rohgold finden. Sie haben hierzulande noch nie solches Gold gesehen – und auch kein anderer. Und nun hören Sie, was Sie weiter zu tun haben.«

 

Eine Viertelstunde später entfernte sich Breck, nachdem er genau instruiert worden war. Er klagte auch schon, daß seine Füße zu erfrieren begännen. Kids Nase und eine Wange begannen auch zu erfrieren, weil er sie so nahe an die Ritze gehalten hatte; er mußte sie eine halbe Stunde gegen die Decke reiben, bevor das Gefühl, daß das Blut zurückkehrte, ihm die Sicherheit gab, daß seine Haut wieder einmal gerettet war.

 

 

 

»Natürlich bin ich ganz sicher, daß es so ist. Es ist gar kein Zweifel, daß er Kinade getötet hat. Wir haben ja die ganze Geschichte gestern abend gehört! Wozu alles jetzt wiederholen? Ich stimme für schuldig!«

 

So begann die Gerichtsverhandlung gegen Kid. Der gesprochen hatte, war ein schlottriger, harter Mann aus Colorado. Er war offenbar ärgerlich und unwillig, als Harding seinen Vorschlag ablehnte, weil er seinerseits wünschte, daß die Verhandlung in ordentlicher und anständiger Weise vor sich gehen sollte. Harding ernannte darauf einen von ihnen, Shunk Wilson, zum Richter und Leiter der Verhandlung.

 

Die übrige Bevölkerung der „Zwei Hütten“ bildete die Geschworenen. Jedoch wurde, nachdem man über die Sache hin und her geredet hatte, entschieden, daß die Frau, Luzy, nicht berechtigt sein sollte, in der Frage über Kids Schuld oder Unschuld zu stimmen.

 

Während dies vor sich ging, hörte Kid, der auf seinem Lager in der einen Ecke lag, einer Unterredung zu, die Breck flüsternd mit einem Goldgräber führte.

 

»Können Sie mir nicht fünfzig Pfund Mehl verkaufen?«

 

»Sie haben nicht Gold genug, um den Preis zu zahlen, den ich von Ihnen verlange«, lautete die Antwort.

 

»Ich zahle zweihundert.«

 

Der Mann schüttelte den Kopf.

 

»Dreihundert… dreihundertfünfzig…«

 

Als sie bei vierhundert angelangt waren, nickte der Mann und sagte: »Kommen Sie mit in meine Hütte! Dort können Sie den Goldstaub abwiegen.«

 

Die beiden schlichen sich zur Tür und glitten leise hinaus. Einige Minuten darauf kam Breck allein wieder.

 

Harding wollte gerade seine Aussage machen, als Kid sah, daß die Tür sich vorzeitig öffnete und in der schmalen Spalte das Gesicht des Mannes erschien, der das Mehl an Breck verkauft hatte. Er schnitt Gesichter und gab einem im Raum, der nahe am Ofen saß, allerlei merkwürdige Zeichen. Dann stand dieser auf und schob sich zur Tür hin.

 

»Wo gehst du hin, Sam?« fragte Shunk Wilson.

 

»Ich bin gleich wieder da«, erklärte Sam. »Ich muß nur für einen Augenblick hinaus.«

 

Kid bekam Erlaubnis, die Zeugen auszufragen, und er befand sich gerade mitten in einem Kreuzverhör Hardings, als man von draußen das Heulen von Schlittenhunden und das Knirschen von Kufen hörte. Einer, der an der Tür saß, sah hinaus.

 

»Es sind Sam und sein Partner, die mit ihrem Hundegespann nach dem Stewart fahren, was das Zeug nur halten kann«, berichtete der Mann.

 

Eine halbe Minute lang sprach keiner, aber die Männer sahen sich verständnisinnig an. Sie begannen alle nervös und unruhig zu werden. Kid benutzte die Gelegenheit, um einen Blick auf Breck zu werfen, der sich flüsternd mit Luzy und ihrem Mann unterhielt.

 

»Mach weiter, du«, sagte Shunk Wilson kurz zu Kid. »Und so schnell wie möglich. Wir wissen schon, was du beweisen willst: daß das andere Ufer nicht untersucht wurde. Der Zeuge gibt das auch zu, und wir auch. Aber es war auch nicht nötig. Es führten keine Fußspuren zu dem Hang dort. Der Schnee war ganz unberührt.«

 

»Und es war doch ein Mann auf der andern Seite«, behauptete Kid unerschütterlich.

 

»An dem Strohhalm kannst du nicht lange hängenbleiben, junger Freund. Wir sind nicht so viele hier am MacQuestion, und wir wissen Bescheid, wo jeder von uns sich aufhält.«

 

»Wer war denn der Mann, den ihr vor zwei Wochen aus dem Lager gejagt habt?« fragte Kid.

 

»Alonzo Miramar. Ein Mexikaner. Aber was hat der verfluchte Dieb damit zu tun?«

 

»Nichts, außer daß Sie ihn nicht in Betracht gezogen haben, Herr Richter.«

 

»Er ging den Fluß hinab, nicht hinauf…«

 

»Wie könnt ihr wissen, wo er hinging?«

 

»Ich sah ihn verschwinden.«

 

»Und das ist alles, was ihr von ihm wißt?«

 

»Nein, das ist es nicht, junger Mann. Ich weiß, wir alle wissen, daß er nur für vier Tage Nahrungsmittel und kein Gewehr hatte, um sich Fleisch zu verschaffen. Wenn er nicht die Kolonie am Yukon erreicht hat, muß er längst vorher verreckt sein.«

 

»Ich vermute, daß Sie alle Gewehre, die es in dieser Gegend gibt, kennen«, erklärte Kid mit Nachdruck.

 

Jetzt wurde Shunk Wilson ärgerlich.

 

»Nach deinen Fragen zu urteilen, scheinst du dir einzubilden, daß ich der Gefangene bin und nicht du. Laßt jetzt den nächsten Zeugen hervortreten. Wo ist Franzosen-Louis?«

 

Während Franzosen-Louis nach vorne ging, öffnete Luzy die Tür.

 

»Wohin gehst du?« rief Shunk Wilson ihr zu.

 

»Ich brauche hier wohl nicht sitzen zu bleiben«, antwortete sie höhnisch. »Am allerwenigsten, wenn ich doch kein Stimmrecht habe.«

 

Einige Minuten später ging ihr Mann ihr nach. Der Richter bemerkte es erst, als er die Tür hinter sich zuwarf. »Wer war denn das?« unterbrach er Pierre, der mitten in seiner Aussage war.

 

»Bill Peabody«, antwortete einer. »Er sagte, er wollte seine Frau was fragen und dann gleich wiederkommen.«

 

Aber statt Bills kam Luzy wieder herein. Sie zog ihren Pelz aus und setzte sich wieder wie vorher an den Ofen.

 

»Ich glaube nicht, daß wir noch nötig haben, die übrigen Zeugen zu vernehmen«, sagte Shunk Wilson, als Pierre seine Aussage beendet hatte. »Wir wissen ja, daß sie nur die Tatsachen bestätigen können, die wir bereits gehört haben. Du, Sörensen, geh mal und hol den Peabody wieder herein! Wir werden jetzt abstimmen, ob der Kerl schuldig ist oder nicht. Und dann kannst du, Fremder, ja inzwischen aufstehen und erzählen, wie es deiner Meinung nach zugegangen ist. Um keine Zeit zu verlieren, werden wir dann die beiden Gewehre, die Munition und die zwei Kugeln, mit denen geschossen wurde, herumgehen lassen.«

 

Mitten in seiner Darstellung, wie er nach diesem Teile des Landes gekommen sei, und als er eben beschreiben wollte, wie er plötzlich angeschossen wurde und den Hang hinauffloh, wurde Kid von dem entrüsteten Shunk Wilson unterbrochen.

 

»Junger Mann, was, zum Teufel, erzählst du uns da für Räubergeschichten? Wir verschwenden damit ja bloß die kostbare Zeit. Natürlich hast du das Recht, uns etwas vorzuschwindeln, um deinen Hals zu retten, aber wir haben keine Lust, uns solchen Quatsch vorbeten zu lassen. Das Gewehr, die Munition und die Kugeln, die Joe Kinade getötet haben – alles spricht gegen dich. Na, was ist denn nu wieder los? Mach mal einer die Tür auf!«

 

Die eisige Luft wehte herein und verdichtete sich in dem heißen Raum. Und durch die offene Tür hörte man gleichzeitig das Heulen von Hundegespannen, das immer schwächer wurde, je weiter sie sich entfernten.

 

»Es sind Sörensen und Peabody«, rief einer. »Sie hauen mit den Peitschen auf die Hunde los und fahren den Fluß hinab.«

 

»Da soll doch der leibhaftige Satan…« Shunk Wilson schwieg mit offenem Munde und starrte Luzy an.

 

»Vielleicht können Sie uns eine Erklärung geben, Frau Peabody?«

 

Sie schüttelte den Kopf und preßte die Lippen zusammen. Shunks zorniger und mißtrauischer Blick schweifte weiter und blieb auf Breck haften.

 

»Und ich denke mir, daß der Fremde da, mit dem Sie so lange geflüstert haben, die Sache erklären könnte, wenn er Lust hätte.«

 

Breck merkte mit Unbehagen, daß alle Blicke sich auf ihn richteten.

 

»Sam hat auch lange mit ihm gequatscht, ehe er vorhin abhaute«, sagte einer.

 

»Sehen Sie mal, Herr Breck«, fuhr Shunk Wilson fort. »Sie haben die Verhandlung hier unterbrochen, und Sie müssen uns erklären, warum Sie das getan haben. Was haben Sie da vorhin geflüstert?«

 

Breck räusperte sich ängstlich und antwortete: »Ich wollte etwas Proviant von ihm kaufen.«

 

»Und womit wollten Sie bezahlen?«

 

»Mit Goldstaub natürlich.«

 

»Wo haben Sie den denn her?«

 

Breck antwortete nicht.

 

»Er ist immer um den Stewart herumgeschlichen und hat geschnüffelt«, gab einer ungefragt zum besten. »Ich stieß vor einer Woche, als ich auf der Jagd war, auf sein Lager. Und ich kann euch sagen, daß er verdammt geheimnisvoll tat.«

 

»Der Staub stammt ja gar nicht dorther«, sagte Breck. »Ich habe es mit einer einfachen Hydraulik geschafft.«

 

»Bringen Sie mal Ihren Beutel und lassen Sie sehen, wie er aussieht, Ihr Goldstaub«, befahl Wilson.

 

»Ich sage Ihnen ja, daß er gar nicht von dort ist…«

 

»Wir wollen ihn trotzdem sehen, verstehen Sie?«

 

Breck tat, als hätte er sich am liebsten geweigert, aber er sah überall nur drohende Gesichter.

 

Widerstrebend begann er in seiner Tasche zu suchen. Als er eine Büchse herausholen wollte, stieß sie gegen etwas in der Tasche, das ein harter Gegenstand zu sein schien.

 

»Nehmen Sie alles heraus«, donnerte Wilson.

 

Und da kam der große Goldklumpen zum Vorschein, ein erstklassiges Ding, gelb wie kein anderes Gold, das die Zuschauer je gesehen hatten. Wilson schnappte nach Luft.

 

Ein halbes Dutzend, das einen schnellen Blick darauf geworfen hatte, stürzte zur Tür. Sie erreichten sie gleichzeitig, und fluchend und keifend schoben und stießen sie einander durch. Der Richter entleerte den Inhalt der Büchse auf den Tisch, aber bei dem Anblick des ungewaschenen Goldklumpens stürzte wieder ein halbes Dutzend zur Tür.

 

»Wo wollt ihr hin?« fragte Harding, als selbst der Richter Shunk Wilson sich anschickte, den andern zu folgen.

 

»Mir meine Hunde holen natürlich.«

 

»Wollt ihr ihn denn nicht aufhängen?«

 

»Das würde jetzt zuviel Zeit nehmen. Er bleibt ja, bis wir wiederkommen. Ich gehe davon aus, daß die Verhandlung für heute geschlossen ist. Jetzt haben wir keine Zeit, hier sitzen zu bleiben.«

 

Harding zögerte noch einen Augenblick. Er warf Kid einen grimmigen Blick zu, sah, wie Pierre Louis von der Tür aus Zeichen machte. Dann warf er noch einen letzten Blick auf den Goldklumpen und faßte einen raschen Entschluß.

 

»Versuch nicht wegzulaufen!« rief er Kid über die Schulter zu. »Außerdem werde ich mir gestatten, mir deine Hunde zu leihen.«

 

»Was ist denn los? Wieder so ein verdammter Wettlauf nach dem Golde?« fragte der blinde Trapper in einem komisch keifenden Falsett, als das Gebrüll der Männer und das Geheule der Hunde vor den Schlitten durch die Stille des Raumes hallten.

 

»Ja, natürlich«, antwortete Luzy. »Ich habe auch nie solch Gold gesehen. Fühl es mal an, Alter!«

 

Sie legten ihm den Goldklumpen in die Hand. Er interessierte sich aber nur wenig dafür.

 

»Das war hier einst ein schönes Pelzland«, klagte er, »bevor diese verflixten Goldsucher kamen und das Wild vertrieben.«

 

Die Tür öffnete sich, und Breck trat ein.

 

»Schön«, sagte er. »Jetzt sind wir vier allein im ganzen Lager. Es sind vierzig Meilen bis zum Stewart, wenn man den Richtweg einschlägt, wie ich es getan habe. Selbst der schnellste Fahrer braucht mindestens fünf oder sechs Tage. Jetzt wird es aber Zeit, daß Sie wegkommen, Kid.«

 

Breck zerschnitt mit seinem Jagdmesser die ledernen Fesseln des andern und warf der Frau einen vielsagenden Blick zu.

 

»Ich hoffe, daß Sie uns keine Schwierigkeiten machen werden«, sagte er mit eindringlicher Höflichkeit.

 

»Wenn ihr schießen wollt«, rief der Alte, »dann, bitte, bringen Sie mich zuerst aus der Hütte.«

 

»Nur los – nehmt keine Rücksicht auf mich«, antwortete Luzy. »Wenn ich nicht gut genug bin, um einen Mann an den Galgen zu bringen, bin ich auch nicht gut genug, ihn festzuhalten.«

 

Kid stand auf und rieb sich die Gelenke, deren Blutumlauf die Fesseln unterbunden hatten.

 

»Ich habe ein Bündel für Sie fertiggemacht«, sagte Breck. »Für zehn Tage Proviant, Decken, Streichhölzer, Tabak, eine Axt und einen Stutzen.«

 

»Nehmen Sie«, ermunterte Luzy Kid. »Bringen Sie sich in Sicherheit, Fremder. Und machen Sie es so schnell, wie es Ihnen der liebe Herrgott erlaubt.«

 

»Ich möchte aber immerhin erst was Ordentliches zu essen haben, ehe ich verdufte«, sagte Kid. »Und wenn ich dann abhaue, werde ich den MacQuestion hinauf- und hinabgehen. Ich möchte, daß Sie mit mir kommen, Breck. Wir wollen das andere Ufer nach dem Kerl untersuchen, der sich dort verborgen hält.«

 

»Wenn Sie auf meinen Rat hören wollen, Kid, so gehen Sie den Stewart und den Yukon hinab«, wandte Breck ein. »Wenn diese Rasselbande von meiner sogenannten Hydraulik zurückkommt, werden sie alle wütend sein.«

 

Kid lachte und schüttelte den Kopf.

 

»Ich will mich nicht aus dem Lande drücken. Ich habe hier jetzt Interessen wahrzunehmen. Ich will hierbleiben und mich rechtfertigen, Breck. Mir kann es ja schnuppe sein, ob Sie mir glauben oder nicht, aber ich habe tatsächlich den Überraschungssee gefunden. Von dort stammt auch das Gold. Außerdem haben die Burschen ja auch meine Hunde genommen, und ich werde hier warten, bis ich sie zurückbekomme. Außerdem weiß ich, was ich will. Es lag ein Mann am andern Ufer verborgen. Er hat fast sein ganzes Magazin auf mich verschossen.«

 

Als Kid eine halbe Stunde später mit einer großen Schüssel Elchbraten vor sich am Tisch saß und gerade eine mächtige Tasse Kaffee an die Lippen führte, sprang er plötzlich auf.

 

Er war der erste, der das Geräusch hörte. Luzy öffnete schnell die Tür.

 

»Tag, Spike, Tag, Methody«, begrüßte sie zwei Männer, die sich, mit Reif bedeckt, um ein schweres Bündel bemühten, das auf ihrem Schlitten lag.

 

»Wir kommen eben vom oberen Lager«, sagte der eine, als sie in die Hütte getreten waren. Sie behandelten das Bündel, das sie mit in den Raum trugen, mit größter Sorgfalt und Vorsicht.

 

»Und das hier haben wir unterwegs gefunden. Ich denke, es ist schon aus mit ihm.«

 

»Legt ihn auf das Bett dort«, sagte Luzy.

 

Sie beugte sich über das Bündel, entfernte das Pelzwerk und enthüllte das Gesicht, das hauptsächlich aus großen, starrenden Augen und aus Haut bestand, die durch die Kälte schwarz und wund geworden war und sich straff über die Knochen spannte.

 

»Das ist ja Alonzo!« rief sie. »Du armer, verhungerter Teufel!«

 

»Das ist der Mann vom anderen Ufer!« sagte Kid leise zu Breck.

 

»Wir fanden ihn, als er gerade ein Depot plündern wollte, das Harding wohl angelegt hat«, erklärte der eine von den beiden Männern. »Er saß da und fraß rohes Mehl und gefrorenen Speck, und als wir ihn erwischten, schrie er und heulte wie ein Habicht. Schaut ihn euch nur an: Er ist ganz verhungert und größtenteils erfroren dazu. Er kann jede Minute verrecken!«

 

 

 

Eine halbe Stunde später legten sie das Pelzwerk über das Gesicht der erstarrten Gestalt im Bett. Dann wandte Kid sich an Luzy und sagte: »Wenn Sie nichts dagegen haben, Frau Peabody, möchte ich gern noch so ein Beefsteak haben. Aber, bitte, schneiden Sie es nicht zu dünn und braten Sie es vor allem nicht zu sehr durch.«

 

Kapitel 7

Kapitel 7

 

»He! Jetzt schnell in die herrlichen Lumpen!« Kurz betrachtete seinen Partner mit gespieltem Neid. Kid, der sich vergebens bemühte, die Druckfalten aus den Hosen, die er soeben angezogen hatte, zu entfernen, wurde ärgerlich.

 

»Für einen getragenen Anzug sitzt er gar nicht so schlecht!« fuhr Kurz fort. »Wieviel hat er eigentlich gekostet?«

 

»Hundertfünfzig – der ganze Anzug«, antwortete Kid. »Der Mann hatte fast genau meine Größe. Ich fand, daß es ein sehr vernünftiger Preis war. Warum meckerst du denn eigentlich?«

 

»Wer? Ich? Ach, gar nichts! Mir fiel nur ein, daß es wirklich einen großen Fortschritt für einen Bärenfleischliebhaber bedeutet, der im Packeis nach Dawson kam und damals nur eine Garnitur Unterzeug, ein Paar Mokassins und ein Paar Überziehhosen sein eigen nannte, die ebenso durchlöchert waren wie das Wrack der „Hesperus“, und der nichts zu fressen hatte. Siehst ja verflucht vornehm aus, Kompagnon! Verdammt vornehm! Sag mal…«

 

»Was willst du denn?« fragte Kid mürrisch.

 

»Wie heißt sie denn eigentlich?«

 

»Sie? Was heißt hier „sie“? Es gibt gar keine „sie“. Ich bin zum Mittagessen bei Oberst Bowie eingeladen, wenn du es unbedingt wissen willst. Ich will dir sagen, was mit dir los ist, Kurz: Du bist einfach neidisch, weil ich in so vornehmer Gesellschaft verkehre und du nicht auch eingeladen bist.«

 

»Kommst du nicht ein bißchen spät?«

 

»Wie meinst du das?«

 

»Zum Mittagessen, meine ich. Sie werden die Suppe schon gegessen haben, ehe du kommst.«

 

Kid wollte gerade mit raffiniertem Sarkasmus berichten, wie es auf vornehmen Gesellschaften zugeht, als er merkte, daß der andere ihn zum besten hielt. Er vollendete daher seine Toilette so schnell wie möglich. Mit Fingern, die ihre frühere Gewandtheit verloren hatten, band er seine Krawatte zu einer großen Schleife unter den weichen Kragen.

 

»Schade, daß ich all meine steifen Kragen zur Wäsche gegeben habe«, murmelte Kurz mit aufrichtigem Mitgefühl. »Ich hätte dir sonst gern einen gepumpt.«

 

Kid bemühte sich gerade, ein Paar richtige Schuhe anzuziehen. Die plumpen wollenen Socken waren indessen zu dick, so daß sie nicht in die Schuhe hineingingen. Er warf Kurz einen flehenden Blick zu. Der aber schüttelte den Kopf.

 

»Nichts zu machen! Selbst wenn ich ein Paar dünne hätte, würde ich sie dir doch nicht pumpen. Kehre lieber reumütig zu deinen Mokassins zurück, Kompagnon! Deine Zehen werden in so einem Paar enger Hinterflossenüberzüge todsicher erfrieren.«

 

»Ich habe fünfzehn Dollar dafür gegeben, getragen natürlich«, klagte Kid.

 

»Ich glaube, daß kein einziger dasein wird, der nicht Mokassins trägt.«

 

»Aber es kommen ja auch Damen, Kurz. Ich muß mit richtigen Damen bei Tisch sitzen… mit Frau Bowie und mehreren anderen, wie mir der Oberst erzählte.«

 

»Na – und? Mokassins werden ihnen den Appetit nicht verderben«, erklärte Kurz. »Ich möchte wissen, was der Oberst mit dir vorhat.«

 

»Ich habe keine Ahnung… wenn er nicht vielleicht gehört hat, daß ich den Überraschungssee gefunden habe. Es wird ja ein Vermögen kosten, ihn trockenzulegen, und die Guggenheims wollen gern Geld anlegen.«

 

»So was wird es vermutlich sein. Na, aber halte du dich nur ruhig an die Mokassins! Du gütiger Himmel, der Rock ist da reichlich zerknittert, und zu eng ist er auch noch dazu. Darfst eben nicht zuviel futtern, Kamerad. Wenn du es tust, wirst du einfach platzen! Und wenn die Frauenzimmer ihre Taschentücher auf den Boden fallen lassen, müssen sie hübsch liegenbleiben, heb sie um Gottes willen nicht auf! Was du auch sonst tust, das darfst du auf keinen Fall!«

 

 

 

Wie es sich für einen hochbezahlten Sachverständigen und den Vertreter der angesehenen Firma Guggenheim gehört, bewohnte Oberst Bowie eines der vornehmsten Häuser Dawsons.

 

Es war freilich, wie alle die andern, aus vierkantigen, grob behauenen Balken erbaut, hatte aber zwei Stockwerke und war von so extravaganter Größe, daß es mit einem großen Wohnzimmer prahlen konnte, das tatsächlich nur als Wohnzimmer diente. Große Bärenfelle lagen auf dem rauhen Bretterboden, und an den Wänden hingen Geweihe von Elchen und Rentieren. Hier gab es sogar einen offenen Kamin und einen mächtigen Ofen, in dem ein herrliches Feuer prasselte. Hier traf Kid die gesellschaftliche Auslese Dawsons – Männer wie Warburton Jones, Forschungsreisender und Schriftsteller, Hauptmann Consadine von der berittenen Polizei, Haskell, Goldkommissar des Nordwest-Territoriums, und Baron von Schroeder, der ein Günstling des deutschen Kaisers war und einen internationalen Ruf als Duellant genoß.

 

Und hier traf Kid auch Joy Gastell, die ihn in einem richtigen Gesellschaftskleid bezauberte – bisher hatte er sie ja nur unterwegs in Pelz und Mokassins gesehen.

 

Beim Essen war sie seine Tischdame.

 

»Ich fühle mich wie ein Fisch, der aus seinem Element herausgezogen ist«, gestand er. »Die Gäste hier sind alle wirklich bedeutende Persönlichkeiten, nicht wahr? Außerdem hätte ich mir nie träumen lassen, daß es eine solche orientalische Üppigkeit in Klondike gäbe. Sehen Sie sich mal Herrn von Schroeder an! Er hat tatsächlich einen richtigen Frack an, und Consadine trägt sogar ein gestärktes Hemd. Ich habe indessen festgestellt, daß er auch Mokassins trägt. Was sagen Sie zu meiner Ausstattung?«

 

Um Joys Beifall zu erlangen, bewegte er die Schultern hin und her wie ein Vogel, der sich die Federn putzt.

 

»Es sieht aus, als seien Sie dicker geworden, seit Sie hierhergekommen sind«, lachte sie.

 

»Stimmt nicht! Raten Sie noch einmal…«

 

»Dann gehört der Anzug einem anderen.«

 

»Diesmal haben Sie es getroffen! Ich habe den Anzug zu einem sehr anständigen Preis von einem Angestellten der A.-C.-Gesellschaft gekauft.«

 

»Es ist wirklich schade, daß Kontoristen immer so schmale Schultern haben«, sagte sie mitfühlend. »Aber Sie haben gar nicht gesagt, wie Ihnen meine Ausstattung gefällt.«

 

»Das kann ich einfach nicht«, erklärte er. »Ich habe die Sprache verloren. Ich lebe schon zu lange auf den ewigen Fahrten! So etwas wie das hier wirkt völlig betäubend auf mich. Ich hatte tatsächlich vergessen, daß Frauen überhaupt Arme und Schultern haben. Morgen früh werde ich wach werden und, genau wie mein Freund Kurz, glauben, daß alles nur ein Traum gewesen ist. Letztes Mal, als ich Sie am Squawbach sah…«

 

»Da benahm ich mich ganz wie eine indianische Squaw«, unterbrach sie ihn.

 

»Das wollte ich nicht sagen. Ich erinnerte mich nur, daß ich am Squawbach die Entdeckung machte, daß Sie Füße besitzen.«

 

»Und ich werde Ihnen nie vergessen, daß Sie sie gerettet haben«, sagte sie. »Ich habe seither immer gewünscht, Sie wiederzusehen, um Ihnen meinen Dank abzustatten.« Er zuckte abwehrend die Achseln. »Und deshalb sind Sie heute auch hier eingeladen.«

 

»Sie haben also den Oberst veranlaßt, mich einzuladen?«

 

»Nein, aber seine Frau. Und ich habe sie auch gebeten, Sie mir als Tischherrn zu geben. Und jetzt habe ich also endlich die Gelegenheit, Ihnen etwas anzuvertrauen. Jetzt ist die Unterhaltung ja schon allgemein, so daß man nicht hört, was ich Ihnen sage. Passen Sie gut auf und unterbrechen Sie mich nicht. Sie kennen ja den Monobach?«

 

»Natürlich.«

 

»Es hat sich gezeigt, daß er sehr viel Gold führt… unerhört reich ist. Man berechnet, daß jedes Claim eine Million oder mehr wert ist. Er ist erst ganz vor kurzem entdeckt.«

 

»Ich erinnere mich, wie wild die Leute damals waren.«

 

»Das ganze Gebiet wurde auch bis zum Horizont abgesteckt und abgepfählt und die Nebenflüsse ebenfalls. Aber eben in diesen Tagen ist ein Claim frei geworden, nämlich Nummer drei am Hauptstrom unterhalb des Finderclaims. Die Entfernung bis zum Monobach ist so groß, daß der Kommissar sechzig Tage nach der Markierung als Frist für Eintragung der Mutungen festgesetzt hat. Jetzt sind auch alle Mutungen eingetragen, mit Ausnahme von Claim drei. Es war Cyrus Johnson, der es abgesteckt hatte. Und das war auch alles, was er getan hat. Seitdem ist er nämlich spurlos verschwunden. Kein Mensch hier weiß, ob er gestorben oder ob er den Fluß hinauf- oder hinabgegangen ist. Jedenfalls wird in sechs Tagen die letzte Frist zum Einregistrieren verstrichen sein. Dann wird es bekommen, wer es abgesteckt und als erster Dawson erreicht hat und es dort einregistrieren läßt.«

 

»Eine Million Dollar«, murmelte Kid.

 

»Gilchrist, der das zweite Claim oberhalb des Finderclaims bekommen hat, hat mit einer einzigen Pfanne aus dem Flußbett sechshundert Dollar erzielt. Er hat ein Loch in den Boden gebrannt. Und das Feld unterhalb soll noch reicher sein. Das weiß ich.«

 

»Aber warum weiß das sonst keiner?« fragte Kid skeptisch.

 

»Sie fangen auch schon an, davon zu reden. Lange wurde es geheimgehalten, und erst jetzt ist es durchgesickert. In den nächsten vierundzwanzig Stunden werden gute Hundegespanne zu erschwingen sein. Jetzt müssen Sie so diskret wie möglich verschwinden, sobald wir vom Tisch aufstehen. Ich habe schon alles vorbereitet.

 

Ein Indianer kommt mit einem Brief für Sie, den Sie lesen, und dann tun Sie, als ob es etwas furchtbar Wichtiges wäre, entschuldigen sich und gehen.«

 

»Ich verstehe nicht ganz…«

 

»Dummkopf«, sagte sie leise. »Sie werden heute nacht schon unterwegs sein, um sich ein paar Hundegespanne zu verschaffen. Ich weiß zwei, die zu haben sind. Da ist Hansons Gespann: sieben große Hunde von der Hudsonbucht; er verlangt vierhundert Dollar für das Stück. Das ist heute der höchste Preis, morgen wird er aber schon höher sein. Und Sitka Charley hat acht Malemutes, für die er dreitausendfünfhundert Dollar verlangt. Morgen wird er jeden auslachen, der ihm fünftausend bietet. Und dann haben Sie Ihr eigenes Gespann und müssen sich noch einige dazu verschaffen. Es wird Ihre Sache sein, sie noch heute nacht zu bekommen. Nehmen Sie nur die besten! Es sind ebensosehr die Hunde wie die Männer, die das Rennen gewinnen werden. Es sind hundertundzehn Meilen, und Sie müssen so oft wie überhaupt möglich die Hunde wechseln.«

 

»Ich sehe ja, Sie möchten gern, daß ich einen Versuch mache«, sagte Kid langsam.

 

»Wenn Sie nicht Geld genug für die Hunde haben, werde…«

 

»Ich kann die Hunde schon kaufen, aber glauben Sie nicht, daß das Spiel ein bißchen zu hoch für mich ist?«

 

»Nach dem, was Sie an dem Roulett im „Elch“ geleistet haben«, erwiderte sie, »glaube ich nicht, daß Sie das zu fürchten brauchen. Es ist natürlich eine rein sportliche Leistung, auf die es ankommt, wenn Sie es so nehmen. Ein Wettlauf um eine Million und mit einigen von den besten Hundefahrern und Läufern in diesem Lande als Gegner. Sie sind freilich in diesem Augenblick noch nicht darauf vorbereitet, aber morgen um diese Zeit werden Sie es schon sein. Dann werden die Hunde so teuer sein, daß nur die reichsten Männer sich den Preis leisten können. Der Große Olaf ist in der Stadt… er kam vorigen Monat aus Circle hierher. Er ist einer der gewieftesten Hundefahrer im ganzen Land, und wenn er mitgeht, wird er der gefährlichste Gegner für Sie sein.

 

Arizona-Bill wird auch ein schlimmer Konkurrent sein. Er ist jahrelang professioneller Schlittenfahrer und Postführer gewesen. Wenn er auch mitgeht, wird das Hauptinteresse sich auf ihn und den Großen Olaf richten.«

 

»Und da wollen Sie, daß ich sozusagen als Außenseiter mitlaufe?«

 

»Vollkommen richtig! Und das wird auch seine Vorteile haben. Von Ihnen wird man nicht erwarten, daß Sie das Rennen gewinnen. Sie wissen ja selbst, daß Sie noch immer als Chechaquo betrachtet werden! Sie sind noch keine vier Jahre hier. Niemand wird Notiz von Ihnen nehmen, ehe Sie die Führung der letzten Strecke auf dem Heimweg übernommen haben.«

 

»Und auf dieser letzten Strecke soll der Außenseiter also zeigen, daß er in guter Form ist.«

 

Sie nickte und sprach dann ernst weiter: »Vergessen Sie nicht, daß ich mir nie verzeihen kann, Sie am Squawbach hinters Licht geführt zu haben, und daß ich erst wieder ein gutes Gewissen habe, wenn Sie das Claim am Monobach gewinnen. Und wenn es jemand gibt, der das Rennen gegen die alten Leute gewinnen kann, dann sind Sie es.«

 

Es war die Art, wie sie es sagte… er fühlte einen warmen Strom seinen Körper durchfluten und ihm Kopf und Herz heiß machen. Dann warf er einen schnellen, prüfenden Blick auf ihr Gesicht – ohne es zu wollen und doch voller Ernst. Und im selben Augenblick, in dem er ihren Augen begegnete, die ihn fest ansahen, ehe sie sich wieder senkten, glaubte er etwas in ihnen zu lesen, das ihm viel wertvoller war als das Claim, das Cyrus Johnson zu registrieren vergessen hatte.

 

»Ich werde es tun«, sagte er. »Und ich werde gewinnen.«

 

Das frohe Aufleuchten ihrer Augen schien ihm einen köstlicheren Preis zu versprechen als alles Gold des Monobaches. Er bemerkte eine Bewegung ihrer Hand, die ihm am nächsten lag. Vom Tischtuch verborgen, streckte er ihr unwillkürlich die seine entgegen und empfand selig den leisen und warmen Druck von den Fingern einer Frau. Und wieder durchspülte eine Woge von Wärme seinen Körper.

 

Was wird Kurz sagen? war der nächste Gedanke, der heiter und neckisch durch sein Gehirn blitzte, als er seine Hand vorsichtig wieder zurückzog. Fast eifersüchtig sah er die Gesichter von Schroeders und Jones‘ an und sann erstaunt darüber nach, ob sie denn nicht entdeckt hatten, welch herrliche, seltene Frau hier neben ihm saß.

 

Ihre Stimme riß ihn aus seinen Träumen, und er mußte feststellen, daß sie schon einige Minuten sprach, ohne daß er zugehört hatte.

 

»Sie sehen also, Arizona-Bill ist ein weißer Indianer«, erzählte sie. »Und der Große Olaf ist… nun, er ist ein Mann, der mit einem Bären ringen kann, ein König der Schneefelder, ein mächtiger Herrscher der wilden Einöden. Er kann laufen und durchhalten, wie nur die Indianer es können, und er hat nie ein anderes Leben kennengelernt als das im Eis und in der Wildnis.«

 

»Von wem sprechen Sie?« fragte Hauptmann Consadine über den Tisch hinweg.

 

»Vom Großen Olaf«, antwortete sie. »Ich erzählte Herrn Bellew eben, daß er ein so glänzender Läufer ist.«

 

»Da haben Sie wirklich recht«, bestätigte Hauptmann Consadine mit seiner mächtigen Stimme. »Der Große Olaf ist der beste Läufer in ganz Yukon. Ich würde gegen den Teufel selbst auf ihn setzen, wenn es sich um Fahrten durch Eis und Schnee handelte. Er war es ja, der 1895 die Regierungsdepeschen herbrachte, nachdem zwei Kuriere am Chilcoot erfroren und der dritte im offenen Wagen bei den „Dreißig Meilen“ ertrunken war.«

 

 

 

Auf der Fahrt an den Monobach hatte Kid sich nicht übereilt, weil er fürchtete, seine Hunde abzuhetzen, bevor das entscheidende Rennen begann. Er hatte außerdem die Gelegenheit benutzt, jede Meile des Weges kennenzulernen und die Stellen auszuwählen, wo er die Hunde wechseln wollte. So viele Männer wollten an dem Rennen teilnehmen, daß die ganze Strecke von hundertundzehn Meilen fast wie ein einziges zusammenhängendes Dorf aussah. Überall am Wege waren Relaisstationen eingerichtet. Herr von Schroeder, der sich nur des Spaßes halber an dem Rennen beteiligte, hatte nicht weniger als elf Hundegespanne – also ein Gespann auf je zehn Meilen. Arizona-Bill mußte sich mit acht Gespannen begnügen, der Große Olaf mit sieben und Kid mit ebensovielen. Außer ihnen waren mehr als drei Dutzend Männer beteiligt. Selbst hier im goldenen Norden betrug der Preis eines Hundewettrennens nicht jeden Tag eine ganze Million. Das Land war völlig reingefegt von Hunden. Kein Tier von irgendwie vernünftiger Schnelligkeit und Ausdauer war dem feinzähnigen Kamm entgangen, der die Bäche und Goldlager gestriegelt hatte. Die Preise für Gespanne waren auf das Doppelte und Vierfache gestiegen, solange diese wahnsinnige Spekulation anhielt.

 

Das dritte Claim unterhalb des Finderclaims lag zehn Meilen von der Mündung flußaufwärts. Die übrigen hundert Meilen mußte man auf dem zugefrorenen Yukon zurücklegen.

 

Auf Claim drei waren nicht weniger als fünfzig Zelte und dreihundert Hunde untergebracht. Die alten Pfähle, die Cyrus Johnson vor sechzig Tagen eingerammt hatte, standen noch, und alle Teilnehmer hatten einmal über das andere die Grenzen des Claims überschritten, denn dem Rennen der Hunde ging ein Wettlauf der Männer selbst voraus. Jeder Interessent mußte selbst das Claim für sich abzeichnen, und das bedeutete, daß er zwei Mittelpfähle und vier Eckpflöcke einrammen und den Bach zweimal überqueren mußte, ehe er mit seinen Hunden nach Dawson fahren konnte.

 

Außerdem war es so geregelt, daß keiner dem andern zuvorkommen konnte. Erst wenn es Freitag nacht zwölf schlug, wurde das Claim für den Neuerwerb geöffnet, es war also erst nach Mitternacht erlaubt, Pfähle einzurammen.

 

So hatte der Goldkommissar von Dawson die Sache organisiert, und Hauptmann Consadine hatte eine Schwadron der berittenen Polizei hinaus geschickt, um dafür zu sorgen, daß man sich nach dieser Bestimmung richtete.

 

Es hatten auch eifrige Diskussionen stattgefunden, ob man sich nach der Zeitangabe der Polizei oder nach der Sonnenzeit zu richten hätte, aber Hauptmann Consadine hatte die Entscheidung getroffen, daß die polizeilichen Zeitangaben maßgebend seien, und um jedem Streit vorzubeugen, hatte er ferner angeordnet, daß man sich nach der Uhr des Leutnants Pollock zu richten hätte.

 

Der Weg führte durch das ebene Flußbett, und da dieses nur zwei Fuß breit war, glich es einer engen Rinne, die auf beiden Seiten von dem Schnee dreier Monate wie von einer hohen Wand eingerahmt wurde. Kein Wunder, daß alle sich mit dem Problem beschäftigten, wie mindestens vierzig Schlitten und dreihundert Hunde auf einer so engen Bahn starten sollten.

 

»Pfui Deibel!« sagte Kurz. »Das wird das saumäßigste Holterdiepolter, das es je gegeben hat. Ich sehe keinen andern Ausweg, Kid, als brutale Kraft anzuwenden und sich mit Fäusten und Ellbogen durchzuschlagen. Selbst wenn der ganze Bach schneefrei wäre, böte er doch kaum Platz für zwölf Gespanne. Mein Riecher sagt mir, daß es eine mordsmäßige Keilerei geben wird, ehe das Rennen losgeht. Und wenn es dazu kommt, mußt du es mir überlassen, die Keile auszuteilen.«

 

Kid zuckte die Achseln und lachte vielsagend.

 

»Um Gottes willen, halt die Finger davon!« rief sein Partner erschrocken. »Was auch geschieht, du darfst dich nicht hineinmischen. Du kannst die Hunde nicht hundert Meilen mit zerschundenen Knöcheln fahren – und das wird es bedeuten, wenn du dich an der Keilerei beteiligst.«

 

Kid nickte. »Du hast recht, Kurz. Ich will unsere Chance nicht dadurch verderben.«

 

»Und vergiß nicht«, fügte Kurz hinzu, »daß ich die ersten zehn Meilen schaffen muß, während du es dir so bequem wie nur möglich machst. Ich werde dich schon bis zum Yukon durchschleppen. Dann mußt du mit den Hunden den Rest schaffen. Sag mal, was glaubst du, hat der Schroeder vor? Er hat sein erstes Gespann eine Viertelmeile flußabwärts aufgestellt und will es an einer grünen Laterne erkennen. Aber wir werden ihm die Kunst schon nachmachen! Wir werden uns ein rotes Licht anschaffen.«

 

Der Tag war klar und kalt gewesen, aber gegen Abend hatte eine Decke von Wolken den Himmel verhüllt. Als die Nacht kam, wurde es warm und dunkel, und eine Andeutung von Schnee lag in der Luft. Das Thermometer zeigte fünfzehn Grad unter Null – und in Klondike betrachtet man eine Wintertemperatur von nur fünfzehn Grad Kälte als mild.

 

Wenige Minuten vor Mitternacht verließ Kid Kurz, der mit den Hunden etwa fünfhundert Meter flußabwärts stehenblieb, und schloß sich den vielen Bewerbern um Claim drei an. Es waren im ganzen fünfundvierzig, die an dem Wettrennen um die Million teil nehmen wollten, welche Cyrus Johnson hinterlassen hatte, als er sich in sein eisiges Grab legte. Alle hatten sechs Pflöcke und einen schweren hölzernen Hammer bei sich und trugen eine kittelartige Parka aus schwerem Drillich.

 

Leutnant Pollock stand in seinem dicken Bärenpelz da und sah beim Schein einer Laterne auf die Uhr. Es fehlte noch eine Minute an zwölf.

 

»Achtung!« rief er und hob den Revolver in seiner Rechten, während er den Sekundenzeiger der Uhr beobachtete, der seine letzte Runde vor Mitternacht machte.

 

Die fünfundvierzig Kapuzen der Parkas wurden zurückgeschlagen. Fünfundvierzig Händepaare zogen die Fäustlinge aus. Fünfundvierzig Fußpaare drückten sich fest und energisch in den hartgetretenen Schnee. Und fünfundvierzig Pflöcke wurden in den Schnee gesteckt, während ebenso viele Hämmer sich hoben.

 

Der Schuß knallte. Die Hammerschläge erdröhnten – Cyrus Johnsons Anrecht auf die Million war erloschen. Um völlige Verwirrung zu vermeiden, hatte Leutnant Pollock bestimmt, daß zuerst der untere Mittelpflock, dann der südöstliche und in derselben Reihenfolge die andern, der obere Mittelpflock aber unterwegs gerammt werden sollte.

 

Kid schlug seinen ersten Pflock ein und lief als einer der ersten weiter. An den Ecken brannten Feuer, und an jedem Feuer stand ein Polizist, der die Namen der Läufer in eine Liste eintrug, die er in der Hand hielt. Jeder mußte ihm seinen Namen nennen und sein Gesicht zeigen. Es sollte nach Möglichkeit verhindert werden, daß jemand einen andern an seiner Statt die Pfähle einrammen ließ, während er selbst schon nach der Stadt unterwegs war.

 

An der ersten Ecke schlug von Schroeder seinen Pflock neben den Kids ein. Sie gebrauchten gleichzeitig ihre Hämmer. Während sie noch hämmerten, kamen andre hinzu, und zwar so ungestüm, daß einer dem andern im Wege stand und ein verworrenes Hin- und Hergestoße veranlaßte. Während Kid sich den Weg durch die Menge bahnte, um dem Polizisten seinen Namen zu nennen, sah er, wie der Baron mit einigen von den andern Läufern zusammenstieß, den Halt verlor und in den Schnee fiel. Kid wartete indessen nicht ab, daß er wieder auf die Beine kam. Andere waren ihm schon zuvorgekommen. Im Schein des erlöschenden Lichtes sah er den mächtigen Rücken des Großen Olaf, und an der südwestlichen Ecke rammte er seinen Pflock neben dem Olafs ein.

 

Es war durchaus keine leichte Aufgabe, dieses Hindernisrennen. Die Grenzen des Claims hatten eine Gesamtlänge von fast einer Meile, und der größte Teil des Rennens ging über eine unebene, verschneite Fläche, die voll von großen Knorren war. Um Kid herum stolperten und strauchelten die Männer, und mehrmals fiel er selbst kopfüber hin und kroch auf allen vieren herum. Einmal stürzte der Große Olaf unmittelbar vor ihm und riß ihn im Fall mit, so daß sie aufeinander zu liegen kamen.

 

Der oberste Mittelpfahl wurde unmittelbar am Rande des Uferhanges eingerammt, und dann wälzten sich die Läufer den Hang hinab, über das gefrorene Flußbett und das andere Ufer hinauf. Als Kid hier herumkroch, packte ihn eine Hand am Fußgelenk und zog ihn zurück. Im flackernden Schein des fernen Feuers konnte er das Gesicht des Mannes nicht sehen, der ihm diesen Streich gespielt hatte. Aber Arizona-Bill, dem dasselbe geschehen war, stand auf und versetzte dem Angreifer einen Faustschlag ins Gesicht. Kid sah und hörte das, während er sich noch bemühte, auf die Beine zu kommen, aber im selben Augenblick bekam er selbst einen Faustschlag, so daß er halb bewußtlos in den Schnee taumelte. Er kam jedoch wieder hoch und merkte sich den Mann, der es getan hatte.

 

Er hob schon die Faust, um ihm eins auszuwischen, als er sich der Warnung Kurz‘ erinnerte und sich beherrschte.

 

Im nächsten Augenblick wurde er aber unterhalb des Knies von einem Körper getroffen, der gegen ihn fiel, und stürzte wieder zu Boden.

 

Das gab ihm einen Vorgeschmack von dem, was geschehen sollte, wenn die Männer ihre Schlitten erreichten. Immer wieder strömten Leute vom andern Ufer herbei und stürzten sich ins Getümmel. Haufenweise kletterten sie den Hang herauf, und haufenweise wurden sie von ihren ungeduldigen Nebenbuhlern zurückgezerrt. Es fielen viele Schläge, unzählige Flüche entstiegen dem Klumpen keuchender Männer, die noch so viel Luft hatten, daß sie etwas entbehren konnten, während Kid, der seltsamerweise das Gefühl hatte, als schwebte Joys Gesicht immer vor seinen Augen, von ganzem Herzen hoffte, daß die Hämmer nicht als Kampfwaffen benutzt werden würden. Ein Mal über das andere wurde er umgestoßen, mit Füßen getreten, oft mußte er im tiefen Schnee nach den Pflöcken suchen, aber schließlich gelang es ihm, aus dem Knäuel herauszukommen, so daß er den Hang etwas weiter abwärts erklettern konnte. Freilich taten viele dasselbe, und es war ihm nicht möglich zu verhindern, daß ihn viele bei dem Rennen um die nordwestliche Ecke überholten.

 

Als er die Hälfte des Weges nach der vierten Ecke hinter sich hatte, stellte ihm jemand ein Bein, er flog weit hin und verlor seinen letzten Pflock. Mindestens fünf Minuten suchte er im Dunkeln, bis er ihn wiedergefunden hatte, und während dieser ganzen Zeit hasteten die keuchenden Männer an ihm vorbei. Aber von der letzten Ecke bis zum Bach begann er mehrere zu überholen, denen das Rennen über eine Meile doch zuviel gewesen war. Unten auf dem Bach selbst herrschte das wildeste Tohuwabohu. Ein Dutzend Schlitten waren ineinandergefahren und umgekippt, und fast hundert Hunde befanden sich in einer wilden Keilerei. Dazwischen bemühten sich Männer, die ineinander verstrickten Tiere wieder aus dem verworrenen Haufen zu ziehen, und schlugen mit ihren Hämmern auf sie los. Kid sah es nur flüchtig, im Vorbeilaufen, aber er fragte sich, ob Dore je ein Bild von einer ähnlichen grotesken Unheimlichkeit gezeichnet hätte.

 

Er sprang von der überfüllten Straße den Abhang ein Stück hinunter und erreichte die festgetretene Schlittenbahn, wo er schneller laufen konnte. Hier war der Schnee neben dem Wege an zahlreichen Stellen festgestampft, und auf den Lagerplätzen standen Schlitten und Männer und warteten auf die Wettläufer, die noch nicht abgefahren waren. Hinter sich hörte Kid das Heulen und Stampfen laufender Hunde und hatte eben noch Zeit, in den tiefen Schnee neben dem Wege zu springen, als der Schlitten schon vorbeihuschte; er konnte den Mann sehen, der, auf den Knien liegend, die Hunde wie ein Rasender anfeuerte. Aber kaum war der Schlitten vorbei, als er mitten in einem wilden Kampfgetümmel steckenblieb. Die aufgeregten Hunde eines anderen Schlittens, die neben dem Wege warteten und eifersüchtig auf die Tiere waren, die vorbeiliefen, hatten sich losgerissen und waren auf sie losgesprungen.

 

Kid bog um sie herum und schlüpfte glücklich vorbei. Er konnte die grüne Laterne von Schroeder und daneben das rote Licht sehen, das sein eigenes Gespann kenntlich machte. Zwei Männer überwachten das Gespann von Schroeder und streckten große Knüppel abwehrend vor sich aus.

 

»Hierher, Kid, hierher!« hörte er Kurz ängstlich rufen.

 

»Ich komme schon«, keuchte er zurück.

 

Bei dem roten Schein sah er, daß der Schnee aufgewühlt und voller Fußstapfen war, und aus der Art, wie sein Freund keuchte, konnte er schließen, daß es einen schweren Kampf gegeben hatte.

 

Er taumelte zum Schlitten, und im selben Augenblick, da er sich hinwarf, knallte Kurz mit der Peitsche und rief: »Hü, ihr Deubel, hü!«

 

Die Hunde sprangen in die Sielen, und mit einem Ruck glitt der Schlitten fort. Es waren große Tiere – Hansons Preisgespann von der Hudson Bay -, und Kid hatte sie für die erste Strecke, die zehn Meilen des Monobachs, dann den sehr ungangbaren Richtweg über die Ebene an der Mündung und endlich die ersten zehn Meilen am Yukon gewählt.

 

»Wie viele sind uns voraus?« fragte er.

 

»Schnauze halten und Puste sparen«, antwortete Kurz. »Hü, ihr Bestien, hü, zum Teufel, hü!«

 

Er lief hinter dem Schlitten her, durch ein kurzes Seil daran festgebunden. Kid konnte weder ihn noch den Schlitten, auf dem er lag, sehen. Die Feuer verschwanden schon weit hinter ihnen, und sie sausten, so schnell die Hunde laufen konnten, durch eine Mauer von schwarzer Dunkelheit dahin. Diese Finsternis war fast klebrig; sie war zu einer festen Materie geworden.

 

In einer scharfen Kurve merkte Kid, wie der Schlitten nach der Seite kippte und nur auf einer Kufe lief; von vorne hörte er das Fauchen von Tieren und die Flüche streitender Männer. Später wurde diese Episode die »Barnes-Slocum-Kollision« genannt. Es waren nämlich die Gespanne dieser beiden, die zuerst ineinanderfuhren, und in sie sausten dann Kids sieben große Kampfhunde in voller Fahrt hinein. Sie waren kaum etwas anderes als halbgezähmte Wölfe, und die Aufregung der Nacht am Klondike hatte schon in allen Tieren die Kampflust erweckt. Die Klondike-Hunde werden ohne Zügel gefahren, können also nur durch Zurufe angehalten werden. Es war daher ganz unmöglich, dem wilden Kampfgetümmel in der Enge des Bachbetts ein Ende zu machen. Hinter ihnen kamen Schlitten auf Schlitten und sausten in das Chaos hinein. Männer, die ihre Gespanne schon aus dem Knäuel befreit hatten, wurden von neuen Lawinen ankommender Schlitten überrannt. Und dabei waren all diese Hunde wohlgenährt, gut ausgeruht und kampflustig.

 

»Hier gibt es nur eins: losschlagen, sich hinaushauen und durchstoßen«, heulte Kurz seinem Kameraden ins Ohr. »Und paß gut auf deine Hände auf! Das Dreschen überlaß mir.«

 

Kid wußte später nie genau, was eigentlich in der nächsten halben Stunde geschah. Aber schließlich tauchte er doch aus dem Knäuel auf, völlig erschöpft und nach Luft schnappend. Das Kinn schmerzte von einem Fausthieb, die eine Schulter war von einem Hammerschlag zerquetscht, das Blut lief in einem warmen Strom über sein Bein, das von den Fängen eines Hundes verwundet worden war. Beide Ärmel seiner Parka waren zerfetzt. Wie im Traume half er Kurz die Hunde wieder anzuschirren, während die Schlacht hinter ihnen weitertobte. Einen sterbenden Hund schnitten sie aus den Strängen und bemühten sich eifrig in der Dunkelheit, das zerrissene Geschirr wieder instand zu setzen.

 

»Jetzt legst du dich hin und sorgst dafür, daß du wieder Luft kriegst«, befahl Kurz.

 

Und dann sausten die Hunde wieder durch die dunkle Nacht. Ihre Kräfte waren noch frisch und unverbraucht, und so liefen sie schnell den Monobach hinab und schlugen die Richtung nach dem Yukon ein. Hier, wo sie wieder die ausgefahrene Schlittenbahn erreichten, hatte irgend jemand ein Feuer angezündet, und hier verabschiedete sich auch Kurz von Kid. Und hier, beim Schein des flackernden Feuers, hatte Kid wieder ein unvergeßliches Bild aus dem Lande des Nordens, als der Schlitten hinter den weiterstürmenden Hunden dahinglitt. Es war das Bild seines Kameraden, der wankend dastand, bis er in den Schnee sank.

 

Und selbst als er erschöpft im Schnee lag, ein Auge geschwollen und von gewaltigen Faustschlägen geschlossen, die Knöchel blutig und zerschlagen, einen Arm von den Fängen der kampfwilden Hunde zerrissen, so daß ein Strom von Blut sich über ihn ergoß – selbst da noch spornte er seinen Freund durch Zurufe an.

 

 

 

»Wie viele sind noch vor mir?« fragte Kid, als er auf der ersten Station die ermüdeten Hudson-Bay-Hunde sich hinlegen ließ und auf den wartenden Schlitten sprang.

 

»Ich habe elf gezählt!« rief der Mann ihm nach, denn Kid war mit seinen eilenden Hunden schon weit weg. Sie sollten ihn fünfzig Meilen weit über die nächste Wegstrecke bringen, bis er die Mündung des Weißen Flusses erreichte. Es waren nicht weniger als neun Hunde, aber es war trotzdem sein schlechtestes Gespann. Die fünfundzwanzig Meilen vom Weißen Fluß bis zu den „Sechzig Meilen“ hatte er in zwei Strecken eingeteilt, weil dort viel Packeis lag. Für diese Strecken hatte er seine beiden kräftigsten Gespanne bereitgestellt.

 

Er lag ausgestreckt, das Gesicht nach unten, auf dem Schlitten und hielt sich mit beiden Händen fest. Sobald die Hunde in der höchsten Schnelligkeit nachließen, erhob er sich auf die Knie, wobei er sich vorsichtig mit der einen Hand festhielt, und trieb sie mit Worten und Peitschenschlägen an. Obgleich es ein minderwertiges Gespann war, hatte er doch, bevor er den Weißen Fluß erreichte, zwei Schlitten überholt.

 

Hier hatte bei dem Zufrieren des Flusses das Packeis eine Schranke gebildet, so daß das Wasser auf einer Strecke von mehr als einer halben Meile unterhalb der Barriere zu einer ganz glatten Fläche hatte gefrieren können. Das ermöglichte den Wettfahrern, die Schlitten im Fahren zu wechseln, und auf dem Wege unterhalb des Packeises stand deshalb ein Ersatzschlitten neben dem andern.

 

Als Kid über das Packeis auf die glatte Eisebene hinausfuhr, rief er immer wieder laut: »Billy! Billy!«

 

Billy hörte seinen Ruf und gab Antwort. Im Schein der vielen Feuer, die auf dem Eise brannten, sah Kid einen Schlitten von der Seite her gerade auf sich zukommen. Die Hunde waren ausgeruht und überholten ihn. Als die beiden Schlitten nebeneinander liefen, sprang er auf den neuen hinüber, während Billy sich sofort fallen ließ.

 

»Wo ist der Große Olaf?« rief Kid.

 

»An der Spitze«, gab Billys Stimme zur Antwort. Und schon lagen die vielen Feuer hinter ihm, und Kid sauste weiter durch die schwere Dunkelheit.

 

Im Packeis dieser Strecke, als der Weg ihn durch ein Chaos von hochkant stehenden Eisschollen führte, ließ sich Kid vom Schlitten gleiten, spannte sich selbst vor und lief neben den Hunden her. Dennoch überholte er drei Schlitten. Sie hatten Unfälle gehabt. Er hörte die Männer laut fluchen, während sie die Hunde aus dem Geschirr schnitten, um es reparieren zu können.

 

Als er über das Packeis der nächsten Strecke zu den „Sechzig Meilen“ fuhr, überholte er wieder zwei Schlitten. Aber es sollte ihm selber auch nicht besser ergehen, denn einer seiner Hunde verrenkte sich die Schulter, so daß Kid nicht weiterfahren konnte und das Gespann anhielt. Die andern Hunde waren erbost und griffen ihren Genossen mit den Fängen an, so daß Kid genötigt war, sie mit dem dicken Ende seiner Peitsche zurückzutreiben.

 

Als er das verletzte Tier vom Strang schnitt, hörte er das Heulen andrer Hunde hinter sich und die Stimme eines Mannes, die ihm bekannt vorkam. Es war Herr von Schroeder. Kid stieß einen warnenden Ruf aus, um einen Zusammenstoß zu vermeiden. Der Baron rief seinen Hunden etwas zu, legte die Steuerstange um, und es gelang ihm, in einem Abstand von wenigen Fuß vorbeizuschlüpfen. Aber so undurchdringlich war die Dunkelheit, daß Kid ihn wohl vorbeifahren hörte, aber nicht sah.

 

Auf der ebenen Eisfläche bei der Handelsstation von „Sechzig Meilen“ überholte Kid noch zwei Schlitten. Alle drei hatten hier die Gespanne gewechselt, und fünf Minuten lang fuhren sie Seite an Seite, die Männer auf den Knien liegend, während sie die Hunde durch Rufe und Peitschenhiebe antrieben. Kid hatte sich diese Strecke besonders genau eingeprägt und bemerkte jetzt den hohen Fichtenbaum, der in dem schwachen Schein der vielen Feuer nur undeutlich zu erkennen war.

 

Hinter dem Baum, wo es wieder ganz dunkel wurde, hörte die glatte Fläche plötzlich auf. Kid wußte auch, daß der Weg sich dort verengte, so daß nur für einen Schlitten Platz war. Er beugte sich vor, ergriff den Strang und zog den Schlitten an den letzten Hund heran.

 

Er ergriff das Tier an dem einen Hinterbein und warf es um.

 

Unter wütendem Bellen versuchte es ihn zu beißen, aber die andern Hunde zogen es weiter. Es hatte doch mit Erfolg als Bremse gewirkt, und die beiden andern Schlitten, die noch immer nebeneinander liefen, sausten vor ihm in die schmale Passage hinein. Kid hörte das Krachen und das Getümmel, als sie zusammenstießen. Schnell gab er den Deichselhund wieder frei, sprang an die Steuerstange und ließ das Gespann rechts in den weichen Schnee einschwenken, wo die Hunde bis an den Hals versanken. Es war eine anstrengende Arbeit, aber er kam an den festgefahrenen Schlitten vorbei und erreichte weiter vorne wieder den festgetretenen Weg.

 

Von den „Sechzig Meilen“ ab hatte Kid sein zweitschlechtestes Gespann. Obgleich es sonst an sich eine gute Strecke war, hatte er sich doch entschlossen, es nur fünfzehn Meilen weit zu benutzen. Zwei weitere Gespanne sollten ihn dann nach Dawson und dem Büro des Goldkommissars bringen, und für diese Strecke hatte Kid die beiden besten Gespanne bestimmt. Sitka Charley selbst wartete auf ihn mit seinen acht Malemutes, die Kid die nächsten zwanzig Meilen fahren sollten. Das Schlußrennen wollte er dann mit seinen eigenen Hunden machen, die ihn fünfzehn Meilen fahren mußten. Es war dasselbe Gespann, das er den ganzen Winter gebraucht hatte und das mit ihm auf der Suche nach dem Überraschungssee gewesen war. Die beiden Männer, die er bei den „Sechzig Meilen“ nach dem Zusammenstoß hinter sich ließ, überholten ihn nicht wieder, anderseits aber gelang es auch seinem Gespann nicht, einen der drei Schlitten einzuholen, die noch immer an der Spitze waren. Wenn es seinen Tieren auch an Kraft und Schnelligkeit fehlte, so waren sie doch willig, und er brauchte sie nicht anzutreiben, damit sie ihr Bestes hergaben. Kid hatte nichts zu tun, als ruhig, das Gesicht nach unten, auf dem Schlitten zu liegen und sich mit beiden Händen anzuklammern. Ein Mal über das andere tauchte er aus der Dunkelheit im Lichtkreis eines flackernden Feuers auf, sah im Vorbeifahren pelzgekleidete Männer, die bei wartenden Hundegespannen standen, und tauchte dann wieder in der Finsternis unter. Meile auf Meile sauste er dahin, ohne etwas anderes zu hören als das Knirschen und Kreischen der Kufen über dem Schnee. Fast automatisch hielt er sich fest, während der Schlitten vorwärts sauste, in die Luft geschleudert wurde oder bei den Wegbiegungen halb umkippte. Immer wieder tauchten unterwegs drei Gesichter in seinem Bewußtsein auf: das Joy Gastells, lachend und kühn, das seines Freundes Kurz, zerschlagen und blutig nach der Schlacht am Monobach, und das John Bellews, gefurcht und abgehärtet, wie in Eisen gegossen, unerbittlich in seiner Strenge. Und hin und wieder fühlte Kid das Bedürfnis, in laute Rufe auszubrechen, eine wilde Jubelhymne anzustimmen, wenn er sich der Redaktion der Woge erinnerte oder an die lange Erzählung aus San Franzisko, die er nie zu Ende gebracht hatte, oder wenn er an all die andern Nichtigkeiten jener tatenlosen Tage dachte.

 

Als er seine erschöpften Hunde gegen die acht Malemutes auswechselte, brach der graue Morgen an. Sie waren leichter als die Hudson-Bay-Hunde und waren auch entsprechend schneller. Sie besaßen die geschmeidige Unermüdlichkeit echter Wölfe. Sitka Charley rief ihm die Reihenfolge nach, in der die Schlitten vor ihm fuhren. Der Große Olaf führte, Arizona-Bill war der zweite, Baron von Schroeder der dritte. Sie waren die drei besten Schlittenfahrer im Lande. Tatsächlich hatten die Leute schon, ehe Kid Dawson verließ, in derselben Reihenfolge auf die drei gesetzt. Während sie selbst ihr Rennen um eine Million machten, betrug der Einsatz, den andre auf sie setzten, schon fast ein halbe Million.

 

Kein einziger hatte auf Kid gesetzt, wurde er doch trotz seiner verschiedenen Fahrten, die ihm einen gewissen Ruf verschafft hatten, noch immer als ein Chechaquo betrachtet, der noch viel zu lernen hatte.

 

Als es heller wurde, sah Kid vor sich einen Schlitten, und nach einer halben Stunde war sein Führerhund schon unmittelbar dahinter. Erst als der Mann den Kopf wandte, um ihm einen Gruß zuzurufen, sah Kid, daß es Arizona-Bill war. Herr von Schroeder hatte ihn offenbar überholt. Der festgetretene Pfad durch den weichen Schnee war zu schmal, und eine zweite halbe Stunde war Kid deshalb genötigt, hinter ihm zu bleiben. Dann fuhren sie über Packeis und schwenkten auf eine glatte Ebene ein, wo mehrere Relaisstationen errichtet waren und man den Schnee überall in weitem Umkreis festgetreten hatte. Kid trieb seine Tiere an; er lag auf den Knien und knallte unter lauten Zurufen mit der Peitsche. Er bemerkte, daß der rechte Arm Arizona-Bills unbeweglich herabhing und daß er gezwungen war, die Peitsche mit der Linken zu schwingen. So unbequem es auch war, konnte er sich nicht am Schlitten festhalten und mußte deshalb hin und wieder die Peitsche hinlegen und sich mit der linken Hand festhalten, um nicht vom Schlitten zu fallen. Kid erinnerte sich des Kampfes beim Claim drei und verstand, was los war. Der Rat, den Kurz ihm gegeben hatte, war wirklich sehr klug gewesen.

 

»Was ist geschehen?« fragte er, als er den andern einholte.

 

»Weiß nicht!« antwortete Arizona-Bill. »Ich glaube, ich habe mir bei einer Keilerei die Schulter verrenkt.«

 

Nur mit großer Mühe gelang es Kid, ihn zu überholen, als aber die letzte Relaisstation in Sicht kam, war Arizona-Bill immerhin um eine halbe Meile hinter ihm. Vor sich konnte Kid den Großen Olaf und Herrn von Schroeder nebeneinander sehen. Wieder hob Kid sich auf die Knie und hetzte seine erschöpften Hunde zu einer letzten verzweifelten Anstrengung, wie es nur einem Manne möglich ist, der mit dem sicheren Instinkt, des Hundefahrers geboren ist. Er kam unmittelbar an den Schlitten von Schroeder heran, und in dieser Reihenfolge sausten die drei Schlitten über die glatte Fläche unterhalb einer Ansammlung von Packeis, wo viele Männer mit wartenden Gespannen standen. Die Entfernung bis Dawson betrug jetzt nur noch fünfzehn Meilen.

 

Herr von Schroeder, der jede zehnte Meile das Gespann wechselte, hatte das auch fünf Meilen vorher getan und sollte erst nach weiteren fünf Meilen ein neues Gespann übernehmen. Er fuhr also mit voller Geschwindigkeit weiter. Der Große Olaf und Kid wechselten im Fahren die Schlitten, und ihre frischen Gespanne holten gleich wieder den Vorsprung, den der Baron inzwischen erobert hatte, auf.

 

Es gelang dem Großen Olaf, vorbeizukommen, und Kid folgte ihm auf der engen Bahn.

 

Gut, aber nicht gut genug, zitierte Kid in Gedanken Herbert Spencer.

 

Herrn von Schroeder, der jetzt hinter ihm war, brauchte er nicht mehr zu fürchten, aber vor sich hatte er den besten Hundefahrer des ganzen Landes. Ihn zu überholen schien fast unmöglich. Immer und immer wieder, ein Mal über das andere, brachte Kid seinen Leithund direkt an den Schlitten des anderen heran, aber jedesmal machte auch der Große Olaf eine letzte Kraftanstrengung, und es gelang ihm immer wieder, den Abstand zu vergrößern. Kid mußte sich darauf beschränken, sich dicht hinter ihm zu halten, und er tat es mit grimmiger Energie.

 

Das Rennen war nicht verloren, solange keiner gewonnen hatte, und auf einer Strecke von fünfzehn Meilen konnte noch allerlei geschehen.

 

Drei Meilen vor Dawson geschah auch wirklich etwas Unerwartetes. Zu Kids größter Überraschung hob der Große Olaf sich auf die Knie und begann mit Flüchen und Peitschenhieben die letzte Unze Kraft aus seinen Hunden herauszupressen. Es war eine Anspannung, die eigentlich den letzten hundert Metern und nicht dem Beginn des Drei-Meilen-Schlußrennens hätte vorbehalten bleiben müssen. Obgleich es der reine Hundemord war, mußte Kid doch seinem Beispiel folgen. Sein eigenes Gespann war prachtvoll. Keine Hunde am Yukon hatten je schwerere Arbeit geleistet, aber keine waren auch besser in Form. Außerdem hatte Kid viel mit ihnen zusammen erlebt, hatte mit ihnen gegessen und geschlafen und kannte jeden einzelnen durch und durch, kannte ihre Eigenarten und wußte, wie man die Intelligenz der Tiere aufpeitschen und den äußersten Grad von Willigkeit aus ihnen herausholen konnte.

 

Wieder krochen sie über Packeis, und wieder kamen sie auf die glatte Ebene. Der Große Olaf war nur um fünfzig Fuß voraus.

 

Da schoß ein Schlitten heran und sauste ihnen entgegen, und mit einem Schlage verstand Kid die furchtbare Anspannung des Großen Olaf. Er hatte nur versucht, einen Vorsprung zu gewinnen, um das Gespann wechseln zu können.

 

Dieses frische Gespann, das hier wartete, um ihn die letzte Strecke des Heimweges zu fahren, war eine besondere Überraschung, die er sich vorbehalten hatte. Selbst die Männer, die ihr Geld auf ihn gesetzt, hatten nichts davon gewußt.

 

Kid kämpfte wie ein Verzweifelter, um vorbeizukommen, ehe der andere den Schlitten gewechselt hatte. Er hetzte seine Hunde vorwärts, bis er die fünfzig Meter, die zwischen den beiden lagen, überwunden hatte. Durch Zurufe und Peitschenhiebe gelang es ihm, den andern einzuholen, so daß sein Leithund Seite an Seite mit dem letzten Hund des Großen Olaf lief. Auf der anderen Seite lief der Relaisschlitten. So schnell fuhren sie alle drei, daß der Große Olaf den Sprung auf den Relaisschlitten nicht wagen durfte. Wenn er zu kurz sprang und stürzte, übernahm Kid die Führung, und das Rennen war verloren.

 

Der Große Olaf versuchte, einen Vorsprung zu erreichen, er trieb die Hunde prachtvoll an, aber Kids Leithund hielt sich noch immer neben dem Deichselhund des anderen. Eine halbe Meile liefen die drei Schlitten Seite an Seite. Sie näherten sich dem Ende der glatten und dem Anfang einer ganz schmalen Strecke, als der Große Olaf es wagte. Während die Schlitten noch nebeneinander herrasten, sprang er, und im selben Augenblick hatte er sich schon auf die Knie geworfen und trieb das frische Gespann mit Peitsche und Stimme an.

 

Der glatte Weg verengte sich und wurde zu einem schmalen Pfad, aber er hetzte die Hunde vorwärts und erreichte den Pfad mit einem Vorsprung von einem knappen Meter.

 

Aber ein Mann ist erst besiegt, wenn er ganz vernichtet ist, sagte sich Kid und trieb seine Tiere an, sosehr ihn auch der andere – wenn auch vergeblich – abzuhängen versuchte. Keins von den andern Gespannen, die Kid heute gefahren, hätte eine so tödliche Hetze ertragen, kein anderes sich mit frischen Hunden auf der Höhe halten können, kein einziges außer diesem! Aber das Rennen galt jetzt Tod und Leben, und als sie um den Hügel bei Klondike City schwenkten, spürte Kid, daß seine Tiere nachzulassen begannen. Es war freilich fast unmerkbar, daß sie zurückblieben, und nur Fuß um Fuß gelang es dem Großen Olaf, die Führung zu erlangen, bis er sich schließlich einen Vorsprung von einigen Metern erobert hatte.

 

Die ganze Bevölkerung von Klondike City, die sich auf dem Eise versammelt hatte, brach in begeisterte Hochrufe aus. Hier fließt der Klondike in den Yukon, und eine halbe Meile weiter, am Nordufer, lag Dawson. Die Menge brach in einen wahnsinnigen Sturm von Hochrufen aus, und Kid sah einen Schlitten, der zu ihm heransauste.

 

Er erkannte sofort die prachtvollen Tiere, die den Schlitten zogen. Es war Joy Gastells Gespann, und sie führte es selbst.

 

Sie hatte die Kapuze ihrer Parka aus Eichhörnchenpelz zurückgeschlagen, so daß man das kameenhafte Oval ihres Gesichtes sehen konnte, das sich von dem Hintergrund des schweren dunklen Haares abhob. Die Handschuhe hatte sie ausgezogen und klammerte sich mit den bloßen Händen an Peitsche und Schlitten.

 

»Spring!« rief sie, als ihr Leithund Kids Gespann anknurrte.

 

Kid sprang auf den Schlitten hinter sie. Der schwankte gewaltig unter dem Gewicht seines Körpers, aber Joy hielt sich auf den Knien und schwang die Peitsche.

 

»Hü… hü… vorwärts! Hü…!« schrie sie, und die Hunde heulten und bellten vor Eifer und Anstrengung, den Schlitten des Großen Olaf einzuholen.

 

Und als dann der Leithund wirklich den Schlitten Olafs erreichte und sich Fuß um Fuß vorwärts arbeitete, bis die Gespanne Seite an Seite liefen, wurde die Bevölkerung von Dawson wahnsinnig vor Begeisterung.

 

Es war wirklich eine ungeheure Menge von Zuschauern, denn die Männer von allen Bächen und allen Minen hatten ihr Gerät liegenlassen, um hierherzukommen und selbst den Ausgang des Rennens zu sehen. Und ein totes Rennen über eine Strecke von hundertundzehn Meilen war Grund genug, um vor Begeisterung verrückt zu werden.

 

»Sobald wir die Führung haben, springe ich ab«, schrie Joy Kid über die Schulter zu.

 

Kid versuchte zu protestieren.

 

»Und achten Sie gut auf die scharfe Kurve halbwegs auf dem Hange«, warnte sie ihn.

 

In einem Abstand von sechs Fuß liefen die beiden Schlitten jetzt nebeneinander her, aber nur eine knappe Minute hielt der Große Olaf durch Peitsche und Stimme die Stellung, dann begannen ihn die Hunde Joys Zoll um Zoll zu überholen.

 

»Halten Sie sich bereit!« rief Joy Kid zu. »In einer Minute springe ich ab! Nehmen Sie die Peitsche!«

 

Als er die Hand frei machte, um die Peitsche zu ergreifen, hörten sie einen warnenden Ruf vom Großen Olaf, aber es war schon zu spät. Der Leithund Olafs hatte sich empört, weil er überholt wurde, und war zum Angriff übergegangen. Seine Fänge bohrten sich Joys Leithund in die Seite. Die beiden rivalisierenden Gespanne stürzten aufeinander. Die Schlitten liefen in den Knäuel der kämpfenden Tiere hinein und überschlugen sich. Kid kämpfte sich auf die Beine und versuchte Joy beim Aufstehen zu helfen. Aber sie schob ihn fort und rief ihm zu: »Gehen Sie doch!«

 

Der Große Olaf, der noch immer entschlossen war, das Rennen zu gewinnen, hatte schon zu Fuß einen Vorsprung von fünfzehn Meter gewonnen. Kid gehorchte Joy, und als die beiden Männer den Fuß des Hanges bei Dawson erreichten, war er dem anderen schon auf den Fersen.

 

Aber auf dem Wege den Hang hinauf raffte Olaf sich mächtig zusammen, schob seinen riesigen Körper vorwärts und gewann einen neuen Vorsprung von fast vier Meter.

 

Das Büro des Goldkommissars lag in der Hauptstraße fünf Häuserblocks weiter. Die Straße war so voll von Menschen wie bei einer Parade. Es fiel Kid diesmal nicht so leicht, seinen großen Gegner zu erreichen, und als es ihm endlich gelang, konnte er nicht an ihm vorbeikommen. Seite an Seite liefen sie durch die schmale Rinne zwischen den festen Mauern pelzgekleideter Männer, die „Hoch“ schrien. Bald gewann der eine, bald der andere durch übermenschliche Anstrengung einen Vorsprung von vielleicht einem Zoll, aber nur, um ihn sofort wieder zu verlieren.

 

Hatte das Rennen die Hunde fast das Leben gekostet, so wurde es den beiden selbst nicht leichter. Aber sie liefen um den Preis einer Million und um großen Ruhm im ganzen Yukon-Land. Der einzige Eindruck von außen, dessen Kid sich von dieser letzten wahnsinnigen Strecke erinnerte, war das Erstaunen, daß es so viele Menschen in Klondike gab. Er hatte sie ja noch nie alle an einem Ort beisammen gesehen.

 

Er merkte, daß er gegen seinen Willen zurückblieb, und der Große Olaf kam tatsächlich fast um einen ganzen Schritt vor. Kid hatte das Gefühl, daß sein Herz bersten wollte, während er jede Empfindung in den Beinen verlor. Er wußte wohl, daß sie sich unter ihm bewegten, aber er ahnte nicht, wie er sie dazu brachte, sich zu bewegen, oder wie es ihm gelang, seinen Willen stärker auf sie wirken zu lassen, oder wie er sie zwang, ihn bis an die Seite des riesigen Nebenbuhlers zu bringen. Vor ihnen tauchte die offene Tür des Kommissariatsbüros auf.

 

Beide machten eine letzte vergebliche Anstrengung, aber keinem gelang es, sich von dem anderen zu lösen, und Seite an Seite erreichten sie die Tür, stießen mit großer Gewalt gegeneinander und fielen dann beide kopfüber in das Büro hinein.

 

Sie setzten sich beide auf, wo sie hingefallen waren, beide zu müde, um aufzustehen. Der Schweiß strömte dem Großen Olaf über das Gesicht, er atmete schwer, rang röchelnd nach Atem, griff in die Luft und versuchte zu sprechen. Dann streckte er in unverkennbarer Absicht die Hand aus, und Kid reichte ihm die seine. Sie schüttelten sie sich kräftig.

 

»Es war ein totes Rennen«, hörte Kid den Kommissar sagen, aber es war wie im Traum, und die Stimme erschien ihm unwirklich und aus weiter Ferne zu kommen. »Ich kann nur sagen, daß Sie beide gewonnen haben. Sie müssen das Claim miteinander teilen. Sie sind Kompagnons.«

 

Die beiden Männer hoben die Arme und ließen sie wieder sinken, um ihr Einverständnis kundzugeben. Der Große Olaf nickte nachdrücklich mit dem Kopf und gab allerlei seltsame Laute von sich, aber schließlich gelang es ihm, herauszustoßen, was er sagen wollte.

 

»Sie verfluchter Chechaquo«, sagte er, aber in seinem Tonfall lag Bewunderung. »Ich weiß nicht, wie Sie es geschafft haben, aber geschafft haben Sie’s.«

 

Vor dem Büro lärmte und brüllte die dichtgedrängte Menge, und der Raum selbst war von begeisterten Männern überfüllt. Kid und Olaf versuchten aufzustehen und halfen einander, auf die Beine zu kommen. Kid merkte, daß seine Beine ganz kraftlos waren und daß er dastand und hin und her schwankte. Dann taumelte Olaf zu ihm hin und sagte: »Es tut mir leid, daß meine Hunde Ihre überfielen.«

 

»Es war nichts dabei zu machen«, gab Kid stöhnend zurück. »Ich hörte, wie Sie uns warnten…«

 

»Aber wissen Sie«, sagte Olaf mit leuchtenden Augen. »Das Mädel da – das war ein verdammt feines Mädel!«

 

»Ein ganz verdammt feines Mädel«, stimmte Kid ihm zu.

 

 

 

 

 

ENDE