Goethe und Schiller – Xenien

Goethe und Schiller: Xenien

Xenien von Goethe und Schiller

1. Der ästhetische Thorschreiber.

Halt Passagiere! Wer seid ihr? Wes Standes und Charakteres?

Niemand passieret hier durch, bis er den Paß mir gezeigt.

2. Xenien.

Distichen sind wir. Wir geben uns nicht für mehr noch für minder,

Sperre du immer, wir ziehn über den Schlagbaum hinweg.

3. Visitator.

Öffnet die Koffers. Ihr habt doch nichts Konterbandes geladen?

Gegen die Kirche? den Staat? Nichts von französischem Gut?

4. Xenien.

Koffers führen wir nicht. Wir führen nicht mehr, als zwei Taschen

Tragen, und die, wie bekannt, sind bei Poeten nicht schwer.

5. Der Mann mit dem Klingelbeutel.

Messieurs! Es ist der Gebrauch, wer diese Straße bereiset,

Legt für die Dummen was, für die Gebrechlichen ein.

6. Helf Gott!

Das verwünschte Gebettel! Es haben die vorderen Kutschen

Reichlich für uns mit bezahlt. Geben nichts. Kutscher, fahr zu.

7. Der Glückstopf.

Hier ist Messe, geschwind, packt aus und schmücket die Bude,

Kommt Autoren, und zieht, jeder versuche sein Glück.

8. Die Kunden.

Wenige Treffer sind gewöhnlich in solchen Butiken,

Doch die Hoffnung treibt frisch und die Neugier herbei.

9. Das Widerwärtige.

Dichter und Liebende schenken sich selbst, doch Speise voll Ekel!

Dringt die gemeine Natur sich zum Genusse dir auf!

10. Das Desideratum.

Hättest du Phantasie und Witz und Empfinden und Urteil,

Wahrlich dir fehlte nicht viel, Wieland und Lessing zu sein!

11. An einen gewissen moralischen Dichter.

Ja der Mensch ist ein ärmlicher Wicht, ich weiß – doch das wollt‘ ich

Eben vergessen, und kam, ach wie gereut mich’s, zu dir.

12. Das Verbindungsmittel.

Wie verfährt die Natur, um Hohes und Niedres im Menschen

Zu verbinden? Sie stellt Eitelkeit zwischen hinein.

13. Für Töchter edler Herkunft.

Töchtern edler Geburt ist dieses Werk zu empfehlen,

Um zu Töchtern der Lust schnell sich befördert zu sehn.

14. Der Kunstgriff.

Wollt ihr zugleich den Kindern der Welt und den Frommen gefallen?

Malet die Wollust – nur malet den Teufel dazu.

15. Der Teleolog.

Welche Verehrung verdient der Weltenschöpfer, der gnädig

Als er den Korkbaum schuf, gleich auch die Stöpsel erfand!

16. Der Antiquar.

Was ein christliches Auge nur sieht, erblick‘ ich im Marmor:

Zeus und sein ganzes Geschlecht grämt sich und fürchtet den Tod.

17. Der Kenner.

Alte Vasen und Urnen! Das Zeug wohl könnt‘ ich entbehren;

Doch ein Majolika-Topf machte mich glücklich und reich.

18. Erreurs et Verité

Irrtum wolltest du bringen und Wahrheit, o Bote, von Wandsbeck;

Wahrheit, sie war dir zu schwer; Irrtum, den brachtest du fort.

19. H. S.

Auf das empfindsame Volk hab‘ ich nie was gehalten, es werden,

Kommt die Gelegenheit, nur schlechte Gesellen daraus.

20. Der Prophet.

Schade, daß die Natur nur Einen Menschen aus dir schuf,

Denn zum würdigen Mann war und zum Schelmen der Stoff.

21. Das Amalgama.

Alles mischt die Natur so einzig und innig, doch hat sie

Edel- und Schalksinn hier, ach! nur zu innig vermischt.

22. Der erhabene Stoff.

Deine Muse besingt, wie Gott sich der Menschen erbarmte,

Aber ist das Poesie, daß er erbärmlich sie fand?

23. Belsatzer, ein Drama.

König Belsatzer schmaust in dem ersten Akte, der König

Schmaust in dem zweiten, es schmaust fort bis zu Ende der Fürst.

24. Gewisse Romanhelden.

Ohne das mindeste nur dem Pedanten zu nehmen, erschuft du,

Künstler, wie keiner mehr ist, einen vollendeten Geck.

25. Pfarrer Cyllenius.

Still doch von deinen Pastoren und ihrem Zofenfranzösisch,

Auch von den Zofen nichts mehr mit dem Pastorenlatein.

26. Jamben.

Jambe nennt man das Tier mit einem kurzen und langen

Fuß, und so nennst du mit Recht Jamben das hinkende Werk.

27. Neueste Schule.

Ehmals hatte man Einen Geschmack. Nun gibt es Geschmäcke,

Aber sagt mir wo sitzt dieser Geschmäcke Geschmack?

28. An deutsche Baulustige

Kamtschadalisch lernt man euch bald die Zimmer verzieren,

Und doch ist Manches bei euch schon Kamtschadalisch genug.

29. Affiche.

Stille kneteten wir Salpeter, Kohlen und Schwefel,

Bohrten Röhren, gefall‘ nun das Feuerwerk auch.

30. Zur Abwechslung.

Einige steigen als leuchtende Kugeln und andere zünden,

Manche auch werfen wir nur spielend, das Aug‘ zu erfreun.

31. Der Zeitpunkt.

Eine große Epoche hat das Jahrhundert geboren,

Aber der große Moment findet ein kleines Geschlecht.

32. Goldnes Zeitalter.

Ob die Menschen im ganzen sich bessern? Ich glaub‘ es, denn einzeln

Suche man, wie man auch will, sieht man doch gar nichts davon.

33. Manso von den Grazien.

Hexen lassen sich wohl durch schlechte Sprüche citieren,

Aber die Grazie kommt nur auf der Grazie Ruf.

34. Tassos Jerusalem von demselben.

Ein asphaltischer Sumpf bezeichnet hier noch die Stätte,

Wo Jerusalem stand, das uns Torquato besang.

35. Die Kunst zu lieben.

Auch zum Lieben bedarfst du der Kunst? Unglücklicher Manso,

Daß die Natur auch nichts, gar nichts für dich noch gethan!

36. Der Schulmeister zu Breslau.

In langweiligen Versen und abgeschmackten Gedanken

Lehrt ein Präzeptor uns hier, wie man gefällt und verführt.

37. Amor als Schulkollege.

Was das entsetzlichste sei von allen entsetzlichen Dingen?

Ein Pedant, den es jückt, locker und lose zu sein.

38. Der zweite Ovid.

Armer Naso, hättest du doch wie Manso geschrieben,

Nimmer, du guter Gesell‘, hättest du Tomi gesehn.

39. Das Unverzeihliche

Alles kann mißlingen, wir können’s ertragen, vergeben;

Nur nicht, was sich bestrebt, reizend und lieblich zu sein.

40. Prosaische Reimer.

Wieland, wie reich ist dein Geist! Das kann man nun erst empfinden,

Sieht man, wie fad‘ und wie leer dein Caput mortuum ist.

41. Jean Paul Richter.

Hieltest du deinen Reichtum nur halb so zu Rate, wie jener

Seine Armut, du wärst unsrer Bewunderung wert.

42. An seinen Lobredner.

Meinst du, er werde größer, wenn du die Schultern ihm leihst?

Er bleibt klein wie zuvor, du hast den Höcker davon.

43. Feindlicher Einfall.

Fort ins Land der Philister, ihr Füchse mit brennenden Schwänzen,

Und verderbet der Herrn reife papierene Saat.

44. Nekrolog.

Unter allen, die von uns berichten, bist du mir der liebste,

Wer sich lieset in dir, liest dich zum Glücke nicht mehr.

45. Bibliothek schöner Wissenschaften.

Jahrelang schöpfen wir schon in das Sieb und brüten den Stein aus,

Aber der Stein wird nicht warm, aber das Sieb wird nicht voll.

46. Dieselbe.

Invaliden Poeten ist dieser Spittel gestiftet,

Gicht und Wassersucht wird hier von der Schwindsucht gepflegt.

47. Die neuesten Geschmacksrichter.

Dichter, ihr armen, was müßt ihr nicht alles hören, damit nur

Sein Exerzitium schnell lese gedruckt der Student!

48. An Schwätzer und Schmierer.

Treibet das Handwerk nur fort, wir können‘ euch freilich nicht legen,

Aber ruhig, das glaubt, treibt ihr es künftig nicht mehr.

49. Guerre ouverte.

Lange neckt ihr uns schon, doch immer heimlich und tückisch,

Krieg verlangtet ihr ja, führt ihn nun offen, den Krieg.

50. An gewisse Kollegen.

Mögt ihr die schlechten Regenten mit strengen Worten verfolgen,

Aber schmeichelt doch auch schlechten Autoren mehr.

51. An die Herren N. O. P.

Euch bedaur‘ ich am meisten, ihr wähltet gerne das Gute,

Aber euch hat die Natur gänzlich das Urteil versagt.

52. Der Kommissarius des Jüngsten Gerichts.

Nach Kalabrien reist er, das Arsenal zu besehen,

Wo man die Artillerie gießt zu dem Jüngsten Gericht.

53. Kant und seine Ausleger.

Wie doch ein einziger Reicher so viele Bettler in Nahrung

Setzt! Wenn die Könige baun, haben die Kärrner zu thun.

54. J—b.

Steil wohl ist er, der Weg zur Wahrheit, und schlüpfrig zu steigen,

Aber wir legen ihn doch nicht gern auf Eseln zurück.

55. Die Stockblinden.

Blinde, weiß ich wohl, fühlen und Taube sehen viel schärfer,

Aber mit welchem Organ philosophiert denn das Volk?

56. Analytiker.

Ist denn die Wahrheit ein Zwiebel, von dem man die Häute nur abschält?

Was ihr hinein nicht gelegt, ziehet ihr nimmer heraus.

57. Der Geist und der Buchstabe.

Lange kann man mit Marken, mit Rechenpfennigen zahlen,

Endlich, es hilft nichts, ihr Herrn, muß man den Beutel doch ziehn.

58. Wissenschaftliches Genie.

Wird der Poet nur geboren? Der Philosoph wird’s nicht minder,

Alle Wahrheit zuletzt wird nur gebildet, geschaut.

59. Die bornierten Köpfe.

Etwas nützet ihr doch, die Vernunft vergißt des Verstandes

Schranken so gern, und die stellet ihr redlich uns dar.

60. Bedientenpflicht.

Rein zuerst sei das Haus, in welchem die Königin einzieht,

Frisch denn, die Stuben gefegt! dafür, ihr Herrn, seid ihr da.

61. Ungebühr.

Aber, erscheint sie selbst, hinaus vor die Thüre, Gesinde!

Auf den Sessel der Frau pflanze die Magd sich nicht hin.

62. Wissenschaft.

Einem ist sie die hohe, die himmlische Göttin, dem andern

Eine tüchtige Kuh, die ihn mit Butter versorgt.

63. An Kant.

Vornehm nennst du den Ton der neuen Propheten? Ganz richtig,

Vornehm philosophiert heißt wie Rotüre gedacht.

64. Der kurzweilige Philosoph.

Eine spaßhafte Weisheit doziert hier ein lustiger Doktor

Bloß dem Namen nach Ernst, und in dem lustigsten Saal.

65. Verfehlter Beruf.

Schade, daß ein Talent hier auf dem Katheder verhallet,

Das auf höherm Gerüst hätte zu glänzen verdient.

66. Das philosophische Gespräch.

Einer, das höret man wohl, spricht nach dem andern, doch keiner

Mit dem andern; wer nennt zwei Monologen Gespräch?

67. Das Privilegium.

Dichter und Kinder, man gibt sich mit beiden nur ab, um zu spielen,

Nun so erboset euch nicht, wird euch die Jugend zu laut.

68. Litterarischer Zodiacus.

Jetzo, ihr Distichen, nehmt euch zusammen, es thut sich der Tierkreis

Grauend euch auf; mir nach, Kinder! wird müssen hindurch.

69. Zeichen des Widders.

Auf den Widder stoßt ihr zunächst, den Führer der Schafe,

Aus dem Dykischen Pferch springet er trotzig hervor.

70. Zeichen des Stiers.

Nebenan gleich empfängt euch sein Namensbruder; mit stumpfen

Hörnern, weicht ihr nicht aus, stößt euch der Hallische Ochs.

71. Zeichen des Fuhrmanns.

Alsobald knallet in G** des Reiches würdiger Schwager,

Zwar er nimmt euch nicht mit, aber er fährt doch vorbei.

72. Zeichen der Zwillinge.

Kommt ihr den Zwillingen nah‘, so sprecht nur: Gelobt sei J—

C—! »In Ewigkeit« gibt man zum Gruß euch zurück.

73. Zeichen des Bärs.

Nächst daran strecket der Bär zu K** die bleiernen Tatzen

Gegen euch aus, doch er fängt euch nur die Fliegen vom Kleide.

74. Zeichen des Krebses.

Geht mir dem Krebs in B*** aus dem Weg, manch lyrisches Blümchen,

Schwellend in üppigem Wuchs, kneipte die Schere zu Tod.

75. Zeichen des Löwen.

Jetzo nehmt euch in acht vor dem wackern Eutinischen Leuen,

Daß er mit griechischem Zahn euch nicht verwunde den Fuß.

76. Zeichen der Jungfrau.

Bücket euch, wie sich’s geziemt, vor der zierlichen Jungfrau zu Weimar,

Schmollt sie auch oft – wer verzeiht Launen der Grazie nicht?

77. Zeichen des Raben.

Vor dem Raben nur sehet euch vor, der hinter ihr krächzet,

Das Nekrologische Tier setzt auf Kadaver sich nur.

78. Locken der Berenice.

Sehet auch wir ihr in S*** den groben Fäusten entschlüpfet,

Die Berenicens Haar striegeln mit eisernem Kamm.

79. Zeichen der Wage.

Jetzo wäre der Ort, daß ihr die Wage beträtet,

Aber dies Zeichen ward längst schon am Himmel vermißt.

80. Zeichen des Skorpions.

Aber nun kommt ein böses Insekt, aus G—b—n her,

Schmeichelnd naht es, ihr habt, flieht ihr nicht eilig, den Stich.

81. Ophiuchus.

Drohend hält euch die Schlang‘ jetzt Ophiuchus entgegen,

Fürchtet sie nicht, es ist nur der getrocknete Balg.

82. Zeichen des Schützen.

Seid ihr da glücklich vorbei, so naht euch dem zielenden Hofrat

Schütz nur getrost, er liebt und er versteht auch den Spaß.

83. Gans.

Laßt sodann ruhig die Gans in L***g und G**a gagagen,

Die beißt keinen, es quält nur ihr Geschnatter das Ohr.

84. Zeichen des Steinbocks.

Im Vorbeigehn stutzt mir den alten Berlinischen Steinbock,

Das verdrießt ihn, so gibt’s etwas zu lachen fürs Volk.

85. Zeichen des Pegasus.

Aber seht ihr in B**** den Grad ad Parnassum, so bittet

Höflich ihm ab, daß ihr euch eigne Wege gewählt.

86. Zeichen des Wassermanns.

Übrigens haltet euch ja von dem Dr***r Wassermann ferne,

Daß er nicht über euch her gieße den Elbstrom aus.

87. Eridanus.

An des Eridanus Ufern umgeht mir die furchtbare Waschfrau,

Welche die Sprache des Teut säubert mit Lauge und Sand.

88. Fische.

Seht ihr in Leipzig die Fischlein, die sich in Sulzers Zisterne

Regen, so fangt euch zur Lust einige Grundeln heraus.

89. Der fliegende Fisch.

Neckt euch in Breslau der fliegende Fisch, erwartet’s geduldig,

In sein wäss’risches Reich zieht ihn Neptun bald hinab.

90. Glück auf den Weg.

Manche Gefahren umringen euch noch, ich hab‘ sie verschwiegen,

Aber wir werden uns noch aller erinnern – nur zu!

91. Die Aufgabe.

Wem die Verse gehören? Ihr werdet es schwerlich erraten,

Sondert, wenn ihr nun könnt, o Chorizonten, auch hier!

92. Wohlfeile Achtung.

Selten erhaben und groß und selten würdig der Liebe

Lebt er doch immer, der Mensch, und wird geehrt und geliebt.

93. Revolutionen.

Was das Luthertum war, ist jetzt das Franztum in diesen

Letzten Tagen, es drängt ruhige Bildung zurück.

94. Parteigeist.

Wo Parteien entstehn, hält jeder sich hüben und drüben,

Viele Jahre vergehn, eh‘ sie die Mitte vereint.

95. Das Deutsche Reich.

Deutschland? aber wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden,

Wo das gelehrte beginnt, hört das politische auf.

96. Deutscher Nationalcharakter.

Zur Nation euch zu bilden, ihr hoffet es, Deutsche, vergebens;

Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch aus.

97. Rhein.

Treu, wie dem Schweizer gebührt, bewach‘ ich Germaniens Grenze,

Aber der Gallier hüpft über den duldenden Strom.

98. Rhein und Mosel.

Schon so lang‘ umarm‘ ich die lotharingische Jungfrau,

Aber noch hat kein Sohn unsre Umarmung erfreut!

99. Donau in B**.

Bacchus, der lustige, führt mich und Komus, der fette, durch reiche

Triften, aber verschämt bleibt die Charis zurück.

100. Donau in O**.

Mich umwohnet mit glänzendem Aug‘ das Volk der Fajaken,

Immer ist’s Sonntag, es dreht immer am Herd sich der Spieß.

101. Main.

Meine Burgen zerfallen zwar, doch getröstet erblick‘ ich

Seit Jahrhunderten noch immer das alte Geschlecht.

102. Saale.

Kurz ist mein Lauf und begrüßt der Fürsten, der Völker so viele,

Aber die Fürsten sind gut, aber die Völker sind frei.

103. Ilm.

Meine Ufer sind arm, doch höret die leisere Welle,

Führt der Strom sie vorbei, manches unsterbliche Lied.

104. Pleiße.

Flach ist mein Ufer und seicht mein Bächlein, es schöpften zu durstig

Meine Poeten mich, meine Prosaiker auch.

105. Elbe.

All‘ ihr andern, ihr sprecht nur ein Kauderwelsch. Unter den Flüssen

Deutschlands rede nur ich, und auch in Meißen nur, deutsch.

106. Spree.

Sprache gab mir einst Ramler und Stoff mein Cäsar, da nahm ich

Meinen Mund etwas voll, aber ich schweige seitdem.

107. Weser.

Leider von mir ist gar nichts zu sagen, auch zu dem kleinsten

Epigramme, bedenkt! geb‘ ich der Muse nicht Stoff.

108. Gesundbrunnen zu ***.

Seltsames Land! Hier haben die Flüsse Geschmack und die Quellen,

Bei den Bewohnern allein hab‘ ich noch keinen verspürt.

109. P** bei N**.

Ganz hypochondrisch bin ich vor Langerweile geworden,

Und ich fließe nur fort, weil es so hergebracht ist.

110. Die **chen Flüsse.

Unsereiner hat’s halter gut in **cher Herren

Ländern, ihr Joch ist sanft und ihre Lasten sind leicht.

111. Salzach.

Aus Juvaviens Bergen ström‘ ich, das Erzstift zu salzen,

Lenke dann Bayern zu, wo es an Salze gebricht.

112. Der anonyme Fluß.

Fastenspeisen dem Tisch des frommen Bischofs zu liefern,

Goß der Schöpfer mich aus durch das verhungerte Land.

113. Les fleuves indiscrets.

Jetzt kein Wort mehr, ihr Flüsse. Man sieht’s, ihr wißt euch so wenig

Zu bescheiden, als einst Diderots Schätzchen gethan.

114. An den Leser.

Lies uns nach Laune, nach Lust, in trüben, in fröhlichen Stunden,

Wie uns der gute Geist, wie uns der böse gezeugt.

115. Gewissen Lesern.

Viele Bücher genießt ihr, die ungesalznen, verzeihet,

Daß dies Büchelchen uns überzusalzen beliebt.

116. Dialogen aus dem Griechischen.

Zur Erbauung andächtiger Seelen hat F*** S***,

Graf und Poet und Christ, diese Gespräche verdeutscht.

117. Der Ersatz.

Als du die griechischen Götter geschmäht, da warf dich Apollo

Von dem Parnasse; dafür gehst du ins Himmelreich ein.

118. Der moderne Halbgott.

Christlicher Herkules, du ersticktest so gerne die Riesen,

Aber die heidnische Brut steht, Herkuliscus! noch fest.

119. Charis.

Ist dies die Frau des Künstlers Vulkan? Sie spricht von dem Handwerk

Wie es des Roturiers adliger Hälfte geziemt.

120. Nachbildung der Natur.

Was nur Einer vermag, das sollte nur Einer uns schildern,

Voß nur den Pfarrer und nur Iffland den Förster allein.

121. Nachäffer.

Aber da meinen die Pfuscher, ein jeder Schwarzrock und Grünrock

Sei auch an und für sich unsrer Beschauung schon wert

122. Klingklang.

In der Dichtkunst hat er mit Worten herzlos geklingelt,

In der Philosophie treibt er es pfäffisch so fort.

123. An gewisse Umschöpfer.

Nichts soll werden das Etwas, daß Nichts sich zu Etwas gestalte,

Laß das Etwas nur sein! nie wird zu Etwas das Nichts.

124. Aufmunterung.

Deutschland fragt nach Gedichten nicht viel; ihr kleinen Gesellen,

Lärmt, bis jeglicher sich wundernd ans Fenster begibt.

125. Das Brüderpaar.

Als Kentauren gingen sie einst durch poetische Wälder,

Aber das wilde Geschlecht hat sich geschwinde bekehrt.

126. K**.

Höre den Tadler! Du kannst, was er noch vermißt, dir erwerben;

Jenes, was nie sich erwirbt, freue dich! gab dir Natur.

127. An die Moralisten.

Richtet den herrschenden Stab auf Leben und Handeln und lasset

Amorn, dem lieblichen Gott, doch mit der Muse das Spiel.

128. Der Leviathan und die Epigramme.

Fürchterlich bist du im Kampf, nur brauchst du etwas viel Wasser;

Aber versuch es einmal, Fisch! in den Lüften mit uns.

129. Luise von Voß.

Wahrlich, es füllt mit Wonne das Herz, dem Gesange zu horchen,

Ahmt ein Sänger, wie der, Töne des Altertums nach.

130. Jupiters Kette.

Hängen auch alle Schmierer und Reimer sich an dich, sie ziehen

Doch nicht hinunter, doch und ziehst sie auch schwerlich hinauf.

131. Aus einer der neuesten Episteln.

Klopstock, der ist mein Mann, der in neue Phrasen gestoßen,

Was er im höllischen Pfuhl Hohes und Großes vernahm.

132. B**s Taschenbuch.

Eine Kollektion von Gedichten? eine Kollekte

Nenn es, der Armut zulieb‘ und bei der Armut gemacht.

133. Ein deutsches Meisterstück.

Alles an diesem Gedicht ist vollkommen, Sprache, Gedanke,

Rhythmus, das einzige nur fehlt noch, es ist kein Gedicht.

134. Unschuldige Schwachheit.

Unsre Gedichte nur trifft dein Spott? O schätzet euch glücklich,

Daß das Schlimmste an euch eure Erdichtungen sind.

135. Das Neueste aus Rom.

Raum und Zeit hat man wirklich gemalt, es steht zu erwarten,

Daß man mit ähnlichem Glück nächstens die Tugend uns tanzt.

136. Deutsches Lustspiel.

Thoren hätten wir wohl, wir hätten Fratzen die Menge,

Leider helfen sie nur selbst zur Komödie nichts.

137. Das Märchen.

Mehr als zwanzig Personen sind in dem Märchen geschäftig,

Nun, und was machen sie denn alle? Das Märchen, mein Freund.

138. Frivole Neugier.

Das verlohnte sich auch, den delphischen Gott zu bemühen,

Daß er dir sage, mein Freund, wer der Armenier war.

139. Beispielsammlung.

Nicht bloß Beispielsammlung, nein, selber ein warnendes Beispiel,

Wie man nimmermehr soll sammeln für guten Geschmack.

140. Mit Erlaubnis.

Nimm’s nicht übel, daß nun auch deiner gedacht wird! Verlangst du

Das Vergnügen umsonst, daß man den Nachbar vexiert?

141. Der Sprachforscher.

Anatomieren magst du die Sprache, doch nur ihr Kadaver,

Geist und Leben entschlüpft flüchtig dem groben Skalpell.

142. Geschichte eines dicken Mannes.

Dieses Werk ist durchaus nicht in Gesellschaft zu lesen,

Da es, wie Rezensent rühmet, die Blähungen treibt.

143. Anekdoten von Friedrich II.

Von dem unsterblichen Friedrich, dem einzigen, handelt in diesen

Blättern der zehenmalzehn tausendste sterbliche Fritz.

144. Litteraturbriefe.

Auch Nicolai schrieb an dem trefflichen Werk? Ich will’s glauben,

Mancher Gemeinplatz auch steht in dem trefflichen Werk.

145. Gewisse Melodien.

Dies ist Musik fürs Denken! Solang‘ man sie hört, bleibt man eiskalt,

Vier, fünf Stunden darauf macht sie erst rechten Effekt.

146. Überschriften dazu.

Frostig und herzlos ist der Gesang, doch Sänger und Spieler

Werden oben am Rand höflich zu fühlen ersucht.

147. Der böse Geselle.

Dichter, bitte die Musen, vor ihm den Lied zu bewahren,

Auch dein leichtestes zieht nieder der schwere Gesang.

148. Karl von Karlsberg.

Was der berühmte Verfasser des menschlichen Elends verdiene?

Sich in der Charité gratis verköstigt zu sehn.

149. Schriften für Damen und Kinder.

»Bibliothek für das andre Geschlecht, nebst Fabeln für Kinder«.

Also für Kinder nicht, nicht für das andre Geschlecht.

150. Dieselbe.

Immer für Weiber und Kinder! Ich dächte, man schriebe für Männer,

Und überließe dem Mann Sorge für Frau und für Kind!

151. Gesellschaft von Sprachfreunden.

O wie schätz‘ ich euch hoch! Ihr bürstet sorglich die Kleider

Unsrer Autoren, und wem fliegt nicht ein Federchen an?

152. Der Purist.

Sinnreich bist du, die Sprache von fremden Wörtern zu säubern,

Nun so sage doch, Freund, wie man Pedant uns verdeutscht.

153. Vernünftige Betrachtung.

Warum plagen wir, einer dem andern? Das Leben zerrinnet,

Und es versammelt uns nur einmal wie heute die Zeit.

154. An **.

Gerne plagt‘ ich auch dich, doch es will mir mit dir nicht gelingen,

Du bist zum Ernst mir zu leicht, bist für den Scherz mir zu plump.

155. An **.

Nein! Du erbittest mich nicht. Du hörtest dich gerne verspottet,

Hörtest du dich nur genannt, darum verschon‘ ich dich, Freund.

156. Garve.

Hör‘ ich über Geduld dich, edler Leidender, reden,

O, wie wird mir das Volk frömmelnder Schwätzer verhaßt.

157. Auf gewisse Anfragen.

Ob dich der Genius ruft? Ob du dem Rufenden folgest?

Ja, wenn du mich fragst – nein! Folge dem Rufenden nicht.

158. Stoßgebet.

Vor dem Aristokraten in Lumpen bewahrt mich, ihr Götter,

Und vor dem Sansculott auch mit Epauletten und Stern!

159. Distinktionszeichen.

»Unbedeutend sind doch auch manche von euren Gedichten!«

Freilich, zu jeglicher Schrift braucht man auch Komma und Punkt.

160. Die Adressen.

Alles ist nicht für alle, das wissen wir selber, doch nichts is

Ohne Bestimmung, es nimmt jeder sich selbst sein Paket.

161. Schöpfung durch Feuer.

Arme basaltische Säulen! Ihr solltet dem Feuer gehören,

Und doch sah euch kein Mensch je aus dem Feuer entstehn.

162. Mineralogischer Patriotismus.

Jedermann schürfte bei sich auch nach Basalten und Lava,

Denn es klinget nicht schlecht, hier ist vulkanisch Gebirg‘!

163. Kurze Freude.

Endlich zog man sie wieder ins alte Wasser herunter,

Und es löscht sich nun bald dieser entzündete Streit.

164. Triumph der Schule.

Welch erhabner Gedanke! Uns lehrt der unsterbliche Meister,

Künstlich zu teilen den Strahl, den wir nur einfach gekannt.

165. Die Möglichkeit.

Liegt der Irrtum nur erst, wie ein Grundstein, unten im Boden,

Immer baut man darauf, nimmermehr kommt er an Tag.

166. Wiederholung.

Hundertmal werd‘ ich’s euch sagen und tausendmal: Irrtum ist Irrtum!

Ob ihn der größte Mann, ob ihn der kleinste beging.

167. Wer glaubt’s.

Newton hat sich geirrt? ja doppelt und dreifach! und wie denn?

Lange steht es gedruckt, aber es liest es kein Mensch.

168. Der Welt Lauf.

Drucken fördert euch nicht, es unterdrückt euch die Schule;

Aber nicht immer, und dann geben sie schweigend sich drein.

169. Hoffnung.

Allen habt ihr die Ehre genommen, die gegen euch zeugten;

Aber dem Märtyrer kehrt späte sie doppelt zurück.

170. Exempel.

Schon Ein Irrlicht sah ich verschwinden, dich, Phlogiston! Balde,

O Newtonisch Gespenst! folgst du dem Brüderchen nach.

171. Der letzte Märtyrer.

Auch mich bratet ihr noch als Huß vielleicht, aber wahrhaftig!

Lange bleibet der Schwan, der es vollendet, nicht aus.

172. Menschlichkeiten.

Leidlich hat Newton gesehen und falsch geschlossen, am Ende

Blieb er, ein Brite, verstockt; schloß er, bewies er so fort.

173. Und abermals Menschlichkeiten.

Seine Schüler hörten nun auf, zu sehn und zu schließen,

Reservierten getrost, was er auch sah und bewies.

174. Der Widerstand.

Aristokratisch gesinnt ist mancher Gelehrte, denn gleich ist’s,

Ob man auf Helm und Schild oder auf Meinungen ruht.

175. Neueste Farbentheorie von Wünsch.

Gelbrot und grün macht das Gelbe, grün und violblau das Blaue!

So wird aus Gurkensalat wirklich der Essig erzeugt!

176. Das Mittel.

Warum sagst du uns das in Versen? Die Verse sind wirksam,

Spricht man in Prosa zu euch, stopft ihr die Ohren euch zu.

177. Moralische Zwecke der Poesie.

»Bessern, bessern soll uns der Dichter!« So darf denn auf euren

Rücken des Büttels Stock nicht einen Augenblick ruhn?

178. Sektions-Wut.

Lebend noch exenterieren sie euch, und seid ihr gestorben,

Passet im Nekrolog noch ein Prosektor euch auf.

179. Kritische Studien.

Schneidet, schneidet, ihr Herrn, durch Schneiden lernet der Schüler,

Aber wehe dem Frosch, der euch den Schenkel muß leihn!

180. Der astronomische Himmel.

So erhaben, so groß ist, so weit entlegen der Himmel!

Aber der Kleinigkeitsgeist fand auch bis dahin den Weg.

181. Naturforscher und Transcendental-Philosophen.

Feindschaft sei zwischen euch, noch kommt das Bündnis zu frühe,

Wenn ihr im Suchen euch trennt, wird erst die Wahrheit erkannt.

182. An die voreiligen

Verbindungsstifter.

Jeder wandle für sich, und wisse nichts von dem andern,

Wandeln nur beide gerad‘, finden sich beide gewiß.

183. Der treue Spiegel.

Reiner Bach, du entstellst nicht den Kiesel, du bringst ihn dem Auge

Näher, so seh‘ ich die Welt, ***, wenn du sie beschreibt.

184. Nicolai.

Nicolai reiset noch immer, noch lang‘ wird er reisen,

Aber ins Land der Vernunft findet er nimmer den Weg.

185. Der Wichtige.

Seine Meinung sagt er von seinem Jahrhundert, er sagt sie,

Nochmals sagt er sie laut, hat sie gesagt und geht ab.

186. Der Plan des Werkes.

Meine Reis‘ ist ein Faden, an dem ich drei Lustra die Deutschen

Nützlich führe, so wie formlos die Form mir’s gebeut.

187. Formalphilosophie.

Allen Formen macht er den Krieg, er weiß wohl, zeitlebens

Hat er mit Müh‘ und Not Stoff nur zusammengeschleppt.

188. Der Todfeind.

Willst du alles vertilgen, was deiner Natur nicht gemäß ist,

Nicolai, zuerst schwöre dem Schönen den Tod!

189. Philosophische Querköpfe.

Querkopf! schreiet ergrimmt in unsre Wälder Herr Nickel,

Leerkopf! schallt es darauf lustig zum Walde heraus.

190. Empirischer Querkopf.

Armer empirischer Teufel! Du kennst nicht einmal das Dumme

In dir selber, es ist ach! a priori so dumm.

191. Der Quellenforscher.

Nicolai entdeckt die Quellen der Donau! Welch Wunder!

Sieht er gewöhnlich doch sich nach der Quelle nicht um.

192. Derselbe.

Nichts kann er leiden, was groß ist und mächtig, drum, herrliche Donau,

Spürt dir der Häscher so lang‘ nach, bis er seicht dich ertappt.

193. N. Reisen, XI. Band, S. 177.

A propos Tübingen! Dort sind Mädchen, die tragen die Zöpfe

Lang geflochten, auch dort gibt man die Horen heraus.

194. Der Glückliche.

Sehen möcht‘ ich dich Nickel, wenn du ein Späßchen erhaschest,

Und von dem Fund entzückt, drauf dich im Spiegel besiehst.

195. Verkehrte Wirkung.

Rührt sonst einen der Schlag, so stockt die Zunge gewöhnlich,

Dieser, so lange gelähmt, schwatzt nur geläufiger fort.

196. Pfahl im Fleisch.

Nenne Lessing nur nicht, der Gute hat vieles gelitten,

Und in des Märtyrers Kranz warst du ein schrecklicher Dorn.

197. Die Horen an Nicolai.

Unsere Reihen störtest du gern, doch werden wir wandeln,

Und du tappe denn auch, plumper Geselle! so fort.

198. Fichte und Er.

Freilich tauchet der Mann kühn in die Tiefe des Meeres,

Wenn du, auf leichtem Kahn, schwankest und Heringe fängst.

199. Briefe über ästhetische Bildung.

Dunkel sind sie zuweilen, vielleicht mit Unrecht, o Nickel!

Aber die Deutlichkeit ist wahrlich nicht Tugend an dir.

200. Modephilosophie.

Lächerlichster, du nennst das Mode, wenn immer von neuem

Sich der menschliche Geist ernstlich nach Bildung bestrebt.

201. Das grobe Organ.

Was du mit Händen nicht greifst, das scheint dir Blinden ein Unding,

Und betastest du was, gleich ist das Ding auch beschmutzt.

202. Der Lastträger.

Weil du vieles geschleppt und schleppst und schleppen wirst, meinst du,

Was sich selber bewegt, könne vor dir nicht bestehn.

203. Die Weidtasche.

Reget sich was, gleich schießt der Jäger, ihm scheinet die Schöpfung,

Wie lebendig sie ist, nur für den Schnappsack gemacht.

204. Der Unentbehrliche.

Könnte Menschenverstand doch ohne Vernunft nur bestehen,

Nickel hätte fürwahr menschlichsten Menschenverstand.

205. Die Xenien.

Was uns ärgert, du gibst mit langen entsetzlichen Noten

Uns auch wieder heraus unter der Reiserubrik.

206. Lucri bonus odor

Gröblich haben wir dich behandelt, das brauche zum Vorteil

Und im zwölften Band schilt uns, da gibt es ein Blatt.

207. Vorsatz.

Den Philister verdrieße, den Schwärmer necke, den Heuchler

Quäle der fröhliche Vers, der nur das Gute verehrt.

208. Nur Zeitschriften.

Frankreich faßt er mit einer, das arme Deutschland gewaltig

Mit der andern, doch sind beide papieren und leicht!

209. Das Motto.

Wahrheit sag‘ ich euch, Wahrheit und immer Wahrheit, versteht sich:

Meine Wahrheit; denn sonst ist mir auch keine bekannt.

210. Der Wächter Zions.

Meine Wahrheit besteht im Bellen, besonders wenn irgend

Wohlgekleidet ein Mann sich auf der Straße mir zeigt.

211. Verschiedene Dressuren.

Aristokratische Hunde, sie knurren auf Bettler, ein echter

Demokratischer Spitz klafft nach dem seidenen Strumpf.

212. Böse Gesellschaft.

Aristokraten mögen noch gehn, ihr Stolz ist doch höflich,

Aber du löbliches Volk bist so voll Hochmut und grob.

213. An die Obern.

Immer bellt man auf euch! bleibt sitzen! es wünschen die Beller

Jene Plätze, wo man ruhig das Bellen vernimmt.

214. Baalspfaffen.

Heilige Freiheit! Erhabener Trieb der Menschen zum Bessern!

Wahrlich, du konntest dich nicht schlechter mit Priestern versehn!

215. Verfehlter Beruf.

Schreckensmänner wären sie gerne, doch lacht man in Deutschland

Ihres Grimmes, der nur mäßige Schriften zerfleischt.

216. An mehr als einen.

Erst habt ihr die Großen beschmaust, nun wollt ihr sie stürzen;

Hat man Schmarotzer doch nie dankbar dem Wirte gesehn.

217. Das Requisit.

Lange werden wir euch noch ärgern und werden euch sagen:

Rote Kappen, euch fehlt nur noch das Glöckchen zum Putz.

218. Verdienst.

Hast du auch wenig genug verdient um die Bildung der Deutschen,

Fritz Nicolai, sehr viel hast du dabei doch verdient.

219. Umwälzung.

Nein, das ist doch zu arg! Da läuft auch selbst noch der Kantor

Von der Orgel, und ach! Pfuscht auf den Klaven des Staats.

220. Der Halbvogel.

Fliegen möchte der Strauß, allein er rudert vergeblich,

Ungeschickt rühret der Fuß immer den leidigen Sand.

221. Der letzte Versuch.

Vieles hast du geschrieben, der Deutsche wollt‘ es nicht lesen;

Gehn die Journale nicht ab, dann ist auch alles vorbei.

222. Kunstgriff.

Schreib die Journale nur anonym, so kannst du mit vollen

Backen deine Musik loben, er merkt es kein Mensch.

223. Dem Großsprecher.

Öfters nahmst du das Maul schon so voll und konntest nicht wirken,

Auch jetzt wirkest du nichts, nimm nur das Maul nicht so voll.

224. Mottos.

Setze nur immer Mottos auf deine Journale, sie zeigen

Alle die Tugenden an, die man an dir nicht bemerkt.

225. Sein Handgriff.

Auszuziehen versteh‘ ich, und zu beschmutzen die Schriften,

Dadurch mach‘ ich sie mein, und ihr bezahlet sie mir.

226. Die Mitarbeiter.

Wie sie Glieder verrenken, die Armen! Aber nach dieser

Pfeife zu tanzen, es ist auch beim Apollo! kein Spaß.

227. Unmögliche Vergeltung.

Deine Kollegen verschreist und plünderst du! Dich zu verschreien

Ist nicht nötig, und nichts ist auch zu plündern an dir.

228. Das züchtige Herz.

Gern erlassen wir dir die moralische Delikatesse,

Wenn du die zehen Gebot‘ nur so notdürftig befolgst.

229. Abscheu.

Heuchler ferne von mir! Besonders du widriger Heuchler,

Der du mit Grobheit glaubst Falschheit zu decken und List.

230. Der Hausierer.

Ja, das fehlte nun noch zu der Entwicklung der Sache,

Daß als Krämer sich nun Kr**er nach Frankreich begibt.

231. Deutschlands Revanche an Frankreich.

Manchen Lakai schon verkauftet ihr uns als Mann von Bedeutung,

Gut! wie spedieren euch hier Kr**** als Mann von Verdienst.

232. Der Patriot.

Daß Verfassung sich überall bilde! Wie sehr ist’s zu wünschen,

Aber ihr Schwätzer verhelft uns zu Verfassungen nicht!

233. Die drei Stände.

Sagt, wo steht in Deutschland der Sansculott‘? In der Mitte,

Unten und oben besitzt jeglicher, was ihm behagt.

234. Die

Hauptsache.

Jedem Besitzer das Seine! und jedem Regierer den Rechtsinn,

Das ist zu wünschen, doch ihr, beides verschafft ihr uns nicht.

235. Anacharsis der Zweite.

Anacharsis dem ersten nahmt ihr den Kopf weg, der zweite

Wandert nun ohne Kopf klüglich, Pariser, zu euch.

236. Historische Quellen.

Augen leiht dir der Blinde zu dem, was in Frankreich geschiehet,

Ohren der Taube, du bist, Deutschland, vortrefflich bedient.

237. Der Almanach als Bienenkorb.

Lieblichen Honig geb‘ er dem Freund, doch nahet sich täppisch

Der Philister, ums Ohr saus‘ ihm der stechende Schwarm!

238. Etymologie.

Ominos ist dein Name, er spricht dein ganzes Verdienst aus,

Gern verschafftest du, ging es, dem Pöbel den Sieg.

239. Ausnahme.

Warum tadelst du manchen nicht öffentlich? Weil er ein Freund ist,

Wie mein eigenes Herz tadl‘ ich im stillen den Freund.

240. Die Insekten.

Warum schiltst du die einen so hundertfach? Weil das Geschmeiße,

Rührt sich der Wedel nicht stets, immer dich leckt und dich sticht.

241. Einladung.

Glaubst du denn nicht, man könnte die schwache Seite dir zeigen?

Thu es mit Laune, mit Geist, Freund, und wir lachen zuerst.

242. Warnung.

Unsrer liegen noch tausend im Hinterhalt, daß ihr nicht etwa,

Rückt ihr zu hitzig heran, Schultern und Rücken entblößt.

243. An die Philister.

Freut euch des Schmetterlings nicht, der Bösewicht zeugt euch die Raupe,

Die euch den herrlichen Kohl fast aus der Schüssel verzehrt.

244. Hausrecht.

Keinem Gärtner verdenk‘ ich’s, daß er die Sperlinge scheuchet,

Doch nur Gärtner ist er, jene gebar die Natur.

245. Currus virum miratur inanes.

Wie sie knallen die Peitschen! Hilf Himmel! Journale! Kalender!

Wagen an Wagen! Wie viel Staub und wie wenig Gepäck.

246. Kalender der Musen und Grazien.

Musen und Grazien! oft habt ihr euch schrecklich verirret,

Doch dem Pfarrer noch nie selbst die Perücke gebracht.

247. Taschenbuch.

Viele Läden und Häuser sind offen in südlichen Ländern,

Und man sieht das Gewerb‘, aber die Armut zugleich.

248. Vossens Almanach.

Immer zu, du redlicher Voß! Beim neuen Kalender

Nenne der Deutsche dich doch, der dich im Jahre vergißt.

249. Schillers Almanach von 1796.

Du erhebest uns erst zu Idealen und stürzest

Gleich zur Natur uns zurück, glaubst du, wir danken dir das?

250. Das Paket.

Mit der Eule gesiegelt? Da kann Minerva nicht weit sein!

Ich erbreche, da fällt »von und für Deutschland« heraus.

251. Das Journal Deutschland.

Alles beginnt der Deutsche mit Feierlichkeit, und so zieht auch

Diesem deutschen Journal blasend ein Spielmann voran.

252. Reichsanzeiger.

Edles Organ, durch welches das Deutsche Riech mit sich selbst spricht,

Geistreich, wie es hinein schallet, so schallt es heraus.

253. A. d. Ph.

Woche für Woche zieht der Bettelkarren durch Deutschland,

Den auf schmutzigem Bock Jakob, der Kutscher, regiert.

254. A. D. B.

Zehnmal gelesene Gedanken auf zehnmal bedrucktem Papiere,

Auf zerriebenem Blei stumpfer und bleierner Witz.

255. A. d. Z.

Auf dem Umschlag sieht man die Charitinnen, doch leider

Kehrt uns Aglaia den Teil, den ich nicht nennen darf, zu.

256. Deutsche Monatschrift.

Deutsch in Künsten gewöhnlich heißt mittelmäßig! und bist du

Deutscher Monat, vielleicht auch so ein deutsches Produkt.

257. G. d. Z.

Dich, o Dämon! erwart‘ ich und deine herrschenden Launen,

Aber im härenen Sack schleppt sich ein Kobold dahin.

258. Urania.

Deinen heiligen Namen kann nichts entehren, und wenn ihn

Auf sein Sudelgefäß Ewald, der frömmelnde, schreibt.

259. Merkur.

Wieland zeigt sich nur selten, doch sucht man gern die Gesellschaft,

Wo sich Wieland auch nur selten, der Seltene, zeigt.

260. Horen. Erster Jahrgang.

Einige wandeln zu ernst, die andern schreiten verwegen,

Wenige gehen den Schritt, wie ihn das Publikum hält.

261. Minerva.

Trocken bist du und ernst, doch immer die würdige Göttin,

Und so leihest du auch gerne den Namen dem Heft.

262. Journal des Luxus und der Moden.

Du bestrafest die Mode, bestrafest den Luxus, und beide

Weißt du zu fördern, du bist ewig des Beifalls gewiß.

263. Dieser Musenalmanach.

Nun erwartet denn auch, für seine herzlichen Gaben,

Liebe Kollegen, von euch unser Kalender den Dank.

264. Der Wolfische Homer.

Sieben Städte zankten sich drum, ihn geboren zu haben,

Nun, da der Wolf ihn zerriß, nehme sich jede ihr Stück.

265. M***.

Weil du doch alles beschriebst, so beschreib uns zu gutem Beschlusse

Auch die Maschine noch, Freund, die dich so fertig bedient.

266. Herr Leonhard **.

Deinen Namen les‘ ich auf zwanzig Schriften, und dennoch

Ist es dein Name nur, Freund, den man in allen vermißt.

267. Pantheon der Deutschen, I. Band.

Deutschlands größte Männer und kleinste sind hier versammelt,

Jene gaben den Stoff, diese die Worte des Buchs.

268. Borussias.

Sieben Jahre nur währte der Krieg, von welchem du singest?

Sieben Jahrhunderte, Freund, währt mir dein Heldengedicht.

269. Guter Rat.

Accipe facundi Culicem, studiose, Maronis,

Ne, nugis positis, arma virumque canas.

270. Reineke Fuchs.

Vor Jahrhunderten hätte ein Dichter dieses gesungen?

Wie ist das möglich? Der Stoff ist ja von gestern und heut‘.

271. Menschenhaß und Reue.

Menschenhaß? Nein, davon verspürt‘ ich beim heutigen Stücke

Keine Regung, jedoch Reue, die hab‘ ich gefühlt.

272. Schinks Faust.

Faust hat sich leider schon oft in Deutschland dem Teufel ergeben,

Doch so prosaisch noch nie schloß er den schrecklichen Bund.

273. An Madame B** und ihre

Schwestern.

Jetzt noch bist du Sibylle, bald wirst du Parze, doch fürcht‘ ich,

Hört ihr alle zuletzt gräßlich als Furien auf.

274. Almansaris und Amanda.

Warum verzeiht mir Amanda den Scherz und Almansaris tobet?

Jene ist tugendhaft, Freund, diese beweiset, sie sei’s.

275. B**.

Wäre Natur und Genie von allen Menschen verehret,

Sag, was bliebe, Phantast, denn für ein Publikum dir?

276. Erholungen. Zweites Stück.

Daß ihr seht, wie genau wir den Titel des Buches erfüllen,

Wird zur Erholung hiemit euch die Vernichtung gereicht.

277. Moderezension.

Preise dem Kinde die Puppen, wofür es begierig die Groschen

Hinwirft, so bist du fürwahr Krämern und Kindern ein Gott.

278. Dem Zudringlichen.

Ein vor allemal willst du ein ewiges Leben mir schaffen?

Mach im zeitlichen doch mir nicht die Weile so lang.

279. Höchster Zweck der Kunst.

Schade fürs schöne Talent des herrlichen Künstlers! O hätt‘ er

Aus dem Marmorblock doch ein Kruzifix uns gemacht.

280. Zum Geburtstag.

Möge dein Lebensfaden sich spinnen, wie in der Prosa

Dein Periode, bei dem leider die Lachesis schläft.

281. Unter vier Augen.

Viele rühmen, sie habe Verstand; ich glaub’s, für den einen,

Den sie jedesmal liebt, hat sie auch wirklich Verstand.

282. Charade.

Nichts als dein Erstes fehlt dir, so wäre dein Zweites genießbar,

Aber dein Ganzes, mein Freund, ist ohne Salz und Geschmack.

283. Frage in den Reichsanzeiger. W. Meister betreffend.

Zu was Ende die welchen Namen für deutsche Personen?

Raubt es nicht allen Genuß an dem vortrefflichen Werk?

284. Göschen an die deutschen Dichter.

Ist nur erst Wieland heraus, so kommt’s an euch übrigen alle,

Und nach der Lokation! Habt nur einstweilen Geduld!

285. Verleger von P** Schriften.

Eine Maschine besitz‘ ich, die selber denkt, was sie drucket,

Obengenanntes Werk zeig‘ ich zur Probe hier vor.

286. Josephs II. Diktum an die Buchhändler.

Einem Käsehandel vergleich er eure Geschäfte?

Wahrlich der Kaiser, man sieht’s, war auf dem Leipziger Markt.

287. Preisfrage der Akademie nützlicher Wissenschaften.

Wie auf dem Ü. fortan der teure Schnörkel zu sparen?

Auf die Antwort sind dreißig Dukaten gesetzt.

288. G. G.

Jeder, siehst du ihn einzeln, ist leidlich klug und verständig,

Sind sie in Corpore, gleich wird dir ein Dummkopf daraus.

289. Hörsäle auf gewissen Universitäten.

Prinzen und Grafen sind hier von den übrigen Hörern gesondert,

Wohl! Denn trennte der Stand nirgends, er trennte doch hier!

290. Der Virtuose.

Eine hohe Noblesse bedien‘ ich heut‘ mit der Flöte,

Die, wie ganz Wien mir bezeugt, völlig wie Geige sich hört.

291. Sachen, so gesucht werden.

Einen Bedienten wünscht man zu haben, der leserlich schreibet

Und orthographisch, jedoch nichts in Bell-Letters gethan.

292. Französische Lustspiele von Dyk.

Wir versichern auf Ehre, daß wir einst witzig gewesen,

Sind wir auch hier, wie gestehen’s, herzlich geschmacklos und fad‘.

293. Buchhändler-Anzeige.

Nichts ist der Menschheit so wichtig, als ihre Bestimmung zu kennen;

Um zwölf Groschen kurant wird sie bei mir jetzt verkauft.

294. Auktion.

Da die Metaphysik vor kurzem unbeerbt abging,

Werden die Dinge an sich morgen sub hasta verkauft.

295. Gottesurteil. (Zwischen einem Göttinger und Berliner.)

Öffnet die Schranken! Bringet zwei Särge! Trompeter geblasen!

Almanachsritter heraus gegen den Ritter vom Sporn!

296. Sachen, so gestohlen worden. (Immanuel Kant spricht.)

Zwanzig Begriffe wurden mir neulich diebisch entwendet,

Leicht sind sie kenntlich, es steht sauber mein I. K. darauf.

297. Antwort auf obigen Avis.

Wenn nicht alles mich trügt, so hab‘ ich besagte Begriffe

In Herrn Jacobs zu Hall Schriften vor kurzem gesehn.

298. Schauspielerin.

Furiose Geliebten sind meine Forcen im Schauspiel,

Und in der Comédie glänz‘ ich als Brannteweinfrau.

299. Professor Historiarum.

Breiter wird immer die Welt, und immer mehr Neues geschiehet,

Ach! die Geschichte wird stets länger und kürzer das Brot!

300. Rezension.

Sehet wie artig der Frosch nicht hüpft! Doch find‘ ich die hinteren

Füße um vieles zu lang, so wie die vordern zu kurz.

301. Litterarische Adreßkalender.

Jeder treibe sein Handwerk, doch immer steh‘ es geschrieben:

Dies ist das Handwerk, und der treibet das Handwerk geschickt.

302. Neueste Kritikproben.

Nicht viel fehlt dir, ein Meister nach meinen Begriffen zu heißen,

Nehm‘ ich das einzige aus, daß du verrückt phantasierst.

303. Eine zweite.

Lieblich und zart sind deine Gefühle, gebildet dein Ausdruck,

Eins nur tadl‘ ich, du bist frostig von Herzen und matt.

304. Eine dritte.

Du nur bist mir der würdige Dichter! es kommt dir auf eine

Platitüde nicht an, nur um natürlich zu sein.

305. Schillers Würde der Frauen.

Vorn herein liest sich das Lied nicht zum besten, ich les‘ es von hinten,

Strophe für Strophe, und so nimmt es ganz artig sich aus.

306. Pegasus, von ebendemselben.

Meine zarte Natur schockiert das grelle Gemälde,

Aber, von Langbein gemalt, mag ich den Teufel recht gern.

307. Das ungleiche Verhältnis.

Unsre Poeten sind seicht, doch das Unglück ließ sie vertuschen,

Hätten die Kritiker nicht ach! so entsetzlich viel Geist.

308. Neugier.

Etwas wünscht‘ ich zu sehn, ich wünschte einmal von den Freunden,

Die das Schwache so schnell finden, das Gute zu sehn.

309. Jeremiaden aus dem Reichs-Anzeiger.

Alles in Deutschland hat sich in Prosa und Versen verschlimmert,

Ach und hinter uns liegt weit schon die goldene Zeit.

310. Böse Zeiten.

Philisophen verderben die Sprache, Poeten die Logik,

Und mit dem Menschenverstand kommt man durchs Leben nicht mehr.

311. Skandal.

Aus der Ästhetik, wohin sie gehört, verjagt man die Tugend,

Jagt sie, den läst’gen Gast, in die Politik hinein.

312. Das Publikum im Gedränge.

Wohin wenden wir uns? Sind wir natürlich, so sind wir

Platt, und genieren wir uns, nennt man es abgeschmackt gar.

313. Das goldene Alter.

Schöne Naivität der Stubenmädchen zu Leipzig,

Komm doch wieder, o komm, witzige Einfalt, zurück!

314. Komödie.

Komm Komödie wieder, du ehrbare Wochenvisite,

Siegmund, du süßer Amant, Maskarill, spaßhafter Knecht.

315. Alte deutsche Tragödie.

Trauerspiele voll Salz, voll epigrammatischer Nadeln,

Und du Menuettschritt unsers geborgten Cothurns.

316. Roman.

Philosoph’scher Roman, du Gliedermann, der so geduldig

Still hält, wenn die Natur gegen den Schneider sich wehrt.

317. Deutsche Prosa.

Alte Prosa komm wieder, die alles so ehrlich heraussagt,

Was sie denkt und gedacht, auch was der Leser sich denkt.

318. Chorus.

Alles in Deutschland hat sich in Prosa und Versen verschlimmert,

Ach! und hinter uns liegt weit schon die goldene Zeit.

319. Gelehrte Zeitungen.

Wie die Nummern des Lotto, so zieht man hier die Autoren,

Wie sie kommen, nur daß niemand dabei was gewinnt.

320. Die zwei Fieber.

Kaum hat das kalte Fieber der Gallomanie uns verlassen,

Bricht in der Gräkomanie gar noch ein hitziges aus.

321. Griechheit.

Griechheit, was war sie? Verstand und Maß und Klarheit! Drum dächt‘ ich,

Etwas Geduld noch, ihr Herrn, eh‘ ihr von Griechheit uns sprecht.

322. Warnung.

Eine würdige Sache verfechtet ihr, nur mit Verstande

Bitt‘ ich! daß sie zum Spott und zum Gelächter nicht wird!

323. Übertreibung und Einseitigkeit.

Daß der Deutsche doch alles zu seinem Äußersten treibet,

Für Natur und Vernunft selbst, für die nüchterne schwärmt!

324. Neueste Behauptung.

Völlig charakterlos ist die Poesie der Modernen,

Denn sie verstehen bloß charakteristisch zu sein.

325. Griechische und moderne Tragödie.

Unsre Tragödie spricht zum Verstand, drum zerreißt sie das Herz so,

Jene setzt in Affekt, darum beruhigt sie so!

326. Entgegengesetzte Wirkung.

Wir Modernen, wir gehn erschüttert, gerührt aus dem Schauspiel,

Mit erleichterter Brust hüpfte der Grieche heraus!

327. Die höchste Harmonie.

Ödipus reißt die Augen sich aus, Jokaste erhenkt sich,

Beide schuldlos; das Stück hat sich harmonisch gelöst.

328. Aufgelöstes Rätsel.

Endlich ist es heraus, warum uns Hamlet so anzieht,

Weil er, merket das wohl, ganz zur Verzweiflung uns bringt.

329. Gefährliche Nachfolge.

Freunde, bedenket euch wohl, die tiefere kühnere Wahrheit

Laut zu sagen, sogleich stellt man sie euch auf den Kopf.

330. Geschwindschreiber.

Was sie gestern gelernt, das wollen sie heute schon lehren,

Ach! was haben die Herrn doch für ein kurzes Gedärm!

331. Die Sonntagskinder.

Jahrelang bildet der Meister und kann sich nimmer genugthun,

Dem genialen Geschlecht wird es im Traume beschert!

332. Xenien.

Muse, wo führst du uns hin? Was, gar zu den Manen hinunter?

Hast du vergessen, daß wir nur Monodistichen sind?

333. Muse.

Desto besser! Geflügelt wie ihr, dünnleibig und lustig,

Seele mehr als Gebein, wischt ihr als Schatten hindurch.

334. Acheronta movebo.

Hölle, jetzt nimm dich in acht, es kommt ein Reisebeschreiber,

Und die Publizität deckt auch den Acheron auf.

335. Sterilemque tibi Proserpina vaccam.

Hekate! Keusche! dir schlacht‘ ich »die Kunst zu lieben« von Manso,

Jungfer noch ist sie, sie hat nie was von Liebe gewußt.

336. Elpänor.

Muß ich dich hier schon treffen, Elpänor? Du bist mir gewaltig

Vorgelaufen? und wie? Gar mit gebrochnem Genick?

337. Unglückliche Eilfertigkeit.

Ach, wie sie Freiheit schrien und Gleichheit, geschwind wollt‘ ich folgen,

Und weil die Trepp‘ mir zu lang deuchte, so sprang ich vom Dach.

338. Achilles.

Vormals im Leben ehrten wir dich, wie einen der Götter,

Nun du tot bist, so herrscht über die Geister dein Geist.

339. Trost.

Laß dich den Tod nicht reuen, Achill. Es lebet dein Name

In der Bibliothek schöner Scientien hoch.

340. Seine Antwort.

Lieber möcht‘ ich fürwahr dem Ärmsten als Ackerknecht dienen,

Als des Gänsegeschlechts Führer sein, wie du erzählst.

341. Frage.

Du verkündige mir von meinen jungen Nepoten,

Ob in der Litteratur beide noch walten und wie?

342. Antwort.

Freilich walten sie noch und bedrängen hart die Trojaner,

Schießen manchmal auch wohl blind in das Blaue hinein.

343. Frage.

Melde mir auch, ob du Kunde vom alten Peleus vernahmest,

Ob er noch weit geehrt in den Kalendern sich liest?

344. Antwort.

Ach! ihm mangelt leider die spannender Kraft und die Schnelle,

Die einst des G*** herrliche Saiten belebt.

345. Ajax.

Ajax! Telamons Sohn! So mußtest du selbst nach dem Tode

Noch forttragen den Groll wegen der Rezension?

346. Tantalus.

Jahrelang steh‘ ich so hier, zur Hippokrene gebücket,

Lechzend vor Durst, doch der Quell, will ich ihn kosten, zerrinnt.

347. Phlegyasque miserrimus omnes admonet.

O ich Thor! Ich rasender Thor! Und rasend ein jeder,

Der, auf des Weibes Rat horchend, den Freiheitsbaum pflanzt.

348. Die dreifarbige Kokarde.

Wer ist der Wütende da, der durch die Hölle so brüllet

Und mit grimmiger Faust sich die Kokarde zerzaust.

349. Agamemnon.

Bürger Odysseus! Wohl dir! Bescheiden ist deine Gemahlin,

Strickt dir die Strümpfe, und stecke keine drei Farben dir an!

350. Porphyrogeneta, den

Kopf unter dem Arme.

Köpfe schaffet euch an, ihr Liebden! Thut es beizeiten!

Wer nicht hat, er verliert, auch was er hat, noch dazu!

351. Sisyphus.

Auch noch hier nicht zur Ruh‘, du Unglücksel’ger! Noch immer

Rollst du bergauf wie einst, da du regiertest, den Stein!

352. Sulzer.

Hüben über den Urnen! Wie anders ist’s, als wir dachten!

Mein aufrichtiges Herz hat mir Vergebung erlangt.

353. Haller.

Ach! Wie schrumpfen allhier die dicken Bände zusammen,

Einige werden belohnt, aber die meisten verziehn.

354. Moses Mendelsohn.

Ja! du siehst mich unsterblich! »Das hast du uns ja in dem Phädon

Längst bewiesen.« – Mein Freund, freue dich, daß du es siehst!

355. Der junge Werther.

»Worauf lauerst du hier?« – Ich erwarte den dummen Gesellen,

Der sich so abgeschmackt über mein Leiden gefreut.

356. L***.

»Edler Schatten, du zürnst?« – Ja, über den lieblosen Bruder,

Der mein modernd Gebein lässet im Frieden nicht ruhn.

357. Dioskuren.

Einen wenigstens hofft‘ ich von euch hier unten zu finden,

Aber beide seid ihr sterblich, drum lebt ihr zugleich.

358. Unvermutete Zusammenkunft.

Sage, Freund, wie find‘ ich denn dich in des Todes Behausung,

Ließ ich doch frisch und gesund dich in Berlin noch zurück?

359. Der Leichnam.

Ach, das ist nur mein Leib, der in Almanachen noch umgeht,

Aber es schiffte schon längst über den Lethe der Geist.

360. Peregrinus Proteus.

Siehest du Wieland, so sag ihm: ich lasse mich schönstens bedanken,

Aber er that mir zu viel Ehr‘ an, ich war doch ein Lump.

361. Lucian von Samosata.

»Nun Freund, bist du versöhnt mit den Philosophen? Du hast sie

Oben im Leben, das weiß Jupiter! tüchtig geneckt.«

362. Geständnis.

Rede leiser, mein Freund. Zwar hab‘ ich die Narren gezüchtigt,

Aber mit vielem Geschwätz oft auch die Klugen geplagt.

363. Alcibiades.

Kommst du aus Deutschland? Sieh mich doch an, ob ich wirklich ein solcher

Hasenfuß bin, als bei euch man in Gemälden mich zeigt?

364. Martial.

Xenien nennet ihr euch? Ihr gebt euch für Küchenpräsente?

Ißt man denn, mit Vergunst, spanischen Pfeffer bei euch?

365. Xenien.

Nicht doch! Aber es schwächten die vielen wäss’richten Speisen

So den Magen, daß jetzt Pfeffer und Wermut nur hilft.

366. Rhapsoden.

Wer von euch ist der Sänger der Ilias? Weil‘ ihm so gut schmeckt,

Ist hier von Heyne ein Pack Göttinger Würste für ihn.

367. Viele Stimmen.

Mir her, ich sang der Könige Zwist! Ich die Schlacht bei den Schiffen!

Mir die Würste! ich sang, was auf dem Ida geschah.

368. Rechnungsfehler.

Friede! Zerreißt mich nur nicht! Die Würste werden nicht reichen,

Der sie schickte, er hat sich nur auf Einen versehn.

369. Einer aus dem Chor. (Fängt an zu recitieren.)

»Wahrlich, nichts Lustigers weiß ich, als wenn die Tische recht voll sind,

Von Gebacknem und Fleisch, und wenn der Schenke nicht säumt –

370. Vorschlag zur Güte.

Teilt euch wie Brüder! Es sind der Würste gerade zwei Dutzend,

Und wer Astyanax sang, nehme noch diese von mir.

371. Philosophen.

Gut, daß ich euch, ihr Herren, in pleno beisammen hier finde,

Denn das eine, was not, treibt mich herunter zu euch.

372. Aristoteles.

Gleich zur Sache, mein Freund. Wir halten die Jenaer Zeitung

Hier in der Hölle und sind längst schon von allem belehrt.

373. Dringend.

Desto besser! So gebt mir, ich geh‘ euch nicht eher vom Leibe,

Einen allgültigen Satz, und der auch allgemein gilt.

374. Einer aus dem Haufen.

Cogito ergo sum. Ich denke und mithin, so bin ich,

Ist das eine nur wahr, ist es das andre gewiß.

375. Ich.

Denk‘ ich, so bin ich! Wohl! Doch wer wird immer auch denken?

Oft schon war ich, und hab‘ wirklich an gar nichts gedacht!

376. Ein Zweiter.

Weil es Dinge doch gibt, so gibt es ein Ding aller Dinge,

In dem Ding aller Ding‘ schwimmen wir, wie wir so sind.

377. Ein Dritter.

Just das Gegenteil sprech ich. Es gibt kein Ding als mich selber!

Alles andre, in mir steigt es als Blase nur auf.

378. Ein Vierter.

Zweierlei Dinge lass‘ ich passieren, die Welt und die Seele,

Keins weiß vom andern, und doch deuten sie beide auf eins.

379. Ein Fünfter.

Von dem Ding weiß ich nichts, und weiß auch nichts von der Seele,

Beide erscheinen mir nur, aber sie sind doch kein Schein.

380. Ein Sechster.

Ich bin ich, und setze mich selbst, und setz‘ ich mich selber

Als nicht gesetzt, nur gut! setz‘ ich ein Nicht-Ich dazu.

381. Ein Siebenter.

Vorstellung wenigstens ist; ein Vorgestelltes ist also,

Ein Vorstellendes auch, macht, mit der Vorstellung, drei!

382. Ich.

Damit lock‘ ich, ihr Herrn, doch keinen Hund aus dem Ofen,

Einen erklecklichen Satz will ich, und der auch was setzt.

383. Ein Achter.

Auf theoretischem Feld ist weiter nichts mehr zu finden,

Aber der praktische Satz gilt doch: Du kannst, denn du sollst!

384. Ich.

Dacht‘ ich’s doch! Wissen sie nichts Vernünftiges mehr zu erwidern,

Schieben sie’s einem geschwind in das Gewissen hinein.

385. David Hume.

Rede nicht mit dem Volk, der Kant hat sie alle verwirret,

Mich frag, ich bin mir selbst auch in der Hölle noch gleich.

386. Rechtsfrage.

Jahrelang schon bedien‘ ich mich meiner Nase zum Riechen,

Hab‘ ich denn wirklich an sie auch ein erweisliches Recht?

387. Puffendorf.

Ein bedenklicher Fall! doch die erste Possession scheint

Für dich zu sprechen, und so brauche sie immerhin fort.

388. Gewissensskrupel.

Gerne dien‘ ich den Freunden, doch thu‘ ich es leider mit Neigung,

Und so wurmt es mir oft, daß ich nicht tugendhaft bin.

389. Decisum.

Da ist kein andrer Rat, du mußt suchen, sie zu verachten,

Und mit Abscheu alsdann thun, wie die Pflicht dir gebeut.

390. Herkules.

Endlich erblick‘ ich auch den gewaltigen Herkules! Seine

Übersetzung! Er selbst leider war nicht mehr zu sehn.

391. Herakliden.

Ringsum schrie, wie Vögelgeschrei, das Geschrei der Tragöden

Und das Hundegebell der Dramaturgen um ihn.

392. »Pure Manier.«

Schauerlich stand das Ungetüm da. Gespannt war der Bogen,

Und der Pfeil auf der Sehn‘ traf noch beständig das Herz.

393. Er.

Welche noch kühnere That, Unglücklicher, wagest du jetzo,

Zu den Verstorbenen selbst niederzusteigen, ins Grab!

394. Ich.

Wegen Tiresias mußt‘ ich herab, den Seher zu fragen,

Wo ich den guten Geschmack fände, der nicht mehr zu sehn.

395. Er.

Glauben sie nicht der Natur und den alten Griechen, so holst du

Eine Dramaturgie ihnen vergeblich herauf.

396. Ich.

O die Natur, die zeigt auf unsern Bühnen sich wieder,

Splitternackend, daß man jegliche Rippe ihr zählt.

397. Er.

Wie? So ist wirklich bei euch der alte Kothurnus zu sehen,

Den zu holen ich selbst stieg in des Tartarus Nacht?

398. Ich.

Nichts mehr von diesem tragischen Spuk. Kaum einmal im Jahre

Geht dein geharnischter Geist über die Bretter hinweg.

399. Er.

Auch gut! Philosophie hat eure Gefühle geläutert,

Und vor dem heitern Humor fliehet der schwarze Affekt.

400. Ich.

Ja, ein derber und trockener Spaß, nichts geht uns darüber,

Aber der Jammer auch, wenn er nur naß ist, gefällt.

401. Er.

Also sieht man bei euch den leichten Tanz der Thalia

Neben dem ernsten Gang, welchen Melpomene geht?

402. Ich.

Keines von beiden! Uns kann nur das christlichmoralische rühren,

Und was recht populär, häuslich und bürgerlich ist.

403. Er.

Was? Es dürfte kein Cäsar auf euren Bühnen sich zeigen,

Kein Anton, kein Orest, keine Andromache mehr?

404. Ich.

Nichts! Man siehet bei uns nur Pfarrer, Kommerzienräte,

Fähndriche, Sekretärs oder Husarenmajors.

405. Er.

Aber ich bitte dich, Freund, was kann denn dieser Misère

Großes begegnen, was kann Großes denn durch sie geschehn?

406. Ich.

Was? Sie machen Kabale, sie leihen auf Pfänder, sie stecken

Silberne Löffel ein, wagen den Pranger und mehr.

407. Er.

Woher nehmt ihr denn aber das große gigantische Schicksal,

Welches den Menschen erhebt, wenn es den Menschen zermalmt?

408. Ich.

Das sind Grillen! Uns selbst und unsre guten Bekannten,

Unsern Jammer und Not suchen und finden wir hier.

409. Er.

Aber das habt ihr ja alles bequemer und besser zu Hause,

Warum entfliehet ihr euch, wenn ihr euch selber nur sucht?

410. Ich.

Nimm’s nicht übel, mein Heros. Das ist ein verschiedener Kasus,

Das Geschick, das ist blind, und der Poet ist gerecht.

411. Er.

Also eure Natur, die erbärmliche, trifft man auf euren

Bühnen, die große nur nicht, nicht die unendliche an?

412. Er.

Der Poet ist der Wirt und der letzte Aktus die Zeche,

Wenn sich das Laster erbricht, setzt sich die Tugend zu Tisch.

413. Muse zu den Xenien.

Aber jetzt rat‘ ich euch, geht, sonst kommt noch gar der Gorgona

Fratze oder ein Band Oden von Haschka hervor.

414. An die Freier.

Alles war nur ein Spiel! Ihr Freier lebt ja noch alle,

Hier ist der Bogen und hier ist zu den Ringen der Platz.

Friedrich von Schiller – Wilhelm Tell

Friedrich von Schiller: Wilhelm Tell

Erster Aufzug

Erste Szene

Hohes Felsenufer des Vierwaldstättersees, Schwyz gegenüber. Der See macht eine Bucht ins Land, eine Hütte ist unweit dem Ufer, Fischerknabe fährt sich in einem Kahn. Über den See hinweg sieht man die grünen Matten, Dörfer und Höfe von Schwyz im hellen Sonnenschein liegen. Zur Linken des Zuschauers zeigen sich die Spitzen des Haken, mit Wolken umgeben; zur Rechten im fernen Hintergrund sieht man die Eisgebirge. Noch ehe der Vorhang aufgeht, hört man den Kuhreihen und das harmonische Geläut der Herdenglocken, welches sich auch bei eröffneter Szene noch eine Zeitlang fortsetzt.

Fischerknabe singt im Kahn:

Melodie des Kuhreihens

Es lächelt der See, er ladet zum Bade,
Der Knabe schlief ein am grünen Gestade,
Da hört er ein Klingen,
Wie Flöten so süss,
Wie Stimmen der Engel
Im Paradies.
Und wie er erwachet in seliger Lust,
Da spülen die Wasser ihn um die Brust,
Und es ruft aus den Tiefen:
Lieb Knabe, bist mein!
Ich locke den Schäfer,
Ich zieh ihn herein.

Hirte auf dem Berge:

Variation des Kuhreihens

Ihr Matten lebt wohl,
Ihr sonnigen Weiden!
Der Senn muss scheiden,
Der Sommer ist hin.
Wir fahren zu Berg, wir kommen wieder,
Wenn der Kuckuck ruft, wenn erwachen die Lieder,
Wenn mit Blumen die Erde sich kleidet neu,
Wenn die Brünnlein fliessen im lieblichen Mai
Ihr Matten lebt wohl,
Ihr sonnigen Weiden!
Der Senne muss scheiden,
Der Sommer ist hin.

Alpenjäger erscheint gegenüber auf der Höhe des Felsen:

Zweite Variation

Es donnern die Höhen, es zittert der Steg,
Nicht grauet dem Schützen auf schwindlichtem Weg,
Er schreitet verwegen
Auf Feldern von Eis,
Da pranget kein Frühling,
Da grünet kein Reis;
Und unter den Füssen ein neblichtes Meer,
Erkennt er die Städte der Menschen nicht mehr,
Durch den Riss nur der Wolken
Erblickt er die Welt,
Tief unter den Wassern
Das grünende Feld.

Die Landschaft verändert sich, man hört ein dumpfes Krachen von den Bergen, Schatten von Wolken laufen über die Gegend.
Ruodi der Fischer kommt aus der Hütte, Werni der Jäger steigt vom Felsen, Kuoni der Hirte kommt, mit dem Melknapf auf der Schulter. Seppi, sein Handbube, folgt ihm.

Ruodi:
Mach hurtig Jenni. Zieh die Naue ein.
Der graue Talvogt kommt, dumpf brüllt der Firn,
Der Mythenstein zieht seine Haube an,
Und kalt her bläst es aus dem Wetterloch,
Der Sturm, ich mein, wird dasein, eh wir’s denken.

Kuoni:
’s kommt Regen, Fährmann. Meine Schafe fressen
Mit Begierde Gras, und Wächter scharrt die Erde.

Werni:
Die Fische springen, und das Wasserhuhn
Taucht unter. Ein Gewitter ist im Anzug.

Kuoni zum Buben:
Lug Seppi, ob das Vieh sich nicht verlaufen.

Seppi:
Die braune Liesel kenn ich am Geläut.

Kuoni:
So fehlt uns keine mehr, die geht am weitsten.

Ruodi:
Ihr habt ein schön Geläute, Meister Hirt.

Werni:
Und schmuckes Vieh – Ist’s Euer eigenes, Landsmann?

Kuoni:
Bin nit so reich – ’s ist meines gnädigen Herrn,
Des Attinghäusers, und mir zugezählt.

Ruodi:
Wie schön der Kuh das Band zu Halse steht!

Kuoni:
Das weiss sie auch, dass sie den Reihen führt,
Und nähm ich ihr’s, sie hörte auf zu fressen.

Ruodi:
Ihr seid nicht klug! Ein unvernünft’ges Vieh –

Werni:
Ist bald gesagt. Das Tier hat auch Vernunft,
Das wissen wir, die wir die Gemsen jagen,
Die stellen klug, wo sie zur Weide gehn,
’ne Vorhut aus, die spitzt das Ohr und warnet
Mit heller Pfeife, wenn der Jäger naht.

Ruodi zum Hirten:
Treibt Ihr jetzt heim?

Kuoni:
Die Alp ist abgeweidet.

Werni:
Glücksel’ge Heimkehr, Senn!

Kuoni:
Die wünsch ich Euch,
Von Eurer Fahrt kehrt sich’s nicht immer wieder.

Ruodi:
Dort kommt ein Mann in voller Hast gelaufen.

Werni:
Ich kenn ihn, ’s ist der Baumgart von Alzellen.
Konrad Baumgarten atemlos hereinstürzend.

Baumgarten:
Um Gottes willen, Fährmann, Euren Kahn!

Ruodi:
Nun, nun, was gibt’s so eilig?

Baumgarten:
Bindet los!
Ihr rettet mich vom Tode! Setzt mich über!

Kuoni:
Landsmann, was hat Ihr?

Werni:
Wer verfolgt Euch denn?

Baumgarten zum Fischer:
Eilt, eilt, sie sind mir dicht schon an den Fersen!
De Landvogts Reiter kommen hinter mir,
Ich bin ein Mann des Tods, wenn sie mich greifen.

Ruodi:
Warum verfolgen Euch die Reisigen?

Baumgarten:
Erst rettet mich, und dann steh ich Euch Rede.

Werni:
Ihr seid mit Blut befleckt, was hat’s gegeben?

Baumgarten:
Des Kaisers Burgvogt, der auf dem Rossberg sass –

Kuoni:
Der Wolfenschiessen! Lässt Euch der verfolgen?

Baumgarten:
Der schadet nicht mehr, ich hab ihn erschlagen.

Alle fahren zurück:
Gott sei Euch gnädig! Was habt Ihr getan?

Baumgarten:
Was jeder freie Mann an meinem Platz!
Mein gutes Hausrecht hab ich ausgeübt
Am Schänder meiner Ehr und meines Weibes.

Kuoni:
Hat Euch der Burgvogt an der Ehr geschädigt?

Baumgarten:
Dass er sein bös Gelüsten nicht vollbracht,
Hat Gott und meine gute Axt verhütet.

Werni:
Ihr habt ihm mit der Axt den Kopf zerspalten?

Kuoni:
O lasst uns alles hören. Ihr habt Zeit,
Bis er den Kahn vom Ufer losgebunden.

Baumgarten:
Ich hatte Holz gefällt im Wald, da kommt
Mein Weib gelaufen in der Angst des Todes.
»Der Burgvogt liegt in meinem Haus, er hab
Ihr anbefohlen, ihm ein Bad zu rüsten.«
Drauf hab er Ungebührliches von ihr
Verlangt, sie sei entsprungen, mich zu suchen.
Da lief ich frisch hinzu, so wie ich war,
Und mit der Axt hab ich ihm ’s Bad gesegnet.

Werni:
Ihr tatet wohl, kein Mensch kann Euch drum schelten.

Kuoni:
Der Wüterich! Der hat nun seinen Lohn!
Hat’s lang verdient ums Volk von Unterwalden.

Baumgarten:
Die Tat ward ruchbar, mir wird nachgesetzt –
Indem wir sprechen – Gott – verrinnt die Zeit –
Es fängt an zu donnern.

Kuoni:
Frisch Fährmann – Schaff den Biedermann hinüber.

Ruodi:
Geht nicht. Ein schweres Ungewitter ist
Im Anzug. Ihr müsst warten.

Baumgarten:
Heil’ger Gott!
Ich kann nicht warten. Jeder Aufschub tötet –

Kuoni zum Fischer:
Greif an mit Gott, dem Nächsten muss man helfen,
Es kann uns allen Gleiches ja begegnen.
Brausen und Donnern.

Ruodi:
Der Föhn ist los, ihr seht wie hoch der See geht,
Ich kann nicht steuern gegen Sturm und Wellen.

Baumgarten umfasst seine Knie:
So helf Euch Gott, wie Ihr Euch mein erbarmet –

Werni:
Es geht ums Leben, sei barmherzig, Fährmann.

Kuoni:
s’ist ein Hausvater, und hat Weib und Kinder!
Wiederholte Donnerschläge.

Ruodi:
Was? Ich hab auch ein Leben zu verlieren,
Hab Wein und Kind daheim, wie er – Seht hin
Wie’s brandet, wie es wogt und Wirbel zieht,
Und alle Wasser aufrührt in der Tiefe.
– Ich wollte gern den Biedermann erretten,
Doch es ist rein unmöglich, ihr seht selbst.

Baumgarten noch auf den Knien:
So muss ich fallen in des Feindes Hand,
Das nahe Rettungsufer im Gesichte!
– Dort liegt’s! Ich kann’s erreichen mit den Augen
Hinüberdringen kann der Stimme Schall,
Da ist der Kahn, der mich hinübertrüge,
Und muss hier liegen, hülflos, und verzagen!

Kuoni:
Seht wer da kommt!

Werni:
Es ist der Tell aus Bürglen!
Tell mit der Armbrust.

Tell:
Wer ist der Mann, der hier um Hülfe fleht?

Kuoni:
’s ist ein Alzeller Mann, er hat sein Ehr
Verteidigt, und den Wolfenschiess erschlagen,
Des Königs Burgvogt, der auf Rossberg sass –
Des Landvogts Reiter sind ihm auf den Fersen.
Er fleht den Schiffer um die Ueberfahrt,
Der fürcht’t sich vor dem Sturm und will nicht fahren.

Ruodi:
Da ist der Tell, er führt das Ruder auch,
Der soll mir’s zeugen, ob die Fahrt zu wagen.

Tell:
Wo’s not tut, Fährmann, lässt sich alles wagen.
Heftige Donnerschläge, der See rauscht auf.

Ruodi:
Ich soll mich in den Höllenrachen stürzen?
Das täte keiner, der bei Sinnen ist.

Tell:
Der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt,
Vertrau‘ auf Gott und rette den Bedrängten.

Ruodi:
Vom sicheren Port lässt sich’s gemächlich raten,
Da ist der Kahn und dort der See! Versucht’s!

Tell:
Der See kann sich, der Landvogt nicht erbarmen,
Versuch es Fährmann!

Hirten und Jäger:
Rett ihn! Rett ihn! Rett ihn!

Ruodi:
Und wär’s mein Bruder und mein leiblich Kind,
Es kann nicht sein, s’ist heut Simons und Judä,
Da rast der See und will sein Opfer haben.

Tell:
Mit eitler Rede wird hier nichts geschafft,
Die Stunde dringt, dem Mann muss Hülfe werden.
Sprich, Fährmann, willst du fahren?

Ruodi:
Nein, nicht ich!

Tell:
In Gottes Namen denn! Gib her den Kahn,
Ich will’s mit meiner schwachen Kraft versuchen.

Kuoni:
Ha, wackrer Tell!

Werni:
Das gleicht dem Waidgesellen!

Baumgarten:
Mein Retter seid Ihr und mein Engel, Tell!

Tell:
Wohl aus des Vogts Gewalt errett ich Euch,
Aus Sturmesnöten muss ein andrer helfen.
Doch besser ist’s, Ihr fallt in Gottes Hand,

Als in der Menschen! Zu dem Hirten:
Landsmann, tröstet Ihr
Mein Weib, wenn mir was Menschliches begegnet,
Ich hab getan, was ich nicht lassen konnte.
Er springt in den Kahn.

Kuoni zum Fischer:
Ihr seid ein Meister Steuermann. Was sich
Der Tell getraut, das konntet Ihr nicht wagen?

Ruodi:
Wohl bessre Männer tun’s dem Tell nicht nach,
Es gibt nicht zwei, wie der ist, im Gebirge.

Werni ist auf den Fels gestiegen:
Er stösst schon ab. Gott helf dir, braver Schwimmer!
Sieh, wie das Schifflein auf den Wellen schwankt!

Kuoni am Ufer:
Die Flut geht drüber weg – Ich seh’s nicht mehr.
Doch halt, da ist es wieder! Kräftiglich
Arbeitet sich der Wackre durch die Brandung.

Seppi:
Des Landvogts Reiter kommen angesprengt.

Kuoni:
Weiss Gott, sie sind’s! das war Hülf in der Not.
Ein Trupp Landenbergischer Reiter.

Erster Reiter:
Den Mörder gebt heraus, den ihr verborgen.

Zweiter:
Des Wegs kam er, umsonst verhehlt ihr ihn.

Kuoni und Ruodi:
Wen meint ihr, Reiter?

Erster Reiter entdeckt den Nachen:
Ha, was seh ich! Teufel!

Werni oben:
Ist’s der im Nachen, den ihr sucht? – Reit zu!
Wen ihr frisch beilegt, holt ihr ihn noch ein.

Zweiter:
Verwünscht! Er ist entwischt.

Erster zum Hirten und Fischer:
Ihr habt ihm fortgeholfen,
Ihr sollt uns büssen – Fallt in ihre Herde!
Die Hütte reisset ein, brennt und schlagt nieder!
Eilen fort.

Seppi stürzt nach:
O meine Lämmer!

Kuoni folgt:
Weh mir! Meine Herde!

Ruodi ringt die Hände:
Gerechtigkeit des Himmels,
Wann wird der Retter kommen diesem Lande? Folgt ihnen.

Zweite Szene

Zu Steinen in Schwyz. Eine Linde vor des Stauffachers Hause an der Landstrasse, nächst der Brücke. Werner Stauffacher, Pfeiffer von Luzern kommen im Gespräch.

Pfeiffer:
Ja, ja Herr Stauffacher, wie ich Euch sagte.
Schwör nicht zu Östreich, wenn Ihr’s könnt vermeiden.
Haltet fest am Reich und wacker wie bisher,
Gott schirme Euch bei Eurer alten Freiheit!
Drückt ihm herzlich die Hand und will gehen.

Stauffacher:
Bleibt doch, bis meine Wirtin kommt – Ihr seid
Mein Gast zu Schwyz, ich in Luzern der Eure.

Pfeiffer:
Viel Dank! Muss heute Gersau noch erreichen.
– Was ihr auch Schweres mögt zu leiden haben
Von eurer Vögte Geiz und Übermut,
Tragt’s in Geduld! Es kann sich ändern, schnell,
Ein andrer Kaiser kann ans Reich gelangen.
Seid Ihr erst Österreichs, seid ihr’s auf immer.

Er geht ab. Stauffacher setzt sich kummervoll auf eine Bank unter der Linde. So findet ihn Gertrud, seine Frau, die sich neben ihn stellt, und ihn eine Zeitlang schweigend betrachtet.

Gertrud:
So ernst, mein Freund? Ich kenne dich nicht mehr.
Schon viele Tage seh ich’s schweigend an,
Wie finstrer Trübsinn deine Stirne furcht.
Auf deinem Herzen drückt ein still Gebresten,
Vertrau es mir, ich bin dein treues Weib,
Und meine Hälfte fordr ich deines Grams.
Stauffacher reicht ihr die Hand und schweigt.
Was kann dein Herz beklemmen, sag es mir.
Gesegnet ist dein Fleiss, dein Glücksstand blüht,
Voll sind die Scheunen, und der Rinder Scharen,
Der glatten Pferde wohlgenährte Zucht
Ist von den Bergen glücklich heimgebracht
Zur Winterung in den bequemen Ställen.
– Da steht dein Haus, reich, wie ein Edelsitz
von schönem Stammholz ist es neu gezimmert
Und nach dem Richtmass ordentlich gefügt
Von vielen Fenstern glänzt es wohnlich, hell,
Mit bunten Wappenschildern ist’s bemalt,
Und weisen Sprüchen, die der Wandersmann
Verweilend liest und ihren Sinn bewundert.

Stauffacher:
Wohl steht das Haus gezimmert und gefügt,
Doch ach – es wankt der Grund, auf den wir bauten.

Gertrud:
Mein Werner sage, wie verstehst du das?

Stauffacher:
Vor dieser Linde sass ich jüngst wie heut,
Das schön Vollbrachte freudig überdenkend,
Da kam daher von Küssnacht, seiner Burg,
Der Vogt mit seinen Reisigen geritten.
Vor diesem Hause hielt er wundernd an,
Doch ich erhub mich schnell, und unterwürfig
Wie sich’s gebührt, trat ich dem Herrn entgegen,
Der uns des Kaisers richterliche Macht
Vorstellt im Lande. »Wessen ist dies Haus?«
Fragt‘ er bösmeinend, denn er wusst es wohl.
Doch schnell besonnen ich entgegn ihm so:
Dies Haus, Herr Vogt, ist meines Herrn des Kaisers,
Und Eures und mein Lehen – da versetzt er:
»Ich bin Regent im Land an Kaisers Statt,
Und will nicht, dass der Bauer Häuser baue
Auf seine eigne Hand, und also frei
Hinleb, als ob er Herr wär in dem Lande,
Ich werd mich unterstehn, euch das zu wehren.«
Dies sagend ritt er trutziglich von dannen,
Ich aber blieb mit kummervoller Seele,
Das Wort bedenkend, das der Böse sprach.

Gertrud:
Mein lieber Herr und Ehewirt! Magst du
Ein redlich Wort von deinem Weib vernehmen?
Des edlen Ibergs Tochter rühm ich mich,
Des vielerfahrnen Manns. Wir Schwestern sassen,
Die Wolle spinnend, in den langen Nächten,
Wenn bei dem Vater sich des Volkes Häupter
Versammelten, die Pergamente lasen
Der alten Kaiser, und des Landes Wohl
Bedachten in vernünftigem Gespräch.
Aufmerkend hört ich da manch kluges Wort,
Was der Verständ’ge denkt, der Gute wünscht,
Und still im Herzen hab ich mir’s bewahrt.
So höre denn und acht auf meine Rede,
Denn was dich presste, sieh das wusst ich längst.
– Dir grollt der Landvogt, möcht gern dir schaden,
Denn du bist ihm ein Hindernis, dass sich
Der Schwyzer nicht dem neuen Fürstenhaus
Will unterwerfen, sondern treu und fest
Beim Reich beharren, wie die würdigen
Altvordern es gehalten und getan. –
Ist’s nicht so Werner? Sag es, wenn ich lüge!

Stauffacher:
So ist’s, das ist des Gesslers Groll auf mich.

Gertrud:
Er ist dir neidisch, weil du glücklich wohnst,
Ein freier Mann auf deinem eignen Erb
– Denn er hat keins. Vom Kaiser selbst und Reich
Trägst du dies Haus zu Lehn, du darfst es zeigen,
So gut der Reichsfürst seine Länder zeigt,
Denn über dir erkennst du keinen Herrn
Als nur den Höchsten in der Christenheit –
Er ist ein jüngrer Sohn nur seines Hauses,
Nichts nennt er sein als seinen Rittermantel,
Drum sieht er jedes Biedermannes Glück
Mit scheelen Augen gift’ger Missgunst an,
Dir hat er längst den Untergang geschworen –
Noch stehst du unversehrt – Willst du erwarten,
Bis er die böse Lust an die gebüsst?
Der kluge Mann baut vor.

Stauffacher:
Was ist zu tun?

Gertrud tritt näher:
So höre meinen Rat! Du weisst, wie hier
Zu Schwyz sich alle Redlichen beklagen
Ob dieses Landvogts Geiz und Wüterei.
So zweifle nicht, dass sie dort drüben auch
In Unterwalden und im Urner Land
Des Dranges müd sind und des harten Jochs –
Denn wie der Gessler hier, so schafft es frech
Der Landenberger drüben überm See –
Es kommt kein Fischerkahn zu uns herüber,
Der nicht ein neues Unheil und Gewalt-
Beginnen von den Vögten uns verkündet.
Drum tät es gut, dass eurer etliche,
Die’s redlich meinen, still zu Rate gingen,
Wie man des Drucks sich möcht erledigen.
So acht ich wohl, Gott würd euch nicht verlassen,
Und der gerechten Sache gnädig sein –
Hast du in Uri keinen Gastfreund, sprich,
Dem du dein Herz magst redlich offenbaren?

Stauffacher:
Der wackern Männer kenn ich viele dort,
Und angesehen grosse Herrenleute,
Die mir geheim sind und gar wohl vertraut.
Er steht auf.
Frau, welchen Sturm gefährlicher Gedanken
Weckst du mir in der stillen Brust! Mein Innerstes
Kehrst du ans Licht des Tages mir entgegen,
Und was ich mir zu denken still verbot,
Du sprichst’s mit leichter Zunge kecklich aus.
– Hast du auch wohl bedacht, was du mir rätst?
Die wilde Zwietracht und den Klang der Waffen
Rufst du in dieses friedgewohnte Tal –
Wir wagten es, ein schwaches Volk der Hirten,
In Kampf zu gehen mit dem Herrn der Welt?
Der gute Schein nur ist’s, worauf sie warten,
Um loszulassen auf dies arme Land
Die wilden Horden ihrer Kriegesmacht,
Darin zu schalten mit des Siegers Rechten,
Und unterm Schein gerechter Züchtigung
Die alten Freiheitsbriefe zu vertilgen.

Gertrud:
Ihr seid auch Männer, wisset eure Axt
zu führen, und dem Mutigen hilft Gott!

Stauffacher:
O Weib! Ein furchtbar wütend Schrecknis ist
Der Krieg, die Herde schlägt er und den Hirten.

Gertrud:
Ertragen muss man, was der Himmel sendet,
Unbilliges erträgt kein edles Herz.

Stauffacher:
Dies Haus erfreut dich, das wir neu erbauten.
Der Krieg, der ungeheure, brennt es nieder.

Gertrud:
Wüsst ich mein Herz an zeitlich Gut gefesselt,
Den Brand wärf ich hinein mit eigner Hand.

Stauffacher:
Du glaubst an Menschlichkeit! Es schont der Krieg
Auch nicht das zarte Kindlein in der Wiege.

Gertrud:
Die Unschuld hat im Himmel einen Freund!
– Sieh vorwärts, Werner, und nicht hinter dich.

Stauffacher
Wir Männer können tapfer fechtend sterben,
Welch Schicksal aber wird das eure sein?

Gertrud:
Die letzte Wahl steht auch dem Schwächsten offen,
Ein Sprung von dieser Brücke macht mich frei.

Stauffacher stürzt in ihre Arme:
Wer solch ein Herz an seinen Busen drückt,
Der kann für Herd und Hof mit Freuden fechten.
Und keines Königs Heermacht fürchtet er –
Nach Uri fahr ich stehnden Fusses gleich,
Dort lebt ein Gastfreund mir, Herr Walther Fürst,
Der über diese Zeiten denkt wie ich.
Auch find ich dort den edlen Bannerherrn
Von Attinghaus – obgleich von hohem Stamm
Liebt er das Volk und ehrt die alten Sitten.
Mit ihnen beiden pfleg ich Rats, wie man
Der Landesfeinde mutig sich erwehrt –
Leb wohl – und weil ich fern bin, führe du
Mit klugem Sinn das Regiment des Hauses –
Dem Pilger, der zum Gotteshause wallt,
Dem frommen Mönch, der für sein Kloster sammelt,
Gib reichlich und entlass ihn wohlgepflegt.
Stauffachers Haus verbirgt sich nicht. Zuäusserst
Am offnen Heerweg steht’s, ein wirtlich Dach
Für alle Wandrer, die des Weges fahren.
Indem sie nach dem Hintergrund abgehen, tritt Wilhelm
Tell mit Baumgarten vorn auf die Szene.

Tell zu Baumgarten:
Ihr habt jetzt meiner weiter nicht vonnöten,
Zu jenem Hause gehet ein, dort wohnt
Der Stauffacher, ein Vater der Bedrängten.
– Doch sieh, da ist er selber – Folgt mir, kommt!
Gehen auf ihn zum, die Szene verwandelt sich.

Dritte Szene

Öffentlicher Platz bei Altdorf. Auf einer Anhöhe im Hintergrund sieht man eine Feste bauen, welche schon so weit gediehen, dass sich die Form des Ganzen darstellt. Die hintere Seite ist fertig, an der vordern wird eben gebaut, das Gerüste steht noch, an welchem die Werkleute auf und niedersteigen, auf dem höchsten Dach hängt der Scheiferdecker – Alles
ist in Bewegung und in Arbeit.
Fronvogt. Meister Steinmetz. Gesellen und Handlanger.

Fronvogt mit dem Stabe, treibt die Arbeiter:
Nicht lange gefeiert, frisch! Die Mauersteine
Herbei, den Kalk, den Mörtel zugefahren!
Wenn der Herr Landvogt kommt, dass er das Werk
Gewachsen sieht – Das schlendert wie die Schnecken.

Zu zwei Handlangern, welche tragen:
Heisst das geladen? Gleich das Doppelte!
Wie die Tagdiebe ihre Pflicht bestehlen!

Erster Gesell:
Das ist doch hart, dass wir die Steine selbst
Zu unserm Twing und Kerker sollen fahren!

Fronvogt:
Was murret ihr? Das ist ein schlechtes Volk,
Zu nichts anstellig als das Vieh zu melken,
Und faul herumzuschlendern auf den Bergen.

Alter Mann ruht aus:
Ich kann nicht mehr.

Fronvogt schüttelt ihn:
Frisch Alter an die Arbeit!

Erster Gesell:
Habt ihr denn gar kein Eingeweid, dass ihr
Den Greis, der kaum sich selber schleppen kann,
Zum harten Frondienst treibt?

Meister Steinmetz und Gesellen:
’s ist himmelschreiend!

Fronvogt:
Sorgt ihr für euch, ich tu was meines Amts.

Zweiter Gesell:
Fronvogt, wie wird die Feste denn sich nennen
Die wir da baun?

Fronvogt:
Zwing Uri soll sie heissen,
Denn unter dieses Joch wird man euch beugen.

Gesellen:
Zwing Uri!

Fronvogt:
Nun was gibt’s dabei zu lachen?

Zweiter Gesell:
Mit diesem Häuslein wollt ihr Uri zwingen?

Erster Gesell:
Lass sehn, wieviel man solcher Maulwurfshaufen
Muss übereinander setzen, bis ein Berg
Draus wird, wie der geringste nur in Uri!
Fronvogt geht nach dem Hintergund.

Meister Steinmetz:
Den Hammer werf ich in den tiefsten See,
Der mir gedient bei diesem Fluchgebäude!
Tell und Stauffacher kommen.

Stauffacher:
O hätt ich nie gelebt, um das zu schauen!

Tell:
Hier ist nicht gut sein. Lass uns weitergehn.

Stauffacher:
Bin ich zu Uri in der Freiheit Land?

Meister Steinmetz:
O Herr, wenn ihr die Keller erst gesehn
Unter den Trümmern! Ja wer die bewohnt,
Der wird den Hahn nicht fürder krähen hören!

Stauffacher:
O Gott!

Steinmetz:
Seht diese Flanken, diese Strebepfeiler,
Die stehn, wie für die Ewigkeit gebaut!

Tell:
Was Hände bauten, können Hände stürzen.

Nach den Bergen zeigend:
Das Haus der Freiheit hat uns Gott gegründet.

Man hört eine Trommel, es kommen Leute, die einen Hut auf der Stange tragen, ein Ausrufer folgt ihnen, Weiber und Kinder dringen tumultarisch nach.

Erster Gesell:
Was will die Trommel? Gebet acht!

Meister Steinmetz:
Was für ein Fasnachtsaufzug und was soll der Hut?

Ausrufer:
In des Kaisers Namen! Höret!

Gesellen:
Still doch! Höret!

Ausrufer:
Ihr sehet diesen Hut, Männer von Uri!
Aufrichten wird man ihn auf hoher Säule,
Mitten in Altdorf, an dem höchsten Ort,

Und dieses ist des Landvogts Will und Meinung:
Dem Hut soll gleiche Ehre wie ihm selbst geschehn,
Man soll ihn mit gebognem Knie und mit
Entblösstem Haupt verehren – Daran will
Der König die Gehorsamen erkennen.
Verfallen ist mit seinem Leib und Gut
Dem Könige, wer das Gebot verachtet.
Das Volk lacht laut auf, die Trommel wird gerührt, sie
gehen vorüber.

Erster Gesell:
Welch neues Unerhörtes hat der Vogt
Sich ausgesonnen! Wir ’nen Hut verehren!
Sagt! Hat man je vernommen von dergleichen?

Meister Steinmetz:
Wir unsre Knie beugen einem Hut!
Treibt er sein Spiel mit ernsthaft würd’gen Leuten?

Erster Gesell:
Wär’s noch die kaiserliche Kron! So ist’s
Der Hut von Österreich, ich sah ihn hangen
Über dem Thron, wo man die Lehen gibt!

Meister Steinmetz:
Der Hut von Österreich! Gebt acht, es ist
Ein Fallstrick, uns an Östreich zu verraten!

Gesellen:
Kein Ehrenmann wird sich der Schmach bequemen.

Meister Steinmetz:
Kommt, lasst uns mit den andern Abred nehmen.
Sie gehen nach der Tiefe.

Tell zum Stauffacher:
Ihr wisset nun Bescheid. Lebt wohl, Herr Werner!

Stauffacher:
Wo wollt ihr hin? O eilt nicht so von dannen.

Tell:
Mein Haus entbehrt des Vaters. Lebet wohl.

Stauffacher:
Mir ist das Herz so voll, mit Euch zu reden.

Tell:
Das schwere Herz wird nicht durch Worte leicht.

Stauffacher:
Doch könnten Worte uns zu Taten führen.

Tell:
Die einz’ge Tat ist jetzt Geduld und Schweigen.

Stauffacher:
Soll man ertragen, was unleidlich ist?

Tell:
Die schnellen Herrscher sind’s, die kurz regieren.
– Wenn sich der Föhn erhebt aus seinen Schlünden,
Löscht man die Feuer aus, die Schiffe suchen
Eilends den Hafen, und der mächt’ge Geist
Geht ohne Schaden, spurlos, über die Erde.
Ein jeder lebe still bei sich daheim,
Dem Friedlichen gewährt man gern den Frieden.

Stauffacher:
Meint ihr?

Tell:
Die Schlange sticht nicht ungereizt.
Sie werden endlich doch von selbst ermüden,
Wenn sie die Lande ruhig bleiben sehn.

Stauffacher:
Wir könnten viel, wenn wir zusammenstünden.

Tell:
Beim Schiffbruch hilft der einzelne sich leichter.

Stauffacher:
So kalt verlasst ihr die gemeine Sache?

Tell:
Ein jeder zählt nur sicher auf sich selbst.

Stauffacher:
Verbunden werden auch die Schwachen mächtig.

Tell:
Der Starke ist am mächtigsten allein.

Stauffacher:
So kann das Vaterland auf Euch nicht zählen,
Wenn es verzweiflungsvoll zur Notwehr greift?

Tell gibt ihm die Hand:
Der Tell holt ein verlornes Lamm vom Abgrund,
Und sollte seinen Freunden sich entziehen?
Doch was ihr tut, lasst mich aus eurem Rat,
Ich kann nicht lange prüfen oder wählen,
Bedürft ihr meiner zu bestimmter Tat,
Dann ruft den Tell, es soll an mir nicht fehlen.

Gehen ab zu verschiedenen Seiten. Ein plötzlicher Auflauf entsteht um das Gerüste.

Meister Steinmetz eilt hin:
Was gibt’s?

Erster Gesell kommt vor, rufend:

Der Schieferdecker ist vom Dach gestürzt.

Berta mit Gefolge.

Berta stürzt herein:
Ist er zerschmettert? Rennet, rennet, helft –
Wenn Hilfe möglich, rettet, hier ist Gold –
Wirft ihr Geschmeide unter das Volk.

Meister:
Mit eurem Golde – Alles ist euch feil
Um Gold, wenn ihr den Vater von den Kindern
Gerissen und den Mann von seinem Weibe,
Und Jammer habt gebracht über die Welt,
Denkt ihr’s mit Golde zu vergüten – Geht!
Wir waren frohe Menschen eh ihr kamt,
Mit euch ist die Verzweiflung eingezogen.

Berta zu dem Fronvogt, der zurückkommt:
Lebt er?
Fronvogt gibt ein Zeichen des Gegenteils.
O unglücksel’ges Schloss, mit Flüchen
Erbaut, und Flüche werden dich bewohnen!
Geht ab.

Vierte Szene

Walther Fürsts Wohnung

Walther Fürst und Arnold von Melchtal treten zugleich ein von verschiedenen Seiten.

Melchtal:
Herr Walther Fürst –

Walther Fürst:
Wenn man uns überraschte!
Bleibt, wo Ihr seid. Wir sind umringt von Spähern.

Melchtal:
Bringt Ihr mir nichts von Unterwalden? Nichts
Von meinem Vater? Nicht ertrag ich’s länger,
Als ein Gefangner müssig hier zu liegen.
Was hab ich denn so Sträfliches getan,
Um mich gleich einem Mörder zu verbergen?
Dem frechen Buben, der die Ochsen mir,
Das trefflichste Gespann, vor meinen Augen
Weg wollte treiben auf des Vogts Geheiss,
Hab ich den Finger mit dem Stab gebrochen.

Walther Fürst:
Ihr seid zu rasch. Der Bube war des Vogts,
Von Eurer Obrigkeit war er gesendet,
Ihr wart in Straf‘ gefallen, musstet Euch,
Wie schwer sie war, der Buße schweigend fügen.

Melchtal:
Ertragen sollt ich die leichtfert’ge Rede
Des Unverschämten: »Wenn der Bauer Brot
Wollt essen, mög er selbst am Pfluge ziehn!«
In die Seele schnitt mir’s, als der Bub die Ochsen,
Die schönen Tiere von dem Pfluge spannte,
Dumpf brüllten sie, als hätten sie Gefühl
Der Ungebühr, und stiessen mit den Hörnern,
Da übernahm mich der gerechte Zorn,
Und meiner selbst nicht Herr, schlug ich den Boten.

Walther Fürst:
O kaum bezwingen wir das eigne Herz,
Wie soll die rasche Jugend sich bezähmen!

Melchtal:
Mich jammert nur der Vater – Er bedarf
So sehr der Pflege, und sein Sohn ist fern.
Der Vogt ist ihm gehässig, weil er stets
Für Recht und Freiheit redlich hat gestritten.
Drum werden sie den alten Mann bedrängen,
Und niemand ist, der ihn vor Unglimpf schütze.
– Werde mit mir was will, ich muss hinüber.

Walther Fürst:
Erwartet nur und fasst Euch in Geduld,
Bis Nachricht uns herüberkommt vom Walde.
– Ich höre klopfen, geht – Vielleicht ein Bote
Vom Landvogt – Geht hinein – Ihr seid in Uri
Nicht sicher vor des Landenbergers Arm,
Denn die Tyrannen reichen sich die Hände.

Melchtal:
Sie lehren uns, was wir tun sollten.

Walther Fürst:
Geht!
Ich ruf Euch wieder, wenn’s hier sicher ist.
Melchtal geht hinein.
Der Unglückselige, ich darf ihm nicht
Gestehen, was mir Böses schwant – Wer klopft?
Sooft die Türe rauscht, erwart ich Unglück.
Verrat und Argwohn lauscht in allen Ecken,
Bis in das Innerste der Häuser dringen
Die Boten der Gewalt, bald tät es not,
Wir hätten Schloss und Riegel an den Türen.
Er öffnet und tritt erstaunt zurück, da Werner
Stauffacher hereintritt.
Was seh ich? Ihr, Herr Werner! Nun bei Gott!
Ein werter, teurer Gast – Kein bessrer Mann
Ist über diese Schwelle noch gegangen.
Seid hoch willkommen unter meinem Dach!
Was führt Euch her? Was sucht Ihr hier in Uri?

Stauffacher ihm die Hand reichend:
Die alten Zeiten und die alte Schweiz.

Walther Fürst:
Die bringt ihr mit Euch – Sieh, mir wird so wohl,
Warm geht das Herz mir auf bei Eurem Anblick.
– Setzt Euch, Herr Werner – Wie verliesset Ihr
Frau Gertrud, Eure angenehme Wirtin,
Des weisen Ibergs hochverständ’ge Tochter?
Von allen Wandrern aus dem deutschen Land,
Die über Meinradszell nach Welschland fahren,
Rühmt jeder Euer gastlich Haus – Doch sagt,
Kommt ihr soeben frisch von Flüelen her,
Und habt Euch nirgends sonst noch umgesehn,
Eh Ihr den Fuss gesetzt auf diese Schwelle?

Stauffacher setzt sich:
Wohl ein erstaunlich neues Werk hab ich
Bereiten sehen, das mich nicht erfreute.

Walther Fürst:
O Freund, da habt Ihr’s gleich mit einem Blicke!

Stauffacher:
Ein solches ist in Uri nie gewesen –
Seit Menschendenken war kein Twinghof hier,
Und fest war keine Wohnung als das Grab.

Walther Fürst:
Ein Grab der Freiheit ist’s. Ihr nennt’s mit Namen.

Stauffacher:
Herr Walther Fürst, ich will Euch nicht verhalten,
Nicht eine müss’ge Neugier führt mich her,
Mich drücken schwere Sorgen – Drangsal hab ich
Zu Haus verlassen. Drangsal find ich hier.
Denn ganz unleidlich ist’s, was wir erdulden,
Und dieses Dranges ist kein Ziel zu sehn.
Frei war der Schweizer von uralters her,
Wir sind’s gewohnt, dass man uns gut begegnet,
Ein solches war im Lande nie erlebt,
Solang ein Hirte trieb auf diesen Bergen.

Walther Fürst:
Ja, es ist ohne Beispiel wie sie’s treiben!
Auch unser edler Herr von Attinghausen,
Der noch die alten Zeiten hat gesehn,
Meint selber, es sei nicht mehr zu ertragen.

Stauffacher:
Auch drüben unterm Wald geht Schweres vor,
Und blutig wird’s gebüsst – der Wolfenschiessen,
Des Kaisers Vogt, der auf dem Rossberg hauste,
Gelüsten trug er nach verbotner Frucht,
Baumgartens Weib, der haushält zu Alzellen,
Wollt er zu frecher Ungebühr missbrauchen,
Und mit der Axt hat ihn der Mann erschlagen.

Walther Fürst:
O die Gerichte Gottes sind gerecht!
– Baumgarten sagt Ihr? Ein bescheidner Mann!
Er ist gerettet doch und wohlgeborgen?

Stauffacher:
Euer Eidam hat ihn übern See geflüchtet,
Bei mir zu Steinen halt ich ihn verborgen –
– Noch Greulichers hat mir derselbe Mann
Berichtet, was zu Sarnen ist geschehn,
Das Herz muss jedem Biedermanne bluten.

Walther Fürst aufmerksam:
Sagt an, was ist’s?

Stauffacher:
Im Melchtal, da wo man
Eintritt bei Kerns, wohnt ein gerechter Mann,
Sie nennen ihn den Heinrich von der Halden,
Und seine Stimm‘ gilt was in der Gemeinde.

Walther Fürst:
Wer kennt ihn nicht! Was ist’s mit ihm? Vollendet!

Stauffacher:
Der Landenberger büsste seinen Sohn
Um kleinen Fehlers willen, liess die Ochsen,
das beste Paar, ihm aus dem Pfluge spannen,
Da schlug der Knab den Knecht und wurde flüchtig.

Walther Fürst in höchster Spannung:
Der Vater aber – Sagt, wie steht’s um den?

Stauffacher:
Den Vater lässt der Landenberger fordern,
Zur Stelle schaffen soll er ihm den Sohn,
Und da der alte Mann mit Wahrheit schwört,
Er habe von dem Flüchtling keine Kunde,
Da lässt der Vogt die Folterknechte kommen –
Walther Fürst springt auf und will ihn auf

die andre Seite führen:
O still, nichts mehr!

Stauffacher mit steigendem Ton:
»Ist mir der Sohn entgangen,
So hab ich dich« – Lässt ihn zu Boden werfen,
Den spitz’gen Stahl ihm in die Augen bohren –

Walther Fürst:
Barmherz’ger Himmel!

Melchtal stürzt heraus:
In die Augen, sagt Ihr?

Stauffacher erstaunt zum Walther Fürst:
Wer ist der Jüngling?

Melchtal fasst ihn mit krampfhafter Heftigkeit:
In die Augen? Redet.

Walther Fürst:
O der Bejammernswürdige!

Stauffacher:
Wer ist’s?
(Da Walther Fürst ihm ein Zeichen gibt)
Der Sohn ist’s? Allgerechter Gott!

Melchtal:
Und ich
Muss ferne sein! – In seine beiden Augen?

Walther Fürst:
Bezwinget Euch, ertragt es wie ein Mann!

Melchtal:
Um meiner Schuld, um meines Frevels willen!
– Blind also? Wirklich blind, und ganz geblendet?

Stauffacher:
Ich sagt’s. Der Quell des Sehns ist ausgeflossen
Das Licht der Sonne schaut er niemals wieder.

Walther Fürst:
Schont seines Schmerzens!

Melchtal:
Niemals! Niemals wieder!
Er drückt die Hand vor die Augen, und schweigt einige
Momente, dann wendet er sich von dem einen zu dem andern, und

spricht mit sanfter, von Tränen erstickter Stimme:
O eine edle Himmelsgabe ist
Das Licht des Auges – Alle Wesen leben
Vom Lichte, jedes glückliche Geschöpf –
Die Pflanze selbst kehrt freudig sich zum Lichte.
Und er muss sitzen, fühlend, in der Nacht,
Im ewig Finstern – ihn erquickt nicht mehr
Der Matten warmes Grün, der Blumen Schmelz,
Die roten Firnen kann er nicht mehr schauen –
Sterben ist nichts – doch leben und nicht sehen,
Das ist ein Unglück – Warum seht ihr mich
So jammernd an? Ich hab zwei frische Augen,
Und kann dem blinden Vater keines geben,
Nicht einen Schimmer von dem Meer des Lichts,
Das glanzvoll, blendend, mir ins Auge dringt.

Stauffacher:
Ach, ich muss Euren Jammer noch vergrössern,
Statt ihn zu heilen – Er bedarf noch mehr!
Denn alles hat der Landvogt ihm geraubt,
Nichts hat er ihm gelassen als den Stab,
Um nackt und blind von Tür zu Tür zu wandern.

Melchtal:
Nichts als den Stab dem augenlosen Greis!
Alles geraubt, und auch das Licht der Sonne,
Des Ärmsten allgemeines Gut – Jetzt rede
Mir keiner mehr von Bleiben, von Verbergen!
Was für ein feiger Elender bin ich,
Dass ich auf meine Sicherheit gedacht,
Und nicht auf deine – dein geliebtes Haupt
Als Pfand gelassen in des Wütrichs Händen!
Feigherz’ge Vorsicht fahre hin – Auf nichts
Als blutige Vergeltung will ich denken,
Hinüber will ich – keiner soll mich halten –
Des Vaters Auge von dem Landvogt fordern –
Aus allen seinen Reisigen heraus
Will ich ihn finden – Nichts liegt mir am Leben,
Wenn ich den heissen ungeheuren Schmerz
In seinem Lebensblute kühle. Er will gehen.

Walther Fürst:
Bleibt!
Was könnt Ihr gegen ihn? Er sitzt zu Sarnen
Auf seiner hohen Herrenburg und spottet
Ohnmächt’gen Zorns in seiner sichern Feste.

Melchtal:
Und wohnt‘ er droben auf dem Eispalast
Des Schreckhorns oder höher, wo die Jungfrau
Seit Ewigkeit verschleiert sitzt – Ich mache
Mir Bahn zu ihm, mit zwanzig Jünglingen
Gesinnt wie ich, zerbrech ich seine Feste.
Und wenn mir niemand folgt, und wenn ihr alle
Für eure Hütten bang und eure Herden,
Euch dem Tyrannenjoche beugt – die Hirten
Will ich zusammenrufen im Gebirg,
Dort unterm freien Himmelsdache, wo
Der Sinn noch frisch ist und das Herz gesund,
Das ungeheuer Grässliche erzählen.

Stauffacher zu Walther Fürst:
Es ist auf seinem Gipfel – wollen wir
Erwarten, bis das Äusserste –

Melchtal:
Welch Äusserstes
Ist noch zu fürchten, wenn der Stern des Auges
In seiner Höhle nicht mehr sicher ist?
– Sind wir denn wehrlos? Wozu lernten wir
Die Armbrust spannen und die schwere Wucht
Der Streitaxt schwingen? Jedem Wesen ward
Ein Notgewehr in der Verzweiflungsangst,
Es stellt sich der erschöpfte Hirsch und zeigt
Der Meute sein gefürchtetes Geweih.
Die Gemse reisst den Jäger in den Abgrund –
Der Pflugstier, der die ungeheure Kraft
Des Halses duldsam unters Joch gebogen,
Springt auf, gereizt, wetzt sein gewaltig Horn,
Und schleudert seinen Feind den Wolken zu.

Walther Fürst:
Wenn die drei Lande dächten wie wir drei,
So möchten wir vielleicht etwas vermögen.

Stauffacher:
Wenn Uri ruft, wenn Unterwalden hilft,
Der Schwyzer wird die alten Bünde ehren.

Melchtal:
Gross ist in Unterwalden meine Freundschaft,
Und jeder wagt mit Freuden Leib und Blut,
Wenn er am andern einen Rücken hat
Und Schirm – O fromme Väter dieses Landes!
Ich stehe nur ein Jüngling zwischen euch,
Den Vielerfahrnen – meine Stimme muss
Bescheiden schweigen in der Landsgemeinde.
Nicht weil ich jung bin und nicht viel erlebte,
Verachtet meinen Rat und meine Rede,
Nicht lüstern jugendliches Blut, mich treibt
Des höchsten Jammers schmerzliche Gewalt,
Was auch den Stein des Felsen muss erbarmen.
Ihr selbst seid Väter, Häupter eines Hauses,
Und wünscht euch einen tugendhaften Sohn,
Der eures Hauptes heil’ge Locken ehre,
Und euch den Stern des Auges fromm bewache.
O weil ihr selbst an eurem Leib und Gut
Noch nichts erlitten, eure Augen sich
Noch frisch und hell in ihren Kreisen regen,
So sei euch darum unsre Not nicht fremd.
Auch über euch hängt das Tyrannenschwert,
Ihr habt das Land von Östreich abgewendet,
Kein anderes war meines Vaters Unrecht,
Ihr seid in gleicher Mitschuld und Verdammnis.

Stauffacher zu Walther Fürst:
Beschliesset Ihr, ich bin bereit zu folgen.

Walther Fürst:
Wir wollen hören, was die edeln Herrn
Von Sillinen, von Attinghausen raten –
Ihr Name, denk ich, wird uns Freunde werben.

Melchtal:
Wo ist ein Name in dem Waldgebirg
Ehrwürdiger als Eurer und der Eure?
An solcher Namen echte Währung glaubt
Das Volk, sie haben guten Klang im Lande.
Ihr habt ein reiches Erb von Vätertugend,
Und habt es selber reich vermehrt – Was braucht’s
Des Edelmanns? Lasst’s uns allein vollenden.
Wären wir doch allein im Land! Ich meine,
Wir wollten uns schon selbst zu schirmen wissen.

Stauffacher:
Die Edeln drängt nicht gleiche Not mit uns,
Der Strom, der in den Niederungen wütet,
Bis jetzt hat er die Höhn noch nicht erreicht –
Doch ihre Hülfe wird uns nicht entstehn,
Wenn sie das Land in Waffen erst erblicken.

Walther Fürst:
Wäre ein Obmann zwischen uns und Österreich,
So möchte Recht entscheiden und Gesetz,
Doch der uns unterdrückt, ist unser Kaiser
Und höchster Richter – so muss Gott uns helfen
Durch unsern Arm – erforschet Ihr die Männer
Von Schwyz, ich will in Uri Freunde werben.
Wen aber senden wir nach Unterwalden –

Melchtal:
Mich sendet hin – wem läg es näher an –

Walther Fürst:
Ich geb’s nicht zu, Ihr seid mein Gast, ich muss
Für Eure Sicherheit gewähren!

Melchtal:
Lasst mich!
Die Schliche kenn ich und die Felsensteige,
Auch Freunde find ich gnug, die mich dem Feind
Verhehlen und ein Obdach gern gewähren.

Stauffacher:
Lasst ihn mit Gott hinübergehn. Dort drüben
Ist kein Verräter – so verabscheut ist
Die Tyrannei, dass sie kein Werkzeug findet.
Auch der Alzeller soll uns nid dem Wald
Genossen werben und das Land erregen.

Melchtal:
Wie bringen wir uns sichre Kunde zu,
Dass wir den Argwohn der Tyrannen täuschen?

Stauffacher:
Wir könnten uns zu Brunnen oder Treib
Versammeln, wo die Kaufmannsschiffe landen.

Walther Fürst:
So offen dürfen wir das Werk nicht treiben.
– Hört meine Meinung. Links am See, wenn man
Nach Brunnen fährt, dem Mythenstein grad über,
Liegt eine Matte heimlich im Gehölz,
Das Rütli heisst sie bei dem Volk der Hirten,
Weil dort die Waldung ausgereutet ward.
Dort ist’s wo unsre Landmark und die Eure (zu Melchtal)
Zusammengrenzen, und in kurzer Fahrt (zu Stauffacher)
Trägt Euch der leichte Kahn von Schwyz herüber.
Auf öden Pfaden können wir dahin
Bei Nachtzeit wandern und uns still beraten.
Dahin mag jeder zehn vertraute Männer
Mitbringen, die herzeinig sind mit uns,
So können wir gemeinsam das Gemeine
Besprechen und mit Gott es frisch beschliessen.

Stauffacher:
So sei’s. Jetzt reicht mir Eure biedre Rechte,
Reicht Ihr die Eure her, und so wie wir
Drei Männer jetzo, unter uns, die Hände
Zusammenflechten, redlich, ohne Falsch,
So wollen wir drei Länder auch, zu Schutz
Und Trutz, zusammenstehn auf Tod und Leben.

Walther Fürst und Melchtal:
Auf Tod und Leben!
Sie halten die Hände noch einige Pausen lang zusammengeflochten und schweigen.

Melchtal:
Blinder alter Vater!
Du kannst den Tag der Freiheit nicht mehr schauen,
Du sollst ihn hören – Wenn von Alp zu Alp
Die Feuerzeichen flammend sich erheben,
Die festen Schlösser der Tyrannen fallen,
In deine Hütte soll der Schweizer wallen,
Zu deinem Ohr die Freudenkunde tragen,
Und hell in deiner Nacht soll es dir tagen.
Sie gehen auseinander.

Zweiter Aufzug

Erste Szene

Edelhof des Freiherrn von Attinghausen.

Ein gotischer Saal mit Wappenschildern und Helmen verziert. Der Freiherr, ein Greis von fünfundachtzig Jahren, von hoher edler Statur, an einem Stabe worauf ein Gemsenhorn, und in ein Pelzwams gekleidet. Kuoni und noch sechs Knechte stehen um ihn her mit Rechen und Sensen. Ulrich
von Rudenz tritt ein in Ritterkleidung.

Rudenz:
Hier bin ich Oheim – Was ist Euer Wille?

Attinghausen:
Erlaubt, dass ich nach altem Hausgebrauch
Den Frühtrunk erst mit meinen Knechten teile.
Er trinkt aus einem Becher, der dann in der Reihe herumgeht.
Sonst war ich selber mit in Feld und Wald,
Mit meinem Auge ihren Fleiss regierend,
Wie sie mein Banner führte in der Schlacht,
Jetzt kann ich nichts mehr als den Schaffner machen,
Und kommt die warme Sonne nicht zu mir,
Ich kann sie nicht mehr suchen auf den Bergen.
Und so in enger stets und engerm Kreis,
Beweg ich mich dem engesten und letzten,
Wo alles Leben stillsteht, langsam zu,
Mein Schatte bin ich nur, bald nur mein Name.

Kuoni zu Rudenz mit dem Becher:
Ich bring’s Euch, Junker.

Da Rudenz zaudert den Becher zu nehmen:
Trinket frisch! Es geht
Aus einem Becher und aus einem Herzen.

Attinghausen:
Geht Kinder, und wenn’s Feierabend ist,
Dann reden wir auch von des Lands Geschäften.
Knechte gehen ab.
Attinghausen und Rudenz

Attinghausen:
Ich sehe dich gegürtet und gerüstet,
Du willst nach Altdorf in die Herrenburg?

Rudenz:
Ja Oheim, und ich darf nicht länger säumen –

Attinghausen setzt sich:
Hast du’s so eilig? Wie? Ist deiner Jugend
Die Zeit so karg gemessen, dass du sie
An deinem alten Oheim musst ersparen?

Rudenz:
Ich sehe, dass Ihr meiner nicht bedürft,
Ich bin ein Fremdling nur in diesem Hause.

Attinghausen hat ihn lange mit den Augen gemustert:
Ja leider bist du’s. Leider ist die Heimat
Zur Fremde dir geworden! – Uli! Uli!
Ich kenne dich nicht mehr. In Seide prangst du,
Die Pfauenfeder trägst du stolz zur Schau,
Und schlägst den Purpurmantel um die Schultern,
Den Landsmann blickst du mit Verachtung an,
Und schämst dich seiner traulichen Begrüssung.

Rudenz:
Die Ehr, die ihm gebührt, geb ich ihm gern,
Das Recht, das er sich nimmt, verweigr ich ihm.

Attinghausen:
Das ganze Land liegt unterm schweren Zorn
Des Königs – Jedes Biedermannes Herz
Ist kummervoll ob der tyrannischen Gewalt
Die wir erdulden – Dich allein rührt nicht
Der allgemeine Schmerz – Dich siehet man
Abtrünnig von den Deinen auf der Seite
Des Landesfeindes stehen, unsrer Not
Hohnsprechend nach der leichten Freude jagen,
Und buhlen um die Fürstengunst, indes
Dein Vaterland von schwerer Geissel blutet.

Rudenz:
Das Land ist schwer bedrängt – Warum, mein Oheim?
Wer ist’s, der es gestürzt in diese Not?
Es kostete ein einzig leichtes Wort,
Um augenblicks des Dranges los zu sein,
Und einen gnäd’gen Kaiser zu gewinnen.
Weh ihnen, die dem Volk die Augen halten,
Dass es dem wahren Besten widerstrebt.
Um eignen Vorteils willen hindern sie,
Dass die Waldstätte nicht zu Östreich schwören,
Wie ringsum alle Lande doch getan.
Wohl tut es ihnen, auf der Herrenbank
Zu sitzen mit dem Edelmann – den Kaiser
Will man zum Herrn, um keinen Herrn zu haben.

Attinghausen:
Muss ich das hören und aus deinem Munde!

Rudenz:
Ihr habt mich aufgefordert, lasst mich enden.
– Welche Person ist’s, Oheim, die Ihr selbst
Hier spielt? Habt Ihr nicht höhern Stolz, als hier
Landammann oder Bannerherr zu sein
Und neben diesen Hirten zu regieren?
Wie? Ist’s nicht eine rühmlichere Wahl,
Zu huldigen dem königlichen Herrn,
Sich an sein glänzend Lager anzuschliessen,
Als Eurer eignen Knechte Pair zu sein,
Und zu Gericht zu sitzen mit dem Bauer?

Attinghausen:
Ach Uli! Uli! Ich erkenne sie
Die Stimme der Verführung! Sie ergriff
Dein offnes Ohr, sie hat dein Herz vergiftet.

Rudenz:
Ja ich verberg es nicht – in tiefer Seele
Schmerzt mich der Spott der Fremdlinge, die uns
Den Bauernadel schelten – Nicht ertrag ich’s,
Indes die edle Jugend ringsumher
Sich Ehre sammelt unter Habsburgs Fahnen,
Auf meinem Erb hier müssig stillzuliegen,
Und bei gemeinem Tagewerk den Lenz
Des Lebens zu verlieren – Anderswo
Geschehen Taten, eine Welt des Ruhms
Bewegt sich glänzend jenseits dieser Berge –
Mir rosten in der Halle Helm und Schild,
Der Kriegstrommete mutiges Getön,
Der Heroldsruf, der zum Turniere ladet,
Er dringt in diese Täler nicht herein,
Nichts als den Kuhreihn und der Herdeglocken
Einförmiges Geläut vernehm ich hier.

Attinghausen:
Verblendeter, vom eiteln Glanz verführt!
Verachte dein Geburtsland! Schäme dich
Der uralt frommen Sitte deiner Väter!
Mit heissen Tränen wirst du dich dereinst
Heimsehnen nach den väterlichen Bergen,
Und dieses Herdenreihens Melodie,
Die du in stolzem Überdruss verschmähst.
Mit Schmerzenssehnsucht wird sie dich ergreifen,
Wenn sie dir anklingt auf der fremden Erde.
O mächtig ist der Trieb des Vaterlands!
Die fremde falsche Welt ist nicht für dich,
Dort an dem stolzen Kaiserhof bleibst du
Dir ewig fremd mit deinem treuen Herzen!
Die Welt, sie fordert andre Tugenden,
Als du in diesen Tälern dir erworben.
– Geh hin, verkaufe deine freie Seele,
Nimm Land zu Lehen, werd ein Fürstenknecht,
Da du ein Selbstherr sein kannst und ein Fürst
Auf deinem eignen Erb und freien Boden.
Ach Uli! Uli! Bleibe bei den Deinen!
Geh nicht nach Altdorf – O verlass sie nicht
Die heil’ge Sache deines Vaterlands!
– Ich bin der Letzte meines Stamms. Mein Name
Endet mit mir. Da hängen Helm und Schild,
Die werden sie mir in das Grab mitgeben.
Und muss ich denken bei dem letzten Hauch,
Dass du mein brechend Auge nur erwartest,
Um hinzugehn vor diesen neuen Lehenhof,
Und meine edeln Güter, die ich frei
Von Gott empfing, von Östreich zu empfangen!

Rudenz:
Vergeblich widerstreben wir dem König,
Die Welt gehört ihm, wollen wir allein
Uns eigensinnig steifen und verstocken,
Die Länderkette ihm zu unterbrechen,
Die er gewaltig rings um uns gezogen?
Sein sind die Märkte, die Gerichte, sein
Die Kaufmannsstrassen, und das Saumross selbst,
Das auf dem Gotthard ziehet, muss ihm zollen.
Von seinen Ländern wie mit einem Netz
Sind wir umgarnet rings und eingeschlossen.
– Wird uns das Reich beschützen? Kann es selbst
Sich schützen gegen Östreichs wachsende Gewalt?
Hilft Gott uns nicht, kein Kaiser kann uns helfen.
Was ist zu geben auf der Kaiser Wort,
Wenn sie in Geld- und Kriegesnot die Städte,
Die untern Schirm des Adlers sich geflüchtet,
Verpfänden dürfen und dem Reich veräussern?
– Nein Oheim! Wohltat ist’s und weise Vorsicht,
In diesen schweren Zeiten der Parteiung,
Sich anzuschliessen an ein mächtig Haupt.
Die Kaiserkrone geht von Stamm zu Stamm,
Die hat für treue Dienste kein Gedächtnis,
Doch um den mächt’gen Erbherrn wohl verdienen,
Heisst Staaten in die Zukunft streun.

Attinghausen:
Bist du so weise?
Willst heller sehn als deine edeln Väter,
Die um der Freiheit kostbarn Edelstein
Mit Gut und Blut und Heldenkraft gestritten?
– Schiff nach Luzern hinunter, frage dort,
Wie Östreichs Herrschaft lastet auf den Ländern!
Sie werden kommen, unsre Schaf und Rinder
Zu zählen, unsre Alpen abzumessen,
Den Hochflug und das Hochgewilde bannen
In unsern freien Wäldern, ihren Schlagbaum
An unsre Brücken, unsre Tore setzen,
Mit unsrer Armut ihre Länderkäufe,
Mit unserm Blute ihre Kriege zahlen –
– Nein, wenn wir unser Blut dransetzen sollen,
So sei’s für uns – wohlfeiler kaufen wir
Die Freiheit als die Knechtschaft ein!

Rudenz:
Was können wir,
Ein Volk der Hirten gegen Albrechts Heere!

Attinghausen:
Lern dieses Volk der Hirten kennen, Knabe!
Ich kenn’s, ich hab es angeführt in Schlachten,
Ich hab es fechten sehen bei Favenz.
Sie sollen kommen, uns ein Joch aufzwingen,
Das wir entschlossen sind, nicht zu ertragen!
– O lerne fühlen, welches Stamms du bist!
Wirf nicht für eiteln Glanz und Flitterschein
Die echte Perle deines Wertes hin –
Das Haupt zu heissen eines freien Volks,
Das dir aus Liebe nur sich herzlich weiht,
Das treulich zu dir steht in Kampf und Tod –
Das sei dein Stolz, des Adels rühme dich –
Die angebornen Bande knüpfe fest,
Ans Vaterland, ans teure, schliess dich an,
Das halte fest mit deinem ganzen Herzen.
Hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft,
Dort in der fremden Welt stehst du allein,
Ein schwankes Rohr, das jeder Sturm zerknickt.
O komm, du hast uns lang nicht mehr gesehn,
Versuch’s mit uns nur einen Tag – nur heute
Geh nicht nach Altdorf – Hörst du? Heute nicht,
Den einen Tag nur schenke dich den Deinen!

Er fasst seine Hand.
Rudenz:
Ich gab mein Wort – Lasst mich – Ich bin gebunden.

Attinghausen lässt seine Hand los, mit Ernst:
Du bist gebunden – Ja Unglücklicher!
Du bist’s, doch nicht durch Wort und Schwur,
Gebunden bist du durch der Liebe Seile!
Rudenz wendet sich weg.
– Verbirg dich wie du willst. Das Fräulein ist’s
Berta von Bruneck, die zur Herrenburg
Dich zieht, dich fesselt an des Kaisers Dienst.
Das Ritterfräulein willst du dir erwerben
Mit deinem Abfall von dem Land – Betrüg dich nicht!
Dich anzulocken zeigt man dir die Braut
Doch deiner Unschuld ist sie nicht beschieden.

Rudenz:
Genug hab ich gehört. Gehabt Euch wohl.
Er geht ab.

Attinghausen:
Wahnsinn’ger Jüngling, bleib! – Er geht dahin!
Ich kann ihn nicht erhalten, nicht erretten –
So ist der Wolfenschiessen abgefallen
Von seinem Land – so werden andre folgen
Der fremde Zauber reisst die Jugend fort,
Gewaltsam strebend über unsre Berge.
– O unglücksel’ge Stunde, da das Fremde
In diese still beglückten Täler kam,
Der Sitten fromme Unschuld zu zerstören!
Das Neue dringt herein mit Macht, das Alte
Das Würd’ge scheidet, andre Zeiten kommen,
Es lebt ein andersdenkendes Geschlecht!
Was tu ich hier? Sie sind begraben alle,
Mit denen ich gewaltet und gelebt.
Unter der Erde schon liegt meine Zeit,
Wohl dem, der mit der neuen nicht mehr braucht zu leben!
Geht ab.

Zweite Szene

Eine Wiese von hohen Felsen und Wald umgeben. Auf den Felsen sind Steige, mit Geländern, auch Leitern, von denen man nachher die Landleute herabsteigen sieht. Im Hintergrund zeigt sich der See, über welchem anfangs ein Mondregenbogen zu sehen ist. Den Prospekt schliessen hohe Berge, hinter welchen noch höhere Eisgebirge ragen. Es ist völlig Nacht auf der Szene, nur der See und die weissen Gletscher leuchten im Mondlicht.
Melchtal, Baumgarten, Winkelried, Meier von Sarnen, Burkhardt am Bühel, Arnold von Sewa, Klaus von der Flüe und noch vier andere Landleute, alle bewaffnet.

Melchtal noch hinter der Szene:
Der Bergweg öffnet sich, nur frisch mir nach,
Den Fels erkenn ich und das Kreuzlein drauf,
Wir sind am Ziel, hier ist das Rütli.
Treten auf mit Windlichtern.

Winkelried:
Horch!

Sewa:
Ganz leer.

Meier:
’s ist noch kein Landmann da. Wir sind
Die ersten auf dem Platz, wir Unterwaldner.

Melchtal:
Wie weit ist’s in der Nacht?

Baumgarten:
Der Feuerwächter
Vom Selisberg hat eben zwei gerufen.
Man hört in der Ferne läuten.

Meier:
Still! Horch!

Am Bühel:
Das Mettenglöcklein in der Waldkapelle
Klingt hell herüber aus dem Schwyzerland.

Von der Flüe:
Die Luft ist rein und trägt den Schall soweit.

Melchtal:
Gehn einige und zünden Reisholz an,
Dass es loh brenne, wenn die Männer kommen.
Zwei Landleute gehen.

Sewa:
’s ist eine schöne Mondennacht. Der See
Liegt ruhig da als wie ein ebner Spiegel.

Am Bühel:
Sie haben eine leichte Fahrt.

Winkelried zeigt nach dem See:
Ha seht!
Seht dorthin! Seht ihr nichts?

Meier:
Was denn? – Ja wahrlich!
Ein Regenbogen mitten in der Nacht!

Melchtal:
Es ist das Licht des Mondes das ihn bildet.

Von der Flüe:
Das ist ein seltsam wunderbares Zeichen!
Es leben viele, die das nicht gesehn.

Sewa:
Er ist doppelt, seht, ein blässerer steht drüber.

Baumgarten:
Ein Nachen fährt soeben drunter weg.

Melchtal:
Das ist der Stauffacher mit seinem Kahn,
Der Biedermann lässt sich nicht lang erwarten.
Geht mit Baumgarten nach dem Ufer.

Meier:
Die Urner sind es, die am längsten säumen.

Am Bühel:
Sie müssen weit umgehen durchs Gebirg,
Dass sie des Landvogts Kundschaft hintergehen.
Unterdessen haben die zwei Landleute in der Mitte des Platzes ein Feuer angezündet.

Melchtal am Ufer:
Wer ist da? Gebt das Wort!

Stauffacher von unten:
Freunde des Landes.

Alle gehen nach der Tiefe, den Kommenden entgegen. Aus dem Kahn steigen Stauffacher, Itel Reding, Hans auf der Mauer, Jörg im Hofe, Konrad Hunn, Ulrich der Schmied, Jost von Weiler, und noch drei andere Landleute, gleichfalls bewaffnet.

Alle rufen:
Willkommen!

Indem die übrigen in der Tiefe verweilen und sich begrüssen, kommt Melchtal mit Stauffacher vorwärts.

Melchtal:
O Herr Stauffacher! Ich hab ihn
Gesehn, der mich nicht wiedersehen konnte!
Die Hand hab ich gelegt auf seine Augen,
Und glühend Rachgefühl hab ich gesogen
Aus der erloschnen Sonne seines Blicks.

Stauffacher:
Sprecht nicht von Rache. Nicht Geschehnes rächen,
Gedrohtem Uebel wollen wir begegnen.
– Jetzt sagt, was Ihr im Unterwaldner Land
Geschafft und für gemeine Sach geworben,
Wie die Landleute denken, wie Ihr selbst
Den Stricken des Verrats entgangen seid.

Melchtal:
Durch der Surennen furchtbares Gebirg,
Auf weit verbreitet öden Eisesfeldern,
Wo nur der heisre Lämmergeier krächzt,
Gelangt ich zu der Alpentrift, wo sich
Aus Uri und vom Engelberg die Hirten
Anrufend grüssen und gemeinsam weiden,
Den Durst mir stillend mit der Gletscher Milch,
Die in den Runsen schäumend niederquillt.
In den einsamen Sennhütten kehrt ich ein.
Mein eigner Wirt und Gast, bis dass ich kam
Zu Wohnungen gesellig lebender Menschen.
– Erschollen war in diesen Tälern schon
Der Ruf des neuen Greuels der geschehn,
Und fromme Ehrfurcht schaffte mir mein Unglück
Vor jeder Pforte, wo ich wandernd klopfte.
Entrüstet fand ich diese graden Seelen
Ob dem gewaltsam neuen Regiment,
Denn so wie ihre Alpen fort und fort
Dieselben Kräuter nähren, ihre Brunnen
Gleichförmig fliessen, Wolken selbst und Winde
Den gleichen Strich unwandelbar befolgen,
So hat die alte Sitte hier vom Ahn
Zum Enkel unverändert fortbestanden,
Nicht tragen sie verwegne Neuerung
Im altgewohnten gleichen Gang des Lebens.
– Die harten Hände reichten sie mir dar,
Von den Wänden langten sie die rost’gen Schwerter,
Und aus den Augen blitzte freudiges
Gefühl des Muts, als ich die Namen nannte,
Die im Gebirg dem Landmann heilig sind,
Den Eurigen und Walther Fürsts – Was Euch
Recht würde dünken, schwuren sie zu tun,
Euch schwuren sie bis in den Tod zu folgen.
– So eilt‘ ich sicher unterm heil’gen Schirm
Des Gastrechts von Gehöfte zu Gehöfte –
Und als ich kam ins heimatliche Tal,
Wo mir die Vettern viel verbreitet wohnen –
Als ich den Vater fand, beraubt und blind,
Auf fremdem Stroh, von der Barmherzigkeit
Mildtät’ger Menschen lebend –

Stauffacher:
Herr im Himmel!

Melchtal:
Da weint ich nicht! Nicht in ohnmächt’gen Tränen
Goss ich die Kraft des heissen Schmerzens aus,
In tiefer Brust wie einen teuern Schatz
Verschloss ich ihn und dachte nur auf Taten.
Ich kroch durch alle Krümmen des Gebirgs,
Kein Tal war so versteckt, ich späht es aus,
Bis an der Gletscher eisbedeckten Fuss
Erwartet ich und fand bewohnte Hütten,
Und überall, wohin mein Fuss mich trug,
Fand ich den gleichen Hass der Tyrannei,
Denn bis an diese letzte Grenze selbst
Belebter Schöpfung, wo der starre Boden
Aufhört zu geben, raubt der Vögte Geiz –
Die Herzen alle dieses biedern Volks
Erregt‘ ich mit dem Stachel meiner Worte,
Und unser sind sie all mit Herz und Mund.

Stauffacher:
Grosses habt Ihr in kurzer Frist geleistet.

Melchtal:
Ich tat noch mehr. Die beiden Festen sind’s
Rossberg und Sarnen, die der Landmann fürchtet,
Denn hinter ihren Felsenwällen schirmt
Der Feind sich leicht und schädiget das Land.
Mit eignen Augen wollt ich es erkunden,
Ich war zu Sarnen und besah die Burg.

Stauffacher:
Ihr wagtet Euch bis in des Tigers Höhle?

Melchtal:
Ich war verkleidet dort in Pilgerstracht,
Ich sah den Landvogt an der Tafel schwelgen –
Urteilt, ob ich mein Herz bezwingen kann,
Ich sah den Feind und ich erschlug ihn nicht.

Stauffacher:
Fürwahr das Glück war Eurer Kühnheit hold.
Unterdessen sind die andern Landleute vorwärts gekommen
und nähern sich den beiden.
Doch jetzo sagt mir, wer die Freunde sind,
Und die gerechten Männer, die Euch folgten?
Macht mich bekannt mit ihnen, dass wir uns
Zutraulich nahen und die Herzen öffnen.

Meier:
Wer kennt Euch nicht, Herr, in den drei Landen?
Ich bin der Mei’r von Sarnen, dies hier ist
Mein Schwestersohn, der Struth von Winkelried.

Stauffacher:
Ihr nennt mir keinen unbekannten Namen.
Ein Winkelried war’s der den Drachen schlug
Im Sumpf bei Weiler und sein Leben liess
In diesem Strauss.

Winkelried:
Das war mein Ahn, Herr Werner.

Melchtal zeigt auf seine Landleute:
Die wohnen hinterm Wald, sind Klosterleute
Vom Engelberg – Ihr werdet sie drum nicht
Verachten, weil sie eigne Leute sind,
Und nicht wie wir frei sitzen auf dem Erbe –
Sie lieben’s Land, sind sonst auch wohl berufen.

Stauffacher zu den beiden:
Gebt mir die Hand. Es preise sich, wer keinem
Mit seinem Leibe pflichtig ist auf Erden,
Doch Redlichkeit gedeiht in jedem Stande.

Konrad Hunn:
Das ist Herr Reding, unser Altlandammann.

Meier:
Ich kenn ihn wohl. Er ist mein Widerpart,
Der um ein altes Erbstück mit mir rechtet.
– Herr Reding, wir sind Feinde vor Gericht,
Hier sind wir einig.

Schüttelt ihm die Hand.

Stauffacher:
Das ist brav gesprochen.

Winkelried:
Hört ihr? Sie kommen. Hört das Horn von Uri!
Rechts und links sieht man bewaffnete Männer mit Windlichtern
die Felsen herabsteigen.

Auf der Mauer:
Seht! Steigt nicht selbst der fromme Diener Gottes,
Der würd’ge Pfarrer mit herab? Nicht scheut er
Des Weges Mühen und das Graun der Nacht,
Ein treuer Hirte für das Volk zu sorgen.

Baumgarten:
Der Sigrist folgt ihm und Herr Walther Fürst,
Doch nicht den Tell erblick ich in der Menge.
Walther Fürst, Rösselmann der Pfarrer, Petermann
der Sigrist, Kuoni der Hirt, Werni der Jäger,
Ruodi der Fischer und noch fünf andere Landleute,
alle zusammen dreiundreissig an der Zahl, treten vorwärts
und stellen sich um das Feuer.

Walther Fürst:
So müssen wir auf unserm eigenen Erb
Und väterlichem Boden uns verstohlen
Zusammenschleichen wie die Mörder tun,
Und bei der Nacht, die ihren schwarzen Mantel
Nur dem Verbrechen und der sonnenscheuen
Verschwörung leihet, unser gutes Recht
Uns holen, das doch lauter ist und klar,
Gleichwie der glanzvoll offne Schoss des Tages.

Melchtal:
Lasst’s gut sein. Was die dunkle Nacht gesponnen,
Soll frei und fröhlich an das Licht der Sonnen.

Rösselmann:
Hört was mir Gott ins Herz gibt, Eidgenossen!
Wir stehen hier statt einer Landsgemeinde,
Und können gelten für ein ganzes Volk,
So lasst uns tagen nach den alten Bräuchen
Des Lands, wie wir’s in ruhigen Zeiten pflegen,
Was ungesetzlich ist in der Versammlung,
Entschuldige die Not der Zeit. Doch Gott
Ist überall, wo man das Recht verwaltet,
Und unter seinem Himmel stehen wir.

Stauffacher:
Wohl, lasst uns tagen nach der alten Sitte,
Ist es gleich Nacht, so leuchtet unser Recht.

Melchtal:
Ist gleich die Zahl nicht voll, das Herz ist hier
Des ganzen Volks, die Besten sind zugegen.

Konrad Hunn:
Sind auch die alten Bücher nicht zur Hand,
Sie sind in unsre Herzen eingeschrieben.

Rösselmann:
Wohlan, so sei der Ring sogleich gebildet,
Man pflanze auf die Schwerter der Gewalt.

Auf der Mauer:
Der Landesammann nehme seinen Platz,
Und seine Weibel stehen ihm zur Seite!

Sigrist:
Es sind der Völker dreie. Welchem nun
Gebührt’s, das Haupt zu geben der Gemeinde?

Meier:
Um diese Ehr mag Schwyz mit Uri streiten,
Wir Unterwaldner stehen frei zurück.

Melchtal:
Wir stehn zurück, wir sind die Flehenden,
Die Hülfe heischen von den mächt’gen Freunden.

Stauffacher:
So nehme Uri denn das Schwert, sein Banner
Zieht bei den Römerzügen uns voran.

Walther Fürst:
Des Schwertes Ehre werde Schwyz zuteil,
Denn seines Stammes rühmen wir uns alle.

Rösselmann:
Den edeln Wettstreit lasst mich freundlich schlichten,
Schwyz soll im Rat, Uri im Felde führen.
Walther Fürst reicht dem Stauffacher die Schwerter.
So nehmt!

Stauffacher:
Nicht mir, dem Alter sei die Ehre.

Im Hofe:
Die meisten Jahre zählt Ulrich der Schmied.

Auf der Mauer:
Der Mann ist wacker, doch nicht freien Stands,
Kein eigner Mann kann Richter sein in Schwyz.

Stauffacher:
Steht nicht Herr Reding hier der Altlandammann?
Was suchen wir noch einen Würdigern?

Walther Fürst:
Er sei der Ammann und des Tages Haupt!
Wer dazu stimmt erhebe seine Hände.
Alle heben die rechte Hand auf.

Reding tritt in die Mitte:
Ich kann die Hand nicht auf die Bücher legen,
So schwör ich droben bei den ew’gen Sternen,
Dass ich mich nimmer will vom Recht entfernen.
Man richtet die Schwerter vor ihm auf, der Ring bildet sich
um ihn her, Schwyz hält die Mitte, rechts stellt sich Uri
und links Unterwalden. Er steht auf sein Schlachtschwert gestützt.
Was ist’s, das die drei Völker des Gebirgs
Hier an des Sees unwirtlichem Gestade
Zusammenführte in der Geisterstunde?
Was soll der Inhalt sein des neuen Bunds,
Den wir hier unterm Sternenhimmel stiften?

Stauffacher tritt in den Ring:
Wir stiften keinen neuen Bund, es ist
Ein uralt Bündnis nur von Väterzeit,
Das wir erneuern! Wisset Eidgenossen!
Ob uns der See, ob uns die Berge scheiden,
Und jedes Volk sich für sich selbst regiert,
So sind wir eines Stammes doch und Bluts,
Und eine Heimat ist’s, aus der wir zogen.

Winkelried:
So ist es wahr, wie’s in den Liedern lautet,
Dass wir von fernher in das Land gewallt?
O teilt’s uns mit, was Euch davon bekannt,
Dass sich der neue Bund am alten stärke.

Stauffacher:
Hört, was die alten Hirten sich erzählen.
– Es war ein grosses Volk, hinten im Lande
Nach Mitternacht, das litt von schwerer Teurung.
In dieser Not beschloss die Landsgemeinde,
Dass jeder zehnte Bürger nach dem Los
Der Väter Land verlasse – das geschah!
Und zogen aus, wehklagend, Männer und Weiber,
Ein grosser Heerzug, nach der Mittagsonne,
Mit dem Schwert sich schlagend durch das deutsche Land,
Bis an das Hochland dieser Waldgebirge.
Und eher nicht ermüdete der Zug,
Bis dass sie kamen in das wilde Tal,
Wo jetzt die Muotta zwischen Wiesen rinnt –
Nicht Menschenspuren waren hier zu sehen,
Nur eine Hütte stand am Ufer einsam,
Da sass ein Mann, und wartete der Fähre –
Doch heftig wogete der See und war
Nicht fahrbar; da besahen sie das Land
Sich näher und gewahrten schöne Fülle
Des Holzes und entdeckten gute Brunnen,
Und meinten, sich im lieben Vaterland
Zu finden – Da beschlossen sie zu bleiben,
Erbaueten den alten Flecken Schwyz,
Und hatten manchen sauren Tag, den Wald
Mit weitverschlungenen Wurzeln auszuroden –
Drauf als der Boden nicht mehr Gnügen tat
Der Zahl des Volks, da zogen sie hinüber
Zum schwarzen Berg, ja bis ans Weissland hin,
Wo hinter ew’gem Eiseswall verborgen,
Ein andres Volk in andern Zungen spricht.
Den Flecken Stanz erbauten sie am Kernwald,
Den Flecken Altdorf in dem Tal der Reuss –
Doch blieben sie des Ursprungs stets gedenk,
Aus all den fremden Stämmen, die seitdem
In Mitte ihres Lands sich angesiedelt,
Finden die Schwyzer Männer sich heraus,
Es gibt das Herz, das Blut sich zu erkennen.
Reicht rechts und links die Hand hin.

Auf der Mauer:
Ja wir sind eines Herzens, eines Bluts!

Alle sich die Hände reichend:
Wir sind ein Volk, und einig wollen wir handeln.

Stauffacher:
Die andern Völker tragen fremdes Joch,
Sie haben sich dem Sieger unterworfen.
Es leben selbst in unsern Landesmarken
Der Sassen viel, die fremde Pflichten tragen,
Und ihre Knechtschaft erbt auf ihre Kinder.
Doch wir, der alten Schweizer echter Stamm,
Wir haben stets die Freiheit uns bewahrt.
Nicht unter Fürsten bogen wir das Knie,
Freiwillig wählten wir den Schirm der Kaiser.

Rösselmann:
Frei wählten wir des Reiches Schutz und Schirm,
So steht’s bemerkt in Kaiser Friedrichs Brief.

Stauffacher:
Denn herrenlos ist auch der Freiste nicht.
Ein Oberhaupt muss sein, ein höchster Richter,
Wo man das Recht mag schöpfen in dem Streit
Drum haben unsre Väter für den Boden,
Den sie der alten Wildnis abgewonnen,
Die Ehr gegönnt dem Kaiser, der den Herrn
Sich nennt der deutschen und der welschen Erde,
Und wie die andern Freien seines Reichs
Sich ihm zu edelm Waffendienst gelobt,
Denn dieses ist der Freien einz’ge Pflicht,
Das Reich zu schirmen, das sie selbst beschirmt.

Melchtal:
Was drüber ist, ist Merkmal eines Knechts.

Stauffacher:
Sie folgten, wenn der Heribann erging,
Dem Reichspanier und schlugen seine Schlachten.
Nach Welschland zogen sie gewappnet mit,
Die Römerkron ihm auf das Haupt zu setzen.
Daheim regierten sie sich fröhlich selbst
Nach altem Brauch und eigenem Gesetz,
Der höchste Blutbann war allein des Kaisers.
Und dazu ward bestellt ein grosser Graf,
Der hatte seinen Sitz nicht in dem Lande,
Wenn Blutschuld kam, so rief man ihn herein,
Und unter offnem Himmel, schlicht und klar,
Sprach er das Recht und ohne Furcht der Menschen.
Wo sind hier Spuren, dass wir Knechte sind?
Ist einer, der es anders weiss, der rede!

Im Hofe:
Nein, so verhält sich alles wie Ihr sprecht,
Gewaltherrschaft ward nie bei uns geduldet.

Stauffacher:
Dem Kaiser selbst versagten wir Gehorsam,
Da er das Recht zugunst der Pfaffen bog.
Denn als die Leute von dem Gotteshaus
Einsiedeln uns die Alp in Anspruch nahmen,
Die wir beweidet seit der Väter Zeit,
Der Abt herfürzog einen alten Brief,
Der ihm die herrenlose Wüste schenkte –
Denn unser Dasein hatte man verhehlt –

Da sprachen wir: »Erschlichen ist der Brief,
Kein Kaiser kann was unser ist verschenken.
Und wird uns Recht versagt vom Reich, wir können
In unsern Bergen auch des Reichs entbehren.«
– So sprachen unsere Väter! Sollen wir
Des neuen Joches Schändlichkeit erdulden,
Erleiden von dem fremden Knecht, was uns
In seiner Macht kein Kaiser durfte bieten?
– Wir haben diesen Boden uns erschaffen
Durch unsrer Hände Fleiss, den alten Wald,
Der sonst der Bären wilde Wohnung war,
Zu einem Sitz für Menschen umgewandelt,
Die Brut des Drachen haben wir getötet,
Der aus den Sümpfen giftgeschwollen stieg,
Die Nebeldecke haben wir zerrissen,
Die ewig grau um diese Wildnis hing,
Den harten Fels gesprengt, über den Abgrund
Dem Wandersmann den sichern Steg geleitet,
Unser ist durch tausendjährigen Besitz
Der Boden – und der fremde Herrenknecht
Soll kommen dürfen und uns Ketten schmieden,
Und Schmach antun auf unsrer eignen Erde?
Ist keine Hülfe gegen solchen Drang?
Eine grosse Bewegung unter den Landleuten.
Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht,
Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden,
Wenn unerträglich wird die Last – greift er
Hinauf getrosten Mutes in den Himmel,
Und holt herunter seine ew’gen Rechte,
Die droben hangen unveräusserlich
Und unzerbrechlich wie die Sterne selbst –
Der alte Urstand der Natur kehrt wieder,
Wo Mensch dem Menschen gegenübersteht –
Zum letzten Mittel, wenn kein andres mehr
Verfangen will, ist ihm das Schwert gegeben –
Der Güter höchstes dürfen wir verteid’gen
Gegen Gewalt – Wir stehn vor unser Land,
Wir stehn vor unsre Weiber, unsre Kinder!

Alle an ihre Schwerter schlagend:
Wir stehn vor unsre Weiber, unsre Kinder!

Rösselmann tritt in den Ring:
Eh ihr zum Schwerte greift, bedenkt es wohl.
Ihr könnt es friedlich mit dem Kaiser schlichten.
Es kostet euch ein Wort und die Tyrannen,
Die euch jetzt schwer bedrängen, schmeicheln euch.
– Ergreift, was man euch oft geboten hat,
Trennt euch vom Reich, erkennet Östreichs Hoheit –

Auf der Mauer:
Was sagt der Pfarrer? Wir zu Östreich schwören!

Am Bühel:
Hört ihn nicht an!

Winkelried:
Das rät uns ein Verräter,
Ein Feind des Landes!

Reding:
Ruhig Eidgenossen!

Sewa:
Wir Östreich huldigen, nach solcher Schmach!

Von der Flüe:
Wir uns abtrotzen lassen durch Gewalt,
Was wir der Güte weigerten!

Meier:
Dann wären
Wir Sklaven und verdienten es zu sein!

Auf der Mauer:
Der sei gestossen aus dem Recht der Schweizer,
Wer von Ergebung spricht an Österreich!
– Landammann, ich bestehe drauf, dies sei
Das erste Landsgesetz, das wir hier geben.

Melchtal:
So sei’s. Wer von Ergebung spricht an Östreich,
Soll rechtlos sein und aller Ehren bar,
Kein Landmann nehm ihn auf an seinem Feuer.

Alle heben die rechte Hand auf:
Wir wollen es, das sei Gesetz!

Reding nach einer Pause:
Es ist’s.

Rösselmann:
Jetzt seid ihr frei, ihr seid’s durch dies Gesetz,
Nicht durch Gewalt soll Österreich ertrotzen
Was es durch freundlich Werben nicht erhielt –

Jost von Weiler:
Zur Tagesordnung, weiter.

Reding:
Eidgenossen!
Sind alle sanften Mittel auch versucht?
Vielleicht weiss es der König nicht, es ist
Wohl gar sein Wille nicht, was wir erdulden.
Auch dieses letzte sollten wir versuchen,
Erst unsre Klage bringen vor sein Ohr,
Eh wir zum Schwerte greifen. Schrecklich immer
Auch in gerechter Sache ist Gewalt,
Gott hilft nur dann, wenn Menschen nicht mehr helfen.

Stauffacher zu Konrad Hunn:
Nun ist’s an Euch, Bericht zu geben. Redet.

Konrad Hunn:
Ich war zu Rheinfeld an des Kaisers Pfalz,
Wider der Vögte harten Druck zu klagen,
Den Brief zu holen unsrer alten Freiheit,
Den jeder neue König sonst bestätigt.
Die Boten vieler Städte fand ich dort,
Vom schwäb’schen Lande und vom Lauf des Rheins,
Die all erhielten ihre Pergamente,
Und kehrten freudig wieder in ihr Land.
Mich, euren Boten, wies man an die Räte,

Und die entliessen mich mit leerem Trost:
»Der Kaiser habe diesmal keine Zeit,
Er würde sonst einmal wohl an uns denken.«
– Und als ich traurig durch die Säle ging
Der Königsburg, da sah ich Herzog Hansen
In einem Erker weinend stehn, um ihn
Die edeln Herrn von Wart und Tegerfeld.
Die riefen mir und sagten: »Helft euch selbst,
Gerechtigkeit erwartet nicht vom König.
Beraubt er nicht des eignen Bruders Kind,
Und hinterhält ihm sein gerechtes Erbe?
Der Herzog fleht‘ ihn um sein Mütterliches,
Er habe seine Jahre voll, es wäre
Nun Zeit, auch Land und Leute zu regieren.
Was ward ihm zum Bescheid? Ein Kränzlein setzt‘ ihm
Der Kaiser auf: das sei die Zier der Jugend.«

Auf der Mauer:
Ihr habt’s gehört. Recht und Gerechtigkeit
Erwartet nicht vom Kaiser! Helft euch selbst!

Reding:
Nichts andres bleibt uns übrig. Nun gebt Rat,
Wie wir es klug zum frohen Ende leiten.

Walther Fürst tritt in den Ring:
Abtreiben wollen wir verhassten Zwang,
Die alten Rechte, wie wir sie ererbt
Von unsern Vätern, wollen wir bewahren,
Nicht ungezügelt nach dem Neuen greifen.
Dem Kaiser bleibe, was des Kaisers ist,
Wer einen Herrn hat, dien ihm pflichtgemäss.

Meier:
Ich trage Gut von Österreich zu Lehen.

Walther Fürst:
Ihr fahret fort, Östreich die Pflicht zu leisten.

Jost von Weiler:
Ich steure an die Herrn von Rappersweil.

Walther Fürst:
Ihr fahret fort, zu zinsen und zu steuern.

Rösselmann:
Der grossen Frau zu Zürch bin ich vereidet.

Walther Fürst:
Ihr gebt dem Kloster was des Klosters ist.

Stauffacher:
Ich trage keine Lehen als des Reichs.

Walther Fürst:
Was sein muss, das geschehe, doch nicht drüber.
Die Vögte wollen wir mit ihren Knechten
Verjagen und die festen Schlösser brechen,
Doch wenn es sein mag, ohne Blut. Es sehe
Der Kaiser, dass wir notgedrungen nur
Der Ehrfurcht fromme Pflichten abgeworfen.
Und sieht er uns in unsern Schranken bleiben,
Vielleicht besiegt er staatsklug seinen Zorn,
Denn bill’ge Furcht erwecket sich ein Volk,
Das mit dem Schwerte in der Faust sich mässigt.

Reding:
Doch lasset hören! Wie vollenden wir’s?
Es hat der Feind die Waffen in der Hand,
Und nicht fürwahr in Frieden wird er weichen.

Stauffacher:
Er wird’s, wenn er in Waffen uns erblickt,
Wir überraschen ihn, eh er sich rüstet.

Meier:
Ist bald gesprochen, aber schwer getan.
Uns ragen in dem Land zwei feste Schlösser,
Die geben Schirm dem Feind und werden furchtbar,
Wenn uns der König in das Land sollt fallen.
Rossberg und Sarnen muss bezwungen sein,
Eh man ein Schwert erhebt in den drei Landen.

Stauffacher:
Säumt man so lang, so wird der Feind gewarnt,
Zu viele sind’s, die das Geheimnis teilen.

Meier:
In den Waldstätten findt sich kein Verräter.

Rösselmann:
Der Eifer auch, der gute, kann verraten.

Walther Fürst:
Schiebt man es auf, so wird der Twing vollendet
In Altdorf und der Vogt befestigt sich.

Meier:
Ihr denkt an euch.

Sigrist:
Und ihr seid ungerecht.

Meier auffahrend:
Wir ungerecht! Das darf uns Uri bieten!

Reding:
Bei eurem Eide! Ruh!

Meier:
Ja, wenn sich Schwyz
Versteht mit Uri, müssen wir wohl schweigen.

Reding:
Ich muss euch weisen vor der Landsgemeinde,
Dass ihr mit heft’gem Sinn den Frieden stört!
Stehn wir nicht alle für dieselbe Sache?

Winkelried:
Wenn wir’s verschieben bis zum Fest des Herrn
Dann bringt’s die Sitte mit, dass alle Sassen
Dem Vogt Geschenke bringen auf das Schloss,
So können zehen Männer oder zwölf
Sich unverdächtig in der Burg versammeln,
Die führen heimlich spitz’ge Eisen mit,
Die man geschwind kann an die Stäbe stecken,
Denn niemand kommt mit Waffen in die Burg.
Zunächst im Wald hält dann der grosse Haufe,
Und wenn die andern glücklich sich des Tors
Ermächtiget, so wird ein Horn geblasen,
Und jene brechen aus dem Hinterhalt,
So wird das Schloss mit leichter Arbeit unser.

Melchtal:
Den Rossberg übernehm ich zu ersteigen,
Denn eine Dirn des Schlosses ist mir hold,
Und leicht betör ich sie, zum nächtlichen
Besuch die schwanke Leiter mir zu reichen,
Bin ich droben erst, zieh ich die Freunde nach.

Reding:
Ist’s aller Will, dass verschoben werde?
Die Mehrheit erhebt die Hand.

Stauffacher zählt die Stimmen:
Es ist ein Mehr von zwanzig gegen zwölf!

Walther Fürst:
Wenn am bestimmten Tag die Burgen fallen,
So geben wir von einem Berg zum andern
Das Zeichen mit dem Rauch, der Landsturm wird
Aufgeboten, schnell, im Hauptort jedes Landes,
Wenn dann die Vögte sehn der Waffen Ernst,
Glaubt mir, sie werden sich des Streits begeben,
Und gern ergreifen friedliches Geleit,
Aus unsern Landesmarken zu entweichen.

Stauffacher:
Nur mit dem Gessler fürcht ich schweren Stand,
Furchtbar ist er mit Reisigen umgeben,
Nicht ohne Blut räumt er das Feld, ja selbst
Vertrieben bleibt er furchtbar noch dem Land,
Schwer ist’s und fast gefährlich, ihn zu schonen.

Baumgarten:
Wo’s halsgefährlich ist, da stellt mich hin,
Dem Tell verdank ich mein gerettet Leben,
Gern schlag ich’s in die Schanze für das Land,
Mein‘ Ehr hab ich beschützt, mein Herz befriedigt.

Reding:
Die Zeit bringt Rat. Erwartet’s in Geduld.
Man muss dem Augenblick auch was vertrauen.
– Doch seht, indes wir nächtlich hier noch tagen,
Stellt auf den höchsten Bergen schon der Morgen
Die glühnde Hochwacht aus – Kommt, lasst uns scheiden,
Eh uns des Tages Leuchten überrascht.

Walther Fürst:
Sorgt nicht, die Nacht weicht langsam aus den Tälern.
Alle haben unwillkürlich die Hüte abgenommen und
betrachten mit stiller Sammlung die Morgenröte.

Rösselmann:
Bei diesem Licht, das uns zuerst begrüsst
Von allen Völkern, die tief unter uns
Schweratmend wohnen in dem Qualm der Städte,
Lasst uns den Eid des neuen Bundes schwören.
– Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern,
In keiner Not uns trennen und Gefahr.
Alle sprechen es nach mit erhobenen drei Fingern.
– Wir wollen frei sein wie die Väter waren,
Eher den Tod, als in der Knechtschaft leben.
Wie oben.
– Wir wollen trauen auf den höchsten Gott
Und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen.
Wie oben. Die Landleute umarmen einander.

Stauffacher:
Jetzt gehe jeder seines Weges still
Zu seiner Freundschaft und Genoßsame,
Wer Hirt ist, wintre ruhig seine Herde,
Und werb im stillen Freunde für den Bund,
– Was noch bis dahin muss erduldet werden,
Erduldet’s! Lasst die Rechnung der Tyrannen
Anwachsen, bis ein Tag die allgemeine
Und die besondre Schuld auf einmal zahlt.
Bezähme jeder die gerechte Wut,
Und spare für das Ganze seine Rache,
Denn Raub begeht am allgemeinen Gut,
Wer selbst sich hilft in seiner eignen Sache.
Indem sie zu drei verschiednen Seiten in grösster Ruhe
abgehen, fällt das Orchester mit einem prachtvollen Schwung
ein, die leere Szene bleibt noch eine Zeitlang offen und zeigt
das Schauspiel der aufgehenden Sonne über den Eisgebirgen.

Dritter Aufzug

Erste Szene

Hof vor Tells Hause. Tell ist mit der Zimmeraxt, Hedwig mit einer häuslichen Arbeit beschäftigt. Walther und Wilhelm in der Tiefe spielen mit einer kleinen Armbrust.

Walther singt:
Mit dem Pfeil, dem Bogen,
Durch Gebirg und Tal
Kommt der Schütz gezogen
Früh am Morgenstrahl.
Wie im Reich der Lüfte
König ist der Weih –
Durch Gebirg und Klüfte
Herrscht der Schütze frei.
Ihm gehört das Weite
Was sein Pfeil erreicht,
Das ist seine Beute,
Was da kreucht und fleugt.
Kommt gesprungen.
Der Strang ist mir entzwei. Mach mir ihn Vater.

Tell:
Ich nicht. Ein rechter Schütze hilft sich selbst.
Knaben entfernen sich.

Hedwig:
Die Knaben fangen zeitig an zu schiessen.

Tell:
Früh übt sich, was ein Meister werden will.

Hedwig:
Ach wollte Gott, sie lernten’s nie!

Tell:
Sie sollen alles lernen. Wer durchs Leben
Sich frisch will schlagen, muss zu Schutz und Trutz
Gerüstet sein.

Hedwig:
Ach, es wird keiner seine Ruh
Zu Hause finden.

Tell:
Mutter, ich kann’s auch nicht,
Zum Hirten hat Natur mich nicht gebildet,
Rastlos muss ich ein flüchtig Ziel verfolgen,
Dann erst geniess ich meines Lebens recht,
Wenn ich mir’s jeden Tag aufs neu erbeute.

Hedwig:
Und an die Angst der Hausfrau denkst du nicht,
Die sich indessen, deiner wartend, härmt,
Denn mich erfüllt’s mit Grausen, was die Knechte
Von euren Wagefahrten sich erzählen.
Bei jedem Abschied zittert mir das Herz,
Dass du mir nimmer werdest wiederkehren.
Ich sehe dich im wilden Eisgebirg,
Verirrt, von einer Klippe zu der andern
Den Fehlsprung tun, seh wie die Gemse dich
Rückspringend mit sich in den Abgrund reisst,
Wie eine Windlawine dich verschüttet,
Wie unter dir der trügerische Firn
Einbricht und du hinabsinkst, ein lebendig
Begrabner, in die schauerliche Gruft –
Ach, den verwegnen Alpenjäger hascht
Der Tod in hundert wechselnden Gestalten,
Das ist ein unglückseliges Gewerb,
Das halsgefährlich führt am Abgrund hin!

Tell:
Wer frisch umherspäht mit gesunden Sinnen,
Auf Gott vertraut und die gelenke Kraft,
Der ringt sich leicht aus jeder Fahr und Not,
Den schreckt der Berg nicht, der darauf geboren.
Er hat seine Arbeit vollendet, legt das Gerät hinweg.
Jetzt, mein ich, hält das Tor auf Jahr und Tag.
Die Axt im Haus erspart den Zimmermann.
Nimmt den Hut.

Hedwig:
Wo gehst du hin?

Tell:
Nach Altdorf, zu dem Vater.

Hedwig:
Sinnst du auch nichts Gefährliches? Gesteh mir’s.

Tell:
Wie kommst du darauf Frau?

Hedwig:
Es spinnt sich etwas
Gegen die Vögte – Auf dem Rütli ward
Getagt, ich weiss, und du bist auch im Bunde.

Tell:
Ich war nicht mit dabei – doch werd ich mich
Dem Lande nicht entziehen, wenn es ruft.

Hedwig:
Sie werden dich hinstellen, wo Gefahr ist,
Das Schwerste wird dein Anteil sein, wie immer.

Tell:
Ein jeder wird besteuert nach Vermögen.

Hedwig:
Den Unterwaldner hast du auch im Sturme
Über den See geschafft – Ein Wunder war’s,
Dass ihr entkommen – Dachtest du denn gar nicht
An Kind und Weib?

Tell:
Lieb Weib, ich dacht‘ an euch,
Drum rettet‘ ich den Vater seinen Kindern.

Hedwig:
Zu schiffen in dem wüt’gen See! Das heisst
Nicht Gott vertrauen! Das heisst Gott versuchen.

Tell:
Wer gar zu viel bedenkt, wird wenig leisten.

Hedwig:
Ja du bist gut und hilfreich, dienest allen,
Und wenn du selbst in Not kommst, hilft dir keiner.

Tell:
Verhüt es Gott, dass ich nicht Hülfe brauche.
Er nimmt die Armbrust und Pfeile.

Hedwig:
Was willst du mit der Armbrust? Lass sie hier.

Tell:
Mir fehlt der Arm, wenn mir die Waffe fehlt.
Die Knaben kommen zurück.

Walther:
Vater, wo gehst du hin?

Tell:
Nach Altdorf, Knabe,
Zum Ehni – Willst du mit?

Walther:
Ja freilich will ich.

Hedwig:
Der Landvogt ist jetzt dort. Bleib weg von Altdorf.

Tell:
Er geht, noch heute.

Hedwig:
Drum lasst ihn erst fort sein.
Gemahn ihn nicht an dich, du weisst, er grollt uns.

Tell:
Mir soll sein böser Wille nicht viel schaden,
Ich tue recht und scheue keinen Feind.

Hedwig:
Die recht tun, eben die hasst er am meisten.

Tell:
Weil er nicht an sie kommen kann – Mich wird
Der Ritter wohl in Frieden lassen, mein ich.

Hedwig:
So, weisst du das?

Tell:
Es ist nicht lange her,
Da ging ich jagen durch die wilden Gründe
Des Schächentals auf menschenleerer Spur,
Und da ich einsam einen Felsensteig
Verfolgte, wo nicht auszuweichen war,
Denn über mir hing schroff die Felswand her,
Und unten rauschte fürchterlich der Schächen,
Die Knaben drängen sich rechts und links an ihn und sehen

mit gespannter Neugier an ihm hinauf:
Da kam der Landvogt gegen mich daher,
Er ganz allein mit mir, der auch allein war,
Bloss Mensch zu Mensch und neben uns der Abgrund.
Und als der Herre mein ansichtig ward,
Und mich erkannte, den er kurz zuvor
Um kleiner Ursach willen schwer gebüsst,
Und sah mich mit dem stattlichen Gewehr
Dahergeschritten kommen, da verblasst‘ er,
Die Knie versagten ihm, ich sah es kommen,
Dass er jetzt an die Felswand würde sinken.
– Da jammerte mich sein, ich trat zu ihm
Bescheidentlich und sprach: »Ich bin’s, Herr Landvogt.«
Er aber konnte keinen armen Laut
Aus seinem Munde geben – Mit der Hand nur
Winkt‘ er mir schweigend, meines Wegs zu gehn,
Da ging ich fort, und sandt ihm sein Gefolge.

Hedwig:
Er hat vor dir gezittert – Wehe dir!
Dass du ihn schwach gesehn, vergibt er nie.

Tell:
Drum meid ich ihn, und er wird mich nicht suchen.

Hedwig:
Bleib heute nur dort weg. Geh lieber jagen.

Tell:
Was fällt dir ein?

Hedwig:
Mich ängstigt’s. Bleibe weg.

Tell:
Wie kannst du dich so ohne Ursach quälen?

Hedwig:
Weil’s keine Ursach hat – Tell, bleibe hier.

Tell:
Ich hab’s versprochen, liebes Weib, zu kommen.

Hedwig:
Musst du, so geh – Nur lasse mir den Knaben!

Walther:
Nein, Mütterchen. Ich gehe mit dem Vater.

Hedwig:
Wälti, verlassen willst du deine Mutter?

Walther:
Ich bring dir auch was Hübsches mit vom Ehni.
Geht mit dem Vater.

Wilhelm:
Mutter, ich bleibe bei dir!

Hedwig umarmt ihn:
Ja, du bist
Mein liebes Kind, du bleibst mir noch allein!
Sie geht an das Hoftor und folgt den Abgehenden lange mit den
Augen.

Zweite Szene

Eine eingeschlossene wilde Waldgegend, Staubbäche stürzen von den Felsen.

Berta im Jagdkleid. Gleich darauf Rudenz.

Berta:
Er folgt mir. Endlich kann ich mich erklären.

Rudenz tritt rasch ein:
Fräulein, jetzt endlich find ich Euch allein,
Abgründe schliessen rings umher uns ein,
In dieser Wildnis fürcht ich keine Zeugen,
Vom Herzen wälz ich dieses lange Schweigen –

Berta:
Seid ihr gewiss, dass uns die Jagd nicht folgt?

Rudenz:
Die Jagd ist dort hinaus – Jetzt oder nie!
Ich muss den teuren Augenblick ergreifen –
Entschieden sehen muss ich mein Geschick,
Und sollt es mich auf ewig von Euch scheiden.
– O waffnet Eure güt’gen Blicke nicht
Mit dieser finstern Strenge – Wer bin ich,
Dass ich den kühnen Wunsch zu Euch erhebe?
Mich hat der Ruhm noch nicht genannt, ich darf
Mich in die Reih nicht stellen mit den Rittern,
Die siegberühmt und glänzend Euch umwerben.
Nichts hab ich als mein Herz voll Treu und Liebe –

Berta ernst und streng:
Dürft Ihr von Liebe reden und von Treue,
Der treulos wird an seinen nächsten Pflichten?
Rudenz tritt zurück.
Der Sklave Österreichs, der sich dem Fremdling
Verkauft, dem Unterdrücker seines Volks?

Rudenz:
Von Euch, mein Fräulein, hör ich diesen Vorwurf?
Wen such ich denn, als Euch auf jener Seite?

Berta:
Mich denkt Ihr auf der Seite des Verrats
Zu finden? Eher wollt ich meine Hand
Dem Gessler selbst, dem Unterdrücker schenken,
Als dem naturvergessnen Sohn der Schweiz,
Der sich zu seinem Werkzeug machen kann!

Rudenz:
O Gott, was muss ich hören!

Berta:
Wie? Was liegt
Dem guten Menschen näher als die Seinen?
Gibt’s schönre Pflichten für ein edles Herz,
Als ein Verteidiger der Unschuld sein,
Das Recht des Unterdrückten zu beschirmen?
– Die Seele blutet mir um Euer Volk,
Ich leide mit ihm, denn ich muss es lieben,
Das so bescheiden ist und doch voll Kraft,
Es zieht mein ganzes Herz mich zu ihm hin,
Mit jedem Tage lern ich’s mehr verehren.
– Ihr aber, den Natur und Ritterpflicht
Ihm zum geborenen Beschützer gaben,
Und der’s verlässt, der treulos übertritt
Zum Feind, und Ketten schmiedet seinem Land,
Ihr seid’s, der mich verletzt und kränkt, ich muss
Mein Herz bezwingen, dass ich Euch nicht hasse.

Rudenz:
Will ich denn nicht das Beste meines Volks?
Ihm unter Östreichs mächt’gem Zepter nicht
Den Frieden –

Berta:
Knechtschaft wollt Ihr ihm bereiten!
Die Freiheit wollt Ihr aus dem letzten Schloss,
Das ihr noch auf der Erde blieb, verjagen.
Das Volk versteht sich besser auf sein Glück,
Kein Schein verführt sein sicheres Gefühl,
Euch haben sie das Netz ums Haupt geworfen –

Rudenz:
Berta! Ihr hasst mich, Ihr verachtet mich!

Berta:
Tät ich’s, mir wäre besser – Aber den
Verachtet sehen und verachtungswert,
Den man gern lieben möchte –

Rudenz:
Berta! Berta!
Ihr zeiget mir das höchste Himmelsglück,
Und stürzt mich tief in einem Augenblick.

Berta:
Nein, nein, das Edle ist nicht ganz erstickt
In Euch! Es schlummert nur, ich will es wecken,
Ihr müsst Gewalt ausüben an Euch selbst,
Die angestammte Tugend zu ertöten,
Doch wohl Euch, sie ist mächtiger als Ihr,
Und trotz Euch selber seid Ihr gut und edel!

Rudenz:
Ihr glaubt an mich! O Berta, alles lässt
Mich Eure Liebe sein und werden!

Berta:
Seid
Wozu die herrliche Natur Euch machte!
Erfüllt den Platz, wohin sie Euch gestellt,
Zu Eurem Volke steht und Eurem Lande,
Und kämpft für Euer heilig Recht.

Rudenz:
Weh mir!
Wie kann ich Euch erringen, Euch besitzen,
Wenn ich der Macht des Kaisers widerstrebe?
Ist’s der Verwandten mächt’ger Wille nicht,
Der über Eure Hand tyrannisch waltet?

Berta:
In den Waldstätten liegen meine Güter,
Und ist der Schweizer frei, so bin auch ich’s.

Rudenz:
Berta! welch einen Blick tut Ihr mir auf!

Berta:
Hofft nicht durch Östreichs Gunst mich zu erringen,
Nach meinem Erbe strecken sie die Hand,
Das will man mit dem grossen Erb vereinen.
Dieselbe Ländergier, die Eure Freiheit
Verschlingen will, sie drohet auch der meinen!
– O Freund, zum Opfer bin ich ausersehn,
Vielleicht um einen Günstling zu belohnen –
Dort wo die Falschheit und die Ränke wohnen,
Hin an den Kaiserhof will man mich ziehn,
Dort harren mein verhasster Ehe Ketten,
Die Liebe nur – die Eure kann mich retten!

Rudenz:
Ihr könntet Euch entschliessen, hier zu leben,
In meinem Vaterlande mein zu sein?
O Berta, all mein Sehnen in das Weite,
Was war es, als ein Streben nur nach Euch?
Euch sucht‘ ich einzig auf dem Weg des Ruhms,
Und all mein Ehrgeiz war nur meine Liebe.
Könnt Ihr mit mir Euch in dies stille Tal
Einschliessen und der Erde Glanz entsagen –
O dann ist meines Strebens Ziel gefunden,
Dann mag der Strom der wildbewegten Welt
Ans sichre Ufer dieser Berge schlagen –
Kein flüchtiges Verlangen hab ich mehr
Hinauszusenden in des Lebens Weiten –
Dann mögen diese Felsen um uns her
Die undurchdringlich feste Mauer breiten,
Und dies verschlossne sel’ge Tal allein
Zum Himmel offen und gelichtet sein!

Berta:
Jetzt bist du ganz, wie dich mein ahnend Herz
Geträumt, mich hat mein Glaube nicht betrogen!

Rudenz:
Fahr hin, du eitler Wahn, der mich betört!
Ich soll das Glück in meiner Heimat finden.
Hier wo der Knabe fröhlich aufgeblüht,
Wo tausend Freudespuren mich umgeben,
Wo alle Quellen mir und Bäume leben,
Im Vaterland willst du die Meine werden!
Ach, wohl hab ich es stets geliebt! Ich fühl’s,
Es fehlte mir zu jedem Glück der Erden.

Berta:
Wo wär die sel’ge Insel aufzufinden,
Wenn sie nicht hier ist in der Unschuld Land?
Hier, wo die alte Treue heimisch wohnt,
Wo sich die Falschheit noch nicht hingefunden,
Da trübt kein Neid die Quelle unsers Glücks,
Und ewig hell entfliehen uns die Stunden.
– Da seh ich dich im echten Männerwert,
Den Ersten von den Freien und den Gleichen,
Mit reiner freier Huldigung verehrt,
Gross wie ein König wirkt in seinen Reichen.

Rudenz:
Da seh ich dich, die Krone aller Frauen,
In weiblich reizender Geschäftigkeit,
In meinem Haus den Himmel mir erbauen,
Und, wie der Frühling seine Blumen streut,
Mit schöner Anmut mir das Leben schmücken,
Und alles rings beleben und beglücken!

Berta:
Sieh, teurer Freund, warum ich trauerte,
Als ich dies höchste Lebensglück dich selbst
Zerstören sah – Weh mir! Wie stünd’s um mich,
Wenn ich dem stolzen Ritter müsste folgen,
Dem Landbedrücker auf sein finstres Schloss!
– Hier ist kein Schloss. Mich scheiden keine Mauern
Von einem Volk, das ich beglücken kann!

Rudenz:
Doch wie mich retten – wie die Schlinge lösen,
Die ich mir töricht selbst ums Haupt gelegt?

Berta:
Zerreisse sie mit männlichem Entschluss!
Was auch draus werde – Steh zu deinem Volk,
Es ist dein angeborner Platz. (Jagdhörner in der Ferne.)
Die Jagd
Kommt näher – Fort, wir müssen scheiden – Kämpfe
Fürs Vaterland, du kämpfst für deine Liebe!
Es ist ein Feind, vor dem wir alle zittern,
Und eine Freiheit macht uns alle frei!
Gehen ab.

Dritte Szene

Wiese bei Altdorf. Im Vordergrund Bäume, in der Tiefe der Hut auf einer Stange. Der Prospekt wird begrenzt durch den Bannberg, über welchem ein Schneegebirg emporragt.

Friesshardt und Leuthold halten Wache.

Friesshardt:
Wir passen auf umsonst. Es will sich niemand
Heranbegeben und dem Hut sein‘ Reverenz
Erzeigen. ’s war doch sonst wie Jahrmarkt hier,
Jetzt ist der ganze Anger wie verödet,
Seitdem der Popanz auf der Stange hängt.

Leuthold:
Nur schlecht Gesindel lässt sich sehn und schwingt
Uns zum Verdriesse die zerlumpten Mützen.
Was rechte Leute sind, die machen lieber
Den langen Umweg um den halben Flecken,
Eh sie den Rücken beugten vor dem Hut.

Friesshardt:
Sie müssen über diesen Platz, wenn sie
Vom Rathaus kommen um die Mittagstunde.
Da meint‘ ich schon, ’nen guten Fang zu tun,
Denn keiner dachte dran, den Hut zu grüssen.
Da sieht’s der Pfaff, der Rösselman – kam just
Von einem Kranken her – und stellt sich hin
Mit dem Hochwürdigen, grad vor die Stange –
Der Sigrist musste mit dem Glöcklein schellen,
Da fielen all aufs Knie, ich selber mit,
Und grüssten die Monstranz, doch nicht den Hut. –

Leuthold:
Höre Gesell, es fängt mir an zu deuchten,
Wir stehen hier am Pranger vor dem Hut,
’s ist doch ein Schimpf für einen Reitersmann,
Schildwach zu stehn vor einem leeren Hut –
Und jeder rechte Kerl muss uns verachten.
– Die Reverenz zu machen einem Hut,
Es ist doch traun! Ein närrischer Befehl!

Friesshardt:
Warum nicht einem leeren hohlen Hut?
Bückst du dich doch vor manchem hohlen Schädel.
Hildegard, Mechthild und Elsbeth treten
auf mit Kindern und stellen sich um die Stange.

Leuthold:
Und du bist auch so ein dienstfert’ger Schurke,
Und brächtest wackre Leute gern ins Unglück.
Mag, wer da will, am Hut vorübergehn,
Ich drück die Augen zu und seh nicht hin.

Mechthild:
Da hängt der Landvogt – Habt Respekt, ihr Buben.

Elsbeth:
Wollt’s Gott, er ging und liess uns seinen Hut,
Es sollte drum nicht schlechter stehn ums Land!

Friesshardt verscheucht sie:
Wollt ihr vom Platz? Verwünschtes Volk der Weiber!
Wer fragt nach euch? Schickt eure Männer her,
Wenn sie der Mut sticht, dem Befehl zu trotzen.
Weiber gehen.
Tell mit der Armbrust tritt auf, den Knaben an der Hand
führend. Sie gehen an dem Hut vorbei gegen die vordere Szene,
ohne darauf zu achten.

Walther zeigt nach dem Bannberg:
Vater ist’s wahr, dass auf dem Berge dort
Die Bäume bluten, wenn man einen Streich
Drauf führte mit der Axt?

Tell:
Wer sagt das Knabe?

Walther:
Der Meister Hirt erzählt’s – Die Bäume seien
Gebannt, sagt er, und wer sie schädige,
Dem wachse seine Hand heraus zum Grabe.

Tell:
Die Bäume sind gebannt, das ist die Wahrheit.
– Siehst du die Firnen dort, die weissen Hörner,
Die hoch bis in den Himmel sich verlieren?

Walther:
Das sind die Gletscher, die des Nachts so donnern,
Und uns die Schlaglawinen niedersenden.

Tell:
So ist’s, und die Lawinen hätten längst
Den Flecken Altdorf unter ihrer Last
Verschüttet, wenn der Wald dort oben nicht
Als eine Landwehr sich dagegenstellte.

Walther nach einigem Besinnen:
Gibt’s Länder, Vater, wo nicht Berge sind?

Tell:
Wenn man hinuntersteigt von unsern Höhen,
Und immer tiefer steigt, den Strömen nach,
Gelangt man in ein grosses ebnes Land,
Wo die Waldwasser nicht mehr brausend schäumen,
Die Flüsse ruhig und gemächlich ziehn,
Da sieht man frei nach allen Himmelsräumen,
Das Korn wächst dort in langen schönen Auen,
Und wie ein Garten ist das Land zu schauen.

Walther:
Ei Vater, warum steigen wir denn nicht
Geschwind hinab in dieses schöne Land,
Statt dass wir uns hier ängstigen und plagen?

Tell:
Das Land ist schön und gütig wie der Himmel,
Doch die’s bebauen, sie geniessen nicht
Den Segen, den sie pflanzen.

Walther:
Wohnen sie
Nicht frei wie du auf ihrem eignen Erbe?

Tell:
Das Feld gehört dem Bischof und dem König.

Walther:
So dürfen sie doch frei in Wäldern jagen?

Tell:
Dem Herrn gehört das Wild und das Gefieder.

Walther:
Sie dürfen doch frei fischen in dem Strom?

Tell:
Der Strom, das Meer, das Salz gehört dem König.

Walther:
Wer ist der König denn, den alle fürchten?

Tell:
Es ist der eine, der sie schützt und nährt.

Walther:
Sie können sich nicht mutig selbst beschützen?

Tell:
Dort darf der Nachbar nicht dem Nachbar trauen.

Walther:
Vater, es wird mir eng im weiten Land,
Da wohn ich lieber unter den Lawinen.

Tell:
Ja wohl ist’s besser, Kind, die Gletscherberge
Im Rücken zu haben, als die bösen Menschen.
Sie wollen vorübergehen.

Walther:
Ei Vater, sieh den Hut dort auf der Stange.

Tell:
Was kümmert uns der Hut? Komm, lass uns gehen.
Indem er abgehen will, tritt ihm Friesshardt mit vorgehaltner
Pike entgegen.

Friesshardt:
In des Kaisers Namen! Haltet an und steht!

Tell greift in die Pike:
Was wollt Ihr? Warum haltet Ihr mich auf?

Friesshardt:
Ihr habt’s Mandat verletzt, Ihr müsst uns folgen.

Leuthold:
Ihr habt dem Hut nicht Reverenz bewiesen.

Tell:
Freund, lass mich gehen.

Friesshardt:
Fort, fort ins Gefängnis!

Walther:
Den Vater ins Gefängnis! Hülfe! Hülfe!

In die Szene rufend:
Herbei, ihr Männer, gute Leute helft,
Gewalt, Gewalt, sie führen ihn gefangen.
Rösselmann der Pfarrer und Petermann der
Sigrist, kommen herbei, mit drei andern Männern.

Sigrist:
Was gibt’s?

Rösselmann:
Was legst du Hand an diesen Mann?

Friesshardt:
Er ist ein Feind des Kaisers, ein Verräter!

Tell fasst ihn heftig:
Ein Verräter, ich!

Rösselmann:
Du irrst dich Freund, das ist
Der Tell, ein Ehrenmann und guter Bürger.

Walther erblickt Walther Fürsten und eilt ihm entgegen:
Grossvater hilf, Gewalt geschieht dem Vater.

Friesshardt:
Ins Gefängnis, fort!

Walther Fürst herbeieilend:
Ich leiste Bürgschaft, haltet!
– Um Gottes willen, Tell, was ist geschehen?
Melchtal und Stauffacher kommen.

Friesshardt:
Des Landvogts oberherrliche Gewalt
Verachtet er, und will sie nicht erkennen.

Stauffacher:
Das hätt der Tell getan?

Melchtal:
Das lügst du Bube!

Leuthold:
Er hat dem Hut nicht Reverenz bewiesen.

Walther Fürst:
Und darum soll er ins Gefängnis? Freund,
Nimm meine Bürgschaft an und lass ihn ledig.

Friesshardt:
Bürg du für dich und deinen eignen Leib!
Wir tun, was unsers Amtes – Fort mit ihm!

Melchtal zu den Landleuten:
Nein, das ist schreiende Gewalt! Ertragen wir’s,
Dass man ihn fortführt, frech, vor unsern Augen?

Sigrist:
Wir sind die Stärkern, Freunde, duldet’s nicht,
Wir haben einen Rücken an den andern!

Friesshardt:
Wer widersetzt sich dem Befehl des Vogts?

Noch drei Landleute herbeieilend:
Wir helfen euch. Was gibt’s? Schlagt sie zu Boden.
Hildegard, Mechthild und Elsbeth kommen
zurück.

Tell:
Ich helfe mir schon selbst. Geht, gute Leute,
Meint ihr, wenn ich die Kraft gebrauchen wollte,
Ich würde mich vor ihren Spiessen fürchten?

Melchtal zu Friesshardt:
Wag’s, ihn aus unsrer Mitte wegzuführen!

Walther Fürst und Stauffacher:
Gelassen! Ruhig!

Friesshardt schreit:
Aufruhr und Empörung!
Man hört Jagdhörner.

Weiber:
Da kommt der Landvogt!

Friesshardt erhebt die Stimme:
Meuterei! Empörung!

Stauffacher:
Schrei, bis du berstest, Schurke!

Rösselmann und Melchtal:
Willst du schweigen?

Friesshardt ruft noch lauter:
Zu Hülf, zu Hülf den Dienern des Gesetzes.

Walther Fürst:
Da ist der Vogt! Weh uns, was wird das werden!

Gessler zu Pferd, den Falken auf der Faust, Rudolf der Harras, Berta und Rudenz, ein grosses Gefolge von bewaffneten Knechten, welche einen Kreis von Piken um die ganze Szene schliessen.

Rudolf der Harras:
Platz, Platz dem Landvogt!

Gessler:
Treibt sie auseinander!
Was läuft das Volk zusammen? Wer ruft Hilfe?

Allgemeine Stille.

Wer war’s? Ich will es wissen. (Zu Friesshardt:) Du tritt vor!
Wer bist du und was hältst du diesen Mann?
Er gibt den Falken einem Diener.

Friesshardt:
Gestrenger Herr, ich bin dein Waffenknecht
Und wohlbestellter Wächter bei dem Hut.
Diesen Mann ergriff ich über frischer Tat,
Wie er dem Hut den Ehrengruss versagte.
Verhaften wollt ich ihn, wie du befahlst,
Und mit Gewalt will ihn das Volk entreissen.

Gessler nach einer Pause:
Verachtest du so deinen Kaiser, Tell,
Und mich, der hier an seiner Statt gebietet,
Dass du die Ehr versagst dem Hut, den ich
Zur Prüfung des Gehorsams aufgehangen?
Dein böses Trachten hast du mir verraten.

Tell:
Verzeiht mir lieber Herr! Aus Unbedacht,
Nicht aus Verachtung Eurer ist’s geschehn,
Wär ich besonnen, hiess ich nicht der Tell,
Ich bitt um Gnad, es soll nicht mehr begegnen.

Gessler nach einigem Stillschweigen:
Du bist ein Meister auf der Armbrust, Tell,
Man sagt, du nähmst es auf mit jedem Schützen?

Walther Tell:
Und das muss wahr sein, Herr – ’nen Apfel schiesst
Der Vater dir vom Baum auf hundert Schritte.

Gessler:
Ist das dein Knabe, Tell?

Tell:
Ja, lieber Herr.

Gessler:
Hast du der Kinder mehr?

Tell:
Zwei Knaben, Herr.
Gessler

Und welcher ist’s, den du am meisten liebst?

Tell:
Herr, beide sind sie mir gleich liebe Kinder.

Gessler:
Nun Tell! Weil du den Apfel triffst vom Baume
Auf hundert Schritte, so wirst du deine Kunst
Vor mir bewähren müssen – Nimm die Armbrust –
Du hast sie gleich zur Hand – und mach dich fertig,
Einen Apfel von des Knaben Kopf zu schiessen –
Doch will ich raten, ziele gut, dass du
Den Apfel treffest auf den ersten Schuss,
Denn fehlst du ihn, so ist dein Kopf verloren.
Alle geben Zeichen des Schreckens.

Tell:
Herr – Welches Ungeheure sinnet Ihr
Mir an – Ich soll vom Haupte meines Kindes –
– Nein, nein doch, lieber Herr, das kömmt Euch nicht
Zu Sinn – Verhüt’s der gnäd’ge Gott – das könnt ihr
Im Ernst von einem Vater nicht begehren!

Gessler:
Du wirst den Apfel schiessen von dem Kopf
Des Knaben – Ich begehr’s und will’s.

Tell:
Ich soll
Mit meiner Armbrust auf das liebe Haupt
Des eignen Kindes zielen – Eher sterb‘ ich!

Gessler:
Du schiesst oder stirbst mit deinem Knaben.

Tell:
Ich soll der Mörder werden meines Kinds!
Herr, Ihr habt keine Kinder – wisset nicht,
Was sich bewegt in eines Vaters Herzen.

Gessler:
Ei Tell, du bist ja plötzlich so besonnen!
Man sagte mir, dass du ein Träumer seist,
Und dich entfernst von andrer Menschen Weise.
Du liebst das Seltsame – Drum hab ich jetzt
Ein eigen Wagstück für dich ausgesucht.
Ein andrer wohl bedächte sich – Du drückst
Die Augen zu, und greifst es herzhaft an.

Berta:
Scherzt nicht, o Herr! mit diesen armen Leuten!
Ihr seht sie bleich und zitternd stehn – So wenig
Sind sie Kurzweils gewohnt aus Eurem Munde.

Gessler:
Wer sagt Euch, dass ich scherze?
Greift nach einem Baumzweige, der über ihn herhängt.
Hier ist der Apfel.
Man mache Raum – Er nehme seine Weite,
Wie’s Brauch ist – Achtzig Schritte geb ich ihm –
Nicht weniger, noch mehr – Er rühmte sich,
Auf ihrer hundert seinen Mann zu treffen –
Jetzt Schütze triff, und fehle nicht das Ziel!

Rudolf der Harras:
Gott, das wird ernsthaft – Falle nieder Knabe,
Es gilt, und fleh den Landvogt um dein Leben.

Walther Fürst beiseite zu Melchtal, der kaum seine Ungeduld bezwingt:
Haltet an Euch, ich fleh Euch drum, bleibt ruhig.

Berta zum Landvogt:
Lasst es genug sein Herr! Unmenschlich ist’s,
Mit eines Vaters Angst also zu spielen.
Wenn dieser arme Mann auch Leib und Leben
Verwirkt durch seine leichte Schuld, bei Gott!
Er hätte jetzt zehnfachen Tod empfunden.
Entlasst ihn ungekränkt in seine Hütte,
Er hat Euch kennen lernen, dieser Stunde
Wird er und seine Kindeskinder denken.

Gessler:
Öffnet die Gasse – Frisch! Was zauderst du?
Dein Leben ist verwirkt, ich kann dich töten,
Und sieh, ich lege gnädig dein Geschick
In deine eigne kunstgeübte Hand.
Der kann nicht klagen über harten Spruch,
Den man zum Meister seines Schicksals macht.
Du rühmst dich deines sichern Blicks! Wohlan!
Hier gilt es, Schütze, deine Kunst zu zeigen,
Das Ziel ist würdig und der Preis ist gross!
Das Schwarze treffen in der Scheibe, das
Kann auch ein andrer, der ist mir der Meister,
Der seiner Kunst gewiss ist überall,
Dem’s Herz nicht in die Hand tritt noch ins Auge.

Walther Fürst wirft sich vor ihm nieder:
Herr Landvogt, wir erkennen Eure Hoheit,
Doch lasset Gnad vor Recht ergehen, nehmt
Die Hälfte meiner Habe, nehmt sie ganz,
Nur dieses Grässliche erlasset einem Vater!

Walther Tell:
Grossvater, knie nicht vor dem falschen Mann!
Sagt, wo ich hinstehn soll, ich fürcht mich nicht,
Der Vater trifft den Vogel ja im Flug,
Er wird nicht fehlen auf das Herz des Kindes.

Stauffacher:
Herr Landvogt, rührt Euch nicht des Kindes Unschuld?

Rösselmann:
O denket, dass ein Gott im Himmel ist,
Dem Ihr müsst Rede stehn für Eure Taten.

Gessler zeigt auf den Knaben:
Man bind ihn an die Linde dort!

Walther Tell:
Mich binden!
Nein, ich will nicht gebunden sein. Ich will
Stillhalten, wie ein Lamm und auch nicht atmen.
Wenn ihr mich bindet, nein, so kann ich’s nicht,
So werd ich toben gegen meine Bande.

Rudolf der Harras:
Die Augen nur lass dir verbinden, Knabe.

Walther Tell:
Warum die Augen? Denket Ihr, ich fürchte
Den Pfeil von Vaters Hand? Ich will ihn fest
Erwarten, und nicht zucken mit den Wimpern.
– Frisch Vater, zeig’s, dass du ein Schütze bist,
Er glaubt dir’s nicht, er denkt uns zu verderben –
Dem Wütrich zum Verdrusse, schiess und triff.
Er geht an die Linde, man legt ihm den Apfel auf.

Melchtal zu den Landleuten:
Was? Soll der Frevel sich vor unsern Augen
Vollenden? Wozu haben wir geschworen?

Stauffacher:
Es ist umsonst. Wir haben keine Waffen,
Ihr seht den Wald von Lanzen um uns her.

Melchtal:
O hätten wir’s mit frischer Tat vollendet,
Verzeih’s Gott denen, die zum Aufschub rieten!

Gessler zum Tell:
Ans Werk! Man führt die Waffen nicht vergebens.
Gefährlich ist’s, ein Mordgewehr zu tragen,
Und auf den Schützen springt der Pfeil zurück.
Dies stolze Recht, das sich der Bauer nimmt,
Beleidigt den höchsten Herrn des Landes.
Gewaffnet sei niemand, als wer gebietet.
Freut’s Euch, den Pfeil zu führen und den Bogen,
Wohl, so will ich das Ziel Euch dazu geben.

Tell spannt die Armbrust und legt den Pfeil auf:
Öffnet die Gasse!, Platz!

Stauffacher:
Was Tell? Ihr wolltet – Nimmermehr – Ihr zittert,
Die Hand erbebt Euch, Eure Kniee wanken –

Tell lässt die Armbrust sinken:
Mir schwimmt es vor den Augen!

Weiber:
Gott im Himmel!

Tell zum Landvogt:
Erlasset mir den Schuss. Hier ist mein Herz!
Er reisst die Brust auf.
Ruft Eure Reisigen und stosst mich nieder.

Gessler:
Ich will dein Leben nicht, ich will den Schuss.
– Du kannst ja alles, Tell, an nichts verzagst du,
Das Steuerruder führst du wie den Bogen,
Dich schreckt kein Sturm, wenn es zu retten gilt,
Jetzt Retter hilf dir selbst – du rettest alle!

Tell steht in fürchterlichem Kampf, mit beiden Händen zuckend, und die rollenden Augen bald auf den Landvogt, bald zum Himmel gerichtet – Plötzlich greift er in seinen Köcher, nimmt einen zweiten Pfeil heraus und steckt ihn in seinen Goller. Der Landvogt bemerkt alle diese Bewegungen.

Walther Tell unter der Linde:
Vater schiess zu, ich fürcht mich nicht.

Tell:
Es muss!
Er rafft sich zusammen und legt an.
Rudenz der die ganze Zeit über in der heftigsten

Spannung gestanden und mit Gewalt an sich gehalten tritt hervor:
Herr Landvogt, weiter werdet Ihr’s nicht treiben,
Ihr werdet nicht – Es war nur eine Prüfung –
Den Zweck habt Ihr erreicht – Zu weit getrieben
Verfehlt die Strenge ihres weisen Zwecks,
Und allzu straff gespannt zerspringt der Bogen.

Gessler:
Ihr schweigt, bis man Euch aufruft.

Rudenz:
Ich will reden,
Ich darf’s, des Königs Ehre ist mir heilig,
Doch solches Regiment muss Hass erwerben.
Das ist des Königs Wille nicht – Ich darf’s
Behaupten – Solche Grausamkeit verdient
Mein Volk nicht, dazu habt Ihr keine Vollmacht.

Gessler:
Ha, Ihr erkühnt Euch!

Rudenz:
Ich hab stillgeschwiegen
Zu allen schweren Taten, die ich sah,
Mein sehend Auge hab ich zugeschlossen,
Mein überschwellend und empörtes Herz
Hab ich hinabgedrückt in meinen Busen.
Doch länger schweigen wär Verrat zugleich
An meinem Vaterland und an dem Kaiser.

Berta wirft sich zwischen ihn und den Landvogt:
O Gott, Ihr reizt den Wütenden noch mehr.

Rudenz:
Mein Volk verliess ich, meinen Blutsverwandten
Entsagt ich, alle Bande der Natur
Zerriss ich, um an Euch mich anzuschliessen –
Das Beste aller glaubt‘ ich zu befördern,
Da ich des Kaisers Macht befestigte –
Die Binde fällt von meinen Augen – Schaudernd
Seh ich an einen Abgrund mich geführt –
Mein freies Urteil habt Ihr irrgeleitet,
Mein redlich Herz verführt – Ich war daran,
Mein Volk in bester Meinung zu verderben.

Gessler:
Verwegner, diese Sprache deinem Herrn?

Rudenz:
Der Kaiser ist mein Herr, nicht Ihr – Frei bin ich
Wie Ihr geboren, und ich messe mich
Mit Euch in jeder ritterlichen Tugend.
Und stündet Ihr nicht hier in Kaisers Namen,
Den ich verehre, selbst wo man ihn schändet,
Den Handschuh wärf ich vor Euch hin, Ihr solltet
Nach ritterlichem Brauch mir Antwort geben.
– Ja winkt nur Euren Reisigen – Ich stehe

Nicht wehrlos da, wie die – Auf das Volk zeigend: Ich
hab ein Schwert,
Und wer mir naht –

Stauffacher ruft:
Der Apfel ist gefallen!
Indem sich alle nach dieser Seite gewendet und Berta zwischen
Rudenz und den Landvogt sich geworfen, hat Tell den Pfeil abgedrückt.

Rösselmann:
Der Knabe lebt!

Viele Stimmen:
Der Apfel ist getroffen!
Walther Fürst schwankt und droht zu sinken, Berta hält ihn.

Gessler erstaunt:
Er hat geschossen? Wie? der Rasende!

Berta:
Der Knabe lebt! kommt zu Euch, guter Vater!

Walther Tell kommt mit dem Apfel gesprungen:
Vater, hier ist der Apfel – Wusst ich’s ja,
Du würdest deinen Knaben nicht verletzen.
Tell stand mit vorgebognem Leib, als wollt er dem Pfeil folgen
– die Armbrust entsinkt seiner Hand – wie er den Knaben kommen
sieht, eilt er ihm mit ausgebreiteten Armen entgegen, und hebt
ihn mit heftiger Inbrunst zu seinem Herzen hinauf, in dieser Stellung
sinkt er kraftlos zusammen. Alle stehen gerührt.

Berta:
O güt’ger Himmel!

Walther Fürst zu Vater und Sohn:
Kinder! meine Kinder!

Stauffacher:
Gott sei gelobt!

Leuthold:
Das war ein Schuss! Davon
Wird man noch reden in den spätsten Zeiten.

Rudolf der Harras:
Erzählen wird man von dem Schützen Tell,
Solang die Berge stehn auf ihrem Grunde.
Reicht dem Landvogt den Apfel.

Gessler:
Bei Gott! der Apfel mitten durchgeschossen!
Es war ein Meisterschuss, ich muss ihn loben.

Rösselmann:
Der Schuss war gut, doch wehe dem, der ihn
Dazu getrieben, dass er Gott versuchte.

Stauffacher:
Kommt zu Euch, Tell, steht auf, Ihr habt Euch männlich
Gelöst, und frei könnt Ihr nach Hause gehen.

Rösselmann:
Kommt, kommt und bringt der Mutter ihren Sohn.
Sie wollen ihn wegführen.

Gessler:
Tell, höre!

Tell kommt zurück:
Was befiehlt Ihr, Herr?

Gessler:
Du stecktest
Noch einen zweiten Pfeil zu dir – Ja, ja,
Ich sah es wohl – Was meintest du damit?

Tell verlegen:
Herr, das ist also bräuchlich bei den Schützen.

Gessler:
Nein, Tell, die Antwort lass ich dir nicht gelten,
Es wird was anders wohl bedeutet haben.
Sag mir die Wahrheit frisch und fröhlich, Tell,
Was es auch sei, dein Leben sichr‘ ich dir.
Wozu der zweite Pfeil?

Tell:
Wohlan, o Herr,
Weil Ihr mich meines Lebens habt gesichert,
So will ich Euch die Wahrheit gründlich sagen.
Er zieht den Pfeil aus dem Goller und sieht den Landvogt mit
einem furchtbaren Blick an.
Mit diesem zweiten Pfeil durchschoss ich – Euch,
Wenn ich mein liebes Kind getroffen hätte,
Und Eurer – wahrlich! hätt ich nicht gefehlt.

Gessler:
Wohl, Tell! Des Lebens hab ich dich gesichert,
Ich gab mein Ritterwort, das will ich halten –
Doch weil ich deinen bösen Sinn erkannt,
Will ich dich führen lassen und verwahren,
Wo weder Mond noch Sonne dich bescheint,
Damit ich sicher sei vor deinen Pfeilen.
Ergreift ihn, Knechte! Bindet ihn!
Tell wird gebunden.

Stauffacher:
Wie, Herr?
So könntet Ihr an einem Manne handeln,
An dem sich Gottes Hand sichtbar verkündigt?

Gessler:
Lass sehn, ob sie ihn zweimal retten wird.
– Man bring ihn auf mein Schiff, ich folge nach
Sogleich, ich selbst will ihn nach Küssnacht führen.

Rösselmann:
Ihr wollt ihn ausser Lands gefangen führen?

Landleute:
Das dürft Ihr nicht, das darf der Kaiser nicht,
Das widerstreitet unsern Freiheitsbriefen!

Gessler:
Wo sind sie? Hat der Kaiser sie bestätigt?
Er hat sie nicht bestätigt – Diese Gunst
Muss erst erworben werden durch Gehorsam.
Rebellen seid ihr alle gegen Kaisers
Gericht und nährt verwegene Empörung.
Ich kenn euch alle – ich durchschau euch ganz –
Den nehm ich jetzt heraus aus eurer Mitte,
Doch alle seid ihr teilhaft seiner Schuld,
Wer klug ist, lerne schweigen und gehorchen.
Er entfernt sich, Berta, Rudenz, Harras und Knechte folgen,
Friesshardt und Leuthold bleiben zurück.

Walther Fürst in heftigem Schmerz:
Es ist vorbei, er hat’s beschlossen, mich
Mit meinem ganzen Hause zu verderben!

Stauffacher zum Tell:
O warum musstet Ihr den Wütrich reizen!

Tell:
Bezwinge sich, wer meinen Schmerz gefühlt!

Stauffacher:
O nun ist alles, alles hin! Mit Euch
Sind wir gefesselt alle und gebunden!

Landleute umringen den Tell:
Mit Euch geht unser letzter Trost dahin!

Leuthold nähert sich:
Tell, es erbarmt mich – doch ich muss gehorchen.

Tell:
Lebt wohl!

Walther Tell sich mit heftigem Schmerz an ihn schmiegend:
O Vater! Vater! Lieber Vater!

Tell hebt die Arme zum Himmel:
Dort droben ist dein Vater! den ruf an!

Stauffacher:
Tell, sag ich Eurem Weibe nichts von Euch?

Tell hebt den Knaben mit Inbrunst an seine Brust:
Der Knab ist unverletzt, mir wird Gott helfen.
Reisst sich schnell los und folgt den Waffenknechten.

Vierter Aufzug

Erste Szene

Östliches Ufer des Vierwaldstättersees. Die seltsam gestalteten schroffen Felsen im Westen schliessen den Prospekt. Der See ist bewegt, heftiges Rauschen und Tosen, dazwischen Blitze und Donnerschläge.

Kunz von Gersau, Fischer und Fischerknabe.

Kunz:
Ich sah’s mit Augen an, Ihr könnt mir’s glauben,
’s ist alles so geschehn, wie ich Euch sagte.

Fischer:
Der Tell gefangen abgeführt nach Küssnacht,
Der beste Mann im Land, der bravste Arm,
Wenn’s einmal gelten sollte für die Freiheit.

Kunz:
Der Landvogt führt ihn selbst den See herauf,
Sie waren eben dran sich einzuschiffen,
Als ich von Flüelen abfuhr, doch der Sturm,
Der eben jetzt im Anzug ist, und der
Auch mich gezwungen, eilends hier zu landen,
Mag ihre Abfahrt wohl verhindert haben.

Fischer:
Der Tell in Fesseln, in des Vogts Gewalt!
O glaubt, er wird ihn tief genug vergraben,
Dass er des Tages Licht nicht wiedersieht!
Denn fürchten muss er die gerechte Rache
Des freien Mannes, den er schwer gereizt!

Kunz:
Der Altlandammann auch, der edle Herr
Von Attinghausen, sagt man, lieg am Tode.

Fischer:
So bricht der letzte Anker unsrer Hoffnung!
Der war es noch allein, der seine Stimme
Erheben durfte für des Volkes Rechte!

Kunz:
Der Sturm nimmt überhand. Gehabt Euch wohl,
Ich nehme Herberg in dem Dorf, denn heut
Ist doch an keine Abfahrt mehr zu denken. Geht ab.

Fischer:
Der Tell gefangen und der Freiherr tot!
Erheb die freche Stirne, Tyrannei,
Wirf alle Scham hinweg, der Mund der Wahrheit
Ist stumm, das seh’nde Auge ist geblendet,
Der Arm, der retten sollte, ist gefesselt!

Knabe:
Es hagelt schwer, kommt in die Hütte, Vater,
Es ist nicht kommlich, hier im Freien hausen.

Fischer:
Raset ihr Winde, flammt herab ihr Blitze,
Ihr Wolken berstet, giesst herunter, Ströme
Des Himmels und ersäuft das Land! Zerstört
Im Keim die ungeborenen Geschlechter
Ihr wilden Elemente werdet Herr,
Ihr Bären kommt, ihr alten Wölfe wieder
Der grossen Wüste, euch gehört das Land,
Wer wird hier leben wollen ohne Freiheit!

Knabe:
Hört, wie der Abgrund tost, der Wirbel brüllt,
So hat’s noch nie gerast in diesem Schlunde!

Fischer:
Zu zielen auf des eignen Kindes Haupt,
Solches ward keinem Vater noch geboten!
Und die Natur soll nicht in wildem Grimm
Sich drob empören – O mich soll’s nicht wundern,
Wenn sich die Felsen bücken in den See,
Wenn jene Zacken, jene Eisestürme,
Die nie auftauten seit dem Schöpfungstag,
Von ihren hohen Kulmen niederschmelzen,
Wenn die Berge brechen, wenn die alten Klüfte
Einstürzen, eine zweite Sündflut alle
Wohnstätten der Lebendigen verschlingt!
Man hört läuten.

Knabe:
Hört Ihr, sie läuten droben auf dem Berg,
Gewiss hat man ein Schiff in Not gesehen,
Und zieht die Glocke, dass gebetet werde.
Steigt auf eine Anhöhe.

Fischer:
Wehe dem Fahrzeug, das jetzt unterwegs,
In dieser furchtbarn Wiege wird gewiegt!
Hier ist das Steuer unnütz und der Steurer,
Der Sturm ist Meister, Wind und Welle spielen
Ball mit dem Menschen – Da ist nah und fern
Kein Busen, der ihm freundlich Schutz gewährte!
Handlos und schroff ansteigend starren ihm
Die Felsen, die unwirtlichen, entgegen,
Und weisen ihm nur ihre steinern schroffe Brust.

Knabe deutet links:
Vater, ein Schiff, es kommt von Flüelen her.

Fischer:
Gott helf den armen Leuten! Wenn der Sturm
In dieser Wasserkluft sich erst verfangen,
Dann rast er um sich mit des Raubtiers Angst,
Das an des Gitters Eisenstäbe schlägt,
Die Pforte sucht er heulend sich vergebens,
Denn ringsum schränken ihn die Felsen ein,
Die himmelhoch den engen Pass vermauren.
Er steigt auf die Anhöhe.

Knabe:
Es ist das Herrenschiff von Uri, Vater,
Ich kenn’s am roten Dach und an der Fahne.

Fischer:
Gerichte Gottes! Ja, er ist es selbst,
Der Landvogt, der da fährt – Dort schifft er hin,
Und führt im Schiffe sein Verbrechen mit!
Schnell hat der Arm des Rächers ihn gefunden,
Jetzt kennt er über sich den stärkern Herrn,
Diese Wellen geben nicht auf seine Stimme,
Diese Felsen bücken ihre Häupter nicht
Vor seinem Hute – Knabe, bete nicht
Greif nicht dem Richter in den Arm!

Knabe:
Ich bete für den Landvogt nicht – Ich bete
Für den Tell, der auf dem Schiff sich mit befindet.

Fischer:
O Unvernunft des blinden Elements!
Musst du, um einen Schuldigen zu treffen,
Das Schiff mitsamt dem Steuermann verderben!

Knabe:
Sieh, sieh, sie waren glücklich schon vorbei
Am Buggisgrat, doch die Gewalt des Sturms,
Der von dem Teufelsmünster widerprallt,
Wirft sie zum grossen Axenberg zurück.
– Ich seh sie nicht mehr.

Fischer:
Dort ist das Hackmesser,
Wo schon der Schiffe mehrere gebrochen.
Wenn sie nicht weislich dort vorüberlenken,
So wird das Schiff zerschmettert an der Fluh,
Die sich gähstotzig absenkt in die Tiefe.
– Sie haben einen guten Steuermann
Am Bord, könnt einer retten, wär’s der Tell,
Doch dem sind Arm und Hände ja gefesselt.
Wilhelm Tell mit der Armbrust.
Er kommt mit raschen Schritten, blickt erstaunt umher und zeigt
die heftigste Bewegung. Wenn er mitten auf der Szene ist, wirft
er sich nieder, die Hände zu der Erde und dann zum Himmel
ausbreitend.

Knabe bemerkt ihn:
Sieh, Vater, wer der Mann ist, der dort kniet?

Fischer:
Er fasst die Erde an mit seinen Händen,
Und scheint wie ausser sich zu sein.

Knabe kommt vorwärts:
Was seh ich! Vater! Vater, kommt und seht!

Fischer nähert sich:
Wer ist es? – Gott im Himmel! Was! der Tell?
Wie kommt Ihr hieher? Redet!

Knabe:
Wart Ihr nicht
Dort auf dem Schiff gefangen und gebunden?

Fischer:
Ihr wurdet nicht nach Küssnacht abgeführt?

Tell steht auf:
Ich bin befreit.

Fischer und Knabe:
Befreit! O Wunder Gottes!

Knabe:
Wo kommt Ihr her?

Tell:
Dort aus dem Schiffe.

Fischer:
Was?

Knabe zugleich:
Wo ist der Landvogt?

Tell:
Auf den Wellen treibt er.

Fischer:
Ist’s möglich? Aber Ihr? Wie seid Ihr hier?
Seid Euren Banden und dem Sturm entkommen?

Tell:
Durch Gottes gnäd’ge Fürsehung – Hört an!

Fischer und Knabe:
O redet, redet!

Tell:
Was in Altdorf sich
Begeben, wisst Ihr’s?

Fischer:
Alles weiss ich, redet!

Tell:
Dass mich der Landvogt fahen liess und binden,
Nach seiner Burg zu Küssnacht wollte führen.

Fischer:
Und sich mit Euch zu Flüelen eingeschifft!
Wir wissen alles, sprecht, wie Ihr entkommen?

Tell:
Ich lag im Schiff, mit Stricken fest gebunden,
Wehrlos, ein aufgegebner Mann – nicht hofft‘ ich,
Das frohe Licht der Sonne mehr zu sehn,
Der Gattin und der Kinder liebes Antlitz,
Und trostlos blickt‘ ich in die Wasserwüste –

Fischer:
O armer Mann!

Tell:
So fuhren wir dahin,
Der Vogt, Rudolf der Harras und die Knechte.
Mein Köcher aber mit der Armbrust lag
Am hintern Gransen bei dem Steuerruder.
Und als wir an die Ecke jetzt gelangt
Beim kleinen Axen, da verhängt‘ es Gott,
Dass solch ein grausam mördrisch Ungewitter
Gählings herfürbrach aus des Gotthards Schlünden,
Dass allen Ruderern das Herz entsank,
Und meinten alle, elend zu ertrinken.
Da hört ich’s, wie der Diener einer sich

Zum Landvogt wendet‘ und die Worte sprach:
»Ihr sehet Eure Not und unsre, Herr,
Und dass wir all‘ am Rand des Todes schweben –
Die Steuerleute aber wissen sich
Für grosser Furcht nicht Rat und sind des Fahrens
Nicht wohlberichtet – Nun aber ist der Tell
Ein starker Mann und weiss ein Schiff zu steuern,
Wie, wenn wir sein jetzt brauchten in der Not?«
Da sprach der Vogt zu mir: »Tell, wenn du dir’s
Getrautest, uns zu helfen aus dem Sturm,
So möcht ich dich der Bande wohl entled’gen.«
Ich aber sprach: »Ja, Herr, mit Gottes Hülfe
Getrau ich mir’s, und helf uns wohl hiedannen.«
So ward ich meiner Bande los und stand
Am Steuerruder und fuhr redlich hin.
Doch schielt‘ ich seitwärts, wo mein Schiesszeug lag,
Und an dem Ufer merkt‘ ich scharf umher,
Wo sich ein Vorteil auftät‘ zum Entspringen.
Und wie ich eines Felsenriffs gewahre,
Das abgeplattet vorsprang in den See –

Fischer:
Ich kenn’s, es ist am Fuss des grossen Axen,
Doch nicht für möglich acht ich’s – so gar steil
Geht’s an – vom Schiff es springend abzureichen –

Tell:
Schrie ich den Knechten, handlich zuzugehn,
Bis dass wir vor die Felsenplatte kämen,
Dort, rief ich, sei das Ärgste überstanden –
Und als wir sie frischrudernd bald erreicht,
Fleh ich die Gnade Gottes an, und drücke,
Mit allen Leibeskräften angestemmt,
Den hintern Gransen an die Felswand hin –
Jetzt schnell mein Schiesszeug fassend, schwing ich selbst
Hochspringend auf die Platte mich hinauf,
Und mit gewalt’gem Fußstoß hinter mich
Schleudr‘ ich das Schifflein in den Schlund der Wasser –
Dort mag’s, wie Gott will, auf den Wellen treiben!
So bin ich hier, gerettet aus des Sturms
Gewalt und aus der schlimmeren der Menschen.

Fischer:
Tell, Tell, ein sichtbar Wunder hat der Herr
An Euch getan, kaum glaub‘ ich’s meinen Sinnen –
Doch saget! Wo gedenket Ihr jetzt hin,
Denn Sicherheit ist nicht für Euch, wofern
Der Landvogt lebend diesem Sturm entkommt.

Tell:
Ich hört‘ ihn sagen, da ich noch im Schiff
Gebunden lag, er woll‘ bei Brunnen landen,
Und über Schwyz nach seiner Burg mich führen.

Fischer:
Will er den Weg dahin zu Lande nehmen?

Tell:
Er denkt’s.

Fischer:
O so verbergt Euch ohne Säumen,
Nicht zweimal hilft Euch Gott aus seiner Hand.

Tell:
Nennt mir den nächsten Weg nach Arth und Küssnacht.

Fischer:
Die offne Strasse zieht sich über Steinen,
Doch einen kürzern Weg und heimlichern
Kann Euch mein Knabe über Lowerz führen.

Tell gibt ihm die Hand:
Gott lohn Euch Eure Guttat. Lebet wohl.
Geht und kehrt wieder um.
– Habt Ihr nicht auch im Rütli mit geschworen?
Mir deucht, man nannt‘ Euch mir –

Fischer:
Ich war dabei,
Und hab den Eid des Bundes mit beschworen.

Tell:
So eilt nach Bürglen, tut die Lieb mir an,
Mein Weib verzagt um mich, verkündet ihr,
Dass ich gerettet sei und wohlgeborgen.

Fischer:
Doch wohin sag ich ihr, dass Ihr geflohn?

Tell:
Ihr werdet meinen Schwäher bei ihr finden
Und andre, die im Rütli mit geschworen –
Sie sollen wacker sein und guten Muts,
Der Tell sei frei und seines Armes mächtig,
Bald werden sie ein Weitres von mir hören.

Fischer:
Was habt Ihr im Gemüt? Entdeckt mir’s frei.

Tell:
Ist es getan, wird’s auch zur Rede kommen.
Geht ab.

Fischer:
Zeig ihm den Weg, Jenni – Gott steh ihm bei!
Er führt’s zum Ziel, was er auch unternommen.
Geht ab.

Zweite Szene

Edelhof zu Attinghausen. Der Freiherr, in einem Armsessel, sterbend. Walther Fürst, Stauffacher, Melchtal und Baumgarten um ihn beschäftigt. Walther Tell knieend vor dem Sterbenden.

Walther Fürst:
Es ist vorbei mit ihm, er ist hinüber.

Stauffacher:
Er liegt nicht wie ein Toter – Seht, die Feder
Auf seinen Lippen regt sich! Ruhig ist
Sein Schlaf und friedlich lächeln seine Züge.
Baumgarten geht an die Türe und spricht mit jemand.

Walther Fürst zu Baumgarten:
Wer ist’s?

Baumgarten kommt zurück:
Es ist Frau Hedwig, Eure Tochter,
Sie will Euch sprechen, will den Knaben sehn.
Walther Tell richtet sich auf.

Walther Fürst:
Kann ich sie trösten? Hab ich selber Trost?
Häuft alles Leiden sich auf meinem Haupt?

Hedwig hereindringend:
Wo ist mein Kind? Lasst mich, ich muss es sehn –

Stauffacher:
Fasst Euch, bedenkt, dass Ihr im Haus des Todes –

Hedwig stürzt auf den Knaben:
Mein Wälti! O er lebt mir.

Walther Tell hängt an ihr:
Arme Mutter!

Hedwig:
Ist’s auch gewiss? Bist du mir unverletzt?
Betrachtet ihn mit ängstlicher Sorgfalt.
Und ist es möglich? Konnt er auf dich zielen?
Wie konnt er’s? O er hat kein Herz – Er konnte
Den Pfeil abdrücken auf sein eignes Kind!

Walther Fürst:
Er tat’s mit Angst, mit schmerzzerrissner Seele,
Gezwungen tat er’s, denn es galt das Leben.

Hedwig:
O hätt er eines Vaters Herz, eh er’s
Getan, er wäre tausendmal gestorben!

Stauffacher:
Ihr solltet Gottes gnäd’ge Schickung preisen,
Die es so gut gelenkt –

Hedwig:
Kann ich vergessen,
Wie’s hätte kommen können – Gott des Himmels!
Und lebt‘ ich achtzig Jahr – Ich seh den Knaben ewig
Gebunden stehn, den Vater auf ihn zielen,
Und ewig fliegt der Pfeil mir in das Herz.

Melchtal:
Frau, wüsstet Ihr, wie ihn der Vogt gereizt!

Hedwig:
O rohes Herz der Männer! Wenn ihr Stolz
Beleidigt wird, dann achten sie nichts mehr,
Sie setzen in der blinden Wut des Spiels
Das Haupt des Kindes und das Herz der Mutter!

Baumgarten:
Ist Eures Mannes Los nicht hart genug,
Dass Ihr mit schwerem Tadel ihn noch kränkt?
Für seine Leiden habt Ihr kein Gefühl?
Hedwig kehrt sich nach ihm um und sieht ihn mit einem

großen Blick an:
Hast du nur Tränen für des Freundes Unglück?
– Wo waret ihr, da man den Trefflichen
In Bande schlug? Wo war da eure Hülfe?
Ihr sahet zu, ihr ließt das Gräßliche geschehn,
Geduldig littet ihr’s daß man den Freund
Aus eurer Mitte führte – Hat der Tell
Auch so an euch gehandelt? Stand er auch
Bedauernd da, als hinter dir die Reiter
Des Landvogts drangen, als der wüt’ge See
Vor dir erbrauste? Nicht mit müß’gen Tränen
Beklagt‘ er dich, in den Nachen sprang er, Weib
Und Kind vergaß er und befreite dich –

Walther Fürst:
Was konnten wir zu seiner Rettung wagen,
Die kleine Zahl, die unbewaffnet war!

Hedwig wirft sich an seine Brust:
O Vater! Und auch du hast ihn verloren!
Das Land, wir alle haben ihn verloren!
Uns allen fehlt er, ach! wir fehlen ihm!
Gott rette seine Seele vor Verzweiflung.
Zu ihm hinab ins öde Burgverlies
Dringt keines Freundes Trost – Wenn er erkrankte!
Ach, in des Kerkers feuchter Finsternis
Muss er erkranken – Wie die Alpenrose
Bleicht und verkümmert in der Sumpfesluft,
So ist für ihn kein Leben als im Licht
Der Sonne, in dem Balsamstrom der Lüfte.
Gefangen! Er! Sein Atem ist die Freiheit,
Er kann nicht leben in dem Hauch der Grüfte.

Stauffacher:
Beruhigt Euch. Wir alle wollen handeln,
Um seinen Kerker aufzutun.

Hedwig:
Was könnt ihr schaffen ohne ihn? – Solang
Der Tell noch frei war, ja da war noch Hoffnung,
Da hatte noch die Unschuld einen Freund,
Da hatte einen Helfer der Verfolgte,
Euch alle rettete der Tell – Ihr alle
Zusammen könnt nicht seine Fesseln lösen!
Der Freiherr erwacht.

Baumgarten:
Er regt sich, still!

Attinghausen sich aufrichtend:
Wo ist er?

Stauffacher:
Wer?

Attinghausen:
Er fehlt mir,
Verlässt mich in dem letzten Augenblick!

Stauffacher:
Er meint den Junker – Schickte man nach ihm?

Walther Fürst:
Es ist nach ihm gesendet – Tröstet Euch!
Er hat sein Herz gefunden, er ist unser.

Attinghausen:
Hat er gesprochen für sein Vaterland?

Stauffacher:
Mit Heldenkühnheit.

Attinghausen:
Warum kommt er nicht,
Um meinen letzten Segen zu empfangen?
Ich fühle, dass es schleunig mit mir endet.

Stauffacher:
Nicht also, edler Herr! Der kurze Schlaf
Hat Euch erquickt, und hell ist Euer Blick.

Attinghausen:
Der Schmerz ist Leben, er verließ mich auch,
Das Leiden ist, so wie die Hoffnung, aus.
Er bemerkt den Knaben.
Wer ist der Knabe?

Walther Fürst:
Segnet ihn o Herr!
Er ist mein Enkel und ist vaterlos.
Hedwig sinkt mit dem Knaben vor dem Sterbenden nieder.

Attinghausen:
Und vaterlos lass ich euch alle, alle
Zurück – Weh mir, dass meine letzten Blicke
Den Untergang des Vaterlands gesehn!
Musst ich des Lebens höchstes Maß erreichen,
Um ganz mit allen Hoffnungen zu sterben!

Stauffacher zu Walther Fürst:
Soll er in diesem finstern Kummer scheiden?
Erhellen wir ihm nicht die letzte Stunde
Mit schönem Strahl der Hoffnung? – Edler Freiherr!
Erhebet Euren Geist! Wir sind nicht ganz
Verlassen, sind nicht rettungslos verloren.

Attinghausen:
Wer soll euch retten?

Walther Fürst:
Wir uns selbst. Vernehmt!
Es haben die drei Lande sich das Wort
Gegeben, die Tyrannen zu verjagen.
Geschlossen ist der Bund, ein heil’ger Schwur
Verbinde uns. Es wird gehandelt werden,
Eh noch das Jahr den neuen Kreis beginnt,
Euer Staub wird ruhn in einem freien Lande.

Attinghausen:
O saget mir! Geschlossen ist der Bund?

Melchtal:
Am gleichen Tage werden alle drei
Waldstätte sich erheben. Alles ist
Bereit, und das Geheimnis wohlgewahrt
Bis jetzt, obgleich viel Hunderte es teilen.
Hohl ist der Boden unter den Tyrannen,
Die Tage ihrer Herrschaft sind gezählt,
Und bald ist ihre Spur nicht mehr zu finden.

Attinghausen:
Die festen Burgen aber in den Landen?

Melchtal:
Sie fallen alle an dem gleichen Tag.

Attinghausen:
Und sind die Edeln dieses Bunds teilhaftig?

Stauffacher:
Wir harren ihres Beistands, wenn es gilt,
Jetzt aber hat der Landmann nur geschworen.
Attinghausen richtet sich langsam in die Höhe,

mit großem Erstaunen:
Hat sich der Landmann solcher Tat verwogen,
Aus eignem Mittel, ohne Hülf der Edeln,
Hat er der eignen Kraft so viel vertraut –
Ja, dann bedarf es unserer nicht mehr,
Getröstet können wir zu Grabe steigen,
Es lebt nach uns – durch andre Kräfte will
Das Herrliche der Menschheit sich erhalten.
Er legt seine Hand auf das Haupt des Kindes, das vor ihm auf
den Knieen liegt.
Aus diesem Haupte, wo der Apfel lag,
Wird euch die neue bessre Freiheit grünen,
Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit,
Und neues Leben blüht aus den Ruinen.

Stauffacher zu Walther Fürst:
Seht, welcher Glanz sich um sein Aug‘ ergießt!
Das ist nicht das Erlöschen der Natur,
Das ist der Strahl schon eines neuen Lebens.

Attinghausen:
Der Adel steigt von seinen alten Burgen,
Und schwört den Städten seinen Bürgereid,
Im Üchtland schon, im Thurgau hat’s begonnen,
Die edle Bern erhebt ihr herrschend Haupt,
Freiburg ist eine sichre Burg der Freien,
Die rege Zürich waffnet ihre Zünfte
Zum kriegerischen Heer – Es bricht die Macht
Der Könige sich an ihren ew’gen Wällen –
Er spricht das Folgende mit dem Ton eines Sehers – seine Rede

steigt bis zur Begeisterung:
Die Fürsten seh‘ ich und die edeln Herrn
In Harnischen herangezogen kommen,
Ein harmlos Volk von Hirten zu bekriegen.
Auf Tod und Leben wird gekämpft und herrlich
Wir mancher Pass durch blutige Entscheidung.
Der Landmann stürzt sich mit der nackten Brust,
Ein freies Opfer, in die Schar der Lanzen,
Er bricht sie, und des Adels Blüte fällt,
Es hebt die Freiheit siegend ihre Fahne.

Walther Fürsts und Stauffachers Hände fassend:
Drum haltet fest zusammen – fest und ewig –
Kein Ort der Freiheit sei dem andern fremd –
Hochwachten stellet aus auf euren Bergen,
Dass sich der Bund zum Bunde rasch versammle –
Seid einig – einig – einig –
Er fällt in das Kissen zurück – seine Hände
halten entseelt noch die andern gefasst. Fürst und Stauffacher
betrachten ihn noch eine Zeitlang schweigend, dann treten sie
hinweg, jeder seinem Schmerz überlassen. Unterdessen sind
die Knechte still hereingedrungen, sie nähern sich mit Zeichen
eines stillern oder heftigern Schmerzens, einige knieen bei ihm
nieder und weinen auf seine Hand, während dieser stummen
Szene wird die Burgglocke geläutet.
Rudenz zu den Vorigen.

Rudenz rasch eintretend:
Lebt er? O saget, kann er mich noch hören?
Walther Fürst deutet hin mit weggewandtem

Gesicht:
Ihr seid jetzt unser Lehensherr und Schirmer,
Und dieses Schloss hat einen andern Namen.
Rudenz erblickt den Leichnam und steht von heftigem

Schmerz ergriffen:
O güt’ger Gott – Kommt meine Reu zu spät?
Konnt er nicht wen’ge Pulse länger leben,
Um mein geändert Herz zu sehn?
Verachtet hab ich seine treue Stimme,
Da er noch wandelte im Licht – Er ist
Dahin, ist fort auf immerdar, und lässt mir
Die schwere unbezahlte Schuld! – O saget!
Schied er dahin im Unmut gegen mich?

Stauffacher:
Er hörte sterbend noch was Ihr getan,
Und segnete den Mut, mit dem Ihr spracht!

Rudenz kniet an dem Toten nieder:
Ja heil’ge Reste eines teuren Mannes!
Entseelter Leichnam! Hier gelob ich dir’s
In deine kalte Totenhand – Zerrissen
Hab ich auf ewig alle fremden Bande,
Zurückgegeben bin ich meinem Volk,
Ein Schweizer bin ich und ich will es sein
Von ganzer Seele — (Aufstehend.) Trauert um den Freund,
Den Vater aller, doch verzaget nicht!
Nicht bloß sein Erbe ist mir zugefallen,
Es steigt sein Herz, sein Geist auf mich herab,
Und leisten soll euch meine frische Jugend,
Was euch sein greises Alter schuldig blieb.
– Ehrwürd’ger Vater, gebt mir Eure Hand!
Gebt mir die Eurige! Melchtal auch Ihr!
Bedenkt Euch nicht! O wendet Euch nicht weg!
Empfanget meinen Schwur und mein Gelübde.

Walther Fürst:
Gebt ihm die Hand. Sein wiederkehrend Herz
Verdient Vertraun.

Melchtal:
Ihr habt den Landmann nichts geachtet.
Sprecht, wessen soll man sich zu Euch versehn?

Rudenz:
O denket nicht des Irrtums meiner Jugend!

Stauffacher zu Melchtal:
Seid einig! war das letzte Wort des Vaters,
Gedenket dessen!

Melchtal:
Hier ist meine Hand!
Des Bauern Handschlag, edler Herr, ist auch
Ein Manneswort! Was ist der Ritter ohne uns?
Und unser Stand ist älter als der Eure.

Rudenz:
Ich ehr ihn, und mein Schwert soll ihn beschützen.

Melchtal:
Der Arm, Herr Freiherr, der die harte Erde
Sich unterwirft und ihren Schoß befruchtet,
Kann auch des Mannes Brust beschützen.

Rudenz:
Ihr
Sollt meine Brust, ich will die eure schützen,
So sind wir einer durch den andern stark.
– Doch wozu reden, da das Vaterland
Ein Raub noch ist der fremden Tyrannei?
Wenn erst der Boden rein ist von dem Feind,
Dann wollen wir’s in Frieden schon vergleichen.
Nachdem er einen Augenblick innegehalten.
Ihr schweigt? Ihr habt mir nichts zu sagen? Wie!
Verdien ich’s noch nicht, dass ihr mir vertraut?
So muss ich wider euren Willen mich
In das Geheimnis eures Bundes drängen.
– Ihr habt getagt – geschworen auf dem Rütli –
Ich weiß – weiß alles, was ihr dort verhandelt,
Und was mir nicht von euch vertrauet ward,
Ich hab’s bewahrt gleich wie ein heilig Pfand.
Nie war ich meines Landes Feind, glaubt mir,
Und niemals hätt‘ ich gegen euch gehandelt.
– Doch übel tatet ihr, es zu verschieben,
Die Stunde dringt und rascher Tat bedarf’s –
Der Tell ward schon Opfer eures Säumens –

Stauffacher:
Das Christfest abzuwarten schwuren wir.

Rudenz:
Ich war nicht dort, ich hab nicht mit geschworen.
Wartet ihr ab, ich handle.

Melchtal:
Was? Ihr wolltet –

Rudenz:
Des Landes Vätern zähl ich mich jetzt bei,
Und meine erste Pflicht ist, euch zu schützen.

Walther Fürst:
Der Erde diesen teuren Staub zu geben,
Ist Eure nächste Pflicht und heiligste.

Rudenz:
Wenn wir das Land befreit, dann legen wir
Den frischen Kranz des Siegs ihm auf die Bahre.
– O Freunde! Eure Sache nicht allein,
Ich habe meine eigne auszufechten
Mit dem Tyrannen – Hört und wisst! Verschwunden
Ist meine Berta, heimlich weggeraubt,
Mit kecker Freveltat aus unsrer Mitte!

Stauffacher:
Solcher Gewalttat hätte der Tyrann
Wider die freie Edle sich verwogen?

Rudenz:
O meine Freunde! Euch versprach ich Hülfe,
Und ich zuerst muss sie von euch erflehn.
Geraubt, entrissen ist mir die Geliebte,
Wer weiß, wo sie der Wütende verbirgt,
Welcher Gewalt sie frevelnd sich erkühnen,
Ihr Herz zu zwingen zum verhassten Band!
Verlasst mich nicht, o helft mir sie erretten –
Sie liebt euch, o sie hat’s verdient ums Land,
Dass alle Arme sich für sie bewaffnen –

Walther Fürst:
Was wollt Ihr unternehmen?

Rudenz:
Weiß ich’s? Ach!
In dieser Nacht, die ihr Geschick umhüllt,
In dieses Zweifels ungeheurer Angst,
Wo ich nichts Festes zu erfassen weiß,
Ist mir nur dieses in der Seele klar:
Unter den Trümmern der Tyrannenmacht
Allein kann sie hervorgegraben werden,
Die Festen alle müssen wir bezwingen,
Ob wir vielleicht in ihren Kerker dringen.

Melchtal:
Kommt, führt uns an. Wir folgen Euch. Warum
Bis morgen sparen, was wir heut vermögen?
Frei war der Tell, als wir im Rütli schwuren,
Das Ungeheure war noch nicht geschehen.
Es bringt die Zeit ein anderes Gesetz,
Wer ist so feig, der jetzt noch könnte zagen!

Rudenz zu Stauffacher und Walther Fürst:
Indes bewaffnet und zum Werk bereit
Erwartet ihr der Berge Feuerzeichen,
Denn schneller als ein Botensegel fliegt,
Soll euch die Botschaft unsers Siegs erreichen,
Und seht ihr leuchten die willkommnen Flammen,
Dann auf die Feinde stürzt, wie Wetters Strahl,
Und brecht den Bau der Tyrannei zusammen.
Gehen ab.

Dritte Szene

Die hohle Gasse bei Küssnacht. Man steigt von hinten zwischen Felsen herunter und die Wanderer werden, ehe sie auf der Szene erscheinen, schon von der Höhe gesehen. Felsen umschließen die ganze Szene, auf einem der vordersten ist ein Vorsprung mit Gesträuch bewachsen.

Tell tritt auf mit der Armbrust:
Durch diese hohle Gasse muss er kommen,
Es führt kein andrer Weg nach Küssnacht – Hier
Vollend ich’s – Die Gelegenheit ist günstig.
Dort der Holunderstrauch verbirgt mich ihm,
Von dort herab kann ihn mein Pfeil erlangen,
Des Weges Enge wehret den Verfolgern.
Mach deine Rechnung mit dem Himmel Vogt,
Fort musst du, deine Uhr ist abgelaufen.
Ich lebte still und harmlos – Das Geschoss
War auf des Waldes Tiere nur gerichtet,
Meine Gedanken waren rein von Mord –
Du hast aus meinem Frieden mich heraus
Geschreckt, in gärend Drachengift hast du
Die Milch der frommen Denkart mir verwandelt,
Zum Ungeheuren hast du mich gewöhnt –
Wer sich des Kindes Haupt zum Ziele setzte,
Der kann auch treffen in das Herz des Feinds.
Die armen Kindlein, die unschuldigen,
Das treue Weib muss ich vor deiner Wut
Beschützen, Landvogt – Da, als ich den Bogenstrang
Anzog – als mir die Hand erzitterte –
Als du mit grausam teufelischer Lust
Mich zwangst, aufs Haupt des Kindes anzulegen –
Als ich ohnmächtig flehend rang vor dir,
Damals gelobt ich mir in meinem Innern
Mit furchtbarm Eidschwur, den nur Gott gehört,
Dass meines nächsten Schusses erstes Ziel
Dein Herz sein sollte – Was ich mir gelobt
In jenes Augenblickes Höllenqualen,
Ist eine heil’ge Schuld, ich will sie zahlen.
Du bist mein Herr und meines Kaisers Vogt,
Doch nicht der Kaiser hätte sich erlaubt
Was du – Er sandte dich in diese Lande,
Um Recht zu sprechen – strenges, denn er zürnet –
Doch nicht um mit der mörderischen Lust
Dich jedes Greuels straflos zu erfrechen,
Es lebt ein Gott zu strafen und zu rächen.
Komm du hervor, du Bringer bittrer Schmerzen,
Mein teures Kleinod jetzt, mein höchster Schatz –
Ein Ziel will ich dir geben, das bis jetzt
Der frommen Bitte undurchdringlich war –
Doch dir soll es nicht widerstehn – Und du
Vertraute Bogensehne, die so oft
Mir treu gedient hat in der Freude Spielen,
Verlass mich nicht im fürchterlichen Ernst.
Nur jetzt noch halte fest du treuer Strang,
Der mir so oft den herben Pfeil beflügelt –
Entränn er jetzo kraftlos meinen Händen,
Ich habe keinen zweiten zu versenden.
Wanderer gehen über die Szene.
Auf dieser Bank von Stein will ich mich setzen,
Dem Wanderer zur kurzen Ruh bereitet –
Denn hier ist keine Heimat – Jeder treibt
Sich an dem andern rasch und fremd vorüber,
Und fraget nicht nach seinem Schmerz – Hier geht
Der sorgenvolle Kaufmann und der leicht
Geschürzte Pilger – der andächt’ge Mönch,
Der düstre Räuber und der heitre Spielmann,
Der Säumer mit dem schwer beladnen Ross,
Der ferne herkommt von der Menschen Ländern,
Denn jede Strasse führt ans End der Welt.
Sie alle ziehen ihres Weges fort
An ihr Geschäft – und meines ist der Mord!
Setzt sich.
Sonst wenn der Vater auszog, liebe Kinder,
Da war ein Freuen, wenn er wiederkam,
Denn niemals kehrt‘ er heim, er bracht euch etwas,
War’s eine schöne Alpenblume, war’s
Ein seltner Vogel oder Ammonshorn,
Wie es der Wandrer findet auf den Bergen –
Jetzt geht er einem andern Weidwerk nach,
Am wilden Weg sitzt er mit Mordgedanken.
Des Feindes Leben ist’s, worauf er lauert.
– Und doch an euch nur denkt er, lieben Kinder,
Auch jetzt – Euch zu verteid’gen, eure holde Unschuld
Zu schützen vor der Rache des Tyrannen
Will er zum Morde jetzt den Bogen spannen!
Steht auf.
Ich laure auf ein edles Wild – Lässt sich’s
Der Jäger nicht verdrießen, tagelang
Umherzustreifen in des Winters Strenge,
Von Fels zu Fels den Wagesprung zu tun,
Hinanzuklimmen an den glatten Wänden,
Wo er sich anleimt mit dem eignen Blut,
– Um ein armselig Grattier zu erjagen.
Hier gilt es einen köstlicheren Preis,
Das Herz des Todfeinds, der mich will verderben.
Man hört von ferne eine heitre Musik, welche sich nähert.
Mein ganzes Leben lang hab‘ ich den Bogen
Gehandhabt, mich geübt nach Schützenregel,
Ich habe oft geschossen in das Schwarze,
Und manchen schönen Preis mir heimgebracht
Vom Freudenschießen – Aber heute will ich
Den Meisterschuss tun und das Beste mir
Im ganzen Umkreis des Gebirgs gewinnen.
Eine Hochzeit zieht über die Szene und durch den Hohlweg
hinauf. Tell betrachtet sie, auf seinen Bogen gelehnt, Stüssi
der Flurschütz gesellt sich zu ihm.

Stüssi:
Das ist der Klostermei’r von Mörlischachen,
Der hier den Brautlauf hält – Ein reicher Mann,
Er hat wohl zehen Senten auf den Alpen.
Die Braut holt er jetzt ab zu Imisee,
Und diese Nacht wird hoch geschwelgt zu Küssnacht,
Kommt mit! ’s ist jeder Biedermann geladen.

Tell:
Ein ernster Gast stimmt nicht zum Hochzeitshaus.

Stüssi:
Drückt Euch ein Kummer, werft ihn frisch vom Herzen,
Nehmt mit was kommt, die Zeiten sind jetzt schwer.
Drum muss der Mensch die Freude leicht ergreifen.
Hier wird gefreit und anderswo begraben.

Tell:
Und oft kommt gar das eine zu dem andern.

Stüssi:
So geht die Welt nun. Es gibt allerwegen
Unglücks genug – Ein Ruffi ist gegangen
Im Glarner Land und eine ganze Seite
Vom Glärnisch eingesunken.

Tell:
Wanken auch
Die Berge selbst? Es steht nichts fest auf Erden.

Stüssi:
Auch anderswo vernimmt man Wunderdinge.
Da sprach ich einen, der von Baden kam.
Ein Ritter wollte zu dem König reiten,
Und unterwegs begegnet ihm ein Schwarm
Von Hornissen, die fallen auf sein Ross,
Dass es für Marter tot zu Boden sinkt,
Und er zu Fuße ankommt bei dem König.

Tell:
Dem Schwachen ist sein Stachel auch gegeben.
Armgard kommt mit mehreren Kindern und stellt sich an
den Eingang des Hohlwegs.

Stüssi:
Man deutet’s auf ein großes Landesunglück,
Auf schwere Taten wider die Natur.

Tell:
Dergleichen Taten bringet jeder Tag,
Kein Wunderzeichen braucht sie zu verkünden.

Stüssi:
Ja, wohl dem, der sein Feld bestellt in Ruh,
Und ungekränkt daheim sitzt bei den Seinen.

Tell:
Es kann der Frömmste nicht im Frieden bleiben,
Wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt.
Tell sieht oft mit unruhiger Erwartung nach der Höhe des Weges.

Stüssi:
Gehabt Euch wohl – Ihr wartet hier auf jemand?

Tell:
Das tu ich.

Stüssi:
Frohe Heimkehr zu den Euren!
– Ihr seid aus Uri? Unser gnäd’ger Herr
Der Landvogt wird noch heut von dort erwartet.

Wanderer kommt:
Den Vogt erwartet heut nicht mehr. Die Wasser
Sind ausgetreten von dem grossen Regen,
Und alle Brücken hat der Strom zerrissen.
Tell steht auf.

Armgard kommt vorwärts:
Der Landvogt kommt nicht!

Stüssi:
Sucht Ihr was an ihn?

Armgard:
Ach freilich!

Stüssi:
Warum stellet Ihr Euch denn
In dieser hohlen Gass ihm in den Weg?

Armgard:
Hier weicht er mir nicht aus, er muss mich hören.
Friesshardt kommt eilfertig den Hohlweg herab, und ruft

in die Szene:
Man fahre aus dem Weg – Mein gnäd’ger Herr
Der Landvogt kommt dicht hinter mir geritten.
Tell geht ab.

Armgard lebhaft:
Der Landvogt kommt!
Sie geht mit ihren Kindern nach der vordern Szene. Gessler
und Rudolf der Harras zeigen sich zu Pferd auf der Höhe des Wegs.

Stüssi zum Friesshardt:
Wie kamt ihr durch das Wasser,
Da doch der Strom die Brücken fortgeführt?

Friesshardt:
Wir haben mit dem See gefochten, Freund,
Und fürchten uns vor keinem Alpenwasser.

Stüssi:
Ihr wart zu Schiff in dem gewalt’gen Sturm?

Friesshardt:
Das waren wir. Mein Lebtag denk ich dran –

Stüssi:
O bleibt, erzählt!
Friesshardt:
Lasst mich, ich muss voraus,
Den Landvogt muss ich in der Burg verkünden. (Ab.)

Stüssi:
Wärn gute Leute auf dem Schiff gewesen,
In Grund gesunken wär’s mit Mann und Maus,
Dem Volk kann weder Wasser bei noch Feuer.
Er sieht sich um.
Wo kam der Weidmann hin, mit dem ich sprach?

Geht ab.

Gessler und Rudolf der Harras zu Pferd.

Gessler:
Sagt was Ihr wollt, ich bin des Kaisers Diener
Und muss drauf denken, wie ich ihm gefalle.
Er hat mich nicht ins Land geschickt, dem Volk
Zu schmeicheln und ihm sanft zu tun – Gehorsam
Erwartet er, der Streit ist, ob der Bauer
Soll Herr sein in dem Lande oder der Kaiser.

Armgard:
Jetzt ist der Augenblick! Jetzt bring ich’s an!
Nähert sich furchtsam.

Gessler:
Ich hab den Hut nicht aufgesteckt zu Altdorf
Des Scherzes wegen, oder um die Herzen
Des Volks zu prüfen, diese kenn ich längst.
Ich hab ihn aufgesteckt, dass sie den Nacken
Mir lernen beugen, den sie aufrecht tragen –
Das Unbequeme hab ich hingepflanzt
Auf ihren Weg, wo sie vorbeigehn müssen,
Dass sie drauf stoßen mit dem Aug, und sich
Erinnern ihres Herrn, den sie vergessen.

Rudolf der Harras:
Das Volk hat aber doch gewisse Rechte –

Gessler:
Die abzuwägen ist jetzt keine Zeit
– Weitschicht’ge Dinge sind am Werk und Werden,
Das Kaiserhaus will wachsen, was der Vater
Glorreich begonnen, will der Sohn vollenden.
Dies kleine Volk ist uns ein Stein im Weg –
So oder so – Es muss sich unterwerfen.
Sie wollen vorüber. Die Frau wirft sich vor dem Landvogt nieder.

Armgard:
Barmherzigkeit, Herr Landvogt! Gnade! Gnade!

Gessler:
Was dringt Ihr Euch auf offner Straße mir
In Weg – Zurück!

Armgard:
Mein Mann liegt im Gefängnis,
Die armen Waisen schrein nach Brot – Habt Mitleid
Gestrenger Herr, mit unserm grossen Elend.

Rudolf der Harras:
Wer seid Ihr? Wer ist Euer Mann?

Armgard:
Ein armer
Wildheuer, guter Herr, vom Rigiberge,
Der überm Abgrund weg das freie Gras
Abmähet von den schroffen Felsenwänden,
Wohin das Vieh sich nicht getraut zu steigen –

Rudolf der Harras zum Landvogt:
Bei Gott, ein elend und erbärmlich Leben!
Ich bitt‘ Euch, gebt ihn los den armen Mann,
Was er auch Schweres mag verschuldet haben,
Strafe genug ist sein entsetzlich Handwerk.

Zu der Frau:
Euch soll Recht werden – Drinnen auf der Burg
Nennt Eure Bitte – Hier ist nicht der Ort.

Armgard:
Nein, nein, ich weiche nicht von diesem Platz,
Bis mir der Vogt den Mann zurückgegeben!
Schon in den sechsten Mond liegt er im Turm,
Und harret auf den Richterspruch vergebens.

Gessler:
Weib, wollt Ihr mir Gewalt antun, hinweg.

Armgard:
Gerechtigkeit, Landvogt! Du bist der Richter
Im Lande an des Kaisers Statt und Gottes.
Tu deine Pflicht! So du Gerechtigkeit
Vom Himmel hoffest, so erzeig sie uns.

Gessler:
Fort, schafft das freche Volk mir aus den Augen.

Armgard greift in die Zügel des Pferdes:
Nein, nein, ich habe nichts mehr zu verlieren.
– Du kommst nicht von der Stelle, Vogt, bis du
Mir Recht gesprochen – Falte deine Stirne,
Rolle die Augen wie du willst – Wir sind
So grenzenlos unglücklich, dass wir nichts
Nach deinem Zorn mehr fragen –

Gessler:
Weib, mach Platz,
Oder mein Ross geht über dich hinweg.

Armgard:
Lass es über mich dahingehn – da –
Sie reißt ihre Kinder zu Boden und wirft sich mit ihnen
ihm in den Weg.
Hier lieg ich
Mit meinen Kindern – Lass die armen Waisen
Von deines Pferdes Huf zertreten werden,
Es ist das Ärgste nicht, was du getan –

Rudolf der Harras:
Weib, seid Ihr rasend?

Armgard heftiger fortfahrend:
Tratest du doch längst
Das Land des Kaisers unter deine Füße!
– O ich bin nur ein Weib! Wär‘ ich ein Mann,
Ich wüsste wohl was Besseres, als hier
Im Staub zu liegen –
Man hört die vorige Musik wieder auf der Höhe des
Wegs, aber gedämpft.

Gessler:
Wo sind meine Knechte?
Man reiße sie von hinnen oder ich
Vergesse mich und tue was mich reuet.

Rudolf der Harras:
Die Knechte können nicht hindurch, o Herr,
Der Hohlweg ist gesperrt durch eine Hochzeit.

Gessler:
Ein allzu milder Herrscher bin ich noch
Gegen dies Volk – die Zungen sind noch frei,
Es ist noch nicht ganz wie es soll gebändigt –
Doch es soll anders werden, ich gelob‘ es,
Ich will ihn brechen diesen starren Sinn,
Den kecken Geist der Freiheit will ich beugen.
Ein neu Gesetz will ich in diesen Landen
Verkünden – Ich will –
Ein Pfeil durchbohrt ihn, er fährt mit der Hand ans Herz

und will sinken. Mit matter Stimme:
Gott sei mir gnädig!

Rudolf der Harras:
Herr Landvogt – Gott was ist das? Woher kam das?

Armgard auffahrend:
Mord! Mord! Er taumelt, sinkt! Er ist getroffen!
Mitten ins Herz hat ihn der Pfeil getroffen!

Rudolf der Harras springt vom Pferde:
Welch grässliches Ereignis – Gott – Herr Ritter –
Ruft die Erbarmung Gottes an – Ihr seid
Ein Mann des Todes! –

Gessler:
Das ist Tells Geschoss.
Ist vom Pferde herab dem Rudolf Harras in den Arm gegleitet
und wird auf der Bank niedergelassen.

Tell erscheint oben auf der Höhe des Felsen:
Du kennst den Schützen, suche keinen andern!
Frei sind die Hütten, sicher ist die Unschuld
Vor dir, du wirst dem Lande nicht mehr schaden.
Verschwindet von der Höhe. Volk stürzt herein.

Stüssi voran:
Was gibt es hier? Was hat sich zugetragen?

Armgard:
Der Landvogt ist von einem Pfeil durchschossen.

Volk im Hereinstürzen:
Wer ist erschossen?
Indem die vordersten von dem Brautzug auf die Szene kommen,
sind die hintersten noch auf der Höhe, und die Musik geht fort.

Rudolf der Harras:
Er verblutet sich.
Fort, schaffet Hilfe! Setzt dem Mörder nach!
– Verlorner Mann, so muss es mit dir enden,
Doch meine Warnung wolltest du nicht hören!

Stüssi:
Bei Gott! da liegt er bleich und ohne Leben!

Viele Stimmen:
Wer hat die Tat getan?

Rudolf der Harras:
Rast dieses Volk,
Dass es dem Mord Musik macht? Lasst sie schweigen.
Musik bricht plötzlich ab, es kommt noch mehr Volk nach.
Herr Landvogt, redet, wenn Ihr könnt – Habt Ihr
Mir nichts mehr zu vertraun?
Gessler gibt Zeichen mit der Hand, die er mit Heftigkeit wiederholt,
da sie nicht gleich verstanden werden.
Wo soll ich hin?
– Nach Küssnacht? – Ich versteh Euch nicht – O werdet
Nicht ungeduldig – Lasst das Irdische,
Denkt jetzt, Euch mit dem Himmel zu versöhnen.
Die ganze Hochzeitsgesellschaft umsteht den Sterbenden mit
einem fühllosen Grausen.

Stüssi:
Sieh wie er bleich wird – Jetzt, jetzt tritt der Tod
Ihm an das Herz – die Augen sind gebrochen.

Armgard hebt ein Kind empor:
Seht Kinder, wie ein Wüterich verscheidet!

Rudolf der Harras:
Wahnsinn’ge Weiber, habt ihr kein Gefühl,
Dass ihr den Blick an diesem Schrecknis weidet?
– Helft – Leget Hand an – Steht mir niemand bei,
Den Schmerzenspfeil ihm aus der Brust zu ziehn?

Weiber treten zurück:
Wir ihn berühren, welchen Gott geschlagen!

Rudolf der Harras:
Fluch treff euch und Verdammnis!
Zieht das Schwert.

Stüssi fällt ihm in den Arm:
Wagt es Herr!
Eur Walten hat ein Ende. Der Tyrann
Des Landes ist gefallen. Wir erdulden
Keine Gewalt mehr. Wir sind freie Menschen.

Alle tumultuarisch:
Das Land ist frei!

Rudolf der Harras:
Ist es dahin gekommen?
Endet die Furcht so schnell und der Gehorsam?

Zu den Waffenknechten, die hereindringen:
Ihr seht die grausenvolle Tat des Mords
Die hier geschehen – Hülfe ist umsonst –
Vergeblich ist’s, dem Mörder nachzusetzen.
Uns drängen andre Sorgen – Auf, nach Küssnacht,
Dass wir dem Kaiser seine Feste retten!
Denn aufgelöst in diesem Augenblick
Sind aller Ordnung, aller Pflichten Bande,
Und keines Mannes Treu ist zu vertrauen.
Indem er mit den Waffenknechten abgeht, erscheinen sechs
Barmherzige Brüder.

Armgard:
Platz! Platz! da kommen die Barmherz’gen Brüder.

Stüssi:
Das Opfer liegt – Die Raben steigen nieder.
Barmherzige Brüder schließen einen Halbkreis

um den Toten und singen in tiefem Ton:
Rasch tritt der Tod den Menschen an,
Es ist ihm keine Frist gegeben,
Es stürzt ihn mitten in der Bahn,
Es reisst ihn fort vom vollen Leben,
Bereitet oder nicht, zu gehen,
Er muss vor seinen Richter stehen!
Indem die letzten Zeilen wiederholt werden, fällt der Vorhang.

Fünfter Aufzug

Erste Szene

Oeffentlicher Platz bei Altdorf: Im Hintergrunde rechts die Feste Zwing Uri mit dem noch stehenden Baugerüste, wie in der dritten Szene des ersten Aufzugs; links eine Aussicht in viele Berge hinein, auf welchen allen Signalfeuer brennen. Es ist eben Tagesanbruch, Glocken ertönen aus verschiedenen Fernen. – Ruodi, Kuoni, Werni, Meister Steinmetz und viele andere Landleute, auch Weiber und Kinder.

Ruodi:
Seht ihr die Feuersignale auf den Bergen?

Steinmetz:
Hört ihr die Glocken drüben überm Wald?

Ruodi:
Die Feinde sind verjagt.

Steinmetz:
Die Burgen sind erobert.

Ruodi:
Und wir im Lande Uri dulden noch
Auf unserm Boden das Tyrannenschloss?
Sind wir die letzten, die sich frei erklären?

Steinmetz:
Das Joch soll stehen, das uns zwingen wollte?
Auf, reisst es nieder!

Alle:
Nieder! Nieder! Nieder!

Ruodi:
Wo ist der Stier von Uri?

Stier von Uri:
Hier. Was soll ich?

Ruodi:
Steigt auf die Hochwacht, blast in Euer Horn,
Dass es weitschmetternd in die Berge schalle,
Und jedes Echo in den Felsenklüften
Aufweckend, schnell die Männer des Gebirgs
Zusammenrufe.
Stier von Uri geht ab. Walther Fürst kommt.

Walther Fürst:
Haltet Freunde! Haltet!
Noch fehlt uns Kunde was in Unterwalden
Und Schwyz geschehen. Lasst uns Boten erst
Erwarten.

Ruodi:
Was erwarten? Der Tyrann
Ist tot, der Tag der Freiheit ist erschienen.

Steinmetz:
Ist’s nicht genug an diesen flammenden Boten,
Die ringsherum auf allen Bergen leuchten?

Ruodi:
Kommt alle, kommt, legt Hand an, Männer und Weiber!
Brecht das Gerüste! Sprengt die Bogen! Reißt
Die Mauern ein! Kein Stein bleib‘ auf dem andern.

Steinmetz:
Gesellen kommt! Wir haben’s aufgebaut,
Wir wissen’s zu zerstören.

Alle:
Kommt! Reißt nieder.
Sie stürzen sich von allen Seiten auf den Bau.

Walther Fürst:
Es ist im Lauf. Ich kann sie nicht mehr halten.
Melchtal und Baumgarten kommen.

Melchtal:
Was? Steht die Burg noch und Schloss Sarnen liegt
In Asche und der Rossberg ist gebrochen?

Walther Fürst:
Seid Ihr es Melchtal? Bringt Ihr uns die Freiheit?
Sagt! Sind die Lande alle rein vom Feind?

Melchtal umarmt ihn:
Rein ist der Boden. Freut Euch, alter Vater!
In diesem Augenblicke, da wir reden,
Ist kein Tyrann mehr in der Schweizer Land.

Walther Fürst:
O sprecht, wie wurdet ihr der Burgen mächtig?

Melchtal:
Der Rudenz war es, der das Sarner Schloss
Mit männlich kühner Wagetat gewann,
Den Rossberg hatt‘ ich nachts zuvor erstiegen.
– Doch höret, was geschah. Als wir das Schloss
Vom Feind geleert, nun freudig angezündet,
Die Flamme prasselnd schon zum Himmel schlug,
Da stürzt der Diethelm, Gesslers Bub, hervor,
Und ruft, dass die Bruneckerin verbrenne.

Walther Fürst:
Gerechter Gott!
Man hört die Balken des Gerüstes stürzen.

Melchtal:
Sie war es selbst, war heimlich
Hier eingeschlossen auf des Vogts Geheiß.
Rasend erhub sich Rudenz – denn wir hörten
Die Balken schon, die festen Pfosten stürzen,
Und aus dem Rauch hervor den Jammerruf
– Der Unglückseligen.

Walther Fürst:
Sie ist gerettet?

Melchtal:
Da galt Geschwindsein und Entschlossenheit!
– Wär er nur unser Edelmann gewesen,
Wir hätten unser Leben wohl geliebt,
Doch er war unser Eidgenoss und Berta
Ehrte das Volk – So setzten wir getrost
Das Leben dran, und stürzten in das Feuer.

Walther Fürst:
Sie ist gerettet?

Melchtal:
Sie ist’s. Rudenz und ich,
Wir trugen sie selbander aus den Flammen,
Und hinter uns fiel krachend das Gebälk.
– Und jetzt, als sie gerettet sich erkannte,
Die Augen aufschlug zu dem Himmelslicht,
Jetzt stürzte mir der Freiherr an das Herz,
Und schweigend ward ein Bündnis jetzt beschworen,
Das fest gehärtet in des Feuers Glut
Bestehen wird in allen Schicksalsproben –

Walther Fürst:
Wo ist der Landenberg?

Melchtal:
Über den Brünig.
Nicht lag’s an mir, dass er das Licht der Augen
Davontrug, der den Vater mir geblendet.
Nach jagt‘ ich ihm, erreicht‘ ihn auf der Flucht,
Und riss ihn zu den Füßen meines Vaters.
Geschwungen über ihm war schon das Schwert,
Von der Barmherzigkeit des blinden Greises
Erhielt er flehend das Geschenk des Lebens.
Urfehde schwur er, nie zurückzukehren,
Er wird sie halten, unsern Arm hat er
Gefühlt.

Walther Fürst:
Wohl Euch, dass Ihr den reinen Sieg
Mit Blute nicht geschändet!
Kinder eilen mit Trümmern des Gerüstes über

die Szene:
Freiheit! Freiheit!
Das Horn von Uri wird mit Macht geblasen.

Walther Fürst:
Seht welch ein Fest! Des Tages werden sich
Die Kinder spät als Greise noch erinnern.
Mädchen bringen den Hut auf der Stange getragen, die ganze
Szene füllt sich mit Volk an.

Ruodi:
Hier ist der Hut, dem wir uns beugen mussten.

Baumgarten:
Gebt uns Bescheid, was damit werden soll.

Walther Fürst:
Gott! Unter diesem Hute stand mein Enkel!

Mehrere Stimmen:
Zerstört das Denkmal der Tyrannenmacht!
Ins Feuer mit ihm!

Walther Fürst:
Nein, lasst ihn aufbewahren!
Der Tyrannei musst‘ er zum Werkzeug dienen,
Er soll der Freiheit ewig Zeichen sein!

Die Landleute, Männer, Weiber und Kinder stehen und sitzen auf den Balken des zerbrochenen Gerüstes malerisch gruppiert in einem grossen Halbkreis umher.

Melchtal:
So stehen wir nun fröhlich auf den Trümmern
Der Tyrannei, und herrlich ist’s erfüllt,
Was wir im Rütli schwuren, Eidgenossen.

Walther Fürst:
Das Werk ist angefangen, nicht vollendet.
Jetzt ist uns Mut und feste Eintracht not,
Denn seid gewiss, nicht säumen wird der König,
Den Tod zu rächen seines Vogts, und den
Vertriebnen mit Gewalt zurückzuführen.

Melchtal:
Er zieh heran mit seiner Heeresmacht,
Ist aus dem Innern doch der Feind verjagt,
Dem Feind von außen wollen wir begegnen.

Ruodi:
Nur wen’ge Pässe öffnen ihm das Land,
Die wollen wir mit unsern Leibern decken.

Baumgarten:
Wir sind vereinigt durch ein ewig Band,
Und seine Heere sollen uns nicht schrecken!
Rösselmann und Stauffacher kommen.

Rösselmann im Eintreten:
Das sind des Himmels furchtbare Gerichte.

Landleute:
Was gibt’s?

Rösselmann:
In welchen Zeiten leben wir!

Walther Fürst:
Sagt an, was ist es? – Ha, seid Ihr’s Herr Werner?
Was bringt Ihr uns?

Landleute:
Was gibt’s?

Rösselmann:
Hört und erstaunet!

Stauffacher:
Von einer grossen Furcht sind wir befreit –

Rösselmann:
Der Kaiser ist ermordet.

Walther Fürst:
Gnäd’ger Gott!

Landleute machen einen Aufstand und umdrängen den Stauffacher.

Alle:
Ermordet! Was! Der Kaiser! Hört! Der Kaiser!

Melchtal:
Nicht möglich! Woher kam Euch diese Kunde?

Stauffacher:
Es ist gewiss. Bei Bruck fiel König Albrecht
Durch Mördershand – ein glaubenwerter Mann,
Johannes Müller bracht‘ es von Schaffhausen.

Walther Fürst:
Wer wagte solche grauenvolle Tat?

Stauffacher:
Sie wird noch grauenvoller durch den Täter.
Es war sein Neffe, seines Bruders Kind,
Herzog Johann von Schwaben, der’s vollbrachte.

Melchtal:
Was trieb ihn zu der Tat des Vatermords?

Stauffacher:
Der Kaiser hielt das väterliche Erbe
Dem ungeduldig Mahnenden zurück,
Es hieß, er denk‘ ihn ganz darum zu kürzen,
Mit einem Bischofshut ihn abzufinden.
Wie dem auch sei – der Jüngling öffnete
Der Waffenfreunde bösem Rat sein Ohr,
Und mit den edlen Herrn von Eschenbach,
Von Tegerfelden, von der Wart und Palm,
Beschloss er, da er Recht nicht konnte finden,
Sich Rach‘ zu holen mit der eignen Hand.

Walther Fürst:
O sprecht, wie ward das Grässliche vollendet?

Stauffacher:
Der König ritt herab vom Stein zu Baden,
Gen Rheinfeld, wo die Hofstatt war, zu ziehn,
Mit ihm die Fürsten, Hans und Leopold,
Und ein Gefolge hochgeborner Herren.
Und als sie kamen an die Reuss, wo man
Auf einer Fähre sich lässt übersetzen,
Da drängten sich die Mörder in das Schiff,
Dass sie den Kaiser vom Gefolge trennten.
Drauf als der Fürst durch ein geackert Feld
Hinreitet – eine alte große Stadt
Soll drunter liegen aus der Heiden Zeit –
Die alte Feste Habsburg im Gesicht,
Wo seines Stammes Hoheit ausgegangen –
Stößt Herzog Hans den Dolch ihm in die Kehle,
Rudolf von Palm durchtrennt ihn mit dem Speer,
Und Eschenbach zerspaltet ihm das Haupt,
Dass er heruntersinkt in seinem Blut,
Gemordet von den Seinen, auf dem Seinen.
Am andern Ufer sahen sie die Tat,
Doch durch den Strom geschieden, konnten sie
Nur ein ohnmächtig Wehgeschrei erheben;
Am Wege aber saß ein armes Weib,
In ihrem Schoß verblutete der Kaiser.

Melchtal:
So hat er nur sein frühes Grab gegraben,
Der unersättlich alles wollte haben!

Stauffacher:
Ein ungeheurer Schrecken ist im Land umher,
Gesperrt sind alle Pässe des Gebirgs,
Jedweder Stand verwahret seine Grenzen,
Die alte Zürich selbst schloss ihre Tore,
Die dreißig Jahr lang offenstanden, zu,
Die Mörder fürchtend und noch mehr – die Rächer.
Denn mit des Bannes Fluch bewaffnet kommt
Der Ungarn Königin, die strenge Agnes,
Die nicht die Milde kennet ihres zarten
Geschlechts, des Vaters königliches Blut
Zu rächen an der Mörder ganzem Stamm,
An ihren Knechten, Kindern, Kindeskindern,
Ja an den Steinen ihrer Schlösser selbst.
Geschworen hat sie, ganze Zeugungen
Hinabzusenden in des Vaters Grab,
In Blut sich wie in Maientau zu baden.

Melchtal:
Weiß man, wo sich die Mörder hingeflüchtet?

Stauffacher:
Sie flohen alsbald nach vollbrachter Tat
Auf fünf verschiednen Straßen auseinander,
Und trennten sich, um nie sich mehr zu sehn –
Herzog Johann soll irren im Gebirge.

Walther Fürst:
So trägt die Untat ihnen keine Frucht!
Rache trägt keine Frucht! Sich selbst ist sie
Die fürchterliche Nahrung, ihr Genuss
Ist Mord, und ihre Sättigung das Grausen.

Stauffacher:
Den Mördern bringt die Untat nicht Gewinn,
Wir aber brechen mit der reinen Hand
Des blut’gen Frevels segenvolle Frucht.
Denn einer großen Furcht sind wir entledigt,
Gefallen ist der Freiheit größter Feind,
Und, wie verlautet, wird das Zepter gehn
Aus Habsburgs Haus zu einem andern Stamm,
Das Reich will seine Wahlfreiheit behaupten.

Walther Fürst und Mehrere:
Vernahmt Ihr was?

Stauffacher:
Der Graf von Luxemburg
Ist von den mehrsten Stimmen schon bezeichnet.

Walther Fürst:
Wohl uns, dass wir beim Reiche treu gehalten,
Jetzt ist zu hoffen auf Gerechtigkeit!

Stauffacher:
Dem neuen Herrn tun tapfre Freunde not,
Er wird uns schirmen gegen Oestreichs Rache.
Die Landleute umarmen einander.
Sigrist mit einem Reichsboten.

Sigrist:
Hier sind des Landes würd’ge Oberhäupter.

Rösselmann und Mehrere:
Sigrist, was gibt’s?

Sigrist:
Ein Reichsbot bringt dies Schreiben.

Alle zu Walther Fürst:
Erbrecht und leset.

Walther Fürst liest:
»Den bescheidnen Männern
Von Uri, Schwyz und Unterwalden bietet
Die Königin Elsbeth Gnad und alles Gutes.«

Viele Stimmen:
Was will die Königin? Ihr Reich ist aus.

Walther Fürst liest:
»In ihrem grossen Schmerz und Witwenleid
Worein der blut’ge Hinscheid ihres Herrn
Die Königin versetzt, gedenkt sie noch
Der alten Treu und Lieb der Schwytzerlande.«

Melchtal:
In ihrem Glück hat sie das nie getan.

Rösselmann:
Still! Lasset hören!

Walther Fürst liest:
»Und sie versieht sich zu dem treuen Volk,
Dass es gerechten Abscheu werde tragen
Vor den verfluchten Tätern dieser Tat.
Darum erwartet sie von den drei Landen,
Dass sie den Mördern nimmer Vorschub tun,
Vielmehr getreulich dazu helfen werden,
Sie auszuliefern in des Rächers Hand,
Der Lieb gedenkend und der alten Gunst,
Die sie von Rudolfs Fürstenhaus empfangen.«
Zeichen des Unwillens unter den Landleuten.

Viele Stimmen:
Der Lieb und Gunst!

Stauffacher:
Wir haben Gunst empfangen von dem Vater,
Doch wessen rühmen wir uns von dem Sohn?
Hat er den Brief der Freiheit uns bestätigt,
Wie vor ihm alle Kaiser doch getan?
Hat er gerichtet nach gerechtem Spruch,
Und der bedrängten Unschuld Schutz verliehn?
Hat er auch nur die Boten wollen hören,
Die wir in unsrer Angst zu ihm gesendet?
Nicht eins von diesem allen hat der König
An uns getan und hätten wir nicht selbst
Uns Recht verschafft mit eigner mut’ger Hand,
Ihn rührte unsre Not nicht an – Ihm Dank?
Nicht Dank hat er gesät in diesen Tälern.
Er stand auf einem hohen Platz, er konnte
Ein Vater seiner Völker sein, doch ihm
Gefiel es, nur zu sorgen für die Seinen,
Die er gemehrt hat, mögen um ihn weinen!

Walther Fürst:
Wir wollen nicht frohlocken seines Falls,
Nicht des empfangnen Bösen jetzt gedenken,
Fern sei’s von uns! Doch, dass wir rächen sollten
Des Königs Tod, der nie uns Gutes tat,
Und die verfolgen, die uns nie betrübten,
Das ziemt uns nicht und will uns nicht gebühren.
Die Liebe will ein freies Opfer sein,
Der Tod entbindet von erzwungnen Pflichten,
– Ihm haben wir nichts weiter zu entrichten.

Melchtal:
Und weint die Königin in ihrer Kammer,
Und klagt ihr wilder Schmerz den Himmel an,
So seht ihr hier ein angstbefreites Volk
Zu ebendiesem Himmel dankend flehen –
Wer Tränen ernten will, muss Liebe säen.
Reichsbote geht ab.

Stauffacher zu dem Volk:
Wo ist der Tell? Soll er allein uns fehlen,
Der unsrer Freiheit Stifter ist? Das Größte
Hat er getan, das Härteste erduldet,
Kommt alle, kommt, nach seinem Haus zu wallen,
Und rufet Heil dem Retter von uns allen.
Alle gehen ab.

Zweite Szene

Tells Hausflur. Ein Feuer brennt auf dem Herd. Die offenstehende Türe zeigt ins Freie.

Hedwig. Walther und Wilhelm.

Hedwig:
Heut kommt der Vater. Kinder, liebe Kinder!
Er lebt, ist frei, und wir sind frei und alles!
Und euer Vater ist’s, der’s Land gerettet.

Walther:
Und ich bin auch dabeigewesen, Mutter!
Mich muss man auch mit nennen. Vaters Pfeil
Ging mir am Leben hart vorbei und ich
Hab‘ nicht gezittert.

Hedwig umarmt ihn:
Ja du bist mir wieder
Gegeben! Zweimal hab‘ ich dich geboren!
Zweimal litt ich den Mutterschmerz um dich!
Es ist vorbei – Ich hab euch beide, beide!
Und heute kommt der liebe Vater wieder!
Ein Mönch erscheint an der Haustüre.

Wilhelm:
Sieh, Mutter, sieh – dort steht ein frommer Bruder,
Gewiss wird er um eine Gabe flehn.

Hedwig:
Führ in herein, damit wir ihn erquicken,
Er fühl’s, dass er ins Freudenhaus gekommen.
Geht hinein und kommt bald mit einem Becher wieder.

Wilhelm zum Mönch:
Kommt, guter Mann. Die Mutter will Euch laben.

Walther:
Kommt, ruht Euch aus und geht gestärkt von dannen.
Mönch scheu umherblickend, mit zerstörten

Zügen:
Wo bin ich? Saget an, in welchem Lande?

Walther:
Seid Ihr verirret, dass Ihr das nicht wisst?
Ihr seid zu Bürglen, Herr, im Lande Uri,
Wo man hineingeht in das Schächental.

Mönch zur Hedwig, welche zurückkommt:
Seid Ihr allein? Ist Euer Herr zu Hause?

Hedwig:
Ich erwart‘ ihn eben – doch was ist Euch, Mann?
Ihr seht nicht aus, als ob Ihr Gutes brächtet.
– Wer Ihr auch seid, Ihr seid bedürftig, nehmt!
Reicht ihm den Becher.

Mönch:
Wie auch mein lechzend Herz nach Labung schmachtet,
Nichts rühr ich an, bis Ihr mir zugesagt –

Hedwig:
Berührt mein Kleid nicht, tretet mir nicht nah,
Bleibt ferne stehn, wenn ich Euch hören soll.

Mönch:
Bei diesem Feuer, das hier gastlich lodert,
Bei Eurer Kinder teurem Haupt, das ich
Umfasse – Ergreift die Knaben.

Hedwig:
Mann, was sinnet Ihr? Zurück
Von meinen Kindern! – Ihr seid kein Mönch! Ihr seid
Es nicht! Der Friede wohnt in diesem Kleide,
In Euren Zügen wohnt der Friede nicht.

Mönch:
Ich bin der unglückseligste der Menschen.

Hedwig:
Das Unglück spricht gewaltig zu dem Herzen,
Doch Euer Blick schnürt mir das Innre zu.

Walther aufspringend:
Mutter, der Vater! Eilt hinaus.

Hedwig:
O mein Gott!
Will nach, zittert und hält sich an.

Wilhelm eilt nach:
Der Vater!

Walther draußen:
Da bist du wieder!

Wilhelm draußen:
Vater, lieber Vater!

Tell draußen:
Da bin ich wieder – Wo ist eure Mutter?
Treten herein.

Walther:
Da steht sie an der Tür und kann nicht weiter,
So zittert sie für Schrecken und für Freude.

Tell:
O Hedwig, Hedwig! Mutter meiner Kinder!
Gott hat geholfen – Uns trennt kein Tyrann mehr.

Hedwig an seinem Halse:
O Tell! Tell! Welche Angst litt ich um dich!
Mönch wird aufmerksam.

Tell:
Vergiss sie jetzt und lebe nur der Freude!
Da bin ich wieder! Das ist meine Hütte!
Ich stehe wieder auf dem Meinigen!

Wilhelm:
Wo aber hast du deine Armbrust Vater?
Ich seh‘ sie nicht.

Tell:
Du wirst sie nie mehr sehn.
An heil’ger Stätte ist sie aufbewahrt,
Sie wird hinfort zu keiner Jagd mehr dienen.

Hedwig:
O Tell! Tell!
Tritt zurück, lässt seine Hand los.

Tell:
Was erschreckt dich, liebes Weib?

Hedwig:
Wie – wie kommst du mir wieder? – Diese Hand
– Darf ich sie fassen? – Diese Hand – O Gott!

Tell herzlich und mutig:
Hat euch verteidigt und das Land gerettet,
Ich darf sie frei hinauf zum Himmel heben.
Mönch macht eine rasche Bewegung, er erblickt ihn.
Wer ist der Bruder hier?

Hedwig:
Ach ich vergaß ihn!
Sprich du mit ihm, mir graut in seiner Nähe.

Mönch tritt näher:
Seid Ihr der Tell, durch den der Landvogt fiel?

Tell:
Der bin ich, ich verberg‘ es keinem Menschen.

Mönch:
Ihr seid der Tell! Ach es ist Gottes Hand,
Die unter Euer Dach mich hat geführt.

Tell misst ihn mit den Augen:
Ihr seid kein Mönch! Wer seid Ihr?

Mönch:
Ihr erschlugt
Den Landvogt, der Euch Böses tat – Auch ich
Hab‘ einen Feind erschlagen, der mir Recht
Versagte – Er war Euer Feind wie meiner –
Ich hab‘ das Land von ihm befreit.

Tell zurückfahrend:
Ihr seid –
Entsetzen! – Kinder! Kinder geht hinein.
Geh liebes Weib! Geh! Geh! – Unglücklicher,
Ihr wäret –

Hedwig:
Gott, wer ist es?

Tell:
Frage nicht!
Fort! Fort! Die Kinder dürfen es nicht hören.
Geh aus dem Hause – Weit hinweg – Du darfst
Nicht unter einem Dach mit diesem wohnen.

Hedwig:
Weh mir, was ist das? Kommt!
Geht mit den Kindern.

Tell zu dem Mönch:
Ihr seid der Herzog
Von Österreich – Ihr seid’s! Ihr habt den Kaiser
Erschlagen, Euern Ohm und Herrn.

Johannes Parricida:
Er war
Der Räuber meines Erbes.

Tell:
Euren Ohm
Erschlagen, Euern Kaiser! Und Euch trägt
Die Erde noch! Euch leuchtet noch die Sonne!

Parricida:
Tell hört mich, eh Ihr –

Tell:
Von dem Blute triefend
Des Vatermordes und des Kaisermords,
Wagst du zu treten in mein reines Haus,
Du wagst’s, dein Antlitz einem guten Menschen
Zu zeigen und das Gastrecht zu begehren?

Parricida:
Bei Euch hofft‘ ich Barmherzigkeit zu finden,
Auch Ihr nahmt Rach‘ an Euerm Feind.

Tell:
Unglücklicher!
Darfst du der Ehrsucht blut’ge Schuld vermengen
Mit der gerechten Notwehr eines Vaters?
Hast du der Kinder liebes Haupt verteidigt?
Des Herdes Heiligtum beschützt? das Schrecklichste,
Das Letzte von den Deinen abgewehrt?
– Zum Himmel heb‘ ich meine reinen Hände,
Verfluche dich und deine Tat – Gerächt
Hab ich die heilige Natur, die du
Geschändet – Nichts teil‘ ich mit dir – Gemordet
Hast du, ich hab mein Teuerstes verteidigt.

Parricida:
Ihr stoßt mich von Euch, trostlos, in Verzweiflung?

Tell:
Mich fasst ein Grausen, da ich mit dir rede.
Fort! Wandle deine fürchterliche Straße,
Lass rein die Hütte, wo die Unschuld wohnt.

Parricida wendet sich zu gehn:
So kann ich, und so will ich nicht mehr leben!

Tell:
Und doch erbarmt mich deiner – Gott des Himmels!
So jung, von solchem adelichen Stamm,
Der Enkel Rudolfs, meines Herrn und Kaisers,
Als Mörder flüchtig, hier an meiner Schwelle,
Des armen Mannes, flehend und verzweifelnd –
Verhüllt sich das Gesicht.

Parricida:
O wenn Ihr weinen könnt, lasst mein Geschick
Euch jammern, es ist fürchterlich – Ich bin
Ein Fürst – ich war’s – ich konnte glücklich
werden
Wenn ich der Wünsche Ungeduld bezwang.
Der Neid zernagte mir das Herz – Ich sah
Die Jugend meines Vetters Leopold
Gekrönt mit Ehre und mit Land belohnt,
Und mich, der gleiches Alters mit ihm war,
In sklavischer Unmündigkeit gehalten –

Tell:
Unglücklicher, wohl kannte dich dein Ohm,
Da er dir Land und Leute weigerte!
Du selbst mit rascher wilder Wahnsinnstat
Rechtfertigst furchtbar seinen weisen Schluss.
– Wo sind die blut’gen Helfer deines Mords?

Parricida:
Wohin die Rachegeister sie geführt,
Ich sah sie seit der Unglückstat nicht wieder.

Tell:
Weißt du, dass dich die Acht verfolgt, dass du
Dem Freund verboten und dem Feind erlaubt?

Parricida:
Darum vermeid ich alle offne Straßen,
An keine Hütte wag‘ ich anzupochen –
Der Wüste kehr ich meine Schritte zu,
Mein eignes Schrecknis irr‘ ich durch die Berge,
Und fahre schaudernd vor mir selbst zurück,
Zeigt mir ein Bach mein unglückselig Bild.
O wenn Ihr Mitleid fühlt und Menschlichkeit –
Fällt vor ihm nieder.

Tell abgewendet:
Steht auf! Steht auf!

Parricida:
Nicht bis Ihr mir die Hand gereicht zur Hülfe.

Tell:
Kann ich Euch helfen? Kann’s ein Mensch der Sünde?
Doch stehet auf – Was Ihr auch Grässliches
Verübt – Ihr seid ein Mensch – Ich bin es auch –
Vom Tell soll keiner ungetröstet scheiden –
Was ich vermag, das will ich tun.
Parricida aufspringend und seine Hand mit Heftigkeit

ergreifend:
O Tell!
Ihr rettet meine Seele von Verzweiflung.

Tell:
Lasst meine Hand los – Ihr müsst fort. Hier könnt
Ihr unentdeckt nicht bleiben, könnt entdeckt
Auf Schutz nicht rechnen – Wo gedenkt Ihr hin?
Wo hofft Ihr Ruh zu finden?

Parricida:
Weiß ich’s? Ach!

Tell:
Hört was mir Gott ins Herz gibt – Ihr müsst fort
Ins Land Italien, nach Sankt Peters Stadt,
Dort werft Ihr Euch dem Papst zu Füßen, beichtet
Ihm Eure Schuld und löset Eure Seele.

Parricida:
Wird er mich nicht dem Rächer überliefern?

Tell:
Was er Euch tut, das nehmet an von Gott.

Parricida:
Wie komm ich in das unbekannte Land?
Ich bin des Wegs nicht kundig, wage nicht
Zu Wanderern die Schritte zu gesellen.

Tell:
Den Weg will ich Euch nennen, merket wohl!
Ihr steigt hinauf, dem Strom der Reuss entgegen,
Die wildes Laufes von dem Berge stürzt –

Parricida erschrickt:
Seh ich die Reuss? Sie floss bei meiner Tat.

Tell:
Am Abgrund geht der Weg und viele Kreuze
Bezeichnen ihn, errichtet zum Gedächtnis
Der Wanderer, die die Lawine begraben.

Parricida:
Ich fürchte nicht die Schrecken der Natur,
Wenn ich des Herzens wilde Qualen zähme.

Tell:
Vor jedem Kreuze fallet hin und büßet
Mit heißen Reuetränen Eure Schuld –
Und seid Ihr glücklich durch die Schreckensstraße,
Sendet der Berg nicht seine Windeswehen
Auf Euch herab von dem beeisten Joch,
So kommt Ihr auf die Brücke, welche stäubet.
Wenn sie nicht einbricht unter Eurer Schuld,
Wenn Ihr sie glücklich hinter Euch gelassen,
So reisst ein schwarzes Felsentor sich auf,
Kein Tag hat’s noch erhellt – da geht Ihr durch,
Es führt Euch in ein heitres Tal der Freude –
Doch schnellen Schritts müsst Ihr vorübereilen,
Ihr dürft nicht weilen, wo die Ruhe wohnt.

Parricida:
O Rudolf! Rudolf! Königlicher Ahn!
So zieht dein Enkel ein auf deines Reiches Boden!

Tell:
So immer steigend kommt Ihr auf die Höhen
Des Gotthards. wo die ew’gen Seen sind,
Die von des Himmels Strömen selbst sich füllen.
Dort nehmt Ihr Abschied von der deutschen Erde,
Und muntern Laufs führt Euch ein andrer Strom
Ins Land Italien hinab, Euch das gelobte –
Man hört den Kuhreihen von vielen Alphörnern geblasen.
Ich höre Stimmen. Fort.

Hedwig eilt herein:
Wo bist du Tell?
Der Vater kommt! Es nahn in frohem Zug
Die Eidgenossen alle –

Parricida verhüllt sich:
Wehe mir!
Ich darf nicht weilen bei den Glücklichen.

Tell:
Geh liebes Weib. Erfrische diesen Mann,
Belad ihn reich mit Gaben, denn sein Weg
Ist weit und keine Herberg findet er.
Eile! Sie nahn.

Hedwig:
Wer ist es?

Tell:
Forsche nicht!
Und wenn er geht, so wende deine Augen,
Dass sie nicht sehen, welchen Weg er wandelt!

Parricida geht auf den Tell zu mit einer raschen Bewegung, dieser aber bedeutet ihn mit der Hand und geht. Wenn beide zu verschiedenen Seiten abgegangen, verändert sich der Schauplatz, und man sieht in der

Letzten Szene

den ganzen Talgrund vor Tells Wohnung, nebst den Anhöhen, welche ihn einschließen, mit Landleuten besetzt, welche sich zu einem Ganzen gruppieren. Andere kommen über einen hohen Steg, der über den Schächen führt, gezogen. Walther Fürst mit den beiden Knaben, Melchtal und Stauffacher kommen vorwärts, andre drängen nach; wie Tell heraustritt, empfangen ihn alle mit lautem Frohlocken.

Alle:
Es lebe Tell! der Schütz und der Erretter!

Indem sich die vordersten um den Tell drängen und ihn umarmen, erscheinen noch Rudenz und Berta, jener die Landleute, diese die Hedwig umarmend. Die Musik vom Berge begleitet diese stumme Szene. Wenn sie geendigt, tritt Berta in die Mitte des Volks.

Berta:
Landleute! Eidgenossen! Nehmt mich auf
In euern Bund, die erste Glückliche,
Die Schutz gefunden in der Freiheit Land.
In eure tapfre Hand leg ich mein Recht,
Wollt ihr als eure Bürgerin mich schützen?

Landleute:
Das wollen wir mit Gut und Blut.

Berta:
Wohlan!
So reich ich diesem Jüngling meine Rechte,
Die freie Schweizerin dem freien Mann!

Rudenz:
Und frei erklär ich alle meine Knechte.

Indem die Musik von neuem rasch einfällt, fällt der Vorhang.

Friedrich von Schiller – Geschichte des 30-jährigen Krieges

Schiller: Geschichte des 30jährigen Kriegs

Erster Theil.

Erstes Buch.

Seit dem Anfang des Religionskriegs in Deutschland bis zum Münsterischen Frieden ist in der politischen Welt Europens kaum etwas Großes und Merkwürdiges geschehen, woran die Reformation nicht den vornehmsten Antheil gehabt hätte. Alle Weltbegebenheiten, welche sich in diesem Zeitraum ereignen, schließen sich an die Glaubensverbesserung an, wo sie nicht ursprünglich daraus herflossen, und jeder noch so große und noch so kleine Staat hat mehr oder weniger, mittelbarer oder unmittelbarer, den Einfluß derselben empfunden.

Beinahe der ganze Gebrauch, den das spanische Haus von seinen ungeheuren politischen Kräften machte, war gegen die neuen Meinungen oder ihre Bekenner gerichtet. Durch die Reformation wurde der Bürgerkrieg entzündet, welcher Frankreich unter vier stürmischen Regierungen in seinen Grundfesten erschütterte, ausländische Waffen in das Herz dieses Königreichs zog und es ein halbes Jahrhundert lang zu einem Schauplatz der traurigsten Zerrüttung machte. Die Reformation machte den Niederländern das spanische Joch unerträglich und weckte bei diesem Volke das Verlangen und den Muth, dieses Joch zu zerbrechen, so wie sie ihm größtenteils auch die Kräfte dazugab. Alles Böse, welches Philipp der Zweite gegen die Königin Elisabeth von England beschloß, war Rache, die er dafür nahm, daß sie seine protestantischen Unterthanen gegen ihn in Schutz genommen und sich an die Spitze einer Religionspartei gestellt hatte, die er zu vertilgen strebte. Die Trennung in der Kirche hatte in Deutschland eine fortdauernde politische Trennung zur Folge, welche dieses Land zwar länger als ein Jahrhundert der Verwirrung dahingab, aber auch zugleich gegen politische Unterdrückung einen bleibenden Damm aufthürmte. Die Reformation war es großenteils, was die nordischen Mächte, Dänemark und Schweden zuerst in das Staatssystem von Europa zog, weil sich der protestantische Staatenbund durch ihren Beitritt verstärkte, und weil dieser Bund ihnen selbst unentbehrlich ward. Staaten, die vorher kaum für einander vorhanden gewesen, fingen an, durch die Reformation einen wichtigen Berührungspunkt zu erhalten und sich in einer neuen politischen Sympathie an einander zu schließen. So wie Bürger gegen Bürger, Herrscher gegen ihre Unterthanen durch die Reformation in andre Verhältnisse kamen, rückten durch sie auch ganze Staaten in neue Stellengen gegen einander. Und so mußte es durch einen seltsamen Gang der Dinge die Kirchentrennung sein, was die Staaten unter sich zu einer engern Vereinigung führte. Schrecklich zwar und verderblich war die erste Wirkung, durch welche diese allgemeine politische Sympathie sich verkündigte – ein dreißigjähriger verheerender Krieg, der von dem Innern des Böhmerlandes bis an die Mündung der Schelde, von den Ufern des Po bis an die Küsten der Ostsee Länder entvölkerte, Ernten zertrat, Städte und Dörfer in die Asche legte; ein Krieg, in welchem viele Tausend Streiter ihren Untergang fanden, der den aufglimmenden Funken der Cultur in Deutschland auf ein halbes Jahrhundert verlöschte und die kaum auflebenden bessern Sitten der alten barbarischen Wildheit zurückgab. Aber Europa ging ununterdrückt und frei aus diesem fürchterlichen Krieg, in welchem es sich zum erstenmal als eine znsammenhängende Staatengesellschaft erkannt hatte; und diese Theilnehmung der Staaten an einander, welche sich in diesem Krieg eigentlich erst bildete, wäre allein schon Gewinn genug, den Weltbürger mit seinen Schrecken zu versöhnen. Die Hand des Fleißes hat unvermerkt alle verderbliche Spuren dieses Kriegs wieder ausgelöscht; aber die wohlthätigen Folgen, von denen er begleitet war, sind geblieben. Eben diese allgemeine Staatensympathie, welche den Stoß in Böhmen dem halben Europa mittheilte, bewacht jetzt den Frieden, der diesem Krieg ein Ende machte. So wie die Flamme der Verwüstung aus dem Innern Böhmens, Mährens und Oesterreichs einen Weg fand, Deutschland, Frankreich, das halbe Europa zu entzünden, so wird die Fackel der Cultur von diesen Staaten aus einen Weg sich öffnen, jene Länder zu erleuchten.

Die Religion wirkte dieses alles. Durch sie allein wurde möglich, was geschah, aber es fehlte viel, daß es für sie und ihrentwegen unternommen worden wäre. Hätte nicht der Privatvortheil, nicht das Staatsinteresse sich schnell damit vereinigt, nie würde die Stimme der Theologen und des Volks so bereitwillige Fürsten, nie die neue Lehre so zahlreiche, so tapfere, so beharrliche Verfechter gefunden haben. Ein großer Antheil an der Kirchenrevolution gebührt unstreitig der siegenden Gewalt der Wahrheit, oder dessen, was mit Wahrheit verwechselt wurde. Die Mißbräuche in der alten Kirche, das Abgeschmackte mancher ihrer Lehren, das Uebertriebene in ihren Forderungen mußte nothwendig ein Gemüth empören, das von der Ahnung eines bessern Lichts schon gewonnen war, mußte es geneigt machen, die verbesserte Religion zu umfassen.

Der Reiz der Unabhängigkeit, die reiche Beute der geistlichen Stifter mußte die Regenten nach einer Religionsveränderung lüstern machen und das Gewicht der innern Ueberzeugung nicht wenig bei ihnen verstärken; aber die Staatsräson allein konnte sie dazu drängen. Hätte nicht Karl der Fünfte im Uebermuth seines Glücks an die Reichsfreiheit der deutschen Stände gegriffen, schwerlich hätte sich ein protestantischer Bund für die Glaubensfreiheit bewaffnet. Ohne die Herrschbegierde der Guisen hätten die Calvinisten in Frankreich nie einen Condé oder Coligny an ihrer Spitze gesehen; ohne die Auflage des zehenten und zwanzigsten Pfennigs hätte der Stuhl zu Rom nie die vereinigten Niederlande verloren. Die Regenten kämpften zu ihrer Selbstverteidigung oder Vergrößerung; der Religionsenthusiasmus warb ihnen die Armeen und öffnete ihnen die Schätze ihres Volks. Der große Haufe, wo ihn nicht Hoffnung der Beute unter ihre Fahnen lockte, glaubte für die Wahrheit sein Blut zu vergießen, indem er es zum Vortheil seines Fürsten verspritzte.

Und Wohlthat genug für die Völker, daß diesmal der Vortheil der Fürsten Hand in Hand mit dem ihrigen ging! Diesem Zufall allein haben sie ihre Befreiung vom Papstthum zu danken. Glück genug für die Fürsten, daß der Unterthan für seine eigene Sache stritt, indem er für die ihrige kämpfte! In dem Zeitalter, wovon jetzt die Rede ist, regierte in Europa kein Fürst so absolut, um über den guten Willen seiner Unterthanen hinweggesetzt zu sein, wenn er seine politischen Entwürfe verfolgte. Aber wie schwer hielt es, diesen guten Willen der Nation für seine poetischen Entwürfe zu gewinnen und in Handlung zu setzen! Die nachdrücklichsten Beweggründe, welche von der Staatsräson entlehnt sind, lassen den Unterthan kalt, der sie selten einsieht, und den sie noch seltener interessieren. In diesem Fall bleibt einem staatsklugen Regenten nichts übrig, als das Interesse des Cabinets an irgend ein anderes Interesse, das dem Volke näher liegt, anzuknüpfen, wenn etwa ein solches schon vorhanden ist, oder, wenn es nicht ist, es zu erschaffen.

Dies war der Fall, worin sich ein großer Theil derjenigen Regenten befand, die für die Reformation handelnd aufgetreten sind. Durch eine sonderbare Verkettung der Dinge mußte es sich fügen, daß die Kirchentrennung mit zwei politischen Umständen zusammentraf, ohne welche sie vermutlich eine ganz andere Entwicklung gehabt haben würde. Diese waren: die auf einmal hervorspringende Uebermacht des Hauses Oesterreich, welche die Freiheit Europens bedrohte, und der thätige Eifer dieses Hauses für die alte Religion. Das Erste weckte die Regenten, das Zweite bewaffnete ihnen die Nationen.

Die Aufhebung einer fremden Gerichtsbarkeit in ihren Staaten, die höchste Gewalt in geistlichen Dingen, der gehemmte Abfluß des Geldes nach Rom, die reiche Beute der geistlichen Stifter waren Vortheile, die für jeden Souverän auf gleiche Art verführerisch sein mußten; warum, könnte man fragen, wirkten sie nicht eben so gut auf die Prinzen des Hauses Oesterreich? Was hinderte dieses Haus, und insbesondere die deutsche Linie desselben, den dringenden Anforderungen so vieler seiner Unterthanen Gehör zu geben und sich nach dem Beispiel Andrer auf Unkosten einer wehrlosen Geistlichkeit zu verbessern? Es ist schwer zu glauben, daß die Ueberzeugung von der Unfehlbarkeit der römischen Kirche an der frommen Standhaftigkeit dieses Hauses einen größern Antheil gehabt haben sollte, als die Ueberzeugung vom Gegentheil an dem Abfalle der protestantischen Fürsten. Mehrere Gründe vereinigten sich, die österreichischen Prinzen zu Stützen des Papstthums zu machen. Spanien und Italien, aus welchen Ländern die österreichische Macht einen großen Theil ihrer Stärke zog, waren dem Stuhle zu Rom mit blinder Anhänglichkeit ergeben, welche die Spanier insbesondere schon zu den Zeiten der gothischen Herrschaft ausgezeichnet hat. Die geringste Annäherung an die verabscheuten Lehren Luthers und Calvins mußte dem Beherrscher von Spanien die Herzen seiner Unterthanen unwiederbringlich entreißen; der Abfall von dem Papstthum konnte ihm dieses Königreich kosten. Ein spanischer König mußte ein rechtgläubiger Prinz sein, oder er mußte von diesem Throne steigen. Den nämlichen Zwang legten ihm seine italienischen Staaten auf, die er fast noch mehr schonen mußte, als seine Spanier, weil sie das auswärtige Joch am ungeduldigsten trugen und es am leichtesten abschütteln konnten. Dazu kam, daß ihm diese Staaten Frankreich zum Mitbewerber und den Papst zum Nachbar gaben; Gründe genug, die ihn hinderten, sich für eine Partei zu erklären, welche das Ansehen des Papstes zernichtete – die ihn aufforderten, sich letztern durch den thätigsten Eifer für die alte Religion zu verpflichten.

Diese allgemeinen Gründe, welche bei jedem spanischen Monarchen von gleichem Gewichte sein mußten, wurden bei jedem insbesondere noch durch besondere Gründe unterstützt. Karl der Fünfte hatte in Italien einen gefährlichen Nebenbuhler an dem König von Frankreich, dem dieses Land sich in eben dem Augenblick in die Arme warf, wo Karl sich ketzerischer Grundsätze verdächtig machte. Gerade an denjenigen Entwürfen, welche Karl mit der meisten Hitze verfolgte, würde das Mißtrauen der Katholischen und der Streit mit der Kirche ihm durchaus hinderlich gewesen sein. Als Karl der Fünfte in den Fall kam, zwischen beiden Religionsparteien zu wählen, hatte sich die neue Religion noch nicht bei ihm in Achtung setzen können, und überdem war zu einer gütlichen Vergleichung beider Kirchen damals noch die wahrscheinlichste Hoffnung vorhanden. Bei seinem Sohn und Nachfolger Philipp dem Zweiten vereinigte sich eine mönchische Erziehung mit einem despotischen finstern Charakter, einen unversöhnlichen Haß aller Neuerungen in Glaubenssachen bei diesem Fürsten zu unterhalten, den der Umstand, daß seine schlimmsten politischen Gegner auch zugleich Feinde seiner Religion waren, nicht wohl vermindern konnte. Da seine europäischen Länder, durch so viele fremde Staaten zerstreut, dem Einfluß fremder Meinungen überall offen lagen, so konnte er dem Fortgange der Reformation in andern Ländern nicht gleichgültig zusehen, und sein eigener näherer Staatsvortheil forderte ihn auf, sich der alten Kirche überhaupt anzunehmen, um die Quellen der ketzerischen Ansteckung zu verstopfen. Der natürlichste Gang der Dinge stellte also diesen Fürsten an die Spitze des katholischen Glaubens und des Bundes, den die Papisten gegen die Neuerer schlossen. Was unter Karls des Fünften und Philipps des Zweiten langen und thatenvollen Regierungen beobachtet wurde, blieb für die folgenden Gesetz; und je mehr sich der Riß in der Kirche erweiterte, desto fester mußte Spanien an dem Katholicismus halten.

Freier schien die deutsche Linie des Hauses Oesterreich gewesen zu sein; aber wenn bei dieser auch mehrere von jenen Hindernissen wegfielen, so wurde sie durch andere Verhältnisse in Fesseln gehalten. Der Besitz der Kaiserkrone, die auf einem protestantischen Haupte ganz undenkbar war (denn wie konnte ein Apostat der römischen Kirche die römische Kaiserkrone tragen?) knüpfte die Nachfolger Ferdinands des Ersten an den päpstlichen Stuhl; Ferdinand selbst war diesem Stuhl aus Gründen des Gewissens und aufrichtig ergeben. Ueberdem waren die deutsch-österreichischen Prinzen nicht mächtig genug, der spanischen Unterstützung zu entbehren, die aber durch eine Begünstigung der neuen Religion durchaus verscherzt war. Auch forderte ihre Kaiserwürde sie auf, das deutsche Reichssystem zu beschützen, wodurch sie selbst sich als Kaiser behaupteten, und welches der protestantische Reichstheil zu stürzen strebte. Rechnet man dazu die Kälte der Protestanten gegen die Bedrängnisse der Kaiser und gegen die gemeinschaftlichen Gefahren des Reichs, ihre gewaltsamen Eingriffe in das Zeitliche der Kirche und ihre Feindseligkeiten, wo sie sich als die Stärkeren fühlten; so begreift man, wie so viele zusammenwirkende Gründe die Kaiser auf der Seite des Papstthums erhalten, wie sich ihr eigner Vortheil mit dem Vortheile der katholischen Religion aufs genauste vermengen mußte. Da vielleicht das ganze Schicksal dieser Religion von dem Entschlusse abhing, den das Haus Oesterreich ergriff, so mußte man die österreichischen Prinzen durch ganz Europa als die Säulen des Papstthums betrachten. Der Haß der Protestanten gegen letzteres kehrte sich darum auch einstimmig gegen Oesterreich und vermengte nach und nach den Beschützer mit der Sache, die er beschützte.

Aber eben dieses Hans Oesterreich, der unversöhnliche Gegner der Reformation, setzte zugleich durch seine ehrgeizigen Entwürfe, die von einer überlegenen Macht unterstützt waren, die politische Freiheit der europäischen Steten, und besonders der deutschen Stände, in nicht geringe Gefahr. Dieser Umstand mußte letztere aus ihrer Sicherheit aufschrecken und auf ihre Selbstverteidigung aufmerksam machen. Ihre gewöhnlichen Hilfsmittel würden nimmermehr hingereicht haben, einer so drohenden Macht zu widerstehen. Außerordentliche Anstrengungen mußten sie von ihren Unterthanen verlangen und, da auch diese bei weitem nicht hinreichten, von ihren Nachbarn Kräfte entlehnen und durch Bündnisse unter einander eine Macht aufzuwägen suchen, gegen welche sie einzeln nicht bestanden.

Aber die großen politischen Aufforderungen, welche die Regenten hatten, sich den Fortschritten Oesterreichs zu widersetzen, hatten ihre Unterthanen nicht. Nur gegenwärtige Vortheile oder gegenwärtige Uebel sind es, welche das Volk in Handlung setzen; und diese darf eine gute Staatskunst nicht abwarten. Wie schlimm also für diese Fürsten, wenn nicht zum Glücke ein anderes wirksames Motiv sich ihnen dargeboten hätte, das die Nation in Leidenschaft setzte und einen Enthusiasmus in ihr entflammte, der gegen die politische Gefahr gerichtet werden konnte, weil er in dem nämlichen Gegenstande mit derselben zusammentraf! Dieses Motiv war der erklärte Haß gegen eine Religion, welche das Haus Oesterreich beschützte, die schwärmerische Anhänglichkeit an eine Lehre, welche dieses Haus mit Feuer und Schwert zu vertilgen strebte. Diese Anhänglichkeit war feurig, jener Haß war unüberwindlich; der Religionsfanatismus fürchtet das Entfernte; Schwärmerei berechnet nie, was sie aufopfert. Was die entschiedenste Gefahr des Staats nicht über seine Bürger vermocht hätte, bewirkte die religiöse Begeisterung. Für den Staat, für das Interesse des Fürsten würden sich wenig freiwillige Arme bewaffnet haben; für die Religion griff der Kaufmann, der Künstler, der Landbauer freudig zum Gewehr. Für den Staat oder den Fürsten würde man sich auch der kleinsten außerordentlichen Abgabe zu entziehen gesucht haben; an die Religion setzte man Gut und Blut, alle seine zeitlichen Hoffnungen. Dreifach stärkere Summen strömen jetzt in den Schatz des Fürsten; dreifach stärkere Heere rücken in das Feld; und in der heftigen Bewegung, worein die nahe Religionsgefahr alle Gemüther versetzte, fühlte der Unterthan die Schwere der Lasten nicht, die Anstrengungen nicht, von denen er in einer ruhigeren Gemüthslage erschöpft würde niedergesunken sein. Die Furcht vor der spanischen Inquisition, vor Bartholomäusnächten eröffnet dem Prinzen von Oranien, dem Admiral Coligny, der brittischen Königin Elisabeth, den protestantischen Fürsten Deutschlands Hilfsquellen bei ihren Völkern, die noch jetzt unbegreiflich sind.

Mit noch so großen eignen Anstrengungen aber würde man gegen eine Macht wenig ausgerichtet haben, die auch dem mächtigsten Fürsten, wenn er einzeln stand. überlegen war. In den Zeiten einer noch wenig ausgebildeten Politik konnten aber nur zufällige Umstände entfernte Staaten zu einer wechselseitigen Hilfsleistung vermögen. Die Verschiedenheit der Verfassung, der Gesetze, der Sprache, der Sitten, des Nationalcharakters, welche die Nationen und Länder in eben so viele verschiedene Ganze absonderte und eine fortdauernde Scheidewand zwischen sie stellte, machte den einen Staat unempfindlich gegen die Bedrängnisse des andern, wo ihn nicht gar die Nationaleifersucht zu einer feindseligen Schadenfreude reizte. Die Reformation stürzte diese Scheidewand. Ein lebhafteres, näher liegendes Interesse als der Nationalvortheil oder die Vaterlandsliebe, und welches von bürgerlichen Verhältnissen durchaus unabhängig war, fing an, die einzelnen Bürger und ganze Staaten zu beseelen. Dieses Interesse konnte mehrere und selbst die entlegensten Staaten mit einander verbinden, und bei Unterthanen des nämlichen Staats konnte dieses Band wegfallen. Der französische Calvinist hatte also mit dem reformierten Genfer, Engländer, Deutschen oder Holländer einen Berührungspunkt, den er mit seinem eigenen katholischen Mitbürger nicht hatte. Er hörte also in einem sehr wichtigen Punkte auf, Bürger eines einzelnen Staats zu sein, seine Aufmerksamkeit und Theilnahme auf diesen einzelnen Staat einzuschränken. Sein Kreis erweitert sich; er fängt an, aus dem Schicksale fremder Länder, die seines Glaubens sind, sich sein eigenes zu weissagen und ihre Sache zu der seinigen zu machen. Nun erst dürfen die Regenten es wagen, auswärtige Angelegenheiten vor die Versammlung ihrer Landstände zu bringen, nun erst hoffen, ein williges Ohr und schnelle Hilfe zu finden. Diese auswärtigen Angelegenheiten sind jetzt zu einheimischen geworden, und gerne reicht man dem Glaubensverwandten eine hilfreiche Hand, die man dem bloßen Nachbar, und noch mehr dem fernen Ausländer verweigert hätte. Jetzt verläßt der Pfälzer seine Heimath, um für seinen französischen Glaubensbruder gegen den gemeinschaftlichen Religionsfeind zu fechten. Der französische Unterthan zieht das Schwert gegen ein Vaterland, das ihn mißhandelt, und geht hin, für Hollands Freiheit zu bluten. Jetzt sieht man Schweizer gegen Schweizer, Deutsche gegen Deutsche im Streit gerüstet, um an den Ufern der Loire und der Seine die Thronfolge in Frankreich zu entscheiden. Der Däne geht über die Eider, der Schwede über den Belt, um die Ketten zu zerbrechen, die für Deutschland geschmiedet sind.

Es ist sehr schwer zu sagen, was mit der Reformation, was mit der Freiheit des deutschen Reichs wohl geworden sein würde, wenn das gefürchtete Haus Oesterreich nicht Partei gegen sie genommen hätte. So viel aber scheint erwiesen, daß sich die österreichischen Prinzen auf ihrem Wege zur Universalmonarchie durch nichts mehr gehindert haben, als durch den hartnäckigen Krieg, den sie gegen die neuen Meinungen führten. In keinem andere Falle, als unter diesem, war es den schwächern Fürsten möglich, die außerordentlichen Anstrengungen von ihren Ständen zu erzwingen, wodurch sie der österreichischen Macht widerstanden; in keinem andern Falle den Staaten möglich, sich gegen einen gemeinschaftlichen Feind zu vereinigen.

Höher war die österreichische Macht nie gestanden, als nach dem Siege Karls des Fünften bei Mühlberg, nachdem er die Deutschen überwunden hatte. Mit dem Schmalkaldischen Bunde lag die deutsche Freiheit, wie es schien, auf ewig darnieder; aber sie lebte wieder auf in Moritz von Sachsen, ihrem gefährlichsten Feinde. Alle Früchte des Mühlbergischen Sieges gehen auf dem Congreß zu Passau und dem Reichstag zu Augsburg verloren, und alle Anstalten zur weltlichen und geistlichen Unterdrückung endigen in einem nachgebenden Frieden.

Deutschland zerriß auf diesem Reichstage zu Augsburg in zwei Religionen und in zwei politische Parteien; jetzt erst zerriß es, weil die Trennung jetzt erst gesetzlich war. Bis hieher waren die Protestanten als Rebellen angesehen worden; jetzt beschloß man, sie als Brüder zu behandeln, nicht als ob man sie dafür anerkannt hätte, sondern weil man dazu genöthigt war. Die Augsburgische Confession durfte sich von jetzt an neben den katholischen Glauben stellen, doch nur als eine geduldete Nachbarin, mit einstweiligen schwesterlichen Rechten. Jedem weltlichen Reichsstande war das Recht zugestanden, die Religion, zu der er sich bekannte, auf seinem Grund und Boden zur herrschenden und einzigen zu machen und die entgegengesetzte der freien Ausübung zu berauben; jedem Unterthan vergönnt, das Land zu verlassen, wo seine Religion unterdrückt war. Jetzt zum erstenmal erfreute sich also die Lehre Luthers einer positiven Sanktion, und wenn sie auch in Bayern oder in Oesterreich im Staube lag, so konnte sie sich damit trösten, daß sie in Sachsen und in Thüringen thronte. Den Regenten war es aber nun doch allein überlassen, welche Religion in ihren Landen gelten und welche darnieder liegen sollte; für den Unterthan, der auf dem Reichstage keinen Repräsentanten hatte, war in diesem Frieden gar wenig gesorgt. Bloß allein in geistlichen Ländern, in welchen die katholische Religion unwiderruflich die herrschende blieb, wurde den protestantischen Unterthanen (welche es damals schon waren) die freie Religionsübung ausgewirkt; aber auch diese nur durch eine persönliche Versicherung des römischen Königs Ferdinand, der diesen Frieden zu Staude brachte – eine Versicherung, die, von dem katholischen Reichstheile widersprochen und mit diesem Widerspruch in das Friedensinstrument eingetragen, keine Gesetzeskraft erhielt.

Wären es übrigens nur Meinungen gewesen, was die Gemüther trennte – wie gleichgültig hätte man dieser Trennung zugesehen! Aber an diesen Meinungen hingen Reichthümer, Würden und Rechte; ein Umstand, der die Scheidung unendlich erschwerte. Von zwei Brüdern, die das väterliche Vermögen bis hieher gemeinschaftlich genossen, verließ jetzt einer das väterliche Hans, und die Notwendigkeit trat ein, mit dem daheimbleibenden Bruder abzutheilen. Der Vater hatte für den Fall der Trennung nichts bestimmt, weil ihm von dieser Trennung nichts ahnen konnte. Aus den wohlthätigen Stiftungen der Voreltern war der Reichthum der Kirche innerhalb eines Jahrtausends zusammengeflossen, und diese Voreltern gehörten dem Weggehenden eben so gut an, als Dem, der zurückblieb. Haftete nun das Erbrecht bloß an dem väterlichen Hause, oder haftete es an dem Blute? Die Stiftungen waren an die katholische Kirche geschehen, weil damals noch keine andere vorhanden war; an den erstgebornen Bruder, weil er damals noch der einzige Sohn war. Galt nun in der Kirche ein Recht der Erstgeburt, wie in adeligen Geschlechtern? Galt die Begünstigung des einen Theils, wenn ihm der andere noch nicht gegenüberstehen konnte? Konnten die Lutheraner von dem Genuß dieser Güter ausgeschlossen sein, an denen doch ihre Vorfahren mitstiften halfen, bloß allein deßwegen ausgeschlossen sein, weil zu den Zeiten der Stiftung noch kein Unterschied zwischen Lutheranern und Katholischen stattfand? Beide Religionsparteien haben über diese Streitsache mit scheinbaren Gründen gegen einander gerechtet und rechten noch immer; aber es dürfte dem einen Theile so schwer fallen, als dem andern, sein Recht zu erweisen. Das Recht hat nur Entscheidungen für denkbare Fälle, und vielleicht gehören geistliche Stiftungen nicht unter diese; zum wenigsten dann nicht, wenn man die Forderungen ihrer Stifter auch auf dogmatische Sätze erstreckt – wie ist es denkbar, eine ewige Schenkung an eine wandelbare Meinung zu machen?

Wenn das Recht nicht entscheiden kann, so thut es die Stärke, und so geschah es hier. Der eine Theil behielt, was ihm nicht mehr zu nehmen war; der andere verteidigte, was er noch hatte. Alle vor dem Frieden weltlich gemachten Bisthümer und Abteien verblieben den Protestanten; aber die Papisten verwahrten sich in einem eigenen Vorbehalt, daß künftig keine mehr weltlich gemacht würden. Jeder Besitzer eines geistlichen Stiftes, das dem Reich unmittelbar unterworfen war, Kurfürst, Bischof oder Abt, hat seine Beneficien und Würden verwirkt, sobald er zur protestantischen Kirche abfällt. Sogleich muß er seine Besitzungen räumen, und das Kapitel schreitet zu einer neuen Wahl, gleich als wäre seine Stelle durch einen Todesfall erledigt worden. An diesem heiligen Anker des geistlichen Vorbehalts, der die ganze zeitliche Existenz eines geistlichen Fürsten von seinem Glaubensbekenntniß abhängig machte, ist noch bis heute die katholische Kirche in Deutschland befestigt – und was würde aus ihr werden, wenn dieser Anker zerrisse? Der geistliche Vorbehalt erlitt einen hartnäckigen Widerspruch von Seiten der protestantischen Stände, und obgleich sie ihn zuletzt noch in das Friedensinstrument mit aufnahmen, so geschah es mit dem ausdrücklichen Beisatz, daß beide Parteien sich über diesen Punkt nicht verglichen hätten. Konnte er für den protestantischen Theil mehr verbindlich sein, als jene Versicherung Ferdinands zum Vortheil der protestantischen Unterthanen in geistlichen Stiftern es für die katholischen war? Zwei Streitpunkte blieben also in dem Frieden zurück, und an diesen entzündete sich auch der Krieg.

So war es mit der Religionsfreiheit und mit den geistlichen Gütern; mit den Rechten und Würden war es nicht anders. Auf eine einzige Kirche war das deutsche Reichssystem berechnet, weil nur eine da war, als es sich bildete. Die Kirche hat sich getrennt, der Reichstag sich in zwei Religionsparteien geschieden – und doch soll das ganze Reichssystem ausschließend einer einzigen folgen? Alle bisherigen Kaiser waren Söhne der römischen Kirche gewesen, weil die römische Kirche in Deutschland bis jetzt ohne Nebenbuhlerin war. War es aber das Verhältniß mit Rom, was den Kaiser der Deutschen aufmachte, oder war es nicht vielmehr Deutschland, welches sich in seinem Kaiser repräsentierte? Zu dem ganzen Deutschland gehört aber auch der protestantische Theil – und wie repräsentiert sich nun dieser in einer ununterbrochenen Reihe katholischer Kaiser? – In dem höchsten Reichsgerichte richten die deutschen Stände sich selbst, weil sie selbst die Richter dazu stellen; daß sie sich selbst richteten, daß eine gleiche Gerechtigkeit allen zu Statten käme, war der Sinn seiner Stiftung – kann dieser Sinn erfüllt werden, wenn nicht beide Religionen darin sitzen? Daß zur Zeit der Stiftung in Deutschland noch ein einziger Glaube herrschte, war Zufall, – daß kein Stand den andern auf rechtlichem Wege unterdrücken sollte, war der wesentliche Zweck dieser Stiftung. Dieser Zweck aber ist verfehlt, wenn ein Religionstheil im ausschließenden Besitz ist, den andern zu richten – darf nun ein Zweck aufgeopfert werden, wenn sich ein Zufall verändert? – Endlich und mit Mühe erfochten die Protestanten ihrer Religion einen Sitz im Kammergerichte, aber noch immer keine ganz gleiche Stimmenzahl. – Zur Kaiserkrone hat noch kein protestantisches Haupt sich erhoben.

Was man auch von der Gleichheit sagen mag, welche der Religionsfriede zu Augsburg zwischen beiden deutschen Kirchen einführte, so ging die katholische doch unwidersprechlich als Siegerin davon. Alles, was die lutherische erhielt, war – Duldung; alles, was die katholische hingab, opferte sie der Noth, und nicht der Gerechtigkeit. Immer war es noch kein Friede zwischen zwei gleichgeachteten Mächten, bloß ein Vertrag zwischen dem Herrn und einem unüberwundenen Rebellen! Aus diesem Princip scheinen alle Proceduren der katholischen Kirche gegen die protestantische hergeflossen zu sein und noch herzufließen. Immer noch war es ein Verbrechen, zur protestantischen Kirche abzufallen, weil es mit einem so schweren Verluste geahndet wurde, als der geistliche Vorbehalt über abtrünnige geistliche Fürsten verhängt. Auch in den folgenden Zeiten setzte sich die katholische Kirche lieber aus, alles durch Gewalt zu verlieren, als einen kleinen Vortheil freiwillig und rechtlich aufzugeben; denn einen Raub zurückzunehmen, war noch Hoffnung, und immer war es nur ein zufälliger Verlust; aber ein aufgegebener Anspruch, ein den Protestanten zugestandenes Recht erschütterte die Grundpfeiler der katholischen Kirche. Bei dem Religionsfrieden selbst setzte man diesen Grundsatz nicht aus den Augen. Was man in diesem Frieden den Evangelischen preisgab, war nicht unbedingt aufgegeben. Alles, hieß es ausdrücklich, sollte nur bis auf die nächste allgemeine Kirchenversammlung gelten, welche sich beschäftigen würde, beide Kirchen wieder zu vereinigen. Dann erst, wenn dieser letzte Versuch mißlänge, sollte der Religionsfriede eine absolute Gültigkeit haben. So wenig Hoffnung zu dieser Wiedervereinigung da war, so wenig es vielleicht den Katholischen selbst damit Ernst war, so viel hatte man dessen ungeachtet schon gewonnen, daß man den Frieden durch diese Bedingung beschränkte.

Dieser Religionsfriede also, der die Flamme des Bürgerkriegs auf ewige Zeiten ersticken sollte, war im Grunde nur eine temporäre Auskunft, ein Werk der Noth und der Gewalt, nicht vom Gesetz der Gerechtigkeit dictiert, nicht die Frucht berichtigter Ideen über Religion und Religionsfreiheit. Einen Religionsfrieden von der letzten Art konnten die Katholischen nicht geben, und wenn man aufrichtig sein will. einen solchen vertrugen die Evangelischen noch nicht. Weit entfernt, gegen die Katholischen eine uneingeschränkte Billigkeit zu beweisen, unterdrückten sie, wo es in ihrer Macht stand, die Calvinisten, welche freilich eben so wenig eine Duldung in jenem bessern Sinne verdienten, da sie eben so weit entfernt waren, sie selbst auszuüben. Zu einem Religionsfrieden von dieser Natur waren jene Zeiten noch nicht reif und die Köpfe noch zu trübe. Wie konnte ein Theil von dem andern fordern, was er selbst zu leisten unvermögend war? Was eine jede Religionspartei in dem Augsburger Frieden rettete oder gewann, verdankte sie der Gewalt, dem zufälligen Machtverhältniß, in welchem beide bei Gründung des Friedens zu einander gestanden. Was durch Gewalt gewonnen wurde, mußte behauptet werden durch Gewalt; jenes Machtverhältniß mußte also auch fürs künftige fortdauern, oder der Friede verlor seine Kraft. Mit dem Schwerte in der Hand wurden die Grenzen zwischen beiden Kirchen gezeichnet; mit dem Schwerte mußten sie bewacht werden – oder wehe der früher entwaffneten Partei! Eine zweifelhafte schreckenvolle Aussicht für Deutschlands Ruhe, die aus dem Frieden selbst schon hervordrohte!

In dem Reiche erfolgte jetzt eine augenblickliche Stille, und ein flüchtiges Band der Eintracht schien die getrennten Glieder wieder in einen Reichskörper zu verknüpfen, daß auch das Gefühl für die gemeinschaftliche Wohlfahrt auf eine Zeitlang zurückkam. Aber die Trennung hatte das innerste Wesen getroffen, und die erste Harmonie wieder herzustellen, war vorbei. So genau der Friede die Rechtsgrenzen beider Theile bestimmt zu haben schien, so ungleichen Auslegungen blieb er nichtsdestoweniger unterworfen. Mitten in ihrem hitzigsten Kampfe hatte er den streitenden Parteien Stillstand auferlegt, er hatte den Feuerbrand zugedeckt, nicht gelöscht, und unbefriedigte Ansprüche blieben auf beiden Seiten zurück. Die Katholischen glaubten zu viel verloren, die Evangelischen zu wenig errungen zu haben; beide halfen sich damit, den Frieden, den sie jetzt noch nicht zu verletzen wagten, nach ihren Absichten zu erklären.

Dasselbe mächtige Motiv, welches so manche protestantische Fürsten so geneigt gemacht hatte, Luthers Lehre zu umfassen, die Besitznehmung von den geistlichen Stiftern, war nach geschlossenem Frieden nicht weniger wirksam als vorher, und was von mittelbaren Stiftern noch nicht in ihren Händen war, mußte bald in dieselben wandern. Ganz Niederdeutschland war in kurzer Zeit weltlich gemacht; und wenn es mit Oberdeutschland anders war, so lag es an dem lebhaftesten Widerstande der Katholischen, die hier das Uebergewicht hatten. Jede Partei drückte oder unterdrückte, wo sie die mächtigere war, die Anhänger der andern; die geistlichen Fürsten besonders, als die wehrlosesten Glieder des Reicht, wurden unaufhörlich durch die Vergrößerungsbegierde ihrer unkatholischen Nachbarn geängstigt. Wer zu ohnmächtig war, Gewalt durch Gewalt abzuwenden, flüchtete sich unter die Flügel der Justiz, und die Spolienklagen gegen protestantische Stände häuften sich auf dem Reichsgerichte an, welches bereitwillig genug war, den angeklagten Theil mit Sentenzen zu verfolgen, aber zu wenig unterstützt, um sie geltend zu machen. Der Friede, welcher den Ständen des Reichs die vollkommene Religionsfreiheit einräumte, hatte doch einigermaßen auch für den Unterthan gesorgt, indem er ihm das Recht ausbedung, das Land, in welchem seine Religion unterdrückt war, unangefochten zu verlassen. Aber vor den Gewalttätigkeiten, womit der Landesherr einen gehaßten Unterthan drücken, vor den namenlosen Drangsalen, wodurch er dem Auswandernden den Abzug erschweren, vor den künstlich gelegten Schlingen, worein die Arglist, mit der Stärke verbunden, die Gemüther verstricken kann, konnte der todte Buchstabe dieses Friedas ihn nicht schützen. Der katholische Unterthan protestantischer Herren klagte laut über Verletzung des Religionsfriedens – der evangelische noch lauter über die Bedrückungen, welche ihm von seiner katholischen Obrigkeit widerfuhren. Die Erbitterung und Streitsucht der Theologen vergiftete jeden Vorfall, der an sich unbedeutend war, und setzte die Gemüther in Flammen; glücklich genug, wenn sich diese theologische Wuth an dem gemeinschaftlichen Religionsfeind erschöpft hätte, ohne gegen die eignen Religionsverwandten ihr Gift auszuspritzen.

Die Einigkeit der Protestanten unter sich selbst würde doch endlich hingereicht haben, beide streitende Parteien in einer gleichen Schwankung zu erhalten und dadurch den Frieden zu verlängern; aber, um die Verwirrung vollkommen zu machen, verschwand diese Eintracht bald. Die Lehre, welche Zwingli in Zürich und Calvin in Genf verbreitet hatten, fing bald auch in Deutschland an, festen Boden zu gewinnen und die Protestanten unter sich selbst zu entzweien, daß sie einander kaum mehr an etwas anderm als dem gemeinschaftlichen Hasse gegen das Papstthum erkannten. Die Protestanten in diesem Zeitraume glichen denjenigen nicht mehr, welche fünfzig Jahre vorher ihr Bekenntniß zu Augsburg übergeben hatten, und die Ursache dieser Veränderung ist – in eben diesem Augsburgischen Bekenntniß zu suchen. Dieses Bekenntniß setzte dem protestantischen Glauben eine positive Grenze, ehe noch der erwachte Forschungsgeist sich diese Grenze gefallen ließ, und die Protestanten verscherzten unwissend einen Theil des Gewinns, den ihnen der Abfall von dem Papstthum versicherte. Gleiche Beschwerden gegen die römische Hierarchie und gegen die Mißbräuche in dieser Kirche, eine gleiche Mißbilligung der katholischen Lehrbegriffe würden hinreichend gewesen sein, den Vereinigungspunkt für die protestantische Kirche abzugeben; aber sie suchten diesen Vereinigungspunkt in einem neuen positiven Glaubenssystem, setzten in dieses das Unterscheidungszeichen, den Vorzug, das Wesen ihrer Kirche und bezogen auf dieses den Vertrag, den sie mit den Katholischen schlossen. Bloß als Anhänger der Confession gingen sie den Religionsfrieden ein; die Confessionsverwandten allein hatten Theil an der Wohlthat dieses Friedens. Wie also auch der Erfolg sein mochte, so stand es gleich schlimm um die Confessionsverwandten. Dem Geist der Forschung war eine bleibende Schranke gesetzt, wenn den Vorschriften der Confession ein blinder Gehorsam geleistet wurde; der Vereinigungspunkt aber war verloren, wenn man sich über die festgesetzte Formel entzweite. Zum Unglück ereignete sich Beides, und die schlimmen Folgen von Beidem stellten sich ein. Eine Partei hielt standhaft fest an dem ersten Bekenntniß; und wenn sich die Calvinisten davon entfernten, so geschah es nur, um sich auf ähnliche Art in einen neuen Lehrbegriff einzuschließen.

Keinen scheinbarern Vorwand hätten die Protestanten ihrem gemeinschaftlichen Feinde geben können, als diese Uneinigkeit unter sich selbst, kein erfreuenderes Schauspiel, als die Erbitterung, womit sie einander wechselseitig verfolgten. Wer konnte es nun den Katholischen zum Verbrechen machen, wenn sie die Dreistigkeit lächerlich fanden, mit welcher die Glaubensverbesserer sich angemaßt hatten, das einzig wahre Religionssystem zu verkündigen? wenn sie von Protestanten selbst die Waffen gegen Protestanten entlehnten? wenn sie sich bei diesem Widerspruche der Meinungen an die Autorität ihres Glaubens festhielten, für welchen zum Theil doch ein ehrwürdiges Alterthum und eine noch ehrwürdigere Stimmenmehrheit sprach? Aber die Protestanten kamen bei dieser Trennung auf eine noch ernsthaftere Art ins Gedränge. Auf die Confessionsverwandten allein war der Religionsfriede gestellt, und die Katholischen drangen nun auf Erklärung, wen diese für ihren Glaubensgenossen erkannt wissen wollten. Die Evangelischen konnten die Reformierten in ihren Bund nicht einschließen, ohne ihr Gewissen zu beschweren; sie konnten sie nicht davon ausschließen, ohne einen nützlichen Freund in einen gefährlichen Feind zu verwandeln. So zeigte diese unselige Trennung den Machinationen der Jesuiten einen Weg, Mißtrauen zwischen beide Parteien zu pflanzen und die Eintracht ihrer Maßregeln zu zerstören. Durch die doppelte Furcht vor den Katholiken und vor ihren eigenen protestantischen Gegnern gebunden, versäumten die Protestanten den nimmer wiederkehrenden Moment, ihrer Kirche ein durchaus gleiches Recht mit der römischen zu erfechten. Und allen diesen Verlegenheiten wären sie entgangen, der Abfall der Reformierten wäre für die gemeine Sache ganz unschädlich gewesen, wenn man den Vereinigungspunkt allein in der Entfernung von dem Papstthum, nicht in Augsburgischen Confessionen, nicht in Concordienwerken gesucht hätte.

So sehr man aber auch in allem Andern getheilt war, so begriff man doch einstimmig, daß eine Sicherheit, die man bloß der Machtgleichheit zu danken gehabt hatte, auch nur durch diese Machtgleichheit allein erhalten werden könne. Die fortwährenden Reformationen der einen Partei, die Gegenbemühungen der andern unterhielten die Wachsamkeit auf beiden Seiten, und der Inhalt des Religionsfriedens war die Losung eines ewigen Streits. Jeder Schritt, den der andere Theil that, mußte zu Kränkung dieses Friedens abzielen; jeder, den man sich selbst erlaubte, geschah zur Aufrechthaltung dieses Friedens. Nicht alle Bewegungen der katholischen hatten eine angreifende Absicht, wie ihnen von der Gegenpartei Schuld gegeben wird; Vieles, was sie thaten, machte ihnen die Selbstvertheidigung zur Pflicht. Die Protestanten hatten auf eine nicht zweideutige Art gezeigt, wozu die Katholischen sich zu versehen hätten, wenn sie das Unglück haben sollten, der unterliegende Theil zu sein. Die Lüsternheit der Protestanten nach den geistlichen Gütern ließ sie keine Schonung, ihr Haß keine Großmuth, keine Duldung erwarten.

Aber auch den Protestanten war es zu verzeihen, wenn sie zu der Redlichkeit der Papisten wenig Vertrauen zeigten. Durch die treulose und barbarische Behandlungsart, welche man sich in Spanien, Frankreich und den Niederlanden gegen ihre Glaubensgenossen erlaubte, durch die schändliche Ausflucht katholischer Fürsten, sich von den heiligsten Eiden durch den Papst lossprechen zu lassen, durch den abscheulichen Grundsatz, daß gegen Ketzer kein Treu und Glaube zu beobachten sei, hatte die katholische Kirche in den Augen aller Redlichen ihre Ehre verloren. Keine Versicherung, kein noch so fürchterlicher Eid konnte aus dem Munde eines Papisten den Protestanten beruhigen. Wie hätte der Religionsfriede es gekonnt, den die Jesuiten durch ganz Deutschland nur als ein Interim, als eine einstweilige Convenienz abschilderten, der in Rom selbst feierlich verworfen ward!

Die allgemeine Kirchenversammlung, auf welche in diesem Frieden hingewiesen worden, war unterdessen in der Stadt Trident vor sich gegangen; aber, wie man nicht anders erwartet hatte, ohne die streitenden Religionen vereinigt, ohne auch nur einen Schritt zu dieser Vereinigung gethan zu haben, ohne von den Protestanten auch nur beschickt worden zu sein. Feierlich waren diese nunmehr von der Kirche verdammt, für deren Repräsentanten sich das Concilium ausgab. – Konnte ihnen ein profaner und noch dazu durch die Waffen erzwungener Vertrag vor dem Bann der Kirche eine hinlängliche Sicherheit geben – ein Vertrag, der sich auf eine Bedingung stützte, welche der Schluß des Conciliums aufzuheben schien? An einem Scheine des Rechts fehlte es also nicht mehr, wenn sich die Katholischen sonst mächtig genug fühlten, den Religionsfrieden zu verletzen – von jetzt an schützte die Protestanten nichts mehr, als der Respekt vor ihrer Macht.

Mehreres kam dazu, das Mißtrauen zu vermehren. Spanien, an welche Macht das katholische Deutschland sich lehnte, lag damals mit den Niederländern in einem heftigen Kriege, der den Kern der spanischen Macht an die Grenzen Deutschlands gezogen hatte. Wie schnell standen diese Truppen im Reiche, wenn ein entscheidender Streich sie hier notwendig machte! Deutschland war damals eine Vorratskammer des Kriegs für fast alle europäische Mächte. Der Religionskrieg hatte Soldaten darin angehäuft, die der Friede außer Brod setzte. So vielen von einander unabhängigen Fürsten war es leicht, Kriegsheere zusammenzubringen, welche sie alsdann, sei’s aus Gewinnsucht oder aus Parteigeist, an fremde Mächte verliehen. Mit deutschen Truppen bekriegte Philipp der Zweite die Niederlande, und mit deutschen Truppen vertheidigten sie sich. Eine jede solche Truppenwerbung in Deutschland schreckte immer eine von beiden Religionsparteien auf; sie konnte zu ihrer Unterdrückung abzielen. Ein herumwandernder Gesandte, ein außerordentlicher päpstlicher Legat, eine Zusammenkunft von Fürsten, jede ungewöhnliche Erscheinung mußte dem einen oder dem andern Theile Verderben bereiten. So stand Deutschland gegen ein halbes Jahrhundert, die Hand an dem Schwert; jedes rankende Blatt erschreckte.

Ferdinand der Erste, König von Ungarn, und sein vortrefflicher Sohn, Maximilian der Zweite, hielten in dieser bedenklichen Epoche die Zügel des Reichs. Mit einem Herzen voll Aufrichtigkeit, mit einer wirklich heroischen Geduld hatte Ferdinand den Religionsfrieden zu Augsburg vermittelt und an den undankbaren Versuch, beide Kirchen auf dem Concilium zu Trident zu vereinigen, eine vergebliche Mühe verschwendet. Von seinem Neffen, dem spanischen Philipp, im Stich gelassen, zugleich in Siebenbürgen und Ungarn von den siegreichen Waffen der Türken bedrängt, wie hätte sich dieser Kaiser sollen in den Sinn kommen lassen, den Religionsfrieden zu verletzen und sein eigenes mühevolles Werk zu vernichten? Der große Aufwand des immer sich erneuernden Türkenkriegs konnte von den sparsamen Beiträgen seiner erschöpften Erblande nicht bestritten werden; er brauchte also den Beistand des Reichs, und der Religionsfriede allein hielt das getheilte Reich noch in einem Körper zusammen. Das ökonomische Bedürfniß machte ihm die Protestanten nicht weniger nöthig, als die Katholischen, und legte ihm also auf, beide Theile mit gleicher Gerechtigkeit zu behandeln, welches bei so sehr widerstreitenden Forderungen ein wahres Riesenwerk war. Auch fehlte viel, daß der Erfolg seinen Wünschen entsprochen hätte: seine Nachgiebigkeit gegen die Protestanten hatte bloß dazu gedient, seinen Enkeln den Krieg aufzuheben, der sein sterbendes Auge verschonte. Nicht viel glücklicher war sein Sohn Maximilian, den vielleicht nur der Zwang der Umstände hinderte, dem vielleicht nur ein längeres Leben fehlte, um die neue Religion auf den Kaiserthron zu erheben. Den Vater hatte die Notwendigkeit Schonung gegen die Protestanten gelehrt; die Notwendigkeit und die Billigkeit dictierten sie seinem Sohne. Der Enkel büßte es theuer, daß er weder die Billigkeit hörte, noch der Notwendigkeit gehorchte.

Sechs Söhne hinterließ Maximilian, aber nur der älteste von diesen, Erzherzog Rudolph, erbte seine Staaten und bestieg den kaiserlichen Thron; die übrigen Brüder wurden mit schwachen Apanagen abgefunden. Wenige Nebenländer gehörten einer Seitenlinie an, welche Karl von Steyermark, ihr Oheim, fortführte; doch wurden auch diese schon unter Ferdinand dem Zweiten, seinem Sohne, mit der übrigen Erbschaft vereinigt. Diese Länder also ausgenommen versammelte sich nunmehr die ganze ansehnliche Macht des Hauses Oesterreich in einer einzigen Hand, aber zum Unglück in einer schwachen.

Rudolph der Zweite war nicht ohne Tugenden, die ihm die Liebe der Menschen hätten erwerben müssen, wenn ihm das Loos eines Privatmannes gefallen wäre. Sein Charakter war mild, er liebte den Frieden, und den Wissenschaften – besonders der Astronomie, Naturlehre, Chemie und dem Studium der Antiquitäten – ergab er sich mit einem leidenschaftlichen Hange, der ihn aber zu einer Zeit, wo die bedenkliche Lage der Dinge die angestrengteste Aufmerksamkeit heischte und seine erschöpften Finanzen die höchste Sparsamkeit nöthig machten, von Regierungsgeschäften zurückzog und zu einer höchst schädlichen Verschwendung reizte. Sein Geschmack an der Sternkunst verirrte sich in astrologische Träumereien, denen sich ein melancholisches und furchtsames Gemüth, wie das seinige war, so leicht überliefert. Dieses und eine in Spanien zugebrachte Jugend öffnete sein Ohr den schlimmen Ratschlägen der Jesuiten und den Eingebungen des spanischen Hofs, die ihn zuletzt unumschränkt beherrschten. Von Liebhabereien angezogen, die seines großen Postens so wenig würdig waren, und von lächerlichen Wahrsagungen geschreckt, verschwand er nach spanischer Sitte vor seinen Unterthanen, um sich unter seinen Gemmen und Antiken, in seinem Laboratorium, in seinem Marstalle zu verbergen, während daß die gefährlichste Zwietracht alle Bande des deutschen Staatskörpers auflöste und die Flamme der Empörung schon anfing, an die Stufen seines Thrones zu schlagen. Der Zugang zu ihm war Jedem ohne Ausnahme versperrt; unausgefertigt lagen die dringendsten Geschäfte; die Aussicht auf die reiche spanische Erbschaft verschwand, weil er unschlüssig blieb, der Infantin Isabella seine Hand zu geben; dem Reiche drohte die fürchterlichste Anarchie, weil er, obgleich selbst ohne Erben, nicht dahin zu bringen war, einen römischen König erwählen zu lassen. Die österreichischen Landstände sagten ihm den Gehorsam auf, Ungarn und Siebenbürgen entrissen sich seiner Hoheit, und Böhmen säumte nicht lange, diesem Beispiel zu folgen. Die Nachkommenschaft des so gefürchteten Karls des Fünften schwebte in Gefahr, einen Theil ihrer Besitzungen an die Türken, den andern an die Protestanten zu verlieren und unter einem furchtbaren Fürstenbund, den ein großer Monarch in Europa gegen sie zusammenzog, ohne Rettung zu erliegen. In dem Innern Deutschlands geschah, was von jeher geschehen war, wenn es dem Thron an einem Kaiser, oder dem Kaiser an einem Kaisersinne fehlte. Gekränkt oder im Stich gelassen von dem Reichsoberhaupt, helfen die Stände sich selbst, und Bündnisse müssen ihnen die fehlende Autorität des Kaisers ersetzen. Deutschland theilt sich in zwei Unionen, die einander gewaffnet gegenüberstehen; Rudolph, ein verachteter Gegner der einen und ein ohnmächtiger Beschützer der andern, steht müßig und überflüssig zwischen beiden, gleich unfähig, die erste zu zerstreuen und über die andere zu herrschen. Was hätte auch das deutsche Reich von einem Fürsten erwarten sollen, der nicht einmal vermögend war, seine eigenen Erbländer gegen einen innerlichen Feind zu behaupten? Den gänzlichen Ruin des österreichischen Geschlechts aufzuhalten, tritt sein eigenes Haus gegen ihn zusammen, und eine mächtige Faktion wirft sich seinem Bruder in die Arme. Aus allen seinen Erbstaaten vertrieben, bleibt ihm nichts mehr zu verlieren, als der Kaiserthron, und der Tod reißt ihn noch eben zeitig genug weg, um ihm diese letzte Schande zu ersparen.

Deutschlands schlimmer Genius war es, der ihm gerade in dieser bedenklichen Epoche, wo nur eine geschmeidige Klugheit und ein mächtiger Arm den Frieden des Reichs retten konnte, einen Rudolph zum Kaiser gab. In einem ruhigern Zeitpunkt hätte der deutsche Staatskörper sich selbst geholfen, und in einer mystischen Dunkelheit hätte Rudolph, wie so viele Andre seines Ranges, seine Blößen versteckt. Das dringende Bedürfniß der Tugenden, die ihm fehlten, riß seine Unfähigkeit ans Licht. Deutschlands Lage forderte einen Kaiser, der durch eigne Hilfsmittel seinen Entscheidungen Gewicht geben konnte, und die Erbstaaten Rudolphs, so ansehnlich sie auch waren, befanden sich in einer Lage, die den Regenten in die äußerste Verlegenheit setzte.

Die österreichischen Prinzen waren zwar katholische Fürsten, und noch dazu Stützen des Papstthums; aber es fehlte viel, daß ihre Länder katholische Länder gewesen wären. Auch in diese Gegenden waren die neuen Meinungen eingedrungen, und begünstigt von Ferdinands Bedrängnissen und Maximilians Güte, hatten sie sich mit schnellem Glück in denselben verbreitet. Die österreichischen Länder zeigten im Kleinen, was Deutschland im Großen war. Der größere Theil des Herren- und Ritterstandes war evangelisch, und in den Städten hatten die Protestanten bei weitem das Uebergewicht errungen. Nachdem es ihnen geglückt war, Einige aus ihrem Mittel in die Landschaft zu bringen, so wurde unvermerkt eine landschaftliche Stelle nach der andern, ein Collegium nach dem andern mit Protestanten besetzt und die Katholiken daraus verdrängt. Gegen den zahlreichen Herren- und Ritterstand und die Abgeordneten der Städte war die Stimme weniger Prälaten zu schwach, welche das ungezogene Gespötte und die kränkende Verachtung der Uebrigen noch vollends von dem Landtage verscheuchte. So war unvermerkt der ganze österreichische Landtag protestantisch, und die Reformation that von jetzt an die schnellsten Schritte zu einer öffentlichen Existenz. Von den Landständen war der Regent abhängig weil sie es waren, die ihm die Steuern abschlagen und bewilligen konnten. Sie benutzten die Geldbedürfnisse, in denen sich Ferdinand und sein Sohn befanden, eine Religionsfreiheit nach der andern von diesen Fürsten zu erpressen. Dem Herren- und Ritterstand gestattete endlich Maximilian die freie Ausübung ihrer Religion, doch nur auf ihren eigenen Territorien und Schlössern. Der unbescheidene Schwärmereifer der evangelischen Prediger überschritt dieses von der Weisheit gesteckte Ziel. Dem ausdrücklichen Verbot zuwider ließen sich mehrere derselben in den Landstädten und selbst zu Wien öffentlich hören, und das Volk drängte sich schaarenweise zu diesem neuen Evangelium, dessen beste Würze Anzüglichkeiten und Schimpfreden ausmachten. So wurde dem Fanatismus eine immerwährende Nahrung gegeben und der Haß beider einander so nahestehenden Kirchen durch den Stachel ihres unreinen Eifers vergiftet.

Unter den Erbstaaten des Hauses Oesterreich war Ungarn nebst Siebenbürgen die unsicherste und am schwersten zu behauptende Besitzung. Die Unmöglichkeit, diese beiden Länder gegen die nahe und überlegene Macht der Türken zu behaupten, hatte schon Ferdinanden zu dem unrühmlichen Schritte vermocht, der Pforte durch einen jährlichen Tribut die oberste Hoheit über Siebenbürgen einzugestehen – ein schädliches Bekenntniß der Ohnmacht und eine noch gefährlichere Anreizung für den unruhigen Adel, wenn er Ursache zu haben glaubte, sich über seinen Herrn zu beschweren. Die Ungarn hatten sich dem Hause Oesterreich nicht unbedingt unterworfen. Sie behaupteten die Wahlfreiheit ihrer Krone und forderten trotzig alle ständischen Rechte, welche von dieser Wahlfreiheit unzertrennlich sind. Die nahe Nachbarschaft des türkischen Reichs und die Leichtigkeit, ungestraft ihren Herrn zu wechseln, bestärkte die Magnaten noch mehr in diesem Trotze; unzufrieden mit der österreichischen Regierung, warfen sie sich den Osmanen in die Arme; unbefriedigt von diesen, kehrten sie unter deutsche Hoheit zurück. Der öftere und rasche Uebergang von einer Herrschaft zur andern hatte sich auch ihrer Denkungsart mitgetheilt; ungewiß, wie ihr Land zwischen deutscher und ottomanischer Hoheit schwebte, schwankte auch ihr Sinn zwischen Abfall und Unterwerfung. Je unglücklicher beide Länder sich fühlten, zu Provinzen einer auswärtigen Monarchie herabgesetzt zu sein, desto unüberwindlicher war ihr Bestreben, einem Herrn aus ihrer Mitte zu gehorchen; und so wurde es einem unternehmenden Edelmann nicht schwer, ihre Huldigung zu erhalten. Voll Bereitwilligkeit reichte der nächste türkische Bassa einem Rebellen gegen Oesterreich Scepter und Krone; eben so bereitwillig bestätigte man in Oesterreich einem andern den Besitz der Provinzen, die er der Pforte entrissen hatte, zufrieden, auch nur einen Schatten von Hoheit gerettet und eine Vormauer gegen die Türken dadurch gewonnen zu haben. Mehrere solcher Magnaten, Bathori, Boschkai, Ragoczi, Bethlen, standen auf diese Art nach einander in Siebenbürgen und Ungarn als zinsbare Könige auf, welche sich durch keine andere Staatskunst erhielten, als diese: sich an den Feind anzuschließen, um ihrem Herrn desto furchtbarer zu sein.

Ferdinand, Maximilian und Rudolph, alle Drei Beherrscher von Siebenbürgen und Ungarn, erschöpften das Mark ihrer übrigen Länder, um diese beiden gegen die Ueberschwemmungen der Türken und gegen innere Rebellionen zu behaupten. Verheerende Kriege wechselten auf diesem Boden mit kurzen Waffenstillständen ab, die nicht viel besser waren. Verwüstet lag weit und breit das Land, und der mißhandelte Unterthan führte gleich große Beschwerden über seinen Feind und seinen Beschützer. Auch in diese Länder war die Reformation eingedrungen, wo sie unter dem Schutze der ständischen Freiheit, unter der Decke des Tumults, merkliche Fortschritte machte. Auch diese tastete man jetzt unvorsichtig an, und der politische Faktionsgeist wurde gefährlicher durch religiöse Schwärmerei. Der siebenbürgische und ungarische Adel erhebt, von einem kühnen Rebellen Boschkai angeführt, die Fahne der Empörung. Die Aufrührer in Ungarn sind im Begriff, mit den mißvergnügten Protestanten in Oesterreich, Mähren und Böhmen gemeine Sache zu machen und alle diese Länder in einer furchtbaren Rebellion fortzureißen. Dann war der Untergang des Hauses Oesterreich gewiß, der Untergang des Papstthums in diesen Ländern unvermeidlich.

Längst schon hatten die Erzherzoge von Oesterreich, des Kaisers Brüder, dem Verderben ihres Hauses mit stillem Unwillen zugesehen; dieser letzte Vorfall bestimmte ihren Entschluß. Erzherzog Matthias, Maximilians zweiter Sohn, Statthalter in Ungarn und Rudolphs vermuthlicher Erbe, trat hervor, Habsburgs sinkendem Hause sich zur Stütze anzubieten. In jugendlichen Jahren und von einer falschen Ruhmbegierde übereilt, hatte dieser Prinz, dem Interesse seines Hauses zuwider, den Einladungen einiger niederländischen Rebellen Gehör gegeben, welche ihn in ihr Vaterland riefen, um die Freiheiten der Nation gegen seinen eigenen Anverwandten, Philipp den Zweiten, zu vertheidigen. Matthias, der in der Stimme einer einzelnen Faktion die Stimme des ganzen niederländischen Volks zu vernehmen glaubte, erschien auf diesen Ruf in den Niederlanden. Aber der Erfolg entsprach ebenso wenig den Wünschen der Brabanter, als seinen eigenen Erwartungen, und ruhmlos zog er sich aus einer unweisen Unternehmung. Desto ehrenvoller war seine zweite Erscheinung in der politischen Welt.

Nachdem seine wiederholtesten Aufforderungen an den Kaiser ohne Wirkung geblieben, berief er die Erzherzoge, seine Brüder und Vettern, nach Preßburg und pflog Rath mit ihnen über des Hauses wachsende Gefahr. Einstimmig übertragen die Brüder ihm, als dem Aeltesten, die Verteidigung ihres Erbtheils, das ein blödsinniger Bruder verwahrloste. Alle ihre Gewalt und Rechte legen sie in die Hand dieses Aeltesten und bekleiden ihn mit souveräner Vollmacht, über das gemeine Beste nach Einsicht zu verfügen. Alsobald eröffnet Matthias Unterhandlungen mit der Pforte und mit den ungarischen Rebellen, und seiner Geschicklichkeit gelingt es, den Ueberrest Ungarns durch einen Frieden mit den Türken und durch einen Vertrag mit den Rebellen Oesterreichs Ansprüche auf die verlornen Provinzen zu retten. Aber Rudolph, ebenso eifersüchtig auf seine landesherrliche Gewalt, als nachlässig, sie zu behaupten, hält mit der Bestätigung dieses Friedens zurück, den er als einen strafbaren Eingriff in seine Hoheit betrachtet. Er beschuldigt den Erzherzog eines Verständnisses mit dem Feinde und verräterischer Absichten auf die ungarische Krone.

Die Geschäftigkeit des Matthias war nichts weniger als frei von eigennützigen Entwürfen gewesen; aber das Betragen des Kaisers beschleunigte die Ausführung dieser Entwürfe. Der Zuneigung der Ungarn, denen er kürzlich den Frieden geschenkt hatte, durch Dankbarkeit, durch seine Unterhändler der Ergebenheit des Adels versichert und in Oesterreich selbst eines zahlreichen Anhangs gewiß, wagt er es nun, mit seinen Absichten lauter hervorzutreten und, die Waffen in der Hand, mit dem Kaiser zu rechten. Die Protestanten in Oesterreich und Mähren, lange schon zum Aufstand bereit und jetzt von dem Erzherzog durch die versprochene Religionsfreiheit gewonnen, nehmen laut und öffentlich seine Partei, und ihre längst gedrohte Verbindung mit den rebellischen Ungarn kommt wirklich zu Stande. Eine furchtbare Verschwörung hat sich auf einmal gegen den Kaiser gebildet. Zu spät entschließt er sich, den begangenen Fehler zu verbessern; umsonst versucht er, diesen verderblichen Bund aufzulösen. Schon hat alles die Waffen in der Hand; Ungarn, Oesterreich und Mähren haben dem Matthias gehuldigt, welcher schon auf dem Wege nach Böhmen ist, um dort den Kaiser in seiner Burg aufzusuchen und die Nerven seiner Macht zu zerschneiden.

Das Königreich Böhmen war für Oesterreich eine nicht viel ruhigere Besitzung als Ungarn, nur mit dem Unterschied, daß hier mehr politische Ursachen, dort mehr die Religion die Zwietracht unterhielten. In Böhmen war ein Jahrhundert vor Luthern das erste Feuer der Religionskriege ausgebrochen, in Böhmen entzündete sich ein Jahrhundert nach Luthern die Flamme des dreißigjährigen Kriegs. Die Sekte, welcher Johann Huß die Entstehung gegeben, lebte seitdem noch fort in Böhmen, einig mit der römischen Kirche in Ceremonie und Lehre, den einzigen Artikel des Abendmahls ausgenommen, welches der Hussite in beiden Gestalten genoß. Dieses Vorrecht hatte die Baselische Kirchenversammlung in einem eigenen Vertrage (den böhmischen Compactaten) Hussens Anhängern zugestanden, und wiewohl es nachher von den Päpsten widersprochen wurde, so fuhren sie dennoch fort, es unter dem Schutz der Gesetze zu genießen. Da der Gebrauch des Kelchs das einzige erhebliche Unterscheidungszeichen dieser Sekte ausmachte, so bezeichnete man sie mit dem Namen der Utraquisten (der in beiderlei Gestalt Communicierenden), und sie gefielen sich in diesem Namen, weil er sie an ihr so theures Vorrecht erinnerte. Aber in diesem Namen verbarg sich auch die weit strengere Sekte der böhmischen und mährischen Brüder, welche in weit bedeutendern Punkten von der herrschenden Kirche abwichen und mit den deutschen Protestanten sehr viel Aehnliches hatten. Bei beiden machten die deutschen sowohl als die schweizerischen Religionsneuerungen ein schnelles Glück, und der Name der Utraquisten, womit sie ihre veränderten Grundsätze noch immer zu bedecken wußten, schützte sie vor der Verfolgung.

Im Grunde war es nichts mehr als der Name, was sie mit jenen Utraquisten gemein hatten; dem Wesen nach waren sie ganz Protestanten. Voll Zuversicht auf ihren mächtigen Anhang und auf des Kaisers Toleranz, wagten sie sich unter Maximilians Regierung mit ihren wahren Gesinnungen an das Licht. Sie setzten nach dem Beispiel der Deutschen eine eigene Confession auf, in welcher sowohl Lutheraner als Reformierte ihre Meinungen erkannten, und wollten alle Privilegien der ehemaligen utraquistischen Kirche auf diese neue Confession übertragen haben. Dieses Gesuch fand Widerspruch bei ihren katholischen Mitständen, und sie mußten sich mit einem bloßen Wort der Versicherung aus dem Munde des Kaisers begnügen.

So lange Maximilian lebte, genossen sie einer vollkommenen Duldung auch in ihrer neuen Gestalt; unter seinem Nachfolger änderte sich die Scene. Ein kaiserliches Edikt erschien, welches den sogenannten böhmischen Brüdern die Religionsfreiheit absprach. Die böhmischen Brüder unterschieden sich in nichts von den übrigen Utraquisten; das Urtheil ihrer Verdammung mußte daher alle böhmischen Confessionsverwandten auf gleiche Art treffen. Alle setzten sich deßwegen dem kaiserlichen Mandat auf dem Landtag entgegen, aber ohne es umstoßen zu können. Der Kaiser und die katholischen Stände stützten sich auf die Compactaten und auf das böhmische Landrecht, worin sich freilich zum Vortheil einer Religion noch nichts fand, die damals die Stimme der Nation noch nicht für sich hatte. Aber wie viel hatte sich seitdem verändert! Was damals bloß eine unbedeutende Sekte war, war jetzt herrschende Kirche geworden – und war es nun etwas anders, als Chikane, die Grenzen einer neu aufgekommenen Religion durch alte Verträge bestimmen zu wollen? Die böhmischen Protestanten beriefen sich auf die mündliche Versicherung Maximilians und auf die Religionsfreiheit der Deutschen, denen sie in keinem Stücke nachgesetzt sein wollten. Umsonst, sie wurden abgewiesen.

So standen die Sachen in Böhmen, als Matthias, bereits Herr von Ungarn, Oesterreich und Mähren, bei Kollin erschien, auch die böhmischen Landstände gegen den Kaiser zu empören. Des Letztern Verlegenheit stieg aufs höchste. Von allen seinen übrigen Erbstaaten verlassen, setzte er seine letzte Hoffnung auf die böhmischen Stände, von denen vorauszusehen war, daß sie seiner Noth zu Durchsetzung ihrer Forderungen mißbrauchen würden. Nach langen Jahren erschien er zu Prag wieder öffentlich auf dem Landtag, und um auch dem Volke zu zeigen, daß er wirklich noch lebe, mußten alle Fensterläden auf dem Hofgang geöffnet werden, den er passierte; Beweis genug, wie weit es mit ihm gekommen war. Was er befürchtet hatte, geschah. Die Stände, welche ihre Wichtigkeit fühlten, wollten sich nicht eher zu einem Schritte verstehen, bis man ihnen über ihre ständischen Privilegien und die Religionsfreiheit vollkommene Sicherheit geleistet hätte. Es war vergeblich, sich jetzt noch hinter die alten Ausflüchte zu verkriechen; des Kaisers Schicksal war in ihrer Gewalt, und er mußte sich in die Notwendigkeit fügen. Doch geschah dieses nur in Betreff ihrer übrigen Forderungen; die Religionsangelegenheiten behielt er sich vor auf dem nächsten Landtage zu berichtigen.

Nun ergriffen die Böhmen die Waffen zu seiner Vertheidigung, und ein blutiger Bürgerkrieg sollte sich nun zwischen beiden Brüdern entzünden. Aber Rudolph, der nichts so sehr fürchtete, als in dieser sklavischen Abhängigkeit von den Ständen zu bleiben, erwartete diesen nicht, sondern eilte, sich mit dem Erzherzog, seinem Bruder, auf einem friedlichen Wege abzufinden. In einer förmlichen Entsagungsakte überließ er demselben, was ihm nicht mehr zu nehmen war, Oesterreich und das Königreich Ungarn, und erkannte ihn als seinen Nachfolger auf dem böhmischen Throne.

Theuer genug hatte sich der Kaiser aus diesem Bedrängniß gezogen, um sich unmittelbar darauf in einem neuen zu verwickeln. Die Religionsangelegenheiten der Böhmen waren auf den nächsten Landtag verwiesen worden; dieser Landtag erschien 1609. Sie forderten dieselbe freie Religionsübung, wie unter dem vorigen Kaiser, ein eigenes Consistorium, die Einräumung der Prager Akademie und die Erlaubniß, Defensoren oder Freiheitsbeschützer aus ihrem Mittel aufzustellen. Es blieb bei der ersten Antwort; denn der katholische Theil hatte alle Entschließungen des furchtsamen Kaisers gefesselt. So oft und in so drohender Sprache auch die Stände ihre Vorstellungen erneuerten, Rudolph beharrte auf der ersten Erklärung, nichts über die alten Verträge zu bewilligen. Der Landtag ging unverrichteter Dinge auseinander, und die Stände, aufgebracht über den Kaiser, verabredeten unter sich eine eigenmächtige Zusammenkunft zu Prag, um sich selbst zu helfen.

In großer Anzahl erschienen sie zu Prag. Des kaiserlichen Verbots ungeachtet, gingen die Beratschlagungen vor sich, und fast unter den Augen des Kaisers. Die Nachgiebigkeit, die er anfing zu zeigen, bewies ihnen nur, wie sehr sie gefürchtet waren, und vermehrte ihren Trotz; in der Hauptsache blieb er unbeweglich. Sie erfüllten ihre Drohungen und faßten ernstlich den Entschluß, die freie Ausübung ihrer Religion an allen Orten von selbst anzustellen und den Kaiser so lange in seinen Bedürfnissen zu verlassen, bis er diese Verfügung bestätigt hätte. Sie gingen weiter und gaben sich selbst die Defensoren, die der Kaiser ihnen verweigerte. Zehen aus jedem der drei Stände wurden ernannt; man beschloß, auf das schleunigste eine militärische Macht zu errichten, wobei der Hauptbeförderer dieses Aufstands, der Graf von Thurn, als Generalwachtmeister angestellt wurde. Dieser Ernst brachte endlich den Kaiser zum Nachgeben, wozu jetzt sogar die Spanier ihm riethen. Aus Furcht, daß die aufs Aeußerste gebrachten Stände sich endlich gar dem Könige von Ungarn in die Arme werfen möchten, unterzeichnete er den merkwürdigen Majestätsbrief der Böhmen, durch welchen sie unter den Nachfolgern dieses Kaisers ihren Aufruhr gerechtfertigt haben.

Die böhmische Confession, welche die Stände dem Kaiser Maximilian vorgelegt hatten, erhielt in diesem Majestätsbrief vollkommen gleiche Rechte mit der katholischen Kirche. Den Utraquisten, wie die böhmischen Protestanten noch immer fortfuhren sich zu nennen, wird die Prager Universität und ein eigenes Consistorium zugestanden, welches von dem erzbischöflichen Stuhle zu Prag durchaus unabhängig ist. Alle Kirchen, die sie zur Zeit der Ausstellung dieses Briefes in Städten, Dörfern und Märkten bereits inne haben, sollen ihnen bleiben, und wenn sie über diese Zahl noch neue erbauen lassen wollten, so soll dieses dem Herren- und Ritterstande und allen Städten unverboten sein. Diese letzte Stelle im Majestätsbriefe ist es, über welche sich nachher der unglückliche Streit entspann, der Europa in Flammen setzte.

Der Majestätsbrief machte das protestantische Böhmen zu einer Art von Republik. Die Stände hatten die Macht kennen lernen, die sie durch Standhaftigkeit, Eintracht und Harmonie in ihren Maßregeln gewannen. Dem Kaiser blieb nicht viel mehr, als ein Schatten seiner landesherrlichen Gewalt; in der Person der sogenannten Freiheitsbeschützer wurde dem Geist des Aufruhrs eine gefährliche Aufmunterung gegeben. Böhmens Beispiel und Glück war ein verführerischer Wink für die übrigen Erbstaaten Oesterreichs, und alle schickten sich an, ähnliche Privilegien auf einem ähnlichen Wege zu erpressen. Der Geist der Freiheit durchlief eine Provinz nach der andern; und da es vorzüglich die Uneinigkeit zwischen den österreichischen Prinzen war, was die Protestanten so glücklich zu benutzen gewußt hatten, so eilte man, den Kaiser mit dem König von Ungarn zu versöhnen.

Aber diese Versöhnung konnte nimmermehr aufrichtig sein. Die Beleidigung war zu schwer, um vergeben zu werden, und Rudolph fuhr fort, einen unauslöschlichen Haß gegen Matthias in seinem Herzen zu nähren. Mit Schmerz und Unwillen verweilte er bei dem Gedanken, daß endlich auch das böhmische Szepter in eine so verhaßte Hand kommen sollte; und die Aussicht war nicht viel tröstlicher für ihn, wenn Matthias ohne Erben abginge. Alsdann war Ferdinand, Erzherzog von Grätz, das Haupt der Familie, den er eben so wenig liebte. Diesen sowohl als den Matthias von der böhmischen Thronfolge auszuschließen, verfiel er auf den Entwurf, Ferdinands Bruder, dem Erzherzog Leopold, Bischof von Passau, der ihm unter allen seinen Agnaten der liebste und der verdienteste um seine Person war, diese Erbschaft zuzuwenden. Die Begriffe der Böhmen von der Wahlfreiheit ihres Königreichs und ihre Neigung zu Leopolds Person schienen diesen Entwurf zu begünstigen, bei welchem Rudolph mehr seine Parteilichkeit und Rachgier als das Beste seines Hauses zu Rath gezogen hatte. Aber um dieses Projekt durchzusetzen, bedurfte es einer militärischen Macht, welche Rudolph auch wirklich im Bisthum Passau zusammenzog. Die Bestimmung dieses Corps wußte Niemand; aber ein unversehener Einfall, den es, aus Abgang des Soldes und ohne Wissen des Kaisers, in Böhmen that, und die Ausschweifungen, die es da verübte, brachte dieses ganze Königreich in Aufruhr gegen den Kaiser. Umsonst versicherte dieser die böhmischen Stände seiner Unschuld – sie glaubten ihm nicht; umsonst versuchte er den eigenmächtigen Gewaltthätigkeiten seiner Soldaten Einhalt zu thun – sie hörten ihn nicht. In der Voraussetzung, daß es auf Vernichtung des Majestätsbriefes abgesehen sei, bewaffneten die Freiheitsbeschützer das ganze protestantische Böhmen, und Matthias wurde ins Land gerufen. Nach Verjagung seiner Passauischen Truppen blieb der Kaiser, entblößt von aller Hilfe, zu Prag, wo man ihn, gleich einem Gefangenen, in seinem eigenen Schlosse bewachte und alle seine Räthe von ihm entfernte. Matthias war unterdessen unter allgemeinem Frohlocken in Prag eingezogen, wo Rudolph kurz nachher kleinmüthig genug war, ihn als König von Böhmen anzuerkennen. So hart strafte diesen Kaiser das Schicksal, daß er seinem Feinde noch lebend einen Thron überlassen mußte, den er ihm nach seinem Tode nicht gegönnt hatte. Seine Demüthigung zu vollenden, nöthigte man ihn, seine Unterthanen in Böhmen, Schlesien und der Lausitz durch eine eigenhändige Entsagungsakte aller ihrer Pflichten zu entlassen; und er that dieses mit zerrissener Seele. Alles, auch die er sich am meisten verpflichtet zu haben glaubte, hatte ihn verlassen. Als die Unterzeichnung geschehen war, warf er den Hut zur Erde und zerbiß die Feder, die ihm einen so schimpflichen Dienst geleistet hatte.

Indem Rudolph eines seiner Erbländer nach dem andern verlor, wurde die Kaiserwürde nicht viel besser von ihm behauptet. Jede der Religionsparteien, unter welche Deutschland vertheilt war, fuhr in ihrem Bestreben fort, sich auf Unkosten der andern zu verbessern, oder gegen ihre Angriffe zu verwahren. Je schwächer die Hand war, welche das Scepter des Reichs hielt, und je mehr sich Protestanten und Katholiken sich selbst überlassen fühlten, desto mehr mußte ihre Aufmerksamkeit auf einander gespannt werden, desto mehr das gegenseitige Mißtrauen wachsen. Es war genug, daß der Kaiser durch Jesuiten regiert und durch spanische Ratschläge geleitet wurde, um den Protestanten Ursache zur Furcht und einen Vorwand zu Feindseligkeiten zu geben. Der unbesonnene Eifer der Jesuiten. welche in Schriften und auf der Kanzel die Gültigkeit des Religionsfriedens zweifelhaft machten, schürte ihr Mißtrauen immer mehr und ließ sie in jedem gleichgültigen Schritt der Katholischen gefährliche Zwecke vermuthen. Alles, was in den kaiserlichen Erblanden zu Einschränkung der evangelischen Religion unternommen wurde, machte die Aufmerksamkeit des ganzen protestantischen Deutschlands rege; und eben dieser mächtige Rückhalt, den die evangelischen Untertanen Oesterreichs an ihren Religionsverwandten im übrigen Deutschland fanden oder zu finden erwarteten, hatte einen großen Antheil an ihrem Trotz und an dem schnellen Glück des Matthias. Man glaubte in dem Reiche, daß man den längern Genuß des Religionsfriedens nur den Verlegenheiten zu danken hätte, worein den Kaiser die innerlichen Unruhen in seinen Ländern versetzten; und eben darum eilte man nicht, ihn aus diesen Verlegenheiten zu reißen.

Fast alle Angelegenheiten des Reichstags blieben entweder aus Saumseligkeit des Kaisers oder durch die Schuld der protestantischen Reichsstände liegen, welche es sich zum Gesetze gemacht hatten, nicht eher zu den gemeinschaftlichen Bedürfnissen des Reichs etwas beizutragen, bis ihre Beschwerden gehoben wären. Diese Beschwerden wurden vorzüglich über das schlechte Regiment des Kaisers, über Kränkung des Religionsfriedens und über die neuen Anmaßungen des Reichshofraths geführt, welcher unter dieser Regierung angefangen hatte, zum Nachtheil des Kammergerichts seine Gerichtsbarkeit zu erweitern. Sonst hatten die Kaiser in unwichtigen Fällen für sich allein, in wichtigen mit Zuziehung der Fürsten, alle Rechtshändel zwischen den Ständen, die das Faustrecht nicht ohne sie ausmachte, in höchster Instanz entschieden oder durch kaiserliche Richter, die ihrem Hoflager folgten, entscheiden lassen. Dieses oberrichterliche Amt hatten sie am Ende des fünfzehnten Jahrhunderts einem regelmäßigen, fortdauernden und stehenden Tribunal, dem Kammergericht zu Speier, übertragen, zu welchem die Stände des Reichs, um nicht durch die Willkür des Kaisers unterdrückt zu werden, sich vorbehielten, die Beisitzer zu stellen, auch die Aussprüche des Gerichts durch periodische Revisionen zu untersuchen. Durch den Religionsfrieden war dieses Recht der Stände, das Präsentations- und Visitationsrecht genannt, auch auf die Lutherischen ausgedehnt worden, so daß nunmehr auch protestantische Richter in protestantischen Rechtshändeln sprachen und ein scheinbares Gleichgewicht beider Religionen in diesem höchsten Reichsgericht statt fand.

Aber die Feinde der Reformation und der ständischen Freiheit, wachsam auf jeden Umstand, der ihre Zwecke begünstigte, fanden bald einen Ausweg, den Nutzen dieser Einrichtung zu zerstören. Nach und nach kam es auf, daß ein Privatgerichtshof des Kaisers, der Reichshofrath in Wien – anfänglich zu nichts Anderm bestimmt, als dem Kaiser in Ausübung seiner unbezweifelten persönlichen Kaiserrechte mit Rath an die Hand zu gehen– ein Tribunal, dessen Mitglieder, von dem Kaiser allein willkürlich aufgestellt und von ihm allein besoldet, den Vorteil ihres Herrn zu ihrem höchsten Gesetze und das Beste der katholischen Religion, zu welcher sie sich bekannten, zu ihrer einzigen Richtschnur machen mußten – die höchste Justiz über die Reichsstände ausübte. Vor den Reichshofrath wurden nunmehr viele Rechtshändel zwischen Ständen ungleicher Religion gezogen, über welche zu sprechen nur dem Kammergericht gebührte und vor Entstehung desselben dem Fürstenrathe gebührt hatte. Kein Wunder, wenn die Aussprüche dieses Gerichtshof ihren Ursprung verriethen, wenn von katholischen Richtern und von Creaturen des Kaisers dem Interesse der katholischen Religion und des Kaisers die Gerechtigkeit aufgeopfert wurde. Obgleich alle Reichsstände Deutschlands Ursache zu haben schienen, einem so gefährlichen Mißbrauche in Zeiten zu begegnen, so stellten sich doch bloß allein die Protestanten, welche er am empfindlichsten drückte, und unter diesen nicht einmal alle, als Vertheidiger der deutschen Freiheit auf, die ein so willkürliches Institut an ihrer heiligsten Stelle, an der Gerechtigkeitspflege, verletzte. In der That würde Deutschland gar wenig Ursache gehabt haben, sich zu Abschaffung des Faustrechts und Einsetzung des Kammergerichts Glück zu wünschen, wenn neben dem letztern noch eine willkürliche kaiserliche Gerichtsbarkeit stattfinden durfte. Die deutschen Reichsstände würden sich gegen jene Zeiten der Barbarei gar wenig verbessert haben, wenn das Kammergericht, wo sie zugleich mit dem Kaiser zu Gerichte saßen, für welches sie doch das ehemalige Fürstenrecht aufgegeben hatten, aufhören sollte, eine notwendige Instanz zu sein. Aber in den Köpfen dieses Zeitalters wurden oft die seltsamsten Widersprüche vereinigt. Dem Namen Kaiser, einem Vermächtnisse des despotischen Roms, klebte damals noch ein Begriff von Machtvollkommenheit an, der gegen das übrige Staatsrecht der Deutschen den lächerlichsten Abstich machte, aber nichts destoweniger von den Juristen in Schutz genommen, von den Beförderern des Despotismus verbreitet und von den Schwachen geglaubt wurde.

An diese allgemeinen Beschwerden schloß sich nach und nach eine Reihe von besondern Vorfällen an, welche die Besorglichkeit der Protestanten zuletzt bis zu dem höchsten Mißtrauen spannten. Während der spanischen Religionsverfolgungen in den Niederlanden hatten sich einige protestantische Familien in die katholische Reichsstadt Aachen geflüchtet, wo sie sich bleibend niederließen und unvermerkt ihren Anhang vermehrten. Nachdem es ihnen durch List gelungen war, einige ihres Glaubens in den Stadtrath zu bringen, so forderten sie eine eigene Kirche und einen öffentlichen Gottesdienst, welchen sie sich, da sie eine abschlägige Antwort erhielten, nebst dem ganzen Stadtregiment auf einem gewaltsamen Wege verschafften. Eine so ansehnliche Stadt in protestantischen Händen zu sehen, war ein zu harter Schlag für den Kaiser und die ganze katholische Partei. Nachdem alle kaiserlichen Ermahnungen und Befehle zur Wiederherstellung des vorigen Zustandes fruchtlos geblieben, erklärte ein Schluß des Reichshofraths die Stadt in die Reichsacht, welche aber erst unter der folgenden Regierung vollzogen wurde.

Von größerer Bedeutung waren zwei andre Versuche der Protestanten, ihr Gebiet und ihre Macht zu erweitern. Kurfürst Gebhard zu Köln, geborner Truchseß von Waldburg, empfand für die junge Gräfin Agnes von Mannsfeld, Kanonissin zu Gerresheim, eine heftige Liebe, die nicht unerwidert blieb. Da die Augen von ganz Deutschland auf dieses Verständniß gerichtet waren, so forderten die Brüder der Gräfin, zwei eifrige Calvinisten, Genugtuung für die beleidigte Ehre ihres Hauses, die, so lange der Kurfürst ein katholischer Bischof blieb, durch keine Heirath gerettet werden konnte. Sie drohten dem Kurfürsten, in seinem und ihrer Schwester Blut diese Schande zu tilgen, wenn er nicht sogleich allem Umgang mit der Gräfin entsagte oder ihre Ehre vor dem Altar wiederherstellte. Der Kurfürst, gleichgültig gegen alle Folgen dieses Schrittes, hörte nichts, als die Stimme der Liebe. Sei es, daß er der reformierten Religion überhaupt schon geneigt war, oder daß die Reize seiner Geliebten allein dieses Wunder wirkten – er schwur den katholischen Glauben ab und führte die schöne Agnes zum Altare.

Der Fall war von der höchsten Bedenklichkeit. Nach dem Buchstaben des geistlichen Vorbehalts hatte der Kurfürst durch diese Apostasie alle Rechte an sein Erzstift verloren, und wenn es den Katholiken bei irgend einer Gelegenheit wichtig war, den geistlichen Vorbehalt durchzusetzen, so war es bei Kurfürstentümern wichtig. Auf der andern Seite war die Scheidung von der höchsten Gewalt ein so harter Schritt, und um so härter für einen so zärtlichen Gemahl, der den Werth seines Herzens und seiner Hand durch das Geschenk eines Fürstentums so gern zu erhöhen gewünscht hätte. Der geistliche Vorbehalt war ohnehin ein bestrittener Artikel des Augsburger Friedens, und dem ganzen protestantischen Deutschland schien es von äußerster Wichtigkeit zu sein, dem katholischen Theile diese vierte Kur zu entreißen. Das Beispiel selbst war schon in mehrern geistlichen Stiftern Niederdeutschlands gegeben und glücklich durchgesetzt worden. Mehrere Domcapitularen aus Köln waren bereits Protestanten und auf des Kurfürsten Seite; in der Stadt selbst war ihm ein zahlreicher protestantischer Anhang gewiß. Alle diese Gründe, denen das Zureden seiner Freunde und Verwandten und die Versprechungen vieler deutschen Höfe noch mehr Stärke gaben, brachten den Kurfürsten zu dem Entschluß, auch bei veränderter Religion sein Erzstift beizubehalten.

Aber bald genug zeigte sich, daß er einen Kampf unternommen hatte, den er nicht endigen konnte. Schon die Freigebung des protestantischen Gottesdienstes in den Kölnischen Landen hatte bei den katholischen Landständen und Domcapitularen den heftigsten Widerspruch gefunden. Die Dazwischenkunft des Kaisers und ein Bannstrahl aus Rom, der ihn als einen Apostaten verfluchte und aller seiner sowohl geistlichen als weltlichen Würden entsetzte, bewaffnete gegen ihn seine Landstände und sein Capitel. Der Kurfürst sammelte eine militärische Macht; die Capitularen thaten ein Gleiches. Um sich schnell eines mächtigen Arms zu versichern, eilten sie zu einer neuen Kurfürstenwahl, welche für den Bischof von Lüttich, einen bayerischen Prinzen, entschieden wurde.

Ein bürgerlicher Krieg fing jetzt an, der, bei dem großen Antheil, den beide Religionsparteien in Deutschland an diesem Vorfalle nothwendig nehmen mußten, leicht in eine allgemeine Auflösung des Reichsfriedens endigen konnte. Am meisten empörte es die Protestanten, daß der Papst sich hatte herausnehmen dürfen, aus angemaßter apostolischer Gewalt einen Reichsfürsten seiner Reichswürden zu entkleiden. Noch in den goldnen Zeiten ihrer geistlichen Herrschaft war den Päpsten dieses Recht widersprochen worden; wie viel mehr in einem Jahrhundert, wo ihr Ansehen bei einem Theile gänzlich gestürzt war und bei dem andern auf sehr schwachen Pfeilern ruhte! Alle protestantischen Höfe Deutschlands nahmen sich dieser Sache nachdrücklich bei dem Kaiser an; Heinrich der Vierte von Frankreich, damals noch König von Navarra, ließ keinen Weg der Unterhandlung unversucht, den deutschen Fürsten die Handhabung ihrer Rechte kräftig zu empfehlen. Der Fall war entscheidend für Deutschlands Freiheit. Vier protestantische Stimmen gegen drei katholische im Kurfürstenrathe mußten das Uebergewicht der Macht auf protestantische Seite neigen und dem österreichischen Hause den Weg zum Kaiserthron auf ewig versperren.

Aber Kurfürst Gebhard hatte die reformierte und nicht die lutherische Religion ergriffen; dieser einzige Umstand machte sein Unglück. Die Erbitterung dieser beiden Kirchen gegen einander ließ es nicht zu, daß die evangelischen Reichsstände den Kurfürsten als den Ihrigen ansahen und als einen solchen mit Nachdruck unterstützten. Alle hatten ihm zwar Muth zugesprochen und Hilfe zugesagt; aber nur ein apanagierter Prinz des pfälzischen Hauses, Pfalzgraf Johann Casimir, ein calvinischer Eiferer, hielt ihm Wort. Dieser eilte, des kaiserlichen Verbots ungeachtet, mit seinem kleinen Heer ins Kölnische, doch ohne etwas Erhebliches auszurichten, weil ihn der Kurfürst, selbst von dem Notwendigsten entblößt, ganz und gar ohne Hilfe ließ. Desto schnellere Fortschritte machte der neupostulierte Kurfürst, den seine bayerischen Verwandten und die Spanier von den Niederlanden aus aufs kräftigste unterstützten. Die Gebhardischen Truppen, von ihrem Herrn ohne Sold gelassen, lieferten dem Feind einen Platz nach dem andern aus; andere wurden zur Uebergabe gezwungen. Gebhard hielt sich noch etwas länger in seinen westphälischen Landen, bis er auch hier der Uebermacht zu weichen gezwungen war. Nachdem er in Holland und England mehrere vergebliche Versuche zu seiner Wiederherstellung gethan, zog er sich in das Stift Straßburg zurück, um dort als Domdechant zu sterben; das erste Opfer des geistlichen Vorbehalts, oder vielmehr der schlechten Harmonie unter den deutschen Protestanten.

An diese kölnische Streitigkeit knüpfte sich kurz nachher eine neue in Straßburg an. Mehrere protestantische Domcapitularen aus Köln, die der päpstliche Bannstrahl zugleich mit dem Kurfürsten getroffen hatte, hatten sich in dieses Bisthum geflüchtet, wo sie gleichfalls Präbenden besaßen. Da die katholischen Capitularen in dem Straßburger Stifte Bedenken trugen, ihnen als Geächteten den Genuß ihrer Präbenden zu gestatten, so setzten sie sich eigenmächtig und gewaltsam in Besitz, und ein mächtiger protestantischer Anhang unter den Bürgern von Straßburg verschaffte ihnen bald die Oberhand in dem Stifte. Die katholischen Domherren entwichen nach Elsaß-Zabern, wo sie unter dem Schutz ihres Bischofs ihr Capitel als das einzig rechtmäßige fortführten und die in Straßburg Zurückgebliebenen für unecht erklärten. Unterdessen hatten sich diese Letztern durch Aufnahme mehrerer protestantischer Mitglieder von hohem Range verstärkt, daß sie sich nach dem Absterben des Bischofs herausnehmen konnten, in der Person des Prinzen Johann Georg von Brandenburg einen neuen protestantischen Bischof zu postulieren. Die katholischen Domherren, weit entfernt, diese Wahl zu genehmigen, postulierten den Bischof von Metz, einen Prinzen von Lothringen, zu dieser Würde, der seine Erhebung sogleich durch Feindseligkeiten gegen das Gebiet von Straßburg verkündigte.

Da die Stadt Straßburg für das protestantische Capitel und den Prinzen von Brandenburg zu den Waffen griff, die Gegenpartei aber mit Hilfe lothringischer Truppen die Stiftsgüter an sich zu reißen suchte, so kam es zu einem langwierigen Kriege, der, nach dem Geiste jener Zeiten, von einer barbarischen Verheerung begleitet war. Umsonst trat der Kaiser mit seiner höchsten Autorität dazwischen, den Streit zu entscheiden: die Stiftsgüter blieben noch lange Zeit zwischen beiden Parteien getheilt, bis endlich der protestantische Prinz für ein mäßiges Aequivalent an Geld seinen Ansprüchen entsagte und also auch hier die katholische Kirche siegreich davon ging.

Noch bedenklicher war für das ganze protestantische Deutschland, was sich, bald nach Schlichtung des vorigen Streits, mit Donauwörth, einer schwäbischen Reichsstadt, ereignete. In dieser sonst katholischen Stadt war unter Ferdinands und seines Sohnes Regierung die protestantische Religionspartei auf dem gewöhnlichen Wege so sehr die herrschende geworden, daß sich die katholischen Einwohner mit einer Nebenkirche im Kloster des heiligen Kreuzes begnügen und dem Aergerniß der Protestanten ihre meisten gottesdienstlichen Gebräuche entziehen mußten. Endlich wagte es ein fanatischer Abt dieses Klosters, der Volksstimme zu trotzen und eine öffentliche Procession mit Vortragung des Kreuzes und fliegenden Fahnen anzustellen; aber man zwang ihn bald, von diesem Vorhaben abzustehen. Als dieser nämliche Abt, durch eine günstige kaiserliche Erklärung ermuntert, ein Jahr darauf diese Procession wiederholte, schritt man zu offenbarer Gewalt. Der fanatische Pöbel sperrte den zurückkommenden Klosterbrüdern das Thor, schlug ihre Fahnen zu Boden und begleitete sie unter Schreien und Schimpfen nach Hause. Eine kaiserliche Citation war die Folge dieser Gewalttätigkeit; und als das aufgebrachte Volk sogar Miene machte, sich an den kaiserlichen Commissarien zu vergreifen, als alle Versuche einer gütlichen Beilegung von dem fanatischen Haufen rückgängig gemacht wurden, so erfolgte endlich die förmliche Reichsacht gegen die Stadt, welche zu vollstrecken dem Herzog Maximilian von Bayern übertragen wurde. Kleinmuth ergriff die sonst so trotzige Bürgerschaft bei Annäherung des bayerischen Heeres, und ohne Widerstand streckte sie die Waffen. Die gänzliche Abschaffung der protestantischen Religion in ihren Mauern war die Strafe ihres Vergehens. Die Stadt verlor ihre Privilegien und wurde aus einer schwäbischen Reichsstadt in eine bayerische Landstadt verwandelt.

Zwei Umstände begleiteten diesen Vorgang, welche die höchste Aufmerksamkeit der Protestanten erregen mußten, wenn auch das Interesse der Religion weniger wirksam bei ihnen gewesen wäre. Der Reichshofrath, ein willkürliches und durchaus katholisches Tribunal, dessen Gerichtsbarkeit ohnehin so heftig von ihnen bestritten wurde, hatte das Urtheil gefällt, und dem Herzog von Bayern, dem Chef eines fremden Kreises, hatte man die Vollstreckung desselben übertragen. So constitutionswidrige Schritte kündigten ihnen von katholischer Seite gewaltthätige Maßregeln an, welche sich leicht auf geheime Verabredungen und einen gefährlichen Plan stützen und mit der gänzlichen Unterdrückung ihrer Religionsfreiheit endigen konnten.

In einem Zustande, wo das Recht der Stärke gebietet und auf der Macht allein alle Sicherheit beruht, wird immer der schwächste Theil der geschäftigste sein, sich in Vertheidigungsstand zu setzen Dieses war jetzt der Fall auch in Deutschland. Wenn von den Katholiken wirklich etwas Schlimmes gegen die Protestanten beschlossen war, so mußte, der vernünftigsten Berechnung nach, der erste Streich vielmehr in das südliche als in das nördliche Deutschland schlagen, weil die niederdeutschen Protestanten in einer langen unterbrochenen Länderstrecke mit einander zusammenhingen und sich also sehr leicht unterstützen konnten, die oberdeutschen aber, von den übrigen abgetrennt und um und um von katholischen Staaten umlagert, jedem Einfall bloßgestellt waren. Wenn ferner, wie zu vermuthen war, die Katholiken die innern Trennungen der Protestanten benutzen und ihren Angriff gegen eine einzelne Religionspartei richten würden, so waren die Calvinisten, als die Schwächern und welche ohnehin vom Religionsfrieden abgeschlossen waren, augenscheinlich in einer nähern Gefahr, und auf sie mußte der erste Streich niederfallen.

Beides traf in den kurpfälzischen Landen zusammen, welche an dem Herzog von Bayern einen sehr bedenklichen Nachbar hatten, wegen ihres Rückfalls zum Calvinismus aber von dem Religionsfrieden keinen Schutz und von den evangelischen Ständen wenig Beistand hoffen konnten. Kein deutsches Land hat in so kurzer Zeit so schnelle Religionswechsel erfahren, als die Pfalz in damaligen Zeiten. In dem kurzen Zeitraum von sechzig Jahren sah man dieses Land, ein unglückliches Spielwerk seiner Beherrscher, zweimal zu Luthers Glaubenslehre schwören und diese Lehre zweimal für den Calvinismus verlassen. Kurfürst Friedrich der Dritte war der Augsburgischen Confession zuerst ungetreu geworden, welche sein erstgeborner Sohn und Nachfolger, Ludwig, schnell und gewaltsam wieder zur herrschenden machte. Im ganzen Lande wurden die Calvinisten ihrer Kirchen beraubt, ihre Prediger und selbst die Schullehrer ihrer Religion aus den Grenzen verwiesen, und auch noch in seinem Testamente verfolgte sie der eifrig evangelische Fürst, indem er nur streng orthodoxe Lutheraner zu Vormündern seines minderjährigen Prinzen ernannte. Aber dieses gesetzwidrige Testament vernichtete Pfalzgraf Johann Casimir, sein Bruder, und nahm nach den Vorschriften der goldnen Bulle Besitz von der Vormundschaft und der ganzen Verwaltung des Landes. Dem neunjährigen Kurfürsten (Friedrich dem Vierten) gab man Calvinische Lehrer, denen aufgetragen war, den lutherischen Ketzerglauben, selbst, wenn es sein müßte, mit Schlägen, aus der Seele ihres Zöglings herauszutreiben. Wenn man so mit dem Herrn verfuhr, so läßt sich leicht auf die Behandlung des Unterthans schließen.

Unter diesem Friedrich dem Vierten war es, wo sich der pfälzische Hof ganz besonders geschäftig zeigte, die protestantischen Stände Deutschlands zu einträchtigen Maßregeln gegen das Haus Oesterreich zu vermögen und wo möglich einen allgemeinen Zusammentritt derselben zu Stande zu bringen. Neben dem, daß dieser Hof durch französische Ratschläge geleitet wurde, von denen immer der Haß gegen Oesterreich die Seele war, zwang ihn die Sorge für seine eigne Sicherheit, sich gegen einen nahen und überlegenen Feind des so zweifelhaften Schutzes der Evangelischen bei Zeiten zu versichern. Große Schwierigkeiten setzten sich dieser Vereinigung entgegen; weil die Abneigung der Evangelischen gegen die Reformierten kaum geringer war, als ihr gemeinschaftlicher Abscheu vor den Papisten. Man versuchte also zuerst, die Religionen zu vereinigen, um dadurch die politische Verbindung zu erleichtern; aber alle diese Versuche schlugen fehl und endigten gewöhnlich damit, daß sich jeder Theil nur desto mehr in seiner Meinung befestigte. Nichts blieb also übrig, als die Furcht und das Mißtrauen der Evangelischen zu vermehren und dadurch die Nothwendigkeit einer solchen Vereinigung herbei zu führen. Man vergrößerte die Macht der katholischen; man übertrieb die Gefahr; zufällige Ereignisse wurden einem überdachten Plane zugeschrieben, unschuldige Vorfälle durch gehässige Auslegungen entstellt und dem ganzen Betragen der Katholischen eine Uebereinstimmung und Planmäßigkeit geliehen, wovon sie wahrscheinlich weit entfernt gewesen sind.

Der Reichstag zu Regensburg, auf welchem die Protestanten sich Hoffnung gemacht hatten die Erneuerung des Religionsfriedens durchzusetzen, hatte sich fruchtlos zerschlagen, und zu ihren bisherigen Beschwerden war noch die neuerliche Unterdrückung von Donauwörth hinzugekommen. Unglaublich schnell kam die so lange gesuchte Vereinigung zu Stande. Zu Anhausen in Franken traten (1608) der Kurfürst Friedrich der Vierte von der Pfalz, der Pfalzgraf von Neuburg, zwei Markgrafen von Brandenburg, der Markgraf von Baden und der Herzog Johann Friedrich von Wirtenberg – also Lutheraner mit Calvinisten – für sich und ihre Erben in ein enges Bündniß, die evangelische Union genannt, zusammen. Der Inhalt derselben war, daß die unierten Fürsten, in Angelegenheiten der Religion und ihrer ständischen Rechte, einander wechselsweise gegen jeden Beleidiger mit Rath und That unterstützen und alle für einen Mann stehen sollten; daß einem jeden mit Krieg überzogenen Mitgliede der Union von den übrigen sogleich mit einer kriegerischen Macht sollte beigesprungen, jedem im Nothfall für seine Truppen die Ländereien, die Städte und Schlösser der mitunierten Stände geöffnet, was erobert würde aber, nach Verhältniß des Beitrags, den ein jedes dazu gegeben, unter sämmtliche Glieder vertheilt werden sollte. Die Direction des ganzen Bundes wurde in Friedenszeiten Kurpfalz überlassen, doch mit eingeschränkter Gewalt, zu Bestreitung der Unkosten Vorschüsse gefordert und ein Fond niedergelegt. Die Religionsverschiedenheit (zwischen Lutheranern und Calvinisten) sollte auf den Bund keinen Einfluß haben, das Ganze auf zehn Jahre gelten. Jedes Mitglied der Union hatte sich zugleich anheischig machen müssen, neue Mitglieder anzuwerben. Kurbrandenburg ließ sich bereitwillig finden; Kursachsen mißbilligte den Bund. Hessen konnte keine freie Entschließung fassen; die Herzoge von Braunschweig und Lüneburg hatten gleichfalls Bedenklichkeiten. Aber die drei Reichsstädte Straßburg, Nürnberg und Ulm waren keine unwichtige Eroberung für den Bund, weil man ihres Geldes sehr bedürftig war und ihr Beispiel von mehrern andern Reichsstädten nachgeahmt werden konnte.

Die unierten Stände, einzeln muthlos und wenig gefürchtet, führten nach geschlossener Vereinigung eine kühnere Sprache. Sie brachten durch den Fürsten Christian von Anhalt ihre gemeinschaftlichen Beschwerden und Forderungen vor den Kaiser, unter denen die Wiederherstellung Donauwörths, die Aufhebung der kaiserlichen Hofprocesse und die Reformen seines eignen Regiments und seiner Rathgeber den obersten Platz einnahmen. Zu diesen Vorstellungen hatten sie gerade die Zeit gewählt, wo der Kaiser von den Unruhen in seinen Erbländern kaum zu Athem kommen konnte; wo er Oesterreich und Ungarn kürzlich an Matthias verloren und seine böhmische Krone bloß durch Bewilligung des Majestätsbriefs gerettet hatte; wo endlich durch die jülichische Succession schon von fern ein neues Kriegsfeuer zubereitet wurde. Kein Wunder, daß dieser langsame Fürst sich jetzt weniger als je in seinen Entschließungen übereilte, und die Union früher zu dem Schwerte griff, als der Kaiser sich besonnen hatte.

Die Katholiken bewachten mit Blicken voll Argwohn die Union; die Union hütete eben so mißtrauisch die Katholiken und den Kaiser; der Kaiser beide; und auf allen Seiten waren Furcht und Erbitterung aufs höchste gestiegen. Und gerade in diesem bedenklichen Zeitpunkt mußte sich durch den Tod des Herzogs Johann Wilhelm von Jülich eine höchst streitige Erbfolge in den jülich-clevischen Landen eröffnen.

Acht Competenten meldeten sich zu dieser Erbschaft, deren Unzertrennlichkeit durch solenne Verträge festgesetzt worden war; und der Kaiser, der Lust bezeigte, sie als ein erledigtes Reichslehen einzuziehen, konnte für den neunten gelten. Vier von diesen, der Kurfürst von Brandenburg, der Pfalzgraf von Neuburg, der Pfalzgraf von Zweibrücken und der Markgraf von Burgau, ein österreichischer Prinz, forderten es als ein Weiberlehen, im Namen von vier Prinzessinnen, Schwestern des verstorbenen Herzogs. Zwei andere, der Kurfürst von Sachsen, albertinischer, und die Herzoge von Sachsen, ernestinischer Linie, beriefen sich auf eine frühere Anwartschaft, welche ihnen Kaiser Friedrich der Dritte auf diese Erbschaft ertheilt und Maximilian der Erste beiden sächsischen Häusern bestätigt hatte. Auf die Ansprüche einiger auswärtiger Prinzen wurde wenig geachtet. Das nächste Recht war vielleicht auf der Seite Brandenburgs und Neuburgs, und es schien beide Theile ziemlich gleich zu begünstigen. Beide Höfe ließen auch sogleich nach Eröffnung der Erbschaft Besitz ergreifen; den Anfang machte Brandenburg, und Neuburg folgte. Beide fingen ihren Streit mit der Feder an und würden ihn wahrscheinlich mit dem Degen geendigt haben; aber die Dazwischenkunft des Kaisers, der diesen Rechtshandel vor seinen Thron ziehen, einstweilen aber die streitigen Länder in Sequester nehmen wollte, brachte beide streitende Parteien zu einem schnellen Vergleich, um die gemeinschaftliche Gefahr abzuwenden. Man kam überein, das Herzogthum in Gemeinschaft zu regieren. Umsonst, daß der Kaiser die Landstände auffordern ließ, ihren neuen Herren die Huldigung zu verweigern – umsonst, daß er seinen eignen Anverwandten, den Erzherzog Leopold, Bischof von Passau und Straßburg, ins Jülichische schickte, um dort durch seine persönliche Gegenwart der kaiserlichen Partei aufzuhelfen. Das ganze Land, außer Jülich, hatte sich den protestantischen Prinzen unterworfen, und die kaiserliche Partei wurde in dieser Hauptstadt belagert.

Die jülichische Streitigkeit war dem ganzen deutschen Reiche wichtig und erregte sogar die Aufmerksamkeit mehrerer europäischer Höfe. Es war nicht sowohl die Frage, wer das jülichische Herzogtum besitzen und wer es nicht besitzen sollte? – die Frage war, welche von beiden Parteien in Deutschland, die katholische oder die protestantische, sich um eine so ansehnliche Besitzung vergrößern, für welche von beiden Religionen dieser Landstrich gewonnen oder verloren werden sollte? Die Frage war, ob Oesterreich abermals in seinen Anmaßungen durchdringen und seine Ländersucht mit einem neuen Raube vergnügen, oder ob Deutschlands Freiheit und das Gleichgewicht seiner Macht gegen die Anmaßungen Oesterreichs behauptet werden sollte? Der jülichische Erbfolgestreit war also eine Angelegenheit für alle Mächte, welche Freiheit begünstigten und Oesterreich anfeindeten. Die evangelische Union, Holland, England und vorzüglich Heinrich der Vierte von Frankreich wurden darein gezogen

Dieser Monarch, der die schönste Hälfte seines Lebens an das Haus Oesterreich und Spanien verloren, der nur mit ausdauernder Heldenkraft endlich alle Berge erstiegen, welche dieses Haus zwischen ihn und den französischen Thron gewälzt hatte, war bis hieher kein müßiger Zuschauer der Unruhen in Deutschland gewesen. Eben dieser Kampf der Stände mit dem Kaiser schenkte und sicherte seinem Frankreich den Frieden. Die Protestanten und Türken waren die zwei heilsamen Gewichte, welche die österreichische Macht in Osten und Westen darniederzogen, aber in ihrer ganzen Schreckbarkeit stand sie wieder auf, sobald man ihr vergönnte, diesen Zwang abzuwerfen. Heinrich der Vierte hatte ein halbes Menschenalter lang das ununterbrochene Schauspiel von österreichischer Herrschbegierde und österreichischem Länderdurst vor Augen, den weder Widerwärtigkeit, noch selbst Geistesarmuth, die doch sonst alle Leidenschaften mäßigt, in einer Brust löschen konnten, worin nur ein Tropfen von dem Blute Ferdinands des Arragoniers floß. Die österreichische Ländersucht hatte schon seit einem Jahrhundert Europa aus einem glücklichen Frieden gerissen und in dem Innern seiner vornehmsten Staaten eine gewaltsame Veränderung bewirkt. Sie hatte die Aecker von Pflügern, die Werkstätten von Künstlern entblößt, um die Länder mit ungeheuern, nie gesehenen Heeresmassen, kaufmännische Meere mit feindseligen Flotten zu bedecken. Sie hatte den europäischen Fürsten die Notwendigkeit auferlegt, den Fleiß ihrer Unterthanen mit nie erhörten Schatzungen zu beschweren und die beste Kraft ihrer Staaten, für die Glückseligkeit ihrer Bewohner verloren, in einer nothgedrungenen Verteidigung zu erschöpfen. Für Europa war kein Friede, für seine Staaten kein Gedeihen, kein Plan von Dauer für der Völker Glück, so lange es diesem gefährlichen Geschlecht überlassen blieb, nach Gefallen die Ruhe dieses Welttheils zu stören.

Betrachtungen dieser Art umwölkten Heinrichs Gemüth am Abend eines glorreich geführten Lebens. Was hatte es ihm nicht gekostet, das trübe Chaos zu ordnen, worin der Tumult eines langwierigen Bürgerkriegs, von eben diesem Oesterreich angefacht und unterhalten, Frankreich gestürzt hatte! Jeder große Mensch will für die Ewigkeit gearbeitet haben, und wer bürgte diesem König für die Dauer des Wohlstandes, worin er Frankreich verließ, so lange Oesterreich und Spanien eine einzige Macht blieben, die jetzt zwar entkräftet darniederlag, aber nur ein einziges glückliches Ohngefähr brauchte, um sich schnell wieder in Einen Körper zusammenzuziehen und in ihrer ganzen Furchtbarkeit wieder aufzuleben? Wollte er seinem Nachfolger einen fest gegründeten Thron, seinem Volk einen dauerhaften Frieden zurücklassen, so mußte diese gefährliche Macht auf immer entwaffnet werden. Aus dieser Quelle floß der unversöhnliche Haß, welchen Heinrich der Vierte dem Hause Oesterreich geschworen – unauslöschlich, glühend und gerecht, wie Hannibals Feindschaft gegen Romulus‘ Volk, aber durch einen edleren Ursprung geadelt.

Alle Mächte Europens hatten diese große Aufforderung mit Heinrich gemein; aber nicht alle diese lichtvolle Politik, nicht alle den uneigennützigen Muth, nach einer solchen Aufforderung sich in Handlung zu setzen. Jeden ohne Unterschied reizt der nahe Gewinn, aber nur große Seelen wird das entfernte Gute bewegen. So lange die Weisheit bei ihrem Vorhaben auf Weisheit rechnet oder sich auf ihre eignen Kräfte verläßt, entwirft sie keine anderen als chimärische Plane, und die Weisheit läuft Gefahr, sich zum Gelächter der Welt zu machen – aber ein glücklicher Erfolg ist ihr gewiß, und sie kann auf Beifall und Bewunderung zählen, sobald sie in ihren geistreichen Planen eine Rolle für Barbarei, Habsucht und Aberglauben hat und die Umstände ihr vergönnen, eigennützige Leidenschaften zu Vollstreckern ihrer schönen Zwecke zu machen.

In dem erstern Falle hätte Heinrichs bekanntes Projekt, das österreichische Haus aus allen seinen Besitzungen zu verjagen und unter die europäischen Mächte seinen Raub zu vertheilen, den Namen einer Chimäre wirklich verdient, womit man immer so freigebig gegen dasselbe gewesen ist; aber verdiente es ihn auch in dem andern? Dem vortrefflichen König war es wohl nie eingefallen, bei den Vollstreckern seines Projekts auf einen Beweggrund zu zählen, welcher demjenigen ähnlich gewesen wäre, der ihn selbst und seinen Sully bei dieser Unternehmung beseelte. Alle Staaten, deren Mitwirkung dabei nöthig war, wurden durch die stärksten Motive, die eine politische Macht nur immer in Handlung setzen können, zu der Rolle vermocht, die sie dabei zu übernehmen hatten. Von den Protestanten im Oesterreichischen verlangte man nichts, als was ohnehin das Ziel ihres Bestrebens schien, die Abwerfung des österreichischen Joches; von den Niederländern nichts, als einen ähnlichen Abfall von dem spanischen. Dem Papst und allen Republiken Italiens war keine Angelegenheit wichtiger, als die spanische Tyrannei auf immer von ihrer Halbinsel zu verjagen; für England konnte nichts wünschenswürdiger sein, als eine Revolution, welche es von seinem abgesagtesten Feinde befreite. Jede Macht gewann bei dieser Theilung des österreichischen Raubes entweder Land oder Freiheit, neues Eigenthum oder Sicherheit für das alte; und weil Alle gewannen, so blieb das Gleichgewicht unverletzt. Frankreich konnte großmüthig jeden Antheil an der Beute verschmähen, weil es durch Oesterreichs Untergang sich selbst wenigstens zweifach gewann und am mächtigsten war, wenn es nicht mächtiger wurde. Endlich um den Preis, daß sie Europa von ihrer Gegenwart befreiten, gab man den Nachkömmlingen von Habsburg die Freiheit, in allen übrigen entdeckten und noch zu entdeckenden Welten sich auszubreiten. Ravaillacs Messerstiche retteten Oesterreich, um die Ruhe von Europa noch um einige Jahrhunderte zu verspäten.

Die Augen auf einen solchen Entwurf geheftet, mußte Heinrich die evangelische Union in Deutschland und den Erbfolgestreit wegen Jülich nothwendig als die wichtigsten Ereignisse mit schnellem, thätigem Antheil ergreifen. Seine Unterhändler waren an allen protestantischen Höfen Deutschlands geschäftig, und das Wenige, was sie von dem großen politischen Geheimniß ihres Monarchen preisgaben oder ahnen ließen, war hinlänglich, Gemüther zu gewinnen, die ein so feuriger Haß gegen Oesterreich beseelte und die Vergrößerungsbegierde so mächtig beherrschte. Heinrichs staatskluge Bemühungen zogen die Union noch enger zusammen, und der mächtige Beistand, wozu er sich anheischig machte, erhob den Muth der Verbundenen zur festesten Zuversicht. Eine zahlreiche französische Armee, von dem König in Person angeführt, sollte den Truppen der Union am Rheine begegnen und zuerst die Eroberung der jülich-clevischen Lande vollenden helfen; alsdann in Vereinigung mit den Deutschen nach Italien rücken (wo Savoyen, Venedig und der Papst schon einen mächtigen Beistand bereit hielten), um dort alle spanischen Throne umzustürzen. Diese siegreiche Armee sollte dann, von der Lombardei aus, in das habsburgische Erbtheil eindringen und dort, von einem allgemeinen Aufstand der Protestanten begünstigt, in allen seinen deutschen Landen, in Böhmen, Ungarn und Siebenbürgen, das österreichische Scepter zerbrechen. Die Brabanter und Holländer, durch französischen Beistand gestärkt, hätten sich unterdessen ihrer spanischen Tyrannen gleichfalls entledigt, und dieser fürchterlich über seine Ufer getretene Strom, der noch kürzlich gedroht hatte, Europens Freiheit unter seinen trüben Strudeln zu begraben, rollte dann still und vergessen hinter den pyrenäischen Bergen.

Die Franzosen rühmten sich sonst der Geschwindigkeit; diesmal wurden sie von den Deutschen übertroffen. Eine Armee der Union war im Elsaß, ehe noch Heinrich sich dort zeigte, und ein österreichisches Heer, welches der Bischof von Straßburg und Passau in dieser Gegend zusammengezogen hatte, um es ins Jülichische zu führen, wurde zerstreut. Heinrich der Vierte hatte seinen Plan als Staatsmann und König entworfen, aber er hatte ihn Räubern zur Ausführung übergeben. Seiner Meinung nach sollte keinem katholischen Reichsstände Ursache gegeben werden, diese Rüstung auf sich zu deuten und die Sache Oesterreichs zu der seinigen zu machen; die Religion sollte ganz und gar nicht in diese Angelegenheit gemischt werden. Aber wie sollten die deutschen Fürsten über Heinrichs Entwürfen ihre eigenen Zwecke vergessen? Von Vergrößerungsbegierde, von Religionshaß gingen sie ja aus – sollten sie nicht für ihre herrschende Leidenschaft unterwegs so viel mitnehmen, als sie konnten? Wie Raubadler legten sie sich über die Länder der geistlichen Fürsten und erwählten sich, kostete es auch einen noch so großen Umweg, diese fetten Triften zu ihren Lagerplätzen. Als wäre es in Feindeslande, schrieben sie Brandschatzungen darinnen aus, bezogen eigenmächtig die Landesgefälle und nahmen, was gutwillig nicht gegeben wurde, mit Gewalt. Um ja die Katholiken über die wahren Triebfedern ihrer Ausrüstung nicht in Zweifel zu lassen, ließen sie laut und deutlich genug hören, was für ein Schicksal den geistlichen Stiftern von ihnen bereitet sei. So wenig hatten sich Heinrich der Vierte und die deutschen Prinzen in diesem Operationsplane verstanden; so sehr hatte der vortreffliche König in seinen Werkzeugen sich geirrt. Es bleibt eine ewige Wahrheit, daß eine Gewalttätigkeit, wenn die Weisheit sie gebietet, nie dem Gewalttätigen darf aufgetragen werden, daß nur Demjenigen anvertraut werden darf, die Ordnung zu verletzen, dem sie heilig ist.

Das Betragen der Union, welches selbst für mehrere evangelische Stände empörend war, und die Furcht einer noch schlimmern Begegnung bewirkte bei den Katholiken etwas mehr, als eine müßige Entrüstung. Das tief gefallene Ansehen des Kaisers konnte ihnen gegen einen solchen Feind keinen Schutz gewähren. Ihr Bund war, was die Unierten so gefürchtet und trotzig machte; einen Bund mußte man ihnen wieder entgegenstellen.

Der Bischof von Würzburg entwarf den Plan zu dieser katholischen Union, die durch den Namen der Ligue von der evangelischen unterschieden wurde. Die Punkte, worüber man übereinkam, waren ungefähr dieselben, welche die Union zum Grund legte, Bischöfe ihre mehresten Glieder; an die Spitze des Bundes stellte sich der Herzog Maximilian von Bayern, aber als das einzige weltliche Bundesglied von Bedeutung, mit einer ungleich größern Gewalt, als die Unierten ihrem Vorsteher eingeräumt hatten. Außer diesem Umstande, daß der einzige Herzog von Bayern Herr der ganzen liguistischen Kriegsmacht war, wodurch die Operationen der Ligue eine Schnelligkeit und einen Nachdruck bekommen mußten, die bei der Union nicht so leicht möglich waren, hatte die Ligue noch den Vortheil, daß die Geldbeiträge von den reichen Prälaten weit richtiger einflossen, als bei der Union von den armen evangelischen Ständen. Ohne dem Kaiser, als einem katholischen Reichsstand, einen Antheil an ihrem Bund anzubieten, ohne ihm, als Kaiser, davon Rechenschaft zu geben, stand die Ligue auf einmal überraschend und drohend da, mit hinlänglicher Kraft ausgerüstet, um endlich die Union zu begraben und unter drei Kaisern fortzudauern. Die Ligue stritt zwar für Oesterreich, weil sie gegen protestantische Fürsten gerichtet war; aber Oesterreich selbst mußte bald vor ihr zittern.

Unterdessen waren die Waffen der Unierten im Jülichischen und im Elsaß ziemlich glücklich gewesen; Jülich war eng eingeschlossen und das ganze Bisthum Straßburg in ihrer Gewalt. Jetzt aber war es mit ihren glänzenden Verrichtungen auch am Ende. Kein französisches Heer erschien am Rhein; denn, der es anführen sollte, der überhaupt die ganze Unternehmung beseelen sollte – Heinrich der Vierte war nicht mehr. Ihr Geld ging auf die Neige; neues zuzuschießen weigerten sich ihre Landstände, und die mitunierten Reichsstädte hatten es sehr übel aufgenommen, daß man immer nur ihr Geld, und nie ihren Rath verlangt hatte. Besonders brachte es sie auf, daß sie sich wegen der jülichischen Streitsache in Unkosten gesetzt haben sollten, die doch ausdrücklich von den Angelegenheiten der Union war ausgeschlossen worden; daß sich die unierten Fürsten aus der gemeinen Kasse große Pensionen zulegten; und vor allen Dingen, daß ihnen über die Anwendung der Gelder keine Rechnung von den Fürsten abgelegt wurde.

Die Union neigte sich also zu ihrem Falle, eben als die Ligue mit neuen und frischen Kräften sich ihr entgegenstellte. Länger im Felde zu bleiben, erlaubte den Unierten der einreißende Geldmangel nicht; und doch war es gefährlich, im Angesicht eines streitfertigen Feindes die Waffen wegzulegen. Um sich von Einer Seite wenigstens sicher zu stellen, verglich man sich schnell mit dem ältern Feinde, dem Erzherzog Leopold, und beide Theile kamen überein, ihre Truppen aus dem Elsaß zu führen, die Gefangenen loszugeben und das Geschehene in Vergessenheit zu begraben. In ein solches Nichts zerrann diese vielversprechende Rüstung.

Eben die gebieterische Sprache, womit sich die Union, im Vertrauen auf ihre Kräfte, dem katholischen Deutschland angekündigt hatte, wurde jetzt von der Ligue gegen die Union und ihre Truppen geführt. Man zeigte ihnen die Fußtapfen ihres Zugs und brandmarkte sie rund heraus mit den härtesten Namen, die sie verdienten. Die Stifter von Würzburg, Bamberg, Straßburg, Mainz, Trier, Köln und viele andre hatten ihre verwüstende Gegenwart empfunden. Allen diesen sollte der zugefügte Schaden vergütet, der Paß zu Wasser und zu Lande (denn auch der rheinischen Schifffahrt hatten sie sich bemächtigt) wieder freigegeben, alles in seinen vorigen Stand gestellt werden. Vor allem aber verlangte man von den Unionsverwandten eine runde und feste Erklärung, wessen man sich zu ihrem Bunde zu versehen habe? Die Reihe war jetzt an den Unierten, der Stärke nachzugeben. Auf einen so wohl gerüsteten Feind waren sie nicht gefaßt; aber sie selbst hatten den Katholischen das Geheimniß ihrer Stärke verrathen. Zwar beleidigte es ihren Stolz, um den Frieden zu betteln; aber sie durften sich glücklich preisen, ihn zu erhalten. Der eine Theil versprach Ersatz, der andere Vergebung. Man legte die Waffen nieder. Das Kriegsgewitter verzog sich noch einmal, und eine augenblickliche Stille erfolgte. Der Aufstand in Böhmen brach jetzt aus, der dem Kaiser das letzte seiner Erbländer kostete; aber weder die Union noch die Ligue mischten sich in diesen böhmischen Streit.

Endlich starb der Kaiser (1612), eben so wenig vermißt im Sarge, als wahrgenommen auf dem Throne. Lange, nachdem das Elend der folgenden Regierungen das Elend der seinigen vergessen gemacht hatte, zog sich eine Glorie um sein Andenken, und eine so schreckliche Nacht legte sich jetzt über Deutschland, daß man einen solchen Kaiser mit blutigen Thränen sich zurückwünschte.

Nie hatte man von Rudolph erhalten können, seinen Nachfolger im Reiche wählen zu lassen, und alles erwartete daher mit bangen Sorgen die nahe Erledigung des Kaiserthrons; doch über alle Hoffnung schnell und ruhig bestieg ihn Matthias. Die Katholiken gaben ihm ihre Stimmen, weil sie von der frischen Thätigkeit dieses Fürsten das Beste hofften; die Protestanten gaben ihm die ihrigen, weil sie alles von seiner Hinfälligkeit hofften. Es ist nicht schwer, diesen Widerspruch zu vereinigen. Jene verließen sich auf das, was er gezeigt hatte, diese urtheilten nach dem, was erzeigte.

Der Augenblick einer neuen Thronbesetzung ist immer ein wichtiger Ziehungstag für die Hoffnung, der erste Reichstag eines Königs in Wahlreichen gewöhnlich seine härteste Prüfung. Jede alte Beschwerde kommt da zur Sprache, und neue werden aufgesucht, um sie der gehofften Reform mit theilhaftig zu machen; eine ganz neue Schöpfung soll mit dem neuen König beginnen. Die großen Dienste, welche ihre Glaubensbrüder in Oesterreich dem Matthias bei seinem Aufruhr geleistet, lebten bei den protestantischen Reichsständen noch in frischer Erinnerung, und besonders schien die Art, wie sich jene für diese Dienste bezahlt gemacht hatten, auch ihnen jetzt zum Muster zu dienen.

Durch Begünstigung der protestantischen Stände in Oesterreich und Mähren hatte Matthias den Weg zu seines Bruders Thronen gesucht und auch wirklich gefunden; aber, von seinen ehrgeizigen Entwürfen hingerissen, hatte er nicht bedacht, daß auch den Ständen dadurch der Weg war geöffnet worden, ihrem Herrn Gesetze vorzuschreiben. Diese Entdeckung riß ihn frühzeitig aus der Trunkenheit seinem Glücks. Kaum zeigte er sich triumphierend nach dem böhmischen Zuge seinen österreichischen Unterthanen wieder, so wartete schon ein gehorsamstes Anbringen auf ihn, welches hinreichend war, ihm seinen ganzen Triumph zu verleiden. Man forderte, ehe zur Huldigung geschritten würde, eine uneingeschränkte Religionsfreiheit in Städten und Märkten, eine vollkommene Gleichheit aller Rechte zwischen Katholiken und Protestanten und einen völlig gleichen Zutritt der letztern zu allen Bedienungen. An mehreren Orten nahm man sich diese Freiheit von selbst und stellte, voll Zuversicht auf die veränderte Regierung, den evangelischen Gottesdienst eigenmächtig wieder her, wo ihn der Kaiser aufgehoben hatte. Matthias hatte zwar nicht verschmäht, die Beschwerden der Protestanten gegen den Kaiser zu benutzen; aber es konnte ihm nie eingefallen sein, sie zu heben. Durch einen festen und entschlossenen Ton hoffte er diese Anmaßungen gleich am Anfange niederzuschlagen. Er sprach von seinen erblichen Ansprüchen auf das Land und wollte von keinen Bedingungen vor der Huldigung hören. Eine solche unbedingte Huldigung hatten ihre Nachbarn, die Stände von Steyermark, dem Erzherzog Ferdinand geleistet; aber sie hatten bald Ursache gehabt, es zu bereuen. Von diesem Beispiel gewarnt, beharrten die österreichischen Stände auf ihrer Weigerung; ja, um nicht gewaltsam zur Huldigung gezwungen zu werden, verließen sie sogar die Hauptstadt, boten ihre katholischen Mitstände zu einer ähnlichen Widersetzung auf und fingen an, Truppen zu werben. Sie thaten Schritte, ihr altes Bündniß mit den Ungarn zu erneuern; sie zogen die protestantischen Reichsfürsten in ihr Interesse und schickten sich in vollem Ernste an, ihr Gesuch mit den Waffen durchzusetzen.

Matthias hatte keinen Anstand genommen, die weit höheren Forderungen der Ungarn zu bewilligen. Aber Ungarn war ein Wahlreich, und die republikanische Verfassung dieses Landes rechtfertigte die Forderungen der Stände vor ihm selbst, und seine Nachgiebigkeit gegen die Stände vor der ganzen katholischen Welt. In Oesterreich hingegen hatten seine Vorgänger weit größere Souveränetätsrechte ausgeübt, die er, ohne sich vor dem ganzen katholischen Europa zu beschimpfen, ohne den Unwillen Spaniens und Roms, ohne die Verachtung seiner eigenen katholischen Unterthanen auf sich zu laden, nicht an die Stände verlieren konnte. Seine streng katholischen Räthe, unter denen der Bischof von Wien, Melchior Clesel, ihn am meisten beherrschte, munterten ihn auf, eher alle Kirchen gewaltsam von den Protestanten sich entreißen zu lassen, als ihnen eine einzige rechtlich einzuräumen.

Aber unglücklicher Weise betraf ihn diese Verlegenheit in einer Zeit, wo Kaiser Rudolph noch lebte und ein Zuschauer dieses Auftritts war – wo dieser also leicht versucht werden konnte, sich der nämlichen Waffen gegen seinen Bruder zu bedienen, womit dieser über ihn gesiegt hatte – eines Verständnisses nämlich mit seinen aufrührerischen Unterthanen. Diesem Streiche zu entgehen, nahm Matthias den Antrag der mährischen Landstände bereitwillig an, welche sich zwischen den österreichischen und ihm zu Mittlern anboten. Ein Ausschuß von beiden versammelte sich in Wien, wo von den österreichischen Deputirten eine Sprache gehört wurde, die selbst im Londner Parlament überrascht haben würde. »Die Protestanten,« hieß es am Schlusse, »wollten nicht schlechter geachtet sein, als die Handvoll Katholiken in ihrem Vaterlande. Durch seinen protestantischen Adel habe Matthias den Kaiser zum Nachgeben gezwungen; wo man achtzig Papisten fände, würde man dreihundert evangelische Baronen zählen. Das Beispiel Rudolphs solle dem Matthias eine Warnung sein. Er möge sich hüten, daß er das Irdische nicht verliere, um Eroberungen für den Himmel zu machen.« Da die mährischen Stände, anstatt ihr Mittleramt zum Vortheil des Kaisers zu erfüllen, endlich selbst zur Partei ihrer österreichischen Glaubensbrüder übertraten, da die Union in Deutschland sich aufs nachdrücklichste für diese ins Mittel schlug und die Furcht vor Repressalien des Kaisers den Matthias in die Enge trieb, so ließ er sich endlich die gewünschte Erklärung zum Vortheil der Evangelischen entreißen.

Dieses Betragen der österreichischen Landstände gegen ihren Erzherzog nahmen sich nun die protestantischen Reichsstände in Deutschland zum Muster gegen ihren Kaiser, und sie versprachen sich denselben glücklichen Erfolg. Auf seinem ersten Reichstage zu Regensburg (1613), wo die dringendsten Angelegenheiten auf Entscheidung warteten, wo ein Krieg gegen die Türken und gegen den Fürsten Bethlen Gabor von Siebenbürgen, der sich unterdessen mit türkischem Beistand zum Herrn dieses Landes aufgeworfen hatte und sogar Ungarn bedrohte, einen allgemeinen Geldbeitrag nothwendig machte, überraschten sie ihn mit einer ganz neuen Forderung. Die katholischen Stimmen waren noch immer die zahlreichern im Fürstenrath; und weil alles nach der Stimmenmehrheit entschieden wurde, so pflegten die evangelischen, auch wenn sie noch so sehr unter sich einig waren, gewöhnlich in keine Betrachtung zu kommen. Dieses Vortheils der Stimmenmehrheit sollten sich nun die Katholischen begeben, und keiner einzelnen Religionspartei sollte es künftig erlaubt sein, die Stimmen der andern durch ihre unwandelbare Mehrheit nach sich zu ziehen. Und in Wahrheit, wenn die evangelische Religion auf dem Reichstage repräsentiert werden sollte, so schien es sich von selbst zu verstehen, daß ihr durch die Verfassung des Reichstags selbst nicht die Möglichkeit abgeschnitten würde, von diesem Rechte Gebrauch zu machen. Beschwerden über die angemaßte Gerichtsbarkeit des Reichshofraths und über Unterdrückung der Protestanten begleiteten diese Forderung, und die Bevollmächtigten der Stände hatten Befehl, so lange von allen gemeinschaftlichen Beratschlagungen wegzubleiben, bis eine günstige Antwort auf diesen vorläufigen Punkt erfolgte.

Diese gefährliche Trennung zerriß den Reichstag und drohte auf immer alle Einheit der Beratschlagungen zu zerstören. So aufrichtig der Kaiser gewünscht hatte, nach dem Beispiele Maximilians, seines Vaters, zwischen beiden Religionen eine staatskluge Mitte zu halten, so ließ ihm das jetzige Betragen der Protestanten nur eine bedenkliche Wahl zwischen beiden. Zu seinen dringenden Bedürfnissen war ihm ein allgemeiner Beitrag der Reichsstände unentbehrlich; und doch konnte er sich die eine Partei nicht verpflichten, ohne die Hilfe der andern zu verscherzen. Da er in seinen eigenen Erblanden so wenig befestigt war, so mußte er schon vor dem entfernten Gedanken zittern, mit den Protestanten in einen öffentlichen Krieg zu gerathen. Aber die Augen der ganzen katholischen Welt, die auf seine jetzige Entschließung geheftet waren, die Vorstellungen der katholischen Stände, des römischen und spanischen Hofes, erlaubten ihm eben so wenig, die Protestanten zum Nachtheil der katholischen Religion zu begünstigen. Eine so mißliche Situation mußte einen größeren Geist, als Matthias war, niederschlagen, und schwerlich hätte er sich mit eigener Klugheit daraus gezogen. Der Vortheil der Katholiken war aber aufs engste mit dem Ansehen des Kaisers verflochten; und ließen sie dieses sinken, so hatten besonders die geistlichen Fürsten gegen die Eingriffe der Protestanten keine Schutzwehre mehr.

Jetzt also, wie sie den Kaiser unschlüssig wanken sahen, glaubten sie, daß die höchste Zeit vorhanden sei, seinen sinkenden Muth zu stärken. Sie ließen ihn einen Blick in das Geheimniß der Ligue thun und zeigten ihm die ganze Verfassung derselben, ihre Hilfsmittel und Kräfte. So wenig tröstlich diese Entdeckung für den Kaiser sein mochte, so ließ ihn doch die Aussicht auf einen so mächtigen Schutz etwas mehr Muth gegen die Evangelischen fassen. Ihre Forderungen wurden abgewiesen, und der Reichstag endigte sich ohne Entscheidung. Aber Matthias wurde das Opfer dieses Streits. Die Protestanten verweigerten ihm ihre Geldhilfe und ließen es ihn entgelten, daß die Katholischen unbeweglich geblieben waren.

Die Türken selbst zeigten sich indessen geneigt, den Waffenstillstand zu verlängern, und den Fürsten Bethlen Gabor ließ man im ruhigen Besitz von Siebenbürgen. Vor auswärtiger Gefahr war das Reich jetzt gedeckt, und auch im Innern desselben herrschte, bei allen noch so gefährlichen Spaltungen, dennoch Friede. Dem jülichischen Erbfolgestreit hatte ein sehr unerwarteter Zufall eine überraschende Wendung gegeben. Noch immer wurde dieses Herzogthum von dem Kurhause Brandenburg und dem Pfalzgrafen von Neuburg in Gemeinschaft besessen; eine Heirath zwischen dem Prinzen von Neuburg und einer brandenburgischen Prinzessin sollte das Interesse beider Häuser unzertrennlich verknüpfen. Diesen ganzen Plan zerstörte eine – Ohrfeige, welche der Kurfürst von Brandenburg das Unglück hatte seinem Eidam im Weinrausch zu geben. Von jetzt an war das gute Vernehmen zwischen beiden Häusern dahin. Der Prinz von Neuburg trat zu dem Papstthum über. Eine Prinzessin von Bayern belohnte ihn für diese Apostasie, und der mächtige Schutz Bayerns und Spaniens war die natürliche Folge von Beidem. Um dem Pfalzgrafen zum ausschließenden Besitz der jülichischen Lande zu verhelfen, wurden die spanischen Waffen von den Niederlanden aus in das Herzogthum gezogen. Um sich dieser Gäste zu entladen, rief der Kurfürst von Brandenburg die Holländer in das Land, denen er durch Annahme der reformierten Religion zu gefallen suchte. Beide, die spanischen und holländischen Truppen, erschienen; aber, wie es schien, bloß um für sich selbst zu erobern.

Der nahe niederländische Krieg schien sich nun auf deutschen Boden spielen zu wollen, und welch ein unerschöpflicher Zunder lag hier für ihn bereit! Mit Schrecken sah das protestantische Deutschland die Spanier an dem Unterrhein festen Fuß gewinnen – mit noch größerem das katholische die Holländer über die Reichsgrenzen hereinbrechen. Im Westen sollte sich die Mine entzünden, welche längst schon das ganze Deutschland unterhöhlte – nach den westlichen Gegenden waren Furcht und Erwartung hingeneigt – und aus Osten kam der Schlag, der sie in Flammen setzte.

Die Ruhe, welche der Majestätsbrief Rudolphs des Zweiten Böhmen gegeben hatte, dauerte auch unter Matthias‘ Regierung noch eine Zeit lang fort, bis in der Person Ferdinands von Grätz ein neuer Thronfolger in diesem Königreich ernannt wurde.

Dieser Prinz, den man in der Folge unter dem Namen Kaiser Ferdinand der Zweite näher kennen lernen wird, hatte sich durch gewaltsame Ausrottung der protestantischen Religion in seinen Erbländern als einen unerbittlichen Eiferer für das Papstthum angekündigt und wurde deßwegen von dem katholischen Theile der böhmischen Nation als die künftige Stütze dieser Kirche betrachtet. Die hinfällige Gesundheit des Kaisers rückte diesen Zeitpunkt nahe herbei, und im Vertrauen auf einen so mächtigen Beschützer fingen die böhmischen Papisten an, den Protestanten mit weniger Schonung zu begegnen. Die evangelischen Unterthanen katholischer Gutsherren besonders erfuhren die härteste Behandlung. Zugleich begingen mehrere von den Katholiken die Unvorsichtigkeit, etwas laut von ihren Hoffnungen zu reden und durch hingeworfene Drohworte bei den Protestanten ein schlimmes Mißtrauen gegen ihren künftigen Herrn zu erwecken. Aber nie würde dieses Mißtrauen in Thätlichkeiten ausgebrochen sein, wenn man nur im Allgemeinen geblieben wäre, und nicht durch besondere Angriffe auf einzelne Glieder dem Murren des Volks unternehmende Anführer gegeben hätte.

Heinrich Matthias, Graf von Thurn, kein geborner Böhme, aber Besitzer einiger Güter in diesem Königreiche, hatte sich durch Eifer für die protestantische Religion und durch eine schwärmerische Anhänglichkeit an sein neues Vaterland des ganzen Vertrauens der Utraquisten bemächtigt, welches ihm den Weg zu den wichtigsten Posten bahnte. Seinen Degen hatte er gegen die Türken mit vielem Ruhme geführt; durch ein einschmeichelndes Betragen gewann er sich die Herzen der Menge. Ein heißer, ungestümer Kopf, der die Verwirrung liebte, weil seine Talente darin glänzten, unbesonnen und tolldreist genug, Dinge zu unternehmen, die eine kalte Klugheit und ein ruhigeres Blut nicht wagt; ungewissenhaft genug, wenn es die Befriedigung seiner Leidenschaften galt, mit dem Schicksale von Tausenden zu spielen, und eben fein genug, eine Nation, wie damals die böhmische war, an seinem Gängelbande zu führen. Schon an den Unruhen unter Rudolphs Regierung hatte er den thätigsten Antheil genommen, und der Majestätsbrief, den die Stände von diesem Kaiser erpreßten, war vorzüglich sein Verdienst. Der Hof hatte ihm, als Burggrafen von Karlstein, die böhmische Krone und die Freiheitsbriefe des Königreichs zur Bewahrung anvertraut; aber etwas weit Wichtigeres – sich selbst – hatte ihm die Nation mit der Stelle eines Defensors oder Glaubensbeschützers übergeben. Die Aristokraten, welche den Kaiser beherrschten, entrissen ihm unklug die Aufsicht über das Todte, um ihm den Einfluß auf das Lebendige zu lassen. Sie nahmen ihm die Burggrafenstelle, die ihn von der Hofgunst abhängig machte, um ihm die Augen über die Wichtigkeit der andern zu öffnen, die ihm übrig blieb, und kränkten seine Eitelkeit, die doch seinen Ehrgeiz unschädlich machte. Von dieser Zeit an beherrschte ihn die Begierde nach Rache, und die Gelegenheit fehlte nicht lange, sie zu befriedigen.

Im Majestätsbriefe, welchen die Böhmen von Rudolph dem Zweiten erpreßt hatten, war eben so, wie in dem Religionsfrieden der Deutschen, ein Hauptartikel unausgemacht geblieben. Alle Rechte, welche der letztere den Protestanten bewilligte, kamen nur den Ständen, nicht den Unterthanen zu gute: bloß für die Unterthanen geistlicher Länder hatte man eine schwankende Gewissensfreiheit ausbedungen. Auch der böhmische Majestätsbrief sprach nur von den Ständen und von den königlichen Städten, deren Magistrate sich gleiche Rechte mit den Ständen zu erringen gewußt hatten. Diesen allein wurde die Freiheit eingeräumt, Kirchen und Schulen zu errichten und ihren protestantischen Gottesdienst öffentlich auszuüben; in allen übrigen Städten blieb es dem Landstande überlassen, dem sie angehörten, welche Religionsfreiheit er den Unterthanen vergönnen wollte. Dieses Rechts hatten sich die Deutschen Reichsstände in seinem ganzen Umfange bedient, und zwar die weltlichen ohne Widerspruch, die geistlichen, denen eine Erklärung Kaiser Ferdinands dasselbe streitig machte, hatten nicht ohne Grund die Verbindlichkeit dieser Erklärung bestritten. Was im Religionsfrieden ein bestrittener Punkt war, war ein unbestimmter im Majestätsbriefe; dort war die Auslegung nicht zweifelhaft, aber es war zweifelhaft, ob man zu gehorchen hätte; hier war die Deutung den Ständen überlassen. Die Unterthanen geistlicher Landstände in Böhmen glaubten daher, eben das Recht zu besitzen, das die Ferdinandische Erklärung den Unterthanen deutscher Bischöfe einräumte; sie achteten sich den Unterthanen in den königlichen Städten gleich, weil sie die geistlichen Güter unter die Krongüter zählten. In der kleinen Stadt Klostergrab, die dem Erzbischof zu Prag, und in Braunau, welches dem Abt dieses Klosters abgehörte, wurden von den protestantischen Unterthanen eigenmächtig Kirchen aufgeführt und, ungeachtet des Widerspruchs ihrer Gutsherren und selbst der Mißbilligung des Kaisers, der Bau derselben vollendet.

Unterdessen hatte sich die Wachsamkeit der Defensoren in etwas gemindert, und der Hof glaubte, einen ernstlichen Schritt wagen zu können. Auf Befehl des Kaisers wurde die Kirche zu Klostergrab niedergerissen, die zu Braunau gewaltsam gesperrt und die unruhigsten Köpfe unter den Bürgern ins Gefängniß geworfen. Eine allgemeine Bewegung unter den Protestanten war die Folge dieses Schrittes; man schrie über Verletzung des Majestätsbriefs, und der Graf von Thurn, von Rachgier beseelt und durch sein Defensoramt noch mehr aufgefordert, zeigte sich besonders geschäftig, die Gemüther zu erhitzen. Aus allen Kreisen des Königreichs wurden auf seinen Antrieb Deputierte nach Prag gerufen, um dieser gemeinschaftlichen Gefahr wegen die nöthigen Maßregeln zu nehmen. Man kam überein, eine Supplik an den Kaiser aufzusetzen und auf Loslassung der Gefangenen zu dringen. Die Antwort des Kaisers, schon darum von den Ständen sehr übel aufgenommen, weil sie nicht an sie selbst, sondern an seine Statthalter gerichtet war, verwies ihnen ihr Betragen als gesetzwidrig und rebellisch, rechtfertigte den Vorgang in Klostergrab und Braunau durch einen kaiserlichen Befehl und enthielt einige Stellen, welche drohend gedeutet werden konnten.

Der Graf von Thurn unterließ nicht, den schlimmen Eindruck zu vermehren, den dieses kaiserliche Schreiben unter den versammelten Ständen machte. Er zeigte ihnen die Gefahr, worin alle Theilnehmer an dieser Bittschrift schwebten, und wußte sie durch Erbitterung und Furcht zu gewaltsamen Entschließungen hinzureißen. Sie unmittelbar gegen den Kaiser zu empören, wäre jetzt noch ein zu gewagter Schritt gewesen. Nur von Stufe zu Stufe führte er sie an dieses unvermeidliche Ziel. Er fand daher für gut, ihren Unwillen zuerst auf die Räthe des Kaisers abzuleiten, und verbreitete zu dem Ende die Meinung, daß das kaiserliche Schreiben in der Statthalterei zu Prag aufgesetzt und nur zu Wien unterschrieben worden sei. Unter den kaiserlichen Statthaltern waren der Kammerpräsident Slawata und der an Thurns Statt zum Burggrafen von Karlstein erwählte Freiherr von Martinitz das Ziel des allgemeinen Hasses. Beide hatten den protestantischen Ständen schon ehedem ihre feindseligen Gesinnungen dadurch ziemlich laut an den Tag gelegt. daß sie allein sich geweigert hatten, der Sitzung beizuwohnen, in welcher der Majestätsbrief in das böhmische Landrecht eingetragen ward. Schon damals drohte man ihnen, sie für jede künftige Verletzung des Majestätsbriefes verantwortlich zu machen, und was von dieser Zeit an den Protestanten Schlimmes widerfuhr, wurde, und zwar nicht ohne Grund, auf ihre Rechnung geschrieben. Unter allen katholischen Gutsbesitzern waren diese beiden gegen ihre protestantischen Unterthanen am härtesten verfahren. Man beschuldigte sie, daß sie diese mit Hunden in die Messe hetzen ließen und durch Versagung der Taufe, der Heirathen und Begräbnisse zum Papstthum zu zwingen suchten. Gegen zwei so verhaßte Häupter war der Zorn der Nation leicht entflammt, und man bestimmte sie dem allgemeinen Unwillen zum Opfer.

Am 23sten Mai 1618 erschienen die Deputierten bewaffnet und in zahlreicher Begleitung auf dem königlichen Schloß und drangen mit Ungestüm in den Saal, wo die Statthalter Sternberg, Martinitz, Lobkowitz und Slawata versammelt waren. Mit drohendem Tone verlangten sie eine Erklärung von jedem Einzelnen, ob er an dem kaiserlichen Schreiben einen Antheil gehabt und seine Stimme dazu gegeben? Mit Mäßigung empfing sie Sternberg; Martinitz und Slawata antworteten trotzig. Dieses bestimmte ihr Geschick. Sternberg und Lobkowitz, weniger gehaßt und mehr gefürchtet, wurden beim Arme aus dem Zimmer geführt, und nun ergriff man Slawata und Martinitz, schleppte sie an ein Fenster und stürzte sie achtzig Fuß tief in den Schloßgraben hinunter. Den Sekretär Fabricius, eine Kreatur von Beiden, schickte man ihnen nach. Ueber eine so seltsame Art zu exequieren verwunderte sich die ganze gesittete Welt, wie billig; die Böhmen entschuldigten sie als einen landüblichen Gebrauch und fanden an dem ganzen Vorfalle nichts wunderbar, als daß man von einem so hohen Sprunge so gesund wieder aufstehen konnte. Ein Misthaufen, auf den die kaiserliche Statthalterschaft zu liegen kam, hatte sie vor Beschädigung gerettet.

Es war nicht zu erwarten, daß man sich durch diese rasche Execution in der Gnade des Kaisers sehr verbessert haben würde; aber ebendahin hatte der Graf von Thurn die Stände gewollt. Hatten sich diese, aus Furcht einer noch ungewissen Gefahr, eine solche Gewalttätigkeit erlaubt, so mußte jetzt die gewisse Erwartung der Strafe und das dringender gewordene Bedürfniß der Sicherheit sie noch tiefer hineinreißen. Durch diese brutale Handlung der Selbsthilfe war der Unentschlossenheit und Reue jeder Rückweg versperrt, und ein einzelnes Verbrechen schien nur durch eine Kette von Gewalttaten ausgesöhnt werden zu können. Da die That selbst nicht ungeschehen zu machen war, so mußte man die strafende Macht entwaffnen. Dreißig Direktoren wurden ernannt, den Aufstand gesetzmäßig fortzuführen. Man bemächtigte sich aller Regierungsgeschäfte und aller königlichen Gefälle, nahm alle königlichen Beamten und Soldaten in Pflichten und ließ ein Aufgebot an die ganze böhmische Nation ergehen, sich der gemeinschaftlichen Sache anzunehmen. Die Jesuiten, welche der allgemeine Haß als die Urheber aller bisherigen Unterdrückungen anklagte, wurden aus dem ganzen Königreiche verbannt, und die Stände fanden für nöthig, sich dieses harten Schlusses wegen in einem eigenen Manifest zu verantworten. Alle diese Schritte geschahen zur Aufrechthaltung der königlichen Macht und der Gesetze – die Sprache aller Rebellen, bis sich das Glück für sie entschieden hat.

Die Bewegungen, welche die Zeitung des böhmischen Aufstandes am kaiserlichen Hofe verursachte, waren bei weitem nicht so lebhaft, als eine solche Aufforderung es verdient hätte. Kaiser Matthias war der entschlossene Geist nicht mehr, der ehedem seinen König und Herrn mitten im Schooße seines Volks aufsuchen und von drei Thronen herunterstürzen konnte. Der zuversichtliche Muth, der ihn bei einer Usurpation beseelt hatte, verließ ihn bei einer rechtmäßigen Verteidigung. Die böhmischen Rebellen hatten sich zuerst bewaffnet, und die Natur der Dinge brachte es mit sich, daß er folgte. Aber er konnte nicht hoffen, den Krieg in Böhmen einzuschließen. In allen Ländern seiner Herrschaft hingen die Protestanten durch eine gefährliche Sympathie zusammen – die gemeinschaftliche Religionsgefahr konnte alle mit einander schnell zu einer furchtbaren Republik verknüpfen. Was hatte er einem solchen Feinde entgegen zu setzen, wenn der protestantische Theil seiner Unterthanen sich von ihm trennte? Und erschöpften sich nicht beide Theile in einem so verderblichen Bürgerkriege? Was war nicht alles auf dem Spiele, wenn er unterlag, und wen anders als seine eigenen Unterthanen hatte er zu Grunde gerichtet, wenn er siegte?

Ueberlegungen dieser Art stimmten den Kaiser und seine Räthe zur Nachgiebigkeit und zu Gedanken des Friedens; aber eben in dieser Nachgiebigkeit wollten Andre die Ursache des Uebels gefunden haben. Erzherzog Ferdinand von Grätz wünschte dem Kaiser vielmehr zu einer Begebenheit Glück, die jede Gewaltthat gegen die böhmischen Protestanten vor ganz Europa rechtfertigen würde. »Der Ungehorsam,« hieß es, »die Gesetzlosigkeit und der Aufruhr seien immer Hand in Hand mit dem Protestantismus gegangen. Alle Freiheiten, welche von ihm selbst und dem vorigen Kaiser den Ständen bewilligt worden, hätten keine andere Wirkung gehabt, als ihre Forderungen zu vermehren. Gegen die landesherrliche Gewalt seien alle Schritte der Ketzer gerichtet; stufenweise seien sie von Trotz zu Trotz bis zu diesem letzten Angriff hinauf gestiegen; in kurzem würden sie auch an die noch einzig übrige Person des Kaisers greifen. In den Waffen allein sei Hilfe gegen einen solchen Feind – Ruhe und Unterwerfung nur über den Trümmern ihrer gefährlichen Privilegien – nur in dem völligen Untergange dieser Sekte Sicherheit für den katholischen Glauben. Ungewiß zwar sei der Ausgang des Krieges, aber gewiß das Verderben bei Unterlassung desselben. Die eingezogenen Güter der Rebellen würden die Unkosten reichlich erstatten und der Schrecken der Hinrichtungen die übrigen Landstände künftig einen schnellern Gehorsam lehren.« – War es den böhmischen Protestanten zu verdenken, wenn sie sich gegen die Wirkungen solcher Grundsätze in Zeiten verwahrten? – Und auch nur gegen den Thronfolger des Kaisers, nicht gegen ihn selbst, der nichts gethan hatte, die Besorgnisse der Protestanten zu rechtfertigen, war der böhmische Aufstand gerichtet. Jenem den Weg zu dem böhmischen Throne zu verschließen, ergriff man die Waffen schon unter Matthias, aber so lange dieser Kaiser lebte, wollte man sich in den Schranken einer scheinbaren Unterwürfigkeit halten.

Aber die Böhmen hatten zu den Waffen gegriffen, und unbewaffnet durfte ihnen der Kaiser nicht einmal den Frieden anbieten. Spanien schoß Geld zur Rüstung her und versprach Truppen von Italien und den Niederlanden aus zu schicken. Zum Generalissimus ernannte man den Grafen von Boucquoi, einen Niederländer, weil keinem Eingebornen zu trauen war, und Graf Dampierre, ein anderer Ausländer, commandierte unter seinen Befehlen. Ehe sich diese Armee in Bewegung setzte, versuchte der Kaiser den Weg der Güte durch ein vorausgeschicktes Manifest. In diesem erklärte er den Böhmen: »daß der Majestätsbrief ihm heilig sei, daß er nie etwas gegen ihre Religion oder ihre Privilegien beschlossen, daß selbst seine jetzige Rüstung ihm durch die ihrige sei abgedrungen worden. Sobald die Nation die Waffen von sich lege, würde auch er sein Heer verabschieden.« Aber dieser gnädige Brief verfehlte seine Wirkung – weil die Häupter des Aufruhrs für rathsam fanden, den guten Willen des Kaisers dem Volke zu verbergen. Anstatt desselben verbreiteten sie auf den Kanzeln und in fliegenden Blättern die giftigsten Gerüchte und ließen das hintergangene Volk vor Bartholomäusnächten zittern, die nirgends als in ihrem Kopfe existierten. Ganz Böhmen, mit Ausnahme dreier Städte, Budweiß, Krummau und Pilsen, nahm Theil an dem Aufruhr. Diese drei Städte, größtenteils katholisch, hatten allein den Muth, bei diesem allgemeinen Abfall dem Kaiser getreu zu bleiben, der ihnen Hilfe versprach. Aber dem Grafen von Thurn konnte es nicht entgehen, wie gefährlich es wäre, drei Plätze von solcher Wichtigkeit in feindlichen Händen zu lassen, die den kaiserlichen Waffen zu jeder Zeit den Eingang in das Königreich offen hielten. Mit schneller Entschlossenheit erschien er vor Budweiß und Krummau und hoffte beide Plätze durch Schrecken zu überwältigen. Krummau ergab sich ihm, aber von Budweiß wurden alle seine Angriffe standhaft zurückgeschlagen.

Und nun fing auch der Kaiser an, etwas mehr Ernst und Thätigkeit zu zeigen. Boucquoi und Dampierre fielen mit zwei Heeren ins böhmische Gebiet und fingen an, es feindselig zu behandeln. Aber die kaiserlichen Generale fanden den Weg nach Prag schwerer, als sie erwartet hatten. Jeder Paß, jeder nur irgend haltbare Ort mußte mit dem Degen geöffnet werden, und der Widerstand mehrte sich mit jedem neuen Schritte, den sie machten, weil die Ausschweifungen ihrer Truppen, meistens Ungarn und Wallonen, den Freund zum Abfall und den Feind zur Verzweiflung brachten. Aber auch noch dann, als seine Truppen schon in Böhmen vordrangen, fuhr der Kaiser fort, den Ständen den Frieden zu zeigen und zu einem gütlichen Vergleich die Hände zu bieten. Neue Ansichten, die sich ihnen aufthaten, erhoben den Muth der Rebellen. Die Stände von Mähren ergriffen ihre Partei, und aus Deutschland erschien ihnen in der Person des Grafen von Mannsfeld ein eben so unverhoffter als tapferer Beschützer.

Die Häupter der evangelischen Union hatten den bisherigen Bewegungen in Böhmen schweigend, aber nicht müßig zugesehen. Beide kämpften für dieselbe Sache, gegen denselben Feind. In dem Schicksale der Böhmen ließen sie ihre Bundsverwandten ihr eigenes Schicksal lesen, und die Sache dieses Volks wurde von ihnen als die heiligste Angelegenheit des deutschen Bundes abgeschildert. Diesem Grundsatz getreu, stärkten sie den Muth der Rebellen durch Beistandsversprechungen, und ein glücklicher Zufall setzte sie in Stand, dieselben unverhofft in Erfüllung zu bringen.

Graf Peter Ernst von Mannsfeld, der Sohn eines verdienstvollen österreichischen Dieners, Ernst von Mannsfeld, der die spanische Armee in den Niederlanden eine Zeit lang mit vielem Ruhme befehligt hatte, wurde das Werkzeug, das österreichische Haus in Deutschland zu demüthigen. Er selbst hatte dem Dienste dieses Hauses seine ersten Feldzüge gewidmet und unter den Fahnen Erzherzog Leopolds in Jülich und im Elsaß gegen die protestantische Religion und die deutsche Freiheit gefochten. Aber unvermerkt für die Grundsätze dieser Religion gewonnen, verließ er einen Chef, dessen Eigennutz ihm die geforderte Entschädigung für den in seinem Dienste gemachten Aufwand versagte, und widmete der evangelischen Union seinen Eifer und einen siegreichen Degen. Es fügte sich eben, daß der Herzog von Savoyen, ein Alliierter der Union, in einem Kriege gegen Spanien ihren Beistand verlangte. Sie überließ ihm ihre neue Eroberung, und Mannsfeld bekam den Auftrag, ein Heer von viertausend Mann, zum Gebrauch und auf Kosten des Herzogs, in Deutschland bereit zu halten. Dieses Heer stand eben marschfertig da, als das Kriegsfeuer in Böhmen aufloderte, und der Herzog, der gerade jetzt keiner Verstärkung bedurfte, überließ es der Union zu freiem Gebrauche. Nichts konnte dieser willkommener sein, als ihren Bundesgenossen in Böhmen auf fremde Kosten zu dienen. Sogleich erhielt Graf Mannsfeld Befehl, diese viertausend Mann in das Königreich zu führen, und eine vorgegebene böhmische Bestallung mußte den Augen der Welt die wahren Urheber seiner Rüstung verbergen.

Dieser Mannsfeld zeigte sich jetzt in Böhmen und faßte durch Einnahme der festen und kaiserlich gesinnten Stadt Pilsen in diesem Königreiche festen Fuß. Der Muth der Rebellen wurde noch durch einen andern Succurs aufgerichtet, den die schlesischen Stände ihnen zu Hilfe schickten. Zwischen diesen und den kaiserlichen Truppen kam es nun zu wenig entscheidenden, aber desto verheerendern Gefechten, welche einem ernstlichern Kriege zum Vorspiele dienten. Um die Lebhaftigkeit seiner Kriegsoperationen zu schwächen, unterhandelte man mit dem Kaiser und ließ sich sogar die angebotene sächsische Vermittlung gefallen. Aber ehe der Ausgang beweisen konnte, wie wenig aufrichtig man verfuhr, raffte der Tod den Kaiser von der Scene.

Was hatte Matthias nun gethan, um die Erwartungen der Welt zu rechtfertigen, die er durch den Sturz seines Vorgängers herausgefordert hatte? War es der Mühe werth, den Thron Rudolphs durch ein Verbrechen zu besteigen, um ihn so schlecht zu besitzen und mit so wenig Ruhm zu verlassen? So lange Matthias König war, büßte er für die Unklugheit, durch die er es geworden. Einige Jahre früher sie zu tragen, hatte er die ganze Freiheit seiner Krone verscherzt. Was ihm die vergrößerte Macht der Stände an Selbstthätigkeit noch übrig ließ, hielten seine eignen Agnaten unter einem schimpflichen Zwange. Krank und kinderlos, sah er die Aufmerksamkeit der Welt einem stolzen Erben entgegeneilen, der ungeduldig dem Schicksal vorgriff und in des Greisen absterbender Regierung schon die seinige eröffnete.

Mit Matthias war die regierende Linie des deutschen Hauses Oesterreich so gut als erloschen; denn von allen Söhnen Maximilians lebte nur noch der einzige kinderlose und schwächliche Erzherzog Albrecht in den Niederlanden, der aber seine nähern Rechte auf diese Erbschaft an die Grätzische Linie abgetreten hatte. Auch das spanische Haus hatte sich in einem geheimen Reverse aller seiner Ansprüche auf die österreichischen Besitzungen zum Vortheil des Erzherzogs Ferdinand von Steyermark begeben, in welchem nunmehr der Habsburgische Stamm in Deutschland frische Zweige treiben und die ehemalige Größe Oesterreichs wieder aufleben sollte.

Ferdinand hatte den jüngsten Bruder Kaiser Maximilians des Zweiten, Erzherzog Karl von Krain, Kärnthen und Steyermark, zum Vater, zur Mutter eine Prinzessin von Bayern. Da er den ersten schon im zwölften Jahre verlor, so übergab ihn die Erzherzogin der Aufsicht ihres Bruders, des Herzogs Wilhelm von Bayern, unter dessen Augen er auf der Akademie zu Ingolstadt durch Jesuiten erzogen und unterrichtet wurde. Was für Grundsätze er aus dem Umgang eines Fürsten schöpfen mußte, der sich Andachts wegen der Regierung entschlagen, ist nicht schwer zu begreifen. Man zeigte ihm auf der einen Seite die Nachsicht der Maximilianischen Prinzen gegen die Anhänger der neuen Lehre und die Verwirrung in ihren Landen; auf der andern den Segen Bayerns und den unerbittlichen Religionseifer seiner Beherrscher; zwischen diesen beiden Mustern ließ man ihn wählen.

In dieser Schule zu einem mannhaften Streiter für Gott, zu einem rüstigen Werkzeuge der Kirche zubereitet, verließ er Bayern nach einem fünfjährigen Aufenthalte, um die Regierung seiner Erbländer zu übernehmen. Die Stände von Krain, Kärnthen und Steyermark, welche vor Ablegung ihres Huldigungseides die Bestätigung ihrer Religionsfreiheit forderten, erhielten zur Antwort, daß die Religionsfreiheit mit der Huldigung nichts zu thun habe. Der Eid wurde ohne Bedingung gefordert und auch wirklich geleistet. Mehrere Jahre gingen hin, ehe die Unternehmung, wozu in Ingolstadt der Entwurf gemacht worden, zur Ausführung reif schien. Ehe Ferdinand mit derselben ans Licht trat, holte er erst selbst in Person zu Loretto die Gnade der Jungfrau Maria und zu den Füßen Clemens‘ des Achten in Rom den apostolischen Segen.

Es galt aber auch nichts Geringeres, als den Protestantismus aus einem Distrikte zu vertreiben, wo er die überlegene Anzahl auf seiner Seite hatte und durch eine förmliche Duldungsakte, welche Ferdinands Vater dem Herren- und Ritterstande dieser Länder bewilligt hatte, gesetzmäßig geworden war. Eine so feierlich ausgestellte Bewilligung konnte ohne Gefahr nicht zurückgenommen werden; aber den frommen Zögling der Jesuiten schreckte keine Schwierigkeit zurück. Das Beispiel der übrigen, sowohl katholischen als protestantischen Reichsstände, welche das Reformationsrecht in ihren Ländern ohne Widerspruch ausgeübt, und die Mißbräuche, welche die steyerischen Stände von ihrer Religionsfreiheit gemacht hatten, mußten dieser Gewalttätigkeit zur Rechtfertigung dienen. Unter dem Schutze eines ungereimten positiven Gesetzes glaubte man ohne Scheu das Gesetz der Vernunft und Billigkeit verhöhnen zu dürfen. Bei dieser ungerechten Unternehmung zeigte Ferdinand übrigens einen bewundernswürdigen Muth, eine lobenswerthe Standhaftigkeit. Ohne Geräusch und, man darf hinzusetzen, ohne Grausamkeit, unterdrückte er den protestantischen Gottesdienst in einer Stadt nach der andern, und in wenigen Jahren war dieses gefahrvolle Werk zum Erstaunen des ganzen Deutschlands vollendet.

Aber indem die Katholischen den Helden und Ritter ihrer Kirche in ihm bewunderten, fingen die Protestanten an, sich gegen ihn, als ihren gefährlichsten Feind, zu rüsten. Nichtsdestoweniger fand das Gesuch des Matthias, ihm die Nachfolge zuzuwenden, in den Wahlstaaten Oesterreichs keinen oder nur einen sehr geringen Widerspruch, und selbst die Böhmen krönten ihn, unter sehr annehmlichen Bedingungen, zu ihrem künftigen König. Später erst, nachdem sie den schlimmen Einfluß seiner Rathschläge auf die Regierung des Kaisers erfahren hatten, wachten ihre Besorgnisse auf; und verschiedene handschriftliche Aufsätze von ihm, die ein böser Wille in ihre Hände spielte und die seine Gesinnungen nur zu deutlich verriethen, trieben ihre Furcht aufs Höchste. Besonders entrüstete sie ein geheimer Familienvertrag mit Spanien, worin Ferdinand dieser Krone, nach Abgang männlicher Erben, das Königreich Böhmen verschrieben hatte, ohne die Nation erst zu hören, ohne die Wahlfreiheit ihrer Krone zu achten. Die vielen Feinde, welche sich dieser Prinz durch seine Reformation in Steyermark unter den Protestanten überhaupt gemacht hatte, thaten ihm bei den Böhmen die schlimmsten Dienste; und besonders zeigten sich einige dahin geflüchtete steyermärkische Emigranten, welche ein racherfülltes Herz in ihr neues Vaterland mitbrachten, geschäftig, das Feuer der Empörung zu nähren. In so widriger Stimmung fand König Ferdinand die böhmische Nation, als Kaiser Matthias ihm Platz machte.

Ein so schlimmes Verhältniß zwischen der Nation und dem Thronkandidaten würde auch bei der ruhigsten Thronfolge Stürme erweckt haben – wie vielmehr aber jetzt im vollen Feuer des Aufruhrs, jetzt, da die Nation ihre Majestät zurückgenommen hatte und in den Zustand des natürlichen Rechts zurückgetreten war; jetzt, da sie die Waffen in Händen hatte, da durch das Gefühl ihrer Einigkeit ein begeisterndes Selbstvertrauen in ihr erwacht, ihr Muth durch die glücklichsten Erfolge, durch fremde Beistandsversprechungen und schwindlige Hoffnungen zur festesten Zuversicht erhoben war. Uneingedenk des an Ferdinand bereits übertragenen Rechts, erklärten die Stände ihren Thron für erledigt, ihre Wahl für völlig ungebunden. Zu einer friedlichen Unterwerfung war kein Anschein vorhanden, und wollte sich Ferdinand im Besitz der böhmischen Krone sehen, so hatte er die Wahl, sie entweder mit allem dem zu erkaufen, was eine Krone wünschenswerth macht, oder mit dem Schwert in der Hand zu erobern.

Aber mit welchen Hilfsmitteln sie erobern? Auf welches seiner Länder er seine Augen kehrte, stand alles in hellen Flammen. Schlesien war in den böhmischen Aufstand zugleich mit hineingerissen; Mähren war im Begriff, diesem Beispiel zu folgen. In Ober- und Unterösterreich regte sich, wie unter Rudolph, der Geist der Freiheit, und kein Landstand wollte huldigen. Ungarn bedrohte der Fürst Bethlen Gabor von Siebenbürgen mit einem Ueberfall: eine geheimnißvolle Rüstung der Türken erschreckte alle östlich gelegenen Provinzen; damit das Bedrängniß vollkommen würde, so mußten auch, von dem allgemeinen Beispiel geweckt, die Protestanten in seinen väterlichen Erbstaaten ihr Haupt erheben. In diesen Ländern war die Zahl der Protestanten überwiegend, in den meisten hatten sie die Einkünfte im Besitz, mit denen Ferdinand seinen Krieg führen sollte. Die Neutralen fingen an zu wanken, die Getreuen zu verzagen, nur die Schlimmgesinnten hatten Muth; die eine Hälfte von Deutschland winkte den Rebellen Ermunterung, die andere erwartete müßig den Anschlag; spanische Hilfe stand noch in fernen Landen. Der Augenblick, der ihm alles brachte, drohte, ihm alles zu entreißen.

Was er auch jetzt, von dem harten Gesetz der Noth unterjocht, den böhmischen Rebellen anbietet – alle seine Vorschläge zum Frieden werden mit Uebermuth verschmäht. An der Spitze eines Heeres zeigt sich der Graf von Thurn schon in Mähren, diese einzige noch wankende Provinz zur Entscheidung zu bringen. Die Erscheinung der Freunde gibt den mährischen Protestanten das Signal der Empörung. Brünn wird erobert, das übrige Land folgt freiwillig nach; in der ganzen Provinz ändert man Religion und Regierung. Wachsend in seinem Lande, stürzt der Rebellenstrom in Oberösterreich, wo eine gleichgesinnt Partei ihn mit freudigem Beifall empfängt. »Kein Unterschied der Religion soll mehr sein, gleiche Rechte für alle christlichen Kirchen. – Man habe gehört, daß fremdes Volk in dem Lande geworben werde, die Böhmen zu unterdrücken. Dieses suche man auf, und bis nach Jerusalem werde man den Feind der Freiheit verfolgen.« – Kein Arm wird gerührt, den Erzherzog zu verteidigen; endlich lagern sich die Rebellen vor Wien, ihren Herrn zu belagern.

Seine Kinder hatte Ferdinand von Grätz, wo sie ihm nicht mehr sicher waren, nach Tirol geflüchtet; er selbst erwartete in seiner Kaiserstadt den Aufruhr. Eine Handvoll Soldaten war alles, was er dem wüthenden Schwarme entgegenstellen konnte. Diesen Wenigen fehlte der gute Wille, weil es an Sold und selbst an Brod fehlte. Auf eine lange Belagerung war Wien nicht bereitet. Die Partei der Protestanten, jeden Augenblick bereit, sich an die Böhmen anzuschließen, war in der Stadt die überwiegende; die auf dem Lande zogen schon Truppen gegen ihn zusammen. Schon sah der protestantische Pöbel den Erzherzog in einem Mönchskloster eingesperrt, seine Staaten getheilt, seine Kinder protestantisch erzogen. Heimlichen Feinden anvertraut und von öffentlichen umgeben, sah er jeden Augenblick den Abgrund sich öffnen, der alle seine Hoffnungen, der ihn selbst verschlingen sollte. Die böhmischen Kugeln flogen in die kaiserliche Burg, wo sechzehn österreichische Baronen sich in sein Zimmer drängten, mit Vorwürfen in ihn stürmten und zu einer Conföderation mit den Böhmen seine Einwilligung zu ertrotzen strebten. Einer von diesen ergriff ihn bei den Knöpfen seines Wamms. »Ferdinand!« schnaubte er ihn an, »wirst du unterschreiben?«

Wem hätte man es nicht verziehen, in dieser schrecklichen Lage gewankt zu haben? – Ferdinand dachte nach, wie er römischer Kaiser werden wollte. Nichts schien ihm übrig zu sein, als schnelle Flucht oder Nachgiebigkeit; zu jener riethen Männer – zu dieser katholische Priester. Verließ er die Stadt, so fiel sie in Feindes Hände; mit Wien war Oesterreich, mit Oesterreich der Kaiserthron verloren. Ferdinand verließ seine Hauptstadt nicht und wollte eben so wenig von Bedingungen hören.

Der Erzherzog war noch im Wortwechsel mit den deputierten Baronen, als auf einmal Trompetenschall den Burgplatz erfüllte. Unter den Anwesenden wechseln Furcht und Erstaunen – ein erschreckendes Gerücht durchläuft die Burg – ein Deputierter nach dem andern verschwindet. Viele von Adel und der Bürgerschaft hörte man eilfertig in das Thurnische Lager fliehen. Diese schnelle Veränderung wirkte ein Regiment Dampierrischer Kürassiere, welches in diesem wichtigen Augenblick in die Stadt einrückte, den Erzherzog zu verteidigen. Bald folgte auch Fußvolk nach; viele katholische Bürger, durch diese Erscheinung mit neuem Muth belebt, und die Studierenden selbst ergriffen die Waffen. Eine Nachricht, die so eben aus Böhmen einlief, vollendete seine Errettung. Der niederländische General Boucquoi hatte den Grafen Mannsfeld bei Budweiß aufs Haupt geschlagen und war im Anzuge gegen Prag. Eilfertig brachen die Böhmen ihre Gezelte ab, um ihre Hauptstadt zu entsetzen.

Und jetzt waren auch die Pässe wieder frei, die der Feind besetzt gehalten, um Ferdinanden den Weg nach Frankfurt zur Kaiserwahl zu verlegen. Wenn es dem Könige von Ungarn für seinen ganzen Plan wichtig war, den deutschen Thron zu besteigen, so war es jetzt um so wichtiger, da seine Ernennung zum Kaiser das unverdächtigste und entscheidendste Zeugniß für die Würdigkeit seiner Person und die Gerechtigkeit seiner Sache ablegte und ihm zugleich zu einem Beistande des Reichs Hoffnung machte. Aber dieselbe Kabale, welche ihn in seinen Erbstaaten verfolgte, arbeitete ihm auch bei seiner Bewerbung um die Kaiserwürde entgegen. Kein österreichischer Prinz sollte den deutschen Thron mehr besteigen, am wenigsten aber Ferdinand, der entschlossene Verfolger ihrer Religion, der Sklave Spaniens und der Jesuiten. Dieses zu verhindern, hatte man noch bei Lebzeiten des Matthias dem Herzog von Bayern. und nach der Weigerung desselben dem Herzog von Savoyen die deutsche Krone angetragen. Da man mit dem Letztern über die Bedingungen nicht so leicht einig werden konnte, so suchte man wenigstens die Wahl aufzuhalten, bis ein entscheidender Streich in Böhmen oder Oesterreich alle Hoffnungen Ferdinands zu Grunde gerichtet und ihn zu dieser Würde unfähig gemacht hätte. Die Unierten ließen nichts unversucht, Kursachsen, welches an das österreichische Interesse gefesselt war, gegen Ferdinand einzunehmen und diesem Hofe die Gefahr vorzustellen, womit die Grundsätze dieses Fürsten und seine spanischen Verbindungen die protestantische Religion und die Reichsverfassung bedrohten. Durch Erhebung Ferdinands auf den Kaiserthron, stellten sie weiter vor, würde sich Deutschland in die Privatangelegenheiten dieses Prinzen verflochten sehen und die Waffen der Böhmen gegen sich reizen. Aber aller Gegenbemühungen ungeachtet wurde der Wahltag ausgeschrieben, Ferdinand als rechtmäßiger König von Böhmen dazu berufen und seine Kurstimme, mit vergeblichem Widerspruch der böhmischen Stände, für gültig erkannt. Die drei geistlichen Kurstimmen waren sein, auch die sächsische war ihm günstig, die brandenburgische nicht entgegen, und die entschiedenste Mehrheit erklärte ihn 1619 zum Kaiser. So sah er die zweifelhafteste von allen seinen Kronen zuerst auf seinem Haupte, um wenige Tage nachher diejenige zu verlieren, welche er schon unter seine gewissen Besitzungen zählte. Während daß man ihn in Frankfurt zum Kaiser machte, stürzte man ihn in Prag von dem böhmischen Throne.

Fast alle seine deutschen Erbländer hatten sich unterdessen in einer allgemeinen furchtbaren Conföderation mit den Böhmen vereinigt, deren Trotz jetzt alle Schranken durchbrach. Am 17. August 1619 erklärten sie den Kaiser auf einer Reichsversammlung für einen Feind der böhmischen Religion und Freiheit, der durch seine verderblichen Rathschläge den verstorbenen König gegen sie aufgewiegelt, zu ihrer Unterdrückung Truppen geliehen, Ausländern das Königreich zum Raube gegeben und es zuletzt gar, mit Verspottung ihrer Volksmajestät, in einem heimlichen Vertrag an die Spanier verschrieben hatte, aller Ansprüche auf ihre Krone verlustig und schritten ohne Aufschub zu einer neuen Wahl. Da Protestanten diesen Ausspruch thaten, so konnte die Wahl nicht wohl auf einen katholischen Prinzen fallen, obgleich zum Scheine für Bayern und Savoyen einige Stimmen gehört wurden. Aber der bittere Religionshaß, welcher die Evangelischen und Reformierten unter einander selbst entzweite, machte eine Zeit lang auch die Wahl eines protestantischen Königs schwer, bis endlich die Feinheit und Thätigkeit der Calvinisten über die überlegene Anzahl der Lutheraner den Sieg davon trug.

Unter allen Prinzen, welche zu dieser Würde in Vorschlag kamen, hatte sich Kurfürst Friedrich der Fünfte von der Pfalz die gegründetsten Ansprüche auf das Vertrauen und die Dankbarkeit der Böhmen erworben, und unter allen war keiner, bei welchem das Privatinteresse einzelner Stände und die Zuneigung des Volks durch so viele Staatsvortheile gerechtfertigt zu werden schienen. Friedrich der Fünfte war von einem freien und aufgeweckten Geist, vieler Herzensgüte, einer königlichen Freigebigkeit. Er war das Haupt der Reformierten in Deutschland, der Anführer der Union, deren Kräfte ihm zu Gebote standen, ein naher Anverwandter des Herzogs von Bayern, ein Eidam des Königs von Großbritannien, der ihn mächtig unterstützen konnte. Alle diese Vorzüge wurden von der calvinistischen Partei mit dem besten Erfolge geltend gemacht, und die Reichsversammlung zu Prag erwählte Friedrich den Fünften unter Gebet und Freudenthränen zum König.

Alles, was auf dem Prager Reichstag geschah, war ein zu vorbereitetes Werk, und Friedrich selbst war bei der ganzen Verhandlung zu thätig gewesen, als daß er von dem Antrage der Böhmen hätte überrascht werden sollen. Dennoch erschreckte ihn der gegenwärtige Glanz dieser Krone, und die zweifache Größe des Verbrechens und des Glücks brachte seinen Kleinmuth zum Zittern. Nach der gewöhnlichen Art schwacher Seelen wollte er sich erst durch fremdes Urtheil zu seinem Vorhaben stärken; aber es hatte keine Gewalt über ihn, wenn es gegen seine Leidenschaft ausfiel. Sachsen und Bayern, wo er Rath verlangt hatte, alle seine Mitkurfürsten, alle, welche diese Unternehmung mit seinen Fähigkeiten und Kräften abwogen, warnten ihn vor dem Abgrund, in den er sich stürze. Selbst König Jakob von England wollte seinem Eidam lieber eine Krone entrissen sehen, als die geheiligte Majestät der Könige durch ein so schlimmes Beispiel verletzen helfen. Aber was vermochte die Stimme der Klugheit gegen den verführerischen Glanz einer Königskrone? Im Augenblick ihrer höchsten Kraftäußerung. wo sie den geheiligten Zweig eines zweihundertjährigen Regentengeschlechts von sich stößt, wirft sich ihm eine freie Nation in die Arme; auf seinen Muth vertrauend, wählt sie ihn zu ihrem Führer auf der gefährlichen Bahn des Ruhms und der Freiheit; von ihm, ihrem gebornen Beschützer, erwartet eine unterdrückte Religion Schutz und Schirm gegen ihren Verfolger – soll er kleinmüthig seine Furcht bekennen, soll er feigherzig Religion und Freiheit verrathen? Eben diese Nation zeigt ihm die Ueberlegenheit ihrer Kräfte und die Ohnmacht ihres Feindes – zwei Drittheile der österreichischen Macht gegen Oesterreich bewaffnet und einen streitbaren Bundesgenossen von Siebenbürgen aus bereit, den schwachen Ueberrest dieser Macht noch durch einen feindlichen Angriff zu theilen. Jene Anforderungen sollten seinen Ehrgeiz nicht wecken? diese Hoffnungen seinen Muth nicht entzünden?

Wenige Augenblicke gelassenen Nachdenkens würden hingereicht haben, ihm die Größe des Wagestücks und den geringen Werth des Preises zu zeigen – aber die Aufmunterung sprach zu seinen Sinnen, und die Warnung nur zu seiner Vernunft. Es war sein Unglück, daß die zunächst ihn umgebenden und hörbarsten Stimmen die Partei seiner Leidenschaft nahmen. Diese Machtvergrößerung ihres Herrn öffnete dem Ehrgeiz und der Gewinnsucht aller seiner pfälzischen Diener ein unermeßliches Feld der Befriedigung. Dieser Triumph seiner Kirche mußte jeden calvinischen Schwärmer erhitzen. Konnte ein so schwacher Kopf den Vorspiegelungen seiner Räthe widerstehen, die seine Hilfsmittel und Kräfte eben so unmäßig übertrieben, als sie die Macht des Feindes heruntersetzten? den Aufforderungen seiner Hofprediger, die ihm die Eingebungen ihres fanatischen Eifers als den Willen des Himmels verkündigten? Astrologische Träumereien erfüllten seinen Kopf mit chimärischen Hoffnungen; selbst durch den unwiderstehlichen Mund der Liebe bestürmte ihn die Verführung. »Konntest du dich vermessen,« sagte die Kurfürstin zu ihm, »die Hand einer Königstochter anzunehmen, und dir bangt vor einer Krone, die man freiwillig dir entgegenbringt? Ich will lieber Brod essen an deiner königlichen Tafel, als an deinem kurfürstlichen Tische schwelgen.«

Friedrich nahm die böhmische Krone. Mit beispiellosem Pomp geschah zu Prag die königliche Krönung; die Nation stellte alle ihre Reichthümer aus, ihr eignes Werk zu ehren. Schlesien und Mähren, Nebenländer Böhmens, folgten dem Beispiele des Hauptstaats und huldigten. Die Reformation thronte in allen Kirchen des Königreichs, das Frohlocken war ohne Grenzen, die Freude an dem neuen König ging bis zur Anbetung. Dänemark und Schweden, Holland und Venedig, mehrere deutsche Staaten erkannten ihn als rechtmäßigen König; und Friedrich schickte sich nun an, seinen neuen Thron zu behaupten.

Auf den Fürsten Bethlen Gabor von Siebenbürgen war seine größte Hoffnung gerichtet. Dieser furchtbare Feind Oesterreichs und der katholischen Kirche, nicht zufrieden mit seinem Fürstenthum, das er seinem rechtmäßigen Herrn, Gabriel Bathori, mit Hilfe der Türken entrissen hatte, ergriff mit Begierde diese Gelegenheit, sich auf Unkosten der österreichischen Prinzen zu vergrößern, die sich geweigert hatten, ihn als Herrn von Siebenbürgen anzuerkennen. Ein Angriff auf Ungarn und Oesterreich war mit den böhmischen Rebellen verabredet, und vor der Hauptstadt sollten beide Heere zusammenstoßen. Unterdessen verbarg Bethlen Gabor unter der Maske der Freundschaft den wahren Zweck seiner Kriegsrüstung und versprach voller Arglist dem Kaiser, durch eine verstellte Hilfleistung die Böhmen in die Schlinge zu locken und ihre Anführer ihm lebendig zu überliefern. Auf einmal aber stand er als Feind in Ober-Ungarn; der Schrecken ging vor ihm her, hinter ihm die Verwüstung; alles unterwarf sich; zu Preßburg empfing er die ungarische Krone. Des Kaisers Bruder, Statthalter in Wien, zitterte für diese Hauptstadt. Eilfertig rief er den General Boucquoi zu Hilfe; der Abzug der Kaiserlichen zog die böhmische Armee zum zweitenmal vor Wien. Durch zwölftausend Siebenbürgen verstärkt und bald darauf mit dem siegreichen Heere Bethlen Gabors vereinigt, drohte sie aufs neue, diese Hauptstadt zu überwältigen. Alles um Wien ward verwüstet, die Donau gesperrt, alle Zufuhr abgeschnitten, die Schrecken des Hungers stellten sich ein. Ferdinand, den diese dringende Gefahr eiligst in seine Hauptstadt zurückgeführt hatte, sah sich zum zweitenmal am Rand des Verderbens. Mangel und rauhe Witterung zogen endlich die Böhmen nach Hause; ein Verlust in Ungarn rief Bethlen Gabor zurück; zum zweitenmal hatte das Glück den Kaiser gerettet.

In wenigen Wochen änderte sich nun alles, und durch seine staatskluge Thätigkeit verbesserte Ferdinand seine Sache in eben dem Maße, als Friedrich die seinige durch Saumseligkeit und schlechte Maßregeln herunterbrachte. Die Stände von Nieder-Oesterreich wurden durch Bestätigung ihrer Privilegien zur Huldigung gebracht und die Wenigen, welche ausblieben, der beleidigten Majestät und des Hochverrats schuldig erklärt. So faßte der Kaiser in einem seiner Erblande wieder festen Fuß, und zugleich wurde alles in Bewegung gesetzt, sich auswärtiger Hilfe zu versichern. Schon bei der Kaiserwahl zu Frankfurt war es ihm durch mündliche Vorstellungen gelungen, die geistlichen Kurfürsten und zu München den Herzog Maximilian von Bayern für seine Sache zu gewinnen. Auf dem Antheil, den die Union und Ligue an dem böhmischen Kriege nahmen, beruhte der ganze Ausschlag dieses Krieges, das Schicksal Friedrichs und des Kaisers. Dem ganzen protestantischen Deutschland schien es wichtig zu sein, den König von Böhmen zu unterstützen; den Kaiser nicht unterliegen zu lassen, schien das Interesse der katholischen Religion zu erheischen. Siegten die Protestanten in Böhmen, so hatten alle katholischen Prinzen in Deutschland für ihre Besitzungen zu zittern; unterlagen sie, so konnte der Kaiser dem protestantische Deutschland Gesetze vorschreiben. Ferdinand setzte also die Ligue, Friedrich die Union in Bewegung. Das Band der Verwandtschaft und persönliche Anhänglichkeit an den Kaiser, seinen Schwager, mit dem er in Ingolstadt aufgewachsen war, Eifer für die katholische Religion, die in der augenscheinlichsten Gefahr zu schweben schien, die Eingebungen der Jesuiten, verbunden mit den verdächtigen Bewegungen der Union, bewogen den Herzog von Bayern und alle Fürsten der Ligue, die Sache Ferdinands zu der ihrigen zu machen.

Nach einem mit dem Letztern geschlossenen Vertrage, welcher ihm den Ersatz aller Kriegsunkosten und aller zu erleidenden Verluste versicherte, übernahm Maximilian mit uneingeschränkter Gewalt das Commando der liguistischen Truppen, welche dem Kaiser gegen die böhmischen Rebellen zu Hilfe eilen sollten. Die Häupter der Union, anstatt diese gefährliche Vereinigung der Ligue mit dem Kaiser zu hintertreiben, wendeten vielmehr alles an, sie zu beschleunigen. Konnten sie die katholische Ligue zu einem erklärten Anteil an dem böhmischen Kriege vermögen, so hatten sie sich von allen Mitgliedern und Alliierten der Union das Nämliche zu versprechen. Ohne einen öffentlichen Schritt der Katholischen gegen die Union war keine Machtvereinigung unter den Protestanten zu hoffen. Sie erwählten also den bedenklichen Zeitpunkt der böhmischen Unruhen, eine Abstellung aller bisherigen Beschwerden und eine vollkommene Religionsversicherung von den Katholischen zu fordern. Diese Forderung, welche in einem drohenden Tone abgefaßt war, richteten sie an den Herzog von Bayern, als das Haupt der Katholischen, und drangen auf eine schnelle unbedingte Erklärung. Maximilian mochte sich nun für oder wider sie entscheiden, so war ihre Absicht erreicht: seine Nachgiebigkeit beraubte die katholische Partei ihres mächtigsten Beschützers; seine Widersetzung bewaffnete die ganze protestantische Partei und machte den Krieg unvermeidlich, durch welchen sie zu gewinnen hofften. Maximilian, durch so viele andere Beweggründe ohnehin auf die entgegengesetzte Seite gezogen, nahm die Aufforderung der Union als eine förmliche Kriegserklärung auf, und die Rüstung wurde beschleunigt. Während daß Bayern und die Ligue sich für den Kaiser bewaffneten, wurde auch mit dem spanischen Hofe wegen Subsidien unterhandelt. Alle Schwierigkeiten, welche die schläfrige Politik des Ministeriums diesem Gesuch entgegensetzte, überwand der kaiserliche Gesandte in Madrid, Graf von Khevenhüller, glücklich. Außer einem Geldvorschuß von einer Million Gulden, welche man diesem Hofe nach und nach zu entlocken wußte, ward noch zugleich ein Angriff auf die untere Pfalz, von den spanischen Niederlanden aus, beschlossen.

Indem man alle katholischen Mächte in das Bündniß zu ziehen suchte, arbeitete man zu gleicher Zeit dem Gegenbündniß der protestantischen auf das nachdrücklichste entgegen. Es kam darauf an, dem Kurfürsten von Sachsen und mehreren evangelischen Ständen die Besorgnisse zu benehmen, welche die Union ausgestreut hatte, daß die Rüstung der Ligue darauf abgesehen sei, ihnen die säcularisierten Stifter wieder zu entreißen. Eine schriftliche Versicherung des Gegentheils beruhigte den Kurfürsten von Sachsen, den die Privateifersucht gegen Pfalz, die Eingebungen seines Hofpredigers, der von Oesterreich erkauft war, und der Verdruß, von den Böhmen bei der Königswahl übergangen worden zu sein, ohnehin schon auf Oesterreichs Seite neigten. Nimmer konnte es der lutherische Fanatismus dem reformierten vergeben, daß so viele edle Länder, wie man sich ausdrückte, dem Calvinismus in den Rachen fliegen und der römische Antichrist nur dem helvetischen Platz machen sollte.

Indem Ferdinand alles that, seine mißlichen Umstände zu verbessern, unterließ Friedrich nichts, seine gute Sache zu verschlimmern. Durch ein anstößiges enges Bündniß mit dem Fürsten von Siebenbürgen, dem offenbaren Alliierten der Pforte, ärgerte er die schwachen Gemüther, und das allgemeine Gerücht klagte ihn an, daß er auf Unkosten der Christenheit seine eigene Vergrößerung suche, daß er die Türken gegen Deutschland bewaffnet habe. Sein unbesonnener Eifer für die reformierte Religion brachte die Lutheraner in Böhmen, sein Angriff auf die Bilder die Papisten dieses Königreichs gegen ihn auf. Neue drückende Auflagen entzogen ihm die Liebe des Volks. Die fehlgeschlagene Erwartung der böhmischen Großen erkaltete ihren Eifer, das Ausbleiben fremden Beistandes stimmte ihre Zuversicht herab. Anstatt sich mit unermüdetem Eifer der Reichsverwaltung zu widmen, verschwendete Friedrich seine Zeit in Ergötzlichkeiten; anstatt durch eine weise Sparsamkeit seinen Schatz zu vergrößern, zerstreute er in unnützem theatralischem Prunk und übel angewandter Freigebigkeit die Einkünfte seiner Länder. Mit sorglosem Leichtsinn bespiegelte er sich in seiner neuen Würde, und über dem unzeitigen Bestreben, seiner Krone froh zu werden, vergaß er die dringendere Sorge, sie auf seinem Haupte zu befestigen.

So sehr man sich in ihm geirrt hatte, so unglücklich hatte sich Friedrich selbst in seinen Erwartungen von auswärtigem Beistand verrechnet. Die meisten Mitglieder der Union trennten die böhmischen Angelegenheiten von dem Zweck ihres Bundes; andere ihm ergebene Reichsstände fesselte blinde Furcht vor dem Kaiser. Kursachsen und Hessen-Darmstadt hatte Ferdinand für sich gewonnen; Niederösterreich, von wo aus man eine nachdrückliche Diversion erwartete, hatte dem Kaiser gehuldigt, Bethlen Gabor einen Waffenstillstand mit ihm geschlossen. Dänemark wußte der Wiener Hof durch Gesandtschaften einzuschläfern, Schweden durch einen Krieg mit Polen zu beschäftigen. Die Republik Holland hatte Mühe, sich der spanischen Waffen zu erwehren; Venedig und Savoyen blieben unthätig; König Jakob von England wurde von der spanischen Arglist betrogen. Ein Freund nach dem andern zog sich zurück, eine Hoffnung nach der andern verschwand. – So hatte sich alles in wenigen Monaten verändert!

Indessen versammelten die Häupter der Union eine Kriegsmacht; der Kaiser und die Ligue thaten ein Gleiches. Die Macht der letztern stand unter Maximilians Fahnen bei Donauwörth versammelt; die Macht der Unierten bei Ulm, unter dem Markgrafen von Ansbach. Der entscheidende Augenblick schien endlich herbeigekommen zu sein, der diese lange Zwistigkeit durch einen Hauptstreich endigen und das Verhältniß beider Kirchen in Deutschland unwiderruflich bestimmen sollte. Aengstlich war auf beiden Seiten die Erwartung gespannt. Wie sehr aber erstaunte man, als auf einmal die Botschaft des Friedens kam und beide Armeen ohne Schwertschlag auseinander gingen!

Frankreichs Dazwischenkunft hatte diesen Frieden bewirkt, welchen beide Theile mit gleicher Bereitwilligkeit umfaßten. Das französische Ministerium, durch keinen Heinrich den Großen mehr geleitet, dessen Staatsmaxime vielleicht auch auf die damalige Lage des Königreichs nicht mehr anzuwenden war, fürchtete jetzt das Wachsthum des österreichischen Hauses viel weniger, als die Machtvergrößerung der Calvinisten, wenn sich das pfälzische Haus auf dem böhmischen Throne behaupten sollte. Mit seinen eignen Calvinisten eben damals in einen gefährlichen Streit verwickelt, hatte es keine dringendere Angelegenheit, als die protestantische Faktion in Böhmen so schnell als möglich unterdrückt zu sehen, ehe die Faktion der Hugenotten in Frankreich sich ein gefährliches Muster daran nähme. Um also dem Kaiser gegen die Böhmen geschwind freie Hände zu machen, stellte es sich zwischen der Union und Ligue als Mittelsperson dar und verglich jenen unerwarteten Frieden, dessen wichtigster Artikel war, »daß die Union sich jedes Antheils an den böhmischen Händeln begeben und den Beistand, welchen sie Friedrich dem Fünften leisten würde, nicht über die pfälzischen Länder desselben erstrecken sollte.« Maximilians Entschlossenheit und die Furcht, zwischen den liguistischen Truppen und einem neuen kaiserlichen Heere, welches aus den Niederlanden im Anmarsch war, ins Gedränge zu gerathen, bewog die Union zu diesem schimpflichen Frieden.

Die ganze Macht Bayerns und der Ligue stand jetzt dem Kaiser gegen die Böhmen zu Gebote, welche der Ulmische Vergleich ihrem Schicksal überließ. Schneller, als das Gerücht den Vorgang zu Ulm dort verbreiten konnte, erschien Maximilian in Oberösterreich, wo die bestürzten Stände, auf keinen Feind gefaßt, die Gnade des Kaisers mit einer schnellen und unbedingten Huldigung erkauften. In Niederösterreich zog der Herzog die niederländischen Truppen des Grafen von Boucquoi an sich, und diese kaiserlich bayerische Armee, nach ihrer Vereinigung zu fünfzigtausend Mann angewachsen, drang ohne Zeitverlust in das böhmische Gebiet. Alle böhmischen Geschwader, welche in Niederösterreich und Mähren zerstreut waren, trieb sie fliehend vor sich her, alle Städte, welche es wagten, Widerstand zu thun, wurden mit stürmender Hand erobert; andere, durch das Gerücht ihrer Züchtigung erschreckt, öffneten freiwillig ihre Thore; nichts hinderte den reißenden Lauf Maximilians. Weichend zog sich die böhmische Armee, welche der tapfere Fürst Christian von Anhalt kommandierte, in die Nachbarschaft von Prag, wo ihr Maximilian an den Mauern dieser Hauptstadt ein Treffen lieferte.

Die schlechte Verfassung, in welcher er die Armee der Rebellen zu überraschen hoffte, rechtfertigte diese Schnelligkeit des Herzogs und versicherte ihm den Sieg. Nicht dreißigtausend Mann hatte Friedrich beisammen; achttausend hatte der Fürst von Anhalt ihm zugeführt, zehntausend Ungarn ließ Bethlen Gabor zu seinen Fahnen stoßen. Ein Einfall des Kurfürsten von Sachsen in die Lausitz hatte ihm alle Hilfe abgeschnitten, welche er von diesem Land und von Schlesien her erwartete, die Beruhigung Oesterreichs alle, welche er sich von dorther versprach. Bethlen Gabor, sein wichtigster Bundesgenosse, verhielt sich ruhig; die Union hatte ihn an den Kaiser verraten. Nichts blieb ihm übrig, als seine Böhmen, und diesen fehlte es an gutem Willen, Eintracht und Muth. Die böhmischen Magnaten sahen sich mit Verdruß gegen deutsche Generale zurückgesetzt, Graf Mannsfeld blieb, von dem böhmischen Hauptlager getrennt, in Pilsen zurück, um nicht unter Anhalt und Hohenlohe zu dienen. Dem Soldaten, welchem auch das Notwendigste fehlte, entfiel aller freudige Muth, und die schlechte Mannszucht unter dem Heere gab dem Landmann Ursache zu den bittersten Klagen. Umsonst zeigte sich Friedrich in dem Lager, den Muth der Soldaten durch seine Gegenwart, die Nacheiferung des Adels durch sein Beispiel zu ermuntern.

Auf dem weißen Berge, unweit Prag, fingen die Böhmen an, sich zu verschanzen, als von der vereinigten kaiserlich-bayerischen Armee (am 8. November 1620) der Angriff geschah. Am Anfange des Treffens wurden einige Vortheile von der Reiterei des Prinzen von Anhalt erfochten; aber die Uebermacht des Feindes vernichtete sie bald. Unwiderstehlich drangen die Bayern und Wallonen vor, und die ungarische Reiterei war die erste, welche den Rücken wandte. Das böhmische Fußvolk folgte bald ihrem Beispiel, und in der allgemeinen Flucht wurden endlich auch die Deutschen mit fortgerissen. Zehn Kanonen, welche die ganze Artillerie Friedrichs ausmachten, fielen in Feindes Hände. Viertausend Böhmen blieben auf der Flucht und im Treffen, kaum etliche Hundert von den Kaiserlichen und Liguisten. In weniger als einer Stunde war dieser entscheidende Sieg erfochten.

Friedrich saß zu Prag bei der Mittagstafel, als seine Armee an den Mauern sich für ihn niederschießen ließ. Vermutlich hatte er an diesem Tage noch keinen Angriff erwartet, weil er eben heute ein Gastmahl bestellte. Ein Eilbote zog ihn endlich vom Tische, und von dem Wall herab zeigte sich ihm die ganze schreckliche Scene. Um einen überlegten Entschluß zu fassen, erbat er sich einen Stillstand von vier und zwanzig Stunden; achte waren alles, was der Herzog ihm bewilligte. Friedrich benutzte sie, sich mit seiner Gemahlin und den Vornehmsten der Armee des Nachts aus der Hauptstadt zu flüchten. Diese Flucht geschah mit solcher Eilfertigkeit, daß der Fürst von Anhalt seine geheimsten Papiere und Friedrich seine Krone zurückließ. »Ich weiß nun, wer ich bin,« sagte dieser unglückliche Fürst zu Denen, welche ihm Trost zusprachen. »Es gibt Tugenden, welche nur das Unglück uns lehren kann, und nur in der Widerwärtigkeit erfahren wir Fürsten, wer wir sind.«

Prag war noch nicht ohne Rettung verloren, als Friedrichs Kleinmuth es aufgab. Mannsfelds fliegendes Commando stand noch in Pilsen und hatte die Schlacht nicht gesehen. Bethlen Gabor konnte jeden Augenblick sich feindselig erklären und die Macht des Kaisers nach der ungarischen Grenze abrufen. Die geschlagenen Böhmen konnten sich erholen, Krankheiten, Hunger und rauhe Witterung den Feind aufreiben – alle diese Hoffnungen verschwanden vor der gegenwärtigen Furcht. Friedrich fürchtete den Unbestand der Böhmen, welche leicht der Versuchung unterliegen konnten, mit Auslieferung seiner Person die Verzeihung des Kaisers zu erkaufen.

Thurn und die in gleicher Verdammniß mit ihm waren, fanden es eben so wenig rathsam, in den Mauern von Prag ihr Schicksal zu erwarten. Sie entwichen nach Mähren, um bald darauf ihre Rettung in Siebenbürgen zu suchen. Friedrich entfloh nach Breslau, wo er aber nur kurze Zeit verweilte, um an dem Hofe des Kurfürsten von Brandenburg und endlich in Holland eine Zuflucht zu finden.

Das Treffen bei Prag hatte das ganze Schicksal Böhmens entschieden. Prag ergab sich gleich den andern Tag an den Sieger; die übrigen Städte folgten dem Beispiel der Hauptstadt. Die Stände huldigten ohne Bedingung; das Nämliche thaten die Schlesier und Mährer. Drei Monate ließ der Kaiser verstreichen, ehe er eine Untersuchung über das Vergangene anstellte. Viele von Denen, welche im ersten Schrecken flüchtig geworden, zeigten sich, voll Vertrauen auf diese scheinbare Mäßigung, wieder in der Hauptstadt. Aber an Einem Tage und zu derselben Stunde brach das Ungewitter aus. Achtundvierzig der thätigsten Beförderer des Aufstands wurden gefangen genommen und vor eine außerordentliche Commission gezogen, die aus gebornen Böhmen und Oesterreichern niedergesetzt war. Siebenundzwanzig von ihnen starben auf dem Blutgerüste, von dem gemeinen Volk eine unzählige Menge. Die Abwesenden wurden vorgeladen, zu erscheinen, und, da keiner sich meldete, als Hochverräther und Beleidiger der kaiserlichen Majestät zum Tode verurtheilt, ihre Güter confisciert, ihre Namen an den Galgen geschlagen. Auch die Güter schon verstorbener Rebellen zog man ein. Diese Tyrannei war zu ertragen, weil sie nur einzelne Privatpersonen traf und der Raub des Einen den Andern bereicherte; desto schmerzhafter aber war der Druck, der ohne Unterschied über das ganze Königreich erging. Alle protestantischen Prediger wurden des Landes verwiesen; die böhmischen sogleich, etwas später die deutschen. Den Majestätsbrief durchschnitt Ferdinand mit eigener Hand und verbrannte das Siegel. Sieben Jahre nach der Prager Schlacht war alle Religionsduldung gegen die Protestanten in dem Königreich aufgehoben. Die Gewaltthätigkeiten, welche sich der Kaiser gegen die Religionsprivilegien der Böhmen erlaubte, untersagte er sich gegen ihre politische Constitution, und indem er ihnen die Freiheit des Denkens nahm, ließ er ihnen großmüthig noch das Recht, sich selbst zu taxieren.

Der Sieg auf dem weißen Berge setzte Ferdinanden in den Besitz aller seiner Staaten; ja, er gab sie ihm sogar mit einer größern Gewalt zurück, als sein Vorgänger darin besessen hatte, weil die Huldigung ohne Bedingung geleistet wurde und kein Majestätsbrief seine landesherrliche Hoheit mehr beschränkte. Das Ziel aller seiner gerechten Wünsche war also erfüllt, und über alle seine Erwartungen.

Jetzt konnte er seine Bundesgenossen entlassen und seine Armeen zurückrufen. Der Krieg war geendigt, wenn er auch nichts als gerecht war, wenn er großmüthig und gerecht war, so war’s auch die Strafe. Das ganze Schicksal Deutschlands lag jetzt in seiner Hand, und vieler Millionen Glück und Elend beruhte auf dem Entschluß, den er faßte. Nie lag eine so große Entscheidung in eines Menschen Hand; nie stiftete eines Menschen Verblendung so viel Verderben.

Zweites Buch.

Der Entschluß, welchen Ferdinand jetzt faßte, gab dem Krieg eine ganz andere Richtung, einen andern Schauplatz und andere Spieler. Aus einer Rebellion in Böhmen und einem Executionszug gegen Rebellen ward ein deutscher und bald ein europäischer Krieg. Jetzt also ist es Zeit, einen Blick auf Deutschland und das übrige Europa zu werfen.

So ungleich der Grund und Boden des deutschen Reichs und die Vorrechte seiner Glieder unter Katholiken und Protestanten vertheilt waren, so durfte jede Partei nur ihre eigentümlichen Vortheile nutzen, nur in staatskluger Eintracht zusammenhalten, um ihrer Gegenpartei hinlänglich gewachsen zu bleiben. Wenn die katholische die überlegene Zahl für sich hatte und von der Reichsconstitution mehr begünstigt war, so besaß die protestantische eine zusammenhängende Strecke volkreicher Länder, streitbare Fürsten, einen kriegerischen Adel, zahlreiche Armeen, wohlhabende Reichsstädte, die Herrschaft des Meers und auf den schlimmsten Fall einen zuverlässigen Anhang in den Ländern katholischer Fürsten. Wenn die katholische Spanien und Italien zu ihrem Beistand bewaffnen konnte, so öffneten die Republiken Venedig, Holland und England der protestantischen ihre Schätze, so fand sie die Staaten des Nordens und die furchtbare türkische Macht zu schneller Hilfe bereit. Brandenburg, Sachsen und Pfalz setzten den drei geistlichen Stimmen im Kurfürstenrathe drei bedeutende protestantische Stimmen entgegen, und für den Kurfürsten von Böhmen, wie für den Erzherzog von Oesterreich, war die Kaiserwürde eine Fessel, wenn die protestantischen Reichsstände ihre Wichtigkeit zu benutzen verstanden. Das Schwert der Union konnte das Schwert der Ligue in der Scheide halten, oder doch den Ausschlag des Krieges, wenn es wirklich dazu kam, zweifelhaft machen. Aber Privatverhältnisse zerrissen leider das allgemeine politische Band, welches die protestantischen Reichsglieder zusammenhalten sollte. Der große Zeitpunkt fand nur mittelmäßige Geister auf der Bühne, und unbenutzt blieb der entscheidende Moment, weil es den Muthigen an Macht, den Mächtigen an Einsicht, Muth und Entschlossenheit fehlte.

Das Verdienst seines Ahnherrn Moriz, der Umfang seiner Länder und das Gewicht seiner Stimme stellten den Kurfürsten von Sachsen an die Spitze des protestantischen Deutschlands. Von dem Entschlusse, den dieser Prinz faßte, hing es ab, welche von beiden streitenden Parteien den Sieg behalten sollte; auch war Johann Georg nicht unempfindlich gegen die Vortheile, welche ihm dieses wichtige Verhältniß verschaffte. Eine gleich bedeutende Eroberung für den Kaiser und für den protestantischen Bund, vermied er sorgfältig sich an einen von beiden ganz zu verschenken und durch eine unwiderrufliche Erklärung sich entweder der Dankbarkeit des Kaisers anzuvertrauen, oder die Vortheile aufzugeben, welche von der Furcht dieses Fürsten zu gewinnen waren. Unangesteckt von dem Schwindel ritterlicher oder religiöser Begeisterung, welcher einen Souverän nach dem andern dahinriß, Krone und Leben an das Glücksspiel des Kriegs zu wagen, strebte Johann Georg dem solidern Ruhme nach, das Seinige zu Rath zu halten und zu verbessern. Wenn seine Zeitgenossen ihn anklagten, daß er mitten im Sturme die protestantische Sache verlassen; daß er der Vergrößerung seines Hauses die Errettung des Vaterlands nachgesetzt; daß er die ganze evangelische Kirche in Deutschland dem Untergange bloßgestellt habe, um nur für die reformierte den Arm nicht zu erheben; wenn sie ihn anklagten, daß er der gemeinen Sache als ein unzuverlässig er Freund nicht viel weniger geschadet habe, als ihre erklärtesten Feinde: so war es die Schuld dieser Fürsten, welche sich Johann Georgs weise Politik nicht zum Muster nahmen. Wenn, dieser weisen Politik ungeachtet, der sächsische Landmann, wie jeder andere, über die Gräuel der kaiserlichen Durchzüge seufzte, wenn ganz Deutschland Zeuge war, wie Ferdinand seinen Bundesgenossen täuschte und seiner Versprechungen spottete – wenn Johann Georg dieses endlich selbst zu bemerken glaubte – desto mehr Schande für den Kaiser, der ein so redliches Vertrauen so grausam hinterging.

Wenn übertriebenes Vertrauen auf Oesterreich und Hoffnung, seine Länder zu vermehren, dem Kurfürsten von Sachsen die Hände banden, so hielten Furcht vor Oesterreich und Angst, seine Länder zu verlieren, den schwachen Georg Wilhelm von Brandenburg in weit schimpflicheren Fesseln. Was man diesen beiden Fürsten zum Vorwurf machte, hätte dem Kurfürsten von der Pfalz seinen Ruhm und seine Länder gerettet. Rasches Vertrauen auf ungeprüfte Kräfte, der Einfluß französischer Rathschläge und der verführerische Glanz einer Krone hatten diesen unglücklichen Fürsten zu einem Wagestück hingerissen, dem weder sein Genie noch seine politische Verfassung gewachsen war. Durch Zertheilung seiner Lande und die schlechte Harmonie seiner Beherrscher wurde die Macht des pfälzischen Hauses geschwächt, welche, in einer einzigen Hand versammelt, den Ausschlag des Kriegs noch lange Zeit hätte zweifelhaft machen können.

Eben diese Zerstückelung der Lande entkräftete auch das Fürstenhaus Hessen, und die Verschiedenheit der Religion unterhielt zwischen Darmstadt und Kassel eine verderbliche Trennung. Die Linie Darmstadt, der Augsburgischen Confession zugethan, hatte sich unter die Flügel des Kaisers geflüchtet, der sie auf Unkosten der reformierten Linie Kassel begünstigte. Während daß seine Religionsverwandten für Glauben und Freiheit ihr Blut verspritzten, zog Landgraf Georg von Darmstadt Sold von dem Kaiser. Aber ganz seines Ahnherrn werth, der hundert Jahre früher unternommen hatte, Deutschlands Freiheit gegen den furchtbaren Karl zu vertheidigen, erwählte Wilhelm von Kassel die Partei der Gefahr und der Ehre. Ueber den Kleinmuth erhaben, der ungleich mächtigere Fürsten unter Ferdinands Allgewalt beugte, war Landgraf Wilhelm der Erste, der seinen Heldenarm freiwillig dem schwedischen Helden brachte und Deutschlands Fürsten ein Beispiel gab, mit welchem keiner den Anfang machen wollte. So viel Muth sein Entschluß verrieth, so viel Standhaftigkeit zeigte seine Beharrung, so viel Tapferkeit seine Thaten. Mit kühner Entschlossenheit stellte er sich vor sein blutendes Land und empfing einen Feind mit Spott, dessen Hände noch von dem Mordbrande zu Magdeburg rauchten.

Landgraf Wilhelm ist es werth, neben dem heldenreichen Stamme der Ernestinen zur Unsterblichkeit zu gehen. Langsam erschien dir der Tag der Rache, unglücklicher Johann Friedrich, edler, unvergeßlicher Fürst! Langsam, aber glorreich ging er auf. Deine Zeiten kamen wieder, und auf deine Enkel stieg dein Heldengeist herab. Ein tapferes Geschlecht von Fürsten geht hervor aus Thüringens Wäldern, durch unsterbliche Thaten das Urtheil zu beschämen, das den Kurhut von deinem Haupte stieß, durch aufgehäufte blutige Todtenopfer deinen zürnenden Schatten zu versöhnen. Deine Länder konnte der Spruch des Siegers ihnen rauben; aber nicht die patriotische Tugend, wodurch du sie verwirktest, nicht den ritterlichen Muth, der, ein Jahrhundert später, den Thron seines Enkels wanken machen wird. Deine und Deutschlands Rache schliff ihnen gegen Habsburgs Geschlecht einen heiligen Degen, und von einer Heldenhand zur andern erbt sich der unbesiegte Stahl. Als Männer vollführen sie, was sie als Herrscher nicht vermögen, und sterben einen glorreichen Tod – als die tapfersten Soldaten der Freiheit. Zu schwach an Ländern, um mit eigenen Heeren ihren Feind anzufallen, richten sie fremde Donner gegen ihn und führen fremde Fahnen zum Siege.

Deutschlands Freiheit, aufgegeben von den mächtigen Ständen, auf welche doch allein ihre Wohlthat zurück floß, wurde von einer kleinen Anzahl Prinzen vertheidigt, für welche sie kaum einen Werth besaß. Der Besitz von Ländern und Würden ertödtete den Muth; Mangel an beiden machte Helden. Wenn Sachsen, Brandenburg u. a. m. sich schüchtern zurückzogen, so sah man die Anhalt, die Mannsfeld, die Prinzen von Weimar u. a. ihr Blut in mörderischen Schlachten verschwenden. Die Herzoge von Pommern, von Mecklenburg, von Lüneburg, von Wirtenberg, die Reichsstädte in Oberdeutschland, denen das Reichsoberhaupt von jeher ein gefürchteter Name war, entzogen sich furchtsam dem Kampf mit dem Kaiser und beugten sich murrend unter seine zermalmende Hand.

Oesterreich und das katholische Deutschland hatten an dem Herzog Maximilian von Bayern einen ebenso mächtigen als staatsklugen und tapfern Beschützer. Im ganzen Laufe dieses Krieges einem einzigen überlegten Plane getreu, nie ungewiß zwischen seinem Staatsvortheil und seiner Religion, nie Sklave Oesterreichs, das für seine Größe arbeitete und vor seinem rettenden Arme zitterte, hätte Maximilian es verdient, die Würden und Länder, welche ihn belohnten, von einer bessern Hand, als der Willkür, zu empfangen. Die übrigen katholischen Stände, größtenteils geistliche Fürsten, zu unkriegerisch, um den Schwärmen zu widerstehen, die der Wohlstand ihrer Länder anlockte, wurden nach einander Opfer des Kriegs und begnügten sich, im Kabinet und auf ihren Kanzeln einen Feind zu verfolgen, vor welchem sie sich im Felde nicht zu stellen wagten. Alle, entweder Sklaven Oesterreichs oder Bayerns, wichen neben Maximilian in Schatten zurück; erst in den Händen dieses Fürsten wurde ihre versammelte Macht von Bedeutung.

Die furchtbare Monarchie, welche Karl der Fünfte und sein Sohn aus den Niederlanden, aus Mailand und beiden Sizilien, aus den weitläufigen ost- und westindischen Ländern unnatürlich zusammen zwangen, neigte sich schon unter Philipp dem Dritten und Vierten zu ihrem Falle. Von unfruchtbarem Golde zu einer schnellen Größe gebläht, sah man diese Monarchie an einer langsamen Zehrung schwinden, weil ihr die Milch der Staaten, der Feldbau, entzogen wurde. Die westindischen Eroberungen hatten Spanien in Armuth gestürzt, um alle Märkte Europens zu bereichern, und Wechsler zu Antwerpen, Venedig und Genua wucherten längst mit dem Golde, das noch in den Schachten von Peru schlief. Indiens wegen hatte man die spanischen Länder entvölkert, Indiens Schätze an die Wiedereroberung Hollands, an das chimärische Projekt, die französische Thronfolge umzustoßen, an einen verunglückten Angriff auf England verschwendet. Aber der Stolz dieses Hofes hatte den Zeitpunkt seiner Größe, der Haß seiner Feinde seine Furchtbarkeit überlebt, und der Schrecken schien noch um die verlassene Höhle des Löwen zu schweben. Das Mißtrauen der Protestanten lieh dem Ministerium Philipps des Dritten die gefährliche Staatskunst seines Vaters, und bei den deutschen Katholiken bestand noch immer das Vertrauen auf spanische Hilfe, wie der Wunderglaube an die Knochen der Märtyrer. Aeußerliches Gepränge verbarg die Wunden, an denen diese Monarchie sich verblutete, und die Meinung von ihren Kräften blieb, weil sie den hohen Ton ihrer goldnen Tage fortführte. Sklaven zu Hause und Fremdlinge auf ihrem eigenen Thron, gaben die spanischen Schattenkönige ihren deutschen Verwandten Gesetze; und es ist erlaubt, zu zweifeln, ob der Beistand, den sie leisteten, die schimpfliche Abhängigkeit werth war, womit die deutschen Kaiser denselben erkaufen mußten. Hinter den Pyrenäen wurde von unwissenden Mönchen und ränkevollen Günstlingen Europens Schicksal gesponnen. Aber auch in ihrem tiefsten Verfalle mußte eine Macht furchtbar bleiben, die den ersten an Umfang nicht wich, die, wo nicht aus standhafter Politik, doch aus Gewohnheit demselben Staatssystem unverändert getreu blieb, die geübte Armeen und treffliche Generale besaß, die, wo der Krieg nicht zureichte, zu dem Dolche der Banditen griff und ihre öffentlichen Gesandten als Mordbrenner zu gebrauchen wußte. Was sie gegen drei Weltgegenden einbüßte, suchte sie gegen Osten wieder zu gewinnen, und Europa lag in ihrer Schlinge, wenn ihr der lang vorbereitete Anschlag gelang, zwischen den Alpen und dem adriatischen Meere mit den Erblanden Oesterreichs zusammenzufließen.

Zu großer Beunruhigung der dortigen Staaten hatte sich diese beschwerliche Macht in Italien eingedrungen, wo ihr fortgesetztes Streben nach Vergrößerung alle benachbarten Souveräns für ihre Besitzungen zittern machte. In der gefährlichsten Lage befand sich der Papst, den die spanischen Vicekönige zwischen Neapel und Mailand in die Mitte nahmen. Die Republik Venedig sah sich zwischen dem österreichischen Tirol und dem spanischen Mailand gepreßt; Savoyen kam zwischen eben diesem Lande und Frankreich ins Gedränge. Daher die wandelbare und zweideutige Politik, welche seit Karls des Fünften Tagen von den Staaten Italiens beobachtet wurde. Die doppelte Person, welche die Päpste vorstellten, erhielt sie schwankend zwischen zwei ganz widersprechenden Staatssystemen. Wenn der Nachfolger Petri in den spanischen Prinzen seine folgsamsten Söhne, die standhaftesten Vertheidiger seines Stuhls verehrte, so hatte der Fürst des Kirchenstaats in eben diesen Prinzen seine schlimmsten Nachbarn, seine gefährlichsten Gegner zu fürchten. Wenn dem Erstern keine Angelegenheit näher ging, als die Protestanten vertilgt und die österreichischen Waffen siegreich zu sehen, so hatte der Letztere Ursache, die Waffen der Protestanten zu segnen, die seinen Nachbar außer Stand setzten, ihm gefährlich zu werden. Das Eine oder das Andere behielt die Oberhand, je nachdem die Päpste mehr um ihre weltliche Macht oder um ihre geistliche Herrschaft bekümmert waren – im Ganzen aber richtete sich die römische Staatskunst nach der dringenderen Gefahr – und es ist bekannt, wie viel mächtiger die Furcht, ein gegenwärtiges Gut zu verlieren, das Gemüth zu bestimmen pflegt, als die Begierde, ein längst verlorenes wieder zu gewinnen. So wird es begreiflich, wie sich der Statthalter Christi mit dem österreichischen Hause zum Untergang der Ketzer, und wie sich eben dieser Statthalter Christi mit eben diesen Ketzern zum Untergang des österreichischen Hauses verschwören konnte. Bewundernswürdig verflochten ist der Faden der Weltgeschichte! Was möchte wohl aus der Reformation – was aus der Freiheit der deutschen Fürsten geworden sein, wenn der Bischof zu Rom und der Fürst zu Rom beständig ein Interesse gehabt hätten?

Frankreich hatte mit seinem vortrefflichen Heinrich seine ganze Größe und sein ganzes Gewicht auf der politischen Wage Europens verloren. Eine stürmische Minderjährigkeit zernichtete alle Wohlthaten der vorhergehenden kraftvollen Regierung. Unfähige Minister, Geschöpfe der Gunst und Intrigue, zerstreuten in wenigen Jahren die Schätze, welche Sullys Oekonomie und Heinrichs Sparsamkeit aufgehäuft hatten. Kaum vermögend, ihre erschlichene Gewalt gegen innere Faktionen zu behaupten, mußten sie es aufgeben, das große Steuer Europens zu lenken. Der nämliche Bürgerkrieg, welcher Deutschland gegen Deutschland bewaffnete, brachte auch Frankreich gegen Frankreich in Aufruhr, und Ludwig der Dreizehnte tritt seine Volljährigkeit nur an, um seine eigene Mutter und seine protestantischen Unterthanen zu bekriegen. Diese, durch Heinrichs erleuchtete Politik in Fesseln gehalten, greifen jetzt, durch die Gelegenheit aufgeweckt und von einigen unternehmenden Führern ermuntert, zum Gewehr, ziehen sich im Staat zu einem eignen Staat zusammen und bestimmen die feste und mächtige Stadt Rochelle zum Mittelpunkt ihres werdenden Reichs. Zu wenig Staatsmann, um durch eine weise Toleranz diesen Bürgerkrieg in der Geburt zu ersticken, und doch viel zu wenig Herr über die Kräfte seines Staats, um ihn mit Nachdruck zu führen, sieht sich Ludwig der Dreizehnte bald zu dem erniedrigenden Schritt gebracht, die Unterwerfung der Rebellen durch große Geldsummen zu erkaufen. So sehr ihm auch die Staatsklugheit rathen mochte, die Rebellen in Böhmen gegen Oesterreich zu unterstützen, so unthätig mußte Heinrichs des Vierten Sohn für jetzt noch ihrem Untergange zusehen, glücklich genug, wenn sich die Calvinisten in seinem Reiche ihrer Glaubensgenossen jenseits des Rheins nicht zur Unzeit erinnerten. Ein großer Geist am Ruder des Staats würde die Protestanten in Frankreich zum Gehorsam gebracht und ihren Brüdern in Deutschland die Freiheit erfochten haben; aber Heinrich der Vierte war nicht mehr, und erst Richelieu sollte seine Staatskunst wieder hervorrufen.

Indem Frankreich von der Höhe seines Ruhms wieder heruntersank, vollendete das freigewordene Holland den Bau seiner Größe. Noch war der begeisterte Muth nicht verraucht, der, von dem Geschlecht der Oranier entzündet, diese kaufmännische Nation in ein Heldenvolk verwandelt und sie fähig gemacht hatte, ihre Unabhängigkeit in einem mörderischen Kriege gegen das spanische Haus zu behaupten. Eingedenk, wie viel sie selbst bei ihrer Befreiung fremdem Beistande schuldig wären, brannten diese Republikaner von Begierde, ihren deutschen Brüdern zu einem ähnlichen Schicksal zu verhelfen, und dies um so mehr, da beide gegen den nämlichen Feind stritten und Deutschlands Freiheit der Freiheit Hollands zur besten Brustwehr diente. Aber eine Republik, die noch um ihr eigenes Dasein kämpfte, die mit den bewundernswürdigsten Anstrengungen einem überlegenen Feinde in ihrem eigenen Gebiete kaum gewachsen blieb, durfte ihre Kräfte der notwendigen Selbstvertheidigung nicht entziehen, um sie mit großmüthiger Politik für fremde Staaten zu verschwenden.

Auch England, obgleich unterdessen durch Schottland vergrößert, hatte unter seinem schwachen Jakob in Europa das Gewicht nicht mehr, welches ihm der Herrschergeist seiner Elisabeth zu verschaffen gewußt hatte. Ueberzeugt, daß die Wohlfahrt ihrer Insel an der Sicherheit der Protestanten befestigt sei, hatte sich diese staatskluge Königin nie von dem Grundsatz entfernt, jede Unternehmung zu befördern, die auf Verringerung der österreichischen Macht abzielte. Ihrem Nachfolger fehlte es sowohl an Geist, diesen Grundsatz zu fassen, als an Macht, ihn in Ausübung zu bringen. Wenn die sparsame Elisabeth ihre Schätze nicht schonte, um den Niederlanden gegen Spanien, Heinrich dem Vierten gegen die Wuth der Ligue beizuspringen, so überließ Jakob – Tochter, Enkel und Eidam der Willkür eines unversöhnlichen Siegers. Während daß dieser König seine Gelehrsamkeit erschöpfte, um den Ursprung der königlichen Majestät im Himmel aufzusuchen, ließ er die seinige auf Erden verfallen. Indem er seine Beredsamkeit anstrengte, um das unumschränkte Recht der Könige zu erweisen, erinnerte er die englische Nation an das ihrige und verscherzte durch eine unnütze Geldverschwendung sein wichtigstes Regal, das Parlament zu entbehren und der Freiheit ihre Stimme zu nehmen. Ein angebornes Grauen vor jeder bloßen Klinge schreckte ihn auch von dem gerechtesten Kriege zurück; sein Liebling Buckingham spielte mit seinen Schwächen, und seine selbstgefällige Eitelkeit machte es der spanischen Arglist leicht, ihn zu betrügen. Während daß man seinen Eidam in Deutschland zu Grunde richtete und das Erbtheil seiner Enkel an Andere verschenkte, zog dieser blödsinnige Fürst mit glückseligem Wohlgefallen den Weihrauch ein, den ihm Oesterreich und Spanien streuten. Um seine Aufmerksamkeit von dem deutschen Kriege abzulenken, zeigte man ihm eine Schwiegertochter in Madrid, und der spaßhafte Vater rüstete seinen abenteuerlichen Sohn selbst zu dem Gaukelspiel aus, mit welchem dieser seine spanische Braut überraschte. Die spanische Braut verschwand seinem Sohne, wie die böhmische Krone und der pfälzische Kurhut seinem Eidam, und nur der Tod entriß ihn der Gefahr, seine friedfertige Regierung mit einem Kriege zu beschließen, bloß weil er den Muth nicht gehabt hatte, ihn von weitem zu zeigen.

Die bürgerlichen Stürme, durch sein ungeschicktes Regiment vorbereitet, erwachten unter seinem unglücklichen Sohn und nöthigten diesen bald, nach einigen unerheblichen Versuchen, jedem Antheil an dem deutschen Kriege zu entsagen, um die Wuth der Faktionen in seinem eigenen Reiche zu löschen, von denen er endlich ein beklagenswertes Opfer ward.

Zwei verdienstvolle Könige, an persönlichem Ruhm einander zwar bei weitem nicht gleich, aber gleich an Macht und an Ruhmbegierde, setzten damals den europäischen Norden in Achtung. Unter der langen und thätigen Regierung Christians des Vierten wuchs Dänemark zu einer bedeutenden Macht empor. Die persönlichen Eigenschaften dieses Fürsten, eine vortreffliche Marine, auserlesene Truppen, wohlbestellte Finanzen und staatskluge Bündnisse vereinigten sich, diesem Staate einen blühenden Wohlstand von innen und Ansehen von außen zu verschaffen. Schweden hatte Gustav Wasa aus der Knechtschaft gerissen, durch eine weise Gesetzgebung umgestaltet und den neugeschaffene Staat zuerst an den Tag der Weltgeschichte hervorgezogen. Was dieser große Prinz nur im rohen Grundrisse andeutete, wurde durch seinen größern Enkel, Gustav Adolph, vollendet.

Beide Reiche, vormals in eine einzige Monarchie unnatürlich zusammengezwungen und kraftlos in dieser Vereinigung, hatten sich zu den Zeiten der Reformation gewaltsam von einander getrennt, und diese Trennung war die Epoche ihres Gedeihens. So schädlich sich jene gezwungene Vereinigung für beide Reiche erwiesen, so nothwendig war den getrennten Staaten nachbarliche Freundschaft und Harmonie. Auf beide stützte sich die evangelische Kirche, beide hatten dieselben Meere zu bewachen; ein Interesse hätte sie gegen denselben Feind vereinigen sollen. Aber der Haß. welcher die Verbindung beider Monarchien aufgelöst hatte, fuhr fort, die längst getrennten Nationen feindselig zu entzweien. Noch immer konnten die dänischen Könige ihren Ansprüchen auf das schwedische Reich nicht entsagen, Schweden das Andenken der vormaligen dänischen Tyrannei nicht verbannen. Die zusammenfließenden Grenzen beider Reiche boten der Nationalfeindschaft einen ewigen Zunder dar; die wachsame Eifersucht beider Könige und unvermeidliche Handelscollisionen in den nordischen Meeren ließen die Quelle des Streits nie versiegen.

Unter den Hilfsmitteln, wodurch Gustav Wasa, der Stifter des schwedischen Reichs, seiner neuen Schöpfung Festigkeit zu geben gesucht hatte, war die Kirchenreformation eines der wirksamsten gewesen. Ein Reichsgrundgesetz schloß die Anhänger des Papstthums von allen Staatsämtern aus und verbot jedem künftigen Beherrscher Schwedens, den Religionszustand des Reichs abzuändern. Aber schon Gustavs zweiter Sohn und zweiter Nachfolger, Johann, trat zu dem Papstthum zurück, und dessen Sohn Sigismund, zugleich König von Polen, erlaubte sich Schritte, welche zum Untergang der Verfassung und der herrschenden Kirche abzielten. Karln, Herzog von Südermannland, Gustavs dritten Sohn, an ihrer Spitze, thaten die Stände einen herzhaften Widerstand, woraus zuletzt ein offenbarer Bürgerkrieg zwischen dem Oheim und Neffen, zwischen dem König und der Nation sich entzündete. Herzog Karl, während der Abwesenheit des Königs Verweser des Reichs, benutzte Sigismunds lange Residenz in Polen und den gerechten Unwillen der Stände, die Nation sich aufs engste zu verbinden und seinem eigenen Hause unvermerkt den Weg zum Throne zu bahnen. Die schlechten Maßregeln Sigismunds beförderten seine Absicht nicht wenig. Eine allgemeine Reichsversammlung erlaubte sich, zum Vortheil des Reichsverwesers von dem Recht der Erstgeburt abzuweichen, welches Gustav Wasa in der schwedischen Thronfolge eingeführt hatte, und setzte den Herzog von Südermannland auf den Thron, von welchem Sigismund mit seiner ganzen Nachkommenschaft feierlich ausgeschlossen wurde. Der Sohn des neuen Königs, der unter dem Namen Karls des Neunten regierte, war Gustav Adolph, dem aus eben diesem Grunde die Anhänger Sigismunds, als dem Sohn eines Thronräubers, die Anerkennung versagten. Aber wenn die Verbindlichkeit zwischen König und Volk gegenseitig ist, wenn sich Staaten nicht wie eine todte Waare von einer Hand zur andern forterben, so muß es einer ganzen, einstimmig handelnden Nation erlaubt sein, einem eidbrüchigen Beherrscher ihre Pflicht aufzukündigen und seinen Platz durch einen Würdigern zu besetzen.

Gustav Adolph hatte das siebzehnte Jahr noch nicht vollendet, als der schwedische Thron durch den Tod seines Vaters erledigt wurde; aber die frühe Reife seines Geistes vermochte die Stände, den gesetzmäßigen Zeitraum der Minderjährigkeit zu seinem Vortheil zu verkürzen. Mit einem glorreichen Siege über sich selbst eröffnete er eine Regierung, die den Sieg zum beständigen Begleiter haben und siegend endigen sollte. Die junge Gräfin von Brahe, eine Tochter seines Unterthans, hatte die Erstlinge seines großen Herzens, und sein Entschluß war aufrichtig, den schwedischen Thron mit ihr zu theilen. Aber von Zeit und Umständen bezwungen, unterwarf sich seine Neigung der höhern Regentenpflicht, und die Heldentugend gewann wieder ausschließend ein Herz, das nicht bestimmt war, sich auf das stille häusliche Glück einzuschränken.

Christian der Vierte von Dänemark, König schon, ehe Gustav das Licht der Welt erblickte, hatte die schwedischen Grenzen angefallen und über den Vater dieses Helden wichtige Vortheile errungen. Gustav Adolph eilte, diesen verderblichen Krieg zu endigen, und erkaufte durch weise Aufopferungen den Frieden, um seine Waffen gegen den Czar von Moskau zu kehren. Nie versuchte ihn der zweideutige Ruhm eines Eroberers, das Blut seiner Völker in ungerechten Kriegen zu verspritzen; aber ein gerechter wurde nie von ihm verschmäht. Seine Waffen waren glücklich gegen Rußland, und das schwedische Reich sah sich mit wichtigen Provinzen gegen Osten vergrößert.

Unterdessen setzte König Sigismund von Polen gegen den Sohn die feindseligen Gesinnungen fort, wozu der Vater ihn berechtigt hatte, und ließ keinen Kunstgriff unversucht, die Unterthanen Gustav Adolphs in ihrer Treue wankend, seine Freunde kaltsinnig, seine Feinde unversöhnlich zu machen. Weder die großen Eigenschaften seines Gegners, noch die gehäuftesten Merkmale von Ergebenheit, welche Schweden seinem angebeteten Könige gab, konnten jenen verblendeten Fürsten von der thörichten Hoffnung heilen, den verloren Thron wieder zu besteigen. Alle Friedensvorschläge Gustavs wurden mit Uebermuth verschmäht. Unwillkürlich sah sich dieser friedliebende Held in einen langwierigen Krieg mit Polen verwickelt, in welchem nach und nach ganz Livland und Polnisch-Preußen der schwedischen Herrschaft unterworfen wurden. Immer Sieger, war Gustav Adolph immer der Erste bereit, die Hand zum Frieden zu bieten.

Dieser schwedisch-polnische Krieg fällt in den Anfang des dreißigjährigen in Deutschland, mit welchem er in Verbindung steht. Es war genug, daß König Sigismund, ein Katholik, die schwedische Krone einem protestantischen Prinzen streitig machte, um sich der thätigsten Freundschaft Spaniens und Oesterreichs versichert halten zu können; eine doppelte Verwandtschaft mit dem Kaiser gab ihm noch ein näheres Recht an seinen Schutz. Das Vertrauen auf eine so mächtige Stütze war es auch vorzüglich, was den König von Polen zur Fortsetzung eines Krieges aufmunterte, der sich so sehr zu seinem Nachtheil erklärte; und die Höfe zu Madrid und Wien unterließen nicht, ihn durch prahlerische Versprechungen bei gutem Muthe zu erhalten. Indem Sigismund in Livland, Kurland und Preußen einen Platz nach dem andern verlor, sah er seinen Bundesgenossen in Deutschland zu der nämlichen Zeit von Sieg zu Sieg der unumschränkten Herrschaft entgegeneilen – kein Wunder, wenn seine Abneigung gegen den Frieden in gleichem Verhältniß mit seinen Niederlagen stieg. Die Heftigkeit, mit der er seine chimärische Hoffnung verfolgte, verblendete ihm die Augen gegen die arglistige Politik seines Bundesgenossen, der auf seine Unkosten nur den schwedischen Helden beschäftigte, um desto ungestörter die Freiheit des deutschen Reichs umzustürzen und alsdann den erschöpften Norden als eine leichte Eroberung an sich zu reißen. Ein Umstand, auf den man allein nicht gerechnet hatte – Gustavs Heldengröße, zerriß das Gewebe dieser betrügerischen Staatskunst. Dieser achtjährige polnische Krieg, weit entfernt, die schwedische Macht zu erschöpfen, hatte bloß dazu gedient, das Feldherrngenie Gustav Adolphs zu zeitigen, in einer langen Fechtübung die schwedischen Heere zu stählen und unvermerkt die neue Kriegskunst in Gang zu bringen, durch welche sie nachher auf deutschem Boden Wunder thun sollten.

Nach dieser notwendigen Digression über den damaligen Zustand der europäischen Staaten sei mir erlaubt, den Faden der Geschichte wieder aufzunehmen.

Seine Staaten hatte Ferdinand wieder, aber noch nicht den Aufwand, den ihre Wiedereroberung ihm gekostet hatte. Eine Summe von vierzig Millionen Gulden, welche die Confiscationen in Böhmen und Mähren in seine Hände brachten, würde hinreichend gewesen sein, ihm und seinen Alliierten alle Unkosten zu vergüten; aber diese unermeßliche Summe war bald in den Händen der Jesuiten und seiner Günstlinge zerronnen. Herzog Maximilian von Bayern, dessen siegreichem Arme der Kaiser fast allein den Besitz seiner Staaten verdankte, der, um seiner Religion und seinem Kaiser zu dienen, einen nahen Verwandten aufgeopfert hatte, Maximilian hatte die gegründetsten Ansprüche auf seine Dankbarkeit; und in einem Vertrage, den der Herzog noch vor dem Ausbruch des Kriegs mit dem Kaiser schloß, hatte er sich ausdrücklich den Ersatz aller Unkosten ausbedungen. Ferdinand fühlte die ganze Verbindlichkeit, welche dieser Vertrag und jene Dienste ihm auflegten; aber er hatte nicht Lust, sie mit eigenem Verlust zu erfüllen. Seine Absicht war, den Herzog auf das glänzendste zu belohnen, aber ohne sich selbst zu berauben. Wie konnte dieses besser geschehen, als auf Unkosten desjenigen Fürsten, gegen welchen ihm der Krieg dieses Recht zu geben schien, dessen Vergehungen schwer genug abgeschildert werden konnten, um jede Gewalttätigkeit durch das Ansehen der Gesetze zu rechtfertigen? Friedrich mußte also weiter verfolgt, Friedrich zu Grunde gerichtet werden, damit Maximilian belohnt werden könnte, und ein neuer Krieg ward eröffnet, um den alten zu bezahlen.

Aber ein ungleich wichtigerer Beweggrund kam hinzu, das Gewicht dieses erstern zu verstärken. Bis hieher hatte Ferdinand bloß für seine Existenz gefochten und keine andern Pflichten, als die der Selbstvertheidigung, erfüllt. Jetzt aber, da der Sieg ihm Freiheit zu handeln gab, gedachte er seiner vermeintlich höheren Pflichten und erinnerte sich an das Gelübde, das er zu Loretto und Rom seiner Generalissima, der heiligen Jungfrau, gethan, mit Gefahr seiner Kronen und seines Lebens ihre Verehrung auszubreiten. Die Unterdrückung der Protestanten war mit diesem Gelübde unzertrennlich verknüpft. Günstigere Umstände konnten sich zu Erfüllung desselben nicht vereinigen, als sich jetzt nach Endigung des böhmischen Kriegs beisammen fanden. Die pfälzischen Lande in katholische Hände zu bringen, fehlte es ihm weder an Macht noch an einem Schein des Rechts, und unübersehlich wichtig waren die Folgen dieser Veränderung für das ganze katholische Deutschland. Indem er den Herzog von Bayern mit dem Raube seines Verwandten belohnte, befriedigte er zugleich seine niedrigsten Begierden und erfüllte seine erhabenste Pflicht: er zermalmte einen Feind, den er haßte; er ersparte seinem Eigennutz ein schmerzhaftes Opfer, indem er sich die himmlische Krone verdiente.

Friedrichs Untergang war längst im Cabinet des Kaisers beschlossen, ehe das Schicksal sich gegen ihn erklärte; aber erst, nachdem dieses Letzte geschehen war, wagte man es, diesen Donner der willkürlichen Gewalt gegen ihn zu schleudern. Ein Schluß des Kaisers, dem alle Formalitäten fehlten, welche die Reichsgesetze in einem solchen Falle nothwendig machen, erklärte den Kurfürsten und drei andere Prinzen, welche in Schlesien und Böhmen für ihn die Waffen geführt hatten, als Beleidiger der kaiserlichen Majestät und Störer des Landfriedens in die Reichsacht und aller ihrer Würden und Länder verlustig. Die Vollstreckung dieser Sentenz gegen Friedrich, nämlich die Eroberung seiner Länder, wurde, mit einer ähnlichen Verspottung der Reichsgesetze, der Krone Spanien, als Besitzerin des burgundischen Kreises, dem Herzog von Bayern und der Ligue aufgetragen. Wäre die evangelische Union des Namens werth gewesen, den sie trug, und der Sache, die sie vertheidigte, so würde man bei Vollstreckung der Reichsacht unüberwindliche Hindernisse gefunden haben; aber eine so verächtliche Macht, die den spanischen Truppen in der Unterpfalz kaum gewachsen war, mußte es aufgeben, gegen die vereinigte Macht des Kaisers, Bayerns und der Ligue zu streiten. Das Urtheil der Reichsacht, welches über den Kurfürsten ausgesprochen war, scheuchte sogleich alle Reichsstädte von dem Bündniß hinweg, und die Fürsten folgen bald ihrem Beispiele. Glücklich genug, ihre eigenen Länder zu retten, überließen sie den Kurfürsten, ihr ehemaliges Oberhaupt, der Willkür des Kaisers, schwuren die Union ab und gelobten, sie nie wieder zu erneuern.

Unrühmlich hatten die deutschen Fürsten den unglücklichen Friedrich verlassen, Böhmen, Schlesien und Mähren der furchtbaren Macht des Kaisers gehuldigt; ein einziger Mann, ein Glücksritter, dessen ganzer Reichthum sein Degen war, Ernst Graf von Mannsfeld, wagte es, in der böhmischen Stadt Pilsen der ganzen Macht des Kaisers zu trotzen. Von dem Kurfürsten, dem er seine Dienste gewidmet hatte, nach der Prager Schlacht ohne alle Hilfe gelassen, unwissend sogar, ob ihm Friedrich seine Beharrlichkeit dankte, hielt er noch eine Zeitlang allein gegen die Kaiserlichen Stand, bis seine Truppen, von der Geldnoth getrieben, die Stadt Pilsen an den Kaiser verkauften; von diesem Schlage nicht erschüttert, sah man ihn bald darauf in der Oberpfalz neue Werbeplätze anlegen, um die Truppen an sich zu ziehen, welche die Union verabschiedet hatte. Ein neues, zwanzigtausend Mann starkes Heer entstand in kurzem unter seinen Fahnen, um so furchtbarer für alle Provinzen, auf die es sich warf, weil es durch Raub allein sich erhalten konnte. Unwissend, wohin dieser Schwarm stürzen würde, zitterten schon alle benachbarten Bisthümer, deren Reichthum ihn anlocken konnte. Aber ins Gedränge gebracht von dem Herzog von Bayern, der als Vollstrecker der Reichsacht in die Oberpfalz eindrang, mußte Mannsfeld aus dieser Gegend entweichen. Durch einen glücklichen Betrug dem nacheilenden bayerischen General Tilly entsprungen, erschien er auf einmal in der Unterpfalz und übte dort an den rheinischen Bisthümern die Mißhandlungen aus, die er den fränkischen zugedacht hatte. Während daß die kaiserlich-bayerische Armee Böhmen überschwemmte, war der spanische General Ambros Spinola von den Niederlanden aus mit einem ansehnlichen Heer in die Unterpfalz eingefallen, welche der Ulmer Vergleich der Union zu vertheidigen erlaubte. Aber die Maßregeln waren so schlecht genommen, daß ein Platz nach dem andern in spanische Hände fiel und endlich, als die Union auseinander gegangen war, der größte Theil des Landes von spanischen Truppen besetzt blieb. Der spanische General Corduba, welcher diese Truppen nach dem Abzug des Spinola befehligte, hob eiligst die Belagerung Frankenthals auf, als Mannsfeld in die Unterpfalz eintrat. Aber anstatt die Spanier aus dieser Provinz zu vertreiben, eilte dieser über den Rhein, um seinen bedürftigen Truppen in dem Elsaß ein Fest zu bereiten. Zur fürchterlichsten Einöde wurden alle offnen Länder, über welche sich dieser Räuberschwarm ergoß, und nur durch ungeheure Summen konnten sich die Städte von der Plünderung loskaufen. Gestärkt von diesem Zuge, zeigte sich Mannsfeld wieder am Rhein, die Unterpfalz zu decken.

So lange ein solcher Arm für ihn stritt, war Kurfürst Friedrich nicht unrettbar verloren. Neue Aussichten fingen an, sich ihm zu zeigen, und das Unglück weckte ihm Freunde auf, die ihm in seinem Glücke geschwiegen hatten. König Jakob von England, der gleichgültig zugesehen hatte, wie sein Eidam die böhmische Krone verlor, erwachte aus seiner Fühllosigkeit, da es die ganze Existenz seiner Tochter und seiner Enkel galt und der siegreiche Feind einen Angriff auf die Kurlande wagte. Spät genug öffnete er jetzt seine Schätze und eilte, die Union, die damals die Unterpfalz noch vertheidigte, und, als diese dahin war, den Grafen von Mannsfeld mit Geld und Truppen zu unterstützen. Durch ihn wurde auch sein naher Anverwandter, König Christian von Dänemark, zu thätiger Hilfe aufgefordert. Der ablaufende Stillstand zwischen Spanien und Holland beraubte zugleich den Kaiser alles Beistandes, den er von den Niederlanden aus zu erwarten gehabt hätte. Wichtiger als alles dieses war die Hilfe, die dem Pfalzgrafen von Siebenbürgen und Ungarn aus erschien. Der Stillstand Gabors mit dem Kaiser war kaum zu Ende, als dieser furchtbare alte Feind Oesterreichs Ungarn aufs neue überschwemmte und sich in Preßburg zum König krönen ließ. Reißend schnell waren seine Fortschritte, daß Boucquoi Böhmen verlassen mußte, um Ungarn und Oesterreich gegen Gaborn zu vertheidigen. Dieser tapfere General fand bei der Belagerung von Neuhäusel seinen Tod; schon vorher war der eben so tapfere Dampierre vor Preßburg geblieben. Unaufgehalten drang Gabor an die österreichische Grenze vor; der alte Graf von Thurn und mehrere geächtete Böhmen hatten ihren Haß und ihren Arm mit diesem Feind ihres Feindes vereinigt. Ein nachdrücklicher Angriff von deutscher Seite, während daß Gabor den Kaiser von Ungarn aus bedrängte, hätte Friedrichs Glück schnell wiederherstellen können; aber immer hatten die Böhmen und die Deutschen die Waffen aus den Händen gelegt, wenn Gabor ins Feld rückte; immer hatte sich dieser Letztere erschöpft, wenn jene anfingen, sich zu erholen.

Friedrich hatte indessen nicht gesäumt, sich seinem neuen Beschützer Mannsfeld in die Arme zu werfen. Verkleidet erschien er in der Unterpfalz, um welche Mannsfeld und der bayerische General Tilly sich rissen; die Oberpfalz hatte man längst überwältigt. Ein Strahl von Hoffnung ging ihm auf, als aus den Trümmern der Union neue Freunde für ihn erstanden. Markgraf Georg Friedrich von Baden, ein ehemaliges Mitglied derselben, fing seit einiger Zeit an, eine Kriegsmacht zusammenzuziehen, welche sich bald zu einem ansehnlichen Heere vermehrte. Niemand wußte, wem es galt, als er unversehens ins Feld rückte und sich mit dem Grafen Mannsfeld vereinigte. Seine Markgrafschaft hatte er, ehe er in den Krieg zog, seinem Sohne abgetreten, um sie durch diesen Kunstgriff der Rache des Kaisers zu entziehen, wenn das Glück etwas Menschliches über ihn verhängen sollte. Auch der benachbarte Herzog von Wirtenberg fing an, seine Kriegsmacht zu verstärken. Dem Pfalzgrafen wuchs dadurch der Muth, und er arbeitete mit allem Ernste daran, die Union wieder ins Leben zu rufen. Jetzt war die Reihe an Tilly, auf seine Sicherheit zu denken. In größter Eile zog er die Truppen des spanischen Generals Corduba an sich. Aber indem der Feind seine Macht vereinigte, trennten sich Mannsfeld und der Markgraf von Baden, und der Letztere wurde von dem bayerischen General bei Wimpfen geschlagen (1622).

Ein Aventurier ohne Geld, dem man selbst die rechtmäßige Geburt streitig machte, hatte sich zum Vertheidiger eines Königs aufgestellt, den einer seiner nächsten Verwandten zu Grunde richtete und der Vater seiner Gemahlin im Stich ließ. Ein regierender Prinz begab sich seiner Länder, die er ruhig beherrschte, um für einen andern, der ihm fremd war, das ungewisse Glück des Krieges zu versuchen. Ein neuer Glücksritter, an Staaten arm, desto reicher an glorreichen Ahnen, übernimmt nach ihm die Verteidigung einer Sache, welche jener auszuführen verzweifelte. Herzog Christian von Braunschweig, Administrator von Halberstadt, glaubte dem Grafen von Mannsfeld das Geheimniß abgelernt zu haben, eine Armee von zwanzigtausend Mann ohne Geld auf den Beinen zu erhalten. Von jugendlichem Uebermuthe getrieben und voll Begierde, sich auf Kosten der katholischen Geistlichkeit, die er ritterlich haßte, einen Namen zu machen und Beute zu erwerben, versammelte er in Niedersachsen ein beträchtliches Heer, welchem die Verteidigung Friedrichs und der deutschen Freiheit den Namen leihen mußte. Gottes Freund und der Pfaffen Feind war der Wahlspruch, den er auf seinen Münzen von eingeschmolzenem Kirchensilber führte, und dem er durch seine Thaten keine Schande machte.

Der Weg, den diese Räuberbande nahm, war wie gewöhnlich mit der schrecklichsten Verheerung bezeichnet. Durch Plünderung der niedersächsischen und westphälischen Stifter sammelte sie Kräfte, die Bisthümer am Oberrhein zu plündern. Von Freund und Feind dort vertrieben, näherte sich der Administrator bei der Mainzischen Stadt Höchst dem Mainstrome, den er nach einem mörderischen Gefechte mit Tilly, der ihm den Uebergang streitig machen wollte, passierte. Mit Verlust seines halben Heers erreichte er das jenseitige Ufer, wo er den Ueberrest seiner Treppen schnell wieder sammelte und mit demselben zu dem Grafen von Mannsfeld stieß. Verfolgt von Tilly, stürzte sich dieser vereinigte Schwarm zum zweitenmal über das Elsaß, um die Verwüstungen nachzuholen, die bei dem ersten Einfall unterblieben waren. Während daß der Kurfürst Friedrich, nicht viel anders als ein flüchtiger Bettler, mit dem Heere herumzog, das ihn als seinen Herrn erkannte und mit seinem Namen sich schmückte, waren seine Freunde geschäftig, ihn mit dem Kaiser zu versöhnen. Ferdinand wollte diesen noch nicht alle Hoffnung benehmen, den Pfalzgrafen wieder eingesetzt zu sehen. Voll Arglist und Verstellung, zeigte er sich bereitwillig zu Unterhandlungen, wodurch er ihren Eifer im Felde zu erkälten und das Aeußerste zu verhindern hoffte. König Jakob, das Spiel der österreichischen Arglist, wie immer, [verkennend,] trug durch seine thörichte Geschäftigkeit nicht wenig dazu bei, die Maßregeln des Kaisers zu unterstützen. Vor allem verlangte Ferdinand, daß Friedrich die Waffen von sich legte, wenn er an die Gnade des Kaisers appelliere, und Jakob fand diese Forderung äußerst billig. Auf sein Geheiß ertheilte der Pfalzgraf seinen einzigen wahren Beschützern, dem Grafen von Mannsfeld und dem Administrator, den Abschied und erwartete in Holland sein Schicksal von der Barmherzigkeit des Kaisers.

Mannsfeld und Herzog Christian waren bloß eines neuen Namens wegen verlegen; die Sache des Pfalzgrafen hatte sie nicht in Rüstung gesetzt, also konnte sein Abschied sie nicht entwaffnen. Der Krieg war ihr Zweck, gleich viel, für wessen Sache sie kriegten. Nach einem vergeblichen Versuch des Grafen Mannsfeld, in die Dienste des Kaisers zu treten, zogen sich Beide nach Lothringen, wo die Ausschweifungen ihrer Truppen bis in das innerste Frankreich Schrecken verbreiteten. Eine Zeit lang harrten sie hier vergebens auf einen Herrn, der sie dingen sollte, als die Holländer, von dem spanischen General Spinola bedrängt, ihnen Dienste anboten. Nach einem mörderischen Gefechte bei Fleurus mit den Spaniern, die ihnen den Weg verlegen wollten, erreichten sie Holland, wo ihre Erscheinung den spanischen General sogleich vermochte, die Belagerung von Bergen op Zoom aufzuheben. Aber auch Holland war dieser schlimmen Gäste bald müde und benutzte den ersten Augenblick von Erholung, sich ihres gefährlichen Beistandes zu entledigen. Mannsfeld ließ seine Truppen in der fetten Provinz Ostfriesland zu neuen Thaten sich stärken. Herzog Christian, voll Leidenschaft für die Pfalzgräfin, die er in Holland hatte kennen lernen, und kriegslustiger als je, führte die seinigen nach Niedersachsen zurück, den Handschuh dieser Prinzessin auf seinem Hut, und die Devise: Alles für Gott und sie! auf seinen Fahnen. Beide hatten ihre Rolle in diesem Kriege noch lange nicht geendigt.

Alle kaiserlichen Staaten waren jetzt endlich von Feinden gereinigt, die Union aufgelöst, der Markgraf von Baden, Graf Mannsfeld und Herzog Christian aus dem Felde geschlagen und die pfälzischen Lande von den Truppen der Reichsexecution überschwemmt. Mannheim und Heidelberg hatten die Bayern im Besitze, und bald wurde auch Frankenthal den Spaniern geräumt. In einem Winkel von Holland harrte der Pfalzgraf auf die schimpfliche Erlaubniß, durch einen Fußfall den Zorn des Kaisers versöhnen zu dürfen; und ein sogenannter Kurfürstentag zu Regensburg sollte endlich sein Schicksal bestimmen. Längst war dieses am Hofe des Kaisers entschieden; aber jetzt erst waren die Umstände günstig genug, mit dieser ganzen Entscheidung an das Licht hervorzutreten. Nach allem dem, was bis jetzt von dem Kaiser gegen den Kurfürsten geschehen war, glaubte Ferdinand keine aufrichtige Versöhnung mehr hoffen zu können. Nur indem man die Gewalttätigkeit vollendete, glaubte man sie unschädlich zu machen. Verloren mußte also bleiben, was verloren war; Friedrich durfte seine Länder nicht wieder sehen, und ein Fürst ohne Land und Volk konnte den Kurhut nicht mehr tragen. So schwer sich der Pfalzgraf gegen das Haus Oesterreich verschuldet hatte, so ein herrliches Verdienst hatte sich der Herzog von Bayern um dasselbe erworben. So viel das Haus Oesterreich und die katholische Kirche von der Rachbegierde und dem Religionshaß des pfälzischen Hauses zu fürchten haben mochten, so viel hatten beide von der Dankbarkeit und dem Religionseifer des bayerischen zu hoffen. Endlich wurde, durch Uebertragung der pfälzischen Kurwürde an Bayern, der katholischen Religion das entschiedenste Uebergewicht im Kurfürstenrathe und ein bleibender Sieg in Deutschland versichert.

Dieses Letzte war genug. die drei geistlichen Kurfürsten dieser Neuerung günstig zu machen; unter den protestantischen war nur die einzige Stimme Kursachsens wichtig. Konnte aber Johann Georg dem Kaiser ein Recht streitig machen, ohne welches er sein eigenes an den Kurhut dem Zweifel aussetzte? Einem Fürsten zwar, den seine Abkunft, seine Würde und seine Macht an die Spitze der protestantischen Kirche in Deutschland stellten, hätte, wie es schien, nichts heiliger sein sollen, als die Rechte dieser Kirche gegen alle Angriffe der katholischen zu behaupten; aber die Frage war jetzt nicht sowohl, wie man das Interesse der protestantischen Religion gegen die Katholiken wahrnehmen, sondern welcher von zwei gleich gehaßten Religionen, der calvinischen oder der päpstlichen, man den Sieg über die andere gönnen, welchem von zwei gleich schlimmen Feinden man die pfälzische Kur zusprechen sollte; und im Gedränge zwischen zwei entgegengesetzten Pflichten war es ja wohl natürlich – dem Privathaß und dem Privatnutzen den Ausschlag heimzustellen. Der geborne Beschützer der deutschen Freiheit und der protestantischen Religion ermunterte den Kaiser, über die pfälzische Kur nach kaiserlicher Machtvollkommenheit zu verfügen und sich im geringsten nicht irren zu lassen, wenn man von Seiten Kursachsens, der Form wegen, sich seinen Maßregeln entgegensetzen sollte. Wenn Johann Georg in der Folge mit seiner Einwilligung zurückhielt, so hatte Ferdinand selbst durch Vertreibung der evangelischen Prediger aus Böhmen zu dieser Sinnesänderung Anlaß gegeben; und die Belehnung Bayerns mit der pfälzischen Kur hörte auf, eine gesetzwidrige Handlung zu sein, sobald der Kaiser sich dazu verstand, dem Kurfürsten von Sachsen für eine Rechnung von sechs Millionen Thaler Kriegskosten die Lausitz einzuräumen.

Ferdinand belehnte also, mit Widerspruch des ganzen protestantischen Deutschlands, mit Verspottung der Reichsgrundgesetze, die er in der Wahlkapitulation beschworen, den Herzog von Bayern zu Regensburg feierlich mit der pfälzischen Kur, doch, wie es hieß, uubeschadet der Ansprüche, welche die Agnaten und Nachkommen Friedrichs darauf geltend machen möchten. Dieser unglückliche Fürst sah sich jetzt unwiderruflich aus dem Besitz seiner Staaten vertrieben, ohne vor dem Gerichte, das ihn verdammte, zuvor gehört worden zu sein, eine Gerechtigkeit, welche die Gesetze auch dem geringsten Unterthan, auch dem schwärzesten Verbrecher vergönnen.

Dieser gewaltsame Schritt öffnete endlich dem König von England die Augen, und da um eben diese Zeit die Unterhandlungen zerrissen wurden, welche wegen einer Heirath seines Sohnes mit einer spanischen Tochter angesponnen waren, so nahm endlich Jakob mit Lebhaftigkeit die Partei seines Eidams. Eine Revolution im französischen Ministerium hatte den Cardinal Richelieu zum Herrn der Geschäfte gemacht, und dieses tiefgesunkene Königreich fing bald an zu fühlen, daß ein Mann an seinem Ruder saß. Die Bewegungen des spanischen Statthalters in Mailand, sich des Veltlins zu bemächtigen, um von hier aus einen Vereinigungspunkt mit den Erbstaaten Oesterreichs zu finden, erweckten wieder die alte Furcht vor dieser Macht und mit ihr die Staatsmaximen Heinrichs des Großen. Eine Heirath des Prinzen von Wallis mit Henrietten von Frankreich stiftete zwischen diesen beiden Kronen eine engere Vereinigung, zu welcher auch Holland, Dänemark und einige Staaten Italiens traten. Der Entwurf wurde gemacht, Spanien mit gewaffneter Hand zur Herausgabe des Veltlins, und Oesterreich zur Wiederherstellung Friedrichs zu zwingen; aber nur für das Erste wurde einige Thätigkeit gezeigt. Jakob der Erste starb, und Karl der Erste, im Streit mit seinem Parlamente, konnte den Angelegenheiten Deutschlands keine Aufmerksamkeit mehr schenken. Savoyen und Venedig hielten ihren Beistand zurück, und der französische Minister glaubte die Hugenotten in seinem Vaterlande erst unterwerfen zu müssen, ehe er es wagen dürfte, die Protestanten in Deutschland gegen den Kaiser zu beschützen. So große Hoffnungen man von dieser Allianz geschöpft hatte, so wenig entsprach ihnen der Erfolg.

Graf Mannsfeld, von aller Hilfe entblößt, stand unthätig am Unterrhein, und Herzog Christian von Braunschweig sah sich nach einem verunglückten Feldzug aufs neue vom deutschen Boden vertrieben. Ein abermaliger Einfall Bethlen Gabors in Mähren hatte sich, weil er von Deutschland aus nicht unterstützt wurde, fruchtlos, wie alle vorigen, in einen förmlichen Frieden mit dem Kaiser geendigt. Die Union war nicht mehr, kein protestantischer Fürst mehr unter den Waffen, und an den Grenzen von Niederdeutschland stand der bayerische General Tilly mit einem sieggewohnten Heer auf protestantischem Boden. Die Bewegungen Herzog Christians von Braunschweig hatten ihn nach dieser Gegend und einmal schon in den niedersächsischen Kreis gezogen, wo er Lippstadt, den Waffenplatz des Administrators, überwältigte. Die Notwendigkeit, diesen Feind zu beobachten und von neuen Einfällen abzuhalten, sollte auch noch jetzt seinen Aufenthalt auf diesem Boden rechtfertigen. Aber Mannsfeld und Christian hatten aus Geldmangel ihre Heere entlassen, und die Armee des Grafen Tilly sah weit und breit keinen Feind mehr. Warum belästigte sie noch das Land, in dem sie stand?

Schwer ist es, aus dem Geschrei erhitzter Parteien die Stimme der Wahrheit zu unterscheiden – aber bedenklich war es, daß die Ligue sich nicht entwaffnete. Das voreilige Frohlocken der Katholiken mußte die Bestürzung vermehren. Der Kaiser und die Ligue standen gewaffnet und siegreich in Deutschland, und nirgends eine Macht, die ihnen Widerstand leisten konnte, wenn sie einen Versuch wagen sollten, die protestantischen Stände anzufallen, oder gar den Religionsfrieden umzustürzen. Wenn Kaiser Ferdinand auch wirklich von dem Gedanken weit entfernt war, seine Siege zu mißbrauchen, so mußte die Wehrlosigkeit der Protestanten den ersten Gedanken in ihm aufwecken. Veraltete Verträge konnten kein Zügel für einen Fürsten sein, der seiner Religion alles schuldig zu sein glaubte und jede Gewalttätigkeit durch die religiöse Absicht für geheiligt hielt. Oberdeutschland war überwältigt, und Niederdeutschland allein konnte seiner Alleingewalt noch im Wege stehen. Hier waren die Protestanten die herrschende Macht, hier waren der katholischen Kirche die meisten Stifter entrissen worden, und der Zeitpunkt schien jetzt gekommen zu sein, diese verlornen Besitzungen wieder an die Kirche zurückzubringen. In diesen von den niederdeutschen Fürsten eingezogenen Stiftern bestand zugleich ein nicht geringer Theil ihrer Macht, und der Kirche zu dem Ihrigen zu verhelfen, gab zugleich einen trefflichen Vorwand her, diese Fürsten zu schwächen.

Unverzeihliche Sorglosigkeit würde es gewesen sein, in dieser gefahrvollen Lage sich müßig zu verhalten. Das Andenken an die Gewaltthätigkeiten, die das Tilly’sche Heer in Niedersachsen ausgeübt hatte, war noch zu neu, um die Stände nicht zu ihrer Selbstvertheidigung zu ermuntern. In möglichster Eilfertigkeit bewaffnete sich der niedersächsische Kreis. Außerordentliche Kriegssteuern wurden gehoben, Truppen geworben und Magazine angefüllt. Man unterhandelte mit Venedig, mit Holland, mit England wegen Subsidien. Man berathschlagte, welche Macht man an die Spitze des Bundes stellen sollte. Die Könige des Sundes und des baltischen Meers, natürliche Bundesgenossen dieses Kreises, konnten nicht gleichgültig zusehen, wenn ihn der Kaiser als Eroberer betreten und an den Küsten der nordischen Meere ihr Nachbar werden sollte. Das doppelte Interesse der Religion und der Staatsklugheit forderte sie auf, die Fortschritte dieses Monarchen in Niederdeutschland zu begrenzen. Christian der Vierte, König von Dänemark, zählte sich als Herzog von Holstein selbst zu den Ständen dieses Kreises; durch gleich starke Gründe wurde Gustav Adolph von Schweden zu einem Antheil an diesem Bündniß bewogen.

Beide Könige bewarben sich wetteifernd um die Ehre, den niedersächsischen Kreis zu vertheidigen und die furchtbare österreichische Macht zu bekriegen. Jeder bot sich an, eine wohlgerüstete Armee anzustellen und in eigener Person anzuführen. Siegreiche Feldzüge gegen Moskau und Polen gaben dem Versprechen des schwedischen Königs Nachdruck; die ganze Küste des Belt war von dem Namen Gustav Adolphs erfüllt. Aber der Ruhm dieses Nebenbuhlers nagte am Herzen des dänischen Königs, und je mehr Lorbeern er sich selbst in diesem Feldzuge versprach, desto weniger konnte Christian der Vierte es von sich erhalten, sie seinem beneideten Nachbar zu gönnen. Beide brachten ihre Vorschläge und Bedingungen vor das englische Ministerium, wo es endlich Christian dem Vierten gelang, seinen Mitwerber zu überbieten. Gustav Adolph forderte zu seiner Sicherheit die Einräumung einiger festen Plätze in Deutschland, wo er selbst keinen Fuß breit Landes besaß, um seinen Truppen im Fall eines Unglücks die nöthige Zuflucht zu gewähren. Christian der Vierte hatte Holstein und Jütland, durch welche Länder er sich nach einer verlornen Schlacht sicher zurückziehen konnte.

Um seinem Nebenbuhler den Rang abzulaufen, eilte der König von Dänemark, sich im Felde zu zeigen. Zum Obersten des niedersächsischen Kreises ernannt, hatte er in kurzem ein sechstausend Mann starkes Heer auf den Beinen; der Administrator von Magdeburg, die Herzoge von Braunschweig, die Herzoge von Mecklenburg traten mit ihm in Verbindung. Der Beistand, zu welchem England Hoffnung gemacht hatte, erhöhte seinen Muth, und mit einer solchen Macht ausgerüstet, schmeichelte er sich, diesen Krieg in einem Feldzuge zu endigen. Nach Wien berichtete man, daß die Bewaffnung nur zur Absicht habe, den Kreis zu vertheidigen und die Ruhe in dieser Gegend aufrecht zu erhalten. Aber die Unterhandlungen mit Holland, mit England, selbst mit Frankreich, die außerordentlichen Anstrengungen des Kreises und die furchtbare Armee, welche man aufstellte, schienen etwas mehr als bloße Verteidigung, schienen die gänzliche Wiederherstellung des Kurfürsten von der Pfalz und die Demüthigung des zu mächtig gewordenen Kaisers zum Endzweck zu haben.

Nachdem der Kaiser Unterhandlungen, Ermahnungen, Drohungen und Befehle fruchtlos erschöpft hatte, den König von Dänemark und den niedersächsischen Kreis zu Niederlegung der Waffen zu vermögen, fingen die Feindseligkeiten an, und Niederdeutschland wurde nun der Schauplatz des Krieges. Graf Tilly folgte dem linken Ufer des Weserstroms und bemächtigte sich aller Pässe bis Minden; nach einem fehlgeschlagenen Angriff auf Nienburg und seinem Uebergange über den Strom, überschwemmte er das Fürstentum Calemberg und ließ es durch seine Truppen besetzen. Am rechten Ufer der Weser agierte der König und verbreitete sich in den braunschweigischen Landen. Aber durch zu starke Detachements hatte er sein Hauptheer geschwächt, daß er mit dem Ueberrest nichts Erhebliches ausrichten konnte. Der Ueberlegenheit seines Gegners bewußt, vermied er eben so sorgfältig eine entscheidende Schlacht, als der liguistische Feldherr sie suchte.

Bisher hatte der Kaiser bloß mit den Waffen Bayerns und der Ligue in Deutschland gestritten, wenn man die spanisch-niederländischen Hilfsvölker ausnimmt, welche die Unterpfalz überfielen. Maximilian führte den Krieg als Oberster der Reichsexecution, und Tilly, der sie befehligte, war ein bayerischer Diener. Alle seine Ueberlegenheit im Felde hatte der Kaiser den Waffen Bayerns und der Ligue zu danken; diese hatten also sein ganzes Glück und Ansehen in Händen. Diese Abhängigkeit von dem guten Willen Bayerns und der Ligue vertrug sich nicht mit den weit aussehenden Entwürfen, denen man nach einem so glänzenden Anfang am kaiserlichen Hofe Raum zu geben begann.

So bereitwillig die Ligue sich gezeigt hatte, die Verteidigung des Kaisers zu übernehmen, an welcher ihre eigene Wohlfahrt befestigt war, so wenig war zu erwarten, daß sie diese Bereitwilligkeit auch auf die kaiserlichen Eroberungsplane erstrecken würde. Oder wenn sie auch ihre Armeen künftig zu Eroberungen hergab, so war zu fürchten, daß sie mit dem Kaiser nichts als den allgemeinen Haß theilen würde, um für sich allein alle Vortheile davon zu ernten. Nur eine ansehnliche Heeresmacht, von ihm selbst aufgestellt, konnte ihn dieser drückenden Abhängigkeit von Bayern überheben und ihm seine bisherige Ueberlegenheit in Deutschland behaupten helfen. Aber der Krieg hatte die kaiserlichen Lande viel zu sehr erschöpft, um die unermeßlichen Kosten einer solchen Kriegsrüstung bestreiten zu können. Unter diesen Umständen konnte dem Kaiser nichts willkommner sein, als der Antrag, womit einer seiner Officiere ihn überraschte.

Graf Wallenstein war es, ein verdienter Officier, der reichste Edelmann in Böhmen. Er hatte dem kaiserlichen Hause von früher Jugend an gedient und sich in mehreren Feldzügen gegen Türken, Venetianer, Böhmen, Ungarn und Siebenbürgen auf das rühmlichste ausgezeichnet. Der Prager Schlacht hatte er als Oberster beigewohnt und nachher als Generalmajor eine ungarische Armee in Mähren geschlagen. Die Dankbarkeit des Kaisers kam diesen Diensten gleich, und ein beträchtlicher Theil der nach dem böhmischen Aufruhr confiscierten Güter war seine Belohnung. Im Besitz eines unermeßlichen Vermögens, von ehrgeizigen Entwürfen erhitzt, voll Zuversicht auf seine glücklichen Sterne und noch mehr auf eine gründliche Berechnung der Zeitumstände, erbot er sich, für den Kaiser, auf eigene und seiner Freunde Kosten, eine Armee auszurüsten und völlig zu bekleiden, ja selbst die Sorge für ihren Unterhalt dem Kaiser zu ersparen, wenn ihm gestattet würde, sie bis auf fünfzigtausend Mann zu vergrößern. Niemand war, der diesen Vorschlag nicht als die chimärische Geburt eines brausenden Kopfes verlachte – aber der Versuch war noch immer reichlich belohnt, wenn auch nur ein Theil des Versprechens erfüllt würde. Man überließ ihm einige Kreise in Böhmen zu Musterplätzen und fügte die Erlaubniß hinzu, Officiersstellen zu vergeben. Wenige Monate, so standen zwanzigtausend Mann unter den Waffen, mit welchen er die österreichischen Grenzen verließ; bald darauf erschien er schon mit dreißigtausend an der Grenze von Niedersachsen. Der Kaiser hatte zu der ganzen Ausrüstung nichts gegeben, als seinen Namen. Der Ruf des Feldherrn, Aussicht auf glänzende Beförderung und Hoffnung der Beute lockte aus allen Gegenden Deutschlands Abenteurer unter seine Fahnen, und sogar regierende Fürsten, von Ruhmbegierde oder Gewinnsucht gereizt, erboten sich jetzt, Regimenter für Oesterreich aufzustellen.

Jetzt also – zum erstenmal in diesem Kriege – erschien eine kaiserliche Armee in Deutschland; eine schreckenvolle Erscheinung für die Protestanten, eine nicht viel erfreulichere für die Katholischen. Wallenstein hatte Befehl, seine Armee mit den Truppen der Ligue zu vereinigen und in Gemeinschaft mit dem bayerischen General den König von Dänemark anzugreifen. Aber längst schon eifersüchtig auf Tillys Kriegsruhm, bezeigte er keine Lust, die Lorbeern dieses Feldzugs mit ihm zu theilen und im Schimmer von Tillys Thaten den Ruhm der seinigen zu verlieren. Sein Kriegsplan unterstützte zwar die Operationen des Letztern, aber ganz unabhängig von denselben führte er ihn aus. Da ihm die Quellen fehlten, aus welchen Tilly die Bedürfnisse seines Heeres bestritt, so mußte er das seinige in wohlhabende Länder führen, die von dem Kriege noch nicht gelitten hatten. Ohne also, wie ihm befohlen war, zu dem liguistischen Feldherrn zu stoßen, rückte er in das Halberstädtische und Magdeburgische Gebiet und bemächtigte sich bei Dessau der Elbe. Alle Länder an beiden Ufern dieses Stroms lagen nun seinen Erpressungen offen; er konnte von da dem Könige von Dänemark in den Rücken fallen, ja, wenn es nöthig war, in die eigenen Länder desselben einen Weg sich bahnen.

Christian der Vierte fühlte die ganze Gefahr seiner Lage zwischen zwei so furchtbaren Heeren. Er hatte schon vorher den Administrator von Halberstadt, der kürzlich aus Holland zurückgekehrt war, an sich gezogen; jetzt erklärte er sich auch öffentlich für den Grafen Mannsfeld, den er bisher verleugnet hatte, und unterstützte ihn nach Vermögen. Reichlich erstattete ihm Mannsfeld diesen Dienst. Er ganz allein beschäftigte die Wallensteinische Macht an der Elbe und verhinderte sie, in Gemeinschaft mit Tilly den König aufzureiben. Dieser muthige General näherte sich sogar, der feindlichen Ueberlegenheit ungeachtet, der Dessauer Brücke und wagte es, den kaiserlichen Schanzen gegenüber, sich gleichfalls zu verschanzen. Aber von der ganzen feindlichen Macht im Rücken angefallen, mußte er der überlegenen Anzahl weichen und mit einem Verlust von dreitausend Todten seinen Posten verlassen. Nach dieser Niederlage zog sich Mannsfeld in die Mark Brandenburg, wo er sich nach einer kurzen Erholung mit neuen Truppen verstärkte und dann plötzlich nach Schlesien drehte, um von dort aus in Ungarn einzudringen und in Verbindung mit Bethlen Gaborn den Krieg in das Herz der österreichischen Staaten zu versetzen. Da die kaiserlichen Erblande gegen einen solchen Feind unvertheidigt waren, so erhielt Wallenstein schleunigen Befehl, den König von Dänemark für jetzt ganz aus den Augen zu lassen, um Mannsfelden, wo möglich, den Weg durch Schlesien zu verlegen.

Die Diversion, welche den Wallensteinischen Truppen durch Mannsfeld gemacht wurde, erlaubte dem König, einen Theil seines Heeres in das Westphälische zu schicken, um dort die Bisthümer Münster und Osnabrück zu besetzen. Dies zu verhindern, verließ Tilly eilig den Weserstrom; aber die Bewegungen Herzog Christians, welcher Miene machte, durch Hessen in die liguistischen Länder einzudringen und dahin den Krieg zu versetzen, riefen ihn aufs schnellste wieder aus Westphalen zurück. Um nicht von diesen Ländern abgeschnitten zu werden und eine gefährliche Vereinigung des Landgrafen von Hessen mit dem Feinde zu verhüten, bemächtigte sich Tilly eiligst aller haltbaren Plätze an der Werra und Fulda und versicherte sich der Stadt Münden am Eingange der hessischen Gebirge, wo beide Ströme in die Weser zusammenfließen. Er eroberte kurz darauf Göttingen, den Schlüssel zu Braunschweig und Hessen, und hatte Nordheim dasselbe Schicksal zugedacht, welches aber zu verhindern der König mit seiner ganzen Armee herbeieilte. Nachdem er diesen Ort mit allem Nöthigen versehen, um eine lange Belagerung auszuhalten, suchte er sich durch das Eichsfeld und Thüringen einen neuen Weg in die liguistischen Länder zu eröffnen. Schon war er Duderstadt vorbei; aber durch schnelle Märsche hatte ihm Graf Tilly den Vorsprung abgewonnen. Da die Armee des Letzten, durch einige Wallensteinische Regimenter verstärkt, der seinigen an Zahl weit überlegen war, so wendete sich der König in das Braunschweigische zurück, um eine Schlacht zu vermeiden. Aber auf eben diesem Rückzuge verfolgte ihn Tilly ohne Unterlaß, und nach einem dreitägigen Scharmützel mußte er endlich bei dem Dorfe Lutter, am Barenberg, dem Feinde stehen. Die Dänen thaten den Angriff mit vieler Tapferkeit, und dreimal führte sie der muthvolle König gegen den Feind; endlich aber mußte der schwächere Theil der überlegenen Anzahl und bessern Kriegsübung des Feindes weichen, und ein vollkommener Sieg wurde von dem liguistischen Feldherrn erfochten. Sechzig Fahnen und die ganze Artillerie, Bagage und Munition ging verloren; viele edle Officiere blieben todt auf dem Platze, gegen viertausend von den Gemeinen; mehrere Compagnieen Fußvolk, die sich auf der Flucht in das Amthaus zu Lutter geworfen, streckten das Gewehr und ergaben sich dem Sieger.

Der König entfloh mit seiner Reiterei und sammelte sich nach diesem empfindlichen Schlage bald wieder. Tilly verfolgte seinen Sieg, bemächtigte sich der Weser und der braunschweigischen Lande und trieb den König bis in das Bremische zurück. Durch seine Niederlage schüchtern gemacht, wollte dieser nur vertheidigungsweise verfahren, besonders aber dem Feinde den Uebergang über die Elbe verwehren. Aber indem er in alle haltbaren Plätze Besatzungen warf, blieb er unthätig mit einer getheilten Macht; die zerstreuten Corps wurden nach einander von dem Feinde zerstreut oder aufgerieben. Die liguistischen Truppen, des ganzen Weserstroms mächtig, verbreiteten sich über die Elbe und Havel, und die dänischen sahen sich aus einem Posten nach dem andern verjagt. Tilly selbst war über die Elbe gegangen und hatte bis weit in das Brandenburgische seine siegreichen Waffen verbreitet, indem Wallenstein von der andern Seite in Holstein eindrang, den Krieg in die eigenen Länder des Königs zu spielen.

Dieser General kam eben aus Ungarn zurück, bis wohin er dem Grafen Mannsfeld gefolgt war, ohne seinen Marsch aufhalten oder seine Vereinigung mit Bethlen Gaborn verhindern zu können. Immer von dem Schicksal verfolgt, und immer größer als sein Schicksal, hatte sich dieser unter unendlichen Schwierigkeiten glücklich durch Schlesien und Ungarn zu dem Fürsten von Siebenbürgen hindurchgeschlagen, wo er aber nicht sehr willkommen war. Im Vertrauen auf englischen Beistand und auf eine mächtige Diversion in Niedersachsen, hatte Gabor aufs neue den Waffenstillstand mit dem Kaiser gebrochen, und anstatt dieser gehofften Diversion brachte ihm jetzt Mannsfeld die ganze Wallensteinische Macht mit und forderte Geld von ihm, anstatt es zu bringen. Diese wenige Uebereinstimmung unter den protestantischen Fürsten erkältete Gabors Eifer, und er eilte, wie gewöhnlich, sich der überlegenen Macht des Kaisers durch einen geschwinden Frieden zu entledigen. Fest entschlossen, denselben bei dem ersten Strahl von Hoffnung wieder zu brechen, wies er den Grafen von Mannsfeld an die Republik Venedig, um dort vor allem andern Geld aufzubringen.

Von Deutschland abgeschnitten und ganz außer Stande, den schwachen Ueberrest seiner Truppen in Ungarn zu ernähren, verkaufte Mannsfeld Geschütz und Heergeräthe und ließ seine Soldaten auseinander gehen. Er selbst nahm mit einem kleinen Gefolge den Weg durch Bosnien und Dalmatien nach Venedig. neue Entwürfe schwellten seinen Muth; aber sein Lauf war vollendet. Das Schicksal, das ihn im Leben so unstät herumwarf, hatte ihm ein Grab in Dalmatien bereitet. Nicht weit von Zara übereilte ihn der Tod (1626). Kurz vorher war sein treuer Schicksalsgenosse, Herzog Christian von Braunschweig, gestorben – zwei Männer, der Unsterblichkeit werth, hätten sie sich eben so über ihr Zeitalter als über ihr Schicksal erhoben.

Der König von Dänemark hatte mit einer vollzähligen Macht dem einzigen Tilly nicht Stand halten können; wie viel weniger jetzt beiden kaiserlichen Generalen mit einer geschwächten! Die Dänen wichen aus allen ihren Posten an der Weser, Elbe und Havel, und die Armee Wallensteins ergoß sich über Brandenburg, Mecklenburg, Holstein und Schleswig wie ein reißender Strom. Dieser General, allzu übermüthig, um mit einem Andern gemeinschaftlich zu agieren, hatte den liguistischen Feldherrn über die Elbe geschickt, um dort die Holländer zu beobachten; eigentlich aber, damit er selbst den Krieg gegen den König endigen und die Früchte der von Tilly erfochtenen Siege für sich allein ernten möchte. Alle festen Plätze in seinen deutschen Staaten, Glückstadt allein ausgenommen, hatte Christian verloren, seine Heere waren geschlagen oder zerstreut, von Deutschland aus keine Hilfe, von England wenig Trost, seine Bundesgenossen in Niedersachsen der Wuth des Siegers preisgegeben. Den Landgrafen von Hessen-Kassel hatte Tilly gleich nach dem Siege bei Lutter gezwungen, der dänischen Allianz zu entsagen. Wallensteins furchtbare Erscheinung vor Berlin brachte den Kurfürsten von Brandenburg zur Unterwerfung und zwang ihn, Maximilian von Bayern als rechtmäßigen Kurfürsten anzuerkennen. Der größte Theil Mecklenburgs ward jetzt von den kaiserlichen Truppen überschwemmt, beide Herzoge, als Anhänger des Königs von Dänemark, in die Reichsacht erklärt und aus ihren Staaten vertrieben. Die deutsche Freiheit gegen widerrechtliche Eingriffe vertheidigt zu haben, wurde als ein Verbrechen behandelt, das den Verlust aller Würden und Länder nach sich zog. Und doch war alles dies nur das Vorspiel schreienderer Gewaltthätigkeiten, welche bald darauf folgen sollten.

Jetzt kam das Geheimniß an den Tag, auf welche Art Wallenstein seine ausschweifenden Versprechungen zu erfüllen meinte. Dem Grafen Mannsfeld war es abgelernt; aber der Schüler übertraf seinen Meister. Dem Grundsatze gemäß, daß der Krieg den Krieg ernähren müsse, hatten Mannsfeld und Herzog Christian mit den Brandschatzungen, die sie von Freund und Feind ohne Unterschied erpreßten, die Bedürfnisse ihrer Truppen bestritten; aber diese räuberische Lebensart war auch von allem Ungemach und aller Unsicherheit des Räuberlebens begleitet. Gleich flüchtigen Dieben mußten sie sich durch wachsame und erbitterte Feinde stehlen, von einem Ende Deutschlands zum andern fliehen, ängstlich auf die Gelegenheit lauern und gerade die wohlhabendsten Länder meiden, weil eine stärkere Macht diese verteidigte. Hatten Mannsfeld und Herzog Christian, im Kampfe mit so furchtbaren Hindernissen, doch so erstaunlich viel gethan, was mußte sich dann nicht ausrichten lassen, wenn man aller dieser Hindernisse überhoben war, – wenn die Armee, die man aufstellte, zahlreich genug war, auch den mächtigsten einzelnen Reichsstand in Furcht zu setzen, – wenn der Name des Kaisers allen Gewalttätigkeiten die Straflosigkeit versicherte, – kurz – wenn man, unter der höchsten Autorität im Reiche und an der Spitze eines überlegenen Heeres, denselben Kriegsplan befolgte, welchen jene beiden Abenteurer auf eigne Gefahr und mit einer zusammengelaufenen Bande in Ausübung gebracht hatten!

Dies hatte Wallenstein im Auge, da er dem Kaiser sein kühnes Anerbieten that, und jetzt wird es Niemand mehr übertrieben finden. Je mehr man das Heer verstärkte, desto weniger durfte man um den Unterhalt desselben bekümmert sein, denn desto mehr brachte es die widersetzlichen Stände zum Zittern; je schreiender die Gewalttätigkeiten, desto ungestrafter konnte man sie verüben. Gegen feindlich gesinnte Reichsstände hatten sie einen Schein des Rechts; gegen getreue konnte die vorgeschützte Notwendigkeit sie entschuldigen. Die ungleiche Vertheilung dieses Druckes verhinderte eine gefährliche Einigkeit unter den Ständen; die Erschöpfung ihrer Länder entzog ihnen zugleich die Mittel, sie zu rügen. Ganz Deutschland wurde auf diese Art ein Proviantmagazin für die Heere des Kaisers, und er konnte mit allen Territorien wie mit seinen Erblanden schalten. Allgemein war das Geschrei um Gerechtigkeit am Throne des Kaisers; aber man war vor der Selbstrache der gemißhandelten Fürsten sicher, so lange sie um Gerechtigkeit riefen. Der allgemeine Unwille zertheilte sich zwischen dem Kaiser, der seinen Namen zu diesen Gräueln gab, und dem Feldherrn, der seine Vollmacht überschritt und offenbar die Autorität seines Herrn mißbrauchte. Durch den Kaiser nahm man den Weg, um gegen seinen Feldherrn Schutz zu erhalten; aber sobald er sich durch seine Trnppen allmächtig wußte, hatte Wallenstein auch den Gehorsam gegen den Kaiser abgeworfen.

Die Erschöpfung des Feindes ließ einen nahen Frieden mit Wahrscheinlichkeit erwarten; dennoch fuhr Wallenstein fort, die kaiserlichen Heere immer mehr, zuletzt bis auf hunderttausend Mann, zu verstärken. Obersten- und Officierspatente ohne Zahl, ein königlicher Staat des Generals, unmäßige Verschwendungen an seine Creaturen (nie schenkte er unter tausend Gulden), unglaubliche Summen für Bestechungen am Hofe des Kaisers, um dort seinen Einfluß zu erhalten – alles dieses ohne den Kaiser zu beschweren. Aus den Brandschatzungen der niederdeutschen Provinzen wurden alle diese unermeßlichen Summen gezogen; kein Unterschied zwischen Freund und Feind, gleich eigenmächtige Durchzüge und Einquartierungen in aller Herren Ländern, gleiche Erpressungen und Gewalttätigkeiten. Dürfte man einer ausschweifenden Angabe aus jenen Zeiten trauen, so hätte Wallenstein in einem siebenjährigen Commando sechstausend Millionen Thaler aus einer Hälfte Deutschlands an Contributionen erhoben. Je ungeheurer die Erpressung, desto mehr Vorrath für seine Heere, desto stärker also der Zulauf zu seinen Fahnen; alle Welt fliegt nach dem Glücke. Seine Armeen schwollen an, indem alle Länder welkten, durch die sie zogen. Was kümmerte ihn nun der Fluch der Provinzen und das Klaggeschrei der Fürsten? Sein Heer betete ihn an, und das Verbrechen selbst setzte ihn in den Stand alle Folgen desselben zu verlachen.

Man würde dem Kaiser unrecht thun, wenn man alle die Ausschweifungen seiner Armeen auf seine Rechnung setzen wollte. Wußte es Ferdinand vorher, daß er seinem Feldherrn alle deutschen Staaten zum Raube gab, so hätte ihm nicht verborgen bleiben können, wie viel er selbst bei einem so unumschränkten Feldherrn Gefahr lief. Je enger sich das Band zwischen der Armee und ihrem Anführer zusammenzog, von dem allein alles Glück, alle Beförderung ausfloß, desto mehr mußte es zwischen Beiden und dem Kaiser erschlaffen. Zwar geschah alles im Namen des Letztern; aber die Majestät des Reichsoberhaupts wurde von Wallenstein nur gebraucht, um jede andere Autorität in Deutschland zu zermalmen. Daher der überlegte Grundsatz dieses Mannes, die deutschen Reichsfürsten sichtbar zu erniedrigen, alle Stufen und Ordnungen zwischen diesen Fürsten und dem Reichsoberhaupte zu zerbrechen und das Ansehen des Letztern über alle Vergleichung zu erhöhen. War der Kaiser die einzige gesetzgebende Macht in Deutschland, wer reichte alsdann hinauf an den Vezier, den er zum Vollzieher seines Willens gemacht hatte? Die Höhe, auf welche Wallenstein ihn stellte, überraschte sogar den Kaiser; aber eben weil diese Größe des Herrn das Werk seines Dieners war, so sollte diese Wallensteinische Schöpfung wieder in ihr Nichts zurücksinken, sobald ihr die Hand ihres Schöpfers fehlte. Nicht umsonst empörte er alle Reichsfürsten Deutschlands gegen den Kaiser – je heftiger ihr Haß gegen Ferdinand, desto nothwendiger mußte ihm derjenige Mann bleiben, der allein ihren schlimmen Willen unschädlich machte. Seine Absicht ging unverkennbar dahin, daß sein Oberherr in ganz Deutschland keinen Menschen mehr zu fürchten haben sollte, als – den einzigen, dem er diese Allmacht verdankte.

Ein Schritt zu diesem Ziele war, daß Wallenstein das eben eroberte Mecklenburg zum einstweiligen Unterpfand für sich verlangte, bis die Geldvorschüsse, welche er dem Kaiser in dem bisherigen Feldzug gethan, erstattet sein würden. Schon vorher hatte ihn Ferdinand, wahrscheinlich, um seinem General einen Vorzug mehr vor dem bayerischen zu geben, zum Herzog von Friedland erhoben; aber eine gewöhnliche Belohnung konnte den Ehrgeiz eines Wallenstein nicht ersättigen. Vergebens erhoben sich selbst in dem kaiserlichen Rath unwillige Stimmen gegen diese neue Beförderung, die auf Unkosten zweier Reichsfürsten geschehen sollte; umsonst widersetzten sich selbst die Spanier, welche längst schon sein Stolz beleidigt hatte, seiner Erhebung. Der mächtige Anhang, welchen sich Wallenstein unter den Rathgebern des Kaisers erkauft hatte, behielt die Oberhand; Ferdinand wollte sich, auf welche Art es auch sein möchte, diesen unentbehrlichen Diener verpflichten. Man stieß eines leichten Vergehens wegen die Nachkömmlinge eines der ältesten deutschen Fürstenhäuser aus ihrem Erbtheil, um eine Creatur der kaiserlichen Gnade mit ihrem Raube zu bekleiden (1628).

Bald darauf fing Wallenstein an, sich einen Generalissimus des Kaisers zu Wasser und zu Lande zu nennen. Die Stadt Wismar wurde erobert und fester Fuß an der Ostsee gewonnen. Von Polen und den Hansestädten wurden Schiffe gefordert, um den Krieg jenseit des baltischen Meeres zu spielen, die Dänen in das Innerste ihres Reichs zu verfolgen und einen Frieden zu erzwingen, der zu größern Eroberungen den Weg bahnen sollte. Der Zusammenhang der niederdeutschen Stände mit den nordischen Reichen war zerrissen, wenn es dem Kaiser gelang, sich in die Mitte zwischen beiden zu lagern und von dem adriatischen Meere bis an den Sund (das dazwischen liegende Polen stand in seiner Abhängigkeit) Deutschland mit einer fortlaufenden Länderkette zu umgeben. Wenn dies die Absicht des Kaisers war, so hatte Wallenstein seine besondere, den nämlichen Plan zu befolgen. Besitzungen an der Ostsee sollten den Grundstein zu einer Macht abgeben, womit sich schon längst seine Ehrsucht trug, und welche ihn in den Stand setzen sollte, seinen Herrn zu entbehren.

Diese Zwecke zu erreichen, war es von äußerster Wichtigkeit, die Stadt Stralsund am baltischen Meere in Besitz zu bekommen. Ihr vortrefflicher Hafen, die leichte Ueberfahrt von da nach den schwedischen und dänischen Küsten machte sie vorzüglich geschickt, in einem Kriege mit beiden Kronen einen Waffenplatz abzugeben. Diese Stadt, die sechste des Hanseatischen Bundes, genoß unter dem Schutze des Herzogs von Pommern die wichtigsten Privilegien, und völlig außer aller Verbindung mit Dänemark, hatte sie an dem bisherigen Kriege auch nicht den entferntesten Antheil genommen. Aber weder diese Neutralität noch ihre Privilegien konnten sie vor den Anmaßungen Wallensteins schützen, der seine Absicht auf sie gerichtet hatte.

Einen Antrag dieses Generals, kaiserliche Besatzungen anzunehmen, hatte der Magistrat von Stralsund mit rühmlicher Standhaftigkeit verworfen, auch seinen Truppen den arglistig verlangten Durchmarsch verweigert. Jetzt schickte Wallenstein sich an, die Stadt zu belagern.

Für beide nordische Könige war es von gleicher Wichtigkeit, Stralsund bei seiner Unabhängigkeit zu schützen, ohne welche die freie Schifffahrt auf dem Belte nicht behauptet werden konnte. Die gemeinschaftliche Gefahr besiegte endlich die Privateifersucht, welche schon längst beide Könige entzweite. In einem Vertrage zu Kopenhagen (1628) versprachen sie einander, Stralsund mit vereinigten Kräften aufrecht zu erhalten und gemeinschaftlich jede fremde Macht abzuwehren, welche in feindlicher Absicht in der Ostsee erscheinen würde. Christian der Vierte warf sogleich eine hinreichende Besatzung in Stralsund und stärkte durch seinen persönlichen Besuch den Muth der Bürger. Einige Kriegsschiffe, welche König Sigismund von Polen dem kaiserlichen Feldherrn zu Hilfe schickte, wurden von der dänischen Flotte in Grund gebohrt, und da ihm nun auch die Stadt Lübeck die ihrigen abschlug, so hatte der kaiserliche Generalissimus zur See nicht einmal Schiffe genug, den Hafen einer einzigen Stadt einzuschließen.

Nichts scheint abenteuerlicher zu sein, als einen Seeplatz, der aufs vortrefflichste befestigt war, erobern zu wollen, ohne seinen Hafen einzuschließen. Wallenstein, der noch nie einen Widerstand erfahren, wollte nun auch die Natur überwinden und das Unmögliche besiegen. Stralsund, von der Seeseite frei, fuhr ungehindert fort, sich mit Lebensmitteln zu versehen und mit neuen Truppen zu verstärken; nichts destoweniger umzingelte es Wallenstein zu Lande und suchte durch prahlerische Drohungen den Mangel gründlicherer Mittel zu ersetzen. »Ich will,« sagte er, »diese Stadt wegnehmen, und wäre sie mit Ketten an den Himmel gebunden.« Der Kaiser selbst, welcher eine Unternehmung bereuen mochte, wovon er sich keinen rühmlichen Ausgang versprach, ergriff mit Begierde die scheinbare Unterwürfigkeit und einige annehmliche Erbietungen der Stralsunder, seinem General den Abzug von der Stadt zu befehlen. Wallenstein verachtete diesen Befehl und fuhr fort, den Belagerten durch unablässige Stürme zuzusetzen. Da die dänische Besatzung schon stark geschmolzen, der Ueberrest der rastlosen Arbeit nicht gewachsen war und der König sich außer Stand befand, eine größere Anzahl von Truppen an diese Stadt zu wagen, so warf sich Stralsund, mit Christians Genehmigung, dem König von Schweden in die Arme. Der dänische Commandant verließ die Festung, um einem schwedischen Platz zu machen, der sie mit dem glücklichsten Erfolge vertheidigte. Wallensteins Glück scheiterte vor dieser Stadt, und zum erstenmal erlebte sein Stolz die empfindliche Kränkung, nach mehreren verlornen Monaten, nach einem Verlust von zwölftausend Todten, seinem Vorhaben zu entsagen. Aber die Nothwendigkeit, in welche er diese Stadt gesetzt hatte, den schwedischen Schutz anzurufen, veranlaßte ein enges Bündniß zwischen Gustav Adolph und Stralsund, welches in der Folge den Eintritt der Schweden in Deutschland nicht wenig erleichterte.

Bis hierher hatte das Glück die Waffen der Ligue und des Kaisers begleitet, und Christian der Vierte, in Deutschland überwunden, mußte sich in seinen Inseln verbergen; aber die Ostsee setzte diesen Eroberungen eine Grenze. Der Abgang der Schiffe hinderte nicht nur, den König weiter zu verfolgen, sondern setzte auch den Sieger noch in Gefahr, die gemachten Eroberungen zu verlieren. Am meisten hatte man von der Vereinigung beider nordischen Monarchen zu fürchten, welche es, wenn sie Bestand hatte, dem Kaiser und seinem Feldherrn unmöglich machte, auf der Ostsee eine Rolle zu spielen, oder gar eine Landung in Schweden zu thun. Gelang es aber, die Sache dieser beiden Fürsten zu trennen und sich der Freundschaft des dänischen Königs insbesondere zu versichern, so konnte man die einzelne schwedische Macht desto leichter zu überwältigen hoffen. Furcht vor Einmischung fremder Mächte, aufrührerische Bewegungen der Protestanten in seinen eigenen Staaten, die ungeheuren Kosten des bisher geführten Kriegs und noch mehr der Sturm, den man im ganzen protestantischen Deutschland im Begriff war zu erregen, stimmten das Gemüth des Kaisers zum Frieden, und aus ganz entgegengesetzten Gründen beeiferte sich sein Feldherr, diesen Wunsch zu erfüllen. Weit entfernt, einen Frieden zu wünschen, der ihn aus dem Mittagsglanze der Größe und Gewalt in die Dunkelheit des Privatstandes herunterstürzte, wollte er nur den Schauplatz des Kriegs verändern und durch diesen einseitigen Frieden die Verwirrung verlängern. Die Freundschaft Dänemarks, dessen Nachbar er als Herzog von Mecklenburg geworden, war ihm für seine weit aussehenden Entwürfe sehr wichtig, und er beschloß, selbst mit Hintansetzung der Vortheile seines Herrn, sich diesen Monarchen zu verpachten.

Christian der Vierte hatte sich in dem Vertrag von Kopenhagen verbindlich gemacht, ohne Zuziehung Schwedens keinen einseitigen Frieden mit dem Kaiser zu schließen. Dessen ungeachtet wurde der Antrag, den ihm Wallenstein that, mit Bereitwilligkeit angenommen. Auf einem Congreß zu Lübeck (1629), von welchem Wallenstein die schwedischen Gesandten, die für Mecklenburg zu intercedieren kamen, mit ausstudierter Geringschätzung abwies, wurden von kaiserlicher Seite alle den Dänen weggenommenen Länder zurückgegeben. Man legte dem König auf, sich in die Angelegenheiten Deutschlands fernerhin nicht weiter einzumengen, als ihm der Name eines Herzogs von Holstein gestattete, sich der niederdeutschen Stifter unter keinem Namen mehr anzumaßen und die mecklenburgischen Herzoge ihrem Schicksal zu überlassen. Christian selbst hatte diese beiden Fürsten in den Krieg mit dem Kaiser verwickelt; jetzt opferte er sie auf, um sich den Räuber ihrer Staaten zu verpflichten. Unter den Beweggründen, welche ihn zum Krieg gegen den Kaiser veranlaßten, war die Wiederherstellung des Kurfürsten von der Pfalz, seines Verwandten. nicht der unerheblichste gewesen – auch diesem Fürsten wurde in dem Lübecker Frieden mit keiner Sylbe gedacht und in einem Artikel desselben sogar die Rechtmäßigkeit der bayerischen Kurwürde eingestanden. Mit so wenig Ruhm trat Christian der Vierte vom Schauplatze.

Zum zweitenmal hatte Ferdinand jetzt die Ruhe Deutschlands in Händen, und es stand nur bei ihm, den Frieden mit Dänemark in einen allgemeinen zu verwandeln. Aus allen Gegenden Deutschlands schallte ihm das Jammern der Unglücklichen entgegen, die um das Ende ihrer Drangsale flehten; die Gräuel seiner Soldaten, die Habsucht seiner Feldherren hatten alle Grenzen überstiegen. Deutschland – von den verwüstenden Schwärmen Mannsfelds und Christians von Braunschweig, von den schrecklichen Heerschaaren Tillys und Wallensteins durchzogen, lag erschöpft, blutend, verödet und seufzte nach Erholung. Mächtig war der Wunsch des Friedens bei allen Ständen des Reichs, mächtig selbst bei dem Kaiser, der, in Oberitalien mit Frankreich in Krieg verwickelt, durch den bisherigen in Deutschland entkräftet und vor den Rechnungen bange war, die seiner warteten. Aber unglücklicherweise widersprachen sich die Bedingungen, unter welchen beide Religionsparteien das Schwert in die Scheide stecken wollten. Die Katholischen wollten mit Vortheil aus diesem Kriege gehen; die Protestanten wollten nicht schlimmer daraus gehen – der Kaiser, anstatt beide Theile mit kluger Mäßigung zu vereinigen, nahm Partei; und so stürzte Deutschland aufs neue in die Schrecken eines entsetzlichen Krieges.

Schon seit Endigung der böhmischen Unruhen hatte Ferdinand die Gegenreformation in seinen Erbstaaten angefangen; wobei jedoch aus Rücksicht gegen einige evangelische Stände mit Mäßigung verfahren wurde. Aber die Siege, welche seine Feldherren in Niederdeutschland erfochten, machten ihm Muth, allen bisherigen Zwang abzuwerfen. Allen Protestanten in seinen Erbländern wurde, diesem Entschluß gemäß, angekündigt, entweder ihrer Religion oder ihrem Vaterlande zu entsagen – eine bittere, schreckliche Wahl, welche die fürchterlichsten Empörungen unter den Landleuten in Oesterreich erregte. In den pfälzischen Landen wurde gleich nach Vertreibung Friedrichs des Fünften der reformierte Gottesdienst aufgehoben, und die Lehrer dieser Religion von der hohen Schule zu Heidelberg vertrieben.

Diese Neuerungen waren nur das Vorspiel zu größern. Auf einem Kurfürstenconvent zu Mühlhausen forderten die Katholiken den Kaiser auf, alle seit dem Religionsfrieden zu Augsburg von den Protestanten eingezogenen Erzbisthümer, Bisthümer, mittelbare und unmittelbare Abteien und Klöster wieder an die katholische Kirche zurückzubringen und dadurch die katholischen Stände für die Verluste und Bedrückungen zu entschädigen, welche sie in dem bisherigen Kriege erlitten hätten. Bei einem so streng katholischen Fürsten, wie es Ferdinand war, konnte ein solcher Wink nicht zur Erde fallen; aber noch schien es ihm zu früh, das ganze protestantische Deutschland durch einen so entscheidenden Schritt zu empören. Kein einziger protestantischer Fürst war, dem diese Zurückforderung der geistlichen Stifter nicht einen Theil seiner Lande nahm. Wo man die Einkünfte derselben auch nicht ganz zu weltlichen Zwecken bestimmt hatte, hatte man sie zum Nutzen der protestantischen Kirche verwendet. Mehrere Fürsten dankten diesen Erwerbungen einen großen Theil ihrer Einkünfte und Macht. Alle ohne Unterschied mußten durch die Zurückforderung derselben in Aufruhr gebracht werden. Der Religionsfriede sprach ihnen das Recht an diese Stifter nicht ab – obgleich er es eben so wenig außer Zweifel setzte. Aber ein langer, bei vielen fast ein Jahrhundert langer Besitz, das Stillschweigen von vier bisherigen Kaisern, das Gesetz der Billigkeit, welches ihnen an den Stiftungen ihrer Voreltern einen gleichen Antheil mit den Katholischen zusprach, konnte als ein vollgültiger Grund des Rechts von ihnen angeführt werden. Außer dem wirklichen Verlust, den sie durch Zurückgabe dieser Stifter an ihrer Macht und Gerichtsbarkeit erlitten, außer den unübersehlichen Verwirrungen, welche die Folge davon sein mußten, war dies kein geringer Nachtheil für sie, daß die wiedereingesetzten katholischen Bischöfe die katholische Partei auf dem Reichstage mit eben so viel neuen Stimmen verstärken sollten. So empfindliche Verluste auf Seiten der Evangelischen ließen den Kaiser die heftigste Widersetzung befürchten, und ehe das Kriegsfeuer in Deutschland gedämpft war, wollte er eine ganze, in ihrer Vereinigung furchtbare Partei, welche an dem Kurfürsten von Sachsen eine mächtige Stütze hatte, nicht zur Unzeit gegen sich reizen. Er versuchte es also vorerst im Kleinen, um zu erfahren, wie man es im Großen aufnehmen würde. Einige Reichsstädte in Oberdeutschland und der Herzog von Wirtenberg erhielten Mandate, verschiedene solcher eingezogenen Stifter herauszugeben.

Die Lage der Umstände in Sachsen ließ ihn dort noch einige kühnere Versuche wagen. In den Bisthümern Magdeburg und Halberstadt hatten die protestantischen Domherren keinen Anstand genommen, Bischöfe von ihrer Religion aufzustellen. Beide Bisthümer, die Stadt Magdeburg allein ausgenommen, hatten Wallensteinische Treppen jetzt überschwemmt. Zufälligerweise war Halberstadt durch den Tod des Administrators, Herzogs Christian von Braunschweig, das Erzstift Magdeburg durch Absetzung Christian Wilhelms, eines brandenburgischen Prinzen, erledigt. Ferdinand benutzte diese beiden Umstände, um das Halberstädtische Stift einem katholischen Bischof, und noch dazu einem Prinzen aus seinem eigenen Hause, zuzuwenden. Um nicht einen ähnlichen Zwang zu erleiden, eilte das Capitel zu Magdeburg, einen Sohn des Kurfürsten von Sachsen zum Erzbischof zu erwählen. Aber der Papst, der sich aus angemaßter Gewalt in diese Angelegenheit mengte, sprach dem österreichischen Prinzen auch das magdeburgische Erzstift zu; und man konnte sich nicht enthalten, die Geschicklichkeit Ferdinands zu bewundern, der über dem heiligsten Eifer für seine Religion nicht vergaß, für das Beste seines Hauses zu sorgen.

Endlich, als der Lübecker Friede den Kaiser von Seiten Dänemarks außer aller Furcht gesetzt hatte, die Protestanten in Deutschland gänzlich daniederzuliegen schienen, die Forderungen der Ligue aber immer lauter und dringender wurden, unterzeichnete Ferdinand das durch so viel Unglück berüchtigte Restitutionsedikt (1629), nachdem er es vorher jedem der vier katholischen Kurfürsten zur Genehmigung vorgelegt hatte. In dem Eingange spricht er sich das Recht zu, den Sinn des Religionsfriedens, dessen ungleiche Deutung zu allen bisherigen Irrungen Anlaß gegeben, vermittelst kaiserlicher Machtvollkommenheit zu erklären und als oberster Schiedsmann und Richter zwischen beide streitende Parteien zu treten. Dieses Recht gründete er auf die Observanz seiner Vorfahren und auf die ehemals geschehene Einwilligung selbst protestantischer Stände. Kursachsen hatte dem Kaiser wirklich dieses Recht zugestanden; jetzt ergab es sich, wie großen Schaden dieser Hof durch seine Anhänglichkeit an Oesterreich der protestantischen Sache zugefügt hatte. Wenn aber der Buchstabe des Religionsfriedens wirklich einer ungleichen Auslegung unterworfen war, wie der ein Jahrhundert lange Zwist beider Religionsparteien es genugsam bezeugte, so konnte doch auf keine Weise der Kaiser, der entweder ein katholischer oder ein protestantischer Reichsfürst und also selbst Partei war, zwischen katholischen und protestantischen Ständen einen Religionsstreit entscheiden – ohne den wesentlichen Artikel des Religionsfriedens zu verletzen. Er konnte in seiner eigenen Sache nicht Richter sein, ohne die Freiheit des deutschen Reichs in einen leeren Schall zu verwandeln.

Und nun in Kraft dieses angemaßten Rechts, den Religionsfrieden auszulegen, gab Ferdinand die Entscheidung: »daß jede nach dem Datum dieses Friedens von den Protestanten geschehene Einziehung sowohl mittelbarer als unmittelbarer Stifter dem Sinn dieses Friedens zuwiderlaufe und als eine Verletzung desselben widerrufen sei.« Er gab ferner die Entscheidung: »daß der Religionsfriede keinem katholischen Landesherrn auflege, protestantischen Unterthanen etwas mehr als freien Abzug aus seinen Landen zu bewilligen.« Diesem Ausspruche gemäß wurde allen unrechtmäßigen Besitzern geistlicher Stifter – also allen protestantischen Reichsständen ohne Unterschied – bei Strafe des Reichsbannes anbefohlen, dieses unrechte Gut an die kaiserlichen Commissarien unverzüglich herauszugeben.

Nicht weniger als zwei Erzbisthümer und zwölf Bisthümer standen auf der Liste, außer diesen eine unübersehliche Anzahl von Klöstern, welche die Protestanten sich zugeeignet hatten. Dieses Edikt war ein Donnerschlag für das ganze protestantische Deutschland; schrecklich schon an sich selbst durch das, was es wirklich nahm, schrecklicher noch durch das, was es für die Zukunft befürchten ließ, und wovon man es nur als einen Vorläufer betrachtete. Jetzt sahen es die Protestanten als ausgemacht an, daß der Untergang ihrer Religion von dem Kaiser und der katholischen Ligue beschlossen sei, und daß der Untergang deutscher Freiheit ihr bald nachfolgen werde. Auf keine Gegenvorstellung wurde geachtet, die Commissarien wurden ernannt und eine Armee zusammengezogen, ihnen Gehorsam zu verschaffen. Mit Augsburg, wo der Friede geschlossen worden, machte man den Anfang; die Stadt mußte unter die Gerichtsbarkeit ihres Bischofs zurücktreten, und sechs protestantische Kirchen wurden darin geschlossen. Ebenso mußte der Herzog von Wirtenberg seine Klöster herausgeben. Dieser Ernst schreckte alle evangelischen Reichsstände auf, aber ohne sie zu einem thätigen Widerstand begeistern zu können. Die Furcht vor des Kaisers Macht wirkte zu mächtig; schon fing ein großer Theil an, sich zur Nachgiebigkeit zu neigen. Die Hoffnung, auf einem friedlichen Wege zu Erfüllung ihres Wunsches zu gelangen, bewog deßwegen die Katholischen, mit Vollstreckung des Edikts noch ein Jahr lang zu zögern, und dies rettete die Protestanten. Ehe diese Frist um war, hatte das Glück der schwedischen Waffen die ganze Gestalt der Dinge verändert.

Auf einer Kurfürstenversammlung zu Regensburg, welcher Ferdinand in Person beiwohnte (1630), sollte nun mit allem Ernst an der gänzlichen Beruhigung Deutschlands und an Hebung aller Beschwerden gearbeitet werden. Diese waren von Seiten der Katholischen nicht viel geringer, als von Seiten der Evangelischen, so sehr auch Ferdinand sich überredete, alle Mitglieder der Ligue durch das Restitutionsedikt und den Anführer derselben durch Ertheilung der Kurwürde und durch Einräumung des größten Theils der pfälzischen Lande sich verpflichtet zu haben. Das gute Verständniß zwischen dem Kaiser und den Fürsten der Ligue hatte seit Wallensteins Erscheinung unendlich gelitten. Gewohnt, den Gesetzgeber in Deutschland zu spielen und selbst über das Schicksal des Kaisers zu gebieten, sah sich der stolze Kurfürst von Bayern durch den kaiserlichen Feldherrn auf einmal entbehrlich gemacht und seine ganze bisherige Wichtigkeit zugleich mit dem Ansehen der Ligue verschwunden. Ein Anderer trat jetzt auf, die Früchte seiner Siege zu ernten und alle seine vergangenen Dienste in Vergessenheit zu stürzen. Der übermüthige Charakter des Herzogs von Friedland, dessen süßester Triumph war, dem Ansehen der Fürsten Hohn zu sprechen und der Autorität seines Herrn eine verhaßte Ausdehnung zu geben, trug nicht wenig dazu bei, die Empfindlichkeit des Kurfürsten zu vermehren. Unzufrieden mit dem Kaiser und voll Mißtrauen gegen seine Gesinnungen, hatte er sich in ein Bündniß mit Frankreich eingelassen, dessen sich auch die übrigen Fürsten der Ligue verdächtig machten. Die Furcht vor den Vergrößerungsplanen des Kaisers, der Unwille über die gegenwärtigen schreienden Uebel hatte bei diesen jedes Gefühl der Dankbarkeit erstickt. Wallensteins Erpressungen waren bis zum Unerträglichen gegangen. Brandenburg gab den erlittenen Schaden auf zwanzig, Pommern auf zehn, Hessen auf sieben Millionen an, die Uebrigen nach Verhältniß. Allgemein, nachdrücklich, heftig war das Geschrei um Hilfe, umsonst alle Gegenvorstellungen, kein Unterschied zwischen Katholiken und Protestanten, alles über diesen Punkt nur eine einzige Stimme. Mit Fluthen von Bittschriften, alle wider Wallenstein gerichtet, stürmte man auf den erschrockenen Kaiser ein und erschütterte sein Ohr durch die schauderhaftesten Beschreibungen der erlittenen Gewalttätigkeiten. Ferdinand war kein Barbar. Wenn auch nicht unschuldig an den Abscheulichkeiten, die sein Name in Deutschland verübte, doch unbekannt mit dem Uebermaße derselben, besann er sich nicht lange, den Forderungen der Fürsten zu willfahren und von seinen im Felde stehenden Heeren sogleich achtzehntausend Mann Reiterei abzudanken. Als diese Truppenverminderung geschah, rüsteten sich die Schweden schon lebhaft zu ihrem Einmarsch in Deutschland. und der größte Theil der entlassenen kaiserlichen Soldaten eilte unter ihre Fahnen.

Diese Nachgiebigkeit Ferdinands diente nur dazu, den Kurfürsten von Bayern zu kühnern Forderungen zu ermuntern. Der Triumph über das Ansehn des Kaisers war unvollkommen, so lange der Herzog von Friedland das oberste Commando behielt. Schwer rächten sich jetzt die Fürsten an dem Uebermuthe diesem Feldherrn, den sie alle ohne Unterschied hatten fühlen müssen. Die Absetzung desselben wurde daher von dem ganzen Kurfürstencollegium, selbst von den Spaniern, mit einer Einstimmigkeit und Hitze gefordert, die den Kaiser in Erstaunen setzte. Aber selbst diese Einstimmigkeit, diese Heftigkeit, mit welcher die Neider des Kaisers auf Wallensteins Absetzung drangen, mußte ihn von der Wichtigkeit dieses Dieners überzeugen. Wallenstein, von den Kabalen unterrichtet, welche in Regensburg gegen ihn geschmiedet wurden, verabsäumte nichts, dem Kaiser über die wahren Absichten des Kurfürsten von Bayern die Augen zu öffnen. Er erschien selbst in Regensburg, aber mit einem Prunke, der selbst den Kaiser verdunkelte und dem Haß seiner Gegner nur neue Nahrung gab.

Lange Zeit konnte der Kaiser sich nicht entschließen. Schmerzlich war das Opfer, das man von ihm forderte. Seine ganze Ueberlegenheit hatte er dem Herzog von Friedland zu danken; er fühlte, wie viel er hingab, wenn er ihn dem Hasse der Fürsten aufopferte. Aber zum Unglück bedurfte er gerade jetzt den guten Willen der Kurfürsten. Er ging damit um, seinem Sohne Ferdinand, erwähltem König von Ungarn, die Nachfolge im Reiche zuzuwenden, wozu ihm die Einwilligung Maximilians unentbehrlich war. Diese Angelegenheit war ihm die dringendste, und er scheute sich nicht, seinen wichtigsten Diener aufzuopfern, um den Kurfürsten von Bayern zu verpflichten.

Auf eben diesem Kurfürstentage zu Regensburg befanden sich auch Abgeordnete aus Frankreich, bevollmächtigt, einen Krieg beizulegen, der sich zwischen dem Kaiser und ihrem Herrn in Italien zu entzünden drohte. Herzog Vincenz von Mantua und Montferrat war gestorben, ohne Kinder zu hinterlassen. Sein nächster Anverwandter, Karl Herzog von Nevers hatte sogleich von dieser Erbschaft Besitz genommen, ohne dem Kaiser als oberstem Lehnsherrn dieser Fürstenthümer die schuldige Pflicht zu erweisen. Auf französischen und venetianischen Beistand gestützt, beharrte er auf seiner Weigerung, diese Länder bis zur Entscheidung seines Rechts in die Hände der kaiserlichen Commissarien zu übergeben. Ferdinand, in Feuer gesetzt von den Spaniern, denen, als Besitzern von Mailand, die nahe Nachbarschaft eines französischen Vasallen äußerst bedenklich und die Gelegenheit willkommen war, mit Hilfe des Kaisers Eroberungen in diesem Theile Italiens zu machen, griff zu den Waffen. Aller Gegenbemühungen Papst Urbans des Achten ungeachtet, der den Krieg ängstlich von diesen Gegenden zu entfernen suchte, schickte er eine deutsche Armee über die Alpen, deren unerwartete Erscheinung alle italienischen Staaten in Schrecken setzte. Seine Waffen waren siegreich durch ganz Deutschland, als dies in Italien geschah, und die alles vergrößernde Furcht glaubte nun, die alten Entwürfe Oesterreichs zur Universalmonarchie auf einmal wieder aufleben zu sehen. Die Schrecken des deutschen Kriegs verbreiteten sich nun auch über die gesegneten Fluren, welche der Po durchströmt; die Stadt Mantua wurde mit Sturm erobert, und alles Land umher mußte die verwüstende Gegenwart gesetzloser Schaaren empfinden. Zu den Verwünschungen, welche weit und breit durch ganz Deutschland wider den Kaiser erschallten, gesellten sich nunmehr auch die Flüche Italiens, und im Conclave selbst stiegen von jetzt an stille Wünsche für das Glück der protestantischen Waffen zum Himmel.

Abgeschreckt durch den allgemeinen Haß, welchen dieser italienische Feldzug ihm zugezogen, und durch das dringende Anliegen der Kurfürsten ermüdet, die das Gesuch der französischen Minister mit Eifer unterstützten, gab der Kaiser den Vorschlägen Frankreichs Gehör und versprach dem neuen Herzog von Mantua die Belehnung.

Dieser wichtige Dienst von Seiten Bayerns war von französischer Seite einen Gegendienst werth. Die Schließung des Traktats gab den Bevollmächtigten Richelieus eine erwünschte Gelegenheit, den Kaiser während ihrer Anwesenheit zu Regensburg mit den gefährlichsten Intriguen zu umspinnen, die mißvergnügten Fürsten der Ligue immer mehr gegen ihn zu reizen und alle Verhandlungen dieses Kurfürstentages zum Nachtheil des Kaisers zu leiten. Zu diesem Geschäfte hatte sich Richelieu in der Person des Capuciner-Paters Joseph, der dem Gesandten als ein ganz unverdächtiger Begleiter an die Seite gegeben war, ein treffliches Werkzeug auserlesen. Eine seiner ersten Instruktionen war, die Absetzung Wallensteins mit Eifer zu betreiben. Mit dem General, der sie zum Sieg geführt hatte, verloren die österreichischen Armeen den größten Theil ihrer Stärke; ganze Heere konnten den Verlust dieses einzigen Mannes nicht ersetzen. Ein Hauptstreich der Politik war es also, zu eben der Zeit, wo ein siegreicher König, unumschränkter Herr seiner Kriegsoperationen, sich gegen den Kaiser rüstete, den einzigen Feldherrn, der ihm an Kriegserfahrung und an Ansehn gleich war, von der Spitze der kaiserlichen Armeen wegzureißen. Pater Joseph, mit dem Kurfürsten von Bayern einverstanden, unternahm es, die Unentschlossenheit des Kaisers zu besiegen, der von den Spaniern und dem ganzen Kurfürstenrathe wie belagert war. »Es würde gut gethan sein,« meinte er, »den Fürsten in diesem Stücke zu Gefallen zu leben, um desto eher zu der römischen Königswahl seines Sohnes ihre Stimme zu erhalten. Würde nur dieser Sturm erst vorüber sein, so fände sich Wallenstein alsdann schnell genug wieder, um seinen vorigen Platz einzunehmen.« – Der listige Capuciner war seines Mannes zu gewiß, um bei diesem Trostgrunde etwas zu wagen.

Die Stimme eines Mönchs war für Ferdinand den Zweiten die Stimme Gottes. »Nichts auf Erden,« schreibt sein eigener Beichtvater, »war ihm heiliger, als ein priesterliches Haupt. Geschähe es, pflegte er oft zu sagen, daß ein Engel und ein Ordensmann zu Einer Zeit und an Einem Ort ihm begegneten, so würde der Ordensmann die erste und der Engel die zweite Verbeugung von ihm erhalten.« Wallensteins Absetzung wurde beschlossen.

Zum Dank für dieses fromme Vertrauen arbeitete ihm der Capuciner mit solcher Geschicklichkeit in Regensburg entgegen, daß seine Bemühungen, dem Könige von Ungarn die römische Königswürde zu verschaffen, gänzlich mißlangen. In einem eigenen Artikel des eben geschlossenen Vertrags hatten sich die französischen Minister im Namen dieser Krone verbindlich gemacht, gegen alle Feinde des Kaisers die vollkommenste Neutralität zu beobachten – während daß Richelieu mit dem Könige von Schweden bereits in Traktaten stand, ihn zum Krieg aufmunterte und ihm die Allianz seines Herrn aufdrang. Auch nahm er diese Lüge zurück, sobald sie ihre Wirkung gethan hatte, und Pater Joseph mußte in einem Kloster die Verwegenheit büßen, seine Vollmacht überschritten zu haben. Zu spät wurde Ferdinand gewahr, wie sehr man seiner gespottet hatte. »Ein schlechter Capuciner,« hörte man ihn sagen, »hat mich durch seinen Rosenkranz entwaffnet und nicht weniger als sechs Kurhüte in seine enge Capuze geschoben.«

Betrug und List triumphierten also über diesen Kaiser zu einer Zeit, wo man ihn in Deutschland allmächtig glaubte und wo er es durch seine Waffen wirklich war. Um fünfzehntausend Mann ärmer, ärmer um einen Feldherrn, der ihm den Verlust eines Heers ersetzte, verließ er Regensburg, ohne den Wunsch erfüllt zu sehen, um derentwillen er alle diese Opfer brachte. Ehe ihn die Schweden im Felde schlugen, hatten ihn Maximilian von Bayern und Pater Joseph unheilbar verwundet. Auf eben dieser merkwürdigen Versammlung zu Regensburg wurde der Krieg mit Schweden entschieden und der in Mantua geendigt. Fruchtlos hatten sich auf demselben die Fürsten für die Herzoge von Mecklenburg bei dem Kaiser verwendet, englische Gesandte eben so fruchtlos um einen Jahrgehalt für den Pfalzgrafen Friedrich gebettelt.

Wallenstein hatte über eine Armee von beinahe hunderttausend Mann zu gebieten, von denen er angebetet wurde, als das Urtheil der Absetzung ihm verkündigt werden sollte. Die meisten Offiziere waren seine Geschöpfe, seine Winke Aussprüche des Schicksals für den gemeinen Soldaten. Grenzenlos war sein Ehrgeiz, unbeugsam sein Stolz, sein gebieterischer Geist nicht fähig, eine Kränkung ungerochen zu erdulden. Ein Augenblick sollte ihn jetzt von der Fülle der Gewalt in das Nichts des Privatstandes herunterstürzen. Eine solche Sentenz gegen einen solchen Verbrecher zu vorstrecken, schien nicht viel weniger Kunst zu kosten, als es gekostet hatte, sie dem Richter zu entreißen. Auch hatte man deßwegen die Vorsicht gebraucht, zwei von Wallensteins genauesten Freunden zu Ueberbringern dieser schlimmen Botschaft zu wählen, welche durch die schmeichelhaftesten Zusicherungen der fortdauernden kaiserlichen Gnade so sehr als möglich gemildert werden sollte.

Wallenstein wußte längst den ganzen Inhalt ihrer Sendung, als die Abgesandten des Kaisers ihm vor die Augen traten. Er hatte Zeit gehabt, sich zu sammeln, und sein Gesicht zeigte Heiterkeit, während daß Schmerz und Wuth in seinem Busen stürmten. Aber er hatte beschlossen, zu gehorchen. Dieser Urtheilsspruch überraschte ihn, ehe zu einem kühnen Schritte die Umstände reif und die Anstalten fertig waren. Seine weitläuftigen Güter waren in Böhmen und Mähren zerstreut; durch Einziehung derselben konnte der Kaiser ihm den Nerven seiner Macht zerschneiden. Von der Zukunft erwartete er Genugthuung, und in dieser Hoffnung bestärkten ihn die Prophezeiungen eines italienischen Astrologen, der diesen ungebändigten Geist, gleich einem Knaben, am Gängelbande führte. Seni, so hieß er, hatte es in den Sternen gelesen, daß die glänzende Laufbahn seines Herrn noch lange nicht geendigt sei, daß ihm die Zukunft noch ein schimmerndes Glück aufbewahre. Man brauchte die Sterne nicht zu bemühen, um mit Wahrscheinlichkeit vorherzusagen, daß ein Feind wie Gustav Adolph einen General wie Wallenstein nicht lange entbehrlich lassen würde.

»Der Kaiser ist verrathen,« antwortete Wallenstein den Gesandten; »ich bedaure ihn, aber ich vergeb‘ ihm. Es ist klar, daß ihn der hochfahrende Sinn des Bayern dominiert. Zwar thut mir’s wehe, daß er mich mit so wenigem Widerstande hingegeben hat, aber ich will gehorchen.« Die Abgeordneten entließ er fürstlich beschenkt, und den Kaiser ersuchte er in einem demüthigen Schreiben, ihn seiner Gunst nicht zu berauben und bei den erworbenen Würden zu schützen. Allgemein war das Murren der Armee, als die Absetzung ihres Feldherrn bekannt wurde, und der beste Theil seiner Officiere trat sogleich aus dem kaiserlichen Dienst. Viele folgten ihm auf seine Güter nach Böhmen und Mähren; andere fesselte er durch beträchtliche Pensionen, um sich ihrer bei Gelegenheit sogleich bedienen zu können.

Sein Plan war nichts weniger als Ruhe, da er in die Stille des Privatstandes zurücktrat. Der Pomp eines Königs umgab ihn in dieser Einsamkeit und schien dem Urtheilsspruch seiner Erniedrigung Hohn zu sprechen. Sechs Pforten führten zu dem Palaste, den er in Prag bewohnte, und hundert Häuser mußten niedergerissen werden, um dem Schloßhofe Raum zu machen. Aehnliche Paläste wurden auf seinen übrigen zahlreichen Gütern erbaut. Cavaliere aus den edelsten Häusern wetteiferten um die Ehre, ihn zu bedienen, und man sah kaiserliche Kammerherren den goldenen Schlüssel zurückgeben, um bei Wallenstein eben dieses Amt zu bekleiden. Er hielt sechzig Pagen, die von den trefflichsten Meistern unterrichtet wurden; sein Vorzimmer wurde stets durch fünfzig Trabanten bewacht. Seine gewöhnliche Tafel war nie unter hundert Gängen, sein Haushofmeister eine vornehme Standesperson. Reiste er über Land, so wurde ihm Geräte und Gefolge auf hundert sechs- und vierspännigen Wagen nachgefahren; in sechzig Carrossen mit fünfzig Handpferden folgte ihm sein Hof. Die Pracht der Livereien, der Glanz der Equipage und der Schmuck der Zimmer war dem übrigen Aufwande gemäß. Sechs Barone und eben so viel Ritter mußten beständig seine Person umgeben, um jeden Wink zu vollziehen – zwölf Patrouillen die Runde um seinen Palast machen, um jeden Lärm abzuhalten. Sein immer arbeitender Kopf brauchte Stille; kein Gerassel der Wagen durfte seiner Wohnung nahe kommen, und die Straßen wurden nicht selten durch Ketten gesperrt. Stumm, wie die Zugänge zu ihm, war auch sein Umgang. Finster, verschlossen, unergründlich, sparte er seine Worte mehr als seine Geschenke, und das Wenige, was er sprach, wurde mit einem widrigen Ton ausgestoßen. Er lachte niemals, und den Verführungen der Sinne widerstand die Kälte seines Bluts. Immer geschäftig und von großen Entwürfen bewegt, entsagte er allen leeren Zerstreuungen, wodurch Andere das kostbare Leben vergeuden. Einen durch ganz Europa ausgebreiteten Briefwechsel besorgte er selbst; die meisten Aufsätze schrieb er mit eigener Hand nieder, um der Verschwiegenheit Anderer so wenig als möglich anzuvertrauen. Er war von großer Statur und hager, von gelblicher Gesichtsfarbe, röthlichen kurzen Haaren, kleinen, aber funkelnden Augen. Ein furchtbarer, zurückschreckender Ernst saß auf seiner Stirne, und nur das Uebermaß seiner Belohnungen konnte die zitternde Schaar seiner Diener festhalten.

In dieser prahlerischen Dunkelheit erwartete Wallenstein still, doch nicht müßig, seine glänzende Stunde und der Rache aufgehenden Tag; bald ließ ihn Gustav Adolphs reißender Siegeslauf ein Vorgefühl desselben genießen. Von seinen hochfliegenden Planen ward kein einziger aufgegeben; der Undank des Kaisers hatte seinen Ehrgeiz von einem lästigen Zügel befreit. Der blendende Schimmer seines Privatlebens verrieth den stolzen Schwung seiner Entwürfe, und verschwenderisch, wie ein Monarch, schien er die Güter seiner Hoffnung schon unter seine gewissen Besitzungen zu zählen.

Nach Wallensteins Abdankung und Gustav Adolphs Landung mußte ein neuer Generalissimus aufgestellt werden; zugleich schien es nöthig zu sein, das bisher getrennte Commando der kaiserlichen und liguistischen Truppen in einer einzigen Hand zu vereinigen. Maximilian von Bayern trachtete nach diesem wichtigen Posten, der ihn zum Herrn des Kaisers machen konnte; aber eben dies bewog Letztern, sich für den König von Ungarn, seinen älteren Sohn, darum zu bewerben. Endlich, um beide Competenten zu entfernen und keinen Theil ganz unbefriedigt zu lassen, übergab man das Commando dem liguistischen General Tilly, der nunmehr den bayerischen Dienst gegen den österreichischen vertauschte. Die Armeen, welche Ferdinand auf deutschem Boden stehen hatte, beliefen sich, nach Abgang der Wallensteinischen Truppen, auf etwa vierzigtausend Mann; nicht viel schwächer war die liguistische Kriegsmacht; beide durch treffliche Officiere befehligt, durch viele Feldzüge geübt, und stolz auf eine lange Reihe von Siegen. Mit dieser Macht glaubte man um so weniger Ursache zu haben, vor der Annäherung des Königs von Schweden zu zittern, da man Pommern und Mecklenburg inne hatte, die einzigen Pforten, durch welche er in Deutschland hereinbrechen konnte.

Nach dem unglücklichen Versuche des Königs von Dänemark, die Progressen des Kaisers zu hemmen, war Gustav Adolph der einzige Fürst in Europa, von welchem die unterliegende Freiheit Rettung zu hoffen hatte, der einzige zugleich, der durch die stärksten politischen Gründe dazu aufgefordert, durch erlittene Beleidigungen dazu berechtigt und durch persönliche Fähigkeiten dieser gewagten Unternehmung gewachsen war. Wichtige Staatsgründe, welche er mit Dänemark gemein hatte, hatten ihn, schon vor dem Ausbruche des Kriegs in Niedersachsen, bewogen, seine Person und seine Heere zur Verteidigung Deutschlands anzubieten; damals hatte ihn der König von Dänemark zu seinem eigenen Unglücke verdrängt. Seit dieser Zeit hatte der Uebermuth Wallensteins und der despotische Stolz des Kaisers es nicht an Aufforderungen fehlen lassen, die ihn persönlich erhitzen und als König bestimmen mußten. Kaiserliche Truppen waren dem polnischen König Sigismund zu Hilfe geschickt worden, um Preußen gegen die Schweden zu vertheidigen. Dem König, welcher sich über diese Feindseligkeit gegen Wallenstein beklagte, wurde geantwortet: »Der Kaiser habe der Soldaten zu viel. Er müsse seinen guten Freunden damit aushelfen.« Von dem Congresse mit Dänemark zu Lübeck hatte eben dieser Wallenstein die schwedischen Gesandten mit beleidigendem Trotz abgewiesen und, da sie sich dadurch nicht schrecken ließen, mit einer Behandlung bedroht, welche das Völkerrecht verletzte. Ferdinand hatte die schwedischen Flaggen insultieren und Depeschen des Königs nach Siebenbürgen auffangen lassen. Er fuhr fort, den Frieden zwischen Polen und Schweden zu erschweren, die Anmaßungen Sigismunds auf den schwedischen Thron zu unterstützen und Gustav Adolphen den königlichen Titel zu verweigern. Die wiederholtesten Gegenvorstellungen Gustavs hatte er keiner Aufmerksamkeit gewürdigt und neue Beleidigungen hinzugefügt, anstatt die verlangte Genugthuung für die alten zu leisten.

So viele persönliche Aufforderungen, durch die wichtigsten Staats- und Gewissensgründe unterstützt und verstärkt durch die dringendsten Einladungen aus Deutschland, mußten auf das Gemüth eines Fürsten Eindruck machen, der auf seine königliche Ehre desto eifersüchtiger war, je mehr man geneigt sein konnte, sie ihm streitig zu machen; der sich durch den Ruhm, die Unterdrückten zu beschützen, unendlich geschmeichelt fand und den Krieg, als das eigentliche Element seines Genies, mit Leidenschaft liebte. Aber ehe ein Waffenstillstand oder Friede mit Polen ihm freie Hände gab, konnte an einen neuen und gefahrvollen Krieg mit Ernst nicht gedacht werden.

Der Cardinal Richelieu hatte das Verdienst, diesen Waffenstillstand mit Polen herbeizuführen. Dieser große Staatsmann, das Steuer Europens in der einen Hand, indem er die Wuth der Faktionen und den Dünkel der Großen in dem Innern Frankreichs mit der andern darniederbeugte, verfolgte mitten unter den Sorgen einer stürmischen Staatsverwaltung unerschütterlich seinen Plan, die anwachsende Macht Oesterreichs in ihrem stolzen Laufe zu hemmen. Aber die Umstände, welche ihn umgaben, setzten diesen Entwürfen nicht geringe Hindernisse in der Ausführung entgegen, denn auch dem größten Geist möchte es ungestraft nicht hingehen, den Wahnbegriffen seiner Zeit Hohn zu sprechen. Minister eines katholischen Königs und durch den Purpur, den er trug, selbst Fürst der römischen Kirche, durfte er es jetzt noch nicht wagen, im Bündniß mit dem Feinde seiner Kirche öffentlich eine Macht anzugreifen, welche die Anmaßungen ihres Ehrgeizes durch den Namen der Religion vor der Menge zu heiligen gewußt hatte. Die Schonung, welche Richelieu den eingeschränkten Begriffen seiner Zeitgenossen schuldig war, schränkte seine politische Thätigkeit auf die behutsamen Versuche ein, hinter der Decke verborgen zu wirken und die Entwürfe seines erleuchteten Geistes durch eine fremde Hand zu vollstrecken. Nachdem er sich umsonst bemüht hatte, den Frieden Dänemarks mit dem Kaiser zu hindern, nahm er seine Zuflucht zu Gustav Adolph, dem Helden seines Jahrhunderts. Nichts wurde gespart, diesen König zur Entschließung zu bringen und ihm zugleich die Mittel zur Ausführung zu erleichtern. Charnasse, ein unverdächtiger Unterhändler des Cardinals, erschien in Polnischpreußen, wo Gustav Adolph gegen Sigismund Krieg führte, und wanderte von einem der beiden Könige zum andern, um einen Waffenstillstand oder Frieden zwischen ihnen zu Stande zu bringen. Gustav Adolph war längst dazu bereit, und endlich gelang es dem französischen Minister, auch dem König Sigismund über sein wahres Interesse und die betrügerische Politik des Kaisers die Augen zu öffnen. Ein Waffenstillstand wurde auf sechs Jahre zwischen beiden Königen geschlossen, durch welchen Gustav im Besitz aller seiner Eroberungen blieb und die lang gewünschte Freiheit erhielt, seine Waffen gegen den Kaiser zu kehren. Der französische Unterhändler bot ihm zu dieser Unternehmung die Allianz seines Königs und beträchtliche Hilfsgelder an, welche nicht zu verachten waren. Aber Gustav Adolph fürchtete nicht ohne Grund, sich durch Annehmung derselben in eine Abhängigkeit von Frankreich zu setzen, die ihm vielleicht mitten im Laufe seiner Siege Fesseln anlegte, und durch das Bündniß mit einer katholischen Macht Mißtrauen bei den Protestanten zu erwecken.

So dringend und gerecht dieser Krieg war, so vielversprechend waren die Umstände, unter welchen Gustav Adolph ihn unternahm. Furchtbar zwar war der Name des Kaisers, unerschöpflich seine Hilfsquellen, unüberwindlich bisher seine Macht; jeden Andern, als Gustav, würde ein so gefahrvolles Spiel zurückgeschreckt haben. Gustav übersah alle Hindernisse und Gefahren, welche sich seinem Unternehmen entgegenstellten; aber er kannte auch die Mittel, wodurch er sie zu besiegen hoffte. Nicht beträchtlich, aber wohl discipliniert war seine Kriegsmacht, durch ein strenges Klima und anhaltende Feldzüge abgehärtet, in dem polnischen Kriege zum Sieg gebildet. Schweden, obgleich arm an Geld und an Menschen und durch einen achtjährigen Krieg über Vermögen angestrengt, war seinem König mit einem Enthusiasmus ergeben, der ihn die bereitwilligste Unterstützung von seinen Reichsständen hoffen ließ. In Deutschland war der Name des Kaisers wenigstens eben so sehr gehaßt, als gefürchtet. Die protestantischen Fürsten schienen nur die Ankunft eines Befreiers zu erwarten, um das unleidliche Joch der Tyrannei abzuwerfen und sich öffentlich für Schweden zu erklären. Selbst den katholischen Ständen konnte die Erscheinung eines Gegners nicht unwillkommen sein, der die überwiegende Macht des Kaisers beschränkte. Der erste Sieg, auf deutschem Boden erfochten, mußte für seine Sache entscheidend sein, die noch zweifelnden Fürsten zur Erklärung bringen, den Muth seiner Anhänger stärken, den Zulauf zu seinen Fahnen vermehren und zu Fortsetzung des Krieges reichliche Hilfsquellen eröffnen. Hatten gleich die mehrsten deutschen Länder durch die bisherigen Bedrückungen unendlich gelitten, so waren doch die wohlhabenden hanseatischen Städte bis jetzt davon frei geblieben, die kein Bedenken tragen konnten, mit einem freiwilligen mäßigen Opfer einem allgemeinen Ruin vorzubeugen. Aus je mehrern Ländern man die Kaiserlichen verjagte, desto mehr mußten ihre Heere schmelzen, die nur allein von den Ländern lebten, in denen sie standen. Unzeitige Truppenversendungen nach Italien und den Niederlanden hatten ohnehin die Macht des Kaisers vermindert; Spanien, durch den Verlust seiner amerikanischen Silberflotte geschwächt und durch einen ernstlichen Krieg in den Niederlanden beschäftigt, konnte ihm wenig Unterstützung gewähren. Dagegen machte Großbritannien dem Könige von Schweden zu beträchtlichen Subsidien Hoffnung, und Frankreich, welches eben jetzt mit sich selbst Frieden machte, kam ihm mit den vorteilhaftesten Anerbietungen bei seiner Unternehmung entgegen.

Aber die sicherste Bürgschaft für den glücklichen Erfolg seiner Unternehmung fand Gustav Adolph – in sich selbst. Die Klugheit erforderte es, sich aller äußerlichen Hilfsmittel zu versichern und dadurch sein Unternehmen vor dem Vorwurf der Verwegenheit zu schützen; aus seinem Busen allein nahm er seine Zuversicht und seinen Muth. Gustav Adolph war ohne Widerspruch der erste Feldherr seines Jahrhunderts und der tapferste Soldat in seinem Heere, das er sich selbst erst geschaffen hatte. Mit der Taktik der Griechen und Römer vertraut, hatte er eine bessere Kriegskunst erfunden, welche den größten Feldherren der folgenden Zeiten zum Muster diente. Die unbehilflichen großen Escadrons verringerte er, um die Bewegungen der Reiterei leichter und schneller zu machen; zu eben dem Zwecke rückte er die Bataillons in weitere Entfernungen aus einander. Er stellte seine Armee, welche gewöhnlich nur eine einzige Linie einnahm, in einer gedoppelten Linie in Schlachtordnung, daß die zweite anrücken konnte, wenn die erste zum Weichen gebracht war. Den Mangel an Reiterei wußte er dadurch zu ersetzen, daß er Fußgänger zwischen die Reiter stellte, welches sehr oft den Sieg entschied; die Wichtigkeit des Fußvolks in Schlachten lernte Europa erst von ihm. Ganz Deutschland hat die Mannszucht bewundert, durch welche sich die schwedischen Heere auf deutschem Boden in den ersten Zeiten so rühmlich unterschieden. Alle Ausschweifungen wurden aufs strengste geahndet; am strengsten Gotteslästerung, Raub, Spiel und Duelle. In den schwedischen Kriegsgesetzen wurde die Mäßigkeit befohlen; auch erblickte man in dem schwedischen Lager, das Gezelt des Königs nicht ausgenommen, weder Silber noch Gold. Das Auge des Feldherrn wachte mit eben der Sorgfalt über die Sitten des Soldaten, wie über die kriegerische Tapferkeit. Jedes Regiment mußte zum Morgen- und Abendgebet einen Kreis um seinen Prediger schließen und unter freiem Himmel seine Andacht halten. In allem diesem war der Gesetzgeber zugleich Muster. Eine ungekünstelte lebendige Gottesfurcht erhöhte den Muth, der sein großes Herz beseelte. Gleich frei von dem rohen Unglauben, der den wilden Begierden des Barbaren ihren notwendigen Zügel nimmt, und von der kriechenden Andächtelei eines Ferdinand, die sich vor der Gottheit zum Wurm erniedrigt und auf dem Nacken der Menschheit trotzig einherwandelt, blieb er auch in der Trunkenheit seines Glücks noch Mensch und noch Christ, aber auch in seiner Andacht noch Held und noch König. Alles Ungemach des Kriegs ertrug er gleich dem Geringsten aus dem Heere, mitten in dem schwärzesten Dunkel der Schlacht war es licht in seinem Geiste; allgegenwärtig mit seinem Blicke, vergaß er den Tod, der ihn umringte; stets fand man ihn auf dem Wege der furchtbarsten Gefahr. Seine natürliche Herzhaftigkeit ließ ihn nur allzuoft vergessen, was er dem Feldherrn schuldig war, und dieses königliche Leben endigte der Tod eines Gemeinen. Aber einem solchen Führer folgte der Feige wie der Muthige zum Sieg, und seinem alles beleuchtenden Adlerblick entging keine Heldenthat, die sein Beispiel geweckt hatte. Der Ruhm ihres Beherrschers entzündete in der Nation ein begeisterndes Selbstgefühl; stolz auf diesen König, gab der Bauer in Finnland und Gothland freudig seine Armuth hin, verspritzte der Soldat freudig sein Blut, und der hohe Schwung, den der Geist dieses einzigen Mannes der Nation gegeben, überlebte noch lange Zeit seinen Schöpfer.

So wenig man über die Notwendigkeit des Krieges in Zweifel war, so sehr war man es über die Art, wie er geführt werden sollte. Ein angreifender Krieg schien selbst dem muthvollen Kanzler Oxenstierna zu gewagt, die Kräfte seines geldarmen und gewissenhaften Königs zu ungleich den unermeßlichen Hilfsmitteln eines Despoten, der mit ganz Deutschland wie mit seinem Eigenthum schaltete. Diese furchtsamen Bedenklichkeiten des Ministers widerlegte die weiter sehende Klugheit des Helden. » Erwarten wir den Feind in Schweden,« sagte Gustav, »so ist alles verloren, wenn eine Schlacht verloren ist; alles ist gewonnen, wenn wir in Deutschland einen glücklichen Anfang machen. Das Meer ist groß, und wir haben in Schweden weitläufige Küsten zu bewachen. Entwischte uns die feindliche Flotte – oder würde die unsrige geschlagen, so wäre es dann umsonst, die feindliche Landung zu verhindern. An der Erhaltung Stralsunds muß uns alles liegen. So lange dieser Hafen uns offen steht, werden wir unser Ansehen auf der Ostsee behaupten und einen freien Verkehr mit Deutschland unterhalten. Aber um Stralsund zu beschützen, dürfen wir uns nicht in Schweden verkriechen, sondern müssen mit einer Armee nach Pommern hinübergehen. Redet mir also nichts mehr von einem Verteidigungskriege, durch den wir unsere herrlichsten Vortheile verscherzen. Schweden selbst darf keine feindliche Fahne sehen; und werden wir in Deutschland besiegt, so ist es alsdann noch Zeit, euern Plan zu befolgen.«

Beschlossen wurde also der Uebergang nach Deutschland und der Angriff des Kaisers. Die Zurüstungen wurden aufs lebhafteste betrieben, und die Vorkehrungen, welche Gustav traf, verriethen nicht weniger Vorsicht, als der Entschluß Kühnheit und Größe zeigte. Vor allem war es nöthig, in einem so weit entlegenen Kriege Schweden selbst gegen die zweideutigen Gesinnungen der Nachbarn in Sicherheit zu setzen. Auf einer persönlichen Zusammenkunft mit dem Könige von Dänemark zu Markaröd versicherte sich Gustav der Freundschaft dieses Monarchen; gegen Moskau wurden die Grenzen gedeckt; Polen konnte man von Deutschland aus in Furcht erhalten, wenn es Lust bekommen sollte, den Waffenstillstand zu verletzen. Ein schwedischer Unterhändler, von Falkenberg, welcher Holland und die deutschen Höfe bereiste, machte seinem Herrn von Seiten mehrerer protestantischen Fürsten, die schmeichelhaftesten Hoffnungen, obgleich noch keiner Muth und Verleugnung genug hatte, ein förmliches Bündniß mit ihm einzugehen. Die Städte Lübeck und Hamburg zeigten sich bereitwillig, Geld vorzuschießen und an Zahlungs Statt schwedisches Kupfer anzunehmen. Auch an den Fürsten von Siebenbürgen wurden vertraute Personen abgeschickt, diesen unversöhnlichen Feind Oesterreichs gegen den Kaiser in Waffen zu bringen.

Unterdessen wurden in den Niederlanden und Deutschland schwedische Werbungen eröffnet, die Regimenter vollzählig gemacht, neue errichtet, Schiffe herbeigeschafft, die Flotte gehörig ausgerüstet, Lebensmittel, Kriegsbedürfnisse und Geld so viel nur möglich herbeigetrieben. Dreißig Kriegsschisse waren in kurzer Zeit zum Auslaufen fertig, eine Armee von fünfzehntausend Mann stand bereit, und zweihundert Transportschiffe waren bestimmt, sie überzusetzen. Eine größere Macht wollte Gustav Adolph nicht nach Deutschland hinüberführen, und der Unterhalt derselben hätte auch bis jetzt die Kräfte seines Königreichs überstiegen. Aber so klein diese Armee war, so vortrefflich war die Auswahl seiner Truppen in Disciplin, kriegerischem Muth und Erfahrung, die einen festen Kern zu einer größern Kriegsmacht abgeben konnte, wenn er den deutschen Boden erst erreicht und das Glück seinen ersten Anfang begünstigt haben würde. Oxenstierna, zugleich General und Kanzler, stand mit etwa zehntausend Mann in Preußen, diese Provinz gegen Polen zu vertheidigen. Einige reguläre Trnppen und ein ansehnliches Corps Landmiliz, welches der Hauptarmee zur Pflanzschule diente, blieb in Schweden zurück, damit ein bundbrüchiger Nachbar bei einem schnellen Ueberfall das Königreich nicht unvorbereitet fände.

Dadurch war für die Verteidigung des Reichs gesorgt. Nicht weniger Sorgfalt bewies Gustav Adolph bei Anordnung der innern Regierung. Die Regentschaft wurde dem Reichsrath, das Finanzwesen dem Pfalzgrafen Johann Casimir, dem Schwager des Königs, übertragen; seine Gemahlin, so zärtlich er sie liebte, von allen Regierungsgeschäften entfernt, denen ihre eingeschränkten Fähigkeiten nicht gewachsen waren. Gleich einem Sterbenden bestellte er sein Haus. Am 20sten Mai 1630, nachdem alle Vorkehrungen getroffen und alles zur Abfahrt in Bereitschaft war, erschien der König zu Stockholm in der Reichsversammlung, den Ständen ein feierliches Lebewohl zu sagen. Er nahm hier seine vierjährige Tochter Christina, die in der Wiege schon zu seiner Nachfolgerin erklärt war, auf die Arme, zeigte sie den Ständen als ihre künftige Beherrscherin, ließ ihr auf den Fall, daß er selbst nimmer wiederkehrte, den Eid der Treue erneuern und darauf die Verordnung ablesen, wie es während seiner Abwesenheit oder der Minderjährigkeit seiner Tochter mit der Regentschaft des Reichs gehalten werden sollte. In Thränen zerfloß die ganze Versammlung, und der König selbst brauchte Zeit, um zu seiner Abschiedsrede an die Stände die nöthige Fassung zu erhalten.

»Nicht leichtsinniger Weise,« fing er an, »stürze ich mich und euch in diesen neuen gefahrvollen Krieg. Mein Zeuge ist der allmächtige Gott, daß ich nicht aus Vergnügen fechte. Der Kaiser hat mich in der Person meiner Gesandten aufs grausamste beleidigt, er hat meine Feinde unterstützt, er verfolgt meine Freunde und Brüder, drückt meine Religion in den Staub und streckt die Hand aus nach meiner Krone. Dringend flehen uns die unterdrückten Stände Deutschlands um Hilfe, und wenn es Gott gefällt, so wollen wir sie ihnen geben.

»Ich kenne die Gefahren, denen mein Leben ausgesetzt sein wird. Nie habe ich sie gemieden, und schwerlich werde ich ihnen ganz entgehen. Bis jetzt zwar hat mich die Allmacht wunderbar behütet; aber ich werde doch endlich sterben in der Verteidigung meines Vaterlandes. Ich übergebe euch dem Schutz des Himmels. Seid gerecht, seid gewissenhaft, wandelt unsträflich, so werden wir uns in der Ewigkeit wieder begegnen.

»An euch, meine Reichsräthe, wende ich mich zuerst. Gott erleuchte euch und erfülle euch mit Weisheit, meinem Königreiche stets das Beste zu rathen. Euch, tapfrer Adel, empfehle ich dem göttlichen Schutz. Fahret fort, euch als würdige Nachkommen jener heldenmüthigen Gothen zu erweisen, deren Tapferkeit das alte Rom in den Staub stürzte. Euch, Diener der Kirche, ermahne ich zur Verträglichkeit und Eintracht; seid selbst Muster der Tugenden, die ihr predigt, und mißbraucht nie eure Herrschaft über die Herzen meines Volks. Euch, Deputirte des Bürger- und Bauernstandes, wünsche ich den Segen des Himmels, euerm Fleiß eine erfreuende Ernte, Fülle euern Scheunen, Ueberfluß an allen Gütern des Lebens. Für euch alle, Abwesende und Gegenwärtige, schicke ich aufrichtige Wünsche zum Himmel. Ich sage euch allen mein zärtliches Lebewohl. Ich sage es vielleicht auf ewig.«

Zu Elfsnaben, wo die Flotte vor Anker lag, erfolgte die Einschiffung der Truppen; eine unzählige Menge Volks war herbeigeströmt, dieses eben so prächtige als rührende Schauspiel zu sehen. Die Herzen der Zuschauer waren von den verschiedensten Empfindungen bewegt, je nachdem sie bei der Größe des Wagestücks oder bei der Größe des Mannes verweilten. Unter den hohen Officieren, welche bei diesem Heere commandierten, haben sich Gustav Horn, Rheingraf Otto Ludwig, Heinrich Matthias Graf von Thurn, Ortenburg, Baudissen, Banner, Teufel, Tott, Mutsenfahl, Falkenberg, Kniphausen und Andere mehr einen glänzenden Namen erworben. Die Flotte, von widrigen Winden aufgehalten, konnte erst im Junius unter Segel gehen und erreichte am 24sten dieses Monats die Insel Ruden an der Küste von Pommern.

Gustav Adolph war der Erste, der hier ans Land stieg. Im Angesicht seines Gefolges kniete er nieder auf Deutschlands Erde und dankte der Allmacht für die Erhaltung seiner Armee und seiner Flotte. Auf den Inseln Wollin und Usedom setzte er seine Truppen ans Land; die kaiserlichen Besatzungen verließen sogleich bei seiner Annäherung ihre Schanzen und entflohen. Gleich sein erster Eintritt in Deutschland war Eroberung. Mit Blitzesschnelligkeit erschien er vor Stettin, sich dieses wichtigen Platzes zu versichern, ehe die Kaiserlichen ihm zuvorkämen. Bogisla der Vierzehnte, Herzog von Pommern, ein schwacher und alternder Prinz, war lange schon der Mißhandlungen müde, welche die Kaiserlichen in seinem Lande ausgeübt hatten und fortfuhren auszuüben; aber zu kraftlos, ihnen Widerstand zu thun, hatte er sich mit stillem Murren unter die Uebermacht gebeugt. Die Erscheinung seines Retters, anstatt seinen Muth zu beleben, erfüllte ihn mit Furcht und Zweifeln. So sehr sein Land noch von den Wunden blutete, welche die Kaiserlichen ihm geschlagen, so wenig konnte dieser Fürst sich entschließen, durch offenbare Begünstigung der Schweden die Rache des Kaisers gegen sich zu reizen. Gustav Adolph, unter den Kanonen von Stettin gelagert, forderte diese Stadt auf, schwedische Garnison einzunehmen. Bogisla erschien selbst in dem Lager des Königs, sich diese Einquartierung zu verbitten. »Ich komme als Freund und nicht als Feind zu Ihnen,« antwortete Gustav; »nicht mit Pommern, nicht mit dem deutschen Reiche, nur mit den Feinden desselben führe ich Krieg. In meinen Händen soll dieses Herzogthum heilig aufgehoben sein, und sicherer als von jedem Andern werden Sie es nach geendigtem Feldzug von mir zurückerhalten. Sehen Sie die Fußstapfen der kaiserlichen Truppen in Ihrem Lande, sehen Sie die Spuren der meinigen in Usedom, und wählen Sie, ob Sie den Kaiser oder mich zum Freund haben wollen. Was erwarten Sie, wenn der Kaiser sich Ihrer Hauptstadt bemächtigen sollte? Wird er gnädiger damit verfahren als ich? Oder wollen Sie meinen Siegen Grenzen setzen? Die Sache ist dringend – fassen Sie einen Entschluß, und nöthigen Sie mich nicht, wirksamere Mittel zu ergreifen.«

Die Wahl war schmerzlich für den Herzog von Pommern. Hier der König von Schweden mit einer furchtbaren Armee vor den Thoren seiner Hauptstadt; dort die unausbleibliche Rache des Kaisers und das schreckenvolle Beispiel so vieler deutschen Fürsten, welche als Opfer dieser Rache im Elend herumwanderten. Die dringendere Gefahr bestimmte seinen Entschluß. Die Thore von Stettin wurden dem Könige geöffnet, schwedische Truppen rückten ein, und den Kaiserlichen, die schon in starken Märschen herbeieilten, wurde der Vorsprung abgewonnen. Stettins Einnahme verschaffte dem König in Pommern festen Fuß, den Gebrauch der Oder und einen Waffenplatz für seine Armee. Herzog Bogisla säumte nicht, den gethanen Schritt bei dem Kaiser durch die Notwendigkeit zu entschuldigen und dem Vorwurfe der Verrätherei im Voraus zu begegnen; aber von der Unversöhnlichkeit dieses Monarchen überzeugt, trat er mit seinem neuen Schutzherrn in eine enge Verbindung, um durch die schwedische Freundschaft sich gegen die Rache Oesterreichs in Sicherheit zusetzen. Der König gewann durch diese Allianz mit Pommern einen wichtigen Freund auf deutschem Boden, der ihm den Rücken deckte und den Zusammenhang mit Schweden offen hielt.

Gustav Adolph glaubte sich gegen Ferdinand, der ihn in Preußen zuerst feindlich angegriffen hatte, der hergebrachten Formalitäten überhoben und fing ohne Kriegserklärung die Feindseligkeiten an. Gegen die europäischen Fürsten rechtfertigte er sein Betragen in einem eigenen Manifest, in welchem alle schon angeführten Gründe, die ihn zur Ergreifung der Waffen bewogen, hererzählt wurden. Unterdessen setzte er seine Progressen in Pommern fort und sah mit jedem Tage seine Heere sich vermehren. Von den Truppen, welche unter Mannsfeld, Herzog Christian von Braunschweig, dem Könige von Dänemark und unter Wallenstein gefochten, stellten sich Officiere sowohl als Soldaten schaarenweise dar, unter seinen siegreichen Fahnen zu streiten.

Der Einfall des Königs von Schweden wurde am kaiserlichen Hofe der Aufmerksamkeit bei weitem nicht gewürdigt, welche er bald darauf zu verdienen schien. Der österreichische Stolz, durch das bisherige unerhörte Glück auf den höchsten Gipfel getrieben, sah mit Geringschätzung auf einen Fürsten herab, der mit einer Handvoll Menschen aus einem verachteten Winkel Europens hervorkam und, wie man sich einbildete, seinen bisher erlangten Kriegsruhm bloß der Ungeschicklichkeit eines noch schwächern Feindes verdankte, Die herabsetzende Schilderung, welche Wallenstein, nicht ohne Absicht, von der schwedischen Macht entworfen, vermehrte die Sicherheit des Kaisers; wie hätte er einen Feind achten sollen, den sein Feldherr sich getraute mit Ruthen aus Deutschland zu verjagen? Selbst die reißenden Fortschritte Gustav Adolphs in Pommern konnten dieses Vorurtheil nicht ganz besiegen, welchem der Spott der Höflinge stets neue Nahrung gab. Man nannte ihn in Wien nur die Schneemajestät, welche die Kälte des Nords jetzt zusammenhalte, die aber zusehends schmelzen würde, je näher sie gegen Süden rückte. Die Kurfürsten selbst, welche in Regensburg versammelt waren, würdigten seine Vorstellungen keiner Aufmerksamkeit und verweigerten ihm, aus blinder Gefälligkeit gegen Ferdinand, sogar den Titel eines Königs. Während man in Regensburg und Wien seiner spottete, ging in Pommern und Mecklenburg ein fester Ort nach dem andern an ihn verloren.

Dieser Geringschätzung ungeachtet hatte sich der Kaiser bereitwillig finden lassen, die Mißhelligkeiten mit Schweden durch Unterhandlungen beizulegen, auch zu diesem Ende Bevollmächtigte nach Danzig gesendet. Aber aus ihren Instruktionen erhellte deutlich, wie wenig es ihm damit Ernst war, da er Gustaven noch immer den königlichen Titel verweigerte. Seine Absicht schien bloß dahin zu gehen, das Verhaßte des Angriffs von sich selbst auf den König von Schweden abzuwälzen und sich dadurch auf den Beistand der Reichsstände desto eher Rechnung machen zu können. Fruchtlos, wie zu erwarten gewesen war, zerschlug sich also dieser Congreß zu Danzig, und die Erbitterung beider Theile wurde durch einen heftigen Schriftwechsel aufs höchste getrieben.

Ein kaiserlicher General, Torquato Conti, der die Armee in Pommern commandierte, hatte sich unterdessen vergeblich bemüht, den Schweden Stettin wieder zu entreißen. Aus einem Platz nach dem andern wurden die Kaiserlichen vertrieben; Damm, Stargard, Camin, Wolgast fielen schnell nach einander in des Königs Hand. Um sich an dem Herzog von Pommern zu rächen, ließ der kaiserliche General auf dem Rückzuge seine Truppen die schreiendsten Gewalttätigkeiten gegen die Einwohner Pommerns verüben, welche sein Geiz längst schon aufs grausamste gemißhandelt hatte. Unter dem Vorwande, den Schweden alle Lebensmittel zu entziehen, wurde alles verheert und geplündert, und oft, wenn die Kaiserlichen einen Platz nicht länger zu behaupten wußten, ließen sie ihn in Rauch aufgehen, um dem Feinde nichts als den Schutt zurückzulassen. Aber diese Barbareien dienten nur dazu, das entgegengesetzte Betragen der Schweden in ein desto glänzenderes Licht zu setzen und dem menschenfreundlichen König alle Herzen zu gewinnen. Der schwedische Soldat bezahlte alles, was er brauchte, und von fremdem Eigenthum wurde auf seinem Durchmarsche nichts berührt. In Stadt und Land empfing man daher die schwedischen Heere mit offenen Armen; alle kaiserlichen Soldaten, welche dem pommerischen Landvolk in die Hände fielen, wurden ohne Barmherzigkeit ermordet. Viele Pommern traten in schwedischen Dienst, und die Stände dieses so sehr erschöpften Landes ließen es sich mit Freuden gefallen, dem König eine Contribution von hunderttausend Gulden zu bewilligen.

Torquato Conti, bei aller Härte seines Charakters ein vortrefflicher General, suchte dem König von Schweden den Besitz von Stettin wenigstens unnütz zu machen, da er ihn nicht von diesem Ort zu vertreiben vermochte. Er verschanzte sich zu Garz, oberhalb Stettin, an der Oder, um diesen Fluß zu beherrschen und jener Stadt die Communication zu Wasser mit dem übrigen Deutschland abzuschneiden. Nichts konnte ihn dahin bringen, mit dem Könige von Schweden zu schlagen, der ihm an Mannschaft überlegen war; noch weniger wollte es diesem gelingen, die festen kaiserlichen Verschanzungen zu stürmen. Torquato, von Truppen und Geld allzusehr entblößt, um angriffsweise gegen den König zu agieren, gedachte mit Hilfe dieses Operationsplans dem Grafen Tilly Zeit zu verschaffen, zur Verteidigung Pommerns herbeizueilen und alsdann in Vereinigung mit diesem General auf den König von Schweden loszugehen. Er benutzte sogar einmal die Entfernung des Königs, um sich durch einen unvermuteten Ueberfall Stettins zu bemächtigen. Aber die Schweden ließen sich nicht unvorbereitet finden. Ein lebhafter Angriff der Kaiserlichen wurde mit Standhaftigkeit zurückgeschlagen, und Torquato verschwand mit einem großen Verluste. Nicht zu leugnen ist es, daß Gustav Adolph bei diesem günstigen Anfang ebenso viel dem Glück als seiner Kriegserfahrenheit dankte. Die kaiserlichen Truppen in Pommern waren seit Wallensteins Abdankung aufs tiefste heruntergekommen. Grausam rächten sich ihre Ausschweifungen jetzt an ihnen selbst; ein ausgezehrtes verödetes Land konnte ihnen keinen Unterhalt mehr darbieten. Alle Mannszucht war dahin, keine Achtung mehr für die Befehle der Officiere; zusehends schmolz ihre Anzahl durch häufige Desertionen und durch ein allgemeines Sterben, welches die schneidende Kälte in diesem ungewohnten Klima verursachte. Unter diesen Umständen sehnte sich der kaiserliche General nach Ruhe, um seine Truppen durch die Winterquartiere zu erquicken; aber er hatte mit einem Feinde zu thun, für den unter deutschem Himmel gar kein Winter war. Zur Vorsorge hatte Gustav seine Soldaten mit Schafspelzen versehen lassen, um auch die rauheste Jahreszeit über im Felde zu bleiben. Die kaiserlichen Bevollmächtigten, welche wegen eines Waffenstillstandes zu unterhandeln kamen, erhielten daher die trostlose Antwort: »Die Schweden seien im Winter wie im Sommer Soldaten und nicht geneigt, den armen Landmann noch mehr auszusaugen. Die Kaiserlichen möchten es mit sich halten, wie sie wollten; sie aber gedächten nicht, sich müßig zu verhalten.« Torquato Conti legte bald darauf sein Commando, wobei wenig Ruhm und nun auch kein Geld mehr zu gewinnen war, nieder.

Bei dieser Ungleichheit mußte sich der Vortheil notwendiger Weise auf schwedischer Seite befinden. Unaufhörlich wurden die Kaiserlichen in ihren Winterquartieren beunruhigt, Greifenhagen, ein wichtiger Platz an der Oder, mit Sturm erobert, zuletzt auch die Städte Garz und Pyritz von den Feinden verlassen. Von ganz Pommern waren nur noch Greifswalde, Demmin und Kolberg in ihren Händen, zu deren Belagerung der König ungesäumt die nachdrücklichsten Anstalten machte. Der fliehende Feind nahm seinen Weg nach der Mark Brandenburg, nicht ohne großen Verlust an Artillerie, Bagage und Mannschaft, welche den nacheilenden Schweden in die Hände fielen.

Durch Einnahme der Pässe bei Ribnitz und Damgarten hatte sich Gustav den Eingang in das Herzogthum Mecklenburg eröffnet, dessen Untertanen durch ein vorangeschicktes Manifest aufgefordert wurden, unter die Herrschaft ihrer rechtmäßigen Regenten zurückzukehren und alles, was Wallensteinisch wäre, zu verjagen. Durch Betrug bekamen aber die kaiserlichen die wichtige Stadt Rostock in ihre Gewalt, welches den König, der seine Macht nicht gern theilen wollte, an fernerem Vorrücken hinderte. Vergebens hatten indessen die vertriebenen Herzoge von Mecklenburg, durch die zu Regensburg versammelten Fürsten, bei dem Kaiser fürsprechen lassen; vergebens hatten sie, um den Kaiser durch Unterwürfigkeit zu gewinnen, das Bündniß mit Schweden und jeden Weg der Selbsthilfe verschmäht. Durch die hartnäckige Weigerung des Kaisers zur Verzweiflung gebracht, ergriffen sie jetzt öffentlich die Partei des Königs von Schweden, warben Truppen und übertrugen das Commando darüber dem Herzog Franz Karl von Sachsen-Lauenburg. Dieser bemächtigte sich auch wirklich einiger festen Plätze an der Elbe, verlor sie aber bald wieder an den kaiserlichen General Pappenheim, der gegen ihn geschickt wurde. Bald darauf, in der Stadt Ratzeburg von letzterm belagert, sah er sich, nach einem vergeblichen Versuch zu entfliehen, genöthigt, sich mit seiner ganzen Mannschaft zu Gefangenen zu ergeben. So verschwand denn aufs neue die Hoffnung dieser unglücklichen Fürsten zum Wiedereintritt in ihre Lande, und dem siegreichen Arme Gustav Adolphs allein war es aufbehalten, ihnen diese glänzende Gerechtigkeit zu erzeigen.

Die flüchtigen kaiserlichen Schaaren hatten sich in die Mark Brandenburg geworfen, welche sie jetzt zum Schauplatz ihrer Gräuelthaten machten. Nicht zufrieden, die willkürlichsten Schatzungen einzufordern und den Bürger durch Einquartierungen zu drücken, durchwühlten diese Unmenschen auch noch das Innere der Häuser, zerschlugen, erbrachen alles, was verschlossen war, raubten allen Vorrath, den sie fanden, mißhandelten auf das entsetzlichste, wer sich zu widersetzen wagte, entehrten das Frauenzimmer, selbst an heiliger Stätte. Und alles dies geschah nicht in Feindes Land – es geschah gegen die Unterthanen eines Fürsten, von welchem der Kaiser nicht beleidigt war, dem er trotz diesem allen noch zumuthete, die Waffen gegen den König von Schweden zu ergreifen. Der Anblick dieser entsetzlichen Ausschweifungen, welche sie aus Mangel an Ansehen und aus Geldnoth geschehen lassen mußten, erweckte selbst den Unwillen der kaiserlichen Generale, und ihr oberster Chef, Graf von Schaumburg, wollte schamroth das Commando niederlegen. Zu arm an Soldaten, um sein Land zu vertheidigen, und ohne Hilfe gelassen von dem Kaiser, der zu den beweglichsten Vorstellungen schwieg, befahl endlich der Kurfürst von Brandenburg seinen Unterthanen in einem Edikt, Gewalt mit Gewalt zu vertreiben und jeden kaiserlichen Soldaten, der über der Plünderung ergriffen würde, ohne Schonung zu ermorden. Zu einem solchen Grade war der Gräuel der Mißhandlung und das Elend der Regierung gestiegen, daß dem Landesherrn nur das verzweifelte Mittel übrig blieb, die Selbstrache zu befehlen.

Die Kaiserlichen hatten die Schweden in die Mark Brandenburg nachgezogen, und nur die Weigerung des Kurfürsten, ihm die Festung Küstrin zum Durchmarsch zu öffnen, hatte den König abhalten können, Frankfurt an der Oder zu belagern. Er ging zurück, die Eroberung Pommerns durch Einnahme von Demmin und Kolberg zu vollenden; unterdessen war der Feldmarschall Tilly im Anzuge, die Mark Brandenburg zu vertheidigen.

Dieser General, der sich rühmen konnte, noch keine Schlacht verloren zu haben, der Ueberwinder Mannsfelds, Christians von Braunschweig, des Markgrafen von Baden und des Königs von Dänemark, sollte jetzt an dem König von Schweden einen würdigen Gegner finden. Tilly stammte aus einer edlen Familie in Lüttich und hatte in dem niederländischen Kriege, der damaligen Feldherrnschule, seine Talente ausgebildet. Bald darauf fand er Gelegenheit, seine erlangten Fähigkeiten unter Kaiser Rudolph dem Zweiten in Ungarn zu zeigen, wo er sich schnell von einer Stufe zur andern emporschwang. Nach geschlossenem Frieden trat er in die Dienste Maximilians von Bayern, der ihn zum Oberfeldherrn mit unumschränkter Gewalt ernannte. Tilly wurde durch seine vortrefflichen Einrichtungen der Schöpfer der bayerischen Kriegsmacht, und ihm vorzüglich hatte Maximilian seine bisherige Ueberlegenheit im Felde zu danken. Nach geendigtem böhmischen Kriege wurde ihm das Commando der liguistischen Truppen und jetzt, nach Wallensteins Abgang, das Generalat über die ganze kaiserliche Armee übertragen. Eben so streng gegen seine Truppen, eben so blutdürstig gegen den Feind, von eben so finsterer Gemüthsart als Wallenstein, ließ er diesen an Bescheidenheit und Uneigennützigkeit weit hinter sich zurück. Ein blinder Religionseifer und ein blutdürstiger Verfolgungsgeist vereinigten sich mit der natürlichen Wildheit seines Charakters, ihn zum Schrecken der Protestanten zu machen. Ein bizarres und schreckhaftes Aeußere entsprach dieser Gemüthsart. Klein, hager, mit eingefallenen Wangen, langer Nase, breiter gerunzelter Stirn, starkem Knebelbart und unten zugespitztem Gesichte, zeigte er sich gewöhnlich in einem spanischen Wamms von hellgrünem Atlaß mit aufgeschlitzten Aermeln. auf dem Kopfe einen kleinen, hoch aufgestutzten Hut, mit einer rothen Straußfeder geziert, die bis auf den Rücken niederwallte. Sein ganzer Anblick erinnerte an den Herzog von Alba, den Zuchtmeister der Flamänder, und es fehlte viel, daß seine Thaten diesen Eindruck auslöschten. So war der Feldherr beschaffen, der sich dem nordischen Heroen jetzt entgegenstellte.

Tilly war weit entfernt, seinen Gegner gering zu schätzen. »Der König von Schweden,« erklärte er auf der Kurfürstenversammlung zu Regensburg, »ist ein Feind von eben so großer Klugheit als Tapferkeit, abgehärtet zum Krieg, in der besten Blüthe seiner Jahre. Seine Anstalten sind vortrefflich, seine Hilfsmittel nicht gering; die Stände seines Reichs sind äußerst willfährig gegen ihn gewesen. Seine Armee, aus Schweden, Deutschen, Livländern, Finnländern, Schotten und Engländern zusammengegossen, ist zu einer einzigen Nation gemacht durch blinden Gehorsam. Dies ist ein Spieler, gegen welchen nicht verloren zu haben, schon überaus viel gewonnen ist.«

Die Fortschritte des Königs von Schweden in Brandenburg und Pommern ließen den neuen Generalissimus keine Zeit verlieren, und dringend forderten die dort commandierenden Feldherren seine Gegenwart. In möglichster Schnelligkeit zog er die kaiserlichen Truppen, die durch ganz Deutschland zerstreut waren, an sich; aber es kostete viel Zeit, aus den verödeten und verarmten Provinzen die nöthigen Kriegsbedürfnisse zusammenzubringen. Endlich erschien er in der Mitte des Winters an der Spitze von zwanzigtausend Mann vor Frankfurt an der Oder, wo er sich mit dem Ueberrest der Schaumburgischen Truppen vereinigte. Er übergab diesem Feldherrn die Verteidigung Frankfurts mit einer hinlänglich starken Besatzung, und er selbst wollte nach Pommern eilen, um Demmin zu retten und Kolberg zu entsetzen, welche Stadt von den Schweden schon aufs äußerste gebracht war. Aber noch ehe er Brandenburg verließ, hatte sich Demmin, von dem Herzog Savelli äußerst schlecht verteidigt, an den König ergeben, und auch Kolberg ging wegen Hungersnoth nach fünfmonatlicher Belagerung über. Da die Pässe nach Vorpommern aufs beste besetzt waren und das Lager des Königs bei Schwedt jedem Angriffe Trotz bot, so entsagte Tilly seinem ersten angreifenden Plan und zog sich rückwärts nach der Elbe – um Magdeburg zu belagern.

Durch Wegnahme von Demmin stand es dem König frei, unaufgehalten ins Mecklenburgische zu dringen; aber ein wichtigeres Unternehmen zog seine Waffen nach einer andern Gegend. Tilly hatte kaum seinen Rückmarsch angetreten, als er sein Lager zu Schwedt plötzlich aufhob und mit seiner ganzen Macht gegen Frankfurt an der Oder anrückte. Diese Stadt war schlecht befestigt, aber durch eine achttausend Mann starke Besatzung vertheidigt, größtenteils Ueberrest jener wüthenden Banden, welche Pommern und Brandenburg gemißhandelt hatten. Der Angriff geschah mit Lebhaftigkeit, und schon am dritten Tage wurde die Stadt mit stürmender Hand erobert. Die Schweden, des Sieges gewiß, verwarfen, obgleich die Feinde zweimal Schamade schlugen, die Capitulation, um das schreckliche Recht der Wiedervergeltung auszuüben. Tilly hatte nämlich gleich nach seiner Ankunft in diesen Gegenden eine schwedische Besatzung, die sich verspätet hatte, in Neubrandenburg aufgehoben und, durch ihren lebhaften Widerstand gereizt, bis auf den letzten Mann niederhauen lassen. Dieser Grausamkeit erinnerten sich jetzt die Schweden, als Frankfurt erstiegen ward. Neubrandenburgisch Quartier! antwortete man jedem kaiserlichen Soldaten, der um sein Leben bat, und stieß ihn ohne Barmherzigkeit nieder. Einige tausend wurden erschlagen oder gefangen, viele ertranken in der Oder, der Ueberrest floh nach Schlesien, die ganze Artillerie gerieth in schwedische Hände. Dem Ungestüm seiner Soldaten nachzugeben, mußte Gustav Adolph eine dreistündige Plünderung erlauben.

Indem dieser König von einem Siege zum andern forteilte, der Muth der protestantischen Stände dadurch wuchs und ihr Widerstand lebhafter wurde, fuhr der Kaiser noch unverändert fort, durch Vollstreckung des Restitutionsedikts und durch übertriebene Zumuthungen an die Stände ihre Geduld aufs Aeußerste zu treiben. Notgedrungen schritt er jetzt auf den gewalttätigen Wegen fort, die er anfangs aus Uebermuth betreten hatte; den Verlegenheiten, in welche ihn sein willkürliches Verfahren gestürzt hatte, wußte er jetzt nicht anders als durch eben so willkürliche Mittel zu entgehen. Aber in einem so künstlich organisierten Staatskörper, wie der deutsche ist und immer war, mußte die Hand des Despotismus die unübersehlichsten Zerrüttungen anrichten. Mit Erstaunen sahen die Fürsten unvermerkt die ganze Reichsverfassung umgekehrt, und der eintretende Zustand der Natur führte sie zur Selbsthilfe, dem einzigen Rettungsmittel in dem Zustand der Natur. Endlich hatten doch die offenbaren Schritte des Kaisers gegen die evangelische Kirche von den Augen Johann Georgs die Binde weggezogen, welche ihm so lange die betrügerische Politik dieses Prinzen verbarg. Durch Ausschließung seines Sohnes von dem Erzstifte zu Magdeburg hatte ihn Ferdinand persönlich beleidigt, und der Feldmarschall von Arnheim, sein neuer Günstling und Minister, verabsäumte nichts, die Empfindlichkeit seines Herrn aufs Höchste zu treiben. Vormals kaiserlicher General unter Wallensteins Commando und noch immer dessen eifrig ergebener Freund, suchte er seinen alten Wohlthäter und sich selbst an dem Kaiser zu rächen und den Kurfürsten von Sachsen von dem österreichischen Interesse abzuziehen. Die Erscheinung der Schweden in Deutschland mußte ihm die Mittel dazu darbieten. Gustav Adolph war unüberwindlich, sobald sich die protestantischen Stände mit ihm vereinigten, und nichts beunruhigte den Kaiser mehr. Kursachsens Beispiel konnte die Erklärung aller übrigen nach sich ziehen, und das Schicksal des Kaisers schien sich gewissermaßen in den Händen Johann Georgs zu befinden. Der listige Günstling machte dem Ehrgeize seines Herrn diese seine Wichtigkeit fühlbar und ertheilte ihm den Rath, den Kaiser durch ein angedrohtes Bündniß mit Schweden in Schrecken zu setzen, um von der Furcht dieses Prinzen zu erhalten, was von der Dankbarkeit desselben nicht zu erwarten sei. Doch hielt er dafür, die Allianz mit Schweden nicht wirklich abschließen, um immer wichtig zu sein und immer freie Hand zu behalten. Er begeisterte ihn für den stolzen Plan (dem nichts als eine verständigere Hand zur Vollstreckung fehlte), die ganze Partei der Protestanten an sich zu ziehen, eine dritte Macht in Deutschland aufzustellen und in der Mitte zwischen Schweden und Oesterreich die Entscheidung in den Händen zu tragen.

Dieser Plan mußte der Eigenliebe Johann Georgs um so mehr schmeicheln, da es ihm gleich unerträglich war, in die Abhängigkeit von Schweden zu gerathen und länger unter der Tyrannei des Kaisers zu bleiben. Nicht mit Gleichgültigkeit konnte er sich die Führung der deutschen Angelegenheiten von einem auswärtigen Prinzen entrissen sehen, und so wenig Fähigkeit er auch besaß, die erste Rolle zu spielen, so wenig ertrug es seine Eitelkeit, sich mit der zweiten zu begnügen. Er beschloß also, von den Progressen des schwedischen Königs die möglichsten Vortheile für seine eigene Lage zu ziehen, aber unabhängig von diesem seinen eigenen Plan zu verfolgen. Zu diesem Ende besprach er sich mit dem Kurfürsten von Brandenburg, der aus ähnlichen Ursachen gegen den Kaiser entrüstet und auf Schweden mißtrauisch war. Nachdem er sich auf einem Landtage zu Torgau seiner eigenen Landstände versichert hatte, deren Beistimmung ihm zur Ausführung seines Plans unentbehrlich war, so lud er alle evangelischen Stände des Reichs zu einem Generalconvent ein, welcher am 6ten Februar 1631 zu Leipzig eröffnet werden sollte. Brandenburg, Hessen-Kassel, mehrere Fürsten, Grafen, Reichsstände, protestantische Bischöfe erschienen entweder selbst oder durch Bevollmächtigte auf dieser Versammlung, welche der sächsische Hofprediger, Dr. Hohe von Hohenegg, mit einer heftigen Kanzelrede eröffnete. Vergebens hatte sich der Kaiser bemüht, diese eigenmächtige Zusammenkunft, welche augenscheinlich auf Selbsthilfe zielte und bei der Anwesenheit der Schweden in Deutschland höchst bedenklich war, zu hintertreiben. Die versammelten Fürsten, von den Fortschritten Gustav Adolphs belebt, behaupteten ihre Rechte und gingen nach Verlauf zweier Monate mit einem merkwürdigen Schluß auseinander, der den Kaiser in nicht geringe Verlegenheit setzte. Der Inhalt desselben war, den Kaiser in einem gemeinschaftlichen Schreiben um Aufhebung des Restitutionsediktes, Zurückziehung seiner Truppen aus ihren Residenzen und Festungen, Einstellung der Exekutionen und Abstellung aller bisherigen Mißbräuche nachdrücklich zu ersuchen – einstweilen aber eine vierzigtausend Mann starke Armee zusammenzubringen, um sich selbst Recht zu schaffen, wenn der Kaiser es ihnen verweigerte.

Ein Umstand kam noch hinzu, der nicht wenig dazu beitrug, die Entschlossenheit der protestantischen Fürsten zu vermehren. Endlich hatte der König von Schweden die Bedenklichkeiten besiegt, welche ihn bisher von einer nähern Verbindung mit Frankreich zurückschreckten, und war am 13ten Jänner dieses 1631sten Jahres in eine förmliche Allianz mit dieser Krone getreten. Nach einem sehr ernsthaften Streite über die künftige Behandlungsart der katholischen Reichsfürsten, welche Frankreich in Schutz nahm, Gustav hingegen das Recht der Wiedervergeltung empfinden lassen wollte, und nach einem minder wichtigen Zank über den Titel Majestät, den der französische Hochmuth dem schwedischen Stolze verweigerte, gab endlich Richelieu in dem zweiten, Gustav Adolph in dem ersten Artikel nach, und zu Beerwald in der Neumark wurde der Allianztraktat unterzeichnet. Beide Mächte verpflichteten sich in demselben, sich wechselseitig und mit gewaffneter Hand zu beschützen, ihre gemeinschaftlichen Freunde zu vertheidigen, den vertriebenen Reichsfürsten wieder zu ihren Ländern zu helfen und an den Grenzen, wie in dem Innern Deutschlands, alles eben so wieder herzustellen, wie es vor dem Ausbruch des Krieges gewesen war. Zu diesem Ende sollte Schweden eine Armee von dreißigtausend Mann auf eigene Kosten in Deutschland unterhalten, Frankreich hingegen viermalhunderttausend Thaler jährlicher Hilfsgelder den Schweden entrichten. Würde das Glück die Waffen Gustavs begünstigen, so sollten in den eroberten Plätzen die katholische Religion und die Reichsgesetze ihm heilig sein und gegen beide nichts unternommen werden, allen Ständen und Fürsten in und außer Deutschland, selbst den katholischen, der Zutritt zu diesem Bündnisse offenstehen, kein Theil ohne Wissen und Willen des andern einen einseitigen Frieden mit dem Feinde schließen, das Bündniß selbst fünf Jahre dauern.

So großen Kampf es dem König von Schweden gekostet hatte, von Frankreich Sold anzunehmen und einer ungebundenen Freiheit in Führung des Krieges zu entsagen, so entscheidend war diese französische Allianz für seine Angelegenheiten in Deutschland. Jetzt erst, nachdem er durch die ansehnlichste Macht in Europa gedeckt war, fingen die deutschen Reichsstände an, Vertrauen zu seiner Unternehmung zu fassen, für deren Erfolg sie bisher nicht ohne Ursache gezittert hatten. Jetzt erst wurde er dem Kaiser fürchterlich. Selbst die katholischen Fürsten, welche Oesterreichs Demüthigung wünschten, sahen ihn jetzt mit weniger Mißtrauen in Deutschland Fortschritte machen, weil ihm das Bündniß mit einer katholischen Macht Schonung gegen ihre Religion auferlegte. So wie Gustav Adolphs Erscheinung die evangelische Religion und deutsche Freiheit gegen die Uebermacht Kaiser Ferdinands beschützte, ebenso konnte nunmehr Frankreichs Dazwischenkunft die katholische Religion und deutsche Freiheit gegen eben diesen Gustav Adolph in Schutz nehmen, wenn ihn die Trunkenheit des Glücks über die Schranken der Mäßigung hiuwegführen sollte

Der König von Schweden säumte nicht, die Fürsten des Leipziger Bundes von dem mit Frankreich geschlossenen Traktat zu unterrichten und sie zugleich zu einer näheren Verbindung mit ihm einzuladen. Auch Frankreich unterstützte ihn in diesem Gesuch und sparte keine Vorstellungen, den Kurfürsten von Sachsen zu bewegen. Gustav Adolph wollte sich mit einer heimlichen Unterstützung begnügen, wenn die Fürsten es jetzt noch für zu gewagt halten sollten, sich öffentlich für seine Partei zu erklären. Mehrere Fürsten machten ihm zu Annehmung seiner Vorschläge Hoffnung, sobald sie nur Lust bekommen sollten; Johann Georg, immer voll Eifersucht und Mißtrauen gegen den König von Schweden, immer seiner eigennützigen Politik getreu, konnte sich zu keiner entscheidenden Erklärung entschließen.

Der Schluß des Leipziger Convents und das Bündniß zwischen Frankreich und Schweden waren zwei gleich schlimme Zeitungen für den Kaiser. Gegen jenen nahm er die Donner seiner kaiserlichen Machtsprüche zu Hilfe, und bloß eine Armee fehlte ihm, um Frankreich wegen dieser seinen ganzen Unwillen empfinden zu lassen. Abmahnungsschreiben ergingen an alle Theilnehmer des Leipziger Bundes, welche ihnen die Truppenwerbung aufs strengste untersagten. Sie antworteten mit heftigen Widerklagen, rechtfertigten ihr Betragen durch das natürliche Recht und fuhren fort, sich in Rüstung zu setzen.

Die Generale des Kaisers sahen sich unterdessen aus Mangel an Truppen und an Geld zu der mißlichen Wahl gebracht, entweder den König von Schweden oder die deutschen Reichsstände außer Augen zu lassen, da sie mit einer getheilten Macht beiden zugleich nicht gewachsen waren. Die Bewegungen der Protestanten zogen ihre Aufmerksamkeit nach dem Innern des Reichs; die Progressen des Königs in der Mark Brandenburg, welcher die kaiserlichen Erblande schon in der Nähe bedrohte, forderten sie dringend auf, dorthin ihre Waffen zu kehren. Nach Frankfurts Eroberung hatte sich der König gegen Landsberg an der Wartha gewendet, und Tilly kehrte nun, nach einem zu späten Versuche, jene Stadt zu retten, nach Magdeburg zurück, die angefangene Belagerung mit Ernst fortzusetzen.

Das reiche Erzbisthum, dessen Hauptsitz die Stadt Magdeburg war, hatten schon seit geraumer Zeit evangelische Prinzen aus dem brandenburgischen Hause besessen, welche ihre Religion darin einführten. Christian Wilhelm, der letzte Administrator, war durch seine Verbindung mit Dänemark in die Reichsacht verfallen, wodurch das Domcapitel sich bewogen sah, um nicht die Rache des Kaisers gegen das Erzstift zu reizen, ihn förmlich seiner Würde zu entsetzen. An seiner Statt postulierte es den Prinzen Johann August, zweiten Sohn des Kurfürsten von Sachsen, den aber der Kaiser verwarf, um seinem eigenen Sohne Leopold dieses Erzbisthum zuzuwenden. Der Kurfürst von Sachsen ließ darüber ohnmächtige Klagen an dem kaiserlichen Hofe erschallen; Christian Wilhelm von Brandenburg ergriff thätigere Maßregeln. Der Zuneigung des Volks und Magistrats zu Magdeburg versichert und von chimärischen Hoffnungen erhitzt, glaubte er sich im Stande, alte Hindernisse zu besiegen, welche der Ausspruch des Capitels, die Concurrenz mit zwei mächtigen Mitbewerbern und das Restitutionsedikt seiner Wiederherstellung entgegensetzten. Er that eine Reise nach Schweden und suchte sich durch das Versprechen einer wichtigen Diversion in Deutschland der Unterstützung Gustavs zu versichern. Dieser König entließ ihn nicht ohne Hoffnung seines nachdrücklichen Schutzes, schärfte ihm aber dabei ein, mit Klugheit zu verfahren.

Kaum hatte Christian Wilhelm die Landung seines Beschützers in Pommern erfahren, so schlich er sich, mit Hilfe einer Verkleidung, in Magdeburg ein. Er erschien plötzlich in der Rathsversammlung. erinnerte den Magistrat an alle Drangsale, welche Stadt und Land seitdem von den kaiserlichen Truppen erfahren, an die verderblichen Anschläge Ferdinands, an die Gefahr der evangelischen Kirche. Nach diesem Eingange entdeckte er ihnen, daß der Zeitpunkt ihrer Befreiung erschienen sei, und daß ihnen Gustav Adolph seine Allianz und allen Beistand anbiete. Magdeburg, eine der wohlhabendsten Städte Deutschlands, genoß unter der Regierung seines Magistrats einer republikanischen Freiheit, welche seine Bürger mit einer heroischen Kühnheit beseelte. Davon hatten sie bereits gegen Wallenstein, der, von ihrem Reichthum angelockt, die übertriebensten Forderungen an sie machte, rühmliche Proben abgelegt und in einem muthigen Widerstand ihre Rechte behauptet. Ihr ganzes Gebiet hatte zwar die zerstörende Wuth seiner Truppen erfahren, aber Magdeburg selbst entging seiner Rache. Es war also dem Administrator nicht schwer, Gemüther zu gewinnen, denen die erlittenen Mißhandlungen noch in frischem Andenken waren. Zwischen der Stadt und dem König von Schweden kam ein Bündniß zu Stande, in welchem Magdeburg dem König ungehinderten Durchzug durch ihr Gebiet und ihre Thore und die Werbefreiheit auf ihrem Grund und Boden verstattete und die Gegenversicherung erhielt, bei ihrer Religion und ihren Privilegien aufs gewissenhafteste geschützt zu werden.

Sogleich zog der Administrator Kriegsvölker zusammen und fing die Feindseligkeiten voreilig an, ehe Gustav Adolph nahe genug war, ihn mit seiner Macht zu unterstützen. Es glückte ihm, einige kaiserliche Corps in der Nachbarschaft aufzuheben, kleine Eroberungen zu machen und sogar Halle zu überrumpeln. Aber die Annäherung eines kaiserlichen Heeres nöthigte ihn bald, in aller Eilfertigkeit und nicht ohne Verlust den Rückweg nach Magdeburg zu nehmen. Gustav Adolph, obgleich unzufrieden über diese Voreiligkeit, schickte ihm in der Person Dietrichs von Falkenberg einen erfahrenen Officier, um die Kriegsoperationen zu leiten und dem Administrator mit seinem Rathe beizustehen. Eben diesen Falkenberg ernannte der Magistrat zum Commandanten der Stadt, so lange der Krieg dauern würde. Das Heer des Prinzen sah sich von Tag zu Tag durch den Zulauf aus den benachbarten Städten vergrößert, erhielt mehrere Vortheile über die kaiserlichen Regimenter, welche dagegen geschickt wurden, und konnte mehrere Monate einen kleinen Krieg mit vielem Glück unterhalten.

Endlich näherte sich der Graf von Pappenheim, nach beendigtem Zuge gegen den Herzog von Sachsen-Lauenburg, der Stadt, vertrieb in kurzer Zeit die Truppen des Administrators aus allen umliegenden Schanzen, hemmte dadurch alle Communication mit Sachsen und schickte sich ernstlich an, die Stadt einzuschließen. Bald nach ihm kam auch Tilly, forderte den Administrator in einem drohenden Schreiben auf, sich dem Restitutionsedikt nicht länger zu widersetzen, den Befehlen des Kaisers sich zu unterwerfen und Magdeburg zu übergeben. Die Antwort des Prinzen war lebhaft und kühn und bestimmte den kaiserlichen Feldherrn, ihm den Ernst der Waffen zu zeigen.

Indessen wurde die Belagerung wegen der Fortschritte des Königs von Schweden, die den kaiserlichen Feldherrn von der Stadt abriefen, eine Zeit lang verzögert, und die Eifersucht der in seiner Abwesenheit commandierenden Generale verschaffte Magdeburg noch auf einige Monate Frist. Am 30sten März 1631 erschien endlich Tilly wieder, um von jetzt an die Belagerung mit Eifer zu betreiben.

In kurzer Zeit waren alle Außenwerke erobert, und Falkenberg selbst hatte die Besatzungen, welche nicht mehr zu retten waren, zurückgezogen und die Elbbrücke abwerfen lassen. Da es an hinlänglichen Truppen fehlte, die weitläufige Festung mit den Vorstädten zu vertheidigen, so wurden auch die Vorstädte Sudenburg und Neustadt dem Feinde preisgegeben, der sie sogleich in die Asche legte. Pappenheim trennte sich von Tilly, ging bei Schönebeck über die Elbe, um von der andern Seite die Stadt anzugreifen.

Die Besatzung, durch die vorhergehenden Gefechte in den Außenwerken geschwächt, belief sich nicht über zweitausend Mann Fußvolks und einige Hundert Reiterei: eine sehr schwache Anzahl für eine so große und noch dazu unregelmäßige Festung. Diesen Mangel zu ersetzen, bewaffnete man die Bürger; ein verzweifelter Ausweg, der größern Schaden anrichtete, als er verhütete. Die Bürger, an sich selbst schon sehr mittelmäßige Soldaten, stürzten durch ihre Uneinigkeit die Stadt ins Verderben. Dem Aermern that es weh, daß man ihm allein alle Lasten aufwälzte, ihn allein allem Ungemach, allen Gefahren bloßstellte, während der Reiche seine Dienerschaft schickte und sich in seinem Hause gütlich that. Der Unwille brach zuletzt in ein allgemeines Murren aus; Gleichgültigkeit trat an die Stelle des Eifers, Ueberdruß und Nachlässigkeit im Dienst an die Stelle der wachsamen Vorsicht. Diese Trennung der Gemüther, mit der steigenden Noth verbunden, gab nach und nach einer kleinmüthigen Ueberlegung Raum, daß Mehrere schon anfingen, über die Verwegenheit ihres Unternehmens aufgeschreckt zu werden und vor der Allmacht des Kaisers zu erbeben, gegen welchen man im Streit begriffen sei. Aber der Religionsfanatismus, die feurige Liebe der Freiheit, der unüberwindliche Widerwille gegen den kaiserlichen Namen, die wahrscheinliche Hoffnung eines nahen Entsatzes entfernten jeden Gedanken an Uebergabe; und so sehr man in allem Andern getrennt sein mochte, so einig war man, sich bis aufs Aeußerste zu vertheidigen.

Die Hoffnung der Belagerten, sich entsetzt zu sehen, war auf die höchste Wahrscheinlichkeit gegründet. Sie wußten um die Bewaffnung des Leipziger Bundes, sie wußten um die Annäherung Gustav Adolphs; beiden war die Erhaltung Magdeburgs gleich wichtig, und wenige Tagemärsche konnten den König von Schweden vor ihre Mauern bringen. Alles dieses war dem Grafen Tilly nicht unbekannt, und eben darum eilte er so sehr, sich, auf welche Art es auch sein möchte, von Magdeburg Meister zu machen. Schon hatte er, der Uebergabe wegen, einen Trompeter mit verschiedenen Schreiben an den Administrator, Commandanten und Magistrat abgesendet, aber zur Antwort erhalten, daß man lieber sterben als sich ergeben würde. Ein lebhafter Ausfall der Bürger zeigte ihm, daß der Muth der Belagerten nichts weniger als erkaltet sei, und die Ankunft des Königs zu Potsdam, die Streifereien der Schweden selbst bis vor Zerbst mußten ihn mit Unruhe so wie die Einwohner Magdeburgs mit den frohesten Hoffnungen erfüllen. Ein zweiter Trompeter, den er an sie abschickte, und der gemäßigtere Ton seiner Schreibart bestärkte sie noch mehr in ihrer Zuversicht – aber nur, um sie in eine desto tiefere Sorglosigkeit zu stürzen.

Die Belagerer waren unterdessen mit ihren Approchen bis an den Stadtgraben vorgedrungen und beschossen von den aufgeworfenen Batterien aufs heftigste Wall und Thürme. Ein Thurm wurde ganz eingestürzt, aber ohne den Angriff zu erleichtern, da er nicht in den Graben fiel, sondern sich seitwärts an den Wall anlehnte. Des anhaltenden Bombardierens ungeachtet, hatte der Wall nicht viel gelitten, und die Wirkung der Feuerkugeln, welche die Stadt in Brand stecken sollten, wurde durch vortreffliche Gegenanstalten vereitelt. Aber der Pulvervorrath der Belagerten war bald zu Ende, und das Geschütz der Festung hörte nach und nach auf, den Belagerern zu antworten. Ehe neues Pulver bereitet war, mußte Magdeburg entsetzt sein, oder es war verloren. Jetzt war die Hoffnung in der Stadt aufs höchste gestiegen und mit heftiger Sehnsucht alle Blicke nach der Gegend hingekehrt, von welcher die schwedischen Fahnen wehen sollten. Gustav Adolph hielt sich nahe genug auf, um am dritten Tage vor Magdeburg zu stehen. Die Sicherheit steigt mit der Hoffnung, und alles trägt dazu bei, sie zu verstärken. Am 9ten Mai fängt unerwartet die feindliche Kanonade an zu schweigen, von mehrern Batterieen werden die Stücke abgeführt. Todte Stille im kaiserlichen Lager. Alles überzeugt die Belagerten, daß ihre Rettung nahe sei. Der größte Theil der Bürger und Soldatenwache verläßt früh Morgens seinen Posten auf dem Wall, um endlich einmal nach langer Arbeit des süßen Schlafs sich zu erfreuen – aber ein theurer Schlaf und ein entsetzliches Erwachen!

Tilly hatte endlich der Hoffnung entsagt, auf dem bisherigen Wege der Belagerung sich noch vor Ankunft der Schweden der Stadt bemeistern zu können; er beschloß also, sein Lager aufzuheben, zuvor aber noch einen Generalsturm zu wagen. Die Schwierigkeiten waren groß, da keine Bresche noch geschossen und die Festungswerke kaum beschädigt waren. Aber der Kriegsrath, den er versammelte, erklärte sich für den Sturm und stützte sich dabei auf das Beispiel von Mastricht, welche Stadt früh Morgens, da Bürger und Soldaten sich zur Ruhe begeben, mit stürmender Hand überwältigt worden sei. An vier Orten zugleich sollte der Angriff geschehen; die ganze Nacht zwischen dem 9ten und 10ten wurde mit den nöthigen Anstalten zugebracht. Alles war in Bereitschaft und erwartete, der Abrede gemäß, früh um fünf Uhr das Zeichen mit den Kanonen. Dieses erfolgte, aber erst zwei Stunden später, indem Tilly, noch immer zweifelhaft wegen des Erfolgs, noch einmal den Kriegsrath versammelte. Pappenheim wurde beordert, auf die neustädtischen Werke den Angriff zu thun; ein abhängiger Wall und ein trockner, nicht allzu tiefer Graben kamen ihm dabei zu Statten. Der größte Theil der Bürger und Soldaten hatte die Wälle verlassen, und die wenigen Zurückgebliebenen fesselte der Schlaf. So wurde es diesem General nicht schwer, der Erste den Wall zu ersteigen.

Falkenberg, aufgeschreckt durch das Knallen des Musketenfeuers, eilte von dem Rathhause, wo er eben beschäftigt war, den zweiten Trompeter des Tilly abzufertigen, mit einer zusammengerafften Mannschaft nach dem neustädtischen Thore, das der Feind schon überwältigt hatte. Hier zurückgeschlagen, flog dieser tapfere General nach einer andern Seite, wo eine zweite feindliche Partei schon im Begriff war, die Werke zu ersteigen. Umsonst ist sein Widerstand; schon zu Anfang des Gefechts strecken die feindlichen Kugeln ihn zu Boden. Das heftige Musketenfeuer, das Läuten der Sturmglocken, das überhand nehmende Getöse machen endlich den erwachenden Bürgern die drohende Gefahr bekannt. Eilfertig werfen sie sich in ihre Kleider, greifen zum Gewehr, stürzen in blinder Betäubung dem Feind entgegen. Noch war Hoffnung übrig, ihn zurückzutreiben, aber der Commandant getödtet, kein Plan im Angriff, keine Reiterei, in seine verwirrten Glieder einzubrechen, endlich kein Pulver mehr, das Feuer fortzusetzen. Zwei andere Thore, bis jetzt noch unangegriffen, werden von Verteidigern entblößt, um der dringenden Noth in der Stadt zu begegnen. Schnell benutzt der Feind die dadurch entstandene Verwirrung, um auch diese Posten anzugreifen. Der Widerstand ist lebhaft und hartnäckig, bis endlich vier kaiserliche Regimenter, des Walles Meister, den Magdeburgern in den Rücken fallen und so ihre Niederlage vollenden. Ein tapferer Capitän, Namens Schmidt, der in dieser allgemeinen Verwirrung die Entschlossensten noch einmal gegen den Feind führt und glücklich genug ist, ihn bis an das Thor zurückzutreiben, fällt tödtlich verwundet, Magdeburgs letzte Hoffnung mit ihm. Alle Werke sind noch vor Mittag erobert, die Stadt in Feindes Händen.

Zwei Thore werden jetzt von den Stürmenden der Hauptarmee geöffnet, und Tilly läßt einen Theil seines Fußvolks einmarschieren. Es besetzt sogleich die Hauptstraßen, und das aufgepflanzte Geschütz scheucht alle Bürger in ihre Wohnungen, dort ihr Schicksal zu erwarten. Nicht lange läßt man sie im Zweifel; zwei Worte des Grafen Tilly bestimmen Magdeburgs Geschick. Ein nur etwas menschlicher Feldherr würde solchen Truppen vergeblich Schonung anbefohlen haben; Tilly gab sich auch nicht die Mühe, es zu versuchen. Durch das Stillschweigen seines Generals zum Herrn über das Leben aller Bürger gemacht, stürzte der Soldat in das Innere der Häuser, um ungebunden alle Begierden einer viehischen Seele zu kühlen. Vor manchem deutschen Ohre fand die flehende Unschuld Erbarmen, keines vor dem tauben Grimm der Wallonen aus Pappenheims Heer. Kaum hatte dieses Blutbad seinen Anfang genommen, als alle übrigen Thore aufgingen, die ganze Reiterei und der Croaten fürchterliche Banden gegen die unglückliche Stadt losgelassen wurden.

Eine Würgescene fing jetzt an, für welche die Geschichte keine Sprache und die Dichtkunst keinen Pinsel hat. Nicht die schuldfreie Kindheit, nicht das hilflose Alter, nicht Jugend, nicht Geschlecht, nicht Stand, nicht Schönheit können die Wuth des Siegers entwaffnen. Frauen werden in den Armen ihrer Männer, Töchter zu den Füßen ihrer Väter mißhandelt, und das wehrlose Geschlecht hat bloß das Vorrecht, einer gedoppelten Wuth zum Opfer zu dienen. Keine noch so verborgene, keine noch so geheiligte Stätte konnte vor der alles durchforschenden Habsucht sichern. Dreiundfünfzig Frauenspersonen fand man in einer Kirche enthauptet. Croaten vergnügten sich, Kinder in die Flammen zu werfen – Pappenheims Wallonen, Säuglinge an den Brüsten ihrer Mütter zu spießen. Einige liguistische Offiziere, von diesem grausenvollen Anblick empört, unterstanden sich, den Grafen Tilly zu erinnern, daß er dem Blutbad möchte Einhalt thun lassen. »Kommt in einer Stunde wieder,« war seine Antwort, »ich werde dann sehen, was ich thun werde. Der Soldat muß für seine Gefahr und Arbeit etwas haben.« In ununterbrochener Wuth dauerten diese Gräuel fort, bis endlich Rauch und Flammen der Raubsucht Grenzen setzten. Um die Verwirrung zu vermehren und den Widerstand der Bürger zu brechen, hatte man gleich Anfangs an verschiedenen Orten Feuer angelegt. Jetzt erhob sich ein Sturmwind, der die Flammen mit reißender Schnelligkeit durch die ganze Stadt verbreitete und den Brand allgemein machte. Fürchterlich war das Gedränge durch Qualm und Leichen, durch gezückte Schwerter, durch stürzende Trümmer, durch das strömende Blut. Die Atmosphäre kochte, und die unerträgliche Glut zwang endlich selbst die Würger, sich in das Lager zu flüchten. In weniger als zwölf Stunden lag diese volkreiche, feste, große Stadt, eine der schönsten Deutschlands, in der Asche, zwei Kirchen und einige Hütten ausgenommen. Der Administrator Christian Wilhelm ward mit drei Bürgermeistern nach vielen empfangenen Wunden gefangen; viele tapfere Officiere und Magistrate hatten fechtend einen beneideten Tod gefunden. Vierhundert der reichsten Bürger entriß die Habsucht der Officiere dem Tod, um ein theures Lösegeld von ihnen zu erpressen. Noch dazu waren es meistens Officiere der Ligue, welche diese Menschlichkeit zeigten, und die blinde Mordbegier der kaiserlichen Soldaten ließ sie als rettende Engel betrachten.

Kaum hatte sich die Wuth des Brandes gemindert, als die kaiserlichen Schaaren mit erneuertem Hunger zurückkehrten, um unter Schutt und Asche ihren Raub aufzuwühlen. Manche erstickte der Dampf; viele machten große Beute, da die Bürger ihr Bestes in die Keller geflüchtet hatten. Am 13ten Mai erschien endlich Tilly selbst in der Stadt, nachdem die Hauptstraßen von Schutt und Leichen gereinigt waren. Schauderhaft gräßlich, empörend war die Scene, welche sich jetzt der Menschlichkeit darstellte! Lebende, die unter den Leichen hervorkrochen, herumirrende Kinder, die mit herzzerschneidendem Geschrei ihre Eltern suchten, Säuglinge, die an den todten Brüsten ihrer Mütter saugten! Mehr als sechstausend Leichen mußte man in die Elbe werfen, um die Gassen zu räumen; eine ungleich größere Menge von Lebenden und Leichen hatte das Feuer verzehrt; die ganze Zahl der Getödteten wird auf dreißigtausend angegeben.

Der Einzug des Generals, welcher am 14ten erfolgte, machte der Plünderung ein Ende, und was bis dahin gerettet war, blieb leben. Gegen tausend Menschen wurden aus der Domkirche gezogen, wo sie drei Tage und zwei Nächte in beständiger Todesfurcht und ohne Nahrung zugebracht hatten. Tilly ließ ihnen Pardon ankündigen und Brod unter sie vertheilen. Den Tag darauf ward in dieser Domkirche feierliche Messe gehalten und unter Abfeuerung der Kanonen das Te Deum angestimmt. Der kaiserliche General durchritt die Straßen, um als Augenzeuge seinem Herrn berichten zu können, daß seit Trojas und Jerusalems Zerstörung kein solcher Sieg gesehen worden sei. Und in diesem Vorgeben war nichts Uebertriebenes, wenn man die Größe, den Wohlstand und die Wichtigkeit der Stadt, welche unterging, mit der Wuth ihrer Zerstörer zusammendenkt.

Das Gerücht von Magdeburgs grausenvollem Schicksal verbreitete Frohlocken durch das katholische, Entsetzen und Furcht durch das ganze protestantische Deutschland. Aber Schmerz und Unwillen klagten allgemein den König von Schweden an, der, so nahe und so mächtig, diese bundesverwandte Stadt hilflos gelassen hatte. Auch der Billigste fand diese Unthätigkeit des Königs unerklärbar, und Gustav Adolph, um nicht unwiederbringlich die Herzen des Volks zu verlieren, zu dessen Befreiung er erschienen war, sah sich gezwungen, in einer eigenen Schutzschrift die Gründe seines Betragens der Welt vorzulegen.

Er hatte eben Landsberg angegriffen und am 16ten April erobert, als er die Gefahr vernahm, in welcher Magdeburg schwebte. Sogleich ward sein Entschluß gefaßt, diese bedrängte Stadt zu befreien, und er setzte sich deswegen mit seiner ganzen Reiterei und zehn Regimentern Fußvolk nach der Spree in Bewegung. Die Situation, in welcher sich dieser König auf deutschem Boden befand, machte ihm zum unverbrüchlichen Klugheitsgesetze, keinen Schritt vorwärts zu thun, ohne den Rücken frei zu haben. Mit der mißtrauischsten Behutsamkeit mußte er ein Land durchziehen, wo er von zweideutigen Freunden und mächtigen offenbaren Feinden umgeben war, wo ein einziger übereilter Schritt ihn von seinem Königreich abschneiden konnte. Der Kurfürst von Brandenburg hatte vormals schon seine Festung Küstrin den flüchtigen Kaiserlichen aufgethan und den nacheilenden Schweden verschlossen. Sollte Gustav jetzt gegen Tilly verunglücken, so konnte eben dieser Kurfürst den Kaiserlichen seine Festungen öffnen, und dann war der König, Feinde vor sich und hinter sich, ohne Rettung verloren. Diesem Zufall bei gegenwärtiger Unternehmung nicht ausgesetzt zu sein, verlangte er, ehe er sich zu der Befreiung Magdeburgs aufmachte, daß ihm von dem Kurfürsten die beiden Festungen Küstrin und Spandau eingeräumt würden, bis er Magdeburg in Freiheit gesetzt hätte.

Nichts schien gerechter zu sein, als diese Forderung. Der große Dienst, welchen Gustav Adolph dem Kurfürsten kürzlich erst durch Vertreibung der Kaiserlichen aus den brandenburgischen Landen geleistet, schien ihm ein Recht an seine Dankbarkeit, das bisherige Betragen der Schweden in Deutschland einen Anspruch auf sein Vertrauen zu geben. Aber durch Uebergabe seiner Festungen machte der Kurfürst den König von Schweden gewissermaßen zum Herrn seines Landes, nicht zu gedenken, daß er eben dadurch zugleich mit dem Kaiser brach und seine Staaten der ganzen künftigen Rache der kaiserlichen Heere bloßstellte. Georg Wilhelm kämpfte lange Zeit einen grausamen Kampf mit sich selbst, aber Kleinmuth und Eigennutz schienen endlich die Oberhand zu gewinnen. Ungerührt von Magdeburgs Schicksal, kalt gegen Religion und deutsche Freiheit, sah er nichts, als seine eigene Gefahr, und diese Besorglichkeit wurde durch seinen Minister von Schwarzenberg, der einen heimlichen Sold von dem Kaiser zog, aufs Höchste getrieben. Unterdessen näherten sich die schwedischen Truppen Berlin, und der König nahm bei dem Kurfürsten seine Wohnung. Als er die furchtsame Bedenklichkeit dieses Prinzen wahrnahm, konnte er sich des Unwillens nicht enthalten. »Mein Weg geht auf Magdeburg,« sagte er, »nicht mir, sondern den Evangelischen zum Besten. Will Niemand mir beistehen, so nehme ich sogleich meinen Rückweg, biete dem Kaiser einen Vergleich an und ziehe wieder nach Stockholm. Ich bin gewiß, der Kaiser soll einen Frieden mit mir eingehen, wie ich ihn immer nur verlangen kann – aber geht Magdeburg verloren und ist der Kaiser der Furcht vor mir erst entledigt, so sehet zu, wie es euch ergehen wird.« Diese zu rechter Zeit hingeworfene Drohung, vielleicht auch der Blick auf die schwedische Armee, welche mächtig genug war, dem Könige durch Gewalt zu verschaffen, was man ihm auf dem Wege der Güte verweigerte, brachte endlich den Kurfürsten zum Entschluß, Spandau in seine Hände zu übergeben.

Nun standen dem König zwei Wege nach Magdeburg offen, wovon der eine gegen Abend durch ein erschöpftes Land und mitten durch feindliche Truppen führte, die ihm den Uebergang über die Elbe streitig machen konnten. Der andere, gegen Mittag, ging über Dessau oder Wittenberg, wo er Brücken fand, die Elbe zu passieren, und aus Sachsen Lebensmittel ziehen konnte. Aber dies konnte ohne Einwilligung des Kurfürsten von Sachsen nicht geschehen, in welchen Gustav ein gegründetes Mißtrauen setzte. Ehe er sich also in Marsch setzte, ließ er diesen Prinzen um einen freien Durchzug und um das Nöthige für seine Truppen gegen baare Bezahlung ersuchen. Sein Verlangen wurde ihm abgeschlagen, und keine Vorstellung konnte den Kurfürsten bewegen, seinem Neutralitätssystem zu entsagen. Indem man noch im Streit darüber begriffen war, kam die Nachricht von Magdeburgs entsetzlichem Schicksal.

Tilly verkündigte sie mit dem Tone eines Siegers allen protestantischen Fürsten und verlor keinen Augenblick, den allgemeinen Schrecken aufs beste zu benutzen. Das Ansehen des Kaisers, durch die bisherigen Progressen Gustavs merklich heruntergebracht, erhob sich furchtbarer als je nach diesem entscheidenden Vorgang, und schnell offenbarte sich diese Veränderung in der gebieterischen Sprache, welche er gegen die protestantischen Reichsstände führte. Die Schlüsse des Leipziger Bundes wurden durch einen Machtspruch vernichtet, der Bund selbst durch ein kaiserliches Dekret aufgehoben, allen widersetzlichen Ständen Magdeburgs Schicksal angedroht. Als Vollzieher dieses kaiserlichen Schlusses ließ Tilly sogleich Truppen gegen den Bischof von Bremen marschieren, der ein Mitglied des Leipziger Bundes war und Soldaten geworben hatte. Der in Furcht gesetzte Bischof übergab die letzteren sogleich in die Hände des Tilly und unterzeichnete die Cassation der Leipziger Schlüsse. Eine kaiserliche Armee, welche unter dem Commando des Grafen von Fürstenberg zu eben der Zeit ans Italien zurückkam, verfuhr auf gleiche Art gegen den Administrator von Wirtenberg. Der Herzog mußte sich dem Restitutionsedikt und allen Dekreten des Kaisers unterwerfen, ja noch außerdem zu Unterhaltung der kaiserlichen Truppen einen monatlichen Geldbeitrag von hunderttausend Thalern erlegen. Aehnliche Lasten wurden der Stadt Ulm und Nürnberg, dem ganzen fränkischen und schwäbischen Kreise auferlegt. Schrecklich war die Hand des Kaisers über Deutschland. Die schnelle Uebermacht, welche er durch diesen Vorfall erlangte, mehr scheinbar als in der Wirklichkeit gegründet, führte ihn über die Grenzen der bisherigen Mäßigung hinweg und verleitete ihn zu einem gewaltsamen übereilten Verfahren, welches endlich die Unentschlossenheit der deutschen Fürsten zum Vortheil Gustav Adolphs besiegte. So unglücklich also die nächsten Folgen von Magdeburgs Untergang für die Protestanten auch sein mochten, so wohlthätig waren die spätern. Die erste Ueberraschung machte bald einem thätigen Unwillen Platz; die Verzweiflung gab Kräfte, und die deutsche Freiheit erhob sich aus Magdeburgs Asche.

Unter den Fürsten des Leipziger Bundes waren der Kurfürst von Sachsen und der Landgraf von Hessen bei weitem am meisten zu fürchten, und die Herrschaft des Kaisers war in diesen Gegenden nicht befestigt, so lange er diese Beiden nicht entwaffnet sah. Gegen den Landgrafen richtete Tilly seine Waffen zuerst und brach unmittelbar von Magdeburg nach Thüringen auf. Die sächsisch-ernestinischen und schwarzburgischen Lande wurden auf diesem Zuge äußerst gemißhandelt, Frankenhausen, selbst unter den Augen des Tilly, von seinen Soldaten ungestraft geplündert und in die Asche gelegt; schrecklich mußte der unglückliche Landmann dafür büßen, daß sein Landesherr die Schweden begünstigte. Erfurt, der Schlüssel zwischen Sachsen und Franken, wurde mit einer Belagerung bedroht, wovon es sich aber durch eine freiwillige Lieferung von Proviant und eine Geldsumme loskaufte. Von da schickte Tilly seinen Abgesandten an den Landgrafen von Kassel, mit der Forderung, ungesäumt seine Truppen zu entlassen, dem Leipziger Bund zu entsagen, kaiserliche Regimenter in sein Land und seine Festungen aufzunehmen, Contributionen zu entrichten und sich entweder als Freund oder Feind zu erklären. So mußte sich ein deutscher Reichsfürst von einem kaiserlichen Diener behandelt sehen. Aber diese ausschweifende Forderung bekam ein furchtbares Gewicht durch die Heeresmacht, von der sie begleitet wurde, und das noch frische Andenken von Magdeburgs schauderhaftem Schicksal mußte den Nachdruck desselben vergrößern. Um so mehr Lob verdient die Unerschrockenheit, mit welcher der Landgraf diesen Antrag beantwortete: »Fremde Soldaten in seine Festungen und in seine Residenz aufzunehmen, sei er ganz und gar nicht gesonnen – Seine Truppen brauche er selbst – Gegen einen Angriff würde er sich zu vertheidigen wissen. Fehlte es dem General Tilly an Geld und an Lebensmitteln, so möchte er nur nach München aufbrechen, wo Vorrath an beidem sei.« Der Einbruch zweier kaiserlichen Schaaren in Hessen war die nächste Folge dieser herausfordernden Antwort; aber der Landgraf wußte ihnen so gut zu begegnen, daß nichts Erhebliches ausgerichtet wurde. Nachdem aber Tilly selbst im Begriff stand, ihnen mit seiner ganzen Macht nachzufolgen, so würde das unglückliche Land für die Sündhaftigkeit seines Fürsten theuer genug haben büßen müssen, wenn nicht die Bewegungen des Königs von Schweden diesen General noch zu rechter Zeit zurückgerufen hätten.

Gustav Adolph hatte den Untergang Magdeburgs mit dem empfindlichsten Schmerz erfahren, der dadurch vergrößert wurde, daß Georg Wilhelm nun, dem Vertrage gemäß, die Festung Spandau zurück verlangte. Der Verlust von Magdeburg hatte die Gründe, um derentwillen dem König der Besitz dieser Festung so wichtig war, eher vermehrt, als vermindert; und je näher die Notwendigkeit einer entscheidenden Schlacht zwischen ihm und Tilly heranrückte, desto schwerer ward es ihm, der einzigen Zuflucht zu entsagen, welche nach einem unglücklichen Ausgange für ihn übrig war. Nachdem er Vorstellungen und Bitten bei dem Kurfürsten von Brandenburg fruchtlos erschöpft hatte und die Kaltsinnigkeit desselben vielmehr mit jedem Tage stieg, so schickte er endlich seinem Commandanten den Befehl zu, Spandau zu räumen, erklärte aber zugleich, daß von demselben Tage an der Kurfürst als Feind behandelt werden sollte.

Dieser Erklärung Nachdruck zu geben, erschien er mit seiner ganzen Armee vor Berlin. »Ich will nicht schlechter behandelt sein, als die Generale des Kaisers,« antwortete er den Abgesandten, die der bestürzte Kurfürst in sein Lager schickte. »Euer Herr hat sie in seine Staaten aufgenommen, mit allen Bedürfnissen versorgt, ihnen alle Plätze, welche sie nur wollten, übergeben und durch alle diese Gefälligkeiten nicht erhalten können, daß sie menschlicher mit seinem Volke verfahren wären. Alles, was ich von ihm verlange, ist Sicherheit, eine mäßige Geldsumme und Brod für meine Truppen; dagegen verspreche ich ihm, seine Staaten zu beschützen und den Krieg von ihm zu entfernen. Auf diesen Punkten aber muß ich bestehen, und mein Bruder, der Kurfürst, entschließe sich eilends, ob er mich zum Freunde haben oder seine Hauptstadt geplündert sehen will.« Dieser entschlossene Ton machte Eindruck, und die Richtung der Kanonen gegen die Stadt besiegte alle Zweifel Georg Wilhelms. In wenigen Tagen ward eine Allianz unterzeichnet, in welcher sich der Kurfürst zu einer monatlichen Zahlung von dreißigtausend Thalern verstand, Spandau in den Händen des Königs ließ und sich anheischig machte, auch Küstrin seinen Truppen zu allen Zeiten zu öffnen. Diese nunmehr entschiedene Verbindung des Kurfürsten von Brandenburg mit den Schweden fand in Wien keine bessere Aufnahme, als der ähnliche Entschluß des Herzogs von Pommern vormals gefunden hatte; aber der ungünstige Wechsel des Glücks, den seine Waffen bald nachher erfuhren, erlaubte dem Kaiser nicht, seine Empfindlichkeit anders als durch Worte zu zeigen.

Das Vergnügen des Königs über diese glückliche Begebenheit wurde bald durch die angenehme Botschaft vergrößert, daß Greifswalde, der einzige feste Platz, den die kaiserlichen noch in Pommern besaßen, übergegangen und nunmehr das ganze Land von diesen schlimmen Feinden gereinigt sei. Er erschien selbst wieder in diesem Herzogthum und genoß das entzückende Schauspiel der allgemeinen Volksfreude, deren Schöpfer er war. Ein Jahr war jetzt verstrichen, daß Gustav Deutschland betreten hatte, und diese Begebenheit wurde in dem ganzen Herzogthume Pommern durch ein allgemeines Dankfest gefeiert. Kurz vorher hatte ihn der Czar von Moskau durch Gesandte begrüßen, seine Freundschaft erneuern und sogar Hilfstruppen antragen lassen. Zu diesen friedfertigen Gesinnungen der Russen durfte er sich um so mehr Glück wünschen, je wichtiger es ihm war, bei dem gefahrvollen Kriege, dem er entgegenging, durch keinen feindseligen Nachbar beunruhigt zu werden. Nicht lange darauf landete die Königin Maria Eleonora, seine Gemahlin, mit einer Verstärkung von achttausend Schweden in Pommern; und die Ankunft von sechstausend Engländern unter der Anführung des Marquis von Hamilton darf um so weniger übergangen werden, da ihre Ankunft alles ist, was die Geschichte von den Thaten der Engländer in dem dreißigjährigen Kriege zu berichten hat.

Pappenheim behauptete während des thüringischen Zugs des Tilly das Magdeburgische Gebiet, hatte aber nicht verhindern können, daß die Schweden nicht mehrmalen die Elbe passierten, einige kaiserliche Detachements niederhieben und mehrere Plätze in Besitz nahmen. Er selbst, von der Annäherung des Königs geängstigt, rief den Grafen Tilly auf das dringendste zurück und bewog ihn auch wirklich, in schnellen Märschen nach Magdeburg umzukehren. Tilly nahm sein Lager diesseits des Flusses zu Wolmirstädt; Gustav Adolph hatte das seinige auf eben dieser Seite bei Werben, unweit dem Einfluß der Havel in die Elbe, bezogen. Gleich seine Ankunft in diesen Gegenden verkündigte dem Tilly nichts Gutes. Die Schweden zerstreuten drei seiner Regimenter, welche entfernt von der Hauptarmee in Dörfern postiert standen, nahmen die eine Hälfte ihrer Bagage hinweg und verbrannten die übrige. Umsonst näherte sich Tilly mit seiner Armee auf einen Kanonenschuß weit dem Lager des Königs, um ihm eine Schlacht anzubieten; Gustav, um die Hälfte schwächer als Tilly, vermied sie mit Weisheit; sein Lager war zu fest, um dem Feind einen gewaltsamen Angriff zu erlauben. Es blieb bei einer bloßen Kanonade und einigen Scharmützeln, in welchen allen die Schweden die Oberhand behielten. Auf seinem Rückzuge nach Wolmirstädt verminderte sich die Armee des Tilly durch häufige Desertionen. Seit dem Blutbade zu Magdeburg floh ihn das Glück.

Desto ununterbrochener begleitete es von nun an den König von Schweden. Während er zu Werben im Lager stand, wurde das ganze Mecklenburg, bis auf wenige Plätze, durch seinen General Tott und den Herzog Adolph Friedrich erobert, und er genoß die königliche Lust, beide Herzoge in ihre Staaten wieder einzusetzen. Er reiste selbst nach Güstrow, wo die Einsetzung vor sich ging, um durch seine Gegenwart den Glanz dieser Handlung zu erheben. Von beiden Herzogen wurde, ihren Erretter in der Mitte und ein glänzendes Gefolge von Fürsten um sich her, ein festlicher Einzug gehalten, den die Freude der Unterthanen zu dem rührendsten Feste machte. Bald nach seiner Zurückkunft nach Werben erschien der Landgraf von Hessen-Kassel in seinem Lager, um ein enges Bündniß aus Verteidigung und Angriff mit ihm zu schließen: der erste regierende Fürst in Deutschland, der sich von freien Stücken und öffentlich gegen den Kaiser erklärte, aber auch durch die triftigsten Gründe dazu aufgefordert war. Landgraf Wilhelm machte sich verbindlich, den Feinden des Königs als seinen eigenen zu begegnen, ihm seine Städte und sein ganzes Land aufzuthun, Proviant und alles Nothwendige zu liefern. Dagegen erklärte sich der König zu seinem Freunde und Beschützer und versprach, keinen Frieden einzugehen, ohne dem Landgrafen völlige Genugthuung von dem Kaiser verschafft zu haben. Beide Theile hielten redlich Wort. Hessen-Kassel beharrte in diesem langen Kriege bei der schwedischen Allianz bis ans Ende, und es hatte Ursache, sich im westphälischen Frieden der schwedischen Freundschaft zu rühmen.

Tilly, dem dieser kühne Schritt des Landgrafen nicht lange verborgen blieb, schickte den Grafen Fugger mit einigen Regimentern gegen ihn; zugleich versuchte er, die hessischen Untertanen durch aufrührerische Briefe gegen ihren Herrn zu empören. Seine Briefe fruchteten eben so wenig, als seine Regimenter, welche ihm nachher in der Breitenfelder Schlacht sehr zur Unzeit fehlten – und die hessischen Landstände konnten keinen Augenblick zweifelhaft sein, ob sie den Beschützer ihres Eigenthums dem Räuber desselben vorziehen sollten.

Aber weit mehr als Hessen-Kassel beunruhigte den kaiserlichen General die zweideutige Gesinnung des Kurfürsten von Sachsen, der, des kaiserlichen Verbots ungeachtet, seine Rüstungen fortsetzte und den Leipziger Bund aufrecht hielt. Jetzt, in dieser Nähe des Königs von Schweden, da es in kurzer Zeit zu einer entscheidenden Schlacht kommen mußte, schien es ihm äußerst bedenklich, Kursachsen in Waffen stehen zu lassen, jeden Augenblick bereit, sich für den Feind zu erklären. Eben hatte sich Tilly mit fünfundzwanzigtausend Mann alter Truppen verstärkt, welche ihm Fürstenberg zuführte, und voll Zuversicht auf seine Macht glaubte er, den Kurfürsten entweder durch das bloße Schrecken seiner Ankunft entwaffnen, oder doch ohne Mühe überwinden zu können. Ehe er aber sein Lager bei Wolmirstädt verließ, forderte er ihn durch eine eigene Gesandtschaft auf, sein Land den kaiserlichen Truppen zu öffnen, seine eigenen zu entlassen oder mit der kaiserlichen Armee zu vereinigen und in Gemeinschaft mit ihr den König von Schweden aus Deutschland zu verjagen. Er brachte ihm in Erinnerung, daß Kursachsen bisher unter allen deutschen Ländern am meisten geschont worden sei, und bedrohte ihn im Weigerungsfalle mit der schrecklichsten Verheerung.

Tilly hatte zu diesem gebieterischen Antrag den ungünstigsten Zeitpunkt gewählt. Die Mißhandlung seiner Religions- und Bundesverwandten, Magdeburgs Zerstörung, die Ausschweifungen der Kaiserlichen in der Lausitz, alles kam zusammen, den Kurfürsten gegen den Kaiser zu entrüsten. Gustav Adolphs Nähe, wie wenig Recht er auch an den Schutz dieses Fürsten haben mochte, belebte ihn mit Muth. Er verbat sich die kaiserlichen Einquartierungen und erklärte seinen standhaften Entschluß, in Rüstung zu bleiben. »So sehr es ihm auch auffallen müsse (setzte er hinzu), die kaiserliche Armee zu einer Zeit gegen seine Lande im Anmarsch zu sehen, wo diese Armee genug zu thun hätte, den König von Schweden zu verfolgen, so erwarte er dennoch nicht, anstatt der versprochenen und wohlverdienten Belohnungen mit Undank und mit dem Ruin seines Landes bezahlt zu werden.« Den Abgesandten des Tilly, welche prächtig bewirthet wurden, gab er eine noch verständlichere Antwort auf den Weg. »Meine Herren,« sagte er, »ich sehe wohl, daß man gesonnen ist, das lange gesparte sächsische Confekt endlich auch auf die Tafel zu setzen. Aber man pflegt dabei allerlei Nüsse und Schauessen aufzutragen, die hart zu beißen sind, und sehen Sie sich wohl vor, daß Sie sich die Zähne nicht daran ausbeißen.«

Jetzt brach Tilly aus seinem Lager auf, rückte vor bis nach Halle unter fürchterlichen Verheerungen und ließ von hier aus seinen Antrag an den Kurfürsten in noch dringenderm und drohenderm Tone erneuern. Erinnert man sich der ganzen bisherigen Denkungsart dieses Fürsten, der durch eigene Neigung und durch die Eingebungen seiner bestochenen Minister dem Interesse des Kaisers, selbst auf Unkosten seiner heiligsten Pflichten, ergeben war, den man bisher mit so geringem Aufwand von Kunst in Unthätigkeit erhalten, so muß man über die Verblendung des Kaisers oder seiner Minister erstaunen, ihrer bisherigen Politik gerade in dem bedenklichsten Zeitpunkte zu entsagen und durch ein gewaltthätiges Verfahren diesen so leicht zu lenkenden Fürsten aufs Aeußerste zu bringen. Oder war eben dieses die Absicht des Tilly? War es ihm darum zu thun, einen zweideutigen Freund in einen offenbaren Feind zu verwandeln, um dadurch der Schonung überhoben zu sein, welche der geheime Befehl des Kaisers ihm bisher gegen die Länder dieses Fürsten aufgelegt hatte? War es vielleicht gar die Absicht des Kaisers, den Kurfürsten zu einem feindseligen Schritt zu reizen, um seiner Verbindlichkeit dadurch quitt zu sein und eine beschwerliche Rechnung mit guter Art zerreißen zu können? so müßte man nicht weniger über den verwegenen Uebermuth des Tilly erstaunen, der kein Bedenken trug, im Angesicht eines furchtbaren Feindes sich einen neuen zu machen, und über die Sorglosigkeit eben dieses Feldherrn, die Vereinigung beider ohne Widerstand zu gestatten.

Johann Georg, durch den Eintritt des Tilly in seine Staaten zur Verzweiflung gebracht, warf sich, nicht ohne großes Widerstreben, dem König von Schweden in die Arme.

Gleich nach Abfertigung der ersten Gesandtschaft des Tilly hatte er seinen Feldmarschall von Arnheim aufs eilfertigste in Gustavs Lager gesendet, diesen lange vernachlässigten Monarchen um schleunige Hilfe anzugehen. Der König verbarg die innere Zufriedenheit, welche ihm diese sehnlich gewünschte Entwicklung gewährte. »Mir thut es leid um den Kurfürsten,« gab er dem Abgesandten mit verstelltem Kaltsinn zur Antwort. »Hätte er meine wiederholten Vorstellungen geachtet, so würde sein Land keinen Feind gesehen haben, und auch Magdeburg würde noch stehen. Jetzt, da die höchste Noth ihm keinen andern Ausweg mehr übrig läßt, jetzt wendet man sich an den König von Schweden. Aber melden Sie ihm, daß ich weit entfernt sei, um des Kurfürsten von Sachsen willen mich und meine Bundesgenossen ins Verderben zu stürzen. Und wer leistet mir für die Treue eines Prinzen Gewähr, dessen Minister in österreichischem Solde stehen, und der mich verlassen wird, sobald ihm der Kaiser schmeichelt und seine Armee von den Grenzen zurückzieht? Tilly hat seitdem durch eine ansehnliche Verstärkung sein Heer vergrößert, welches mich aber nicht hindern soll, ihm herzhaft entgegen zu gehen, sobald ich nur meinen Rücken gedeckt weiß.«

Der sächsische Minister wußte auf diese Vorwürfe nichts zu antworten, als daß es am besten gethan sei, geschehene Dinge in Vergessenheit zu begraben. Er drang in den König, sich über die Bedingungen zu erklären, unter welchen er Sachsen zu Hilfe kommen wolle, und verbürgte sich im Voraus für die Gewährung derselben. »Ich verlange,« erwiderte Gustav, »daß mir der Kurfürst die Festung Wittenberg einräume, mir seinen ältesten Prinzen als Geißel übergebe, meinen Truppen einen dreimonatlichen Sold auszahle und mir die Verräther in seinem Ministerium ausliefere. Unter diesen Bedingungen bin ich bereit, ihm Beistand zu leisten.«

»Nicht nur Wittenberg,« rief der Kurfürst, als ihm diese Antwort hinterbracht wurde, und trieb seinen Minister in das schwedische Lager zurück; »nicht bloß Wittenberg, auch Torgau, ganz Sachsen soll ihm offen stehen; meine ganze Familie will ich ihm als Geißel übergeben; und wenn ihm das noch nicht genug ist, so will ich mich selbst ihm darbieten. Eilen Sie zurück und sagen ihm, daß ich bereit sei, ihm die Verräther, die er mir nennen wird, anzuliefern, seiner Armee den verlangten Sold zu bezahlen und Leben und Vermögen an die gute Sache zu setzen.«

Der König hatte die neuen Gesinnungen Johann Georgs nur auf die Probe stellen wollen; von dieser Aufrichtigkeit gerührt, nahm er seine harten Forderungen zurück. »Das Mißtrauen,« sagte er, »welches man in mich setzte, als ich Magdeburg zu Hilfe kommen wollte, hat das meinige erweckt; das jetzige Vertrauen des Kurfürsten verdient, daß ich es erwiedre. Ich bin zufrieden, wenn er meiner Armee einen monatlichen Sold entrichtet, und ich hoffe, ihn auch für diese Ausgabe schadlos zu halten.«

Gleich nach geschlossener Allianz ging der König über die Elbe und vereinigte sich schon am folgenden Tage mit den Sachsen. Anstatt diese Vereinigung zu hindern, war Tilly gegen Leipzig vorgerückt, welches er aufforderte, kaiserliche Besatzung einzunehmen. In Hoffnung eines schleunigen Entsatzes machte der Commandant, Hans von der Pforta, Anstalt, sich zu vertheidigen, und ließ zu dem Ende die hallische Vorstadt in die Asche legen. Aber der schlechte Zustand der Festungswerke machte den Widerstand vergeblich, und schon am zweiten Tage wurden die Thore geöffnet. Im Hause eines Todtengräbers, dem einzigen, welches in der hallischen Vorstadt stehen geblieben war, hatte Tilly sein Quartier genommen; hier unterzeichnete er die Capitulation, und hier wurde auch der Angriff des Königs von Schweden beschlossen. Beim Anblick der abgemalten Schädel und Gebeine, mit denen der Besitzer sein Haus geschmückt hatte, entfärbte sich Tilly, Leipzig erfuhr eine über alle Erwartung gnädige Behandlung.

Unterdessen wurde zu Torgau von dem König von Schweden und dem Kurfürsten von Sachsen, im Beisein des Kurfürsten von Brandenburg, großer Kriegsrath gehalten. Eine Entschließung sollte jetzt gefaßt werden, welche das Schicksal Deutschlands und der evangelischen Religion, das Glück vieler Völker und das Loos ihrer Fürsten unwiderruflich bestimmte. Die Bangigkeit der Erwartung, die auch die Brust des Helden vor jeder großen Entscheidung beklemmt, schien jetzt die Seele Gustav Adolphs in einem Augenblick zu umwölken. »Wenn wir uns jetzt zu einer Schlacht entschließen,« sagte er, »so steht nicht weniger als eine Krone und zwei Kurhüte auf dem Spiele. Das Glück ist wandelbar, und der unerforschliche Rathschluß des Himmels kann, unsrer Sünden wegen, dem Feinde den Sieg verleihen. Zwar möchte meine Krone, wenn sie meine Armee und mich selbst auch verlöre, noch eine Schanze zum Besten haben. Weit entlegen, durch eine ansehnliche Flotte beschützt, in ihren Grenzen wohl verwahrt und durch ein streitbares Volk vertheidigt, würde sie wenigstens vor dem Aergsten gesichert sein. Wo aber Rettung für euch, denen der Feind auf dem Nacken liegt, wenn das Treffen verunglücken sollte?«

Gustav Adolph zeigte das bescheidene Mißtrauen eines Helden, den das Bewußtsein seiner Stärke gegen die Größe der Gefahr nicht verblendet; Johann Georg die Zuversicht eines Schwachen, der einen Helden an seiner Seite weiß. Voll Ungeduld, seine Lande von zwei beschwerlichen Armeen baldmöglichst befreit zu sehen, brannte er nach einer Schlacht, in welcher keine alten Lorbeern für ihn zu verlieren waren. Er wollte mit seinen Sachsen allein gegen Leipzig vorrücken und mit Tilly schlagen. Endlich trat Gustav Adolph seiner Meinung bei, und beschlossen war es, ohne Aufschub den Feind anzugreifen, ehe er die Verstärkungen, welche die Generale Altringer und Tiefenbach ihm zuführten, an sich gezogen hätte. Die vereinigte schwedisch-sächsische Armee setzte über die Mulde; der Kurfürst von Brandenburg reiste wieder in sein Land.

Früh Morgens am 7ten September 1631 bekamen die feindlichen Armeen einander zu Gesichte. Tilly, entschlossen, die herbeieilenden Hilfstruppen zu erwarten, nachdem er versäumt hatte, die sächsische Armee vor ihrer Vereinigung mit den Schweden niederzuwerfen, hatte unweit Leipzig ein festes und vorteilhaftes Lager bezogen, wo er hoffen konnte, zu keiner Schlacht gezwungen zu werden. Das ungestüme Anhalten Pappenheims vermochte ihn endlich doch, sobald die feindlichen Armeen im Anzug begriffen waren, seine Stellung zu verändern und sich linker Hand gegen die Hügel hin zu ziehen, welche sich vom Dorfe Wahren bis nach Lindenthal erheben. Am Fuß dieser Anhöhen war seine Armee in einer einzigen Linie ausgebreitet; seine Artillerie, auf den Hügeln vertheilt, konnte die ganze große Ebene von Breitenfeld bestreichen. Von daher näherte sich in zwei Colonnen die schwedisch-sächsische Armee und hatte bei Podelwitz, einem vor der Tilly’schen Fronte liegenden Dorfe, die Lober zu passieren. Um ihr den Uebergang über diesen Bach zu erschweren, wurde Pappenheim mit zweitausend Kürassieren gegen sie beordert, doch erst nach langem Widerstreben des Tilly und mit dem ausdrücklichen Befehl, ja keine Schlacht anzufangen. Dieses Verbots ungeachtet wurde Pappenheim mit dem schwedischen Vortrabe handgemein, aber nach einem kurzen Widerstand zum Rückzuge genöthigt. Um den Feind aufzuhalten, steckte er Podelwitz in Brand, welches jedoch die beiden Armeen nicht hinderte, vorzurücken und ihre Schlachtordnung zu machen.

Zur Rechten sollten sich die Schweden, in zwei Treffen abgetheilt, das Fußvolk in der Mitte, in kleine Bataillons zerstückelt, welche leicht zu bewegen und, ohne die Ordnung zu stören, der schnellsten Wendungen fähig waren; die Reiterei auf den Flügeln, auf ähnliche Art in kleine Schwadronen abgesondert und durch mehrere Haufen Musketiere unterbrochen, welche ihre schwache Anzahl verbergen und die feindlichen Reiter herunter schießen sollten. In der Mitte commandierte der Oberste Teufel, auf dem linken Flügel Gustav Horn, der König selbst auf dem rechten, dem Grafen Pappenheim gegenüber.

Die Sachsen standen durch einen breiten Zwischenraum von den Schweden getrennt; eine Veranstaltung Gustavs, welche der Ausgang rechtfertigte. Den Plan der Schlachtordnung hatte der Kurfürst selbst mit seinem Feldmarschall entworfen und der König sich bloß begnügt, ihn zu genehmigen. Sorgfältig, schien es, wollte er die schwedische Tapferkeit von der sächsischen absondern, und das Glück vermengte sie nicht.

Unter den Anhöhen gegen Abend breitete sich der Feind aus in einer langen unübersehbaren Linie, welche weit genug reichte, das schwedische Heer zu überflügeln; das Fußvolk in große Bataillons abgetheilt, die Reiterei in eben so große unbehilfliche Schwadronen. Sein Geschütz hatte er hinter sich auf den Anhöhen, und so stand er unter dem Gebiet seiner eigenen Kugeln, die über ihn hinweg ihren Bogen machten. Aus dieser Stellung des Geschützes, wenn anders dieser ganzen Nachricht zu trauen ist, sollte man beinahe schließen, daß Tillys Absicht vielmehr gewesen sei, den Feind zu erwarten, als anzugreifen, da diese Anordnung es ihm unmöglich machte, in die feindlichen Glieder einzubrechen, ohne sich in das Feuer seiner eigenen Kanonen zu stürzen. Tilly selbst befehligte das Mittel, Pappenheim den linken Flügel, den rechten der Graf von Fürstenberg. Sämmtliche Truppen des Kaisers und der Ligue betrugen an diesem Tage nicht über vierunddreißig bis fünfunddreißigtausend Mann; von gleicher Stärke war die vereinigte Armee der Schweden und Sachsen.

Aber wäre auch eine Million der andern gegenüber gestanden – es hätte diesen Tag blutiger, nicht wichtiger, nicht entscheidender machen können. – Dieser Tag war es, um dessentwillen Gustav das baltische Meer durchschiffte, auf entlegener Erde der Gefahr nachjagte, Krone und Leben dem untreuen Glück anvertraute. Die zwei größten Heerführer ihrer Zeit, beide bis hieher unüberwunden, sollen jetzt in einem lange vermiedenen Kampfe mit einander ihre letzte Probe bestehen; einer von beiden muß seinen Ruhm auf dem Schlachtfelde zurücklassen. Beide Hälften von Deutschland haben mit Furcht und Zittern diesen Tag herannahen sehen; bang erwartet die ganze Mitwelt den Ausschlag desselben, und die späte Nachwelt wird ihn segnen oder beweinen.

Die Entschlossenheit, welche den Grafen Tilly sonst nie verließ, fehlte ihm an diesem Tage. Kein fester Vorsatz, mit dem Könige zu schlagen, eben so wenig Standhaftigkeit, es zu vermeiden. Wider seinen Willen riß ihn Pappenheim dahin. Nie gefühlte Zweifel kämpften in seiner Brust, schwarze Ahnungen umwölkten seine immer freie Stirne. Der Geist von Magdeburg schien über ihm zu schweben.

Ein zweistündiges Kanonenfeuer eröffnete die Schlacht. Der Wind wehte von Abend und trieb aus dem frisch beackerten, ausgedörrten Gefilde dicke Wolken von Staub und Pulverrauch den Schweden entgegen. Dies bewog den König, sich unvermerkt gegen Norden zu schwenken, und die Schnelligkeit, mit der solches ausgeführt war, ließ dem Feinde nicht Zeit, es zu verhindern.

Endlich verließ Tilly seine Hügel und wagte den ersten Angriff auf die Schweden; aber von der Heftigkeit ihres Feuers wendete er sich zur Rechten und fiel in die Sachsen mit solchem Ungestüm, daß ihre Glieder sich trennten und Verwirrung das ganze Heer ergriff. Der Kurfürst selbst besann sich erst in Eilenburg wieder; wenige Regimenter hielten noch eine Zeit lang auf dem Schlachtfelde Stand und retteten durch ihren männlichen Widerstand die Ehre der Sachsen. Kaum sah man diese in Unordnung gerathen, so stürzten die Kroaten zur Plünderung, und Eilboten wurden schon abgefertigt, die Zeitung des Siegs zu München und Wien zu verkündigen.

Auf den rechten Flügel der Schweden stürzte sich Graf Pappenheim mit der ganzen Stärke seiner Reiterei, aber ohne ihn zum Wanken zu bringen. Hier commandierte der König selbst, und unter ihm der General Banner. Siebenmal erneuerte Pappenheim seinen Angriff, und siebenmal schlug man ihn zurück. Er entfloh mit einem großen Verlust und überließ das Schlachtfeld dem Sieger.

Unterdessen hatte Tilly den Ueberrest der Sachsen niedergeworfen und brach nunmehr in den linken Flügel der Schweden mit seinen siegenden Truppen. Diesem Flügel hatte der König, sobald sich die Verwirrung unter dem sächsischen Heere entdeckte, mit schneller Besonnenheit drei Regimenter zur Verstärkung gesendet, um die Flanke zu decken, welche die Flucht der Sachsen entblößte. Gustav Horn, der hier das Commando führte, leistete den feindlichen Kürassieren einen herzhaften Widerstand, den die Vertheilung des Fußvolks zwischen den Schwadronen nicht wenig unterstützte. Schon fing der Feind an, zu ermatten, als Gustav Adolph erschien, dem Treffen den Ausschlag zu geben. Der linke Flügel der Kaiserlichen war geschlagen, und seine Truppen, die jetzt keinen Feind mehr hatten, konnten anderswo besser gebraucht werden. Er schwenkte sich also mit seinem rechten Flügel und dem Hauptcorps zur Linken und griff die Hügel an, auf welche das feindliche Geschütz gepflanzt war. In kurzer Zeit war es in seinen Händen, und der Feind mußte jetzt das Feuer seiner eigenen Kanonen erfahren. Auf seiner Flanke das Feuer des Geschützes, von vorne den fürchterlichen Andrang der Schweden, trennte sich das nie überwundene Heer. Schneller Rückzug war alles, was dem Tilly nun übrig blieb; aber der Rückzug selbst mußte mitten durch den Feind genommen werden. Verwirrung ergriff jetzt die ganze Armee, vier Regimenter ausgenommen, grauer versuchter Soldaten, welche nie von einem Schlachtfelde geflohen waren und es auch jetzt nicht wollten. In geschlossenen Gliedern drangen sie mitten durch die siegende Armee und erreichten fechtend ein kleines Gehölz, wo sie aufs neue Front gegen die Schweden machten und bis zu einbrechender Nacht, bis sie auf sechshundert geschmolzen waren, Widerstand leisteten. Mit ihnen entfloh der ganze Ueberrest des Tilly’schen Heers, und die Schlacht war entschieden.

Mitten unter Verwundeten und Todten warf Gustav Adolph sich nieder, und die erste feurigste Siegesfreude ergoß sich in einem glühenden Gebete. Den flüchtigen Feind ließ er, so weit das tiefe Dunkel der Nacht es verstattete, durch seine Reiterei verfolgen. Das Geläute der Sturmglocken brachte in allen umliegenden Dörfern das Landvolk in Bewegung. und verloren war der Unglückliche, der dem ergrimmten Bauer in die Hände fiel. Mit dem übrigen Heere lagerte sich der König zwischen dem Schlachtfeld und Leipzig, da es nicht möglich war, die Stadt noch in derselben Nacht anzugreifen. Siebentausend waren von den Feinden auf dem Platze geblieben, über fünftausend theils gefangen, theils verwundet. Ihre ganze Artillerie, ihr ganzes Lager war erobert, über hundert Fahnen und Standarten erbeutet. Von den Sachsen wurden zweitausend, von den Schweden nicht über siebenhundert vermißt. Die Niederlage der Kaiserlichen war so groß, daß Tilly auf seiner Flucht nach Halle und Halberstadt nicht über sechshundert Mann, Pappenheim nicht über vierzehnhundert zusammenbringen konnte. So schnell war dieses furchtbare Heer zergangen, welches noch kürzlich ganz Italien und Deutschland in Schrecken gesetzt hatte.

Tilly selbst dankte seine Rettung nur dem Ungefähr. Obgleich von vielen Wunden ermattet, wollte er sich einem schwedischen Rittmeister, der ihn einholte, nicht gefangen geben, und schon war dieser im Begriff, ihn zu tödten, als ein Pistolenschuß ihn noch zu rechter Zeit zu Boden streckte. Aber schrecklicher als Todesgefahr und Wunden war ihm der Schmerz, seinen Ruhm zu überleben und an einem einzigen Tage die Arbeit eines ganzen langen Lebens zu verlieren. Nichts waren jetzt alle seine vergangenen Siege, da ihm der einzige entging, der jenen allen erst die Krone aufsetzen sollte. Nichts blieb ihm übrig von seinen glänzenden Kriegsthaten, als die Flüche der Menschheit, von denen sie begleitet waren. Von diesem Tage an gewann Tilly seine Heiterkeit nicht wieder, und das Glück kehrte nicht mehr zu ihm zurück. Selbst seinen letzten Trost, die Rache, entzog ihm das ausdrückliche Verbot seines Herrn, kein entscheidendes Treffen mehr zu wagen. – Drei Fehler sind es vorzüglich, denen das Unglück dieses Tages beigemessen wird: daß er sein Geschütz hinter der Armee auf die Hügel pflanzte, daß er sich nachher von diesen Hügeln entfernte, und daß er den Feind ungehindert sich in Schlachtordnung stellen ließ. Aber wie bald waren diese Fehler, ohne die kaltblütige Besonnenheit, ohne das überlegene Genie seines Gegners verbessert! – Tilly entfloh eilig von Halle nach Halberstadt, wo er sich kaum Zeit nahm, die Heilung von seinen Wunden abzuwarten, und gegen die Weser eilte, sich mit den kaiserlichen Besatzungen in Niedersachsen zu verstärken.

Der Kurfürst von Sachsen hatte nicht gesäumt, sogleich nach überstandener Gefahr im Lager des Königs zu erscheinen. Der König dankte ihm, daß er zur Schlacht gerathen hätte, und Johann Georg, überrascht von diesem gütigen Empfang, versprach ihm in der ersten Freude – die römische Königskrone. Gleich den folgenden Tag rückte Gustav gegen Merseburg, nachdem er es dem Kurfürsten überlassen hatte, Leipzig wieder zu erobern. Fünftausend Kaiserliche, welche sich wieder zusammengezogen hatten und ihm unterwegs in die Hände fielen, wurden theils niedergehauen, theils gefangen, und die meisten von diesen traten in seinen Dienst. Merseburg ergab sich sogleich, bald darauf wurde Halle erobert, wo sich der Kurfürst von Sachsen nach der Einnahme von Leipzig bei dem Könige einfand, um über den künftigen Operationsplan das Weitere zu beratschlagen.

Erfochten war der Sieg, aber nur eine weise Benutzung konnte ihn entscheidend machen. Die kaiserliche Armee war aufgerieben, Sachsen sah keinen Feind mehr, und der flüchtige Tilly hatte sich nach Braunschweig gezogen. Ihn bis dahin zu verfolgen, hätte den Krieg in Niedersachsen erneuert, welches von den Drangsalen des vorhergehenden Kriegs kaum erstanden war. Es wurde also beschlossen, den Krieg in die feindlichen Lande zu wälzen, welche, unvertheidigt und offen bis nach Wien, den Sieger einluden. Man konnte zur Rechten in die Länder der katholischen Fürsten fallen, man konnte zur Linken in die kaiserlichen Erbstaaten dringen und den Kaiser selbst in seiner Residenz zittern machen. Beides wurde erwählt, und jetzt war die Frage, wie die Rollen vertheilt werden sollten. Gustav Adolph, an der Spitze einer siegenden Armee, hätte von Leipzig bis Prag, Wien und Preßburg wenig Widerstand gefunden. Böhmen, Mähren, Oesterreich, Ungarn waren von Verteidigern entblößt, die unterdrückten Protestanten dieser Länder nach einer Veränderung lüstern; der Kaiser selbst nicht mehr sicher in seiner Burg; in dem Schrecken des ersten Ueberfalls hätte Wien seine Thore geöffnet. Mit den Staaten, die er dem Feind entzog, vertrockneten diesem auch die Quellen, aus denen der Krieg bestritten werden sollte, und bereitwillig hätte sich Ferdinand zu einem Frieden verstanden, der einen furchtbaren Feind aus dem Herzen seiner Staaten entfernte. Einem Eroberer hätte dieser kühne Kriegsplan geschmeichelt und vielleicht auch ein glücklicher Erfolg ihn gerechtfertigt. Gustav Adolph, eben so vorsichtig als kühn, und mehr Staatsmann als Eroberer, verwarf ihn, weil er einen höheren Zweck zu verfolgen fand, weil er dem Glück und der Tapferkeit allein den Ausschlag nicht anvertrauen wollte.

Erwählte Gustav den Weg nach Böhmen, so mußte Franken und der Oberrhein dem Kurfürsten von Sachsen überlassen werden. Aber schon fing Tilly an, aus den Trümmern seiner geschlagenen Armee, aus den Besatzungen in Niedersachsen und den Verstärkungen, die ihm zugeführt wurden, ein neues Heer an der Weser zusammen zu ziehen, an dessen Spitze er wohl schwerlich lange säumen konnte, den Feind aufzusuchen. Einem so erfahrnen General durfte kein Arnheim entgegengestellt werden, von dessen Fähigkeiten die Leipziger Schlacht ein sehr zweideutiges Zeugniß ablegte. Was halfen aber dem König noch so rasche und glänzende Fortschritte in Böhmen und Oesterreich, wenn Tilly in den Reichslanden wieder mächtig wurde, wenn er den Muth der katholischen durch neue Siege belebte und die Bundesgenossen des Königs entwaffnete? Wozu diente es ihm, den Kaiser aus seinen Erbstaaten vertrieben zu haben, wenn Tilly eben diesem Kaiser Deutschland eroberte? Konnte er hoffen, den Kaiser mehr zu bedrängen, als vor zwölf Jahren der böhmische Aufruhr gethan hatte, der doch die Standhaftigkeit dieses Prinzen nicht erschütterte, der seine Hilfsquellen nicht erschöpfte, aus dem er nur desto furchtbarer erstand?

Weniger glänzend, aber weit gründlicher waren die Vortheile, welche er von einem persönlichen Einfall in die liguistischen Länder zu erwarten hatte. Entscheidend war hier seine gewaffnete Ankunft. Eben waren die Fürsten, des Restitutionsediktes wegen, auf einem Reichstage zu Frankfurt versammelt, wo Ferdinand alle Künste seiner arglistigen Politik in Bewegung setzte, die in Furcht gesetzten Protestanten zu einem schnellen und nachtheiligen Vergleich zu bereden. Nur die Annäherung ihres Beschützers konnte sie zu einem standhaften Widerstand ermuntern und die Anschläge des Kaisers zernichten. Gustav Adolph konnte hoffen, alle diese mißvergnügten Fürsten durch seine siegreiche Gegenwart zu vereinigen, die übrigen durch das Schrecken seiner Waffen von dem Kaiser zu trennen. Hier, im Mittelpunkte Deutschlands, zerschnitt er die Nerven der kaiserlichen Macht, die sich ohne den Beistand der Ligue nicht behaupten konnte. Hier konnte er Frankreich, einen zweideutigen Bundesgenossen, in der Nähe bewachen; und wenn ihm zu Erreichung eines geheimen Wunsches die Freundschaft der katholischen Kurfürsten wichtig war, so mußte er sich vor allen Dingen zum Herrn ihres Schicksals machen, um durch eine großmüthige Schonung sich einen Anspruch auf ihre Dankbarkeit zu erwerben.

Er erwählte also für sich selbst den Weg nach Franken und dem Rhein und überließ dem Kurfürsten von Sachsen die Eroberung Böhmens.

Zweiter Theil.

Drittes Buch.

Die glorreiche Schlacht Gustav Adolphs bei Leipzig hatte in dem ganzen nachfolgenden Betragen dieses Monarchen, sowie in der Denkart seiner Feinde und Freunde, eine große Veränderung gewirkt. Er hatte sich jetzt mit dem größten Heerführer seiner Zeit gemessen, er hatte die Kraft seiner Taktik und den Muth seiner Schweden an dem Kern der kaiserlichen Truppen, den geübtesten Europens, versucht und in diesem Wettkampf überwunden. Von diesem Augenblick an schöpfte er eine feste Zuversicht zu sich selbst, und Zuversicht ist die Mutter großer Thaten. Man bemerkt fortan in allen Kriegsunternehmungen des schwedischen Königs einen kühnern und sicherern Schritt, mehr Entschlossenheit auch in den mißlichsten Lagen, mehr trotzige Verhöhnung der Gefahr, eine stolzere Sprache gegen seinen Feind, mehr Selbstgefühl gegen seine Bundesgenossen und in seiner Milde selbst mehr die Herablassung des Gebieters. Seinem natürlichen Muth kam der andächtige Schwung seiner Einbildung zu Hilfe; gern verwechselte er seine Sache mit der Sache des Himmels, erblickte in Tillys Niederlage ein entscheidendes Urtheil Gottes zum Nachtheil seiner Gegner, in sich selbst aber ein Werkzeug der göttlichen Rache. Seine Krone, seinen vaterländischen Boden weit hinter sich, drang er jetzt auf den Flügeln des Siegs in das Innere von Deutschland, das seit Jahrhunderten keinen auswärtigen Eroberer in seinem Schooße gesehen hatte. Der kriegerische Muth seiner Bewohner, die Wachsamkeit seiner zahlreichen Fürsten, der künstliche Zusammenhang seiner Staaten, die Menge seiner festen Schlösser, der Lauf seiner vielen Ströme hatten schon seit undenklichen Zeiten die Ländersucht der Nachbarn in Schranken gehalten; und so oft es auch an den Grenzen dieses weitläufigen Staatskörpers gestürmt hatte, so war doch sein Inneres von jedem fremden Einbruch verschont geblieben. Von jeher genoß dieses Reich das zweideutige Vorrecht, nur sein eigner Feind zu sein und von außen unüberwunden zu bleiben. Auch jetzt war es bloß die Uneinigkeit seiner Glieder und ein unduldsamer Glaubenseifer, was dem schwedischen Eroberer die Brücke in seine innersten Staaten baute. Aufgelöst war längst schon das harmonische Band unter den Ständen, wodurch allein das Reich unbezwinglich war, und von Deutschland selbst entlehnte Gustav Adolph die Kräfte, womit er Deutschland sich unterwürfig machte. Mit so viel Klugheit als Muth benutzte er, was ihm die Gunst des Augenblicks darbot, und gleich geschickt im Kabinet wie im Felde, zerriß er die Fallstricke einer hinterlistigen Staatskunst, wie er die Mauern der Städte mit dem Donner seines Geschützes zu Boden stürzte. Unaufgehalten verfolgte er seine Siege von einer Grenze Deutschlands zur andern, ohne den Ariadnischen Faden zu verlieren, der ihn sicher zurückleiten konnte, und an den Ufern des Rheins wie an der Mündung des Lechs hörte er niemals auf, seinen Erbländern nahe zu bleiben.

Die Bestürzung des Kaisers und der katholischen Ligue über die Niederlage des Tilly bei Leipzig konnte kaum größer sein, als das Erstaunen und die Verlegenheit der schwedischen Bundesgenossen über das unerwartete Glück des Königs. Es war größer, als man berechnet, größer, als man gewünscht hatte. Vernichtet war auf einmal das furchtbare Heer, das seine Fortschritte gehemmt, seinem Ehrgeiz Schranken gesetzt, ihn von ihrem guten Willen abhängig gemacht hatte. Einzig ohne Nebenbuhler, ohne einen ihm gewachsenen Gegner, stand er jetzt da in der Mitte von Deutschland; nichts konnte seinen Lauf aufhalten, nichts seine Anmaßungen beschränken, wenn die Trunkenheit des Glücks ihn zum Mißbrauch versuchen sollte. Hatte man anfangs vor der Uebermacht des Kaisers gezittert, so war jetzt nicht viel weniger Grund vorhanden, von dem Ungestüm eines fremden Eroberers alles für die Reichsverfassung, von dem Religionseifer eines protestantischen Königs alles für die katholische Kirche Deutschlands zu fürchten. Das Mißtrauen und die Eifersucht einiger von den verbundenen Mächten, durch die größere Furcht vor dem Kaiser auf eine Zeit lang eingeschläfert, erwachte bald wieder, und kaum hatte Gustav Adolph durch seinen Muth und sein Glück ihr Vertrauen gerechtfertigt, so wurde von ferne schon an dem Umsturz seiner Entwürfe gearbeitet. In beständigem Kampfe mit der Hinterlist der Feinde und dem Mißtrauen seiner eigenen Bundesverwandten mußte er seine Siege erringen; aber sein entschlossner Muth, seine tiefdringende Klugheit machte sich durch alle diese Hindernisse Bahn. Indem der glückliche Erfolg seiner Waffen seine mächtigern Alliierten, Frankreich und Sachsen, besorglich machte, belebte er den Muth der schwächern, die sich jetzt erst erdreisteten, mit ihren wahren Gesinnungen an das Licht zu treten und öffentlich seine Partei zu ergreifen. Sie, welche weder mit Gustav Adolphs Größe wetteifern, noch durch seine Ehrbegier leiden konnten, erwarteten desto mehr von der Großmuth dieses mächtigen Freundes, der sie mit dem Raub ihrer Feinde bereicherte und gegen die Unterdrückung der Mächtigen in Schutz nahm. Seine Stärke verbarg ihre Unmacht, und unbedeutend für sich selbst, erlangten sie ein Gewicht durch ihre Vereinigung mit dem schwedischen Helden. Dies war der Fall mit den meisten Reichsstädten und überhaupt mit den schwächern protestantischen Ständen. Sie waren es, die den König in das Innere von Deutschland führten und die ihm den Rücken deckten, die seine Heere versorgten, seine Truppen in ihre Festungen aufnahmen, in seinen Schlachten ihr Blut für ihn verspritzten. Seine staatskluge Schonung des deutschen Stolzes, sein leutseliges Betragen, einige glänzende Handlungen der Gerechtigkeit, seine Achtung für die Gesetze waren eben so viele Fesseln, die er dem besorglichen Geiste der deutschen Protestanten anlegte, und die schreienden Barbareien der Kaiserlichen, der Spanier und der Lothringer wirkten kräftig mit, seine und seiner Truppen Mäßigung in das günstigste Licht zu setzen.

Wenn Gustav Adolph seinem eigenen Genie das Meiste zu danken hatte, so darf man doch nicht in Abrede sein, daß das Glück und die Lage der Umstände ihn nicht wenig begünstigten. Er hatte zwei große Vortheile auf seiner Seite, die ihm ein entscheidendes Uebergewicht über den Feind verschafften. Indem er den Schauplatz des Kriegs in die liguistischen Länder versetzte, die junge Mannschaft derselben an sich zog, sich mit Beute bereicherte und über die Einkünfte der geflüchteten Fürsten als über sein Eigenthum schaltete, entzog er dem Feind alle Hilfsmittel, ihm mit Nachdruck zu widerstehen, und sich selbst machte er es dadurch möglich, einen kostbaren Krieg mit wenigem Aufwand zu unterhalten. Wenn ferner seine Gegner, die Fürsten der Ligue, unter sich selbst getheilt, von ganz verschiedenem, oft streitendem Interesse geleitet, ohne Einstimmigkeit und eben darum auch ohne Nachdruck handelten; wenn es ihren Feldherrn an Vollmacht, ihren Truppen an Gehorsam, ihren zerstreuten Heeren an Zusammenhang fehlte; wenn der Heerführer von dem Gesetzgeber und Staatsmann getrennt war: so war hingegen in Gustav Adolph Beides vereinigt, er die einzige Quelle, aus welcher alle Autorität floß, das einzige Ziel, auf welches der handelnde Krieger die Augen richtete, er allein die Seele seiner ganzen Partei, der Schöpfer des Kriegsplans und zugleich der Vollstrecker desselben. In ihm erhielt also die Sache der Protestanten eine Einheit und Harmonie, welche durchaus der Gegenpartei mangelte. Kein Wunder, daß, von solchen Vortheilen begünstigt, an der Spitze einer solchen Armee, mit einem solchen Genie begabt, sie zu gebrauchen, und von einer solchen politischen Klugheit geleitet, Gustav Adolph unwiderstehlich war.

In der einen Hand das Schwert, in der andern die Gnade, sieht man ihn jetzt Deutschland von einem Ende zum andern als Eroberer, Gesetzgeber und Richter durchschreiten, in nicht viel mehr Zeit durchschreiten, als ein Anderer gebraucht hätte, es auf einer Lustreise zu besehen; gleich dem gebornen Landesherrn werden ihm von Städten und Festungen die Schlüssel entgegen getragen. Kein Schloß ist ihm unersteiglich, kein Strom hemmt seine siegreiche Bahn, oft siegt er schon durch seinen gefürchteten Namen. Längs dem ganzen Mainstrom sieht man die schwedischen Fahnen aufgepflanzt, die untere Pfalz ist frei, die Spanier und Lothringer über den Rhein und die Mosel gewichen. Ueber die kurmainzischen. würzburgischen und bambergischen Lande haben sich Schweden und Hessen wie eine reißende Fluth ergossen, und drei flüchtige Bischöfe büßen, ferne von ihren Sitzen, ihre unglückliche Ergebenheit gegen den Kaiser. Die Reihe trifft endlich auch den Anführer der Ligue, Maximilian, auf seinem eigenen Boden das Elend zu erfahren, das er Andern bereitet hatte. Weder das abschreckende Schicksal seiner Bundesgenossen, noch die gütlichen Anerbietungen Gustavs, der mitten im Laufe seiner Eroberungen die Hände zum Frieden bot, hatten die Hartnäckigkeit dieses Prinzen besiegen können. Ueber den Leichnam des Tilly, der sich wie ein bewachender Cherub vor den Eingang derselben stellt, wälzt sich der Krieg in die bayerischen Lande. Gleich den Ufern des Rheins, wimmeln jetzt die Ufer des Lechs und der Donau von schwedischen Kriegern; in seine festen Schlösser verkrochen, überläßt der geschlagene Kurfürst seine entblößten Staaten dem Feinde, den die gesegneten, von keinem Krieg noch verheerten Fluren zum Raube und die Religionswuth des bayerischen Landmanns zu gleichen Gewalttaten einladen. München selbst öffnet seine Thore dem unüberwindlichen König, und der flüchtige Pfalzgraf Friedrich der Fünfte tröstet sich einige Augenblicke in der verlassenen Residenz seines Nebenbuhlers über den Verlust seiner Länder.

Indem Gustav Adolph in den südlichen Grenzen des Reichs seine Eroberungen ausbreitet und mit unaufhaltsamer Gewalt jeden Feind vor sich niederwirft, werden von seinen Bundesgenossen und Feldherren ähnliche Triumphe in den übrigen Provinzen erfochten. Niedersachsen entzieht sich dem kaiserlichen Joche; die Feinde verlassen Mecklenburg; von allen Ufern der Weser und Elbe weichen die österreichischen Garnisonen. In Westphalen und am obern Rhein macht sich Landgraf Wilhelm von Hessen, in Thüringen die Herzoge von Weimar, in Kur-Trier die Franzosen furchtbar; ostwärts wird beinahe das ganze Königreich Böhmen von den Sachsen bezwungen. Schon rüsten sich die Türken zu einem Angriff auf Ungarn, und in dem Mittelpunkt der österreichischen Lande will sich ein gefährlicher Aufruhr entzünden. Trostlos blickt Kaiser Ferdinand an allen Höfen Europens umher, sich gegen so zahlreiche Feinde durch fremden Beistand zu stärken. Umsonst ruft er die Waffen der Spanier herbei, welche die niederländische Tapferkeit jenseit des Rheins beschäftiget; umsonst strebt er, den römischen Hof und die ganze katholische Kirche zu seiner Rettung aufzubieten. Der beleidigte Papst spottet mit geprängvollen Processionen und eiteln Anathemen der Verlegenheit Ferdinands, und statt des geforderten Geldes zeigt man ihm Mantuas verwüstete Fluren.

Von allen Enden seiner weitläufigen Monarchie umfangen ihn feindliche Waffen; mit den voran liegenden liguistischen Staaten, welche der Feind überschwemmt hat, sind alle Brustwehren eingestürzt, hinter welchen sich die österreichische Macht so lange Zeit sicher wußte, und das Kriegsfeuer lodert schon nahe an den unvertheidigten Grenzen. Entwaffnet sind seine eifrigsten Bundesgenossen; Maximilian von Bayern, seine mächtigste Stütze, kaum noch fähig, sich selbst zu vertheidigen. Seine Armeen, durch Desertion und wiederholte Niederlagen geschmolzen und durch ein langes Mißgeschick muthlos, haben unter geschlagenen Generalen jenes kriegerische Ungestüm verlernt, das, eine Frucht des Siegs, im Voraus den Sieg versichert. Die Gefahr ist die höchste; nur ein außerordentliches Mittel kann die kaiserliche Macht ans ihrer tiefen Erniedrigung reißen. Das dringendste Bedürfniß ist ein Feldherr, und den einzigen, von dem die Wiederherstellung des vorigen Ruhms zu erwarten steht, hat die Kabale des Neides von der Spitze der Armee hinweggerissen. So tief sank der so furchtbare Kaiser herab, daß er mit seinem beleidigten Diener und Unterthan beschämende Verträge errichten und dem hochmüthigen Friedland eine Gewalt, die er ihm schimpflich raubte, schimpflicher jetzt aufdringen muß. Ein neuer Geist fängt jetzt an, den halb erstorbenen Körper der österreichischen Macht zu beseelen, und die schnelle Umwandlung der Dinge verräth die feste Hand, die sie leitet. Dem unumschränkten König von Schweden steht jetzt ein gleich unumschränkter Feldherr gegenüber, ein siegreicher Held dem siegreichen Helden. Beide Kräfte ringen wieder in zweifelhaftem Streit, und der Preis des Krieges, zur Hälfte schon von Gustav Adolph erfochten, wird einem neuen und schwerern Kampf unterworfen. Im Angesicht Nürnbergs lagern sich, zwei Gewitter tragende Wolken, beide kämpfende Armeen drohend gegeneinander; beide sich mit fürchtender Achtung betrachtend, beide nach dem Augenblick dürstend, beide vor dem Augenblick zagend, der sie im Sturme mit einander vermengen wird. Europens Augen heften sich mit Furcht und Neugier auf diesen wichtigen Schauplatz, und das geängstigte Nürnberg erwartet schon, einer noch entscheidendern Feldschlacht, als sie bei Leipzig geliefert ward, den Namen zu geben. Auf einmal bricht sich das Gewölke, das Kriegsgewitter verschwindet aus Franken, um sich in Sachsens Ebenen desto schrecklicher zu entladen. Ohnweit Lützen fällt der Donner nieder, der Nürnberg bedrohte, und die schon halb verlorne Schlacht wird durch den königlichen Leichnam gewonnen. Das Glück, das ihn auf seinem ganzen Laufe nie verlassen hatte, begnadigte den König auch im Tode noch mit der seltenen Gunst, in der Fülle seines Ruhms und in der Reinigkeit seines Namens zu sterben. Durch einen zeitigen Tod flüchtete ihn sein schützender Genius vor dem unvermeidlichen Schicksal der Menschheit, aus der Höhe des Glücks die Bescheidenheit, in der Fülle der Macht die Gerechtigkeit zu verlernen. Es ist uns erlaubt, zu zweifeln, ob er bei längerm Leben die Thränen verdient hätte, welche Deutschland an seinem Grabe weinte, die Bewunderung verdient hätte, welche die Nachwelt dem ersten und einzigen gerechten Eroberer zollt. Bei dem frühen Fall ihres großen Führers fürchtet man den Untergang der ganzen Partei – aber der weltregierenden Macht ist kein einzelner Mann unersetzlich. Zwei große Staatsmänner, Axel Oxenstierna in Deutschland und in Frankreich Richelieu, übernehmen das Steuer des Krieges, das dem sterbenden Helden entfällt; über ihm hinweg wandelt das unempfindliche Schicksal, und noch sechzehn volle Jahre lodert die Kriegsflamme über dem Staube des längst Vergessenen.

Man erlaube mir, in einer kurzen Uebersicht den siegreichen Marsch Gustav Adolphs zu verfolgen, den ganzen Schauplatz, auf welchem er allein handelnder Held ist, mit schnellen Blicken zu durcheilen und dann erst, wenn, durch das Glück der Schweden aufs Aeußerste gebracht und durch eine Reihe von Unglücksfällen gebeugt, Oesterreich von der Höhe seines Stolzes zu erniedrigenden und verzweifelten Hilfsmitteln herab steigt, den Faden der Geschichte zu dem Kaiser zurück zu führen.

Nicht sobald war der Kriegsplan zwischen dem König von Schweden und dem Kurfürsten von Sachsen zu Halle entworfen und für den Letztern der Angriff auf Böhmen, für Gustav Adolph der Einfall in die liguistischen Länder bestimmt, nicht sobald die Allianzen mit den benachbarten Fürsten von Weimar und von Anhalt geschlossen und zu Wiedereroberung des Magdeburgischen Stiftes die Vorkehrungen gemacht, als sich der König zu seinem Einmarsch in das Reich in Bewegung setzte. Keinem verächtlichen Feinde ging er jetzt entgegen. Der Kaiser war noch mächtig im Reich; durch ganz Franken, Schwaben und die Pfalz waren kaiserliche Besatzungen ausgebreitet, denen jeder bedeutende Ort erst mit dem Schwert in der Hand entrissen werden mußte. Am Rhein erwarteten ihn die Spanier, welche alle Lande des vertriebenen Pfalzgrafen überschwemmt hatten, alle festen Plätze besetzt hielten, ihm jeden Uebergang über diesen Strom streitig machten. Hinter seinem Rücken war Tilly, der schon neue Kräfte sammelte; bald sollte auch ein lothringisches Hilfsheer zu dessen Fahnen stoßen. In der Brust jedes Papisten setzte sich ihm ein erbitterter Feind, Religionshaß, entgegen; und doch ließen ihn seine Verhältnisse mit Frankreich nur mit halber Freiheit gegen die katholischen handeln. Gustav Adolph übersah alle diese Hindernisse, aber auch die Mittel, sie zu besiegen. Die kaiserliche Kriegsmacht lag in Besatzungen zerstreut, und er hatte den Vortheil, sie mit vereinigter Macht anzugreifen. War ihm der Religionsfanatismus der Römisch-katholischen und die Furcht der kleinern Reichsstände vor dem Kaiser entgegen, so konnte er von der Freundschaft der Protestanten und von ihrem Haß gegen die österreichische Unterdrückung thätigen Beistand erwarten. Die Ausschweifungen der kaiserlichen und spanischen Truppen hatten ihm in diesen Gegenden nachdrücklich vorgearbeitet; längst schon schmachteten der mißhandelt Landmann und Bürger nach einem Befreier, und Manchem schien es schon Erleichterung, das Joch umzutauschen. Einige Agenten waren bereits vorangeschickt worden, die wichtigern Reichsstädte, vorzüglich Nürnberg und Frankfurt, auf schwedische Seite zu neigen. Erfurt war der erste Platz, an dessen Besitz dem König gelegen war. und den er nicht unbesetzt hinter dem Rücken lassen durfte. Ein gütlicher Vertrag mit der protestantisch gesinnten Bürgerschaft öffnete ihm ohne Schwertstreich die Thore der Stadt und der Festung. Hier, wie in jedem wichtigen Platze, der nachher in seine Hände fiel, ließ er sich von den Einwohnern Treue schwören und versicherte sich derselben durch eine hinlängliche Besatzung. Seinem Alliierten, dem Herzog Wilhelm von Weimar, wurde das Commando eines Heeres übergeben, das in Thüringen geworben werden sollte. Der Stadt Erfurt wollte er auch seine Gemahlin anvertrauen und versprach, ihre Freiheiten zu vermehren. In zwei Colonnen durchzog nun die schwedische Armee über Gotha und Arnstadt den Thüringer Wald, entriß im Vorübergehen die Grafschaft Henneberg den Händen der Kaiserlichen und vereinigte sich am dritten Tage vor Königshofen, an der Grenze von Franken.

Franz, Bischof von Würzburg, der erbittertste Feind der Protestanten und das eifrigste Mitglied der katholischen Ligue, war auch der Erste, der die schwere Hand Gustav Adolphs fühlte. Einige Drohworte waren genug, seine Grenzfestung Königshofen und mit ihr den Schlüssel zu der ganzen Provinz den Schweden in die Hände zu liefern. Bestürzung ergriff auf die Nachricht dieser schnellen Eroberung alle katholischen Stände des Kreises; die Bischöfe von Würzburg und Bamberg zagten in ihrer Burg. Schon sahen sie ihre Stühle wanken, ihre Kirchen entweiht, ihre Religion im Staube. Die Bosheit seiner Feinde hatte von dem Verfolgungsgeist und der Kriegsmanier des schwedischen Königs und seiner Truppen die schrecklichsten Schilderungen verbreitet, welche zu widerlegen weder die wiederholtesten Versicherungen des Königs, noch die glänzendsten Beispiele der Menschlichkeit und Duldung nie ganz vermögend gewesen sind. Man fürchtete, von einem Andern zu leiden, was man in ähnlichem Fall selbst auszuüben sich bewußt war. Viele der reichsten Katholiken eilten schon jetzt, ihre Güter, ihre Gewissen und Personen vor dem blutdürstigen Fanatismus der Schweden in Sicherheit zu bringen. Der Bischof selbst gab seinen Unterthanen das Beispiel. Mitten in dem Feuerbrande, den sein bigotter Eifer entzündet hatte, ließ er seine Länder im Stich und flüchtete nach Paris, um wo möglich das französische Ministerium gegen den gemeinschaftlichen Religionsfeind zu empören.

Die Fortschritte, welche Gustav Adolph unterdessen in dem Hochstifte machte, waren ganz dem glücklichen Anfange gleich. Von der kaiserlichen Besatzung verlassen, ergab sich ihm Schweinfurt und bald darauf Würzburg; der Marienberg mußte mit Sturm erobert werden. In diesen unüberwindlich geglaubten Ort hatte man einen großen Vorrath von Lebensmitteln und Kriegsmunition geflüchtet, welches alles dem Feind in die Hände fiel. Ein sehr angenehmer Fund war für den König die Büchersammlung der Jesuiten, die er nach Upsala bringen ließ, ein noch weit angenehmerer für seine Soldaten der reichlich gefüllte Weinkeller des Prälaten. Seine Schätze hatte der Bischof noch zu rechter Zeit geflüchtet. Dem Beispiele der Hauptstadt folgte bald das ganze Bisthum; alles unterwarf sich den Schweden. Der König ließ sich von allen Untertanen des Bischofs die Huldigung leisten und stellte wegen Abwesenheit des rechtmäßigen Regenten eine Landesregierung auf, welche zur Hälfte mit Protestanten besetzt wurde. An jedem katholischen Orte, den Gustav Adolph unter seine Botmäßigkeit brachte, schloß er der protestantischen Religion die Kirchen auf, doch ohne den Papisten den Druck zu vergelten, unter welchem sie seine Glaubensbrüder so lange gehalten hatten. Nur an Denen, die sich ihm mit dem Degen in der Hand widersetzten, wurde das schreckliche Recht des Kriegs ausgeübt; für einzelne Gräuelthaten, welche sich eine gesetzlose Soldateska in der blinden Wuth des ersten Angriffs erlaubt, kann man den menschenfreundlichen Führer nicht verantwortlich machen. Dem Friedfertigen und Wehrlosen widerfuhr eine gnädige Behandlung. Es war Gustav Adolphs heiligstes Gesetz, das Blut der Feinde, wie der Seinigen, zu sparen.

Gleich auf die erste Nachricht des schwedischen Einbruchs hatte der Bischof von Würzburg, unangesehen der Traktaten, die er, um Zeit zu gewinnen, mit dem König von Schweden anknüpfte, den Feldherrn der Ligue flehentlich aufgefordert, dem bedrängten Hochstift zu Hilfe zu eilen. Dieser geschlagene General hatte unterdessen die Trümmer seiner zerstreuten Armee an der Weser zusammengezogen, durch die kaiserlichen Garnisonen in Niedersachsen verstärkt und sich in Hessen mit seinen beiden Untergeneralen Altringer und Fugger vereinigt. An der Spitze dieser ansehnlichen Kriegsmacht brannte Graf Tilly vor Ungeduld, die Schande seiner ersten Niederlage durch einen glänzenden Sieg wieder auszulöschen. In seinem Lager bei Fulda, wohin er mit dem Heere gerückt war, harrte er sehnsuchtsvoll auf Erlaubniß von dem Herzog von Bayern, mit Gustav Adolph zu schlagen. Aber die Ligue hatte außer der Armee des Tilly keine zweite mehr zu verlieren, und Maximilian war viel zu behutsam, das ganze Schicksal seiner Partei auf den Glückswurf eines neuen Treffens zu setzen. Mit Thränen in den Augen empfing Tilly die Befehle seines Herrn, welche ihn zur Unthätigkeit zwangen. So wurde der Marsch dieses Generals nach Franken verzögert, und Gustav Adolph gewann Zeit, das ganze Hochstift zu überschwemmen. Umsonst, daß sich Tilly nachher zu Aschaffenburg durch zwölftausend Lothringer verstärkte und mit einer überlegenen Macht zum Entsatz der Stadt Würzburg herbei eilte. Stadt und Citadelle waren bereits in der Schweden Gewalt, und Maximilian von Bayern wurde, vielleicht nicht ganz unverdienter Weise, durch die allgemeine Stimme beschuldigt, den Ruin des Hochstifts durch seine Bedenklichkeiten beschleunigt zu haben. Gezwungen, eine Schlacht zu vermeiden, begnügte sich Tilly, den Feind am ferneren Vorrücken zu verhindern; aber nur sehr wenige Plätze konnte er dem Ungestüm der Schweden entreißen. Nach einem vergeblichen Versuch, eine Truppenverstärkung in die von den Kaiserlichen schwach besetzte Stadt Hanau zu werfen, deren Besitz dem König einen zu großen Vortheil gab, ging er bei Seligenstadt über den Main und richtete seinen Lauf nach der Bergstraße, um die pfälzischen Lande gegen den Andrang des Siegers zu schützen.

Graf Tilly war nicht der einzige Feind, den Gustav Adolph in Franken auf seinem Wege fand und vor sich her trieb. Auch Herzog Karl von Lothringen, durch den Unbestand seines Charakters, seine eiteln Entwürfe und sein schlechtes Glück in den Jahrbüchern des damaligen Europens berüchtigt, hatte seinen kleinen Arm gegen den schwedischen Helden aufgehoben, um sich bei Kaiser Ferdinand dem Zweiten den Kurhut zu verdienen. Taub gegen die Vorschriften einer vernünftigen Staatskunst, folgte er bloß den Eingebungen einer stürmischen Ehrbegierde, reizte durch Unterstützung des Kaisers Frankreich, seinen furchtbaren Nachbar, und entblößte, um auf fernem Boden ein schimmerndes Phantom, das ihn doch immer floh, zu verfolgen, seine Erblande, welche ein französisches Kriegsheer gleich einer reißenden Fluth überschwemmte. Gerne gönnte man ihm in Oesterreich die Ehre, sich, gleich den übrigen Fürsten der Ligue, für das Wohl des Erzhauses zu Grunde zu richten. Von eiteln Hoffnungen trunken, brachte dieser Prinz ein Heer von siebzehntausend Mann zusammen, das er in eigner Person gegen die Schweden ins Feld führen wollte. Wenn es gleich diesen Truppen an Mannszucht und Tapferkeit gebrach, so reizten sie doch durch einen glänzenden Aufputz die Augen; und so sehr sie im Angesicht des Feindes ihre Bravour verbargen, so freigebig ließen sie solche an dem wehrlosen Bürger und Landmann aus, zu deren Verteidigung sie gerufen waren. Gegen den kühnen Muth und die furchtbare Disziplin der Schweden konnte diese zierlich geputzte Armee nicht lange Stand halten. Ein panischer Schrecken ergriff sie, als die schwedische Reiterei gegen sie ansprengte, und mit leichter Mühe waren sie aus ihren Quartieren im Würzburgischen verscheucht. Das Unglück einiger Regimenter verursachte ein allgemeines Ausreißen unter den Truppen, und der schwache Ueberrest eilte, sich in einigen Städten jenseits des Rheins vor der nordischen Tapferkeit zu verbergen. Ein Spott der Deutschen und mit Schande bedeckt, sprengte ihr Anführer über Straßburg nach Hause, mehr als zu glücklich, den Zorn seines Ueberwinders, der ihn vorher aus dem Felde schlug und dann erst wegen seiner Feindseligkeiten zur Rechenschaft setzte, durch einen demüthigen Entschuldigungsbrief zu besänftigen. Ein Bauer aus einem rheinischen Dorfe, sagt man, erdreistete sich, dem Pferde des Herzogs, als er auf seiner Flucht vorbeigeritten kam, einen Schlag zu versetzen. »Frisch zu, Herr,« sagte der Bauer, »Ihr müßt schneller laufen, wenn Ihr vor dem großen Schweden-König ausreißt.«

Das unglückliche Beispiel seines Nachbars hatte dem Bischof von Bamberg klügere Maßregeln eingegeben. Um die Plünderung seiner Lande zu verhüten, kam er dem König mit Anerbietungen des Friedens entgegen, welche aber bloß dazu dienen sollten, den Lauf seiner Waffen so lange, bis Hilfe herbei käme, zu verzögern. Gustav Adolph, selbst viel zu redlich, um bei einem Andern Arglist zu befürchten, nahm bereitwillig die Erbietungen des Bischofs an und nannte schon die Bedingungen, unter welchen er das Hochstift mit jeder feindlichen Behandlung verschonen wollte. Er zeigte sich um so mehr dazu geneigt, da ohnehin seine Absicht nicht war, mit Bambergs Eroberung die Zeit zu verlieren, und seine übrigen Entwürfe ihn nach den Rheinländern riefen. Die Eilfertigkeit, mit der er die Ausführung dieser Entwürfe verfolgte, brachte ihn um die Geldsummen, welche er durch ein längeres Verweilen in Franken dem ohnmächtigen Bischof leicht hätte abängstigen können; denn dieser schlaue Prälat ließ die Unterhandlung fallen, sobald sich das Kriegsgewitter von seinen Grenzen entfernte. Kaum hatte ihm Gustav Adolph den Rücken zugewendet, so warf er sich dem Grafen Tilly in die Arme und nahm die Truppen des Kaisers in die nämlichen Städte und Festungen auf, welche er kurz zuvor dem Könige zu öffnen sich bereitwillig gezeigt hatte. Aber er hatte den Ruin seines Bisthums durch diesen Kunstgriff nur auf kurze Zeit verzögert; ein schwedischer Feldherr, der in Franken zurückgelassen ward, übernahm es, den Bischof dieser Treulosigkeit wegen zu züchtigen, und das Bisthum wurde eben dadurch zu einem unglücklichen Schauplatz des Kriegs, welchen Freund und Feind auf gleiche Weise verwüsteten.

Die Flucht der Kaiserlichen, deren drohende Gegenwart den Entschließungen der fränkischen Stände bisher Zwang angethan hatte, und das menschenfreundliche Betragen des Königs machten dem Adel sowohl als den Bürgern dieses Kreises Muth, sich den Schweden günstig zu bezeigen. Nürnberg übergab sich feierlich dem Schutze des Königs; die fränkische Ritterschaft wurde von ihm durch schmeichelhafte Manifeste gewonnen, in denen er sich herabließ, sich wegen seiner feindlichen Erscheinung in ihrem Lande zu entschuldigen. Der Wohlstand Frankens und die Gewissenhaftigkeit, welche der schwedische Krieger bei seinem Verkehr mit den Eingebornen zu beobachten pflegte, brachte den Ueberfluß in das königliche Lager. Die Gunst, in welche sich Gustav Adolph bei dem Adel des ganzen Kreises zu setzen gewußt hatte, die Bewunderung und Ehrfurcht, welche ihm seine glänzenden Thaten selbst bei dem Feind erweckten, die reiche Beute, die man sich im Dienst eines stets siegreichen Königs versprach, kamen ihm bei der Truppenwerbung sehr zu Statten, die der Abgang so vieler Besatzungen von dem Hauptheere nothwendig machte. Aus allen Gegenden des Frankenlandes eilte man haufenweise herbei, sobald nur die Trommel gerührt wurde.

Der König hatte auf die Einnahme Frankens nicht viel mehr Zeit verwenden können, als er überhaupt gebraucht hatte, es zu durcheilen; die Unterwerfung des ganzen Kreises zu vollenden und das Eroberte zu behaupten, wurde Gustav Horn, einer seiner tüchtigsten Generale, mit einem achttausend Mann starken Kriegsheere zurückgelassen. Er selbst eilte mit der Hauptarmee, die durch die Werbungen in Franken verstärkt war, gegen den Rhein, um sich dieser Grenze des Reichs gegen die Spanier zu versichern, die geistlichen Kurfürsten zu entwaffnen und in diesen wohlhabenden Ländern neue Hilfsquellen zur Fortsetzung des Kriegs zu eröffnen. Er folgte dem Lauf des Mainstroms; Seligenstadt, Aschaffenburg, Steinheim, alles Land an beiden Ufern des Flusses ward auf diesem Zuge zur Unterwerfung gebracht; selten erwarteten die kaiserlichen Besatzungen seine Ankunft, niemals behaupteten sie sich. Schon einige Zeit vorher war es einem seiner Obersten geglückt, die Stadt und Citadelle Hanau, auf deren Erhaltung Graf Tilly so bedacht gewesen war, den Kaiserlichen durch einen Ueberfall zu entreißen; froh, von dem unerträglichen Druck dieser Soldateska befreit zu sein, unterwarf sich der Graf bereitwillig dem gelindern Joche des schwedischen Königs.

Auf die Stadt Frankfurt war jetzt das vorzüglichste Augenmerk Gustav Adolphs gerichtet, dessen Maxime es überhaupt auf deutschem Boden war, sich durch die Freundschaft und den Besitz der wichtigern Städte den Rücken zu decken. Frankfurt war eine von den ersten Reichsstädten gewesen, die er schon von Sachsen aus zu seinem Empfang hatte vorbereiten lassen, und nun ließ er es von Offenbach aus durch neue Abgeordnete abermals auffordern, ihm den Durchzug zu gestatten und Besatzung einzunehmen. Gerne wäre diese Reichsstadt mit der bedenklichen Wahl zwischen dem König von Schweden und dem Kaiser verschont geblieben; denn welche Partei sie auch ergriff, so hatte sie für ihre Privilegien und ihren Handel zu fürchten. Schwer konnte der Zorn des Kaisers auf sie fallen, wenn sie sich voreilig dem König von Schweden unterwarf und dieser nicht mächtig genug bleiben sollte, seine Anhänger in Deutschland gegen den kaiserlichen Despotismus zu schützen. Aber noch weit verderblicher für sie war der Unwille eines unwiderstehlichen Siegers, der mit einer furchtbaren Armee schon gleichsam vor ihren Thoren stand und sie auf Unkosten ihres ganzen Handels und Wohlstandes für ihre Widersetzlichkeit züchtigen konnte. Umsonst führte sie durch ihre Abgeordneten zu ihrer Entschuldigung die Gefahren an, welche ihre Messen, ihre Privilegien, vielleicht ihre Reichsfreiheit selbst bedrohten, wenn sie durch Ergreifung der schwedischen Partei den Zorn des Kaisers auf sich laden sollte. Gustav Adolph stellte sich verwundert, daß die Stadt Frankfurt in einer so äußerst wichtigen Sache, als die Freiheit des ganzen Deutschlands und das Schicksal der protestantischen Kirche sei, von ihren Jahrmärkten spreche und für zeitliche Vorteile die große Angelegenheit des Vaterlandes und ihres Gewissens hintansetze. Er habe, setzte er drohend hinzu, von der Insel Rügen an bis zu allen Festungen und Städten am Main den Schlüssel gefunden und werde ihn auch zu der Stadt Frankfurt zu finden wissen. Das Beste Deutschlands und die Freiheit der protestantischen Kirche seien allein der Zweck seiner gewaffneten Ankunft, und bei dem Bewußtsein einer so gerechten Sache sei er schlechterdings nicht gesonnen, sich durch irgend ein Hinderniß in seinem Lauf aufhalten zu lassen. Er sehe wohl, daß ihm die Frankfurter nichts als die Finger reichen wollten, aber die ganze Hand müsse er haben, um sich daran halten zu können. Den Deputierten der Stadt, welche diese Antwort zurück brachten, folgte er mit seiner ganzen Armee auf dem Fuße nach und erwartete in völliger Schlachtordnung vor Sachsenhausen die letzte Erklärung des Raths.

Wenn die Stadt Frankfurt Bedenken getragen hatte, sich den Schweden zu unterwerfen, so war es bloß aus Furcht vor dem Kaiser geschehen; ihre eigene Neigung ließ die Bürger keinen Augenblick zweifelhaft zwischen dem Unterdrücker der deutschen Freiheit und dem Beschützer derselben. Die drohenden Zurüstungen, unter welchen Gustav Adolph ihre Erklärung jetzt forderte, konnten die Strafbarkeit ihres Abfalls in den Augen des Kaisers vermindern und den Schritt, den sie gern thaten, durch den Schein einer erzwungenen Handlung beschönigen. Jetzt also öffnete man dem König von Schweden die Thore, der seine Armee in prachtvollem Zuge und bewundernswürdiger Ordnung mitten durch diese Kaiserstadt führte. Sechshundert Mann blieben in Sachsenhausen zur Besatzung zurück; der König selbst rückte mit der übrigen Armee noch an demselben Abend gegen die Mainzische Stadt Höchst an, welche vor einbrechender Nacht schon erobert war.

Während daß Gustav Adolph längs dem Mainstrom Eroberungen machte, krönte das Glück die Unternehmungen seiner Generale und Bundesverwandten auch im nördlichen Deutschland. Rostock, Wismar und Dömitz, die einzigen noch übrigen festen Oerter im Herzogthum Mecklenburg, welche noch unter dem Joche kaiserlicher Besatzungen seufzten, wurden von dem rechtmäßigen Besitzer, Herzog Johann Albrecht, unter der Leitung des schwedischen Feldherrn Achatius Tott bezwungen. Umsonst versuchte es der kaiserliche General Wolf, Graf von Mannsfeld, den Schweden das Stift Halberstadt, von welchem sie sogleich nach dem Leipziger Siege Besitz genommen, wieder zu entreißen; er mußte bald darauf auch das Stift Magdeburg in ihren Händen lassen. Ein schwedischer General, Banner, der mit einem achttausend Mann starken Heere an der Elbe zurück geblieben war, hielt die Stadt Magdeburg auf das engste eingeschlossen und hatte schon mehrere kaiserliche Regimenter niedergeworfen, welche zum Entsatz dieser Stadt herbei geschickt worden. Der Graf von Mannsfeld vertheidigte sie zwar in Person mit sehr vieler Herzhaftigkeit; aber zu schwach an Mannschaft, um dem zahlreichen Heere der Belagerer lange Widerstand leisten zu können, dachte er schon auf die Bedingungen, unter welchen er die Stadt übergeben wollte, als der General Pappenheim zu seinem Entsatz herbeikam und die feindlichen Waffen anderswo beschäftigte. Dennoch wurde Magdeburg, oder vielmehr die schlechten Hütten, die aus den Ruinen dieser großen Stadt traurig hervorblickten, in der Folge von den Kaiserlichen freiwillig geräumt und gleich darauf von den Schweden in Besitz genommen.

Auch die Stände des niedersächsischen Kreises wagten es, nach den glücklichen Unternehmungen des Königs ihr Haupt wieder von dem Schlage zu erheben, den sie in dem unglücklichen dänischen Kriege durch Wallenstein und Tilly erlitten hatten. Sie hielten zu Hamburg eine Zusammenkunft, auf welcher die Errichtung von drei Regimentern verabredet wurde, mit deren Hilfe sie sich der äußerst drückenden kaiserlichen Besatzungen zu entledigen hofften. Dabei ließ es der Bischof von Bremen, ein Verwandter des schwedischen Königs, noch nicht bewenden; er brachte auch für sich besonders Treppen zusammen und ängstigte mit denselben wehrlose Pfaffen und Mönche, hatte aber das Unglück, durch den kaiserlichen General, Grafen von Gronsfeld, bald entwaffnet zu werden. Auch Georg, Herzog von Lüneburg, vormals Oberster in Ferdinands Diensten, ergriff jetzt Gustav Adolphs Partei und warb einige Regimenter für diesen Monarchen, wodurch die kaiserlichen Truppen in Niedersachsen zu nicht geringem Vortheil des Königs beschäftigt wurden.

Noch weit wichtigere Dienste aber leistete dem König Landgraf Wilhelm von Hessen-Kassel, dessen siegreiche Waffen einen großen Theil von Westphalen und Niedersachsen, das Stift Fulda und selbst das Kurfürstenthum Köln zittern machten. Man erinnert sich, daß unmittelbar nach dem Bündniß, welches der Landgraf im Lager zu Werben mit Gustav Adolph geschlossen hatte, zwei kaiserliche Generale, von Fugger und Altringer, von dem Grafen Tilly nach Hessen beordert wurden, den Landgrafen wegen seines Abfalls vom Kaiser zu züchtigen. Aber mit männlichem Muth hatte dieser Fürst den Waffen des Feindes, so wie seine Landstände den Aufruhr predigenden Manifesten des Grafen Tilly widerstanden, und bald befreite ihn die Leipziger Schlacht von diesen verwüstenden Schaaren. Er benutzte ihre Entfernung mit eben so viel Muth als Entschlossenheit, eroberte in kurzer Zeit Bach, Münden und Höxter und ängstigte durch seine schleunigen Fortschritte das Stift Fulda, Paderborn und alle an Hessen grenzenden Stifter. Die in Furcht gesetzten Staaten eilten, durch eine zeitige Unterwerfung seinen Fortschritten Grenzen zu setzen, und entgingen der Plünderung durch beträchtliche Geldsummen, die sie ihm freiwillig entrichteten. Nach diesen glücklichen Unternehmungen vereinigte der Landgraf sein siegreiches Heer mit der Hauptarmee Gustav Adolphs, und er selbst fand sich zu Frankfurt bei diesem Monarchen ein, um den ferneren Operationsplan mit ihm zu verabreden.

Mehrere Prinzen und auswärtige Gesandte waren mit ihm in dieser Stadt erschienen, um der Größe Gustav Adolphs zu huldigen, seine Gunst anzuflehen oder seinen Zorn zu besänftigen. Unter diesen war der merkwürdigste der vertriebene König von Böhmen und Pfalzgraf, Friedrich der Fünfte, der aus Holland dahin geeilt war, sich seinem Rächer und Beschützer in die Arme zu werfen. Gustav Adolph erwies ihm die unfruchtbare Ehre, ihn als ein gekröntes Haupt zu begrüßen, und bemühte sich, ihm durch eine edle Teilnahme sein Unglück zu erleichtern. Aber so viel sich auch Friedrich von der Macht und dem Glück seines Beschützers versprach, so viel er auf die Gerechtigkeit und Großmuth desselben baute, so weit entfernt war dennoch die Hoffnung zur Wiederherstellung dieses Unglücklichen in seinen verlornen Ländern. Die Unthätigkeit und die widersinnige Politik des englischen Hofes hatte den Eifer Gustav Adolphs erkältet, und eine Empfindlichkeit, über die er nicht ganz Meister werden konnte, ließ ihn hier den glorreichen Beruf eines Beschützers der Unterdrückten vergessen, den er bei seiner Erscheinung im deutschen Reiche so laut angekündigt hatte. Auch den Landgrafen Georg von Hessen-Darmstadt hatte die Furcht vor der unwiderstehlichen Macht und der nahen Rache des Königs herbei gelockt und zu einer zeitigen Unterwerfung bewogen. Die Verbindungen, in welchen dieser Fürst mit dem Kaiser stand, und sein geringer Eifer für die protestantische Sache waren dem König kein Geheimniß, aber er begnügte sich, einen so ohnmächtigen Feind zu verspotten. Da der Landgraf sich selbst und die politische Lage Deutschlands wenig genug kannte, um sich, ebenso unwissend als dreist, zum Mittler zwischen beiden Parteien aufzuwerfen, so pflegte ihn Gustav Adolph spottweise nur den Friedensstifter zu nennen. Oft hörte man ihn sagen, wenn er mit dem Landgrafen spielte und ihm Geld abgewann: »Er freue sich doppelt des gewonnenen Geldes, weil es kaiserliche Münze sei.« Landgraf Georg dankte es bloß seiner Verwandtschaft mit dem Kurfürsten von Sachsen, den Gustav Adolph zu schonen Ursache hatte, daß sich dieser Monarch mit Uebergabe seiner Festung Rüsselsheim und mit der Zusage begnügte, eine strenge Neutralität in diesem Kriege zu beobachten. Auch die Grafen des Westerwaldes und der Wetterau waren in Frankfurt bei dem König erschienen, um ein Bündniß mit ihm zu errichten und ihm gegen die Spanier ihren Beistand anzubieten, der ihm in der Folge sehr nützlich war. Die Stadt Frankfurt selbst hatte alle Ursachen, sich der Gegenwart des Monarchen zu rühmen, der durch seine königliche Autorität ihren Handel in Schutz nahm und die Sicherheit der Messen, die der Krieg sehr gestört hatte, durch die nachdrücklichsten Vorkehrungen wieder herstellte.

Die schwedische Armee war jetzt durch zehntausend Hessen verstärkt, welche Landgraf Wilhelm von Kassel dem König zugeführt hatte. Schon hatte Gustav Adolph Königstein angreifen lassen, Kostheim und Flörsheim ergaben sich ihm nach einer kurzen Belagerung, er beherrschte den ganzen Mainstrom, und zu Höchst wurden in aller Eile Fahrzeuge gezimmert, um die Truppen über den Rhein zu setzen. Diese Anstalten erfüllten den Kurfürsten von Mainz, Anselm Casimir, mit Furcht, und er zweifelte keinen Augenblick mehr, daß er der Nächste sei, den der Sturm des Krieges bedrohte. Als ein Anhänger des Kaisers und eines der thätigsten Mitglieder der katholischen Ligue, hatte er kein besseres Loos zu hoffen, als seine beiden Amtsbrüder, die Bischöfe von Würzburg und Bamberg, bereits getroffen hatte. Die Lage seiner Länder am Rheinstrom machte es dem Feinde zur Notwendigkeit, sich ihrer zu versichern, und überdem war dieser gesegnete Strich Landes für das bedürftige Heer eine unüberwindliche Reizung. Aber zu wenig mit seinen Kräften und dem Gegner bekannt, den er vor sich hatte, schmeichelte sich der Kurfürst, Gewalt durch Gewalt abzutreiben und durch die Festigkeit seiner Wälle die schwedische Tapferkeit zu ermüden. Er ließ in aller Eile die Festungswerke seiner Residenzstadt ausbessern, versah sie mit allem, was sie fähig machte, eine lange Belagerung auszuhalten, und nahm noch überdies zweitausend Spanier in seine Mauern auf, welche ein spanischer General, Don Philipp von Sylva, commandierte. Um den schwedischen Fahrzeugen die Annäherung unmöglich zu machen, ließ er die Mündung des Mains durch viele eingeschlagene Pfähle verrammeln, auch große Steinmassen und ganze Schiffe in dieser Gegend versenken. Er selbst flüchtete sich, in Begleitung des Bischofs von Worms, mit seinen besten Schätzen nach Köln und überließ Stadt und Land der Raubgier einer tyrannischen Besatzung. Alle diese Vorkehrungen, welche weniger wahren Muth als ohnmächtigen Trotz verriethen, hielten die schwedische Armee nicht ab, gegen Mainz vorzurücken und die ernstlichsten Anstalten zum Angriff der Stadt zu machen. Während daß sich ein Theil der Truppen in dem Rheingau verbreitete, alles, was sich von Spaniern dort fand, niedermachte und übermäßige Contributionen erpreßte, ein anderer die katholischen Oerter des Westerwaldes und der Wetterau brandschatzte, hatte sich die Hauptarmee schon bei Castel, Mainz gegenüber, gelagert und Herzog Bernhard von Weimar sogar am jenseitigen Rheinufer den Mäusethurm und das Schloß Ehrenfels erobert. Schon beschäftigte sich Gustav Adolph ernstlich damit, den Rhein zu passieren und die Stadt von der Landseite einzuschließen, als ihn die Fortschritte des Grafen Tilly in Franken eilfertig von dieser Belagerung abriefen und dem Kurfürstenthum eine, obgleich nur kurze, Ruhe verschafften.

Die Gefahr der Stadt Nürnberg, welche Graf Tilly während der Abwesenheit Gustav Adolphs am Rheinstrom Miene machte zu belagern und im Fall eines Widerstandes mit dem schrecklichen Schicksal Magdeburgs bedrohte, hatte den König von Schweden zu diesem schnellen Aufbruch von Mainz bewogen. Um sich nicht zum zweitenmal vor ganz Deutschland den Vorwürfen und der Schande auszusetzen, eine bundesverwandte Stadt der Willkür eines grausamen Feindes geopfert zu haben, machte er sich in beschleunigten Märschen auf, diese wichtige Reichsstadt zu entsetzen; aber schon zu Frankfurt erfuhr er den herzhaften Widerstand der Nürnberger und den Abzug des Tilly und säumte jetzt keinen Augenblick, seine Absichten auf Mainz zu verfolgen. Da es ihm bei Castel mißlungen war, unter den Kanonen der Belagerten den Uebergang über den Rhein zu gewinnen, so richtete er jetzt, um von einer andern Seite der Stadt beizukommen, seinen Lauf nach der Bergstraße, bemächtigte sich auf diesem Wege jedes wichtigen Platzes und erschien zum zweitenmal an den Ufern des Rheins bei Stockstadt zwischen Gernsheim und Oppenheim. Die ganze Bergstraße hatten die Spanier verlassen, aber das jenseitige Rheinufer suchten sie noch mit vieler Hartnäckigkeit zu vertheidigen. Sie hatten zu diesem Ende alle Fahrzeuge aus der Nachbarschaft zum Theil verbrannt, zum Theil in die Tiefe versenkt und standen jenseit des Stroms zum furchtbarsten Angriff gerüstet, wenn etwa der König an diesem Ort den Uebergang wagen würde.

Der Muth des Königs setzte ihn bei dieser Gelegenheit einer sehr großen Gefahr aus, in feindliche Hände zu gerathen. Um das jenseitige Ufer zu besichtigen, hatte er sich in einem kleinen Nachen über den Fluß gewagt; kaum aber war er gelandet, so überfiel ihn ein Haufen spanischer Reiter, aus deren Händen ihn nur die eilfertigste Rückkehr befreite. Endlich gelang es ihm, durch Vorschub etlicher benachbarten Schiffer sich einiger Fahrzeuge zu bemächtigen, auf deren zweien er den Grafen von Brahe mit dreihundert Schweden übersetzen ließ. Nicht so bald hatte dieser Zeit gewonnen, sich am jenseitigen Ufer zu verschanzen, als er von vierzehn Compagnieen spanischer Dragoner und Kürassiere überfallen wurde. So groß die Ueberlegenheit des Feindes war, so tapfer wehrte sich Brahe mit seiner kleinen Schaar, und sein heldenmütiger Widerstand verschaffte dem König Zeit, ihn in eigener Person mit frischen Truppen zu unterstützen. Nun ergriffen die Spanier, nach einem Verlust von sechshundert Todten, die Flucht; einige eilten, die feste Stadt Oppenheim, andre, Mainz zu gewinnen. Ein marmorner Löwe auf einer hohen Säule, in der rechten Klaue ein bloßes Schwert, auf dem Kopf eine Sturmhaube tragend, zeigte noch siebenzig Jahre nachher dem Wanderer die Stelle, wo der unsterbliche König den Hauptstrom Germaniens passierte.

Gleich nach dieser glücklichen Aktion setzte Gustav Adolph das Geschütz und den größten Theil der Truppen über den Fluß und belagerte Oppenheim, welches nach einer verzweifelten Gegenwehr am 8ten December 1631 mit stürmender Hand erstiegen ward. Fünfhundert Spanier, welche diesen Ort so herzhaft vertheidigt hatten, wurden insgesammt ein Opfer der schwedischen Furie. Die Nachricht von Gustavs Uebergang über den Rheinstrom erschreckte alle Spanier und Lothringer, welche das jenseitige Land besetzt und sich hinter diesem Flusse vor der Rache der Schweden geborgen geglaubt hatten. Schnelle Flucht war jetzt ihre einzige Sicherheit; jeder nicht ganz haltbare Ort ward aufs eilfertigste verlassen. Nach einer langen Reihe von Gewalttätigkeiten gegen den wehrlosen Bürger räumten die Lothringer die Stadt Worms, welche sie noch vor ihrem Abzuge mit muthwilliger Grausamkeit mißhandelten. Die Spanier eilten, sich in Frankenthal einzuschließen, in welcher Stadt sie sich Hoffnung machten, den siegreichen Waffen Gustav Adolphs zu trotzen.

Der König verlor nunmehr keine Zeit, seine Absichten auf die Stadt Mainz auszuführen, in welche sich der Kern der spanischen Truppen geworfen hatte. Indem er jenseit des Rheinstroms gegen diese Stadt anrückte, hatte sich der Landgraf von Hessen-Kassel diesseits des Flusses derselben genähert und auf dem Wege dahin mehrere feste Plätze unter seine Botmäßigkeit gebracht. Die belagerten Spanier, obgleich von beiden Seiten eingeschlossen, zeigten anfänglich viel Muth und Entschlossenheit, das Aeußerste zu erwarten, und ein ununterbrochenes, heftiges Bombenfeuer regnete mehrere Tage lang in das schwedische Lager, welches dem Könige manchen braven Soldaten kostete. Aber dieses muthvollen Widerstands ungeachtet gewannen die Schweden immer mehr Boden und waren dem Stadtgraben schon so nahe gerückt, daß sie sich ernstlich zum Sturm anschickten. Jetzt sank den Belagerten der Muth. Mit Recht zitterten sie vor dem wilden Ungestüm des schwedischen Soldaten, wovon der Marienberg bei Würzburg ein schreckhaftes Zeugniß ablegte. Ein fürchterliches Loos erwartete die Stadt Mainz, wenn sie im Sturm erstiegen werden sollte, und leicht konnte der Feind sich versucht fühlen, Magdeburgs schauderhaftes Schicksal an dieser reichen und prachtvollen Residenz eines katholischen Fürsten zu rächen. Mehr um die Stadt, als um ihr eigenes Leben zu schonen, capitulierte am vierten Tag die spanische Besatzung und erhielt von der Großmuth des Königs ein sicheres Geleite bis nach Luxemburg; doch stellte sich der größte Theil derselben, wie bisher schon von mehreren geschehen war, unter schwedische Fahnen.

Am 13ten December 1631 hielt der König von Schweden seinen Einzug in die eroberte Stadt und nahm im Palast des Kurfürsten seine Wohnung. Achtzig Kanonen fielen als Beute in seine Hände, und mit achttausend Gulden mußte die Bürgerschaft die Plünderung abkaufen. Von dieser Schatzung waren die Juden und die Geistlichkeit ausgeschlossen, welche noch für sich besonders große Summen zu entrichten hatten. Die Bibliothek des Kurfürsten nahm der König als sein Eigenthum zu sich und schenkte sie seinem Reichskanzler Oxenstierna, der sie dem Gymnasium zu Westeräs abtrat; aber das Schiff, das sie nach Schweden bringen sollte, scheiterte, und die Ostsee verschlang diesen unersetzlichen Schatz.

Nach dem Verlust der Stadt Mainz hörte das Unglück nicht auf, die Spanier in den Gegenden des Rheins zu verfolgen. Kurz vor Eroberung jener Stadt hatte der Landgraf von Hessen-Kassel Falkenstein und Reifenberg eingenommen; die Festung Königstein ergab sich den Hessen; der Rheingraf Otto Ludwig, einer von den Generalen des Königs, hatte das Glück, neun spanische Schwadronen zu schlagen, die gegen Frankenthal im Anzuge waren, und sich der wichtigsten Städte am Rheinstrom von Boppart bis Bacharach zu bemächtigen. Nach Einnahme der Festung Braunfels, welche die wetterauischen Grafen mit schwedischer Hilfe zu Stande brachten, verloren die Spanier jeden Platz in der Wetterau, und in der ganzen Pfalz konnten sie, außer Frankenthal, nur sehr wenige Städte retten. Landau und Kronweißenburg erklärten sich laut für die Schweden. Speyer bot sich an, Truppen zum Dienst des Königs zu werben. Mannheim ging durch die Besonnenheit des jungen Herzogs Bernhard von Weimar und durch die Nachlässigkeit des dortigen Commandanten verloren, der auch dieses Unglücks wegen zu Heidelberg vor das Kriegsgericht gefordert und enthauptet ward.

Der König hatte den Feldzug bis tief in den Winter verlängert, und wahrscheinlich war selbst die Rauhigkeit der Jahreszeit mit eine Ursache der Ueberlegenheit gewesen, welche der schwedische Soldat über den Feind behauptete. Jetzt aber bedurften die erschöpften Truppen der Erholung in den Winterquartieren, welche ihnen Gustav Adolph auch bald nach Eroberung der Stadt Mainz in der umliegenden Gegend bewilligte. Er selbst benutzte die Ruhe, welche die Jahreszeit seinen kriegerischen Operationen auflegte, dazu, die Geschäfte des Kabinets mit seinem Reichskanzler abzuthun, der Neutralität wegen mit dem Feind Unterhandlungen zu pflegen und einige politische Streitigkeiten mit einer bundesverwandten Macht zu beendigen, zu denen sein bisheriges Betragen den Grund gelegt hatte. Zu seinem Winteraufenthalt und zum Mittelpunkt dieser Staatsgeschäfte erwählte er die Stadt Mainz, gegen die er überhaupt eine größere Neigung blicken ließ, als sich mit dem Interesse der deutschen Fürsten und mit dem kurzen Besuche vertrug, den er dem Reiche hatte abstatten wollen. Nicht zufrieden, die Stadt auf das stärkste befestigt zu haben, ließ er auch ihr gegenüber, in dem Winkel, den der Main mit dem Rheine macht, eine neue Citadelle anlegen, die nach ihrem Stifter Gustavsburg genannt, aber unter dem Namen Pfaffenraub, Pfaffenzwang bekannter geworden ist.

Indem Gustav Adolph sich Meister vom Rhein machte und die drei angrenzenden Kurfürstenthümer mit seinen siegreichen Waffen bedrohte, wurde in Paris und Saint-Germain von seinen wachsamen Feinden jeder Kunstgriff der Politik in Bewegung gesetzt, ihm den Beistand Frankreichs zu entziehen und ihn wo möglich mit dieser Macht in Krieg zu verwickeln. Er selbst hatte durch die unerwartete und zweideutige Wendung seiner Waffen gegen den Rheinstrom seine Freunde stutzen gemacht und seinen Gegnern die Mittel dargereicht, ein gefährliches Mißtrauen in seine Absichten zu erregen. Nachdem er das Hochstift Würzburg und den größten Theil Frankens seiner Macht unterworfen hatte, stand es bei ihm, durch das Hochstift Bamberg und durch die obere Pfalz in Bayern und Oesterreich einzubrechen; und die Erwartung war so allgemein als natürlich, daß er nicht säumen würde, den Kaiser und den Herzog von Bayern im Mittelpunkt ihrer Macht anzugreifen und durch Ueberwältigung dieser beiden Hauptfeinde den Krieg auf das schnellste zu endigen. Aber zu nicht geringem Erstaunen beider streitenden Theile verließ Gustav Adolph die von der allgemeinen Meinung ihm vorgezeichnete Bahn, und anstatt seine Waffen zur Rechten zu kehren, wendete er sie zur Linken, um die minder schuldigen und minder zu fürchtenden Fürsten des Kurrheins seine Macht empfinden zu lassen, indem er seinen zwei wichtigsten Gegnern Frist gab, neue Kräfte zu sammeln. Nichts als die Absicht, durch Vertreibung der Spanier vor allen Dingen den unglücklichen Pfalzgrafen Friedrich den Fünften wieder in den Besitz seiner Länder zu setzen, konnte diesen überraschenden Schritt erklärlich machen, und der Glaube an die nahe Wiederherstellung Friedrichs brachte anfangs auch wirklich den Argwohn seiner Freunde und die Verleumdungen seiner Gegner zum Schweigen. Jetzt aber war die untere Pfalz fast durchgängig von Feinden gereinigt, und Gustav Adolph fuhr fort, neue Eroberungsplane am Rhein zu entwerfen; er fuhr fort, die eroberte Pfalz dem rechtmäßigen Besitzer zurückzuhalten. Vergebens erinnerte der Abgesandte des Königs von England den Eroberer an das, was die Gerechtigkeit von ihm forderte und sein eigenes feierlich ausgestelltes Versprechen ihm zur Ehrenpflicht machte. Gustav Adolph beantwortete diese Aufforderung mit bittern Klagen über die Unthätigkeit des englischen Hofes und rüstete sich lebhaft, seine sieghaften Fahnen mit nächstem in Elsaß und selbst in Lothringen auszubreiten.

Jetzt wurde das Mißtrauen gegen den schwedischen Monarchen laut, und der Haß seiner Gegner zeigte sich äußerst geschäftig, die nachtheiligsten Gerüchte von seinen Absichten zu verbreiten. Schon längst hatte der Minister Ludwigs des Dreizehnten, Richelieu, der Annäherung des Königs gegen die französischen Grenzen mit Unruhe zugesehen, und das mißtrauische Gemüth seines Herrn öffnete sich nur allzuleicht den schlimmen Muthmaßungen, welche darüber angestellt wurden. Frankreich war um eben diese Zeit in einen bürgerlichen Krieg mit dem protestantischen Theil seiner Bürger verwickelt, und die Furcht war in der That nicht ganz grundlos, daß die Annäherung eines siegreichen Königs von ihrer Partei ihren gesunkenen Muth neu beleben und sie zu dem gewaltsamsten Widerstand aufmuntern möchte. Dies konnte geschehen, auch wenn Gustav Adolph auf das weiteste davon entfernt war, ihnen Hoffnung zu machen und an seinem Bundesgenossen, dem König von Frankreich, eine wirkliche Untreue zu begehen. Aber der rachgierige Sinn des Bischofs von Würzburg, der den Verlust seiner Länder am französischen Hofe zu verschmerzen suchte, die giftvolle Beredsamkeit der Jesuiten und der geschäftige Eifer des bayerischen Ministers stellten dieses gefährliche Verständniß zwischen den Hugenotten und dem König von Schweden als ganz erwiesen dar und wußten den furchtsamen Geist Ludwigs mit den schrecklichsten Besorgnissen zu bestürmen. Nicht bloß thörichte Politiker, auch manche nicht unverständige Katholiken glaubten in vollem Ernst, der König werde mit nächstem in das innerste Frankreich eindringen, mit den Hugenotten gemeine Sache machen und die katholische Religion in dem Königreich umstürzen. Fanatische Eiferer sahen ihn schon mit einer Armee über die Alpen klimmen und den Statthalter Christi selbst in Italien entthronen. So leicht sich Träumereien dieser Art von selbst widerlegten, so war dennoch nicht zu leugnen, daß Gustav durch seine Kriegsunternehmungen am Rhein dem Argwohn seiner Gegner eine gefährliche Blöße gab und einigermaßen den Verdacht rechtfertigte, als ob er seine Waffen weniger gegen den Kaiser und den Herzog von Bayern, als gegen die katholische Religion überhaupt habe richten wollen.

Das allgemeine Geschrei des Unwillens, welches die katholischen Höfe, von den Jesuiten aufgereizt, gegen Frankreichs Verbindungen mit den Feinden der Kirche erhoben, bewog endlich den Cardinal von Richelieu, für die Sicherstellung seiner Religion einen entscheidenden Schritt zu thun und die katholische Welt zugleich von dem ernstlichen Religionseifer Frankreichs und von der eigennützigen Politik der geistlichen Reichsstände zu überführen. Ueberzeugt, daß die Absichten des Königs von Schweden, so wie seine eignen, nur auf die Demütigung des Hauses Oesterreich gerichtet seien, trug er kein Bedenken, den liguistischen Fürsten von Seiten Schwedens eine vollkommene Neutralität zu versprechen, sobald sie sich der Allianz mit dem Kaiser entschlagen und ihre Truppen zurückziehen würden. Welchen Entschluß nun die Fürsten faßten, so hatte Richelieu seinen Zweck erreicht. Durch ihre Trennung von der österreichischen Partei wurde Ferdinand den vereinigten Waffen Frankreichs und Schwedens wehrlos bloßgestellt, und Gustav Adolph, von allen seinen übrigen Feinden in Deutschland befreit, konnte seine ungeteilte Macht gegen die kaiserlichen Erbländer kehren. Unvermeidlich war dann der Fall des österreichischen Hauses, und dieses letzte große Ziel aller Bestrebungen Richelieus ohne Nachtheil der Kirche errungen. Ungleich mißlicher hingegen war der Erfolg, wenn die Fürsten der Ligue auf ihrer Weigerung bestehen und dem österreichischen Bündniß noch fernerhin getreu bleiben sollten. Dann aber hatte Frankreich vor dem ganzen Europa seine katholische Gesinnung erwiesen und seinen Pflichten als Glied der römischen Kirche ein Genüge gethan. Die Fürsten der Ligue erschienen dann allein als die Urheber alles Unglücks, welches die Fortdauer des Kriegs über das katholische Deutschland unausbleiblich verhängen mußte; sie allein waren es, die durch ihre eigensinnige Anhänglichkeit an den Kaiser die Maßregeln ihres Beschützers vereitelten, die Kirche in die äußerste Gefahr und sich selbst ins Verderben stürzten.

Richelieu verfolgte diesen Plan um so lebhafter, je mehr er durch die wiederholten Anforderungen des Kurfürsten von Bayern um französische Hilfe ins Gedränge gebracht wurde. Man erinnert sich, daß dieser Fürst schon seit der Zeit, als er Ursache gehabt hatte, ein Mißtrauen in die Gesinnungen des Kaisers zu setzen, in ein geheimes Bündniß mit Frankreich getreten war, wodurch er sich den Besitz der pfälzischen Kurwürde gegen eine künftige Sinnesänderung Ferdinands zu versichern hoffte. So deutlich auch schon der Ursprung dieses Traktats zu erkennen gab, gegen welchen Feind er errichtet worden, so dehnte ihn Maximilian jetzt, willkürlich genug, auch auf die Angriffe des Königs von Schweden aus und trug kein Bedenken, dieselbe Hilfleistung, welche man ihm bloß gegen Oesterreich zugesagt hatte, auch gegen Gustav Adolph, den Alliierten der französischen Krone, zu fordern. Durch diese widersprechende Allianz mit zwei einander entgegengesetzten Mächten in Verlegenheit gesetzt, wußte sich Richelieu nur dadurch zu helfen, daß er den Feindseligkeiten zwischen Beiden ein schleuniges Ende machte; und eben so wenig geneigt, Bayern preiszugeben, als, durch seinen Vertrag mit Schweden außer Stand gesetzt, es zu schützen, verwendete er sich mit ganzem Eifer für die Neutralität als das einzige Mittel, seinen doppelten Verbindungen ein Genüge zu leisten. Ein eigner Bevollmächtigter, Marquis von Breze, wurde zu diesem Ende an den König von Schweden nach Mainz abgeschickt, seine Gesinnungen über diesen Punkt zu erforschen und für die alliierten Fürsten günstige Bedingungen von ihm zu erhalten. Aber so wichtige Ursachen Ludwig der Dreizehnte hatte, diese Neutralität zu Stande gebracht zu sehen, so triftige Gründe hatte Gustav Adolph, das Gegentheil zu wünschen. Durch zahlreiche Proben überzeugt, daß der Abscheu der liguistischen Fürsten vor der protestantischen Religion unüberwindlich, ihr Haß gegen die ausländische Macht der Schweden unauslöschlich, ihre Anhänglichkeit an das Haus Oesterreich unvertilgbar sei, fürchtete er ihre offenbare Feindschaft weit weniger, als er einer Neutralität mißtraute, die mit ihrer Neigung so sehr im Widerspruche stand. Da er sich überdies durch seine Lage auf deutschem Boden genöthigt sah, auf Kosten der Feinde den Krieg fortzusetzen, so verlor er augenscheinlich, wenn er, ohne neue Freunde dadurch zu gewinnen, die Zahl seiner öffentlichen Feinde verminderte. Kein Wunder also, wenn Gustav Adolph wenig Neigung blicken ließ, die Neutralität der katholischen Fürsten, wodurch ihm so wenig geholfen war, durch Aufopferung seiner errungenen Vorteile zu erkaufen.

Die Bedingungen, unter welchen er dem Kurfürsten von Bayern die Neutralität bewilligte, waren drückend und diesen Gesinnungen gemäß. Er forderte von der katholischen Ligue eine gänzliche Unthätigkeit, Zurückziehung ihrer Truppen von der kaiserlichen Armee, aus den eroberten Plätzen, aus allen protestantischen Ländern. Noch außerdem wollte er die liguistische Kriegsmacht auf eine geringe Anzahl herabgesetzt wissen. Alle ihre Länder sollten den kaiserlichen Armeen verschlossen sein und dem Hause Oesterreich weder Mannschaft noch Lebensmittel und Munition aus denselben gestattet werden. So hart das Gesetz war, welches der Ueberwinder den Ueberwundenen auflegte, so schmeichelte sich der französische Mediateur noch immer, den Kurfürsten von Bayern zu Annehmung desselben vermögen zu können. Dieses Geschäft zu erleichtern, hatte sich Gustav Adolph bewegen lassen, dem Letztern einen Waffenstillstand auf vierzehn Tage zu bewilligen. Aber zur nämlichen Zeit, als dieser Monarch durch den französischen Agenten wiederholte Versicherungen von dem guten Fortgang dieser Unterhandlung erhielt, entdeckte ihm ein aufgefangener Brief des Kurfürsten an den General Pappenheim in Westphalen die Treulosigkeit dieses Prinzen, der bei der ganzen Negociation nichts gesucht hatte, als Zeit zur Verteidigung zu gewinnen. Weit davon entfernt, sich durch einen Vergleich mit Schweden in seinen Kriegsunternehmungen Fesseln anlegen zu lassen, beschleunigte vielmehr der hinterlistige Fürst seine Rüstung und benutzte die Muße, die ihm der Feind ließ, desto nachdrücklichere Anstalten zur Gegenwehr zu treffen. Diese ganze Neutralitätsunterhandlung zerriß also fruchtlos und hatte zu nichts gedient, als die Feindseligkeit zwischen Bayern und Schweden mit desto größrer Erbitterung zu erneuern.

Tillys vermehrte Macht, womit dieser Feldherr Franken zu überschwemmen drohte, forderte den König dringend nach diesem Kreise; zuvor aber mußten die Spanier von dem Rheinstrom vertrieben und ihnen der Weg versperrt werden, von den Niederlanden aus die deutschen Provinzen zu bekriegen. In dieser Absicht hatte Gustav Adolph bereits dem Kurfürsten von Trier, Philipp von Zeltern, die Neutralität unter der Bedingung angeboten, daß ihm die Trierische Festung Hermannstein eingeräumt und den schwedischen Truppen ein freier Durchzug durch Koblenz bewilligt würde. Aber so ungern der Kurfürst seine Länder in spanischen Händen sah, so viel weniger konnte er sich entschließen, sie dem verdächtigen Schutz eines Ketzers zu übergeben und den schwedischen Eroberer zum Herrn seines Schicksals zu machen. Da er sich jedoch außer Stand sah, gegen zwei so furchtbare Mitbewerber seine Unabhängigkeit zu behaupten, so suchte er unter den mächtigen Flügeln Frankreichs Schutz gegen beide. Mit gewohnter Staatsklugheit hatte Richelieu die Verlegenheit dieses Fürsten benutzt, Frankreichs Macht zu vergrößern und ihm einen wichtigen Alliirten an Deutschlands Grenze zu erwerben. Eine zahlreiche französische Armee sollte die Trierischen Lande decken und die Festung Ehrenbreitstein französische Besatzung einnehmen. Aber die Absicht, welche den Kurfürsten zu diesem gewagten Schritte vermocht hatte, wurde nicht ganz erfüllt; denn die gereizte Empfindlichkeit Gustav Adolphs ließ sich nicht eher besänftigen, als bis auch den schwedischen Treppen ein freier Durchzug durch die Trierischen Lande gestattet wurde.

Indem dieses mit Trier und Frankreich verhandelt wurde, hatten die Generale des Königs das ganze Erzstift Mainz von dem Ueberreste der spanischen Garnisonen gereinigt und Gustav Adolph selbst durch die Einnahme von Kreuznach die Eroberung dieses Landstrichs vollendet. Das Eroberte zu beschützen, mußte der Reichskanzler Oxenstierna mit einem Theile der Armee an dem mittlern Rheinstrome zurückbleiben, und das Hauptheer setzte sich unter Anführung des Königs in Marsch, auf fränkischem Boden den Feind aufzusuchen.

Um den Besitz dieses Preises hatten unterdessen Graf Tilly und der schwedische General von Horn, den Gustav Adolph mit achttausend Mann darin zurückließ, mit abwechselndem Kriegsglück gestritten, und das Hochstift Bamberg besonders war zugleich der Preis und der Schauplatz ihrer Verwüstungen. Von seinen übrigen Entwürfen an den Rheinstrom gerufen, überließ der König seinem Feldherrn die Züchtigung des Bischofs, der durch sein treuloses Betragen seinen Zorn gereizt hatte, und die Thätigkeit des Generals rechtfertigte die Wahl des Monarchen. In kurzer Zeit unterwarf er einen großen Theil des Bisthums den schwedischen Waffen, und die Hauptstadt selbst, von der kaiserlichen Besatzung im Stich gelassen, lieferte ihm ein stürmender Angriff in die Hände. Dringend forderte nun der verjagte Bischof den Kurfürsten von Bayern zum Beistand auf, der sich endlich bewegen ließ, Tillys Untätigkeit zu verkürzen. Durch den Befehl seines Herrn zur Wiedereinsetzung des Bischofs bevollmächtigt, zog dieser General seine durch die Oberpfalz zerstreuten Truppen zusammen und näherte sich Bamberg mit einem zwanzigtausend Mann starken Heere. Gustav Horn, fest entschlossen, seine Eroberung gegen diese überlegene Macht zu behaupten, erwartete hinter den Wällen Bambergs den Feind, mußte sich aber durch den bloßen Vortrab des Tilly entreißen sehen, was er der ganzen versammelten Armee gehofft hatte streitig zu machen. Eine Verwirrung unter seinen Truppen, die keine Geistesgegenwart des Feldherrn zu verbessern vermochte, öffnete dem Feinde die Stadt, daß Truppen, Bagage und Geschütz nur mit Mühe gerettet werden konnten. Bambergs Wiedereroberung war die Frucht dieses Sieges; aber den schwedischen General, der sich in guter Ordnung über den Mainstrom zurückzog, konnte Graf Tilly, aller angewandten Geschwindigkeit ungeachtet, nicht mehr einholen. Die Erscheinung des Königs in Franken, welchem Gustav Horn den Rest seiner Truppen bei Kitzingen zuführte, setzte seinen Eroberungen ein schnelles Ziel und zwang ihn, durch einen zeitigen Rückzug für seine eigne Rettung zu sorgen.

Zu Aschaffenburg hatte der König allgemeine Heerschau über seine Truppen gehalten, deren Anzahl nach der Vereinigung mit Gustav Horn, Banner und Herzog Wilhelm von Weimar auf beinahe vierzigtausend stieg. Nichts hemmte seinen Marsch durch Franken; denn Graf Tilly, viel zu schwach, einen so sehr überlegenen Feind zu erwarten, hatte sich in schnellen Märschen gegen die Donau gezogen. Böhmen und Bayern lagen jetzt dem König gleich nahe, und in der Ungewißheit, wohin dieser Eroberer seinen Lauf richten würde, konnte Maximilian nicht sogleich eine Entschließung fassen. Der Weg, welchen man Tilly jetzt nehmen ließ, mußte die Wahl des Königs und das Schicksal beider Provinzen entscheiden. Gefährlich war es, bei der Annäherung eines so furchtbaren Feindes Bayern unvertheidigt zu lassen, um Oesterreichs Grenzen zu schirmen; gefährlicher noch, durch Aufnahme des Tilly in Bayern zugleich auch den Feind in dies Land zu rufen und es zum Schauplatz eines verwüstenden Kampfes zu machen. Die Sorge des Landesvaters siegte endlich über die Bedenklichkeiten des Staatsmanns, und Tilly erhielt Befehl, was auch daraus erfolgen möchte, Bayerns Grenzen mit seiner ganzen Macht zu vertheidigen.

Mit triumphierender Freude empfing die Reichsstadt Nürnberg den Beschützer protestantischer Religion und deutscher Freiheit, und der schwärmerische Enthusiasmus der Bürger ergoß sich bei seinem Anblick in rührende Aeußerungen des Jubels und der Bewunderung. Gustav selbst konnte sein Erstaunen nicht unterdrücken, sich hier in dieser Stadt, im Mittelpunkte Deutschlands zu sehen, bis wohin er nie gehofft hatte seine Fahnen auszubreiten. Der edle schöne Anstand seiner Person vollendete den Eindruck seiner glorreichen Thaten, und die Herablassung, womit er die Begrüßungen dieser Reichsstadt erwiederte, hatte ihm in wenig Augenblicken alle Herzen erobert. In Person bestätigte er jetzt das Bündniß, das er noch an den Ufern des Belts mit derselben errichtet hatte, und verband alle Bürger zu einem glühenden Thateneifer und brüderlicher Eintracht gegen den gemeinschaftlichen Feind. Nach einem kurzen Aufenthalt in Nürnbergs Mauern folgte er seiner Armee gegen die Donau und stand vor der Grenzfestung Donauwörth, ehe man einen Feind da vermuthete. Eine zahlreiche bayerische Besatzung vertheidigte diesen Platz, und der Anführer derselben, Rudolph Maximilian, Herzog von Sachsen Lauenburg, zeigte anfangs die muthigste Entschlossenheit, sich bis zur Ankunft des Tilly zu halten. Bald aber zwang ihn der Ernst, mit welchem Gustav Adolph die Belagerung anfing, auf einen schnellen und sichern Abzug zu denken, den er auch unter dem heftigsten Feuer des schwedischen Geschützes glücklich ins Werk richtete.

Die Einnahme Donauwörths öffnete dem König das jenseitige Ufer der Donau, und nur der kleine Lechstrom trennte ihn noch von Bayern. Diese nahe Gefahr seiner Länder weckte die ganze Thätigkeit Maximilians, und so leicht er es bis jetzt dem Feind gemacht hatte, bis an die Schwelle seiner Staaten zu dringen, so entschlossen zeigte er sich nun, ihm den letzten Schritt zu erschweren. Jenseits des Lechs, bei der kleinen Stadt Rain, bezog Tilly ein wohlbefestigtes Lager, welches, von drei Flüssen umgeben, jedem Angriffe Trotz bot. Alle Brücken über den Lech hatte man abgeworfen, die ganze Länge des Stroms bis Augsburg durch starke Besatzungen vertheidigt und sich dieser Reichsstadt selbst, welche längst schon ihre Ungeduld blicken ließ, dem Beispiel Nürnbergs und Frankfurts zu folgen, durch Einführung einer bayerischen Garnison und Entwaffnung der Bürger versichert. Der Kurfürst selbst schloß sich mit allen Truppen, die er hatte aufbringen können, in das Tilly’sche Lager ein, gleich als ob an diesem einzigen Posten alle seine Hoffnungen hafteten und das Glück der Schweden an dieser äußersten Grenzmauer scheitern sollte.

Bald erschien Gustav Adolph am Ufer, den bayerischen Verschanzungen gegenüber, nachdem er sich das ganze Augsburgische Gebiet diesseits des Lechs unterworfen und seinen Truppen eine reiche Zufuhr aus diesem Landstrich geöffnet hatte. Es war im Märzmonat, wo dieser Strom von häufigen Regengüssen und von dem Schnee der tirolischen Gebirge zu einer ungewöhnlichen Höhe schwillt und zwischen steilen Ufern mit reißender Schnelligkeit fluthet. Ein gewisses Grab öffnete sich dem waghalsigen Stürmer in seinen Wellen, und am entgegenstehenden Ufer zeigten ihm die feindlichen Kanonen ihre mörderischen Schlünde. Ertrotzte er dennoch mitten durch die Wuth des Wassers und des Feuers den fast unmöglichen Uebergang, so erwartet die ermatteten Trnppen ein frischer und muthiger Feind in einem unüberwindlichen Lager, und nach Erholung schmachtend, finden sie eine Schlacht. Mit erschöpfter Kraft müssen sie die feindlichen Schanzen ersteigen, deren Festigkeit jedes Angriffs zu spotten scheint. Eine Niederlage, an diesem Ufer erlitten, führt sie unvermeidlich zum Untergange; denn derselbe Strom, der ihnen die Bahn zum Siege erschwert, versperrt ihnen alle Wege zur Flucht, wenn das Glück sie verlassen sollte.

Der schwedische Kriegsrath, den der Monarch jetzt versammelte, machte das ganze Gewicht dieser Gründe gelten, um die Ausführung eines so gefahrvollen Unternehmens zu hindern. Auch die Tapfersten zagten, und eine ehrwürdige Schaar im Dienste grau gewordener Krieger erröthete nicht, ihre Besorgnisse zu gestehen. Aber der Entschluß des Königs war gefaßt. »Wie?« sagte er zu Gustav Horn, der das Wort für die Uebrigen führte: »über die Ostsee, über so viele große Ströme Deutschlands hätten wir gesetzt, und vor einem Bache, vor diesem Lech hier, sollten wir ein Unternehmen aufgeben?« Er hatte bereits bei Besichtigung der Gegend, die er mit mancher Lebensgefahr anstellte, die Entdeckung gemacht, daß das diesseitige Ufer über das jenseitige merklich hervorrage und die Wirkung des schwedischen Geschützes vorzugsweise vor dem des Feindes begünstige. Mit schneller Besonnenheit wußte er diesen Umstand zu nützen. Unverzüglich ließ er an der Stelle, wo sich das linke Ufer des Lechs gegen das rechte zu krümmte, drei Batterieen aufwerfen, von welchen zwei und siebenzig Feldstücke ein kreuzweises Feuer gegen den Feind unterhielten. Während daß diese wüthende Kanonade die Bayern von dem jenseitigen Ufer entfernte, ließ er in größter Eilfertigkeit über den Lech eine Brücke schlagen; ein dicker Dampf, aus angezündetem Holz und nassem Stroh in Einem fort unterhalten, entzog das aufsteigende Werk lange Zeit den Augen der Feinde, indem zugleich der fast ununterbrochene Donner des Geschützes das Getöse der Zimmeräxte unhörbar machte. Er selbst ermunterte durch sein eigenes Beispiel den Eifer der Truppen und brannte mit eigener Hand über sechzig Kanonen ab. Mit gleicher Lebhaftigkeit wurde diese Kanonade zwei Stunden lang von den Bayern, wiewohl mit ungleichem Vortheil, erwiedert, da die hervorragenden Batterieen der Schweden das jenseitige niedere Ufer beherrschten und die Höhe des ihrigen ihnen gegen das feindliche Geschütz zur Brustwehr diente. Umsonst strebten die Bayern, die feindlichen Werke vom Ufer aus zu zerstören; das überlegene Geschütz der Schweden verscheuchte sie, und sie mußten die Brücke, fast unter ihren Augen, vollendet sehen. Tilly that an diesem schrecklichen Tage das Aeußerste, den Muth der Seinigen zu entflammen, und keine noch so drohende Gefahr konnte ihn von dem Ufer abhalten. Endlich fand ihn der Tod, den er suchte. Eine Falkonetkugel zerschmetterte ihm das Bein, und bald nach ihm ward auch Altringer, sein gleich tapferer Streitgenosse, am Kopfe gefährlich verwundet. Von der begeisternden Gegenwart dieser beiden Führen verlassen, wandten endlich die Bayern, und wider seine Neigung wurde selbst Maximilian zu einem kleinmüthigen Entschluß fortgerissen. Von den Vorstellungen des sterbenden Tilly besiegt, dessen gewohnte Festigkeit der annähernde Tod überwältigt hatte, gab er voreilig seinen unüberwindlichen Posten verloren, und eine von den Schweden entdeckte Furt, durch welche die Reiterei im Begriff war den Uebergang zu wagen, beschleunigte seinen muthlosen Abzug. Noch in derselben Nacht brach er, ehe noch ein feindlicher Soldat über den Lechstrom gesetzt hatte, sein Lager ab, und ohne dem Könige Zeit zu lassen, ihn auf seinem Marsch zu beunruhigen, hatte er sich in bester Ordnung nach Neuburg und Ingolstadt gezogen. Mit Befremdung sah Gustav Adolph, der am folgenden Tage den Uebergang vollführte, das feindliche Lager leer, und die Flucht des Kurfürsten erregte seine Verwunderung noch mehr, als er die Festigkeit des verlassenen Lagers entdeckte. »Wär‘ ich der Bayer gewesen,« rief er erstaunt aus, »nimmermehr – und hätte mir auch eine Stückkugel Bart und Kinn weggenommen – nimmermehr würde ich einen Posten, wie dieser da, verlassen und dem Feinde meine Staaten geöffnet haben.«

Jetzt also lag Bayern dem Sieger offen, und die Kriegsfluth, die bis jetzt nur an den Grenzen dieses Landes gestürmt hatte, wälzte sich zum erstenmal über seine lange verschonten gesegneten Fluren. Bevor sich aber der König an Eroberung dieses feindlich gesinnten Landes wagte, entriß er erst die Reichsstadt Augsburg dem bayerischen Joche, nahm ihre Bürger in Pflichten und versicherte sich ihrer Treue durch eine zurückgelassene Besatzung. Darauf rückte er in beschleunigten Märschen gegen Ingolstadt an, um durch Einnahme dieser wichtigen Festung, welche der Kurfürst mit einem großen Theile seines Heeres deckte, seine Eroberungen in Bayern zu sichern und festen Fuß an der Donau zu fassen.

Bald nach seiner Ankunft vor Ingolstadt beschloß der verwundete Tilly in den Mauern dieser Stadt seine Laufbahn, nachdem er alle Launen des untreuen Glücks erfahren hatte. Von der überlegenen Feldherrngröße Gustav Adolphs zermalmt, sah er am Abend seiner Tage alle Lorbeern seiner frühern Siege dahinwelken und befriedigte durch eine Kette von Widerwärtigkeiten die Gerechtigkeit des Schicksals und Magdeburgs zürnende Manen. In ihm verlor die Armee des Kaisers und der Ligue einen unersetzlichen Führer, die katholische Religion den eifrigsten ihrer Vertheidiger, und Maximilian von Bayern den treuesten seiner Diener, der seine Treue durch den Tod versiegelte und die Pflichten des Feldherrn auch noch sterbend erfüllte. Sein letztes Vermächtniß an den Kurfürsten war die Ermahnung, die Stadt Regensburg zu besetzen, um Herr der Donau und mit Böhmen in Verbindung zu bleiben.

Mit der Zuversicht, welche die Frucht so vieler Siege zu sein pflegt, unternahm Gustav Adolph die Belagerung der Stadt und hoffte durch das Ungestüm des ersten Angriffs ihren Widerstand zu besiegen. Aber die Festigkeit ihrer Werke und die Tapferkeit der Besatzung setzten ihm Hindernisse entgegen, die er seit der Breitenfelder Schlacht nicht zu bekämpfen gehabt hatte, und wenig fehlte, daß die Wälle von Ingolstadt nicht das Ziel seiner Thaten wurden. Beim Recognoscieren der Festung streckte ein Vierundzwanzigpfünder sein Pferd unter ihm in den Staub, daß er zu Boden stürzte, und kurz darauf ward sein Liebling, der junge Markgraf von Baden, durch eine Stückkugel von seiner Seite weggerissen. Mit schneller Fassung erhob sich der König wieder und beruhigte sein erschrockenes Volk, indem er sogleich auf einem andern Pferde seinen Weg fortsetzte.

Die Besitznehmung der Bayern von Regensburg, welche Reichsstadt der Kurfürst, dem Rath des Tilly gemäß, durch List überraschte und durch eine starke Besatzung in seinen Fesseln hielt, änderte schnell den Kriegsplan des Königs. Er selbst hatte sich mit der Hoffnung geschmeichelt, diese protestantisch gesinnte Reichsstadt in seine Gewalt zu bekommen und an ihr eine nicht minder ergebene Bundesgenossin als an Nürnberg, Augsburg und Frankfurt zu finden. Die Unterjochung derselben durch die Bayern entfernte auf lange Zeit die Erfüllung seines vornehmsten Wunsches, sich der Donau zu bemächtigen und seinem Gegner alle Hilfe von Böhmen aus abzuschneiden. Schnell verließ er Ingolstadt, an dessen Wällen er Zeit und Volk fruchtlos verschwendete, und drang in das Innerste von Bayern, um den Kurfürsten zur Beschützung seiner Staaten herbeizulocken und so die Ufer der Donau von ihren Verteidigern zu entblößen.

Das ganze Land bis München lag dem Eroberer offen. Moosburg, Landshut, das ganze Stift Freysingen unterwarfen sich ihm; nichts konnte seinen Waffen widerstehen. Fand er aber gleich keine ordentliche Kriegsmacht auf seinem Wege, so hatte er in der Brust jedes Bayern einen desto unversöhnlichern Feind, den Religionsfanatismus, zu bekämpfen. Soldaten, die nicht an den Papst glaubten, waren auf diesem Boden eine neue, eine unerhörte Erscheinung; der blinde Eifer der Pfaffen hatte sie dem Landmann als Ungeheuer, als Kinder der Hölle, und ihren Anführer als den Antichrist abgeschildert. Kein Wunder, wenn man sich von allen Pflichten der Natur und der Menschlichkeit gegen diese Satansbrut lossprach und zu den schrecklichsten Gewalttaten sich berechtigt glaubte. Wehe dem schwedischen Soldaten, der einem Haufen dieser Wilden einzeln in die Hände fiel! Alle Martern, welche die erfinderische Wuth nur erdenken mag, wurden an diesen unglücklichen Schlachtopfern ausgeübt, und der Anblick ihrer verstümmelten Körper entflammte die Armee zu einer schrecklichen Wiedervergeltung. Nur Gustav Adolph befleckte durch keine Handlung der Rache seinen Heldencharakter, und das schlechte Vertrauen der Bayern zu seinem Christentum, weit entfernt, ihn von den Vorschriften der Menschlichkeit gegen dieses unglückliche Volk zu entbinden, machte es ihm vielmehr zu der heiligsten Pflicht, durch eine desto strengere Mäßigung seinen Glauben zu ehren.

Die Annäherung des Königs verbreitete Schrecken und Furcht in der Hauptstadt, die, von Verteidigern entblößt und von den vornehmsten Einwohnern verlassen, bei der Großmuth des Siegers allein ihre Rettung suchte. Durch eine unbedingte freiwillige Unterwerfung hoffte sie seinen Zorn zu besänftigen und schickte schon bis Freysingen Deputierte voraus, ihm ihre Thorschlüssel zu Füßen zu legen. Wie sehr auch der König durch die Unmenschlichkeit der Bayern und durch die feindselige Gesinnung ihres Herrn zu einem grausamen Gebrauch seiner Eroberungsrechte gereizt, wie dringend er, selbst von Deutschen, bestürmt wurde, Magdeburgs Schicksal an der Residenz ihres Zerstörers zu ahnden, so verachtete doch sein großes Herz diese niedrige Rache, und die Wehrlosigkeit des Feindes entwaffnete seinen Grimm. Zufrieden mit dem edlern Triumph, den Pfalzgrafen Friedrich mit siegreichem Pomp in die Residenz desselben Fürsten zu führen, der das vornehmste Werkzeug seines Falls und der Räuber seiner Staaten war, erhöhte er die Pracht seines Einzugs durch den schöneren Glanz der Mäßigung und der Milde.

Der König fand in München nur einen verlassenen Palast, denn die Schätze des Kurfürsten hatte man nach Werfen geflüchtet. Die Pracht des kurfürstlichen Schlosses setzte ihn in Erstaunen, und er fragte den Aufseher, der ihm die Zimmer zeigte, nach dem Namen des Baumeisters. »Es ist kein anderer,« versetzte dieser, »als der Kurfürst selbst.« – »Ich möchte ihn haben, diesen Baumeister,« erwiederte der König, »um ihn nach Stockholm zu schicken.« – »Davor,« antwortete jener, »wird sich der Baumeister zu hüten wissen.« – Als man das Zeughaus durchsuchte, fanden sich bloße Lafetten, zu denen die Kanonen fehlten. Die letztern hatte man so künstlich unter dem Fußboden eingescharrt, daß sich keine Spur davon zeigte, und ohne die Verrätherei eines Arbeiters hätte man den Betrug nie erfahren. »Stehet auf von den Todten,« rief der König, »und kommet zu Gericht!« – Der Boden ward aufgerissen, und man entdeckte gegen hundert und vierzig Stücke, manche von außerordentlicher Größe, welche größtenteils aus der Pfalz und aus Böhmen erbeutet waren. Ein Schatz von dreißigtausend Dukaten in Golde, der in einem der größern versteckt war, machte das Vergnügen vollkommen, womit dieser kostbare Fund den König überraschte.

Aber eine weit willkommnere Erscheinung würde die bayerische Armee selbst ihm gewesen sein, welche aus ihren Verschanzungen hervorzulocken, er ins Herz von Bayern gedrungen war. In dieser Erwartung sah sich der König betrogen. Kein Feind erschien, keine noch so dringende Aufforderung seiner Unterthanen konnte den Kurfürsten vermögen, den letzten Ueberrest seiner Macht in einer Feldschlacht aufs Spiel zu setzen. In Regensburg eingeschlossen, harrte er auf die Hilfe, welche ihm der Herzog von Friedland von Böhmen aus zuführen sollte, und versuchte einstweilen, bis der erwartete Beistand erschien, durch Erneuerung der Neutralitäts-Unterhandlungen seinen Feind außer Thätigkeit zu setzen. Aber das zu oft gereizte Mißtrauen des Monarchen vereitelte diesen Zweck, und die vorsätzliche Zögerung Wallensteins ließ Bayern unterdessen den Schweden zum Raub werden.

So weit war Gustav Adolph von Sieg zu Sieg, von Eroberung zu Eroberung fortgeschritten, ohne auf seinem Weg einen Feind zu finden, der ihm gewachsen gewesen wäre. Ein Theil von Bayern und Schwaben, Frankens Bisthümer, die untere Pfalz, das Erzstift Mainz lagen bezwungen hinter ihm; bis an die Schwelle der österreichischen Monarchie hatte ein nie unterbrochenes Glück ihn begleitet und ein glänzender Erfolg den Operationsplan gerechtfertigt, den er sich nach dem Breitenfelder Sieg vorgezeichnet hatte. Wenn es ihm gleich nicht, wie er wünschte, gelungen war, die gehoffte Vereinigung unter den protestantischen Reichsständen durchzusetzen, so hatte er doch die Glieder der katholischen Ligue entwaffnet oder geschwächt, den Krieg größtenteils auf ihre Kosten bestritten, die Hilfsquellen des Kaisers vermindert, den Muth der schwächern Stände gestärkt und durch die gebrandschatzten Länder der kaiserlichen Alliierten einen Weg nach den österreichischen Staaten gefunden. Wo er durch die Gewalt der Waffen keinen Gehorsam erpressen konnte, da leistete ihm die Freundschaft der Reichsstädte, die er durch die vereinigten Bande der Politik und Religion an sich zu fesseln gewußt hatte, die wichtigsten Dienste, und er konnte, so lange er die Ueberlegenheit im Felde behielt, alles von ihrem Eifer erwarten. Durch seine Eroberungen am Rhein waren die Spanier von der Unterpfalz abgeschnitten, wenn ihnen der niederländische Krieg auch noch Kräfte ließ, Theil an dem deutschen zu nehmen; auch der Herzog von Lothringen hatte nach seinem verunglückten Feldzuge die Neutralität vorgezogen. Noch so viele längs seines Zuges durch Deutschland zurückgelassene Besatzungen hatten sein Heer nicht vermindert, und noch eben so frisch, als es diesen Zug angetreten hatte, stand es jetzt mitten in Bayern, entschlossen und gerüstet, den Krieg in das Innerste von Oesterreich zu wälzen.

Während daß Gustav Adolph den Krieg im Reiche mit solcher Ueberlegenheit führte, hatte das Glück seinen Bundesgenossen, den Kurfürsten von Sachsen, auf einem andern Schauplatz nicht weniger begünstigt. Man erinnert sich, daß bei der Beratschlagung, welche nach der Leipziger Schlacht zwischen beiden Fürsten zu Halle angestellt worden, die Eroberung Böhmens dem Kurfürsten von Sachsen zum Antheil fiel, indem der König für sich selbst den Weg nach den liguistischen Ländern erwählte. Die erste Frucht, welche der Kurfürst von dem Siege bei Breitenfeld erntete, war die Wiedereroberung von Leipzig, worauf in kurzer Zeit die Befreiung des ganzen Kreises von den kaiserlichen Besatzungen folgte. Durch die Mannschaft verstärkt, welche von der feindlichen Garnison zu ihm übertrat, richtete der sächsische General von Arnheim seinen Marsch nach der Lausitz, welche Provinz ein kaiserlicher General, Rudolph von Tiefenbach, mit einer Armee überschwemmt hatte, den Kurfürsten von Sachsen wegen seines Uebertritts zu der Partei des Feindes zu züchtigen. Schon hatte er in dieser schlecht verteidigten Provinz die gewöhnlichen Verwüstungen angefangen, mehrere Städte erobert und Dresden selbst durch seine drohende Annäherung erschreckt. Aber diese reißenden Fortschritte hemmte plötzlich ein ausdrücklicher wiederholter Befehl des Kaisers, alle sächsischen Besitzungen mit Krieg zu verschonen.

Zu spät erkannte Ferdinand die fehlerhafte Politik, die ihn verleitet hatte, den Kurfürsten von Sachsen aufs Aeußerste zu bringen und dem König von Schweden diesen wichtigen Bundesgenossen gleichsam mit Gewalt zuzuführen. Was er durch einen unzeitigen Trotz verdarb, wollte er jetzt durch eine eben so übel angebrachte Mäßigung wieder gut machen, und er beging einen zweiten Fehler, indem er den ersten verbessern wollte. Seinem Feind einen so mächtigen Alliierten zu rauben, erneuerte er durch Vermittlung der Spanier die Unterhandlungen mit dem Kurfürsten, und den Fortgang derselben zu erleichtern, mußte Tiefenbach sogleich alle sächsischen Länder verlassen. Aber diese Demüthigung des Kaisers, weit entfernt, die gehoffte Wirkung hervorzubringen, entdeckte dem Kurfürsten nur die Verlegenheit seines Feindes und seine eigene Wichtigkeit und ermunterte ihn vielmehr, die errungenen Vortheile desto lebhafter zu verfolgen. Wie konnte er auch, ohne sich durch den schändlichsten Undank verächtlich zu machen, einem Alliierten entsagen, dem er die heiligsten Versicherungen seiner Treue gegeben, dem er für die Rettung seiner Staaten, ja selbst seines Kurhuts verpflichtet war?

Die sächsische Armee, des Zugs nach der Lausitz überhoben, nahm also ihren Weg nach Böhmen, wo ein Zusammenfluß günstiger Ereignisse ihr im Voraus den Sieg zu versichern schien. Noch immer glimmte in diesem Königreiche, dem ersten Schauplatz dieses verderblichen Kriegs, das Feuer der Zwietracht unter der Asche, und durch den fortgesetzten Druck der Tyrannei wurde dem Unwillen der Nation mit jedem Tag neue Nahrung gegeben. Wohin man die Augen richtete, zeigte dieses unglückliche Land Spuren der traurigsten Veränderung. Ganze Ländereien hatten ihre Besitzer gewechselt und seufzten unter dem verhaßten Joche katholischer Herren, welche die Gunst des Kaisers und der Jesuiten mit dem Raube der vertriebenen Protestanten bekleidet hatte. Andere hatten das öffentliche Elend benutzt, die eingezogenen Güter der Verwiesenen um geringe Preise an sich zu kaufen. Das Blut der vornehmsten Freiheitsverfechter war auf Henkerbühnen verspritzt worden, und welche durch eine zeitige Flucht dem Verderben entrannen, irrten ferne von ihrer Heimath im Elend umher, während daß die geschmeidigen Sklaven des Despotismus ihr Erbe verschwelgten. Unerträglicher als der Druck dieser kleinen Tyrannen war der Gewissenszwang, welcher die ganze protestantische Partei dieses Königreichs ohne Unterschied belastete. Keine Gefahr von außen, keine noch so ernstliche Widersetzung der Nation, keine noch so abschreckende Erfahrung hatte dem Bekehrungseifer der Jesuiten ein Ziel setzen können: wo der Weg der Güte nichts fruchtete, bediente man sich soldatischer Hilfe, die Verirrten in den Schafstall der Kirche zurück zu ängstigen. Am härtesten traf dieses Schicksal die Bewohner des Joachimsthals, im Grenzgebirge zwischen Böhmen und Meißen. Zwei kaiserliche Commissarien, durch eben so viele Jesuiten und fünfzehn Musketiere unterstützt, zeigten sich in diesem friedlichen Thale, das Evangelium den Ketzern zu predigen. Wo die Beredsamkeit der Erstern nicht zulangte, suchte man durch gewaltsame Einquartierung der Letztern in die Häuser, durch angedrohte Verbannung, durch Geldstrafen seinen Zweck durchzusetzen. Aber für diesmal siegte die gute Sache, und der herzhafte Widerstand dieses kleinen Volks nöthigte den Kaiser, sein Bekehrungsmandat schimpflich zurückzunehmen. Das Beispiel des Hofes diente den Katholiken des Königreichs zur Richtschnur ihres Betragens und rechtfertigte alle Arten der Unterdrückung, welche ihr Uebermuth gegen die Protestanten auszuüben versucht war. Kein Wunder, wenn diese schwer verfolgte Partei einer Veränderung günstig wurde und ihrem Befreier, der sich jetzt an der Grenze zeigte, mit Sehnsucht entgegen sah.

Schon war die sächsische Armee im Anzuge gegen Prag. Aus allen Plätzen, vor denen sie erschien, waren die kaiserlichen Besatzungen gewichen, Schlöckenau, Tetschen, Außig, Leitmeritz fielen schnell nach einander in Feindes Hand, jeder katholische Ort wurde der Plünderung preisgegeben. Schrecken ergriff alle Papisten des Königreichs, und eingedenk der Mißhandlung, welche sie an den Evangelischen ausgeübt hatten, wagten sie es nicht, die rächende Ankunft eines protestantischen Heers zu erwarten. Alles, was katholisch war und etwas zu verlieren hatte, eilte vom Lande nach der Hauptstadt, um auch die Hauptstadt eben so schnell wieder zu verlassen. Prag selbst war auf keinen Angriff bereitet und an Mannschaft zu arm, um eine lange Belagerung aushalten zu können. Zu spät hatte man sich am Hofe des Kaisers entschlossen, den Feldmarschall Tiefenbach zu Verteidigung dieser Hauptstadt herbei zu rufen. Ehe der kaiserliche Befehl die Standquartiere dieses Generals in Schlesien erreichte, waren die Sachsen nicht ferne mehr von Prag, die halb protestantische Bürgerschaft versprach wenig Eifer, und die schwache Garnison ließ keinen langen Widerstand hoffen. In dieser schrecklichen Bedrängniß erwarteten die katholischen Einwohner ihre Rettung von Wallenstein, der in den Mauern dieser Stadt als Privatmann lebte. Aber weit entfernt, seine Kriegserfahrung und das Gewicht seines Ansehens zu Erhaltung der Stadt anzuwenden, ergriff er vielmehr den willkommenen Augenblick, seine Rache zu befriedigen. Wenn er es auch nicht war, der die Sachsen nach Prag lockte, so war es doch gewiß sein Betragen, was ihnen die Einnahme dieser Stadt erleichterte. Wie wenig sie auch zu einem langen Widerstande geschickt war, so fehlte es ihr dennoch nicht an Mitteln, sich bis zur Ankunft eines Entsatzes zu behaupten; und ein kaiserlicher Oberster, Graf Maradas, bezeigte wirklich Lust, ihre Verteidigung zu übernehmen. Aber ohne Commando und durch nichts als seinen Eifer und seine Tapferkeit zu diesem Wagestück aufgefordert, unterstand er sich nicht, es auf eigene Gefahr, ohne die Beistimmung eines Höhern, ins Werk zu setzen. Er suchte also Rath bei dem Herzog von Friedland, dessen Billigung den Mangel einer kaiserlichen Vollmacht ersetzte und an den die böhmische Generalität durch einen ausdrücklichen Befehl vom Hof in dieser Extremität angewiesen war. Aber arglistig hüllte sich dieser in seine Dienstlosigkeit und seine gänzliche Zurückziehung von der politischen Bühne und schlug die Entschlossenheit des Subalternen durch die Bedenklichkeiten darnieder, die er, als der Mächtige, blicken ließ. Die Mutlosigkeit allgemein und vollkommen zu machen, verließ er endlich gar mit seinem ganzen Hofe die Stadt, so wenig er auch bei Einnahme derselben von dem Feinde zu fürchten hatte; und sie ging eben dadurch verloren, daß er sie durch seinen Abzug verloren gab. Seinem Beispiele folgte der ganze katholische Adel, die Generalität mit den Truppen, die Geistlichkeit, alle Beamten der Krone; die ganze Nacht brachte man damit zu, seine Personen, seine Güter zu flüchten. Alle Straßen bis Wien waren mit Fliehenden angefüllt, die sich nicht eher als in der Kaiserstadt von ihrem Schrecken erholten. Maradas selbst, an Prags Errettung verzweifelnd, folgte den Uebrigen und führte seine kleine Mannschaft bis Tabor, wo er den Ausgang erwarten wollte.

Tiefe Stille herrschte in Prag, als die Sachsen am andern Morgen davor erschienen; keine Anstalt zur Verteidigung, nicht ein einziger Schuß von den Wällen, der eine Gegenwehr der Bewohner verkündigte. Vielmehr sammelte sich eine Menge von Zuschauern um sie her, welche die Neugier aus der Stadt gelockt hatte, das feindliche Heer zu betrachten; und die friedliche Vertraulichkeit, womit sie sich näherten, glich vielmehr einer freundschaftlichen Begrüßung, als einem feindlichen Empfange. Aus dem übereinstimmenden Bericht dieser Leute erfuhr man, daß die Stadt leer an Soldaten und die Regierung nach Budweiß geflüchtet sei. Dieser unerwartete, unerklärbare Mangel an Widerstand erregte Arnheims Mißtrauen um so mehr, da ihm die eilfertige Annäherung des Entsatzes aus Schlesien kein Geheimniß und die sächsische Armee mit Belagerungswerkzeugen zu wenig versehen, auch an Anzahl bei weitem zu schwach war, um eine so große Stadt zu bestürmen. Vor einem Hinterhalt bange, verdoppelte er seine Wachsamkeit; und er schwebte in dieser Furcht, bis ihm der Haushofmeister des Herzogs von Friedland, den er unter dem Haufen entdeckte, diese unglaubliche Nachricht bekräftigte. »Die Stadt ist ohne Schwertstreich unser,« rief er jetzt voll Verwunderung seinen Obersten zu und ließ sie unverzüglich durch einen Trompeter auffordern.

Die Bürgerschaft von Prag, von ihren Verteidigern schimpflich im Stich gelassen, hatte ihren Entschluß längst gefaßt, und es kam bloß darauf an, Freiheit und Eigenthum durch eine vorteilhafte Capitulation in Sicherheit zu setzen. Sobald diese von dem sächsischen General im Namen seines Herrn unterzeichnet war, öffnete man ihm ohne Widersetzung die Thore, und die Armee hielt am 11ten November des Jahres 1631 ihren triumphierenden Einzug. Bald folgte der Kurfürst selbst nach, um die Huldigung seiner neuen Schutzbefohlenen in Person zu empfangen; denn nur unter diesem Namen hatten sich ihm die drei Prager Städte ergeben; ihre Verbindung mit der österreichischen Monarchie sollte durch diesen Schritt nicht zerrissen sein. So übertrieben groß die Furcht der Papisten vor den Repressalien der Sachsen gewesen war, so angenehm überraschte sie die Mäßigung des Kurfürsten und die gute Mannszucht der Truppen. Besonders legte der Feldmarschall von Arnheim seine Ergebenheit gegen den Herzog von Friedland bei dieser Gelegenheit an den Tag. Nicht zufrieden, alle Ländereien desselben auf seinem Hermarsch verschont zu haben, stellte er jetzt noch Wachen an seinen Palast, damit ja nichts daraus entwendet würde. Die Katholiken der Stadt erfreuten sich der vollkommensten Gewissensfreiheit, und von allen Kirchen, welche sie den Protestanten entrissen hatten, wurden diesen nur vier zurückgegeben. Die Jesuiten allein, welchen die allgemeine Stimme alle bisherigen Bedrückungen Schuld gab, waren von dieser Duldung ausgeschlossen und mußten das Königreich meiden.

Johann Georg verleugnete selbst als Sieger die Demuth und Unterwürfigkeit nicht, die ihm der kaiserliche Name einflößte, und was sich ein kaiserlicher General, wie Tilly und Wallenstein, zu Dresden gegen ihn unfehlbar würde herausgenommen haben, erlaubte er sich zu Prag nicht gegen den Kaiser. Sorgfältig unterschied er den Feind, mit dem er Krieg führte, von dem Reichsoberhaupt, dem er Ehrfurcht schuldig war. Er unterstand sich nicht, das Hausgeräthe des Letztern zu berühren, indem er sich ohne Bedenken die Kanonen des Erstern als gute Beute zueignete und nach Dresden bringen ließ. Nicht im kaiserlichen Palast, sondern im Lichtensteinischen Hause nahm er seine Wohnung, zu bescheiden, die Zimmer Desjenigen zu beziehen, dem er ein Königreich entriß. Würde uns dieser Zug von einem großen Mann und einem Helden berichtet, er würde uns mit Recht zur Bewunderung hinreißen. Der Charakter des Fürsten, bei dem er gefunden wird, berechtigt uns zu dem Zweifel, ob wir in dieser Enthaltung mehr den schönen Sieg der Bescheidenheit ehren, oder die kleinliche Gesinnung des schwachen Geistes bemitleiden sollen, den das Glück selbst nie kühn macht und die Freiheit selbst nie der gewohnten Fesseln entledigt.

Die Einnahme von Prag, auf welche in kurzer Zeit die Unterwerfung der mehrsten Städte folgte, bewirkte eine schnelle und große Veränderung in dem Königreiche. Viele von dem protestantischen Adel, welche bisher im Elend herum geirrt waren, fanden sich wieder in ihrem Vaterlande ein, und der Graf von Thurn, der berüchtigte Urheber des böhmischen Aufruhrs, erlebte die Herrlichkeit, auf dem ehemaligen Schauplatze seines Verbrechens und seiner Verurtheilung sich als Sieger zu zeigen. Ueber dieselbe Brücke, wo ihm die aufgespießten Köpfe seiner Anhänger das ihn selbst erwartende Schicksal furchtbar vor Augen malten, hielt er jetzt seinen triumphierenden Einzug, und sein erstes Geschäft war, diese Schreckbilder zu entfernen. Die Verwiesenen setzten sich sogleich in Besitz ihrer Güter, deren jetzige Eigentümer die Flucht ergriffen hatten. Unbekümmert, wer diesen die aufgewandten Summen erstatten würde, rissen sie alles, was ihre gewesen war, an sich, auch wenn sie selbst den Kaufpreis dafür gezogen hatten, und Mancher unter ihnen fand Ursache, die gute Wirthschaft der bisherigen Verwalter zu rühmen. Felder und Heerden hatten unterdessen in der zweiten Hand vortrefflich gewuchert. Mit dem kostbarsten Hausrath waren die Zimmer geschmückt, die Keller, welche sie leer verlassen hatten, reichlich gefüllt, die Ställe bevölkert, die Magazine beladen. Aber mißtrauisch gegen ein Glück, das so unverhofft auf sie hereinstürmte, eilten sie, diese unsichern Besitzungen wieder loszuschlagen und den unbeweglichen Segen in bewegliche Güter zu verwandeln.

Die Gegenwart der Sachsen belebte den Muth aller Protestantischgesinnten des Königreichs, und auf dem Lande wie in der Hauptstadt sah man ganze Schaaren zu den neu eröffneten evangelischen Kirchen eilen. Viele, welche nur die Furcht im Gehorsam gegen das Papstthum erhalten hatte, wandten sich jetzt öffentlich zu der neuen Lehre, und manche der neubekehrten Katholiken schwuren freudig ein erzwungenes Bekenntniß ab, um ihren früheren Ueberzeugungen zu folgen. Alle bewiesene Duldsamkeit der neuen Regierung konnte den Ausbruch des gerechten Unwillens nicht verhindern, den dieses mißhandelte Volk die Unterdrücker seiner heiligsten Freiheit empfinden ließ. Fürchterlich bediente es sich seiner wieder erlangten Rechte, und seinen Haß gegen die aufgedrungene Religion stillte an manchen Orten nur das Blut ihrer Verkündiger.

Unterdessen war der Succurs, den die kaiserlichen Generale von Götz und von Tiefenbach aus Schlesien herbeiführten, in Böhmen angelangt, wo einige Regimenter des Grafen Tilly aus der obern Pfalz zu ihm stießen. Ihn zu zerstreuen, ehe sich seine Macht vermehrte, rückte Arnheim mit einem Theil der Armee aus Prag ihm entgegen und that bei Nimburg an der Elbe einen muthigen Angriff auf seine Verschanzungen. Nach einem hitzigen Gefechte schlug er endlich, nicht ohne großen Verlust, die Feinde aus ihrem befestigten Lager und zwang sie durch die Heftigkeit seines Feuers, den Rückweg über die Elbe zu nehmen und die Brücke abzubrechen, die sie herüber gebracht hatte. Doch konnte er nicht verhindern, daß ihm die Kaiserlichen nicht in mehrern kleinen Gefechten Abbruch thaten und die Kroaten selbst bis an die Thore von Prag ihre Streifereien erstreckten. Wie glänzend und viel versprechend auch die Sachsen den böhmischen Feldzug eröffnet hatten, so rechtfertigte der Erfolg doch keineswegs Gustav Adolphs Erwartungen. Anstatt mit unaufhaltsamer Gewalt die errungenen Vortheile zu verfolgen, durch das bezwungene Böhmen sich zu der schwedischen Armee durchzuschlagen und in Vereinigung mit ihr den Mittelpunkt der kaiserlichen Macht anzugreifen, schwächten sie sich in einem anhaltenden kleinen Krieg mit dem Feinde, wobei der Vortheil nicht immer auf ihrer Seite war und die Zeit für eine größere Unternehmung fruchtlos verschwendet wurde. Aber Johann Georgs nachfolgendes Betragen deckte die Triebfedern auf, welche ihn abgehalten hatten, sich seines Vortheils über den Kaiser zu bedienen und die Entwürfe des Königs von Schweden durch eine zweckmäßige Wirksamkeit zu befördern.

Der größte Theil von Böhmen war jetzt für den Kaiser verloren und die Sachsen von dieser Seite her gegen Oesterreich im Anzug, während daß der schwedische Monarch durch Franken, Schwaben und Bayern nach den kaiserlichen Erbstaaten einen Weg sich bahnte. Ein langer Krieg hatte die Kräfte der österreichischen Monarchie verzehrt, die Länder erschöpft, die Armeen vermindert. Dahin war der Ruhm ihrer Siege, das Vertrauen auf Unüberwindlichkeit, der Gehorsam, die gute Mannszucht der Truppen, welche dem schwedischen Heerführer eine so entschiedene Ueberlegenheit im Felde verschaffte. Entwaffnet waren die Bundesgenossen des Kaisers, oder die auf sie selbst hereinstürmende Gefahr hatte ihre Treue erschüttert. Selbst Maximilian von Bayern, Oesterreichs mächtigste Stütze, schien den verführerischen Einladungen zur Neutralität nachzugeben; die verdächtige Allianz dieses Fürsten mit Frankreich hatte den Kaiser längst schon mit Besorgnissen erfüllt. Die Bischöfe von Würzburg und Bamberg, der Kurfürst von Mainz, der Herzog von Lothringen waren aus ihren Ländern vertrieben, oder doch gefährlich bedroht; Trier stand im Begriff, sich unter französischen Schutz zu begeben. Spaniens Waffen beschäftigte die Tapferkeit der Holländer in den Niederlanden, während daß Gustav Adolph sie vom Rheinstrom zurückschlug; Polen fesselte noch der Stillstand mit diesem Fürsten. Die ungarischen Grenzen bedrohte der siebenbürgische Fürst Ragotzy, ein Nachfolger Bethlen Gabors und der Erbe seines unruhigen Geistes; die Pforte selbst machte bedenkliche Zurüstungen, den günstigen Zeitpunkt zu nutzen. Die mehresten protestantischen Reichsstände, kühn gemacht durch das Waffenglück ihres Beschützers, hatten öffentlich und thätlich gegen den Kaiser Partei ergriffen. Alle Hilfsquellen, welche sich die Frechheit eines Tilly und Wallenstein durch gewaltsame Erpressungen in diesen Ländern geöffnet hatte, waren nunmehr vertrocknet, alle diese Werbeplätze, diese Magazine, diese Zufluchtsörter für den Kaiser verloren, und der Krieg konnte nicht mehr wie vormals auf fremde Kosten bestritten werden. Seine Bedrängnisse vollkommen zu machen, entzündet sich im Land ob der Enns ein gefährlicher Aufruhr; der unzeitige Bekehrungseifer der Regierung bewaffnet das protestantische Landvolk, und der Fanatismus schwingt seine Fackel, indem der Feind schon an den Pforten des Reichs stürmt. Nach einem so langen Glücke, nach einer so glänzenden Reihe von Siegen, nach so herrlichen Eroberungen, nach so viel unnütz verspritztem Blute sieht sich der österreichische Monarch zum zweitenmal an denselben Abgrund geführt, in den er beim Antritt seiner Regierung zu stürzen drohte. Ergriff Bayern die Neutralität, widerstand Kursachsen der Verführung und entschloß sich Frankreich, die spanische Macht zugleich in den Niederlanden, in Italien und Catalonien anzufallen, so stürzte der stolze Bau von Oesterreichs Größe zusammen, die alliierten Kronen theilten sich in seinen Raub, und der deutsche Staatskörper sah einer gänzlichen Verwandlung entgegen.

Die ganze Reihe dieser Unglücksfälle begann mit der Breitenfelder Schlacht, deren unglücklicher Ausgang den längst schon entschiedenen Verfall der österreichischen Macht, den bloß der täuschende Schimmer eines großen Namens versteckt hatte, sichtbar machte. Ging man zu den Ursachen zurück, welche den Schweden eine so furchtbare Ueberlegenheit im Felde verschafften, so fand man sie größtenteils in der unumschränkten Gewalt ihres Anführers, der alle Kräfte seiner Partei in einem einzigen Punkte vereinigte und, durch keine höhere Autorität in seinen Unternehmungen gefesselt, vollkommener Herr jedes günstigen Augenblicks, alle Mittel zu seinem Zwecke beherrschte und von Niemand als sich selbst Gesetze empfing. Aber seit Wallensteins Abdankung und Tillys Niederlage zeigte sich auf Seiten des Kaisers und der Ligue von diesem allen gerade das Widerspiel. Den Generalen gebrach es an Ansehen bei den Truppen und an der so nöthigen Freiheit, zu handeln, den Soldaten an Gehorsam und Mannszucht, den zerstreuten Corps an übereinstimmender Wirksamkeit, den Ständen an gutem Willen, den Oberhäuptern an Eintracht, an Schnelligkeit des Entschlusses und an Festigkeit bei Vollstreckung desselben. Nicht ihre größere Macht, nur der bessere Gebrauch, den sie von ihren Kräften zu machen wußten, war es, was den Feinden des Kaisers ein so entschiedenes Uebergewicht gab. Nicht an Mitteln, nur an einem Geiste, der sie anzuwenden Fähigkeit und Vollmacht besaß, fehlte es der Ligue und dem Kaiser. Hätte Graf Tilly auch nie seinen Ruhm verloren, so ließ das Mißtrauen gegen Bayern doch nicht zu, das Schicksal der Monarchie in die Hände eines Mannes zu geben, der seine Anhänglichkeit an das bayerische Haus nie verleugnete. Ferdinands dringendstes Bedürfniß war also ein Feldherr, der gleich viel Erfahrenheit besaß, eine Armee zu bilden und anzuführen, und der seine Dienste dem österreichischen Hause mit blinder Ergebenheit widmete.

Die Wahl eines solchen war es, was nunmehr den geheimen Rath des Kaisers beschäftigte und die Mitglieder desselben unter einander entzweite. Einen König dem andern gegenüber zu stellen und durch die Gegenwart ihres Herrn den Muth der Truppen zu entflammen, stellte sich Ferdinand im ersten Feuer des Affekts selbst als den Führer seiner Armee dar; aber es kostete wenig Mühe, einen Entschluß umzustoßen, den nur Verzweiflung eingab und das erste ruhige Nachdenken widerlegte. Doch was dem Kaiser seine Würde und die Last des Regentenamts verbot, erlaubten die Umstände seinem Sohne, einem Jüngling von Fähigkeit und Muth, auf den die österreichischen Unterthanen mit frohen Hoffnungen blickten. Schon durch seine Geburt zur Vertheidigung einer Monarchie aufgefordert, von deren Kronen er zwei schon auf seinem Haupte trug, verband Ferdinand der Dritte, König von Böhmen und Ungarn, mit der natürlichen Würde des Thronfolgers die Achtung der Armeen und die volle Liebe der Völker, deren Beistand ihm zu Führung des Kriegs so unentbehrlich war. Der geliebte Thronfolger allein durfte es wagen, dem hartbeschwerten Unterthan neue Lasten aufzulegen; nur seiner persönlichen Gegenwart bei der Armee schien es aufbehalten zu sein, die verderbliche Eifersucht der Häupter zu ersticken und die erschlaffte Mannszucht der Truppen durch die Kraft seines Namens zu der vorigen Strenge zurückzuführen. Gebrach es auch dem Jünglinge noch an der nöthigen Reife des Urtheils, Klugheit und Kriegserfahrung, welche nur durch Uebung erworben wird, so konnte man diesen Mangel durch eine glückliche Wahl von Rathgebern und Gehilfen ersetzen, die man unter der Hülle seines Namens mit der höchsten Autorität bekleidete.

So scheinbar die Gründe waren, womit ein Theil der Minister diesen Vorschlag unterstützte, so große Schwierigkeiten setzte ihm das Mißtrauen, vielleicht auch die Eifersucht des Kaisers und die verzweifelte Lage der Dinge entgegen. Wie gefährlich war es, das ganze Schicksal der Monarchie einem Jüngling anzuvertrauen, der fremder Führung selbst so bedürftig war! Wie gewagt, dem größten Feldherrn seines Jahrhunderts einen Anfänger entgegen zu stellen, dessen Fähigkeit zu diesem wichtigen Posten noch durch keine Unternehmung geprüft, dessen Name, von dem Ruhme noch nie genannt, viel zu kraftlos war, um der muthlosen Armee im Voraus den Sieg zu verbürgen! Welche neue Last zugleich für den Unterthan, den kostbaren Staat zu bestreiten, der einem königlichen Heerführer zukam und den der Wahn des Zeitalters mit seiner Gegenwart beim Heer unzertrennlich verknüpfte! Wie bedenklich endlich für den Prinzen selbst, seine politische Laufbahn mit einem Amte zu eröffnen, das ihn zur Geißel seines Volks und zum Unterdrücker der Länder machte, die er künftig beherrschen sollte!

Und dann war es noch nicht damit gethan, den Feldherrn für die Armee auszusuchen; man mußte auch die Armee für den Feldherrn finden. Seit Wallensteins gewaltsamer Entfernung hatte sich der Kaiser mehr mit liguistischer und bayerischer Hilfe als durch eigene Armeen vertheidigt, und eben diese Abhängigkeit von zweideutigen Freunden war es ja, der man durch Aufstellung eines eigenen Generals zu entfliehen suchte. Welche Möglichkeit aber, ohne die alles zwingende Macht des Goldes und ohne den begeisternden Namen eines siegreichen Feldherrn eine Armee aus dem Nichts hervorzurufen – und eine Armee, die es an Mannszucht, an kriegerischem Geist und an Fertigkeit mit den geübten Schaaren des nordischen Eroberers aufnehmen konnte? In ganz Europa war nur ein einziger Mann, der solch eine That gethan, und diesem Einzigen hatte man eine tödtliche Kränkung bewiesen.

Jetzt endlich war der Zeitpunkt herbeigerückt, der dem beleidigten Stolze des Herzogs von Friedland eine Genugthuung ohne Gleichen verschaffte. Das Schicksal selbst hatte sich zu seinem Rächer aufgestellt und eine ununterbrochene Reihe von Unglücksfällen, die seit dem Tage seiner Abdankung über Oesterreich hereinstürmte, dem Kaiser selbst das Geständniß entrissen, daß mit diesem Feldherrn sein rechter Arm ihm abgehauen worden sei. Jede Niederlage seiner Truppen erneuerte diese Wunde, jeder verlorene Platz warf dem betrogenen Monarchen seine Schwäche und seinen Undank vor. Glücklich genug, hätte er in dem beleidigten General nur einen Anführer seiner Heere, nur einen Vertheidiger seiner Staaten verloren – aber er fand in ihm einen Feind, und den gefährlichsten von allen, weil er gegen den Streich des Verräthers am wenigsten vertheidigt war.

Entfernt von der Kriegsbühne und zu einer folternden Unthätigkeit verurtheilt, während daß seine Nebenbuhler auf dem Felde des Ruhms sich Lorbeern sammelten, hatte der stolze Herzog dem Wechsel des Glücks mit verstellter Gelassenheit zugesehen und im schimmernden Gepränge eines Theaterhelden die düstern Entwürfe seines arbeitenden Geistes verborgen. Von einer glühenden Leidenschaft aufgerieben, während daß eine fröhliche Außenseite Ruhe und Müßiggang log, brütete er still die schreckliche Geburt der Rachbegierde und Ehrsucht zur Reife und näherte sich langsam, aber sicher dem Ziele. Erloschen war alles in seiner Erinnerung, was er durch den Kaiser geworden war; nur was er für den Kaiser gethan hatte, stand mit glühenden Zügen in sein Gedächtniß geschrieben. Seinem unersättlichen Durst nach Größe und Macht war der Undank des Kaisers willkommen, der seinen Schuldbrief zu zerreißen und ihn jeder Pflicht gegen den Urheber seines Glücks zu entbinden schien. Entsündigt und gerechtfertigt erschienen ihm jetzt die Entwürfe seiner Ehrsucht im Gewand einer rechtmäßigen Wiedervergeltung. In eben dem Maß, als sein äußerer Wirkungskreis sich verengte, erweiterte sich die Welt seiner Hoffnungen, und seine schwärmende Einbildungskraft verlor sich in unbegrenzten Entwürfen, die in jedem andern Kopf als dem seinigen nur der Wahnsinn erzeugen kann. So hoch, als der Mensch nur immer durch eigene Kraft sich zu erheben vermag, hatte sein Verdienst ihn emporgetragen; nichts von allem dem, was dem Privatmann und Bürger innerhalb seiner Pflichten erreichbar bleibt, hatte das Glück ihm verweigert. Bis auf den Augenblick seiner Entlassung hatten seine Ansprüche keinen Widerstand, sein Ehrgeiz keine Grenzen erfahren; der Schlag, der ihn auf dem Regensburger Reichstag zu Boden streckte, zeigte ihm den Unterschied zwischen ursprünglicher und übertragener Gewalt und den Abstand des Unterthans von dem Gebieter. Aus dem bisherigen Taumel seiner Herrschergröße durch diesen überraschenden Glückswechsel aufgeschreckt, verglich er die Macht, die er besessen, mit derjenigen, durch welche sie ihm entrissen wurde, und sein Ehrgeiz bemerkte die Stufe, die auf der Leiter des Glücks noch für ihn zu ersteigen war. Erst nachdem er das Gewicht der höchsten Gewalt mit schmerzhafter Wahrheit erfahren, streckte er lüstern die Hände darnach aus; der Raub, der an ihm selbst verübt wurde, machte ihn zum Räuber. Durch keine Beleidigung gereizt, hätte er folgsam seine Bahn um die Majestät des Thrones beschrieben, zufrieden mit dem Ruhme, der glänzendste seiner Trabanten zu sein; erst nachdem man ihn gewaltsam aus seinem Kreise stieß, verwirrte er das System, dem er angehörte, und stürzte sich zermalmend auf seine Sonne.

Gustav Adolph durchwanderte den deutschen Norden mit siegendem Schritte; ein Platz nach dem andern ging an ihn verloren; und bei Leipzig fiel der Kern der kaiserlichen Macht. Das Gerücht dieser Niederlagen drang bald auch zu Wallensteins Ohren, der, zu Prag in die Dunkelheit des Privatstandes zurückgeschwunden, aus ruhiger Ferne den tobenden Kriegssturm betrachtete. Was die Brust aller Katholiken mit Unruhe erfüllte, verkündigte ihm Größe und Glück; nur für ihn arbeitete Gustav Adolph. Kaum hatte der Letztere angefangen, sich durch seine Kriegsthaten in Achtung zu setzen, so verlor der Herzog von Friedland keinen Augenblick, seine Freundschaft zu suchen und mit diesem glücklichen Feinde Oesterreichs gemeine Sache zu machen. Der vertriebene Graf von Thurn, der dem Könige von Schweden schon längst seine Dienste gewidmet, übernahm es, dem Monarchen Wallensteins Glückwünsche zu überbringen und ihn zu einem engern Bündnisse mit dem Herzog einzuladen. Fünfzehntausend Mann begehrte Wallenstein von dem Könige, um mit Hilfe derselben und mit den Truppen, die er selbst zu werben sich anheischig machte, Böhmen und Mähren zu erobern, Wien zu überfallen und den Kaiser, seinen Herrn, bis nach Italien zu verjagen. So sehr das Unerwartete dieses Antrags und das Uebertriebene der gemachten Versprechungen das Mißtrauen Gustav Adolphs erregte, so war er doch ein zu guter Kenner des Verdienstes, um einen so wichtigen Freund mit Kaltsinn zurückzuweisen. Nachdem aber Wallenstein, durch die günstige Aufnahme dieses ersten Versuchs ermuntert, nach der Breitenfelder Schlacht seinen Antrag erneuerte und auf eine bestimmte Erklärung drang, trug der vorsichtige Monarch Bedenken, an die chimärischen Entwürfe dieses verwegenen Kopfs seinen Ruhm zu wagen und der Redlichkeit eines Mannes, der sich ihm als Verräther ankündigte, eine so zahlreiche Mannschaft anzuvertrauen. Er entschuldigte sich mit der Schwäche seiner Armee, die auf ihrem Zug in das Reich durch eine so starke Verminderung leiden würde, und verscherzte aus übergroßer Vorsicht vielleicht die Gelegenheit, den Krieg auf das schnellste zu endigen. Zu spät versuchte er in der Folge, die zerrissenen Unterhandlungen zu erneuern; der günstige Moment war vorüber, und Wallensteins beleidigter Stolz vergab ihm diese Geringschätzung nie.

Aber diese Weigerung des Königs beschleunigte wahrscheinlich nur den Bruch, den die Form dieser beiden Charaktere ganz unvermeidlich machte. Beide geboren, Gesetze zu geben, nicht sie zu empfangen, konnten nimmermehr in einer Unternehmung vereinigt bleiben, die mehr als jede andere Nachgiebigkeit und gegenseitige Opfer nothwendig macht. Wallenstein war Nichts, wo er nicht Alles war; er mußte entweder gar nicht oder mit vollkommenster Freiheit handeln. Eben so herzlich haßte Gustav Adolph jede Abhängigkeit, und wenig fehlte, daß er selbst die so vorteilhafte Verbindung mit dem französischen Hofe nicht zerrissen hätte, weil die Anmaßungen desselben seinem selbsttätigen Geiste Fesseln anlegten. Jener war für die Partei verloren, die er nicht lenken durfte; dieser noch weit weniger dazu gemacht, dem Gängelbande zu folgen. Waren die gebieterischen Anmaßungen dieses Bundesgenossen dem Herzog von Friedland bei ihren gemeinschaftlichen Operationen schon so lästig, so mußten sie ihm unerträglich sein, wenn es dazu kam, sich in die Beute zu theilen. Der stolze Monarch konnte sich herablassen, den Beistand eines rebellischen Unterthans gegen den Kaiser anzunehmen und diesen wichtigen Dienst mit königlicher Großmuth belohnen; aber nie konnte er seine eigene und aller Könige Majestät so sehr aus den Augen setzen, um den Preis zu bestätigen, den die ausschweifende Ehrsucht des Herzogs darauf zu setzen wagte; nie eine nützliche Verrätherei mit einer Krone bezahlen. Von ihm also war, auch wenn ganz Europa schwieg, ein furchtbarer Widerspruch zu fürchten, sobald Wallenstein nach dem böhmischen Scepter die Hand ausstreckte – und er war auch in ganz Europa der Mann, der einem solchen Veto Kraft geben konnte. Durch den eignen Arm Wallensteins zum Diktator von Deutschland gemacht, konnte er gegen diesen selbst seine Waffen kehren und sich von jeder Pflicht der Erkenntlichkeit gegen einen Verräther für losgezählt halten. Neben einem solchen Alliierten hatte also kein Wallenstein Raum; und wahrscheinlich war es dies, nicht seine vermeintliche Absicht auf den Kaiserthron, worauf er anspielte, wenn er nach dem Tode des Königs in die Worte ausbrach: »Ein Glück für mich und ihn, daß er dahin ist! Das deutsche Reich konnte nicht zwei solche Häupter brauchen.«

Der erste Versuch zur Rache an dem Haus Oesterreich war fehlgeschlagen; aber fest stand der Vorsatz, und nur die Wahl der Mittel erlitt eine Veränderung. Was ihm bei dem König von Schweden mißlungen war, hoffte er mit minder Schwierigkeit und mehr Vortheil bei dem Kurfürsten von Sachsen zu erreichen, den er eben so gewiß war, nach seinem Willen zu lenken, als er bei Gustav Adolph daran verzweifelte. In fortdauerndem Einverständniß mit Arnheim, seinem alten Freunde, arbeitete er von jetzt an an einer Verbindung mit Sachsen, wodurch er dem Kaiser und dem König von Schweden gleich fürchterlich zu werden hoffte. Er konnte sich von einem Entwurfe, der, wenn er einschlug, den schwedischen Monarchen um seinen Einfluß in Deutschland brachte, desto leichter Eingang bei Johann Georg versprechen, je mehr die eifersüchtige Gemüthsart dieses Prinzen durch die Macht Gustav Adolphs gereizt und seine ohnehin schwache Neigung zu demselben durch die erhöhten Ansprüche des Königs erkältet ward. Gelang es ihm, Sachsen von dem schwedischen Bündniß zu trennen und in Verbindung mit demselben eine dritte Partei im Reiche zu errichten, so lag der Ausschlag des Krieges in seiner Hand, und er hatte durch diesen einzigen Schritt zugleich seine Rache an dem Kaiser befriedigt, seine verschmähte Freundschaft an dem schwedischen König gerächt und auf dem Ruin von beiden den Bau seiner eigenen Größe gegründet.

Aber auf welchem Wege er auch seinen Zweck verfolgte, so konnte er denselben ohne den Beistand einer ihm ganz ergebenen Armee nicht zur Ausführung bringen. Diese Armee konnte so geheim nicht geworben werden, daß am kaiserlichen Hofe nicht Verdacht geschöpft und der Anschlag gleich in seiner Entstehung vereitelt wurde. Diese Armee durfte ihre gesetzwidrige Bestimmung vor der Zeit nicht erfahren, indem schwerlich zu erwarten war, daß sie dem Ruf eines Verräthers gehorchen und gegen ihren rechtmäßigen Oberherrn dienen würde. Wallenstein mußte also unter kaiserlicher Autorität und öffentlich werben und von dem Kaiser selbst zur unumschränkten Herrschaft über die Truppen berechtigt sein. Wie konnte dies aber anders geschehen, als wenn ihm das entzogene Generalat aufs neue übertragen und die Führung des Kriegs unbedingt überlassen ward? Dennoch erlaubte ihm weder sein Stolz noch sein Vortheil, sich selbst zu diesem Posten zu drängen und als ein Bittender von der Gnade des Kaisers eine beschränkte Macht zu erflehen, die von der Furcht desselben uneingeschränkt zu ertrotzen stand. Um sich zum Herrn der Bedingungen zu machen, unter welchen das Commando von ihm übernommen würde, mußte er abwarten, bis es ihm von seinem Herrn aufgedrungen ward. – Dies war der Rath, den ihm Arnheim ertheilte, und dies das Ziel, wornach er mit tiefer Politik und rastloser Thätigkeit strebte.

Ueberzeugt, daß nur die äußerste Noth die Unentschlossenheit des Kaisers besiegen und den Widerspruch Bayerns und Spaniens, seiner beiden eifrigsten Gegner, unkräftig machen könne, bewies er sich von jetzt an geschäftig, die Fortschritte des Feindes zu befördern und die Bedrängnisse seines Herrn zu vermehren. Sehr wahrscheinlich geschah es auf seine Einladung und Ermunterung, daß die Sachsen, schon auf dem Wege nach der Lausitz und Schlesien, sich nach Böhmen wandten und dieses unvertheidigte Reich mit ihrer Macht überschwemmten; ihre schnellen Eroberungen in demselben waren nicht weniger sein Werk. Durch den Kleinmuth, den er heuchelte, erstickte er jeden Gedanken an Widerstand und überlieferte die Hauptstadt durch seinen voreiligen Abzug dem Sieger. Bei einer Zusammenkunft mit dem sächsischen General zu Kaunitz, wozu eine Friedensunterhandlung ihm den Vorwand darreichte, wurde wahrscheinlich das Siegel auf die Verschwörung gedrückt, und Böhmens Eroberung war die erste Frucht dieser Verabredung. Indem er selbst nach Vermögen dazu beitrug, die Unglücksfälle über Oesterreich zu häufen, und durch die raschen Fortschritte der Schweden am Rheinstrom aufs nachdrücklichste dabei unterstützt wurde, ließ er seine freiwilligen und gedungenen Anhänger in Wien über das öffentliche Unglück die heftigsten Klagen führen und die Absetzung des vorigen Feldherrn als den einzigen Grund der erlittenen Verluste abschildern. »Dahin hätte Wallenstein es nicht kommen lassen, wenn er am Ruder geblieben wäre!« riefen jetzt tausend Stimmen, und selbst im geheimen Rathe des Kaisers fand diese Meinung feurige Verfechter.

Es bedurfte ihrer wiederholten Bestürmung nicht, dem bedrängten Monarchen die Augen über die Verdienste seinem Generals und die begangene Uebereilung zu öffnen. Bald genug ward ihm die Abhängigkeit von Bayern und der Ligue unerträglich; aber eben diese Abhängigkeit verstattete ihm nicht, sein Mißtrauen zu zeigen und durch Zurückberufung des Herzogs von Friedland den Kurfürsten aufzubringen. Jetzt aber, da die Noth mit jedem Tage stieg und die Schwäche des bayerischen Beistandes immer sichtbarer wurde, bedachte er sich nicht länger, den Freunden des Herzogs sein Ohr zu leihen und ihre Vorschläge wegen Zurückberufung dieses Feldherrn in Ueberlegung zu nehmen. Die unermeßlichen Reichthümer, die der Letztere besaß, die allgemeine Achtung, in der er stand, die Schnelligkeit, womit er sechs Jahre vorher ein Heer von vierzigtausend Streitern ins Feld gestellt, der geringe Kostenaufwand, womit er dieses zahlreiche Heer unterhalten, die Thaten, die er an der Spitze desselben verrichtet, der Eifer endlich und die Treue, die er für des Kaisers Ehre bewiesen hatte, lebten noch in dauerndem Andenken bei dem Monarchen und stellten ihm den Herzog als das schicklichste Werkzeug dar, das Gleichgewicht der Waffen zwischen den kriegführenden Mächten wiederherzustellen, Oesterreich zu retten und die katholische Religion aufrecht zu erhalten. Wie empfindlich auch der kaiserliche Stolz die Erniedrigung fühlte, ein so unzweideutiges Geständniß seiner ehemaligen Uebereilung und seiner gegenwärtigen Noth abzulegen, wie sehr es ihn schmerzte, von der Höhe seiner Herrscherwürde zu Bitten herabzusteigen, wie verdächtig auch die Treue eines so bitter beleidigten und so unversöhnlichen Mannes war, wie laut und nachdrücklich endlich auch die spanischen Minister und der Kurfürst von Bayern ihr Mißfallen über diesen Schritt zu erkennen gaben, so siegte jetzt die dringende Noth über jede andre Betrachtung, und die Freunde des Herzogs erhielten den Auftrag, seine Gesinnungen zu erforschen und ihm die Möglichkeit seiner Wiederherstellung von ferne zu zeigen.

Unterrichtet von allem, was im Kabinet des Kaisers zu seinem Vortheil verhandelt wurde, gewann dieser Herrschaft genug über sich selbst, seinen innern Triumph zu verbergen und die Rolle des Gleichgültigen zu spielen. Die Zeit der Rache war gekommen, und sein stolzes Herz frohlockte, die erlittene Kränkung dem Kaiser mit vollen Zinsen zu erstatten. Mit kunstvoller Beredsamkeit verbreitete er sich über die glückliche Ruhe des Privatlebens, die ihn seit seiner Entfernung von dem politischen Schauplatz beselige. Zu lange, erklärte er, habe er die Reize der Unabhängigkeit und Muße gekostet, um sie dem nichtigen Phantom des Ruhms und der unsichern Fürstengunst aufzuopfern. Alle seine Begierden nach Größe und Macht seien ausgelöscht und Ruhe das einzige Ziel seiner Wünsche. Um ja keine Ungeduld zu verrathen, schlug er die Einladung an den Hof des Kaisers aus, rückte aber doch bis nach Znaim in Mähren vor, um die Unterhandlungen mit dem Hofe zu erleichtern.

Anfangs versuchte man, die Größe der Gewalt, welche ihm eingeräumt werden sollte, durch die Gegenwart eines Aufsehers zu beschränken und durch diese Auskunft den Kurfürsten von Bayern um so eher zum Stillschweigen zu bringen. Die Abgeordneten des Kaisers, von Questenberg und von Werdenberg, die, als alte Freunde des Herzogs, zu dieser schlüpfrigen Unterhandlung gebraucht wurden, hatten den Befehl, in ihrem Antrage an ihn des Königs von Ungarn zu erwähnen, der bei der Armee zugegen sein und unter Wallensteins Führung die Kriegskunst erlernen sollte. Aber schon die bloße Nennung dieses Namens drohte die ganze Unterhandlung zu zerreißen. »Nie und nimmermehr,« erklärte der Herzog, »würde er einen Gehilfen in seinem Amte dulden, und wenn es Gott selbst wäre, mit dem er das Commando theilen sollte.« Aber auch noch dann, als man von diesem verhaßten Punkt abgestanden war, erschöpfte der kaiserliche Günstling und Minister, Fürst von Eggenberg, Wallensteins standhafter Freund und Verfechter, den man in Person an ihn abgeschickt hatte, lange Zeit seine Beredsamkeit vergeblich, die verstellte Abneigung des Herzogs zu besiegen. »Der Monarch,« gestand der Minister, »habe mit Wallenstein den kostbarsten Stein aus seiner Krone verloren; aber nur gezwungen und widerstrebend habe er diesen, genug bereuten, Schritt gethan, und seine Hochachtung für den Herzog sei unverändert, seine Gunst ihm unverloren geblieben. Zum entscheidenden Beweise davon diene das ausschließende Vertrauen, das man jetzt in seine Treue und Fähigkeit setze, die Fehler seiner Vorgänger zu verbessern und die ganze Gestalt der Dinge zu verwandeln. Groß und edel würde es gehandelt sein, seinen gerechten Unwillen dem Wohl des Vaterlandes zum Opfer zu bringen; groß und seiner würdig, die übeln Nachreden seiner Gegner durch die verdoppelte Wärme seines Eifers zu widerlegen. Dieser Sieg über sich selbst,« schloß der Fürst, »würde seinen übrigen unerreichbaren Verdiensten die Krone aufsetzen und ihn zum größten Mann seiner Zeit erklären.«

So beschämende Geständnisse, so schmeichelhafte Versicherungen schienen endlich den Zorn des Herzogs zu entwaffnen; doch nicht eher, als bis sich sein volles Herz aller Vorwürfe gegen den Kaiser entladen, bis er den ganzen Umfang seiner Verdienste in prahlerischem Pomp ausgebreitet und den Monarchen, der jetzt seine Hilfe brauchte, aufs tiefste erniedrigt hatte, öffnete er sein Ohr den lockenden Anträgen des Ministers. Als ob er nur der Kraft dieser Gründe nachgäbe, bewilligte er mit stolzer Großmuth, was der feurigste Wunsch seiner Seele war, und begnadigte den Abgesandten mit einem Strahle von Hoffnung. Aber weit entfernt, die Verlegenheit des Kaisers durch eine unbedingte volle Gewährung auf einmal zu endigen, erfüllte er bloß einen Theil seiner Forderung, um einen desto größern Preis auf die übrige wichtigere Hälfte zu setzen. Er nahm das Commando an, aber nur auf drei Monate; nur um eine Armee auszurüsten, nicht sie selbst anzuführen. Bloß seine Fähigkeit und Macht wollte er durch diesen Schöpfungsakt kund thun und dem Kaiser die Größe der Hilfe in der Nähe zeigen, deren Gewährung in Wallensteins Händen stände. Ueberzeugt, daß eine Armee, die sein Name allein aus dem Nichts gezogen, ohne ihren Schöpfer in ihr Nichts zurückkehren würde, sollte sie ihm nur zur Lockspeise dienen, seinem Herrn desto wichtigere Bewilligungen zu entreißen; und doch wünschte Ferdinand sich Glück, daß auch nur so viel gewonnen war.

Nicht lange säumte Wallenstein, seine Zusage wahr zu machen, welche ganz Deutschland als chimärisch verlachte und Gustav Adolph selbst übertrieben fand. Aber lange schon war der Grund zu dieser Unternehmung gelegt, und er ließ jetzt nur die Maschinen spielen, die er seit mehreren Jahren zu diesem Endzweck in Gang gebracht hatte. Kaum verbreitete sich das Gerücht von Wallensteins Rüstung, als von allen Enden der österreichischen Monarchie Schaaren von Kriegern herbeieilten, unter diesem erfahrnen Feldherrn ihr Glück zu versuchen. Viele, welche schon ehedem unter seinen Fahnen gefochten hatten, seine Größe als Augenzeugen bewundert und seine Großmuth erfahren hatten, traten bei diesem Rufe aus der Dunkelheit hervor, zum zweitenmal Ruhm und Beute mit ihm zu theilen. Die Größe des versprochnen Soldes lockte Tausende herbei, und die reichliche Verpflegung, welche dem Soldaten auf Kosten des Landmanns zu Theil wurde, war für den letztern eine unüberwindliche Reizung, lieber selbst diesen Stand zu ergreifen, als unter dem Druck desselben zu erliegen. Alle österreichischen Provinzen strengte man an, zu dieser kostbaren Rüstung beizutragen; kein Stand blieb von Taxen verschont; von der Kopfsteuer befreite keine Würde, kein Privilegium. Der spanische Hof, wie der König von Ungarn, verstanden sich zu einer beträchtlichen Summe; die Minister machten ansehnliche Schenkungen, und Wallenstein selbst ließ es sich zweimalhundert tausend Thaler von seinem eigenen Vermögen kosten, die Ausrüstung zu beschleunigen. Die ärmeren Officiere unterstützte er aus seiner eigenen Kasse, und durch sein Beispiel, durch glänzende Beförderungen und noch glänzendere Versprechungen reizte er die Vermögenden, auf eigene Kosten Truppen anzuwerben. Wer mit eigenem Geld ein Corps aufstellte, war Commandeur desselben. Bei Anstellung der Officiere machte die Religion keinen Unterschied; mehr als der Glaube galten Reichthum, Tapferkeit und Erfahrung. Durch diese gleichförmige Gerechtigkeit gegen die verschiedenen Religionsverwandten, und mehr noch durch die Erklärung, daß die gegenwärtige Rüstung mit der Religion nichts zu schaffen habe, wurde der protestantische Unterthan beruhigt und zu gleicher Theilnahme an den öffentlichen Lasten bewogen. Zugleich versäumte der Herzog nicht, wegen Mannschaft und Geld in eigenem Namen mit auswärtigen Staaten zu unterhandeln. Den Herzog von Lothringen gewann er, zum zweitenmal für den Kaiser zu ziehen; Polen mußte ihm Kosaken, Italien Kriegsbedürfnisse liefern. Noch ehe der dritte Monat verstrichen war, belief sich die Armee, welche in Mähren versammelt wurde, auf nicht weniger als vierzigtausend Köpfe, größtentheils aus dem Ueberrest Böhmens, aus Mähren, Schlesien und den deutschen Provinzen des Hauses Oesterreich gezogen. Was Jedem unausführbar geschienen, hatte Wallenstein, zum Erstaunen von ganz Europa, in dem kürzesten Zeitraume vollendet. So viele Tausende, als man vor ihm nicht Hunderte gehofft hatte zusammen zu bringen, hatte die Zauberkraft seines Namens, seines Goldes und seines Genies unter die Waffen gerufen. Mit allen Erfordernissen bis zum Ueberfluß ausgerüstet, von kriegsverständigen Officieren befehligt, von einem siegversprechenden Enthusiasmus entflammt, erwartete diese neugeschaffne Armee nur den Wink ihres Anführers, um sich durch Thaten der Kühnheit seiner würdig zu zeigen.

Sein Versprechen hatte der Herzog erfüllt, und die Armee stand fertig im Felde; jetzt trat er zurück und überließ dem Kaiser, ihr einen Führer zu geben. Aber es würde eben so leicht gewesen sein, noch eine zweite Armee, wie diese war, zu errichten, als einen andern Chef, außer Wallenstein, für sie aufzufinden. Dieses vielversprechende Heer, die letzte Hoffnung des Kaisers, war nichts als ein Blendwerk, sobald der Zauber sich löste, der es ins Dasein rief; durch Wallenstein ward es, ohne ihn schwand es, wie eine magische Schöpfung, in sein voriges Nichts dahin. Die Officiere waren ihm entweder als seine Schuldner verpflichtet oder als seine Gläubiger aufs engste an sein Interesse, an die Fortdauer seiner Macht geknüpft; die Regimenter hatte er seinen Verwandten, seinen Geschöpfen, seinen Günstlingen untergeben. Er und kein Anderer war der Mann, den Truppen die ausschweifenden Versprechungen zu halten, wodurch er sie in seinen Dienst gelockt hatte. Sein gegebenes Wort war die einzige Sicherheit für die kühnen Erwartungen Aller; blindes Vertrauen auf seine Allgewalt das einzige Band, das die verschieden Antriebe ihres Eifers in einem lebendigen Gemeingeist zusammenhielt. Geschehen war es um das Glück jedes Einzelnen, sobald Derjenige zurücktrat, der sich für die Erfüllung desselben verbürgte.

So wenig es dem Herzog mit seiner Weigerung Ernst war, so glücklich bediente er sich dieses Schreckmittels, dem Kaiser die Genehmigung seiner übertriebenen Bedingungen abzuängstigen. Die Fortschritte des Feindes machten die Gefahr mit jedem Tage dringender, und die Hilfe war so nahe; von einem Einzigen hing es ab, der allgemeinen Noth ein geschwindes Ende zu machen. Zum dritten und letzten Mal erhielt also der Fürst von Eggenberg Befehl, seinen Freund, welch hartes Opfer es auch kosten möchte, zu Uebernehmung des Commando zu bewegen.

Zu Znaim in Mähren fand er ihn, von den Truppen, nach deren Besitz er den Kaiser lüstern machte, prahlerisch umgeben. Wie einen Flehenden empfing der stolze Unterthan den Abgesandten seines Gebieters. » Nimmermehr,« gab er zur Antwort, »könne er einer Wiederherstellung trauen, die er einzig nur der Extremität, nicht der Gerechtigkeit des Kaisers verdanke. Jetzt zwar suche man ihn auf, da die Noth aufs höchste gestiegen und von seinem Arme allein noch Rettung zu hoffen sei; aber der geleistete Dienst werde seinen Urheber bald in Vergessenheit bringen und die vorige Sicherheit den vorigen Undank zurückführen. Sein ganzer Ruhm stehe auf dem Spiele, wenn er die von ihm geschöpften Erwartungen täusche, sein Glück und seine Ruhe, wenn es ihm gelänge, sie zu befriedigen. Bald würde der alte Neid gegen ihn aufwachen und der abhängige Monarch kein Bedenken tragen, einen entbehrlichen Diener zum zweitenmal der Convenienz aufzuopfern. Besser für ihn, er verlasse gleich jetzt und aus freier Wahl einen Posten, von welchem früher oder später die Kabalen seiner Gegner ihn doch herabstürzen würden. Sicherheit und Zufriedenheit erwarte er nur im Schooße des Privatlebens, und bloß um den Kaiser zu verbinden, habe er sich auf eine Zeit lang, ungern genug, seiner glücklichen Stille entzogen.«

Des langen Gaukelspiels müde, nahm der Minister jetzt einen ernsthaftern Ton an und bedrohte den Halsstarrigen mit dem ganzen Zorne des Monarchen, wenn er auf seiner Widersetzung beharren würde. »Tief genug,« erklärte er, »habe sich die Majestät des Kaisers erniedrigt und, anstatt durch ihre Herablassung seine Großmuth zu rühren, nur seinen Stolz gekitzelt, nur seinen Starrsinn vermehrt. Sollte sie dieses große Opfer vergeblich gebracht haben, so stehe er nicht dafür, daß sich der Flehende nicht in den Herrn verwandle und der Monarch seine beleidigte Würde nicht an dem rebellischen Unterthan räche. Wie sehr auch Ferdinand gefehlt haben möge, so könne der Kaiser Unterwürfigkeit fordern; irren könne der Mensch, aber der Herrscher nie seinen Fehltritt bekennen. Habe der Herzog von Friedland durch ein unverdientes Urtheil gelitten, so gebe es einen Ersatz für jeden Verlust, und Wunden, die sie selbst geschlagen, könne die Majestät wieder heilen. Fordere er Sicherheit für seine Person und seine Würden, so werde die Billigkeit des Kaisers ihm keine gerechte Forderung verweigern. Die verachtete Majestät allein lasse sich durch keine Büßung versöhnen, und der Ungehorsam gegen ihre Befehle vernichte auch das glänzendste Verdienst. Der Kaiser bedürfe seiner Dienste, und als Kaiser fordere er sie. Welchen Preis er auch darauf setzen möge, der Kaiser werde ihn eingehen. Aber Gehorsam verlange er, oder das Gewicht seines Zorns werde den widerspenstigen Diener zermalmen.«

Wallenstein, dessen weitläuftige Besitzungen, in die österreichische Monarchie eingeschlossen, der Gewalt des Kaisers jeden Augenblick bloßgestellt waren, fühlte lebhaft, daß diese Drohung nicht eitel sei; aber nicht Furcht war es, was seine verstellte Hartnäckigkeit endlich besiegte. Gerade dieser gebieterische Ton verrieth ihm nur zu deutlich die Schwäche und Verzweiflung, woraus er stammte, und die Willfährigkeit des Kaisers, jede seiner Forderungen zu genehmigen, überzeugte ihn, daß er am Ziel seiner Wünsche sei. Jetzt also gab er sich der Beredsamkeit Eggenbergs überwunden und verließ ihn, um seine Forderungen aufzusetzen.

Nicht ohne Bangigkeit sah der Minister einer Schrift entgegen, worin der stolzeste der Diener dem stolzesten der Fürsten Gesetze zu geben sich erdreistete. Aber wie klein auch das Vertrauen war, das er in die Bescheidenheit seines Freundes setzte, so überstieg doch der ausschweifende Inhalt dieser Schrift bei weitem seine bängsten Erwartungen. Eine unumschränkte Oberherrschaft verlangte Wallenstein über alle deutschen Armeen des österreichischen und spanischen Hauses und unbegrenzte Vollmacht, zu strafen und zu belohnen. Weder dem König von Ungarn, noch dem Kaiser selbst solle es vergönnt sein, bei der Armee zu erscheinen, noch weniger eine Handlung der Autorität darin auszuüben. Keine Stelle solle der Kaiser bei der Armee zu vergeben, keine Belohnung zu verleihen haben, kein Gnadenbrief desselben ohne Wallensteins Bestätigung gültig sein. Ueber alles, was im Reiche confisciert und erobert werde, solle der Herzog von Friedland allein, mit Ausschließung aller kaiserlichen und Reichsgerichte, zu verfügen haben. Zu seiner ordentlichen Belohnung müsse ihm ein kaiserliches Erbland und noch ein anderes der im Reiche eroberten Länder zum außerordentlichen Geschenk überlassen werden. Jede österreichische Provinz solle ihm, sobald er derselben bedürfen würde, zur Zuflucht geöffnet sein. Außerdem verlangte er die Versicherung des Herzogtums Mecklenburg bei einem künftigen Frieden und eine förmliche frühzeitige Aufkündigung, wenn man für nöthig finden sollte, ihn zum zweitenmal des Generalats zu entsetzen.

Umsonst bestürmte ihn der Minister, diese Forderungen zu mäßigen, durch welche der Kaiser aller seiner Souveränetätsrechte über die Truppen beraubt und zu einer Kreatur seines Feldherrn erniedrigt würde. Zu sehr hatte man ihm die Unentbehrlichkeit seiner Dienste verrathen, um jetzt noch des Preises Meister zu sein, womit sie erkauft werden sollten. Wenn der Zwang der Umstände den Kaiser nöthigte, diese Forderungen einzugehen, so war es nicht bloßer Antrieb der Rachsucht und des Stolzes, der den Herzog veranlaßte, sie zu machen. Der Plan zur künftigen Empörung war entworfen, und dabei konnte keiner der Vortheile gemißt werden, deren sich Wallenstein in seinem Vergleich mit dem Hofe zu bemächtigen suchte. Dieser Plan erforderte, daß dem Kaiser alle Autorität in Deutschland entrissen und seinem General in die Hände gespielt würde; dies war erreicht, sobald Ferdinand jene Bedingungen unterzeichnete. Der Gebrauch, den Wallenstein von seiner Armee zu machen gesonnen war – von dem Zwecke freilich unendlich verschieden, zu welchem sie ihm untergeben ward – erlaubte keine getheilte Gewalt, und noch weit weniger eine höhere Autorität bei dem Heere, als die seinige war. Um der alleinige Herr ihres Willens zu sein, mußte er den Truppen als der alleinige Herr ihres Schicksals erscheinen; um seinem Oberhaupte unvermerkt sich selbst unterzuschieben und auf seine eigene Person die Souveränetätsrechte überzutragen, die ihm von der höchsten Gewalt nur geliehen waren, mußte er die letztere sorgfältig aus den Augen der Truppen entfernen. Daher seine hartnäckige Weigerung, keinen Prinzen des Hauses Oesterreich bei dem Heere zu dulden. Die Freiheit, über alle im Reich eingezogenen und eroberten Güter nach Gutdünken zu verfügen, reichte ihm furchtbare Mittel dar, sich Anhänger und dienstbare Werkzeuge zu erkaufen und mehr, als je ein Kaiser in Friedenszeiten sich herausnahm, den Diktator in Deutschland zu spielen. Durch das Recht, sich der österreichischen Länder im Nothfall zu einem Zufluchtsort zu bedienen, erhielt er freie Gewalt, den Kaiser in seinem eigenen Reich und durch seine eigene Armee so gut als gefangen zu halten, das Mark dieser Länder auszusaugen und die österreichische Macht in ihren Grundfesten zu unterwühlen. Wie das Loos nun auch fallen mochte, so hatte er durch die Bedingungen, die er von dem Kaiser erpreßte, gleich gut für seinen Vortheil gesorgt. Zeigten sich die Vorfälle seinen verwegnen Entwürfen günstig, so machte ihm dieser Vertrag mit dem Kaiser ihre Ausführung leichter; widerriethen die Zeitläufte die Vollstreckung derselben, so hatte dieser nämliche Vertrag ihn aufs glänzendste entschädigt. Aber wie konnte er einen Vertrag für gültig halten, der seinem Oberherrn abgetrotzt und auf ein Verbrechen gegründet war? Wie konnte er hoffen, den Kaiser durch eine Vorschrift zu binden, welche Denjenigen, der so vermessen war, sie zu geben, zum Tode verdammte? Doch dieser todeswürdige Verbrecher war jetzt der unentbehrlichste Mann in der Monarchie, und Ferdinand, im Verstellen geübt, bewilligte ihm alles, was er verlangte.

Endlich also hatte die kaiserliche Kriegsmacht ein Oberhaupt, das diesen Namen verdiente. Alle andere Gewalt in der Armee, selbst des Kaisers, hörte in demselben Augenblick auf, da Wallenstein den Commandostab in die Hand nahm, und ungültig war alles, was von ihm nicht ausfloß. Von den Ufern der Donau bis an die Weser und den Oderstrom empfand man den belebenden Aufgang des neuen Gestirns. Ein neuer Geist fängt an, die Soldaten des Kaisers zu beseelen, eine neue Epoche des Krieges beginnt. Frische Hoffnungen schöpfen die Papisten, und die protestantische Welt blickt mit Unruhe dem veränderten Laufe der Dinge entgegen.

Je größer der Preis war, um den man den neuen Feldherrn hatte erkaufen müssen, zu so größern Erwartungen glaubte man sich am Hofe des Kaisers berechtigt; aber der Herzog übereilte sich nicht, diese Erwartungen in Erfüllung zu bringen. In der Nähe von Böhmen mit einem furchtbaren Heere, durfte er sich nur zeigen, um die geschwächte Macht der Sachsen zu überwältigen und mit der Wiedereroberung dieses Königreichs seine neue Laufbahn glänzend zu eröffnen. Aber zufrieden, durch nichts entscheidende Kroatengefechte den Feind zu beunruhigen, ließ er ihm den besten Theil dieses Reichs zum Raube und ging mit abgemessenem stillem Schritt seinem selbstischen Ziel entgegen. Nicht die Sachsen zu bezwingen – sich mit ihnen zu vereinigen, war sein Plan. Einzig mit diesem wichtigen Werke beschäftigt, ließ er vor der Hand seine Waffen ruhn, um desto sichrer auf dem Wege der Unterhandlung zu siegen. Nichts ließ er unversucht, den Kurfürsten von der schwedischen Allianz loszureißen, und Ferdinand selbst, noch immer zum Frieden mit diesem Prinzen geneigt, billigte dies Verfahren. Aber die große Verbindlichkeit, die man den Schweden schuldig war, lebte noch in zu frischem Andenken bei den Sachsen, um eine so schändliche Untreue zu erlauben; und hätte man sich auch wirklich dazu versucht gefühlt, so ließ der zweideutige Charakter Wallensteins und der schlimme Ruf der österreichischen Politik zu der Aufrichtigkeit seiner Versprechungen kein Vertrauen fassen. Zu sehr als betrügerischer Staatsmann bekannt, fand er in dem einzigen Falle keinen Glauben, wo er es wahrscheinlich redlich meinte; und noch erlaubten ihm die Zeitumstände nicht, die Aufrichtigkeit seiner Gesinnung durch Aufdeckung seiner wahren Beweggründe außer Zweifel zu setzen. Ungern also entschloß er sich, durch die Gewalt der Waffen zu erzwingen, was auf dem Wege der Unterhandlung mißlungen war. Schnell zog er seine Truppen zusammen und stand vor Prag. ehe die Sachsen diese Hauptstadt entsetzen konnten. Nach einer kurzen Gegenwehr der Belagerten öffnete die Verrätherei der Kapuziner einem von seinen Regimentern den Eingang, und die ins Schloß geflüchtete Besatzung streckte unter schimpflichen Bedingungen das Gewehr. Meister von der Hauptstadt, versprach er seinen Unterhandlungen am sächsischen Hofe einen günstigern Eingang, versäumte aber dabei nicht, zu eben der Zeit, als er sie bei dem General von Arnheim erneuerte, den Nachdruck derselben durch einen entscheidenden Streich zu verstärken. Er ließ in aller Eile die engen Pässe zwischen Außig und Pirna besetzen, um der sächsischen Armee den Rückzug in ihr Land abzuschneiden; aber Arnheims Geschwindigkeit entriß sie noch glücklich der Gefahr. Nach dem Abzuge dieses Generals ergaben sich die letzten Zufluchtsörter der Sachsen, Eger und Leitmeritz, an den Sieger, und schneller, als es verloren gegangen war, war das Königreich wieder seinem rechtmäßigen Herrn unterworfen.

Weniger mit dem Vortheile seines Herrn, als mit Ausführung seiner eigenen Entwürfe beschäftigt, gedachte jetzt Wallenstein den Krieg nach Sachsen zu spielen, um den Kurfürsten durch Verheerung seines Landes zu einem Privatvergleich mit dem Kaiser, oder vielmehr mit dem Herzog von Friedland zu nöthigen. Aber wie wenig er auch sonst gewohnt war, seinen Willen dem Zwang der Umstände zu unterwerfen, so begriff er doch jetzt die Notwendigkeit, seinen Lieblingsentwurf einem dringenden Geschäfte nachzusetzen. Während daß er die Sachsen aus Böhmen schlug, hatte Gustav Adolph die bisher erzählten Siege am Rhein und an der Donau erfochten und durch Franken und Schwaben den Krieg schon an Bayerns Grenzen gewälzt. Am Lechstrom geschlagen und durch den Tod des Grafen Tilly seiner besten Stütze beraubt, lag Maximilian dem Kaiser dringend an, ihm den Herzog von Friedland aufs schleunigste von Böhmen aus zu Hilfe zu schicken und durch Bayerns Vertheidigung von Oesterreich selbst die Gefahr zu entfernen. Er wandte sich mit dieser Bitte an Wallenstein selbst und forderte ihn aufs angelegentlichste auf, ihm, bis er selbst mit der Hauptarmee nachkäme, einstweilen nur einige Regimenter zum Beistand zu senden. Ferdinand unterstützte mit seinem ganzen Ansehen diese Bitte, und ein Eilbote nach dem andern ging an Wallenstein ab, ihn zum Marsch nach der Donau zu vermögen.

Aber jetzt ergab es sich, wie viel der Kaiser von seiner Autorität aufgeopfert hatte, da er die Gewalt über seine Truppen und die Macht zu befehlen aus seinen Händen gab. Gleichgültig gegen Maximilians Bitten, taub gegen die wiederholten Befehle des Kaisers, blieb Wallenstein müßig in Böhmen stehen und überließ den Kurfürsten seinem Schicksale. Das Andenken der schlimmen Dienste, welche ihm Maximilian ehedem auf dem Regensburger Reichstage bei dem Kaiser geleistet, hatte sich tief in das unversöhnliche Gemüth des Herzogs geprägt, und die neuerlichen Bemühungen des Kurfürsten, seine Wiedereinsetzung zu verhindern, waren ihm kein Geheimniß geblieben. Jetzt war der Augenblick da, diese Kränkung zu rächen, und schwer empfand es der Kurfürst, daß er den rachgierigsten der Menschen sich zum Feinde gemacht hatte. Böhmen, erklärte dieser, dürfe nicht unvertheidigt bleiben, und Oesterreich könne nicht besser geschützt werden, als wenn sich die schwedische Armee vor den bayerischen Festungen schwäche. So züchtigte er durch den Arm der Schweden seinen Feind, und während daß ein Platz nach dem andern in ihre Hände fiel, ließ er den Kurfürsten zu Regensburg vergebens nach seiner Ankunft schmachten. Nicht eher, als bis die völlige Unterwerfung Böhmens ihm keine Entschuldigungsgründe mehr übrigließ und die Eroberungen Gustav Adolphs in Bayern Oesterreich selbst mit naher Gefahr bedrohten, gab er den Bestürmungen des Kurfürsten und des Kaisers nach und entschloß sich zu der lange gewünschten Vereinigung mit dem Erstern, welche, nach der allgemeinen Erwartung der Katholischen, das Schicksal des ganzen Feldzugs entscheiden sollte.

Gustav Adolph selbst, zu schwach an Truppen, um es auch nur mit der Wallensteinischen Armee allein aufzunehmen, fürchtete die Vereinigung zweier so mächtigen Heere, und mit Recht erstaunt man, daß er nicht mehr Thätigkeit bewiesen hat, sie zu hindern. Zu sehr, scheint es, rechnete er auf den Haß, der beide Anführer unter sich entzweite und keine Verbindung ihrer Waffen zu einem gemeinschaftlichen Zwecke hoffen ließ; und es war zu spät, diesen Fehler zu verbessern, als der Erfolg seine Muthmaßung widerlegte. Zwar eilte er auf die erste sichre Nachricht, die er von ihren Absichten erhielt, nach der Oberpfalz, um dem Kurfürsten den Weg zu versperren; aber schon war ihm dieser zuvorgekommen und die Vereinigung bei Eger geschehen.

Diesen Grenzort hatte Wallenstein zum Schauplatz des Triumphes bestimmt, den er im Begriff war über seinen stolzen Gegner zu feiern. Nicht zufrieden, ihn einem Flehenden gleich zu seinen Füßen zu sehen, legte er ihm noch das harte Gesetz auf, seine Länder hilflos hinter sich zu lassen, aus weiter Entfernung seinen Beschützer einzuholen und durch diese weite Entgegenkunft ein erniedrigendes Geständniß seiner Noth und Bedürftigkeit abzulegen. Auch dieser Demüthigung unterwarf sich der stolze Fürst mit Gelassenheit. Einen harten Kampf hatte es ihn gekostet, Demjenigen seine Rettung zu verdanken, der, wenn es nach seinem Wunsche ging, nimmermehr diese Macht haben sollte; aber, einmal entschlossen, war er auch Mann genug, jede Kränkung zu ertragen, die von seinem Entschluß unzertrennlich war, und Herr genug seiner selbst, um kleinere Leiden zu verachten, wenn es darauf ankam, einen großen Zweck zu verfolgen.

Aber so viel es schon gekostet hatte, diese Vereinigung nur möglich zu machen, so schwer ward es, sich über die Bedingungen zu vergleichen, unter welchen sie stattfinden und Bestand haben sollte. Einem Einzigen mußte die vereinigte Macht zu Gebote stehen, wenn der Zweck der Vereinigung erreicht werden sollte, und auf beiden Seiten war gleich wenig Neigung da, sich der höheren Autorität des Andern zu unterwerfen. Wenn sich Maximilian auf seine Kurfürstenwürde, auf den Glanz seines Geschlechts, auf sein Ansehen im Reiche stützte, so gründete Wallenstein nicht geringere Ansprüche auf seinen Kriegsruhm und auf die uneingeschränkte Macht, welche der Kaiser ihm übergeben hatte. So sehr es den Fürstenstolz des Erstern empörte, unter den Befehlen eines kaiserlichen Dieners zu stehen, so sehr fand sich der Hochmuth des Herzogs durch den Gedanken geschmeichelt, einem so gebieterischen Geiste Gesetze vorzuschreiben. Es kam darüber zu einem hartnäckigen Streite, der sich aber durch eine wechselseitige Uebereinkunft zu Wallensteins Vortheil endigte. Diesem wurde das Obercommando über beide Armeen, besonders am Tage einer Schlacht, ohne Einschränkung zugestanden und dem Kurfürsten alle Gewalt abgesprochen, die Schlachtordnung oder auch nur die Marschroute der Armee abzuändern. Nichts behielt er sich vor, als das Recht der Strafen und Belohnungen über seine eignen Soldaten und den freien Gebrauch derselben, sobald sie nicht mit den kaiserlichen Truppen vereinigt agierten.

Nach diesen Vorbereitungen wagte man es endlich, einander unter die Augen zu treten, doch nicht eher, als bis eine gänzliche Vergessenheit alles Vergangenen zugesagt und die äußern Formalitäten des Versöhnungsakts aufs genaueste berichtigt waren. Der Verabredung gemäß umarmten sich beide Prinzen im Angesicht ihrer Truppen und gaben einander gegenseitige Versicherungen der Freundschaft, indeß die Herzen von Haß überflossen. Maximilian zwar, in der Verstellungskunst ausgelernt, besaß Herrschaft genug über sich selbst, um seine wahren Gefühle auch nicht durch einen einzigen Zug zu verrathen; aber in Wallensteins Augen funkelte eine hämische Siegesfreude, und der Zwang, der in allen seinen Bewegungen sichtbar war, entdeckte die Macht des Affekts, der sein stolzes Herz übermeisterte.

Die vereinigten kaiserlich-bayerischen Truppen machten nun eine Armee von beinahe sechzigtausend größtenteils bewährten Soldaten aus, vor welcher der schwedische Monarch es nicht wagen durfte sich im Felde zu zeigen. Eilfertig nahm er also, nachdem der Versuch, ihre Vereinigung zu hindern, mißlungen war, seinen Rückzug nach Franken und erwartete nunmehr eine entscheidende Bewegung des Feindes, um seine Entschließung zu fassen. Die Stellung der vereinigten Armee zwischen der sächsischen und bayerischen Grenze ließ es eine Zeit lang noch ungewiß, ob sie den Schauplatz des Kriegs nach dem erstern der beiden Länder verpflanzen oder suchen würde, die Schweden von der Donau zurückzutreiben und Bayern in Freiheit zu setzen. Sachsen hatte Arnheim von Truppen entblößt, um in Schlesien Eroberungen zu machen; nicht ohne die geheime Absicht, wie ihm von Vielen Schuld gegeben wird, dem Herzog von Friedland den Eintritt in das Kurfürstenthum zu erleichtern und dem unentschlossenen Geiste Johann Georgs einen dringendern Sporn zum Vergleich mit dem Kaiser zu geben. Gustav Adolph selbst, in der gewissen Erwartung, daß die Absichten Wallensteins gegen Sachsen gerichtet seien, schickte eilig, um seinen Bundesgenossen nicht hilflos zu lassen, eine ansehnliche Verstärkung dahin, fest entschlossen, sobald die Umstände es erlaubten, mit seiner ganzen Macht nachzufolgen. Aber bald entdeckten ihm die Bewegungen der Friedländischen Armee, daß sie gegen ihn selbst im Anzug begriffen sei. und der Marsch des Herzogs durch die Oberpfalz setzte dies außer Zweifel. Jetzt galt es, auf seine eigne Sicherheit zu denken, weniger um die Oberherrschaft als um seine Existenz in Deutschland zu fechten und von der Fruchtbarkeit seines Genies Mittel zur Rettung zu entlehnen. Die Annäherung des Feindes überraschte ihn, ehe er Zeit gehabt hatte, seine durch ganz Deutschland zerstreuten Truppen an sich zu ziehen und die alliierten Fürsten zum Beistand herbeizurufen. An Mannschaft viel zu schwach, um den anrückenden Feind damit aufhalten zu können, hatte er keine andere Wahl, als sich entweder in Nürnberg zu werfen und Gefahr zu laufen, von der Wallensteinischen Macht in dieser Stadt eingeschlossen und durch Hunger besiegt zu werden – oder diese Stadt aufzuopfern und unter den Kanonen von Donauwörth eine Verstärkung an Truppen zu erwarten. Gleichgültig gegen alle Beschwerden und Gefahren, wo die Menschlichkeit sprach und die Ehre gebot, erwählte er ohne Bedenken das Erste, fest entschlossen, lieber sich selbst mit seiner ganzen Armee unter den Trümmern Nürnbergs zu begraben, als auf den Untergang dieser bundesverwandten Stadt seine Rettung zu gründen.

Sogleich ward Anstalt gemacht, die Stadt mit allen Vorstädten in eine Verschanzung einzuschließen und innerhalb derselben ein festes Lager anzuschlagen. Viele tausend Hände setzten sich alsbald zu diesem weitläuftigen Werk in Bewegung, und alle Einwohner Nürnbergs beseelte ein heroischer Eifer, für die gemeine Sache Blut, Leben und Eigenthum zu wagen. Ein acht Fuß tiefer und zwölf Fuß breiter Graben umschloß die ganze Verschanzung; die Linien wurden durch Redouten und Bastionen, die Eingänge durch halbe Monde beschützt. Die Pegnitz, welche Nürnberg durchschneidet, theilte das ganze Lager in zwei Halbzirkel ab, die durch viele Brücken zusammenhingen. Gegen dreihundert Stücke spielten von den Wällen der Stadt und von den Schanzen des Lagers. Das Landvolk aus den benachbarten Dörfern und die Bürger von Nürnberg legten mit den schwedischen Soldaten gemeinschaftlich Hand an, daß schon am siebenten Tage die Armee das Lager beziehen konnte und am vierzehnten die ganze ungeheure Arbeit vollendet war.

Indem dies außerhalb der Mauern vorging, war der Magistrat der Stadt Nürnberg beschäftigt, die Magazine zu füllen und sich mit allen Kriegs- und Mundbedürfnissen für eine langwierige Belagerung zu versehen. Dabei unterließ er nicht, für die Gesundheit der Einwohner, die der Zusammenfluß so vieler Menschen leicht in Gefahr setzen konnte, durch strenge Reinlichkeitsanstalten Sorge zu tragen. Den König auf den Nothfall unterstützen zu können, wurde aus den Bürgern der Stadt die junge Mannschaft ausgehoben und in den Waffen geübt, die schon vorhandene Stadtmiliz beträchtlich verstärkt und ein neues Regiment von vier und zwanzig Namen nach den Buchstaben des alten Alphabets ausgerüstet. Gustav selbst hatte unterdessen seine Bundesgenossen, den Herzog Wilhelm von Weimar und den Landgrafen von Hessen-Kassel, zum Beistand aufgeboten und seine Generale am Rheinstrom, in Thüringen und Niedersachsen beordert, sich schleunig in Marsch zu setzen und mit ihren Truppen bei Nürnberg zu ihm zu stoßen. Seine Armee, welche innerhalb der Linien dieser Reichsstadt gelagert stand, betrug nicht viel über sechszehntausend Mann, also nicht einmal den dritten Theil des feindlichen Heers.

Dieses war unterdessen in langsamem Zuge bis gegen Neumarkt herangerückt, wo der Herzog von Friedland eine allgemeine Musterung anstellte. Vom Anblick dieser furchtbaren Macht hingerissen, konnte er sich einer jugendlichen Prahlerei nicht enthalten. »Binnen vier Tagen soll sich ausweisen,« rief er, »wer von uns Beiden, der König von Schweden oder ich, Herr der Welt sein wird.« Dennoch that er, seiner großen Ueberlegenheit ungeachtet, nichts, diese stolze Versicherung wahr zu machen, und vernachlässigte sogar die Gelegenheit, seinen Feind auf das Haupt zu schlagen, als dieser verwegen genug war, sich außerhalb seiner Linien ihm entgegen zu stellen. »Schlachten hat man genug geliefert,« antwortete er Denen, welche ihn zum Angriff ermunterten, »es ist Zeit, einmal einer andern Methode zu folgen.« Hier schon entdeckte sich, wie viel mehr bei einem Feldherrn gewonnen worden, dessen schon gegründeter Ruhm der gewagten Unternehmungen nicht benöthigt war, wodurch andere eilen müssen, sich einen Namen zu machen. Ueberzeugt, daß der verzweifelte Muth des Feindes den Sieg auf das theuerste verkaufen, eine Niederlage aber, in diesen Gegenden erlitten, die Angelegenheiten des Kaisers unwiederbringlich zu Grunde richten würde, begnügte er sich damit, die kriegerische Hitze seines Gegners durch eine langwierige Belagerung zu verzehren und, indem er demselben alle Gelegenheit abschnitt, sich dem Ungestüm seines Muths zu überlassen, ihm gerade denjenigen Vortheil zu rauben, wodurch er bisher so unüberwindlich gewesen war. Ohne also das Geringste zu unternehmen, bezog er jenseits der Rednitz, Nürnberg gegenüber, ein stark befestigtes Lager und entzog durch diese wohlgewählte Stellung der Stadt sowohl als dem Lager jede Zufuhr aus Franken, Schwaben und Thüringen. So hielt er den König zugleich mit der Stadt belagert und schmeichelte sich, den Muth seines Gegners, den er nicht lüstern war in offener Schlacht zu erproben, durch Hunger und Seuchen langsam, aber desto sicherer zu ermüden.

Aber zu wenig mit den Hilfsquellen und Kräften seines Gegners bekannt, hatte er nicht genugsam dafür gesorgt, sich selbst vor dem Schicksale zu bewahren, das er jenem bereitete. Aus dem ganzen benachbarten Gebiete hatte sich das Landvolk mit seinen Vorräthen weggeflüchtet, und um den wenigen Ueberrest mußten sich die Friedländischen Fouragierer mit den schwedischen schlagen. Der König schonte die Magazine der Stadt, so lange noch Möglichkeit da war, sich aus der Nachbarschaft mit Proviant zu versehen, und diese wechselseitigen Streifereien unterhielten einen immerwährenden Krieg zwischen den Kroaten und dem schwedischen Volke, davon die ganze umliegende Landschaft die traurigsten Spuren zeigte. Mit dem Schwert in der Hand mußte man sich die Bedürfnisse des Lebens erkämpfen, und ohne zahlreiches Gefolge durften sich die Parteien nicht mehr aufs Fouragieren wagen. Dem König zwar öffnete, sobald der Mangel sich einstellte, die Stadt Nürnberg ihre Vorrathshäuser, aber Wallenstein mußte seine Truppen aus weiter Ferne versorgen. Ein großer, in Bayern aufgekaufter Transport war an ihn auf dem Wege, und tausend Mann wurden abgeschickt, ihn sicher ins Lager zu geleiten. Gustav Adolph, davon benachrichtigt, sandte sogleich ein Kavallerieregiment aus, sich dieser Lieferung zu bemächigten, und die Dunkelheit der Nacht begünstigte die Unternehmung. Der ganze Transport fiel mit der Stadt, worin er hielt, in der Schweden Hände; die kaiserliche Bedeckung wurde niedergehauen, gegen zwölfhundert Stück Vieh hinweg getrieben und tausend mit Brod bepackte Wagen, die nicht gut fortgebracht werden konnten, in Brand gesteckt. Sieben Regimenter, welche der Herzog von Friedland gegen Altdorf vorrücken ließ, dem sehnlich erwarteten Transport zur Bedeckung zu dienen, wurden von dem Könige, der ein Gleiches gethan hatte, den Rückzug der Seinigen zu decken, nach einem hartnäckigen Gefechte auseinander gesprengt und mit Hinterlassung von vierhundert Todten in das kaiserliche Lager zurückgetrieben. So viele Widerwärtigkeiten und eine so wenig erwartete Standhaftigkeit des Königs ließen den Herzog von Friedland bereuen, daß er die Gelegenheit zu einem Treffen ungenützt hatte vorbeistreichen lassen. Jetzt machte die Festigkeit des schwedischen Lagers jeden Angriff unmöglich, und Nürnbergs bewaffnete Jugend diente dem Monarchen zu einer fruchtbaren Kriegerschule, woraus er jeden Verlust an Mannschaft auf das schnellste ersetzen konnte. Der Mangel an Lebensmitteln, der sich im kaiserlichen Lager nicht weniger als im schwedischen einstellte, machte es zum mindesten sehr ungewiß, welcher von beiden Theilen den andern zuerst zum Aufbruche zwingen würde.

Fünfzehn Tage schon hatten beide Armeen, durch gleich unersteigliche Verschanzungen gedeckt, einander im Gesichte gestanden, ohne etwas mehr als leichte Streifereien und unbedeutende Scharmützel zu wagen. Auf beiden Seiten hatten ansteckende Krankheiten, natürliche Folgen der schlechten Nahrungsmittel und der eng zusammengepreßten Volksmenge, mehr als das Schwert des Feindes die Mannschaft vermindert, und mit jedem Tage stieg diese Noth. Endlich erschien der längst erwartete Succurs im schwedischen Lager, und die beträchtliche Machtverstärkung des Königs erlaubte ihm jetzt, seinem natürlichen Muth zu gehorchen und die Fessel zu zerbrechen, die ihn bisher gebunden hielt.

Seiner Aufforderung gemäß, hatte Herzog Wilhelm von Weimar aus den Besatzungen in Niedersachsen und Thüringen in aller Eilfertigkeit ein Corps aufgerichtet, welches bei Schweinfurt in Franken vier sächsische Regimenter und bald darauf bei Kitzingen die Truppen vom Rheinstrom an sich zog, die Landgraf Wilhelm von Hessen-Kassel und der Pfalzgraf von Birkenfeld dem König zu Hilfe schickten. Der Reichskanzler Oxenstierna übernahm es, diese vereinigte Armee an den Ort ihrer Bestimmung zu führen. Nachdem er sich zu Windsheim noch mit dem Herzog Bernhard von Weimar und dem schwedischen General Banner vereinigt hatte, rückte er in beschleunigten Märschen bis Bruck und Eltersdorf, wo er die Regnitz passierte und glücklich in das schwedische Lager kam. Dieser Succurs zählte beinahe fünfzigtausend Mann und führte sechzig Stücke Geschütz und viertausend Bagagewagen bei sich. So sah sich denn Gustav Adolph an der Spitze von beinahe siebenzigtausend Streitern, ohne noch die Miliz der Stadt Nürnberg zu rechnen, welche im Nothfalle dreißigtausend rüstige Bürger ins Feld stellen konnte. Eine furchtbare Macht, die einer andern nicht minder furchtbaren gegenüberstand! Der ganze Krieg schien jetzt zusammengepreßt in eine einzige Schlacht, um hier endlich seine letzte Entscheidung zu erhalten. Angstvoll blickte das getheilte Europa auf diesen Kampfplatz hin, wo sich die Kraft beider streitenden Mächte, wie in ihrem Brennpunkt, fürchterlich sammelte.

Aber hatte man schon vor der Ankunft des Succurses mit Brodmangel kämpfen müssen, so wuchs dieses Uebel nunmehr in beiden Lagern (denn auch Wallenstein hatte neue Verstärkungen aus Bayern an sich gezogen) zu einem schrecklichen Grade an. Außer den hundert und zwanzigtausend Kriegern, die einander bewaffnet gegenüberstanden, außer einer Menge von mehr als fünfzigtausend Pferden in beiden Armeen, außer den Bewohnern Nürnbergs, welche das schwedische Heer an Anzahl weit übertrafen, zählte man allein in dem Wallensteinischen Lager fünfzehntausend Weiber und eben so viel Fuhrleute und Knechte, nicht viel weniger in dem schwedischen. Die Gewohnheit jener Zeiten erlaubte dem Soldaten, seine Familie mit in das Feld zu führen. Bei den Kaiserlichen schloß sich eine unzählige Menge gutwilliger Frauenspersonen an den Heereszug an, und die strenge Wachsamkeit über die Sitten im schwedischen Lager, welche keine Ausschweifung duldete, beförderte eben darum die rechtmäßigen Ehen. Für die junge Generation, welche dies Lager zum Vaterland hatte, waren ordentliche Feldschulen errichtet und eine treffliche Zucht von Kriegern daraus gezogen, daß die Armeen bei einem langwierigen Kriege sich durch sich selbst rekrutieren konnten. Kein Wunder, wenn diese wandelnden Nationen jeden Landstrich aushungerten, auf dem sie verweilten, und die Bedürfnisse des Lebens durch diesen entbehrlichen Troß übermäßig im Preise gesteigert wurden. Alle Mühlen um Nürnberg reichten nicht zu, das Korn zu mahlen, das jeder Tag verschlang, und fünfzigtausend Pfund Brod, welche die Stadt täglich ins Lager lieferte, reizten den Hunger bloß, ohne ihn zu befriedigen. Die wirklich bewundernswerte Sorgfalt des Nürnberger Magistrats konnte nicht verhindern, daß nicht ein großer Theil der Pferde aus Mangel an Fütterung umfiel und die zunehmende Wuth der Seuchen mit jedem Tage über hundert Menschen ins Grab streckte.

Dieser Noth ein Ende zu machen, verließ endlich Gustav Adolph, voll Zuversicht auf seine überlegene Macht, am fünfundfünfzigsten Tage seine Linien, zeigte sich in voller Bataille dem Feind und ließ von drei Batterieen, welche am Ufer der Rednitz errichtet waren, das Friedländische Lager beschießen. Aber unbeweglich stand der Herzog in seinen Verschanzungen und begnügte sich, diese Ausforderung durch das Feuer der Musketen und Kanonen von ferne zu beantworten. Den König durch Unthätigkeit aufzureiben und durch die Macht des Hungers seine Beharrlichkeit zu besiegen, war sein überlegter Entschluß, und keine Vorstellung Maximilians, keine Ungeduld der Armee, kein Spott des Feindes konnte diesen Vorsatz erschüttern. In seiner Hoffnung getäuscht und von der wachsenden Noth gedrungen, wagte sich Gustav Adolph nun an das Unmögliche, und der Entschluß wurde gefaßt, das durch Natur und Kunst gleich unbezwingliche Lager zu stürmen.

Nachdem er das seinige dem Schutz der Nürnbergischen Miliz übergeben, rückte er am Bartholomäustage, dem achtundfünfzigsten, seitdem die Armee ihre Verschanzungen bezogen, in voller Schlachtordnung heraus und passierte die Rednitz bei Fürth, wo er die feindlichen Vorposten mit leichter Mühe zum Weichen brachte. Auf den steilen Anhöhen zwischen der Biber und Rednitz, die alte Feste und Altenberg genannt, stand die Hauptmacht des Feindes, und das Lager selbst, von diesen Hügeln beherrscht, breitete sich unabsehbar durch das Gefilde. Die ganze Stärke des Geschützes war auf diesen Hügeln versammelt. Tiefe Gräben umschlossen unersteigliche Schanzen, dichte Verhacke und stachelige Palissaden versammelten die Zugänge zu dem steil anlaufenden Berge, von dessen Gipfel Wallenstein, ruhig und sicher wie ein Gott, durch schwarze Rauchwolken seine Blitze versendete. Hinter den Brustwehren lauerte der Musketen tückisches Feuer, und ein gewisser Tod blickte aus hundert offnen Kanonenschlünden dem verwegenen Stürmer entgegen. Auf diesen gefahrvollen Posten richtete Gustav Adolph den Angriff, und fünfhundert Musketiere, durch weniges Fußvolk unterstützt (mehrere zugleich konnten auf dem engen Kampfboden nicht zum Fechten kommen), hatten den unbeneideten Vorzug, sich zuerst in den offenen Rachen des Todes zu werfen. Wüthend war der Andrang, der Widerstand fürchterlich; der ganzen Wuth des feindlichen Geschützes ohne Brustwehr dahin gegeben, grimmig durch den Anblick des unvermeidlichen Todes, laufen diese entschlossenen Krieger gegen den Hügel Sturm, der sich in Einem Moment in den flammenden Hekla verwandelt und einen eisernen Hagel donnernd auf sie herunter speit. Zugleich dringt die schwere Cavallerie in die Lücken ein, welche die feindlichen Ballen in die gedrängte Schlachtordnung reißen, die festgeschlossenen Glieder trennen sich, und die standhafte Heldenschaar, von der gedoppelten Macht der Natur und der Menschen bezwungen, wendet sich nach hundert zurückgelassenen Todten zur Flucht. Deutsche waren es, denen Gustavs Parteilichkeit die tödtliche Ehre des ersten Angriffs bestimmte; über ihren Rückzug ergrimmt, führte er jetzt seine Finnländer zum Sturm, durch ihren nordischen Muth die deutsche Feigheit zu beschämen. Auch seine Finnländer, durch einen ähnlichen Feuerregen empfangen, weichen der überlegenen Macht, und ein frisches Regiment tritt an ihre Stelle, mit gleich schlechtem Erfolg den Angriff zu erneuern. Dieses wird von einem vierten und fünften und sechsten abgelöst, daß während des zehnstündigen Gefechts alle Regimenter zum Angriff kommen und alle blutend und zerrissen von dem Kampfplatz zurückkehren. Tausend verstümmelte Körper bedecken das Feld, und unbesiegt setzt Gustav den Angriff fort, und unerschütterlich behauptet Wallenstein seine Feste.

Indessen hat sich zwischen der kaiserlichen Reiterei und dem linken Flügel der Schweden, der in einem Busch an der Rednitz postiert war, ein heftiger Kampf entzündet, wo mit abwechselndem Glück der Feind bald Besiegter, bald Sieger bleibt und auf beiden Seiten gleich viel Blut fließt, gleich tapfere Thaten geschehen. Dem Herzog von Friedland und dem Prinzen Bernhard von Weimar werden die Pferde unter dem Leibe erschossen; dem König selbst reißt eine Stückkugel die Sohle von dem Stiefel. Mit ununterbrochener Wuth erneuern sich Angriff und Widerstand, bis endlich die eintretende Nacht das Schlachtfeld verfinstert und die erbitterten Kämpfer zur Ruhe winkt. Jetzt aber sind die Schweden schon zu weit vorgedrungen, um den Rückzug ohne Gefahr unternehmen zu können. Indem der König einen Officier zu entdecken sucht, den Regimentern durch ihn den Befehl zum Rückzug zu übersenden, stellt sich ihm der Oberste Hebron, ein tapferer Schottländer, dar, den bloß sein natürlicher Muth aus dem Lager getrieben hatte, die Gefahr dieses Tages zu theilen. Ueber den König erzürnt, der ihm unlängst bei einer gefahrvollen Aktien einen jüngern Obersten vorgezogen, hatte er das rasche Gelübde gethan, seinen Degen nie wieder für den König zu ziehen. An ihn wendet sich jetzt Gustav Adolph, und seinen Heldenmuth lobend, ersucht er ihn, die Regimenter zum Rückzug zu commandieren. »Sire,« erwidert der tapfere Soldat, »das ist der einzige Dienst, den ich Euer Majestät nicht verweigern kann, denn es ist etwas dabei zu wagen;« und sogleich sprengt er davon, den erhaltenen Auftrag ins Werk zu richten. Zwar hatte sich Herzog Bernhard von Weimar in der Hitze des Gefechts einer Anhöhe über der alten Feste bemächtigt, von wo aus man den Berg und das ganze Lager bestreichen konnte. Aber ein heftiger Platzregen, der in derselben Nacht einfiel, machte den Abhang so schlüpfrig, daß es unmöglich war, die Kanonen hinaufzubringen, und so mußte man von freien Stücken diesen mit Strömen Bluts errungenen Posten verloren geben. Mißtrauisch gegen das Glück, das ihn an diesem entscheidenden Tage verlassen hatte, getraute der König sich nicht, mit erschöpften Truppen am folgenden Tage den Sturm fortzusetzen, und zum erstenmal überwunden, weil er nicht Ueberwinder war, führte er seine Truppen über die Rednitz zurück. Zweitausend Todte, die er auf dem Wahlplatz zurückließ, bezeugten seinen Verlust, und unüberwunden stand der Herzog von Friedland in seinen Linien.

Noch ganze vierzehn Tage nach dieser Aktion blieben die Armeen einander gegenüber gelagert, jede in der Erwartung, die andere zuerst zum Aufbruch zu nöthigen. Je mehr mit jedem Tage der kleine Vorrath an Lebensmitteln schmolz, desto schrecklicher wuchsen die Drangsale des Hungers, desto mehr verwilderte der Soldat, und das Landvolk umher ward das Opfer seiner thierischen Raubsucht. Die steigende Noth löste alle Bande der Zucht und der Ordnung im schwedischen Lager auf, und besonders zeichneten sich die deutschen Regimenter durch die Gewaltthätigkeiten aus, die sie gegen Freund und Feind ohne Unterschied verübten. Die schwache Hand eines Einzigen vermochte nicht, einer Gesetzlosigkeit zu steuern, die durch das Stillschweigen der untern Befehlshaber eine scheinbare Billigung und oft durch ihr eigenes verderbliches Beispiel Ermunterung erhielt. Tief schmerzte den Monarchen dieser schimpfliche Verfall der Kriegszucht, in die er bis jetzt einen so gegründeten Stolz gesetzt hatte, und der Nachdruck, womit er den deutschen Officieren ihre Nachlässigkeit verweist, bezeugt die Heftigkeit seiner Empfindungen. »Ihr Deutschen,« rief er aus, »ihr, ihr selbst seid es, die ihr euer eigenes Vaterland bestehlt und gegen eure eigenen Glaubensgenossen wüthet. Gott sei mein Zeuge, ich verabscheue euch, ich habe einen Ekel an euch, und das Herz gällt mir im Leibe, wenn ich euch anschaue. Ihr übertretet meine Verordnungen, ihr seid Ursache, daß die Welt mich verflucht, daß mich die Thränen der schuldlosen Armuth verfolgen, daß ich öffentlich hören muß: der König, unser Freund, thut uns mehr Uebels an, als unsre grimmigsten Feinde. Euretwegen habe ich meine Krone ihres Schatzes entblößt und über vierzig Tonnen Goldes aufgewendet, von eurem deutschen Reich aber nicht erhalten, wovon ich mich schlecht bekleiden könnte. Euch gab ich alles, was Gott mir zutheilte, und hättet ihr meine Gesetze geachtet, alles, was er mir künftig noch geben mag, würde ich mit Freuden unter euch ausgetheilt haben. Eure schlechte Mannszucht überzeugt mich, daß ihr’s böse meint, wie sehr ich auch Ursache haben mag, eure Tapferkeit zu loben.«

Nürnberg hatte sich über Vermögen angestrengt, die ungeheure Menschenmenge, welche in seinem Gebiet zusammengepreßt war, eilf Wochen lang zu ernähren; endlich aber versiegten die Mittel. und der König, als der zahlreichere Theil, mußte sich eben darum zuerst zum Abzug entschließen. Mehr als zehntausend seiner Einwohner hatte Nürnberg begraben, und Gustav Adolph gegen zwanzigtausend seiner Soldaten durch Krieg und Seuchen eingebüßt. Zertreten lagen alle umliegenden Felder, die Dörfer in Asche, das beraubte Landvolk verschmachtete auf den Straßen, Modergerüche verpesteten die Luft, verheerende Seuchen, durch die kümmerliche Nahrung, durch den Qualm eines so bevölkerten Lagers und so vieler verwesenden Leichname, durch die Gluth der Hundstage ausgebrütet, wütheten unter Menschen und Thieren, und noch lange nach dem Abzug der Armeen drückten Mangel und Elend das Land. Gerührt von dem allgemeinen Jammer und ohne Hoffnung, die Beharrlichkeit des Herzogs von Friedland zu besiegen, hob der König am achten September sein Lager auf und verließ Nürnberg, nachdem er es zur Fürsorge mit einer hinlänglichen Besatzung versehen hatte. In völliger Schlachtordnung zog er an dem Feinde vorüber, der unbeweglich blieb und nicht das Geringste unternahm, seinen Abzug zu stören. Er richtete seinen Marsch nach Neustadt an der Aisch und Windsheim, wo er fünf Tage stehen blieb, um seine Truppen zu erquicken und Nürnberg nahe zu sein, wenn der Feind etwas gegen diese Stadt unternehmen sollte. Aber Wallenstein, der Erholung nicht weniger bedürftig, hatte auf den Abzug der Schweden nur gewartet, um den seinigen antreten zu können. Fünf Tage später verließ auch er sein Lager bei Zirndorf und übergab es den Flammen. Hundert Rauchsäulen, die aus den eingeäscherten Dörfern in der ganzen Runde zum Himmel stiegen, verkündigten seinen Abschied und zeigten der getrösteten Stadt, welchem Schicksale sie selbst entgangen war. Seinen Marsch, der gegen Forchheim gerichtet war, bezeichnete die schrecklichste Verheerung; doch war er schon zu weit vorgerückt, um von dem König noch eingeholt zu werden. Dieser trennte nun seine Armee, die das erschöpfte Land nicht ernähren konnte, um mit einem Theile derselben Franken zu behaupten und mit dem andern seine Eroberungen in Bayern in eigner Person fortzusetzen.

Unterdessen war die kaiserlich-bayerische Armee in das Bisthum Bamberg gerückt, wo der Herzog von Friedland eine zweite Musterung darüber anstellte. Er fand diese sechstausend Mann starke Macht durch Desertion, Krieg und Seuchen bis auf vierundzwanzigtausend Mann vermindert, von denen der vierte Theil aus bayerischen Truppen bestand. Und so hatte das Lager von Nürnberg beide Theile mehr als zwei verlorne große Schlachten entkräftet, ohne den Krieg seinem Ende auch nur um etwas genähert oder die gespannten Erwartungen der europäischen Welt durch einen einzigen entscheidenden Vorfall befriedigt zu haben. Den Eroberungen des Königs in Bayern wurde zwar auf eine Zeit lang durch die Diversion bei Nürnberg ein Ziel gesteckt und Oesterreich selbst vor einem feindlichen Einfall gesichert; aber durch den Abzug von dieser Stadt gab man ihm auch die völlige Freiheit zurück, Bayern aufs neue zum Schauplatz des Krieges zu machen. Unbekümmert um das Schicksal dieses Landes und des Zwanges müde, den ihm die Verbindung mit dem Kurfürsten auferlegte, ergriff der Herzog von Friedland begierig die Gelegenheit, sich von diesem lästigen Gefährten zu trennen und seine Lieblingsentwürfe mit erneuertem Ernst zu verfolgen. Noch immer seiner ersten Maxime getreu, Sachsen von Schweden zu trennen, bestimmte er dieses Land zum Winteraufenthalt seiner Truppen und hoffte, durch seine verderbliche Gegenwart den Kurfürsten um so eher zu einem besondern Frieden zu zwingen.

Kein Zeitpunkt konnte diesem Unternehmen günstiger sein. Die Sachsen waren in Schlesien eingefallen, wo sie, in Vereinigung mit brandenburgischen und schwedischen Hilfsvölkern, einen Vortheil nach dem andern über die Truppen des Kaisers erfochten. Durch eine Diversion, welche man dem Kurfürsten in seinen eigenen Staaten machte, rettete man Schlesien; und das Unternehmen war desto leichter, da Sachsen durch den schlesischen Krieg von Verteidigern entblößt und dem Feinde von allen Seiten geöffnet war. Die Notwendigkeit, ein österreichisches Erbland zu retten, schlug alle Einwendungen des Kurfürsten von Bayern darnieder, und unter der Maske eines patriotischen Eifers für das Beste des Kaisers konnte man ihn mit um so weniger Bedenklichkeit aufopfern. Indem man dem König von Schweden das reiche Bayern zum Raube ließ, hoffte man in der Unternehmung auf Sachsen von ihm nicht gestört zu werden, und die zunehmende Kaltsinnigkeit zwischen diesem Monarchen und dem sächsischen Hofe ließ ohnehin von seiner Seite wenig Eifer zu Befreiung Johann Georgs befürchten. Aufs neue also von seinem arglistigen Beschützer im Stich gelassen, trennte sich der Kurfürst zu Bamberg von Wallenstein, um mit dem kleinen Ueberrest seiner Truppen sein hilfloses Land zu vertheidigen, und die kaiserliche Armee richtete unter Friedlands Anführung ihren Marsch durch Baireuth und Koburg nach dem Thüringer Walde.

Ein kaiserlicher General, von Holk, war bereits mit sechstausend Mann in das Voigtland vorausgeschickt worden, diese wehrlose Provinz mit Feuer und Schwert zu verheeren. Ihm wurde bald darauf Gallas nachgeschickt, ein zweiter Feldherr des Herzogs und ein gleich treues Werkzeug seiner unmenschlichen Befehle. Endlich wurde auch noch Graf Pappenheim aus Niedersachsen herbeigerufen, die geschwächte Armee des Herzogs zu verstärken und das Elend Sachsens vollkommen zu machen. Zerstörte Kirchen, eingeäscherte Dörfer, verwüstete Ernten, beraubte Familien, ermordete Unterthanen bezeichnete den Marsch dieser Barbarenheere; das ganze Thüringen, Voigtland und Meißen erlagen unter dieser dreifachen Geißel. Aber sie waren nur die Vorläufer eines größern Elends, mit welchem der Herzog selbst, an der Spitze der Hauptarmee, das unglückliche Sachsen bedrohte. Nachdem dieser auf seinem Zuge durch Franken und Thüringen die schauderhaftesten Denkmäler seiner Wuth hinterlassen, erschien er mit seiner ganzen Macht in dem Leipziger Kreise und zwang nach einer kurzen Belagerung die Stadt Leipzig zur Uebergabe. Seine Absicht war, bis nach Dresden vorzudringen und durch Unterwerfung des ganzen Landes dem Kurfürsten Gesetze vorzuschreiben. Schon näherte er sich der Mulde, um die sächsische Armee, die bis Torgau ihm entgegen gerückt war, mit seiner überlegenen Macht aus dem Felde zu schlagen, als die Ankunft des Königs von Schweden zu Erfurt seinen Eroberungsplanen eine unerwartete Grenze setzte. Im Gedränge zwischen der sächsischen und schwedischen Macht, welche Herzog Georg von Lüneburg von Niedersachsen aus noch zu verstärken drohte, wich er eilfertig gegen Merseburg zurück, um sich dort mit dem Grafen von Pappenheim zu vereinigen und die eindringenden Schweden mit Nachdruck zurückzutreiben.

Nicht ohne große Unruhe hatte Gustav Adolph den Kunstgriffen zugesehen, welche Spanien und Oesterreich verschwendeten, um seinen Alliierten von ihm abtrünnig zu machen. So wichtig ihm das Bündniß mit Sachsen war, so viel mehr Ursache hatte er, vor dem unbeständigen Gemüthe Johann Georgs zu zittern. Nie hatte zwischen ihm und dem Kurfürsten ein aufrichtiges freundschaftliches Verhältniß statt gefunden. Einem Prinzen, der auf seine politische Wichtigkeit stolz und gewohnt war, sich als das Haupt seiner Partei zu betrachten, mußte die Einmischung einer fremden Macht in die Reichsangelegenheiten bedenklich und drückend sein, und den Widerwillen, womit er die Fortschritte dieses unwillkommnen Fremdlings betrachtete, hatte nur die äußerste Noth seiner Staaten auf eine Zeit lang besiegen können. Das wachsende Ansehen des Königs in Deutschland, sein überwiegender Einfluß auf die protestantischen Stände, die nicht sehr zweideutigen Beweise seiner ehrgeizigen Absichten, bedenklich genug, die ganze Wachsamkeit der Reichsstände aufzufordern, machten bei dem Kurfürsten tausend Besorgnisse rege, welche die kaiserlichen Unterhändler geschickt zu nähren und zu vergrößern wußten. Jeder eigenmächtige Schritt des Königs, jede auch noch so billige Forderung, die er an die Reichsfürsten machte, gaben dem Kurfürsten Anlaß zu bittern Beschwerden, die einen nahen Bruch zu verkündigen schienen. Selbst unter den Generalen beider Theile zeigten sich, so oft sie vereinigt agieren sollten, vielfache Spuren der Eifersucht, welche ihre Beherrscher entzweite. Johann Georgs natürliche Abneigung vor dem Krieg und seine noch immer nicht unterdrückte Ergebenheit gegen Oesterreich begünstigte Arnheims Bemühungen, der, in beständigem Einverständnisse mit Wallenstein, unermüdet daran arbeitete, seinen Herrn zu einem Privatvergleich mit dem Kaiser zu vermögen; und fanden seine Vorstellungen auch lange Zeit keinen Eingang, so lehrte doch zuletzt der Erfolg, daß sie nicht ganz ohne Wirkung geblieben waren.

Gustav Adolph, mit Recht vor den Folgen bange, die der Abfall eines so wichtigen Bundesgenossen von seiner Partei für seine ganze künftige Existenz in Deutschland haben mußte, ließ kein Mittel unversucht, diesen bedenklichen Schritt zu verhindern, und bis jetzt hatten seine Vorstellungen ihren Eindruck auf den Kurfürsten nicht ganz verfehlt. Aber die fürchterliche Macht, womit der Kaiser seine verführerischen Vorschläge unterstützte, und die Drangsale, die er bei längerer Weigerung über Sachsen zu häufen drohte, konnten endlich doch, wenn man ihn seinen Feinden hilflos dahingab, die Standhaftigkeit des Kurfürsten überwinden und diese Gleichgültigkeit gegen einen so wichtigen Bundesgenossen das Vertrauen aller übrigen Alliierten Schwedens zu ihrem Beschützer auf immer darnieder schlagen. Diese Betrachtung bewog den König, den dringenden Einladungen, welche der hart bedrohte Kurfürst an ihn ergehen ließ, zum zweitenmal nachzugeben und der Rettung dieses Bundesgenossen alle seine glänzenden Hoffnungen aufzuopfern. Schon hatte er einen zweiten Angriff auf Ingolstadt beschlossen, und die Schwäche des Kurfürsten von Bayern rechtfertigte seine Hoffnung, diesem erschöpften Feinde doch endlich noch die Neutralität aufzudringen. Der Aufstand des Landvolks in Oberösterreich öffnete ihm dann den Weg in dieses Land, und der Sitz des Kaiserthrons konnte in seinen Händen sein, ehe Wallenstein Zeit hatte, mit Hilfe herbeizueilen. Alle diese schimmernden Hoffnungen setzte er dem Wohl eines Alliierten nach, den weder Verdienste noch guter Wille dieses Opfers werth machten; der, bei den dringendsten Aufforderungen des Gemeingeistes, nur seinem eigenen Vortheil mit kleinlicher Selbstsucht diente; der nicht durch die Dienste, die man sich von ihm versprach, nur durch den Schaden, den man von ihm besorgte, bedeutend war. Und wer erwehrt sich nun des Unwillens, wenn er hört, daß auf dem Wege, den Gustav Adolph jetzt zur Befreiung dieses Fürsten antritt, der große König das Ziel seiner Thaten findet?

Schnell zog er seine Truppen im fränkischen Kreise zusammen und folgte dem Wallensteinischen Heere durch Thüringen nach. Herzog Bernhard von Weimar, der gegen Pappenheim war vorausgeschickt worden, stieß bei Arnstadt zu dem Könige, der sich jetzt an der Spitze von zwanzigtausend Mann geübter Truppen erblickte. Zu Erfurt trennte er sich von seiner Gemahlin, die ihn nicht eher als zu Weißenfels im Sarge wieder sehen sollte; der bange gepreßte Abschied deutete auf eine ewige Trennung. Er erreichte Naumburg am ersten November des Jahrs 1632, ehe die dahin detachierten Corps des Herzogs von Friedland sich dieses Platzes bemächtigen konnten. Schaarenweise strömte alles Volk aus der umliegenden Gegend herbei, den Helden, den Rächer, den großen König anzustaunen, der ein Jahr vorher auf eben diesem Boden als ein rettender Engel erschienen war. Stimmen der Freude umtönten ihn, wo er sich sehen ließ; anbetend stürzte sich alles vor ihm auf die Kniee; man stritt sich um die Gunst, die Scheide seines Schwerts, den Saum seines Kleides zu berühren. Den bescheidenen Helden empörte dieser unschuldige Tribut, den ihm die aufrichtigste Dankbarkeit und Bewunderung zollte. »Ist es nicht, als ob dieses Volk mich zum Gott mache?« sagte er zu seinen Begleitern. »Unsere Sachen stehen gut; aber ich fürchte, die Rache des Himmels wird mich für dieses verwegene Gaukelspiel strafen und diesem thörichten Haufen meine schwache sterbliche Menschheit früh genug offenbaren.« Wie liebenswürdig zeigt sich uns Gustav, eh er auf ewig von uns Abschied nimmt! Auch in der Fülle seines Glücks die richtende Nemesis ehrend, verschmäht er eine Huldigung, die nur den Unsterblichen gebührt, und sein Recht auf unsere Thränen verdoppelt sich, eben da er dem Augenblick nahe ist, sie zu erregen.

Unterdessen war der Herzog von Friedland dem anrückenden König bis Weißenfels entgegen gezogen, entschlossen, die Winterquartiere in Sachsen, auch wenn es eine Schlacht kosten sollte, zu behaupten. Seine Unthätigkeit vor Nürnberg hatte ihn dem Verdacht ausgesetzt, als ob er sich mit dem nordischen Helden nicht zu messen wagte, und sein ganzer Ruhm war in Gefahr, wenn er die Gelegenheit zu schlagen zum zweitenmal entwischen ließ. Seine Ueberlegenheit an Truppen, wiewohl weit geringer, als sie in der ersten Zeit des Nürnbergischen Lagers gewesen, machte ihm die wahrscheinlichste Hoffnung zum Sieg, wenn er den König, vor der Vereinigung desselben mit den Sachsen, in ein Treffen verwickeln konnte. Aber seine jetzige Zuversicht war nicht sowohl auf seine größere Truppenzahl als auf die Versicherungen seines Astrologen Seni gegründet, welcher in den Sternen gelesen hatte, daß das Glück des schwedischen Monarchen im November untergehen würde. Ueberdies waren zwischen Kamburg und Weißenfels enge Pässe, von einer fortlaufenden Bergkette und der nahe strömenden Saale gebildet, welche es der schwedischen Armee äußerst schwer machten, vorzudringen, und mit Hilfe weniger Truppen gänzlich geschlossen werden konnten. Dem König blieb dann keine andere Wahl, als sich mit größter Gefahr durch diese Defileen zu winden, oder einen beschwerlichen Rückzug durch Thüringen zu nehmen und in einem verwüsteten Lande, wo es an jeder Nothdurft gebrach, den größten Theil seiner Truppen einzubüßen. Die Geschwindigkeit, mit der Gustav Adolph von Naumburg Besitz nahm, vernichtete diesen Plan, und jetzt war es Wallenstein selbst, der den Angriff erwartete.

Aber in dieser Erwartung sah er sich getäuscht, als der König, anstatt ihm bis Weißenfels entgegen zu rücken, alle Anstalten traf, sich bei Naumburg zu verschanzen und hier die Verstärkungen zu erwarten, welche der Herzog von Lüneburg im Begriff war ihm zuzuführen. Unschlüssig, ob er dem König durch die engen Pässe zwischen Weißenfels und Naumburg entgegen gehen, oder in seinem Lager unthätig stehen bleiben sollte, versammelte er seinen Kriegsrath, um die Meinung seiner erfahrensten Generale zu vernehmen. Keiner von allen fand es rathsam, den König in seiner vorteilhaften Stellung anzugreifen, und die Vorkehrungen, welche dieser zu Befestigung seines Lagers traf, schienen deutlich anzuzeigen, daß er gar nicht Willens sei, es so bald zu verlassen. Aber eben so wenig erlaubte der eintretende Winter, den Feldzug zu verlängern und eine der Ruhe so sehr bedürftige Armee durch fortgesetzte Campierung zu ermüden. Alle Stimmen erklärten sich für die Endigung des Feldzugs, um so mehr, da die wichtige Stadt Köln am Rhein von holländischen Truppen gefährlich bedroht war und die Fortschritte des Feindes in Westphalen und am Unterrhein die nachdrücklichste Hilfe in diesen Gegenden erheischten. Der Herzog von Friedland erkannte das Gewicht dieser Gründe, und beinahe überzeugt, daß von dem König für diese Jahrszeit kein Angriff mehr zu befürchten sei, bewilligte er seinen Truppen die Winterquartiere, doch so, daß sie aufs schnellste versammelt waren, wenn etwa der Feind gegen alle Erwartung noch einen Angriff wagte. Graf Pappenheim wurde mit einem großen Theile des Heers entlassen, um der Stadt Köln zu Hilfe zu eilen und auf dem Wege dahin die Hallische Festung Morizburg in Besitz zu nehmen. Einzelne Corps bezogen in den schicklichsten Städten umher ihre Winterquartiere, um die Bewegungen des Feindes von allen Seiten beobachten zu können, Graf Colloredo bewachte das Schloß zu Weißenfels, und Wallenstein selbst blieb mit dem Ueberrest unweit Merseburg zwischen dem Floßgraben und der Saale stehen, von wo er gesonnen war seinen Marsch über Leipzig zu nehmen und die Sachsen von dem schwedischen Heer abzuschneiden.

Kaum aber hatte Gustav Adolph Pappenheims Abzug vernommen, so verließ er plötzlich sein Lager bei Naumburg und eilte, den um die Hälfte geschwächten Feind mit seiner ganzen Macht anzufallen. In beschleunigtem Marsche rückte er gegen Weißenfels vor, von wo aus sich das Gerücht von seiner Ankunft schnell bis zum Feinde verbreitete und den Herzog von Friedland in die höchste Verwunderung setzte. Aber es galt jetzt einen schnellen Entschluß, und der Herzog hatte seine Maßregeln bald genommen. Obgleich man dem zwanzigtausend Mann starken Feinde nicht viel über zwölftausend entgegenzusetzen hatte, so konnte man doch hoffen, sich bis zu Pappenheims Rückkehr zu behaupten, der sich höchstens fünf Meilen weit, bis Halle, entfernt haben konnte. Schnell flogen Eilboten ab, ihn zurückzurufen, und zugleich zog sich Wallenstein in die weite Ebene zwischen dem Floßgraben und Lützen, wo er in völliger Schlachtordnung den König erwartete und ihn durch diese Stellung von Leipzig und den sächsischen Völkern trennte.

Drei Kanonenschüsse, welche Graf Colloredo von dem Schlosse zu Weißenfels abbrannte, verkündigten den Marsch des Königs, und auf dieses verabredete Signal zogen sich die friedländischen Vortruppen unter dem Commando des Kroatengenerals Isolani zusammen, die an der Rippach gelegenen Dörfer zu besetzen. Ihr schwacher Widerstand hielt den anrückenden Feind nicht auf, der bei dem Dorfe Rippach über das Wasser dieses Namens setzte und sich unterhalb Lützen der kaiserlichen Schlachtordnung gegenüber stellte. Die Landstraße, welche von Weißenfels nach Leipzig führt, wird zwischen Lützen und Markranstädt von dem Floßgraben durchschnitten, der sich von Zeitz nach Merseburg erstreckt und die Elster mit der Saale verbindet. An diesen Kanal lehnte sich der linke Flügel der Kaiserlichen und der rechte des Königs von Schweden, doch so, daß sich die Reiterei beider Theile noch jenseits desselben verbreitete. Nordwärts hinter Lützen hatte sich Wallensteins rechter Flügel und südwärts von diesem Städtchen der linke Flügel des schwedischen Heers gelagert. Beide Armeen kehrten der Landstraße ihre Fronte zu, welche mitten durch sie hinging und eine Schlachtordnung von der andern absonderte. Aber eben dieser Landstraße hatte sich Wallenstein am Abend vor der Schlacht zum großen Nachtheil seines Gegners bemächtigt, die zu beiden Seiten derselben fortlaufenden Gräben vertiefen und durch Musketiere besetzen lassen, daß der Uebergang ohne Beschwerlichkeit und Gefahr nicht zu wagen war. Hinter denselben ragte eine Batterie von sieben großen Kanonen hervor, das Musketenfeuer aus den Gräben zu unterstützen, und an den Windmühlen, nahe hinter Lützen, waren vierzehn kleinere Feldstücke auf einer Anhöhe aufgepflanzt, von der man einen großen Theil der Ebene bestreichen konnte. Die Infanterie, in nicht mehr als fünf große und unbehilfliche Brigaden vertheilt, stand in einer Entfernung von dreihundert Schritten hinter der Landstraße in Schlachtordnung, und die Reiterei bedeckte die Flanken. Alles Gepäcke ward nach Leipzig geschickt, um die Bewegungen des Heeres nicht zu hindern, und bloß die Munitionswagen hielten hinter dem Treffen. Um die Schwäche der Armee zu verbergen, mußten alle Troßjungen und Knechte zu Pferde sitzen und sich an den linken Flügel anschließen; doch nur so lange, bis die Pappenheimischen Völker anlangten. Diese ganze Anordnung geschah in der Finsterniß der Nacht, und ehe der Tag graute, war alles zum Empfang des Feindes bereitet.

Noch an eben diesem Abend erschien Gustav Adolph auf der gegenüberliegenden Ebene und stellte seine Völker zum Treffen. Die Schlachtordnung war dieselbe, wodurch er das Jahr vorher bei Leipzig gesiegt hatte. Durch das Fußvolk wurden kleine Schwadronen verbreitet, unter die Reiterei hin und wieder eine Anzahl Musketiere vertheilt. Die ganze Armee stand in zwei Linien, den Floßgraben zur Rechten und hinter sich, vor sich die Landstraße und die Stadt Lützen zur Linken. In der Mitte hielt das Fußvolk unter des Grafen von Brahe Befehlen, die Reiterei auf den Flügeln und vor der Fronte das Geschütz. Einem deutschen Helden, dem Herzog Bernhard von Weimar, war die deutsche Reiterei des linken Flügels untergeben, und auf dem rechten führte der König selbst seine Schweden an, die Eifersucht beider Völker zu einem edeln Wettkampfe zu erhitzen. Auf ähnliche Art war das zweite Treffen geordnet, und hinter demselben hielt ein Reservecorps unter Hendersons, eines Schottländers, Commando.

Also gerüstet erwartete man die blutige Morgenröthe, um einen Kampf zu beginnen, den mehr der lange Aufschub als die Wichtigkeit der möglichen Folgen, mehr die Auswahl als die Anzahl der Truppen furchtbar und merkwürdig machten. Die gespannten Erwartungen Europens, die man im Lager vor Nürnberg hinterging, sollten nun in den Ebenen Lützens befriedigt werden. Zwei solche Feldherrn, so gleich an Ansehen, an Ruhm und an Fähigkeit, hatten im ganzen Laufe dieses Kriegs noch in keiner offenbaren Schlacht ihre Kräfte gemessen, eine so hohe Wette noch nie die Kühnheit geschreckt, ein so wichtiger Preis noch nie die Hoffnung begeistert. Der morgende Tag sollte Europa seinen ersten Kriegsfürsten kennen lehren und einen Ueberwinder dem nie Ueberwundenen geben. Ob am Lechstrom und bei Leipzig Gustav Adolphs Genie oder nur die Ungeschicklichkeit seines Gegners den Ausschlag bestimmte, mußte der morgende Tag außer Zweifel setzen. Morgen mußte Friedlands Verdienst die Wahl des Kaisers rechtfertigen und die Größe des Mannes die Größe des Preises aufwägen, um den er erkauft worden war. Eifersüchtig theilte jeder einzelne Mann im Heer seines Führers Ruhm, und unter jedem Harnische wechselten die Gefühle, die den Busen der Generale durchflammten. Zweifelhaft war der Sieg, gewiß die Arbeit und das Blut, das er dem Ueberwinder wie dem Ueberwundenen kosten mußte. Man kannte den Feind vollkommen, dem man jetzt gegenüber stand, und die Bangigkeit, die man vergeblich bekämpfte, zeugte glorreich für seine Stärke.

Endlich erscheint der gefürchtete Morgen; aber ein undurchdringlicher Nebel, der über das ganze Schlachtfeld verbreitet liegt, verzögert den Angriff noch bis zur Mittagsstunde. Vor der Fronte knieend hält der König seine Andacht; die ganze Armee, auf die Kniee hingestürzt, stimmt zu gleicher Zeit ein rührendes Lied an, und die Feldmusik begleitet den Gesang. Dann steigt der König zu Pferde, und bloß mit einem ledernen Goller und einem Tuchrock bekleidet (eine vormals empfangene Wunde erlaubte ihm nicht mehr, den Harnisch zu tragen), durchreitet er die Glieder, den Muth der Truppen zu einer frohen Zuversicht zu entflammen, die sein eigner ahnungsvoller Busen verleugnet. »Gott mit uns!« war das Wort der Schweden; das der Kaiserlichen: »Jesus Maria.« Gegen eilf Uhr fängt der Nebel an, sich zu zertheilen, und der Feind wird sichtbar. Zugleich sieht man Lützen in Flammen stehen, auf Befehl des Herzogs in Brand gesteckt, damit er von dieser Seite nicht überflügelt würde. Jetzt tönt die Losung, die Reiterei sprengt gegen den Feind, und das Fußvolk ist im Anmarsch gegen die Gräben.

Von einem fürchterlichen Feuer der Musketen und des dahinter gepflanzten groben Geschützes empfangen, setzen diese tapfern Bataillons mit unerschrockenem Muth ihren Angriff fort, die feindlichen Musketiere verlassen ihren Posten, die Gräben sind übersprungen, die Batterie selbst wird erobert und sogleich gegen den Feind gerichtet. Sie dringen weiter mit unaufhaltsamer Gewalt, die erste der fünf friedländischen Brigaden wird niedergeworfen, gleich darauf die zweite, und schon wendet sich die dritte zur Flucht; aber hier stellt sich der schnell gegenwärtige Geist des Herzogs ihrem Andrang entgegen. Mit Blitzesschnelligkeit ist er da, der Unordnung seines Fußvolkes zu steuern, und seinem Machtwort gelingt’s, die Fliehenden zum Stehen zu bewegen. Von drei Cavallerieregimentern unterstützt, machen die schon geschlagenen Brigaden aufs neue Fronte gegen den Feind und dringen mit Macht in seine zerrissenen Glieder. Ein mörderischer Kampf erhebt sich, der nahe Feind gibt dem Schießgewehr keinen Raum, die Wuth des Angriffs keine Frist mehr zur Ladung, Mann ficht gegen Mann, das unnütze Feuerrohr macht dem Schwert und der Pike Platz, und die Kunst der Erbitterung. Ueberwältigt von der Menge, weichen endlich die ermatteten Schweden über die Gräben zurück, und die schon eroberte Batterie geht bei diesem Rückzug verloren. Schon bedecken tausend verstümmelte Leichen das Land, und noch ist kein Fuß breit Erde gewonnen.

Indessen hat der rechte Flügel des Königs, von ihm selbst angeführt, den linken des Feindes angefallen. Schon der erste machtvolle Andrang der schweren finnländischen Kürassiere zerstreute die leicht berittenen Polen und Kroaten, die sich an diesen Flügel anschlossen, und ihre unordentliche Flucht theilte auch der übrigen Reiterei Furcht und Verwirrung mit. In diesem Augenblick hinterbringt man dem König, daß seine Infanterie über die Gräben zurückweiche und auch sein linker Flügel durch das feindliche Geschütz von den Windmühlen aus furchtbar geängstigt und schon zum Weichen gebracht werde. Mit schneller Besonnenheit überträgt er dem General von Horn, den schon geschlagenen linken Flügel des Feindes zu verfolgen, und er selbst eilt an der Spitze des Stenbockischen Regiments davon, der Unordnung seines eigenen linken Flügels abzuhelfen. Sein edles Roß trägt ihn pfeilschnell über die Gräben; aber schwerer wird den nachfolgenden Schwadronen der Uebergang, und nur wenige Reiter, unter denen Franz Albert, Herzog von Sachsen-Lauenburg, genannt wird, waren behend genug, ihm zur Seite zu bleiben. Er sprengte geraden Wegs demjenigen Orte zu, wo sein Fußvolk am gefährlichsten bedrängt war, und indem er seine Blicke umhersendet, irgend eine Blöße des feindlichen Heeres auszuspähen, auf die er den Angriff richten könnte, führt ihn sein kurzes Gesicht zu nah an dasselbe. Ein kaiserlicher Gefreiter bemerkt, daß dem Vorübersprengenden alles ehrfurchtsvoll Platz macht, und schnell befiehlt er einem Musketier, auf ihn anzuschlagen. »Auf Den dort schieße,« ruft er, »das muß ein vornehmer Mann sein.« Der Soldat drückt ab, und dem König wird der linke Arm zerschmettert. In diesem Augenblick kommen seine Schwadronen dahergesprengt, und ein verwirrtes Geschrei. »Der König blutet! – Der König ist erschossen!« breitet unter den Ankommenden Schrecken und Entsetzen aus. »Es ist nichts – folgt mir!« ruft der König, seine ganze Stärke zusammenraffend; aber überwältigt von Schmerz und der Ohnmacht nahe, bittet er in französischer Sprache den Herzog von Lauenburg, ihn ohne Aufsehen aus dem Gedränge zu schaffen. Indem der letztere auf einem weiten Umweg, um der muthlosen Infanterie diesen niederschlagenden Anblick zu entziehen, nach dem rechten Flügel mit dem Könige umwendet, erhält dieser einen zweiten Schuß durch den Rücken, der ihm den letzten Rest seiner Kräfte raubt. »Ich habe genug, Bruder!« ruft er mit sterbender Stimme; »suche du nur dein Leben zu retten.« Zugleich sank er vom Pferd, und von noch mehrern Schüssen durchbohrt, von allen seinen Begleitern verlassen, verhauchte er unter den räuberischen Händen der Kroaten sein Leben. Bald entdeckte sein ledig fliehendes, in Blute gebadetes Roß der schwedischen Reiterei ihres Königs Fall, und wüthend dringt sie herbei, dem gierigen Feind diese heilige Beute zu entreißen. Um seinen Leichnam entbrennt ein mörderisches Gefecht, und der entstellte Körper wird unter einem Hügel von Todten begraben.

Die Schreckenspost durcheilt in kurzer Zeit das ganze schwedische Heer; aber anstatt den Muth dieser tapfern Schaaren zu ertödten, entzündet sie ihn vielmehr zu einem neuen, wilden, verzehrenden Feuer. Das Leben fällt in seinem Preise, da das heiligste aller Leben dahin ist, und der Tod hat für den Niedrigen keine Schrecken mehr, seitdem er das gekrönte Haupt nicht verschonte. Mit Löwengrimm werfen sich die upländischen, smaländischen, finnischen, ost- und westgothischen Regimenter zum zweitenmal auf den linken Flügel des Feindes, der dem General von Horn nur noch schwachen Widerstand leistet und jetzt völlig aus dem Felde geschlagen wird. Zugleich gibt Herzog Bernhard von Weimar dem verwaisten Heere der Schweden in seiner Person ein fähiges Oberhaupt, und der Geist Gustav Adolphs führt von neuem seine siegreichen Schaaren. Schnell ist der linke Flügel wieder geordnet, und mit Macht dringt er auf den rechten der Kaiserlichen ein. Das Geschütz an den Windmühlen, das ein so mörderisches Feuer auf die Schweden geschleudert hatte, fällt in seine Hand, und auf die Feinde selbst werden jetzt diese Donner gerichtet. Auch der Mittelpunkt des schwedischen Fußvolks setzt unter Bernhards und Kniphausens Anführung aufs neue gegen die Gräben an, über die er sich glücklich hinwegschwingt und zum zweitenmal die Batterie der sieben Kanonen erobert. Auf die schweren Bataillons des feindlichen Mittelpunkts wird jetzt mit gedoppelter Wuth der Angriff erneuert, immer schwächer und schwächer widerstehen sie, und der Zufall selbst verschwört sich mit der schwedischen Tapferkeit, ihre Niederlage zu vollenden. Feuer ergreift die kaiserlichen Pulverwagen; und unter schrecklichem Donnerknalle sieht man die aufgehäuften Granaten und Bomben in die Lüfte fliegen. Der in Bestürzung gesetzte Feind wähnt sich von hinten angefallen, indem die schwedischen Brigaden von vorn ihm entgegenstürmen. Der Muth entfällt ihm. Er sieht seinen linken Flügel geschlagen, seinen rechten im Begriff, zu erliegen, sein Geschütz in des Feindes Hand. Es neigt sich die Schlacht zu ihrer Entscheidung, das Schicksal des Tages hängt nur noch an einem einzigen Augenblick – da erscheint Pappenheim auf dem Schlachtfelde mit Kürassieren und Dragonern; alle erhaltenen Vortheile sind verloren, und eine ganz neue Schlacht fängt an.

Der Befehl, welcher diesen General nach Lützen zurückrief, hatte ihn zu Halle erreicht, eben da seine Völker mit Plünderung dieser Stadt noch beschäftigt waren. Unmöglich war’s, das zerstreute Fußvolk mit der Schnelligkeit zu sammeln, als die dringende Ordre und die Ungeduld dieses Kriegers verlangten. Ohne es zu erwarten, ließ er acht Regimenter Cavallerie aufsitzen und eilte an der Spitze derselben spornstreichs auf Lützen zu, an dem Feste der Schlacht Theil zu nehmen. Er kam noch eben recht, um die Flucht des kaiserlichen linken Flügels, den Gustav Horn aus dem Felde schlug, zu bezeugen und sich anfänglich selbst darein verwickelt zu sehen. Aber mit schneller Gegenwart des Geistes sammelt er diese flüchtigen Völker wieder und führt sie aufs neue gegen den Feind. Fortgerissen von seinem wilden Muth und voll Ungeduld, dem König selbst, den er an der Spitze dieses Flügels vermuthet, gegenüber zu fechten, bricht er fürchterlich in die schwedischen Schaaren, die, ermattet vom Sieg und an Anzahl zu schwach, dieser Fluth von Feinden nach dem männlichsten Widerstand unterliegen. Auch den erlöschenden Muth des kaiserlichen Fußvolks ermuntert Pappenheims nicht mehr gehoffte Erscheinung, und schnell benutzt der Herzog von Friedland den günstigen Augenblick, das Treffen aufs neue zu formieren. Die dicht geschlossenen schwedischen Bataillons werden unter einem mörderischen Gefechte über die Gräben zurückgetrieben und die zweimal verlornen Kanonen zum zweitenmal ihren Händen entrissen. Das ganze gelbe Regiment, als das trefflichste von allen, die an diesem blutigen Tage Beweise ihres Heldenmuths gaben, lag todt dahin gestreckt und bedeckte noch in derselben schönen Ordnung den Wahlplatz, den es lebend mit so standhaftem Muthe behauptet hatte. Ein ähnliches Loos traf ein anderes blaues Regiment, welches Graf Piccolomini mit der kaiserlichen Reiterei nach dem wüthendsten Kampfe zu Boden warf. Zu sieben verschiedenen Malen wiederholte dieser treffliche General den Angriff; sieben Pferde wurden unter ihm erschossen, und sechs Musketenkugeln durchbohrten ihn. Dennoch verließ er das Schlachtfeld nicht eher, als bis ihn der Rückzug des ganzen Heeres mit fortriß. Den Herzog selbst sah man, mitten unter dem feindlichen Kugelregen, mit kühler Seele seine Truppen durchreiten, dem Notleidenden nahe mit Hilfe, dem Tapfern mit Beifall, dem Verzagten mit seinem strafenden Blick. Um und neben ihm stürzen seine Völker entseelt dahin, und sein Mantel wird von vielen Kugeln durchlöchert. Aber die Rachegötter beschützen heute seine Brust, für die schon ein anderes Eisen geschliffen ist; auf dem Bette, wo Gustav erblaßte, sollte Wallenstein den schuldbefleckten Geist nicht verhauchen.

Nicht so glücklich war Pappenheim, der Telamonier des Heers, der furchtbarste Soldat des Hauses Oesterreich und der Kirche. Glühende Begier, dem König selbst im Kampfe zu begegnen, riß den Wüthenden mitten in das blutigste Schlachtgewühl, wo er seinen edeln Feind am wenigsten zu verfehlen hoffte. Auch Gustav hatte den feurigen Wunsch gehegt, diesen geachteten Gegner von Angesicht zu sehen, aber die feindselige Sehnsucht blieb ungestillt, und erst der Tod führte die versöhnten Helden zusammen. Zwei Musketenkugeln durchbohrten Pappenheims narbenvolle Brust, und gewaltsam mußten ihn die Seinen aus dem Mordgewühl tragen. Indem man beschäftigt war, ihn hinter das Treffen zu bringen, drang ein Gemurmel zu seinen Ohren, daß Der, den er suchte, entseelt auf dem Wahlplatz liege. Als man ihm die Wahrheit dieses Gerüchtes bekräftigte, erheiterte sich sein Gesicht, und das letzte Feuer blitzte in seinen Augen. »So hinterbringe man denn dem Herzog von Friedland,« rief er aus, »daß ich ohne Hoffnung zum Leben darnieder liege, aber fröhlich dahin scheide, da ich weiß, daß dieser unversöhnliche Feind meines Glaubens an Einem Tage mit mir gefallen ist.«

Mit Pappenheim verschwand das Glück der Kaiserlichen von dem Schlachtfelde. Nicht sobald vermißte die schon einmal geschlagene und durch ihn allein wieder hergestellte Reiterei des linken Flügels ihren sieghaften Führer, als sie alles verloren gab und mit muthloser Verzweiflung das Weite suchte. Gleiche Bestürzung ergriff auch den rechten Flügel, wenige Regimenter ausgenommen, welche die Tapferkeit ihrer Obersten, Götz, Terzky, Colloredo und Piccolomini, nöthigte, Stand zu halten. Die schwedische Infanterie benutzt mit schneller Entschlossenheit die Bestürzung des Feindes. Um die Lücken zu ergänzen, welche der Tod in ihr Vordertreffen gerissen, ziehen sich beide Linien in Eine zusammen, die den letzten entscheidenden Angriff wagt. Zum drittenmal setzt sie über die Gräben, und zum drittenmal werden die dahinter gepflanzten Stücke erobert. Die Sonne neigt sich eben zum Untergang, indem beide Schlachtordnungen auf einander treffen. Heftiger erhitzt sich der Streit an seinem Ende, die letzte Kraft ringt mit der letzten Kraft, Geschicklichkeit und Wuth thun ihr Aeußerstes, in den letzten theuren Minuten den ganzen verlorenen Tag nachzuholen. Umsonst, die Verzweiflung erhebt jede über sich selbst, keine versteht zu siegen, keine zu weichen, und die Taktik erschöpft hier ihre Wunder nur, um dort neue, nie gelernte, nie in Uebung gebrachte Meisterstücke der Kunst zu entwickeln. Endlich setzen Nebel und Nacht dem Gefecht eine Grenze, dem die Wuth keine setzen will, und der Angriff hört auf, weil man seinen Feind nicht mehr findet. Beide Kriegsheere scheiden mit stillschweigender Uebereinkunft aus einander, die erfreuenden Trompeten ertönen, und jedes, für unbesiegt sich erklärend, verschwindet aus dem Gefilde.

Die Artillerie beider Theile blieb, weil die Rosse sich verlaufen, die Nacht über auf dem Wahlplatze verlassen stehen – zugleich der Preis und die Urkunde des Sieges für Den, der die Wahlstatt eroberte. Aber über der Eilfertigkeit, mit der er von Leipzig und Sachsen Abschied nahm, vergaß der Herzog von Friedland, seinen Antheil daran von dem Schlachtfelde abzuholen. Nicht lange nach geendigtem Treffen erschien das Pappenheimische Fußvolk, das seinem vorauseilenden General nicht schnell genug hatte folgen können, sechs Regimenter stark, auf dem Wahlplatz; aber die Arbeit war gethan. Wenige Stunden früher würde diese beträchtliche Verstärkung die Schlacht wahrscheinlich zum Vortheil des Kaisers entschieden und selbst noch jetzt durch Eroberung des Schlachtfeldes die Artillerie des Herzogs gerettet und die schwedische erbeutet haben. Aber keine Ordre war da, ihr Verhalten zu bestimmen, und zu ungewiß über den Ausgang der Schlacht, nahm sie ihren Weg nach Leipzig, wo sie das Hauptheer zu finden hoffte.

Dahin hatte der Herzog von Friedland seinen Rückzug genommen, und ohne Geschütz, ohne Fahnen und beinahe ohne alle Waffen folgte ihm am andern Morgen der zerstreute Ueberrest seines Heers. Zwischen Lützen und Weißenfels, scheint es, ließ Herzog Bernhard die schwedische Armee von den Anstrengungen dieses blutigen Tages sich erholen, nahe genug an dem Schlachtfeld, um jeden Versuch des Feindes zu Eroberung desselben sogleich vereiteln zu können. Von beiden Armeen lagen über neuntausend Mann todt auf dem Wahlplatze; noch weit größer war die Zahl der Verwundeten, und unter den Kaiserlichen besonders fand sich kaum Einer, der unverletzt aus dem Treffen zurückgekehrt wäre. Die ganze Ebene von Lützen bis an den Floßgraben war mit Verwundeten, mit Sterbenden, mit Todten bedeckt. Viele von dem vornehmsten Adel waren auf beiden Seiten gefallen; auch der Abt von Fulda, der sich als Zuschauer in die Schlacht gemischt hatte, büßte seine Neugier und seinen unzeitigen Glaubenseifer mit dem Tode. Von Gefangenen schweigt die Geschichte; ein Beweis mehr für die Wuth der Armeen, die keinen Pardon gab oder keinen verlangte.

Pappenheim starb gleich am folgenden Tage zu Leipzig an seinen Wunden; ein unersetzlicher Verlust für das kaiserliche Heer, das dieser treffliche Krieger so oft zum Sieg geführt hatte. Die Prager Schlacht, der er zugleich mit Wallenstein als Oberster beiwohnte, öffnete seine Heldenbahn. Gefährlich verwundet, warf er durch das Ungestüm seines Muths mit wenigen Truppen ein feindliches Regiment darnieder und lag viele Stunden lang, mit andern Todten verwechselt, unter der Last seines Pferdes auf der Wahlstatt, bis ihn die Seinigen bei Plünderung des Schlachtfelds entdeckten. Mit wenigem Volk überwand er die Rebellen in Oberösterreich, vierzigtausend an der Zahl, in drei verschiedenen Schlachten, hielt in dem Treffen bei Leipzig die Niederlage des Tilly lange Zeit durch seine Tapferkeit auf und machte die Waffen des Kaisers an der Elbe und an dem Weserstrom siegen. Das wilde stürmische Feuer seines Muths, den auch die entschiedenste Gefahr nicht schreckte und kaum das Unmögliche bezwang, machte ihn zum furchtbarsten Arm des Feldherrn, aber untüchtig zum Oberhaupt des Heers; das Treffen bei Leipzig ging, wenn man dem Ausspruch Tillys glauben darf, durch seine ungestüme Hitze verloren. Auch er tauchte bei Magdeburgs Zerstörung seine Hand in Blut; sein Geist, durch frühen jugendlichen Fleiß und vielfältige Reisen zur schönsten Blüthe entfaltet, verwilderte unter den Waffen. Auf seiner Stirne erblickte man zwei rothe Striemen, Schwertern ähnlich, womit die Natur schon bei der Geburt ihn gezeichnet hatte. Auch noch in spätern Jahren erschienen diese Flecken, so oft eine Leidenschaft sein Blut in Bewegung brachte, und der Aberglaube überredete sich leicht, daß der künftige Beruf des Mannes schon auf der Stirne des Kindes angedeutet worden sei. Ein solcher Diener hatte auf die Dankbarkeit beider österreichischen Linien den gegründetsten Anspruch; aber den glänzendsten Beweis derselben erlebte er nicht mehr. Schon war der Eilbote auf dem Wege, der ihm das goldene Vließ von Madrid überbringen sollte, als der Tod ihn zu Leipzig dahinraffte.

Ob man gleich in allen österreichischen und spanischen Landen über den erfochtenen Sieg das Te Deum anstimmte, so gestand doch Wallenstein selbst durch die Eilfertigkeit, mit der er Leipzig und bald darauf ganz Sachsen verließ und auf die Winterquartiere in diesem Lande Verzicht that, öffentlich und laut seine Niederlage. Zwar that er noch einen schwachen Versuch, die Ehre des Siegs gleichsam im Flug wegzuhaschen, und schickte am andern Morgen seine Kroaten aus, das Schlachtgefild zu umschwärmen; aber der Anblick des schwedischen Heers, das in Schlachtordnung dastand, verscheuchte im Augenblick diese flüchtigen Schaaren, und Herzog Bernhard nahm durch Eroberung der Wahlstatt, auf welche bald nachher die Einnahme Leipzigs folgte, unbestrittenen Besitz von allen Rechten des Siegers.

Aber ein theurer Sieg, ein trauriger Triumph! Jetzt erst, nachdem die Wuth des Kampfes erkaltet ist, empfindet man die ganze Größe des erlittenen Verlustes, und das Jubelgeschrei der Ueberwinder erstirbt in einer stummen, finstern Verzweiflung. Er, der sie in den Streit herausgeführt hatte, ist nicht mit zurückgekehrt. Draußen liegt er in seiner gewonnenen Schlacht, mit dem gemeinen Haufen niedriger Todten verwechselt. Nach langem vergeblichen Suchen entdeckt man endlich den königlichen Leichnam, unfern dem großen Steine, der schon hundert Jahre vorher zwischen dem Floßgraben und Lützen gesehen worden, aber von dem merkwürdigen Unglücksfalle dieses Tages den Namen des Schwedensteines führt. Von Blut und Wunden bis zum Unkenntlichen entstellt, von den Hufen der Pferde zertreten und durch räuberische Hände seines Schmucks, seiner Kleider beraubt, wird er unter einem Hügel von Todten hervorgezogen, nach Weißenfels gebracht und dort dem Wehklagen seiner Truppen, den letzten Umarmungen seiner Gemahlin überliefert. Den ersten Tribut hatte die Rache geheischt, und Blut mußte dem Monarchen zum Sühnopfer strömen; jetzt tritt die Liebe in ihre Rechte ein, und milde Thränen fließen – um den Menschen. Der gemeine Schmerz verschlingt jedes einzelne Leiden. Von dem betäubenden Schlag noch besinnungslos, stehen die Anführer in dumpfer Erstarrung um seine Bahre, und keiner getraut sich noch den ganzen Umfang dieses Verlustes zu denken.

Der Kaiser, erzählt uns Khevenhiller, zeigte beim Anblick des blutigen Gollers, den man dem Könige in der Schlacht abgenommen und nach Wien geschickt hatte, eine anständige Rührung, die ihm wahrscheinlich auch von Herzen ging. »Gern,« rief er aus, »hätte ich dem Unglücklichen ein längeres Leben und eine fröhliche Rückkehr in sein Königreich gegönnt, wenn nur in Deutschland Friede geworden wäre!« Aber wenn ein neuerer katholischer Schriftsteller von anerkanntem Verdienst diesen Beweis eines nicht ganz unterdrückten Menschengefühls, den selbst schon der äußere Anstand fordert, den auch die bloße Selbstliebe dem fühllosesten Herzen abnöthigt. und dessen Gegentheil nur in der rohesten Seele möglich werden kann, der höchsten Lobpreisung würdig findet und gar dem Edelmuth Alexanders gegen das Andenken des Darius an die Seite setzt, so erweckt er uns ein schlechtes Vertrauen zu dem übrigen Werth seines Helden oder, was noch schlimmer wäre, zu seinem eigenen Ideale von sittlicher Würde. Aber auch ein solches Lob ist bei Demjenigen schon viel, den man von dem Verdacht eines Königsmordes zu reinigen sich genöthigt findet!

Es war wohl kaum zu erwarten, daß der mächtige Hang der Menschen zum Außerordentlichen dem gewöhnlichen Laufe der Natur den Ruhm lassen würde, das wichtige Leben eines Gustav Adolphs geendigt zu haben. Der Tod dieses furchtbaren Gegners war für den Kaiser eine zu wichtige Begebenheit, um nicht bei einer feindseligen Partei den so leicht sich darbietenden Gedanken zu erregen, daß das, was ihm nützte, von ihm veranlaßt worden sei. Aber der Kaiser bedurfte zu Ausführung dieser schwarzen That eines fremden Armes, und auch diesen glaubte man in der Person Franz Alberts, Herzogs von Sachsen-Lauenburg, gefunden zu haben. Diesem erlaubte sein Rang einen freien unverdächtigen Zutritt zu dem Monarchen, und eben diese ehrenvolle Würde diente dazu, ihn über den Verdacht einer schändlichen Handlung hinweg zu setzen. Es braucht nun gezeigt zu werden, daß dieser Prinz einer solchen Abscheulichkeit fähig, und daß er hinlänglich dazu aufgefordert war, sie wirklich zu verüben.

Franz Albert, der jüngste von vier Söhnen Franz‘ des Zweiten, Herzogs von Lauenburg, und durch seine Mutter verwandt mit dem Wasaischen Fürstengeschlechte, hatte in jüngern Jahren am schwedischen Hofe eine freundschaftliche Aufnahme gefunden. Eine Unanständigkeit, die er sich im Zimmer der Königin Mutter gegen Gustav Adolph erlaubte, wurde, wie man sagt, von diesem feurigen Jüngling mit einer Ohrfeige geahndet, die, obgleich im Augenblick bereut und durch die vollständigste Genugtuung gebüßt, in dem rachgierigen Gemüth des Herzogs den Grund zu einer unversöhnlichen Feindschaft legte. Franz Albert trat in der Folge in kaiserliche Dienste, wo er ein Regiment anzuführen bekam, mit dem Herzog von Friedland in die engste Verbindung trat und sich zu einer heimlichen Unterhandlung am sächsischen Hofe gebrauchen ließ, die seinem Rang wenig Ehre machte. Ohne eine erhebliche Ursache davon angeben zu können, verläßt er unvermuthet die österreichischen Fahnen und erscheint zu Nürnberg im Lager des Königs, ihm seine Dienste als Volontär anzubieten. Durch seinen Eifer für die protestantische Sache und ein zuvorkommendes einschmeichelndes Betragen gewinnt er des Königs Herz, der, von Oxenstierna vergeblich gewarnt, seine Gunst und Freundschaft an den verdächtigen Ankömmling verschwendet. Bald darauf kommt es bei Lützen zur Schlacht, in welcher Franz Albert dem Monarchen wie ein böser Dämon beständig zur Seite bleibt und erst, nachdem der König schon gefallen ist, von ihm scheidet. Mitten unter den Kugeln der Feinde bleibt er unverletzt, weil er eine grüne Binde, die Farbe der Kaiserlichen, um den Leib trägt. Er ist der Erste, der dem Herzog von Friedland, seinem Freunde, den Fall des Königs hinterbringt. Er vertauscht gleich nach dieser Schlacht die schwedischen Dienste mit den sächsischen, und bei der Ermordung Wallensteins als ein Mitschuldiger dieses Generals eingezogen, entgeht er nur durch Abschwörung seines Glaubens dem Schwerte des Nachrichters. Endlich erscheint er aufs neue als Befehlshaber einer kaiserlichen Armee in Schlesien und stirbt vor Schweidnitz an empfangenen Wunden. Es erfordert wirklich einige Selbstüberwindung, sich der Unschuld eines Menschen anzunehmen, der einen Lebenslauf, wie diesen, gelebt hat; aber wenn die moralische und physische Möglichkeit einer so verabscheuungswerthen That auch noch so sehr aus den angeführten Gründen erhellte, so zeigt schon der erste Blick, daß sie auf die wirkliche Begehung derselben keinen rechtmäßigen Schluß erlauben. Es ist bekannt, daß Gustav Adolph, wie der gemeinste Soldat in seinem Heer, sich der Gefahr bloßstellte, und wo Tausende fielen, konnte auch er seinen Untergang finden. Wie er ihn fand, bleibt in undurchdringliches Dunkel verhüllt; aber mehr als irgendwo gilt hier die Maxime, da, wo der natürliche Lauf der Dinge zu einem vollkommenen Erklärungsgrund hinreicht, die Würde der menschlichen Natur durch keine moralische Beschuldigung zu entehren.

Aber durch welche Hand er auch mag gefallen sein, so muß uns dieses außerordentliche Schicksal als eine That der großen Natur erscheinen. Die Geschichte, so oft nur auf das freudenlose Geschäft eingeschränkt, das einförmige Spiel der menschlichen Leidenschaft aus einander zu legen, sieht sich zuweilen durch Erscheinungen belohnt, die gleich einem kühnen Griff aus den Wolken in das berechnete Uhrwerk der menschlichen Unternehmungen fallen und den nachdenkenden Geist auf eine höhere Ordnung der Dinge verweisen. So ergreift uns Gustav Adolphs schnelle Verschwindung vom Schauplatz, die das ganze Spiel des politischen Uhrwerks mit einemmal hemmt und alle Berechnungen der menschlichen Klugheit vereitelt. Gestern noch der belebende Geist, der große und einzige Beweger seiner Schöpfung – heute in seinem Adlerfluge unerbittlich dahingestürzt, herausgerissen aus einer Welt von Entwürfen, von der reifenden Saat seiner Hoffnungen ungestüm abgerufen, läßt er seine verwaiste Partei trostlos hinter sich, und in Trümmern fällt der stolze Bau seiner vergänglichen Größe. Schwer entwöhnt sich die protestantische Welt von den Hoffnungen, die sie auf diesen unüberwindlichen Anführer setzte, und mit ihm fürchtet sie ihr ganzes voriges Glück zu begraben. Aber es war nicht mehr der Wohlthäter Deutschlands, der bei Lützen sank; die wohlthätige Hälfte seiner Laufbahn hatte Gustav Adolph geendigt, und der größte Dienst, den er der Freiheit des deutschen Reichs noch erzeigen kann, ist – zu sterben. Die alles verschlingende Macht des Einzigen zerfällt, und Viele versuchen ihre Kräfte; der zweideutige Beistand eines übermächtigen Beschützers macht der rühmlichen Selbsthilfe der Stände Platz, und vorher nur die Werkzeuge zu seiner Vergrößerung, fangen sie erst jetzt an, für sich selbst zu arbeiten. In ihrem eigenen Muthe suchen sie nunmehr die Rettungsmittel auf, die von der Hand des Mächtigen ohne Gefahr nicht empfangen werden, und die schwedische Macht, außer Stand gesetzt, in eine Unterdrückerin auszuarten, tritt in die bescheidenen Grenzen einer Alliierten zurück.

Unverkennbar strebte der Ehrgeiz des schwedischen Monarchen nach einer Gewalt in Deutschland, die mit der Freiheit der Stände unvereinbar war, und nach einer bleibenden Besitzung im Mittelpunkte dieses Reiches. Sein Ziel war der Kaiserthron, und diese Würde, durch seine Macht unterstützt und geltend gemacht durch seine Thätigkeit, war in seiner Hand einem weit größern Mißbrauch ausgesetzt, als man von dem österreichischen Geschlechte zu befürchten hatte. Geboren im Ausland, in den Maximen der Alleinherrschaft auferzogen und aus frommer Schwärmerei ein abgesagter Feind der Papisten, war er nicht wohl geschickt, das Heiligthum deutscher Verfassung zu bewahren und vor der Freiheit der Stände Achtung zu tragen. Die anstößige Huldigung, welche außer mehrern andern Städten die Reichsstadt Augsburg der schwedischen Krone zu leisten vermocht wurde, zeigte weniger den Beschützer des Reichs, als den Eroberer; und diese Stadt, stolzer auf den Titel einer Königsstadt, als auf den rühmlicheren Vorzug der Reichsfreiheit, schmeichelte sich schon im Voraus, der Sitz seines neuen Reichs zu werden. Seine nicht genug verhehlten Absichten auf das Erzstift Mainz, welches er anfangs dem Kurprinzen von Brandenburg als Mitgift seiner Tochter Christina und nachher seinem Kanzler und Freund Oxenstierna bestimmte, legte deutlich an den Tag, wie viel er sich gegen die Verfassung des Reichs zu erlauben fähig war. Die mit ihm verbundenen protestantischen Fürsten machten Ansprüche an seine Dankbarkeit, die nicht anders, als auf Unkosten ihrer Mitstände, und besonders der unmittelbaren geistlichen Stifter, zu befriedigen waren; und vielleicht war der Entwurf schon gemacht, die eroberten Provinzen nach Art jener alten barbarischen Horden, die das alte Römerreich überschwemmten, unter seine deutschen und schwedischen Kriegsgenossen, wie einen gemeinschaftlichen Raub, zu vertheilen. In seinem Betragen gegen den Pfalzgrafen Friedrich verleugnete er ganz die Großmuth des Helden und den heiligen Charakter eines Beschützers. Die Pfalz war in seinen Händen, und die Pflichten sowohl der Gerechtigkeit als der Ehre forderten ihn auf, diese den Spaniern entrissene Provinz ihrem rechtmäßigen Eigentümer in vollkommenem Stande zurückzugeben. Aber durch eine Spitzfindigkeit, die eines großen Mannes nicht würdig ist und den ehrwürdigen Namen eines Verteidigers der Unterdrückten schändet, wußte er dieser Verbindlichkeit zu entschlüpfen. Er betrachtete die Pfalz als eine Eroberung, die aus Feindeshänden an ihn gekommen sei, und glaubte daraus ein Recht abzuleiten, nach Willkür darüber zu verfügen. Aus Gnade also, und nicht aus Pflichtgefühl, trat er sie dem Pfalzgrafen ab, und zwar als ein Lehen der schwedischen Krone, unter Bedingungen, die den Werth derselben um die Hälfte verringerten und diesen Fürsten zu einem verächtlichen Vasallen Schwedens herabsetzten. Eine dieser Bedingungen, welche dem Pfalzgrafen vorschreibt, »nach geendigtem Kriege einen Theil der schwedischen Kriegsmacht, dem Beispiel der übrigen Fürsten gemäß, unterhalten zu helfen,« läßt uns einen ziemlich hellen Blick in das Schicksal thun, welches Deutschland bei fortdauerndem Glück des Königs erwartete. Sein schneller Abschied von der Welt sicherte dem deutschen Reiche die Freiheit und ihm selbst seinen schönsten Ruhm, wenn er ihm nicht gar die Kränkung ersparte, seine eigenen Bundesgenossen gegen ihn gewaffnet zu sehen und alle Früchte seiner Siege in einem nachtheiligen Frieden zu verlieren. Schon neigte sich Sachsen zum Abfall von seiner Partei; Dänemark betrachtete seine Größe mit Unruh und Neide; und selbst Frankreich, sein wichtigster Alliierter, aufgeschreckt durch das furchtbare Wachsthum seiner Macht und durch den stolzeren Ton, den er führte, sah sich schon damals, als er den Lechstrom passierte, nach fremden Bündnissen um, den sieghaften Lauf des Gothen zu hemmen und das Gleichgewicht der Macht in Europa wieder herzustellen.

Viertes Buch.

Das schwache Band der Eintracht, wodurch Gustav Adolph die protestantischen Glieder des Reichs mühsam zusammenhielt, zerriß mit seinem Tode; die Verbundenen traten in ihre vorige Freiheit zurück, oder sie mußten sich in einem neuen Bunde verknüpfen. Durch das Erste verloren sie alle Vortheile, welche sie mit so vielem Blut errungen hatten, und setzten sich der unvermeidlichen Gefahr aus, der Raub eines Feindes zu werden, dem sie durch ihre Vereinigung allein gewachsen und überlegen gewesen waren. Einzeln konnte es weder Schweden noch irgend ein Reichsstand mit der Ligue und dem Kaiser aufnehmen, und bei einem Frieden, den man unter solchen Umständen suchte, würde man gezwungen gewesen sein, von dem Feinde Gesetze zu empfangen. Vereinigung war also die gleich notwendige Bedingung, sowohl um einen Frieden zu schließen, als um den Krieg fortzusetzen. Aber ein Frieden, in der gegenwärtigen Lage gesucht, konnte nicht wohl anders als zum Nachtheil der verbundenen Mächte geschlossen werden. Mit dem Tode Gustav Adolphs schöpfte der Feind neue Hoffnung, und wie nachtheilig auch seine Lage nach dem Treffen bei Lützen sein mochte, so war dieser Tod seines gefährlichsten Gegners eine zu nachtheilige Begebenheit für die Verbundenen und eine zu glückliche für den Kaiser, um ihn nicht zu den glänzendsten Erwartungen zu berechtigen und zu Fortsetzung des Kriegs einzuladen. Die Trennung unter den Alliierten mußte, für den Augenblick wenigstens, die unvermeidliche Folge desselben sein; und wie viel gewann der Kaiser, gewann die Ligue bei einer solchen Trennung der Feinde! So große Vortheile, als ihm die jetzige Wendung der Dinge versprach, konnte er also nicht wohl für einen Frieden aufopfern, bei dem er nicht das Meiste gewann; und einen solchen Frieden konnten die Verbundenen nicht zu schließen wünschen. Der natürlichste Schluß fiel also auf Fortsetzung des Krieges, so wie Vereinigung für das unentbehrlichste Mittel dazu erkannt wurde.

Aber wie diese Vereinigung erneuern, und wo zu Fortsetzung des Kriegs die Kräfte hernehmen? Nicht die Macht des schwedischen Reiches, nur der Geist und das persönliche Ansehen seines verstorbenen Beherrschers hatten ihm den überwiegenden Einfluß in Deutschland und eine so große Herrschaft über die Gemüther erworben; und auch ihm war es erst nach unendlichen Schwierigkeiten gelungen, ein schwaches und unsicheres Band der Vereinigung unter den Ständen zu knüpfen. Mit ihm verschwand alles, was nur durch ihn, durch seine persönlichen Eigenschaften möglich geworden, und die Verbindlichkeit der Stände hörte zugleich mit den Hoffnungen auf, auf die sie gegründet worden war. Mehrere unter den Ständen werfen ungeduldig das Joch ab, das sie nicht ohne Widerwillen trugen; andere eilen, sich selbst des Ruders zu bemächtigen, das sie ungern genug in Gustavs Händen gesehen, aber nicht Macht gehabt hatten, ihm bei seinen Lebzeiten streitig zu machen. Andere werden von dem Kaiser durch verführerische Versprechungen in Versuchung geführt, den allgemeinen Bund zu verlassen; andere, von den Drangsalen des vierzehnjährigen Krieges zu Boden gedrückt, sehnen sich kleinmüthig nach einem, wenn auch verderblichen Frieden. Die Anführer der Armeen, zum Theil deutsche Fürsten, erkennen kein gemeinschaftliches Oberhaupt, und keiner will sich erniedrigen, von dem andern Befehle zu empfangen. Die Eintracht verschwindet aus dem Kabinet und aus dem Felde, und das gemeine Wesen ist in Gefahr, durch diesen Geist der Trennung ins Verderben zu sinken.

Gustav hatte dem schwedischen Reiche keinen männlichen Nachfolger hinterlassen; seine sechsjährige Tochter Christina war die natürliche Erbin seines Throns. Die unvermeidlichen Gebrechen einer vormundschaftlichen Regierung vertrugen sich mit dem Nachdruck und der Entschlossenheit nicht gut, welche Schweden in diesem mißlichen Zeitlaufe zeigen sollte. Gustav Adolphs hochfliegender Geist hatte diesem schwachen und unberühmten Staat unter den Mächten von Europa einen Platz angewiesen, den er ohne das Glück und den Geist seines Urhebers nicht wohl behaupten und von dem er doch ohne das schimpflichste Geständniß der Ohnmacht nicht mehr herabsteigen konnte. Wenn gleich der deutsche Krieg größtenteils mit Deutschlands Kräften bestritten wurde, so drückte doch schon der kleine Zuschuß, welchen Schweden aus seinen eigenen Mitteln an Geld und Mannschaft dazu gab, dieses dürftige Königreich zu Boden, und der Landmann erlag unter den Lasten, die man auf ihn zu häufen gezwungen war. Die in Deutschland gemachte Kriegsbeute bereicherte bloß Einzelne vom Adel und vom Soldatenstand, und Schweden selbst blieb arm wie zuvor. Eine Zeit lang zwar söhnte der Nationalruhm den geschmeichelten Unterthan mit diesen Bedrückungen aus, und man konnte die Abgaben, die man ihm entrichtete, als ein Darlehn betrachten, das in der glücklichen Hand Gustav Adolphs herrliche Zinsen trug und von diesem dankbaren Monarchen nach einem glorreichen Frieden mit Wucher erstattet werden würde. Aber diese Hoffnung verschwand mit dem Tode des Königs, und das getäuschte Volk forderte nun mit furchtbarer Einhelligkeit Erleichterung von seinen Lasten.

Aber der Geist Gustav Adolphs ruhte noch auf den Männern, denen er die Verwaltung des Reichs anvertraute. Wie schrecklich auch die Post von seinem Tode sie überraschte, so beugte sie doch ihren männlichen Muth nicht, und der Geist des alten Roms unter Brennus und Hannibal beseelte diese edle Versammlung. Je theurer der Preis war, womit man die errungenen Vortheile erkauft hatte, desto weniger konnte man sich entschließen, ihnen freiwillig zu entsagen; nicht umsonst will man einen König eingebüßt haben. Der schwedische Reichsrath. gezwungen, zwischen den Drangsalen eines zweifelhaften, erschöpfenden Kriegs und einem nützlichen, aber schimpflichen Frieden zu wählen, ergreift muthig die Partei der Gefahr und der Ehre, und mit angenehmem Erstaunen sieht man diesen ehrwürdigen Senat sich mit der ganzen Rüstigkeit eines Jünglings erheben. Von innen und außen mit wachsamen Feinden umgeben und an allen Grenzen des Reichs von Gefahren umstürmt, waffnet er sich gegen alle mit so viel Klugheit als Heldenmuth und arbeitet an Erweiterung des Reichs, während daß er Mühe hat, die Existenz desselben zu behaupten.

Das Ableben des Königs und die Minderjährigkeit seiner Tochter Christina erweckte aufs neue die alten Ansprüche Polens auf den schwedischen Thron, und König Ladislaus, Sigismunds Sohn, sparte die Unterhandlungen nicht, sich eine Partei in diesem Reiche zu erwerben. Die Regenten verlieren aus diesem Grunde keinen Augenblick, die sechsjährige Königin in Stockholm als Beherrscherin auszurufen und die vormundschaftliche Verwaltung anzuordnen. Alle Beamten des Reichs werden angehalten, der neuen Fürstin zu huldigen, aller Briefwechsel nach Polen gehemmt und die Plakate der vorhergehenden Könige gegen die Sigismundischen Erben durch eine feierliche Akte bekräftigt. Die Freundschaft mit dem Czar von Moskau wird mit Vorsicht erneuert, um durch die Waffen dieses Fürsten das feindselige Polen desto besser im Zaum zu halten. Die Eifersucht Dänemarks hatte der Tod Gustav Adolphs gebrochen und die Besorgnisse weggeräumt, welche dem guten Vernehmen zwischen diesen beiden Nachbarn im Wege standen. Die Bemühungen der Feinde, Christian den Vierten gegen das schwedische Reich zu bewaffnen, fanden jetzt keinen Eingang mehr, und der lebhafte Wunsch, seinen Prinzen Ulrich mit der jungen Königin zu vermählen, vereinigte sich mit den Vorschriften einer besseren Staatskunst, ihn neutral zu erhalten. Zugleich kommen England, Holland und Frankreich dem schwedischen Reichsrath mit den erfreulichsten Versicherungen ihrer fortdauernden Freundschaft und Unterstützung entgegen und ermuntern ihn mit vereinigter Stimme zu lebhafter Fortsetzung eines so rühmlich geführten Krieges. So viel Ursache man in Frankreich gehabt hatte, sich zu dem Tode des schwedischen Eroberers Glück zu wünschen, so sehr empfand man die Nothwendigkeit eines fortgesetzten Bündnisses mit den Schweden. Ohne sich selbst der größten Gefahr auszusetzen, durfte man diese Macht in Deutschland nicht sinken lassen. Mangel an eigenen Kräften nöthigte sie entweder zu einem schnellen und nachtheiligen Frieden mit Oesterreich, und dann waren alle Bemühungen verloren, die man angewendet hatte, diese gefährliche Macht zu beschränken; oder Noth und Verzweiflung lehrten die Armeen in den Ländern der katholischen Reichsfürsten die Mittel zu ihrem Unterhalt finden, und Frankreich wurde dann zum Verräther an diesen Staaten, die sich seinem mächtigen Schutz unterworfen hatten. Der Fall Gustav Adolphs, weit entfernt, die Verbindungen Frankreichs mit dem schwedischen Reiche zu vernichten, hatte sie vielmehr für beide Staaten notwendiger und für Frankreich um vieles nützlicher gemacht. Jetzt erst, nachdem Derjenige dahin war, der seine Hand über Deutschland gehalten und die Grenzen dieses Reichs gegen die französische Raubsucht gesichert hatte, konnte es seine Entwürfe auf das Elsaß ungehindert verfolgen und den deutschen Protestanten seinen Beistand um einen desto höheren Preis verkaufen.

Durch diese Allianzen gestärkt, gesichert von innen, von außen durch gute Grenzbesatzungen und Flotten