Kapitel 12

 

12

 

Tony war am nächsten Morgen um neun Uhr im Büro von St. James‘ Street. Das Personal der Lulanga-Öl-Gesellschaft bestand jetzt nur noch aus drei Stenotypistinnen und einem alten Buchhalter, der mit Frensham ein halbes Leben lang zusammengearbeitet hatte.

 

»Ich habe alle Dokumente der Gesellschaft auf Ihren Tisch gelegt, Mr. Braid«, sagte er. »Leider werden Sie merken, daß wir eine etwas – leichtfertige Arbeitsmethode hatten. Nur das Aktienbuch ist in Ordnung. Das habe ich selbst geführt.«

 

Tony hatte sich erst kurze Zeit mit den Schriftstücken der Lulanga-Gesellschaft befaßt, als er bemerkte, daß »leichtfertig« ein sehr milder Ausdruck für Lord Frenshams Arbeitsmethode war. Er fand ungeöffnete Briefe – einer enthielt einen Scheck über mehrere hundert Pfund – und zahlreiche Schreiben, die umgehende Erledigung verlangten, aber bis heute nicht beantwortet waren.

 

»Seine Lordschaft schob immer alles Peinliche auf«, erklärte Main, der alte Buchhalter. »Und seit die Aktien so gefallen sind, hat er die Post, die ich ihm vorlegte, kaum noch überflogen.«

 

Tony nickte, er kannte diese Eigentümlichkeit des alten Herrn.

 

»Hat Mr. Reef nicht hier im Büro gearbeitet?« fragte er.

 

Main zögerte. »Nein. Seine Lordschaft liebten keine Einmischung, und obwohl Mr. Reef offenbar gern helfen wollte, forderte Seine Lordschaft ihn nie auf. Aber es kam oft vor, daß ich, wenn etwas entschieden werden mußte und Lord Frensham zu keiner Entscheidung kam, in die Stadt zu Mr. Julian ging. So hat er zum Beispiel fast die ganze Korrespondenz mit Südafrika erledigt.«

 

Tony unterdrückte jede Bemerkung. Je tiefer er in die Verwirrung der Geschäfte Frenshams eindrang, desto glaubhafter wurde ihm der Bericht des Buchhalters. Er hatte noch nicht den sechsten Teil der angehäuften Schriftstücke durchgesehen, als Julian sehr heiter und liebenswürdig eintrat.

 

»Es tut mir schrecklich leid, daß ich zu spät komme«, rief er.

 

Unter dem Arm trug er eine große Aktenmappe, die Schriftstücke der Gesellschaft enthielt.

 

»Nichts Wichtiges«, erklärte er und blickte auf den Stapel, der sich vor Tony türmte. »Haben Sie schon alles durchgesehen?«

 

»Noch nicht«, entgegnete Braid, »was haben Sie da?«

 

Julian schwenkte eine Handvoll Papiere.

 

»Nur ein paar Briefe. Sie beziehen sich auf Angelegenheiten, die ich für Frensham erledigt habe.« Er legte sie auf den Tisch neben die anderen Papiere.

 

»Frensham pflegte die wichtigsten Dokumente der Gesellschaft in einem schwarzen japanischen Kasten in dem Zimmer dort drüben zu verwahren«, klärte er Braid auf.

 

»Ich habe jetzt alles geöffnet«, erklärte Tony.

 

»Aber sicher nicht den Lulanga-Kasten«, vermutete Reef.

 

Tony ging ins Nebenzimmer und prüfte noch einmal alle Aktenschränke. Mit einer Ausnahme waren sie leer, und auch die Ausnahme hatte nicht den leisesten Bezug auf Lulanga-Öl. Als er zurückkam, stand Julian am Fenster und blickte hinaus.

 

»Donnerwetter, hier könnte man leicht einbrechen«, rief er, »sehen Sie mal die Feuertreppe, unmittelbar unter dem Fenster!«

 

»Ihre Ansicht wird von einem hervorragenden Mitglied des Geheimdienstes geteilt«, sagte Tony trocken. »Mr. Elk – Sie kennen ihn wohl?«

 

»Ja, ich kenne ihn. Ich kann aber nicht behaupten, daß ich ihn maßlos schätze. Wir hatten mal einen kleinen Zusammenstoß – nur in Worten, aber doch recht erbittert.«

 

Er ging nicht näher auf Art und Grund des Streits ein, den er mit Elk gehabt hatte.

 

Tony hörte zum erstenmal von diesem Streit. Julian wandte sich vorn Fenster ab und setzte sich dem verhaßten Nebenbuhler gegenüber.

 

»Was wollen Sie tun?« fragte er. »Mir scheint das beste, Sie verbrennen den ganzen Plunder.«

 

»Eine sehr einfache Lösung«, bemerkte Tony gelassen. »Ich ziehe aber vor, Stück für Stück durchzusehen. Über vieles werden Sie mir sicher wertvolle Auskünfte geben können.«

 

Julian Reef nickte zu dieser Ironie. Er entnahm seiner Tasche ein goldenes Etui, zündete sich eine Zigarette an und beobachtete neugierig und mit dem Ausdruck der Überhebung Braids für ihn langweilige Lektüre der Briefe und Dokumente. Aus dem Winkel seines Auges sah er Tony Braid zwei eng mit Maschinenschrift beschriebene Folioseiten aufnehmen, die mit einer Büroklammer zusammengehalten wurden.

 

»Nanu! Was ist denn das!« entfuhr es Tony verwundert, als er die ersten Worte las.

 

Nachdem er die Seite hastig überflogen hatte, wandte er die Blätter und suchte die Unterschrift.

 

»Das ist ja ein Bericht des aufsichtführenden Ingenieurs in Lulanga«, sagte er sehr langsam. »Sind Sie einer von den Direktoren?«

 

Julian schüttelte den Kopf.

 

»Nein, ich habe auf meinen Direktorposten wenige Tage vor Frenshams Tod verzichtet«, belehrte er geschmeidig.

 

Tonys Augen hingen ungläubig an Reefs rotem Gesicht.

 

»Frensham hat mir davon nichts gesagt«, bemerkte er.

 

»Ich bezweifle sehr, daß überhaupt irgend jemand in der Gesellschaft davon weiß. Höchstwahrscheinlich werden Sie meinen Verzichtbrief unter den Papieren finden. Offen gesagt, Braid«, fuhr er in einem plötzlichen Ausbruch intimer Vertraulichkeit fort, »ich hatte die Torheiten meines Onkels herzlich satt. Seit Monaten habe ich ihm geraten, seine Aktien zu verkaufen. Was ist das eigentlich, was Sie da so eifrig lesen?« fragte er mit gut gespielter Neugier.

 

Tony hatte das Dokument jetzt zu Ende gelesen. Es begann:

 

Bericht über Quelle 15, 16 und 18, Lulanga-Öl-Felder, Majasaka, West-Afrika.

 

Mylord! Offenbar sind mehrere Postsäcke auf dem Weg hierher verlorengegangen. Denn ich vermisse die Veröffentlichung des Berichts, den ich Eurer Lordschaft über die obengenannten Quellen übersandt habe. Ich erwartete, daß die Gesellschaft diese beunruhigende Nachricht unverzüglich veröffentlichen würde. Doch die letzten Zeitungen, die ich erhalten habe, enthalten nur die Nachricht, daß Lulanga-Öl ihren Kurs behaupten. Wie ich schon früher schrieb, zeigten diese drei Ölquellen Zeichen des Versiegens. Jetzt sind die ersten beiden stillgelegt. Bohrungen sind durchgeführt worden auf 85, 96 und 132 auf Plan T, doch bisher ohne befriedigenden Erfolg. Ich würde meine Pflicht der Gesellschaft gegenüber vernachlässigen, wenn ich dem Vorstand verschweigen wollte, daß nach meinem Urteil Lulanga-Öl keinen Marktwert mehr hat. Der Vorstand wird sich erinnern, daß ich niemals Mr. Colburn zugestimmt habe. Ich habe die Aussichten der Gesellschaft stets pessimistisch beurteilt, und mein Pessimismus ist zu meinem Bedauern durch die Entwicklung der letzten Zeit vollauf gerechtfertigt worden …

 

Colburn?! Der Name schien ihm vertraut, und plötzlich wie ein Blitz kam Tony die Erinnerung an Elks seltsamen Hausgenossen. »Wer war Colburn?« fragte er unvermittelt.

 

»Colburn?« tat Reef erstaunt. »O der! Ein Kerl, den wir wegen Trunksucht und allgemeiner Unfähigkeit entlassen haben. Er hat irgendwo an der Küste Arbeit gefunden. Ich weiß nicht, was weiter aus ihm geworden ist.«

 

Tony überreichte dem jungen Mann den Bericht. Er las, seine Augen öffneten sich weiter und weiter, seine Brauen stiegen zur Stirn empor, und jeder Fremde, der ihn ohne genaue Kenntnis der näheren Umstände beobachtet hätte, würde die Überzeugung gewonnen haben, Reef erlebe die größte Überraschung seines Lebens.

 

»Das sind ja ganz erstaunliche Dinge, die ich da lese!« ließ er sich vernehmen.

 

»Nie vorher gesehen?«

 

Die Frage kam wie ein Peitschenknall.

 

»Wie sollte ich das gesehen haben? Es war doch an Frensham gerichtet. Das war eine von seinen Merkwürdigkeiten. Er haßte jede Unannehmlichkeit … Das ist eine höchst ernste Angelegenheit …«

 

»Sie haben es also nie vorher gesehen?« fragte Tony wieder sehr betont.

 

Ein heißes Rot überzog Julians Stirn.

 

»Zum Teufel, was wollen Sie eigentlich?« fragte er. »Ich habe Ihnen schon einmal gesagt, daß ich diesen Bericht niemals gesehen habe, oder glauben Sie etwa, ich würde meine Hand dazu bieten, daß so etwas unterdrückt wird?«

 

Tony biß sich nachdenklich auf die Lippen, seine Augen hielten den anderen fest im Bann.

 

»Vor einigen Monaten, nach dem Tod des Sachverständigen, wurde von der Gesellschaft ein Bericht mit der Unterschrift dieses Mannes herausgegeben. Wer gab ihn heraus?«

 

Julian überlegte rasch. Hier durfte er nicht lügen. Diese Tatsachen waren zu leicht nachzuprüfen.

 

»Ich gab ihn heraus«, gestand er kühn.

 

»Haben Sie das fragliche Dokument gesehen?«

 

Wieder überlegte Reef.

 

»Ja«, antwortete er.

 

»Haben Sie das Original des Berichts, in dem der Ingenieur bekundet, daß die Aussichten der Quellen niemals besser gewesen seien – dieses Berichts, den Sie ja veröffentlicht haben?«

 

Eiskalt erwiderte Julian:

 

»Nein, ich besitze das Original nicht. Man schickte es mir, ich ließ es abschreiben. Meine Abschrift übersandte ich dem Drucker. Anscheinend hat Frensham …«

 

»Wollen Sie etwa andeuten, daß Frensham einen gefälschten Bericht herausgegeben und die Wahrheit über diese Quellen unterdrückt hat?« Und da Reef die Antwort schuldig blieb, fuhr Braid unerbittlich fort: »Sie kannten Frensham weit besser als ich. Hat er jemals einen Gaunerstreich oder einen Betrug verübt? Halten Sie ihn für fähig, die Öffentlichkeit mit Überlegung und Tücke zu beschwindeln?«

 

Julian zuckte die Achseln. »Was weiß ich!« sagte er. »Natürlich war er ein anständiger Mensch, aber wer kann anderen ins Herz sehen? Das einzige, was ich bestimmt von dieser Sache weiß, ist, daß dieser Bericht mir nie zu Augen gekommen ist. Aber den anderen Bericht, den der Ingenieur unterzeichnet hat, der die günstigen Aussichten der Quellen schilderte, den habe ich gesehen. Und sicher hatte der Ingenieur recht gewichtige Gründe, wenn er so günstige …«

 

Mit einer herrischen Geste unterbrach ihn Braid.

 

»Jetzt werde ich Ihnen etwas sagen, Reef!«

 

Er stand auf, beugte sich über den Tisch vor und preßte die Knöchel hart auf die Platte.

 

»Dieser Bericht, den Sie eben gelesen haben, war nicht unter Lord Frenshams Papieren, bis Sie kamen.«

 

»Was heißt das?« fragte Julian mit fliegendem Atem.

 

»Das heißt, daß ich den ganzen Haufen durchgesehen hatte. Und wenn ich auch kein gutes Gedächtnis für manche Dinge habe, so habe ich doch ein ausgezeichnetes für andere. Zu diesen gehören Farben. Unter diesem Stapel war kein Dokument auf blauem Papier wie das hier.«

 

Tödliches Schweigen folgte.

 

»Worauf zielen Sie also ab?« Julian fand seine Stimme wieder.

 

»Darauf, daß Sie diesen Bericht unter die Papiere geschmuggelt haben, während ich auf Ihren Rat hin im Nebenzimmer erdichtete Dokumente suchte.«

 

»Das ist eine Vermutung!«

 

»Das ist keine Vermutung, sondern eine Feststellung.«

 

Julian schwieg. Ein panischer Schrecken schüttelte ihn. Seine Nerven waren schon bei seinem Eintritt erschüttere gewesen. Die grausige, von Guelder angedeutete Anklage hatte ihm jeden Halt genommen.

 

»Sie haben nicht nur diesen Bericht unter die Papiere geschoben, Sie haben auch das Sachverständigengutachten gefälscht, das Sie veröffentlicht haben und das die Lulanga-Aktien auf siebzehn Schilling hinauftrieb. Ich habe in diesem Büro nicht sehr viel entdeckt; aber etwas habe ich mit aller Bestimmtheit gefunden: Sie haben die ganze Korrespondenz mit Afrika geführt. Es ist eine Kinderei, festzustellen, wieviel Aktien Sie auf Grund dieses gefälschten Berichts verkauft haben, und eine ebensolche Kleinigkeit, Sie dorthin zu bringen, wo Sie hingehören. Ich habe mich doch deutlich genug ausgedrückt?«

 

Auch hierauf blieb Julian die Antwort schuldig.

 

»Ich kann die Polizei rufen und Sie verhaften lassen. Ich habe genügend Beweise in der Hand, Sie auf sieben Jahre ins Gefängnis zu bringen. Ich verzichte aber darauf. Nicht Ihretwegen. Ich will Frenshams Namen reinhalten. Ich will nicht, daß Ihre schmutzige Behauptung, er wäre für diesen Betrug verantwortlich, vor Gericht laut wird. Nur das rettet Sie.«

 

Julian zwang sich zu einem Lächeln.

 

»Und Ursula – könnte man vielleicht auch in diesem Zusammenhang erwähnen … Was Sie für Blödsinn zusammenreden, Braid! Sie könnten mich verhaften lassen? Nichts können Sie mir beweisen. Und aus gutem Grund«, fuhr er hastig fort, »weil ich vollkommen schuldlos bin. Ich weiß nicht, ob Frensham ein Betrüger war oder ein Ehrenmann – interessiert mich auch nicht. Ich kann aber beschwören, daß er die Veröffentlichung des einen Berichts veranlaßte und daß ich diesen Bericht hier niemals vorher gesehen habe.«

 

»Mit anderen Worten, daß er ihn absichtlich unterdrückt hat?«

 

Julian Reef sah die Gefahr und wich feige aus.

 

»Das behaupte ich nicht. Ich sage nur, was alle Welt sagen würde, was jeder Mann auf der Straße behaupten würde.«

 

Tony zeigte zur Tür.

 

»Verwandeln Sie sich schleunigst in einen Mann auf der Straße! Aber schleunigst.«

 

Julian schien der Augenblick für ein Rededuell nicht geeignet. Er machte, daß er fort kam. Wenige Sekunden später hatte er das Büro in St. James‘ Street verlassen.

 

Kapitel 1

 

1

 

Es fing mit einer kleinen Meinungsverschiedenheit zwischen einem Trainer, einem Jockey und einem Buchmacher von zweifelhaftem Ruf an. Der Streit ging um die Stute Ectis, die Favoritin für den Königlichen Jagdpokal. Gegen Jockey und Trainer bestand bereits ein gewisser Argwohn; sie mußten also darauf achten, sich nicht allzusehr zu kompromittieren.

 

Die Frage war, ob man die Stute vor dem Ziel »bremsen« sollte oder ihr, wie es der Jockey vorschlug, vor dem Rennen eine kleine Dosis Laudanum verabreichen und damit von vornherein jedes Risiko ausschalten sollte. In beiden Fällen mußte man mit Unannehmlichkeiten rechnen. Denn wurde die Stute im Rennen zurückgehalten, fiel der Verdacht auf den Jockey. Hatten dagegen die Schiedsrichter den Argwohn, daß das Tier »verarztet« worden war, würden sie eine Untersuchung verlangen, deren Resultat unweigerlich dazu führen mußte, den Trainer für immer vom Rennplatz zu verweisen.

 

Schließlich siegte der Trainer. Ectis sollte vor dem Ziel aufgefangen werden. Der Buchmacher, der für beide Teile die Wetten legte, machte, wie verabredet, das Pferd schlecht. Vom Favoriten wurde es zweiter Favorit, vom zweiten Favoriten dritter und stieg dann hinab zur Klasse der 100:6.

 

»Mir unbegreiflich«, sagte der Trainer einen Tag vor dem Rennen zu dem Besitzer. »Das Pferd war niemals besser, Mr. Braid.«

 

Mr. Braid sog nachdenklich an einer langen Zigarre, seine dunklen Augen fixierten den verwitterten, kleinen Trainer. Er war auf der Rennbahn zwar ein Neuling, wenigstens in England, aber angesehen, sehr reich und durchaus seriös. Rennfreunde besaß er nicht. Angesehene Leute vom Rennplatz betrachteten neugierig die schlanke Gestalt mit dem dunklen, ergrauenden Haar und dem langen, blassen Gesicht und drückten nicht aus Mitleid ein leichtes Bedauern darüber aus, daß eine so gewinnwinkende Chance in die Hände des Trainers Lingford und seines gewissenlosen Partners, des Jockeys Joe Brille, gefallen war.

 

Anthony Braid hatte ein reizendes kleines Haus in Ascot, wo er während der Rennwoche wohnte, und war mit seiner Einsamkeit zufrieden. Man sah ihn auf dem Sattelplatz umherstehen, eine lange Zigarre zwischen den Zähnen, und ins Leere starren. Er wettete selten, und dann nur sehr bescheiden, und ließ sich nie über die Mutmaßungen seines Trainers in Debatten ein, noch stellte er Fragen an seinen Jockey. Anscheinend langweilte ihn alles.

 

»Möglich«, murrte er, als der Trainer eine Pause machte, »möglich, daß die Buchmacher einen anderen Favoriten haben.«

 

»Stimmt, Sir, sie halten ›Denford Boy‹ für unbesiegbar.«

 

Mr. Lingford bedauerte im stillen, daß er »Ectis« nicht zum Sieg reiten lassen durfte. Er hätte ein Vermögen damit verdienen können. Doch er schuldete dem Buchmacher, der das Pferd stillegte, eine Menge Geld und wagte keinesfalls, seinem Gläubiger entgegenzuhandeln.

 

Eine Stunde, ehe der Königliche Jagdpokal gelaufen wurde, nahm Anthony Braid seinen Trainer beiseite. »Mein Pferd hat sich im Preis etwas erholt«, sagte er. Lingford war diese Tatsache nicht entgangen. »Ja, Sir – jemand hat im ganzen Land hohe Wetten auf die Stute abgeschlossen.«

 

Ihm war ein bißchen unbehaglich zumute; denn am Morgen hatte sein Buchmacher ihm vorgeworfen, daß er nach zwei Seiten arbeite.

 

»Ja«, sagte Tony Braid mit seiner tiefen, wohllautenden Stimme. »Ich habe im ganzen Land Wetten abgeschlossen. Ich beabsichtige, heute dreißigtausend Pfund zu gewinnen.«

 

»Wirklich, Sir?« Der Trainer atmete erleichtert auf. Er hatte vermutet, die Wetten stammten von einem Bundesgenossen Brilles und befürchtete schon, daß der Jockey ihn betrüge. »Nun, Sie werden ein schönes Rennen für Ihr Geld haben. Brille sagt –«

 

»Was Brille sagt, interessiert mich nicht«, erwiderte der Besitzer sehr sanft, »er reitet die Stute nicht. – Ich habe mir einen Jockey aus Frankreich kommen lassen. Und, Mr. Lingford, ich habe auch meinen Trainer gewechselt. Vor einer halben Stunde habe ich höchst eigenhändig das Pferd Mr. Sanford übergeben. Und wenn Sie dem Tier noch einmal nahe kommen, melde ich Sie der Rennleitung. Darf ich Ihnen einen Rat geben?« Dem verdutzten Trainer blieb die Antwort in der Kehle stecken.

 

»Zwei Tips«, fuhr Anthony Braid fort, »erstens: gehen Sie in den Ring und setzen Sie so viel auf Ectis, daß Sie den Rest Ihres Lebens davon zehren können. Denn ich glaube nicht, daß Sie je wieder ein Pferd trainieren werden. Zweitens: versuchen Sie nie wieder, einen Mann zu beschwindeln, der sich an der Börse in Johannesburg die Sporen verdient hat. Guten Morgen!«

 

Ectis gewann mit drei Längen, und Mr. Anthony Braid hatte einen neuen Spitznamen. Er, der bisher »die gute Gelegenheit« und »die Chance«, geheißen hatte, wurde jetzt bekannt als »der gerissene Kerl«. Der Name blieb ihm. Er wurde ihm eines Tages in seinem Büro entgegengeschleudert, als er Aaron Trosky, von der Trosky-AG., mit weit über fünfzigtausend Pfund hineinlegte. Allerdings hatte Mr. Trosky in der Unschuld seines Herzens zuvor versucht, Anthony Braid mit einer größeren Summe in einem Minengeschäft hineinzulegen. Aber daran dachte er jetzt nicht.

 

»Sie sind ein gerissener Kerl«, jammerte der bebende Aaron, »so nennt man Sie, und das stimmt auch!«

 

»Machen Sie die Tür von draußen zu«, forderte Anthony ihn höflich auf.

 

Unbelehrt durch Troskys Erfahrung, brachte ein gewisser Felix Fenervy dem »gerissenen Kerl« ein Platinprojekt. – Er hätte es lassen sollen. Anthony prüfte die Pläne, überflog den verschleierten Bericht des Experten – kein Laufbursche hätte sich davon täuschen lassen – und lud Mr. Fenervy zum Frühstück ein. Auch Anthony hatte ein Platinprojekt – einen Landstreifen in Nord-Rhodesien. Warum sollte man nicht, schlug der sanfte Tony vor, die beiden Besitzungen unter der Firma »Vereinigter Platintrust« zusammenwerfen und gemeinsam den Nutzen aus den beiden Ländereien ziehen? Fenervy war begeistert. Am nächsten Tag zahlte er seinem »Opfer« dreiundzwanzigtausend Pfund Einlage und hatte noch immer den Eindruck, daß er ein glänzendes und gewinnbringendes Geschäft mache.

 

So war Anthony Braid, dessen Vermögen keiner außer seinem Bankier kannte, bis zu jenem Morgen, an dem er einen Mann besuchte, der ihm die Tür wies; ein Mann zwar, der ihn gern hatte, aber in seiner Gegenwart seine Nerven verlor. Ob Tony Braid Lord Frensham mochte oder nicht, ist Nebensache. Seine Zuneigung galt so ausschließlich einem anderen Mitglied der Familie, daß Lord Frensham Argwohn und Mr. Julian Reefs Haß ihn gar nicht berührten.

 

»Mr. Anthony Braid, Mylord«, meldete der Diener. Lord Frensham rückte seinen tiefen Schreibtischsessel zurück, fuhr mit der Hand ungeduldig durch sein dichtes graues Haar und zog ärgerlich die Stirn in Falten.

 

»Hm«, knurrte er, blickte den Diener an und befahl dann mit einer ungeduldigen Geste: »Lassen Sie ihn eintreten, Charles!«

 

Ein breitschultriger, ohne Sorgfalt gekleideter, unrasierter Mann mit scharfen Zügen, großen Händen, rauher Stimme, kurz angebunden: das war der achte Earl von Frensham. Ein ehrlicher, aber dickköpfiger Mann, der in der City ein für immer verlorenes Familienvermögen wiederzugewinnen suchte, aber dessen schlichte, liebenswerte Eigenschaften sich in einem dauernden Kampf mit seiner rücksichtslosen Umwelt zermürbten.

 

Als Charles hinausgegangen war, öffnete er eine Schublade des Schreibtisches und entnahm ihr eine Mappe voller Dokumente, öffnete sie und betrachtete Bogen auf Bogen. Doch seine Gedanken waren nicht bei den Geschäften des Lulanga-Öl-Syndikats. Er überlegte die endgültige und vernichtende Antwort auf den Vorschlag, der ihm in wenigen Augenblicken gemacht werden würde. »Mr. Anthony Braid, Mylord.«

 

Der Mann, der dem Diener in die Bibliothek folgte, war der Typ des vollendeten Gentleman. Vom weißen Kragen bis zu den Spitzen der glänzenden Schuhe war er das Meisterwerk eines hervorragenden Schneiders und umsichtigen Kammerdieners. Sein schmaler Wuchs ließ ihn sehr groß erscheinen. Sein schwarzes Jackett saß tadellos. An der grauen Weste schimmerten Onyxknöpfe. Als einzigen Schmuck trug er eine Perle in der modernen Krawatte und eine dünne Platinuhrkette. Die weißen Hände, in denen er Handschuhe und den spiegelnden Zylinder hielt, schmückten keine Ringe. Mr. Anthony Braid war vierzig Jahre alt und hielt sich kerzengerade. Sein Haar war fast schwarz und betonte die Blässe seines langen, angenehmen Gesichts. Die Augen waren dunkel und unerforschlich. Er blieb stehen, hielt den Blick fest auf den Herrn des Hauses gerichtet, und beide schwiegen, bis sie allein waren.

 

»Nun«, rief Frensham ungeduldig, »setzen Sie sich, setzen Sie sich doch, Braid, oder haben Sie Angst, sich zu setzen?«

 

Braid legte Hut, Handschuhe und Stock mit bedächtiger Sorgfalt auf einen kleinen Tisch, zog die Hose an den Knien empor und setzte sich.

 

»Ein herrlicher Morgen«, begann er mit seiner tiefen, weichen Stimme und einem entwaffnenden Lächeln. »Wie geht es Ihnen, Frensham – und Lady Ursula?«

 

Lord Frensham war nicht in der Stimmung, sich über das Wetter oder seine Tochter zu unterhalten.

 

»Ich habe Ihren Brief erhalten«, erwiderte er grob, »und offen gesagt, halte ich ihn für eine – eine –«

 

»Unverschämtheit«, fiel Braid mit geheimnisvollem Lächeln in den Augen helfend ein.

 

»Sehr richtig«, stimmte. Frensham heftig zu, »wenn nicht Schlimmeres. Was Sie mir da mitteilen, ist im Grunde nichts anderes, als daß Julian Reef, der nicht nur mein Neffe, sondern auch mein Mitdirektor ist, den Kurs der Lulanga-Öl-Aktien hinuntertreibt, d. h., daß er sich bemüht, mich zu ruinieren. Ich muß Ihnen schon sagen, Braid, ich war nicht wenig erstaunt, daß Sie eine so unerhörte Anschuldigung schriftlich niederlegen. Natürlich werde ich Reef Ihren Brief nicht zeigen, sonst –«

 

Braids dunkle Augen flammten auf. »Warum wollen Sie ihm den Brief nicht zeigen?« fragte er sanft. »Ich habe nicht die geringste Angst vor einer Verleumdungsklage. Ich besitze etwa sechshunderttausend Pfund – vielleicht etwas mehr. Kein Gericht hat jemals solchen Schadenersatz zugesprochen. Ich werde immer noch genug zum Leben übrigbehalten.«

 

Frensham blickte finster zu ihm auf. »Das mag sein«, sagte er, »aber ich lege keinen Wert darauf, diese Dinge an die große Glocke zu hängen. Ich will ganz offen mit Ihnen reden, Braid. Jemand treibt den Kurs dieser Aktien hinunter. Die Kurse fallen täglich – und dieser Jemand sind Sie! Lassen Sie mich, bitte, ausreden! Sie haben einen gewissen Ruf – einen Spitznamen –«

 

»Der gerissene Kerl«, lachte Braid, »ich bin stolz darauf. Gauner nennen mich so, weil es ihnen nicht gelingt, mich reinzulegen. Und mein lieber Freund Reef hat sich, weiß Gott, Mühe genug gegeben, mich hineinzulegen!«

 

»Sie sind Rennstallbesitzer mit einem eigenartigen Ruf –«

 

Wieder unterbrach ihn der Mann mit den dunklen Augen.

 

»Sagen Sie doch ›üblen‹, wenn es Ihnen Spaß macht. Es ist zwar nicht ganz wahr, aber es macht die Dinge für Sie leichter, mein lieber Frensham. Also sagen Sie ruhig ›mit einem üblen Ruf‹ oder darf ich Ihnen zur Abwechslung ›einen gefährlichen Ruf‹ vorschlagen?«

 

Lord Frensham machte eine nervöse Bewegung.

 

»Vielleicht sind Sie besser als Ihr Ruf, aber Sie haben ihn nun einmal. Sie sind für weit mehr Leute ›der gerissene Kerl‹ als Mr. Tony Braid. Und darum können Sie von mir wirklich nicht erwarten, daß ich Ihnen glaube, mein bester Freund arbeite an meinem Ruin und betrüge mich und die Gesellschaft.«

 

»Der gerissene Kerl« lächelte, entnahm seiner Tasche ein goldenes Zigarettenetui, bat mit einem Blick um Erlaubnis, zündete sich umständlich die Zigarette an und legte das Streichholz sorgsam in eine Aschenschale.

 

»Leuchtet es Ihnen nicht ein, daß es ziemlich naiv wäre, Ihren Freund zu beschuldigen, wenn ich selbst den Kurs Ihrer Aktien hinuntergetrieben hätte? Der gerissene Kerl würde eine so törichte Anklage gegen einen Mann Ihres Vertrauens erheben? Trauen Sie mir doch wenigstens ein bißchen Intelligenz zu und –«

 

Plötzlich öffnete sich die Tür. Eine Dame und ein Herr traten ein. Beim Anblick des Mädchens erhob sich der elegante Mr. Braid. Die blonde, kraftvolle Schönheit Ursula Frenshams raubte ihm den Atem, sooft er sie sah. Sie kam auf ihn zu und streckte ihm, Überraschung und jähe Freude in den Augen, die Hand entgegen.

 

»Tony, Sie sind ein schlechter Mensch!« rief sie. »Sie haben sich seit Monaten nicht bei uns sehen lassen.«

 

Ihres Vaters Mißbilligung konnte sie nicht bemerken, aber sie hätte vielleicht ahnen können, daß der lächelnde junge Mann, der ihr folgte, nicht mehr lächelte.

 

»Ich bin nicht gekommen, weil man mich nicht eingeladen hat«, erklärte Tony Braid mit dem kleinen, drolligen Lachen, das ihm eigen war. »Keiner liebt mich, Ursula, ich bin verfemt auf der weiten Erde.«

 

»Reden Sie nicht so närrisches Zeug«, wies ihn Frensham zurecht.

 

Mr. Reef schüttelte das starre Erstaunen über den unerwarteten Anblick des verhaßten Mannes ab und lächelte wieder. Er lächelte immer, dieser Mann mit dem roten Gesicht, dem dichten, rötlichbraunen Haar und den herrlichen weißen Zähnen. Er sah merkwürdig jung aus, trotz seiner dreißig Jahre, und hatte eine jungenhafte Art, mit verletzender Offenheit Wahrheiten von sich zu geben. Freilich waren es Wahrheiten, die wie Peitschenhiebe saßen, und auch sein freies und fröhliches Lächeln dabei war nur ein gelinder Trost.

 

»Quatsch, Braid«, sagte er, »Sie tun sich wohl schrecklich leid! Wenn ihr Burschen in den Fünfzigern euer Haar auch noch so verdächtig dunkel und eure Taillen Gott weiß wie schlank bewahrt, die Grämlichkeit platzt euch doch aus allen Nähten. Ich habe Sie zu Gesellschaften eingeladen, alter Junge, aber Sie saßen da wie ein Ölgötze!«

 

Braid blieb ganz ruhig.

 

»Ihre Gesellschaften haben mich gelangweilt«, sagte er obenhin, »und wenn ich mich langweile, werde ich nun mal grämlich. Ich habe Ihre Gesellschaften endgültig an meinem neununddreißigsten Geburtstag aufgegeben. Der war voriges Jahr. Und, offen gesagt, Ihre Freundinnen gefallen mir nicht. Da ziehe ich Ballettmädels vor. Die tun wenigstens nicht, als ob sie was Besseres wären.«

 

Julian Reef lachte zwar, aber nicht besonders herzlich.

 

»Faucht euch nicht an«, schalt Ursula vorwurfsvoll.

 

»Väterchen, lade Tony doch zum Lunch ein, und Tony, benehmen Sie sich anständig!«

 

Lord Frensham fühlte sich offenbar sehr unbehaglich.

 

»Ich kann Braid nicht zum Lunch einladen, weil ich in meinem Klub esse«, wich er aus. »Und jetzt, meine liebe Ursula –«

 

Er hielt inne.

 

»Ach so, ihr habt Geschäfte! Nur noch eins: Väterchen, du bist wieder nicht rasiert!« Sie nickte Tony zu und ging aus dem Zimmer.

 

Mr. Julian Reef blickte von einem zum andern.

 

»Ich störe wohl?« fragte er ahnungsvoll.

 

Tony Braid antwortete: »Nein. Es betrifft Sie. Zeigen Sie ihm den Brief, Frensham, den ich Ihnen geschrieben habe.«

 

»Ich denke nicht daran«, wehrte Frensham ab. »Ich habe Ihnen schon gesagt –«

 

»Daß Sie keinen Skandal wünschen«, ergänzte Tony Braid ruhig. »Und ich versichere Ihnen: es wird keinen Skandal geben.«

 

Er ging langsam zum Schreibtisch und tippte mit dem Zeigefinger auf die blankpolierte Platte, jedes Wort unterstreichend.

 

»Bis vor sechs Monaten waren Sie und ich die besten Freunde. Ich bilde mir ein, ich habe Ihnen in manchem geholfen, auch verstehe ich von Börsengeschäften mehr als Sie. Ich sage das weder, um mich wichtig zu machen, noch als Vorwurf. Sie haben mit Ihr Haus geöffnet und mir gestattet, mich Ursula zu nähern. Und dann schicken Sie mir plötzlich einen Brief, verbitten sich meine Besuche und verbieten mir, Ihrer Tochter Aufmerksamkeiten zu erweisen. Heute morgen haben Sie plötzlich entdeckt, daß City-Gauner und Rennbahnabenteurer mich einen ›gerissenen Kerl‹ nennen – eine Tatsache, die Sie seit Jahren kennen! Sie werfen mir vor, daß ich den Kurs Ihrer Aktien hinuntertreibe, indem ich Lulangas hinter Ihrem Rücken verkaufe. Ich begegnete dieser Beschuldigung mit dem kategorischen Hinweis, daß der Mann, der Lulanga-Öl-Aktien verkauft und Sie an den Rand des Verderbens gebracht hat, Ihr Neffe, Mr. Julian Reef, ist, der aus irgendeinem Grund – offenbar einem höchst egoistischen – seit drei Wochen laufend Lulangas verkauft.«

 

Julian Reefs Gesicht war plötzlich wutentstellt. Er packte Braid an der Schulter und schwenkte ihn zu sich herum.

 

»Sie sind ein verfluchter Lügner!« schnaubte er.

 

Im nächsten Augenblick lag er auf der Erde. Im Sturz hatte er einen Stuhl mitgerissen.

 

»Halt, Braid!« Frensham war aufgesprungen und zwischen die beiden Männer getreten.

 

Braid nahm seinen Hut und strich sorgsam glättend über dessen Rand. Ein kleines Lächeln spielte in den Winkeln seines Mundes.

 

»Ich muß mich bei Ihnen entschuldigen, Frensham«, sagte er. »Aber noch kein Mann hat mich ungestraft ins Gesicht einen Lügner genannt. Übrigens verwaltet Mr. Reef, soviel ich weiß, gewisse Gelder Ihrer Tochter Ursula. Ich erlaube mir, Ihnen zu raten, durch einen Ihrer Buchhalter dieses Vermögen nachprüfen zu lassen. Selbst gelbe Diamanten kosten allerhand Geld.«

 

Ohne übertriebene Eile griff er nach Handschuhen und Stock. Reef war inzwischen wieder auf die Füße gekommen, hielt sich den getroffenen Unterkiefer, blickte Braid mit tödlichem Haß an, wagte aber nicht, ihn aufzuhalten.

 

Kapitel 10

 

10

 

Tony Braid hatte sein Frühstück beendet, steckte sich eine lange schwarze Zigarettenspitze in den Mund und sah seine Post durch. Er fühlte, daß jemand das Zimmer betreten hatte, blickte sich aber erst um, als er ein unterdrücktes Lachen und seinen Namen hörte. Mit einem Ruck hob er den Kopf.

 

»Großer Gott, wie kommen Sie hierher?«

 

»Ich bin von Somerset hergefahren«, sagte Ursula. »Es ist dort zum Sterben langweilig, Tony. Ich bin bei Verwandten meines geliebten Vaters. Furchtbar kleinliche Menschen, die entsetzt sind, daß ich nicht dauernd weine und lamentiere. Sie selbst trauern schrecklich; aber ich glaube, das ist der Normalzustand bei ihnen.« Sie sah sehr hübsch aus, sehr groß und schlank, und für ihn betrübend jung. Ihr sonst blasses Gesicht war rosa überhaucht von der raschen Fahrt in der Morgenluft.

 

»Haben Sie Ihre Zelte abgebrochen?«

 

Sie seufzte und schüttelte den Kopf.

 

»Vorläufig muß ich noch dort bleiben. Nur durch die raffiniertesten Lügen habe ich mich überhaupt fortgeschmuggelt. Der Butler ist die einzig fühlende Seele. Wie steht’s mit seinem Tip?«

 

»Er gewinnt bestimmt«, versicherte Braid. Dann fragte er: »Haben Sie schon gefrühstückt?«

 

Sie hatte in Oxford Kaffee getrunken. Er klingelte und bestellte ihr ein zweites Frühstück.

 

»Alle Zeitungen sind voll von Ihrem Barley Tor. Warum lassen Sie zwei Pferde laufen?« wollte sie wissen.

 

»Weil ich ein gerissener Kerl bin«, erklärte Tony. »Mr. Rex Guelder wäre auch sehr enttäuscht, wenn ich es nicht täte.«

 

Ihre Miene verfinsterte sich.

 

»Ich hasse den Menschen. Er hat etwas Widerliches an sich.«

 

»Kennen Sie ihn denn näher?« fragte er gespannt und dachte an ihre frühere Erwähnung des Holländers.

 

»Er kam zwei- bis dreimal zu uns ins Haus. Nie habe ich ein solches Gefühl des Unbehagens empfunden wie in seiner Nähe. Nein, frech war er durchaus nicht, im Gegenteil, eher schleimig liebenswürdig. Einmal küßte er mir die Hand. Ich wehrte es ihm nicht, weil ich es für eine kontinentale Sitte hielt. Er hat etwas an sich, was vielleicht nur eine Frau empfindet. Man fühlt die Gemeinheit seines Wesens. Es überkommt einen fast körperlich. Julian behauptet, er sei sehr klug.«

 

»Haben Sie etwas von Julian gehört?«

 

Sie schüttelte heftig den Kopf. »Ich möchte auch nichts von Julian hören«, rief sie erbittert. »Wir sind nicht im besten Einvernehmen geschieden. Vielleicht habe ich nicht recht gehandelt, Tony, ich sagte ihm, wir beide wären übereingekommen, die Sache mit meinen Aktien nicht allzu genau nachzuprüfen. Der arme Vater! Man hat mir gesagt, daß seine geliebten Lulanga-Aktien zu einem lächerlichen Preis verkauft würden – für fünf Schilling oder so.«

 

Braid berichtete:

 

»Zu diesem Kurs werden sie nicht verkauft, sondern angeboten. Es sollte mich sehr wundern, wenn überhaupt Geld dafür zu kriegen wäre. Das Merkwürdige daran ist, daß die letzten Berichte, die ich gelesen habe, außerordentlich günstig lauteten. Kein Mensch in der City weiß, was eigentlich los ist. Ein Gerücht geht um, die Quellen wären versiegt. Das ist aber ganz unbestätigt. Und nach dem wenigen, was ich von Öl verstehe, hätten wir sicher sehr genaue Nachricht, wenn das wahr wäre.«

 

»Wir?« fragte sie verwundert. »Sind Sie denn auch an diesen unseligen Aktien beteiligt?«

 

Er nickte langsam.

 

»Ja – nicht persönlich. Aber Sie vergessen, daß ich Testamentsvollstrecker und Nachlaßverwalter Ihres Vaters bin. Er besaß ein enormes Paket dieser Aktien und Sie wahrscheinlich auch.«

 

Nach langem Schweigen fragte Sie: »Können Sie es verstehen, Tony? Je länger ich darüber nachdenke, desto unbegreiflicher erscheint mir alles. Warum sollte Vater Selbstmord begangen haben, nachdem Sie ihm Ihre Hilfe zugesagt haben?«

 

»Ich glaube, er hat meinen Brief nicht gelesen«, erklärte Tony und mied den Blick. »Das Kuvert und der Scheck lagen zerrissen im Papierkorb. Eine ganz unerklärliche Sache – vorläufig noch.«

 

Er wechselte brüsk das Thema und fragte nach ihren Plänen für die nächste Zukunft. Sie war eigentlich von Somerset aufgebrochen, um nicht wieder zurückzukommen. Unterwegs aber hatte sie ihre Absicht geändert und sich entschlossen, doch zurückzufahren und sich durch ein Telegramm abrufen zu lassen – wenn Braid die Verschwörerrolle übernehmen wollte.

 

»Ich glaube, ich könnte in unserem Haus in Hampstead wohnen«, sagte sie. »Viele Mädchen in meinem Alter wohnen allein. Schlimmstenfalls habe ich eine entfernte Tante, die irgendwo in Cumberland wohnt. Die kann ich zu mir bitten.«

 

Sie sah auf die Uhr. »Sie müssen jetzt natürlich zum Rennen? Ich werde bleiben, und wenn Sie fort sind, in Ihrem herrlichen Badezimmer ein Bad nehmen, Sie Genießer! Und dann werde ich mich langsam zu den romantischen Alleen von Somerset und der schrecklichen Langeweile bei den Pollys zurückschlängeln.«

 

Trotz ihrer äußeren Fröhlichkeit erschien sie ihm wie eine verlorene, bemitleidenswerte Gestalt, als sie unter dem Vorbau des Hauses stand und ihm nachwinkte. Er kannte nicht das Geheimnis ihrer Erbschaft und wußte nicht, wann sie ausgezahlt werden würde. Er wußte nur, daß sie außer einem winzigen Einkommen aus einem kleinen Gut im Norden so gut wie nichts besaß. Er wußte auch, daß sie keine Hilfe annehmen würde, wenn er nicht … Er seufzte schwer. Dann wurde er auf sich zornig. Alberne Gefühlsduselei! Er war vierzig, hatte das halbe Leben hinter sich. Sie war fast zwanzig Jahre jünger. Eins war ihm klar: er durfte sie niemals bitten, ihm ihre Jugend zu opfern und seine Frau zu werden. Das wäre nicht fair. Ihm blieb nichts übrig, als für ihre Zukunft zu sorgen und hinter einem fröhlichen Gesicht den bitteren Schmerz zu verbergen, einem anderen zu überlassen, worum er nicht zu kämpfen gewagt hatte … Aber der Glückliche durfte nicht Julian Reef sein! Bei diesem Gedanken verzerrte sich Braids Gesicht.

 

Fast der erste, dem er begegnete, als er nach Singleton Hill hinausfuhr und zu der herrlichen Rennbahn kam, war Elk. Er stand in der Nähe des Sattelplatzes, den Zigarrenstummel im Mund und einen Ausdruck tiefster Melancholie auf seinem unglücklichen Gesicht. Er sah zu, wie Tony aus dem Wagen stieg, ohne das geringste Zeichen des Erkennens zu geben, so daß Braid, in der Meinung, er wolle nicht angesprochen werden, an ihm vorübergehen wollte.

 

»He, Mr. Braid, wie stehen die Chancen? Ich habe vierzehn Pfund auf Ihren sicheren Sieger gesetzt. Es war sehr nett von Ihnen, mir den Tip zu schicken, aber wenn irgend etwas Ihren Gaul kaputt machen kann, bin ich’s. Ich habe noch nie auf einen Sieger gesetzt. Im Moment, in dem er mein Geld fühlt, dreht sich das Vieh um und läuft falsch. Sicher hat er schon von meiner Wette gehört.«

 

Er zeigte mit dem Blick nach den Ställen.

 

»Einige liebe Freunde von Ihnen da drinnen – trauernder Neffe mit Kompagnon. Ich habe zwar keinen von ihnen weinen sehen, aber etwas anderes habe ich dafür gesehen. Ihren famosen Brief.«

 

»Was?« rief Tony eifrig, »haben sie ihn abgedruckt?« Er hatte diesen Brief ganz vergessen, den er nach Fleet Street geschickt hatte.

 

»Ob sie ihn gedruckt haben? Auf der anderen Seite!«

 

Elk zog eine Zeitung aus der Tasche, entfaltete sie und zeigte auf einen Artikel, der also begann:

 

Wir haben folgende Zeilen von Mr. Anthony Braid, dem Besitzer zweier Bewerber um den heutigen Steward-Pokal, erhalten:

 

An den Redakteur der »Sporting Times«!

 

Sehr geehrter Herr!

 

Ich nehme zur Kenntnis, daß die Öffentlichkeit meinen Hengst Barley Tor zum Favoriten gewählt hat. Es erscheint mir dem Sportpublikum gegenüber nur billig, wenn ich hiermit die Nachricht veröffentliche, daß ich zwei Pferde laufen lassen werde und daß meine Stute Lydia Marton im Gewicht etwas besser ist. Ich lasse dahingestellt, welches Pferd gewinnen wird, auch ob Barley Tor in dem Rennen besser abschneiden wird als im Training. Jedenfalls halte ich es für meine Pflicht, der Öffentlichkeit diese Tatsachen nicht vorzuenthalten.

 

Dann folgte eine redaktionelle Notiz:

 

Mr. Anthony Braid ist ein ausgezeichneter Kenner des Turfs, und seine Ansichten, zumal über seine eigenen Pferde, verdienen besondere Beachtung. Indessen kann nach allem, was man von den beiden Pferden weiß, kein Zweifel darüber herrschen, daß Barley Tor die besseren Aussichten hat.

 

»Wie werden die Leute setzen?« fragte Tony, während er die Zeitung zurückreichte.

 

Elk zündete sich den Zigarrenstummel wieder an, ehe er antwortete. »Das Vertrauen der Öffentlichkeit in Sie, Mr. Braid, ist so groß, daß Barley Tor, als Sie ihn kaum madig gemacht hatten, auch schon heißester Favorit wurde. Er steht 5:2.«

 

Während Tony zu den Stallungen schritt, hörte er einen Mann sagen: »Da ist er, der gerissene Kerl.«

 

Ein anderer wäre vor Wut hochgegangen. Braid amüsierte sich darüber. Er wußte ja, wer diesen üblen Ruf verbreitete.

 

Erst als er aus den Stallungen zurückkam, begegnete er Julian, der ihn mit einem schwachen Lächeln begrüßte und liebenswürdig auf ihn zukam. Er war in freundlicher Stimmung.

 

»Ich komme nicht oft zum Rennen, Braid, aber ich wollte mir mal einen freien Tag gönnen. Ich habe auf Ihr Pferd gesetzt.«

 

»Ich bin entzückt«, entgegnete Tony ohne Begeisterung. »Und welcher meiner beiden Vertreter hat die Ehre, für Sie ein paar Pfund gewinnen zu dürfen?«

 

Julian lächelte geheimnisvoll. Ihm schien der Augenblick sehr komisch.

 

»Sie haben natürlich auf Ihre beiden Pferde gesetzt?« scherzte er.

 

»Nein«, sagte Tony schlicht, »nur auf eins. Ich habe tausend Pfund auf Lydia Marton, und zwar auf Sieg, gesetzt, und ich glaube, ich werde um zwölf- bis vierzehntausend Pfund reicher heimkehren, als ich herkam.«

 

Julian lachte. In diesem Augenblick trat ein gemeinsamer Bekannter auf sie zu, grüßte Julian flüchtig mit einem Nicken und wandte sich dem Besitzer von Barley Tor zu.

 

»Ich höre, Ihr Pferd wurde bei einer Probe geschlagen, ich meine Barley Tor. Man sagt, Lydia Marton schlug ihn. Wem halten Sie die Stange?«

 

»Lydia Marton«, erwiderte Tony und blickte beiseite.

 

Der Frager grunzte ungläubig.

 

»Er scheint Ihnen nicht zu glauben, Braid.«

 

Tony merkte, daß der unsympathischste Mann dieser Erde noch immer da war.

 

»Scheint so. Drollige Sache. Aber es ist das Schicksal der Wahrheit, daß sie am schwersten Glauben findet.«

 

Guelder wartete am Eingang zum Sattelplatz in ziemlicher Ungeduld auf den Freund. Als sie dann zu ihren Sitzen schlenderten, fragte der Holländer:

 

»Was hat er gesagt?«

 

»Das alte Märchen«, erwiderte ihm Julian. »Dieser Kerl ist wirklich zu dumm!«

 

Guelder rieb sich nachdenklich die Backe. »Für dumm wollen wir diesen Mann lieber nicht verkaufen«, erwiderte er, »aber ich habe das Proberennen ja mit meinen eigenen Augen gesehen.« Seine Züge erhellten sich. »Und auf Pferde verstehe ich mich.«

 

Sie stiegen zur Tribüne hinauf und sahen das Feld zum Start hinabreiten. Guelder zeigte auf zwei Pferde, die man kaum verwechseln konnte. Lydia Marton trug die ersten Farben, gewöhnlich das einzige Zeichen, durch das der Rennstallbesitzer der Öffentlichkeit seine persönlichen Hoffnungen verrät.

 

»Ich werde dir sagen, wie das Rennen sich abspielen wird«, flüsterte Guelder vertraulich Reef zu. »Erst werden wir sehen, wie Lydia einen Scheinversuch macht, die Spitze zu halten. Dann wird Barley Tor wie der Blitz vorgehen, und damit wird das Rennen zu Ende sein.«

 

Julian überflog zerstreut die Menge, die die Tribünen füllte, und sah plötzlich auf dem Platz der Mitglieder des Rennvereins sein schwarzes Schaf.

 

»Weiß der Henker, wie dieser Kerl in einen so vornehmen Klub wie Goodwood hineinkommt!« knurrte er gereizt. »Jedenfalls wird sein Name nach diesem Rennen bei einem großen Teil des Publikums Dreck sein. Ich habe jedem Bekannten in der City geraten, auf Barley Tor zu setzen.«

 

Von den Tribünen, von den Stehplätzen stieg ein wilder Schrei zum Himmel auf. Gläser starrten auf die Bahn. Ehe der unerfahrene Julian Reef die Farben noch erkannte, waren die Pferde schon halbwegs am Ziel. Braids Stallgefährten liefen Seite an Seite, weit vor dem Feld. Dann sah er die kastanienbraune Stute losziehen, offenbar ohne jede Anstrengung. Zwei Längen vor dem Hengst ging sie durchs Ziel.