Kapitel 11

 

11

 

Guelder starrte entgeistert.

 

»Ich sah es«, würgte er. »Mit meinen zwei Augen. Ich sah es! Mein Gott, war ich denn hirnverbrannt? Mein Freund …« Er wandte sich um, doch Julian war nicht mehr neben ihm. Er bahnte sich wütend einen Weg durch die Menge. Und überall hörte er dasselbe Lied:

 

»Er hat es ja gesagt, daß sie das bessere Pferd sei … Was kann man mehr verlangen …?«

 

An den Tribünen empfing Tony die ziemlich reuevollen Glückwünsche seiner Bekannten.

 

»Sapperment, das war ’ne Überraschung, Braid!«

 

»Es war die Wahrheit«, sagte Tony gelassen. »Ich habe kein Hehl aus den Fähigkeiten der Pferde gemacht. Ich sagte euch die Wahrheit, aber ihr wolltet mir ja nicht glauben.«

 

Er sah Elk abseits des Gedränges stehen. Als sich die Menge verlaufen hatte, ging er auf ihn zu. Aus Elks Augen schimmerte eine größere Zufriedenheit, als er je an diesem melancholischen Mann gesehen hatte.

 

»Es war keine kleine Versuchung, nicht wie die anderen dem Geld nachzulaufen«, begann Elk. »Aber ich widerstand, und jetzt läuft das Geld der anderen mir nach. Als Tipgeber sind Sie erstklassig, Mr. Braid. Ich habe aber einen gesehen, der mit dem Rennen nicht so ganz zufrieden war. Reef sieht aus, als sei ihm die Ernte verhagelt. – Wetterprognose: Donner und Blitz, Regen und Sturm. Jetzt gehe ich mein Geld einkassieren. Mir werden sie es ja auszahlen, weil ich von der Polizei bin.«

 

Tony lachte. »Ihnen würden sie es in jedem Fall auszahlen, Sie alter Pessimist. Warum halten Sie jeden für einen Betrüger?«

 

»Bereit sein ist alles«, entgegnete Elk prompt.

 

*

 

Julian Reef hatte seinen Wagen an der Straße nach Singleton stehenlassen. Hier wartete er in ungeduldiger Wut eine halbe Stunde auf den Holländer. Endlich kam Guelder langsam dahergetrottet, quietschvergnügt, als habe er nie die Tücke des Schicksals kennengelernt.

 

»Ach, das war übel!« rief er, während er in den Wagen stieg. »Dieser gerissene Kerl! Dabei habe ich den Proberitt mit eigenen Augen gesehen!«

 

»Dein Fehler ist: du bist verdammt zu klug«, schnauzte Julian, schaltete und ließ dann die Kupplung so wütend los, daß der Wagen einen wilden Sprung nach vorn tat. »Es ist dir wohl klar, daß du mich mehr Geld gekostet hast, als ich bis Montag auftreiben kann?«

 

»Dann treib es eben nicht auf, mein Freund«, erwiderte Guelder gleichmütig. »Buchmacher sind doch keine Zahltage. Ehe sie dir ernstlich zusetzen können, werden wir reich sein, enorm reich, über alle Maßen!«

 

Julian blickte den Gefährten von der Seite an und sah, daß er sich eine lange, dünne, übelduftende Zigarre anzündete.

 

»Wohl wieder einer deiner Riesengewinne?« fragte er ironisch. »Bisher hast du mich nur mit Versprechungen gefüttert. Ein Vermögen habe ich für deine Experimente hinausgeworfen. Jetzt will ich endlich was zurückhaben.«

 

»Du sollst etwas haben«, besänftigte ihn Guelder. »Millionen und aber Millionen. Bald wirst du im Gold ersticken!«

 

»Bald, bald«, äffte der andere ungeduldig, »wann ist bald?«

 

Guelder hob die breiten Schultern.

 

»In einer Woche – vielleicht. Meine Experimente sind vielversprechend. Heute nacht oder in irgendeiner anderen Nacht mache ich den letzten Versuch. Dann kannst du nach Greenwich kommen und dich überzeugen.«

 

Julian sprach kein Wort mehr, bis sie zur Stadt kamen. Am Victoria-Bahnhof setzte er Guelder ab und fuhr zu seiner Wohnung und einem trüben Abend entgegen. Er hatte Grund genug zum Trübsinn. Frenshams Papiere waren jetzt geordnet und würden in wenigen Tagen Tony Braid zur Verfügung übergeben werden. Heute früh vor seinem Aufbruch hatte er einer Brief von Frenshams Anwalt mit der Aufforderung erhalten, sich mit Tony wegen der Lulanga-Öl-Angelegenheit in Verbindung zu setzen.

 

Lulanga war ein westafrikanisches Papier. Die Ölfelder waren in Nord-Angola entdeckt und von Leuten, die mit dieser Emission ein großes Vermögen verdient hatten, auf den Markt gebracht worden. Doch nach und nach waren die Aktien immer tiefer gesunken und stürzten nach Frenshams größtem Kauf von achtunddreißig Schilling bis etwas unter einem Pfund.

 

Dieser Sturz war rätselhaft. Rätselhaft für die City, rätselhaft selbst für die Ölexperten, da der Bericht des Sachverständigen, eines in der City hochangesehenen Mannes, höchst günstig lautete. Freilich wiesen zynische Bankiers auf die sonderbare Tatsache hin, daß dieser Bericht erst vierzehn Tage nach dem Tod des Sachverständigen veröffentlicht worden war. Er war ein sehr vorsichtiger Mann gewesen und hatte niemals vorher die Verantwortung für eine so optimistische Prophezeiung wie in dem Lulanga-Gutachten übernommen.

 

Julian vertrieb diese unangenehmen Gedanken, schlug alle Heimlichkeiten aus dem Sinn, griff zu einem Bogen Papier und setzte einen Brief an Ursula auf, mit dem er ihr Vertrauen in ihn zurückgewinnen wollte.

 

Schon nach einigen Worten merkte er, daß sein Füllfederhalter leer war. Es war noch einer von der alten Sorte, die mit einem besondern Füller aufgefüllt werden. Er suchte in seiner Schublade vergeblich nach dieser Spritze. Dann erinnerte er sich, daß Guelder so ein Ding aus Glas und Gummi besitze und ging in dessen Zimmer.

 

Der Holländer hatte die Rolljalousie seines Schreibtischs offengelassen. Julian suchte auf der Tischplatte, doch dort lag der Füller nicht. Dann öffnete er eine Schublade nach der anderen und fand in der untersten … Ursula Frenshams Gesicht blickte zu ihm auf. Es war ein Bild, das er vor langer Zeit einmal gesehen hatte. Doch jetzt hatte es jemand mit einem Rand von Amoretten und Herzen geschmückt. Die Zeichnungen waren ausgezeichnet. Zuerst hielt Reef den Rand für gedruckt. Doch dann sah er in der linken Ecke die Initialen des Künstlers.

 

Guelder! Unglaublich! War das ein schlechter Scherz des Holländers?

 

Er nahm die Fotografie heraus; darunter fand er noch eine, ohne Zeichnung, dafür aber mit einem Gedicht beschrieben. Doch da es holländisch war, konnte er es nicht lesen.

 

Er drehte das Bild um und fand auf der Rückseite entweder eine Übersetzung des Gedichts oder einen anderen poetischen Erguß des Holländers auf englisch.

 

Er war perplex. Guelder? Es war nicht zu glauben! Und doch, er kannte den Ruf dieses Mannes und hatte über ihn sehr kompromittierende Gerüchte vernommen.

 

Er vergaß den Anlaß seines Suchens, nahm, von Wut gepackt, die Bilder, zerriß sie in Fetzen und schleuderte sie in den Papierkorb. Er war über seine Entdeckung außer sich. Der Gedanke, daß dieser Mensch seine Wünsche zu Ursula zu erheben wagte, empörte ihn.

 

Als Guelder am nächsten Morgen heiter und ahnungslos mit einem Lächeln und einem gnädigen Winken seiner dicken Hand vor seinem Chef erschien, fuhr Julian ihn an:

 

»Ich habe heute nacht deinen Schreibtisch durchsucht. Du Schuft, ich habe in deinem Schub Fotografien von Ursula Frensham gefunden. Jemand hat die Unverschämtheit besessen, sie mit Herzen und Kupidos zu beschmieren!«

 

Rex Guelders Gesicht errötete, die Augen sanken in ihre Höhlen.

 

»Ich bin der Jemand«, stieß er grob hervor. »Es geht keinen etwas an, was ich in meinem Schreibtisch habe!«

 

»So? Vielleicht geht’s mich doch etwas an!« wetterte Reef. »Es wird dich interessieren, daß ich die Bilder zerrissen und in den Papierkorb geschmissen habe!«

 

Er sah den Holländer erbleichen. Seine Lider zuckten, seine dicken Lippen bebten, aber er beherrschte sich.

 

»Das war töricht von dir, mein Freund«, sagte er heiser. »Sie taten keinem was zuleide und mir brachten sie Freude. Die junge Dame ist herrlich – ich bin Kenner. Wahrscheinlich wäre es dir lieber, wenn ich diese Bilder an Mr. Braid geschickt hätte?«

 

»Von mir aus kannst du sie dem Satan schicken«, wütete Julian. »Braid ist wenigstens ein Gentleman, du aber bist ein gemeines Schwein! Ich nehme vor dir kein Blatt vor den Mund, ich kenne deinen Ruf. Ich weiß, warum du Amsterdam so eilig verlassen hast, und habe so einiges davon läuten hören, was in Niederländisch-Indien passiert ist. Du bist mir nützlich – das heißt, vorläufig bist du ein sehr kostspieliger Luxus. Wenn wir auch gemeinsame Geschäfte haben – privat haben wir nichts miteinander gemein, nicht das geringste. Verstanden?«

 

Guelder atmete schwer. Sein Gesicht hatte einen bösen, grausamen Ausdruck.

 

»So, so?« flüsterte er. »Ich bin ein Schwein, wie? Gut genug für deine schmutzigen Geschäfte, aber nicht für deine feinen Freundinnen, nicht wahr? Ich soll dir Millionen schaffen, aber im übrigen bin ich dein Knecht – so, so!«

 

»Bisher hast du mir noch sehr wenige Millionen verschafft, hast mich nur ein Vermögen gekostet«, schalt Reef.

 

Guelder lehnte sich über den Tisch hinüber und stieß seinen dicken Zeigefinger Reef fast ins Gesicht.

 

»Aha! Du meinst, ich darf zu Lady Frensham nicht meine Gedanken erheben, weil ich zu niedrig stehe, weil ich – wie war doch dein schönes Wort? – gemein bin. Jetzt will ich dir einmal etwas sagen. Es war an dem Abend, an dem Frensham sich erschoß – er erschoß sich doch, wie? Ich habe viel Zeit, gehe in der Stadt umher und sehe mir die hübschen Mädels an. Und wie ich so gehe, wen sehe ich? Meinen Freund Reef. Ich bin von Natur aus neugierig. Ich denke mir: nanu, wohin geht mein Freund, der erhabene Mr. Julian Reef? Ich folge ihm. Er merkt es nicht. Ich beobachte dich so von acht bis neun. Du bist ahnungslos. Ich immer hinter dir her. Wir gehen über die Brücke von Westminster. Du lehnst dich sorglos, über das Geländer – etwas fällt ins Wasser, aber nur etwas. Und einiges, das du fallen läßt, plumpst nicht ins Wasser! Einige Kleinigkeiten fand ich auf einem Mauervorsprung der Brücke!«

 

Er hielt seine findigen Hände empor. Julians Gesicht wurde weiß wie der Tod. Er hätte nur die Kraft, auf den grinsenden Menschen zu starren, der mit seinen kurzen Wurstfingern höhnisch vor ihm herumfuchtelte. »Diese netten kleinen Dinger liegen wohlgeborgen in meinem Geldschrank in Greenwich. Als ich in mein trautes Heim kam, habe ich sie genau untersucht und dann in meinen Safe gesteckt. Eines Tages …« Er fuchtelte mit seinen Händen so dicht vor Julians blassem Gesicht herum, daß dieser den leichten Luftzug aus ihrer Bewegung spüren konnte.

 

»Eines Tages wird dieser Julian vielleicht von Ursula Frensham als von seiner Braut sprechen. Dann werde ich sagen: ›Nein, mein Lieber, diese Märchenprinzessin ist nicht für dich, sondern für – das gemeine Schwein.‹ Du hast meine schönen Bilder vernichtet. Glücklicherweise habe ich noch andere zu Hause. Sonst würde ich dich schon jetzt ans Messer liefern – du – Bilderstürmer!«

 

Er hielt keuchend inne. Julian sagte nichts. Sein Gesicht war wie versteinert. Nur in den glühenden Augen brannte der Haß. Er hätte gern Fragen gestellt. Doch er wagte nicht, diesen triumphierenden Unhold zu bitten. Auch vertrugen die Dinge, um die es ging, keine lauten Worte. Wider Erwarten wurde Rex Guelder plötzlich versöhnlich.

 

»Wir wollen nicht so unangenehme Geschichten erörtern«, sagte er besänftigend. »Wir wollen sie vergessen. Wir beide müssen miteinander auskommen. Du brauchst mich, mein Freund, und ich brauche dich. Wir sind eine ideale Verbindung. Wir haben die Zukunft vor uns, die große Zukunft! Die ganze Nacht hindurch habe ich mir für dich den Kopf zerbrochen. Jetzt sehe ich genau den Weg. Du mußt deine Angelegenheiten ordnen. Es darf nicht den Schatten eines Skandals geben. Wir müssen Geld auftreiben – ich werde Geld auftreiben –, die Leute dürfen sich nicht zuflüstern: ›Reef ist kaputt!‹«

 

Julian befeuchtete seine trockenen Lippen und bemühte sich, seiner zitternden Stimme Festigkeit zu geben.

 

»Wo soll das Geld herkommen?«

 

Guelder grinste ihn an.

 

»Wer ist dieser Mensch, der mit fünfundsechzig- oder fünfundsiebzigtausend Pfund um sich wirft, um den Pleitegeier von Lord Frensham zu verscheuchen? Wer anders als der gerissene Braid? Er soll unsere Kriegskasse auffüllen, ohne zu ahnen, daß er der Feind ist, den wir bekämpfen.«

 

Julian betrachtete den Mann mit eisiger Verachtung. »Bildest du dir denn ein, Braid werde dir oder mir vielleicht solche Summen borgen?«

 

Der andere nickte.

 

»Da bist du schief gewickelt, mein Lieber. Braid würde nicht einmal den Strick bezahlen, an dem sie mich aufknüpfen.«

 

Guelder lachte. »So weit ist es ja noch nicht. Ich habe einen Plan ersonnen, der uns retten wird. Es ist nichts weiter dazu nötig, als daß unser Freund Braid sich weiter um seine Rennen kümmert und einige Tage seine Finger aus der Lulanga-Angelegenheit läßt.«

 

In diesem Augenblick kam ein Angestellter mit einem Telegramm herein. Es war an Julian gerichtet. Er öffnete es ohne übertriebene Hast und las den Inhalt. Guelder sah, wie sich dessen Augenbrauen zusammenzogen.

 

»Ein böser Zufall«, sagte Julian Reef.

 

Guelder nahm ihm die Depesche aus der Hand und las:

 

Ich möchte morgen um zehn Uhr in Frenshams Büro die Angelegenheit der Lulanga-Öl-Kompanie mit Ihnen besprechen.

 

Die Unterschrift lautete: »Anthony Braid«.

 

Die beiden Männer sahen sich an. Guelder schüttelte den Kopf.

 

»Das ist Pech«, murmelte er, »verdammtes Pech!«

 

Kapitel 1

 

1

 

Es fing mit einer kleinen Meinungsverschiedenheit zwischen einem Trainer, einem Jockey und einem Buchmacher von zweifelhaftem Ruf an. Der Streit ging um die Stute Ectis, die Favoritin für den Königlichen Jagdpokal. Gegen Jockey und Trainer bestand bereits ein gewisser Argwohn; sie mußten also darauf achten, sich nicht allzusehr zu kompromittieren.

 

Die Frage war, ob man die Stute vor dem Ziel »bremsen« sollte oder ihr, wie es der Jockey vorschlug, vor dem Rennen eine kleine Dosis Laudanum verabreichen und damit von vornherein jedes Risiko ausschalten sollte. In beiden Fällen mußte man mit Unannehmlichkeiten rechnen. Denn wurde die Stute im Rennen zurückgehalten, fiel der Verdacht auf den Jockey. Hatten dagegen die Schiedsrichter den Argwohn, daß das Tier »verarztet« worden war, würden sie eine Untersuchung verlangen, deren Resultat unweigerlich dazu führen mußte, den Trainer für immer vom Rennplatz zu verweisen.

 

Schließlich siegte der Trainer. Ectis sollte vor dem Ziel aufgefangen werden. Der Buchmacher, der für beide Teile die Wetten legte, machte, wie verabredet, das Pferd schlecht. Vom Favoriten wurde es zweiter Favorit, vom zweiten Favoriten dritter und stieg dann hinab zur Klasse der 100:6.

 

»Mir unbegreiflich«, sagte der Trainer einen Tag vor dem Rennen zu dem Besitzer. »Das Pferd war niemals besser, Mr. Braid.«

 

Mr. Braid sog nachdenklich an einer langen Zigarre, seine dunklen Augen fixierten den verwitterten, kleinen Trainer. Er war auf der Rennbahn zwar ein Neuling, wenigstens in England, aber angesehen, sehr reich und durchaus seriös. Rennfreunde besaß er nicht. Angesehene Leute vom Rennplatz betrachteten neugierig die schlanke Gestalt mit dem dunklen, ergrauenden Haar und dem langen, blassen Gesicht und drückten nicht aus Mitleid ein leichtes Bedauern darüber aus, daß eine so gewinnwinkende Chance in die Hände des Trainers Lingford und seines gewissenlosen Partners, des Jockeys Joe Brille, gefallen war.

 

Anthony Braid hatte ein reizendes kleines Haus in Ascot, wo er während der Rennwoche wohnte, und war mit seiner Einsamkeit zufrieden. Man sah ihn auf dem Sattelplatz umherstehen, eine lange Zigarre zwischen den Zähnen, und ins Leere starren. Er wettete selten, und dann nur sehr bescheiden, und ließ sich nie über die Mutmaßungen seines Trainers in Debatten ein, noch stellte er Fragen an seinen Jockey. Anscheinend langweilte ihn alles.

 

»Möglich«, murrte er, als der Trainer eine Pause machte, »möglich, daß die Buchmacher einen anderen Favoriten haben.«

 

»Stimmt, Sir, sie halten ›Denford Boy‹ für unbesiegbar.«

 

Mr. Lingford bedauerte im stillen, daß er »Ectis« nicht zum Sieg reiten lassen durfte. Er hätte ein Vermögen damit verdienen können. Doch er schuldete dem Buchmacher, der das Pferd stillegte, eine Menge Geld und wagte keinesfalls, seinem Gläubiger entgegenzuhandeln.

 

Eine Stunde, ehe der Königliche Jagdpokal gelaufen wurde, nahm Anthony Braid seinen Trainer beiseite. »Mein Pferd hat sich im Preis etwas erholt«, sagte er. Lingford war diese Tatsache nicht entgangen. »Ja, Sir – jemand hat im ganzen Land hohe Wetten auf die Stute abgeschlossen.«

 

Ihm war ein bißchen unbehaglich zumute; denn am Morgen hatte sein Buchmacher ihm vorgeworfen, daß er nach zwei Seiten arbeite.

 

»Ja«, sagte Tony Braid mit seiner tiefen, wohllautenden Stimme. »Ich habe im ganzen Land Wetten abgeschlossen. Ich beabsichtige, heute dreißigtausend Pfund zu gewinnen.«

 

»Wirklich, Sir?« Der Trainer atmete erleichtert auf. Er hatte vermutet, die Wetten stammten von einem Bundesgenossen Brilles und befürchtete schon, daß der Jockey ihn betrüge. »Nun, Sie werden ein schönes Rennen für Ihr Geld haben. Brille sagt –«

 

»Was Brille sagt, interessiert mich nicht«, erwiderte der Besitzer sehr sanft, »er reitet die Stute nicht. – Ich habe mir einen Jockey aus Frankreich kommen lassen. Und, Mr. Lingford, ich habe auch meinen Trainer gewechselt. Vor einer halben Stunde habe ich höchst eigenhändig das Pferd Mr. Sanford übergeben. Und wenn Sie dem Tier noch einmal nahe kommen, melde ich Sie der Rennleitung. Darf ich Ihnen einen Rat geben?« Dem verdutzten Trainer blieb die Antwort in der Kehle stecken.

 

»Zwei Tips«, fuhr Anthony Braid fort, »erstens: gehen Sie in den Ring und setzen Sie so viel auf Ectis, daß Sie den Rest Ihres Lebens davon zehren können. Denn ich glaube nicht, daß Sie je wieder ein Pferd trainieren werden. Zweitens: versuchen Sie nie wieder, einen Mann zu beschwindeln, der sich an der Börse in Johannesburg die Sporen verdient hat. Guten Morgen!«

 

Ectis gewann mit drei Längen, und Mr. Anthony Braid hatte einen neuen Spitznamen. Er, der bisher »die gute Gelegenheit« und »die Chance«, geheißen hatte, wurde jetzt bekannt als »der gerissene Kerl«. Der Name blieb ihm. Er wurde ihm eines Tages in seinem Büro entgegengeschleudert, als er Aaron Trosky, von der Trosky-AG., mit weit über fünfzigtausend Pfund hineinlegte. Allerdings hatte Mr. Trosky in der Unschuld seines Herzens zuvor versucht, Anthony Braid mit einer größeren Summe in einem Minengeschäft hineinzulegen. Aber daran dachte er jetzt nicht.

 

»Sie sind ein gerissener Kerl«, jammerte der bebende Aaron, »so nennt man Sie, und das stimmt auch!«

 

»Machen Sie die Tür von draußen zu«, forderte Anthony ihn höflich auf.

 

Unbelehrt durch Troskys Erfahrung, brachte ein gewisser Felix Fenervy dem »gerissenen Kerl« ein Platinprojekt. – Er hätte es lassen sollen. Anthony prüfte die Pläne, überflog den verschleierten Bericht des Experten – kein Laufbursche hätte sich davon täuschen lassen – und lud Mr. Fenervy zum Frühstück ein. Auch Anthony hatte ein Platinprojekt – einen Landstreifen in Nord-Rhodesien. Warum sollte man nicht, schlug der sanfte Tony vor, die beiden Besitzungen unter der Firma »Vereinigter Platintrust« zusammenwerfen und gemeinsam den Nutzen aus den beiden Ländereien ziehen? Fenervy war begeistert. Am nächsten Tag zahlte er seinem »Opfer« dreiundzwanzigtausend Pfund Einlage und hatte noch immer den Eindruck, daß er ein glänzendes und gewinnbringendes Geschäft mache.

 

So war Anthony Braid, dessen Vermögen keiner außer seinem Bankier kannte, bis zu jenem Morgen, an dem er einen Mann besuchte, der ihm die Tür wies; ein Mann zwar, der ihn gern hatte, aber in seiner Gegenwart seine Nerven verlor. Ob Tony Braid Lord Frensham mochte oder nicht, ist Nebensache. Seine Zuneigung galt so ausschließlich einem anderen Mitglied der Familie, daß Lord Frensham Argwohn und Mr. Julian Reefs Haß ihn gar nicht berührten.

 

»Mr. Anthony Braid, Mylord«, meldete der Diener. Lord Frensham rückte seinen tiefen Schreibtischsessel zurück, fuhr mit der Hand ungeduldig durch sein dichtes graues Haar und zog ärgerlich die Stirn in Falten.

 

»Hm«, knurrte er, blickte den Diener an und befahl dann mit einer ungeduldigen Geste: »Lassen Sie ihn eintreten, Charles!«

 

Ein breitschultriger, ohne Sorgfalt gekleideter, unrasierter Mann mit scharfen Zügen, großen Händen, rauher Stimme, kurz angebunden: das war der achte Earl von Frensham. Ein ehrlicher, aber dickköpfiger Mann, der in der City ein für immer verlorenes Familienvermögen wiederzugewinnen suchte, aber dessen schlichte, liebenswerte Eigenschaften sich in einem dauernden Kampf mit seiner rücksichtslosen Umwelt zermürbten.

 

Als Charles hinausgegangen war, öffnete er eine Schublade des Schreibtisches und entnahm ihr eine Mappe voller Dokumente, öffnete sie und betrachtete Bogen auf Bogen. Doch seine Gedanken waren nicht bei den Geschäften des Lulanga-Öl-Syndikats. Er überlegte die endgültige und vernichtende Antwort auf den Vorschlag, der ihm in wenigen Augenblicken gemacht werden würde. »Mr. Anthony Braid, Mylord.«

 

Der Mann, der dem Diener in die Bibliothek folgte, war der Typ des vollendeten Gentleman. Vom weißen Kragen bis zu den Spitzen der glänzenden Schuhe war er das Meisterwerk eines hervorragenden Schneiders und umsichtigen Kammerdieners. Sein schmaler Wuchs ließ ihn sehr groß erscheinen. Sein schwarzes Jackett saß tadellos. An der grauen Weste schimmerten Onyxknöpfe. Als einzigen Schmuck trug er eine Perle in der modernen Krawatte und eine dünne Platinuhrkette. Die weißen Hände, in denen er Handschuhe und den spiegelnden Zylinder hielt, schmückten keine Ringe. Mr. Anthony Braid war vierzig Jahre alt und hielt sich kerzengerade. Sein Haar war fast schwarz und betonte die Blässe seines langen, angenehmen Gesichts. Die Augen waren dunkel und unerforschlich. Er blieb stehen, hielt den Blick fest auf den Herrn des Hauses gerichtet, und beide schwiegen, bis sie allein waren.

 

»Nun«, rief Frensham ungeduldig, »setzen Sie sich, setzen Sie sich doch, Braid, oder haben Sie Angst, sich zu setzen?«

 

Braid legte Hut, Handschuhe und Stock mit bedächtiger Sorgfalt auf einen kleinen Tisch, zog die Hose an den Knien empor und setzte sich.

 

»Ein herrlicher Morgen«, begann er mit seiner tiefen, weichen Stimme und einem entwaffnenden Lächeln. »Wie geht es Ihnen, Frensham – und Lady Ursula?«

 

Lord Frensham war nicht in der Stimmung, sich über das Wetter oder seine Tochter zu unterhalten.

 

»Ich habe Ihren Brief erhalten«, erwiderte er grob, »und offen gesagt, halte ich ihn für eine – eine –«

 

»Unverschämtheit«, fiel Braid mit geheimnisvollem Lächeln in den Augen helfend ein.

 

»Sehr richtig«, stimmte. Frensham heftig zu, »wenn nicht Schlimmeres. Was Sie mir da mitteilen, ist im Grunde nichts anderes, als daß Julian Reef, der nicht nur mein Neffe, sondern auch mein Mitdirektor ist, den Kurs der Lulanga-Öl-Aktien hinuntertreibt, d. h., daß er sich bemüht, mich zu ruinieren. Ich muß Ihnen schon sagen, Braid, ich war nicht wenig erstaunt, daß Sie eine so unerhörte Anschuldigung schriftlich niederlegen. Natürlich werde ich Reef Ihren Brief nicht zeigen, sonst –«

 

Braids dunkle Augen flammten auf. »Warum wollen Sie ihm den Brief nicht zeigen?« fragte er sanft. »Ich habe nicht die geringste Angst vor einer Verleumdungsklage. Ich besitze etwa sechshunderttausend Pfund – vielleicht etwas mehr. Kein Gericht hat jemals solchen Schadenersatz zugesprochen. Ich werde immer noch genug zum Leben übrigbehalten.«

 

Frensham blickte finster zu ihm auf. »Das mag sein«, sagte er, »aber ich lege keinen Wert darauf, diese Dinge an die große Glocke zu hängen. Ich will ganz offen mit Ihnen reden, Braid. Jemand treibt den Kurs dieser Aktien hinunter. Die Kurse fallen täglich – und dieser Jemand sind Sie! Lassen Sie mich, bitte, ausreden! Sie haben einen gewissen Ruf – einen Spitznamen –«

 

»Der gerissene Kerl«, lachte Braid, »ich bin stolz darauf. Gauner nennen mich so, weil es ihnen nicht gelingt, mich reinzulegen. Und mein lieber Freund Reef hat sich, weiß Gott, Mühe genug gegeben, mich hineinzulegen!«

 

»Sie sind Rennstallbesitzer mit einem eigenartigen Ruf –«

 

Wieder unterbrach ihn der Mann mit den dunklen Augen.

 

»Sagen Sie doch ›üblen‹, wenn es Ihnen Spaß macht. Es ist zwar nicht ganz wahr, aber es macht die Dinge für Sie leichter, mein lieber Frensham. Also sagen Sie ruhig ›mit einem üblen Ruf‹ oder darf ich Ihnen zur Abwechslung ›einen gefährlichen Ruf‹ vorschlagen?«

 

Lord Frensham machte eine nervöse Bewegung.

 

»Vielleicht sind Sie besser als Ihr Ruf, aber Sie haben ihn nun einmal. Sie sind für weit mehr Leute ›der gerissene Kerl‹ als Mr. Tony Braid. Und darum können Sie von mir wirklich nicht erwarten, daß ich Ihnen glaube, mein bester Freund arbeite an meinem Ruin und betrüge mich und die Gesellschaft.«

 

»Der gerissene Kerl« lächelte, entnahm seiner Tasche ein goldenes Zigarettenetui, bat mit einem Blick um Erlaubnis, zündete sich umständlich die Zigarette an und legte das Streichholz sorgsam in eine Aschenschale.

 

»Leuchtet es Ihnen nicht ein, daß es ziemlich naiv wäre, Ihren Freund zu beschuldigen, wenn ich selbst den Kurs Ihrer Aktien hinuntergetrieben hätte? Der gerissene Kerl würde eine so törichte Anklage gegen einen Mann Ihres Vertrauens erheben? Trauen Sie mir doch wenigstens ein bißchen Intelligenz zu und –«

 

Plötzlich öffnete sich die Tür. Eine Dame und ein Herr traten ein. Beim Anblick des Mädchens erhob sich der elegante Mr. Braid. Die blonde, kraftvolle Schönheit Ursula Frenshams raubte ihm den Atem, sooft er sie sah. Sie kam auf ihn zu und streckte ihm, Überraschung und jähe Freude in den Augen, die Hand entgegen.

 

»Tony, Sie sind ein schlechter Mensch!« rief sie. »Sie haben sich seit Monaten nicht bei uns sehen lassen.«

 

Ihres Vaters Mißbilligung konnte sie nicht bemerken, aber sie hätte vielleicht ahnen können, daß der lächelnde junge Mann, der ihr folgte, nicht mehr lächelte.

 

»Ich bin nicht gekommen, weil man mich nicht eingeladen hat«, erklärte Tony Braid mit dem kleinen, drolligen Lachen, das ihm eigen war. »Keiner liebt mich, Ursula, ich bin verfemt auf der weiten Erde.«

 

»Reden Sie nicht so närrisches Zeug«, wies ihn Frensham zurecht.

 

Mr. Reef schüttelte das starre Erstaunen über den unerwarteten Anblick des verhaßten Mannes ab und lächelte wieder. Er lächelte immer, dieser Mann mit dem roten Gesicht, dem dichten, rötlichbraunen Haar und den herrlichen weißen Zähnen. Er sah merkwürdig jung aus, trotz seiner dreißig Jahre, und hatte eine jungenhafte Art, mit verletzender Offenheit Wahrheiten von sich zu geben. Freilich waren es Wahrheiten, die wie Peitschenhiebe saßen, und auch sein freies und fröhliches Lächeln dabei war nur ein gelinder Trost.

 

»Quatsch, Braid«, sagte er, »Sie tun sich wohl schrecklich leid! Wenn ihr Burschen in den Fünfzigern euer Haar auch noch so verdächtig dunkel und eure Taillen Gott weiß wie schlank bewahrt, die Grämlichkeit platzt euch doch aus allen Nähten. Ich habe Sie zu Gesellschaften eingeladen, alter Junge, aber Sie saßen da wie ein Ölgötze!«

 

Braid blieb ganz ruhig.

 

»Ihre Gesellschaften haben mich gelangweilt«, sagte er obenhin, »und wenn ich mich langweile, werde ich nun mal grämlich. Ich habe Ihre Gesellschaften endgültig an meinem neununddreißigsten Geburtstag aufgegeben. Der war voriges Jahr. Und, offen gesagt, Ihre Freundinnen gefallen mir nicht. Da ziehe ich Ballettmädels vor. Die tun wenigstens nicht, als ob sie was Besseres wären.«

 

Julian Reef lachte zwar, aber nicht besonders herzlich.

 

»Faucht euch nicht an«, schalt Ursula vorwurfsvoll.

 

»Väterchen, lade Tony doch zum Lunch ein, und Tony, benehmen Sie sich anständig!«

 

Lord Frensham fühlte sich offenbar sehr unbehaglich.

 

»Ich kann Braid nicht zum Lunch einladen, weil ich in meinem Klub esse«, wich er aus. »Und jetzt, meine liebe Ursula –«

 

Er hielt inne.

 

»Ach so, ihr habt Geschäfte! Nur noch eins: Väterchen, du bist wieder nicht rasiert!« Sie nickte Tony zu und ging aus dem Zimmer.

 

Mr. Julian Reef blickte von einem zum andern.

 

»Ich störe wohl?« fragte er ahnungsvoll.

 

Tony Braid antwortete: »Nein. Es betrifft Sie. Zeigen Sie ihm den Brief, Frensham, den ich Ihnen geschrieben habe.«

 

»Ich denke nicht daran«, wehrte Frensham ab. »Ich habe Ihnen schon gesagt –«

 

»Daß Sie keinen Skandal wünschen«, ergänzte Tony Braid ruhig. »Und ich versichere Ihnen: es wird keinen Skandal geben.«

 

Er ging langsam zum Schreibtisch und tippte mit dem Zeigefinger auf die blankpolierte Platte, jedes Wort unterstreichend.

 

»Bis vor sechs Monaten waren Sie und ich die besten Freunde. Ich bilde mir ein, ich habe Ihnen in manchem geholfen, auch verstehe ich von Börsengeschäften mehr als Sie. Ich sage das weder, um mich wichtig zu machen, noch als Vorwurf. Sie haben mit Ihr Haus geöffnet und mir gestattet, mich Ursula zu nähern. Und dann schicken Sie mir plötzlich einen Brief, verbitten sich meine Besuche und verbieten mir, Ihrer Tochter Aufmerksamkeiten zu erweisen. Heute morgen haben Sie plötzlich entdeckt, daß City-Gauner und Rennbahnabenteurer mich einen ›gerissenen Kerl‹ nennen – eine Tatsache, die Sie seit Jahren kennen! Sie werfen mir vor, daß ich den Kurs Ihrer Aktien hinuntertreibe, indem ich Lulangas hinter Ihrem Rücken verkaufe. Ich begegnete dieser Beschuldigung mit dem kategorischen Hinweis, daß der Mann, der Lulanga-Öl-Aktien verkauft und Sie an den Rand des Verderbens gebracht hat, Ihr Neffe, Mr. Julian Reef, ist, der aus irgendeinem Grund – offenbar einem höchst egoistischen – seit drei Wochen laufend Lulangas verkauft.«

 

Julian Reefs Gesicht war plötzlich wutentstellt. Er packte Braid an der Schulter und schwenkte ihn zu sich herum.

 

»Sie sind ein verfluchter Lügner!« schnaubte er.

 

Im nächsten Augenblick lag er auf der Erde. Im Sturz hatte er einen Stuhl mitgerissen.

 

»Halt, Braid!« Frensham war aufgesprungen und zwischen die beiden Männer getreten.

 

Braid nahm seinen Hut und strich sorgsam glättend über dessen Rand. Ein kleines Lächeln spielte in den Winkeln seines Mundes.

 

»Ich muß mich bei Ihnen entschuldigen, Frensham«, sagte er. »Aber noch kein Mann hat mich ungestraft ins Gesicht einen Lügner genannt. Übrigens verwaltet Mr. Reef, soviel ich weiß, gewisse Gelder Ihrer Tochter Ursula. Ich erlaube mir, Ihnen zu raten, durch einen Ihrer Buchhalter dieses Vermögen nachprüfen zu lassen. Selbst gelbe Diamanten kosten allerhand Geld.«

 

Ohne übertriebene Eile griff er nach Handschuhen und Stock. Reef war inzwischen wieder auf die Füße gekommen, hielt sich den getroffenen Unterkiefer, blickte Braid mit tödlichem Haß an, wagte aber nicht, ihn aufzuhalten.

 

Kapitel 10

 

10

 

Tony Braid hatte sein Frühstück beendet, steckte sich eine lange schwarze Zigarettenspitze in den Mund und sah seine Post durch. Er fühlte, daß jemand das Zimmer betreten hatte, blickte sich aber erst um, als er ein unterdrücktes Lachen und seinen Namen hörte. Mit einem Ruck hob er den Kopf.

 

»Großer Gott, wie kommen Sie hierher?«

 

»Ich bin von Somerset hergefahren«, sagte Ursula. »Es ist dort zum Sterben langweilig, Tony. Ich bin bei Verwandten meines geliebten Vaters. Furchtbar kleinliche Menschen, die entsetzt sind, daß ich nicht dauernd weine und lamentiere. Sie selbst trauern schrecklich; aber ich glaube, das ist der Normalzustand bei ihnen.« Sie sah sehr hübsch aus, sehr groß und schlank, und für ihn betrübend jung. Ihr sonst blasses Gesicht war rosa überhaucht von der raschen Fahrt in der Morgenluft.

 

»Haben Sie Ihre Zelte abgebrochen?«

 

Sie seufzte und schüttelte den Kopf.

 

»Vorläufig muß ich noch dort bleiben. Nur durch die raffiniertesten Lügen habe ich mich überhaupt fortgeschmuggelt. Der Butler ist die einzig fühlende Seele. Wie steht’s mit seinem Tip?«

 

»Er gewinnt bestimmt«, versicherte Braid. Dann fragte er: »Haben Sie schon gefrühstückt?«

 

Sie hatte in Oxford Kaffee getrunken. Er klingelte und bestellte ihr ein zweites Frühstück.

 

»Alle Zeitungen sind voll von Ihrem Barley Tor. Warum lassen Sie zwei Pferde laufen?« wollte sie wissen.

 

»Weil ich ein gerissener Kerl bin«, erklärte Tony. »Mr. Rex Guelder wäre auch sehr enttäuscht, wenn ich es nicht täte.«

 

Ihre Miene verfinsterte sich.

 

»Ich hasse den Menschen. Er hat etwas Widerliches an sich.«

 

»Kennen Sie ihn denn näher?« fragte er gespannt und dachte an ihre frühere Erwähnung des Holländers.

 

»Er kam zwei- bis dreimal zu uns ins Haus. Nie habe ich ein solches Gefühl des Unbehagens empfunden wie in seiner Nähe. Nein, frech war er durchaus nicht, im Gegenteil, eher schleimig liebenswürdig. Einmal küßte er mir die Hand. Ich wehrte es ihm nicht, weil ich es für eine kontinentale Sitte hielt. Er hat etwas an sich, was vielleicht nur eine Frau empfindet. Man fühlt die Gemeinheit seines Wesens. Es überkommt einen fast körperlich. Julian behauptet, er sei sehr klug.«

 

»Haben Sie etwas von Julian gehört?«

 

Sie schüttelte heftig den Kopf. »Ich möchte auch nichts von Julian hören«, rief sie erbittert. »Wir sind nicht im besten Einvernehmen geschieden. Vielleicht habe ich nicht recht gehandelt, Tony, ich sagte ihm, wir beide wären übereingekommen, die Sache mit meinen Aktien nicht allzu genau nachzuprüfen. Der arme Vater! Man hat mir gesagt, daß seine geliebten Lulanga-Aktien zu einem lächerlichen Preis verkauft würden – für fünf Schilling oder so.«

 

Braid berichtete:

 

»Zu diesem Kurs werden sie nicht verkauft, sondern angeboten. Es sollte mich sehr wundern, wenn überhaupt Geld dafür zu kriegen wäre. Das Merkwürdige daran ist, daß die letzten Berichte, die ich gelesen habe, außerordentlich günstig lauteten. Kein Mensch in der City weiß, was eigentlich los ist. Ein Gerücht geht um, die Quellen wären versiegt. Das ist aber ganz unbestätigt. Und nach dem wenigen, was ich von Öl verstehe, hätten wir sicher sehr genaue Nachricht, wenn das wahr wäre.«

 

»Wir?« fragte sie verwundert. »Sind Sie denn auch an diesen unseligen Aktien beteiligt?«

 

Er nickte langsam.

 

»Ja – nicht persönlich. Aber Sie vergessen, daß ich Testamentsvollstrecker und Nachlaßverwalter Ihres Vaters bin. Er besaß ein enormes Paket dieser Aktien und Sie wahrscheinlich auch.«

 

Nach langem Schweigen fragte Sie: »Können Sie es verstehen, Tony? Je länger ich darüber nachdenke, desto unbegreiflicher erscheint mir alles. Warum sollte Vater Selbstmord begangen haben, nachdem Sie ihm Ihre Hilfe zugesagt haben?«

 

»Ich glaube, er hat meinen Brief nicht gelesen«, erklärte Tony und mied den Blick. »Das Kuvert und der Scheck lagen zerrissen im Papierkorb. Eine ganz unerklärliche Sache – vorläufig noch.«

 

Er wechselte brüsk das Thema und fragte nach ihren Plänen für die nächste Zukunft. Sie war eigentlich von Somerset aufgebrochen, um nicht wieder zurückzukommen. Unterwegs aber hatte sie ihre Absicht geändert und sich entschlossen, doch zurückzufahren und sich durch ein Telegramm abrufen zu lassen – wenn Braid die Verschwörerrolle übernehmen wollte.

 

»Ich glaube, ich könnte in unserem Haus in Hampstead wohnen«, sagte sie. »Viele Mädchen in meinem Alter wohnen allein. Schlimmstenfalls habe ich eine entfernte Tante, die irgendwo in Cumberland wohnt. Die kann ich zu mir bitten.«

 

Sie sah auf die Uhr. »Sie müssen jetzt natürlich zum Rennen? Ich werde bleiben, und wenn Sie fort sind, in Ihrem herrlichen Badezimmer ein Bad nehmen, Sie Genießer! Und dann werde ich mich langsam zu den romantischen Alleen von Somerset und der schrecklichen Langeweile bei den Pollys zurückschlängeln.«

 

Trotz ihrer äußeren Fröhlichkeit erschien sie ihm wie eine verlorene, bemitleidenswerte Gestalt, als sie unter dem Vorbau des Hauses stand und ihm nachwinkte. Er kannte nicht das Geheimnis ihrer Erbschaft und wußte nicht, wann sie ausgezahlt werden würde. Er wußte nur, daß sie außer einem winzigen Einkommen aus einem kleinen Gut im Norden so gut wie nichts besaß. Er wußte auch, daß sie keine Hilfe annehmen würde, wenn er nicht … Er seufzte schwer. Dann wurde er auf sich zornig. Alberne Gefühlsduselei! Er war vierzig, hatte das halbe Leben hinter sich. Sie war fast zwanzig Jahre jünger. Eins war ihm klar: er durfte sie niemals bitten, ihm ihre Jugend zu opfern und seine Frau zu werden. Das wäre nicht fair. Ihm blieb nichts übrig, als für ihre Zukunft zu sorgen und hinter einem fröhlichen Gesicht den bitteren Schmerz zu verbergen, einem anderen zu überlassen, worum er nicht zu kämpfen gewagt hatte … Aber der Glückliche durfte nicht Julian Reef sein! Bei diesem Gedanken verzerrte sich Braids Gesicht.

 

Fast der erste, dem er begegnete, als er nach Singleton Hill hinausfuhr und zu der herrlichen Rennbahn kam, war Elk. Er stand in der Nähe des Sattelplatzes, den Zigarrenstummel im Mund und einen Ausdruck tiefster Melancholie auf seinem unglücklichen Gesicht. Er sah zu, wie Tony aus dem Wagen stieg, ohne das geringste Zeichen des Erkennens zu geben, so daß Braid, in der Meinung, er wolle nicht angesprochen werden, an ihm vorübergehen wollte.

 

»He, Mr. Braid, wie stehen die Chancen? Ich habe vierzehn Pfund auf Ihren sicheren Sieger gesetzt. Es war sehr nett von Ihnen, mir den Tip zu schicken, aber wenn irgend etwas Ihren Gaul kaputt machen kann, bin ich’s. Ich habe noch nie auf einen Sieger gesetzt. Im Moment, in dem er mein Geld fühlt, dreht sich das Vieh um und läuft falsch. Sicher hat er schon von meiner Wette gehört.«

 

Er zeigte mit dem Blick nach den Ställen.

 

»Einige liebe Freunde von Ihnen da drinnen – trauernder Neffe mit Kompagnon. Ich habe zwar keinen von ihnen weinen sehen, aber etwas anderes habe ich dafür gesehen. Ihren famosen Brief.«

 

»Was?« rief Tony eifrig, »haben sie ihn abgedruckt?« Er hatte diesen Brief ganz vergessen, den er nach Fleet Street geschickt hatte.

 

»Ob sie ihn gedruckt haben? Auf der anderen Seite!«

 

Elk zog eine Zeitung aus der Tasche, entfaltete sie und zeigte auf einen Artikel, der also begann:

 

Wir haben folgende Zeilen von Mr. Anthony Braid, dem Besitzer zweier Bewerber um den heutigen Steward-Pokal, erhalten:

 

An den Redakteur der »Sporting Times«!

 

Sehr geehrter Herr!

 

Ich nehme zur Kenntnis, daß die Öffentlichkeit meinen Hengst Barley Tor zum Favoriten gewählt hat. Es erscheint mir dem Sportpublikum gegenüber nur billig, wenn ich hiermit die Nachricht veröffentliche, daß ich zwei Pferde laufen lassen werde und daß meine Stute Lydia Marton im Gewicht etwas besser ist. Ich lasse dahingestellt, welches Pferd gewinnen wird, auch ob Barley Tor in dem Rennen besser abschneiden wird als im Training. Jedenfalls halte ich es für meine Pflicht, der Öffentlichkeit diese Tatsachen nicht vorzuenthalten.

 

Dann folgte eine redaktionelle Notiz:

 

Mr. Anthony Braid ist ein ausgezeichneter Kenner des Turfs, und seine Ansichten, zumal über seine eigenen Pferde, verdienen besondere Beachtung. Indessen kann nach allem, was man von den beiden Pferden weiß, kein Zweifel darüber herrschen, daß Barley Tor die besseren Aussichten hat.

 

»Wie werden die Leute setzen?« fragte Tony, während er die Zeitung zurückreichte.

 

Elk zündete sich den Zigarrenstummel wieder an, ehe er antwortete. »Das Vertrauen der Öffentlichkeit in Sie, Mr. Braid, ist so groß, daß Barley Tor, als Sie ihn kaum madig gemacht hatten, auch schon heißester Favorit wurde. Er steht 5:2.«

 

Während Tony zu den Stallungen schritt, hörte er einen Mann sagen: »Da ist er, der gerissene Kerl.«

 

Ein anderer wäre vor Wut hochgegangen. Braid amüsierte sich darüber. Er wußte ja, wer diesen üblen Ruf verbreitete.

 

Erst als er aus den Stallungen zurückkam, begegnete er Julian, der ihn mit einem schwachen Lächeln begrüßte und liebenswürdig auf ihn zukam. Er war in freundlicher Stimmung.

 

»Ich komme nicht oft zum Rennen, Braid, aber ich wollte mir mal einen freien Tag gönnen. Ich habe auf Ihr Pferd gesetzt.«

 

»Ich bin entzückt«, entgegnete Tony ohne Begeisterung. »Und welcher meiner beiden Vertreter hat die Ehre, für Sie ein paar Pfund gewinnen zu dürfen?«

 

Julian lächelte geheimnisvoll. Ihm schien der Augenblick sehr komisch.

 

»Sie haben natürlich auf Ihre beiden Pferde gesetzt?« scherzte er.

 

»Nein«, sagte Tony schlicht, »nur auf eins. Ich habe tausend Pfund auf Lydia Marton, und zwar auf Sieg, gesetzt, und ich glaube, ich werde um zwölf- bis vierzehntausend Pfund reicher heimkehren, als ich herkam.«

 

Julian lachte. In diesem Augenblick trat ein gemeinsamer Bekannter auf sie zu, grüßte Julian flüchtig mit einem Nicken und wandte sich dem Besitzer von Barley Tor zu.

 

»Ich höre, Ihr Pferd wurde bei einer Probe geschlagen, ich meine Barley Tor. Man sagt, Lydia Marton schlug ihn. Wem halten Sie die Stange?«

 

»Lydia Marton«, erwiderte Tony und blickte beiseite.

 

Der Frager grunzte ungläubig.

 

»Er scheint Ihnen nicht zu glauben, Braid.«

 

Tony merkte, daß der unsympathischste Mann dieser Erde noch immer da war.

 

»Scheint so. Drollige Sache. Aber es ist das Schicksal der Wahrheit, daß sie am schwersten Glauben findet.«

 

Guelder wartete am Eingang zum Sattelplatz in ziemlicher Ungeduld auf den Freund. Als sie dann zu ihren Sitzen schlenderten, fragte der Holländer:

 

»Was hat er gesagt?«

 

»Das alte Märchen«, erwiderte ihm Julian. »Dieser Kerl ist wirklich zu dumm!«

 

Guelder rieb sich nachdenklich die Backe. »Für dumm wollen wir diesen Mann lieber nicht verkaufen«, erwiderte er, »aber ich habe das Proberennen ja mit meinen eigenen Augen gesehen.« Seine Züge erhellten sich. »Und auf Pferde verstehe ich mich.«

 

Sie stiegen zur Tribüne hinauf und sahen das Feld zum Start hinabreiten. Guelder zeigte auf zwei Pferde, die man kaum verwechseln konnte. Lydia Marton trug die ersten Farben, gewöhnlich das einzige Zeichen, durch das der Rennstallbesitzer der Öffentlichkeit seine persönlichen Hoffnungen verrät.

 

»Ich werde dir sagen, wie das Rennen sich abspielen wird«, flüsterte Guelder vertraulich Reef zu. »Erst werden wir sehen, wie Lydia einen Scheinversuch macht, die Spitze zu halten. Dann wird Barley Tor wie der Blitz vorgehen, und damit wird das Rennen zu Ende sein.«

 

Julian überflog zerstreut die Menge, die die Tribünen füllte, und sah plötzlich auf dem Platz der Mitglieder des Rennvereins sein schwarzes Schaf.

 

»Weiß der Henker, wie dieser Kerl in einen so vornehmen Klub wie Goodwood hineinkommt!« knurrte er gereizt. »Jedenfalls wird sein Name nach diesem Rennen bei einem großen Teil des Publikums Dreck sein. Ich habe jedem Bekannten in der City geraten, auf Barley Tor zu setzen.«

 

Von den Tribünen, von den Stehplätzen stieg ein wilder Schrei zum Himmel auf. Gläser starrten auf die Bahn. Ehe der unerfahrene Julian Reef die Farben noch erkannte, waren die Pferde schon halbwegs am Ziel. Braids Stallgefährten liefen Seite an Seite, weit vor dem Feld. Dann sah er die kastanienbraune Stute losziehen, offenbar ohne jede Anstrengung. Zwei Längen vor dem Hengst ging sie durchs Ziel.