Kapitel 28

 

28

 

Der Himmel hatte sich aufgeklärt, der Regen nachgelassen. Da ging Ursula hinaus auf die Heide, um ihren Hund auszuführen. Sie hatte die Zeitung nicht gelesen und wußte nichts von der Börsenschlacht, die in der City tobte, von den schweren Verlusten und den gewaltigen Gewinnen. Und selbst als das Gerücht des Kampfes bis zu ihr hinausdrang, ahnte sie nicht, daß Tony im Feuer stand.

 

Es lag in der Natur der Dinge, daß er als Sieger hervorgehen mußte, denn sein Glücksstern war im Steigen. Am Abend wagte er kaum, seinen Gewinn auszurechnen, während ein halbes Dutzend Firmen, darunter drei sehr gefestigte und alte, ruiniert am Boden lagen und die großen Banken die Lage so ernst beurteilten, daß sie zusammentraten und eine Hilfsaktion gegen weitere Katastrophen ins Leben riefen.

 

Es war fast Lunchzeit, als Ursula heimkam. Elk saß auf den Stufen vor dem Gartenfenster mit einer Zigarre, deren Format ihr bekannt vorkam. Er las die Mittagszeitung.

 

Langsam stand er auf und ging ihr entgegen.

 

»Ich bat Ihr Mädchen, mir etwas zum Rauchen zu geben, Lady Frensham«, entschuldigte er sich. »Ich weiß, Sie würden mich hier nicht kalt sitzen lassen. Ich bat sie, mir die billigste zu bringen, die Sie im Hause haben. Sie können Sie selbst fragen, wenn Sie mir nicht glauben. Ich sagte: ›Mary, oder wie Sie sonst heißen, bringen Sie mir keine teure, sondern eine zu fünf Cent.‹«

 

Elk war früher einmal nach Amerika gefahren, um einen flüchtigen Schwindler zu fangen, und seitdem rechnete er in der Währung der Vereinigten Staaten.

 

»Ich sehe, das Mädchen hat richtig verstanden und Ihnen die beste gebracht«, lächelte Ursula. »Aber ich weiß nicht, ob ich mich freuen soll, daß ich Sie sehe. Hoffentlich bringen Sie mir nicht zu schlechte Nachrichten!«

 

Elk schüttelte den Kopf.

 

»Heutzutage passiert überhaupt nichts Schlimmes mehr. Die Leute sind brav, keiner kommt mehr mit dem Gesetz in Konflikt, so daß wir schon ernsthaft mit dem Gedanken umgehen, die Polizei aufzulösen.«

 

Sie bat ihn, zum Lunch zu bleiben, doch er lehnte ihre Einladung ab.

 

»Ich möchte nur einige Fragen an Sie stellen, Lady Frensham«, bat er und ging mit ihr in die Bibliothek.

 

»Nur über Dinge, die Sie wahrscheinlich nicht wissen. Aber vielleicht doch. Vor einiger Zeit erbten Sie sechzigtausend Pfund …«

 

»Die sind hin, Mr. Elk«, sagte sie mit einem resignierten Lächeln.

 

»Ich weiß. Man hat sie in Aktien angelegt, nicht wahr? Mr. Reef verwaltete sie, und sie sind sozusagen verduftet. Ihr Vater sorgte sich sehr um dieses Vermögen, das Ihnen gehörte, nicht wahr?«

 

»Ja, ich glaube … ja, sicher, er wollte mich versorgt wissen. Mr. Reef hat ihm die Aktien einige Zeit vor seinem Tod ausgehändigt.«

 

Elks Gesicht war eine unbewegliche Maske.

 

»Das habe ich gehört. Aber nehmen wir nun mal an, Ihr Herr Vater hätte entdeckt, daß die Aktien verschwunden waren. Nehmen wir es nur einmal als Hypothese an, ohne jemandem zu nahe zu treten. Nehmen wir einmal an, all diese reizenden Aktien, die man für Sie gekauft hatte, wären verkauft und durch lauter wertloses Zeug ersetzt worden. Darin hätte Ihr Vater vielleicht doch ein kleines Härchen gefunden, wie?«

 

Sie zögerte wieder.

 

»Sprechen Sie ruhig. Betrachten Sie mich als Ihren guten alten Onkel«, ermunterte Elk. »Ich spreche rein psychologisch. Wir sind augenblicklich bei der Polizei ganz verrückt auf Psychologie.«

 

»Ja, er würde sehr böse gewesen sein«, bekannte sie. »Mein Vater war ein sehr heftiger Mann. Er würde außer sich gewesen sein. Das hätte er Julian nie vergeben. Er hätte ihn …«

 

»Ihn schnappen lassen«, ergänzte Elk auf eigene Faust.

 

»Meinen Sie verhaften? Ich glaube, ja. Es mag wahr sein, daß er die Aktien als Sicherheit brauchte, aber ich weiß ganz genau, er hätte niemals zugegeben, daß ich einen Pfennig verliere. Eher wäre er gestorben.«

 

»Ganz meine Meinung«, bestätigte Elk. »Hätte er entdeckt, daß diese Aktien perdutti waren – das ist französisch und heißt soviel wie futschikato –, und hätte er geglaubt, daß Reef der Räuber ist …«

 

Er unterbrach sich und wartete. Aber da sie nichts entgegnete, lenkte er ab.

 

»Ich wollte Sie noch etwas fragen: gibt es hier im Haus irgendeinen Ort, an dem Seine Lordschaft wichtige Papiere aufzuheben pflegte?«

 

»In seinem Arbeitszimmer ist hinter der Wandbekleidung ein Geheimfach verborgen«, verriet sie. »Ich habe es selbst erst vor einigen Tagen entdeckt. Doch es war nichts Wertvolles darin – ich habe es geöffnet, es war leer. Ich kam durch den Schlüssel darauf, den mein armer Vater an seiner Uhrkette trug.«

 

»Gar nichts war darin?« Elk schüttelte den Kopf voller Bedauern. »Gar nichts?«

 

»Das heißt nichts, außer …«

 

Sie öffnete eine Schublade.

 

Sie nahm drei Papiere heraus.

 

»Eins ist eine Aufstellung der Aktien, von denen Sie eben gesprochen haben – meiner Aktien. Aber ich glaube, Mr. Braid hat die Aufstellung auch.«

 

Er klemmte einen Zwicker auf die Nase und prüfte die drei Dokumente. Das erste war unwichtig, das dritte auch. Das zweite enthielt, wie Ursula bemerkt hatte, eine Aufstellung ihrer Aktien – doch noch etwas anderes. Darunter standen die Worte: »Obige Aktien erhalten« und darunter Julian Reefs Unterschrift.

 

»Gerade das suche ich«, rief Elk befriedigt. »Das nenne ich Dusel. Sie erlauben wohl, daß ich es einstecke, Lady Frensham.«

 

»Haben Sie Mr. Reef schon gesprochen – wegen seines Mantels?«

 

Er verneinte.

 

»Mr. Reef ist wahrscheinlich so dringend mit dem Kauf und Verkauf von Diamanten beschäftigt, daß er keine Zeit hat, sich um alte Kleider zu kümmern. Sie haben ihm doch wohl nichts verraten?«

 

»Ich habe ihn nicht gesehen«, sagte sie hart und fügte lächelnd hinzu: »Sie haben es mir ja auch verboten.«

 

»So was kann man vergessen«, meinte Elk milde. »Können Sie mir übrigens sagen, wo ich Mr. Braid finden kann? – Ich sehe, Sie wissen es selbst nicht. Na, ich werde es schon machen. Heute ist ein regelrechter Luftangriff auf die City. Aktien schießen in die Höhe, und Aktien krachen nieder – Verluste auf allen Seiten.«

 

»An der Börse?« fragte sie.

 

»Diamantenaktien«, erläuterte Elk. »Eine Schlacht tobt auf diesem Feld. Von den übrigen Fronten nichts Neues zu berichten. Ich wünsche oft, mein Vater hätte mich Börsenmakler studieren lassen. Zahlen sind meine Spezialität. Und das bißchen gute Leben hätte ich mit einiger Anstrengung auch schon erlernt.«

 

Er zögerte noch ein wenig, als ob er noch etwas sagen wollte, und kam schließlich damit heraus.

 

»Es hat wohl keinen Zweck, Sie über den Mantel von Mr. Reef zu befragen? Wie oft haben Sie ihn darin gesehen?«

 

»Nur einmal«, gab sie Auskunft. »Ich glaube, er war ganz neu.«

 

»Wie neu er war, hab‘ ich schwarz auf weiß«, erklärte Elk. »Die Frage ist nur –« Er wollte noch etwas sagen, besann sich dann aber. »Ja, Lady Frensham, jetzt werde ich mich mal auf die Beine machen. Herzlichen Dank für die Einladung zum Lunch, aber ich esse nie etwas während des Tages. Ich werde dann schläfrig. Und herzlichen Dank für die drei Zigarren.«

 

Sie hatte längst die beiden anderen aus seiner Westentasche hervorlugen sehen.

 

*

 

Elk kam zusammen mit Braid vor dessen Haus an.

 

»Verwundet?« rief Elk. »Oder haben Sie nur in der Etappe gekämpft?«

 

»Ich war im dicksten Sturmangriff«, lachte Tony vergnügt, »aber ich saß sozusagen in einem Tank.«

 

»Paar Milliönchen verdient, wie?« fragte Elk und nickte bewundernd. »Arme Seele, Sie! Ich möchte nicht um alles in der Welt die Last Ihrer Steuerhinterziehung auf meinem Gewissen haben!«

 

»Gilt Ihr Besuch mir?« fragte Tony.

 

Elk kratzte sich den Hals.

 

»Ich habe eben die Einladung, mit einer jungen Dame zu lunchen, abgelehnt. Und wenn Sie jetzt hingehen und ihr erzählen, daß ich Ihre Einladung angenommen habe, wird sie untröstlich sein.«

 

Braid erkannte an dem Benehmen des Detektivs, daß er ihm etwas Wichtiges mitzuteilen habe. Er war nur zufällig zum Lunch nach Hause gekommen. Gewöhnlich aß er in seinem Klub. Als er Elk darauf hinwies, erwiderte der Detektiv:

 

»Wenn ich Sie hier nicht getroffen hätte, wäre ich in den Klub gekommen. In keinem Fall wären Sie dem Schicksal entronnen, mir ein Dinner zu spendieren. Ich meine natürlich Lunch, aber ich verwechsle immer diese Finessen. Sind Sie im Verlauf des Gefechts heute morgen auf die zerfetzte Leiche Julian Reefs gestoßen?«

 

»Ja, ich sprach ihn einige Augenblicke.« Die Erinnerung an den vernichteten jungen Mann war so peinlich, daß es ihn nicht drängte, die scheußliche Szene, die sich in Slesers Gegenwart abgespielt hatte, zu erzählen.

 

Elk stellte keine weiteren Fragen, bis sie fertig gegessen hatten. Der neue Diener hatte abserviert.

 

»Kommt der noch mal ‚rein?«

 

»Warum? Nein, wenn Sie’s nicht haben wollen. Er wird gleich den Kaffee bringen. Dann kann er draußen bleiben.«

 

»Ich möchte Sie nämlich drei Minuten ungestört sprechen«, bat Elk sanft.

 

Braid klingelte, der Diener brachte den Kaffee und wurde angewiesen, jetzt nicht mehr zu stören.

 

»Es handelt sich um diesen Halunken Reef«, begann Elk. »Wahrscheinlich werde ich ihn heute abend verhaften.«

 

Tony erwiderte nichts. Er hatte diese Mitteilung fast erwartet. Erst als er seinem Gast eine zweite Tasse Kaffee eingegossen hatte, fragte Braid heiser: »Ich brauche wohl nicht zu fragen, auf Grund welcher Beschuldigung?«

 

Elk blickte ihn lange nachdenklich an.

 

»Ich glaube, Sie brauchen nicht, Mr. Braid«, entgegnete er ruhig. »Wahrscheinlich wissen Sie genausoviel von dem Fall wie ich. Sollte aber noch irgendeine Unklarheit bestehen, so sage ich Ihnen hiermit, daß ich Julian Reef des vorsätzlichen Mordes an Lord Frensham, begangen durch Erschießen mit einem Revolver, beschuldige.«

 

In dem tiefen Schweigen, das auf diese Worte folgte, konnte Braid die Uhr auf dem Kamin ticken hören.

 

»Ich nehme an, daß Sie hinreichend Beweise für Ihre Anklage in Händen haben«, sagte er.

 

Elk nickte.

 

»Hinreichend! Ich hatte schon bei der Totenschau heftigen Verdacht. Aber Verdacht ist noch kein Beweis.«

 

»Wie stellen Sie sich den tatsächlichen Vorgang vor?« forschte Braid.

 

Er fragte sich, wie Ursula diesen Schlag ertragen würde. Ein tiefes Mitgefühl mit dem Mädchen überkam ihn. Die Wunde nach dem Tod ihres Vaters begann zu vernarben. Jetzt würde ein grauenvoller Prozeß wieder alle Wunden aufreißen.

 

»Zunächst«, sagte Elk, »war dieser Mensch Reef in einer verzweifelten Lage. Frensham hatte ihn um gewisse Aktien gebeten, die Reef verkauft und für sich verwandt hatte. Ich glaube, darüber gibt es keinen Zweifel, daß Frensham die Aktien als Depot bei seiner Bank hinterlegen wollte. Aber offenbar sah er Licht; denn er war nicht der Mann, der das Vermögen seiner Tochter gefährdet hätte. Diese Tatsachen habe ich von einem früheren Angestellten Reefs – einem Mann, dem er den Laufpaß gegeben hatte und der ihm deswegen grollte. Man kann wohl sagen, daß Reef in einer ziemlich heiklen Lage war. Er wußte, der Onkel würde ihn ohne Gnade anzeigen. Er ging in Frenshams Büro, um alles zu beichten. Mr. Main, Frenshams Buchhalter, hat ausgesagt, Reef habe eine Stunde zuvor angeklingelt und Frensham habe darauf die Angestellten nach Hause geschickt. Offenbar hat Reef dem Onkel gesagt, er müsse ihn ohne jeden Zeugen und ohne Gefahr, belauscht zu werden, sprechen. Gewöhnlich blieb Main nämlich bis spät in die Nacht. Es war ein regnerischer, für diese Jahreszeit ziemlich düsterer Abend. Nur aus diesen Umständen kann ich mir die folgenden Ereignisse erklären. Reef kam und erzählte dem Onkel die Wahrheit. Ich sehe ordentlich die Szene vor mir, wie Frensham, der ein leidenschaftlicher Mann war, in aufwallendem Zorn einen Revolver herausriß und Reef zu erschießen drohte. – Er hatte, wie ich festgestellt habe, stets eine Waffe in seiner Schreibtischschublade. Dann muß er sich gefaßt und Reef befohlen haben, sein Schuldbekenntnis niederzuschreiben. Wann der Gedanke in Reef aufgetaucht ist, weiß ich nicht genau – offenbar während er die Zeilen schrieb, die man in seiner Manteltasche fand. Er muß plötzlich aufgehört haben zu schreiben – vielleicht behauptete er, seine Nerven seien so erschüttert, daß er den Federhalter nicht halten könne – das scheint mir noch das Wahrscheinlichste –, und dann bewog er irgendwie Frensham, die Beichte selbst aufzusetzen und versprach, sie zu unterschreiben. Und als Frensham so weit geschrieben hatte, wie wir gesehen haben, schoß Reef ihn nieder. Keiner hatte es gehört, die Büroräume waren verlassen, und daher gelang es ihm auch, ungesehen fortzukommen. Als er das Gebäude betrat, trug er Überzieher und Handschuhe. Er muß sie auch während des Mordes getragen haben – jedenfalls den Mantel; denn wir fanden ungezählte Blutflecken daran, und zwar, wie ich erwartet hatte, vor allem auf dem rechten Ärmel und der rechten Brustseite. Nach dem Mord muß der Dienstmann mit Ihrem Brief gekommen sein. Ich kann mir denken, wie die Panik Reef packte. Er befahl dem Mann, den Brief unter der Tür durchzuschieben, kritzelte ein F auf die Empfangsbestätigung und schob sie zurück. Wenn ich irgend etwas von Mord und Mördern verstehe, war er viel zu erschüttert und zu erregt, den Brief zu öffnen. Er zerriß ihn vielmehr und warf ihn in den Papierkorb. Was er damit getan hatte, erfuhr er offenbar erst einige Zeit später, als Lady Frensham ihm erzählte, daß Sie Ihrem Vater das Geld geschickt hätten, um das er Sie gebeten hatte. Deshalb eilte er zurück – ja, er war der Mann, der in das Büro Frenshams einstieg, nachdem die Polizei den Leichnam entfernt hatte. Er kam auf demselben Weg zurück, auf dem er entkommen war – durch das Fenster über die Feuerleiter. Ringsum sind nur Bürogebäude, daher sah ihn niemand. Dann mußte er die Blutspritzer auf seinem Mantel entdeckt haben, vielleicht auch auf den Handschuhen. Darum warf er den Mantel, wahrscheinlich auch die Handschuhe, fort – den Mantel haben wir jedenfalls gefunden.«

 

»Entsetzlich!« preßte Tony hervor. »Grauenhaft!«

 

»Das sind die meisten Morde«, bemerkte Elk gleichmütig. »Ich versichere Ihnen, ich habe das alles schon bei der Leichenschau gewußt, aber hatte nicht so viel« – er schnippte mit den Fingern – »Beweise. Dann kam wie vom Himmel herunter dieser Mantel. Da waren die Blutflecken, da war die Mordnacht, da war die Zeit, zu der der Mäntel fortgeworfen worden war, da war in der Tasche den Anfang des Geständnisses, das er zerknittert und offenbar ganz in Gedanken in die Tasche gesteckt hatte.«

 

»Haben Sie schon den Haftbefehl?« fragte Tony.

 

Elk schüttelte den Kopf.

 

»Nein. Ich bekomme ihn heute nachmittag – er liegt schon beim Staatsanwalt.«

 

»Ist Guelder auch darin verwickelt?«

 

Elk zog die Lippen ein.

 

»Ich weiß es nicht. Sicherlich steckt er auch dahinter. Der Kerl ist durchtriebener, als man es von einem Gelehrten erwartet. Vielleicht ist er sogar die Triebfeder. Jedenfalls halte ich es für ausgeschlossen, daß er in demselben Büro arbeitet und dieselben Betrügereien wie Reef beging und dabei von dem Mord nichts wußte. Aber ich habe keinen hinreichenden Beweis, ihn hineinzuziehen. Doch meinen Kopf würde ich dafür hingeben. – Er ist der gemeinste Schurke, der mir vorgekommen ist. Ich habe ihn vielleicht zwölfmal gesprochen. Und das letzte Mal hat dieser Schwerverbrecher mir eine holländische Zigarre angeboten – ich war davon drei Tage krank!«

 

Kapitel 29

 

29

 

Guelder stand vor seinem niedergebrochenen Sozius. Aus seiner Haltung und dem Ton, in dem er sprach, hätte ein Unbeteiligter geschlossen, daß er die Kränkung erlitten und daß der junge Mann, der zusammengekauert in seinem Sessel saß, das Gesicht in die Hände gestützt, ihn schwer beleidigt habe.

 

»Ich verzeihe dir alles«, sagte Guelder gerade großartig. »Du bist blöde, du bist kindisch, du bist ein Hundsfott. Du betrügst deine Freunde, während du doch allen Grund hast, einem großen Meister zu vertrauen. Du wirst handgreiflich gegen mich – doch ich vergebe dir. Dein Herz im Leib ist jämmerlich klein wie das Gehäuse eines Apfels. Deine Seele ist wie Wasser – pfui Deibel!«

 

»Laß mich zufrieden, du verfluchter Schuft!« stöhnte Reef dumpf hinter seinen Händen. »Hast du noch nicht genug?«

 

»Ich bin in allem Unglück dein Freund geblieben«, fuhr Guelder wie ein Volksredner fort. »Ich habe dich beschützt und verteidigt. Ich weiß, du bist ein Mörder – aber laß ich dich deswegen fallen? Und du entdeckst, daß ich einen wissenschaftlichen Erfolg vorweggenommen habe und schreist, als hätte ich Gott weiß was getan. Ich habe der Wissenschaft nachgeholfen, weiter nichts! Das ist doch wohl erlaubt, wenn man den Glauben an den Erfolg hat. In einigen Monaten würde diese kleine, unschuldige Nachhilfe unnötig gewesen sein. Aber du und deine Finanzleute und deine Freunde – ihr könnt ja alle nicht warten. Ihr verlangt sofort sichtbare Ergebnisse. – So verfährt man nicht mit der Wissenschaft, mein Freund.«

 

»Laß mich in Ruhe«, fauchte Reef.

 

»Ich werde dich schon in Ruhe lassen. Die Frage ist nur, ob dich unser Freund Elk auch in Ruhe lassen wird und der gerissene Kerl, der so viel gewonnen hat, wie wir verloren haben. Nein, nein, mein guter Julian, dir sitzt die Angst in den Knochen. Du zitterst bei jedem Geräusch an allen Gliedern. Der Detektiv hat deinen Mantel gefunden, und du Idiot läufst hin und schießt auf ihn! Du setzt alles aufs Spiel – und noch dazu in meinem Wagen und ausgerechnet an dem Abend unserer größten Chancen!«

 

Julian hob langsam den Kopf, seine blutunterlaufenen Augen blickten voll Haß auf den Mann, der ihn ruiniert hatte. »Du weißt doch hoffentlich, daß ich bankrott bin.«

 

Guelder lachte laut und schrill.

 

»Eine Wichtigkeit, dein Bankrott! Mir scheint, du wirst sehr bald dort sein, wo sie einen hierzulande so rasch an den Galgen befördern. Ist dir das noch nicht klargeworden, mein Freund?«

 

Julian Reef zahlte mit gleicher Münze heim.

 

»Und du fürchtest für dich gar nichts? Ich erwarte jeden Augenblick deine Verhaftung.«

 

»Aus welchem Grund?« fragte der Holländer dreist. »Wegen meines kleinen Betrugs? Ach nein, mein Freund! Mr. Sleser hat uns doch ausdrücklich erklärt, er wolle sich nicht als kompletter Narr vor der ganzen City bloßstellen.«

 

Er tippte sich gegen die Stirn.

 

»Ich bin eben doch ein bißchen klüger als du, mein Jungchen.«

 

»Hast du Geld?« unterbrach Reef unvermittelt.

 

»Wenig, sehr wenig«, erwiderte Guelder vorsichtig. »Weshalb?«

 

»Ich habe das Gefühl, ich müßte aus England verduften.«

 

Guelder blicke ihn überlegen an.

 

»So?« fragte er dann. »Das ist die beste Idee, die du seit langem gehabt hast. Wieviel brauchst du?«

 

»Einige Tausend. Doch wozu fragst du? Du bist doch genauso im Druck wie ich.«

 

»Durchaus nicht«, widersprach Mr. Guelder würdevoll. Er steckte die Hand in die Tasche und holte ein dickes Bündel Noten hervor.

 

»Ich habe die Gelegenheit beim Schopf gepackt. Heute morgen habe ich vor der Bank gewartet und mir eine halbe Minute nach Kassenöffnung den Scheck des Wohltäters Sleser auszahlen lassen.«

 

»Du hast Geld?« jubelte Reef.

 

Guelder dämpfte die freudige Begeisterung seines Partners.

 

»Ich werde dir zwei- oder dreitausend geben.« Er sprach sehr langsam und beobachtete genau die Wirkung seiner Worte. »Vielleicht werde ich dir auch fünftausend geben – wenn du mir einen kleinen Gefallen tust.«

 

»Der wäre?« fragte Julian argwöhnisch.

 

»Es gibt in dieser Stadt eine entzückende Person …«

 

»Ursula!«

 

»Jawohl. Bring mir die junge Dame – und die fünftausend Pfund sind dein.«

 

Mit einem Satz stand Reef auf den Füßen. »Du bist verrückt«, schrie er, »vollständig übergeschnappt. Selbst, wenn ich sie dir ausliefern wollte – wie denkst du dir das? Sie haßt dich. Sie hat einen Ekel vor dir.«

 

»So was gibt sich«, grinste Guelder. »Das laß nur meine Sorge sein.«

 

»Nein, mein Lieber«, höhnte Reef. »Die ist zu schade für dich schmierigen Bock! Ich will nicht davon sprechen, daß ich sie geliebt habe. Für mich ist sie doch verloren. Ich muß machen, daß ich den Staub Englands von meinen Schuhsohlen schüttele. Aber ehe ich sie dir hinwerfe …«

 

»Dann nicht«, sagte Guelder ruhig. »Dann sieh zu, wo du Geld herbekommst. Habe die Ehre!«

 

Voll Angst verstellte Reef ihm den Weg.

 

»Aber es ist doch unmöglich – wie soll ich es denn anstellen? Du tust so, als ob es nichts Leichteres auf der Welt für mich gäbe, als eine junge Engländerin zu entführen!«

 

»Streng dein Hirn etwas an!« schalt Guelder. »Du wirst schon was finden. Sag ihr, ich hätte dich in der Hand, ich wolle dich verraten. Sie ist doch deine Cousine. Flehe sie an, dir zu helfen. Sag ihr, ich liebte sie und sie wäre der einzige Mensch, der auf mich Einfluß hätte. Wenn sie mich bäte, würde ich dich entkommen lassen. Mein Gott, das ist doch nicht so schwer!«

 

Und als Reef noch immer zögerte, höhnte er:

 

»Fünftausend Pfund sind ja schon eine kleine Mühe wert.«

 

Julian wurde schwach. Der Plan, der ihm zuerst völlig irrsinnig erschienen war, kam ihm noch immer phantastisch genug vor – aber dennoch …

 

Guelders Worte hatten ihn auf einen neuen Gedanken gebracht. Instinktiv fühlte er, daß sich ein Netz um ihn zusammenzog. Seit zwei Nächten hatte er nicht geschlafen. Seine Nerven versagten. Seine Urteilskraft schwand.

 

»Worüber denkst du nach?« forschte Guelder.

 

Julian schüttelte den Kopf.

 

»Laß mich. Ich überlege.«

 

Ursula schien ihm die letzte Hoffnung. Ein bleicher, letzter Hoffnungsschimmer. Er wollte sie aufsuchen, er wollte sie nicht anflehen, mit ihm zu Guelder zu fahren, sondern ihn zu retten. Ein Schüttelfrost durchrüttelte ihn plötzlich. Zum Glück war Guelder ins Nebenzimmer gegangen und sah nicht noch diesen Anfall letzten Entsetzens.

 

Er dachte daran, sie anzurufen, entschied sich dann aber dazu, sie zu überraschen. Sie könnte sich weigern, ihn zu empfangen, wenn sie wüßte, daß er käme. Wenn er sie aber unerwartet überfiele, würde er sicher zu ihr eindringen. Welche Hilfe er von ihr erwartete, wußte er selbst nicht. Das wollte er auf dem Wege zu ihr überlegen.

 

*

 

Er hatte Glück. Ursula war allein, als er eintrat. Sie öffnete selbst die Tür. Als sie ihn sah, fuhr sie heftig zurück. Sein Gesicht hatte die frühere, gesunde Farbe eingebüßt. Unter seine Augen gruben sich tiefe Schatten. Die Hand, die er ihr reichte, zitterte.

 

»Es tut mir furchtbar leid, Ursula«, stieß er dumpf hervor, »dich so zu überfallen … aber ich gehe fort – mit mir ist’s zu Ende.«

 

Obwohl er ihr zuwider war und sie ihn verachtete, konnte sie ihn nicht von ihrer Schwelle weisen. In ihrer Güte forderte sie ihn auf einzutreten.

 

Als er ihr im Musikzimmer gegenübersaß, sagte er abgerissen:

 

»Du bist furchtbar lieb zu mir – ich bin ein Schuft – von Jugend auf war ich ein Taugenichts. Du siehst jetzt nur, was ich jahrelang verborgen habe«, bekannte er.

 

»Bist du …?«

 

Sie zögerte, das Wort auszusprechen.

 

»Ruiniert? – Ja. Ich besitze nicht einen Penny mehr. Ich habe mein Konto längst überzogen. Wenn ich hierbleibe, fassen sie mich wegen betrügerischen Bankrotts.«

 

Und jetzt kam er auf den Sinn und Zweck seines Besuchs, der ihm unklar vorschwebte, während Guelder auf ihn eingeredet hatte.

 

»Jener Mantel, Ursula … du bist irgendwohin gefahren, ihn dir anzusehen, nicht wahr?«

 

Sie nickte zaghaft.

 

»Jemand hat mir gesagt, er gehöre mir … Ich verstehe nicht, wie er nach Woolwich gekommen ist – richtig, jetzt entsinne ich mich, es war Woolwich, wohin sie dich gerufen haben. – Ich habe den Mantel lange nicht gesehen, seit der Nacht nicht, in der dein Vater starb.«

 

Er sah in ihren Augen die Angst aufglimmen, die sie nie in Worte fassen konnte. Doch kühn sprach er weiter.

 

»Natürlich will ich Guelder nicht in Schwierigkeiten bringen. Er ist ein Sonderling – plant immer irgendeine geheimnisvolle Betrügerei – leider habe ich das erst kürzlich entdeckt – und in jener Nacht … Du weißt doch, jener Nacht … borgte ich Guelder meinen Mantel und meine Handschuhe. Was aus meinem Mantel geworden ist, wußte ich bisher nicht. Aber ich will einen Eid darauf leisten, daß ich meine Handschuhe in seinem Safe gesehen habe.«

 

Sie atmete freudig erleichtert auf.

 

»Dann hat Guelder ihn getragen, als er von der Brücke geworfen wurde?«

 

»Wurde er denn von einer Brücke geworfen? Welcher Brücke? Aber das ist ja gleichgültig. Ich habe nicht mehr an ihn gedacht bis vor einigen Tagen.«

 

»Kannte Vater diesen Guelder?« fragte sie.

 

Er zwang sich zu einem Lächeln.

 

»Ob er ihn kannte? Aber natürlich. Er und Guelder hatten verschiedene Geschäfte miteinander. Dann ging irgend etwas schief – was es war, weiß ich nicht genau –, aber jedenfalls hatten sie einen schweren Streit. Ich glaube, Onkel hatte Guelder Geld geliehen, und das weiß ich bestimmt, daß dein Vater am Tag seines Todes an ihn einen Brief mit der Aufforderung schickte, ihm die Summe zurückzuzahlen, da er dringend bares Geld brauchte.«

 

»Davon habe ich doch keine Ahnung …«

 

Doch er unterbrach sie sofort.

 

»Es wäre mir sehr peinlich, gegen diesen Menschen als Zeuge aufzutreten, aber ich fürchte, mir wird nicht viel anderes übrigbleiben.«

 

»Läuft gegen ihn ein Verfahren?« fragte sie überrascht.

 

Einen Moment war er perplex.

 

»Hm … ich weiß nicht. Ich glaube nur, daß er Schwierigkeiten hat – er benimmt sich sehr merkwürdig seit einiger Zeit.«

 

»Aber das mit dem Mantel ist doch höchst wichtig«, rief Ursula erregt. »Ich bin fest überzeugt, daß kein Mensch weiß, daß Guelder ihn in jener Nacht getragen hat. Weißt du, was die Geschichte mit dem Mantel überhaupt bedeutet? Alle machen ein Wesen davon, das ich nicht verstehe.«

 

Ohne es zu wissen, hatte sie ihn verteidigt.

 

»Der Mantel? Der wird mit irgendeinem Verbrechen zusammenhängen, das Guelder begangen hat«, vermutete Julian. »Man weiß nie, wie weit solch ein Halunke geht. Ich habe nur ein Gerücht gehört, daß die Polizei den Mantel hat und ihn als Beweismittel benutzen will. Vielleicht hängt er irgendwie mit dem Mord an deinem Vater …«

 

Das Wort war ihm entschlüpft, ehe er es gewahr wurde.

 

»Mord?« schrie Ursula auf und starrte ihn entsetzt an. »Mord? Julian … Vater hat sich doch erschossen!«

 

Er konnte nicht sprechen, sah sie nur entgeistert an.

 

»Oh«, stöhnte sie.

 

Ganz langsam begann sie zu begreifen. Eine Woge des Grauens und des Hasses riß sie von ihm zurück.

 

»Dann war es kein Selbstmord?«

 

Ihre Stimme wurde zu einem kaum hörbaren Flüstern. »Er ist getötet worden … ermordet … von einem, der den Mantel trug? Und du willst mir einreden, daß es Guelder war? Du warst es! Ich sehe es dir an den Augen an, an deiner ganzen Haltung. Jedes Wort von dir verrät es mir! Ich fühle es – ganz deutlich fühle ich es plötzlich, daß du ihn ermordet hast! Deinen Onkel hast du ermordet, du elender Lump!«

 

Sie schleuderte ihm die Anklage ins Gesicht. Er war zu zermürbt und entnervt, um zu leugnen.

 

»Mach, daß du fortkommst, ehe ich die Polizei rufe!«

 

Er fand die Sprache wieder.

 

Der Schreck, der ihn im Bann gehalten hatte, schlug jetzt in Wut und Zorn um.

 

»Du bist ja eine vorzügliche Schülerin des ›gerissenen Kerls‹! Ich habe dir alles gesagt, was ich sagen konnte, weil ich nicht einen anderen ins Verderben stürzen wollte …«

 

»Kein Wort mehr!,« rief sie bebend.

 

Sie war sehr blaß, hatte sich aber vollkommen in der Gewalt. »Ich kann es dir beweisen …« Er machte noch einen verzweifelten Versuch zu seiner Verteidigung.

 

Sie zeigte auf die Tür. Er ging und hatte wieder Glück. Die Detektive hatten ihn drei Minuten, nachdem er sein Büro verlassen hatte, verfehlt. Und jetzt wandte er sich der Heide zu, anstatt in die City zurückzukehren. Kaum war er außer Sicht, bog ein großer Polizeiwagen in die Straße ein, und Elk konnte nur noch die Feststellung machen, daß der Vogel wieder ausgeflogen war.

 

Kapitel 3

 

3

 

Ursula Frensham hatte ein kleines Auto, und Lord Frenshams Villa in Hampstead bot ihr willkommene Gelegenheit, das Haus in London nach Belieben zu verlassen. Sie kannte Tonys Gewohnheiten. Er war ein leidenschaftlicher Fußgänger. Wenn er ihren Vater im Büro in der City besuchte, pflegte er seinen Wagen vorauszuschicken und ließ ihn an der Parkecke in der Avenue Road warten. Er hatte die Hälfte der Fitzjohn Avenue zurückgelegt, als Ursula in ihrem Zweisitzer in die Straße einbog und ihn anrief. Er drehte sich mit einem solchen Ruck um, daß sie gewahr wurde, daß sie ihn aus tiefstem Sinnen aufgestört hatte.

 

»Steigen Sie ein – Sie Kampfhahn«, gebot sie ernst.

 

»Ich bin zwar allerhand«, erwiderte er und setzte sich an ihre Seite, »aber ein Kampfhahn bin ich nicht. Ist es übrigens nicht ein bißchen komisch, mit einem Zylinder in einem Sportwagen zu thronen?«

 

»Sie können ja tun, als ob Sie der Hausarzt wären«, entgegnete sie schlagfertig. »Aber wirklich Tony, Sie haben mich sehr gekränkt. Vater ist wütend. Der arme Julian!«

 

»Ich schäme mich sehr«, gestand er. »Meine alten südafrikanischen Unsitten hängen mir noch schrecklich an.«

 

»Ja, Sie sind ein Barbar«, zürnte sie. »Was ist denn los, Tony? Womit haben Sie denn alle so erbittert? Ich weiß ganz genau, daß Sie Julian gereizt haben. War es wegen meines Geldes?«

 

Er blickte sie verdutzt an. »Haben sie Ihnen das gesagt?« fragte er.

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Nein, ich hab’s geraten«, sagte sie ruhig. »Ich mache mir auch Sorge, Tony – nicht meinetwegen, aber ich glaube, wenn mit meinem Geld etwas geschähe, das würde wohl Vaters Ende sein. Sie müssen bedenken, der arme, liebe Mann hat sein ganzes Leben lang geschuftet und sich abgerackert. Der Titel hat ihm nichts eingebracht als alte Landhäuser voller Hypotheken und böswilliger Pächter. Tatsächlich versteht Väterchen nichts von Geschäften.«

 

»Und Julian?« fragte Tony und blickte gerade vor sich hin auf die Straße.

 

Eine Weile blieb sie die Antwort schuldig.

 

»In Julian kenne ich mich nicht aus. Und eigentlich müßte man doch den Mann genau kennen, den man heiraten soll.«

 

Er riß die Augen weit auf.

 

»Bitte, halten Sie. Mir ist übel«, rief er mit heftiger Ironie. »Wessen Idee ist das? – Julians?«

 

»Vaters.« Sie starrte finster vor sich hin.

 

»Natürlich liegt es im Grund sehr nahe. Tony, glauben Sie wirklich, daß Julian ein guter Finanzmann ist? Ich glaub’s nicht.«

 

»Warum?« forschte er.

 

Er war überzeugt, daß nur ein sehr beschränkter Kreis der City Julian Reefs kleine Geheimnisse kannte.

 

»Nun, nur eine Kleinigkeit. Er hat Aktien von mir verkauft. Bluebergs heißen sie. Kennen Sie die?«

 

Er nickte. »Eine sehr gesunde Gesellschaft. Zahlt eine enorme Dividende. Warum hat er die verkauft?«

 

Sie zuckte die Achseln. »Ich habe ihn nicht gefragt. Nur Sir George Crater – er leitet die Blueberg-Gesellschaft –« Tony nickte wieder, und sie sprach weiter. »Ich traf ihn gestern abend auf einem Ball. Da sagte er mir, er würde ein sehr ernstes Wort mit Vater wegen des Verkaufs der Aktien sprechen. Er muß wohl irgend etwas Geheimnisvolles wissen.«

 

»Aktienverkäufe sind durchaus nicht geheimnisvoll, meine Liebe«, belehrte Tony sie mit einem lustigen Funken in den Augen. Doch sofort war er wieder ernst.

 

»Vielleicht hat er etwas Besseres dafür gekauft«, erwog er und fühlte seine Heuchelei. Denn er wußte, daß Julian auf dem Markt nichts Besseres finden konnte als die konsolidierten Bluebergs.

 

Sie hatten das Ende der Avenue Road erreicht und wollten um den Park herumfahren, als ein auffallend großer Mann, der gegen eine Laterne lehnte, langsam die Hand hob, den Hut ein wenig lüftete und wieder auf den Kopf zurückfallen ließ.

 

»Wollen Sie ihn sprechen?« fragte Ursula am Steuer, als Tony sich halb nach ihm umwandte.

 

»Ja, ich möchte Ihnen diesen Herrn vorstellen«, erwiderte Tony, »falls Sie nicht eine eingewurzelte Abneigung gegen die Detektive von Scotland Yard haben.«

 

Sie brachte den Wagen schnell zum Stehen. »Keine Spur! Furchtbar gern, Tony!«

 

Der große Mann kam mit einem solchen Ausdruck der Müdigkeit auf sie zu, daß sie sein Gefühl der Langweile geradezu körperlich empfand.

 

»Kriminalinspektor Elk, gestatten Sie, daß ich Sie Lady Ursula Frensham vorstelle …«

 

Das also war der große Elk! Selbst Ursula hatte von diesem dünnen, unglücklichen Mann gehört – kein Wunder, denn er hatte in der Hälfte aller Sensationsprozesse, von denen sie gelesen hatte, eine Rolle gespielt.

 

»Sehr angenehm, Lady Ursula«, sagte Elk und bot ihr seine große, plumpe Hand: »Adel ist seit kurzem meine Schwäche. Erst vorige Woche habe ich einen Baron geschnappt, der Möbel verkaufte, die er nicht bezahlt hatte.«

 

Er blickte Tony nachdenklich, an.

 

»Einen Millionär habe ich, Gott weiß wie lange, nicht zur Strecke gebracht, Mr. Braid. Und nach dem, was ich so von Schiebungen und Schiebern höre…« Er betrachtete Ursula voller Güte. Dann ging er zu seinem Lieblingsthema über.

 

»An allen Verbrechen ist die Bildung schuld. Nur dadurch, daß man den Kindern die kleinen Köpfe mit Wilhelm dem Eroberer und solchem Unsinn vollstopft, füllt man die Zuchthäuser. Wenn die Menschen nicht schreiben könnten, gäbe es keine Urkundenfälscher. Wenn sie nicht lesen könnten, gäbe es keine Falschmünzerei. Nehmen Sie zum Beispiel die Erdkunde. Wozu nützt sie, gnädiges Fräulein? Sie zeigt dem hartgesottenen Mörder nur, wohin er sich wenden kann, wenn er aus einem Land fliehen will. Ich habe noch nie einen gebildeten Schutzmann gekannt, den sie länger als drei Jahre in der Truppe halten konnten.« Er schüttelte verzagt den Kopf.

 

»Wer wird das Stewards-Rennen machen, Mr. Braid? Nicht als ob ich mich auf Wetten einließe, wenn ich nicht gerade einen unfehlbaren Tip kriege. Wetten und Spielen sind die ersten Stufen zum Galgen. Vorige Woche habe ich vier Pfund auf einen Gaul in Newmarket gesetzt. Der Tip kam von einem Verbrecher, mit dem ich befreundet bin, und versagte. Wenn ich den Kerl das nächste Mal erwischen, sorge ich dafür, daß er nicht unter zehn Jahren davonkommt!«

 

Ein lustiges Lächeln in seinen guten, grauen Augen strafte die gräßliche Drohung Lügen.

 

Tony hatte den Detektiv das erste Mal in Johannesburg getroffen, wohin er einen betrügerischen Bankrotteur verfolgt hatte. Seitdem waren sie sich häufig in London begegnet. Tony Braid hatte diesen müden Mann mit den ewigen Angriffen auf die Bildung gern und schätzte ihn als das, was er war: der gerissenste Detektiv in London. Und obwohl er noch nie seine Dienste in Anspruch zu nehmen brauchte, hatte der Inspektor doch manchen langweiligen Abend in seinem Haus in Ascot belebt und erheitert.

 

*

 

»Sind Sie gerade auf der Verbrecherjagd, Inspektor?« fragte Ursula und unterdrückte ein Lächeln. Sie wollte den komischen Mann nicht beleidigen.

 

Er schüttelte den Kopf. »Hier in St. John’s Wood wohnen keine Verbrecher, gnädiges Fräulein … Mylady …, ich weiß nicht recht, wie ich Sie nennen soll.«

 

»Fräulein, genügt«, lächelte sie.

 

Er neigte den Kopf. »Wenn man eine Königin ›Madame‹ nennt, dann genügt ›Fräulein‹ tatsächlich für die meisten Frauenspersonen«, erwog er. »Nein, gnädiges Fräulein, ich bin nicht auf der Verbrecherjagd. Ich suche meinen Hausgenossen, obwohl das gar nicht meine Aufgabe ist, sondern die eines intelligenten Polizisten.«

 

»Hat er was gestohlen?« fragte Ursula neugierig.

 

»Nein, gnädiges Fräulein, er hat nichts gestohlen«, entgegnete Elk und schüttelte den Kopf. »Er ist ein kluger Mann, wenn er nüchtern, aber geschwätzig, wenn er voll ist. Entschuldigen Sie den Ausdruck. Höchstwahrscheinlich liegt er jetzt auf einer Bank am Kanal, wenn er nicht darin liegt. Wenn er nüchtern ist, spricht er ganz vernünftig, und es ist ein Vergnügen und ein lehrreicher Genuß, seine Vorträge über die Flora und Fauna Afrikas anzuhören. Aber wenn er voll ist, dann phantasiert er über die Lulanga-Ölfelder, und daß die Quellen alle versiegt sind, und gibt seine Ansicht über den Chefingenieur zum besten – kurzum, man hat schon seine Last mit ihm!«

 

Da spürte er Tonys Augen, die fest auf ihn gerichtet waren. Braid starrte ihn an, als ob er ein Gespenst gesehen hätte.

 

Kapitel 22

 

22

 

Julian hatte an diesem Abend seinen Sozius nach Greenwich begleitet. Sie fuhren mit der Elektrischen, einem Beförderungsmittel, das der rothaarige junge Mann über alle Maßen verabscheute.

 

»Sparsamkeit in kleinen Dingen, mein Freund«, belehrte Guelder, »ist die Grundlage allen Reichtums. Das nächste Mal, wenn du mich besuchst, wirst du in einem vergoldeten Wagen fahren, und vier Schimmel mit goldenen Hufen werden ihn ziehen. Doch heute tut’s die Elektrische auch.«

 

»Hoffentlich finden die Leute den Weg zu dir«, sorgte sich Julian. »Sicher kennt keiner von ihnen Greenwich.«

 

Guelder hatte keine Bedenken.

 

»Ich habe ihnen Pläne mit genauer Einzeichnung gegeben. Das wird ja eine feine Gesellschaft heute abend in meinem Haus, wie? Freda wird vor Wut platzen. Sie hat mir schon angekündigt, daß sie nach Holland zurückkehrt, wenn ich ihr Gäste ins Haus schleppe. Das würde mir leid tun, denn ich mag sie ganz gern.«

 

»Warum wohnst du bloß so weit draußen?« zürnte Julian, nicht zum erstenmal.

 

»Weil ich die Seeluft liebe, mein Jungchen, die den Fluß heraufweht. Ich bin am Wasser geboren. In meiner Heimat in Holland kann man nicht fünf Minuten gehen, ohne daß man in einen Kanal oder ein Fleet plumpst. Ich liebe den Geruch des Wassers, die großen Schiffe, die hinauf und hinunter fahren, und die kleinen Boote des Nachts! Manches Mal beobachte ich sie die ganze Nacht hindurch von meinem Fenster. Ich sehe sie dahinschwimmen, am Ufer entlang, wie Ratten – wie Wasserratten. Und ich habe in jenen dunklen Stunden Dinge gehört und gesehen, mein guter Freund, die dir das Blut in Eis verwandeln würden.«

 

Auf Mr. Rex Guelder hatten diese Dinge anscheinend keine solche Wirkung geübt, wenn sein entzücktes Lächeln nicht trügte.

 

»Du siehst also, Greenwich hat für mich seine sehr guten Seiten. Bedenke auch, mein Freund, wie leicht es für einen armen gehetzten Holländer wäre, den die Polizei sucht, in einer nebligen Nacht auf dieser großen Wasserstraße, die in die weite Welt hinausführt, zu entkommen. Kein Hafen, kein Zoll, keine forschenden Polizisten, die den Passagieren ins Gesicht starren, wenn sie aufs Schiff gehen, kein Paß – nichts, nur du, das Boot, die See und der Nebel!«

 

Julian schüttelte sich.

 

»Scheint mir ’ne verflucht unbequeme Geschichte.«

 

Guelder grinste.

 

»Mir macht so etwas Vergnügen«, behauptete er.

 

»Du würdest wahrscheinlich nach Holland verduften, wenn es hier schiefginge?«

 

Der Mann grunzte.

 

»Das ist nicht mehr mein Vaterland.«

 

*

 

Freda zeigte durchaus keine schlechte Laune, begrüßte Julian vielmehr fast begeistert. Es haperte sehr mit ihrem Englisch. Sie fing einen Satz ganz richtig an, verlor dann aber den Mut und verhedderte sich in ein unzusammenhängendes Gebabbel, das selbst Guelder nicht verstehen konnte. Eine wundervolle Frau nannte er sie in ihrer Abwesenheit.

 

Julian, der noch nie die Wohnräume Guelders gesehen hatte, war über die peinliche Ordnung und Sauberkeit nicht wenig erstaunt. Jedes Stück Kupfer und Messing strahlte und legte Zeugnis ab für den Fleiß der alten Frau. Er schloß auch Bekanntschaft mit den drei Schutzengeln des Hauses. Sie saßen nebeneinander, als wären sie auf diese Stellung abgerichtet worden, die drei großen Katzen mit den grünen Augen, die größten, denen Julian jemals begegnet war.

 

Eine halbe Stunde, während das Essen bereitet wurde, saßen sie auf dem Fensterplatz und beobachteten die Fahrzeuge, die die Themse durch die Abenddämmerung hinauf und hinab glitten. Als Guelder sich eine neue und noch schlechtere Zigarre anzündete, brach er das Schweigen.

 

»Ich möchte Braid zu gern unschädlich machen«, begann er. »Es gab einmal eine Zeit, mein Freund, in der du viel mehr Initiative hattest. Da hättest du längst einen klugen kleinen Spion in sein Haus eingeschmuggelt. Ich denke noch an deinen Krach mit Crostuck, und wie nützlich dir die Nachricht seines Dienstmädchens über seine Auslandsreise war, he?«

 

Julian warf den Zigarettenstummel zum Fenster hinaus und sah ihm nach, wie er durch die faulenden Planken der Werft in den Schlamm fiel und zischend erlosch.

 

»Bei Braid würde das ganz zwecklos sein«, sagte er. »Ich habe vor einem Monat einen Mann zu ihm gebracht – den Kammerdiener. Es hat mich einen Zehner gekostet, ihn einzuschmuggeln – er war ihn nicht wert. Leider nimmt Braid ihn nicht nach Ascot mir, und das vermindert natürlich sehr seinen Nutzen. Bis jetzt hat er mir sehr wenig berichtet. Und was schlimmer ist, Braid hat anscheinend Verdacht geschöpft.«

 

Der andere blickte ihn voller Bewunderung an.

 

»Bist ein kluges Bübchen!« brummte er.

 

»Dabei ist der Kerl gar nicht dumm und hat ausgezeichnete Fähigkeiten«, fuhr Julian fort. »In London arbeitet er nicht schlecht. Braid hat einer Nebenanschluß in seinem Schlafzimmer. Man kann dort sehr bequem alles hören, was er in seinem Arbeits- und Speisezimmer am Telefon spricht.«

 

Er blickte ungeduldig auf die Uhr, doch da kam Freda auch schon mit dem Essen herein.

 

Als der erste Gast ankam, war es schon ganz dunkel geworden. Sie empfingen ihn in dem großen Wohnzimmer. Gleich hinter ihm kamen der zweite und dritte, doch auf den vierten und fünften mußten sie noch eine Weile warten. Es war ein kleiner skeptischer Kreis nüchterner Geschäftsleute. Und doch hielt jeder von ihnen das Experiment, dessen Zeugen sie werden sollten, für durchaus glaubhaft und möglich.

 

»Ich habe mir sehr oft gedacht, man müsse das doch machen können«, rief Sleser, der dicke, stiernackige Millionär. »Ich weiß, daß man weiße Diamanten durch die Verwendung von X-Strahlen rosa färben kann, und hab‘ mir immer gesagt, daß man genauso doch auch einen gelben Diamanten, der nicht den zehnten Wert eines bläulich-weißen hat, nehmen und die Farbe aus ihm herausziehen könnte.«

 

Guelder strahlte den Sprecher an.

 

»Es ist nicht nur möglich«, sagte er »es ist sogar schon gelungen«.

 

»Was würde das für Sie bedeuten, ganz abgesehen von dem Gewinn an der Börse?« fragte ein anderer Julian.

 

»Ich habe für fünf zehntausend Pfund bunte Steine im Safe, die aus allen Teilen Europas gesammelt sind«, erwiderte Reef. »Wir haben wahrscheinlich für manche mehr gezahlt, als sie wert sind, aber nicht den vierten Teil des Wertes, den sie nach dem chemischen Prozeß haben werden.«

 

»Und das können Sie tun?« fragte Sleser, die trüben Augen dem Holländer zugewandt.

 

»Ich habe es getan«, lächelte Guelder. »Heute noch werden Sie das Verfahren kennenlernen.«

 

Sleser grunzte etwas vor sich hin und wälzte sich in seinem bequemen Sessel.

 

»Dieses Verfahren wird auf dem Markt eine Revolution hervorrufen«, rief er. »Es bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als daß Tausende von Steinen, die bisher für einen Pappenstiel geschliffen und verkauft worden sind, mit den weißen in Konkurrenz treten werden. Ihre fünfzehntausend Pfund Steine werden hunderttausend wert sein. Viel wichtiger aber ist, daß Tausende und aber Tausende von Steinen, die man jetzt wegwirft oder als Fehlfarben verschleudert, für den Markt in Betracht kommen. Und wie wir alle wissen, haben gerade die größten Diamanten, die je gefunden wurden, einen Farbfehler.«

 

Er tat einen langen Zug aus seiner Zigarre und starrte auf den Teppich.

 

»Sobald dies bekannt wird, muß den Markt eine Panik ergreifen. Es gibt in der Welt Hunderte und Tausende von gelben Diamanten, die plötzlich soviel wert sein werden wie die besten bläulichweißen, die man in Kimberley findet. Ich habe es ausgerechnet und bin dahingekommen, daß wir mindestens einen fünfzigprozentigen Sturz aller Diamantenaktien zu erwarten haben. – Machen Sie doch die Tür zu und sagen Sie der alten Frau, sie soll nicht immerzu hereinkommen, sondern hübsch draußen bleiben, bis wir unsere Besprechung beendigt haben!«

 

»Sie wird nicht mehr hereinkommen«, beruhigte Guelder, »sie versteht auch kein Wort Englisch.«

 

»Ich schlage also folgendes vor«, fuhr Sleser fort. »Wenn das Experiment uns alle befriedigt, wollen wir sofort an die Arbeit gehen und eine kleine Gesellschaft gründen, die wir ›Farbiges Diamanten-Syndikat‹ nennen. Vor allen Dingen muß die Presse erfahren, daß wir Vertrauen zu dem neuen Verfahren haben. Ich nehme an, daß jeder von uns Anteile an der Gesellschaft erwerben wird. Das Kapital braucht nicht sehr groß zu sein. Wir übernehmen das Verfahren, errichten irgendwo an der Südküste eine Fabrik und nehmen ein paar vornehme Direktoren hinein, um der Sache einen vertrauenswürdigen Anstrich zu geben. Unterdessen, vielleicht schon morgen, gehen wir den de Mesne-Aktien zuleibe und stampfen sie in, Grund und Boden. Morgen nachmittag bringen wir einen Bericht mit Einzelheiten über die Erfindung in der Presse. Lassen Sie gleich Ihre Steine fotografieren, damit wir Abbildungen veröffentlichen können. Am Tag darauf werden wir Einzelheiten über die neue Gesellschaft bringen. Doch bis dahin werden Diamantenaktien, wenn mich nicht alles täuscht, einen Kurs haben, bei dem wir uns eindecken und einen gewaltigen Gewinn einheimsen können.«

 

Er stand auf und fegte die Zigarrenasche von seinem Knie.

 

»So, und jetzt wollen wir uns Ihren geheimnisvollen Apparat mal etwas näher ansehen. Ich fange allmählich an, ihn für faulen Zauber zu halten oder zu glauben, daß ich träume.«

 

Kapitel 23

 

23

 

Guelder ging durch die Eisentür voran zu der Bank am Ende des Laboratoriums. Dort standen sechs Stühle für die Zuschauer. Er reichte einen würfelförmigen Diamanten von Hand zu Hand, einen Stein von so tiefem Gelb, daß er fast braun aussah.

 

»Dies, meine Herren, ist der Stein, mit dem ich experimentieren werde. Er ist sehr wertvoll und der größte, den ich bisher bearbeitet habe. Ich habe ihn mit Vorbedacht gewählt wegen seiner Form, und weil ich glaube, daß ich wegen seiner großen Lichtempfänglichkeit ein besonders günstiges Ergebnis erzielen werde.«

 

Er drehte seine Schalter an und legte den Stein in die Mulde im Achat. Die Männer drängten heran, beobachteten, starrten, bis ein blendender Blitz mit sprühenden blauen Funken aus der Maschine gerade in der Richtung der Zuschauer hervorschoß.

 

»Bitte, es ist nichts«, beruhigte Guelder, während sie zurücktaumelten.

 

Er entnahm einer Teetasse einen Löffel weißes Pulver und schüttete es über den Diamanten, bis er auf dem Achat unsichtbar wurde. Dann setzte er das weiße Häufchen dem elektrischen Bombardement aus.

 

»Was bedeutet das blaue Licht?« fragte jemand und wurde von Guelder mit einer Lawine technischer Erklärungen überschüttet, die für die meisten unverständlich waren.

 

An dem Apparat befand sich eine Skala mit einem Zeiger, der sich drehte, sobald Guelder den Strom einschaltete.

 

»Vorläufig fehlt noch die automatische Genauigkeit«, entschuldigte er sich; »aber bald werde ich einen Meßapparat herstellen, der mir genau anzeigt, wann mein kleiner Stein gargekocht ist. Sie begreifen, daß die Weiße und der Glanz des Steins von der Höhe der Temperatur abhängen.«

 

Er führte ihnen ein Experiment mit einem weißen Saphir vor, den er auf einer kleinen Platte in Sand verscharrte und dann elektrisch erhitzte. Am Schluß des Versuchs hob er den Stein mit einer Pinzette heraus. Der Saphir funkelte jetzt rein und hell wie ein Diamant.

 

»Ich wette«, meinte Guelder, »kein Sachverständiger kann diesen Stein von einem echten unterscheiden.«

 

Die Herren wurden inzwischen des Sitzens müde, schlenderten im Laboratorium umher und ließen sich von Guelder die verschiedenen Apparate erklären, die schließlich zu der großen Erfindung geführt hatten.

 

»Es ist Ihnen doch wohl klar, daß die großen Gesellschaften uns ein Angebot auf Ihren Apparat machen werden?« fragte Sleser. »Sie werden selber die Entfärbung ausführen wollen. Nach meiner Schätzung dürfte das allein uns zwei Millionen einbringen.«

 

Guelder antwortete nicht.

 

Es bereitete ihm heimlich Vergnügen, daß kein Mensch über die Entschädigung sprach, die ihm zu zahlen war. Sie behandelten seine Maschine schon als ihr Eigentum.

 

Dieser Umstand fiel allmählich dem geschäftstüchtigen Sleser auf. Er zog die Herren beiseite und raunte:

 

»Wir werden diesem Burschen eine fette Akontozahlung leisten müssen«, riet er, »und natürlich muß er einen großen Anteil an der Gesellschaft haben.«

 

Guelder wurde hinzugezogen, er zeigte sich sehr nachgiebig, fast demütig, und nahm die garantierte Zahlung von zwanzigtausend Pfund mit allen Zeichen höchster Dankbarkeit entgegen. Auch wurden ihm ein großer Teil der Aktien und ein wichtiger Posten in dem »Farbigen Diamanten-Syndikat« in Aussicht gestellt.

 

Aber er hatte andere Pläne und Ziele und hatte seinen Partnern schon die Treue gebrochen, ehe noch die Gesellschaft gegründet worden war. Julian war mit ihm im Bunde. Reef war nicht der Mann, der sich mit einigen Zehntausenden zufrieden gab. Er trachtete nach Millionen und wollte mit allen Mitteln sein Ziel erreichen.

 

Von Zeit zu Zeit gingen sie zu dem summenden Apparat zurück und betrachteten voll Neugier den kleinen Haufen dieses weißen kristallinischen Pulvers, unter dem ein enormes Vermögen im Entstehen war. Einer der Herren, der am Fenster stand und auf den Strom hinausblickte, machte die Bemerkung, wie leicht hier ein Mord verübt und das Opfer beseitigt werden könnte. Er öffnete das Fenster, und der Regen strömte ununterbrochen nieder.

 

»Zum Donnerwetter, schließen Sie das Fenster!« wetterte Sleser gereizt, »und reden Sie nicht von Mord. Man kriegt ja geradezu ’ne Gänsehaut. – Mein Gott, was ist denn das?«

 

In der Dunkelheit des Zimmers glühten zwei grüne Kreise auf. »Sie – was ist das?«

 

»Mein Kätzchen«, lächelte Guelder und pfiff.

 

Das weiße, gespenstische, riesige Tier kam langsam näher. Es rieb sich gegen Guelders Bein und ließ sich gnädig von ihm das Ohr krauen.

 

»Hat mir einen schönen Schrecken eingejagt!«

 

Sleser trocknete die feuchte Stirn mit einem großen Taschentuch und blickte ängstlich umher.

 

»Warum zum Henker haben Sie Ihr Laboratorium nicht irgendwo im Westen eingerichtet? Dieser Ort hat etwas Unheimliches. Hier ist sicher schon mal einer abgemurkst worden.«

 

Während er sprach, sah er die große Katze ganz steif dastehen, steil sträubten sich ihre Haare, er vernahm ein tiefes, wütendes Schnurren, dann sprang sie rasch wie ein zuckender Blitz quer durch den Raum und verschwand.

 

»Das hat nichts zu sagen«, beruhigte Guelder mit einer leichten Handbewegung. »Ihre Freunde im Bootshaus brauchen Hilfe.« Er zeigte nach unten. »Ratten … die sind augenblicklich etwas zahlreich. Hunderte und aber Hunderte. Und wenn eins der Kätzchen in Bedrängnis ist, dann ruft es seine Brüder – weiter nichts.«

 

Mr. Sleser wischte sich den Hals unter dem Kragen und blickte unbehaglich in den dunklen Teil des Zimmers.

 

»Unheimlich«, brummte er mit rauher Stimme. »Los, los, wir wollen zu Ende kommen! Wie lange soll das denn noch dauern?«

 

»Gar nicht mehr lange. Kommen Sie.«

 

Er blickte auf den Zeiger des Meßapparats und schaute dann auf die Uhr.

 

»Ich weiß nicht …« Er zögerte. »Entweder ist es fertig oder es gelingt nie. Wenn dieses Experiment mißlingt, meine Herren, müssen wir es noch einmal versuchen. In der Wissenschaft kann man nichts erzwingen.«

 

Er nahm eine kleine Porzellanschale und füllte sie mit einer weißen, durchsichtigen Flüssigkeit, die er sehr sorgfältig aus einer großen Flasche mit der Aufschrift »Gift« ausgoß. Dann hob er den Stein heraus, schabte mit einer Pinzette das Pulver, das den Diamanten bedeckte, ab, und ließ ihn in das milchige Bad fallen.

 

»Noch eine Minute …«, flüsterte er mit belegter Stimme.

 

Diese Minute schien wie Stunden. In dem großen Raum war nur der Atem der Männer zu vernehmen. Guelder hatte den Strom abgestellt. Die Maschine war jählings verstummt. Ein lastendes Schweigen hallte nach.

 

Jetzt griff er mit der Pinzette in die Flüssigkeit.

 

»Nehmen Sie bitte das Tuch …«

 

Er zeigte auf ein kleines, gelbes Staubtuch.

 

Sleser befolgte den Befehl.

 

»Jetzt!«

 

Er griff mit der Pinzette zu, faßte den Diamanten und legte ihn hastig in das bereitgehaltene Tuch.

 

»Wischen Sie ihn schnell ab.« Sleser gehorchte.

 

»Jetzt sehen Sie nach!«

 

Der Millionär starrte auf den Stein in seiner Hand. Das war kein dunkelgelber Diamant mehr. Es strahlte ein weißes und blaues Feuer, wundervoll anzusehen.

 

»Mein Gott«, ächzte er und trug den Stein unter das Licht.

 

»Bleibt das auch so?«

 

Guelder lächelte.

 

»Ewig«, rief er emphatisch.

 

Der Versuch war beendet. Sie trugen den Stein in das Wohnzimmer, das hell erleuchtet war. An seinem Schreibtisch hatte Guelder eine besonders helle Lampe. Unter dieser drängten sie sich zusammen, um dieses wunderbare Kleinod zu prüfen.

 

»Das ist ein weißer Diamant – so wahr ich lebe! Darf ich ihn vierundzwanzig Stunden behalten?«

 

Guelder breitete gönnerhaft beide Arme aus.

 

»Vierundzwanzig Jahre, mein Freund«, rief er vergnügt, »als gelber Diamant war er hundert Pfund wert.«

 

»Als weißer ist er tausend wert«, stammelte Sleser erregt. »Ich übernehme jede Garantie, daß ich ihn jedem Händler für tausend verkaufe. Es ist ein Wunder.«

 

Es klopfte. Guelder öffnete die Tür.

 

»Was wollen Sie?« fuhr er ungeduldig die alte Frau an.

 

»Das dumme Telefon klingelt seit Stunden«, sagte Freda phlegmatisch. »Ich verstehe nicht recht, was sie wollen, aber ich glaube, sie fragen nach Mr. Reef.«

 

Guelder fing Julians Blick auf und winkte ihm.

 

»Telefon«, sagte er, und dann leiser: »Was sagst du nun? Bin ich ein großer Erfinder oder nicht? Wird Rex Guelder bald in aller Munde sein, he?«

 

»Du bist ein fabelhafter Bursche! Wer will mich denn eigentlich sprechen?«

 

»Ach«, klagte Guelder enttäuscht, »daran kannst du jetzt denken! Geh mit Freda. Zu der paßt du!«

 

Reef blieb fünf Minuten fort. Aber er kam nicht zurück, sondern ließ Guelder durch Freda holen.

 

Sie hatten eine leise Beratung am Fuß der Treppe, und gleich darauf verließ Julian das Haus.

 

»Wo ist Reef geblieben?« fragte einer der Herren, als Guelder allein zurückkehrte.

 

Der Holländer erklärte, daß Julian in einer sehr dringenden Angelegenheit abgerufen worden sei, ließ sich aber auf eine weitere Erklärung nicht ein. Es schien ihm nicht ratsam noch vorteilhaft, mitzuteilen, daß Julian Reef in diesem Augenblick in Mr. Guelders Sportwagen hinter einem Rolls-Royce herjagte. Welche Folgen diese Jagd haben könnte, mochte er sich selbst gar nicht vorstellen.

 

Kapitel 24

 

24

 

Nachdem Tony Ursula nach Hause gebracht hatte, kehrte er ziemlich beunruhigt heim. Elk hatte ihn nach Hampstead begleitet und ihn gebeten, ihn unterwegs abzusetzen.

 

»Etwas Seltsames, Mr. Elk«, sagte Tony, »ich habe bisher noch nicht darüber gesprochen, daß man mich seit einigen Tagen verfolgt. Einmal ging ich zurück und versuchte, den Mann zu erwischen. Hätte ich ihn gefaßt, dann wäre ihm der Mut wohl vergangen!«

 

»In welchem Fall Sie eingelocht worden wären«, bemerkte Elk kühl. »Nicht einmal Millionäre dürfen Mitglieder des CID verprügeln.«

 

»Was sagen Sie da?« fragte Tony überrascht und traute seinen Ohren nicht.

 

»Einer meiner Leute, der Sie überwacht, Mr. Braid. Jetzt kann ich’s Ihnen ja sagen. Ich hatte Angst, Sie könnten eines schönen Tages Selbstmord begehen, und da Sie ein so netter Mensch sind, wollte ich das Risiko nicht tragen.«

 

»Wollen Sie im Ernst sagen, daß ich überwacht worden bin von einem –?«

 

»Detektiv«, ergänzte Elk. »Und, bitte, tun Sie in Zukunft, als ob Sie’s nicht merkten. Er kam hinter uns, als wir von Kirro herauskamen. Das war der Mann, der die Straße hinunterjagte und einen Wagen suchte, um den Schützenkönig zu verfolgen. Etwas anderes wollte ich noch fragen, Mr. Braid: wer könnte wissen, daß Sie heute abend nach Woolwich fuhren oder warum Sie dahin fuhren?«

 

Tony schüttelte verständnislos den Kopf.

 

»Sie haben es niemandem gesagt – auch mit niemandem telefoniert?«

 

»Außer mit Lady Frensham …«

 

»Haben Sie es vielleicht zufällig Ihren Bedienten gesagt?«

 

»Ich habe überhaupt nur einen Diener – meinen Kammerdiener, namens Lein. Er ist keine Leuchte … ihn hätte ich sicher nicht ins Vertrauen gezogen, zumal ich ihm gekündigt habe. Er ist mir ein bißchen zu neugierig.«

 

»Lein?« wiederholte Elk nachdenklich. »Ich erinnere mich an den jungen Mann von meinem Besuch am Abend vor dem Steward-Pokal. Seit wann ist er bei Ihnen?«

 

»Seit einem Monat«, erwiderte Tony. »Er hatte sehr gute Empfehlungen.«

 

»Kann jemand bei Ihnen mithören, wenn Sie telefonieren?«

 

Tony lächelte. »Wenn er vor der Tür steht und angestrengt lauscht, kann er mich wohl hören; aber ich bezweifle sehr, daß er auch Sie hören kann. – Herr Gott, der Nebenanschluß!«

 

Er erzählte Elk von dem Apparat im Schlafzimmer.

 

»Wer dort horcht, kann natürlich hören, was ich sage und was Sie antworten. Daran hab‘ ich nicht gedacht. Aber es scheint mir doch sehr unwahrscheinlich.«

 

»Nichts ist unwahrscheinlich. Ich komme mir ‚rein und nehme mir den Mr. Lein mal vor.«

 

»Aber der Mann kann doch auch völlig unschuldig sein –«, wandte Tony ein.

 

»Kein Mensch ist unschuldig«, dozierte Elk. »Ich nicht, Sie nicht. Und ich wette, Lein hat mindestens schon seine achtundzwanzig Vorstrafen weg.«

 

Als Mr. Elk dem auffallend nervösen jungen Mann gegenüberstand, der auf Tonys Klingeln hereinkam, konnte er in ihm keinen ausgesprochenen Verbrecher erkennen. Sonst hätte er ihn ja auch schon das erstemal schärfer aufs Korn genommen. Er war dem Polizisten auch nicht bekannt. Doch das besagte nichts. Denn wie Elk später erklärte, sind die meisten Verbrecher bei der Polizei nicht bekannt, und die Polizei kennt nur eine geringe Anzahl Pechvögel mit ihren Spitznamen.

 

»Wo waren Sie früher, mein Sohn?« fragte Elk.

 

Der Mann zögerte gerade um den Bruchteil einer Sekunde zu lange.

 

»Bei Lord Ryslip.«

 

Er nannte einen bekannten Übersee-Gouverneur, der, wie Elk wußte, seit fünf Jahren nicht mehr in England war.

 

Er stellte eine andere Frage. Der Mann wurde verlegen. Dann wurde er ausfallend und frech.

 

»Wenn du hier unverschämt wirst«, warnte Elk sanft, »schmeiße ich dich durch das Fenster direkt auf die Spitzen des Eisengitters. Kennst du mich, mein Sohn?«

 

»Ja, Sie sind Sergeant Elk.«

 

»Inspektor! Du rückständiger Hering!« brüllte Elk.

 

Da beging der Mann einen Fehler und platzte heraus: »Die nennen Sie immer Sergeant.«

 

Elk sah ihn fest an.

 

»Aha, ein Diebskumpan! Wer hat dich hierhergeschickt? Warum hast du Mr. Braids Gespräch mit mir heute abend belauscht? Mit wem hast du nachher telefoniert? Gestehe sofort, sonst stecke ich dich in den Eisschrank und mache aus dir eine Fürst-Pückler-Bombe!«

 

Der Mann schimpfte und verließ schließlich kurzerhand das Zimmer.

 

»Schuldig«, rief Elk, »aber ich weiß nicht, wie man ihn zur Strecke bringt. In den alten Tagen, als wir noch Folterkammern im Tower, dem alten Scotland Yard, hatten, hätten wir allerhand Interessantes aus ihm herausgequetscht, aber heute erlauben sie den ›dritten Grad‹ nicht mehr in England. Vielleicht kann mir die Telefonaufsicht etwas verraten –« Er sprang empor, als er die Haustür zuschlagen hörte. Auf halbem Weg zur Tür blieb er stehen.

 

»Ich werde impulsiv auf meine alten Tage«, tadelte er sich. »Dabei kann ich den Vogel gar nicht verhaften. Aber ich hab‘ ein Gefühl, daß ich ihn finden werde, wenn ich ihn brauche. Wenn Sie gestatten, Mr. Braid, werde ich jetzt Ihr Telefon benutzen.«

 

Er sprach zehn Minuten mit der Aufsicht.

 

»Also nach Greenwich …«

 

»Nach Greenwich?« fragte Tony, der das Gespräch mit angehört hatte.

 

»Ja, Guelders Haus. Natürlich weiß das Fräulein nicht, was gesprochen wurde. Ihr feiner junger Mann arbeitet offenbar mit den Reef-Leuten Hand in Hand. Erinnern Sie sich noch, was ich am Telefon sagte? Hab‘ ich blöderweise den Mantel erwähnt?«

 

Tony nickte.

 

»Zu dämlich! Womöglich auch den ehrenwerten Mr. Julian Reef? Sicher! Ich wette, dieser Bursche hat ihn in ganz London gesucht. Er hat vier Gespräche geführt, seit Sie nach Woolwich gefahren sind. Dieses Spioniersystem ist ein alter Trick Reefs – o ja, hat er schon früher angewandt.«

 

Dann erzählte er Tony eine Menge Geschichten über Julian Reef, daß ihm die Augen übergingen. Es waren keine schönen Geschichten. Eine war sogar sehr häßlich.

 

»Dieses Detektivspiel ist ein komisches Geschäft«, erklärte Elk. »Wir wissen viel mehr von den Leuten, als sie glauben oder als sie wünschen, daß wir wissen. Es gibt Männer im Westen Londons, die heute nacht plötzlich weiße Haare bekämen, wenn sie ahnten, was Scotland Yard von ihnen weiß. Sie werden vielleicht nie gefaßt werden, weil sie eben nichts tun, wofür man gefaßt wird. Die Hälfte aller Sünden der Welt kann man gesetzmäßig begehen, und ich versichere Ihnen: es ist die schlimmere Hälfte.«

 

Er ging, und Anthony Braid hatte eine schlaflose Nacht.

 

*

 

Um vier Uhr früh stand Tony auf und trat an das Schlafzimmerfenster. Es regnete noch immer. Unten in der bleichen Dämmerung sah er eine kräftige Gestalt im Schatten eines Torwegs stehen. Tony erriet, daß es sein Beschützer war und winkte ihm einen fröhlichen Gruß zu. Der Unbekannte, der genießerisch seine Pfeife rauchte, erwiderte lebhaft.

 

In seinem Ankleidezimmer stand ein elektrischer Kocher und in einem Schrank alles Erforderliche zum Kaffeekochen. Aus einem unverständlichen Grund wanderten seine Gedanken immer wieder zu Ursula Frensham. Der Mordversuch der vergangenen Nacht hatte sein Gefühl, daß ihr Gefahr drohe, verstärkt.

 

Er trank den Kaffee und zog sich an. Fünf Minuten später war er auf der Straße. Der diensttuende Detektiv kam auf ihn zu und grüßte ihn.

 

»Ziemlich früh heute morgen, Mr. Braid.«

 

»Ich will eine kleine Fahrt nach Hampstead machen. Wollen Sie mich begleiten?«

 

»Ich muß«, antwortete der andere gutmütig, »und freue mich, daß Mr. Elk Sie aufgeklärt hat. Wenn Sie es mir nicht übelnehmen, möchte ich Ihnen sagen, daß es gerade kein Vergnügen ist, Ihnen nachzujagen. Es ist verdammt schwer, Ihnen auf den Hacken zu bleiben.«

 

Er begleitete Tony zur Garage, und sie zogen gemeinsam den Zweisitzer heraus.

 

»Führt Sie ein besonderer Grund nach Hampstead?« forschte der Detektiv, als sie unterwegs waren.

 

»Durchaus nicht«, antwortete Tony und fühlte sich nicht ganz aufrichtig.

 

Er kam sich reichlich närrisch vor und wagte nicht, dem Mann neben sich zu verraten, welches ziellose Unternehmen sie verfolgten.

 

Sie fuhren in den Regent’s Park hinein, dessen Tore gerade geöffnet wurden, und zwar den breiten äußeren Weg entlang. Als sie über die Brücke kamen, die den Kanal am Ende der Avenue Road überspannt, sah Tony einen Mann sich über das Eisengeländer lehnen und aufmerksam ins Wasser blicken. Er hätte einen Eid darauf geleistet, daß er die Gestalt kenne. Ein schwerer Regenmantel, dessen Kragen bis zu den Ohren aufgeschlagen war, verwischte die Konturen. Der Mann war gar nicht neugierig auf den Insassen des Wagens, der schon so früh unterwegs war. Im Gegenteil – und das schien Tony verdächtig –, er wandte absichtlich den Kopf ab, damit man sein Gesicht nicht sehen könne.

 

Auf der anderen Seite der Brücke stand ein Sportwagen mit langgestreckter Karosserie, der so am Straßenrand aufgestellt war, daß Braid, ohne seinen Wagen anzuhalten und auszusteigen, die Autonummer nicht erkennen konnte.

 

»Der sah aus wie Mr. Guelder«, meinte der Detektiv.

 

»Schien mir auch so. Kennen Sie ihn?«

 

»Ich habe ihn schon gesehen. Das war sein Wagen – da am Straßenrand, nicht wahr? Haben Sie gestern abend den Wagen gesehen?«

 

Tony schüttelte den Kopf.

 

»Ich auch nicht. Aber nach der Höhe zu urteilen, aus der der Mann schoß, möchte ich schwören, es war ein Sportmodell, genau wie jener Wagen dort. Doch Guelder kann es unmöglich gewesen sein. Er war in seinem Haus, als der Schuß fiel.«

 

»Woher wissen Sie das?« fragte Tony überrascht.

 

»Auf dem Präsidium schwören wir auf Inspektor Elks Parole. Die lautet: nachforschen«, sagte er trocken. »Und wir hatten nachgeforscht, längst ehe Sie schlafen gegangen waren, Mr. Braid.«

 

Sie fuhren die Avenue hinauf bis zur Heide und bogen in die Straße ein, in der Ursulas Haus an einer Ecke lag. Tony stieg aus und ging um die beiden Seiten des Hauses herum. Er kannte Ursulas Schlafzimmerfenster. Es war oben geöffnet. Zu seinem Erstaunen sah er Licht brennen, und als er seinen Kontrollgang fortsetzte und zur Vordertür kam, sah er auch die Diele erleuchtet. Es war ein Viertel sechs. Die Mädchen standen doch sicher nicht vor sieben Uhr auf.

 

Er überlegte, was er tun solle, als er Ursulas helle Stimme rufen hörte. Er wandte sich rasch um und sah sie völlig angekleidet auf sich zukommen.

 

»Deshalb also haben Sie meinen Anruf nicht beantwortet«, rief sie.

 

»Wie kommen Sie zu dieser nachtschlafenden Zeit hierher?« fragte er.

 

Sie lachte.

 

»Ich wurde um zwei Uhr angerufen, um einen Heiratsantrag entgegenzunehmen«, berichtete sie, »und ich konnte dann natürlich nicht wieder einschlafen. Ich bin darüber auch ganz froh; denn der Herr, der mir telefonisch den Antrag machte, ist seit Tagesanbruch vor meinem Haus auf und ab patrouilliert.«

 

Braid starrte sie ungläubig an.

 

»Doch nicht – doch nicht etwa Guelder? Um Gottes willen, das wäre ungeheuerlich!«

 

Sie nickte.

 

»Es war Mr. Guelder«, sagte sie. Dann brach ihre Stimme und ihre Beherrschung.

 

Im nächsten Augenblick lag sie schluchzend in Tonys Armen.

 

»O Tony«, schluchzte sie, »es war schrecklich – schrecklich!«

 

Kapitel 25

 

25

 

Es dauerte einige Zeit, bis Ursula sich so weit gefaßt hatte, daß sie erzählen konnte, was sich zugetragen hatte. Sie hatte das Telefon läuten hören und geglaubt, der Anruf hänge mit ihrem Besuch in Woolwich zusammen. Dann hörte sie Guelders Stimme.

 

»Er entschuldigte sich vielmals und war außerordentlich liebenswürdig, so daß ich nicht gleich wieder einhängen konnte. Ich wollte auch wissen, warum er mich anrief. Ich dachte, es könnte mit Julian zusammenhängen. Und dann, Tony, begann er mir merkwürdige Eröffnungen zu machen. Er sagte, er besitze eine Million – oder zwei, ich weiß nicht mehr genau –, er würde in einem Jahr der reichste Mann in England sein und wollte einen Palast bauen, wo die Dame seines Herzens als Königin herrschen solle. Ich konnte nicht alles verstehen. Manchmal verfiel er ins Holländische, und es wurde ein ganz unverständliches Kauderwelsch. Plötzlich, ehe ich noch wußte, was er wollte, bat er mich, ihn zu heiraten. Ich stand völlig versteinert da, konnte kein Wort hervorbringen. Er sagte, er hätte mich seit unserer ersten Begegnung geliebt – es war entsetzlich … die schrecklichen Dinge, die er in den Apparat schrie!«

 

Sie verzog vor Ekel das Gesicht. »Schließlich faßte ich mich wieder und hängte den Hörer ein. Aber natürlich konnte ich nicht wieder einschlafen. Der Tag brach an, als ich aus dem Fenster blickte. Da sah ich ihn zu meinem Entsetzen langsam vor dem Haus auf und ab gehen. Er sah mich auch und warf mir Kußhände zu – er muß betrunken gewesen sein.«

 

Tony erinnerte sich an den Mann auf der Brücke.

 

»Dann war es doch Guelder«, rief er.

 

»Haben Sie ihn gesehen?« stieß sie hervor.

 

Tony erzählte von dem Mann auf der Brücke.

 

»Ich werde zurückgehen und ihn zur Rede stellen«, beschloß er. Doch sie hielt ihn zurück.

 

»Das werden Sie nicht! Unter keinen Umständen! Sie sollen ihm fernbleiben. Sie sollen sich in keinen Streit mit ihm einlassen. Dieser Mensch hat etwas Teuflisches. Heute nacht in Greenwich habe ich sein böses Fluidum gefühlt. Es war nicht die Straße, es waren die Ausstrahlungen dieses schrecklichen Mannes. Ich glaube, wenn er mich berührte, würde ich vor Grauen sterben.«

 

»Wenn er Sie anrührt«, flüsterte Tony grimmig zwischen den Zähnen, »glaube ich, wird er sterben!«

 

Eins der Mädchen brachte ihnen Kaffee und Keks, und während sie in der hübschen kleinen Bibliothek saßen, suchte Tony sie zu bewegen, ihm alles zu berichten, was Guelder gesagt hatte. Doch sie weigerte sich energisch, darüber zu sprechen.

 

»Ich erinnere mich nur, daß er sagte, er wäre ein Millionär, und dann sagte er etwas von Diamanten, und daß er der größte Erfinder unserer Zeit sei. Und, Tony, Sie dürfen nicht mit ihm sprechen – ich bitte Sie darum.«

 

»Ich fürchte, ich muß mit ihm sprechen, Ursula. Dieser Auftritt darf sich nicht wiederholen.«

 

»Er muß verrückt sein – ich bin auch überzeugt, daß er gestern abend auf Sie geschossen hat.«

 

Tony, der aber überzeugt war, daß Guelder mit dem Schuß nichts zu tun hatte, schwieg. Das konnte er ihr nicht erklären.

 

Als er nach Hause fuhr, überlegte er, ob Guelder wirklich verrückt sei. Daß er sich in Ursula verliebt hatte, war nicht verwunderlich. Zwar ziemlich widerlich, doch ganz normal. Auch galt dieser Mann als eine Art Don Juan. Wenn die Gerüchte nicht logen, hatte er bisher seine Vergnügungen und Liebschaften in niedrigeren Kreisen gesucht und gefunden. Das Mädel in Holland war eine Kellnerin, die Frau in Batavia ein Halbblut gewesen. Er war ein Mann von niedrigem Geschmack und gemeiner Gesinnung. Doch jetzt blieb nichts übrig, als ihn aufzusuchen. Und Tony hoffte nur, daß es ihm gelingen würde, bei diesem Gespräch die Hände in den Taschen zu behalten.

 

Julian … ob er die Wahl seines Partners kannte? Tony hatte jedenfalls mit dieser Möglichkeit zu rechnen. Doch obwohl er eine sehr geringe Meinung von Julian hatte, traute er ihm nicht zu, daß er etwas von der Verblendung Guelders ahnte. Julian hatte einst selbst sehr bestimmte Hoffnungen gehegt. Es war unwahrscheinlich, ja, es schien ihm völlig unmöglich, daß er die Ereignisse dieser Nacht billigte.

 

Er kam nach Hause, badete, rasierte sich und frühstückte, als Mr. Sleser gemeldet wurde.

 

Der Millionär war kein intimer Freund Tonys. Sie hatten miteinander geschäftlich zu tun gehabt, und einmal hatte Tony dem dicken Selfmade-Mann einen Dienst erwiesen. Doch das hatte Braid längst vergessen. Er achtete den tüchtigen Kaufmann hoch.

 

»Haben Sie schon gefrühstückt?« fragte Tony.

 

Mr. Sleser nickte und zog sich einen Stuhl an den Tisch. »Ich bin der letzte, den Sie erwartet haben, Braid«, lächelte er liebenswürdig. »Seit sechs zerbreche ich mir den Kopf, ob ich Sie mit hineinnehmen soll oder nicht. Aber Sie haben mir einmal aus der Patsche geholfen, und ich vergesse niemals einen Liebesdienst. Sie sind doch mit Reef befreundet?«

 

»Ganz im Gegenteil!« beteuerte Tony heftig. »Ich bin froh, daß Sie mich gefragt haben; denn ich habe eine dunkle Ahnung, daß Sie mit ihm irgendwie geschäftlich verbunden sind.«

 

Sleser nickte und strich geistesabwesend über den kleinen, ergrauenden Schnurrbart.

 

»Er ist nicht jedermanns Fall,« gab er zu. »Doch in mancher Hinsicht kann er ganz nützlich sein. Er kann sogar außerordentlich nützlich werden – darüber bin ich mir noch nicht ganz klar. Kennen Sie seinen Sozius – oder was er sonst ist?«

 

»Guelder?«

 

»Ja, den Holländer. Kluger Kopf, was?«

 

»Ich glaube, ja«, gab Tony zu, »als Gelehrter. In der City geht ein Gerücht um, er habe ein Verfahren zur Herstellung von Diamanten erfunden.«

 

Hierzu schmunzelte Sleser.

 

»Nicht ganz! Das ginge mir auch sehr wider den Strich.«

 

Er schwieg, überlegte offenbar scharf und sagte dann endlich: »Ich bin kein Kirchenlicht in Geschichte, aber gab’s da nicht vor langer Zeit mal so einen Kerl, der hinging und Guy Fawkes und die Pulververschwörung verriet, indem er seine Freunde warnte, ins Parlament zu gehen?«

 

»So einen Mann gab es«, lächelte Tony.

 

»Der bin ich«, lachte Sleser. »Sie taten mir einen Dienst – ich tue Ihnen einen. Bleiben Sie fort vom Diamantenmarkt. Wenn Sie Aktien haben, fort damit! Verkaufen Sie, verkaufen Sie sofort! Der Sturz gestern war ein Kinderspiel gegen das, was heute kommen wird. Ich sage Ihnen das in Ihren vier Wänden, und obwohl ich von Ihnen nicht verlangen kann, daß Sie es geheimhalten, kenne ich Sie doch gut genug, um zu glauben, daß Sie nicht darüber reden werden. Man nennt Sie in der City den ›gerissenen Kerl‹.«

 

Seine Augen blinzelten schalkhaft.

 

»Na, ich habe jedenfalls noch nichts Arglistiges von Ihnen gesehen und erwarte nicht, daß Sie gerade bei mir anfangen werden.«

 

Tony blickte ihn nachdenklich an.

 

»Ich möchte gern ein bißchen mehr über diesen Kurssturz erfahren. Was steckt dahinter, Sleser? Vielleicht kann ich Ihnen wieder einen Dienst erweisen.«

 

»Leicht möglich«, nickte Sleser und zog eine dicke Brieftasche hervor. »Jetzt werde ich Ihnen etwas zeigen, was bisher nur wir Verschwörer gesehen haben.«

 

Er entnahm der Tasche ein blaues Päckchen, das wie eine Brausepulverpackung aussah, und öffnete es vorsichtig. Darin lag ein Stückchen Watte, die er behutsam entfaltete.

 

»Was halten Sie davon?«

 

Tony nahm den Diamanten und hielt ihn gegen seinen Ärmel.

 

»Eine Schönheit! Haben Sie eine neue Mine entdeckt?« fragte er mit einem schwachen Lächeln.

 

Sleser verneinte.

 

»Was ist der wert? Sie verstehen doch was davon.« Tony überlegte.

 

»Ungefähr eintausendundfünfzig Pfund«, schätzte er.

 

»Bis auf fünf Pfund richtig getroffen. Jetzt sagen Sie mir: was wäre dieser Stein wert, wenn er gelb wäre oder häßliche Flecken hätte?«

 

In dieser Frage war Tony eine Autorität.

 

»Er würde ungefähr hundertfünfzig Pfund wert sein – und – Herr Gott!« Er starrte seinen Gast an. »Gelbe Diamanten! Guelder hat welche seit Monaten aufgekauft, und ich begriff nicht, was im Spiel war. Das ist doch kein entfärbter Diamant! … Ist das etwa die Entdeckung?«

 

Sleser nickte begeistert.

 

»Gestern abend noch«, erzählte er eindringlich, »war der Stein gelb. Ich sah ihn mit meinen eigenen Augen erbleichen. Darüber kann absolut kein Zweifel bestehen, lieber Braid. Der Mann hat eine Entdeckung gemacht, die den Diamantenmarkt umwälzen wird. Die gegenwärtigen Werte werden um fünfzig Prozent fallen. Begreifen Sie nicht, was das heißt? Nur ein Diamant unter sieben ist vollkommen weiß. Diese Erfindung macht alle Nieten zu Volltreffern. Sie erhöht die Ausbeute der Welt um das Sechs- oder Siebenfache.«

 

Tony drehte den Stein in seiner Hand um und um. Plötzlich legte er ihn nieder und holte ein Vergrößerungsglas. Belustigt beobachtete ihn Sleser.

 

»Den Mumpitz habe ich schon hinter mir. Ich hab‘ ihn unterm Mikroskop gehabt. Um zwei Uhr nachts habe ich die klügsten Leute von London aus den Betten geholt und mit ihnen eine gründliche Untersuchung vorgenommen. Er ist durch und durch weiß. Sie werden keinen Fehler daran entdecken. Übrigens hat man so etwas Ähnliches schon vorher gemacht. Sie wissen vielleicht, daß Gelehrte weiße Diamanten in rosa verwandelt haben. Warum sollte man nicht gelbe in weiße verwandeln können? Also, was werden Sie tun? Wenn Sie klug sind, verkaufen Sie Ihre letzte Diamantenaktie. Ich bitte Sie nur, das Geheimnis der Farbentziehung bis Mittag zu wahren. Bis dahin wird mein Bericht an die Presse fertig sein.«

 

Er wickelte den Stein wieder in seine Wattehülle und barg ihn in der Tasche.

 

»Das ist wohl alles«, meinte er, stand auf und reichte Braid die Hand.

 

»Jetzt sind wir quitt wegen der afrikanischen Transportaktien, die Sie mir abgenommen haben. Wenn Sie nicht vernünftig sind, werden Sie bares Geld für mich sein. Wenn Sie klug sind, werden Sie Geld aus mir herausschlagen. Ich werde dem Kimberley-Pack den heftigsten Tritt in den Hintern versetzen, den es je bekommen hat. Addio.«

 

Tony saß vor den Resten seines Frühstücks und dachte schneller und logischer, als er je in seinem Leben gedacht hatte. Sein Vermögen war zum größten Teil in der Diamantenindustrie angelegt. Ohne Frage bedeutete diese Erfindung Guelders die größte Gefahr, die je die Diamantenbörse bedroht hatte.

 

Er hatte seinen Freunden das halbe Versprechen gegeben, nicht zu verkaufen. Und ein halbes Versprechen Tony Braids war so gut wie die notarielle Erklärung eines anderen Mannes. Er wußte genau, wie der Markt auf die Nachricht reagieren würde, unvorbereitet, wie die Diamantenfinanzleute auf diese Enthüllung waren. Die Aktien würden eine Rekordtiefe erreichen. Er brauchte nur seinen Makler anzurufen und ihm den Auftrag zu geben, zu verkaufen, nicht nur die Papiere, die er wirklich besaß, sondern auch die, die er erst am Lieferungstermin kaufen würde, mit denen er im Handumdrehen eine halbe Million verdienen konnte. Er überlegte scharf und sah dabei doch im Unterbewußtsein immer den würfelförmigen Diamanten blinken und schimmern.

 

Der Kaffee wurde kalt. Er bestellte eine neue Kanne. Ehe sie serviert wurde, rief er den ersten Diamantenmann an.

 

»Mir scheint, Sie müssen sich auf einen großen Sturz heute morgen gefaßt machen. Mehr kann ich Ihnen nicht sagen.«

 

»Können Sie mir einen Grund angeben?« fragte der Mann am anderen Ende des Drahtes.

 

»Nein. Ich bin zum Schweigen verpflichtet. Ich persönlich verkaufe nicht, sondern kaufe. Wahrscheinlich ist es eine Wahnsinnstat, aber ich will den Markt stützen und brauche Ihre Hilfe. Vielleicht fehlt mir eine halbe Million. Ich habe unerschlossene Platinfelder im Norden Transvaals, die soviel wert sind. Wollen Sie mir die mit einer halben Million beleihen?«

 

»Um den Markt zu stützen, ja. Sagen Sie Ihrem Bankier, er soll sich mit meinem in Verbindung setzen. Ich kenne Ihr Platin – Sie brauchen mir keine Unterlagen zu schicken. Wenn Sie heil durchkommen, möchte ich mich an Ihrem Platin mit fünfundzwanzig Prozent beteiligen.«

 

Tony nannte den Preis, und in zwei Minuten war der Handel abgeschlossen.

 

Und jetzt, ohne Rücksicht auf Aktien und Papiere oder den tragischen Sturz der Diamanten, forderte eine persönliche Angelegenheit den ganzen Mann.

 

*

 

Ehe das Geschäft an der Börse begann, betrat Braid das Büro Julian Reefs. Er bemerkte auf den ersten Blick, daß das Personal vermehrt worden war. Er fühlte die Atmosphäre fieberhafter Tätigkeit. Ein Funken der elektrischen Spannung jener Riesenschlacht, die heute an der Börse ausgefochten werden sollte, war auf den letzten Buchhalter übergesprungen.

 

Kapitel 26

 

26

 

»Mr. Reef ist da, Sir. Aber ich glaube nicht, daß er Sie empfangen wird, wenn er Sie nicht herbestellt hat.«

 

Tony mußte über die aufgeblasene Wichtigtuerei dieser Auskunft lächeln.

 

»Tragen Sie ihm meine Karte hinein«, befahl er und wußte sehr genau, daß der Angestellte ihn erkannt hatte und ihn nur mit der gewohnten Frechheit seines Brotherrn behandelte.

 

Man ließ Braid zehn Minuten warten. Das wurde Julian zum Verhängnis. Denn als die Hälfte dieser Zeit verstrichen war, kam in den Warteraum ein dünner, kleiner Mann mit einem altmodischen, steifen Hut und mit sehr großen, breiten Schuhen.

 

»Ich möchte Mr …« – er blickte auf eine Karte – »Mr. Rex Guelder sprechen. Es ist sehr wichtig. Wollen Sie ihm bitte sagen, daß Mr. Samer aus Troubridge ihn sofort sprechen möchte. Und sagen Sie ihm bitte, daß es ungemein dringend ist. Ich komme extra aus Troubridge, um ihn zu sprechen.«

 

»Ich weiß nicht, ob Mr. Guelder im Haus ist«, erwiderte der Angestellte. »Setzen Sie sich, bitte.«

 

Der alte Mann ließ sich atemlos nieder und trocknete sich die Stirn. Er war mitteilsam, wie es schüchterne Menschen oft unter Fremden sind.

 

»Heute früh um fünf bin ich aufgebrochen«, erzählte er. »Ich hatte auch gleich Anschluß. Seit siebenunddreißig Jahren bin ich nicht in London gewesen. Der Ort hat sich sehr verändert.«

 

»Ohne Zweifel«, stimmte Tony zu. »Sie wohnen in Troubridge?«

 

»Ja, Sir«, nickte der alte Mann stolz. »Unsere Firma besteht in Troubridge seit zweihundertfünfunddreißig Jahren. Ich glaube, wir sind das älteste Haus am Platz. Das Geschäft hat sich immer vom Vater auf den Sohn vererbt und wird, so Gott will, auf meinen Jungen übergehen, der zweiundfünfzig ist, und dann, mit dem Segen des Allmächtigen, auf meinen Enkel, der auch schon im Geschäft ist.«

 

Tony wollte den Herrn aus Troubridge gerade nach seinem Geschäftszweig fragen, als er vor das erhabene Antlitz Julians zitiert wurde.

 

Reef hatte sich verändert. Um ihn wehte ein Hauch von Erhabenheit, ja, fast von Größenwahn, wie es Tony schien.

 

Schon der Empfang des Besuchs bewies die veränderten Umstände. Doch hinter dieser neuen Herrlichkeit entdeckte Tony – der ja nicht dumm war – eine leise Unsicherheit. Es schien fast, als müsse Reef sich zwingen, seinem Gast in die Augen zu schauen.

 

»Tut mir leid, daß ich Sie warten ließ, Braid, aber ich bin gerade furchtbar beschäftigt. Hoffentlich halten Sie mich nicht lange auf. Ich habe tatsächlich die letzte Woche Tag und Nacht gearbeitet.«

 

»Sie sollten sich aber doch Zeit nehmen, ab und zu eine Schießbude zu besuchen«, riet Tony. »Ihre Treffsicherheit läßt viel zu wünschen übrig.«

 

Julian zwang sich zu einem matten Lachen.

 

»Ich habe aus den Zeitungen gelesen, daß es da irgendwo eine Schießerei gegeben hat. Jemand hat mehrere Salven auf einen berühmten Detektiv gefeuert. Ich tippe auf Elk.«

 

»Die Zeitungen haben nicht von mehreren Salven gesprochen, sondern von zwei Schüssen«, bemerkte Tony kühl. »Und dann stand der Bericht nur in einer Zeitung – aber offenbar sind Sie besser informiert.« Julian unterdrückte eine Erwiderung, er hatte schon zuviel gesagt.

 

»Was wünschen Sie noch?«

 

»Ich wünsche Mr. Guelder zu sprechen. Ich habe mit ihm ein Hühnchen zu rupfen.«

 

Julian blickte gelangweilt drein.

 

»Mein guter Mann«, sagte er verdrießlich, »was scheren mich Ihre Privatfehden? Aber Guelder ist nicht hier. Er ist für einen Tag aufs Land gefahren. Ich erwarte ihn erst morgen zurück. Wenn Sie weiter keine Wünsche haben …«

 

Er stand auf und blickte eindeutig auf die Tür.

 

»Ich bin noch nicht fertig«, wehrte Tony ab. »Wissen Sie eigentlich, daß Ihr Holländer Lady Frensham lästig fällt?«

 

Offenbar wußte Julian es nicht, denn sein Ausdruck wechselte rasch.

 

»Was meinen Sie damit?«

 

»Ich meine damit, daß er heute nacht Lady Frensham anrief und ihr einen Heiratsantrag machte. Vielleicht war er betrunken oder von seiner neuen Entdeckung berauscht …« Es entging ihm nicht, daß Julian erschreckt auffuhr. »Ich weiß davon. Jawohl. Sleser besuchte mich heute früh. Ich werde von der Mitteilung aber erst nach der Veröffentlichung in den Zeitungen Gebrauch machen.«

 

»Er hat Ursula angerufen?«

 

»Sie meinen Lady Frensham? Ja, und ihr einen Heiratsantrag gemacht. Wußten Sie etwas über seine zärtlichen Gefühle?«

 

Julian schlug die Augen nieder.

 

»Nein«, sagte er verbissen. »Jedenfalls können Sie mir nicht zumuten, Guelder außerhalb des Geschäfts zu überwachen.«

 

Tony war Menschenkenner genug, zu erkennen, daß die Nachricht Reef in die Glieder gefahren war.

 

»Was sagt Ursula dazu?« fragte Reef, ohne den Blick zu heben.

 

»Lady Frensham fühlt sich natürlich nicht gerade geschmeichelt. Ich wollte Guelder sprechen und ihm sagen, daß ich ihn braun und blau schlage, wenn das noch einmal vorkommt. Dasselbe, Julian Reef, gilt für fahrende Schützen, die mich in frühen Morgenstunden als Zielscheibe benutzen.«

 

Julian wollte etwas entgegnen, doch Tony fuhr fort:

 

»Es wird Sie auch interessieren, das Ihr Freund, mein Kammerdiener, geflogen ist. Doch das wissen Sie sicher schon. Er wird Ihnen seine Meldung erstattet haben. Wenn Sie sich so lebhaft für die Vorgänge in meinem Haus interessieren, werde ich täglich zweimal ein Bulletin herausgeben und Ihnen zustellen lassen.«

 

»Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen«, entgegnete Julian patzig. »Ich glaube, Sie sind nicht ganz normal. Also Guelder ist nicht da. Kommen Sie wieder, und zanken Sie sich mit ihm, wenn er da ist … Sie verkaufen wohl heftig Diamanten. Sie müßten nicht Sie sein, wenn Sie es nicht täten. Es war eine große Dummheit von Sleser, Ihnen die Erfindung zu verraten.«

 

»Ich werde nicht verfehlen, ihm das auszurichten«, versicherte Tony.

 

Julians entsetzter Blick verriet ihm den großen Respekt, den er vor dem mächtigen Börsenmann hatte.

 

Als er hinausging, kam der Angestellte herein, und Braid hörte Julian äußern:

 

»Sagen Sie ihm, er soll morgen wiederkommen – ich wünsche heute niemanden zu sprechen.«

 

Die Botschaft wurde dem Mann im Wartezimmer übermittelt.

 

»Mein Gott! Mein Gott!« stöhnte er und raffte seinen Schirm und seine braune Reisetasche auf. »Was soll ich bloß anfangen! – Ihre Durchlaucht wird es mir nie verzeihen!«

 

Tony hatte Mitleid mit dem Alten. Er öffnete ihm die Tür und ging mit ihm die Treppe hinunter.

 

»Ein Unglück!« stammelte der Herr aus Troubridge. Er mußte jemandem sein Herz ausschütten. »All die langen Jahre, die ich im Geschäft bin, ist mir noch nie so etwas passiert. Wenn ich Mr. Guelder nur fünf Minuten sprechen könnte …«

 

»Ich müßte Mr. Guelder auch nur fünf Minuten sprechen«, sagte Tony grimmig. Der Kummer des alten Mannes rührte Tony, und er fragte: »Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?«

 

Mr. Samer schüttelte den Kopf.

 

»Ich fürchte, nein. Sehen Sie, als ich Mr. Guelder den Diamanten verkaufte, handelte ich im besten Glauben. Ich hatte den schrecklichen Irrtum, den mein Gehilfe beging, nicht bemerkt.«

 

Tony war im Nu lebendigste Aufmerksamkeit.

 

»Kommen Sie mit in meinen Klub! Vielleicht kann ich Ihnen doch helfen.«

 

Mr. Samer stammelte unzusammenhängende Dankesworte und trottete neben Braid her.

 

Im Rauchzimmer des Klubs, das zu dieser Morgenstunde fast leer war, erzählte er seine Geschichte.

 

In der Nähe von Troubridge wohnte die Herzogin von Hanfield. Er, Samer, hatte ein großes Juwelengeschäft und führte ganz auserlesene Ware. Er und seine Vorfahren hatten für die Familie Ihrer Durchlaucht seit Hunderten von Jahren gearbeitet. Als sie ihm den Diamantring zum Umfassen schickte, hatte er den Stein sehr sorgfältig herausgelöst und ihn in seinen Tresor eingeschlossen. Dort lagen andere Steine zum Verkauf, und während er abwesend war, war sein Gehilfe (er sagte nicht: sein Sohn, doch Tony erriet, daß er das nur aus Familienstolz unterdrückte) von einem Herrn aus London besucht worden, der unbedingt einen würfelförmigen Diamanten kaufen wollte.

 

»Hallo!« unterbrach Tony heftig. »Können Sie mir das Gewicht sagen?«

 

»Zehn Karat«, gab der Juwelier erstaunt Bescheid, »und eine Kleinigkeit darüber.«

 

»Weiter«, trieb Tony den Alten an.

 

Der Gehilfe habe sich natürlich sehr geschmeichelt gefühlt, als Mr. Guelder sagte, er hätte von der herrlichen Kollektion gehört, die der Juwelier führe, und wolle einen großen Stein für einen Verlobungsring kaufen. Der Gehilfe öffnete den Tresor, nahm eine Anzahl Steine heraus, fand dabei unglücklicherweise auch den Diamanten der Herzogin und bot ihn in dem Glauben, er sei verkäuflich, dem Herrn an. Auf dem Papier, in das er eingewickelt war, stand in Mr. Samers Handschrift »elfhundert Pfund«. Das war die Höhe der kurzfristigen Prämie, mit der er den Stein gegen Einbruchsdiebstahl versichert hatte. Und so war der Stein um elfhundert Pfund verkauft worden. Herr Guelder hatte in Scheinen bezahlt und seinen Erwerb sofort mitgenommen. Und jetzt hatte die Herzogin, die verreist war, ihm mitgeteilt, sie käme heim und hoffe den Ring fertig vorzufinden.

 

»Und, Mr. – wie war doch Ihr Name – Mr. Braid! – doch nicht der Rennstallbesitzer Braid? Doch? Ich wette bisweilen selbst ein wenig, aber nur ganz niedrig. Ich bin nur ein ganz kleiner Zaungast bei dem, was ich den Sport der Könige nennen möchte – also, Mr. Braid, so liegt die Sache. Ich muß Mr. Guelder bewegen, mir den Stein zurückzugeben, und will ihm gern noch hundert Pfund draufzahlen auf den Preis, den er mir gezahlt hat.«

 

»Können Sie mir den Diamanten vielleicht etwas näher beschreiben?«

 

»Ich kann Ihnen die Fotografie zeigen«, erbot sich Mr. Samer eifrig.

 

Er trug sie in seiner Westentasche. Er pflege, und schon sein Vater hätte das getan, alle wichtigen Steine zu fotografieren, die durch seine Hände gingen. Sein Großvater habe sie von einem Künstler malen lassen. Damals steckte die Lichtbildkunst noch in den Kinderschuhen. Tony betrachtete die Fotografie – einen kleinen Streifen, der auf dickes Papier geklebt war –, und sein Herz tat einen Freudensprung.

 

»Mir scheint, ich kann Ihnen den Stein wiederbeschaffen«, rief er, worauf Mr. Samer ihm vor Dankbarkeit fast um den Hals fiel.

 

Während sie hinausgingen, blieb Braid in der Halle stehen und sah sich die Nachrichten an, die über den Fernschreiber hereinkamen.

 

»Sie suchen die Diamanten, Mr. Braid?« fragte der Portier und zeigte auf einen Streifen an einem grünen Brett.

 

Diamanten fielen stürmisch. Papiere, die am Tag zuvor zwölf Pfund gestanden hatten, notierten jetzt neun und acht dreiviertel.

 

»Entschuldigen Sie mich einen Augenblick, ich muß telefonieren«, bat Braid seinen neuen Freund.

 

Er ging in eine Zelle, rief seinen Makler an und gab ihm eingehende Instruktionen. Er nannte ihm drei Papiere. »Kaufen Sie«, sagte er, »und hören Sie nicht eher zu kaufen auf, bis Ihnen der Atem ausgeht.«

 

»Aber der Markt fällt, Mr. Braid«, rief der überraschte Makler, »Sie glauben doch nicht etwa, daß …«

 

»Kaufen Sie, bis Sie nicht mehr können«, beharrte Tony. »Kaufen Sie für eine Million. Nein, Sie können bis anderthalb Millionen gehen.«

 

Tony kam heraus, nahm den aufgeregten Juwelier unter den Arm und rief ein Taxi. Sie fuhren nach Lombard Street, in der das Gebäude der Sleser-Gesellschaft sich hoch über alle anderen erhob, fuhren mit dem Fahrstuhl zum ersten Stock hinauf, wo Tony das Glück hatte, Slesers Privatsekretär abzupassen, mit dem er bekannt war.

 

»Tut mir furchtbar leid, Mr. Braid, aber Mr. Sleser kann Sie unmöglich empfangen. Er steckt bis zur Nase in dem Diamantengeschäft.«

 

»Leute, die bis zur Nase in irgend etwas stecken«, gab Tony zu bedenken, »ersticken. Sagen Sie ihm nur, ich sei hier und wolle mich an ihm als Lebensretter betätigen.«

 

Der Sekretär lächelte.

 

»Wollen Sie verkaufen?« fragte er vertraulich. »Das sollten Sie tun, Mr. Braid. Sleser beauftragte mich, Sie vor einer halben Stunde anzurufen, aber Sie waren nicht zu erreichen. Ich werde fragen, ob er Sie empfangen will.«

 

»Und meinen Freund, Mr. Sanier, auch«, rief Tony ihm nach.

 

Der Sekretär blickte sich fragend um, eilte dann aber davon. Einige Augenblicke später kam er zurück und führte Tony und Mr. Samer durch sein Büro in das Privatkontor des großen Spekulanten.

 

Kapitel 27

 

27

 

Mr. Sleser saß an einem gewaltigen Schreibtisch, eine unscheinbare Tonpfeife im Mund. Das Zimmer roch kräftig nach Shag-Tabak.

 

»Tag, Braid.«

 

»Darf ich Ihnen Mr. Samer vorstellen?« sagte Tony.

 

»Freut mich. Habe genau zwei Minuten für Sie Zeit.«

 

»Das genügt nicht«, erwiderte Tony ruhig, während er Mr. Sleser vergnügt zublinzelte. »Hören Sie mich erst an, dann können Sie uns ja immer noch hinauswerfen. Haben Sie den Diamanten bei sich?«

 

Slesers Gesicht verzog sich unmutig.

 

»Ja«, nickte er langsam. »Was wollen Sie damit?«

 

»Unser Freund hier ist Juwelier.«

 

Sleser lehnte sich in den Stuhl zurück und lachte laut und herzlich.

 

»Sie sind ein ungläubiger Thomas! Trauen Ihren eigenen Augen nicht, wie? Schade um die zwei Minuten! Aber ich werde Ihnen den Stein zeigen.«

 

Er schloß den Safe auf, entnahm ihm ein kleines blaues Ringetui und öffnete es. Der viereckige Diamant glitzerte auf seinem blauen Samtlager.

 

»Das ist er!« schrie Samer bebend. »Gott sei Dank, daß ich ihn gefunden habe! Sie haben meine Ehre gerettet, Mr. Braid!«

 

Sleser starrte ihn verdutzt an.

 

»Was ist los?« fragte er und wandte sich brüsk an Tony.

 

»Das kann ich Ihnen in wenigen Worten sagen. Dieser Diamant ist vor zwei oder drei Tagen diesem Herrn von Rex Guelder abgekauft worden«, berichtete Tony gelassen. »Er wurde aus Versehen verkauft. Er gehört nämlich der Herzogin von Hanfield, die ihn umfassen lassen wollte. Mr. Samer verkaufte …«

 

»Mein Gehilfe«, flocht Mr. Samer sanft ein.

 

Sleser stieß seinen Stuhl vom Tisch zurück.

 

»Augenblick! Das muß ich erst mal verdauen! – Sie erkennen diesen Stein mit Bestimmtheit als den, den Sie vor zwei, drei Tagen an Mr. Guelder verkauft haben?«

 

»Mein Gehilfe«, berichtigte Samer wieder. »Der Herr kam herein und sagte, er suche einen Diamanten von ganz besonderer Form. Er suche ganz England danach ab; denn er solle genau zu einem gelben Diamanten passen, den er besitze.«

 

»Kennen Sie das Gewicht von diesem hier?« Mr. Samer zog wieder die kleine Fotografie hervor, auf deren Rückseite Zahlen standen, die nur er zu deuten verstand.

 

Sleser ging zum Fenster, wo unter einem Glassturz eine Goldwaage stand. Er legte den Diamanten auf die eine Schale, einige kleine flache Gewichte auf die andere.

 

Mr. Samer las jetzt das Gewicht von der Fotografie ab. »Genau«, rief Sleser und prustete vor Zorn.

 

Eine Zeitlang – es schien eine Ewigkeit – war es im Zimmer totenstill. Dann drückte Sleser auf einen Knopf. Der Sekretär erschien und machte eine Bewegung, den Besuch hinauszulassen.

 

»Machen Sie die Tür zu«, schnaubte Sleser. »Rufen Sie die Bank an. Der Scheck von zwanzigtausend Pfund, den ich Guelder gegeben habe, soll sofort gesperrt werden. Telefonieren Sie jedem Makler, den Sie kennen, er soll sofort aufhören zu verkaufen und soll dieselben Aktien zurückkaufen. Sagen Sie ihnen, sie sollen bis zur Bewußtlosigkeit kaufen. Danke sehr, weiter nichts.« Er nahm die Tonpfeife wieder auf, die er auf den Tisch gelegt hatte, zündete sie an und paffte dicke Wolken.

 

»Vielleicht wird Ihre Achtung vor der Aristokratie einige Punkte sinken, Mr. Samer. Aber trotzdem bin ich ein intimer Freund der Herzogin von Hanfield. Ich werde schon dafür sorgen, daß Sie durch diesen Stein keine Ungelegenheiten haben. Ich brauche ihn noch ein, zwei Tage, dann kriegen Sie ihn zurück. Ihre Durchlaucht ist in Paris. Ich habe heute morgen zufällig von ihr einen Brief bekommen. Ich werden sie anrufen und erfahren, wie lange sie noch bleibt. Wenn sie sehr bald eintrifft, werde ich ihr die Wahrheit sagen. Sonst – na, bis dahin haben Sie ja den Stein zurück. Ich danke Ihnen.«

 

Er streckte die Hand aus und preßte die zarten Juwelenfinger des kleinen Mannes mit solchem Nachdruck, daß der Alte vor Schmerz auf einem Bein hüpfte.

 

»Sie finden wohl allein hinaus. Ich muß noch mit Mr. Braid sprechen.«

 

Als der kleine Juwelier gegangen war, sagte Sleser: »Jetzt bin ich wieder in Ihrer Schuld, Braid. Dieser Schweinehund hat uns gestern abend ‚reingelegt! Nicht zu glauben: vier ausgewachsene Männer von diesem Federfuchser übertölpelt. Wir sollten uns schämen! Natürlich hat er den Stein ausgetauscht. Hat blaue Funken stieben lassen, um uns zu blenden und um schnell und heimlich die Steine auszutauschen. Die Sache ist mir ganz klar – leider zehn Stunden zu spät. Kommen Sie. Wir wollen diesem Mr. Guelder mal ein bißchen auf die Hühneraugen treten.«

 

»Er ist nicht im Büro«, belehrte ihn Tony.

 

»Quatsch«, polterte Sleser. »Er hat mich heute vormittag zweimal angerufen.

 

Kein Angestellter wagte, dem Eindringen des mächtigen Sleser zu wehren, als er durch die Vorzimmer stapfte und die Tür zu Reefs Privatkontor aufriß, hineinmarschierte und Tony hereinwinkte.

 

Julian war nicht allein. Guelder saß bequem in einem tiefen Klubsessel, die unvermeidliche Zigarre zwischen den Zähnen. Sein Gesicht leuchtete auf bei Slesers Anblick, doch das Lächeln wurde sehr schwach, als Braid in Sicht kam.

 

»Machen Sie die Tür zu, Braid«, bat Sleser, zog eine Schachtel heraus und zeigte den Diamanten.

 

»Den haben Sie doch gestern abend fabriziert, Guelder, nicht wahr?«

 

»Ja, das ist der Stein«, sagte Guelder verbindlich. Sleser blickte zu Julian hinüber.

 

»Hängen Sie mit in dem Schwindel?«

 

»Schwindel?« schnappte Julian Reef und erbleichte. »Was wollen Sie damit sagen? Das war kein Schwindel – Sie haben es mit Ihren eigenen Augen gesehen. Natürlich, wenn Sie dem Burschen da –« sein Zeigefinger wies anklagend auf Braid – »Glauben schenken, dann glauben Sie an Schwindel, aber Sie haben doch selbst gesehen …«

 

»Ich glaube nicht Mr. Braid, ich glaube meinen Augen und Ohren«, erwiderte Sleser gelassen. »Dieser Stein ist vor einigen Tagen bei einem Juwelier namens Samer in Troubridge gekauft worden. Ich begreife durchaus, daß Ihr holländischer Freund zu diesem besonderen Experiment auch einen besonderen Stein brauchte. Er besaß den gelben und suchte einen dazu passenden weißen. Er hat diesen Diamanten für elfhundert Pfund gekauft.«

 

»Das ist eine infame Lüge!« schrie Guelder. »Ich habe ihn mit meiner Wissenschaft gezeugt … Sie haben’s gesehen. Sie können Ihre eigenen Beobachtungen nicht Lügen strafen!«

 

»Sie haben den Stein ausgetauscht, Sie schmieriger Schuft!« brüllte Sleser. »Sie haben mich zum Popanz der City gemacht! Und wenn ich nicht fürchten müßte, zum Gelächter der Welt zu werden, würde ich Sie beide ins Gefängnis bringen!«

 

»Ich bin daran nicht beteiligt!«

 

Julian Reefs Blässe, seine Erschütterung, die an Verzweiflung grenzte, machten seinen Protest glaubhaft. »Wenn das wahr ist … nein, nein, das kann nicht wahr sein! Guelder, das hast du nicht getan!«

 

»Wenn Sie alle das glauben …« Er zog die Schultern hoch. »Ich bin Gelehrter, Chemiker, nicht Psychologe. Sie haben’s mit eigenen Augen gesehen, Sie glauben es nicht, Sie hören auf diesen gerissenen Kerl …«

 

Er sprang blitzschnell hinter seinen Schreibtisch.

 

»Ich denke nicht daran, Sie zu schlagen«, sagte Tony verächtlich.

 

»Aber wenn Sie noch einmal Lady Frensham belästigen, drehe ich Ihnen das Genick um.«

 

Julian aber dachte nicht an Ursula. Er dachte an seine ungeheuren Aufträge, an die gigantischen Aktienkäufe, die er hatte tätigen wollen. Er dachte an die Freunde, die ihm nur zögernd die Mittel zu diesen gewaltigen Transaktionen zur Verfügung gestellt hatten. Er starrte den Holländer an, dann stürzte er sich auf ihn.

 

Sleser trennte die beiden und schleuderte den rothaarigen jungen Mann gegen die Wand.

 

»Verüben Sie Ihre Morde, wenn ich nicht dabei bin!« wetterte er. »Kommen Sie, Braid. Wollen sehen, was auf der Börse los ist. Wenn ich mit einer Million Verlust herauskomme, werde ich mich glücklich schätzen.«

 

Während sie hinunterfuhren, fragte er:

 

»Sie haben Ihren Freunden wohl schon mitgeteilt, daß es fauler Zauber war?«

 

»Nein«, entgegnete Tony. Er schämte sich ein wenig, daß er seine Parteinahme völlig vergessen hatte. »Aber ich glaube, das macht nicht viel. Sie verkaufen sowieso nicht.«

 

»Dann habe ich noch Hoffnung«, rief Sleser. Es war eine sehr berechtigte Hoffnung, wie er erkannte, als sie zur Börse kamen. Diamantenaktien sausten mit derselben Geschwindigkeit hinauf, mit der sie gefallen waren.

 

Er nahm den Diamanten aus der Tasche und reichte ihn Tony.

 

»Lebt wohl, Millionen«, lachte er, »ich nehme von euch Abschied. Behalten Sie den Stein. Ich werde das mit der Herzogin schon ins reine bringen.«

 

»Sie sind sehr zuversichtlich«, lächelte Tony.

 

»Lassen Sie uns darüber schweigen«, sagte der große Mann traurig. »Ich habe ihn ihr einst geschenkt – und ich Narr habe ihn gestern nicht sofort wiedererkannt!«

 

»Mr. Sleser, bitte ans Telefon«, rief ein Bedienter. Als der Millionär nach einigen Augenblicken zurückkam, spielte ein sarkastisches Lächeln um seinen Mund.

 

»Es war mein Büro«, berichtete er. »Ich gab Guelder einen Barscheck – natürlich hat er ihn, sobald die Bank geöffnet wurde, einkassiert. Glauben Sie, daß der Sheriff mich zugucken lassen wird, wenn er baumelt? Ich möchte zu gern mal wieder tüchtig lachen.«

 

Kapitel 17

 

17

 

»Weißt du, daß du beobachtet wirst?« fragte Julian Reef.

 

Guelder schrak zusammen, die dicke Unterlippe hing ihm mit einem Ausdruck des Entsetzens herab.

 

»Beobachtet?« keuchte er, »von der Polizei? Barmherziger Gott!«

 

Mit boshafter Befriedigung fuhr Julian fort:

 

»Ich habe Elk kürzlich zweimal in der City getroffen, und beide Male ging er wenige Meter hinter dir. Kennst du ihn?«

 

»Den langen Halunken? Ja, natürlich. Wir sind dicke Freunde.« In der Aufregung sprach er kein gutes Englisch.

 

»Ich weiß wirklich nicht, »was ihn dazu veranlassen könnte, aber jedenfalls ist er dir auf der Spur.« Reef ließ eine kleine Pause verstreichen, ehe er die Frage stellte, zu der es ihn drängte.

 

»Guelder, du warst in der vergangenen Woche viel verreist. Soviel ich weiß, warst du Montag in Birmingham und Mittwoch in Cardiff. Was ist los? Irgend etwas hetzt dich umher.«

 

Rex Guelder gab gelassen Auskunft.

 

»Mein lieber Junge, ich bin Gelehrter. Ich muß bestimmte Teile meiner Maschinen prüfen und ausprobieren, ehe ich sie kaufe. Wo diese Teile zu haben sind, da fahre ich hin. Eine ganz einfache Sache.«

 

»Glaubst du, daß Elk dir auch dahin gefolgt ist?«

 

Sekundenlang funkelte ein Flackern der Bestürzung in den Glotzaugen des Niederländers.

 

»Ich habe ihn jedenfalls nicht bemerkt«, sagte er gequält.

 

»In jedem Fall hätte er ja auch nichts weiter beobachtet, als daß du elektrische Apparate kaufst«, meinte Julian mit kaum verhehltem Argwohn.

 

»Allerdings«, sagte Guelder.

 

Als Julian etwas später seine Post durchsah, fand er einen Brief in einer ihm bekannten Handschrift. Er riß ihn auf und wunderte sich, was Tony Braid ihm zu sagen habe. Es war eine kurze, geschäftliche Mitteilung. Bei der Durchsicht des Aktienregisters hatte Braid festgestellt, daß gewisse Lulanga-Aktien des verstorbenen Frensham nicht in völlig gesetzmäßiger Form übertragen worden waren. Jedenfalls fehlte die Bescheinigung. Er legte die notwendigen Dokumente mit der Bitte an Julian bei, sie zu unterschreiben.

 

Lange blickte Reef auf die Papiere, den Federhalter in der Hand. Dann legte er ihn nieder und klingelte nach Guelder.

 

Wenn Rex auch sehr wenig von den Geheimnissen der Börse verstand, die Möglichkeiten, die sich hier boten, würde er begreifen, auch wenn er kein Sachverständiger in Finanzdingen war.

 

»Wieviel waren es?« fragte Guelder.

 

»Etwa fünfzigtausend«, erwiderte Julian und blickte auf die Papiere. »Genau neunundvierzigtausendfünfhundert.«

 

Er kannte im voraus die Antwort des Holländers.

 

»Hm, mein Freund«, sagte er, »wenn sie an Frensham nicht ordnungsgemäß übertragen worden sind, gehören sie dir; oder wollen wir lieber sagen: mir? Ich bin dein Sozius.«

 

Ohne aufzublicken erwiderte Julian: »Darauf fällt der nicht ‚rein.«

 

»Aber vielleicht fällt das gnädige Fräulein Ursula darauf ‚rein. Sie ist doch eine Frau von Ehre«, fügte er schlau hinzu, »und wird sich nicht an Aktien bereichern wollen, die ihr nicht gehören.«

 

»Sie gehören ihr«, verwies Julian grob. »Stell dich doch nicht dümmer, als du bist!«

 

»Wenn ich nun behaupte, daß sie ihr nicht gehören! Wenn ich zum Beispiel zu der Dame ginge – mit einer kleinen, niedlichen Geschichte. Wie wäre das, mein Freund?«

 

Julian biß ich auf die Lippen. Er brauchte wieder einmal dringend Geld. Der Aktienerlös war längst den Weg aller Dinge gegangen. Selbst Guelder hatte keine Ahnung, wie verzweifelt seine Lage war.

 

»Es scheint mir ein sehr schmutziger Streich zu sein«, sagte er endlich matt. »Es widerstrebt mir eigentlich. Aber wenn man die Sache näher betrachtet, gehören die Aktien wirklich uns.«

 

Guelder klopfte ihm auf die Schulter.

 

»Ganz meine Meinung«, rief er, »laß mich nur machen!«

 

*

 

Das Leben verrann sanft und still in Hampstead. Ursula hatte einen Kreis guter Freunde.

 

Obwohl sie wenig ausging und nur selten jemand empfing, hatte sie die Gabe, dauernde Freundschaften, eins der schönsten Geschenke wahrer Menschlichkeit, zu begründen und zu unterhalten.

 

Am Tag, bevor die Diamantenaktien sich so sonderbar benahmen, erhielt sie einen Brief, dessen Handschrift ihr völlig unbekannt war. Ein Botenjunge überbrachte ihn. Aus der Schrift schloß sie auf einen Ausländer und wunderte sich, wer sie mit »Die Lady Ursula Frensham« anreden könnte. Der Brief enthielt nur zwei Zeilen. Als sie die Unterschrift suchte, entdeckte sie zu ihrem Erstaunen ein schwunghaftes Gekritzel, das sie als Rex Guelder entzifferte.

 

Lady! Darf ich die Ehre haben, Sie heute zu besuchen? Bitte, empfangen Sie mich in einer höchst wichtigen Angelegenheit.

 

Da auf dem Briefkopf weder Adresse noch Telefonnummer stand, blieb ihr keine Möglichkeit, den Besuch abzuweisen.

 

Trotzdem hätte Ursula sich von Rex Guelder verleugnen lassen, wenn die gewisse weibliche Neugierde nicht so groß gewesen wäre. Sie zögerte daher kaum, als sie die große Visitenkarte las.

 

»Lassen Sie ihn eintreten, Jane, aber kommen Sie in zehn Minuten unter irgendeinem Vorwand herein und rufen Sie mich ab.«

 

Guelder trug einen schwarzen Rock, eine flammendrote Krawatte und in der Hand einen steifen Hut. Sein Gesicht glänzte nicht weniger als seine goldene Brille; denn er war bis zur Fitzjohn’s Avenue zu Fuß gegangen. Er hatte seine geheimen Gründe.

 

»Sie sind überrascht, mich zu sehen«, begann er mit einem unsympathischen Lächeln, »das begreife ich. Ich bin sozusagen von der Konkurrenzfirma. Sie werden mich fragen, warum ich nicht gleich zu dem ausgezeichneten Mr. Braid gegangen bin. Doch wir wollen die Angelegenheit durchaus freundschaftlich regeln. Es liegt uns nichts ferner, als Sie vor ein Gericht zu zitieren.«

 

Schon bei diesem Gedanken heuchelte er tiefstes Mitgefühl.

 

»Ich fürchte, ich verstehe nicht recht, was Sie meinen«, entgegnete Ursula. »Wenn die Angelegenheit Mr. Braid angeht, ist es freilich zwecklos, daß Sie mit mir verhandeln. Und wenn es eine geschäftliche Angelegenheit ist, ist mein Rechtsanwalt zuständig.«

 

Wieder schüttelte er den Kopf.

 

»Wir möchten gern einen Prozeß vermeiden, meine reizende junge Dame.«

 

Seine Augen betasteten sie. Wieder empfand sie jenes Gefühl heftiger körperlicher Pein, das sie Tony beschrieben hatte.

 

»Es ist eine ganz belanglose Angelegenheit«, fuhr er rasch fort. »Ihr beklagenswerter Herr Vater, dessen Tod – oh, diese Tragik! – mich und meinen lieben Freund Julian eines wahren, großmütigen Freundes beraubt hat – Ihr teurer Papa war mit dieser Angelegenheit eng verknüpft. Er besaß Aktien, wir besaßen Aktien – es ging ein wenig durcheinander. An manchen Tagen sandte ich ihm einige tausend, an anderen sandte er mir einige tausend. Wir Männer waren sorglos, großmütig, nicht kleinlich veranlagt. Gestern suchte ich fünfzigtausend Stück Lulanga. Wer würde bei diesem überraschenden Kurs nicht verkaufen? Ich bin ein armer Mann. Ich durchsuche meinen Geldschrank, ich frage bei meiner Bank an, ich stürze zu meinem Makler. Überall Kopfschütteln. Dann kontrolliere ich mein Geschäftsbuch. Und was finde ich? Ich finde fünfzigtausend Lulanga als Darlehen an Lord Frensham. Eine belanglose Kleinigkeit. Er hatte Ärger mit seiner Bank, mußte als Sicherheit hundert-, zweihundert-, ich weiß nicht wie viele hunderttausend Aktien hinterlegen. Er rief mich an: ›Mein lieber Guelder, ich bin in Verlegenheit. Ich muß zur Sicherheit Aktien hinterlegen, und weil die Lulanga so wertlos sind, verlangen sie von mir eine unerhörte Menge.‹ Feine Gelegenheit. Ich freue mich, dem hochherzigen Mann gefällig sein zu können. Im selben Moment hat er auch schon die Aktien. Keine Form, keine Zession, keine kleinlichen Rechtskniffe – nichts. Ich schicke ihm einfach die Aktien durch einen Botenjungen – sie sind ja an sich wertlos – und vergesse sie ganz. Wozu soll man sein Gedächtnis mit Aktien belasten, die scheinbar wertlos sind, nicht wahr? Vielleicht nachlässig. Aber es ist ja für mich kein Geschäft, sondern Ehrensache. Soll ich Sie jetzt in Ihrem Kummer belästigen, fragte ich mich? Ich berate mich nicht mit meinem guten Freund Julian. Auch er ist ein Ehrenmann, voller Zartgefühl, mit hohen Grundsätzen, dazu noch der Neffe unseres hochgeschätzten Freundes Frensham. Mir, der den nackten Vorteil der Firma vertritt, bleibt natürlich die schmerzliche Pflicht –«

 

Er hielt inne, um Atem zu schöpfen. Ursula hatte das zusammenhanglose Gerede voller Schlauheit und heuchlerischem Mitgefühl ruhig angehört und begriff sofort den Zweck dieses Besuches.

 

»Mit anderen Worten wollen Sie sagen, daß von den zweimalhunderttausend Aktien, die mein Vater mir hinterlassen hat, fünfzigtausend Ihnen gehören?«

 

»Zu meinem lebhaften Bedauern meine ich das. Es ist beklagenswert und …«

 

Sie unterbrach ihn. »Und ausschließlich eine Angelegenheit des Testamentsvollstreckers, scheint mir.«

 

Er nickte heftig mit dem dicken Kopf.

 

»Ja, Mr. Braid. Unleugbar. Aber wenn ich zu Mr. Braid gehe, was geschieht dann? Er höhnt, er schnippt mit den Fingern, er sagt: ›Tun Sie, was Sie nicht lassen können.‹ Dann treten die Anwälte in Aktion, es gibt Prozesse und langwierige Verhandlungen, in denen allerhand unangenehme Dinge zur Sprache kommen. Zum Beispiel!« Er hob nachdenklich seinen plumpen Zeigefinger und dozierte: »Zum Beispiel: an seinem Todestag kam Ihr Vater zu dem guten Julian und forderte von ihm die Aktien, die Julian für Sie verwaltete. Weshalb? Wozu? Weil er sie für sich verwerten wollte. Bitte, unterbrechen Sie mich nicht! Ihre Empörung ehrt Sie, meine reizende Dame, aber von mir hören Sie die Wahrheit, die unleugbare Wahrheit –«

 

»Nach Julians eigener Behauptung waren diese Aktien schon seit Wochen in meines Vaters Besitz«, antwortete sie kaltblütig.

 

Sekundenlang stand Mr. Guelder fassungslos da.

 

»Sie möchten Ihren Vater gern decken, aber die Wahrheit muß heraus. Ich sehe schon die Abendblätter mit den bösen Überschriften ›Seltsame Beschuldigung gegen einen verstorbenen Edelmann‹. Sehr peinlich, sehr peinlich! Auch hat bei der Totenschau Mr. Braid vor Gott beschworen, daß der verstorbene Frensham nicht in Geldverlegenheit gewesen ist. War das die Wahrheit? Sie sehen, wie viele delikate Dinge dann zur Sprache kommen könnten, zur Freude sensationshungriger Mitmenschen.«

 

»Mr. Guelder«, unterbrach sie ihn wieder, »mir scheint, Sie verkennen meine Situation gründlichst, wenn Sie sich auch nur einen Augenblick einbilden, ich würde meinen Einfluß auf Mr. Braid benutzen, Ihnen die fünfzigtausend Aktien zu verschaffen. Ich habe mit der ganzen Angelegenheit nicht das geringste zu schaffen.«

 

»Sehr richtig, junge Dame, vollkommen richtig«, murmelte eine Stimme.

 

Sie erschrak so heftig bei diesem Laut, daß sie plötzlich aufsprang. Beide hatten Elks leise Schritte beim Überschreiten der Rasenfläche überhört, hatten auch einen schmalen Schatten an der offenen Fenstertür übersehen.

 

»Niemals etwas ausliefern, gnädiges Fräulein, besonders nicht, wenn man Sie bedroht! Das war ja reine Erpressung.«

 

Guelder starrte auf Elk, nicht sehr geistreich und auch nicht heldenhaft.

 

»Mr. Elks«, flüsterte er, »das ist ein unerwartetes Vergnügen.«

 

»Elk«, verbesserte der Detektiv, »Singular, wenn ich bitten darf. Es gibt nur einen Elk, und der bin ich.«

 

Guelders Denkapparat arbeitete heftig. Er gedachte der Mitteilung Julian Reefs. Er wurde tatsächlich beobachtet. Dabei war er heute sehr vorsichtig gewesen! Hatte sich immer umgeblickt, hatte seine Schritte verlangsamt, hatte sich plötzlich umgewandt und den Verfolger gesucht, war unerwartet um Ecken gebogen und hatte nicht die Spur von Elk gesehen. Jetzt würgte ihn die Angst. Die Gesetze Englands waren gemein gegen Leute, die sich in geschäftlichen Dingen harmlose Übergriffe gestatten.

 

»Falls ich etwas gesagt haben sollte, was ich hätte nicht sagen sollen, so bitte ich um Entschuldigung.« Er machte eine tiefe, demütige Verbeugung.

 

»Jedes Wort, das Sie gesprochen haben, war eine Rechtswidrigkeit«, bemerkte Elk und fixierte den Holländer aus halbgeschlossenen Lidern. »Man verlangt ja von Ihnen nicht, daß Sie stets ein Exemplar des Strafgesetzbuches mit sich herumschleppen. Wir befinden uns hier in einem Land, in dem Erpressung nicht zu den Gesellschaftsspielen gehört. Doch ich störe, gnädiges Fräulein.«

 

Sie schüttelte lächelnd den, Kopf. Er konnte in ihren Zügen ein Gefühl der Befreiung lesen.

 

»Da muß ich der Sache ihren Lauf lassen.«

 

Guelder macht einen heroischen Versuch, gleichgültig und geschäftsmäßig zu erscheinen, aber die Heldenpose mißlang durchaus. »Ich werde also auf Rückgabe der Aktien klagen. Ich bedauere meinen Irrtum.«

 

Er streckte eine große, feuchte Hand aus, die zuerst von Ursula, dann von Elk übersehen wurde.

 

Der Detektiv wartete, bis der Holländer verschwunden war.