Kapitel 23

 

23

 

Die Geschichte der gefiederten Schlange
Von Peter Dewin

 

Die früher hier geschilderten seltsamen Vorkommnisse, die einzelnen Begleitumstände eines eigenartigen Dramas, das ganz England in den letzten Tagen in atemloser Spannung hielt, konnten nun aufgeklärt werden. Meine Aufgabe ist es, der Reihe nach zu berichten, wie es dazu kam, daß zwei scheinbar ehrenhafte Leute ermordet wurden, daß eine bekannte Schauspielerin entführt wurde und daß Mr. Gregory Beale – ein Philanthrop und Forscher – jetzt ein flüchtender Verbrecher ist, nach dem die Polizei der ganzen Welt fahndet.

 

Noch vor zwölf Jahren war Mr. Beale in London als Mann bekannt, der sich leidenschaftlich für das Los der sozial Schlechtgestellten interessierte und der den ungeheuren Reichtum, den er von seinem Vater geerbt hatte, nur dazu verwandte, die Not armer Leute zu lindern. Über soziale Probleme verfaßte er mehrere ausgezeichnete Bücher. In Verbindung mit Mr. Walber, einem bekannten Architekten, ließ er Heime für Knaben und Mädchen, Sanatorien und versuchsweise einen kleinen Block von Arbeiterwohnungen bauen. Er hatte gerade die Absicht, weitere Baupläne auf einem großen Grundstück zu verwirklichen, als ein schreckliches Unglück über ihn hereinbrach.

 

Selbstverständlich war das Tun und Treiben des Millionärs der Aufmerksamkeit der Presse und der Allgemeinheit nicht entgangen. Allerdings kannte ihn kaum jemand persönlich, denn er achtete streng darauf, daß sein Name nirgends genannt wurde und daß er selbst stets völlig im Hintergrund blieb. Die Zeitungen machten natürlich alle möglichen Anstrengungen, den Philanthropen zu interviewen, hatten damit aber selten Erfolg.

 

Mr. Beale gab seine Stiftungen stets in barem Geld, das er durch Vertrauensmänner aushändigen ließ. Es war seine Angewohnheit, große Summen von der Bank abzuheben und das Geld in einem Safe zu deponieren.

 

Bekanntlich muß jeder Inhaber eines Safes seinen Schlüssel vorzeigen und ein Erkennungswort angeben, bevor er das Stahlfach selbst öffnen darf. Mr. Beale wählte das Wort Gucumatz, das heißt »gefiederte Schlange«. Er hatte sich sehr mit früher aztekischer Kultur beschäftigt, und die gefiederte Schlange war für ihn ein Symbol friedlichen, harmonischen Daseins. Den Safe, in dem er sein Geld aufhob, hatte er bei der Fetterlane Safe Deposit unter dem Namen William Lane gemietet. Er hatte dort amerikanische Banknoten in Höhe von 700 000 Dollar deponiert. Damit beabsichtigte er, einen neuen riesigen Block mit Arbeiterwohnungen zu bauen. Um nicht selbst in Erscheinung treten zu müssen, ließ er durch seine Mittelsmänner Gerüchte über einen amerikanischen Millionär ausstreuen.

 

Die Baupläne waren bereits fertiggestellt, als sich jene entsetzliche Tragödie ereignete, die zu William Lanes Verhaftung führte – doch es war in Wirklichkeit Gregory Beale, der ins Zuchthaus kam.

 

Auf seinen Streifzügen durch die dunkelsten Gegenden Londons hatte Beale einen gewissen Lewston kennengelernt, der sich später Leicester Crewe nannte. Er machte auch die Bekanntschaft von dessen verheirateter Schwester Ella Lewston oder Farmster. Sie war die Frau eines Mannes, der unter dem Namen Farmster bereits einige Male vorbestraft war und zu jener Zeit eine Gastwirtschaft in Tidal Basin unter dem Namen Farmer betrieb. Er lebte nicht mit seiner Frau zusammen, weil sie sich nicht besonders gut vertrugen und weil Lewston, den ich Crewe nennen will, es für besser hielt, daß sie sich offiziell nicht kannten. Denn Joe Farmer hatte zu jener Zeit den ehrgeizigen Plan, französische Tausendfrancnoten zu fälschen.

 

Er legte sein ganzes Geld in Maschinen und Betriebsmaterialien an, die heimlich in sein Haus gebracht wurden, das in der gleichen Straße wie Joe Farmers Kneipe lag. Nach Überwindung einiger Schwierigkeiten hatte Crewe mit Paula Ricks, der Tochter des bekannten Geldfälschers, Verbindung aufgenommen, die eine ziemlich schwere Zeit in einer kleinen französischen Provinzstadt hinter sich hatte. Er brachte sie nach England, damit sie die Druckplatten gravieren konnte, und das Geschäft hatte bereits in kleinem Maßstab begonnen, als Gregory Beale mit Crewe und dessen Schwester bekannt wurde.

 

Crewe erzählte ihm, daß er ein kleiner Vertreter wäre. Er lebte offensichtlich in behaglichen und anständigen Verhältnissen, und Beale hatte wohl einen ganz günstigen Eindruck von ihm. Crewe hatte bald herausgefunden, wofür sich sein neuer Bekannter besonders interessierte, und erzählte ihm die schönsten Märchen von seiner schweren Jugend, den kleinen Verbrechen, die er aus Not begangen, und seiner sonstigen sozialen Misere. Aus Beales Interesse wurde allmählich Freundschaft. Er nahm die Gewohnheit an, Crewe abends zu besuchen, und er fühlte sich besonders in Gesellschaft von dessen Schwester wohl. Kurz gesagt, er verliebte sich in sie – und sie, eine vollendete Schauspielerin, brachte ihm und seinen seltsamen Ideen scheinbar größtes Interesse entgegen.

 

Warum sich Beale eigentlich im Osten Londons aufhielt, konnten sie nicht herausbekommen, und er sagte ihnen auch nicht, wer er in Wirklichkeit war. Sie vermuteten, daß er ein kleines Vermögen besäße, und Ella Creed erzählte mir in der vergangenen Nacht, daß sie entschlossen waren, ihn gehörig auszuquetschen. Außerdem hatten sie die Idee, ihn vorzuschieben, wenn eine Entdeckung ihrer Vergehen drohte.

 

Beide waren schon tief in Joe Farmers schmutzige Geschäfte verwickelt. Sein Lokal diente ihm nur als Vorwand, in Wirklichkeit war es Umschlagplatz für Diebesgut aller Art. Als Gehilfen hatte Joe Farmer einen gewissen Harry Merstham, den man unter dem Namen »Harry, der Barmann« kannte.

 

Harry hatte Mr. Beale – natürlich auch nicht unter dessen richtigem Namen – kennengelernt, und erhielt von ihm ab und zu eine kleine Unterstützung. Wahrscheinlich blieb ihre Bekanntschaft aber nur sehr flüchtig.

 

Der Plan, französische Banknoten zu drucken, wurde nun in die Tat umgesetzt. Paula Ricks hatte einige Platten meisterhaft fertiggestellt, die Druckpresse lief auf vollen Touren, und eine ganze Reihe Banknoten lagen bereit, um in Umlauf gesetzt zu werden.

 

Beales Besuche bei Crewe und seiner Schwester wurden häufiger, und eines Tages fragte er Ella, ob sie ihn heiraten wolle. Sie schien sich über seinen Antrag zu freuen, bat ihn aber um vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit, da sie erst ihren Bruder fragen müsse. Natürlich war eine Heirat von vornherein ausgeschlossen, da sie ja schon mit Farmer verheiratet war; Crewe hielt es aber für gut, daß sie ihren Liebhaber möglichst fest in der Hand behielt. Ella Creed erzählte mir die Geschichte folgendermaßen: »Billy sagte, daß es jetzt nicht der geeignete Zeitpunkt sei, ihn laufenzulassen, und so stimmte ich denn zu. Lane hatte mir dauernd davon geschwärmt, daß wir unser Leben den Armen widmen sollten, und ich pflichtete ihm natürlich in allem bei, ohne irgend etwas hinter seinen hochfliegenden Plänen zu vermuten.«

 

Das sonderbarste war, daß Gregory Beale niemals seinen richtigen Namen nannte, sondern stets sein Pseudonym William Lane aufrechterhielt. Eines Abends erzählte er Ella, daß er einen riesigen Block mit Arbeiterwohnungen errichten wolle; doch selbst als er ihr sagte, daß er das Geld dazu schon bereitgestellt habe, glaubte sie nur, es sei Prahlerei. In diesem Augenblick kam Crewe ins Zimmer und wurde ebenfalls informiert. Zu Ellas Erstaunen schien die Sache großen Eindruck auf ihn zu machen. Nachdem Lane gegangen war, sagte er ihr, daß dieser Mann vielleicht jener mysteriöse amerikanische Millionär sein könnte, über den damals ganz London sprach. Anscheinend hatte er auch noch von anderer Seite Informationen erhalten, die darauf hindeuteten. Er beauftragte Ella, noch weitere Einzelheiten aus Lane herauszuholen.

 

Als Lane am nächsten Abend wiederkam, erklärte sie ihm, daß sie bereit sei, ihn zu heiraten. Er war überglücklich und entwarf Pläne für eine wundervolle Hochzeitsreise. Dann redete er wieder über seine Bauabsichten und sagte, daß er 700 000 Dollar bei der Fetterlane Safe Deposit liegen hätte. Er zeigte ihr den Schlüssel und sagte ihr auch das Erkennungswort.

 

Ella machte sich darüber lustig und äußerte zum Schein sogar einige Zweifel. Und da tat Beale in einer verliebten Laune etwas Dummes; er schrieb auf ein Stück Papier: »Die Überbringerin, Miss Ella Lewston, ist berechtigt, jederzeit meinen Safe Nr. 741 zu öffnen.« Ella hatte nichts Eiligeres zu tun, als am nächsten Tag hinzugehen. Sie sah das Geld und berichtete alles ihrem Bruder. Joe Farmer wurde zu Rate gezogen, und die drei heckten nun einen wahrhaft teuflischen Plan aus.

 

Paula Ricks, die man ebenfalls ins Vertrauen zog, hatte schwere Bedenken und wollte nicht mitmachen. Vor allem fürchtete sie, daß ihre Anwesenheit in London der Polizei bekannt würde.

 

Der Plan der drei bestand darin, Lane in die Banknotenfälschung zu verwickeln, sein Geld abzuheben und zu fliehen – Lane sollte dann sehen, wie er vor Gericht mit der Anklage fertig wurde. Um sicher zu gehen, daß er gefaßt wurde, veranlaßte ihn Crewe, in Farmers Lokal eine Fünfpfundnote zu wechseln. Beale dachte sich nichts weiter dabei und ließ sich das Wechselgeld von Harry, dem Barmann, geben. Dabei stellte sich heraus, daß Lane mit Harry bekannt war. Eine unangenehme Sache für die drei, denn der Barmann hätte ja bezeugen können, daß die zum Wechseln gegebene Fünfpfundnote echt war. Farmer schob dann eine gefälschte Banknote unter und zeigte die Sache der Polizei an. Da Harry schon einmal versucht hatte, von Farmer ein Darlehen zu erhalten, bot sich leicht eine Gelegenheit, ihn loszuwerden. Farmer gab ihm Geld, und Harry wanderte nach Südamerika aus. Er verließ England an dem Tag, an dem sich Lane mit Ella verheiratete. Die Trauung wurde in einem Standesamt in Eastham vollzogen. Seltsamerweise gab Beale, der in dieser Beziehung immer sehr eigen gewesen war, auch damals seiner Frau gegenüber sein Pseudonym noch nicht auf. Für die Heiratsurkunde gab er zwar seinen richtigen Namen an, wußte aber zu verhindern, daß sie in die Hände seiner Frau gelangte. Er tat dies wohl weniger aus Mißtrauen, sondern einfach aus einer Laune heraus; vielleicht hatte er die Absicht, seine Frau später zu überraschen.

 

Nach der Trauung fuhren die beiden zu dem kleinen Haus, in dem im Kohlenkeller die Druckpresse aufgestellt war. Ellas Aufgabe war nun sehr schwierig, aber als geschickte Schauspielerin wurde sie glänzend damit fertig.

 

Als sich der Zeitpunkt näherte, an dem die Razzia erwartet wurde, die die Polizei auf Informationen von Joe Farmer hin unternehmen wollte, erzählte Ella ihrem Mann eine erstaunliche Geschichte, Sie wußte so geschickt sein Mitleid zu erregen, daß er tatsächlich glaubte, sie sei das hilflose Opfer ihres Bruders, der sie durch Drohungen veranlaßt hätte, bei der Herstellung von Falschgeld mitzuhelfen. »Als ich ihm das erzählte«, sagte Ella, »war er wie betäubt. Ich mußte ihm alles noch einmal wiederholen, und als ich ihm auseinandergesetzt hatte, daß mein Bruder und ich schon seit Jahren Falschgeld herstellten, war er völlig gebrochen. Als ich unter einem Vorwand das Zimmer verließ, saß er, ohne sich zu rühren, völlig benommen am Tisch.«

 

Kurz darauf erschien die Polizei; sie traf ihn im Keller vor der Druckpresse. William Lane war anständig genug, alle Schuld auf sich zu nehmen, um seine Frau zu decken. Man verurteilte ihn zu einer Zuchthausstrafe von sieben Jahren, ohne daß es auch der Polizei gelungen war, seinen richtigen Namen zu erfahren.

 

An dem Tag, an dem Lane seine Strafe antrat, ging Ella Creed mit der Vollmacht zur Bank und entnahm dem Safe die 700 000 Dollar; Brief und Safeschlüssel nahm dann Joe Farmer an sich, vernichtete sie aber nicht, sondern feilte nur die Nummer auf dem Schlüssel aus. Als die drei eben ihre Beute teilen wollten, erschien unerwartet Paula Ricks auf der Bildfläche, vor der sie ihren Plan nicht geheimgehalten hatten. Sie beanspruchte und erhielt auch ein Viertel der Summe.

 

Das Leben William Lanes im Gefängnis war ein einziges Martyrium für diesen an Ungebundenheit und Freiheit gewöhnten Menschen. Es ist mehr als verständlich, daß in den Tagen, Monaten und Jahren seiner Gefangenschaft ein immer brennenderer Wunsch nach Rache in ihm wuchs denn er hatte bald erfahren, wie sehr er betrogen worden war. Gefangene, mit denen er sprach und die über Joe Farmer genau Bescheid wußten, hatten ihm schon nach sechs Monaten beigebracht, daß Ella Creed die Frau Farmers war. Das übrige konnte er sich dann selbst zusammenreimen.

 

In den langen Nächten, in denen er schlaflos in seiner Zelle lag, schmiedete er wohl seine Rachepläne. Er grübelte und grübelte … Sicher ist, daß der William Lane, der aus dem Gefängnis kam, ein ganz anderer Mensch war als der, der hineinging. Im übrigen lief während seiner Abwesenheit sein Haushalt wie gewöhnlich weiter, und sein Rechtsanwalt erhielt ständig Instruktionen von ihm. Ich bin überzeugt, daß nur ein einziger Lanes Vertrauen besaß – das war sein Butler, der ihn von Kind auf kannte. Ich halte es für möglich, daß er der Mann war, der später eine junge Dame, die er mit Ella Creed verwechselt hatte, entführte und in das »Gefängnis« nach Epping brachte. Wie Beale während seiner Strafzeit die Verbindung mit ihm aufrechterhielt, ist mir nicht klar – aber es gibt ja auch im modernsten Gefängnis für einen Sträfling genug Wege, um mit der Außenwelt Kontakt aufzunehmen.

 

Beale plante, nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis nach Amerika zu gehen und dann unter seinem eigenen Namen nach England zurückzukehren. Die meisten Leute glaubten, daß er sich in Südamerika aufhielte; sein Butler hatte sehr geschickt dieses Gerücht verbreitet.

 

Beale konnte seine Absicht nicht ausführen. Hugg, ein ganz gewöhnlicher kleiner Gauner, und Harry, ein Raufbold, der wegen schwerer Körperverletzung und Raub lange in Haft gewesen war, wurden am selben Tag wie Lane aus Dartmoor entlassen. Harry, der einen guten Riecher für dergleichen hatte, ahnte, daß Lane ein vermögender Mann war, und ließ ihn nicht aus den Augen, bis er durch einen Unglücksfall in der Nähe von Thatcham ums Leben kam. Hugg wurde schwer verletzt, und so hatte Beale die Möglichkeit, seine Papiere mit denen Harrys zu tauschen und spurlos zu verschwinden.

 

Er tauchte eine Woche lang irgendwo unter und kehrte dann ganz offiziell nach London zurück. Im Gepäck hatte er Funde, die er nach seinen Angaben in aztekischen Ruinenstädten ausgegraben hatte. Ich konnte sehr bald feststellen, daß er diese Raritäten aus; dem Nachlaß eines kürzlich verstorbenen bekannten Sammlers namens Zimmermann erworben hatte. Unglücklicherweise hatte er teilweise vergessen, die auf einzelne Gegenstände geklebten Verkaufsetiketten zu entfernen; eine davon kam in meinen Besitz.

 

Vor seiner Rückkehr – natürlich mußte er sich sofort mit seinem Butler in Verbindung gesetzt haben – hatte er sich ein Auto gekauft. Es steht fest, daß Beale in diesem Wagen als Chauffeur verkleidet umherfuhr und die Wohnungen und Gewohnheiten seiner Feinde auskundschaftete. Sein erstes Opfer war Joe Farmer, der Mann, der ihn durch seine falsche Aussage ins Gefängnis gebracht hatte.

 

Am raffiniertesten führte er aber den Mord an Leicester Crewe aus. Ich halte es für sicher, daß Beale unter irgendeinem Vorwand Crewe in sein Haus locken wollte; bestimmt hatte er sich alles sorgfältig überlegt. Crewe ersparte ihm jedoch die Mühe – er kam freiwillig zu ihm, um ihm Aktien zu verkaufen, da er für seine Flucht dringend Bargeld brauchte. Es ist geradezu ein Witz, daß er sich als Käufer ausgerechnet den Mann aussuchte, vor dem er flüchten wollte. Gregory Beale war auf den Besuch bestens vorbereitet; er hatte splittersicheres Glas in seine Fenster setzen lassen, er trug eine auf der Rückseite stahlverkleidete Tür in sein Studierzimmer, die als Kugelfang diente, als er einen Tag vorher von außen durch das Fenster schoß. Wie zufällig ließ er eine Patronenhülse im Garten liegen, um der ganzen Sache den Anstrich der Echtheit zu geben.

 

Schlauerweise richtete er es dann so ein, daß sein Rechtsanwalt, Oberinspektor Clarke von Scotland Yard und ich selbst. zum Zeitpunkt des Mordes im Haus waren. Der Mord ist. sehr leicht zu rekonstruieren. Er begrüßte Crewe in dem dunklen Gang, so daß er nicht gleich von ihm erkannt wurde, und als Crewe dann in das Arbeitszimmer trat, drehte sich Beale, der in den Raum vorausgegangen war, schnell um und erschoß ihn aus kürzester Entfernung mit einer Deloraine-Luftpistole. Die Kugel hatte er selbst aus einem goldenen Siegelring gegossen. Ella Creed erzählte mir, daß er ihr einen solchen Siegelring bei der Trauung angesteckt hatte.

 

Daß Beale alles nur mögliche tat, um die Polizei irrezuführen, beweisen übrigens auch die Säcke, die er über die Mauer geworfen hatte, und die Fußspuren im Garten, die natürlich von ihm selbst stammten.

 

Für Ella hatte sich Beale etwas Besonderes ausgedacht. Sie sollte genau das gleiche Schicksal erleiden, das ihn getroffen hatte. Zu diesem Zweck kaufte er ein halbfertiges Haus; einen der Räume richtete er wie eine Gefängniszelle ein. So unglaublich es klingt, aber er hatte tatsächlich mit Hilfe einiger Vertrauensleute alle Vorbereitungen getroffen, sie dort lebenslänglich gefangenzuhalten.

 

An dem Tag, an dem Crewe ermordet wurde, machte Ella Creed einen Besuch in Beales Haus; während sie eine kleine Tonschlange – einen aztekischen Kultgegenstand betrachtete, hörte sie Beales Stimme, die Stimme eines Mannes, den sie tot glaubte, und wurde ohnmächtig. Was nachher geschah, als er mit ihr allein war, hat sie mir so berichtet: »Ich sagte ihm, daß ich ihn erkannt hätte, und er erwiderte, daß er mir eine größere Summe geben wolle, wenn ich schweigen würde. Ich fragte ihn, ob er Farmer getötet hätte, und er gab es zu – daraufhin drohte ich ihm, die Polizei zu benachrichtigen, aber er entgegnete, daß er Scotland Yard dann einige interessante Hinweise geben würde, wie ich zu meinem Vermögen gekommen sei.«

 

Gregory Beale und sein Butler sind geflohen und werden überall gesucht. Wenn ich ehrlich sein soll – ich zweifle daran, daß man sie finden wird. Beale ist ja kein gewöhnlicher Verbrecher, er ist ein Mann, der sich im Recht glaubt, der sich selbst das Recht nahm, Vergeltung an einigen wirklichen Verbrechern zu üben. Sein scharfer Geist und die ganze Umsicht, die er bei der Ausführung seiner Pläne bewies, werden ihm bestimmt auch bei seiner Flucht behilflich sein.

 

*

 

»Was ich gern noch wissen möchte«, sagte Clarke einige Tage später zu Peter Dewin, »warum ist Beale gerade noch zur rechten Zeit entwischt? Woher wußte er, daß Sie die ganze Geschichte durchschaut hatten?«

 

Peters Antwort war ziemlich unbestimmt – fast genauso unbestimmt wie die Erklärung, die er seiner jungen Frau gab, als er mit ihr an einem sonnigen Winternachmittag Hand in Hand durch den Park ging.

 

»Hat dich Mr. Beale eigentlich gebeten, daß du ihn nicht verrätst?« fragte Daphne.

 

»Gebeten gerade nicht«, entgegnete Peter vergnügt. »Er schlug mir nur vor, ich solle nach Hause gehen und mich ausruhen – das heißt, möglichst lange schlafen. Und das tat ich! Während ich schlief, verschwand er, die gefiederte Schlange und alles, was damit zusammenhing, auf Nimmerwiedersehn!«

 

Kapitel 3

 

3

 

Gregory Beale war in jeder Beziehung ein Sonderling und hatte den Zeitungen durch seine verschiedenen Spleens schon häufig Stoff geliefert. Unter anderem war eine seiner Lieblingsbeschäftigungen das Studium der Lebensgewohnheiten armer Leute. Verkleidet streifte er durch die verrufensten Gegenden Londons; er wohnte und schlief dort – und verteilte von Zeit zu Zeit erhebliche Beträge an Familien, die einen besonders harten Kampf ums Dasein führen mußten. Dabei gab sich der Mann in seiner Verkleidung – mit zerzaustem Bart und feuerroter Krawatte – niemals als Gregory Beale zu erkennen. Er hatte ein Dutzend anderer Namen und änderte seine Adresse von Woche zu Woche. Bald wohnte er in Limehouse, bald in Poplar, bald bei den Victoria Docks oder in Eastham. In der letzten Zeit war ihm die Sorge für die Armen etwas langweilig geworden – möglicherweise hatte er auch einige schlechte Erfahrungen gemacht. Eines Tages erfuhr die Gelehrtenwelt Londons, daß er nach Brasilien gegangen sei, um sich dem Studium der alten mittelamerikanischen Kulturen zu widmen, die ihn schon immer besonders interessiert hatten.

 

Sechs Jahre, nachdem sein Anwalt die Verwaltung des ungeheuren Vermögens übernommen hatte, fuhr der Schnellzug, der Mr. Beale zurückbrachte, langsam in Waterloo Station ein.

 

Kein Freund holte den Forscher ab. Er stand ganz allein auf dem Bahnsteig – eine große, sehnige Gestalt mit braungebranntem Gesicht; seine blauen Augen leuchteten noch wie früher, nur seine Haare waren etwas grauer geworden.

 

Endlich bahnte sich sein Diener John einen Weg durch die Menge, um das Gepäck in Empfang zu nehmen.

 

»Ah, John Collitt – ich kenne Sie kaum noch!« sagte Mr. Beale liebenswürdig.

 

»Jawohl, Sir – ich hoffe, daß Sie eine gute Reise hatten.«

 

Die Tür eines eleganten Wagens wurde vor ihm aufgerissen.

 

»Um das Gepäck kümmert sich eine Agentur – fahren Sie mich jetzt sofort nach Hause.«

 

Er sank in den tiefen Sitz zurück und beobachtete mit fast kindlicher Freude die vielen Bilder Londons, die an ihm vorüberzogen. Ein Mann schob einen Karren mit Äpfeln – auf der Westminster Bridge Road riefen Zeitungsjungen Extrablätter aus – das Parlamentsgebäude war hell erleuchtet.

 

Mr. Beale atmete tief. Er war wieder daheim!

 

Der Wagen fuhr durch den finsteren Park in die Brompton Road, bog links ein und hielt vor einem großen, vornehmen Haus. Der untersetzte, kahlköpfige Butler kam eilig die Treppenstufen herunter.

 

»Willkommen zu Hause, Mr. Beale.«

 

Basseys Stimme klang heiser. War es nur Erregung, oder war er so alt geworden? Gregory Beale schaute ihn verwundert an.

 

»Schönen Dank, Bassey.«

 

Der Butler stieg vor ihm die Treppenstufen hoch. Feierlich trat er dann zur Seite und ließ seinen Herrn zuerst durch die Tür gehen.

 

»Eine junge Dame wartet im Studierzimmer, Sir. Ich wußte nicht recht, was ich mit ihr anfangen sollte. Sie sagt, sie sei auf eine Annonce hin gekommen …«

 

Gregory Beale nickte lächelnd.

 

»Stimmt schon, ich habe telegrafisch in der Zeitung inseriert … brauche eine Sekretärin. Bringen Sie die junge Dame bitte her.«

 

Daphne Olroyd folgte dem Butler. Als sie eintrat, begegnete sie dem freundlich forschenden Blick Mr. Beales.

 

»Bitte, nehmen Sie doch Platz, Miss …?«

 

»Olroyd«, erwiderte sie und lächelte ihn an. »Ich fürchte, daß ich etwas ungelegen komme – leider wußte ich nicht, daß Sie gerade erst aus Amerika zurückkommen.«

 

»Das wissen die meisten nicht. So bedeutend bin ich nicht, daß diese große Stadt von meiner Ankunft Notiz nimmt. Übrigens haben Sie doch ein Telegramm erhalten, in dem Sie aufgefordert wurden, sich vorzustellen. Mein Anwalt, Mr. Holden, hat es Ihnen geschickt. Anscheinend war das Gehalt, das ich in der Annonce angab, so hoch, daß sich viele Leute um den Posten bewarben.«

 

Bildete sie es sich nur ein, oder klang wirklich ein Ton von Enttäuschung in seiner Stimme? Ihr Mut sank bei diesem Gedanken. Das Inserat hatte sie von einem wohlgesinnten Unbekannten zugeschickt bekommen und sich ohne große Hoffnungen um die Stelle beworben.

 

»Ich glaube, daß ich im großen ganzen Ihre Ansprüche erfüllen kann«, erklärte sie jetzt schnell, um von vornherein jeden Einwand zu entkräften. »Ich kann sehr schnell maschineschreiben und stenografieren; Französisch spreche ich ausgezeichnet …«

 

Er hob abwehrend und beruhigend die Hand.

 

»Ich glaube Ihnen ja. Wo arbeiten Sie zur Zeit?«

 

Sie sagte es ihm. Anscheinend machte der Name Leicester Crewe gar keinen Eindruck auf ihn; er fragte sie nur, warum sie die Stellung wechseln wolle.

 

Sie zögerte etwas mit der Antwort.

 

»Das hohe Gehalt reizt mich natürlich, aber – vor allem möchte ich von Mr. Crewe fort.«

 

Er nickte und schaute einige Zeit nachdenklich zu Boden.

 

»Gut«, sagte er schließlich und fügte dann zu ihrer nicht geringen Freude hinzu: »Ich engagiere Sie – wann können Sie anfangen?«

 

Mit beschwingten, leichten Schritten verließ sie zehn Minuten später das Haus. Sie war gut gelaunt und dachte an nichts Böses. Doch als sie schnell aus der düsteren Nebenstraße in die Hauptstraße einbog, löste sich ein Mann aus dem Dunkel einer Mauer; er hatte sie von dem. Augenblick an beobachtet, als sie das Astoria-Hotel verließ. Geräuschlos überquerte er die Straße und folgte ihr. Sie ahnte nicht, daß sie verfolgt wurde, bis sie sich an einer Ecke zufällig umdrehte und die dunkle Gestalt undeutlich durch den Nebel auf sich zukommen sah.

 

Zuerst wollte sie davonlaufen, dann überlegte sie sich aber, daß es vielleicht nur ein ganz harmloser Spaziergänger sei, und wollte warten, bis er vorbei wäre. Doch plötzlich blieb die Gestalt stehen. Nur einen Augenblick konnte sie die Umrisse eines Mannes erkennen, dann war er im Nebel verschwunden. Gleich darauf wußte sie, warum er nicht weitergegangen war.

 

Ein Polizist kam auf seinem Patrouillengang langsam auf sie zugeschlendert. Und die Beauftragten der gefiederten Schlange vermeiden Begegnungen mit der Polizei.

 

Kapitel 15

 

15

 

»Eine Dame ist am Telefon – sie hat schon zweimal angerufen. Ich sagte ihr, daß Sie noch schlafen!« rief die Putzfrau. Plötzlich erinnerte sich Daphne an Ella Creed und an den roten Umhang, den sie ihr geliehen hatte. Wie sollte sie ihr nun alles erklären? Sie ging zum Telefon und hörte Miss Creeds scharfe Stimme.

 

»Was ist Ihnen denn in der letzten Nacht passiert?« Ella Creed redete sie nun nicht mehr mit »meine Liebe« an, aber Daphne war zu zerschlagen und erschöpft, um das zu bemerken.

 

»Ich bin in einen falschen Wagen eingestiegen … er wartete … vielleicht um jemand von Ihren Angestellten nach Hause zu bringen. Ich habe den Irrtum nicht sofort bemerkt.«

 

Die Erklärung klang ziemlich unwahrscheinlich, denn Daphne war nicht sehr geschickt im Lügen. Miss Creed schien auch nicht ganz überzeugt zu sein.

 

»Wissen Sie das bestimmt?« fragte sie argwöhnisch. »Irgend jemand hat meinen Chauffeur mit einem angeblichen Auftrag von mir weggeschickt. Ich dachte; man hätte Ihnen einen Streich gespielt.«

 

»Nein, nein – ganz gewiß nicht – glauben Sie mir.« Daphne erschrak heftig. Wenn Mr. Crewe die Entführung inszeniert hatte, so wollte er womöglich durch Miss Creeds Fragen feststellen, ob sie ihr Wort hielt.

 

»Ich möchte gern mit Ihnen sprechen – wo kann ich Sie um zwei Uhr erreichen?«

 

Daphne nannte ihr die Adresse von Mr. Beale und war sich nicht ganz klar darüber, was ihr Chef zu einem solchen Besuch sagen würde.

 

»Beale?« Miss Creed schien sich Name und Adresse zu notieren. »Es ist gut – ich werde gegen zwei Uhr dort sein.«

 

Daphne legte den Hörer auf und begann zu frühstücken, aber es wollte ihr nicht schmecken. Sie überlegte, daß Leicester Crewe eigentlich nicht an der Sache beteiligt sein konnte – es sei denn, daß er den Namen der gefiederten Schlange für seine Zwecke benutzt hatte. Es sah ihm durchaus ähnlich, dann noch in letzter Minute vor den Konsequenzen seines niederträchtigen Planes zurückzuschrecken.

 

Nach dem Frühstück fuhr sie mit einem Taxi zu Mr. Beale. Sie traf ihn in der Halle und wollte sich entschuldigen, aber er winkte ab.

 

»Ich habe mir Sorgen um Sie gemacht«, sagte er. »Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. Wenn Sie morgens einmal etwas später kommen, so ist das nicht schlimm.«

 

Die alte Tür lehnte an der Wand, sie war oberflächlich gereinigt worden und jetzt mit eigenartig gezeichneten Arabesken bedeckt.

 

»Haben Sie schon die seltsame Form der Tür bemerkt? Sie würde genau in eine aztekische Türöffnung passen, obwohl ich nicht glaube, daß sie in ihren Wohnungen überhaupt Holztüren hatten. Sie verjüngt sich nach oben, das ist nicht nur eine Eigenart der aztekischen Architektur, auch die alten Ägypter kannten diese Form. Ich selbst bin fest davon überzeugt, daß die Ägypter und die Indianer in Südamerika von derselben Rasse abstammen, obwohl natürlich die meisten Ethnologen nicht mit mir übereinstimmen …«

 

Er sprach sehr viel an diesem Vormittag, und es fiel ihr nicht immer leicht, ihm zuzuhören. Mr. Beale sah sie ein paarmal forschend an.

 

»Sie sehen ziemlich müde aus, Miss Olroyd«, sagte er. »Darf ich fragen, auf welchem Ball Sie die vergangene Nacht durchgetanzt haben?«

 

Daphne lächelte schwach.

 

»Ich habe in der letzten Nacht bestimmt nicht getanzt, aber ich bin trotzdem sehr spät ins Bett gekommen.«

 

Er fragte nicht weiter, und sie schien keine näheren Erklärungen abgeben zu wollen.

 

Kurz vor zwei rief Ella Creed an, die ihr mitteilte, daß sie leider verhindert sei. Sie fragte, ob Daphne heute abend nicht wieder zum Theater kommen könne. Daphne hatte den roten Umhang bereits zurückgeschickt und sagte ihr, daß sie am Abend schon eine andere Verabredung hätte.

 

Um drei Uhr tauchte plötzlich Peter Dewin auf. Obwohl er an diesem Morgen ziemlich früh aufgestanden war, hatte er nicht eher Zeit gefunden, sie aufzusuchen. Sie sprach im Empfangszimmer mit ihm. Er war allerbester Laune.

 

»Mir fehlen jetzt nur noch wenige Stücke in meinem Puzzlespiel. Das ist eine tolle Geschichte, ich bin ganz begeistert!«

 

»Was für eine Geschichte?« fragte sie ein wenig verwirrt.

 

Er bemerkte erst jetzt, wie müde sie aussah.

 

»Fühlen Sie sich nicht wohl?« fragte er. »Sie sind ja weiß wie die Wand!«

 

Sie hatten nicht die geringste Lust, darauf einzugehen.

 

»Wollen Sie Mr. Beale sprechen?« erkundigte sie sich ein wenig schroff.

 

»Ich wollte mit Ihnen reden. Wir beide werden heute abend in einem hübschen Restaurant essen …«

 

»Ich werde heute abend früh ins Bett gehen«, unterbrach sie ihn. Er machte ein enttäuschtes Gesicht. »Ich bin furchtbar müde, und Sie würden es mir bestimmt nicht verzeihen, wenn ich mitten in Ihrer anregenden Unterhaltung einschliefe.«

 

»Ich würde Sie schon wach halten – darauf können Sie sich verlassen! Es gibt genug aufregende Skandalgeschichten, die ich Ihnen erzählen könnte«, sagte er vergnügt.

 

»Auch ich wüßte einige Dinge zu berichten, bei denen Ihnen die Haare zu Berge stehen würden«, gab sie ihm zur Antwort. Darauf mußten sie beide lachen.

 

»Aber im Ernst – ich bin wirklich viel zu müde, um heute abend auszugehen.«

 

Sie schwieg plötzlich. Er hatte das Gefühl, daß sie ihm noch etwas sagen wollte. Aber sie streckte ihm nur schnell die Hand zum Abschied hin.

 

»Sie gehen jetzt wohl zu Ihren gefiederten Schlangen zurück?« Er war bestürzt, als er sah, wie sie zu zittern anfing.

 

»Nein, nein – kein Wort mehr von gefiederten Schlangen!« sagte sie schaudernd. »Leben Sie wohl.«

 

Sie war verschwunden, ehe er noch eine Frage an sie richten konnte.

 

Er wollte unbedingt den Grund ihrer plötzlichen Abneigung gegen gefiederte Schlangen wissen, und so beschloß er, vor ihrem Haus auf ihre Rückkehr zu warten. Unterwegs war er am Grosvenor Square gewesen und hatte dort erfahren, daß Mr. Crewe schon um neun Uhr in die Stadt gegangen war. Er hatte ein Büro in der Nähe von St. Martin’s le Grand, das aus zwei Räumen bestand. Es war im obersten Stockwerk eines hohen Gebäudes und wurde von ihm nur selten aufgesucht. Ein Angestellter genügte, um die Geschäfte abzuwickeln, die in diesem kleinen Büro getätigt wurden.

 

Crewe war seit einigen Stunden damit beschäftigt, eine Liste seiner Börsenpapiere aufzustellen und ihren Wert abzuschätzen. Er war an diesem Morgen mit der Absicht aufgewacht, alle seine Aktien zu verkaufen und sich an einen Ort zurückzuziehen, wo ihn die gefiederte Schlange nicht erreichen konnte.

 

Es war ihm klar, daß die gefiederte Schlange niemand anderes als William Lane war. Dieser Lane, der Farmer ohne Mitleid getötet hatte und dessen Drohungen drei weitere Menschen beunruhigten, hatte nichts mehr mit dem schweigsamen Mann zu tun, der damals auf der Anklagebank von Old Bailey saß und ohne Bewegung das Urteil anhörte, das über ihn gefällt wurde.

 

Während der vergangenen Jahre hatte Crewe fast vergessen, daß ein Mann namens Lane überhaupt noch existierte, hatte vergessen, daß hinter den Mauern eines düsteren Gefängnisses jemand lebte, dem er schweres Unrecht zugefügt hatte.

 

Schon bevor sein Angestellter kam, hatte Crewe ein Dutzend Briefe geschrieben, die Instruktionen für seine Beauftragten an der Börse enthielten. Drei bis vier Tage würde es in Anspruch nehmen, bis er seine Bestände an Aktien zu Geld gemacht hatte.

 

Crewe hatte gerade die zu erwartenden Beträge zusammengezählt, als der Angestellte die Visitenkarte Peter Dewins hereinbrachte. Zuerst hatte Crewe die Absicht, eine Unterredung mit ihm abzulehnen, dann siegte aber seine Neugier – vielleicht konnte er von dem Reporter irgend etwas in Erfahrung bringen. Er räumte seine Papiere beiseite und erwartete ihn mit einem möglichst unbefangenen Gesicht.

 

»Nehmen Sie bitte Platz … Eine Zigarre?« begrüßte er Dewin betont heiter. »Ich bin allerdings sehr beschäftigt und habe nur fünf Minuten Zeit. Etwas Neues über die gefiederte Schlange?«

 

Dewin ließ sich durch Crewes scheinbaren Gleichmut nicht täuschen. Er sah nur zu deutlich, wie sehr sich sein Gegenüber in den letzten Tagen verändert hatte. Die Drohung, die sich plötzlich gegen vier Menschen gerichtet hatte, war am deutlichsten von seinem Gesicht abzulesen. Er dachte daran, daß Farmer bereits tot war und Paula Ricks fluchtartig verschwunden war …

 

»Keine großen Neuigkeiten. Sie werden doch vermutlich Zeugnis bei der Totenschau ablegen müssen?«

 

Crewe sah ihn erschrocken an.

 

»Bei der Totenschau …? Was habe denn ich dort zu tun? Ich hatte ganz vergessen, daß eine Totenschau abgehalten wird …«

 

»Aber Sie sind doch der Hauptzeuge! Ich dachte, Sie hätten schon eine Vorladung erhalten. Bin gespannt, was der Richter sagen wird, wenn er erfährt, daß Mrs. Paula Staines in solcher Eile abgereist ist.«

 

Crewe sah Dewin ungläubig an.

 

»Abgereist?« wiederholte er. »Was soll das heißen?«

 

»Nun, daß sie heute morgen in den Schnellzug nach Vlissingen eingestiegen ist. Und ich kann sie zu dem Entschluß nur beglückwünschen! Hoffentlich hat sie eine glücklichere Überfahrt als ihr Vater …«

 

Während er sprach, behielt er Crewe scharf im Auge und sah, wie er plötzlich totenblaß wurde.

 

»Ihren Vater …? Den kannte ich nicht.«

 

»Was – Sie haben den großen Ricks nicht gekannt?« entgegnete Peter höhnisch.

 

Crewe sah aus, als ob er einen schweren Schlag erhalten hätte; seine Stimme klang schrill und heiser. »Ich weiß wirklich nicht … Ricks … Ich dachte immer, sie hieße Staines …«, erwiderte er völlig aus dem Konzept gebracht. »Tun Sie doch nicht so geheimnisvoll, Dewin.«

 

»Nun, sie heißt Paula Ricks – und ist die Tochter des Falschmünzers Ricks, der sich vor einer Reihe von Jahren das Leben nahm. Niemand weiß das besser als Sie, Mr. Crewe!«

 

»Sie hat England verlassen, sagen Sie? Wissen Sie das auch ganz genau?« Leicester Crewe wollte offensichtlich jeder Auseinandersetzung aus dem Wege gehen.

 

»Ich habe es selbst gesehen«, erwiderte Dewin. »Zeitungsreporter haben manchmal ein untrügliches Gefühl für kommende Ereignisse, und ich ging zum Bahnhof, um mir bei der Abfahrt der wichtigsten Züge nach dem Kontinent die Reisenden ein wenig anzuschauen.«

 

Crewe dachte schnell nach.

 

»Hm, ich habe so eine Erinnerung … Sie sagte letzthin, daß sie für eine Woche verreisen wolle … Ich glaube, Paris …«

 

»Sie hat aber bei dem Portier in Buckingham Gate hinterlassen, daß sie mindestens ein Jahr lang fort sein wird«, entgegnete Peter ruhig. »Sie brauchen sich darüber gar keine Illusionen zu machen – Miss Ricks ist endgültig und für immer verschwunden; und ich weiß, daß ein einziges kleines Wort sie vertrieben hat.«

 

»Ein – einziges Wort?«

 

Peter nickte.

 

»Ein sehr merkwürdiges Wort allerdings. Es würde mich interessieren, ob es Sie auch so erschreckt …« Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Sie beobachteten sich beide scharf.

 

»Vor einem Wort erschrecke ich nicht so ohne weiteres«, meinte Leicester Crewe schließlich gelassen.

 

Peter staunte, wie sich der Mann in den letzten Minuten verändert hatte. Vorher war er mehr oder weniger der Typ des durchschnittlichen Geschäftsmannes gewesen, der immerhin eine gewisse Lebensart angenommen hat; jetzt war er wieder der Typ des kleinen, schmierigen Winkelspekulanten, der er früher gewesen war.

 

»Ich will ganz offen mit Ihnen reden, mein Herr«, begann er. »Ihr geheimnisvolles Getue geht mir langsam auf die Nerven – verstehen Sie mich? Ihr Zeitungsleute glaubt immer, daß ihr euch einfach alles erlauben könnt. Die Sache kann nämlich ziemlich unangenehme Folgen für Sie haben, wenn Sie nicht vorsichtiger sind. Ich weiß nicht, wer Joe Farmer ermordet hat, aber wenn Ihr kleines Wörtchen irgend etwas mit gefiederten Schlangen zu tun hat, dann rate ich Ihnen, Ihre kostbare Zeit nicht länger zu verschwenden – mich jedenfalls können Sie damit nicht erschrecken.«

 

»Mrs. Staines …«, begann Peter.

 

»Zum Kuckuck mit Mrs. Staines!« schrie Crewe. »Es ist mir völlig gleichgültig, wo sie sich aufhält. Ich bin auch an weiteren Mitteilungen nicht im geringsten interessiert«, sagte er böse, als Dewin einen Brief aus der Tasche zog.

 

Aber der Reporter ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, sondern faltete das Papier auseinander.

 

»Diesen Brief habe ich heute morgen erhalten«, sagte er langsam. »Er ist mit Maschine geschrieben und hat weder Unterschrift noch Absender.«

 

Er legte das Blatt vor Leicester Crewe, der es widerwillig las:

 

Leicester Crewe (oder Lewston) siehe die Akten der Londoner Gerichtsverhandlung unter dem Namen Lewston, Februar 1905, oder Polizeiblatt vom 14. Februar 1905, S. 3 Absatz 3.

 

Ella Creed. Joseph Farmer, siehe die Polizeiakten von Marylebone Juni 1910. Ebenso die Peddington Times vom 22. Juni 1910. Name Farmster, geb. Lewston.

 

»Was soll das bedeuten?« fragte er, nachdem er das Schriftstück gelesen hatte.

 

»Ich habe heute morgen Erkundigungen eingezogen. Sie, Mr. Crewe, heißen Lewston, und Miss Ella Creed ist Ihre Schwester. Sie heiratete Farmer oder Farmster, als sie siebzehn Jahre alt war. Sie sind zweimal vorbestraft, einmal wegen Versicherungsbetrugs und einmal wegen betrügerischen Verkaufs von wertlosen Aktien. Sie sind einer früheren Verurteilung wegen Falschmünzerei nur entgangen, weil sich ein Formfehler in der Anklage fand. Ihre Schwester und Farmer waren vor dem Gericht in Marylebone wegen Hehlerei angeklagt. Sie scheinen aus einer wirklich unternehmungslustigen Familie zu stammen!«

 

Leicester Crewe biß sich auf die Lippen.

 

»Was soll das heißen? Wollen Sie mich etwa erpressen?«

 

Peter lächelte.

 

»Wenn ich dies als Frage verstehen soll, ob ich Sie anzeigen werde, so kann ich Sie beruhigen.«

 

Crewe betrachtete das Schreiben noch einmal, drehte es um und hielt es gegen das Licht.

 

»Es ist mir ganz egal, ob die Sache bekannt wird«, sagte er barsch. »Es ist schließlich kein Verbrechen, wenn man in der Welt vorwärtskommen will. Falls Sie mich erpressen wollen, so kann ich Ihnen nur sagen, daß ich mich auf nichts einlasse. Vielleicht haben Sie bei Ella mehr Glück. Ich nehme an, daß Sie diese Geschichte bei der Totenschau vorbringen wollen, um einen Sensationsbericht für Ihre Zeitung zu bekommen.«

 

»Diese Absicht habe ich keineswegs«, entgegnete der Reporter ernst. »Wenn ich eine gute Geschichte entdecke, behalte ich sie erst mal für mich selbst. Sie können ganz beruhigt sein, ich werde nichts gegen Sie unternehmen. Ich bemühe mich nur, ein schwieriges Rätsel zu lösen, und ich hoffte, daß Sie mir dabei helfen könnten.«

 

Der Mann sah ihn düster an.

 

»Was für ein Rätsel meinen Sie?« fragte er mit belegter Stimme.

 

»Die Geschichte von Gucumatz!« erwiderte Peter bedeutungsvoll.

 

Crewes Gesicht blieb unbewegt. Langsam verfärbte es sich, dann wurde es dunkelrot und dann wachsbleich.

 

»Gucumatz!« wiederholte er mechanisch und sah ihn an. Dann verzogen sich seine Lippen zu einem spöttischen Lächeln. »Jetzt verstehe ich! Sie haben das Wort natürlich in dem Geldbeutel entdeckt, den Joe Farmer immer bei sich trug. Das war eine seiner verrückten Ideen!«

 

Peter lachte.

 

»Dieselbe Erklärung fand auch Mrs. Staines. Sie war einen Augenblick sehr erleichtert, bis …«.

 

»Nun, bis …?« fragte Crewe ungeduldig, als Peter eine Pause machte.

 

»Bis ich ihr erzählte, daß Gucumatz ein aztekisches Wort für gefiederte Schlange ist.«

 

Crewe schwieg einen Augenblick.

 

»Ach, das ist ja interessant«, sagte er dann gedehnt.

 

Er hatte sich schnell wieder gefaßt. Peter bewunderte seine Haltung, denn er wußte ganz genau, wie schwer ihn diese Mitteilung treffen mußte.

 

»Die Sache regt mich nicht weiter auf!« fuhr Crewe mit einem schwachen Versuch zu lächeln fort. »Die gefiederte Schlange … das ist die Bedeutung. Der Kerl lebt also noch?«

 

Peter nickte.

 

»William Lane ist ganz gesund – daran gibt es keinen Zweifel mehr.«

 

Crewe spielte nervös mit den Papieren, die auf dem Tisch herumlagen.

 

»Zu dumm, daß ich das nicht früher gewußt habe, sonst hätte ich ihn beobachten lassen.«

 

»Aus welchem Grund verfolgt Lane Sie eigentlich?«

 

Crewe schüttelte den Kopf.

 

»Das fragen Sie ihn am besten selbst, wenn Sie ihm begegnen. Ist es der Polizei eigentlich bekannt, daß er Farmer ermordet hat? Es ist in diesem Lande anscheinend möglich, daß jeder sich seine eigenen Gesetze macht. So ein Kerl kann frei herumlaufen und andere Leute erschießen, bloß weil er sie haßt.«

 

Er begann in den Papieren herumzuwühlen, und sein Gesicht zeigte einen Ausdruck von Hilflosigkeit.

 

»Ich danke Ihnen jedenfalls für Ihre Angaben, Dewin. Es ist mir aber nicht möglich, Ihnen irgend etwas zu erklären. Von mir aus können Sie die Geschichte in Ihrer Zeitung bringen. – Also deshalb ist Paula abgereist? Bisher habe ich Ihnen das nicht geglaubt. Und sie nannte mich einen Feigling!«

 

»Wollen Sie mir nicht wenigstens den Anfang der ganzen Sache erzählen?« fragte Peter.

 

Mr. Crewe lachte hart.

 

»Ich habe keine Lust, auf der Anklagebank von Old Bailey zu sitzen und für zehn Jahre ins Zuchthaus zu wandern. – Brauchen Sie Geld?« fragte er plötzlich brutal.

 

»Ich könnte eine ganze Menge davon gebrauchen«, entgegnete Peter schnell. »Aber nicht von Ihnen, Crewe. Sie könnten mir jedoch eine Menge Arbeit und Mühe ersparen, wenn Sie mir die Geschichte von Gucumatz berichten. Sind Sie jemals in Südamerika gewesen?«

 

Zum erstenmal schien Crewe wirklich belustigt zu sein.

 

»Ich hätte keine Ahnung, daß das Land überhaupt existiert, wenn ich nicht zufällig ein Paket Trambahnaktien von Buenos Aires besäße. Kennen Sie vielleicht jemand, der sie mir schnell abkauft?«

 

Peter hatte plötzlich eine Idee.

 

»Warum gehen Sie nicht zu Mr. Beale – Mr. Gregory Beale? Ich habe neulich gehört, daß er sein ganzes Vermögen in südamerikanischen Unternehmungen investiert hat.«

 

Leicester Crewe dachte nach.

 

»Beale …? Ist das nicht der Mann, bei dem meine frühere Sekretärin jetzt beschäftigt ist?«

 

»Ganz recht – er hat Miss Olroyd angestellt.«

 

»Ich kenne ihn nicht – hat er denn so viel Geld? Geben Sie mir seine Adresse.«

 

Er notierte sie sich schnell auf einem Block.

 

»Wenn Sie vielleicht paar hundert Pfund brauchen, Dewin …«

 

»Hören Sie damit auf«, entgegnete Peter. Als er in der Tür stand, drehte er sich noch einmal um. »Noch etwas, Crewe – wenn sich Ihr Gewissen melden sollte und wenn Sie gerne einem verschwiegenen Menschen beichten möchten, dann finden Sie meine Nummer jederzeit im Telefonbuch.«

 

Peter besaß ein eigenes kleine« Auto; aus dritter Hand gekauft und nicht gerade sehr elegant, hatte ihn der Wagen doch noch nie im Stich gelassen. Natürlich hätte er auch mit der Bahn nach Newbury fahren können, aber er zog die offene Landstraße und die Einsamkeit vor, denn er hatte noch allerlei zu überlegen.

 

Sein Weg führte durch Thatcham, und er hielt Ausschau nach dem Haus, in das Hugg in der Nacht vor William Lanes Tod eingebrochen war.

 

An einer Ecke stand ein Polizist; Peter hielt und fragte.

 

»Aber ja, ich erinnere mich noch gut an den Fall«, sagte der Beamte. »Einer der Strolche wurde bei einem Autounfall getötet – ich glaube er hieß Lane. Mr. Bonnys Haus hat die Nr. 92, diese Straße weiter geradeaus.«

 

Mr. Bonny war ein ziemlich nervöser Mann, der ununterbrochen redete. Es dauerte fast eine Viertelstunde, bis Peter zum Kernpunkt der Sache vorgedrungen war.

 

»… ich sah die beiden Burschen in der Eingangshalle. Von dem Podest im ersten Stock aus drehte ich das Licht an und brauchte mich nur über das Treppengeländer zu lehnen, um sie zu beobachten. Der Kleinere hatte das Silber in einem Sack unter dem Arm.« Peter erinnerte sich daran, daß es Mr. Hugg seinerzeit diskret vermieden hatte, von Silber zu sprechen und seinen Einbruch damit entschuldigte, daß er bei der Kälte Kleider gesucht hätte. »Der andere war der Mann, der später getötet wurde – ein großer, häßlicher Kerl …«

 

»Ich dachte, der Mann, der getötet wurde, wäre an dem Einbruch gar nicht beteiligt gewesen?« fragte Peter schnell.

 

»Aber natürlich doch!« knurrte Mr. Bonny. »Er war es ja, der mich ermorden wollte, wenn ich herunterkäme!«

 

Peter verabschiedete sich. Die Lösung des Rätsels war gefunden. Der getötete Einbrecher war nicht William Lane gewesen, sondern Harry. William Lane war als einziger bei dem Autounfall unverletzt geblieben.

 

Es hatte eigentlich keinen Zweck, noch weitere Nachforschungen anzustellen. Um ganz sicherzugehen, fuhr Peter aber doch noch nach Thatcham und Newbury; dort wurde ihm alles bestätigt, was Mr. Bonny erzählt hatte.

 

Als er bei zunehmender Dunkelheit auf der Straße nach London zurückfuhr, überlegte er wieder. Harry war also getötet worden, und William Lane hatte seinen Ausweis und seinen Entlassungsschein in die Tasche des Toten gesteckt, während Mr. Bonny die Polizei benachrichtigte. Anscheinend hatte man die Identität des Toten in keiner Weise angezweifelt. Hugg hatte von dem ganzen Vorfall natürlich nichts gemerkt, da er ja gleich bewußtlos gewesen war.

 

Warum hatte William Lane das getan? Aus welchem Grund wollte er sich verbergen? Peter brauchte sich diese Frage nicht lange zu überlegen; die Antwort war ihm klar.

 

Kapitel 16

 

16

 

Wenn Daphne auch sehr gleichgültig tat – in Wirklichkeit wäre sie Peter am liebsten um den Hals gefallen, als er sie unerwartet besuchte. Die Aussicht, den Abend ganz allein verbringen zu müssen, war fürchterlich für sie gewesen. Mit ihren Nerven war sie so am Ende, daß sie bereits Geräusche – Fensterklappen und Türenknarren – hörte, die gar nicht existierten. Sie hatte eben einen Entschluß gefaßt, als Peter kam. Er war überrascht, daß sie seine Einladung zum Abendessen sofort annahm; fast hatte er befürchtet, daß sie ablehnen würde.

 

Auf einem Stuhl stand ihr kleiner gepackter Koffer.

 

»Wollen Sie etwa verreisen?«

 

»Ja«, sagte sie. »Eine halbe Stunde später hätten Sie mich nicht mehr angetroffen – ich nehme für eine Woche ein Zimmer im Ridley-Hotel. Es liegt in Bloomsbury, in einer sehr ruhigen Gegend. Ich habe eine Bekannte, die dort wohnt.«

 

»Wie kommen Sie bloß auf diese Idee? Hat man Ihnen die Wohnung gekündigt?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Ich glaube, Sie haben Angst!«

 

Daphne errötete.

 

»Warum sollte ich Angst haben?« fragte sie abwehrend.

 

Peter sah sie nachdenklich an.

 

»Es ist ja eigentlich kein Grund dazu vorhanden – wahrscheinlich hat Sie aber der Mord so aus der Fassung gebracht. Daran habe ich gar nicht mehr gedacht!«

 

Sie versuchte, die Sache als belanglos hinzustellen, aber Peter ließ sich nicht so leicht täuschen.

 

»Ich weiß gar nicht, warum ich mich dazu entschlossen hatte«, sagte sie verlegen. »Es war so ein langweiliger Abend, und hier fiel mir alles auf die Nerven. Da rief ich das Hotel an. Sie denken wohl, ich sei sehr dumm?«

 

»Im Gegenteil, ich halte Sie für sehr klug«, sagte er ruhig. »Und obwohl ich nicht an eine Gefahr glaube …«

 

In diesem Augenblick läutete das Telefon.

 

»Bitte tun Sie mir den Gefallen, und antworten Sie«, bat sie ihn ängstlich. »Es ist sicher Miss Creed. Sie wollte mich unbedingt heute abend sprechen, aber ich habe ihr gesagt, daß ich bereits eine andere Verabredung hätte.«

 

Peter nahm den Hörer ab, aber es war nicht Ella Creed. Jemand sprach mit tiefer, anscheinend verstellter Stimme.

 

»Ist dort Miss Olroyd?«

 

Im Apparat knackte es, während Peter bejahte. Er verstellte dabei sehr geschickt seine Stimme.

 

»Denken Sie auch noch daran«, sagte der Fremde. »Sie dürfen niemand etwas von den Ereignissen der letzten Nacht erzählen.«

 

Peter hörte noch ein Knacken, dann war alles still. Er legte langsam den Hörer auf und ging zu Daphne zurück.

 

»Wer hat angerufen?«

 

»Was ist Ihnen letzte Nacht passiert?« fragte er statt einer Antwort. Sie merkte, daß er beunruhigt war.

 

»Ich – kann es Ihnen nicht sagen!«

 

»Sie müssen, Daphne. Es ist wirklich sehr wichtig, daß Sie mir alles anvertrauen«, drängte Peter beharrlich.

 

Sie schüttelte nur schwach den Kopf.

 

»Ich – ich mußte versprechen, daß ich nicht darüber rede!«

 

Er legte ihr die Hände auf die Schultern und schaute sie ernst an.

 

»Ich frage Sie nicht deshalb, weil ich für meine Zeitung eine gute Geschichte brauche«, sagte er leise. »Ich bitte Sie, mir alles zu sagen, weil – weil ich Sie liebe, Daphne.«

 

Sie wurde abwechselnd rot und blaß und brachte kein Wort heraus. Er streichelte sacht ihren Arm.

 

»Bitte, Daphne!«

 

»Ich darf nicht – ich habe es doch versprochen …«, stammelte sie. »Jemand holte mich vom Theater ab …«

 

Und dann erfuhr Peter nach und nach die ganze unheimliche Geschichte ihres nächtlichen Abenteuers. Sie war sichtlich erleichtert, endlich sprechen zu können.

 

»Niemand hat mir etwas getan – sie waren sehr anständig. Ach, Peter, Sie dürfen kein Wort weitererzählen hören Sie! Und Sie dürfen auch nicht versuchen, den Ort ausfindig zu machen!«

 

Er legte seinen Arm um sie, als sie plötzlich zu schluchzen begann. Es dauerte lange, bis er sie beruhigt hatte.

 

»Ich bin so nervös und aufgeregt, aber es ist einfach furchtbar, wenn man sich bei keinem Menschen einen Rat holen kann«, sagte sie und ging ins Nebenzimmer, um sich zu erfrischen. Als sie zurückkam, konnte man trotzdem noch deutlich die Spuren ihrer Tränen sehen.

 

»Es war so schrecklich – und ich habe doch niemand etwas getan!«

 

Er nahm sie wieder in die Arme und strich vorsichtig über ihr Haar.

 

»Nein, du hast bestimmt nichts verbrochen. Als deine Entführer das merkten, ließen sie dich ja auch gleich gehen.«

 

»Wie meinst du das?« fragte sie verstört.

 

»Sie haben dich ganz einfach mit Ella Creed verwechselt. Du trugst ihren roten Regenumhang und bist etwa gleich groß. Als sie ihren Irrtum bemerkten, wurdest du schnell nach Hause geschickt. Der Raum, in dem du eingesperrt warst, sah wohl wie eine Gefängniszelle aus?«

 

Sie nickte entsetzt.

 

»Dann ist ja alles klar«, meinte er zufrieden. »Es war geplant, Ella Creed in dies kleine Gefängnis zu stecken, das man eigens für sie eingerichtet hatte – und es war alles so gut vorbereitet, daß sie dort wohl niemand entdeckt hätte.«

 

»Aber warum denn das?«

 

»Ich bin mir noch nicht ganz klar, warum Gucumatz …«

 

»Wer ist Gucumatz?« fragte sie überrascht. »Den Namen habe ich noch nie gehört.«

 

»Ich weiß es noch nicht«, sagte er ablenkend. »Jedenfalls hat er mit Ella Creed zu tun. Ich habe die vergangene Nacht damit zugebracht, alle Einzelheiten des Falles William Lane nachzulesen. Die Creed erschien nicht vor Gericht, der einzige Zeuge der Bande, der auftrat, war Joe Farmer.«

 

»Du gibst mir immer mehr Rätsel zu lösen auf«, unterbrach sie ihn. »Ich weiß gar nicht, wovon du eigentlich sprichst. War Mr. Farmer denn mit dem Mann, der den komischen Namen hat, verfeindet?«

 

»Wir wollen jetzt essen gehen«, sagte Peter. Er küßte Daphne; dann nahm er ihren Koffer, und sie verließen das Haus.

 

»Findest du nicht, daß es dumm von mir ist, im Hotel zu schlafen?«

 

»Du hast ganz klug gehandelt; außer gefiederten Schlangen gibt es auch noch andere Gefahren.«

 

Als sie auf die Straße traten, sah Peter einen Mann vor dem Haus stehen, der ihm bekannt vorkam. Er rief nach einem Taxi, half Daphne beim Einsteigen und reichte ihr den Koffer hinein. Dann ging er auf den wartenden Mann zu.

 

»Wollen Sie mich sprechen, Hugg?« fragte er.

 

»Ja, Sir.« Huggs Stimme zitterte vor Erregung. »Heute abend habe ich ihn wieder gesehen.«

 

»William Lane?«

 

»Er war es ganz bestimmt!«

 

Dewin dachte einen Augenblick nach und fragte dann:

 

»Woher wußten Sie eigentlich, daß ich hier bin?«

 

»Ich ging zuerst in Ihre Wohnung und fand dort niemand vor. Von da ging ich zum Grosvenor Square, weil ich Mr. Crewe sprechen wollte. Aber auch der war nicht zu Hause. Ich fragte dann nach seiner Sekretärin und erfuhr, daß sie ihre Stellung gewechselt hätte. Man gab mir ihre Privatadresse, und so kam ich hierher und wollte mich nach Ihnen erkundigen …«

 

»Woher wußten Sie denn, daß Miss Olroyd über mich Auskunft geben kann?«

 

Aber plötzlich änderte Peter seinen Ton.

 

»Also gut, wo haben Sie William Lane getroffen?«

 

»In einer ärmlichen Pension – er ist sehr krank und wird wohl nicht mehr lange leben. Ich habe ihm fünf Shilling geborgt, damit er nach Birmingham fahren kann, wo er Verwandte hat.«

 

Hugg wurde immer nervöser, während er sprach. Er konnte keinen Augenblick stillstehen und drehte sich dauernd um. Peter hätte schwören mögen, daß seine Zähne klapperten.

 

»Gut«, sagte er. »Kommen Sie morgen früh Punkt elf zu mir ins Büro.«

 

»Ich komme bestimmt«, entgegnete Hugg immer unruhiger.

 

Peter ging zum Wagen zurück und stieg ein.

 

»Ein alter Freund von mir«, erklärte er leichthin, erzählte aber nichts von der Unterhaltung, die er soeben geführt hatte. Während des Essens entschuldigte er sich einen Moment bei Daphne und rief Leicester Crewe an.

 

»Kommen Sie doch heute abend zu mir, wenn Sie mich sprechen wollen«, entgegnete Crewe ärgerlich, als er erfuhr, wer anrief.

 

»Haben Sie sich mit dem Herrn in Verbindung gesetzt, den ich Ihnen als eventuellen Käufer für Ihre Aktien nannte?« fragte Peter.

 

Crewe antwortete in gezwungenem liebenswürdigem Ton, daß er es schon getan hätte.

 

»Ich hoffe, daß ich mit ihm einig werde. Bis jetzt habe ich allerdings nur mit ihm telefoniert – morgen abend werde ich zu ihm gehen.«

 

Peter war den ganzen Abend in bester Stimmung. Nach dem Essen brachte er Daphne nach Hause und fuhr dann zu seiner Redaktion, um nach eventuellen Neuigkeiten zu fragen. Unter seiner Post fand er eine Benachrichtigung, daß die Totenschau für den kommenden Dienstag festgesetzt worden war und ein Schreiben von Oberinspektor Clarke, der ihn bat, möglichst bald in Scotland Yard vorzusprechen.

 

Er setzte sich an die Schreibmaschine und klapperte einen Artikel von etwa einer Spalte Länge herunter; der Nachtredakteur las ihn ohne große Begeisterung.

 

»Eine Meisterleistung ist das nicht – ist Ihnen nichts Interessanteres eingefallen?«

 

»Mir gefällt der Artikel ausgezeichnet«, entgegnete er unbekümmert und verschwand möglichst schnell.

 

Wenn Peter Dewin mit der Aufklärung eines Verbrechens beschäftigt war, kannte er keine Müdigkeit. Um Mitternacht streifte er durch die Victoria Dock Road und hatte das Glück, hier einen ihm bekannten Polizeisergeanten zu treffen, der seit vielen Jahren in diesem Distrikt Dienst tat.

 

»Hinter wem sind Sie denn schon wieder her? Neulich sah ich Sie mit Mr. Hugg, einem alten Bekannten der Polizei«, begrüßte ihn der Beamte. »Suchen Sie etwas Besonderes in meinem Bezirk …? Etwa einer großen Sache auf der Spur?«

 

»Dem Mord an Farmer«, entgegnete Peter lakonisch.

 

Der andere nickte verständnisvoll.

 

»Er hatte hier früher das Lokal ›Rose und Krone‹, und ich bin fest davon überzeugt, daß er es nur für irgendwelche dunklen Geschäfte benutzte.«

 

»War er damals verheiratet?«

 

»Nein, bestimmt nicht.«

 

Peter erwähnte die Lewstons, aber der Sergeant zuckte die Schultern.

 

»Von denen habe ich nie was gehört.«

 

Sie schlenderten zusammen durch eine lange, dunkle Seitenstraße. Der Sergeant blieb stehen und zeigte auf ein Haus. »Das ist die ›Rose und Krone‹.«

 

Kein Fenster des kleinen, schmutzigen Gasthauses, das an der Ecke eines Gäßchens stand, war erleuchtet.

 

»In diesem Haus wurde die größte Razzia auf eine Falschmünzerbande durchgeführt, die ich jemals erlebt habe«, fügte der Beamte nachdenklich hinzu.

 

»Meinen Sie den Fall William Lane?«

 

»Ah, Sie erinnern sich daran – ja, es war Lane. Wir überraschten ihn in seiner Werkstatt – inmitten von Druckmaschinen, Photoapparaten und mehreren tausend Stück französischer Banknoten, die gerade fertig geworden waren. Irgend jemand hatte ihn verpfiffen, und es klappte alles wie am Schnürchen. Auf frischer Tat ertappt – er hat sieben Jahre bekommen. Farmer war übrigens der Hauptzeuge gegen ihn.«

 

»Können Sie mir sonst noch etwas von Lane erzählen?«

 

Der Sergeant schüttelte den Kopf, und sie gingen langsam auf das Haus zu.

 

»Nicht gerade viel, er war erst einige Wochen vor der Haussuchung dort eingezogen, und so kannte ihn keiner der Nachbarn näher. Wahrscheinlich hat er sein Handwerkszeug bei Nacht und Nebel in das Gebäude geschafft. Als er festgenommen wurde, legte er ein volles Geständnis ab. Er wollte sich auch keinen Anwalt nehmen, bis das Gericht ihm schließlich einen Pflichtverteidiger zuwies.«

 

Über Crewe konnte der Sergeant keine Auskunft geben.

 

»Es ist sehr schwierig, die Spur von solchen zweifelhaften Existenzen zu verfolgen. Dieses Haus war Absteigequartier von einigen berüchtigten Londoner Banden. Der Rauschgifthandel blühte, und die Polizei weiß heute noch nicht, wie viele gestohlene Waren hier gehandelt und weiterverkauft wurden.«

 

Von der gefiederten Schlange hatte der Beamte zum erstenmal in den Zeitungen gelesen, als sie über den Mord an Joe Farmer berichteten.

 

»Das ist ja ein merkwürdiger Fall. Ich glaube fast, daß der Mörder jemand war, der sich an Farmer rächen wollte.«

 

Plötzlich kam ihn ein Gedanke.

 

»Ob William Lane in diese Geschichte verwickelt ist? Soviel ich weiß, wurde er vor einigen Monaten entlassen, und ich glaube, daß er verschiedene Gründe hatte, um mit Joe abzurechnen!«

 

Seine Nachforschungen waren noch lange nicht beendet, als er sich von dem Beamten verabschiedete. Er kam erst um drei Uhr morgens nach Hause und ließ sich, ohne die Kleider auszuziehen, erschöpft auf das Bett fallen.

 

Kapitel 17

 

17

 

Peter Dewin hatte sich schon früher mit aufregenden Kriminalfällen beschäftigt, aber es war bis jetzt noch nie vorgekommen, daß er deshalb nicht einschlafen konnte. Er wälzte sich unruhig hin und her und fiel endlich in einen dumpfen Halbschlaf, als ihn ein Geräusch am Fenster hochfahren ließ.

 

Er sprang rasch aus dem Bett und zog vorsichtig den Rolladen ein wenig hoch, um hinauszuschauen. Es war eine sternklare, kalte Nacht. Sein Fenster lag auf der Rückseite des Hauses, und man konnte von da aus in den winzigen Garten sehen. Es war alles still, und er wollte sich gerade zurückziehen, als sich eine dunkle Gestalt aus dem Schatten der Mauer löste, über den kleinen Rasenplatz schlich und auf der andern Seite verschwand.

 

Er lehnte sich weiter zum Fenster hinaus und schaute angestrengt in die Dunkelheit. Als er sich dabei auf die Fensterbank stützen wollte, berührte er einen kalten Gegenstand. Es war ein Stahlhaken, der mit seiner Spitze in dem Holzbrett der Fensterbank steckte. Mit einem kräftigen Ruck riß er ihn los und entdeckte, daß eine Strickleiter daran befestigt: war. Sie war so lang, daß er eine ganze Weile brauchte, bis er sie ins Zimmer hereingezogen hatte.

 

Er tappte zum Kamin und holte seine große Taschenlampe, die für alle Fälle dort lag. Dann ging er schnell zum offenen Fenster zurück und leuchtete in den kleinen Hinterhof hinunter.

 

Er konnte nichts entdecken, aber es war natürlich möglich, daß sich der Eindringling hinter dem niedrigen. Fahrradschuppen versteckt hatte, der an der Mauer angebaut war. Wenigstens hatte er die Gestalt in diese Richtung verschwinden sehen.

 

Der Mann konnte auf verschiedene Weise in den Hinterhof gekommen sein. Entlang der kurzen Straße, in der die Pension lag, lief eine breite Mauer, die die Vorderhäuser von den Rückgebäuden trennte, und auf diesem Wege konnte ein Einbrecher leicht hereinkommen. Noch einfacher war es, über die Mauer zu klettern, von der auch der frühere Eindringling heruntergesprungen war.

 

Peter leuchtete sorgfältig diese Mauer und die Hauswand ab; dort entdeckte er noch eine zweite Strickleiter, die von einer anderen Fensterbank herunterhing.

 

»Die Sache wird immer geheimnisvoller!« murmelte er und schloß rasch das Fenster. Er spürte plötzlich keine Müdigkeit mehr.

 

Einige Minuten später war er aus dem Haus. Er schlenderte gemütlich wie ein nächtlicher Spaziergänger die Straße entlang. Als er zu der Ecke kam, sah er einen Mann von der Mauer springen und rief ihn an. Einen Moment schien der Unbekannte zu überlegen, dann rannte er plötzlich erstaunlich schnell quer über die Straße. Peter lief ihm nach, aber der andere hatte bereits einen zu großen Vorsprung. Schon wollte er die Verfolgung aufgeben, als aus einer der Seitenstraßen eine behelmte Gestalt auftauchte. Der Polizist hatte die Situation mit einem Blick erfaßt, und es gelang ihm nach kurzer Jagd, den Ausreißer zu packen.

 

»Alles in Ordnung«, sagte eine rauhe Stimme, als Peter dazukam. »Ich habe ihn!«

 

Der Polizist schien böse Erfahrungen mit nächtlichen Herumtreibern gemacht zu haben, denn er durchsuchte seinen Gefangenen sehr sorgfältig nach Waffen. Erst als er sich davon überzeugt hatte, daß der Mann außer einem kurzen Stemmeisen nichts bei sich, trug, brachte er ihn zur Wache. Peter ging nebenher, als er ihn abführte.

 

»Sind Sie der Herr, den ich besuchen sollte?« fragte der Festgenommene auf dem Weg zur Polizeiwache. »Heißen Sie vielleicht Dewin?«

 

»So heiße ich allerdings«, entgegnete Peter.

 

Die Stimme des Mannes klang unsicher.

 

»Ich habe doch gar keinen Krach gemacht! Diese gewöhnlichen Polypen da wissen ja nichts über mich, aber der Inspektor wird mich bestimmt erkennen«, flüsterte er Peter zu.

 

»Nun halten Sie aber den Mund!« rief der Polizist böse. »Leute wie Sie vergißt man nicht so leicht! Sie sind Lightfoot Jerry, ich habe Sie gleich erkannt.«

 

Der Gefangene schluckte verlegen.

 

»Habe nie geglaubt, daß ein Polyp so gute Ohren hat!«

 

»Ich war zufällig auf dem Polizeigericht von West London, als Sie das letztemal abgeurteilt wurden, und Ihr Gesicht ist mir sehr gut in Erinnerung geblieben«, sagte der Beamte sarkastisch.

 

Als sie auf der Wache ankamen, begrüßte der diensthabende Inspektor Jerry sofort als alten Bekannten, wenn auch seine Worte nicht sehr freundlich klangen.

 

»Was soll das heißen, Jerry – in Ihrem eigenen Stadtviertel ein Ding zu drehen?« fragte er vorwurfsvoll.

 

»Tut mir furchtbar leid, Mr. Brown«, entgegnete Jerry bescheiden. »Ich sollte hundert Pfund für die Sache kriegen, und da konnte ich nicht widerstehen. Leider habe ich keinen Erfolg gehabt …«

 

»Wer wird Ihnen schon hundert Pfund bieten«, fuhr ihn der Beamte an. »Keine faulen Ausreden!«

 

»Das ist keine Ausrede, Mr. Brown«, sagte Jerry ernst. »Obgleich ich zugeben muß, daß es wie eine fadenscheinige Entschuldigung aussieht …«

 

Und dann erzählte Lightfoot Jerry eine merkwürdige Geschichte. Am gestrigen Tag, gegen Mittag, hatte er einen mit Bleistift geschriebenen Brief erhalten, in dem jemand bei ihm anfragte, ob er sich hundert Pfund verdienen wolle. Er sollte sich mit dieser Nachricht um sechs Uhr abends an der Stelle einfinden, wo die Eisenbahnbrücke die Great West Road kreuzt. Sein Auftraggeber würde unter der Brücke auf ihn warten, um ihm seine Instruktionen zu geben.

 

Dem Brief waren zwei Einpfundnoten beigelegt, und obwohl Jerry eine Falle der Polizei vermutete, ging er doch zu der angegebenen Stelle.

 

Die Straße war völlig menschenleer und verlassen, als er an der Brücke ankam. Nach einiger Zeit tauchte ein Wagen auf, der bis dicht zu ihm heranfuhr und aus dem ein Mann ausstieg.

 

»Es war inzwischen dunkel geworden, und ich konnte sein Gesicht kaum erkennen«, erzählte Jerry. »Er erklärte mir, was ich zu tun hätte und sagte mir auch, daß Strickleitern da wären und daß alles für mich vorbereitet würde. Er gab mir einen Plan des Hauses, in dem das Zimmer dieses Herrn eingezeichnet war. Ich sollte nur ’nen Geldbeutel mit ’nem Schlüssel mitnehmen.«

 

»Sollte nicht auch noch eine Million Pfund drin sein?« erkundigte sich der Inspektor spöttisch.

 

»Ein Schlüssel – das ist alles, was ich weiß. Hören Sie, Inspektor, Sie glauben, daß ich Ihnen ’nen Bären aufbinden will, aber was ich Ihnen jetzt sage, stimmt – es gibt in London einen Mann, der frühere Sträflinge manchmal mit irgendwelchen Aufgaben betraut.«

 

Bei dieser Behauptung blieb er hartnäckig. Schließlich nahm Peter den Inspektor beiseite, der noch immer ungläubig dreinschaute.

 

»Am besten, Sie teilen Clarke diese Sache mit«, meinte er ernst. »Ich bin fest davon überzeugt, daß die gefiederte Schlange dahintersteckt.«

 

Der Inspektor nickte zögernd.

 

»Ich kenne Lightfoot schon seit Jahren …«

 

Er überlegte. Oberinspektor Clarke war ein Mann, mit dem man rechnen mußte. Er war erst kürzlich zum Bezirksoberinspektor befördert worden und hatte ein beträchtliches Ansehen beim Polizeipräsidenten.

 

Schließlich ging er in sein kleines Büro, und Peter hörte, daß er telefonierte. Nach fünf Minuten kam er zurück.

 

»Mr. Clarke wird selbst herkommen, um den Mann zu vernehmen«, sagte er. »Er glaubt, daß Ihre Vermutung richtig ist …«

 

Peter kam plötzlich ein Gedanke, und er bat um die Erlaubnis, einige Fragen an Jerry stellen zu dürfen. Aber in diesem Punkt gab der Inspektor nicht nach. Jerry blieb in seiner Zelle, und erst als Clarke eine Stunde später ankam, konnte Peter seine Fragen anbringen.

 

Der Gefangene wurde wieder geholt; er war ziemlich ärgerlich, weil man ihn aus dem Schlaf gerissen hatte.

 

»Sie haben doch schon mal gesessen, Jerry?« fragte Peter. Der Mann stimmte widerwillig zu. »Lernten Sie damals einen Mann mit Namen William Lane kennen?«

 

Lightfoot Jerry überlegte.

 

»Ja – in Dartmoor. Er saß in der Abteilung D, ich gehörte zur Abteilung A. Er war verknackt worden, weil er falsche Banknoten gedruckt hatte.«

 

»Haben Sie sich mal mit ihm unterhalten?«

 

Jerry schüttelte den Kopf.

 

»Nie. Er arbeitete in der Schuhmacherwerkstatt, zusammen mit einem gewissen Harry und dem kleinen Hugg. Einmal lagen wir zwar gemeinsam in der Krankenabteilung, aber ich hatte auch da keine Möglichkeit, mit ihm zu sprechen.«

 

»Halten Sie es für möglich, daß er es war, der Ihnen unter der Eisenbahnbrücke den Auftrag gab?« forschte Peter weiter.

 

Jerry überlegte.

 

»Nein …, und doch könnte es möglich gewesen sein. Ich habe Lane ja niemals reden hören, soviel ich weiß, hat er überhaupt nicht viel geredet.«

 

Als Jerry wieder fortgebracht worden war, nahm Clarke, der während des ganzen Verhörs geschwiegen hatte, Dewin am Arm und zog ihn in eine Ecke.

 

»Los, bekennen Sie Farbe! Was wollte der Kerl aus Ihrem Zimmer holen?«

 

Peter sah ein, daß er sein Geheimnis unmöglich noch länger für sich behalten konnte.

 

»Er sollte mir dies hier abnehmen.« Kurz entschlossen zog er den Geldbeutel aus der Tasche. »Ich kann Ihnen jetzt nicht erzählen, wie er in meinen Besitz kam, weil sonst jemand anders belastet würde. Joe Farmer trug diesen Schlüssel stets bei sich; ich glaube aber nicht, daß Sie viel damit anfangen können.«

 

Clarke betrachtete das Stück Pappe, das an dem Schlüssel hing.

 

»Eine ziemlich primitive Geheimschrift«, erklärte Peter.

 

»Die Auflösung heißt Gucumatz – damit bezeichneten die alten Azteken die Gottheit der gefiederten Schlange. Was der Schlüssel zu bedeuten hat, weiß ich selbst nicht; ich glaube, daß er ein außerordentlich wichtiges Glied in der Kette ist, kann vorerst aber beim besten Willen des Rätsels Lösung nicht finden.«

 

Clarke betrachtete den Schlüssel von allen Seiten durch ein Vergrößerungsglas und untersuchte besonders die ausgefeilten Buchstaben. Schließlich zuckte er nur ratlos die Achseln.

 

»Haben Sie sich, denn nicht wenigstens eine Theorie zurechtgelegt?« fragte er dann.

 

Peter schüttelte den Kopf.

 

»Der Fall wird immer mysteriöser und so unwahrscheinlich, daß ich mir ganz gut vorstellen könnte, daß dies der Schlüssel zu einem Kasten mit wichtigen Dokumenten ist genau wie im Märchen.«

 

»Er sieht mir eigentlich mehr nach einem Türschlüssel aus.«

 

Clarke steckte den Schlüssel in den Geldbeutel und schob beides in die Tasche.

 

»Sie wissen viel mehr über den Fall, als Sie mir erzählt haben, Dewin. Aber ich hoffe, daß ich noch vor Ihnen die Tür entdecke, die durch diesen Schlüssel geöffnet wird!«

 

Um halb sechs in der Frühe kam Peter nach Hause, aber er konnte sich nicht entschließen, ins Bett zu gehen. Er nahm ein Bad und rasierte sich, machte dann aber den Fehler, sich halb angezogen einen Moment auf die Couch zu legen …

 

Er wachte erst wieder auf, als der Gong zum Mittagessen ertönte.

 

Kapitel 18

 

18

 

Das Geheimnis der gefiederten Schlange begann inzwischen ganz London zu beunruhigen. Daß irgendwo mitten in der Stadt eine Geheimorganisation existierte, die mit rücksichtslosen Methoden ihre Ziele verfolgte, war auch sensationell genug. Obwohl die Zeitungen nur zwischen den Zeilen darauf hingewiesen hatten, daß die gefiederte Schlange aus irgendeinem Grund an einigen wenigen Mitgliedern der Londoner oberen Zehntausend Rache nehmen wollte, war doch das Gerücht durchgesickert, daß eine bekannte Schauspielerin zu den Bedrohten gehörte. Dadurch wurde der Fall natürlich noch interessanter.

 

Peter Dewin ging in sein Büro, wo er den Nachrichtenredakteur im Gespräch mit Hugg vorfand. Der kleine Mann hatte sich erstaunlich verändert: Er trug einen modernen Anzug, Kragen und Krawatte waren sichtlich neu; außerdem hatte er sich den Luxus einer Rasur geleistet.

 

»Da sind Sie ja, Dewin! Dieser Herr hier wollte unbedingt mit Ihnen sprechen – es handelt sich um die gefiederte Schlange …«

 

»Ich habe heute den Mann wiedergesehen, den ich für Lane hielt, und ich habe ihn angehalten«, unterbrach ihn Hugg ungeduldig. »Er ist es gar nicht, Mr. Dewin! Ich habe mich damals einfach getäuscht, hatte in jener Nacht tatsächlich ein paar Gläschen zuviel getrunken! Als ich heute genauer hinsah, wußte ich, daß ich mich geirrt hatte.«

 

»Kommen Sie mal mit«, entgegnete Peter streng, nahm Hugg am Arm und schob ihn in ein kleines Nebenzimmer. »Was wollen Sie mir denn jetzt wieder für einen Bären aufbinden?« fuhr er dann fort.

 

»Es ist die reine Wahrheit – ich will sofort tot umfallen …!« begann Hugg.

 

»Hören Sie mal zu!« Peter zog nachdrücklich an der Krawatte des kleinen Gauners. »Als ich Sie gestern traf, da erzählten Sie mir, Sie hätten William Lane getroffen er wäre sehr krank und wollte nach Birmingham gehen. Sie gaben ihm fünf Shilling …«

 

»Ganz richtig, ganz richtig«, entgegnete Hugg eifrig. »So war es, William Lane hat London verlassen …«

 

Peter hob warnend die Hand.

 

»Daß Sie William Lane getroffen haben, daran zweifle ich durchaus nicht. Und er hat Sie auch beauftragt, der Polizei den Bären aufzubinden, daß er London verlassen will. Deswegen haben Sie mich aufgesucht; wahrscheinlich sagte er Ihnen, daß ich in der Nähe der Wohnung von Miss Olroyd zu finden wäre. Seien Sie ruhig, Hugg!« fuhr er fort, als der Landstreicher einige unzusammenhängende Erklärungen vorbringen wollte. »Sie erstatteten ihm dann Bericht, und dabei erfuhr er die Geschichte mit dem Taxi, in dem Sie ihn damals gesehen hatten. Daraufhin schickte er Sie sofort zurück, damit Sie mir weismachen sollten, Sie hätten sich geirrt. Wahrscheinlich hat er Sie für Ihre Dienste nicht schlecht bezahlt. Stimmt’s?«

 

Hugg antwortete nicht. Unruhig trat er von einem Fuß auf den andern.

 

»Ich will keinen Ärger haben«, sagte er unsicher. »Wenn jemand betrunken ist und einen Fehler macht, warum darf er dann nachher seinen Irrtum nicht eingestehen?«

 

»Wo haben Sie Lane das letztemal getroffen?« fragte Dewin, ohne auf Huggs Worte zu achten. Aber jetzt hatte Hugg anscheinend endgültig keine Lust mehr, sich noch weiter ausfragen zu lassen.

 

»Lassen Sie mich mit diesem Menschen doch endlich in Ruhe«, bat er flehentlich. »Und hören Sie auf mich, Mr. Dewin – er ist ein sehr gefährlicher Kerl …«

 

»Meinen Sie damit Lane?«

 

Hugg schüttelte den Kopf, dann schlich er nach einem unsicheren Blick in Peters Gesicht zur Tür und horchte.

 

»Man weiß niemals sicher, wo er sich gerade aufhält«, erklärte er ängstlich, als er zurückkam, und fügte dann im Flüsterton hinzu: »Ich habe ihn wirklich nicht richtig gesehen. Durch ’ne Nachricht wurde ich aufgefordert, mich an der Abzweigung einer kleinen Landstraße nördlich von Barnet einzufinden. Ich ging hin, und er kam in ’nem Wagen an. Er stieg nicht aus, sondern sprach durch das halb heruntergekurbelte Fenster mit mir. Sein Gesicht konnte ich nur ganz undeutlich sehen. Er sagte nur, daß ich sofort zu Ihnen gehen und sagen soll, daß ich mich getäuscht hätte. Er wolle nicht, daß man eine unschuldige Person verdächtige. Das waren seine Worte, Mr. Dewin – er wolle nicht, daß eine unschuldige Person verdächtigt würde.«

 

»War es denn Lanes Stimme?« fragte Peter.

 

Hugg schüttelte den Kopf.

 

»Ich kann es nicht beschwören. Am gleichen Abend traf ich ihn an ’ner andern Stelle und erstattete ihm Bericht. Es kann Lane gewesen sein – es gibt aber auch noch eine Menge anderer Leute, die Joe Farmer haßten. Ja, und dann sagte er noch, daß ich mir einen anständigen Anzug kaufen solle und jeden Augenblick für ihn erreichbar bleiben müsse – deswegen wohne ich jetzt in Lambeth.«

 

»Wieder einmal eine Lüge«, erwiderte Peter.

 

»Aber der Wahrheit so nahe, wie nur irgend möglich«, entgegnete Hugg merkwürdigerweise.

 

Mehr war aus dem kleinen Mann nicht herauszubringen, und Peter ließ ihn gehen. Der Portier erzählte später, daß er einen funkelnagelneuen Koffer bei sich gehabt habe und in einem Auto fortgefahren sei.

 

Peter saß noch lange an seinem Schreibtisch, um noch einmal alle Nachrichten, die von den verschiedenen Presseagenturen über den Fall Farmer eingelaufen waren, miteinander zu vergleichen. Schließlich machte er sich auf den Weg nach Scotland Yard.

 

*

 

Mr. Gregory Beales Haushalt war so geregelt und geordnet, daß der ganze Tag wie bei einem aufgezogenen Uhrwerk ablief. Sein Dienstpersonal bestand aus Leuten, die schon seit vielen Jahren bei ihm waren. Von dem schweigsamen Butler sah Daphne nur sehr wenig, die Köchin hatte ihr die Hausordnung auseinandergesetzt.

 

Mittwoch hatte das Personal Ausgang, und Mr. Beale speiste dann auswärts zu Abend.

 

Alle Hausangestellten verehrten Mr. Beale und hatten auch allen Grund zu, denn er war in jeder Beziehung ein wirklich großzügiger und freigebiger Hausherr.

 

Es war Mittwoch morgen, und Daphne steckte mitten in der Arbeit. Das große, nach der Straße zu gelegene Empfangszimmer hatte sich in ein Museum verwandelt. Alle Möbel waren entfernt worden, und an beiden Seiten des Raumes standen an den Wänden lange, hölzerne Tische. Sie waren bedeckt mit Kuriositäten, die noch geordnet werden sollten.

 

Mr. Beale hatte Daphne ein Werk über aztekische Kulturen gegeben, das es ihr möglich machte, ohne seine Hilfe die Grundlage zu einem vorläufigen Katalog fertigzustellen. Nur in den seltensten Fällen ging sie mit irgendeinem merkwürdigen Gegenstand in sein Studierzimmer, um sich von ihm Rat zu holen. Gelegentlich kam auch er an ihren Arbeitsplatz. Für gewöhnlich sah er ihr eine Zeitlang freundlich lächelnd zu, steckte dann die Hände in die Taschen, lehnte sich an die Wand und hielt ihr einen kleinen Vortrag. Sie hörte ihm begeistert zu. Manchmal berührte er moderne Probleme, aber wenn er über die Kultur der Azteken sprach, war es für sie am interessantesten.

 

»Fünfundsiebzig verschiedene Abarten der gefiederten Schlange hat man bis jetzt gefunden«, erklärte er ihr an diesem Morgen. »Und ich weiß nicht, wieviel Legenden über sie existieren. Sogar in Peru wird sie verehrt.«

 

In der Sammlung befanden sich ungefähr ein halbes Dutzend der seltsamen Gottheiten. Er nahm eine der kleinen Plastiken in die Hand und betrachtete sie mit einem sonderbaren Lächeln.

 

»Im ›Postkurier‹ steht heute ein von Ihrem Freund verfaßter längerer Artikel über die gefiederte Schlange. Ich bat ihn, meinen Namen nicht zu veröffentlichen, aber unglücklicherweise …«

 

»Er hat es doch nicht etwa trotzdem getan?« unterbrach ihn Daphne schnell.

 

Mr. Beale lachte.

 

»Nein, der Fehler ist ganz auf meiner Seite. Er brauchte die Abbildung der gefiederten Schlange, und ich gab ihm ein Photo. Leider war auf der Rückseite des Abzugs ›Copyright by Gregory Beale‹ aufgestempelt. Wahrscheinlich glaubte der Setzer, dieser Vermerk müßte auch unter der Abbildung in der Zeitung gebracht werden. Nun, der Irrtum ist geschehen… Schließlich ist es ja auch unwesentlich.«

 

Beinahe hätte sie ihm jetzt ihr Abenteuer in Epping Forest erzählt, aber sie dachte an die Warnung, die sie erhalten hatte, und schwieg.

 

»Ich nehme an, daß dieser Farmer irgend jemand schwer beleidigt hat«, fuhr er fort. »Ich habe den Bericht über den Fall genau gelesen and glaube bestimmt, daß er selbst ein Verbrecher war oder wenigstens viel mit Verbrechern zu tun hatte.«

 

»Warum glauben Sie das?« fragte sie überrascht.

 

Er zuckte nur die Schultern und murmelte einige undeutliche Worte.

 

Nach einiger Zeit sprach er davon, daß die beiden Diener heute Ausgang hätten.

 

»Von Ihrem Arbeitsplatz aus können Sie die Vorderfront des Hauses gut beobachten, Miss Olroyd. Dürfte ich Sie vielleicht darum bitten, zur Tür zu gehen, wenn jemand klingelt? Ich bin manchmal so in meine Arbeit vertieft, daß ich die Klingel überhöre.«

 

Er erzählte ihr noch, daß er augenblicklich an einem Buch über Sagen arbeite, die er in Zentralamerika gesammelt hatte. Offenbar waren Dinge darunter, die seine junge Sekretärin nicht lesen sollte, denn er hielt das Manuskript stets in seinem Safe verschlossen. Sie hatte sogar bemerkt, daß er jede fertiggestellte Seite sofort einschloß.

 

Ihre eigene Arbeit nahm sie so in Anspruch, daß sie nicht viel Zeit hatte, aus dem Fenster zu sehen; sie hörte, daß er nach dem Mittagessen dreimal zur Tür ging. Als es zum drittenmal klingelte, kam sie auch aus ihrem Zimmer.

 

»Entschuldigen Sie bitte, Mr. Beale. Ich werde von jetzt an besser aufpassen – Sie brauchen wirklich nicht mehr aufzumachen, wenn ich im Haus bin.«

 

Er lächelte nur.

 

»Ich halte es für ein gutes Zeichen, daß Sie sich so für Ihre Arbeit – besonders für gefiederte Schlangen – interessieren. Ich kann mir gut vorstellen, daß neugierige junge Zeitungsreporter Sie demnächst deshalb interviewen werden.«

 

Daphne stellte ihren Tisch ans Fenster, um besser den Eingang beobachten zu können. Nach einiger Zeit hielt vor der Tür ein kleiner Wagen, und Miss Creed stieg aus.

 

Ella Creed! Daphne erinnerte sich, daß sie ihr versprochen hatte, sie zu besuchen – war das eigentlich gestern oder vorgestern gewesen? Es schien schon eine Ewigkeit her zu sein. Sie lief an die Tür, um Miss Creed hereinzulassen – Mr. Beale wäre sicherlich nicht gern bei seiner Arbeit gestört worden.

 

Ella Creed begrüßte sie mit einem herablassenden Kopfnicken.

 

»Oh, da sind Sie ja! Es ist gar nicht einfach, Sie zu finden.«

 

Sie drehte sich um und gab ihrem Chauffeur eine Anweisung. Der Wagen fuhr ab.

 

»Er muß bei der Schneiderin einige Kleider für mich abholen. Ich nehme mir dann ein Taxi.«

 

Daphne führte den Gast in ihr Arbeitszimmer, nahm ein staubiges Blatt Papier von einem Stuhl und bot ihn Miss Creed an.

 

»Was machen Sie hier eigentlich?« fragte Ella Creed und sah sich stirnrunzelnd um. Es war charakteristisch für sie, daß sie alles auf seinen Geldwert abzuschätzen versuchte.

 

»Ihr Chef muß sehr viel Geld haben«, sagte sie und deutete auf ein Gemälde über dem Kamin. »Das ist ein Gainsborough.«

 

Daphne war über diese unerwarteten kunstgeschichtlichen Kenntnisse ein wenig erstaunt. Miss Creed erriet ihre Gedanken.

 

»Ich weiß sehr viel über Bilder – jedenfalls über ihren Verkaufswert. Ein früherer Freund von mir, ein gewisser Leckstein, war Kunsthändler und hat mir viel beigebracht. Was ist denn das für Zeug?« Sie deutete mit einer verächtlichen Handbewegung auf die vielen Tische.

 

Daphne erklärte es ihr, doch Miss Creed zuckte nur verständnislos die Achseln. Dann fragte sie:

 

»Wo waren Sie denn nun eigentlich an jenem Abend?«

 

Daphne fühlte sich in die Enge getrieben. Es gelang ihr auch jetzt nicht, eine glaubwürdige Erklärung zu geben.

 

»Das war doch alles Unsinn, was Sie mir da von einem falschen Wagen erzählt haben. Sie brauchen mir jetzt nicht wieder etwas anderes vorzulügen! Es hat Sie jemand mit mir verwechselt – stimmt das?«

 

Daphne nickte.

 

»Das dachte ich mir doch gleich! Und jetzt sagen Sie mir bitte, was Sie erlebt haben.«

 

»Leider kann ich das nicht – ich habe es versprochen…«

 

Ella Creed schaute sie scharf an.

 

»Haben Sie den Vorfall der Polizei gemeldet? Wahrscheinlich waren Sie dazu viel zu ängstlich – ich hätte denen nichts versprochen, darauf können Sie sich verlassen!«

 

Daphne mußte daran denken, daß es für Ella Creed nicht notwendig gewesen wäre, ein Versprechen abzugeben, wenn sie in die Hände der Unbekannten gefallen wäre.

 

»Diese ganze Angelegenheit macht mich nervös. Was meint denn Dewin dazu? Sie sind doch sehr befreundet? Meint er …, aber wahrscheinlich wird er über solche Dinge nicht mit Ihnen sprechen.«

 

Miss Creed stand auf, ging zu einem der Tische und nahm eine der kleinen Plastiken in die Hand.

 

»Dieser Beale ist wohl ganz verrückt mit diesen Sachen? Ich habe in der Zeitung gelesen, daß er alles weiß, was sich auf gefiederte Schlangen bezieht. Was haben sie denn eigentlich zu bedeuten?«

 

»Sie halten gerade eine in der Hand«, entgegnete Daphne.

 

Sie starrte erschrocken auf den Gegenstand und hätte ihn beinahe fallen lassen.

 

»Um Himmels willen – ist das nicht…?« Sie betrachtete die Plastik von allen Seiten. In diesem Augenblick sah Daphne zum Fenster hinaus und entdeckte einen Mann, der gerade die Treppe zur Haustür heraufkam. Er sah totenbleich aus und war ziemlich schäbig gekleidet. Sie wollte sich schon bei Miss Creed entschuldigen und zur Tür gehen, als sie in der Halle Mr. Beales schnelle Schritte hörte. Gleich darauf sprach er mit jemand; seine Stimme klang ungewöhnlich scharf.

 

»Gefiederte …«, begann Ella Creed wieder. Dann hörte Daphne plötzlich einen seltsamen Laut und wandte sich um. Die Schauspielerin starrte mit weitaufgerissenen entsetzten Augen auf die Tonfigur. Ihr Gesicht sah unter dem Make-up plötzlich grau aus.

 

Daphne konnte sie gerade noch auffangen, als sie zusammenbrach. In diesem Augenblick wurde die Haustür zugeschlagen, und sie lief in die Halle.

 

»Miss Creed … sie ist ohnmächtig«, stieß sie zusammenhanglos hervor.

 

»Miss Creed?« Er sah sie erstaunt an. »Ist das die Schauspielerin…?«

 

Er lief hinter ihr her, warf nur einen schnellen Blick auf die reglose Gestalt, bückte sich dann und hob sie auf.

 

»Ich werde sie in meinem Studierzimmer auf die Couch legen. Holen Sie ein Glas Wasser – oder gehen Sie in mein Badezimmer… In der Hausapotheke steht eine Flasche Riechsalz, das bringen Sie mir bitte.«

 

Sie kam nach einigen Minuten wieder zurück und sah, wie er der ohnmächtigen Frau eine Arznei eingab.

 

»Ihre Apotheke …«, begann sie.

 

»Ich weiß, ich weiß.« Er war sonderbar kurz zu ihr. »Sie stand ja schon die ganze Zeit hier in meinem Studierzimmer. Das hatte ich ganz vergessen. Ich glaube, sie wird sich sehr bald wieder erholen. Solche Fälle sind nicht schlimm. Was ist denn eigentlich geschehen?«

 

Daphne erzählte ihm von der gefiederten Schlange. Sie schaute auf die kleine Plastik, die jetzt auf dem Tisch lag.

 

»Sie hielt die Figur noch krampfhaft in der Hand, als ich sie hierherbrachte.«

 

Daphne blickte ängstlich auf die Schauspielerin. Sie atmete wieder regelmäßig, war aber immer noch bewußtlos.

 

»Vermutlich war es eine plötzliche Herzschwäche«, sagte Mr. Beale nachdenklich.

 

»Meinen Sie nicht, daß ich einen Arzt rufen soll?« fragte Daphne aufgeregt.

 

Er schüttelte den Kopf.

 

»Es geht ihr schon wieder besser. Auf solche Anfälle folgt gewöhnlich ein Erschöpfungszustand. Das beste ist, wir lassen sie etwas schlafen. Wie war doch ihr Name… Ella Creed … Ich muß das schon irgendwo gelesen haben.«

 

Er sah die Schauspielerin an und schüttelte dann den Kopf.

 

»Sie muß einmal sehr schön gewesen sein«, sagte er.

 

»Ich finde, sie sieht auch jetzt noch gut aus«, entgegnete Daphne mit schwachem Lächeln.

 

In diesem Augenblick öffnete Miss Creed die Augen und schaute erstaunt von einem zum andern.

 

»Was ist denn mit mir los?« fragte sie und richtete sich mühsam auf.

 

»Sie sind ohnmächtig geworden. Soll ich Sie nach Hause bringen?« fragte Daphne.

 

Miss Creed schüttelte den Kopf.

 

»Nein, ich kann allein heimfahren. Würden Sie so liebenswürdig sein und meinem Chauffeur Bescheid sagen?«

 

Als sie aufstand, schwankte sie noch ein wenig, und Daphne mußte sie stützen.

 

»Sie haben doch Ihren Wagen fortgeschickt – soll ich ein Taxi besorgen?« fragte Daphne.

 

»Nein, ich möchte … ich will nicht …«

 

Miss Creeds schrille Stimme brach plötzlich ab, und sie ließ sich wieder auf das Sofa fallen.

 

»Ich glaube, es ist besser, wenn Miss Creed sich noch ein wenig ausruht. Wir wollen sie allein lassen«, sagte Mr. Beale und folgte Daphne ins Nebenzimmer. »Und nun erzählen Sie mir bitte einmal genau, warum sich die Dame so aufgeregt hat und weshalb sie hierherkam.«

 

Daphne versuchte verzweifelt, irgendeine Geschichte zu erfinden, denn sie durfte ihm ja nicht die Wahrheit sagen.

 

»Sie hatte mich neulich zum Essen eingeladen – ich verließ das Theater aber schon früher – und – und – so wurde eben nichts daraus.«

 

»Und sie kam nun, um den Grund zu erfahren?« fragte Mr. Beale. »Eine Schauspielerin – hm!«

 

Er ging im Zimmer auf und ab und hielt die Hände auf dem Rücken verschränkt.

 

»Eigentlich komisch, wie fest sie die gefiederte Schlange hielt, als sie ohnmächtig wurde.«

 

»Vielleicht hat sie irgend etwas Merkwürdiges au der kleinen Figur entdeckt«, meinte Daphne.

 

Gregory Beale schüttelte den Kopf.

 

»Ich glaube eher, daß sie unter einer starken Einbildungskraft leidet, die sie Gespenster sehen läßt«, meinte er und verließ das Zimmer.

 

Es wurde dunkler. Daphne machte sich wieder an ihre Arbeit. Einmal meinte sie, Ella Creeds Stimme zu hören und stand auf, um nachzusehen, aber in diesem Augenblick schloß sich Mr. Beales Tür, und sie nahm an, daß er sich um die Schauspielerin kümmerte. Ungefähr eine Viertelstunde später rief Gregory Beale nach ihr.

 

»Die Dame ist wieder wohlauf«, sagte er lachend. »Sie will jetzt nach Hause gehen. Vielleicht besorgen Sie ihr ein Taxi.«

 

Daphne ging hinunter und winkte einem eben vorbeifahrenden Wagen. Dabei entdeckte sie, daß jemand ein paar Schritte von dem Haus entfernt an einer Straßenlampe lehnte und sie beobachtete. Als sie genauer hinschaute, erkannte sie den bleichen Mann, der geklingelt hatte, während sie mit Ella Creed sprach. Er drehte sich jetzt rasch um, als ob er vermeiden wolle, daß sie sein Gesicht sah.

 

Miss Creed stand in der Halle und zog langsam ihre Handschuhe an, als Daphne zurückkam. Sie war sehr blaß, und ihre Stimme zitterte noch immer.

 

»Ich gehe jetzt … Es tut mir sehr leid, daß ich Ihnen solche Umstände gemacht habe, Mr. – nun weiß ich doch, tatsächlich Ihren Namen nicht mehr!«

 

Sie wandte sich ärgerlich an Daphne.

 

»Haben Sie ein Taxi bekommen?« Als Daphne bejahte, sagte sie nur kurz: »Wir sprechen uns ein andermal.« Dann verließ sie mit einem Kopfnicken das Haus und ging die Treppe hinab.

 

Mr. Beale wartete, bis das Auto verschwunden war.

 

»Du lieber Himmel!« sagte er plötzlich überrascht. »Der Bursche ist noch immer da!« Er deutete auf den Fremden, der Daphne vorher beobachtet hatte.

 

»Es gibt wirklich sonderbare Leute«, meinte er, als er die Tür schloß und Daphne in ihr Arbeitszimmer folgte. »Miss Creed gehört auch dazu. Kennen Sie übrigens jemand, der Lane heißt?«

 

Daphne schüttelte den Kopf.

 

»Sie murmelte die ganze Zeit diesen Namen. Er kommt mir irgendwie bekannt vor – soviel ich mich erinnern kann, hat ein Sträfling so geheißen.«

 

Er sah auf seine Uhr.

 

»Es ist Zeit, daß Sie nach Hause gehen. Übrigens – Ihr früherer Chef will mich heute abend besuchen. Was ist das eigentlich für ein Mann?«

 

Daphne gab eine vorsichtige Schilderung von Leicester Crewe.

 

»Ich soll ihm südamerikanische Aktien abkaufen – er hat angeblich vor, sich im Ausland niederzulassen. Es sind gute Papiere, aber zur Zeit nicht seht gefragt. Ist er ehrlich?«

 

Sie hatte keine Lust, über die Charaktereigenschaften ihres ehemaligen Chefs zu sprechen.

 

»Er ist so ehrlich, wie eben ein Geschäftsmann ehrlich ist«, sagte sie. Er lachte über ihre Zurückhaltung.

 

Daphne verließ das Haus mit einem unbehaglichen Gefühl. Vielleicht war es der Gedanke an Ella Creed und ihre sonderbare Ohnmacht, der sie bedrückte. An einer Untergrundbahnstation ging sie in eine Telefonzelle, um Miss Creeds Adresse zu suchen. Ein Bus brachte sie dann nach St. John’s Wood. Sie läutete, und ein Mädchen öffnete die Tür.

 

»Ja, Miss Creed kam vor einer halben Stunde zurück«, sagte sie. »Soll ich Sie anmelden?«

 

»Nein, nein«, erwiderte Daphne hastig. »Ich wollte nur wissen, ob sie gut nach Hause gekommen ist.«

 

»Es war nicht so schlimm«, entgegnete das Mädchen in einem Ton, der darauf schließen ließ, daß Ella Creed bei ihrem Personal nicht gerade beliebt war.

 

Daphne wollte gerade wieder gehen, als jemand vom Balkon her ihren Namen rief. Es war Miss Creed.

 

»Miss Olroyd! Was wünschen Sie?«

 

»Ich wollte nur fragen, wie es Ihnen geht!«

 

»Sie sind wirklich sehr besorgt um mich«, entgegnete Miss Creed spöttisch.

 

Daphne gab klugerweise gar keine Antwort, sondern drehte sich um und ging. Zu ihrer Überraschung folgte ihr das Dienstmädchen durch den Garten, bis sie außer Sicht waren, und sprach sie dann an.

 

»Sie hat am Telefon Streit mit jemand gehabt«, sagte sie leise. »Wir haben es gehört, obwohl sie uns alle in die Küche schickte. Wissen Sie, was eigentlich los ist, Miss?« »Nein«, entgegnete Daphne, die diese Vertraulichkeit ein wenig unangenehm berührte.

 

»Ihre Schneiderin ist hier und hilft ihr beim Packen. Sie rief sie sofort an, als sie nach Hause kam. Wissen Sie, ob Miss Creed verreisen will?«

 

»Keine Ahnung«, sagte Daphne, drehte sich brüsk um und beendete damit die Unterhaltung.

 

Miss Creeds Haus lag in einer ruhigen, vornehmen Straße. Es waren nur wenig Fußgänger zu sehen, ein Auto parkte ungefähr zwanzig Meter von dem Haus entfernt. Beim Vorübergehen betrachtete Daphne den Wagen irgend etwas daran kam ihr merkwürdig bekannt vor.

 

Und dann erinnerte sie sich plötzlich: In der Glasscheibe des linken Scheinwerfers entdeckte sie einen unregelmäßigen Sprung; sie hatte den gleichen Riß schon einmal gesehen – und zwar an dem Scheinwerfer jenes Wagens, der sie nach Epping Forest gebracht hatte. Einen Augenblick war sie vor Entsetzen gelähmt. Sie wagte nicht einmal, den Chauffeur anzusehen, als sie vorbeilief. Furchtsam blickte sie über die Schulter, aber es folgte ihr niemand. Atemlos und zitternd erreichte sie die Hauptstraße.

 

Dort wartete sie an der nächsten Haltestelle auf einen Bus, als sie plötzlich angesprochen wurde.

 

»Entschuldigen Sie …«

 

Sie fuhr nervös herum und sah in die Augen des Mannes, den sie vor dem Haus von Mr. Beale gesehen hatte. Sie erschrak noch mehr, aber dann machte sie sich klar, daß sie keinen Grund hatte, sich zu fürchten. Überall waren Leute, und in einiger Entfernung sah sie sogar einen Polizisten.

 

»Was wollen Sie von mir?« fragte sie ängstlich.

 

»Sie sind doch die Sekretärin von Mr. Beale? Ich bin Ihnen von seinem Haus aus bis hierher gefolgt – könnte ich einen Moment mit Ihnen sprechen?«

 

Ein schrecklicher Hustenanfall hinderte ihn am Weiterreden; keuchend lehnte er sich an eine Hauswand.

 

»Haben Sie keine Angst, Miss«, brachte er schließlich heraus. »Ich habe es auf der Lunge. Wenn ich nur ein wenig Vernunft besessen hätte, wäre ich in Argentinien geblieben, wo jeden Tag die Sonne scheint. Ich wollte eigentlich überhaupt nicht herkommen, aber meine Schwester überredete mich dazu – und nun versuche ich, Geld für die Heimfahrt zusammenzubringen.«

 

»Waren Sie deswegen heute nachmittag bei Mr. Beale?«

 

»Ja, Miss.« Er nickte. »Ich hätte nie gedacht, daß er so hart sein kann …, als ich das letztemal mit ihm sprach, hätte er seinen Rock ausgezogen und ihn dem nächsten Bettler geschenkt!«

 

Er sah mitleiderregend aus; bei jedem heftigen Windstoß zitterte er in seinem dünnen Mantel.

 

Daphne tat der arme Kerl sehr leid. Gleichzeitig war sie neugierig geworden – die sonderbare Beschreibung von Mr. Beales Charakter gab ihr zu denken.

 

»Mr. Beale ist immer sehr liebenswürdig. Vielleicht haben Sie etwas gesagt, was ihn verletzte«, meinte sie.

 

»Wirklich nicht!« Der Mann sah sie verzweifelt an. »Früher war er nicht so. Wenn Sie vielleicht ein gutes Wort für mich einlegen könnten …«

 

»Wie heißen Sie?« fragte sie.

 

»Harry Merstham, Miss – in früheren Tagen wurde ich Harry, der Barmann, genannt. Ich hatte eine Bar in Buenos Aires gepachtet. Billy Lewston hat sie mir vermittelt. Kennen Sie den?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Ich konnte ihn nicht besonders leiden. Er war ein Gauner, und seine Schwester war auch nicht viel besser. Ich dachte, Mr. Beale würde …«

 

Wieder wurde er durch einen bösen Hustenanfall unterbrochen. Als er sich erholt hatte, gestand er ihr, daß er keinen Pfennig mehr in der Tasche habe. Daphne gab ihm fünf Shilling und notierte sich seine Adresse. Sie versprach ihm, Mr. Beale am nächsten Morgen noch einmal seine Angelegenheit vorzutragen.

 

Nach ihrer Ankunft im Hotel rief sie sofort Peter an, aber er war weder in seiner Wohnung noch im Büro.

 

Sie hätte ihm gerne ihre letzten Erlebnisse erzählt, denn sie nahm an, daß er sich wie immer dafür interessieren würde.

 

Wahrscheinlich hätte sie auch von der Begegnung mit dem kranken Harry Merstham gesprochen, wenn ihr nicht plötzlich eingefallen wäre, daß diese Geschichte vielleicht ein falsches Bild vom Charakter ihres Chefs geben könnte. Sie ahnte nicht, daß Peter gerade durch diesen Mann die Lösung des Rätsels in wenigen Minuten gefunden hätte.

 

Im Hotelbüro wollte sie sich erkundigen, ob Post für sie gekommen sei. Sie mußte einen Augenblick warten, weil eine Dame den Geschäftsführer eben um Auskunft bat. Es war offensichtlich eine reiche Amerikanerin, die ihren Schmuck aufbewahren lassen wollte.

 

»Ich kann Ihre Wertsachen selbstverständlich hier im Geldschrank verwahren«, sagte der Geschäftsführer. »Aber im allgemeinen mieten unsere Gäste einen Safe bei der Bank, wenn sie länger bleiben, es ist weniger riskant.«

 

Die Dame schien sich dafür zu interessieren und stellte noch einige Fragen.

 

»Das Ganze ist sehr einfach.« Der Geschäftsführer erklärte ihr alle Einzelheiten.

 

Während Daphne zuhörte, kam ihr plötzlich ein Gedanke. Rasch ging sie in die Telefonzelle und versuchte zum viertenmal vergeblich, mit Peter Verbindung zu bekommen.

 

Kapitel 19

 

19

 

Peter Dewin machte die Erfahrung, daß es nicht immer leicht war, freundschaftliche Verbindungen mit Scotland Yard aufrechtzuerhalten. Er saß bescheiden im Büro von Oberinspektor Clarke, der ihm gerade einen Vortrag hielt.

 

»Es ist Ihnen doch bekannt, Dewin, daß Sie mir jede neue Einzelheit mitteilen müssen. Ich habe Ihnen eine der besten Geschichten zugeschoben, die es je gab, und Sie …«

 

»Ich habe Sie holen lassen, um Lightfoot zu verhören«, unterbrach ihn Peter höflich, »und Ihnen damit eine ganz neue Seite der Sache gezeigt.«

 

»Eine nicht besonders ergiebige«, brummte Clarke. Aber dann wurde er liebenswürdiger. »Nun, Dewin, Sie wissen doch noch einiges – was haben Sie mir vorenthalten?«

 

»Es gibt viele Dinge, von denen Sie keine Ahnung haben«, sagte Peter herausfordernd. »Da ist zum Beispiel die Geschichte mit dem einsamen Haus in Epping Forest, dann die Sache mit dem goldenen Siegelring, weiter dieser mysteriöse Harry – der Barmann, der bei Joe Farmer angestellt war und zwei Tage vor William Lanes Verhaftung unter eigenartigen Umständen aus England verschwand. Dann vor allem William Lane selbst, der in Thatcham bei einem Unfall ums Leben gekommen sein soll und plötzlich am Grosvenor Square wieder auftauchte – offenbar ein vollkommener Verbrecher, der jede Möglichkeit voraussieht und auf alles vorbereitet ist.«

 

»Da Sie gerade von William Lane sprechen«, sagte Clarke, »ich habe alle Angaben über ihn zusammenstellen lassen. Danach wurde er einige Tage nach seiner Entlassung aus Dartmoor von einem Auto überfahren und getötet.«

 

Peter Dewin schüttelte den Kopf.

 

»Er ist nicht tot. Harry, der Landstreicher, der nicht identisch mit Harry, dem Barmann ist, William Lane und der kleine Hugg hielten sehr eng zusammen. Lane versuchte aber bald, seine beiden Gefährten loszuwerden. Wahrscheinlich ist ihm das auch gelungen, und ich glaube, daß er jetzt irgendwo in London lebt. Er hat den Mann, der als Hauptzeuge gegen ihn auftrat, bereits erledigt.«

 

Clarke nickte zustimmend.

 

»Bis hierher kann ich Ihrer Theorie folgen, Dewin, aber was ist mit Harry, dem Barmann?«

 

Doch darüber konnte auch Peter keine Auskunft geben. Er verabschiedete sich rasch von Clarke und fuhr in sein Büro. Dort erfuhr er, daß Daphne ihn mehrmals angerufen hatte. Er wollte gerade den Hörer abheben, um ihre Nummer zu wählen, als sein Telefon läutete. Eine aufgeregte Stimme rief seinen Namen.

 

»Ist dort Mr. Dewin? – Hier Gregory Beale. Könnten Sie vielleicht heute abend gegen neun Uhr zu mir kommen? Ich bin sehr beunruhigt – es klingt unglaublich, aber ich habe auch eine von diesen seltsamen Karten bekommen!«

 

Einen Augenblick war Peter Dewin fassungslos.

 

»Doch nicht etwa eine Karte von der gefiederten Schlange?«

 

»Leider ja. Ich habe Oberinspektor Clarke schon Bescheid gesagt. Er wird ebenfalls heute abend bei mir sein. Soviel ich weiß, bearbeitet er ja den Fall Farmer.«

 

Nachdenklich legte Peter den Hörer auf und vergaß ganz, Daphne anzurufen.

 

Er setzte sich an seine Schreibmaschine, aber der Artikel, an dem er arbeitete, wollte ihm nicht gelingen. Als er die erste Seite durchgelesen hatte, fand er sie so schlecht, daß er sie wütend in den Papierkorb feuerte. Dann begann er von neuem, aber auch der zweite Versuch mißlang. Schließlich ging er zum Nachrichtenredakteur und erklärte ihm, daß er heute nichts zustande brächte.

 

»Vielleicht kann ich eine ordentliche Geschichte schreiben, wenn ich bei Mr. Beale gewesen bin«, sagte er. »Vorläufig bin ich viel zu nervös dazu.«

 

Als er die Treppen zu Mr. Beales Haus hinaufstieg, sah er einen untersetzten, kräftigen Mann, der eben auf die Türklingel drückte. Mr. Beale öffnete selbst.

 

»Darf ich Ihnen Mr. Holden, meinen Rechtsanwalt, vorstellen?« sagte Mr. Beale zu Dewin.

 

Dann führte er sie beide in das Zimmer, in dem Daphne tagsüber gearbeitet hatte.

 

»Wir warten am besten, bis Mr. Clarke kommt«, begann er gerade, als es wieder klingelte. Er ging zur Tür, um den Polizeibeamten hereinzulassen.

 

Der Reporter stellte fest, daß Mr. Gregory Beale ziemlich aufgeregt war. Seine Bewegungen wirkten fahrig, und auch seine Stimme klang nicht so sicher wie sonst.

 

»Die Angelegenheit gibt mir wirklich zu denken«, sagte der Gelehrte, als er die Karte mit dem Bild der gefiederten Schlange aus der Tasche zog, »So was Ähnliches haben Sie ja schon gesehen, Mr. Clarke, aber lesen Sie doch bitte einmal, was auf der Rückseite der Karte steht.«

 

Der Chefinspektor nahm die Karte und setzte seine Brille auf. Peter las gleich über seine Schulter hinweg mit: »Leicester Crewe – sein richtiger Name ist Lewston – wird um halb zehn zu Ihnen kommen, um Ihnen seine Straßenbahnaktien von Buenos Aires zu verkaufen. Sie laufen eine doppelte Gefahr, wenn Sie ihn empfangen: Ihnen selbst droht Unheil – und ihm der Tod.«

 

»Ich fand die Karte auf dem Fußabtreter in der Halle, sie war unter der Haustür durchgeschoben worden – wahrscheinlich zwischen sieben und acht Uhr abends. Zuerst wollte ich sie wegwerfen, aber dann fiel mir ein, daß außer Mr. Crewe und mir niemand etwas von dem beabsichtigten Geschäft wissen konnte. Nur meiner Sekretärin, die Ihnen ja nicht unbekannt ist« – er lächelte Peter zu –, »habe ich gesagt, daß ich ihn erwarte.«

 

»Vielleicht war es einer seiner eigenen Angestellten«, warf Clarke ein.

 

Mr. Beale nickte.

 

»Kann sein. Auf jeden Fall bin ich durch diese Geschichte nervös geworden und habe Sie deshalb gebeten herzukommen. Auch meinen Anwalt, Mr, Holden, habe ich herbestellt, damit er den Kaufvertrag durchsieht, wenn es zu einem Abschluß kommt.«

 

Der Anwalt lachte.

 

»Auf Ihre alten Tage werden Sie noch vorsichtig, Mr. Beale«, sagte er und zwinkerte seinem Klienten zu, der die Bemerkung lächelnd quittierte.

 

»Stimmt, früher war ich sorgloser – aber wenn man viel Geld hat, wird man eben mißtrauisch.« Dann fügte er ernst hinzu: »Es wäre mir lieb, wenn Sie sich alle hier aufhielten, während ich mit Mr. Crewe spreche. Ich werde die Tür zu meinem Arbeitszimmer offenlassen, und sobald ich irgend etwas Verdächtiges bemerke, rufe ich. An und für sich ist es ja kindisch – aber diese verflixte gefiederte Schlange fällt mir allmählich auch auf die Nerven.« Er drehte sich um und ging in sein Arbeitszimmer, um die Dokumente zu holen, die er seinem Anwalt zeigen wollte.

 

»Von dieser Seite habe ich Mr. Beale noch nicht kennengelernt«, sagte Mr. Holden kopfschüttelnd. »Früher ließ er sich durch nichts aus der Fassung bringen und war auch lange nicht so vorsichtig und gewissenhaft. Als er noch jünger war, bestand einer seiner Lieblingspläne in der Idee, sich im sozialen Wohnungsbau zu betätigen und mustergültige Heimstätten für arme Leute zu bauen.«

 

Peter unterdrückte mühsam einen Ausruf der Überraschung.

 

»Damals fragte er weder seinen Anwalt noch seinen Bankier um Rat. Er war in dieser Beziehung so empfindlich, daß er einmal wegen einer Warnung seines Bankiers die Bank wechselte. Übrigens war er es, der Lion House baute, und auch das Jungmädchenheim von East End beruht auf seiner Stiftung von sechzigtausend Pfund …«

 

»War er nicht mit einem Architekten befreundet?« fragte Peter.

 

Der Rechtsanwalt nickte.

 

»Ja, mit Mr. Walber. Auch ein ziemlich schrulliger Mensch – wobei ich Mr. Beale nicht gerade als schrullig bezeichnen will, aber in jenen Tagen verteilte er tatsächlich sein Geld wahllos unter den Leuten. Wenn er nicht nach Südamerika gegangen wäre, um dort Ausgrabungen vorzunehmen, hätte er sich in kürzester Frist ruiniert.«

 

Beale kam zurück, und das für Peter äußerst interessante Gespräch fand sein Ende.

 

Mr. Holden beugte sich über die vorbereiteten Verträge und prüfte sie genau. »Es scheint alles in Ordnung zu sein«, sagte er nach einiger Zeit.

 

In diesem Augenblick klingelte es. Peter Dewin lief ein kalter Schauer über den Rücken; er war über sich selbst verwundert und versuchte vergeblich, seine Aufregung zu unterdrücken.

 

Beale ging zur Tür, und gleich darauf hörten sie Crewes Stimme. Er begrüßte Beale außerordentlich höflich.

 

»… es tut mir sehr leid, daß ich Sie noch zu so später Stunde belästige, Mr. Beale, aber ich muß England plötzlich verlassen – es ist möglich, daß ich sehr lange Zeit fortbleibe …«

 

Die Stimmen wurden schwächer, Beale betrat mit seinem Gast das Arbeitszimmer.

 

»Crewe ist also tatsächlich gekommen«, flüsterte Clarke. »Wahrscheinlich ist … Um Himmels willen!« Aus dem Arbeitszimmer gellte ein schriller Angstschrei, der in einem langgezogenen Röcheln endete. Dann hörte man einen dumpfen Fall und Mr. Beales Stimme, der um Hilfe schrie. Clarke und Peter sprangen wie der Blitz auf und liefen in die Bibliothek hinüber.

 

Beale lehnte am Kamin und deutete mit entsetztem Gesichtsausdruck auf die reglose Gestalt Leicester Crewes, der vor der Wand gegenüber dem großen Fenster lag.

 

»Großer Gott, was ist passiert?« fragte Clarke und beugte sich über Crewe.

 

»Ich weiß es nicht … Er schrie plötzlich auf und fiel hin – ich sah und hörte sonst nichts … Es geschah im gleichen Augenblick, in dem wir ins Arbeitszimmer traten.«

 

»Machen Sie alle Lampen an«, sagte Clarke. Peter gehorchte.

 

Der Beamte drehte den stumm Daliegenden herum und untersuchte ihn.

 

»Erschossen.« Er hob seine Hand in die Höhe, die voll Blut war. »Mitten durchs Herz!«

 

»Tot?« fragte der Anwalt, der ebenfalls ins Zimmer gekommen war, mit bebender Stimme.

 

Clarke nickte.

 

»Ja, es gibt kaum einen Zweifel. Telefonieren Sie schnell nach einem Arzt.«

 

Peter rief einen Doktor in der Nachbarschaft an, den er kannte. Als er zurückkam, stand Clarke am Fenster und betrachtete die Scheibe. Er zeigte auf ein glattes, rundes Loch.

 

»Der Schuß ging durch das Fenster«, sagte er. »Die Scheibe ist aus splittersicherem Glas.«

 

Beale nickte.

 

»Ja, ich ließ es vor einiger Zeit einsetzen, weil ein paar Lausbuben von der Straße mit Steinen warfen und mich beinahe getroffen hätten.«

 

Er schaute wieder auf den Mann, der am Boden lag.

 

»Also tot«, sagte er dann langsam.

 

»Haben Sie keinen Schuß gehört?« fragte Clarke. Als Beale den Kopf schüttelte, öffnete der Beamte vorsichtig das große Fenster und kletterte in den Garten hinaus. Peter leuchtete ihm mit seiner Taschenlampe.

 

Ein gepflasterter Weg lief zu der Mauer im hinteren Hof. Von dem Mörder war nichts zu sehen. Der einzige Ort, wo sich jemand hätte verstecken können, war ein kleiner Schuppen, an dem außen ein Vorhängeschloß hing.

 

Auf einem kleinen Seitenweg sah Clarke etwas blitzen. Er bückte sich und hob es auf. Es war eine leere Patronenhülse. Mit einem Zweig machte er ein großes Kreuz an die Stelle, wo er sie entdeckt hatte.

 

»Das dürfte also stimmen«, sagte er mit Genugtuung. »Wir müssen aber wohl bis morgen früh warten, bevor wir die Mauer genauer untersuchen können. Dewin, rufen Sie doch mal bei Scotland Yard an, damit wir ein paar Leute zur Hilfe bekommen. Und dann – so leid es mir tut, alter Freund – müssen Sie verschwinden.«

 

»Wenn ich gehe, werden Sie wohl kaum den Mörder von Leicester Crewe schnappen!«

 

»Meinen Sie das im Ernst?« fragte Clarke nach einer Pause verblüfft. Er wußte, daß der Reporter diese Äußerung kaum ohne triftigen Grund gemacht hätte.

 

»Ich weiß nicht, welche Polizeibestimmungen in einem solchen Fall gelten«, sagte Peter. »Aber Sie tun gut daran, wenn Sie diesmal ein Auge zudrücken. Ich gehe jetzt, um noch ein bißchen herumzuschnüffeln, werde aber morgen früh wieder da sein, wenn Sie Ihre Untersuchungen beginnen.«

 

Der Oberinspektor zögerte.

 

»Also gut«, sagte er schließlich. »Telefonieren Sie jetzt aber erst mit Scotland Yard.«

 

Der Reporter ging durch das Arbeitszimmer zurück. Ein schneller Blick auf Leicester Crewes kalkweißes Gesicht sagte ihm, daß da jede Hilfe zu spät kam.

 

Er telefonierte gerade von der Halle aus, als die beiden Diener zurückkamen, die den ganzen Tag beurlaubt gewesen waren. Mr. Beale stand mit seinem Rechtsanwalt im Empfangszimmer und hatte seine Ruhe einigermaßen wiedergewonnen.

 

»Ich möchte nicht mehr darüber reden«, sagte er. »Bestimmt werden alle Zeitungen über den Mord berichten, und es scheint keine Möglichkeit zu geben, daß mein Name nicht erwähnt wird!«

 

»Haben Sie eigentlich mit Mr. Crewe gesprochen, Mr. Beale?«

 

Beale schüttelte den Kopf.

 

»Ich hatte gar keine Gelegenheit dazu. Er dankte mir, daß ich ihn noch so spät empfangen hatte, und fiel dann plötzlich um. Ich kann Ihnen nicht einmal sagen, was überhaupt geschah«, erklärte er erregt.

 

Tatsächlich hatte auch keiner der andern Anwesenden etwas wahrgenommen, bevor sie den lauten Schrei von Leicester Crewe und Mr. Beales Hilferuf hörten.

 

Peter Dewin eilte aus dem Haus, nahm ein Taxi und fuhr zu Daphnes Hotel. Sie war schon ins Bett gegangen, und Peter ließ ihr durch das Zimmermädchen ausrichten, daß er sie dringend sprechen müsse. Nach kurzer Zeit kam sie herunter und schaute ihn erschrocken an. Er erklärte ihr rasch, was heute abend in Beales Villa vorgefallen war.

 

»Es ist mir sehr unangenehm, dich so auszufragen, aber bitte denke doch einmal genau nach, ob du nicht irgend etwas Ungewöhnliches bemerkt hast. Jede kleinste Einzelheit kann uns dabei von Nutzen sein. Vielleicht erinnerst du dich an Besucher, die zu Mr. Beale kamen? Sind irgendwelche Handwerker dagewesen, die im Haus oder im Garten arbeiteten?«

 

Daphne dachte nach. Vom Garten wußte sie nur, daß Mr. Beale gewöhnlich dort seinen Morgenspaziergang machte und alle trockenen Blätter, die er fand, verbrannte.

 

»Ist Leicester Crewe früher schon einmal im Haus gewesen?«

 

»Nein, ich glaube nicht.«

 

»Auch niemand von seinen Bekannten?«

 

»Doch, Ella Creed hat mich besucht. Ich wollte dir das telefonisch mitteilen, aber du warst nicht zu erreichen.«

 

»Das ist ja interessant! Und was geschah, als sie kam?« fragte er, fiebernd vor Ungeduld.

 

Sie erzählte ihm alles, und er hörte gespannt zu.

 

»Miss Creed wurde also ohnmächtig, als sie die Plastik einer gefiederten Schlange betrachtete?«

 

Daphne nickte.

 

»Ja. Zur gleichen Zeit war auch ein Mann an der Tür, der mit Mr. Beale sprach.«

 

»Kannst du mir beschreiben, wie er aussah?«

 

Sie nickte wieder.

 

»Ich weiß sogar seinen Namen. Er ging mir nach bis zu Miss Creeds Wohnung. Anscheinend kannte er Mr. Beale von früher her – er sagte mir, daß er ihn um Geld für seine Rückreise nach Argentinien gebeten hätte.«

 

Peter starrte sie an.

 

»Merkwürdig – Miss Creed fiel in Ohnmacht, während Mr. Beale mit dem Fremden an der Haustür sprach. Wie heißt der Mann denn?«

 

»Harry Merstham.«

 

Peter schüttelte den Kopf.

 

»Der Name sagt mir gar nichts.«

 

»Er hatte früher eine Bar in Argentinien und wurde Harry, der Barmann, genannt.«

 

»Was sagst du da?«

 

Peter sprang auf.

 

»Harry, der Barmann! Weißt du auch, wo er wohnt?«

 

Der Zettel mit der Adresse war in ihrer Handtasche, und Daphne lief in ihr Zimmer, um sie zu holen. Nach wenigen Minuten kam sie wieder zurück.

 

»Ist der Mann so wichtig für dich?«

 

Peter nickte. Sein Gesicht glühte vor Erregung.

 

»Weißt du sonst noch etwas? – Es ist eigentlich unglaublich, was ich in der kurzen Zeit schon alles von dir erfahren habe!« Er steckte den Zettel mit der Adresse in seine Tasche. »Vielleicht kannst du mir noch weiter helfen?«

 

Sie erinnerte sich plötzlich wieder an einen merkwürdigen Umstand.

 

»Die Tür wird wohl kaum von Bedeutung sein«, meinte sie zögernd.

 

»Alles ist wichtig«, unterbrach er sie eifrig. »Von welcher Tür sprichst du denn?«

 

»Ich meine die Tür, die früher in der Gartenmauer war. Mr. Beale hatte sie in sein Arbeitszimmer gestellt und mit aztekischen Ornamenten bemalt. Es sah sehr seltsam aus.«

 

»Wo steht denn die Tür jetzt? Im Garten oder in seinem Arbeitszimmer? Im Haus roch es doch ziemlich aufdringlich nach frischer Farbe.«

 

»Sie stand im Arbeitszimmer«, erwiderte sie.

 

Er schaute sie nachdenklich an.

 

»Wann hast du die Tür zum letztenmal im Arbeitszimmer gesehen?«

 

Sie überlegte einen Augenblick.

 

»Heute nachmittag«, entgegnete sie dann. »Mr. Beale sagte, er wolle sie in den Schuppen stellen. Der Raum roch so stark nach Ölfarbe, daß es ihm selbst unangenehm wurde.«

 

Peter riß ein Blatt Papier aus seinem Notizbuch und zeichnete in groben Umrissen einen Plan des Zimmers darauf.

 

»Jetzt bezeichne mir bitte genau die Stelle, wo die Tür stand, als er daran malte.«

 

Sie zeigte ihm den Punkt, und er machte dort ein Kreuz. Dann faltete er das Papier zusammen und lächelte zufrieden.

 

»Ich muß dir noch etwas sagen.« Sie schob ihre Hand unter seinen Arm, als er sich erhob, und lehnte sich ein wenig an ihn. »Ich habe heute abend den Wagen mit dem Sprung im Scheinwerfer in der Nähe von Miss Creeds Haus gesehen. Ich habe ihn ganz genau erkannt.«

 

»Entschuldige einen Augenblick«, entgegnete Peter.

 

Er ging zum Telefon und wählte die Nummer des »Orpheums«.

 

»Nein, mein Herr«, beantwortete der Portier seine Frage. »Ich habe Miss Creed heute abend nicht gesehen. Soviel ich weiß, ist sie krank geworden und zur Erholung aufs Land gefahren.«

 

»War sie überhaupt nicht im Theater?« fragte Peter.

 

»Nein, sie hat nur angerufen.«

 

Ohne zu zögern läutete er bei Ella Creed an. Ihr Mädchen meldete sich.

 

»Ich kann das nicht verstehen, Sir. Man hat schon vom Theater aus angerufen und gefragt, wo Miss Creed bleibt. Meiner Meinung nach hat ihr nichts gefehlt, als sie fortging – außer daß sie vielleicht etwas nervöser war als sonst.«

 

»Hat sie das Haus zur üblichen Zeit verlassen, um ins Theater zu gehen?« erkundigte er sich noch.

 

»Ja, natürlich.«

 

Peter legte den Hörer mit einem düsteren Lächeln auf.

 

Die gefiederte Schlange war an diesem Abend nicht müßig gewesen.

 

Kapitel 12

 

12

 

Dewin hatte eine Menge Besuche zu absolvieren. Darunter waren sowohl wichtige als auch nebensächliche, deren Ergebnis man jedoch nicht voraussehen konnte. Im obersten Stock eines Geschäftshauses in der Winchester Street trat er in das Büro einer alteingesessenen Baufirma und wollte sich bei dem ersten Architekten, dessen Name auf dem Firmenschild stand, anmelden. Der Mann in der Pförtnerloge schüttelte aber den Kopf.

 

»Mr. Walber lebt nicht mehr. Das Geschäft wird jetzt von Mr. Denny allein geführt. Wollen Sie ihn sprechen?«

 

Peter stand bald darauf einem hageren, kurzsichtigen Mann gegenüber, der nervös und ungeduldig wirkte. Man hatte den Eindruck, daß er das Gespräch so bald wie möglich zu beenden wünschte. Selbst das Zauberwort »Redaktion des Postkurier« zog bei ihm nicht. Er war ein so vielbeschäftigter Mann, daß er wahrscheinlich von der Existenz dieser großen Zeitung keine Ahnung hatte.

 

Peter zog den Plan aus der Tasche, den er in der Schublade von Joe Farmers Schreibtisch gefunden hatte, und auf dem der Name der Firma »Walber & Denny« stand. Er zeigte ihn dem Architekten.

 

»Das ist einer der Baupläne, die noch Mr. Walber entworfen hat«, sagte Denny sofort und zeigte auf eine schwer leserliche Unterschrift in der Ecke des Blattes. »Ich kann Ihnen darüber leider keine Auskunft geben. Mr. Walber liebte es, an solche große Projekte heranzugehen. Was es sein soll? Anscheinend ein riesiger Wohnblock – du lieber Himmel –, die Londoner Baupolizei würde sich gegen einen solchen Unsinn entschieden verwahren. Das Ganze hat nur in Mr. Walbers lebhafter Phantasie existiert.«

 

»Können Sie vielleicht feststellen, für wen dieser Plan gezeichnet wurde?«

 

Denny beteuerte nachdrücklich, daß er das nicht wisse.

 

»Mr. Walber war ein gutherziger, aber unpraktischer Mensch. Als er starb, hinterließ er keinen Pfennig. Als Junggeselle brauchte er auch sehr wenig Geld.«

 

An Mr. Dennys düsterem Tonfall ließ sich unschwer erkennen, daß er kein Junggeselle war.

 

»Mr. Walber zeichnete häufig nur zu seinem Vergnügen solche weitläufigen Pläne. Er war von dem Gedanken besessen, daß er eines Tages einen Geldgeber finden würde, der ihm die nötigen Mittel zur Verwirklichung seiner Ideen zur Verfügung stellte. Aber Millionäre sind bekanntlich dünn gesät und außerdem meist praktisch veranlagt, und so hatte er keine Gelegenheit, seine verrückten Pläne zu verwirklichen. Wollen Sie sonst noch etwas wissen?«

 

Peter faltete den Plan zusammen und steckte ihn wieder ein. Etwas an der kurzangebundenen Art des anderen belustigte ihn.

 

»Sind Sie sicher, daß dieser Plan in Ihrem Büro nicht weiter bearbeitet wurde?« fragte Peter.

 

»Ganz sicher. Es war eine private Spielerei von Mr. Walber; ein offizieller Auftrag, der in unseren Akten festgehalten sein müßte, war es keinesfalls – außerdem verwenden wir hier im Büro ein ganz anderes Papier.«

 

Peter hatte eine unbestimmte Ahnung, auf wen Mr. Walber bei der Verwirklichung seiner Pläne gezählt hatte; daß er aber hier nichts Näheres darüber erfahren konnte, war ihm klar. Er fragte dann noch, ob Walber vielleicht den kürzlich ermordeten Mr. Farmer gekannt habe. Mr. Denny schaute in seiner Kundenliste nach und schüttelte dann den Kopf.

 

»Unter unseren Kunden befindet sich kein Mr. Farmer.«

 

Gleich darauf machte sich Peter auf den Weg zur City. In der Queen Victoria Street liegt ein altmodisches Gebäude aus der Zeit der Königin Anna – das Heraldische Amt. Dort verbrachte er fast eine Stunde, und als er herauskam, sah er bedeutend vergnügter aus. Einen Zipfel des Vorhangs, der das Geheimnis der gefiederten Schlange verbarg, hatte er lüften können.

 

Die schwierigste Aufgabe erwartete ihn aber erst noch. Buckingham Gate Nr. 10 war ein vornehmes, großes Haus mit einzelnen Mietswohnungen. Der Portier sagte ihm, daß Mrs. Staines zu Hause sei, und öffnete ihm die Tür des Aufzugs.

 

Als Peter oben an der Wohnungstür geklingelt hatte, öffnete ihm ein Dienstmädchen und führte ihn in eine kleine, geschmackvolle Diele; besonders fielen ihm an den Wänden eine Reihe von eingerahmten Zeichnungen auf.

 

Das Mädchen kam bald zurück und führte ihn in einen Raum, der das Meisterstück eines Innenarchitekten hätte sein können. Ein Blick auf Mrs. Paula Staines genügte Peter, um zu wissen, daß er hier einen ganz anderen Typ vor sich hatte, als die eingebildete Schauspielerin vom »Orpheum«.

 

Mrs. Staines saß an einem Tischchen, einen weißen Zeichenkarton vor sich. Er konnte nicht umhin, sie bewundernd anzuschauen; in ihrem ganzen Wesen drückte sich das aus, was man eben nur bei einer Dame findet.

 

Sie lehnte sich in ihren Sessel zurück und begrüßte ihn mit einem etwas spöttischen Lächeln.

 

»Eine große Ehre für mich, Mr. Dewin«, sagte sie. »Wollen Sie mich etwa interviewen?«

 

Bevor er antworten konnte, nahm sie den vor ihr liegenden Zeichenkarton und hob ihn in die Höhe.

 

»Ich zeichne gefiederte Schlangen – sehen sie nicht phantastisch aus?«

 

Er erkannte einige Skizzen von gefiederten Schlangen auf dem Blatt – zusammengerollt, den Kopf zurückgebogen, um auf ein Opfer loszustoßen, in seltsamer Verschlingung. Daneben Einzelstudien von Köpfen und Versuche, besonders das eigenartige Gefieder herauszuarbeiten.

 

»Reizend von Ihnen, daß Sie mir meine Aufgabe so leicht machen«, meinte Peter begeistert. »Deshalb bin ich ja Zu Ihnen gekommen.«

 

Ihre Lippen preßten sich für einen Augenblick zu einem dünnen Strich zusammen.

 

»Das vermutete ich schon, als ich Ihre Karte las«, entgegnete sie. »Aber glauben Sie mir, Mr. Dewin, Sie haben sich nicht gerade an eine kompetente Expertin gewandt. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie etwas von gefiederten Schlangen gehört – bis dieser fürchterliche Mord geschah.«

 

Sie sah ihn offen an, und er war sich fast sicher, daß sie ihn nicht belog.

 

»Vermutlich sind Sie auch wegen des Mordes gekommen.«

 

Sie wischte die Zeichnungen vom Tisch und schauderte zusammen. »Es ist furchtbar!«

 

Er wußte ganz genau, warum die Tat dieser sonst so gelassenen Frau besonders naheging. Wäre er ein brutaler Mensch gewesen, so hätte er ihr sofort einiges auf den Kopf zugesagt; so erkundigte er sich vorerst nur nach dem Vorleben Mr. Farmers. Anscheinend hatte sie ihn gut genug gekannt, um auch über seine verschiedenen Straftaten im Bilde zu sein; trotzdem berührte sie diese Dinge aber nicht.

 

»Und jetzt, Mr. Dewin« – bei diesen Worten legte sie ihre schönen schlanken Hände auf den Tisch und zog die Augenbrauen zusammen –, »sagen Sie mir bitte, was Sie wirklich von mir wollen.«

 

Das war eine Herausforderung, und er nahm sie an.

 

»Ich will ganz offen sein. Ich brauche Informationen über die gefiederte Schlange.« Sie machte eine abwehrende Bewegung. »Vielleicht sind Sie selbst überzeugt davon, daß Sie nichts über diese Angelegenheit wissen – ich vermute das Gegenteil. Nun, vor vielen Jahren erregte eine große Betrugsaffäre viel Aufsehen …«

 

»Ich war nicht daran beteiligt«, erwiderte sie ruhig und bestimmt. »Natürlich kann ich nicht verlangen, daß Sie mir glauben, aber deswegen ist es doch wahr. Ich will nicht behaupten, daß ich in gewissem Sinn von dieser Angelegenheit damals nicht profitiert hätte – aber bis zur letzten Minute, in der man mich einweihen mußte, wurde ich über die eigentlichen Zusammenhänge im unklaren gelassen. Übrigens werde ich Ihnen über die Sache nichts weiter erzählen.«

 

»Warum haben Sie denn überhaupt schon so viel angedeutet.«

 

Sie überlegte einen Augenblick, bevor sie antwortete.

 

»Weil ich annehme, daß Sie irgend etwas entdeckt haben, was mich angeht. Ich wußte es nicht, bis Sie hier hereinkamen – erst als ich Ihren Gesichtsausdruck sah.«

 

Er nickte.

 

»Ja – Sie sind Paula Ricks.«

 

Sie erwiderte nichts, und er wiederholte die Worte. Wieder verzog sie den Mund zu einem spöttischen Lächeln.

 

»Ganz richtig, ich bin Paula Ricks – aber was kann Ihnen diese Tatsache helfen?«

 

»Sie kennen William Lane«, entgegnete er ernst. Aber zu seiner größten Verwunderung schüttelte sie den Kopf.

 

»Ich habe ihn niemals gesehen – ich wußte kaum etwas über ihn, bis er festgenommen wurde. Später habe ich dann natürlich alles erfahren, was es überhaupt über ihn zu wissen gab.« Sie lehnte sich vor und sah ihn groß an. »Ist es denn ein Verbrechen, daß ich Paula Ricks bin? Sie können mir doch nicht den Aufenthalt in England verbieten – und die Polizei kann mir nichts anhaben!« Forschend sah sie ihn an. »Soll ich Ihnen erzählen, was die Polizei vermutet, was aber bisher niemand weiß? Ich habe alle Platten selbst gestochen, die mein Vater brauchte, um die falschen französischen Banknoten nachzudrucken. Allerdings, was mir kaum jemand glauben wird, ich dachte damals, daß es nur ein Scherz sei … Ja sogar als ich den Ernst der Lage übersah, machte ich mir nicht viel Gewissensbisse, ich hielt es immer noch für einen großen Spaß. Vielleicht fühlte ich auch eine gewisse Genugtuung dabei … Übrigens habe ich nachher nie wieder eine solche Platte gestochen.«

 

Er betrachtete vielsagend die luxuriöse Einrichtung des Zimmers.

 

»Nun, das hier muß doch etwas gekostet haben – und nicht zu wenig. Nehmen Sie mir diese Frage nicht übel wie bringen Sie es fertig, von Ihren sicher nicht sehr großen Einnahmen als Künstlerin in diesem Stil zu leben?«

 

Er war von dieser Frau schon vorher beeindruckt gewesen, aber das größte Rätsel gab sie ihm erst jetzt auf.

 

»Das Geld, das ich besitze, diese Wohnung, alles, was Sie hier sehen, habe ich nur deshalb, weil ich ehrlich war! Und ich würde genau dasselbe haben, wenn ich nicht ehrlich gewesen wäre. Merken Sie sich – ich kann sagen, daß mein Vermögen der Preis für meine Ehrlichkeit und meine energische Weigerung ist, das alte Leben weiterzuführen.«

 

Er war davon überzeugt, daß sie die Wahrheit sagte, wenn er sich vorerst auch durchaus noch keinen Reim darauf machen konnte.

 

»Man sagt, daß Sie eine Vorliebe für Rätsel haben, Mr. Dewin – lösen Sie dieses!« Sie stand auf und drückte auf einen Klingelknopf. »Ich werde jetzt Tee trinken. Wollen Sie mir dabei Gesellschaft leisten? Ich war wirklich im Unrecht, als ich Ihrem Besuch mit einem gewissen Unbehagen entgegensah.«

 

Das Mädchen kam herein, und sie sprach erst weiter, als es einen Auftrag entgegengenommen und die Tür wieder geschlossen hatte.

 

»Ich fürchtete, Sie würden herausbekommen, wer ich in Wirklichkeit bin, und das haben Sie in der Tat ja auch getan; nur daß es jetzt gar nicht so schlimm ist, wie ich mir einbildete. Eigentlich war es sehr dumm von mir, daß ich so unruhig war … Sie sind heute morgen bei Scotland Yard gewesen – haben Sie dort Ihre Entdeckung mitgeteilt?«

 

Er sah sie erstaunt an.

 

»Woher wissen Sie das?«

 

»Aus einem ganz einfachen Grund«, entgegnete sie gelassen. »Ich habe Sie während der letzten sechsunddreißig Stunden überwachen lassen – und habe dabei eine ganze Menge über Sie und Ihr Privatleben erfahren. Miss Olroyd ist wirklich ein sehr hübsches Mädchen, nicht wahr, Mr. Dewin?«

 

Er hörte den heiteren Unterton in ihrer Stimme und wurde rot.

 

»Sie haben doch nicht etwa Mr. Stebbings engagiert, um mich beobachten zu lassen?«

 

»Aber natürlich – Mr. Stebbings in Person«, sagte sie mit der größten Selbstverständlichkeit. »Sie haben ihn also erkannt? Ich habe ihm doch gleich gesagt, daß sein Bart viel zu sehr auffällt!«

 

Der Tee wurde hereingebracht, und sie goß ein.

 

»Entsetzlich, diese Sache mit Mr. Farmer«, sagte sie nach einer längeren Pause. »Nicht, daß ich ihn besonders leiden konnte … Ich könnte Ihnen viel von ihm erzählen, aber es ist besser, wenn ich es nicht tue. Außerdem sind Sie ja so klug, daß Sie alle diese Dinge selbst herausbekommen werden.«

 

»Soll das eine Beleidigung oder ein Kompliment sein?«

 

»Ich weiß nicht – nehmen Sie es, wie Sie wollen.«

 

Er starrte in seine Tasse, dann trank er einen Schluck und schaute ihr von unten herauf in die Augen.

 

»Wenn wir Wein hätten, würde ich einen Trinkspruch auf Sie ausbringen«, meinte er mit einem seltsamen Unterton. »Ich brauchte Ihnen dabei nur das schöne alte Wort Gucumatz zu sagen!«

 

Klirrend fiel ihr die Tasse aus der Hand, und sie wurde plötzlich totenblaß.

 

»Gucumatz!« stieß sie hervor und starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. »Gucumatz …«

 

Sie atmete erregt. In der nächsten Sekunde würde sie zu reden beginnen …

 

Aber in diesem Augenblick klopfte es an die Tür, und das Mädchen kam herein. Mrs. Staines wurde am Telefon verlangt – die günstigste Gelegenheit für sie, um Zeit zu gewinnen.

 

Sie verließ schnell das Zimmer, war einige Minuten abwesend, und als sie wieder eintrat, hatte sie ihre alte, sichere Haltung bereits Zurückgewonnen.

 

»Ich glaube, wir müssen jetzt sehr vernünftig sein«, sagte Paula Staines mit einer Stimme, die ein wenig gezwungen fröhlich klang.

 

»Und aufrichtig!« fügte Peter hinzu.

 

»Auch aufrichtig!« wiederholte sie. »Und zwar gilt das für uns beide. Ich gestehe, daß Sie mich überrascht haben … Gleich darauf wurde mir klar, daß Sie das böse Wort bei Farmer gefunden haben, der es stets mit sich herumtrug. Sie erschreckten mich tatsächlich furchtbar! Solche unvermittelten Überraschungen gehören zu Ihrem Beruf, wie?«

 

»Das kann ich nicht abstreiten – und wenn ich von Gucumatz sprach …«

 

»Ein verrücktes Wort – ich schwöre Ihnen, daß ich es nicht gehört habe, bis ein Jahr nach …«, sie zögerte und suchte nach einem Ausdruck.

 

»Bis ein Jahr nach?« wiederholte Peter.

 

»… nach einem gewissen Ereignis«, vollendete sie den Satz. »Aber was bezwecken Sie eigentlich mit diesem Wort?«

 

Wußte sie es wirklich nicht, oder wollte sie ihn nur verblüffen? Es sah doch so aus, als ob sie dem Wort eine besondere Bedeutung zugrunde legte, und seine Vermutung wurde auf seinen nächsten Satz hin bestärkt.

 

»Gucumatz ist nur ein anderer Name für gefiederte Schlange«, sagte er langsam.

 

Sie schaute ihn lange an, dann ließ sie sich plötzlich in einen Sessel fallen und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Als sie wieder aufschaute, war sie so blaß wie vorher.

 

»Würden Sie mich morgen besuchen?« sagte sie und reichte ihm die Hand. »Nein, nein, ich will heute nicht mehr darüber sprechen, ich fühle mich nicht wohl – morgen …«

 

Sie begleitete ihn bis zur Tür und sah ihm nach, wie er die Treppe hinunterging. Dann klingelte sie ihrem Mädchen.

 

»Rufen Sie sofort bei Cooks Reisebüro an, und lassen Sie zwei Schlafwagenplätze im Orientexpreß belegen.«

 

Das Mädchen war anscheinend an derartige plötzliche Entschlüsse gewöhnt und antwortete nur mit einem zuvorkommenden Lächeln.

 

»Nita, niemand darf erfahren, daß wir morgen früh verreisen. Es wäre gut, wenn Sie sofort packen würden und die Koffer nachts zum Bahnhof brächten. Sagen Sie auch dem Portier erst im letzten Moment, daß wir fortfahren – für mindestens ein Jahr …«

 

Paula Staines ging zu ihrem Schreibtisch und verbrachte den ganzen Nachmittag damit, Briefe zu zerreißen und Schecks auszuschreiben. Sie hatte sich an einen Grundsatz erinnert, den ihr Vater ihr einmal eingeprägt hatte: »Gehe immer Verwicklungen aus dem Weg!« Und es waren böse Verwicklungen im Anzug, die schnell über die hereinbrechen würden, die dablieben.

 

Kapitel 13

 

13

 

Das Arbeitszimmer von Gregory Beale war ein großer Raum im Erdgeschoß mit hohen Bücherregalen an den Wänden. Das ganze Zimmer war bis zur Decke hinauf mit dunklem Eichenholz getäfelt. Hier hielt sich der Gelehrte die meiste Zeit des Tages auf.

 

Er hatte Daphne Olroyd ein kleines, freundliches Zimmer im ersten Stock angewiesen, aber die ersten Tage brachte sie hauptsächlich in seiner Bibliothek zu, die einen recht angenehmen Aufenthalt bot. Durch ein großes Fenster sah man in einen kleinen Garten, der von hohen roten Ziegelmauern eingefaßt wurde. Das Haus war ein Eckgrundstück, und eine Umfassungsmauer grenzte an die Straße. Die Mauern waren oben mit zerbrochenem Glas und Scherben versehen, um das Haus vor Einbrechern zu schützen.

 

Von einer Balkontür aus führten mehrere Stufen zu dem kleinen Kiesweg, der die Blumenbeete in zwei Hälften teilte. Späte Chrysanthemen blühten dort noch, und Mr. Beale machte sich ein Vergnügen daraus, täglich eine halbe Stunde lang in der kleinen Anlage umherzuwandeln.

 

Eigentümlicherweise duldete er in seinem Haus keinerlei Vorhänge. Auch die Rolläden an den Fenstern wurden nie heruntergelassen, sobald er daheim war. Ohne nähere Erklärung hatte er seine Sekretärin darauf gleich am ersten Tag ihres Eintritts aufmerksam gemacht. Soviel sie wußte, brauchte er einfach viel frische Luft und Sonne.

 

Er hatte auch noch andere kleine Eigenheiten. Kein Angehöriger des Hauspersonals betrat jemals sein Zimmer, wenn er nicht nach ihm geklingelt hatte. Wenn es notwendig war, benutzte der Butler ein Haustelefon, um sich mit seinem Herrn zu verständigen. Daphne wurde feierlich in alle diese Gebräuche eingeweiht.

 

»Nicht, daß ich etwas dagegen hätte, wenn Sie zu mir kommen«, sagte er lächelnd. »Dazu sehen Sie viel zu anziehend aus. Aber ich habe eine große Abneigung dagegen, bei der Arbeit unterbrochen zu wenden. Aus diesem Grund habe ich den Raum auch mit Doppeltüren versehen lassen.«

 

Als sie an diesem Morgen zu ihm kam, traf sie ihn bei seinem Spaziergang im Garten an. Die erste Frage, die er an sie richtete, betraf zu ihrer Verwunderung Peter Dewin, und obwohl sie sich mit Peter im Augenblick nicht so gut stand – ohne jeden Grund, wie sie genau wußte –, konnte sie ihn Mr. Beale gegenüber gar nicht genug loben. Frauen sind nun einmal unlogisch.

 

»Zweifellos, ich bin auch davon überzeugt, daß er sehr intelligent ist«, unterbrach sie Mr. Beale schließlich belustigt. »Er ist ein recht netter junger Mann – von Journalistik verstehe ich allerdings nicht genug, um seine Begabung für diesen Beruf beurteilen zu können. Er ist wohl Ihr Verlobter, wenn ich fragen darf?«

 

Sie errötete tief.

 

»Aber Mr. Beale, kein Gedanke daran – ich kenne ihn ja kaum länger als eine Woche!«

 

Er schaute sie vergnügt von der Seite an.

 

»Gibt es nicht so etwas wie Liebe auf den ersten Blick? Ich für meinen Teil würde nichts von einer langen Verlobungszeit halten – in der Ehe sieht dann doch alles anders aus.«

 

Sie fand es sonderbar, daß er Betrachtungen über die Ehe anstellte und mußte lachen.

 

»Darüber haben Mr. Dewin und ich noch nicht gesprochen«, dann fügte sie ein wenig neugierig hinzu: »Sie sprechen, als ob Sie eine Autorität auf diesem Gebiet wären, Mr. Beale.«

 

»Beim Himmel, ich habe keine Ahnung«, entgegnete er. Er verzog einen Moment lang das Gesicht, als ob er sich an etwas Unangenehmes erinnerte. »Ich war einmal verheiratet – aber die Sache ging nicht glücklich aus.«

 

Im Verlauf ihrer kurzen Bekanntschaft hatte Daphne Olroyd schon erkannt, daß er ein Mann von wirklich umfassendem Wissen war. Es gab kaum ein Gebiet, auf dem er sich nicht schon betätigt hatte, und gleich am ersten Tag half sie ihm bei einem kleinen Experiment: In einem Mörser zerstieß er einen Stein und schmolz in einem elektrisch geheizten Tiegel ein kleines Stückchen Silber heraus. Beim Ordnen verschiedener Akten fand sie das halbvollendete Manuskript eines Buches. Sie las eine Seite; es war eine Abhandlung über die Wirtschaftlichkeit kleinster Haushaltungen und enthielt Tabellen über Löhne in ihrem Verhältnis zum Lebensunterhalt. Sehr erstaunt war sie, als er ihr gleichgültig den Auftrag gab, es zu verbrennen.

 

»Es ist ja doch längst überholt – zehn Jahre sind auf diesem Gebiet eine große Zeitspanne.«

 

Die archäologischen Kenntnisse Mr. Beales über Süd- und Mittelamerika waren ausgezeichnet. Er zeigte ihr Kopien wertvoller Handschriften, die teils in Maya, teils in Altspanisch abgefaßt waren und von Sitten und Gebräuchen in dem Königreich Quiche berichteten.

 

»Verstehen Sie Spanisch? – Schade … Sie könnten sonst hier eine Menge über gefiederte Schlangen lesen«, sagte er gut gelaunt. »Sie würden auch feststellen, daß sich die Menschen im Grande genommen gleichgeblieben sind. Die komplizierten Zeremonien, die bei den aztekischen Kulthandlungen zelebriert wurden, sind nicht verwickelter, als die Aufnahmegebräuche der modernen Geheimgesellschaften – nur haben die Götter ihre Namen geändert.«

 

Als sie diesen Morgen in der Bibliothek arbeitete, entdeckte sie dort etwas, das nicht gerade zur Verschönerung des Raumes beitrug. Eine alte eichene Tür mit rostigen Angeln lehnte an der Wand, dem Fenster gegenüber; ihre eine Seite war mit Stahlblech beschlagen. Er erzählte ihr, daß er sie draußen im Schuppen gefunden und hereingebracht habe. Früher hatte sie einen Zugang an der hinteren Gartenmauer verschlossen, der aber zugemauert worden war. Wie er ihr auseinandersetzte, wollte er auf der verwitterten Oberfläche der Tür irgendeine seltsame aztekische Zeichnung anbringen. Wieder so eine neue Laune von ihm, über die sie heimlich den Kopf schüttelte.

 

Bei ihrer interessanten Tätigkeit verging ihr die Zeit wie im Flug, und Mr. Beale mußte sie abends darauf aufmerksam machen, daß sie ihre Arbeitszeit schon längst überschritten hatte.

 

Peter Dewin hatte nichts von sich hören lassen. Sie ging nach Hause, fand aber auch dort keine Nachricht vor.

 

Etwas unlustig zog sie sich um; da sie nicht wußte, ob Miss Creed sie zum Abendessen in ein vornehmes Restaurant einladen würde, hatte sie ihr schwarzes Cocktailkleid aus dem Schrank geholt und dazu einen dunklen italienischen Seidenschal umgelegt, den sie von ihrer verstorbenen Mutter geerbt hatte.

 

Es fröstelte sie, als sie in das kalte Taxi stieg, und sie überlegte sich noch einmal, daß sie eigentlich nicht viel Lust hatte, den Abend ausgerechnet mit Miss Creed zu verbringen. Ihre früheren Unterhaltungen waren immer äußerst oberflächlich verlaufen, denn Ella Creed fühlte sich in ihrer gesellschaftlichen Position haushoch über jede Angestellte erhaben. Dafür hätte Daphne heute abend, auch wenn sie eine Prinzessin gewesen wäre, keinen großartigeren Empfang erwarten können. Bereits am Eingang empfing sie ein Portier und brachte sie persönlich zu Miss Creed.

 

Ella Creed schloß sie überschwenglich in die Arme.

 

»Wie nett von Ihnen, daß Sie gekommen sind! Setzen Sie sich doch – hier, der Sessel ist besonders bequem. Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich mich umziehe …? Ist dies wirklich Ihr erster Besuch hinter den Kulissen eines Theaters? Ich zeige Ihnen dann gleich nachher die Bühne und alles übrige.«

 

Daphne war in der Pause zwischen zwei Akten gekommen; derselben Pause, die Peter Dewin am vergangenen Abend zu seinen Nachforschungen benutzt hatte. Während sie sich umzog, redete Miss Creed wie ein Wasserfall.

 

»Nach der Vorstellung gehen wir in den Rapee-Club. Sie haben doch Lust dazu? – Da es mir gerade einfällt … Sie kennen doch Peter Dewin? Er hat mich gestern besucht ein netter Kerl! Aber ein wenig überheblich, ich hasse überhebliche Menschen – sie denken immer nur an sich!«

 

Die ganze Zeit über saß sie vor dem Spiegel, betupfte ihr Gesicht und starrte wie gebannt auf ihr eigenes Bild. Daphne konnte sie in aller Ruhe beobachten und sich dabei noch einmal überlegen, was wohl die eigentliche Ursache dieses freundlichen Empfangs war. Als Miss Creed noch weiter über Peter sprach, fand sie die Lösung.

 

»Wie gesagt, er ist ein netter Kerl – Sie kennen ihn doch sehr gut, nicht wahr? Finden Sie nicht auch, daß es ihm Spaß macht, jemandem einen Streich zu spielen? Bei mir hat er es wenigstens versucht. Stellen Sie sich vor, er hat einen Schlüssel, der mir gehört und den er einfach nicht herausgibt – erzählt mir eine Geschichte von einem Einbrecher, der ihn gestohlen haben soll. Aus seiner Jackentasche! Und ich weiß doch, daß er überhaupt nicht dort steckte. Vielleicht erinnern Sie sich an die ganze Angelegenheit …? Es war ein Schlüssel, den der arme Mr. Farmer bei sich trug. Billy – Mr. Crewe – gab ihn aus Versehen Ihnen.«

 

Das alles erwähnte sie nur ganz nebenbei, aber Daphne wußte jetzt, warum sie zu der ungewöhnlichen Ehre einer solchen Einladung gekommen war. Miss Creed hatte herausgebracht, daß Daphne mit Peter befreundet war – und vermutlich sollte sie jetzt Peter überreden, den Schlüssel herauszugeben. Daphne amüsierte sich im stillen über diesen Plan.

 

Als Miss Creed fertig war, ging sie mit ihr durch ein Labyrinth von Gängen in einen hohen Raum, dessen eine Seite von Kulissen ausgefüllt war. Durch einen Wald von Pfosten, Requisiten und Versatzstücken drängte sie Ella Creed zu dem Pult des Regisseurs, von wo aus man die Vorgänge auf der Bühne aus nächster Nähe verfolgen konnte. Der Regisseur stellte einen Stuhl für Daphne zurecht, die vergnügt aus diesem neuen Blickwinkel der Vorstellung zusah. So vergingen fast zwei Stunden.

 

Mit einem Seufzer des Bedauerns sah sie den Vorhang zum letztenmal fallen, und ließ sich dann von dem Regisseur zu Miss Creeds Garderobe zurückbringen. Ella Creed legte ihr liebenswürdig den Arm um die Schultern und führte sie zu einem Herrn, der lässig in einem der Sessel lehnte. Es war Leicester Crewe, ausgerechnet der Mann, den sie am liebsten nie mehr zu Gesicht bekommen hätte.

 

Die beiden letzten Tage hatten ihn sehr mitgenommen; er war auffallend gealtert. Das Lächeln, mit dem er seine frühere Sekretärin begrüßte, wirkte gezwungen.

 

»Hallo, Miss Olroyd, haben Sie nun Bekanntschaft mit der Bühne geschlossen? Vielleicht werden auch Sie eines Tages noch ein berühmter Star!«

 

»Bitte unterhalte Miss Olroyd so lange, bis ich mich umgezogen habe!« rief Miss Creed aus der Nische herüber, in der sie sich umzog. »Später darfst du uns dann zum Essen ausführen und die Rechnung bezahlen.«

 

Anscheinend sollte dies ein Scherz sein, denn Miss Creed ließ ihren Worten ein ziemlich schrilles Gelächter folgen.

 

Natürlich war es kein Zufall, daß Mr. Crewe hier war. Ella Creed hatte es so eingerichtet, daß er der dritte bei dem Abendessen sein würde, und Daphne war dies um so unangenehmer, weil sie sich noch sehr genau an seine unverfrorenen Anträge erinnerte.

 

Während die Garderobieren sich mit Miss Creeds Gesicht beschäftigten, unterhielten sich Daphne und Mr. Crewe zehn Minuten lang über alle möglichen Nebensächlichkeiten – dann kam das Gespräch wieder auf den Mord.

 

»Farmers Tod ist wirklich eine harte Prüfung für mich«, sagte Leicester Crewe. »Eine ganze Kompanie von Polizeibeamten ist in mein Haus gekommen und hat sich dort geradezu häuslich eingerichtet. Und ein Heer von Zeitungsreportern quält mich unentwegt mit Fragen.«

 

Er betrachtete Daphne von der Seite.

 

»Es wundert mich eigentlich, daß Ihr Freund mich seit jenem Abend nicht mehr besucht hat – er interessiert sich doch sonst so brennend für jeden Mord!«

 

»Welchen Freund meinen Sie?«

 

Die Frage verblüffte ihn.

 

»Natürlich Mr. Dewin. Er ist ein intelligenter Mensch aber ein wenig voreilig und sehr geneigt, unbesonnene Schlüsse zu ziehen. Dadurch hat er mich in ernstliche Schwierigkeiten gebracht. Sie erinnern sich doch an die Sache mit dem Schlüssel? Ich sagte es Ihnen damals nicht, daß er Ella – Miss Creed – gehört; sie erinnert mich seitdem dauernd daran.«

 

Nachdenklich betrachtete er seine Zigarre.

 

»Es wäre mir ein paar hundert Pfund wert, wenn ich den Schlüssel zurückbekommen könnte. Soviel ich weiß, werden Zeitungsreporter nicht gerade fürstlich bezahlt, und ein paar hundert Pfund kann man immer mitnehmen – wenn er sie nicht selbst haben will, kann er ja ein hübsches Geschenk für eine Freundin davon kaufen. Was meinen Sie dazu?«

 

Sie war entrüstet über diese plumpe Anspielung, ließ sich aber nichts anmerken.

 

»Es ist wirklich sehr unangenehm für mich«, fuhr Crewe fort. Er sah sich um, ob Ella noch in ihrer Nische beschäftigt war, und senkte dann seine Stimme zu einem theatralischen Flüstern. »Sie sind doch eine Dame von Welt.« Daphne wußte zwar nicht, was er darunter verstand, erhob aber vorerst keinen Widerspruch. »Wir müssen unbedingt einen Skandal vermeiden … Es ist nämlich der Schlüssel zu Ellas Haus – verstehen Sie mich?«

 

Daphne begriff durchaus, was er sagen wollte und sah ihn bestürzt an.

 

»Wir waren nämlich jahrelang miteinander befreundet … Begreifen Sie nun, warum wir den Schlüssel zurückhaben müssen?«

 

Die Erklärung schien glaubwürdig zu sein, und Daphne hatte sich schon halb dazu entschlossen, Peter zu veranlassen, das verfängliche Beweisstück herzugeben.

 

»Zweihundert oder dreihundert Pfund …«, fing Crewe wieder an, aber sie unterbrach ihn sofort.

 

»Ich glaube nicht, daß Mr. Dewin Wert auf Ihr Geld legen wird«, erklärte sie. »Im übrigen bin ich mir auch völlig sicher, daß er den Schlüssel nicht dazu benutzen wird, Miss Creed irgendwie in Verlegenheit zu bringen.«

 

»Würden Sie wenigstens einmal über die Sache mit ihm reden?« drängte er.

 

Sie nickte.

 

In diesem Augenblick kam Ella Creed aus dem Nebenraum zurück. Anscheinend um ihrem Gast ein Kompliment zu machen, trug auch sie ein schwarzes Kleid und außer den blitzenden Ringen an ihren Händen keinen Schmuck. Sie wandte sich an Daphne.

 

»Gehen wir? Bei Rapee können wir uns nach dem Essen gleich noch die Kabarettvorstellung ansehen.«

 

Crewe nickte zustimmend.

 

»Hast du dich auch anständig betragen, Billy, und Miss Olroyd nichts Schlechtes über mich gesagt?«

 

Er lächelte.

 

»Ich bin viel zu gut mit dir befreundet, um dir etwas Schlechtes nachzusagen, Ella.«

 

Das alles gehörte zu der Komödie, die sie Daphne vorspielten, und sie hatten ihre Rollen sehr gut einstudiert. Vielleicht ein wenig zu gut, denn Daphne kam das ganze Gerede plötzlich sehr unglaubwürdig vor.

 

Das Mädchen kam herein und sagte, daß es draußen heftig regne.

 

»Haben Sie einen Regenumhang?« Als Daphne den Kopf schüttelte, sagte Ella Creed besorgt: »Sie werden durch und durch naß, wenn Sie über den Hof gehen … Jessie, geben Sie Miss Olroyd meinen roten Umhang! Bitte, Sie müssen ihn anziehen. Es kann höchstens sein, daß Sie dann vor der Tür einige Mädchen um ein Autogramm bitten, weil sie glauben, meine Wenigkeit vor sich zu haben – das ist nun mal die Strafe der Berühmtheit.«

 

Als sie durch den Gang zur Bühnentür schritten, hielt Leicester Crewe Ella etwas zurück und sprach leise auf sie ein.

 

Die Schauspielerin blieb plötzlich stehen.

 

»Warum konnte sie denn nicht kommen?« fragte sie ärgerlich. »In letzter Zeit tut Paula viel zu vornehm.« Dann sagte sie laut zu Daphne: »Gehen Sie nur voraus, Miss Olroyd; mein Wagen wartet vor der Tür.«

 

»Sie ließ am Telefon sagen, daß sie Kopfschmerzen hätte«, erklärte Leicester. »Ich konnte nur mit ihrem Mädchen sprechen.«

 

Ella biß sich nachdenklich auf die Lippen.

 

»Das sieht Paula nicht ähnlich. Aber komm jetzt – diese blöde Stenotypistin bekommt sonst kalte Füße!«

 

Sie gingen zusammen auf den dunklen Hof und traten auf die Straße, die an der Rückseite des Theaters entlangführte – ein menschenleeres, schmutziges Seitengäßchen. Neben dem Eingang lehnte ein Bettler, um Schutz vor dem Wetter zu suchen, aber von Daphne Olroyd und dem Wagen war nichts zu sehen. Ella wandte sich an den Eckensteher.

 

»Haben Sie nicht eine Dame hier herauskommen sehen?« »Natürlich – sie trug einen roten Umhang, und der Wagen fuhr gleich ab, als sie eingestiegen war.«

 

Ella schimpfte.

 

»Ich werde den Chauffeur entlassen! Billy, telefoniere nach einem Taxi!«

 

*

 

Kurz vorher war Daphne Olroyd aus der Tür getreten. Sie lief schnell über das nasse Trottoir und stieg in den Wagen, dessen Schlag von innen aufgehalten wurde. Dann erschrak sie, als sie an jemand anstieß, der in der Ecke saß.

 

»Ach, entschuldigen Sie, ich dachte …«

 

In diesem Moment zog der Chauffeur die Wagentür zu und fuhr an. Sie lehnte sich vor, klopfte ihm auf die Schulter.

 

»Warten Sie doch, warten Sie! Es kommen noch mehr Leute …«

 

Dann wurde sie von der dunklen Gestalt, die neben ihr saß, auf den Sitz zurückgezogen.

 

»Seien Sie ruhig und schreien Sie nicht – oder es wird Ihnen schlecht bekommen«, sagte eine rauhe Stimme.

 

In diesem Augenblick fuhr der Wagen gerade an einer hellen Straßenlaterne vorbei, und sie konnte einen Blick auf ihren Begleiter werfen. Es waren nur seine Augen und seine Stirn zu sehen, denn er hatte sich ein buntes Taschentuch vor das Gesicht gebunden.

 

Kapitel 14

 

14

 

Lange Zeit war Daphne Olroyd nicht fähig, ein einziges Wort hervorzubringen. Der Wagen fuhr sehr schnell durch die Straßen des West End. In den Regen mischten sich große Schneeflocken, die bald die Außenseite der Fenster bedeckten, so daß es nicht möglich war, draußen irgend etwas zu erkennen. Die Straße mußte jedoch am Themseufer entlangführen, denn sie sah den trüben Schein der Straßenlampen, die sich im Wasser spiegelten. Jetzt konnte man auch die Lichter eines Schleppdampfers erblicken, der langsam den Fluß hinunterglitt, und sie hörte den tiefen Ton der Sirene, mit der ein Polizeiboot seine Fahrtrichtung anzeigte.

 

Sie bogen in Blackfriars ab, und der Wagen fuhr nun durch die belebte City. Einen Augenblick tauchte der Umriß des Towers auf, dann wurde das Auto durch Seitenstraßen gelenkt. In einer hellerleuchteten Straße, die sie kurz darauf entlangfuhren, erkannte Daphne eines der Gebäude – es war das Zentralkrankenhaus von London.

 

»Was haben Sie mit mir vor?« begann sie mit zitternder Stimme.

 

»Stellen Sie jetzt keine Fragen – Sie werden es bald erfahren.«

 

Sie hielt es für besser, still zu sein. Die geschlossenen Häuserreihen hörten allmählich auf, und sie erreichten eine Gegend, in der freie Felder mit Fabriken abwechselten. Einmal merkte sie am Geruch, daß eine chemische Fabrik in der Nähe sein mußte. Die Straße wurde jetzt schmaler, sie war zu beiden Seiten mit hohen Bäumen bewachsen. Dann strichen die Scheinwerfer des Autos über Gebüsch und Unterholz, das sich links und rechts ausbreitete.

 

Es wurde ihr plötzlich klar, daß das die Gegend von Epping Forest sein mußte.

 

Kaum hatte sie diese Entdeckung gemacht, als der Wagen langsamer fuhr und nach rechts einbog. Es ging einen ebenen, engen Weg entlang, der viele Kurven hatte. Sie glaubte, daß sie schließlich wieder zu einer Hauptstraße kommen würden, aber das Auto fuhr weiter und weiter, und als sie endlich ins Freie kamen, befanden sie sich in der Nähe eines kleinen Dorfes.

 

Nachdem sie noch ein gutes Stück gefahren waren, hielt der Wagen auf einem Feldweg. Es war jetzt so dunkel, daß man kaum mehr etwas unterscheiden konnte. Der Chauffeur öffnete die Tür, sprang hinauf und half ihr beim Aussteigen.

 

Sie sah ein großes, halbfertiges Gebäude, das einen verwahrlosten Eindruck machte. Gleich darauf wurde die Tür von einer Frau geöffnet, die sie beim Arm nahm und einen kurzen Gang entlangführte, der bald nach rechts abbog.

 

»Gehen Sie hier hinein und verhalten Sie sich ruhig«, sagte die Frau. Sie hatte eine harte, rauhe Stimme und roch ziemlich stark nach Alkohol.

 

Daphne stand im Dunkeln. Eine Tür schlug zu, und kurz danach wurde der Raum, in den sie sich befand, durch ein in die Betondecke eingelassenes Licht erhellt. Anscheinend war der elektrische Schalter draußen auf dem Gang.

 

Es war eine kleine Kammer mit Wänden, Decke und Fußboden aus Beton. Sie mochte etwas größer sein als das kleine Schlafzimmer in ihrer Wohnung. Eine eiserne Bettstelle mit frisch überzogenem Bettzeug stand da, außerdem gab es nur noch einen Tisch und einen Stuhl in dem Raum. Auf einem Wandbrett lagen eine Bürste mit Kamm und ein Buch. Unter dem Tisch entdeckte sie eine Strohmatte. In einem kleinen Nebenraum befand sich ein vollständig eingerichtetes Badezimmer.

 

Ganz verwirrt ging sie in das Zimmer zurück und griff mechanisch nach dem Buch auf dem Wandbrett. Es war eine Bibel! Alles war vollkommen neu und unbenutzt. Sie staunte. Das ganze Gebäude konnte noch nicht lange stehen, denn es roch nach Zement und frischem Putz. Sie drückte die Klinke herunter, aber die Tür war verschlossen. Ein kleines Beobachtungsfenster war darin eingelassen.

 

Daphne Olroyd setzte sich auf das Bett. Der Schrecken über den plötzlichen Überfall hatte sie völlig aus der Fassung gebracht, und sie zitterte vor Angst. Nur der Gedanke an Peter Dewin hielt sie aufrecht. Sie wußte allerdings nicht, wie er ihr zu Hilfe kommen könnte. Was würde mit ihr geschehen? Was beabsichtigte man mit dieser Entführung?

 

Während der ganzen Fahrt hatte sie das unangenehme Gefühl, daß Leicester Crewe seine Hand im Spiel hatte. Sie wagte nicht, diesen Gedanken ganz zu Ende zu denken … Immerhin hatte er ihr oft genug ziemlich unzweideutige Anträge gemacht.

 

Andererseits war er nicht der Mann, der ein solches Risiko auf sich nahm. Sie traute ihm zwar jede Niederträchtigkeit zu, aber diese Entführung schien doch viel raffinierter geplant zu sein, als es seine Art war.

 

Sie sah auf ihre Uhr – Viertel vor eins. Dann hörte sie, wie der Schlüssel umgedreht wurde und die Tür sich langsam öffnete. Im Korridor stand eine Gestalt, über die sie heftig erschrak. Von Kopf bis Fuß war der Mann in ein enganliegendes dunkles Gewand eingehüllt. Er hatte eine schwarze Kapuze über den Kopf gezogen, die auch das Gesicht vollständig bedeckte; in Augenhöhe waren zwei Schlitze hineingeschnitten. Der Unheimliche stand einige Zeit drohend an der Tür und starrte sie an, dann trat er plötzlich einen Schritt zur Seite, die Tür schloß sich, und der Schlüssel wurde wieder umgedreht. Alles blieb totenstill wie vorher. Zehn Minuten vergingen – die Tür öffnete sich von neuem. Daphne nahm allen Mut zusammen, um dem Unbekannten entgegenzutreten – aber diesmal stand ein anderer Mann vor ihr. An dem bunten Taschentuch vor seinem Gesicht erkannte sie ihren Entführer.

 

»Wissen Sie, weshalb Sie hierhergebracht wurden, Miss?« Die Stimme wurde durch das Tuch zu einem dumpfen Flüstern gedämpft.

 

Sie wollte sprechen, brachte aber keinen Ton heraus und konnte nur den Kopf schütteln.

 

»Weil Sie mit Leuten verkehren, die Feinde der gefiederten Schlange sind.«

 

Der Mann sprach langsam, als ob er eine auswendig gelernte Botschaft hersage.

 

»Wenn wir wollten, könnten wir Sie hier jahrzehntelang gefangenhalten, und niemand würde etwas davon erfahren.

 

Wenn Sie uns aber das feierliche Versprechen geben, niemand zu verraten, was sich heute abend zugetragen hat, wird Sie die gefiederte Schlange wieder gehen lassen ohne daß Ihnen irgend etwas passiert.«

 

Er wartete auf ihre Antwort. Endlich gelang es ihr, einige Worte zu sagen.

 

»Ich werde nichts verraten …, bestimmt nicht, ich verspreche es Ihnen!« rief sie atemlos.

 

»Werden Sie keinem Menschen was erzählen?«

 

»Nein, nein … Ich verspreche es!«

 

Der Mann verließ die Zelle, schloß ab und kam bald darauf wieder zurück. Er trug ein Tablett mit einer dampfenden Tasse Bouillon, einigen Brötchen und einem Glas Wein. Sie schüttelte den Kopf.

 

»Nein, vielen Dank, ich möchte nur etwas Wasser haben.«

 

»Es wäre besser, wenn Sie sich etwas stärken würden.« Er ging hinaus, ließ diesmal die Tür offen und kam gleich darauf mit einem Glas Wasser zurück, das er ihr höflich reichte. Sie leerte es gierig in einem Zug.

 

»Sind Sie fertig?« fragte er.

 

»Ja«, entgegnete sie. Sie war so aufgeregt, daß ihr die eigene Stimme fremd vorkam.

 

Sie folgte ihm durch den Gang. Der Wagen wartete vor der Tür. Zu ihrer Erleichterung machte der Mann keinen Versuch, sie zu begleiten, sondern warnte sie nur noch einmal.

 

»Wenn Sie klug sind, dann verhalten Sie sich ruhig und versuchen nicht, die Aufmerksamkeit der Leute auf sich zu lenken. Die Polizei würde Ihnen die seltsame Geschichte, die Sie zu erzählen hätten, sowieso nicht glauben.«

 

Der Chauffeur fuhr sehr schnell. Sie kamen auf einer Straße nach London zurück, die sie nicht kannte. Nach und nach tauchten dann die bekannten Gebäude der Stadt auf, und es wurde ihr immer leichter ums Herz. Es war zwei, als der Wagen vor der Tür ihres Hauses hielt. Sie stieg aus – ringsum lag alles in tiefem Schlaf. Als sie sich wieder umdrehte, fuhr der Wagen schon an; sie versuchte noch das Nummernschild zu lesen, aber es war völlig mit Schmutz bedeckt.

 

Zitternd schloß Daphne die Haustür auf, schlug sie zu, rannte in ihr Zimmer und warf sich aufs Bett. Eine halbe Stunde lang lag sie dort und erholte sich nur langsam von dem Schrecken. Schließlich zog sie sich aus, hüllte sich so fest sie konnte in ihre Bettdecke, und fiel in einen tiefen Erschöpfungsschlaf. Es war elf Uhr am nächsten Morgen, als die Putzfrau an ihre Tür klopfte. Erschrocken fuhr sie in die Höhe, und der Gedanke, daß sie eine Stunde zu spät zur Arbeit kam, ließ sie für einen Augenblick fast die entsetzlichen Ereignisse der letzten Nacht vergessen.