Kapitel 24

 

24

 

Julius wartete, bis Spike Holland außer Sicht war, dann ging er im Schatten der Umfassungsmauer auf Lady’s Manor zu. Die Mauer begrenzte die Dorfstraße einige hundert Meter lang und der Weg kam ihm endlos vor.

 

Er streckte gerade seine Hand aus, um die Gartentür zu offnen, als er jemand im Schatten der Eibenhecke stehen sah. Erschrocken fuhr er zusammen.

 

»Wer ist da?« rief er mit lauter Stimme. Da kam plötzlich Leben in die Gestalt, und er erkannte Mr. Howett.

 

»Nun, Mr. Savini, was gibts denn?«

 

»Ach, Mr. Howett, es tut mir sehr leid, aber Sie haben mich sehr erschreckt.«

 

Im Mondlicht erschien Mr. Howetts gefurchtes Gesicht bleich. Es mochte mit der Beleuchtung zusammenhängen, aber Julius hatte geschworen, daß die Blässe unnatürlich war.

 

»Wollen Sie Miß Howett sprechen?«

 

»Ja, mein Herr … ich möchte sie etwas fragen – aber es ist wohl schon zu spät.«

 

»Nein, keineswegs, Mr. Savini –« Howett schien etwas verwirrt zu sein. »Würden Sie mir den großen Gefallen tun und Miß Howett nicht sagen, daß Sie mich gesehen haben?«

 

»Gewiß,« erwiderte Julius höchst erstaunt.

 

»Sie glaubt nämlich, ich sei schon zur Ruhe gegangen, und ich möchte sie nicht irgendwie beunruhigen. Ich – ich – habe die Angewohnheit, manchmal noch abends spät einen Spaziergang zu machen.«

 

»Ich werde unter keinen Umständen erwähnen, daß ich Sie gesehen habe.«

 

Er läutete an der Haustür. Ein Dienstmädchen erschien und öffnete ihm. Sie war erstaunt, ihn zu so später Stunde noch zu sehen. Miß Howett war noch auf, und das Mädchen sternchenland.com ließ ihn warten, um ihrer Herrin den Besuch zu melden. Als Julius zur Gartentür zurückschaute, konnte er nur feststellen, daß Mr. Howett verschwunden war. Gleich darauf wurde er in das große Wohnzimmer gebeten und fand Valerie dort, die auf ihn wartete.

 

»Es ist allerdings sehr spät für einen Besuch, Miß Howett, aber ich muß etwas mit Ihnen besprechen. Durch die unglückliche Unterbrechung unserer Unterhaltung damals vergaß ich alles, was ich Ihnen sagen wollte.«

 

Sie mußte innerlich lächeln, denn sie hatte Julius schon längst verziehen. Sie amüsierte sich sogar, wenn sie an jene peinlichen fünf Minuten dachte.

 

»Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, Mr. Savini. Mein Vater hat sich schon zurückgezogen, er geht gewöhnlich sehr früh schlafen. Sie können mir in aller Ruhe berichten.«

 

Julius machte sich allerdings seine eigenen Gedanken über Mr. Howetts frühes Verschwinden, aber er behielt sie für sich.

 

»Ich möchte Sie fragen, ob Sie ein Taschentuch verloren haben,« begann er. »Der alte Bellamy hat mir die strengste Anweisung gegeben, es herauszubringen. Er war heute abend ganz merkwürdig, als er erfuhr, daß Mr. Howett und Sie die neuen Bewohner von Lady’s Manor seien.« Dann erzählte er ihr alles, was sich zugetragen hatte.

 

Je weiter er sprach, desto mehr leuchteten ihre Augen auf.

 

»Dann stimmt es also doch! Und es muß wahr sein, wenn er sich so benommen hat – sein Gewissen scheint zu schlagen! Warum sollte denn nur die Nennung meines Namens ihn so aufregen?«

 

»Darüber habe ich mich auch sehr gewundert,« entgegnete Julius. »Was ist denn Ihrer Meinung nach der Grund?« Aber sie beantwortete seine Frage nicht.

 

»Was wollten Sie wegen des Taschentuchs? Ich habe vor einer Woche eins verloren – es ist sogar schon länger sternchenland.com als eine Woche her. Es ist eins von den sechs, die ich in Paris machen ließ. Haben Sie es gefunden?«

 

Er nickte.

 

»Es ist in Garre Castle gefunden worden,« sagte er mit Nachdruck. »Und zwar in der Nacht, in der Bellamy auf den Grünen Bogenschützen geschossen hat – und es war ganz mit Blut durchtränkt!«

 

Sie sah ihn entsetzt an.

 

»Mein Taschentuch – in Garre Castle – das ist doch aber unmöglich!«

 

Er beschrieb das kleine dünne Tuch genau.

 

»Warten Sie einen Augenblick,« sagte sie, ging aus dem Raum und kehrte nach kurzer Zeit mit einem Taschentuch in der Hand zurück.

 

Julius brauchte nur hinzusehen, um es sofort zu erkennen.

 

»Aber wie merkwürdig! Ich erinnere mich jetzt, daß ich es an dem Tag verlor, an dem ich Lady’s Manor besichtigte. Damals entschloß ich mich, meinen Vater zu bitten, das Haus zu mieten. Ich entdeckte den Verlust, als ich im Auto nach London zurückfuhr.«

 

»Sind Sie denn damals nicht in die Burg gegangen? Entschuldigen Sie, wenn ich diese Frage an Sie stelle, aber ich weiß doch, wie sehr Sie sich für Mr. Bellamy interessieren. Sind Sie nicht vielleicht irgendwie in die Nähe des Hauptgebäudes gekommen?«

 

»Nein,« sagte sie sehr bestimmt. »Ich weiß ganz genau, daß ich es in Lady’s Manor selbst verloren habe. Ich erinnere mich, daß ich es bei mir hatte, als ich in das Haus ging.«

 

»Das ist alles, was ich heute berichten kann, Miß Howett.« Julius erhob sich. »Er hat mir sogar den Auftrag gegeben, ein anderes Taschentuch von Ihrem Dienstmädchen zu besorgen. Ich kann mir gar nicht vorstellen, warum er plötzlich ein so großes Interesse an Ihnen hat.«

 

sternchenland.com Er zögerte, als er in der Tür stand, und sie erinnerte sich; daß sie ihm Geld geben wollte.

 

»Aber das hat doch nichts zu sagen, Miß Howett,« meinte er, als sie ihm einige Banknoten auf den Tisch zählte. »Ich möchte eigentlich kein Geld mehr von Ihnen annehmen.«

 

»Der Arbeiter ist seines Lohnes wert,« erwiderte sie lächelnd. Aber er wußte nicht recht, ob er diese Äußerung als ein Kompliment auffassen durfte.

 

Als sie allein war, versuchte sie irgendeinen Entschluß zu fassen.

 

Ein großer Widerspruch war in Valerie Howetts Leben gekommen. Sie hatte sich die Ausführung eines Planes vorgenommen, der nach menschlichem Ermessen und Verstand nicht gelingen würde, der sogar äußerst gefährlich war. Und sie halte sich trotz der dringenden Warnung Jim Featherstones dazu entschlossen. Sie war nicht so eigensinnig, daß sie gerade immer das Gegenteil von dem tat, worum er sie bat. Ihre gesunde Vernunft sagte ihr, daß die Burg für jeden ungebetenen Besucher einfach unzugänglich war. Schwer genug kam man schon in ein gewöhnliches Haus – wie konnte sie hoffen, in diese mit Schießscharten bewehrten Mauern einzudringen? Und selbst wenn sie drinnen war, wie sollte sie das finden, was sie suchte? Besonders da Bellamy jetzt vermutete, wer sie war und die Gefahr dadurch bedeutend größer wurde?

 

Aber trotzdem – und hier entschied sie sich gegen besseres Wissen – bestand noch eine geringe Hoffnung. Wenn der alte Plan der Burg, der in ihrem Besitz war, in allen Einzelheilen stimmte und die Umbauten der letzten beiden Jahrhunderte nicht den Grundriß vollkommen verändert hatten, dann hatte sie einen Zugang zu der Burg entdeckt.

 

Auf der Nordseite der Burg befand sich das Wassertor. In früherer Zeit war das Gebäude von einem Graben umgeben. Ein Fluß, der aus den hügeligen Wäldern des Hinterlandes sternchenland.com kam, hatte früher in Verbindung damit gestanden. Sein Wasser wurde durch einen besonderen Kanal abgeleitet und auf diese Weise war es den Besitzern der Burg möglich, den Graben mit Wasser zu füllen, trotzdem das Gebäude auf einer kleinen Erhöhung stand. Der Graben war aber nun längst ausgetrocknet und mit Gras zugewachsen. An manchen Stellen war er auch eingeebnet worden. Nur das Wassertor aus jener Zeit war noch übriggeblieben.

 

Sie hatte die niedrige, quadratische Öffnung in der Burgmauer, die durch schwere eiserne Gitter geschlossen war, von ihren Fenstern aus gesehen. Durch dieses Tor gingen die Händler aus und ein, wenn sie zum Kücheneingang wollten, und Valerie hatte den Entschluß gefaßt, auch auf diesem Wege in die Burg zu kommen und Abel Bellamys Geheimnis zu enthüllen. Aber ihr Verstand sagte ihr, daß das Küchengebäude und die anderen, außerhalb liegenden Räumlichkeiten, die man durch das Wassertor erreichen konnte, sicher von der eigentlichen Burg abgesperrt feien, und daß sie ihrem Ziele nicht näherkommen würde, wenn sie durch das Tor eindringen könnte. Aber trotz dieser geringen Aussicht wollte sie wenigstens einen Versuch wagen. Die Hoffnung, die in ihr lebte, hatten selbst alle bisherigen Mißerfolge bei ihren Bemühungen nicht zerstören können.

 

Ihr Vater war schon zur Ruhe gegangen, wie sie annahm. Den letzten der drei Dienstboten entließ sie um zwölf Uhr und sagte ihm, daß sie noch zu tun hätte. Nun war sie nur noch allein auf. Ihr Vater hatte, wie sie wußte, einen gesunden Schlaf.

 

Sie saß in ihrem kleinen Wohnzimmer und versuchte, die Zeit totzuschlagen. Sic hatte sich mit besonderer Sorgfalt für dieses Abenteuer angekleidet und hoffte, daß der kurzsichtige Mr. Howett beim Abendessen nicht gesehen hatte, daß sie noch immer das Golfkleid trug, das sie schon am Tage angehabt hatte.

 

sternchenland.com Nachdem alles ruhig geworden war, ging sie in den Garten hinunter und fand mit Hilfe ihrer elektrischen Taschenlampe den Weg bis zur Mauer, wo die beiden leichten Leitern lagen. Sie hatte sie am Tage von den Arbeitsleuten, die noch mit der Reparatur des Daches beschäftigt waren, dorthin schaffen lassen. Sie stellte eine gegen die Mauer, die zweite stellte sie daneben und stieg hinauf. Oben zog sie die eine Leiter nach, ließ sie an der anderen Seite hinunter und band die beiden Gestelle mit einem Strick zusammen. Als sie damit fertig war, ging sie ins Haus zurück. Es war noch zu früh für die Ausführung ihres Plans, und sie war eine ganze Stunde lang ohne eigentliche Beschäftigung.

 

Sie schrieb zwei unwesentliche Briefe an Leute, die sie nur wenig interessierten, und wollte gerade einen dritten anfangen, als ihr zum Bewußtsein kam, daß sie am Abend nur wenig gegessen halte. Sie empfand Hunger und ging deshalb in die Küche, die im Kellergeschoß lag und die man durch eine lange Steintreppe erreichen konnte. Sie nahm eine Kerze mit sich, denn Lady’s Manor war nicht mit elektrischem Licht versehen. Sie entzündete den Gasherd, stellte einen Wasserkessel auf und durchsuchte den Vorratsraum. Zu ihrer Freude fand sie auch noch eine Schüssel mit Pasteten, die sie in die Küche brachte und auf den Tisch stellte. Dann ging sie in ihr Wohnzimmer nach oben und ließ die Kerze unten brennen.

 

Eine unheimliche Ruhe lag über dem Raum, das Schweigen war beklemmend und sie wünschte, daß ihr neuer Flügel schon angekommen wäre. Sie schrieb an dem begonnenen Brief weiter, aber ihre Gedanken waren so mit ihrem Abenteuer beschäftigt, daß sie sich nicht darauf konzentrieren konnte.

 

Sie hielt die Feder in der Hand und suchte nach neuen Gedanken, die sie ihren Bekannten schreiben könnte, als sie plötzlich zusammenschrak. Sie hatte ein Knacken gehört – jemand mußte die Haustür am äußersten Ende der Halle aufgeschlossen haben. Einen Augenblick saß sie starr vor sternchenland.com Furcht, ihre überreizten Nerven waren einem solchen unerwarteten Zwischenfall nicht mehr gewachsen.

 

Einige Sekunden vergingen, dann hörte sie leichte Fußtritte auf dem mit Fliesen belegten Gang. Die leisen Schritte kamen näher und näher und gingen an der Tür vorbei.

 

Sie stand auf, eilte zu der Tür und riß sie auf. Sie konnte nur den Lichtschein aus der Küche sehen, sonst nahm sie nichts wahr.

 

»Ist jemand hier?« fragte sie mit lauter Stimme. »Sind Sie es, Clara?«

 

Plötzlich hörte sie ein Krachen, und das Licht in der Küche verlosch sofort.

 

Ihr Herz schlug schnell. Sie atmete schwer, aber sie biß sich auf die Lippen, um einen Hilfeschrei zu unterdrücken.

 

Sie hatte die elektrische Lampe noch in ihrer Tasche und nahm sie mit bebenden Händen heraus. Ein zitternder Lichtstrahl erhellte die dunkle Halle. Valerie dachte an den Revolver, den ihr Spike gegeben hatte, ging in das Zimmer zurück und holte ihn aus der Tischschublade. Dann schaute sie wieder die dunkle Halle entlang und die Treppe zur Küche hinunter.

 

»Ist jemand hier?« fragte sie noch einmal, aber nur das dumpfe Echo ihrer Stimme schallte zurück.

 

Als sie nichts mehr hören konnte, nahm sie ihren ganzen Mut zusammen und ging langsam durch die Halle. Zögernd betrat sie die Treppe und gelangte allmählich in die Küche. Die Platte mit den Pasteten lag zerbrochen auf dem Fußboden. Sie hatte also eben den Fall dieser Schüssel gehört. Erleichtert atmete sie auf – der Eindringling war wenigstens ein Mensch!

 

Sie steckte die Kerze wieder an, deren Docht noch glimmte. Dann entdeckte sie, obgleich die Platte zerschmettert auf dem Boden lag, zwei Scherben auf dem Tisch. Irgend jemand mußte sie aufgehoben haben. Die Küche war aber leer. Dahinter sternchenland.com lag die Speisekammer und von dort aus führte eine Tür in den Kohlenkeller. Sie versuchte sie zu öffnen, aber sie war verschlossen.

 

Wohin mochte wohl der geheimnisvolle Besucher gegangen sein? Die Fenster waren durch eiserne Gitter geschützt, und hier gab es doch nirgends einen Platz, wo er sich verbergen konnte. Die Tür, die auf den kleinen Wirtschaftshof an der Rückseite des Hauses führte, war von innen verriegelt und versperrt. Die Gartentür hatte Valerie heute selbst abgeschlossen, als sie wieder hereinkam, nachdem sie die Leitern an die Mauern gestellt hatte. Sie fühlte den Schlüssel in ihrer Tasche.

 

Sie dachte daran, die Dienerschaft aufzuwecken und eine genaue Durchsuchung der unteren Räume vornehmen zu lassen, aber das hätte ihre eigenen Pläne vollkommen zerstört. Plötzlich sah sie in der einen Ecke der Speisekammer zwei feurig grüne Punkte, die sie anstarrten. Sie fuhr zusammen und mußte im nächsten Augenblick hysterisch auflachen, denn sie hielt die Katze in den Händen.

 

»Du armer Kerl! Ich glaubte schon, du wärst ein Gespenst! Aber wie darfst du denn die Schüssel hinunterwerfen?«

 

Sie ging zur Küche zurück. Ihr Blick fiel plötzlich auf einen langen grünen Pfeil, der neben den Scherben der Porzellanplatte auf dem Fußboden lag. Seine Spitze leuchtete im Schein der Kerze auf.

 

Kapitel 25

 

25

 

Valerie Howett wurde nicht ohnmächtig. Langsam und mechanisch setzte sie die Katze, die sie noch im Arm gehalten hatte, wieder auf den Boden. Dann hob sie den Pfeil auf. Der Schaft war ganz glatt und die Spitze nadelscharf.

 

Der Grüne Bogenschütze! Der war also hier eben in demselben Raum gewesen! Wohin mochte er gegangen sein?

 

sternchenland.com Das Zischen des überkochenden Kessels brachte sie wieder zur Wirklichkeit zurück. Sie drehte den Gashahn zu und ging in ihr Zimmer nach oben. Sie hatte keinen Hunger mehr.

 

Der Grüne Bogenschütze! Aber sie hatte nichts von ihm zu fürchten, er war ja ein Feind Abel Bellamys, also war er ihr Freund! Sie versuchte das Furchtgefühl zu überwinden, das sich ihrer bemächtigt hatte, und es gelang ihr auch teilweise. Als die Dorfuhr eins schlug, ging sie wieder in den Garten hinunter. Ihre Knie zitterten, aber trotzdem stieg sie die Leiter empor und kletterte auf der anderen Seite nach Garre Castle hinunter. –

 

Mr. Bellamy brauchte gewöhnlich zwei Stunden für sein Abendessen, manchmal speiste er auch länger, aber niemals kürzer. Es war gegen jede Regel, daß er eine halbe Stunde nach dem Servieren schon klingelte und das Geschirr abräumen ließ.

 

»Telephonieren Sie zum Pförtnerhaus und sagen Sie, daß ich Besuch erwarte, einen Mr. Smith! Der Mann soll sofort herausgebracht werden, wenn er kommt.«

 

»Jawohl, mein Herr,« antwortete Savini unterwürfig. Jetzt wurde ihm klar, warum das Abendessen nur so kurze Zeit gedauert hatte.

 

»Bringen Sie auch etwas Rum und einen Syphon Sodawasser! Und vergessen Sie auch nicht die Kiste mit den billigen Zigarren,« fuhr er fort. »War Spike Holland eigentlich sehr überrascht, daß ich ihn hierher einlud? Vermutlich hat er Ihnen gesagt, warum ich ihn hergebeten habe?«

 

»Er hat mir nichts erzählt,« entgegnete Julius und zuckte mit keiner Wimper unter den argwöhnisch beobachtenden Blicken des Alten. »Die Dienerschaft beklagt sich über die Hunde, mein Herr,« sagte er dann. »Sie sagen, daß die Hundekäfige zu nahe an der Küche sind und daß sie sich fürchten an ihnen vorbeizugehen.

 

»Werfen Sie die ganze Gesellschaft hinaus,« sagte Abel sternchenland.com Bellamy brutal. »Und reden Sie nicht über Küchenklatsch mit mir, sonst schicke ich Sie auch noch in die Küche hinunter, dann können Sie dort mit den anderen zusammen essen!«

 

Bellamys böser Charakter hatte sich nicht im mindesten geändert, und selbst seine aufregende Entdeckung im »Berkshire Herald« hatte keinen Einfluß auf ihn.

 

Julius beeilte sich, die Auftrage seines Herrn auszuführen und war neugierig, warum Coldharbour Smith nach Garre Castle gerufen worden war.

 

Später änderte Bellamy seine Absicht und sandte Julius nach dem Pförtnerhaus, um die Ankunft des Besuches abzuwarten.

 

Es war fast elf Uhr, als Coldharbour Smith in einem Londoner Mietauto ankam. Julius sah sofort, daß er unterwegs oft angehalten haben mußte, um mit dem Chauffeur einen kleinen Trunk zu nehmen. Die beiden waren so ausgelassen und fröhlich, daß Julius über ihr Betragen empört war.

 

»Mr. Smith, es wäre viel besser, Sie würden Ihrem Freund sagen, daß er nicht solchen Lärm macht. In dem Dorf wird schon so viel über die Burg gesprochen, und Mr. Bellamy möchte nicht noch weiteren Grund zu unnützem Gerede geben.«

 

Coldharbour Smith stand im Alter von fünfzig Jahren, war groß, nicht gerade sehr ordentlich gekleidet, und hatte eine rohe Ausdrucksweise. Seine Gesichtsfarbe war dunkel und seine starken Kinnladen hätten einem Gorilla Ehre gemacht. Er nahm den Rat übel auf, den ihm Savini gab.

 

»Scheren Sie sich zum Teufel,« brüllte er laut. »Wo ist der Alte?«

 

»Er erwartet Sie.«

 

»Schön, soll er warten. Ich will erst trinken. Komm mit, Charlie!« wandte er sich wieder an den Chauffeur. »Wir wollen erst noch in den ›Blauen Bären‹ gehen.«

 

»Das Lokal ist schon seit vielen Stunden geschlossen,« sternchenland.com sagte Julius. »Gehen Sie jetzt hinauf, Mr. Smith. Der Herr wartet auf Sie.«

 

»Schön, dann nehme ich meinen Freund mit hinauf.«

 

»Das werden Sie nicht tun,« entgegnete Julius scharf.

 

Manchmal konnte er auch energisch und mutig sein, und in diesem Fall stand die Autorität Abel Bellamys hinter ihm.

 

»Gut,« sagte Smith düster, »warte hier auf mich, Charlie.«

 

Er ging mit unsicheren Schritten an Savinis Seite.

 

»Warum hat er denn mitten in der Nacht nach mir geschickt?« fragte er aufsässig.

 

»Das weiß ich nicht – das fragen Sie ihn besser selbst.«

 

»Zuerst sagen Sie mal was über sich selbst,« brummte Smith. »Wer sind Sie denn eigentlich?«

 

»Ich bin Julius Savini.«

 

»Ach, der alte Julius! Ich dachte, Sie säßen im Gefängnis? Wie gehts denn den andern Jungens? Sagen Sie mal, was machen Sie denn eigentlich hier, Julius, alter Krieger und Bundesgenosse?«

 

»Ich bin Mr. Bellamys Sekretär.«

 

»Ist sonst noch jemand hier, den ich kenne?« fragte Smith, als sie nahe ans Haus kamen. »Wie geht es denn eigentlich dem Grünen Bogenschützen?« Er brüllte laut vor Vergnügen und schlug sich auf die Knie. »Doch ’ne Verrücktheit, wenn man anfängt, grüne Bogenschützen zu sehen! Euer Schnaps muß ein bißchen stark sein, Julius. Was trinkt Ihr eigentlich bei Euch – Fusel?«

 

Julius war froh, als sie in, die Halle kamen. Coldharbour Smith, der seinen Namen nach der Polizeistation führte, auf der man ihn schon so oft verhaftet hatte, war vollständig betrunken. Einmal mußte Julius ihn fest am Arm fassen, damit er nicht umfiel. Smith blinzelte, als er in den hellen Lichtschein der Bibliothek trat. Auf einen Wink des Alten sternchenland.com verschwand Julius sofort und war zufrieden, daß er bei der Unterredung nicht zugegen sein mußte.

 

»Setzen Sie sich, Smith«, sagte Bellamy und zeigte auf einen Stuhl. »Wie ist es mit einem Schluck?«

 

Erst jetzt erkannte Abel Bellamy die Verfassung seines Besuchers.

 

»Sie sind ja wieder ganz voll, Sie Hund! Ich habe Ihnen doch gesagt, Sie sollten sofort zu mir kommen, und zwar nüchtern!«

 

»Ich weiß überhaupt nicht, warum die Menschen nüchtern sind,« sagte Smith widerspenstig. »Wenn man sich doch betrinken kann – na, sagen Sie mir doch, warum soll man das nicht tun? So können Sie gar nichts dagegen sagen, Bellamy, das ist doch logisch, was?«

 

Abel Bellamy ging zum Tisch und goß ein Glas reinen Branntwein ein. Smith streckte schon die Hand aus, um das Glas zu nehmen, als ihm Bellamy plötzlich den ganzen Inhalt ins Gesicht goß. Mit einem Aufschrei fuhr Smith zurück, faßte mit den Händen nach den Augen und rieb sie entsetzt.

 

»Sie haben mich blind gemacht,« brüllte er.

 

»Seien Sie ruhig – hier, nehmen Sie das!«

 

Bellamy warf ihm eine Serviette zu, die beim Abräumen liegen geblieben war. Stöhnend und ächzend wischte sich Smith das Gesicht.

 

»Das ist ein ganz gemeiner Trick, den Sie mir da gespielt haben!« stöhnte er. »Wenn ich nun blind geworden bin!«

 

»Ich hoffe, daß ich Sie wenigstens nüchtern gemacht habe, Sie betrunkenes Schwein. Und wenn Sie jetzt noch nicht aufgewacht sind, werde ich schon Mittel und Wege finden, Ihnen den Alkohol auszutreiben. Aufgepaßt!«

 

Mit eisernem Griff packte er Smith am Kragen, stellte ihn auf die Füße und hielt sein Gesicht zwischen seinen großen Händen fest wie in einem Schraubstock.

 

sternchenland.com »Fünf Jahre lang habe ich Ihnen nun Geld gezahlt und Sie haben nichts dafür getan, Sie verfluchter Kerl! Und wenn ich Sie das erstemal brauche und nach Ihnen schicke, kommen Sie mir betrunken ins Haus! Nun sind Sie hoffentlich bei Verstand und etwas nüchterner! Und wenn ich Sie durch Schmerzen noch etwas nüchterner machen kann, dann werde ich Ihnen soviel davon geben, daß Sie bis an Ihr Lebensende daran denken sollen!«

 

Er schaute in das entsetzte Gesicht des andern und drückte die Daumen auf die Augen des Mannes. Smith wehrte sich und griff nach dem Arm, der ihn hielt. Aber Bellamy ließ ihn plötzlich wieder los.

 

»Setzen Sie sich dorthin!«

 

Smith flog krachend in den schweren Stuhl.

 

»Nun hören Sie zu! Ich habe Arbeit für Sie. Sie haben mir neulich geschrieben, daß Ihnen dieses Land nicht mehr recht paßt und daß Sie nach Amerika gehen wollen. Das heißt also, daß die Polizei hinter Ihnen her ist, und ich will wetten, daß sie Sie auch kriegt. Es ist möglich, daß ich eine Aufgabe für Sie habe, die Sie über See bringt, und wenn Sie den Auftrag gut ausführen, dann haben Sie genug Geld für den Rest Ihres Lebens. Also wohlverstanden, es wäre möglich, ich bin noch nicht ganz sicher. Aber in den nächsten Tagen wird sich die Sache entscheiden. Sind Sie nun nüchtern?«

 

»Ja, Mr. Bellamy,« sagte Smith eingeschüchtert.

 

Abel Bellamy schaute auf ihn hinunter.

 

»Sie sind gerade der Richtige für diese Aufgabe. Sie sind häßlich genug, Sie sind eine giftige Schlange, Smith – aber im Augenblick brauche ich gerade so ein Vieh. Nun hören Sie zu.«

 

Bellamy ging zur Tür und schloß sie ab. Dann kam er zu Smith zurück, und sie sprachen eine ganze Stunde lang miteinander. sternchenland.com

 

Kapitel 14

 

14

 

Am nächsten Morgen wurde Julius von seinem Herrn etwas sonderbar begrüßt. Mr. Bellamy war in den frühen Stunden nie in guter Stimmung und ließ seine schlechte Laune aus, indem er über alles schimpfte.

 

sternchenland.com »Lassen Sie sich bloß nicht vor meinen Hunden sehen!« sagte Abel zu Savini. »Sie wären nur ein schmaler Bissen für Sie!«

 

Julius Interesse war erwacht, obgleich er sich nicht recht wohl dabei fühlte. In dem Schloß gab es keine Hunde, denn Bellamy liebte keine Tiere um sich. Aber sein Herr erklärte ihm die Suche bald.

 

»Ich habe zwei Polizeihunde gekauft, die von heute nacht an die Halle unten und den Korridor bewachen werden. Wenn Sie meinem Rat folgen, bleiben Sie morgen früh in Ihrem Zimmer, bis ich aufgestanden bin.«

 

Später bekam Julius die Hunde auch zu Gesicht – es waren unfreundliche, große, wolfsartige Tiere, die mit Ausnahme Bellamys niemand an sich herankommen ließen. Abel fürchtete sich nicht im geringsten, und die Hunde schienen ihn auch sofort als ihren Herrn anzuerkennen.

 

»Streicheln Sie die Tiere einmal,« sagte Abel. »Seien Sie doch nicht so ängstlich!«

 

Savini streckte nervös seine Hand nach dem Hund aus, der ihm am nächsten stand, aber er sprang sofort furchtsam beiseite, als der Hund Miene machte, nach seiner Hand zu schnappen.

 

»Sie sind feige, und er weiß, daß Sie sich fürchten. Komm her du!« Bellamy schnappte mit den Fingern. Der Hund kam zu ihm, wedelte mit dem Schweif, setzte sich und hob den klugen Kopf zu seinem Herrn.

 

»Der Mann, der sie mir verkaufte, erklärte, daß es mindestens einen Monat dauern würde, bevor sie mir gehorchen. Aber er hat unrecht. – Sagen Sie einmal, das Haus dort ist ja vermietet,« fuhr er fort, indem er plötzlich auf ein anderes Thema übersprang. »Wie heißt es doch?«

 

»Meinen Sie Lady’s Manor?« fragte Julius überrascht.

 

Bellamy nickte.

 

»Ich bin leider fünf Minuten zu spät gekommen beim sternchenland.com Agenten, ich erfuhr es, als ich heute morgen telephonierte. Wissen Sie etwas darüber?«

 

»Nein, das ist das erste, was ich davon höre. Wer ist denn der neue Mieter?«

 

Abel Bellamy schüttelte den Kopf.

 

»Ich weiß es nicht, kümmere mich auch nicht darum. Warum konnten die Leute nicht irgendwoanders hingehen?«

 

Später am Nachmittag begleitete ihn Julius, als er auf dem breiten, von Bäumen eingefaßten Weg einen Rundgang durch das Grundstück machte.

 

»Ich vermute, das ist das Haus,« sagte Bellamy und zeigte mit seinem Stock auf ein niedriges, massives, graues Gebäude, dessen Dach und Kamine über die hohe Mauer ragten, die seinen Park umgaben. »Ich habe das Haus früher einmal besichtigt, aber ich wollte es nicht kaufen. Sagen Sie, ist das eine Tür dort in der Mauer?«

 

»Es sieht so aus. Früher bestand wahrscheinlich eine Verbindung zwischen der Burg und Lady’s Manor. Es war ein Witwensitz.«

 

Es zeigte sich, daß es eine ganz altertümliche Tür war. Ihre dicken Eichenbohlen waren mit starken Eisenplatten beschlagen, aber sie schien seit vielen Jahren nicht mehr benutzt worden zu sein. Der Eisenbeschlag war verrostet, und die Tür war fast ganz mit Efeu überwachsen. Man hätte mindestens einen Tag arbeiten müssen, um den Eingang wieder freizulegen. Aber das beruhigte Bellamy nicht.

 

»Holen Sie einen Maurer vom Dorf und lassen Sie die Tür zumauern,« sagte er. »Ich wünsche nicht, daß fremde Leute in meinem Grundstück umherspionieren. Denken Sie daran, Savini!«

 

Julius machte sich eine Notiz, und noch am selben Nachmittag kamen zwei Leute aus dem Dorf, rissen die Efeuranken von der Tür, schnitten die Zweige und Sträucher ab und begannen die Türöffnung zuzumauern. Als Valerie Howett, sternchenland.com die einen Rundgang in dem verwilderten Garten ihres neuen Wohnsitzes machte, das Klopfen der Maurerkellen gegen die Steine hörte, vermutete sie, was auf der anderen Seite des verfallenen Tores vor sich ging.

 

Lady’s Manor hatte sie in vieler Hinsicht überrascht. Eine genaue Besichtigung hatte ergeben, daß das Innere nur wenig Reparaturen brauchte. Alle Räume waren mit schönen, alten Holzpaneelen überzogen, die Decken waren getäfelt, und das Holzwerk brauchte nur neu poliert zu werden. Nur an einem der schön eingelegten Parkettböden war eine größere Ausbesserung nötig. Zu ihrer größten Freude stellte Valerie fest, daß man die neue Wohnung gleich beziehen konnte, und sie faßte auch den Entschluß, den Umzug sofort zu bewerkstelligen.

 

Der gutmütige Mr. Howett gab seine Einwilligung, und noch bevor die Handwerker das Haus verlassen hatten, fuhren große Möbelwagen in langer Reihe durch die ruhigen Straßen von Berkshire und bogen in die Torfahrt von Lady’s Manor ein.

 

Eines Morgens sah Abel Bellamy von dem Fenster seines Schlafzimmers aus, daß über den Bäumen des Parks aus der Richtung von Lady’s Manor Rauch aufstieg. Er schimpfte und fluchte. In den letzten Tagen stand er früher auf, weil seine Diener die oberen Räume nicht mehr betraten, bis die Polizeihunde an die Kette gelegt waren. Diese neuen Wächter trieben sich in der ganzen Burg herum, und Julius hörte nachts öfter ihre leisen Tritte auf den fliesenbelegten Korridoren und zitterte vor Furcht. Die Anwesenheit der Tiere hatte auch einen gewissen Erfolg, denn seitdem sie die Burg bewachten, war nichts mehr vom Grünen Bogenschützen zu sehen.

 

Mr. Bellamy fiel eine Überschrift im »Daily Globe« auf:

»Polizeihunde bewachen den Millionär aus Chicago vor dem gespenstigen Bogenschützen.«

sternchenland.com Er brummte ärgerlich vor sich hin, aber er hatte sich schließlich damit abgefunden, in der Öffentlichkeit bekannt zu sein. Er hatte eine Abneigung gegen Spike Holland, aber er unternahm doch nichts, um sich an ihm zu rächen, obwohl er in den vergangenen Tagen Zeitungsleuten schon aus geringeren Anlässen übel mitgespielt hatte. Obendrein hatte Spike Holland noch die Kühnheit, sich an dem Tage nach seiner Rückkehr von Belgien beim Pförtner von Gurre Castle zu melden und Einlaß zu verlangen.

 

»Sagen Sie ihm,« fuhr Bellamy am Telephon erregt auf, »daß ich die Hunde auf ihn hetzen werde, wenn er der Burg irgendwie zu nahe kommt!«

 

»Er möchte Ihnen eine Mitteilung über Creager machen, der neulich ermordet wurde.«

 

»Ich brauche keine Mitteilungen!« brüllte Bellamy und hängte wütend den Hörer an.

 

Kurz darauf machte er wieder eine seiner ruhelosen Wanderungen durch den Park. Plötzlich stand er wie vom Blitz getroffen still. Zorn und Verwunderung packten ihn, denn der rothaarige Reporter spazierte seelenruhig über den Rasen. Er hatte eine Zigarre im Munde und die Hände in den Hosentaschen. Gelassen nahm er eine Hand aus der Tasche und grüßte wohlwollend zu dem bestürzten Bellamy hinüber.

 

»Wie sind Sie denn hier hereingekommen?«

 

»Über die Mauer,« erwiderte Spike strahlend.

 

Bellamys Gesicht wurde noch eine Schattierung dunkler.

 

»Dann machen Sie sofort, daß Sie wieder über die Mauer hinüberkommen,« sagte er barsch. »Sie haben kein Recht, sich hier aufzuhalten! Sie Strolch! – Vorwärts marsch!«

 

»Sehen Sie einmal, Mr. Bellamy, es hat gar keinen Zweck, hier einen großen Spektakel zu machen. Ich bin nun einmal hier, und Sie können mich doch erst einmal anhören.«

 

sternchenland.com »Ich will nichts hören – machen Sie, daß Sie fortkommen!«

 

Bellamy ging auf den Reporter zu, der nicht den geringsten Zweifel über seine Absichten hatte.

 

»Ich glaube, es ist aber besser, daß Sie mir mal zuhören,« sagte Spike ruhig und wich keinen Zoll zurück. »Die Polizei hat nämlich die Kopie eines Briefes gefunden, den Creager über einen gewissen Mann namens Z. an Sie schrieb, und man ist nun sehr begierig, das Jahr festzustellen, in dem der Brief geschrieben wurde und wer dieser Mr. Z. ist.«

 

Plötzlich änderte sich Bellamys Benehmen.

 

»Ein Brief, der an mich geschrieben sein soll,« fragte er ungläubig. »Hat denn dieser Esel – hat denn der Abschriften von seinen Briefen gemacht?«

 

Spike nickte.

 

»Man fand über hundert Abschriften von Briefen in seinem Schreibtisch. Ich vermute, daß er das immer so gehalten hat.«

 

Abel Bellamy dachte einen Augenblick nach, dann sagte er plötzlich:

 

»Kommen Sie mit mir ins Haus.«

 

Spike folgte ihm triumphierend und hoch erhobenen Hauptes.

 

Kapitel 15

 

15

 

»Nun erzählen Sie mir einmal alles, was mit der Sache zusammenhängt. Woher wissen Sie denn überhaupt etwas von dem Brief?«

 

»Ich war gerade dabei, als er gefunden wurde. Die Polizei hätte ihn tatsächlich achtlos beiseite gelegt, wenn ich nicht darauf aufmerksam gemacht hätte.«

 

»So, die hätten das übersehen?« fragte der Alte grimmig.

 

»Ja, aber ich entdeckte das Schreiben und machte eine Abschrift, sternchenland.com bevor der Polizeiinspektor feststellte, daß es ein wichtiges Schriftstück war.«

 

Spike nahm ein Notizbuch aus der Tasche, zog einen Bogen Papier heraus, faltete ihn auseinander und legte ihn auf den Tisch.

 

»Ich will es Ihnen vorlesen,« sagte er dann. »Der Brief trägt kein Datum, und diese Tatsache gab der Polizei zu denken.«

»Mr. Abel Bellamy.

Betrifft Mr. Z. Er befindet sich unter den Gefangenen, die ich zu versorgen habe und ist ein etwas hitziger Bursche. Ich glaube, daß ich das ausführen kann, was Sie mir bei unserem letzten Zusammensein sagten, aber Sie müssen mich gut bezahlen, denn ich kann dabei meine Stellung verlieren, besonders wenn die Sache schief geht und ein anderer Wärter mich sehen würde. Auch kann das sehr unangenehm für mich werden und es ist auch möglich, daß ich mich dabei schwer verletzte. Deshalb muß ich wissen, was dabei für mich herauskommt. Ich mag Z. nicht leiden, er ist mir zu schlau und zu geschwätzig, und ich hatte auch schon in letzter Zeit gewisse Unannehmlichkeiten mit ihm. Wenn Sie sich weiter mit der Sache befassen wollen, können Sie mich dann morgen sprechen? Ich gehe auf Urlaub und werde bei meinen Verwandten in Henley wohnen. Wenn es Ihnen paßt, können Sie mich dort sprechen.

(gez.) J. Creager.«

Abel Bellamy las den Brief zweimal, faltete ihn dann wieder und gab ihn zurück.

 

»Ich kann mich nicht darauf besinnen, ihn bekommen zu haben. Ich weiß nicht, wer dieser Z. sein sollte. Ich habe Creager nur für Dienste Geld gezahlt, die er mir persönlich erwies.«

 

Sein Ton war äußerst höflich und milde, obwohl Spike sah, daß er sich nur mit größter Mühe beherrschen konnte.

 

sternchenland.com »Aber er hat Ihnen doch in Henley das Leben gerettet?« fragte Spike hartnäckig. »Es ist doch merkwürdig, daß er vorher schon mit Ihnen ausgemacht hat, Sie dort zu treffen. Hat er vielleicht auch schon gewußt, daß Sie dort in den Fluß fallen würden?«

 

»Ich verbitte mir Ihre Unverschämtheiten, Holland,« fuhr Bellamy plötzlich auf. »Sie haben jetzt alles von mir gehört, was ich Ihnen sagen kann. Was diesen Brief betrifft, so ist es noch gar nicht ausgemacht, daß er überhaupt an mich geschickt wurde. Möglicherweise ist es eine Fälschung von Ihnen, die Sie zwischen die anderen Papiere gelegt haben. Was hatten Sie denn eigentlich bei der polizeilichen Untersuchung von Creagers Haus zu tun?«

 

Spike legte den Brief in sein Notizbuch zurück.

 

»Was ich dort tat?« wiederholte er. »Nun, ich war eben zufällig dort. Haben Sie mir weiter nichts zu diesem Brief zu sagen, Mr. Bellamy?«

 

»Nichts weiter. Ich habe ihn niemals bekommen, ich weiß überhaupt nichts von dem Menschen, der darin erwähnt ist. Ich wußte nicht einmal, daß Creager ein Gefängniswärter war, bis ich es im ›Globe‹ las, der jetzt mein Leib- und Magenblatt geworden ist,« fügte er sarkastisch hinzu. Spike grinste.

 

»So, der Punkt wäre besprochen,« sagte er. »Haben Sie neue Nachrichten von Ihrem Geist?«

 

»Na, Sie erfahren doch so etwas immer früher als ich,« antwortete Abel. »Alles, was ich von diesem verdammten Grünen Bogenschützen weiß, habe ich doch im ›Globe‹ gelesen. Ich muß sagen, sehr gute Zeitung, ausgezeichnete Informationen. Ich würde eher auf mein Frühstück verzichten als auf die Lektüre des ›Daily Globe‹!«

 

»Sagen Sie einmal,« meinte Spike seelenruhig, »Sie werden doch nichts dagegen haben, wenn ich mir die Burg einmal ansehe?«

 

sternchenland.com »Da sind Sie aber sehr auf dem Holzweg, Sie können über die Mauer schauen, über die Sie gekommen sind, und je schneller Sie das machen, desto besser.«

 

Um ganz sicher zu sein, daß sein unwillkommener Besuch sich auch wirklich entfernte, begleitete er ihn nach dem Pförtnerhaus. Der Pförtner machte ein dummes Gesicht, als er Spike sah.

 

»Diese Mauern sind nicht hoch genug, Gavini,« sagte der Alte später, als Spike gegangen war. »Telephonieren Sie, daß jemand aus Guildford kommen und Stacheldraht oben auf der Mauer befestigen soll. Und dann, Savini –«

 

Julius drehte sich an der Tür wieder um.

 

»Ich habe es Ihnen noch nicht gesagt, aber ich glaube, es wird Ihnen viel Mühe ersparen, wenn ich Ihnen jetzt mitteile, daß eine meiner Ledermappen, in der ich einige meiner Photographien aufbewahre, nicht mehr länger in der Schublade meines Schreibtisches liegt, weil ich sie in meinem Geldschrank eingeschlossen habe. Wenn Sie sie wieder ansehen wollen, kommen Sie doch zu mir und bitten mich, sie für Sie herauszunehmen!«

 

Julius erwiderte nichts, und er wäre auch nicht imstande gewesen, eine passende Antwort zu geben, selbst wenn ihm der Alte Gelegenheit dazu gegeben hätte.

 

Bevor Abel Bellamy seine Wohnung in Garre Castle genommen hatte, war die Burg in weitestem Maße renoviert worden. Zahlreiche Handwerker hatten unter seiner persönlichen Leitung fast einen ganzen Monat gearbeitet, um die Änderungen nach seinen Plänen auszuführen. Er war sein eigener Architekt und sein eigener Polier. Er hatte eine neue Wasserleitung, eine elektrische Beleuchtungsanlage und eine Gasheizung anlegen lassen. Mit Ausnahme der Bibliothek befand sich fast in jedem Raum ein Gasofen oder ein Gaskamin, auch hatte er einen großen Gasherd in die Küche einbauen lassen.

 

sternchenland.com Der Gasverbrauch war an dem Tag, an dem Spike der Burg seinen unerlaubten Besuch abstattete, die Ursache beträchtlicher Sorge in dem Gemüt des Hausmeisters Wilks. Die Haushaltrechnungen gingen direkt an Bellamy, aber durch einen Zufall war die Gasrechnung für das Sommervierteljahr bei Wilks abgegeben worden, und er hatte lange darüber nachgedacht, bevor er deshalb mit seinem Herrn sprach.

 

»Was wollen Sie denn?« fragte Abel, der seinen Angestellten von unten her ansah.

 

»Die Gasrechnung ist nicht richtig, sie haben uns zuviel angerechnet,« sagte Wilks, der froh war, daß er den Herrn von Garre einmal persönlich sprechen und ihm eine Mitteilung machen konnte, die ihm sicher willkommen war.

 

»Falsch? Was stimmt denn nicht daran?«

 

»Sie haben uns eine zu große Rechnung für einen der heißesten Monate im Jahr geschickt, wo der Gasherd in der Küche nicht in Ordnung war und wir Kohlen in der Küche brennen mußten.«

 

Bellamy riß dem Mann die Rechnung aus der Hand, ohne darauf zu sehen.

 

»Kümmern Sie sich nicht darum!«

 

»Aber es ist doch ganz unmöglich, daß wir auch nur tausend Kubikfuß Gas gebraucht haben, und Sie haben uns –«

 

»Das geht Sie nichts an!« donnerte Bellamy. »Und öffnen Sie die Briefe mit den Rechnungen nicht, das ist nicht Ihr Amt!«

 

Das schlug dem Faß den Boden aus. Mr. Witts hatte ein gutes Gehalt, aber er hatte auch viel unter der schlechten Behandlung des ungebildeten Bellamy zu leiden, und seine Geduld war jetzt zu Ende.

 

»Ich lasse nicht so mit mir reden, Mr. Bellamy,« entgegnete er. »Bitte zahlen Sie mir meinen Lohn aus und lassen Sie mich gehen. Ich bin nicht gewöhnt, daß man –«

 

sternchenland.com »Halten Sie keine großen Reden und machen Sie, daß Sie fortkommen!« Bellamy zog eine größere Banknote aus der Tasche und warf sie auf den Tisch.

 

»Hier ist Ihr Geld – in einer halben Stunde haben Sie das Haus verlassen!«

 

Spike war gerade dabei, ein bescheidenes Frühstück in dem einzigen Gasthaus des Dorfes einzunehmen, als er diese überwältigende Neuigkeit erfuhr. Die Entlassung des Hausmeisters war im Dorf Garre ein großes Ereignis von weltbewegender Bedeutung. Man wußte, daß die Beziehungen zwischen Abel Bellamy und seinem Angestellten etwas gespannt waren, und als Mr. Wilks auf der Dorfstraße erschien, hielt man ihn alle Augenblicke an, um ihm die Teilnahme auszudrücken, angefangen von dem Ortsarzt bis zu einem der Dienstboten, der aus Furcht vor dem Grünen Bogenschützen die Burg verlassen hatte.

 

Spike ließ sein Frühstück im Stich und ging hinaus, um den in seiner Ehre gekränkten Mann zu sprechen.

 

»Es ist ganz unmöglich, es länger mit diesem Menschen auszuhalten,« erklärte Wilks, zitternd vor Wut. »Ganz unmöglich, mein Herr. Das ist überhaupt kein Mensch, er ist ein Schwein! Und was nun gar seine Geisterseherei in letzter Zeit angeht –«

 

»Haben Sie den Geist gesehen?«

 

»Nein, mein Herr, ich kann Sie doch nicht anlügen. Ich habe überhaupt keine Gespenster in der Burg gesehen, und meiner Meinung nach ist der Geist eine Erfindung von Mr. Bellamy, weil er irgendeine böse Sache damit bezweckt. Wenn ich ihn ein Schwein nenne, so spreche ich als ein Mann, der in den besten Familien des Landes gedient hat. Dieser Mensch hat überhaupt keine Lebensart, er besitzt einen der schönsten Speisesäle im ganzen Land und ißt ganz schweinemäßig in seiner Bibliothek. Ein anständiger Herr würde so etwas nie tun – und dann die Mengen, die er vertilgt, sternchenland.com man kann drei gewöhnliche Leute davon satt machen. Zum Frühstück trinkt er über einen halben Liter Milch und ißt ein halbes Dutzend Eier.« Und er zählte alles auf, was Mr. Bellamy in seinem gesegneten Appetit verspeiste.

 

Sein Bericht ließ Mr. Bellamy in einem ganz neuen Licht erscheinen. Bis jetzt hatte Spike noch nicht daran gedacht, daß er aß oder trank oder den Appetit eines anderen Menschen hätte.

 

»Was hatten Sie denn für einen Streit, daß Sie den Dienst verließen?« fragte Spike. Der Hausmeister erzählte ihm alles.

 

»Während der Sommermonate war überhaupt kein Gas gebraucht worden, und die Gasgesellschaft schickte eine Rechnung über fünfundzwanzigtausend Kubikfuß. Es war doch wirklich in seinem eigenen Interesse, daß ich ihn darauf aufmerksam machte. Statt mir aber wie ein anständiger Mensch dankbar zu sein, fuhr er mich an wie einen tollen Hund, und diese Behandlung ließ ich mir natürlich nicht gefallen, Mr. Holland.«

 

Spike lauschte den Klagen des Hausmeisters aufmerksam, aber er legte der Frage der zu hohen Gasrechnung keinen großen Wert bei. Geschickt lenkte er die Unterhaltung wieder auf das nächtliche Gespenst, das in der Burg umging. Aber er konnte nichts Neues herausbringen. Daß in letzter Zeit die beiden Hunde Wacht hielten, wußte er schon und hatte auch einen längeren Bericht darüber in seiner Zeitung erscheinen lassen.

 

Trotzdem machte er aus der Erzählung des Mr. Wilks einen neuen Artikel, der unter der Überschrift erscheinen sollte:

»Mein Leben in der verhexten Burg.«

Spike kehrte zur Stadt zurück und faßte den Entschluß, nach Scotland Yard zu gehen. Jim Featherstone war in seinem Bureau, und Spike wurde sogleich zu ihm geführt, als er sich melden ließ.

 

»Nun, Holland, was bringen Sie Neues?«

 

sternchenland.com Er reichte Spike die Zigarrenkiste quer über den Tisch, und dieser wählte mit der größten Sorgfalt.

 

»In Garre Castle hat es Streit gegeben,« sagte er. »Der vornehme Besitzer hat seinen Hausmeister hinausgeworfen, weil dieser sich die Gasrechnung angesehen hat. Wenn das vierhundert Jahre früher passiert wäre, hätte man dem armen Wilks ein Hanfseil ums Genick gelegt, und er könnte dann auch unter den Gespenstern erscheinen, die in der Geisterstunde auf Bellamys hinterem Hof miteinander Würfel spielen.«

 

»Erzählen Sie das alles noch einmal, aber bitte etwas langsamer,« sagte Jim. »Ich bin heute morgen nicht ganz auf der Höhe. Zunächst einmal, was war denn mit der Gasrechnung nicht in Ordnung?«

 

Spike teilte ihm alles mit, und zu seinem größten Erstaunen fragte Jim immer nach neuen Einzelheiten. Er stellte soviel Kreuz- und Querfragen, daß Spike schließlich der Schädel brummte.

 

»Was haben Sie denn bloß mit dem Gas?« fragte er schließlich. »Sie vermuten wohl, daß Abel eine heimliche Whisky-Brennerei betreibt?«

 

»Die Gasrechnung ist das Wichtigste, was wir überhaupt von Garre Castle erfahren haben,« sagte Jim ruhig. »Ich bin Ihnen für diese Mitteilung sehr dankbar, Holland. Nebenbei bemerkt gehe ich für ein bis zwei Wochen auf eine längere Reise und werde Sie deshalb in nächster Zeit nicht sehen. Aber wenn Sie irgendwelche neue Nachrichten erhalten, wäre ich Ihnen sehr dankbar, wenn Sie sie meinem Assistenten hier mitteilen würden. Ich werde Sie ihm vorstellen.«

 

Eine halbe Stunde später kam Spike zu seinem Redakteur.

 

»Mr. Syme, ich bin jetzt vollkommen davon überzeugt, daß die Aufklärung des Mordes an Creager in Garre Castle gefunden werden wird. Der Alte hat seinen Hausmeister sternchenland.com hinausgeworfen, und es wäre das Beste, wenn wir einen von unseren Leuten auf den Posten schieben könnten. Ich würde am liebsten selbst als Hausmeister dorthin gingen, aber ich habe noch niemals in einer solchen Stelle gedient, und Bellamy würde mich an meinen roten Haaren sofort wiedererkennen. Könnten wir nicht Mason oder irgendeinen anderen hinschicken? Wir könnten es doch so arrangieren, daß er von einer Dienstbotenagentur aus angeboten wird.«

 

»Das ist eine gute Idee,« sagte der Redakteur.

 

Aber dieser Gedanke war auch noch zwei anderen Leuten gekommen und zwar ebenso plötzlich.

 

Kapitel 16

 

16

 

»Vorsätzlicher Mord. Die Anklage richtet sich gegen eine oder mehrere unbekannte Personen.«

 

Bellamy las den Bericht über die Leichenschau Creagers, ohne sich im mindesten darüber aufzuregen. Für ihn bedeutete dieses Ereignis weiter nichts, als daß er die Summe von jährlich 480 Pfund, die er schon so lange gezahlt hatte, in Zukunft sparen würde. Es war ihm unangenehm und peinlich gewesen, alle die unzähligen Fragen zu beantworten, die die Polizei über seine Beziehungen zu dem Toten an ihn gerichtet hatte, aber das hatte er ja nun glücklich alles hinter sich.

 

Merkwürdig war nur, daß die sonderbaren Umstände von Creagers Tod ihn nicht im mindesten nachdenklich stimmten. Auch brachte er den Vorfall in keine Beziehung zum Grünen Bogenschützen. Er hatte von vornherein ein großes Mißtrauen und Vorurteil gegen Zeitungen, und als er damals gelesen hatte, daß man das Auftreten des Grünen Bogenschützen mit dem Mord an Creager in Zusammenhang brachte, hielt er das Ganze nur für eine verrückte Erfindung dieser Zeitungsleute. Seiner Meinung nach war der Mann von irgendeinem alten Verbrecher ermordet worden, der ihn sternchenland.com haßte. Und wenn er tatsächlich durch einen Pfeil getötet worden war, dann hatte der Mörder seinen Plan eben aus diesen verrückten Zeitungsartikeln geschöpft.

 

In der letzten Zeit war ihm etwas aufgefallen, was aber nichts mit dem Mord zu tun hatte. Es war die düstere Stimmung seines Privatsekretärs. Irrtümlicherweise nahm er als Grund dafür die Enthüllungen, die er ihm gemacht hatte, daß er seine Vergangenheit kannte. Diese Überzeugung befriedigte ihn so, daß er beschloß, ihn länger in seinen Diensten zu halten.

 

Die Anwesenheit der neuen Mieter von Lady’s Manor war ihm in mancher Beziehung unangenehm. Sie schienen in gewisser Weise in seine unumschränkte Gewalt einzudringen, aber er sprach sich nicht bestimmt darüber aus. Er wußte nicht, wer sie waren und kümmerte sich auch nicht darum. Außer mit Julius besprach er niemals äußere Dinge. Seine anderen Dienstboten richteten niemals das Wort an ihn, es sei denn, daß er sie anredete, und das tat er niemals. Das Einzige, was sie von ihm hörten, waren Vorwürfe.

 

Einige Tage nach der Entlassung Wilks hatte er Grund, den neuen Hausmeister anzufahren.

 

»Junger Mann, ich möchte Ihnen das ein für allemal sagen. Ich wünsche nicht, daß Sie irgendeinen Raum betreten, in dem ich bin, wenn ich nicht nach Ihnen schicke oder Sie rufe. Sie haben gestern abend an die Tür meiner Bibliothek geklopft, obwohl Mr. Savini Ihnen sagte, daß ich nicht gestört sein wollte.«

 

»Ich bitte um Entschuldigung, mein Herr,« sagte der Hausmeister höflich, »die Gewohnheiten in diesem Schloß sind mir noch fremd, aber ich werde es in Zukunft unterlassen – Sie sollen sich nicht über mich beklagen.«

 

Die Ankunft des neuen Hausmeisters schien die Depression, die auf Julius Savini lastete, noch zu verschlimmern. Auf jeden Fall war eine bemerkenswerte Änderung in dem Betragen sternchenland.com des Sekretärs wahrzunehmen, seitdem der neue Mann seinen Dienst angetreten hatte. Er sprach nicht mehr so viel und war weniger mitteilsam. Als Abel durch den Park ging, fand er ihn dort eines Nachmittags in einer ziemlich verzweifelten Stimmung.

 

»Was ist denn mit Ihnen los?« fuhr er ihn an. »Wenn jemand hier Grund hat, ärgerlich zu sein, so bin ich es! Nehmen Sie sich doch zusammen und laufen Sie nicht mit einem solchen Gesicht herum! Was ist denn eigentlich mit Ihnen los? Hat die Polizei Ihre Schandtaten entdeckt und ist hinter Ihnen her?«

 

»Ich fühle mich nicht wohl.«

 

»Dann suchen Sie sich eine andere Stelle,« brummte der Alte, »ich habe hier kein Sanatorium.«

 

Diese Ermahnung hatte den Erfolg, daß Savini sich plötzlich sehr beweglich und liebenswürdig zeigte. Aber Bellamy schimpfte nun erst recht über ihn.

 

Seit dem letzten Erscheinen des Grünen Bogenschützen waren mehr als zwei Wochen vergangen, und Bellamy erklärte sich diese Tatsache durch die Anwesenheit der Hunde.

 

»Es muß doch irgend etwas an einem Polizeihund sein, das ein Geist nicht vertragen kann,« sagte er, »oder umgekehrt hat ein Geist irgend etwas an sich, das einen Polizeihund ärgert.«

 

In der folgenden Nacht wachte er plötzlich von dem Knurren eines Hundes auf. Sofort sprang er aus dem Bett und eilte auf den Gang hinaus. Alle Lampen brannten, wie er es angeordnet halte, und einer der Hunde stand in Anschlag mitten im Korridor und witterte nach der Treppe zu, die zu der Halle nach unten führte.

 

Bellamy pfiff, der Hund drehte sich um und kam langsam auf ihn zu, hielt aber manchmal an und sah sich nach der Treppe um. Gleich darauf kam auch der andere die Treppe heraufgesprungen.

 

»Nun, was ist denn mit euch los?«

 

sternchenland.com Abel ging in sein Zimmer zurück, zog seinen Morgenrock an und steckte den Revolver in die Tasche. Darauf stieg er, von beiden Hunden gefolgt, die Treppe hinunter zu der Halle. Er konnte nichts Verdächtiges entdecken. Er schloß die Bibliothek auf, ging hinein, drehte das Licht an und durchsuchte den Raum, ohne irgend etwas zu finden. Die große schwere Haustür war auch verschlossen und wohl verriegelt.

 

Beruhigt ging er nach oben und legte sich nieder. Aber kaum war er wieder in einen leichten Schlaf gefallen, als er von neuem das Bellen der Hunde hörte. Diesmal schlugen beide Tiere an. Er fand sie, wo er sie das erstemal gesehen halte. Sie standen der Haupttreppe zugekehrt und knurrten. Auf seinen Pfiff hin sah sich nur einer von ihnen um, rührte sich aber nicht von der Stelle. Erst als er sie scharf anrief, kamen sie zu ihm.

 

»Was habt ihr denn nun schon wieder?«

 

Ein Bellen war die Antwort.

 

Plötzlich sprangen sie beide davon, als ob sie etwas gehört hätten, und fegten wie der Wind den Gang entlang. Abel eilte hinterher.

 

Als er die Treppe hinunterkam, sah er, wie sie unten in der Halle den Flur beschnüffelten. Er drehte alle Lichter an und untersuchte den Raum eingehend, konnte aber wieder nichts finden.

 

»Ihr scheint heute nacht etwas verrückt zu sein,« brummte er.

 

Es fiel ihm auf, daß die Tiere unruhig waren. Aber es war ja möglich, daß auch sie ihre besonderen Eigentümlichkeiten hatten, dachte er und legte sich wieder zu Bett. Als er am Einschlafen war, hörte er sie wieder bellen, aber er nahm keine weitere Notiz davon und drehte sich nach der anderen Seite um. Bald war er fest eingeschlafen.

 

Es war fünf Uhr, als er aufwachte, und es war noch dunkel. Er stand auf und zog seinen Schlafrock an, bevor er das Licht andrehte. Aber dann wurden seine Augen groß. Die sternchenland.com beiden Türen standen weit offen, obwohl er bestimmt wußte, daß er sie fest verschlossen und gesichert hatte, als er das letztenmal zu Bett ging. Was war denn mit den Hunden los?

 

Er ging in den Korridor, um nach ihnen zu sehen und glaubte zuerst, daß sie tot seien, weil sie hintereinander mit ausgestreckten Beinen an der Wand lagen. Er ging hin und schüttelte den einen. Der Hund öffnete langsam die Augen, sah ihn einige Sekunden schläfrig an und schloß sie dann wieder.

 

»Sie sind betäubt worden,« sagte Bellamy. »Also war gestern abend doch jemand hier, der sich die ganze Zeit verborgen hielt. Aber das mußte ein Mensch gewesen sein. Der Grüne Bogenschütze war also Fleisch und Blut –« Bellamy hatte auch nichts anderes erwartet.

 

Mit der Zeit kamen die Hunde wieder zu sich und benahmen sich so, als ob nichts geschehen wäre. Er brachte sie selbst zu dem Hundekäfig hinunter.

 

Warum war der Grüne Bogenschütze gekommen, was beabsichtigte er? Sicherlich wollte er nicht nur zeigen, daß er sich zu jeder beliebigen Zeit Zutritt zu dem verschlossenen Raum verschaffen konnte. Es war doch immerhin mit einer gewissen Gefahr verbunden, die Hunde zu betäuben. Was mochte er gesucht haben? In seinem Schlafzimmer bewahrte er wenig wertvolle Gegenstände auf, und diese waren vollständig unberührt geblieben. Also wollte er sicherlich nichts stehlen. Und doch war es Bellamy klar, daß der Grüne sich keinen Spaß erlaubte, sondern eine sehr ernste Absicht mit seinem Besuch verfolgte.

 

Plötzlich kam ihm die Erklärung. Der Grüne Bogenschütze suchte den Schlüssel – den Schlüssel, den er bei Tag bei sich trug und nachts unter sein Kissen legte. Er trug ihn in seiner Tasche an einer langen Stahlkette, und wenn er morgens zum Bad ging, hing er sich den Schlüssel mit der Kette um den Hals.

 

sternchenland.com Er sah etwas sonderbar aus, war lang, schmal und dünn. – Der Schlüssel! Das war die Erklärung! Und wenn diese richtig war, dann kannte der Grüne Bogenschütze auch das Geheimnis von Garre Castle! Er eilte zur Bibliothek und warf die Tür krachend hinter sich zu. Savini hörte es im Halbschlaf und träumte, daß sich der alte Bellamy erschossen hätte. Er lächelte beseligt.

 

Kapitel 17

 

17

 

Als Julius Savini die Dorfstraße zur Post hinunterging, sah er eine ihm bekannte Gestalt auf dem Bürgersteig. Er war wenig erfreut darüber, und wenn er in eine Seitenstraße hätte entweichen können, hätte er es sicher getan. Aber er mußte an dem jungen, frischen, fröhlichen, rothaarigen jungen Mann vorbei, der seine Morgenzigarre rauchte und wohlgefällig in die Welt schaute; als ob sie sein Eigentum sei. Spike winkte und Savini kam auf ihn zu.

 

»Ich habe furchtbare –« begann er.

 

»Sie haben immer furchtbare Eile, das weiß ich. Und Sie wünschen nicht, daß der Alte sieht, daß Sie mit mir sprechen, sonst verlieren Sie Ihre Stelle, das weiß ich auch alles ganz genau. Sagen Sie einmal, Julius, wir müßten eigentlich besser miteinander bekannt werden. Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen, daß ich Sie mit Ihrem Vornamen anrede. Das tue ich nur bei ganz bevorzugten Leuten … Nein, nein, ich mache keinen Spaß. Meinen ersten Jungen werde ich auch Julius nennen. Nun hören Sie mal zu, ich möchte Sie etwas fragen. Kennen Sie Featherstone von Scotland Yard?«

 

Savini nickte.

 

»Ja, ich kenne ihn,« sagte er kurz. »Er ist doch der Herr, der so viel bei den Howetts verkehrt. Warum suchen Sie denn nicht Mr. Howett auf? Er wohnt doch jetzt in Lady’s sternchenland.com Manor und kann Ihnen über Featherstone genügend Aufklärung geben.«

 

»Ich war schon bei ihm,« erwiderte Spike. »Also Sie kennen Featherstone?«

 

»Das habe ich Ihnen doch schon gesagt,« entgegnete Julius ungeduldig. »Nun muß ich aber wirklich fort, Holland.«

 

»Kennen Sie mich doch Spike, ich möchte wirklich, daß wir gute Freunde werden. Was haben Sie eigentlich für einen neuen Hausmeister?« fragte er obenhin.

 

Julius zuckte die Schultern.

 

»Er ist ein ganz brauchbarer, tüchtiger Mann. Er wurde uns von einem Londoner Bureau zugeschickt.«

 

»Ein tüchtiger Hausmeister? Das klingt ja ganz nüchtern,« sagte Spike und sah den anderen scharf an. »Kommt er denn auch mal ins Dorf herunter?«

 

»Ich glaube schon.«

 

»Ist es jemand, den Sie schon von früher her kennen?«

 

»Warum fragen Sie mich denn nun dauernd über den Hausmeister aus?« entgegnete Julius ärgerlich. »Ist er etwa ein Freund von Ihnen?«

 

»Wozu laufen Sie nun schon wieder so eifrig davon?« sagte Spike und hielt Savini am Arm fest, als er entschlüpfen wollte. »Sagen Sie mal, gibt es etwas Neues? Was macht der Grüne Bogenschütze? Ist er noch immer in Ferien?«

 

»Nein, er war wieder da,« fuhr Julius heraus. »Er hat in der letzten Nacht die Hunde betäubt. Ich bin gerade auf dem Weg zur Post, um ein Telegramm abzuschicken, damit noch zwei neue Hunde kommen sollen. Der Alte denkt nämlich, daß der Bogenschütze nicht imstande ist, vier Hunde zu betäuben.«

 

Jetzt glückte es Savini, sich loszumachen, er lief, so schnell er konnte, davon und bemühte sich, eine möglichst große Strecke zwischen sich und den neugierigen Spike zu bringen. sternchenland.com Holland hatte an dem Morgen einen Brief aus Belgien bekommen. John Wood hatte die Absicht, am Ende der Woche wiederzukommen und lud Spike ein, mit ihm zu essen. Der eine Teil des Briefes interessierte ihn sehr.

»Ich bin Ihnen sehr dankbar, daß Sie mir einen so langen Bericht über Bellamy und die außerordentlichen Vorgänge in seiner Burg eingeschickt haben. Seit dieser Zeit halte ich Ihre Zeitung und verfolge Ihre Artikel über den Grünen Bogenschützen. Ihre Ausführungen sind sehr bemerkenswert. In Ihrem Begleitbrief sprachen Sie noch die Vermutung aus, daß Abel Bellamy durch die dauernde Beunruhigung des Grünen Bogenschützen zusammenbrechen wird. Aber wie ich Ihnen schon früher sagte, irren Sie sich in diesem Punkt. Nichts in der Welt kann diesen teuflischen Menschen in Furcht setzen. Auch glaube ich nicht, daß Abel Bellamy von seiner Hand getötet werden wird wie Creager. Meiner Meinung nach hängt Bellamys Schicksal von den Entdeckungen ab, die der Unbekannte in dem Schloß macht, in dem er umgeht.«

Der Brief handelte dann weiter von Woods großem Plan und den Fortschritten, die er bei dessen Durchführung gemacht hatte. Es war ihm gelungen, eine Anzahl reicher Amerikaner und Engländer für sich zu interessieren, und er hatte einen größeren Erfolg, als er jemals hoffen durfte. Spike las aber diesen Teil des Briefes nicht sorgfältig durch, denn im Moment war er gerade nicht leidenschaftlich an Wohlfahrtseinrichtungen für kleine Kinder interessiert, um so mehr aber an Abel Bellamy. Er konnte sich nicht genügend Wundern über den großen Unterschied in dem Charakter dieser beiden Männer. Der eine war ein brutaler Riese, der wie ein Menschenfresser in den Märchen in seiner Festung saß und von dem nur Unglück und Haß ausgingen, während der andere, durch eine zarte und mitleidvolle Seele getrieben, sein ganzes Lebenswerk der Nächstenliebe widmete.

 

sternchenland.com Holland hatte eine Einladung zu Tisch bei den Howetts erhalten und wanderte nun die hübsche Allee hinauf, die an den hohen Mauern der Burg entlangführte. Plötzlich kamen die Kamine von Lady’s Manor in Sicht, die noch aus der Zeit der Königin Elisabeth stammten.

 

Spike hatte sich schon früher um alte Bauten gekümmert, und wie die meisten Amerikaner wußte er besser mit der Baugeschichte Englands Bescheid als die Engländer selbst, die diese Schönheiten jeden Tag sehen. Lady’s Manor war im fünfzehnten Jahrhundert für Isabel d’Isle erbaut worden, die einer der de Curcys liebte. Es war teilweise zur Zeit der Königin Elisabeth durch Feuer zerstört, aber sofort wieder aufgebaut worden.

 

Der Tag war schön und für diese Zeit des Jahres warm. Als er in den Garten eintrat, fand er Valerie Howett dort, die das Einpflanzen von Blumenknollen überwachte.

 

»Es sieht so aus, als ob Sie sich für immer hier niedergelassen haben,« lächelte Spike, als er ihr die Hand gab.

 

»Ja – für lange Zeit,« sagte sie ruhig. »Sie werden meinen Vater in der Bibliothek finden. Ich fürchte, daß Ihnen das Haus etwas ungemütlich vorkommt, weil die Handwerker noch da sind, Mr. Holland, aber das Zimmer meines Vaters ist vollkommen renoviert, und dort haben Sie Ruhe.«

 

Die melancholische Stimmung im Gesichtsausdruck Mr. Howetts war verschwunden. Er war freundlich und guter Dinge, und Spike, der den Grund nicht ahnen konnte, dachte, daß der Luftwechsel eine so günstige Wirkung auf ihn hervorbrachte. Aber dann zeigte ihm Mr. Howett stolz alle die Papiere und Bücher, die er gesammelt hatte und erzählte ihm von seinem Plan, ein Buch zu schreiben. Er fragte ihn sogar wegen der Einleitung um Rat.

 

»Haben Sie schon etwas von Ihrem Nachbar gesehen, Mr. Howett?«

 

sternchenland.com »Wer ist das? Ach meinen Sie etwa Bellamy?« Mr. Howett verzog das Gesicht. »Nein, ich möchte überhaupt nichts von ihm sehen. Gott sei Dank ist er ein wenig geselliger Mensch, und ich brauchte nicht zu fürchten, daß er zum Tee zu uns herüberkommt,« fügte er ernst hinzu. »Haben Sie sich in England auch schon an das ewige Teetrinken gewöhnt? Wenn nicht, so vermeiden Sie es, es ist schlimmer, als wenn man ein anderes Narkotikum zu sich nimmt.«

 

Der Park, der zu Lady’s Manor gehörte, war nicht sehr ausgedehnt. Er war etwas weniger als zwei Morgen groß und nach der einen Seite durch die Mauern der Burg Bellamys begrenzt. Dies konnte Spike auch nach dem Essen feststellen, als die junge Dame ihm den Garten zeigte.

 

»Hier scheint ein Tor nach drüben zu gehen, Miß Howett!«

 

»Früher war hier ein Tor,« sagte sie fast bedauernd, »aber Mr. Bellamy hat die Öffnung auf der anderen Seite zumauern lassen.«

 

»Vielleicht hat er Angst vor dem Grünen Bogenschützen,« meinte Spike lustig. »Sie fürchten sich doch nicht etwa, wenn ich diese indiskrete Frage an Sie stellen darf, Miß Howett?«

 

»Nein, nicht im geringsten.«

 

Spike betrachtete die Mauer mit dem größten Interesse.

 

»Sie ist hier niedriger als sonst irgendwo,« sagte er. »Sie hätten von hier aus die beste Gelegenheit, einmal einen Erkundigungsgang in Bellamys feudale Besitzung zu unternehmen.«

 

Er trat an die Mauer und streckte seinen Arm aus. Er konnte das obere Ende der Mauer mit der Hand erreichen.

 

»Es gehören nur zwei leichte Leitern dazu, dann sind Sie drüben – ich fange an, Sie zu beneiden, Miß Howett. Ich möchte Sie ja nicht darum bitten, mir dabei behilflich zu sein, einen Einbruch in die Burg von Ihrem Hinterhof aus zu machen. Aber wenn Sie mich nur ein wenig ermutigten, sternchenland.com würbe ich in einer dunklen Nacht kommen und mich einmal persönlich nach dem Bogenschützen umsehen.«

 

Sie lachte leise.

 

»Ich werde mich hüten, Sie zu ermutigen, Mr. Holland,« sagte sie. »Haben Sie Captain Featherstone in der letzten Zeit einmal gesehen?« fragte sie dann plötzlich.

 

»Nein, seit letztem Montag nicht mehr. Er erzählte mir, daß er verreisen müßte, obgleich ich das stark bezweifle. Unter uns gesagt, Miß Howett, ich habe eine Idee, daß er der neue Hausmeister in der Burg ist. Ich weiß, daß er sich sehr für Bellamy und besonders für seine Gasrechnungen interessiert. Was er nun gerade hierin findet, mag der Himmel wissen!«

 

»Was sagten Sie da eben?« fragte sie schnell.

 

Spike erzählte von dem häuslichen Streit, der zur Entlassung des früheren Hausmeisters von Garre geführt hatte.

 

»Ich habe es Featherstone neulich erzählt, und nachher ist mir erst eingefallen, daß er sich vielleicht um den Posten beworben hat. Diese Leute von der Geheimpolizei geben alle gute Hausmeister ab. Einige von ihnen sind die ganze Zeit in solchen Stellungen beschäftigt und tun nichts anderes. Aber um Ihnen die Wahrheit zu sagen, ich selbst hatte auch den Plan, einen unserer Leute von der Zeitung hinzuschicken. Aber bevor unser Redakteur sich die Sache überlegte, dann erst noch einen Rechtsanwalt um Rat fragte und in der Stille der Nacht seine Seele auf Herz und Nieren prüfte, ob das möglich sei, war die Stelle natürlich längst besetzt. Ich bin davon überzeugt, daß Featherstone der neue Hausmeister ist, denn erstens sagt man, daß er sehr hübsch sein soll, und zweitens kommt er niemals ins Dorf, das wir ihn uns auch einmal ansehen könnten. Etwas spricht allerdings dagegen. Ich habe heute morgen mit Julius Savini gesprochen. Ich vermute, daß er eine etwas böse Vergangenheit hat und daß es nur wenig Justizbeamte gibt, die ihn nicht kennen. Wenn Featherstone sternchenland.com nun der neue Hausmeister wäre, hätte Savini es Bellamy sicher verraten.«

 

Sie dachte nach.

 

»Also Captain Featherstone hat der hohen Gasrechnung solchen Wert beigelegt?«

 

Spike nickte.

 

»Möglich, daß er ein Familienvater ist,« sagte er leichthin. »Wenn er Junggeselle wäre, hatte ihn doch die Tragödie einer großen Gasrechnung nicht weiter beunruhigt.«

 

»Captain Featherstone ist nicht verheiratet,« sagte sie ein wenig kühl und wurde rot, als Spike sich wegen seines Irrtums entschuldigte.

 

»Ich weiß gar nicht, warum Sie sich entschuldigen,« sagte sie gereizt. »Ich habe Ihnen doch nur gesagt, daß er nicht verheiratet ist. Sie kennen also Julius Savini?« fragte sie, da sie die Unterhaltung auf einen anderen Gegenstand bringen wollte. »Können Sie mir irgend etwas von ihm erzählen?«

 

»Nicht viel,« erwiderte Spike überrascht. »Ich weiß nur, daß er ein Mischblut ist. Sein Vater war ein Italiener, seine Mutter eine Inderin, und ich glaube, Julius hat die schlechten Charakterzüge von beiden geerbt. Früher war er mit der Crowley-Bande zusammen, aber ich habe nie erfahren, ob er der Verführte oder der Verführer war. Die Polizei hat vor einem Jahr die Gesellschaft unschädlich gemacht und aus einem mir unbekannten Grunde gelang es Julius, sich aus dem Staube zu machen. Möglich, daß er also auch nur von den anderen verführt wurde, vielleicht diente er ihnen nur als Lockvogel. Ich war zuerst erstaunt, ihn in Bellamys Diensten zu finden, aber als ich es mir dann später überlegte, erkannte ich, daß Julius gerade der Mensch war, der dem Alten besonders paßte. Er ist ein geborener Schuft und hat überhaupt kein Gewissen. Aber er fürchtet sich entsetzlich vor Bellamy. Er hat den Kopf voller Pläne, schnell reich zu werden, aber er hat weder Verstand noch Energie, um diese Pläne sternchenland.com auszuführen. Das ist sein Charakter, und ich glaube, daß ich ihm nicht unrecht tue.«

 

»Sie beurteilen ihn wahrscheinlich richtig,« entgegnete Valerie.

 

Spike hatte für unbegrenzte Zeit Aufenthalt in Garre genommen. Zweimal am Tage telephonierte er mit seiner Redaktion, und obwohl Mr. Syme vermutete, daß der Grüne Bogenschütze nur ein Vorwand für ihn war, sich von der Arbeit zu drücken, und die Geschichte auch dem Publikum nicht mehr so interessant war, wollte er doch die Verantwortung nicht auf sich nehmen, seinen Angestellten zurückzurufen.

 

Am Nachmittag sprach Spike gerade mit der Redaktion, als er Valerie in ihrem Auto in der Richtung nach London die Straße entlang fahren sah. Das Telephon im Blauen Bären befand sich in der großen Halle, was etwas peinlich für ihn war, wenn er geheime Unterredungen mit der Polizei führen wollte, denn das Telephon befand sich in Hörweite vom Buffet.

 

Er trat in die Haustür und schaute hinter Valerie her. Dann kam ihm plötzlich ein Gedanke. Er ging zum Telephonapparat zurück und verlangte noch einmal die Redaktion. Nach einer Viertelstunde hatte er glücklich die Verbindung bekommen, und das war für die dortigen ländlichen Verhältnisse ein äußerst günstiger Schnelligkeitsrekord.

 

»Sind Sie am Apparat, Mr. Syme? Miß Howett ist nach London gefahren, schicken Sie doch einen Mann hinter ihr her. Ich glaube, man könnte manches dabei herausbekommen, wenn man ihr folgte. Nicht, daß man es in die Zeitung bringt, verstehen Sie mich, aber es könnte mir bei der Aufklärung hier helfen.«

 

»Ach, Miß Valerie – hat sie denn auch irgend etwas mit Grünen Bogenschützen zu tun?« fragte Mr. Syme ironisch.

 

»Nicht nur ein wenig – ich glaube, sie spielt eine der Hauptrollen bei der ganzen Geschichte,« erhielt Syme zur Antwort. sternchenland.com

 

Kapitel 18

 

18

 

Fay Clayton wohnte allein, aber sie führte deshalb doch kein einsames Leben. In ihrer kleinen Wohnung in Maida Vale lebte sie mehr oder weniger zurückgezogen, aber sie hatte viele Freunde und verkehrte in mehreren Lokalen, wo sie Erholung und Vergnügen fand. Es würde nicht der Wahrheit entsprechen, wenn man sagen wollte, daß sie ihren Mann vermißte. Trotzdem zeigte sie Julius gegenüber eine Anhänglichkeit, die sonst niemand teilte. Sie hatte noch nie Gelegenheit gehabt, an seiner Treue zu zweifeln, und während der letzten fünf Monate hatte sich ihre finanzielle Stellung bedeutend gebessert.

 

Als Julius noch mit der Falschspielerbande arbeitete und einer der vier tüchtigen Leute war, die andere betrogen, die sich zu sicher fühlten, führte sie ein wenig sicheres und ruhiges Leben. Wochenlang lebten sie von geliehenem Geld oder dem Versetzen von Schmuckstücken, und selbst wenn ihnen ein großer Fang gelungen war, dauerte das gute Leben meist nicht lange. Aber jetzt erhielt sie eine dauernde, große Geldunterstützung von ihm, womit sie früher gar nicht gerechnet hatte. Sie quälte ihren Mann nicht mit Fragen, woher er dieses Geld bekam. Daß Abel Bellamy ihm kein außerordentlich hohes Gehalt zahlte, wußte sie, denn sie kannte die Höhe seines Monatsgeldes.

 

Er hatte also irgendeinen anderen guten Nebenverdienst, der sicher sein mußte, denn Julius schreckte bekannterweise vor gefährlichen Dingen zurück. Er hatte ihr niemals erzählt, was er eigentlich zu tun hatte, und als sie über das viele Geld nachdachte, das er bekam, glaubte sie, daß er als Privatsekretär Bellamys vielleicht auch die Haushaltskasse verwaltete. Das hatte dann wenigstens zum Teil den Besitz des vielen Geldes erklärt. Er zahlte ihr nicht nur eine sehr anständige Summe für den Lebensunterhalt, sondern machte sternchenland.com ihr auch unerwartete Geschenke in Form von Schmucksachen und Juwelen, die allem Anschein nach neu und ehrlich gekauft waren. Sie hatte sich also über nichts zu beklagen. Julius war in einer sicheren Stellung, und sie konnte ihre neuen Diamantringe in ihrem Lieblingsnachtklub sehen lassen, ohne im mindesten fürchten zu müssen, daß geheimnisvolle fremde Leute erschienen und sie aufforderten, mit ihnen einen kleinen Spaziergang zur Polizeistation zu machen.

 

Aber auch das hatte gerade keine großen Schrecken mehr für sie. Sie war mit ihrem fünfzehnten Jahr schon dreimal im Gefängnis gewesen, und der Schrecken vor der Gefangenschaft hatte seine Wirkung auf sie verloren, denn er besteht gewöhnlich nur in der Furcht vor dem Unbekannten. Das einzige Unangenehme der Haft bestand für sie dann, daß sie mit der Polizei in Berührung kam und ihr das Recht geben mußte, sie anzuhalten, mit ihr zu sprechen und Fragen an sie zu stellen, die manchmal sehr unangenehm zu beantworten waren.

 

Sie war gerade in ihrer kleinen Küche und bügelte eine Bluse, als an die Tür geklopft wurde. Ihr Mädchen (ein optimistischer Titel für die unordentliche Frau, die täglich kam, um die Wohnung zu reinigen), war ausgegangen, um einzukaufen. So ging Fay selbst zur Tür und öffnete. Sie hatte erwartet, einen Händler zu treffen, aber sie sah einen schlanken, etwas vornüber gebeugten, hohläugigen, jungen Mann vor sich, der einen schlecht sitzenden, ärmlichen Anzug trug.

 

»Jerry!« rief sie und öffnete. »Komm schnell herein!«

 

Sie schloß die Tür hinter ihm, und er folgte ihr ins Wohnzimmer.

 

»Wann bist du denn herausgekommen?« fragte sie.

 

»Heute morgen,« antwortete er. »Hast du etwas zu trinken? Ich sterbe vor Durst. Wo ist Julius?«

 

Sie nahm eine Flasche und ein Syphon mit Sodawasser sternchenland.com vom Buffet, setzte beides vor ihm hin, und er goß sich reichlich ein.

 

»Das schmeckt gut,« sagte er. Allmählich kam wieder etwas Farbe in sein blasses Gesicht. »Aber sage mir doch, wo ist Julius?«

 

»Er ist nicht hier im Hause, Jerry. Er hat eine Stellung auf dem Lande.«

 

Er nickte und schaute wieder nach der Flasche.

 

»Das war genug für dich!« sagte sie und stellte den Whisky wieder ins Buffet zurück.

 

»Was wirst du jetzt tun? Was hast du vor?«

 

»Ich weiß es wirklich nicht. Unsere Gesellschaft ist ja auseinandergesprengt. Julius hat eine Stellung, wie ich höre. Hält er sich jetzt ordentlich?«

 

»Gewiß!« sagte Fay etwas beleidigt. »Jerry, du mußt dir jetzt auch ordentliche Arbeit suchen. Die Bande ist aufgelöst – Laß in Zukunft deine Finger davon.«

 

Sie waren Geschwister, obwohl niemand eine Verwandtschaft zwischen der hübschen Frau und dem hohläugigen, heruntergekommenen Menschen vermutet hätte, der eben aus dem Gefängnis kam.

 

»Ich habe Featherstone getroffen.«

 

»Hat er dich hierhergehen sehen?« fragte sie.

 

Er schüttelte den Kopf.

 

Nein, ich bin ihm im Westen begegnet. Er hielt mich an und fragte mich, wie es mir ginge und was ich unternehmen würde. Er ist wirklich kein schlechter Mensch.«

 

Sie verzog das Gesicht.

 

»Dir kommen manchmal etwas phantastische Illusionen in den Kopf, Jerry. Aber was willst du jetzt anfangen?«

 

»Ich habe dir doch eben gesagt, daß ich es nicht weiß.« Er schob seinen Stuhl zurück und schaute nachdenklich auf die Tischdecke. »Da ist eine Gesellschaft, die auf den großen sternchenland.com Dampfern im Atlantischen Ozean arbeitet, die würde mich aufnehmen und möchte gern, daß ich mitmache. Ich muß sagen, daß ich so etwas noch nie gemacht habe und es würde auch ein kleines Kapital voraussetzen – so zweihundert für die Hin- und Rückreise, und dann muß man auch immer darauf gefaßt sein, daß man eine Reise macht, ohne irgendeinen Erfolg zu haben. Du könntest mir das Geld wohl nicht leihen?«

 

Sie biß sich auf die Unterlippe und dachte nach.

 

»Ich könnte es schon,« sagte sie langsam.

 

»Du kannst sicher sein, daß es ganz guten Verdienst abwirft. Es ist viel sicherer, als wenn man hier auf dem Lande etwas macht. Du hörst niemals, daß Leute, die auf Schiffen zusammenarbeiten, irgendwie gefaßt worden sind,« Er sah sich in dem Zimmer um. »Es ist doch eigentlich ganz schön, daß man wieder frei ist. Ich habe genug vom Gefängnisleben.«

 

»Wo hast du gesessen, Jerry?«

 

»Ich war in Pentonville, wo Creager früher im Amt war. Ich könnte dir ein paar Geschichten über ihn erzählen, daß dir die Haare zu Berge ständen, Fay. Kann ich hier bei dir wohnen?«

 

Sie zögerte einen Augenblick.

 

»Ja, du kannst in Julius‘ Zimmer wohnen.«

 

»Kommt er denn nicht hierher?« fragte er stirnrunzelnd.

 

»Das geht doch nicht. Ich höre jeden zweiten Tag von ihm, und ich kann mich wirklich nicht über ihn beklagen.«

 

Er schaute auf seine zerknitterten Kleider, und man sah, daß er sich ihrer schämte.

 

»Ich möchte mich neu einkleiden – hast du etwas Geld?«

 

»Das kann ich schon für dich besorgen, so kannst du nicht herumlaufen, Jerry. Ich hoffe nur, daß dich niemand hier hereinkommen sah. Die Leute, die hier wohnen, sind sehr korrekt, und ich möchte nicht haben, daß man dich hier sieht, sternchenland.com bevor du nicht etwas repräsentabler aussiehst. Ich dachte, du würdest erst sechs Monate später herauskommen.«

 

Er lachte.

 

»Der Gefängnisarzt sorgte dafür, daß ich entlassen wurde. Meine Brust ist nicht in Ordnung, und ich bat um eine Spezialbehandlung. Deswegen haben sie mir einen Teil der Strafe erlassen. Im Gefängnis weiß man mit kranken Leuten nichts anzufangen. – Aber ich habe noch einige gute Kleider auf der Gepäckaufbewahrung bei der Charing Croß Station,« sagte er plötzlich. »Vielleicht bist du so gut und besorgst sie für mich. Ich brauche dann nicht mehr soviel, um mich wieder auszustatten.«

 

Sie nahm den Gepäckschein und fuhr am Nachmittag zur Eisenbahnstation, um seinen Koffer zu holen. Der Chauffeur brachte sie auf dem kürzesten Weg durch Fitzroy Square dorthin. Fay kannte die ganze Gegend genau, dort lag auch ein Restaurant, in dem sie früher viel verkehrt hatte. Es gab in dem Lokal viele kleine Einzelräume, wo sich Leute versammeln und sicher sein konnten, daß sie nicht beobachtet wurden. Man konnte dort Pläne besprechen, ohne belauscht zu werden, und es war ein bevorzugtes Lokal für Verbrecherbanden. Auch Fay hatte sich früher immer mit den anderen dort getroffen.

 

Als sie vorbeifuhr, sah sie am Eingang einen Mann stehen und erschrak, als sie ihn erkannte. Es war Julius. Als sie sich nach vorne lehnte und an die Scheibe klopfte, fuhr eben ein anderes Auto vor, aus dem eine Dame ausstieg. Sie sah, wie Julius seinen Hut zog und die beiden dann durch die enge Tür von El Moro’s verschwanden.

 

Fay ließ ihren Wagen sofort halten und sprang heraus. Sie hatte Valerie Howett früher nur einmal gesehen und erkannte sie sofort wieder. sternchenland.com

 

Kapitel 19

 

19

 

Valerie sah sich erstaunt in dem reich ornamentierten Zimmer um, in das sie hineingeführt wurde. Ein unangenehmer Geruch von abgestandenen Zigarrenqualm lag in dem Raum. Die verblichene Vergoldung der Dekorationen, die schweren Sammetvorhänge und die überladene und unechte Eleganz berührten sie unangenehm und abstoßend.

 

Julius schickte den lächelnden Kellner fort und schloß die Tür. Er war feinfühlig genug, Valeries Widerwillen nachzuempfinden.«

 

»Es tut mir sehr leid, daß ich Sie hierherführen mußte, Miß Howett, aber es ist der einzige Platz, wo wir ganz sicher nicht beobachtet werden.«

 

»Was ist denn dies für ein Lokal?« fragte sie neugierig.

 

»Es ist sehr bekannt,« sagte Julius diplomatisch. »Wollen Sie nicht Platz nehmen, Miß Howett? Ich kann Ihnen heute nicht so sehr viel Neues berichten,« fuhr er fort, als sie sich auf die Ecke eines Plüschsessels gesetzt hatte. »Mr. Bellamy macht es mir immer schwerer, etwas zu entdecken.«

 

»Haben Sie die Photographie für mich gebracht?«

 

Er schüttelte den Kopf.

 

»Als ich sie jetzt holen wollte, fand ich, daß die Schublade leer war. Bellamy muß entdeckt haben, daß ich seinen Schreibtisch durchsuchte, er hat mir sogar Andeutungen darüber gemacht. Ich habe sehr viel für Sie gewagt, Miß Howett.«

 

»Ich habe Sie ja auch dafür bezahlt,« antwortete sie kühl. »Ich bin mir nicht ganz klar darüber, Mr. Savini, ob Sie alles, was Sie für mich unternommen haben, mir zuliebe oder für das Geld getan haben, das ich Ihnen bezahle. Sie haben Ihre eigenen Pläne, dessen bin ich ganz sicher, und Sie arbeiten mindestens ebensoviel für sich wie für mich. Aber das ist schließlich nicht meine Sache. Ich muß die Photographie sternchenland.com haben. Sie sagten, es wären auch noch andere Photographien da?«

 

»Ja, ein Bild seines Neffen,« sagte Julius. Miß Howett schaute ihn erstaunt an.

 

»Seines Neffen?« fragte sie ungläubig. »Ich wußte überhaupt nicht, daß er irgendwelche Verwandten hatte.«

 

»Ich nehme nur an, daß es sein Neffe war. Er wurde im Krieg getötet.«

 

Fay Clayton hatte ganz richtig vermutet, daß Julius eine hohe Nebeneinnahme hatte. Jede kleine Nachricht, die Valerie Howett über Bellamy und über seine Gewohnheiten erfuhr, hatte sie von dem aalglatten Savini. Die Börse der jungen Dame war auch die Goldmine, aus der Fays größere Einnahmen kamen.

 

»Auf der Rückseite der Damenphotographie war nichts zu sehen, woraus man schließen könnte, wer auf dem Bilde dargestellt war? Warum haben Sie denn die Photographie nicht genommen, als Sie damals die Gelegenheil dazu hatten?«

 

»Es tut mir auch leid, daß ich es unterließ,« sagte er bedauernd. »Aber wenn er herausgefunden hätte, daß sie nicht mehr da war, hatte er mich sofort hinausgeworfen. Ich zittere bei dem Gedanken, was dann passiert wäre.« Und Julius zitterte buchstäblich.

 

»Sie schrieben in Ihrer kurzen Mitteilung, daß der Grüne Bogenschütze wieder erschienen sei und die Hunde betäubt habe.«

 

»Er ging in Bellamys Zimmer,« sagte Julius und nickte zur Bekräftigung. »Ich kann Ihnen nur eine wichtige Mitteilung bringen, Miß Howett. Bellamy hat heute morgen an Smith geschrieben. Er sandte mich mit dem Brief sofort zur Post, damit ich ihn einschreiben lassen sollte. Nebenbei bemerkt, war das Schreiben versiegelt, und aus dem Gewicht schließe ich, daß es eine Geldsendung war. Smith bekommt mehr Geld als Creager. Ich schätze die Summe, die er monatlich sternchenland.com erhält, auf etwa hundert Pfund. Ich weiß es, weil ich letzten Monat von der Bank hundert Pfund abheben mußte. Am selben Abend kam Mr. Bellamy zu mir und fragte mich um weiteres Geld, das er für Wilks brauchte, der etwas anschaffen sollte.«

 

»Wer ist denn eigentlich der neue Hausmeister?« fragte Valerie.

 

»Ich kenne ihn nicht. Er ist ein sehr angenehmer Mensch, aber ich sehe nicht viel von ihm.«

 

Valerie dachte eine Weile nach. Sie hatte einen erfolglosen Versuch gemacht, mit dem einen Helfershelfer Bellamys in Verbindung zu kommen, und dieser Versuch hätte beinahe ein böses Ende für sie gehabt. Es stand bei ihr fest, daß Coldharbour Smith ihr die Lösung des Geheimnisses geben konnte, das sie so sehnlichst zu enthüllen wünschte.

 

»Ich möchte mehr über diesen Mann wissen,« sagte sie. »Haben Sie nichts herausgefunden, das sich auf ihn bezieht?«

 

»Nein, gar nichts. Bellamys Privatpapiere und Akten sind in dem Geldschrank eingeschlossen, und es gehört ein Sachverständiger dazu, um ihn aufzubrechen. Mr. Bellamy verwahrt den einzigen Schlüssel stets persönlich, er trägt ihn immer mit sich herum und läßt ihn niemals liegen. Ich war schon in seinem Zimmer, bevor er morgens aufstand, aber ich habe niemals den Schlüssel entdecken können. Daraus schließe ich, daß er ihn mit ins Bett nimmt.«

 

»Teilen Sie mir sofort mit, wenn sich etwas Neues ereignen sollte. Hat er neue Hunde bekommen?« fragte sie mit einem Lächeln, als sie sich erhob. »Es ist ja nun auch für Sie leichter, mir Nachrichten zukommen zu lassen, da ich in Lady’s Manor wohne. Sie brauchen nur ein kleines Briefchen über die Mauer zu werfen.«

 

Plötzlich hörten sie von draußen aufgeregte und böse Stimmen. Die Tür wurde heftig aufgerissen, und eine Frau erschien in der Öffnung. Ihr Gesicht war rot vor Zorn, ihre sternchenland.com Augen schossen Blitze, und es dauerte einige Zeit, bis sie sich soweit beherrschte, daß sie sprechen konnte. Valerie war erstaunt und entsetzt.

 

»Ich möchte nur wissen, was Sie hier mit meinem Manne zu tun haben, Miß Howett?« fragte sie mit einer schrillen Stimme, die sich überschlug.

 

»Mit Ihrem Mann?« fragte Valerie und schaute von der Frau zu Julius, der ein bedrucktes Gesicht machte.

 

»Aber meine Liebe, es ist doch alles in Ordnung. Ich habe diese Dame hier getroffen, um geschäftlich mit ihr zu verhandeln,« wandte Julius ein.

 

»Was, geschäftlich zu verhandeln?« Fay hatte die Hände in die Hüften gestemmt und sah ihren Mann wütend an. »Das ist eine schöne Geschichte – du bist hierhergekommen, um über Geschäfte zu reden? Konntest du sie denn nicht in ihrem Hotel treffen? Weswegen schleichst du dich denn hier herum?«

 

Valerie hatte ihre Selbstbeherrschung wiedergewonnen.

 

»Ach, das ist Ihre Frau, Mr. Savini?« fragte sie.

 

»Was, sie fragt noch, ob ich seine Frau bin?« fuhr Fay los. »Ja, ich kann mit allem Recht sagen, daß ich es bin! Julius, du bist mir ein schöner Bursche! Er kann immer nicht kommen, um mich zu sehen, weil er so viel in Garre zu tun hat!« schrie sie aufgebracht. »Du gemeiner Lügner!«

 

»Nun höre doch zu, ich kann dir ja alles erklären! Ich war gerade auf dem Weg zu dir – ich schwöre es! Ich mußte doch mit Miß Howett erst eine geschäftliche Angelegenheit regeln.«

 

»Und dann kommt Miß Howett allein hierher, um dich in geschäftlichen Angelegenheiten zu sprechen?« fragte sie ironisch und kam aufs neue in Wut. »Geht sie denn ohne Begleitung in ein Lokal wie El Moro’s? Natürlich ist sie allein gekommen!«

 

»Selbstverständlich ist sie nicht allein gekommen!« ertönte sternchenland.com eine kräftige Männerstimme von der Tür her. »Miß Howett kam mit mir.«

 

Fay Clayton fuhr herum und wurde plötzlich ganz klein.

 

»Ach so,« sagte sie verlegen.

 

»Wir müssen doch immer zusammenstoßen, Fay,« sagte Captain Featherstone ironisch. Dann wandte er sich zu der erstaunten Valerie. »Ich wollte Sie eben fragen, wie lange Sie noch hier bleiben wollen, Miß Howett? Sie haben doch nicht vergessen, daß Sie um vier Uhr eine Verabredung haben?«

 

Valerie nahm ihren Pelz auf und folgte Jim die Treppe hinunter. Sie war bestürzt und ärgerlich, und es war echt weiblich von ihr, daß sich ihre Wut nicht gegen Julius oder seine Frau richtete, sondern gegen den Mann, der ihr wieder einmal zur rechten Zeit zu Hilfe kam.

 

Kapitel 2

 

2

 

Der Klang von Stahl gegen Stahl, das Staccato-Trommelfeuer elektrischer Nietmaschinen und Bohrer, der Höllenlärm von Hämmern und Meißeln waren eine liebliche Musik für Abel Bellamys Ohren.

 

Er stand am Fenster seines Wohnzimmers, die Hände auf dem Rücken. Unverwandt schaute er auf die andere Seite der Straße, wo sich dem Hotel gegenüber ein ungeheuer großes Gebäude im Bau befand. Das Stahlgerippe erhob sich türmhoch über die kleinen, niedrigen Häuser der Nachbarschaft zu beiden Seiten.

 

In den Straßen hatte sich eine kleine, neugierige Menschenmenge angesammelt. Ein schwerer, eiserner Träger wurde durch einen Flaschenzug an einem Drahtseil aufgewunden. Höher und höher hob der große Kran die schwere Last, die majestätisch und langsam hin- und herpendelte. Abel Bellamy brummte. Er war nicht zufrieden damit. Er wußte genau auf den Bruchteil eines Zolls, wo der richtige Aufhängungspunkt lag, und der Träger war schlecht ausbalanciert.

 

Wenn die bösen Werke der Menschen in blutiger Schrift an den Tatorten aufgezeichnet wären, wie die Alten glaubten, so würde der Name Abel Bellamys an vielen Stellen in brennendem Rot erscheinen: Auf einer kleinen Farm in Montgomery County in Pennsylvania und in einer grauen Halle im Pentonville-Gefängnis, um nur diese beiden Orte zu nennen.

 

Aber Abel Bellamy hatte keine schlaflosen Nächte wegen seiner Vergangenheit. Reue und Furcht kannte er nicht. Er hatte viel Böses getan und war damit sehr zufrieden. Die Erinnerung an das Entsetzen der Menschen, deren Leben er rücksichtslos zerbrochen hatte, an die Qualen, die er ihnen mit Vorbedacht zugefügt hatte, konnte ihm nichts anhaben. Das Bewußtsein, unschuldige Kinder in Not und Elend gestoßen sternchenland.com und eine Frau durch seinen Haß zu Tode gehetzt zu haben, nur um dem Moloch seiner Selbstsucht ein Opfer zu bringen, verursachte ihm nicht eine Sekunde lang Gewissensbisse.

 

Wenn er sich überhaupt jemals an diese Dinge erinnerte, dachte er nur mit Befriedigung daran. Es erschien ihm vollständig richtig, daß alle niedergetreten wurden, die sich ihm in den Weg stellten. Das Glück hatte ihn stets begünstigt. Mit zwanzig Jahren war er noch ein einfacher Arbeiter gewesen, mit fünfunddreißig hatte er schon eine Million Dollars zusammengebracht und mit fünfundfünfzig war dieses Vermögen verzehnfacht. Er verließ die Stadt, in der er sich heraufgearbeitet hatte, siedelte sich auf einem Adelssitz in England an und wurde der Herr einer Besitzung, die die Blüte der englischen Ritterschaft durch das Schwert erobert und mit dem Schweiß und der Furcht der Unterdrückten erbaut hatte.

 

Seit dreißig Jahren war er mächtig genug, andere zu verfolgen, und warum sollte er sich auch selbst verleugnen? Er bereute nichts und handelte ganz nach seinen Wünschen. Er war von ungewöhnlicher Körpergröße, maß über sechs Fuß und hatte noch im Alter von sechzig Jahren die Kraft eines jungen Stieres. Auf der Straße sahen sich alle Leute nach ihm um, aber nicht wegen seiner außerordentlichen Größe, sondern wegen seiner ins Auge springenden Häßlichkeit. Sein rotes Gesicht war von unzähligen Falten durchzogen, seine Nase war groß und knollenartig. Dicke Lippen umrahmten den großen Mund, dessen eine Seite etwas in die Höhe gezogen war, so daß er ständig höhnisch zu grinsen schien.

 

Er kümmerte sich nicht im mindesten um sein Aussehen und nahm es als eine Tatsache hin, wie ihm auch seine Leidenschaften etwas Selbstverständliches waren.

 

Das war Abel Bellamy aus Chicago, der jetzt in Garre Castle in Berkshire wohnte. Ein Mann, der weder Liebe noch Mitleid kannte.

 

sternchenland.com Noch immer stand er an dem großen Fenster seines Hotels und beobachtete die Bauarbeiten. Wer der Erbauer oder was das für ein Bauwerk war, wußte er nicht und kümmerte sich auch nicht darum. Aber einen Augenblick schien es ihm, als ob die Männer, die sich drüben auf schmalen, gefährlichen Stegen bewegten, seine eigenen Arbeitsleute seien. Er stieß einen halbunterdrückten Fluch aus, als sein wachsames Auge eine Gruppe von drei Schmieden entdeckte, die von dem Polier nicht gesehen werden konnten und müßig umherstanden.

 

Plötzlich schaute er wieder auf den großen hängenden Träger und witterte sofort die Gefahr. Er hatte den Unfall, der sich jetzt ereignete, vorausgesehen. Das freie Ende des Doppel-T-Trägers schwang nach innen und schlug gegen ein Gerüst, auf dem zwei Leute arbeiteten. Er konnte das Krachen trotz des lärmenden Straßenverkehrs deutlich hören, er sah einen Augenblick einen Mann, der sich verzweifelt am Gerüst festhielt, dann in die Tiefe stürzte und in dem großen Wirrwarr von Ziegelhaufen und Mörtelmaschinen hinter dem großen hohen Arbeitszaun verschwand.

 

»Hm!« sagte Abel Bellamy.

 

Er war gespannt, was der Bauunternehmer wohl jetzt tun würde. Wie mochten die Gesetze dieses Landes sein, in dem er sich seit sieben Jahren niedergelassen hatte? Wenn es sein Bau gewesen wäre, würde er seinen Rechtsanwalt losgeschickt haben, um die Witwe aufzusuchen, bevor sie die Nachricht erreichen konnte, und sie zu veranlassen, alle ihre Anforderungen aufzugeben, ehe sie den Betrug wirklich gemerkt hätte. Aber diese Engländer waren dazu viel zu langsam.

 

Die Tür des Wohnzimmers öffnete sich, und er wandte sich um. Julius Savini war schon daran gewöhnt, nur durch ein Brummen gegrüßt zu werden, aber er merkte, daß er heute etwas mehr abbekommen würde als den gewöhnlichen Rüffel, der sein regelmäßiger Morgengruß war.

 

»Savini, ich habe seit sieben Uhr auf Sie gewartet. sternchenland.com Wenn Sie Ihre Stellung behalten wollen, will ich Sie wenigstens vor Mittag sehen. Haben Sie mich verstanden?«

 

»Es tut mir sehr leid, Mr. Bellamy, aber ich sagte Ihnen bereits gestern abend, daß ich heute später kommen würde. Ich bin erst vor ein paar Minuten von außerhalb zurück.«

 

Die Haltung und die Stimme Savinis waren sehr unterwürfig. Er war schon ein ganzes Jahr Bellamys Privatsekretär und hatte gelernt, daß es zwecklos war, seinem Herrn zu widersprechen.

 

»Würden Sie einen Vertreter vom ›Globe‹ empfangen?« fragte er.

 

»Einen Zeitungsmenschen?« sagte Abel Bellamy verächtlich. »Sie wissen doch, daß ich niemals solche Leute empfange. Was will er? Wie heißt er denn?«

 

»Es ist Spike Holland, ein Amerikaner,« antwortete Julius, als ob er um Entschuldigung bitten wollte.

 

»Deswegen ist er mir nicht angenehmer,« brummte Bellamy. »Sagen Sie ihm, daß ich ihn nicht empfangen kann. Ich kümmere mich überhaupt nicht darum, was in den Zeitungen steht. Weshalb kommt er denn? Sie sind doch mein Sekretär!«

 

Julius machte eine Verlegenheitspause, bevor er antwortete.

 

»Er kommt wegen des Grünen Bogenschützen.«

 

Abel Bellamy fuhr wild herum.

 

»Wer hat denn etwas über den Grünen Bogenschützen ausgeplaudert? Das können doch nur Sie Esel gewesen sein!«

 

»Ich habe mit keinem Zeitungsmann gesprochen,« sagte Julius mürrisch. »Was soll ich ihm denn sagen?«

 

»Sagen Sie ihm, er soll sich zum – na, lassen Sie ihn meinetwegen heraufkommen.«

 

sternchenland.com Bellamy hatte sich schnell überlegt, daß der Journalist wahrscheinlich irgendeine Geschichte erfinden würde, wenn er ihn nicht empfing, und er hatte gerade genug von den Zeitungen. Hatte nicht neulich solch ein Blatt den ganzen Lärm in Falmouth inszeniert?

 

In diesem Augenblick führte Julius den Besucher herein.

 

»Ihre Anwesenheit ist nicht notwendig,« fuhr Bellamy seinen Sekretär an. Als Savini gegangen war, brummte er: »Nehmen Sie sich eine Zigarre.«

 

Er stieß die Zigarrenkiste mit einem heftigen Ruck über den Tisch, wie wenn er einem Hund einen Knochen hinwürfe.

 

»Danke,« sagte Mr. Spike Holland, »ich rauche niemals Millionärzigarren. Ich bin nachher nur mit meinen unzufrieden.«

 

»Nun, was wollen Sie?« fragte Bellamy rauh und betrachtete Spike mit zusammengekniffenen Augen.

 

»Man erzählt sich da eine Geschichte, daß ein Geist in Garre Castle umgeht – ein Grüner Bogenschütze –«

 

»Das ist eine gemeine Lüge!« erwiderte Bellamy viel zu schnell und viel zu prompt. Hätte er sich dieser Äußerung gegenüber gleichgültig gezeigt, so hätte er Spike wahrscheinlich täuschen können. Aber die Schnelligkeit, mit der er alles ableugnete, machte dem Zeitungsmann die Geschichte sofort interessant.

 

»Wer hat Ihnen denn das erzählt?« fragte Bellamy.

 

»Wir haben es aus einer ganz sicheren Quelle.« Spike war vorsichtig. »Man hat uns mitgeteilt, daß der Grüne Bogenschütze von Garre in dem Schloß gesehen wurde und offensichtlich in Ihrem Zimmer aus- und eingegangen ist.«

 

»Ich sagte Ihnen doch, daß das gelogen ist!« Abel Bellamys Stimme hatte einen verletzenden und beleidigenden Ton. »Diese verrückten englischen Dienstboten haben nichts anderes zu tun, als sich nach Geistern umzusehen! Es stimmt, daß ich die Tür meines Schlafzimmers eines Nachts offen sternchenland.com fand, aber ich habe vermutlich vergessen, sie zu schließen. Wer hat Ihnen denn diese Auskunft gegeben?«

 

»Wir haben die Nachricht von drei verschiedenen Seiten,« log Spike frech darauf los. »Und alle drei Berichte ergänzen sich, Mr. Bellamy,« meinte er lächelnd, »es wird schon was daran sein. Außerdem erhöht doch so eine Geistererscheinung den Wert einer Burg oder eines Schlosses!«

 

»Da sind Sie aber sehr im Irrtum,« erwiderte Abel Bellamy, der die günstige Gelegenheit wahrnahm, das Thema zu ändern. »Es bringt eine solche Besitzung nur in schlechtes Gerede. Wenn Sie auch nur eine Zeile von Geistern und Gespenstern in Ihre Zeitung setzen, dann werde ich gerichtlich gegen Sie vorgehen – denken Sie daran, junger Mann!«

 

»Es ist möglich, daß auch der Geist noch irgend etwas unternimmt,« sagte Spike äußerst liebenswürdig.

 

Er ging die Treppe hinunter und war sich noch nicht klar, was er tun sollte.

 

Abel Bellamy war nicht der gewöhnliche Millionär, der sich in England ansiedelt und dann von selbst in der englischen Gesellschaft Zutritt findet. Er war von niederer Herkunft, nur halb gebildet und ohne irgendwelchen gesellschaftlichen Ehrgeiz.

 

Als Spike in die Hotelhalle eintrat, fand er Julius, der mit einem großen Herrn mit grauem Bart sprach, der dem besseren Handwerkerstand anzugehören schien. Julius gab Holland ein Zeichen, zu warten.

 

»Sie wissen, in welchem Zimmer er ist, Mr. Creager? Mr. Bellamy erwartet Sie.«

 

Als der Mann gegangen war, wandte sich Julius an den Reporter.

 

»Nun, was hat er gesagt, Holland?«

 

»Er hat die ganze Geschichte abgestritten. Aber in allem Ernst, Savini, ist etwas daran?«

 

Julius zuckte die schmalen Schultern.

 

sternchenland.com »Ich weiß nicht, woher Sie die ganze Geschichte haben und Sie können sich darauf verlassen, daß ich Ihnen unter keinen Umstanden etwas erzähle. Der Alte hat mir sowieso die Hölle heiß gemacht, weil er dachte, ich hätte Ihnen den Tip gegeben!«

 

»Dann stimmt die Geschichte also. Irgendein grauenerregendes Gespenst hat in Ihren Mauern herumgespukt. Hat es auch irgendwie mit Ketten gerasselt?«

 

Julius schüttelte den Kopf.

 

»Von mir werden Sie nichts herausbekommen, Holland. Ich kann höchstens meine Stellung dadurch verlieren.«

 

»Wer war denn der Mensch, den Sie eben hinaufgeschickt haben? Er sah aus wie ein Polizist.«

 

Julius grinste.

 

»Er hat genau dieselbe Frage über Sie an mich gestellt, als Sie herunterkamen. Er heißt Creager und ist ein –« Er zögerte. »Nun ja, ich will nicht gerade sagen, Freund, er ist so eine Bekanntschaft von dem Alten. Wahrscheinlich bezieht er eine Art Pension von ihm. Er kommt in regelmäßigen Zwischenräumen, und ich bilde mir ein, daß er nicht umsonst erscheint. Bis der andere herunterkommt, ruft mich Bellamy sicher nicht. Kommen Sie und trinken Sie einen Cocktail mit mir.«

 

Spike schüttelte den Kopf.

 

Während sie noch sprachen, kam Creager zur sichtlichen Überraschung von Julius die Treppe wieder herunter. Er sah böse und verbissen aus.

 

»Er will mich nicht vor zwei Uhr sehen,« sagte er mit unterdrückter Wut. »Glaubt er denn, daß ich auf ihn warte? Wenn er sich das einbildet, irrt er sich gewaltig! Sagen Sie ihm das nur, Mr. Savini.«

 

»Was ist denn los?« fragte Julius.

 

»Er sagte zwei Uhr. Gebe ich zu. Aber ich bin doch nun sternchenland.com in die Stadt gekommen, – warum sollte ich denn bis zum Nachmittag warten? Warum kann er mich nicht vormittags empfangen?« fragte Creager wütend. »Er behandelt mich wie einen Hund, er glaubt, er hat mich so –« Er machte eine bezeichnende Geste mit dem abwärts gerichteten Daumen. »Außerdem tobt er über einen Zeitungsreporter – das sind Sie wohl, wenn ich nicht irre.«

 

»Das stimmt genau,« entgegnete Spike.

 

»Also Sie können ihm sagen,« wandte sich Creager wieder am Julius und tippte dem jungen Mann mit dem Finger auf die Brust, um seinen Worten mehr Nachdruck zu geben, »daß ich um zwei Uhr komme. Und ich werde eine lange Unterredung mit ihm haben oder ich werde mich selbst mit einem Zeitungsreporter ein wenig unterhalten.«

 

Mit dieser Drohung ging er fort.

 

»Savini,« sagte Spike sanft, »ich wittere eine gute Geschichte!«

 

Aber Savini sprang die Treppe hinauf und nahm immer zwei Stufen zu gleicher Zeit, um schnell zu seinem aufgebrachten Herrn zu kommen.

 

Kapitel 11

 

11

 

An dem klaren, frostigen Morgen ging Mr. Bellamy langsam über die Rasenflächen des Parks zum Pförtnerhaus. Er war ein Mann, der sein Ruhebedürfnis ganz den besonderen Umständen anpassen konnte. Manchmal schlief er zwölf Stunden hintereinander, aber er konnte sich auch nach zwei Stunden Ruhe vollständig ausgeschlafen wieder erheben. Er ging zu dem Portierhaus, weil er niemals Fremde in der Burg selbst empfing. Leute, mit denen er etwas zu verhandeln hatte, wurden in ein geräumiges Zimmer des Portierhauses geführt, das besonders für diese Zwecke eingerichtet war.

 

Der mürrisch aussehende Pförtner legte die Hand an die Mütze, als sein Herr eintrat. Der Ortspolizist wartete hier auf Bellamy.

 

»Guten Morgen, mein Herr. Man hat mir erzählt, daß es während der Nacht Unruhe und Aufregung in der Burg gegeben hat.«

 

Bellamy grinste, daß seine weißen Zähne zu sehen waren.

 

»Sagen Sie mir doch nur, wer Ihnen das mitgeteilt hat sternchenland.com und verlassen Sie sich darauf, daß der Betreffende Ihnen nichts mehr erzählen wird,« erwiderte Bellamy unhöflich.

 

Er fuhr mit der Hand in die Tasche und nahm eine Banknote heraus, die er auf den Tisch legte.

 

»Hier ist ein kleines Geschenk für Ihre Bemühungen. Vergessen Sie, was Sie da von dem Vorfall in der Burg gehört haben. Ich hatte einen bösen Traum und habe nach einem Schatten geschossen. Ich dachte, es wäre ein Einbrecher.«

 

»Ich verstehe vollkommen, mein Herr,« sagte der Polizist verbindlich. »Ich habe die Sache meinem Vorgesetzten noch nicht gemeldet.«

 

»Ist auch nicht nötig. Ich vermute, daß in diesem Dorfs nichts passiert, das Sie nicht wissen. Sind in letzter Zeit Fremde hier gewesen?«

 

Der durch das Geschenk sehr höfliche Polizist schaute Bellamy an und schnitt eine Grimasse, als ob er tief nachdächte.

 

»Ja, mein Herr, es sind ein oder zwei Leute hier gewesen. Es war auch eine Dame da, die Lady’s Manor sehen wollte.«

 

»Lady’s Manor?« fragte Bellamy schnell. »Ist das das alte Haus dort an der Straße?«

 

»Ja. Es gehört Lord Tetherton. Es ist sehr baufällig und es würde viel Geld kosten, es instandzusetzen. Deshalb ist es auch noch nie vermietet worden. Einige Teile des Hauses sind so alt wie diese Burg.«

 

»Wann kamen die Leute nach Garre?« fragte Bellamy scharf.

 

»Vor zwei Tagen. Es war eine sehr hübsche Dame, außerordentlich schön. Ich sah sie gerade noch, als sie wieder fortfuhr.«

 

»Können Sie mir vielleicht sagen, woher sie kam?«

 

»Von London, soviel ich weiß. Der Wagen hatte ein Londoner Schild, und ich glaube, daß sie auf dem Weg über sternchenland.com Reading kam. Die Frau, die die Schlüssel von Lady’s Manor aufbewahrt, sagte, daß sie von dem Hausagenten Solders hierhergeschickt wurde. Die Firma hat nämlich das Haus an Hand.«

 

»War sie allein?«

 

»Ich habe niemand in ihrer Begleitung gesehen.«

 

Bellamy ging in das Wohnzimmer des Pförtners, wo ein Telephonapparat angebracht war. Eine Minute später hatte er Verbindung mit dem Hausagenten.

 

Der Mann erinnerte sich genau an die näheren Umstände. Die Dame war von London gekommen, und er hatte ihr die Erlaubnis gegeben, das Haus zu besichtigen. Ihren Namen konnte er leider nicht angeben, er hatte nicht danach gefragt. Es war auch nicht seine Gewohnheit, Leute nach Einzelheiten zu fragen, die noch nicht bestimmt einen Vertrag abschließen Wollten.

 

»Wenn sie Ihnen schreiben sollte oder wieder zu Ihrem Bureau kommt, so möchte ich gern ihre Personalien wissen,« sagte Mr. Bellamy und hing den Hörer wieder an.

 

Als es vollständig Tag geworden war, wurde die Vorratskammer genau untersucht. Bellamy hoffte eine Blutspur zu finden, die ihm irgendwie bei der Lösung des Rätsels Aufschlüsse geben konnte, aber er entdeckte nicht einen einzigen Flecken. Er sandte Savini nach Guildford, um genauere Erkundungen einzuziehen.

 

Im Augenblick war er so beschäftigt, daß er die unverantwortliche Einmischung seines Sekretärs in seine Privatangelegenheiten übersah. Das konnte warten.

 

Julius war nur zu froh, sich entfernen zu können. Er wollte sich selbst über einen Punkt Gewißheit verschaffen, und nachdem er seinen Auftrag in Guildford erledigt hatte, eilte er nach London und ging direkt zum Carlton-Hotel.

 

»Nein, ich glaube nicht,« antwortete der Hotelportier auf seine Frage. »Ich habe Miß Howett den ganzen Morgen sternchenland.com noch nicht gesehen. Ich werde in ihrem Zimmer anläuten, um zu fragen, ob sie dort ist. Wünschen Sie die Dame zu sprechen?«

 

Julius zögerte einen Augenblick.

 

»Ja,« sagte er dann.

 

Er hatte sich zu einem kühnen und gefährlichen Schritt entschlossen. Während der Portier telephonierte, wartete er, und man konnte die Erregung deutlich in seinen Zügen sehen, als er der Unterhaltung am Apparat folgte.

 

»Es tut mir leid, Mr. Savini,« sagte der Portier, als er den Hörer wieder anhing. »Es ist nicht möglich, daß Sie Miß Howett sehen können. Sie hat sich gestern abend den Fuß vertreten, als sie aus dem Wagen stieg und ist in ärztlicher Behandlung. Das hat mir eben ihre Zofe gesagt. Ich erinnere mich jetzt auch, daß ich Miß Howett seit gestern nachmittag nicht mehr gesehen habe.«

 

Julius war verblüfft, als er aus dem Hotel heraustrat. »Vertreten« bedeutete doch wohl, durch einen Schuß verwundet? Aber was hatte sie denn überhaupt in Garre zu suchen? Zu welchem Zweck verkleidete sich denn die Tochter des reichen Mr. Howett als Grüner Bogenschütze? Seine Theorie war phantastisch, aber das Übereinstimmen der Anfangsbuchstaben Valerie Howetts mit dem Monogramm auf dem Taschentuch war doch zu sonderbar. Dazu kam nun noch der verletzte Fuß. Sicher lebten Hunderte von Damen, die dieselben Initialen hatten, aber es war doch äußerst seltsam.

 

Wenn es jemand gab, den Julius an diesem Morgen nicht treffen wollte, so war es Spike Holland. Aber kaum war er ein paar Schritte vom Hoteleingang entfernt, als er dem Journalisten in die Arme lief. Bei schwachen Menschen ist Haß die Folge von Furcht, und so sehr Savini seinen Herrn haßte, der ihn täglich mit Beleidigungen überhäufte, so sehr fürchtete er sich vor seinem Zorn.

 

»Ich habe keine Zeit, Holland. Ich kam nur zur Stadt … sternchenland.com wenn Sie den Alten sehen, so sagen Sie um Gotteswillen nicht, daß Sie mich in London getroffen haben. Er hat mich nach Guildford geschickt und weiß nichts davon, daß ich hierher ging.«

 

»Bellamy hatte letzte Nacht Besuch?« fragte Spike.

 

»Ich schwöre Ihnen –« begann Savini.

 

»Ach was, nun hören Sie doch mit dem Leugnen auf. Was hat denn das für Zweck! Wir haben einen Mann nach dem Dorf geschickt, der seit gestern abend dort ist. Er hat uns gerade telephoniert, daß sich der Grüne Bogenschütze in der vergangenen Nacht wieder gezeigt hat und daß der alte Bellamy mit seinem Revolver aus einem alten Gainsborough ein Auge ausgeschossen hat!«

 

»Das ist nicht wahr!« sagte Julius heftig. »Wenn das in die Zeitung kommt und der Alte erfahrt, daß ich Sie gesehen habe – hören Sie, Holland, ich will ja alles für Sie tun, ich will Ihnen auch die ganze Geschichte erzählen, wenn Sie dafür sorgen, daß ich nicht hineingezogen werde.«

 

»Habe ich Sie denn schon jemals hineingeritten?« fragte Spike und schüttelte seinen rotblonden Lockenkopf. »Kommen Sie mit, Julius, und erzählen Sie mir einmal die ganze Geschichte.«

 

»Ich weiß nicht genau, was eigentlich los war,« begann Julius.

 

»Das ist ja ein verflucht seiner Anfang für einen genauen autoritativen Bericht. Aber nun erzählen Sie endlich!«

 

Julius berichtete ihm denn auch genau alles, was sich zugetragen hatte. Aber fast nach jedem Satz beschwor er Spike, ihn nicht zu verraten. Er hatte alle die charakteristischen Eigenschaften eines Halbbluts. Auf der einen Seite war er fahrlässig, was die Konsequenzen seiner Handlungsweise betraf, auf der anderen Seite hatte er eine so kindische Angst, daß es manchmal zum Erbarmen war. Er wälzte dunkle, unheimliche Pläne gegen Abel Bellamy in seinem Kopf, auf sternchenland.com deren Ausführung die unheimlichsten und schwersten Strafen stunden, und doch zitterte er, wenn er die rauhen Worte seines Herrn hörte, und kroch vor ihm.

 

»Erzählen Sie mir doch, was Bellamy eigentlich in seiner Burg macht? Was für ein Leben führt er denn? Gibt er auch Einladungen?«

 

»Einladungen?« wiederholte Julius grimmig. »Kein Fremder ist nach Garre Castle gekommen, seitdem ich dort bin. Sie wollen wissen, was Bellamy tagsüber macht? Er geht auf dem Grundstück herum, oder er vertrödelt die Zeit, indem er sich die Mauern ansieht. Die Abende bringt er in seiner Bibliothek mit sich allein zu. Niemand darf ihn dann stören, und tatsächlich ist das auch nicht möglich, denn er schließ! sich einfach dort ein. Gewöhnlich von neun bis elf Uhr abends und manchmal auch eine Stunde morgens.«

 

»Was, er schließt sich immer dort ein?« fragte Spike interessiert.

 

»Ja, beide Türen der Bibliothek schließt er zu, es ist nämlich noch eine andere Tür auf der anderen Seite. Aber um Gotteswillen, verraten Sie mich nicht!«

 

»Also nun ängstigen Sie sich nicht, mein Herzchen!« sagte Spike. »Können Sie mir nicht noch ein bißchen mehr von Bellamy erzählen?«

 

Julius, der schon wieder zuviel ausgeplaudert hatte, biß sich auf die Lippen und schaute sich verzweifelt um, ob er nicht irgendwie entwischen könnte.

 

»Das ist alles, was ich sagen kann, und nun versprechen Sie mir, Holland, daß Sie mich nicht verraten!«

 

»Wo ißt er denn?«

 

»Gewöhnlich in der Bibliothek, den Speisesaal benützt er fast nie. Aber jetzt muß ich gehen, Holland.«

 

Und bevor Spike ihn aufhalten konnte, war er davongeeilt.

 

Auf dem Rückweg nach Guildford machte sich Julius die sternchenland.com größten Vorwürfe, als er sich die Einzelheiten seiner Unterredung mit Spike ins Gedächtnis zurückrief. Große Schweißtropfen traten auf seine Stirn, als er sich klar machte, was er alles ausgeplaudert hatte. Aber er war glücklich, als er sich daran erinnerte, daß er nichts von dem Taschentuch gesagt hatte. Das war doch das Interessanteste an der ganzen Geschichte.

 

Als er zurückkam, fand er seinen Herrn in einer verhältnismäßig guten Stimmung. Er stellte keine unangenehmen Fragen an ihn, warum er z. B. so lange fortgeblieben sei, und zu seiner größten Genugtuung erwähnte Bellamy selbst, daß die Sache wahrscheinlich wieder in die Zeitungen kommen würde.

 

»Man kann dieses Hühnervolk nicht vom Gackern abhalten,« sagte er. »Die Hälfte der Dienstboten hat mir gekündigt. Selbst der dicke Wilks sagt, daß er gehen will. Ich habe ihm gesagt, daß ich ihn wegen Kontraktbruches bei Gericht belangen werde, wenn er seinen Dienst verläßt, bevor ich ihn entlasse. Savini, sehen Sie zu, daß heute nacht alle Lampen im Korridor brennen.«

 

»Erwarten Sie, daß er wiederkommt?« fragte Julius gesprächig, aber ein böser Fluch seines Herrn ließ ihn sofort verstummen.

 

Bei Tageslicht untersuchte Bellamy die Türen seines Zimmers. Die altertümliche äußere Türe konnte ohne große Schwierigkeit leicht geöffnet werden, wenn jemand über die nötigen Werkzeuge verfügte. Aber die Ledertür, die nur auf der Innenseite einen Drücker hatte, schien ganz sicher zu sein, und er war erstaunt, daß sie geöffnet worden war. Mit einem Vergrößerungsglas untersuchte er die Oberfläche des Leders ganz genau. Er hoffte, irgendwelche Spuren oder Kratzer zu finden, aber darin täuschte er sich. Im Rahmenholz der Tür war ein kurzer Eisenhaken eingeschlagen, der die Klinke in ihrer Bewegung nach oben begrenzte. Zuerst dachte er, sternchenland.com daß der Eisenhaken herausgezogen und die Tür auf diese Weise geöffnet worden wäre. Aber er überzeugte sich von der Unmöglichkeit, den Haken zu entfernen. Über der Tür war kein Querbalken befestigt, und obwohl Abel die ganzen Wände und die Decke seines Schlafzimmers sorgfältig untersuchte, konnte er doch nichts entdecken, was das merkwürdig langsame Öffnen der Tür erklärt hatte. In der nächsten Nacht schlief er. Die Pistole lag auf einem kleinen Tisch an der Seite seines Bettes, um fünf Uhr morgens erwachte er und sah, daß beide Türen seines Zimmers weit offen standen und sein Revolver verschwunden war!