16. Die kleinen Schuhe


16. Die kleinen Schuhe

(Siehe auch die Anmerkungen)

»Nun sagt mir, Marie«, sprach Herr Cote zu Marie Cogan, als er ihr eines Tages auf der Straße, gerade auf dem alten Torweg von Kilmallock begegnete, »habt Ihr je etwas von einem Cluricaun gehört?«

»Von einem Cluricaun? Das mein‘ ich und mehr als einmal; wie oft habe ich meinen Vater, Ruhe seiner Seele! davon erzählen hören, eine Geschichte nach der andern.«

»Aber habt Ihr selbst niemals einen gesehen, Marie?«

»Nein, ich selbst mein Lebtag nicht; aber mein Großvater, meines Vaters Vater, ja der hat einmal einen gesehen, sogar in den Händen gehabt.«

»In den Händen gehabt! Ei, Marie, das müßt Ihr mir erzählen.«

»Gerne will ich das tun. Seht, mein Großvater war draußen im Moor gewesen, hatte Torf heimgefahren und der arme, alte Gaul war von seinem Tagewerk müde und der alte Mann war hinaus in den Stall gegangen, um nach ihm zu sehen, ob er sein Futter gefressen habe. Und als er zu der Stalltür kam, hörte er etwas hämmern und hämmern, ganz genau so, als wenn ein Schuster Schuhe macht, und dabei ein so hübsches Liedchen pfeifen, wie er sein Lebtag noch keins gehört hatte. Mein Großvater, der dachte gleich, das ist ein Cluricaun und sprach zu sich selbst und sagte: »Wenn’s geht, so fange ich ihn und dann habe ich Geld genug, solange ich lebe.« Er öffnete die Türe sachte, sachte, und machte nicht so viel Lärm als eine Katze, die nach der Maus schleicht; er schaute sich überall um, es war aber von dem kleinen Männchen nichts zu sehen und doch hörte er, wie es hämmerte und pfiff. Da schaute er und schaute, bis er endlich den kleinen Gesellen sah und denkt, er saß in der Gurt unter der Stute. Er hatte ein kleines Schürzfell um, den Hammer in der Hand und eine kleine rote Nachtmütze auf dem Kopf und machte Schuhe. Er war so mit seiner Arbeit beschäftigt, hämmerte und pfiff so laut, daß er meinen Großvater gar nicht merkte, bis ihn dieser fest mit der Hand packte. Jetzt habe ich Euch, rief er und ich sage Euch, ich lasse Euch nicht eher los, als bis ich Euern Geldbeutel habe, der ist jetzt mein, nur gleich heraus damit. Halt, halt! sagte der Cluricaun, ich will ihn holen. Mein Großvater, denkt Euch, ist so ein Narr und öffnet seine Hand ein wenig, und der Kleine hüpft lachend fort, und er sah ihn niemals wieder, noch weniger etwas von dem Geldbeutel; nur den kleinen Schuh, an dem er arbeitete, hatte der Cluricaun zurückgelassen. Mein Großvater war über sich selbst ärgerlich genug, daß er ihn hatte entschlüpfen lassen; den Schuh behielt er, solange er lebte und meine eigene Mutter hat mir erzählt, daß sie ihn oft genug gesehen und in der Hand gehabt, und daß es der niedlichste Schuh gewesen, den ihre Augen jemals erblickt hätten.«

»Und habt Ihr ihn auch gesehen, Marie?«

»Lieber Himmel, nein, das war lange, ehe ich auf die Welt kam, meine Mutter hat mir oft genug davon erzählt.«

Die Banshi


Die Banshi

(Siehe auch die Anmerkungen)

Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts war Pfarrer zu Buttevant in der Grafschaft Cork der ehrwürdige Herr Carl Bunworth, ein Mann von gründlichen Kenntnissen und ungeheuchelter Frömmigkeit. Von den Reichen war er geachtet, von den Armen geliebt und ein Unterschied im Glauben minderte nicht die Zuversicht, mit der sie sich in einer schwierigen Angelegenheit oder in Zeiten des Mißgeschickes an ihn wendeten; denn sie waren gewiß, von ihm Beistand in Rat und Tat zu erhalten, wie ihn ein Vater seinen Kindern zu gewähren pflegt. Zu ihm kamen aus der benachbarten Stadt Newmarket seines Rates und Unterrichts wegen Curran sowohl als Yelverton vor ihrem Eintritt in die hohe Schule zu Dublin. Jung, ohne Vermögen und Erfahrung empfingen diese späterhin berühmten Männer außer der Belehrung, die sie suchten, noch Unterstützung in Geld, und ihre glänzende Laufbahn in der Folge rechtfertigte den feinen Takt, womit der Geber sie auszeichnete.

Was indessen den Ruf des Herrn Bunworth weit über die Grenzen der nächsten Kirchsprengel verbreitete, war seine Fertigkeit auf der irischen Harfe, und die gastfreundliche Aufnahme und Bewirtung der armen Harfenspieler, die von Haus zu Haus in der Grafschaft umherzogen. Dankbar san-gen sie auf ihren Wanderungen den Ruhm des Wohltäters zu den rauschenden Tönen ihrer Harfe, indem sie zur Vergeltung seiner Güte reiche Segnungen auf sein weißes Haupt herabriefen und in schlichten, kunstlosen Worten die Reize seiner blühenden Töchter, Elisabeth und Marie, priesen. Es war alles, was diese armen Sänger vermochten, aber wer will an der Aufrichtigkeit ihres Dankes zweifeln, da bei dem Tod des Herrn Bunworth nicht weniger als fünfzehn Harfen auf dem Boden seines Kornhauses sich hinterlegt fanden, die ihm von den letzten Gliedern eines Stammes, der nun aufgehört hat zu bestehen, waren vermacht worden? Geringfügig ohne Zweifel war der eigentliche Wert dieser Überbleibsel, doch in den Gaben des Herzens liegt etwas, das verdient erhalten zu werden und es ist zu bedauern, daß nach seinem Tode diese Harfen eine nach der andern zerschlagen und von einem unwissenden Glied der Familie, nachdem man, als sie für eine Zeitlang ihren Aufenthalt in Cork nahm, die Sorge für das Hauswesen übertragen hatte, zum Feueranmachen verbraucht wurden.

Die Umstände bei dem Tode des Herrn Bunworth mögen von manchem in Zweifel gezogen werden; doch es leben noch jetzt glaubwürdige Zeugen, welche die Wahrhaftigkeit davon behaupten und gestellt werden können, um die meisten, wo nicht alle Einzelheiten der folgenden Erzählung zu verbürgen.

Ungefähr eine Woche vor seinem Ende bei dem Eintritt der Nacht ward ein Geräusch an der Saaltüre vernommen, etwa als ob ein Schaf geschoren würde, ohne daß man damals besonders darauf acht hatte. Es war bald elf Uhr in derselben Nacht, als der Hirte Kavanagh von Mallow zurückkehrte, wohin er einiger Arzneien wegen nachmittags war ausgeschickt worden und Miß Bunworth, welcher er das Glas überreichte, bemerkte, daß er sehr verstört aussah. Zu dieser Zeit glaubte man, was wohl zu beachten ist, daß der Zustand ihres Vaters durchaus nicht gefährlich sei.

»Was habt Ihr, Kavanagh?« fragte sie; aber der arme Mensch mit ganz verwildertem Blick, brachte nur die Worte hervor: »Der Herr, Miß, der Herr, er verläßt uns!« Und überwältigt von heftigster Betrübnis brach er in eine Flut von Tränen aus. Miß Bunworth, deren kräftige Natur nicht leicht zu schrecken war, fragte, ob er in Mallow etwas gehört hätte, was ihn veranlassen könnte zu vermuten, daß es mit ihrem Vater schlimm stände?

»Ach nein, es war nicht in Mallow« – antwortete er.

»Kavanagh«, sagte Miß Bunworth mit jenem entschiedenen Wesen, das in ihrem Charakter lag; »ich fürchte, Ihr habt getrunken und ich gestehe, daß ich es am wenigsten in dieser Zeit von Euch erwartete, wo Ihr besonders verpflichtet war’t, nüchtern zu bleiben. Ich dachte, man könnte sich auf Euch verlassen. Was hätten wir anfangen sollen, wenn die Arzneiflasche zerbrach oder verloren ging? Denn der Arzt hat gesagt, es sei von größter Wichtigkeit, daß der Herr noch heute nacht davon nehme; doch ich will morgen mit Euch sprechen, wenn Ihr Euch in einem Zustand befindet, in welchem Ihr fähiger seid zu wissen, was Ihr sagt.«

Kavanagh schaute auf mit einem dummen Blick, der nicht dazu dienen konnte, den Eindruck seiner Trunkenheit zu entfernen, so wenig als die trüben, vom Weinen geschwollenen Augen; doch seine Stimme war nicht die eines Berauschten.

»Miß«, sagte er, »so wahr mir Gott helfe! Kein Tropfen ist über meine Lippen gekommen, seit ich dieses Haus verlassen habe; doch der Herr –«

»Redet leise«, antwortete Miß Bunworth, »er schläft und es geht so gut, als wir nur immer erwarten können.«

»Gott sei gelobt!«, sagte Kavanagh; »Doch ach, er verläßt uns, wahrhaftig, Miß, er verläßt uns!« und rang die Hände.

»Was meint Ihr, Kavanagh?« fragte sie.

»Was ich meine? Die Banshi hat sich gezeigt, seinetwegen, und ich bin es nicht allein, der sie gehört hat.«

»Das ist bloßer Aberglaube!« sagte Miß Bunworth.

»Mag wohl sein!« versetzte Kavanagh, als wenn die Worte bloßer Aberglaube nur in seine Ohren geklungen wären, ohne seine Seele zu erreichen; »mag wohl sein; doch«, fuhr er fort, »als ich durch das Tal von Ballybeg kam, ging sie daher, jammernd und schreiend und die Hände zusammenschlagend; an meiner Seite war sie bei jedem Schritt, den ich auf dem Weg tat; ihr langes, weißes Haar fiel über ihre Schultern und ich konnte hören, wie sie des Herrn Namen dann und wann aussprach, so deutlich, als ich jemals gehört habe. Wie ich zu der alten Abtei kam, verließ sie mich und wendete sich nach dem Taubenfeld zunächst dem Gottesacker und, sich in ihren Mantel hüllend, setzte sie sich unter einen vom Blitz gespaltenen Baum und hub an so bitterlich zu wehklagen, daß es durch’s Herz ging, es mit anzuhören.«

»Kavanagh«, sagte Miß Bunworth, die gleichwohl aufmerksam seiner wunderlichen Erzählung zugehört hatte, »mein Vater befindet sich, wie ich glaube, besser und ich hoffe, er wird bald wieder auf sein und selbst imstande, Euch zu überzeugen, daß dies alles nur Einbildung von Euch ist. Indessen verlange ich von Euch, nichts von dem zu erwähnen, was Ihr mir soeben erzählt habt, denn es ist nicht Augenblick, die Leute im Hause mit dieser Geschichte in Furcht zu setzen.«

Herrn Bunworths Kräfte nahmen allmählich ab, doch kein besonderer Umstand ereignete sich, bis zu der Nacht vor seinem Tode. In dieser Nacht ließen die beiden Töchter, erschöpft von Wachen und der beständigen, aufmerksamen Pflege, sich überreden, ein wenig auszuruhen, eine ältliche Frau, nahe Verwandte und Freundin der Familie, blieb neben dem Bett des Kranken sitzen. Der alte Mann lag in dem Gesellschaftszimmer, wohin er den Morgen auf sein eigenes Verlangen gebracht worden war, weil er sich einbildete, diese Veränderung wurde ihm einige Erleichterung gewähren; mit dem Kopf lag er nahe an dem Fenster. In dem anstoßenden Zimmer saßen einige Freunde und wie gewöhnlich bei solchen traurigen Anlässen waren in der Küche mancherlei Menschen aus Anhänglichkeit an die Familie versammelt.

Es war eine mondhelle Nacht, der Kranke schlief und nichts unterbrach die Stille des traurigen Wachens, als die kleine Gesellschaft in dem anstoßenden Zimmer, dessen Türe offen stand, aufgeschreckt wurde durch einen Ton an dem Fenster nahe bei dem Bett. Ein Rosenbaum stand außen, so nahe, daß er die Scheiben des Fensters berührte. Dieses wurde plötzlich mit einigem Geräusch aufgestoßen und leises Wimmern gehört und ein Zusammenschlagen der Hände, wie von einem Weib in tiefem Jammer. Es schien, als käme der Ton von jemand, der seinen Mund ganz nah an das Fenster hielt. Die Frau, welche neben dem Bette des Kranken saß, stand auf und ging in das Nebenzimmer und fragte mit ängstlichem Ton die Herren, ob sie die Banshi gehört hätten? Zwei von ihnen, die an übernatürliche Erscheinungen wenig glaubten, standen sogleich auf, um die Ursache jener Klänge zu entdecken, die sie gleichfalls deutlich vernommen hatten. Sie gingen rund um das Haus, untersuchten jede Stelle, vorzüglich jene in der Nähe des Fensters, woher die Stimme gekommen war; alles Suchen jedoch war vergeblich, sie entdeckten nicht das geringste und ununterbrochene Stille herrschte überall. In der Hoffnung, das Geheimnis zu enthüllen, setzten sie ihre Nachforschungen die Straße entlang auf das genauste fort, und da diese sehr gerad war und die Nacht vollkommen hell, hinderte sie nichts rund umher eine ziemliche Strecke zu übersehen; indessen war alles still und öd und sie kehrten mit Verwunderung und getäuscht in ihren Erwartungen zurück. Um so größer war ihr Erstaunen, als sie vernahmen, daß in der ganzen Zeit, während ihrer Abwesenheit, jene, die im Hause zurückgeblieben waren, das Wehklagen und Zusammenschlagen der Hände gehört hatten und zwar viel lauter und deutlicher, als zuvor; und kaum hatten sie die Türe des Zimmers hinter sich zugemacht, als sie abermals jene klägliche Stimme vernahmen. Der Kranke ward von Stunde zu Stunde schlimmer und beim ersten Schimmer des Morgens tat Herr Bunworth den letzten Atemzug.

18. Die Banshi von Mac Carthy


18. Die Banshi von Mac Carthy

(Siehe auch die Anmerkungen)

Karl Mac Carthy war im Jahr 1749 der einzige noch lebende Sohn einer zahlreichen Familie. Sein Vater starb, als er wenig mehr als zwanzig Jahr alt war und hinterließ ihm die Güter ziemlich unverschuldet. Karl war lebhaft und wohlgebildet, weder durch Dürftigkeit, noch einen Vater oder Wächter gezügelt und eben deshalb in einem solchen Alter kein Tugendspiegel. Offenherzig zu reden, er war ein verschwenderischer, man sollte wohl sagen wüster Schwelger. Seinen Umgang suchte er, wie sich denken läßt, in der benachbarten Jugend der höheren Stände, deren Vermögensumstände in der Regel glänzender waren, als die seinigen, deren Hang zu Vergnügungen deshalb noch weniger Einschränkung kannte und in deren Beispiel er eben sowohl Anreizung zu seinem unordentlichen Leben als Billigung desselben fand.

Karl Mac Carthy versank so tief in die Lüste, welchen sich zu ergeben die schwache Jugend ohnehin geneigt ist, daß um die Zeit, wo er sein vier und zwanzigstes Jahr vollendete, er von einem heftigen Fieber befallen wurde, welches als höchst bösartig bei der Hinfälligkeit seines Körpers kaum Hoffnung zur Genesung ließ. Seine Mutter, die anfänglich mancherlei Anstrengungen gemacht hatte, ihn von dem Irrwege abzubringen und am Ende genötigt war, die raschen Fortschritte zum Verderben mit stiller Verzweiflung anzusehen, wachte Tag und Nacht bei seinem Lager. Die Angst des mütterlichen Gefühls war gemischt mit einem noch tiefern Jammer, welchen jene allein kennen, die unablässig bemüht ein geliebtes Kind in Tugend und Frömmigkeit zu erhalten, gesehen haben, wie es nach den Wünschen ihres Herzens bis zum Manne heranwuchs, dann, wenn ihr Stolz am höchsten war, erleben mußten, daß eben das, was ihnen das liebste auf der Welt war, sorglos in den Strom des Lasters sich stürzte und nach einem schnellen Lauf vor die Pforten der Ewigkeit zu stehen kam ohne Zeit und Kraft zur Reue. Es war ihr heißes Gebet, wenn sein Leben nicht könnte erhalten werden, daß die Bewußtlosigkeit, welche seit den ersten Stunden seiner Krankheit mit immer wachsender Gewalt fortdauerte, vor seinem Ende aufhören und ihm Besinnung und Ruhe genug hinterlassen möchte, seinen Frieden mit dem beleidigten Himmel zu machen. Nach wenigen Tagen indessen schien die Natur völlig erschöpft und er versank in einen Zustand, der dem Tode zu ähnlich war, als daß man ihn für Ruhe des Schlafes hätte halten können. Sein Gesicht war bleich, glatt und marmorartig, zum sichersten Zeichen, daß das Leben die irdische Wohnung verlassen hat. Seine Augen waren geschlossen und eingesunken, die Augenlider hatten jenes erstarrte und eingedrückte Wesen, das anzuzeigen pflegt, daß die Hand eines Freundes schon den letzten Dienst geleistet hat. Die Lippen, halb geschlossen und vollkommen aschgrau, ließen nur etwas von den Zähnen sehen, um dem Bild des Todes seinen furchtbarsten aber ausdrucksvollsten Zug zu geben. Er lag auf dem Rücken, die Hände zur Seite ausgestreckt, ganz bewegungslos, und die erschütterte Mutter konnte nach wiederholten Versuchen nicht das geringste Zeichen von Leben entdecken. Der Arzt, der zugegen war und die üblichen Proben angestellt hatte, um Gewißheit über den Zustand zu erhalten, erklärte endlich, daß er verschieden sei und traf Anstalt, das Sterbehaus zu verlassen. Sein Pferd wurde vorgeführt. Eine Menge Leute, die sich vor den Fenstern oder in Haufen hier und da auf dem Platz versammelt hatten, eilten herzu, als die Türe sich öffnete. Es waren Diener des Hauses, Leute, die Wohltaten empfingen, arme Verwandte der Familie, wozu noch andere sich gesellten, durch Anhänglichkeit herbeigezogen, auch wohl durch Teilnahme, die zwar mit aus Neugierde entspringt, aber doch noch etwas mehr ist und welche die niedern Stände um ein Haus zu versammeln pflegt, wo ein menschliches Wesen in die andere Welt übergeht. Sie sahen den Mann, der im Beruf zugegen gewesen war, aus der Haustüre treten und zu seinem Pferde gehen; und während er langsam, mit traurigem Wesen sich anschickte aufzusteigen, drängten sie sich forschenden und bewegten Blicks um ihn her. Man hörte kein lautes Wort und doch war ihre Meinung außer Zweifel; der Arzt, als er aufgesessen war, während der Diener beständig den Zaum in den Händen behielt, als wollte er ihn zurückhalten, und ängstlich nach seinen Mienen schaute, als wenn er erwartete, er werde die beklemmende Ungewißheit lösen, schüttelte den Kopf und sagte mit gedämpfter Stimme: »Es ist vorbei, Jacob!« und ritt langsam fort. Kaum war das Wort aus seinem Munde, so stießen die in nicht geringer Zahl anwesenden Weiber einen heftigen Schrei aus, welcher, nachdem er eine halbe Minute lang gedauert hatte, plötzlich in ein lautes, fortgesetztes und mißhelliges, aber jammervolles Wehklagen herabsank, durch welches nur dann und wann die tiefern Töne männlicher Stimmen drangen, manchmal in abgebrochenem Schluchzen, manchmal in deutlichen Ausrufungen des Schmerzens. Karls Milchbruder ging unter der Menge Menschen umher, die Hände bald zusammenschlagend, bald in schmerzvoller Angst ringend. Der arme Bursch war in der Jugend Karls Gefährte und Spielgenosse, in der Folge sein Diener gewesen, hatte sich immer durch eine besondere Anhänglichkeit ausgezeichnet und zuletzt seinen jungen Herrn wie sein eigenes Leben geliebt.

Als die Mutter überzeugt war, daß der harte Schlag sie wirklich getroffen hatte und ihr geliebter Sohn in der Blüte seiner Sünde dahingegangen war, die letzte Rechenschaft abzulegen, blieb sie eine Zeitlang und schaute mit unverwandten Blicken das erstarrte Antlitz an; dann als habe plötzlich etwas die Saite ihrer zärtlichsten Liebe berührt, rollte eine Träne nach der andern über ihre von Angst und Nachtwachen abgebleichten Wangen. Sie schaute noch immer auf ihren Sohn, ohne zu wissen, daß sie weinte und ohne nur einmal ihr Tuch vor die Augen zu halten, bis sie an die beschwerlichen Pflichten, welche herkömmliche Landessitte ihr auflegte, durch die Menge Frauen erinnert ward, die zu der bessern Klasse der Bauern gehörte und nun unter lautem Schreien beinahe das ganze Gemach anfüllten. Sie entfernte sich hierauf, um Anordnungen wegen der Feierlichkeit bei dem Wachen zu treffen und um die zahlreichen Besucher aus allen Ständen mit den bei dieser traurigen Gelegenheit üblichen Erfrischungen versorgen zu lassen. Obgleich ihre Stimme kaum gehört wurde und niemand sie sah, als zwei Diener und ein oder zwei bewährte Hausfreunde, die ihr bei den nötigsten Einrichtungen Beistand leisteten, so wurde doch alles mit der größten Regelmäßigkeit ausgeführt. Und wiewohl sie sich keineswegs anstrengte, ihren Schmerz zu unterdrücken, so hemmte er doch keinen Augenblick ihre Aufmerksamkeit, die gerade jetzt nötiger als je war, um Ordnung in ihrem Hauswesen zu erhalten, welches in dieser Unglückszeit ohne sie ganz in Verwirrung geraten wäre.

Die Nacht war ziemlich vorgerückt, das laute Jammergeschrei, welches den Tag über in und um das Haus herrschte, hatte einem feierlichen und düstern Schweigen Platz gemacht, und Frau Mac Carthy, der das Herz ungeachtet der langen Ermüdung und nächtlichen Wachen zu schwer war, um schlafen zu können, lag in heißem Gebet auf den Knien in einem Zimmer, das unmittelbar an das ihres Sohnes stieß. Plötzlich ward sie in ihrer Andacht durch ein ungewöhnliches Geräusch unterbrochen, welches von den Personen kam, die bei der Leiche wachten. Zuerst war es ein leises Gemurmel, dann war alles still, als wenn die Bewegungen jener, die in dem Zimmer sich befanden, durch einen heftigen Schrecken wären gelähmt worden; jetzt brach ein lauter Schrei des Entsetzens aus, die Türe des Zimmers ward aufgerissen und was im Gedränge sich aufrecht erhalten konnte, stürzte wild untereinander nach der Treppe hin, zu welcher der Weg durch der Frau Mac Carthy Gemach führte. Frau Mac Carthy drang durch das Gewirr in das Zimmer ihres Sohnes und fand ihn aufrecht im Bette sitzen, starr um sich schauend, gleich einem, der aus dem Grabe erstanden ist. Ein gewisser Glanz, der sich über die eingesunkenen Züge und die spitzen, abgestorbenen Formen verbreitete, verlieh seinem ganzen Anblick etwas überirdisch Grauenhaftes. Frau Mac Carthy war nicht ohne Festigkeit der Seele, aber befangen in dem Aberglauben ihres Vaterlandes. Sie sank auf die Knie und die Hände faltend betete sie laut. Die Gestalt vor ihr bewegte den Mund und brachte bloß »Mutter!« heraus, die bleichen Lippen zuckten, als hätten sie die Absicht, den Gedanken zu beendigen, aber die Zunge versagte den Dienst. Sie sprang auf ihn zu und die Hände ausstreckend, rief sie: »Rede, im Namen Gottes und seiner Heiligen, rede, lebst du?«

Er wendete sich langsam zu ihr hin und sprach mit sichtbarer Anstrengung: »Ja, meine Mutter, ich lebe; aber sitzt nieder und sammelt Euch. Ich will Euch etwas erzählen, worüber Ihr mehr erstaunen werdet, als über das, was Ihr gesehen habt!« Er lehnte sich aufs Kopfkissen zurück und während sie neben dem Bette knien blieb, eine von seinen Händen in den ihrigen haltend und zu ihm aufschauend, wie jemand, der seinen eigenen Sinnen nicht mehr traut, fuhr er fort:

»Unterbrecht mich nicht, bis ich zuende bin; ich möchte gerne sprechen, so lange der Reiz des wiederkehrenden Lebens in mir dauert, denn ich fühle, daß ich hernach langer Ruhe bedarf. Von dem Anfang meiner Krankheit habe ich nur eine verwirrte Erinnerung, doch in den letzten zwölf Stunden habe ich vor dem Richterstuhl Gottes gestanden. Starrt mich nicht so ungläubig an, Mutter, es ist wahr, wie es meine Sünden sind und wie ich hoffe, daß es meine Reue sein wird. Ich habe den hehren Richter gesehen, strahlend in all den Schrecken, die ihn umgeben, wenn die Gnade der Gerechtigkeit weicht. Ich habe die furchtbare Herrlichkeit der beleidigten Allmacht gesehen und ich erinnere mich dessen wohl. Es ist mir fest eingeprägt und mit unauslöschlicher Schrift in mein Gehirn gedrückt, aber dahin reicht menschliche Sprache nicht. So viel ich kann, will ich beschreiben, ich muß mich kurz fassen. Es ist genug gesagt, ich ward auf die Waage gelegt und zu leicht befunden. Das unwiderrufliche Urteil sollte eben gefällt werden, die Augen meines allmächtigen Richters, die mich angestrahlt hatten, sprachen schon halb meine Verdammung aus, als ich bemerkte, daß der heilige Schutzengel, an den Ihr so oft mein Gebet richtetet, als ich noch ein Kind war, mit einem Ausdruck voll Güte und Mitleid mich ansah. Ich streckte die Hände nach ihm aus und flehte um seine Fürsprache. Ein Jahr nur, ein Monat, bat ich, möchte mir noch auf Erden gegeben werden zur Reue und Sühne für meine Vergehungen. Er kniete selbst vor den Füßen meines Richters und flehte um Gnade. Ach! niemals, und sollte ich noch übergehen nacheinander in zehntausend verschiedene Zustände meines Daseins, niemals in alle Ewigkeit werde ich das Entsetzen jenes Augenblickes vergessen, wo mein Schicksal zur Entscheidung kam und von einer Sekunde abhing, ob unaussprechliche Qualen auf endlose Zeiten mein Los sein sollten. Doch die Gerechtigkeit verschob ihren Beschluß und die Gnade sprach in festem, mildem Ton: kehre zurück auf die Welt, in welcher du gelebt hast, aber nur um die Gesetze dessen zu versöhnen, der die Welt und dich geschaffen hat. Drei Jahre sind dir gegeben zu bereuen, sind diese verflossen, dann sollst du abermals hier stehen, um erlöst zu werden oder dem ewigen Verderben preisgegeben. Ich hörte nichts mehr, ich sah nichts mehr, bis ich zum Leben erwachte, in dem Augenblick, wo Ihr eintratet.«

Seine Kräfte reichten gerade so weit, um diese letzten Worte zuende zu bringen und sobald er sie ausgesprochen hatte, schloß er die Augen und lag völlig erschöpft. Die Mutter, obgleich sie, wie vorhin bemerkt, übernatürliche Erscheinungen nicht gerade ableugnete, war doch ungewiß, ob sie ihm glauben sollte, oder annehmen, daß er, wiewohl aus einer Ohnmacht erwacht, welche die Krisis der Krankheit möchte gewesen sein, noch immer an Geistesabwesenheit litte. Ruhe indessen war ihm in jedem Falle Bedürfnis und sie traf sogleich Vorkehrungen, daß er sie ungestört genießen konnte. Nach einigen Stunden Schlaf wachte er neugestärkt auf und von da an nahm die Genesung stufenweise beständig zu.

Karl beharrte stets bei der Erzählung von seiner Vision, so wie er sie gleich das erstemal gegeben hatte und die Überzeugung von ihrer Wahrheit mußte notwendig von entschiedenem Einfluß auf seine Lebensweise und sein Betragen sein. Er gab seinen früheren Umgang nicht völlig auf, denn die Heiterheit seiner Natur war durch seine Umwandlung nicht getrübt worden, aber er nahm an Ausschweifungen niemals Teil, dagegen war er oft ernstlich bemüht, die andern davon abzuhalten. Er war gottesfürchtig ohne Scheinheiligkeit, ernst ohne Strenge, und gab ein Beispiel, wie Laster sich in Tugend umwandeln könne, ohne vornehm, herb und trübselig zu werden.

Die Zeit verstrich und lang ehe die drei Jahre zu Ende gingen, war die Geschichte von der Vision vergessen oder wenn die Rede darauf kam, wurde sie gewöhnlich als ein Beweis angeführt, wie unvernünftig es sei, an solche Dinge zu glauben. Karls Gesundheit, bei der Mäßigung und Regelmäßigkeit seiner Lebensweise, ward kräftiger als je. Es ist wahr, seine Freunde hatten oft Gelegenheit, ihn wegen seines ernsthaften und zurückgezogenen Betragens zu necken, welches man an ihm bemerkte, als sich die Zeit näherte, wo er sein siebenundzwanzigstes Jahr vollendete, gewöhnlich jedoch zeigte er im Umgang jene Lebendigkeit und Heiterheit, die ihm eigentümlich war. Unter Leuten wich er jedem aus, der sich bemühte, ihm eine bestimmte Äußerung rücksichtlich jener Voraussagung zu entlocken, doch in seiner eigenen Familie war es kein Geheimnis, daß er fest daran glaubte. Indessen als der Tag herankam, an welchem die Prophezeiung durchaus sich bewähren mußte, versprach sein ganzes Aussehen ein so langes und gesundes Leben, daß er sich durch seine Freunde überreden ließ zur Feier seines Geburtstages, eine große Gesellschaft zu einem Gastmahl auf Springhouse einzuladen. Veranlassung dazu und alle Umstände, die sie begleiteten, lernt man am besten kennen, wenn man folgende von Verwandten der Familie sorgfältig aufbewahrten Briefe liest.

Der erste ist von der Frau Mac Carthy an eine vertraute und bewährte Freundin, welche zu Castle Barry in der Grafschaft Cork, etwa zwölf Meilen von Springhouse wohnte.

»Dienstag den 15ten Oktober 1752.

Teuerste Marie. Ich fürchte, ich setze durch diesen Brief Eure Liebe für Eure alte Freundin und Verwandtin auf eine zu harte Probe. Zwei Tage in dieser Jahreszeit auf schlechten Wegen und in dieser unruhigen Gegend zu reisen, in der Tat, man muß auf eine Freundschaft wie die Eurige bauen, wenn man eine besonnene Frau zu diesem Unternehmen bereden will. Aber in Wahrheit, ich habe oder bilde mir ein mehr als gewöhnliche Ursache zu haben, Euch in meiner Nähe zu wünschen. Ihr kennt die Geschichte von meinem Sohn. Ich kann nicht sagen, wie es zugeht, aber mit dem daß der nächste Sonntag heranrückt, wo die Voraussagung seines Traumes sich als falsch oder wahr bewähren muß, fühle ich im Herzen eine Mutlosigkeit, die ich nicht besiegen kann und Eure Gegenwart, geliebteste Marie, würde, wie sie schon mehr getan hat, manche von meinen Sorgen beschwichtigen. Mein Neffe Jacob Ryan wird sich mit Johanne Osborne (wie Ihr wißt, meines Sohnes Mündel) verheiraten und das Hochzeitfest soll hier den nächsten Sonntag gefeiert werden, obgleich Karl sehr darauf dringt, es einen oder zwei Tage weiter hinaus zu schieben. Wollte Gott – doch ich verspare alles auf mündliche Unterredung. Überwindet Euch, Euren guten Mann auf eine Woche zu verlassen, wenn die Landwirtschaft ihm nicht erlauben sollte, Euch zu begleiten, bringt aber die Mädchen mit und kommt so früh vor Sonntag, als Euch möglich ist.«

Obgleich dieser Brief den Mittwochen morgen zu Castle Barry anlangte, da der Bote durch Sumpf und Moor auf Fußwegen gegangen war, wo Pferd und Wagen nicht fortkommen, so hatte doch Frau Barry, zwar gleich zur Reise entschlossen, doch so mancherlei Einrichtungen für den Haushalt zu treffen, welcher in Irland bei dem mittlern Adel leicht in Verwirrung gerat, wenn die Hausfrau nicht zugegen ist, daß es ihr und den beiden jüngern Töchtern unmöglich fiel, eher als Freitag morgen abzureisen. Die älteste Tochter blieb zurück, dem Vater Gesellschaft zu leisten und die Aufsicht über das Hauswesen zu führen. Da sie die Reise in einem offenen einspännigen Wagen machten, und die Wege, zu aller Zeit schlecht, durch häufige Regengüsse noch grundloser geworden waren, so nahmen sie sich vor, zwei bequeme Stationen zu machen, die erste Nacht auf der Hälfte des Wegs zuzubringen und sonnabends bei guter Zeit zu Springhouse einzutreffen. Dieser Plan konnte aber nicht ausgeführt werden, da sie einsahen, daß bei ihrer späten Abfahrt sie höchstens fünf Meilen den ersten Tag machen könnten, sie beschlossen daher in dem Hause des Herrn Bourke, eines Freundes, zu übernachten, der noch etwas näher wohnte. Sie langten ziemlich durchgeschüttelt, aber doch wohlbehalten bei ihm an. Was ihnen auf der Reise den folgenden Tag bis nach Springhouse und nach ihrer Ankunft daselbst begegnete, ist ausführlich in einem Brief erzählt, den die zweite Miß Barry an ihre älteste Schwester von dorther schrieb.

»Sonntag abend den 20sten Oktober 1752.

Da der Mutter Brief, in welchem dieser eingeschlossen liegt, Euch im Allgemeinen die traurige Nachricht ankündigt, welche ich hier vollständiger mitteilen soll, so glaube ich, es ist besser wenn ich bei der Erzählung von den ungewöhnlichen Ereignissen der beiden letzten Tage regelmäßig verfahre.

Bei Herrn Bourke trafen wir den Freitag abend so spät ein, daß wir gestern unmöglich zu rechter Zeit ausfahren konnten und deshalb mit einbrechender Nacht noch mehr als drei Meilen von Springhouse entfernt waren. Die Wege, von dem anhaltenden Regen in voriger Woche ganz aufgeweicht, gestatteten uns nur ein langsames Fortbewegen, so daß sich die Mutter endlich entschloß, die Nacht in dem Hause von Herrn Bourke’s Bruder zuzubringen, das eine kurze Strecke von dem Weg abliegt. Der Tag war windig und regenhaft gewesen und der Himmel schien drohend, trüb und ungewiß. Der Mond stand voll und zeigte sich wohl dann und wann hell und glänzend, meist aber hinter schwerem, dunkelem und zerrissenem Gewölk versteckt, das schnell vorüber zog, jeden Augenblick in noch größern Massen heranrückte und sich für einen kommenden Sturm anzuhäufen schien. Der Wind, der uns ins Gesicht blies, pfiff kalt durch die niedrigen Hecken an den Seiten der Landstraße, auf welcher wir bei der Menge tiefer Pfützen nur mit Mühe weiter kamen und wo wir nirgends den geringsten Schutz hoffen durften, da meilenweit keine Anpflanzung war. Die Mutter fragte daher den Lorenz, welcher den Wagen führte, wie weit wir noch von Herrn Bourke’s Gut wären.

‚Noch ein paar Steinwürfe weiter‘, antwortete er, ‚bis zu dem Kreuzweg, dann brauchen wir uns nur links in den Baumgang zu wenden.‘

‚Gut Lorenz, wenn du zu dem Kreuzweg kommst, so lenke ein nach Herrn Bourke’s Haus.‘

Kaum hatte die Mutter diese Worte gesprochen, so drang ein Schrei, vor dem wir zusammenfuhren, als habe er uns das Herz durchschnitten, von der Hecke gerade auf uns ein. War er irgend einem irdischen Laute ähnlich, so schien es der Schrei eines Weibes, welches von einem heftigen und mördrischen Schlag getroffen, sein Leben in tiefer, entsetzlicher Todesangst ausstößt.

‚Gott behüte uns!‘ rief die Mutter, ’steig über die Hecke, Lorenz, und hilf dem Weib, wenn es nicht schon tot ist, während wir zu der Hütte zurück eilen, an der wir eben vorüber gekommen sind und im nächsten Dorfe Lärm machen.‘

‚Ein Weib!‘ sagte Lorenz, indem er mit aller Macht aufs Pferd peitschte und seine Stimme zitterte, ‚Das ist kein Weib! Je schneller wir davon eilen, desto besser!‘ und strengte sich aufs neue an, die trägen Schritte des Pferdes zu beleben. Wir sahen nichts, der Mond hatte sich versteckt. Es war ganz dunkel und wir erwarteten längst einen Regenguß. Eben aber als Lorenz gesprochen hatte und es ihm gelungen war, das Pferd in raschere Bewegung zu bringen, hörten wir deutlich ein lautes Zusammenschlagen der Hände, auf welches ein Schrei nach dem andern folgte, was die letzte Anstrengung der Angst und Verzweiflung zu bezeichnen und von einer Person auszugehen schien, welche innerhalb der Hecke eilig dahinrannte, um mit uns gleichen Schritt zu halten. Noch immer sahen wir nicht das geringste, endlich, als wir nur noch zehn Schritte von der Stelle waren, wo ein Fahrweg zu Herrn Bourke’s Haus links einbog, die Straße nach Springhouse aber nach rechts sich wendete, brach der Mond plötzlich hinter den Wolken hervor und ließ uns so deutlich, als ich hier dieses Papier sehe, die Gestalt einer schlanken, hagern Frau erblicken mit unbedecktem Haupte und langem, rund um ihre Schultern flatternden Haare, gekleidet in etwas, das aussah wie ein weiter, weißer Mantel oder ein eilig umgeworfenes Bettuch. Sie stand in dem Winkel der Hecke, wo die Straße, auf der wir uns befanden, an jene stieß, welche nach Springhouse führte, mit dem Gesicht uns zugewendet, während sie den rechten Arm gewaltsam und heftig auf und ab bewegte, als wollte sie uns in dieser Richtung fortziehen. Das Pferd stutzte, sichtbar erschrocken über die plötzliche Gegenwart der Gestalt, deren äußere Erscheinung ich soeben beschrieben habe, und welche eine halbe Minute lang jenes herzzerschneidende Geschrei ausstieß. Sie lief dann auf die Landstraße, verschwand einen Augenblick vor unsern Augen und bald danach sahen wir sie auf einer hohen Mauer stehen, eine kleine Strecke über dem Fahrweg, in welchen wir einzulenken im Begriff waren; sie deutete beständig auf die Straße nach Springhouse hin, doch mit trotziger und gebietender Gebärde, als sei sie bereit sich unserer Einfahrt in jenen Weg zu widersetzen. Die Gestalt schwieg nun gänzlich und ihr Gewand, das vorhin frei in dem Wind geflattert hatte, war jetzt fest um sie gewickelt.

‚Dreh um, Lorenz, nach Springhouse, in Gottes Namen‘, sagte die Mutter, ‚welcher Welt sie auch angehören mag, wir wollen sie nicht erzürnen.‘

‚Es ist die Banshi‘, sagte Lorenz, ‚und ich möchte um mein Leben nicht in dieser Nacht woanders hingehen, als nach Springhouse, aber ich fürchte, dort gibts ein Unglück, sonst zeigte sie uns nicht den Weg dahin.‘

Mit diesen Worten trieb er das Pferd an, und als wir rechts einbogen, entzog der Mond auf einmal sein Licht und wir sahen die Gestalt nicht weiter, doch hörten wir deutlich ein fortwährendes Zusammenschlagen der Hände, das jedoch gradweise abnahm, als komme es von jemand, der sich schnell entferne. Wir setzten unsern Weg fort, so rasch es die schlechte Straße und das abgemattete Tier, das uns zog, erlaubte, und kamen vorige Nacht gegen elf Uhr hier an. Den Zustand, in welchem wir das Haus fanden, kennt Ihr bereits aus der Mutter Brief. Um ihn vollständig zu beschreiben, ist es nötig, daß ich einiges von den Ereignissen erzähle, die hier im Laufe der vorigen Woche sich zugetragen haben.

Ihr wißt schon, daß die Hochzeit der Johanne Osborne mit Jacob Ryan an diesem Tage sollte gefeiert werden und daß die Brautleute mit ihren Freunden vorige Woche hier angelangt waren. Verflossenen Dienstag, an welchem gerade Frau Mac Carthy morgens früh den Einladungsbrief an uns abgeschickt hatte, war die ganze Gesellschaft kurz vor dem Mittagsessen ein wenig ins Freie gegangen. Es scheint, daß ein unglückliches, von Jacob Ryan verführtes Geschöpf in der Nachbarschaft in einem erbärmlichen, höchst betrübten Zustand einige Tage vorher war gesehen worden. Er hatte sich schon seit einigen Monaten von ihr getrennt und, wie man behauptet, sie reichlich versorgt, doch sie war durch ein Eheversprechen verführt worden und die Scham über ihren unglücklichen Zustand, wozu Mißgeschick und Eifersucht kamen, hatten ihre Sinne verwirrt. Den ganzen Vormittag über hatte man sie in den Anlagen bei Springhouse umherwandeln gesehen, in einen Mantel gehüllt mit einer Kappe, die ihr fast das Gesicht bedeckte. Sie hatte vermieden, mit einem Glied der Familie zu reden oder ihm nur zu begegnen.

Karl ging zu der angegebenen Zeit zwischen Jacob Ryan und einem dritten in kleiner Entfernung von den übrigen auf einem Sandweg, der eine Anlage von feinem Buschwerk umgab. Jedermann wurde durch einen Pistolenschuß in großen Schrecken gesetzt, welcher aus der dichtesten Stelle des Ge-sträuchs fiel, an welchem Karl und seine Begleiter eben vorbeigingen. Karl stürzte sogleich zur Erde und es fand sich, daß er am Bein verwundet war. Da sich in der Gesellschaft gerade ein Arzt befand, eilte dieser, Beistand zu leisten, und nachdem er die Wunde untersucht hatte, erklärte er, daß die Gefahr sehr gering und kein Knochen verletzt sei, die bloße Wunde ins Fleisch aber in wenigen Tagen heilen werde. ‚Wir werden den Sonntag mehr wissen‘, sagte Karl, der in sein Zimmer gebracht wurde. Man verband die Wunde und so wenig Beschwerde entstand daraus, daß einige seiner Freunde einen Teil des Abends in seinem Schlafgemach zubrachten.

Bei näherer Nachforschung ergab sich, daß der unglückliche Schuß von jenem armen Mädchen herrührte, dessen ich vorhin Erwähnung getan habe. Offenbar hatte sie nicht auf Karl gezielt, sondern auf den Zerstörer ihrer Unschuld und Glückseligkeit, der an seiner Seite gegangen war. Nachdem man sie in den Anlagen vergeblich gesucht hatte, kam sie aus freien Stücken in das Haus gegangen. Sie lachte und tanzte, wild singend und jeden Augenblick ausrufend: ‚Endlich habe ich den Ryan getötet!‘ Als sie vernahm, daß es Karl war, nicht Herr Ryan, den der Schuß getroffen, fiel sie besinnungslos nieder und nachdem sie einige Zeit in krampfhaften Bewegungen gelegen hatte, sprang sie auf, nach der Türe hin, und entschlüpfte den Nacheilenden. Man konnte ihrer nicht wieder habhaft werden, bis in der letzten Nacht, wo sie kurz vor unserer Ankunft, vollkommen wahnsinnig hieher gebracht wurde.

Man hielt Karls Wunde für so unbedeutend, daß die Vorbereitungen zu dem Hochzeitsfest auf den Sonntag ihren Fortgang hatten. Doch in der Freitagnacht ward er unruhig und fiebrig und gestern, den Sonnabend, fühlte er sich so schlecht, daß man es für nötig hielt, noch einen Kunstverstän-digen zu Hilfe zu nehmen. Zwei Ärzte und ein Wundarzt gingen um Mittag zu Rat und der furchtbare Ausspruch lautete, daß, wo nicht vor Nacht eine kaum zu hoffende Veränderung eintrete, binnen vierundzwanzig Stunden der Tod sich einstellen werde. Wie es schien, hatte man die Wunde zu fest zusammengeschnürt und auch in anderer Hinsicht ungeschickt behandelt. Leider hatten sich die Ärzte in ihrer Voraussagung nicht geirrt. Kein günstiges Zeichen erschien und lange bevor wir Springhouse erreichten, war jeder Strahl von Hoffnung verschwunden. Der Auftritt, von dem wir bei unserer Ankunft Zeuge waren, hätte ein Herz von Stein gespalten. Schon auf der Straße hörten wir, daß Karl Mac Carthy auf dem Totbett liege, und als wir das Haus erreichten, bestätigte der Diener, der das Tor öffnete, diese Nachricht. Gerade, als wir eintraten, wurden wir durch ein furchtbares Geschrei erschreckt, das von der Treppe aus uns entgegenschallte. Die Mutter glaubte die Stimme der armen Frau Mac Carthy zu hören und eilte weiter. Wir folgten und einige Stufen hinaufgestiegen fanden wir ein junges Weib in dem Zustand wahnsinniger Leidenschaft mit zwei Mägden ringend, deren vereinte Kräfte kaum zureichten, jene abzuhalten, daß sie nicht die Treppe hinaufrannte über den Körper der Frau Mac Carthy, welche von Schwachheit überwältigt auf die Stufen niedergesunken war. Wie ich hernach hörte, war es jenes unglückliche Geschöpf, dessen ich vorhin gedacht habe, welches durchaus in Karls Zimmer dringen wollte, um von ihm Vergebung zu erhalten, wie sie sagte, ehe er scheide, sie des Mordes wegen anzuklagen. Dieser wahnwitzige Gedanke war mit einem andern gemischt, welcher jenem den Besitz ihrer Seele streitig zu machen schien. In einem Atem verlangte sie Karls Vergebung und klagte Herrn Ryan als ihren und Karls Mörder an. Endlich brachte man sie weg, und die letzten Worte, die ich sie schreien hörte, waren:

‚Ryan hat ihn getötet, nicht ich! Ryan hat ihn getötet, nicht ich!‘

Als Frau Mac Carthy wieder zu sich selbst kam, sank sie in die Arme der Mutter, deren Gegenwart ihr ein großer Trost zu sein schien. Sie weinte; die ersten Tränen, welche sie, wie man uns sagte, seit dem unglücklichen Ereignis vergossen hatte. Sie führte uns in Karls Zimmer, welcher, wie sie äußerte, verlangt hatte, uns gleich nach unserer Ankunft zu sehen, weil er sein herannahendes Ende fühle und die letzten Stunden seines irdischen Daseins ungestört dem Gebet und der Betrachtung zu widmen wünsche. Wir fanden ihn vollkommen ruhig, ergeben, ja heiter. Er sprach von dem schrecklichen Vorfall, dem man Mut und Vertrauen entgegensetzen müsse und den er als eine Entscheidung betrachte, auf welche er seit jener wunderbaren Krankheit vorbereitet gewesen, da er an der Wahrheit der Vorausverkündigung niemals gezweifelt habe. Er sagte uns Lebewohl mit dem Ausdruck eines Menschen, der im Begriffe steht, eine kurze und vergnügte Reise anzutreten und wir verließen ihn mit einem Eindruck, der bei allem traurigen uns, wie ich gewiß glaube, niemals ganz verlassen wird.« –

Der Brief war nicht geendigt, weil die Schreiberin abgerufen ward. Ehe die Sonne an seinem siebenundzwanzigsten Geburtstag aufging, war Karls Seele geschieden, vor seinem Schöpfer die letzte Rechenschaft abzulegen.

4. Die Mahlzeit des Geistlichen


4. Die Mahlzeit des Geistlichen

(Siehe auch die Anmerkungen)

Leute, die sich auf solche Dinge verstehen, sagen, das stille Volk sei ein Teil jener aus dem Himmel verstoßenen Engel, die nun auf Erden festen Fuß gefaßt haben, während ein anderer Teil, größerer Sünden wegen, an einen viel schlimmern Ort noch tiefer gesunken sei. Da mag dahin gestellt bleiben.

Gegen Ende Septembers war einmal eine muntere Gesellschaft von Elfen versammelt, welche im Glanze des Mondlichtes herumtanzten und ihre wunderlichen Streiche und Sprünge machten. Der Platz lag nicht weit von Inchegila in dem westlichen Teile der Grafschaft Cork, einem armen Dörfchen, von welchem große Berge und dürre Felsen, die es umschließen, allen Wohlstand abhalten. Doch was kümmern sich Elfen, die alles, wornach sie Verlangen tragen, herbeiwünschen können, um die Armut einer Gegend. Sie sorgen nur für einen heimlichen, unbesuchten Platz, wo sich nicht leicht jemand hin verirrt und sie in ihrer Lust stört.

Auf einem weichen grünen Rasen, nahe bei des Flusses Rand tanzten die kleinen Gesellen im Kreis, fröhlicher als je; ihre roten Käppchen wackelten bei jedem Sprung in dem Mondschein und doch waren diese tollen Sprünge so leicht, daß die Tautropfen unter ihren Füßen zwar zitterten, aber nicht auseinander rollten. So trieben sie ihr wildes Spiel, zogen Kreise umher, wirbelten und zappelten durch die Luft und auf und nieder tauchend erschöpften sie ihre Künste, bis endlich einer von ihnen zirpte:

»Geschwind, geschwind hört auf zu sausen,
laßt euer tolles, wildes Brausen;
ich wittre einen, der kommt heran,
ich wittre einen geistlichen Mann!«

5. Der kleine Sackpfeifer


5. Der kleine Sackpfeifer

(Siehe auch die Anmerkungen)

Vor noch nicht lange lebte an den Grenzen der Grafschaft Tipperary ein rechtschaffenes Ehepaar, Michael Flanigan und Judy Muldun, denn dort herrscht die Sitte, daß die Frau den Namen ihrer Familie fortführt. Diese armen Leute hatten vier Kinder, alle Knaben. Drei davon waren so schöne, wohlgewachsene, gesunde, frisch aussehende Kinder, als die Sonne je beschienen hat, und es war genug, einen Irländer auf das Geschlecht seiner Heimat stolz zu machen, daß er an einem hellen Sommertag zu Mittagszeit diese vier Knaben erblickte, wie sie vor der Haustüre ihres Vaters standen mit dem prächtigen Flachshaar, das gelockt von dem Kopf herabhing, und eine dicke, lachende Kartoffel einem jeden in der Hand dampfte. Stolz war Michael auf diese schönen Kinder und Judy war auch stolz darauf, und beide hatten Recht genug dazu. Aber ganz anders verhielt es sich mit dem noch übrigen, welcher der dritte von oben war. Das war der erbärmlichste, häßlichste und mißgeschaffenste Wicht, dem Gott noch je Leben verliehen hatte, so ungestalt, daß er nicht fähig war, allein zu stehen oder seine Wiege zu verlassen. Er hatte langes, struppichtes, verfitztes, rabenschwarzes Haar, eine grüngelbe Gesichtsfarbe, Augen wie feurige Kohlen, die immer hin und her blickten und in beständiger Bewegung waren. Ehe er zwölf Monat alt war, stand ihm der Mund schon voll großer Zähne, seine Hände glichen Katzen-krallen, seine Beine waren nicht dicker als ein Peitschenstiel und nicht gerader als eine Sichel. Und was die Sache noch schlimmer machte, er hatte den Magen von einem Vielfraß und sein Mund hörte nicht auf zu bellen, zu kreischen und zu heulen. Die Nachbarn schöpften Argwohn, es möchte nicht ganz richtig mit ihm sein, besonders als sie beobachteten, wie er sich betrug, sobald von Gott oder andern frommen Dingen die Rede war. Wenn dies, nach der Sitte des Landes, abends beim Feuer geschah, in dessen Nähe die Mutter gewöhnlich seine Wiege gestellt hatte, damit der Balg recht warm liege, so pflegte er mitten in diesem Gespräch sich aufzusetzen und zu heulen nicht anders, als ob der Teufel selbst in ihm steckte. Sie ratschlagten deshalb einmal gemeinschaftlich, was mit ihm anzufangen wäre. Einige meinten, man sollte ihn auf eine Schaufel setzen, aber das litt Judys Stolz nicht.

»Das wäre schön!« dachte sie, »Mein leibliches Kind auf eine Schaufel legen und hinaus auf den Mist werfen wie eine tote Katze oder eine vergiftete Ratte! Nein, davon will ich nichts hören!«

Ein altes Weib, von dem bekannt war, daß es sich auf das Hexenwesen wohl verstand, sprach: »Ich will Euch einen sichern Rat geben, legt die Zange ins Feuer, bis sie glutrot ist und packt seine Nase damit; dann ist er gezwungen zu sagen, wer er ist, und woher er kommt, darauf könnt ihr euch verlassen.«

Denn sie glaubten alle, der Balg sei von dem stillen Volke vertauscht worden. Aber Judy hatte ein zu gutes Herz und liebte das Teufelchen zu sehr, als daß sie hätte dazu einwilligen können, obgleich ein jeder sagte, daß sie nicht recht handelte. Nachdem der eine dies, der andere jenes vorgeschlagen hatte, sagte zuletzt eines, man sollte nach dem Geistlichen, einem frommen und gelehrten Mann senden, daß er das Kind besähe, dagegen hatte zwar Judy nichts einzuwenden, aber immer wenn sie in Begriff war es zu tun, kam etwas dazwischen und das Ende war, daß der Geistliche das Kind niemals sah.

Eine Zeitlang blieb es daher in dem alten Gleise. Der Balg kreischend und heulend aß mehr, als seine drei Brüder zusammen. Streiche aller Art führte er aus und die boshaftesten waren ihm die liebsten. Endlich trug es sich zu, daß ein im Lande umziehender, blinder Sackpfeifer, Tim (Timotheus) Carrol genannt, hereingerufen wurde und sich zu der Hausfrau beim Feuer niedersetzte, ein wenig zu schwätzen. Nach einiger Zeit holte Tim, der mit seiner Musik nicht gerade zurückhaltend war, die Pfeifen hervor und begann gewaltig zu lärmen. In demselben Augenblick richtete sich das kleine Ding, das bisher in seiner Wiege mäuschenstill gelegen hatte, in die Höhe, grinste und verdrehte sein garstiges Gesicht, focht mit seinen langen, braungelben Armen in der Luft umher, streckte seine krummen Beine heraus, kurz, gab alle Zeichen der größten Freude über die Musik von sich. Es hatte auch nicht eher Ruhe, als bis es die Pfeifen in seine eigenen Hände bekam, und um ihm den Spaß zu machen, sagte die Mutter zu Tim: »Gib sie ihm auf einen Augenblick.« Tim, der die Kinder gern hatte, war sogleich bereit dazu; weil er aber des Gesichts beraubt war, so nahm Judy selbst das Instrument, brachte es dem Kind zu der Wiege und wollte es ihm vorhalten: aber das war nicht nötig, der Kleine schien sich schon vollkommen darauf zu verstehen. Er setzte die Pfeifen an, nahm Balg und Säcke unter die Arme und handhabte beides, als wäre er schon zwanzig Jahre dabei gewesen und blies ein wohlbekanntes Lied, daß es eine Art hatte. Jedermann war im größten Erstaunen und die arme Mutter bekreuzigte sich, aber Tim, der seiner Blindheit wegen nicht recht wußte, wer bliese, geriet außer sich vor Freude und als er vernahm, daß der kleine Duckmäuser noch nicht fünf Jahre alt war und sein Lebtag keine Pfeifen gesehen hatte, wünschte er der Mutter Glück zu ihrem Sohn.

»Könnt Ihr Euch von ihm trennen, so will ich ihn aus euern Händen zu mir nehmen, das ist ein geborner Pfeifer, ein Musikus von Natur, noch ein bißchen guter Unterricht bei mir, so gibts seinesgleichen in der ganzen Grafschaft nicht mehr.«

Die arme Frau, in der größten Freude über alles, was sie da hörte, besonders was Tim von natürlichen Gaben sagte, beschwichtigte einige Besorgnisse, die sich in ihren Gedanken erhoben.

»So ist doch nicht wahr«, dachte sie, »was die Nachbarn zu verstehen gaben und es freut mich, daß mein liebes Kind einmal nicht nötig hat herumzuziehen und zu betteln, sondern ehrlich sein Brot verdienen kann.«

Als abends Michael von der Arbeit heim kam, erzählte sie ihm alles, was sich zugetragen und Tim Carrol gesagt hatte. Michael war natürlicherweise sehr erfreut über das, was er zu hören bekam, denn der hülflose Zustand des armen Geschöpfs war ihm ein großer Kummer. Den folgenden Tag trieb er ein Schweinchen auf den Markt und mit dem Erlös ging er nach Clommel und bestellte funkelneue Pfeifen von passender Größe für das Kind. Nach vierzehn Tagen kamen sie an, in demselben Augenblicke richtete auch das kleine Ungeheuer seine Blicke darauf, schrie vor Vergnügen, zappelte mit seinen erbärmlichen Gliedmaßen, tobte in der Wiege und wackelte auf eine lächerliche Art herum, bis sie ihm, damit er nur ruhig wurde, die Pfeifen gaben. Alsbald setzte er sie an und spielte ein Lied zur Verwunderung aller, die es anhörten. Der Ruf von seiner Geschicklichkeit verbreitete sich nah und fern, denn in den sechs nächsten Grafschaften war niemand im Stande, ihm es nachzutun, wenn er die alten beliebten Lieder und Reigen, wie »der Has im Korn«, oder: »der Fuchsjäger«, oder jene artigen irischen Tänze aufspielte, bei welchen jedermann tanzen muß, er mag wollen oder nicht. Man erstaunte, wenn er »die Fuchsjagd« vorschnarrte; es war nicht anders, als hörte man die Rüden anschlagen, die Hetzhunde hinterdrein bellen, die Jäger und die Peitscher loben oder strafen; kurz es war fast eben so gut, als sähe man die Jagd selbst. Dabei kargte er gar nicht mit seiner Musik und die Bursche und Mädchen pflegten oft in seines Vaters Hütte zu tanzen. »Wenn er Musik macht«, sagten sie, »ists als ob wir Quecksilber in die Füße bekämen und bei keinem andern läßt es sich so leicht und lustig tanzen.«

Außer dieser artigen irischen Musik hatte er noch eine ganz wunderliche, ihm allein eigene Weise, die seltsamste, die man je mit Ohren gehört hat. In dem Augenblick, wo er sie zu spielen begann, schien jedes Ding im Haus Lust zum Tanz zu bekommen. Teller und Schüsseln klapperten auf dem Küchentisch, Töpfe und Henkel raschelten an dem Herd und wer auf dem Stuhl saß, wurde von derselben Neigung getrieben, welche der Stuhl unter ihm empfand. Wie sich das nun auch mit den Stühlen verhalten mochte, soviel ist gewiß, niemand konnte sich lange auf dem Sitz behaupten, denn beides alt und jung fiel in tollen Sprüngen zur Erde nieder. Die Mädchen klagten, daß wie er nur diese Weise anfange, sie zum Tanz getrieben würden und ohne ihre Füße länger in der Gewalt zu haben auf den Boden niederfielen, als tanzten sie auf glattem Eis, und jeden Augenblick in Gefahr wären, auf ihrem Rücken oder ihrem Angesicht herum zu zappeln. Und die jungen Burschen, die ihre Geschicklichkeit zeigen wollten, ihre neuen Tanzschuhe, ihre glänzenden roten, grünen oder gelben Strumpfbänder, schwuren, daß sie nicht imstande wären, ihre kunstreichen Tänze und Wendungen herauszubringen, sondern sich alsbald ganz betäubt und verwirrt fühlten. Alt und jung stießen und prallten aneinander, daß es zum Erbarmen war, und wenn dann alles auf der Flur durcheinander wirbelte, so grinste der unselige Wechselbalg, kicherte und ächzte, gerade wie ein Affe, wenn er ein Schelmenstück ausgeführt hat.

Je älter, je schlimmer ward er und als er erst sechs Jahr alt war, war das ganze Haus in der Flucht vor ihm; er stellte es immer an, daß seine Brüder sich am Feuer verbrannten oder mit siedendem Wasser begossen oder ihre Beine über Töpfen und Stühlen zerbrachen. Im Herbst, wenn er allein daheim gelassen wurde und seine Mutter kam nach Haus, so fand sie die Katze auf dem Rücken des Hundes sitzen mit dem Gesicht nach dem Schwanz und die Beine waren ihr fest angebunden. Dazu blies das Alraunchen seine tolle Weise, so daß der Hund heulend umhersprang und Miezekätzchen um sein liebes Leben miaute und sein Schwänzchen auf und nieder schlug; und berührte es damit des Hundes Schnauze, so schnappte dieser darnach und biß hinein und das war dem Balg eine Herzenslust. Ein andermal, als Michael bei der Arbeit war, trug es sich zu, daß ein ehrbarer Mann eintrat. Judy wischte einen Stuhl mit ihrer Schürze ab und sagte:

»Setzt Euch nieder und ruht Euch von euerm Wege aus.«

Der Mann setzte sich mit dem Rücken gegen die Wiege, hinter ihm stand eine Pfanne mit Blut, da Judy Würste machen wollte; das kleine Scheusal lag still in seinem Nest und wartete die Gelegenheit ab, bis es einen an dem Ende einer Schnur befestigten Haken behend und geschickt in die Zöpfe der zartgekräuselten Perücke, welche der Mann trug, werfen konnte, und dann zog es sie daran herab in die Pfanne mit Blut. Ein andermal hatte seine Mutter die Kuh gemolken und kam mit dem Eimer Milch auf dem Kopf, so wie er sie sah, hob er seine teuflische Musik an und in demselben Augenblick ließ die arme Frau den Eimer los, klatschte die Hände zusammen, fing an zu tanzen und goß die ganze Milch ihrem Mann auf den Kopf, der eben Torf herbeibrachte, das Essen daran zu kochen. Es würde kein Ende nehmen, wenn man alle seine boshaften Streiche erzählen wollte.

Bald darauf ereignete sich an dem Vieh des Pächters ein Unfall nach dem andern. Das Pferd bekam den Schwindel, ein hübsches Kälbchen konnte sich nicht mehr auf den Beinen erhalten, die Kuh ward bösartig und trat den Milcheimer um, und die Decke von einem Ende der Scheune fiel herab. Der Pächter setzte sich in den Kopf, daß das unglückliche Kind des Michael Schuld an allem diesem Unheil wäre. Eines Tages rief er Michael zu sich und sprach:

»Ihr seht selbst, es geht nicht so zu, wie es sollte und um es gerade heraus zu sagen, ich glaube euer Kind ist die Ursache davon. Ich komme immer weiter herunter und lege mich keinen Abend in mein Bett, ohne zu denken, was wird dir nun morgen wieder begegnen. Es wäre mir daher lieb, wenn Ihr Euch nach einer andern Arbeit umschauen wolltet, Ihr seid ein Mann, so brav als einer im Land und Ihr braucht um Arbeit nicht verlegen zu sein.«

Michael antwortete, er sei selbst voll Kummer über die Unglücksfälle, er habe sich auch schon Gedanken über das Kind gemacht, das doch einmal sein Kind sei und für das er also auch Sorge tragen müsse. Er versprach auch sich alsbald nach einer andern Stelle umzusehen.

Demnach machte Michael den nächsten Sonntag in der Kirche bekannt, daß er willens sei, die Arbeit des Johann Riordans aufzugeben, und sogleich kam ein Pächter, der in einer Entfernung von einigen Meilen wohnte und gerade einen Ackermann suchte, zu Michael und bot ihm Haus und Garten an und Arbeit für das ganze Jahr. Michael, der wußte, daß dies eine gute Stelle war, schloß ohne weiteres seinen Vertrag mit ihm und es ward verabredet, daß der Pächter einen Karren senden sollte, sein bißchen Hausrat darauf zu laden und dann wollte er künftigen Donnerstag dort einziehen. An dem bestimmten Tag kam der versprochene Wagen, Michael belud ihn mit dem Hausgerät und stellte die Wiege, worin das Kind mit seinen Pfeifen lag, zuletzt oben auf, Judy setzte sich daneben, um acht zu haben, damit es nicht herausrolle und sich tot stürze. Die Kuh trieben sie vor sich her, der Hund folgte nach, die Katze aber mußte zurückbleiben. Die drei andern Kinder liefen neben her und suchten sich Hambutten und Brombeeren; denn es war ein schöner Tag im Spätherbst.

Sie mußten über einen Fluß, den sie, weil er zwischen hohen Ufern in der Tiefe sein Bett hatte, nicht eher sehen konnten, als bis sie nahe dabei waren. Ein paar Tage vorher war ein anhaltender Regen gefallen, der Fluß angeschwollen und das Wasser rauschte stark. Als sie die Brücke betraten, richtete sich der Wechselbalg, der bisher ganz ruhig in seiner Wiege gelegen hatte, bei dem Rauschen der Wellen in die Höhe und schaute sich um; und als er das Wasser sah und bemerkte, daß sie im Begriff waren darüber zu gehen, so fing er an aufzukreischen und zu ächzen.

»Stille, mein Söhnchen«, sagte Judy, »du brauchst dich nicht zu fürchten, ich sage dir, wir gehen über eine steinerne Brücke.«

»Daß du versauern möchtest, altes Gerippe!« rief er, »da habt Ihr einen saubern Streich gemacht, mich hierher zu bringen!«

Dabei fuhr er fort zu heulen und je weiter sie auf der Brücke kamen, desto lauter ward seine Stimme. Endlich gab ihm Michael, der es nicht länger aushalten konnte, einen tüchtigen Streich mit der Peitsche, die er in der Hand hielt und rief:

»Der Teufel stopfe dir das Maul, du Klotzkopf, willst du dein Geschrei lassen! Kein Mensch kann ja sein eigenes Wort vor dir hören.«

In dem Augenblick, wo der Junge den Peitschenriemen fühlte, erhob er sich in der Wiege, nahm die Pfeifen in den Arm, grinste den Michael boshaft an und sprang behend über das Geländer der Brücke in den Fluß hinab.

»O mein Kind! Mein Kind!« schrie Judy, »es ist verloren auf immer!«

Michael und die andern Kinder liefen auf die andere Seite der Brücke und schauten und sahen ihn unter dem Brückenbogen hervorkommen, wie er mit kreuzweis geschlagenen Beinen oben auf einer weißhauptigen Welle saß und seine Pfeifen so lustig blies, als wenn nichts vorgefallen wäre. Das Wasser strömte heftig, er wurde gewaltsam fortgewirbelt, doch er spielte so schnell, ja noch schneller, als der Strom rann. Sie liefen zwar so geschwind sie konnten nebenan dem Ufer mit, aber da sich der Fluß ein paar hundert Schritte unter der Brücke plötzlich um den Berg drehte, verloren sie ihn aus dem Gesicht und keiner hat ihn je wieder mit Augen erblickt. Jeder glaubte nicht anders, als daß er zu den seinigen, dem stillen Volke, heim gegangen sei, um ihnen Musik zu machen.

6. Die Brauerei von Eierschalen


6. Die Brauerei von Eierschalen

(Siehe auch die Anmerkungen)

Frau Sullivan fürchtete, die Elfen hätten ihr jüngstes Kind gestohlen und ein anderes an seine Stelle gelegt, und gewisse Anzeigen schienen auch den Verdacht zu bestätigen, denn ihr gesundes, blauäugiges Kind war in einer einzigen Nacht zu einem armen Wicht zusammengeschrumpft, der unaufhörlich schrie und heulte. Die arme Frau Sullivan ward dadurch recht unglücklich und alle die Nachbarn, mit denen sie über diese Angelegenheit sprach, sagten, daß ihr eigenes Kind ohne allen Zweifel bei dem stillen Volke sich befände und eins aus diesem dafür hingelegt worden wäre.

Frau Sullivan mußte wohl glauben, was jedermann sagte, aber ein gewaltsames Mittel wollte sie doch nicht anwenden. Obgleich sein Gesicht verwelkt, sein Leib fast zu einem Gerippe abgemagert war, so hatte es doch eine bestimmte Ähnlichkeit mit ihrem eigenen Kind und sie konnte sich nicht entschließen, es lebendig auf einen glühenden Rost zu legen, oder seine Nase mit einer glühenden Zange zu zwicken, oder es in den Schnee neben den Weg zu legen, ob ihr gleich diese und ähnliche Mittel angelegentlich empfohlen wurden, um ihr Kind wieder zurück zu erhalten.

Eines Tages begegnete Sullivan einer weisen Frau, unter dem Namen der grauen Lene in der Gegend wohl bekannt. Sie hatte die Gabe (wie sie auch immer mochte dazu gelangt sein) zu sagen, wo der Tod umgehe und was für die Ruhe der Seelen gut sei. Sie konnte Warzen und Kröpfe heilen und manches andere Wunder dieser Art vollbringen.

»Ihr seht mir heute so trübselig aus, Frau Sullivan«, waren die ersten Worte der grauen Lene.

»Das geht natürlich zu, Lene«, antwortete Frau Sullivan, »mein eigenes liebes Kind ist mir ohne weiteres aus der Wiege geholt worden und ein häßliches, winziges, eingeschrumpftes Ding von den Elfen an seine Stelle gelegt; kein Wunder, daß Ihr mich voll Sorgen seht.«

»Das macht Euch keine Schande, Frau Sullivan«, sagte Lene, »aber seid Ihr auch gewiß, daß es die Elfen getan haben?«

»Freilich!« erwiderte Frau Sullivan, »Gewiß genug zu meinem Leidwesen; und darf ich meinen beiden Augen nicht trauen? Jedes Mutterherz müßte es an meiner Stelle fühlen.«

»Wollt Ihr den Rat einer alten Frau annehmen?« sagte die graue Lene, indem sie die unglückliche Mutter mit einem seltsamen, geheimnisreichen Blick anschaute und nach einigem Stillschweigen hinzufügte: »Doch Ihr werdet ihn vielleicht töricht nennen.«

»Kann ich mein Kind zurückerhalten, mein eigenes liebes Kind, Lene?« fragte Frau Sullivan mit großer Bewegung.

»Wenn Ihr tut, wie ich Euch sage«, antwortete Frau Lene, »so werdet Ihrs erfahren.« Frau Sullivan schwieg voll Erwartung und die Alte fuhr fort: »Setzt einen Kessel mit Wasser über das Feuer und laßt es sieden, dann holt ein Dutzend frisch gelegter Eier, schlagt sie auf und nehmt die Schalen; das übrige schüttet weg. Wenn das getan ist, so werft die Schalen in den Kessel mit dem siedenden Wasser und dann werdet Ihr bald erfahren, ob es euer eigen Kind ist, oder ein Elfe. Findet Ihr aber, daß es ein Wechselbalg ist, so nehmt die glühende Feuerzange und stoßt sie ihm in seinen garstigen Rachen und er soll Euch weiter keinen Verdruß machen, dafür stehe ich Euch.«

Frau Sullivan ging heim und folgte dem Rat der grauen Lene. Sie setzte den Kessel über das Feuer, legte Torf genug unter und brachte das Wasser in ein gewaltiges Sieden und Sprudeln.

Das Kind lag zum Erstaunen still und ruhig in der Wiege, doch jetzt, bei dem Anblick des großen Feuers und des Kessels mit Wasser darüber, riß es die Augen auf, die wie Sterne in einer Winternacht funkelten. Es sah mit großer Aufmerksamkeit zu, als Frau Sullivan die Eier aufschlug und die Schalen in das siedende Wasser warf Endlich fragte es, und es klang wie die Stimme eines alten Mannes: »Was macht Ihr da, Mutter?«

Der Frau war, wie sie selbst sagte, zu Mut, als ob ihr der Atem genommen würde, wie sie das Kind sprechen hörte. Doch sie beschäftigte sich nur damit, das Eisen in die Glut zu legen und antwortete, ohne ein Erstaunen über die Worte zu zeigen: »Ich braue, mein Sohn.«

»Und was braut Ihr, Mutter?« fragte der Balg, dessen unnatürliche Gabe zu sprechen außer allen Zweifel gesetzt hatte, daß er von den Elfen abstammte.

»Wäre nur das Eisen schon glühend!« dachte Frau Sullivan; aber das erforderte einige Zeit und sie entschloß sich, ihn im Gespräch aufzuhalten, bis das Eisen geschickt wäre, durch seine Kehle zu fahren. Sie wiederholte deshalb die Frage: »Du willst wissen, was ich braue, mein Söhnchen?«

»Ja, Mutter«, sagte er, »was braut Ihr?«

»Eierschalen, mein Söhnchen.«

»Ach«, schrie das Teufelchen laut auf, richtete sich in der Wiege in die Höhe und schlug die Hände zusammen: »Ich bin fünfzehn hundert Jahre auf der Welt und habe niemals gesehen, daß man Eierschalen braut!«

Indessen war das Eisen glühend geworden. Die Frau ergriff es und eilte damit nach der Wiege, aber wie es nun geschah, sie glitt mit dem Fuß aus, fiel auf den Boden und das Eisen fuhr aus ihrer Hand in die andere Ecke des Hauses. Sie raffte sich jedoch geschwind auf und lief zu der Wiege in der Absicht, den verwünschten Balg, der darin lag, in das siedende Wasser zu werfen. Doch was erblickte sie darin? Ihr eigenes Kind in süßem Schlafe, eins seiner weichen, runden Ärmchen auf das Kopfkissen gelegt, und seine Züge waren so mild, als wenn es niemals in seiner Ruhe wäre gestört worden, bloß der rote Mund ward von einem reinen und sanften Atem bewegt.

Wer kann beschreiben, was eine Mutter fühlt, die auf ihr schlafendes Kind blickt! Und diese hier erhielt eben den lang verlornen Knaben wieder. Du kannst denken, daß ihr stillschweigends die Tränen über die Wangen liefen und sie sich keine Mühe gab, sie zurückzuhalten, denn sie weinte vor Freude.

7. Der Wechselbalg


7. Der Wechselbalg

(Siehe auch die Anmerkungen)

Eine junge Frau, Marie Scannell, lebte mit ihrem Ehemann noch nicht viele Jahre zu Castle Martyr. Eines Tages zur Herbstzeit war sie mit andern hinausgegangen, um beim Weizenbinden behilflich zu sein, sie legte ihr Kind, das sie noch stillte, in eine Ecke des Feldes, und glaubte, es wäre da, in ihren Mantel eingewickelt, auf das Beste versorgt.

Als sie mit ihrer Arbeit zu Ende war, kehrte sie zu dem Kinde zurück, aber an dessen Stelle fand sie in dem Mantel ein Geschöpf, das nicht halb so groß war und ein solches Zetergeschrei ausstieß, daß man es eine Meile weit hören konnte. Sie vermutete gleich, was möchte vorgefallen sein und ohne sich einen Augenblick aufzuhalten, nahm sie es in den Arm und indem sie behauptete, daß sie ganz vernarrt in das Kind sei, brachte sie es zu einer weisen Frau. Diese flüsterte ihr zu, sie sollte ihm nicht satt zu essen geben und auf es los hauen und peitschen ohne Barmherzigkeit.

Marie befolgte den Rat und gerade eine Woche hernach fand sie morgens beim Erwachen ihr eigenes Kind wieder an ihrer Seite im Bette liegen. Dem Elfen, der an die Stelle des Kindes gelegt war, hatte die Behandlung der Marie Scannell, wozu sie sich, obgleich sie eine mitleidige Frau war, entschlossen hatte, schlecht gefallen, und er machte sich, nachdem er es eine Woche versucht, wieder fort und schickte der Frau ihr eigenes Kind zurück.

8. Die beiden Gevatterinnen


8. Die beiden Gevatterinnen

(Siehe auch die Anmerkungen)

Zu Minane bei Tracton, das etwa fünf Stunden südlich von Cork liegt, lebte ein junges Ehepaar, namens Mac Daniel, und sie hatten ein so schönes, wohlaussehendes Kind, daß die Elfen Lust bekamen, es zu sich zu holen und einen Wechselbalg an seine Stelle zu legen. Doch Frau Mac Daniel hatte eine Gevatterin, namens Norah Buckeley, und die ging gerade bei dem Hause, worin die beiden lebten (es war eben neu mit Schiefern gedeckt und hatte ein neues Schild erhalten) in der Abenddämmerung vorbei. »Es ist zu spät«, dachte sie, »um einzutreten und mich nach der Gevatterin Befinden zu erkundigen.« Sie hatte noch eine gute Stunde zu gehen, überdies bemerkte sie, daß die Elfen ausgezogen waren, denn den Weg von Carrigaline war vor ihr ein Wirbel von Staub nach dem andern aufgestiegen; das sicherste Zeichen von einem Aufbruch und Umzug des stillen Volkes, und es tat ihr in den Beinen weh, sich so oft neigen zu müssen.

Indessen als Norah vor dem Hause ihrer Gevatterin war, blieb sie einen Augenblick stehen und sprach vor sich hin:

»Gott laß es ihr wohl ergehen!« Kaum hatte sie diese Worte ausgesprochen, so sah sie, daß sich eins von den Fenstern öffnete und das schöne Kind ihrer Gevatterin eilig herausgereicht wurde; sie konnte, und wenn es ihr Leben gekostet hätte, nicht sagen, wie oder von wem. Sie ließ sich aber nicht abhalten, herbei zu gehen und das Kind in Empfang zu nehmen. Sie wickelte es aufs beste in ihren Mantel und eilte damit nach Haus.

Am folgenden Morgen machte sie sich auf, um nach ihrer Gevatterin zu sehen, die klagte und jammerte über die Veränderung ihres Kindes, die ganze Nacht sei sie von seinem Geschrei aufgeweckt worden und es mit nichts in der Welt zu beruhigen gewesen.

»Ich will Euch sagen, was Ihr mit dem Balg anfangen müßt«, sagte Norah, »streicht ihn erst mit einer Rute, dann tragt ihn hinaus auf den Kreuzweg und laßt ihn da in dem Graben liegen, wo ihn holen kann, wer Lust hat. Wißt, ich habe Euer leibliches Kind gesund und wohl daheim bei mir, in der letzten Nacht ist es mir aus Euerm Fenster herausgereicht worden.«

Als die Mutter das hörte, geriet sie ins größte Erstaunen und ging hinaus, eine Rute zu holen. Kaum aber kehrte sich die Gevatterin um und schaute umher, so war der Elfe fort und weder sie noch des Kindes Mutter sahen ihn wieder, noch konnten sie erfahren, auf welche wunderbare Weise er verschwunden war.

Die Frau Mac Daniel lief in aller Eile in das Haus ihrer Gevatterin, fand da ihr eigenes Kind, nahm es mit sich nach Haus und es ist zu dieser Zeit ein feiner junger Mann.

9. Die Flasche


9. Die Flasche

(Siehe auch die Anmerkungen)

In den guten Tagen, wo das stille Volk sich noch häufiger sehen ließ, als jetzt in dieser ungläubigen Zeit, lebte ein Mann, Michael Purcell, der einige Acker schlechtes und unfruchtbares Land gepachtet hatte, in der Nachbarschaft der ehemals so berühmten Pfründe von Mourne, anderthalb Stunden von Mallow und sieben von Cork. Michael hatte Frau und Kinder, sie taten, was in ihren Kräften stand, das war freilich nicht viel, denn es war noch kein Kind so weit herangewachsen, daß es dem armen Manne bei seiner Arbeit helfen konnte, und die gute Frau besorgte die Kinder, melkte die Kuh, kochte Kartoffeln und trug die Eier nach Mallow; doch wie sie auch schafften, es war kaum genug, um die Pacht zu zahlen. Sie schickten sich eine Zeitlang, so gut es gehen wollte, in die Umstände, doch zuletzt kam ein schlechtes Jahr, das bißchen Hafer verdarb, die Hühnchen verkümmerten, das Schwein magerte ab und wurde beinahe für nichts zu Mallow verkauft; und der arme Michael fand, daß er nicht genug hatte, um die Hälfte des Pachtgeldes zu zahlen und zwei Termine war er schon schuldig.

»Was sollen wir nun anfangen, Marie?« fragte er.

»Was wir anfangen sollen?« antwortete sie, »Treib unsere Kuh auf den Markt nach Cork und verkaufe sie dort. Montag ist Markttag, da mußt du frühe gehen, damit das arme Tier sich verschnauft, ehe es auf den Markt kommt.«

»Und was sollen wir anfangen, wenn sie fort ist?« sagte Mick bekümmert.

»Das weiß ich nicht, Michael, doch gewißlich wird uns Gott nicht verlassen und du weißt doch, wie gütig er gegen uns war, als der kleine Wilhelm krank lag und wir gar nichts für ihn hatten? Der Doktor von Ballydahin, der sanfte, feine Mann kam geritten und verlangte einen Trank Milch; er gab uns zwei Schillinge, schickte die Arzneien für das Kind und was es sonst nötig hatte und gab mir jedesmal etwas zu essen, wenn ich kam, ihn um Rat zu fragen, den er mir niemals versagte; er kam auch und sah nach dem Kind und hörte mit seinen Wohltaten nicht auf, bis es ganz gesund war.«

»Du denkst immer so, Marie, und ich glaube, du hast Recht, darum will ich mir auch über den Verkauf der Kuh keine Sorgen machen. Ich will morgen gehen, du mußt aber Nadel und Zwirn nehmen und meinen Rock flicken, er ist unter dem Arm aufgerissen.«

Marie versicherte, daß sie alles in Ordnung bringen wollte; den folgenden Tag schickte er sich an und sie schärfte ihm beim Abschied ein, die Kuh nicht anders zu verkaufen, als um den höchsten Preis. Michael versprach, es nicht zu vergessen und machte sich auf den Weg. Er trieb die Kuh langsam durch den kleinen Fluß, der den Weg durchschneidet und unter den alten Mauern von Mourne hinrinnt. Als er vorbei kam, fielen seine Augen auf die Türme und einen von den alten Holunderstämmen, die damals wie kleine Gerten aussahen.

»Ja«, rief er aus, »hätte ich nur die Hälfte des Geldes, das unter Euch begraben liegt, so brauchte ich die arme Kuh nicht dahin zu treiben! Ists nicht ein Jammer, daß es unter der Erde ruht, während noch andere als ich es entbehren müssen! Nun, wenns Gottes Wille ist, so komme ich mit etwas Geld in der Tasche zurück.«

Mit diesen Worten trieb er sein Vieh weiter. Es war ein schöner Tag und die Sonne schien glänzend auf die Mauern der alten Abtei, als er daran vorbei kam. Der Weg führte über eine Reihe allmählich aufsteigender Berge, bis er nach drei Stunden auf die Spitze der Anhöhe (die jetzt der Flaschenberg heißt, aber damals den Namen noch nicht führte) gelangte, an welcher Stelle ihn jemand einholte.

»Guten Morgen!« sagte dieser.

»Guten Morgen!« antwortete Michael freundlich, und sah sich nach dem Fremden um; es war ein kleines Männchen, daß man ihn einen Zwerg hätte nennen können, doch war er nicht ganz so klein. Er hatte ein altes, verschrumpftes, gelbliches Antlitz, das genau wie welker Blumenkohl aussah, dabei eine dünne, kleine Nase, rote Augen und weiße Haare. Seine Lippen waren nicht rot, sondern sein ganzes Gesicht von einer Farbe, seine Augen ohne Ruhe, überall sich umschauend und obgleich sie rot waren, so ward doch Michaels Herz eiskalt, wenn er sie ansah. Er hatte in der Tat wenig Gefallen an der Gesellschaft des Kleinen, und er konnte nicht das mindeste von seinen Beinen oder seinem Körper erblicken; das Männchen hatte sich, obgleich der Tag warm war, ganz in einen dicken, weiten Rock eingewickelt.

Michael trieb die Kuh ein wenig schneller, aber der Kleine hielt sich immer neben ihm. Er wußte nicht, auf welche Art er schritt, denn er fürchtete sich zu sehr, um sich nach ihm umzuschauen und wollte auch nicht das Kreuz über sich schlagen, denn er war bange, der alte Mann möchte zornig werden. Doch deuchte ihn, sein Reisegefährte ginge nicht wie ein anderer Mensch und setzte einen Fuß vor den andern, sondern glitte nur über den rauhen Weg (und rauh war er genug) wie ein Schatten dahin, ohne Geräusch und ohne Anstrengung. Dem armen Michael zitterte das Herz im Leibe, er sagte ein Gebet für sich und wünschte, er wäre den Tag nicht ausgegangen, oder er wäre schon auf dem Markt, oder er brauchte die Kuh nicht zu hüten, damit er vor dem Gespenst fortlaufen könnte.

Mitten in diesen Ängsten ward er von seinem Gefährten angeredet: »Wohin wollt ihr mit der Kuh, lieber Mann?«

»Nach dem Markt zu Cork«, antwortete Michael zitternd bei dem schnarrenden und schneidenden Ton der Stimme

»Wollt Ihr sie verkaufen?« sagte der Fremde.

»Freilich treibe ich sie dahin, um sie zu verkaufen.«

»Wollt Ihr sie mir verkaufen?»

Michael fuhr erschrocken zurück, er fürchtete sich, mit dem Kleinen etwas zu tun zu haben und fürchtete sich noch mehr, nein zu sagen. Endlich sprach er: »Was wollt Ihr mir dafür geben?«

»Ich will Euch etwas sagen«, antwortete der Kleine, »ich gebe Euch diese Flasche dafür«; indem er eine Flasche unter dem Mantel hervor holte.

Michael schaute erst ihn und die Flasche an, dann mußte er, mitten in seiner Angst, in ein lautes Gelächter ausbrechen.

»Lacht nach Herzenslust«, sprach der Kleine, »aber ich sage Euch, diese Flasche ist mehr wert für Euch, als alles Geld, das Ihr für die Kuh in Cork bekommt, ja tausendmal mehr.«

Michael lachte wieder: »Ihr denkt wohl«, sagte er, »ich wäre ein solcher Narr, daß ich meine gute Kuh für so eine Flasche hingäbe, die obendrein noch leer ist? Wahrhaftig, daraus wird nichts.«

»Ihr tut besser, wenn Ihr mir die Kuh gebt und die Flasche nehmt; Ihr braucht es Euch nicht leid sein zu lassen.«

»Aber Marie, was würde die sagen? Das würde kein Ende nehmen! Und wie sollte ich meine Pacht zahlen? Und was sollen wir anfangen ohne einen Heller Geld?«

»Ich versichere Euch, die Flasche ist besser, als alles Geld, nehmt sie und gebt mir die Kuh. Jetzt sage ich es Euch zum letzten Mal, Michael Purcell.«

Michael war bestürzt. »Wie hat er meinen Namen erfahren!« dachte er.

Der Fremde fuhr fort: »Michael Purcell, ich kenne Euch und habe Achtung vor Euch, darum folgt meinem Rat, oder Ihr werdet es empfinden. Wißt, Eure Kuh wird Euch hinfallen, ehe Ihr nach Cork kommt.«

Michael wollte eben sagen: »Das verhüte Gott!« aber der Kleine setzte hinzu (und Michael war zu aufmerksam, um etwas zu sagen, das ihn schweigen gemacht hätte und viel zu höflich, als jemand in der Rede zu unterbrechen): »Dann sollt Ihr wissen, es wird so viel Vieh auf dem Markt sein, daß Ihr zu einem geringen Preis losschlagen müßt und vielleicht fallt Ihr, wenn Ihr nach Haus geht, noch Räubern in die Hände. Doch wozu sage ich Euch das alles, da Ihr doch entschlossen seid, Euer Glück von Euch zu stoßen!«

»O nein, Herr, mein Glück möchte ich nicht von mir stoßen«, sagte Michael, »und wäre ich gewiß, daß die Flasche so gut ist, als Ihr sagt, obgleich ich niemals großen Gefallen an einer leeren Flasche gehabt, wenn ich sie auch selbst ausgetrunken hatte, so wollte ich Euch die Kuh geben im Namen –«

»Bekümmert Euch nicht um Namen«, unterbrach ihn der Kleine, »sondern gebt mir die Kuh; ich habe Euch keine Unwahrheit gesagt und wenn Ihr damit heim kommt, so tut genau, was ich Euch heißen werde.«

Michael zögerte.

»Wohlan«, sagte der Fremde, »guten Tag, Michael Purcell, ich kann nicht länger warten. Noch einmal, nehmt sie hin und seid reich; schlagt sie aus und bettelt für Euern Lebensunterhalt, seht Eure Kinder in Armut, Euer Weib sterbend vor Mangel: das wird Euer Schicksal sein, Michael Purcell.« Bei diesen Worten lächelte der Kleine boshaft, was seinen Anblick noch grausenhafter machte.

»Mag sein! Ist wohl wahr!« sagte Michael immer noch zaudernd und unschlüssig, was er tun sollte. Er konnte nicht anders, er mußte dem alten Manne glauben und endlich in einem Anfall von Verzweiflung griff er nach der Flasche und sagte: »Nehmt die Kuh und wenn Ihr mich belogen habt, so wird Euch der Fluch des Armen treffen.«

»Ich achte weder auf Euern Fluch noch auf Euern Segen, Michael Purcell, aber ich habe die Wahrheit gesprochen, das werdet Ihr noch heute abend erfahren, wenn Ihr tut, was ich Euch sage.«

»Was soll ich tun?« fragte Michael.

»Wenn Ihr heim kommt, so kümmert Euch nicht darum, daß Euer Weib ärgerlich ist, sondern bleibt selbst gelassen und heißt sie die Flur sauber kehren, setzt den Tisch zurecht und deckt ein reines Tuch darüber, dann stellt die Flasche auf den Boden und sprecht die Worte: Flasche tue deine Schuldigkeit! und Ihr werdet den Erfolg sehen.«

»Und das ist alles?« fragte Mick.

»Nichts weiter«, sagte der Kleine. »Guten Tag, Michael Purcell, Ihr seid ein reicher Mann.«

»Das gebe Gott!« sagte Michael, als der alte Mann die Kuh forttrieb und er wieder auf dem Heimweg war; doch konnte er nicht umhin den Kopf umzudrehen und dem Käufer seiner Kuh nachzusehen, bis er ganz verschwunden war.

»Gott behüte und bewahre uns!« rief Michael, »Der gehört nicht dieser Welt an. Aber wo ist meine Kuh?« Sie war fort und Michael ging heimwärts, Gebete für sich hersagend und seine Flasche fest haltend.

»Was wollt‘ ich anfangen«, dachte er, »wenn sie mir zerbräche, doch dafür will ich tun« und steckte sie vor seine Brust, besorgt über den Erfolg und zweifelhaft über den Empfang, den er bei seiner Frau zu erwarten hatte. Während er Sorge und Erwartung, Furcht und Hoffnung gegeneinander abwog, erreichte er abends seine Hütte und überraschte seine Frau, die bei dem Torffeuer am Herde saß.

»Ei, Michael, du bist wieder da! Gewiß bist du nicht nach Cork gekommen! Sprich, was ist dir begegnet? Wo ist die Kuh? Hast du sie verkauft? Wie viel hast du dafür gelöst? Was gibts Neues? Erzähl mir davon.«

»Willst du mir Zeit lassen, Marie, so will ich dir alles haarklein erzählen. Wo unsere Kuh ist, möchtest du gerne wissen; aber das kann ich dir nicht sagen, denn ich weiß am allerwenigsten, wo sie ist.«

»Was hast du dafür gelöst, Michael? Heraus mit dem Geld!«

«Kleine Geduld, Marie, und du sollst alles hören.«

«Aber was ist das für eine Flasche unter deiner Weste?« fragte Marie, die den hervorragenden Hals bemerkte.

«Nun sei vergnügt«, sagte Michael, «doch ich muß dir erst erzählen!« und stellte die Flasche auf den Tisch. »Das ist alles, was ich für die Kuh bekommen habe.«

Die arme Frau war wie vom Donner gerührt. »Alles was du bekommen hast! Und wozu taugt das, Michael? So hätte ich doch mein Lebtag nicht gedacht, daß du ein solcher Narr wärest. Wie willst du nun die Pacht bezahlen?«

«Willst du Vernunft annehmen, Marie?« sagte Michael, «so will ich dir erzählen, wie der alte Mann, oder wer es sonst war, mir begegnete, nein, er begegnete mir nicht, sondern er war da bei mir, oben auf dem Berg, und wie er mich dazu bewog, ihm die Kuh zu verkaufen und mir sagte, diese Flasche wäre etwas für mich.«

»Wahrhaftig bloß für dich, du Narr!« sagte Marie und griff nach der Flasche, um sie ihrem armen Mann an den Kopf zu werfen. Aber Michael faßte sie geschwind, machte sie ganz gelassen (denn er erinnerte sich an den Befehl des Kleinen) von den Händen seines Weibes los und steckte sie wieder vor seine Brust.

Die arme Marie saß da und weinte während ihr Michael seine Geschichte erzählte und sich dabei oft bekreuzigte und segnete. Indessen konnte sie nicht umhin, ihm Glauben beizumessen, zu mal sie an Geister glaubte. Ohne ein Wort zu sprechen stand sie auf und fing an, die Flur mit einem Büschel Heidekraut zu kehren. Hierauf ordnete sie alles, setzte den langen Tisch zurecht und deckte ein reines Tuch, das einzige, das sie hatten, darüber her und Michael stellte die Flasche auf die Erde und sprach: »Flasche, tue deine Schuldigkeit!«

»Dort! dort! Mutter, sieh doch!« rief der älteste Knabe, ein pausbackiges Kind von fünf Jahren, und sprang an seiner Mutter Seite, als zwei winzige kleine Gestalten, wie Lichtstrahlen, aus der Flasche hervorstiegen und in einem Augenblick den Tisch mit silbernen und goldenen Schüsseln und Tellern besetzten, auf welchen die köstlichsten Speisen lagen, und so wie alles in Ordnung war, wieder in die Flasche hinabstiegen. Michael und seine Frau betrachteten alles mit höchstem Erstaunen, denn sie hatten solche Schüssel und Teller ihr Lebtag nicht gesehen und glaubten, dergleichen könnte man nicht genug bewundern, so daß sie von dem bloßen Anschauen allen Hunger vergaßen. Endlich sagte Marie:

»Komm, Michael, und setz dich nieder, versuchs und iß ein wenig, du mußt ja hungrig sein nach einem so guten Tagwerk.«

»Siehst du, der Mann hat keine Unwahrheit von der Flasche gesagt.«

Michael setzte sich und gab auch den Kindern ihren Platz an dem Tisch; sie hielten eine herrliche Mahlzeit und doch blieb die Hälfte der Schüsseln unangerührt.

»Mich soll doch wundern«, sagte Marie, »ob die guten, kleinen Herrn diese kostbaren Sachen wieder wegnehmen werden!« Sie warteten, aber niemand kam. Da hob Marie sorgfältig Schüssel und Teller auf und sprach: »Gewißlich, es war keine Unwahrheit, du bist jetzt ein reicher Mann, Michael Purcell.«

Sie gingen alle zu Bett, doch nicht um zu schlafen, sondern um zu verabreden, wie sie diese köstlichen Dinge, deren sie nicht bedurften, zu Geld machen wollten, um mehr Ländereien zu übernehmen. Michael ging nach Cork, verkaufte seine Goldschüsseln, erhandelte sich Wagen und Pferd und überlegte, wie er viel Geld erwerben könnte. Sie gaben sich alle Mühe, die Flasche geheim zu halten, doch vergeblich; der Gutsherr brachte es heraus. Eines Tages kam er zu Michael und fragte ihn, wie er zu all dem Geld gekommen wäre, das er doch in keinem Falle durch die Pacht gewonnen hätte; er quälte ihn so lange, bis Michael ihm endlich von der Flasche sagte. Der Gutsherr bot viel Geld, doch dafür wollte sie Michael nicht geben, bis er ihm zuletzt alles, was er jetzt in Pacht hatte, als Eigentum anbot. Da dachte Michael, der reich genug war, nun bedürfe er des Geldes weiter nicht mehr und gab die Flasche hin.

Michael hatte sich verrechnet, er und die Seinigen verschleuderten das Geld, als wenn es kein Ende nehmen könnte und um die Geschichte kurz zu machen, sie wurden immer ärmer und ärmer, bis sie am Ende nichts mehr übrig hatten, als eine Kuh, welche Michael abermals wieder vor sich her trieb, um sie auf dem Markt zu Cork zu verkaufen, nicht ohne Hoffnung, dem kleinen Mann von neuem zu begegnen und eine andere Flasche zu erhalten.

Der Tag brach eben an, als er sich von Haus aufmachte und er ging einen guten Schritt, bis er zu der Höhe kam. Die Nebel schliefen noch in den Tälern und kräuselten sich in duftigen Kränzen auf der braunen Heide rings um ihn her. Die Sonne erhob sich zu seiner Linken und vor seinen Füßen sprang eine Lerche aus ihrem Lager im Gras und stieg, ihren fröhlichen Morgengesang anstimmend, in den blauen Himmel hinauf.

Michael bekreuzigte sich, horchte auf den süßen Gesang der Lerche und mußte beständig an das alte, kleine Männchen denken. Da wurde er, gerade als er den Gipfel des Bergs erreichte und seine Augen auf die weite Aussicht vor und hinter sich warf, von der wohlbekannten Stimme sowohl erschreckt, als erfreut, die ihm zurief: »Nicht wahr, Michael Purcell, ich sagte dir, du würdest ein reicher Mann werden?«

»Gewiß, es war keine Lüge, Herr! Ich wünsche Euch einen guten Morgen, aber daß ich zur Zeit ein reicher Mann bin, kann ich nicht sagen. Habt Ihr eine andere Flasche? Ich bedarf ihrer so gut, wie vordem. Habt Ihr sie, Herr, hier ist die Kuh dafür.«

»Und hier ist die Flasche«, sagte der Kleine und lächelte, »du weißt, was du damit zu tun hast.«

»Ach ja«, antwortete er, »ich will es schon recht machen.«

»Guten Tag, Herr«, rief Michael, als er sich auf den Heimweg begab, »gutes Glück Euch und gutes Glück dem hohen Berg, dem Flaschenberg, damit er einen Namen bekommt; guten Tag, Herr, guten Tag!«

Damit eilte er, so schnell er konnte, zurück, ohne sich nur einmal nach dem Kleinen mit dem weißen Gesicht und der Kuh umzuschauen, nur besorgt, seine Flasche heimzubringen. Wohlbehalten langte er damit an und sobald er Marie erblickte, rief er aus: »Ja, ich habe eine andere Flasche!«

»Tausend!« rief die Frau, »hast du sie? Du bist ein Glückskind, Michael Purcell, ja das bist du!«

Sie brachte alles sogleich in Ordnung und Michael, seine Flasche betrachtend, schrie in seiner Freude: »Flasche, tue deine Schuldigkeit!« In einem Augenblick sprangen zwei große, gewaltige Männer aus der Flasche mit dicken Knütteln in den Händen, die den armen Michael, seine Frau und seine ganze Familie unbarmherzig bläuten, bis alles auf dem Boden lag, worauf sie in die Flasche zurückeilten. Michael, sobald er wieder zu Besinnung kam, stand auf und sah sich um. Er sann und sann. Endlich hob er Frau und Kinder in die Höhe, und sprach: »Macht, daß Ihr Euch wieder erholt, so gut es geht«, nahm die Flasche unter den Mantel und begab sich zu seinem Gutsherrn.

Dort war große Gesellschaft und Michael bat einen Bedienten, dem Herrn zu sagen, daß er ein paar Worte mit ihm zu sprechen wünsche. Endlich kam der Herr heraus und fragte: »Was bringt Ihr mir neues, Michael?«

»Nichts, Herr, als daß ich eine andere Flasche habe.«

»Ei, ei! Ist sie auch so gut, wie die erste?«

»Ja wohl, Herr, noch besser. Wenns Euch beliebt, so will ich sie Euch vor allen Herrn und Damen zeigen.«

»Tretet nur herein«, sprach der Gutsherr und Michael ward in den Saal geführt, wo er seine alte Flasche erblickte, die oben auf dem Gesimse stand. »Sieh da!« sagte er sich selbst, »Vielleicht habe ich dich in kurzem wieder!«

»Wohlan«, sagte der Gutsherr, »zeigt her Eure Flasche!«

Michael setzte sie auf den Boden und sprach die Zauberworte. In einem Augenblick lag der Gutsherr darnieder, Damen und Herren, Bediente und wer sonst zugegen war, rannten, schrien, wälzten sich, stießen mit den Füßen und heulten. Becher und Teller rollten nach allen Seiten hin, bis der Gutsherr endlich ausrief: »Bring diese zwei Teufel zur Ruhe, Michael Purcell, oder ich lasse dich aufhängen!«

»Nicht eher sollen sie aufhören«, sagte Michael, »als bis Ihr mir meine Flasche wiedergebt, die ich dort oben auf dem Gesims sehe.«

»Holt sie ihm herab«, sagte der Herr, »ehe wir alle ermordet sind.«

Michael steckte die alte Flasche vor seine Brust, die Männer sprangen wieder in die neue hinein und er trug sie beide heim. Was soll ich noch weiter erzählen, daß Michael reicher ward, als zuvor, daß sein Sohn die Tochter des Gutsherrn heiratete, daß er und sein Weib in hohem Alter starben und bei ihrer Leichenfeier einige Diener in Streit gerieten und die Flaschen zerbrachen! Doch der Berg hat noch immer den Namen und wird wohl Flaschenberg heißen, bis ans Ende der Welt.

Die Elfen in Schottland

Die Elfen in Schottland

Zu Grund liegt: The popular superstitions and festive amusements of the Highlanders of Scotland. Edinburgh 1823. von W. Grant Stewart, ein, wie es scheint, in Deutschland noch unbekanntes Buch, von welchem auch der Sammler der irischen Sagen nichts scheint gewußt zu haben; gleichwohl ist es äußerst schätzbar durch den Reichtum und die Vollständigkeit der darin aufbewahrten mündlichen Überlieferungen.

Benutzt ist die Abhandlung über Elfen in dem zweiten Bande von Walter Scotts Minstrelsy of the Scottish Border. 4te Aufl. Edinb. 1810. II.S .109-183, und die Einleitung I. 99-103. dessen Noten zur Lady of the Lake, Graham’s Sketches of picturesque Scenery on the southern confines of Perthshire. p. 107-118. Jamieson in den Illustrations of northern antiquities I. 404-406. Allan Cunningham traditional tales Lond. 1822. II. 89.-122. was alles jedoch gegen jenes erstgenannte Werk nicht bedeutend ist.

Die Elfen heißen Doane Shi: friedliche Leute, gute Leute. Es sind ihrem Ursprunge nach Engel, die des Lichtes teilhaftig waren, die aber, weil sie sich von dem Teufel verführen ließen, in unzähliger Menge vom Himmel herabgestoßen wurden. Sie müssen bis zum jüngsten Tag über Berge und Seen wandern, wissen nicht, wie ihr Urteil lauten wird, ob sie begnadigt oder verdammt werden, fürchten aber das schlimmste.

An Schönheit kommt kein anderes überirdisches Wesen den Elfen gleich und es scheinen sich darin noch Spuren ihres ursprünglichen Zustandes erhalten zu haben.

Sie sind im Ganzen klein von Gestalt, aber außerordentlich wohl gegliedert. Die Elfinnen besonders sollen die reizendsten Wesen von der Welt sein. Ihre Augen glänzen wie Sterne, auf ihren Wangen ist weiß und rot auf das zarteste gemischt, ihre Lippen gleichen Korallen, ihre Zähne dem Elfenbein und ein Überfluß von dunkelbraunem Haar hängt in Locken über ihre Schultern. Ihre Kleidung ist einfach und grün. Sie erzürnen, wenn Sterbliche diese Farbe tragen, die eben deshalb sie auch für eine unglückliche halten. In den Hochlanden ist es gewöhnlich wollenes Zeug. An Sümpfen hat man sie manchmal heidebraun gesehen oder in Kleidern, die mit Steinflechte gefärbt waren.

Die Elfen sind ein geselliges Volk, leidenschaftlich den Vergnügungen und Lustbarkeiten ergeben. Selten leben sie paarweise beisammen, sondern schwärmen in Haufen umher und jeder Haufe hat eine bestimmte Wohnung oder Aufenthaltsort, wo sie sich nach Umständen versammeln und welcher Tomhan oder Shian heißt. Diese Wohnungen befinden sich gewöhnlich in den Höhlen und Abgründen wilder und rauher Gegenden. Sie sind aus Stein in der Gestalt unregelmäßiger Türmchen gebaut, und so fest und dauerhaft, daß sie Felsenstücken oder Erdhügeln ähnlich sehen. Türen, Fenster und Rauchfänge sind so künstlich verborgen, daß das bloße Auge bei Tag sie nicht erblicken kann, doch in dunkler Nacht verrät sie das glänzende Licht, das herausbricht. In Perthshire bewohnen sie runde Grashügel, bei welchen sie im Mondschein tanzen. Nicht weit von Lochcon ist ein Platz Coirshian genannt, welchen sie vorzüglich lieben; in der Nähe sieht man kegelförmige Erhöhungen, besonders eine oberhalb des Sees Katrine, an welcher nach Sonnenuntergang sich mancher fürchtet vorbei zu gehen. Man erblickt zuweilen ihre Spuren in Kreisen, die manchmal gelb und eingetreten, manchmal von dunkelgrüner Farbe sind, in diesen ist es gefährlich zu schlafen oder nach Sonnenuntergang gefunden zu werden. In solchen Versammlungen der Elfen herrscht Lust und Freude, denn dem Tanz sind sie vorzüglich ergeben und er ist eine ihrer Hauptbeschäftigungen. Sie haben dabei die lieblichste Musik. Ungeachtet dieser Fröhlichkeit sind die Elfen doch neidisch auf das vollkommenere und reinere Glück der Menschen und es liegt immer etwas dunkles und ängstliches in ihrer heimlichen Lust, so wie etwas falsches oder bloß scheinbares in dem Glanz ihrer Shians. Sie sind, wenn auch nicht durchaus boshaft, doch eigentlich grämliche und mißgünstige Wesen. Die Hochländer reden nicht gern von ihnen, besonders am Freitag, wo ihr Einfluß vorzüglich groß sein soll. Und weil sie unsichtbar zugegen sein könnten, spricht man immer nur mit Ehrerbietung von ihnen.

Manchmal reiten sie auch unsichtbar in einem großen Zug, wo das laute Geschrill der Zügel ihre Gegenwart verrät. Sie borgen wohl bei solchen Gelegenheiten Pferde aus den Ställen der Menschen, die man am Morgen keuchend und abgemattet darin findet, Mähnen und Schweif aufgelöst und verwirrt. Gewöhnlich sind ihre Pferde weiß wie Winterschnee.

Manchmal sind Menschen in die Wohnungen der Elfen gekommen, entweder von ihnen hineingelockt, oder wenn sie zu gewissen Zeiten die Türen dazu gefunden haben. Man glaubt in Perthshire, daß wenn jemand am Heiligen Abend allein neunmal um einen Elfenhügel gehe, linker Hand eine Türe offen stehen werde, durch welche er hinein gelangen könne. Ein Pächter in der Nachbarschaft von Cairngorm in Strathspey zog mit seiner Familie und seinem Vieh in den Wald von Glenavon, der als ein Sitz der Elfen bekannt ist. Zwei von seinen Söhnen, die in einer Nacht weit ausgegangen waren, ein paar verlorene Schafe zu suchen, kamen zu einem Shian von großem Umfang, zu ihrem Erstaunen strömte das glänzendste Licht aus unzähligen Spalten im Felsen, die das schärfste Auge niemals vorher daran entdeckt hatte. Neugierde trieb sie näher und von den entzückenden Klängen einer Geige bezaubert, wobei Ausbrüche der höchsten Lust sich hören ließen, versöhnten sie sich einigermaßen mit dem gefährlichen Ort. Der eine Bruder konnte, ohngeachtet der Abmahnungen des andern, seiner Neigung, an dem Tanz teilzunehmen nicht widerstehen und sprang endlich mit einem Satz in den Shian hinein. Der Andere, der ihm nachzuspringen nicht getraute, trat an eine der Spalten, rief dreimal, wie gebräuchlich, seinen Bruder mit Namen an und bat ihn dann aufs dringendste mit ihm, Donald Macgillivray, wieder nach Haus zu gehen. Alles war ohne Erfolg, Donald mußte die traurige Nachricht von dem Schicksal seines Bruders den Eltern bringen. Alle Mittel und Gebräuche, die man in der Folge noch anwendete, ihn der Gewalt der Elfen zu entziehen, waren vergeblich und man hielt ihn für verloren. Endlich gab ein weiser Mann dem Donald den Rat, wenn gerade ein Jahr und ein Tag vorbei sei, so solle er zu dem Shian zurückkehren, ein Kreuz in den Kleidern werde ihn vor der Macht der Elfen schützen, dann solle er getrost hineingehen, seinen Bruder im Namen Gottes zurückfordern und folge er nicht gutwillig, ihn mit Gewalt fortführen. Donald erblickt auch wieder Licht in dem Shian und vernimmt Musik und Freudengeschrei; nach furchtsamem Zögern tritt er endlich hinein und findet seinen Bruder, der in aller Lust einen hochländischen Tanz tanzt. Er eilt auf ihn zu, faßt ihn beim Kragen und beschwört ihn mit fortzugehen. Der Bruder willigt ein, will aber nur erst den Tanz beendigen, indem er behauptet, er sei erst eine halbe Stunde in dem Haus. Vergebens versichert ihn Donald, nicht eine halbe Stunde, bereits zwölf Monate verweile er hier, er würde es ihm, als er wieder bei seinen Eltern angelangt war, nicht geglaubt haben, hätten ihn nicht die groß gewordenen Kälber und die aufgewachsenen Kinder überzeugt, daß sein Tanz ein Jahr und einen Tag gedauert hatte.

Vor etwa dreihundert Jahren lebten in Strathspey zwei Männer, die wegen ihrer Geschicklichkeit auf der Geige berühmt waren. Es trug sich zu, daß sie einmal zu Weihnachten nach Inverness gingen, dort ihre Kunst auszuüben. Sie bezogen alsbald eine Wohnung, machten ihre Ankunft bekannt und boten ihre Dienste an. Bald darnach bestellte sie ein alter Mann von ehrwürdigem Ansehen mit grauen Haaren und einigen Runzeln im Gesicht, aber von freundlichem, artigem Betragen. Sie begleiteten ihn und kamen zu der Türe eines etwas seltsamen Hauses; es war Nacht, doch konnten sie leicht bemerken, daß das Haus in keiner ihnen bekannten Gegend stand. Es glich einem Tomhan in Glenmore. Die freundliche Einladung und der Klang des Geldes überwand ihre Bedenklichkeiten und alle Furcht verschwand bei dem prächtigen Anblick der Versammlung, in welche sie eintraten. Die süßeste Musik munterte zur größten Lust und Freude auf der Boden zitterte unter den kühnen Sprüngen der Tänzer. Beide Männer brachten die Nacht auf das angenehmste zu und als das Fest beendigt war, beurlaubten sie sich, sehr erfreut über die gute Behandlung, die sie erfahren hatten. Aber wie groß war ihr Erstaunen, als sie, aus dieser wunderlichen Wohnung heraustretend, fanden, daß sie aus einem kleinen Berge kamen und alles was gestern noch neu und glänzend gewesen, zerfallen und von der Zeit verwüstet war, während sie seltsame Neuerungen in Tracht und Sitten an der großen Menge Zuschauer bemerkten, welche ihnen voll Verwunderung und Bestürzung nachfolgten. Als man sich endlich gegenseitig verständigte, kam man auf die Vermutung, daß die beiden Musikanten bei den Bewohnern von Tomnafurich, wo sich die Elfen aus der Nachbarschaft zu versammeln pflegten, müßten gewesen sein. Ein alter Mann, den der Auflauf herbeigeführt, sagte nach Anhörung der Geschichte:

»Ihr seid die beiden Männer, die bei meinem Urgroßvater wohnten und welche, wie man glaubte, von Thomas Rymer nach Tomnafurich verlockt wurden. Eure Freunde beklagten Euch sehr, doch hundert Jahre, die seitdem verflossen sind, haben Eure Namen in Vergessenheit gebracht.« Die beiden Männer, erstaunt über das Wunder, das Gott an ihnen getan hatte, gingen, da es Sonntag war, in die Kirche; sie saßen da und hörten eine Weile dem Geläute der Glocken zu, als aber der Geistliche zu dem Altar trat, seiner Gemeinde das Evangelium zu verkündigen, wunderbar ist es zu sagen, so zerfielen sie bei dem ersten Wort, das aus seinem Munde kam, beide in Staub.

Was die Art und Weise betrifft, wie jemand wieder aus der Gewalt der Elfen zu befreien ist, so sind die Überlieferungen darüber verschieden. Der gemeinen Meinung nach muß es binnen Jahr und Tag geschehen und diese Tat kann nur am Heiligen Abend bei dem jährlichen, feierlichen Zuge der Elfen vollbracht werden. Wer von den Leckerbissen, die ihm vorgesetzt werden, das geringste genießt, verwirkt dadurch die Gesellschaft der Menschen und ist an die Elfen gebunden. Man glaubt, wer einmal in ihre Gewalt gefallen sei, dem werde es erst nach sieben Jahren erlaubt, zu den Wohnungen der Menschen zurückzukehren. Nach abermals verflossenen sieben Jahren verschwindet er wieder, und wird dann selten noch einmal unter den Sterblichen erblickt. Die Berichte, welche sie von ihrer Lage geben, sind verschieden. Nach einigen führen sie ein Leben ohne Rast und Ruhe und schweifen im Mondschein umher, nach andern bewohnen sie eine entzückende Gegend; aber schrecklich ist ihre Lage dadurch, daß einer oder mehrere jedes siebente Jahr dem Teufel geopfert werden.

Die Frau eines Pächters in Lothian war in die Gewalt der Elfen geraten und während des Probejahrs erschien sie mehrmals den Sonntag in der Mitte ihrer Kinder und kämmte ihre Haare. Bei dieser Gelegenheit ward sie von ihrem Ehemann angeredet, sie erzählte ihm das traurige Ereignis, welches sie getrennt hatte und gab ihm die Mittel an, wie er sie wieder gewinnen könnte; sie ermahnte ihn dabei all seinen Mut zusammen zu nehmen, indem ihr zeitliches und ewiges Wohl von dem Erfolge seines Unternehmens abhinge. Der Pächter, der seine Frau herzlich liebte, ging am Heiligen Abend hinaus und wartete mitten auf einem Heideplatz ungeduldig auf den Zug der Elfen. Als die Zügel schallten und wilde übernatürliche Laute der Reiter, verließ ihn der Mut und der geisterhafte Zug ging, ohne daß er ihn zu stören wagte, an ihm vorüber. Als der letzte vorbeigeritten war, verschwand der ganze Haufe unter Gelächter und Freudengeschrei, zwischen welchem er deutlich die Stimme seines Weibes erkannte, jammernd, daß er sie nun auf immer verloren habe. –

Eine Frau war in die Wohnungen der friedlichen Leute entführt und dort von jemand erkannt worden, der sonst ein sterblicher Mensch gewesen, aber nun den Elfen zugesellt war. Dieser Bekannte, welcher noch etwas menschliches Wohlwollen behalten hatte, warnte sie vor der Gefahr und riet ihr, wenn ihr die Freiheit lieb sei, sich eine bestimmte Zeit lang alles Essens und Trinkens mit den Elfen zu enthalten. Sie befolgte den Rat und als die Zeit herum war, so befand sie sich wieder auf der Erde unter den Menschen. Es wird noch erzählt, daß die Speisen, die ihr dargereicht wurden, und ihr so verführerisch in die Augen leuchteten, bei näherer Untersuchung, nun als der Zauber vorüber war, aus nichts als Erdknollen bestanden hätten. –

Die Elfen hatten ein neugeborenes Kind in ihren Shian gebracht und holten hernach auch die Mutter, damit sie wenigstens ihr eigenes Kind säuge. Eines Tags während dieser Zeit bemerkte die Frau, daß die Elfen geschäftig waren, allerlei Zutaten in einen siedenden Kessel zu werfen, mit der Mischung, so bald sie fertig war, sorgfältig ihre Augen bestrichen, das übrige aber zu zukünftigem Gebrauch aufhoben. Sie wollte nun, als alle abwesend waren, ihre eigenen Augen mit der köstlichen Salbe bestreichen, hatte aber nur Zeit, es mit dem einen zu versuchen, da die Elfen zu schnell zurückkehrten. Doch mit diesem einen Auge war sie von nun an im Stande jedes Ding zu sehen, wie es wirklich in den Shian kam, nicht wie bisher in trügerischem Glanz und Schönheit, sondern in seiner wahren Farbe und Gestalt. Die flimmernden Zierraten des Gemachs waren nichts weiter mehr, als Mauern einer dunklen Höhle. Bald darnach, als sie ihrer Pflicht ein Genüge getan hatte, wurde sie nach Haus entlassen, immer aber behielt sie die Gabe, mit ihrem gekräftigten Auge alles, was durch Trug entstellt vor sie kam, in seiner natürlichen Gestalt zu sehen. Eines Tages mitten unter dem Gedränge von Menschen erblickte sie von ungefähr den Elfen, in dessen Besitz sie ihr Kind gelassen hatte, obgleich er jedem andern Auge unsichtbar war. Von mütterlicher Liebe angetrieben, ging sie ohne Rücksicht auf ihn zu und erkundigte sich nach dem Wohlergehen ihres Kindes. Der Elfe, im höchsten Grad erstaunt, von einem sterblichen Menschen erblickt zu werden, fragte, wie es ihr möglich gewesen sei, ihn zu entdecken. Erschreckt von seinen furchtbaren Mienen, bekannte sie, was sie getan hatte. Er spie ihr in das Auge und es erblindete auf immer.6

Capitain George Burton teilte für Richard Bovets Pandämonium, welches 1684 erschien, folgendes mit.

»Vor etwa fünfzehn Jahren hielt ich mich in Geschäften zu Leith bei Edinburgh einige Zeit auf und fand mich mit meinen Bekannten öfters in einem anständigen Haus, wo wir ein Glas Wein tranken. Die Hausfrau erzählte mir eines Tages, in der Stadt lebe ein Elfenknabe, wie sie ihn nannte und als ich ihn zu sehen wünschte, zeigte sie mir ihn bald darnach und sagte:

‚Schaut, Herr, jener dort ist es, der mit den andern Knaben spielt.‘

Ich ging hin und durch freundliche Worte und ein Stück Geld bewog ich ihn, mit mir ins Haus zu gehen, wo ich ihm in Gegenwart der Leute verschiedene astrologische Fragen vorlegte, die er mit vieler Genauigkeit beantwortete und in allem, was er hernach noch sagte, zeigte er sich weit über sein Alter, da er nur zehn bis elf Jahre zu haben schien. Als er mit den Fingern auf den Tisch trommelte, fragte ich ihn, ob er die Trommel zu schlagen verstehe?

‚Ja, Herr, so gut als einer in Schottland, jede Donnerstagnacht schlage ich sie für ein gewisses Volk, welches in jenem Berg (er meinte den großen Berg zwischen Edinburgh und Leith) zusammenzukommen pflegt.‘

‚Was für eine Gesellschaft ist das?‘ fragte ich.

‚Eine große Gesellschaft von Männern und Frauen, die außer meiner Trommel noch mancherlei Art von Musik haben und Überfluß an Speisen und Wein; manchmal werden wir nach Frankreich oder Holland in einer Nacht geführt und auch wieder zurückgebracht und genießen dort die Vergnügungen des Landes.‘

Ich fragte, wie man in den Berg komme?

‚Durch zwei große Tore‘, antwortete er, ‚die sich öffnen, andern aber unsichtbar sind, drinnen sind schöne, große Zimmer, so schön eingerichtet, wie irgendwo in Schottland.‘

Ich fragte, wie ich wissen könne, daß das, was er sage, wahr sei? Er antwortete, er wolle mir mein Schicksal voraussagen, ich würde zwei Weiber haben und er sehe die Gestalt der einen auf meinen Schultern sitzen, beide wären schöne Frauen. Bei diesen Worten kam eine Frau aus der Nachbarschaft in die Stube und fragte ihn nach ihrem Schicksal. Er sagte ihr, sie würde zwei Kinder haben vor ihrer Verheiratung, worüber sie so aufgebracht wurde, daß sie nichts weiter hören wollte. Die Hausfrau sagte mir, alle Menschen in Schottland wären nicht im Stand, ihn von seinem Besuch in der Donnerstagnacht zurückzuhalten. Da ich ihm Aussicht auf ein größeres Geldgeschenk machte, versprach er mir nächsten Donnerstag Nachmittag sich in diesem Haus wieder einzufinden. Er kam wirklich und ich hatte mit einigen Freunden verabredet, ihn von seinem nächtlichen Gang abzuhalten. Er saß zwischen uns und beantwortete verschiedene Fragen bis gegen elf Uhr, wo er unbemerkt sich entfernte, doch ihn sogleich vermissend sprang ich zu der Türe, hielt ihn fest und brachte ihn wieder zurück. Wir bewachten ihn alle, aber plötzlich war er wieder draußen vor der Türe. Ich folgte ihm nach, auf der Straße machte er ein Geräusch, als wenn er wäre ergriffen worden und von der Zeit an sah ich ihn nicht mehr.«

Die Elfen sollen in ihrer Verbindung mit Menschen manchmal sündlichen Neigungen und Begierden unterliegen, wovon die Folgen nicht ausbleiben. Vor langer Zeit lebte in der Nachbarschaft von Cairngorm in Strathspey eine Wehmutter. Eines Abends spät, als sie eben im Begriff war zu Bett zu gehen, klopfte jemand heftig an ihre Türe. Sie öffnete und fand einen Mann zu Pferd, der sie bat unverzüglich mit ihm zu reiten, weil das Leben einer Frau in Gefahr sei. Er gestattete ihr nicht einmal, sich besser anzukleiden, sondern sie mußte so wie sie war auf seinem Schimmel hinten aufsitzen. Sie flogen davon und er gab ihr auf ihre Fragen keine andere Antwort, als daß sie für ihre Mühe reichlich sollte belohnt werden. Als sie ängstlicher wurde, sagte der Elfe: »liebe Frau, ich führe Euch in ein Elfenhaus, wo Ihr einer Elfin beistehen sollt, aber ich versichere Euch, bei allem was heilig ist, Euch soll kein Leid widerfahren, sondern sobald euer Geschäft beendigt ist, sollt Ihr wohlbehalten wieder nach Hause gebracht werden und eine Belohnung erhalten, wie Ihr sie nur wünschen mögt.« Der Elfe war ein hübscher, junger Bursche, dessen Offenherzigkeit und freundliches Wesen ihr die Furcht benahm. Sie entband die Elfin von einem schönen Knaben, worüber alles in Freude war; sie verlangte und erhielt zur Belohnung, daß sie und ihre Nachkommen immer glücklich in diesem Beruf sein sollten.

Die Elfen besitzen große Kräfte und wissen sie klug anzuwenden. Sie sind die geschicktesten Handarbeiter von der Welt und jeder Elfe vereinigt in seiner Person die verschiedenartigsten Fertigkeiten; er ist sein eigener Weber, Schneider und Schuhmacher.

Ein Weber ward einmal Mitternachts durch ein starkes Geräusch aus seinem Schlaf aufgeweckt. Als er aus dem Bett sah, erblickte er seine Stube voll arbeitender Elfen, welche sich seines Werkzeugs ohne Umstände bedienten. Sie waren beschäftigt einen großen Sack der feinsten Wolle in Tuch zu verwandeln. Der eine kämmte, der andere spann, der dritte webte, der vierte preßte und das Geräusch, bei diesen verschiedenen Beschäftigungen, so wie die Ausrufungen der Elfen, verursachten den gewaltigsten Lärm. Indessen, eh es Tag wurde, hatten sie ein Stück Tuch von mehr als fünfzig Ellen zustand gebracht und gingen davon, ohne dem Weber für den Gebrauch seines Geräts nur zu danken.

Ein Elfe nähte einem Bergschäfer ein paar Schuhe in der Zeit, wo dieser eine Mehlsuppe anrührte, und ein anderer rasierte einen Bekannten mit einem Messer nicht schärfer als eine flache Hand.

Als Baumeister haben sie nicht ihres gleichen; das beweisen schon ihre eigenen Wohnungen, denn diese sind so dauerhaft, daß sie einige tausend Jahr Wetter und Wind ausgehalten und an nichts gelitten haben, als etwa an Verstopfung des Rauchfangs.

Wunderwürdig sind die Bauten, die sie unter der Leitung des berühmten Baumeisters Michael Scott ausgeführt haben. Dieser pflegte in seiner früheren Zeit jährlich einmal nach Edinburgh zu reisen und sich dort nach Arbeit umzusehen. Einstmals befand er sich mit zwei Gefährten auf dem Weg dahin, sie mußten über einen hohen Berg, wahrscheinlich einen von den Grampians und ermüdet von dem Steigen ruhten sie oben aus. Bald aber wurden sie durch das Zischen einer großen Schlange erschreckt, die auf sie zu schoß. Michaels beide Gefährten ergriffen die Flucht, doch er beschloß mutig standzuhalten und als sie ihm eben den tödlichen Biß versetzen wollte, hieb er mit einem Streich seines Stocks das Ungeheuer in drei Stücke. Nachdem er seine erschrockenen Gesellen eingeholt hatte, setzten sie ihren Weg fort und kehrten bei anbrechender Nacht in das nächste Wirtshaus. Hier unterhielten sie sich über Michaels Abenteuer mit der Schlange, welches zufällig die Wirtin mit anhörte. Ihre Aufmerksamkeit schien erregt und als sie vernahm, daß die Schlange weiß gewesen sei, bot sie demjenigen, der ihr das Mittelstück holen wollte, eine ansehnliche Belohnung. Da die Entfernung nicht groß war, so machte sich einer von den dreien auf, er fand noch das mittlere und das Schwanzstück, das Stück mit dem Kopf war fort und hatte sich wahrscheinlich in das benachbarte Wasser geflüchtet, um nach Art der Schlangen, die mit Menschen gekämpft haben, sich wieder zu einem Ganzen herzustellen. (Merkwürdig genug, daß ein Mensch, der einen Biß von einer Schlange erhalten hat, unfehlbar geheilt wird, wenn er das Wasser vor der Schlange erreicht.) Als die Wirtin das Stück Schlange, welches beständig voll Leben zuckte, empfing, schrie sie schien im höchsten Grade darüber erfreut und setzte ihren Gästen das beste vor, das ihr Haus vermochte. Michael, neugierig was die Frau mit der Schlange anfangen wolle, erlitt plötzlich einen heftigen Anfall von Leibschmerzen, die nur dadurch gelindert wurden, daß er sich nah ans Feuer setzte, dessen Wärme ihm äußerst wohltätig schien. Die Wirtin merkte von der Verstellung nicht das geringste und da sie dachte, daß jemand, der an solchen Schmerzen leide, nicht leicht Neugierde empfinden und ihre Töpfe untersuchen würde, so erlaubte sie ihm gerne, die ganze Nacht neben dem Feuer zuzubringen. So bald die andern alle zu Bett waren, machte sie sich an ihr wichtiges Geschäft und Michael hatte Gelegenheit, durch das Schlüsselloch alles genau zu beobachten. Er sah wie sie unter Gebräuchen und Feierlichkeiten die Schlange mit geheimen Zutaten in einen Topf tat, welcher hierauf zu dem Feuer gebracht wurde, wo Michael lag, und bis zum Morgen kochen sollte. Ein oder zweimal in der Nacht kam die Frau unter dem Vorwand nach dem Kranken zu sehen und ihm eine Herzstärkung zu bringen; sie tauchte dann ihre Finger in die Pfanne mit Brühe, worauf der Hahn auf der Stange laut krähte. Michael verwunderte sich über diesen Einfluß der Brühe auf den Hahn und konnte der Versuchung, ihrem Beispiel zu folgen nicht widerstehen. Zwar kam ihm die Sache etwas verdächtig vor und er fürchtete, der Böse möchte mit im Spiel sein, doch zuletzt war seine Begierde mächtiger, als alle Vernunftgründe. Er tauchte mit dem Finger in die Brühe und berührte damit die Spitze seiner Zunge und sogleich verkündigte der Hahn das Ereignis in einem traurigen Ton. Michael empfing augenblicklich ein neues, ihm vorher völlig unbekanntes Licht und die erschrockene Wirtin hielt es für klug, ihn ganz in ihre Geheimnisse einzuweihen. Mit diesen übernatürlichen Kenntnissen ausgerüstet verließ Michael am andern Morgen das Haus. Er brachte bald einige tausend von des Teufels besten Arbeitsleuten in seine Gewalt, die er so geschickt in seinem Fach zu machen wußte, daß er die Bauten des ganzen Reichs übernehmen konnte. Von ihm rühren noch einige wunderbare Werke in dem Norden der Grampians, einige jener erstaunungswürdigen Brücken, die er in einer Nacht baute, während nur zwei oder drei Arbeiter dabei sichtbar waren. Einmal war ein Werk eben fertig geworden und seine Dienstleute drängten sich nach ihrer Gewohnheit zu seinem Haus und schrien: Arbeit! Arbeit! Arbeit! Verdrießlich über dieses unaufhörliche Quälen, rief er ihnen spottend zu, sie sollten einen Landweg bauen von Fortrose nach Arderseir über die Meerenge von Moray. Alsbald hörte das Geschrei auf und Scott, der es für unmöglich hielt die Aufgabe zu lösen, lachte sie aus und blieb zurück. Den andern Morgen bei anbrechendem Tag ging er hinaus ans Ufer, aber wie groß war sein Erstaunen, als er sah, daß das unerhörte Werk so weit bereits gediehen war, daß nur noch wenig Stunden zu seiner Vollendung nötig waren. In der Ungewißheit aber, wie viel Nachteil daraus für den Handel erwachsen würde, gab er Befehl, den größten Teil des Werks wieder zu zerstören und ließ nur zum Wahrzeichen und Andenken ein Stück zu Fortrose stehen, das der Reisende noch heutzutag erblickt. Die Elfen, abermals ohne Arbeit, kamen aufs neue mit ihrem Geschrei und Michael wußte mit allem Scharfsinn keine unschädliche Beschäftigung für sie aufzufinden, bis er endlich befahl: »geht und windet mir Seile, welche mich auf den Mond bringen und macht sie aus Mühlenschlamm und Meersand.» Das verschaffte ihm Ruhe und wenn es an anderer Arbeit fehlte, so schickte er sie ans Seil drehen. Zwar glückte es ihnen nicht, eigentliche Seile zu Stand zu bringen, allein man sieht doch bis auf diesen Tag an dem Meer noch Spuren ihrer Arbeit. Als Michael Scott einmal mit jemand in Streit geriet, der ihn beleidigt hatte, so schickte er ihn zur Strafe an jenen unseligen Ort, wo der Böse mit den seinigen haust. Der Teufel aber, ärgerlich daß Michael sich dergleichen Dinge herausnahm, zeigte dem Ankömmling die ganze Hölle, endlich auch zu seinem Trost das Lager, das er dem Michael bereitet hatte; es war mit allen erdenklichen Arten abscheulicher Bestien angefüllt, mit Kröten, Eidechsen, Blutigeln und eine gräuliche Schlange sperrte den Rachen auf. Zufrieden mit diesem Anblick kehrte der Fremde zur Oberwelt zurück, er erzählte, was er gesehen hatte und verhehlte auch niemand, was den Michael Scott dort unten erwarte, sobald er in die andere Welt werde hinübergegangen sein. Doch Michael verlor die Fassung nicht und erklärte, daß er den Teufel in seiner Erwartung betrügen wolle. »Wenn ich tot bin«, sagte er, »so öffnet meine Brust und nehmt mein Herz heraus. Steckt es an einem öffentlichen Platz, wo es jedermann sehen kann, auf eine hohe Stange. Soll der Teufel meine Seele haben, so wird er in Gestalt eines schwarzen Raben kommen und sie wegholen, soll sie aber gerettet werden, so wird sie eine weiße Taube holen; das soll Euch ein Wahrzeichen sein.« Sie taten bei seinem Tode, wie er verlangt hatte; ein großer, schwarzer Rabe kam von Osten mit großer Schnelligkeit, während mit gleicher Eile von Westen eine weiße Taube sich näherte. Der Rabe stieß wütend nach dem Herzen, fehlte und fuhr vorbei, die Taube aber, die zu gleicher Zeit anlangte, trug es unter dem Freudengeschrei der Zuschauer fort.

Man bemüht sich mit den Elfen, die so große Macht haben und dabei so launenhaft sind, in gutem Vernehmen zu stehen. Obgleich schon alles Flüssige, was auf den Boden geschüttet wird, ihnen zukommt, so bestimmen manche ihnen absichtlich einen Teil von dem besten, was sie haben. Manchmal befinden sich die unterirdischen Wohnungen der Elfen in der Nähe der Menschen oder wie das Volk spricht: »unter der Türschwelle« und dann entsteht wohl ein Verkehr mit den Menschen durch Borgen und Leihen und andere freundliche Dienste. In dieser Eigenschaft werden sie gute Nachbarn genannt;7 sie sorgen dann insgeheim für die Bedürfnisse ihrer Freunde und stehen ihnen in allen Unternehmungen bei, so lange ihre Gunstbezeugungen heimlich gehalten werden.

Ein Pächter in Strathspey war beschäftigt seine Ländereien zu besäen und sang dazu ein fröhliches Lied, als eine Elfin von großer Schönheit vor ihm erschien. Sie bat ihn, ihr zu Gefallen, ein altes gälisches Lied zu singen, als er das getan hatte, verlangte sie auch ein Geschenk an Korn. Er fragte, was sie ihm dafür geben wollte? Sie antwortete, wenn er ihren Wunsch erfülle, sollte es ihm an Saat so bald nicht fehlen. Er gab ihr ein hübsches Teil aus seinem Sack und sie entfernte sich. Bald ward er angenehm überrascht, als er bemerkte, daß der Sack, nachdem er einen großen Acker reichlich daraus besät hatte, nicht abnahm und an Größe und Gewicht noch ebenso war, als da er der Elfin begegnete. Er besäte noch einen andern Acker, ohne die geringste Verminderung zu spüren. Vergnügt ging er heim, aber sein geschwätziges Weib, das eine Zunge hatte und einen leeren Kopf, wie die Glocke im Kirchturm, hörte nicht auf, ihre Verwunderung über diese unerklärliche Natur des Sacks an den Tag zu legen, woraus die Hälfte ihrer Ländereien war besät worden. Nun ist bekannt, daß wenn man eine übernatürliche Macht anruft, der Zauber alsbald gebrochen wird. So geschah es auch hier, der Sack ward augenblicklich leer. »Du dummes Weib!« rief der geschlagene Mann, »hättest du deine verwünschte Zunge im Zaum gehalten, was der Sack wog, hätte Goldes Wert gehabt!«

Gottfried Macculloch ritt aus, als nahe bei seinem Hause ein kleiner alter Mann in grün gekleidet auf einem weißen Klepper sich zu ihm gesellte. Sie grüßten sich und der Kleine gab ihm zu verstehen, daß er unter seinem Haus wohne und sehr über die Richtung eines Kanals zu klagen habe, der sich gerade in sein bestes Zimmer ausleere. Macculloch stutzte über diese seltsame Bitte, doch da er die Natur des Wesens erriet, mit dem er es zu tun hatte, so versicherte er den alten Mann aufs freundlichste, daß der Kanal eine andere Richtung erhalten sollte und traf auch sogleich die nötigen Anstalten. Einige Jahre hernach (1697.) hatte Macculloch das Unglück einen benachbarten Edelmann im Streit zu töten; er wurde ergriffen und gerichtet. Das Blutgerüst, auf welchem ihm das Haupt sollte abgeschlagen werden, war schon auf Castlehill bei Edinburgh aufgebaut, aber kaum hatte er es erreicht, als jener kleine, alte Mann auf seinem weißen Pferdchen wie ein Blitz durch das Gewühl der Menschen daher drang. Macculloch sprang auf sein Geheiß hinten auf, »der gute Nachbar« spornte sein Pferd den steilen Abhang hinunter und weder er noch der Verbrecher wurden je wieder gesehen.

Durch Notwendigkeit werden die Elfen nicht angetrieben die Menschen heimlich und mit List zu berauben, ein inneres Gelüsten scheint sie anzureizen. Der Wirbelwind ist nicht das einzige Kunststück, dessen sie sich bedienen, etwas zu stehlen, sie nehmen ihre Zuflucht zu andern, viel verderblichem und stiften Unglück, wie Feuersbrünste an, um daraus Vorteil zu ziehen.

Ein Elfenweib, das in den Türmen von Craig-ail-naic wohnte, bat eine Pächtersfrau in Delnabo um etwas Hafermehl zur Nahrung für ihre Familie mit dem Versprechen, es ihr in kurzem zurückzugeben, da sie selbst bald reichlich damit würde versehen sein. Die Frau aus Furcht erfüllte das Verlangen der Elfin, bewirtete sie der Sitte gemäß mit einem Schlückchen, Brot und Käse und gab ihr noch das Geleit. Als sie eine Anhöhe vor der Stadt hinaufstiegen, machte »die Banshi« Halt und mit sichtbarer Freude sagt sie der Frau, sie möge ihr Mehl wieder mit heim nehmen, sie wäre nun, wie sie erwartet hätte, versehen. Die Frau, ohne die Elfin zu fragen, woher sie denn Mehl erhalten habe, nimmt vergnügt das ihrige und geht zurück. Wie erstaunt sie aber, als sie wenig Minuten darnach den Kornboden einer benachbarten Meierei in vollen Flammen erblickt!

Ein Pächter, welcher die Meierei von Auchriachan, von Strathavon, inne hatte, suchte eines Tags seine Ziegen auf einem entfernten Berg in Glenlivat, als ein dicker Nebel ihm den Weg entzog und seine Sinne verwirrte. Jeder Stein war in seinen Augen groß als ein Berg, jeder kleine Bach schien in entgegengesetzter Richtung zu laufen und der arme Wanderer gab die Hoffnung auf, je wieder heim zu seinem Feuerherd zu gelangen. Beim Anbruch der Nacht setzte er sich nieder, ganz erstarrt und sein Ende erwartend, als er ein Lichtchen schimmern sah. Seine Glieder bekamen bei dem Anblick neue Kräfte, er raffte sich auf und eilte dem Licht zu. Dabei angelangt sah er, daß es ein wilder Ort war, den ein menschlicher Fuß schwerlich schon betreten hatte, doch faßte er sich Herz und trat zu der offenen Türe ein. Wie sank sein Mut, als er auf eine alte Bekannte stieß, deren Leiche er vor kurzem zu Grab geleitet hatte und welche hier, wie es schien, den Dienst einer Haushälterin versah. Sie sprang sogleich auf ihn zu und sagte ihm, daß es um ihn geschehen wäre, wenn er nicht in eine Ecke schlüpfe, wo er ausharren müsse, bis sich eine Gelegenheit finde zu entfliehen. Er befolgte ihren Rat, kaum war er dort versteckt, als eine unermeßliche Menge Elfen hereintrat, die von einer wichtigen Unternehmung zurückkamen, sehr hungrig waren und nach Speise schrien. »Was haben wir zu essen?« fragten sie. Da sagte ein alter, klug aussehender Elfe, der beim Feuer saß: »Ihr alle kennt und verabscheut den alten elenden Burschen zu Auchriachan, lumpig und geizig wie er ist, läßt er uns nichts zufließen und entzieht uns sogar, was uns gebührt. Von seiner alten Großmutter, der Hexe, hat er gelernt alles einzusegnen und in Schutz zu stellen und wir können nicht einmal Nachlese auf seinen Feldern halten, geschweige zu der Frucht selbst gelangen. Diese Nacht ist er nicht zu Haus, weil er seine Ziegen sucht, eure gute Bekannte«; (denn die Ziegen sollen in gutem Vernehmen mit den Elfen stehen und mehr wissen, als man dem Anschein nach glauben sollte) »seine nachlässigen Hausleute haben an die Sicherheitsmittel nicht gedacht, und wir können jetzt über all sein Eigentum schalten und walten; kommt, laßt uns sein Lieblingsrind zu unserm Abendessen holen!« »Wohlan«, riefen alle einstimmig, »Thomas Rymer hat Recht, der Pächter von Auchriachan ist ein erbärmlicher Wicht, wir holen sein Rind!« »Aber wo nehmen wir Brot her?« sagte ein anderer grauhaariger Elfe. »Wir nehmen auch sein frisch gebackenes Brot«, sagte der kluge Ratgeber, »er ist ein elender alter Bursche und sein Weib hat vergessen das Kreuz über den ersten Laib zu machen.« Das alles hörte der arme Mann in der Ecke und hatte noch den Verdruß mit anzusehen, wie sein Rind hereingeführt und geschlachtet wurde. Während alle sich mit Zubereitung des Fleisches beschäftigten, hatte die Alte Gelegenheit, ihn zu befreien. Als er herauskam, war der Nebel verschwunden, die Steine hatten ihre gewöhnliche Größe und der Mond schien so silberhell, daß er ohne Schwierigkeit den Weg nach Haus fand. Seine Familie empfing ihn mit großer Freude und die Frau, die glaubte, er würde hungrig sein, brachte Milch und frisch gebackenes Brot und lud ihn ein, es sich schmecken zu lassen, doch er ließ es stehen, denn er wußte, daß das Brot kein wahres Brot war, nur ein abscheulicher Trug. Er fragte nach seinem Rind und ob man es wie gewöhnlich vor böser Gewalt gesichert habe? »Ach nein, mein Vater, aus großer Sorge über Euch habe ich es vergessen.« »Ach!« rief der arme Mann, »mein liebstes Rind ist verloren!« »Wie?« sagte der Sohn, »ich sah es noch vor zwei Stunden.« »Das war nichts als ein trügerischer Balg von den Elfen, bring es schnell her, damit ich es wegschaffe.« Und unter den heftigsten Ausdrücken gegen die boshaften Betrüger führte er einen so kräftigen Streich auf des Rindes Stirne, daß es zu Boden fiel. Es lag zusamt dem Brot und weder Hund noch Katze mochten es anrühren.

Zu den bösen Gelüsten der Elfen gehört auch die Neigung Kinder zu stehlen, wobei sie eine besondere Geschicklichkeit bezeigen. Oft haben sie einer unerfahrenen Mutter ihr liebes Kind am hellen Tag weggenommen und einen Wechselbalg an seine Stelle gelegt, dessen lügenhafte Krankheit und Tod die Last der armen Eltern noch schwerer machte. Aber auch dem Vater, der sein Kind mit aufs Pferd genommen hatte, haben sie es vom Arm weg gestohlen.

Zwei Männer von Strathspey pflegten eine Familie in Glenlivat wegen eines Nachts am sichersten zu treibenden Verkehrs mit gebranntem Wasser zu besuchen. Einmal als sie eben mit Zumessen in dem Hause dort beschäftigt waren, stieß das kleine Kind, das in der Wiege lag, einen heftigen Schrei aus, als wenn es ein Schuß getroffen hätte. Die Hausfrau schlug sogleich das Kreuz über das Kind und hob es aus der Wiege, die beiden Männer hatten aber nicht weiter Acht darauf und als ihr Geschäft zu Ende war, machten sie sich mit ihrer Ladung auf den Weg. In geringer Entfernung von dem Haus waren sie nicht wenig verwundert, ein kleines Kind ganz allein auf der Landstraße zu finden. Einer von ihnen nahm es auf den Arm, alsbald hörte es auf zu schreien und schlang mit großer Zärtlichkeit seine Ärmchen ihm um den Hals und lachte. Als sie es genauer betrachteten, erkannten sie das Kind ihres Freundes und hatten gleich Verdacht auf die Elfen, zumal sie sich des ausgestoßenen Schreis erinnerten. Sie hatten das rechte Kind entwendet und einen Wechselbalg an seine Stelle gelegt, aber als die Mutter ein Kreuz schlug, wurde jenes von der Gewalt der Elfen befreit, welche es alsbald verlassen mußten. Da beider Männer Zeit beschränkt war und sie nicht sogleich wieder umkehren konnten, um die geheimnisvolle Begebenheit aufzuklären, so setzten sie ihre Reise fort, sorgten aber bestens für den kleinen Findling. Vierzehn Tage nachher führten Geschäfte sie wieder nach Glenlivat, sie nahmen das Kind mit, verbargen es aber bei ihrer Ankunft. Die Hausfrau fing sogleich an über die hartnäckige Kränklichkeit ihres Kindes zu klagen, womit es seit ihres vorigen Besuches behaftet sei und die seinen Tod gewiß zur Folge haben würde. Während dieser Klagen stieß der Wechselbalg das erbärmlichste Geschrei aus, als hätten seine Schmerzen den höchsten Grad erreicht. Die Fremden hießen die Mutter gutes Mutes sein und sagten, sie solle das rechte Kind wieder haben frisch und gesund wie der Fisch im Wasser, das andere sei nichts als ein Wechselbalg. Die Mutter nahm ihr rechtes Kind mit Freuden in Empfang und die Fremden ließen ein Bund Stroh anzünden, um den Wechselbalg hinein zu werfen, welcher aber bei diesem Anblick durch den Rauchfang forteilte.

Will eine Mutter ihr Kind vor den Elfen sichern, so ist es gut, den Kopf desselben herunter hängen zu lassen, wenn sie es Morgens ankleidet. Ein roter Faden um den Hals geknüpft oder ein Kreuz schützt gleichfalls. Ist das Kind wirklich schon mit einem Wechselbalg vertauscht, so kann sie es auf folgende Art wiedererhalten. Der Wechselbalg wird da, wo drei Länder oder drei Flüsse zusammenstoßen, hingelegt und zwar ehe die Nacht einbricht, in der Nacht bringen dann die Elfen das gestohlene rechte Kind, legen es hin und nehmen das falsche mit fort.

An der Ostküste von Schottland hat man einen besonderen Gebrauch, die Gefahr abzuwenden. Im März bei zunehmendem Mond werden Zweige von Eichen und Efeu abgeschnitten und davon Kränze geflochten, die man bis zum nächsten Herbst aufbewahrt. Wenn hernach jemand abmagert oder ein Kind zusammenfällt, so läßt man es dreimal durch diesen Kranz gehen.

Aber die Elfen streben auch nach Frauen, die der Geburt eines Kindes entgegensehen und ebenso wie bei dem Diebstahl der Kinder, schieben sie ein falsches und lügenhaftes Wesen unter.

Zu Glenbrown im Kirchspiel Abernethy lebte Johann Roy, ein mutiger Mann. Eines Abends ging er über die Berge und geriet in einen Haufen Elfen, deren Art zu reisen schon anzeigte, daß sie jemand mit sich führten. Er erinnerte sich daran, daß ihm gesagt war, die Elfen müßten für eine, wenn auch geringere, zum Tausch dargebotene Gegengabe das, was sie hätten, loslassen. Johann Roy nahm seine Mütze ab, warf sie unter sie und rief: »Das meine ist euer, das eurige mein!« worauf die Elfen genötigt waren, die Mütze zu nehmen und ihren Raub aufzugeben, welcher in nichts anderem bestand, als einer schönen Frau, ihrer Tracht und Sprache nach von sächsischer Abkunft. Mit vieler Freundlichkeit führte sie Johann Roy in sein Haus, wo sie sieben Jahre lang mit der größten Aufmerksamkeit behandelt wurde. Sie gewöhnte sich nach und nach an ihren neuen Zustand und ward als ein Teil der Familie behandelt. Es ereignete sich, daß »der neue König« die große Landstraße in dieser Gegend durch Soldaten anlegen ließ. Johann Roy vergaß seinen Widerwillen gegen »einen Sachsen« und bot einem Hauptmann und seinem Sohn, welche eine Abteilung in der Nähe arbeitender Leute befehligten, bei sich ein Unterkommen an, das sonst schwer wäre zu finden gewesen. Beide, Gäste und Wirt, waren bald sehr miteinander zufrieden; nur war diesem unangenehm, daß jene seinen englischen Findling immer so aufmerksam betrachteten. Einmal sagte der Vater zu seinem Sohn: »Mir fällt die Ähnlichkeit dieser Frau mit meiner verstorbenen Gattin auf, zwei Schwestern können einander nicht mehr gleichen und wäre es nicht ganz unmöglich, so würde ich sagen, dies sei meine liebe, verstorbene Frau!« und nannte ihren Namen. Die Frau, aufmerksam auf ihr Gespräch, als sie ihren wahren Namen nennen hört, erkennt Gatten und Sohn, und fällt ihnen um den Hals. Die Elfen, die den Shian von Coirlaggack bewohnen, hatten eine Fahrt in das südliche England unternommen und sich kein Gewissen daraus gemacht, die Frau bei ihrer Entbindung zu stehlen. Eine falsche Gestalt ward an ihre Stelle gelegt, welche wenige Tage darnach starb und die der Mann, in der vollen Überzeugung, daß es die wahre Frau sei, begraben ließ.

Die schändlichste Handlung der Elfen besteht aber darin, daß sie Menschen und Tiere mit einem Zaubergeschoß töten, gewöhnlich Elfenkeil (Elfbolt) genannt. Diese Keile sind verschiedener Größe, hart und gelblich, dem Feuerstein einigermaßen ähnlich, den sie allenfalls ersetzen könnten. Der Keil hat häufig die Form eines Herzens, dessen Ränder scharf gezahnt sind, gleich einer Säge. Diese tödliche Waffe werfen die Elfen nach Menschen und Tieren mit solcher Sicherheit, daß sie selten ihr Ziel verfehlen und wen sie einmal damit berühren, der ist verloren. So groß ist die Gewalt, womit er trifft, daß, so wie er seinen Gegenstand berührt, er auch augenblicklich ihm das Herz durchbohrt und eh man ein Auge zutut, liegt schon der Mensch oder das Tier tot und kalt auf der Erde. Und seltsam genug, ein gewöhnlicher Mensch ist nicht im Stand, die Wunde zu finden, wo er nicht die Kraft besitzt, die einige weise Leute fähig macht, dem Weg, den der Keil genommen hat, nachzuspüren und ihn in dem toten Körper zu entdecken. Hat man ihn gefunden, so muß man ihn sorgfältig bewahren, denn wer ihn besitzt, ist gegen einen solchen Tod gesichert.

Die rohen Streit-Äxte von Metall, welche man findet, haben Elfen verfertigt, die man in den Abgründen und Felsenhöhlen hämmern hört. Die durchbohrten und abgerundeten Steine, die sich durch Reibung in den Flußbetten bilden, sind Becher und Schüsseln der Elfen.

Manchmal schneidet der Wetterstrahl mit besonderer Regelmäßigkeit Stücke Rasen aus dem Boden, diese, glaubt man, hätten die Elfen herausgehoben.

In den schönen Herbsttagen, wenn die Felder abgeerntet sind und eine Anzahl Vieh aus verschiedenen Meiereien zusammengebracht wird, so rennen die Tiere oft wie toll herum und brüllen, obgleich keine Veranlassung dieser Unordnung zu sehen ist. Blickt man aber durch ein Elfenastloch, oder durch die Öffnung, die ein Elfenkeil durch die Haut eines von dem Elfenschuß getroffenen Tiers gemacht hat, so kann man den Elfstier sehen, der sich mit dem stärksten Stier in der Herde stößt; doch man sieht hernach mit dem Auge nie wieder und mancher hat auf diese Art sein Gesicht verloren. Der Elfstier ist klein in Vergleich mit dem natürlichen, mausefarbig, hat gestutzte Ohren, kurze korkartige Hörner, kurze Beine, aber einen langen, geschwungenen Leib gleich einem wilden Tier; sein Haar ist kurz, glatt und glänzend, wie bei einer Otter. Dabei ist er übernatürlich mutig und stark. Er zeigt sich zumeist an den Ufern der Flüsse und frißt gern in der Nacht grünes Korn.

Ein Pächter, der bei einem Fluß wohnte, hatte eine Kuh, die niemals einen natürlichen Stier zuließ, aber jedes Jahr an einem bestimmten Tag im Mai regelmäßig von der Weide sich entfernte und langsam an den Ufern des Flusses wandelte, bis sie einer kleinen mit Gebüsch bewachsenen Insel gegenüber war, dann ging sie in den Fluß, watete oder schwamm zu der Insel, blieb dort eine Zeit lang und kam dann wieder auf die Weide zurück. Dies dauerte mehrere Jahre und jedesmal zu der gewöhnlichen Zeit warf sie ein Kalb, welches vollkommen dem Elfstier glich. Um Martini, an einem Vormittag, als das Korn unter Dach und abgemessen war, saß der Pächter beim Feuer und es war die Rede von dem, was zu Weihnachten sollte geschlachtet werden. Er sagte: »Die Kuh soll daran, sie ist wohlgenährt und hat im Pflug gute Dienste geleistet, die Ställe mit schönen Stieren angefüllt, wir wollen ihre alten Knochen jetzt abnagen.« Kaum hatte er diese Worte gesprochen, so drang die Kuh mit ihren Jungen durch die Wände, als wenn sie aus braunem Papier beständen, ging um den Misthaufen herum, brüllte ein jedes ihrer Kälber an, und dann trabte sie hinaus, die Jungen hinter ihr drein, in einer Reihe nach ihrem Alter, dem Ufer zu, wo sie ins Wasser gingen, die Insel erreichten und in dem Gebüsch verschwanden. Man hörte noch sah je etwas von ihnen.

An der Nordküste von Schottland lebte ein Mann, der sich mit dem Fischfang abgab und vorzugsweise jene seltsamen Geschöpfe fing, die man Seehunde nennt, deren Häute ihm gut bezahlt wurden. Aber die meisten sind nicht Hund oder Fisch, sondern ganz eigentlich Elfen. Eines Tages, als der Fischer von seinem Gewerbe heimkam, wurde er von einem Manne angerufen, der ihm fremd vorkam und sagte, er sei von jemand abgeschickt, der mit ihm einen Handel über eine Anzahl Seehundsfelle schließen wolle, daß er ihn aber sogleich zu dieser Person begleiten müsse. Der Fischer, erfreut über die Aussicht auf einen guten Handel, willigt ein und beide besteigen zwei dem Fremden zugehörige Pferde und reiten so geschwind, daß der Wind, der ihnen vom Rücken her kommt, wegen der Schnelligkeit ihrer Bewegung ins Gesicht zu blasen scheint. Als sie bei einem furchtbaren in die See hinein ragenden Abhang angelangt sind, sagt der Führer, sie wären jetzt an dem Ort ihrer Bestimmung, ergreift den Fischer mit übernatürlicher Kraft und stürzt sich mit ihm gerade ins Meer hinein. Sie sinken und sinken, bis sie endlich auf dem Grund zu einer offenen Türe gelangen, durch welche sie in eine Reihe von Gemächern treten, alle mit Seehunden angefüllt, die aber sprechen und menschliche Empfindung zeigen; zuletzt bemerkt der Fischer zu seinem höchsten Erstaunen, daß er selbst, ohne es zu wissen, in einen Seehund verwandelt worden ist. Sein Führer zog ein ungeheures Messer hervor und er glaubte sein Ende sei gekommen, aber jener beruhigte ihn und fragte, ob er das Messer nicht mehr gesehen habe? Er erkannte sein eigenes, womit er heute einen Seehund getroffen hatte, welcher ihm entwischt war. »Dies war mein Vater«, sagte der Führer, »er liegt gefährlich darnieder und kann ohne deine Hilfe nicht genesen.« Er führte den vor Angst zitternden Fischer zu dem Kranken, der in großen Schmerzen auf dem Bette lag; der Fischer mußte ihm mit eigener Hand die Wunde verbinden, worauf er unmittelbar hergestellt wurde und von seinem Lager aufstand. Die Trauer verwandelte sich in allgemeine Lust und Freude. Der Führer sagte zu dem Fischer: »Ich will dich selbst zu den deinigen zurückbringen, nur mußt du geloben, dein Lebtag keinen Seehund mehr zu töten.« Beide schwammen wieder aufwärts, bis sie die Oberfläche des Meers erreichten und bei dem Platz landeten, wo die Pferde schon bereit standen. Der Führer hauchte den Fischer an, und sie erhielten beide die menschliche Gestalt. Bei seiner Haustüre empfing der Fischer ein so großes Geschenk, daß er es nicht zu bedauern brauchte, seinem Handwerk entsagt zu haben.

Er spricht niemals von seiner Abkunft, doch scheint er, im Ganzen betrachtet, zu den Elfen zu gehören. Er ist von Gestalt nicht so schlank, aber wohlgewachsen und artig, dagegen ihn andere als mager und zottig schildern. Den Namen hat er von seiner besonders braunen Farbe. Er ist arbeitsam, auf den Vorteil seines Herrn bedacht und immer zur Hand, nach einigen Tag und Nacht, nach andern liegt er bei Tag in seinem Winkel versteckt und arbeitet bei Nacht. Alles tut er für magere Kost und zuweilen ein abgelegtes Kleidungsstück; ja er pflegt bei jeder anderen Belohnung zu verschwinden. Ein so wohlfeiler und nützlicher Diener ist also sehr schätzenswert, aber durch Geld nicht zu erkaufen. Er bleibt bei einer Familie, so lange noch ein Glied von ihr lebt und ist daher das Erbstück eines alten und geehrten Stammes. Neben beispielloser Treue wacht er unermüdlich für den Vorteil des Herrn und fördert ihn; und seine Dienste werden noch durch die Gabe, die Zukunft voraus zu verkündigen, erhöht. Über die Hausleute hält er genaue Aufsicht und berichtet ihre guten und bösen Handlungen, weshalb er auch selten in gutem Vernehmen mit ihnen steht; wird er ihrer Gunst überlassen, so erhält seine Treue aller Wahrscheinlichkeit nach keine sonderliche Belohnung. Will der Herr aber für seinen Vorteil sorgen, so muß er zusehen, daß der Brownie ordentlich Essen und Trinken erhält. Er streckt sich gerne nächtlich ans Feuer und wenn das Gesinde zu lange bei dem Küchenherd aufbleibt, so fürchtet er um seinen Platz zu kommen und erscheint manchmal an der Türe, als müsse er darauf sehen, daß sie zu rechter Zeit sich niederlegen, und ermahnt sie: »Geht zu Bette und verwahrt das Feuer!«

Eine Familie hatte einen Brownie und als die Hausfrau in Kindesnöten sich befand und der Knecht schnell nach Jedburg reiten und die Wehmutter holen sollte, aber sich nicht sehr beeilte, so schlüpfte der Brownie in den Überrock des Zaudernden, ritt auf dem besten Pferd des Herrn nach der Stadt, und nahm die Frau hinter sich. Während der Zeit war die Tweed, durch welche sie notwendig setzen mußten, angeschwollen; der Brownie, schnell wie ein Geist reitend, ließ sich nicht aufhalten. Er stürzte sich samt der erschrockenen alten Frau ins Wasser und kam glücklich mit ihr zu Haus an, wo man ihren Beistand erwartete. Nachdem er das Pferd in den Stall geführt hatte, wo man es nachher in einem sehr traurigen Zustande fand, ging er in die Kammer des Knechts und da dieser gerade im Begriff war, seine Stiefel anzuziehen, so versetzte er ihm ein paar tüchtige Hiebe mit seiner eigenen Peitsche. Ein so ausgezeichneter Dienst erregte die Dankbarkeit des Hausherrn und da er glaubte verstanden zu haben, daß der Brownie sich einen grünen Rock wünsche, so gab er Befehl einen solchen zu verfertigen und ihn an seinen Aufenthaltsort zu legen. Der Brownie nahm das Geschenk, war aber von dem Augenblick an nicht mehr zu sehen. Vielleicht begab er sich in seinem grünen Kleide zu den Elfen.

Der letzte Brownie, der im Wald von Ettrick bekannt war, wohnte in Bodsbeck, einem wilden und einsamen Grund, wo er ungestört lebte, bis die ängstliche Frömmigkeit einer alten Frau ihn auszuwandern nötigte, indem sie in seine Wohnung eine Schüssel mit Milch stellte und ein Stück Geld dabei legte. Nach diesem Wink sich zu entfernen hörte man ihn die ganze Nacht heulen und schreien: »Leb wohl, du liebes Bodsbeck!« welches er auf immer verlassen mußte.

Ehedem gehörte zu jeder ansehnlichen Familie ein Brownie, jetzt sind sie seltener geworden, die beiden letzten, die man in den Hochlanden gekannt hat, waren der alten Familie von Tullochgorm in Strathspey zugehörig. Es war Mann und Frau. Der Mann von heiterer, lustiger Gemütsart neckte oft die Leute; er war besonders darauf aus, nach den Vorübergehenden mit einem Klumpen Erde zu werfen, weshalb er den Namen Brownie-Clod erhielt. Gleichwohl war er bei aller guter Laune ziemlich einfältig und wurde von denen hinters Licht geführt, welchen er mitzuspielen gedachte. Das beste Beispiel ist ein Vertrag, den er mit den Knechten vom Tullochgorm einfältigerweise abschloß, worin er sich verbindlich machte, allein so viel Korn zu dreschen, als zwei Männer in einem ganzen Winter vermögen, wofür er einen alten Rock und eine Kappe von Kilmarnock, an welcher er großen Gefallen zu haben schien, erhalten sollte. Während die Knechte sich aufs Stroh legten und faulenzten, drosch der arme Brownie unaufhörlich. Kurz ehe der Vertrag zu Ende ging, legten die Burschen aus Dankbarkeit und Mitleiden den Rock und die Kappe in ein Kornmaß in die Scheune. Augenblicklich hörte er auf zu arbeiten und sagte höhnisch, da sie so einfältig gewesen wären und Rock und Kappe vor Beendigung der Arbeit gegeben hätten, so würde er sich hüten, noch eine einzige Garbe zu dreschen. – Die Frau dagegen, statt das Gelächter der Mägde zu sein, mit welchen sie arbeitete, war eine Art Gebieterin über sie. Sie stand selten in gutem Vernehmen mit ihnen, wegen der Treue, womit sie der Herrschaft jede Vernachlässigung der Pflicht anzeigte. Sie hatte einen großen Überfluß von Haaren auf dem Kopf, weshalb sie die haarige Mag (Maug Vuluchd) hieß. Sie war eine rechtschaffene und treffliche Haushälterin und besonders geschickt, bei Tisch aufzuwarten. Die Sorgfalt, womit sie immer unsichtbar den Tisch deckte, war für Fremde ein unterhaltender Anblick: das Verlangte kam wie durch die Luft geschwommen und setzte sich mit der größten Geschwindigkeit und Geschicklichkeit auf die Tafel; und an Reinlichkeit und Aufmerksamkeit war ihresgleichen nicht im ganzen Land.

  1. Graham, der diese Sage aus Überlieferung mitteilt und welche, wie Walter Scott S. 122. versichert, ebenso in den schottischen Hochländern als in den Niederungen in Umlauf ist, hat nicht gewußt, daß Gervasius von Tilbury sie mit einigen Verschiedenheiten in den otiis imperial. erzählt. Es sind nur Wassergeister, zu denen die Frau kommt und wo sie ihr Auge mit Schlangenfett salbt.
  2. Ähnlicher Rücksicht bedient sich das Volk sogar bei dem Teufel und nennt ihn »den guten Mann«.