26. Der verzauberte See


26. Der verzauberte See

(Siehe auch die Anmerkungen)

Im westlichen Irland war ein See und ohne Zweifel ist er noch daselbst, in dem zu verschiednen Zeiten mehrere junge Leute ertranken. Was dieses Ereignis besonders merkwürdig machte, war, daß man die Leichname der Ertrunkenen niemals wieder fand. Das Volk geriet darüber in Verwunderung und allmählich erlangte der See einen schlimmen Ruf. Schreckvolle Geschichten wurden erzählt, einige behaupteten, in dunkler Nacht leuchteten die Fluten wie Feuer, andere wollten schauerliche Gestalten über den See haben gleiten sehen, jedermann gab zu, daß ein seltsamer Schwefelgeruch aus ihm hervorsteige.

Es lebte in geringer Entfernung von diesem See ein junger Pächter namens Roderich Keating, Bräutigam mit einem der schönsten Mädchen der ganzen Gegend. Eben war er von Limerick, wo er einen Trauring gekauft hatte, im Geleit zweier oder dreier von seiner Bekanntschaft zurückkehrend, an dem Gestade des Sees angelangt, als diese mit ihm über Gretchen Honan ihren Scherz zu treiben begannen. Einer erwähnte sogar, daß der junge Delaney, ein Nebenbuhler, in des Bräutigams Abwesenheit um die Gunst der Geliebten würbe; aber Roderichs Vertrauen auf seine Verlobte war so fest, daß er, ohne im geringsten durch diese Rede beunruhigt zu werden, mit der Hand in die Tasche griff, den Trauring hervorzog und ihn bedeutungsvoll umherblickend in die Höhe hielt. Indem er so den Ring, als ein wahres Siegeszeichen zwischen Zeigefinger und Daumen umdrehte, entfiel er seiner Hand und rollte in den See hinab. Roderich sah ihm mit der höchsten Bestürzung nach, weniger seines Wertes, obgleich er eine halbe Guinee dafür gegeben hatte, als der schlimmen Vorbedeutung wegen; das Wasser war so tief, daß man des Rings schwerlich wieder habhaft werden konnte. Seine Gefährten lachten ihn aus; vergeblich suchte er durch das Anerbieten ansehnlicher Belohnung sie zu bewegen, nach dem Ring unterzutauchen, sie waren sowenig zu dem Wagstücke geneigt, als Roderich selbst; die Erzählungen, die sie als Kinder vernommen hatten, schwebten ihrem Gedächtnis vor und abergläubische Furcht erfüllte die Brust eines jeden.

»Muß ich also nach Limerick umkehren einen andern Ring zu kaufen?« rief der junge Pächter, »zehnmal soviel als der Ring kostet, will es keiner darum wagen?«

Unter den Umstehenden befand sich ein Mensch, den man allgemein für blödsinnig und nicht recht bei Troste hielt, er war aber unschuldig wie ein Kind und pflegte in der Gegend hin und her von einem Ort zum andern zu gehen. Als er so ansehnlichen Lohn ausrufen hörte, erklärte Paddin, denn das war sein Name, wolle ihm Roderich Keating geben, was er den andern verheißen hätte, so getraue er sich wohl nach dem Ring unterzutauchen. Und Paddin schaute, während er sprach, eben so begierig nach der Lustfahrt hin als nach dem Geld.

»Ich halte dich beim Wort« sprach Roderich und augenblicklich seinen Rock abziehend, ohne weiter eine einzige Silbe zu verlieren, stürzte sich Paddin häuptlings in den See. Wie tief er hinein kam, läßt sich nicht genau berichten, aber er ging und ging und ging durch das Wasser fort, bis das Wasser vor ihm wich und er auf ein trockenes Land gelangte. Himmel, Luft, Tageslicht und alles andere waren da gerade so wie hier bei uns; er sah einen reizenden Grund, wodurch ein zierlicher Weg führte nach einem großen, mit stattlichen Treppen umgebenen Hause. Sobald er sich von seinem Staunen erholt hatte, unter dem Wasser so trocknes und anmutiges Land zu finden, schaute er genauer um und was sollte er anders erblicken, als die ertrunkenen Jünglinge, die sich in diesem Lustort beschäftigten, als wäre ihnen niemals ein Übel zugestoßen. Einige mähten Gras, einige schafften Kiessand auf den Weg oder taten andere leichte Arbeiten, und vollbrachten alles auf so gute Art und so munter, als wären sie niemals ertrunken. Dann sangen sie mit großer Lust Lieder, worin sie die Frau vom Hause wegen ihrer Schönheit und ihres Reichtums priesen, wogegen nichts in der Welt bestehen könne. Paddin konnte sich nicht enthalten, ihnen zuzusehen, einige darunter, bevor sie im See ertrunken waren, hatte er gut gekannt; aber er war stumm wie ein Fisch, dachte dafür sein Teil, und kein Sterbenswörtchen kam über seine Lippen. So ging er nach dem großen Haus zu, ganz unbefangen, als habe er nichts gesehen, was der Rede wert gewesen, dabei wünschte er gar sehr, zu wissen, wer die junge Frau wäre, von welcher die jungen Männer in ihrem Gesang so viel Wesens gemacht hatten.

Als er nah zu dem Tor des großen Hauses gelangt war, trat aus der Küche eine gewaltig dicke Frau heraus, wie eine Biertonne auf zwei Beinen. Daher bewegte sie sich und Zähne ragten aus ihrem Munde, nicht geringer als Pferdezähne.

Sie kam auf ihn zu und sagte: »Guten Morgen, Paddin.«

»Guten Morgen, Frau«, antwortete er.

»Was bringt Euch hierher?« fragte sie.

»Ich komme wegen Roderich Keatings Goldring.«

»Hier ist er«, sagte Paddins dicke Freundin, mit einem Lächeln auf ihrem Gesicht, das sich bewegte, wie kochender Haferbrei.

»Ich danke Euch«, antwortete Paddin und nahm den Ring aus ihrer Hand. »Es ist nicht nötig, daß ich hinzufüge, der Herr gebe Euch sein Gedeihen! Denn ihr seid bereits wohlbeleibt genug. Aber wollt Ihr so gut sein und mir sagen, führt der Weg, auf welchem ich gekommen bin, auch wieder zurück?«

»Kamt Ihr denn nicht, mich zu heiraten?« schrie die dicke Frau ganz außer sich.

»Diesmal nicht, mein Schatz, wann ich wiederkomme«, antwortete Paddin. »Ich werde für meinen Gang hierher gut bezahlt und muß machen, daß ich Antwort bringe, oder die werden Wunder denken, was aus mir geworden sei.

»Bekümmert Euch um kein Geld«, sagte die dicke Frau, »wenn Ihr mich heiratet, so sollt Ihr für euer Lebtag in dem Haus wohnen und an nichts Mangel leiden.«

Paddin sah deutlich, daß, da er einmal im Besitz des Ringes sei, die dicke Frau weiter keine Gewalt habe, ihn zurückzuhalten. Ohne also länger auf ihre Worte zu achten, wandelte er ganz gelassen den Gang wieder herab und schaute sich dabei um; denn er hatte, die Wahrheit zu sagen, keine sonderliche Lust, die dicke Hexe zu heiraten. Als er zu dem Gatter kam, stürzte er, ohne nur guten Tag zu sagen, hinaus und fand das Wasser, welches ihm entgegen kam. Er sprang hinein und arbeitete sich in die Höhe und es war wunderbar genug, da man den Paddin nach der entgegengesetzten Seite des Sees hatte wegschwimmen sehen; doch er gelangte bald ans Ufer und erzählte dem Roderich Keating und den andern Burschen, die da standen und auf ihn gewartet hatten, alles was ihm begegnet war. Roderich zahlte ihm auf der Stelle fünf Guineen für diesen Ring und mit diesem Geld in der Tasche deuchte sich Paddin so reich, daß er nicht Lust hatte zurückzukehren und die dicke Frau zu heiraten, die in dem Grund des Sees in dem schönen Hause saß. Er dachte, sie hat ja unter der Menge junger Leute die Wahl, wenn ihr die Lust ankommen sollte, einen Mann zu nehmen.

27. Die Erscheinungen des O’Donoghue


27. Die Erscheinungen des O’Donoghue

(Siehe auch die Anmerkungen)

Ehemals zu einer Zeit, die schon so lange dahingeschwunden ist, daß sie nicht genau mehr kann bestimmt werden, herrschte in dem Land, welches den reizenden See Lean, der jetzt See von Killarney heißt, umgibt, ein Fürst namens O’Donoghue. Weisheit, Wohlwollen und Gerechtigkeit zeichneten seine Regierung aus, Glück und Wohlfahrt seiner Untertanen waren die natürlichen Folgen davon. Er soll eben so berühmt geworden sein durch Heldentaten im Krieg, als durch Tugenden des Friedens und zum Beweis, daß die Milde seiner Regierung der Strenge keinen Abbruch tat, wird Fremden eine Felseninsel gezeigt, die O’Donoghue’s Gefängnis heißt, weil er einmal seinen eigenen Sohn wegen eines unordentlichen und ungehorsamen Betrages dahin verwies.

Sein Ende, denn man kann nicht eigentlich sagen sein Tod, war seltsam und geheimnisreich. Auf einem jener glänzenden Feste, die seinen Hof verherrlichten, umgeben von seinen ausgezeichnetsten Untertanen, kam ein prophetischer Geist über ihn und er sagte voraus, was in den zukünftigen Zeiten geschehen würde. Seine Zuhörer horchten, bald von Staunen ergriffen, bald in Unwillen entbrannt, bald glühend vor Scham oder von Kummer gebeugt, je nachdem er die Tapferkeit, die Ungerechtigkeiten, die Verbrechen und das Elend ihrer Nachkommen offen verkündigte. Mitten in diesen Prophezeiungen erhob er sich langsam von seinem Sitz, bewegte sich in feierlichen, gemessenen und majestätischen Schritten nach dem Ufer des Sees und ging ruhig auf der Oberfläche des Wassers fort, das unter seinen Füßen nicht wich. Als er beinahe die Mitte erreicht hatte, blieb er einen Augenblick stehen, dann kehrte er sich langsam um, schaute zurück nach seinen Freunden und die Arme gegen sie bewegend, wie wenn jemand mit liebreicher Gebärde einen kurzen Abschied nimmt, entschwand er ihren Blicken.

Das Andenken an den guten O’Donoghue ist von den folgenden Geschlechtern sorgsam und mit Ehrfurcht bewahrt worden. Man glaubt, jedesmal am ersten Mai, dem Jahrestage seines Scheidens, morgens bei Sonnenaufgang, komme er wieder, sein altes Reich zu besuchen. Nur wenigen Begünstigten ist in der Regel vergönnt, ihn zu sehen und wem diese Auszeichnung zuteil wird, der betrachtet sie als eine glückliche Vorbedeutung. Ist es vielen gestattet, so gilt es als sicheres Zeichen reichlicher Ernte, ein Segen, dessen Mangel während der Regierung dieses Fürsten von seinem Volke niemals gefühlt wurde.

Einige Jahre waren verstrichen seit der letzten Erscheinung des O’Donoghue. Der April war diesmal auffallend wild und stürmisch gewesen, doch am Morgen des ersten Mais hatte sich die Wut der Elemente gelegt. Die Luft wehte sanft und still und der Himmel, der sich in dem reinen See spiegelte, glich einem schönen doch trügenden Antlitz, dessen Lächeln nach den heftigsten Bewegungen den Unkundigen zu glauben verleitet, daß es einer Seele angehöre, die noch von keiner Leidenschaft sei zerrissen worden.

Die ersten Strahlen der aufsteigenden Sonne vergoldeten eben den hohen Gipfel des Glenaa, als das Gewässer bei dem östlichen Ufer des Sees plötzlich und heftig bewegt wurde, obgleich der übrige Teil seines Spiegels ruhig und still lag, wie ein Grabmal von geglättetem Marmor. Im nächsten Augenblick schoß eine schäumende Welle vorwärts und glich einem stolzen Streitroß mit hoch gekämmten Mähnen; übermütig in ihrer Kraft, rauschte sie über den See nach dem Tumies Gebürge hin. Hinter dieser Woge erschien ein herrlicher, völlig bewaffneter Krieger, auf einem milchweißen Pferde sitzend. Schneeige Federn wallten prächtig von einem Helm aus glänzendem Stahl und über seinen Rücken flatterte eine hellblaue Binde. Das Roß, sichtbar stolz auf seine edle Last, sprang hinter der Welle auf dem Wasser daher, welches ihn wie festes Land trug, während Bogen von Schaum, der glänzend in der Morgensonne schimmerte, bei jedem Sprunge aufsprützten.

Der Krieger war O’Donoghue. Hinter ihm her kam eine zahllose Menge Jünglinge und Mädchen, welche sich leicht und ohne Anstrengung auf der Oberfläche des Sees bewegten, wie Elfen im Mondschein über luftige Gefilde dahingleiten. Sie waren durch Gewinde köstlicher Frühlingsblumen verbunden und ihre Schritte folgten dem Takte einer bezaubernden Melodie. Als O’Donoghue beinahe die westliche Seite des Sees erreicht hatte, wendete er plötzlich das Pferd und richtete seinen Lauf längs dem waldbekränzten Gestade von Glenaa hin, vor ihm her die mächtige Woge, die wallend bis zu dem Nacken des Pferdes aufschäumte, dessen feurige Nüstern darüber weg schnaubten. Der lange Zug der Diener folgte mit lustigen Seitensprüngen der Spur des Führers und bewegte sich in unermüdlicher Lebhaftigkeit nach den Akkorden der himmlischen Musik, bis sie nach und nach, bei ihrem Eintritt in die schmale Enge zwischen Glenaa und Dinis in die Nebel, welche allezeit über einem Teil der See schweben, eingehüllt wurden und vor den Augen der staunenden Zuschauer erblaßten. Doch die Töne der Musik erreichten immer noch ihre Ohren, und das Echo, welches diese melodischen Weisen erfaßte, wiederholte sie eifrig und verlängerte sie in immer sanftem Klängen, bis endlich der letzte, schwache Laut dahin starb und die Zuhörer wie aus einem seligen Traum erwachten.

Anmerkungen


Anmerkungen

1. Das weiße Kalb

Der Berg wird im Irischen Knocksheogowna genannt, welches wörtlich übersetzt der Berg des Elfenkalbs heißt. Die seltsamen und auffallenden Erscheinungen wie z. B. der Lachs mit der Halsbinde, sind kein Zusatz, sondern genau nach den mündlichen Erzählungen beibehalten und dienen zugleich als Beispiel von der wunderlichen Einbildungskraft der Einwohner; es gibt ein im südlichen Irland wohlbekanntes Lied von Castle Hyde, in welchem sogar vorkommt: »die Forelle und der Lachs spielten im Brett zusammen.«

Das Märchen hat Verwandtschaft mit dem deutschen von dem Jungen, der nicht weiß, was Fürchten ist und den durchaus kein Hexenspuk in Schrecken setzen kann, weniger in der Fabel als im Charakter. S. Hausmärchen Nr. 4 und die Anmerkungen dazu.

2. Die erzürnten Elfen

Knockfierna heißt soviel als: Berg der Wahrheit, des Rechts und diesen Sinn setzt auch die Redensart voraus: »geh nach Knockfierna und du wirst sehen, wer Recht hat!« welche gewöhnlich gebraucht wird, wenn sich jemand durchaus nicht will überzeugen lassen.

Die literary gazette vom 11ten Septbr. 1824 erzählt diese Sage auch, doch nicht ganz genau, so wie sie in der Erklärung des Namens irrt, den sie »Berg der Elfen« übersetzt.

Caroll O’Daly ist in den irischen Sagen und Liedern wohl bekannt, wie überhaupt sein Geschlecht wegen seines Muts und der Geschicklichkeit in der Bardenkunst berühmt war. Er soll eine Volksmelodie erfunden und gesungen haben bei einer Begebenheit, welche in dem Leben von Cormac Common erzählt ist, welches man in Walkers Abhandlung über die irischen Barden findet. Ein beliebtes irisches Lied besingt, was ihm an den Ufern des Sees Lean (von Killarney) mit einer Sheban oder einem weiblichen Geist begegnet ist. Eine andre Erzählung von ihm in Miss Brooke’s Relics of irish poetry p. 13, wovon wahrscheinlich ein irisches Manuskript vorhanden ist, welches zu der schottischen Ballade of the Gay Goss Hawk in der Sammlung von Walter Scott (II. 273.) angeführt wird.

3. Fingerhütchen

Knockgrafton, nach der Aussprache des Volks, sollte O’Briens irischem Wörterbuch zufolge vielmehr Knockgraffan oder Raffan geschrieben sein; daselbst wird auch bemerkt, daß dies in alten Zeiten ein Haus der Könige von Munster gewesen und hierhin der berühmte Cormac Mac Airt als Gefangener sei gebracht worden.

Die Worte des einfachen Gesanges bezeichnen die Wochentage: Montag, Dienstag und Mittwoch und mußten eigentlich geschrieben sein: Dia Luain, Dia Mairt, agus Dia Ceadaoine.

Die Melodie, welche hier folgt, hat A. D. Roche aufgezeichnet, sie ist ohne Zweifel alt und wird gemeinlich von jedem geschickten Erzähler gesungen, um den Eindruck zu erhöhen:

Unter Fingerhut (lusmore, wörtlich: das große Kraut) ist die zierliche pupurea digitalis gemeint, welche das Volk Elfenkäppchen nennt, weil die Mützen der Elfen ihren Blüten ähnlich sein sollen. Mit dieser Pflanze ist noch mancher Aberglaube verbunden, namentlich soll sie überirdische Wesen grüßen, indem sie zum Zeichen der Anerkenntnis ihren hohen Stengel beuge.

Es gehört zu jener Reihe von Märchen, in welchen dargestellt wird, daß die Geister nur den Guten Glück gewähren, und dem Bösen dieselbe Gunst, wenn er sie fordert, zum Bösen ausschlägt. Vergl. die Anmerkungen im 3ten B. der Hausmärchen, S. 155.

4. Die Mahlzeit des Geistlichen

Thiele in dem 4ten Band der dänischen Volkssagen erzählt eine ähnliche Geschichte. In einer Nacht reiste ein Geistlicher nach Rothschild auf Seeland und der Weg führte an einem Berg vorbei, in welchem Tanz und Musik war und man sich sehr lustig machte. Einige Zwerge sprangen plötzlich heraus, hielten den Wagen an und fragten den Geistlichen:

»Wo willst du hin?«

»Auf die Kirchenversammlung«, antwortete er. Sie fragten ihn, ob er glaube, daß sie selig würden. Er erwiderte, daß er hierüber sogleich Entscheidung nicht geben könne. Hierauf baten sie ihn, er möge übers Jahr ihnen die Antwort mitteilen. Als sie bei seiner Rückkehr dieselbe Frage taten, versetzte er: »Nein, Ihr seid alle verdammt!« Kaum hatte er das Wort gesprochen, so stand der ganze Berg in Flammen.

Aus dem schottischen Hochland enthält Stewarts Werk gleichfalls diese Sage S. 58-62. Ein frommer Geistlicher hatte einem Sterbenden Beistand geleistet und mußte spät in der Nacht auf dem Heimweg durch eine Gegend, in welcher die Elfen hausten. Der Weg ging eine Strecke neben einem See her, als er an das Ende desselben kam, wurde er von einer melodischen Musik überrascht. Vergnügen und Neugierde bewogen ihn, stillzustehen, bald kam die Musik und ein Licht näher und über den See zu ihm her und er unterschied eine Gestalt, die auf der Oberfläche des Wassers daherschritt, von einer Menge kleiner Musikanten umgeben, wovon ein Teil Lichter trug, der andre musikalische Instrumente, auf welchen sie spielten. Der Anführer entließ seine Diener und betrat das Ufer. Es war ein kleiner Mann mit grauem Haar und seltsamer Kleidung. Er trat grüßend zu dem Geistlichen, der ihn einlud sich neben ihn zu setzen und fragte: »Wer bist du, Fremder, und wo kommst du her?« Er antwortete, er sei einer aus dem guten Volk, doch der umgekehrte Name würde schicklicher sein. Ursprünglich ein Engel und des Lichtes teilhaftig, habe er sich von dem Teufel verführen lassen und sei zur Strafe mit einer unzähligen Menge seinesgleichen herabgeworfen worden, um über Seen und Berge zu wandern bis zu dem großen Tage des Gerichts; sie wüßten nicht, was ihr Schicksal sein würde, aber sie fürchteten das schlimmste. Er fragte hierauf mit Ängstlichkeit den Geistlichen, was seine Meinung sei. Dieser ließ sich in eine lange Unterredung mit dem Elfen ein, welcher ihm das Unser Vater hersagen mußte, wo er aber nicht aussprechen konnte: »der du bist im Himmel«, sondern sprach: »der du warst«; zuletzt gestand der Geistliche, daß er es nicht wage, ihm Hoffnung zu einer Verzeihung zu machen, weil ihr Verbrechen zu groß sei. Hierauf stieß der unglückliche Elfe einen Schrei der Verzweifelung aus und stürzte sich kopfüber in den See.

5. Der kleine Sackpfeifer

Wenn der Wechselbalg auf eine Schaufel gelegt werden soll, oder sonst gequält, so geschieht es in der Absicht, die Elfen dadurch zu nötigen, das gestohlene Kind wieder zu bringen. In Dänemark heizt die Mutter den Ofen, setzt das Kind auf den Schieber und droht, es hineinstecken zu wollen, oder sie haut es tüchtig mit einer Rute oder wirft es ins Wasser. In Schweden bedient man sich einer Weise, die mit der irischen sehr übereinkommt, indem man es auf eine Schaufel setzt. Ihre merkt an (de superstitionibus hodiernis): von Wechselbälgen: tales subinde morbosos infantes esse judicant; quos si in fornacem ardentem se injicere velle simulaverint, aut si tribus diei Jovis vesperis ad Trivium deportentur, proprios se accepturos credunt.

Vertauscht wird allezeit das Kind, bevor es getauft ist und man schützt es am besten, wenn man bei ihm wacht, ein brennendes Licht unterhält, ein Kreuz über Türe und Wiege schlägt und einige Stückchen Eisen, eine Nadel, einen Nagel, ein Messer, in die Wiege legt. – In Thüringen wird als ein unfehlbares Mittel betrachtet, daß man des Vaters Unterkleider an die Mauer hängt. Es ist ein Aberglaube in Irland, daß man keine Katze mitnehmen dürfe, wenn man auszieht, besonders wenn man über einen Fluß gehen muß.

Der kleine Sackpfeifer ist Hans mein Igel im deutschen Märchen (Nr. 108.), der gleichfalls von seinem Vater einen Dudelsack verlangt und darauf kunstreich spielt. Noch deutlicher ist die Übereinstimmung mit deutschen Sagen (S. unsere Sammlung I., Nr. 81. u. 82.) von Wechselbälgen, die, als sie ans Wasser oder über eine Brücke kommen, hinabspringen und darin wie in ihrem Element lustig spielen, während in demselben Augenblick das rechte Kind frisch und gesund von der Mutter in der Wiege gefunden wird.

Eine der ältesten Fabeln vom Wechselbalg ist die in dem plattdeutschen Gedicht von Zeno (Bruns Sammlung S. 26 ff.) Der Teufel entführt das ungetaufte Kind und legt sich in dessen Wiege, saugt aber die Brüste der Mutter so aus, daß sie ihn mit ihrer Milch nicht stillen kann. Ammen werden zur Hilfe genommen und da auch sie dem unersättlichen Balg nicht hinreichen, Kühe zu seiner Nahrung gekauft. Die Eltern müssen ihr ganzes Vermögen zur Auffütterung des falschen Kindes anwenden und zusetzen.

Was die Dichter, der christlichen Ansicht gemäß, dem Teufel zuschreiben, legt das Volk in Sagen und Liedern den Elfen und Zwergen bei. Der Norden ist voll von Erzählungen solcher Umtauschungen (umskiptingar), denen neugeborne, ungetaufte Kinder ausgesetzt sind, vergl. die faroische Liedersammlung p. 294.

6. Die Brauerei von Eierschalen

In Grose’s Provincial Glossary wird dasselbe Märchen mit einigen unwesentlichen Abweichungen erzählt. Die Stelle nämlich der grauen Lene nimmt ein alter Mann ein, und die Mutter des Wechselbalgs, anstatt die Eierschalen zu brauen, bricht ein Dutzend Eier entzwei und stellt die vier und zwanzig halbe Schalen vor das Kind hin, welches ausruft:

»Sieben Jahre war ich alt, eh ich zur Amme kam und vier Jahre habe ich seitdem gelebt und doch habe ich niemals so viel Milchpfannen gesehen!« Das übrige stimmt überein. Auch in W. Scotts Minstrelsy of the scottish Border II. 173.

Ein deutsches Märchen, an sich offenbar dasselbe (Hausmärchen 39, III), hat den feinen Zug voraus, daß die Mutter ihr rechtes Kind zurückerhält, so wie es ihr gelingt, den Wechselbalg zum Lachen zu bringen. Die Mutter schlägt ein Ei entzwei und in den beiden Schalen setzt sie Wasser ans Feuer, damit es koche, da ruft der Wechselbalg aus: »Ich bin so alt, wie der Westerwald und habe nicht gesehen, daß jemand in Schalen kocht!« lacht und in dem Augenblick wird das rechte Kind zurückgebracht. – Auch in Dänemark wird es erzählt. S. Thiele I. 47.

Die graue Lene (Ellen Leah oder genauer geschrieben: Liath, d. h. Helene mit dem grauen Haar) ist eine wirklich lebende, nach der Natur gezeichnete Person und folgendes verdient noch von ihr erzählt zu werden, weil es Denkungsart und Sitten des Landes schildert.

Man glaubte, die graue Lene stände in Verbindung mit Geistern und hätte Verkehr mit dem stillen Volke. Man wußte, daß sie niemals zu Haus schlief. Sie sagte den Tod jedes Menschen voraus, wenn sie ihn auch nicht persönlich kannte, sie vermochte jede Bewegung derselben in der andern Welt zu beschreiben und wußte ihre Bedürfnisse, welche sie den Freunden des Verstorbenen mitteilte, welche dadurch in den Stand gesetzt wurden, jenen Bedürfnissen abzuhelfen. Eine Frau hatte zwei Söhne in Ostindien und da sie lange Zeit nichts von ihnen hörte, nahm sie ihre Zuflucht zu der grauen Lene, die sie auch sogleich, ohne das geringste Zaudern, benachrichtigte, daß ihre beiden Söhne tot wären und daß sie in vierzehn Tagen einen Brief mit der Nachricht empfangen wurde. So seltsam es scheinen mag, der Erfolg bestätigte ihre Aussage.

Johanna Sullivan, eine junge Frau, hatte lange Zeit mit ihrem Schwager, der ein Unrecht gegen sie begangen, in schlechtem Vernehmen gestanden. Als er auf dem Todbette lag, sendete er nach ihr, um Vergebung von ihr zu erhalten, doch sie schlug es ab, hinzugehen und er starb, ohne sie zu sehen. Die Folge war, daß sie nicht mehr allein ausgehen konnte, ohne durch eine gespensterhafte Erscheinung gequält zu werden, die so sehr an ihr nagte, daß die beständige Verwirrung ihrer Seele nach und nach ihre Gesundheit unter-grub. In dieser bedauerungswürdigen Lage suchte sie bei der grauen Lene Hilfe, welche ihr sagte, sie solle den Geist anreden und ihrem Schwager aufrichtig vergeben, so lange bis sie das täte, würde der Geist nicht aufhören, sie zu quälen; die graue Lene nannte ihr noch genau die Stelle, wo er wieder erscheinen würde.

Sie entschloß sich also, all ihren Mut zusammenzunehmen und den Geist zu befragen; doch wenn sie ihn erblickte, so verließ sie die Kraft völlig: das Blut in den Adern erstarrte und mit einem heftigen Schrei fiel sie sinnlos zur Erde. In diesem Zustand wurde die arme Frau gefunden und heimgetragen; als sie wieder zu sich selbst kam, schickte man nach der grauen Lene, die bei ihrem Anblick über diesen Mangel an Mut sehr bestürzt war und sie aufs ernstlichste ermahnte, nicht wieder eine solche Schwachheit zu zeigen. Der Geist würde ihr ohne Zweifel abermals erscheinen und es, wofern sie ihre Verzeihung nicht erklärte, für sie beide die traurigsten Folgen haben.

Der Geist zeigte sich nochmals, aber Johanna Sullivan war, wie das vorigemal, ihrer Sinne nicht mächtig und ohne ein Wort hervorbringen zu können, fiel sie ohnmächtig nieder. Sie verletzte sich bei diesem Falle an verschiedenen Orten.

Die graue Lene war bald hernach bei ihr, mit furchtbaren Verzerrungen des Gesichts und den Zeichen des größten Jammers verkündigte sie ihr, daß die arme Seele ihres Schwagers jetzt unwiderruflich zu endlosen Qualen verurteilt sei und in wenigen Stunden ihr eigenes Leben endigen werde. Johanna Sullivan starb den folgenden Morgen.

7. Der Wechselbalg

Castle Martyr, vormals Bally Martyr genannt, ist ein hübsches Dorf, welches auf der Landstraße von Cork nach Youghall liegt.

8. Die beiden Gevatterinnen

Es gibt mehr Geschichten von einer unsichtbaren Macht, wie diese hier, welche das Kind aus dem Fenster herausreicht, vorzüglich gehört eine hieher, welche Waldron, in der Geschichte der Insel Man, erzählt.

Eine ähnliche schottische Sage, wo zwei Freunde das Kind, das die Elfen haben verlassen müssen, auf der Landstraße finden, und der Mutter wiederbringen, worauf der Wechselbalg entflieht, aus Stewarts Werk in der Einleitung.

9. Die Flasche

Mourne liegt zwei Stunden südlich von Mallow und man sieht die Ruinen noch immer zwischen dem alten und neuen Weg von Cork nach jener Stadt, welche beide unter den Mauern herlaufen. Sonst gehörte es den Tempelherrn. S. Archtale’s Monasticon hibernicum und Smith’s history of Cork.

Der Flaschenberg (Bottle hill) liegt in der Mitte zwischen Cork und Mallow und ist eine dürftig angebaute Strecke, auf der man nur zuweilen die nackten Mauern verlassener Häuser erblickt, welches samt der Dürre und Unfruchtbarkeit einen unglaublich traurigen Eindruck macht.

Der Glaube, daß Schätze unter alten Mauern verborgen liegen, ist allgemein verbreitet und es gibt wenig Ruinen, wo man nicht Spuren von Nachgrabungen findet, die denn zu völliger Zerstörung der alten Gebäude beitragen. Anderthalb Stunden südlich von Cork bei dem Dorfe Douglas liegt ein Berg, Castle Treasure genannt, wo man nicht selten eine alte Frau findet, die da nach einem kleinen Topf mit Gold sucht, welcher der Sage nach daselbst vergraben sein soll. Eine rote Urne von Ton und ein paar Geräte von Metall, einige Jahre zuvor dort gefunden, hatten geraume Zeit hindurch eine Menge Leute an die Stelle gezogen, und noch immer herrscht der Glaube, daß der Topf mit Gold irgend einen Glücklichen belohnen werde.

Owen Pughe teilte dem Verf. über die Reisen der Elfen von dem Volksglauben in Wales folgendes mit. Dort gibt es einen Berggeist, Ellyll genannt, was durch herumschweifender Elfe kann übersetzt werden, sowie ein giftiger Schwamm Bwyd Ellyllon, »Speise der Elfen«, und die Blütenglocken des Fingerhuts Menyg Ellyllon, »Elfenhandschuh« genannt werden. »In jedem kleinen Tale sind hundert schiefmäulige Elfen« sagt D. ab Gwilym in seiner Anrede an den Nebel.

Diese Geister sind oft geneigt, den nicht ganz unschuldigen Bergbewohnern Streiche zu spielen, die es wagen in dem Nebel herumzuschwärmen. Sie bemächtigen sich eines verirrten Reisenden und tun ihm den Vorschlag, ihn durch die Luft zu tragen, dabei lassen sie ihm die Wahl unter drei Wegen, nämlich unter dem Wind, über dem Wind oder mit dem Wind. Diejenigen, die an solche Reisen schon gewohnt sind, hüten sich etwas anders, als den mittleren Weg zu wählen; sollte einer, der das Ding nicht kennt, über dem Wind hinfahren wollen, so wird er so hoch getragen, daß er verzweifelt, je wieder zurück zur Erde zu kommen. Zieht aber einer in der Unwissenheit vor, unter dem Wind herzugehen, so wird der arme Wicht durch alle Brombeer- und wilde Rosen-Gesträuche gezogen, die nur zu finden sind. Ein Rechtsgelehrter mit einer zerbrochenen Nase und auch in anderer Hinsicht entstellt, pflegte in Owens Gegenwart, als dieser noch ein Knabe war, zu erzählen, daß ihm einmal dies Schicksal zuteil geworden sei und er dadurch so verunstaltet, weswegen er Y Trwyn, der Nasige hieß. Diese Erzählung machte auf Owen solchen Eindruck, daß wenn er danach im Nebel ging, er sorgfältig darauf achtete, im Gras zu gehen, falls er genötigt sein sollte, sich an ein Grashälmchen zu halten, welches die Elfen zu brechen nicht Macht haben.

Das deutsche Märchen »Tischchen deck dich!« (Haus-M. Nr. 36.) stimmt im Hauptgang überein und in den Anmerkungen dazu ist auch das verwandte italienische angegeben.

10. Die Bekenntnisse des Thomas Bourke

Der Charakter des Thomas Bourke ist genau nach der Natur gezeichnet.

Der alte Bettler, dem Thomas begegnet, ist ein Bocough oder Buckaugh, wie eine gewisse Klasse irischer Bettler heißt, die in ihrem Wesen viel Ähnlichkeit haben mit dem schottischen Gaberlunzie man.

Ballyhefaan ist ein Furt in dem Fluß Funcheon auf dem Weg von Fermoy nach Araglin: eine wilde Gegend der Grafschaft Cork, da wo sie an Waterford und Tipperary stößt.

Der große Wiesengrund (the big Inch) bei dem Furt von Ballyhefaan, auf welchem die Elfen tanzen, ist eine große Ebene, südlich von dem Funcheon, östlich von Blacwater begränzt.

Der Kilcrumper Kirchhof liegt etwa zweihundert Ruten von dem Dubliner Weg zwischen Kilworth und Fermoy.

11. Die verwandelten Elfen

Leute, welche an Elfen glauben, werden die Erscheinung so auslegen, daß die Geister, welche sich den Augen der beiden jungen Leute nicht zeigen wollten, sich in Pilze verwandelt hätten, unter welchen sie ohnehin gerne hausen; und es ist nicht die Absicht der Sage, den Glauben daran lächerlich zu machen. Dahin deutet die Überschrift im Original: fairies or no fairies?, die hier mit einer andern ist vertauscht worden.

12. Der verwünschte Keller

Eine andere aus Cork herrührende Erzählung enthält manches Eigentümliche.

Herr Harns, ein Quäker, hatte einen Cluricaun von sehr kleiner Gestalt. Wenn einer seiner Leute, wie sie manchmal aus Nachlässigkeit taten, das Bierfaß laufen ließ, so verstopfte der kleine Wildbeam, denn das war sein Name, den Zapfen mit seiner eigenen Person, auf die Gefahr erstickt zu werden, bis jemand kam und den Hahn umdrehte. Zur Vergeltung solcher Dienstleistungen war die Köchin gewohnt nach ihres Herrn Befehl, dem kleinen Wildbeam ein gutes Mittagessen in den Keller zu stellen. An einem Freitag trug es sich zu, daß sie nichts für ihn übrig hatte, als ein Stückchen Häring und einige kalte Kartoffel. Gerade um Mitternacht wurde sie aus ihrem Bett gerissen, von einer unwiderstehlichen Gewalt oben auf die Kellertreppe geschleppt, an den Fersen ergriffen und herabgezogen. Bei jedem Schlag, den ihr Kopf von den Stufen erhielt, schrie der Cluricaun, der an der Tür stand, aus vollem Halse:

»Häringsgräten und Kartoffelschalen!
die Steine sollen dir den Kopf zerschlagen!«

13. Der Schuhmacher

Ahnamoe, genau geschrieben Ath na bo, d.h. Furt der Kuh, ist ein kleiner heller Strom, welcher, die Straße von Carrignavar quer durchschneidend, zwei Meierhöfe scheidet, vier kleine Stunden nordöstlich von Cork.

Grenaugh oder Grinagh ist eine zerfallene Kirche, vier Stunden nordwestlich von Cork, von welcher so wie von einer andern in der Nähe sich befindlichen zu Garrycloyne wunderbare Geschichten in großer Menge im Umlauf sind. Folgende hat der Pächter Rilehan, der in der Nähe wohnt, mitgeteilt.

»Es waren acht Männer, einer von denen ist jetzt mein Mietsmann, die gingen auf den Kirchhof von Garrycloyne, was unrecht von ihnen war, in der Absicht, Stöcke zu schneiden um Hafer zu dreschen, die junge Weide, die sie zuerst abschnitten, schien ganz in Feuer zu stehen, gleich dem feurigen Busch und alle die Bäume rings im Kirchhof waren ebenso anzusehen, desgleichen auf der Straße von der Kirche. Es überfiel sie große Furcht und sie liefen zurück ohne die Stöcke und Gerten. Doch sie fingen ihr Werk wieder an, gegen das Ende der folgenden Nacht, als der Morgen herankam; sie hieben einen Baum auf dem Kirchhof ab und nahmen ihn mit sich fort; er stand ganz in Feuer, bis sie an den Fluß kamen und dann stieg er auf in die Luft, brüllend gleich einem tollgewordenen Ochsen. Sie bekamen einen solchen Schrecken und Angst, daß sie es in zwei Monaten nicht verwinden konnten.

14. Herr und Diener

Die Fahrt mit den Geistern geschieht gewöhnlich auf Binsen, doch auch ein Strohhalm, Grasblatt, Farrenkraut oder Kohlstengel können dabei Dienste tun. Der Sage nach muß mancher mit dem Geist fort in die Nähe und Ferne, eine Nacht nach London, die andere nach Amerika und die Pferde, deren sie sich bei diesen großen Reisen bedienen, sind Kohlstrünke in der Gestalt natürlicher Pferde.

Zu Dundaniel, einem Dorfe eine Stunde von Cork in der angenehmen Ebene, die Blackrock heißt, lebt gegenwärtig (im Dezember 1824.) ein Gärtner, namens Crowley, den seine Nachbarn für einen solchen halten, der unter Aufsicht der Geister steht. Er leidet an der fallenden Sucht als Folge seiner Anstrengung bei den Reisen, die er jede Nacht mit den Geistern auf einem seiner eigenen Kohlstrünke zu machen genötigt wird.

Hierher gehört eine Sage, die ein Glied der Familie Duffus aufbewahrt hat, welches durch die Worte Horse and Hattock! die mit Borram, Borram, Borram! gleiche Wirkung hatten, in Gesellschaft der Geister eine kleine Luftfahrt machte, den Weinkeller des Königs von Frankreich zu untersuchen. Dort, des süßen Weins voll, entschlief er und ward den folgenden Tag mit einem silbernen Becher gefunden und vor den König gebracht. Er erhielt aber von diesem nicht bloß gnädige Verzeihung, sondern auch den silbernen Becher zum Geschenk, der in der Familie allzeit soll aufbewahrt worden sein.

Walter Scott erzählt in dem zweiten Bande der altschottischen Balladen S. 177. dieselbe Geschichte mit der Bemerkung, daß sie sich im sechszehnten Jahrhundert zugetragen habe. Der Mann sei, als er auf dem Feld umher gegangen, plötzlich weggetragen worden, indem er das Geräusch eines Wirbelwindes und jene Worte gehört habe. Der Becher erhielt den Namen Geisterbecher.

Ähnlich ist die Sage, welche in einem unterm 15ten März 1695 geschriebenen, in Aubrey’s Miscellen S. 158. abgedruckten Brief erzählt wird und welche gleichfalls von Walter Scott S. 178. 179. mitgeteilt ist.

Einige Schüler zu Forres schlugen ihre Kräusel auf dem Kirchhof, als sie, wiewohl der Tag ruhig war, das Geräusch eines Windes hörten, in einiger Entfernung ein dünner Staub sich erhob und im Kreise drehte. Er kam näher und die Knaben segneten sich, doch einer, von etwas kecker Natur rief: »Horse and Hattock, with my top.« Augenblicklich wurde der Kräusel aufgehoben und fortgeführt, wohin konnten sie wegen einer Staubwolke nicht sehen, aber sie fanden ihn hernach hinter dem Kirchhof auf der andern Seite der Kirche.

Das junge Paar, das Mac Daniel durch seinen Ausruf rettet, ist aus einem Volkslied bekannt, worin die Brautwerbung beschrieben wird. Folgende Verse kommen darin vor:

Young Darby Riley,
He approached me slyly,
And with a smile he
Unto me cried,
Sweet Bridget Rooney,
Here’s Father Cooney,
And very soon he
‚ll make you my bride.

15. Das Feld mit Hagebuchen

Hagebuche ist hier nach Gutdünken gewählt, weil mit diesem oft strauchartigen Baum unfruchtbare und wüste Flecken pflegen bepflanzt zu werden. Im Original steht boliaun, das Wort findet sich nicht in Nemnichs Catholicon, geschweige in einem Wörterbuch. Geborne Irländer, die ein Freund befragt hat, versichern, daß boliaun ein Stab oder Knüttel sei, doch dem Zusammenhang nach muß es notwendig eine Pflanze bedeuten, wird auch durch ein beigesetztes ragweed erklärt, das zwar gleichfalls kein englisches Wort ist, worunter man aber nach Versicherung der Irländer ein Unkraut versteht, das buschartig und ellenhoch auf wüsten Plätzen wächst und gelbe übelriechende Blumen trägt.

Es ist eine in Irland allgemein verbreitete Überlieferung, daß die Dänen eine Art berauschendes Bier aus Heide zu brauen wüßten. Vgl. Smith history of kerry p. 173.

16. Die kleinen Schuhe

Es kommt öfter in den Erzählungen vor, daß der Cluricaun wenigstens die Schuhe zurückläßt, wenn er auch die Erwartung auf Geld täuscht. In einem öffentlichen Blatt wurde vor drei Jahren zu Kilkenny bekannt gemacht, daß ein Bauer, der in der Dämmerung abends nach Haus gegangen, einen von den Kleinen bei seiner Arbeit entdeckt habe und als es ihm geglückt sei, zu entwischen, habe der Bauer der Schuhe sich bemächtigt; welche Schuhe, um die öffentliche Neugierde zu befriedigen, im Bureau des Blatts niedergelegt seien.

17. Die Banshi von Bunworth

Der Charakter Bunworths so wie die einzelnen von ihm erzählten Züge sind völlig der Wahrheit gemäß. S. Ryan’s Worthies of Ireland I. 228, wo bezeugt steht, daß eine für ihn verfertigte Harfe mit einer Inschrift noch immer in der Familie aufbewahrt wird. Dieses merkwürdige Andenken ist jetzt in den Händen seiner Enkelin Miss Dillon von Blackrock bei Cork, auf welche das musikalische Talent ihres Großvaters scheint übergegangen zu sein.

Keening ist der irische Ausdruck für einen Trauergesang, welcher von bestimmten Klagemännern bei Leichen gesungen und hier der unter dem Baum sitzenden Banshi zugeschrieben wird. Man findet darüber Nachricht und zugleich eine musikalische Aufzeichnung in dem vierten Bande der Verhandlungen der königl. irischen Academie.

18. Die Banshi von Mac Carthy

Eine unwesentliche Kleinigkeit abgerechnet, sind auch die Namen der Personen und Orte völlig der Wahrheit gemäß.

Miss Lefanu, Nichte von Sheridan, erzählt folgende Begebenheit in den Denkwürdigkeiten ihrer Großmutter Frances Sheridan (London 1824. S. 32.)

Gleich mancher irischen Frau, welche ihre Jugendzeit in ihrem Vaterland zugebracht hat, glaubte Miss Elisabeth Sheridan fest an die Banshi, welche mit gewissen irischen Familien verbunden ist. Sie behauptete standhaft, daß die Banshi der Sheridanischen Familie unter den Fenstern von Quilca, dem Aufenthaltsort der Familie, klagend sei gehört worden, bevor die Nachricht aus Frankreich von dem Tode der Frau Frances Sheridan zu Blois angelangt sei.

Walter Scott in den Anmerkungen zur Lady of the Lake, nachdem er die Banshi als eine alte Frau mit blauem Mantel und fliegendem Haar geschildert hat, führt aus den handschriftlichen Denkwürdigkeiten der Lady Fanshaw, jenes Musters ehelicher Treue, folgendes an. Sie und ihr Gemahl Sir Richard besuchten während ihres Aufenthaltes in Irland einen Freund, das Haupt einer Familie, welcher auf einer alten, mit einem Graben umgebenen Ritterburg seinen Sitz hatte. Um Mitternacht wurde sie durch einen grauenhaften, übernatürlichen Schrei aufgeweckt und als sie aus dem Bett sah, erblickte sie im Mondlicht ein weibliches Gesicht und einen Teil der Gestalt an dem Fenster schwebend. Die Entfernung von dem Boden sowohl, als der Graben unten machten es unmöglich, daß dasjenige, was sie erblickte, von dieser Welt sein konnte. Es war das Gesicht einer jungen, eigentlich hübschen Frau, doch bleich, und das etwas rötliche Haar hing frei und aufgelöst. Die Kleidung, welche genau zu beachten der Schrecken die Lady Fanshaw nicht abhielt, war die altirische. Die Erscheinung dauerte noch einige Zeit und verschwand hierauf mit einem zweimal wiederholten Schrei, jenem ähnlich, welcher zuerst der Lady Aufmerksamkeit erregt hatte. Den folgenden Morgen erzählte sie mit großem Schrecken ihrem Wirt, was sie erlebt hatte und dieser war nicht nur bereit, ihr Glauben beizumessen, sondern ihr auch von der Erscheinung Rechenschaft zu geben.

»Ein naher Verwandter meiner Familie«, sagte er, »ist vorige Nacht in dieser Burg verschieden. Wir verhehlten die sichere Erwartung dieses Ereignisses vor Euch, damit der freundliche Empfang, den wir Euch schuldig waren, nicht dadurch getrübt wurde. Aber jedesmal, kurz vorher ehe ein solches Ereignis in der Familie und Burg statt findet, zeigt sich das weibliche Gespenst, das Ihr gesehen habt. Man glaubt, es sei der Geist einer Frau aus geringem Stand, welche zu ehelichen einer meiner Vorfahren sich herabwürdigte, und welche er hernach, um den Schimpf, den er seiner Familie angetan hatte, auszulöschen, in dem Graben hatte ersaufen lassen.«

In der Familie des Verfassers dieser Sammlung zeigte sich noch ganz neulich der Glaube an die Banshi. Ein Dienstmädchen Margreth Rilehan erklärte, daß ein großes Unglück bevorstehe, sie habe einen Schrei gehört und etwas am Fenster vorüberschreiten sehen. Die Schwester des Verfassers, die gerade zugegen war, bemerkte: Ich sah nichts, nur hörte ich Margreth schreien und ausrufen: »Da ist’s! Da ists! was immer erscheint, wenn einer von Rilehans sterben muß!« Sie sagte, sie habe dasselbe gesehen, als ihre Großmutter zu Mallow gestorben wäre. Der Vetter des armen Mädchens war zu der Zeit im Gefängnis wegen Teilnahme an aufrührerischen Bewegungen und nach drei Tagen gerichtet und erschossen.

Die wälsche Gwrâchy Rhibyn oder die Geiferhexe hat einige Ähnlichkeit mit der irischen Banshi. Sie soll in der Dämmerung kommen, mit ihren häutigen Flügeln an das Fenster schlagen und in einem heulenden, gebrochenen Ton zu verschiedenen Malen den anrufen, der das Leben verlassen muß.

19. Das Hexenpferd

Ballyvourney (Stadt meines Geliebten) liegt drei Stunden westlich von Macrum und wird als ein besonders heiliger Platz betrachtet. Ein Ablaß von Papst Clemens VIII. unterm 12ten Juli 1601, denen bewilligt, die dahin wallfahrten, steht in Smiths’s history of Cork, wo man noch einiges andre von diesem Ort angemerkt findet.

Von der heil. Gobinate (ihr Tag ist der 11te Febr.) hat man außerdem eine Sage. Vor etwa achthundert Jahren war ein mächtiger Häuptling mit dem Oberhaupt eines andern Stammes im Krieg begriffen und als er sah, daß sein Feind ihm an Kräften überlegen war, bat er die heil. Gobinate auf einem Feld, nahe bei dem zum Kampf bestimmten Platz, um Beistand. Hier befand sich ein Bienenstock und die heil. Gobinate erfüllte seine Bitte, indem sie die Bienen in bewaffnete Krieger verwandelte, welche aus dem Korb mit allem Schein militärischer Zucht, in Reih und Glieder hervorgingen und ihrem Führer in den Kampf folgten, in dem er Sieger blieb. Diesen trieb hernach Dankbarkeit an, die Stelle zu besuchen, von wo aus er so wunderbaren Beistand erhalten hatte; aber er fand, daß der Bienenkorb gleicherweise verwandelt war, aus dem Stroh und den Binsen in Metall, und an Gestalt einem Helm nicht unähnlich. Diese Reliquie ist im Besitz der Familie O’Hierlyhie und wird von dem irischen Landvolk in großer Verehrung gehalten, so daß sie stundenweit gehen um sich einige Tropfen Wasser daraus zu verschaffen, welches, wenn es einem sterbenden Verwandten oder Freund gereicht wird, nach ihrem Glauben ihm den alsbaldigen Eintritt in den Himmel sichert. Vor noch nicht lang ward Wasser aus diesem metallenen Bienenkorb einem sterbenden Priester von seinem Beistand erteilt in Übereinstimmung mit dem herrschenden Aberglauben.

Der Irwisch, von welchem Morty geneckt wird, heißt im südlichen Irland bei dem Volk Miscaun marry.

In Schottland heißt das Licht, das die Wanderer von dem Weg ab, in Sümpfe und Abgründe lockt, Spunkie. S. Stewart S. 161, 162.

Morty schwört bei der Hand des O’Sullivan; ein Eid, der als besonders kräftig betrachtet wird, denn in einer alten Sage von der Familie heißt es:

Nulla manus,
tam liberalis,
atque generalis,
atque universalis,
quam Sullivanis.

20. Daniel O’Rourke’s Irrfahrten

Dieses Märchen ist in Irland sehr verbreitet und hier aus der besten Quelle erzählt. S. Gosnell von Cork hat es in Blackwoods Magazin in Stanzen gebracht.

Die Burg von Carrigaphuka oder der Phuka Felsen ist ohne Zweifel jene dieses Namens, die eine Stunde westlich von Macrum liegt. Smith history of Cork I. 190. irrt, wenn er sie so beschreibt, als sei es kaum möglich, sie zu erklimmen; es macht gar keine Schwierigkeit hinauf zu steigen, nur daß sie von einer Seite nah beim Wasser liegt.

Der Mann im Mond ist ein noch jetzt vielleicht in ganz Europa verbreiteter Volksglaube, der aber schon im Mittelalter herrschte und sich wahrscheinlich auf ältere, heidnische Vorstellungen gründet. Aus den Mondflecken wird die Gestalt eines nackten Menschen, mit einem Dornbündel auf dem Rücken und einem Beil in der Hand gedeutet. Dem Volk in Deutschland ist es der Mann, welcher sonntags Holz fällte und zur Strafe für die Entheiligung des Feiertags einsam auf dem kalten Mond frieren muß, vgl. Hebels Lied in den Alemannischen Gedichten. Hierbei scheint auf eine biblische Stelle (IV. Moses 15, 32-36.) Rücksicht genommen. Den Italienern des dreizehnten Jahrh. war der Mann im Mond Cain, der Gott Dörner, das Elendeste der Ernte, opfern will, vgl. Dante Inferno XX, 124. Paradiso II, 50 (Caino e li spine) und die Kommentatoren. Ein ziemlich schwieriges, altenglisches Lied des vierzehnten Jahrh. findet sich in (Ritson’s) ancient songs Lond. 1790, p. 35-37; der Mondmann wird frierend, mühevoll, mit einer Gabel und Dörnern, die ihm das Gewand zerrissen haben, vorgestellt. Er war sonst auf der Erde und hat unbefugt Holz gehauen, der Flurschütz hat ihn um den Rock gepfändet. Bekannter sind die Anspielungen bei Shakespeare (Mids. nightsdream und Tempest II, 2.). Ein englischer Kinderreim lautet:

the man in the moon,
came down too soon,
to ask his way to Norwich.

21. Das gebückte Mütterchen

Das Schleuderspiel (hurling oder goal) hat einige Ähnlichkeit mit dem schottischen Golfspiel, nur ist der Ball größer, da er in der Regel vier Daumen im Durchmesser hat; der Stock zum Schlagen ist mithin breiter und unten krumm gebogen.

Die Zahl der Teilnehmer beläuft sich auf zwanzig, hundert oder mehr. Es wird gewöhnlich in einer großen Ebene gespielt von zweien sowohl der Zahl als Geschicklichkeit nach ziemlich gleichen Parteien und die Aufgabe ist, den Ball über eine oder zwei gegenüberliegende Hecken zu schlagen, die vor dem Anfang des Spiels bestimmt werden. Baire comortais bedeutet: »zwei Seiten einer Landschaft (d. h. eine gewisse Anzahl Jünglinge aus jeder), welche an einem bestimmten Platz zusammentreffen«; gewöhnlich den Sonntag oder Festtag nach der Kirche. Bei dieser Gelegenheit werden statt der Hecken auf dem Feld zwei in die Augen fallende Merkzeichen, z. B. eine Landstraße, ein Wald bezeichnet und innerhalb dieses Raums wird das Spiel mit einer Hitze und Heftigkeit betrieben, die oft zu ernsthaften und blutigen Händeln Anlaß gibt, wenn eine bei diesem Volk so mächtige Stammfeindschaft zwischen den beiden entgegengesetzten Teilen herrschen sollte. Der Stock (the hurley oder hurlet) ist eine wirkliche und furchtbare Waffe. Das Spiel hat den einen Namen von diesem Stock und den andern, goal, von dem Ziel oder Zeichen, über welches der Ball muß hinausgegangen sein, ehe das Spiel kann gewonnen werden.

Ähnliche Spiele in Deutschland. S. Hausmärchen II. XXIII.

Die Vermummten in Irland sind offenbar verwandt mit jenen lustigen Banden in England, die man Mohrentänzer nennt. Sie erscheinen in Irland zu allen Jahreszeiten, doch vorzüglich am Maitag, welcher ihr eigentlicher Festtag ist. Sie bestehen aus einer den Umständen nach verschiedenen Anzahl Mädchen und Jünglingen aus der Umgegend, gewöhnlich wegen eines hübschen Äußern ausgewählt oder wegen ihrer Geschicklichkeit und zwar der Mädchen im Tanz, der Jünglinge im Ballspiel oder andern Leibesübungen. Sie kommen in Prozession je zwei und zwei in drei Abteilungen. Voran und zuletzt die Jünglinge, gekleidet in Jacken oder Wämser von weißer oder einer andern muntern Farbe und geziert mit Bändern an den Hüten und Ärmeln. Die jungen Mädchen sind gleichfalls in hellfarbigen Kleidern herausgeputzt, zwei von ihnen tragen einen grünen Kranz, in welchem verschiedene neue Schleuderbälle hängen; ein Maigeschenk der Mädchen an die Jünglinge des Dorfs. Der Kranz ist geschmückt mit einem Überfluß von langen Bändern oder bandweise ausgeschnittenem Papier, welches nicht wenig zu dem heitern und lustigen, doch vollkommen ländlichen Anblick beiträgt, den das Ganze gewährt. Musik geht voran, manchmal eine Sackpfeife, doch gewöhnlich eine Soldaten-Querpfeife, und eine Trommel dabei. Ein Narr mit furchtbarer Maske ist natürlich im Gefolge, er trägt eine lange Stange, an deren einem Ende Zeuglappen fest genagelt sind, wie an einem Wischer. Diese taucht er in eine Lache oder Pfütze und bespritzt damit jeden aus dem Haufen, der sich an seine Gesellschaft zu sehr andrängt zu großem Vergnügen der jugendlichen Zuschauer, welche seine Taten mit schallendem und wiederholtem Gelächter begrüßen. Dieser Aufzug der Vermummten geht den ganzen Tag über durch die benachbarten Dörfer oder von einem Edelhofe zu dem andern; vor dem Herrnhaus wird getanzt, wofür sie eine Belohnung in Geld erhalten. Der Abend wird mit Trinken zugebracht.

Mai-Abend wird als eine besonders gefährliche Zeit betrachtet. Man glaubt, das stille Volk habe dann Macht und Neigung, alle Art von Unheil anzurichten ohne die geringste Zurückhaltung. Das »böse, schielende Auge (evil eye)« urteilt man, hat dann mehr als gewöhnlich Wachsamkeit und Bosheit und eine Amme, die in freier Luft mit dem Kind im Arme auf und ab ginge, würde als ein Ungeheuer geschmäht werden. Jugend und Liebenswürdigkeit sind besonders der Gefahr ausgesetzt. Von tausend Fragen wagt es nicht eine sich draußen sehen zu lassen. Die grauen Haare des Alters retten nicht immer die Wange vor dem Anhauch, noch ist die abgearbeitete Hand des rauhsten Ackermanns sicher, auf diese Art heimgesucht zu werden. Der Anhauch (the blast) ist eine große, runde Beule, welche sich plötzlich an der Stelle erhebt, die von dem giftigen Atem berührt wird, den einer von dem stillen Volk in dem Augenblick rachsüchtiger und eigensinniger Bosheit darauf richtet. Maitag wird genannt la na Beal tina und Mai-Abend neen na Beal tina, d.h. Tag und Abend von Beals Feuer, weil er in heidnischer Zeit dem Gott Beal oder Belus geheiligt war, weshalb auch der Mai im irischen Mi na Beal-tine heißt. – Die Sitte, am Mai-Abend eine Kuh über angezündetes Stroh oder Reisig springen zu machen, soll ein Überbleibsel von der Verehrung dieses Gottes sein. Jetzt wird sie gewöhnlich angewendet, um die Milch vor den Diebereien des stillen Volkes zu sichern.

Eine andere am Mai-Abend herrschende Sitte ist das schmerzhafte und boshafte Peitschen mit Nesseln. In dem südlichen Irland ist es bei den Schulknaben allgemein üblich, zu tun, als hätten sie das Vorrecht, wie toll mit einem Bündel Nesseln herumzurennen und ihren Kameraden damit ins Gesicht und auf die Hände zu schlagen, oder auch andern Personen, bei welchen sie denken ungestraft ihre Unart ausüben zu können.

Über ähnliche, durch ganz Europa verbreitete Sitten am Maitag und bei Frühlingsanfang vergl. Hausmärchen, Einleitung zum zweiten Band S. 30. u. fg.

Der schädliche Anhauch der Elfen heißt in Norwegen alvgust (Hallager u. d. Wort) und auf Island wird ein gewisser Ausschlag âlfa-bruni genannt.

23. Springwasser

Im westlichen Irland erzählte ein Bauer eine ähnliche Sage. Geht man an einem schönen Sommerabend, wenn die Sonne gerade hinter die Berge sinkt, zu dem See und kommt man zu einem kleinen Überhang auf der Westseite, so hat man, wenn man sich bückt und in das Wasser schaut, den schönsten Anblick von der Welt, denn man sieht unter dem Wasser ganz deutlich eine große Stadt mit Palästen, langen Straßen und Plätzen.

Giraldus Cambrensis (aus dem 12ten Jahrh.) gedenkt der Sage, daß der See Neagh vormals eine Quelle gewesen, welche das ganze Land überschwemmt habe: »piscatores aquae illius turres ecclesiasticas, quae more patrio arctae sunt et altae, necnon et rotundae, sub undis manifeste sereno tempore conspiciunt et extraneis transeuntibus reique causas admirantibus frequenter ostendunt.«

Waldron hat eine Sage von der Insel Man, wonach ein Taucher in eine Stadt unter dem Meer kam, deren Pracht er nicht genug beschreiben kann und wo der Boden der Zimmer aus Edelsteinen zusammengesetzt war.

Es gibt auch in Deutschland und sonst genug Sagen von Seen, die an der Stelle ehmaliger Städte und Burgen stehen, vgl. z.B. Deutsche Sagen Num. 131.

24. Der See Corrib

Der See Corrib liegt in der Grafschaft Galway, ist etwa zehn Stunden lang und an der breitesten Stelle etwas über fünf Stunden breit. Er ist in der Mitte so zusammengezogen, daß er zwei Seen ähnlich sieht.

Gervasius von Tilbury bemerkt (Otia imper. p. 331.): gewisse Wassergeister, Dracae genannt, lockten Mädchen und Kinder in ihre Wohnungen unter Seen und Flüssen.

Einer frommen Ausrufung wird die Kraft zugeschrieben, den Zauber zu brechen, womit die Geister den halten, den sie entführt haben.

Ein Messer mit schwarzem Stiel wird als besonders dienlich erachtet, wenn es sollte nötig sein, mit einem von den bösen Geistern zu kämpfen. Das Kleid oder den Mantel umzuwenden wird auch in dieser Hinsicht empfohlen.

Im Original ist es eine Ballade, welche aber nach der ausdrücklichen Versicherung des Verfassers nur ein Versuch war, eine den übrigen ursprünglich ähnliche Sage umzuarbeiten, welche wir in ihre erste Gestalt zurückzuführen versucht haben.

25. Die Kuh mit den sieben Färsen

In der Grafschaft Tipperary, nicht weit von Callir, ist ein See, genannt Longh na Bo oder See der Kuh, nach einer Sage, die Ähnlichkeit hat mit der vom See Gur. Die Hörner dieser Kuh sollen so lang sein, daß man bei niedrigem Wasserstand die Spitzen kann hervorragen sehen.

Aus dem See Blarney hat man zwei Kühe heraussteigen gesehen, die in den zunächst liegenden Wiesen und Kornfeldern bedeutenden Schaden sollen angerichtet haben.

Alle sieben Jahre kommt ein großer, vornehmer Mann aus dem See und wandelt eine Stunde oder weiter in der Hoffnung, daß jemand mit ihm rede, aber da es niemand wagt, so kehrt er in den See zurück.

Dieser große Mann ist ohne Zweifel niemand als der Graf von Clancarthy, eifrig bemüht, Mittel an die Hand zu geben, wie man seinen Silberkasten entdecken könne, welcher der Sage zufolge in den See geschleudert wurde, um zu verhindern, daß er nicht den Feinden, die seine Burg erobert hatten, in die Hände falle.

Dieses Märchen hängt mit den schottischen und nordischen Sagen vom Elfstier zusammen, worüber die Einleitung nachzusehen ist.

26. Der verzauberte See

Die Einleitung, daß ein Ring in den See fallt, kommt häufig in den irischen Sagen vor, vgl. z. B. Miss Brookes Relicts of irish poetry p. 100.

Wie abweichend in der äußern Darstellung, ist dennoch dieses Märchen mit dem deutschen von der Frau Holle (Hausmärchen Nr. 24) dem Grunde nach sehr übereinstimmend. Seltsam ist der Umstand, daß die Frau unter dem See große Zähne hat, wie Frau Holle unter dem Wasser. Auffallend ist auch, daß, wie man beim Schneien in Hessen sagt: »Frau Holle macht ihr Bett, die Federn fliegen«, die irischen Kinder mit einer ähnlichen Idee rufen: »Die Schotten rupfen ihre Gänse!« (p. 361.)

27. Die Erscheinungen des O’Donoghue

Jeder, der Killarney gesehen hat, dem muß auch die Sage von O’Donoghue und seinem weißen Roß bekannt geworden sein. Sie wird erzählt in Weld’s Bericht von diesem See, in Derricks Briefen, und eine große Anzahl von Gedichten haben sie zum Gegenstand. Moore hat ein Lied darüber in seinen Irish Melodies.

Wie am Mai-Morgen O’Donogbue auf seinem weißen Roß über das Wasser sprengt, so zeigt sich in einer Augustnacht einer von den alten Grafen von Kildare ganz in Rüstung auf einem prächtigen Streitroß und mustert die Schatten seiner Krieger auf der breiten Ebene, the Currag of Kildare genannt.

Erinnert an die deutschen Sagen vom Auszug des wilden Jägers und des Rodensteiners.

18. Die Banshi von Mac Carthy


18. Die Banshi von Mac Carthy

(Siehe auch die Anmerkungen)

Karl Mac Carthy war im Jahr 1749 der einzige noch lebende Sohn einer zahlreichen Familie. Sein Vater starb, als er wenig mehr als zwanzig Jahr alt war und hinterließ ihm die Güter ziemlich unverschuldet. Karl war lebhaft und wohlgebildet, weder durch Dürftigkeit, noch einen Vater oder Wächter gezügelt und eben deshalb in einem solchen Alter kein Tugendspiegel. Offenherzig zu reden, er war ein verschwenderischer, man sollte wohl sagen wüster Schwelger. Seinen Umgang suchte er, wie sich denken läßt, in der benachbarten Jugend der höheren Stände, deren Vermögensumstände in der Regel glänzender waren, als die seinigen, deren Hang zu Vergnügungen deshalb noch weniger Einschränkung kannte und in deren Beispiel er eben sowohl Anreizung zu seinem unordentlichen Leben als Billigung desselben fand.

Karl Mac Carthy versank so tief in die Lüste, welchen sich zu ergeben die schwache Jugend ohnehin geneigt ist, daß um die Zeit, wo er sein vier und zwanzigstes Jahr vollendete, er von einem heftigen Fieber befallen wurde, welches als höchst bösartig bei der Hinfälligkeit seines Körpers kaum Hoffnung zur Genesung ließ. Seine Mutter, die anfänglich mancherlei Anstrengungen gemacht hatte, ihn von dem Irrwege abzubringen und am Ende genötigt war, die raschen Fortschritte zum Verderben mit stiller Verzweiflung anzusehen, wachte Tag und Nacht bei seinem Lager. Die Angst des mütterlichen Gefühls war gemischt mit einem noch tiefern Jammer, welchen jene allein kennen, die unablässig bemüht ein geliebtes Kind in Tugend und Frömmigkeit zu erhalten, gesehen haben, wie es nach den Wünschen ihres Herzens bis zum Manne heranwuchs, dann, wenn ihr Stolz am höchsten war, erleben mußten, daß eben das, was ihnen das liebste auf der Welt war, sorglos in den Strom des Lasters sich stürzte und nach einem schnellen Lauf vor die Pforten der Ewigkeit zu stehen kam ohne Zeit und Kraft zur Reue. Es war ihr heißes Gebet, wenn sein Leben nicht könnte erhalten werden, daß die Bewußtlosigkeit, welche seit den ersten Stunden seiner Krankheit mit immer wachsender Gewalt fortdauerte, vor seinem Ende aufhören und ihm Besinnung und Ruhe genug hinterlassen möchte, seinen Frieden mit dem beleidigten Himmel zu machen. Nach wenigen Tagen indessen schien die Natur völlig erschöpft und er versank in einen Zustand, der dem Tode zu ähnlich war, als daß man ihn für Ruhe des Schlafes hätte halten können. Sein Gesicht war bleich, glatt und marmorartig, zum sichersten Zeichen, daß das Leben die irdische Wohnung verlassen hat. Seine Augen waren geschlossen und eingesunken, die Augenlider hatten jenes erstarrte und eingedrückte Wesen, das anzuzeigen pflegt, daß die Hand eines Freundes schon den letzten Dienst geleistet hat. Die Lippen, halb geschlossen und vollkommen aschgrau, ließen nur etwas von den Zähnen sehen, um dem Bild des Todes seinen furchtbarsten aber ausdrucksvollsten Zug zu geben. Er lag auf dem Rücken, die Hände zur Seite ausgestreckt, ganz bewegungslos, und die erschütterte Mutter konnte nach wiederholten Versuchen nicht das geringste Zeichen von Leben entdecken. Der Arzt, der zugegen war und die üblichen Proben angestellt hatte, um Gewißheit über den Zustand zu erhalten, erklärte endlich, daß er verschieden sei und traf Anstalt, das Sterbehaus zu verlassen. Sein Pferd wurde vorgeführt. Eine Menge Leute, die sich vor den Fenstern oder in Haufen hier und da auf dem Platz versammelt hatten, eilten herzu, als die Türe sich öffnete. Es waren Diener des Hauses, Leute, die Wohltaten empfingen, arme Verwandte der Familie, wozu noch andere sich gesellten, durch Anhänglichkeit herbeigezogen, auch wohl durch Teilnahme, die zwar mit aus Neugierde entspringt, aber doch noch etwas mehr ist und welche die niedern Stände um ein Haus zu versammeln pflegt, wo ein menschliches Wesen in die andere Welt übergeht. Sie sahen den Mann, der im Beruf zugegen gewesen war, aus der Haustüre treten und zu seinem Pferde gehen; und während er langsam, mit traurigem Wesen sich anschickte aufzusteigen, drängten sie sich forschenden und bewegten Blicks um ihn her. Man hörte kein lautes Wort und doch war ihre Meinung außer Zweifel; der Arzt, als er aufgesessen war, während der Diener beständig den Zaum in den Händen behielt, als wollte er ihn zurückhalten, und ängstlich nach seinen Mienen schaute, als wenn er erwartete, er werde die beklemmende Ungewißheit lösen, schüttelte den Kopf und sagte mit gedämpfter Stimme: »Es ist vorbei, Jacob!« und ritt langsam fort. Kaum war das Wort aus seinem Munde, so stießen die in nicht geringer Zahl anwesenden Weiber einen heftigen Schrei aus, welcher, nachdem er eine halbe Minute lang gedauert hatte, plötzlich in ein lautes, fortgesetztes und mißhelliges, aber jammervolles Wehklagen herabsank, durch welches nur dann und wann die tiefern Töne männlicher Stimmen drangen, manchmal in abgebrochenem Schluchzen, manchmal in deutlichen Ausrufungen des Schmerzens. Karls Milchbruder ging unter der Menge Menschen umher, die Hände bald zusammenschlagend, bald in schmerzvoller Angst ringend. Der arme Bursch war in der Jugend Karls Gefährte und Spielgenosse, in der Folge sein Diener gewesen, hatte sich immer durch eine besondere Anhänglichkeit ausgezeichnet und zuletzt seinen jungen Herrn wie sein eigenes Leben geliebt.

Als die Mutter überzeugt war, daß der harte Schlag sie wirklich getroffen hatte und ihr geliebter Sohn in der Blüte seiner Sünde dahingegangen war, die letzte Rechenschaft abzulegen, blieb sie eine Zeitlang und schaute mit unverwandten Blicken das erstarrte Antlitz an; dann als habe plötzlich etwas die Saite ihrer zärtlichsten Liebe berührt, rollte eine Träne nach der andern über ihre von Angst und Nachtwachen abgebleichten Wangen. Sie schaute noch immer auf ihren Sohn, ohne zu wissen, daß sie weinte und ohne nur einmal ihr Tuch vor die Augen zu halten, bis sie an die beschwerlichen Pflichten, welche herkömmliche Landessitte ihr auflegte, durch die Menge Frauen erinnert ward, die zu der bessern Klasse der Bauern gehörte und nun unter lautem Schreien beinahe das ganze Gemach anfüllten. Sie entfernte sich hierauf, um Anordnungen wegen der Feierlichkeit bei dem Wachen zu treffen und um die zahlreichen Besucher aus allen Ständen mit den bei dieser traurigen Gelegenheit üblichen Erfrischungen versorgen zu lassen. Obgleich ihre Stimme kaum gehört wurde und niemand sie sah, als zwei Diener und ein oder zwei bewährte Hausfreunde, die ihr bei den nötigsten Einrichtungen Beistand leisteten, so wurde doch alles mit der größten Regelmäßigkeit ausgeführt. Und wiewohl sie sich keineswegs anstrengte, ihren Schmerz zu unterdrücken, so hemmte er doch keinen Augenblick ihre Aufmerksamkeit, die gerade jetzt nötiger als je war, um Ordnung in ihrem Hauswesen zu erhalten, welches in dieser Unglückszeit ohne sie ganz in Verwirrung geraten wäre.

Die Nacht war ziemlich vorgerückt, das laute Jammergeschrei, welches den Tag über in und um das Haus herrschte, hatte einem feierlichen und düstern Schweigen Platz gemacht, und Frau Mac Carthy, der das Herz ungeachtet der langen Ermüdung und nächtlichen Wachen zu schwer war, um schlafen zu können, lag in heißem Gebet auf den Knien in einem Zimmer, das unmittelbar an das ihres Sohnes stieß. Plötzlich ward sie in ihrer Andacht durch ein ungewöhnliches Geräusch unterbrochen, welches von den Personen kam, die bei der Leiche wachten. Zuerst war es ein leises Gemurmel, dann war alles still, als wenn die Bewegungen jener, die in dem Zimmer sich befanden, durch einen heftigen Schrecken wären gelähmt worden; jetzt brach ein lauter Schrei des Entsetzens aus, die Türe des Zimmers ward aufgerissen und was im Gedränge sich aufrecht erhalten konnte, stürzte wild untereinander nach der Treppe hin, zu welcher der Weg durch der Frau Mac Carthy Gemach führte. Frau Mac Carthy drang durch das Gewirr in das Zimmer ihres Sohnes und fand ihn aufrecht im Bette sitzen, starr um sich schauend, gleich einem, der aus dem Grabe erstanden ist. Ein gewisser Glanz, der sich über die eingesunkenen Züge und die spitzen, abgestorbenen Formen verbreitete, verlieh seinem ganzen Anblick etwas überirdisch Grauenhaftes. Frau Mac Carthy war nicht ohne Festigkeit der Seele, aber befangen in dem Aberglauben ihres Vaterlandes. Sie sank auf die Knie und die Hände faltend betete sie laut. Die Gestalt vor ihr bewegte den Mund und brachte bloß »Mutter!« heraus, die bleichen Lippen zuckten, als hätten sie die Absicht, den Gedanken zu beendigen, aber die Zunge versagte den Dienst. Sie sprang auf ihn zu und die Hände ausstreckend, rief sie: »Rede, im Namen Gottes und seiner Heiligen, rede, lebst du?«

Er wendete sich langsam zu ihr hin und sprach mit sichtbarer Anstrengung: »Ja, meine Mutter, ich lebe; aber sitzt nieder und sammelt Euch. Ich will Euch etwas erzählen, worüber Ihr mehr erstaunen werdet, als über das, was Ihr gesehen habt!« Er lehnte sich aufs Kopfkissen zurück und während sie neben dem Bette knien blieb, eine von seinen Händen in den ihrigen haltend und zu ihm aufschauend, wie jemand, der seinen eigenen Sinnen nicht mehr traut, fuhr er fort:

»Unterbrecht mich nicht, bis ich zuende bin; ich möchte gerne sprechen, so lange der Reiz des wiederkehrenden Lebens in mir dauert, denn ich fühle, daß ich hernach langer Ruhe bedarf. Von dem Anfang meiner Krankheit habe ich nur eine verwirrte Erinnerung, doch in den letzten zwölf Stunden habe ich vor dem Richterstuhl Gottes gestanden. Starrt mich nicht so ungläubig an, Mutter, es ist wahr, wie es meine Sünden sind und wie ich hoffe, daß es meine Reue sein wird. Ich habe den hehren Richter gesehen, strahlend in all den Schrecken, die ihn umgeben, wenn die Gnade der Gerechtigkeit weicht. Ich habe die furchtbare Herrlichkeit der beleidigten Allmacht gesehen und ich erinnere mich dessen wohl. Es ist mir fest eingeprägt und mit unauslöschlicher Schrift in mein Gehirn gedrückt, aber dahin reicht menschliche Sprache nicht. So viel ich kann, will ich beschreiben, ich muß mich kurz fassen. Es ist genug gesagt, ich ward auf die Waage gelegt und zu leicht befunden. Das unwiderrufliche Urteil sollte eben gefällt werden, die Augen meines allmächtigen Richters, die mich angestrahlt hatten, sprachen schon halb meine Verdammung aus, als ich bemerkte, daß der heilige Schutzengel, an den Ihr so oft mein Gebet richtetet, als ich noch ein Kind war, mit einem Ausdruck voll Güte und Mitleid mich ansah. Ich streckte die Hände nach ihm aus und flehte um seine Fürsprache. Ein Jahr nur, ein Monat, bat ich, möchte mir noch auf Erden gegeben werden zur Reue und Sühne für meine Vergehungen. Er kniete selbst vor den Füßen meines Richters und flehte um Gnade. Ach! niemals, und sollte ich noch übergehen nacheinander in zehntausend verschiedene Zustände meines Daseins, niemals in alle Ewigkeit werde ich das Entsetzen jenes Augenblickes vergessen, wo mein Schicksal zur Entscheidung kam und von einer Sekunde abhing, ob unaussprechliche Qualen auf endlose Zeiten mein Los sein sollten. Doch die Gerechtigkeit verschob ihren Beschluß und die Gnade sprach in festem, mildem Ton: kehre zurück auf die Welt, in welcher du gelebt hast, aber nur um die Gesetze dessen zu versöhnen, der die Welt und dich geschaffen hat. Drei Jahre sind dir gegeben zu bereuen, sind diese verflossen, dann sollst du abermals hier stehen, um erlöst zu werden oder dem ewigen Verderben preisgegeben. Ich hörte nichts mehr, ich sah nichts mehr, bis ich zum Leben erwachte, in dem Augenblick, wo Ihr eintratet.«

Seine Kräfte reichten gerade so weit, um diese letzten Worte zuende zu bringen und sobald er sie ausgesprochen hatte, schloß er die Augen und lag völlig erschöpft. Die Mutter, obgleich sie, wie vorhin bemerkt, übernatürliche Erscheinungen nicht gerade ableugnete, war doch ungewiß, ob sie ihm glauben sollte, oder annehmen, daß er, wiewohl aus einer Ohnmacht erwacht, welche die Krisis der Krankheit möchte gewesen sein, noch immer an Geistesabwesenheit litte. Ruhe indessen war ihm in jedem Falle Bedürfnis und sie traf sogleich Vorkehrungen, daß er sie ungestört genießen konnte. Nach einigen Stunden Schlaf wachte er neugestärkt auf und von da an nahm die Genesung stufenweise beständig zu.

Karl beharrte stets bei der Erzählung von seiner Vision, so wie er sie gleich das erstemal gegeben hatte und die Überzeugung von ihrer Wahrheit mußte notwendig von entschiedenem Einfluß auf seine Lebensweise und sein Betragen sein. Er gab seinen früheren Umgang nicht völlig auf, denn die Heiterheit seiner Natur war durch seine Umwandlung nicht getrübt worden, aber er nahm an Ausschweifungen niemals Teil, dagegen war er oft ernstlich bemüht, die andern davon abzuhalten. Er war gottesfürchtig ohne Scheinheiligkeit, ernst ohne Strenge, und gab ein Beispiel, wie Laster sich in Tugend umwandeln könne, ohne vornehm, herb und trübselig zu werden.

Die Zeit verstrich und lang ehe die drei Jahre zu Ende gingen, war die Geschichte von der Vision vergessen oder wenn die Rede darauf kam, wurde sie gewöhnlich als ein Beweis angeführt, wie unvernünftig es sei, an solche Dinge zu glauben. Karls Gesundheit, bei der Mäßigung und Regelmäßigkeit seiner Lebensweise, ward kräftiger als je. Es ist wahr, seine Freunde hatten oft Gelegenheit, ihn wegen seines ernsthaften und zurückgezogenen Betragens zu necken, welches man an ihm bemerkte, als sich die Zeit näherte, wo er sein siebenundzwanzigstes Jahr vollendete, gewöhnlich jedoch zeigte er im Umgang jene Lebendigkeit und Heiterheit, die ihm eigentümlich war. Unter Leuten wich er jedem aus, der sich bemühte, ihm eine bestimmte Äußerung rücksichtlich jener Voraussagung zu entlocken, doch in seiner eigenen Familie war es kein Geheimnis, daß er fest daran glaubte. Indessen als der Tag herankam, an welchem die Prophezeiung durchaus sich bewähren mußte, versprach sein ganzes Aussehen ein so langes und gesundes Leben, daß er sich durch seine Freunde überreden ließ zur Feier seines Geburtstages, eine große Gesellschaft zu einem Gastmahl auf Springhouse einzuladen. Veranlassung dazu und alle Umstände, die sie begleiteten, lernt man am besten kennen, wenn man folgende von Verwandten der Familie sorgfältig aufbewahrten Briefe liest.

Der erste ist von der Frau Mac Carthy an eine vertraute und bewährte Freundin, welche zu Castle Barry in der Grafschaft Cork, etwa zwölf Meilen von Springhouse wohnte.

»Dienstag den 15ten Oktober 1752.

Teuerste Marie. Ich fürchte, ich setze durch diesen Brief Eure Liebe für Eure alte Freundin und Verwandtin auf eine zu harte Probe. Zwei Tage in dieser Jahreszeit auf schlechten Wegen und in dieser unruhigen Gegend zu reisen, in der Tat, man muß auf eine Freundschaft wie die Eurige bauen, wenn man eine besonnene Frau zu diesem Unternehmen bereden will. Aber in Wahrheit, ich habe oder bilde mir ein mehr als gewöhnliche Ursache zu haben, Euch in meiner Nähe zu wünschen. Ihr kennt die Geschichte von meinem Sohn. Ich kann nicht sagen, wie es zugeht, aber mit dem daß der nächste Sonntag heranrückt, wo die Voraussagung seines Traumes sich als falsch oder wahr bewähren muß, fühle ich im Herzen eine Mutlosigkeit, die ich nicht besiegen kann und Eure Gegenwart, geliebteste Marie, würde, wie sie schon mehr getan hat, manche von meinen Sorgen beschwichtigen. Mein Neffe Jacob Ryan wird sich mit Johanne Osborne (wie Ihr wißt, meines Sohnes Mündel) verheiraten und das Hochzeitfest soll hier den nächsten Sonntag gefeiert werden, obgleich Karl sehr darauf dringt, es einen oder zwei Tage weiter hinaus zu schieben. Wollte Gott – doch ich verspare alles auf mündliche Unterredung. Überwindet Euch, Euren guten Mann auf eine Woche zu verlassen, wenn die Landwirtschaft ihm nicht erlauben sollte, Euch zu begleiten, bringt aber die Mädchen mit und kommt so früh vor Sonntag, als Euch möglich ist.«

Obgleich dieser Brief den Mittwochen morgen zu Castle Barry anlangte, da der Bote durch Sumpf und Moor auf Fußwegen gegangen war, wo Pferd und Wagen nicht fortkommen, so hatte doch Frau Barry, zwar gleich zur Reise entschlossen, doch so mancherlei Einrichtungen für den Haushalt zu treffen, welcher in Irland bei dem mittlern Adel leicht in Verwirrung gerat, wenn die Hausfrau nicht zugegen ist, daß es ihr und den beiden jüngern Töchtern unmöglich fiel, eher als Freitag morgen abzureisen. Die älteste Tochter blieb zurück, dem Vater Gesellschaft zu leisten und die Aufsicht über das Hauswesen zu führen. Da sie die Reise in einem offenen einspännigen Wagen machten, und die Wege, zu aller Zeit schlecht, durch häufige Regengüsse noch grundloser geworden waren, so nahmen sie sich vor, zwei bequeme Stationen zu machen, die erste Nacht auf der Hälfte des Wegs zuzubringen und sonnabends bei guter Zeit zu Springhouse einzutreffen. Dieser Plan konnte aber nicht ausgeführt werden, da sie einsahen, daß bei ihrer späten Abfahrt sie höchstens fünf Meilen den ersten Tag machen könnten, sie beschlossen daher in dem Hause des Herrn Bourke, eines Freundes, zu übernachten, der noch etwas näher wohnte. Sie langten ziemlich durchgeschüttelt, aber doch wohlbehalten bei ihm an. Was ihnen auf der Reise den folgenden Tag bis nach Springhouse und nach ihrer Ankunft daselbst begegnete, ist ausführlich in einem Brief erzählt, den die zweite Miß Barry an ihre älteste Schwester von dorther schrieb.

»Sonntag abend den 20sten Oktober 1752.

Da der Mutter Brief, in welchem dieser eingeschlossen liegt, Euch im Allgemeinen die traurige Nachricht ankündigt, welche ich hier vollständiger mitteilen soll, so glaube ich, es ist besser wenn ich bei der Erzählung von den ungewöhnlichen Ereignissen der beiden letzten Tage regelmäßig verfahre.

Bei Herrn Bourke trafen wir den Freitag abend so spät ein, daß wir gestern unmöglich zu rechter Zeit ausfahren konnten und deshalb mit einbrechender Nacht noch mehr als drei Meilen von Springhouse entfernt waren. Die Wege, von dem anhaltenden Regen in voriger Woche ganz aufgeweicht, gestatteten uns nur ein langsames Fortbewegen, so daß sich die Mutter endlich entschloß, die Nacht in dem Hause von Herrn Bourke’s Bruder zuzubringen, das eine kurze Strecke von dem Weg abliegt. Der Tag war windig und regenhaft gewesen und der Himmel schien drohend, trüb und ungewiß. Der Mond stand voll und zeigte sich wohl dann und wann hell und glänzend, meist aber hinter schwerem, dunkelem und zerrissenem Gewölk versteckt, das schnell vorüber zog, jeden Augenblick in noch größern Massen heranrückte und sich für einen kommenden Sturm anzuhäufen schien. Der Wind, der uns ins Gesicht blies, pfiff kalt durch die niedrigen Hecken an den Seiten der Landstraße, auf welcher wir bei der Menge tiefer Pfützen nur mit Mühe weiter kamen und wo wir nirgends den geringsten Schutz hoffen durften, da meilenweit keine Anpflanzung war. Die Mutter fragte daher den Lorenz, welcher den Wagen führte, wie weit wir noch von Herrn Bourke’s Gut wären.

‚Noch ein paar Steinwürfe weiter‘, antwortete er, ‚bis zu dem Kreuzweg, dann brauchen wir uns nur links in den Baumgang zu wenden.‘

‚Gut Lorenz, wenn du zu dem Kreuzweg kommst, so lenke ein nach Herrn Bourke’s Haus.‘

Kaum hatte die Mutter diese Worte gesprochen, so drang ein Schrei, vor dem wir zusammenfuhren, als habe er uns das Herz durchschnitten, von der Hecke gerade auf uns ein. War er irgend einem irdischen Laute ähnlich, so schien es der Schrei eines Weibes, welches von einem heftigen und mördrischen Schlag getroffen, sein Leben in tiefer, entsetzlicher Todesangst ausstößt.

‚Gott behüte uns!‘ rief die Mutter, ’steig über die Hecke, Lorenz, und hilf dem Weib, wenn es nicht schon tot ist, während wir zu der Hütte zurück eilen, an der wir eben vorüber gekommen sind und im nächsten Dorfe Lärm machen.‘

‚Ein Weib!‘ sagte Lorenz, indem er mit aller Macht aufs Pferd peitschte und seine Stimme zitterte, ‚Das ist kein Weib! Je schneller wir davon eilen, desto besser!‘ und strengte sich aufs neue an, die trägen Schritte des Pferdes zu beleben. Wir sahen nichts, der Mond hatte sich versteckt. Es war ganz dunkel und wir erwarteten längst einen Regenguß. Eben aber als Lorenz gesprochen hatte und es ihm gelungen war, das Pferd in raschere Bewegung zu bringen, hörten wir deutlich ein lautes Zusammenschlagen der Hände, auf welches ein Schrei nach dem andern folgte, was die letzte Anstrengung der Angst und Verzweiflung zu bezeichnen und von einer Person auszugehen schien, welche innerhalb der Hecke eilig dahinrannte, um mit uns gleichen Schritt zu halten. Noch immer sahen wir nicht das geringste, endlich, als wir nur noch zehn Schritte von der Stelle waren, wo ein Fahrweg zu Herrn Bourke’s Haus links einbog, die Straße nach Springhouse aber nach rechts sich wendete, brach der Mond plötzlich hinter den Wolken hervor und ließ uns so deutlich, als ich hier dieses Papier sehe, die Gestalt einer schlanken, hagern Frau erblicken mit unbedecktem Haupte und langem, rund um ihre Schultern flatternden Haare, gekleidet in etwas, das aussah wie ein weiter, weißer Mantel oder ein eilig umgeworfenes Bettuch. Sie stand in dem Winkel der Hecke, wo die Straße, auf der wir uns befanden, an jene stieß, welche nach Springhouse führte, mit dem Gesicht uns zugewendet, während sie den rechten Arm gewaltsam und heftig auf und ab bewegte, als wollte sie uns in dieser Richtung fortziehen. Das Pferd stutzte, sichtbar erschrocken über die plötzliche Gegenwart der Gestalt, deren äußere Erscheinung ich soeben beschrieben habe, und welche eine halbe Minute lang jenes herzzerschneidende Geschrei ausstieß. Sie lief dann auf die Landstraße, verschwand einen Augenblick vor unsern Augen und bald danach sahen wir sie auf einer hohen Mauer stehen, eine kleine Strecke über dem Fahrweg, in welchen wir einzulenken im Begriff waren; sie deutete beständig auf die Straße nach Springhouse hin, doch mit trotziger und gebietender Gebärde, als sei sie bereit sich unserer Einfahrt in jenen Weg zu widersetzen. Die Gestalt schwieg nun gänzlich und ihr Gewand, das vorhin frei in dem Wind geflattert hatte, war jetzt fest um sie gewickelt.

‚Dreh um, Lorenz, nach Springhouse, in Gottes Namen‘, sagte die Mutter, ‚welcher Welt sie auch angehören mag, wir wollen sie nicht erzürnen.‘

‚Es ist die Banshi‘, sagte Lorenz, ‚und ich möchte um mein Leben nicht in dieser Nacht woanders hingehen, als nach Springhouse, aber ich fürchte, dort gibts ein Unglück, sonst zeigte sie uns nicht den Weg dahin.‘

Mit diesen Worten trieb er das Pferd an, und als wir rechts einbogen, entzog der Mond auf einmal sein Licht und wir sahen die Gestalt nicht weiter, doch hörten wir deutlich ein fortwährendes Zusammenschlagen der Hände, das jedoch gradweise abnahm, als komme es von jemand, der sich schnell entferne. Wir setzten unsern Weg fort, so rasch es die schlechte Straße und das abgemattete Tier, das uns zog, erlaubte, und kamen vorige Nacht gegen elf Uhr hier an. Den Zustand, in welchem wir das Haus fanden, kennt Ihr bereits aus der Mutter Brief. Um ihn vollständig zu beschreiben, ist es nötig, daß ich einiges von den Ereignissen erzähle, die hier im Laufe der vorigen Woche sich zugetragen haben.

Ihr wißt schon, daß die Hochzeit der Johanne Osborne mit Jacob Ryan an diesem Tage sollte gefeiert werden und daß die Brautleute mit ihren Freunden vorige Woche hier angelangt waren. Verflossenen Dienstag, an welchem gerade Frau Mac Carthy morgens früh den Einladungsbrief an uns abgeschickt hatte, war die ganze Gesellschaft kurz vor dem Mittagsessen ein wenig ins Freie gegangen. Es scheint, daß ein unglückliches, von Jacob Ryan verführtes Geschöpf in der Nachbarschaft in einem erbärmlichen, höchst betrübten Zustand einige Tage vorher war gesehen worden. Er hatte sich schon seit einigen Monaten von ihr getrennt und, wie man behauptet, sie reichlich versorgt, doch sie war durch ein Eheversprechen verführt worden und die Scham über ihren unglücklichen Zustand, wozu Mißgeschick und Eifersucht kamen, hatten ihre Sinne verwirrt. Den ganzen Vormittag über hatte man sie in den Anlagen bei Springhouse umherwandeln gesehen, in einen Mantel gehüllt mit einer Kappe, die ihr fast das Gesicht bedeckte. Sie hatte vermieden, mit einem Glied der Familie zu reden oder ihm nur zu begegnen.

Karl ging zu der angegebenen Zeit zwischen Jacob Ryan und einem dritten in kleiner Entfernung von den übrigen auf einem Sandweg, der eine Anlage von feinem Buschwerk umgab. Jedermann wurde durch einen Pistolenschuß in großen Schrecken gesetzt, welcher aus der dichtesten Stelle des Ge-sträuchs fiel, an welchem Karl und seine Begleiter eben vorbeigingen. Karl stürzte sogleich zur Erde und es fand sich, daß er am Bein verwundet war. Da sich in der Gesellschaft gerade ein Arzt befand, eilte dieser, Beistand zu leisten, und nachdem er die Wunde untersucht hatte, erklärte er, daß die Gefahr sehr gering und kein Knochen verletzt sei, die bloße Wunde ins Fleisch aber in wenigen Tagen heilen werde. ‚Wir werden den Sonntag mehr wissen‘, sagte Karl, der in sein Zimmer gebracht wurde. Man verband die Wunde und so wenig Beschwerde entstand daraus, daß einige seiner Freunde einen Teil des Abends in seinem Schlafgemach zubrachten.

Bei näherer Nachforschung ergab sich, daß der unglückliche Schuß von jenem armen Mädchen herrührte, dessen ich vorhin Erwähnung getan habe. Offenbar hatte sie nicht auf Karl gezielt, sondern auf den Zerstörer ihrer Unschuld und Glückseligkeit, der an seiner Seite gegangen war. Nachdem man sie in den Anlagen vergeblich gesucht hatte, kam sie aus freien Stücken in das Haus gegangen. Sie lachte und tanzte, wild singend und jeden Augenblick ausrufend: ‚Endlich habe ich den Ryan getötet!‘ Als sie vernahm, daß es Karl war, nicht Herr Ryan, den der Schuß getroffen, fiel sie besinnungslos nieder und nachdem sie einige Zeit in krampfhaften Bewegungen gelegen hatte, sprang sie auf, nach der Türe hin, und entschlüpfte den Nacheilenden. Man konnte ihrer nicht wieder habhaft werden, bis in der letzten Nacht, wo sie kurz vor unserer Ankunft, vollkommen wahnsinnig hieher gebracht wurde.

Man hielt Karls Wunde für so unbedeutend, daß die Vorbereitungen zu dem Hochzeitsfest auf den Sonntag ihren Fortgang hatten. Doch in der Freitagnacht ward er unruhig und fiebrig und gestern, den Sonnabend, fühlte er sich so schlecht, daß man es für nötig hielt, noch einen Kunstverstän-digen zu Hilfe zu nehmen. Zwei Ärzte und ein Wundarzt gingen um Mittag zu Rat und der furchtbare Ausspruch lautete, daß, wo nicht vor Nacht eine kaum zu hoffende Veränderung eintrete, binnen vierundzwanzig Stunden der Tod sich einstellen werde. Wie es schien, hatte man die Wunde zu fest zusammengeschnürt und auch in anderer Hinsicht ungeschickt behandelt. Leider hatten sich die Ärzte in ihrer Voraussagung nicht geirrt. Kein günstiges Zeichen erschien und lange bevor wir Springhouse erreichten, war jeder Strahl von Hoffnung verschwunden. Der Auftritt, von dem wir bei unserer Ankunft Zeuge waren, hätte ein Herz von Stein gespalten. Schon auf der Straße hörten wir, daß Karl Mac Carthy auf dem Totbett liege, und als wir das Haus erreichten, bestätigte der Diener, der das Tor öffnete, diese Nachricht. Gerade, als wir eintraten, wurden wir durch ein furchtbares Geschrei erschreckt, das von der Treppe aus uns entgegenschallte. Die Mutter glaubte die Stimme der armen Frau Mac Carthy zu hören und eilte weiter. Wir folgten und einige Stufen hinaufgestiegen fanden wir ein junges Weib in dem Zustand wahnsinniger Leidenschaft mit zwei Mägden ringend, deren vereinte Kräfte kaum zureichten, jene abzuhalten, daß sie nicht die Treppe hinaufrannte über den Körper der Frau Mac Carthy, welche von Schwachheit überwältigt auf die Stufen niedergesunken war. Wie ich hernach hörte, war es jenes unglückliche Geschöpf, dessen ich vorhin gedacht habe, welches durchaus in Karls Zimmer dringen wollte, um von ihm Vergebung zu erhalten, wie sie sagte, ehe er scheide, sie des Mordes wegen anzuklagen. Dieser wahnwitzige Gedanke war mit einem andern gemischt, welcher jenem den Besitz ihrer Seele streitig zu machen schien. In einem Atem verlangte sie Karls Vergebung und klagte Herrn Ryan als ihren und Karls Mörder an. Endlich brachte man sie weg, und die letzten Worte, die ich sie schreien hörte, waren:

‚Ryan hat ihn getötet, nicht ich! Ryan hat ihn getötet, nicht ich!‘

Als Frau Mac Carthy wieder zu sich selbst kam, sank sie in die Arme der Mutter, deren Gegenwart ihr ein großer Trost zu sein schien. Sie weinte; die ersten Tränen, welche sie, wie man uns sagte, seit dem unglücklichen Ereignis vergossen hatte. Sie führte uns in Karls Zimmer, welcher, wie sie äußerte, verlangt hatte, uns gleich nach unserer Ankunft zu sehen, weil er sein herannahendes Ende fühle und die letzten Stunden seines irdischen Daseins ungestört dem Gebet und der Betrachtung zu widmen wünsche. Wir fanden ihn vollkommen ruhig, ergeben, ja heiter. Er sprach von dem schrecklichen Vorfall, dem man Mut und Vertrauen entgegensetzen müsse und den er als eine Entscheidung betrachte, auf welche er seit jener wunderbaren Krankheit vorbereitet gewesen, da er an der Wahrheit der Vorausverkündigung niemals gezweifelt habe. Er sagte uns Lebewohl mit dem Ausdruck eines Menschen, der im Begriffe steht, eine kurze und vergnügte Reise anzutreten und wir verließen ihn mit einem Eindruck, der bei allem traurigen uns, wie ich gewiß glaube, niemals ganz verlassen wird.« –

Der Brief war nicht geendigt, weil die Schreiberin abgerufen ward. Ehe die Sonne an seinem siebenundzwanzigsten Geburtstag aufging, war Karls Seele geschieden, vor seinem Schöpfer die letzte Rechenschaft abzulegen.

Die Phuka


Die Phuka

(Siehe auch die Anmerkungen)

Die Geschichte von Morty Sullivan mag allen jungen Leuten zur Warnung dienen, in der Heimat zu bleiben, sich still und redlich zu nähren und nicht in der Welt umherzuziehen. Als Morty eben das fünfzehnte Jahr erreicht hatte, lief er seinen Eltern fort, die ein altes, ehrenwertes Paar waren und seinetwegen mehr als eine Träne vergossen. Alles, was sie von ihm in Erfahrung bringen konnten, war, daß er an Bord eines nach Amerika bestimmten Schiffes gegangen wäre. Der Kummer über seinen Verlust brach ihnen das Herz.

Dreißig Jahre, nachdem sich die Alten in das stille Grab gelegt hatten, kam ein Fremder nach Beerhaven und erkundigte sich nach ihnen; es war ihr Sohn Morty und, die Wahrheit zu sagen, sein Herz schien kummervoll, als er hörte, daß Vater und Mutter längst gestorben wären. Doch welche Antwort konnte er sonst erwarten? Reue kommt gewöhnlich, wenn es zu spät ist.

Indessen ward dem Morty Sullivan zur Buße für seine Sünden eine Wallfahrt nach der Kapelle der heiligen Gobnate angeraten; dies ist ein öder Platz, Ballyvourney genannt.

Er war sogleich bereit dazu und in der Absicht keine Stunde zu verlieren, fing er noch denselben Nachmittag seine Reise an. Er war noch nicht sehr weit gekommen, als schon die Nacht anbrach. Es schien kein Mond und das Sternenlicht verdunkelte sich von dickem Nebel, der in den Tälern auf-stieg. Der Weg ging durch eine Berggegend mit vielen Kreuzwegen und Nebenpfaden, so daß es für einen Fremden, wie Morty, schwer fiel ohne Führer sich zurecht zu finden. So groß sein Eifer war, das Ziel seiner Wallfahrt zu erreichen, und so sehr er sich selbst antrieb, wurde er doch, als die Nebel immer dichter und dichter wurden, zuletzt ungewiß, ob er auf rechtem Wege sei. Als er daher ein Licht erblickte, welches ihm nicht weit entfernt schien, ging er darauf zu, und wie er sich ganz nah dabei glaubte, so schien das Licht plötzlich wieder in weiter Entfernung zu sein, und schimmerte nur ganz schwach durch den Nebel. So sehr auch Morty darüber erstaunte, ward er doch dadurch keineswegs entmutigt, denn er dachte: das sei ein Licht, welches die heilige Gobnate gesendet habe, um seine Füße sicher durch das Gebirg zu ihrer Kapelle zu leiten.

So ging er noch einige Stunden fort, immer, wie er glaubte, dem Licht sich nähernd, welches plötzlich in eine weite Entfernung gesprungen war. Endlich kam er doch so nah, daß er bemerkte, daß Licht rühre von einem Feuer, neben welchem er deutlich ein altes Weib sitzen sah. Jetzt, in der Tat, wurde sein Glaube ein wenig erschüttert, und es nahm ihn sehr Wunder, daß beides, das Feuer und alte Weib vor ihm hergezogen waren, so manche saure Stunde und über so holperichten Weg.

»Im Namen der heiligen Gobnate«, rief Morty »und ihres Lehrers des heiligen Abban! Wie kann ein brennendes Feuer sich so schnell vor mir her bewegen und wie kann das alte Weib neben dem springenden Feuer sitzen!«

Kaum waren diese Worte über seine Lippen, als er sich, ohne nur noch einen Schritt zu tun, nahe bei dem wunderbaren Feuer befand, neben welchem das Weib saß und sein Abendessen kaute. Bei jeder Bewegung ihrer alten Kinnbacken richteten sich ihre Augen zornig auf Morty, als fürchtete sie gestört zu werden. Er sah mit dem höchsten Erstaunen, daß ihre Augen weder schwarz, noch blau, noch grau noch nußbraun waren, wie menschliche Augen, sondern von einer seltsam roten Farbe, gleich den Augen des Wiesels. Wenn er sich zuvor über das Feuer wunderte, so war seine Verwunderung über das Wesen des alten Weibes noch viel größer, und bei aller natürlichen Unerschrockenheit konnte er sie doch nicht ohne Furcht ansehen, denn er urteilte, und zwar mit Recht, daß sie eines guten Vorhabens wegen nicht an einem so einsamen Ort ihr Abendessen verzehre, zumal so spät, denn es war nahe an Mitternacht. Sie sprach kein Wort, sondern kaute und kaute, während Morty sie schweigend betrachtete.

»Wie heißt ihr?« rief zuletzt die Hexe und ein Schwefelhauch kam aus ihrem Mund, wobei sie die Nüstern aufblies und ihre Augen noch mehr funkelten, nachdem sie die Frage getan hatte.

Seine ganze Herzhaftigkeit aufbietend antwortete er:

»Morty Sullivan, Euch zu dienen«; doch waren die letzten Worte bloß als eine Höflichkeit gemeint.

»Hoho!« rief die Alte, »Das wird sich bald zeigen!« und das rote Feuer ihrer Augen verwandelte sich in blaßgrün. So kühn und furchtlos auch Morty war, zitterte er doch heftig, als er den grauenhaften Ruf vernahm. Er wollte auf seine Knie fallen und die heilige Gobnate oder sonst einen Heiligen anrufen, war aber dermaßen von Schrecken erstarrt, daß er sich nicht im geringsten rühren konnte, geschweige auf seine Knie fallen.

»Faßt meine Hand, Morty«, sagte die Alte, »ich will Euch ein Roß reiten lassen, das Euch bald an das Ziel eurer Reise bringen soll.« Mit diesen Worten führte sie ihn auf den Weg und das Feuer ging vor ihnen her. Es übersteigt menschlichen Verstand, zu sagen, wie es ging, aber es ging fort, leuchtende Flammenzungen ausstreckend und heftig prasselnd.

Jetzt gelangten sie zu einer natürlichen Höhle an einer Bergwand. Die Alte rief laut mit einer kreischenden Stimme nach ihrem Pferd. In einem Augenblick brauste ein pechschwarzes Pferd aus seinem dunkeln Stall hervor und der Felsenboden ertönte schauerlich, als die schallenden Hufen darüber her schurrten. »Aufgesessen! Morty, aufgesessen!« schrie die Hexe und mit übernatürlicher Kraft ihn packend zwang sie ihn, sich auf den Rücken des Pferdes zu setzen. Morty fand hier menschlichen Widerstand vergeblich, murmelte: »Oh! hätte ich nur Sporn!« und versuchte in die Mähnen des Rosses zu greifen, doch er griff nach einem Schatten, welcher ihn gleichwohl aufnahm, mit ihm fortsprengend bald über einen gefährlichen Abgrund setzte, bald über das wild zerrissene Bett eines Flusses wegflog und gleich einem dunkeln, mitternächtigen Strom durch das Gebirg rauschte.

Am folgenden Morgen ward Morty Sullivan von einigen Wallfahrern entdeckt, welche von ihrem Umgang um den See Gougane Barra zurückkamen. Er lag, auf dem Rücken ausgestreckt, unter einem steilen Abhang, von welchem ihn die Phuka herabgeschleudert hatte. Morty war durch den Fall hart beschädigt und er soll auf der Stelle bei der Hand des O’Sullivan, und das ist kein geringer Eid, gelobt haben, niemals wieder die volle Flasche mit auf die Wallfahrt zu nehmen.

Über das Wesen der Elfen


Über das Wesen der Elfen

Die schottischen Sagen enthalten den Glauben an ein die ganze Natur unsichtbar erfüllendes, mit den Menschen nah verbundenes Geisterreich am vollständigsten und verdienten daher eine solche abgesonderte Darstellung, bei welcher wir die zugänglichen Quellen sämtlich zu Rat gezogen haben. Was gegenwärtiges Buch in Beziehung auf Irland neues gewährt, davon schien die vorangestellte Übersicht für den Gebrauch desselben nützlich. Die Überlieferungen anderer Länder sind, soweit wir sie kennen, im Ganzen lückenhafter, wenn auch im Einzelnen manchmal ausführlicher; auf diese Weise fortzufahren und jedes Volk für sich zu behandeln, würde zwar eigene Vorteile darbieten, die vielfache und doch notwendige Wiederholung aber mehr Raum wegnehmen, als wir dieser Einleitung gestatten dürfen. Zweckmäßiger schien es daher, Hauptpunkte herauszuheben und bei Betrachtung derselben das Eigentümliche anderer Völker sowie das Bedeutende der Übereinstimmung und das hoch hinaufreichende Altertum des Ganzen anzumerken.

Der Weg, den wir dabei gehen, ist von dem verschieden, den Walter Scott in der obengenannten, ihres Inhalts wegen ohne Zweifel schätzbaren Abhandlung eingeschlagen hat. Er sucht auf eine, wie es uns dünkt, gewagte, in bloßen Voraussetzungen gegründete Art verschiedene, angeblich historisch gebildete Bestandteile dieses Geisterglaubens zu entdecken, die ihm seine gegenwärtige, im Abwelken begriffene Gestalt sollen gegeben haben. Dagegen ist unsere Absicht, ihn darzustellen wie etwas, das, solange es fortgedauert hat, ein aus lebendiger Mitte entsprungenes und in seinen Bestandteilen gegenseitig sich ergreifendes Ganzes muß gewesen sein. Indem wir keine Zeit vermischen, im Gegenteil jede sondern, und den großen Einfluß des Christentums auf Veränderung desselben nachzuweisen bemüht sind, glauben wir der historischen Untersuchung ihr Recht zu erhalten. Die frühesten Spuren von dem Dasein der Elfen aufzusuchen, lag mithin in unserm Zweck, sie haben den noch lebenden Glauben bestätigt, selbst erklärt, oder von ihm Licht empfangen.

Literatur. (Deutschland) Unsere Sammlung deutscher Sagen, wovon der erste Band, Berlin 1816, eine Menge hierher gehöriger Überlieferungen enthält; sodann die Hausmärchen, zweite Aufl. Berlin 1819. (Dänemark) Danske Folkesagn. Samlede af J. M. Thiele 1-3. B. Kjöbenh. 1818-1820. Danske Viser fra Middelalderen. 1. Bd. Kjöbenh. 1812. Junge den nordsjälandske Landalmues Character. Kjöbenh. 1798.-

R. Nyerup Overtro hos den danske Almue. In dem Wochenblatt: Dagen 1822. Stück 291-94. 297. 299. – (Schweden) Svenska Folk-Wisor utgifne af Geyer och Afzelius I-III. B. Stockh. 1814-1816, besonders B. III. 114-174. E. M. Arndt Reise durch Schweden III. 8-18. – (Norwegen) Hans Ström Beskrivelse over Söndmör i Norge. Förste Part. Soröe 1762. S.537-541. – (Island) Finni Johannaei historia ecclesiastica Island. II, 368. – (Färöer) Beskrivelse over Färöerne af Jörgen Landt. Kjöbenh. 1800. S.44-46. (Wales) The cambrian popular antiquities by Peter Roberts. London 1815. Cap. 24. – (Insel Man) Waldron Works. – (Shetländ. Inseln) A description of the Shetland Islands by S. Hibbert. London 1821. (Alt Preußen) Lucas David Preuß. Chronik herausgegeben von Ernst Hennig Königsb. 1812. I. 126-132.

20. Daniel O’Rourke’s Irrfahrten


20. Daniel O’Rourke’s Irrfahrten

(Siehe auch die Anmerkungen)

Jedermann hat von den berüchtigten Abenteuern des Daniel O’Rourke gehört, doch wie wenige wissen die wahre Ursache aller diesseits und jenseits erlebten Gefahren, und doch war sie keine andere, als daß er unter den Mauern der Phuka-Burg eingeschlafen war. Ich kenne den Mann recht gut, er wohnt in dem Tal von Hungry Hill, rechter Hand an der Landstraße, die nach Bantry führt. Er war zur Zeit, wo er mir das letztemal die Geschichte erzählte, ein alter Mann mit grauem Haar und roter Nase und es war den fünf und zwanzigsten Juni 1813, als ich sie von seinen eigenen Lippen hörte. Er saß eben und rauchte seine Pfeife unter einem alten Pappelbaum an einem so prächtigen Abend, als noch einer am Himmel gestanden hat. Ich hatte die Höhlen auf der Insel Dursey gesehen und den Morgen zu Glengariff zugebracht.

»Ich bin schon oft angegangen worden, Herr, es zu erzählen und es ist daher nicht das erstemal. Seht, der Sohn unseres Herrn war auf Reisen gewesen, jenseits in Frankreich und Spanien, wie es bei den jungen Herrn Sitte ist, ehe man noch etwas von Bonaparte oder seinesgleichen gehört hatte, und war nun zurückgekommen. Bei der Gelegenheit ward der ganzen Umgegend ein Fest gegeben und vornehm und gering, hoch und niedrig, arm und reich eingeladen. Es waren lauter Ehrenmänner von altem Korn und Schrot, mit eurer Erlaubnis sei es gesagt. Es ist wohl einem ein böses Wort herausgefahren oder dann und wann ein Peitschenstreich ausgeteilt worden, freilich! doch wir hatten am Ende keinen Schaden davon und sie waren so leutselig und artig, alles lief auf und ab und jeder war tausendmal willkommen; da nagte keiner wegen des Mietzinses und der geringen Mittel, da war kaum ein Pächter, der nicht von der Milde seines Herrn mehr als einmal im Jahr Beweise erhielt. Jetzt ists freilich anders, doch ich will davon schweigen und Euch lieber meine Geschichte erzählen.

Also, wir hatten alles aufs Beste und vollauf, wir aßen und tranken, wir tanzten und der junge Herr tanzte bei der Gelegenheit mit Gretchen Barry: damals ein schönes Paar, doch jetzt ists auch vorbei. Um mich kurz zu fassen, ich bekam bei der Gelegenheit, wie man zu sagen pflegt, einen kleinen Hieb, denn ich erinnere mich nicht recht, wie es kam, daß ich den Ort verließ, und doch verließ ich ihn, das ist gewiß. Ich dachte bei mir: du willst dich aufmachen zu der Marie Cronahan, der weisen Frau, und ein Wort mit ihr über das junge Kühchen reden, das notwendig behext sein muß. Und als ich so auf den Schrittsteinen quer durch die Furt von Ballyashenogh dahin ging, und zu den Sternen aufblickte, und mich segnete, warum? es war unserer Frauen Tag, so glitt mir der Fuß aus und platsch! fiel ich ins Wasser. Donner und Hagel, dachte ich, jetzt bist du verloren! Indessen hub ich an zu schwimmen und zu schwimmen immerzu, was ich nur konnte, bis ich endlich auf irgend eine Art, denn wie es zugegangen ist, weiß kein Mensch, an einer einsamen Insel landete.

Ich wanderte da auf und ab, ohne zu wissen, wohin ich wanderte, bis ich zuletzt in einen großen Sumpf geriet. Der Mond schien so hell, als der Tag oder die Augen Eurer schönen Frau, verzeiht, Herr, daß ich mir das zu sagen erlaube, und ich sah mich um nach Osten und Westen, nach Norden und Süden, nach allen Seiten, aber ich sah nichts als Sumpf und abermals Sumpf. Ich konnte nicht ausfindig machen, wie ich hinein gekommen war und mein Herz ward kalt vor Angst, denn gewiß und wahrhaftig, das mußte mein Totenhof werden. Ich saß da auf einem Stein, welcher zu gutem Glück sich da neben mir fand, riß mich in den Haaren und blies Trübsal nach Noten, als auf einmal der Mond dunkel ward. Ich blickte auf und konnte deutlich etwas sehen, das sich zwischen mir und dem Mond bewegte, aber ich konnte nicht sagen, was es war. Doch es kam herab mit einer Kralle und schaute mir gerade ins Gesicht und was war es anders, als ein Adler? so gut, als je einer durch das Land Kerry geflogen ist. Er schaute mir gerade ins Gesicht und sprach:

‚Daniel O’Rourke, wie gehts Euch?‘

‚Gut, Herr, ich danke Euch‘, antwortete ich, ‚ich will hoffen, Ihr befindet Euch auch wohl‘, während ich mich nicht genug verwundern konnte, daß so ein Adler sprach, wie ein Christenmensch.

‚Was bringt Euch hieher, Daniel?‘ sprach er weiter.

‚Gar nichts, Herr, ich wünsche nichts, als daß ich wohlbehalten wieder zu Haus wäre.‘

‚Ihr möchtet also gerne wieder von der Insel fort, Daniel?‘

‚Freilich, Herr‘, sagte ich, und erzählte ihm, ich hätte wohl einen Tropfen zu viel getrunken, und wäre ins Wasser gefallen, auf die Insel geschwommen und endlich in diesen Sumpf geraten und jetzt wüßte ich nicht, wie ich wieder heraus sollte.

‚Daniel‘, sprach er, nach einem Augenblick Nachdenken, ‚es war von Euch sehr unschicklich, an unserer Frauen Tag Euch zu berauschen, doch da Ihr sonst ein ehrbarer, mäßiger Mann seid, der ordentlich in die Messe geht und nach mir und den meinigen nicht mit Steinen wirft oder uns im Felde nachschreit, so setzt Euch auf meinen Rücken und haltet Euch fest, damit Ihr nicht herabfallt, ich will Euch aus diesem Sumpf tragen.‘

‚Lieber Herr‘, sagte ich, ‚ich fürchte nur, Ihr treibt Euren Scherz mit mir! Wer hat je gehört, daß sich einer rittlings auf eines Adlers Rücken gesetzt hätte?‘

‚Auf mein Ehrenwort‘, erwiderte er, ‚es ist mein völliger Ernst, und nun nehmt mein Erbieten an, oder kommt um in diesem Sumpfe. Zudem sehe ich, daß Eure Schwere den Stein sinken macht.‘

Es war leider wahr, was er sagte, denn ich fand, daß der Stein jeden Augenblick unter mir sank. Ich hatte keine Wahl und dachte bei mir: wer wagt, gewinnt! und das machte mir Mut.

‚Ich danke, Ew. Gnaden‘, sagte ich, ‚für die erzeigte Höflichkeit und will Euer gütiges Erbieten annehmen.‘

Ich bestieg also den Rücken des Adlers und hielt mich fest an seinen Hals. Er erhob sich in die Luft, als wär‘ er eine Lerche. Ich wußte nichts von dem Streich, den er mir spielen wollte. Er flog immer höher auf, Gott weiß, wie weit.

‚Aber, Herr‘, sagte ich zu ihm, weil ich dachte, der gerade Weg nach Haus wäre ihm unbekannt, doch überaus artig sagte ich es zu ihm, denn ich war gänzlich in seiner Gewalt, ‚möge es Ew. Gnaden gefallen, und indem ich es Eurem bessern Urteil untertänig anheimgebe, wenn Ihr ein weniges herunterfliegen wolltet, so kämen wir gerade über mein kleines Haus und ich könnte da absitzen und mich bei Ew. Herrlichkeit tausendmal bedanken.‘

‚Zum Henker, Daniel‘, sagte er, ‚meinst du, ich wäre ein Narr? Schau herab auf das nächste Feld, siehst du nicht zwei Männer mit Flinten? Wahrhaftig, das wäre ein schöner Spaß, wenn ich mich sollte totschießen lassen, einem betrunkenen Lump zu gefallen, den ich in einem Sumpf von einem Steine aufgepickt habe!‘

‚Willst du mich hudelen!‘ dachte ich bei mir, sagte es aber nicht heraus, denn was hätte mir das genützt? Gut, er stieg in die Höhe, immerzu, und ich bat ihn jeden Augenblick herab zu fliegen, aber alles war vergeblich.

‚Wo in aller Welt, Herr, geht die Reise hin?‘ sprach ich zu ihm.

‚Halt dein Maul, Daniel‘, antwortete er, ‚besorge deine eigenen Geschäfte und mische dich nicht in die Angelegenheiten anderer Leute.‘

‚Aber ich sollte meinen, das wäre meine eigene Angelegenheit‘ rief ich.

‚Verhalte dich ruhig, Daniel‘, sprach er, und ich sagte nichts mehr.

Endlich langten wir an, aber auf dem Mond selbst. Nun, Ihr könnts von hieraus nicht sehen, aber dort ist, oder dort war zu meiner Zeit, an der Seite des Monds eine Sichel, seht, in folgender Gestalt!«

Dabei machte Daniel mit der Spitze seines Stocks in der Erde einen Kreis und rechter Hand einen sichelförmigen Hacken daran.

»’Daniel‘, sagte der Adler, ‚von dem langen Flug bin ich müde, ich habe keinen Begriff davon gehabt, daß es so weit wäre.‘

‚Aber, was in aller Welt, hat Ew. Herrlichkeit bewogen, einen so weiten Weg zu machen? Ich gewiß nicht. Habe ich nicht ersucht, gebeten und gefleht, nur ein halbes Stündchen zurückzuhufen?‘

‚Unnützes Geschwätz, Daniel‘, sagte er, ‚ich bin schrecklich abgemattet, du mußt absteigen und so lange dich auf den Mond niederlassen, bis ich mich erholt habe.‘

‚Ich soll mich auf den Mond setzen, auf das kleine, runde Ding da? Nichts gewisser, als daß ich im ersten Augenblick herunterfalle und verloren bin, und tot und in Stücke zerschmettert: Ihr seid ein schändlicher Betrüger, ja das seid Ihr!‘

‚Nicht ganz und gar, Daniel‘, sagte er, ‚du kannst die Sichel ergreifen, die an der Seite des Mondes herausragt und dich daran fest halten.‘

‚Ich will aber nicht‘, sagte ich.

‚Es geht nicht anders‘ sagte er ganz gelassen, ‚willst du aber nicht, lieber Mann, so gebe ich dir einen Schub und einen Klaps mit meinen Flügeln dazu, und schicke dich hinab auf den Boden, wo jeder Knochen von dir in so kleine Stücke soll zerschmettert werden, als frühmorgens ein Tautropfen, der von einem Kohlblatt fällt.‘

‚Nun‘, sagte ich zu mir, ’so weit hat michs gebracht, daß ich mich mit euresgleichen eingelassen habe‘ und eine harte Verwünschung ihm zurufend, damit er wüßte, was ich gesagt hätte, sprang ich mit schwerem Herzen von seinem Rücken, faßte die Sichel und saß nun oben auf dem Mond und es war ein verwünscht kalter Sitz, das kann ich Euch sagen.

Als er mich so hübsch abgesetzt hatte, wendete er sich zu mir und sagte:

‚Guten Morgen, Daniel O’Rourke, ich denke, ich habe dich artig erwischt! Du hast mir voriges Jahr mein Nest beraubt (daran hatte er wahrhaftig Recht, aber wie er das herausgebracht hat, ist schwer zu sagen) und zur Vergeltung mußt du es dir gefallen lassen, deine Fußsohlen abzukühlen, wenn du auf dem Mond herumschwankst, wie ein Hahn der aufgehängt ist, um danach zu schlagen.‘

‚Ist das alles und willst du mich auf diese Art verlassen, du Bestie du?‘ rief ich, ‚du unnatürliches Scheusal, ist das das Ende von deiner Dienstfertigkeit? Daß du verschimmeln möchtest, krummnasiger Lump! Du und deine ganze Brut!‘

Was half alles! Er spreitete seine großen mächtigen Schwingen voneinander, brach in lautes Gelächter aus und flog mit Blitzesschnelligkeit dahin. Ich schrie ihm nach, er möchte anhalten, doch ich hätte in alle Ewigkeit rufen und schreien können, er würde mich nicht gehört haben. Er flog fort und ich habe ihn nicht wieder gesehen, bis auf diesen Tag. Mögen ihn zehn Donnerkeile erschlagen! Ihr seht ein, ich war in einer verzweifelten Lage, ich blieb zurück laut schreiend in so großer Bedrängnis, als auf einmal mitten im Mond eine Türe sich öffnete, die in ihren Angeln krachte, als wenn sie seit Monaten nicht wäre aufgemacht worden. Ich glaube, sie haben noch niemals daran gedacht, sie ein wenig einzu-schmieren. Wer kam heraus? Ihr wißt es schon, der Mann im Mond. Ich erkannte ihn an seinem Bündel.

‚Guten Morgen, Daniel O’Rourke‘, sagte er ‚wie gehts Euch.‘

‚Gut, ich danke Euch, ich hoffe, Ihr befindet Euch auch wohl.‘

‚Was bringt Euch hieher, Daniel?‘ sagte er.

Ich erzählte ihm, daß ich mich auf dem Fest des jungen Herrn ein wenig übernommen hätte und auf eine einsame Insel wäre geworfen worden und dort in einen Sumpf mich verloren hätte und daß ein Schurke von Adler versprochen, mich herauszutragen, statt dessen aber mich auf den Mond herauf-geschleppt hätte.

Als ich mit meiner Erzählung zu Ende war, nahm der Mann eine Prise Tabak und sagte: ‚Daniel, hier dürft Ihr nicht stehen.‘

‚Freilich, Herr, es ist ganz gegen meinen Willen, daß ich hier bin, aber wie soll ich wieder zurückkommen?‘

‚Das ist eure Sache, Daniel‘, sagte er, ‚meine ist es, Euch anzukündigen, daß Ihr hier nicht stehen dürft, also macht Euch fort und das in weniger als gar keiner Zeit.‘

‚Ich tue Euch keinen Schaden, und halte mich nur an die Sichel fest, damit ich nicht herabfalle.‘

‚Gerade das ist, was Ihr nicht tun sollt, Daniel‘, sagte er.

‚Verzeiht, Herr‘, sagte ich, ‚darf ich fragen, wie stark eure Familie ist, weil Ihr einen armen Reisenden nicht herbergen wollt? Ich weiß gewiß, Ihr werdet nicht allzuoft durch Fremde belästigt, die Euch gerne sehen wollen, da es ein weiter Weg ist.‘

‚Ich lebe für mich allein, Daniel‘, antwortete er, ‚doch Ihr tätet besser, wenn Ihr von der Sichel los ließet.‘

‚Mit Eurer Erlaubnis, ich lasse den Griff nicht los, darauf könnt Ihr rechnen.‘

‚Ihr tätet besser, Daniel‘, wiederholte er.

‚Ei, kleiner Kroate‘, sagte ich, indem ich die ganze Gestalt mit den Augen von Kopf bis zu Füßen maß, ‚zu einem Handel gehören zwei, und ich will nicht von hier weg, aber Euch stehts frei, wenn es Euch gefällig ist.‘

‚Wir wollen sehen, wie sichs einrichten läßt‘, sagte er und ging ab, indem er die Türe so hinter sich zuschlug, denn er war offenbar ärgerlich, daß ich dachte, der Mond mit allem Zubehör würde herabfallen.

Ich bereitete mich vor, Gewalt bei ihm zu brauchen, als er wieder zurückkam mit einem Küchenmesser in der Hand; ohne ein Wort zu sagen, schlug er zweimal auf den Griff der Sichel und ratsch! entzwei war sie.

‚Guten Morgen, Daniel!‘ rief der kleine boshafte Racker, als er mich mit einem Stückchen von dem Griff in der Hand ganz säuberlich hinabfallen sah, ‚Ich danke für Euren Besuch und wünsche Euch gutes Wetter zur Reise.‘

Ich hatte keine Zeit, ihm zu antworten, denn ich stürzte und wälzte mich um und um, wie es bei einer Fuchsjagd hergeht.

‚Gott stehe mir bei!‘ rief ich, ‚aber es muß ein erbaulicher Spaß sein, einen rechtschaffenen Mann zur Nachtzeit in solcher Hetze zu sehen! Ich bin schön abgefahren!‘

Das Wort war mir kaum aus dem Munde, husch! da rauschte etwas ganz nah an meinem Ohr vorüber und was konnte das anders sein, als ein Flug wilder Gänse? Und der alte Gänserich, der Anführer war, drehte den Kopf nach mir und rief: ‚Bist du es, Daniel?‘

Ich erstaunte nicht im geringsten über das, was er sagte, denn ich war dazumal an alle Arten von Teufeleien gewohnt und außerdem, ich kannte ihn aus alter Zeit.

‚Guten Morgen, Daniel O’Rourke‘, sagte er, ‚wie stehts mit der Gesundheit?‘

‚Gut, Herr, ich danke Euch schönstens‘, sagte ich, nach Atem schnappend, denn ich konnte kaum dazu kommen, ‚ich hoffe ein Gleiches von Euch.‘

‚Mich dünkt, du bist eben beschäftigt herabzufallen, Daniel?‘

‚Wie es Euch beliebt zu sagen, Herr‘, antwortete ich.

‚Und wohin so eilig?‘ fragte der Alte.

Ich erzählte ihm, daß ich ein Tröpfchen zu viel getrunken hätte und auf eine Insel gekommen wäre, wo ich mich in einen Sumpf verloren hätte und wie ein Teufel von Adler mich auf den Mond getragen und der Mann im Mond mich wieder fortgejagt hätte.

‚Daniel‘, sagte er, ‚ich will dich retten, strecke die Hand aus und packe mein Bein, so will ich dich nach Haus bringen.‘

‚Mein Augentrost!‘ sagte ich, ‚Eure Worte sind Honigseim‘, doch ich dachte dabei: ‚Sonderlich darf ich dir nicht trauen‘, aber da war sonst keine Rettung. Ich packte den Gänserich beim Bein und wir flogen hinter ihm her, ich und die andern Gänse, so schnell als sprängen wir im Tanz.

Wir flogen und flogen, bis wir über das weite Meer kamen. Ich wußte es wohl, denn ich sah rechter Hand das Cap Clear, wie es aus dem Wasser hervorspringt.

‚Ach, gnädiger Herr‘, sagte ich zu dem Anführer der Gänse, denn mir schien es das klügste, wenn ich es an artigen Worten nicht fehlen ließe, ‚fliegt doch landeinwärts, wenn es Euch gefällig ist.‘

‚Das geht jetzt unmöglich, siehst du wohl, Daniel‘, antwortete er, ‚wir sind auf dem Weg nach Arabien.‘

‚Nach Arabien!‘ rief ich, ‚das ist gewiß ein Ort in der Fremde, weit von hier.‘

‚Stille, still, du Narr‘, antwortete er, ‚laß dein Geschwätz, ich sage dir, Arabien ist ein prächtiger Ort und West-Carbery so ähnlich als ein Ei dem andern, nur ein bißchen mehr Sand ist dort.‘

Indem wir so sprachen, ward ein Schiff sichtbar, das im Wind stolz daher schoß.

‚Ach! Herr‘, sagte ich, ‚wenn es Euch gefällig wäre, mich in das Schiff hinabfallen zu lassen.‘

‚Wir sind nicht gerade über dem Schiff‘, antwortete er.

‚Wir sind es‘, sagte ich.

‚Wir sind es nicht‘, antwortete er. ‚Wenn ich dich jetzt fallen lasse, so platschest du ins Wasser.‘

‚Ach nein‘, sagte ich, ‚ich verstehe das besser, es ist gerade unter uns; laßt mich nur herunterfallen.‘

‚Wenn du mußt‘, sagte er, ’so gehe deiner Wege.‘

Er ließ mich los und wahrhaftig, er hatte recht, denn ich plumpste richtig in die Tiefe des salzigen Meeres. Ja, ich plumpste in die Tiefe und gab mich auf immer verloren, als ein Walfisch auf mich los kam, der sich nach seinem nächtlichen Schlaf die Augen ausrieb und mich gerade ins Gesicht anglotzte, ohne ein Sterbenswörtchen zu reden. Doch hob er seinen Schwanz in die Höhe und plätscherte damit, daß ich über und über mit salzigem, kaltem Wasser begossen ward, so lange bis kein trockner Faden mehr am ganzen Leibe war. Da hörte ich jemand sagen, und es war eine Stimme, die ich wohl kannte:

‚Steig auf, du Trunkenbold, fort von hier!‘

Indem wachte ich auf und da stand Judy mit einem Zuber voll Wasser, den sie über mich ausschüttelte. Gott habe sie selig! Aber sie war eine gute Frau, die es nicht übers Herz bringen konnte, mich trunken zu sehen und die über ihr Eigentum mit kräftiger Hand waltete.

‚Steig auf!‘ sagte sie, ‚gabs keinen andern Platz im Kirchsprengel, wo du deiner Neigung folgen und dich niederlegen konntest, als dieser, unter den alten Mauern von Carrigaphuka? Ich wette, du hast einen erbärmlichen Schlaf gehabt.‘

Und wahrhaftig, das hatte ich, denn meine Seele war nicht schlecht gequält worden, von Adlern, Männern im Monde, fliegenden Gänsen, und Walfischen, die mich durch Sümpfe, hinauf in den Mond und herab in den Grund des grünen Meers jagten. Und wenn ich zehnmal mehr getrunken hätte, es könnte doch einer lange darauf warten, bis ich mich wieder an jener Stelle niederlegte; ich kenne das!«

Der Cluricaun


Der Cluricaun

(Siehe auch die Anmerkungen)

Es gibt wenig Leute in Irland, die nicht die alte Familie der Mac Carthys kennen sollten, deren Zweige sich in dem Süden ausgebreitet haben und die sämtlich durch die Gastfreundschaft berühmt sind, womit sie jeden Fremden, vornehm oder gering, aufnehmen.

Von niemand übertroffen ward hierin Justin Mac Carthy von Ballinacarthy; seine Tafel war mit Speise und Trank reichlich besetzt und herzlich willkommen jeder, der daran Teil nehmen wollte. Sein Weinkeller konnte für ein wahrhaftes Muster gelten und mancher andere mußte sich dagegen seines Namens schämen. So viel Raum er hatte, war er doch mit Körben für Weinflaschen und langen Reihen von Fässern aller Art und Größe angefüllt, so daß sie aufzuzählen mehr Zeit wegnehmen würde, als der mäßigste Mensch übrig behalten könnte an solch einem Platz, umgeben von der Fülle zu trinken und herzlich eingeladen, es zu tun.

Ohne Zweifel wird mancher denken, daß der Mundschenk in einem solchen Hause wenig Ursache habe, Klage zu führen und die ganze Grafschaft würde eingestimmt haben, wenn man nur ein Beispiel gehabt hätte, daß ein Mann in diesem Amt längere Zeit, als der Rede wert ist, bei Herrn Mac Carthy geblieben wäre. Gleichwohl sprach keiner, der in seinen Diensten gewesen war, ein böses Wort von ihm.

»Wir haben an dem Herrn nichts auszusetzen«, sagten sie, »und wenn er nur jemand auftreiben könnte, der ihm den Wein aus dem Keller holte, so wäre ein jeder von uns grau in dem Haus geworden und wir hätten bis an unser seliges Ende ruhig und vergnügt da gelebt.«

»Es ist wahrhaftig eine recht wunderliche Geschichte«, dachte der junge Hans Leary, der von Kindheit an in den Ställen zu Ballinacarthy als Beiläufer aufgewachsen war und gelegentlich dem Mundschenk bei seinem Geschäft hilfreiche Hand geleistet hatte, »es ist wahrhaftig eine wunderliche Geschichte, daß kein einziger mit der besten Stelle im ganzen Haus zufrieden sein will, zumal bei einem so guten Herrn, sondern jeder sie wieder aufgibt und zwar, wie sie alle sagen, des Weinkellers wegen. Wollte mich der Herr, dem Gott langes Leben verleihe! zum Mundschenk machen, so sollte man kein murrendes Wörtchen hören, wenn er mich in den Weinkeller gehen heißt, das verspreche ich.«

Leary wartete daher auf eine günstige Gelegenheit, wo er dem Herrn seine Absicht kund geben könnte.

Einige Tage darnach ging Herr Mac Carthy morgens ungewöhnlich früh in den Stallhof und rief laut nach dem Stallknecht: er sollte ihm die Pferde satteln, da er willens sei mit den Jagdhunden auszureiten. Aber kein Stallknecht gab Antwort und der junge Hans Leary führte Regenbogen aus dem Stall.

»Wo ist Wilhelm?« fragte Herr Mac Carthy.

»Gnädiger Herr?« sagte Hans und Herr Mac Carthy wiederholte die Frage.

»Nach dem Wilhelm fragt der gnädige Herr?« antwortete Hans, »ja die Wahrheit zu sagen, er hat vorige Nacht ein Glas zu viel getrunken.«

»Wie kam er dazu?« fragte Herr Mac Carthy, »seit Thomas weggegangen ist, befinden sich die Kellerschlüssel in meiner Tasche und ich sehe mich genötiget, den Wein den ich brauche selbst zu holen.«

»Ich bin durchaus nicht im Stand, es zu sagen«, erwiderte Leary, »es müßte denn sein, daß ihm der Koch ein kleines Restchen Branntewein gegeben hätte; doch«, fuhr er fort, und schnallte den Bügel niedriger, indem er mit der rechten Hand in die Mähnen griff und seinen Kopf herabsenkte, während er mit dem linken Bein, welches er vorgesetzt hatte, zurückscharrte, »darf ich es wagen, Ew. Gnaden eine Frage zu tun?«

»Rede, Hans«, sagte Herr Mac Carthy.

»Wünschen Ew. Gnaden nicht einen Mundschenk zu haben?«

»Weißt Du mir einen?« antwortete der Herr und lächelte gutgelaunt über seine Haltung, »und einen der sich nicht fürchtet in den Weinkeller zu gehen?«

»Ist bloß davon die Rede?« sagte der junge Leary, »Gott weiß! dazu wäre ich der Mann.«

»Du denkst also mir deine Dienste in der Eigenschaft eines Mundschenks anzubieten?« sagte Herr Mac Carthy mit einigem Erstaunen.

»Ja, gnädiger Herr, das war meine Absicht«, antwortete der junge Leary, der jetzt zum erstenmal von dem Boden aufschaute.

»Wohlan, ich glaube du bist ein braver Bursche und ich habe nichts dagegen mit dir einen Versuch zu machen.«

»Mögen Ew. Gnaden lange unser Herr sein und möge Gott Euch langes Leben verleihen!« rief Leary aus und neigte sich nach üblicher Weise, als sein Herr davon ritt. Er sah ihm noch eine Weile mit gedankenlosem Starren nach, bis er allmählich und gradweise eine wichtige Miene annahm.

»Hans Leary!« sagte er endlich, »Hans, ists Hans?« und in einem Tone von Verwunderung: »Meiner Treue, es ist nun nicht Hans, sondern Herr Johann, der Mundschenk.« Und mit einem Vorgefühl der herannahenden Würde schritt er aus dem Stallhof nach der Küche hin.

Learys alter Stallgenosse, ein armer ausgedienter Hund namens Bran, gewohnt öfter liebreich an den Kopf geklopft zu werden, wurde mit einem Fußtritt und dem Ausruf: »Aus dem Weg, Racker!« fortgejagt. In der Tat, des armen Hans Gedächtnis schien durch seine plötzliche Erhebung verwirrt. Außer Zweifel ward dies gestellt, durch das gänzliche Vergessen des allerliebsten Gesichtes des Küchenmädchens, auf dessen Herz er noch vorige Woche einen Angriff getan hatte, durch das Anerbieten ihr einen goldenen Ring an den vierten Finger der rechten Hand zu kaufen und durch einen derben Kuß auf ihre Lippen.

Als Herr Mac Carthy von der Jagd heimkam, schickte er nach Hans Leary, wie er fortfuhr seinen neuen Mundschenk zu nennen.

»Hans«, sagte er, »ich glaube du bist ein zuverlässiger Bursche, hier sind die Schlüssel zum Keller. Ich habe die Herrn, mit welchen ich heute auf der Jagd war, eingeladen mit mir zu essen und ich hoffe, sie werden mit deiner Aufwartung bei Tische zufrieden sein, vor allen Dingen, sorge dafür, daß es nach dem Essen nicht an Wein fehlt.«

Herr Johann hatte ein leidlich gutes Auge für diese Dinge und war von Natur anstellig; er breitete demnach die Tafeltücher aus, stellte die Teller und legte Messer und Gabel auf dieselbe Art, wie er seinen Vorgänger im Amt dieses Geschäft hatte verrichten gesehen. Und wirklich, für den Anfang ging es bei dem Essen recht gut.

Nur muß man nicht vergessen, daß in dem Hause eines irländischen Landedelmannes, welcher eine Gesellschaft von gestiefelten und gespornten Fuchsjägern bewirtete, manches nicht so sehr in Betracht kam, was als Gegenstand von höchster Wichtigkeit unter andern Umständen und in andern Gesellschaften gegolten hätte.

Keiner von den Gästen des Herrn Mac Carthy, treffliche und ehrenwerte Männer in ihrer Art, trug daher große Sorge, ob der Punsch, der nach der Suppe gereicht wurde, aus Jamaica- oder Antigoa-Rum gemacht war. Ebenso wenig hatten sie Lust, die Reinheit des guten alten gebrannten Wassers zu untersuchen und mit Ausnahme des freigebigen Wirts selbst, zog jeder in der Gesellschaft den Portwein, welchen Herr Mac Carthy auf seine Tafel setzte, dem weniger feurigen Wohlgeschmack des roten französischen Weins vor. Eine Wahl, die eigentlich dem neuem Geschmack widersprechen sollte.

Es ging stark auf Mitternacht, als Herr Mac Carthy dreimal die Schelle zog, welches das Zeichen war, mehr Wein zu bringen. Hans begab sich daher nach dem Keller um frischen Vorrat zu holen, doch, es zu gestehen, mit einem kleinen Zögern.

Der Luxus mit Eis war noch unbekannt in dem südlichen Irland, der Vorzug des kühlen Weins aber von niemand bestritten, der gesundes Urteil und richtigen Geschmack hatte.

Der Großvater des Herrn Mac Carthy, welcher das Wohnhaus von Ballinacarthy auf die Stelle einer alten, seinen Voreltern zugehörigen Burg aufgebaut hatte, nahm auf diesen wichtigen Umstand gar wohl Bedacht. Bei Anlegung des Kellers hatte er ein tiefes Gewölbe benutzt, welches in früheren Zeiten in den mächtigen Felsen als ein sicherer Zufluchtsort ausgehauen war. Man stieg in das Gewölbe auf steinernen Stufen hinab und hier und da waren in der Wand schmale Öffnungen oder, recht zu sagen, Risse, mithin gewisse Stellen, welche tiefe Schatten warfen und recht grausenhaft aussahen, wenn jemand mit einem einzelnen Licht die Stufen herabkam. Aber in Wahrheit, zwei Lichter konnten die Sache nicht viel besser machen, denn wenn auch die Breite des Schattens etwas abnahm, die engen Spalten waren so dunkel und dunkler als je.

Alle seine Entschlossenheit aufbietend machte sich der neue Mundschenk auf den Weg. In der rechten Hand trug er eine Laterne und die Kellerschlüssel, in der linken einen Korb, der ihm fähig schien, so viel zu fassen, als für die noch übrige Nacht nötig sein mochte. Er gelangte ohne irgendeine Störung zu der Türe. Als er aber den Schlüssel, der von alter und plumper Art war, einsteckte und umdrehen wollte, so deuchte ihn, er hörte ein seltsames Gelächter mitten in dem Keller, wobei einige leere Flaschen, welche außen auf der Flur standen, so heftig zitterten, daß sie aneinander zerbrachen; hierin konnte er nicht irren, wenn er sich auch in dem Lachen mochte geirrt haben, denn die Flaschen standen gerade vor seinen Füßen und er sah deutlich ihre Bewegung.

Leary wartete einige Augenblicke und schaute dann mit ungewöhnlicher Behutsamkeit um sich. Dann faßte er keck den Griff des Schlüssels und drehte ihn mit aller Macht in dem Schloß, als bezweifle er seine eigene Stärke; und die Türe flog mit so heftigem Krachen auf daß wenn das Haus nicht auf einem so mächtigen Felsen gestanden hätte, es in seinen Fundamenten wäre erschüttert worden.

Eine Erzählung von dem, was der arme Bursch gesehen hat, ist kaum möglich, da er kein rechtes Bewußtsein von sich selbst scheint gehabt zu haben. Dem Koch erzählte er den folgenden Morgen, daß er ein Heulen und Brüllen gehört habe wie von einem tollgewordenen Ochsen und daß alle Fässer, groß und klein, geschwankt hätten, rückwärts und vorwärts gegangen wären und zwar mit solcher Gewalt, daß er gedacht hätte, sie würden alle miteinander zusammenbrechen und er im Weine ersäuft oder erstickt werden.

Sobald Leary wieder zu sich selbst gekommen war, eilte er zu dem Speisezimmer, wo der Herr und die Gesellschaft ungeduldig auf seine Rückkehr warteten.

»Was hast du vor?« sagte Herr Mac Carthy mit einer ängstlichen Stimme, »und wo ist der Wein? Schon vor einer Stunde habe ich geschellt.«

»Der Wein ist in dem Keller, hoffe ich, Herr«, sagte Leary heftig zitternd, »ich hoffe, er ist nicht all verloren.«

»Was meinst du, Narr?« rief Herr Mac Carthy in einem immer ängstlicheren Ton, »Warum hast du keinen mit dir heraufgebracht?«

Leary blickte wild umher und stieß nur einen tiefen Seufzer aus. »Ihr Herrn!« sagte Mac Carthy zu seinen Gästen, »das ist zu arg! Wenn ich das nächstemal Euch an meinem Tische sehe, hoffe ich, soll es in einem andern Hause sein, denn es ist unmöglich, länger in diesem hier zu bleiben, wo man nicht über seinen eigenen Weinkeller Herr ist und keinen Mundschenk bekommen kann, der seine Schuldigkeit tut. Ich habe schon lange daran gedacht, von Ballinacarthy wegzuziehen und bin nun mit Gottes Beistand entschlossen, es morgen am Tage zu verlassen. Doch Wein sollt Ihr haben und müßte ich selbst deshalb in den Keller gehen.« Mit diesen Worten stand er von der Tafel auf, nahm Schlüssel und Laterne seinem halb verrückten Diener, der ihn gedankenlos anstarrte, aus der Hand und stieg die schon beschriebene steinerne Treppe, die zu dem Keller führte, hinab.

Bei der Türe angelangt, die er offen fand, glaubte er ein Geräusch zu hören, wie wenn Mäuse oder Ratten über die Fässer krabbelten und als er näher kam, bemerkte er eine kleine Gestalt, etwa sechs Daumen hoch, welche sich rittlings auf ein Faß mit dem ältesten Portwein gesetzt hatte und einen Zapfen auf der Schulter trug. Mac Carthy hob die Laterne in die Höhe und betrachtete den kleinen Gesellen voll Verwunderung. Er trug eine kleine Nachtmütze auf dem Haupt, vorne ein kurzes Lederschürzchen, das jedoch in seiner gegenwärtigen Stellung auf eine Seite gefallen war; die Strümpfe von hellblauer Farbe gingen so weit herauf, daß sie beinahe sein ganzes Bein bedeckten und an den Schuhen, auf welchen gewaltig große silberne Schnallen lagen, waren hohe Absätze, vielleicht aus Eitelkeit, um größer zu erscheinen. Sein Gesicht glich einem zusammengeschrumpften Winterapfel und seine Nase von glänzender Karmesinfarbe trug auf der Spitze eine zarte Purpurblume gleich einer Rosine. Seine Augen funkelten wie ein paar Johanneswürmchen und sein Mund zog sich mit einem verschmitzten Grinsen nach einer Seite.

»Ach Schurke!« rief Herr Mac Carthy, »habe ich dich endlich gefunden, Ruhestörer! Was hast du in meinem Keller zu schaffen?«

»Freilich, aber, Herr«, antwortete der Kleine und schaute mit einem Auge zu ihm auf, mit dem andern warf er einen listigen Blick nach dem Zapfen auf seiner Schulter, »ziehen wir morgen nicht aus? Ihr werdet den kleinen Cluricaun Naggenin, der Euch angehört, gewiß nicht zurücklassen.«

»O« dachte Mac Carthy, »willst du mir nachfolgen, Meister Naggenin, so sehe ich wenig Vorteil, wenn ich Ballinacarthy verlasse.« Er füllte den Korb, den Leary in seiner Angst nicht mitgenommen und nachdem er die Kellertüre verschlossen hatte, begab er sich wieder zu seinen Gästen.

Einige Jahre lang mußte sich Mac Carthy den Wein für seine Tafel selbst holen und der kleine Cluricaun schien eine persönliche Ehrerbietung vor ihm zu fühlen. Ungeachtet der Beschwerlichkeiten dieser täglichen Reise brachte es der ehrenwerte Herr von Ballinacarthy in seinem väterlichen Hause zu einem hübschen Alter und ward endlich durch die Trefflichkeit seiner Weine so wie durch die Fröhlichkeit seiner Gäste berühmt. Doch zur Zeit seines Todes hatte die Gesellschaft den Weinkeller ziemlich geleert und da er nachher weder so gut wieder angefüllt wurde noch so oft besucht, verloren die Feste des Meister Naggenin ihren Ruf und man hört nur davon, wenn man sich über die Sagen der Gegend belehren läßt. Da wird noch erzählt, der arme Wichtelmann habe sich den Verfall des Weinkellers so schwer zu Herzen genommen, daß er gegen sich selbst nachlässig und gleichgültig geworden und manchmal sei gesehen worden, kaum mit einem Lumpen bedeckt.

13. Der Schuhmacher


13. Der Schuhmacher

(Siehe auch die Anmerkungen)

Es gibt eine Art Menschen, denen jeder einmal hier und da begegnet ist, Menschen, die tun, als glaubten sie nicht, woran sie im Herzen doch glauben und wovor sie sich fürchten. Felix O’Driscoll war ein solcher, überall mit dem Munde voraus, ein Schreier und Schwätzer, gab er vor, weder an die Elfen noch an Cluricaune und Phuken zu glauben und manchmal war er so unverschämt sich anzustellen, als bezweifle er das Dasein der Geister, an welche doch jeder Mensch auf irgendeine Weise glaubt. Die Leute aber pflegten sich zu winken oder einander anzusehen, wenn Felix prahlte, denn man hatte bemerkt, daß er sich fürchtete, wenn er über die Furt von Ahnamoe bei Nacht ging und daß, wenn er einmal über den alten Kirchplatz von Grenaugh in der Dunkelheit ritt, obgleich er sich Mut genug getrunken hatte, er sein Pferd in Trab setzte, so daß niemand gleichen Schritt mit ihm halten konnte und er regelmäßig von Zeit zu Zeit einen scharfen Blick über seine linke Schulter warf.

Eines Abends saßen in Lorenz Reillys Wirtshaus Leute beisammen, tranken und schwätzten und Felix war auch dabei. Er fing wie gewöhnlich mit seinem Geschwätz über die Elfen an und schwur, daß er nicht glaube, es gäbe etwas Lebendiges außer Menschen und Tieren, Fischen und Vögeln und solchen Dingen, die man mit Augen sehen könnte; er begann auf eine so freche Art von dem stillen Volke zu reden, daß etliche in der Gesellschaft erschraken und sich bekreuzigten, ungewiß, was sich ereignen könnte, als eine alte Frau, Moirna Hogaune genannt, welche in einen blauen Mantel gewickelt, in der Ecke beim Feuer gesessen und ihre Pfeife geraucht hatte, ohne in das Gespräch sich einzulassen, ihre Pfeife aus dem Mund nahm, ins Feuer spie und sich umwendend den Felix ins Auge faßte.

»Ihr glaubt also nicht, daß es solche Wesen gibt, als die Cluricaune?« sagte sie.

Felix sah sie erschrocken an, antwortete aber nichts.

»Auf meine Treue, es ziemt wohl Euersgleichen, der nichts ist als ein Stück von einem Gelbschnabel, Euch anzumaßen, Ihr glaubtet nicht an das, was Euer Vater, Eueres Vaters Vater und dessen Voreltern vor ihm niemals im geringsten bezweifelt haben. Doch ich will nicht viele Worte machen, man spricht, wer sieht, der glaubt, so will ich, die ich Eure Großmutter sein könnte, Euch sagen, daß es solche Wesen gibt, wie die Cluricaune und daß ich selbst einen gesehen habe. Was wollt Ihr nun!«

Jedermann in der Stube richtete erstaunt seine Augen nach ihr hin und drängte sich zu dem Feuer, um mit zuzuhören. Felix versuchte zu lachen, aber es wollte nicht gehen und niemand achtete darauf.

»Ich erinnere mich«, sagte sie, »einige Zeit nachdem ich meinen braven Mann, der nun auch dahin gestorben ist, geheiratet hatte, es war gerade, daß ich es bei der Gelegenheit sage, kurz vorher, ehe ich mein erstes Kind zur Welt brachte (und das ist schon eine schöne Zeit), daß ich mich herausgesetzt hatte in unser kleines Gärtchen mit dem Strickzeug in der Hand, auf die Bienen acht zu geben, welche schwärmen wollten. Es war ein schöner Tag mit Sonnenschein in der Mitte Juni, die Bienen flogen von ihren Körben summend aus und ein, die Vögel zwitscherten und hüpften in dem Gebüsch und die Schmetterlinge schwärmten umher und ließen sich auf die Blumen nieder und alles duftete so frisch und süß und ich fühlte mich so glücklich, daß ich kaum wußte, wo ich war. Auf einmal hörte ich zwischen einigen Reihen Bohnen, die wir in der Ecke des Gartens hatten, ein Geräusch, das ging ticktack! ticktack! gerade als wenn ein Schuster den Absatz an einen Schuh anschlägt. »Gott behüte uns!« sagte ich zu mir selbst, »Was in aller Welt kann das sein?« Ich legte mein Strickzeug nieder, stieg auf, schlich mich sachte zu den Bohnen hin, und glaubt mir nimmermehr, wenn ich nicht vor mir, mitten darin, ein altes Männchen sitzen sah, nicht den vierten Teil so groß als ein neugebornes Kind, ein kleines aufgekremptes Hütchen auf dem Haupt, ein Pfeifenstümpfchen in dem Mund, aus dem es beständig rauchte, und einen schlichten, altfränkischen, erbsenfarbigen Rock mit großen Knöpfen auf dem Leibe, ein paar massivsilberne Schnallen auf den Schuhen, die den ganzen Fuß bedeckten, so groß waren sie; dabei arbeitete er in einem fort so eifrig, als er konnte, indem er Absätze an ein paar kleine Holzschuhe machte. Sowie meine Augen nur auf ihn fielen, wußte ich auch, daß es ein Cluricaun war und keck und beherzt sagte ich zu ihm: Gott erhalte Euch, lieber Mann, das ist saure Arbeit für den heißen Tag! Er schaute auf und kam mir vor, als wäre er von Wachs. Indem stürzte ich auf ihn zu, bekam ihn in meine Hand zu fassen und fragte, wo sein Geldbeutel wäre? Geld? sagte er, Geld, wahrhaftig! Und wie sollte ein armes, altes Geschöpf; wie ich bin, zu Geld kommen? Zaudert nicht, gab ich zur Antwort, keine von euern Streichen! Jedermann weiß, daß die Cluricaune wie Ihr so reich sind, wie der Teufel selbst. Zugleich zog ich ein Messer, das ich in meiner Tasche hatte, machte ein Gesicht, so bös als ich nur immer konnte und in Wahrheit, es war nicht leicht für mich (denn mein Gesicht war freundlich und gutmütig, wie Ihr nur eins zu Carrignavar sehen könnt), und schwur, wenn er mir nicht augenblicklich seinen Beutel gäbe oder einen Topf mit Geld zeigte, so würde ich ihm die Nase aus dem Gesicht schneiden. Ich muß gestehen, das kleine Männchen sah so erschrocken aus, als es diese Worte hörte, daß ich mich in meinem Herzen zu Mitleid gegen das arme Geschöpf bewogen fühlte. Nun so kommt, sprach er, kommt mit mir ein paar Felder abwärts, so will ich Euch zeigen, wo ich mein Geld aufbewahre. Immer den Kleinen in der Hand haltend und meine Augen fest auf ihn richtend ging ich fort, als ich plötzlich hinter mir ein Sausen hörte. Dort! Dort! rief er, schwärmen eure Bienen und gehen miteinander fort! Ich war so einfältig und drehte den Kopf um und als ich durchaus nichts sah und mich wieder nach dem Kleinen umwendete, so hatte ich nichts mehr in der Hand. Denn da ich so unglücklich gewesen war, ihn aus den Augen zu lassen, so entschlüpfte er aus meiner Hand wie ein Nebel oder Rauch und mit keinem Tritte kam er je wieder meinem Garten nah.«

14. Herr und Diener


14. Herr und Diener

(Siehe auch die Anmerkungen)

Wilhelm Mac Daniel war ein so artiger junger Bursch, als je einer in einer Tanzgesellschaft seine Sprünge machte, eine Kanne leerte oder den Stock, den er unter dem Rock trug, handhabte. Er fürchtete nichts, als den Mangel eines Trunkes, sorgte für nichts, als wer ihn bezahlen sollte und dachte an nichts, als wie er dem Wirt deshalb einen blauen Dunst vor die Augen machten wollte. Trunken oder nüchtern, ein Wort und ein Schlag war immer seine Weise und das ist eine treffliche Weise entweder einen Streit anzufangen oder zu beendigen. Viel betrübter war es, daß Mac Daniel durch diese Art zu denken, zu fürchten und für nichts zu sorgen in böse Gesellschaft geriet, denn ohne Zweifel ist das stille Volk die schlimmste Gesellschaft, in die jemand geraten kann.

Es trug sich zu, daß Mac Daniel in einer klaren Winternacht nicht lang nach Christtag auf dem Heimwege war. Der Vollmond glänzte, doch obgleich die Nacht so schön war, als das Herz nur wünschen konnte, so fiel ihm doch die Kälte beschwerlich. »Bei meiner Treu«, schnatterte er, »ein gutes Glas Wein wäre auch kein schlimmes Ding, das Herz eines Menschen, der innerlich friert, zu stärken; ich wünschte ich hätte von dem besten und gut gemessen.«

»Brauchst nicht zweimal zu wünschen, Mac Daniel!« sagte ein kleines Männchen in einem dreieckigen, mit Goldtressen besetzten Hut und mit großen Silberschnallen auf den Schuhen, so groß, daß es ein Wunder war, wie es sie tragen konnte. Es reichte ihm ein Glas dar, nicht kleiner als seine eigene Person, angefüllt mit einem so guten Wein, als je Augen gesehen oder Lippen gekostet haben.

»Prost, kleiner Mann«, sagte Mac Daniel unerschrocken, wiewohl er gleich merkte, daß er zu dem stillen Volke gehörte, »auf euer Wohl und mich bestens zu bedanken; mit der Zahlung hat’s gute Wege« und nahm das Glas und trank es in einem Zuge rein aus.

»Prost!« sagte der Kleine, »und sei herzlich willkommen, aber denke nicht mich zu prellen, wie du bei andern getan hast. Heraus mit dem Beutel und als ein ehrlicher Mann bezahlt!«

»Bezahlen soll ich Euch?« antwortete Mac Daniel, »könnte ich Euch nicht aufheben und in meine Tasche stecken, wie eine Brombeere?«

»Wilhelm Mac Daniel«, sagte der Kleine und ward ganz ängstlich; »willst du mir dienen sieben Jahre und einen Tag, so soll das meine Bezahlung sein. Mache dich bereit, mir zu folgen.«

Als Mac Daniel das hörte, reute es ihn, so keck zu dem Kleinen gesprochen zu haben. Er fühlte sich und konnte doch nicht sagen wie, genötigt dem fremden Mann durch das Land zu folgen, auf und ab, über Hecken und Graben, Sumpf und Moor, ohne Rast und Ruhe.

Als der Morgen zu dämmern begann, wendete sich der Kleine um und sprach: »Du kannst nun heim gehen, Mac Daniel, aber auf deine Gefahr säume nicht, dich nachts auf dem Fortfield bei mir einzustellen, sonst wird es dir lange Zeit schlecht ergehn. Finde ich dich aber als einen treuen Diener, so wirst du mich als einen nachsichtigen Herrn finden.«

Mac Daniel ging heim, müde und matt wie er war, ließen ihn die Gedanken an den kleinen Mann keinen Augenblick schlafen. Doch wagte er es nicht, seinem Gebot ungehorsam zu sein und in der Abendzeit machte er sich auf und ging nach Fortfield. Er war noch nicht lange da, so kam der Kleine auf ihn zu und sagte: »Mac Daniel, ich habe für diese Nacht eine weite Reise vor, sattle mir eins von meinen Pferden, das andere kannst du für dich satteln, denn du sollst mich begleiten und bist wahrscheinlich von deinem Gang in voriger Nacht noch müde.«

Mac Daniel dankte seinem Herrn für diese Aufmerksamkeit, »doch«, sagte er, »wenn ich mir die Freiheit nehmen darf, Herr, so möchte ich fragen, wo der Weg nach euerm Stall ist, denn ich sehe nichts als die Burg hier und den alten Dornstamm in der Ecke des Feldes und den Strom, der in dem Tal unten rinnt und ein Stückchen Moor uns gegenüber.«

»Spare nur deine Fragen«, sagte der Kleine, »aber geh hinüber zu dem Stückchen Moor und bringe mir zwei von den stärksten Binsen, die du finden kannst.«

Mac Daniel gehorchte, verwunderte sich aber, was der kleine Mann damit wollte. Er zog zwei der stärksten Binsen, die er finden konnte, aus, mit einem kleinen Büschel brauner Blüten an jeder Seite, und brachte sie seinem Herrn.

»Sitz auf, Mac Daniel«, sprach der Kleine, indem er eine von den Binsen nahm und quer darüber schritt.

»Wo soll ich aufsitzen, wenn’s Ew. Gnaden beliebt?«

»Ei, auf den Rücken des Pferdes, wie ich, natürlich«, sagte der Kleine.

»Wollt Ihr einen Narren aus mir machen, wie Ihr einer seid«, sagte Mac Daniel, »indem Ihr verlangt, ich soll mich zu Pferd auf dieses Stückchen Binse setzen? Ihr möchtet mich wohl weismachen, die Binse, die ich eben drüben aus dem Moor ausrupfte, sei ein Pferd?«

»Auf! Auf! ohne Widerrede«, sagte das Männchen und sah ängstlich aus, »das beste Pferd, das du je geritten hast, war nur eine Mähre gegen dieses.«

Mac Daniel dachte, das alles wäre nur ein Scherz und besorgt, sein Herr möchte verdrießlich werden, beschritt er die Binse. Der Kleine rief dreimal: »borram! borram! borram!« (d.h. werde groß!) und Mac Daniel tat dasselbe. Augenblicklich schwollen die Binsen zu prächtigen Pferden auf und jagten rasch dahin; aber Mac Daniel, der die Binse zwischen seine Beine genommen hatte, ohne viel zu achten wie, fand sich auf dem Rücken des Pferdes verkehrt sitzen und ganz tölpisch mit dem Gesicht nach dem Schweif. Und so rasch war das Roß mit ihm fortgesprengt, daß es ihm unmöglich war, sich herumzusetzen und nichts übrig blieb, als sich an den Schweif zu halten.

Endlich gelangten sie zu dem Ziele ihrer Reise und hielten vor der Türe eines ansehnlichen Hauses. »Nun, Mac Daniel«, sagte der Kleine, »tue, was du siehst, daß ich tue und folge mir auf der Ferse; doch da du nicht deines Pferdes Kopf von seinem Schweif unterscheiden konntest, so hüte dich, daß du nicht in deinen eigenen Kopf den Wirbel bekommst, und du am Ende nicht recht weißt, ob du auf dem Kopf stehst oder auf den Beinen; denn kann auch nach dem Sprichwort der alte Rebensaft eine Katze zum Sprechen bringen, so kann er auch einen Menschen stumm machen.«

Darauf sprach der Kleine einige wunderlich lautende Worte, aus welchen Mac Daniel keinen Sinn bringen konnte, wiewohl er die Fähigkeit erhielt, sie nachzusprechen. Nun schlüpften beide durch das Schlüsselloch des Tors und so durch ein Schlüsselloch nach dem andern, bis sie in den Keller kamen, der mit allen Arten von Wein wohl versehen war.

Der Kleine fing alsbald an, gewaltig zu trinken und Mac Daniel, dem das Beispiel keineswegs mißfiel, tat dasselbe. »Wahrhaftig, Ihr seid der beste Herr«, sagte Mac Daniel, »einen bessern gibts auf der ganzen Welt nicht; ich bleibe mit dem größten Vergnügen in Euerm Dienst, wenn Ihr fortfahrt, mir Wein vollauf zu geben.«

»Ich habe keinen Handel mit dir gemacht«, antwortete der Kleine, »und will auch keinen machen, doch auf und folge mir.« Sie gingen fort von Schlüsselloch zu Schlüsselloch und beide stiegen auf die Binsen, die sie am Eingangstor gelassen hatten und kaum waren die Worte borram! borram! borram! über ihre Lippen, so rauschten sie fort, indem sie die dunkeln Wolken wie Schneebälle vor sich her stießen.

Als sie zu Fortfield wieder angelangt waren, entließ der kleine Mann seinen Diener, jedoch mit dem Befehl, in der folgenden Nacht um dieselbe Stunde sich wieder einzustellen. Und so ging es von nun an eine Nacht nach der andern, sie richteten ihre Fahrt bald hierhin, bald dorthin, nördlich, östlich und südlich, bis es in ganz Irland keinen ordentlichen Weinkeller mehr gab, den sie nicht besucht hatten und sie kannten Blume und Geschmack eines jeden Weines so gut, ja noch besser, als der Kellner selbst.

In einer Nacht, als Mac Daniel den kleinen Mann wie gewöhnlich in Fortfield antraf und im Begriff war, nach dem Moor zu gehen und die Reisepferde zu holen, sagte der Herr:

»Heute abend mußt du noch ein Pferd mehr mitbringen, möglich, daß wir in größerer Gesellschaft zurückkommen, als wir ausziehen.«

Mac Daniel, der schon wußte, daß er einen Befehl seines Herrn ohne weiteres Fragen auszurichten hatte, brachte noch eine dritte Binse, voll Verwunderung, wer es wohl sein könnte, der in ihrer Gesellschaft zurück reisen würde, und ob er einen Kameraden im Dienste bekommen sollte. »Ist er nur erst da«, dachte Mac Daniel, »so soll er jedesmal gehen und die Pferde im Moor holen, denn ich sehe nicht, warum ich nicht von Haut und Haar ein eben so feiner Mann sein soll, als mein Meister.«

Sie machten sich auf den Weg, und Mac Daniel hatte das dritte Pferd am Zügel. Sie hielten nicht eher an, als bis sie zu einem einsam liegenden Pächterhaus in der Grafschaft Limerick gekommen waren, nahe bei der alten Burg von Carrigogunniel, welche nach der Sage von dem großen Brian Boru gebaut war. Drinnen im Haus wurde ein Fest gefeiert und der Kleine blieb einige Zeit außen stehen, um zu horchen; aber plötzlich kehrte er sich um und sagte: »Mac Daniel, morgen werde ich tausend Jahr alt!«

»Werdet Ihr das, Herr«, antwortete Mac Daniel, »Gott segne Euch!«

»Aber sage das niemand wieder, Mac Daniel, was ich dir da entdeckt habe, es würde zu meinem Verderben auf immer gereichen. Da ich aber morgen tausend Jahr auf der Welt bin, so denke ich, es ist hohe Zeit, mich zu verheiraten.«

»Das scheint mir auch so, ohne allen Zweifel«, antwortete Mac Daniel, »wenn Ihr Willens seid zu heiraten.«

»Und bloß aus diesem Grunde bin ich nach Carrigogunniel gekommen, denn in diesem Hause, gerade an diesem Abend ist der junge Darby Riley im Begriff, die Brigitte Runey zu heiraten, und da es ein schlankes und allerliebstes Mädchen ist und von ehrbaren Leuten abstammt, so denke ich sie selber zu heiraten und mit mir fortzunehmen.«

»Und was wird Darby Riley dazu sagen?« bemerkte Mac Daniel.

»Schweig«, sagte der Kleine und sah ihn mit strengem Blick an, »ich habe dich nicht hergebracht, daß du mir Fragen vorlegen solltest.« Und ohne weiter sich über diesen Gegenstand zu äußern, sprach er jene seltsamen Worte aus, welche die Kraft verliehen, durch die Schlüssellöcher so leicht als durch die freie Luft zu gehen und dem Mac Daniel gefiel es selbst gar sehr, daß er imstande war, sie ihm nachzusagen.

Beide drangen also hinein und um die Gesellschaft besser zu sehen, hüpfte der Kleine behend wie ein Sperling auf einen von den dicken Balken, welche quer durch das Haus über den Häuptern der Leute herliefen und Mac Daniel tat dasselbe von der andern Seite. Doch nicht gewohnt, auf einem solchen Platz, wie auf einer Hühnerstange zu sitzen, hingen seine Beine so ungeschickt als möglich herab und offenbar hatte er sich die Art, mit welcher der Kleine sich zusammenkauchte, nicht zum Muster genommen. Aber dieser, wenn er sein Lebtag ein Schneider gewesen wäre, hätte nicht zufriedner mit untergeschlagenen Beinen dasitzen können.

So saßen beide, Herr und Diener, und schauten auf das lustige Fest herab, das vor ihren Augen begangen wurde. Da war der Geistliche, der Pfeifer, der Vater von Darby Riley mit Darby’s zwei Brüdern und seines Oheims Sohn; da war der Vater und die Mutter von Brigitte Runey (das alte Paar war diesen Abend stolz auf die Tochter und das mit allem Recht) und ihre vier Schwestern mit funkelneuen Bändern auf den Mützen und ihre drei Brüder, die alle so frisch und munter aussahen, als je drei Burschen in Munster; da waren Oheime und Muhmen, Gevatterinnen und Vettern genug, um das Haus voll zu machen. Da war Essen und Trinken im Überfluß und Platz an dem Tisch für jeden und wenn die Zahl noch einmal so groß gewesen wäre.

Nun ereignete es sich, gerade als Frau Runey dem Geistlichen bei dem ersten Schnitt in das Haupt des Spanferkels, das mit weißem Wirsing köstlich gefüllt war, hilfreiche Hand leistete, daß die Braut niesen mußte. Jedermann an dem Tisch fuhr auf, aber keine Seele sprach: »Gott segne uns!« denn alle dachten, der Geistliche würde das tun, wie er auch, wenn er seine Pflicht beachtet hätte, tun mußte, und niemand wollte ihm das Wort vor dem Munde wegnehmen, während er unglücklicherweise mit dem Haupt des Spanferkels und dem Gemüse beschäftigt war. Nach einem augenblicklichen Stillschweigen machten Scherz und Fröhlichkeit bei dem Fest, daß der fromme Segenspruch vergessen wurde.

Bei diesem Umstand waren beide Mac Daniel und sein Meister, von ihren erhabenen Sitzen herab keine gleichgültigen Zuschauer.

»Ha!« rief der Kleine, indem er mit freudiger Bewegung ein Bein unter sich hervorzog und sein Auge mit ungewöhnlichem Feuer funkelte, während seine Augenbrauen sich spitz in die Höhe zogen, »ha!« sagte er, schielte nach der Braut und dann nach Mac Daniel, »halb habe ich sie; wahrhaftig, laß sie nur zweimal niesen, so ist sie mein, dem Priester, Meßbuch und Darby Riley zum Trotz!«

Die schöne Braut nieste zum zweitenmal, doch so sanft und verschämt, daß wenige, den kleinen Mann ausgenommen, es bemerkten oder zu bemerken schienen, und niemand dachte daran zu sagen, »Gott segne uns!«

Mac Daniel hatte während dieser Zeit das arme Mädchen mit den traurigsten Blicken angesehen, denn er mußte beständig daran denken, wie betrübt es wäre für ein artiges junges Geschöpf von neunzehn Jahren mit großen blauen Augen, zarter Haut und Grübchen in den Backen, von Glück und Lust erfüllt, gezwungen zu werden, ein garstiges, kleines Stück von einem Manne zu heiraten, der tausend Jahr, weniger einen Tag, alt ist.

In diesem entscheidenden Augenblick nieste die Braut zum drittenmal und Mac Daniel rief aus allen Kräften: »Gott segne uns!» Ob dieser Ausruf eine Folge seines Selbstgesprächs war oder Macht der Gewohnheit, konnte er selbst nicht genau sagen. Aber kaum waren die Worte heraus, so sprang der kleine Mann, dessen Gesicht von Zorn und Verdruß glühte, von dem Balken, auf welchem er gehuckt hatte, herab und schrie mit dem grellen Ton einer kreischenden Sackpfeife:

»Ich entlasse dich aus meinem Dienste! Nimm das zum Lohn!« wobei er dem Mac Daniel einen wütenden Stoß gab, der den armen zappelnden Diener auf Gesicht und Hände mitten zwischen die aufgetragenen Speisen herunterstürzte.

Wenn Mac Daniel erschrocken war, so war es ein jeder in der Gesellschaft, in welche er ohne alle Feierlichkeit eingeführt wurde, noch mehr; doch als sie seine Erzählung hörten, legte Vater Cuney Messer und Gabel hin und traute das junge Paar auf der Stelle. Mac Daniel tanzte die Rinka bei der Hochzeit und aß und trank nach Herzenslust, worauf er mehr hielt, als auf den Tanz.