383. Burg Plesse

383. Burg Plesse

Auf dem Plesseberge, anderthalb Stunden von Göttingen, liegt die Trümmer des ehemaligen Bergschlosses Plesse. Von dieser Burg gehen gar mancherlei Sagen. Ein Kind ward lebendig in der Mauer beigesetzt, als man die Burg erbaute, um sie, nach frühem Wahn, unüberwindlich zu machen. Vor fünfzig Jahren fand man das Särglein mit den Gebeinen. Hinter der Burg ging ein Felsenbrunnen zur Tiefe, in dessen Gemäuer ein heimlicher verborgener Eingang zu einem unterirdischen Gang in das Innere der Burg führte, so daß man aus der Burg Wasser holen konnte, auch wenn sie belagert war. Ein mannhaftes Rittergeschlecht nannte sich nach der Burg edle Herren von Plesse, und obschon die einst stattliche Burg in Trümmern liegt, bewachen und beschirmen die Rittergeister noch ihren einstigen Wohnsitz. Einem Maurer, der Steine aus dem Burggemäuer brach, um sie drunten zu verwenden, schreckte ein seltsames unerklärbares Geräusch, daß er fast darüber die Besinnung verlor und endlich von dannen eilte, ohne je wieder hinauf und nach Burgsteinen zu begehren. Der letzte edle Herr von Plesse war Dietrich VI., mit ihm ist am 22. Mai 1571 das Geschlecht ausgestorben, und dann ist alsbald die Plesse ein Zankapfel zwischen Braunschweig und Hessen geworden, bis endlich die Burg nach manchem Streit an Hannover gelangt ist. Hauseten oben über der Erde auf Plesse große und tapfere Ritter, so hauste ebendaselbst unter der Erde ein kleines winziges Völklein, von dem eine gar wunderliche Mär umgeht.

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384. Das stille Volk zu Plesse

384. Das stille Volk zu Plesse

Tief unterm Boden des Burgberges der Plesse wohnt ein stilles Zwergenvolk, hülfreich und guttätig den Menschen, das sich unsichtbar zu machen vermag und durch jede verschlossene Türe, durch jede Mauer wandelt, so es ihm beliebt. Bei dem tiefen Felsbrunnen ist der Haupteingang in des stillen Volkes unterirdisches Reich. Wie die Herren Studenten zu Göttingen gar gern die Burgruinen der beiden Gleichen und die absonderlich schöne und anmutige der Plesse besuchen, so tat auch ein Göttinger Student im Jahre 1743. Er hatte ein Buch mitgebracht, und da er sich auf dem von lieblichen Schatten malerischer Bäume umspiegelten Burgplatz allein fand, legte er sich auf den Rasen und las. Ein süßer Geruch, wie von Waldmeister, Maienglöckchen und Flieder, schläferte ihn ein. Lange schlief er, bis ein Donnerschlag und strömender Regen ihn weckten. Dunkel war es um ihn her, nur Blitze beleuchteten mit fahlem Schein die verwitternden Trümmer. Der Student betete, denn damals pflegten die Studenten noch zu beten, jetzt werden’s wohl nur noch wenige tun – da kam ein Licht auf ihn zu. Ein kleines altes Männchen mit eisgrauem Bart trug’s und hieß jenen ihm folgen. Das Männlein führte den Jüngling zum Brunnen, in welchem ein Brettergerüst stand, darauf traten beide, und jetzt ging es wie auf der schönsten Versenkung eines Theaters sanft zur Tiefe bis auf den Wasserspiegel. Da wölbte sich eine Grotte, in der es trocken und reinlich war. Da sagte das Männlein: Es stehet dir nun frei, hier im Trocknen zu verharren, bis droben das Unwetter vorüber, oder mir in das Reich der Unterirdischen zu folgen. Der Student erklärte, letzteres wählen zu wollen, wenn keine Gefahr ihm drohe. Darüber beruhigte ihn das alte eisgraue Männlein, und so folgte er ihm gleich einem Führer durch einen gar niedern und engen Gang, der für das Männlein just hoch und weit genug war, aber für den Bruder Studio nichts weniger als bequem, so daß ihm ganz schlecht wurde. Endlich traten beide aus dem Gange und sahen vor sich eine weite Landschaft, durch die ein rauschender Bach floß, mit Dörfern aus lauter kleinen Häusern, wie die chinesischen, und ganz kunterbunt bemalt, wie die Wachtelhäuser. In das schönste dieser Häuschen traten sie ein, und darin war des eisgrauen Männleins werte Familie, welcher der Studiosus Theologiä aus Göttingen vorgestellt wurde. Hierauf grüßten ihn die Anwesenden mit einer stillen Verbeugung. Dann stellte das Männlein dem Studenten die werte Familie vor, seinen Vater, das war aber ein ganz schneefarbiger Greis, und ebenso seine Mutter, beide waren so alt, daß sie nur noch auf Stühlen sitzen, nicht mehr stehen und gehen konnten; dann seinen Großvater und seine Großmutter, die hatten beide kein Härlein mehr auf ihrem Kopf und kein Fleisch mehr auf ihren Knochen und konnten bloß liegen, dann des Männleins Frau, auch schon aus den Zwanzigen und etwa in den Sechzigen, und ihre Kindlein von dreißig bis vierzig Jährchen und die kleinen Enkelchen etwa von vierzehn bis fünfzehn Jahren. Dann sprach der alte Großvater einige Worte des Grußes, der Gast aus der Oberwelt möge sich nur umsehen und ohne Furcht sein. Dann kam die jüngste Tochter, die war nur eines Schuhes hoch, doch dreizehn Jahre alt, und sagte: Es ist angerichtet. Das hörte der Student gern, daß die stillen Leutchen auch anrichteten. Und die Tafel war königlich, was die Geräte, Tafeltücher, von Asbest gewebt, Teller und Löffel von Gold, Messer und Gabeln von Silber und dergleichen betraf. Das Essen war und schmeckte gut, und was das Trinken anlangte, so dünkte dem Studenten, er trinke den köstlichsten Wein, die Zwerglein aber behaupteten, es sei nur Wasser. Nach Tische erzählte der uralte Vater dem Studenten viel von der Einrichtung des unterirdischen Reiches. Ihm und den Seinen, als geborenen Herrn desselben, gehorche alles willig und gern. Landstände habe das Land keine, und er als Regent halte auch keine Minister, die einen so teuer und so unnütz wie die andern. Es gebe in diesem stillen Reiche nur Friede, Zufriedenheit und Wohlwollen. Ein jeder tue ungeheißen seine Pflicht. Es gebe keine Zwiste, keine Kriege, keine sogenannte Politik. Man kenne hier unten keine Wühler als die Maulwürfe und Reitmäuse, und die stammten aus dem unterirdischen Reiche. Wie der Alte noch redete, erscholl ein Zeichen von einem stark geblasenen Horne: das Zeichen zum Gebet. Alles faltete die Hände und fiel auf die Kniee und betete still und leise. Der Abend brach an, und es kamen Lichte auf großen silbernen Armleuchtern, und man ging in ein anderes Zimmer. Alles, was er bis jetzt gesehen, gehört und wahrgenommen, reizte gar sehr die Wiß- und Neubegier des Studenten. Er dachte, es müsse nicht übel spekuliert sein, über diesen so wohlgeordneten Staat unter dem althessischen Boden eine Reisebeschreibung zu verfassen und herauszugeben, wie weiland Nils Klimm getan, zu Nutz und Frommen der Oberwelt, und wollte schon beginnen, sich Bemerkungen in seine Brieftasche zu machen. Aber das alte Männlein verhinderte ihn daran und sagte: Laß das! Ihr da oben lernt doch nicht, glücklich zu sein; ihr versteht das Befehlen so schlecht wie das Gehorchen. Ziehe hin und fürchte Gott, ehre den Herrscher und die Gesetze und scheue niemand! Der Studiosus fand es sonderbar, daß man die Gäste, die man erst eingeladen, gehen heiße, mußte sich aber fügen. Er empfing noch einige Gaben mit auf den Weg und fand sich unversehens wieder oberhalb des Brunnens auf der Plesse. Der Morgen war prächtig angebrochen, und der Burgwald erschallte von Vogelstimmen. Der Studiosus besah die Gaben und befand, daß es Gold und Edelsteine waren von hohem Wert. Er hatte, wenn er diesen Reichtum gut und vernünftig anwandte, genug für sein ganzes Leben.

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376. Sündelstein und Lügenstein

376. Sündelstein und Lügenstein

Mit großen Steinen hat sich der Teufel immer gern zu schaffen gemacht. Ein solcher liegt bei Osnabrück, ragt dreizehn Fuß tief aus der Erde, und die Bauern sagen von ihm, der Teufel habe ihn an einer Kette gehalten und durch die Lüfte geführt, um da oder dort diese oder jene Kirche einzuschlagen. Dies habe er auch an einer Kapelle versuchen wollen, aber eines sündlosen Priesters Gebet habe ihn gezwungen, den Stein fallen zu lassen. Noch zeigen die Bauern im Stein die Stelle, wo die Kette gesessen, und nennen ihn den Sündelstein.

So auch liegt ein ähnlicher Fels auf dem Domplatz zu Halberstadt, mit dem der Teufel als Vater der Lügen dem Dombau ein Ende machen wollte. Der Baumeister aber nahm diese Absicht wahr und verhieß in aller Schnelle dem Teufel, ein Weinhaus neben den Dom zu bauen, sobald dieser letztere vollendet sei, da warf der Teufel den Stein hin. Man sieht daran noch die Spur des glühenden Daumens. Hinterdrein hielt der Baumeister nicht Wort. Der Stein heißt deshalb der Lügenstein.

Bei der Mündner Glashütte im Geismar-Wald liegt auch ein Stein, in den hat ein daraufsitzender Feldherr seine Spur gedrückt. Er zweifelte an seinem Glücke, und daß er so wenig siegen werde, als der Stein weich werden. Und siehe, da erweichte sich der Stein, was außerdem wunderselten geschieht.

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368. Das wunderbare Christusbild

368. Das wunderbare Christusbild

Zu Wittenberg ist ein Christusbild von wunderbarer Art, das erscheint einem jeden Menschen einen Zoll größer, als er selbst ist. Tritt ein Mann vor dasselbe, der über die gewöhnliche Mannesgröße hinausragt, so wächst es Zoll um Zoll bis zu seiner Höhe und noch einen Zoll darüber, und tritt ein kleiner Mensch davor, so wächst es in sich hinein, bis es dessen Kleinheit nur um einen einzigen Zoll überragt. Und treten mehrere von unterschiedlicher Größe davor, so sieht es doch ein jeder nur mit seinen Augen in seiner eigenen Größe und einen Zoll höher. Wie das zugehe, ob durch irdische Kunst oder himmlische Kraft, hat noch keiner zu ergründen vermocht.

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36. Vater und Sohn

36. Vater und Sohn

Es war ein Graf im Oberelsaß, Herr Hug von Egisheim, dem gebar sein Ehegemahl einen Sohn, der ward Bruno genannt in der heiligen Taufe. Aber ein böser Argwohn umdüsterte des Grafen Herz, als sei das Söhnlein nicht sein eigen, und da befahl er einem Knecht, daß er es hinaustrage in den Wald, es töte und ihm sein Herz, der Tat zum Zeugen, darbringe. Den Knecht aber jammerte des unschuldigen Kindleins, und konnte solchen Mord nicht über das eigene Herz bringen. Er gab das Kind in sichere Hut, erlegte ein Rehkälbchen und brachte dessen Herz seinem grausamen Herrn. Der Knabe erwuchs und kam weit hinweg, die Jahre vergingen, und über den alten Grafen kam die Reue, denn es war ihm klar und offenbar geworden, daß er damals im Irrwahn befangen die schrecklichste Sünde begangen hatte. Und da litt es ihn endlich nicht länger mehr in der Heimat, er verließ seine Schlösser und sein Land und ging in Pilgertracht über die Alpen und wandelte gen Rom, dem Heiligen Vater seine schwere Schuld zu bekennen und eine Buße sich auferlegen zu lassen. Und er kam zum Papste und kniete zu dessen Füßen und beichtete sein Verbrechen und flehte zerknirscht um Entsündigung. Da erhob sich von seinem Thronsitz der Heilige Vater und sprach: Graf Hugo von Egisheim! Der allbarmherzige Gott hat nicht gewollt, daß Bruno, dein Sohn, sterbe, sondern hat ihn aufbehalten zu hohen Dingen. Und Gott verzeiht dir durch mich, den Knecht seiner Knechte, den grausamen Vorsatz. Deine Reue soll deine Buße gewesen sein. Stehe auf, Graf Hugo, umarme mich, ich bin es, der dir Verzeihung kündet, ich bin Bruno, dein Sohn, Leo der Neunte geheißen auf St. Petri heiligem Stuhle! – Dem alten Grafen war, als ob er träume, als ob der Himmel sich ihm erschließe.

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369. Erscheinungen zu Wittenberg

369. Erscheinungen zu Wittenberg

Im Jahre 1553 ist des Nachts ein feuriger Mann oben am Schloßturm, da, wo er anfängt, sich zu spitzen, eine lange Weile herumgegangen, das haben viele glaubwürdige Leute gesehen und bestätigt, und nicht lange darauf haben sich in demselben Schlosse drei Männer sehen lassen in schloßenweißer Kleidung, die sind bei dreien Stunden umhergegangen, haben sich über Geländer und Brüstungen gelegt und hinab in den Hofraum geschaut, sind durch alle Fürstengemächer still und ernst gegangen und von vielen Leuten gesehen worden.

In demselben Jahre, kurz vor der Schlacht von Sievershausen, in welcher Kurfürst Moritz von Sachsen seinen Tod fand, flammte im Saale des Schlosses zu Wittenberg ein helles Feuer auf; alle, welche diese Flammen von unten sahen, rannten eilends hinauf, die Glut zu löschen, und als sie hinaufkamen, sahen sie nichts. Drunten sahen sie es wieder im Saale lichterloh brennen. Das geschahe zu dreien Malen.

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370. Das Männlein auf dem Rücken

370. Das Männlein auf dem Rücken

Ein Seiler aus Torgau, der über Land gewesen war und seines Weges heimwärts wandelte, traf einen Knaben auf dem Felde an, der saß am Boden, hatte ein Brettspiel vor sich liegen und spielte in demselben. Da der Weg nicht breit war und das Knäblein schier mitten im Wege saß, so stieß der Seiler im Überschreiten an das Brett, so daß die Steine sich verschoben. Da schrie der Knabe: Warum verrücket Ihr mein Brettspiel? Wartet nur, mein Vater wird’s Euch danken! Und rückte darauf seine Steine wieder in Ordnung, und der Seiler ging weiter. Nicht lange währte es, etwa nach hundert Schritten, so holte der Mann ein uraltes graues greises Männlein ein, das sehr müde schien und ihn ansprach, es sei gar so müde, er möge es doch tragen. Des lachte der Seiler über die Maßen; ob das Männlein ihn für ein Kameel halte, das einen alten Affen tragen müsse? – Mußt doch tragen, mußt doch tragen! Hast meinem Söhnlein das Spiel verrückt! rief das Männlein und sprang mir nichts dir nichts dem Seiler auf den Rücken und war so schwer, ach so schwer, und jener mochte schütteln und rütteln, wie er wollte, er rüttelte und schüttelte das alte Männlein nimmer ab. Und so hockelte er es bis vor das Tor von Torgau, dort fiel es von ihm wie ein Nußsack und war verschwunden. Von Zorn und Angst und Mattigkeit schwach und krank kam der Seiler nach Hause, und nach zehn Tagen war er tot. Nun hatte der Seiler einen kleinen Sohn, der jammerte und schrie unsäglich, da trat das Bübchen zu ihm, dem sein Vater das Spiel verstört, und sprach: Höre auf zu klagen und zu weinen. Deinem Vater ist ganz wohl geschehen. Bald sollst du und deine Mutter ihm nachfolgen, denn es wird eine gar schlimme Zeit kommen in Preußen, Meißen und Reußen, darinnen niemand besser sein wird als denen, die gestorben sind. – Das geschah im Jahre 1669, und gingen bald darauf der Kriegstroublen genug durch die Länder, da der Kurfürst von Brandenburg mit einer Armee von zweiundzwanzigtausend Mann zu Roß und zu Fuß aufbrach und gegen die in Deutschland eingefallenen Franzosen zu Felde zog und andere deutsche Völker sich ihm verbündeten.

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371. Die Teufelshufeisen

371. Die Teufelshufeisen

Im Städtchen Belgern zwischen Torgau und dem durch die Schlacht, in welcher Kurfürst Johann Friedrich der Großmütige zum Gefangenen gemacht wurde, berühmten Mühlberg hat es sich begeben, daß einer Bierschenkin, die zwar sehr gutes Bier hatte, dasselbe aber sehr knapp maß, ein seltsamliches Abenteuer zustieß. Zu Belgern wurde vorzeiten, wird auch vielleicht noch jetzt ein über die Maßen gutes Bier gebraut, und wenn von dem Torgauischen Bier das Sprüchwort ging: Torgauisch Bier ist der Armen Malvasier – dieweil es einen überaus würzhaften Geruch und Geschmack hatte – so galt von dem Belgerschen Bier der lateinische Spruch: Cerevisia Belgrana omnibus est sana, Während man dem Wittenberger Bier, Kuckuck genannt, spöttlich nachsagte, daß diesem Vogel unterweilen von den Brauern der Hals allzu lang gedehnt werde. Jene Bierwirtin nun mochte es mit dem Teufel entweder verdorben oder es mit ihm allzu gut gemeint haben, genug, der Teufel ritt sie in einer schönen Nacht vor die Schmiede in Pferdsgestalt, lärmte den Schmied munter und gebot ihm, sein Pferd zu beschlagen. Derselbe ging rasch an seine Arbeit, wie er aber dem Pferde den rechten Vorderfuß hob, raunte ihm die Bierschenkin, welche seine Gevatterin war, zu: Gevattersmann, verfahret doch nicht so eilig! – Der Schmied erschrak zum Tode und antwortete: Jo, Frau Gevattersche! Reitet Euch denn der Teufel? – Freilich wohl! antwortete das Pferd, knapp Maß, knapp Maß! Tu’s nimmer, tu’s nimmer! – Da konnte der Schmied vor Zittern kein Glied rühren, und ließ die Hufeisen fallen, und lief in die Schmiede, und machte sich darin zu schaffen die längste Zeit und sagte, er könne die Nägel nicht finden – und die Kohlen wollten nicht brennen, und da krähete der Hahn. Hui – waren Reiter und Stute ihm aus den Augen. Am andern Tage lag die Krügerin krank im Bette und blieb lange krank; an ihrem Hause hingen statt des üblichen Bierzeichens vier Hufeisen, und als jemand diese herabtun wollte, verbrannte er sich die Hände daran derb und tüchtig.

Dieselbe Sage wird auch erzählt vom Orte Schwarzenstein bei Rastenburg an der Guber, dort soll der Schmied zwei Hufeisen wirklich aufgenagelt haben, die man dann an den Händen der Bierschenkin fand, mühsam abnahm und in der Kirche aufbewahrte.

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372. Der Teufel ein Fürsprech

372. Der Teufel ein Fürsprech

Der Teufel ein Fürsprech

Durch die Mark zog ein Landsknecht, der blieb in einer Stadt krank liegen und gab seinen vollen Geldbeutel, den er mit sich führte, der Wirtin, denselben zu verwahren. Dieser gelüstete nach dem Gelde, und ward eins mit ihrem Mann, dasselbe zu verleugnen. Da nun der Landsknecht genesen war und weiterziehen wollte, forderte er sein Geld. Da schrie ihn das Weib an, was er sich zeihe, was er beginne? Sie wisse nichts vom Gelde, habe keins von ihm empfangen, und schalt ihn auf das ärgste. Er nun schalt das Weib wiederum eine untreue Diebin, indem so kam der Wirt hinzu, verteidigte sein Weib und warf den Landsknecht zur Türe hinaus; ziehet der Landsknecht vom Leder, haut in die Türe, stürmt das Haus. Schreit der Wirt: Nachbarjo! – wird gleich ein ziemlicher Zulauf, wird der Landsknecht verstrickt und in Nummer Sicher gebracht, darauf wird Gericht über ihn gehalten und er wegen Haus- und Stadtfriedensbruch, propter vim publicam, zum Schwert begnadigt. Da kam zu dem Gefangenen der Teufel und sagte: So und so steht es mit dir. Willst du dich mir ergeben, so errette ich dir den Hals, willst du nicht, so kostet dich der Handel selbigen. Der Landsknecht war aber keiner von den übel verschrieenen Landsknechten, sondern ehrlich und fromm, und da er sich schuldlos wußte, antwortete er, er wolle lieber zehnmal sterben, als dem Teufel seine Befreiung danken. Da ihm nun der Teufel vergebens die Schmerzen des Todes, den er erleiden sollte, schilderte und jener immer sich gleich und standhaft blieb, so sagte der Teufel endlich: Und ich will dir dennoch helfen, ohne allen Beding und ohne Zusage und Lohn von deiner Seite, damit du siehst, daß der Teufel nicht so schwarz ist, als ihr ihn malt, und auch uneigennützig sein kann. Verlange daher, wenn du vor das Gericht gefordert wirst, um dein Urteil zu vernehmen, einen Rechtsanwalt, einen Fürsprech zum Verteidiger, dann will ich in einem blauen Hut mit weißen Federn in der Nähe stehen, mitten unter den andern Advokaten, kein Advocatus Diaboli, die in der Regel erbärmliche Schächer sind, sondern Diabolus Advocatum. Dem Landsknecht dünkte solches höfliche Anerbieten des Teufels nicht gegen Gott zu sein, und nahm es an, sintemal doch einem jeden sein Hals lieb ist, und so provozierte er auf einen Fürsprech und deutete auf den Herrn mit dem blauen Hut. Der Teufel verneigete sich sittiglich gegen den Gerichtshof, bat um das Wort, erhielt solches und hub an zu sprechen trotz einem. Er trug den ganzen Handel noch einmal vom Anfang an vor, wie des frommen Landsknechts Vertrauen auf das schändlichste von der falschen Wirtin getäuscht worden sei, wie der Wirt nicht von ungefähr zu dem Hader gekommen, sondern mit seiner schlechten Frau im Einverständnis gewesen und schon im Hinterhalt gelegen habe. Wie ferner der Wirt – welcher mit seinem Weibe mit anwesend war – den Landsknecht zuerst mit tätlicher körperlicher Mißhandlung verletzt und aus dem Hause geworfen, der Landsknecht aber niemand angegriffen, sondern mit seinem Schwert bloß einige unerhebliche Ritze in die Haustüre gehauen, wozu ihn gerechter Zorn über die gegen ihn begangene Untreue hingerissen, daher ihm die zur Last gelegte vis publica gar nicht anzurechnen sei, mindestens nicht bis zur Lebensstrafe.

Nun erhob sich der Wirt und zürnte in ungeschlachter Rede gegen den Teufel: das seien alles Kniffe, Ränke und Rechtsverdrehungen; man kenne wohl das Sprüchwort: Advokaten – Teufelsbraten – Murren auf der linken, Beifall auf der rechten Seite der Zuhörer –, ihn, den Wirt, aber solle gleich der Teufel bei lebendigem Leibe holen, wenn er oder sein Weib je von dem Landsknecht Geld empfangen oder auch nur bei ihm gesehen, und werde ein weiser hoher Gerichtshof sich nicht in seinem nur allzu gerechten Urteil irren lassen durch einen – hier würde der Teufel noch einen ganzen Sack voll Ehrentitel an den Hals geworfen bekommen haben, wenn der Oberrichter den Wirt nicht zur Ordnung gerufen hätte. Der Fürsprech des Landsknechts lächelte, er neigte sich nochmals vor dem Gericht und bat aber ums Wort. Mein Klient, hub er an, hat mir seinen Beutel nebst Inhalt also beschrieben. Derselbe ist von Wildleder, durch langen Gebrauch unsauber, an der einen Schnur, womit er zugezogen wird, hängt ein Ringlein von Messing. In dem Beutel befinden sich fünfzig und fünf kurfürstlich brandenburgische Taler mit dem Bildnis Joachimi, sechs rheinische Goldgülden, zwanzig Schreckenberger, dreizehn sächsische Gröschlein, ferner eine spanische Doppelkrone mit dem Bildnis Königs Philippi, ein Doppeldukaten Herzog Richards von Bayern, Pfalzgrafen bei Rhein, und außerdem noch zwei Schaustücke, eines mit dem Bilde Kaiser Maximiliani, eines mit dem Caroli quinti und endlich ein kupferner Schaupfennig, auf welchem steht: Ehe man brech Treu und Glaub in Not, man soll ehe willig gehn in Tod.

Alle Zuhörer erstaunten über des Fürsprechs treffliches Gedächtnis, am meisten der Landsknecht selbst, denn er hatte dem Teufel von dem Inhalt seines Beutels kein Wort gesagt, kannte so genau gar nicht die Münzen, und was auf ihnen für Schriften geprägt waren, davon konnte er keine einzige lesen.

Will nun ein hoher Gerichtshof, fuhr der Fürsprech weiter fort, die Gnade haben und zwei sichere Boten in dieses unschuldigen Wirtes Haus senden, so dürfen dieselben nur im Hintergebäude hinter dem letzten Schornstein rechter Hand drei Ellen und eine Spanne hoch fühlen, da werden sie die Hände voll Ruß bekommen, und unter diesem Ruß wird sotaner Beutel meines Klienten sich finden lassen.

Die Wirtin tat einen Schrei, und dem Wirt begannen die Kniee zu schlottern, beide aber wurden kreideweiß und fielen auf ihre Knie nieder. Die Boten gingen, und der Teufel sprach: Mit Verlaub, ihr Herren! Machen wir einmal gegen eure Gewohnheit kurzen Prozeß! Dieser Schächer Geständnis leset ihr in ihren Armesündermienen – einen mußt‘ ich haben, den Gast oder den Wirt – das Weib laß‘ ich euch, das ist mir zu gefährlich. Der Wirt hat sich mir verschworen, des seid ihr alle Zeugen! – Sprachs – packte den Wirt im Nacken, fuhr mit ihm zum Fenster hinaus und führte ihn über den Markt in den Lüften hinweg, wohin, erfuhr niemand, konnten sich’s aber schon denken. So kam der Landsknecht zu seinem Recht und auch wieder zu seinem Gelde.

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373. Der letzte Groschen

373. Der letzte Groschen

In der Mark, nach Polen zu, kam zu einer Zeit, da Teurung herrschte, ein ganz armes Bäuerlein zur Edelfrau und klagte ihr seine große Not, er habe ein krankes Weib und viele kleine Kindlein und für sie und sich zu essen gar nichts, die Edelfrau wolle doch aus Gnade ihm einen Scheffel Korn vorstrecken. Sie aber schlug es ihm rund ab, nur gegen bare Bezahlung könne sie ihm sotanes Korn ablassen. Der Mann ging fort und bettelte und suchte, daß er das Geld leihe, und bracht’s mit großer Not zusammen, doch fehlte ihm noch ein Groschen. Ging aber doch wieder zu der Edelfrau und zählte ihr das Geld vor. Aber da fehlt ja noch ein Groschen! sprach sie hart. Der Arme bat und flehte, sie wolle ihm doch um Gottes willen das Korn dafür geben, er habe mit größter Mühe dieses Geld zusammengebracht und wisse den Groschen nicht zu schaffen. Aber da leuchtete kein Stern, die Edelfrau bestand auf dem Groschen. Weinend ging der Arme hinweg und hungerte und bettelte von neuem – endlich gewann er auch den letzten Groschen – und legte ihn in der hartherzigen Herrin Hand. Indem so entfiel der Groschen ihrer Hand – gierig und hastig bückte sie sich selbst danach, ihn wieder aufzuraffen, aber da verwandelte sich der Groschen in eine große greuliche Schlange, die durch ihre Hand und um ihren Arm sich wand und sie mit schmerzlichen Bissen verwundete. Und da half kein Herr Gott! und kein Ach Gott! Die Schlange blieb ihr am Arme, biß und quälte sie fort und fort, und nach dreien Tagen fuhr die Frau in Raserei von hinnen.

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