400. Jungfrau Ilse

400. Jungfrau Ilse

Hoch oben am felsreichen Brocken entspringt ein Bergbach, der mit starkem Fall zu Tale rinnt, das ist die Ilse. Unten im Tale, nicht weit von dem ehemaligen Klosterort Ilsenburg, ragt senkrecht ein mit einem eisernen Kreuz geschmückter steiler Fels empor, das ist der Ilsenstein. In diesem Steine wohnt des Flüßchens Nixe, die Jungfrau Ilse; bisweilen tritt sie in Mondscheinnächten oder am frühen Morgen aus dem Stein hervor, in der klaren Flut zu baden. Wer da das Glück hat, sie zu sehen – selten nur ist dies einem vergönnt –, den macht sie reich. Sie soll eines Harzkönigs Tochter gewesen sein und von einer bösen Hexe aus Neid in den Stein verwünscht, bis Zeit und Stunde kommen, sie zu erlösen. Nur ein völlig reiner und tugendhafter Jüngling und so schön wie die Jungfrau Ilse vermag dies; er darf noch nie geliebt haben, und Ilse muß die erste Maid sein, der sein Herz in Neigung sich zuwendet. Einst wandelte ein Köhler am frühen Morgen durch das waldige Tal abwärts; er sah die Jungfrau Ilse und grüßte sie. Sie winkte ihn zu sich, und er folgte ihr bis an den Fels, in dem er eine Türe erblickte, die er früher nie gesehen. An dieser Pforte nahm sie ihm seinen Ranzen ab und ging hinein. Bald kam die Jungfrau Ilse wieder heraus und übergab ihm den Ranzen, sagte ihm aber, er solle ihn ja nicht eher öffnen, bis er seine Wohnung erreicht habe. Erst war der Ranzen leicht, er wurde aber mit jedem Schritt schwerer, und die Neugier des Köhlers, was wohl darinnen sei, wuchs gleich der Schwere mit jedem Schritt. Sie werde ihm wohl einen Schabernack gespielt und Steinklumpen hineingetan haben, dachte er. Auf der Ilsenbrücke hielt er an, öffnete den Ranzen, fand ihn aber nur voll Eicheln und Tannenzapfen. Was soll ich an dem Zeuge tragen? sagte er und schüttelte es in die Ilse hinab, da hörte er ein Klingeln drunten auf den Steinen, es blinkte und blitzte wie helles Gold herauf und verschwand. Geschwind schloß er den Ranzen, einige Eicheln rasselten noch darin. Als er heimkam, waren sie Goldstücke, und der Rest reichte dennoch hin, ihn reich zu machen.

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401. Der Brunnengeist auf Regenstein

401. Der Brunnengeist auf Regenstein

Eine uralte Felsenburg am Niederharz ist der Regenstein oder Reinstein, zu den Zeiten Kaiser Heinrich des Finklers entstanden, ganz in Felsen gehauen. Es saßen Grafen darauf, die führten ein Hirschgeweih in ihrem Wappen. Einer derselben, Friedrich genannt, blieb erbenlos mit seiner Ehefrau, und beide trauerten darüber sehr, daß ihr Geschlecht mit ihnen erlöschen solle. Nun war auf dem Regenstein ein tiefer Felsenbrunnen, dahinein war des Ahnherrn Geist gebannt, der erteilte bisweilen Rat und sagte zukünftige Ereignisse voraus. Deshalb lag Graf Friedrichs Hausfrau ihren Gemahl an, doch den Geist zu befragen, ob es nicht möglich, daß ihr Geschlecht sich forterbe. Und da nun in der Mitternachtstunde eines Marientages Graf Friedrich sich dem Brunnen nahte, so erschien ihm seines Ahnherrn Geist und sprach: Was ihr hoffet, wird euch erfüllt. – Da fragte der Graf den Geist, ob für ihn keine Ruhe und Erlösung zu hoffen. – Wann der Reinstein zur Trümmer wird, dann werde ich Ruhe finden! antwortete der Geist und verschwand. Das war ein Wort, welches wenig Hoffnung gab, denn daß die Burg, das Felsenhaus, je eine Trümmer werden könne, schien undenkbar. – Noch in demselben Jahre schenkte Graf Friedrichs Gemahlin ihm einen Erben, einen frischen Knaben, der den Namen Konrad empfing. Und im darauffolgenden Jahre ward ein zweiter Knabe geboren, der ward Helmold genannt. Bei dessen Geburt ließ der Geist des Ahnherrn im Brunnen sich sehen und sprach aus: Dieses Kind wird meine Erlösung bewirken, wie er meinen Namen führt. Da offenbarte sich, daß der Geist im Brunnen jener des wilden Ahnherrn Helmold von Regenstein sei. Helmolds, des Letztgeborenen, Erziehung wurde vernachlässigt, er entfloh, wurde ein Räuberhauptmann, verlangte nach seiner Eltern Tode sein Erbteil von seinem Bruder Konrad, und da dieser es weigerte, so eroberte Helmold mit seiner Schar die Burg, zwang seinem Bruder sein Erbteil ab, versöhnte sich jedoch mit ihm, verleitete ihn aber zugleich selbst zur Wegelagerei, und dieses hatte zur Folge, daß der Herzog von Braunschweig die Burg belagerte, einnahm und das Raubnest so weit zerstörte, als es nicht ganz und gar aus Felsen bestand. Da ist des Ahnherrn Geist zum letzten Male aus dem Brunnen des Regenstein gestiegen und zu seiner ewigen Ruhe gelangt.

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394. Die Nixei und das Weingartenloch

394. Die Nixei und das Weingartenloch

Die Nixei und das Weingartenloch

Eine Stunde von der ehemaligen Burg Scharzfels liegt in der Nähe des Dorfes Osterhagen eine weitberufene Höhle, aus der ein Wasser rinnt, das sie die Ruma nennen. Das Wasser quillt bisweilen rot hervor, und das ist das Blut einer Nixe, welche die Liebe zu einem Erdensohn, gleich andern Nixen da und dort, unglücklich gemacht. Dieses Wasser füllt einen kleinen See, der Nixteich genannt, und ein Gehöft in der Nähe heißt die Nixei. Dort soll die Nixe mit ihrem Jüngling, der ein Riesensohn war, ihre heimlichen Zusammenkünfte gehabt haben, bis der Vater des Jünglings, ein grimmiger und ungeschlachter Bergriese, dies entdeckte und dem Liebeshandel ein Ende mit Schrecken machte. Seitdem wurde die arme Nixe in jene große und furchtbare Kristallhöhle eingeschlossen, aus der sie noch immer sich zu befreien sucht, und bei solchen Anstrengungen mischt sich dann ihr Blut mit dem aus der Höhle, welche das Weingartenloch heißt, hervorquellenden Wasser. Aus den Steinbrüchen nahe der Nixei soll das Kloster Walkenried ganz und gar erbaut worden sein. In der Höhle selbst ruhen nach der Sage die reichsten Schätze, aber es ist kein Kinderspiel, sie zu erlangen. Viele holten sich über solchem Bemühen schon den Tod: Berggeister, Bergzwerge und Bergmönche gehen allzumal darinnen um, seltsame Stimmen schallen, die Metalle reden, und den Rückweg aus dem Höhlenlabyrinth findet kaum einer wieder, oder er hat sonst ein Unglück. Es ist noch nicht fünfzig Jahre her, da kam ein Mann von Eimbeck und gedachte, in der Höhle einen guten Fang zu tun. Er war mit allem wohlversehen, brachte auch Gefährten mit von Lauterburg, kroch hinein, und siehe, da hielt ihn der Gänge einer, durch den er sich hindurchzwängte, eisern fest, er konnte nicht vor, nicht rückwärts. Vergebens ward Bergmannschaft entboten, ihn herauszuhacken und herauszuschaufeln, es glückte nicht, wie beim Maurer im Brunnen zu Schilda; zuletzt flehte er inständig, ihm den Tod zu geben, denn seine Lage war trostlos und ganz entsetzlich – da ward ein äußerstes Mittel versucht, nämlich ihn mit Stricken zu umgeben und auf Tod und Leben herauszuziehen. Jawohl, auf Tod – denn als nun so recht kräftig gezogen wurde, da tat es endlich einen Ruck, und da hatten sie den Mann glücklich befreit. Schade nur, daß dabei sein Kopf abgerissen war.

In der Höhle liegt ein großer Balken über dem unterirdischen Wasser, dahinter sitzt der Teufel neben Gold- und Silberhaufen. Wollen Leute davon haben, müssen sie zu dritt kommen und losen, wer ihm verfallen soll. Zwei gehen dann frei aus und dürfen des Mammons nehmen, so viel sie tragen können. Den dritten, den das Unglückslos trifft, zerreißt der Teufel in Stücken. Zum öftern kamen ein paar Fremde, die waren Venetianer und konnten schwarze Kunst und verlockten Leute, mit ihnen in das Loch zu gehen, denen spielten sie mit List das Todes- und Teufelslos zu, so daß sie stets leer und doch schätzebeladen ausgingen. Und da beredeten sie wieder einen Mann namens Schlosser aus Osterhagen, dem boten sie vieles Gold; er war sehr arm und hatte acht Kinder, aber er fürchtete sich. Doch hatte dieser Mann eine kluge Frau, die redete ihm zu, er solle nur getrost mitgehen. Sie wolle schon dafür tun, daß er wiederkomme. Und da nähte sie ihm braunen Dost in die Jacke und hieß ihn in Gottes Namen zu gehen. Das Zauberkraut schützte ihn, das Los traf nicht ihn, wie schlau es auch die Venetianer anfingen, sondern einen von den beiden; mit reichem Gut kehrte er aus der Höhle zurück, zog nach Andreasberg und baute sich dort ein schönes Haus. Was er aber in der Höhle Schreckliches gesehen, wie der Teufel den einen Venetianer lebendig zerrissen, das hat er all sein Lebtage nicht vergessen können.

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385. Von den Schweckhäuserbergen

385. Von den Schweckhäuserbergen

In der Göttinger Gegend zwischen den Dorfschaften Waake, Landolfshausen und Mackenrode, die recht in einem Dreieck zueinander liegen, liegen auch drei Berghöhen, welche man vereint die Schweckhäuserberge nennt. Eine dieser Höhen ist etwas länglich gedehnt, wie so manches in dieser Erdenwelt, die heißt der lange Schweckhäuserberg, und derselbe trug früherhin auf seinem Gipfel ein Ritterschloß. Obschon keine Trümmer davon mehr vorhanden sind, gehen doch die Einwohner der drei genannten Orte gern hinauf auf den Gipfel, der freien Natur und schönen Aussicht zu genießen, besonders am ersten Ostertag, und erzählen sich mancherlei Mär und Sage von diesen Bergen. Daß ein Heidentempel droben gestanden mit einem ehernen Riesenbilde, hohl, wie der Herkules auf der Wilhelmshöhe bei Kassel, das die Heidenpriester zu allerlei Trug und Blendwerk benutzt, und statt selbst zu predigen, hätten sie das metallene Bild predigen lassen. In den Bergen aber seien Zwerge seßhaft gewesen. Von sotanen Zwergen hat einer die Tochter eines Schafhirten gern gesehen, aber sie liebte bereits einen treuen Schäfer und war für den Quarksen nicht zu Hause, zumal er neben der Kleinheit vorn und hinten mit einem merklichen Verdruß aufwartete, kleine Schweinsäugelein, beträchtliche Lippenwülste, Schlappohren, ein aschgraues Gesicht und die Annehmlichkeiten grüner Zähne und stets feuchter Nase, etwa wie der Spiegelschwab im Volksmärchen, besaß. Doch hatte der Zwerg eine große Tugend, er war über die Maßen reich und spendierlich und schenkte drauf und drein, und da die Mutter besagten Mägdeleins, das Lorchen hieß, die Gaben nicht zurückwies, so vermeinte der Zwergenmann, er habe nun ein Recht, und sagte endlich kurz und rund zur Alten: Daß du es weißt, deine Tochter wird mein, es wäre denn, du wüßtest meinen Namen zu nennen; kannst du das, wenn ich wiederkomme, so soll es auch gehen wie im Kindermärchen, dann will ich weichen, und das Lorchen soll freie Wahl haben, nach dem Orakel der Gänseblume, zwischen Edelmann, Bettelmann, Schulmeister, Pfarr. Damit ging er nicht in bester Laune hinweg. – Das war der Mutter des Mägdleins gar unlieb zu hören, klagte es dem Liebhaber ihrer Tochter und riet ihm um sein selbst und seiner Liebe willen, des Zwergen Namen auszukundschaften. Das däuchte nun freilich dem jungen Gesellen ein schweres Stück und war’s auch in der Tat, denn es gibt der Wichtlein wohl ab und auf all um den Rhein, in Preußen und Reußen, dünken sich Wunders viel zu sein und zu bedeuten, und so einer nach ihnen umfragt in allen Landen, so hat niemand die Tausendteufelskröpel jemals auch nur nennen hören. – Der Schäfer spähte nun gar fleißig umher, und als einmal der Zwerg sich zeigte, schlich er ihm nach, allein plötzlich verschwand der Zwerg an einem Steinfelsen. Als der Schäfer zum Fels trat, sah er eine schöne rote Blume darauf blühen, und innen hörte er hämmern und klingen. Der Zwerg schmiedete und sang dazu:

Hier sitz‘ ich, Gold schnitz‘ ich,
Ich heiße Holzrührlein, Bonneführlein.
Wenn das die Mutter wüßt‘.
Behielt‘ sie ihr Lürlein.

Das nahm sich der Schäfer zu Ohren und hinterbrachte es schnell seiner Liebsten und ihrer Mutter. Bald darauf kam der Zwerg wieder und fragte: Weißt du meinen Namen? – Ach! sagte die Alte, wie kann ich Euern Namen wissen? Ihr werdet wohl am Ende Vitzliputzli heißen! – Nein, so heiße ich nicht! grölzte der Zwerg. Oder Peter Neffert! riet die Alte neckend weiter. – Nein, so gar nicht! antwortete jener. Ich frage zum dritten und letzten Mal: wie heiße ich? – Da sang die Alte:

Im Felsen sitzt Ihr, Gold schnitzt Ihr!
Ihr heißet Holzrührlein, Bonneführlein.
Und weil das die Mutter weiß.
Kriegt Ihr nicht mein Lürlein!

Das hat dir der Teufel gesagt, Weib! schrie voll Ärger der Zwerg, fuhr ab und ließ sich nimmermehr wieder sehen. Der Schäfer aber hat das Lorchen geheiratet und ist mit ihr gar glücklich geworden.

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386. Der Drescher und der Zwerg

386. Der Drescher und der Zwerg

In der Burgscheuer zu Schweckhausen draschen einmal zwei Drescher Erbsenfrucht auf der Tenne aus; die Schoten waren groß und ausgiebig, und nach dem Ausdreschen würfelten sie die Erbsen, aber als sie bald fertig waren, sahen sie, daß es kein Haufen wurde. Die Erbsen flogen wohl durch die Luft, und die Spreu fiel nieder, aber auf die Tennen kamen keine Erbsen. – Höre, das geht nicht mit rechten Dingen zu, sagte der eine Arbeiter zum andern, und der erwiderte: Da hat der Kuckuck sein Spiel, und warf seine Wurfschaufel in die Höhe, nach der Stelle hin, wohin sie die Erbsen geworfen. Mit einem Male steht ein Zwerg sichtbarlich vor ihnen, der hält einen großen Sack aufgesperrt, und dahinein waren alle Erbsen geflogen. Durch den Schaufelwurf war aber dem Zwerg die Nebelkappe vom Kopf gestreift, daher war er nun sichtbar geworden, rasch fuhr der Knecht zu und nahm die Kappe weg, und der andere griff nach seinem zur Seite liegenden Dreschflegel, um auf den Zwerg loszuschlagen. Der aber flüchtete eilend von dannen, ließ den Sack mit Erbsen zurück und auch seine Nebelkappe. Die ist hernach noch lange im Schloß aufbewahrt worden, und die Herren haben damit viel Kurzweil getrieben.

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387. Graf Isang

387. Graf Isang

Der letzte Besitzer der Burg Schweckhausen hatte eine sehr schöne Tochter, Bertha genannt, um diese warb Graf Isang, welcher ein wilder und wüster Ritter war, dessen Schloß zwischen Bernshausen und Seeburg stand. Auch er war der letzte seines Geschlechts und hatte schon viele Untaten getan, die sich gar nicht niederschreiben lassen. Die schöne Bertha wollte gar nichts von der Werbung des Grafen Isang wissen, aber da dessen Mutter eine gewaltige Zaubrerin war, so verwünschte sie das Mägdlein, daß es im Burghain nachts so lange umgehen und seufzen sollte: Hilf mir! hilf mir!, bis jemand zu ihr sagen würde: Helfe dir der liebe Gott! Aber auch damit solle sie noch nicht erlöst sein, sondern der Sohn zweiter Ehe einer Frau, der als Pfarrer studiert habe und noch ein reiner Jüngling geblieben sei, wenn er seine erste Predigt tue, der könne Bertha erlösen. Da hat nun die arme Bertha fort und fort spuken müssen die längste Zeit.

Der Graf Isang wurde aber von nun an nur immer ärger und schlimmer und häufte Schuld auf Schuld, Sünden auf Sünden. Da brachte ihm eines Tages sein Koch einen silberweißen Aal, es war aber eine weiße Schlange, und der Graf war begierig, davon zu essen, und verbot, daß irgend jemand von der Dienerschaft es wage, auch von dem weißen Aal genießen zu wollen. Da nun der Graf von der Schlange gegessen hatte und hinab in den Hof kam, da hörte er viele Stimmen, und hörte die Tiere sprechen, und verstand ihre Sprache. Aber erfreuend war es nicht, was Graf Isang hörte. Die Hennen gackerten: Packe, packe, packe dich! – Der Hahn schlug mit den Flügeln und krähte den Grafen an: Flieh, flieh, flieh, flieh! – Die Tauben gurrten: Die Burg, die Burg, die Burg geht unter! – Gänse und Enten schnatterten durcheinander: Graf Isang, Graf Isang! Es ist alle, alle, alle. Wo dein Haus heute stand, ist morgen Wasser, Wasser, Wasser, Wasser! – Dem Grafen rieselte es kalt durchs Gebein, da er die Tiere also reden hörte. Da stürzte sein Diener atemlos herbei und rief: Hört Ihr’s, Herr? Hört Ihr’s, was die Hunde heulen und winseln? Auf, auf, auf! Das Haus soll im Hui, im Hui versinken, verschwinden! – Und da entbrannte der Graf im jähen Zorn und zog sein Schwert aus der Scheide und schrie: Selbst Hund! Hatte ich nicht allen verboten, vom weißen Aal zu essen, nun hast du’s doch getan und hörst den Unsinn und schwatzest ihn gleich nach! Fahre zur Hölle, du Teufelsrabe! Du Unsinnskrächzer! – und damit spaltete der Graf dem Diener den Kopf und ritt aus der Burg hinaus nach dem Städtchen Gieboldehausen zwischen Göttingen und Nordheim zu. Hinter ihm sank unter Erdbeben und Donnerkrachen seine Burg in den Boden, und an ihre Stätte trat ein tiefer See. Graf Isang aber trat in ein Kloster zu Gieboldehausen und büßte reuig seine Sünden ab und machte reiche Schenkungen von seinem Erbe. Auch die arme Bertha von Schweckhausen hat hernachmals, doch nach langer Zeit, durch einen außerordentlich tugendhaften jungen Pfarrer ihre Erlösung gefunden.

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388. Der Glockensee

388. Der Glockensee

Zwischen Northeim und Uslar liegt der Flecken Moringen; dort ist in einem Garten ein kleiner See, den nennen sie den Opferteich. Vor alten Zeiten haben Tempelherrn zu Moringen einen Sitz und Klosterhof gehabt. In noch frühern Zeiten wurde unter alten Eichen, die in des Teiches Nähe standen, Gericht gehalten, und die Schuldigbefundenen wurden als Sühnopfer der Gerechtigkeit tot oder lebendig in den Teich gestürzt, daher sein Name Opferteich. Derselbige Teich ist nicht groß, aber sehr tief und wird durch unterirdische Quellen unterhalten, sichtbaren Zufluß hat er nicht.

Als das Tempelhaus noch stand, ließen die Klosterbrüder eine neue Glocke gießen und in dem Kirchturm aufhängen. Aber sie ließen selbige Glocke nicht erst taufen, wie doch allgemeiner Brauch war, denn die Templer taten manches, und manches taten sie nicht, das beiderseits ihnen bösen Ruch machte. Als daher zur Christmette die Glocke zum ersten Male geläutet wurde, tat sie einen schrillen Klang und fuhr zum Schalloch heraus gerade in den kleinen tiefen See hinab, und da liegt sie noch bis heute, und der See hat von ihr den zweiten Namen Glockensee erhalten. In jeder Christnacht läutet die Glocke eine ganze Stunde lang, und bei hellem Wetter sieht man sie bisweilen im Grunde liegen und grüngoldig heraufschimmern. Kein Fisch kann im See leben, und lebt keiner darin, wegen der Glocke. – Bei Ricklingen, ohnweit Hannover, ist ein unergründlicher mit Wasser gefüllter Erdspalt, eine wahre Teufelskutte, in die hat der Teufel eine ganze Kirche gestürzt, deren Glocken man noch Ostern und Pfingsten läuten hört.

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38. Straßburger Schießen und Zürcher Brei

38. Straßburger Schießen und Zürcher Brei

Im Zeughaus zu Straßburg wird ein eherner Topf gezeigt, den sandte einstmals die Stadt Zürch voll Brei dahin, den sie in Zürch gekocht und der noch warm in Straßburg ankam, das begab sich also. Die Straßburger hielten großes Freischießen und luden dazu ein alle Nachbarstädte am Rhein, in der Rheinpfalz, im Elsaß und in der Schweiz, die kamen auch durch Gesandte zahlreich und nahmen teil am Feste; am weitesten hatten freilich die Schützen von Zürch, drei Tagereisen. Da war zu Zürch ein wackerer Kumpan, der hieß Hans im Weerd, und sann ein lustig Stücklein aus. Wir wollen gen Straßburg zu Wasser fahren, da brechen wir kein Rad und fällt uns kein Roß, und wollen das tun, so Gott will, in einem Tag, und einen heißen Brei, den wir allhier gekocht, den Straßburgern mitbringen. Dieser Rat fand großen Beifall, alles ward vorgerichtet und gerüstet, der Brei wurde in einer Nacht gekocht, kam in einen warmen Topf von Erz, und der Topf wurde in heißen Sand gestellt, und nun ging es schnell zu Schiff, als die Sterne noch glänzten. Vom Schiffe wehten lustig die Wimpel mit Zürchs Farben, weiß und blau, und munter flog es über der Limmat rasche Wellen rasch dahin. Von der Limmat lenkten die fröhlichen Schweizerschützen in die Aar, vorüber an mancher fährlichen Stelle, und aus der Aar in den Rhein, am Höllenhaken kühn vorbei durch Strudel und Klippen. Da das glückhafte Schifflein gen Rheinfelden kam, wohin schon Kunde von seiner Fahrt gelangt, ward zur Mauer herab ein Korb voll edlen Weines zum Morgentrunk herabgelassen und unverweilt eingenommen. Als die Basler Glocke elf schlug, war es erst um zehn Uhr, und das glückhafte Schiff mit seinen Zürchern nahte schon der Brücke. Da schallte von aufgestellter Mannschaft und drängendem Volk herzlichfroher Bundesgruß entgegen, und die Geschütze krachten, aber wie ein Pfeil schoß das Schiff, getrieben von den Ruderschlägen stets sich ablösender kräftiger Ruderer, immer rheinabwärts, und vorn im Schiff am Steuer stand lugenden und sorgenden Blickes der Hans im Weerd, und mitten im Schiff saß Kasper Thomann, der Zürcher erwählter Obmann und Sprecher beim Schützenfeste. So ging es weiter und immer weiter, an Neuenburg vorbei, an Breisach vorbei, durch die hundert Inseln und Werder und Riede im Rhein. Wohl sank der Abend nieder, wohl tauchte hinter der Vogesen blauer Bergkette das glühende Rad der Sonne unter, aber was leuchtete dort weit, weit her über die unermeßliche Stromtalfläche, eine rote Feuersäule? Im Sonnenscheidekuß flammte Unser Frauen-Münsters Turmriese, und der Jubel der Schiffer grüßte das leuchtende ferne Ziel. Aber immer noch liegen Stunden zwischen dem Ziele und dem Schiffe – der Tag schwindet, die Nacht bricht an, hell und rund steht der Mond am Abendhimmel, das Münster taucht empor, wie ein Geisterschiff, von der Schützenmatte her dringt dumpfer Lärm des Volksgewimmels; jetzt beginnen auch die im Schiff zu blasen mit hellen Zinken und Posaunen, Pfeifen und Drommeten – jetzt endlich ist Straßburg erreicht, und am Guldenturm legt das Schifflein an. Jubel begrüßt die nimmermüden Stromfahrer, die das nie Dagewesene vollbracht, in einem Tage gefahren die unendlichen Strecken, und der Brei im Topfe noch warm, gerade noch so recht mundrecht. Das war ein gar festliches Begrüßen, mit Musik und Fahnen wurden die werten Zürcher Gäste auf die Maurerstube geleitet zum herzlichen Willkommen und frohen Mahle. Von da brachte man die Zürcher, nachdem der Brei verzehrt war, in den güldnen Hirsch zur Rast, und am andern Tage beim Schießen wurden sie hoch geehrt vor allen Gästen, und der Topf blieb aufbewahrt für ewige Zeiten.

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389. Der Heinrichswinkel

389. Der Heinrichswinkel

Nicht weit hinter dem Harzstädtlein Gittelde, das manche auch Gattelde schreiben und Gittel sprechen, und das in alten Zeiten Chatila geschrieben ward, nach der Staufenburg zu, da liegt der merkwürdige Raum, auf welchem des Sachsenherzog Heinrich des Finklers Vogelherd stand, als ihn die Abgesandten des Reichs aufsuchten und die Kaiserkrone ihm darboten. Dort saß Heinrich mit seinem Gemahel im lauschigen Winkel einer grünen Laube, und als er die Gesandten nahen sah und wußte nicht, was sie wollten, da winkte er ihnen mit der Hand, zu warten, bis er sein Netz zusammengezogen habe. Der Fleck heißt noch bis auf den heutigen Tag der Heinrichswinkel. Bei Gittelde hatte der Herzog eine kleine Burg, deren ehemalige Stelle man noch zeigt und die Burg nennt, nahe dabei ist eine Wiese, die heißt der Kaisergarten, Heinrich legte dort einen Garten an. Rundum hatte Heinrich außer diesen seinen Lieblingsorten Jagdhäuser, so eines auf dem Berge, der die spätere Staufenburg trug, eins in Gittelde, eins in Seesen, eins zu Herzberg, eins zu Scharzfeld, eins zu Schildberg, eins auf dem Harzburgberge. Eine andere Anhöhe hieß die Vogelsburg und lag über einem Ort, der Hernachmals Vogelsbeck benannt wurde. Alldort erlegte Junker Heinemann von Gittelde einen Bären, der den Herzog hart bedrängte, ward hoch belobt und belohnt, und Heinrich erbaute an dem Ort eine Kapelle, und die Priester mußten darin beim Messedienst vor dem Altar auf das Fell des Bären wie auf einen Teppich treten. – Die Staufenburg ist Hernachmals durch den Kaiser Heinrich I. gar stattlich auf- und ausgebaut worden, und er hat sie als einen Lieblingssitz betrachtet. Hernachmals in spätern Zeiten hat sich auf der Staufenburg noch mancherlei Geheimnisvolles zugetragen, und ihre Mauern sahen nacheinander der Liebe Wonnen und der Liebe Pein im vollsten Maße, so daß sie für Herzog Heinrich von Braunschweig, der seine Eva von Trott droben wohnen hatte und barg, selbst gar ein traulicher Heinrichswinkel geworden. – Auf einer Felsklippe ist noch ein Frauenfuß tief eingedrückt zu sehen, dort stand oft lange ein schönes Weib mit sehnsuchtsvollem Blick und schaute dem Kommen des Liebsten entgegen. Man will sie auch noch jetzt erblicken mit goldgelbem, fliegendem Ringelhaar, wie die alten deutschen Meister ihre schönsten Marienbilder malten.

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390. Das Teufelsloch zu Goslar

390. Das Teufelsloch zu Goslar

Im Dom zu Goslar hat man lange an einem Pfeiler einige Ellen hoch von der Erde unvertilgbare Blutflecken gezeigt. Im Jahre 1063 kam Kaiser Heinrich IV. nach Goslar, da erhob sich zwischen dem Bischof Horzilo von Hildesheim und dem Abt Widerad von Fulda ein heftiger Rangstreit um den Vorsitz, um die Ehrenstelle. Dieser Streit ging so weit, daß die erbitterten Gegner gegenseitig Bewaffnete in die Kirche bestellten, die ihnen den erstrebten Sitz erkämpfen sollten, und wirklich gedieh es durch des Teufels Anstiften dahin, daß in der Kirche mit den scharfen Waffen gekämpft wurde und das Blut an die Pfeiler umherspritzte und zur Kirchtüre hinaus auf den Kirchhof floß. Daran hatte der Teufel ein herzinniges Wohlgefallen. Er stieß ein Loch in die Wand und stellte sich den Kämpfenden dar, feuerte sie an und empfing die Seelen derer, die in diesem gottlosen und verruchten Kampfe fielen. Als endlich das Morden aufhörte, welches durch die drei Weihnachtsfeiertage gedauert haben soll, andere sagen, es sei vor Pfingsten gewesen, und der Priester am Altare intonierte: Hunc diem gloriosum fecisti!, da steckte der Teufel seinen Kopf durch das von ihm gemachte Mauerloch, streckte seine feuerrote Zunge armslang heraus und plärrte mit grober und lauter Stimme: Hunc diem bellicosum ac cruentum ego feci! – Hernachmals haben sie das Loch zumauern wollen, allein es blieb offen. Vergebens ward es mit Weihwasser besprengt und ward der Mörtel mit Weihwasser angemacht; wenn es auch zu war, der letzte Stein fiel immer wieder heraus, gerade wie beim Loch auf der Frankfurter Mainbrücke. Endlich wurden Baumeister vom Herzog von Braunschweig erbeten, die mauerten in das Teufelsloch eine schwarze Katze ein und sprachen beim Einsetzen des letzten Steines: Willst du nicht festsitzen in Gottes Namen, so sitze fest in des Teufels Namen! Da hielt auch dieser Stein, aber einen Riß bekam die Mauer doch wieder, und der ist auch nicht wieder wegzubringen gewesen.

Vor dem altertümlichen Rathaus auf dem Markte zu Goslar steht ein mächtig großes metallenes Schallbecken, das soll ein Werk des Teufels sein. Wer um Mitternacht daranschlägt, soll ihn rufen. Ob er kommt, weiß man nicht so ganz sicher. Es hat einen wunderbaren Klang, und wird an dasselbe geschlagen, wenn Feuer in der Stadt ausbricht, so dient es anstatt einer Sturmglocke.

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