175. Wunderbäume in Dithmarschen und Holstein

175. Wunderbäume in Dithmarschen und Holstein

In der Kirche von Süderhadstede steht ein alter Holunderbaum. Zu diesem Baume, geht die Sage, kam oft der Geist des Königs geritten, der den Dithmarschen ihre Freiheit genommen. Er ritt auf einem grauen Schimmel und betete unter dem Baume. Einst wird die Zeit kommen, da wird auf dem Heideviert, darauf Süderhadstede liegt, eine große Schlacht geliefert, das fliehende Heer wird nach dem Dorfe zugetrieben werden und wird es mit Getümmel erfüllen. Da wird der König kommen, seinen grauen Schimmel an den Holunderbaum binden und niederknien und inbrünstig beten. Dann aber werden dreihundert Dithmarscher Bauern hinter der Kirche hervortreten, bewaffnet mit Sensen, Hauen und Dreschflegeln, und aus ihrer Mitte einer in grauen Hosen, blauer Weste und mit weißen Hemdsärmeln wird herzutreten und wird dem König auf die Schulter klopfen und wird sprechen: Herr König, Er hat uns die Freiheit genommen, doch sei Er nur gutes Mutes und besteige wieder sein Pferd, wir wollen Ihm doch beistehen. Da wird der König sich erheben und seine Leute sammeln, die Bauern aber werden den Feind aufhalten, und nach neuer blutiger Schlacht wird dann ein langer Friede ins Land kommen.

So stand auch bei Süderhadstede zu den Zeiten der Freiheit auf einem schönen runden Raum eine uralte Linde, die ward der Wunderbaum geheißen im ganzen Marschlande. Ihre Höhe übertraf die aller andern Bäume ringsumher, ihre Zweige standen alle kreuzweis, ihresgleichen war nirgends zu finden. Jahr auf Jahr ergrünte sie frisch, trotz ihres hohen Alters, und die Rede ging, solange des Landes Freiheit blühe und grüne, werde auch der Wunderbaum also fortbestehen. Und so geschah es. Als der Dithmarschen Freiheit gebrochen ward, verdorrte die Wunderlinde. Aber noch geht die Sage: auf der dürren Linde wird eine Elster ihr Nest bauen und wird darinnen ausbrüten fünf weiße Junge. Das wird das Zeichen sein von der Freiheit Wiederkehr, und dann wird die Linde wieder ausschlagen und grünen, wie der dürre Birnbaum auf dem Walserfeld, wann der Kaiser Friedrich hervortritt und die große Freiheitsiegesschlacht schlägt. Und dann wird das Dithmarschenland auch wieder zu seiner Freiheit kommen. – Ein verheißungenreicher Holunder ist aus der Nortorfer Kirchhofmauer herausgewachsen und ein anderer in Schenefeld, an welche Bäume ganz ähnliche Prophezeiungen sich knüpfen.

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176. Der wilde Jäger in Dithmarschen

176. Der wilde Jäger in Dithmarschen

Auch in Dithmarschen kennt man den wilden Jäger, wie am Rheine, auf dem Harz, in Thüringen, im Vogtlande und sonst. Also wird vom Freischützen zu Marne erzählt, daß er ein ziemlich wilder Bauernbursch gewesen, der die Jagd über alles geliebt, aber, nachdem er sich verheiratet und ein kleines Gütchen bewirtschaftete, dieses über der Jägerei vernachlässigt, mit dem Weidwerk aber gar wenig aufgesteckt habe. Da ging er einstmals ganz mißmutig durch den Wald nach Hause, denn er hatte den ganzen Tag noch keine Krähe und keine Klaue geschossen, siehe, da ging ein fremder Jagdgesell vor ihm her, der trug ein schönes Gewehr und eine bauschende Jagdtasche, und der Bauer mochte ihn gern einholen. Jener aber führte einen tüchtigen Schritt. Endlich tat der Bauer einen hellen grellen Jagdpfiff, jener jedoch kehrte sich gar nicht daran und stand nicht, bis er an einen Kreuzweg kam, da stand er endlich und erwartete den Bauer, und war ein ganz feiner, gutgekleideter Gesell. – Ihr habt wohl besser Glück gehabt als ich, sprach der Bauer zu ihm. Ich seh’s Euerm Jagdranzen an, der ist gut gefüllt. – Ja, sprach der Fremde, kannst’s auch so haben, kannst Kugeln schießen, die immer treffen, mit deinen Kugeln triffst du freilich nichts. Guten Weg! – Und wollte damit weitergehen, aber der Bauer-Jäger hielt ihn zurück und bat, ihm sein Geheimnis des Stetstreffens und Niefehlens zu lehren, und versprach ihm hohen Lohn. Jener aber sprach: Ich will es dir wohl lehren, du mußt mir aber schwören, keiner lebenden Seele mein Geheimnis zu verraten, denn tätest du das, so würde es dir übel ergehen. – Jener schwur und hob die Hand gen Himmel, da flogen zwei Raben auf und krächzten und schwirrten um die beiden Männer, und der fremde Jäger sagte jenem sein Geheimnis. Sotanes Geheimnis war aber gar entsetzlich, und der Bauer trug schwer daran, und lastete ihm auf dem Gemüte, und probierte es nicht, ging lieber gar nicht mehr hinaus in den Wald, sondern blieb zu Hause, aber auch da still und träumerisch. Die Frau sah ihres Mannes Veränderung, und hatte ihr sein Jagdgehen nicht gefallen, so gefiel ihr sein in sich gekehrtes Wesen noch viel weniger, und sie drang in ihn, ihr zu sagen, was ihm denn fehle. Er aber schwieg, sie aber ließ nicht nach mit Forschen und Fragen, Bitten und Betteln, bis er endlich ihr vertraute und sprach: Ich soll, wenn ich will, daß jede meiner Kugeln treffe, mein Gewehr mit einer geweihten Hostie laden statt mit einer Kugel, dann im Walde auf einen freien Platz gehen zur Mittagsstunde, da ein weißes Tuch ausbreiten, darauf treten und gerade in die Sonne schießen. Von da an soll jeder meiner Schüsse treffen und des Wildes nimmer fehlen.

Wohl war das der Frau graulich zu hören, doch allmählich stillte sich ihr Grauen, und da sie mehr und mehr in Not, ihr Hauswesen aber in Verfall kam, so meinte sie, probieren könne er das Kunststück ja doch einmal, so sehr viel könne es doch nicht auf sich haben, es sei ein Jägerstücklein wie viele andere, und wenn es probat sei, wie sie gar nicht glaube, so hülfe es ihnen aus aller Not, und was ihres Zuredens Worte mehr waren. Und da dachte er es endlich zu wagen. Er hatte aber ganz und gar vergessen, daß er seinen Schwur schon gebrochen und das Geheimnis verplaudert hatte und daher schon jenem Argen verfallen war. Nun ging der Jäger zum Abendmahl, empfing die heilige Hostie, behielt sie im Munde und lud sie dann heimlich in seine Büchse. Dann tat er alles übrige nach der Vorschrift, ging noch denselben Sonntag zur Mittagszeit in den nahen Wald. Die Sonne schien hell. Der Jäger zielte, er schoß nach der Sonne. Da verfinsterte sich die Sonne, schwarzes Gewölk fuhr auf. Blitze flammten, Donner krachten, die zwei Raben waren da und krächzten und schlugen mit den Flügeln. Der Entsetzte sprang von seinem Tuche, bückte sich, wollt‘ es aufraffen, da waren die Fußtapfen, wo er gestanden hatte, voll Blut. Er stürzte aus dem Walde, die Angst brachte ihn fast um – dort stand sein Haus, das brannte lichterloh – das Wetter hatte hineingeschlagen, schreiend und heulend stürzten Weib und Kinder ihm entgegen. Und da war auch der fremde Jäger wieder da, der höhnte ihn, daß er ein schlechter Freischütz sei, der das Geheimnis nicht bewahrt habe. Und nun müsse er bis zum Jüngsten Tage jagen, Weib und Kinder müßten als Hunde ihn begleiten – am Tage müsse er bei den zwei Raben im Walde wohnen und nachts durch die Lüfte hetzen.

Dieses geschah und geschieht noch immer, und die Leute nennen das den wilden Jäger. Wer ihn hört und das Wauwau der Hunde nachmacht, dem wirft er Knochen herab oder Stücke von verfaultem Wild und Pferden. Einem Mann aus Bornhövede ist das geschehen, auch einem aus Meinsdorf, die wurden gezwungen, selbst von dem Braten zu essen. Der wilde Jäger hat insgemein viele Hunde, meistens kleine Dächsel und andere, manchesmal brennt den Hunden auf dem Schwanz ein Licht. Manchesmal zieht er mitten durch die Häuser, und da tut er niemand etwas, wenn nur die Leute sich ruhig verhalten und sich an nichts kehren.

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177. König Abels Jagd

177. König Abels Jagd

König Abel, der Brudermörder, war Zeit seines Lebens ein gewaltiger Jäger, und als es mit ihm zum Sterben kam, wünschte er sich, statt der ewigen Seligkeit, ewig jagen zu dürfen. Dieser Wunsch ward ihm gewährt zur ewigen Strafe. Kohlschwarz im Gesicht, von zehn manchmal feurigen, aber kleinen Hunden begleitet, auf einem kleinen Pferde reitend, durchzieht er die Lüfte mit Lärm und Getöse und gellem Hornruf. Sein Schrei tönt: Hurra! Hurra! – Es war zur Zeit König Abels Leben nicht gut, ihm zu begegnen, und ist’s auch heute noch nicht. Ein alter Bauer aus Dorf Danewerk erzählte, wie seiner Großmutter ihre Großmutter noch eine junge Dirne gewesen, da hätte um das Danewerk herum noch viel Gehölz gestanden, dahinein hätte die Dirne die Kühe getrieben und gehütet. Da habe sie einmal unversehens in der Luft ein fürchterliches Ramentern vernommen und wäre König Abel in Lüften dahergesaust mit seiner Jagd. Zehn Hunde, ganz weiße, hatte er bei sich, die hatten feurige Zungen aus dem Halse hängen. Ach, dachte die Dirne, nun bin ich so ganz allein, wie soll das wohl gehen? Sie hatte ein weißes Schürztuch um, das band sie ab, und wickelte es um ihren Kopf, und setzte sich bei einen großen Baum und weinte. König Abel kam nun heran und machte gar ein grausiges Geprassel und Getöse bei ihr herum, und dann zuletzt machte er sich wieder von dannen. Von den Hunden des Königs Abel kam aber einer zu der Dirne heran, und sprang ihr in den Schoß, und legte sich still hinein. Wie nun der Lärm vorüber war, so nahm sie den Hund im Schoß mit nach Danewerk, und da hat er sein Geschlecht vermehrt, daß noch immer solche Däckel dort gefunden werden. König Abels Jagd hat aber seitdem nicht mehr zehn Hunde, sondern nur noch neun. König Abels Pferd braucht auch Futter. Auf dem Hesterberg bei Schleswig bringen die Bauern aus Mielberg, wenn sie ein Stück Land mit Hafer besäen, einen Sack voll mehr mit, als sie brauchen, nachts kommt hernach allemal jemand, der den Hafer für sein Pferd braucht. Darum gerät aber auch der Hafer auf dem Hesterberg am allerbesten in ganz Schleswig.

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165. Das Zwergvolk im Osenberge

165. Das Zwergvolk im Osenberge

Das Zwergvolk im Osenberg

Im Osenberge, aus dem vorzeiten die Jungfrau trat, welche dem Grafen von Oldenburg das Horn darreichte, gibt es Zwerge und Erdmännlein. Im Dorfe Bümmerstett war ein Wirtshaus, das hatte von den Zwerglein gute Nahrung. Sie liebten das Bier und holten es gern, wenn es vom Brauen noch warm aus der Bütte kam, und bezahlten es mit gutem Gelde vom feinsten Silber, obschon solches Geld kein landübliches Gepräge hatte. Da ist auch einmal ein uraltes Zwerglein zu durstiger Jahreszeit in das Brauhaus gekommen und hat Bier holen wollen, hat aber großmächtigen Durst mitgebracht und gleich etwelche gute Züge in die Hitze getan, darauf ist es eingeschlafen tief und fest, und niemand hat gewagt, es zu stören oder zu wecken. Aber als das steinalte Männlein endlich wieder aufgewacht ist, da hat es angehoben bitterlich zu weinen und zu klagen: Ach ach ach! was wird mein Großvater mir nun für Schläge geben! – Und ist so eilend davongesprungen, daß es gar seinen Bierkrug vergessen gehabt, und nimmermehr ist das Männlein oder ein anderes Gezwerg wieder in das Brauhaus zu Bümmerstett gekommen. Den Krug aber hob der Wirt gut auf, und hatte die beste Nahrung; dann heiratete des Wirtes Tochter, blieb aber mit ihrem Mann im Hause und setzte die Wirtschaft fort, und hatten auch lange Zeit Nahrung vollauf. Aber endlich wurde durch Unvorsicht der Krug zerbrochen, und von da an ging gleich die Wirtschaft den Krebsgang, und mit dem Kruge war das Glück zerbrochen, denn Glück und Glas, wie bald bricht das, oder Glück und Glas, wie bald zerbricht ein Bierkrug! Der Wirt, der die Tochter des alten Wirts gefreit hatte, wurde an die hundert Jahre alt und hat es selbst oft und viel erzählt, es ist aber schon lange her, daß er es erzählt hat, schon volle zweihundert Jahre.

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166. Die Elben

166. Die Elben

In den Gewässern um die Nordseeküsten, um Friesland und zwischen der Elbemündung und Helgoland, erblickt man häufig schwimmende Eierschalen; in diesen fahren die Elben herum. Das sind kleine zarte Elementargeisterlein, teils guter, teils schlimmer Art. Sie wohnen im Wasser und kommen oft in Wasserbläschen über fischleeren Weihern auf die Oberfläche, hausen aber auch in kleinen Hügeln; in Brabant heißen diese Hügel Alvinnenhügel, da hat das alte Wort Alf, Elf, Elbe sich nur in Alfin, Alvinne umgewandelt. So klein der Elben Erscheinen ist, so groß ist ihre Macht, dies deutet nichts besser an als der große gewaltige Strom, an dessen Ausgang in das Meer sie wohnen, und der ihren Namen trägt, die Elbe, darin wohl einen tiefen Sinn – des Naturgeistes Mächtigkeit zugleich im Kleinsten wie im Größten – die alte mythische Weisheit in der deutschen Sprache runischen Zauber bannte. So mag einer das Rätsel aufgeben, mit einem Wort das ätherisch Leichteste und etwas recht Schweres, ins Gewicht Fallendes zu nennen. Im Worte Elfenbein ist die Lösung gegeben.

In Westflandern sagen die Leute, wenn der Wind recht pfeift und heult: Alvinna weint – und denken sich unter der Alvinna eine mythische Persönlichkeit, es ist aber eben nur die personifizierte Naturstimme, als elbisch-dämonische Macht im dunkeln Volksbewußtsein lebendig.

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167. Das heilige Land

167. Das heilige Land

Hoch aus der Nordsee Fluten hebt sich die Insel Helgoland, deren Name noch im vorigen Jahrhundert gar nicht anders als Heilgeland geschrieben wurde, insula sancta, weil sie vor grauen Zeiten ein Götterheiligtum gewesen. Schon damals mochte der Reimspruch seine Geltung haben:

Grün ist das Land,
Rot ist der Rand,
Weiß ist der Sand,
Das sind die Zeichen von Helgoland.

Als das Heidentum verschwunden war, hatten auf dieser Insel sieben ausgedehnte Kirchspiele Raum. Noch im Jahre 1530 ernährte die Insel, nachdem die Meeresflut längst des Landes größten Teil verschlungen, über zweitausend Bewohner fast ausschließlich durch den Heringsfang. Da kam es einigen Übermütigen bei, die nur geringen Fang getan, einen oder einige Heringe mit Ruten zu peitschen, da schwand auch dieser Segen hinweg, die Insel wurde immer kleiner und immer ärmer, und was vordem Tausende genährt, nährte nun nur noch Hunderte. Die Sage geht, daß das Heilgeland von alters her kein giftiges Tier auf sich dulde. Wegen der Heringe, sagen andere, sei es also gewesen, daß die Helgoländer oft nicht Tonnen und Salz genug für den reichen Segen gehabt, die Heringe seien sogar den Strand hinaufgelaufen, da habe eine alte Helgoländerin, darüber ärgerlich, einmal einen Besen genommen und sie hinuntergefegt, von dieser Zeit an seien sie ausgeblieben.

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168. Fositesland

168. Fositesland

Auf der Insel Helgoland stand zu Heidenzeiten das Heiligtum eines Gottes des Namens Fosite oder Fosete, der war ein Gott der Eintracht und des Friedens. Kein unreines Tier durfte seinem Tempel nahen, und wer des Ortes Heiligkeit verletzte, mußte den Tod erleiden. Die Apostel dieses gottheiligen Landes waren Ludger und Wilibrord. Ludger schiffte, ein Kreuz in der Hand, auf die Insel zu, und sang den sechzigsten Psalm. Da ward ein Rauch erblickt, der von der Insel aufstieg und hoch über sie sich ausbreitete und alsdann verschwand. Da sprach Ludger: Wisset, meine Brüder, daß dieser Dampf Satan selbst war, den nun der Herr von diesem Insellande vertrieben. Und betrat das Ufer freudig und predigte Jesum Christum. Er zerstörte den Tempel Fosetes und baute an seiner Stätte die erste Kirche. Als Wilibrord eines der Tiere schlachtete, welche um Fosetes Tempel weideten und für heilig und unverletzbar galten, glaubten die Bewohner, er werde alsbald sterben, da dies aber nicht geschah, so ließen sie sich taufen. Selbst die Seeräuber in späterer Zeit achteten dieses Land also heilig, daß sie nie etwas davon hinwegführten, ja den frommen Einsiedlern, die dort wohnten, reichten sie sogar einen Teil ihrer Beute. So ist auch bis auf den heutigen Tag alldort ein tiefer heiliger Brunnen, darinnen, dem Meeresstrande so nahe, doch süßes Wasser quillt. Daraus sind die heidnischen Bewohner des Landes getauft worden.

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159. Stavorens Untergang

159. Stavorens Untergang

Das große Zeichen, das der Herr getan, als er die Sanddüne aus dem Meeresgrunde aufwachsen ließ, besserte noch lange nicht die Ruchlosigkeit der Einwohner von Stavoren, denn solcher Leute, wie jene gottlose Witwe war, gab es dort nur noch allzuviele. Da war eine reiche und übermütige Jungfrau, die hatte viele Schiffe in See und des Gutes so viel, daß sie nicht wußte, wie viel. Die beauftragte auch einen Schiffer zur Zeit, wo große Hungersnot im Lande war, ihr das Kostbarste und Wertvollste, was er in fernen Landen nur immer zu finden vermöge, mitzubringen. Und der Schiffer fuhr hinweg und kam bald wieder, und als die Jungfrau fragte, was er Köstliches für sie mitbringe, da er so bald zurück sei, sie habe ihn noch nicht erwartet, sprach der Schiffer: Meine Jungfrau, das Köstlichste ist jetzt, was der Mensch zum Leben braucht; ich bringe den schönsten Weizen. – Die Jungfrau aber hatte reichen Schmuck, Gold, Perlen und Diamanten erwartet und zürnte: Weizen! Was soll mir dieses elende Zeug? Gleich über Bord damit! – Das hörte eine Schar hungernder Armen, die flehten die Jungfrau kniefällig an, doch ihnen das Getreide zu geben, es nicht verderben zu lassen! – Aber die stolze Jungfrau blieb bei ihrem harten Sinne. Der Schifführer sprach: Meine Jungfrau, bedenket Euch wohl, es könnte Euch reuen! Gott hört und sieht Gutes und Schlimmes, er lohnt und rächt. Ein Tag könnte kommen, wo Ihr, hungrig und arm gleich diesen Elenden, gern die Körnlein einzeln aufläset, die Ihr jetzt in das Meer wollt schütten lassen! – Frecher Knecht! zürnte da die Jungfrau und schlug ein satanisches Gelächter auf. Gleich wirf den Weizen ins Meer, und diesen goldnen Ring werfe ich hinterdrein! So wenig werde ich verarmen, so wenig ich diesen Ring jemals wiedersehe! Und so geschah die gottlose Tat.

Und wie die Jungfrau handelte, so handelten in anderer Weise freventlich auch die meisten Einwohner von Stavoren. Am andern Tage aber traf die Jungfrau die Nachricht, daß viele ihrer Schiffe auf der Heimfahrt aus dem Morgenlande gescheitert seien; am zweiten Tage die weitere Nachricht, daß ihre übrigen Schiffe von den Seeräubern genommen seien; am dritten Tage verbreitete sich die Kunde, daß ihr sonstiges Vermögen, das sie einem reichen Handelshause anvertraut hatte, durch den Fall dieses Hauses verloren sei. Am vierten Tage wurde aus ihrem Ziehbrunnen ein Seefisch, eine Bütte, herausgezogen, niemand wußte, wie dieser Fisch in den süßen Brunnen kam; als der Fisch geschlachtet wurde, fand sich in seinem Eingeweide – der Ring, den die Jungfrau mit frevelndem Ausruf in das Meer geworfen hatte.

Noch ein Jahr verging, da sah man das vordem so stolze Weib betteln gehen von Haus zu Haus und auf dem Felde Ähren lesen, um sein elendes Leben zu fristen.

Auch dieses Zeichen der Warnung, das der Herr tat, irrte die Einwohner von Stavoren nicht, ihr Leben fortzusetzen, obschon die Stadt durch den versperrten Hafen zu verarmen begann. Da geschah es mit einem Male, daß man in allen Ziehbrunnen Bütten und Schellfische und Heringe fing, daß das Wasser stieg und das Land sank, und mehr als drei Vierteile der reichen Stadt verschlang die Flut, die fort und fort am Lande nagt, und aller Segen war hinweg, und der Rest der Stadt verarmte mehr und mehr.

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160. Die sieben Meerminnen

160. Die sieben Meerminnen

Ein friesischer Schiffer hatte sein Schiff gerüstet zu weiter Fahrt, und stand am Bord, und hob die Hand, und gelobte sich dem Meere. Es solle das Meer ihm schirmen und schonen sein Schiff und seine Ladung, so wolle er auch ihm getreu sein all sein Leben lang und nimmer an das Land begehren zu längerm Verweilen. Da hoben sieben Meerminnen ihre Leiber halb aus der Flut, und hörten seinen Schwur, und nahmen ihn, und tauchten wieder in die Tiefe nieder. Lange fuhr der Schiffer von Meere zu Meere, von Lande zu Lande, und sein Reichtum mehrte sich, aber er konnte dessen auf dem Schiffe nicht froh werden, ihn nicht genießen, und allmählich kam doch ein Sehnen in sein Herz nach dem Lande. Und da kam sein Schiff einst an einen blumenreichen Strand voll Reiz und blühender Gärten, und er sah eine wunderholde Jungfrau wandeln, die sein Herz gewann, und er gewann bald auch das ihre, freite um sie, verkaufte sein Schiff, erbaute ein herrliches Haus am Strande, schmückte es aus mit seinen Schätzen wie ein Königsschloß, und dahinein führte er seine Erkorene als liebe Braut. Aber siehe, in der Nacht, als der Schiffer im Arme seiner Liebsten ruhte, da hoben sich die sieben Meerminnen aus der See nahe dem Ufer an des Schiffers Palast und sangen ein entsetzlich Lied, und es rollte ein Wellenberg heran, der übersprang das Ufer und stieß ans Haus, da bebte das Haus in seinen Fugen; dem sprang ein zweiter nach, der brach die Türen ein und rauschte in die Flur, und ein dritter, der brach durch die untern Fenster, und ein vierter, der brach oben durch, und ein fünfter, der riß den Schiffer hinweg, und ein sechster, der fing den Schiffer auf und warf ihn im Zurückbranden in die wildwogende schaumspritzende See. Da empfingen die Meerminnen den Schiffer und führten ihn tief hinab zum Grunde. Dort muß er wohnen, von dort springt er mit den Wellen im Maimond herauf nach seinem zerstörten Hause und will sein Lieb retten, aber immer ziehen ihn die Meerminnen wieder zurück.

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161. Der Friesen Bekehrung

161. Der Friesen Bekehrung

Nach Friesland kam der heilige Wolfram, der wurde des Volkes und Landes erster Apostel. Ein Traumgesicht hatte ihm offenbart, daß er das werden solle, und so kam er zum Hofe des Friesenherzogs, der hieß Radbot, und wie der Heilige kam, da sollte dem Götzen nach der heidnischen Landessitte eben wieder ein Opfer durch den Strang gebracht werden, ein durch das Los erwählter Knabe des Namens Occo. Da bat Wolfram für den Knaben und um dessen Leben im Namen seines Gottes und Heilandes bei Herzog Radbot, und Radbot sprach: Siehe, ob dein Christus ihn vom Tode erretten kann, dann soll er dein sein. – Wie nun der Knabe zum Strange geführt und aufgeknüpft ward, da betete Wolfram, und da riß der Strang, der Knabe fiel zur Erde und wandelte unversehrt, und Wolfram taufte ihn. Da erkannte Radbot die Macht des Heilandes und dachte, sich auch zum Christenglauben zu bekehren. Ehe Radbot aber dazu schritt, erschien ihm in der Nacht der Teufel in Engelsgestalt und in herrlichem Geschmuck und flüsterte ihm zu: Warum willst du abfallen von deines Landes Gott? Tust du das nicht, so wirst du künftig wohnen in einem goldnen Hause, das will ich dir zeigen morgen des Tages. Nun frage aber auch Wolfram, wo denn sein Himmel sei, den er dir verheißt. Er soll ihn dir auch zeigen, so er das vermag. –

Das sagte Radbot andern Tages dem heiligen Wolfram an und verhieß, er wolle ein Christ werden, wenn der Friesen Gott ihm nicht das goldne Haus zeige, Wolfram aber sagte, und wenn dem Herzoge auch solches Haus gezeigt werde, so werde es ein Gaukelspiel des Satans sein. – Da wurde nun ein Friese erwählt für Radbot und ein Diakon für Wolfram, die gingen aus zusammen, das Haus zu finden, und alsbald gesellte sich ein Dritter zu ihnen als ein Wegweiser. Sie kamen unvermerkt auf einen herrlichen Weg, der war mit Marmor geplattet, und von fern leuchtete ihnen das goldene Haus entgegen, herrlich und voller Glast, und darin stand auch ein Thron von Elfenbein mit Edelsteinen geziert und mit Purpur ausgeschlagen. Und der Führer sprach zu dem Diakon und zu dem Friesen: Sehet, das ist Herzog Radbots ewiges Haus. – Und der Diakonus sprach: Ja, wenn Gott es gebaut hat, so wird es ewig stehen, und schlug ein Kreuz gegen das Haus: hui, da schwand es dahin, und war ein stinkender Kothaufen, und der Marbelweg war eine Sumpflache, und der Führer war der Teufel selber, der verschwand mit Gestank und Zorngebrüll. Schnell waren der Friese und der Diakon zum Hause gelangt, aber drei Tage lang mußten sie mühsam durch Binsen und Geröhrig schreiten, ehe sie die Stadt des Herzogs wieder erreichten. Der Friese sagte seine Botschaft an, und was er gesehen, und ließ sich taufen. Sein Name hieß Sugomar. Und Herzog Radbot, als er diese Mär vernommen, wollte sich auch taufen lassen, und da er in das große steinerne Taufbecken treten wollte und schon einen Fuß hineingestellt hatte, fragte er, wo die Schar seiner Vorfahren sich befinde, bei den Seligen im Himmel oder bei den Teufeln in der Hölle. – Darauf antwortete der Bischof: Wer nicht glaubet und getauft wird, der wird nicht selig. – Da zog Radbot den Fuß wieder aus dem Becken und sprach: Wo meine Voreltern sind, will ich auch sein, bei meiner Magschaft und Sippschaft; was soll ich allein im Paradiese bei den wenigen Christenleuten? – Und ließ sich nicht taufen. Aber am dritten Tage starb Herzog Radbot und fuhr hin zu seiner Sippschaft und Magschaft.

Da der heilige Bonifazius zu den Friesen kam und sie auch bekehren wollte, ließ wohl ein Teil sich taufen, aber nachher erschlugen sie ihn samt seinen Gefährten Adolar und Theoban und fielen wieder in das Heidentum zurück.

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