17. Blümelis-Alpe

17. Blümelis-Alpe

Im Berner Oberland liegt ein Bergzug, die Klariden geheißen, darauf waren herrliche Weiden, alle voll der kräftigsten Alpenkräuter und Blumen, so daß jede Kuh des Tages dreimal gemolken werden konnte und jedes Melken dritthalb Maß in den Milcheimer gab. Da war auch eine Alp, die war absonderlich schön, triftreich und ganz voll Blumen, deswegen hieß man sie auch die Blümelis-Alp. Darauf hatte ein reicher Hirte sein Haus, das war ihm weit nicht schön genug, wollt’s schöner haben, baut‘ ein großes neues, baute eine Treppe von eitel Käsen, darüber ging er mit seiner liebsten Sennerin, seinem Hund und seiner Kuh, und wenn die Käsetreppe schmutzig geworden war, so ließ er sie mit Milch abwaschen. Im Tale wohnte des Hirten fromme Mutter, die wußte nichts von ihres Sohnes Frevel und gottlosem Tun, ging einmal eines Sonntags hinauf auf die Blümelis-Alpe, wollte die Sennerei besuchen, und erdürstete sehr, bat deshalb, als sie kam, um einen Labetrank. Die Sennerin sah die Alte gar ungern kommen, und der Sohn desgleichen, und beide fürchteten deren Vorwürfe und wollten sie gern bald wieder hinab haben. Und als die Alte trank, fand sie, daß eine ruchlose Hand Sand auf die Milch gestreut hatte. Da wandte sich die Alte alsbald von hinnen, schritt die Alpe hinunter, stand drunten still, hob die Hände empor und verwünschte die Gottlosen. Alsbald brach ein Wetter los, wie wenn der Jüngste Tag käme, und der kam auch für die Blümelis-Alp und für alles, was auf ihr lebte, Hirt und Sennerin, Kuh und Hund – Haus und Gehöft – alles fand seinen Untergang, und über die Alpe lagerten sich Gletschereis und Felsentrümmer. Auf diesem öden Gefild spukte nachher der Geist des Hirten umher und klagte:

Ich und min Kathryn,
Min Kuh Brandlin,
Und min Hund, der Rhyn
Müssen stetig uf Klaride syn!

Es geht die Sage, diese umirrenden Geister wären zu erlösen, wenn einmal an einem Karfreitag ein frommer Senne die gespenstige Kuh ganz stillschweigend ausmelke, der Dornen an den Handschuhen habe. Einstmal wagt‘ es einer, ob die Kuh sich wegen der Dornen noch so wild stellte, und hatte schon den Eimer halb voll. Da klopft‘ ihn ein Mann auf die Schulter und fragte: Schäumt’s auch wacker? – Der Senn vergaß des Schweigens Bedingung und sagte: O ja, es schäumt wohl. – Da riß mit einem Ruck die Kuh sich los, trat den Eimer um und verschwand, und die Geister der Blümelis-Alp blieben unerlöst.

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179. Die Unterirdischen

179. Die Unterirdischen

Das Volk der Unterirdischen und der Glaube an dasselbe ist im deutschen Norden und weiter nordwärts verbreiteter als irgendwo; es wohnt unter der Erde, häufig in den alten Grabhügeln und Hünenbetten; im dänischen Schleswig heißt es Biergfolk, Ellefolk, Unnervaestöi, Unnerborstöi, auf Sylt Onnererske, auf Föhr und Amrum Onnerkänkissen, in Holstein Unnererske, Dwarge. Seit undenklichen Zeiten wohnen sie im Lande. Die Sage von ihrer Entstehung lautet: Christus der Herr wandelte einmal auf Erden und nahte einem Hause, darinnen eine Frau wohnte, die hatte fünf schöne Kinder und fünf häßliche. Der Häßlichen schämte sie sich vor dem hohen Gast und verschloß sie schnell im Keller. Wie nun der Herr in das Haus kam, sprach er: Frau, lasset Eure Kindlein zu mir kommen. Und da brachte die Frau ihre fünf hübschen Kinder, daß der Herr sie segne. – Und wo sind Eure andern Kinder? fragte der Herr. Andere Kinder hab‘ ich keine, log das Weib. So, sagte der Herr, und legte die Hände auf die fünf Kinder, und segnete sie und sprach: Was drunten ist, soll drunten bleiben, was oben ist, soll oben bleiben. – Als der Herr hinweg war, lief die Frau in den Keller, ihre häßlichen Kinder herauszulassen, aber da waren sie verschwunden. Aus ihnen ist das Geschlecht der Unterirdischen entstanden.

Zahllos sind die Orte, welche das Volk in Schleswig, Holstein, Lauenburg, in Jütland und auf den Inseln nennt und kennt, wo Unterirdische sich aufhalten sollen, und noch viel zahlloser die mannigfaltigen Sagen von denselben. Die Onnerkänkissen auf Amrum haben ihr Wesen hauptsächlich im Fögedshoog bei den Dänen, da laufen sie auf dem Wasser Merum Schlittschuhe. Ein Mann ließ sich einfallen, ihnen nachzugraben, wie man einem Fuchs oder Dachs nachgräbt; da schrie es hinter ihm: Feuer!, und wie er umschaute, sah er sein Haus in hellen Flammen stehen. Eilends ließ er ab von seiner Gräberei und stürzte seinem brennenden Hause zu; als er hinkam, war keine Spur einer Flamme. Er war klug genug, sich die Lehre zu merken, er grub nicht wieder.

Die Unterirdischen sollen auch an Gott glauben, aber vom Christentum wissen sie nichts, daher gehen sie auch nicht zur Seligkeit ein.

Viele sonderliche Kunst wird den Unterirdischen zugeschrieben, besonders sollen sie die Verfertiger der so mannigfach geformten Grabtöpfe sein, die in Hünengräbern stehen, und von alle dem schönen Schmuck und den bronzenen Waffen, die in der Erde und häufig selbst in solchen Töpfen gefunden werden. Einen solchen Topf zu zerschlagen, bringt kein Glück, zeugt auch von geringem Verstand. Mancher ist über solchen nutzlosen Frevel ganz von Sinnen gekommen. Same, aus solchen Gefäßen gesäet, gedeiht besser als anderer, Hühner, aus denselben getränkt, werden nicht krank, Milch, in ihnen hingestellt, rahmt besser und gibt mehr Butter.

Wie in Deutschland vom Zwergenvolk die Sagen gehen, daß es Kessel und sonstige Geräte leihe, besonders zu seinen Hochzeiten und Festen – so findet im Norden der umgekehrte Brauch statt, die Bauern leihen dergleichen bei den Unterirdischen und geben es nach gemachtem Gebrauch mit Speiseresten zurück.

Was sich die Leute zu Zittau in der Lausitz von den in dortiger Gegend hausenden Bergzwergen erzählen, daß sie unsichtbar an Hochzeiten der Menschen teilnehmen, zwischen den Leuten sitzen und mit ihnen essen, das wird auch im Pinnebergischen erzählt und im nördlichen Schleswig. Wer den Unterirdischen etwas, das ihnen gehört, wegnimmt, erzürnt und vertreibt sie. Lärmenden Instrumentenschall können die Unterirdischen nicht vertragen, am wenigsten aber den Klang der Glocken, der hat sie fast überall hinweggetrieben, und dieser Glaube ist übereinstimmend in allen Landen.

Die Unterirdischen holen auch oft irdische Wehfrauen hinab zu ihren Wöchnerinnen, belohnen sie scheinbar gering, aber wenn sie das Geringfügige, Hobelspäne, Sand Asche, Kohlen, Erbsen, Laub und dgl., nicht unklug wegwerfen, so verwandelt sich’s in Gold. Meist werfen sie es aber weg, und bleibt nur ein kleines Restchen an der Schürze hängen oder fällt in den Schuh, und jene entdecken dann zu spät ihre Torheit, und welchen Reichtum sie verworfen.

Unter dem Landvolke, so weit es noch an die Unterirdischen glaubt, herrscht mehr Furcht und Abneigung gegen sie als Neigung und Liebe; sie nennen sie Untüeg, Unzeug (Gezügk sagen die Thüringer).

Vom Verkehr der Menschen mit den Unterirdischen, von Krieg und Frieden, Gunst und Tücke, Raub und Wiederbringung, Gaben, die Glück, Gaben, die Unheil bringen, und dergleichen mehr wären allein ganze Sagenbücher zu füllen.

Auch die Wechselbälge sind der Unnereerdschen unliebliche Früchte. Letztere stehlen neugeborene Menschenkinder vor der Taufe und legen ihre verschrumpfelten Hutzelmännchen in die Wiegen. Mancher geht umher, und wenn er in den Spiegel guckt, weiß er nicht, ob er nicht vielleicht auch ausgetauscht worden.

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180. Die Kielkröpfe

180. Die Kielkröpfe

Es gab auch noch andere geisterhafte Wesen von dämonischer Art, deren Natur im Guten und Schlimmen, doch mehr im letztern, mit der der Unterirdischen verwandt ist. Wechselbalg und Kielkropf ist so ziemlich Maus wie Mutter. Beide Sorten sind ausgetauschte Kinder ohne Gedeihen, von häßlichem Aussehen, die stets quengeln und weinen und meist die Unterirdischen, wo nicht gar den Teufel zum Vater haben.

Durch Mißhandlungen, die dem Kielkropf angetan werden, wird meist die Mutter desselben gezwungen, ihn wieder zurückzunehmen und das der Mutter heimlich entrissene eigene Kind zurückzugeben.

Einstmals hat sich eine Frau mit solch einem Kielkropf Jahr und Tag gequält; sie hatte wahrscheinlich vergessen, während ihrer Wochen bis zur Taufe Tag und Nacht Licht zu brennen oder irgendein Kleidungsstück von ihrem Manne anzuziehen. Schon hatte sie den Balg sieben Jahre; er aß viel, aber wollte nicht wachsen, nicht laufen, nicht sprechen lernen, hatte einen großen Dickkopf und spinnenbeinige Armchen und Füßchen. Da kam zu der Bauernfrau eine alte Jatrin (Zigeunerin), der klagte die Frau ihr Herzeleid, das sie jahraus jahrein mit dem Kinde habe, und die gab guten Rat, was die Bäuerin vornehmen sollte, um zu sehen, ob ihr Kind etwa ein Kielkropf wäre oder nicht. Diesen Rat befolgte die Frau, sie leerte ein Gänsei aus, füllte Bier hinein und kochte es über der Lichtflamme. Auf einmal begann der bisher stets stumm gebliebene Kielkropf an zu sprechen und sagte:

Ich bin so alt Wie Brennholz im Wald, So was hab‘ ich aber doch noch nicht gesehn!

So? sagte die Bäuerin, bist so alt wie das Brennholz im Wald, so bist du mein Kind nicht!, und nahm ein Stück Holz und wollte auf das ungestaltete Kind losschlagen, aber da kam gleich eine alte Unnereerdsche gelaufen und nahm das Kind aus der Wiege und sagte: So will ich mein Kind nicht mißhandeln lassen! – und da sie weg war mit ihrem Balg, stand ein schönes wohlgewachsenes siebenjähriges Kind, das rechte der Frau, neben der Wiege.

Ähnliches widerfuhr einer Frau in Jägerup bei Hadersleben, welcher eine kluge Nachbarin riet, den Wechselbalg in den geheizten Backofen zu schieben. Als sie dies tun wollte, kam schnell die unterirdische Mutter, brachte das umgetauschte Kind und sagte: So schlecht hätte ich nimmer an deinem Kinde getan!, indem sie ihr Kind nahm und verschwand.

Im Dorfe Böken bei der Stadt Lauenburg war ein wundertätiges Marienbild von Holz, das heilte viele Kranke. Nun hatte in einem nahen Nachbardorfe ein Bauer lange Zeit in kinderloser Ehe gelebt und hielt deshalb seine Frau sehr übel. Endlich fühlte die Frau sich in Hoffnung, das machte den Bauer ganz glücklich, und er trug nun die Frau fast auf den Händen. Aber als sie geboren hatte, tauschten die Unterirdischen ihr Kind aus und legten einen Kielkropf ein, der hatte einen Kopf wie eine Metze und spindeldünne Gliedmaßen. Auch wuchs nichts an ihm, als nur der Kopf, der wurde größer als beim größten Menschen. Nach drei Jahren glich der Kopf des Jungen einem Riesenkürbis, und dabei konnte das Kind nicht stehen noch gehen noch sprechen, aber quarren und plärren den ganzen Tag, das konnte es meisterlich. Eines Abends, als die Frau dieses Goldsöhnchen auf dem Schoße hatte und sich mit ihm abquälte, sprach sie zu ihrem Mann: Du, mir fällt was ein, vielleicht kann uns noch geholfen werden; morgen ist Sonntag; nimm doch das Kind und die Wiege und geh damit nach Böken zur Mutter Maria, stelle die Wiege vor sie hin und wiege das Kind eine Zeitlang, vielleicht, daß es hilft. – Das will ich wohl tun, sagte der Bauer und ging am andern Tage mit dem in die Wiege wohlverpackten Kielkropf los. Als er auf die Brücke von Böken kam, rief drunten eine Stimme mitten aus dem Wasser heraus:

Kielkropp, wo wullt du hen?

und da antwortete das Kind in der Wiege:

Ik wil my laten wegen,
Dat ik sal gedegen (gedeihen).

Da war der Bauer vor Verwunderung außer sich, daß sein Balg auf einmal sprach, besann sich aber gar nicht lange, sondern schmiß Kind und Wiege ins Wasser hinab und schrie hinterdrein:

Kannstu nun spräken, du Undeert,
Denn ga dorhen, wo du’t hast geleert! –

Da erhob sich unter der Brücke groß Schreiens, als riefen eine Menge Leute; und die Kielkröpfe tummelten sich lustig im Wasser, der Bauer aber lief, was er laufen konnte, heim zu seiner Frau.

Eine fast gleiche Sage geht in der Gegend um Halberstadt, da redet auch der Kielkropf im Korbe:

Ick well gen Hackelstadt
(wohin eine Wallfahrt war),
to unser leven Fruggen, und mi laten wigen,
dat ick möge gedigen.

Da warf der Bauer ebenfalls Kind und Korb ins Wasser, und die kleinen Teufel puddelten und purzelten mit Geschrei lustig im Wasser herum.

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16. Kastelen-Alpe

16. Kastelen-Alpe

Auf der Kastelen-Alpe wohnte ein reicher Bauer, der hatte viele Herden und Matten, und drunten in Kriens hatte er eine arme Muhme, die war Witwe, hatte nur eine einzige Tochter und nährte sich mit dieser gar kümmerlich, lag auch schwer an der Gicht darnieder. Da entschloß sich das Maidli, hinauf auf die Alp zum reichen Vetter zu gehen und ihn um eine Unterstützung anzusprechen. Da stieg ein schrecklich Gewitter am Himmel auf, als sie auf der Alpe ankam, ihr aber ward kein Trost und keine Gabe, nur Hohn und Scheltworte, und sie ließen droben auch trotz des drohenden Wetters das Mägdlein wieder fortgehen. Das kam tüchtig in das Wetter und erreichte mit Not die Hütte eines Sennen, das war ihr Bube Aloys, der hatte noch einen kleinen Käs, den gab er ihr für sie und ihre Mutter. Raschen Schrittes eilte die Dirne abwärts, da glitt sie auf der glatten Trift, fiel hin, und der Käs rollte in die Tiefe, unaufhaltbar in unzugängliche Felsklüfte. Weinend und kummervoll schaute die arme Dirne dem entrollten Käse nach, da faßte etwas ihre Hand, und sie erschrak zum Tode, und bei ihr stand so ein klein winziges graues Herdmanndli, das hatte auf seiner Schulter das verlorengegangene Stückchen Alpenkäse, etwa so groß wie ein Viertelsmühlstein und in der Hand ein Büschel Kräuter, und sprach: Magst den Käs mit heimnehmen und deiner Mutter von den Kräutern einen Tee kochen, sollst nicht mehr hülflos weinen. – Hoch droben im Gebirg aber tobte das Unwetter noch fort, über alle Maßen greulich, und war ein Donnern, Tosen und Krachen, als ginge die Welt unter. Wie das Maidli zur Mutter kam, war der Käs ein Stück so schweres Gold geworden, und vom Kräutertee wurde die Mutter ganz gesund. Über die Kastelen-Alp aber hatte sich im Gewitter ein Bergsturz geschüttet, die Matten verwüstet, die Herden erschlagen und ein Stein, etwa so groß wie ein Alpenkäs, hatte dem geizigen Vetter einen Fuß abgeschlagen. Später ist er noch zu seiner Muhme Haus gehinkt gekommen und hat gebettelt.

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169. Der Jungfernstuhl und der Mönch auf Helgoland

169. Der Jungfernstuhl und der Mönch auf Helgoland

Da die eilftausend Jungfrauen unter Anführung der heiligen Ursula aus Albion gen Köln zogen, kamen sie auf ihrer Meerfahrt auch nach dem grünen Helgoland und landeten allda, aber die Einwohner verfolgten einige an das Land Gekommene, daß sie nicht wußten, wie sich retten, da eilten sie an den Strand und sprangen auf das Wasser, darin gingen sie nicht unter, sondern es hob sich ein Fels unter ihren Füßen, auf dem sie ruhten, bis ihr Schiff herankam und sie einnahm. Dieser Fels hat davon den Namen Jungfernstuhl erhalten. Um ihn her wurden noch lange Jahre die Fußtapfen der Jungfrauen tief in den Boden eingedrückt ersehen. Aber zur Strafe verwünschten die Jungfrauen alles auf der Insel, außer die Menschen. Da verwandelte sich alles Geräte in Stein. Ein Prediger hat davon lange ein Endchen Wachslicht in Verwahrung behalten, das ganz zu Stein geworden.

Als hernachmals Helgoland dennoch christlich geworden war, hielten seine Bewohner fest am alten Glauben. Da sendete der König einen Mönch, welcher Luthers Lehre angenommen hatte, dorthin, diese Lehre dort zu predigen, aber die Einwohner stürzten ihn von einem Felsen herab in das Meer. Da wuchs ein steinern Gebilde aus der Tiefe, ganz wie ein Mönch gestaltet, und auf der Klippe ging der Geist des Bekehrers um und predigte mit einer Donnerstimme, so lange, bis sich die Leute dennoch zur neuen Lehre bekehrten, dann hatte der Geist Ruhe, aber der steinerne Mönch blieb als ein sonderbares Wahrzeichen stehen.

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170. Mannigfual

170. Mannigfual

In der Nordsee, erzählen die nordfriesischen Seefahrer, steuert ein Riesenschiff. Sein Umfang ist untümlich groß, die Masten sind höher als alle Kirchtürme, die Taue sind so dick wie große Tannen. In der Takellage sind Öffnungen, dahinein die Matrosen zum öftern gehen, der Einkehr halber, um eine Stärkung zu sich zu nehmen, denn wer als junger Matrose da hinaufklettert, der kommt erst in hohen Jahren mit grauem Haar und Bart wieder herunter. Der Kapitän reist zu Pferde auf dem Verdeck herum, um seine Befehle zu erteilen, und ist froh, wenn er in einem Tage herumkommt. Dieses wundersame Schiff heißt der Mannigfual. Insgeheim hält es seinen Kurs nur im hohen Norden, im tiefsten Fahrwasser, denn sonst könnte es in der Landnähe bald aufsitzen. Einstmals wurde das Schiff dennoch südwärts getrieben, es befand sich im Atlantischen Ozean und kam in den Kanal zwischen Dover und Calais. Da war ihm das Fahrwasser zu schmal, es füllte beinahe den Kanal ganz aus, da hätten die Franzosen auf trocknem Boden über das Schiff weg nach England spazierengehen können. Da fiel dem Kapitän ein guter Gedanke ein, er ließ die Backbordseite, nach Dover zu, ganz mit weißer Seife bestreichen, das glückte, jetzt wischte der Mannigfual glücklich durch die Meerenge und kam in die Nordsee. Aber die abgescheuerte Seife und der Schaum, den es gab, verliehen den Felsen der britischen Küste bei Dover ihre weiße Farbe bis auf den heutigen Tag.

Einst geriet der Mannigfual in die Ostsee, Gott weiß wie. Da war das Wasser gar zu seicht. Die Schiffsleute warfen ihren Ballast, Schlacken und Asche über Bord, um das Schiff flott zu machen. Daraus ist die Insel Bornholm entstanden, und aus dem Unrat der Kabuse das dabeiliegende Inselchen Christiansoe.

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171. Der Geldsot

171. Der Geldsot

In Süddithmarschen bei Marne rinnt eine helle Quelle über die Marsch hin, die blinkt wie Silber. Nahe dabei hat ein Dorf gestanden, das verheerte erst der Moskowiterkrieg, nachher kam die Seuche, und da starb es ganz aus bis auf einen einzigen Mann, das war der Hirte, und der erbte nun all das Geld und Gut, das die Verstorbenen hatten zurücklassen müssen, doch half es ihm auch weiter nichts, denn er verließ den Ort nicht. Er hatte aber seine Lust daran, alles zusammenzutragen, und versenkte dann alles hinab in den Quellbrunnen, und dann starb er und hinterließ keine Erben. Es mochte es aber im Vorbeireisen doch jemand gesehen haben, was der Hirte getan, denn die Sache kam unter die Leute, und der Brunnen wurde der Geldsot geheißen. Wenn einer mit einem Stocke in den Quell hineinstieß, klang es hohl, und man konnte bisweilen in der Tiefe den kleinen grauen Mann sehen, wie er, einen schwarzen Hut auf dem Kopf und ein brennendes Licht in der Hand, nachsieht, ob der Schatz noch ganz vorhanden ist. Wollte einer versuchen und hinabgreifen, so war der Hirte verschwunden. Einstmals haben sich ihrer Dreie verbunden, den Schatz zu heben, und haben die Quelle weit aufgegraben, und da sind sie auf einen großen Braukessel gestoßen, den konnten sie so nicht herausheben, da legten sie einen Windebaum quer über das Loch und banden Stricke an die Öhre und begannen den Kessel in die Höhe zu winden, das taten sie aber ganz stillschweigend, weil man beim Schatzheben ja nicht reden darf. Mit einem Male hörten sie Räder rollen und Achsen ächzen, und da fuhr ein Fuder Heu vorbei, das zogen sechs weiße Mäuse. Aber keiner von den Dreien verlor ein Wort, noch einen Laut, und der Kessel rückte schon merklich höher. Da kam der Mann mit dem dreieckichten Hute auf einem Schimmel geritten, der nur drei Beine hatte. – Guten Abend! sagte der Alte, aber die Drei waren klug und antworteten nicht.– Könnt‘ ich wohl das Heufuder einholen? fragte der Mann weiter, und da fuhr’s dem einen heraus: Den Teufel wirst du’s einholen, du lahmer Krüppel auf deinem lebendigen Dreibein! – O weh, da brach die Winde, und der Kessel versank, und nimmermehr, so viel ihrer es auch später wieder versucht haben, hat einer vermocht, ihn zu heben.

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172. Röwerlöwe

172. Röwerlöwe

Der Dithmarschen Volk liebte von Urväterzeiten her seine Freiheit über alles. Große Kämpfe hat es bestanden und blutige Schlachten geschlagen, und viele siegreich, bis es zuletzt noch überwunden ward. Aber immer noch ist in ihm die Erinnerung an seinen alten Ruhm lebendig, wie die Hoffnung auf seiner Freiheit Wiederkehr.

Kaiser Karl der Große schon hatte mit den Dithmarschen zu kämpfen. Nun lebte zu Windbergen ein starker und tapferer Kampfheld, genannt Röwerlöwe, der trat in des Kaisers Dienst, und Karl setzte ihn zu einem Herrn über das Dithmarschenland und -volk als einen Vogt, der die Unterjochten im Zaume halten und zum Christentume zwingen sollte. Aber die Dithmarschen ließen sich mitnichten im Zaume halten, sie empörten sich gegen den Röwerlöwe, nahmen ihn gefangen und räderten ihn. Von diesem Röwerlöwe soll das berühmte Geschlecht derer von Reventlowen abstammen, er soll dessen Ahnherr gewesen sein. Lange Zeit wohnten seine Nachkommen noch in Dithmarschen, aber immer glimmte im Volk ein alter Groll gegen dasselbe fort, da hat es sich endlich hinweggewendet und sich über Holstein, Schleswig und Dänemark verbreitet.

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173. König Dan

173. König Dan

Im Lande Dithmarschen geht die Sage, daß der erste König von Dänemark Dan geheißen, der habe dem Lande den Namen gegeben, und nach ihm heiße es Danemark, er habe aber nicht im heutigen Dänemark gewohnt, sondern in Schleswig. Früher habe er auch lange Zeit unter den Heiligen im Kalender gestanden. Zu seiner Zeit war alles noch heidnisch, die Leute verbrannten ihre Toten, taten die Asche in Urnen und setzten sie bei in Riesenbergen (Hünenhügeln), König Dan wollte aber nicht verbrannt sein, sondern auf seinem königlichen Stuhl im Grabe sitzen, und wollte auch sein aufgesattelt Pferd bei sich haben, das ist auch so befolgt worden.

Ohnweit Tönningen in Eiderstede ist ein kleiner Erdhügel mit einer Höhle. Darinnen sitzt König Dan wie der Kaiser Friedrich im Kyffhäuser, mit zweimalhunderttausend Mann Wappnern, und alle schlafen. Einstmals wurde einem zum Tode verurteilten Soldaten das Leben versprochen, wenn er in die Höhle hineingehen und berichten wollte, was er sähe. Da nun der Soldat in die Höhle kam, sah er den König sitzen an einem Tisch, und hatte sein Haupt auf den Arm gestützt und schlief. Der Bart war ihm lang gewachsen und hing unter den Tisch herab. Jetzt erwachte der König und fragte den Soldaten: Was willst du? – Mich schickt mein Herr und König herein, daß ich Nachricht von Euch bringe. Sage deinem Herrn, erwiderte König Dan, ich werde zu seiner Zeit wiederkommen und ihm Hülfe bringen, und er soll herrschen über die ganze Welt. – Diese Zeit ist noch nicht gekommen und dürfte wohl auch noch etwas lange verziehen.

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174. Die Schlacht auf dem Tausendteufelsdamme

174. Die Schlacht auf dem Tausendteufelsdamme

König Johann von Dänemark sprach zu dem Herzog, seinem Bruder: Was beginnen wir nur, daß wir das reiche freie Dithmarschenland an uns bringen? Da sprach der Herzog: Wir wollen einen Boten an die sächsische Garde senden, mit deren Beistand wollen wir wohl den Dithmarschen obsiegen. Und sendeten einen Boten auch in die Marsch und kündigten dem Volke an, daß der König drei feste Schlösser haben wolle im Lande, aber das wollten die Bauern mitnichten leiden. Und der Bote ging zurück nach Rendsburg, allwo der König lagerte und ein mächtig großes Heer sammelte aus Jütland, aus Fünen, aus Holstein und aus deutschen Landen; Soldknechte eine ganze Schar vom Rhein, aus Franken und Sachsen, die hatten sich zusammengetan und nannten sich die sächsische Garde. Und da die Garde zu dem Königsheere stieß, da fragte sie: Herr König, wo liegt denn das Dithmarschen? Liegt es im Himmel droben oder auf schlichter Erde? – Da sprach der König: Es ist nicht mit Kloben an den Himmel geschlossen, es liegt auf Erden. – Darauf sprach wieder die Garde: Herr König, wenn das Dithmarschenland nicht mit Kloben an den Himmel geschlossen ist, so soll es bald unser werden. – Und da ließ der König die Fahnen fliegen und die Trommeln schlagen und zog mit dem Heere von zwölftausend Mann auf das tiefe Land zu. Zuerst zog das Heer nach Windbergen, da lag es eine kleine Weile und rastete, hernach zog es weiter nach Meldorf zu und trieb allerlei Übermut und Grausamkeit. Sie steckten des Königs Banner hoch vom Turme aus und hingen ihre Schilde über die Mauer, alles den Dithmarschen zum Hohne. Die hatten nur eine kleine Schar von tausend Streitern und wichen zurück bis an die Hemmingstetter Brücke. Da war noch ein Wall aus der alten Sassenzeit und tiefe Graben, und die Graben waren schlammig und voll Wasser. Da machten die Dithmarschen in der Nacht ein Bollwerk, stopften die Lücken des alten Erdwalles mit Moos und Schlamm und Binsen, machten ein Pfahlwerk und erwarteten den Feind. Der kam im Frühstrahl herangezogen, voll Kampfesmut, und die Dithmarschen warfen ihnen einen Steinhagel entgegen. Die Feinde aber suchten in Eile den Graben zu überbrücken, sie banden Speere zusammen, und darauf warfen sie querüber wieder Speerbündel, und nun hinüber, aber rücklings wurden sie niedergestürzt und niedergeschmettert. Viele wollten im Sprung die Höhe des Walles gewinnen und schwangen sich am Schaft der Lanzen hoch empor, aber sie sprangen zu kurz, und wem ja der Sprung gelang, den empfing in Kolbenstreichen auf dem Wall der sichere Tod. Da leuchtete mancher alte Morgenstern vom Bornhöveder Schlachttage wieder hell, und manche verrostete Klinge von damals schliff sich heute wieder blank an Feindes Helm und Panzer.

Aber siehe, plötzlich entstand ein Angst- und Schreckensruf im Kampfhaufen der Dithmarschen: Umgangen! Weh! Wir sind umgangen! Im Rücken heran zog Feindesgewimmel, das an anderer Stelle den Wall überklettert hatte, und es drohte nun der sichere Tod. Da trat plötzlich allen unversehens eine Dithmarschenjungfrau vor, die schwang hoch in der Hand eine Fahne mit dem Bilde des Heilandes und rief laut zur Mutter Gottes: Hilf uns, Maria, Gebenedeite, so gelobe ich dir ewige Keuschheit! – Und: Mir nach, rief sie, drauf! – und stürmte mit der Fahne und einem Schwert und fliegenden Haares geradezu gegen den Feind. Da entstand ein hartes und fürchterliches Schlagen, und lange stand der Kampf, aber die Übermacht der Feinde war allzu groß. Da aber hatte Gott ein Erbarmen und sandte die Flut. Die wälzte sich heran, krachte an die Schleuse, brach die Schleuse, überströmte die Felder von Hemmingstett, und wie die Bauern die Wogen daherbrausen sahen, da jauchzten sie in erneuter Kampflust, nahmen wieder hinterm Tausendteufelsdamme festen Stand, wo sie sicher vor der Flut waren, und schlugen auf den Feind los, den rings die Wogen bedräuten. Da war ein Gardenführer, sie nannten ihn den langen Jürgen, der hatte Herz im Leibe und spornte seinen Hengst, und sprengte glücklich auf den Wall, und rief: Wer wagt es mit mir, der komme heran! – Und da war ein Bauer, der hieß der Reimer von Wiemerstede, der sprang vor, schlug mit seiner Mordaxt des Junker Jürgen Speer zur Seite und hieb mit derselben Axt in den Panzer des Junker ein, die saß so fest, daß er sie nicht wieder herausziehen konnte. Da riß der Reimer den Jürgen am Axtstiel nieder, trat auf das Eisen und trat es dem Junker fünf Zoll tief in den Leib hinein. Und von den andern Feinden blieben zahllose Tote in dieser wilden Schlacht, außer denen, die von den Wogen verschlungen wurden, es blieben da fünf von dem Geschlechte derer von Rantzau, von Ahlefeld sieben, von Wackerbarth vierzehn, der König entfloh zu Schiffe. Lange sind noch Lieder von dieser Schlacht auf die sächsische Garde, von Jürgen Slens, von der kühnen Maid und dem Reimer von Wiemerstede im Dithmarschenlande gesungen worden.

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