210. Der Herthasee

210. Der Herthasee

Im Eiland Rügen war das Heiligtum der Mutter Erde, als Göttin gedacht von den alten Urvölkern des germanischen Norden und Hertha geheißen. Ein geheiligter Buchenwald, die Stubbenitz genannt, umgab einen tiefen See; im Walde stand der mit einem Gewand bedeckte Wagen der Göttin, darin sie alljährlich einmal das Land durchfuhr im Geleite eines einzigen Priesters, dem ihr Wille offenbart ward. Zwei heilige Kühe zogen den Wagen der Göttin, und wohin derselbe kam, da war Freude die Fülle und eitel Friedensfest; niemand durfte da streiten, keine Waffe durfte ergriffen werden. Das währte so lange, als die Göttin an einem Orte verweilte, und wenn sie nicht mehr weilen wollte, da führte der Priester sie zurück in ihr Heiligtum. Dann wurde in dem düstern See ihr Wagen, Gewande und ihr Bildnis gereinigt, und die Sklaven, welche dabei dienten, wurden in dem See geopfert, damit ihrer keiner je erzähle, was er geschaut. Die Sage geht, daß die Insel Rügen weder Wölfe noch Katzen dulde.

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211. Pape Dönes Glockenspiel

211. Pape Dönes Glockenspiel

Wie der Stürzebecher und seine Raub- und Mordgesellen auf Jasmund ihre geheimen Schlupfwinkel hatten, so saß ein ähnlicher Kumpan in einem unwegsamen Walde bei Ratzeburg, nur daß dieser kein Seeräuber war, sondern ein Landräuber, der hieß Pape Döne und war von unermeßlicher Stärke, die er sich durch ein Teufelsbündnis verschafft hatte. Er durchstreifte die Fluren als Bettler, fiel über die Reisenden her, überwältigte auch den stärksten Mann und schleppte ihn und all sein Gut nach seiner verborgenen Höhle und Mordgrube. Dort schnitt er seinen Ermordeten die Hirnschalen ab, zog die Haut davon, trocknete und bleichte erstere und hing sie an einer Schnur zwischen Bäumen auf, dann schlug er mit seinem Stecken daran und lauschte, welchen Klang oder Ton die Hirnschale von sich gab, und fand, daß nie einer klang wie der andere, und wie jeder Mensch seinen eignen Kopf hat, so ist auch der Klang seines Gehirndeckels vom andern verschieden, woraus leichtlich zu erklären, warum so viele Menschen so unharmonisch miteinander leben, weil eben ihre Hirnschalentöne nicht zusammenpassen. Von dieser Erfindung, welche Pape Döne sein Glockenspiel nannte, soll er auch, indem er Töne suchte, den Beinamen Döne erhalten haben. Wenn nun der musikalische Mann, der Urerfinder der Schädellehre, gleich wie auf einer Strohfiedel auf den Hirnschalen sich hören ließ, so machte er sich das Vergnügen, diese zu gleicher Zeit auch tanzen zu lassen, und dazu sang er wohlgemut eine spöttische Tanzweise:

So danzet, so danzet, min levesten Söne,
Dat Danzen, dat maket ju Vater Pape Döne.

Diesen verruchten Musikanten soll endlich der Teufel niedergeworfen haben, willens, mit seiner Seele an einen Ort zu fahren, wo Tanz und Spiel ein Ende haben, aber Pape Döne wollte nicht und versprach dem Teufel sieben Seelen statt seiner armen einzigen, wenn er ihm noch Frist gönne, und der Teufel war auch so dumm, sich im Netz der Arglist Pape Dönes fangen zu lassen. Kaum war der Teufel fort, so ging Pape Döne nach Lübeck, suchte einen Mönch auf und beichtete ihm seine Sünden, indem er herzlich bat, jener möge ihn gegen den Teufel in Schutz nehmen. Der Mönch versprach dies, wenn Pape Döne alle seine Untaten bekennen, alle ernstlich bereuen und dafür der strafenden Gerechtigkeit sein Leben zur Sühne bringen wolle. Pape Döne war von der letzten Bedingung nichts weniger als erbaut, aber es galt seine Seele zu retten. Da nun der Teufel nach einer Zeitlang kam und nach den sieben Seelen Erkundigung einziehen wollte, war Pape Döne fromm geworden, herzte und küßte ein Kruzifix und hielt es dem Teufel hin, er sollte es auch küssen. So etwas war dem Teufel noch nicht vorgekommen, er pfauchte Feuer und ließ Gestank fahren und fuhr ab, lauerte aber, als am andern Tage Pape Döne zum Galgen geführt wurde, um an selbigem als bußfertiger Sünder zu sterben, auf Pape Dönes Seele. Wie ward aber dem Teufel, als er zwei Engel sah, welche der fromme Mönch aus dem Himmel herabgebetet, und welche die Seele ganz frisch, wie sie aus dem Körper fuhr, in Empfang nahmen und mit in den Himmel! Darüber ärgerte sich der Teufel so sehr, daß er schwarz wurde. Seitdem ist der Teufel schwarz.

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212. Die Ururalte

212. Die Ururalte

Zu jener Zeit, als das Wünschen noch etwas half, denn heutzutage hilft es wunderwenig mehr, und war auch dazumal schon der Wünsche Erfüllung nicht allewege heilsam, da lebte zu Lübeck eine Frau, die war frisch und munter, gesund und stark, sie aß auch gern und trank gern und hatte alles, was ihr Herz begehrte. Und weil es nun also mit ihr stand, so gefiel es ihr auf der Welt ausnehmend wohl, und sie wünschte sich, nie zu sterben, sondern ewig zu leben, nicht aber in einem ewigen seligen Leben, wie andere fromme Christen wünschen und hoffen, sondern hienieden auf dieser Erdenwelt, bei gutem Essen und Trinken. Und weil damals mit Wünschen noch etwas anzufangen war, so wurde jener Frau der Wunsch erfüllt, und sie lebte immer darauf los und war gar eine lustige Alte; sie hatte aber doch etwas beim Wünschen vergessen, nämlich des Körpers Rüstigkeit mit einzubedingen. Nun tat es ja wohl einhundert Jahre leidlich gut, aber als sie die hundert Jahre aufgeladen hatte, da drückten diese doch gar sehr, so daß die Alte zusammenkroch, mehr und mehr, und konnte erst nicht mehr gehen, dann nicht mehr stehen und hernach auch nicht mehr selbst essen und trinken, und sterben konnte sie auch nicht. Die Menschen mußten sie füttern wie ein kleines Kind und heben und tragen. Das war aber noch nicht genug; sie kroch hernach noch immer mehr und mehr zusammen und trank und aß zuletzt gar nichts mehr. Endlich vermochte sie sich nur noch dann und wann ein wenig zu regen. Da meinten die Leute, es wäre am besten, wenn sie ihnen untern Füßen wegkäme, weil aber doch noch Leben in ihr war, so taten sie die kleine zusammengeschrumpfelte Alte unter ein Glas und hingen sie in der Kirche auf. Da hängt sie nun noch immer in der Lübecker Marienkirche, ist so groß wie eine Maus und bewegt sich nur alle Jahre einmal.

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213. Altmecklenburg

213. Altmecklenburg

Ohnweit Wismar liegt ein Kirchflecken am Schiffgraben, der aus dem Schweriner See in die Ostsee führt, der heißt Mecklenburg, dort ist noch ein alter Wall zu sehen, und das ist die Stätte, die dem ganzen großen Lande Mecklenburg den Namen verliehen hat. Im Innern dieses Walles ruhet noch, wie die Sage geht, eine goldene Wiege und im Grunde der wasserreichen Wiese eine vorzeiten versunkene kupferne Brücke. Viel altes Scherbengerät hat sich dort gefunden, auch nennt und zeigt man noch die Stelle, wo der Brunnen dieser alten Wendenburg soll gestanden haben, die eine große Stadt geschirmt, von welcher nichts mehr übrig als der heutige offne Flecken, der allein den alten Namen gerettet. Der Name soll vom Mäkeln (Handeln) herrühren, und das alte Mecklenburg soll vorzeiten eine hochberühmte Handelsstadt gewesen sein und fünf deutsche Meilen im Umfang gehabt haben. Einst führte Herzog Albert von Mecklenburg Krieg mit der Königin von Dänemark, der schwarzen Gret, und wurde ihr Gefangener, da haben die Frauen des Herzogtums zusammengeschossen Gold und Geschmeide, um ihren Herrn aus der Gefangenschaft zu lösen, und haben ihn erlöset, und da hat er ihnen das Recht verliehen, Lehengüter besitzen zu dürfen gleich den Männern, und soll dort die ausschließlichen Mannlehen nicht geben.

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214. Der Fürstin Traum

214. Der Fürstin Traum

Nach Mecklenburgs Abblühen kam die Stadt Wismar zu hohem Flor. Dort schlug seinen Wohnsitz auf Fürst Johannes, der Theologe zubenamt, der erkürte zur Gemahlin Luitgardis von Henneberg und gewann von ihr sechs Söhne. Der älteste, Heinrich, vermählte sich mit Anastasia, Herzog Barnim I. in Pommern Tochter. Fromme Sehnsucht trieb den Fürsten zu einem Zuge nach dem Heiligen Lande, davon er den Beinamen der Pilgrim empfing, aber seine Gemahlin kam während seiner Heilfahrt in Not und Bedrängnis. Denn Markgraf Otto von Brandenburg verband sich mit den Fürsten von Sachsen, Meißen, Thüringen und Holstein und fiel in das Mecklenburger Land. Da nun die Fürstin Anastasia um ihre beiden Söhne und um ihr Land in großen Sorgen stand, so erschien ihr der heilige Franziskus im Traume und sprach zu ihr: Fasse Mut, ich verheiße dir und den Deinen den Sieg. Des zum Zeichen wirst du morgen des Tages in den Lüften eine Erscheinung sehen. Und als die Fürstin am andern Morgen erwachte und gläubig hoffend zum Himmel aufblickte, so sahe sie ein Panier schweben mit dem Bilde des Heiligen, der ihr erschienen war. Da sandte Anastasia sogleich nach einem Maler, der mußte den heiligen Franziskus malen, und es mußte ein neues Panier mit diesem Bilde gefertigt werden, das gab sie ihrem ältesten Sohne, welcher auch Heinrich hieß, und verhieß ihm und seinem Bruder den Sieg. Da zogen die Fürstensöhne mit dem neuen Panier hinaus und führten ihr Heer gegen den weit überlegenen Feind und schlugen diesen bei Gadebusch aufs Haupt. Der junge Fürst Heinrich kämpfte mit Löwenmut und wurde Hernachmals auch der Löwe zubenamt. Seine Söhne wurden die ersten Herzoge von Mecklenburg.

Fürstin Anastasia aber, die ihren Traum so wunderbar erfüllt sah, wendete ihren Dank dem Kloster des heiligen Franziskus in Wismar zu, zeigte sich mild und freigebig gegen dasselbe und schmückte den Chor der Klosterkirche mit drei neuen Fenstern, von denen das mittelste die heilige Jungfrau und zu den Seiten die Bildnisse des heiligen Franziskus von Assisi und des heiligen Antonius von Padua im herrlichsten Farbenschmuck zeigten. So bezeugte Fürstin Anastasia ihren Dank für die Traumerscheinung und die göttliche Hülfe.

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215. Das Teufelsgitter

215. Das Teufelsgitter

In der Marienkirche zu Wismar ist um den Taufstein ein eisernes Gitter gestellt, das hat der Schmied vollbracht mit der Hülfe des Satans und ist also künstlich, daß keiner es vermag nachzumachen oder Anfang und Ende zu finden. Ein solches Gitter, aber um die Kanzel herum, zeigt man auch in Lübeck und nennt denselben künstlichen Meister wie in Wismar. In einer Nacht soll der Teufel es verfertigt haben.

Zu Wismar war auch ein Priester, der hatte ein seltsamliches Gelüsten. Er legte sich ein Buch an, dahinein schrieb er die Namen reicher Leute der Stadt mit gewissen Summen, als wenn sie ihm diese Summen schuldeten, und dann ging er hin und bestahl nach und nach diese Reichen. Wenn er nun einen bestohlen hatte, so schrieb er in seinem Buche zu dessen Namen dedit, zu Dank vergnügt. Endlich kam die Sache an den Tag, nachdem der Schlaukopf lange Jahre so fort gestohlen, und wurde der Täter vom verdienten Strang zu lebenslänglichem Gefängnis begnadigt.

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216. Der englische Schweiß

216. Der englische Schweiß

Im Jahre 1529 kam aus England eine gefahrliche Krankheit, die wurde die Schweißsucht oder der englische Schweiß genannt. In Hamburg gewann sie auf dem Festland den ersten Boden und raffte binnen zweiundzwanzig Tagen tausend Menschen dahin. Von da ging sie weiter nach Lübeck, Wismar, Rostock, Greifswalde, Stettin, Danzig und breitete sich weit umher im Lande aus. Sie flog gleichsam durch die Städte und Länder im Hui. Man schrieb ihre Ursache der eigentümlichen Witterung des Jahres zu: gelinder Winter, trockner Mai, naßkalter Sommer und darauf solche Hitze, daß es unmöglich war, nicht zu schwitzen, und wenn einer nackend gegangen wäre, und mit dieser lähmenden Hitze kam die Sucht.

Zu Lübeck war ein Doktor, der hieß Varus und hatte seines Glaubens halber aus England flüchten müssen, der heilte manchen von der schwitzenden Krankheit. Da Doktor Varus nun ein frommer und glaubenseifriger Mann war und wahrnahm, daß die Geistlichen und ihr Anhang das Evangelium nach der neuen Lehre nicht wollten gelten und sich ausbreiten lassen, so begab er sich zu einem hohen Ratsverwandten mit einem Buche in der Hand und fragte ihn, ob er nicht Gottes Lohn verdienen wolle und wolle helfen, daß eines frommen Mannes Testament möchte bestätigt werden und Rechtskraft erlangen. – Darauf sagte der Ratsherr: Wenn das Testament recht gemacht ist, so wird es ein ehrbarer Rat wohl konfirmieren. – Da hub der Doktor wieder an und sprach: Der es aufgerichtet hat, ist ein guter, frommer Mann und heißt Jesus Christus. Er hat sein Testament mit seinem Tode und seiner Auferstehung bestätigt, will nun ein ehrbarer Rat zu Lübeck dasselbige auch konfirmieren, so wird er Gott einen großen Dienst erweisen. – Der Ratsherr wendete sich um und ließ den Doktor stehen, aber am andern Tage wurde ihm die Stadt verboten.

Die Schweißsucht regierte so heftig, daß mehr als ein Haus ganz verlassen und verschlossen werden mußte. Auf der Universität Rostock wurde im Jahre 1529 kein einziger Student immatrikuliert. Binnen vierundzwanzig Stunden wendete sich die Krankheit zum Leben oder zum Tode. Die hülfreichen Mittel gegen diese Krankheit, welche weder Kinder noch Alte, sondern nur die Kräftigen und Kräftigsten ergriff, waren: nicht überwarmes Lager, aber Bewahrung vor jeder Zugluft, einfachste Kost, Leibesöffnung durch Rhabarbar, reine Luft, sorgsame Wartung; die Kranken sollten sich nicht durch Umwälzen erkühlen, keine Luft unter die Arme kommen lassen. Je stiller der Kranke lag, um so besser, und beim Umkehren, wenn es durchaus nötig, solle er vor aller Luft behütet werden. Auch solle man ihm guten Trost einreden, daß seine Schwitzqual nur eine kurze Zeit daure und er dann genese, solle ihn mit duftendem Rosenwasser bestreichen am Haupt, hinter den Ohren und über dem Nacken und an den Schläfen und ihn starken Weinessig durch die Nase einatmen lassen. Der Essig übertreffe, sagten die Schweißärzte, um vieles Kamphor und Opium. Zum Labetrunk keinen Malvasier, Würzwein, pommerschen Schlurf oder Ratzeburger Rommeldaus, das starke Bier, sondern dünnen Kovent, durch ein Röhrlein gesogen. Gut zum Tranke war auch Ochsenzungen- und Borretschwasser mit Kandiszucker, wenig auf einmal, kaum einen Löffel voll durch ein Rohr. In Anfang der Krankheit mußten die Kranken vor dem Schlafe bewahrt werden, denn Schlaf war der halbe Tod. Nasenbluten, das sich nicht selten einstellte, sollte man nicht zu stillen suchen. Nach dem Verlauf der vierundzwanzig oder achtundzwanzig Stunden vorsichtiger Wechsel der Wäsche, gewärmt, und später zum Getränk Einbeckisch und Güstrower Bier und zuletzt wieder, was jedem schmeckte und was er haben konnte.

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207. Die drei Meister

207. Die drei Meister

Zu Lübeck geschah es, daß bei einem großen Brande der Scharfrichter um das Leben kam, alsbald bewarben sich um dessen Stelle drei Meister, denn die Stelle war sehr einträglich, es gab manchmal an einem Tage dreißig bis vierzig arme Sünder durch das Schwert oder die scharfe Diele abzutun, dafür zahlte pro Mann löblicher Senat einen bis zwei rheinische Gulden. Nun wurde beschlossen, daß jeder der neuen Bewerber ein Probestück machen sollte, und der das beste tue, dem sollte die Stelle werden, das waren die Meister wohl zufrieden. An armen Sündern war kein Mangel, und die Probehinrichtung begann. Der erste Meister stellte den Verbrecher vor sich hin, führte einen Lufthieb, und man sah jetzt, daß jener ein rotes Schnürchen um den Hals hatte und närrisch mit den Augen zwinkerte. Der Meister sah das Volk an, wischte sein Schwert säuberlich und gab dem armen Sünder einen Tritt. Da fiel er um, und der Kopf fiel von ihm ab. Er hatte ihn unversehens so schnell und meisterlich geköpft, daß er’s gar nicht gemerkt hatte, und die Zuschauer hatten es auch nicht gemerkt. Lauter Beifall lohnte den großen Mann, der sein Handwerk zur Kunst erhob. Der zweite Meister erklärte, da er nun sein Probestück ablegen sollte, er müsse nun um zwei Schafottkandidaten bitten, und hat darauf zweien mit einem Streich die Köpfe abgeschlagen, ganz kunstgerecht und meisterhaft, und viel Lob und Beifall geerntet. Der dritte Meister erforderte wieder nur einen Delinquenten, legte diesem zwei eiserne Ringe um den Hals, und zwischen beide Ringe legte er im Nacken eine Erbse. Hierauf schwang er sein Schwert, und mit sicherer Hand hieb er genau die Erbse in zwei gleiche Hälften und zwischen den beiden Ringen hindurch den Kopf vom Rumpfe. Das ward für das allergrößeste Kunststück angesprochen, und dieser Meister erhielt die Bestallung, die andern beiden aber wurden mit stattlicher Verehrung entlassen.

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208. Rabundus Rose

208. Rabundus Rose

Im Chorgestühle des Domes zu Lübeck an der Nordseite wird noch des Domherrn Rabundus Sitz gezeigt. Lange ging die Sage, daß, wenn ein Domherr daselbst sterben sollte, so finde er auf seinem Stuhlkissen eine weiße Rose. Welcher Domherr diese Rose fand, der bestellte sein Haus und bereitete sich in frommer Stille zum seligen Heimgang vor. Nun war unter den Domherren einer des Namens Rabundus, der fand eines Morgens die Rose auf seinem Sitz; er hatte aber noch nicht Lust abzuscheiden und bei Christo zu sein, hatte noch viele Geschäfte, nahm daher die Rose und warf sie schnell auf seines Nachbars Sitz, des Domherrn Konrad Barner von Moislinghe. Da dieser kam und die Rose fand, erschrak er aufs heftigste, und nach drei Tagen war er tot. Rabundus aber nahm sich seine böse Tat zu Herzen, und da er sein Ende nahe fühlte, bekannte er sie seinem Beichtiger und schwur, daß er künftig durch ein anderes Zeichen den nahen Tod eines Domherrn verkündigen wolle. Und also geschah es. Als Rabundus nicht lange nachher verstorben war und wiederum der Tod eines andern Domherrn bevorstand, tat es unter seinem Grabstein drei Klopfer, die klangen Donnerschlägen gleich. Darum ward auf Rabundi Grabstein auch eine Keule angebracht und die Inschrift:

Pulsibus in duris
do signum morituris.

Und dieses Klopfen ist hernachmals gehört worden, solange in Lübeck Domherren lebten. Die Schläge krachten wenig gelinder, als wenn das Wetter einschlug, oder wie Kartaunenschüsse, und beim dritten Schlag lief der Knall über dem Gewölbe der ganzen Kirche der Länge nach durch, daß man glauben mochte, es würde das ganze Gebäu zusammenkrachen und -prasseln. Einmal geschahe dergleichen sogar mitten unter der Hauptpredigt, daß die Menschen aus der Kirche eilen wollten, aber der Prediger blieb fest auf seiner Kanzel und ermahnte die Menge, sich von einem Teufelsgespenst nicht schrecken zu lassen.

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20. Das Paradies der Tiere

20. Das Paradies der Tiere

Hoch droben auf dem Matterberge ist eine Stelle, die aber keiner oder doch gar selten einer finden kann, die hat der laufende Jud nicht mit verwünschen können, weil sie von Gott gefeit ist vom Anbeginne: da ist kein Schnee und kein Eis, da ist Sonne und Freude, Wonne und Weide, da quillt erst eigentlich mit leisem Gewisper die Visper hervor, die später erst unter dem Alp-Gletscher zutage rinnt, dort ist das Paradies der Tiere. Da gibt es herrliche Steinböcke und Gemsen, Adler und Geier, Schneehühner und Birkhähne, auch Murmeltiere, und keines beleidigt das andere, alle leben da friedlich beisammen. Nur alle dreimal sieben Jahre darf und kann ein Menschenauge in dieses Bergparadies der Alpentierwelt blicken, wo es so wonnevoll und schön ist, alles voll Alpenrosen und Gentianen, und von zwanzig Gemsenjägern glückt das auch kaum einem einzigen. Da stehen uralte Pinienbäume und Ahorne, und die Pinien tragen Zapfen, deren Kern süß schmeckt, wie Mandeln, das sind die Zirbelnüsse. Wem es glückt, in das Paradies der Tiere zu treten, der darf wohl von den Zirbelnüssen nehmen und kosten, aber nimmermehr ein Tier fangen oder töten, sonst kostet’s ihm das Leben. Viele haben in die uralten heiligen Platanenstämme zum Zeichen ihres Alldagewesenseins ihre Namen geschnitten. Außerdem sieht man selten noch einen Steinbock und selten eine Pinie, und die stehen hoch und schwer erreichbar. Denn es geht die Sage, daß es zwar deren viele und überall gegeben habe, da habe aber die Dienerschaft immer gern die Nüsse genascht und darüber und mit Auskernen viel gute Zeit hingebracht und versäumt, da habe die Meisterschaft diese Bäume verwünscht, und nun seien sie unfruchtbar geworden oder unzugänglich.

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